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Markus Wolf

Spionagechef im
geheimen Krieg

Erinnerungen

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Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt
Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals
seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den
Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2
Original: The Man Without a Face
1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und
bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt

Einleitung ............................................................................. 4
Prolog................................................................................... 7
1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25
2 Der Einstieg..................................................................... 45
3 Learning by doing ........................................................... 64
4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99
5 Die Betonlösung............................................................ 123
6 Spionage aus Liebe........................................................ 144
7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156
8 Herbert Wehner............................................................. 190
9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215
10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229
11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258
12 Das Gift des Verrats .................................................... 290
13 Ein neues 1914? .......................................................... 316
14 Aktive Massnahmen.................................................... 341
15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356
16. Der ferne Kontinent.................................................... 382
17 Der Ausstieg................................................................ 418
18. Der menschliche Faktor ............................................. 451
19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469
Epilog............................................................................... 480
Danksagung...................................................................... 486
Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487
Glossar.............................................................................. 493

Einleitung

Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher
Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit
hohen Erwartungen der Leser rechnen.
Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten
Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines James-
Bond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden
solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der
Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere
Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und
Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der
Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden,
und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und
weitgehend unbemerkt ab.
Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen
und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich
Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die
größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch
die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und
Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die
Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre
wahre Bedeutung.
Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum
großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse.
Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier,
sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz
unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so
verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit
aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen
besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer
bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem
Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe

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ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine
Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne,
in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz
mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie
Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem
Glossar erläutert.
Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten
Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und
unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in
unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und
verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das
»Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte
Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die
Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu
schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir
erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des
verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht
leicht.
Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates
über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht
mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im
Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land
eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind
die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen?
Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten
mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und
Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des
Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich
begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine
mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine
Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir.
Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht.
Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen
oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
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versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der
Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit
am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach
dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden
Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine
Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von
den Gewinnern verfaßt werden darf.
Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen.
Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte
ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

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Prolog

Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen
und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte,
alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische
und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und
ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und
Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich
gefaßt – keiner außer mir.
In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger
ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte
Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen
Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine
Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen
Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser
Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner
vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten
hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als
»Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem
Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November
1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich
der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt?
Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war
derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel
und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen
Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen
meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den
spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers
war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet
worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen
mich war gewiß kein Zufall.
Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich
das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie

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ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung
so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir
oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung
in Saal A 01.
Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten
der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung
vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer
Geisel des historischen Geschehens wieder.
Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen
Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als
Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so
verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in
einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige
Bundesrepublik gefesselt gewesen.
Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle
Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal
fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger
Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der
zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über
die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr
1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und
Ruhe gesucht.
In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den
Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein
Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner
Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in
dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von
uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der
30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und
turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück.
Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte
ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das
Denken an.

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Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine
Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen
Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit
Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB
und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir
immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden
Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert.
Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die
Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der
Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig,
ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten,
und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße
Überleben bangen.
Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin,
der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im
KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe
dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten
Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen
Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei
Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres
mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel
beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er
war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert.
Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber
hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der
hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im
Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des
Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von
meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den
profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem
dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows
aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm
kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der
DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer

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war in Haft. Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen. und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. nach Berlin zurückzukehren. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar. -10- . Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab. mein langjähriger Vorgesetzter.und wacher Gesprächspartner gezeigt. nicht für möglich halten. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse.und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang. Erich Mielke. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. dennoch beschloß ich. welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte.

der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. Werner Großmann und Bernd Fischer. der Innenminister der Regierung de Maiziere. der Preis der Freiheit. Mein Gesprächspartner erläuterte. er wollte mit mir lediglich beraten. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden.Dafür wurde ein hoher Preis geboten. Meine Nachfolger im Dienst. rief mich Peter-Michael Diestel. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. daß Schäubles Emissär. daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. Es bestand kein Zweifel. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei. hatten mich darüber informiert. Damals. ein Herr Werthebach. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte. dem südöstlichen Vorort Berlins. Meinem Schwiegersohn. Bonn stehe unter Druck. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen. und Schäuble werde ungeduldig. Ich wußte zwar. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit.und Sinnkrise zu stellen. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. Das erste Angebot war eine Überraschung. sich einer Lebens. Anfang Mai 1990. an und fragte. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. sofern er seine Quellen verraten wollte. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe.

wir würden ungehindert zurückkommen. Die einzige Möglichkeit. »Herr Wolf«. mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. als daß ich sie hätte glauben können. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. Zu guter Letzt vereinbarten wir. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an. niemanden. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen.« Boeden. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. »Sie wissen so gut wie ich. daß ich mit meinen -12- . Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. das mir die geringste Chance bot. habe freies Geleit zugesagt. Der Unterschied zwischen uns war nur. etwas für meine Leute zu tun. steigen Sie einfach in meinen Wagen.« Sicher hatte er recht. und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. ist die. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. sagte er. die uns noch verbleibt. da ich zu jedem Gespräch bereit war. des Tauziehens ebenfalls überdrüssig. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. zu verraten.

um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. Meine Besucher erklärten. Es gefiel mir. Er sprach formvollendet gutes Deutsch. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. »Ein typischer Bürokrat«. des damaligen Direktors der CIA. flüsterte mir meine Frau Andrea zu. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. der nichts unversucht ließ. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. baten sie höflich um Einlaß. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden. untadelig gekleidet. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. Man gab mir noch zu bedenken. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. Der Ältere. die sie in Filmen gesehen hatte. Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. Auf meine scherzhafte Frage. vor. Er sagte. Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. daß sie auf den Gedanken -13- . Andrea fühlte sich an marines erinnert. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. stellte sich als Mr. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen.

mich im Wald aufzusuchen. von dem Drumherumreden befreit zu sein.verfallen waren. Unüberhörbar ließ er durchblicken. »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«. daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. froh. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. uns zu beraten oder uns zu helfen. sicher sind Sie nicht nur gekommen. um mir Komplimente zu machen. »Kalifornien«.« Das war es. wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. war nicht schwer zu erraten. Dann verlor ich die Geduld. daß wir solche Dinge arrangieren können. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. Was für ein seltsames Gefühl. fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- . dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. Niemand würde davon erfahren. signalisierte mein Gehirn. »Wir wissen. dachte ich. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an. fernab neugieriger Blicke. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit. Wenn Sie jedoch bereit wären. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir. nicht hinterm Berg. Erst kommt das Zuckerbrot. »Gentlemen. sagte er. Sie wissen. Hathaway senkte die Stimme. daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte.« Beide lachten. daß Sie überzeugter Kommunist sind.

scherzte ich. erklärte ich. Oberst Jürgen Rogalla. sagte Hathaway.« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form. sagte ich. In solchen Fällen ist Geduld das beste. Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden.« »Sibirien ist auch nicht übel«. Auf meine Frage nach der Gegenleistung. Offenbar glaubte er. Ich weiß. doch damit kann ich nicht dienen. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. die man von mir erwartete.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen. »Wissen Sie«. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können. Ich reagierte nicht.« Das war noch die höflichste Form. »Meine Herren«. Allerdings wußte ich. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. Man kann über vieles reden. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. »in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben. erwiderte ich. eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. »wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei.fort. Wir lachten. »ist sehr schön. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. was Sie bezwecken. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- .

wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können. als hätte ich nicht selbst gewußt. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. So verhält es sich aber nicht. wo es um den Verrat an Menschen geht. erwiderte ich. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten. gewiß«. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. was mir drohte. die mit mir gearbeitet haben. um mit Ihnen zu sprechen. jetzt an Andrea gewandt. doch nicht um den Preis. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle. dann laden Sie mich doch in die USA ein. Namen meiner Agenten sind tabu.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«. »Gehen Sie nicht nach Moskau«. sagte Hathaway. es gibt auch noch Rußland«. doch wenigstens kennenlernen.« »Es gibt für mich eine Grenze«.haben.« Zweifellos war die Vorstellung. obwohl ich innerlich kochte. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. was ich einzubringen gedächte. wiederholte er stur. »Sie müssen uns helfen«. »Das Leben ist dort sehr hart. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. Denken Sie an Ihre Familie. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll.« »Gewiß. muß ich das Land. wo Sie Ihr Leben genießen können. warf Hathaway ein. mein Gesicht zu verlieren. »und zwar da. »Vergessen Sie nicht. nicht umgekehrt. lenkte Hathaway ein. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen. Sie sind auf mich zugetreten. sagte ich geduldig. Kommen Sie in ein Land. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. »So etwas könnten Sie verlangen. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. fuhr ich fort. Wenn ich mich nicht täusche. -16- .

daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. weil wir annehmen. so gut informiert. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten. sondern an etwas. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können.« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. Von Quoten war die Rede. was mit meinen Beziehungen zum KGB. Im stillen mußte ich denken. dem sowjetischen Nachrichtendienst. weiß ich nicht. auch anderswo. Hartnäckig wiederholte er. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. nicht nur in Bonn. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. darunter etliche in den Apparaten selbst. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. sagte Hathaway leise und bedächtig. speziell der Äußeren Abwehr. Gordjewskij und Popow an. fand keinen Anklang. habe ich recht?« »Herr Wolf«. Eine ziemlich lange Pause trat ein. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij. sondern vermute es nur. Auch meine Idee. Er hat großen Schaden angerichtet. zu tun hatte. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. Um sicherzugehen. Hathaway schüttelte den Kopf. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten. ohne jemanden verraten zu müssen. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren. Also beharrte ich auf dem Vorschlag. »wir sind hier. Er schätzte meinen -17- . Längst hatte ich begriffen.

Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben. den Leiter der Äußeren Abwehr. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. schlug Hathaway vor. bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. den US-Diplomaten. daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. mir diesen Einblick zu gewähren.russischen Kollegen. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- . indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. Und dem war auch so. daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. Das Äußerste wäre eine Andeutung. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. »Charles« warf noch einen Haken aus. den die CIA mit Argwohn betrachtete. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. beide versuchten. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. daß um Mitternacht zum 3. General Kirejew. Nun trat auch »Charles« in Aktion. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung.

Hathaway am 26. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. nach Amerika zu starten. Obwohl Mr. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen. sofern ich mich bereit erklären sollte. So dramatisch diese Vorschläge klangen. Wollten wir in die USA.Haftbefehl zu vollstrecken. Doch das behielten wir für uns. vom selben Flughafen Tempelhof. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. -19- . Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. Meine Ausschleusung wäre kein Problem. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. war nicht ohne einen gewissen Reiz. Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war. um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. sofern ich bereit sei. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis. Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen.

Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten. -20- . so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. Mein Besucher. welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte. in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete.7 Millionen Dollar erhalten zu haben. Gardner A. Erst später erfuhr ich. Es war Aldrich Ames. Hathaway. dafür 2. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt. sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte. war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes. Hathaway gehörte zu den wenigen.

es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. Deutschland zu verlassen. wurde mir später von einigen seiner Kollegen. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. Wie konnte es der CIA passieren. Mein Eindruck. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah. der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. daß er zu wenig kreativ veranlagt war.und Abwehrmann mit Respekt. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten. demzufolge »nicht sein kann. Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig. was nicht sein darf«. dessen war ich -21- . Man könnte jetzt meinen. Aber ich hatte kein Verlangen. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte. Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt. mit denen ich in nähere Beziehung kam. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken. was in diesem Fall fatale Folgen hatte. lag wohl daran. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. bestätigt.

Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. Und sie kam aus Israel. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem. doch das war ich nie. wolle mich kennenlernen. Doch dazu sollte es nicht kommen. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. aber ich habe jüdische Vorfahren. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen. In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels. von der weder Amerikaner noch Russen. Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. noch Deutsche etwas wußten. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat.mir gewiß. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. -22- . Es gab noch eine weitere Option. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist.

ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam. Sein Bart. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. In Israel. unkompliziert und kontaktfreudig. ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. Weinman erzählte mir. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen.und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. Doch im übrigen war der Rabbi. erfuhr ich. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. er habe als Offizier in der Armee gedient. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. -23- . das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen. der meine Träume abrupt beendete. Die jüdische Herkunft interessierte ihn. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig.« Mir war sofort klar. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn. Wir telefonierten regelmäßig. sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen.

in Israel war ich unerwünscht. Wohin sollte ich fliehen. und die Zeit wurde immer knapper. Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. war plötzlich nicht mehr zu erreichen. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht. und nach Moskau wollte ich nicht. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich. solange es irgendeinen anderen Weg gab. und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend.Die Redakteurin der Zeitung. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. mich hinter Gitter zu bringen. -24- . wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah.

der Vater in Neuwied. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte. utopisch getönte Weltanschauung. Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. Er erinnerte sich gut daran. den Fürsten zu Wied besuchte. sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche. meine Mutter. 1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. Und als Wilhelm II. Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen. Seine Eltern hätten gern gesehen. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. indem sie einen Juden heiratete. Uns Kindern erklärte er später. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. das ist kein Heldenkaiser. ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. dann ist der -25- . daß er Rabbiner geworden wäre. und das Todesjahr Wilhelms I. die verriet. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant. das ist der Kartätschenprinz.« Else Wolf.

Es war die Zeit der totalen Geldentwertung. Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt. Moritz Meyer. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr. Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. ist kein geringer Beweis der Liebe beider. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. und meine Eltern mußten froh sein. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. -26- . Die Erinnerung an meine frühe Kindheit.Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. der galoppierenden Inflation. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen. er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors. in der Familie das»Öhmchen« genannt. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. die sie am stärksten charakterisierte.

Erschöpfung war ein Wort. das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. als er für sein Stück Zyankali. Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. verurteilt wurde. war von Anfang an ein großer Erfolg. medizinischen und politischen Fragen zu halten. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. die ihn in ganz Deutschland bekannt machten. Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen. wo wir ein modernes Haus bewohnten. nach Stuttgart umzuziehen. eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. -27- . in eine richtige Großstadt. Vorträge zu sozialen. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr.

die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien. genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. einen ganzen Ochsen aufzuessen. und mein Bruder nahm sich vor. was unsere Eltern erzählten. traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- . und so wurde ich junger Pionier. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. 1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam. Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem. An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau. Damals erfuhr ich zum erstenmal. sobald er erst groß war.

Um diese Zeit. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter. und von dort ging es nach Frankreich. und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. es war Passahzeit. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen. mußten wir uns verstecken. und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . die uns das Gesicht verziehen ließen.verfolgt wurden. und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. ich käme auf den Heuberg. um Haussuchungen durchzuführen. falls ich nicht verriet. wo Vater sich aufhielt. überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. und es dauerte nicht lange. kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. Mir drohte man.

hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. -30- . der Mutter lange Hosen abzubetteln. Wurst und Sauerkraut«. daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen. kislaja kapusta!« – »Deutscher. und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. Pfeffer. Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf. die die Verfolgung nicht überlebten. Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus. Es war nicht leicht. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. also mitten im Zentrum. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. erzählte mir ein Arzt. Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren. es gelang uns. gefunden und eingerichtet. kolbassa. welches Ende Dr. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. perez. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte.

in denen Männer. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. daß das riesige Land im Begriff stand. war die zu George und Victor Fischer. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen. Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. und zu Lothar Wloch. und jeder war davon überzeugt. und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde. beide nicht weit vom Arbat gelegen. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. die bis -31- . Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten.

wurde nicht laut gestellt. um Emigrantenfreunde und bekannte. erst viel später wagten wir es. sondern nur einen deutschen Paß. daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug. Wir Heranwachsende spürten.vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. die bange Frage. daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. Und im -32- . das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. 2. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors. von links. wer das nächste Opfer sein würde. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2. der Geheimpolizei. Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «. Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. Reihe) Heute weiß ich.

Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach. Wir bangten um sein Leben. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte. das uns erreichte. die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater. zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. wurden von uns als Helden bewundert. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht. und im März 1941. Sehr viel später erst erfuhren wir. um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- .Unterschied zu uns Kindern. was wir bei den jungen Pionieren lernten. die wir begeistert nachplapperten. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten. um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. aber nicht sonderlich erwünscht. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. Doch nach Spanien gelangte er nicht. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. bis man mich verhaftet. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. die Ausreise genehmigt zu bekommen. jedes Lebenszeichen.

meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. die Hauptstadt Kasachstans. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. um die Züge durchzulassen. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion. und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt.Arme schließen. Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. die an die Front im Westen fuhren. -34- . Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch. Im Herbst standen sie vor Moskau. Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten. als am 22. verlegt. die sich entkräftet und krank im Zug befand. Friedrich Wolf mit Konrad (links).

die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. Mandel. Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren. die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen. der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht. Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. unzählige waren schon unterwegs gestorben. und neben halbverhungerten Leningradern. Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. der berühmte Regisseur. auch meinem Bruder war es gelungen. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor. soweit der Blick reichte. Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke. in die Rote Armee einzutreten.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. obwohl ich weiterhin -35- .und Apfelbäume. Abends las uns Sergej Eisenstein.

unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. diesmal per Schiff. wir wurden streng ermahnt. Ich begriff. Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend. wo sich die Schule der Komintern befand. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden. anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. Darin forderte man mich auf. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. die Hauptstadt Baschkiriens. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale.an einer militärischen Ausbildung teilnahm.Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. dort ausgebildet zu werden. Wilkow. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- . brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NS- Diktatur zu bekämpfen. zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. uns nur mit Decknamen anzusprechen. die ich besuchen sollte. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«.

Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen. sondern wißbegierige und offene junge Leute. so lernte ich nicht nur Amaya. Am 16. der 1933 in Dachau ermordet worden war. Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. die an der Front dienten. Der wahre Grund sah so aus. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien. und die Söhne Titos und Togliattis kennen. nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an. voller Enthusiasmus und Idealismus.nachgehen konnten. Alle fieberten wir der Chance entgegen. es endlich den Altersgenossen gleichzutun. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. Mai 1943 teilte man uns mit. die über Gott und die Welt diskutierten. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- . Gewiß waren bei uns Schriften tabu. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri.

jetzt hieß es erst einmal lernen. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt. wenige Monate vor Kriegsende. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten. die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. dem Sender der KPD. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- . Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. Man erklärte uns. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. Am 9. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. im Zimmer Wilhelm Piecks. wir waren der kleine Kreis derer. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. Im Herbst 1944. Jahre später erfuhr ich. heirateten Emmi Stenzer und ich. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. Anton Ackermann und andere kennen.westlichen Alliierten. hatte beugen müssen. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden.

daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen. standen mir seelisch näher als diese Deutschen. Gelegentlich hat man im Scherz. waren die wenigsten bereit. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. daß ich einer der besten Pelmeni- -39- . von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. ich sei ein »halber Russe« geworden. mir vorzustellen. die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen. Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. was die Nazis angerichtet hatten. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. denen ich in Deutschland begegnete. Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. Abschied auch von Kindheit und Jugend. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen.stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. manchmal auch mit abfälligem Unterton. Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt. es fiel mir schwer. zu mir gesagt. daß ich mit Menschen leben würde. Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. Ich brauchte einige Tage. um mich daran zu gewöhnen. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. das konnte ich nie als kränkend empfinden. ausgenommen die Buchweizengrütze. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt. die russische Küche ist mir die liebste.

das Land. bewunderten wir. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. Ich war naiv genug gewesen -40- . für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte. Mit Alik. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde.Köche diesseits des Ural bin. für immer nach Moskau zurückzukehren. Galsworthy und Roger Martin du Gard. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater. nie den Wunsch. Hemingways knappe. Heine. dem MCHAT. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße. Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. anders als einige meiner Freunde. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. und dennoch hatte ich. Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. die heute wieder Twerskaja heißt. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. Balzac. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. wo ich Freunde besuchte. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. Schlange gestanden. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. und an den Arbat.

daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten. jeder habe sich dorthin zu verfügen. -41- . Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. zu der auch meine Frau gehörte. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. Mai 1945 flog meine Gruppe. von der NS-Herrschaft befreit zu sein. Kurz und bündig sagte er jedem. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen. Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. wo er am dringendsten gebraucht werde. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. was er zu tun habe. Goebbels übriggeblieben waren. Ich versuchte mich zu wehren. die das jüdische Ghetto gewesen war. Am 27. waren ganze sieben Mann. Im britischen Sektor gelegen. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre. wir.zu hoffen. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. die vom Reichsrundfunk des Dr. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten. Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau.

Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm. Autor (2. daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. Ein andermal fragte ich ihn. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. vertrat er den Standpunkt der SED. Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. die Arbeit war interessant. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. von der spätere DDR- Rundfunkleute nur träumen konnten. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. Ich war so taktlos. gelegentlich war ich als Reporter tätig.hatten wir eine Handlungsfreiheit. worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- . in der alle Parteien zu Wort kamen.

lebendige und hörernahe Sendungen zu machen. wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«. Die Folge war. zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte. aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen. wir mußten sie senden. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden. daß diese K 5 nicht erfunden war. als Flugzeuge zu bauen. und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. Wir haben andere Sorgen. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren. daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr.« Wir bemühten uns. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich. -43- . den Funktionären und Mitläufern.Arbeit. Ich erinnere mich. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um.

die jetzt auf der Anklagebank saßen. hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren. Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. daß die Männer. die NS- Wochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten. Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht. diese Lehre könne nie vergessen werden. -44- . Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. Damals glaubte ich wie viele andere. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren. Es war gespenstisch. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde.

Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. war ich nicht gefaßt gewesen. ahnte ich nicht. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb. Oktober. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. und auch auf seine Glatze. Ich war überrascht. 2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. Mir hatte man die Rolle zugedacht. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. Am 3. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7. stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. wie klein er war. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. die einer Tonsur ähnelte. Er trug seine bekannte Litewka. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten. meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. dem Jahrestag der Oktoberrevolution. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. weder Rangabzeichen noch Orden. wie Filme -45- . dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt. des Führers.

von rechts) Da unser Botschafter abwesend war. daß wir damals -46- . Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl. Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. statt sklavisch zu gehorchen. daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. weil er sich Moskau widersetzt hatte. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte. Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen.und Gemälde es verbreiteten. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel. mit dem Tito abgestraft worden war. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948. Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer.

wie ein Stück erlebte Geschichte. mitteilte. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. nicht wie lebende Zeitgenossen. Ich staunte nicht schlecht. Ich fand mich im Außenministerium ein. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau. wo mir Ackermann. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. später in Moskau. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. doch ich erinnere mich. also Stalinscher Prägung.jedes Wort andächtig aufnahmen. mit richtigem Namen Eugen Hanisch. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. wie rätselhaft es mir vorkam. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros. Ackermann. gegangen war. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich. Solche Inszenierungen liebte er. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler.

stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- . war eine imponierende Erscheinung. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war. Richard Stahlmann. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. bis ich herausfand. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick. und es dauerte geraume Zeit. Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. ein Mann. Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. die uns nach Bohnsdorf. daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg. brachte. aber sehr konspirativ. Es war kein Vorschlag. Ich war stolz.vorgesehen sei. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde. was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. Am 16. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. einem Vorort Berlins. aber wohl kaum das. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. Eigentlich hieß er Artur Illner. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte. ein solches Angebot zu machen. sondern ein Parteibefehl.

was der Name Dimitroff uns damals bedeutete. der den Nazis die Stirn geboten hatte. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre. dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. hatten wir ihn als Helden gefeiert. Ich war wieder einmal der Jüngste. Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten. In Bohnsdorf gründeten wir. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut.hatte. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war. als die Nazis kamen. den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. die mir zu Vorbildern wurden. um ihn zu verhaften.

Er brachte uns bei. Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. erklärten wir im nachhinein den 1. wie man einen Dienst aufbaut. von Stalin persönlich beauftragt. September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. Leider nahm er ein tragisches Ende. und wir hingen an seinen Lippen. -50- . wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. Er war erfahren. uns unter die Arme zu greifen.dafür. wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt.

Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. von meinen Freunden und von der Stadt. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab. dem unser Dienst unterstand. Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . begleitete ich ihn zur Garderobe.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. die mir so ans Herz gewachsen war. wir plädierten für den dunklen Anzug. führe ich auf diese Begebenheit zurück. Mir blieb kaum Zeit. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden. Der Kompromiß. sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. hieß Smoking. daß wir im Frack erschienen. wo er umständlich in seiner Soutane kramte. endgültig Abschied zu nehmen. Als Nikolaj Krutizkij. in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. unerträglich gespannt. Beim Empfang selbst stellten wir verdutzt fest. daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. den wir schlössen. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. der Metropolit von ganz Rußland. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. in eben jenem Festsaal.

wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. um nicht zu sagen dominierende Rolle.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten. Man hat mich immer wieder gefragt. in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren.und Trägerwaffen. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. wurde so weit getrieben. Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes. des Flugzeug. selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren. der Kernenergie. warum Moskau sich mit -52- . Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation. hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. Elektronik und Elektrotechnik. das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde. die wir befolgen mußten. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. Chemie. Eine kleine. was sich in dem Maße änderte. Die Bürokratie. da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.

wenigstens anfangs. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. etwa den Islam. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. daß eine kontinuierliche. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. Korb war in mancher Hinsicht. der mich lehrte. Und so war es auch. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. an bestimmte Informationen heranzukommen. die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. die aus einer Sekretärin. -53- . daß man als Analytiker stets gezwungen ist. Daß wir nach und nach dazu übergingen. Er leitete die Hauptabteilung Information. in dem Partei- und Staatsführung wohnten. nicht weit vom Sperrgebiet. auch über Themen. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. Von ihm habe ich viel gelernt. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. daß die Sowjets zu Recht annahmen. die unsere Arbeit nicht berührten. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. was man ein Original nennt. sogar die Decknamen unserer Quellen.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. Er war ein brillanter Analytiker. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden. ihm und mir bestand. was sie erfahren sollten. Ich glaube. war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen.

