Markus Wolf

Spionagechef im geheimen Krieg

Erinnerungen

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Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2 Original: The Man Without a Face 1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt
Einleitung ............................................................................. 4 Prolog................................................................................... 7 1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25 2 Der Einstieg..................................................................... 45 3 Learning by doing ........................................................... 64 4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99 5 Die Betonlösung............................................................ 123 6 Spionage aus Liebe........................................................ 144 7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156 8 Herbert Wehner............................................................. 190 9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215 10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229 11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258 12 Das Gift des Verrats .................................................... 290 13 Ein neues 1914? .......................................................... 316 14 Aktive Massnahmen.................................................... 341 15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356 16. Der ferne Kontinent.................................................... 382 17 Der Ausstieg................................................................ 418 18. Der menschliche Faktor ............................................. 451 19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469 Epilog............................................................................... 480 Danksagung...................................................................... 486 Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487 Glossar.............................................................................. 493

Einleitung
Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit hohen Erwartungen der Leser rechnen. Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines JamesBond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden, und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und weitgehend unbemerkt ab. Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre wahre Bedeutung. Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse. Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier, sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe
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ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne, in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem Glossar erläutert. Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das »Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht leicht. Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen? Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir. Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht. Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
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versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von den Gewinnern verfaßt werden darf. Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen. Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

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Prolog
Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte, alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich gefaßt – keiner außer mir. In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als »Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt? Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen mich war gewiß kein Zufall. Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie
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ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung in Saal A 01. Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer Geisel des historischen Geschehens wieder. Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige Bundesrepublik gefesselt gewesen. Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr 1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und Ruhe gesucht. In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der 30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück. Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das Denken an.
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Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert. Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig, ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten, und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße Überleben bangen. Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin, der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert. Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer
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und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung. war in Haft. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse. Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar. dennoch beschloß ich. Erich Mielke. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab. nicht für möglich halten. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab. -10- . Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. nach Berlin zurückzukehren. Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte.und wacher Gesprächspartner gezeigt. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. mein langjähriger Vorgesetzter.

der Innenminister der Regierung de Maiziere. Werner Großmann und Bernd Fischer.Dafür wurde ein hoher Preis geboten. rief mich Peter-Michael Diestel. Das erste Angebot war eine Überraschung. Ich wußte zwar. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen. daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens.und Sinnkrise zu stellen. und Schäuble werde ungeduldig. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . ein Herr Werthebach. an und fragte. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei. Es bestand kein Zweifel. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit. Meinem Schwiegersohn. daß Schäubles Emissär. dem südöstlichen Vorort Berlins. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen. müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden. Bonn stehe unter Druck. sofern er seine Quellen verraten wollte. sich einer Lebens. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam. der Preis der Freiheit. hatten mich darüber informiert. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. Mein Gesprächspartner erläuterte. der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte. Meine Nachfolger im Dienst. er wollte mit mir lediglich beraten. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. Anfang Mai 1990. Damals.

das mir die geringste Chance bot. des Tauziehens ebenfalls überdrüssig. zu verraten. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. wir würden ungehindert zurückkommen.« Sicher hatte er recht. da ich zu jedem Gespräch bereit war. Der Unterschied zwischen uns war nur. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen. Zu guter Letzt vereinbarten wir. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an.« Boeden.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. Die einzige Möglichkeit. »Herr Wolf«. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. als daß ich sie hätte glauben können. die uns noch verbleibt. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. steigen Sie einfach in meinen Wagen. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. sagte er. etwas für meine Leute zu tun. Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. »Sie wissen so gut wie ich. habe freies Geleit zugesagt. ist die. daß ich mit meinen -12- . hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. niemanden.

Man gab mir noch zu bedenken. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden. Meine Besucher erklärten.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. Er sprach formvollendet gutes Deutsch. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre. vor. stellte sich als Mr. baten sie höflich um Einlaß. flüsterte mir meine Frau Andrea zu. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. Auf meine scherzhafte Frage. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden. Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. der nichts unversucht ließ. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. untadelig gekleidet. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. Andrea fühlte sich an marines erinnert. die sie in Filmen gesehen hatte. Der Ältere. daß sie auf den Gedanken -13- . Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. des damaligen Direktors der CIA. Er sagte. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. Es gefiel mir. Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. »Ein typischer Bürokrat«.

daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir. wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken. um mir Komplimente zu machen. mich im Wald aufzusuchen. signalisierte mein Gehirn. Hathaway senkte die Stimme.« Das war es.« Beide lachten. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. sagte er. Erst kommt das Zuckerbrot. von dem Drumherumreden befreit zu sein. Sie wissen. »Wir wissen. war nicht schwer zu erraten. fernab neugieriger Blicke. daß wir solche Dinge arrangieren können. daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an. nicht hinterm Berg. uns zu beraten oder uns zu helfen. daß Sie überzeugter Kommunist sind. Was für ein seltsames Gefühl. Dann verlor ich die Geduld. Niemand würde davon erfahren. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. »Gentlemen. dachte ich. Unüberhörbar ließ er durchblicken. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit. froh.verfallen waren. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. »Kalifornien«. dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- . »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«. sicher sind Sie nicht nur gekommen. Wenn Sie jedoch bereit wären.

erklärte ich. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden.« Das war noch die höflichste Form. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. Wir lachten. Ich weiß. »ist sehr schön. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei. erwiderte ich. eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. sagte ich. »Wissen Sie«. doch damit kann ich nicht dienen. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- .« »Sibirien ist auch nicht übel«. scherzte ich. »in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung. Man kann über vieles reden.« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form. Offenbar glaubte er. In solchen Fällen ist Geduld das beste. Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. sagte Hathaway. was Sie bezwecken. »Meine Herren«. Auf meine Frage nach der Gegenleistung. »wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht. Allerdings wußte ich.fort. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. die man von mir erwartete. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. Oberst Jürgen Rogalla. Ich reagierte nicht. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes.

die mit mir gearbeitet haben. gewiß«. warf Hathaway ein. was mir drohte. doch wenigstens kennenlernen. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. fuhr ich fort.« Zweifellos war die Vorstellung. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. Kommen Sie in ein Land.« »Gewiß. mein Gesicht zu verlieren. Sie sind auf mich zugetreten. Namen meiner Agenten sind tabu. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. um mit Ihnen zu sprechen.haben. doch nicht um den Preis. als hätte ich nicht selbst gewußt. es gibt auch noch Rußland«. obwohl ich innerlich kochte. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. jetzt an Andrea gewandt. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll. So verhält es sich aber nicht. »So etwas könnten Sie verlangen. »und zwar da. dann laden Sie mich doch in die USA ein. sagte ich geduldig. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«. nicht umgekehrt. sagte Hathaway. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. Wenn ich mich nicht täusche. »Das Leben ist dort sehr hart. was ich einzubringen gedächte. muß ich das Land. wo es um den Verrat an Menschen geht. Denken Sie an Ihre Familie. »Sie müssen uns helfen«. lenkte Hathaway ein. wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können.« »Es gibt für mich eine Grenze«. wiederholte er stur. -16- . »Gehen Sie nicht nach Moskau«. wo Sie Ihr Leben genießen können. »Vergessen Sie nicht. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. erwiderte ich.

daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. Hartnäckig wiederholte er. ohne jemanden verraten zu müssen.« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. Um sicherzugehen. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. dem sowjetischen Nachrichtendienst. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. Von Quoten war die Rede. was mit meinen Beziehungen zum KGB. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. Eine ziemlich lange Pause trat ein.Also beharrte ich auf dem Vorschlag. auch anderswo. fand keinen Anklang. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. »wir sind hier. Im stillen mußte ich denken. sondern vermute es nur. weil wir annehmen. so gut informiert. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren. sagte Hathaway leise und bedächtig. Hathaway schüttelte den Kopf. Auch meine Idee. nicht nur in Bonn. darunter etliche in den Apparaten selbst. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen. speziell der Äußeren Abwehr. weiß ich nicht. Längst hatte ich begriffen. sondern an etwas. Gordjewskij und Popow an. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten. habe ich recht?« »Herr Wolf«. Er hat großen Schaden angerichtet. Er schätzte meinen -17- . daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. zu tun hatte. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten.

auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. Und dem war auch so. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte. den Leiter der Äußeren Abwehr. daß um Mitternacht zum 3. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. mir diesen Einblick zu gewähren. bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes. beide versuchten.russischen Kollegen. von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung. General Kirejew. Das Äußerste wäre eine Andeutung. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. den die CIA mit Argwohn betrachtete. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- . wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung. daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. den US-Diplomaten. Nun trat auch »Charles« in Aktion. schlug Hathaway vor. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben. »Charles« warf noch einen Haken aus.

Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. war nicht ohne einen gewissen Reiz. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. So dramatisch diese Vorschläge klangen. Obwohl Mr. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war. Doch das behielten wir für uns. sofern ich mich bereit erklären sollte. vom selben Flughafen Tempelhof. Meine Ausschleusung wäre kein Problem. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. Hathaway am 26. Wollten wir in die USA. sofern ich bereit sei. -19- . Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand. nach Amerika zu starten.Haftbefehl zu vollstrecken.

in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete. Mein Besucher. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte.Erst später erfuhr ich. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten. Hathaway gehörte zu den wenigen. Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt. so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. Gardner A. -20- . welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte. Es war Aldrich Ames. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. Hathaway. dafür 2. der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes.7 Millionen Dollar erhalten zu haben. war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA.

Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte. mit denen ich in nähere Beziehung kam. Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. dessen war ich -21- . der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte. es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. Wie konnte es der CIA passieren. Deutschland zu verlassen. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah. an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. was nicht sein darf«. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken. Aber ich hatte kein Verlangen. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. bestätigt. wurde mir später von einigen seiner Kollegen.Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten. Mein Eindruck. lag wohl daran. demzufolge »nicht sein kann. so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig. was in diesem Fall fatale Folgen hatte. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. Man könnte jetzt meinen. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. daß er zu wenig kreativ veranlagt war. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken.und Abwehrmann mit Respekt.

Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. aber ich habe jüdische Vorfahren. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. -22- . Es gab noch eine weitere Option. Doch dazu sollte es nicht kommen. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist. Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem.mir gewiß. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. doch das war ich nie. noch Deutsche etwas wußten. Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. wolle mich kennenlernen. In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. von der weder Amerikaner noch Russen. Und sie kam aus Israel. ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels.

und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus.« Mir war sofort klar. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam. der meine Träume abrupt beendete. -23- . weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. Doch im übrigen war der Rabbi. unkompliziert und kontaktfreudig. er habe als Offizier in der Armee gedient. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. Sein Bart. daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. erfuhr ich. sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. Die jüdische Herkunft interessierte ihn. ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen. sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los. In Israel. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen. Wir telefonierten regelmäßig. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. Weinman erzählte mir. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen.

Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah. mich hinter Gitter zu bringen. solange es irgendeinen anderen Weg gab. Wohin sollte ich fliehen. und nach Moskau wollte ich nicht. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich. in Israel war ich unerwünscht. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln.Die Redakteurin der Zeitung. war plötzlich nicht mehr zu erreichen. -24- . und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend. und die Zeit wurde immer knapper. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht.

meine Mutter. daß er Rabbiner geworden wäre. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. den Fürsten zu Wied besuchte. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte.1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. indem sie einen Juden heiratete. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke. die verriet. Und als Wilhelm II. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll. und das Todesjahr Wilhelms I. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin. das ist der Kartätschenprinz. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. dann ist der -25- . sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. Uns Kindern erklärte er später. Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant. Seine Eltern hätten gern gesehen. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen. der Vater in Neuwied. Er erinnerte sich gut daran. ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. das ist kein Heldenkaiser. Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen.« Else Wolf. utopisch getönte Weltanschauung.

Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. und meine Eltern mußten froh sein. der galoppierenden Inflation. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld. Es war die Zeit der totalen Geldentwertung. Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. -26- . er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr. Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. die sie am stärksten charakterisierte. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter. Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. ist kein geringer Beweis der Liebe beider. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. Die Erinnerung an meine frühe Kindheit. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen.Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. Moritz Meyer. in der Familie das»Öhmchen« genannt.

eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. war von Anfang an ein großer Erfolg. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr. Erschöpfung war ein Wort. wo wir ein modernes Haus bewohnten. in eine richtige Großstadt. -27- . medizinischen und politischen Fragen zu halten. in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft. Vorträge zu sozialen. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. nach Stuttgart umzuziehen. als er für sein Stück Zyankali. das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. verurteilt wurde. die ihn in ganz Deutschland bekannt machten.Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen.

An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau. und mein Bruder nahm sich vor. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- . einen ganzen Ochsen aufzuessen. und so wurde ich junger Pionier.1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam. Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem. was unsere Eltern erzählten. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor. Damals erfuhr ich zum erstenmal. genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. sobald er erst groß war. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen. traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien.

dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze.verfolgt wurden. und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. wo Vater sich aufhielt. und es dauerte nicht lange. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter. Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. Mir drohte man. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . es war Passahzeit. falls ich nicht verriet. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. um Haussuchungen durchzuführen. überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan. Um diese Zeit. die uns das Gesicht verziehen ließen. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. ich käme auf den Heuberg. und von dort ging es nach Frankreich. mußten wir uns verstecken.

mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten. Pfeffer. kislaja kapusta!« – »Deutscher.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen. die die Verfolgung nicht überlebten. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. Es war nicht leicht. Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. also mitten im Zentrum. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. erzählte mir ein Arzt. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. der Mutter lange Hosen abzubetteln. und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte. kolbassa. perez. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. gefunden und eingerichtet. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus. es gelang uns. -30- . daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. welches Ende Dr. Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde. Wurst und Sauerkraut«. Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart.

und zu Lothar Wloch. Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen. in denen Männer.Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde. Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. und jeder war davon überzeugt. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule. daß das riesige Land im Begriff stand. beide nicht weit vom Arbat gelegen. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. war die zu George und Victor Fischer. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. die bis -31- . später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen.

Und im -32- .vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren. Reihe) Heute weiß ich. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors. Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. sondern nur einen deutschen Paß. und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. 2. wurde nicht laut gestellt. erst viel später wagten wir es. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. wer das nächste Opfer sein würde. Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen. um Emigrantenfreunde und bekannte. von links. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2. daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. Wir Heranwachsende spürten. die bange Frage. der Geheimpolizei. daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug.

die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte. Sehr viel später erst erfuhren wir. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. die Ausreise genehmigt zu bekommen. wurden von uns als Helden bewundert. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. aber nicht sonderlich erwünscht. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. und im März 1941. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. das uns erreichte.Unterschied zu uns Kindern. jedes Lebenszeichen. drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- . um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. Doch nach Spanien gelangte er nicht.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war. bis man mich verhaftet. um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen. Wir bangten um sein Leben. die wir begeistert nachplapperten. was wir bei den jungen Pionieren lernten. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater.

Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. verlegt. die an die Front im Westen fuhren. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion. um die Züge durchzulassen. die sich entkräftet und krank im Zug befand. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. Friedrich Wolf mit Konrad (links). Im Herbst standen sie vor Moskau. und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch. -34- . Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt. die Hauptstadt Kasachstans.Arme schließen. als am 22. Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten.

Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. auch meinem Bruder war es gelungen. Mandel. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen. Abends las uns Sergej Eisenstein. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht. die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren. der berühmte Regisseur.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. unzählige waren schon unterwegs gestorben. Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke.und Apfelbäume. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. in die Rote Armee einzutreten. und neben halbverhungerten Leningradern. obwohl ich weiterhin -35- . Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. soweit der Blick reichte.

anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- . Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NSDiktatur zu bekämpfen. dort ausgebildet zu werden. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. wir wurden streng ermahnt. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. die Hauptstadt Baschkiriens. brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. Ich begriff. zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. die ich besuchen sollte. mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. Wilkow. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. uns nur mit Decknamen anzusprechen.an einer militärischen Ausbildung teilnahm. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale. wo sich die Schule der Komintern befand. diesmal per Schiff.Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader. Darin forderte man mich auf.

Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. Gewiß waren bei uns Schriften tabu. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. voller Enthusiasmus und Idealismus. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- . die an der Front dienten. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker. Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien. und die Söhne Titos und Togliattis kennen. Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. der 1933 in Dachau ermordet worden war. so lernte ich nicht nur Amaya. nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. Alle fieberten wir der Chance entgegen. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden. die über Gott und die Welt diskutierten. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an. Der wahre Grund sah so aus. es endlich den Altersgenossen gleichzutun. Mai 1943 teilte man uns mit. Am 16. und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen.nachgehen konnten. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri. sondern wißbegierige und offene junge Leute. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war.

heirateten Emmi Stenzer und ich. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen. Jahre später erfuhr ich. Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. Man erklärte uns. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. hatte beugen müssen. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. dem Sender der KPD. Im Herbst 1944. keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. wenige Monate vor Kriegsende. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- . im Zimmer Wilhelm Piecks. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. wir waren der kleine Kreis derer. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten. Am 9. die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden. jetzt hieß es erst einmal lernen. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden.westlichen Alliierten. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. Anton Ackermann und andere kennen. Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt.

Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. es fiel mir schwer. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. standen mir seelisch näher als diese Deutschen. ausgenommen die Buchweizengrütze. Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. Ich brauchte einige Tage. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen. denen ich in Deutschland begegnete. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. daß ich einer der besten Pelmeni-39- . Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt. um mich daran zu gewöhnen. Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen. ich sei ein »halber Russe« geworden. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt. mir vorzustellen. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen.stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. das konnte ich nie als kränkend empfinden. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. daß ich mit Menschen leben würde. Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. Gelegentlich hat man im Scherz. was die Nazis angerichtet hatten. Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. Abschied auch von Kindheit und Jugend. manchmal auch mit abfälligem Unterton. die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. waren die wenigsten bereit. die russische Küche ist mir die liebste. zu mir gesagt.

bewunderten wir. anders als einige meiner Freunde. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. und dennoch hatte ich. Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. für immer nach Moskau zurückzukehren. für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte. Balzac. Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. Hemingways knappe. Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. Ich war naiv genug gewesen -40- . die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. Schlange gestanden. nie den Wunsch.Köche diesseits des Ural bin. Heine. Galsworthy und Roger Martin du Gard. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater. und an den Arbat. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. die heute wieder Twerskaja heißt. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. Mit Alik. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde. das Land. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. dem MCHAT. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. wo ich Freunde besuchte.

Ich versuchte mich zu wehren. Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen. zu der auch meine Frau gehörte. waren ganze sieben Mann. Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. jeder habe sich dorthin zu verfügen. -41- . Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau. Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten. Kurz und bündig sagte er jedem. Mai 1945 flog meine Gruppe. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. wir. Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft. die das jüdische Ghetto gewesen war. was er zu tun habe. von der NS-Herrschaft befreit zu sein. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. Goebbels übriggeblieben waren. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre.zu hoffen. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. Im britischen Sektor gelegen. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. wo er am dringendsten gebraucht werde. die vom Reichsrundfunk des Dr. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. Am 27.

Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. in der alle Parteien zu Wort kamen. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ein andermal fragte ich ihn. Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. von der spätere DDRRundfunkleute nur träumen konnten. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne. Autor (2. Ich war so taktlos. worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- . gelegentlich war ich als Reporter tätig. vertrat er den Standpunkt der SED.hatten wir eine Handlungsfreiheit. daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. die Arbeit war interessant.

das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren.Arbeit. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden. als Flugzeuge zu bauen. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. daß diese K 5 nicht erfunden war. wir mußten sie senden. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte. zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. lebendige und hörernahe Sendungen zu machen. Ich erinnere mich. Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. Wir haben andere Sorgen. wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr. und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze. aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich. den Funktionären und Mitläufern.« Wir bemühten uns. -43- . Die Folge war.

Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten. Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. diese Lehre könne nie vergessen werden. daß die Männer. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren. hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren. die jetzt auf der Anklagebank saßen. Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. Damals glaubte ich wie viele andere. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde. Es war gespenstisch. die NSWochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. -44- . durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht.

als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. ahnte ich nicht. war ich nicht gefaßt gewesen. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. Ich war überrascht. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. wie klein er war. Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt. wie Filme -45- . und auch auf seine Glatze. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. dem Jahrestag der Oktoberrevolution. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. Oktober. weder Rangabzeichen noch Orden. Er trug seine bekannte Litewka.2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7. Am 3. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. des Führers. Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. die einer Tonsur ähnelte. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten. dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen. Mir hatte man die Rolle zugedacht.

dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. mit dem Tito abgestraft worden war. weil er sich Moskau widersetzt hatte. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. von rechts) Da unser Botschafter abwesend war. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen.und Gemälde es verbreiteten. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte. daß wir damals -46- . Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel. statt sklavisch zu gehorchen.

mit richtigem Namen Eugen Hanisch. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. mitteilte. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich.jedes Wort andächtig aufnahmen. wie rätselhaft es mir vorkam. später in Moskau. Ich fand mich im Außenministerium ein. wo mir Ackermann. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros. also Stalinscher Prägung. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. gegangen war. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. wie ein Stück erlebte Geschichte. Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders. in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. Solche Inszenierungen liebte er. Ich staunte nicht schlecht. Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. nicht wie lebende Zeitgenossen. doch ich erinnere mich. Ackermann.

daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. ein solches Angebot zu machen. Am 16. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. die uns nach Bohnsdorf. war eine imponierende Erscheinung. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. einem Vorort Berlins. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde. und es dauerte geraume Zeit. Es war kein Vorschlag. sondern ein Parteibefehl. daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. Eigentlich hieß er Artur Illner. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. aber sehr konspirativ. aber wohl kaum das. was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- .vorgesehen sei. Ich war stolz. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. brachte. Richard Stahlmann. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. ein Mann. bis ich herausfand. Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit.

dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre. den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. In Bohnsdorf gründeten wir. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war. Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. Ich war wieder einmal der Jüngste.hatte. der den Nazis die Stirn geboten hatte. als die Nazis kamen. hatten wir ihn als Helden gefeiert. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . um ihn zu verhaften. die mir zu Vorbildern wurden. was der Name Dimitroff uns damals bedeutete.

September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. und wir hingen an seinen Lippen. wie man einen Dienst aufbaut. Er war erfahren. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab. erklärten wir im nachhinein den 1. uns unter die Arme zu greifen. von Stalin persönlich beauftragt.dafür. -50- . wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. Er brachte uns bei. wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. Leider nahm er ein tragisches Ende. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt.

Beim Empfang selbst stellten wir v erdutzt fest. der Metropolit von ganz Rußland. daß wir im Frack erschienen. in eben jenem Festsaal. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab. die mir so ans Herz gewachsen war. den wir schlössen. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. dem unser Dienst unterstand. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter. daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. wir plädierten für den dunklen Anzug. begleitete ich ihn zur Garderobe. hieß Smoking. Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte. in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. wo er umständlich in seiner Soutane kramte. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . endgültig Abschied zu nehmen. unerträglich gespannt. von meinen Freunden und von der Stadt. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden. führe ich auf diese Begebenheit zurück. Mir blieb kaum Zeit. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. Der Kompromiß. Als Nikolaj Krutizkij. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte.

Die Bürokratie. Man hat mich immer wieder gefragt. warum Moskau sich mit -52- .und Trägerwaffen. wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren. was sich in dem Maße änderte. in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten. selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. wurde so weit getrieben. Chemie. der Kernenergie. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin. Elektronik und Elektrotechnik. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes. die wir befolgen mußten. Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke. Eine kleine. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. des Flugzeug. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten. um nicht zu sagen dominierende Rolle. da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war. Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation.

daß man als Analytiker stets gezwungen ist. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. Daß wir nach und nach dazu übergingen. etwa den Islam. sogar die Decknamen unserer Quellen. nicht weit vom Sperrgebiet. war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. Von ihm habe ich viel gelernt. Er war ein brillanter Analytiker. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. in dem Parteiund Staatsführung wohnten.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. was sie erfahren sollten. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. die aus einer Sekretärin. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. an bestimmte Informationen heranzukommen. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht. daß eine kontinuierliche. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht. die unsere Arbeit nicht berührten. daß die Sowjets zu Recht annahmen. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen. Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. was man ein Original nennt. -53- . Er leitete die Hauptabteilung Information. Korb war in mancher Hinsicht. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. auch über Themen. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. der mich lehrte. wenigstens anfangs. Und so war es auch. ihm und mir bestand. Ich glaube.

Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. und die Schwierigkeiten waren gelöst. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. Es gelang ihm sogar. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten. Wir dienten unserem Staat loyal. aber wir waren keine Eiferer. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß. und wir mußten umziehen. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten. Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. Benötigten wir dringend Devisen. Nichts leichter für Stahlmann. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen.

gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. lag noch in weiter Ferne. Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. sagte uns der Name Pullach. nicht viel. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . Das war leichter gesagt als getan. Unsere Aufgabe war es. der in Pullach leitete. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »ExHitler-General spioniert jetzt für Dollars. Der Tag. Ihr Leiter war Gustav Szinda. Beschützt. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. unerreichbare Welt. wie es uns schien. Auf den Namen des Mannes. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr. aber nicht den Gegner. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. Als der Krieg zu Ende war. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. wechselte Gehlen die Seite. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren. was sich damals Organisation Gehlen nannte. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte. Er stand für eine unbekannte und.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten. durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt.

