Markus Wolf

Spionagechef im geheimen Krieg

Erinnerungen

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Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2 Original: The Man Without a Face 1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt
Einleitung ............................................................................. 4 Prolog................................................................................... 7 1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25 2 Der Einstieg..................................................................... 45 3 Learning by doing ........................................................... 64 4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99 5 Die Betonlösung............................................................ 123 6 Spionage aus Liebe........................................................ 144 7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156 8 Herbert Wehner............................................................. 190 9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215 10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229 11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258 12 Das Gift des Verrats .................................................... 290 13 Ein neues 1914? .......................................................... 316 14 Aktive Massnahmen.................................................... 341 15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356 16. Der ferne Kontinent.................................................... 382 17 Der Ausstieg................................................................ 418 18. Der menschliche Faktor ............................................. 451 19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469 Epilog............................................................................... 480 Danksagung...................................................................... 486 Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487 Glossar.............................................................................. 493

Einleitung
Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit hohen Erwartungen der Leser rechnen. Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines JamesBond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden, und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und weitgehend unbemerkt ab. Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre wahre Bedeutung. Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse. Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier, sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe
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ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne, in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem Glossar erläutert. Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das »Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht leicht. Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen? Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir. Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht. Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
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versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von den Gewinnern verfaßt werden darf. Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen. Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

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Prolog
Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte, alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich gefaßt – keiner außer mir. In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als »Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt? Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen mich war gewiß kein Zufall. Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie
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ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung in Saal A 01. Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer Geisel des historischen Geschehens wieder. Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige Bundesrepublik gefesselt gewesen. Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr 1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und Ruhe gesucht. In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der 30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück. Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das Denken an.
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Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert. Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig, ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten, und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße Überleben bangen. Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin, der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert. Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer
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Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab. Erich Mielke. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab. mein langjähriger Vorgesetzter. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen. war in Haft. dennoch beschloß ich. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. nach Berlin zurückzukehren. und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang. nicht für möglich halten.und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung. Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar.und wacher Gesprächspartner gezeigt. -10- . welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme.

an und fragte. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. daß Schäubles Emissär. Damals. Anfang Mai 1990. dem südöstlichen Vorort Berlins. ein Herr Werthebach. daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. Bonn stehe unter Druck. rief mich Peter-Michael Diestel. Meine Nachfolger im Dienst. Es bestand kein Zweifel. hatten mich darüber informiert. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. und Schäuble werde ungeduldig. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . sofern er seine Quellen verraten wollte. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. er wollte mit mir lediglich beraten. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei. Das erste Angebot war eine Überraschung. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam.Dafür wurde ein hoher Preis geboten. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. Mein Gesprächspartner erläuterte.und Sinnkrise zu stellen. Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. Ich wußte zwar. Meinem Schwiegersohn. der Innenminister der Regierung de Maiziere. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten. Werner Großmann und Bernd Fischer. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen. sich einer Lebens. der Preis der Freiheit. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen. müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden. der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen.

ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. etwas für meine Leute zu tun. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der Unterschied zwischen uns war nur. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen. Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. wir würden ungehindert zurückkommen. die uns noch verbleibt. steigen Sie einfach in meinen Wagen. zu verraten. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand. als daß ich sie hätte glauben können. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. niemanden.« Sicher hatte er recht. ist die. Zu guter Letzt vereinbarten wir. das mir die geringste Chance bot.« Boeden. »Sie wissen so gut wie ich. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. da ich zu jedem Gespräch bereit war. und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. Die einzige Möglichkeit. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. »Herr Wolf«. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an. daß ich mit meinen -12- . habe freies Geleit zugesagt. sagte er. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. des Tauziehens ebenfalls überdrüssig.

Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. der nichts unversucht ließ. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. Er sagte. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. daß sie auf den Gedanken -13- . untadelig gekleidet. Der Ältere. vor. baten sie höflich um Einlaß. Es gefiel mir. Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. des damaligen Direktors der CIA. Auf meine scherzhafte Frage. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. Andrea fühlte sich an marines erinnert. Man gab mir noch zu bedenken. um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. Er sprach formvollendet gutes Deutsch. Meine Besucher erklärten. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. die sie in Filmen gesehen hatte. stellte sich als Mr.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. flüsterte mir meine Frau Andrea zu. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. »Ein typischer Bürokrat«. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre.

Erst kommt das Zuckerbrot. sagte er. daß Sie überzeugter Kommunist sind. »Kalifornien«. Niemand würde davon erfahren. froh. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«. daß wir solche Dinge arrangieren können.« Das war es. daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. fernab neugieriger Blicke. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. sicher sind Sie nicht nur gekommen. signalisierte mein Gehirn. Was für ein seltsames Gefühl. Hathaway senkte die Stimme. wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken. von dem Drumherumreden befreit zu sein. daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. um mir Komplimente zu machen. war nicht schwer zu erraten. uns zu beraten oder uns zu helfen. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an. Unüberhörbar ließ er durchblicken.« Beide lachten. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. Dann verlor ich die Geduld. fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- .verfallen waren. »Wir wissen. dachte ich. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir. Sie wissen. Wenn Sie jedoch bereit wären. »Gentlemen. dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. nicht hinterm Berg. mich im Wald aufzusuchen.

Wir lachten. scherzte ich. erwiderte ich. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. sagte ich. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes. die man von mir erwartete. Ich reagierte nicht. »in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung. Ich weiß. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. sagte Hathaway. doch damit kann ich nicht dienen. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- .« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können. In solchen Fällen ist Geduld das beste. »Meine Herren«. »wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht. eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. Oberst Jürgen Rogalla. Auf meine Frage nach der Gegenleistung. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen.fort.« Das war noch die höflichste Form. »Wissen Sie«. Man kann über vieles reden. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. Offenbar glaubte er. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. »ist sehr schön. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. was Sie bezwecken. Allerdings wußte ich. erklärte ich. Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden.« »Sibirien ist auch nicht übel«.

gewiß«. »So etwas könnten Sie verlangen. So verhält es sich aber nicht. dann laden Sie mich doch in die USA ein. »Gehen Sie nicht nach Moskau«.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«. »und zwar da. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle. Sie sind auf mich zugetreten. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. »Das Leben ist dort sehr hart. Denken Sie an Ihre Familie. muß ich das Land. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. warf Hathaway ein. nicht umgekehrt. wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können. fuhr ich fort. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. Namen meiner Agenten sind tabu. Wenn ich mich nicht täusche. sagte Hathaway. wo es um den Verrat an Menschen geht. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. es gibt auch noch Rußland«. jetzt an Andrea gewandt. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe.« Zweifellos war die Vorstellung. lenkte Hathaway ein.haben. wo Sie Ihr Leben genießen können.« »Gewiß. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. sagte ich geduldig. die mit mir gearbeitet haben. um mit Ihnen zu sprechen. erwiderte ich. »Sie müssen uns helfen«. wiederholte er stur. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. was ich einzubringen gedächte. doch nicht um den Preis. was mir drohte. obwohl ich innerlich kochte. -16- . Kommen Sie in ein Land. doch wenigstens kennenlernen. mein Gesicht zu verlieren. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen.« »Es gibt für mich eine Grenze«. als hätte ich nicht selbst gewußt. »Vergessen Sie nicht.

weiß ich nicht. fand keinen Anklang. zu tun hatte. Im stillen mußte ich denken. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten.Also beharrte ich auf dem Vorschlag. darunter etliche in den Apparaten selbst. Er hat großen Schaden angerichtet. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. dem sowjetischen Nachrichtendienst. Er schätzte meinen -17- . Von Quoten war die Rede. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. Gordjewskij und Popow an. Um sicherzugehen. daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij. Längst hatte ich begriffen. »wir sind hier. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. habe ich recht?« »Herr Wolf«. sondern vermute es nur.« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. Hathaway schüttelte den Kopf. was mit meinen Beziehungen zum KGB. speziell der Äußeren Abwehr. Auch meine Idee. sagte Hathaway leise und bedächtig. Hartnäckig wiederholte er. ohne jemanden verraten zu müssen. nicht nur in Bonn. weil wir annehmen. so gut informiert. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können. Eine ziemlich lange Pause trat ein. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten. sondern an etwas. auch anderswo. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen.

Nun trat auch »Charles« in Aktion. indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung.russischen Kollegen. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. mir diesen Einblick zu gewähren. schlug Hathaway vor. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. Und dem war auch so. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. General Kirejew. wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung. Das Äußerste wäre eine Andeutung. daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. den Leiter der Äußeren Abwehr. auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. daß um Mitternacht zum 3. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben. beide versuchten. »Charles« warf noch einen Haken aus. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes. den die CIA mit Argwohn betrachtete. den US-Diplomaten. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- .

bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen.Haftbefehl zu vollstrecken. Hathaway am 26. Obwohl Mr. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. Wollten wir in die USA. -19- . um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. So dramatisch diese Vorschläge klangen. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war. sofern ich bereit sei. sofern ich mich bereit erklären sollte. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen. Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. vom selben Flughafen Tempelhof. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. Doch das behielten wir für uns. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. Meine Ausschleusung wäre kein Problem. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. nach Amerika zu starten. war nicht ohne einen gewissen Reiz. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis.

Es war Aldrich Ames. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt.Erst später erfuhr ich. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes. war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. Hathaway. -20- . die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. dafür 2. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. Hathaway gehörte zu den wenigen. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. Mein Besucher. so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete. welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte.7 Millionen Dollar erhalten zu haben. sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA. Gardner A. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte.

dessen war ich -21- . was in diesem Fall fatale Folgen hatte. Man könnte jetzt meinen. bestätigt. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. lag wohl daran. an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. wurde mir später von einigen seiner Kollegen. Mein Eindruck. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah. daß er zu wenig kreativ veranlagt war. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. demzufolge »nicht sein kann. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb.und Abwehrmann mit Respekt. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. mit denen ich in nähere Beziehung kam. Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. Aber ich hatte kein Verlangen. was nicht sein darf«. der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte. Deutschland zu verlassen. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Wie konnte es der CIA passieren. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken. Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt.Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten.

ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet. Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. von der weder Amerikaner noch Russen. Und sie kam aus Israel. Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. wolle mich kennenlernen. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen.mir gewiß. -22- . Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. Doch dazu sollte es nicht kommen. wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. aber ich habe jüdische Vorfahren. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. noch Deutsche etwas wußten. Es gab noch eine weitere Option. In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. doch das war ich nie.

und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. er habe als Offizier in der Armee gedient. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. In Israel. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. Weinman erzählte mir. das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen. Wir telefonierten regelmäßig. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen. erfuhr ich. Die jüdische Herkunft interessierte ihn.« Mir war sofort klar. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus. ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn. Sein Bart. der meine Träume abrupt beendete. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. Doch im übrigen war der Rabbi. ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam. unkompliziert und kontaktfreudig. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig. daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. -23- . sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes.

war plötzlich nicht mehr zu erreichen. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah. und die Zeit wurde immer knapper. Wohin sollte ich fliehen. in Israel war ich unerwünscht. und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend. und nach Moskau wollte ich nicht. mich hinter Gitter zu bringen. Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. -24- . wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte.Die Redakteurin der Zeitung. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln. solange es irgendeinen anderen Weg gab. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich.

1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. indem sie einen Juden heiratete. meine Mutter. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. Er erinnerte sich gut daran. daß er Rabbiner geworden wäre. Und als Wilhelm II. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte.« Else Wolf. das ist der Kartätschenprinz. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin. und das Todesjahr Wilhelms I. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke. Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen. das ist kein Heldenkaiser. die verriet. Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. utopisch getönte Weltanschauung. ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. Seine Eltern hätten gern gesehen. der Vater in Neuwied. den Fürsten zu Wied besuchte. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. dann ist der -25- . sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. Uns Kindern erklärte er später.

an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. die sie am stärksten charakterisierte. Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr.Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. ist kein geringer Beweis der Liebe beider. und meine Eltern mußten froh sein. -26- . Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. in der Familie das»Öhmchen« genannt. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen. Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. der galoppierenden Inflation. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. Die Erinnerung an meine frühe Kindheit. Moritz Meyer. Es war die Zeit der totalen Geldentwertung.

die ihn in ganz Deutschland bekannt machten. eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. medizinischen und politischen Fragen zu halten. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. nach Stuttgart umzuziehen. Vorträge zu sozialen. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen. verurteilt wurde. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft.Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. wo wir ein modernes Haus bewohnten. -27- . Erschöpfung war ein Wort. war von Anfang an ein großer Erfolg. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr. das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. als er für sein Stück Zyankali. in eine richtige Großstadt.

Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem. und so wurde ich junger Pionier. traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. Damals erfuhr ich zum erstenmal. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen. genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor. An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau. und mein Bruder nahm sich vor. sobald er erst groß war. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- . einen ganzen Ochsen aufzuessen. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. was unsere Eltern erzählten.1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam.

und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. es war Passahzeit. mußten wir uns verstecken. ich käme auf den Heuberg. dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. Um diese Zeit. und von dort ging es nach Frankreich. die uns das Gesicht verziehen ließen. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. um Haussuchungen durchzuführen.verfolgt wurden. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. und es dauerte nicht lange. und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter. Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. falls ich nicht verriet. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. wo Vater sich aufhielt. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze. Mir drohte man. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen.

und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf. hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. kislaja kapusta!« – »Deutscher. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. Wurst und Sauerkraut«. erzählte mir ein Arzt. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. welches Ende Dr. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. die die Verfolgung nicht überlebten. Es war nicht leicht. -30- . Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten. Pfeffer.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen. Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus. also mitten im Zentrum. gefunden und eingerichtet. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. es gelang uns. perez. daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. kolbassa. der Mutter lange Hosen abzubetteln.

Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. daß das riesige Land im Begriff stand. und zu Lothar Wloch.Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. beide nicht weit vom Arbat gelegen. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. in denen Männer. Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule. Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen. und jeder war davon überzeugt. war die zu George und Victor Fischer. Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. die bis -31- .

daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. von links. wer das nächste Opfer sein würde. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. der Geheimpolizei. Reihe) Heute weiß ich. wurde nicht laut gestellt. um Emigrantenfreunde und bekannte. Und im -32- . und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «. sondern nur einen deutschen Paß. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen. Wir Heranwachsende spürten. daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug. 2. Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. die bange Frage. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2.vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren. erst viel später wagten wir es.

bis man mich verhaftet. die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. Wir bangten um sein Leben. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. aber nicht sonderlich erwünscht. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- . um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen. jedes Lebenszeichen. Doch nach Spanien gelangte er nicht. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte. um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. Sehr viel später erst erfuhren wir. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war.Unterschied zu uns Kindern. was wir bei den jungen Pionieren lernten. die wir begeistert nachplapperten. das uns erreichte. wurden von uns als Helden bewundert. die Ausreise genehmigt zu bekommen. und im März 1941. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht.

-34- . als am 22. Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch. die Hauptstadt Kasachstans. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion. Im Herbst standen sie vor Moskau. Friedrich Wolf mit Konrad (links). um die Züge durchzulassen. die sich entkräftet und krank im Zug befand. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten.Arme schließen. Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt. die an die Front im Westen fuhren. Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. verlegt.

die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. obwohl ich weiterhin -35- . die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. unzählige waren schon unterwegs gestorben. Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren. Mandel. Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht. auch meinem Bruder war es gelungen. der berühmte Regisseur. soweit der Blick reichte. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor. der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. in die Rote Armee einzutreten. Abends las uns Sergej Eisenstein.und Apfelbäume. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. und neben halbverhungerten Leningradern.

Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend. als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NSDiktatur zu bekämpfen. uns nur mit Decknamen anzusprechen. Darin forderte man mich auf. Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- . anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. wo sich die Schule der Komintern befand. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«. zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. diesmal per Schiff. mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. wir wurden streng ermahnt. Wilkow. die ich besuchen sollte. unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. Ich begriff. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden.an einer militärischen Ausbildung teilnahm.Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. dort ausgebildet zu werden. die Hauptstadt Baschkiriens.

nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. Gewiß waren bei uns Schriften tabu. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. die an der Front dienten. Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war.nachgehen konnten. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker. voller Enthusiasmus und Idealismus. Am 16. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. so lernte ich nicht nur Amaya. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an. der 1933 in Dachau ermordet worden war. und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden. Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. sondern wißbegierige und offene junge Leute. es endlich den Altersgenossen gleichzutun. Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. Alle fieberten wir der Chance entgegen. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- . und die Söhne Titos und Togliattis kennen. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien. die über Gott und die Welt diskutierten. Mai 1943 teilte man uns mit. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. Der wahre Grund sah so aus. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt.

wir waren der kleine Kreis derer. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. wenige Monate vor Kriegsende. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- . Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. Man erklärte uns. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt. die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden. hatte beugen müssen. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert. im Zimmer Wilhelm Piecks. Im Herbst 1944.westlichen Alliierten. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. heirateten Emmi Stenzer und ich. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. dem Sender der KPD. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. Jahre später erfuhr ich. jetzt hieß es erst einmal lernen. machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. Am 9. Anton Ackermann und andere kennen.

manchmal auch mit abfälligem Unterton. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. Ich brauchte einige Tage. ich sei ein »halber Russe« geworden. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. zu mir gesagt. daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen. Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. Gelegentlich hat man im Scherz. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. um mich daran zu gewöhnen. Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. was die Nazis angerichtet hatten. Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. mir vorzustellen.stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt. Abschied auch von Kindheit und Jugend. Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. ausgenommen die Buchweizengrütze. denen ich in Deutschland begegnete. daß ich mit Menschen leben würde. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen. Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt. waren die wenigsten bereit. von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. standen mir seelisch näher als diese Deutschen. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. daß ich einer der besten Pelmeni-39- . Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. das konnte ich nie als kränkend empfinden. die russische Küche ist mir die liebste. es fiel mir schwer.

bewunderten wir. Mit Alik. wo ich Freunde besuchte. dem MCHAT. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. Schlange gestanden. die heute wieder Twerskaja heißt. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater. die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. Galsworthy und Roger Martin du Gard. Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. anders als einige meiner Freunde. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. und an den Arbat. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße.Köche diesseits des Ural bin. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. Balzac. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. Ich war naiv genug gewesen -40- . Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. für immer nach Moskau zurückzukehren. das Land. Hemingways knappe. und dennoch hatte ich. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. Heine. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. nie den Wunsch.

daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. Kurz und bündig sagte er jedem. -41- . Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau. die vom Reichsrundfunk des Dr. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. zu der auch meine Frau gehörte. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. wir. Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. Am 27. von der NS-Herrschaft befreit zu sein. Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten.zu hoffen. Ich versuchte mich zu wehren. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. Im britischen Sektor gelegen. wo er am dringendsten gebraucht werde. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. Mai 1945 flog meine Gruppe. die das jüdische Ghetto gewesen war. jeder habe sich dorthin zu verfügen. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. waren ganze sieben Mann. Goebbels übriggeblieben waren. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. was er zu tun habe. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft.

Ein andermal fragte ich ihn. Autor (2. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. Ich war so taktlos. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. in der alle Parteien zu Wort kamen. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. von der spätere DDRRundfunkleute nur träumen konnten. vertrat er den Standpunkt der SED. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. die Arbeit war interessant.hatten wir eine Handlungsfreiheit. gelegentlich war ich als Reporter tätig. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm. worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- .

und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze.« Wir bemühten uns. zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte. Ich erinnere mich. Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. daß diese K 5 nicht erfunden war. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht. das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. Wir haben andere Sorgen. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen. wir mußten sie senden. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren. wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. -43- . daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr. Die Folge war. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden. den Funktionären und Mitläufern. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um.Arbeit. lebendige und hörernahe Sendungen zu machen. als Flugzeuge zu bauen.

Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren. Es war gespenstisch. Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten.Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden. Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht. -44- . die jetzt auf der Anklagebank saßen. daß die Männer. die NSWochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. Damals glaubte ich wie viele andere. diese Lehre könne nie vergessen werden. durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde.

Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt. stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. Am 3. ahnte ich nicht. Er trug seine bekannte Litewka. die einer Tonsur ähnelte. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. dem Jahrestag der Oktoberrevolution. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. wie Filme -45- . meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. weder Rangabzeichen noch Orden. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. Oktober. wie klein er war. des Führers. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. Ich war überrascht. und auch auf seine Glatze.2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. Mir hatte man die Rolle zugedacht. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten. als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb. dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen. war ich nicht gefaßt gewesen. Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7.

mit dem Tito abgestraft worden war. dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948. daß wir damals -46- . daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. von rechts) Da unser Botschafter abwesend war. zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl.und Gemälde es verbreiteten. weil er sich Moskau widersetzt hatte. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen. Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer. statt sklavisch zu gehorchen.

Ich staunte nicht schlecht. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. Ich fand mich im Außenministerium ein.jedes Wort andächtig aufnahmen. mitteilte. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. wo mir Ackermann. Solche Inszenierungen liebte er. später in Moskau. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus. in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau. doch ich erinnere mich. Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . Ackermann. mit richtigem Namen Eugen Hanisch. Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler. nicht wie lebende Zeitgenossen. gegangen war. also Stalinscher Prägung. wie ein Stück erlebte Geschichte. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich. wie rätselhaft es mir vorkam.

Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. war eine imponierende Erscheinung. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde.vorgesehen sei. Richard Stahlmann. Es war kein Vorschlag. die uns nach Bohnsdorf. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. sondern ein Parteibefehl. daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit. und es dauerte geraume Zeit. aber wohl kaum das. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- . ein Mann. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte. aber sehr konspirativ. bis ich herausfand. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. Am 16. Eigentlich hieß er Artur Illner. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. einem Vorort Berlins. brachte. ein solches Angebot zu machen. stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. Ich war stolz.

als die Nazis kamen. Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen. um ihn zu verhaften. Ich war wieder einmal der Jüngste. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . hatten wir ihn als Helden gefeiert. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. was der Name Dimitroff uns damals bedeutete. den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten. dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. die mir zu Vorbildern wurden. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war.hatte. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut. In Bohnsdorf gründeten wir. der den Nazis die Stirn geboten hatte.

Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. -50- . Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. wie man einen Dienst aufbaut. uns unter die Arme zu greifen. Er war erfahren. September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. Leider nahm er ein tragisches Ende. Er brachte uns bei. erklärten wir im nachhinein den 1. und wir hingen an seinen Lippen. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt. wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab.dafür. wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. von Stalin persönlich beauftragt.

sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte. von meinen Freunden und von der Stadt. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. begleitete ich ihn zur Garderobe. Als Nikolaj Krutizkij. hieß Smoking. wo er umständlich in seiner Soutane kramte. Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte. daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. der Metropolit von ganz Rußland. führe ich auf diese Begebenheit zurück. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden. wir plädierten für den dunklen Anzug. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. unerträglich gespannt.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. den wir schlössen. endgültig Abschied zu nehmen. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. Beim Empfang selbst stellten wir v erdutzt fest. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. Mir blieb kaum Zeit. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte. die mir so ans Herz gewachsen war. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. in eben jenem Festsaal. dem unser Dienst unterstand. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte. Der Kompromiß. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. daß wir im Frack erschienen.

die wir befolgen mußten. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war. Elektronik und Elektrotechnik. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. des Flugzeug. was sich in dem Maße änderte. das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Chemie. Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation. wurde so weit getrieben. selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. um nicht zu sagen dominierende Rolle. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren. Eine kleine. wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. der Kernenergie. hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. Die Bürokratie. Man hat mich immer wieder gefragt. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes. in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten. da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war.und Trägerwaffen. warum Moskau sich mit -52- . Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke.

Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen. was sie erfahren sollten. Daß wir nach und nach dazu übergingen. daß die Sowjets zu Recht annahmen. die unsere Arbeit nicht berührten. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. nicht weit vom Sperrgebiet. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. Ich glaube. Und so war es auch. wenigstens anfangs. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. Korb war in mancher Hinsicht. sogar die Decknamen unserer Quellen. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. auch über Themen. die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. daß man als Analytiker stets gezwungen ist. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. Er leitete die Hauptabteilung Information. daß eine kontinuierliche. was man ein Original nennt. ihm und mir bestand. in dem Parteiund Staatsführung wohnten. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht. Er war ein brillanter Analytiker. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. an bestimmte Informationen heranzukommen. -53- . etwa den Islam. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht. der mich lehrte. die aus einer Sekretärin. Von ihm habe ich viel gelernt. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden.

Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. Benötigten wir dringend Devisen.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen. und die Schwierigkeiten waren gelöst. Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet. Es gelang ihm sogar. Nichts leichter für Stahlmann. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf. Wir dienten unserem Staat loyal. und wir mußten umziehen. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten. Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen. Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst. In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . aber wir waren keine Eiferer.

wechselte Gehlen die Seite.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit. sagte uns der Name Pullach. Auf den Namen des Mannes. was sich damals Organisation Gehlen nannte. Das war leichter gesagt als getan. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. unerreichbare Welt. gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten. nicht viel. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen. wie es uns schien. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »ExHitler-General spioniert jetzt für Dollars. Er stand für eine unbekannte und. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte. lag noch in weiter Ferne. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. der in Pullach leitete. Beschützt. Ihr Leiter war Gustav Szinda. Als der Krieg zu Ende war. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. Unsere Aufgabe war es. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. aber nicht den Gegner. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. Der Tag. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren.

erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. Delmers Artikel enthüllte. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. Gerhard Wessel. sondern auch in arabischen Staaten. sondern auch hochrangigen NSOffizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte. Das hinderte Konrad Adenauer. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. der Central Intelligence Agency der USA. Er schlug wie eine Bombe ein. sich des alten.Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a. D. wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut.und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. das wollten die -56- . nicht. daß der amerikanische General George S. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. Patton. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. Europa war gespalten. der als Rechtsaußen berüchtigt war.

