Markus Wolf

Spionagechef im geheimen Krieg

Erinnerungen

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Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2 Original: The Man Without a Face 1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt
Einleitung ............................................................................. 4 Prolog................................................................................... 7 1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25 2 Der Einstieg..................................................................... 45 3 Learning by doing ........................................................... 64 4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99 5 Die Betonlösung............................................................ 123 6 Spionage aus Liebe........................................................ 144 7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156 8 Herbert Wehner............................................................. 190 9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215 10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229 11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258 12 Das Gift des Verrats .................................................... 290 13 Ein neues 1914? .......................................................... 316 14 Aktive Massnahmen.................................................... 341 15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356 16. Der ferne Kontinent.................................................... 382 17 Der Ausstieg................................................................ 418 18. Der menschliche Faktor ............................................. 451 19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469 Epilog............................................................................... 480 Danksagung...................................................................... 486 Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487 Glossar.............................................................................. 493

Einleitung
Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit hohen Erwartungen der Leser rechnen. Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines JamesBond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden, und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und weitgehend unbemerkt ab. Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre wahre Bedeutung. Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse. Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier, sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe
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ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne, in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem Glossar erläutert. Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das »Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht leicht. Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen? Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir. Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht. Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
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versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von den Gewinnern verfaßt werden darf. Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen. Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

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Prolog
Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte, alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich gefaßt – keiner außer mir. In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als »Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt? Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen mich war gewiß kein Zufall. Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie
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ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung in Saal A 01. Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer Geisel des historischen Geschehens wieder. Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige Bundesrepublik gefesselt gewesen. Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr 1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und Ruhe gesucht. In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der 30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück. Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das Denken an.
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Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert. Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig, ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten, und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße Überleben bangen. Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin, der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert. Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer
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und wacher Gesprächspartner gezeigt. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte. Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse. Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. dennoch beschloß ich. nach Berlin zurückzukehren. war in Haft. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme. Erich Mielke. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab. Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990.und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung. mein langjähriger Vorgesetzter. welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. -10- . und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab. nicht für möglich halten.

Anfang Mai 1990. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen. sofern er seine Quellen verraten wollte. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen. er wollte mit mir lediglich beraten. Werner Großmann und Bernd Fischer. müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden. Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. dem südöstlichen Vorort Berlins. ein Herr Werthebach. Das erste Angebot war eine Überraschung. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe. daß Schäubles Emissär. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. an und fragte. und Schäuble werde ungeduldig. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit. Meine Nachfolger im Dienst. der Preis der Freiheit. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. rief mich Peter-Michael Diestel. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam. sich einer Lebens. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen.und Sinnkrise zu stellen. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten. Mein Gesprächspartner erläuterte. der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. Bonn stehe unter Druck. Meinem Schwiegersohn. Es bestand kein Zweifel. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte. Damals.Dafür wurde ein hoher Preis geboten. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. hatten mich darüber informiert. Ich wußte zwar. der Innenminister der Regierung de Maiziere. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei.

« Sicher hatte er recht.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen. Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes. ist die. steigen Sie einfach in meinen Wagen. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. habe freies Geleit zugesagt. und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen. da ich zu jedem Gespräch bereit war. hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. das mir die geringste Chance bot. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand. die uns noch verbleibt. als daß ich sie hätte glauben können. daß ich mit meinen -12- . niemanden. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. »Sie wissen so gut wie ich. Der Unterschied zwischen uns war nur. Die einzige Möglichkeit. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an. des Tauziehens ebenfalls überdrüssig. »Herr Wolf«. etwas für meine Leute zu tun. wir würden ungehindert zurückkommen.« Boeden. Zu guter Letzt vereinbarten wir. mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. zu verraten. sagte er.

Er sagte. Der Ältere. daß sie auf den Gedanken -13- . die sie in Filmen gesehen hatte. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. Es gefiel mir. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. der nichts unversucht ließ. stellte sich als Mr. untadelig gekleidet. Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. Andrea fühlte sich an marines erinnert. Meine Besucher erklärten. baten sie höflich um Einlaß. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. »Ein typischer Bürokrat«. Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre. Er sprach formvollendet gutes Deutsch.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. des damaligen Direktors der CIA. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. flüsterte mir meine Frau Andrea zu. Man gab mir noch zu bedenken. vor. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden. Auf meine scherzhafte Frage. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen.

fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- . daß Sie überzeugter Kommunist sind. froh.« Beide lachten. »Kalifornien«. sicher sind Sie nicht nur gekommen. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. mich im Wald aufzusuchen. Was für ein seltsames Gefühl. Niemand würde davon erfahren. »Gentlemen. »Wir wissen. nicht hinterm Berg. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an. Sie wissen. daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte. uns zu beraten oder uns zu helfen. Unüberhörbar ließ er durchblicken. dachte ich.« Das war es. war nicht schwer zu erraten. daß wir solche Dinge arrangieren können. sagte er. von dem Drumherumreden befreit zu sein. fernab neugieriger Blicke. um mir Komplimente zu machen. Dann verlor ich die Geduld. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit. daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken.verfallen waren. Hathaway senkte die Stimme. Wenn Sie jedoch bereit wären. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. signalisierte mein Gehirn. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. Erst kommt das Zuckerbrot. »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«.

»in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung.« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. Ich reagierte nicht. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. Auf meine Frage nach der Gegenleistung. Man kann über vieles reden. die man von mir erwartete. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden. In solchen Fällen ist Geduld das beste. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben. Oberst Jürgen Rogalla. Ich weiß. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. »Meine Herren«. Offenbar glaubte er. »Wissen Sie«. was Sie bezwecken. Allerdings wußte ich. scherzte ich. Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. Wir lachten. doch damit kann ich nicht dienen. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun. erwiderte ich.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- . eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können. sagte ich.« Das war noch die höflichste Form. »ist sehr schön. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes. sagte Hathaway. erklärte ich.« »Sibirien ist auch nicht übel«.fort. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. »wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht.

doch wenigstens kennenlernen. die mit mir gearbeitet haben. sagte ich geduldig. »Vergessen Sie nicht. Namen meiner Agenten sind tabu. lenkte Hathaway ein. »So etwas könnten Sie verlangen.« »Es gibt für mich eine Grenze«. erwiderte ich. wiederholte er stur. als hätte ich nicht selbst gewußt. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. um mit Ihnen zu sprechen. sagte Hathaway. -16- . es gibt auch noch Rußland«. So verhält es sich aber nicht. was mir drohte. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. doch nicht um den Preis. mein Gesicht zu verlieren. Wenn ich mich nicht täusche. Kommen Sie in ein Land. muß ich das Land. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten. wo Sie Ihr Leben genießen können.« Zweifellos war die Vorstellung. dann laden Sie mich doch in die USA ein. warf Hathaway ein. wo es um den Verrat an Menschen geht. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. Denken Sie an Ihre Familie. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. »und zwar da. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle. »Sie müssen uns helfen«.« »Gewiß.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll. nicht umgekehrt. gewiß«. fuhr ich fort.haben. obwohl ich innerlich kochte. »Gehen Sie nicht nach Moskau«. Sie sind auf mich zugetreten. was ich einzubringen gedächte. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können. »Das Leben ist dort sehr hart. jetzt an Andrea gewandt.

« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. Längst hatte ich begriffen. daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. Um sicherzugehen. so gut informiert. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. darunter etliche in den Apparaten selbst. »wir sind hier. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. nicht nur in Bonn.Also beharrte ich auf dem Vorschlag. daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren. Im stillen mußte ich denken. dem sowjetischen Nachrichtendienst. speziell der Äußeren Abwehr. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. sagte Hathaway leise und bedächtig. fand keinen Anklang. Auch meine Idee. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können. weil wir annehmen. weiß ich nicht. ohne jemanden verraten zu müssen. habe ich recht?« »Herr Wolf«. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. Er schätzte meinen -17- . was mit meinen Beziehungen zum KGB. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten. Hathaway schüttelte den Kopf. Hartnäckig wiederholte er. Von Quoten war die Rede. auch anderswo. sondern vermute es nur. zu tun hatte. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten. Gordjewskij und Popow an. Er hat großen Schaden angerichtet. Eine ziemlich lange Pause trat ein. sondern an etwas.

daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. General Kirejew.russischen Kollegen. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. mir diesen Einblick zu gewähren. schlug Hathaway vor. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. Nun trat auch »Charles« in Aktion. Das Äußerste wäre eine Andeutung. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- . von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte. auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. »Charles« warf noch einen Haken aus. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. den US-Diplomaten. beide versuchten. Und dem war auch so. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. den Leiter der Äußeren Abwehr. den die CIA mit Argwohn betrachtete. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben. daß um Mitternacht zum 3. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes.

Wollten wir in die USA. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis.Haftbefehl zu vollstrecken. bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. Hathaway am 26. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. Doch das behielten wir für uns. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. vom selben Flughafen Tempelhof. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. nach Amerika zu starten. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen. war nicht ohne einen gewissen Reiz. sofern ich bereit sei. -19- . Meine Ausschleusung wäre kein Problem. Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. Obwohl Mr. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. So dramatisch diese Vorschläge klangen. sofern ich mich bereit erklären sollte. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand.

-20- . der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes. sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA.Erst später erfuhr ich. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte. dafür 2. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. Gardner A. welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte. Hathaway gehörte zu den wenigen.7 Millionen Dollar erhalten zu haben. Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete. Mein Besucher. Hathaway. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten. die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. Es war Aldrich Ames.

so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig. an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. dessen war ich -21- . Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. Aber ich hatte kein Verlangen. Wie konnte es der CIA passieren. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken. es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten.Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten. mit denen ich in nähere Beziehung kam. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. was nicht sein darf«. daß er zu wenig kreativ veranlagt war. Man könnte jetzt meinen. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. demzufolge »nicht sein kann. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte.und Abwehrmann mit Respekt. Mein Eindruck. was in diesem Fall fatale Folgen hatte. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. Deutschland zu verlassen. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte. wurde mir später von einigen seiner Kollegen. lag wohl daran. bestätigt. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb.

In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. noch Deutsche etwas wußten. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen. Und sie kam aus Israel.mir gewiß. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet. ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels. Es gab noch eine weitere Option. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. wolle mich kennenlernen. erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat. Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. Doch dazu sollte es nicht kommen. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. doch das war ich nie. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem. Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. aber ich habe jüdische Vorfahren. -22- . von der weder Amerikaner noch Russen. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen.

sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen. er habe als Offizier in der Armee gedient.und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. Die jüdische Herkunft interessierte ihn. weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. -23- . In Israel. ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. Sein Bart. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. Doch im übrigen war der Rabbi. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn. Wir telefonierten regelmäßig.« Mir war sofort klar. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig. Weinman erzählte mir. erfuhr ich. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen. daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. unkompliziert und kontaktfreudig. das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam. der meine Träume abrupt beendete. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen. ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus.

in Israel war ich unerwünscht. war plötzlich nicht mehr zu erreichen. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah.Die Redakteurin der Zeitung. -24- . wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte. solange es irgendeinen anderen Weg gab. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln. Wohin sollte ich fliehen. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht. und die Zeit wurde immer knapper. Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend. und nach Moskau wollte ich nicht. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. mich hinter Gitter zu bringen.

Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin. meine Mutter. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. das ist der Kartätschenprinz. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. utopisch getönte Weltanschauung. sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche.1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen. Uns Kindern erklärte er später. den Fürsten zu Wied besuchte. ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. das ist kein Heldenkaiser. indem sie einen Juden heiratete. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. die verriet. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke. dann ist der -25- . Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. der Vater in Neuwied. Er erinnerte sich gut daran. daß er Rabbiner geworden wäre. Seine Eltern hätten gern gesehen. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. Und als Wilhelm II. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. und das Todesjahr Wilhelms I. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll.« Else Wolf. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant.

Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt. Moritz Meyer. der galoppierenden Inflation. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. und meine Eltern mußten froh sein. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld. Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter.Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. in der Familie das»Öhmchen« genannt. ist kein geringer Beweis der Liebe beider. Die Erinnerung an meine frühe Kindheit. -26- . die sie am stärksten charakterisierte. an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen. Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. Es war die Zeit der totalen Geldentwertung. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr. er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors.

verurteilt wurde. die ihn in ganz Deutschland bekannt machten. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. -27- . als er für sein Stück Zyankali. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. Erschöpfung war ein Wort. eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr. in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. war von Anfang an ein großer Erfolg.Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. Vorträge zu sozialen. in eine richtige Großstadt. wo wir ein modernes Haus bewohnten. Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft. nach Stuttgart umzuziehen. das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. medizinischen und politischen Fragen zu halten.

die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien. An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau. sobald er erst groß war. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen. was unsere Eltern erzählten. traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. und so wurde ich junger Pionier.1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. Damals erfuhr ich zum erstenmal. und mein Bruder nahm sich vor. genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem. einen ganzen Ochsen aufzuessen. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- .

kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. ich käme auf den Heuberg. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. um Haussuchungen durchzuführen. Um diese Zeit. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. es war Passahzeit. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen. und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. Mir drohte man. Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. wo Vater sich aufhielt. und von dort ging es nach Frankreich. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze. mußten wir uns verstecken. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . falls ich nicht verriet. überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan.verfolgt wurden. und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. und es dauerte nicht lange. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter. die uns das Gesicht verziehen ließen.

Wurst und Sauerkraut«. kislaja kapusta!« – »Deutscher. Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen. erzählte mir ein Arzt. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. perez. -30- . Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. der Mutter lange Hosen abzubetteln. mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten. gefunden und eingerichtet. Es war nicht leicht. Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. welches Ende Dr. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf. die die Verfolgung nicht überlebten. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. also mitten im Zentrum. kolbassa. hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. es gelang uns. Pfeffer. daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen.

Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. und zu Lothar Wloch. war die zu George und Victor Fischer. in denen Männer. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten. beide nicht weit vom Arbat gelegen.Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen. und jeder war davon überzeugt. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. daß das riesige Land im Begriff stand. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends. die bis -31- . Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen. Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen. später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule.

Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. erst viel später wagten wir es. 2. Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. Reihe) Heute weiß ich. und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «. sondern nur einen deutschen Paß. das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen. die bange Frage. wer das nächste Opfer sein würde. Wir Heranwachsende spürten. der Geheimpolizei. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. wurde nicht laut gestellt. Und im -32- . um Emigrantenfreunde und bekannte. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2. von links. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug. daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors.vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren.

zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. Wir bangten um sein Leben. drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. jedes Lebenszeichen. um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. und im März 1941. um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. was wir bei den jungen Pionieren lernten. wurden von uns als Helden bewundert. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. aber nicht sonderlich erwünscht. Sehr viel später erst erfuhren wir. Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten. die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren.Unterschied zu uns Kindern. bis man mich verhaftet. die wir begeistert nachplapperten. das uns erreichte. die Ausreise genehmigt zu bekommen. Doch nach Spanien gelangte er nicht. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- . Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach.

Arme schließen. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. -34- . Im Herbst standen sie vor Moskau. als am 22. Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten. Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt. und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. Friedrich Wolf mit Konrad (links). die an die Front im Westen fuhren. die sich entkräftet und krank im Zug befand. verlegt. die Hauptstadt Kasachstans. meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion. um die Züge durchzulassen. Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch.

und neben halbverhungerten Leningradern. unzählige waren schon unterwegs gestorben. der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. der berühmte Regisseur. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren.und Apfelbäume. Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. Mandel. obwohl ich weiterhin -35- . die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. soweit der Blick reichte. auch meinem Bruder war es gelungen. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. in die Rote Armee einzutreten. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht. Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. Abends las uns Sergej Eisenstein. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke. die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren.

zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. uns nur mit Decknamen anzusprechen. Darin forderte man mich auf. dort ausgebildet zu werden. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm. mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. die Hauptstadt Baschkiriens. Wilkow. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. diesmal per Schiff. Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend. die ich besuchen sollte. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«.an einer militärischen Ausbildung teilnahm. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader.Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NSDiktatur zu bekämpfen. brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. Ich begriff. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- . wir wurden streng ermahnt. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. wo sich die Schule der Komintern befand.

nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden. und die Söhne Titos und Togliattis kennen. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war. der 1933 in Dachau ermordet worden war. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. sondern wißbegierige und offene junge Leute. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri. Mai 1943 teilte man uns mit. Alle fieberten wir der Chance entgegen. so lernte ich nicht nur Amaya. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. Am 16. Der wahre Grund sah so aus. Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. die über Gott und die Welt diskutierten. Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- .nachgehen konnten. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. die an der Front dienten. Gewiß waren bei uns Schriften tabu. voller Enthusiasmus und Idealismus. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker. es endlich den Altersgenossen gleichzutun.

heirateten Emmi Stenzer und ich. Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. hatte beugen müssen. im Zimmer Wilhelm Piecks. machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. wir waren der kleine Kreis derer. Im Herbst 1944. Anton Ackermann und andere kennen. Am 9. wenige Monate vor Kriegsende. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen. Man erklärte uns. dem Sender der KPD.westlichen Alliierten. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt. Jahre später erfuhr ich. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- . keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. jetzt hieß es erst einmal lernen. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden.

um mich daran zu gewöhnen. die russische Küche ist mir die liebste. Ich brauchte einige Tage. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. was die Nazis angerichtet hatten. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. ausgenommen die Buchweizengrütze. ich sei ein »halber Russe« geworden. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen. Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. es fiel mir schwer. denen ich in Deutschland begegnete. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. daß ich einer der besten Pelmeni-39- . Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. das konnte ich nie als kränkend empfinden. manchmal auch mit abfälligem Unterton. Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. Abschied auch von Kindheit und Jugend. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt. standen mir seelisch näher als diese Deutschen. daß ich mit Menschen leben würde. Gelegentlich hat man im Scherz. Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen. mir vorzustellen.stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. waren die wenigsten bereit. daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen. zu mir gesagt. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt.

Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. bewunderten wir.Köche diesseits des Ural bin. das Land. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. und an den Arbat. Heine. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße. und dennoch hatte ich. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. Schlange gestanden. wo ich Freunde besuchte. die heute wieder Twerskaja heißt. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. Hemingways knappe. die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde. nie den Wunsch. Mit Alik. dem MCHAT. anders als einige meiner Freunde. Balzac. Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater. für immer nach Moskau zurückzukehren. Galsworthy und Roger Martin du Gard. Ich war naiv genug gewesen -40- .

die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. -41- . daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. Mai 1945 flog meine Gruppe. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. wir. von der NS-Herrschaft befreit zu sein. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft. die vom Reichsrundfunk des Dr. die das jüdische Ghetto gewesen war. Kurz und bündig sagte er jedem. Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. jeder habe sich dorthin zu verfügen. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. Ich versuchte mich zu wehren. Goebbels übriggeblieben waren. zu der auch meine Frau gehörte. Am 27. waren ganze sieben Mann. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. Im britischen Sektor gelegen.zu hoffen. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. wo er am dringendsten gebraucht werde. was er zu tun habe.

gelegentlich war ich als Reporter tätig. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. Autor (2. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. in der alle Parteien zu Wort kamen. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. von der spätere DDRRundfunkleute nur träumen konnten. daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. vertrat er den Standpunkt der SED. Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. Ich war so taktlos. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. die Arbeit war interessant. Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm. Ein andermal fragte ich ihn.hatten wir eine Handlungsfreiheit. worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- .

das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«. als Flugzeuge zu bauen. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden.Arbeit. Wir haben andere Sorgen. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um. und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte. lebendige und hörernahe Sendungen zu machen. daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht.« Wir bemühten uns. daß diese K 5 nicht erfunden war. den Funktionären und Mitläufern. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren. Ich erinnere mich. Die Folge war. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. wir mußten sie senden. aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich. -43- .

Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht. hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde. daß die Männer. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren. Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten. Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. die jetzt auf der Anklagebank saßen. durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. die NSWochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. -44- . Es war gespenstisch. diese Lehre könne nie vergessen werden. Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. Damals glaubte ich wie viele andere.Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden.

Ich war überrascht.2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten. Am 3. dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen. Er trug seine bekannte Litewka. ahnte ich nicht. Mir hatte man die Rolle zugedacht. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. und auch auf seine Glatze. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. die einer Tonsur ähnelte. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. wie Filme -45- . des Führers. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. wie klein er war. Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. Oktober. war ich nicht gefaßt gewesen. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. weder Rangabzeichen noch Orden. meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7. als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb. dem Jahrestag der Oktoberrevolution.

Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl. daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen. daß wir damals -46- . zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. statt sklavisch zu gehorchen. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte. Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. weil er sich Moskau widersetzt hatte. mit dem Tito abgestraft worden war. von rechts) Da unser Botschafter abwesend war. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel.und Gemälde es verbreiteten.

Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich. wo mir Ackermann. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. wie ein Stück erlebte Geschichte. wie rätselhaft es mir vorkam. Ich fand mich im Außenministerium ein. später in Moskau. doch ich erinnere mich. als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros. Ackermann. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. also Stalinscher Prägung. gegangen war. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. mitteilte. mit richtigem Namen Eugen Hanisch. nicht wie lebende Zeitgenossen. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders. Ich staunte nicht schlecht.jedes Wort andächtig aufnahmen. Solche Inszenierungen liebte er. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus.

Am 16. bis ich herausfand. daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. ein Mann. brachte. war eine imponierende Erscheinung. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war. Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. sondern ein Parteibefehl. aber wohl kaum das. stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. die uns nach Bohnsdorf. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. und es dauerte geraume Zeit. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. ein solches Angebot zu machen. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte.vorgesehen sei. Richard Stahlmann. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde. mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- . Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit. Eigentlich hieß er Artur Illner. Es war kein Vorschlag. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. aber sehr konspirativ. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. einem Vorort Berlins. Ich war stolz.

um ihn zu verhaften. als die Nazis kamen.hatte. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten. hatten wir ihn als Helden gefeiert. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut. Ich war wieder einmal der Jüngste. In Bohnsdorf gründeten wir. der den Nazis die Stirn geboten hatte. was der Name Dimitroff uns damals bedeutete. die mir zu Vorbildern wurden. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre.

Er war erfahren. wie man einen Dienst aufbaut. und wir hingen an seinen Lippen. Er brachte uns bei. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt. Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. uns unter die Arme zu greifen.dafür. erklärten wir im nachhinein den 1. wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. -50- . wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. von Stalin persönlich beauftragt. Leider nahm er ein tragisches Ende. Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab.

dem unser Dienst unterstand. begleitete ich ihn zur Garderobe. in eben jenem Festsaal. der Metropolit von ganz Rußland. führe ich auf diese Begebenheit zurück. die mir so ans Herz gewachsen war. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte. in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. Mir blieb kaum Zeit. daß wir im Frack erschienen. wir plädierten für den dunklen Anzug. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte. den wir schlössen. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. wo er umständlich in seiner Soutane kramte. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. Der Kompromiß. hieß Smoking. Als Nikolaj Krutizkij. daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. Beim Empfang selbst stellten wir v erdutzt fest. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. unerträglich gespannt. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. von meinen Freunden und von der Stadt. Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter. endgültig Abschied zu nehmen.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden.

selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. warum Moskau sich mit -52- . da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war. in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs. Eine kleine. wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. Man hat mich immer wieder gefragt. Chemie. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. was sich in dem Maße änderte. Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin. um nicht zu sagen dominierende Rolle.und Trägerwaffen. wurde so weit getrieben. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war. des Flugzeug. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren. Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten. das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. Die Bürokratie. die wir befolgen mußten. Elektronik und Elektrotechnik. der Kernenergie. hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes.

Von ihm habe ich viel gelernt. daß eine kontinuierliche. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. etwa den Islam. daß man als Analytiker stets gezwungen ist. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht. was man ein Original nennt. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. in dem Parteiund Staatsführung wohnten. ihm und mir bestand. auch über Themen. der mich lehrte. Daß wir nach und nach dazu übergingen. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. die unsere Arbeit nicht berührten. -53- . was sie erfahren sollten. Er war ein brillanter Analytiker. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. Er leitete die Hauptabteilung Information. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen. nicht weit vom Sperrgebiet. wenigstens anfangs. an bestimmte Informationen heranzukommen. Ich glaube. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht. die aus einer Sekretärin. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden. Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. sogar die Decknamen unserer Quellen. die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. Korb war in mancher Hinsicht. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. daß die Sowjets zu Recht annahmen. Und so war es auch.

und die Schwierigkeiten waren gelöst. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf. Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. Wir dienten unserem Staat loyal. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen. Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. aber wir waren keine Eiferer. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte. Nichts leichter für Stahlmann. Benötigten wir dringend Devisen. Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten. und wir mußten umziehen. Es gelang ihm sogar. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten.

Auf den Namen des Mannes. Beschützt. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. aber nicht den Gegner.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr. wechselte Gehlen die Seite. durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . Als der Krieg zu Ende war. ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »ExHitler-General spioniert jetzt für Dollars. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. sagte uns der Name Pullach. lag noch in weiter Ferne. gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. Das war leichter gesagt als getan. Er stand für eine unbekannte und. was sich damals Organisation Gehlen nannte. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. wie es uns schien. nicht viel. Unsere Aufgabe war es. der in Pullach leitete. unerreichbare Welt. Der Tag. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen. Ihr Leiter war Gustav Szinda.

Gerhard Wessel. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. das wollten die -56- .Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. nicht. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a. der als Rechtsaußen berüchtigt war. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland. daß der amerikanische General George S. der Central Intelligence Agency der USA. D. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. Das hinderte Konrad Adenauer. erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. Patton. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. Er schlug wie eine Bombe ein. Delmers Artikel enthüllte. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA.und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren. sondern auch hochrangigen NSOffizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte. Europa war gespalten. All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. sich des alten. sondern auch in arabischen Staaten. Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen.

Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders. Gehlen begriff schnell die Chance. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept. Hans Globke.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen. sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen. nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Dr. Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig. zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NSFunktionäre so manche Spitzenposition. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten. wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. denen der Verkehr zwischen Ost.

tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. aber sobald wir das herausfanden. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst. ob. sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. sollte ich Gelegenheit bekommen. die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. Nazis waren bei uns nicht erwünscht. indem wir sie wissen ließen. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD. Die Frage war nur. Eine unserer wenigen Chancen. Das konkret zu überprüfen. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen.dadurch im Vorteil. daß auch unsere sowjetischen Berater. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. und wenn. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. als ihnen lieb sein konnte. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . sondern arbeiteten für uns. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte.

Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. als -59- . hie und da gar Widersprüche zu dem. Gustav Szinda leitete das Gespräch. die er angeblich kannte. ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte. taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. fast noch Amateure. gebracht. als der er sich ausgab. zeigte er sich mehr als willig. Es klang alles sehr logisch. Schließlich gestand er. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. um wahr zu sein. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. und obwohl wir ungeübt waren. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei. Wir baten ihn. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen.einer Quelle namens »Merkur« stieß. aber auch das zerschlug sich. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. nach Berlin zu kommen. in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. es klang alles fast zu schön. einem schlanken. Fritz Dorls. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«.

Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen. daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf. -60- . Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. als uns lieb sein konnte. Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte.wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. befragte ich nicht sie. die Finger von »Merkur« zu lassen. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. daß man sie verdächtigte). Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war. So geschah es. geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. sondern mehr noch bei uns. den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. als der Mann in Untersuchungshaft kam. aus der ich die Lehre zog.

blau für Quellen. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns.Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. Ackermann und ich -61- . als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. ebenso wie unsere Residentur in Bayern. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. die große Papierrolle unter dem Arm. Uneingeweihten sagte das nichts. Es blieb uns folglich nichts anderes übrig. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten. grün für Residenten –. während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte.

Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. die Zuchthaus. wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. den Apparat zu komplettieren. Wie gewinnt. -62- . daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. sie zu identifizieren. der beauftragt war. Ihre Lage war demütigend. schieden von vornherein aus. alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. zurückzubeordern. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. Die Sicherheitsanforderungen. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin. die DKP. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. die Kontakt zur KPD hatten. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem.schlugen Ulbricht vor. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. um es bescheiden zu sagen. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. nachdem wir sicher sein konnten. Ulbricht stimmte zu. waren so hochgeschraubt.

und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. -63- . und sie ermöglichte es mir.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. der Jugendorganisation der SED. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. Sie sollten den Kern meines Dienstes. Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können. noch ein weiter Weg. bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden. Aber bis dahin war es Ende 1952. Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging.

dem Generalsekretär der SED. die als seine engste Mitarbeiterin galt. von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. wie es seine Art war. daß die Anfeindungen Grauers -64- . machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. Sie begrüßte mich freundlich. daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte.3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. Später hieß es. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. Ohne zu ahnen. bevor er sie aus dem Zimmer schickte. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte. andererseits war es ein offenes Geheimnis.« Selbstverständlich wußte ich. der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. So erfuhr ich. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken. Er war no ch in einer Besprechung. ohne persönliche Worte. was er von mir wollte. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich.

an das ich mich erinnern kann. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte. als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt. daß ich. der Teil dessen war. wäre es wohl am ehesten Stolz. was mir widerfahren war. Stolz auf das Vertrauen. Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. was gewiß nicht ohne Gewicht war. Mir drehte sich alles im Kopf. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm. keine dreißig Jahre alt. dann kann ich dazu nur sagen. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben. Wenn man mich heute fragt. so benommen war ich von dem. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben. Auf meine Frage. Mir war bei -65- . daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest. erklärte Ulbricht. hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung. das die Partei mir entgegenbrachte. in der Partei noch unbedeutender. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. Sollte ich irgendein Gefühl benennen. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten.

jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. Wenn du mich brauchst. die ich im Nachrichtendienst genoß. daß -66- . nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen. Über seine Biographie wußte ich nur. Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. Ungewöhnlich. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. sobald sie mir zu Ohren kam. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. nun mach mal. in eisigem Ton zu erklären. Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt. was man von mir verlangte. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte. als könne er es kaum erwarten. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. die ich ausschlug. ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. daß ich mich dem. eine Ehre. nicht aufgeben. in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. wie er in allen Dingen war. bin ich da.

und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl. die ich näher kennenlernte. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. was Kraus wissen konnte. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. Fast nie gelang es mir. die sogenannte Vulkan-Affäre. Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte.er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. was vor sich ging.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. alles. zu der er mich auf die Minute genau empfing. denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner. Man kann sich vorstellen. bei anderen wie Pieck oder Ackermann. wie fassungslos wir waren. bevor wir auch nur ahnen konnten. verweigert hatte. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe. mit Zaisser zusammenzuarbeiten. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. unpersönlicher Art. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. aber auch von Ulbrichts steifer. Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. Es machte Spaß. die nötig und möglich gewesen wäre. Bei fast allen Emigranten. weil sie sich an seine Herz. als der -67- . hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit. was mir auf den Nägeln brannte.

die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. gab sie uns viel zu denken. den ich nicht verlieren wollte. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus.bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- . mich seine Macht spüren zu lassen. nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen. daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. wie verwundbar unser Dienst war. An Problemen. Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren. herrschte kein Mangel. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. Es stellte sich bald heraus. daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. wir hätten erkennen müssen. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. Natürlich wußten wir sofort.

Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. Besonnene Politiker wie Ackermann. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war. sondern gehandelt. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen. die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. der gefürchtete Geheimdienstchef. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende. solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. rüttelte uns das nicht wach. was in unserem Land geschah. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus. Vieles.selbst gestellt. vom Tisch. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt. zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. nahmen wir nur halb wahr. denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. sich für eine -69- .

es werde ihnen nichts geschehen. man versicherte.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend. politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. In der Zeitung las ich. Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. Am Morgen des 16. Aber es war zu spät. So kam es. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. marschiert waren. Es enthielt Vorschläge. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht. daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. Heute weiß ich. Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. neutralen Deutschlands vor Augen. demokratisches und neutrales Deutschland. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte.

daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. ließ man uns frei. Die Streikenden verlangten. was in dieser Situation. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. doch vergebens. Juni überschlugen sich die Meldungen. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen. dem Posten zu beweisen. und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde. zu tun sei. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. die Stimmung drohte überzukochen. hielt ich an. daß ich Russisch sprach. auch von Westen her. Im Stadtbezirk Pankow. um -71- . aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht. die keinen Aufschub gestattete. ein ehemaliger Bergarbeiter. Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken. Erst als es mir gelang. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt. Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. Um 13. Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. und die Hörer in OstBerlin aufgefordert. teilzunehmen. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. massiv zu agitieren.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. wo wir wohnten. Am 17.

als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. Aus Informationen meines Dienstes. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren. daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig.mich zu Hause schnell umzuziehen. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen. Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- . in dieser Zeit wurde mir klar. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. um die Stimmung aufzuheizen. einem großen Metallbetrieb. daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. In dieser Zeit des Aufruhrs. wäre die Eskalation des 17. Er hatte den Eindruck gehabt. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -. so wenig ließ sich übersehen. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. So gut wir alle wußten. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war.

Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war. war ein Kinderspiel. Dieses Material benötigte unsere politische Führung. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. dem sich entnehmen ließ.»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. eine neue SED-Führung -73- . was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen. am Vorabend des 17. Moskau hatte Reformen verlangt. in der Woche vor dem 17. um die Verantwortung für den 17. als sich der Ungewißheit auszusetzen. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. denn ihre Position war schwer angeschlagen. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau. der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. alle anderen befürworteten. die DDR zu liquidieren. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. war in der DDRPresse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. Nur Hermann Matern. Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert. Sogar vom »Tag X«. Juni nach jedem Strohhalm greifen. daß Pläne bestanden.

Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen. Auf der 35. Rudolf Herrnstadt. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-HerrnstadtFraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. machte er sich unverzüglich daran. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. und zog es vor. Paradoxerweise hatte der 17. ursprünglich Journalist. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. daß man sich opferte. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. ohne den Zweck in Frage zu stellen. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben. mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. die sie hinnahmen. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin. Eine Chance war vertan. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. selbst erlebt hat. Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. die verlangen konnte. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. ohne zu protestieren.

die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. ja unmöglich sei. ob er denn klüger sein könne als die Partei. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. daß es sinnlos. Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage. In den Aufzeichnungen. Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen. das darin ausgedrückt ist. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- . Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. Noch zu Zeiten. muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt. ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes.Botschaft in Warschau. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen. läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen.

Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt. In seinen Memoiren erzählt Gehlen. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. am liebsten beim Billard. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. kaum zu zügeln vermochte. Ernst Wollweber. während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt. dem Willi Stoph vorstand. Man kann sich denken. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. der seine Ambition. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. aus dem er gern erzählte. bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen.wurde in das Innenministerium eingegliedert. der ein wechselvolles Leben geführt hatte. Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. was ihm -76- . um so mehr aber für die politischen Informationen.

und das sollte er nie vergessen. der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. ja gar nicht erst keimen zu lassen. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. Sein Verdacht rührte daher. Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war. daß diese -77- . Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. Während Mielke die Geschehnisse des 17. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben. noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. was er gegen Matern hätte verwenden können. Schon damals hatte ich den Eindruck. doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. Matern als NaziKollaborateur zu entlarven.einer seiner Agenten berichtet hatte. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. und er ließ nichts unversucht. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. Juni zum Anlaß nahm. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen.

Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. was man nur falsch machen kann. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten. in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. alles falsch zu machen. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. Sie beschränkte sich darauf. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. Es war nicht schwierig. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor. Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht. -78- . sondern war im Gegenteil erwünscht. standen gut. Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. doch ihre Chancen.

alles aufs Spiel zu setzen. weil wir argwöhnten. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. Die Möglichkeiten. Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. Weit schwieriger war es. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. waren äußerst begrenzt. Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor.daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. Karlsruhe und Hamburg. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«. Als -79- . um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen.

sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. Seit er den Zug verlassen hatte.erstes schickten wir ihn nach Hamburg. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. daß es so gut wie aussichtslos war. aber das. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten. ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . die sich einfach nicht abschütteln ließen. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen. sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand. weckte das in uns den Gedanken. merkten wir. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. Als Vertreter einer Firma. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. der ihm Material übergeben würde. Sie war keine Schönheit. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben. Als wir sein Verhalten analysierten. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. Seine Aufgabe war es. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. die Frisiersalons einrichtete. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. was sie »Felix« erzählte. für einen Übungseinsatz. Jeder von uns wußte.

Joseph Wirth. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen.und West-OstKontakten. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß. besonders auf der Leipziger Messe. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. So gesehen. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. wurde mir klar. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch.angesprochen. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte. Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich. und wir zogen »Felix« ab. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. wo gerade die strengen -81- . Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. Dennoch erklärte er von sich aus. um interessante Verbindungen anzubahnen. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen. Dr. die über sogenannte Westabteilungen verfügten. sie nachzuholen zu versuchen. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten. daß es keinen Sinn habe. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland.

Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. daß meine Ohren glühten. Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau. Ich gab mich als General aus. die stets bemüht war. im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig. Schon während des Essens freundeten wir uns an. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde.Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. als ich das hörte. Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. und er wußte über Franz -82- . war ein Onkel seiner Frau. Steinrücke anzuwerben. und abends tranken wir Brüderschaft. Man kann sich vorstellen. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges.

ihn einzuschüchtern. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle. glaubte ich. Gisevius. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. war meine Schuld. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. der im Interzonenhandel tätig war. konnte nicht die Rede sein. rundlicher Mann in einem Anzug. daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. lag der Verdacht nahe. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte. Daß unser Kontakt abbrach. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . gar unter Druck zu setzen. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. Über Steinrücke hatte ich Dr.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. als er mir gegenüber andeutete. Walter Bauer kennengelernt. Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum USGeheimdienst. paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS. daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. eine hohe Stellung innegehabt hatte. das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. in Erinnerung war. dem Vorläufer der CIA. Davon. einen Frontalangriff wagen zu können. war mir klar. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. Ein Foto. Da er vor 1945 im Flickkonzern. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr.

Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. doch ich mußte begreifen. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen. Carl Hundhausen. ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. sondern ließ mich auch bald diskret merken.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. Heinrich Wiedemann. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. Doch dazu sollte es leider nie -84- . Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel. Wir setzten einen Vertrag auf. das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. daß er nicht abgeneigt war. einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. und keineswegs vorhatte. daß er beabsichtigte. sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen. Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns.

damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde. machte sich bezahlt. Rudolf Kriele. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen. -85- .kommen. Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an. und wir sahen uns genötigt. Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. und wir befürchteten. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. als Drehscheibe in Krisensituationen. damit er nicht verraten werden konnte. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur. Inzwischen stellten wir besorgt fest. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen. Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig.

in der sie eine Art -86- . Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. wurde aus Alters. und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen. Trotzdem war sie bereit. Lydia. Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. machten wir zuerst lange Gesichter. für uns zu arbeiten. der »Iris« angeworben hatte. suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde. Neben Dr. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz. Stoltenberg und Leussink. das sie erdulden mußte.Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in OstBerlin zu treffen. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein. so lautete unser Deckname für Susanne Sievers.und Gesundheitsgründen eingestellt. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. und das machte meine Leute neugierig. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden.

mehr nicht. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. an deren Spitze Rainer Barzel stand. sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. Später fanden wir heraus. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. Durch sie erfuhren wir. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. der auch nur entfernt im Verdacht stand. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. um ihre Unkosten zu decken. hätte sie versucht. Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen. aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. Wäre sie eine Doppelagentin gewesen.Salon führte. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden. damals ein junger Protege Adenauers. Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. den er vor der Öffentlichkeit abgab. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . aber das war nie der Fall. kein Rechter zu sein. sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik. »Lydias« große Stunde schien gekommen. Ich habe mich oft gefragt. was sie dazu bewogen haben kann. König von Ungarn zu werden. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war.

für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen. Unser eigener Apparat. Der Bedauernswerte. Tokio. oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren. noch nicht ganz flügge. Aus BND-Akten erfuhren wir. der diese Apparatur bediente. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. ein Bluff war ausgeschlossen. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Wir sollten also ein Bordell fingieren. Das war leichter gesagt als getan. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. Manila. war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet. Jakarta und Singapur eingesetzt worden war.Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. Der Dolmetscher stutzte. Jeder kannte die Karten des anderen. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. wenn -88- .

den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten. und machte ein -89- . Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. die nicht abgeneigt waren. Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters. Als nächstes galt es. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm.Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. Wenn ich nicht irre. die er anschleppte. geeignete Damen zu finden. Die Konferenz begann. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. Stahlmann unter die Augen kamen. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. die Damen setzten sich in Positur. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach WestBerlin ausschwärmen. was wir von ihm wollten. aber kein Gast ließ sich blicken. uns mit Informationen zu versorgen. unser Team wartete ungeduldig. wo er sich mit der Haushälterin unterhielt. Anfangs waren wir so blauäugig. Er wußte. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. schien nicht abgeneigt. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. vom Sittenexperten beigesteuert. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. Unser Team rotierte. zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. hieß er Jansen. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen.

in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch. erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. inzwischen Chefredakteur der Quick. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen. ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. die er lieferte. Die Informationen. hielten unseren Überprüfungen stand. denen es gelang. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . Van Nouhuys. Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt.weiteres Treffen aus. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. für den sie sich hatten anwerben lassen. ein windiger. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. unserem Dienst. habe ich nie herausgefunden. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab. Deckname Nante. die wir mit unserer malina gemacht hatten. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. Er behauptete. weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. wurde vom Stern entlarvt. als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen. sich den Wind der großen. Gut erinnere ich mich an den FDPBundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert. daß es unverzichtbar war. Die Ernüchterung kam. gewiefter Journalist. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit. Die Erfahrung.

war die Gemütsruhe. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- .und Forstwirtschaft entstanden. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli gehört hatte. nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. ehemalige NSBauernfunktionäre und Kommunisten. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde. einem der Mitbegründer der CDU. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt.Gauner ausnehmen wollten. mitanzuhören. Günther Gereke. die von rechts. denn wir erfuhren. So wenig schmeichelhaft es war. wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. Militärs. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. eine neue Partei ins Leben zu rufen. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED. Leider sahen wir uns bald gezwungen. Sammelbecken für Kräfte. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. Wir beschlossen. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren.

wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. fand ich Wollwebers Weisung vor. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. als mir lieb sein konnte. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. die er weder kannte noch gutheißen dürfte. Ich bestürmte Wollweber. SchmidtWittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. ein Mann. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. doch er wiederholte -92- . überlegte man in Berlin. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten. Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. Er gehörte zu jenen Patrioten. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte.Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. arbeitete er für uns. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDUBundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte. der eine steile Karriere vor sich hatte. wie ich wenig später erkennen mußte. Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern.

das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. Wir kannten uns nicht persönlich. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. ihn zu verhaften. Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau. und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. da fiel mir Gerekes Fall ein. es sei alles beschlossene Sache. sei es ebenfalls. seine Frau. den ein Kurier nach -93- . Das war schon besser. die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht.nur. Mir blieb nichts anderes übrig. als zu überlegen. sich in die DDR abzusetzen. vorausgesetzt. Ich war mit meinem Latein am Ende. Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte. er sei einverstanden. Ich behauptete.

was er hatte aufgeben müssen. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann.Hamburg brachte. die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen. Außerdem verkündete er eine Information. der einen VorruhestandsFunktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse. vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. Seine Enthüllungen besagten. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. Am 26. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen.

sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. Am 20. ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. Wolfgang Wohlgemuth. und beschuldigte die Bundesregierung. er sei politisch unabhängig. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23.zuständig gewesen. Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John. Juli erklärt. Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . daß beide mit Wohlgemuths Auto nach OstBerlin gefahren waren. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin. in der dieser das Gegenteil versicherte. Juli 1954 verschwand Dr. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns. Es hatte den Anschein. Otto John.

daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. abgefangen und unterdrückt wurden. die ich 1990 einsehen konnte. und aus dem. dem KGB-Maulwurf. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet. einstige SD. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. Aus Akten. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde.Organisation Gehlen an. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. glaubwürdig erscheinen. und danach -96- . Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. Eine diplomatische Karriere. Heute vermutet er. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. wie sie ihm vorschwebte. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. fraglos als Aufpasser. die er für seinen Übertritt vorbrachte. Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden.

den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde. aber arm an Aussagen. läßt sich ersehen. Wahrscheinlich ist. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. dem militärischen Hauptquartier. überreichte. als Überläufer aufzutreten. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen. siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr v orerst nicht zu denken war.erzählt hat. stieg in den Wagen -97- . den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. daß niemand so recht Lust hat. Doch im Dezember 1955. setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. dort Eindruck zu schinden. und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. und wahrscheinlich scheint mir. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. um die Situation zu klären. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. Auffallend ist. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich.

künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen. Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. war die. war uns nicht gelungen. hat ihn zeitlebens erbittert. die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. Gerhard Schröder. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. als Überläufer zu präsentieren. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können. Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen.des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. -98- . Die Lehre. der damalige Innenminister. die ich daraus zog.

einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. gerechteren Welt mitzuwirken. Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet. nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. als das weise. aber die Wirkung ging tiefer. so ging auch ich. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. für die anderen wich eine Spannung. Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. Doch so. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. die letztlich zu jener Entwicklung führten. Als ich die Rede gelesen hatte. fällt es mir schwer. wie ich ihn lange gesehen habe. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. begleitet von Zweifeln. Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. einen ersten Stoß. Parteitag der sowjetischen Kommunisten.4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. das ihn so zeigte. die jahrelang auf uns gelastet hatte. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. gütige »Väterchen«. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet. Im Rückblick erscheint mir der XX. an der Errichtung einer besseren. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- . doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX.

er selbst aber blieb die unantastbare. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. die überragende historische Gestalt. in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. an der ich -100- . Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken. Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. konnte später nicht behaupten. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. Parteikonferenz der SED. die 1934 auf dem XVII.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten. Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. der nicht zu bereinigen war. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte. von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden. Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. denn wir glaubten. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben. Auf der 3. Sie enthüllte. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte.

Er habe unter keiner Last gelitten. und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. ein Begriff. Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. Er betonte. wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort. nach Chruschtschows Sturz. Einige Jahre später. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. nachdem er Minister geworden war. Parteitag der KPdSU gezogen. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt. in der DDR habe es keine gegeben. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. und sprach von meiner Erleichterung. Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. Mielke widersprach mir sofort. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. Bereits unmittelbar nach dem XX.teilnahm. begrüßte die Art. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«. mit denen Mielke uns langweilte.

sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. kam -102- . »dem Gegner keine Argumente liefern«.entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. Der Begriff der friedlichen Koexistenz. Hans Jendretzky und andere aufgehoben. ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand. Anton Ackermann. »Keine Fehlerdiskussion«. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen. ungarischer. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. 1956 wollte es fast so scheinen. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten.und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet. deutscher und italienischer Marxisten. die in der Sowjetunion geführt wurden. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem. bei Lenin ausgegraben. So kam es. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik. polnischer. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. Schulungsseminare für Partei. wo ein lebhafter. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. 698 weitere vorzeitig entlassen.

das bis 1966 bestand. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert. daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. ihre Aktivitäten. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften.in Mode. Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen. Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land. um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus.« Ein Blick aus dem -103- . hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen. Dieses SPD-Ostbüro. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. an den sich ehemalige VLeute noch heute voller Zorn erinnern.

etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz. den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel. Sie gruben einen Tunnel aus. war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet. In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. durften wir die Anlage besichtigen. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIMLimousine mit Begleitschutz.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. Wollweber erklärte mir nun. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- . Hinter Alt-Glienicke. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe. In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt.

Beide waren mit -105- . den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an. Er war damals in der WestBerliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. Wie Blake lebte auch Kim Philby. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das. daß es opportun sein könnte. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. häufiger in die DDR fuhr.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. Es war faszinierend. Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. die Hintergründe dieses Tunnelbaus. Viele Jahre später erzählte mir George Blake. man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle. in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war. wie er in Gewissenskonflikte geraten war.

In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste. hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus. Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat.Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden. besseren Welt zu erkennen glaubte. der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. weil er in ihr den Beginn einer neuen. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert.

die 53 Tote und 300 Verletzte forderten. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen.antikommunistischen Landesarmee. Ungarns »kleiner Stalin«. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. die ungarische Partei bemühte sich. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert. galt als kommender Parteichef. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen. Gomulka. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben. daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. Mátyás Rákosi. während man davon überzeugt war. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt. die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren.

Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. wurde aus der Haft entlassen. Rákosi mußte zurücktreten. Imre Nagy. Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt. nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. Kardinal Wyszynski. den ich aus Moskau kannte. nun wurden politische Forderungen laut. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes. In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. vernünftige Politik. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz. In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. Am 23. Es gab den ersten Toten. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt. auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs. Im Wechsel wollten sowjetische -108- .der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden. Es gelang den Polen.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt. Oktober wurde das Stalin. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. ihn zu beruhigen. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen. Am 4. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. der Ruf nach Freiheit.

Die Entscheidungen über Krieg und Frieden. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. Juni 1953 in der DDR. aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. was die Nato tun werde. endete der Konflikt. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten. Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber. wie später beim Mauerbau und beim -109- . Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17.Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen.

daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen. eine militärische Konfrontation zu verhindern. Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen. Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will. doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute. daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat. In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten. die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. und es ist mir nicht darum zu tun.

über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten. wo immer sie Gelegenheit dazu fanden. in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár. als Patrioten. Damals sahen wir in erster Linie. das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten. Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956.

Die Zuverlässigkeit der Quelle. daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war. ließ dennoch zu. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt. schien uns über jeden Zweifel erhaben. Angesichts des Umstands. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel. März 1955. denn wenn es wirklich echt war. Als wir es 1959 veröffentlichten. Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben.Linie«. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten.ausgesetzt gewesen war. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. der zufolge Franz -112- . gewann eine Information an Gewicht. erfolgte kein Dementi aus Bonn. datiert war das Dokument vom 2. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas.