All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden. Er schlug wie eine Bombe ein. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. sich des alten. der als Rechtsaußen berüchtigt war. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. das wollten die -56- . Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen. nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. Patton. Gerhard Wessel. daß der amerikanische General George S. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA. der Central Intelligence Agency der USA. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. sondern auch hochrangigen NSOffizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte. nicht. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten.und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a.Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. sondern auch in arabischen Staaten. erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut. wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Das hinderte Konrad Adenauer. Europa war gespalten. Delmers Artikel enthüllte. D.

unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen. Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst. denen der Verkehr zwischen Ost. Gehlen begriff schnell die Chance. Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Hans Globke. wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NSFunktionäre so manche Spitzenposition. Dr. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig.

die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst. tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. sollte ich Gelegenheit bekommen. sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen.dadurch im Vorteil. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. als ihnen lieb sein konnte. sondern arbeiteten für uns. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . Nazis waren bei uns nicht erwünscht. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. Eine unserer wenigen Chancen. indem wir sie wissen ließen. ob. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. daß auch unsere sowjetischen Berater. und wenn. aber sobald wir das herausfanden. Die Frage war nur. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. Das konkret zu überprüfen. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD. während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren.

es klang alles fast zu schön. gebracht. aber auch das zerschlug sich. die er angeblich kannte. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet. als -59- . ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. Es klang alles sehr logisch. Wir baten ihn. Schließlich gestand er. einem schlanken. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen. hie und da gar Widersprüche zu dem. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei. Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten.einer Quelle namens »Merkur« stieß. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. zeigte er sich mehr als willig. nach Berlin zu kommen. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. und obwohl wir ungeübt waren. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. als der er sich ausgab. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«. Fritz Dorls. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte. um wahr zu sein. in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. fast noch Amateure. Gustav Szinda leitete das Gespräch.

befragte ich nicht sie. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war. Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. als der Mann in Untersuchungshaft kam. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. als uns lieb sein konnte. daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf. daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. daß man sie verdächtigte). -60- . den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. aus der ich die Lehre zog. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten. die Finger von »Merkur« zu lassen. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. So geschah es. sondern mehr noch bei uns.wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten.

blau für Quellen. Es blieb uns folglich nichts anderes übrig.Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. ebenso wie unsere Residentur in Bayern. Uneingeweihten sagte das nichts. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. die große Papierrolle unter dem Arm. Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. Ackermann und ich -61- . aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. grün für Residenten –. Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns. der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte. während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen.

Die Sicherheitsanforderungen. sie zu identifizieren. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. Ihre Lage war demütigend. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin.schlugen Ulbricht vor. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. die DKP. alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. die Kontakt zur KPD hatten. -62- . wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. waren so hochgeschraubt. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. nachdem wir sicher sein konnten. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. den Apparat zu komplettieren. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. der beauftragt war. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns. um es bescheiden zu sagen. die Zuchthaus. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. schieden von vornherein aus. zurückzubeordern. Wie gewinnt. Ulbricht stimmte zu.

Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können. und sie ermöglichte es mir. der Jugendorganisation der SED. Sie sollten den Kern meines Dienstes. noch ein weiter Weg. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen. und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. -63- . Aber bis dahin war es Ende 1952. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging.

Er war no ch in einer Besprechung. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte. bevor er sie aus dem Zimmer schickte. Sie begrüßte mich freundlich. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich. So erfuhr ich. Später hieß es. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat. was er von mir wollte. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken.« Selbstverständlich wußte ich. die als seine engste Mitarbeiterin galt. ohne persönliche Worte. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. dem Generalsekretär der SED. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache. Ohne zu ahnen. daß die Anfeindungen Grauers -64- . wie es seine Art war. andererseits war es ein offenes Geheimnis.3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch. machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee.

Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle. als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm. Sollte ich irgendein Gefühl benennen. was mir widerfahren war. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte. daß ich. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. Wenn man mich heute fragt. an das ich mich erinnern kann. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. erklärte Ulbricht. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben. Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. das die Partei mir entgegenbrachte. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. in der Partei noch unbedeutender. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. wäre es wohl am ehesten Stolz.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten. Auf meine Frage. hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung. keine dreißig Jahre alt. daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest. der Teil dessen war.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung. wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. Stolz auf das Vertrauen. was gewiß nicht ohne Gewicht war. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. so benommen war ich von dem. Mir war bei -65- . dann kann ich dazu nur sagen. Mir drehte sich alles im Kopf. Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben.

ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit.jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. eine Ehre. wie er in allen Dingen war. sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. die ich ausschlug. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. daß -66- . Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. sobald sie mir zu Ohren kam. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. in eisigem Ton zu erklären. nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. die ich im Nachrichtendienst genoß. daß ich mich dem. in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. als könne er es kaum erwarten. In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. nun mach mal. Über seine Biographie wußte ich nur. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. nicht aufgeben. was man von mir verlangte. bin ich da. Wenn du mich brauchst. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt. Ungewöhnlich. Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus.

weil sie sich an seine Herz. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit. Bei fast allen Emigranten. was Kraus wissen konnte. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. verweigert hatte. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus. Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. die nötig und möglich gewesen wäre. was vor sich ging. zu der er mich auf die Minute genau empfing. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. als der -67- .er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. die ich näher kennenlernte. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. wie fassungslos wir waren. bevor wir auch nur ahnen konnten. und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl. den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. Es machte Spaß. mit Zaisser zusammenzuarbeiten. Man kann sich vorstellen. die sogenannte Vulkan-Affäre. alles. unpersönlicher Art. Fast nie gelang es mir. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. was mir auf den Nägeln brannte. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. aber auch von Ulbrichts steifer. denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner. bei anderen wie Pieck oder Ackermann. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe.

die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. Es stellte sich bald heraus. Natürlich wußten wir sofort. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. den ich nicht verlieren wollte. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren. Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. mich seine Macht spüren zu lassen. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. herrschte kein Mangel. es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus. daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. gab sie uns viel zu denken. wie verwundbar unser Dienst war. nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen. wir hätten erkennen müssen.bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- . daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. An Problemen.

Vieles. und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. Besonnene Politiker wie Ackermann. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt. denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. was in unserem Land geschah. sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. rüttelte uns das nicht wach. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. sondern gehandelt. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende. sich für eine -69- . solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland. Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. nahmen wir nur halb wahr. zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten. der gefürchtete Geheimdienstchef. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war.selbst gestellt. vom Tisch. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus.

marschiert waren. man versicherte. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte. neutralen Deutschlands vor Augen. Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. es werde ihnen nichts geschehen. Heute weiß ich.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. Es enthielt Vorschläge. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. In der Zeitung las ich. Am Morgen des 16. So kam es. demokratisches und neutrales Deutschland. das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel. Aber es war zu spät.

Erst als es mir gelang. Die Streikenden verlangten. hielt ich an. Im Stadtbezirk Pankow. Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. die keinen Aufschub gestattete. auch von Westen her. Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. Um 13. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. doch vergebens. wo wir wohnten. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. dem Posten zu beweisen. was in dieser Situation. daß ich Russisch sprach. um -71- . Juni überschlugen sich die Meldungen. daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. Am 17. ein ehemaliger Bergarbeiter. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden. ließ man uns frei. und die Hörer in OstBerlin aufgefordert. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt. Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen. teilzunehmen.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. die Stimmung drohte überzukochen. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht. zu tun sei. aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. massiv zu agitieren. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort.

daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. einem großen Metallbetrieb. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. So gut wir alle wußten. wäre die Eskalation des 17. in dieser Zeit wurde mir klar. als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen. um die Stimmung aufzuheizen. Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. In dieser Zeit des Aufruhrs. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. so wenig ließ sich übersehen.mich zu Hause schnell umzuziehen. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen. Er hatte den Eindruck gehabt. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- . daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. Aus Informationen meines Dienstes. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -.

Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. die DDR zu liquidieren. eine neue SED-Führung -73- . in der Woche vor dem 17. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. Moskau hatte Reformen verlangt. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. Dieses Material benötigte unsere politische Führung. alle anderen befürworteten. was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. als sich der Ungewißheit auszusetzen. um die Verantwortung für den 17. Nur Hermann Matern. Juni nach jedem Strohhalm greifen. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. Sogar vom »Tag X«. Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau. denn ihre Position war schwer angeschlagen. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert. und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. dem sich entnehmen ließ. daß Pläne bestanden. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns.»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. war ein Kinderspiel. Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. war in der DDRPresse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. am Vorabend des 17. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war.

Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. daß man sich opferte. die sie hinnahmen. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. ohne den Zweck in Frage zu stellen. die verlangen konnte. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. selbst erlebt hat. machte er sich unverzüglich daran. ohne zu protestieren. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen. ursprünglich Journalist. mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. und zog es vor. Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-HerrnstadtFraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. Auf der 35. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Paradoxerweise hatte der 17. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. Rudolf Herrnstadt. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut. Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben. Eine Chance war vertan. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen.

Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. Noch zu Zeiten. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen.Botschaft in Warschau. ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. daß es sinnlos. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. ja unmöglich sei. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- . und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen. ob er denn klüger sein könne als die Partei. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes. das darin ausgedrückt ist. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. In den Aufzeichnungen. die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden.

bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. kaum zu zügeln vermochte. dem Willi Stoph vorstand. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. der ein wechselvolles Leben geführt hatte. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. um so mehr aber für die politischen Informationen. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. Ernst Wollweber. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke.wurde in das Innenministerium eingegliedert. aus dem er gern erzählte. In seinen Memoiren erzählt Gehlen. Man kann sich denken. am liebsten beim Billard. während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß. was ihm -76- . Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. der seine Ambition. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt.

Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. Matern als NaziKollaborateur zu entlarven. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. daß diese -77- . ja gar nicht erst keimen zu lassen. Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. und er ließ nichts unversucht. Schon damals hatte ich den Eindruck. und das sollte er nie vergessen.einer seiner Agenten berichtet hatte. Während Mielke die Geschehnisse des 17. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet. Sein Verdacht rührte daher. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen. die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. Juni zum Anlaß nahm. Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. was er gegen Matern hätte verwenden können.

Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor. Es war nicht schwierig. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. alles falsch zu machen. in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. -78- . in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. was man nur falsch machen kann.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. sondern war im Gegenteil erwünscht. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. Sie beschränkte sich darauf. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten. und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. standen gut. doch ihre Chancen.

daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben. waren äußerst begrenzt. Karlsruhe und Hamburg. Die Möglichkeiten. Weit schwieriger war es. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. Als -79- . um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren. weil wir argwöhnten. Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen. Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor. Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. alles aufs Spiel zu setzen.

der ihm Material übergeben würde. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. die Frisiersalons einrichtete. Jeder von uns wußte. weckte das in uns den Gedanken. daß es so gut wie aussichtslos war. ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. Sie war keine Schönheit. sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben. merkten wir. sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. Seit er den Zug verlassen hatte. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. Als Vertreter einer Firma. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. was sie »Felix« erzählte. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . für einen Übungseinsatz.erstes schickten wir ihn nach Hamburg. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. Als wir sein Verhalten analysierten. aber das. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. die sich einfach nicht abschütteln ließen. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. Seine Aufgabe war es.

Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich. wo gerade die strengen -81- . sie nachzuholen zu versuchen. So gesehen. veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch. und wir zogen »Felix« ab. daß es keinen Sinn habe. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland. Joseph Wirth. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen. die über sogenannte Westabteilungen verfügten. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte.angesprochen. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen. besonders auf der Leipziger Messe. war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. wurde mir klar. Dennoch erklärte er von sich aus.und West-OstKontakten. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten. um interessante Verbindungen anzubahnen. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. Dr.

die stets bemüht war. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. daß meine Ohren glühten. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals. Schon während des Essens freundeten wir uns an. und er wußte über Franz -82- . Steinrücke anzuwerben. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. und abends tranken wir Brüderschaft. Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. Man kann sich vorstellen.Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. als ich das hörte. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. Ich gab mich als General aus. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. war ein Onkel seiner Frau. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau. im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig.

der im Interzonenhandel tätig war. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum USGeheimdienst. lag der Verdacht nahe. war meine Schuld. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. einen Frontalangriff wagen zu können. Da er vor 1945 im Flickkonzern. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. dem Vorläufer der CIA. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle. Walter Bauer kennengelernt. daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. konnte nicht die Rede sein. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. als er mir gegenüber andeutete. paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. Daß unser Kontakt abbrach. Davon. Über Steinrücke hatte ich Dr. Ein Foto. Gisevius. eine hohe Stellung innegehabt hatte. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. gar unter Druck zu setzen. rundlicher Mann in einem Anzug. glaubte ich. war mir klar. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. ihn einzuschüchtern. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. in Erinnerung war. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte.

sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen. und keineswegs vorhatte. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel. Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. Heinrich Wiedemann.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. sondern ließ mich auch bald diskret merken. die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen. Carl Hundhausen. Wir setzten einen Vertrag auf. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. Doch dazu sollte es leider nie -84- . wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen. Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. daß er beabsichtigte. das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. daß er nicht abgeneigt war. doch ich mußte begreifen.

Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. und wir befürchteten. weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. -85- . bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. Inzwischen stellten wir besorgt fest. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen. damit er nicht verraten werden konnte. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig. als Drehscheibe in Krisensituationen. und wir sahen uns genötigt. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. Rudolf Kriele. damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte.kommen. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde. machte sich bezahlt. Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an.

Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen. machten wir zuerst lange Gesichter.und Gesundheitsgründen eingestellt. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. das sie erdulden mußte. Stoltenberg und Leussink. suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten. und das machte meine Leute neugierig. Trotzdem war sie bereit. sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in OstBerlin zu treffen. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. Neben Dr. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben.Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. für uns zu arbeiten. wurde aus Alters. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht. der »Iris« angeworben hatte. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz. und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl. in der sie eine Art -86- . so lautete unser Deckname für Susanne Sievers. Lydia. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde. Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein.

sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. mehr nicht. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. Ich habe mich oft gefragt. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. der auch nur entfernt im Verdacht stand. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . was sie dazu bewogen haben kann.Salon führte. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. den er vor der Öffentlichkeit abgab. sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. »Lydias« große Stunde schien gekommen. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. aber das war nie der Fall. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. hätte sie versucht. Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. Durch sie erfuhren wir. Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. Später fanden wir heraus. an deren Spitze Rainer Barzel stand. um ihre Unkosten zu decken. Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen. König von Ungarn zu werden. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. damals ein junger Protege Adenauers. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. Wäre sie eine Doppelagentin gewesen. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden. kein Rechter zu sein. aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik.

ein Bluff war ausgeschlossen. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. wenn -88- .Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. Der Dolmetscher stutzte. Jeder kannte die Karten des anderen. oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. Wir sollten also ein Bordell fingieren. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. Der Bedauernswerte. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. Jakarta und Singapur eingesetzt worden war. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. Unser eigener Apparat. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen. noch nicht ganz flügge. Das war leichter gesagt als getan. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben. für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. der diese Apparatur bediente. Manila. war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet. Aus BND-Akten erfuhren wir. Tokio.

Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. die er anschleppte. schien nicht abgeneigt. was wir von ihm wollten. und machte ein -89- . uns mit Informationen zu versorgen. hieß er Jansen. Stahlmann unter die Augen kamen. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. Unser Team rotierte. Wenn ich nicht irre. Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm.Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. die Damen setzten sich in Positur. geeignete Damen zu finden. vom Sittenexperten beigesteuert. die nicht abgeneigt waren. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. aber kein Gast ließ sich blicken. Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. unser Team wartete ungeduldig. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. Die Konferenz begann. Anfangs waren wir so blauäugig. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach WestBerlin ausschwärmen. wo er sich mit der Haushälterin unterhielt. Als nächstes galt es. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. Er wußte.

aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. Gut erinnere ich mich an den FDPBundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben. Die Informationen.weiteres Treffen aus. Die Ernüchterung kam. denen es gelang. daß es unverzichtbar war. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit. unserem Dienst. weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. gewiefter Journalist. die er lieferte. Die Erfahrung. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab. habe ich nie herausgefunden. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. wurde vom Stern entlarvt. für den sie sich hatten anwerben lassen. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. Van Nouhuys. ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch. als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen. erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. Deckname Nante. die wir mit unserer malina gemacht hatten. inzwischen Chefredakteur der Quick. hielten unseren Überprüfungen stand. Er behauptete. ein windiger. sich den Wind der großen. Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Günther Gereke. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. So wenig schmeichelhaft es war. denn wir erfuhren.und Forstwirtschaft entstanden. einem der Mitbegründer der CDU. eine neue Partei ins Leben zu rufen. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. Militärs. Sammelbecken für Kräfte. Juli gehört hatte. nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. Leider sahen wir uns bald gezwungen. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten. Wir beschlossen. wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg.Gauner ausnehmen wollten. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr. mitanzuhören. war die Gemütsruhe. die von rechts. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- . ehemalige NSBauernfunktionäre und Kommunisten. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen.

Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. fand ich Wollwebers Weisung vor. Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. der eine steile Karriere vor sich hatte. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten. Er gehörte zu jenen Patrioten. besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. überlegte man in Berlin. arbeitete er für uns. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte. wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern. Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. SchmidtWittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDUBundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack. ein Mann. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang. die er weder kannte noch gutheißen dürfte. Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. doch er wiederholte -92- . als mir lieb sein konnte. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. Ich bestürmte Wollweber. wie ich wenig später erkennen mußte.

und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. Ich behauptete. den ein Kurier nach -93- . Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa. die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß. Mir blieb nichts anderes übrig. das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte. sich in die DDR abzusetzen.nur. ihn zu verhaften. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. seine Frau. als zu überlegen. Das war schon besser. vorausgesetzt. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. da fiel mir Gerekes Fall ein. Ich war mit meinem Latein am Ende. es sei alles beschlossene Sache. sei es ebenfalls. er sei einverstanden. Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. Wir kannten uns nicht persönlich.

Am 26. die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. was er hatte aufgeben müssen. Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. der einen VorruhestandsFunktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann. Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. Seine Enthüllungen besagten. Außerdem verkündete er eine Information. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen.Hamburg brachte. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen.

Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John.zuständig gewesen. er sei politisch unabhängig. Am 20. in der dieser das Gegenteil versicherte. Otto John. Es hatte den Anschein. sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. und beschuldigte die Bundesregierung. daß beide mit Wohlgemuths Auto nach OstBerlin gefahren waren. Juli erklärt. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. Wolfgang Wohlgemuth. Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. Juli 1954 verschwand Dr. unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns.

die er für seinen Übertritt vorbrachte. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. und aus dem.Organisation Gehlen an.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden. glaubwürdig erscheinen. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. einstige SD. fraglos als Aufpasser. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. abgefangen und unterdrückt wurden. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet. was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992. daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. Heute vermutet er. die ich 1990 einsehen konnte. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. und danach -96- . Eine diplomatische Karriere. Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. wie sie ihm vorschwebte. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte. Aus Akten. dem KGB-Maulwurf. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich.

setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. aber arm an Aussagen. läßt sich ersehen. stieg in den Wagen -97- . John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht. um die Situation zu klären. dort Eindruck zu schinden. dem militärischen Hauptquartier. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. Wahrscheinlich ist. siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten. indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst. Auffallend ist. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich. und wahrscheinlich scheint mir. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde.erzählt hat. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. überreichte. daß niemand so recht Lust hat. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr v orerst nicht zu denken war. den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen. Doch im Dezember 1955. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. als Überläufer aufzutreten.

Die Lehre. künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen. war uns nicht gelungen. -98- . Gerhard Schröder. der damalige Innenminister. als Überläufer zu präsentieren. die ich daraus zog.des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. war die. Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«. die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können. hat ihn zeitlebens erbittert. Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils.

Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. an der Errichtung einer besseren. gütige »Väterchen«. begleitet von Zweifeln. das ihn so zeigte. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage. einen ersten Stoß. Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. die letztlich zu jener Entwicklung führten. für die anderen wich eine Spannung. Als ich die Rede gelesen hatte. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. Doch so. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. gerechteren Welt mitzuwirken. fällt es mir schwer. wie ich ihn lange gesehen habe. wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. Im Rückblick erscheint mir der XX. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- .4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. so ging auch ich. doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet. die jahrelang auf uns gelastet hatte. als das weise. Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. aber die Wirkung ging tiefer.

in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben. Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. er selbst aber blieb die unantastbare. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. konnte später nicht behaupten. Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten. Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. denn wir glaubten. an der ich -100- . Sie enthüllte. die 1934 auf dem XVII. Auf der 3. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte. die überragende historische Gestalt. Parteikonferenz der SED. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte. Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden. der nicht zu bereinigen war.

daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt. wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. in der DDR habe es keine gegeben. Er habe unter keiner Last gelitten. Er betonte. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. begrüßte die Art. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt.teilnahm. und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde. mit denen Mielke uns langweilte. und sprach von meiner Erleichterung. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. Parteitag der KPdSU gezogen. Bereits unmittelbar nach dem XX. doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde. nach Chruschtschows Sturz. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. Mielke widersprach mir sofort. Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. Einige Jahre später. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. nachdem er Minister geworden war. ein Begriff. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«.

entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. ungarischer. bei Lenin ausgegraben. die in der Sowjetunion geführt wurden. Schulungsseminare für Partei.und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten. Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. Hans Jendretzky und andere aufgehoben. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. deutscher und italienischer Marxisten. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. wo ein lebhafter. Anton Ackermann. Der Begriff der friedlichen Koexistenz. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte. kam -102- . 698 weitere vorzeitig entlassen. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen. polnischer. »dem Gegner keine Argumente liefern«. So kam es. ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand. 1956 wollte es fast so scheinen. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. »Keine Fehlerdiskussion«. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik.

so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. Dieses SPD-Ostbüro. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert. das bis 1966 bestand. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert.« Ein Blick aus dem -103- . um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen. ihre Aktivitäten. Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. an den sich ehemalige VLeute noch heute voller Zorn erinnern. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte. hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land.in Mode.

wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- . daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe. durften wir die Anlage besichtigen. Wollweber erklärte mir nun. etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz. In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. Hinter Alt-Glienicke. In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. Sie gruben einen Tunnel aus. den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIMLimousine mit Begleitschutz. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet. war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -.

Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. daß es opportun sein könnte. Wie Blake lebte auch Kim Philby. häufiger in die DDR fuhr. die Hintergründe dieses Tunnelbaus. Er war damals in der WestBerliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. wie er in Gewissenskonflikte geraten war. den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. Viele Jahre später erzählte mir George Blake. Beide waren mit -105- . und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen. der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle. Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. Es war faszinierend.

Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat. In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert. Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste.Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden. besseren Welt zu erkennen glaubte. Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß. hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. weil er in ihr den Beginn einer neuen.

Gomulka. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. galt als kommender Parteichef. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt. Mátyás Rákosi. die 53 Tote und 300 Verletzte forderten. die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen. daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . während man davon überzeugt war. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert.antikommunistischen Landesarmee. Ungarns »kleiner Stalin«. die ungarische Partei bemühte sich. von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben.

nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. den ich aus Moskau kannte. Im Wechsel wollten sowjetische -108- . Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. Kardinal Wyszynski. auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. Imre Nagy. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. Es gelang den Polen. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz.der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt. In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. Rákosi mußte zurücktreten. Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. vernünftige Politik. Am 4. Am 23. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs. wurde aus der Haft entlassen. Es gab den ersten Toten. der Ruf nach Freiheit. In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg. Oktober wurde das Stalin. nun wurden politische Forderungen laut. ihn zu beruhigen. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt.

wie später beim Mauerbau und beim -109- . offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. Juni 1953 in der DDR.Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen. was die Nato tun werde. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber. Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17. endete der Konflikt. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten. Die Entscheidungen über Krieg und Frieden.

den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten. Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen. doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute. und es ist mir nicht darum zu tun. daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat. In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten. Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen. daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. eine militärische Konfrontation zu verhindern.

die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten. Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . wo immer sie Gelegenheit dazu fanden. Damals sahen wir in erster Linie. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár. über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten. in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. als Patrioten.

Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein. Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben. Angesichts des Umstands. denn wenn es wirklich echt war. datiert war das Dokument vom 2. ließ dennoch zu. gewann eine Information an Gewicht. schien uns über jeden Zweifel erhaben. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt.ausgesetzt gewesen war. der zufolge Franz -112- . und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten. Als wir es 1959 veröffentlichten. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand. März 1955.Linie«. Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. Die Zuverlässigkeit der Quelle. Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas. daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. erfolgte kein Dementi aus Bonn. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war.

daß General Norstad sich nicht beeilte.Josef Strauß. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. ob es möglich sei. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes. und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab. um zu verhindern. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. der neue Bundesverteidigungsminister. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. Das führte zu einem Aufwand. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete. Durch die Informationen. trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war. schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. Wollweber erließ einen Befehl. Auch die Information.

der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen. was für mich eine herbe Enttäuschung war. für uns zu arbeiten. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. einer hübschen. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. in die DDR zurückzukehren. und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. -114- . Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. So kam es. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge. die Flut an Geheimdokumenten. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. Deckname Gerlinde. und sie erklärte sich auch bereit. weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. zu f tografieren o und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an. die sie ihm übermittelte. die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her.konnten. Schwierig sollte sie immer bleiben.

daß sie aus innerer Überzeugung. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser. »Henry« wurde mit Bein. -115- . für unseren Dienst an.Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. ebenfalls Offizier. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. die erforderlich waren. nämlich wie in einem James-Bond-Film. über die Panzer Leopard 2 und Gepard. für die Aufklärung gearbeitet hatten. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. Filme. als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. der mit einigen Extras versehen war. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. der Einblick in Verschlußsachen höchster NatoGeheimhaltungsstufe hatte. zu der sie nach wie vor standen. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. auch diesmal wieder aus eigener Initiative. Bei beiden hatte ich den Eindruck. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen. als sie in seinem Auto unter anderem eine MinoxKleinstkamera. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später. und die Polizei staunte nicht schlecht. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten. Ruth Moser war es gerade gelungen. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte. Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst.

die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus. führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe. diesmal von seinem Kurier verursacht. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden.Sein etwas bizarres Privatleben. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. Deckname Südpol. Deckname Blanche. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. als Winzer zu warnen. und deshalb flüchtete er zu Fuß. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. Es blieb uns nichts anderes übrig. für einen französischen Dienst tätig zu sein. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte. Zur Zusammenarbeit war es gekommen. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall. ein sogenannter -116- . hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet. der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. Deckname Heike. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. und »Henrys« Geliebte.

wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. Die Papiere. Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr.und Lebensmittelrationierung. beschaffte. die inzwischen in der Botschaft der -117- . Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. ein ehemaliger Fremdenlegionär. Benzin. »ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten. die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel. zeigten. der den stolzen Decknamen Minister trug. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. Deckname Bruno. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. Wir warben ihn an. die er uns verschaffte. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar. Er war das lebende Beispiel dafür. Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt.Amtgehilfe. wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze. die. Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. war sie doch von Fachleuten ersonnen. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren. die uns Peter Kranick. die er erbarmungslos plünderte. die Requirierung ziviler Fahrzeuge.

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick auf das Nato-Hauptquartier. Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West. Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte Position erneut zu festigen. In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine »parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke, und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion. Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied, denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter Wollwebers galt. Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan, der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere Beziehungen unterhalten.
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Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das, was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958 Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er persönlich an, hatten wir uns doch beide f r eine differenzierte ü Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion« sah. In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben. Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen – übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung
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politisch Andersdenkender einem simplifizierenden SchwarzWeiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955 Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem »Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
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Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte. Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie gebracht. Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel. Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober 1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten »in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953 ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen, nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung. Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit. Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage. Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-121-

Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war, nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

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5 Die Betonlösung
Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte oder Freunde sie oft schon erwarteten. Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen klar. Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR. Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der
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Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich. Bevor die Mauer – von unserer Führung als »antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als »Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser, die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;
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viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben, durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen. Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung zu bringen. Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte
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Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah, wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden. Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität. Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke, daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989
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werde es unmöglich sein. daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte. bereits 1953 begonnen hat.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. war nie höher als dreißig Prozent. die es ermöglichte. -127- . das Land zu verlassen. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen. Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so. die das Regime in der DDR unterstützten. Die Zahl derer. in der Regel niedriger. die DDR stabil zu erhalten. die Menschen daran zu hindern.endete. »Damit«. sagte Falin. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. falls die Abwanderung anhalte.

« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- . bestätigte Julij Kwizinskij. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ. der Perwuchin damals begleitete. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen.sondern im Auftrag des Bündnisses. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn. ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können. Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. was die USA provozieren könnte. die USA wissen. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen. Er nannte Fristen. Es steht also außer Frage.

weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. zum erstenmal. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte. Mielke vorn neben dem Fahrer. die naiv wirkende Art. Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme G orbatschows. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt. dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand. Doch gerade diese Spontaneität. Natürlich war das organisiert. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck. sogar herzliche Gefühle. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow. Unvergessen ist jene Szene. Selbst während der seltenen Atempausen. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. doch viele Gesichter spiegelten freundliche. imponierte vielen -129- . Er wirkte überzeugend. ohne einzuholen. der Dolmetscher und ich hinten. Chruschtschow und Mikojan in der Mitte.»Überholen. Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte. als er 1957 mit Anastas Mikojan. dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf.« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen. Es war im Sommer.

von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2. entschlossen durchkreuzt. Kaganowitsch. ist vielfach beschrieben worden. Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung.Amerikanern. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«. hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro. Ulbricht. sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow. Als er 1957 die DDR besuchte. ihn zu stürzen. In der DDR war davon nichts bekannt.

Eilfertige -131- . hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren. und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel. denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. aus denen hervorging. die für die Sowjetunion lebenswichtig war. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte. Die Entspannung. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System.Gefühlen gelauscht haben. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. Es wäre ein Irrtum. der an seine Ideale glaubte. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen. Er neigte dazu. stand es ablehnend gegenüber. Aber er war ein Vollblutpolitiker. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite.

Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. die Medien feierten den »Geist von Camp David«. soweit wir Zugang zu ihnen hatten. Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. die in die -132- . Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir. Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute. Es war nicht leicht. Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte. selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. Fieberhaft versuchten wir.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. uns Kenntnisse über John F. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging.

eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten. der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte. Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete. und das war Kennedy bewußt. Die sowjetische Führung wußte. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte. Kennedys Reden -133- . unterlag keinem Zweifel. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12. Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen.. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu. zögerte er. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand.

Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung. Vergeblich. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. daß es zum Krieg gekommen wäre. und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen. Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker. Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand. doch in den Verhandlungen. unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch. Da Chruschtschow nun – womit die USExperten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- .Blockade erarbeitet würden. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen. prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander. Im nachhinein wissen wir. die freundschaftlich miteinander umgingen. und drohte. reagierte er zornig.

in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. August 1961 bestanden hatte. So sah die Situation aus. blieben unangetastet. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt. den nationalen Notstand zu verkünden. -135- . da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. um die Reaktion der Sowjets zu testen. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. London und Paris auf. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln. nicht Kennedy. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte. trat den Rückzug an. So groß der Schock.einem Stufenplan verschafft. Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. an jenem Sonntag morgen waren. so erleichtert atmeten die Politiker in Washington. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. waren die Würfel nunmehr gefallen. die bis zum Morgen des 13. Chruschtschow. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. »Ihre Rechte. und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. auf West-Berlin bezogen. Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte.

darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten. und Ulbrichts Wünschen. Allan Lightner. hatte er doch peinlich darauf geachtet.« Die erste große Aufregung schien verflogen. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort. verdammt noch mal. die Lage nicht zu verschärfen. Die Reaktion Washingtons. um große Politik zu machen. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach WestBerlin entsandt. einen Riegel vorgeschoben. weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben. Ich verstehe nicht. denn ich glaube. Clay. bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. daß man Ruhe bewahren werde. August so unvorbereitet wie meinen Dienst. besser als ein Krieg. wo dieser. die lautete: »Eine Mauer ist. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . daß die drei essentials nicht verletzt wurden. als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. die er richtig voraussah. Kennedy wurde erst Stunden später informiert. sie haben jedes Recht dazu. sondern der Sowjetunion zu signalisieren. Kennedy hatte General Lucius D.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt.Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. wie er sie verstand. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen.

kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. nicht aber der kalte Krieg. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander. Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. wo sie versuchten. die Posten zu passieren. Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. Auch wir merkten. Eine Woche nach Kennedys BerlinBesuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 WestBerlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. Worte. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. war am Checkpoint Charly von einem DDRPosten aufgefordert worden. Zurückgewiesen. ohne sich auszuweisen. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. Das wurde uns mehr als deutlich. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. beide Seiten zogen ihre Panzer ab. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen. Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt. daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten. und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit.West-Berlin. um ein Exempel zu statuieren. sich auszuweisen. die eine Absage an Chruschtschow waren. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte.

daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. Es konnte vorkommen. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. was wir strikt ablehnen. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche.Evangelischen Akademie in Tutzing. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen. Jetzt war dieser Weg versperrt. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus. nicht gegen sie. daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage. mußten nun so eingerichtet werden. Sie wurde sehr viel aufwendiger.« Durch die Grenzschließung am 13. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. gingen wir das Wagnis ein. So kam es zu der paradoxen Situation. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren.

Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen. aber oft kam es nicht vor.in der Bundesrepublik aufhielt. Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege. daß Jurij Andropow. Zwischen der Abteilung VI unserer HVA. die auch darin gründeten. die für die Übersiedlungen zuständig war. Der einseitige Funk. In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. die ständig verbessert wurden. die benötigt wurden. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig. funktionieren mußten. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt. der Vorsitzende des KGB. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet.

Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. Bis ich den Dienst verließ. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden. Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. So gut und einfach diese Methode war. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. daß man angepeilt wurde. zu unterscheiden waren oder sind. Das bedeutete die schwere Entscheidung. so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen. die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. -140- . hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab. Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte. sorgten für dauerhafte Reibung. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. oder einen speziellen Empfänger zu benutzen.die verschlüsselten Funksprüche empfangen. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. das er Rundspruchdienst nannte. Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück.

Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. indem er in der Illegalität untertauchte. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. Wider Erwarten fand sich nicht nur er. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen. Es war erstaunlich. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. Adenauers engstem -141- . Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. Anhänger eines humanistischen Weltbilds. aber einige Quellen wurden festgenommen. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. Max Heim. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung. als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte. für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln.Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme.

Vertrauten. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. Er war von dem Drang erfüllt. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen. und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. Als er verraten wurde. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp. dem Leiter des Ostbüros der SPD. die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. wo er 1965 verstarb. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. und zu Ernst Lemmer. Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende. der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- .

Doch für uns galt es. Es kam nicht zur großen Koalition.Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten. die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt. die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten. -143- .

die sich später revanchierten. Im Buch Josua erfahren wir. gehört neben der politischen Überzeugung. ja zwangsläufig ist. die so schwer war. Weniger launig läßt sich feststellen. Hosea. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte. daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten.6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. Zu den vielfältigen Ursprüngen. die sich für meinen Dienst engagierten. sie habe zwar Fremde bewirtet. dem Idealismus. einer Dirne. Einem der Männer. gesammelt hatten. aus jedem Stamm einen. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. schnitten sie eine Weinrebe ab. wo diese im Hause der Rahab. diese seien aber bereits abgereist. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. mit einer Traube. und wie Mose zwölf Männer auswählte. in dem Milch und Honig floß. in denen die Motivation derer. Im 4. indem sie ihr das Leben retteten. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. dem Sohne Nuns. versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. gründete. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus. Buch Mose wird geschildert. wie der Herr Mose gebot.

Herzensbrecher ausgebildet zu haben. waren ein gebrochenes Herz. Alleinstehende. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften.Liebe. war von unserer Seite aus nicht untersagt. hat damit zu tun. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. alleinstehende Männer waren. unsere Leute davon abzuhalten. den Bereich der Phantasie. von der er den -145- . und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten. daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. die er uns als mögliche Quelle empfahl. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte. und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben. Was blieb. sahen wir es nicht als geboten an. der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. daß die meisten Kundschafter. Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. Das aber bedeutete noch lange nicht. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. die wir in den Westen entsandten. eine moralische Bürde. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. Die wohl eher mediengerechte Behauptung.

wo Regierungsmitglieder verkehrten. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. Sie wurden ein Paar. Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- . als Kandidaten. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn. dessen Souveränität sie nur belächeln konnte. Deckname Astor. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. Wir entschieden uns für Herbert S. Das fanden wir merkwürdig.. Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor.Eindruck hatte. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. der Dame. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. die er nicht verschwiegen hatte. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring. die »Felix« genannt hatte. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. seine Freundin anzuwerben.

Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen. seiner Freundin. Es gelang ihm.. Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. die er an uns weitergab. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. was uns vorschwebte. daß wir ihn zurückholen mußten. Unser Mann überlegte. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen. sittsam und scheu. verstärkt durch den Umstand. gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. um dort eine Frau kennenzulernen. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert. daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent.dramatisch. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. war hübsch und katholisch. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«. Unser Zielobjekt. Er war ein hochintelligenter. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. 1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. passenderweise mit dem Namen Margarete. in jede Rolle zu schlüpfen. kannte das Wort Niederlage nicht. kurzum. was -147- . wo er als galanter Verehrer glänzte. Doch Ro land G. der geborene Kand idat für das. Eine gute Besetzung war auch Roland G. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. das wir durch »Gudrun« erworben hatten. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben. das Wissen. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. fleißig.

Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«. mußten wir ohnmächtig mitansehen. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. um Margarete die Beichte abzunehmen. er sei ins Visier der Abwehr geraten. weil wir fürchteten. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. als sie zu ehelichen.zu tun sei. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. zurückziehen mußten. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach OstBerlin kam. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann. einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. verlor sie bald das Interesse daran. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. blieb Margarete im Westen. Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. war es ein herbes Erwachen für die -148- . bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. ihre Stelle zu kündigen. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. Als wir Roland G. Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. als Feldkaplan verkleidet. beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in KarlMarx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben. dann beweisen sie. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte.

Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. Noch hofften wir. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt. ohne daß man sie durchsucht hätte. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. Gerda O. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen. Herbert S.Getäuschte. Was dann geschah. um es euphemistisch auszudrücken. saß bei uns. hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen. Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität. immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus. einen getarnten Agenten des BND. kennengelernt. daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. Gerda S. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. Aus der Liebelei wurde Liebe. der Enttarnung knapp entronnen. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt.. klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- .

doch eine solche Chance ergab sich nicht. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. die geringste Chance zu nutzen. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. Erst Jahre später. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. wenigstens in der DDR. die eine feste Beziehung mit ihm einging. weil sie gern für Kolleginnen einsprang. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. In ihrem Büro war sie beliebt. doch vergebens. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt. Doch kaum aus dem Westen abgezogen. Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. was sie wußte. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. Meine polnischen Kollegen versprachen mir. denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. als »Inge« ohne -150- . Deckname Inge. Was sie nicht wußten.zurückkehren würde. wenn abends länger gearbeitet werden mußte. wollte sie ihn unbedingt heiraten. trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. Seine neue Liebe. um »Ritas« Abflug zu verhindern. war. Obwohl »Inge« wußte. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen.

eine sogenannte Doppelgängerexistenz. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. beschloß ich. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur. die Sekretärin von Dr. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung.. samt Lebensgefährten und Helga R. eine Sekretärin in der CDU-Führung. dessen Tod nicht registriert war.. Werner Marx. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst. Im März trat Ursel Lorenzen. So kam es. ohne Aufsehen. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen. Ursula H. Mitarbeiterin des NatoGeneralsekretariats. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen. wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet. diese Tarnung. ebenfalls mit ihrem -151- . Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen. die uns bisher sicher vorgekommen war. daß sich kurz darauf Inge G. Sekretärin in der bundesdeutschen NatoBotschaft. daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war. zu entschlüsseln. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«.. in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt. aber unve rzüglich. Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet. Ingrid Garbe. und ihr Ehemann. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein. Die Medien behaupteten.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten. Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur dieses ideelle Motiv.« Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen? Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren. Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen, waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden, und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen und auszufragen. Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der
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bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres 1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte für unmißverständliche Klarheit. Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz geheimdienstlich relevant war. Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer Häuser« nur zuträglich sein könne.

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Helga Rödiger 1981 Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B. konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen. Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K. ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte oder nicht. Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976 trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung
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waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich, daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie. Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als »Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte. Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz, ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

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7 Der deutschdeutsche Dschungel
Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Druck. Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten ausschloß. Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in diesen Jahren. Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten Rheinbund zu schaffen. Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch
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aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950 gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer Deutschlandpolitik. Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der »Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor. Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt. Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war. Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis, zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu
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deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem Interesse, Einfluß zu nehmen. Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein, der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle »Maler« stand. Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken. Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU, und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch
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gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der KPD beworben. Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete, daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten, daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren. Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte. Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb »Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SEDFührung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns zu blamieren. Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs« verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen
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Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in OstBerlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers
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Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall. Der Vizekanzler behauptete. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- . Schäffer erklärte bei Müller. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken. daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte. D. Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage.Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden. Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon. daß das Unglaubliche wahr geworden war. Vincenz Müller.« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war.

Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. was zu tun sei. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen. der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. Am 5. um auf diese Mission vorbereitet zu sein. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen. Wir waren also zu überrascht. -162- . der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war. Grotewohl entschied. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. war es unmöglich. die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. schilderte ihm die Situation und fragte. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte. die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen.

Er verstehe aber. die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte. schon sehr weit. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten. Er war sichtlich enttäuscht. Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. ohne selber konkrete Antworten geben zu können. das ließen auch die Pariser Verträge zu. entgegnete Schäffer. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten. daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. meinte er. Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs. so waren die Kompromisse. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. Daraus könne man lernen. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. sich an das Lager der USA zu binden. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären. Er sagte. die er innenpolitisch machen wollte. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. Auf unseren Einwand. Voraussetzung für die Vereinigung sei. Gingen diese Vorstellungen. noch bemerkenswerter.Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren.

habe ich nicht alles gesagt. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten. -164- . die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. Wichtiger noch schien ihm zu sein. Das wichtigste sei. wenn auch widerstrebend. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte. seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen. Geheimverhandlungen zu führen.« Auch dieser kleine. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden. wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war. Ich war bereit. und darum will ich verhindern. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. Doch als ich die zwei jungen Männer sah.Vordergrund stellen. Sie demonstrierte. Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. aus dem er 1945 befreit worden war. warum Adenauer. daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden.« Über unsere Kanäle erfuhren wir. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. Es waren nicht allein nationale Motive. Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen.

Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. und wir bemühten uns. Am 20.Doch Schäffer gab nicht auf. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. Professor Otto Rühle. Für den Fall. daß die Kontakte doch bekannt würden. die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. auch bei Schaffen -165- . weil das die Hallstein. die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. Es blieb zunächst dabei. man habe über aktuelle Themen gesprochen. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. Schäffer betonte. Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. gab es die Sprachregelung. Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. waren vage. Die Direktiven. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien.Doktrin ausgehebelt hätte. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden. weil immer das Mißtrauen blieb. Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit. die Scharte auszuwetzen. zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an.

Bonn reagierte hektisch. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. Sie belegten allerdings. Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen. die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben.Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. »bei dem -166- . Er behauptet. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe. eine öffentliche Erklärung verfassen. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Ulbricht erklärte. Er ließ General Müller und Professor Rühle. Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben.

Deckname Fichtel. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft. Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. Wir wußten nicht nur von Schäffer. die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen. Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. Hans Kapfinger. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten. ist eine jener Episoden.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle. daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß. Der Versuch des Vizekanzlers. Kanter. Adolf Kanter.

. Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanzund Wirtschaftsberatung. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte. Es entbehrte nicht der Ironie. Daß es sich gelohnt hatte. Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet. daß ein Mann. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte. geschrieben. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Kanters Aufgabe war es. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann. Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. Werner K.. Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- . wußten wir spätestens 1974. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«. als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde. Dr. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf. K. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen. »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. doch sein Ruf hatte Schaden genommen.

Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume. Er blieb. waren wir bis in die Details informiert. was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in RheinlandPfalz aus. Werner K. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden. wie er es nannte. widerstanden wir der Versuchung. war enttarnt worden. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Er -169- . die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können. Dr. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt.Spenden des Flickkonzerns. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. Schon um unsere Quelle zu schützen. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte. das Material westdeutschen Medien zuzuspielen. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. gerade auf dem Weg in die Wohnung. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte..

Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht.s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. Klaus Kuron. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus. Seinen Instrukteur K. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde. Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. weil sie natürlich K. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie. dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich. -170- . konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. Kanter mußte zum Verhör. etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. Wir fürchteten. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. Unser Mann beim Verfassungsschutz..stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung.

die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte.Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. Bei uns gab es Kommunisten. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. Paul Lauffer. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an. Der Entspannungspolitik hat er genützt. war zwar nicht immer schmeichelhaft. hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. als es den Anschein haben mochte. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. -171- . Das Bild. aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager. Ein Problem für uns war. wenn es um Geld ging. Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren. relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten. daß man im Lager von Kohl. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen. und das nicht nur.

Er weigerte sich. mit uns zu kooperieren. »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. doch seine Bereitschaft. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. Andererseits wurde immer deutlicher. Er verstand sich nicht als »Agent«. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn. ihn persönlich zu führen. paßte ihm nicht. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. Wer ihn erlebt hat. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. Die Tonbänder. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. Ich beschloß.Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. was er tat. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. und lehnte es kategorisch ab. wurde immer geringer. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. daß er uns Probleme bereitete. denn er konnte immer zu dem stehen. die wir ihm gaben. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns. der ihn führte. Den Resid enten in West-Berlin. Ich stimmte -172- . Angehörige des Ostbüros zu benennen. blieben unbesprochen. den er gerade dadurch bewies. Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. wird ihn in der Beschreibung erkennen. daß ich heute seinen Namen preisgebe. »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. Wir rauchten.

Ich glaube. der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. Wir kamen überein. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. Statt die SED zu kritisieren. daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt. und verabredeten eine Vorfeier seines 50. -173- . uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen. den er für einen Renegaten hielt. und das war der XX. Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte.in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus. der sich von der Rechten einwickeln lasse. Geburtstags zu zweit. Es war ein herrlich sonniger Tag. die auch mir viel gab. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. die keine Zeugen vertrugen. Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins. Die ungewöhnliche Praxis. Wir beschlossen. Er schien voller Verachtung für den Mann. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. den wir beide nie vergessen sollten. ging er nun mit der SPD ins Gericht. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung.

Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten. An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. ihm einzuschärfen. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. wie er auf den Posten zuschwankte. Die Geschichte wurde nicht publik. der belegte. Mit klopfendem Herzen sah ich. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. Er drehte sich noch einmal um. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. hatte ich Mühe. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. Wir wechselten zu Bier. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. angewiesen. -174- . als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann. Ich versuchte. fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. du und ich!« Ich befürchtete. keinen Alkohol anzurühren. Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten.

lebensfroh. Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf. wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. hatten wir allerdings nicht mehr. Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. die ganz wesentlich dazu beitrug. um die Identität meiner -175- . Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter. Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD. Raststätten. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. Er informierte mich. das Verhältnis der SEDFührung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen. arbeitswütig. ließ sich unschwer errechnen. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld.So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung.und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. Die Zeit der Ein. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert. abenteuerlustig. Viel Gelegenheit. die tausend Gläser zusammen zu leeren. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat. Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren. wenn er es für richtig und wichtig hielt.

Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. und die bringen nichts zustande. Das Warten wurde kurzweilig. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen. Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert. einmal so zu agieren. Alles war fast auf die Sekunde geplant. daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten. tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. mußten wir uns abrupt verabschieden. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. Wir fuhren auf die Transitautobahn. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. -176- .Quellen zu schützen. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. wurden sie redselig. Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. Ich wußte. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten. Wie hielten an der ersten Tankstelle.

Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung. die wiederum reagierte. »Freddy« schob sich. Ende der 60er Jahre. so schnell es sein Bauch erlaubte. Sein intensives Leben. Es dauerte nur Sekunden.Ich rutschte auf den Fahrersitz. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . die Leidenschaft für Politik. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. war die Angst. Er hatte immer gemeint. Es blieb uns nichts anderes übrig. neben mich. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert. Ich gab ihm neue Instruktionen. wenige Tage nach einem Treffen. Das Problem war nur. bis wir wieder auf der Autobahn waren. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten. Nur der kalte Sekt fehlte. sie würde seine Motive nicht verstehen. Eine der Belastungen. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh. daß wir dabei so routiniert wurden. die harte Arbeit. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. So trafen wir uns etliche Male. die psychische Doppelbelastung als SPDPolitiker und HVA-Kundschafter.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs. so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. über Politik und das Leben an und für sich.

Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich. »Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht. als diese glauben.Anspruch hatten. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. alle -178- . Sie schien nicht wirklich überrascht. der ihr behutsam erklärte. Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. aber geahnt hatte sie immer etwas. daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen. warum wir ihr Geld schuldeten.

Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender.und außenpolitische Tendenzen. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. und es gab jene. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. -179- . die nun in der DDR lebten. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten. Sie wußten. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. die sich an unseren Dienst banden. In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. Natürlich war ihnen klar. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. Fritz Erler und Heinz Kühn. neudeutsch back channels genannt. was Konspiration war. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen.Westdeutschen. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Es gab Partner. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. Es gab rein politische Kontakte. uns über innen. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten. als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren. die ihnen gefährlich erschienen. Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. und nutzten diesen Kanal bewußt. zu informieren. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden. Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie.

Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien. Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. Das war natürlich nicht einfach für ihn. als Wehrexperte der Partei zu fungieren. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. aber für uns war es von großem Nutzen. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut. Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke. sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen. Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. Es hieß. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns.Ein alter Freund Erlers. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand.

und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. bis zur Wende. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPDFraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. schien es uns erfolgversprechend. Wienand reagierte aufgeschlossen. der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -. Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. weiß ich nicht. Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam. Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte. Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen. Die beiden trafen sich regelmäßig. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen. der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte. Da Wienand im -181- .Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. ihn direkt anzusprechen. obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte. Fast zwanzig Jahre. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDRMinisterrats aus. Er bekam den Decknamen Streit. das wir von Wienand erarbeiteten. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen.

Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. der die Verbindung aufrechterhalten wollte. Völkel berichtete hinterher. die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. Wienand habe in einem langen. einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus. wenn zwei Dienste. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. Nun war uns aber zugetragen worden. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten. Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück. sich um dieselbe -182- . persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. wagten wir es. blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. als wir erfuhren. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. Es ist immer mißlich. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. auch wenn sie befreundet sind. Es wurde deshalb erwogen. Er war ein vorsichtiger Mann. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte.

sich an Wienand heranzumachen.Quelle kümmern. Der KGB zog sich von »Streit« zurück. Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen. Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- .

mit Unterstützung Bonns und unter DDRBeteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen. mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. So erfuhr ich. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. informiert von den eigenen Quellen. Als ich Mielke zur Rede stellte. Die Sowjets. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen.Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen. Geplant war Anfang der 80er Jahre. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. dem sogenannten Züricher Modell. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. daß er an einem Projekt beteiligt war. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. ich sei einer Desinformation aufgesessen. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. Ein anderer Grund war. mein Minister hatte mich nicht informiert. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. ein alter Freund Wienands. Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht.

als er Verteidigungsminister wurde. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. Wienand ging dabei leer aus. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. der sicherlich bereit sei. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. Als Strauß Atomminister wurde. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. mit uns zu reden. Er ließ sie ruhen. wo sie sich anbieten. Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. Das war Simon Goldenberg. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. Ich erinnere mich. Ich berichtete ihnen. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. Karl Wienand war nicht der einzige. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel.Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. Geschäftsfreund. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. sondern eher jemand. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen.

an die er so gelangte. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten. schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. Er hatte dafür zu sorgen.und Außenhandel. Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. Solche Erkenntnisse brachte der StraußKontakt. wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging. die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden.März. arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. daß die Informationen. Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor. Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte. Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den SchalckBerichten. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen. -186- . Zudem hoffte er. die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren. wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt.

Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung. Der Zufall wollte es. aber auch eiskalten Mann erlebt. doch das Bild täuscht. Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen. suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. das uns beim Fischessen in Varna zeigt. Ein Foto. sehr amüsanten. Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck.Franz Josef Strauß (links) und Alexander SchalckGolodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. Es war also nicht weiter verwunderlich. daß die beiden sich verstanden.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu. Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten, warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis. Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts, Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener Hospital und erklärte, daß er nicht i die DDR zurückkehren n werde. Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
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lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich. Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte, Goldenbergs Wünschen nachzugeben. Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte. Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft, wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten, konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden erst gar nicht verfolgt.

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8 Herbert Wehner
Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit dieser herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete, wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen. Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR, insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte. Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht. Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung. Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu
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verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann. Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft, verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der OstBerliner BZ am Abend. Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber offenbar das Risiko wert. Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des »Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich präsentierte. Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
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»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen Wotan geführt. Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956 zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPDSicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von der Bundeswehr besetzt werden könnten. Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische »Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand aufriefen. Es gab damals erhebliche Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne, vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte er also wissen, wovor er warnte. Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde. Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
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»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer Friedenspolitik im Osten zu suchen. Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit loszukaufen. Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung. Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch beobachtet, bereiteten diesen Weg vor. Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im
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sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete. Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März 1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe, deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die unser Apparat von ihm übernommen hatte. Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im PropagandaKrieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde, waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung leisten könnte. Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen
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interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten. Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das weitere Prozedere beraten. Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am 17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »WotanVerbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört. Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens. Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde. Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war
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also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben. Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß wir ihm zu Unrecht mißtrauten. Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten, der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten sie noch rechtzeitig schützen. Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein zwischen den Systemen Schwankender? Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns. Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.
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daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. nach Deutschland zu gehen. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. als er aus Moskau den Auftrag bekam. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. die er nach Deutschland geschickt hatte.Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. Geschürt wurde es durch das. darunter Charlotte Bischoff. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. obwohl er wußte. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. daß das ein Himmelfahrtskommando war. Um dem zu entgehen. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. weil ich Genossen kannte. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. Stahlmann erzählte. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert. denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf. Auf Wehners -197- . denen Menschen geopfert wurden. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. und das. so Stahlmann. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb. um dort die illegale Partei zu führen. was ich von Richard Stahlmann erfuhr. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. Er wußte natürlich. die verhaftet und hingerichtet worden waren. deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte.

den ich für einen Verräter halten mußte. Das Material war dazu gedacht. Auf Material aus Moskau. Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag. Erst -198- . dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte. Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. wartete ich zehn Jahre. hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt. falls so etwas politisch opportun sein sollte. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen.

daß er zumindest subjektiv der Meinung war. Die Versuchung war immer groß für unsere Seite.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners f r das NKWD von Ende 1937. Denn die Weigerung. ob man richten darf über das. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. Ich frage mich. durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung. was ein Mensch in Todesgefahr tut. die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. wohl wissend. hätte Wehner wohl nicht überlebt. Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . Schließlich ist es nicht auszuschließen. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. also Folter und Tod. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert. wie viele Genossen. denn sie dokumentieren. Die Gelegenheit. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten. zumal sie sich aussichtsreich entwickelten. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. als sie ohnedies schon wußten. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument. in denen er ü viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo. hatte sich schon 1955 ergeben.

zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko. in Genf unter anderem mit dem FDPGeneralsekretär Karl. der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat. wenn bekanntgeworden wäre. waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. ob er bereit sei. Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. -200- . die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen. die er Girnus freimütig gab.Außenministerkonferenz. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. Es war nicht gerade eine Routineaufgabe. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. Am Ende schlug er von sich aus vor. bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften. Uns gelang es. daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf. Die Informationen. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. zumal zu einer Zeit. an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. Er war es. die er vertrat.Hermann Flach Gespräche zu führen. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. und die Positionen.

In der Hauptstadt der DDR. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben. sondern mit Matern. Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren. wurde nach 1957 deutlich. Wir wußten. dokumentierten sie doch. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag. Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus. Wie ich erwartet hatte. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden.« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. Spalter der -201- . wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten. Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen. Über den Minister für Staatssicherheit. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte. aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. rettete am Ende der Nachweis. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute. Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug. Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. Ernst Wollweber. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen. denn er mußte fürchten. Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. lehnte er den Vorschlag ab. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte.

Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. Wir wußten über unsere Quellen. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- . Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. denn uns war klar. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig. zu denen wir nicht nur politische. bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. die wir bekämpften. aber nie abgebrochen. Für manche Sozialdemokraten. denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten.

war es eine schwere Belastung. vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. um so intensiver wurden die Überlegungen. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen. zu denen engere Kontakte bestanden. die forderten. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Parteiund Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke. daß die SPD-Politiker. Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein.zusammenarbeiteten.

Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen. Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. da sie zu risikoreich geworden w Von nun an kontrollierte Mielke die ar. Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Heinz Volpert. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Außer den drei Exemplaren für Honecker. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet. der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. warum sein -204- . sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers. Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. Das erklärt vielleicht. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. die an die sowjetischen Partner ging. Nicht nur offene.Pläne immer abgelehnt. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker.

er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. Im Unterschied zu anderen KPDSpitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt. Briefträger war Anwalt Vogel. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. an dem auch -205- . Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an.abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration. Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. weil ich wieder einmal sah. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde. wie sehr die Politik von Schwächen. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«. Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden.

daß er nicht mehr als H. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. -206- . traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. Er wählte selber das Gebäck aus. Eine neue Sprachregelung bestimmte. Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene.Mischnick teilnahm. Diese bevorzugte Behandlung in den DDRMedien war taktisch wenig klug. wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. sondern auch sentimentaler Natur. mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. Wehner. Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot.

Tagebucheintrag vom 15. 4. 1980 (Transkription im Anhang) -207- .

den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- .Tagebucheintrag vom 16. 4. 1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch. der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war.

sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben. Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder. in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren. der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. beschloß das Politbüro im Januar 1974. Um das sicherzustellen. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis.Partei. Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. Für mich war das eine absurde Vorstellung. Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden. Wieder einmal warnte er vor Brandt. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. -209- . daß nicht Wehner. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren.

1981 (Transkription im Anhang) -210- .Tagebucheintrag vom 24. 8.

3. 1983 (Transkription im Anhang) -211- .Tagebucheintrag vom 8.

wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme. 3. sagte er zu Vogel. Er fürchte.Tagebucheintrag vom 8. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . einen »gefährlichen Ermunterungssog«. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen SolidarnóscBewegung.

Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war. Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. desto besser«.« Sein Rat. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt. daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. leider. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen.« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. Er bekannte. Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen. der kaum Beachtung fand. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie. Es ist eine halbe Minute vor zwölf. fand glücklicherweise kein Gehör. Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. der Stärkere im politischen Spiel zu sein. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn. sollte sich als zutreffend erweisen. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. »je eher. ja bisweilen des physischen Überlebens. das schönste Geschenk zu seinem 75.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. Die Voraussage aber. ist das eine allzu platte Sicht.

deren Konflikte sein Leben ausfüllten. Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung. zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten. Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten.Stalinzeit gezeichnet. Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- . Er tat dies oft auf seine Weise.

Dies aber verleitete die Falken in der USAdministration zu gefährlichen Schlüssen. Der israelischägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns. Er war der Ansicht. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. Das. so Breschnew.9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Walt Whitman -215- . Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. bedeute Krieg. Israel zerstören zu wollen. daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. So wenig sich die strategische Lage der DDR. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. Auswirkungen. Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue. was Leonid Breschnew. seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. ließ aufhorchen. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen.

danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden. sondern geboten sei. was neue Unruhen auslöste. der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. und dann werde man sich Europa zuwenden. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur. verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an.Rostow. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus. -216- . Kaum waren sie abgeebbt. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt. daß es für die USA nicht nur möglich. folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen.

die aus Warschau gemeldet wurden. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. so der Parlamentspräsident -217- . Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. worauf auch in der DDR viele warteten. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. stutzte ich. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las. genau wie die Studentenkrawalle.Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher. Februar. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. um auf andere einzuwirken. doch Mielke war keineswegs zufrieden. hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. die weit über das hinausgingen. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. geäußert. auf denen Dubcek sich bemühte. Am Jahrestag der Staatssicherheit. dem 8. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. was er propagierte. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten.

was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte. Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das.Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker. die -218- . Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen. die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs.

Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind. als offiziell behauptet worden war. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor. Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe. und hatte erklärt. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. Szlachcic schilderte mir eingehend. Dabei hatte er betont. der für die Aufklärung zuständig war. in der Bundesrepublik geführt hatte. der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat. nicht nur er sei der Auffassung. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. Mielke besuchte. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen.Mieczyslaw Rakowski.

gewählt würden. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen. die Mehrheit. zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen. meist Intellektuelle. Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. Für September werde ein Parteitag vorbereitet. Das hielt ich für absurd. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. Der wahre Sachverhalt sah so aus. Salgovic -220- . der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war.und Staatsführung in den düstersten Farben. Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus. Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. Juli holte Houska mich an der Grenze ab. In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. ja geradezu kindisch. Er sagte. Am 8. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. ob man annehmen müsse. die sich selbst als Progressive bezeichneten. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden.

lag hie wie da an den gleichen Ursachen. Am 19. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt.und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. Auf meine Frage. Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne.« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. die alle »Konservativen« denunzierte. Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte. wie ich sie damals erlebte. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. Viele fühlten sich so bedroht. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden. was von unserer Seite aus getan werden könne. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen. Er sagte. Salgovic ging nach Bulgarien. die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten. von meinem -221- .

in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst. fiel es mir nicht allzu schwer. konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde. Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSRReformkurs. die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen. Offenherzigkeit und -222- . den Zusammenhang zu erraten.Besuch informiert war.

und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. Um 2. was drei Tage später geschehen würde. hastig eingezogen. Der Einmarsch in die n Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen. Er vermutete.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß. er müsse sofort nach Berlin zurück. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen. Für den 3. sah ganz danach aus.00 Uhr morgens i Ahlbeck ab. Er sagte mir. als habe man sich geeinigt. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. und das. die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. Am 17. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war. die mich zu ihm brachten. -223- . Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden. um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. Am 21. Als ich im Ferienhaus ankam. weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei.

Andropow hörte ihm höflich zu. keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. Mielke hatte ihn darum gebeten. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte. auf den 21. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke. den Marschbefehl zu geben. daß sie bis zur Nacht vom 20. Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- . wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. Die Atmosphäre war entspannt.Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil.

bei uns selbst zu suchen. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren. Im übrigen wären wir gut beraten.militärisch einzugreifen. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. unseren Ruf zu schädigen. in der inneren Entwicklung unserer Staaten. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. Dennoch hat er sich bemüht. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück. die Gründe für das. auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. in der kommunistischen Bewegung. auf die Gefahr hin. weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. aber noch ungewohnter war sein Appell. hatte Andropow dafür plädiert. Ich glaube. Ich glaube auch. Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. was in der CSSR geschehen ist. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- .« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben.« Es verschlug uns fast die Sprache. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein. die Kontakte zu westdeutschen Politikern. daß es unabdingbar ist. Es war keine angenehme Wahl.

sie glaubten. zwischen Plan. vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. Die Männer. daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin. Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung. haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. wie die USA auf den 17. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten. jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- . die Möglichkeit. haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet. zwischen Parteien zu wählen.und Marktwirtschaft. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. Solche Erwartungen ignorierten völlig. Sie spürten.Chance vertan worden. ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen. Juni 1953. und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein.

dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. Dann kommt es so wie in der CSSR. zu reduzieren oder auszuklammern.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter. geht es nicht so einfach. sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist.notiert: »Über Polen. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. daß man Züge zurücknimmt -227- . die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ostund Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten. die nach 1989 oft gestellt wurde. Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage. Die Geschichte ist kein Schachspiel. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet. nicht die Verständigung. Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. Dies jedoch hätte vorausgesetzt. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden.

Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten. die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das.und andere Varianten durchspielt. Viele Bürgerrechtler. -228- . Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt. die niemand vorauszusehen vermag. bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR. die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel. was sie gewollt hatten. die Ergebnisse zeitigen könne. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden.

Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg. über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. Deckname Günter. Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. militärische Übungen. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht. Die Wege waren noch verschlungen. Herbert Wehner. Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden.10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. Behinderung des Transitverkehrs. Am Abend des 21. Ulbricht bot in dem Schreiben an. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- . Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in WestBerlin stattfinden. dem er den Brief brachte.

Mielke. Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten. Tagebucheintrag vom 27. 2. 1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- .

gemeint waren die von der CDU. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren. Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. Heinz Felfe.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. daß man an Verhandlungen interessiert sei. aus dem Spiel lassen. Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz. daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Brandt blieb nichts anderes übrig. sondern gab die Nachricht an den CDUKanzler Kiesinger weiter. Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert. daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. Er war 1959 -231- . Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. um zu demonstrieren. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war. hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte.

Er bereitete den -232- . sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen. Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern. Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen. seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen.geworben worden. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein. Seine unkonventionelle Art. Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen.

daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten. das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen. aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach. Erst durch Dokumente.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte. -233- . Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. wurde publik. denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht. Wir versuchten zwar. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen. Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS. Er galt als jemand.

Hermann von Berg 1986

Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD. Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel vorbereiten. Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und
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machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche Positionen in Regierung und Parlament anzustreben. So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten »Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen aufzubauen. In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine Strategie erfolgreich. »Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDRBürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir »Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit getan. 1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
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falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant. Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen. Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu diesem verzauberten Refugium gebracht. Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten, schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland, besonders in Sibirien, kennengelernt habe. In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit »Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot gebracht. Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
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mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter Wolf war der General der Staatssicherheit geworden. Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend seinen eigenen, menschlichen Klang. Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt. Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre, als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius« hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler wurde. In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
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Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch, konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte über die Treffen schließlich Aktenbände füllten. Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können. Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn, Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände, zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der 60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können. Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen
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Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet. Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan, Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen registriert. Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann. Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners zuwachsen ließ. In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber, wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen in der DDR machte sich breit. Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten
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Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD überhaupt nicht oder nur oberflächlich. Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil. Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf diese Weise immer auf dem laufenden. Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr. Noch lückenloser informiert waren wir über die Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRDMission in Warschau wurden wir mit allen Informationen versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an
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die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns »Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war, interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders. Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer vertraglichen Vereinbarung zu kommen. Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der UdSSR gegenüber der BRD. Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung. Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um
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weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD. Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen. Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und ohne Prinzipienreiterei herangehe. Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen. Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

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der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen.Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte. Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik. -243- . Ganz anders Honecker. Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. von links. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags. warnte Honecker. Nur Insider ahnten damals schon.

Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen. daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar.Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. dem Erfurter Hof. die Absperrungen durchbrachen und »Willy. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten. Hermann von Berg. die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. März 1970 in Erfurt stattfand. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen. bekam. Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. Als das Treffen am 19. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- . Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln. Willy!« riefen. Trotz aller Vorsorge kam es dazu.

Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht. In meinem Tagebuch notierte ich. Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation. war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. -245- . Museums. Selbst der Hinweis. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. Der Kanzler war sichtlich bewegt.oder Theaterbesucher spielen. Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. daß sie nicht Willi Stoph meinten. sondern mußten auch Passanten. Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen. Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. Da die Gespräche in Kassel stattfanden.Es war klar.

« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten. die Gespräche fortzuführen.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- . Conrad Ahlers. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause.Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen. daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. besonders der USA. die Anerkennung kommt. außenpolitisch wegen der Verbündeten. und wegen der Haltung der DDR. und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. weil Ausschreitungen befürchtet wurden. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien. aber wir können noch nicht.

Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. sei die Sicherheit. ohne uns gibt es keine DDR. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau. Ich verspürte wenig Lust.den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt. meinten sie. Erich. und er traute ihnen eher als den Papieren. Wenn man sich darauf einließe.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. Vorsichtig hatte er begonnen. ja die Existenz der DDR bedroht. »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. Ulbricht. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war. Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. Das erlebte ich. Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts. um die Vereinbarung zu unterzeichnen. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte. vergiß das nie. Sie rechneten damit. mir den Urlaub mit solchen -247- .

daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. folgte der Bewertung meines Dienstes. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik. einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. daneben. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen. konnte auf die Protektion nun verzichten. Mir fiel auf. Ich sagte nur zu Paul Markowski. daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. Die Irritation hielt aber nicht lange an. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags. -248- . Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich. Ulbricht. August sah ich früh in die Prawda. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt.Diskussionen zu verderben.« Am 13. groß aufgemacht. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. Honecker. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war.

weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente.Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. Mit großem Interesse -249- . »Herta«. verbunden mit Meinungsmache. vor allem mit dem Springer-Konzern. Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten. Berater in Wirtschaftsfragen. Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht. unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. Er glaubte unserer Einschätzung. Berger. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück. Wolfgang Berger sei. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. und er begann. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. daraus eigene Schlüsse zu ziehen. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei.

die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen. aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. Mielke erklärte. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. Honecker reiste ebenfalls nach Moskau.verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war. um mit Andropow zu konferieren. Es ging ihm dabei nur darum. die ihm kaum jemand zugetraut hatte. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. die mein Dienst beschafft hatte. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. Iwan Fadejkin. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. Da Ulbricht sich aber nicht traute. Ich glaubte damals. Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten. Er hatte ein -250- . Breschnew bestärkte ihn in dem Plan. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren.

zu einem -251- . Er sollte entmachtet werden.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel. Aber die Umstände waren dramatischer. ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren. Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln. Auf dem VIII. Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte. Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt. Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten. Soweit war es also schon gekommen. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte. daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte.

mit der er den Sturz betrieben hatte. Soweit kam es nicht. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen. falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. Reformideen. Anfänglich sah es in der Wirtschafts. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. Er hoffte noch. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus. Schon vor der Eröffnung des VIII. hatten keine Chance. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können. alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. von einem Putsch Honeckers und Mielkes. er ließ andere Meinungen gelten. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte. Auch er sprach danach von einem Putsch. seiner ehedem engsten Vertrauten. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros. forderte sie sogar heraus. seinen Ziehvater festzusetzen. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. Honecker schien also entschlossen. die es immer wieder gab. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- .und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. Verbittert sprach der alte Mann. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis. Er ordnete an.

daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte. Auch ich muß mich dieser Frage stellen. die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten.und innenpolitische Hürden zu überwinden. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt. Es gab gewaltige außen.worden. Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere. weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben. Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln.

zum Beispiel auf den Transitwegen. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt. Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das BerlinAbkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen.verschiedene geheime Manöver. In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. daß zwei Mitglieder des Politbüros. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- . die sich in Paris aufhielten. Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. die Wende gar nicht mitbekamen und i mer noch der alten Sprachregelung in der m Berlin-Frage folgten. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von WestBerlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern. Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte. Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns.

daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat. denen man zustimmen muß. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. Vertreter der Landsmannschaften. Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet. -255- . mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. vielfältige Aktivitäten entfalteten. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten. die Seite gewechselt hatten. um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen. Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. auch in der eigenen Fraktion. daß CDU und CSU. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken.entscheidend zu verändern. insbesondere Strauß und Marx. Dazu notierte ich am 11.« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe. Unsere Quellen meldeten. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. Wir erhielten sichere Informationen.

Der Sachverhalt wurde nie geklärt. Spangenberg. bekannt. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung. die Verträge hätten epochale Bedeutung. vom Saulus zum Paulus gewandelt. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus BadenWürttemberg. Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. fehlten ihr wider -256- .Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. Als dann das Ergebnis verkündet wurde. Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten. Honecker. In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. die gegen Brandt abstimmen würden. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher. fünfundzwanzig Jahre sicherten. Später behauptete Steiner. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein. um die Verträge zu retten. Schütz.

die Fassungslosigkeit Rainer Barzels. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. den Sturz Brandts zu verhindern. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock. -257- . Die Regierungsfraktionen jubelten. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr. Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten. Noch ahnte ich allerdings nicht. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. Geburtstag am 1. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. August 1973 starb. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. daß neun Monate später geschehen würde. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde. Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge.Erwarten zwei Stimmen. Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. war Europa politisch verändert. der dem Votum vorausgegangen war. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen.

Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt. damit hätten wir nie gerechnet. Kirchen und Behörden zuständig war. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. den Weg ins Kanzleramt finden würde. Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. wenn sie in Bonn vorstellig wurden. um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. doch daß Guillaume. das für engere Kontakte zum Parlament. zu Verbänden. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . Niemand konnte ahnen. Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf.11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren. Deckname Hansen. nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt.

höher. Mitglied des Parteivorstands. waren DDR-259- . Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. als uns recht sein konnte. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. Das Ehepaar war von uns beauftragt. und so schien es am zweckdienlichsten. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen.Bundesrepublik gegangen. Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPDUnterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten. nicht wissen. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. Da Christels Mutter. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten. Womit wir nicht gerechnet hatten. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen. blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. eine Holländerin.

daß man auch -260- . Seine Warnung verhallte ungehört. hätten erhärten lassen. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher. ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich. den unser Mann ihm verschaffte. was zur Folge hatte. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente. wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will. Es war daher nicht weiter verwunderlich. sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen. die bestanden.Besuche der Familie nicht länger ratsam. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. um wahr zu sein. der nachmalige Leiter des BND. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen.

daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. wie Guillaume es war. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt.Guillaume vertraute. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten. Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. war er niemals befaßt. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten. daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. die uns über -261- . eine Politik. sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. Oft hat man die Frage gestellt. Brandts Politik zu durchschauen. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten. So kam es. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. und er hatte gewichtige Förderer. die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale. Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente. wenn es um Themen ging. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers.

unsere anderen Quellen erreichten. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. verstand er es. wie er war. Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. 1970 wurde Guillaume damit betraut. Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig. -262- . Kontaktfreudig und fleißig. aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen. Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. und es ist keine Übertreibung. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat. wenn ich sage. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung. daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat. Die BNDLeute gewöhnten sich schnell daran.

aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. -263- . jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. ist wohl kaum verwunderlich. die Guillaume kannten. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. stiller Zuhörer vieler Gespräche. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes. erfuhr er Wichtigeres. Als kaum beachteter. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte. Die Wahlen von 1972. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg. Ab dem 1. wo er als erschöpfter. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. Der Vorschlag wurde angenommen. Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte. wenngleich er nicht beauftragt war.Peter Reuschenbach.

es gibt Fernsehaufnahmen. es unweigerlich fertigbringen. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. die zwar nicht wissenschaftlich. Was ich nicht wissen konnte.Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. war. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. in Kontakt zu kommen. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt. Als wäre nichts gewesen. das bleibt bis heute ein Geheimnis. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie. verhaftet. allerdings nicht mehr sehr lange. der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. daß Leute. wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält. die bislang harmlos erschienen waren. Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen. miteinander in Beziehung brachte. was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten.

Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen. insbesondere die Franzosen. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. die Charta zu unterzeichnen. den Richard Nixon am 3. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- . die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig. aus den Dokumenten war zu erfahren. zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. und aus dem. Das erste war ein Brief. in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten. die sich übergangen fühlten. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen.mit ihren Kindern Ausflüge. konnten wir entnehmen. und in denen die Amerikaner erklärt hatten. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. der Brandt riet. in denen er sie davor gewarnt hatte. die Franzosen dazu zu bewegen. die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten.

Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab. die Feuer legten. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig. Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte. Niemand kam auf die Idee. um es dann mit großer Geste löschen zu können. sie sei so unleserlich. gab dieser vor. nach dem Verbleib des Originals zu fragen. daß er sie erst abtippen müsse.