In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NSFunktionäre so manche Spitzenposition. Dr. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten. zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept. Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen. denen der Verkehr zwischen Ost. Hans Globke. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art. wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach. Gehlen begriff schnell die Chance.

die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. aber sobald wir das herausfanden. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. und wenn. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . Nazis waren bei uns nicht erwünscht. Eine unserer wenigen Chancen. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. Das konkret zu überprüfen.dadurch im Vorteil. Die Frage war nur. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte. indem wir sie wissen ließen. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten. als ihnen lieb sein konnte. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren. sollte ich Gelegenheit bekommen. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. ob. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD. sondern arbeiteten für uns. daß auch unsere sowjetischen Berater.

Fritz Dorls. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. einem schlanken. hie und da gar Widersprüche zu dem. die er angeblich kannte. es klang alles fast zu schön. nach Berlin zu kommen. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. Es klang alles sehr logisch. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. und obwohl wir ungeübt waren. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«. als -59- . für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei. gebracht. fast noch Amateure. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. um wahr zu sein. Gustav Szinda leitete das Gespräch. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. aber auch das zerschlug sich. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu. ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. Schließlich gestand er. zeigte er sich mehr als willig. Wir baten ihn. Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. als der er sich ausgab. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen.einer Quelle namens »Merkur« stieß. taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen.

sondern mehr noch bei uns. daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. die Finger von »Merkur« zu lassen. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. aus der ich die Lehre zog. Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte. Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. So geschah es. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war. Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten.wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten. den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen. befragte ich nicht sie. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. -60- . Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf. als der Mann in Untersuchungshaft kam. Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. daß man sie verdächtigte). als uns lieb sein konnte. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute.

Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten.Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. Uneingeweihten sagte das nichts. für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. grün für Residenten –. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns. Es blieb uns folglich nichts anderes übrig. aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. die große Papierrolle unter dem Arm. während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Ackermann und ich -61- . ebenso wie unsere Residentur in Bayern. blau für Quellen.

daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. schieden von vornherein aus. -62- .schlugen Ulbricht vor. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. waren so hochgeschraubt. nachdem wir sicher sein konnten. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. Die Sicherheitsanforderungen. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. die DKP. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns. die Kontakt zur KPD hatten. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem. daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte. den Apparat zu komplettieren. wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. um es bescheiden zu sagen. Wie gewinnt. Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. Ihre Lage war demütigend. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. der beauftragt war. alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin. zurückzubeordern. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. sie zu identifizieren. die Zuchthaus. Ulbricht stimmte zu.

und sie ermöglichte es mir. noch ein weiter Weg. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können. der Jugendorganisation der SED. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen. -63- . bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden. und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. Aber bis dahin war es Ende 1952. Sie sollten den Kern meines Dienstes.

daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte. ohne persönliche Worte. dem Generalsekretär der SED. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer.« Selbstverständlich wußte ich. andererseits war es ein offenes Geheimnis. was er von mir wollte. machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee.3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich. die als seine engste Mitarbeiterin galt. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch. wie es seine Art war. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt. von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. Später hieß es. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken. Sie begrüßte mich freundlich. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat. Er war no ch in einer Besprechung. daß die Anfeindungen Grauers -64- . bevor er sie aus dem Zimmer schickte. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. So erfuhr ich. Ohne zu ahnen.

hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung. daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest. erklärte Ulbricht. Auf meine Frage. Mir drehte sich alles im Kopf. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. wäre es wohl am ehesten Stolz.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte. als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt. Mir war bei -65- . wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. was mir widerfahren war. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. in der Partei noch unbedeutender. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben. dann kann ich dazu nur sagen. Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. Wenn man mich heute fragt. Stolz auf das Vertrauen. so benommen war ich von dem. an das ich mich erinnern kann. Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben. der Teil dessen war. daß ich. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. Sollte ich irgendein Gefühl benennen. keine dreißig Jahre alt.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm. was gewiß nicht ohne Gewicht war. das die Partei mir entgegenbrachte.

Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So. ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit. wie er in allen Dingen war. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. daß ich mich dem. daß -66- . sobald sie mir zu Ohren kam. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. eine Ehre. sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. Ungewöhnlich. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte. In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt. Über seine Biographie wußte ich nur. die ich im Nachrichtendienst genoß. als könne er es kaum erwarten.jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen. Wenn du mich brauchst. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. nicht aufgeben.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. bin ich da. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf. die ich ausschlug. in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. was man von mir verlangte. Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. in eisigem Ton zu erklären. nun mach mal.

Man kann sich vorstellen. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. aber auch von Ulbrichts steifer. die ich näher kennenlernte. als der -67- . denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. was vor sich ging. wie fassungslos wir waren. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. weil sie sich an seine Herz. alles. unpersönlicher Art. bei anderen wie Pieck oder Ackermann. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus. was Kraus wissen konnte. die sogenannte Vulkan-Affäre. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. verweigert hatte. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte. bevor wir auch nur ahnen konnten. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl.er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. Es machte Spaß. Bei fast allen Emigranten. Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. Fast nie gelang es mir. was mir auf den Nägeln brannte. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. zu der er mich auf die Minute genau empfing. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. die nötig und möglich gewesen wäre. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe. mit Zaisser zusammenzuarbeiten.

es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. wir hätten erkennen müssen. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. wie verwundbar unser Dienst war. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- . daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit. mich seine Macht spüren zu lassen. nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen. An Problemen. den ich nicht verlieren wollte. gab sie uns viel zu denken.bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren. herrschte kein Mangel. die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. Es stellte sich bald heraus. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. Natürlich wußten wir sofort. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben.

was in unserem Land geschah. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war. Besonnene Politiker wie Ackermann. rüttelte uns das nicht wach. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. sich für eine -69- . die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten. nahmen wir nur halb wahr. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. vom Tisch. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt. Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende. Vieles. der gefürchtete Geheimdienstchef. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland.selbst gestellt. sondern gehandelt. denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen. und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt.

hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend. daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. es werde ihnen nichts geschehen. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht. neutralen Deutschlands vor Augen. Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. man versicherte. das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel. Heute weiß ich. demokratisches und neutrales Deutschland. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . In der Zeitung las ich.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach. Am Morgen des 16. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. marschiert waren. eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Aber es war zu spät. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte. Es enthielt Vorschläge. Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. So kam es.

um -71- . Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. Die Streikenden verlangten. zu tun sei. auch von Westen her. ließ man uns frei. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht. aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. massiv zu agitieren.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. Erst als es mir gelang. Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. die keinen Aufschub gestattete. Im Stadtbezirk Pankow. und die Hörer in OstBerlin aufgefordert. was in dieser Situation. doch vergebens. dem Posten zu beweisen. daß ich Russisch sprach.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. ein ehemaliger Bergarbeiter. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt. die Stimmung drohte überzukochen. Juni überschlugen sich die Meldungen. Um 13. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken. und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. hielt ich an. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. teilzunehmen. daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. Am 17. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden. Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. wo wir wohnten.

Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren. Aus Informationen meines Dienstes. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. Er hatte den Eindruck gehabt. In dieser Zeit des Aufruhrs.mich zu Hause schnell umzuziehen. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. um die Stimmung aufzuheizen. So gut wir alle wußten. so wenig ließ sich übersehen. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig. in dieser Zeit wurde mir klar. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- . einem großen Metallbetrieb. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. wäre die Eskalation des 17. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen.

und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. eine neue SED-Führung -73- .»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. die DDR zu liquidieren. Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau. in der Woche vor dem 17. am Vorabend des 17. war ein Kinderspiel. alle anderen befürworteten. Nur Hermann Matern. Sogar vom »Tag X«. Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. Dieses Material benötigte unsere politische Führung. der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. war in der DDRPresse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. dem sich entnehmen ließ. als sich der Ungewißheit auszusetzen. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen. Moskau hatte Reformen verlangt. was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. Juni nach jedem Strohhalm greifen. um die Verantwortung für den 17. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert. Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns. daß Pläne bestanden. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. denn ihre Position war schwer angeschlagen.

hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut. Auf der 35. Eine Chance war vertan. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. ursprünglich Journalist. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin. Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. selbst erlebt hat. Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen. Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. die sie hinnahmen. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. Paradoxerweise hatte der 17. ohne zu protestieren. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . machte er sich unverzüglich daran. daß man sich opferte. mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. ohne den Zweck in Frage zu stellen. und zog es vor. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. die verlangen konnte. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte. Rudolf Herrnstadt. Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-HerrnstadtFraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie.

Botschaft in Warschau. die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden. Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- . Noch zu Zeiten. Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. daß es sinnlos. In den Aufzeichnungen. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. ja unmöglich sei. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. ob er denn klüger sein könne als die Partei. das darin ausgedrückt ist. läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt. und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage.

und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt. und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt.wurde in das Innenministerium eingegliedert. aus dem er gern erzählte. In seinen Memoiren erzählt Gehlen. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. der ein wechselvolles Leben geführt hatte. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. um so mehr aber für die politischen Informationen. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. dem Willi Stoph vorstand. der seine Ambition. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. was ihm -76- . kaum zu zügeln vermochte. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß. Ernst Wollweber. Man kann sich denken. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. am liebsten beim Billard. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen.

der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. ja gar nicht erst keimen zu lassen. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. daß diese -77- . Juni zum Anlaß nahm. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. Sein Verdacht rührte daher. und er ließ nichts unversucht. Matern als NaziKollaborateur zu entlarven. was er gegen Matern hätte verwenden können. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben. die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. und das sollte er nie vergessen. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war. Schon damals hatte ich den Eindruck. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. Während Mielke die Geschehnisse des 17. Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen.einer seiner Agenten berichtet hatte. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war. noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet.

Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. doch ihre Chancen. was man nur falsch machen kann. in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. sondern war im Gegenteil erwünscht. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. standen gut. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter. Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. Sie beschränkte sich darauf. Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. Es war nicht schwierig. alles falsch zu machen. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen. -78- . und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten. Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor.

um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. Weit schwieriger war es. alles aufs Spiel zu setzen. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben.daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen. weil wir argwöhnten. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. Karlsruhe und Hamburg. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. Die Möglichkeiten. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. Als -79- . Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. waren äußerst begrenzt. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«.

erstes schickten wir ihn nach Hamburg. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. Als wir sein Verhalten analysierten. der ihm Material übergeben würde. Als Vertreter einer Firma. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . Seine Aufgabe war es. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. Seit er den Zug verlassen hatte. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder. für einen Übungseinsatz. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. die Frisiersalons einrichtete. daß es so gut wie aussichtslos war. aber das. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen. Sie war keine Schönheit. weckte das in uns den Gedanken. Jeder von uns wußte. merkten wir. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. was sie »Felix« erzählte. zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. die sich einfach nicht abschütteln ließen.

war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten. und wir zogen »Felix« ab. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich. besonders auf der Leipziger Messe. Dennoch erklärte er von sich aus.angesprochen. Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen. veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch. wurde mir klar. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. sie nachzuholen zu versuchen. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte.und West-OstKontakten. wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen. um interessante Verbindungen anzubahnen. die über sogenannte Westabteilungen verfügten. Joseph Wirth. Dr. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. wo gerade die strengen -81- . So gesehen. daß es keinen Sinn habe. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze.

Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. war ein Onkel seiner Frau. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges. Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. daß meine Ohren glühten.Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde. und abends tranken wir Brüderschaft. Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. Schon während des Essens freundeten wir uns an. die stets bemüht war. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. Man kann sich vorstellen. und er wußte über Franz -82- . Steinrücke anzuwerben. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals. Ich gab mich als General aus. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. als ich das hörte. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau.

Davon. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. war mir klar. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. konnte nicht die Rede sein. das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. Über Steinrücke hatte ich Dr. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. Gisevius. daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. in Erinnerung war. war meine Schuld. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr. Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum USGeheimdienst. daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. dem Vorläufer der CIA. der im Interzonenhandel tätig war. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. Ein Foto. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. lag der Verdacht nahe. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. glaubte ich. Walter Bauer kennengelernt. Da er vor 1945 im Flickkonzern. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . rundlicher Mann in einem Anzug. eine hohe Stellung innegehabt hatte. einen Frontalangriff wagen zu können. als er mir gegenüber andeutete. gar unter Druck zu setzen. Daß unser Kontakt abbrach. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS. ihn einzuschüchtern.

das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. Heinrich Wiedemann. daß er nicht abgeneigt war. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen. Wir setzten einen Vertrag auf. daß er beabsichtigte. einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. Carl Hundhausen. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. sondern ließ mich auch bald diskret merken. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel. Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. und keineswegs vorhatte. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. doch ich mußte begreifen. wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen. Doch dazu sollte es leider nie -84- .

damit er nicht verraten werden konnte. bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde.kommen. Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. als Drehscheibe in Krisensituationen. Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen. machte sich bezahlt. weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. -85- . die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. und wir befürchteten. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. und wir sahen uns genötigt. Inzwischen stellten wir besorgt fest. Rudolf Kriele.

Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein.Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. Neben Dr. und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl. das sie erdulden mußte. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Lydia. wurde aus Alters. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde. so lautete unser Deckname für Susanne Sievers. für uns zu arbeiten. Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht. suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. und das machte meine Leute neugierig. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. Stoltenberg und Leussink. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen. der »Iris« angeworben hatte. in der sie eine Art -86- . sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in OstBerlin zu treffen. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten. machten wir zuerst lange Gesichter. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz.und Gesundheitsgründen eingestellt. Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. Trotzdem war sie bereit.

sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik. kein Rechter zu sein. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war. aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. Ich habe mich oft gefragt. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. hätte sie versucht. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. den er vor der Öffentlichkeit abgab. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. Später fanden wir heraus. an deren Spitze Rainer Barzel stand. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. mehr nicht. Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. König von Ungarn zu werden. Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen.Salon führte. Durch sie erfuhren wir. um ihre Unkosten zu decken. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden. Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. aber das war nie der Fall. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . Wäre sie eine Doppelagentin gewesen. was sie dazu bewogen haben kann. damals ein junger Protege Adenauers. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. der auch nur entfernt im Verdacht stand. »Lydias« große Stunde schien gekommen.

Tokio. Manila. Jeder kannte die Karten des anderen. Jakarta und Singapur eingesetzt worden war. für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Unser eigener Apparat. ein Bluff war ausgeschlossen. wenn -88- . war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet. Der Dolmetscher stutzte. der diese Apparatur bediente. Aus BND-Akten erfuhren wir. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren. daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. noch nicht ganz flügge. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. Das war leichter gesagt als getan. oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben.Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. Wir sollten also ein Bordell fingieren. Der Bedauernswerte. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen.

wo er sich mit der Haushälterin unterhielt.Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. die er anschleppte. Stahlmann unter die Augen kamen. die Damen setzten sich in Positur. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. hieß er Jansen. zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. schien nicht abgeneigt. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten. uns mit Informationen zu versorgen. Wenn ich nicht irre. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. unser Team wartete ungeduldig. Unser Team rotierte. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. was wir von ihm wollten. die nicht abgeneigt waren. vom Sittenexperten beigesteuert. Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach WestBerlin ausschwärmen. Als nächstes galt es. Anfangs waren wir so blauäugig. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen. geeignete Damen zu finden. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. Die Konferenz begann. aber kein Gast ließ sich blicken. Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters. und machte ein -89- . Er wußte.

als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen. erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. Die Informationen. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen. Van Nouhuys. sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . unserem Dienst. Deckname Nante. in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. die er lieferte. gewiefter Journalist. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. inzwischen Chefredakteur der Quick. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. daß es unverzichtbar war. sich den Wind der großen. habe ich nie herausgefunden. Gut erinnere ich mich an den FDPBundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert. für den sie sich hatten anwerben lassen. Er behauptete. die wir mit unserer malina gemacht hatten. Die Ernüchterung kam. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab.weiteres Treffen aus. wurde vom Stern entlarvt. denen es gelang. Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. hielten unseren Überprüfungen stand. aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. Die Erfahrung. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. ein windiger. Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch. weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit.

wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen. ehemalige NSBauernfunktionäre und Kommunisten. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten.und Forstwirtschaft entstanden. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- . einem der Mitbegründer der CDU. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt. nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED. Günther Gereke. Sammelbecken für Kräfte. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. eine neue Partei ins Leben zu rufen. die von rechts. daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. Leider sahen wir uns bald gezwungen. Militärs. denn wir erfuhren. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. Juli gehört hatte. So wenig schmeichelhaft es war. war die Gemütsruhe.Gauner ausnehmen wollten. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde. mitanzuhören. Wir beschlossen.

als mir lieb sein konnte. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. SchmidtWittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. wie ich wenig später erkennen mußte. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten. Er gehörte zu jenen Patrioten. Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. fand ich Wollwebers Weisung vor. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte. doch er wiederholte -92- . Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. der eine steile Karriere vor sich hatte. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten. überlegte man in Berlin. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte.Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. Ich bestürmte Wollweber. Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern. arbeitete er für uns. wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. die er weder kannte noch gutheißen dürfte. ein Mann. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDUBundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack.

Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. da fiel mir Gerekes Fall ein. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa. vorausgesetzt. Ich war mit meinem Latein am Ende. Ich behauptete. die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß.nur. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. es sei alles beschlossene Sache. den ein Kurier nach -93- . sich in die DDR abzusetzen. er sei einverstanden. seine Frau. Das war schon besser. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht. sei es ebenfalls. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. ihn zu verhaften. Wir kannten uns nicht persönlich. Mir blieb nichts anderes übrig. Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau. als zu überlegen.

und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. Seine Enthüllungen besagten. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe. was er hatte aufgeben müssen. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. Außerdem verkündete er eine Information. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. Am 26. Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse.Hamburg brachte. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne. vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte. Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit. der einen VorruhestandsFunktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann.

in der dieser das Gegenteil versicherte. er sei politisch unabhängig. und beschuldigte die Bundesregierung. unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns. Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . daß beide mit Wohlgemuths Auto nach OstBerlin gefahren waren. Juli 1954 verschwand Dr. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. Am 20. Juli erklärt. Wolfgang Wohlgemuth.zuständig gewesen. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin. Es hatte den Anschein. sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. Otto John.

Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch. dem KGB-Maulwurf. und danach -96- . Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute. fraglos als Aufpasser. glaubwürdig erscheinen. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt. und aus dem. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. Aus Akten. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992. Eine diplomatische Karriere. die ich 1990 einsehen konnte. Heute vermutet er. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden. Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. einstige SD. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. abgefangen und unterdrückt wurden. wie sie ihm vorschwebte. die er für seinen Übertritt vorbrachte.Organisation Gehlen an. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich.

erzählt hat. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen. Auffallend ist. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. dort Eindruck zu schinden. als Überläufer aufzutreten. stieg in den Wagen -97- . Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde. läßt sich ersehen. den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. daß niemand so recht Lust hat. und wahrscheinlich scheint mir. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr v orerst nicht zu denken war. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. aber arm an Aussagen. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. dem militärischen Hauptquartier. indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich. um die Situation zu klären. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. Wahrscheinlich ist. überreichte. Doch im Dezember 1955. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten.

künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«. war die. Die Lehre. -98- . die ich daraus zog. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils. die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. als Überläufer zu präsentieren. war uns nicht gelungen. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. hat ihn zeitlebens erbittert. Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen. Gerhard Schröder. Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. der damalige Innenminister. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert.des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin.

so ging auch ich. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. als das weise. aber die Wirkung ging tiefer. die letztlich zu jener Entwicklung führten. an der Errichtung einer besseren. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage. gütige »Väterchen«. einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. für die anderen wich eine Spannung. Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. wie ich ihn lange gesehen habe. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX. Doch so. fällt es mir schwer. einen ersten Stoß. Im Rückblick erscheint mir der XX. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. begleitet von Zweifeln. gerechteren Welt mitzuwirken.4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. das ihn so zeigte. die jahrelang auf uns gelastet hatte. Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- . wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. Als ich die Rede gelesen hatte. welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet.

Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit. konnte später nicht behaupten. an der ich -100- . der nicht zu bereinigen war. Parteikonferenz der SED. Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte. die überragende historische Gestalt. denn wir glaubten.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten. Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. er selbst aber blieb die unantastbare. von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden. in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. die 1934 auf dem XVII. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. Sie enthüllte. Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben. Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. Auf der 3.

Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. Er habe unter keiner Last gelitten. wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. nachdem er Minister geworden war. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«. ein Begriff. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt. Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. in der DDR habe es keine gegeben. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde. Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. mit denen Mielke uns langweilte. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich.teilnahm. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. und sprach von meiner Erleichterung. Parteitag der KPdSU gezogen. Mielke widersprach mir sofort. wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. Er betonte. Bereits unmittelbar nach dem XX. Einige Jahre später. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. nach Chruschtschows Sturz. begrüßte die Art. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort.

Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. wo ein lebhafter. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte. deutscher und italienischer Marxisten. sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. ungarischer. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. Hans Jendretzky und andere aufgehoben. ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten. So kam es. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit. bei Lenin ausgegraben. kam -102- .und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem. 698 weitere vorzeitig entlassen. Der Begriff der friedlichen Koexistenz.entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. »Keine Fehlerdiskussion«. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. Anton Ackermann. als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. polnischer. 1956 wollte es fast so scheinen. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen. »dem Gegner keine Argumente liefern«. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. die in der Sowjetunion geführt wurden. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik. Schulungsseminare für Partei.

das bis 1966 bestand. an den sich ehemalige VLeute noch heute voller Zorn erinnern. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte. hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen. Dieses SPD-Ostbüro. ihre Aktivitäten. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert. daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert.in Mode. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen.« Ein Blick aus dem -103- . um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus.

mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- . war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel. wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt. Sie gruben einen Tunnel aus. In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe. Wollweber erklärte mir nun.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. durften wir die Anlage besichtigen. Hinter Alt-Glienicke. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIMLimousine mit Begleitschutz. etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten.

Er war damals in der WestBerliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. Beide waren mit -105- . man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen. die Hintergründe dieses Tunnelbaus. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das. den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. Es war faszinierend. Viele Jahre später erzählte mir George Blake. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war. in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. wie er in Gewissenskonflikte geraten war. daß es opportun sein könnte. und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle. Wie Blake lebte auch Kim Philby. Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. häufiger in die DDR fuhr.

hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat. besseren Welt zu erkennen glaubte.Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus. der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß. weil er in ihr den Beginn einer neuen. In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste.

die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. Mátyás Rákosi. während man davon überzeugt war. von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert. die 53 Tote und 300 Verletzte forderten. mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben. daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . Ungarns »kleiner Stalin«. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen.antikommunistischen Landesarmee. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen. galt als kommender Parteichef. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren. Gomulka. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. die ungarische Partei bemühte sich.

Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes. In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs. Am 23. der Ruf nach Freiheit. Es gelang den Polen. Im Wechsel wollten sowjetische -108- . vernünftige Politik. Kardinal Wyszynski. Oktober wurde das Stalin. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt. den ich aus Moskau kannte. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. Am 4. In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg. nun wurden politische Forderungen laut. Imre Nagy. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. Es gab den ersten Toten. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt. Rákosi mußte zurücktreten. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. wurde aus der Haft entlassen. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz. auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. ihn zu beruhigen.der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt.

Juni 1953 in der DDR. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. endete der Konflikt. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. wie später beim Mauerbau und beim -109- . Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen.Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen. was die Nato tun werde. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17. aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau. Die Entscheidungen über Krieg und Frieden.

daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten. doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute. und es ist mir nicht darum zu tun.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen. eine militärische Konfrontation zu verhindern. daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat. Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen. Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will. Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten.

Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár. wo immer sie Gelegenheit dazu fanden. über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten. die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . als Patrioten. Damals sahen wir in erster Linie.

daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben. Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand. gewann eine Information an Gewicht. schien uns über jeden Zweifel erhaben. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten. Angesichts des Umstands. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt.ausgesetzt gewesen war. der zufolge Franz -112- . Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen.Linie«. ließ dennoch zu. Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. datiert war das Dokument vom 2. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. März 1955. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. denn wenn es wirklich echt war. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas. und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. Die Zuverlässigkeit der Quelle. Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war. Als wir es 1959 veröffentlichten. erfolgte kein Dementi aus Bonn.

um zu verhindern. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung. und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. Durch die Informationen. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. Auch die Information. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. ob es möglich sei. Wollweber erließ einen Befehl.Josef Strauß. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern. daß General Norstad sich nicht beeilte. trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war. der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel. Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete. der neue Bundesverteidigungsminister. die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. Das führte zu einem Aufwand.

und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. und sie erklärte sich auch bereit. für uns zu arbeiten. Deckname Gerlinde. So kam es. einer hübschen. die Flut an Geheimdokumenten. weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. -114- . daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an. zu f tografieren o und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. Schwierig sollte sie immer bleiben. die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde. in die DDR zurückzukehren. Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her. der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen.konnten. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. die sie ihm übermittelte. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet. was für mich eine herbe Enttäuschung war. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge.

daß sie aus innerer Überzeugung. über die Panzer Leopard 2 und Gepard.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. »Henry« wurde mit Bein. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. und die Polizei staunte nicht schlecht. der Einblick in Verschlußsachen höchster NatoGeheimhaltungsstufe hatte. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später. als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte.Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. Bei beiden hatte ich den Eindruck. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte. Ruth Moser war es gerade gelungen. die erforderlich waren. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. der mit einigen Extras versehen war. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen. auch diesmal wieder aus eigener Initiative. Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst. -115- . Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. als sie in seinem Auto unter anderem eine MinoxKleinstkamera. sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. für unseren Dienst an. Filme. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte. nämlich wie in einem James-Bond-Film. für die Aufklärung gearbeitet hatten. zu der sie nach wie vor standen. ebenfalls Offizier.

führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten. der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte. diesmal von seinem Kurier verursacht. und »Henrys« Geliebte. Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. für einen französischen Dienst tätig zu sein. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. als Winzer zu warnen. Deckname Heike. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus. Zur Zusammenarbeit war es gekommen. Deckname Blanche. Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden.Sein etwas bizarres Privatleben. Es blieb uns nichts anderes übrig. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall. die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. ein sogenannter -116- . Deckname Südpol. und deshalb flüchtete er zu Fuß. hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet.

wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. Deckname Bruno. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren.Amtgehilfe. die er erbarmungslos plünderte. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr. beschaffte. Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. war sie doch von Fachleuten ersonnen. die er uns verschaffte. Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. zeigten. Die Papiere. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar. die uns Peter Kranick. Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht. »ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten. Wir warben ihn an. der den stolzen Decknamen Minister trug. Er war das lebende Beispiel dafür.und Lebensmittelrationierung. Benzin. ein ehemaliger Fremdenlegionär. Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze. die inzwischen in der Botschaft der -117- . wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze. die Requirierung ziviler Fahrzeuge. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. die. die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten.

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick auf das Nato-Hauptquartier. Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West. Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte Position erneut zu festigen. In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine »parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke, und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion. Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied, denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter Wollwebers galt. Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan, der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere Beziehungen unterhalten.
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Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das, was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958 Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er persönlich an, hatten wir uns doch beide f r eine differenzierte ü Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion« sah. In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben. Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen – übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung
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politisch Andersdenkender einem simplifizierenden SchwarzWeiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955 Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem »Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
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Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte. Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie gebracht. Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel. Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober 1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten »in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953 ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen, nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung. Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit. Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage. Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-121-

Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war, nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

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5 Die Betonlösung
Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte oder Freunde sie oft schon erwarteten. Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen klar. Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR. Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der
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Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich. Bevor die Mauer – von unserer Führung als »antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als »Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser, die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;
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viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben, durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen. Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung zu bringen. Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte
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Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah, wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden. Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität. Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke, daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989
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Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit. die das Regime in der DDR unterstützten. Die Zahl derer. die Menschen daran zu hindern. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so. werde es unmöglich sein. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. die DDR stabil zu erhalten.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. falls die Abwanderung anhalte. -127- . das Land zu verlassen.endete. die es ermöglichte. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. »Damit«. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. in der Regel niedriger. sagte Falin. war nie höher als dreißig Prozent. bereits 1953 begonnen hat. daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte.

« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige. Er nannte Fristen. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen. ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können. was die USA provozieren könnte. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. Es steht also außer Frage.sondern im Auftrag des Bündnisses. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. bestätigte Julij Kwizinskij. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. die USA wissen. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. der Perwuchin damals begleitete. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- .

sogar herzliche Gefühle. Selbst während der seltenen Atempausen. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow. als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte. als er 1957 mit Anastas Mikojan. weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. zum erstenmal. dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf. Doch gerade diese Spontaneität. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. Chruschtschow und Mikojan in der Mitte. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden. Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand.»Überholen. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. ohne einzuholen. die naiv wirkende Art. Unvergessen ist jene Szene. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte.« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck. Er wirkte überzeugend. Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme G orbatschows. Es war im Sommer. der Dolmetscher und ich hinten. Natürlich war das organisiert. Mielke vorn neben dem Fahrer. imponierte vielen -129- . dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. doch viele Gesichter spiegelten freundliche.

von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt. ihn zu stürzen. entschlossen durchkreuzt. daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. Kaganowitsch. ist vielfach beschrieben worden. Als er 1957 die DDR besuchte. In der DDR war davon nichts bekannt. hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro. Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow.Amerikanern. Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«. Ulbricht. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung.

Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System.Gefühlen gelauscht haben. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. die für die Sowjetunion lebenswichtig war. Aber er war ein Vollblutpolitiker. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. aus denen hervorging. Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel. Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. der an seine Ideale glaubte. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. Eilfertige -131- . Er neigte dazu. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren. Es wäre ein Irrtum. stand es ablehnend gegenüber. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. Die Entspannung.

die Medien feierten den »Geist von Camp David«. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen. Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen. die in die -132- . Es war nicht leicht. soweit wir Zugang zu ihnen hatten. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. Fieberhaft versuchten wir. Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte. daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte. selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. uns Kenntnisse über John F. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute.

Kennedys Reden -133- . und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. Die sowjetische Führung wußte. unterlag keinem Zweifel. und das war Kennedy bewußt. Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen.. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten. zögerte er. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala. Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte. Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand. mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12.

doch in den Verhandlungen. Da Chruschtschow nun – womit die USExperten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden. reagierte er zornig. und drohte. Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde. Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung. und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. die freundschaftlich miteinander umgingen. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- . prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander. daß es zum Krieg gekommen wäre. Vergeblich.Blockade erarbeitet würden. Im nachhinein wissen wir. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen. Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden. unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch.

doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln. -135- . schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. »Ihre Rechte. waren die Würfel nunmehr gefallen. blieben unangetastet. trat den Rückzug an. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten.einem Stufenplan verschafft. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte. und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. den nationalen Notstand zu verkünden. London und Paris auf. so erleichtert atmeten die Politiker in Washington. Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. nicht Kennedy. da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. August 1961 bestanden hatte. um die Reaktion der Sowjets zu testen. die bis zum Morgen des 13. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. Chruschtschow. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt. der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah. an jenem Sonntag morgen waren. So sah die Situation aus. auf West-Berlin bezogen. So groß der Schock. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte. in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten.

als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten. Die Reaktion Washingtons. weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben. einen Riegel vorgeschoben. seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert. die Lage nicht zu verschärfen. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. denn ich glaube. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . Allan Lightner.Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. wie er sie verstand. sie haben jedes Recht dazu. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach WestBerlin entsandt. die er richtig voraussah. sondern der Sowjetunion zu signalisieren. Kennedy wurde erst Stunden später informiert. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. die lautete: »Eine Mauer ist.« Die erste große Aufregung schien verflogen. und Ulbrichts Wünschen. Kennedy hatte General Lucius D. daß die drei essentials nicht verletzt wurden. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen. verdammt noch mal. Ich verstehe nicht. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. wo dieser.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt. darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. Clay. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort. August so unvorbereitet wie meinen Dienst. hatte er doch peinlich darauf geachtet. besser als ein Krieg. daß man Ruhe bewahren werde. um große Politik zu machen.

Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte. Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. sich auszuweisen. um ein Exempel zu statuieren. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit. kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. Auch wir merkten. Zurückgewiesen. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. beide Seiten zogen ihre Panzer ab. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. die Posten zu passieren. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin. daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten. als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 WestBerlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. Eine Woche nach Kennedys BerlinBesuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . wo sie versuchten. war am Checkpoint Charly von einem DDRPosten aufgefordert worden. ohne sich auszuweisen. Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt. Worte. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen. Das wurde uns mehr als deutlich.West-Berlin. nicht aber der kalte Krieg. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. die eine Absage an Chruschtschow waren.

daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche. mußten nun so eingerichtet werden. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war.Evangelischen Akademie in Tutzing. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen. nicht gegen sie. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. Sie wurde sehr viel aufwendiger. Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. So kam es zu der paradoxen Situation. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen. Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. Jetzt war dieser Weg versperrt. Es konnte vorkommen. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. gingen wir das Wagnis ein. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen. an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen.« Durch die Grenzschließung am 13. was wir strikt ablehnen.

ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege. die auch darin gründeten. Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall.in der Bundesrepublik aufhielt. daß Jurij Andropow. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten. die für die Übersiedlungen zuständig war. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. Zwischen der Abteilung VI unserer HVA. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . funktionieren mußten. die ständig verbessert wurden. die benötigt wurden. In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet. der Vorsitzende des KGB. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. Der einseitige Funk. aber oft kam es nicht vor. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig.

Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. So gut und einfach diese Methode war. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. Bis ich den Dienst verließ. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. -140- . oder einen speziellen Empfänger zu benutzen. das er Rundspruchdienst nannte. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich. Das bedeutete die schwere Entscheidung. Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück. daß man angepeilt wurde. zu unterscheiden waren oder sind. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. sorgten für dauerhafte Reibung.die verschlüsselten Funksprüche empfangen. Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums. so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen. Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr.

Wider Erwarten fand sich nicht nur er. für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. Anhänger eines humanistischen Weltbilds. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. indem er in der Illegalität untertauchte. Adenauers engstem -141- . schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen.Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme. aber einige Quellen wurden festgenommen. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. Max Heim. Es war erstaunlich. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung.

Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern. Als er verraten wurde. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand. Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- . und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp. wo er 1965 verstarb. und zu Ernst Lemmer. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen. dem Leiter des Ostbüros der SPD. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. Er war von dem Drang erfüllt. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte.Vertrauten. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende.

die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt. auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten. -143- . Doch für uns galt es. die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten.Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. Es kam nicht zur großen Koalition.

Zu den vielfältigen Ursprüngen. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus. wo diese im Hause der Rahab. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. gehört neben der politischen Überzeugung. Im 4. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . gesammelt hatten. indem sie ihr das Leben retteten. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. schnitten sie eine Weinrebe ab.6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. Hosea. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe. in dem Milch und Honig floß. die so schwer war. sie habe zwar Fremde bewirtet. daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten. einer Dirne. aus jedem Stamm einen. und wie Mose zwölf Männer auswählte. diese seien aber bereits abgereist. in denen die Motivation derer. wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. wie der Herr Mose gebot. dem Sohne Nuns. dem Idealismus. Weniger launig läßt sich feststellen. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte. gründete. mit einer Traube. Im Buch Josua erfahren wir. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. Einem der Männer. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. die sich für meinen Dienst engagierten. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. ja zwangsläufig ist. Buch Mose wird geschildert. versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. die sich später revanchierten.

in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. die er uns als mögliche Quelle empfahl. waren ein gebrochenes Herz. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben. hat damit zu tun. Das aber bedeutete noch lange nicht. daß die meisten Kundschafter. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten. Herzensbrecher ausgebildet zu haben. Alleinstehende. die wir in den Westen entsandten. sahen wir es nicht als geboten an. von der er den -145- . Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. Was blieb.Liebe. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. eine moralische Bürde. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. Die wohl eher mediengerechte Behauptung. alleinstehende Männer waren. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. war von unserer Seite aus nicht untersagt. unsere Leute davon abzuhalten. und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. den Bereich der Phantasie. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen.

als Kandidaten. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. Deckname Astor. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt. Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor. die er nicht verschwiegen hatte. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung. wo Regierungsmitglieder verkehrten. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. der Dame. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- . Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. Sie wurden ein Paar. Das fanden wir merkwürdig. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring. seine Freundin anzuwerben. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. Wir entschieden uns für Herbert S. dessen Souveränität sie nur belächeln konnte. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden.Eindruck hatte.. die »Felix« genannt hatte. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute.

daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte.. in jede Rolle zu schlüpfen. daß wir ihn zurückholen mußten. was -147- . Es gelang ihm. gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen.dramatisch. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. kurzum. passenderweise mit dem Namen Margarete. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«. war hübsch und katholisch. Unser Mann überlegte. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent. fleißig. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust. was uns vorschwebte. um dort eine Frau kennenzulernen. Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. Er war ein hochintelligenter. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. sittsam und scheu. kannte das Wort Niederlage nicht. das wir durch »Gudrun« erworben hatten. verstärkt durch den Umstand. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. wo er als galanter Verehrer glänzte. das Wissen. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. Doch Ro land G. die er an uns weitergab. der geborene Kand idat für das. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. seiner Freundin. Eine gute Besetzung war auch Roland G. Unser Zielobjekt. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen. 1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden.

weil wir fürchteten. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach OstBerlin kam. er sei ins Visier der Abwehr geraten. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. als Feldkaplan verkleidet. war es ein herbes Erwachen für die -148- . einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. um Margarete die Beichte abzunehmen. verlor sie bald das Interesse daran. Als wir Roland G. als sie zu ehelichen. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. blieb Margarete im Westen. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. zurückziehen mußten. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann. Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. mußten wir ohnmächtig mitansehen. beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in KarlMarx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland.zu tun sei. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. dann beweisen sie. ihre Stelle zu kündigen.

immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. saß bei uns. Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. einen getarnten Agenten des BND.Getäuschte.. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen. Gerda O. Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- . klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. Noch hofften wir. daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden. Was dann geschah. kennengelernt. Herbert S. ohne daß man sie durchsucht hätte. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität. Gerda S. Aus der Liebelei wurde Liebe. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. um es euphemistisch auszudrücken. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. der Enttarnung knapp entronnen. hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen. Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt.

In ihrem Büro war sie beliebt. denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. Obwohl »Inge« wußte. Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. wollte sie ihn unbedingt heiraten. Erst Jahre später. die geringste Chance zu nutzen. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. Seine neue Liebe. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. Doch kaum aus dem Westen abgezogen. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. doch eine solche Chance ergab sich nicht. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. Meine polnischen Kollegen versprachen mir. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. als »Inge« ohne -150- . Was sie nicht wußten. doch vergebens. um »Ritas« Abflug zu verhindern.zurückkehren würde. »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. wenigstens in der DDR. war. die eine feste Beziehung mit ihm einging. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. was sie wußte. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. Deckname Inge. trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. weil sie gern für Kolleginnen einsprang. wenn abends länger gearbeitet werden mußte.

beschloß ich.. aber unve rzüglich. samt Lebensgefährten und Helga R. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung. die Sekretärin von Dr. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein. ohne Aufsehen. diese Tarnung. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe. Die Medien behaupteten. in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt. und ihr Ehemann. daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst. Ingrid Garbe.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. daß sich kurz darauf Inge G. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen. wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet. ebenfalls mit ihrem -151- . Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet. dessen Tod nicht registriert war. Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«. eine sogenannte Doppelgängerexistenz. Werner Marx. eine Sekretärin in der CDU-Führung. Ursula H. So kam es. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen. zu entschlüsseln. Im März trat Ursel Lorenzen. Mitarbeiterin des NatoGeneralsekretariats.. die uns bisher sicher vorgekommen war. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur.. Sekretärin in der bundesdeutschen NatoBotschaft.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten. Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur dieses ideelle Motiv.« Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen? Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren. Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen, waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden, und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen und auszufragen. Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der
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bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres 1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte für unmißverständliche Klarheit. Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz geheimdienstlich relevant war. Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer Häuser« nur zuträglich sein könne.

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Helga Rödiger 1981 Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B. konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen. Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K. ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte oder nicht. Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976 trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung
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waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich, daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie. Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als »Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte. Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz, ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

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7 Der deutschdeutsche Dschungel
Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Druck. Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten ausschloß. Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in diesen Jahren. Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten Rheinbund zu schaffen. Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch
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aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950 gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer Deutschlandpolitik. Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der »Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor. Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt. Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war. Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis, zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu
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deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem Interesse, Einfluß zu nehmen. Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein, der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle »Maler« stand. Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken. Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU, und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch
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gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der KPD beworben. Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete, daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten, daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren. Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte. Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb »Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SEDFührung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns zu blamieren. Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs« verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen
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Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in OstBerlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers
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daß das Unglaubliche wahr geworden war. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon. daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- . Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall. Der Vizekanzler behauptete. D. Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht. Schäffer erklärte bei Müller. Vincenz Müller. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken. Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage.« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt.Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a.

Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance. Am 5. Grotewohl entschied. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet. was zu tun sei. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. -162- . solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen. um auf diese Mission vorbereitet zu sein. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle. Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab. Wir waren also zu überrascht. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre. schilderte ihm die Situation und fragte. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. war es unmöglich. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen. der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war.

Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten. ohne selber konkrete Antworten geben zu können. die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte. Er war sichtlich enttäuscht. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. das ließen auch die Pariser Verträge zu. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. Daraus könne man lernen. meinte er. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs. entgegnete Schäffer. Er sagte. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären. sich an das Lager der USA zu binden. so waren die Kompromisse. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen. die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. Auf unseren Einwand. schon sehr weit. Er verstehe aber.Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. Gingen diese Vorstellungen. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. Voraussetzung für die Vereinigung sei. die er innenpolitisch machen wollte. Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. noch bemerkenswerter.

Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. und darum will ich verhindern. habe ich nicht alles gesagt. Geheimverhandlungen zu führen. Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen.« Auch dieser kleine. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten. die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. warum Adenauer. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte.« Über unsere Kanäle erfuhren wir. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden. Ich war bereit. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. Doch als ich die zwei jungen Männer sah. Sie demonstrierte. Das wichtigste sei.Vordergrund stellen. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. wenn auch widerstrebend. Wichtiger noch schien ihm zu sein. aus dem er 1945 befreit worden war. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden. seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden. -164- . wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. Es waren nicht allein nationale Motive.

daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien. daß die Kontakte doch bekannt würden. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. waren vage. und wir bemühten uns. man habe über aktuelle Themen gesprochen.Doch Schäffer gab nicht auf. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß. Schäffer betonte. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. weil immer das Mißtrauen blieb. Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. die Scharte auszuwetzen.Doktrin ausgehebelt hätte. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. Professor Otto Rühle. Am 20. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. Die Direktiven. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. gab es die Sprachregelung. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. Für den Fall. die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit. auch bei Schaffen -165- . Es blieb zunächst dabei. weil das die Hallstein.

Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab. wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. eine öffentliche Erklärung verfassen. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe. Er ließ General Müller und Professor Rühle. Sie belegten allerdings. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht. Er behauptet. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. »bei dem -166- . Bonn reagierte hektisch. Ulbricht erklärte. die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten.

in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. Deckname Fichtel. war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. Adolf Kanter. Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt. Kanter. Hans Kapfinger. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. Der Versuch des Vizekanzlers. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. ist eine jener Episoden. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse. Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. Wir wußten nicht nur von Schäffer. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten.

Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanzund Wirtschaftsberatung. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- . »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«. doch sein Ruf hatte Schaden genommen. wußten wir spätestens 1974. geschrieben. Es entbehrte nicht der Ironie. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte. Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. Dr. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst. Werner K. K. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen.. daß ein Mann. Kanters Aufgabe war es. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde.. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. Daß es sich gelohnt hatte.

. Er blieb. was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. wie er es nannte. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren. Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in RheinlandPfalz aus. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. widerstanden wir der Versuchung. die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können.Spenden des Flickkonzerns. Schon um unsere Quelle zu schützen. waren wir bis in die Details informiert. das Material westdeutschen Medien zuzuspielen. war enttarnt worden. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. Dr. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. Werner K. Er -169- . die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte. gerade auf dem Weg in die Wohnung. Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte.

dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus. Kanter mußte zum Verhör. weil sie natürlich K. Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich. etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war. Unser Mann beim Verfassungsschutz.s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. -170- . Wir fürchteten. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde.stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung.. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich. Seinen Instrukteur K. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. Klaus Kuron. Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht. konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie.

-171- . Ein Problem für uns war. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten. daß man im Lager von Kohl. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. wenn es um Geld ging. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. Bei uns gab es Kommunisten. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren. aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an.Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. als es den Anschein haben mochte. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten. war zwar nicht immer schmeichelhaft. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete. die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. und das nicht nur. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. Der Entspannungspolitik hat er genützt. Das Bild. hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. Paul Lauffer. relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen.

daß ich heute seinen Namen preisgebe. denn er konnte immer zu dem stehen. Andererseits wurde immer deutlicher. Wir rauchten. ihn persönlich zu führen. daß er uns Probleme bereitete. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. Angehörige des Ostbüros zu benennen. der ihn führte. Er weigerte sich. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns. paßte ihm nicht. die wir ihm gaben. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. doch seine Bereitschaft. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. Ich stimmte -172- . »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. wurde immer geringer. Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. wird ihn in der Beschreibung erkennen. und lehnte es kategorisch ab. Wer ihn erlebt hat. Er verstand sich nicht als »Agent«. Den Resid enten in West-Berlin. Ich beschloß. blieben unbesprochen. den er gerade dadurch bewies. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. was er tat.Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. mit uns zu kooperieren. Die Tonbänder. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn.

Ich glaube. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen. Er schien voller Verachtung für den Mann. ging er nun mit der SPD ins Gericht. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. den wir beide nie vergessen sollten. und das war der XX. uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen. die auch mir viel gab. Es war ein herrlich sonniger Tag. -173- .in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte. die keine Zeugen vertrugen. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. Wir beschlossen. Die ungewöhnliche Praxis. Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. Geburtstags zu zweit. den er für einen Renegaten hielt. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. und verabredeten eine Vorfeier seines 50. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus. Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt. daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. Wir kamen überein. Statt die SED zu kritisieren. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. der sich von der Rechten einwickeln lasse. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung.

An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. Mit klopfendem Herzen sah ich. angewiesen. Die Geschichte wurde nicht publik. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. Er drehte sich noch einmal um. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen. Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. keinen Alkohol anzurühren. daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. ihm einzuschärfen. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. der belegte. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten. Ich versuchte. -174- . fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. wie er auf den Posten zuschwankte. du und ich!« Ich befürchtete. hatte ich Mühe. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. Wir wechselten zu Bier. Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten.

Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht. Die Zeit der Ein. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. ließ sich unschwer errechnen. um die Identität meiner -175- . Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf.So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld. wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. das Verhältnis der SEDFührung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte. Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. Er informierte mich. die tausend Gläser zusammen zu leeren. hatten wir allerdings nicht mehr. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen. die ganz wesentlich dazu beitrug. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. Viel Gelegenheit. Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke. Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter. Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. wenn er es für richtig und wichtig hielt.und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. Raststätten. lebensfroh. über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. arbeitswütig. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD. abenteuerlustig.

Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. -176- . wurden sie redselig.Quellen zu schützen. Alles war fast auf die Sekunde geplant. Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr. daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert. tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. mußten wir uns abrupt verabschieden. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen. und die bringen nichts zustande. Das Warten wurde kurzweilig. Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. Wir fuhren auf die Transitautobahn. Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. einmal so zu agieren. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten. Wie hielten an der ersten Tankstelle. Ich wußte. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt.

neben mich. sie würde seine Motive nicht verstehen. Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. die Leidenschaft für Politik. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. so schnell es sein Bauch erlaubte. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. »Freddy« schob sich. Es dauerte nur Sekunden. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. wenige Tage nach einem Treffen.Ich rutschte auf den Fahrersitz. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten. daß wir dabei so routiniert wurden. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. die psychische Doppelbelastung als SPDPolitiker und HVA-Kundschafter. bis wir wieder auf der Autobahn waren. Ich gab ihm neue Instruktionen. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert. Sein intensives Leben. Es blieb uns nichts anderes übrig. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. Er hatte immer gemeint. Das Problem war nur. So trafen wir uns etliche Male. war die Angst. Eine der Belastungen. die harte Arbeit. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . Nur der kalte Sekt fehlte. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs. die wiederum reagierte. Ende der 60er Jahre.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. über Politik und das Leben an und für sich. so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh.

Sie schien nicht wirklich überrascht. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. der ihr behutsam erklärte. als diese glauben. daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen. alle -178- . Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich. Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. aber geahnt hatte sie immer etwas. »Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht.Anspruch hatten. warum wir ihr Geld schuldeten.

In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten. die sich an unseren Dienst banden. -179- .Westdeutschen. die ihnen gefährlich erschienen. Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender. und nutzten diesen Kanal bewußt. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte.und außenpolitische Tendenzen. als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden. Natürlich war ihnen klar. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. die nun in der DDR lebten. neudeutsch back channels genannt. uns über innen. Es gab rein politische Kontakte. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. Sie wußten. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. was Konspiration war. Es gab Partner. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. Fritz Erler und Heinz Kühn. und es gab jene. Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie. zu informieren.

Es hieß. Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland. Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. als Wehrexperte der Partei zu fungieren. sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Das war natürlich nicht einfach für ihn.Ein alter Freund Erlers. Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. aber für uns war es von großem Nutzen. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen. Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war. Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke.

der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -. Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDRMinisterrats aus. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPDFraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen. Fast zwanzig Jahre. bis zur Wende. weiß ich nicht. Er bekam den Decknamen Streit. ihn direkt anzusprechen. Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. das wir von Wienand erarbeiteten. Da Wienand im -181- . Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel. Die beiden trafen sich regelmäßig. der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte.Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. Wienand reagierte aufgeschlossen. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. schien es uns erfolgversprechend. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte. Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte.

der die Verbindung aufrechterhalten wollte. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. auch wenn sie befreundet sind. Wienand habe in einem langen. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. Er war ein vorsichtiger Mann. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Es ist immer mißlich. als wir erfuhren. Nun war uns aber zugetragen worden.Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung. die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten. persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. wenn zwei Dienste. wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. Völkel berichtete hinterher. wagten wir es. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. Es wurde deshalb erwogen. sich um dieselbe -182- .

Quelle kümmern. Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen. Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- . Der KGB zog sich von »Streit« zurück. sich an Wienand heranzumachen.

So erfuhr ich. Ein anderer Grund war. ich sei einer Desinformation aufgesessen. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen. informiert von den eigenen Quellen. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. dem sogenannten Züricher Modell. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. mit Unterstützung Bonns und unter DDRBeteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. Geplant war Anfang der 80er Jahre. Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. Die Sowjets. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. ein alter Freund Wienands. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht.Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. daß er an einem Projekt beteiligt war. und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. mein Minister hatte mich nicht informiert. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. Als ich Mielke zur Rede stellte.

Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. Karl Wienand war nicht der einzige. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. der sicherlich bereit sei. Ich erinnere mich. Das war Simon Goldenberg. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. als er Verteidigungsminister wurde. wo sie sich anbieten. Wienand ging dabei leer aus. Als Strauß Atomminister wurde. und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel. mit uns zu reden. Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. Geschäftsfreund. der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . sondern eher jemand. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß. Ich berichtete ihnen. Er ließ sie ruhen.

und Außenhandel. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt. Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den SchalckBerichten. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen.März. an die er so gelangte. arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen. Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor. sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. Er hatte dafür zu sorgen. die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden. daß die Informationen. die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren. Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten. Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte. wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging. -186- . Zudem hoffte er. Solche Erkenntnisse brachte der StraußKontakt.

doch das Bild täuscht. Ein Foto. Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . aber auch eiskalten Mann erlebt. daß die beiden sich verstanden. sehr amüsanten. suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. Es war also nicht weiter verwunderlich. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten. Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. Der Zufall wollte es. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. das uns beim Fischessen in Varna zeigt. Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung. nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck.Franz Josef Strauß (links) und Alexander SchalckGolodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu. Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten, warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis. Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts, Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener Hospital und erklärte, daß er nicht i die DDR zurückkehren n werde. Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
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lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich. Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte, Goldenbergs Wünschen nachzugeben. Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte. Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft, wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten, konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden erst gar nicht verfolgt.

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8 Herbert Wehner
Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit dieser herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete, wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen. Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR, insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte. Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht. Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung. Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu
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verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann. Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft, verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der OstBerliner BZ am Abend. Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber offenbar das Risiko wert. Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des »Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich präsentierte. Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
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»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen Wotan geführt. Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956 zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPDSicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von der Bundeswehr besetzt werden könnten. Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische »Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand aufriefen. Es gab damals erhebliche Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne, vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte er also wissen, wovor er warnte. Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde. Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
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»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer Friedenspolitik im Osten zu suchen. Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit loszukaufen. Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung. Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch beobachtet, bereiteten diesen Weg vor. Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im
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sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete. Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März 1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe, deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die unser Apparat von ihm übernommen hatte. Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im PropagandaKrieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde, waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung leisten könnte. Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen
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interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten. Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das weitere Prozedere beraten. Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am 17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »WotanVerbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört. Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens. Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde. Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war
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also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben. Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß wir ihm zu Unrecht mißtrauten. Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten, der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten sie noch rechtzeitig schützen. Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein zwischen den Systemen Schwankender? Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns. Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.
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Um dem zu entgehen. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. darunter Charlotte Bischoff. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. und das. Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb.Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. weil ich Genossen kannte. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. daß das ein Himmelfahrtskommando war. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. um dort die illegale Partei zu führen. die er nach Deutschland geschickt hatte. Geschürt wurde es durch das. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. Stahlmann erzählte. denen Menschen geopfert wurden. Auf Wehners -197- . sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. was ich von Richard Stahlmann erfuhr. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. Er wußte natürlich. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. so Stahlmann. die verhaftet und hingerichtet worden waren. deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte. daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. obwohl er wußte. als er aus Moskau den Auftrag bekam. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. nach Deutschland zu gehen. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert.

Das Material war dazu gedacht. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. den ich für einen Verräter halten mußte. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag. Auf Material aus Moskau. wartete ich zehn Jahre. Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann. dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen. falls so etwas politisch opportun sein sollte. Erst -198- . ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte.

Die Versuchung war immer groß für unsere Seite. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners f r das NKWD von Ende 1937. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument. als sie ohnedies schon wußten. Denn die Weigerung. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. daß er zumindest subjektiv der Meinung war. hatte sich schon 1955 ergeben. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. denn sie dokumentieren. Ich frage mich. zumal sie sich aussichtsreich entwickelten. was ein Mensch in Todesgefahr tut. Die Gelegenheit. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. ob man richten darf über das. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten. Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. also Folter und Tod. die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. wie viele Genossen. wohl wissend. Schließlich ist es nicht auszuschließen. hätte Wehner wohl nicht überlebt. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. in denen er ü viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung.

waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen. und die Positionen. in Genf unter anderem mit dem FDPGeneralsekretär Karl. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. die er vertrat. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert.Hermann Flach Gespräche zu führen. -200- . bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko. der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. wenn bekanntgeworden wäre. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen. Am Ende schlug er von sich aus vor. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. Die Informationen. die er Girnus freimütig gab. Uns gelang es. zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf. ob er bereit sei. Er war es. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat.Außenministerkonferenz. zumal zu einer Zeit. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen. Es war nicht gerade eine Routineaufgabe.

aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben. Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte. wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte. Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. lehnte er den Vorschlag ab. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag.« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. Ernst Wollweber. denn er mußte fürchten.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute. Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen. Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. Wir wußten. In der Hauptstadt der DDR. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen. Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war. sondern mit Matern. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. wurde nach 1957 deutlich. Spalter der -201- . rettete am Ende der Nachweis. Über den Minister für Staatssicherheit. dokumentierten sie doch. Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten. Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. Wie ich erwartet hatte.

Für manche Sozialdemokraten. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten. daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe. Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. aber nie abgebrochen. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten. die wir bekämpften. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- . denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. Wir wußten über unsere Quellen. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen. Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. denn uns war klar. zu denen wir nicht nur politische. Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig.

vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. um so intensiver wurden die Überlegungen. daß die SPD-Politiker. denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Parteiund Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke. sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen. die forderten. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen. zu denen engere Kontakte bestanden. war es eine schwere Belastung.zusammenarbeiteten. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren.

da sie zu risikoreich geworden w Von nun an kontrollierte Mielke die ar. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker. Das erklärt vielleicht. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden.Pläne immer abgelehnt. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. warum sein -204- . Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. Nicht nur offene. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers. Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Heinz Volpert. Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt. die an die sowjetischen Partner ging. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen. Außer den drei Exemplaren für Honecker. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte.

an dem auch -205- . Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde. weil ich wieder einmal sah. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973. Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration.abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. Im Unterschied zu anderen KPDSpitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Briefträger war Anwalt Vogel. Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit. wie sehr die Politik von Schwächen.

mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot. daß er nicht mehr als H. Wehner. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest.Mischnick teilnahm. denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. sondern auch sentimentaler Natur. Er wählte selber das Gebäck aus. Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. Eine neue Sprachregelung bestimmte. -206- . Diese bevorzugte Behandlung in den DDRMedien war taktisch wenig klug. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene.

1980 (Transkription im Anhang) -207- .Tagebucheintrag vom 15. 4.

4. den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- . 1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch.Tagebucheintrag vom 16. der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war.

Partei. daß nicht Wehner. Wieder einmal warnte er vor Brandt. Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder. sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden. beschloß das Politbüro im Januar 1974. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis. Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. Für mich war das eine absurde Vorstellung. Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei. -209- . in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben. Um das sicherzustellen. Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen.

1981 (Transkription im Anhang) -210- .Tagebucheintrag vom 24. 8.

3. 1983 (Transkription im Anhang) -211- .Tagebucheintrag vom 8.

Tagebucheintrag vom 8. einen »gefährlichen Ermunterungssog«. Er fürchte. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme. sagte er zu Vogel. 3. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen SolidarnóscBewegung.

« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. Er bekannte. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen. »je eher. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. der Stärkere im politischen Spiel zu sein. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. ist das eine allzu platte Sicht. das schönste Geschenk zu seinem 75. daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war. Die Voraussage aber.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen. desto besser«. daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz.« Sein Rat. Es ist eine halbe Minute vor zwölf. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts. Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. der kaum Beachtung fand. leider. fand glücklicherweise kein Gehör. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. ja bisweilen des physischen Überlebens. Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. sollte sich als zutreffend erweisen. Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie.

Er tat dies oft auf seine Weise.Stalinzeit gezeichnet. Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- . Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung. Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten. zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten. deren Konflikte sein Leben ausfüllten.

bedeute Krieg. Der israelischägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. Israel zerstören zu wollen. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte. So wenig sich die strategische Lage der DDR. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen. was Leonid Breschnew. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. Er war der Ansicht. Das. daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. Dies aber verleitete die Falken in der USAdministration zu gefährlichen Schlüssen. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Auswirkungen. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. ließ aufhorchen. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns.9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden. in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. so Breschnew. Walt Whitman -215- .

Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. Kaum waren sie abgeebbt. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. -216- . Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. was neue Unruhen auslöste. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. sondern geboten sei.Rostow. folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen. daß es für die USA nicht nur möglich. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. und dann werde man sich Europa zuwenden. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt. verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur.

denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. doch Mielke war keineswegs zufrieden. die weit über das hinausgingen. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. die aus Warschau gemeldet wurden.Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. geäußert. so der Parlamentspräsident -217- . Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten. was er propagierte. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. stutzte ich. Am Jahrestag der Staatssicherheit. worauf auch in der DDR viele warteten. um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher. Februar. genau wie die Studentenkrawalle. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. auf denen Dubcek sich bemühte. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. um auf andere einzuwirken. dem 8. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las.

Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise. die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs. Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen. Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen. die -218- .

Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. als offiziell behauptet worden war. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt. Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. in der Bundesrepublik geführt hatte. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . Dabei hatte er betont. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe. Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. Mielke besuchte.Mieczyslaw Rakowski. nicht nur er sei der Auffassung. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. und hatte erklärt. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor. welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat. Szlachcic schilderte mir eingehend. der für die Aufklärung zuständig war. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen. Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war.

zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«. Juli holte Houska mich an der Grenze ab. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren. Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. ob man annehmen müsse. Für September werde ein Parteitag vorbereitet. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. Der wahre Sachverhalt sah so aus. Salgovic -220- . Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. Am 8. im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. gewählt würden. meist Intellektuelle. Das hielt ich für absurd. In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic.und Staatsführung in den düstersten Farben. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus. Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. Er sagte. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen. der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war. ja geradezu kindisch. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden. die sich selbst als Progressive bezeichneten.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. die Mehrheit.

der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte.und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen.« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. die alle »Konservativen« denunzierte. Salgovic ging nach Bulgarien. lag hie wie da an den gleichen Ursachen. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. wie ich sie damals erlebte. Er sagte. Auf meine Frage. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. was von unserer Seite aus getan werden könne. Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten. Viele fühlten sich so bedroht. Am 19. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden. von meinem -221- .

Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. Offenherzigkeit und -222- . den Zusammenhang zu erraten. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten. in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde. die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten. Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSRReformkurs. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst. fiel es mir nicht allzu schwer.Besuch informiert war. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen.

die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden. Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. und das. August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. als habe man sich geeinigt. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. was drei Tage später geschehen würde. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. Am 21. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. hastig eingezogen. Der Einmarsch in die n Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen. Er vermutete. Am 17. er müsse sofort nach Berlin zurück. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. die mich zu ihm brachten. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. Für den 3. Als ich im Ferienhaus ankam. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen. Um 2. -223- .00 Uhr morgens i Ahlbeck ab. Er sagte mir. sah ganz danach aus.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war. weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß. um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden.

Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- . keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen.Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke. wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. Mielke hatte ihn darum gebeten. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. Die Atmosphäre war entspannt. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. Andropow hörte ihm höflich zu. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil. Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. den Marschbefehl zu geben. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. auf den 21. Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen. Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. daß sie bis zur Nacht vom 20. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert.

militärisch einzugreifen. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. die Gründe für das. auf die Gefahr hin. aber noch ungewohnter war sein Appell. Im übrigen wären wir gut beraten. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte. in der inneren Entwicklung unserer Staaten. daß es unabdingbar ist. was in der CSSR geschehen ist. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- . Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. die Kontakte zu westdeutschen Politikern. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. Es war keine angenehme Wahl. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. Ich glaube auch. unseren Ruf zu schädigen. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren. hatte Andropow dafür plädiert.« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. Ich glaube.« Es verschlug uns fast die Sprache. diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. in der kommunistischen Bewegung. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück. auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. bei uns selbst zu suchen. Dennoch hat er sich bemüht.

Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung. zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen. Solche Erwartungen ignorierten völlig. und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA.Chance vertan worden. sie glaubten. haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. Juni 1953. zwischen Plan. die Möglichkeit. Die Männer. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- . haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt. zwischen Parteien zu wählen.und Marktwirtschaft. ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin. wie die USA auf den 17. jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen. Sie spürten. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten.

die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren.notiert: »Über Polen. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden. daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter. die nach 1989 oft gestellt wurde. Die Geschichte ist kein Schachspiel. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. geht es nicht so einfach. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren. Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. daß man Züge zurücknimmt -227- . Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen. zu reduzieren oder auszuklammern. nicht die Verständigung. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ostund Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. Dies jedoch hätte vorausgesetzt. Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen. Dann kommt es so wie in der CSSR. ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten.

die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das. die niemand vorauszusehen vermag. die Ergebnisse zeitigen könne. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«. Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt. -228- . so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR. bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten. die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel.und andere Varianten durchspielt. Viele Bürgerrechtler. was sie gewollt hatten. von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden.

Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in WestBerlin stattfinden. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Am Abend des 21. Deckname Günter.10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. Herbert Wehner. über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- . und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht. Die Wege waren noch verschlungen. Behinderung des Transitverkehrs. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. militärische Übungen. dem er den Brief brachte. Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete. Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. Ulbricht bot in dem Schreiben an. Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz.

Mielke. Tagebucheintrag vom 27. Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten. 1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- . 2.

daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. um zu demonstrieren. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz. daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe. Heinz Felfe. sondern gab die Nachricht an den CDUKanzler Kiesinger weiter. wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert. daß man an Verhandlungen interessiert sei. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. Brandt blieb nichts anderes übrig. gemeint waren die von der CDU. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. aus dem Spiel lassen. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte. Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. Er war 1959 -231- . Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«.

So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen. sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein. Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen. seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen. Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen. Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. Seine unkonventionelle Art.geworben worden. verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern. Er bereitete den -232- .

der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen. die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte. -233- . aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS. das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen. Er galt als jemand. wurde publik. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. Wir versuchten zwar. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten. Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen. Erst durch Dokumente.

Hermann von Berg 1986

Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD. Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel vorbereiten. Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und
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machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche Positionen in Regierung und Parlament anzustreben. So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten »Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen aufzubauen. In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine Strategie erfolgreich. »Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDRBürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir »Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit getan. 1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
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falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant. Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen. Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu diesem verzauberten Refugium gebracht. Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten, schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland, besonders in Sibirien, kennengelernt habe. In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit »Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot gebracht. Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
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mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter Wolf war der General der Staatssicherheit geworden. Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend seinen eigenen, menschlichen Klang. Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt. Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre, als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius« hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler wurde. In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
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Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch, konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte über die Treffen schließlich Aktenbände füllten. Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können. Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn, Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände, zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der 60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können. Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen
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Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet. Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan, Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen registriert. Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann. Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners zuwachsen ließ. In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber, wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen in der DDR machte sich breit. Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten
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Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD überhaupt nicht oder nur oberflächlich. Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil. Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf diese Weise immer auf dem laufenden. Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr. Noch lückenloser informiert waren wir über die Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRDMission in Warschau wurden wir mit allen Informationen versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an
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die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns »Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war, interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders. Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer vertraglichen Vereinbarung zu kommen. Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der UdSSR gegenüber der BRD. Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung. Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um
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weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD. Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen. Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und ohne Prinzipienreiterei herangehe. Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen. Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

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warnte Honecker. Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen. Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte. Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags. Nur Insider ahnten damals schon. erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. von links. -243- . um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte.Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. Ganz anders Honecker.

Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. Trotz aller Vorsorge kam es dazu. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- . März 1970 in Erfurt stattfand. daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. Hermann von Berg. Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln. bekam. Als das Treffen am 19. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar.Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. Willy!« riefen. die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen. Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen. dem Erfurter Hof. die Absperrungen durchbrachen und »Willy. Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten.

oder Theaterbesucher spielen. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. daß sie nicht Willi Stoph meinten. Selbst der Hinweis. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21. Der Kanzler war sichtlich bewegt. Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt. Da die Gespräche in Kassel stattfanden. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. Museums. Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. -245- . war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. In meinem Tagebuch notierte ich.Es war klar. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. sondern mußten auch Passanten. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht. Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation.

außenpolitisch wegen der Verbündeten. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- . Conrad Ahlers.« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni. und wegen der Haltung der DDR. besonders der USA. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen. aber wir können noch nicht. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause. und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien. die Anerkennung kommt. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. die Gespräche fortzuführen.Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns. weil Ausschreitungen befürchtet wurden.

Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. vergiß das nie. Ich verspürte wenig Lust. mir den Urlaub mit solchen -247- . Das erlebte ich.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. und er traute ihnen eher als den Papieren. »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. sei die Sicherheit. Vorsichtig hatte er begonnen. meinten sie. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. ohne uns gibt es keine DDR. Sie rechneten damit. Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau. mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. um die Vereinbarung zu unterzeichnen. Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts. Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. Erich. Ulbricht. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen. ja die Existenz der DDR bedroht. Wenn man sich darauf einließe.den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt.

und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. Ich sagte nur zu Paul Markowski. Honecker. Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik. Mir fiel auf. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt. Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. folgte der Bewertung meines Dienstes. groß aufgemacht. Die Irritation hielt aber nicht lange an. -248- . Ulbricht. August sah ich früh in die Prawda.Diskussionen zu verderben. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. konnte auf die Protektion nun verzichten. daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war. daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags.« Am 13. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. daneben. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes.

Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx. vor allem mit dem Springer-Konzern. »Herta«. Berger. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Berater in Wirtschaftsfragen. Mit großem Interesse -249- . Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten.Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers. Er glaubte unserer Einschätzung. verbunden mit Meinungsmache. Wolfgang Berger sei. und er begann. unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei. Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht.

Iwan Fadejkin. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren. die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur. Mielke erklärte. Es ging ihm dabei nur darum. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus.verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. die ihm kaum jemand zugetraut hatte. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. Honecker reiste ebenfalls nach Moskau. Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. um mit Andropow zu konferieren. Er hatte ein -250- . die mein Dienst beschafft hatte. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. Breschnew bestärkte ihn in dem Plan. In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen. Ich glaubte damals. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten. Da Ulbricht sich aber nicht traute. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war.

daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte. Soweit war es also schon gekommen.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel. weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte. Aber die Umstände waren dramatischer. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. Auf dem VIII. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren. ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte. Er sollte entmachtet werden. Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. zu einem -251- .

er ließ andere Meinungen gelten. Schon vor der Eröffnung des VIII. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus. seiner ehedem engsten Vertrauten. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte.und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. die es immer wieder gab. mit der er den Sturz betrieben hatte. Soweit kam es nicht. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen. Er ordnete an. Anfänglich sah es in der Wirtschafts. Verbittert sprach der alte Mann. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können. hatten keine Chance. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. Honecker schien also entschlossen. forderte sie sogar heraus. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros. Reformideen. falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. von einem Putsch Honeckers und Mielkes. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. Er hoffte noch. Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- . seinen Ziehvater festzusetzen. Auch er sprach danach von einem Putsch.

bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte.und innenpolitische Hürden zu überwinden. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe. Auch ich muß mich dieser Frage stellen. Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere.worden. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. Es gab gewaltige außen. die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten. Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln. weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben.

die sich in Paris aufhielten. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern. Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- . Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt.verschiedene geheime Manöver. Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. daß zwei Mitglieder des Politbüros. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das BerlinAbkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen. die Wende gar nicht mitbekamen und i mer noch der alten Sprachregelung in der m Berlin-Frage folgten. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte. Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von WestBerlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. zum Beispiel auf den Transitwegen. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau.

Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka. vielfältige Aktivitäten entfalteten. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe. Dazu notierte ich am 11. Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet. Wir erhielten sichere Informationen. denen man zustimmen muß. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. die Seite gewechselt hatten.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst. daß CDU und CSU. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken. insbesondere Strauß und Marx. -255- . um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen. mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. Unsere Quellen meldeten.« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los. Vertreter der Landsmannschaften.entscheidend zu verändern. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. auch in der eigenen Fraktion. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten.

April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. Später behauptete Steiner. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten. Der Sachverhalt wurde nie geklärt. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus BadenWürttemberg. die gegen Brandt abstimmen würden. Spangenberg. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. fünfundzwanzig Jahre sicherten. bekannt. fehlten ihr wider -256- . vom Saulus zum Paulus gewandelt. Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. die Verträge hätten epochale Bedeutung. Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. Schütz. mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. um die Verträge zu retten. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein. Als dann das Ergebnis verkündet wurde. Honecker. Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr.Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach.

Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock. der dem Votum vorausgegangen war. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde. daß neun Monate später geschehen würde. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. -257- . Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. August 1973 starb.Erwarten zwei Stimmen. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. war Europa politisch verändert. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. die Fassungslosigkeit Rainer Barzels. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt. Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge. Noch ahnte ich allerdings nicht. Geburtstag am 1. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. Die Regierungsfraktionen jubelten. den Sturz Brandts zu verhindern.

denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren. um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. Niemand konnte ahnen. das für engere Kontakte zum Parlament. Kirchen und Behörden zuständig war. Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen. Deckname Hansen. Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt.11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. zu Verbänden. Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt. was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. damit hätten wir nie gerechnet. doch daß Guillaume. den Weg ins Kanzleramt finden würde. wenn sie in Bonn vorstellig wurden.

stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. Womit wir nicht gerechnet hatten. Da Christels Mutter. Das Ehepaar war von uns beauftragt. blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. Mitglied des Parteivorstands. Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPDUnterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. eine Holländerin. die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes. nicht wissen. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. als uns recht sein konnte. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung.Bundesrepublik gegangen. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. höher. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen. waren DDR-259- . Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. und so schien es am zweckdienlichsten.

Seine Warnung verhallte ungehört. ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente. ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar.Besuche der Familie nicht länger ratsam. den unser Mann ihm verschaffte. daß man auch -260- . Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. um wahr zu sein. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher. Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. Es war daher nicht weiter verwunderlich. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber. der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich. was zur Folge hatte. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. hätten erhärten lassen. der nachmalige Leiter des BND. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen. die bestanden.

sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt. die uns über -261- . die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. war er niemals befaßt. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei. Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. So kam es. Brandts Politik zu durchschauen. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen. eine Politik. Oft hat man die Frage gestellt. wenn es um Themen ging. erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. wie Guillaume es war. und er hatte gewichtige Förderer. Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente.Guillaume vertraute. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten. Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers.

-262- . aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte. daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. und es ist keine Übertreibung.unsere anderen Quellen erreichten. daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. Die BNDLeute gewöhnten sich schnell daran. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten. wie er war. indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat. Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. verstand er es. Kontaktfreudig und fleißig. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat. wenn ich sage. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. 1970 wurde Guillaume damit betraut.

Ab dem 1. Die Wahlen von 1972. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. wenngleich er nicht beauftragt war. aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war. -263- . jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. erfuhr er Wichtigeres. Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. die Guillaume kannten. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg. Als kaum beachteter. stiller Zuhörer vieler Gespräche. der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen.Peter Reuschenbach. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor. ist wohl kaum verwunderlich. wo er als erschöpfter. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. Der Vorschlag wurde angenommen. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte.

Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. das bleibt bis heute ein Geheimnis. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie.Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. miteinander in Beziehung brachte. war. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. Als wäre nichts gewesen. daß Leute. verhaftet. in Kontakt zu kommen. allerdings nicht mehr sehr lange. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. Was ich nicht wissen konnte. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war. es gibt Fernsehaufnahmen. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt. die bislang harmlos erschienen waren. die zwar nicht wissenschaftlich. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen. es unweigerlich fertigbringen. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält.

die sich übergangen fühlten. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ. in denen er sie davor gewarnt hatte. Das erste war ein Brief. daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. und aus dem. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- . die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten. die Franzosen dazu zu bewegen. der Brandt riet. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt. Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. konnten wir entnehmen. die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. die Charta zu unterzeichnen. den Richard Nixon am 3. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen. zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. aus den Dokumenten war zu erfahren. in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten.mit ihren Kindern Ausflüge. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. und in denen die Amerikaner erklärt hatten. insbesondere die Franzosen. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs.

damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. um es dann mit großer Geste löschen zu können. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab. Niemand kam auf die Idee. Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln. In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. daß er sie erst abtippen müsse. nach dem Verbleib des Originals zu fragen. die Feuer legten. gab dieser vor. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. sie sei so unleserlich. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig.

die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war. gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten. Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. Sie zeigten. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten. wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren. um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich. Sie ließen erkennen. (…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden. wenn er dort schreibt.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. daß die -267- .

Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt. weder in Bonn noch später in Köln. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz. daß man sie und »Anita« beschattete. Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. nie erhielten. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen. die er von den Dokumenten angefertigt hatte. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere. Anfangs dachten wir. die Papiere seien zu uns gelangt. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. daß -268- . nicht loswerden. sie sehe die berühmten weißen Mäuse. den Eindruck zu vermeiden. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf. die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. Guillaume bestätigte diese Version. die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. und ich schwieg. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne. da ich es einstweilen für geraten hielt. die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet.Kopien. Der Grund dafür ist. die Verfolger abzuschüttel. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst.

daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten. Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften. um nicht zu vergessen. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren. Besonders verhängnisvoll war. wenn man die Wahrheit sagt. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. Hierzu muß ich erläutern. sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten. die Telegramme an -269- . Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte. bis wir erfuhren. daß er Gronau ans Herz legen sollte. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren.

der einen Agenten betraf. Es blieb nur die Frage. um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten. waren die Geburtstags. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität. der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war. an einen dieser Vorgänge. Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume. dessen Name offenbar mit G. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. Anders läßt sich nämlich nicht erklären. Von da an war alles klar. wenn wir geahnt hätten. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen. Kompliziert wird die Geschichte dadurch.und Neujahrsglückwünsche. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren. der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. und in der Hoffnung. wie man weiter vorgehen wollte. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen. wieso zwischen dem mehr als -270- . die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. begann.

daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung. was sie gesagt haben wollen. wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. muß er sich so vage ausgedrückt haben. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen.begründeten Verdacht. daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. Da er und sein Protektor -271- . Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. Bericht erstattete. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. um den Kanzler zu schützen. Am 29. mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen.

in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen. statt das Feuer im Keim zu ersticken. Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen.Wehner mittlerweile verstorben sind. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt. doch andere hatten sie munter brennen lassen. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. Angenommen jedoch. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. da nur so das Jahr Observation -272- . Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. das ist zweifellos wahr. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. war diesem zweifellos bewußt. daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf. dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte. Die zwielichtige Rolle. Wir hatten die Lunte gelegt. Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. wie Genscher so etwas zulassen konnte. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. dem Oppositionsführer. die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. und es bleibt mir ein Rätsel.

Und so kam es zu dem Kompromiß. und wir schlugen dem Ehepaar vor. Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. daß sie von A bis Z erfunden ist. wiesen wir sie und ihren Mann an. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. und das erklärte in unseren Augen. daß man sie observierte. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion. Zur Aufnahme -273- . hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten. daß wir beschlossen. bevor man sie heimlich. still und leise umgehend aus der Haft entließ. Nachdem Christel uns berichtet hatte. und ein West-Berliner Zahnarzt. jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. was zu tun ratsam wäre. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. Ein Bonner Ehepaar. Georg Leber. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. Dafür aber sahen beide keinen Grund. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. inzwischen Verteidigungsminister. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. den Rückzug in die DDR anzutreten.

um ihm -274- . zumindest bis zum Herbst des Jahres. der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. Noch verstörender war die Meldung. Die Meldung. entschied er sich dafür. April 1974 verhaftet worden waren. was ich aus Vorsicht ablehnte. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. weihte ich den Minister ein. daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. halte ich für wenig wahrscheinlich. Das hätte er nicht tun dürfen. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. allerdings nicht in dem Stil. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien. Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte. nach Bonn weiterzufahren.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu. daß Christel und Günter Guillaume am 24. den man bei Agenten für angemessen halten würde. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. und dort fiel ihm auf. Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. Als die Polizei läutete.

ihn zu fragen. Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. Das war ein unverzeihlicher Fehler. daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber. zu seinen unbedachten Worten.den Haftbefehl vorzulesen. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. die für die Bundesrepublik bestimmt war. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. Wir schärften ihnen ein. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. und dieser hatte abgewinkt. sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. traute ich meinen Sinnen nicht. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. Auf diese Weise lag die -275- . der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. zu verlangen. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. was ihn dazu bewegt hatte. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. sondern nur die Fassade. Er hatte immer darunter gelitten. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige. Er sagte. einen so fatalen Schritt zu tun. nichts als Name. den er über alles liebte. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. daß man festgenommen wird.

4. Da er schwieg. 1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt. Tagebucheintrag vom 25.Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik. -276- .

Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. Informationen preiszugeben.« Er hatte seine Fehler eingesehen. noch von Frankreich aus zu fliehen. Wenn es überhaupt möglich ist. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken. sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. Sollten Sie fragen. daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft. veranlaßten.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat. so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. Innenminister Genscher zu informieren. gab er eine Erklärung zu Protokoll. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte. die Horst Herold. ein Mittel. doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . daß er keine weiteren Aussagen machen werde. warum ich es unterließ. Sagt er aber nichts. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. den Leiter des Bundeskriminalamts. um damit die Haftdauer zu verkürzen. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt. so kann ich nur antworten.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. Nicht durch Guillaume also. dann hat die Regierung der DDR.

einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil. Der unverzeihliche Fehler. Niemals hätten wir uns vorstellen können. obwohl wir wußten. recht früh zu machen. war anderer Natur. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf. machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon. daß sie entschlüsselt worden waren. die Fehler. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte.« Dem ist nichts hinzuzufügen. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war. -278- . den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe. denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. Statt den Kanzle r zu schützen. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich.« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht. aus denen man lernen kann. Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten.

und wir wollten schon erleichtert aufatmen. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften. die sich finden ließen. nur um Pierre zu betreuen. Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. Manchmal hatte ich fast den Eindruck. als ich erfuhr. Uns blieb nur. auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. in denen er mich inständig bat. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. er wolle nach Bonn zurück. während wir uns den Kopf zerbrachen. Seine nächste Freundin war die T ochter eines Offiziers aus meinem Dienst. ihre Ausreise zu genehmigen. und dort brachten wir Pierre unter. auf den die DDR stolz sein konnte. daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. Der -279- . Das war aber nicht so einfach. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. wie man meinen könnte. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen. Bei jedem Gefängnisbesuch. den er seinem Vater abstattete. Günters Enttäuschung war sehr tief. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht.Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten. als brauchten wir eine eigene Abteilung. denn dort hatte er eine Freundin. Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule.

und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. die Sowjetunion war nicht bereit. um ihn zu begrüßen. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden. den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. im Tausch den CIAAgenten Hunt freizugeben. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. den ich in die Arme schloß. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. um seinen Auftrag zu erfüllen. Auch Christel war gekommen. in die ihre Ehe schon -280- . daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. und für einen Augenblick war die schwere Krise. Ruth und Norbert Moser. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. Alle unsere Hoffnungen. Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. Im März 1981 war es dann endlich soweit. innerlich noch derselbe war. nun mußte er handeln. doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. doch ich spürte. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. daß der Mann. erwiesen sich als trügerisch. Und am 1. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. wenn man etwas für sie täte. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte.Fall wurde zu einer heißen Kartoffel. als jeder wußte. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. Fidel Castro weigerte sich. ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen.

denn ich konnte mir denken. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein. denn ich wußte. und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein. In letzter Minute. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an. Aber er war zu lange aus dem Geschäft.geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. Ich hatte gehofft. sie umzustimmen. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte. Die beiden kamen sich menschlich näher. doch es war keiner der beiden. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus. wie vergessen. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun. daß Guillaume als Belohnung für alles. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. öffnete sich die Tür.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein.« Da Guillaumes Nieren. sondern Guillaumes zweite Frau Elke. was er durchgemacht hatte. bevor die kurze Totenfeier begann. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. -281- . wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde.

dem -282- . Mai 1974 war. Christel Guillaume. ihm den Rücktritt nahezulegen. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. Herbert Wehner. die wir bis dahin erlitten hatten. Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. Erich Honecker. das aus ihm selbst. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund. sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6. Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. Günter Guillaume. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein.Von links nach rechts: Autor. Ich wiederhole deshalb. hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. Ich war und bin fest davon überzeugt.

Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben. -283- . wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien. steht außer Frage.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst. Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. die man auf ihn ansetzte. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem.Einpeitscher der Parteidisziplin. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione. doch unklar muß bleiben.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…). daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte. der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts. Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war. bestand. ihn zu stürzen. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. und Helmut Schmidt. zu unterstellen. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel. Das beweist. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde. dem Finanzminister. wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen.

Tagebucheintrag vom 6. 5. 1974 (Transkription im Anbang) -284- .

1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein.Tagebucheintrag vom 6. das er für -285- . 5.

und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. den Rücktritt anzubieten. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. daß es nie geschehen wäre. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. Helmut Schmidt. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten. als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte. daß man daran denken kann. die sich aufführten. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West. aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. den es längst nach Brandts Position gelüstete. Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. Er erklärte Brandt. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. publik machen sollte. -286- . Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. war Wehner der erste. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert. Außerdem versuchte er ihm einzureden. falls Guillaume das. der die Situation ausnutzte. um zu wissen.einen Staatsmann unpassend fand. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner. die DDR-Regierung könne versuchen. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte. es werde zu einem Skandal kommen. Als Guillaume enttarnt wurde. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen.

daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je. am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt. kann ich nur staunen. ohne ihn naß zu machen. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. -287- . Politiker wie Geheimdienstler – wissen. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren. dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren.BrandtStraße umgetauft. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. Verlangt wurde.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. er meinte. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde.

Tagebucheintrag vom 7. 5. 1974 (Transkription im Anhang) -288- .

Tagebucheintrag vom 8. 5. 1974 (Transkription im Anhang) -289- .

die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird. Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. der Glaube daran. derart drakonisch gewesen seien. stets effektiver als die des Westens. zu den demoralisierendsten Niederlagen. weil die Strafen. Aus diesem Grund waren unsere Dienste. wie ich meine. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität. das Werben und Überwerben von Agenten. Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen. daß man für eine bessere Welt arbeitete. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei.12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- .

Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten. Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren. So erkläre ich mir den Umstand. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen. der ermöglichte. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war. Es war wohl kaum anzunehmen. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. konnte ich oft nur schwer begreifen. eine -291- . daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. die sie betreuten. logischem Denken eingebüßt hatten. Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. Geld und Prestige. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. ein abenteuerliches Leben zu führen.

aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. sogar bei Agenten. Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . Apparat und Leitung können wochen-. Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie.Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. die sich ergab. Und wenn das Unglück es will. andere. wenn nicht geradezu paralysiert werden. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus. daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. In dem Augenblick aber. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut. neue Agenten zu gewinnen. durften nicht wieder einreisen. Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste. die sich in Urlaub befanden. daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte.

tut dann wenig zur Sache. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor.Zusammenhang ist die Schwierigkeit. als den Sachverhalt -293- . so daß man kein Hellseher sein mußte. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. Ich besuchte ihn wie vereinbart. weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. zu argwöhnen. Mein Unbehagen. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. wo uns niemand belauschen konnte. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. gewissermaßen ganz privat. für den BND tätig zu werden. als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. zuständig für die Bundesrepublik. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte. daß zu viele Personen eingeweiht werden. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. grenzte an Verärgerung. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. Die Liebe zur Jagd. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. die wir teilten.

auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. beigebracht worden. die wir ihm stellten. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. dem Ort. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. Im übrigen haben wir nicht erfahren. So naiv war ich nie. Januar 1979. meinem 56. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. Geburtstag. und Walter Glassei. eine zentrale Figur in unserem Bemühen. die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. der heute wieder Chemnitz heißt. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. die CDU zu infiltrieren. Am 19.darzulegen und zu erläutern. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. Nach dem ersten Verrat.

die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. Außerdem waren Ordner mit Befehlen.30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten. Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. -295- . Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. sich seelisch darauf vorzubereiten. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren. In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. Chemie und Bakteriologie. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. Wie wir herausfanden. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. Januar gegen 21. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal. war der Ausweis am Abend des 18. niemand anders als er gewesen war. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. Das war zwar nicht für mich. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen.

denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. Er gelangte unbehelligt in die DDR. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück. Seine konspirative Wohnung. -296- . Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. Unterdessen waren wir damit beschäftigt.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. dieser wohne zwei Stockwerke höher. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte. Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. war bereits eingekreist gewesen. und den Schaden. Einem Hamburger Ehepaar. realistisch abzuschätzen. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. nicht dem BND. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte. verdankte er dem eigenen Handeln. den er angerichtet haben mochte. all jene zu warnen.

auf wenige Vorzeigeunternehmungen. beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. beispielsweise in der Mikroelektronik. aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. war in den 50er Jahren eingerichtet worden. Zunächst war es eine Miniabteilung. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. Vornehmlich in diesem Zweig der High. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten. Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte. die dafür zuständig war. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen.Tec. Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch.Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen. SWT.

Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich. denn niemand dort hatte gewußt. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten. besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen. und Stiller hatte mich -298- . die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPDPolitiker Dr. Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. Es war ihr gelungen. Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik. in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete. wie ich aussehe. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. daran gab es nichts zu rütteln. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen. vorgelegt. Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben.

wie ich später erfuhr. Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- . 3.identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten.

und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist.Stiller zur Folge. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker. war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht. immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. Joachim Moitzheim. Für mich selbst war es wenig erheblich. und man verurteilte ihn. aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk. ob man in Pullach wußte. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . wie ich aussah. besagter »Wieland«. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. verhielt es sich dabei wie so oft. da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte. Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt. dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. das weidlich ausgeschlachtet wurde. daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. ohne ein solcher gewesen zu sein.

Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. war jedoch. »Wieland« -301- . »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. Nachdem er von uns beauftragt worden war. daß »Kluge« Klaus Kurons. stets mehr als zugeknöpft gab. wiesen sich als VerfassungsschutzBeamte aus und forderten ihn auf. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. Was sie nicht bedachten. sie zu begleiten. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten. Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«. nichts Eiligeres zu tun hatte. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. darf ich verraten. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation. Aus Furcht sagte er zu. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen. hatte es dann aber für klüger gehalten. so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. was letzteres betraf. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. Der Verfassungsschützer.

Als -302- . zuständig für die westlichen Dienste. Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. »Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt. wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. daß man. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. der Äußeren Abwehr. daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten. So war es um die überaus harmonische. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. und ein Zwanzigmarkschein. Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben.

sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann. Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen. daß Kuron es ernst meinte. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. fällten wir nicht gerade leichten Herzens. Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- . Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. Klaus Kuron. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. Es bestand kein Zweifel.Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren. leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. daß die Schrift die gleiche war. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. Stolpersteine in den Weg legte. denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. Was. seine Ambitionen wurden frustriert. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. in Wirklichkeit aber allen. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. verabredet hatte. Allein die Entscheidung. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen.

Die Neugier überwog die Vorsicht. fühlte er sich weit überlegen. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. Letzten Endes. daß wir darüber längst im Bilde waren. so sagte er. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Tiedge. bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. seinem fachlichen Können. Das große Risiko dessen. das er besaß. seinem Gruppenleiter. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR. ja als Demütigung. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. war ihm eindeutig bewußt. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. was er zu tun im Begriff stand. -304- . die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren. das er dem Meistbietenden verkaufte. sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. Um seine Bedenken auszuräumen. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund.

Eine wichtige Bedingung. den sogenannten heißen Draht. weil er als Profi die Professionalität. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. mit der bei uns gearbeitet wurde. war die. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. ein Star.Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. daß die Informationen über das Telefon. da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. Da er wirklich etwas ganz Besonderes war. auf die er uns aufmerksam machte. die er stellte. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . strafrechtlich nichts unternehmen durften. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug. daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten. zu erkennen und zu schätzen wußte. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend.

daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte. weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. Ein Verfassungsschutzbeamter. Erleichtert sah ich. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. aber beileibe nicht der einzige Fisch. den wir unter dem Decknamen Gräber führten. suchte den Kontakt zu uns. den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war. als sie feststellte. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. Politisch war er in der CDU beheimatet. Ich erkannte schnell. Seinen Klarnamen nannte er nie. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß. der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte. vor allem. Klaus Kuron war der bei weitem größte.Namen Stern. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. Treffen durften nur bei tiefster -306- .

vorausgesetzt. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. ihn zu identifizieren. -307- . sie ins Lächerliche zu ziehen. von ihm erfuhren wir. so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. Er sei bereit. egal. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden. Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. wenn wir Vermutungen äußerten. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. beschlossen. der für Doppelagenten zuständig war. Mitte 1985. Es gelang uns nie. Wir verzichteten auf das Angebot. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte. die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte. seine Identität zu klären. welches Wetter herrschte. erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. die Seiten zu wechseln.Dunkelheit stattfinden. und zwar stets in irgendwelchen Parks. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. Aber er leistete uns wichtige Dienste. versuchte er. unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. Jedesmal. Stiller notfalls zu entführen. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch.

Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. Daß er kein Kommunist war. erstattete ich Mielke Bericht. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren. uns geheimste Dinge zu verraten. daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte. denn sein Übertritt war wohlüberlegt. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas. daß Kuron bereits für uns arbeitete. Tiedge war selbstverständlich der Meinung.und seinen Tarnnamen. Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt.und Dienstpapieren aus. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. stand außer Frage. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. denn er konnte ja nicht ahnen.Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. zerrüttete Familienverhältnisse. was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- . nannte seinen Klar. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen. sich abzusetzen. doch nicht nur die Regenbogenpresse. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. Tiedge wies sich mit Personal. was den Effekt hatte. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage. Und ich muß einräumen. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten. ließ Mielke später verlauten. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung. Schwierigkeiten in der Behörde. Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme.

und es dauerte nicht allzu lange. die er heiratete. Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. ihn wieder auf die Beine zu bekommen. -309- . Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war. Dennoch verstand er es. Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. die er an der Humboldt-Universität einreichte. als wir gedacht hätten. bis er an einer juristischen Dissertation saß. Geologie und Kunst. bemühten wir uns als erstes.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. Er mußte abnehmen und Sport treiben. sondern Bücher über Geschichte. sich den Lebensumständen anzupassen.

Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen. obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde. und so kam es. daß zwei unserer Mitarbeiter. Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. daß »Günter« beabsichtigte. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. Menschlich endete dieser Fall tragisch. Eingedenk der Zusage. So erfuhren wir von Kuron. war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten. Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. in -310- . Er hatte die unglückselige Idee gehabt. Ohne die Vereinigung abzuwarten. bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. daß das Ehepaar festgenommen wurde. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. warteten wir ab. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt. die wir Kuron gemacht hatten. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten. und die Bundesrepublik traf keine Anstalten.

Kuron hatte nie verhehlt. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur KarlChristoph Großmann sein. denn es wurde nicht bekanntgegeben. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren. fand eine gründliche Untersuchung statt.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. Wer der Denunziant war. daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. sondern uns damit begnügten. Unverständlich war dieses Urteil. und es stellte sich heraus. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast. Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen. wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. denn es war nicht zum Verrat gekommen. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. Die -311- . Im nachhinein erwies sich. wie recht er damit gehabt hatte. das keine abschreckende Wirkung haben konnte. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. Lange Zeit hatte er es verstanden. kam es zum Eklat. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte. daß er befürchtete. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. war juristisch nicht zu rechtfertigen.

die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt. der Menschen ausnutzt. die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß. daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt. ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. wie es ihm möglich gewesen sei. und auf die Frage. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- .« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. er hatte allein mit den Hinweisen. wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen. Manche Verräter kassieren ihren Preis. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein. und sie. Kuron nahm das Urteil stoisch auf. wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. dem Wissen. und ich kann mir gut vorstellen. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet. Ich bin mir dessen bewußt. er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. zwei Herren zugleich zu dienen. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. solange es seiner Karriere dient. manche zahlen einen zu hohen Preis. wenn der Wind sich gedreht hat. Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen. Die Vergleiche. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. über die er verfügte.

der ehemalige Stabschef der französischen OAS. dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen. werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht. Paisley. Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. das offenbar nicht nur Likör enthielt. zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen. Hieb.und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde. Experte für biologische Kriegführung. aus dem 14. Stock des Arabella-Hochhauses. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. Stock eines New Yorker Hotels. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. aus dem 10. und wenn es sie doch einmal gibt. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- . An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. Frank Olsen.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten. Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen. oder an den Versuch der CIA. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. Von John S. als er aussagte. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets.

als wir merkten. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden. Sie alle wuß ten. Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe. wie wir konnten. auf Wildwest. -314- . die erklärt.gezogen worden. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken.oder James-BondManier mit ihnen »abzurechnen«. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten. daß sie alle noch leben. kann ich nur sagen. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte. auf den einzelnen einzugehen. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten.

Solche Erfahrungen blieben mir erspart. -315- . Als Tiedge sich in die DDR absetzte. der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. zum Rücktritt gezwungen. gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. auf die bei uns großer Wert gelegt wurde.In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. wurde Heribert Hellenbroich. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten.

13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. Schmidt befinde sich in einer politischen. Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«. Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes. In diesem Fall hätte -316- . der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. Gelegentlich m einte er. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt. Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt. zum Beispiel über Karl Wienand. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er. daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren. wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß.

die er in unseren Informationen hätte -317- . Informationen.Strauß Vizekanzler werden sollen. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen. Moskau bremste. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. Honecker wollte es. Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow. so Wehner. Auch Mielke vermutete eine Intrige. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr. Schmidt zögerte. Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt. Wiederholt warnte der SPDFraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. Er mußte befürchten. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht.« Erich Honecker versuchte inzwischen. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. Honecker wiederum sah. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert.

Das trug vermutlich dazu bei.« Leider behielt ich recht. Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen. weil äußerst kompliziert. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus. in denen die DDR weit hinten rangierte. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor. wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. -318- .nachlesen können. kommen die Beziehungen zur DDR. der Prioritäten setzte. wären sie ohne Illusionen. daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10. Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an. Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte. Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. April 1977 zukommen ließ. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. Wieder verhärteten sich die Fronten. Er ignorierte sie selbst noch.

Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen.Erich Honecker hegte die Illusion. die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. Breschnew. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte. In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns. Andropow. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. und sie blieb es unter Chrus chtschow. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen. Der Vorsitzende des KGB. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit. Jurij Andropow. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit. er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. Anlaß war der 30. in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand.« Das war sein Denkfehler. Es hieß. war bei dem Festakt nicht anwesend. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. Jahrestag des MfS. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. Tschernjenko. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau. Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. bis Gorbatschow sie der Nato überließ. dachte ich nicht zu Ende. die an der DDR vorbeiliefen. -319- .

Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes. Wladimir A. Die Sowjetunion. Das war eine schlechte Nachricht. Krjutschkow. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt. -320- . ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. Er hatte nie den Eindruck gemacht.Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. Er wirkte bleich und abgespannt. der uns begleitete. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft.

der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft.« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDRFührung. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen. und es klang eher resigniert. Schwäche zu zeigen. daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt.Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei. Reform und Entspannung stand. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. ob es Überlegungen gab. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte. Andropow verstand sofort. das sowjetische AfghanistanAbenteuer zu beenden. Andropow ließ durchblicken. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons.« Der Mann. als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück. daß unsere -321- . Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. Auf meinen Einwand. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im OstWest-Konflikt. die alle die Aussage enthielten. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden.

Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. meinte er: »Ja. Das ist keine Erfindung. jede mögliche Variante auszuprobieren. Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner. nun selber zu fürchten begann. Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür. weil er dunkle Absichten hat. Nicht. Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut. zu stationieren. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern. der nun die Entwicklung des Ost-WestKonflikts gefährlich unberechenbar machte. darunter der Bundesrepublik. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen. sondern weil er fähig ist. die er gerufen hatte. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des NatoDoppelbeschlusses. der Mann hat zwei Gesichter. daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. Schmidt war es gewesen. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr.« -322- .

sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. Nachträglich mag die Kriegsfurcht.Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. Unbeirrt folgte er seinem Kurs. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums. daß der Mann. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. ohne ihn wirklich zu wollen. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«. Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. die Anfang der 80er Jahre herrschte. Er meinte. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. übertrieben scheinen. im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. wo er unter Herbert Wehner den -323- . Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert. Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten. DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben.

die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben. die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen. Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts. ließen uns wissen. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. Honecker und seine Umgebung versuchten. das Treffen abzusagen. ihn ausladen zu müssen. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin.

Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. die er in MX. Seit heute weiß ich. Ob und wie er sich da rauswindet.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt. die Stationierung von sowjetischen SS-20Raketen zu verhindern. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen. Mir war immer klar gewesen. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang.« Wehner sah eine Lage »wie 1914«. um da mitzuhalten. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte. Auch Mielke glaubte noch. aber er überschätzte seinen Einfluß.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. Der erste.U-Boote. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. da ist alles drin. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. ja vielleicht schon brodelt. Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie. daß sie sich anbahnt. daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten.und Trident-Raketen investierte. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. war Herbert Wehner. in Cruise Missiles und Atom. -325- . denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. Wehner. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund.

Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. -326- .Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. Er bekam den Tarnnamen Rjan. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten. den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren. alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. zu deutsch RaketenKernwaffen-Angriff. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. Dieser Plan sollte es ermöglichen. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte. die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben.

Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen. das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten.« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. Dennoch war es frustrierend zu erleben. wo die NatoRaketen stehen sollten. die wir lieferten. um Platz für die Startrampen zu schaffen. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. Rainer Rupp. als Holztransporter getarnt. zu denen auch unsere Quelle in der Nato. wichtige Informationen lieferte. anrollten. Wir wußten zwar. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. die verhandeln weiter. habe ich nie erfahren. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. Die Analysen. Du wirst sehen. Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage. Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. Ob es Pläne gab. wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden.Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft. ermöglichten uns die Einschätzung. daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- . Nur so ist verständlich.

Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. mit Miroslaw Milewski. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen.eingeweiht. und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. dem Leiter des polnischen -328- . Die eskalierenden Streiks. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. dem Stellvertreter des Innenministers. in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne. August 1980. Die Führung in Warschau war bestrebt. um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. die von unten ausging. Am 21. Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. dem 12. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. Mielke bezweifelte. In jenem Sommer von 1980. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war.

Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. Es lohnt nicht. Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. Beschwichtigungsversuchen. Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden. unabhängigen Gewerkschaften. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. Die Reise hätte ich mir also sparen können. Man hatte mir erklärt. keinesfalls jedoch die nach freien. erhielt ich aus Warschau die Nachricht. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. fast eine Witzfigur. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien.Nachrichtendienstes. Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen.

Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt. Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. Regierungsstellen. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. in München wirkte Radio Free Europe. Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura. wurden innerhalb des MfS.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. und an Ministerpräsident Jaruzelski. Kania. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten. Zugleich hatten wir den Auftrag. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. -330- . Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. auch in meinem Dienst. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte. eine direkte Intervention zu verhindern. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste.

kaum fähig. die polnische Führung werde nun alles tun. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen. Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. In Moskau und OstBerlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. vorerst Luft zu gewinnen.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . das half. auf den 13. daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. Dezember. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. Die Nachricht in der Nacht vom 12. Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. Es scheint mir undenkbar. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. hieß es. daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. Jaruzelski erklärte später. überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. den Mann seines Vertrauens. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein.

zwischen Schmidt und Honecker. Mittag berichtete. aber stetig in eine Konfrontation. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren. Erich Honecker solle -332- . Wie Mittag hinterher berichtete.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte. daß Schmidt befürchte. die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt. Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor. den Washington auf Bonn ausübte. der auf ihm laste. der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren. beide Seiten müßten versuchen. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. traf er am 17. auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken.

Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. alles zu tun. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme.wissen. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. Dennoch waren die Gruppen und Personen. Helmut Schmidt. »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA. sie zu unterstützen. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. Vor den Dreihunderttausend. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. Soweit mir bekannt. gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. daß er. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. sprach unter anderen -333- . berechenbar sei. auf die wir einwirken konnten. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. in der Minderheit. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. die nach Bonn kamen. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. wenn möglich sogar zu beeinflussen. aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage.

Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen. auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten. So verspielte sie die Gelegenheit. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach. doch auch er wäre nicht bereit gewesen.zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. wodurch die Schwerter.und Staatsapparat hinein. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- . Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt. Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm.der Schriftsteller Heinrich Böll. Ich wandte mich dagegen. die sie nicht unter Kontrolle bekam. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung.

Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert.waren. Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden. Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- . Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten. Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen. Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen.

Ich hoffte. daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. Denn wir wußten. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr. Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. daß sie ein Studienfach hatten. Aus England kam General Michael Harbottle. der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. weil sie fürchteten. die zwischen den Blöcken tobte. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. um Vorurteile abzubauen. das eine Perspektive als Quelle versprach. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. Unsere Analysen zeigten. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte.Vorgänger. aus -336- . Voraussetzung war. aus den USA Admiral John Marshall Lee. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten.

wie den jungen Aktivisten. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. Bastian. wovon sie redeten. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen.Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert. so paradox es klingen mag. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt. vorwerfen. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. Kopf und Motor. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. Die neun Militärs gewannen. Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. sie wüßten nicht. Petra Kelly. Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision. zu Vorträgen und Diskussionen -337- . vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. Niemand konnte ihnen.

sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. Ich schickte zwei Leute. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die USGeheimdienste. ihre Analysen und Forderungen zu publizieren.weitgehend selber finanzieren. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. die vorgaben. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. Ich bewilligte die Summe. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. die selbstverständlich nicht von der HVA. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale. Er meinte. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. daß die Aktion zu einem großen -338- . sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde. und ganz Naive beließ er im Glauben. der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte. daß es seiner Abteilung gelungen sei. heranzukommen. Als sich herauskristallisierte. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. Sie hatten keine Mittel. die mangelnden finanziellen Ressourcen. im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. Gerhard Kade. Das war unsere Chance. dem mußte schnell klar sein.

bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee.Erfolg wurde. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR. wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. das sei ihr Verdienst. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder. daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. denn das war tatsächlich der Fall. antwortete Bastian: »Das denke ich. Dies bedeutete allerdings keineswegs. den KGB zu bewegen. besser gesagt. Feist erzählte Honecker. und ich -339- . Offenbar gelang es Kade daraufhin. sehr konstruktiv sind. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist. daß die Vorschläge. Ich weiß nicht. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. Sie müssen sich gefragt haben. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. den wir über Kade ausübten. Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. Ich glaube. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung. So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte.

hat der Sache nicht geschadet. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. daß sie im Westen ein positives Echo finden. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten. Gerhard Kade starb 1995. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war. Wenn man mich fragt. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken. um sie möglicherweise zu manipulieren. Ich habe keine Belege dafür. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte. Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt. ob ich es bereue.hoffe. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. -340- . daß ihre Stimme gehört werden konnte.

in den 50er Jahren eingerichtet hatten. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'.14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht. Umarme den Schlächter. wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. den man klassisch als Desinformation bezeichnet. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- . Sie hatte die Aufgabe. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen. Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. eines der intelligentesten Veteranen des KGB.

deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte. war schon die Rede. um zu wirken. Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X.und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen.Kriegführung« keine großen Illusionen machte. der vor und während des 17. erfuhren. in Berlin war das der RIAS. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte. Damals hatte ich gelernt. Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. verdankten wir einem unserer Offiziere. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt. in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern. als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. -342- . Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an. die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt. Von den diversen Ballon.

daß seine Enttarnung bevorstand. einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben. wo es ihr gelang. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. während er sich im Glauben wiegte. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte.Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. CIA-Agent zu sein. Wenn heute selbsternannte -343- . die der DDR feindlich gesonnen waren. ohne sich etwas Böses dabei zu denken. der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. als er verhaftet und angeklagt wurde. wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen. ja sogar ernsthaft destabilisieren. habe ich hingegen nie gehegt. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. und es gelang ihm sogar. Wir hatten zwar erfahren. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen. doch wir hatten ihn nicht warnen können. denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten. Den naiven Glauben. einen Mann. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. angereichert mit selbstfabriziertem Material. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten.

welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. das wir an Westjournalisten weitergaben. gründeten wir fiktive CDU. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern. die heute noch existieren. und daß man mehr als blauäugig sein muß. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war. was von dem Material. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen. die sich meisterhaft darauf verstanden. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden. daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden.und SPDPressedienste. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten. was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken. Die Mitte und SPD-Intern betitelt. weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. Unsere frühen Versuche. wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- . veröffentlicht wurde. mußten wir bald aufgeben. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. Kontakte zu Journalisten zu finden. um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. dann kann ich dazu nur wiederholen. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. Da wir natürlich nicht steuern konnten. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. nie das Wasser reichen konnten. daß Politiker selbst wissen müssen.

daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. und es wurden Dinge in die Welt gesetzt. hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen. um van Nouhuys mundtot zu machen. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. einer der ersten war. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten.gewesen wäre. So problematisch ich es noch heute finde. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln. einen solchen Schritt zu tun. der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. die das Maß dessen überschritten. In seinem Blatt hetzte er -345- . die dieser während seiner Entführung getan haben soll. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. der an Vertrauensbruc h grenzt. Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein.

Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß. die Verträge könnten torpediert werden. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen. mit dem -346- . den er am Ende nur deshalb gewann.unermüdlich gegen die Ostverträge. daß er kein Spion gewesen war. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. so daß wir zu fürchten begonnen hatten. Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. Politikern wie Franz Josef Strauß.

der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert. Wir mußten daraus die Lehre ziehen. Staatsapparat und auch im Geheimdienst. eines jüdische n Kommunisten. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. die Friedensbewegung zu unterstützen. Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen. und das auf allen Ebenen in Parteien. Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. Armee. Wie ich bereits sagte. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. daß sie ihre Biographien -347- . veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR. morgen vergessen.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. versuchten wir. Justiz.

ist das immer wieder bemerkbare Bemühen. die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. Jeder. 1972. die -348- . ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. Hubert Schrubbers. Es ist eine Sache. wird mir darin zustimmen. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. die sie konsultieren wollten. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu StasiHandlangern abzustempeln. der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern. Nicht weniger peinlich als der Versuch. und eine andere. daß es nur lachhaft sein kann. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten. die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. Es gelang uns sogar. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz.geschönt hatten. Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt. meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. Meinem Dienst gelang es.

in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen. Ihre Tragik war. Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NSGreueltaten und solchen Unrechts. es sei möglich. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. wie sie uns damals vorschwebte. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. völlig außer acht. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. wie es in der DDR geschah. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. Selbst in den letzten Jahren der DDR. daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. daß sie sich -349- . war der Antifaschismus doch in der Kunst. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr. daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. Dazu muß ich sagen.

Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei. es sei erwiesen. Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. einem Vertrauten Beaters. schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. Aber ich kannte nicht nur von Berg. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. wurde ich zu Mielke bestellt. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. Auf meine Frage. Kaum war das »Manifest« erschienen. daß Hermann von Berg. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand.dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. diese Lage zuzuspitzen. und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an. -350- . Recht hatte Mielke insofern. unterhielt. darunter des Spiegel. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. Mit ernster Miene eröffnete er mir. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater. dem Leiter des Presseamtes. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten.

wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. Daran hielt er sich auch dann noch. damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. den Ausreiseantrag zu stellen. die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis. daß es Aufgabe meines Dienstes sei. sickerte doch das eine und andere durch. Das brachte Mielke auf die Idee. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. Einiges davon war durchgesickert. Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. obwohl es uns gelang. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen. Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor. der Hauptabteilung Untersuchung. die ihm zuteil geworden war. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. Obwohl alles streng geheim ablief. an die große Glocke hängte. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde.

Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. Im südlichen Grenzbezirk der DDR. kamen findige Vernehmer auf die Idee. und wenn ja. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. Besonders wichtig war es herauszufinden.standgehalten hatten. ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten. in Suhl. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit. Daß Gutachter und -352- . Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. Erst viel später erfuhr ich. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. mit welcher Aufgabenstellung. Ihre Lage war mißlich. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. das seine Abwehr – wohlgemerkt. in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden.

Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt. wie die ASA zustande gekommen waren. und er hatte aus ihm herausbekommen. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. der Sache Einhalt zu gebieten. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. ihm Gehör zu leihen. daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. mit dem er schloß. deutlich zu machen. Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. war er in der Lage. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. bewies. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. Mielke dazu zu bewegen. daß er noch der alte war. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden.Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende. daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . aber nicht den Mut gefunden. daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden. zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte.

Mit Erich Mielke 1983 -354- .stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde.

wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern. die neu war. wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre. daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden. von einer Unsicherheit.Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf. -355- .

die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. -356- . die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit. und auserwählt wurde General Rolf Markert. Da Mielke fand. der außenpolitische Erfahrung besaß. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen.15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher. Aber ausgerechnet diese neue Republik. Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. Was sollte das Besondere an Sansibar sein. der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes. Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. Wie dem auch sei. der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war.

daß ein DDRDiplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. brachen wir in schallendes Gelächter aus. Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden. In Kairo. während ich in der Touristenklasse saß. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen. daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber.Damals war es eine waghalsige Idee. und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. in der Ersten Klasse. die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten. -357- . um nicht aufzufallen. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt. meinen falschen Bart wieder so anzukleben. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen. dem Leiter unserer Delegation. Als wir uns gegenseitig betrachteten. Wir wußten. Aber Mielke beschränkte sich darauf. Dann erhielten wir DDR. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. zu verpflichten.

In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen. Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht. Nachdem wir den Äquator überquert hatten. doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen. Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden. und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. -358- .Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident. überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten.

die DDR hatte Sansibar geholfen. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren. einmalige Sonnenuntergänge. wie er hieß. Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen. daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte. ließen sie -359- . daß er bei einem Berlin. bei meinem letzten Besuch. Später. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern. Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten. Sansibar erfüllte alle Klischees. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. Anfangs kostete es viel Geduld.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. Es fiel uns. die völlig andersgeartete Denk. ins Gespräch zu kommen. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen.Besuch sogar seine Frau mitbrachte. anfangs nicht leicht. daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. herrliche Strande.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. die man von Afrika kennt üppige Natur. Besonders mühsam war es. Das nahm er so wörtlich. und unser Koch erzählte mir auch. und man erwartete viel von uns. sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. Erst durch unseren Koch erfuhr ich. Es gab keine bettelnden Kinder. mit Ibrahim Makungu. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen. die wir gewohnt waren.

andere waren strenggläubige Moslems. Diese Widersprüche erklären auch. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. das wirtschaftlich interessant genug war. Es war schwierig. nachdem meine -360- . sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte. denn Julius Nyerere. der Präsident Tanganyikas. dem englischen TradeUnionismus zuneigte. Anschluß an ein Land zu suchen. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten. Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. um Sansibar unter die Arme greifen zu können. In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei.sich die Unzufriedenheit anmerken. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus.

das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. Kurz vor Mitternacht des 24. Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. doch die meisten unserer Leute. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. Berlin drängte auf meine Rückkehr. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. durch das. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. Wir waren überzeugt. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. was wir leisteten.Partner mir kategorisch versichert hatten. um mich mitnehmen zu können. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig. April überbrachte man uns die Nachricht. wie es unseren -361- . zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. den anderen einfach davonzufahren. die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren.

so im Sudan. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen. sondern darin. Kongo (das spätere Zaire). So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. Unser Einfluß blieb stets minimal. Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. -362- . denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt. ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft. So war es in Sansibar. der Sudan. Wir mußten uns wohl oder übel beugen. daß sie gar so sehr ausuferten. in Äthiopien und Mosambik. beide Jemen. verglichen mit dem des Regimes. Kultur und Bildung zu ignorieren. all jenen Ländern. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. im Südjemen. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. sehr wohl aber an der Notwendigkeit. Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren.eigenen Strukturen entsprach.

und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. daß man sich in Ägypten einredete. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen. Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief.Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der NatoLänder in Nahost in Erfahrung zu bringen. daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. Als wir Nasser erklärten. Bis auf ihn. Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. in dem am 25. war die Enttäuschung groß. Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen. Uns wiederum gelang es nicht. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte.

und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden. Einer von ihnen erklärte mir. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. Sozialismus bestehe darin. Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. Um so erstaunlicher fand ich es. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten. vor allem solche.Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit. Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten. So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen. Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . das Sachwalter Großbritanniens gewesen war.

und sie wirkten britisch bis zur Karikatur. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient. Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund. und dann davonbrauste. dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates. heraussprang. Ich erinnere mich gut daran. mit der rechten lud er mich ein. sehr schwarz. Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- . durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. daß er im Wagen ankam. wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. Auch seine Augen lächelten. Platz zu nehmen. eine Rede hielt. Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. wuchtig. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen. die gellende Pfiffe der Zuhörer.

»Diese Probleme müssen wir selbst lösen. soll er mit »Ja« geantwortet haben. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. in der das Urteil beraten wird. da könnt ihr uns nicht helfen«. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . Er vertraute mir seine Befürchtungen an. ob er sich am Putsch beteiligt hätte.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. Von einer Waffe ist nichts zu sehen. der mir nahestand. daß die Waffen niedergelegt werden. wenn er im Lande gewesen wäre. sagte er düster. In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären AnsarSekte verschanzt und feuern nach draußen. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich. die seinem Land gesetzt waren. nach Kairo zurück. durch Überredung zu erwirken. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. Auf die Frage Numeiris. daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. Er war ein Politiker. Hamadallah gelingt es. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. der sich zu jener Zeit in London aufhielt. sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand. die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel. Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke.

In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. Seine Stimme ist nicht zu hören. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. Dreihundert Fallschirmabsprünge. wofür Hamadallah gelebt. Er war 1933 in München geboren. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. den wir gefangennehmen helfen konnten. war. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. glaube ich. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht. In der ölreichsten Ostregion Nigerias. daß er die verdeckte Kriegführung lernte. Die Lehre. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen. nur die Mitteilung des Kommentars. einen Menschen. so viele Jahre nach seinem Tod. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. überlebte ihn selbst nicht lange. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg. Noch heute. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. woran er geglaubt hatte. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. die er daraus zog. Das. -367- . Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit.Bewachern. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war.

Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige LufthansaBüro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«. der ihn an einen Mr. das sich Welt-InformationsKorrespondenz nannte. verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. D. Die CIA hoffte. ein ehemaliger Missionar. an. ob Steiner sich dafür eigne. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. Norman von der CIA. deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. von Mellenthin. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . Preston weitervermittelte. um zu sondieren. der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte. Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen).Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete. Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. wo man ihn genauer instruieren würde. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr. die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden.

daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. das Todesurteil zu verhindern. ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht. der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. Daß es uns gelang. Hans-Jürgen Wischnewski. erreichte. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. Es stand außer Zweifel. Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle. der Organisation Afrikanischer Staaten. das dem Druck der OAU. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten. Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. Landsleute vor sich zu haben. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. Alles in allem wurde er so gesprächig. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft.Landes bestanden. ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. Da die USA sich weltweit vom -369- . daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte.

geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. noch irgendwelche Medien. Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor. im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen. und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten.Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. die in den USA oder der BRD existierte. doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. Ausgesprochen mühevoll war es. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger. die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten. ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. Das -370- . Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten.

der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- . die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten. der UdSSR und der DDR suchte. Es war also nicht überraschend. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. war man in Aden wohl der Meinung. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. hinter dem Saudi-Arabien stand. Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. während die USA von Kinshasa. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre. brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. der Hauptstadt Zaires. UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten. Die Frage. die Konflikte zu reduzieren.

ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. Eritreas Autonomie zu respektieren. Lamberz. von denen man sich -372- . die sich strikt weigerte. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. waren 1973 nach Libyen geflogen. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. Mitglied des Politbüros der SED. Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte. es war eine politische Entscheidung. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. und Markowski. Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete. Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen.ausgemusterter NVA-Waffen. Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. die wirklich akzeptiert wurden.

Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden. und wie in solchen Fällen üblich. aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden. darauf zu beschränken. Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt. als die KGB-Führung 1979 versuchte. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß. die Hilfe. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. die wir leisteten. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. -373- . wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt. Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen. Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen. wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. die sie anderswo nicht kaufen konnten. uns dazu zu bringen. Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten.

an das Zentralkomitee der SED die Bitte. staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. und sie infiltriert. der Führer der südafrikanischen KP. Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo.Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten. die Gegenseite desinformiert.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. er befürchtete. ohne das eigene Wissen zu verraten. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren. galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid. daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. besonders zu Jassir Arafats PLO. So. Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- . Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen. wie die Beziehungen zu den Sicherheits. ohne daß man sie entdeckte. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. doch damals. Honecker stimmte zu. seinen linken Flügel zu stärken. und von da an bildeten wir zwei.

zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen. dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. Wenige Monate zuvor. Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. Das war zu jener Zeit. Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. Bei allen weiteren -375- . Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert.ausgeschlossen worden. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. im August 1972. doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973. daß fünf Geiselnehmer. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik.

konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. über ihre strategischen Pläne. daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte. jede Seite suchte ihren Vorteil. daß sie Verbindungen bis in höchste USRegierungskreise. Wir wiederum waren bemüht. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. so über die Vorbereitung und den -376- . daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch. ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. Da den Palästinensern sehr bald klar wurde. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLOSicherheit wurde bald sichtbar. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich. daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat.

Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. manche weigerten sich. doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing. Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. schilderten sie mir. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. weil sie -377- . BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum. Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern.Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon.

die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen. zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. der Antiterrorabteilung. zur IRA. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. Führungsmitglied der Fatah. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte. mehrmals in Ost-Berlin auf.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. Ein Dokument vom 8. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. Carlos. Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt. Diese Kontakte bestanden meist darin. daß sie Kontakte zur ETA. die im übrigen nicht mir unterstand. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. Abu Daud. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- . mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez.

Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. daß libysche Diplomaten. -379- . die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. bestand darin. das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr. Das Papier vom 8. obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen.worden war. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten. es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht. Libysche Täter wurden verdächtigt. ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus.

wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll. nur Gaddafi blieb unverletzt. sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke. Patrice Lumumba. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben.Interessant ist die Frage. und es für ihre Pflicht hielten. hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. Jassir Chraidi. Gewiß war manches Opfer zu schwer. Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken. dann ist mein Eindruck zwiespältig. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. was vom Nahen Osten ausgeht. dem ANC oder der SWAPO betrachte. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. Che Guevara. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. einer der Haupttäter. Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen. obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. Peres und -380- .und West-Berlin hin und her reisen können. daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. weil sie davon überzeugt waren.

mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde. der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde. -381- .Rabin vor dem Weißen Haus. und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela.

Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus. und das Ziel meiner Reise war Kuba. In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop-382- . um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten. Dennoch wollte es der Zufall. Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen. dem Leiter der Auslandsaufklärung. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet.16. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. Für Kuba. der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. Also ging es nach Moskau. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt. doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren. Es war im Januar 1965. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog.

um Gewicht zu sparen. brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet.Maschine vom Typ AN-124. offenbar diplomatische Kuriere. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. vermutlich KGB-Mitarbeiterin. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen. War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen. das um sie herum gestapelt war. Weitere Stunden vergingen. Weiter geschah zunächst nichts. als ich bemerkte. Als die Triebwerke verstummten. kümmerte sich vorrangig um uns. zwei Chinesen. -383- . Eine Stewardeß. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. kam die kanadische Küste in Sicht. manche auch mit Kindern. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. als unser Flugzeug an Höhe verlor. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. saßen direkt vor uns. Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. Die einzigen Ausländer außer uns. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. Ich rasierte mich gerade.-Kennedy-Flughafens auf. Wir tauchten steil nach unten. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. die Sitzreihen waren abmontiert. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte. doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer.

da die DDR von den USA nicht anerkannt war. daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren. versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. Sicher w ürde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. unter die Matratze eines Kinderwagens. Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken. Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. doch die nützten uns wenig. Mit Gesten forderten sie uns auf. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. sie durchzulassen. Wir besaßen Diplomatenpässe. die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. der im Gang neben uns stand. wenn er erfuhr. Wie ich später erfuhr. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins.Stunden ungewissen Wartens vergingen. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen. Ich ging im -384- . Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. Wild gestikulierend. Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war.

Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. mich hier zu identifizieren. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad. sollte es gelingen. er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten. Stunden waren vergangen. unser Flugzeug auftanken zu lassen. wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. übergewechselt war. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. daß Moskau mit Washington verhandle.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. und erklärte. Eingeschleust hatten wir noch niemanden. Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. die mir zur Last gelegt werden konnten. blies der Pilot Winterluft in die Kabine. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. als -385- . Um zu lüften. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. Er behauptete. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale. Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. Die Heizung war abgeschaltet.

um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. allerdings unter der Bedingung. daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. Nun. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte. Es war schon dunkel. der uns schon durch seinen -386- . Wir wurden in einer Villa einquartiert. als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. Die anderen mußten weiter warten. Als die Tür für einen Augenblick offenstand. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. Wieder durften wir nicht aussteigen. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. und jetzt ging es darum. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. Am frühen Abend startete unsere AN-124.die Stewardeß mir zuflüsterte. Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen. von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher. Washington habe den Weiterflug genehmigt. Es sah aus.

Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. sagte er ganz ernsthaft.korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. Die betörende Luft. wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. bestaunt von den Kubanern. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen. daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der USMarine erkennen konnte. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung. denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren. machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. den -387- . stellte sich als Umberto vor und erklärte. Wir waren nicht als Touristen gekommen.

Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen. Bomber einzusetzen. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde. die Exilkubaner. die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte.wir nun besichtigten. die Castro beseitigen sollten. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. Der große Irrtum der CIA. daß die Kubaner aus den früheren CIAAktionen ihre Lehren gezogen hatten. Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. fiel es der Öffentlichkeit schwer. so irrwitzig waren die Einzelheiten. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben. ohne weiteres auf Kuba übertragen. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- . Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte. sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26Bombers. bestand in der Illusion. erfuhr ich erst später. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest.

als ob sie nicht existierten. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. der Chef des Aufklärungsdienstes. der damalige Innenminister. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben. Ramiro Valdez. daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. und Manuel Pineiro. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. -389- . waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. seinen Dienst technisch zu unterstützen. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. vor allem aber für unsere Möglichkeiten. Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen.Mordplan. und groß war seine Enttäuschung. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. den Bärtigen. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. Erst in späteren Jahren änderte sich das. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. Er interessierte sich für unsere Erfahrungen. Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. die man mir in Moskau genannt hatte. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. Fidel Castros Bruder Raul. Miniatursender und dergleichen mehr.

daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. als sie ihre Raketenbasen abbauten. was in Kuba gelungen war. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen. Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. Nie war er um einen Scherz verlegen. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. sprach aber nicht besser Englisch als ich. Jahre später erfuhr ich von ihm. um die Kubakrise zu beenden. das wir mit Dritten gewechselt hatten. war mit einer Amerikanerin verheiratet. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. Comandante Pineiro. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets. dennoch verständigten wir uns glänzend. ihn tief enttäuscht. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. was er wissen wollte. Da wurde mir erstmals bewußt. kolportiert hatte. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. Ich erinnerte mich. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war. und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. das Bild zu vervollständigen. merkte ich schnell. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art. Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an.Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. sich zu befreien. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. das man in Havanna gezeichnet hatte.

Anders als seine emotionaleren Kollegen.zu haben. gebildeter und staatsmännischer. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. weil es kaum Benzin gab. doch alle waren voller Begeisterung gekommen. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. um ihre Comandantes hochleben zu lassen. Im mexikanischen Asyl h atte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener. daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. sondern am auffälligsten dadurch. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. einen Film über Tamara Bunke zu machen. beeindruckte mich außerordentlich. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. daß er verabredete Termine einhielt. Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. eine junge Frau aus der DDR. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf.

war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. Die Stellen an der Pazifikküste. die sich für eine Landung eigneten.Mischung aus sozialdemokratischem. bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. das eigene Leben einzusetzen. christlichem. Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. sozialistischem. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. Charakteristisch für die Sandinisten war auch. wenn nicht gar Dichter. alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert. Tomás Borge machte da keine Ausnahme. Mit Tomás Borge (1. wurden Tag und Nacht überwacht. Jedermann wußte. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen.

die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden.kommen würde. Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. Mehr als die Contras. aber sie konnten es nicht international isolieren. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. Unser bescheidener Beitrag bestand darin. politisch und militärisch unter Druck setzen. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend. daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. wie es mit Kuba möglich gewesen war. Händlern. Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. und man sah ihr an. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. als moskauhörig abgestempelt zu werden.

doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. ob mir nicht aufgefallen sei. die die USA mit Erfolg durchführten. wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte.sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- . Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an. praktizierte Methode. der größten Tageszeitung Chiles. Er hatte recht. Die Wirtschaftsblockade. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete. Die finanzielle USHilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. um zu erkennen.

denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte. zu lange darauf zu vertrauen. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär. die Fäden. General René Schneider. Da der Oberkommandierende. in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR. die erkundeten. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. den Führer der chilenischen KP. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt. sah die CIA sich genötigt. der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. Allendes tragischer Irrtum war es. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde. wie durchlässig die Kontrollen -395- . der im Aufsichtsrat von ITT saß. der Regierungskoalition. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten.Wirtschafts. Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte.und Versorgungsprobleme gesetzt. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. Wie mir Castro erzählte. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. daß die chilenische Armee. um Salvador Allende zu stürzen. waren ihr offiziell die Hände gebunden. ehemaliger CIA-Direktor. und im Hintergrund zog John McCone. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano.

Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. die wir nach Chile einschleusten. Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. und installierten Verstecke in Fahrzeugen. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. der in der Sowjetunion inhaftiert war. In manchen Fällen dauerte es Wochen.auf chilenischen Flughäfen. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. und die Kubaner sekundierten mir. bis wir sie in Sicherheit hatten. Luis Corvalán. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- . Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. Unsere Aktion konnte nicht alle retten. Wir überlegten Möglichkeiten. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion. Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. Handelsschiffe umzudirigieren. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte.

der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. starb im Exil in Chile. sich an die Sowjetunion anzuschließen. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten. Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. und Erich Honecker. Damals ahnte ich nicht. sondern sie praktisch gezwungen. ihm Dauerasyl zu gewähren. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. Ich glaubte. während ich für Castro mehr Verständnis hatte. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen.Prinzipien. als schlügen sie einen eigenen Weg ein. denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. wie später Nicaragua. für die wir nach 1945 eingetreten waren. Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen. was man dem Volk versprochen hatte. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. Der Sozialismus hatte nicht gehalten. daß sich gerade durch Gorbatschow. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen.

daß es dort zu Ende geht.« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten. Aber wenn ich heute erlebe. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert. Günter Grass hat dazu etwas gesagt. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus. sogar die Sozialdemokratie. dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten. Hinzu kamen Freunde. aber nicht eindimensional. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen. wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden. und nicht zuletzt Amerikaner. die in den USA lebten. -398- . dann bin ich für Kuba. Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. ein Greuel. jedenfalls keine andere als Batista. Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt. aber kein durch und durch kommunistischer Staat. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. ohne eine Alternative anzubieten. Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins.Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –. dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein.

die Hoffnungen und Ängste dort. Alles. Beide waren in Deutschland geboren. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. was ich in Büchern gelesen hatte. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. darunter Hemingway. die New York Herald Tribune. Viel von meinem Wissen über die USA. Die ideologische Barriere. Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen. beide waren Juden. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. Time und Newsweek gelesen. was ich über die USA erfuhr. über das politische Denken. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. Dreiser und Steinbeck. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus.Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. verdanke ich zwei Männern. die ich zwischen uns errichtete. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- . so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat.

wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. der andere als Jurist –. der Wirtschaft. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng. In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert. Beide fanden in den USA Asyl. von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. was seine paradoxe Umkehr darin fand. angeworben. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. dem Ökonomen.mußten vor dem NS-Terror fliehen. dem Vorläufer der CIA. sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager. eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. und beide wurden vom OSS. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert. Den Kontakt zu »Maler«.und Brandsätze zu zerstören versuchte. fanden wir über einen Studienfreund. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen.

und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten. seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück. aber nie ängstlich. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. aber auch der KGB. dem er beigewohnt hatte. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte.und RoechlingProzesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten. Als wir vorschlugen. der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. Obwohl er Atheist war. was uns verband. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe. »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. -401- . Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. enthielt. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. für meinen Dienst zu arbeiten. lehnte er das entschieden ab. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. des Krupp. Er war umsichtig. Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband.

bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. verging nochmals beträchtliche Zeit. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. war langwierig und umständlich.Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. Da galt es. in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. daß er für uns spionierte. die er unternahm. Gegenstand ausführlicher Beratungen. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah. das wir zahlten. wo sie eine Weile lebten. Doch unsere bevorzugte Methode. Kurzum. Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. Agenten einzuschleusen. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. Lateinamerika oder Australien auswandern. die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. war jede Reise. von großem Wert. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. durchaus brauchen. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- .

daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte. die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten. Alles andere als erfreulich war auch. Es hatte Jahre gedauert. Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition.versorgen. uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten. und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. diesen -403- . Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. während er sich darauf vorbereitete. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. Daß es dazu nicht mehr kam. daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. sondern auch berichtete. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung. Deckname Brest. viele unserer Agenten aufzuspüren.

daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. die Verluste zu ersetzen. und der Mann wurde von unseren -404- . der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus. in den USA nicht. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen. blieben in den Anfängen stecken. die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten. der geheime Informationen über AtomU-Boote verkaufen wollte. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt. Abgeordneten oder Managern getan hatten. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. und alleinstehende Herren. Die Praxis bestätigte. Wir hatten nie bezweifelt. Unsere Bemühungen.Sender zu bauen. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDRBotschaft vorstellig wurden. die ich übersehen kann. Es kam vor.

Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. der sich als Doppelagent entpuppte. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. auf der er prompt festgenommen wurde. hieß es plötzlich. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen. Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben. dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. einen jungen polnischen Aufklärer. und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . Nach einem halben Jahr erfuhren wir. in die USA zu reisen. Das FBI triumphierte. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte.Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise.

Die Atmosphäre der 68erBewegung.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer. daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat. Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. machte es uns relativ leicht. war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. der Protest gegen den Vietnamkrieg. Wir wußten zwar. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner. Im nachhinein muß ich gestehen. Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am USMilitärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . wenn man das Geld sprechen ließ. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. So unergiebig unsere Situation in den USA war. Was die Kontakte besonders förderte. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten. wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten. der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. aus dem Agententhriller gemacht werden.

der Wirtschaftsminister. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten. So hatten wir herausbekommen. mit denen die täglichen innen. die Codes zu knacken. die Existenz der NSA zu leugnen. die das Zentralkomitee erhielt. Zu den wichtigsten Unterlagen. Günter Mittag. weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb.und Telefonbotschaften ab. und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. den riesigen. daß mein Dienst dies -407- . weil sie klug genug waren zu argwöhnen. daß jedermann im USNachrichtengewerbe angehalten war. ohne es zu ahnen. der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio. das in den Äther drang. daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. Später erfuhr ich. die sie aus ihnen herausfilterten. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter. gehörte das. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. die Hall alias »Blitz« uns lieferte. daß es den Technikern gelungen war. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen.

der auflistete. daß wir ihm rieten. und deshalb schlug ich vor. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen. Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). Bevor wir das taten. -408- . Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. aber die Informationen waren es wert. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren. unbrauchbar gemacht werden konnten.sehr bald in Erfahrung bringen würde. waren alles andere als billig. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing. Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. Dieser Plan führte detailliert aus. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren. etwas zu bremsen. damit er sich nicht verdächtig machte. Seit es »Blitz« gab. geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. daß wir sie an den KGB weitergaben. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. Beide. Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. Hall und sein Mittelsmann. um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-PaktStaaten auszuschalten. Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. mußten wir uns nicht mehr abmühen. wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos.

wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte. das Carney uns besorgt hatte. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. Wenn -409- . um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. um sie glauben zu können. und von da an waren seine Tage gezählt.Offenbar versuchte er. mit dem KGB in Verbindung zu treten. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. Die amerikanische Abwehr schätzte. Ein Dokument. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte. daß die Unterlagen. Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. meinem Dienst dazu verholfen hatten. die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. wie es den Amerikanern gelungen war. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. Wir konnten nicht daran zweifeln. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. verhaftet. die er uns beschafft hatte. der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. der sich als KGB-Agent ausgab. beschrieb. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. ein Sergeant der Air Force. Carneys Material bewies uns anschaulich. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten.

Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. daß die CIA DDR-Bürger in der -410- . Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. beim geringsten Anlaß alles zu gestehen.ihnen das gelungen wäre. stellten wir fest. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. als man meinen könnte. mit denen er nach Havanna flog. mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIAAktivitäten in der Bundesrepublik. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. und besorgten Carney kubanische Papiere. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. die für Notfälle reserviert war. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus. die wir 1973 durchführten. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. wurden ihm Papiere angeboten. Damit er sich nicht langweilte. Es las sich wie Sciencefiction. Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. wie ich vermuten darf. Wir griffen auf eine Methode zurück. änderte nichts an unserer Befürchtung. setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein.

die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. Juli 1945.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert. den berühmten Physiker. Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. daß alle vermeintlichen CIASpione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren. den Mann. Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen. der beauftragt war. Es handelt sich um Klaus Fuchs. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt. den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIAAnwerber. daß Fuchs als anerkannter -411- . »Thielemann« operierte von Bonn aus. daß Stalin keine Überraschung zeigte. als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. die in Potsdam konferierten. Seit langem beschäftigte es mich. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde.

Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen. den er vom ersten Moment an machte. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. sich mit mir zu unterhalten. die aufmerksamen. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- .Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. Die hohe Stirn. sich aber rundheraus weigerte. Wenige Jahre bevor er starb. Diese Augen wurden lebendig. daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte.

auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. Er war Forscher mit Leib und Seele. kaum E rfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte. Fuchs war für mich ein Kundschafter. Harro Schulze-Boysen. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. sondern Kundschafter genannt. nicht Spione. aus dem Männer wie Richard Sorge. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. weil sie darin eine Möglichkeit sahen.Physik. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren. -413- . Kim Philby und viele andere waren.

Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. erkannte Fuchs. 1941 fand er durch seinen Freund. »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. Die -414- . die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. sagte Fuchs zu mir.Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. seinem verehrten Lehrer. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht. warum der Westen nicht bereit war. In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte. »Ich konnte nur nicht verstehen. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU. doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war. die Atombombe mit Moskau zu teilen. Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab. den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. Ich war der Ansicht. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte.

daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein. von allen Kontaktpersonen die sympathischste. daß eine Seite in der Lage sein sollte. der Vater der sowjetischen Bombe.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war. Ruth Werner. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. daß Igor Kurtschatow. fand ich einfach entsetzlich. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt. Solange er in England arbeitete. Fast unglaublich war die einfache Art. Das wäre so gewesen. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. das nicht zu tun. Er erinnerte sich. Ich hatte nie das Gefühl. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. sondern jahrzehntelang so getan. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte.Vorstellung. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das USKernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können. wie Fuchs seine Informationen weitergab.

Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. Einen Freund anzulügen. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan NunnMay im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. Wenn nicht. bis er 1950 verhaftet wurde. Ruth Werner erzählte mir später. eine Antwort zu geben. Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt.Hand. Juli 1953. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. ihn unter vier Augen fragte. mit dem er privat befreundet war. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell. Ich nehme an. verrieten ihn. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik. sie zu begnadigen. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. hinter denen das Odium des Verrats stand. das brachte Fuchs nicht über sich. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. Die fatale Kette von Verhaftungen. ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun. und sein Zögern und die Unfähigkeit. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- .

-417- . war es ihnen einfach zu peinlich.der britischen Sicherheitsbeamten war. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden. das ich nur aus Erzählungen. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt. und ich hoffe. kann ich mir nur damit erklären.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. die gemerkt hatten. Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen. Ich wünsche mir. die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits. daß sie ihn anfangs verdächtigten. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen. meine Freunde und Bekannten zu besuchen. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen. aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. Filmen und Büchern kenne. Als sie es besser wußten. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. Klaus Fuchs.

Ich mußte sie artikulieren. Ich wußte. Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. Wirtschaft. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. indem ich schreibend darüber nachdachte. die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann. Meine Zukunftspläne waren anderer Art. Vielen DDR-Bürgern. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . um dies zu verhindern. stärker in mir. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. was in seiner Macht stand. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung. auch wenn Mielke es glaubte und tat. weil es eben das gerade nicht war. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. um so mehr hatte ich den Eindruck. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. daß man mit dem Gedanken spielte. aber das war es nicht. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. Beruflich hatte ich alles erreicht. den Dienst zu quittieren. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann.17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. was ich mir wünschen konnte. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. was mir vorschwebte. daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte.

Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten. anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder. die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte. Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören.Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit. Mit Konrad Wolf 1981 -419- .

die Beschreibung der unterschiedlichen Wege.und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten. den Film noch zu drehen. einem Projekt. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. Es war die Geschichte unserer Kinder. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt. Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen. Von da an war mir. Nein. Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. als hätte mir mein Bruder sein TroikaProjekt als Vermächtnis hinterlassen. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen.Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. das ihm sehr am Herzen lag. Bei diesen Gesprächen über das TroikaProjekt ahnten wir nicht. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. die die Freunde im Leben einschlugen. Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt.

Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen. doch hier konnte er mir nicht entwischen. und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte.nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. Er war fünfundsiebzig geworden. sagte er. Mielke war bereit. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. Das war mehr als deutlich. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. Konstantin Tschernjenko. sei der UdSSR unverständlich. und er betonte. wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon. Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen. Diese Indolenz. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. Bei solchen Worten -421- . hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. mich in die Pensionierung zu entlassen. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen. die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. Andropows Nachfolger. ich sechzig. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte.

Gab es wirklich eine Chance.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. Tschernjenko ließ durchblicken. Wegen verschiedener Pannen. unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. mit den spezifischen Mitteln der HVA. mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate. als wir selbst es hätten darstellen können. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit. Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-WestStudie der Nato übermittelt. Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. Frostig nahm man Abschied voneinander. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDRFührung hin. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen. die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts.

Dennoch mußte ich es zumindest versuchen.Informationen und Dokumenten. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRDBesuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. als sei nichts geschehen. waren noch mehr geworden. und deshalb hatte er mich kommen lassen. Ich baute auf Mielkes Neigung. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. seiner Kommadozentrale. Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. Ich konnte sicher sein. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. Der geeignete Zeitpunkt. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach. um es vorzulegen. daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern. die nur an höchster Stelle zugänglich waren. um das Dossier zu überreichen. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau. kam. Die Sowjetunion erfuhr davon.

den KGB-Vorsitzenden. Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. doch wenn ich angenommen hatte. dann hatte ich mich getäuscht. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. als er Andropows Stellvertreter gewesen war. sie würden einen Kompromiß finden. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. Mich habe er hergebeten. daß er es für das beste gehalten habe. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB.einem offenen Schlagabtausch entgegen. Honeckers Jagdgefilde. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle. versuchte ich. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein. Als das Telefon klingelte. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte. Am 17. Mielke erklärte mir nun. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. Zumindest nahm er die Studie entgegen. Honecker das Zugeständnis abzuringen. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko. Darauf erwiderte Tschebrikow. bevor er ihn antrat. Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . Viktor Tschebrikow. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. gab Mielke mir den Hörer.

der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich. Er wird nicht schlecht gestaunt haben. daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen. wie er es anstellen sollte. alles so zu arrangieren. von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. wußte aber nicht. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- . Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung. und beschwerte sich über die Sowjetunion. Sein Fazit war. Er zog Mielke zu Rat. Jetzt galt es nur. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis.freundliche Weise. der ihm entschieden abriet. Er beklagte. Willi Stoph sagte später.

kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl. war eine Sache. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. daß das Sozialprogramm. Die sentimentale Enttäuschung. aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. Die Einigkeit und Geschlossenheit. Da er -426- . Dem Sozialismus. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt. Keinen Augenblick dachte er daran. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. Jahrestag der DDR demonstrierten. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. Sein unlösbares Dilemma war. daß er. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. Es wäre ungerecht. der Dachdecker aus Wibbelskirchen. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDIProgramms seine Entschlossenheit zeigte. Kurz nach dem 35. wie er ihn sich vorstellte. nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. blieb er immer treu.Honeckers zu kennzeichnen. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft.

wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. mit denen mich so viel verband. den ich hinterlassen würde. der uns dazu bringen sollte. in das wir eingebunden waren. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. Kaum war gegen Flüchtlinge. daß man die Lage erkennt. Der Acker. Was würden sie. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. Mehr denn je war mir klar. daß man zumindest den Versuch macht. Aber mit vielen der Menschen. sie zu ändern. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge. das System zu ändern.seine Meinung ehrlich vertrat. Es bedeutet nur. die für meinen Dienst arbeiteten. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen. die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit. verbanden mich Jahre. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. war gut bestellt. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzigbis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. Wir begriffen nicht. daß ich genug hatte. nicht aber. strenges Vorgehen angekündigt. Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen. wenn da nicht die Menschen gewesen wären.

Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle. Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. Altersgründe anzugeben. immer wieder hinaus. Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen. während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte.Lebensaufgabe. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit. die zu tun waren. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten. Parteitag der SED getroffen werden mußte. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. Um diese Situation zu beenden. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. Er trug nun die Last der Arbeit. das bereits beantragt war. muß dieser Schritt bald getan werden. Sein TroikaProjekt war mir zum Vermächtnis geworden. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus. Er glaubte offenbar. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. damit ich ausscheiden konnte. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. drängte ich auf eine klare Entscheidung.

den er schnell einschlug. die in Bewegung geraten war. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen. durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. daß Glasnost. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. Ich war mir sicher. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . an mein Gewissen zu appellieren. Die Flüchtlinge. so meinten sie. also Offenheit. In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen. mit dem man vernünftig reden könne. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin. die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. Der PerestroikaKurs. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. auf jeden einzelnen an. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. Parteitag der SED im April 1986. waren Vorboten einer Lawine.

Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. Es war also kaum verwunderlich. jeden Impuls aufzunehmen. darunter auch ich. waren gern bereit. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. um an Informationen zu gelangen. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten. Erst später erfuhr ich. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. Er erntete sogleich Sympathie. Die Delegierten des Parteitags. wie nicht anders zu erwarten. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten. Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- .

daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert. Fast zur selben Zeit.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. als wäre ich sein Nachfolger. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. Noch im Dienst stehend. hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen. daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . würde ich als Buch realisieren. die sie in ihn gesetzt hatten. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen. auf mich übertrugen. daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. Als wir feststellten. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder. die ich zwei Jahre später heiratete. indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte. ganz so. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. Die Summe all dieser Gespräche. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte.in der China-Politik überholt wurde. der bewältigt sein wollte. und er genehmigte die unzensierte Fassung. Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit.

wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . lieferte ich endlich einen Anlaß. Andrea zu heiraten. doch das hatte ich abgelehnt. die mich gut kannten. die ich mir ausbedungen hatte. beschlossen wir. daß ich Mielke informieren mußte. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. mich zu überreden. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach. Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. in dem Mielke behauptete. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. Mit dem Entschluß. Jenen unter ihnen. Der 30. im ersten Moment war ich sprachlos. er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier. meinen Abgang in die Wege zu leiten. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. Im November war es dann soweit. aber dann gewann der Humor die Überhand. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. Jahre später las ich ein Interview. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. reinen Tisch zu machen. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen.Versuche behauptete. doch vergebens. Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. es zu unterdrücken. Mielke hatte noch versucht. So blieb es nicht aus. Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung.

ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. für einen Standpunkt einzutreten. vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. Die Fähigkeit. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. Der Aufklärer ist nicht dazu da. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt. Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . »Wir waren anfangs sehr gläubig. sagte ich. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu. Den roten Faden lieferte mir der Brief. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. die unausweichlich bevorstanden. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. In vertraute Gesichter blickend. sind jetzt weniger blind gläubig. als ich am 27. Das. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. auch im eigenen Lager«. dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. in der Familie und von Menschen. Damals war Koni Soldat der Roten Armee. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. auch im eigenen Land. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. manche auch vom Gegner. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte.geblieben sein. sprach ich an diesem Abend über das Glück. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren.

wurde. das ich ihnen mitgeben wollte. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. Dünkel. fuhr ich in meiner Rede fort. Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. der in den Ruhestand geht.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters. Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. Jeder Mensch hat das Bedürfnis. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr. nicht auszuschließen. Doch stark geliebet auch. Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. das Persönliche aus meinem Credo. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . »In einer Zeit. ist alles Dünkelhafte von Schaden«. daß ich ein Mensch bin. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt. aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. wo einem keiner raten und helfen kann. Verzeiht. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß. gebraucht und nicht benutzt zu werden. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten.

Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien. Es war eine aufregende. Sie verharrte in einer Rechthaberei. mit der imposanten Eiche am Eingangstor. in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe.« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. erregte das Buch Aufsehen. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren. daß es ihn gebe. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost. ich sei froh. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut. das heißt. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- . was ich von Gorbatschow hielte. sagte ich. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe.Weg unbeirrt zu Ende gehen. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß m anchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZEProzesses kein gutes Ende nehmen konnte. kurzum produktive und schöne Zeit. mich fordernde. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. Auf die Frage.

n. daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme. Lothar Wloch. Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- .Äußerungen. l. Umschlag der Troika von 1989 (v.: George Fischer. das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte. r. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit.

dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. Keinen Monat später kam jener Tag.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. der ich doch Bürger der DDR war. so sei es in der Tat. -437- . den keiner. zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview. einen Haftbefehl. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. Mielke fragte mich irritiert. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein. jemals vergessen wird. daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte. Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen.und klanglos von der politischen Bühne ab. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen. der dabei war. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir. ob das gerade jetzt sein müsse. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. Am 18. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben. und ich antwortete stur. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv.

daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. die Schauspielerin Johanna Schall. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. verschwieg aber nicht. um ihr Recht auf Meinungs. Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. Als die Reihe an mir war. war mein Mund ausgetrocknet. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. ob ich bereit sei. auch solche Gedanken auszusprechen. Alle empfanden. wurden die Pfiffe lauter. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. Christa Wolf umarmte mich. Aber an diesem 4. -438- . Die Stimmung war gelöst. Staatssicherheit und Polizei. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg. Als ich verlangte.und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. daß ein Umschwung bevorstand.Am 4. noch existierten Armee. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. der noch keinen Namen hatte. eine halbe Million Menschen. Da kamen die ersten Pfiffe. die Widerspruch erregen mußten. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen. fast euphorisch. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. Brechts Enkelin. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. mitten im Zentrum. Es hagelte Zwischenrufe. noch stand die Mauer. daß die Vergangenheit mich einholen würde. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. andere drückten mir die Hand.

Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher.« Die Richtstatt. das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung. -439- . als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube. 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl. daß die Tage der DDR gezählt waren.Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. sondern der Ort der Wahrheit. An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«. und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. einig Vaterland«. Am 4. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum. 11. niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen.

mein zweites Buch zu beginnen. Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen.Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. weil er meinte. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. vielleicht. -440- . Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken. verging kein Tag. die aussteigen wollten. Gespräche und Gedanken verarbeiten. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse. wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. als bekannt wurde. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig. Inge Viett und andere RAF-Mitglieder. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen.

in denen ich klarstellte. der KGB sei sehr froh. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- . daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke. Woher sie das wußten. erwiderte lächelnd. sondern gescheitert. dem Tag der Vereinigung. Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. dem ich sagte. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz. wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. der Leiter der Berliner KGBNiederlassung. Am 3. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. Nowikow. sei Grund genug. Anatolij G. Oktober 1990.und die Offiziere der Abteilung XXII. beschloß ich schweren Herzens. aber er fügte hinzu. vorübergehend das Land zu verlassen. dann in der Sowjetunion. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen. Bewegte Monate folgten. die für sie zuständig waren. zuerst in Österreich. war nicht verabschiedet worden. darunter Walter Janka. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen. fügte ich hinzu. daß ich mich geweigert hätte. Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. Neueste Enthüllungen deuteten an. das Land zu verlassen. an den Außenminister und an Willy Brandt. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. das den Mitarbeitern der DDRNachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. sagte er nicht. aber keinen Grund sah. hatte ich nicht die Absicht. einzugreifen oder sich zu beschweren.

Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder. Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich.Codewort an den KGB wenden könne. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden. falls ich in Schwierigkeiten geriete. Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los. konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- .

Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen. wie wir feststellten. Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow. mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort. Meinem Gastgeber war es peinlich. kam auf die Idee. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. mit dem wir zu tun hatten. ohne eine Antwort zu erhalten. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau. als wir in Wien nachfragten. Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. trafen wir dort ein. daß sein -443- . aber erleichtert. daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. Der Weg nach Israel war uns versperrt. doch niemand. Erschöpft. die Stimmung war jedoch gespannt.Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht.

Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. Sehr schnell mußte ich erkennen. alte und neue Freunde. Wir trafen die Familie meiner Schwester. Mit Andrea Wolf. sondern einfach schwiegen. mir Asyl zu gewähren. mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. doch komfortabel genug. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. die gebot. daß Wladimir Krjutschkow. daß Freunde im KGB. nun Vorsitzender des KGB. bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab. Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. So kam es. Als seltsam empfand ich es.

aber wir können im Augenblick nichts für dich tun. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. Er war mir zu schmalspurig. ein typischer Verwaltungsmensch. um danach zu entscheiden. Du warst uns immer ein treuer Freund. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat. Er wirkte erschöpft und überanstrengt. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir.aus erster Ehe. Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. Gorbatschows Protege. Allein -445- . hörte sich jedoch freundlich an. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. was hier los ist. Wer hätte gedacht. was ich ihm mitteilte. daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. die ihm mitteilte. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. du siehst selbst. Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden.

und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. mich schon erwartete. und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. meiner endlich habhaft zu werden. Um diesem Rummel ein Ende zu machen. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- . Am 24. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit. In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. daß ich mich in Wien aufhielt. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet. Der Triumph. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. wo der Bundesanwalt. war ihm vom Gesicht abzulesen.

Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . so hatte er gesagt. Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. das ist schwer zu verstehen. zu vernehmen. (…) Ihn jetzt (…) allein. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. Heribert Hellenbroich. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. allerdings eine seltsame. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte. weil der Zugriff möglich ist. Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. Admiral Elmar Schmähling. des Landesverrats zu bezichtigen. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet. der ehemalige Präsident des BND. Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. das hat eine Logik. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. Jemanden.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten. Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. der für die DDR spionierte.

daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. Später erfuhr ich. eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. Während meines Prozesses war Rainer Rupp. mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel. daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm.und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. Dazu hatte ich erklärt. Deshalb bemühten sie sich. der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten. sondern als Menschen. die man als Agenten bezeichnen kann. einer guten Sache zu -448- . enttarnt und verhaftet worden. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. denen es gelungen war. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs. Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. die Informationen zu entschlüsseln. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren.

Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. sondern ein offener. Als wir uns nach dem 4. Dezember 1993 anberaumt worden. sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. daß dieser junge Mann trotz allem.dienen. gab er bekannt. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland. was er durchgemacht hatte. die wir später verwirklichen wollten. der mir in dieser Zeit nahekam. stellte ich fest. den 6. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. November 1989 unterhielten. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . Gemeinsam entwickelten wir Projekte. Ich war des Landesverrats angeklagt. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten. für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. Ein Freund. war Karl Winkler. daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war.

Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. -450- . was wir uns vorzuwerfen haben mochten. und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. Der Gerichtssaal war nicht der Ort. half mir die Lähmung überwinden. daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können. Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner. die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte. Rechenschaft über das abzulegen. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte.Revision. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann.

Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. Beide stammten aus Nürnberg. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten.18. wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb. Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. wahrten sie ihre Haltung und Würde. Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert. doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. Auf dem Weg dazu. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden. Ich sah Frauen und Männer wieder. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen.

Er sagte. warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte. Porst wollte sich mit einem -452- . obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. um westliche Verbindungen zu nutzen. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. gerechten Gesellschaft entwickelte. wenn es galt.Stirn. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. mit ihm leichtes Spiel zu haben. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm. aber er sei keine Marionette. Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn. bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. er wolle der DDR gern helfen. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. wollten sie einen Verlag gründen. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen. glaubten sie. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes. in die CDU einzutreten. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen. der andere als FlakOffizier –. Böhm ging in den Osten. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen. und forderten ihn auf. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln.

wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft. was er vorbrachte. von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen. mit denen unser Land zu kämpfen hatte. Er war von kleiner Statur.und Nachteile sozialistischer Plan. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. daß die DDR selbst schuld sei.« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven. Der gleiche Jahrgang wie ich. gutgeschnittene Anzüge. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen. Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- . beharrte er auf der Meinung. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. auf Gedanken einzugehen. Es war ein Vergnügen. Vor. Vielem. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif.und kapitalistischer Marktwirtschaft. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten. als es um Presse und Medien der DDR ging. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los. denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll.kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. mußte ich recht geben. Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. nicht ohne Humor.

Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. Er war nicht in die CDU eingetreten. die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen. Offenkundig glaubte er. Walter Scheel. kann man daraus ersehen. schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. Thomas Dehler und Karl. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte. Um den Kontakt optimal zu halten. Er fand es auch selbstverständlich. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- . daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. ihn so beeinflußt zu haben. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. Politiker wie Erich Mende. die ihm als Unternehmer näherstand.wertvoller. nachdem er in die FDP eingetreten war. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. daß er. so sein Deckname. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. Eigentlich war so etwas nicht möglich. an der sein Herz zu hängen schien. Optik. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. sondern in die FDP. Wie Porst seinen politischen Standort definierte.Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten. daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe.

den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. Banken drohten. ihre Kredite zu sperren. hielt ich ihn für einen Hasardeur. denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark. litt das Versandgeschäft. Daran muß ich denken. unter starken Einbußen. Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. ein unsanftes Erwachen gewesen sein. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunkund Fernsehbeilage. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. Als wir uns in Budapest trafen. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . dann muß seine Verhaftung. doch als er 1967 verhaftet wurde. Es funktionierte. Für uns galt allerdings das gleiche. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet. Falls das so war. Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. der Kern seines Unternehmens.

da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. in dem auch Gedanken. daß die Bundesrepublik ein Land ist. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte. So faszinierend die Idee war. Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein. die von den offiziellen Normen abweichen. gedacht werden dürfen. Auch konnte ich nicht glauben. Ich nehme mir die Freiheit nach links. Verantwortung und Initiative des einzelnen. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. Der wahre Grund für die neun -456- . so utopisch erschien sie mir. Und zwar mit meiner Meinung. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. Ich glaube immer noch. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA.« William Borm war einer der interessantesten Menschen.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter.Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause. Vier Jahre später. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs.

was man dort unter einem »Herrn« versteht. Sir William. der Beiname. daß man Borm verdächtigte. Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis. Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. Ich war neugierig geworden und beschloß. Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. Im Gespräch erklärte er sich bereit. die ihn in Bautzen besucht hatten. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. hochgewachsener Mann. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDPLandesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren.

Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. nachdem es ihm gelungen war. so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt. Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht.Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der WestBerliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. Für Bonn aber war es noch früh. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende. Brandt davon zu überzeugen. das gleichberechtigte Geben und Nehmen. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde. wußte -458- . Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. die uns halfen. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. Das zeugte von seinem guten Gespür. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht.

Nie wieder sollte es geschehen. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. -459- . aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. »Ist es schon Mut. In seinem Denken war er jung und radikal. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt. die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. den er häufig äußerte. Es war das Freimaurertum. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. Das beschäftigte ihn bis zuletzt. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen. sondern als Gleichgesinnter. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief. und statt dessen für Opportunismus.ich. Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht. Brüderlichkeit und Dienen. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei. daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. Ein Satz.

zeigt sich auch in der Offenheit. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. daß er gerade solche Karrieristen förderte. wozu ich ihn ermuntert hatte. daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann. Mit Sorge beobachtete er. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft.Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging. Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. mit der er seine Parteikollegen charakterisierte. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte. Er tadelte Genschers Bereitschaft. An Genscher störte ihn. Die Geister. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . Hinzu kam. die er gerufen hatte. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. Das war sein Ende als Parteipolitiker. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. schätzte aber selbst nüchtern ein. Genscher hielt er für einen Macher.

Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt. saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt. Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- .Bundesrepublik.

Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. so wie ich ihn kennengelernt habe.« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. galt viel. Nach seinem Tod am 2. sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. Sein Wort. seine grundlegenden Werte zu verteidigen. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat. getan haben.William Borm war. die Fäden zu durchtrennen. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. wo es ihm geboten schien. als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. der Aussöhnung gerade da. der Liberalen Demokraten. die mich mit Jahrzehnten -462- . die es mir besonders schwer machten. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten. auch um den Preis der eigenen Freiheit. ein echter Deutscher. Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen. Er hat Konflikte nicht gescheut. so unbequem es auch oft war. der die Gedanken anderer respektierte. daß sein Einsatz. seine Mühen verstanden wurden. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. Er hat stets Opfer gebracht. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen. als äußeres Zeichen. Er war der erste Politiker aus dem Westen. Gabriele Gast gehört zu jenen.

Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. als dies noch möglich war. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. die für eine gute Sache eintrat. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. die sich für unseren Dienst engagierten. für ein edles Ideal. könnten mehr dazu sagen. -463- . die sich nicht nur durch Geduld. die zu der ihren wurde. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. ohne daß man zu große Gefahren einging. die Kardinaltugend des Aufklärers. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. Die Mitarbeiter meines Dienstes. daß er in ein Heim abgeschoben wurde. Lange Zeit war es ihre Aufgabe. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. weil es ihre Sensibilität. von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. habe ich immer wieder festgestellt. wenn sie noch lebten. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. ausze ichneten. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. Beide waren kluge Männer. die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen. weil sie nicht wollte. Diese Frau war ein weißer Rabe.

besuchte sie erstmals die DDR.Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. das uns erlaubte. um dort zu recherchieren. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. fand ich es ratsam. daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben. Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. Wenn wir Originaldokumente benötigten. zu ihrem ständigen Betreuer. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. fertigte sie Mikrofilmkopien an. die richtige Wertung zu haben. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. Anfangs fand die Übergabe statt. und deshalb übernahm dies ein Kurier. die sie für uns verfaßte. Ich weiß. doch das war zu riskant und zu umständlich. der in München. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. mich Mitte -464- . Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. dem bekannten Osteuropaspezialisten. die von München in den Osten fuhren. Ihre Arbeit für uns war hervorragend. das Material entgegennahm. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. die sie in Toilettenoder Kosmetikartikeln versteckte. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. Die Analysen.

daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. war sie vom Dauerstreß der Konspiration.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. doch je länger wir uns unterhielten. Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen. -465- . Als wir uns einmal über den Nürnberger KriegsverbrecherProzeß unterhalten hatten. Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste. deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte. um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. Probleme waren daraus erwachsen. Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt.

hatte ich zu Unrecht gehegt. wie wichtig es ihr war. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte.immer marginaler geworden war. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. läßt sich daraus ablesen. Es war eine Begegnung. sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. vor allem nach dem Tod Andropows. Sie prognostizierte. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. die mit ihr zu tun hatten. Alle Unterlagen. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. sie wolle sich zurückziehen. etwas Sinnvolles zu leisten. daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. daß sie 1986 beauftragt wurde. Aber das war ein Irrtum. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ. Wie sich herausstellen sollte. so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. mit dem. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt. was sie für uns tat. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . daß sie andere denunzierten. Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. Meine anfänglichen Befürchtungen. waren bereits vernichtet worden.

Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß. Daß ihr Auftritt als Zeugin. uns sobald wie möglich zu treffe n. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. daß -467- . Das Verhalten KarlHeinz Schmidts. Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht. Mitte der 80er Jahre. was sie in den Haftjahren gequält hatte. sie nervlich belastete. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. weil er mitangehört hatte. die aus der Haft vorgeführt wurde. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen. was uns bewegte. ob ich sie damals. hätten freigeben sollen. Ende März besuchte sie mich. In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten. merkte man an ihrer Anspannung. ihres »Karliceks«. der vor Gericht ganz anders hieß. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. an das ich nicht mehr glauben konnte. um ausführlicher über alles zu sprechen. Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer. daß genau das eingetreten war. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. als sie begriff. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. und wir vereinbarten. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können.verwandt) tat sich dabei besonders hervor.

obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe.unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. sondern ebenso schmerzhaft sein. -468- . Deshalb möchte ich daran glauben. Wahrheiten können nicht nur hilfreich. daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden. Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen. Daß nicht verlorengeht. was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft.

hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören. was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-PaktStaaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Im Gespräch mit Michael Kohl. die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie. s chreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda. (…) Das. dem wir dienten. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. weiß man sowieso. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet. worauf es ankommt. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy. wird mich verfolgen. Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen.19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen.und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das. Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- . dem Bonner Botschafter der DDR. dem Charakter einer Gesellschaft.

wenn diese Zöpfe beschnitten würden. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden. Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei.« -470- . ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg. einander das Leben zu erschweren. alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren. anleiten. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. Regenschirmspitzen vergiftet.« Eine eigene Eintragung. ohne Geheimdienst auskommen zu können. daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. 1974 nach den Feiern zum 25. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Staat und Wirtschaft messen. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen.west-östlichen Diwan gelegt. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. Keine Nation der Welt glaubt. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen. Jahrestag der DDR geschrieben.

10.Tagebucheintrag vom 16. 1974 (Transkription im Anhang) -471- .

10. wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen. wo ihre Warnungen in den -472- .Tagebucheintrag vom 17. 1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort.

bevor sie starben. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- . Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann.Archiven verstauben. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. dem er eng verbunden war. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. Leopold Trepper in Frankreich. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen. Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut. In der Politik fällt die Entscheidung. die Rote Kapelle in Berlin. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. Sorge in Tokio. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart. was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten. mit einer Handbewegung vom Tisch fegte.

Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. auch in der US-Öffentlichkeit. nein. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. Trotz der Faszination. und sie bekam keine guten Noten. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. Aber Opfer und Entbehrungen. sie durften nicht umsonst gewesen sein. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen. zumindest als sinnloses Spiel erscheinen. Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. blieb Widerspruch in mir zurück. ihr Tun unmoralisch. die das Werk auf mich ausübte. -474- . weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen.

dann drängt sich der Verdacht auf. darauf hinzuweisen. sie aufzublasen. Geheime Pläne. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte. daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. sondern von den eigenen Führungsqualitäten. solange diese Dienste existieren. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. nie ganz zu ersetzen sein wird. Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen. vermag diese Barriere nicht -475- . Vielleicht steht es nicht gerade mir zu. zu gewinnen und aufzubauen. Selbst ein auf wenige. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. Dennoch glaube ich. daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt.Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen. Technisch kann man nur den IstZustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen. in die man eindringen will. Bürgerrechte zu schützen. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. Aber es ist so. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht.

Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar. Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. dessen Zeugen wir gerade wurden. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. nur hat sich der -476- . Vor allem in Deutschland. ist allgemein bekannt. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. Regierungen sind niemals bereit. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei.zu überwinden. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß. eigentlich dagegen. von sich aus darauf zu verzichten. heißt es. »tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln. mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben. Überhaup t ist es kaum zu fassen. die er ihnen selbst geliefert hatte.

die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben. daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken. auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten. den naheliegenden Schluß zu ziehen. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionageund Sicherheitsdienste auf. Im übrigen ist die Wirtschafts. Aber es gibt noch andere Gebiete.und Industriespionage keine neue Entdeckung. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete LawandorderDenken verleitet diese nur zu oft dazu. Was die Atommafia betrifft. hat offen ausgesprochen. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte. daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates. so entsprechen die bisherige -477- . CIA-Direktor unter Präsident Bush. Allerdings versäumen diese Experten. sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste.und ausgebaut.

Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kernund Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. muß gefragt werden. Dieser Kampf ist kein Spie l. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. unsere Welt brauche Utopien. Admiral Schmähling. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden. Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. wo es bisher ausgeklammert blieb. der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West. signalisieren die latente Gefahr. aber das -478- . Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. als Utopie abgetan wird. die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt.Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen. Dem möchte ich hinzufügen. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben.

-479- . ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs.Endspiel verloren hat. besonders durch den Staat. Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande.

sondern das Leben in Kriegszeiten. und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. bedeutet dies. sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen.Epilog Das Schlußwort. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm. daß ich nichts verraten habe. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. die -480- . Es war ein hoher. wahrscheinlich zu hoher Anspruch. Aber ich halte an den Werten fest. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. die mir erst später bewußt wurden. auch Wunden und schmerzende Narben. was meiner Familie und mir teuer war. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt. meiner Familie. die meinen Vorbildern. noch so gering gewesen sein.« Wenn ich nach allem. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen. Habe ich etwas von den Werten verraten. was hinter mir liegt. mit gutem Gewissen sage. vieles haben wir falsch gemacht. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften. Wir haben Spuren hinterlassen. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum. wir haben aber nicht umsonst gelebt. war kein Verrat an Deutschland. er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs. die meinen Lebensweg begleitet haben. mit denen wir die Welt verändern wollten.

wie es beschaffen war. in dem System. konsequenter hätte tun können. was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher. tun müssen. Es war vielmehr der Zweifel. Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach. was mich lahmte. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. Verantwortung für ihren Mißbrauch. Mangelnde Courage. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. ohne zu begreifen. auf sich nehmen zu müssen. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. auf Veränderungen von oben. nahm ich an der Macht teil. meine Meinung zu vertreten. mutiger.Wurzeln des Nationalsozialismus. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. wie diese Führung jeden Meinungsstreit. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat. vor allem in Moskau. auch durch andere. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. war es nicht. daß wir uns -481- .

daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. was von den Mühen. doch nicht sehr lange. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. den Ideen treu zu folgen. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten. Das ist meine feste Überzeugung. indem wir alles Handeln delegierten. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. so. sondern zuwenig. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied. wie es meine Überzeugung ist. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- .selbst die Hände banden. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. Ihm galten auch meine Hoffnungen. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. Wir sind gescheitert – aber nicht. Die Zeit war abgelaufen. in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System. wir glaubten. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen. Was bleibt von unseren Idealen. um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. an einer Gesellschaft mitzuwirken. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. zu einer Zeit. Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. dem bedingungslosen Gehorsam.

kann ich darauf nur erwidern. Man mag einwenden. ist aber nicht weniger brutal. Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. und sie rührt daher. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. sondern immer neue und größere Probleme erzeugt. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht. Sie wirkt weniger vordergründig. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht. Viele müssen erkennen. Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt. Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter. nicht zu lösen vermag. Manchmal werde ich gefragt. daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger G ewalt aus als die Macht des Staates. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik.Westens mehr versprochen. ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren. in dem sie verlorengehen. als sie halten konnte. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann. So richtig das ist. das dadurch charakterisiert werden kann. vor denen die Menschheit steht. daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme.

selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. diese Meinung auch zu vertreten. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. Sie hatten recht. in der Freiheit. Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen. Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. was Jean Ziegler sagte. Der kalte Krieg ist zu Ende. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut. das müssen sie selbst prüfen und herausfinden. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. Karl – bis morgen. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen. ein Modell des Sozialismus. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich weiß nicht.wichtiger. ist gescheitert. Karl. doch meine Ideale habe ich nicht verloren. -484- . sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. als sich eine eigene Meinung zu bilden.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet. im März 1997 -486- . die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. die Endfassung Anfang 1997. Berlin. Whitney. Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau.Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt. Aune Renk und Craig R. Jürgen Jessel.und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Klaus Eichner. Kai Hermann. Für Rat. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea.

wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU. daß sie sich anbahnt. seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht. »Wir ziehen ja an einem Strang. Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief. H.a. und vom 16. -487- .Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. ja vielleicht schon brodelt. a. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt. Seit heute weiß ich. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. u. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist. für die nur Wischnewski eintrat. Es ging auch um die Einladung L.4.: »Sing anders.s. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist.I.W. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. Frisch von der Krisensitzung am 13.« Es wird berichtet. mit Schmidt. Ich habe ihm versprochen. Eskalation. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär. 3. bedankte er sich für die Grüße E. Parteibuchs. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum. für unzurechnungsfähig zu erklären). Sachse«. in Vorbereitung der Mittagreise. Wischnewski. Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. daß auch Brandt eine Einladung besitzt). Bahr und Apel im BKA kommend.a. mit Zeitungsausschnitten. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. Brandt. u. H.

zum 75. 35 mit der Außenpolitik Genschers. – sein liebstes Geschenk. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. Mittag. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. Materialwalze auf Dauer mithalten könne.Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u. Polen – gefährlicher »Ermunterungssog.W. Ob u. 8. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung. »Sagen sie meinem Jugendfreund. Verheugen hinzugezogen. gab dann noch Empfehlungen für G. daß er aufhören muß. vorgesehenen Austausch vo n G. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. Eintrag vom 24.a. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch. Besuch von RA Vo gel bei H. u..« Später wurden Genscher. Guillaume. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt. die im argen liegen. Lambsdorff. da ist alles drin. die UdSSR könne die DDR opfern. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E. desto besser.H. Bestätigt den für Sept.« -488- . wie er sich da heraus windet.H. H.10. Mischnik u. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. ob die UdSSR mit der amerik. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E.« Sorge. Dieser glaube noch. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr. »Je eher. mit dem operiert werden soll.

März 1983 Mit Herbert Wehner. Choleriker. die in jener totalitären Finsternis leben – beten.»Es geht nicht ohne innere Gewalt. Sein Leben voller jäher Wendungen. Februar 1969 Es ist erstaunlich.) auf das Schreiben Walter U.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. So hat die Antwort Brandts (ND 27. leider. Vogel abgelöst wird.-J. sei es besser. bereit andere u. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen. 2. daß sie die Freude entdecken. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- . tot als rot zu sein. Für alle. Reagan am 8. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR.« Eintrag vom 27. Es ist eine halbe Minute vor 12. Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. Als ob von Brandt. eigentlich immer ein Einzelgänger. 3. Eintrag vom 8. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. die an Gott glauben.« Absolute Ablehnung Reagans u. Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. Gott zu kennen. sich selbst zu zerfleischen. seiner Politik. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten. ein interessantes Leben unserer Zeit. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert.

Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus. daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt. Das ging auf den Magen. Eintrag vom 25. schade. Das Letztere scheint der Fall zu sein. als ein Tropfen genügte. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte. schade. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. Er war es seit eh und je. Schade. Mai 1974 Es schien kurze Zeit. etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. Doch der Schein trügte. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. sonst nicht.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n]. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug. Die SED solle sich darauf einstellen.s. Max Christiansen-Clausen 70. und die Regierungs. Nixon in Westberlin. der -490- . »Heinze« – sind verhaftet. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. Politisch völlig unpassend. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar.charakterisiert wird. H. Eintrag vom 6. Ausschlaggebend war die Annahme. Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt. um das Faß zum Überlaufen zu bringen. Trotz aller Überlegungen u. April 1974 Großer Mist: »Hansen«.

aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. passiert dieser Unfall. weiß er. Warum auch? -491- . liefern das Geschoß. Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß. BfV-Chef Nollau u. und das wußte u. jetzt. Brandt tritt zurück. in einigem Sympathie entgegenbringen. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. u. als seinen Gefährten zuzuschreiben. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e]. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. betätigen wir den Abzug. Er glaubte tatsächlich.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. BKA-Min. und 8. Eintrag vom 7.a. Den hat er allerdings weniger uns. Daher die echte Resignation. Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg. auch unser Günter Guillaume. Er wird in die Geschichte eingehen.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. mit dem man manches machen konnte. aber ein ganz Großer war er nicht. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten. mit dem Kalkül. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. Ein Gerücht jagte das andere. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. ehem. in dem herumgestochert wurde. Ein Mann.

die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Wirtschaft messen. Staat. und 17. mit Stempeln Geheim u. Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. anleiten. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei. Eintrag vom 16. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- . ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. das die NATO produziert. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. H. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. kontrollieren.In der PB-Sitzung wurde von E. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt. Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben. wenn diese Zöpfe beschnitten würden.

operative geheime Sammlung von Informationen. auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung.und Ausland.Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson. auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion. Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In. um Medien. auch VMann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität. Politik. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- . Dokumenten.

der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter.Buchstaben oder Zahlenkombinationen. Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes. der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- . der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code .oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter.

Ermittlungen vorzunehmen. unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- .Inoffizieller Mitarbeiter. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende. um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten. geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. operative glaubwürdiger Vorwand.

wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw. auch technisches Gerät zu diesem Zweck. Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission.geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person. auch Geld. Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-.oder Materialdepot Subversion -496- . illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw.oder Operationsstützpunkt. Funk. die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient.

militärische Einrichtung. auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung. z. Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- . Behörde.Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland. B.