In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . Nichts leichter für Stahlmann. Es gelang ihm sogar. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet. die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. und wir mußten umziehen. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf. Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte. Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen. aber wir waren keine Eiferer. Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. Wir dienten unserem Staat loyal. und die Schwierigkeiten waren gelöst. Benötigten wir dringend Devisen. Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst.

wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten. unerreichbare Welt. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. der in Pullach leitete. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. wie es uns schien. Als der Krieg zu Ende war. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr. durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt. Ihr Leiter war Gustav Szinda. Er stand für eine unbekannte und.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. Das war leichter gesagt als getan. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte. gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. Der Tag. lag noch in weiter Ferne. Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. Auf den Namen des Mannes. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . wechselte Gehlen die Seite. sagte uns der Name Pullach. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. Unsere Aufgabe war es. ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit. Beschützt. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. was sich damals Organisation Gehlen nannte. aber nicht den Gegner. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »Ex- Hitler-General spioniert jetzt für Dollars. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren. nicht viel.

sich des alten. wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. nicht.Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. Gerhard Wessel. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. Er schlug wie eine Bombe ein. der als Rechtsaußen berüchtigt war. Europa war gespalten. sondern auch hochrangigen NS- Offizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte. daß der amerikanische General George S. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Delmers Artikel enthüllte. D. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. sondern auch in arabischen Staaten. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut. Patton. Das hinderte Konrad Adenauer. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA. nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden.und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren. Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. das wollten die -56- . der Central Intelligence Agency der USA. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland.

wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. Dr. unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig. Gehlen begriff schnell die Chance. In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. denen der Verkehr zwischen Ost. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten. Hans Globke. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst. nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten. sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept. In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NS- Funktionäre so manche Spitzenposition.

sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. indem wir sie wissen ließen. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. sondern arbeiteten für uns. die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten.dadurch im Vorteil. sollte ich Gelegenheit bekommen. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. Nazis waren bei uns nicht erwünscht. tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte. daß auch unsere sowjetischen Berater. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. aber sobald wir das herausfanden. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. Die Frage war nur. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. ob. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst. als ihnen lieb sein konnte. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. Eine unserer wenigen Chancen. Das konkret zu überprüfen. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. und wenn.

ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte. Schließlich gestand er. Fritz Dorls. als -59- . hie und da gar Widersprüche zu dem. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. fast noch Amateure. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich.einer Quelle namens »Merkur« stieß. aber auch das zerschlug sich. gebracht. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen. Wir baten ihn. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet. um wahr zu sein. einem schlanken. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. zeigte er sich mehr als willig. die er angeblich kannte. als der er sich ausgab. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«. und obwohl wir ungeübt waren. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. es klang alles fast zu schön. Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. Gustav Szinda leitete das Gespräch. taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen. Es klang alles sehr logisch. in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. nach Berlin zu kommen.

wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. befragte ich nicht sie. Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. daß man sie verdächtigte). Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. sondern mehr noch bei uns. aus der ich die Lehre zog. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen. Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten. So geschah es. daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. als der Mann in Untersuchungshaft kam. die Finger von »Merkur« zu lassen. daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. als uns lieb sein konnte. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute. »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war. den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. -60- . geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte.

blau für Quellen. Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten. aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. grün für Residenten –. die große Papierrolle unter dem Arm. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Ackermann und ich -61- . für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. ebenso wie unsere Residentur in Bayern. während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. Uneingeweihten sagte das nichts. Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns. der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte. als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. Es blieb uns folglich nichts anderes übrig.

alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. Wie gewinnt. die Zuchthaus. die DKP. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. der beauftragt war. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. Ihre Lage war demütigend. den Apparat zu komplettieren. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. nachdem wir sicher sein konnten. die Kontakt zur KPD hatten.schlugen Ulbricht vor. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. -62- . schieden von vornherein aus. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. zurückzubeordern. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. Die Sicherheitsanforderungen. waren so hochgeschraubt. sie zu identifizieren. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. um es bescheiden zu sagen. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte. Ulbricht stimmte zu.

und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell. -63- . Sie sollten den Kern meines Dienstes. und sie ermöglichte es mir.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging. noch ein weiter Weg. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können. bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden. Aber bis dahin war es Ende 1952. der Jugendorganisation der SED.

wie es seine Art war. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. 3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte. der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache. ohne persönliche Worte. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. dem Generalsekretär der SED. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. Sie begrüßte mich freundlich. andererseits war es ein offenes Geheimnis. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. Ohne zu ahnen. machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee. von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. Später hieß es. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt.« Selbstverständlich wußte ich. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch. Er war no ch in einer Besprechung. So erfuhr ich. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken. was er von mir wollte. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich. daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. die als seine engste Mitarbeiterin galt. daß die Anfeindungen Grauers -64- . bevor er sie aus dem Zimmer schickte.

Wenn man mich heute fragt. Mir war bei -65- . Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. dann kann ich dazu nur sagen. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. was gewiß nicht ohne Gewicht war. hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung. Mir drehte sich alles im Kopf. an das ich mich erinnern kann. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm. der Teil dessen war. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle. so benommen war ich von dem. erklärte Ulbricht. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben. Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. das die Partei mir entgegenbrachte. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. was mir widerfahren war. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen. Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben. Auf meine Frage. wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten. in der Partei noch unbedeutender. wäre es wohl am ehesten Stolz. keine dreißig Jahre alt. Stolz auf das Vertrauen. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. daß ich. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest. Sollte ich irgendein Gefühl benennen.

Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus. nun mach mal. ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit. Wenn du mich brauchst. in eisigem Ton zu erklären. daß -66- . in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. sobald sie mir zu Ohren kam. eine Ehre. Ungewöhnlich.jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. bin ich da. die ich ausschlug. Über seine Biographie wußte ich nur. Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. die ich im Nachrichtendienst genoß. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf. als könne er es kaum erwarten. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. was man von mir verlangte. sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. wie er in allen Dingen war. daß ich mich dem. nicht aufgeben. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So.

Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. als der -67- . Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut.er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. aber auch von Ulbrichts steifer. die ich näher kennenlernte. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe. die sogenannte Vulkan-Affäre. verweigert hatte. was vor sich ging. denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner. Man kann sich vorstellen. hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. unpersönlicher Art. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus. Bei fast allen Emigranten. bei anderen wie Pieck oder Ackermann.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. bevor wir auch nur ahnen konnten. mit Zaisser zusammenzuarbeiten. wie fassungslos wir waren. die nötig und möglich gewesen wäre. zu der er mich auf die Minute genau empfing. alles. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. was mir auf den Nägeln brannte. weil sie sich an seine Herz. Fast nie gelang es mir. und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl. Es machte Spaß. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. was Kraus wissen konnte.

herrschte kein Mangel. den ich nicht verlieren wollte. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus. die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen. Es stellte sich bald heraus. daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. wie verwundbar unser Dienst war. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. gab sie uns viel zu denken. mich seine Macht spüren zu lassen. An Problemen. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- .bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. wir hätten erkennen müssen. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren. Natürlich wußten wir sofort.

sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija.selbst gestellt. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war. sich für eine -69- . Besonnene Politiker wie Ackermann. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. Vieles. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. vom Tisch. denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland. rüttelte uns das nicht wach. sondern gehandelt. der gefürchtete Geheimdienstchef. Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt. solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. was in unserem Land geschah. die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten. nahmen wir nur halb wahr. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen.

Heute weiß ich. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . Es enthielt Vorschläge. man versicherte. Aber es war zu spät. Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. demokratisches und neutrales Deutschland. hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend. politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. So kam es. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach. Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. Am Morgen des 16. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. neutralen Deutschlands vor Augen. In der Zeitung las ich. es werde ihnen nichts geschehen. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. marschiert waren.

Im Stadtbezirk Pankow. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. was in dieser Situation. Die Streikenden verlangten. wo wir wohnten.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden. Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. dem Posten zu beweisen. doch vergebens. hielt ich an. daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. daß ich Russisch sprach. zu tun sei. teilzunehmen. auch von Westen her. Um 13. ein ehemaliger Bergarbeiter. Juni überschlugen sich die Meldungen. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. die keinen Aufschub gestattete. um -71- . und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken. massiv zu agitieren. und die Hörer in Ost- Berlin aufgefordert. Am 17. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. ließ man uns frei. die Stimmung drohte überzukochen. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. Erst als es mir gelang.

So gut wir alle wußten. daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. In dieser Zeit des Aufruhrs. wäre die Eskalation des 17. Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war. Aus Informationen meines Dienstes. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen. in dieser Zeit wurde mir klar. so wenig ließ sich übersehen.mich zu Hause schnell umzuziehen. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen. daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig. Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. um die Stimmung aufzuheizen. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- . Er hatte den Eindruck gehabt. einem großen Metallbetrieb.

denn ihre Position war schwer angeschlagen. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau. Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns. Juni nach jedem Strohhalm greifen. am Vorabend des 17. Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. als sich der Ungewißheit auszusetzen. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war. dem sich entnehmen ließ. Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. Nur Hermann Matern. daß Pläne bestanden. in der Woche vor dem 17. Moskau hatte Reformen verlangt.»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. eine neue SED-Führung -73- . der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. Sogar vom »Tag X«. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen. um die Verantwortung für den 17. und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. war in der DDR- Presse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. die DDR zu liquidieren. Dieses Material benötigte unsere politische Führung. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. war ein Kinderspiel. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. alle anderen befürworteten.

die verlangen konnte.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen. ohne zu protestieren. daß man sich opferte. ohne den Zweck in Frage zu stellen. Eine Chance war vertan. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. die sie hinnahmen. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. ursprünglich Journalist. hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut. und zog es vor. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . Rudolf Herrnstadt. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. Auf der 35. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte. Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-Herrnstadt- Fraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie. Paradoxerweise hatte der 17. selbst erlebt hat. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben. Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. machte er sich unverzüglich daran.

muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- . Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen.Botschaft in Warschau. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. Noch zu Zeiten. läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. In den Aufzeichnungen. ob er denn klüger sein könne als die Partei. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. ja unmöglich sei. das darin ausgedrückt ist. daß es sinnlos. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes. und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht.

kaum zu zügeln vermochte. bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen. Man kann sich denken. In seinen Memoiren erzählt Gehlen. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt. Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber. der seine Ambition. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke. während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. um so mehr aber für die politischen Informationen. Ernst Wollweber. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen.wurde in das Innenministerium eingegliedert. was ihm -76- . aus dem er gern erzählte. dem Willi Stoph vorstand. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. am liebsten beim Billard. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. der ein wechselvolles Leben geführt hatte. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde.

Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. Juni zum Anlaß nahm. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. Sein Verdacht rührte daher. was er gegen Matern hätte verwenden können. Während Mielke die Geschehnisse des 17. daß diese -77- . der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben. doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. und er ließ nichts unversucht. Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. Matern als Nazi- Kollaborateur zu entlarven. noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. und das sollte er nie vergessen.einer seiner Agenten berichtet hatte. Schon damals hatte ich den Eindruck. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. ja gar nicht erst keimen zu lassen.

in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. sondern war im Gegenteil erwünscht. Sie beschränkte sich darauf. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. was man nur falsch machen kann. alles falsch zu machen. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit. Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. Es war nicht schwierig. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. standen gut. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen. Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten. Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht. -78- . doch ihre Chancen.

daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. Als -79- . Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. waren äußerst begrenzt. um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren. Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. weil wir argwöhnten. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen. Karlsruhe und Hamburg. alles aufs Spiel zu setzen. Weit schwieriger war es. Die Möglichkeiten. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«. Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben. um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen.

ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder.erstes schickten wir ihn nach Hamburg. sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. was sie »Felix« erzählte. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. Jeder von uns wußte. Als wir sein Verhalten analysierten. der ihm Material übergeben würde. Seit er den Zug verlassen hatte. Als Vertreter einer Firma. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. die sich einfach nicht abschütteln ließen. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen. Sie war keine Schönheit. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. Seine Aufgabe war es. für einen Übungseinsatz. aber das. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. merkten wir. weckte das in uns den Gedanken. daß es so gut wie aussichtslos war. sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. die Frisiersalons einrichtete.

wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland. Dennoch erklärte er von sich aus. wurde mir klar. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte.angesprochen. sie nachzuholen zu versuchen. die über sogenannte Westabteilungen verfügten. veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch. besonders auf der Leipziger Messe. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten. wo gerade die strengen -81- .und West-Ost- Kontakten. daß es keinen Sinn habe. Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. So gesehen. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen. war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. Joseph Wirth. um interessante Verbindungen anzubahnen. und wir zogen »Felix« ab. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. Dr. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle. Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen.

Schon während des Essens freundeten wir uns an. und er wußte über Franz -82- . Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. war ein Onkel seiner Frau. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. und abends tranken wir Brüderschaft. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. daß meine Ohren glühten. Steinrücke anzuwerben. im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig. als ich das hörte. Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. Ich gab mich als General aus.Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. die stets bemüht war. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals. Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. Man kann sich vorstellen.

Ein Foto. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum US- Geheimdienst. Da er vor 1945 im Flickkonzern. Über Steinrücke hatte ich Dr. einen Frontalangriff wagen zu können. konnte nicht die Rede sein. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS. dem Vorläufer der CIA. Walter Bauer kennengelernt. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. ihn einzuschüchtern. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr. paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. der im Interzonenhandel tätig war. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. Gisevius. rundlicher Mann in einem Anzug. das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. Davon. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. eine hohe Stellung innegehabt hatte. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte. Daß unser Kontakt abbrach. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. gar unter Druck zu setzen. glaubte ich. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. war meine Schuld. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle. daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. als er mir gegenüber andeutete. in Erinnerung war. war mir klar. lag der Verdacht nahe.

die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel. Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. Heinrich Wiedemann. wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen. daß er nicht abgeneigt war. und keineswegs vorhatte. daß er beabsichtigte. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. Carl Hundhausen. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen. sondern ließ mich auch bald diskret merken. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns. Wir setzten einen Vertrag auf. das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört. Doch dazu sollte es leider nie -84- . ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. doch ich mußte begreifen.

Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. und wir befürchteten. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. Inzwischen stellten wir besorgt fest. damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur. bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. damit er nicht verraten werden konnte. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. -85- . als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig.kommen. Rudolf Kriele. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. und wir sahen uns genötigt. machte sich bezahlt. als Drehscheibe in Krisensituationen. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen.

Neben Dr. Trotzdem war sie bereit. suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. und das machte meine Leute neugierig. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. der »Iris« angeworben hatte. in der sie eine Art -86- . und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl. Lydia. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen. Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte. Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. wurde aus Alters. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten.und Gesundheitsgründen eingestellt. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. für uns zu arbeiten. so lautete unser Deckname für Susanne Sievers. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz. machten wir zuerst lange Gesichter. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. Stoltenberg und Leussink. das sie erdulden mußte. Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in Ost- Berlin zu treffen. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

Durch sie erfuhren wir. »Lydias« große Stunde schien gekommen. Später fanden wir heraus. Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen. um ihre Unkosten zu decken. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. Ich habe mich oft gefragt. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. mehr nicht. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. damals ein junger Protege Adenauers. sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. Wäre sie eine Doppelagentin gewesen.Salon führte. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. König von Ungarn zu werden. kein Rechter zu sein. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. aber das war nie der Fall. hätte sie versucht. den er vor der Öffentlichkeit abgab. an deren Spitze Rainer Barzel stand. was sie dazu bewogen haben kann. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. der auch nur entfernt im Verdacht stand.

oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren.Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen. war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet. Jakarta und Singapur eingesetzt worden war. Aus BND-Akten erfuhren wir. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben. daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. noch nicht ganz flügge. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. der diese Apparatur bediente. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. Der Dolmetscher stutzte. Manila. ein Bluff war ausgeschlossen. Der Bedauernswerte. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. Wir sollten also ein Bordell fingieren. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. Das war leichter gesagt als getan. Unser eigener Apparat. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. Jeder kannte die Karten des anderen. für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. Tokio. wenn -88- .

uns mit Informationen zu versorgen. aber kein Gast ließ sich blicken. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach West- Berlin ausschwärmen. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen. die nicht abgeneigt waren. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. und machte ein -89- . zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. vom Sittenexperten beigesteuert. hieß er Jansen. Als nächstes galt es. die er anschleppte. Wenn ich nicht irre. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. Anfangs waren wir so blauäugig. Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten.Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. was wir von ihm wollten. unser Team wartete ungeduldig. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. Unser Team rotierte. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. die Damen setzten sich in Positur. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. geeignete Damen zu finden. schien nicht abgeneigt. Stahlmann unter die Augen kamen. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. Die Konferenz begann. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. Er wußte. Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. wo er sich mit der Haushälterin unterhielt.

weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. Die Informationen. gewiefter Journalist. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. Deckname Nante. Van Nouhuys. in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. habe ich nie herausgefunden. Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. die wir mit unserer malina gemacht hatten. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. Die Ernüchterung kam. erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. daß es unverzichtbar war. wurde vom Stern entlarvt. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er behauptete.weiteres Treffen aus. hielten unseren Überprüfungen stand. die er lieferte. Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. für den sie sich hatten anwerben lassen. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben. Die Erfahrung. ein windiger. unserem Dienst. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit. denen es gelang. Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt. sich den Wind der großen. Gut erinnere ich mich an den FDP- Bundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert. inzwischen Chefredakteur der Quick. als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen.

Gauner ausnehmen wollten. Militärs. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. die von rechts. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- . Wir beschlossen. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen. denn wir erfuhren. eine neue Partei ins Leben zu rufen. mitanzuhören. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr. war die Gemütsruhe. Juli gehört hatte. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren. einem der Mitbegründer der CDU. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten. Sammelbecken für Kräfte. Leider sahen wir uns bald gezwungen. ehemalige NS- Bauernfunktionäre und Kommunisten. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt. daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. So wenig schmeichelhaft es war. wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg. Günther Gereke. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde.und Forstwirtschaft entstanden.

besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte. als mir lieb sein konnte. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. Schmidt- Wittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. fand ich Wollwebers Weisung vor. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. überlegte man in Berlin. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten. Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. die er weder kannte noch gutheißen dürfte. Ich bestürmte Wollweber. Er gehörte zu jenen Patrioten. arbeitete er für uns. Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet.Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. doch er wiederholte -92- . der eine steile Karriere vor sich hatte. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. ein Mann. Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDU- Bundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack. wie ich wenig später erkennen mußte. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang.

die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß. Wir kannten uns nicht persönlich. und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa. Das war schon besser. da fiel mir Gerekes Fall ein.nur. vorausgesetzt. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. den ein Kurier nach -93- . Ich war mit meinem Latein am Ende. Ich behauptete. ihn zu verhaften. seine Frau. sei es ebenfalls. es sei alles beschlossene Sache. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte. das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. als zu überlegen. sich in die DDR abzusetzen. Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. Mir blieb nichts anderes übrig. er sei einverstanden. Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau.

Außerdem verkündete er eine Information. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit.Hamburg brachte. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. was er hatte aufgeben müssen. der einen Vorruhestands- Funktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. Am 26. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann. Seine Enthüllungen besagten. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen. August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte.

Juli 1954 verschwand Dr. Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. Juli erklärt. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns. sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. er sei politisch unabhängig. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Am 20. Es hatte den Anschein. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin. und beschuldigte die Bundesregierung. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr.zuständig gewesen. daß beide mit Wohlgemuths Auto nach Ost- Berlin gefahren waren. Otto John. Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John. in der dieser das Gegenteil versicherte. Wolfgang Wohlgemuth.

mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich. fraglos als Aufpasser. Eine diplomatische Karriere. glaubwürdig erscheinen. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. und danach -96- . Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. wie sie ihm vorschwebte. Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. die ich 1990 einsehen konnte. was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. Heute vermutet er. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. und aus dem.Organisation Gehlen an. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. einstige SD. abgefangen und unterdrückt wurden. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt. daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. dem KGB-Maulwurf. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet. die er für seinen Übertritt vorbrachte. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. Aus Akten. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte.

und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. dort Eindruck zu schinden. den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. überreichte. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen. indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst. Wahrscheinlich ist. siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. daß niemand so recht Lust hat. um die Situation zu klären. Doch im Dezember 1955. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. als Überläufer aufzutreten. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde. setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. dem militärischen Hauptquartier. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. aber arm an Aussagen. stieg in den Wagen -97- . läßt sich ersehen. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr vorerst nicht zu denken war. und wahrscheinlich scheint mir.erzählt hat. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. Auffallend ist. den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht.

die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. war die. Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert. Die Lehre. als Überläufer zu präsentieren. war uns nicht gelungen. die ich daraus zog. Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. -98- . hat ihn zeitlebens erbittert. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen. der damalige Innenminister. Gerhard Schröder. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können.des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils.

4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet. Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. gütige »Väterchen«. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. gerechteren Welt mitzuwirken. fällt es mir schwer. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- . Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. einen ersten Stoß. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. als das weise. begleitet von Zweifeln. nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. Doch so. aber die Wirkung ging tiefer. so ging auch ich. wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. das ihn so zeigte. wie ich ihn lange gesehen habe. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet. Im Rückblick erscheint mir der XX. für die anderen wich eine Spannung. die jahrelang auf uns gelastet hatte. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. Als ich die Rede gelesen hatte. doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX. an der Errichtung einer besseren. die letztlich zu jener Entwicklung führten.

Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. denn wir glaubten. von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. Sie enthüllte. Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. an der ich -100- . Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit. die 1934 auf dem XVII. konnte später nicht behaupten. Auf der 3. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte. in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. er selbst aber blieb die unantastbare. Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. die überragende historische Gestalt. der nicht zu bereinigen war. Parteikonferenz der SED.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten.

und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. Parteitag der KPdSU gezogen. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort. nachdem er Minister geworden war. daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich. Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt. Einige Jahre später. ein Begriff. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. Bereits unmittelbar nach dem XX. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde.teilnahm. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. Mielke widersprach mir sofort. Er betonte. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt. begrüßte die Art. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. nach Chruschtschows Sturz. wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. und sprach von meiner Erleichterung. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«. Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. Er habe unter keiner Last gelitten. in der DDR habe es keine gegeben. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. mit denen Mielke uns langweilte.

entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. »Keine Fehlerdiskussion«. Schulungsseminare für Partei. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. »dem Gegner keine Argumente liefern«. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit. sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. 1956 wollte es fast so scheinen. Anton Ackermann. bei Lenin ausgegraben. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. Hans Jendretzky und andere aufgehoben. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte. kam -102- . Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. Der Begriff der friedlichen Koexistenz. So kam es. deutscher und italienischer Marxisten. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. wo ein lebhafter. 698 weitere vorzeitig entlassen. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. die in der Sowjetunion geführt wurden. polnischer. ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand.und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. ungarischer. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem.

an den sich ehemalige V- Leute noch heute voller Zorn erinnern. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte.in Mode. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen. so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. Dieses SPD-Ostbüro. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert.« Ein Blick aus dem -103- . um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus. das bis 1966 bestand. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen. ihre Aktivitäten.

In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet. daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe. In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. Hinter Alt-Glienicke. war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt. Wollweber erklärte mir nun. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -. Sie gruben einen Tunnel aus. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIM- Limousine mit Begleitschutz. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten. durften wir die Anlage besichtigen. mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- .

Er war damals in der West- Berliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. daß es opportun sein könnte. und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an. Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war. der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. häufiger in die DDR fuhr. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. die Hintergründe dieses Tunnelbaus. Wie Blake lebte auch Kim Philby. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. Es war faszinierend. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. Beide waren mit -105- . in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte. Viele Jahre später erzählte mir George Blake. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. wie er in Gewissenskonflikte geraten war.

Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden. Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat. weil er in ihr den Beginn einer neuen. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste. der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß. besseren Welt zu erkennen glaubte. In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert.

mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben. Mátyás Rákosi.antikommunistischen Landesarmee. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. galt als kommender Parteichef. Ungarns »kleiner Stalin«. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen. während man davon überzeugt war. von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen. die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. die 53 Tote und 300 Verletzte forderten. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren. die ungarische Partei bemühte sich. Gomulka. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt.

Im Wechsel wollten sowjetische -108- . wurde aus der Haft entlassen. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz. vernünftige Politik. nun wurden politische Forderungen laut. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. der Ruf nach Freiheit. Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. Oktober wurde das Stalin. Am 4. Es gab den ersten Toten. ihn zu beruhigen. Imre Nagy. auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren. In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt.der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden. Kardinal Wyszynski. Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt. In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt. den ich aus Moskau kannte. Am 23. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes. Es gelang den Polen. Rákosi mußte zurücktreten. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs.

endete der Konflikt. Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17. Juni 1953 in der DDR. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. Die Entscheidungen über Krieg und Frieden. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen. offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau. was die Nato tun werde. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. wie später beim Mauerbau und beim -109- . Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten.Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen.

daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat. Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen. Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen. den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten. doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute. eine militärische Konfrontation zu verhindern. und es ist mir nicht darum zu tun. die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten.

in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten. die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten. über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956. die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten. wo immer sie Gelegenheit dazu fanden. als Patrioten. Damals sahen wir in erster Linie.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár.

Linie«. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand. als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. ließ dennoch zu. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. datiert war das Dokument vom 2. erfolgte kein Dementi aus Bonn. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein.ausgesetzt gewesen war. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt. Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen. Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten. Angesichts des Umstands. der zufolge Franz -112- . denn wenn es wirklich echt war. März 1955. gewann eine Information an Gewicht. Die Zuverlässigkeit der Quelle. Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. schien uns über jeden Zweifel erhaben. Als wir es 1959 veröffentlichten. Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel.

der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes. trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete.Josef Strauß. Durch die Informationen. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. der neue Bundesverteidigungsminister. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. Wollweber erließ einen Befehl. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. Auch die Information. und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. ob es möglich sei. ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung. Das führte zu einem Aufwand. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war. um zu verhindern. Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. daß General Norstad sich nicht beeilte. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern.

Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. die Flut an Geheimdokumenten. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich. zu fotografieren und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. Schwierig sollte sie immer bleiben. einer hübschen. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. in die DDR zurückzukehren. und sie erklärte sich auch bereit. weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. was für mich eine herbe Enttäuschung war. -114- . für uns zu arbeiten. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. Deckname Gerlinde. die sie ihm übermittelte. So kam es. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet. daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen.konnten. die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde.

sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser. -115- . und die Polizei staunte nicht schlecht. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte. über die Panzer Leopard 2 und Gepard. zu der sie nach wie vor standen. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen. nämlich wie in einem James-Bond-Film. daß sie aus innerer Überzeugung. »Henry« wurde mit Bein. ebenfalls Offizier. als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte. der mit einigen Extras versehen war. Filme. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später. Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. auch diesmal wieder aus eigener Initiative. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. der Einblick in Verschlußsachen höchster Nato- Geheimhaltungsstufe hatte. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. Ruth Moser war es gerade gelungen. für die Aufklärung gearbeitet hatten. für unseren Dienst an. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen. Bei beiden hatte ich den Eindruck. als sie in seinem Auto unter anderem eine Minox- Kleinstkamera. die erforderlich waren. Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst. Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte.