Durch die Informationen. schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab.Josef Strauß. ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt. die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. Wollweber erließ einen Befehl. der neue Bundesverteidigungsminister. Auch die Information. daß General Norstad sich nicht beeilte. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. um zu verhindern. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete. ob es möglich sei. Das führte zu einem Aufwand. der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes.

was für mich eine herbe Enttäuschung war.konnten. die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. Deckname Gerlinde. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge. zu f tografieren o und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. in die DDR zurückzukehren. und sie erklärte sich auch bereit. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet. einer hübschen. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an. daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. So kam es. der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. Schwierig sollte sie immer bleiben. die Flut an Geheimdokumenten. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen. für uns zu arbeiten. -114- . und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. die sie ihm übermittelte. und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich.

auch diesmal wieder aus eigener Initiative. Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später.Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. und die Polizei staunte nicht schlecht. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen. als sie in seinem Auto unter anderem eine MinoxKleinstkamera.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. zu der sie nach wie vor standen. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. daß sie aus innerer Überzeugung. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte. für unseren Dienst an. über die Panzer Leopard 2 und Gepard. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. Filme. ebenfalls Offizier. Ruth Moser war es gerade gelungen. als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte. Bei beiden hatte ich den Eindruck. für die Aufklärung gearbeitet hatten. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war. sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten. der Einblick in Verschlußsachen höchster NatoGeheimhaltungsstufe hatte. Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. der mit einigen Extras versehen war. die erforderlich waren. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte. nämlich wie in einem James-Bond-Film. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. »Henry« wurde mit Bein. -115- .

In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. ein sogenannter -116- . hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet. Deckname Heike. Deckname Südpol. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. als Winzer zu warnen. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. und deshalb flüchtete er zu Fuß. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden. Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall.Sein etwas bizarres Privatleben. diesmal von seinem Kurier verursacht. für einen französischen Dienst tätig zu sein. und »Henrys« Geliebte. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten. Es blieb uns nichts anderes übrig. Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. Deckname Blanche. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. Zur Zusammenarbeit war es gekommen.

Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. Deckname Bruno. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar. Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. war sie doch von Fachleuten ersonnen. Benzin. Wir warben ihn an. die uns Peter Kranick. wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze. die. Er war das lebende Beispiel dafür. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. die Requirierung ziviler Fahrzeuge. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr. beschaffte. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren. ein ehemaliger Fremdenlegionär.und Lebensmittelrationierung. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht. Die Papiere. die er erbarmungslos plünderte. die er uns verschaffte. die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten. die inzwischen in der Botschaft der -117- . Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. »ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten.Amtgehilfe. der den stolzen Decknamen Minister trug. zeigten. Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt. Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze.

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick auf das Nato-Hauptquartier. Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West. Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte Position erneut zu festigen. In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine »parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke, und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion. Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied, denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter Wollwebers galt. Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan, der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere Beziehungen unterhalten.
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Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das, was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958 Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er persönlich an, hatten wir uns doch beide f r eine differenzierte ü Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion« sah. In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben. Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen – übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung
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politisch Andersdenkender einem simplifizierenden SchwarzWeiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955 Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem »Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
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Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte. Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie gebracht. Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel. Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober 1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten »in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953 ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen, nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung. Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit. Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage. Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-121-

Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war, nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

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5 Die Betonlösung
Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte oder Freunde sie oft schon erwarteten. Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen klar. Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR. Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der
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Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich. Bevor die Mauer – von unserer Führung als »antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als »Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser, die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;
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viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben, durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen. Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung zu bringen. Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte
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Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah, wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden. Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität. Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke, daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989
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das Land zu verlassen.endete. »Damit«. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. die es ermöglichte. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. die das Regime in der DDR unterstützten. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so. bereits 1953 begonnen hat. Die Zahl derer.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. in der Regel niedriger. daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte. die Menschen daran zu hindern. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. die DDR stabil zu erhalten. war nie höher als dreißig Prozent. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen. werde es unmöglich sein. sagte Falin. Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit. -127- . falls die Abwanderung anhalte.

um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. Es steht also außer Frage. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige.« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich. was die USA provozieren könnte. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen. Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. bestätigte Julij Kwizinskij. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- . der Perwuchin damals begleitete. die USA wissen. ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ.sondern im Auftrag des Bündnisses. Er nannte Fristen.

als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. sogar herzliche Gefühle. Chruschtschow und Mikojan in der Mitte. der Dolmetscher und ich hinten. Mielke vorn neben dem Fahrer. die naiv wirkende Art.« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen.»Überholen. Doch gerade diese Spontaneität. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. Er wirkte überzeugend. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte. imponierte vielen -129- . als er 1957 mit Anastas Mikojan. Natürlich war das organisiert. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt. dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. Unvergessen ist jene Szene. doch viele Gesichter spiegelten freundliche. Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme G orbatschows. Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand. Es war im Sommer. ohne einzuholen. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte. zum erstenmal. Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe. dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden. Selbst während der seltenen Atempausen. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow.

Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt. entschlossen durchkreuzt. daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. Ulbricht. ihn zu stürzen. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. Kaganowitsch. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung. Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2. sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow. Als er 1957 die DDR besuchte. In der DDR war davon nichts bekannt. ist vielfach beschrieben worden.Amerikanern. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«.

und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren. Die Entspannung. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. Aber er war ein Vollblutpolitiker. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. der an seine Ideale glaubte. hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren. Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System. Es wäre ein Irrtum. Er neigte dazu. stand es ablehnend gegenüber. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte. Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel. aus denen hervorging. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. Eilfertige -131- . denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. die für die Sowjetunion lebenswichtig war.Gefühlen gelauscht haben. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen.

Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen. Fieberhaft versuchten wir. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. Es war nicht leicht. uns Kenntnisse über John F. soweit wir Zugang zu ihnen hatten. Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir. die in die -132- . Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden. daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. die Medien feierten den »Geist von Camp David«.

eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete.. Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu. Kennedys Reden -133- . der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. und das war Kennedy bewußt. zögerte er. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala. Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte. und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand. Die sowjetische Führung wußte. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. unterlag keinem Zweifel. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte.

Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker. reagierte er zornig. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden. Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand. unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen. Im nachhinein wissen wir. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. Da Chruschtschow nun – womit die USExperten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander.Blockade erarbeitet würden. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- . Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden. doch in den Verhandlungen. daß es zum Krieg gekommen wäre. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. und drohte.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen. die freundschaftlich miteinander umgingen. Vergeblich. und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit.

den nationalen Notstand zu verkünden. die bis zum Morgen des 13. So sah die Situation aus. »Ihre Rechte. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt. auf West-Berlin bezogen. um die Reaktion der Sowjets zu testen. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten. schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. blieben unangetastet. doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten. Chruschtschow. waren die Würfel nunmehr gefallen. Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. -135- . an jenem Sonntag morgen waren. trat den Rückzug an. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. August 1961 bestanden hatte. der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah.einem Stufenplan verschafft. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte. So groß der Schock. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. nicht Kennedy. in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. so erleichtert atmeten die Politiker in Washington. London und Paris auf.

August so unvorbereitet wie meinen Dienst. besser als ein Krieg. um große Politik zu machen. Kennedy wurde erst Stunden später informiert. als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten. wie er sie verstand. die lautete: »Eine Mauer ist. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. sondern der Sowjetunion zu signalisieren. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen. verdammt noch mal. und Ulbrichts Wünschen. daß man Ruhe bewahren werde. wo dieser. Die Reaktion Washingtons. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach WestBerlin entsandt.« Die erste große Aufregung schien verflogen. denn ich glaube. die er richtig voraussah. hatte er doch peinlich darauf geachtet. die Lage nicht zu verschärfen. bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. Allan Lightner. Clay. daß die drei essentials nicht verletzt wurden. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden. sie haben jedes Recht dazu. Ich verstehe nicht. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort.Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. einen Riegel vorgeschoben. darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte. Kennedy hatte General Lucius D.

Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt. Worte. kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander. Zurückgewiesen. Eine Woche nach Kennedys BerlinBesuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . Das wurde uns mehr als deutlich. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte. die Posten zu passieren. sich auszuweisen. Auch wir merkten. und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten. Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. um ein Exempel zu statuieren. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück.West-Berlin. beide Seiten zogen ihre Panzer ab. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. war am Checkpoint Charly von einem DDRPosten aufgefordert worden. wo sie versuchten. ohne sich auszuweisen. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. die eine Absage an Chruschtschow waren. als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 WestBerlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. nicht aber der kalte Krieg. Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin.

nicht gegen sie. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. Sie wurde sehr viel aufwendiger. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche. mußten nun so eingerichtet werden. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen. Jetzt war dieser Weg versperrt. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen.Evangelischen Akademie in Tutzing. was wir strikt ablehnen. So kam es zu der paradoxen Situation. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen.« Durch die Grenzschließung am 13. gingen wir das Wagnis ein. daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. Es konnte vorkommen. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage.

die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. Der einseitige Funk. Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. die auch darin gründeten. die für die Übersiedlungen zuständig war.in der Bundesrepublik aufhielt. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt. funktionieren mußten. In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten. das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet. Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. die ständig verbessert wurden. die benötigt wurden. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege. daß Jurij Andropow. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig. aber oft kam es nicht vor. der Vorsitzende des KGB. Zwischen der Abteilung VI unserer HVA.

So gut und einfach diese Methode war. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. sorgten für dauerhafte Reibung. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. oder einen speziellen Empfänger zu benutzen. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. Bis ich den Dienst verließ. Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich. Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück. das er Rundspruchdienst nannte. zu unterscheiden waren oder sind. daß man angepeilt wurde. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums. Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden.die verschlüsselten Funksprüche empfangen. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. Das bedeutete die schwere Entscheidung. -140- . Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte. so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen.

Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln.Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. Anhänger eines humanistischen Weltbilds. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. aber einige Quellen wurden festgenommen. Max Heim. Adenauers engstem -141- . Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich. Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. Wider Erwarten fand sich nicht nur er. mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte. Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. Es war erstaunlich. schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. indem er in der Illegalität untertauchte.

Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen. Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. wo er 1965 verstarb. ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen.Vertrauten. und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). Als er verraten wurde. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte. Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- . der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. Er war von dem Drang erfüllt. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. dem Leiter des Ostbüros der SPD. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand. und zu Ernst Lemmer.

Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten. Doch für uns galt es. -143- . Es kam nicht zur großen Koalition. auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten. die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt.

dem Idealismus. gehört neben der politischen Überzeugung. Im 4. in dem Milch und Honig floß. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe. sie habe zwar Fremde bewirtet. Einem der Männer. und wie Mose zwölf Männer auswählte. indem sie ihr das Leben retteten. diese seien aber bereits abgereist. die sich später revanchierten. wie der Herr Mose gebot. die so schwer war. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. dem Sohne Nuns. schnitten sie eine Weinrebe ab. Zu den vielfältigen Ursprüngen. Weniger launig läßt sich feststellen. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. die sich für meinen Dienst engagierten. ja zwangsläufig ist. Hosea.6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus. versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. in denen die Motivation derer. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte. Buch Mose wird geschildert. mit einer Traube. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. aus jedem Stamm einen. gesammelt hatten. wo diese im Hause der Rahab. einer Dirne. gründete. Im Buch Josua erfahren wir. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten.

die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. von der er den -145- .Liebe. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. daß die meisten Kundschafter. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. Das aber bedeutete noch lange nicht. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. den Bereich der Phantasie. die er uns als mögliche Quelle empfahl. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. unsere Leute davon abzuhalten. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. hat damit zu tun. und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben. Alleinstehende. waren ein gebrochenes Herz. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. eine moralische Bürde. Herzensbrecher ausgebildet zu haben. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. sahen wir es nicht als geboten an. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. alleinstehende Männer waren. Die wohl eher mediengerechte Behauptung. Was blieb. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. die wir in den Westen entsandten. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte. war von unserer Seite aus nicht untersagt.

Deckname Astor. wo Regierungsmitglieder verkehrten. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring.Eindruck hatte. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. die »Felix« genannt hatte. dessen Souveränität sie nur belächeln konnte. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht. Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung. die er nicht verschwiegen hatte. Das fanden wir merkwürdig. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. Wir entschieden uns für Herbert S. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt. Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- .. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden. der Dame. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn. seine Freundin anzuwerben. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. als Kandidaten. Sie wurden ein Paar.

. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden. Er war ein hochintelligenter. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. seiner Freundin. daß wir ihn zurückholen mußten. fleißig. in jede Rolle zu schlüpfen. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. verstärkt durch den Umstand. Doch Ro land G. gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. war hübsch und katholisch. passenderweise mit dem Namen Margarete. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. Unser Mann überlegte. um dort eine Frau kennenzulernen. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. kannte das Wort Niederlage nicht. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent. was uns vorschwebte. Es gelang ihm. die er an uns weitergab. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«. sittsam und scheu. Unser Zielobjekt. 1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. wo er als galanter Verehrer glänzte. was -147- . Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben.dramatisch. das Wissen. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. Eine gute Besetzung war auch Roland G. das wir durch »Gudrun« erworben hatten. kurzum. der geborene Kand idat für das. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen. daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte.

Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. blieb Margarete im Westen. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. war es ein herbes Erwachen für die -148- . Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. um Margarete die Beichte abzunehmen. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. er sei ins Visier der Abwehr geraten. als sie zu ehelichen. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. ihre Stelle zu kündigen. mußten wir ohnmächtig mitansehen. weil wir fürchteten. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. zurückziehen mußten. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach OstBerlin kam. als Feldkaplan verkleidet. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. verlor sie bald das Interesse daran. dann beweisen sie. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte. doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«.zu tun sei. Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in KarlMarx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging. Als wir Roland G.

daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. Aus der Liebelei wurde Liebe. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden. ohne daß man sie durchsucht hätte. immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus. der Enttarnung knapp entronnen. Gerda O. saß bei uns. kennengelernt. klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen. um es euphemistisch auszudrücken. Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt. Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig. Noch hofften wir. Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig.Getäuschte. Was dann geschah. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität.. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. Herbert S. Gerda S. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- . hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. einen getarnten Agenten des BND.

Erst Jahre später. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. die geringste Chance zu nutzen. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. Was sie nicht wußten. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. doch eine solche Chance ergab sich nicht. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. Deckname Inge.zurückkehren würde. »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. Meine polnischen Kollegen versprachen mir. als »Inge« ohne -150- . denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. weil sie gern für Kolleginnen einsprang. Doch kaum aus dem Westen abgezogen. Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. wenn abends länger gearbeitet werden mußte. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. Seine neue Liebe. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. wollte sie ihn unbedingt heiraten. trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. In ihrem Büro war sie beliebt. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen. doch vergebens. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt. wenigstens in der DDR. die eine feste Beziehung mit ihm einging. Obwohl »Inge« wußte. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. was sie wußte. war. um »Ritas« Abflug zu verhindern.

zu entschlüsseln. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen. Mitarbeiterin des NatoGeneralsekretariats. wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet. Werner Marx. Sekretärin in der bundesdeutschen NatoBotschaft. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. Ursula H. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen. samt Lebensgefährten und Helga R. eine Sekretärin in der CDU-Führung. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein.. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen... eine sogenannte Doppelgängerexistenz. Die Medien behaupteten. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«. Im März trat Ursel Lorenzen. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe. diese Tarnung. die Sekretärin von Dr. und ihr Ehemann. beschloß ich. in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt. aber unve rzüglich. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung. Ingrid Garbe. ohne Aufsehen. die uns bisher sicher vorgekommen war. Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet. dessen Tod nicht registriert war. So kam es. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen. ebenfalls mit ihrem -151- . daß sich kurz darauf Inge G. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur. daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten. Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur dieses ideelle Motiv.« Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen? Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren. Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen, waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden, und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen und auszufragen. Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der
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bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres 1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte für unmißverständliche Klarheit. Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz geheimdienstlich relevant war. Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer Häuser« nur zuträglich sein könne.

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Helga Rödiger 1981 Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B. konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen. Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K. ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte oder nicht. Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976 trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung
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waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich, daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie. Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als »Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte. Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz, ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

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7 Der deutschdeutsche Dschungel
Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Druck. Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten ausschloß. Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in diesen Jahren. Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten Rheinbund zu schaffen. Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch
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aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950 gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer Deutschlandpolitik. Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der »Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor. Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt. Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war. Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis, zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu
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deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem Interesse, Einfluß zu nehmen. Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein, der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle »Maler« stand. Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken. Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU, und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch
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gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der KPD beworben. Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete, daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten, daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren. Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte. Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb »Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SEDFührung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns zu blamieren. Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs« verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen
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Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in OstBerlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers
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daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte. Der Vizekanzler behauptete. Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht. D. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- . Vincenz Müller. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken. daß das Unglaubliche wahr geworden war. Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall.« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war. Schäffer erklärte bei Müller. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon. Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage.Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden.

Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. -162- . was zu tun sei. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle. die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre. schilderte ihm die Situation und fragte. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. Grotewohl entschied. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. Wir waren also zu überrascht. Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab. solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. war es unmöglich. der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen. die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an. der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. Am 5. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. um auf diese Mission vorbereitet zu sein. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen.

Daraus könne man lernen. Auf unseren Einwand. entgegnete Schäffer. die er innenpolitisch machen wollte. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. schon sehr weit. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären. meinte er. ohne selber konkrete Antworten geben zu können. Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. Er war sichtlich enttäuscht. Er sagte. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. das ließen auch die Pariser Verträge zu. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe.Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren. sich an das Lager der USA zu binden. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . Er verstehe aber. die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen. noch bemerkenswerter. Voraussetzung für die Vereinigung sei. Gingen diese Vorstellungen. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. so waren die Kompromisse. daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten. die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten.

« Über unsere Kanäle erfuhren wir. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten. Sie demonstrierte.« Auch dieser kleine. wenn auch widerstrebend. wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war.Vordergrund stellen. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. Geheimverhandlungen zu führen. -164- . habe ich nicht alles gesagt. daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden. eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen. Das wichtigste sei. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. aus dem er 1945 befreit worden war. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. Wichtiger noch schien ihm zu sein. Doch als ich die zwei jungen Männer sah. Ich war bereit. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte. Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. Es waren nicht allein nationale Motive. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen. und darum will ich verhindern. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden. warum Adenauer.

Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. Am 20. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß. Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). gab es die Sprachregelung. auch bei Schaffen -165- . zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. die Scharte auszuwetzen. Die Direktiven. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. und wir bemühten uns. daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien. daß die Kontakte doch bekannt würden. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an. Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. Professor Otto Rühle. waren vage. Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. man habe über aktuelle Themen gesprochen. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden.Doch Schäffer gab nicht auf. Schäffer betonte.Doktrin ausgehebelt hätte. Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. Es blieb zunächst dabei. Für den Fall. weil das die Hallstein. weil immer das Mißtrauen blieb.

Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. Bonn reagierte hektisch. die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten. »bei dem -166- . Ulbricht erklärte. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten. Er ließ General Müller und Professor Rühle. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten.Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. Er behauptet. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen. eine öffentliche Erklärung verfassen. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. Sie belegten allerdings. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe.

war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß. ist eine jener Episoden. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft. Hans Kapfinger. Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. Der Versuch des Vizekanzlers. Wir wußten nicht nur von Schäffer. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt. Kanter. Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse. Deckname Fichtel. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten. in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. Adolf Kanter. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch.

Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an. als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde. Dr. Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. Kanters Aufgabe war es. »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst. doch sein Ruf hatte Schaden genommen. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf. daß ein Mann. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. Es entbehrte nicht der Ironie. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. K.. wußten wir spätestens 1974. Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte.. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. Werner K. Daß es sich gelohnt hatte. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen. geschrieben. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanzund Wirtschaftsberatung. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- .

was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. Werner K. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Er -169- . Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in RheinlandPfalz aus. war enttarnt worden. Dr. Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. wie er es nannte. das Material westdeutschen Medien zuzuspielen.Spenden des Flickkonzerns. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. waren wir bis in die Details informiert. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. widerstanden wir der Versuchung. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden.. Schon um unsere Quelle zu schützen. Er blieb. die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. gerade auf dem Weg in die Wohnung. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren.

Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. -170- . Klaus Kuron. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie. Kanter mußte zum Verhör. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht. Unser Mann beim Verfassungsschutz. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde. Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht. weil sie natürlich K. Seinen Instrukteur K. Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich. dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt.s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. Wir fürchteten. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen.. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war.stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand.

Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. Paul Lauffer. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager.Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte. Ein Problem für uns war. und das nicht nur. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. Der Entspannungspolitik hat er genützt. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. daß man im Lager von Kohl. wenn es um Geld ging. -171- . Bei uns gab es Kommunisten. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. Das Bild. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete. war zwar nicht immer schmeichelhaft. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. als es den Anschein haben mochte. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten.

Ich stimmte -172- . Wir rauchten. Er verstand sich nicht als »Agent«. »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. wurde immer geringer. denn er konnte immer zu dem stehen. was er tat. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. ihn persönlich zu führen. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. blieben unbesprochen. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. wird ihn in der Beschreibung erkennen. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. daß ich heute seinen Namen preisgebe. Den Resid enten in West-Berlin. der ihn führte. Wer ihn erlebt hat. Angehörige des Ostbüros zu benennen. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. Die Tonbänder. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. doch seine Bereitschaft. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn. mit uns zu kooperieren. den er gerade dadurch bewies. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. Andererseits wurde immer deutlicher. Ich beschloß. paßte ihm nicht.Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. und lehnte es kategorisch ab. daß er uns Probleme bereitete. Er weigerte sich. »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. die wir ihm gaben. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns.

der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. Geburtstags zu zweit. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. die auch mir viel gab. den wir beide nie vergessen sollten. Die ungewöhnliche Praxis. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. den er für einen Renegaten hielt. ging er nun mit der SPD ins Gericht. Wir kamen überein. und das war der XX. Statt die SED zu kritisieren. Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. Er schien voller Verachtung für den Mann. daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. der sich von der Rechten einwickeln lasse. Ich glaube. -173- . die keine Zeugen vertrugen. Wir beschlossen.in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt. Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte. Es war ein herrlich sonniger Tag. und verabredeten eine Vorfeier seines 50. uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen.

ihm einzuschärfen. Die Geschichte wurde nicht publik. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. Mit klopfendem Herzen sah ich. Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. Ich versuchte. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter. Wir wechselten zu Bier. An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. du und ich!« Ich befürchtete. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. Er drehte sich noch einmal um. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten. Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten. fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. keinen Alkohol anzurühren. angewiesen. daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen. Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. -174- . hatte ich Mühe. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. der belegte. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann. wie er auf den Posten zuschwankte.

Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. die ganz wesentlich dazu beitrug. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat. das Verhältnis der SEDFührung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen. Viel Gelegenheit. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert. Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. hatten wir allerdings nicht mehr. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen.und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. arbeitswütig. wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf. Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter. um die Identität meiner -175- . über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. Raststätten. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. abenteuerlustig. wenn er es für richtig und wichtig hielt. Er informierte mich. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke.So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung. lebensfroh. die tausend Gläser zusammen zu leeren. Die Zeit der Ein. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. ließ sich unschwer errechnen. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte.

daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten. Ich wußte. Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. mußten wir uns abrupt verabschieden. Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen. Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. und die bringen nichts zustande. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten. Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. -176- . einmal so zu agieren. wurden sie redselig. daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. Wie hielten an der ersten Tankstelle. Alles war fast auf die Sekunde geplant. Wir fuhren auf die Transitautobahn. Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen. Das Warten wurde kurzweilig. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt.Quellen zu schützen. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert.

Das Problem war nur. über Politik und das Leben an und für sich. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs. »Freddy« schob sich. bis wir wieder auf der Autobahn waren. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. Eine der Belastungen. Es dauerte nur Sekunden. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. die wiederum reagierte. Nur der kalte Sekt fehlte. war die Angst.Ich rutschte auf den Fahrersitz. So trafen wir uns etliche Male. Ende der 60er Jahre. Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten. so schnell es sein Bauch erlaubte. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh. sie würde seine Motive nicht verstehen. neben mich. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. die Leidenschaft für Politik. Es blieb uns nichts anderes übrig. Sein intensives Leben. wenige Tage nach einem Treffen. die psychische Doppelbelastung als SPDPolitiker und HVA-Kundschafter. Ich gab ihm neue Instruktionen. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. die harte Arbeit. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. Er hatte immer gemeint. daß wir dabei so routiniert wurden. Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert.

der ihr behutsam erklärte. warum wir ihr Geld schuldeten. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich.Anspruch hatten. alle -178- . aber geahnt hatte sie immer etwas. Sie schien nicht wirklich überrascht. als diese glauben. daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen. »Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht.

die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. uns über innen. Sie wußten. was Konspiration war. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten.Westdeutschen. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden. als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren. die nun in der DDR lebten. Es gab rein politische Kontakte. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. und es gab jene. zu informieren. In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. und nutzten diesen Kanal bewußt. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. neudeutsch back channels genannt. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. Natürlich war ihnen klar.und außenpolitische Tendenzen. Es gab Partner. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender. -179- . Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte. die ihnen gefährlich erschienen. die sich an unseren Dienst banden. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Fritz Erler und Heinz Kühn.

sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Das war natürlich nicht einfach für ihn. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut. Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke. Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft.Ein alter Freund Erlers. Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland. als Wehrexperte der Partei zu fungieren. aber für uns war es von großem Nutzen. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. Es hieß. der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien.

Er bekam den Decknamen Streit. der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -. Die beiden trafen sich regelmäßig. Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen. Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. weiß ich nicht. Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDRMinisterrats aus. Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte. ihn direkt anzusprechen. das wir von Wienand erarbeiteten. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. Wienand reagierte aufgeschlossen. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. schien es uns erfolgversprechend.Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam. bis zur Wende. Fast zwanzig Jahre. Da Wienand im -181- . obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPDFraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen.

Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. Er war ein vorsichtiger Mann. sich um dieselbe -182- . einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. wagten wir es. Es wurde deshalb erwogen. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte. Wienand habe in einem langen. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. auch wenn sie befreundet sind. blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. Nun war uns aber zugetragen worden. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung. der die Verbindung aufrechterhalten wollte. als wir erfuhren. persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. Es ist immer mißlich. Völkel berichtete hinterher. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück.Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. wenn zwei Dienste. wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze.

Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen.Quelle kümmern. Der KGB zog sich von »Streit« zurück. Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- . sich an Wienand heranzumachen.

Geplant war Anfang der 80er Jahre.Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen. mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. Ein anderer Grund war. daß er an einem Projekt beteiligt war. dem sogenannten Züricher Modell. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. Die Sowjets. obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. ein alter Freund Wienands. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. Als ich Mielke zur Rede stellte. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. So erfuhr ich. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. informiert von den eigenen Quellen. mein Minister hatte mich nicht informiert. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. ich sei einer Desinformation aufgesessen. mit Unterstützung Bonns und unter DDRBeteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen.

der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. Geschäftsfreund. Ich erinnere mich. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. mit uns zu reden. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel. Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. Ich berichtete ihnen. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen.Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. Als Strauß Atomminister wurde. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. Er ließ sie ruhen. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. der sicherlich bereit sei. sondern eher jemand. und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus. als er Verteidigungsminister wurde. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. wo sie sich anbieten. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . Das war Simon Goldenberg. Wienand ging dabei leer aus. Karl Wienand war nicht der einzige.

Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren.März. an die er so gelangte. Er hatte dafür zu sorgen. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten. Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor. daß die Informationen. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen. die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). -186- . Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. Zudem hoffte er.und Außenhandel. wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte. arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen. Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. Solche Erkenntnisse brachte der StraußKontakt. Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den SchalckBerichten.

Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Ein Foto. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. Der Zufall wollte es. Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung. das uns beim Fischessen in Varna zeigt. daß die beiden sich verstanden. doch das Bild täuscht. Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. aber auch eiskalten Mann erlebt. Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck. Es war also nicht weiter verwunderlich.Franz Josef Strauß (links) und Alexander SchalckGolodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten. sehr amüsanten. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu. Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten, warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis. Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts, Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener Hospital und erklärte, daß er nicht i die DDR zurückkehren n werde. Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
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lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich. Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte, Goldenbergs Wünschen nachzugeben. Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte. Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft, wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten, konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden erst gar nicht verfolgt.

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8 Herbert Wehner
Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit dieser herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete, wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen. Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR, insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte. Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht. Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung. Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu
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verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann. Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft, verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der OstBerliner BZ am Abend. Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber offenbar das Risiko wert. Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des »Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich präsentierte. Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
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»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen Wotan geführt. Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956 zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPDSicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von der Bundeswehr besetzt werden könnten. Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische »Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand aufriefen. Es gab damals erhebliche Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne, vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte er also wissen, wovor er warnte. Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde. Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
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»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer Friedenspolitik im Osten zu suchen. Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit loszukaufen. Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung. Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch beobachtet, bereiteten diesen Weg vor. Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im
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sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete. Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März 1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe, deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die unser Apparat von ihm übernommen hatte. Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im PropagandaKrieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde, waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung leisten könnte. Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen
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interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten. Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das weitere Prozedere beraten. Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am 17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »WotanVerbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört. Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens. Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde. Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war
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also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben. Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß wir ihm zu Unrecht mißtrauten. Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten, der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten sie noch rechtzeitig schützen. Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein zwischen den Systemen Schwankender? Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns. Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.
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daß das ein Himmelfahrtskommando war. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb. obwohl er wußte. weil ich Genossen kannte. deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. nach Deutschland zu gehen. sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. die verhaftet und hingerichtet worden waren. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. die er nach Deutschland geschickt hatte. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. darunter Charlotte Bischoff. um dort die illegale Partei zu führen.Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. denen Menschen geopfert wurden. und das. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. Er wußte natürlich. so Stahlmann. was ich von Richard Stahlmann erfuhr. als er aus Moskau den Auftrag bekam. denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. Geschürt wurde es durch das. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. Auf Wehners -197- . Stahlmann erzählte. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. Um dem zu entgehen. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert.

Das Material war dazu gedacht. hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt. wartete ich zehn Jahre. dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte. Erst -198- . falls so etwas politisch opportun sein sollte.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. Auf Material aus Moskau. Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag. den ich für einen Verräter halten mußte. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann.

durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. Die Versuchung war immer groß für unsere Seite. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. hatte sich schon 1955 ergeben. Ich frage mich. Schließlich ist es nicht auszuschließen. wohl wissend. zumal sie sich aussichtsreich entwickelten. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. Die Gelegenheit. in denen er ü viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. Denn die Weigerung. Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners f r das NKWD von Ende 1937. hätte Wehner wohl nicht überlebt. daß er zumindest subjektiv der Meinung war. als sie ohnedies schon wußten.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten. Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. denn sie dokumentieren. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. ob man richten darf über das. die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. was ein Mensch in Todesgefahr tut. Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. wie viele Genossen. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo. also Folter und Tod. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert.

die er Girnus freimütig gab. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen. und die Positionen. bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften. Die Informationen. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. -200- . ob er bereit sei. die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert. die er vertrat. waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. zumal zu einer Zeit. daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf.Außenministerkonferenz. wenn bekanntgeworden wäre. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. Am Ende schlug er von sich aus vor.Hermann Flach Gespräche zu führen. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. Uns gelang es. Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen. Es war nicht gerade eine Routineaufgabe. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat. Er war es. in Genf unter anderem mit dem FDPGeneralsekretär Karl. an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen.

Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. Wie ich erwartet hatte.« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen. rettete am Ende der Nachweis. Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. In der Hauptstadt der DDR. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben. Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war. Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen. dokumentierten sie doch. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten. Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. wurde nach 1957 deutlich. lehnte er den Vorschlag ab. wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte. aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. denn er mußte fürchten. Ernst Wollweber. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute. sondern mit Matern. Spalter der -201- . Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus. Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. Wir wußten. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte. Über den Minister für Staatssicherheit.

daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe. Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. denn uns war klar. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten. zu denen wir nicht nur politische. die wir bekämpften. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen. Wir wußten über unsere Quellen. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- . Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. aber nie abgebrochen.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. Für manche Sozialdemokraten. bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran.

zu denen engere Kontakte bestanden. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen. die forderten. um so intensiver wurden die Überlegungen. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . war es eine schwere Belastung. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren. denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Parteiund Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke.zusammenarbeiteten. sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen. vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. daß die SPD-Politiker. Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein.

die an die sowjetischen Partner ging. Heinz Volpert. Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Nicht nur offene. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte. da sie zu risikoreich geworden w Von nun an kontrollierte Mielke die ar. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. warum sein -204- . Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. Das erklärt vielleicht. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet. Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt. Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand. Außer den drei Exemplaren für Honecker. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen. Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte.Pläne immer abgelehnt. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister.

Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland. Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973. Briefträger war Anwalt Vogel. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt. Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an. er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«. Im Unterschied zu anderen KPDSpitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. weil ich wieder einmal sah. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde. Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit.abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden. wie sehr die Politik von Schwächen. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. an dem auch -205- .

denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest. daß er nicht mehr als H. mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene. wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. sondern auch sentimentaler Natur. traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. Diese bevorzugte Behandlung in den DDRMedien war taktisch wenig klug.Mischnick teilnahm. -206- . Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. Eine neue Sprachregelung bestimmte. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. Wehner. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot. Er wählte selber das Gebäck aus.

Tagebucheintrag vom 15. 4. 1980 (Transkription im Anhang) -207- .

den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- .Tagebucheintrag vom 16. 4. der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war. 1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch.

beschloß das Politbüro im Januar 1974. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis. Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu. daß nicht Wehner.Partei. Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei. Für mich war das eine absurde Vorstellung. Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. -209- . Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden. Um das sicherzustellen. in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren. Wieder einmal warnte er vor Brandt.

Tagebucheintrag vom 24. 8. 1981 (Transkription im Anhang) -210- .

3.Tagebucheintrag vom 8. 1983 (Transkription im Anhang) -211- .

Tagebucheintrag vom 8. 3. Er fürchte. wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . sagte er zu Vogel. einen »gefährlichen Ermunterungssog«. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen SolidarnóscBewegung.

Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. ja bisweilen des physischen Überlebens.« Sein Rat. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts.« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. »je eher. das schönste Geschenk zu seinem 75. Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt. Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie. der kaum Beachtung fand.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. Die Voraussage aber. leider. fand glücklicherweise kein Gehör. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. sollte sich als zutreffend erweisen. desto besser«. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen. der Stärkere im politischen Spiel zu sein. daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. ist das eine allzu platte Sicht. Es ist eine halbe Minute vor zwölf. Er bekannte.

zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten. Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung. Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten.Stalinzeit gezeichnet. deren Konflikte sein Leben ausfüllten. Er tat dies oft auf seine Weise. Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- .

in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. Er war der Ansicht. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. Das. So wenig sich die strategische Lage der DDR. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte. Walt Whitman -215- . daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. was Leonid Breschnew. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue. ließ aufhorchen. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns.9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden. Der israelischägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. Auswirkungen. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Dies aber verleitete die Falken in der USAdministration zu gefährlichen Schlüssen. bedeute Krieg. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. so Breschnew. Israel zerstören zu wollen.

und dann werde man sich Europa zuwenden. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn. folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen. verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt. -216- . was neue Unruhen auslöste. danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur.Rostow. Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. sondern geboten sei. der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus. daß es für die USA nicht nur möglich. Kaum waren sie abgeebbt. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus.

geäußert. Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen. doch Mielke war keineswegs zufrieden. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. worauf auch in der DDR viele warteten. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. was er propagierte. denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher. stutzte ich. die weit über das hinausgingen. auf denen Dubcek sich bemühte. dem 8. genau wie die Studentenkrawalle. so der Parlamentspräsident -217- . Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. Februar.Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. Am Jahrestag der Staatssicherheit. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. die aus Warschau gemeldet wurden. um auf andere einzuwirken. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten.

was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte.Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker. Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. die -218- . Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen. Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen. die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs. den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das.

was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. nicht nur er sei der Auffassung. Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen. Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war. und hatte erklärt. Dabei hatte er betont. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor. in der Bundesrepublik geführt hatte. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe. Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden. der für die Aufklärung zuständig war. Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. Mielke besuchte. Szlachcic schilderte mir eingehend. als offiziell behauptet worden war. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt.Mieczyslaw Rakowski. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei.

Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war. Der wahre Sachverhalt sah so aus. Für September werde ein Parteitag vorbereitet.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren. gewählt würden. die Mehrheit. Am 8. Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden.und Staatsführung in den düstersten Farben. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen. im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. Er sagte. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten. Das hielt ich für absurd. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden. In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei. die sich selbst als Progressive bezeichneten. ja geradezu kindisch. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus. Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. Juli holte Houska mich an der Grenze ab. Salgovic -220- . zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein. meist Intellektuelle. ob man annehmen müsse.

Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne. Viele fühlten sich so bedroht.und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. die alle »Konservativen« denunzierte. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher. von meinem -221- . lag hie wie da an den gleichen Ursachen. Salgovic ging nach Bulgarien. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. Er sagte. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden. die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten. Am 19. Auf meine Frage. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. was von unserer Seite aus getan werden könne. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. wie ich sie damals erlebte. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte.« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt.

Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSRReformkurs. Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde.Besuch informiert war. die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten. fiel es mir nicht allzu schwer. Offenherzigkeit und -222- . den Zusammenhang zu erraten. konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten.

Für den 3. Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. Als ich im Ferienhaus ankam. die mich zu ihm brachten. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. -223- . Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. Er sagte mir. Am 17.00 Uhr morgens i Ahlbeck ab. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. Der Einmarsch in die n Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen. die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. Um 2. um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. Er vermutete. weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei. August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. was drei Tage später geschehen würde.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war. er müsse sofort nach Berlin zurück. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß. und das.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen. Am 21. sah ganz danach aus. als habe man sich geeinigt. hastig eingezogen.

Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens. auf den 21. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. Mielke hatte ihn darum gebeten. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen. daß sie bis zur Nacht vom 20. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke.Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. Die Atmosphäre war entspannt. wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil. Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- . Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. Andropow hörte ihm höflich zu. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. den Marschbefehl zu geben. keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen.

auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. die Gründe für das. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück.militärisch einzugreifen. die Kontakte zu westdeutschen Politikern. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. was in der CSSR geschehen ist. weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen.« Es verschlug uns fast die Sprache. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. Ich glaube. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. in der inneren Entwicklung unserer Staaten. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. daß es unabdingbar ist. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein. hatte Andropow dafür plädiert. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. Es war keine angenehme Wahl. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- . die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. Dennoch hat er sich bemüht. in der kommunistischen Bewegung. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen.« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen. aber noch ungewohnter war sein Appell. Ich glaube auch. Im übrigen wären wir gut beraten. unseren Ruf zu schädigen. bei uns selbst zu suchen. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren. auf die Gefahr hin.

und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA. Sie spürten. zwischen Plan. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- . vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. die Möglichkeit. zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein.Chance vertan worden. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. sie glaubten. wie die USA auf den 17. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt. Die Männer. daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin. jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen.und Marktwirtschaft. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten. Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. zwischen Parteien zu wählen. haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. Solche Erwartungen ignorierten völlig. Juni 1953. ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen.

nicht die Verständigung. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage. daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist. daß man Züge zurücknimmt -227- . sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. die nach 1989 oft gestellt wurde. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter. geht es nicht so einfach.notiert: »Über Polen. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren. Dann kommt es so wie in der CSSR. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet. zu reduzieren oder auszuklammern. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden. Dies jedoch hätte vorausgesetzt. Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. Die Geschichte ist kein Schachspiel. Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen. ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ostund Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren.

die niemand vorauszusehen vermag. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden. Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das. Viele Bürgerrechtler. die Ergebnisse zeitigen könne. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. -228- . was sie gewollt hatten. Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten. die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen.und andere Varianten durchspielt. von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«. so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime.

Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag. Behinderung des Transitverkehrs. Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. Ulbricht bot in dem Schreiben an. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden. dem er den Brief brachte. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in WestBerlin stattfinden. Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz.10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. militärische Übungen. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg. Die Wege waren noch verschlungen. Deckname Günter. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Am Abend des 21. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- . über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. Herbert Wehner. Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete.

1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- . Tagebucheintrag vom 27.Mielke. Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten. 2.

aus dem Spiel lassen. hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war. Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte. gemeint waren die von der CDU. Brandt blieb nichts anderes übrig. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren. Er war 1959 -231- . daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. Heinz Felfe. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. sondern gab die Nachricht an den CDUKanzler Kiesinger weiter. daß man an Verhandlungen interessiert sei. Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert. Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn. um zu demonstrieren. wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz.

Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen. seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen. zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Seine unkonventionelle Art. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein. Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen. verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Er bereitete den -232- . Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern.geworben worden.

daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. -233- . das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen. Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach. Erst durch Dokumente. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht. Wir versuchten zwar. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen. der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. Er galt als jemand. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten. Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. wurde publik. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen.

Hermann von Berg 1986

Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD. Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel vorbereiten. Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und
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machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche Positionen in Regierung und Parlament anzustreben. So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten »Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen aufzubauen. In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine Strategie erfolgreich. »Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDRBürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir »Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit getan. 1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
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falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant. Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen. Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu diesem verzauberten Refugium gebracht. Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten, schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland, besonders in Sibirien, kennengelernt habe. In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit »Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot gebracht. Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
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mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter Wolf war der General der Staatssicherheit geworden. Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend seinen eigenen, menschlichen Klang. Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt. Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre, als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius« hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler wurde. In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
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Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch, konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte über die Treffen schließlich Aktenbände füllten. Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können. Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn, Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände, zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der 60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können. Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen
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Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet. Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan, Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen registriert. Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann. Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners zuwachsen ließ. In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber, wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen in der DDR machte sich breit. Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten
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Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD überhaupt nicht oder nur oberflächlich. Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil. Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf diese Weise immer auf dem laufenden. Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr. Noch lückenloser informiert waren wir über die Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRDMission in Warschau wurden wir mit allen Informationen versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an
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die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns »Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war, interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders. Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer vertraglichen Vereinbarung zu kommen. Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der UdSSR gegenüber der BRD. Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung. Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um
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weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD. Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen. Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und ohne Prinzipienreiterei herangehe. Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen. Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

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von links. -243- . Nur Insider ahnten damals schon. Ganz anders Honecker. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte.Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen. Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. warnte Honecker. um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik.

die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen. die Absperrungen durchbrachen und »Willy. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- . daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. Willy!« riefen. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten. Als das Treffen am 19. März 1970 in Erfurt stattfand. Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln. Hermann von Berg. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar.Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. Trotz aller Vorsorge kam es dazu. bekam. Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen. Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. dem Erfurter Hof.

Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. Der Kanzler war sichtlich bewegt. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht. Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation. Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«.oder Theaterbesucher spielen. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. Selbst der Hinweis. Museums. sondern mußten auch Passanten. Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt. Da die Gespräche in Kassel stattfanden. In meinem Tagebuch notierte ich. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21.Es war klar. Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. daß sie nicht Willi Stoph meinten. -245- . Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen.

und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. weil Ausschreitungen befürchtet wurden. außenpolitisch wegen der Verbündeten. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. und wegen der Haltung der DDR. die Anerkennung kommt. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen.« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten.Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns. besonders der USA. die Gespräche fortzuführen. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien. aber wir können noch nicht. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. Conrad Ahlers.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- . daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause.

und er traute ihnen eher als den Papieren. »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. Das erlebte ich. mir den Urlaub mit solchen -247- . als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde.den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. Vorsichtig hatte er begonnen. Ich verspürte wenig Lust. ja die Existenz der DDR bedroht. Erich. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. sei die Sicherheit. meinten sie. ohne uns gibt es keine DDR. mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. vergiß das nie. Sie rechneten damit. Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. Wenn man sich darauf einließe. um die Vereinbarung zu unterzeichnen. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts. Ulbricht. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen.

Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte. Ulbricht. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen. Die Irritation hielt aber nicht lange an. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war. Ich sagte nur zu Paul Markowski. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. -248- . einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. konnte auf die Protektion nun verzichten. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. August sah ich früh in die Prawda. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes. Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich. groß aufgemacht.Diskussionen zu verderben. daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. daneben. dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. folgte der Bewertung meines Dienstes.« Am 13. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt. Mir fiel auf. Honecker. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch.

daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente. Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei.Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. Mit großem Interesse -249- . unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. verbunden mit Meinungsmache. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. und er begann. Berater in Wirtschaftsfragen. Er glaubte unserer Einschätzung. »Herta«. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück. Wolfgang Berger sei. weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. Berger. Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. vor allem mit dem Springer-Konzern. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers.

Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. Ich glaubte damals. Mielke erklärte. die ihm kaum jemand zugetraut hatte. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. Breschnew bestärkte ihn in dem Plan. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur.verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen. In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus. um mit Andropow zu konferieren. Da Ulbricht sich aber nicht traute. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. die mein Dienst beschafft hatte. Iwan Fadejkin. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. Er hatte ein -250- . Honecker reiste ebenfalls nach Moskau. Es ging ihm dabei nur darum.

Aber die Umstände waren dramatischer. Er sollte entmachtet werden. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte. Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren. weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte. Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. Auf dem VIII. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. zu einem -251- . während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel. Soweit war es also schon gekommen. Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten.

von einem Putsch Honeckers und Mielkes. Verbittert sprach der alte Mann. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. mit der er den Sturz betrieben hatte. hatten keine Chance. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. Er hoffte noch. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. seinen Ziehvater festzusetzen. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. Er ordnete an. forderte sie sogar heraus. Anfänglich sah es in der Wirtschafts. Auch er sprach danach von einem Putsch. Schon vor der Eröffnung des VIII. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können. Soweit kam es nicht. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. Honecker schien also entschlossen. alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis. Reformideen. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. seiner ehedem engsten Vertrauten. die es immer wieder gab. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros.und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. er ließ andere Meinungen gelten. Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- .

bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte.worden. Auch ich muß mich dieser Frage stellen. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben. Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere.und innenpolitische Hürden zu überwinden. Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln. Es gab gewaltige außen. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt. die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten. daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe.

Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. die Wende gar nicht mitbekamen und i mer noch der alten Sprachregelung in der m Berlin-Frage folgten. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- . Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns. Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau.verschiedene geheime Manöver. In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern. Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von WestBerlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt. zum Beispiel auf den Transitwegen. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das BerlinAbkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen. Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. die sich in Paris aufhielten. daß zwei Mitglieder des Politbüros. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte.

vielfältige Aktivitäten entfalteten.« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los. Dazu notierte ich am 11. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. insbesondere Strauß und Marx. Unsere Quellen meldeten. daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat. -255- . auch in der eigenen Fraktion. mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. Wir erhielten sichere Informationen. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. Vertreter der Landsmannschaften. die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken. Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka. denen man zustimmen muß. die Seite gewechselt hatten. Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe.entscheidend zu verändern.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst. daß CDU und CSU. um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen.

In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. Später behauptete Steiner. setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. um die Verträge zu retten. die gegen Brandt abstimmen würden. fehlten ihr wider -256- . Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung. bekannt. fünfundzwanzig Jahre sicherten. mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte.Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. die Verträge hätten epochale Bedeutung. vom Saulus zum Paulus gewandelt. Schütz. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus BadenWürttemberg. Der Sachverhalt wurde nie geklärt. Spangenberg. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. Als dann das Ergebnis verkündet wurde. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten. Honecker. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein.

Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock. Geburtstag am 1. Die Regierungsfraktionen jubelten. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt.Erwarten zwei Stimmen. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. daß neun Monate später geschehen würde. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten. der dem Votum vorausgegangen war. Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. den Sturz Brandts zu verhindern. Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge. -257- . Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde. war Europa politisch verändert. August 1973 starb. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen. Noch ahnte ich allerdings nicht. die Fassungslosigkeit Rainer Barzels.

Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt. wenn sie in Bonn vorstellig wurden. den Weg ins Kanzleramt finden würde. Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren.11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. doch daß Guillaume. zu Verbänden. Niemand konnte ahnen. Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. Kirchen und Behörden zuständig war. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen. damit hätten wir nie gerechnet. daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. Deckname Hansen. Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt. das für engere Kontakte zum Parlament.

Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten. und so schien es am zweckdienlichsten. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. waren DDR-259- . höher. Mitglied des Parteivorstands. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. Das Ehepaar war von uns beauftragt. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung. nicht wissen. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen.Bundesrepublik gegangen. die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. als uns recht sein konnte. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPDUnterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten. Womit wir nicht gerechnet hatten. Da Christels Mutter. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen. eine Holländerin. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes.

Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen.Besuche der Familie nicht länger ratsam. die bestanden. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher. Es war daher nicht weiter verwunderlich. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke. hätten erhärten lassen. um wahr zu sein. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen. daß man auch -260- . der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. den unser Mann ihm verschaffte. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. der nachmalige Leiter des BND. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will. ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente. was zur Folge hatte. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. Seine Warnung verhallte ungehört. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte.

Brandts Politik zu durchschauen. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. wie Guillaume es war. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. So kam es. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden. eine Politik. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale. daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei. möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. die uns über -261- . war er niemals befaßt. und er hatte gewichtige Förderer. daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. Oft hat man die Frage gestellt. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen. wenn es um Themen ging. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten. die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten.Guillaume vertraute. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten.

indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat.unsere anderen Quellen erreichten. aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte. und es ist keine Übertreibung. Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig. wie er war. Kontaktfreudig und fleißig. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen. verstand er es. -262- . Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. 1970 wurde Guillaume damit betraut. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten. Die BNDLeute gewöhnten sich schnell daran. daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß. wenn ich sage. Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe.

Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes. Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. wenngleich er nicht beauftragt war. ist wohl kaum verwunderlich. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte.Peter Reuschenbach. Die Wahlen von 1972. die Guillaume kannten. aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. wo er als erschöpfter. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. erfuhr er Wichtigeres. stiller Zuhörer vieler Gespräche. Der Vorschlag wurde angenommen. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor. jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. Als kaum beachteter. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. Ab dem 1. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. -263- . Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen.

daß Leute. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt. war. was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. die zwar nicht wissenschaftlich. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. miteinander in Beziehung brachte. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie. wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. Was ich nicht wissen konnte. Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . Als wäre nichts gewesen. es unweigerlich fertigbringen. eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. es gibt Fernsehaufnahmen. der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. das bleibt bis heute ein Geheimnis. aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet.Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. verhaftet. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. allerdings nicht mehr sehr lange. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. die bislang harmlos erschienen waren. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. in Kontakt zu kommen.

die Franzosen dazu zu bewegen. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. die Charta zu unterzeichnen. insbesondere die Franzosen. daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. und aus dem.mit ihren Kindern Ausflüge. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- . der Brandt riet. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. in denen er sie davor gewarnt hatte. Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten. die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen. Das erste war ein Brief. konnten wir entnehmen. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt. den Richard Nixon am 3. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. aus den Dokumenten war zu erfahren. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. und in denen die Amerikaner erklärt hatten. die sich übergangen fühlten. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig.

die Feuer legten. um es dann mit großer Geste löschen zu können. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. sie sei so unleserlich. Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab. damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte. Niemand kam auf die Idee. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . nach dem Verbleib des Originals zu fragen. daß er sie erst abtippen müsse. In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. gab dieser vor.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln.

Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten. daß die -267- . (…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden. Sie ließen erkennen. wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich. die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war. Sie zeigten.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten. wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. wenn er dort schreibt. (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern.

die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere. weder in Bonn noch später in Köln. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden. den Eindruck zu vermeiden. die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet. nie erhielten. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. Guillaume bestätigte diese Version. Anfangs dachten wir. da ich es einstweilen für geraten hielt. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf.Kopien. die Papiere seien zu uns gelangt. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck. die Verfolger abzuschüttel. und ich schwieg. nicht loswerden. Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. Der Grund dafür ist. die er von den Dokumenten angefertigt hatte. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz. Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. daß man sie und »Anita« beschattete. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst. die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. daß -268- . sie sehe die berühmten weißen Mäuse.

die Telegramme an -269- . Besonders verhängnisvoll war. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren. auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte. bis wir erfuhren.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. Hierzu muß ich erläutern. Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten. Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. wenn man die Wahrheit sagt. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. daß er Gronau ans Herz legen sollte. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. um nicht zu vergessen. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete. sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten.

begann. der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. waren die Geburtstags. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. Kompliziert wird die Geschichte dadurch. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden. Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren. wie man weiter vorgehen wollte. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. der einen Agenten betraf. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten. Es blieb nur die Frage. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief.und Neujahrsglückwünsche. wieso zwischen dem mehr als -270- . um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte. Von da an war alles klar. Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität. Anders läßt sich nämlich nicht erklären. dessen Name offenbar mit G. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. und in der Hoffnung. wenn wir geahnt hätten. an einen dieser Vorgänge. der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war.

Da er und sein Protektor -271- . dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. um den Kanzler zu schützen. Am 29. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. Bericht erstattete. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen. Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. was sie gesagt haben wollen. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. muß er sich so vage ausgedrückt haben.begründeten Verdacht. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen.

Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte. doch andere hatten sie munter brennen lassen. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. Angenommen jedoch. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag. war diesem zweifellos bewußt. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. Wir hatten die Lunte gelegt. das ist zweifellos wahr. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. statt das Feuer im Keim zu ersticken. es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. dem Oppositionsführer. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen. da nur so das Jahr Observation -272- . daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. und es bleibt mir ein Rätsel. ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde.Wehner mittlerweile verstorben sind. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt. die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. wie Genscher so etwas zulassen konnte. Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen. Die zwielichtige Rolle. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte.

Dafür aber sahen beide keinen Grund. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. Ein Bonner Ehepaar. und ein West-Berliner Zahnarzt. den Rückzug in die DDR anzutreten. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. wiesen wir sie und ihren Mann an. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. Georg Leber. daß sie von A bis Z erfunden ist. still und leise umgehend aus der Haft entließ. was zu tun ratsam wäre. inzwischen Verteidigungsminister. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. und das erklärte in unseren Augen. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist. jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. Nachdem Christel uns berichtet hatte. Zur Aufnahme -273- . Und so kam es zu dem Kompromiß. Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. daß wir beschlossen. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. daß man sie observierte. bevor man sie heimlich. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. und wir schlugen dem Ehepaar vor. hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten.

halte ich für wenig wahrscheinlich. den man bei Agenten für angemessen halten würde. April 1974 verhaftet worden waren. um ihm -274- . Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. allerdings nicht in dem Stil. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte. Als die Polizei läutete. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. entschied er sich dafür. Noch verstörender war die Meldung. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. Das hätte er nicht tun dürfen. der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. Die Meldung. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. was ich aus Vorsicht ablehnte. zumindest bis zum Herbst des Jahres. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. und dort fiel ihm auf. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen. nach Bonn weiterzufahren. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. daß Christel und Günter Guillaume am 24.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. weihte ich den Minister ein. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten.

Er hatte immer darunter gelitten. soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. Das war ein unverzeihlicher Fehler. einen so fatalen Schritt zu tun. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. Wir schärften ihnen ein. ihn zu fragen. Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. was ihn dazu bewegt hatte. sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. zu seinen unbedachten Worten. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. und dieser hatte abgewinkt. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. die für die Bundesrepublik bestimmt war. daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte. den er über alles liebte. traute ich meinen Sinnen nicht. Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. zu verlangen. daß man festgenommen wird. Er sagte. Auf diese Weise lag die -275- . nichts als Name. sondern nur die Fassade. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige.den Haftbefehl vorzulesen. der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult.

Tagebucheintrag vom 25. Da er schwieg. -276- . 4. 1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt.Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik.

Wenn es überhaupt möglich ist. um damit die Haftdauer zu verkürzen. Sagt er aber nichts. ein Mittel. so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte. veranlaßten. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. Informationen preiszugeben. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. die Horst Herold. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat. dann hat die Regierung der DDR. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . warum ich es unterließ. daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien. sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. Innenminister Genscher zu informieren. noch von Frankreich aus zu fliehen. daß er keine weiteren Aussagen machen werde. gab er eine Erklärung zu Protokoll. den Leiter des Bundeskriminalamts. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. Sollten Sie fragen. Nicht durch Guillaume also. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte. so kann ich nur antworten.« Er hatte seine Fehler eingesehen. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken.

Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten.« Dem ist nichts hinzuzufügen. Der unverzeihliche Fehler. machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. recht früh zu machen. aus denen man lernen kann. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren. daß sie entschlüsselt worden waren. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. -278- .« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe. die Fehler. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. war anderer Natur. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon. Statt den Kanzle r zu schützen. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich. den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen. obwohl wir wußten. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen. Niemals hätten wir uns vorstellen können.

auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden. Seine nächste Freundin war die T ochter eines Offiziers aus meinem Dienst. Das war aber nicht so einfach. Manchmal hatte ich fast den Eindruck. Uns blieb nur. Der -279- . Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. als brauchten wir eine eigene Abteilung. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen. auf den die DDR stolz sein konnte.Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht. in denen er mich inständig bat. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten. den er seinem Vater abstattete. Bei jedem Gefängnisbesuch. nur um Pierre zu betreuen. aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. und wir wollten schon erleichtert aufatmen. daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. ihre Ausreise zu genehmigen. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. Günters Enttäuschung war sehr tief. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule. wie man meinen könnte. und dort brachten wir Pierre unter. er wolle nach Bonn zurück. denn dort hatte er eine Freundin. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. während wir uns den Kopf zerbrachen. Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften. die sich finden ließen. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. als ich erfuhr.

Fall wurde zu einer heißen Kartoffel. daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. um seinen Auftrag zu erfüllen. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte. als jeder wußte. Im März 1981 war es dann endlich soweit. daß der Mann. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. Fidel Castro weigerte sich. nun mußte er handeln. wenn man etwas für sie täte. um ihn zu begrüßen. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte. ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. den ich in die Arme schloß. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. und für einen Augenblick war die schwere Krise. erwiesen sich als trügerisch. im Tausch den CIAAgenten Hunt freizugeben. in die ihre Ehe schon -280- . innerlich noch derselbe war. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. die Sowjetunion war nicht bereit. Auch Christel war gekommen. doch ich spürte. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. Und am 1. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. Ruth und Norbert Moser. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. Alle unsere Hoffnungen. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden.

und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete. sondern Guillaumes zweite Frau Elke. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein. Aber er war zu lange aus dem Geschäft. -281- . sie umzustimmen. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun. Ich hatte gehofft.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. doch es war keiner der beiden. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. wie vergessen. Die beiden kamen sich menschlich näher. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte.« Da Guillaumes Nieren. Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an. daß Guillaume als Belohnung für alles. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen. bevor die kurze Totenfeier begann. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. In letzter Minute. was er durchgemacht hatte. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein.geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. öffnete sich die Tür. denn ich konnte mir denken. denn ich wußte.

hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. Ich war und bin fest davon überzeugt. dem -282- . sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6. ihm den Rücktritt nahezulegen. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund. Ich wiederhole deshalb. das aus ihm selbst. Herbert Wehner. Erich Honecker. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. Mai 1974 war. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein.Von links nach rechts: Autor. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen. Günter Guillaume. die wir bis dahin erlitten hatten. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. Christel Guillaume. Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen.

Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war. wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. und Helmut Schmidt.Einpeitscher der Parteidisziplin. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione. steht außer Frage. Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…). doch unklar muß bleiben. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem. Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben. Das beweist. wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. ihn zu stürzen. (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. zu unterstellen. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner. -283- . Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen. daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte. die man auf ihn ansetzte. der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf. dem Finanzminister. bestand. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel.

Tagebucheintrag vom 6. 5. 1974 (Transkription im Anbang) -284- .

das er für -285- . 1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein. 5.Tagebucheintrag vom 6.

Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. Außerdem versuchte er ihm einzureden. es werde zu einem Skandal kommen. falls Guillaume das. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. Er erklärte Brandt. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. den es längst nach Brandts Position gelüstete. war Wehner der erste. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen. den Rücktritt anzubieten. Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. die DDR-Regierung könne versuchen. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten. -286- . was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert. der die Situation ausnutzte. publik machen sollte. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. um zu wissen.einen Staatsmann unpassend fand. Helmut Schmidt. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West. die sich aufführten. Als Guillaume enttarnt wurde. und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. daß man daran denken kann. daß es nie geschehen wäre.

er meinte. Politiker wie Geheimdienstler – wissen. -287- . am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je. dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab.BrandtStraße umgetauft. ohne ihn naß zu machen. kann ich nur staunen. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren. Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. Verlangt wurde. Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy.

5.Tagebucheintrag vom 7. 1974 (Transkription im Anhang) -288- .

1974 (Transkription im Anhang) -289- . 5.Tagebucheintrag vom 8.

der Glaube daran. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei. wie ich meine. Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. das Werben und Überwerben von Agenten. derart drakonisch gewesen seien. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen. zu den demoralisierendsten Niederlagen. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet.12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird. die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- . weil die Strafen. Aus diesem Grund waren unsere Dienste. daß man für eine bessere Welt arbeitete. stets effektiver als die des Westens. Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität.

Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen. Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. der ermöglichte. konnte ich oft nur schwer begreifen. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. Es war wohl kaum anzunehmen. So erkläre ich mir den Umstand. Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. Geld und Prestige. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war. ein abenteuerliches Leben zu führen. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden. logischem Denken eingebüßt hatten. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten. daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. die sie betreuten. eine -291- .

daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. sogar bei Agenten. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben. andere. die sich ergab. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. Apparat und Leitung können wochen-. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. neue Agenten zu gewinnen. wenn nicht geradezu paralysiert werden. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen. Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie. durften nicht wieder einreisen. Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste.Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus. die sich in Urlaub befanden. In dem Augenblick aber. Und wenn das Unglück es will.

Die Liebe zur Jagd. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. für den BND tätig zu werden. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. gewissermaßen ganz privat. so daß man kein Hellseher sein mußte. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. daß zu viele Personen eingeweiht werden. Mein Unbehagen. zuständig für die Bundesrepublik. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. wo uns niemand belauschen konnte. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor. die wir teilten. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte. tut dann wenig zur Sache. Ich besuchte ihn wie vereinbart. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte. als den Sachverhalt -293- . als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. zu argwöhnen. grenzte an Verärgerung.Zusammenhang ist die Schwierigkeit. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr.

obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. eine zentrale Figur in unserem Bemühen. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. meinem 56. beigebracht worden. die wir ihm stellten. der heute wieder Chemnitz heißt. waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. Am 19. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. und Walter Glassei. Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. Januar 1979. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. die CDU zu infiltrieren. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle.darzulegen und zu erläutern. Nach dem ersten Verrat. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. So naiv war ich nie. doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. Im übrigen haben wir nicht erfahren. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. Geburtstag. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten. dem Ort. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt.

Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. war der Ausweis am Abend des 18. niemand anders als er gewesen war. -295- . sich seelisch darauf vorzubereiten. Außerdem waren Ordner mit Befehlen. der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. Das war zwar nicht für mich. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir. Wie wir herausfanden. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung. In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren.30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden. Januar gegen 21. Chemie und Bakteriologie. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal.

denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt. Unterdessen waren wir damit beschäftigt. dieser wohne zwei Stockwerke höher. nicht dem BND. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. verdankte er dem eigenen Handeln. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. und den Schaden. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. Seine konspirative Wohnung. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. all jene zu warnen. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. war bereits eingekreist gewesen. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. Er gelangte unbehelligt in die DDR. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. den er angerichtet haben mochte. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann. Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. realistisch abzuschätzen. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte. Einem Hamburger Ehepaar. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. -296- .

denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte. beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. Zunächst war es eine Miniabteilung. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. war in den 50er Jahren eingerichtet worden.Tec. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten. Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch.Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. Vornehmlich in diesem Zweig der High. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen. die dafür zuständig war. der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen. aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . beispielsweise in der Mikroelektronik. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen. SWT. auf wenige Vorzeigeunternehmungen. Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten.

Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben. Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik. Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. Es war ihr gelungen. daran gab es nichts zu rütteln. vorgelegt. Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. und Stiller hatte mich -298- . denn niemand dort hatte gewußt. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPDPolitiker Dr. die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. wie ich aussehe. besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich. in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete.

wie ich später erfuhr. Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- .identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten. 3.

Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. ob man in Pullach wußte. dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. besagter »Wieland«. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte. und man verurteilte ihn. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. das weidlich ausgeschlachtet wurde. war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht. daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt. Joachim Moitzheim. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. ohne ein solcher gewesen zu sein. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk.Stiller zur Folge. wie ich aussah. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. verhielt es sich dabei wie so oft. immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. Für mich selbst war es wenig erheblich.

seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. darf ich verraten. Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. was letzteres betraf. sie zu begleiten. Was sie nicht bedachten. wiesen sich als VerfassungsschutzBeamte aus und forderten ihn auf. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. daß »Kluge« Klaus Kurons. »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel. Aus Furcht sagte er zu. nichts Eiligeres zu tun hatte. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. hatte es dann aber für klüger gehalten. Nachdem er von uns beauftragt worden war. »Wieland« -301- . Der Verfassungsschützer. so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten. wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte. Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. stets mehr als zugeknöpft gab. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. war jedoch. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen.

»Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. zuständig für die westlichen Dienste.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. daß man. daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. und ein Zwanzigmarkschein. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. So war es um die überaus harmonische. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. Als -302- . wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig. Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben. der Äußeren Abwehr. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten.

denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. verabredet hatte. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. Stolpersteine in den Weg legte. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. daß Kuron es ernst meinte. Klaus Kuron. Es bestand kein Zweifel. Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. Was. die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann. leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. Allein die Entscheidung.Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. in Wirklichkeit aber allen. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. fällten wir nicht gerade leichten Herzens. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- . während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. seine Ambitionen wurden frustriert. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. daß die Schrift die gleiche war.

Letzten Endes. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund. sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. daß wir darüber längst im Bilde waren. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu. die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren. ja als Demütigung. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. Die Neugier überwog die Vorsicht. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte. was er zu tun im Begriff stand. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. seinem Gruppenleiter.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. das er besaß. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. so sagte er. Tiedge. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. fühlte er sich weit überlegen. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. -304- . Um seine Bedenken auszuräumen. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. das er dem Meistbietenden verkaufte. Das große Risiko dessen. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. war ihm eindeutig bewußt. seinem fachlichen Können. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten. bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR.

die er stellte. da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . Da er wirklich etwas ganz Besonderes war. strafrechtlich nichts unternehmen durften. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. weil er als Profi die Professionalität. ein Star. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte. Eine wichtige Bedingung. mit der bei uns gearbeitet wurde. auf die er uns aufmerksam machte. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug. zu erkennen und zu schätzen wußte. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend. den sogenannten heißen Draht.Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. daß die Informationen über das Telefon. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. war die. daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten.

Ich erkannte schnell. Ein Verfassungsschutzbeamter. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. Erleichtert sah ich. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. Klaus Kuron war der bei weitem größte. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. den wir unter dem Decknamen Gräber führten. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte. Seinen Klarnamen nannte er nie. weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. als sie feststellte. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte. Politisch war er in der CDU beheimatet. daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. aber beileibe nicht der einzige Fisch. vor allem.Namen Stern. beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. Treffen durften nur bei tiefster -306- . suchte den Kontakt zu uns. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr. ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß.

Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. von ihm erfuhren wir. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. der für Doppelagenten zuständig war. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. Wir verzichteten auf das Angebot. sie ins Lächerliche zu ziehen. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. Stiller notfalls zu entführen. und zwar stets in irgendwelchen Parks. die Seiten zu wechseln. wenn wir Vermutungen äußerten. Aber er leistete uns wichtige Dienste. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte. Jedesmal. erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. egal. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. versuchte er. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch. Mitte 1985. welches Wetter herrschte. Er sei bereit. Es gelang uns nie. die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. beschlossen. vorausgesetzt. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. -307- . wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. ihn zu identifizieren.Dunkelheit stattfinden. so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. seine Identität zu klären. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte.

uns geheimste Dinge zu verraten. stand außer Frage. denn sein Übertritt war wohlüberlegt. was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- . daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. Daß er kein Kommunist war. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte. daß Kuron bereits für uns arbeitete. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen. Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt. sich abzusetzen. nannte seinen Klar.Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin.und Dienstpapieren aus. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. erstattete ich Mielke Bericht. Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren. ließ Mielke später verlauten. Und ich muß einräumen. zerrüttete Familienverhältnisse. was den Effekt hatte. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. doch nicht nur die Regenbogenpresse.und seinen Tarnnamen. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas. Schwierigkeiten in der Behörde. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage. denn er konnte ja nicht ahnen. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten. Tiedge war selbstverständlich der Meinung. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. Tiedge wies sich mit Personal.

Er mußte abnehmen und Sport treiben. bemühten wir uns als erstes. Dennoch verstand er es. sondern Bücher über Geschichte. Geologie und Kunst. bis er an einer juristischen Dissertation saß. und es dauerte nicht allzu lange. Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. die er an der Humboldt-Universität einreichte. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. sich den Lebensumständen anzupassen. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war. die er heiratete. -309- . Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. als wir gedacht hätten. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. ihn wieder auf die Beine zu bekommen.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen.

Ohne die Vereinigung abzuwarten. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. Er hatte die unglückselige Idee gehabt. obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde. Menschlich endete dieser Fall tragisch. bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen.Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. und so kam es. und die Bundesrepublik traf keine Anstalten. daß »Günter« beabsichtigte. Eingedenk der Zusage. warteten wir ab. Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. So erfuhren wir von Kuron. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. daß zwei unserer Mitarbeiter. daß das Ehepaar festgenommen wurde. die wir Kuron gemacht hatten. in -310- . Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt. Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten.

der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren. sondern uns damit begnügten. um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. daß er befürchtete. wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. fand eine gründliche Untersuchung statt. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. Lange Zeit hatte er es verstanden. Wer der Denunziant war. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren. wie recht er damit gehabt hatte. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. Im nachhinein erwies sich. war juristisch nicht zu rechtfertigen. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. kam es zum Eklat. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse. daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur KarlChristoph Großmann sein. Die -311- . Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen. Kuron hatte nie verhehlt. denn es war nicht zum Verrat gekommen. Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde. denn es wurde nicht bekanntgegeben. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. und es stellte sich heraus. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. das keine abschreckende Wirkung haben konnte. warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. Unverständlich war dieses Urteil. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen.

Kuron nahm das Urteil stoisch auf. und ich kann mir gut vorstellen. ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt. und auf die Frage. Ich bin mir dessen bewußt. wie es ihm möglich gewesen sei. solange es seiner Karriere dient. Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. manche zahlen einen zu hohen Preis. Manche Verräter kassieren ihren Preis. dem Wissen. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. zwei Herren zugleich zu dienen. er hatte allein mit den Hinweisen. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- . die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte.« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. wenn der Wind sich gedreht hat. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein. über die er verfügte. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt. und sie. wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen. der Menschen ausnutzt. die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß. Die Vergleiche. er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet.

Stock des Arabella-Hochhauses.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen. Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. oder an den Versuch der CIA. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. aus dem 14. und wenn es sie doch einmal gibt. aus dem 10. dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen. Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen. Stock eines New Yorker Hotels. zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen. Paisley. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. der ehemalige Stabschef der französischen OAS. werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. als er aussagte. das offenbar nicht nur Likör enthielt. An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. Frank Olsen. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. Hieb. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- .und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. Von John S. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde. dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets. Experte für biologische Kriegführung.

Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe.oder James-BondManier mit ihnen »abzurechnen«. -314- . sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. als wir merkten. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. wie wir konnten. die erklärt. auf den einzelnen einzugehen. als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten. Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. kann ich nur sagen. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken.gezogen worden. auf Wildwest. ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen. daß sie alle noch leben. Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. Sie alle wuß ten. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse.

Solche Erfahrungen blieben mir erspart. zum Rücktritt gezwungen. Als Tiedge sich in die DDR absetzte.In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. auf die bei uns großer Wert gelegt wurde. wurde Heribert Hellenbroich. -315- . der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten.

In diesem Fall hätte -316- . Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können. daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes.13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. Schmidt befinde sich in einer politischen. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er. Gelegentlich m einte er. Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß. Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. zum Beispiel über Karl Wienand. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt.

Strauß Vizekanzler werden sollen. die er in unseren Informationen hätte -317- . Informationen. Honecker wiederum sah. Auch Mielke vermutete eine Intrige.« Erich Honecker versuchte inzwischen. Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen. so Wehner. weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert. Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr. Wiederholt warnte der SPDFraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte. Er mußte befürchten. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht. Moskau bremste. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere. Schmidt zögerte. Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. Honecker wollte es.

daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte.« Leider behielt ich recht. wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. April 1977 zukommen ließ. Wieder verhärteten sich die Fronten.nachlesen können. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus. Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann. Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. -318- . Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an. der Prioritäten setzte. in denen die DDR weit hinten rangierte. kommen die Beziehungen zur DDR. wären sie ohne Illusionen. weil äußerst kompliziert. wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor. Er ignorierte sie selbst noch. Das trug vermutlich dazu bei. Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden.

-319- . dachte ich nicht zu Ende. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. bis Gorbatschow sie der Nato überließ. Andropow. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. die an der DDR vorbeiliefen. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. und sie blieb es unter Chrus chtschow. Jahrestag des MfS. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt. in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand. in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen. er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. Breschnew. Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen. Anlaß war der 30. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau. In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit.« Das war sein Denkfehler. wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. Tschernjenko. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns. war bei dem Festakt nicht anwesend. Es hieß. Jurij Andropow.Erich Honecker hegte die Illusion. Der Vorsitzende des KGB.

ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows. der uns begleitete. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. Das war eine schlechte Nachricht. Er wirkte bleich und abgespannt. -320- . Die Sowjetunion. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows. ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. Wladimir A. Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes.Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft. Er hatte nie den Eindruck gemacht. Krjutschkow. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt.

als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück.« Der Mann. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt. die alle die Aussage enthielten.« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDRFührung. ob es Überlegungen gab. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. und es klang eher resigniert. Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im OstWest-Konflikt. Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. Schwäche zu zeigen. Reform und Entspannung stand. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. Andropow ließ durchblicken. der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft. daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen. Andropow verstand sofort. daß unsere -321- . Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte. Auf meinen Einwand. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei.Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. das sowjetische AfghanistanAbenteuer zu beenden.

die er gerufen hatte. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß. Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. weil er dunkle Absichten hat.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des NatoDoppelbeschlusses. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden. Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen. zu stationieren. meinte er: »Ja. Schmidt war es gewesen. Das ist keine Erfindung. der nun die Entwicklung des Ost-WestKonflikts gefährlich unberechenbar machte. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern. sondern weil er fähig ist. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. nun selber zu fürchten begann. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut. Nicht. jede mögliche Variante auszuprobieren. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen. Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung. der Mann hat zwei Gesichter.« -322- . Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber. darunter der Bundesrepublik. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte.

sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln. Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten. Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben.Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück. übertrieben scheinen. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert. Unbeirrt folgte er seinem Kurs. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«. Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums. Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. wo er unter Herbert Wehner den -323- . die Anfang der 80er Jahre herrschte. Er meinte. ohne ihn wirklich zu wollen. daß der Mann. Nachträglich mag die Kriegsfurcht. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen.

Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. ließen uns wissen. Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. das Treffen abzusagen. ihn ausladen zu müssen. bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam. Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte. die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. Honecker und seine Umgebung versuchten. kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab.

ja vielleicht schon brodelt. denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. Der erste. Seit heute weiß ich. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund. war Herbert Wehner. die er in MX.« Wehner sah eine Lage »wie 1914«.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt.und Trident-Raketen investierte. da ist alles drin. daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten. in Cruise Missiles und Atom. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang. aber er überschätzte seinen Einfluß.U-Boote. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Wehner. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen. um da mitzuhalten. -325- . wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. Mir war immer klar gewesen. Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte. die Stationierung von sowjetischen SS-20Raketen zu verhindern. daß sie sich anbahnt. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie. Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst. Auch Mielke glaubte noch. Ob und wie er sich da rauswindet.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen.

Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten.Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. Dieser Plan sollte es ermöglichen. Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. zu deutsch RaketenKernwaffen-Angriff. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. -326- . alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. Er bekam den Tarnnamen Rjan. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben.

Rainer Rupp. wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden. Du wirst sehen. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an. habe ich nie erfahren. als Holztransporter getarnt. die wir lieferten. Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten. Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit. Dennoch war es frustrierend zu erleben. um Platz für die Startrampen zu schaffen. die verhandeln weiter. anrollten. Ob es Pläne gab. wo die NatoRaketen stehen sollten. daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war. ermöglichten uns die Einschätzung. wichtige Informationen lieferte. Die Analysen. Wir wußten zwar. zu denen auch unsere Quelle in der Nato.Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft. daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. Nur so ist verständlich. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- .« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen.

und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. Mielke bezweifelte. In jenem Sommer von 1980. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde. Die eskalierenden Streiks. dem Stellvertreter des Innenministers. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne. in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. Am 21. Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. August 1980. mit Miroslaw Milewski. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor.eingeweiht. die von unten ausging. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. Die Führung in Warschau war bestrebt. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. dem Leiter des polnischen -328- . dem 12. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen.

Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden. Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. Die Reise hätte ich mir also sparen können. Es lohnt nicht. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde. unabhängigen Gewerkschaften. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. keinesfalls jedoch die nach freien. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden. Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . Beschwichtigungsversuchen. Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit. fast eine Witzfigur.Nachrichtendienstes. Man hatte mir erklärt. erhielt ich aus Warschau die Nachricht.

Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei. in München wirkte Radio Free Europe. Kania. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. -330- . Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. eine direkte Intervention zu verhindern. Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura. Zugleich hatten wir den Auftrag. Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund. Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. wurden innerhalb des MfS. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen. auch in meinem Dienst.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. Regierungsstellen. und an Ministerpräsident Jaruzelski.

daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. Dezember. kaum fähig. daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. den Mann seines Vertrauens. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. Die Nachricht in der Nacht vom 12. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam. auf den 13. Jaruzelski erklärte später. Es scheint mir undenkbar.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. das half. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. die polnische Führung werde nun alles tun. In Moskau und OstBerlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. hieß es. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . vorerst Luft zu gewinnen. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde. um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen.

beide Seiten müßten versuchen. den Washington auf Bonn ausübte. Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren. der auf ihm laste.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. Mittag berichtete. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. traf er am 17. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt. Wie Mittag hinterher berichtete.zwischen Schmidt und Honecker. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte. auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken. der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren. aber stetig in eine Konfrontation. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt. die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck. daß Schmidt befürchte. Erich Honecker solle -332- . Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott.

wenn möglich sogar zu beeinflussen. in der Minderheit. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. die nach Bonn kamen. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren. Vor den Dreihunderttausend. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers. sie zu unterstützen. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme. »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«. Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein.wissen. Helmut Schmidt. alles zu tun. sprach unter anderen -333- . gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. berechenbar sei. aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage. Soweit mir bekannt. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. auf die wir einwirken konnten. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. daß er. Dennoch waren die Gruppen und Personen.

zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten. So verspielte sie die Gelegenheit. wodurch die Schwerter. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm. doch auch er wäre nicht bereit gewesen. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. die sie nicht unter Kontrolle bekam. Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West.und Staatsapparat hinein. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen.der Schriftsteller Heinrich Böll. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- . Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen. Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar. Ich wandte mich dagegen.

Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister. Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen. Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden. Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- . Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten.waren. Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert. Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD.

daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. die zwischen den Blöcken tobte. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant. weil sie fürchteten. Denn wir wußten. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. aus den USA Admiral John Marshall Lee. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. Aus England kam General Michael Harbottle. daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. daß sie ein Studienfach hatten. Voraussetzung war. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. Unsere Analysen zeigten. das eine Perspektive als Quelle versprach. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. aus -336- .Vorgänger. um Vorurteile abzubauen. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. Ich hoffte.

Bastian. wovon sie redeten. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Kopf und Motor. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. zu Vorträgen und Diskussionen -337- . vorwerfen. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. Niemand konnte ihnen. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert.Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen. wie den jungen Aktivisten. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. so paradox es klingen mag. vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt. sie wüßten nicht. Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. Die neun Militärs gewannen. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. Petra Kelly.

die mangelnden finanziellen Ressourcen.weitgehend selber finanzieren. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die USGeheimdienste. Gerhard Kade. ihre Analysen und Forderungen zu publizieren. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. heranzukommen. der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte. die selbstverständlich nicht von der HVA. Das war unsere Chance. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. dem mußte schnell klar sein. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale. die vorgaben. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte. Als sich herauskristallisierte. sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten. sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. daß es seiner Abteilung gelungen sei. Ich bewilligte die Summe. Er meinte. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. Sie hatten keine Mittel. und ganz Naive beließ er im Glauben. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. daß die Aktion zu einem großen -338- . im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern. Ich schickte zwei Leute.

Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. den wir über Kade ausübten. Ich glaube. und ich -339- . und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. den KGB zu bewegen. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. besser gesagt. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. Feist erzählte Honecker. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR. Offenbar gelang es Kade daraufhin. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte. daß die Vorschläge. Ich weiß nicht. Sie müssen sich gefragt haben. das sei ihr Verdienst. wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten.Erfolg wurde. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. denn das war tatsächlich der Fall. antwortete Bastian: »Das denke ich. bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. sehr konstruktiv sind. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder. Dies bedeutete allerdings keineswegs. So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung.

ob ich es bereue. -340- . Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer. Ich habe keine Belege dafür. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. um sie möglicherweise zu manipulieren. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly.hoffe. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet. Gerhard Kade starb 1995. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen. daß sie im Westen ein positives Echo finden. Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. daß ihre Stimme gehört werden konnte. Wenn man mich fragt. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen. hat der Sache nicht geschadet. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten.

um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. Sie hatte die Aufgabe. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'. Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. in den 50er Jahren eingerichtet hatten. den man klassisch als Desinformation bezeichnet. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. Umarme den Schlächter. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- .14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht. wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. eines der intelligentesten Veteranen des KGB.

Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt. erfuhren. Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an. war schon die Rede. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte. die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte. der vor und während des 17. Von den diversen Ballon. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt.und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen. als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. um zu wirken.Kriegführung« keine großen Illusionen machte. verdankten wir einem unserer Offiziere. in Berlin war das der RIAS. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. Damals hatte ich gelernt. -342- . in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«.

der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. Wenn heute selbsternannte -343- . wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. wo es ihr gelang. ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen. denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten.Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. ja sogar ernsthaft destabilisieren. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben. daß seine Enttarnung bevorstand. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten. Wir hatten zwar erfahren. einen Mann. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte. angereichert mit selbstfabriziertem Material. doch wir hatten ihn nicht warnen können. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. habe ich hingegen nie gehegt. während er sich im Glauben wiegte. als er verhaftet und angeklagt wurde. Den naiven Glauben. die der DDR feindlich gesonnen waren. und es gelang ihm sogar. CIA-Agent zu sein. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen.

gründeten wir fiktive CDU. daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. Da wir natürlich nicht steuern konnten. die sich meisterhaft darauf verstanden. daß Politiker selbst wissen müssen. was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit. und daß man mehr als blauäugig sein muß. Die Mitte und SPD-Intern betitelt. veröffentlicht wurde. Kontakte zu Journalisten zu finden. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern. welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen. das wir an Westjournalisten weitergaben. nie das Wasser reichen konnten. die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren. wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- . weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war. dann kann ich dazu nur wiederholen.und SPDPressedienste. was von dem Material. Unsere frühen Versuche. die heute noch existieren. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe. mußten wir bald aufgeben.

Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer.gewesen wäre. So problematisch ich es noch heute finde. sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. die dieser während seiner Entführung getan haben soll. hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. einen solchen Schritt zu tun. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. und es wurden Dinge in die Welt gesetzt. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. um van Nouhuys mundtot zu machen. die das Maß dessen überschritten. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. In seinem Blatt hetzte er -345- . der an Vertrauensbruc h grenzt. einer der ersten war. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte.

so daß wir zu fürchten begonnen hatten. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. den er am Ende nur deshalb gewann.unermüdlich gegen die Ostverträge. daß er kein Spion gewesen war. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß. Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. die Verträge könnten torpediert werden. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen. mit dem -346- . Politikern wie Franz Josef Strauß. Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte.

auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. Armee. versuchten wir. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte. Wir mußten daraus die Lehre ziehen. daß sie ihre Biographien -347- . in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen. veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR. Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. die Friedensbewegung zu unterstützen. morgen vergessen. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert. Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. Wie ich bereits sagte.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Staatsapparat und auch im Geheimdienst. eines jüdische n Kommunisten. und das auf allen Ebenen in Parteien. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. Justiz.

die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre. die -348- . meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. wird mir darin zustimmen. die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. Meinem Dienst gelang es. Es gelang uns sogar. der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt. ist das immer wieder bemerkbare Bemühen.geschönt hatten. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. 1972. der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. Jeder. Hubert Schrubbers. Es ist eine Sache. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. Nicht weniger peinlich als der Versuch. die sie konsultieren wollten. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu StasiHandlangern abzustempeln. und eine andere. ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. daß es nur lachhaft sein kann. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern.

wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. völlig außer acht. Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung. Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NSGreueltaten und solchen Unrechts. in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen. Ihre Tragik war. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. war der Antifaschismus doch in der Kunst. es sei möglich. daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. Dazu muß ich sagen. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. wie sie uns damals vorschwebte. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. Selbst in den letzten Jahren der DDR. Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. wie es in der DDR geschah. daß sie sich -349- .

darunter des Spiegel. dem Leiter des Presseamtes. in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. diese Lage zuzuspitzen. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde. wurde ich zu Mielke bestellt. daß Hermann von Berg. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. es sei erwiesen. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros. Aber ich kannte nicht nur von Berg. Auf meine Frage. Kaum war das »Manifest« erschienen. Recht hatte Mielke insofern. Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei.dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater. -350- . Mit ernster Miene eröffnete er mir. unterhielt. und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an. schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. einem Vertrauten Beaters.

die ihm zuteil geworden war. Obwohl alles streng geheim ablief. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde. Einiges davon war durchgesickert. die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. den Ausreiseantrag zu stellen. Daran hielt er sich auch dann noch. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. Das brachte Mielke auf die Idee. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. an die große Glocke hängte. der Hauptabteilung Untersuchung. damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. daß es Aufgabe meines Dienstes sei. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. obwohl es uns gelang. sickerte doch das eine und andere durch. und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen. trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor.

mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit. mit welcher Aufgabenstellung. Daß Gutachter und -352- . Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen. und wenn ja. Erst viel später erfuhr ich. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA. Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. Im südlichen Grenzbezirk der DDR. Ihre Lage war mißlich. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften. in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden. in Suhl. kamen findige Vernehmer auf die Idee. Besonders wichtig war es herauszufinden. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten.standgehalten hatten. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. das seine Abwehr – wohlgemerkt.

Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten. Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. der Sache Einhalt zu gebieten. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden. Mielke dazu zu bewegen. war er in der Lage. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. wie die ASA zustande gekommen waren. deutlich zu machen. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«. daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. aber nicht den Mut gefunden. mit dem er schloß. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden. und er hatte aus ihm herausbekommen. ihm Gehör zu leihen. bewies. daß er noch der alte war. daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende.

stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde. Mit Erich Mielke 1983 -354- .

-355- .Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern. von einer Unsicherheit. daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden. wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. die neu war. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf. wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre.

der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. und auserwählt wurde General Rolf Markert. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit. Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. Da Mielke fand. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. Was sollte das Besondere an Sansibar sein. -356- . die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. Wie dem auch sei.15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher. die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. der außenpolitische Erfahrung besaß. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. Aber ausgerechnet diese neue Republik.

Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. in der Ersten Klasse. Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. Dann erhielten wir DDR. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten. während ich in der Touristenklasse saß. Aber Mielke beschränkte sich darauf. daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. brachen wir in schallendes Gelächter aus. zu verpflichten. meinen falschen Bart wieder so anzukleben. daß ein DDRDiplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. dem Leiter unserer Delegation. Wir wußten. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. Als wir uns gegenseitig betrachteten. um nicht aufzufallen. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen.Damals war es eine waghalsige Idee. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. In Kairo. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. -357- .

doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga. In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident. der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land.Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen. und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten. Nachdem wir den Äquator überquert hatten. Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden. -358- . Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen.

mit Ibrahim Makungu. einmalige Sonnenuntergänge. Später. und man erwartete viel von uns. anfangs nicht leicht. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. herrliche Strande. Sansibar erfüllte alle Klischees. daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte. und unser Koch erzählte mir auch. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. daß er bei einem Berlin.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern. Es fiel uns. die man von Afrika kennt üppige Natur. Das nahm er so wörtlich. Erst durch unseren Koch erfuhr ich. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren.Besuch sogar seine Frau mitbrachte. daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen. die völlig andersgeartete Denk. ließen sie -359- . Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen. die DDR hatte Sansibar geholfen. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten. sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. ins Gespräch zu kommen. wie er hieß. bei meinem letzten Besuch. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen. Es gab keine bettelnden Kinder. Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. die wir gewohnt waren. Besonders mühsam war es. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. Anfangs kostete es viel Geduld.

Es war schwierig. das wirtschaftlich interessant genug war. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. andere waren strenggläubige Moslems. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus.sich die Unzufriedenheit anmerken. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei. dem englischen TradeUnionismus zuneigte. unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. Anschluß an ein Land zu suchen. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. um Sansibar unter die Arme greifen zu können. denn Julius Nyerere. der Präsident Tanganyikas. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten. Diese Widersprüche erklären auch. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. nachdem meine -360- . Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten.

die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren. wie es unseren -361- . um mich mitnehmen zu können. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf.Partner mir kategorisch versichert hatten. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. was wir leisteten. den anderen einfach davonzufahren. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. Wir waren überzeugt. an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß. Berlin drängte auf meine Rückkehr. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig. was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten. durch das. zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. doch die meisten unserer Leute. April überbrachte man uns die Nachricht. Kurz vor Mitternacht des 24.

Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft. So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. daß sie gar so sehr ausuferten. Wir mußten uns wohl oder übel beugen. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt.eigenen Strukturen entsprach. der Sudan. in Äthiopien und Mosambik. Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab. beide Jemen. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. all jenen Ländern. Unser Einfluß blieb stets minimal. sondern darin. im Südjemen. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. So war es in Sansibar. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten. verglichen mit dem des Regimes. Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. -362- . so im Sudan. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren. Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. Kultur und Bildung zu ignorieren. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. Kongo (das spätere Zaire). zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. sehr wohl aber an der Notwendigkeit.

Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. daß man sich in Ägypten einredete. Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. war die Enttäuschung groß. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief. von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der NatoLänder in Nahost in Erfahrung zu bringen. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. Bis auf ihn. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. Uns wiederum gelang es nicht. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. in dem am 25. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen. Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. Als wir Nasser erklärten. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor.

Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten. Einer von ihnen erklärte mir. daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. vor allem solche. Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. Um so erstaunlicher fand ich es. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit. Sozialismus bestehe darin. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. das Sachwalter Großbritanniens gewesen war. Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten. Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden.

Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund. Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- . eine Rede hielt. durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. Platz zu nehmen. und sie wirkten britisch bis zur Karikatur. sehr schwarz. dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus. mit der rechten lud er mich ein. wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. die gellende Pfiffe der Zuhörer. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen. Auch seine Augen lächelten. Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient. Ich erinnere mich gut daran. daß er im Wagen ankam. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. heraussprang. wuchtig. und dann davonbrauste.

Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand. soll er mit »Ja« geantwortet haben. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel. der sich zu jener Zeit in London aufhielt. Er war ein Politiker. Von einer Waffe ist nichts zu sehen. Er vertraute mir seine Befürchtungen an. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. »Diese Probleme müssen wir selbst lösen. daß die Waffen niedergelegt werden. der mir nahestand. Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich. da könnt ihr uns nicht helfen«. in der das Urteil beraten wird. nach Kairo zurück. wenn er im Lande gewesen wäre. Hamadallah gelingt es. ob er sich am Putsch beteiligt hätte. sagte er düster. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. durch Überredung zu erwirken. Auf die Frage Numeiris. die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt. die seinem Land gesetzt waren. daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer. In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären AnsarSekte verschanzt und feuern nach draußen.

war. so viele Jahre nach seinem Tod. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. Dreihundert Fallschirmabsprünge. Die Lehre. Seine Stimme ist nicht zu hören. Er war 1933 in München geboren.Bewachern. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. den wir gefangennehmen helfen konnten. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg. Noch heute. woran er geglaubt hatte. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. daß er die verdeckte Kriegführung lernte. In der ölreichsten Ostregion Nigerias. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. nur die Mitteilung des Kommentars. die er daraus zog. glaube ich. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. wofür Hamadallah gelebt. -367- . Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen. Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit. Das. In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. einen Menschen. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. überlebte ihn selbst nicht lange.

Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen). die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden. D. das sich Welt-InformationsKorrespondenz nannte. an. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. wo man ihn genauer instruieren würde. Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken. verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete. Die CIA hoffte. Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige LufthansaBüro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr.Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. ob Steiner sich dafür eigne. ein ehemaliger Missionar. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. um zu sondieren. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. Preston weitervermittelte. so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte. Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen. Norman von der CIA. der ihn an einen Mr. von Mellenthin.

zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda. der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. das Todesurteil zu verhindern. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte. Alles in allem wurde er so gesprächig. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. Es stand außer Zweifel. Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten. Da die USA sich weltweit vom -369- . der Organisation Afrikanischer Staaten. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht. das dem Druck der OAU. daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte. Landsleute vor sich zu haben. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. Daß es uns gelang. Hans-Jürgen Wischnewski. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle. ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen.Landes bestanden. erreichte.

Das -370- . für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. noch irgendwelche Medien. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger. Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten. im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen.Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen. geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. Ausgesprochen mühevoll war es. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor. die in den USA oder der BRD existierte.

brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. Die Frage.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre. hinter dem Saudi-Arabien stand. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt. In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. die Konflikte zu reduzieren. während die USA von Kinshasa. war man in Aden wohl der Meinung. Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- . richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. der UdSSR und der DDR suchte. Es war also nicht überraschend. der Hauptstadt Zaires.

die sich strikt weigerte. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. von denen man sich -372- . Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. Mitglied des Politbüros der SED. und Markowski. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte. waren 1973 nach Libyen geflogen. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte.ausgemusterter NVA-Waffen. Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete. Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. die wirklich akzeptiert wurden. Eritreas Autonomie zu respektieren. ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam. Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen. es war eine politische Entscheidung. Lamberz.

Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. die Hilfe. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. uns dazu zu bringen. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. und wie in solchen Fällen üblich. Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik. dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen. der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet. -373- . Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten. wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt. darauf zu beschränken. aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden. als die KGB-Führung 1979 versuchte. die sie anderswo nicht kaufen konnten. Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. die wir leisteten. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß.

galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren. besonders zu Jassir Arafats PLO. Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo. Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. ohne daß man sie entdeckte. und sie infiltriert. Honecker stimmte zu. doch damals. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid. wie die Beziehungen zu den Sicherheits. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten. er befürchtete. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten. ohne das eigene Wissen zu verraten. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten. So. der Führer der südafrikanischen KP. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- . staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen. an das Zentralkomitee der SED die Bitte.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten.Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. seinen linken Flügel zu stärken. die Gegenseite desinformiert. und von da an bildeten wir zwei.

doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973. Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden.ausgeschlossen worden. Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen. Das war zu jener Zeit. daß fünf Geiselnehmer. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. im August 1972. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. Bei allen weiteren -375- . Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig. Wenige Monate zuvor. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können. dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen.

daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte. und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich. Wir wiederum waren bemüht. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen. daß sie Verbindungen bis in höchste USRegierungskreise. Da den Palästinensern sehr bald klar wurde. In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. so über die Vorbereitung und den -376- . daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLOSicherheit wurde bald sichtbar. jede Seite suchte ihren Vorteil. über ihre strategischen Pläne. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen.

Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon. Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem. Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern. manche weigerten sich. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing.Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. schilderten sie mir. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. weil sie -377- .

Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt. Ein Dokument vom 8. der Antiterrorabteilung. beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- . Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen. zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. Führungsmitglied der Fatah. mehrmals in Ost-Berlin auf.die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez. Abu Daud. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. Diese Kontakte bestanden meist darin. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. die im übrigen nicht mir unterstand. zur IRA. Carlos. daß sie Kontakte zur ETA. Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS.

Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus. Das Papier vom 8. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS. -379- . in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht. obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Libysche Täter wurden verdächtigt. daß libysche Diplomaten. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten. das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. bestand darin. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France. es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr.worden war.

und West-Berlin hin und her reisen können. und es für ihre Pflicht hielten. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab. Che Guevara. Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO. wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. dem ANC oder der SWAPO betrachte. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. weil sie davon überzeugt waren. Peres und -380- . hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat. Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen. Jassir Chraidi. was vom Nahen Osten ausgeht. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben.Interessant ist die Frage. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. dann ist mein Eindruck zwiespältig. obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. einer der Haupttäter. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. Gewiß war manches Opfer zu schwer. daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. nur Gaddafi blieb unverletzt. Patrice Lumumba.

-381- . und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela.Rabin vor dem Weißen Haus. mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde. der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde.

16. Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop-382- . um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten. Dennoch wollte es der Zufall. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt. Es war im Januar 1965. zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren. doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. und das Ziel meiner Reise war Kuba. Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. Also ging es nach Moskau. der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. dem Leiter der Auslandsaufklärung. In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. Für Kuba. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen.

Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. manche auch mit Kindern.-Kennedy-Flughafens auf. Ich rasierte mich gerade. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen. Weiter geschah zunächst nichts. als ich bemerkte. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. kam die kanadische Küste in Sicht. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. zwei Chinesen. War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen. die Sitzreihen waren abmontiert. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. um Gewicht zu sparen. offenbar diplomatische Kuriere. Eine Stewardeß. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. Weitere Stunden vergingen. doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. -383- . brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet. Wir tauchten steil nach unten. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. das um sie herum gestapelt war. kümmerte sich vorrangig um uns. saßen direkt vor uns. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. vermutlich KGB-Mitarbeiterin. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte. Als die Triebwerke verstummten. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer. Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. Die einzigen Ausländer außer uns. als unser Flugzeug an Höhe verlor.Maschine vom Typ AN-124.

Mit Gesten forderten sie uns auf. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins. versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. unter die Matratze eines Kinderwagens. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. Ich ging im -384- . Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. doch die nützten uns wenig. Sicher w ürde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken. der im Gang neben uns stand. Wild gestikulierend.Stunden ungewissen Wartens vergingen. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war. Wie ich später erfuhr. sie durchzulassen. daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren. und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen. die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre. Wir besaßen Diplomatenpässe. wenn er erfuhr. da die DDR von den USA nicht anerkannt war.

wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. Die Heizung war abgeschaltet. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. Eingeschleust hatten wir noch niemanden. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten. Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. Stunden waren vergangen. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. als -385- . Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. mich hier zu identifizieren. übergewechselt war. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale. sollte es gelingen. unser Flugzeug auftanken zu lassen. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. blies der Pilot Winterluft in die Kabine. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. und erklärte. Er behauptete. er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. Um zu lüften. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. daß Moskau mit Washington verhandle. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. die mir zur Last gelegt werden konnten.

daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. Am frühen Abend startete unsere AN-124. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. allerdings unter der Bedingung. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. Als die Tür für einen Augenblick offenstand. der uns schon durch seinen -386- . Es war schon dunkel. Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher. von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. Washington habe den Weiterflug genehmigt. um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache. Nun. als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. Wieder durften wir nicht aussteigen. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen. Wir wurden in einer Villa einquartiert. und jetzt ging es darum.die Stewardeß mir zuflüsterte. Die anderen mußten weiter warten. Es sah aus. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte.

denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der USMarine erkennen konnte. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. bestaunt von den Kubanern. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen. den -387- .korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. stellte sich als Umberto vor und erklärte. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen. in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. Wir waren nicht als Touristen gekommen. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung. wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. sagte er ganz ernsthaft. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. Die betörende Luft. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres.

bestand in der Illusion. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26Bombers. Bomber einzusetzen.wir nun besichtigten. Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren. fiel es der Öffentlichkeit schwer. Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte. so irrwitzig waren die Einzelheiten. sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken. daß die Kubaner aus den früheren CIAAktionen ihre Lehren gezogen hatten. Der große Irrtum der CIA. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. die Castro beseitigen sollten. die Exilkubaner. erfuhr ich erst später. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- . die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen. ohne weiteres auf Kuba übertragen. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen.

daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. Ramiro Valdez. Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. Er interessierte sich für unsere Erfahrungen. seinen Dienst technisch zu unterstützen. vor allem aber für unsere Möglichkeiten. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. und Manuel Pineiro. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. der Chef des Aufklärungsdienstes.Mordplan. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. Miniatursender und dergleichen mehr. Erst in späteren Jahren änderte sich das. und groß war seine Enttäuschung. Fidel Castros Bruder Raul. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. -389- . bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. als ob sie nicht existierten. den Bärtigen. die man mir in Moskau genannt hatte. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. der damalige Innenminister. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos.

Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. war mit einer Amerikanerin verheiratet. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. als sie ihre Raketenbasen abbauten. dennoch verständigten wir uns glänzend. Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. um die Kubakrise zu beenden. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. sprach aber nicht besser Englisch als ich. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. was er wissen wollte. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets.Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. kolportiert hatte. und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art. ihn tief enttäuscht. das man in Havanna gezeichnet hatte. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. Jahre später erfuhr ich von ihm. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. das wir mit Dritten gewechselt hatten. Ich erinnerte mich. was in Kuba gelungen war. Comandante Pineiro. das Bild zu vervollständigen. Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. sich zu befreien. über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen. Nie war er um einen Scherz verlegen. merkte ich schnell. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. Da wurde mir erstmals bewußt.

weil es kaum Benzin gab. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt. nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. daß er verabredete Termine einhielt. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern. Anders als seine emotionaleren Kollegen. Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf. Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war. beeindruckte mich außerordentlich. eine junge Frau aus der DDR. einen Film über Tamara Bunke zu machen. Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. sondern am auffälligsten dadurch. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. gebildeter und staatsmännischer. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. Im mexikanischen Asyl h atte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. doch alle waren voller Begeisterung gekommen. um ihre Comandantes hochleben zu lassen.zu haben. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte.

Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. wurden Tag und Nacht überwacht. Die Stellen an der Pazifikküste. Mit Tomás Borge (1. war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen. wenn nicht gar Dichter. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. Charakteristisch für die Sandinisten war auch. christlichem. bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. sozialistischem. das eigene Leben einzusetzen. Jedermann wußte. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert.Mischung aus sozialdemokratischem. die sich für eine Landung eigneten. Tomás Borge machte da keine Ausnahme.

Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend.kommen würde. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt. politisch und militärisch unter Druck setzen. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. aber sie konnten es nicht international isolieren. die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden. als moskauhörig abgestempelt zu werden. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. Mehr als die Contras. und man sah ihr an. wie es mit Kuba möglich gewesen war. Händlern. Unser bescheidener Beitrag bestand darin.

hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an. praktizierte Methode. doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte. um zu erkennen. Er hatte recht. Die Wirtschaftsblockade. Die finanzielle USHilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. die die USA mit Erfolg durchführten. der größten Tageszeitung Chiles. ob mir nicht aufgefallen sei. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete. Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- .sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft.

mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR. der Regierungskoalition. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten. daß die chilenische Armee. waren ihr offiziell die Hände gebunden. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano. Da der Oberkommandierende. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT. die erkundeten. Allendes tragischer Irrtum war es. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán. die Fäden. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt.und Versorgungsprobleme gesetzt. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte. allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte.Wirtschafts. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär. Wie mir Castro erzählte. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt. der im Aufsichtsrat von ITT saß. zu lange darauf zu vertrauen. Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte. und im Hintergrund zog John McCone. sah die CIA sich genötigt. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. ehemaliger CIA-Direktor. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. General René Schneider. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. wie durchlässig die Kontrollen -395- . den Führer der chilenischen KP. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. um Salvador Allende zu stürzen. sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde.

den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. Luis Corvalán. der in der Sowjetunion inhaftiert war. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. und die Kubaner sekundierten mir. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion. Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte. Handelsschiffe umzudirigieren. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. Wir überlegten Möglichkeiten. Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. die wir nach Chile einschleusten. und installierten Verstecke in Fahrzeugen. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. bis wir sie in Sicherheit hatten. reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam. Unsere Aktion konnte nicht alle retten. In manchen Fällen dauerte es Wochen. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- .auf chilenischen Flughäfen. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein.

während ich für Castro mehr Verständnis hatte. und Erich Honecker. für die wir nach 1945 eingetreten waren. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen.Prinzipien. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. Ich glaubte. Damals ahnte ich nicht. Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen. daß sich gerade durch Gorbatschow. sondern sie praktisch gezwungen. sich an die Sowjetunion anzuschließen. wie später Nicaragua. starb im Exil in Chile. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen. wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. ihm Dauerasyl zu gewähren. was man dem Volk versprochen hatte. der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. als schlügen sie einen eigenen Weg ein. Der Sozialismus hatte nicht gehalten.

Hinzu kamen Freunde. Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert. wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. jedenfalls keine andere als Batista. Aber wenn ich heute erlebe. -398- . dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. aber nicht eindimensional. Günter Grass hat dazu etwas gesagt.« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten. Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins. und nicht zuletzt Amerikaner. Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. sogar die Sozialdemokratie. ein Greuel. dann bin ich für Kuba. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten. dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten. daß es dort zu Ende geht. die in den USA lebten. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen.Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –. ohne eine Alternative anzubieten. aber kein durch und durch kommunistischer Staat.

Alles. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht. beide waren Juden. über das politische Denken. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. Dreiser und Steinbeck. Time und Newsweek gelesen. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise. was ich über die USA erfuhr. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. Beide waren in Deutschland geboren. die New York Herald Tribune. die ich zwischen uns errichtete. so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat. was ich in Büchern gelesen hatte. die Hoffnungen und Ängste dort. trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. Viel von meinem Wissen über die USA.Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. verdanke ich zwei Männern. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. darunter Hemingway. Die ideologische Barriere. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- . Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen.

und beide wurden vom OSS. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert. Den Kontakt zu »Maler«.mußten vor dem NS-Terror fliehen. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen. fanden wir über einen Studienfreund. der Wirtschaft. wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom. was seine paradoxe Umkehr darin fand. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. Beide fanden in den USA Asyl. angeworben. der andere als Jurist –. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. dem Vorläufer der CIA. Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert.und Brandsätze zu zerstören versuchte. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager. dem Ökonomen.

seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. Er war umsichtig. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt. Obwohl er Atheist war. und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. Als wir vorschlugen. aber nie ängstlich. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. dem er beigewohnt hatte. der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. -401- . was uns verband. lehnte er das entschieden ab. aber auch der KGB. für meinen Dienst zu arbeiten. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte. Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe.und RoechlingProzesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. enthielt. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten. des Krupp.

Agenten einzuschleusen. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte.Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. Lateinamerika oder Australien auswandern. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. die er unternahm. Da galt es. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. das wir zahlten. Doch unsere bevorzugte Methode. Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. Kurzum. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. war jede Reise. von großem Wert. verging nochmals beträchtliche Zeit. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. Gegenstand ausführlicher Beratungen. uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- . die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. war langwierig und umständlich. daß er für uns spionierte. Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen. Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. wo sie eine Weile lebten. Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. durchaus brauchen.

die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten. Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. viele unserer Agenten aufzuspüren. zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm. Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung. die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten. und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. während er sich darauf vorbereitete. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. Daß es dazu nicht mehr kam. Deckname Brest. Alles andere als erfreulich war auch. diesen -403- . daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. Es hatte Jahre gedauert. uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. sondern auch berichtete. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung.versorgen. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden.

die ich übersehen kann. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. Es kam vor. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDRBotschaft vorstellig wurden. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. Unsere Bemühungen. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. der geheime Informationen über AtomU-Boote verkaufen wollte. Wir hatten nie bezweifelt. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten. und alleinstehende Herren. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt. Die Praxis bestätigte. Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. in den USA nicht. die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. Abgeordneten oder Managern getan hatten. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen.Sender zu bauen. blieben in den Anfängen stecken. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. die Verluste zu ersetzen. daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. und der Mann wurde von unseren -404- . Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen.

Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt. Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. hieß es plötzlich. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden. dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne. auf der er prompt festgenommen wurde. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. in die USA zu reisen. einen jungen polnischen Aufklärer. Das FBI triumphierte. Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben. der sich als Doppelagent entpuppte. Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. Nach einem halben Jahr erfuhren wir. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise. wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon.

Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am USMilitärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . Die Atmosphäre der 68erBewegung. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen. Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben. Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. der Protest gegen den Vietnamkrieg. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. wenn man das Geld sprechen ließ. der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer. Im nachhinein muß ich gestehen. Was die Kontakte besonders förderte. So unergiebig unsere Situation in den USA war. Wir wußten zwar. aus dem Agententhriller gemacht werden. wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. machte es uns relativ leicht. Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten.

die sie aus ihnen herausfilterten. den riesigen. Günter Mittag. daß es den Technikern gelungen war. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter. gehörte das. weil sie klug genug waren zu argwöhnen. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte. der Wirtschaftsminister. die Hall alias »Blitz« uns lieferte. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. Später erfuhr ich. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging.und Telefonbotschaften ab. das in den Äther drang. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte. daß jedermann im USNachrichtengewerbe angehalten war. der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren. mit denen die täglichen innen. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio. So hatten wir herausbekommen. daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. Zu den wichtigsten Unterlagen. die Existenz der NSA zu leugnen. die das Zentralkomitee erhielt. weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb. ohne es zu ahnen. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen. und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht. daß mein Dienst dies -407- . die Codes zu knacken.

Dieser Plan führte detailliert aus. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. der auflistete. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. Seit es »Blitz« gab. Hall und sein Mittelsmann. damit er sich nicht verdächtig machte. Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). und deshalb schlug ich vor.sehr bald in Erfahrung bringen würde. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. waren alles andere als billig. Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. -408- . daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte. Beide. Bevor wir das taten. unbrauchbar gemacht werden konnten. etwas zu bremsen. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren. daß wir ihm rieten. aber die Informationen waren es wert. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing. wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos. um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-PaktStaaten auszuschalten. mußten wir uns nicht mehr abmühen. daß wir sie an den KGB weitergaben.

der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war. die er uns beschafft hatte. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. und von da an waren seine Tage gezählt. Ein Dokument. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. mit dem KGB in Verbindung zu treten. wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte. beschrieb. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. das Carney uns besorgt hatte. meinem Dienst dazu verholfen hatten. Wenn -409- . um sie glauben zu können.Offenbar versuchte er. wie es den Amerikanern gelungen war. daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte. die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. verhaftet. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. Die amerikanische Abwehr schätzte. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten. der sich als KGB-Agent ausgab. daß die Unterlagen. Carneys Material bewies uns anschaulich. ein Sergeant der Air Force. um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. Wir konnten nicht daran zweifeln.

Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. Wir griffen auf eine Methode zurück. mit denen er nach Havanna flog. Damit er sich nicht langweilte. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. Es las sich wie Sciencefiction. wie ich vermuten darf. mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. als man meinen könnte. wurden ihm Papiere angeboten. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. daß die CIA DDR-Bürger in der -410- .ihnen das gelungen wäre. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. die wir 1973 durchführten. Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal. setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein. die für Notfälle reserviert war. änderte nichts an unserer Befürchtung. stellten wir fest. beim geringsten Anlaß alles zu gestehen. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. und besorgten Carney kubanische Papiere. meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIAAktivitäten in der Bundesrepublik. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus.

der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat. ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. Seit langem beschäftigte es mich. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. daß alle vermeintlichen CIASpione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren. der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde. daß Fuchs als anerkannter -411- . Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. den Mann. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren. Es handelt sich um Klaus Fuchs. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. der beauftragt war. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIAAnwerber. Juli 1945. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt. »Thielemann« operierte von Bonn aus. daß Stalin keine Überraschung zeigte. als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab. den berühmten Physiker. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert. Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. die in Potsdam konferierten.

Diese Augen wurden lebendig. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen. Wenige Jahre bevor er starb. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. die aufmerksamen.Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. den er vom ersten Moment an machte. in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. sich aber rundheraus weigerte. daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte. sich mit mir zu unterhalten. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden. Die hohe Stirn. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- .

Er war Forscher mit Leib und Seele. auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. weil sie darin eine Möglichkeit sahen. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. aus dem Männer wie Richard Sorge. Kim Philby und viele andere waren. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. -413- . Fuchs war für mich ein Kundschafter. nicht Spione. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. kaum E rfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte. Harro Schulze-Boysen.Physik. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen. sondern Kundschafter genannt. die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren.

daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. sagte Fuchs zu mir. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war. Die -414- . erkannte Fuchs. die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. seinem verehrten Lehrer. 1941 fand er durch seinen Freund.Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte. doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. »Ich konnte nur nicht verstehen. die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. Ich war der Ansicht. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU. die Atombombe mit Moskau zu teilen. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht. warum der Westen nicht bereit war. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab.

Fast unglaublich war die einfache Art. Er erinnerte sich. wie Fuchs seine Informationen weitergab. Ich hatte nie das Gefühl. der Vater der sowjetischen Bombe. sondern jahrzehntelang so getan. daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das USKernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte. als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. daß eine Seite in der Lage sein sollte. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester. von allen Kontaktpersonen die sympathischste.Vorstellung. Solange er in England arbeitete. Das wäre so gewesen. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . Ruth Werner. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. fand ich einfach entsetzlich. das nicht zu tun. daß Igor Kurtschatow.

Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik. eine Antwort zu geben. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. Ich nehme an. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan NunnMay im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt. hinter denen das Odium des Verrats stand. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. Die fatale Kette von Verhaftungen. mit dem er privat befreundet war. ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. und sein Zögern und die Unfähigkeit. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. Einen Freund anzulügen. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun. bis er 1950 verhaftet wurde. Ruth Werner erzählte mir später. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- . verrieten ihn. ihn unter vier Augen fragte. sie zu begnadigen. Juli 1953. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell. das brachte Fuchs nicht über sich. Wenn nicht. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden.Hand. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold.

daß sie ihn anfangs verdächtigten. Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen. Ich wünsche mir. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen. Als sie es besser wußten. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. das ich nur aus Erzählungen. und ich hoffe.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. meine Freunde und Bekannten zu besuchen. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen. kann ich mir nur damit erklären. die gemerkt hatten. war es ihnen einfach zu peinlich. Klaus Fuchs. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits.der britischen Sicherheitsbeamten war. Filmen und Büchern kenne. -417- . die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden.

Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. Beruflich hatte ich alles erreicht. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. was ich mir wünschen konnte. daß man mit dem Gedanken spielte. daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. was in seiner Macht stand. aber das war es nicht. Ich mußte sie artikulieren. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . auch wenn Mielke es glaubte und tat. was mir vorschwebte. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. um so mehr hatte ich den Eindruck. Meine Zukunftspläne waren anderer Art. die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. den Dienst zu quittieren. stärker in mir. Vielen DDR-Bürgern. weil es eben das gerade nicht war. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. Ich wußte. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung.17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. Wirtschaft. ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. um dies zu verhindern. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. indem ich schreibend darüber nachdachte. Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann.

die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten. Mit Konrad Wolf 1981 -419- . Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit. anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören.Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte.

und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. Nein. bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. Bei diesen Gesprächen über das TroikaProjekt ahnten wir nicht. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten.Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. Von da an war mir. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. das ihm sehr am Herzen lag. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . als hätte mir mein Bruder sein TroikaProjekt als Vermächtnis hinterlassen. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war. Es war die Geschichte unserer Kinder. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen. den Film noch zu drehen. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. einem Projekt. die Beschreibung der unterschiedlichen Wege. Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt. die die Freunde im Leben einschlugen. Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt.

wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. doch hier konnte er mir nicht entwischen. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte. Diese Indolenz. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon.nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen. und er betonte. ich sechzig. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister. Mielke war bereit. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. Er war fünfundsiebzig geworden. daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. mich in die Pensionierung zu entlassen. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. Bei solchen Worten -421- . Konstantin Tschernjenko. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. Das war mehr als deutlich. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. sei der UdSSR unverständlich. Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen. Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte. Andropows Nachfolger. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. sagte er.

ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-WestStudie der Nato übermittelt.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt. Wegen verschiedener Pannen. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit. unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen. Tschernjenko ließ durchblicken. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. mit den spezifischen Mitteln der HVA. als wir selbst es hätten darstellen können. Gab es wirklich eine Chance. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher. mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate. Frostig nahm man Abschied voneinander. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDRFührung hin. die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan.

Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau. Ich konnte sicher sein. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. seiner Kommadozentrale.Informationen und Dokumenten. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. um das Dossier zu überreichen. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. kam. als sei nichts geschehen. vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern. Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . die nur an höchster Stelle zugänglich waren. Der geeignete Zeitpunkt. um es vorzulegen. Die Sowjetunion erfuhr davon. waren noch mehr geworden. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon. und deshalb hatte er mich kommen lassen. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach. Ich baute auf Mielkes Neigung. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRDBesuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. Dennoch mußte ich es zumindest versuchen.

gab Mielke mir den Hörer. Als das Telefon klingelte. Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. Zumindest nahm er die Studie entgegen. dann hatte ich mich getäuscht. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. daß er es für das beste gehalten habe. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. als er Andropows Stellvertreter gewesen war. den KGB-Vorsitzenden. Honeckers Jagdgefilde. Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte. bevor er ihn antrat. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. Am 17. Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko.einem offenen Schlagabtausch entgegen. Darauf erwiderte Tschebrikow. versuchte ich. Mich habe er hergebeten. doch wenn ich angenommen hatte. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle. Viktor Tschebrikow. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB. Mielke erklärte mir nun. sie würden einen Kompromiß finden. Honecker das Zugeständnis abzuringen.

freundliche Weise. der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde. daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. Sein Fazit war. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- . Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis. und beschwerte sich über die Sowjetunion. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. Er beklagte. Jetzt galt es nur. daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. Willi Stoph sagte später. wußte aber nicht. Er zog Mielke zu Rat. ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt. von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte. Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. alles so zu arrangieren. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. wie er es anstellen sollte. Er wird nicht schlecht gestaunt haben. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich. der ihm entschieden abriet. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte.

blieb er immer treu. kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. der Dachdecker aus Wibbelskirchen.Honeckers zu kennzeichnen. Keinen Augenblick dachte er daran. aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. Dem Sozialismus. war eine Sache. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDIProgramms seine Entschlossenheit zeigte. wie er ihn sich vorstellte. Da er -426- . daß das Sozialprogramm. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. Jahrestag der DDR demonstrierten. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. Die sentimentale Enttäuschung. Sein unlösbares Dilemma war. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. daß er. den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. Kurz nach dem 35. Die Einigkeit und Geschlossenheit. Es wäre ungerecht. nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen.

nicht aber. kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. der uns dazu bringen sollte. in das wir eingebunden waren. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit. Mehr denn je war mir klar. verbanden mich Jahre. Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. wenn da nicht die Menschen gewesen wären. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. strenges Vorgehen angekündigt. die für meinen Dienst arbeiteten. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen. Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen. Aber mit vielen der Menschen. war gut bestellt. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. mit denen mich so viel verband. den ich hinterlassen würde. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge. daß man zumindest den Versuch macht. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . das System zu ändern. Wir begriffen nicht. Der Acker. daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. sie zu ändern. Es bedeutet nur. Was würden sie. daß ich genug hatte.seine Meinung ehrlich vertrat. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. daß man die Lage erkennt. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzigbis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. Kaum war gegen Flüchtlinge.

immer wieder hinaus. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. Er trug nun die Last der Arbeit. Sein TroikaProjekt war mir zum Vermächtnis geworden. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst.Lebensaufgabe. Um diese Situation zu beenden. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit. muß dieser Schritt bald getan werden. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. damit ich ausscheiden konnte. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus. Altersgründe anzugeben. Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen. Parteitag der SED getroffen werden mußte. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. drängte ich auf eine klare Entscheidung. das bereits beantragt war. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte. die zu tun waren. Er glaubte offenbar. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt.

die in Bewegung geraten war. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. also Offenheit. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. daß Glasnost. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . Die Flüchtlinge. auf jeden einzelnen an. waren Vorboten einer Lawine. den er schnell einschlug. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen. Parteitag der SED im April 1986. so meinten sie. durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn. an mein Gewissen zu appellieren. die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. Ich war mir sicher. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin. mit dem man vernünftig reden könne. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. Der PerestroikaKurs.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden.

Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. darunter auch ich. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab. Die Delegierten des Parteitags. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. wie nicht anders zu erwarten. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen. und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. Erst später erfuhr ich. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. um an Informationen zu gelangen. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt. Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow. waren gern bereit. Es war also kaum verwunderlich. jeden Impuls aufzunehmen.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- . Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. Er erntete sogleich Sympathie. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten.

in der China-Politik überholt wurde. würde ich als Buch realisieren. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder. ganz so. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. die sie in ihn gesetzt hatten. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte. der bewältigt sein wollte. daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. als wäre ich sein Nachfolger. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit. Die Summe all dieser Gespräche. und er genehmigte die unzensierte Fassung. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. die ich zwei Jahre später heiratete. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. Als wir feststellten. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. Noch im Dienst stehend. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin. auf mich übertrugen. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. Fast zur selben Zeit. daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst.

doch vergebens. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. Im November war es dann soweit. Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung. es zu unterdrücken. er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen. Jahre später las ich ein Interview. Andrea zu heiraten. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier.Versuche behauptete. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. lieferte ich endlich einen Anlaß. in dem Mielke behauptete. mich zu überreden. Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. Mit dem Entschluß. So blieb es nicht aus. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. die ich mir ausbedungen hatte. im ersten Moment war ich sprachlos. meinen Abgang in die Wege zu leiten. Jenen unter ihnen. beschlossen wir. daß ich Mielke informieren mußte. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. reinen Tisch zu machen. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. aber dann gewann der Humor die Überhand. die mich gut kannten. Der 30. doch das hatte ich abgelehnt. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen. Mielke hatte noch versucht.

vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. Der Aufklärer ist nicht dazu da. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu. Den roten Faden lieferte mir der Brief. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte. den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. die unausweichlich bevorstanden. sprach ich an diesem Abend über das Glück. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. Damals war Koni Soldat der Roten Armee. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt. sagte ich. Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen. manche auch vom Gegner. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. Die Fähigkeit. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge. ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. auch im eigenen Lager«. auch im eigenen Land. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. »Wir waren anfangs sehr gläubig. sind jetzt weniger blind gläubig. dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. als ich am 27. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. für einen Standpunkt einzutreten. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . Das.geblieben sein. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. in der Familie und von Menschen. In vertraute Gesichter blickend. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren.

gebraucht und nicht benutzt zu werden. nicht auszuschließen. Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. ist alles Dünkelhafte von Schaden«. daß ich ein Mensch bin. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten. Doch stark geliebet auch. »In einer Zeit. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. Verzeiht. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht. aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. Jeder Mensch hat das Bedürfnis. das ich ihnen mitgeben wollte. der in den Ruhestand geht.wurde.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters. fuhr ich in meiner Rede fort. das Persönliche aus meinem Credo. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. Dünkel. Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. wo einem keiner raten und helfen kann.

Weg unbeirrt zu Ende gehen. das heißt. in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren. Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt. kurzum produktive und schöne Zeit. daß es ihn gebe. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZEProzesses kein gutes Ende nehmen konnte. mich fordernde. dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe. Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß m anchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. ich sei froh. Es war eine aufregende. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- .« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. erregte das Buch Aufsehen. Auf die Frage. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. sagte ich. mit der imposanten Eiche am Eingangstor. was ich von Gorbatschow hielte. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. Sie verharrte in einer Rechthaberei.

: George Fischer. Lothar Wloch. l.Äußerungen. n. daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme. Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- . r. das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit. Umschlag der Troika von 1989 (v.

einen Haftbefehl. und ich antwortete stur. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen. Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. jemals vergessen wird. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. den keiner. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben. dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. -437- . Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. Am 18. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. so sei es in der Tat. Mielke fragte mich irritiert.und klanglos von der politischen Bühne ab. ob das gerade jetzt sein müsse. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv. der ich doch Bürger der DDR war. der dabei war. Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. Keinen Monat später kam jener Tag.

Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. war mein Mund ausgetrocknet. die Widerspruch erregen mußten. andere drückten mir die Hand. daß ein Umschwung bevorstand. verschwieg aber nicht. fast euphorisch. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. der noch keinen Namen hatte. um ihr Recht auf Meinungs. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. eine halbe Million Menschen. ob ich bereit sei.Am 4. Christa Wolf umarmte mich. Als die Reihe an mir war. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. Die Stimmung war gelöst. wurden die Pfiffe lauter. Als ich verlangte. Brechts Enkelin. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. die Schauspielerin Johanna Schall. Alle empfanden. noch existierten Armee. Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. Staatssicherheit und Polizei. Aber an diesem 4. Es hagelte Zwischenrufe. noch stand die Mauer. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. Da kamen die ersten Pfiffe. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen. daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. auch solche Gedanken auszusprechen.und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. mitten im Zentrum. daß die Vergangenheit mich einholen würde. -438- .

sondern der Ort der Wahrheit. als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl.Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. -439- . vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen. An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«. 11. Am 4.« Die Richtstatt. und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen. niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung. Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum. einig Vaterland«. daß die Tage der DDR gezählt waren.

Inge Viett und andere RAF-Mitglieder. die aussteigen wollten. -440- . wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. mein zweites Buch zu beginnen. Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen. Gespräche und Gedanken verarbeiten. in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte. um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. als bekannt wurde. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig. Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden.Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. weil er meinte. verging kein Tag. Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. vielleicht. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte.

daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke. dem Tag der Vereinigung. Bewegte Monate folgten. der KGB sei sehr froh. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. aber er fügte hinzu. die für sie zuständig waren. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. aber keinen Grund sah. einzugreifen oder sich zu beschweren. sondern gescheitert. dem ich sagte. dann in der Sowjetunion. das den Mitarbeitern der DDRNachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. Oktober 1990. Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. Woher sie das wußten. in denen ich klarstellte. beschloß ich schweren Herzens. Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. Anatolij G. vorübergehend das Land zu verlassen. daß ich mich geweigert hätte. hatte ich nicht die Absicht. wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. sagte er nicht. darunter Walter Janka. der Leiter der Berliner KGBNiederlassung. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- .und die Offiziere der Abteilung XXII. Nowikow. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. war nicht verabschiedet worden. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. das Land zu verlassen. erwiderte lächelnd. sei Grund genug. Am 3. fügte ich hinzu. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen. an den Außenminister und an Willy Brandt. Neueste Enthüllungen deuteten an. zuerst in Österreich. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen.

Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada. falls ich in Schwierigkeiten geriete. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo. Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden.Codewort an den KGB wenden könne. Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- . konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich. Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder.

daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. mit dem wir zu tun hatten. mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. wie wir feststellten. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. trafen wir dort ein. Der Weg nach Israel war uns versperrt. daß sein -443- . Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. ohne eine Antwort zu erhalten. doch niemand. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau. und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort. die Stimmung war jedoch gespannt. als wir in Wien nachfragten. Erschöpft.Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht. Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. Meinem Gastgeber war es peinlich. kam auf die Idee. aber erleichtert. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow. Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen.

daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab. So kam es. Sehr schnell mußte ich erkennen. mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. die gebot. Als seltsam empfand ich es. mir Asyl zu gewähren. Wir trafen die Familie meiner Schwester. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. alte und neue Freunde. Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. daß Wladimir Krjutschkow. sondern einfach schwiegen. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . doch komfortabel genug. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. daß Freunde im KGB. Mit Andrea Wolf. nun Vorsitzender des KGB.Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte.

was ich ihm mitteilte. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben.aus erster Ehe. Allein -445- . Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen. und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren. um danach zu entscheiden. Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. Er wirkte erschöpft und überanstrengt. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir. hörte sich jedoch freundlich an. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. ein typischer Verwaltungsmensch. Gorbatschows Protege. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden. Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. die ihm mitteilte. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat. aber wir können im Augenblick nichts für dich tun. Du warst uns immer ein treuer Freund. du siehst selbst.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. Er war mir zu schmalspurig. was hier los ist. Wer hätte gedacht.

weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses. wo der Bundesanwalt. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. daß ich mich in Wien aufhielt. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. Am 24. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet. mich schon erwartete. daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit. Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. Um diesem Rummel ein Ende zu machen. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. meiner endlich habhaft zu werden. In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. war ihm vom Gesicht abzulesen. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain. und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. Der Triumph. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt. und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- .

zu vernehmen. Heribert Hellenbroich. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet. weil der Zugriff möglich ist. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich. Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. Jemanden. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte. Admiral Elmar Schmähling. (…) Ihn jetzt (…) allein. allerdings eine seltsame.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. das hat eine Logik. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. der ehemalige Präsident des BND. der für die DDR spionierte. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. so hatte er gesagt. Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen. Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. des Landesverrats zu bezichtigen. in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten. das ist schwer zu verstehen. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte.

und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel. Später erfuhr ich. sondern als Menschen. daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte. enttarnt und verhaftet worden. die Informationen zu entschlüsseln.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen. eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten. daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. Deshalb bemühten sie sich. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt. die man als Agenten bezeichnen kann. Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs. Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. Dazu hatte ich erklärt. einer guten Sache zu -448- . denen es gelungen war. Während meines Prozesses war Rainer Rupp. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte.

dienen. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren. Ein Freund. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war. daß dieser junge Mann trotz allem. war Karl Winkler. Als wir uns nach dem 4. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. die wir später verwirklichen wollten. November 1989 unterhielten. Gemeinsam entwickelten wir Projekte. Ich war des Landesverrats angeklagt. gab er bekannt. für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. sondern ein offener. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. stellte ich fest. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. den 6. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . der mir in dieser Zeit nahekam. Dezember 1993 anberaumt worden. und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. was er durchgemacht hatte. sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland.

Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. Der Gerichtssaal war nicht der Ort.Revision. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann. half mir die Lähmung überwinden. Rechenschaft über das abzulegen. Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner. -450- . daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können. was wir uns vorzuwerfen haben mochten. und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte.

obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. Auf dem Weg dazu. doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n. Ich sah Frauen und Männer wieder. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war. Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. wahrten sie ihre Haltung und Würde. Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert.18. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. Beide stammten aus Nürnberg. Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb.

Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn. in die CDU einzutreten.Stirn. Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon. Porst wollte sich mit einem -452- . er wolle der DDR gern helfen. wollten sie einen Verlag gründen. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen. mit ihm leichtes Spiel zu haben. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. der andere als FlakOffizier –. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. aber er sei keine Marionette. gerechten Gesellschaft entwickelte. und forderten ihn auf. bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. wenn es galt. sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. glaubten sie. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. um westliche Verbindungen zu nutzen. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. Er sagte. Böhm ging in den Osten. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen.

« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück. Der gleiche Jahrgang wie ich. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten. Es war ein Vergnügen. Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- . was er vorbrachte. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. daß die DDR selbst schuld sei. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten. Vor. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen. Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. beharrte er auf der Meinung. denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll. nicht ohne Humor. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen.und kapitalistischer Marktwirtschaft. Er war von kleiner Statur. gutgeschnittene Anzüge. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif.und Nachteile sozialistischer Plan. auf Gedanken einzugehen. mußte ich recht geben. Vielem. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los. mit denen unser Land zu kämpfen hatte. als es um Presse und Medien der DDR ging. wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte.kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete.

nachdem er in die FDP eingetreten war. schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen. daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe. die ihm als Unternehmer näherstand. Thomas Dehler und Karl. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten. so sein Deckname. daß er. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. Walter Scheel. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. Politiker wie Erich Mende. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. Eigentlich war so etwas nicht möglich. Um den Kontakt optimal zu halten. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- . die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen.wertvoller. Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. Er fand es auch selbstverständlich. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte.Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. an der sein Herz zu hängen schien. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. Wie Porst seinen politischen Standort definierte. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. Er war nicht in die CDU eingetreten. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. ihn so beeinflußt zu haben. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. Optik. kann man daraus ersehen. sondern in die FDP. Offenkundig glaubte er.

ihre Kredite zu sperren. Es funktionierte. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. dann muß seine Verhaftung. Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. Falls das so war. hielt ich ihn für einen Hasardeur. doch als er 1967 verhaftet wurde. litt das Versandgeschäft. ein unsanftes Erwachen gewesen sein. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet. Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. unter starken Einbußen.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark. Banken drohten. denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunkund Fernsehbeilage. der Kern seines Unternehmens. Als wir uns in Budapest trafen. Für uns galt allerdings das gleiche. Daran muß ich denken.

Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte. So faszinierend die Idee war. Auch konnte ich nicht glauben. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. daß die Bundesrepublik ein Land ist. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause. so utopisch erschien sie mir. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen. Der wahre Grund für die neun -456- .« William Borm war einer der interessantesten Menschen. Verantwortung und Initiative des einzelnen. die von den offiziellen Normen abweichen. Vier Jahre später. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs. Ich glaube immer noch. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter. in dem auch Gedanken. da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. Ich nehme mir die Freiheit nach links.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns.Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. Und zwar mit meiner Meinung. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA. gedacht werden dürfen.

Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP. was man dort unter einem »Herrn« versteht. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis. Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte. daß man Borm verdächtigte. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . hochgewachsener Mann. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDPLandesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren. Ich war neugierig geworden und beschloß. den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. der Beiname. Im Gespräch erklärte er sich bereit.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig. Sir William. die ihn in Bautzen besucht hatten. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten.

die uns halfen. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt. Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht. Für Bonn aber war es noch früh. Das zeugte von seinem guten Gespür. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. nachdem es ihm gelungen war. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde. wußte -458- . In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende. das gleichberechtigte Geben und Nehmen.Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der WestBerliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht. Brandt davon zu überzeugen. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen.

In seinem Denken war er jung und radikal. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei. Das beschäftigte ihn bis zuletzt. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief. Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. Nie wieder sollte es geschehen. Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. sondern als Gleichgesinnter. aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er. und statt dessen für Opportunismus. stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete. »Ist es schon Mut. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht. Ein Satz. den er häufig äußerte. -459- . Brüderlichkeit und Dienen. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt.ich. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. Es war das Freimaurertum. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde.

An Genscher störte ihn.Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging. daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte. daß er gerade solche Karrieristen förderte. daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann. Genscher hielt er für einen Macher. Die Geister. wozu ich ihn ermuntert hatte. das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. die er gerufen hatte. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. schätzte aber selbst nüchtern ein. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft. Mit Sorge beobachtete er. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. mit der er seine Parteikollegen charakterisierte. Hinzu kam. Das war sein Ende als Parteipolitiker. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. Er tadelte Genschers Bereitschaft. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. zeigt sich auch in der Offenheit.

Bundesrepublik. Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- . Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden. saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt.

getan haben. galt viel. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien. sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. der Liberalen Demokraten. die Fäden zu durchtrennen. als äußeres Zeichen. daß sein Einsatz.William Borm war. seine Mühen verstanden wurden. so unbequem es auch oft war. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat. so wie ich ihn kennengelernt habe. ein echter Deutscher. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. wo es ihm geboten schien. Gabriele Gast gehört zu jenen.« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. Nach seinem Tod am 2. seine grundlegenden Werte zu verteidigen. Er war der erste Politiker aus dem Westen. der die Gedanken anderer respektierte. der Aussöhnung gerade da. Er hat stets Opfer gebracht. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde. Sein Wort.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen. als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. Er hat Konflikte nicht gescheut. Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte. die mich mit Jahrzehnten -462- . Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. auch um den Preis der eigenen Freiheit. die es mir besonders schwer machten. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen.

die sich für unseren Dienst engagierten. die sich nicht nur durch Geduld. wenn sie noch lebten. -463- . von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen. Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft. Die Mitarbeiter meines Dienstes. weil es ihre Sensibilität. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. Diese Frau war ein weißer Rabe. Lange Zeit war es ihre Aufgabe. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. als dies noch möglich war. Beide waren kluge Männer. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. die für eine gute Sache eintrat. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. die zu der ihren wurde. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. weil sie nicht wollte. die Kardinaltugend des Aufklärers. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. daß er in ein Heim abgeschoben wurde. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. könnten mehr dazu sagen. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. ausze ichneten. für ein edles Ideal. habe ich immer wieder festgestellt. ohne daß man zu große Gefahren einging.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht.

mich Mitte -464- . Wenn wir Originaldokumente benötigten. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. dem bekannten Osteuropaspezialisten. besuchte sie erstmals die DDR. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. fertigte sie Mikrofilmkopien an. um dort zu recherchieren. Die Analysen. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. die sie in Toilettenoder Kosmetikartikeln versteckte. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. zu ihrem ständigen Betreuer. das Material entgegennahm. das uns erlaubte. der in München. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. die sie für uns verfaßte. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. Ich weiß. zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. Anfangs fand die Übergabe statt. Ihre Arbeit für uns war hervorragend. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert. und deshalb übernahm dies ein Kurier. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen. fand ich es ratsam. Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte.Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. doch das war zu riskant und zu umständlich. die von München in den Osten fuhren. die richtige Wertung zu haben. Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben.

Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen. doch je länger wir uns unterhielten. war sie vom Dauerstreß der Konspiration. Probleme waren daraus erwachsen. daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste. -465- . deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte. Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. Als wir uns einmal über den Nürnberger KriegsverbrecherProzeß unterhalten hatten.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet.

immer marginaler geworden war. so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte. Aber das war ein Irrtum. Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System. Sie prognostizierte. was sie für uns tat. etwas Sinnvolles zu leisten. daß sie andere denunzierten. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. Es war eine Begegnung. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren. die mit ihr zu tun hatten. Meine anfänglichen Befürchtungen. Wie sich herausstellen sollte. sie wolle sich zurückziehen. mit dem. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. waren bereits vernichtet worden. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. daß sie 1986 beauftragt wurde. hatte ich zu Unrecht gehegt. läßt sich daraus ablesen. vor allem nach dem Tod Andropows. Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. Alle Unterlagen. wie wichtig es ihr war. Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt.

an das ich nicht mehr glauben konnte. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. was sie in den Haftjahren gequält hatte. Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. die aus der Haft vorgeführt wurde. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können. der vor Gericht ganz anders hieß. indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. weil er mitangehört hatte. Mitte der 80er Jahre. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen. Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht. In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten. als sie begriff. uns sobald wie möglich zu treffe n. um ausführlicher über alles zu sprechen. sie nervlich belastete. die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer.verwandt) tat sich dabei besonders hervor. ob ich sie damals. daß -467- . Das Verhalten KarlHeinz Schmidts. merkte man an ihrer Anspannung. Ende März besuchte sie mich. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. daß genau das eingetreten war. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. und wir vereinbarten. hätten freigeben sollen. ihres »Karliceks«. Daß ihr Auftritt als Zeugin. was uns bewegte.

Wahrheiten können nicht nur hilfreich. Daß nicht verlorengeht. was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft. -468- . Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen. obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe.unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden. sondern ebenso schmerzhaft sein. Deshalb möchte ich daran glauben.

worauf es ankommt. wird mich verfolgen. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. dem wir dienten. s chreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda. die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie.19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. dem Bonner Botschafter der DDR. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- . dem Charakter einer Gesellschaft. Im Gespräch mit Michael Kohl. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das.und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. weiß man sowieso. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy. was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. (…) Das. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-PaktStaaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern. Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen.

die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Regenschirmspitzen vergiftet.« -470- . einander das Leben zu erschweren. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Keine Nation der Welt glaubt. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut. anleiten. alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren. Jahrestag der DDR geschrieben. Staat und Wirtschaft messen. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden.« Eine eigene Eintragung.west-östlichen Diwan gelegt. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. 1974 nach den Feiern zum 25. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam. Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen. Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei. ohne Geheimdienst auskommen zu können. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate.

10.Tagebucheintrag vom 16. 1974 (Transkription im Anhang) -471- .

wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen. wo ihre Warnungen in den -472- . 10. 1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort.Tagebucheintrag vom 17.

falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut.Archiven verstauben. dem er eng verbunden war. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. mit einer Handbewegung vom Tisch fegte. Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener. bevor sie starben. die Rote Kapelle in Berlin. Sorge in Tokio. In der Politik fällt die Entscheidung. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten. Leopold Trepper in Frankreich. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- .

ihr Tun unmoralisch.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. -474- . Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen. blieb Widerspruch in mir zurück. Aber Opfer und Entbehrungen. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. Trotz der Faszination. auch in der US-Öffentlichkeit. Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen. zumindest als sinnloses Spiel erscheinen. sie durften nicht umsonst gewesen sein. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal. und sie bekam keine guten Noten. Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. nein. die das Werk auf mich ausübte. Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte. Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich.

streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß. daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen. Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. sondern von den eigenen Führungsqualitäten. Dennoch glaube ich. dann drängt sich der Verdacht auf. Bürgerrechte zu schützen. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht. Technisch kann man nur den IstZustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. darauf hinzuweisen. sie aufzublasen. daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte. vermag diese Barriere nicht -475- . daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. solange diese Dienste existieren. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. in die man eindringen will. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen.Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten. Geheime Pläne. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. Vielleicht steht es nicht gerade mir zu. Aber es ist so. Selbst ein auf wenige. nie ganz zu ersetzen sein wird. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. zu gewinnen und aufzubauen.

die er ihnen selbst geliefert hatte. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. nur hat sich der -476- . diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln.zu überwinden. Überhaup t ist es kaum zu fassen. »tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. ist allgemein bekannt. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß. Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. Vor allem in Deutschland. Regierungen sind niemals bereit. eigentlich dagegen. Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar. von sich aus darauf zu verzichten. um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. dessen Zeugen wir gerade wurden. vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei. heißt es. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben.

daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates. die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte.und ausgebaut. Im übrigen ist die Wirtschafts. hat offen ausgesprochen. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete LawandorderDenken verleitet diese nur zu oft dazu. den naheliegenden Schluß zu ziehen. Aber es gibt noch andere Gebiete.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren. so entsprechen die bisherige -477- . sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste. Was die Atommafia betrifft. CIA-Direktor unter Präsident Bush. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionageund Sicherheitsdienste auf. daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends. Allerdings versäumen diese Experten. auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen.und Industriespionage keine neue Entdeckung.

die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt. Admiral Schmähling. dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen. signalisieren die latente Gefahr. unsere Welt brauche Utopien. als Utopie abgetan wird. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. wo es bisher ausgeklammert blieb. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. Dieser Kampf ist kein Spie l. die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen. aber das -478- . der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West. Dem möchte ich hinzufügen. Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. muß gefragt werden. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kernund Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen.Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden.

-479- . Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft. ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs.Endspiel verloren hat. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande. besonders durch den Staat.

war kein Verrat an Deutschland. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. die -480- . er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. mit gutem Gewissen sage. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. die meinen Lebensweg begleitet haben. die meinen Vorbildern. was meiner Familie und mir teuer war. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften.« Wenn ich nach allem. sondern das Leben in Kriegszeiten. Aber ich halte an den Werten fest. meiner Familie. gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. Es war ein hoher. Wir haben Spuren hinterlassen. vieles haben wir falsch gemacht. wir haben aber nicht umsonst gelebt. noch so gering gewesen sein. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. mit denen wir die Welt verändern wollten. daß ich nichts verraten habe. bedeutet dies. was hinter mir liegt. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. Habe ich etwas von den Werten verraten. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen. wahrscheinlich zu hoher Anspruch. sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm.Epilog Das Schlußwort. und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. die mir erst später bewußt wurden. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt. auch Wunden und schmerzende Narben.

Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. wie es beschaffen war. was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher. konsequenter hätte tun können. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat. was mich lahmte.Wurzeln des Nationalsozialismus. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. wie diese Führung jeden Meinungsstreit. auf sich nehmen zu müssen. war es nicht. Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach. mutiger. auch durch andere. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. Es war vielmehr der Zweifel. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. in dem System. Mangelnde Courage. Verantwortung für ihren Mißbrauch. nahm ich an der Macht teil. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. vor allem in Moskau. tun müssen. daß wir uns -481- . Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. auf Veränderungen von oben. meine Meinung zu vertreten. ohne zu begreifen. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten.

sondern zuwenig. den Ideen treu zu folgen. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- . und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen. Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten. dem bedingungslosen Gehorsam. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. Was bleibt von unseren Idealen. Wir sind gescheitert – aber nicht. daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. was von den Mühen. zu einer Zeit. indem wir alles Handeln delegierten. an einer Gesellschaft mitzuwirken. Das ist meine feste Überzeugung. in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System. doch nicht sehr lange. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. so. Die Zeit war abgelaufen. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. wie es meine Überzeugung ist. das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied.selbst die Hände banden. wir glaubten. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. Ihm galten auch meine Hoffnungen.

daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger G ewalt aus als die Macht des Staates. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt. kann ich darauf nur erwidern. sondern immer neue und größere Probleme erzeugt. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. das dadurch charakterisiert werden kann. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme. als sie halten konnte. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. und sie rührt daher. Man mag einwenden. ist aber nicht weniger brutal. Viele müssen erkennen. Manchmal werde ich gefragt. welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann. Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. vor denen die Menschheit steht. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren. nicht zu lösen vermag. Sie wirkt weniger vordergründig.Westens mehr versprochen. So richtig das ist. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik. in dem sie verlorengehen. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter.

Karl. Sie hatten recht. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. was Jean Ziegler sagte. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. diese Meinung auch zu vertreten. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen. ein Modell des Sozialismus. als sich eine eigene Meinung zu bilden. Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. Der kalte Krieg ist zu Ende. Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen. -484- . ist gescheitert.wichtiger. sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen. Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. Ich weiß nicht. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. in der Freiheit. Karl – bis morgen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. das müssen sie selbst prüfen und herausfinden. selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. doch meine Ideale habe ich nicht verloren.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Aune Renk und Craig R. die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. Kai Hermann. Für Rat. im März 1997 -486- . Jürgen Jessel. Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea. die Endfassung Anfang 1997. Whitney. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau. Klaus Eichner. Berlin.Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt.

Wischnewski. Frisch von der Krisensitzung am 13. Brandt. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt.W. 3. Seit heute weiß ich. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär.I. a. H. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU. und vom 16. mit Schmidt.4. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. »Wir ziehen ja an einem Strang. ja vielleicht schon brodelt. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist. u. -487- .« Es wird berichtet. auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht.Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. daß sie sich anbahnt. bedankte er sich für die Grüße E.s. mit Zeitungsausschnitten. Bahr und Apel im BKA kommend. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum. Es ging auch um die Einladung L. daß auch Brandt eine Einladung besitzt). Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. für unzurechnungsfähig zu erklären). für die nur Wischnewski eintrat. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. u. Parteibuchs.a.: »Sing anders. H. Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief. Sachse«. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist. Eskalation. in Vorbereitung der Mittagreise.a. Ich habe ihm versprochen. seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen.

« Sorge. Bestätigt den für Sept. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. Guillaume. gab dann noch Empfehlungen für G. vorgesehenen Austausch vo n G.Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen. Mischnik u. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch. Eintrag vom 24. zum 75. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt. Polen – gefährlicher »Ermunterungssog. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. Dieser glaube noch. wie er sich da heraus windet. Lambsdorff. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung. Verheugen hinzugezogen. da ist alles drin.10. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E. mit dem operiert werden soll.a.« Später wurden Genscher.. 8. »Je eher. Besuch von RA Vo gel bei H. – sein liebstes Geschenk.« -488- . die UdSSR könne die DDR opfern.H. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E. H. Materialwalze auf Dauer mithalten könne. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben. desto besser.H. »Sagen sie meinem Jugendfreund. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u. Mittag. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr. daß er aufhören muß. ob die UdSSR mit der amerik.W. u. Ob u. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. 35 mit der Außenpolitik Genschers. die im argen liegen.

der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten.»Es geht nicht ohne innere Gewalt. Für alle. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR.-J. bereit andere u.« Absolute Ablehnung Reagans u. So hat die Antwort Brandts (ND 27. 2. Februar 1969 Es ist erstaunlich. Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. Es ist eine halbe Minute vor 12. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen. 3. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. seiner Politik. die in jener totalitären Finsternis leben – beten. März 1983 Mit Herbert Wehner. Vogel abgelöst wird.« Eintrag vom 27. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. Choleriker. Gott zu kennen.) auf das Schreiben Walter U. sich selbst zu zerfleischen. Eintrag vom 8. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert. leider. ein interessantes Leben unserer Zeit. tot als rot zu sein. sei es besser. eigentlich immer ein Einzelgänger. Sein Leben voller jäher Wendungen. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- . Reagan am 8. Als ob von Brandt. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski. daß sie die Freude entdecken. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. die an Gott glauben.

sonst nicht. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. Trotz aller Überlegungen u. Politisch völlig unpassend.s. als ein Tropfen genügte. etwas anderes zu erwarten gewesen wäre.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. H. »Heinze« – sind verhaftet. Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n]. Doch der Schein trügte. Schade. Nixon in Westberlin. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. Eintrag vom 25. schade. Das Letztere scheint der Fall zu sein. um das Faß zum Überlaufen zu bringen. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte. Max Christiansen-Clausen 70. Das ging auf den Magen. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. und die Regierungs. der -490- . daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt. Ausschlaggebend war die Annahme. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung. Die SED solle sich darauf einstellen. April 1974 Großer Mist: »Hansen«. man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. Mai 1974 Es schien kurze Zeit. Er war es seit eh und je. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten.charakterisiert wird. schade. Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt. Eintrag vom 6.

Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. auch unser Günter Guillaume. und das wußte u. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. in einigem Sympathie entgegenbringen. mit dem Kalkül. liefern das Geschoß. Daher die echte Resignation. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. Ein Mann. und 8. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. Er wird in die Geschichte eingehen. passiert dieser Unfall. aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. Er glaubte tatsächlich. aber ein ganz Großer war er nicht. jetzt. Warum auch? -491- . BKA-Min. Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. in dem herumgestochert wurde. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten. ehem.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. Ein Gerücht jagte das andere. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e].a. betätigen wir den Abzug.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. weiß er. Brandt tritt zurück. Den hat er allerdings weniger uns. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird. mit dem man manches machen konnte. BfV-Chef Nollau u. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. als seinen Gefährten zuzuschreiben. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. u. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. Eintrag vom 7.

In der PB-Sitzung wurde von E. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. mit Stempeln Geheim u. Staat. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. H. kontrollieren. anleiten. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders. Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei. Eintrag vom 16. Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate. das die NATO produziert. Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben. und 17. Wirtschaft messen. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- . Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt.

und Ausland. Politik. Dokumenten. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- . um Medien. Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In. operative geheime Sammlung von Informationen. auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung. auch VMann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität. auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion.Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson.

Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes. der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code .oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter. der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter.Buchstaben oder Zahlenkombinationen. der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- .

operative glaubwürdiger Vorwand. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- .Inoffizieller Mitarbeiter. um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten. geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. Ermittlungen vorzunehmen. unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende.

wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw. auch technisches Gerät zu diesem Zweck.oder Operationsstützpunkt. auch Geld. illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw. Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-.oder Materialdepot Subversion -496- . die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient. Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission. Funk.geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person.

Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- . auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung. B. z.Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland. Behörde. militärische Einrichtung.

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