(…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden. gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten. wenn er dort schreibt. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. Sie ließen erkennen. Sie zeigten. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern. wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren. Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. daß die -267- . (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen. die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich.

Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne. daß man sie und »Anita« beschattete. die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. daß -268- . Der Grund dafür ist. die Papiere seien zu uns gelangt.Kopien. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst. die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere. Anfangs dachten wir. und ich schwieg. die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. sie sehe die berühmten weißen Mäuse. die er von den Dokumenten angefertigt hatte. Guillaume bestätigte diese Version. den Eindruck zu vermeiden. die Verfolger abzuschüttel. Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. weder in Bonn noch später in Köln. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz. da ich es einstweilen für geraten hielt. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. nie erhielten. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. nicht loswerden.

sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. bis wir erfuhren. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. Besonders verhängnisvoll war. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften. wenn man die Wahrheit sagt. auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. Hierzu muß ich erläutern. daß er Gronau ans Herz legen sollte. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht. Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. die Telegramme an -269- . Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern. um nicht zu vergessen. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte.

Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. wie man weiter vorgehen wollte. um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden. Anders läßt sich nämlich nicht erklären. Von da an war alles klar. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. wieso zwischen dem mehr als -270- . an einen dieser Vorgänge. die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte. und in der Hoffnung. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. Es blieb nur die Frage. waren die Geburtstags. der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. wenn wir geahnt hätten. der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war. um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. der einen Agenten betraf. begann. Kompliziert wird die Geschichte dadurch. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren. dessen Name offenbar mit G.und Neujahrsglückwünsche.

Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. was sie gesagt haben wollen. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. Am 29. dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. Da er und sein Protektor -271- . daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. muß er sich so vage ausgedrückt haben. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung. Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt.begründeten Verdacht. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. um den Kanzler zu schützen. Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. Bericht erstattete.

dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. und es bleibt mir ein Rätsel. Die zwielichtige Rolle.Wehner mittlerweile verstorben sind. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf. Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. Angenommen jedoch. ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. da nur so das Jahr Observation -272- . Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. Wir hatten die Lunte gelegt. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde. war diesem zweifellos bewußt. das ist zweifellos wahr. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. doch andere hatten sie munter brennen lassen. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag. daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. statt das Feuer im Keim zu ersticken. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt. wie Genscher so etwas zulassen konnte. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte. Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. dem Oppositionsführer. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen.

Ein Bonner Ehepaar. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. Zur Aufnahme -273- . und wir schlugen dem Ehepaar vor. daß sie von A bis Z erfunden ist. wiesen wir sie und ihren Mann an. Dafür aber sahen beide keinen Grund. hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist. inzwischen Verteidigungsminister. Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. bevor man sie heimlich. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. und ein West-Berliner Zahnarzt.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet. Georg Leber. den Rückzug in die DDR anzutreten. Nachdem Christel uns berichtet hatte. jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. was zu tun ratsam wäre. still und leise umgehend aus der Haft entließ. und das erklärte in unseren Augen. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. daß man sie observierte. Und so kam es zu dem Kompromiß. daß wir beschlossen.

Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu. nach Bonn weiterzufahren. halte ich für wenig wahrscheinlich. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. Als die Polizei läutete. entschied er sich dafür. den man bei Agenten für angemessen halten würde. weihte ich den Minister ein. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. daß Christel und Günter Guillaume am 24. Das hätte er nicht tun dürfen. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. April 1974 verhaftet worden waren. um ihm -274- . Die Meldung. traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. allerdings nicht in dem Stil. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. zumindest bis zum Herbst des Jahres. Noch verstörender war die Meldung. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen. der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. was ich aus Vorsicht ablehnte. und dort fiel ihm auf.

zu seinen unbedachten Worten. daß man festgenommen wird. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber. Wir schärften ihnen ein. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. Er hatte immer darunter gelitten. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige. soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam. ihn zu fragen. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult. zu verlangen. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. Auf diese Weise lag die -275- . die für die Bundesrepublik bestimmt war. was ihn dazu bewegt hatte. der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. nichts als Name. daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte.den Haftbefehl vorzulesen. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. einen so fatalen Schritt zu tun. Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. traute ich meinen Sinnen nicht. und dieser hatte abgewinkt. sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. den er über alles liebte. Er sagte. sondern nur die Fassade. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. Das war ein unverzeihlicher Fehler.

Da er schwieg. -276- . Tagebucheintrag vom 25. 4. 1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt.Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik.

warum ich es unterließ. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. noch von Frankreich aus zu fliehen. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt. den Leiter des Bundeskriminalamts. Sagt er aber nichts. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. Innenminister Genscher zu informieren. daß er keine weiteren Aussagen machen werde. um damit die Haftdauer zu verkürzen. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. so kann ich nur antworten. doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . Informationen preiszugeben. Nicht durch Guillaume also. die Horst Herold. Sollten Sie fragen. so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft. veranlaßten. Wenn es überhaupt möglich ist. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken. dann hat die Regierung der DDR.« Er hatte seine Fehler eingesehen. ein Mittel. gab er eine Erklärung zu Protokoll.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr. daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien.

« Dem ist nichts hinzuzufügen. recht früh zu machen. Statt den Kanzle r zu schützen. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren. war anderer Natur. Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe. -278- . obwohl wir wußten. aus denen man lernen kann. Niemals hätten wir uns vorstellen können. Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. die Fehler. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf.« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht. Der unverzeihliche Fehler. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen. einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. daß sie entschlüsselt worden waren. denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon.

auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten. Bei jedem Gefängnisbesuch. Das war aber nicht so einfach. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen. die sich finden ließen. den er seinem Vater abstattete. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. auf den die DDR stolz sein konnte. Manchmal hatte ich fast den Eindruck. nur um Pierre zu betreuen. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. und dort brachten wir Pierre unter. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften.Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. er wolle nach Bonn zurück. als brauchten wir eine eigene Abteilung. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. ihre Ausreise zu genehmigen. als ich erfuhr. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule. Der -279- . Günters Enttäuschung war sehr tief. aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. während wir uns den Kopf zerbrachen. Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. in denen er mich inständig bat. wie man meinen könnte. Uns blieb nur. Seine nächste Freundin war die T ochter eines Offiziers aus meinem Dienst. denn dort hatte er eine Freundin. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. und wir wollten schon erleichtert aufatmen. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich.

Alle unsere Hoffnungen. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. Und am 1. die Sowjetunion war nicht bereit. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. Im März 1981 war es dann endlich soweit. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden. doch ich spürte. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. als jeder wußte. Auch Christel war gekommen. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. innerlich noch derselbe war. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte. doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. erwiesen sich als trügerisch. in die ihre Ehe schon -280- . den ich in die Arme schloß. nun mußte er handeln. den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. im Tausch den CIAAgenten Hunt freizugeben. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. um ihn zu begrüßen. und für einen Augenblick war die schwere Krise. Fidel Castro weigerte sich. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. um seinen Auftrag zu erfüllen. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen. wenn man etwas für sie täte. daß der Mann. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte.Fall wurde zu einer heißen Kartoffel. und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. Ruth und Norbert Moser.

Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land. wie vergessen. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. Ich hatte gehofft. doch es war keiner der beiden. denn ich konnte mir denken. daß Guillaume als Belohnung für alles. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte. Aber er war zu lange aus dem Geschäft. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein.« Da Guillaumes Nieren. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte. wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete. bevor die kurze Totenfeier begann. Die beiden kamen sich menschlich näher. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. was er durchgemacht hatte. denn ich wußte.geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. -281- . sie umzustimmen. In letzter Minute. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. öffnete sich die Tür. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten. sondern Guillaumes zweite Frau Elke.

Ich war und bin fest davon überzeugt. Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. Ich wiederhole deshalb. dem -282- . Herbert Wehner. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein. hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund.Von links nach rechts: Autor. das aus ihm selbst. Mai 1974 war. die wir bis dahin erlitten hatten. Erich Honecker. ihm den Rücktritt nahezulegen. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. Günter Guillaume. Christel Guillaume. sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6.

Das beweist. (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts. wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. zu unterstellen. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel. steht außer Frage. -283- . die man auf ihn ansetzte. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst. der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem. ihn zu stürzen. Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…).Einpeitscher der Parteidisziplin. Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen. dem Finanzminister. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte. Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben. bestand. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. und Helmut Schmidt. doch unklar muß bleiben. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde. wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien.

1974 (Transkription im Anbang) -284- . 5.Tagebucheintrag vom 6.

5.Tagebucheintrag vom 6. das er für -285- . 1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein.

war Wehner der erste. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. daß es nie geschehen wäre. Außerdem versuchte er ihm einzureden. daß man daran denken kann. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. der die Situation ausnutzte. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen. Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. den Rücktritt anzubieten. falls Guillaume das. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert. die sich aufführten.einen Staatsmann unpassend fand. die DDR-Regierung könne versuchen. Er erklärte Brandt. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. um zu wissen. Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte. den es längst nach Brandts Position gelüstete. -286- . als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte. publik machen sollte. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. es werde zu einem Skandal kommen. aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. Als Guillaume enttarnt wurde. Helmut Schmidt. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten.

am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. kann ich nur staunen. wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. er meinte. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren.BrandtStraße umgetauft. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach. dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren. ohne ihn naß zu machen.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je. Politiker wie Geheimdienstler – wissen. Verlangt wurde. -287- . Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde.

5.Tagebucheintrag vom 7. 1974 (Transkription im Anhang) -288- .

5.Tagebucheintrag vom 8. 1974 (Transkription im Anhang) -289- .

das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen. das Werben und Überwerben von Agenten.12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. zu den demoralisierendsten Niederlagen. wie ich meine. die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet. mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei. Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. derart drakonisch gewesen seien. daß man für eine bessere Welt arbeitete. Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. weil die Strafen. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- . Aus diesem Grund waren unsere Dienste. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird. stets effektiver als die des Westens. der Glaube daran.

der ermöglichte. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen. Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. Geld und Prestige. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. eine -291- . daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. die sie betreuten. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. ein abenteuerliches Leben zu führen. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden. Es war wohl kaum anzunehmen. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war. So erkläre ich mir den Umstand. logischem Denken eingebüßt hatten. und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. konnte ich oft nur schwer begreifen. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten.

Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste. aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. die sich in Urlaub befanden. Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie. Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben. Und wenn das Unglück es will. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen. die sich ergab. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. sogar bei Agenten.Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte. Apparat und Leitung können wochen-. andere. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. durften nicht wieder einreisen. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut. wenn nicht geradezu paralysiert werden. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . In dem Augenblick aber. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus. neue Agenten zu gewinnen.

weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. grenzte an Verärgerung.Zusammenhang ist die Schwierigkeit. so daß man kein Hellseher sein mußte. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. tut dann wenig zur Sache. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor. gewissermaßen ganz privat. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte. als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. zuständig für die Bundesrepublik. daß zu viele Personen eingeweiht werden. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. als den Sachverhalt -293- . Die Liebe zur Jagd. wo uns niemand belauschen konnte. Mein Unbehagen. zu argwöhnen. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. die wir teilten. Ich besuchte ihn wie vereinbart. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. für den BND tätig zu werden.

die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. Geburtstag. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten. Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle. Am 19. dem Ort. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. meinem 56. waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. der heute wieder Chemnitz heißt. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt. auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. Im übrigen haben wir nicht erfahren. Nach dem ersten Verrat. die CDU zu infiltrieren. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. Januar 1979. So naiv war ich nie. obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. und Walter Glassei. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. die wir ihm stellten. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt. eine zentrale Figur in unserem Bemühen. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. beigebracht worden.darzulegen und zu erläutern. befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen.

-295- . die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir. Chemie und Bakteriologie. Wie wir herausfanden. In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. Außerdem waren Ordner mit Befehlen. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art. Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten. niemand anders als er gewesen war. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. Januar gegen 21.30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. Das war zwar nicht für mich. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen. war der Ausweis am Abend des 18. sich seelisch darauf vorzubereiten. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung.

und den Schaden. realistisch abzuschätzen. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. nicht dem BND. den er angerichtet haben mochte. Einem Hamburger Ehepaar. Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. Er gelangte unbehelligt in die DDR. Seine konspirative Wohnung. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. dieser wohne zwei Stockwerke höher. gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. war bereits eingekreist gewesen. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. -296- . Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann. denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. verdankte er dem eigenen Handeln. Unterdessen waren wir damit beschäftigt. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte. all jene zu warnen. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück.

der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen.Tec. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen. SWT. denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. auf wenige Vorzeigeunternehmungen. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. beispielsweise in der Mikroelektronik. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. Zunächst war es eine Miniabteilung. Vornehmlich in diesem Zweig der High. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. war in den 50er Jahren eingerichtet worden.Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie. in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. die dafür zuständig war. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen. die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte.

Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden. denn niemand dort hatte gewußt. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. daran gab es nichts zu rütteln. Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. und Stiller hatte mich -298- . Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPDPolitiker Dr. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten. Es war ihr gelungen. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich. wie ich aussehe.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete. Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben. vorgelegt. die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten.

Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- . wie ich später erfuhr. 3.identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten.

da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte. das weidlich ausgeschlachtet wurde. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist. besagter »Wieland«. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. Für mich selbst war es wenig erheblich. war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. wie ich aussah. und man verurteilte ihn. ob man in Pullach wußte. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde. Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker.Stiller zur Folge. verhielt es sich dabei wie so oft. Joachim Moitzheim. ohne ein solcher gewesen zu sein. aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt.

Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. sie zu begleiten. Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. was letzteres betraf. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. war jedoch. wiesen sich als VerfassungsschutzBeamte aus und forderten ihn auf. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. Aus Furcht sagte er zu. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation. »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel. so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten. Nachdem er von uns beauftragt worden war. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. daß »Kluge« Klaus Kurons. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. Der Verfassungsschützer.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen. seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. stets mehr als zugeknöpft gab. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«. hatte es dann aber für klüger gehalten. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. darf ich verraten. »Wieland« -301- . Was sie nicht bedachten. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. nichts Eiligeres zu tun hatte. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten.

Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen. So war es um die überaus harmonische. und ein Zwanzigmarkschein. wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. daß man. »Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. zuständig für die westlichen Dienste.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. Als -302- . für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon. Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. der Äußeren Abwehr. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen.

leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. fällten wir nicht gerade leichten Herzens. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen. verabredet hatte. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren. Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. Stolpersteine in den Weg legte. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. seine Ambitionen wurden frustriert. Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. daß die Schrift die gleiche war. in Wirklichkeit aber allen. denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- . die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. Es bestand kein Zweifel. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. daß Kuron es ernst meinte. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. Was.Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. Allein die Entscheidung. Klaus Kuron.

bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. das er besaß. war ihm eindeutig bewußt. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Tiedge. Letzten Endes. ja als Demütigung. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. Das große Risiko dessen. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. das er dem Meistbietenden verkaufte. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. seinem fachlichen Können. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte. die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren. so sagte er. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. daß wir darüber längst im Bilde waren.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. Um seine Bedenken auszuräumen. was er zu tun im Begriff stand. fühlte er sich weit überlegen. -304- . Die Neugier überwog die Vorsicht. Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR. seinem Gruppenleiter. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten.

weil er als Profi die Professionalität. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend. ein Star. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. zu erkennen und zu schätzen wußte. Da er wirklich etwas ganz Besonderes war. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte.Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. war die. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. strafrechtlich nichts unternehmen durften. mit der bei uns gearbeitet wurde. daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten. auf die er uns aufmerksam machte. Eine wichtige Bedingung. die er stellte. den sogenannten heißen Draht. daß die Informationen über das Telefon.

den wir unter dem Decknamen Gräber führten. Ich erkannte schnell.Namen Stern. daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. Politisch war er in der CDU beheimatet. vor allem. beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte. den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. als sie feststellte. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. suchte den Kontakt zu uns. Erleichtert sah ich. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß. Ein Verfassungsschutzbeamter. Seinen Klarnamen nannte er nie. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr. Klaus Kuron war der bei weitem größte. weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. aber beileibe nicht der einzige Fisch. Treffen durften nur bei tiefster -306- . der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte.

egal. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. der für Doppelagenten zuständig war. -307- . die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. Es gelang uns nie. ihn zu identifizieren. die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. Aber er leistete uns wichtige Dienste. wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. die Seiten zu wechseln. seine Identität zu klären. Mitte 1985. Er sei bereit. Wir verzichteten auf das Angebot. welches Wetter herrschte. versuchte er. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. vorausgesetzt. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte. Stiller notfalls zu entführen. von ihm erfuhren wir. wenn wir Vermutungen äußerten. erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. Jedesmal. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden. und zwar stets in irgendwelchen Parks.Dunkelheit stattfinden. sie ins Lächerliche zu ziehen. beschlossen. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen.

Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme. zerrüttete Familienverhältnisse. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte.Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin. Schwierigkeiten in der Behörde. was den Effekt hatte. Tiedge wies sich mit Personal. Tiedge war selbstverständlich der Meinung. erstattete ich Mielke Bericht. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- . daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung. Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt. denn sein Übertritt war wohlüberlegt. Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. Und ich muß einräumen. ließ Mielke später verlauten. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas. uns geheimste Dinge zu verraten.und seinen Tarnnamen. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren. nannte seinen Klar. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage. denn er konnte ja nicht ahnen. sich abzusetzen. Daß er kein Kommunist war. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten.und Dienstpapieren aus. stand außer Frage. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. daß Kuron bereits für uns arbeitete. doch nicht nur die Regenbogenpresse. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen.

und es dauerte nicht allzu lange. bis er an einer juristischen Dissertation saß. bemühten wir uns als erstes. die er an der Humboldt-Universität einreichte. sich den Lebensumständen anzupassen. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. als wir gedacht hätten. Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. die er heiratete. Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen. Er mußte abnehmen und Sport treiben. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. ihn wieder auf die Beine zu bekommen. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. -309- . Geologie und Kunst. Dennoch verstand er es. Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. sondern Bücher über Geschichte.

der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. und so kam es. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. Eingedenk der Zusage. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde. daß »Günter« beabsichtigte. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten. So erfuhren wir von Kuron. war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. und die Bundesrepublik traf keine Anstalten. Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen.Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. in -310- . daß das Ehepaar festgenommen wurde. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt. daß zwei unserer Mitarbeiter. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. Er hatte die unglückselige Idee gehabt. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. Ohne die Vereinigung abzuwarten. Menschlich endete dieser Fall tragisch. die wir Kuron gemacht hatten. bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen. warteten wir ab. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten.

wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte. Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen. kam es zum Eklat. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. Wer der Denunziant war. das keine abschreckende Wirkung haben konnte. denn es war nicht zum Verrat gekommen. warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. Im nachhinein erwies sich. denn es wurde nicht bekanntgegeben. sondern uns damit begnügten. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. fand eine gründliche Untersuchung statt.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. war juristisch nicht zu rechtfertigen. wie recht er damit gehabt hatte. Die -311- . Unverständlich war dieses Urteil. und es stellte sich heraus. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur KarlChristoph Großmann sein. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse. Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen. daß er befürchtete. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren. Lange Zeit hatte er es verstanden. Kuron hatte nie verhehlt.

die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen. solange es seiner Karriere dient. wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen.« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. Manche Verräter kassieren ihren Preis. über die er verfügte. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. Die Vergleiche. ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. manche zahlen einen zu hohen Preis. daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- . wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. und ich kann mir gut vorstellen. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. Ich bin mir dessen bewußt. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt. und auf die Frage. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. und sie. dem Wissen. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige. er hatte allein mit den Hinweisen. wie es ihm möglich gewesen sei. zwei Herren zugleich zu dienen. die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein. der Menschen ausnutzt. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. wenn der Wind sich gedreht hat. Kuron nahm das Urteil stoisch auf. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre.

zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen. Stock eines New Yorker Hotels. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen.und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. Paisley. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- . dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen. Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. Hieb. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung. Frank Olsen. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt. als er aussagte. werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. Von John S. dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets. Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen. und wenn es sie doch einmal gibt. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten. der ehemalige Stabschef der französischen OAS. Experte für biologische Kriegführung. oder an den Versuch der CIA. das offenbar nicht nur Likör enthielt. Stock des Arabella-Hochhauses. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. aus dem 14. An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. aus dem 10.

gezogen worden. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte. -314- . Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. auf den einzelnen einzugehen. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. die erklärt. sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen. wie wir konnten. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden. daß sie alle noch leben. Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen.oder James-BondManier mit ihnen »abzurechnen«. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken. Sie alle wuß ten. als wir merkten. kann ich nur sagen. als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. auf Wildwest. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten.

der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. auf die bei uns großer Wert gelegt wurde. Als Tiedge sich in die DDR absetzte. wurde Heribert Hellenbroich.In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. -315- . gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. zum Rücktritt gezwungen. Solche Erfahrungen blieben mir erspart. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten.

zum Beispiel über Karl Wienand. einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt.13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. In diesem Fall hätte -316- . Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes. Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt. daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren. Gelegentlich m einte er. wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können. der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. Schmidt befinde sich in einer politischen. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß. Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben.

Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen. Auch Mielke vermutete eine Intrige. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. so Wehner. Moskau bremste. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. Honecker wollte es.« Erich Honecker versuchte inzwischen. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow.Strauß Vizekanzler werden sollen. Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. Wiederholt warnte der SPDFraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert. Informationen. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere. Schmidt zögerte. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte. die er in unseren Informationen hätte -317- . Er mußte befürchten. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus. Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt. Honecker wiederum sah. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten. weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau.

Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an. -318- .nachlesen können. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. der Prioritäten setzte. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus. Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen. in denen die DDR weit hinten rangierte. wären sie ohne Illusionen. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte. kommen die Beziehungen zur DDR. Wieder verhärteten sich die Fronten. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann. Das trug vermutlich dazu bei. Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. Er ignorierte sie selbst noch. wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10. wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor. April 1977 zukommen ließ. daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte. weil äußerst kompliziert.« Leider behielt ich recht.

Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. -319- . wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte. Breschnew. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt. in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand. er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. Tschernjenko. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. Anlaß war der 30. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen. dachte ich nicht zu Ende. war bei dem Festakt nicht anwesend. Es hieß. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. die an der DDR vorbeiliefen. Jurij Andropow. die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. und sie blieb es unter Chrus chtschow. Jahrestag des MfS. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns.« Das war sein Denkfehler. Andropow. Der Vorsitzende des KGB. bis Gorbatschow sie der Nato überließ.Erich Honecker hegte die Illusion.

-320- . der uns begleitete. Er hatte nie den Eindruck gemacht. Er wirkte bleich und abgespannt. Das war eine schlechte Nachricht. Die Sowjetunion. ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes.Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. Krjutschkow. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows. Wladimir A. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft.

Andropow ließ durchblicken. und es klang eher resigniert. ob es Überlegungen gab. als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück. die alle die Aussage enthielten. Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im OstWest-Konflikt. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons. daß unsere -321- . daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. Schwäche zu zeigen. Reform und Entspannung stand. Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden. der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft.Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt.« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDRFührung. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. Auf meinen Einwand.« Der Mann. Andropow verstand sofort. das sowjetische AfghanistanAbenteuer zu beenden. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen.

daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen. nun selber zu fürchten begann. jede mögliche Variante auszuprobieren. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte. Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür. Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden. der Mann hat zwei Gesichter. meinte er: »Ja. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern. sondern weil er fähig ist. Das ist keine Erfindung. Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des NatoDoppelbeschlusses. Nicht. der nun die Entwicklung des Ost-WestKonflikts gefährlich unberechenbar machte. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß. Schmidt war es gewesen. darunter der Bundesrepublik. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung. zu stationieren. die er gerufen hatte.« -322- . weil er dunkle Absichten hat. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen.

Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. Unbeirrt folgte er seinem Kurs.Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück. Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen. Nachträglich mag die Kriegsfurcht. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«. in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben. wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. daß der Mann. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. wo er unter Herbert Wehner den -323- . Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln. ohne ihn wirklich zu wollen. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. übertrieben scheinen. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. Er meinte. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert. die Anfang der 80er Jahre herrschte.

bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben. die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin. Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts. Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. das Treffen abzusagen. ihn ausladen zu müssen. daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . ließen uns wissen. Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. Honecker und seine Umgebung versuchten. Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab.

Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst.U-Boote. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund.und Trident-Raketen investierte. Mir war immer klar gewesen. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. da ist alles drin. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert. Seit heute weiß ich. ja vielleicht schon brodelt. -325- . war Herbert Wehner. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang. aber er überschätzte seinen Einfluß. in Cruise Missiles und Atom. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. Wehner.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie. wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt. Auch Mielke glaubte noch. denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten. um da mitzuhalten.« Wehner sah eine Lage »wie 1914«. daß sie sich anbahnt. die Stationierung von sowjetischen SS-20Raketen zu verhindern. die er in MX. Der erste. Ob und wie er sich da rauswindet.

Er bekam den Tarnnamen Rjan. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt. Dieser Plan sollte es ermöglichen. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. zu deutsch RaketenKernwaffen-Angriff. Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato. Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben. den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren.Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte. Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. -326- . die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«.

Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. Nur so ist verständlich. um Platz für die Startrampen zu schaffen.« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. als Holztransporter getarnt. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. wichtige Informationen lieferte. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- . ermöglichten uns die Einschätzung. Du wirst sehen. daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an. anrollten. Die Analysen. Dennoch war es frustrierend zu erleben. Wir wußten zwar. habe ich nie erfahren. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten. wo die NatoRaketen stehen sollten. das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit. Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen. die verhandeln weiter. zu denen auch unsere Quelle in der Nato. Ob es Pläne gab. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. Rainer Rupp. die wir lieferten. daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage.Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft.

mit Miroslaw Milewski. Die eskalierenden Streiks. In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. dem Leiter des polnischen -328- . und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. dem 12. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne.eingeweiht. Mielke bezweifelte. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. dem Stellvertreter des Innenministers. die von unten ausging. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen. Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. Am 21. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war. In jenem Sommer von 1980. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor. in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. August 1980. Die Führung in Warschau war bestrebt.

Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. keinesfalls jedoch die nach freien. Beschwichtigungsversuchen. fast eine Witzfigur. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. Die Reise hätte ich mir also sparen können. Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden. Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden. Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen. Man hatte mir erklärt. unabhängigen Gewerkschaften.Nachrichtendienstes. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit. Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. erhielt ich aus Warschau die Nachricht. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. Es lohnt nicht.

Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste. und an Ministerpräsident Jaruzelski. eine direkte Intervention zu verhindern. Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. Regierungsstellen. -330- . Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. Zugleich hatten wir den Auftrag. auch in meinem Dienst. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten. in München wirkte Radio Free Europe. Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt. wurden innerhalb des MfS. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. Kania. uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen.

daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. den Mann seines Vertrauens. Die Nachricht in der Nacht vom 12. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. hieß es. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. das half. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. Es scheint mir undenkbar. überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war. Jaruzelski erklärte später. um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. vorerst Luft zu gewinnen. die polnische Führung werde nun alles tun. Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. In Moskau und OstBerlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. kaum fähig. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. Dezember. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen. daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde. auf den 13.

aber stetig in eine Konfrontation. Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte.zwischen Schmidt und Honecker. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt. der auf ihm laste. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck. die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne. Erich Honecker solle -332- . Mittag berichtete. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. beide Seiten müßten versuchen. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben. den Washington auf Bonn ausübte. traf er am 17. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. daß Schmidt befürchte. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken. Wie Mittag hinterher berichtete. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren. Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt.

wenn möglich sogar zu beeinflussen. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. in der Minderheit. daß er. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. alles zu tun. Helmut Schmidt. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. Dennoch waren die Gruppen und Personen. berechenbar sei. gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. Soweit mir bekannt. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. auf die wir einwirken konnten. sie zu unterstützen.wissen. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. Vor den Dreihunderttausend. Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein. sprach unter anderen -333- . »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«. die nach Bonn kamen. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme.

Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt.zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen. So verspielte sie die Gelegenheit. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West. Ich wandte mich dagegen. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei. die sie nicht unter Kontrolle bekam. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten. auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. doch auch er wäre nicht bereit gewesen. Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen. wodurch die Schwerter.und Staatsapparat hinein. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung.der Schriftsteller Heinrich Böll. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- .

Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden. Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert. Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen. Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen. Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus.waren. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister. Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- .

Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. Aus England kam General Michael Harbottle. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. weil sie fürchteten. Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. die zwischen den Blöcken tobte. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. Unsere Analysen zeigten. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr. Ich hoffte. daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. um Vorurteile abzubauen. Voraussetzung war. aus den USA Admiral John Marshall Lee. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. daß sie ein Studienfach hatten. aus -336- . der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen.Vorgänger. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. Denn wir wußten. das eine Perspektive als Quelle versprach.

zu Vorträgen und Diskussionen -337- . wie den jungen Aktivisten. Die neun Militärs gewannen. Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. vorwerfen. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt.Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. Niemand konnte ihnen. Petra Kelly. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Bastian. so paradox es klingen mag. wovon sie redeten. vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. sie wüßten nicht. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. Kopf und Motor.

ihre Analysen und Forderungen zu publizieren. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale.weitgehend selber finanzieren. Als sich herauskristallisierte. heranzukommen. und ganz Naive beließ er im Glauben. Ich bewilligte die Summe. die vorgaben. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. daß es seiner Abteilung gelungen sei. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern. die selbstverständlich nicht von der HVA. sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. Er meinte. sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. Das war unsere Chance. Sie hatten keine Mittel. daß die Aktion zu einem großen -338- . dem mußte schnell klar sein. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. Gerhard Kade. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. Ich schickte zwei Leute. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte. im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die USGeheimdienste. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. die mangelnden finanziellen Ressourcen. der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte.

daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. das sei ihr Verdienst. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung. bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR. Sie müssen sich gefragt haben. Offenbar gelang es Kade daraufhin. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. Ich weiß nicht. besser gesagt. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten. sehr konstruktiv sind. So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. den wir über Kade ausübten.Erfolg wurde. Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist. daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. denn das war tatsächlich der Fall. den KGB zu bewegen. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte. und ich -339- . und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. Dies bedeutete allerdings keineswegs. daß die Vorschläge. Feist erzählte Honecker. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder. antwortete Bastian: »Das denke ich. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. Ich glaube.

daß ihre Stimme gehört werden konnte. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken. Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. hat der Sache nicht geschadet. Ich habe keine Belege dafür. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen. -340- . ob ich es bereue.hoffe. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. Wenn man mich fragt. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. daß sie im Westen ein positives Echo finden. um sie möglicherweise zu manipulieren. Gerhard Kade starb 1995. Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war.

Umarme den Schlächter. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- . um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. den man klassisch als Desinformation bezeichnet. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'. wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. in den 50er Jahren eingerichtet hatten. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. eines der intelligentesten Veteranen des KGB. Sie hatte die Aufgabe.14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht.

Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an.Kriegführung« keine großen Illusionen machte. in Berlin war das der RIAS. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt. erfuhren. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte. der vor und während des 17. Damals hatte ich gelernt. deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte. als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. verdankten wir einem unserer Offiziere. Von den diversen Ballon. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. -342- .und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen. in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt. Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. um zu wirken. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte. war schon die Rede. die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen.

der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. Wenn heute selbsternannte -343- . einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. einen Mann. ohne sich etwas Böses dabei zu denken. habe ich hingegen nie gehegt. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen. wo es ihr gelang. wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. und es gelang ihm sogar. ja sogar ernsthaft destabilisieren. CIA-Agent zu sein. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte.Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten. doch wir hatten ihn nicht warnen können. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen. Wir hatten zwar erfahren. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. während er sich im Glauben wiegte. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen. Den naiven Glauben. angereichert mit selbstfabriziertem Material. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten. die der DDR feindlich gesonnen waren. daß seine Enttarnung bevorstand. als er verhaftet und angeklagt wurde.

daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit. nie das Wasser reichen konnten. dann kann ich dazu nur wiederholen. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren. was von dem Material. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. die sich meisterhaft darauf verstanden. und daß man mehr als blauäugig sein muß. die heute noch existieren. gründeten wir fiktive CDU. welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. Da wir natürlich nicht steuern konnten. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe. mußten wir bald aufgeben. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. das wir an Westjournalisten weitergaben. Die Mitte und SPD-Intern betitelt. die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken.und SPDPressedienste. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten. daß Politiker selbst wissen müssen. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden. um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- . Kontakte zu Journalisten zu finden. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. Unsere frühen Versuche. veröffentlicht wurde. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern.

sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer. So problematisch ich es noch heute finde. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. und es wurden Dinge in die Welt gesetzt.gewesen wäre. die dieser während seiner Entführung getan haben soll. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein. die das Maß dessen überschritten. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen. um van Nouhuys mundtot zu machen. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. einer der ersten war. der an Vertrauensbruc h grenzt. In seinem Blatt hetzte er -345- . einen solchen Schritt zu tun. der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik.

Politikern wie Franz Josef Strauß. so daß wir zu fürchten begonnen hatten. die Verträge könnten torpediert werden. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen. Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. mit dem -346- . den er am Ende nur deshalb gewann.unermüdlich gegen die Ostverträge. Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte. daß er kein Spion gewesen war. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß.

Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. Staatsapparat und auch im Geheimdienst. Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. Wir mußten daraus die Lehre ziehen. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. die Friedensbewegung zu unterstützen. versuchten wir. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen. auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. Wie ich bereits sagte. daß sie ihre Biographien -347- . Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. und das auf allen Ebenen in Parteien. Justiz. Armee. der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte. morgen vergessen. eines jüdische n Kommunisten. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert.

ist das immer wieder bemerkbare Bemühen. Es ist eine Sache. denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. Jeder. daß es nur lachhaft sein kann. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu StasiHandlangern abzustempeln. Nicht weniger peinlich als der Versuch. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. die sie konsultieren wollten. Meinem Dienst gelang es. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. Es gelang uns sogar. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre. meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. und eine andere. ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. die -348- . der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist. wird mir darin zustimmen.geschönt hatten. 1972. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern. Hubert Schrubbers.

Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung. wie sie uns damals vorschwebte. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr. daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NSGreueltaten und solchen Unrechts. Dazu muß ich sagen. wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. daß sie sich -349- . daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. wie es in der DDR geschah. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. war der Antifaschismus doch in der Kunst. völlig außer acht. Selbst in den letzten Jahren der DDR.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. Ihre Tragik war. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. es sei möglich.

-350- . Recht hatte Mielke insofern. Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei. Aber ich kannte nicht nur von Berg. dem Leiter des Presseamtes. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. diese Lage zuzuspitzen. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an. unterhielt. Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand. es sei erwiesen. einem Vertrauten Beaters. in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. Mit ernster Miene eröffnete er mir. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. wurde ich zu Mielke bestellt. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. Kaum war das »Manifest« erschienen. darunter des Spiegel. Auf meine Frage. daß Hermann von Berg. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros.dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater.

die ihm zuteil geworden war. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern. den Ausreiseantrag zu stellen. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. Obwohl alles streng geheim ablief. Das brachte Mielke auf die Idee. Einiges davon war durchgesickert. sickerte doch das eine und andere durch. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren. der Hauptabteilung Untersuchung. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde. Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. daß es Aufgabe meines Dienstes sei. die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff. an die große Glocke hängte. wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte. Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . obwohl es uns gelang. Daran hielt er sich auch dann noch.

daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA.standgehalten hatten. Erst viel später erfuhr ich. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten. das seine Abwehr – wohlgemerkt. Daß Gutachter und -352- . kamen findige Vernehmer auf die Idee. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. Besonders wichtig war es herauszufinden. Ihre Lage war mißlich. So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. Im südlichen Grenzbezirk der DDR. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. in Suhl. die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften. und wenn ja. in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden. Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen. mit welcher Aufgabenstellung.

daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. deutlich zu machen. und er hatte aus ihm herausbekommen. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. bewies. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt. daß er noch der alte war. ihm Gehör zu leihen. aber nicht den Mut gefunden. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz.Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. der Sache Einhalt zu gebieten. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. Mielke dazu zu bewegen. mit dem er schloß. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende. war er in der Lage. wie die ASA zustande gekommen waren. daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte.

stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde. Mit Erich Mielke 1983 -354- .

-355- . wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf. die neu war. wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre. von einer Unsicherheit. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern.Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen.

-356- . die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand. die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. Was sollte das Besondere an Sansibar sein. Da Mielke fand. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher. Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes. die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. und auserwählt wurde General Rolf Markert. der außenpolitische Erfahrung besaß. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. Aber ausgerechnet diese neue Republik. Wie dem auch sei.15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen.

und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. während ich in der Touristenklasse saß. Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. Als wir uns gegenseitig betrachteten. meinen falschen Bart wieder so anzukleben. daß ein DDRDiplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. Wir wußten. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen. zu verpflichten. in der Ersten Klasse. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann. In Kairo. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen. Aber Mielke beschränkte sich darauf. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. um nicht aufzufallen. brachen wir in schallendes Gelächter aus. -357- . Dann erhielten wir DDR. dem Leiter unserer Delegation.Damals war es eine waghalsige Idee. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten.

Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht. Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land. und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen. Nachdem wir den Äquator überquert hatten. In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen. -358- . der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga.Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen. Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden.

daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten.Besuch sogar seine Frau mitbrachte. die völlig andersgeartete Denk. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes. daß er bei einem Berlin. wie er hieß. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. Das nahm er so wörtlich. Erst durch unseren Koch erfuhr ich. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. herrliche Strande.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. Sansibar erfüllte alle Klischees. Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen. die DDR hatte Sansibar geholfen.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. Später. Besonders mühsam war es. Es gab keine bettelnden Kinder. Anfangs kostete es viel Geduld. und man erwartete viel von uns. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren. bei meinem letzten Besuch. und unser Koch erzählte mir auch. Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen. einmalige Sonnenuntergänge. anfangs nicht leicht. die wir gewohnt waren. mit Ibrahim Makungu. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern. Es fiel uns. die man von Afrika kennt üppige Natur. ließen sie -359- . ins Gespräch zu kommen.

In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten. um Sansibar unter die Arme greifen zu können. Diese Widersprüche erklären auch. nachdem meine -360- . der Präsident Tanganyikas. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte. unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. Anschluß an ein Land zu suchen. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. andere waren strenggläubige Moslems. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. dem englischen TradeUnionismus zuneigte.sich die Unzufriedenheit anmerken. denn Julius Nyerere. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus. Es war schwierig. sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. das wirtschaftlich interessant genug war. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei.

durch das. Wir waren überzeugt. was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte. Kurz vor Mitternacht des 24. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. den anderen einfach davonzufahren. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. April überbrachte man uns die Nachricht. Berlin drängte auf meine Rückkehr. doch die meisten unserer Leute. Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß. um mich mitnehmen zu können. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten. zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. was wir leisteten. wie es unseren -361- .Partner mir kategorisch versichert hatten. Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren. an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig.

Unser Einfluß blieb stets minimal. Kultur und Bildung zu ignorieren. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren. denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab.eigenen Strukturen entsprach. So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. verglichen mit dem des Regimes. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen. sehr wohl aber an der Notwendigkeit. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. Kongo (das spätere Zaire). Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. -362- . so im Sudan. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. sondern darin. in Äthiopien und Mosambik. daß sie gar so sehr ausuferten. beide Jemen. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. So war es in Sansibar. im Südjemen. all jenen Ländern. der Sudan. Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. Wir mußten uns wohl oder übel beugen.

Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte. bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . Bis auf ihn. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen. daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers. die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. Uns wiederum gelang es nicht. von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der NatoLänder in Nahost in Erfahrung zu bringen. Als wir Nasser erklärten. in dem am 25. Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor. daß man sich in Ägypten einredete. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen. war die Enttäuschung groß.

So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen. und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum.Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. Sozialismus bestehe darin. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden. daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten. das Sachwalter Großbritanniens gewesen war. Einer von ihnen erklärte mir. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. vor allem solche. die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. Um so erstaunlicher fand ich es. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit.

Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- . sehr schwarz. und sie wirkten britisch bis zur Karikatur. Auch seine Augen lächelten. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient. Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. mit der rechten lud er mich ein. Platz zu nehmen. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus. dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates. wuchtig. eine Rede hielt. daß er im Wagen ankam. heraussprang. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert. und dann davonbrauste. Ich erinnere mich gut daran. durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. die gellende Pfiffe der Zuhörer. wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen.

Von einer Waffe ist nichts zu sehen. wenn er im Lande gewesen wäre. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. der sich zu jener Zeit in London aufhielt. Er vertraute mir seine Befürchtungen an. ob er sich am Putsch beteiligt hätte. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke. soll er mit »Ja« geantwortet haben. der mir nahestand. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel. daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. »Diese Probleme müssen wir selbst lösen. Hamadallah gelingt es. daß die Waffen niedergelegt werden. sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. in der das Urteil beraten wird. Er war ein Politiker. die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. Auf die Frage Numeiris. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. die seinem Land gesetzt waren. sagte er düster. nach Kairo zurück. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. da könnt ihr uns nicht helfen«. In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären AnsarSekte verschanzt und feuern nach draußen. durch Überredung zu erwirken. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich.

Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit. die er daraus zog. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. Noch heute. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. woran er geglaubt hatte. nur die Mitteilung des Kommentars. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. so viele Jahre nach seinem Tod. -367- . der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war. den wir gefangennehmen helfen konnten. wofür Hamadallah gelebt. Die Lehre.Bewachern. In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. überlebte ihn selbst nicht lange. Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. In der ölreichsten Ostregion Nigerias. einen Menschen. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg. Er war 1933 in München geboren. Das. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. daß er die verdeckte Kriegführung lernte. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. glaube ich. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. war. Dreihundert Fallschirmabsprünge. Seine Stimme ist nicht zu hören.

D. Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige LufthansaBüro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. der ihn an einen Mr. wo man ihn genauer instruieren würde. an. Norman von der CIA. das sich Welt-InformationsKorrespondenz nannte. verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte. Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen.Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. um zu sondieren. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete. Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen). Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken. von Mellenthin. Preston weitervermittelte. so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . ein ehemaliger Missionar. ob Steiner sich dafür eigne. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr. Die CIA hoffte. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«.

daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. erreichte. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte. ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht.Landes bestanden. der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. Alles in allem wurde er so gesprächig. ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten. daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. Daß es uns gelang. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. der Organisation Afrikanischer Staaten. Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. das Todesurteil zu verhindern. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. Es stand außer Zweifel. Hans-Jürgen Wischnewski. Landsleute vor sich zu haben. das dem Druck der OAU. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen. Da die USA sich weltweit vom -369- . Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle.

Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. noch irgendwelche Medien. im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen. die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. Ausgesprochen mühevoll war es. Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. Das -370- . Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten. die in den USA oder der BRD existierte. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger. ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen.Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor.

hinter dem Saudi-Arabien stand. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. die Konflikte zu reduzieren. Es war also nicht überraschend. richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. der UdSSR und der DDR suchte. In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen. während die USA von Kinshasa. war man in Aden wohl der Meinung. die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. Die Frage. brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre. daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. der Hauptstadt Zaires. UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- .

von denen man sich -372- . sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete.ausgemusterter NVA-Waffen. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte. Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane. Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen. Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. Mitglied des Politbüros der SED. die sich strikt weigerte. Lamberz. ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam. Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. waren 1973 nach Libyen geflogen. Eritreas Autonomie zu respektieren. es war eine politische Entscheidung. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. und Markowski. die wirklich akzeptiert wurden.

aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden. wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden. als die KGB-Führung 1979 versuchte. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. die Hilfe. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. die sie anderswo nicht kaufen konnten. der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft. Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen. und wie in solchen Fällen üblich. Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. darauf zu beschränken. wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. -373- . dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen. uns dazu zu bringen. Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. die wir leisteten. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht.

Honecker stimmte zu. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. der Führer der südafrikanischen KP. daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten. doch damals. und sie infiltriert. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. ohne das eigene Wissen zu verraten.Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet. So. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. er befürchtete. an das Zentralkomitee der SED die Bitte. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten. Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- . ohne daß man sie entdeckte. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt. besonders zu Jassir Arafats PLO. Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen. wie die Beziehungen zu den Sicherheits. die Gegenseite desinformiert. Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo. galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt. staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen. seinen linken Flügel zu stärken. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten. und von da an bildeten wir zwei. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid.

ausgeschlossen worden. Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen. Bei allen weiteren -375- . dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. Das war zu jener Zeit. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik. daß fünf Geiselnehmer. Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. Wenige Monate zuvor. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden. im August 1972. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können.

über ihre strategischen Pläne. Da den Palästinensern sehr bald klar wurde. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen. und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich. Wir wiederum waren bemüht. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen. Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLOSicherheit wurde bald sichtbar. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. daß sie Verbindungen bis in höchste USRegierungskreise. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. so über die Vorbereitung und den -376- . daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte. und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch. jede Seite suchte ihren Vorteil.

Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem. Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. manche weigerten sich. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. schilderten sie mir. BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA. hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing. weil sie -377- .

beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen. Abu Daud.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. die im übrigen nicht mir unterstand. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. Führungsmitglied der Fatah. Carlos. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. Diese Kontakte bestanden meist darin. daß sie Kontakte zur ETA. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte.die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. zur IRA. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- . der Antiterrorabteilung. Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute. Ein Dokument vom 8. mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS. mehrmals in Ost-Berlin auf.

Libysche Täter wurden verdächtigt. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter.worden war. Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. Das Papier vom 8. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten. Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. -379- . das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr. ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus. bestand darin. die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren. Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten. daß libysche Diplomaten. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden.

dem ANC oder der SWAPO betrachte. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. Jassir Chraidi. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat. Che Guevara. hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. einer der Haupttäter. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. dann ist mein Eindruck zwiespältig. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. was vom Nahen Osten ausgeht. nur Gaddafi blieb unverletzt. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. und es für ihre Pflicht hielten. Peres und -380- . Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO.und West-Berlin hin und her reisen können. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen.Interessant ist die Frage. daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. Gewiß war manches Opfer zu schwer. wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. Patrice Lumumba. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. weil sie davon überzeugt waren. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken. sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke.

mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde. der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde.Rabin vor dem Weißen Haus. und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela. -381- .

um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten. Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke. und das Ziel meiner Reise war Kuba. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet.16. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. Dennoch wollte es der Zufall. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop-382- . der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. Es war im Januar 1965. Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen. doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. Für Kuba. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. Also ging es nach Moskau. dem Leiter der Auslandsaufklärung. In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt.

doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F.-Kennedy-Flughafens auf. zwei Chinesen. Wir tauchten steil nach unten. Weiter geschah zunächst nichts.Maschine vom Typ AN-124. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen. Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. vermutlich KGB-Mitarbeiterin. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. kam die kanadische Küste in Sicht. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. Die einzigen Ausländer außer uns. das um sie herum gestapelt war. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. als unser Flugzeug an Höhe verlor. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. Ich rasierte mich gerade. saßen direkt vor uns. um Gewicht zu sparen. manche auch mit Kindern. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet. brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck. Weitere Stunden vergingen. Eine Stewardeß. Als die Triebwerke verstummten. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. die Sitzreihen waren abmontiert. offenbar diplomatische Kuriere. als ich bemerkte. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer. -383- . War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. kümmerte sich vorrangig um uns.

Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. der im Gang neben uns stand. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren. Mit Gesten forderten sie uns auf. Wild gestikulierend. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen. sie durchzulassen. Wir besaßen Diplomatenpässe. Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. wenn er erfuhr. die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. unter die Matratze eines Kinderwagens. doch die nützten uns wenig. Sicher w ürde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. da die DDR von den USA nicht anerkannt war. und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken.Stunden ungewissen Wartens vergingen. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. Ich ging im -384- . Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins. Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. Wie ich später erfuhr. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück.

sollte es gelingen. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. Die Heizung war abgeschaltet. und erklärte. Eingeschleust hatten wir noch niemanden. Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. Er behauptete.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. blies der Pilot Winterluft in die Kabine. daß Moskau mit Washington verhandle. übergewechselt war. er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. unser Flugzeug auftanken zu lassen. die mir zur Last gelegt werden konnten. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. als -385- . Um zu lüften. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. mich hier zu identifizieren. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. Stunden waren vergangen. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren.

und jetzt ging es darum. Wir wurden in einer Villa einquartiert. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. Es sah aus. die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher. Washington habe den Weiterflug genehmigt. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. Am frühen Abend startete unsere AN-124. Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen.die Stewardeß mir zuflüsterte. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. Als die Tür für einen Augenblick offenstand. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. allerdings unter der Bedingung. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. Es war schon dunkel. Wieder durften wir nicht aussteigen. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. Nun. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. Die anderen mußten weiter warten. der uns schon durch seinen -386- .

machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. sagte er ganz ernsthaft.korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. den -387- . daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. Die betörende Luft. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der USMarine erkennen konnte. bestaunt von den Kubanern. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. Wir waren nicht als Touristen gekommen. stellte sich als Umberto vor und erklärte. denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren.

Bomber einzusetzen. bestand in der Illusion. die Exilkubaner. Der große Irrtum der CIA. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- . die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. ohne weiteres auf Kuba übertragen. Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. so irrwitzig waren die Einzelheiten. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben. sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. daß die Kubaner aus den früheren CIAAktionen ihre Lehren gezogen hatten. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde. die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen.wir nun besichtigten. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26Bombers. die Castro beseitigen sollten. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. erfuhr ich erst später. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte. Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken. fiel es der Öffentlichkeit schwer.

als ob sie nicht existierten. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos. Miniatursender und dergleichen mehr. der damalige Innenminister. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. seinen Dienst technisch zu unterstützen. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. die man mir in Moskau genannt hatte. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. Er interessierte sich für unsere Erfahrungen. und groß war seine Enttäuschung. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. und Manuel Pineiro. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. den Bärtigen. der Chef des Aufklärungsdienstes. Ramiro Valdez. -389- . vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. vor allem aber für unsere Möglichkeiten. Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen.Mordplan. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. Fidel Castros Bruder Raul. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. Erst in späteren Jahren änderte sich das. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben.

Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . war mit einer Amerikanerin verheiratet. merkte ich schnell. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war. Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. Ich erinnerte mich.Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art. Comandante Pineiro. sich zu befreien. um die Kubakrise zu beenden. Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen. was er wissen wollte. Jahre später erfuhr ich von ihm. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an. dennoch verständigten wir uns glänzend. was in Kuba gelungen war. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. als sie ihre Raketenbasen abbauten. das man in Havanna gezeichnet hatte. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. Nie war er um einen Scherz verlegen. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen. Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. ihn tief enttäuscht. das wir mit Dritten gewechselt hatten. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. sprach aber nicht besser Englisch als ich. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets. und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. kolportiert hatte. das Bild zu vervollständigen. Da wurde mir erstmals bewußt.

Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. um ihre Comandantes hochleben zu lassen. Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt. einen Film über Tamara Bunke zu machen. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war. sondern am auffälligsten dadurch. beeindruckte mich außerordentlich. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . daß er verabredete Termine einhielt. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand. eine junge Frau aus der DDR. weil es kaum Benzin gab. Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. doch alle waren voller Begeisterung gekommen. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. Anders als seine emotionaleren Kollegen.zu haben. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener. daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. gebildeter und staatsmännischer. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. Im mexikanischen Asyl h atte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir.

bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten. Tomás Borge machte da keine Ausnahme. alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert. wenn nicht gar Dichter. Charakteristisch für die Sandinisten war auch. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. das eigene Leben einzusetzen. Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. sozialistischem.Mischung aus sozialdemokratischem. Jedermann wußte. wurden Tag und Nacht überwacht. die sich für eine Landung eigneten. christlichem. Mit Tomás Borge (1. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. Die Stellen an der Pazifikküste.

Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. wie es mit Kuba möglich gewesen war. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch. aber sie konnten es nicht international isolieren. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt. und man sah ihr an. Händlern. ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. als moskauhörig abgestempelt zu werden. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . Unser bescheidener Beitrag bestand darin. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen.kommen würde. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. politisch und militärisch unter Druck setzen. Mehr als die Contras. Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig. die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden.

der größten Tageszeitung Chiles. Die Wirtschaftsblockade. hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. Er hatte recht. Die finanzielle USHilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- . die die USA mit Erfolg durchführten. Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an. praktizierte Methode. Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. um zu erkennen.sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete. wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte. doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. ob mir nicht aufgefallen sei.

der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte. sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde. Allendes tragischer Irrtum war es. in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR. wie durchlässig die Kontrollen -395- . um Salvador Allende zu stürzen. General René Schneider. denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. sah die CIA sich genötigt. ehemaliger CIA-Direktor. der im Aufsichtsrat von ITT saß. die Fäden. daß die chilenische Armee. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. waren ihr offiziell die Hände gebunden. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. und im Hintergrund zog John McCone. mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT. Wie mir Castro erzählte. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär. Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte. die erkundeten. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán.und Versorgungsprobleme gesetzt. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano.Wirtschafts. der Regierungskoalition. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt. zu lange darauf zu vertrauen. den Führer der chilenischen KP. Da der Oberkommandierende.

der in der Sowjetunion inhaftiert war.auf chilenischen Flughäfen. Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. Unsere Aktion konnte nicht alle retten. die wir nach Chile einschleusten. Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte. und installierten Verstecke in Fahrzeugen. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein. Handelsschiffe umzudirigieren. Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. Wir überlegten Möglichkeiten. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil. reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- . bis wir sie in Sicherheit hatten. und die Kubaner sekundierten mir. Luis Corvalán. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. In manchen Fällen dauerte es Wochen.

Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . für die wir nach 1945 eingetreten waren. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen. Damals ahnte ich nicht. Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. Der Sozialismus hatte nicht gehalten. sich an die Sowjetunion anzuschließen. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen.Prinzipien. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen. der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten. sondern sie praktisch gezwungen. ihm Dauerasyl zu gewähren. doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. als schlügen sie einen eigenen Weg ein. Ich glaubte. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. was man dem Volk versprochen hatte. daß sich gerade durch Gorbatschow. wie später Nicaragua. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. starb im Exil in Chile. während ich für Castro mehr Verständnis hatte. und Erich Honecker.

Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt. sogar die Sozialdemokratie. aber kein durch und durch kommunistischer Staat. ohne eine Alternative anzubieten. ein Greuel. -398- . Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus.« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. daß es dort zu Ende geht. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. aber nicht eindimensional. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert. die in den USA lebten. dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. Hinzu kamen Freunde. Aber wenn ich heute erlebe. Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins. jedenfalls keine andere als Batista. Günter Grass hat dazu etwas gesagt. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten. dann bin ich für Kuba. und nicht zuletzt Amerikaner.Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –. wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten.

Die ideologische Barriere. darunter Hemingway. Beide waren in Deutschland geboren. verdanke ich zwei Männern. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. was ich über die USA erfuhr. über das politische Denken. und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. die New York Herald Tribune. Dreiser und Steinbeck. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. Alles. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. beide waren Juden. die Hoffnungen und Ängste dort. so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise. Time und Newsweek gelesen. Viel von meinem Wissen über die USA. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht.Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- . was ich in Büchern gelesen hatte. die ich zwischen uns errichtete.

mußten vor dem NS-Terror fliehen. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. dem Vorläufer der CIA. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . und beide wurden vom OSS. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. fanden wir über einen Studienfreund. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen. sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen. In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. der Wirtschaft. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng. was seine paradoxe Umkehr darin fand. angeworben. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach. wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. dem Ökonomen. Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. Den Kontakt zu »Maler«. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer. Beide fanden in den USA Asyl.und Brandsätze zu zerstören versuchte. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert. von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. der andere als Jurist –.

-401- . aber auch der KGB. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. enthielt.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. Als wir vorschlugen. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. für meinen Dienst zu arbeiten. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. aber nie ängstlich. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten. und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. was uns verband. »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt.und RoechlingProzesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. des Krupp. dem er beigewohnt hatte. Obwohl er Atheist war. Er war umsichtig. Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe. Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. lehnte er das entschieden ab. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas. der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene.

Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. durchaus brauchen. uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- . Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. war jede Reise. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. war langwierig und umständlich. Kurzum.Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. daß er für uns spionierte. Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. Gegenstand ausführlicher Beratungen. Doch unsere bevorzugte Methode. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. von großem Wert. wo sie eine Weile lebten. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. Da galt es. Agenten einzuschleusen. in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. Lateinamerika oder Australien auswandern. Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. verging nochmals beträchtliche Zeit. die er unternahm. das wir zahlten.

zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. sondern auch berichtete. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung. daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte. diesen -403- . Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. viele unserer Agenten aufzuspüren. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. Es hatte Jahre gedauert. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung. Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. Alles andere als erfreulich war auch. Deckname Brest. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm.versorgen. die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten. während er sich darauf vorbereitete. und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. Daß es dazu nicht mehr kam.

Wir hatten nie bezweifelt.Sender zu bauen. in den USA nicht. Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. Die Praxis bestätigte. die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. Unsere Bemühungen. und der Mann wurde von unseren -404- . die ich übersehen kann. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt. Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDRBotschaft vorstellig wurden. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. die Verluste zu ersetzen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen. der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. und alleinstehende Herren. der geheime Informationen über AtomU-Boote verkaufen wollte. Abgeordneten oder Managern getan hatten. blieben in den Anfängen stecken. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten. Es kam vor.

daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. auf der er prompt festgenommen wurde. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. hieß es plötzlich. Nach einem halben Jahr erfuhren wir. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. Das FBI triumphierte. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. der sich als Doppelagent entpuppte. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte. Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben. und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon. Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen.Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt. einen jungen polnischen Aufklärer. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne. in die USA zu reisen.

Was die Kontakte besonders förderte. der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. Im nachhinein muß ich gestehen. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer. machte es uns relativ leicht. der Protest gegen den Vietnamkrieg. aus dem Agententhriller gemacht werden. Die Atmosphäre der 68erBewegung. erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. wenn man das Geld sprechen ließ. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben. Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am USMilitärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte. So unergiebig unsere Situation in den USA war. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte. Wir wußten zwar.

weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb. daß es den Technikern gelungen war. den riesigen. die das Zentralkomitee erhielt. und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht. daß jedermann im USNachrichtengewerbe angehalten war. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen. daß mein Dienst dies -407- . der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter. Zu den wichtigsten Unterlagen. gehörte das. So hatten wir herausbekommen. die Hall alias »Blitz« uns lieferte. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. die sie aus ihnen herausfilterten. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging. weil sie klug genug waren zu argwöhnen. Später erfuhr ich. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. Günter Mittag. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. die Codes zu knacken. der Wirtschaftsminister.und Telefonbotschaften ab. mit denen die täglichen innen. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte. daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio. das in den Äther drang. ohne es zu ahnen. die Existenz der NSA zu leugnen.

der auflistete. daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte. etwas zu bremsen. damit er sich nicht verdächtig machte. Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. waren alles andere als billig. Beide. daß wir sie an den KGB weitergaben. Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-PaktStaaten auszuschalten. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing. aber die Informationen waren es wert. unbrauchbar gemacht werden konnten. Dieser Plan führte detailliert aus. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren. Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. Seit es »Blitz« gab. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. Hall und sein Mittelsmann. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen.sehr bald in Erfahrung bringen würde. daß wir ihm rieten. -408- . geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. und deshalb schlug ich vor. mußten wir uns nicht mehr abmühen. Bevor wir das taten. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren.

Carneys Material bewies uns anschaulich. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. daß die Unterlagen. verhaftet. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. Wenn -409- . beschrieb. Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. Wir konnten nicht daran zweifeln. wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. um sie glauben zu können.Offenbar versuchte er. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. Ein Dokument. meinem Dienst dazu verholfen hatten. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte. der sich als KGB-Agent ausgab. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war. ein Sergeant der Air Force. und von da an waren seine Tage gezählt. mit dem KGB in Verbindung zu treten. Die amerikanische Abwehr schätzte. die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten. das Carney uns besorgt hatte. wie es den Amerikanern gelungen war. die er uns beschafft hatte.

die für Notfälle reserviert war. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. beim geringsten Anlaß alles zu gestehen. setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIAAktivitäten in der Bundesrepublik. änderte nichts an unserer Befürchtung. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. und besorgten Carney kubanische Papiere. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus. wie ich vermuten darf. Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei. Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt.ihnen das gelungen wäre. Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. Wir griffen auf eine Methode zurück. wurden ihm Papiere angeboten. mit denen er nach Havanna flog. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. Es las sich wie Sciencefiction. Damit er sich nicht langweilte. als man meinen könnte. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. daß die CIA DDR-Bürger in der -410- . mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. die wir 1973 durchführten. stellten wir fest.

Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. daß Fuchs als anerkannter -411- . ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde. den berühmten Physiker. Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. die in Potsdam konferierten. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt. Es handelt sich um Klaus Fuchs. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIAAnwerber. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren. »Thielemann« operierte von Bonn aus. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. daß alle vermeintlichen CIASpione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren. den Mann. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert. den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. Juli 1945. als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. der beauftragt war. der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat. Seit langem beschäftigte es mich. daß Stalin keine Überraschung zeigte.

die aufmerksamen. Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- . Wenige Jahre bevor er starb. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen.Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte. sich aber rundheraus weigerte. Die hohe Stirn. den er vom ersten Moment an machte. als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. sich mit mir zu unterhalten. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers. Diese Augen wurden lebendig.

Er war Forscher mit Leib und Seele. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. Kim Philby und viele andere waren. kaum E rfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte. auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren. Harro Schulze-Boysen. aus dem Männer wie Richard Sorge. In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen. -413- . nicht Spione.Physik. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. sondern Kundschafter genannt. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. Fuchs war für mich ein Kundschafter. weil sie darin eine Möglichkeit sahen.

Ich war der Ansicht. die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht. daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte.Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. seinem verehrten Lehrer. daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war. den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte. die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. 1941 fand er durch seinen Freund. Die -414- . Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. warum der Westen nicht bereit war. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. die Atombombe mit Moskau zu teilen. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. »Ich konnte nur nicht verstehen. erkannte Fuchs. »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. sagte Fuchs zu mir.

daß eine Seite in der Lage sein sollte. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. fand ich einfach entsetzlich. von allen Kontaktpersonen die sympathischste. sondern jahrzehntelang so getan. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. wie Fuchs seine Informationen weitergab. daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. Er erinnerte sich.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt.Vorstellung. der Vater der sowjetischen Bombe. Ich hatte nie das Gefühl. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. das nicht zu tun. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. Ruth Werner. Das wäre so gewesen. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. daß Igor Kurtschatow. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. Fast unglaublich war die einfache Art. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein. Solange er in England arbeitete. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte. daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das USKernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können.

Einen Freund anzulügen. Juli 1953. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan NunnMay im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- . das brachte Fuchs nicht über sich.Hand. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. Ruth Werner erzählte mir später. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. mit dem er privat befreundet war. Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. Die fatale Kette von Verhaftungen. Wenn nicht. eine Antwort zu geben. Ich nehme an. und sein Zögern und die Unfähigkeit. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. sie zu begnadigen. bis er 1950 verhaftet wurde. Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold. ihn unter vier Augen fragte. verrieten ihn. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden. hinter denen das Odium des Verrats stand.

Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. -417- . Als sie es besser wußten. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. Klaus Fuchs. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen. daß sie ihn anfangs verdächtigten. Ich wünsche mir. meine Freunde und Bekannten zu besuchen. war es ihnen einfach zu peinlich. das ich nur aus Erzählungen. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen.der britischen Sicherheitsbeamten war. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. die gemerkt hatten. kann ich mir nur damit erklären. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden. die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. und ich hoffe. Filmen und Büchern kenne. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land.

was in seiner Macht stand. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. Ich mußte sie artikulieren. den Dienst zu quittieren. Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung. um dies zu verhindern. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. Meine Zukunftspläne waren anderer Art. daß man mit dem Gedanken spielte. Beruflich hatte ich alles erreicht. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. auch wenn Mielke es glaubte und tat. Vielen DDR-Bürgern. was mir vorschwebte.17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. stärker in mir. aber das war es nicht. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann. die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. indem ich schreibend darüber nachdachte. weil es eben das gerade nicht war. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. um so mehr hatte ich den Eindruck. was ich mir wünschen konnte. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. Wirtschaft. Ich wußte.

Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte. die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten. Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit. Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. Mit Konrad Wolf 1981 -419- . anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören.

Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. das ihm sehr am Herzen lag. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen. Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems. Von da an war mir. die Beschreibung der unterschiedlichen Wege.Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. Bei diesen Gesprächen über das TroikaProjekt ahnten wir nicht. einem Projekt. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. als hätte mir mein Bruder sein TroikaProjekt als Vermächtnis hinterlassen. Nein. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten. die die Freunde im Leben einschlugen. Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt. Es war die Geschichte unserer Kinder. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt.und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . den Film noch zu drehen. bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten.

nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. ich sechzig. Er war fünfundsiebzig geworden. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. Mielke war bereit. Bei solchen Worten -421- . Diese Indolenz. die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. mich in die Pensionierung zu entlassen. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. sei der UdSSR unverständlich. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte. Andropows Nachfolger. wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen. doch hier konnte er mir nicht entwischen. Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen. Das war mehr als deutlich. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen. sagte er. Konstantin Tschernjenko. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon. und er betonte. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister.

Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-WestStudie der Nato übermittelt. die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. Tschernjenko ließ durchblicken. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen. mit den spezifischen Mitteln der HVA. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. als wir selbst es hätten darstellen können. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan. blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDRFührung hin. Wegen verschiedener Pannen. Gab es wirklich eine Chance. unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit. mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . Frostig nahm man Abschied voneinander. Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher.

Ich baute auf Mielkes Neigung. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. um es vorzulegen. Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. Dennoch mußte ich es zumindest versuchen. mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. kam. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. als sei nichts geschehen. die nur an höchster Stelle zugänglich waren. und deshalb hatte er mich kommen lassen. waren noch mehr geworden. Der geeignete Zeitpunkt. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRDBesuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern. auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau. seiner Kommadozentrale. Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. Ich konnte sicher sein. Die Sowjetunion erfuhr davon.Informationen und Dokumenten. um das Dossier zu überreichen. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon.

Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko. dann hatte ich mich getäuscht. Mielke erklärte mir nun. Als das Telefon klingelte. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB. Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. Darauf erwiderte Tschebrikow. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. gab Mielke mir den Hörer.einem offenen Schlagabtausch entgegen. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. den KGB-Vorsitzenden. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. bevor er ihn antrat. Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. Am 17. daß er es für das beste gehalten habe. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . Zumindest nahm er die Studie entgegen. doch wenn ich angenommen hatte. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle. als er Andropows Stellvertreter gewesen war. sie würden einen Kompromiß finden. Honecker das Zugeständnis abzuringen. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. Honeckers Jagdgefilde. versuchte ich. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte. Viktor Tschebrikow. Mich habe er hergebeten.

daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. wie er es anstellen sollte. Jetzt galt es nur. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung. Er zog Mielke zu Rat. daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. Willi Stoph sagte später. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich. Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- . Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. der ihm entschieden abriet. Er wird nicht schlecht gestaunt haben.freundliche Weise. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. alles so zu arrangieren. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. Sein Fazit war. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. wußte aber nicht. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt. Er beklagte. und beschwerte sich über die Sowjetunion. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen.

Die sentimentale Enttäuschung. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. blieb er immer treu. Keinen Augenblick dachte er daran. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen. Da er -426- . als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDIProgramms seine Entschlossenheit zeigte. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. daß das Sozialprogramm. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft. den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. daß er. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt.Honeckers zu kennzeichnen. Es wäre ungerecht. war eine Sache. die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. Kurz nach dem 35. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt. wie er ihn sich vorstellte. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl. nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. Sein unlösbares Dilemma war. Die Einigkeit und Geschlossenheit. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. der Dachdecker aus Wibbelskirchen. Jahrestag der DDR demonstrierten. Dem Sozialismus.

Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. daß man zumindest den Versuch macht. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen. verbanden mich Jahre. die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzigbis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit. nicht aber. mit denen mich so viel verband. Wir begriffen nicht. strenges Vorgehen angekündigt. das System zu ändern. war gut bestellt. Mehr denn je war mir klar. Es bedeutet nur. daß ich genug hatte. daß man die Lage erkennt. Was würden sie. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . Der Acker. sie zu ändern. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. wenn da nicht die Menschen gewesen wären. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. Aber mit vielen der Menschen. den ich hinterlassen würde. kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge.seine Meinung ehrlich vertrat. in das wir eingebunden waren. die für meinen Dienst arbeiteten. Kaum war gegen Flüchtlinge. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. der uns dazu bringen sollte. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen.

Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre. immer wieder hinaus. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt. Altersgründe anzugeben. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte. Um diese Situation zu beenden. muß dieser Schritt bald getan werden. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus.Lebensaufgabe. damit ich ausscheiden konnte. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . Sein TroikaProjekt war mir zum Vermächtnis geworden. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. das bereits beantragt war.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. drängte ich auf eine klare Entscheidung. Parteitag der SED getroffen werden mußte. die zu tun waren. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten. Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich. Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen. ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. Er trug nun die Last der Arbeit. Er glaubte offenbar. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle.

waren Vorboten einer Lawine. Der PerestroikaKurs. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. auf jeden einzelnen an. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. Die Flüchtlinge. durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. Parteitag der SED im April 1986. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin. weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. so meinten sie. In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. den er schnell einschlug. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. mit dem man vernünftig reden könne. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. also Offenheit. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. daß Glasnost. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. Ich war mir sicher. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn. an mein Gewissen zu appellieren. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. die in Bewegung geraten war.

die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten. Es war also kaum verwunderlich. Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow. Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. Die Delegierten des Parteitags. und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. darunter auch ich. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden. um an Informationen zu gelangen. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. Er erntete sogleich Sympathie. Erst später erfuhr ich. waren gern bereit. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- . jeden Impuls aufzunehmen. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. wie nicht anders zu erwarten. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat.

auf mich übertrugen. daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte. daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert.in der China-Politik überholt wurde. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder. daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. Fast zur selben Zeit. würde ich als Buch realisieren. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. die ich zwei Jahre später heiratete. der bewältigt sein wollte. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. die sie in ihn gesetzt hatten. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin. und er genehmigte die unzensierte Fassung. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. Noch im Dienst stehend. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. Als wir feststellten. ganz so. als wäre ich sein Nachfolger. indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte. Die Summe all dieser Gespräche. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen.

Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. Andrea zu heiraten. die mich gut kannten. wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. reinen Tisch zu machen. beschlossen wir. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. doch vergebens. lieferte ich endlich einen Anlaß. im ersten Moment war ich sprachlos. So blieb es nicht aus. Im November war es dann soweit. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach. Der 30. er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen. Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. doch das hatte ich abgelehnt. Jenen unter ihnen. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. mich zu überreden. Mit dem Entschluß. Jahre später las ich ein Interview. die ich mir ausbedungen hatte. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen. Mielke hatte noch versucht.Versuche behauptete. aber dann gewann der Humor die Überhand. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. daß ich Mielke informieren mußte. es zu unterdrücken. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier. in dem Mielke behauptete. meinen Abgang in die Wege zu leiten.

sprach ich an diesem Abend über das Glück. auch im eigenen Land. manche auch vom Gegner. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. sind jetzt weniger blind gläubig. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. Der Aufklärer ist nicht dazu da. Das. sagte ich. Die Fähigkeit. für einen Standpunkt einzutreten. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. Damals war Koni Soldat der Roten Armee. vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. »Wir waren anfangs sehr gläubig. auch im eigenen Lager«. als ich am 27.geblieben sein. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu. Den roten Faden lieferte mir der Brief. in der Familie und von Menschen. die unausweichlich bevorstanden. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen. In vertraute Gesichter blickend. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge.

nicht auszuschließen. das Persönliche aus meinem Credo. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt. ist alles Dünkelhafte von Schaden«. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. daß ich ein Mensch bin. aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. Doch stark geliebet auch. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. der in den Ruhestand geht. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr. Verzeiht. Dünkel.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt. »In einer Zeit. wo einem keiner raten und helfen kann.wurde. fuhr ich in meiner Rede fort. gebraucht und nicht benutzt zu werden. das ich ihnen mitgeben wollte. Jeder Mensch hat das Bedürfnis.

Sie verharrte in einer Rechthaberei. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren. Es war eine aufregende. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe. mit der imposanten Eiche am Eingangstor. kurzum produktive und schöne Zeit. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost. in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZEProzesses kein gutes Ende nehmen konnte. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß m anchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. Auf die Frage. das heißt. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- . daß es ihn gebe. Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien. was ich von Gorbatschow hielte. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt.« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. ich sei froh. mich fordernde. erregte das Buch Aufsehen. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut. sagte ich.Weg unbeirrt zu Ende gehen.

Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- . daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme.Äußerungen. Umschlag der Troika von 1989 (v. das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte. n.: George Fischer. l. Lothar Wloch. r. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit.

daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte.und klanglos von der politischen Bühne ab. der dabei war. jemals vergessen wird. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. und ich antwortete stur. Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. Keinen Monat später kam jener Tag. dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. den keiner. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir. ob das gerade jetzt sein müsse. der ich doch Bürger der DDR war. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben. einen Haftbefehl. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. Am 18. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir. so sei es in der Tat. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. Mielke fragte mich irritiert.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. -437- . zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein.

Da kamen die ersten Pfiffe. noch existierten Armee. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. -438- .und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. wurden die Pfiffe lauter. Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. Als ich verlangte. die Widerspruch erregen mußten. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. Als die Reihe an mir war. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. ob ich bereit sei. Alle empfanden. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen.Am 4. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. daß die Vergangenheit mich einholen würde. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. Es hagelte Zwischenrufe. mitten im Zentrum. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. Aber an diesem 4. auch solche Gedanken auszusprechen. eine halbe Million Menschen. fast euphorisch. um ihr Recht auf Meinungs. war mein Mund ausgetrocknet. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. Staatssicherheit und Polizei. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. andere drückten mir die Hand. Christa Wolf umarmte mich. daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. noch stand die Mauer. die Schauspielerin Johanna Schall. verschwieg aber nicht. Die Stimmung war gelöst. daß ein Umschwung bevorstand. der noch keinen Namen hatte. Brechts Enkelin.

niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl. einig Vaterland«. daß die Tage der DDR gezählt waren. An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum. und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. sondern der Ort der Wahrheit. -439- .Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. 11. das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung. vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen.« Die Richtstatt. 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen. Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher. Am 4.

um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte. Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden. wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. verging kein Tag. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. -440- . mein zweites Buch zu beginnen. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. Gespräche und Gedanken verarbeiten. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. als bekannt wurde. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. vielleicht. weil er meinte. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen. die aussteigen wollten. Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen. in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte.Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. Inge Viett und andere RAF-Mitglieder.

wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. Woher sie das wußten. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen. der Leiter der Berliner KGBNiederlassung. war nicht verabschiedet worden. das den Mitarbeitern der DDRNachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. der KGB sei sehr froh. das Land zu verlassen. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz. in denen ich klarstellte. Nowikow. Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. zuerst in Österreich. fügte ich hinzu. dann in der Sowjetunion. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. Anatolij G. daß ich mich geweigert hätte. einzugreifen oder sich zu beschweren. daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke.und die Offiziere der Abteilung XXII. sondern gescheitert. dem ich sagte. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. an den Außenminister und an Willy Brandt. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. erwiderte lächelnd. sei Grund genug. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- . aber er fügte hinzu. Am 3. dem Tag der Vereinigung. Oktober 1990. Bewegte Monate folgten. sagte er nicht. aber keinen Grund sah. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. darunter Walter Janka. vorübergehend das Land zu verlassen. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. beschloß ich schweren Herzens. hatte ich nicht die Absicht. Neueste Enthüllungen deuteten an. die für sie zuständig waren.

Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- . Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch.Codewort an den KGB wenden könne. konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. falls ich in Schwierigkeiten geriete. Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los. Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder.

kam auf die Idee. Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen. mit dem wir zu tun hatten. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow. ohne eine Antwort zu erhalten. trafen wir dort ein. daß sein -443- . und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort. Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. Der Weg nach Israel war uns versperrt. Erschöpft.Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht. die Stimmung war jedoch gespannt. als wir in Wien nachfragten. doch niemand. daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. Meinem Gastgeber war es peinlich. aber erleichtert. wie wir feststellten. mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau.

Als seltsam empfand ich es. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab.Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte. die gebot. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. mir Asyl zu gewähren. daß Freunde im KGB. doch komfortabel genug. mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ. bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. sondern einfach schwiegen. die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. So kam es. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. Mit Andrea Wolf. Wir trafen die Familie meiner Schwester. Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. alte und neue Freunde. Sehr schnell mußte ich erkennen. daß Wladimir Krjutschkow. nun Vorsitzender des KGB.

und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. hörte sich jedoch freundlich an. Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. Er war mir zu schmalspurig. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir. daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. was hier los ist. Gorbatschows Protege. du siehst selbst. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. Du warst uns immer ein treuer Freund. die ihm mitteilte. Allein -445- . Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. um danach zu entscheiden. aber wir können im Augenblick nichts für dich tun. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. was ich ihm mitteilte. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. Er wirkte erschöpft und überanstrengt. ein typischer Verwaltungsmensch.aus erster Ehe. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben. Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. Wer hätte gedacht.

und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt. In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. daß ich mich in Wien aufhielt. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle. war ihm vom Gesicht abzulesen. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit. Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. Am 24. Der Triumph. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. meiner endlich habhaft zu werden. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet. und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. mich schon erwartete. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- . Um diesem Rummel ein Ende zu machen. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. wo der Bundesanwalt. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete.

Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen. der ehemalige Präsident des BND. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. das ist schwer zu verstehen. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte. Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. (…) Ihn jetzt (…) allein. Admiral Elmar Schmähling. Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . weil der Zugriff möglich ist.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. so hatte er gesagt. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte. Jemanden. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich. allerdings eine seltsame. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen. Heribert Hellenbroich. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. das hat eine Logik. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. der für die DDR spionierte. Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. zu vernehmen. des Landesverrats zu bezichtigen.

eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen. die Informationen zu entschlüsseln. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren. Deshalb bemühten sie sich.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. Dazu hatte ich erklärt. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt.und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. sondern als Menschen. Während meines Prozesses war Rainer Rupp. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern. enttarnt und verhaftet worden. daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm. die man als Agenten bezeichnen kann. Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs. einer guten Sache zu -448- . denen es gelungen war. Später erfuhr ich. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten. der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte. daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte.

der mir in dieser Zeit nahekam. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. November 1989 unterhielten. Gemeinsam entwickelten wir Projekte. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland.dienen. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. Ich war des Landesverrats angeklagt. gab er bekannt. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. die wir später verwirklichen wollten. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war. daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. was er durchgemacht hatte. und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war. Ein Freund. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. Dezember 1993 anberaumt worden. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten. stellte ich fest. war Karl Winkler. sondern ein offener. daß dieser junge Mann trotz allem. den 6. Als wir uns nach dem 4.

die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte. Rechenschaft über das abzulegen. Der Gerichtssaal war nicht der Ort. half mir die Lähmung überwinden.Revision. Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner. daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können. und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. was wir uns vorzuwerfen haben mochten. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann. -450- . Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte.

Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen. obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. wahrten sie ihre Haltung und Würde. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n.18. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden. Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . Ich sah Frauen und Männer wieder. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. Beide stammten aus Nürnberg. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert. Auf dem Weg dazu. Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war.

Böhm ging in den Osten. aber er sei keine Marionette.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. glaubten sie. bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. Porst wollte sich mit einem -452- . um westliche Verbindungen zu nutzen. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. in die CDU einzutreten. Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen. er wolle der DDR gern helfen. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm.Stirn. Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. der andere als FlakOffizier –. und forderten ihn auf. Er sagte. warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. wollten sie einen Verlag gründen. mit ihm leichtes Spiel zu haben. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln. gerechten Gesellschaft entwickelte. wenn es galt. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte.

Es war ein Vergnügen. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück.kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete. Der gleiche Jahrgang wie ich.und kapitalistischer Marktwirtschaft. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle. Er war von kleiner Statur. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. auf Gedanken einzugehen. Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- . gutgeschnittene Anzüge. als es um Presse und Medien der DDR ging. daß die DDR selbst schuld sei. beharrte er auf der Meinung. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen. Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. mußte ich recht geben. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte. was er vorbrachte. Vor. von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen. wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. mit denen unser Land zu kämpfen hatte.und Nachteile sozialistischer Plan.« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven. Vielem. nicht ohne Humor.

die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen. daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an. die ihm als Unternehmer näherstand. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. kann man daraus ersehen. Optik. Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. ihn so beeinflußt zu haben. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. Walter Scheel. Offenkundig glaubte er. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. so sein Deckname. Um den Kontakt optimal zu halten. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte. Wie Porst seinen politischen Standort definierte. Er war nicht in die CDU eingetreten. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. nachdem er in die FDP eingetreten war. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- . schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. Er fand es auch selbstverständlich. an der sein Herz zu hängen schien. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. Eigentlich war so etwas nicht möglich. Thomas Dehler und Karl. daß er. daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. Politiker wie Erich Mende.wertvoller.Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. sondern in die FDP.

den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. doch als er 1967 verhaftet wurde. Als wir uns in Budapest trafen. hielt ich ihn für einen Hasardeur. unter starken Einbußen. Für uns galt allerdings das gleiche. ihre Kredite zu sperren. Es funktionierte. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet. Falls das so war. Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunkund Fernsehbeilage. wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. der Kern seines Unternehmens. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . ein unsanftes Erwachen gewesen sein. Banken drohten. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. litt das Versandgeschäft. dann muß seine Verhaftung.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark. denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. Daran muß ich denken.

Verantwortung und Initiative des einzelnen. in dem auch Gedanken. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. daß die Bundesrepublik ein Land ist.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand.« William Borm war einer der interessantesten Menschen. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause. Auch konnte ich nicht glauben. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. gedacht werden dürfen. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. die von den offiziellen Normen abweichen. So faszinierend die Idee war. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter.Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. Vier Jahre später. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs. Und zwar mit meiner Meinung. so utopisch erschien sie mir. Der wahre Grund für die neun -456- . Ich nehme mir die Freiheit nach links. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns. Ich glaube immer noch. Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein.

Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern. was man dort unter einem »Herrn« versteht. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren. den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. hochgewachsener Mann. Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDPLandesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. Sir William. der Beiname. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. daß man Borm verdächtigte. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. Im Gespräch erklärte er sich bereit. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig. Ich war neugierig geworden und beschloß. die ihn in Bautzen besucht hatten. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen.

Das zeugte von seinem guten Gespür. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. die uns halfen. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. das gleichberechtigte Geben und Nehmen. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen.Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der WestBerliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt. so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. Für Bonn aber war es noch früh. wußte -458- . Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht. nachdem es ihm gelungen war. von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen. Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. Brandt davon zu überzeugen. In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende.

Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. und statt dessen für Opportunismus. Brüderlichkeit und Dienen. Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. Das beschäftigte ihn bis zuletzt. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. »Ist es schon Mut. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. den er häufig äußerte. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. sondern als Gleichgesinnter. In seinem Denken war er jung und radikal. Nie wieder sollte es geschehen. Es war das Freimaurertum.ich. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete. Ein Satz. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde. aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief. die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. -459- . Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht.

das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. die er gerufen hatte. Er tadelte Genschers Bereitschaft. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. daß er gerade solche Karrieristen förderte. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann.Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. Genscher hielt er für einen Macher. zeigt sich auch in der Offenheit. Das war sein Ende als Parteipolitiker. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. An Genscher störte ihn. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. wozu ich ihn ermuntert hatte. Hinzu kam. Die Geister. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. mit der er seine Parteikollegen charakterisierte. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . schätzte aber selbst nüchtern ein. Mit Sorge beobachtete er. daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte.

Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- . Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt. saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt.Bundesrepublik.

Er hat Konflikte nicht gescheut. ein echter Deutscher. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. auch um den Preis der eigenen Freiheit. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. der Liberalen Demokraten. der die Gedanken anderer respektierte. getan haben. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. als äußeres Zeichen. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. Gabriele Gast gehört zu jenen. die mich mit Jahrzehnten -462- . so unbequem es auch oft war. der Aussöhnung gerade da. seine Mühen verstanden wurden. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde. Er war der erste Politiker aus dem Westen. die Fäden zu durchtrennen. als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. seine grundlegenden Werte zu verteidigen.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen.William Borm war. daß sein Einsatz. Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte. die es mir besonders schwer machten. Er hat stets Opfer gebracht. so wie ich ihn kennengelernt habe. Nach seinem Tod am 2. Sein Wort. Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. galt viel.« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat. wo es ihm geboten schien. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten.

wenn sie noch lebten. ausze ichneten. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. die sich nicht nur durch Geduld. weil sie nicht wollte. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft. sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen. ohne daß man zu große Gefahren einging. die sich für unseren Dienst engagierten. für ein edles Ideal. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. -463- . habe ich immer wieder festgestellt. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. Diese Frau war ein weißer Rabe. könnten mehr dazu sagen. die zu der ihren wurde. Beide waren kluge Männer. die Kardinaltugend des Aufklärers.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. Die Mitarbeiter meines Dienstes. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. als dies noch möglich war. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. die für eine gute Sache eintrat. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig. weil es ihre Sensibilität. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt. daß er in ein Heim abgeschoben wurde. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht. Lange Zeit war es ihre Aufgabe.

zu ihrem ständigen Betreuer. mich Mitte -464- . daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. Die Analysen. fertigte sie Mikrofilmkopien an.Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. die sie für uns verfaßte. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen. Ich weiß. Wenn wir Originaldokumente benötigten. die richtige Wertung zu haben. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. die sie in Toilettenoder Kosmetikartikeln versteckte. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert. der in München. Anfangs fand die Übergabe statt. Ihre Arbeit für uns war hervorragend. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. die von München in den Osten fuhren. doch das war zu riskant und zu umständlich. um dort zu recherchieren. und deshalb übernahm dies ein Kurier. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. dem bekannten Osteuropaspezialisten. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte. besuchte sie erstmals die DDR. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. fand ich es ratsam. Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. das Material entgegennahm. das uns erlaubte.

Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste. um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. doch je länger wir uns unterhielten. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet. war sie vom Dauerstreß der Konspiration. Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen. Probleme waren daraus erwachsen. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. Als wir uns einmal über den Nürnberger KriegsverbrecherProzeß unterhalten hatten. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen. daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen. -465- .

daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. die mit ihr zu tun hatten. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. vor allem nach dem Tod Andropows. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. Alle Unterlagen. Wie sich herausstellen sollte. was sie für uns tat. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte.immer marginaler geworden war. mit dem. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. waren bereits vernichtet worden. läßt sich daraus ablesen. etwas Sinnvolles zu leisten. wie wichtig es ihr war. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren. Sie prognostizierte. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. daß sie andere denunzierten. Es war eine Begegnung. sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern. hatte ich zu Unrecht gehegt. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. sie wolle sich zurückziehen. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. daß sie 1986 beauftragt wurde. Meine anfänglichen Befürchtungen. Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt. Aber das war ein Irrtum. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ.

Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt. an das ich nicht mehr glauben konnte. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer. Ende März besuchte sie mich. hätten freigeben sollen. um ausführlicher über alles zu sprechen. ob ich sie damals. daß -467- . indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. Mitte der 80er Jahre. und wir vereinbarten. weil er mitangehört hatte.verwandt) tat sich dabei besonders hervor. als sie begriff. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. was uns bewegte. sie nervlich belastete. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. ihres »Karliceks«. daß genau das eingetreten war. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht. In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten. merkte man an ihrer Anspannung. was sie in den Haftjahren gequält hatte. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. uns sobald wie möglich zu treffe n. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können. Das Verhalten KarlHeinz Schmidts. Daß ihr Auftritt als Zeugin. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. der vor Gericht ganz anders hieß. Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. die aus der Haft vorgeführt wurde. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen.

-468- . daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden. was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft. Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen. Deshalb möchte ich daran glauben.unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. Wahrheiten können nicht nur hilfreich. Daß nicht verlorengeht. obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe. sondern ebenso schmerzhaft sein.

hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören.19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. (…) Das. was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. Im Gespräch mit Michael Kohl. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. s chreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda. Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet. dem wir dienten. wird mich verfolgen.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- . die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. weiß man sowieso. dem Bonner Botschafter der DDR. worauf es ankommt.und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-PaktStaaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie. Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. dem Charakter einer Gesellschaft.

daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate.west-östlichen Diwan gelegt. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg. Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. 1974 nach den Feiern zum 25. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden. alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren.« -470- . Regenschirmspitzen vergiftet. Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei.« Eine eigene Eintragung. Staat und Wirtschaft messen. Jahrestag der DDR geschrieben. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen. Keine Nation der Welt glaubt. anleiten. ohne Geheimdienst auskommen zu können. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. einander das Leben zu erschweren. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden.

10. 1974 (Transkription im Anhang) -471- .Tagebucheintrag vom 16.

wo ihre Warnungen in den -472- . 10.Tagebucheintrag vom 17. 1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort. wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen.

Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. In der Politik fällt die Entscheidung. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach. bevor sie starben. dem er eng verbunden war. Sorge in Tokio. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten. Leopold Trepper in Frankreich. falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind. die Rote Kapelle in Berlin. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- . Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. mit einer Handbewegung vom Tisch fegte. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener.Archiven verstauben. Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart.

Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. nein. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. -474- . als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. auch in der US-Öffentlichkeit.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. Trotz der Faszination. ihr Tun unmoralisch. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. die das Werk auf mich ausübte. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich. Aber Opfer und Entbehrungen. blieb Widerspruch in mir zurück. Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. sie durften nicht umsonst gewesen sein. und sie bekam keine guten Noten. den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal. weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. zumindest als sinnloses Spiel erscheinen.

daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte. solange diese Dienste existieren. sondern von den eigenen Führungsqualitäten. daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. in die man eindringen will. daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß.Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten. Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. zu gewinnen und aufzubauen. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. Aber es ist so. dann drängt sich der Verdacht auf. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. Technisch kann man nur den IstZustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen. Geheime Pläne. Selbst ein auf wenige. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen. Dennoch glaube ich. vermag diese Barriere nicht -475- . Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. darauf hinzuweisen. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. Bürgerrechte zu schützen. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. sie aufzublasen. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen. nie ganz zu ersetzen sein wird. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. Vielleicht steht es nicht gerade mir zu.

die er ihnen selbst geliefert hatte. Vor allem in Deutschland. »tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß. heißt es. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. nur hat sich der -476- . vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. Überhaup t ist es kaum zu fassen. um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. eigentlich dagegen. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. ist allgemein bekannt. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt. Regierungen sind niemals bereit. Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. von sich aus darauf zu verzichten. dessen Zeugen wir gerade wurden. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen. diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln. Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar.zu überwinden.

auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten. hat offen ausgesprochen. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionageund Sicherheitsdienste auf. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates. um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren. sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste. Im übrigen ist die Wirtschafts. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete LawandorderDenken verleitet diese nur zu oft dazu. Was die Atommafia betrifft.und Industriespionage keine neue Entdeckung. daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken. den naheliegenden Schluß zu ziehen. Allerdings versäumen diese Experten.und ausgebaut.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen. CIA-Direktor unter Präsident Bush. so entsprechen die bisherige -477- . daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. Aber es gibt noch andere Gebiete. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends.

der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. signalisieren die latente Gefahr. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden. Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. Admiral Schmähling. Dieser Kampf ist kein Spie l. Dem möchte ich hinzufügen. die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen.Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. aber das -478- . dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen. in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. unsere Welt brauche Utopien. muß gefragt werden. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben. wo es bisher ausgeklammert blieb. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West. Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kernund Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen. die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt. als Utopie abgetan wird.

Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft.Endspiel verloren hat. ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande. -479- . besonders durch den Staat.

gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. wir haben aber nicht umsonst gelebt. und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. bedeutet dies. daß ich nichts verraten habe. noch so gering gewesen sein.« Wenn ich nach allem. vieles haben wir falsch gemacht. wahrscheinlich zu hoher Anspruch.Epilog Das Schlußwort. die -480- . auch Wunden und schmerzende Narben. meiner Familie. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. die meinen Vorbildern. was hinter mir liegt. war kein Verrat an Deutschland. er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs. die mir erst später bewußt wurden. sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. die meinen Lebensweg begleitet haben. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften. sondern das Leben in Kriegszeiten. Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. was meiner Familie und mir teuer war. mit gutem Gewissen sage. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt. mit denen wir die Welt verändern wollten. Es war ein hoher. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt. Habe ich etwas von den Werten verraten. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm. Wir haben Spuren hinterlassen. Aber ich halte an den Werten fest.

Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. Verantwortung für ihren Mißbrauch. daß wir uns -481- . Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. ohne zu begreifen. auf Veränderungen von oben. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. nahm ich an der Macht teil. meine Meinung zu vertreten. was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. tun müssen. Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach. wie es beschaffen war. war es nicht. wie diese Führung jeden Meinungsstreit. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. auch durch andere. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. konsequenter hätte tun können. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. in dem System. mutiger. Es war vielmehr der Zweifel. auf sich nehmen zu müssen. vor allem in Moskau. Mangelnde Courage.Wurzeln des Nationalsozialismus. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. was mich lahmte. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten.

den Ideen treu zu folgen. Die Zeit war abgelaufen. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- . in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. zu einer Zeit. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten.selbst die Hände banden. um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. Was bleibt von unseren Idealen. Das ist meine feste Überzeugung. daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. doch nicht sehr lange. wir glaubten. Wir sind gescheitert – aber nicht. indem wir alles Handeln delegierten. dem bedingungslosen Gehorsam. und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen. an einer Gesellschaft mitzuwirken. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. Ihm galten auch meine Hoffnungen. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. so. was von den Mühen. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. sondern zuwenig. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen. wie es meine Überzeugung ist.

vor denen die Menschheit steht. sondern immer neue und größere Probleme erzeugt. So richtig das ist. und sie rührt daher. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht.Westens mehr versprochen. in dem sie verlorengehen. daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme. Man mag einwenden. Viele müssen erkennen. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. kann ich darauf nur erwidern. ist aber nicht weniger brutal. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Sie wirkt weniger vordergründig. daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger G ewalt aus als die Macht des Staates. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt. das dadurch charakterisiert werden kann. Manchmal werde ich gefragt. ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren. Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter. welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann. Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. nicht zu lösen vermag. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik. als sie halten konnte. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht.

daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut. Ich weiß nicht. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. doch meine Ideale habe ich nicht verloren. diese Meinung auch zu vertreten. Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. in der Freiheit. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen. Sie hatten recht. ist gescheitert. Der kalte Krieg ist zu Ende. Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. ein Modell des Sozialismus. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. das müssen sie selbst prüfen und herausfinden.wichtiger. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen. selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. -484- . Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. Karl – bis morgen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen. Karl. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. was Jean Ziegler sagte. als sich eine eigene Meinung zu bilden.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau. die Endfassung Anfang 1997. Whitney. Berlin. Aune Renk und Craig R. Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet. Jürgen Jessel. Klaus Eichner. Für Rat.und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Kai Hermann.Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt. Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea. die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. im März 1997 -486- .

auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht. Es ging auch um die Einladung L.: »Sing anders.a. daß sie sich anbahnt. H. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen.Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief.« Es wird berichtet. H. 3. Bahr und Apel im BKA kommend. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt. mit Schmidt. ja vielleicht schon brodelt. mit Zeitungsausschnitten. Ich habe ihm versprochen. bedankte er sich für die Grüße E. für unzurechnungsfähig zu erklären). daß auch Brandt eine Einladung besitzt). a. in Vorbereitung der Mittagreise. -487- . Eskalation.W. Frisch von der Krisensitzung am 13. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. Parteibuchs.I. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. »Wir ziehen ja an einem Strang. Seit heute weiß ich. Brandt. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist. Sachse«. Wischnewski. und vom 16.a. Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. u. u. wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden. für die nur Wischnewski eintrat. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum.4.s.

wie er sich da heraus windet. Materialwalze auf Dauer mithalten könne. »Je eher.H. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E. da ist alles drin. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt. Polen – gefährlicher »Ermunterungssog. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. Ob u.Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen. Verheugen hinzugezogen. 35 mit der Außenpolitik Genschers.« Sorge. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr. Guillaume.« -488- . H. – sein liebstes Geschenk. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. 8. vorgesehenen Austausch vo n G. u. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung. die im argen liegen. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. mit dem operiert werden soll. Mittag. Dieser glaube noch.W. Bestätigt den für Sept. »Sagen sie meinem Jugendfreund.H. daß er aufhören muß. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E.« Später wurden Genscher. Besuch von RA Vo gel bei H.10.. desto besser. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch.a. Mischnik u. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. gab dann noch Empfehlungen für G. Eintrag vom 24. zum 75. die UdSSR könne die DDR opfern. Lambsdorff. ob die UdSSR mit der amerik. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u.

« Eintrag vom 27. So hat die Antwort Brandts (ND 27. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen. März 1983 Mit Herbert Wehner. der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H. Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. seiner Politik. Februar 1969 Es ist erstaunlich. Als ob von Brandt. sei es besser. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten. Choleriker. Gott zu kennen. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski. die an Gott glauben. daß sie die Freude entdecken. Für alle. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. leider.) auf das Schreiben Walter U. tot als rot zu sein. die in jener totalitären Finsternis leben – beten. eigentlich immer ein Einzelgänger. bereit andere u. 3. Reagan am 8.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. Vogel abgelöst wird. sich selbst zu zerfleischen. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- . 2.»Es geht nicht ohne innere Gewalt. ein interessantes Leben unserer Zeit. Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. Sein Leben voller jäher Wendungen. Es ist eine halbe Minute vor 12.« Absolute Ablehnung Reagans u.-J. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. Eintrag vom 8. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR.

man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. »Heinze« – sind verhaftet. April 1974 Großer Mist: »Hansen«. Trotz aller Überlegungen u. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. Eintrag vom 6. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. der -490- . als ein Tropfen genügte. Schade. Politisch völlig unpassend.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar. Mai 1974 Es schien kurze Zeit. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. schade. Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt. sonst nicht. schade. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n]. Doch der Schein trügte. und die Regierungs. Ausschlaggebend war die Annahme. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug. etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. Eintrag vom 25. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung. H. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt. Die SED solle sich darauf einstellen. Er war es seit eh und je. Das ging auf den Magen.charakterisiert wird. um das Faß zum Überlaufen zu bringen.s. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar. Nixon in Westberlin. Max Christiansen-Clausen 70. Das Letztere scheint der Fall zu sein. Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte.

a. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. Daher die echte Resignation. ehem. aber ein ganz Großer war er nicht. als seinen Gefährten zuzuschreiben. aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. Eintrag vom 7.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. weiß er. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e]. Er wird in die Geschichte eingehen. in dem herumgestochert wurde. Er glaubte tatsächlich. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. auch unser Günter Guillaume. Brandt tritt zurück. in einigem Sympathie entgegenbringen. liefern das Geschoß.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. Den hat er allerdings weniger uns. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg. Ein Gerücht jagte das andere. BfV-Chef Nollau u. betätigen wir den Abzug. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. Ein Mann. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. Warum auch? -491- . und das wußte u. jetzt. u. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. mit dem man manches machen konnte. BKA-Min. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. mit dem Kalkül. und 8. passiert dieser Unfall. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten.

wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben. Eintrag vom 16. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt. H. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- . das die NATO produziert. Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate. mit Stempeln Geheim u. Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei.In der PB-Sitzung wurde von E. Staat. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. anleiten. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. Wirtschaft messen. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. kontrollieren. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. und 17.

Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In. auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung.und Ausland. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- . Dokumenten. operative geheime Sammlung von Informationen. auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion.Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson. Politik. um Medien. auch VMann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität.

der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter. Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes. der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code . der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- .Buchstaben oder Zahlenkombinationen.oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter.

geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten. unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent. Ermittlungen vorzunehmen. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende.Inoffizieller Mitarbeiter. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- . operative glaubwürdiger Vorwand.

oder Materialdepot Subversion -496- . Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission. Funk. die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient. Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-. auch Geld. wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw. auch technisches Gerät zu diesem Zweck. illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw.oder Operationsstützpunkt.geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person.

auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung. B.Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland. militärische Einrichtung. Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- . z. Behörde.

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