Deckname Heike. der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. als Winzer zu warnen. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. Deckname Blanche. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. diesmal von seinem Kurier verursacht. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde.Sein etwas bizarres Privatleben. und »Henrys« Geliebte. führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall. die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten. Es blieb uns nichts anderes übrig. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. Zur Zusammenarbeit war es gekommen. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte. In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe. Deckname Südpol. und deshalb flüchtete er zu Fuß. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. ein sogenannter -116- . für einen französischen Dienst tätig zu sein. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus.

Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar. Deckname Bruno. wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel. beschaffte. Benzin. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren. die. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. Die Papiere. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. »ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten. die er erbarmungslos plünderte. war sie doch von Fachleuten ersonnen. Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. Wir warben ihn an. die Requirierung ziviler Fahrzeuge. Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. der den stolzen Decknamen Minister trug. die uns Peter Kranick. Er war das lebende Beispiel dafür.Amtgehilfe. die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten. Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. ein ehemaliger Fremdenlegionär.und Lebensmittelrationierung. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr. zeigten. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht. die er uns verschaffte. Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt. die inzwischen in der Botschaft der -117- .

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm
gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris
über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick
auf das Nato-Hauptquartier.
Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer
Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner
unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die
Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung
vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs
abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen
Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West.
Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg
stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des
Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren
nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie
nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte
Position erneut zu festigen.
In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der
SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine
»parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke,
und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl
Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so
fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion.
Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied,
denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter
Wollwebers galt.
Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich
Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan,
der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und
bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre
Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und
Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn
gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere
Beziehungen unterhalten.
-118-

Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke
im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas
dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt
des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das,
was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958
Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er
persönlich an, hatten wir uns doch beide für eine differenzierte
Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der
Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte
SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den
schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion«
sah.
In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke
immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben.
Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen
Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen –
übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der
kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung

-119-

politisch Andersdenkender einem simplifizierenden Schwarz-
Weiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität
entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde
dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der
politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch
Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel
angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen
Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem
bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage
der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war
die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre
verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955
Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm
Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit
Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von
Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er
bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem
»Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber
Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
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Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager
Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener
Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und
teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte.
Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte
Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern
möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie
gebracht.
Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich
selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl
bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden
Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees
betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen
Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich
es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums
vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese
Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel.
Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober
1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten
»in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche
Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische
Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem
Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953
ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen
gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in
Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der
KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen,
nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung.
Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein
Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit.
Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage.
Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung
verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich
Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-

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Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war,
nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus
manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes
ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon
ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der
peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer
Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit
Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß
an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie
andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt
worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu
erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen
ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der
Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

-122-

5 Die Betonlösung

Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und
Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn
je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der
Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat
weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr
als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten
worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner
Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem
Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer
hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen
Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß
es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen
entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem
Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen
von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte
oder Freunde sie oft schon erwarteten.
Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich
ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß
etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen
klar.
Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine
Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR.
Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten
Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die
Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich
unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den
Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner
Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich
nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe
krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung
zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der

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Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an
allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze
Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst
katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner
Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie
unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die
Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht
vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb
Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich.
Bevor die Mauer – von unserer Führung als
»antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als
»Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit
deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich
erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an
zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser,
die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;

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viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner
Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben,
durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen
suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch
sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer
Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der
Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff
oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet
worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und
wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die
DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die
Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr
Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen.
Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns
helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung
zu bringen.
Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands
abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz
zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte

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Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die
Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an
Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten
Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße
Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren
Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen
ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes
zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf
Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in
Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen
Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah,
wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden.
Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin
Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen
Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach
den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen
gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität.
Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke,
daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989

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»Damit«.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. Die Zahl derer. Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit. die das Regime in der DDR unterstützten. falls die Abwanderung anhalte. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen. sagte Falin. in der Regel niedriger. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. bereits 1953 begonnen hat. -127- .endete. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so. die DDR stabil zu erhalten. das Land zu verlassen. die es ermöglichte. die Menschen daran zu hindern. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. war nie höher als dreißig Prozent. daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte. werde es unmöglich sein.

Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. bestätigte Julij Kwizinskij.« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. der Perwuchin damals begleitete. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können. was die USA provozieren könnte. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- . ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. Er nannte Fristen. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. die USA wissen. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige. Es steht also außer Frage.sondern im Auftrag des Bündnisses. in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen.

Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand. imponierte vielen -129- . Chruschtschow und Mikojan in der Mitte. zum erstenmal. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe. Er wirkte überzeugend. dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. sogar herzliche Gefühle. als er 1957 mit Anastas Mikojan. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt. Es war im Sommer. als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme Gorbatschows. der Dolmetscher und ich hinten. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden. Doch gerade diese Spontaneität. Mielke vorn neben dem Fahrer. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. Natürlich war das organisiert. ohne einzuholen.»Überholen. dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte. Unvergessen ist jene Szene. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte.« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen. Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. doch viele Gesichter spiegelten freundliche. Selbst während der seltenen Atempausen. die naiv wirkende Art. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck.

Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow. Als er 1957 die DDR besuchte. Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2. In der DDR war davon nichts bekannt. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. Ulbricht. von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt. entschlossen durchkreuzt. ist vielfach beschrieben worden. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«. Kaganowitsch. ihn zu stürzen. hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro.Amerikanern. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung.

Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. Er neigte dazu. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. Es wäre ein Irrtum. Die Entspannung. Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. die für die Sowjetunion lebenswichtig war. denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen. der an seine Ideale glaubte. und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren. Aber er war ein Vollblutpolitiker. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. stand es ablehnend gegenüber. aus denen hervorging. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren. Eilfertige -131- .Gefühlen gelauscht haben. Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System.

Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen. die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte. Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen. daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. uns Kenntnisse über John F. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. Es war nicht leicht. Fieberhaft versuchten wir. die in die -132- . Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. soweit wir Zugang zu ihnen hatten. die Medien feierten den »Geist von Camp David«.

zögerte er. Kennedys Reden -133- . mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte. der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala. Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu.. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete. Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung. und das war Kennedy bewußt. Die sowjetische Führung wußte. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. unterlag keinem Zweifel. eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen. Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen. Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor.

daß es zum Krieg gekommen wäre. Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin. Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden.Blockade erarbeitet würden. Da Chruschtschow nun – womit die US- Experten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch. prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander. und drohte.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- . Vergeblich. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde. Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker. Im nachhinein wissen wir. doch in den Verhandlungen.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben. und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. reagierte er zornig. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden. die freundschaftlich miteinander umgingen.

so erleichtert atmeten die Politiker in Washington. in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. die bis zum Morgen des 13. den nationalen Notstand zu verkünden. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten. blieben unangetastet. da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. »Ihre Rechte. Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt. und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. So groß der Schock. waren die Würfel nunmehr gefallen. doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln. Chruschtschow. August 1961 bestanden hatte. auf West-Berlin bezogen. -135- . Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte. schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. London und Paris auf.einem Stufenplan verschafft. nicht Kennedy. der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah. So sah die Situation aus. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten. an jenem Sonntag morgen waren. um die Reaktion der Sowjets zu testen. trat den Rückzug an. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte.

Kennedy hatte General Lucius D. besser als ein Krieg. Clay. wo dieser. seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert.« Die erste große Aufregung schien verflogen.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt. einen Riegel vorgeschoben. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. die Lage nicht zu verschärfen. daß man Ruhe bewahren werde. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort. um große Politik zu machen. hatte er doch peinlich darauf geachtet. Allan Lightner. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. denn ich glaube. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden. weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben. Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. verdammt noch mal. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. sondern der Sowjetunion zu signalisieren. wie er sie verstand. daß die drei essentials nicht verletzt wurden. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte. Die Reaktion Washingtons. als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach West- Berlin entsandt. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen. die lautete: »Eine Mauer ist. die er richtig voraussah. August so unvorbereitet wie meinen Dienst. und Ulbrichts Wünschen. Kennedy wurde erst Stunden später informiert. sie haben jedes Recht dazu. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten. Ich verstehe nicht.

Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin. nicht aber der kalte Krieg. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. ohne sich auszuweisen. Worte. und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit. um ein Exempel zu statuieren.West-Berlin. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück. Eine Woche nach Kennedys Berlin- Besuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten. die eine Absage an Chruschtschow waren. war am Checkpoint Charly von einem DDR- Posten aufgefordert worden. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 West- Berlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. beide Seiten zogen ihre Panzer ab. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte. Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. Zurückgewiesen. sich auszuweisen. wo sie versuchten. die Posten zu passieren. kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. Das wurde uns mehr als deutlich. Auch wir merkten. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen.

Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus. daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. nicht gegen sie. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. mußten nun so eingerichtet werden.« Durch die Grenzschließung am 13. Jetzt war dieser Weg versperrt. gingen wir das Wagnis ein. Sie wurde sehr viel aufwendiger. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . Es konnte vorkommen. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen. was wir strikt ablehnen.Evangelischen Akademie in Tutzing. So kam es zu der paradoxen Situation. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren.

die ständig verbessert wurden. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege. die für die Übersiedlungen zuständig war. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. der Vorsitzende des KGB. funktionieren mußten. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. daß Jurij Andropow. Zwischen der Abteilung VI unserer HVA. die benötigt wurden. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. aber oft kam es nicht vor. die auch darin gründeten. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig. das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet. der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten.in der Bundesrepublik aufhielt. In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt. Der einseitige Funk. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen.

die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr. Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich. daß man angepeilt wurde.die verschlüsselten Funksprüche empfangen. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums. zu unterscheiden waren oder sind. das er Rundspruchdienst nannte. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. Bis ich den Dienst verließ. oder einen speziellen Empfänger zu benutzen. sorgten für dauerhafte Reibung. -140- . Das bedeutete die schwere Entscheidung. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. So gut und einfach diese Methode war. so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden. hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte.

Anhänger eines humanistischen Weltbilds. Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung. Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut. Max Heim. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. indem er in der Illegalität untertauchte. Adenauers engstem -141- . Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen. aber einige Quellen wurden festgenommen. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich. Wider Erwarten fand sich nicht nur er. Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. Es war erstaunlich. als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte.

Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. und zu Ernst Lemmer. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. dem Leiter des Ostbüros der SPD. der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern.Vertrauten. der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- . der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte. Er war von dem Drang erfüllt. ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. Als er verraten wurde. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen. und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. wo er 1965 verstarb. die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand.

die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt. Es kam nicht zur großen Koalition. die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten. Doch für uns galt es. -143- .Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten.

sie habe zwar Fremde bewirtet. dem Idealismus. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. gesammelt hatten. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten. Zu den vielfältigen Ursprüngen. versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. gründete. indem sie ihr das Leben retteten. in dem Milch und Honig floß. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe. dem Sohne Nuns. ja zwangsläufig ist. 6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. wo diese im Hause der Rahab. diese seien aber bereits abgereist. Weniger launig läßt sich feststellen. mit einer Traube. Im Buch Josua erfahren wir. Buch Mose wird geschildert. einer Dirne. aus jedem Stamm einen. gehört neben der politischen Überzeugung. wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. schnitten sie eine Weinrebe ab. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus. Hosea. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. Einem der Männer. wie der Herr Mose gebot. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . die sich später revanchierten. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. die so schwer war. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. in denen die Motivation derer. und wie Mose zwölf Männer auswählte. Im 4. die sich für meinen Dienst engagierten.

daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. die wir in den Westen entsandten. Die wohl eher mediengerechte Behauptung. Das aber bedeutete noch lange nicht. von der er den -145- . war von unserer Seite aus nicht untersagt. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften. die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. sahen wir es nicht als geboten an. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. die er uns als mögliche Quelle empfahl. hat damit zu tun. Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. Alleinstehende. und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben.Liebe. daß die meisten Kundschafter. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. eine moralische Bürde. Herzensbrecher ausgebildet zu haben. Was blieb. der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. waren ein gebrochenes Herz. alleinstehende Männer waren. unsere Leute davon abzuhalten. den Bereich der Phantasie. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte.

Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. Wir entschieden uns für Herbert S. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden. wo Regierungsmitglieder verkehrten. Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung.. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht. Sie wurden ein Paar. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- . Das fanden wir merkwürdig. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. Deckname Astor. die er nicht verschwiegen hatte. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn. seine Freundin anzuwerben. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. als Kandidaten. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt. dessen Souveränität sie nur belächeln konnte. der Dame. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring. die »Felix« genannt hatte.Eindruck hatte.

Unser Mann überlegte. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. fleißig.dramatisch. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben. 1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. verstärkt durch den Umstand. war hübsch und katholisch. gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«.. Eine gute Besetzung war auch Roland G. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. die er an uns weitergab. was -147- . Es gelang ihm. was uns vorschwebte. daß wir ihn zurückholen mußten. kannte das Wort Niederlage nicht. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust. sittsam und scheu. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. Er war ein hochintelligenter. um dort eine Frau kennenzulernen. Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen. wo er als galanter Verehrer glänzte. Unser Zielobjekt. passenderweise mit dem Namen Margarete. der geborene Kand idat für das. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. seiner Freundin. Doch Ro land G. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert. in jede Rolle zu schlüpfen. kurzum. das Wissen. das wir durch »Gudrun« erworben hatten.

doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. ihre Stelle zu kündigen. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. weil wir fürchteten. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. mußten wir ohnmächtig mitansehen. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«. als sie zu ehelichen. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging.zu tun sei. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. verlor sie bald das Interesse daran. Als wir Roland G. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach Ost- Berlin kam. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. dann beweisen sie. Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in Karl- Marx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. zurückziehen mußten. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. um Margarete die Beichte abzunehmen. Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. blieb Margarete im Westen. Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. war es ein herbes Erwachen für die -148- . als Feldkaplan verkleidet. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. er sei ins Visier der Abwehr geraten.

Herbert S. Noch hofften wir. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. Gerda O. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- . Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig. Gerda S. klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. saß bei uns. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. Aus der Liebelei wurde Liebe. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. Was dann geschah. kennengelernt. einen getarnten Agenten des BND. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt. ohne daß man sie durchsucht hätte.. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. um es euphemistisch auszudrücken. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus. hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen. Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig. der Enttarnung knapp entronnen. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht.Getäuschte.

Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. doch vergebens. In ihrem Büro war sie beliebt. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. als »Inge« ohne -150- . »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. was sie wußte. trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. Meine polnischen Kollegen versprachen mir. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen. die geringste Chance zu nutzen. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. Seine neue Liebe. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. weil sie gern für Kolleginnen einsprang. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. war. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. Deckname Inge. Was sie nicht wußten. wenn abends länger gearbeitet werden mußte. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. die eine feste Beziehung mit ihm einging. doch eine solche Chance ergab sich nicht. wenigstens in der DDR. Obwohl »Inge« wußte. wollte sie ihn unbedingt heiraten. um »Ritas« Abflug zu verhindern. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. Doch kaum aus dem Westen abgezogen. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. Erst Jahre später.zurückkehren würde. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt.

. Ingrid Garbe. die Sekretärin von Dr. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«. Sekretärin in der bundesdeutschen Nato- Botschaft. die uns bisher sicher vorgekommen war. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen.. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung. daß sich kurz darauf Inge G. Mitarbeiterin des Nato- Generalsekretariats. Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«. daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war. samt Lebensgefährten und Helga R. Die Medien behaupteten. zu entschlüsseln. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur. beschloß ich. in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt. aber unve rzüglich. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen.. Im März trat Ursel Lorenzen.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an. ebenfalls mit ihrem -151- . wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet. eine Sekretärin in der CDU-Führung. Ursula H. ohne Aufsehen. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst. dessen Tod nicht registriert war. diese Tarnung. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen. eine sogenannte Doppelgängerexistenz. und ihr Ehemann. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. So kam es. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe. Werner Marx.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten.
Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus
Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen
sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich
weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals
Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die
Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere
Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne
Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur
dieses ideelle Motiv.«
Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die
Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen?
Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard
Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für
Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit
einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz
eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und
Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren.
Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein
Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen,
waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der
sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der
Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus
dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf
bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern
durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden,
und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende
aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und
fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und
unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen
und auszufragen.
Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn
ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der

-152-

bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten
wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der
Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche
Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres
1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er
die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte
für unmißverständliche Klarheit.
Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise
gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der
Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der
Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik
gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung
aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer
wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können –
materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die
Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie
die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion
begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis
Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten
herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz
geheimdienstlich relevant war.
Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der
wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten
abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an
Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den
Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat
zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein
sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke
so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der
Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk
einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer
Häuser« nur zuträglich sein könne.

-153-

Helga Rödiger 1981
Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik
unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in
der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B.
konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der
DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch
persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen.
Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im
Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen
Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K.
ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden
selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem
Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte
oder nicht.
Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976
trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen
problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der
alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung

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waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich,
daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie.
Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch
fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich
erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als
»Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR
geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem
Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern
auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und
Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte.
Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie
ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen
Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz,
ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider
fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds
nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

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7 Der deutschdeutsche Dschungel

Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß
eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit
unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der
Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom
Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß
sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen
könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch
militärischen Druck.
Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der
Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle
Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein
westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in
seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war
uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden
deutschen Teilstaaten ausschloß.
Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung
saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das
unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf
des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter
dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft
konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit
zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in
diesen Jahren.
Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in
Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen
eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde
vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die
protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß
er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten
Rheinbund zu schaffen.
Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch

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aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über
nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum
nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner
suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950
gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener
Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer
Deutschlandpolitik.
Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine
Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner
arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des
NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem
Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen
Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen
Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der
»Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze
ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir
weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren
unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der
westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr
eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser
Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor.
Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen
politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere
Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des
Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt.
Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und
politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur
von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie
aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war.
Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund
der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem
Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis,
zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete
seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu

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deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur
Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der
DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten
vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem
Interesse, Einfluß zu nehmen.
Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im
Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer
Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den
sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde
von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer
Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns
ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein,
der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle
»Maler« stand.
Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die
im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren
und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim
Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken.
Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der
Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt
wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in
Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem
deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde
antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen
war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten
Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis
konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im
Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie
sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und
innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken.
Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU,
und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer
Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef
Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch

-158-

gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von
einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch
schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch
und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich
nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der
KPD beworben.
Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten
CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz
Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher
Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant
unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete,
daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in
krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs
standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit
einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen
uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten,
daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne
entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren.
Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen
Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der
Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und
der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte.
Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für
Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher
Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb
»Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SED-
Führung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns
zu blamieren.
Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur
angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik
Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof
Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein
Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs«
verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen

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Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im
Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in Ost-
Berlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers

-160-

daß das Unglaubliche wahr geworden war. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war. Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- . daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte.« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt. Vincenz Müller. Schäffer erklärte bei Müller. Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht. Der Vizekanzler behauptete. D. Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a. Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden.

um auf diese Mission vorbereitet zu sein. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte. Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen. -162- . die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. Am 5. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. schilderte ihm die Situation und fragte. Wir waren also zu überrascht. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. was zu tun sei. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war. Grotewohl entschied. der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet. die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. war es unmöglich. solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen.

Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs. meinte er. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten. Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. Daraus könne man lernen. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen. schon sehr weit. die er innenpolitisch machen wollte. die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. Voraussetzung für die Vereinigung sei. Auf unseren Einwand. sich an das Lager der USA zu binden. Gingen diese Vorstellungen. noch bemerkenswerter. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . entgegnete Schäffer. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. so waren die Kompromisse. das ließen auch die Pariser Verträge zu. Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. Er sagte. Er verstehe aber. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten. ohne selber konkrete Antworten geben zu können. Er war sichtlich enttäuscht. daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte.

daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden. Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. warum Adenauer. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte. Wichtiger noch schien ihm zu sein. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. Doch als ich die zwei jungen Männer sah. und darum will ich verhindern. Sie demonstrierte.« Auch dieser kleine. Geheimverhandlungen zu führen.« Über unsere Kanäle erfuhren wir. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten.Vordergrund stellen. aus dem er 1945 befreit worden war. Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen. die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. wenn auch widerstrebend. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. Es waren nicht allein nationale Motive. habe ich nicht alles gesagt. Ich war bereit. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. -164- . seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen. Das wichtigste sei. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte.

Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden. zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien. Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit. Es blieb zunächst dabei. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. man habe über aktuelle Themen gesprochen. Für den Fall. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. daß die Kontakte doch bekannt würden. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß. weil das die Hallstein. Schäffer betonte. die Scharte auszuwetzen. die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. gab es die Sprachregelung. Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. Professor Otto Rühle. und wir bemühten uns. waren vage.Doktrin ausgehebelt hätte. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an. auch bei Schaffen -165- . weil immer das Mißtrauen blieb. Doch Schäffer gab nicht auf. Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. Die Direktiven. Am 20. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD).

Bonn reagierte hektisch. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben. Er behauptet. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe. Er ließ General Müller und Professor Rühle. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben. »bei dem -166- . Ulbricht erklärte. wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. eine öffentliche Erklärung verfassen. Sie belegten allerdings. Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten.Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab.

Wir wußten nicht nur von Schäffer.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse. Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. ist eine jener Episoden. Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . Kanter. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten. war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft. Der Versuch des Vizekanzlers. Adolf Kanter. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. Hans Kapfinger. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle. die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten. Deckname Fichtel. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert.

Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- . doch sein Ruf hatte Schaden genommen.. als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde. Daß es sich gelohnt hatte. Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanz- und Wirtschaftsberatung. Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an. die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. geschrieben. wußten wir spätestens 1974. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Dr. Es entbehrte nicht der Ironie. »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann. Kanters Aufgabe war es. Werner K.. K. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. daß ein Mann.

Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte.Spenden des Flickkonzerns. Er blieb. gerade auf dem Weg in die Wohnung. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. Er -169- .. widerstanden wir der Versuchung. Schon um unsere Quelle zu schützen. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. das Material westdeutschen Medien zuzuspielen. Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume. Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte. Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in Rheinland- Pfalz aus. wie er es nannte. Werner K. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. war enttarnt worden. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren. Dr. waren wir bis in die Details informiert.

etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt..s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden. weil sie natürlich K. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen. Klaus Kuron. Unser Mann beim Verfassungsschutz. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus.stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. -170- . Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie. Seinen Instrukteur K. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht. Kanter mußte zum Verhör. Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Wir fürchteten. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht.

hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. -171- . Das Bild. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete. und das nicht nur. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. war zwar nicht immer schmeichelhaft. als es den Anschein haben mochte. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. Paul Lauffer. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen. wenn es um Geld ging. Der Entspannungspolitik hat er genützt. relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten. aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. Ein Problem für uns war. daß man im Lager von Kohl. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. Bei uns gab es Kommunisten.

Andererseits wurde immer deutlicher. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. Angehörige des Ostbüros zu benennen. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. daß ich heute seinen Namen preisgebe. »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. blieben unbesprochen. paßte ihm nicht. und lehnte es kategorisch ab. ihn persönlich zu führen. Den Resid enten in West-Berlin. Er verstand sich nicht als »Agent«. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. Ich beschloß. doch seine Bereitschaft. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. daß er uns Probleme bereitete. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn. Wir rauchten. den er gerade dadurch bewies. Die Tonbänder. denn er konnte immer zu dem stehen. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. die wir ihm gaben. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. der ihn führte. wurde immer geringer. Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. Wer ihn erlebt hat. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. Ich stimmte -172- . was er tat. wird ihn in der Beschreibung erkennen. mit uns zu kooperieren. Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. Er weigerte sich.

daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung. -173- . Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. Geburtstags zu zweit. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. Ich glaube. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. den wir beide nie vergessen sollten. die auch mir viel gab. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. Wir beschlossen. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus. der sich von der Rechten einwickeln lasse. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. Es war ein herrlich sonniger Tag. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt.in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. Wir kamen überein. Die ungewöhnliche Praxis. Er schien voller Verachtung für den Mann. der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins. ging er nun mit der SPD ins Gericht. und das war der XX. Statt die SED zu kritisieren. den er für einen Renegaten hielt. und verabredeten eine Vorfeier seines 50. die keine Zeugen vertrugen. uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen.

Mit klopfendem Herzen sah ich. als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann. wie er auf den Posten zuschwankte. -174- . der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch. angewiesen. Ich versuchte. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. keinen Alkohol anzurühren. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. der belegte. Die Geschichte wurde nicht publik. fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten. hatte ich Mühe. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. du und ich!« Ich befürchtete. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden. Er drehte sich noch einmal um. Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten. Wir wechselten zu Bier. Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. ihm einzuschärfen.

Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld. um die Identität meiner -175- . Raststätten. die tausend Gläser zusammen zu leeren. die ganz wesentlich dazu beitrug. Er informierte mich. über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte. wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen. hatten wir allerdings nicht mehr. arbeitswütig. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert. So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat.und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. das Verhältnis der SED- Führung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen. So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. Viel Gelegenheit. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD. abenteuerlustig. Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. wenn er es für richtig und wichtig hielt. Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht. lebensfroh. ließ sich unschwer errechnen. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren. Die Zeit der Ein. Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter.

von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. mußten wir uns abrupt verabschieden. daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten.Quellen zu schützen. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. Das Warten wurde kurzweilig. einmal so zu agieren. Wie hielten an der ersten Tankstelle. Ich wußte. Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert. daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. Alles war fast auf die Sekunde geplant. -176- . Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt. und die bringen nichts zustande. Wir fuhren auf die Transitautobahn. tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. wurden sie redselig. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen.

so schnell es sein Bauch erlaubte. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren. Ende der 60er Jahre. daß wir dabei so routiniert wurden. So trafen wir uns etliche Male. Das Problem war nur. wenige Tage nach einem Treffen. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. Nur der kalte Sekt fehlte. war die Angst. so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. Es blieb uns nichts anderes übrig. die psychische Doppelbelastung als SPD- Politiker und HVA-Kundschafter. über Politik und das Leben an und für sich. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh. bis wir wieder auf der Autobahn waren. die Leidenschaft für Politik. Sein intensives Leben.Ich rutschte auf den Fahrersitz. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. die wiederum reagierte. die harte Arbeit. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. Ich gab ihm neue Instruktionen. »Freddy« schob sich. Er hatte immer gemeint. sie würde seine Motive nicht verstehen. Es dauerte nur Sekunden. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten. Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert. neben mich. Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . Eine der Belastungen. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs.

Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. Sie schien nicht wirklich überrascht. alle -178- . als diese glauben. aber geahnt hatte sie immer etwas. daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen. Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich.Anspruch hatten. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. »Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht. warum wir ihr Geld schuldeten. der ihr behutsam erklärte.

neudeutsch back channels genannt. -179- . die sich an unseren Dienst banden. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie. Es gab Partner. die ihnen gefährlich erschienen. In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. Natürlich war ihnen klar. die nun in der DDR lebten.Westdeutschen. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten. zu informieren. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. und es gab jene. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte. Sie wußten. Es gab rein politische Kontakte. Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. und nutzten diesen Kanal bewußt. was Konspiration war. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. uns über innen. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten.und außenpolitische Tendenzen. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. Fritz Erler und Heinz Kühn. als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren.

Das war natürlich nicht einfach für ihn. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. aber für uns war es von großem Nutzen. Ein alter Freund Erlers. als Wehrexperte der Partei zu fungieren. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. Es hieß. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand. Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke. der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut. Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft. Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen.

Wienand reagierte aufgeschlossen. obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte. Die beiden trafen sich regelmäßig. Fast zwanzig Jahre. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen. weiß ich nicht. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. Da Wienand im -181- . der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen. das wir von Wienand erarbeiteten. Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen. Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte. Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel. und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. bis zur Wende. der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -.Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPD- Fraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. Er bekam den Decknamen Streit. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. schien es uns erfolgversprechend. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. ihn direkt anzusprechen. Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDR- Ministerrats aus. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen.

Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. Nun war uns aber zugetragen worden. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten. wenn zwei Dienste. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. Wienand habe in einem langen. wagten wir es. Es ist immer mißlich. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. Es wurde deshalb erwogen. sich um dieselbe -182- . persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. der die Verbindung aufrechterhalten wollte. wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. auch wenn sie befreundet sind. einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. als wir erfuhren. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. Er war ein vorsichtiger Mann. Völkel berichtete hinterher.

Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- . sich an Wienand heranzumachen. Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen.Quelle kümmern. Der KGB zog sich von »Streit« zurück.

daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte. obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. Als ich Mielke zur Rede stellte. dem sogenannten Züricher Modell. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. mein Minister hatte mich nicht informiert. Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. informiert von den eigenen Quellen. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen. Die Sowjets. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. So erfuhr ich. mit Unterstützung Bonns und unter DDR- Beteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen. ein alter Freund Wienands. daß er an einem Projekt beteiligt war. Geplant war Anfang der 80er Jahre. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht. ich sei einer Desinformation aufgesessen. Ein anderer Grund war.

der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. der sicherlich bereit sei. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. Geschäftsfreund. Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß. Das war Simon Goldenberg. Ich berichtete ihnen. Ich erinnere mich. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. wo sie sich anbieten. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. Als Strauß Atomminister wurde. Karl Wienand war nicht der einzige.Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. Wienand ging dabei leer aus. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen. sondern eher jemand. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. als er Verteidigungsminister wurde. der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . Er ließ sie ruhen. mit uns zu reden.

Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den Schalck- Berichten. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden. die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. Zudem hoffte er. Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren.und Außenhandel. Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging. arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen. -186- . schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. daß die Informationen. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte. an die er so gelangte.März. Solche Erkenntnisse brachte der Strauß- Kontakt. Er hatte dafür zu sorgen. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen. Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten.

Franz Josef Strauß (links) und Alexander Schalck- Golodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten. doch das Bild täuscht. Der Zufall wollte es. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. sehr amüsanten. nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung. aber auch eiskalten Mann erlebt. Ein Foto. Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck. das uns beim Fischessen in Varna zeigt. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. Es war also nicht weiter verwunderlich. daß die beiden sich verstanden.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von
Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein
Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der
Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt
stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich
fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung
und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der
oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und
Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in
die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große
Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich
konnte ihm auch nicht helfen.
Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu
koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA
genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit
meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung
durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen
Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu.
Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von
Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine
Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren
so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts
erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten,
warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR
vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe
des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis.
Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem
der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts,
Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins
westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener
Hospital und erklärte, daß er nicht in die DDR zurückkehren
werde.
Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte
Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
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lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei
großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da
Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen
hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich.
Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz
unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach
fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts
weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in
den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen
in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der
sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals
wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte,
Goldenbergs Wünschen nachzugeben.
Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir
wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn
vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt
geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung
vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig
später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend
genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem
Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte.
Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft,
wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen
Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende
verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen
Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt
Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter
und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten
und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten,
konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige
Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden
erst gar nicht verfolgt.

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8 Herbert Wehner

Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch
unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit
dieser herausragenden Figur der deutschen
Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige
Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon
legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und
Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete,
wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren
sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der
DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum
realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen
Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen.
Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir
bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes
befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die
Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR,
insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die
Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb
Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte.
Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich
während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht.
Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem
Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten
Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur
spekulieren.
Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß
von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur
drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an
Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese
Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung.
Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu

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verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der
deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann.
Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so
konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen
mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die
Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz
abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon
installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte
ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft,
verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit
Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und
Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der
skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen
Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein
Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem
kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als
Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später
inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der Ost-
Berliner BZ am Abend.
Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er
stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein
heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten
davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten
beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte
ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber
offenbar das Risiko wert.
Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine
Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des
»Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des
antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich
präsentierte.
Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch
gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für
Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
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»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten
Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen
Wotan geführt.
Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner,
damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956
zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der
Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in
Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser
Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPD-
Sicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit
befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der
Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde
ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den
Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von
der Bundeswehr besetzt werden könnten.
Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der
Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische
»Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand
aufriefen. Es gab damals erhebliche
Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des
ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows
über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt
angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne,
vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert
Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte
er also wissen, wovor er warnte.
Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der
sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu
weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium
allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der
Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde.
Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den
SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner
kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
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»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen
Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein
Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen
Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er
von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und
vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung
befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben
könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer
Friedenspolitik im Osten zu suchen.
Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den
Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis
führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis
war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog
zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung
aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und
subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den
Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach
beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit
loszukaufen.
Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter
Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung.
Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen
Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat
und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der
Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und
respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die
ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche
Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere
frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch
beobachtet, bereiteten diesen Weg vor.
Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen
Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den
Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte,
wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im

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sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu
uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr
1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition
vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete.
Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch
im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner
hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen
abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und
eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März
1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich
dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert
Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der
Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe,
deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt
werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche
konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die
unser Apparat von ihm übernommen hatte.
Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im Propaganda-
Krieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten
Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR
zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen
Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde,
waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie
eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete
als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit
nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß
Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung
leisten könnte.
Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich
einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich
auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten
Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei
unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des
britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen

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interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er
zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur
Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten.
Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für
Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich
Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR
nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu
vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in
solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger
Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das
weitere Prozedere beraten.
Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR
zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest
wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am
17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »Wotan-
Verbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört.
Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit
offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar
Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele
das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die
DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem
Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des
Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz
Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen
SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens.
Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte
schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen
Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde.
Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu
deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der
Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß
Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und
amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das
Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war

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also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben.
Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß
wir ihm zu Unrecht mißtrauten.
Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen
Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten,
der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen
zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere
sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das
Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten
sie noch rechtzeitig schützen.
Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten
aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer
denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die
Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger
Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten
verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei
zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser
Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit
führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie
wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert
Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein
zwischen den Systemen Schwankender?
Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann
in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem
Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig
waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten
Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er
Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen
Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er
gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn
heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns.
Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin
verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund
für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.

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obwohl er wußte. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. weil ich Genossen kannte. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. Er wußte natürlich. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. daß das ein Himmelfahrtskommando war. so Stahlmann. darunter Charlotte Bischoff. nach Deutschland zu gehen. Geschürt wurde es durch das. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte. Stahlmann erzählte. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. als er aus Moskau den Auftrag bekam. denen Menschen geopfert wurden. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. um dort die illegale Partei zu führen. die er nach Deutschland geschickt hatte. Auf Wehners -197- . Um dem zu entgehen. denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb. und das. die verhaftet und hingerichtet worden waren. sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. was ich von Richard Stahlmann erfuhr.

hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt. den ich für einen Verräter halten mußte.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. Das Material war dazu gedacht. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen. Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war. wartete ich zehn Jahre. Erst -198- . Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag. Auf Material aus Moskau. falls so etwas politisch opportun sein sollte. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte. dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte.

zumal sie sich aussichtsreich entwickelten. Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. Schließlich ist es nicht auszuschließen. Die Gelegenheit. denn sie dokumentieren. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo. wie viele Genossen. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument. Denn die Weigerung. Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung. wohl wissend.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. in denen er viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. als sie ohnedies schon wußten. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. hatte sich schon 1955 ergeben. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners für das NKWD von Ende 1937. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. Ich frage mich. hätte Wehner wohl nicht überlebt. ob man richten darf über das. was ein Mensch in Todesgefahr tut. also Folter und Tod. daß er zumindest subjektiv der Meinung war. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert. Die Versuchung war immer groß für unsere Seite.

der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. und die Positionen. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen. Uns gelang es. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. Er war es. ob er bereit sei. waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. -200- . Es war nicht gerade eine Routineaufgabe. die er vertrat. die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen.Außenministerkonferenz. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko. die er Girnus freimütig gab. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. Die Informationen. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen. daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf. an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen. Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften. zumal zu einer Zeit. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat. zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. wenn bekanntgeworden wäre.Hermann Flach Gespräche zu führen. in Genf unter anderem mit dem FDP- Generalsekretär Karl. Am Ende schlug er von sich aus vor.

dokumentierten sie doch. Wie ich erwartet hatte.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug. Wir wußten. Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. wurde nach 1957 deutlich. aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben. lehnte er den Vorschlag ab. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte. rettete am Ende der Nachweis. Ernst Wollweber. Spalter der -201- . Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute. sondern mit Matern. Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden. Über den Minister für Staatssicherheit. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten.« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. denn er mußte fürchten. Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte. In der Hauptstadt der DDR. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen. wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war.

Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. die wir bekämpften. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig. Für manche Sozialdemokraten. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. aber nie abgebrochen. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. denn uns war klar. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran. zu denen wir nicht nur politische. Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- . daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. Wir wußten über unsere Quellen.

die forderten. denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke.zusammenarbeiteten. sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen. vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. daß die SPD-Politiker. um so intensiver wurden die Überlegungen. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . war es eine schwere Belastung. Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein. zu denen engere Kontakte bestanden.

warum sein -204- . Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen. Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. Das erklärt vielleicht. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt. da sie zu risikoreich geworden war. Nicht nur offene. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. Heinz Volpert. sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers. Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden. die an die sowjetischen Partner ging. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker. Außer den drei Exemplaren für Honecker.Pläne immer abgelehnt. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. Von nun an kontrollierte Mielke die Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte. Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister.

Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973. wie sehr die Politik von Schwächen. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt. Briefträger war Anwalt Vogel. Im Unterschied zu anderen KPD- Spitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. an dem auch -205- . Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration.abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. weil ich wieder einmal sah. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland.

sondern auch sentimentaler Natur. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. -206- . wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. Eine neue Sprachregelung bestimmte. Diese bevorzugte Behandlung in den DDR- Medien war taktisch wenig klug. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. Wehner.Mischnick teilnahm. traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest. daß er nicht mehr als H. Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. Er wählte selber das Gebäck aus.

1980 (Transkription im Anhang) -207- .Tagebucheintrag vom 15. 4.

der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war. den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- . Tagebucheintrag vom 16. 4. 1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch.

der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. Wieder einmal warnte er vor Brandt. Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden.Partei. Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder. Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu. beschloß das Politbüro im Januar 1974. sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. daß nicht Wehner. Für mich war das eine absurde Vorstellung. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. Um das sicherzustellen. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis. -209- . Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben.

8.Tagebucheintrag vom 24. 1981 (Transkription im Anhang) -210- .

1983 (Transkription im Anhang) -211- . 3.Tagebucheintrag vom 8.

einen »gefährlichen Ermunterungssog«. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme. Er fürchte. Tagebucheintrag vom 8. sagte er zu Vogel. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen Solidarnósc- Bewegung. 3.

daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war. sollte sich als zutreffend erweisen. »je eher. Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker.« Sein Rat. Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts. Es ist eine halbe Minute vor zwölf. der kaum Beachtung fand. Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen. Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. das schönste Geschenk zu seinem 75. leider. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen. ja bisweilen des physischen Überlebens. desto besser«. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. Er bekannte. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz. Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . fand glücklicherweise kein Gehör. der Stärkere im politischen Spiel zu sein. ist das eine allzu platte Sicht.« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. Die Voraussage aber.

Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung. deren Konflikte sein Leben ausfüllten. Er tat dies oft auf seine Weise.Stalinzeit gezeichnet. zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten. Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- . Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten.

Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. Israel zerstören zu wollen. so Breschnew. Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue. in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. 9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte. So wenig sich die strategische Lage der DDR. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Der israelisch- ägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. was Leonid Breschnew. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. Auswirkungen. bedeute Krieg. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. Er war der Ansicht. Walt Whitman -215- . ließ aufhorchen. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen. Das. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns. Dies aber verleitete die Falken in der US- Administration zu gefährlichen Schlüssen.

In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. was neue Unruhen auslöste. Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. daß es für die USA nicht nur möglich. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus.Rostow. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. Kaum waren sie abgeebbt. verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus. der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. und dann werde man sich Europa zuwenden. Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur. -216- . folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen. sondern geboten sei. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden.

um auf andere einzuwirken. so der Parlamentspräsident -217- .Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. dem 8. doch Mielke war keineswegs zufrieden. um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las. stutzte ich. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. was er propagierte. Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen. Am Jahrestag der Staatssicherheit. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. Februar. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. geäußert. worauf auch in der DDR viele warteten. Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. die aus Warschau gemeldet wurden. die weit über das hinausgingen. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. genau wie die Studentenkrawalle. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. auf denen Dubcek sich bemühte. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten.

Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise. die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte. Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs. die -218- . Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen.Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das.

Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. Mielke besuchte. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden. in der Bundesrepublik geführt hatte. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic. nicht nur er sei der Auffassung. und hatte erklärt. der für die Aufklärung zuständig war. welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe.Mieczyslaw Rakowski. Dabei hatte er betont. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen. Szlachcic schilderte mir eingehend. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind. was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt. Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war. Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . als offiziell behauptet worden war. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor.

Das hielt ich für absurd. die Mehrheit. Der wahre Sachverhalt sah so aus. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. Juli holte Houska mich an der Grenze ab.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein. zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«. die sich selbst als Progressive bezeichneten. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei. meist Intellektuelle. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic. gewählt würden. Für September werde ein Parteitag vorbereitet. im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. ja geradezu kindisch. In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war.und Staatsführung in den düstersten Farben. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. Er sagte. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden. Am 8. Salgovic -220- . ob man annehmen müsse. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden.

« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. wie ich sie damals erlebte. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. Er sagte. Viele fühlten sich so bedroht.und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert. was von unserer Seite aus getan werden könne. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden. der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. Am 19. Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall. Salgovic ging nach Bulgarien. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt. von meinem -221- . die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten. Auf meine Frage. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. lag hie wie da an den gleichen Ursachen. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. die alle »Konservativen« denunzierte.

fiel es mir nicht allzu schwer. konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. den Zusammenhang zu erraten. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst. Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSR- Reformkurs.Besuch informiert war. Offenherzigkeit und -222- . die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten.

weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen. die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden. und das. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen. die mich zu ihm brachten.00 Uhr morgens in Ahlbeck ab. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. Um 2. um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung. -223- . August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. was drei Tage später geschehen würde.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war. Für den 3. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen. und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. sah ganz danach aus. als habe man sich geeinigt. Er sagte mir. Er vermutete. Am 21. Am 17. er müsse sofort nach Berlin zurück. hastig eingezogen. Als ich im Ferienhaus ankam.

Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte. den Marschbefehl zu geben. daß sie bis zur Nacht vom 20. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. Mielke hatte ihn darum gebeten. Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens. Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil. Andropow hörte ihm höflich zu. auf den 21. Die Atmosphäre war entspannt. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- .

« Es verschlug uns fast die Sprache. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. die Gründe für das. auf die Gefahr hin. in der inneren Entwicklung unserer Staaten.militärisch einzugreifen. Es war keine angenehme Wahl. Dennoch hat er sich bemüht. unseren Ruf zu schädigen. Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. daß es unabdingbar ist. Im übrigen wären wir gut beraten. was in der CSSR geschehen ist. weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte. in der kommunistischen Bewegung. hatte Andropow dafür plädiert. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. Ich glaube auch. diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen. die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte.« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- . aber noch ungewohnter war sein Appell. die Kontakte zu westdeutschen Politikern. auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. Ich glaube. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein. bei uns selbst zu suchen. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren.

daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. Die Männer. Juni 1953. und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- .und Marktwirtschaft. haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt. wie die USA auf den 17. vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. Sie spürten. zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein. sie glaubten. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. Solche Erwartungen ignorierten völlig. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet.Chance vertan worden. Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. die Möglichkeit. zwischen Plan. zwischen Parteien zu wählen. jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen.

daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. die nach 1989 oft gestellt wurde. Die Geschichte ist kein Schachspiel. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden. sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ost- und Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist. zu reduzieren oder auszuklammern. Dann kommt es so wie in der CSSR.notiert: »Über Polen. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. daß man Züge zurücknimmt -227- . Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage. Dies jedoch hätte vorausgesetzt. dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren. die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren. Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. geht es nicht so einfach.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen. nicht die Verständigung. Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen.

-228- . die Ergebnisse zeitigen könne. so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt.und andere Varianten durchspielt. Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten. Viele Bürgerrechtler. was sie gewollt hatten. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das. bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«. die niemand vorauszusehen vermag. von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden. die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen.

Die Wege waren noch verschlungen. militärische Übungen. Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Am Abend des 21. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete. Ulbricht bot in dem Schreiben an. 10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. dem er den Brief brachte. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- . Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. Behinderung des Transitverkehrs. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg. Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz. Herbert Wehner. und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden. Deckname Günter. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in West- Berlin stattfinden.

1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- . Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten.Mielke. Tagebucheintrag vom 27. 2.

hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert. Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war. Heinz Felfe. wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. Brandt blieb nichts anderes übrig. gemeint waren die von der CDU. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. aus dem Spiel lassen. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren. Er war 1959 -231- . um zu demonstrieren. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe. daß man an Verhandlungen interessiert sei. sondern gab die Nachricht an den CDU- Kanzler Kiesinger weiter.

Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern. sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen. Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein.geworben worden. verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. Er bereitete den -232- . seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen. zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen. Seine unkonventionelle Art.

Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS. Wir versuchten zwar.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht. daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. Er galt als jemand. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. wurde publik. Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten. Erst durch Dokumente. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen. der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen. das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen. -233- . die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte.

Hermann von Berg 1986
Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche
Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der
Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann
als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum
Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy
Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington
war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung
gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die
FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine
sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen
Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen
wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD.
Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel
vorbereiten.
Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten
begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch
wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten
die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und

-234-

machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher
vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die
SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der
Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche
Positionen in Regierung und Parlament anzustreben.
So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon
berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten
»Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die
Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen
wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen
einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere
Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen
aufzubauen.
In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die
Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir
zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen
Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine
Strategie erfolgreich.
»Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist
und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der
Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDR-
Bürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in
diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir
»Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit
Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann
problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des
Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der
Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt
zur Zusammenarbeit getan.
1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern
auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider
Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die
Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur
Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
-235-

falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub
machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant.
Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So
konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und
alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen.
Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe
gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren
Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen
Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut
worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und
Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den
Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein
abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von
Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu
diesem verzauberten Refugium gebracht.
Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische
Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der
Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden
und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten,
schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu
dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein
konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht
in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland,
besonders in Sibirien, kennengelernt habe.
In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten
Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit
»Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot
gebracht.
Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch
nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die
herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis
mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der
Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in
Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
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mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und
vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter
Wolf war der General der Staatssicherheit geworden.
Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem
schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war
reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen
Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon
gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann
Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder
und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das
Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener
typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung
klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom
Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der
Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend
seinen eigenen, menschlichen Klang.
Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube
versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika
vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in
denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt.
Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre,
als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine
Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen
Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den
einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine
Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit
agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen
Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich
ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius«
hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das
genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler
wurde.
In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch
die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
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Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle
verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung
zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch,
konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und
Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname
Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig
aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein
Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR
hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte
über die Treffen schließlich Aktenbände füllten.
Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende
materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung
versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen
sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische
Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht
zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte
des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf
ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche
nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung
Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können.
Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die
FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn,
Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände,
zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht
zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der
60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen
waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem
Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So
lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem
neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und
Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über
unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt
vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können.
Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen

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Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht
leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die
Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine
Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich
wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon
als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet.
Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu
vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle
der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan,
Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts
Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine
Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen
registriert.
Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der
sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen
nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann.
Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem
Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes
realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im
westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners
zuwachsen ließ.
In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber,
wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die
Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit
ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der
Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele
in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung
geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde
und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die
Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts
und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen
in der DDR machte sich breit.
Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem
Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten

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Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung
des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene
Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter
Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern
unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen
Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD
überhaupt nicht oder nur oberflächlich.
Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht
angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in
Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen
Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur
Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen
nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil.
Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf
diese Weise immer auf dem laufenden.
Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen
zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen
wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen
sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich
vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler
über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb.
Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von
Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz
einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten.
Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit
einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen
Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn
Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung
allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr.
Noch lückenloser informiert waren wir über die
Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRD-
Mission in Warschau wurden wir mit allen Informationen
versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters
gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an

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die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter
Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns
»Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem
Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und
Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der
Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in
Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war,
interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders.
Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich
offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte
ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die
Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer
vertraglichen Vereinbarung zu kommen.
Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon
früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und
daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien
sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den
ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die
Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die
undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber
zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn
bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite
Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale
aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der
UdSSR gegenüber der BRD.
Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge
durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR
mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm
darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und
bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der
Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es
keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die
Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung.
Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um

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weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD.
Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij
Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen
Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie
Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen
belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte
Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler
subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen
Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen.
Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles
beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser
sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem
mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß
Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und
ohne Prinzipienreiterei herangehe.
Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber
ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun
hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren
Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden
Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und
Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den
Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen.
Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber
kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als
eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der
DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten
waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der
Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie
fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den
Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale
Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

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um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. von links. Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. warnte Honecker. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte. Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags. Ganz anders Honecker. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente. Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte. -243- . erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. Nur Insider ahnten damals schon.

Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. die Absperrungen durchbrachen und »Willy. bekam. Willy!« riefen. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen. Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen. die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- . Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. Als das Treffen am 19. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten. März 1970 in Erfurt stattfand. Trotz aller Vorsorge kam es dazu. Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. Hermann von Berg. dem Erfurter Hof. daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar.

Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«. Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. Da die Gespräche in Kassel stattfanden. Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. Es war klar. Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht. sondern mußten auch Passanten. Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation. -245- . Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt. In meinem Tagebuch notierte ich. daß sie nicht Willi Stoph meinten. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen. Selbst der Hinweis. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. Museums.oder Theaterbesucher spielen. war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. Der Kanzler war sichtlich bewegt.

Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien. aber wir können noch nicht.« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. die Gespräche fortzuführen. außenpolitisch wegen der Verbündeten. weil Ausschreitungen befürchtet wurden. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. die Anerkennung kommt. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. Conrad Ahlers. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- . und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. besonders der USA. und wegen der Haltung der DDR.

Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. Ich verspürte wenig Lust. um die Vereinbarung zu unterzeichnen.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau. meinten sie. Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. Sie rechneten damit. ja die Existenz der DDR bedroht. vergiß das nie. Erich. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war.den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde. mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. ohne uns gibt es keine DDR. mir den Urlaub mit solchen -247- . Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. und er traute ihnen eher als den Papieren. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. Vorsichtig hatte er begonnen. »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. sei die Sicherheit. Wenn man sich darauf einließe. Das erlebte ich. Ulbricht.

folgte der Bewertung meines Dienstes. konnte auf die Protektion nun verzichten. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war. -248- . einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. Mir fiel auf. daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. Ulbricht. daneben. groß aufgemacht.« Am 13. daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags. und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch. August sah ich früh in die Prawda. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre. Ich sagte nur zu Paul Markowski. Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte. Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. Honecker. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen.Diskussionen zu verderben. Die Irritation hielt aber nicht lange an.

Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. »Herta«. und er begann. Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten. Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. Er glaubte unserer Einschätzung. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei. Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx. weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. vor allem mit dem Springer-Konzern. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. Wolfgang Berger sei. Mit großem Interesse -249- . Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. Berater in Wirtschaftsfragen. daraus eigene Schlüsse zu ziehen. unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers. Berger. Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente. verbunden mit Meinungsmache. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück.

die mein Dienst beschafft hatte. Er hatte ein -250- . Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. um mit Andropow zu konferieren. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur. aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. Iwan Fadejkin. Es ging ihm dabei nur darum. In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. Mielke erklärte. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. Breschnew bestärkte ihn in dem Plan. Da Ulbricht sich aber nicht traute. die ihm kaum jemand zugetraut hatte.verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. Honecker reiste ebenfalls nach Moskau. die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. Ich glaubte damals. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten.

Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. zu einem -251- . Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln. Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. Auf dem VIII. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten. Soweit war es also schon gekommen. Aber die Umstände waren dramatischer. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren. während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren. Er sollte entmachtet werden. Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt. ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel.

Auch er sprach danach von einem Putsch. Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- . Honecker schien also entschlossen. die es immer wieder gab.und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. Anfänglich sah es in der Wirtschafts. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können. alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen. Soweit kam es nicht. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. Schon vor der Eröffnung des VIII. Er hoffte noch. er ließ andere Meinungen gelten. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte. seinen Ziehvater festzusetzen. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. forderte sie sogar heraus. mit der er den Sturz betrieben hatte. Er ordnete an. falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. Reformideen. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus. hatten keine Chance. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. Verbittert sprach der alte Mann. von einem Putsch Honeckers und Mielkes. seiner ehedem engsten Vertrauten.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis.

Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln. bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt. Es gab gewaltige außen. daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere.worden.und innenpolitische Hürden zu überwinden. die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten. Auch ich muß mich dieser Frage stellen.

Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. die Wende gar nicht mitbekamen und immer noch der alten Sprachregelung in der Berlin-Frage folgten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt. Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. die sich in Paris aufhielten.verschiedene geheime Manöver. Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- . In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. daß zwei Mitglieder des Politbüros. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das Berlin- Abkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen. Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. zum Beispiel auf den Transitwegen. Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von West- Berlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern.

« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka. Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten. Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet. denen man zustimmen muß. die Seite gewechselt hatten. Unsere Quellen meldeten.entscheidend zu verändern. -255- . die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken. vielfältige Aktivitäten entfalteten. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. daß CDU und CSU. mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen. insbesondere Strauß und Marx. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen. Vertreter der Landsmannschaften. Dazu notierte ich am 11. Wir erhielten sichere Informationen. auch in der eigenen Fraktion.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst.

Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. Als dann das Ergebnis verkündet wurde. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten. April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. fehlten ihr wider -256- . setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. Schütz. fünfundzwanzig Jahre sicherten. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. Spangenberg. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus Baden- Württemberg. Honecker. Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen. mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte. die Verträge hätten epochale Bedeutung. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein. bekannt. Später behauptete Steiner. vom Saulus zum Paulus gewandelt. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. um die Verträge zu retten. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. Der Sachverhalt wurde nie geklärt. die gegen Brandt abstimmen würden. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher.

Noch ahnte ich allerdings nicht. daß neun Monate später geschehen würde. Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. August 1973 starb. -257- . Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. Geburtstag am 1. der dem Votum vorausgegangen war. Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock. Die Regierungsfraktionen jubelten. Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. war Europa politisch verändert. Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr.Erwarten zwei Stimmen. den Sturz Brandts zu verhindern. Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. die Fassungslosigkeit Rainer Barzels. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten.

Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf. Niemand konnte ahnen. doch daß Guillaume. den Weg ins Kanzleramt finden würde. das für engere Kontakte zum Parlament. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. Deckname Hansen. zu Verbänden. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren. Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt. was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. Kirchen und Behörden zuständig war. Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. 11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. wenn sie in Bonn vorstellig wurden. Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. damit hätten wir nie gerechnet.

Mitglied des Parteivorstands. als uns recht sein konnte. blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. nicht wissen. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. eine Holländerin.Bundesrepublik gegangen. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes. die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. Womit wir nicht gerechnet hatten. und so schien es am zweckdienlichsten. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten. höher. waren DDR- -259- . Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen. Das Ehepaar war von uns beauftragt. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPD- Unterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. Da Christels Mutter. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen.

der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich.Besuche der Familie nicht länger ratsam. der nachmalige Leiter des BND. Es war daher nicht weiter verwunderlich. Seine Warnung verhallte ungehört. ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente. um wahr zu sein. hätten erhärten lassen. Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. was zur Folge hatte. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. die bestanden. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen. daß man auch -260- . wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber. den unser Mann ihm verschaffte. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte.

Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. war er niemals befaßt. wenn es um Themen ging. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten. Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. und er hatte gewichtige Förderer. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. eine Politik.Guillaume vertraute. sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden. daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität. erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale. die uns über -261- . Brandts Politik zu durchschauen. Oft hat man die Frage gestellt. daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. So kam es. wie Guillaume es war.

daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. und es ist keine Übertreibung. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. wie er war. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung. 1970 wurde Guillaume damit betraut. aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte.unsere anderen Quellen erreichten. daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen. wenn ich sage. indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. Die BND- Leute gewöhnten sich schnell daran. -262- . Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. verstand er es. Kontaktfreudig und fleißig. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß. Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten.

Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. die Guillaume kannten.Peter Reuschenbach. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte. Ab dem 1. Der Vorschlag wurde angenommen. stiller Zuhörer vieler Gespräche. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen. wenngleich er nicht beauftragt war. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg. jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. ist wohl kaum verwunderlich. Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes. Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte. erfuhr er Wichtigeres. -263- . wo er als erschöpfter. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte. Die Wahlen von 1972. Als kaum beachteter. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt.

Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. war. in Kontakt zu kommen. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. es gibt Fernsehaufnahmen. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. die bislang harmlos erschienen waren. blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war. eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen. die zwar nicht wissenschaftlich. miteinander in Beziehung brachte. Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet. Als wäre nichts gewesen. das bleibt bis heute ein Geheimnis. allerdings nicht mehr sehr lange. es unweigerlich fertigbringen. verhaftet. der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. Was ich nicht wissen konnte. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. daß Leute. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt.

der Brandt riet. in denen er sie davor gewarnt hatte. die Charta zu unterzeichnen. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. aus den Dokumenten war zu erfahren. insbesondere die Franzosen. den Richard Nixon am 3. die Franzosen dazu zu bewegen. in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten. die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen. und aus dem. daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- . und in denen die Amerikaner erklärt hatten. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig. Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. Das erste war ein Brief. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen. die sich übergangen fühlten. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. konnten wir entnehmen. Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten.mit ihren Kindern Ausflüge.

nach dem Verbleib des Originals zu fragen. Niemand kam auf die Idee. daß er sie erst abtippen müsse. In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln. sie sei so unleserlich. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. gab dieser vor.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte. die Feuer legten. um es dann mit großer Geste löschen zu können. Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab.

(…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten. Sie ließen erkennen. gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten. (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern. die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. wenn er dort schreibt. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen. Sie zeigten. daß die -267- . Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden.

sie sehe die berühmten weißen Mäuse. Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt. Anfangs dachten wir. die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. da ich es einstweilen für geraten hielt. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne. die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst. daß -268- . Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen.Kopien. nie erhielten. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz. und ich schwieg. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden. daß man sie und »Anita« beschattete. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf. Guillaume bestätigte diese Version. die Papiere seien zu uns gelangt. Der Grund dafür ist. die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. die Verfolger abzuschüttel. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. die er von den Dokumenten angefertigt hatte. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. nicht loswerden. den Eindruck zu vermeiden. weder in Bonn noch später in Köln. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere.

daß er Gronau ans Herz legen sollte. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. um nicht zu vergessen. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. Besonders verhängnisvoll war. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren. bis wir erfuhren. die Telegramme an -269- . daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften. wenn man die Wahrheit sagt. Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete. sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten. Hierzu muß ich erläutern. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern.

Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. an einen dieser Vorgänge. Anders läßt sich nämlich nicht erklären. Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. und in der Hoffnung.und Neujahrsglückwünsche. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. Kompliziert wird die Geschichte dadurch. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte. um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. waren die Geburtstags. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief. dessen Name offenbar mit G. um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war. wie man weiter vorgehen wollte. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen. wieso zwischen dem mehr als -270- . der einen Agenten betraf. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden. begann. der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. Es blieb nur die Frage. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. Von da an war alles klar. Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten. wenn wir geahnt hätten. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität.

Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. um den Kanzler zu schützen. dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen. wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen. Am 29. Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen. Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. muß er sich so vage ausgedrückt haben. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. Bericht erstattete. Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. Da er und sein Protektor -271- . mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt. was sie gesagt haben wollen.begründeten Verdacht.

die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. Angenommen jedoch. statt das Feuer im Keim zu ersticken. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag. in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen. es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen. wie Genscher so etwas zulassen konnte. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. doch andere hatten sie munter brennen lassen. daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen. Die zwielichtige Rolle. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt.Wehner mittlerweile verstorben sind. das ist zweifellos wahr. und es bleibt mir ein Rätsel. da nur so das Jahr Observation -272- . Wir hatten die Lunte gelegt. dem Oppositionsführer. dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. war diesem zweifellos bewußt. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte.

jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. wiesen wir sie und ihren Mann an. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. inzwischen Verteidigungsminister. hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten. Ein Bonner Ehepaar. und das erklärte in unseren Augen. bevor man sie heimlich. Zur Aufnahme -273- . und wir schlugen dem Ehepaar vor. was zu tun ratsam wäre. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. daß wir beschlossen. Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. und ein West-Berliner Zahnarzt. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. Nachdem Christel uns berichtet hatte. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. Und so kam es zu dem Kompromiß. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet. still und leise umgehend aus der Haft entließ. daß sie von A bis Z erfunden ist. Dafür aber sahen beide keinen Grund. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. den Rückzug in die DDR anzutreten. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. daß man sie observierte.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. Georg Leber.

traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. Als die Polizei läutete. daß Christel und Günter Guillaume am 24. nach Bonn weiterzufahren. Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. um ihm -274- . den man bei Agenten für angemessen halten würde. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. April 1974 verhaftet worden waren. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten. halte ich für wenig wahrscheinlich. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien. Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte. was ich aus Vorsicht ablehnte. daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. entschied er sich dafür. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen. der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. Das hätte er nicht tun dürfen. und dort fiel ihm auf.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. weihte ich den Minister ein. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. zumindest bis zum Herbst des Jahres. Noch verstörender war die Meldung. Die Meldung. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. allerdings nicht in dem Stil. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu.

und dieser hatte abgewinkt. zu seinen unbedachten Worten. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber. nichts als Name. sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. ihn zu fragen. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam. Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. Er hatte immer darunter gelitten. die für die Bundesrepublik bestimmt war.den Haftbefehl vorzulesen. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. den er über alles liebte. Wir schärften ihnen ein. Auf diese Weise lag die -275- . Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. einen so fatalen Schritt zu tun. traute ich meinen Sinnen nicht. Das war ein unverzeihlicher Fehler. sondern nur die Fassade. Er sagte. daß man festgenommen wird. der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. was ihn dazu bewegt hatte. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. zu verlangen. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult.

Da er schwieg.Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik. -276- . 4. 1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt. Tagebucheintrag vom 25.

doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt.« Er hatte seine Fehler eingesehen. ein Mittel. Informationen preiszugeben. so kann ich nur antworten. um damit die Haftdauer zu verkürzen. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. die Horst Herold. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. Sollten Sie fragen. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. gab er eine Erklärung zu Protokoll. den Leiter des Bundeskriminalamts. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. Innenminister Genscher zu informieren. so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden. daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien. noch von Frankreich aus zu fliehen. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. warum ich es unterließ. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft. dann hat die Regierung der DDR. veranlaßten. Wenn es überhaupt möglich ist.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr. Nicht durch Guillaume also. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. daß er keine weiteren Aussagen machen werde. Sagt er aber nichts.

recht früh zu machen. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. Niemals hätten wir uns vorstellen können. war anderer Natur. machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war. Statt den Kanzle r zu schützen. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen. obwohl wir wußten. aus denen man lernen kann. daß sie entschlüsselt worden waren. Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. -278- . denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. die Fehler. einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen. Der unverzeihliche Fehler. Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte.« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Manchmal hatte ich fast den Eindruck. Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. die sich finden ließen. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Bei jedem Gefängnisbesuch. nur um Pierre zu betreuen. als brauchten wir eine eigene Abteilung. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich. während wir uns den Kopf zerbrachen. Günters Enttäuschung war sehr tief. Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten. auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. Seine nächste Freundin war die Tochter eines Offiziers aus meinem Dienst. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. und wir wollten schon erleichtert aufatmen. Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht. Der -279- . daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. er wolle nach Bonn zurück. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. ihre Ausreise zu genehmigen. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule. aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. als ich erfuhr. denn dort hatte er eine Freundin. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. Das war aber nicht so einfach. und dort brachten wir Pierre unter. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. wie man meinen könnte. auf den die DDR stolz sein konnte. Uns blieb nur. den er seinem Vater abstattete. in denen er mich inständig bat.

um ihn zu begrüßen. als jeder wußte. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte. daß der Mann. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. Ruth und Norbert Moser. Auch Christel war gekommen. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. doch ich spürte. Fidel Castro weigerte sich. wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden. und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. nun mußte er handeln. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. erwiesen sich als trügerisch.Fall wurde zu einer heißen Kartoffel. die Sowjetunion war nicht bereit. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. Im März 1981 war es dann endlich soweit. innerlich noch derselbe war. in die ihre Ehe schon -280- . den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. wenn man etwas für sie täte. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. Alle unsere Hoffnungen. und für einen Augenblick war die schwere Krise. Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. um seinen Auftrag zu erfüllen. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. den ich in die Arme schloß. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte. ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen. im Tausch den CIA- Agenten Hunt freizugeben. Und am 1.

Die beiden kamen sich menschlich näher. -281- . Ich hatte gehofft. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. denn ich konnte mir denken. Aber er war zu lange aus dem Geschäft. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde. In letzter Minute. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte. Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. öffnete sich die Tür. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land. sondern Guillaumes zweite Frau Elke.« Da Guillaumes Nieren. denn ich wußte. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein.geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. was er durchgemacht hatte. daß Guillaume als Belohnung für alles. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus. bevor die kurze Totenfeier begann. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. sie umzustimmen. doch es war keiner der beiden. wie vergessen.

Ich war und bin fest davon überzeugt. Herbert Wehner. ihm den Rücktritt nahezulegen. Von links nach rechts: Autor. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. Erich Honecker. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. Günter Guillaume. die wir bis dahin erlitten hatten. Mai 1974 war. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein. das aus ihm selbst. Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. Ich wiederhole deshalb. Christel Guillaume. hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6. Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen. dem -282- .

wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel. -283- . bestand. zu unterstellen. und Helmut Schmidt. Das beweist. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem. die man auf ihn ansetzte. wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien.Einpeitscher der Parteidisziplin. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. steht außer Frage.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst. daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde. (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts. dem Finanzminister. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm. der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf. Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben. ihn zu stürzen. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…). doch unklar muß bleiben. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner.

5.Tagebucheintrag vom 6. 1974 (Transkription im Anbang) -284- .

5. Tagebucheintrag vom 6. das er für -285- . 1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein.

Helmut Schmidt. Außerdem versuchte er ihm einzureden. Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. um zu wissen. und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. die DDR-Regierung könne versuchen. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. die sich aufführten. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner. den Rücktritt anzubieten. -286- . daß man daran denken kann. war Wehner der erste. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte. Als Guillaume enttarnt wurde. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten. Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte.einen Staatsmann unpassend fand. publik machen sollte. den es längst nach Brandts Position gelüstete. es werde zu einem Skandal kommen. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. der die Situation ausnutzte. Er erklärte Brandt. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. falls Guillaume das. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. daß es nie geschehen wäre. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen. Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert.

dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde. ohne ihn naß zu machen. Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. Politiker wie Geheimdienstler – wissen. daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. -287- . Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren. kann ich nur staunen. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. Verlangt wurde. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. er meinte.Brandt- Straße umgetauft. am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach.

Tagebucheintrag vom 7. 1974 (Transkription im Anhang) -288- . 5.

Tagebucheintrag vom 8. 5. 1974 (Transkription im Anhang) -289- .

Aus diesem Grund waren unsere Dienste. mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei. Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. derart drakonisch gewesen seien. die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet. der Glaube daran. das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen. 12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. zu den demoralisierendsten Niederlagen. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. das Werben und Überwerben von Agenten. weil die Strafen. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- . Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. daß man für eine bessere Welt arbeitete. stets effektiver als die des Westens. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität. wie ich meine. Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird.

logischem Denken eingebüßt hatten. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. Geld und Prestige. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war. die sie betreuten. der ermöglichte. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren. eine -291- . waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war. So erkläre ich mir den Umstand. daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. ein abenteuerliches Leben zu führen. Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. konnte ich oft nur schwer begreifen. Es war wohl kaum anzunehmen. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen.

Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste. Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie. daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. neue Agenten zu gewinnen. aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. wenn nicht geradezu paralysiert werden. sogar bei Agenten. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut. Und wenn das Unglück es will. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. die sich ergab. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. Apparat und Leitung können wochen-. durften nicht wieder einreisen. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. die sich in Urlaub befanden. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben. In dem Augenblick aber. die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. andere.

grenzte an Verärgerung. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. gewissermaßen ganz privat. zuständig für die Bundesrepublik. als den Sachverhalt -293- . daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. Mein Unbehagen. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. die wir teilten. weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. für den BND tätig zu werden. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte. tut dann wenig zur Sache. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. so daß man kein Hellseher sein mußte. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. zu argwöhnen.Zusammenhang ist die Schwierigkeit. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten. daß zu viele Personen eingeweiht werden. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. Die Liebe zur Jagd. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. Ich besuchte ihn wie vereinbart. wo uns niemand belauschen konnte. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte.

Geburtstag. So naiv war ich nie. obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. der heute wieder Chemnitz heißt. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. meinem 56. auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. Im übrigen haben wir nicht erfahren. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt. Januar 1979. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. eine zentrale Figur in unserem Bemühen. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt.darzulegen und zu erläutern. Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. Nach dem ersten Verrat. beigebracht worden. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. dem Ort. die wir ihm stellten. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen. die CDU zu infiltrieren. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. und Walter Glassei. waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle. Am 19.

die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. sich seelisch darauf vorzubereiten.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. Das war zwar nicht für mich. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit. Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung. die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art. In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. Januar gegen 21. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen. war der Ausweis am Abend des 18. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. -295- .30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden. Außerdem waren Ordner mit Befehlen. Chemie und Bakteriologie. Wie wir herausfanden. Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. niemand anders als er gewesen war.

gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. realistisch abzuschätzen. Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück. denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. verdankte er dem eigenen Handeln. Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. Einem Hamburger Ehepaar. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. all jene zu warnen. dieser wohne zwei Stockwerke höher. den er angerichtet haben mochte. als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. Seine konspirative Wohnung. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. und den Schaden. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. Unterdessen waren wir damit beschäftigt. Er gelangte unbehelligt in die DDR. Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. war bereits eingekreist gewesen. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. nicht dem BND. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. -296- .

aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . Vornehmlich in diesem Zweig der High. die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte.Tec. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten. beispielsweise in der Mikroelektronik. der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. SWT. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen. Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie. Zunächst war es eine Miniabteilung. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch. denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. war in den 50er Jahren eingerichtet worden. die dafür zuständig war. Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. auf wenige Vorzeigeunternehmungen. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen.

Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben. Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten. Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. Es war ihr gelungen. vorgelegt. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPD- Politiker Dr. wie ich aussehe. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus. in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. daran gab es nichts zu rütteln. besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen. denn niemand dort hatte gewußt. und Stiller hatte mich -298- . Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich. Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten.

Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5.identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten. 3. wie ich später erfuhr. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- .

Joachim Moitzheim. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt. besagter »Wieland«.Stiller zur Folge. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. ohne ein solcher gewesen zu sein. wie ich aussah. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde. aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk. immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. verhielt es sich dabei wie so oft. Für mich selbst war es wenig erheblich. ob man in Pullach wußte. und man verurteilte ihn. Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht. das weidlich ausgeschlachtet wurde. und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker. da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte.

so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. »Wieland« -301- . nichts Eiligeres zu tun hatte. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen. daß »Kluge« Klaus Kurons. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte. Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. Nachdem er von uns beauftragt worden war. Der Verfassungsschützer. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. hatte es dann aber für klüger gehalten. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. wiesen sich als Verfassungsschutz- Beamte aus und forderten ihn auf. stets mehr als zugeknöpft gab. was letzteres betraf. sie zu begleiten.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation. seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten. Was sie nicht bedachten. Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«. Aus Furcht sagte er zu. war jedoch. darf ich verraten. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen.

die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten. daß man. für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. zuständig für die westlichen Dienste.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. Als -302- . und ein Zwanzigmarkschein. wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen. der Äußeren Abwehr. Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben. unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien. So war es um die überaus harmonische. daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. »Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig.

leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. daß Kuron es ernst meinte. Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- .Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen. Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. Allein die Entscheidung. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. Klaus Kuron. verabredet hatte. Was. fällten wir nicht gerade leichten Herzens. Stolpersteine in den Weg legte. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. daß die Schrift die gleiche war. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. Es bestand kein Zweifel. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. in Wirklichkeit aber allen. seine Ambitionen wurden frustriert. denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren.

seinem Gruppenleiter. Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. ja als Demütigung. sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. was er zu tun im Begriff stand. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR. seinem fachlichen Können. war ihm eindeutig bewußt. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. Tiedge. fühlte er sich weit überlegen. Letzten Endes. daß wir darüber längst im Bilde waren. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. das er dem Meistbietenden verkaufte. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund. Um seine Bedenken auszuräumen. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. das er besaß. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. -304- . so sagte er. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. Die Neugier überwog die Vorsicht. Das große Risiko dessen.

Da er wirklich etwas ganz Besonderes war. zu erkennen und zu schätzen wußte. den sogenannten heißen Draht. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . die er stellte. mit der bei uns gearbeitet wurde. daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten. daß die Informationen über das Telefon. Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend. strafrechtlich nichts unternehmen durften. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. ein Star. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte. war die. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug. auf die er uns aufmerksam machte. Eine wichtige Bedingung. da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. weil er als Profi die Professionalität.

ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. Treffen durften nur bei tiefster -306- . beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. aber beileibe nicht der einzige Fisch. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß. der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. Seinen Klarnamen nannte er nie. den wir unter dem Decknamen Gräber führten. daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. Ein Verfassungsschutzbeamter. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. Erleichtert sah ich. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen.Namen Stern. als sie feststellte. Ich erkannte schnell. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. Politisch war er in der CDU beheimatet. suchte den Kontakt zu uns. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. vor allem. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war. Klaus Kuron war der bei weitem größte. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte. weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr.

so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. und zwar stets in irgendwelchen Parks. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. Mitte 1985. erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. ihn zu identifizieren. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. versuchte er. seine Identität zu klären. die Seiten zu wechseln. der für Doppelagenten zuständig war. beschlossen. unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. Er sei bereit. Es gelang uns nie. Stiller notfalls zu entführen. Aber er leistete uns wichtige Dienste. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. vorausgesetzt. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Jedesmal. Wir verzichteten auf das Angebot. wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden. von ihm erfuhren wir. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen.Dunkelheit stattfinden. -307- . welches Wetter herrschte. egal. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch. wenn wir Vermutungen äußerten. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte. sie ins Lächerliche zu ziehen.

was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- . Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. daß Kuron bereits für uns arbeitete. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren.und Dienstpapieren aus. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas. Schwierigkeiten in der Behörde. Daß er kein Kommunist war. Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme. stand außer Frage. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. denn er konnte ja nicht ahnen. Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. Tiedge war selbstverständlich der Meinung. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte. Tiedge wies sich mit Personal. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. uns geheimste Dinge zu verraten. zerrüttete Familienverhältnisse. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. ließ Mielke später verlauten.und seinen Tarnnamen. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung. Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. sich abzusetzen. Und ich muß einräumen. was den Effekt hatte. doch nicht nur die Regenbogenpresse. denn sein Übertritt war wohlüberlegt. erstattete ich Mielke Bericht. daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. nannte seinen Klar. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen.

Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. sondern Bücher über Geschichte. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. bemühten wir uns als erstes. und es dauerte nicht allzu lange. bis er an einer juristischen Dissertation saß. die er heiratete. -309- . als wir gedacht hätten. Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. die er an der Humboldt-Universität einreichte. Geologie und Kunst.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war. Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen. ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Dennoch verstand er es. sich den Lebensumständen anzupassen. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. Er mußte abnehmen und Sport treiben.

war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen. Er hatte die unglückselige Idee gehabt. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. So erfuhren wir von Kuron. daß zwei unserer Mitarbeiter. Ohne die Vereinigung abzuwarten. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten. und die Bundesrepublik traf keine Anstalten. und so kam es. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. in -310- . Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten. bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. die wir Kuron gemacht hatten. warteten wir ab. daß »Günter« beabsichtigte. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen. daß das Ehepaar festgenommen wurde. Eingedenk der Zusage. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde.Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. Menschlich endete dieser Fall tragisch.

warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. Die -311- . daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. Im nachhinein erwies sich. daß er befürchtete. wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren. der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte. kam es zum Eklat. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. und es stellte sich heraus. wie recht er damit gehabt hatte. fand eine gründliche Untersuchung statt. um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. war juristisch nicht zu rechtfertigen. denn es war nicht zum Verrat gekommen. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. Unverständlich war dieses Urteil. Wer der Denunziant war. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen. das keine abschreckende Wirkung haben konnte. denn es wurde nicht bekanntgegeben. Lange Zeit hatte er es verstanden. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren. Kuron hatte nie verhehlt. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. sondern uns damit begnügten. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur Karl- Christoph Großmann sein. Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde.

dem Wissen. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden. er hatte allein mit den Hinweisen.« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. und sie. Kuron nahm das Urteil stoisch auf. wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen. wie es ihm möglich gewesen sei. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet. solange es seiner Karriere dient. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt. Die Vergleiche. daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen. und ich kann mir gut vorstellen. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. Ich bin mir dessen bewußt. zwei Herren zugleich zu dienen. ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. Manche Verräter kassieren ihren Preis. wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft. der Menschen ausnutzt. und auf die Frage. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- . er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. manche zahlen einen zu hohen Preis. wenn der Wind sich gedreht hat. die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte. Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. über die er verfügte. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein.

das offenbar nicht nur Likör enthielt. oder an den Versuch der CIA. Paisley. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten. zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. aus dem 14. werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. aus dem 10. der ehemalige Stabschef der französischen OAS. Experte für biologische Kriegführung. dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- . Stock des Arabella-Hochhauses. als er aussagte. Hieb.und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde. Von John S. und wenn es sie doch einmal gibt. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. Frank Olsen. An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. Stock eines New Yorker Hotels. Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt.

sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. kann ich nur sagen. als wir merkten. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse. Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. daß sie alle noch leben. auf den einzelnen einzugehen. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten.oder James-Bond- Manier mit ihnen »abzurechnen«. -314- . als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. die erklärt. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken.gezogen worden. ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. Sie alle wuß ten. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. auf Wildwest. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte. wie wir konnten. Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen.

wurde Heribert Hellenbroich. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten. der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. -315- . zum Rücktritt gezwungen. auf die bei uns großer Wert gelegt wurde. gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. Als Tiedge sich in die DDR absetzte. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. Solche Erfahrungen blieben mir erspart.

Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt. der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere. 13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. zum Beispiel über Karl Wienand. Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er. Schmidt befinde sich in einer politischen. Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes. einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. Gelegentlich meinte er. In diesem Fall hätte -316- . Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«. Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können.

Moskau bremste. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere.Strauß Vizekanzler werden sollen. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau. Informationen. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow. Er mußte befürchten. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. Auch Mielke vermutete eine Intrige. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. Schmidt zögerte.« Erich Honecker versuchte inzwischen. Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. so Wehner. Honecker wollte es. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten. die er in unseren Informationen hätte -317- . weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht. Honecker wiederum sah. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte. Wiederholt warnte der SPD- Fraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert. Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus.

der Prioritäten setzte. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte. Er ignorierte sie selbst noch. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. -318- . kommen die Beziehungen zur DDR. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10. weil äußerst kompliziert. April 1977 zukommen ließ. Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen. wären sie ohne Illusionen. Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte. in denen die DDR weit hinten rangierte. wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor.« Leider behielt ich recht. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus. Wieder verhärteten sich die Fronten. Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann.nachlesen können. Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. Das trug vermutlich dazu bei.

die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit. bis Gorbatschow sie der Nato überließ. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt. Jurij Andropow. Anlaß war der 30. Tschernjenko. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich.« Das war sein Denkfehler. Andropow. Breschnew. er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. dachte ich nicht zu Ende. -319- . in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte. Es hieß. Der Vorsitzende des KGB. Jahrestag des MfS. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. Erich Honecker hegte die Illusion. und sie blieb es unter Chrus chtschow. war bei dem Festakt nicht anwesend. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen. die an der DDR vorbeiliefen. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau. in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand.

Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt. Die Sowjetunion. Er wirkte bleich und abgespannt. Das war eine schlechte Nachricht. Wladimir A. Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes. Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows. der uns begleitete. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. -320- . Er hatte nie den Eindruck gemacht. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft. ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. Krjutschkow.

Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im Ost- West-Konflikt. der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. Auf meinen Einwand. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons. und es klang eher resigniert. Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. Andropow ließ durchblicken. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte.« Der Mann. Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. Andropow verstand sofort. daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. daß unsere -321- . Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden. die alle die Aussage enthielten. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt. ob es Überlegungen gab.« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDR- Führung. Reform und Entspannung stand. Schwäche zu zeigen. das sowjetische Afghanistan- Abenteuer zu beenden.

Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern. jede mögliche Variante auszuprobieren. Nicht. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung. darunter der Bundesrepublik. sondern weil er fähig ist. weil er dunkle Absichten hat. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr. der nun die Entwicklung des Ost-West- Konflikts gefährlich unberechenbar machte. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß.« -322- . Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner. der Mann hat zwei Gesichter. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des Nato- Doppelbeschlusses. meinte er: »Ja. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. Das ist keine Erfindung. Schmidt war es gewesen. die er gerufen hatte. nun selber zu fürchten begann.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut. zu stationieren. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen. Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber. daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe.

DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück. Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten. daß der Mann. Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. Er meinte. Unbeirrt folgte er seinem Kurs. sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. wo er unter Herbert Wehner den -323- . in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben. übertrieben scheinen. ohne ihn wirklich zu wollen. Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. Nachträglich mag die Kriegsfurcht. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«. Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. die Anfang der 80er Jahre herrschte. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums.

Honecker und seine Umgebung versuchten. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows. bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam. die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte. Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. das Treffen abzusagen. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. ließen uns wissen. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. ihn ausladen zu müssen. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben. die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen.

war Herbert Wehner. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. in Cruise Missiles und Atom. Wehner. Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund. Der erste. Mir war immer klar gewesen. die Stationierung von sowjetischen SS-20- Raketen zu verhindern. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie. ja vielleicht schon brodelt.« Wehner sah eine Lage »wie 1914«. Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert.U-Boote.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. Auch Mielke glaubte noch. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. Ob und wie er sich da rauswindet.und Trident-Raketen investierte. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. aber er überschätzte seinen Einfluß. denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. da ist alles drin. um da mitzuhalten. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte. daß sie sich anbahnt. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang. Seit heute weiß ich. -325- . die er in MX. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen.

deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. -326- . die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. Dieser Plan sollte es ermöglichen. alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. zu deutsch Raketen- Kernwaffen-Angriff. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato. Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. Er bekam den Tarnnamen Rjan. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben. Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte.

wichtige Informationen lieferte. habe ich nie erfahren. Rainer Rupp. ermöglichten uns die Einschätzung.« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. zu denen auch unsere Quelle in der Nato. daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage. Die Analysen. Du wirst sehen. Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- . daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war. Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten. wo die Nato- Raketen stehen sollten. Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. als Holztransporter getarnt. die wir lieferten. anrollten. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen. wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden. Nur so ist verständlich. Wir wußten zwar. die verhandeln weiter. Dennoch war es frustrierend zu erleben. um Platz für die Startrampen zu schaffen. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. Ob es Pläne gab. das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit.

Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. Die Führung in Warschau war bestrebt. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war. dem 12. um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. die von unten ausging. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde.eingeweiht. mit Miroslaw Milewski. und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. Am 21. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. dem Stellvertreter des Innenministers. Mielke bezweifelte. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. Die eskalierenden Streiks. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. dem Leiter des polnischen -328- . in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. August 1980. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. In jenem Sommer von 1980.

Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien. fast eine Witzfigur. Es lohnt nicht. Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. unabhängigen Gewerkschaften. Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. erhielt ich aus Warschau die Nachricht. Beschwichtigungsversuchen. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. keinesfalls jedoch die nach freien. Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden.Nachrichtendienstes. Man hatte mir erklärt. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. Die Reise hätte ich mir also sparen können. Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden. Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde.

uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. in München wirkte Radio Free Europe. und an Ministerpräsident Jaruzelski. Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei. eine direkte Intervention zu verhindern. auch in meinem Dienst. Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. wurden innerhalb des MfS. Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund. Zugleich hatten wir den Auftrag. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. -330- . Regierungsstellen. Kania. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten.

Dezember. kaum fähig. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. das half. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. vorerst Luft zu gewinnen. überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. Es scheint mir undenkbar. die polnische Führung werde nun alles tun. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein. In Moskau und Ost- Berlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war. daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen. hieß es. Die Nachricht in der Nacht vom 12. Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. Jaruzelski erklärte später. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam. auf den 13. daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. den Mann seines Vertrauens.

auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck. die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne. beide Seiten müßten versuchen. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben. Erich Honecker solle -332- . Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor. traf er am 17. aber stetig in eine Konfrontation. daß Schmidt befürchte. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. Mittag berichtete. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren.zwischen Schmidt und Honecker. den Washington auf Bonn ausübte.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt. der auf ihm laste. Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. Wie Mittag hinterher berichtete.

sprach unter anderen -333- . berechenbar sei. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein. sie zu unterstützen. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. Soweit mir bekannt. »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«.wissen. in der Minderheit. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. wenn möglich sogar zu beeinflussen. Vor den Dreihunderttausend. auf die wir einwirken konnten. Helmut Schmidt. Dennoch waren die Gruppen und Personen. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. daß er. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. alles zu tun. aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage. die nach Bonn kamen. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA.

So verspielte sie die Gelegenheit. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach. wodurch die Schwerter. die sie nicht unter Kontrolle bekam. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West. Ich wandte mich dagegen. Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. doch auch er wäre nicht bereit gewesen. auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei.der Schriftsteller Heinrich Böll.und Staatsapparat hinein. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen. Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar.zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- . Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen.

Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen. Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert. Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- . Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen. Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden.waren. Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten.

aus -336- . daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. Unsere Analysen zeigten. Denn wir wußten. Ich hoffte.Vorgänger. aus den USA Admiral John Marshall Lee. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. weil sie fürchteten. Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. die zwischen den Blöcken tobte. Voraussetzung war. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten. daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen. der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. Aus England kam General Michael Harbottle. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. daß sie ein Studienfach hatten. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. das eine Perspektive als Quelle versprach. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte. Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. um Vorurteile abzubauen.

Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. Die neun Militärs gewannen. Petra Kelly. sie wüßten nicht. vorwerfen. wovon sie redeten. Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. Kopf und Motor. so paradox es klingen mag. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. wie den jungen Aktivisten. zu Vorträgen und Diskussionen -337- . Niemand konnte ihnen. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt. vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. Bastian.Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert.

der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. ihre Analysen und Forderungen zu publizieren. daß die Aktion zu einem großen -338- . Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten. die selbstverständlich nicht von der HVA. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. Als sich herauskristallisierte. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. Ich schickte zwei Leute. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte.weitgehend selber finanzieren. dem mußte schnell klar sein. Gerhard Kade. Ich bewilligte die Summe. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern. und ganz Naive beließ er im Glauben. Er meinte. sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde. heranzukommen. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. daß es seiner Abteilung gelungen sei. sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die US- Geheimdienste. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. die vorgaben. Sie hatten keine Mittel. Das war unsere Chance. die mangelnden finanziellen Ressourcen.

und ich -339- . So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. den KGB zu bewegen. daß die Vorschläge. sehr konstruktiv sind. Dies bedeutete allerdings keineswegs. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung. bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR. wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. das sei ihr Verdienst.Erfolg wurde. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder. Ich glaube. Ich weiß nicht. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. antwortete Bastian: »Das denke ich. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte. daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. Offenbar gelang es Kade daraufhin. den wir über Kade ausübten. Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. besser gesagt. Feist erzählte Honecker. denn das war tatsächlich der Fall. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. Sie müssen sich gefragt haben. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten.

Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. -340- . Gerhard Kade starb 1995. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt.hoffe. um sie möglicherweise zu manipulieren. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten. Ich habe keine Belege dafür.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war. Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet. daß sie im Westen ein positives Echo finden. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. ob ich es bereue. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen. daß ihre Stimme gehört werden konnte. hat der Sache nicht geschadet. Wenn man mich fragt.

den man klassisch als Desinformation bezeichnet. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- . wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. Sie hatte die Aufgabe. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. eines der intelligentesten Veteranen des KGB. um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. 14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. Umarme den Schlächter. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. in den 50er Jahren eingerichtet hatten. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'.

Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«. um zu wirken. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt.Kriegführung« keine großen Illusionen machte. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X. der vor und während des 17. deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte. erfuhren. in Berlin war das der RIAS. die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. Von den diversen Ballon. als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt. verdankten wir einem unserer Offiziere. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren. in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an. -342- . daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen. war schon die Rede.und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. Damals hatte ich gelernt. Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte.

Den naiven Glauben. ja sogar ernsthaft destabilisieren. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen.Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten. die der DDR feindlich gesonnen waren. einen Mann. Wir hatten zwar erfahren. wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen. angereichert mit selbstfabriziertem Material. als er verhaftet und angeklagt wurde. CIA-Agent zu sein. der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. doch wir hatten ihn nicht warnen können. und es gelang ihm sogar. einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben. daß seine Enttarnung bevorstand. Wenn heute selbsternannte -343- . habe ich hingegen nie gehegt. wo es ihr gelang. während er sich im Glauben wiegte. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte. denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen.

ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. gründeten wir fiktive CDU. was von dem Material. nie das Wasser reichen konnten. daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden. wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- . und daß man mehr als blauäugig sein muß. daß Politiker selbst wissen müssen. weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. Kontakte zu Journalisten zu finden. das wir an Westjournalisten weitergaben. Da wir natürlich nicht steuern konnten. was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern. die heute noch existieren. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten.und SPD- Pressedienste. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. veröffentlicht wurde. die sich meisterhaft darauf verstanden. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren. Unsere frühen Versuche. Die Mitte und SPD-Intern betitelt. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. dann kann ich dazu nur wiederholen. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen. mußten wir bald aufgeben. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden.

der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. die dieser während seiner Entführung getan haben soll. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. der an Vertrauensbruc h grenzt. Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen.gewesen wäre. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik. und es wurden Dinge in die Welt gesetzt. einen solchen Schritt zu tun. sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. So problematisch ich es noch heute finde. die das Maß dessen überschritten. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen. um van Nouhuys mundtot zu machen. Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer. In seinem Blatt hetzte er -345- . einer der ersten war.

unermüdlich gegen die Ostverträge. den er am Ende nur deshalb gewann. Politikern wie Franz Josef Strauß. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen. Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte. mit dem -346- . Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. daß er kein Spion gewesen war. die Verträge könnten torpediert werden. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. so daß wir zu fürchten begonnen hatten.

Staatsapparat und auch im Geheimdienst. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. morgen vergessen. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. und das auf allen Ebenen in Parteien. Justiz. Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. versuchten wir. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. eines jüdische n Kommunisten. Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. die Friedensbewegung zu unterstützen. daß sie ihre Biographien -347- . veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR. Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert. der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte. Wie ich bereits sagte. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. Armee. Wir mußten daraus die Lehre ziehen.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen.

Jeder. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern. die -348- . denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. Meinem Dienst gelang es.geschönt hatten. und eine andere. Hubert Schrubbers. ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. Es ist eine Sache. die sie konsultieren wollten. ist das immer wieder bemerkbare Bemühen. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. Es gelang uns sogar. die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. daß es nur lachhaft sein kann. Nicht weniger peinlich als der Versuch. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu Stasi- Handlangern abzustempeln. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre. 1972. Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. wird mir darin zustimmen. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist.

wie es in der DDR geschah. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. völlig außer acht. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. Ihre Tragik war. es sei möglich. daß sie sich -349- . wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert. Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. Dazu muß ich sagen. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung. war der Antifaschismus doch in der Kunst. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. Selbst in den letzten Jahren der DDR. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NS- Greueltaten und solchen Unrechts. wie sie uns damals vorschwebte. daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen.

Aber ich kannte nicht nur von Berg. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. darunter des Spiegel. diese Lage zuzuspitzen. Mit ernster Miene eröffnete er mir. Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. unterhielt. schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei. dem Leiter des Presseamtes. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. es sei erwiesen. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. wurde ich zu Mielke bestellt. einem Vertrauten Beaters. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde. in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. daß Hermann von Berg. Kaum war das »Manifest« erschienen. Auf meine Frage. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten. Recht hatte Mielke insofern.dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. -350- . und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an.

das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis. an die große Glocke hängte. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen. sickerte doch das eine und andere durch. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. daß es Aufgabe meines Dienstes sei. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren. Das brachte Mielke auf die Idee. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern. Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. die ihm zuteil geworden war. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. Einiges davon war durchgesickert. Daran hielt er sich auch dann noch. Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. den Ausreiseantrag zu stellen. Obwohl alles streng geheim ablief. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. obwohl es uns gelang. der Hauptabteilung Untersuchung.

ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten. die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. Daß Gutachter und -352- . in Suhl. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA. mit welcher Aufgabenstellung. kamen findige Vernehmer auf die Idee. mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. und wenn ja. Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen. das seine Abwehr – wohlgemerkt. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. Besonders wichtig war es herauszufinden. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden. Ihre Lage war mißlich. So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. Erst viel später erfuhr ich. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. Im südlichen Grenzbezirk der DDR.standgehalten hatten.

Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. ihm Gehör zu leihen. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«. aber nicht den Mut gefunden. daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. bewies. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. und er hatte aus ihm herausbekommen. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. wie die ASA zustande gekommen waren. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. mit dem er schloß. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. war er in der Lage. daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . der Sache Einhalt zu gebieten. daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte. zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte. deutlich zu machen. daß er noch der alte war. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz.Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten. Mielke dazu zu bewegen. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden.

stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde. Mit Erich Mielke 1983 -354- .

wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre. -355- . daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden. wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. von einer Unsicherheit. Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf. die neu war. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern.

die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. Wie dem auch sei. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. und auserwählt wurde General Rolf Markert. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. Was sollte das Besondere an Sansibar sein. Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen. -356- . Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. Da Mielke fand. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes. die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. der außenpolitische Erfahrung besaß. 15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. Aber ausgerechnet diese neue Republik. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen. die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit.

Dann erhielten wir DDR. Wir wußten. -357- . Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt. daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. zu verpflichten.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann. um nicht aufzufallen. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. daß ein DDR- Diplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten. Als wir uns gegenseitig betrachteten. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden. Aber Mielke beschränkte sich darauf. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. In Kairo. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen. die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. dem Leiter unserer Delegation. in der Ersten Klasse. brachen wir in schallendes Gelächter aus. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge. und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. während ich in der Touristenklasse saß. meinen falschen Bart wieder so anzukleben. Damals war es eine waghalsige Idee.

Nachdem wir den Äquator überquert hatten.Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen. -358- . überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten. Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident. Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land. doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden. In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen.

Erst durch unseren Koch erfuhr ich. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. Das nahm er so wörtlich. Anfangs kostete es viel Geduld. Besonders mühsam war es. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten. die völlig andersgeartete Denk. Es fiel uns. ließen sie -359- . daß er bei einem Berlin. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren. sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. herrliche Strande. bei meinem letzten Besuch. wie er hieß. Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen. Es gab keine bettelnden Kinder.Besuch sogar seine Frau mitbrachte. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes. und unser Koch erzählte mir auch. ins Gespräch zu kommen. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren. Später. die wir gewohnt waren. einmalige Sonnenuntergänge. Sansibar erfüllte alle Klischees.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. und man erwartete viel von uns. Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. die DDR hatte Sansibar geholfen. mit Ibrahim Makungu. anfangs nicht leicht. daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. die man von Afrika kennt - üppige Natur. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern.

um Sansibar unter die Arme greifen zu können. dem englischen Trade- Unionismus zuneigte. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten. Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. nachdem meine -360- . denn Julius Nyerere. sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten. unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. Diese Widersprüche erklären auch. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. andere waren strenggläubige Moslems. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei. der Präsident Tanganyikas. Es war schwierig.sich die Unzufriedenheit anmerken. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. das wirtschaftlich interessant genug war. In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. Anschluß an ein Land zu suchen. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus.

Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. was wir leisteten. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. durch das. wie es unseren -361- . Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten. um mich mitnehmen zu können. doch die meisten unserer Leute. an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken.Partner mir kategorisch versichert hatten. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren. zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. Wir waren überzeugt. Kurz vor Mitternacht des 24. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig. April überbrachte man uns die Nachricht. den anderen einfach davonzufahren. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf. Berlin drängte auf meine Rückkehr. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß.

Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. -362- . daß sie gar so sehr ausuferten. Kultur und Bildung zu ignorieren. Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. Kongo (das spätere Zaire). denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. So war es in Sansibar. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. Unser Einfluß blieb stets minimal. im Südjemen. so im Sudan. sehr wohl aber an der Notwendigkeit. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten.eigenen Strukturen entsprach. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. Wir mußten uns wohl oder übel beugen. Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. sondern darin. ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft. beide Jemen. all jenen Ländern. in Äthiopien und Mosambik. verglichen mit dem des Regimes. So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren. der Sudan.

Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. in dem am 25. Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers. daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen. Uns wiederum gelang es nicht. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. war die Enttäuschung groß. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der Nato- Länder in Nahost in Erfahrung zu bringen. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. daß man sich in Ägypten einredete. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte. Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. Bis auf ihn. Als wir Nasser erklärten.

dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. Sozialismus bestehe darin. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten. Um so erstaunlicher fand ich es. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. das Sachwalter Großbritanniens gewesen war. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten. die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. vor allem solche.Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit. Einer von ihnen erklärte mir.

Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates. Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- . Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert. Auch seine Augen lächelten. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. daß er im Wagen ankam. eine Rede hielt. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient. Ich erinnere mich gut daran. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus. heraussprang. wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. die gellende Pfiffe der Zuhörer.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen. mit der rechten lud er mich ein. wuchtig. und dann davonbrauste. sehr schwarz. Platz zu nehmen. und sie wirkten britisch bis zur Karikatur.

daß die Waffen niedergelegt werden. »Diese Probleme müssen wir selbst lösen. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel. soll er mit »Ja« geantwortet haben. sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . da könnt ihr uns nicht helfen«. sagte er düster. der sich zu jener Zeit in London aufhielt. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. Er vertraute mir seine Befürchtungen an. Von einer Waffe ist nichts zu sehen. daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke. ob er sich am Putsch beteiligt hätte. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. die seinem Land gesetzt waren. Auf die Frage Numeiris. nach Kairo zurück. in der das Urteil beraten wird. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. der mir nahestand. wenn er im Lande gewesen wäre. Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand. In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären Ansar- Sekte verschanzt und feuern nach draußen. Hamadallah gelingt es. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. Er war ein Politiker. Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt. durch Überredung zu erwirken.

-367- . In der ölreichsten Ostregion Nigerias. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. woran er geglaubt hatte. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit. daß er die verdeckte Kriegführung lernte. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. einen Menschen. nur die Mitteilung des Kommentars. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. Noch heute. überlebte ihn selbst nicht lange. Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg. war. der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. Dreihundert Fallschirmabsprünge. so viele Jahre nach seinem Tod. Das. glaube ich. Er war 1933 in München geboren. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht.Bewachern. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. den wir gefangennehmen helfen konnten. wofür Hamadallah gelebt. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. die er daraus zog. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. Seine Stimme ist nicht zu hören. Die Lehre. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen.

der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. von Mellenthin. die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. wo man ihn genauer instruieren würde. Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. an. Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen). deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden. Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige Lufthansa- Büro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. Norman von der CIA. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr. ob Steiner sich dafür eigne. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. D. Preston weitervermittelte. Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen. so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. Die CIA hoffte. um zu sondieren. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . das sich Welt-Informations- Korrespondenz nannte. Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken.Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. ein ehemaliger Missionar. der ihn an einen Mr. verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«.

Alles in allem wurde er so gesprächig. erreichte. Landsleute vor sich zu haben. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht. ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten.Landes bestanden. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft. Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte. Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte. der Organisation Afrikanischer Staaten. ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. Hans-Jürgen Wischnewski. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. Es stand außer Zweifel. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. Daß es uns gelang. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. das Todesurteil zu verhindern. das dem Druck der OAU. Da die USA sich weltweit vom -369- . der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde.

im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen. doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. Das -370- . die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten. für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger. Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. die in den USA oder der BRD existierte. Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor. geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen.Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. noch irgendwelche Medien. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. Ausgesprochen mühevoll war es.

In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. Die Frage. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. der UdSSR und der DDR suchte. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. war man in Aden wohl der Meinung. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten. der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. hinter dem Saudi-Arabien stand. daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- . Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen. die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. der Hauptstadt Zaires. die Konflikte zu reduzieren. brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt. während die USA von Kinshasa. Es war also nicht überraschend.

waren 1973 nach Libyen geflogen. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. Lamberz. sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. die wirklich akzeptiert wurden. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet.ausgemusterter NVA-Waffen. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte. von denen man sich -372- . Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen. Mitglied des Politbüros der SED. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete. Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. Eritreas Autonomie zu respektieren. weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. die sich strikt weigerte. und Markowski. es war eine politische Entscheidung. ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane.

Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik. Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet. Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. die wir leisteten. dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt. der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. die sie anderswo nicht kaufen konnten. die Hilfe. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. und wie in solchen Fällen üblich. Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. -373- . uns dazu zu bringen. als die KGB-Führung 1979 versuchte. wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht. aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden. darauf zu beschränken.

besonders zu Jassir Arafats PLO. ohne daß man sie entdeckte.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. der Führer der südafrikanischen KP. er befürchtete. wie die Beziehungen zu den Sicherheits. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten. und sie infiltriert. Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen. ohne das eigene Wissen zu verraten. und von da an bildeten wir zwei. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid. Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet. Honecker stimmte zu. daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten. Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo. an das Zentralkomitee der SED die Bitte. Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- . So. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten. doch damals. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. die Gegenseite desinformiert. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten. galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. seinen linken Flügel zu stärken.

im August 1972. Das war zu jener Zeit. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt.ausgeschlossen worden. Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können. Bei allen weiteren -375- . Wenige Monate zuvor. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik. zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden. Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. daß fünf Geiselnehmer. doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig.

daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat. Da den Palästinensern sehr bald klar wurde. daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren. Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich. jede Seite suchte ihren Vorteil. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLO- Sicherheit wurde bald sichtbar. ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. über ihre strategischen Pläne. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. daß sie Verbindungen bis in höchste US- Regierungskreise. so über die Vorbereitung und den -376- . daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte. Wir wiederum waren bemüht. konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen.

hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. schilderten sie mir. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. manche weigerten sich.Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem. Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing. doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA. weil sie -377- . Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum.

Diese Kontakte bestanden meist darin.die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- . mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez. daß sie Kontakte zur ETA. Ein Dokument vom 8. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. Führungsmitglied der Fatah. mehrmals in Ost-Berlin auf. zur IRA. Carlos.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt. die im übrigen nicht mir unterstand. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte. der Antiterrorabteilung. beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. Abu Daud.

ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. daß libysche Diplomaten. obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen. Libysche Täter wurden verdächtigt. Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS. Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. -379- . Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. bestand darin. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten.worden war. es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. Das Papier vom 8. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden.

was vom Nahen Osten ausgeht. nur Gaddafi blieb unverletzt. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab. sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke. und es für ihre Pflicht hielten. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben. Che Guevara. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. Interessant ist die Frage. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat. hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll. einer der Haupttäter. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. Gewiß war manches Opfer zu schwer. daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. Patrice Lumumba. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO.und West-Berlin hin und her reisen können. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. weil sie davon überzeugt waren. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. dann ist mein Eindruck zwiespältig. dem ANC oder der SWAPO betrachte. Jassir Chraidi. Peres und -380- . Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken.

Rabin vor dem Weißen Haus. mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde. und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela. der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde. -381- .

In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. dem Leiter der Auslandsaufklärung. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt. Also ging es nach Moskau. Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne. sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop- -382- . Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen. doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. Es war im Januar 1965. der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. und das Ziel meiner Reise war Kuba. Dennoch wollte es der Zufall. 16. Für Kuba. um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke.

Maschine vom Typ AN-124. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. Die einzigen Ausländer außer uns. Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F. das um sie herum gestapelt war. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. um Gewicht zu sparen. kam die kanadische Küste in Sicht. Eine Stewardeß. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. kümmerte sich vorrangig um uns. Weiter geschah zunächst nichts. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. manche auch mit Kindern. zwei Chinesen. Ich rasierte mich gerade. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. als ich bemerkte. brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. die Sitzreihen waren abmontiert. -383- . vermutlich KGB-Mitarbeiterin. offenbar diplomatische Kuriere. Als die Triebwerke verstummten. War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck. Weitere Stunden vergingen. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer. als unser Flugzeug an Höhe verlor. Wir tauchten steil nach unten.-Kennedy-Flughafens auf. Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet. saßen direkt vor uns. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte.

daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren. unter die Matratze eines Kinderwagens. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. wenn er erfuhr. Stunden ungewissen Wartens vergingen. Wie ich später erfuhr. doch die nützten uns wenig. Wir besaßen Diplomatenpässe. Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. Ich ging im -384- . die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. Sicher würde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. der im Gang neben uns stand. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. sie durchzulassen. Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. da die DDR von den USA nicht anerkannt war. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück. und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins. Wild gestikulierend. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. Mit Gesten forderten sie uns auf. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war. Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre.

er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. blies der Pilot Winterluft in die Kabine. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. die mir zur Last gelegt werden konnten. Die Heizung war abgeschaltet. Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. und erklärte. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale. mich hier zu identifizieren. sollte es gelingen. daß Moskau mit Washington verhandle. Er behauptete.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. übergewechselt war. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. Stunden waren vergangen. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. Eingeschleust hatten wir noch niemanden. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. Um zu lüften. daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad. als -385- . unser Flugzeug auftanken zu lassen. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren.

als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte. Washington habe den Weiterflug genehmigt. Nun. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. Die anderen mußten weiter warten. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. Wir wurden in einer Villa einquartiert. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. und jetzt ging es darum. der uns schon durch seinen -386- . Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. allerdings unter der Bedingung. die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte. Es sah aus. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. Es war schon dunkel. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. Am frühen Abend startete unsere AN-124. Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher.die Stewardeß mir zuflüsterte. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. Wieder durften wir nicht aussteigen. Als die Tür für einen Augenblick offenstand. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache.

denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der US- Marine erkennen konnte. wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. sagte er ganz ernsthaft. bestaunt von den Kubanern. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung. Wir waren nicht als Touristen gekommen. in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. den -387- . stellte sich als Umberto vor und erklärte. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. Die betörende Luft. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten.korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet. daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres.

Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen. so irrwitzig waren die Einzelheiten. fiel es der Öffentlichkeit schwer. sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. Bomber einzusetzen. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. daß die Kubaner aus den früheren CIA- Aktionen ihre Lehren gezogen hatten. die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. Der große Irrtum der CIA. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte. die Exilkubaner. die Castro beseitigen sollten. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. erfuhr ich erst später. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte. Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26- Bombers. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- .wir nun besichtigten. Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest. ohne weiteres auf Kuba übertragen. bestand in der Illusion.

bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. vor allem aber für unsere Möglichkeiten. waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. Er interessierte sich für unsere Erfahrungen. Erst in späteren Jahren änderte sich das. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. Ramiro Valdez. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. als ob sie nicht existierten. Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. und Manuel Pineiro. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. der Chef des Aufklärungsdienstes.Mordplan. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. den Bärtigen. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos. vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. der damalige Innenminister. und groß war seine Enttäuschung. seinen Dienst technisch zu unterstützen. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. Miniatursender und dergleichen mehr. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. -389- . die man mir in Moskau genannt hatte. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. Fidel Castros Bruder Raul.

Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. ihn tief enttäuscht. sich zu befreien. das wir mit Dritten gewechselt hatten. kolportiert hatte. das Bild zu vervollständigen. Ich erinnerte mich. was er wissen wollte. daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. war mit einer Amerikanerin verheiratet. und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. Jahre später erfuhr ich von ihm. sprach aber nicht besser Englisch als ich. was in Kuba gelungen war. merkte ich schnell. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets. dennoch verständigten wir uns glänzend. Da wurde mir erstmals bewußt. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . um die Kubakrise zu beenden. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. als sie ihre Raketenbasen abbauten. Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. das man in Havanna gezeichnet hatte. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen. Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen. Nie war er um einen Scherz verlegen. Comandante Pineiro. Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art.

Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. sondern am auffälligsten dadurch. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener. daß er verabredete Termine einhielt. weil es kaum Benzin gab. eine junge Frau aus der DDR. beeindruckte mich außerordentlich. einen Film über Tamara Bunke zu machen. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. Im mexikanischen Asyl hatte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. Anders als seine emotionaleren Kollegen. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern. Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand. Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. um ihre Comandantes hochleben zu lassen. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. gebildeter und staatsmännischer. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte. doch alle waren voller Begeisterung gekommen. so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt.zu haben.

Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . wenn nicht gar Dichter. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen. alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert. die sich für eine Landung eigneten. sozialistischem. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten. Tomás Borge machte da keine Ausnahme. das eigene Leben einzusetzen. Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. Charakteristisch für die Sandinisten war auch. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. christlichem. Die Stellen an der Pazifikküste. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. Mit Tomás Borge (1. wurden Tag und Nacht überwacht. Jedermann wußte.Mischung aus sozialdemokratischem.

aber sie konnten es nicht international isolieren. und man sah ihr an. Unser bescheidener Beitrag bestand darin. Mehr als die Contras. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. Händlern. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. politisch und militärisch unter Druck setzen. wie es mit Kuba möglich gewesen war. daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt. Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch.kommen würde. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. als moskauhörig abgestempelt zu werden. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig.

praktizierte Methode. Er hatte recht. Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. um zu erkennen. hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an. der größten Tageszeitung Chiles. die die USA mit Erfolg durchführten. ob mir nicht aufgefallen sei. Die finanzielle US- Hilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- . doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. Die Wirtschaftsblockade.sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft. wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete.

der im Aufsichtsrat von ITT saß. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte. der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. den Führer der chilenischen KP. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär.Wirtschafts. um Salvador Allende zu stürzen. wie durchlässig die Kontrollen -395- . sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde. General René Schneider. der Regierungskoalition. denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR. waren ihr offiziell die Hände gebunden. die Fäden. die erkundeten. mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano. Allendes tragischer Irrtum war es. sah die CIA sich genötigt. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. ehemaliger CIA-Direktor.und Versorgungsprobleme gesetzt. zu lange darauf zu vertrauen. Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT. Da der Oberkommandierende. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. und im Hintergrund zog John McCone. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. Wie mir Castro erzählte. daß die chilenische Armee. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán.

Luis Corvalán. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- . Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. die wir nach Chile einschleusten. Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. Handelsschiffe umzudirigieren. Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil. Wir überlegten Möglichkeiten. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein. Unsere Aktion konnte nicht alle retten.auf chilenischen Flughäfen. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam. den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion. In manchen Fällen dauerte es Wochen. und die Kubaner sekundierten mir. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. und installierten Verstecke in Fahrzeugen. bis wir sie in Sicherheit hatten. der in der Sowjetunion inhaftiert war. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein.

Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen. daß sich gerade durch Gorbatschow. während ich für Castro mehr Verständnis hatte. ihm Dauerasyl zu gewähren. Damals ahnte ich nicht. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen. was man dem Volk versprochen hatte. sondern sie praktisch gezwungen. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten. Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. Ich glaubte. doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen. wie später Nicaragua. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. Der Sozialismus hatte nicht gehalten. und Erich Honecker. starb im Exil in Chile. sich an die Sowjetunion anzuschließen.Prinzipien. für die wir nach 1945 eingetreten waren. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. als schlügen sie einen eigenen Weg ein.

jedenfalls keine andere als Batista. ohne eine Alternative anzubieten. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt. aber nicht eindimensional. Hinzu kamen Freunde. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten. Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten. Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert. dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. und nicht zuletzt Amerikaner. dann bin ich für Kuba. daß es dort zu Ende geht. Günter Grass hat dazu etwas gesagt. Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. -398- . die in den USA lebten. aber kein durch und durch kommunistischer Staat. sogar die Sozialdemokratie. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten. dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein. wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden.« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. ein Greuel. Aber wenn ich heute erlebe. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen.

und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. Beide waren in Deutschland geboren. Die ideologische Barriere. die Hoffnungen und Ängste dort. die New York Herald Tribune. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter. trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. beide waren Juden. Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. Time und Newsweek gelesen. Viel von meinem Wissen über die USA. so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus. was ich über die USA erfuhr. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht. Dreiser und Steinbeck. mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. was ich in Büchern gelesen hatte. Alles. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. verdanke ich zwei Männern. Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. darunter Hemingway. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. die ich zwischen uns errichtete. über das politische Denken. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- .

eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng. der andere als Jurist –. sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager. von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. Beide fanden in den USA Asyl.mußten vor dem NS-Terror fliehen. Den Kontakt zu »Maler«. angeworben. In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. und beide wurden vom OSS. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. dem Ökonomen. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . der Wirtschaft. was seine paradoxe Umkehr darin fand. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen.und Brandsätze zu zerstören versuchte. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. fanden wir über einen Studienfreund. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert. dem Vorläufer der CIA.

enthielt. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten.und Roechling- Prozesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband. seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. dem er beigewohnt hatte. und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. aber auch der KGB. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas. -401- . des Krupp. »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte. Als wir vorschlugen. aber nie ängstlich.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. lehnte er das entschieden ab. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. Er war umsichtig. Obwohl er Atheist war. was uns verband. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe. für meinen Dienst zu arbeiten. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück.

das wir zahlten. wo sie eine Weile lebten. bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen. uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- . Gegenstand ausführlicher Beratungen. verging nochmals beträchtliche Zeit. durchaus brauchen. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. daß er für uns spionierte. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. Kurzum. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. Da galt es. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte. die er unternahm. war langwierig und umständlich. Lateinamerika oder Australien auswandern. Doch unsere bevorzugte Methode. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. war jede Reise. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen. von großem Wert. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah. Agenten einzuschleusen.

Es hatte Jahre gedauert. die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten. diesen -403- . uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. Alles andere als erfreulich war auch. und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm. während er sich darauf vorbereitete. Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. sondern auch berichtete. viele unserer Agenten aufzuspüren. zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte. Deckname Brest. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition.versorgen. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. Daß es dazu nicht mehr kam. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten.

der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Abgeordneten oder Managern getan hatten. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen. und alleinstehende Herren. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen. der geheime Informationen über Atom- U-Boote verkaufen wollte. Die Praxis bestätigte. blieben in den Anfängen stecken. Es kam vor. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann. Wir hatten nie bezweifelt. daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten.Sender zu bauen. und der Mann wurde von unseren -404- . die ich übersehen kann. die Verluste zu ersetzen. Unsere Bemühungen. in den USA nicht. Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDR- Botschaft vorstellig wurden. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus.

Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne. Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. auf der er prompt festgenommen wurde. einen jungen polnischen Aufklärer. der sich als Doppelagent entpuppte. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. hieß es plötzlich. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. in die USA zu reisen. dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. Das FBI triumphierte. Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. Nach einem halben Jahr erfuhren wir. Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte. Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden.Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt.

der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten. Die Atmosphäre der 68er- Bewegung. wenn man das Geld sprechen ließ. Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte. machte es uns relativ leicht. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. So unergiebig unsere Situation in den USA war. erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. aus dem Agententhriller gemacht werden. Was die Kontakte besonders förderte. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. Wir wußten zwar. Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am US- Militärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer. der Protest gegen den Vietnamkrieg. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten. Im nachhinein muß ich gestehen.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte.

die sie aus ihnen herausfilterten. der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war. und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht.und Telefonbotschaften ab. Später erfuhr ich. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen. So hatten wir herausbekommen. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte. die das Zentralkomitee erhielt. mit denen die täglichen innen. die Existenz der NSA zu leugnen. Günter Mittag.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren. daß es den Technikern gelungen war. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. gehörte das. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen. daß jedermann im US- Nachrichtengewerbe angehalten war. daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging. Zu den wichtigsten Unterlagen. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte. der Wirtschaftsminister. weil sie klug genug waren zu argwöhnen. das in den Äther drang. die Codes zu knacken. weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb. die Hall alias »Blitz« uns lieferte.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten. daß mein Dienst dies -407- . den riesigen. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. ohne es zu ahnen.

Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. und deshalb schlug ich vor. unbrauchbar gemacht werden konnten. um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-Pakt- Staaten auszuschalten. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. aber die Informationen waren es wert. mußten wir uns nicht mehr abmühen. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren.sehr bald in Erfahrung bringen würde. damit er sich nicht verdächtig machte. Bevor wir das taten. daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte. Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. -408- . Beide. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen. Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). daß wir ihm rieten. geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. daß wir sie an den KGB weitergaben. waren alles andere als billig. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. etwas zu bremsen. wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos. Hall und sein Mittelsmann. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren. der auflistete. Dieser Plan führte detailliert aus. Seit es »Blitz« gab. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing.

und von da an waren seine Tage gezählt. ein Sergeant der Air Force. um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. Die amerikanische Abwehr schätzte. beschrieb. das Carney uns besorgt hatte. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten. die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. um sie glauben zu können. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. der sich als KGB-Agent ausgab. die er uns beschafft hatte. meinem Dienst dazu verholfen hatten. verhaftet. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. Wir konnten nicht daran zweifeln. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte.Offenbar versuchte er. Carneys Material bewies uns anschaulich. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. Wenn -409- . daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. wie es den Amerikanern gelungen war. Ein Dokument. daß die Unterlagen. mit dem KGB in Verbindung zu treten. der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war.

setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus. mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt. daß die CIA DDR-Bürger in der -410- . Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal. die wir 1973 durchführten. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. und besorgten Carney kubanische Papiere. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. die für Notfälle reserviert war. beim geringsten Anlaß alles zu gestehen. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Wir griffen auf eine Methode zurück. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei. als man meinen könnte. wurden ihm Papiere angeboten. mit denen er nach Havanna flog. Damit er sich nicht langweilte. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIA- Aktivitäten in der Bundesrepublik. änderte nichts an unserer Befürchtung.ihnen das gelungen wäre. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. Es las sich wie Sciencefiction. wie ich vermuten darf. stellten wir fest.

der beauftragt war. Seit langem beschäftigte es mich. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt. daß Fuchs als anerkannter -411- . der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat. daß Stalin keine Überraschung zeigte. als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. den berühmten Physiker. Es handelt sich um Klaus Fuchs. Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. »Thielemann« operierte von Bonn aus. ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. die in Potsdam konferierten. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde. Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen. den Mann.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIA- Anwerber. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. Juli 1945. daß alle vermeintlichen CIA- Spione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren.

daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte. Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden. Die hohe Stirn. Diese Augen wurden lebendig. in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. den er vom ersten Moment an machte.Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. die aufmerksamen. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- . als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen. Wenige Jahre bevor er starb. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. sich aber rundheraus weigerte. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers. sich mit mir zu unterhalten.

Physik. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. weil sie darin eine Möglichkeit sahen. Er war Forscher mit Leib und Seele. auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. aus dem Männer wie Richard Sorge. -413- . sondern Kundschafter genannt. Harro Schulze-Boysen. Kim Philby und viele andere waren. In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. nicht Spione. Fuchs war für mich ein Kundschafter. die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren. kaum Erfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte.

doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. seinem verehrten Lehrer. die Atombombe mit Moskau zu teilen. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. »Ich konnte nur nicht verstehen. daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. Die -414- . die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. erkannte Fuchs. Ich war der Ansicht. sagte Fuchs zu mir. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU. 1941 fand er durch seinen Freund. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. warum der Westen nicht bereit war. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht. Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte. den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war.

das nicht zu tun. daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. daß eine Seite in der Lage sein sollte. wie Fuchs seine Informationen weitergab. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. Solange er in England arbeitete. der Vater der sowjetischen Bombe. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war. fand ich einfach entsetzlich. Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte. Das wäre so gewesen. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. Ruth Werner. daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das US- Kernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können. August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein. Fast unglaublich war die einfache Art. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. daß Igor Kurtschatow.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. sondern jahrzehntelang so getan.Vorstellung. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. Er erinnerte sich. von allen Kontaktpersonen die sympathischste. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester. Ich hatte nie das Gefühl.

Hand. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- . Ruth Werner erzählte mir später. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. das brachte Fuchs nicht über sich. Juli 1953. Einen Freund anzulügen. hinter denen das Odium des Verrats stand. und sein Zögern und die Unfähigkeit. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. ihn unter vier Augen fragte. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. verrieten ihn. Wenn nicht. ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik. sie zu begnadigen. Ich nehme an. eine Antwort zu geben. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan Nunn- May im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. Die fatale Kette von Verhaftungen. Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold. mit dem er privat befreundet war. bis er 1950 verhaftet wurde. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun.

Filmen und Büchern kenne. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. Als sie es besser wußten. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt. Ich wünsche mir.der britischen Sicherheitsbeamten war. Klaus Fuchs. kann ich mir nur damit erklären. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen. die gemerkt hatten. war es ihnen einfach zu peinlich. -417- . aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land. die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. und ich hoffe. meine Freunde und Bekannten zu besuchen. daß sie ihn anfangs verdächtigten. das ich nur aus Erzählungen. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen.

17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. was in seiner Macht stand. Beruflich hatte ich alles erreicht. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . indem ich schreibend darüber nachdachte. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte. weil es eben das gerade nicht war. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. Meine Zukunftspläne waren anderer Art. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. um dies zu verhindern. aber das war es nicht. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. Ich mußte sie artikulieren. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung. Wirtschaft. Ich wußte. den Dienst zu quittieren. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. auch wenn Mielke es glaubte und tat. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann. Vielen DDR-Bürgern. stärker in mir. die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann. daß man mit dem Gedanken spielte. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. was mir vorschwebte. um so mehr hatte ich den Eindruck. was ich mir wünschen konnte.

Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. Mit Konrad Wolf 1981 -419- . die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten. Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU.Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören. Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit. die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte.

Bei diesen Gesprächen über das Troika- Projekt ahnten wir nicht. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten. die Beschreibung der unterschiedlichen Wege. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten.und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt. Von da an war mir. als hätte mir mein Bruder sein Troika- Projekt als Vermächtnis hinterlassen. die die Freunde im Leben einschlugen. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. Es war die Geschichte unserer Kinder. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems. Nein. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt. Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt. den Film noch zu drehen. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. einem Projekt. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen. Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen. das ihm sehr am Herzen lag.

Diese Indolenz. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. Mielke war bereit. wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. und er betonte. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. Bei solchen Worten -421- . und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte. sagte er. die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. doch hier konnte er mir nicht entwischen. sei der UdSSR unverständlich. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte. Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen. hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. ich sechzig. Andropows Nachfolger. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. mich in die Pensionierung zu entlassen. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen. Das war mehr als deutlich. Er war fünfundsiebzig geworden. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen.nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. Konstantin Tschernjenko. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen.

die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen. Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan. unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. mit den spezifischen Mitteln der HVA. mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher. Frostig nahm man Abschied voneinander. Wegen verschiedener Pannen. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. Gab es wirklich eine Chance. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. als wir selbst es hätten darstellen können. Tschernjenko ließ durchblicken. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-West- Studie der Nato übermittelt. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDR- Führung hin. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit.

Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . waren noch mehr geworden. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern. Der geeignete Zeitpunkt. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. Ich baute auf Mielkes Neigung. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. Dennoch mußte ich es zumindest versuchen. als sei nichts geschehen. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRD- Besuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. seiner Kommadozentrale. über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach.Informationen und Dokumenten. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. Die Sowjetunion erfuhr davon. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon. mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. kam. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. Ich konnte sicher sein. um das Dossier zu überreichen. um es vorzulegen. und deshalb hatte er mich kommen lassen. daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. die nur an höchster Stelle zugänglich waren. auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau.

Als das Telefon klingelte. Darauf erwiderte Tschebrikow. Viktor Tschebrikow. bevor er ihn antrat. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein. Am 17. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle. Honecker das Zugeständnis abzuringen. daß er es für das beste gehalten habe. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. als er Andropows Stellvertreter gewesen war. versuchte ich. Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte.einem offenen Schlagabtausch entgegen. den KGB-Vorsitzenden. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB. doch wenn ich angenommen hatte. Mielke erklärte mir nun. doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. Zumindest nahm er die Studie entgegen. Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. gab Mielke mir den Hörer. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . Honeckers Jagdgefilde. sie würden einen Kompromiß finden. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. Mich habe er hergebeten. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. dann hatte ich mich getäuscht.

ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich. Er beklagte. daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen. Jetzt galt es nur. Willi Stoph sagte später. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung. Er wird nicht schlecht gestaunt haben. wie er es anstellen sollte. Sein Fazit war. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. der ihm entschieden abriet. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- . von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte.freundliche Weise. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte. alles so zu arrangieren. Er zog Mielke zu Rat. Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. wußte aber nicht. Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. und beschwerte sich über die Sowjetunion.

war eine Sache. daß er. daß das Sozialprogramm. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen. blieb er immer treu. Dem Sozialismus. wie er ihn sich vorstellte. nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. Jahrestag der DDR demonstrierten. Kurz nach dem 35. Sein unlösbares Dilemma war. Da er -426- . die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. der Dachdecker aus Wibbelskirchen. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt.Honeckers zu kennzeichnen. Die sentimentale Enttäuschung. Keinen Augenblick dachte er daran. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. Die Einigkeit und Geschlossenheit. Es wäre ungerecht. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl. als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDI- Programms seine Entschlossenheit zeigte. den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt.

kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. Kaum war gegen Flüchtlinge. die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. nicht aber. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit.seine Meinung ehrlich vertrat. das System zu ändern. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzig- bis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. Mehr denn je war mir klar. daß man die Lage erkennt. Der Acker. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. in das wir eingebunden waren. war gut bestellt. Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. wenn da nicht die Menschen gewesen wären. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. strenges Vorgehen angekündigt. die für meinen Dienst arbeiteten. der uns dazu bringen sollte. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen. daß man zumindest den Versuch macht. Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. sie zu ändern. mit denen mich so viel verband. Was würden sie. Es bedeutet nur. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . daß ich genug hatte. daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. Wir begriffen nicht. Aber mit vielen der Menschen. verbanden mich Jahre. den ich hinterlassen würde. Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen.

Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. Um diese Situation zu beenden.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . immer wieder hinaus. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit. Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. damit ich ausscheiden konnte. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. drängte ich auf eine klare Entscheidung. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich. die zu tun waren. ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. Er glaubte offenbar. Altersgründe anzugeben. muß dieser Schritt bald getan werden. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt. Sein Troika- Projekt war mir zum Vermächtnis geworden. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte. Er trug nun die Last der Arbeit.Lebensaufgabe. Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre. Parteitag der SED getroffen werden mußte. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. das bereits beantragt war.

durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. die in Bewegung geraten war. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. Parteitag der SED im April 1986. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. an mein Gewissen zu appellieren. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. daß Glasnost. die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. waren Vorboten einer Lawine. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen. Der Perestroika- Kurs. auf jeden einzelnen an. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. also Offenheit. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. den er schnell einschlug. Die Flüchtlinge. mit dem man vernünftig reden könne. Ich war mir sicher. so meinten sie. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden.

die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt. waren gern bereit. Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. darunter auch ich. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen. Es war also kaum verwunderlich. um an Informationen zu gelangen. wie nicht anders zu erwarten. Die Delegierten des Parteitags. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. jeden Impuls aufzunehmen. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. Er erntete sogleich Sympathie. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- . Erst später erfuhr ich. Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden.

Fast zur selben Zeit. daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. als wäre ich sein Nachfolger. daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . der bewältigt sein wollte. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. Als wir feststellten.in der China-Politik überholt wurde. die sie in ihn gesetzt hatten. Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. Die Summe all dieser Gespräche. daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst. Noch im Dienst stehend. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. ganz so. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte. indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte. die ich zwei Jahre später heiratete. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder. würde ich als Buch realisieren. auf mich übertrugen. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. und er genehmigte die unzensierte Fassung.

beschlossen wir. mich zu überreden. Im November war es dann soweit. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen. doch das hatte ich abgelehnt. Der 30. wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. im ersten Moment war ich sprachlos. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. die ich mir ausbedungen hatte. doch vergebens. daß ich Mielke informieren mußte. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. Mit dem Entschluß. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. Jenen unter ihnen. in dem Mielke behauptete. Mielke hatte noch versucht. es zu unterdrücken. Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach.Versuche behauptete. meinen Abgang in die Wege zu leiten. aber dann gewann der Humor die Überhand. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. lieferte ich endlich einen Anlaß. die mich gut kannten. Jahre später las ich ein Interview. Andrea zu heiraten. reinen Tisch zu machen. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier. Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. So blieb es nicht aus. er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen.

in der Familie und von Menschen. vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. sprach ich an diesem Abend über das Glück. Damals war Koni Soldat der Roten Armee. ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. auch im eigenen Land. den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. die unausweichlich bevorstanden. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu. dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. Der Aufklärer ist nicht dazu da. sagte ich. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren. für einen Standpunkt einzutreten. sind jetzt weniger blind gläubig.geblieben sein. Das. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. In vertraute Gesichter blickend. »Wir waren anfangs sehr gläubig. Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. manche auch vom Gegner. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. auch im eigenen Lager«. als ich am 27. Die Fähigkeit. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . Den roten Faden lieferte mir der Brief. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt.

»In einer Zeit. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt. das ich ihnen mitgeben wollte. daß ich ein Mensch bin. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten. Jeder Mensch hat das Bedürfnis. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß. Dünkel. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. nicht auszuschließen. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . Verzeiht. in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. das Persönliche aus meinem Credo.wurde. gebraucht und nicht benutzt zu werden. ist alles Dünkelhafte von Schaden«. Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. Doch stark geliebet auch.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt. wo einem keiner raten und helfen kann. Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. fuhr ich in meiner Rede fort. der in den Ruhestand geht. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters.

in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. mich fordernde. kurzum produktive und schöne Zeit. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren. was ich von Gorbatschow hielte. Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut. erregte das Buch Aufsehen. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß manchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. daß es ihn gebe.Weg unbeirrt zu Ende gehen.« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. Es war eine aufregende. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. das heißt. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. sagte ich. mit der imposanten Eiche am Eingangstor. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- . Auf die Frage. dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. Sie verharrte in einer Rechthaberei. ich sei froh. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZE- Prozesses kein gutes Ende nehmen konnte. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe.

n. daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme.Äußerungen. Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- .: George Fischer. l. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit. das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte. Umschlag der Troika von 1989 (v. r. Lothar Wloch.

Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. den keiner. zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. und ich antwortete stur. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen. ob das gerade jetzt sein müsse. Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. so sei es in der Tat. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv. Mielke fragte mich irritiert. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir. -437- . der dabei war. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. Keinen Monat später kam jener Tag. Am 18. Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. einen Haftbefehl. der ich doch Bürger der DDR war. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben.und klanglos von der politischen Bühne ab. jemals vergessen wird.

wurden die Pfiffe lauter. mitten im Zentrum. der noch keinen Namen hatte. die Widerspruch erregen mußten. -438- . fast euphorisch. um ihr Recht auf Meinungs. noch stand die Mauer. Da kamen die ersten Pfiffe. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. daß die Vergangenheit mich einholen würde. daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. Die Stimmung war gelöst. eine halbe Million Menschen. Christa Wolf umarmte mich. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. noch existierten Armee. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. die Schauspielerin Johanna Schall. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. Am 4. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. verschwieg aber nicht. ob ich bereit sei. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. Es hagelte Zwischenrufe. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. war mein Mund ausgetrocknet. andere drückten mir die Hand. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. Brechts Enkelin. Alle empfanden. Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. Staatssicherheit und Polizei. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg.und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. Als ich verlangte. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. Aber an diesem 4. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. Als die Reihe an mir war. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen. daß ein Umschwung bevorstand. auch solche Gedanken auszusprechen.

und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«. das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung. Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. -439- . einig Vaterland«. Am 4. niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. sondern der Ort der Wahrheit. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl. 11. vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen. daß die Tage der DDR gezählt waren. Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher.« Die Richtstatt. 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen. als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum.

Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. als bekannt wurde. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. -440- . Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken. Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. die aussteigen wollten. mein zweites Buch zu beginnen. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. Gespräche und Gedanken verarbeiten. Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden. Inge Viett und andere RAF-Mitglieder. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen. Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. verging kein Tag. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. weil er meinte. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte. vielleicht. in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte.

vorübergehend das Land zu verlassen. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. einzugreifen oder sich zu beschweren. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. aber keinen Grund sah. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. daß ich mich geweigert hätte. der KGB sei sehr froh. dem Tag der Vereinigung. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz. daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke. an den Außenminister und an Willy Brandt. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- . Nowikow. aber er fügte hinzu. Bewegte Monate folgten. erwiderte lächelnd. Woher sie das wußten. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. beschloß ich schweren Herzens. Am 3. zuerst in Österreich. dem ich sagte. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. die für sie zuständig waren. sagte er nicht. war nicht verabschiedet worden. das Land zu verlassen. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen. Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. in denen ich klarstellte. Oktober 1990. sei Grund genug. Neueste Enthüllungen deuteten an. wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. fügte ich hinzu. Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. Anatolij G. darunter Walter Janka. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen. der Leiter der Berliner KGB- Niederlassung. hatte ich nicht die Absicht.und die Offiziere der Abteilung XXII. sondern gescheitert. das den Mitarbeitern der DDR- Nachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. dann in der Sowjetunion.

Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden. Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich. Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada.Codewort an den KGB wenden könne. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo. konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. falls ich in Schwierigkeiten geriete. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- .

Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. aber erleichtert. Der Weg nach Israel war uns versperrt. und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort. mit dem wir zu tun hatten. die Stimmung war jedoch gespannt. ohne eine Antwort zu erhalten. doch niemand. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau. trafen wir dort ein. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht. Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen. wie wir feststellten. als wir in Wien nachfragten. kam auf die Idee. Erschöpft. daß sein -443- . Meinem Gastgeber war es peinlich.

Mit Andrea Wolf. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. doch komfortabel genug. nun Vorsitzender des KGB. Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. die gebot. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ. daß Freunde im KGB. alte und neue Freunde. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. So kam es. Als seltsam empfand ich es. die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten.Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte. daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab. Wir trafen die Familie meiner Schwester. bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . mir Asyl zu gewähren. daß Wladimir Krjutschkow. sondern einfach schwiegen. Sehr schnell mußte ich erkennen.

ein typischer Verwaltungsmensch. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. hörte sich jedoch freundlich an. um danach zu entscheiden. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir. was hier los ist. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren. Du warst uns immer ein treuer Freund. du siehst selbst. Er war mir zu schmalspurig. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen. Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. Er wirkte erschöpft und überanstrengt. Allein -445- . Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. aber wir können im Augenblick nichts für dich tun. was ich ihm mitteilte. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben.aus erster Ehe. daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. Gorbatschows Protege.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden. die ihm mitteilte. Wer hätte gedacht.

wo der Bundesanwalt. und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. Um diesem Rummel ein Ende zu machen. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete. war ihm vom Gesicht abzulesen. daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain. Der Triumph. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte. Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. mich schon erwartete.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- . daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. Am 24. meiner endlich habhaft zu werden. daß ich mich in Wien aufhielt. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit.

Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. allerdings eine seltsame. Jemanden. Admiral Elmar Schmähling. das hat eine Logik. zu vernehmen. (…) Ihn jetzt (…) allein. des Landesverrats zu bezichtigen. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen. der ehemalige Präsident des BND. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich. Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen. der für die DDR spionierte. Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. das ist schwer zu verstehen. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten. Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. so hatte er gesagt. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. Heribert Hellenbroich. weil der Zugriff möglich ist.

mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. die man als Agenten bezeichnen kann. Deshalb bemühten sie sich. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel.und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. sondern als Menschen.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. Während meines Prozesses war Rainer Rupp. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten. der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte. daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm. Dazu hatte ich erklärt. einer guten Sache zu -448- . Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt. Später erfuhr ich. enttarnt und verhaftet worden. denen es gelungen war. Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. die Informationen zu entschlüsseln. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren. eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte.

Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. Dezember 1993 anberaumt worden. der mir in dieser Zeit nahekam. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. gab er bekannt. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. November 1989 unterhielten. Gemeinsam entwickelten wir Projekte. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. den 6. Ein Freund. daß dieser junge Mann trotz allem. stellte ich fest. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. Ich war des Landesverrats angeklagt. und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. war Karl Winkler. was er durchgemacht hatte. sondern ein offener. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten. die wir später verwirklichen wollten. Als wir uns nach dem 4.dienen. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war. sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren.

die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte. Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte. Rechenschaft über das abzulegen. Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner.Revision. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann. daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können. -450- . und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. Der Gerichtssaal war nicht der Ort. half mir die Lähmung überwinden. was wir uns vorzuwerfen haben mochten.

Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. wahrten sie ihre Haltung und Würde. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden. doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. Beide stammten aus Nürnberg. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden. Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb. 18. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war. Auf dem Weg dazu. Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten. Ich sah Frauen und Männer wieder. Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte. Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert.

Er sagte. wollten sie einen Verlag gründen. sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes. wenn es galt. in die CDU einzutreten. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. um westliche Verbindungen zu nutzen. mit ihm leichtes Spiel zu haben. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war. bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. der andere als Flak- Offizier –. er wolle der DDR gern helfen. gerechten Gesellschaft entwickelte. Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm.Stirn. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. und forderten ihn auf. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln. Porst wollte sich mit einem -452- . warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. Böhm ging in den Osten. aber er sei keine Marionette. obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. glaubten sie. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte.

kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. was er vorbrachte. beharrte er auf der Meinung. mit denen unser Land zu kämpfen hatte. nicht ohne Humor. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte. als es um Presse und Medien der DDR ging. von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück. wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten.und kapitalistischer Marktwirtschaft. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif. Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- . Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle. Vielem. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll. Es war ein Vergnügen. Der gleiche Jahrgang wie ich.und Nachteile sozialistischer Plan. Er war von kleiner Statur. daß die DDR selbst schuld sei. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft. gutgeschnittene Anzüge. auf Gedanken einzugehen. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten.« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven. Vor. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. mußte ich recht geben.

Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe. die ihm als Unternehmer näherstand. Eigentlich war so etwas nicht möglich. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. Thomas Dehler und Karl. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen. an der sein Herz zu hängen schien.wertvoller. Offenkundig glaubte er. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. Er war nicht in die CDU eingetreten. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. sondern in die FDP. so sein Deckname. Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. kann man daraus ersehen. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. daß er. Politiker wie Erich Mende. Optik. daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. Walter Scheel. Um den Kontakt optimal zu halten. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte. nachdem er in die FDP eingetreten war. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an. die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen. schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. ihn so beeinflußt zu haben. Wie Porst seinen politischen Standort definierte. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- . Er fand es auch selbstverständlich.

Für uns galt allerdings das gleiche. Daran muß ich denken. Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. dann muß seine Verhaftung. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunk- und Fernsehbeilage. hielt ich ihn für einen Hasardeur. unter starken Einbußen. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. ein unsanftes Erwachen gewesen sein. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. litt das Versandgeschäft. doch als er 1967 verhaftet wurde. Falls das so war. ihre Kredite zu sperren. Banken drohten. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet. Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. Es funktionierte. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. Als wir uns in Budapest trafen. der Kern seines Unternehmens. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark.

Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter. Und zwar mit meiner Meinung. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. so utopisch erschien sie mir. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. Verantwortung und Initiative des einzelnen. daß die Bundesrepublik ein Land ist. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Ich glaube immer noch. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand. Der wahre Grund für die neun -456- . in dem auch Gedanken. gedacht werden dürfen. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs. Ich nehme mir die Freiheit nach links. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte. da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause. Auch konnte ich nicht glauben. Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. die von den offiziellen Normen abweichen. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. So faszinierend die Idee war.« William Borm war einer der interessantesten Menschen. Vier Jahre später.

Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. Ich war neugierig geworden und beschloß. Sir William. Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. die ihn in Bautzen besucht hatten. Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. hochgewachsener Mann. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen. 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDP- Landesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. was man dort unter einem »Herrn« versteht. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. der Beiname. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren. Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. Im Gespräch erklärte er sich bereit. Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen. daß man Borm verdächtigte.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP. Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern.

Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht. das gleichberechtigte Geben und Nehmen.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende. Für Bonn aber war es noch früh. Brandt davon zu überzeugen. wußte -458- . von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen. Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. nachdem es ihm gelungen war. so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. Das zeugte von seinem guten Gespür.Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der West- Berliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. die uns halfen. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt.

In seinem Denken war er jung und radikal. Brüderlichkeit und Dienen. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. -459- . Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht. Ein Satz. Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. den er häufig äußerte. und statt dessen für Opportunismus. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. Es war das Freimaurertum. Das beschäftigte ihn bis zuletzt. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen.ich.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. Nie wieder sollte es geschehen. stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. »Ist es schon Mut. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt. daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. sondern als Gleichgesinnter. die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief.

daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann. daß er gerade solche Karrieristen förderte. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. mit der er seine Parteikollegen charakterisierte. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. Mit Sorge beobachtete er. Genscher hielt er für einen Macher. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. Die Geister. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. zeigt sich auch in der Offenheit. Hinzu kam. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. die er gerufen hatte. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. schätzte aber selbst nüchtern ein. Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging. An Genscher störte ihn. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . Das war sein Ende als Parteipolitiker. Er tadelte Genschers Bereitschaft. wozu ich ihn ermuntert hatte.

Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt.Bundesrepublik. Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- . saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt.

« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte. Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. die Fäden zu durchtrennen. der die Gedanken anderer respektierte. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. galt viel. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist. Gabriele Gast gehört zu jenen. ein echter Deutscher. als äußeres Zeichen. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat. Er war der erste Politiker aus dem Westen. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten. Er hat Konflikte nicht gescheut. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen. so wie ich ihn kennengelernt habe. getan haben. so unbequem es auch oft war. auch um den Preis der eigenen Freiheit. wo es ihm geboten schien. als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. seine Mühen verstanden wurden. der Liberalen Demokraten.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen. Sein Wort. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. William Borm war. Er hat stets Opfer gebracht. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien. die mich mit Jahrzehnten -462- . die es mir besonders schwer machten. daß sein Einsatz. Nach seinem Tod am 2. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. seine grundlegenden Werte zu verteidigen. der Aussöhnung gerade da.

Beide waren kluge Männer. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. die sich nicht nur durch Geduld. die zu der ihren wurde. Diese Frau war ein weißer Rabe. ohne daß man zu große Gefahren einging. als dies noch möglich war. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. die Kardinaltugend des Aufklärers.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft. die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen. daß er in ein Heim abgeschoben wurde. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. die für eine gute Sache eintrat. Die Mitarbeiter meines Dienstes. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. weil sie nicht wollte. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig. habe ich immer wieder festgestellt. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. für ein edles Ideal. ausze ichneten. wenn sie noch lebten. könnten mehr dazu sagen. sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. die sich für unseren Dienst engagierten. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. weil es ihre Sensibilität. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. -463- . Lange Zeit war es ihre Aufgabe. von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt.

Ihre Arbeit für uns war hervorragend. Die Analysen. Ich weiß. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. dem bekannten Osteuropaspezialisten. fand ich es ratsam. das Material entgegennahm. der in München. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. die richtige Wertung zu haben. zu ihrem ständigen Betreuer. Wenn wir Originaldokumente benötigten. Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. Anfangs fand die Übergabe statt. daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben. besuchte sie erstmals die DDR. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte. fertigte sie Mikrofilmkopien an. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. um dort zu recherchieren. mich Mitte -464- . zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. die sie in Toiletten- oder Kosmetikartikeln versteckte. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. doch das war zu riskant und zu umständlich. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. die sie für uns verfaßte. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. das uns erlaubte. Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. und deshalb übernahm dies ein Kurier. die von München in den Osten fuhren.

um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. doch je länger wir uns unterhielten. Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. war sie vom Dauerstreß der Konspiration. Probleme waren daraus erwachsen. deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte. daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen. Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt. -465- . Als wir uns einmal über den Nürnberger Kriegsverbrecher- Prozeß unterhalten hatten.

Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. waren bereits vernichtet worden. wie wichtig es ihr war. so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte. Wie sich herausstellen sollte. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. Meine anfänglichen Befürchtungen. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren.immer marginaler geworden war. Alle Unterlagen. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . hatte ich zu Unrecht gehegt. Es war eine Begegnung. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte. läßt sich daraus ablesen. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. mit dem. sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern. vor allem nach dem Tod Andropows. Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt. daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. daß sie andere denunzierten. was sie für uns tat. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. sie wolle sich zurückziehen. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. daß sie 1986 beauftragt wurde. Aber das war ein Irrtum. die mit ihr zu tun hatten. Sie prognostizierte. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. etwas Sinnvolles zu leisten.

was sie in den Haftjahren gequält hatte. Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß. und wir vereinbarten. was uns bewegte. als sie begriff. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. ihres »Karliceks«. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. Daß ihr Auftritt als Zeugin. um ausführlicher über alles zu sprechen. Ende März besuchte sie mich. merkte man an ihrer Anspannung. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. daß -467- . die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. weil er mitangehört hatte. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht. Das Verhalten Karl- Heinz Schmidts. die aus der Haft vorgeführt wurde. Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. sie nervlich belastete. Mitte der 80er Jahre. daß genau das eingetreten war. der vor Gericht ganz anders hieß. hätten freigeben sollen. an das ich nicht mehr glauben konnte. Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt.verwandt) tat sich dabei besonders hervor. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. ob ich sie damals. uns sobald wie möglich zu treffe n. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten.

obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe. was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft. daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden.unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen. Wahrheiten können nicht nur hilfreich. sondern ebenso schmerzhaft sein. -468- . Daß nicht verlorengeht. Deshalb möchte ich daran glauben.

Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen. dem wir dienten. worauf es ankommt.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das.und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten. dem Bonner Botschafter der DDR. Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. dem Charakter einer Gesellschaft. (…) Das. die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-Pakt- Staaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- . was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. weiß man sowieso. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. 19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. Im Gespräch mit Michael Kohl. hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. wird mich verfolgen. schreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet.

Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen.west-östlichen Diwan gelegt. daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. anleiten.« Eine eigene Eintragung. ohne Geheimdienst auskommen zu können. Regenschirmspitzen vergiftet. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam.« -470- . Jahrestag der DDR geschrieben. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. 1974 nach den Feiern zum 25. Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei. einander das Leben zu erschweren. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. Keine Nation der Welt glaubt. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. Staat und Wirtschaft messen.

10. 1974 (Transkription im Anhang) -471- .Tagebucheintrag vom 16.

wo ihre Warnungen in den -472- . Tagebucheintrag vom 17. 1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort. 10. wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen.

In der Politik fällt die Entscheidung. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- . mit einer Handbewegung vom Tisch fegte. dem er eng verbunden war. die Rote Kapelle in Berlin. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit. Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut. falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen.Archiven verstauben. Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. Sorge in Tokio. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart. Leopold Trepper in Frankreich. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach. bevor sie starben. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten.

zumindest als sinnloses Spiel erscheinen. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. und sie bekam keine guten Noten. Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. die das Werk auf mich ausübte. ihr Tun unmoralisch. auch in der US-Öffentlichkeit. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen. Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. sie durften nicht umsonst gewesen sein. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. -474- . Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich. nein. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. blieb Widerspruch in mir zurück. Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. Aber Opfer und Entbehrungen.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen. weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. Trotz der Faszination. Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal.

Dennoch glaube ich. dann drängt sich der Verdacht auf. in die man eindringen will. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. Technisch kann man nur den Ist- Zustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen. solange diese Dienste existieren. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen. sondern von den eigenen Führungsqualitäten. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht. Geheime Pläne. daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. vermag diese Barriere nicht -475- . Aber es ist so. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. Selbst ein auf wenige. Bürgerrechte zu schützen. Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte. Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. Vielleicht steht es nicht gerade mir zu. zu gewinnen und aufzubauen. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. nie ganz zu ersetzen sein wird. streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß. sie aufzublasen. darauf hinzuweisen.

Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar. von sich aus darauf zu verzichten. die er ihnen selbst geliefert hatte. heißt es. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß. ist allgemein bekannt. dessen Zeugen wir gerade wurden. diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln. »tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. Überhaup t ist es kaum zu fassen. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen.zu überwinden. um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. Vor allem in Deutschland. mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben. eigentlich dagegen. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Regierungen sind niemals bereit. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. nur hat sich der -476- .

Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung.und Industriespionage keine neue Entdeckung. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. hat offen ausgesprochen. die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. den naheliegenden Schluß zu ziehen. um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren.und ausgebaut. so entsprechen die bisherige -477- . daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends. Allerdings versäumen diese Experten. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen. daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. Im übrigen ist die Wirtschafts. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates. sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste. CIA-Direktor unter Präsident Bush. Aber es gibt noch andere Gebiete. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte. Was die Atommafia betrifft. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete Lawandorder- Denken verleitet diese nur zu oft dazu. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionage- und Sicherheitsdienste auf. auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten.

die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen. dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen. in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern. Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. wo es bisher ausgeklammert blieb. Admiral Schmähling. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. muß gefragt werden. als Utopie abgetan wird. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden. aber das -478- . Dem möchte ich hinzufügen. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. unsere Welt brauche Utopien. Dieser Kampf ist kein Spie l. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. signalisieren die latente Gefahr. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt. der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kern- und Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen.Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen.

ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs. besonders durch den Staat. -479- . Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande.Endspiel verloren hat.

gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. noch so gering gewesen sein. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen.« Wenn ich nach allem. sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen. was meiner Familie und mir teuer war. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. Wir haben Spuren hinterlassen. wahrscheinlich zu hoher Anspruch. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt. Aber ich halte an den Werten fest. Es war ein hoher. meiner Familie. Epilog Das Schlußwort. die mir erst später bewußt wurden. daß ich nichts verraten habe. mit gutem Gewissen sage. bedeutet dies. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt. er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs. sondern das Leben in Kriegszeiten. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm. wir haben aber nicht umsonst gelebt. war kein Verrat an Deutschland. die -480- . und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. mit denen wir die Welt verändern wollten. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften. die meinen Lebensweg begleitet haben. vieles haben wir falsch gemacht. was hinter mir liegt. die meinen Vorbildern. Habe ich etwas von den Werten verraten. auch Wunden und schmerzende Narben. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum.

in dem System. Mangelnde Courage. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. auf Veränderungen von oben. Es war vielmehr der Zweifel. daß wir uns -481- . auf sich nehmen zu müssen. tun müssen. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. vor allem in Moskau. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. was mich lahmte. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. konsequenter hätte tun können. nahm ich an der Macht teil. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. wie diese Führung jeden Meinungsstreit. die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. Verantwortung für ihren Mißbrauch. Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach. ohne zu begreifen. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können.Wurzeln des Nationalsozialismus. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. war es nicht. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. wie es beschaffen war. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer. meine Meinung zu vertreten. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat. auch durch andere. Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. mutiger. was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher.

um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen. an einer Gesellschaft mitzuwirken. Das ist meine feste Überzeugung. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- . Ihm galten auch meine Hoffnungen. so. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten.selbst die Hände banden. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied. wie es meine Überzeugung ist. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. doch nicht sehr lange. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. was von den Mühen. den Ideen treu zu folgen. Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. Was bleibt von unseren Idealen. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. Wir sind gescheitert – aber nicht. dem bedingungslosen Gehorsam. das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. sondern zuwenig. zu einer Zeit. wir glaubten. und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen. indem wir alles Handeln delegierten. Die Zeit war abgelaufen. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System.

nicht zu lösen vermag. Manchmal werde ich gefragt. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . vor denen die Menschheit steht. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. das dadurch charakterisiert werden kann. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. sondern immer neue und größere Probleme erzeugt. Sie wirkt weniger vordergründig. Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt. als sie halten konnte. ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger Gewalt aus als die Macht des Staates. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter. kann ich darauf nur erwidern. So richtig das ist. Viele müssen erkennen. ist aber nicht weniger brutal. und sie rührt daher. welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann.Westens mehr versprochen. Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. Man mag einwenden. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht. in dem sie verlorengehen. daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik.

ein Modell des Sozialismus. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Karl – bis morgen. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen. Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. als sich eine eigene Meinung zu bilden. -484- . das müssen sie selbst prüfen und herausfinden. sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen.wichtiger. selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Ich weiß nicht. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. ist gescheitert. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen. doch meine Ideale habe ich nicht verloren. Karl. Sie hatten recht. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. in der Freiheit. Der kalte Krieg ist zu Ende. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. diese Meinung auch zu vertreten. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. was Jean Ziegler sagte. Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

Aune Renk und Craig R. Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. die Endfassung Anfang 1997. Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. Whitney. Für Rat. Berlin. Jürgen Jessel. Klaus Eichner. Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet. Kai Hermann. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea. im März 1997 -486- .und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau.

und vom 16. u. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist. a. Wischnewski. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. H. »Wir ziehen ja an einem Strang. u. mit Schmidt.W. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist. daß auch Brandt eine Einladung besitzt). Brandt. mit Zeitungsausschnitten. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. Eskalation.« Es wird berichtet. auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht.I. Ich habe ihm versprochen. bedankte er sich für die Grüße E. Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. ja vielleicht schon brodelt. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum. seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen. Frisch von der Krisensitzung am 13.: »Sing anders. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU. daß sie sich anbahnt. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt. -487- . für die nur Wischnewski eintrat. Parteibuchs. Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. Es ging auch um die Einladung L.a. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. für unzurechnungsfähig zu erklären). Bahr und Apel im BKA kommend.a. in Vorbereitung der Mittagreise. wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden. Sachse«. H. Seit heute weiß ich.s.4. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief. 3.

Materialwalze auf Dauer mithalten könne. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. gab dann noch Empfehlungen für G. Eintrag vom 24. – sein liebstes Geschenk.W.« Später wurden Genscher.a.« Sorge. Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen.10. zum 75. wie er sich da heraus windet. vorgesehenen Austausch vo n G. Dieser glaube noch. daß er aufhören muß. H. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt. Verheugen hinzugezogen. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch. Ob u.H.. Bestätigt den für Sept. »Je eher. Lambsdorff. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. 35 mit der Außenpolitik Genschers. Mischnik u. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung. die UdSSR könne die DDR opfern. da ist alles drin. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr.« -488- . die im argen liegen. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. u. desto besser. Guillaume. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E. ob die UdSSR mit der amerik. mit dem operiert werden soll. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. Besuch von RA Vo gel bei H. Polen – gefährlicher »Ermunterungssog.H. »Sagen sie meinem Jugendfreund. Mittag. 8. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben.

die an Gott glauben. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- . Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. sei es besser. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski. die in jener totalitären Finsternis leben – beten. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. »Es geht nicht ohne innere Gewalt. Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. März 1983 Mit Herbert Wehner. ein interessantes Leben unserer Zeit. eigentlich immer ein Einzelgänger. daß sie die Freude entdecken. seiner Politik. Als ob von Brandt. Eintrag vom 8. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert. Reagan am 8. Vogel abgelöst wird. Gott zu kennen. 3.« Eintrag vom 27.) auf das Schreiben Walter U. Es ist eine halbe Minute vor 12. Choleriker. sich selbst zu zerfleischen. tot als rot zu sein. leider.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten. Sein Leben voller jäher Wendungen. 2. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. Februar 1969 Es ist erstaunlich. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab. Für alle.« Absolute Ablehnung Reagans u. So hat die Antwort Brandts (ND 27. der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H.-J. bereit andere u.

etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt. Er war es seit eh und je. Eintrag vom 25. H. schade. Nixon in Westberlin. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n]. Eintrag vom 6.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar. April 1974 Großer Mist: »Hansen«. Schade. sonst nicht. Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt. man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug.s. »Heinze« – sind verhaftet. als ein Tropfen genügte. Mai 1974 Es schien kurze Zeit. schade. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. Ausschlaggebend war die Annahme. Max Christiansen-Clausen 70. Politisch völlig unpassend.charakterisiert wird. Trotz aller Überlegungen u. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung. Das ging auf den Magen. Doch der Schein trügte. der -490- . um das Faß zum Überlaufen zu bringen. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. Das Letztere scheint der Fall zu sein. Die SED solle sich darauf einstellen. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar. und die Regierungs. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus.

in dem herumgestochert wurde.a. ehem. BfV-Chef Nollau u. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten. Daher die echte Resignation. aber ein ganz Großer war er nicht. Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. Eintrag vom 7. passiert dieser Unfall. als seinen Gefährten zuzuschreiben. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. liefern das Geschoß. weiß er. mit dem man manches machen konnte. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. betätigen wir den Abzug. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag. Ein Mann. Er wird in die Geschichte eingehen. BKA-Min. mit dem Kalkül. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. Warum auch? -491- . u. in einigem Sympathie entgegenbringen. jetzt. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. und 8. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. Brandt tritt zurück.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. Er glaubte tatsächlich. Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg. Ein Gerücht jagte das andere. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. und das wußte u. Den hat er allerdings weniger uns. auch unser Günter Guillaume. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e]. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird.

Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei. Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- . das die NATO produziert. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. Eintrag vom 16. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. anleiten. Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. kontrollieren. Wirtschaft messen. In der PB-Sitzung wurde von E. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. H. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. mit Stempeln Geheim u. Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. Staat. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. und 17. wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben.

operative geheime Sammlung von Informationen. auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion. Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson. auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung. Politik. Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In. auch V- Mann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität. um Medien. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- . Dokumenten.und Ausland.

der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes. Buchstaben oder Zahlenkombinationen. Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- .oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter. der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code .

Inoffizieller Mitarbeiter. um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten. operative glaubwürdiger Vorwand. unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent. Ermittlungen vorzunehmen. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- . geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende.

die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient. auch technisches Gerät zu diesem Zweck.oder Operationsstützpunkt. auch Geld.oder Materialdepot Subversion -496- . Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-. wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw. illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw. geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person. Funk. Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission.

B. militärische Einrichtung. z. Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- . Behörde. Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland. auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung.