Markus Wolf

Spionagechef im geheimen Krieg

Erinnerungen

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Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2 Original: The Man Without a Face 1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt
Einleitung ............................................................................. 4 Prolog................................................................................... 7 1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25 2 Der Einstieg..................................................................... 45 3 Learning by doing ........................................................... 64 4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99 5 Die Betonlösung............................................................ 123 6 Spionage aus Liebe........................................................ 144 7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156 8 Herbert Wehner............................................................. 190 9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215 10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229 11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258 12 Das Gift des Verrats .................................................... 290 13 Ein neues 1914? .......................................................... 316 14 Aktive Massnahmen.................................................... 341 15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356 16. Der ferne Kontinent.................................................... 382 17 Der Ausstieg................................................................ 418 18. Der menschliche Faktor ............................................. 451 19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469 Epilog............................................................................... 480 Danksagung...................................................................... 486 Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487 Glossar.............................................................................. 493

Einleitung
Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit hohen Erwartungen der Leser rechnen. Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines JamesBond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden, und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und weitgehend unbemerkt ab. Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre wahre Bedeutung. Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse. Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier, sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe
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ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne, in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem Glossar erläutert. Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das »Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht leicht. Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen? Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir. Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht. Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
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versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von den Gewinnern verfaßt werden darf. Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen. Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

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Prolog
Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte, alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich gefaßt – keiner außer mir. In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als »Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt? Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen mich war gewiß kein Zufall. Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie
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ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung in Saal A 01. Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer Geisel des historischen Geschehens wieder. Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige Bundesrepublik gefesselt gewesen. Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr 1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und Ruhe gesucht. In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der 30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück. Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das Denken an.
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Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert. Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig, ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten, und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße Überleben bangen. Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin, der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert. Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer
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Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang. Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar. und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme. -10- . mein langjähriger Vorgesetzter. dennoch beschloß ich.und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab. nicht für möglich halten. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse. war in Haft. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab. welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. Erich Mielke. nach Berlin zurückzukehren. Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990.und wacher Gesprächspartner gezeigt. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen.

daß Schäubles Emissär. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. der Innenminister der Regierung de Maiziere. Bonn stehe unter Druck. hatten mich darüber informiert. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen. Anfang Mai 1990. der Preis der Freiheit. müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei. daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . dem südöstlichen Vorort Berlins. Mein Gesprächspartner erläuterte.und Sinnkrise zu stellen. Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. Werner Großmann und Bernd Fischer. rief mich Peter-Michael Diestel. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe. Meine Nachfolger im Dienst. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen. sich einer Lebens. Damals. Meinem Schwiegersohn. an und fragte. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam. und Schäuble werde ungeduldig. ein Herr Werthebach. sofern er seine Quellen verraten wollte. Das erste Angebot war eine Überraschung. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen.Dafür wurde ein hoher Preis geboten. Ich wußte zwar. er wollte mit mir lediglich beraten. Es bestand kein Zweifel. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten.

des Tauziehens ebenfalls überdrüssig. etwas für meine Leute zu tun. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an. mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. Die einzige Möglichkeit. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. die uns noch verbleibt. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. niemanden. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der Unterschied zwischen uns war nur. hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. steigen Sie einfach in meinen Wagen. sagte er. »Herr Wolf«. wir würden ungehindert zurückkommen. ist die.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. habe freies Geleit zugesagt. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen. Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes. das mir die geringste Chance bot.« Sicher hatte er recht. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. zu verraten. als daß ich sie hätte glauben können.« Boeden. da ich zu jedem Gespräch bereit war. Zu guter Letzt vereinbarten wir. »Sie wissen so gut wie ich. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand. daß ich mit meinen -12- .

flüsterte mir meine Frau Andrea zu. des damaligen Direktors der CIA. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. Er sprach formvollendet gutes Deutsch. Andrea fühlte sich an marines erinnert. Man gab mir noch zu bedenken. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. vor. Meine Besucher erklärten. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. untadelig gekleidet. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. stellte sich als Mr. Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. baten sie höflich um Einlaß. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. Auf meine scherzhafte Frage. Der Ältere. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. Es gefiel mir. daß sie auf den Gedanken -13- . Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. Er sagte. die sie in Filmen gesehen hatte. der nichts unversucht ließ. Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre. »Ein typischer Bürokrat«. um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden.

fernab neugieriger Blicke. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. mich im Wald aufzusuchen. von dem Drumherumreden befreit zu sein. »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«. signalisierte mein Gehirn. wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir. daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. sicher sind Sie nicht nur gekommen. nicht hinterm Berg. Erst kommt das Zuckerbrot. daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte. Dann verlor ich die Geduld. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. Hathaway senkte die Stimme. »Kalifornien«. fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- . Wenn Sie jedoch bereit wären. »Wir wissen. daß Sie überzeugter Kommunist sind. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. daß wir solche Dinge arrangieren können.verfallen waren. Unüberhörbar ließ er durchblicken. sagte er. Sie wissen. froh. dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. dachte ich.« Beide lachten. um mir Komplimente zu machen. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. Niemand würde davon erfahren. war nicht schwer zu erraten. uns zu beraten oder uns zu helfen. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an. Was für ein seltsames Gefühl.« Das war es. »Gentlemen. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit.

« Das war noch die höflichste Form. In solchen Fällen ist Geduld das beste. Wir lachten. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können. Auf meine Frage nach der Gegenleistung.fort. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. Offenbar glaubte er.« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden. sagte ich. scherzte ich. Man kann über vieles reden. »ist sehr schön. Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. was Sie bezwecken. doch damit kann ich nicht dienen. »wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht. Oberst Jürgen Rogalla. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. sagte Hathaway. die man von mir erwartete. »Meine Herren«. erwiderte ich.« »Sibirien ist auch nicht übel«. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- . Ich weiß.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen. erklärte ich. »in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. Allerdings wußte ich. »Wissen Sie«. Ich reagierte nicht. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun.

»Gehen Sie nicht nach Moskau«. Kommen Sie in ein Land. dann laden Sie mich doch in die USA ein. mein Gesicht zu verlieren. die mit mir gearbeitet haben. nicht umgekehrt. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«.haben. »So etwas könnten Sie verlangen. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. was mir drohte. sagte ich geduldig. warf Hathaway ein.« »Gewiß. Sie sind auf mich zugetreten. fuhr ich fort. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen. wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. erwiderte ich. lenkte Hathaway ein. Wenn ich mich nicht täusche. So verhält es sich aber nicht. »Das Leben ist dort sehr hart. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. gewiß«. »Vergessen Sie nicht.« Zweifellos war die Vorstellung. wiederholte er stur. um mit Ihnen zu sprechen. Namen meiner Agenten sind tabu. »Sie müssen uns helfen«. als hätte ich nicht selbst gewußt.« »Es gibt für mich eine Grenze«. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle. »und zwar da. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. obwohl ich innerlich kochte. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. wo Sie Ihr Leben genießen können. wo es um den Verrat an Menschen geht. Denken Sie an Ihre Familie. sagte Hathaway. was ich einzubringen gedächte. es gibt auch noch Rußland«. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. jetzt an Andrea gewandt. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. muß ich das Land. -16- . doch wenigstens kennenlernen. doch nicht um den Preis.

Von Quoten war die Rede. Hathaway schüttelte den Kopf. sondern an etwas. so gut informiert. Auch meine Idee. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. fand keinen Anklang.« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. Im stillen mußte ich denken.Also beharrte ich auf dem Vorschlag. Hartnäckig wiederholte er. Er schätzte meinen -17- . weiß ich nicht. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. nicht nur in Bonn. habe ich recht?« »Herr Wolf«. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij. Längst hatte ich begriffen. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. Eine ziemlich lange Pause trat ein. daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. »wir sind hier. Gordjewskij und Popow an. was mit meinen Beziehungen zum KGB. sondern vermute es nur. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können. dem sowjetischen Nachrichtendienst. sagte Hathaway leise und bedächtig. daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. weil wir annehmen. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren. speziell der Äußeren Abwehr. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. darunter etliche in den Apparaten selbst. Um sicherzugehen. Er hat großen Schaden angerichtet. auch anderswo. ohne jemanden verraten zu müssen. zu tun hatte.

daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben. General Kirejew. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. »Charles« warf noch einen Haken aus. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes.russischen Kollegen. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. Und dem war auch so. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung. beide versuchten. bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung. den die CIA mit Argwohn betrachtete. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. schlug Hathaway vor. indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. den Leiter der Äußeren Abwehr. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. mir diesen Einblick zu gewähren. Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte. Nun trat auch »Charles« in Aktion. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- . Das Äußerste wäre eine Andeutung. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. den US-Diplomaten. von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. daß um Mitternacht zum 3.

nach Amerika zu starten. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. Hathaway am 26. Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war. Wollten wir in die USA. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. So dramatisch diese Vorschläge klangen. Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. war nicht ohne einen gewissen Reiz. Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. sofern ich bereit sei. sofern ich mich bereit erklären sollte. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. vom selben Flughafen Tempelhof. Obwohl Mr. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis. Doch das behielten wir für uns. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. Meine Ausschleusung wäre kein Problem. -19- .Haftbefehl zu vollstrecken. um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen.

sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA. der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes. so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten.7 Millionen Dollar erhalten zu haben. in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete. war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. -20- . dafür 2. Es war Aldrich Ames. welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt.Erst später erfuhr ich. Hathaway gehörte zu den wenigen. Gardner A. die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte. Hathaway. Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. Mein Besucher.

so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken. demzufolge »nicht sein kann.Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten. Mein Eindruck. es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. Deutschland zu verlassen. bestätigt. Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. Man könnte jetzt meinen. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. was in diesem Fall fatale Folgen hatte. daß er zu wenig kreativ veranlagt war. lag wohl daran. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. was nicht sein darf«. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken. Wie konnte es der CIA passieren. wurde mir später von einigen seiner Kollegen. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb. an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. dessen war ich -21- . Aber ich hatte kein Verlangen. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah.und Abwehrmann mit Respekt. mit denen ich in nähere Beziehung kam. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten. Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt.

Und sie kam aus Israel.mir gewiß. von der weder Amerikaner noch Russen. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. wolle mich kennenlernen. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. aber ich habe jüdische Vorfahren. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. Es gab noch eine weitere Option. Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. Doch dazu sollte es nicht kommen. Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat. noch Deutsche etwas wußten. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. doch das war ich nie. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen. -22- .

Wir telefonierten regelmäßig. Sein Bart. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus. -23- . ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. erfuhr ich. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. Die jüdische Herkunft interessierte ihn. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. unkompliziert und kontaktfreudig. Doch im übrigen war der Rabbi. der meine Träume abrupt beendete. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen.« Mir war sofort klar. Weinman erzählte mir. In Israel. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam. er habe als Offizier in der Armee gedient. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes. daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn. das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen.und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen.

Wohin sollte ich fliehen. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln. -24- . Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. in Israel war ich unerwünscht. und nach Moskau wollte ich nicht. wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. solange es irgendeinen anderen Weg gab.Die Redakteurin der Zeitung. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah. war plötzlich nicht mehr zu erreichen. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich. und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht. und die Zeit wurde immer knapper. mich hinter Gitter zu bringen.

utopisch getönte Weltanschauung. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen. indem sie einen Juden heiratete.« Else Wolf. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke. ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. und das Todesjahr Wilhelms I. die verriet. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin.1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant. sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. Er erinnerte sich gut daran. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte. Und als Wilhelm II. meine Mutter. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. Uns Kindern erklärte er später. das ist der Kartätschenprinz. Seine Eltern hätten gern gesehen. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen. daß er Rabbiner geworden wäre. Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. den Fürsten zu Wied besuchte. das ist kein Heldenkaiser. dann ist der -25- . der Vater in Neuwied. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte.

Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. Es war die Zeit der totalen Geldentwertung.Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. Die Erinnerung an meine frühe Kindheit. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr. in der Familie das»Öhmchen« genannt. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter. die sie am stärksten charakterisierte. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. der galoppierenden Inflation. Moritz Meyer. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen. Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. und meine Eltern mußten froh sein. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. -26- . ist kein geringer Beweis der Liebe beider.

die ihn in ganz Deutschland bekannt machten. wo wir ein modernes Haus bewohnten. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr. -27- . in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. war von Anfang an ein großer Erfolg.Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. medizinischen und politischen Fragen zu halten. verurteilt wurde. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen. in eine richtige Großstadt. als er für sein Stück Zyankali. nach Stuttgart umzuziehen. Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft. eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. Vorträge zu sozialen. das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. Erschöpfung war ein Wort.

genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. sobald er erst groß war. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- . An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau. was unsere Eltern erzählten. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. und mein Bruder nahm sich vor. einen ganzen Ochsen aufzuessen. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen. Damals erfuhr ich zum erstenmal. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem.1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam. traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien. und so wurde ich junger Pionier. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor.

überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan.verfolgt wurden. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. mußten wir uns verstecken. ich käme auf den Heuberg. und es dauerte nicht lange. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. wo Vater sich aufhielt. Um diese Zeit. die uns das Gesicht verziehen ließen. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. und von dort ging es nach Frankreich. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen. und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen. kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. es war Passahzeit. falls ich nicht verriet. Mir drohte man. um Haussuchungen durchzuführen. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter.

erzählte mir ein Arzt. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. Wurst und Sauerkraut«. mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. -30- . also mitten im Zentrum. kolbassa. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen. Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte. gefunden und eingerichtet. Pfeffer. die die Verfolgung nicht überlebten. perez. der Mutter lange Hosen abzubetteln. welches Ende Dr. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. Es war nicht leicht. daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde. es gelang uns. kislaja kapusta!« – »Deutscher. und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf.

Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. war die zu George und Victor Fischer. die bis -31- . Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. in denen Männer. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte.Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. und zu Lothar Wloch. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends. Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule. und jeder war davon überzeugt. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen. und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. daß das riesige Land im Begriff stand. beide nicht weit vom Arbat gelegen. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde.

wer das nächste Opfer sein würde. daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. 2. von links. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. Wir Heranwachsende spürten. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen. und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «.vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren. erst viel später wagten wir es. um Emigrantenfreunde und bekannte. der Geheimpolizei. wurde nicht laut gestellt. Reihe) Heute weiß ich. Und im -32- . daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug. die bange Frage. sondern nur einen deutschen Paß. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2.

aber nicht sonderlich erwünscht. zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. wurden von uns als Helden bewundert. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. Wir bangten um sein Leben. die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach. bis man mich verhaftet. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. die Ausreise genehmigt zu bekommen. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war. was wir bei den jungen Pionieren lernten. jedes Lebenszeichen. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. das uns erreichte. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- . Sehr viel später erst erfuhren wir. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht. drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel. die wir begeistert nachplapperten. und im März 1941. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen.Unterschied zu uns Kindern. Doch nach Spanien gelangte er nicht. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater.

und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. die an die Front im Westen fuhren. Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch. -34- . um die Züge durchzulassen. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. Im Herbst standen sie vor Moskau. die sich entkräftet und krank im Zug befand. Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. die Hauptstadt Kasachstans. meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. Friedrich Wolf mit Konrad (links). Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt. verlegt. als am 22. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion.Arme schließen.

Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. der berühmte Regisseur. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren. Mandel. unzählige waren schon unterwegs gestorben. Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. und neben halbverhungerten Leningradern. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht. Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. soweit der Blick reichte. in die Rote Armee einzutreten. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor. auch meinem Bruder war es gelungen. obwohl ich weiterhin -35- .und Apfelbäume. Abends las uns Sergej Eisenstein.

Ich begriff. zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NSDiktatur zu bekämpfen. uns nur mit Decknamen anzusprechen. Wilkow. Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend. diesmal per Schiff. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. Darin forderte man mich auf. wir wurden streng ermahnt. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. die ich besuchen sollte. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- . als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. wo sich die Schule der Komintern befand. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale.an einer militärischen Ausbildung teilnahm. dort ausgebildet zu werden. brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. die Hauptstadt Baschkiriens. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden.Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm.

Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. der 1933 in Dachau ermordet worden war. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- . und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen. die an der Front dienten.nachgehen konnten. voller Enthusiasmus und Idealismus. Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden. Mai 1943 teilte man uns mit. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. Am 16. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt. die über Gott und die Welt diskutierten. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri. Gewiß waren bei uns Schriften tabu. Der wahre Grund sah so aus. und die Söhne Titos und Togliattis kennen. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. so lernte ich nicht nur Amaya. nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. sondern wißbegierige und offene junge Leute. Alle fieberten wir der Chance entgegen. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien. es endlich den Altersgenossen gleichzutun. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an.

machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. Am 9. keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. im Zimmer Wilhelm Piecks. Jahre später erfuhr ich. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. heirateten Emmi Stenzer und ich. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. wenige Monate vor Kriegsende. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. jetzt hieß es erst einmal lernen. wir waren der kleine Kreis derer. Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden. Im Herbst 1944. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- .westlichen Alliierten. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt. Anton Ackermann und andere kennen. dem Sender der KPD. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen. die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. Man erklärte uns. hatte beugen müssen. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert.

stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. ausgenommen die Buchweizengrütze. denen ich in Deutschland begegnete. Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. Ich brauchte einige Tage. zu mir gesagt. Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. das konnte ich nie als kränkend empfinden. es fiel mir schwer. Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt. um mich daran zu gewöhnen. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. was die Nazis angerichtet hatten. Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. mir vorzustellen. daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. Gelegentlich hat man im Scherz. Abschied auch von Kindheit und Jugend. Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. waren die wenigsten bereit. daß ich mit Menschen leben würde. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. die russische Küche ist mir die liebste. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. daß ich einer der besten Pelmeni-39- . Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen. ich sei ein »halber Russe« geworden. manchmal auch mit abfälligem Unterton. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen. Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. standen mir seelisch näher als diese Deutschen.

Köche diesseits des Ural bin. für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße. wo ich Freunde besuchte. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. und an den Arbat. die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. Heine. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. Galsworthy und Roger Martin du Gard. Schlange gestanden. und dennoch hatte ich. Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. für immer nach Moskau zurückzukehren. das Land. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. die heute wieder Twerskaja heißt. anders als einige meiner Freunde. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. Ich war naiv genug gewesen -40- . bewunderten wir. dem MCHAT. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. Hemingways knappe. Mit Alik. nie den Wunsch. Balzac. Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater.

Mai 1945 flog meine Gruppe. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. Am 27. waren ganze sieben Mann. Im britischen Sektor gelegen. wir. von der NS-Herrschaft befreit zu sein. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. die das jüdische Ghetto gewesen war. was er zu tun habe. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. die vom Reichsrundfunk des Dr. -41- . Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten.zu hoffen. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau. die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten. Goebbels übriggeblieben waren. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft. daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. Ich versuchte mich zu wehren. Kurz und bündig sagte er jedem. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. jeder habe sich dorthin zu verfügen. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. zu der auch meine Frau gehörte. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. wo er am dringendsten gebraucht werde. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen.

Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- . vertrat er den Standpunkt der SED. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. in der alle Parteien zu Wort kamen. gelegentlich war ich als Reporter tätig. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. die Arbeit war interessant. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht.hatten wir eine Handlungsfreiheit. Ein andermal fragte ich ihn. Ich war so taktlos. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. Autor (2. Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. von der spätere DDRRundfunkleute nur träumen konnten. Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm.

Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. daß diese K 5 nicht erfunden war.« Wir bemühten uns. und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte.Arbeit. daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren. lebendige und hörernahe Sendungen zu machen. -43- . den Funktionären und Mitläufern. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden. zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen. Wir haben andere Sorgen. Die Folge war. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich. wir mußten sie senden. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. Ich erinnere mich. wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um. als Flugzeuge zu bauen.

hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren. -44- . Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. die jetzt auf der Anklagebank saßen. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde. durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren.Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden. die NSWochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. Damals glaubte ich wie viele andere. diese Lehre könne nie vergessen werden. daß die Männer. Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht. Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. Es war gespenstisch. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten.

Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Oktober. des Führers. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7. Ich war überrascht. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. weder Rangabzeichen noch Orden. Am 3. die einer Tonsur ähnelte. und auch auf seine Glatze. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb. stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. Mir hatte man die Rolle zugedacht. dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen. dem Jahrestag der Oktoberrevolution. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. Er trug seine bekannte Litewka.2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. ahnte ich nicht. war ich nicht gefaßt gewesen. meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. wie klein er war. wie Filme -45- . Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt.

von rechts) Da unser Botschafter abwesend war. Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen. statt sklavisch zu gehorchen. zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. weil er sich Moskau widersetzt hatte. daß wir damals -46- . dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. mit dem Tito abgestraft worden war. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel.und Gemälde es verbreiteten. Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl. Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948.

wo mir Ackermann. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. mit richtigem Namen Eugen Hanisch. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. später in Moskau. wie rätselhaft es mir vorkam. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. mitteilte. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. gegangen war. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. Ich staunte nicht schlecht. wie ein Stück erlebte Geschichte. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. doch ich erinnere mich.jedes Wort andächtig aufnahmen. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. Ich fand mich im Außenministerium ein. nicht wie lebende Zeitgenossen. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler. Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . Solche Inszenierungen liebte er. Ackermann. als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros. Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders. also Stalinscher Prägung. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich. in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau.

mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- . Ich war stolz. ein Mann. war eine imponierende Erscheinung. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick. aber sehr konspirativ. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde. Am 16. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit. und es dauerte geraume Zeit. Eigentlich hieß er Artur Illner. daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg.vorgesehen sei. bis ich herausfand. was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. brachte. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. Richard Stahlmann. stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. ein solches Angebot zu machen. Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. Es war kein Vorschlag. einem Vorort Berlins. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. die uns nach Bohnsdorf. sondern ein Parteibefehl. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. aber wohl kaum das.

den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. um ihn zu verhaften. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . was der Name Dimitroff uns damals bedeutete. hatten wir ihn als Helden gefeiert. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten. die mir zu Vorbildern wurden. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. als die Nazis kamen. In Bohnsdorf gründeten wir. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen.hatte. Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut. Ich war wieder einmal der Jüngste. dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war. der den Nazis die Stirn geboten hatte.

wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. Er war erfahren.dafür. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab. Leider nahm er ein tragisches Ende. erklärten wir im nachhinein den 1. von Stalin persönlich beauftragt. September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. und wir hingen an seinen Lippen. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt. Er brachte uns bei. uns unter die Arme zu greifen. Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. -50- . Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. wie man einen Dienst aufbaut.

sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . unerträglich gespannt. wir plädierten für den dunklen Anzug. Der Kompromiß. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte. der Metropolit von ganz Rußland. Mir blieb kaum Zeit. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. von meinen Freunden und von der Stadt. den wir schlössen. begleitete ich ihn zur Garderobe. daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. endgültig Abschied zu nehmen. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte. daß wir im Frack erschienen. dem unser Dienst unterstand. Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. führe ich auf diese Begebenheit zurück. Beim Empfang selbst stellten wir v erdutzt fest. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte. die mir so ans Herz gewachsen war.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden. wo er umständlich in seiner Soutane kramte. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. in eben jenem Festsaal. in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. Als Nikolaj Krutizkij. hieß Smoking. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab.

in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs. hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren. warum Moskau sich mit -52- . wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren. um nicht zu sagen dominierende Rolle. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. was sich in dem Maße änderte.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten.und Trägerwaffen. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war. Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke. Elektronik und Elektrotechnik. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. der Kernenergie. Man hat mich immer wieder gefragt. Eine kleine. das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde. da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation. Die Bürokratie. Chemie. die wir befolgen mußten. wurde so weit getrieben. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten. selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes. des Flugzeug.

nicht weit vom Sperrgebiet. daß eine kontinuierliche. Daß wir nach und nach dazu übergingen. daß die Sowjets zu Recht annahmen.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. etwa den Islam. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. Und so war es auch. Er war ein brillanter Analytiker. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. auch über Themen. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. wenigstens anfangs. ihm und mir bestand. die unsere Arbeit nicht berührten. die aus einer Sekretärin. was man ein Original nennt. war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. Ich glaube. -53- . an bestimmte Informationen heranzukommen. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden. der mich lehrte. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. Er leitete die Hauptabteilung Information. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. sogar die Decknamen unserer Quellen. in dem Parteiund Staatsführung wohnten. was sie erfahren sollten. Von ihm habe ich viel gelernt. Korb war in mancher Hinsicht. Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. daß man als Analytiker stets gezwungen ist.

Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. und die Schwierigkeiten waren gelöst. Es gelang ihm sogar. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. und wir mußten umziehen. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen. Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. Benötigten wir dringend Devisen. In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet. Wir dienten unserem Staat loyal. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten. aber wir waren keine Eiferer. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen. Nichts leichter für Stahlmann. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf.

Er stand für eine unbekannte und. wechselte Gehlen die Seite. unerreichbare Welt. durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »ExHitler-General spioniert jetzt für Dollars. wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. Auf den Namen des Mannes. Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit. Als der Krieg zu Ende war. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. nicht viel. Das war leichter gesagt als getan. Beschützt. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . sagte uns der Name Pullach. aber nicht den Gegner. was sich damals Organisation Gehlen nannte. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. Unsere Aufgabe war es. der in Pullach leitete. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. lag noch in weiter Ferne. wie es uns schien. Ihr Leiter war Gustav Szinda. Der Tag.

Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen. All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. der Central Intelligence Agency der USA. nicht.Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. das wollten die -56- . nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. der als Rechtsaußen berüchtigt war. Europa war gespalten. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut. daß der amerikanische General George S. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. Das hinderte Konrad Adenauer. Er schlug wie eine Bombe ein. sondern auch in arabischen Staaten. Delmers Artikel enthüllte. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. D. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. sich des alten. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA. Patton. Gerhard Wessel. sondern auch hochrangigen NSOffizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte.und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren.

zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . Dr. nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Hans Globke.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NSFunktionäre so manche Spitzenposition. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art. denen der Verkehr zwischen Ost. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen. wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. Gehlen begriff schnell die Chance.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders. unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten. sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen. Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst.

sollte ich Gelegenheit bekommen. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD.dadurch im Vorteil. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen. Die Frage war nur. daß auch unsere sowjetischen Berater. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte. und wenn. die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. Eine unserer wenigen Chancen. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. Das konkret zu überprüfen. ob. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . aber sobald wir das herausfanden. Nazis waren bei uns nicht erwünscht. indem wir sie wissen ließen. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst. tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren. sondern arbeiteten für uns. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. als ihnen lieb sein konnte. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten.

aber auch das zerschlug sich. Gustav Szinda leitete das Gespräch. taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen. Wir baten ihn. für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten. hie und da gar Widersprüche zu dem. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet. Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. es klang alles fast zu schön. ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. Schließlich gestand er. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich. Es klang alles sehr logisch. gebracht. einem schlanken. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. nach Berlin zu kommen. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. fast noch Amateure. zeigte er sich mehr als willig. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen. in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei. als der er sich ausgab. und obwohl wir ungeübt waren. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte. als -59- . Fritz Dorls. die er angeblich kannte. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. um wahr zu sein.einer Quelle namens »Merkur« stieß. ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu.

So geschah es. sondern mehr noch bei uns. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war. daß man sie verdächtigte). »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. aus der ich die Lehre zog. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. als der Mann in Untersuchungshaft kam. Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen.wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. die Finger von »Merkur« zu lassen. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute. Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte. befragte ich nicht sie. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. als uns lieb sein konnte. daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf. daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. -60- . Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte.

während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. grün für Residenten –. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns. Uneingeweihten sagte das nichts. ebenso wie unsere Residentur in Bayern. als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. Ackermann und ich -61- .Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. blau für Quellen. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. die große Papierrolle unter dem Arm. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. Es blieb uns folglich nichts anderes übrig. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte. Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten.

Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. zurückzubeordern. den Apparat zu komplettieren. schieden von vornherein aus. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. der beauftragt war. -62- . die Zuchthaus. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. Ulbricht stimmte zu. nachdem wir sicher sein konnten.schlugen Ulbricht vor. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. Wie gewinnt. die Kontakt zur KPD hatten. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem. daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. waren so hochgeschraubt. daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte. sie zu identifizieren. wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. Die Sicherheitsanforderungen. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. Ihre Lage war demütigend. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns. um es bescheiden zu sagen. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. die DKP.

und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. noch ein weiter Weg. Aber bis dahin war es Ende 1952. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden. Sie sollten den Kern meines Dienstes. -63- . Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging. Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können. und sie ermöglichte es mir. der Jugendorganisation der SED.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen.

Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich.3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. Er war no ch in einer Besprechung. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken. wie es seine Art war. von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. Ohne zu ahnen. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte. die als seine engste Mitarbeiterin galt. daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. dem Generalsekretär der SED. bevor er sie aus dem Zimmer schickte. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch.« Selbstverständlich wußte ich. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. was er von mir wollte. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. Sie begrüßte mich freundlich. ohne persönliche Worte. So erfuhr ich. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache. Später hieß es. daß die Anfeindungen Grauers -64- . der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee. andererseits war es ein offenes Geheimnis.

Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. Stolz auf das Vertrauen. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. was mir widerfahren war. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. in der Partei noch unbedeutender. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten. daß ich. an das ich mich erinnern kann. was gewiß nicht ohne Gewicht war. dann kann ich dazu nur sagen. keine dreißig Jahre alt. der Teil dessen war. Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben. wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt. hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte. Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. so benommen war ich von dem. Mir drehte sich alles im Kopf. Auf meine Frage. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung. erklärte Ulbricht. Sollte ich irgendein Gefühl benennen. daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest. wäre es wohl am ehesten Stolz. Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. Wenn man mich heute fragt. Mir war bei -65- . das die Partei mir entgegenbrachte. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle.

nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. sobald sie mir zu Ohren kam. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. daß -66- . sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes.jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen. in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. die ich ausschlug. Wenn du mich brauchst. als könne er es kaum erwarten. Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt. daß ich mich dem. die ich im Nachrichtendienst genoß. Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. bin ich da. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. in eisigem Ton zu erklären. was man von mir verlangte. nicht aufgeben.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus. eine Ehre. ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit. nun mach mal. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf. wie er in allen Dingen war. In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. Über seine Biographie wußte ich nur. Ungewöhnlich.

er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. Es machte Spaß. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. was Kraus wissen konnte. Bei fast allen Emigranten. was mir auf den Nägeln brannte. was vor sich ging. und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl. alles.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus. wie fassungslos wir waren. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte. hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe. denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner. aber auch von Ulbrichts steifer. zu der er mich auf die Minute genau empfing. unpersönlicher Art. als der -67- . die sogenannte Vulkan-Affäre. weil sie sich an seine Herz. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. Fast nie gelang es mir. die ich näher kennenlernte. mit Zaisser zusammenzuarbeiten. verweigert hatte. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut. die nötig und möglich gewesen wäre. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. Man kann sich vorstellen. bei anderen wie Pieck oder Ackermann. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. bevor wir auch nur ahnen konnten.

mich seine Macht spüren zu lassen.bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. herrschte kein Mangel. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben. die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. wie verwundbar unser Dienst war. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- . An Problemen. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. Natürlich wußten wir sofort. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus. den ich nicht verlieren wollte. nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen. Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. wir hätten erkennen müssen. gab sie uns viel zu denken. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. Es stellte sich bald heraus. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit.

selbst gestellt. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende. Besonnene Politiker wie Ackermann. vom Tisch. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war. was in unserem Land geschah. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten. sondern gehandelt. sich für eine -69- . nahmen wir nur halb wahr. denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. der gefürchtete Geheimdienstchef. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt. rüttelte uns das nicht wach. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. Vieles.

Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. demokratisches und neutrales Deutschland. In der Zeitung las ich. Heute weiß ich. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. Es enthielt Vorschläge. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend. das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel. marschiert waren. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. man versicherte. Aber es war zu spät. Am Morgen des 16. neutralen Deutschlands vor Augen. es werde ihnen nichts geschehen. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte. hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. So kam es.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach.

Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen. Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort. um -71- . was in dieser Situation. Juni überschlugen sich die Meldungen. Die Streikenden verlangten. zu tun sei. auch von Westen her.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. ließ man uns frei. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken. und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde. Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. doch vergebens. die Stimmung drohte überzukochen. ein ehemaliger Bergarbeiter. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt. massiv zu agitieren.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. wo wir wohnten. dem Posten zu beweisen. daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. Erst als es mir gelang. Um 13. Im Stadtbezirk Pankow. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. Am 17. teilzunehmen. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. hielt ich an. und die Hörer in OstBerlin aufgefordert. daß ich Russisch sprach. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. die keinen Aufschub gestattete. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht.

Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. wäre die Eskalation des 17. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- . Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. Aus Informationen meines Dienstes. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen.mich zu Hause schnell umzuziehen. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. so wenig ließ sich übersehen. daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. Er hatte den Eindruck gehabt. In dieser Zeit des Aufruhrs. daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. in dieser Zeit wurde mir klar. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -. So gut wir alle wußten. um die Stimmung aufzuheizen. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. einem großen Metallbetrieb. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren.

Dieses Material benötigte unsere politische Führung. Moskau hatte Reformen verlangt. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. eine neue SED-Führung -73- . um die Verantwortung für den 17. Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. war in der DDRPresse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau. denn ihre Position war schwer angeschlagen. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. Juni nach jedem Strohhalm greifen. Sogar vom »Tag X«. am Vorabend des 17.»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. dem sich entnehmen ließ. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war. Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. daß Pläne bestanden. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert. Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. alle anderen befürworteten. in der Woche vor dem 17. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns. und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. die DDR zu liquidieren. und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. Nur Hermann Matern. war ein Kinderspiel. als sich der Ungewißheit auszusetzen.

und zog es vor. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-HerrnstadtFraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie. ursprünglich Journalist. machte er sich unverzüglich daran. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. daß man sich opferte. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte. Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben. hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. ohne den Zweck in Frage zu stellen. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. Paradoxerweise hatte der 17. selbst erlebt hat. die sie hinnahmen. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. die verlangen konnte. Auf der 35. Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. ohne zu protestieren. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. Rudolf Herrnstadt. Eine Chance war vertan. Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen.

muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden. das darin ausgedrückt ist. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. ob er denn klüger sein könne als die Partei. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen. In den Aufzeichnungen. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt. daß es sinnlos.Botschaft in Warschau. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- . ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes. Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage. ja unmöglich sei. Noch zu Zeiten.

Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber. während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß.wurde in das Innenministerium eingegliedert. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. der ein wechselvolles Leben geführt hatte. und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. der seine Ambition. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. am liebsten beim Billard. dem Willi Stoph vorstand. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. was ihm -76- . aus dem er gern erzählte. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. um so mehr aber für die politischen Informationen. kaum zu zügeln vermochte. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. In seinen Memoiren erzählt Gehlen. bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. Man kann sich denken. Ernst Wollweber.

die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. Während Mielke die Geschehnisse des 17. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. ja gar nicht erst keimen zu lassen. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben.einer seiner Agenten berichtet hatte. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen. der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war. Schon damals hatte ich den Eindruck. Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. Matern als NaziKollaborateur zu entlarven. Juni zum Anlaß nahm. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. Sein Verdacht rührte daher. doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. daß diese -77- . und das sollte er nie vergessen. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet. was er gegen Matern hätte verwenden können. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. und er ließ nichts unversucht. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war.

in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. -78- . Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor. Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. Es war nicht schwierig. Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht. alles falsch zu machen. sondern war im Gegenteil erwünscht. standen gut. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. Sie beschränkte sich darauf. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten. doch ihre Chancen. was man nur falsch machen kann. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen.

Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. Weit schwieriger war es. Die Möglichkeiten. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen. Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren.daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. waren äußerst begrenzt. Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«. Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. Als -79- . Karlsruhe und Hamburg. weil wir argwöhnten. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben. um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. alles aufs Spiel zu setzen.

für einen Übungseinsatz. sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. der ihm Material übergeben würde. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder. daß es so gut wie aussichtslos war. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen. merkten wir. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. Als wir sein Verhalten analysierten. weckte das in uns den Gedanken. Jeder von uns wußte. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten. Als Vertreter einer Firma. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. die sich einfach nicht abschütteln ließen. die Frisiersalons einrichtete. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. Seine Aufgabe war es.erstes schickten wir ihn nach Hamburg. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . was sie »Felix« erzählte. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. Seit er den Zug verlassen hatte. Sie war keine Schönheit. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. aber das. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben.

Dr. war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. Dennoch erklärte er von sich aus. die über sogenannte Westabteilungen verfügten. wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. sie nachzuholen zu versuchen. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß. und wir zogen »Felix« ab. Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze.angesprochen. So gesehen. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen.und West-OstKontakten. um interessante Verbindungen anzubahnen. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle. Joseph Wirth. daß es keinen Sinn habe. Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. besonders auf der Leipziger Messe. wurde mir klar. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten. wo gerade die strengen -81- . veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich.

Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. Man kann sich vorstellen. Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. Steinrücke anzuwerben. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde. als ich das hörte. die stets bemüht war. und er wußte über Franz -82- . daß meine Ohren glühten. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. Ich gab mich als General aus. und abends tranken wir Brüderschaft. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals. Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig. Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. war ein Onkel seiner Frau.Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. Schon während des Essens freundeten wir uns an.

Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum USGeheimdienst. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. Walter Bauer kennengelernt. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . rundlicher Mann in einem Anzug. Gisevius.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. gar unter Druck zu setzen. daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. in Erinnerung war. daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. Daß unser Kontakt abbrach. dem Vorläufer der CIA. einen Frontalangriff wagen zu können. Ein Foto. war meine Schuld. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. Über Steinrücke hatte ich Dr. der im Interzonenhandel tätig war. ihn einzuschüchtern. konnte nicht die Rede sein. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. glaubte ich. als er mir gegenüber andeutete. Davon. eine hohe Stellung innegehabt hatte. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. lag der Verdacht nahe. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte. das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. Da er vor 1945 im Flickkonzern. war mir klar. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle.

einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. Wir setzten einen Vertrag auf. sondern ließ mich auch bald diskret merken. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen. Carl Hundhausen. die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel. das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. Heinrich Wiedemann. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns. daß er beabsichtigte. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. daß er nicht abgeneigt war. Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. Doch dazu sollte es leider nie -84- . und keineswegs vorhatte. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört. Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. doch ich mußte begreifen.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen.

Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. damit er nicht verraten werden konnte. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an. und wir sahen uns genötigt. -85- . und wir befürchteten. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde. als Drehscheibe in Krisensituationen. Inzwischen stellten wir besorgt fest. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. Rudolf Kriele. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen. als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur.kommen. machte sich bezahlt. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen.

das sie erdulden mußte. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war. Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte.Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in OstBerlin zu treffen. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz. Trotzdem war sie bereit. Stoltenberg und Leussink. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. in der sie eine Art -86- . suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. der »Iris« angeworben hatte. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl. so lautete unser Deckname für Susanne Sievers. und das machte meine Leute neugierig. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. Neben Dr. wurde aus Alters. Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. für uns zu arbeiten. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde. machten wir zuerst lange Gesichter.und Gesundheitsgründen eingestellt. Lydia.

»Lydias« große Stunde schien gekommen. aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. Später fanden wir heraus. Durch sie erfuhren wir. sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. hätte sie versucht. Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen. sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. an deren Spitze Rainer Barzel stand. der auch nur entfernt im Verdacht stand. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war. Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. damals ein junger Protege Adenauers. mehr nicht. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. kein Rechter zu sein.Salon führte. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. König von Ungarn zu werden. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . um ihre Unkosten zu decken. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. Wäre sie eine Doppelagentin gewesen. den er vor der Öffentlichkeit abgab. Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. Ich habe mich oft gefragt. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. was sie dazu bewogen haben kann. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. aber das war nie der Fall. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden.

daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. der diese Apparatur bediente. Jakarta und Singapur eingesetzt worden war. Jeder kannte die Karten des anderen. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. wenn -88- .Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet. für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. Der Dolmetscher stutzte. Unser eigener Apparat. oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. ein Bluff war ausgeschlossen. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen. Manila. Tokio. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. noch nicht ganz flügge. Das war leichter gesagt als getan. Der Bedauernswerte. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. Aus BND-Akten erfuhren wir. daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. Wir sollten also ein Bordell fingieren.

Anfangs waren wir so blauäugig. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. die nicht abgeneigt waren. Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. Stahlmann unter die Augen kamen. Er wußte. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. aber kein Gast ließ sich blicken. uns mit Informationen zu versorgen. schien nicht abgeneigt. Unser Team rotierte. geeignete Damen zu finden. und machte ein -89- .Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. Als nächstes galt es. unser Team wartete ungeduldig. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. wo er sich mit der Haushälterin unterhielt. den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten. Die Konferenz begann. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. hieß er Jansen. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. vom Sittenexperten beigesteuert. Wenn ich nicht irre. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. was wir von ihm wollten. die Damen setzten sich in Positur. die er anschleppte. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach WestBerlin ausschwärmen. Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters.

Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. wurde vom Stern entlarvt. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. ein windiger. Er behauptete. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab. Van Nouhuys. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. Die Ernüchterung kam. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen. die wir mit unserer malina gemacht hatten. weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben.weiteres Treffen aus. ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. Gut erinnere ich mich an den FDPBundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit. aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. habe ich nie herausgefunden. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . hielten unseren Überprüfungen stand. inzwischen Chefredakteur der Quick. Die Informationen. Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. Deckname Nante. für den sie sich hatten anwerben lassen. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. daß es unverzichtbar war. unserem Dienst. denen es gelang. die er lieferte. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. gewiefter Journalist. in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. Die Erfahrung. sich den Wind der großen. erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch.

daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. eine neue Partei ins Leben zu rufen. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED. Wir beschlossen. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war.Gauner ausnehmen wollten. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. denn wir erfuhren. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren. So wenig schmeichelhaft es war. Militärs. ehemalige NSBauernfunktionäre und Kommunisten. nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. einem der Mitbegründer der CDU. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde. die von rechts. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. war die Gemütsruhe. mitanzuhören. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr. wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. Günther Gereke. Leider sahen wir uns bald gezwungen. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen. Sammelbecken für Kräfte. Juli gehört hatte. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- .und Forstwirtschaft entstanden.

Ich bestürmte Wollweber. Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. fand ich Wollwebers Weisung vor. als mir lieb sein konnte. doch er wiederholte -92- . Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern. besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. arbeitete er für uns. die er weder kannte noch gutheißen dürfte. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. wie ich wenig später erkennen mußte. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. überlegte man in Berlin. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte.Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. der eine steile Karriere vor sich hatte. Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte. Er gehörte zu jenen Patrioten. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. SchmidtWittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. ein Mann. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDUBundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack. Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten.

die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht. Mir blieb nichts anderes übrig. vorausgesetzt. ihn zu verhaften. Ich war mit meinem Latein am Ende. Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau. als zu überlegen. Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. er sei einverstanden. und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte. sei es ebenfalls. Wir kannten uns nicht persönlich. es sei alles beschlossene Sache. den ein Kurier nach -93- . sich in die DDR abzusetzen. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. Das war schon besser. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa.nur. seine Frau. da fiel mir Gerekes Fall ein. das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. Ich behauptete.

vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse. Seine Enthüllungen besagten. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. der einen VorruhestandsFunktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. was er hatte aufgeben müssen. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . Außerdem verkündete er eine Information. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann. daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. Am 26. Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe.Hamburg brachte. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte.

Wolfgang Wohlgemuth. Juli 1954 verschwand Dr. ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. und beschuldigte die Bundesregierung. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. er sei politisch unabhängig. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. Es hatte den Anschein. Juli erklärt. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. in der dieser das Gegenteil versicherte. Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . daß beide mit Wohlgemuths Auto nach OstBerlin gefahren waren. unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin. Otto John.zuständig gewesen. Am 20.

und aus dem. daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. dem KGB-Maulwurf. Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt. Aus Akten. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte. Heute vermutet er. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. wie sie ihm vorschwebte. fraglos als Aufpasser. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. einstige SD. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. die er für seinen Übertritt vorbrachte. Eine diplomatische Karriere. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. glaubwürdig erscheinen. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. und danach -96- . Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. die ich 1990 einsehen konnte. abgefangen und unterdrückt wurden. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise. Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch.Organisation Gehlen an. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992.

überreichte. setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert.erzählt hat. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich. daß niemand so recht Lust hat. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. dem militärischen Hauptquartier. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. aber arm an Aussagen. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. und wahrscheinlich scheint mir. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. als Überläufer aufzutreten. dort Eindruck zu schinden. Doch im Dezember 1955. läßt sich ersehen. Auffallend ist. John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht. Wahrscheinlich ist. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr v orerst nicht zu denken war. um die Situation zu klären. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde. stieg in den Wagen -97- . siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten.

war uns nicht gelungen. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. als Überläufer zu präsentieren. die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. hat ihn zeitlebens erbittert. Die Lehre. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert. -98- . Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen. Gerhard Schröder.des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. die ich daraus zog. war die. Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«. Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können. der damalige Innenminister. künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen.

Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. an der Errichtung einer besseren. als das weise. die jahrelang auf uns gelastet hatte. für die anderen wich eine Spannung. Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX. Im Rückblick erscheint mir der XX. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- . aber die Wirkung ging tiefer. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. gerechteren Welt mitzuwirken. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage.4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. fällt es mir schwer. so ging auch ich. das ihn so zeigte. Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. wie ich ihn lange gesehen habe. einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. einen ersten Stoß. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. Doch so. nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. gütige »Väterchen«. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet. Als ich die Rede gelesen hatte. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet. wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. die letztlich zu jener Entwicklung führten. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. begleitet von Zweifeln.

Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. Auf der 3. Sie enthüllte. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben. er selbst aber blieb die unantastbare. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden. konnte später nicht behaupten. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte. die überragende historische Gestalt. Parteikonferenz der SED.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten. an der ich -100- . Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. denn wir glaubten. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. die 1934 auf dem XVII. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. der nicht zu bereinigen war. Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken.

teilnahm. wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. begrüßte die Art. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde. doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. Parteitag der KPdSU gezogen. ein Begriff. nachdem er Minister geworden war. daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort. und sprach von meiner Erleichterung. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt. wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. Er habe unter keiner Last gelitten. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . in der DDR habe es keine gegeben. mit denen Mielke uns langweilte. und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«. Mielke widersprach mir sofort. Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. Einige Jahre später. nach Chruschtschows Sturz. Er betonte. Bereits unmittelbar nach dem XX.

entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. Schulungsseminare für Partei. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten. 1956 wollte es fast so scheinen. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. »dem Gegner keine Argumente liefern«. Der Begriff der friedlichen Koexistenz. ungarischer. die in der Sowjetunion geführt wurden. als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen.und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet. kam -102- . polnischer. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. So kam es. bei Lenin ausgegraben. ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand. deutscher und italienischer Marxisten. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. wo ein lebhafter. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. »Keine Fehlerdiskussion«. 698 weitere vorzeitig entlassen. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem. Hans Jendretzky und andere aufgehoben. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik. Anton Ackermann. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit.

ihre Aktivitäten. daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. Dieses SPD-Ostbüro. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert.in Mode. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. an den sich ehemalige VLeute noch heute voller Zorn erinnern. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften. das bis 1966 bestand. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt.« Ein Blick aus dem -103- . so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen. Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert.

etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- . In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. Wollweber erklärte mir nun. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIMLimousine mit Begleitschutz. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. Sie gruben einen Tunnel aus. Hinter Alt-Glienicke. durften wir die Anlage besichtigen. daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe.

Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. Es war faszinierend. Er war damals in der WestBerliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. Wie Blake lebte auch Kim Philby. daß es opportun sein könnte. man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen. wie er in Gewissenskonflikte geraten war. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. Viele Jahre später erzählte mir George Blake. den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war. Beide waren mit -105- . wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. häufiger in die DDR fuhr. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das. die Hintergründe dieses Tunnelbaus. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle.

besseren Welt zu erkennen glaubte. Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste. Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. weil er in ihr den Beginn einer neuen. der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus.Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden.

galt als kommender Parteichef. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt. während man davon überzeugt war. daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . Ungarns »kleiner Stalin«. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren. von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben. die 53 Tote und 300 Verletzte forderten. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert. Mátyás Rákosi. die ungarische Partei bemühte sich. Gomulka.antikommunistischen Landesarmee. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren.

In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes. Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. Imre Nagy. wurde aus der Haft entlassen. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. Am 23. Kardinal Wyszynski.der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. nun wurden politische Forderungen laut.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt. Oktober wurde das Stalin. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. ihn zu beruhigen. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. Es gab den ersten Toten. der Ruf nach Freiheit. vernünftige Politik. Es gelang den Polen. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. den ich aus Moskau kannte. auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren. Rákosi mußte zurücktreten. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt. In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen. Im Wechsel wollten sowjetische -108- . Am 4. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt.

Die Entscheidungen über Krieg und Frieden. Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. was die Nato tun werde. wie später beim Mauerbau und beim -109- .Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen. offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen. endete der Konflikt. Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. Juni 1953 in der DDR. aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber.

Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. eine militärische Konfrontation zu verhindern. Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen. die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. und es ist mir nicht darum zu tun. daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat. doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute. daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will. den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten. In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten.

das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . wo immer sie Gelegenheit dazu fanden.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten. die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten. als Patrioten. die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. Damals sahen wir in erster Linie. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár. Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956. über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren.

Linie«. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas. und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. denn wenn es wirklich echt war. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war. Angesichts des Umstands. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel. März 1955. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. erfolgte kein Dementi aus Bonn. ließ dennoch zu. Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. Als wir es 1959 veröffentlichten. Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand.ausgesetzt gewesen war. daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. der zufolge Franz -112- . als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. Die Zuverlässigkeit der Quelle. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein. gewann eine Information an Gewicht. Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten. schien uns über jeden Zweifel erhaben. datiert war das Dokument vom 2.

Auch die Information. ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt. um zu verhindern. ob es möglich sei. Das führte zu einem Aufwand. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war.Josef Strauß. daß General Norstad sich nicht beeilte. die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. der neue Bundesverteidigungsminister. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern. trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung. Durch die Informationen. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. Wollweber erließ einen Befehl. daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel.

zu f tografieren o und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. -114- . Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde. So kam es. und sie erklärte sich auch bereit. Deckname Gerlinde. die sie ihm übermittelte. und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge.konnten. was für mich eine herbe Enttäuschung war. für uns zu arbeiten. in die DDR zurückzukehren. Schwierig sollte sie immer bleiben. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet. einer hübschen. der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. die Flut an Geheimdokumenten.

Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten. als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte. über die Panzer Leopard 2 und Gepard. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. der Einblick in Verschlußsachen höchster NatoGeheimhaltungsstufe hatte. die erforderlich waren. »Henry« wurde mit Bein. und die Polizei staunte nicht schlecht. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später. auch diesmal wieder aus eigener Initiative. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. daß sie aus innerer Überzeugung. für unseren Dienst an. zu der sie nach wie vor standen. Filme. Ruth Moser war es gerade gelungen. ebenfalls Offizier. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte. als sie in seinem Auto unter anderem eine MinoxKleinstkamera. der mit einigen Extras versehen war. nämlich wie in einem James-Bond-Film. -115- . Bei beiden hatte ich den Eindruck. sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser. für die Aufklärung gearbeitet hatten.Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst.

als Winzer zu warnen. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. und deshalb flüchtete er zu Fuß. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden. Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. für einen französischen Dienst tätig zu sein. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten. diesmal von seinem Kurier verursacht. Deckname Blanche. Deckname Südpol. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus. und »Henrys« Geliebte. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde.Sein etwas bizarres Privatleben. Es blieb uns nichts anderes übrig. ein sogenannter -116- . Deckname Heike. Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe. der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. Zur Zusammenarbeit war es gekommen. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe. hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet. die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte.

»ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren. ein ehemaliger Fremdenlegionär. die. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. die Requirierung ziviler Fahrzeuge. die inzwischen in der Botschaft der -117- . die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten. Benzin. Die Papiere. Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. war sie doch von Fachleuten ersonnen. beschaffte. Wir warben ihn an. Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht.Amtgehilfe.und Lebensmittelrationierung. die er uns verschaffte. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. zeigten. Deckname Bruno. die uns Peter Kranick. Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. der den stolzen Decknamen Minister trug. wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze. Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel. Er war das lebende Beispiel dafür. Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr. Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze. die er erbarmungslos plünderte. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar.

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick auf das Nato-Hauptquartier. Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West. Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte Position erneut zu festigen. In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine »parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke, und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion. Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied, denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter Wollwebers galt. Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan, der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere Beziehungen unterhalten.
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Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das, was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958 Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er persönlich an, hatten wir uns doch beide f r eine differenzierte ü Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion« sah. In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben. Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen – übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung
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politisch Andersdenkender einem simplifizierenden SchwarzWeiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955 Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem »Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
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Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte. Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie gebracht. Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel. Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober 1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten »in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953 ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen, nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung. Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit. Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage. Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-121-

Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war, nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

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5 Die Betonlösung
Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte oder Freunde sie oft schon erwarteten. Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen klar. Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR. Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der
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Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich. Bevor die Mauer – von unserer Führung als »antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als »Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser, die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;
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viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben, durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen. Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung zu bringen. Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte
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Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah, wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden. Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität. Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke, daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989
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Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit. war nie höher als dreißig Prozent. sagte Falin. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. in der Regel niedriger. die das Regime in der DDR unterstützten. die DDR stabil zu erhalten. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. die es ermöglichte. bereits 1953 begonnen hat. das Land zu verlassen. werde es unmöglich sein. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen.endete. -127- . daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte. Die Zahl derer. die Menschen daran zu hindern. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so. falls die Abwanderung anhalte.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. »Damit«.

in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. Er nannte Fristen. Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. der Perwuchin damals begleitete. die USA wissen. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn. was die USA provozieren könnte. bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich. um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können.sondern im Auftrag des Bündnisses. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. bestätigte Julij Kwizinskij. ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- . Es steht also außer Frage.« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen.

Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme G orbatschows. imponierte vielen -129- . dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf. der Dolmetscher und ich hinten. Unvergessen ist jene Szene. Natürlich war das organisiert. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck. Selbst während der seltenen Atempausen. dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. ohne einzuholen. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe.« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen. sogar herzliche Gefühle. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte. Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. die naiv wirkende Art. zum erstenmal. als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. Doch gerade diese Spontaneität. als er 1957 mit Anastas Mikojan. Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand. Mielke vorn neben dem Fahrer. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt. Er wirkte überzeugend. weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. Es war im Sommer. doch viele Gesichter spiegelten freundliche. Chruschtschow und Mikojan in der Mitte. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden.»Überholen. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte.

von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. entschlossen durchkreuzt. ist vielfach beschrieben worden. ihn zu stürzen. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung. sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow. daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. Als er 1957 die DDR besuchte. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. Kaganowitsch. hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt. Ulbricht. In der DDR war davon nichts bekannt.Amerikanern. Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2.

Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel. aus denen hervorging. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. Eilfertige -131- . Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. die für die Sowjetunion lebenswichtig war. stand es ablehnend gegenüber. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System. Er neigte dazu. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. Aber er war ein Vollblutpolitiker. Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte.Gefühlen gelauscht haben. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen. Die Entspannung. der an seine Ideale glaubte. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. Es wäre ein Irrtum. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite.

die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte. selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. Fieberhaft versuchten wir. daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. die Medien feierten den »Geist von Camp David«. uns Kenntnisse über John F. soweit wir Zugang zu ihnen hatten. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging. Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. Es war nicht leicht. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte. die in die -132- . Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte.

Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor. und das war Kennedy bewußt. Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen. der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. Kennedys Reden -133- . Die sowjetische Führung wußte.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte. und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. unterlag keinem Zweifel.. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte. eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. zögerte er. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala. Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten.

Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden. reagierte er zornig. und drohte. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin. Im nachhinein wissen wir. daß es zum Krieg gekommen wäre. Vergeblich. Da Chruschtschow nun – womit die USExperten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen. die freundschaftlich miteinander umgingen. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch. Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker. Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- . und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen. doch in den Verhandlungen. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben.Blockade erarbeitet würden.

blieben unangetastet. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. So groß der Schock. die bis zum Morgen des 13. auf West-Berlin bezogen. »Ihre Rechte. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten. Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. um die Reaktion der Sowjets zu testen. August 1961 bestanden hatte. waren die Würfel nunmehr gefallen. in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln. nicht Kennedy. der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. den nationalen Notstand zu verkünden. London und Paris auf. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten. -135- . und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. an jenem Sonntag morgen waren. Chruschtschow. trat den Rückzug an. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. so erleichtert atmeten die Politiker in Washington. So sah die Situation aus. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt.einem Stufenplan verschafft.

daß man Ruhe bewahren werde. daß die drei essentials nicht verletzt wurden. Die Reaktion Washingtons. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . die Lage nicht zu verschärfen. die er richtig voraussah. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach WestBerlin entsandt. und Ulbrichts Wünschen. die lautete: »Eine Mauer ist. denn ich glaube. wo dieser.« Die erste große Aufregung schien verflogen. August so unvorbereitet wie meinen Dienst. bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte.Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. Kennedy hatte General Lucius D. als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. wie er sie verstand. Allan Lightner. sondern der Sowjetunion zu signalisieren. sie haben jedes Recht dazu. verdammt noch mal. hatte er doch peinlich darauf geachtet. Kennedy wurde erst Stunden später informiert. besser als ein Krieg. seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. Ich verstehe nicht. Clay. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. um große Politik zu machen. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt. einen Riegel vorgeschoben.

West-Berlin. Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. die eine Absage an Chruschtschow waren. war am Checkpoint Charly von einem DDRPosten aufgefordert worden. beide Seiten zogen ihre Panzer ab. um ein Exempel zu statuieren. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander. Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt. nicht aber der kalte Krieg. Zurückgewiesen. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. wo sie versuchten. Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. Worte. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte. Eine Woche nach Kennedys BerlinBesuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit. als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 WestBerlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. sich auszuweisen. ohne sich auszuweisen. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. die Posten zu passieren. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. Auch wir merkten. kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. Das wurde uns mehr als deutlich.

So kam es zu der paradoxen Situation. daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. Es konnte vorkommen. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren. daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen.« Durch die Grenzschließung am 13. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage. Jetzt war dieser Weg versperrt. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen. Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. Sie wurde sehr viel aufwendiger. mußten nun so eingerichtet werden. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. was wir strikt ablehnen. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche.Evangelischen Akademie in Tutzing. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. nicht gegen sie. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen. gingen wir das Wagnis ein.

Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall.in der Bundesrepublik aufhielt. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege. das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet. die für die Übersiedlungen zuständig war. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . die ständig verbessert wurden. die benötigt wurden. Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. die auch darin gründeten. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. funktionieren mußten. Der einseitige Funk. Zwischen der Abteilung VI unserer HVA. daß Jurij Andropow. aber oft kam es nicht vor. die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen. In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig. der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. der Vorsitzende des KGB.

Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen. -140- . So gut und einfach diese Methode war. die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. sorgten für dauerhafte Reibung. das er Rundspruchdienst nannte. oder einen speziellen Empfänger zu benutzen. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden. Bis ich den Dienst verließ. hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich.die verschlüsselten Funksprüche empfangen. daß man angepeilt wurde. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück. Das bedeutete die schwere Entscheidung. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. zu unterscheiden waren oder sind.

Adenauers engstem -141- . als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. Anhänger eines humanistischen Weltbilds. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. Wider Erwarten fand sich nicht nur er. für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. Max Heim. Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen. aber einige Quellen wurden festgenommen. schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung.Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. Es war erstaunlich. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. indem er in der Illegalität untertauchte. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut.

Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- . die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). Er war von dem Drang erfüllt. der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern. Als er verraten wurde. Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte. wo er 1965 verstarb. der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende. Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen. und zu Ernst Lemmer. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand.Vertrauten. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. dem Leiter des Ostbüros der SPD. und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp.

auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten. die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten. -143- . Es kam nicht zur großen Koalition. die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt.Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. Doch für uns galt es.

Im Buch Josua erfahren wir. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte. indem sie ihr das Leben retteten. in denen die Motivation derer. Buch Mose wird geschildert. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. mit einer Traube. versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. Zu den vielfältigen Ursprüngen. ja zwangsläufig ist. aus jedem Stamm einen. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. gehört neben der politischen Überzeugung. gründete. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. die sich später revanchierten. gesammelt hatten. daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. schnitten sie eine Weinrebe ab. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . die so schwer war. Hosea. einer Dirne. dem Idealismus. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus.6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. Weniger launig läßt sich feststellen. Einem der Männer. wo diese im Hause der Rahab. in dem Milch und Honig floß. dem Sohne Nuns. wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. die sich für meinen Dienst engagierten. und wie Mose zwölf Männer auswählte. wie der Herr Mose gebot. diese seien aber bereits abgereist. sie habe zwar Fremde bewirtet. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe. Im 4.

der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. waren ein gebrochenes Herz. und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. hat damit zu tun. die wir in den Westen entsandten. Was blieb. alleinstehende Männer waren. Das aber bedeutete noch lange nicht. Alleinstehende. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. daß die meisten Kundschafter. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. den Bereich der Phantasie. Herzensbrecher ausgebildet zu haben. die er uns als mögliche Quelle empfahl. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte.Liebe. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten. sahen wir es nicht als geboten an. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. Die wohl eher mediengerechte Behauptung. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. eine moralische Bürde. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. von der er den -145- . war von unserer Seite aus nicht untersagt. unsere Leute davon abzuhalten.

Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung. die er nicht verschwiegen hatte. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. dessen Souveränität sie nur belächeln konnte. die »Felix« genannt hatte. Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. als Kandidaten.. Das fanden wir merkwürdig. Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt.Eindruck hatte. wo Regierungsmitglieder verkehrten. Wir entschieden uns für Herbert S. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- . Sie wurden ein Paar. seine Freundin anzuwerben. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. Deckname Astor. der Dame. Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht.

die er an uns weitergab. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. Unser Mann überlegte. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. das Wissen. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. das wir durch »Gudrun« erworben hatten. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. Eine gute Besetzung war auch Roland G. 1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. kannte das Wort Niederlage nicht. gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. fleißig. war hübsch und katholisch. Doch Ro land G. daß wir ihn zurückholen mußten. um dort eine Frau kennenzulernen. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust.dramatisch. sittsam und scheu. in jede Rolle zu schlüpfen. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen. wo er als galanter Verehrer glänzte. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert. Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen. Er war ein hochintelligenter. Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben. Es gelang ihm. seiner Freundin. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. Unser Zielobjekt. daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte. passenderweise mit dem Namen Margarete. was -147- .. verstärkt durch den Umstand. kurzum. was uns vorschwebte. der geborene Kand idat für das.

als Feldkaplan verkleidet. um Margarete die Beichte abzunehmen. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. dann beweisen sie. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. Als wir Roland G. Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. war es ein herbes Erwachen für die -148- . weil wir fürchteten. blieb Margarete im Westen. mußten wir ohnmächtig mitansehen.zu tun sei. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach OstBerlin kam. Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. als sie zu ehelichen. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«. ihre Stelle zu kündigen. verlor sie bald das Interesse daran. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. er sei ins Visier der Abwehr geraten. beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in KarlMarx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland. zurückziehen mußten. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann.

hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- . Noch hofften wir. Was dann geschah. Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig. Aus der Liebelei wurde Liebe. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. Gerda S. immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus.Getäuschte. einen getarnten Agenten des BND. saß bei uns. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. Gerda O. Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. um es euphemistisch auszudrücken. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen.. Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. der Enttarnung knapp entronnen. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. kennengelernt. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. ohne daß man sie durchsucht hätte. Herbert S. daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt.

trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt. »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. was sie wußte. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. wenn abends länger gearbeitet werden mußte. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. In ihrem Büro war sie beliebt. wollte sie ihn unbedingt heiraten. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. Obwohl »Inge« wußte. Erst Jahre später. um »Ritas« Abflug zu verhindern. die geringste Chance zu nutzen. doch vergebens. doch eine solche Chance ergab sich nicht. weil sie gern für Kolleginnen einsprang. war. wenigstens in der DDR. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. Seine neue Liebe. als »Inge« ohne -150- . die eine feste Beziehung mit ihm einging. Meine polnischen Kollegen versprachen mir.zurückkehren würde. Was sie nicht wußten. Deckname Inge. Doch kaum aus dem Westen abgezogen.

ohne Aufsehen. So kam es. eine sogenannte Doppelgängerexistenz. aber unve rzüglich. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein. ebenfalls mit ihrem -151- . wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet. eine Sekretärin in der CDU-Führung. dessen Tod nicht registriert war. und ihr Ehemann. Sekretärin in der bundesdeutschen NatoBotschaft. Werner Marx. Ingrid Garbe. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen. samt Lebensgefährten und Helga R. Die Medien behaupteten. die uns bisher sicher vorgekommen war. Im März trat Ursel Lorenzen. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst.. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen. die Sekretärin von Dr. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. daß sich kurz darauf Inge G. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen.. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. Mitarbeiterin des NatoGeneralsekretariats. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an. daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung. diese Tarnung. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe. Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet.. beschloß ich.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur. zu entschlüsseln. Ursula H. Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«. in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten. Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur dieses ideelle Motiv.« Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen? Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren. Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen, waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden, und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen und auszufragen. Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der
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bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres 1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte für unmißverständliche Klarheit. Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz geheimdienstlich relevant war. Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer Häuser« nur zuträglich sein könne.

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Helga Rödiger 1981 Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B. konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen. Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K. ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte oder nicht. Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976 trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung
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waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich, daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie. Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als »Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte. Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz, ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

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7 Der deutschdeutsche Dschungel
Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Druck. Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten ausschloß. Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in diesen Jahren. Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten Rheinbund zu schaffen. Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch
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aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950 gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer Deutschlandpolitik. Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der »Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor. Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt. Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war. Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis, zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu
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deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem Interesse, Einfluß zu nehmen. Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein, der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle »Maler« stand. Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken. Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU, und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch
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gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der KPD beworben. Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete, daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten, daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren. Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte. Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb »Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SEDFührung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns zu blamieren. Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs« verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen
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Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in OstBerlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers
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Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage. D. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. Schäffer erklärte bei Müller. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden. Der Vizekanzler behauptete.« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- . daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon. Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht.Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a. Vincenz Müller. Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall. daß das Unglaubliche wahr geworden war. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken.

der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war. war es unmöglich. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen. um auf diese Mission vorbereitet zu sein. Wir waren also zu überrascht. Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. -162- . der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. was zu tun sei. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an. die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab. Am 5. Grotewohl entschied. solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen. schilderte ihm die Situation und fragte. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre.

die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte. Auf unseren Einwand. Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten. ohne selber konkrete Antworten geben zu können. Er verstehe aber. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs.Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren. Er war sichtlich enttäuscht. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. Voraussetzung für die Vereinigung sei. die er innenpolitisch machen wollte. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. das ließen auch die Pariser Verträge zu. noch bemerkenswerter. Er sagte. meinte er. Daraus könne man lernen. die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. so waren die Kompromisse. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. Gingen diese Vorstellungen. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten. entgegnete Schäffer. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen. Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe. sich an das Lager der USA zu binden. schon sehr weit. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären.

Es waren nicht allein nationale Motive. habe ich nicht alles gesagt. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte.« Über unsere Kanäle erfuhren wir. Sie demonstrierte. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen. Ich war bereit. Das wichtigste sei. Doch als ich die zwei jungen Männer sah. Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. Geheimverhandlungen zu führen. warum Adenauer. daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden. Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. aus dem er 1945 befreit worden war. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. Wichtiger noch schien ihm zu sein. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden.Vordergrund stellen. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. wenn auch widerstrebend. -164- . und darum will ich verhindern.« Auch dieser kleine. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte.

Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. auch bei Schaffen -165- . die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit. Schäffer betonte. Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. weil immer das Mißtrauen blieb. Es blieb zunächst dabei. weil das die Hallstein. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. Die Direktiven.Doktrin ausgehebelt hätte. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. waren vage. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an. gab es die Sprachregelung. Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. Am 20. die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden. daß die Kontakte doch bekannt würden. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß.Doch Schäffer gab nicht auf. daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien. die Scharte auszuwetzen. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). man habe über aktuelle Themen gesprochen. Für den Fall. und wir bemühten uns. zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. Professor Otto Rühle.

Er behauptet. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht. Sie belegten allerdings.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten. eine öffentliche Erklärung verfassen. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen. Bonn reagierte hektisch. Er ließ General Müller und Professor Rühle. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten.Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. »bei dem -166- . wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. Ulbricht erklärte. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben.

Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. Kanter. in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle. die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. Wir wußten nicht nur von Schäffer. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß. Hans Kapfinger. Deckname Fichtel. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . ist eine jener Episoden. Der Versuch des Vizekanzlers. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. Adolf Kanter. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse.

als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde. Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. Werner K. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- . Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. Es entbehrte nicht der Ironie. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. doch sein Ruf hatte Schaden genommen. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst. geschrieben.. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. K.. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. Daß es sich gelohnt hatte. Kanters Aufgabe war es. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte. Dr. Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanzund Wirtschaftsberatung. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte. die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. wußten wir spätestens 1974. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen. daß ein Mann. Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an. »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns.

wie er es nannte. Werner K. gerade auf dem Weg in die Wohnung. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. Schon um unsere Quelle zu schützen. was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden. das Material westdeutschen Medien zuzuspielen. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt. Dr. Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte. waren wir bis in die Details informiert. Er blieb. widerstanden wir der Versuchung. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume.Spenden des Flickkonzerns. Er -169- . Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in RheinlandPfalz aus. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte. war enttarnt worden..

In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich.stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war. Wir fürchteten. Unser Mann beim Verfassungsschutz. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde. Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich.. Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus.s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. Kanter mußte zum Verhör. dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Seinen Instrukteur K. Klaus Kuron. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden. -170- . weil sie natürlich K. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht.

Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. -171- . aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an. Paul Lauffer. hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. Der Entspannungspolitik hat er genützt. die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten.Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen. Ein Problem für uns war. daß man im Lager von Kohl. relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. Bei uns gab es Kommunisten. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. Das Bild. war zwar nicht immer schmeichelhaft. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. als es den Anschein haben mochte. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete. und das nicht nur. wenn es um Geld ging.

Ich beschloß. Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. wurde immer geringer. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. was er tat. Ich stimmte -172- . Wir rauchten. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. denn er konnte immer zu dem stehen. mit uns zu kooperieren. die wir ihm gaben. daß ich heute seinen Namen preisgebe. Den Resid enten in West-Berlin. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns. »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. der ihn führte. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. Andererseits wurde immer deutlicher. Die Tonbänder. Er verstand sich nicht als »Agent«. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. Angehörige des Ostbüros zu benennen. wird ihn in der Beschreibung erkennen. »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. und lehnte es kategorisch ab. daß er uns Probleme bereitete. Er weigerte sich. paßte ihm nicht.Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. doch seine Bereitschaft. Wer ihn erlebt hat. blieben unbesprochen. den er gerade dadurch bewies. ihn persönlich zu führen.

und verabredeten eine Vorfeier seines 50. Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. den er für einen Renegaten hielt. daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte. Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. Geburtstags zu zweit. -173- . den wir beide nie vergessen sollten. Statt die SED zu kritisieren.in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. Wir kamen überein. Es war ein herrlich sonniger Tag. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus. Die ungewöhnliche Praxis. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. und das war der XX. Er schien voller Verachtung für den Mann. der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. die auch mir viel gab. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung. der sich von der Rechten einwickeln lasse. uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen. Wir beschlossen. Ich glaube. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen. ging er nun mit der SPD ins Gericht. die keine Zeugen vertrugen.

Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten. An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. Mit klopfendem Herzen sah ich. Die Geschichte wurde nicht publik. Er drehte sich noch einmal um. wie er auf den Posten zuschwankte. hatte ich Mühe. der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. Ich versuchte. der belegte. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen. du und ich!« Ich befürchtete. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter. Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten. Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden. keinen Alkohol anzurühren. angewiesen. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch. ihm einzuschärfen. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. Wir wechselten zu Bier. als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten. fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. -174- .

Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf. um die Identität meiner -175- . Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke. die tausend Gläser zusammen zu leeren. Viel Gelegenheit. Raststätten. ließ sich unschwer errechnen. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert. die ganz wesentlich dazu beitrug. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. lebensfroh. Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht.und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. hatten wir allerdings nicht mehr. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen. wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren. Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter. abenteuerlustig. das Verhältnis der SEDFührung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen.So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung. wenn er es für richtig und wichtig hielt. über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. Er informierte mich. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. arbeitswütig. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte. Die Zeit der Ein. Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD.

tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. Wir fuhren auf die Transitautobahn.Quellen zu schützen. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten. Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. einmal so zu agieren. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten. Wie hielten an der ersten Tankstelle. daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. und die bringen nichts zustande. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. Ich wußte. von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. Das Warten wurde kurzweilig. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. -176- . Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. Alles war fast auf die Sekunde geplant. Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr. mußten wir uns abrupt verabschieden. wurden sie redselig. Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert. Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte.

Er hatte immer gemeint. Das Problem war nur. die wiederum reagierte. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. Ende der 60er Jahre. die harte Arbeit. daß wir dabei so routiniert wurden. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert. wenige Tage nach einem Treffen. die psychische Doppelbelastung als SPDPolitiker und HVA-Kundschafter. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. über Politik und das Leben an und für sich. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. Es blieb uns nichts anderes übrig. bis wir wieder auf der Autobahn waren. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten. »Freddy« schob sich. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. war die Angst. So trafen wir uns etliche Male. Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh. die Leidenschaft für Politik. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. sie würde seine Motive nicht verstehen. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs. Nur der kalte Sekt fehlte. so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. neben mich.Ich rutschte auf den Fahrersitz. Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . Eine der Belastungen. Ich gab ihm neue Instruktionen. Sein intensives Leben. Es dauerte nur Sekunden. so schnell es sein Bauch erlaubte.

als diese glauben. Sie schien nicht wirklich überrascht. aber geahnt hatte sie immer etwas.Anspruch hatten. »Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht. Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. alle -178- . daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen. warum wir ihr Geld schuldeten. der ihr behutsam erklärte.

Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie. die ihnen gefährlich erschienen. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. Es gab Partner. uns über innen. neudeutsch back channels genannt. Sie wußten. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten. als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren. und es gab jene. die nun in der DDR lebten. Fritz Erler und Heinz Kühn. -179- . die sich an unseren Dienst banden.und außenpolitische Tendenzen. zu informieren. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. Es gab rein politische Kontakte.Westdeutschen. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte. In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. und nutzten diesen Kanal bewußt. Natürlich war ihnen klar. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. was Konspiration war.

Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. aber für uns war es von großem Nutzen. als Wehrexperte der Partei zu fungieren. Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. Es hieß. der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien.Ein alter Freund Erlers. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. Das war natürlich nicht einfach für ihn. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland. sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen. Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen.

Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. Fast zwanzig Jahre. Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDRMinisterrats aus. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. bis zur Wende. der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte. weiß ich nicht. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPDFraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. Wienand reagierte aufgeschlossen. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. das wir von Wienand erarbeiteten. schien es uns erfolgversprechend. Die beiden trafen sich regelmäßig. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen. der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam. ihn direkt anzusprechen. Er bekam den Decknamen Streit. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte. Da Wienand im -181- . Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte.Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel.

Nun war uns aber zugetragen worden. als wir erfuhren. einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus. Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück. Wienand habe in einem langen. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. Völkel berichtete hinterher. der die Verbindung aufrechterhalten wollte. Es ist immer mißlich. Er war ein vorsichtiger Mann. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. Es wurde deshalb erwogen. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte.Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung. wenn zwei Dienste. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. auch wenn sie befreundet sind. wagten wir es. sich um dieselbe -182- . die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten.

sich an Wienand heranzumachen. Der KGB zog sich von »Streit« zurück. Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen. Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- .Quelle kümmern.

Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. daß er an einem Projekt beteiligt war. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. Geplant war Anfang der 80er Jahre. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. mein Minister hatte mich nicht informiert. ein alter Freund Wienands. informiert von den eigenen Quellen.Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen. mit Unterstützung Bonns und unter DDRBeteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. So erfuhr ich. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. ich sei einer Desinformation aufgesessen. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. Die Sowjets. Als ich Mielke zur Rede stellte. Ein anderer Grund war. dem sogenannten Züricher Modell. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte.

mit uns zu reden. wo sie sich anbieten.Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. als er Verteidigungsminister wurde. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. Geschäftsfreund. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. Ich erinnere mich. der sicherlich bereit sei. Das war Simon Goldenberg. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. sondern eher jemand. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel. der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. Karl Wienand war nicht der einzige. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen. Er ließ sie ruhen. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. Wienand ging dabei leer aus. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen. Als Strauß Atomminister wurde. Ich berichtete ihnen. der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß.

die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. Solche Erkenntnisse brachte der StraußKontakt. Er hatte dafür zu sorgen. sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. Zudem hoffte er. daß die Informationen. schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte.und Außenhandel. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten. die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren. an die er so gelangte. Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. -186- . wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging. arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten. wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt. Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor.März. Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den SchalckBerichten.

Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Der Zufall wollte es. doch das Bild täuscht. Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung.Franz Josef Strauß (links) und Alexander SchalckGolodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen. Ein Foto. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . aber auch eiskalten Mann erlebt. Es war also nicht weiter verwunderlich. sehr amüsanten. suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten. nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. daß die beiden sich verstanden. Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck. das uns beim Fischessen in Varna zeigt.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu. Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten, warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis. Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts, Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener Hospital und erklärte, daß er nicht i die DDR zurückkehren n werde. Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
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lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich. Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte, Goldenbergs Wünschen nachzugeben. Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte. Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft, wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten, konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden erst gar nicht verfolgt.

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8 Herbert Wehner
Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit dieser herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete, wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen. Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR, insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte. Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht. Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung. Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu
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verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann. Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft, verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der OstBerliner BZ am Abend. Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber offenbar das Risiko wert. Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des »Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich präsentierte. Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
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»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen Wotan geführt. Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956 zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPDSicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von der Bundeswehr besetzt werden könnten. Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische »Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand aufriefen. Es gab damals erhebliche Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne, vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte er also wissen, wovor er warnte. Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde. Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
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»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer Friedenspolitik im Osten zu suchen. Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit loszukaufen. Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung. Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch beobachtet, bereiteten diesen Weg vor. Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im
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sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete. Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März 1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe, deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die unser Apparat von ihm übernommen hatte. Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im PropagandaKrieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde, waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung leisten könnte. Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen
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interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten. Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das weitere Prozedere beraten. Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am 17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »WotanVerbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört. Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens. Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde. Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war
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also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben. Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß wir ihm zu Unrecht mißtrauten. Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten, der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten sie noch rechtzeitig schützen. Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein zwischen den Systemen Schwankender? Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns. Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.
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Um dem zu entgehen. sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. daß das ein Himmelfahrtskommando war. darunter Charlotte Bischoff. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. um dort die illegale Partei zu führen. deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte. Geschürt wurde es durch das. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. so Stahlmann. Er wußte natürlich. weil ich Genossen kannte. und das. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb. denen Menschen geopfert wurden. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. nach Deutschland zu gehen. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. die verhaftet und hingerichtet worden waren. Stahlmann erzählte. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. Auf Wehners -197- . die er nach Deutschland geschickt hatte. als er aus Moskau den Auftrag bekam. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. was ich von Richard Stahlmann erfuhr.Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert. obwohl er wußte. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf.

ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. Erst -198- . Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen. Das Material war dazu gedacht. wartete ich zehn Jahre. Auf Material aus Moskau. den ich für einen Verräter halten mußte. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte. dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte. falls so etwas politisch opportun sein sollte.

Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners f r das NKWD von Ende 1937. Die Gelegenheit. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. hätte Wehner wohl nicht überlebt. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . denn sie dokumentieren. in denen er ü viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo. ob man richten darf über das. was ein Mensch in Todesgefahr tut. als sie ohnedies schon wußten. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert. Die Versuchung war immer groß für unsere Seite. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. wohl wissend. Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. Ich frage mich. daß er zumindest subjektiv der Meinung war. Schließlich ist es nicht auszuschließen. durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. hatte sich schon 1955 ergeben. zumal sie sich aussichtsreich entwickelten. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument. also Folter und Tod. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung. wie viele Genossen.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. Denn die Weigerung. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten.

Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. zumal zu einer Zeit. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko.Außenministerkonferenz. in Genf unter anderem mit dem FDPGeneralsekretär Karl. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. Am Ende schlug er von sich aus vor. zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen. Es war nicht gerade eine Routineaufgabe. die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen. die er Girnus freimütig gab. -200- . daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf. Er war es. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. wenn bekanntgeworden wäre. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. Die Informationen. ob er bereit sei. und die Positionen. Uns gelang es. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. die er vertrat. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen.Hermann Flach Gespräche zu führen. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert. bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften.

« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. Spalter der -201- . Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden. rettete am Ende der Nachweis. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen. In der Hauptstadt der DDR. Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte. Wir wußten. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. lehnte er den Vorschlag ab. Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen. Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben. Wie ich erwartet hatte.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten. aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. dokumentierten sie doch. Ernst Wollweber. sondern mit Matern. wurde nach 1957 deutlich. wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war. denn er mußte fürchten. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte. Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. Über den Minister für Staatssicherheit. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute.

etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. die wir bekämpften. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten. zu denen wir nicht nur politische. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. Wir wußten über unsere Quellen. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- . bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen. Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. Für manche Sozialdemokraten. denn uns war klar. aber nie abgebrochen. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe. denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran. Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten.

zu denen engere Kontakte bestanden. denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Parteiund Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke. die forderten. um so intensiver wurden die Überlegungen. daß die SPD-Politiker. vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen.zusammenarbeiteten. Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen. war es eine schwere Belastung.

warum sein -204- . der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte. Heinz Volpert. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers. Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister. Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Das erklärt vielleicht. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität. Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. da sie zu risikoreich geworden w Von nun an kontrollierte Mielke die ar. Außer den drei Exemplaren für Honecker. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen.Pläne immer abgelehnt. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker. sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. Nicht nur offene. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. die an die sowjetischen Partner ging. Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand. Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt.

er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden. weil ich wieder einmal sah. Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt. Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde.abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Im Unterschied zu anderen KPDSpitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. Briefträger war Anwalt Vogel. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. wie sehr die Politik von Schwächen. an dem auch -205- . Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973.

-206- . traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot. denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. Er wählte selber das Gebäck aus. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. sondern auch sentimentaler Natur. Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene. Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. Wehner.Mischnick teilnahm. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest. Diese bevorzugte Behandlung in den DDRMedien war taktisch wenig klug. Eine neue Sprachregelung bestimmte. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. daß er nicht mehr als H.

Tagebucheintrag vom 15. 1980 (Transkription im Anhang) -207- . 4.

4. den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- . 1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch.Tagebucheintrag vom 16. der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war.

Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. Wieder einmal warnte er vor Brandt. in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren.Partei. sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. -209- . Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. beschloß das Politbüro im Januar 1974. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen. Um das sicherzustellen. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder. daß nicht Wehner. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden. Für mich war das eine absurde Vorstellung. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu.

8. 1981 (Transkription im Anhang) -210- .Tagebucheintrag vom 24.

1983 (Transkription im Anhang) -211- . 3.Tagebucheintrag vom 8.

Tagebucheintrag vom 8. einen »gefährlichen Ermunterungssog«. 3. Er fürchte. sagte er zu Vogel. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen SolidarnóscBewegung.

Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. ist das eine allzu platte Sicht. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt.« Sein Rat. Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen. sollte sich als zutreffend erweisen. Er bekannte. Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. desto besser«. Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen. Die Voraussage aber. »je eher. Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts. der kaum Beachtung fand. der Stärkere im politischen Spiel zu sein. das schönste Geschenk zu seinem 75. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie. daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. leider. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. Es ist eine halbe Minute vor zwölf. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. fand glücklicherweise kein Gehör. ja bisweilen des physischen Überlebens.« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn.

Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- . Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung. deren Konflikte sein Leben ausfüllten. Er tat dies oft auf seine Weise. Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten. zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten.Stalinzeit gezeichnet.

in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. Der israelischägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. Er war der Ansicht. seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. Das. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. So wenig sich die strategische Lage der DDR. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden. Israel zerstören zu wollen. Auswirkungen. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. Dies aber verleitete die Falken in der USAdministration zu gefährlichen Schlüssen. bedeute Krieg. so Breschnew. ließ aufhorchen. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte.9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen. daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. was Leonid Breschnew. Walt Whitman -215- . Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue.

daß es für die USA nicht nur möglich. Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. sondern geboten sei. In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus. Kaum waren sie abgeebbt. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen. was neue Unruhen auslöste.Rostow. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. -216- . verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt. Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. und dann werde man sich Europa zuwenden. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus. der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn.

hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher.Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. Februar. Am Jahrestag der Staatssicherheit. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las. die weit über das hinausgingen. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. so der Parlamentspräsident -217- . geäußert. denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. auf denen Dubcek sich bemühte. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen. stutzte ich. Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. um auf andere einzuwirken. genau wie die Studentenkrawalle. dem 8. die aus Warschau gemeldet wurden. doch Mielke war keineswegs zufrieden. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. worauf auch in der DDR viele warteten. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. was er propagierte. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten.

den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs. Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen. was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte. Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen.Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker. die -218- .

Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. Mielke besuchte. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor. nicht nur er sei der Auffassung. Dabei hatte er betont. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind.Mieczyslaw Rakowski. welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. der für die Aufklärung zuständig war. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . Szlachcic schilderte mir eingehend. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe. und hatte erklärt. in der Bundesrepublik geführt hatte. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen. als offiziell behauptet worden war. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt. Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic.

In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. Am 8. Er sagte. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei. Das hielt ich für absurd. Juli holte Houska mich an der Grenze ab. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten. Für September werde ein Parteitag vorbereitet. Der wahre Sachverhalt sah so aus. gewählt würden.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen. Salgovic -220- . die Mehrheit. Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. meist Intellektuelle. ja geradezu kindisch. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus. die sich selbst als Progressive bezeichneten. zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren. im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden. der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden.und Staatsführung in den düstersten Farben. ob man annehmen müsse.

Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall. Salgovic ging nach Bulgarien.und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. wie ich sie damals erlebte. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. was von unserer Seite aus getan werden könne. Am 19. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden. der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte. Er sagte. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert. die alle »Konservativen« denunzierte. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne. lag hie wie da an den gleichen Ursachen. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. Auf meine Frage. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. Viele fühlten sich so bedroht. von meinem -221- .« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten.

konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten. in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. den Zusammenhang zu erraten. Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSRReformkurs.Besuch informiert war. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen. Offenherzigkeit und -222- . die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten. fiel es mir nicht allzu schwer. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde.

Der Einmarsch in die n Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen. weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei. Als ich im Ferienhaus ankam. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. Am 17. sah ganz danach aus. Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. die mich zu ihm brachten. als habe man sich geeinigt. was drei Tage später geschehen würde. Um 2. Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. Für den 3. und das. Am 21. die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. hastig eingezogen.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war.00 Uhr morgens i Ahlbeck ab. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. -223- . August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen. um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden. Er vermutete. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. Er sagte mir. er müsse sofort nach Berlin zurück.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung.

Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens. keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. daß sie bis zur Nacht vom 20. auf den 21. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen.Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke. Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert. Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- . Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil. den Marschbefehl zu geben. Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. Die Atmosphäre war entspannt. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. Andropow hörte ihm höflich zu. Mielke hatte ihn darum gebeten.

Ich glaube auch. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. Dennoch hat er sich bemüht. Ich glaube. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. Im übrigen wären wir gut beraten. in der inneren Entwicklung unserer Staaten. was in der CSSR geschehen ist.militärisch einzugreifen. auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist.« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. Es war keine angenehme Wahl.« Es verschlug uns fast die Sprache. die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren. hatte Andropow dafür plädiert. die Kontakte zu westdeutschen Politikern. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. in der kommunistischen Bewegung. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. daß es unabdingbar ist. bei uns selbst zu suchen. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück. die Gründe für das. auf die Gefahr hin. aber noch ungewohnter war sein Appell. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen. unseren Ruf zu schädigen. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- . weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte.

zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein. zwischen Parteien zu wählen. vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung.Chance vertan worden. Solche Erwartungen ignorierten völlig. jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen. haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt. wie die USA auf den 17. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten. sie glaubten. und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA. die Möglichkeit. zwischen Plan. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. Juni 1953. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen. haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- . ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen. Sie spürten. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. Die Männer. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet.und Marktwirtschaft.

aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist. nicht die Verständigung. zu reduzieren oder auszuklammern. geht es nicht so einfach. daß man Züge zurücknimmt -227- . Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. die nach 1989 oft gestellt wurde. daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. Dann kommt es so wie in der CSSR. sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen. Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ostund Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. Die Geschichte ist kein Schachspiel. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. Dies jedoch hätte vorausgesetzt.notiert: »Über Polen. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren.

so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime. von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden. Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das. bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«. die Ergebnisse zeitigen könne. -228- . was sie gewollt hatten. Viele Bürgerrechtler. die niemand vorauszusehen vermag. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt. die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen. Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten.und andere Varianten durchspielt.

Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Die Wege waren noch verschlungen. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Deckname Günter. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- .10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. Am Abend des 21. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Ulbricht bot in dem Schreiben an. Behinderung des Transitverkehrs. Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. militärische Übungen. und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden. Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in WestBerlin stattfinden. Herbert Wehner. Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. dem er den Brief brachte. Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag.

2. Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten. 1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- .Mielke. Tagebucheintrag vom 27.

wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. Brandt blieb nichts anderes übrig. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert. sondern gab die Nachricht an den CDUKanzler Kiesinger weiter. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. Heinz Felfe. aus dem Spiel lassen. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. Er war 1959 -231- . Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn. daß man an Verhandlungen interessiert sei. Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war. um zu demonstrieren. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. gemeint waren die von der CDU. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz.

geworben worden. Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein. Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen. Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern. seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen. verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. Er bereitete den -232- . zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen. sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. Seine unkonventionelle Art.

das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen. die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. -233- . denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht. der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach. Er galt als jemand. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen. wurde publik. aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. Wir versuchten zwar. Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. Erst durch Dokumente. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS.

Hermann von Berg 1986

Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD. Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel vorbereiten. Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und
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machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche Positionen in Regierung und Parlament anzustreben. So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten »Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen aufzubauen. In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine Strategie erfolgreich. »Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDRBürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir »Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit getan. 1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
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falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant. Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen. Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu diesem verzauberten Refugium gebracht. Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten, schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland, besonders in Sibirien, kennengelernt habe. In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit »Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot gebracht. Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
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mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter Wolf war der General der Staatssicherheit geworden. Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend seinen eigenen, menschlichen Klang. Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt. Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre, als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius« hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler wurde. In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
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Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch, konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte über die Treffen schließlich Aktenbände füllten. Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können. Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn, Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände, zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der 60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können. Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen
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Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet. Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan, Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen registriert. Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann. Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners zuwachsen ließ. In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber, wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen in der DDR machte sich breit. Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten
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Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD überhaupt nicht oder nur oberflächlich. Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil. Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf diese Weise immer auf dem laufenden. Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr. Noch lückenloser informiert waren wir über die Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRDMission in Warschau wurden wir mit allen Informationen versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an
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die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns »Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war, interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders. Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer vertraglichen Vereinbarung zu kommen. Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der UdSSR gegenüber der BRD. Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung. Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um
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weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD. Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen. Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und ohne Prinzipienreiterei herangehe. Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen. Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

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Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags.Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. von links. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. -243- . Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente. um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte. Nur Insider ahnten damals schon. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. Ganz anders Honecker. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte. der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. warnte Honecker. Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen.

Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. dem Erfurter Hof. die Absperrungen durchbrachen und »Willy. daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. bekam. Hermann von Berg.Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten. Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln. März 1970 in Erfurt stattfand. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- . Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. Als das Treffen am 19. Willy!« riefen. Trotz aller Vorsorge kam es dazu. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar. Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen.

Es war klar. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. daß sie nicht Willi Stoph meinten. Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«. -245- . Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. Selbst der Hinweis. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. Der Kanzler war sichtlich bewegt. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht.oder Theaterbesucher spielen. In meinem Tagebuch notierte ich. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. sondern mußten auch Passanten. Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21. Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. Museums. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Da die Gespräche in Kassel stattfanden.

und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause. Conrad Ahlers. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. außenpolitisch wegen der Verbündeten.« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten. und wegen der Haltung der DDR. die Anerkennung kommt. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen. daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. besonders der USA. die Gespräche fortzuführen. aber wir können noch nicht. Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. weil Ausschreitungen befürchtet wurden. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien.Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- .

Ulbricht. Erich. meinten sie. Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war. ohne uns gibt es keine DDR.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen. Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau. Ich verspürte wenig Lust. »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. Das erlebte ich. vergiß das nie. mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. Sie rechneten damit. um die Vereinbarung zu unterzeichnen. Wenn man sich darauf einließe. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. Vorsichtig hatte er begonnen.den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt. mir den Urlaub mit solchen -247- . ja die Existenz der DDR bedroht. sei die Sicherheit. Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. und er traute ihnen eher als den Papieren. Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts.

Aus seiner Umgebung erfuhr ich. groß aufgemacht. Honecker. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt. Ulbricht. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war. einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen. Ich sagte nur zu Paul Markowski. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. daneben. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. Mir fiel auf. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen. -248- . daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. Die Irritation hielt aber nicht lange an. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags. dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch. daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. August sah ich früh in die Prawda. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre.« Am 13. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. folgte der Bewertung meines Dienstes. konnte auf die Protektion nun verzichten. Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte.Diskussionen zu verderben. Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik.

Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente. Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten.Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. und er begann. »Herta«. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei. daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. vor allem mit dem Springer-Konzern. Er glaubte unserer Einschätzung. Berger. Wolfgang Berger sei. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht. Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx. Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. Mit großem Interesse -249- . informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. Berater in Wirtschaftsfragen. Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. verbunden mit Meinungsmache.

In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. die mein Dienst beschafft hatte. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. Ich glaubte damals. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. Da Ulbricht sich aber nicht traute. Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war. Er hatte ein -250- .verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. Honecker reiste ebenfalls nach Moskau. Es ging ihm dabei nur darum. die ihm kaum jemand zugetraut hatte. Mielke erklärte. Breschnew bestärkte ihn in dem Plan. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren. Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. um mit Andropow zu konferieren. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten. aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Iwan Fadejkin.

weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte. Er sollte entmachtet werden. zu einem -251- . Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel. Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln. Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Aber die Umstände waren dramatischer. Soweit war es also schon gekommen. ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren. Auf dem VIII. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren.

Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- . Anfänglich sah es in der Wirtschafts. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. forderte sie sogar heraus. hatten keine Chance. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. mit der er den Sturz betrieben hatte. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte. Honecker schien also entschlossen. Soweit kam es nicht.und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. Verbittert sprach der alte Mann. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. Er ordnete an. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen. Auch er sprach danach von einem Putsch. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. Schon vor der Eröffnung des VIII. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros. von einem Putsch Honeckers und Mielkes. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. die es immer wieder gab. er ließ andere Meinungen gelten. seinen Ziehvater festzusetzen. seiner ehedem engsten Vertrauten.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. Reformideen. Er hoffte noch. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können.

Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln. weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben. daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe.und innenpolitische Hürden zu überwinden. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. Es gab gewaltige außen. die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten.worden. bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte. Auch ich muß mich dieser Frage stellen.

Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern. daß zwei Mitglieder des Politbüros. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- . Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das BerlinAbkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen.verschiedene geheime Manöver. In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von WestBerlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin. Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt. die sich in Paris aufhielten. die Wende gar nicht mitbekamen und i mer noch der alten Sprachregelung in der m Berlin-Frage folgten. Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. zum Beispiel auf den Transitwegen.

insbesondere Strauß und Marx. auch in der eigenen Fraktion. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe. um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. Unsere Quellen meldeten. die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken. Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. vielfältige Aktivitäten entfalteten. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. Dazu notierte ich am 11. die Seite gewechselt hatten. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. -255- .entscheidend zu verändern. Vertreter der Landsmannschaften. daß CDU und CSU.« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los. Wir erhielten sichere Informationen. Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten. daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst. mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. denen man zustimmen muß.

Als dann das Ergebnis verkündet wurde. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten. fehlten ihr wider -256- . mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. Später behauptete Steiner. Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. Der Sachverhalt wurde nie geklärt.Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach. Honecker. die Verträge hätten epochale Bedeutung. April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. fünfundzwanzig Jahre sicherten. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. Spangenberg. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. bekannt. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr. die gegen Brandt abstimmen würden. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein. um die Verträge zu retten. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung. setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus BadenWürttemberg. Schütz. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. vom Saulus zum Paulus gewandelt. um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen.

Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt. war Europa politisch verändert. Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. -257- . Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. August 1973 starb. Die Regierungsfraktionen jubelten. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. der dem Votum vorausgegangen war. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge. Noch ahnte ich allerdings nicht. die Fassungslosigkeit Rainer Barzels. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. Geburtstag am 1. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. den Sturz Brandts zu verhindern. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. daß neun Monate später geschehen würde. Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde.Erwarten zwei Stimmen. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß.

das für engere Kontakte zum Parlament. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. Kirchen und Behörden zuständig war. damit hätten wir nie gerechnet. Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt. wenn sie in Bonn vorstellig wurden. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. Niemand konnte ahnen. was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren. den Weg ins Kanzleramt finden würde. Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf. nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt. zu Verbänden. Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. Deckname Hansen. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen.11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. doch daß Guillaume.

die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen. stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen. Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung. Das Ehepaar war von uns beauftragt. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. als uns recht sein konnte. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. eine Holländerin. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. Da Christels Mutter. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten. waren DDR-259- . blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. höher. nicht wissen. Womit wir nicht gerechnet hatten. Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPDUnterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. und so schien es am zweckdienlichsten.Bundesrepublik gegangen. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. Mitglied des Parteivorstands.

was zur Folge hatte. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. der nachmalige Leiter des BND. Es war daher nicht weiter verwunderlich. der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. die bestanden. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber. Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. den unser Mann ihm verschaffte. Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. Seine Warnung verhallte ungehört. hätten erhärten lassen. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen. um wahr zu sein. ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente.Besuche der Familie nicht länger ratsam. ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich. sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. daß man auch -260- . wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will.

Oft hat man die Frage gestellt. wenn es um Themen ging. Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. und er hatte gewichtige Förderer. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten. daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. Brandts Politik zu durchschauen. erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. wie Guillaume es war. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen. eine Politik. Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt. möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. die uns über -261- . daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten. war er niemals befaßt. Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden.Guillaume vertraute. So kam es. die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität.

Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. verstand er es. und es ist keine Übertreibung. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten. 1970 wurde Guillaume damit betraut. wenn ich sage. wie er war.unsere anderen Quellen erreichten. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. Die BNDLeute gewöhnten sich schnell daran. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung. daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte. Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. -262- . Kontaktfreudig und fleißig. Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat. indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen.

-263- . wenngleich er nicht beauftragt war. die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen. der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. die Guillaume kannten. Die Wahlen von 1972. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte. wo er als erschöpfter. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg. Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes.Peter Reuschenbach.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor. Der Vorschlag wurde angenommen. ist wohl kaum verwunderlich. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. erfuhr er Wichtigeres. Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war. Ab dem 1. aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. Als kaum beachteter. stiller Zuhörer vieler Gespräche.

Als wäre nichts gewesen. aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält. verhaftet. in Kontakt zu kommen. die bislang harmlos erschienen waren. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. allerdings nicht mehr sehr lange. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. daß Leute. war. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. Was ich nicht wissen konnte. das bleibt bis heute ein Geheimnis.Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. miteinander in Beziehung brachte. es gibt Fernsehaufnahmen. wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. es unweigerlich fertigbringen. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. die zwar nicht wissenschaftlich.

daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten. und aus dem. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen.mit ihren Kindern Ausflüge. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig. den Richard Nixon am 3. in denen er sie davor gewarnt hatte. Das erste war ein Brief. die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. die sich übergangen fühlten. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- . in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen. insbesondere die Franzosen. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. der Brandt riet. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ. konnten wir entnehmen. und in denen die Amerikaner erklärt hatten. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. die Franzosen dazu zu bewegen. die Charta zu unterzeichnen. aus den Dokumenten war zu erfahren.

In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln. damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte. die Feuer legten. gab dieser vor. daß er sie erst abtippen müsse. um es dann mit großer Geste löschen zu können. Niemand kam auf die Idee. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab. nach dem Verbleib des Originals zu fragen. sie sei so unleserlich.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig.

wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war. um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. Sie ließen erkennen. gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten. die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. (…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. wenn er dort schreibt. (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern. daß die -267- . Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. Sie zeigten. wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich.

Guillaume bestätigte diese Version. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen. weder in Bonn noch später in Köln. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden. den Eindruck zu vermeiden. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. daß -268- . die er von den Dokumenten angefertigt hatte. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet. nie erhielten. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. nicht loswerden. da ich es einstweilen für geraten hielt. Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. und ich schwieg. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne. Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt.Kopien. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz. Anfangs dachten wir. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere. Der Grund dafür ist. die Verfolger abzuschüttel. die Papiere seien zu uns gelangt. die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. daß man sie und »Anita« beschattete. die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. sie sehe die berühmten weißen Mäuse. die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck.

Hierzu muß ich erläutern. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren. Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf. bis wir erfuhren. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. die Telegramme an -269- . sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. um nicht zu vergessen. Besonders verhängnisvoll war. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. daß er Gronau ans Herz legen sollte. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte. wenn man die Wahrheit sagt. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte. sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht.

und Neujahrsglückwünsche. und in der Hoffnung. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. begann. Kompliziert wird die Geschichte dadurch. wenn wir geahnt hätten. der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. waren die Geburtstags. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten. Anders läßt sich nämlich nicht erklären. die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. Von da an war alles klar. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume. der einen Agenten betraf. um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. wieso zwischen dem mehr als -270- . der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war. wie man weiter vorgehen wollte. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen. Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. dessen Name offenbar mit G. an einen dieser Vorgänge. Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. Es blieb nur die Frage. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden.

um den Kanzler zu schützen. dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. Bericht erstattete. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. was sie gesagt haben wollen. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen. Da er und sein Protektor -271- . Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen.begründeten Verdacht. Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. Am 29. muß er sich so vage ausgedrückt haben. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt. daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen.

Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen. dem Oppositionsführer. daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. doch andere hatten sie munter brennen lassen. und es bleibt mir ein Rätsel. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte. Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt. in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen. ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. wie Genscher so etwas zulassen konnte. da nur so das Jahr Observation -272- . Die zwielichtige Rolle. statt das Feuer im Keim zu ersticken. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. war diesem zweifellos bewußt. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen. das ist zweifellos wahr. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. Wir hatten die Lunte gelegt. Angenommen jedoch. es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag.Wehner mittlerweile verstorben sind. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf.

was zu tun ratsam wäre. wiesen wir sie und ihren Mann an. Nachdem Christel uns berichtet hatte.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. Ein Bonner Ehepaar. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. bevor man sie heimlich. hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion. Und so kam es zu dem Kompromiß. Zur Aufnahme -273- . daß sie von A bis Z erfunden ist. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. still und leise umgehend aus der Haft entließ. Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. und das erklärte in unseren Augen. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. inzwischen Verteidigungsminister. den Rückzug in die DDR anzutreten. und wir schlugen dem Ehepaar vor. Dafür aber sahen beide keinen Grund. und ein West-Berliner Zahnarzt. daß wir beschlossen. daß man sie observierte. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. Georg Leber.

daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten. den man bei Agenten für angemessen halten würde. Das hätte er nicht tun dürfen. halte ich für wenig wahrscheinlich. zumindest bis zum Herbst des Jahres. was ich aus Vorsicht ablehnte. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen. allerdings nicht in dem Stil. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien. traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. Noch verstörender war die Meldung. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. April 1974 verhaftet worden waren. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. um ihm -274- . daß Christel und Günter Guillaume am 24. und dort fiel ihm auf. Als die Polizei läutete. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. Die Meldung. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. entschied er sich dafür. nach Bonn weiterzufahren. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte. weihte ich den Minister ein.

zu verlangen. zu seinen unbedachten Worten. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. Auf diese Weise lag die -275- . daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte. der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. einen so fatalen Schritt zu tun. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. Er hatte immer darunter gelitten. traute ich meinen Sinnen nicht. daß man festgenommen wird. Das war ein unverzeihlicher Fehler. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. was ihn dazu bewegt hatte. soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam. ihn zu fragen. sondern nur die Fassade. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. die für die Bundesrepublik bestimmt war. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult. Er sagte. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. den er über alles liebte. Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. Wir schärften ihnen ein.den Haftbefehl vorzulesen. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. und dieser hatte abgewinkt. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. nichts als Name. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber.

1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt.Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik. 4. -276- . Da er schwieg. Tagebucheintrag vom 25.

Innenminister Genscher zu informieren. doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden. den Leiter des Bundeskriminalamts. Wenn es überhaupt möglich ist. noch von Frankreich aus zu fliehen. warum ich es unterließ. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien. Sollten Sie fragen.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt. daß er keine weiteren Aussagen machen werde. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte.« Er hatte seine Fehler eingesehen.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. veranlaßten. Sagt er aber nichts. die Horst Herold. um damit die Haftdauer zu verkürzen. sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. Informationen preiszugeben. gab er eine Erklärung zu Protokoll. dann hat die Regierung der DDR. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. Nicht durch Guillaume also. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. ein Mittel. so kann ich nur antworten. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft.

den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. recht früh zu machen. -278- . Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich. denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon. die Fehler. machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen. aus denen man lernen kann. war anderer Natur. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten. Statt den Kanzle r zu schützen. obwohl wir wußten. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. Der unverzeihliche Fehler.« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht. Niemals hätten wir uns vorstellen können. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte.« Dem ist nichts hinzuzufügen.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war. daß sie entschlüsselt worden waren. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren.

Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. denn dort hatte er eine Freundin. während wir uns den Kopf zerbrachen. Der -279- .Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. und dort brachten wir Pierre unter. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften. aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. als ich erfuhr. ihre Ausreise zu genehmigen. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. er wolle nach Bonn zurück. nur um Pierre zu betreuen. als brauchten wir eine eigene Abteilung. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. Das war aber nicht so einfach. Uns blieb nur. Bei jedem Gefängnisbesuch. und wir wollten schon erleichtert aufatmen. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. die sich finden ließen. Seine nächste Freundin war die T ochter eines Offiziers aus meinem Dienst. wie man meinen könnte. auf den die DDR stolz sein konnte. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule. auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden. den er seinem Vater abstattete. Manchmal hatte ich fast den Eindruck. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Günters Enttäuschung war sehr tief. in denen er mich inständig bat.

daß der Mann. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. um ihn zu begrüßen. den ich in die Arme schloß. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte. als jeder wußte. den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. Alle unsere Hoffnungen. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden. und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. und für einen Augenblick war die schwere Krise. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. in die ihre Ehe schon -280- . doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. die Sowjetunion war nicht bereit. wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. Auch Christel war gekommen. wenn man etwas für sie täte. doch ich spürte. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. im Tausch den CIAAgenten Hunt freizugeben. Ruth und Norbert Moser.Fall wurde zu einer heißen Kartoffel. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. Im März 1981 war es dann endlich soweit. erwiesen sich als trügerisch. innerlich noch derselbe war. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte. Und am 1. um seinen Auftrag zu erfüllen. Fidel Castro weigerte sich. nun mußte er handeln.

bevor die kurze Totenfeier begann. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten. Die beiden kamen sich menschlich näher. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. öffnete sich die Tür. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land. In letzter Minute. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. denn ich wußte. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte. Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus. Ich hatte gehofft. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. daß Guillaume als Belohnung für alles. sie umzustimmen. wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. Aber er war zu lange aus dem Geschäft. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen. sondern Guillaumes zweite Frau Elke. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete.« Da Guillaumes Nieren. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. denn ich konnte mir denken. was er durchgemacht hatte. -281- .geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte. wie vergessen. doch es war keiner der beiden.

Christel Guillaume. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen. Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein. Ich wiederhole deshalb. Ich war und bin fest davon überzeugt. Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6. Mai 1974 war. ihm den Rücktritt nahezulegen. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. dem -282- . die wir bis dahin erlitten hatten. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund. Herbert Wehner. Erich Honecker. Günter Guillaume. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. das aus ihm selbst.Von links nach rechts: Autor.

Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. -283- . doch unklar muß bleiben. (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst. ihn zu stürzen. steht außer Frage. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. dem Finanzminister. und Helmut Schmidt. wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien. Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione. bestand. die man auf ihn ansetzte. zu unterstellen. Das beweist. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner. Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte.Einpeitscher der Parteidisziplin. Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…). der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf. wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm.

Tagebucheintrag vom 6. 5. 1974 (Transkription im Anbang) -284- .

das er für -285- . 1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein. 5.Tagebucheintrag vom 6.

um zu wissen. Helmut Schmidt. Er erklärte Brandt. -286- . Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. Außerdem versuchte er ihm einzureden. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. der die Situation ausnutzte. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. daß es nie geschehen wäre. daß man daran denken kann.einen Staatsmann unpassend fand. die sich aufführten. publik machen sollte. was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte. es werde zu einem Skandal kommen. aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert. falls Guillaume das. den es längst nach Brandts Position gelüstete. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. Als Guillaume enttarnt wurde. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. den Rücktritt anzubieten. war Wehner der erste. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. die DDR-Regierung könne versuchen. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen. als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West.

wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an. er meinte. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde. am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt. Politiker wie Geheimdienstler – wissen. kann ich nur staunen.BrandtStraße umgetauft. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren. daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. ohne ihn naß zu machen. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. -287- . Verlangt wurde. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach.

Tagebucheintrag vom 7. 1974 (Transkription im Anhang) -288- . 5.

1974 (Transkription im Anhang) -289- . 5.Tagebucheintrag vom 8.

mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. das Werben und Überwerben von Agenten. stets effektiver als die des Westens. Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. wie ich meine. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. weil die Strafen. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität. daß man für eine bessere Welt arbeitete. Aus diesem Grund waren unsere Dienste. Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. zu den demoralisierendsten Niederlagen. derart drakonisch gewesen seien. das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen.12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- . der Glaube daran. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei. Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird. die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat.

und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. konnte ich oft nur schwer begreifen. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war. So erkläre ich mir den Umstand. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. der ermöglichte. ein abenteuerliches Leben zu führen. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen. Es war wohl kaum anzunehmen. waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. logischem Denken eingebüßt hatten. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. Geld und Prestige. Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. die sie betreuten. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten. eine -291- . Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden.

daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. sogar bei Agenten. durften nicht wieder einreisen. die sich in Urlaub befanden. Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie. Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste. in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. Und wenn das Unglück es will. andere. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. die sich ergab.Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. Apparat und Leitung können wochen-. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. In dem Augenblick aber. neue Agenten zu gewinnen. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. wenn nicht geradezu paralysiert werden.

die wir teilten. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. Mein Unbehagen. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. tut dann wenig zur Sache. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. als den Sachverhalt -293- . weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. für den BND tätig zu werden. grenzte an Verärgerung. wo uns niemand belauschen konnte. daß zu viele Personen eingeweiht werden. Ich besuchte ihn wie vereinbart. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. gewissermaßen ganz privat. Die Liebe zur Jagd. so daß man kein Hellseher sein mußte. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr. zu argwöhnen. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten.Zusammenhang ist die Schwierigkeit. daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. zuständig für die Bundesrepublik. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte.

dem Ort. Am 19. die wir ihm stellten. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. Januar 1979. Im übrigen haben wir nicht erfahren. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt. auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen. Geburtstag. Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten.darzulegen und zu erläutern. und Walter Glassei. die CDU zu infiltrieren. doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. beigebracht worden. befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle. die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. Nach dem ersten Verrat. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . eine zentrale Figur in unserem Bemühen. So naiv war ich nie. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. meinem 56. der heute wieder Chemnitz heißt.

Wie wir herausfanden. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal. Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen. Chemie und Bakteriologie. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. sich seelisch darauf vorzubereiten. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art. die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren. Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. Außerdem waren Ordner mit Befehlen. war der Ausweis am Abend des 18. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung. niemand anders als er gewesen war. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. -295- . der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit.30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. Januar gegen 21. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten. Das war zwar nicht für mich.

als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt. Einem Hamburger Ehepaar. verdankte er dem eigenen Handeln. gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. und den Schaden. dieser wohne zwei Stockwerke höher. all jene zu warnen. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte. nicht dem BND. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. realistisch abzuschätzen. -296- . Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann. den er angerichtet haben mochte. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. Seine konspirative Wohnung.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. Unterdessen waren wir damit beschäftigt. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. Er gelangte unbehelligt in die DDR. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. war bereits eingekreist gewesen.

beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie. uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen. der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten. die dafür zuständig war. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen. war in den 50er Jahren eingerichtet worden. beispielsweise in der Mikroelektronik. Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. auf wenige Vorzeigeunternehmungen.Tec. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. SWT. aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. Vornehmlich in diesem Zweig der High. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte.Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. Zunächst war es eine Miniabteilung. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten.

besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben. die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten. vorgelegt. Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. Es war ihr gelungen. Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus. Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden. in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete. daran gab es nichts zu rütteln. Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPDPolitiker Dr. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten. und Stiller hatte mich -298- . wie ich aussehe. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. denn niemand dort hatte gewußt. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik.

3. wie ich später erfuhr. Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5.identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- .

dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker. ob man in Pullach wußte. war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht. und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. Für mich selbst war es wenig erheblich. da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist. Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. wie ich aussah. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. verhielt es sich dabei wie so oft. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. besagter »Wieland«. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. und man verurteilte ihn. das weidlich ausgeschlachtet wurde. ohne ein solcher gewesen zu sein. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk. Joachim Moitzheim. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde.Stiller zur Folge.

wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten. Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten. Nachdem er von uns beauftragt worden war. war jedoch. daß »Kluge« Klaus Kurons. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. darf ich verraten. »Wieland« -301- . hatte es dann aber für klüger gehalten. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. Aus Furcht sagte er zu. stets mehr als zugeknöpft gab. nichts Eiligeres zu tun hatte. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. sie zu begleiten. Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. Was sie nicht bedachten. was letzteres betraf. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. wiesen sich als VerfassungsschutzBeamte aus und forderten ihn auf. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen. Der Verfassungsschützer. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«.

Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen. zuständig für die westlichen Dienste. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. Als -302- . Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon. die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten. und ein Zwanzigmarkschein. »Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt. unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien. für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. der Äußeren Abwehr. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. daß man. daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. So war es um die überaus harmonische. Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen.

fällten wir nicht gerade leichten Herzens. daß die Schrift die gleiche war. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. Was. Allein die Entscheidung. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen. Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- . doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren. Stolpersteine in den Weg legte.Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. seine Ambitionen wurden frustriert. Es bestand kein Zweifel. denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. in Wirklichkeit aber allen. verabredet hatte. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen. leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. daß Kuron es ernst meinte. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. Klaus Kuron.

Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Die Neugier überwog die Vorsicht. das er besaß. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren. seinem fachlichen Können. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. war ihm eindeutig bewußt. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. seinem Gruppenleiter. was er zu tun im Begriff stand. Um seine Bedenken auszuräumen. Das große Risiko dessen. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten. -304- . daß wir darüber längst im Bilde waren. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu. Letzten Endes. das er dem Meistbietenden verkaufte. sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. so sagte er. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. ja als Demütigung. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. Tiedge. fühlte er sich weit überlegen.

zu erkennen und zu schätzen wußte. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . Eine wichtige Bedingung. da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. auf die er uns aufmerksam machte. strafrechtlich nichts unternehmen durften. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. mit der bei uns gearbeitet wurde. den sogenannten heißen Draht. war die. ein Star. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte. daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten. weil er als Profi die Professionalität. die er stellte. daß die Informationen über das Telefon. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. Da er wirklich etwas ganz Besonderes war.Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug.

Ein Verfassungsschutzbeamter. weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. Treffen durften nur bei tiefster -306- .Namen Stern. Seinen Klarnamen nannte er nie. Ich erkannte schnell. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß. Klaus Kuron war der bei weitem größte. daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. Erleichtert sah ich. Politisch war er in der CDU beheimatet. den wir unter dem Decknamen Gräber führten. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr. vor allem. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte. der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte. suchte den Kontakt zu uns. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen. als sie feststellte. aber beileibe nicht der einzige Fisch. den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war.

die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. -307- . ihn zu identifizieren. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. welches Wetter herrschte. der für Doppelagenten zuständig war. die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. von ihm erfuhren wir. sie ins Lächerliche zu ziehen. wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte.Dunkelheit stattfinden. die Seiten zu wechseln. Stiller notfalls zu entführen. Wir verzichteten auf das Angebot. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. seine Identität zu klären. Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. Jedesmal. unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. wenn wir Vermutungen äußerten. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Er sei bereit. Mitte 1985. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte. Es gelang uns nie. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. vorausgesetzt. versuchte er. egal. beschlossen. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden. und zwar stets in irgendwelchen Parks. Aber er leistete uns wichtige Dienste.

Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt. daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren. denn er konnte ja nicht ahnen. erstattete ich Mielke Bericht. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten. stand außer Frage. uns geheimste Dinge zu verraten. nannte seinen Klar. daß Kuron bereits für uns arbeitete. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. doch nicht nur die Regenbogenpresse. ließ Mielke später verlauten. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. Daß er kein Kommunist war. sich abzusetzen.Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte. Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage. Schwierigkeiten in der Behörde. Tiedge war selbstverständlich der Meinung. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen. Und ich muß einräumen.und seinen Tarnnamen. was den Effekt hatte.und Dienstpapieren aus. Tiedge wies sich mit Personal. was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- . denn sein Übertritt war wohlüberlegt. zerrüttete Familienverhältnisse.

-309- . Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen. bemühten wir uns als erstes. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war. sondern Bücher über Geschichte. und es dauerte nicht allzu lange. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. die er heiratete. Dennoch verstand er es. die er an der Humboldt-Universität einreichte. Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. ihn wieder auf die Beine zu bekommen. Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. Er mußte abnehmen und Sport treiben. bis er an einer juristischen Dissertation saß. Geologie und Kunst.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. sich den Lebensumständen anzupassen. als wir gedacht hätten.

Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. warteten wir ab. Er hatte die unglückselige Idee gehabt. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten. Eingedenk der Zusage. und die Bundesrepublik traf keine Anstalten. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen. daß das Ehepaar festgenommen wurde. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. die wir Kuron gemacht hatten. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. So erfuhren wir von Kuron. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. daß zwei unserer Mitarbeiter. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. und so kam es. Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde. Ohne die Vereinigung abzuwarten. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen. war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen. Menschlich endete dieser Fall tragisch.Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. in -310- . Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. daß »Günter« beabsichtigte. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt.

daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. denn es war nicht zum Verrat gekommen. fand eine gründliche Untersuchung statt. der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren. Im nachhinein erwies sich. das keine abschreckende Wirkung haben konnte. und es stellte sich heraus. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. denn es wurde nicht bekanntgegeben. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur KarlChristoph Großmann sein. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. Unverständlich war dieses Urteil. Kuron hatte nie verhehlt. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. sondern uns damit begnügten. wie recht er damit gehabt hatte. Lange Zeit hatte er es verstanden. Wer der Denunziant war. warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. kam es zum Eklat. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. Die -311- . um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. war juristisch nicht zu rechtfertigen. daß er befürchtete. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren.

wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen. Die Vergleiche. er hatte allein mit den Hinweisen. zwei Herren zugleich zu dienen. wenn der Wind sich gedreht hat. manche zahlen einen zu hohen Preis. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. dem Wissen. und auf die Frage.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. und sie. Ich bin mir dessen bewußt. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein. wie es ihm möglich gewesen sei. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. Manche Verräter kassieren ihren Preis. solange es seiner Karriere dient. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- . die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. Kuron nahm das Urteil stoisch auf. der Menschen ausnutzt. daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt. die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß. über die er verfügte. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt. und ich kann mir gut vorstellen.« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft.

und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. Stock eines New Yorker Hotels. und wenn es sie doch einmal gibt. aus dem 10. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. der ehemalige Stabschef der französischen OAS. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. Frank Olsen. zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- . dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. Paisley. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung. dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen. Von John S. Stock des Arabella-Hochhauses. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. das offenbar nicht nur Likör enthielt. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde. Experte für biologische Kriegführung. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht. oder an den Versuch der CIA. Hieb. als er aussagte. aus dem 14.

Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. wie wir konnten. auf den einzelnen einzugehen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden. die erklärt. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. auf Wildwest. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte.gezogen worden. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. daß sie alle noch leben. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. kann ich nur sagen. -314- . Sie alle wuß ten. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten.oder James-BondManier mit ihnen »abzurechnen«. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen. Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen. als wir merkten. Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt.

wurde Heribert Hellenbroich. -315- . auf die bei uns großer Wert gelegt wurde.In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. Als Tiedge sich in die DDR absetzte. gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. zum Rücktritt gezwungen. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. Solche Erfahrungen blieben mir erspart. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten.

einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt. Schmidt befinde sich in einer politischen. Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«. zum Beispiel über Karl Wienand. daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren. Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er.13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. Gelegentlich m einte er. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt. In diesem Fall hätte -316- . wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere.

Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. Honecker wiederum sah. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert. Er mußte befürchten. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus. die er in unseren Informationen hätte -317- . Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. Auch Mielke vermutete eine Intrige. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr.« Erich Honecker versuchte inzwischen. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten. weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt.Strauß Vizekanzler werden sollen. Schmidt zögerte. Moskau bremste. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. Informationen. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht. so Wehner. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. Wiederholt warnte der SPDFraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. Honecker wollte es. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau.

wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. wären sie ohne Illusionen. der Prioritäten setzte. wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. Wieder verhärteten sich die Fronten. in denen die DDR weit hinten rangierte. April 1977 zukommen ließ. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10.nachlesen können. Er ignorierte sie selbst noch. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus.« Leider behielt ich recht. -318- . Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann. Das trug vermutlich dazu bei. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an. weil äußerst kompliziert. kommen die Beziehungen zur DDR. Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen.

Tschernjenko. Der Vorsitzende des KGB. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns. Anlaß war der 30.« Das war sein Denkfehler. Jahrestag des MfS. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand. In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich. bis Gorbatschow sie der Nato überließ. in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte. wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. die an der DDR vorbeiliefen. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. dachte ich nicht zu Ende. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt. -319- . die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit. Es hieß.Erich Honecker hegte die Illusion. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau. Jurij Andropow. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. Breschnew. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen. war bei dem Festakt nicht anwesend. Andropow. und sie blieb es unter Chrus chtschow. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen.

Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. Krjutschkow. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft. Das war eine schlechte Nachricht. Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. Wladimir A. der uns begleitete. Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes. ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. Er wirkte bleich und abgespannt. Die Sowjetunion. -320- . Er hatte nie den Eindruck gemacht. ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows.

Schwäche zu zeigen.« Der Mann. und es klang eher resigniert. Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im OstWest-Konflikt. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte. Auf meinen Einwand. Andropow verstand sofort. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons. daß unsere -321- .« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDRFührung. die alle die Aussage enthielten. Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. ob es Überlegungen gab.Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück. Reform und Entspannung stand. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen. der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft. Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. das sowjetische AfghanistanAbenteuer zu beenden. Andropow ließ durchblicken.

sondern weil er fähig ist. daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. der nun die Entwicklung des Ost-WestKonflikts gefährlich unberechenbar machte. zu stationieren. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe. meinte er: »Ja. Schmidt war es gewesen. Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. Das ist keine Erfindung. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut.« -322- . der Mann hat zwei Gesichter. Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß. weil er dunkle Absichten hat. jede mögliche Variante auszuprobieren. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. darunter der Bundesrepublik. Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des NatoDoppelbeschlusses. nun selber zu fürchten begann. die er gerufen hatte. Nicht. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden.

die Anfang der 80er Jahre herrschte. Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten.Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück. wo er unter Herbert Wehner den -323- . Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Unbeirrt folgte er seinem Kurs. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. ohne ihn wirklich zu wollen. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. Nachträglich mag die Kriegsfurcht. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. daß der Mann. wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. Er meinte. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen. übertrieben scheinen. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln.

Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin. daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. ließen uns wissen. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. Honecker und seine Umgebung versuchten. kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. das Treffen abzusagen. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab. ihn ausladen zu müssen. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen. Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts. bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte.

Ob und wie er sich da rauswindet.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt. ja vielleicht schon brodelt. Wehner. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen. um da mitzuhalten. die er in MX.U-Boote. wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. die Stationierung von sowjetischen SS-20Raketen zu verhindern. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. Mir war immer klar gewesen. denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. Der erste.« Wehner sah eine Lage »wie 1914«. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Seit heute weiß ich. war Herbert Wehner. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. Auch Mielke glaubte noch. in Cruise Missiles und Atom. aber er überschätzte seinen Einfluß. daß sie sich anbahnt. da ist alles drin. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte. Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst. -325- . daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie.und Trident-Raketen investierte. Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert.

Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. -326- . alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato. Dieser Plan sollte es ermöglichen. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten. die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. Er bekam den Tarnnamen Rjan. zu deutsch RaketenKernwaffen-Angriff. in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte.

das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit. wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden. Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen. wo die NatoRaketen stehen sollten. Ob es Pläne gab. als Holztransporter getarnt. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. Du wirst sehen. wichtige Informationen lieferte. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten. Dennoch war es frustrierend zu erleben. Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. anrollten. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an.Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. habe ich nie erfahren. zu denen auch unsere Quelle in der Nato. Wir wußten zwar. Rainer Rupp. Die Analysen. die verhandeln weiter. die wir lieferten. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- .« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. Nur so ist verständlich. ermöglichten uns die Einschätzung. daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage. um Platz für die Startrampen zu schaffen. Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war.

Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen. dem 12. Die eskalierenden Streiks. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. die von unten ausging. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war. dem Stellvertreter des Innenministers. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. Mielke bezweifelte. Die Führung in Warschau war bestrebt. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. In jenem Sommer von 1980. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne. dem Leiter des polnischen -328- . mit Miroslaw Milewski.eingeweiht. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. August 1980. Am 21. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde.

Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. keinesfalls jedoch die nach freien. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden. aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. fast eine Witzfigur. Es lohnt nicht.Nachrichtendienstes. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. Beschwichtigungsversuchen. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. Man hatte mir erklärt. Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. Die Reise hätte ich mir also sparen können. unabhängigen Gewerkschaften. Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. erhielt ich aus Warschau die Nachricht. Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden.

Zugleich hatten wir den Auftrag. wurden innerhalb des MfS. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten. eine direkte Intervention zu verhindern. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt. auch in meinem Dienst. Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. -330- . Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. und an Ministerpräsident Jaruzelski. Regierungsstellen. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. in München wirkte Radio Free Europe. uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen. Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte. Kania. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund.

überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. Jaruzelski erklärte später. den Mann seines Vertrauens. hieß es. vorerst Luft zu gewinnen. Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. Es scheint mir undenkbar. auf den 13. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam. die polnische Führung werde nun alles tun. Die Nachricht in der Nacht vom 12. das half. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen. In Moskau und OstBerlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . Dezember. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. kaum fähig.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war.

der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren. der auf ihm laste. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck.zwischen Schmidt und Honecker. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte. aber stetig in eine Konfrontation. den Washington auf Bonn ausübte. Wie Mittag hinterher berichtete. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben. beide Seiten müßten versuchen. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt. die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt. daß Schmidt befürchte.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. Erich Honecker solle -332- . auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott. traf er am 17. Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren. Mittag berichtete.

sie zu unterstützen. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. daß er. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. wenn möglich sogar zu beeinflussen. sprach unter anderen -333- . Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. Dennoch waren die Gruppen und Personen. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. Helmut Schmidt. in der Minderheit. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA. Soweit mir bekannt. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«. auf die wir einwirken konnten. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. Vor den Dreihunderttausend. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren.wissen. Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. berechenbar sei. alles zu tun. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. die nach Bonn kamen. aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar.

Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei.zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. doch auch er wäre nicht bereit gewesen. Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- . Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. So verspielte sie die Gelegenheit. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt.der Schriftsteller Heinrich Böll. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen.und Staatsapparat hinein. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm. Ich wandte mich dagegen. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung. wodurch die Schwerter. die sie nicht unter Kontrolle bekam.

Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher.waren. Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden. Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten. Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- . Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert. Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen.

Voraussetzung war. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. das eine Perspektive als Quelle versprach. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. die zwischen den Blöcken tobte. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen. Ich hoffte. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. um Vorurteile abzubauen. weil sie fürchteten. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant. damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. aus -336- . daß sie ein Studienfach hatten. daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr.Vorgänger. Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. Unsere Analysen zeigten. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. aus den USA Admiral John Marshall Lee. Aus England kam General Michael Harbottle. Denn wir wußten. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte.

Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. wie den jungen Aktivisten. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. wovon sie redeten. so paradox es klingen mag. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. Die neun Militärs gewannen. zu Vorträgen und Diskussionen -337- . Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. Kopf und Motor. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Bastian. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert. vorwerfen. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. Petra Kelly. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt. sie wüßten nicht. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision.Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. Niemand konnte ihnen.

ihre Analysen und Forderungen zu publizieren. und ganz Naive beließ er im Glauben. die vorgaben. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. Gerhard Kade. daß die Aktion zu einem großen -338- . Er meinte.weitgehend selber finanzieren. sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. Ich bewilligte die Summe. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. dem mußte schnell klar sein. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. Als sich herauskristallisierte. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die USGeheimdienste. die mangelnden finanziellen Ressourcen. sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. heranzukommen. im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. daß es seiner Abteilung gelungen sei. die selbstverständlich nicht von der HVA. Sie hatten keine Mittel. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. Ich schickte zwei Leute. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale. Das war unsere Chance. Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten.

denn das war tatsächlich der Fall. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. den KGB zu bewegen. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. Dies bedeutete allerdings keineswegs. besser gesagt. daß die Vorschläge. bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. das sei ihr Verdienst. Feist erzählte Honecker. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR. und ich -339- . wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. Sie müssen sich gefragt haben.Erfolg wurde. den wir über Kade ausübten. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist. antwortete Bastian: »Das denke ich. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. Ich weiß nicht. Offenbar gelang es Kade daraufhin. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. Ich glaube. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung. sehr konstruktiv sind. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder.

daß ihre Stimme gehört werden konnte. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen. -340- . hat der Sache nicht geschadet. daß sie im Westen ein positives Echo finden. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. um sie möglicherweise zu manipulieren. Ich habe keine Belege dafür. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. Gerhard Kade starb 1995. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen.hoffe. ob ich es bereue. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet. Wenn man mich fragt. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer.

14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- . Sie hatte die Aufgabe. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. in den 50er Jahren eingerichtet hatten. wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. eines der intelligentesten Veteranen des KGB. Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. Umarme den Schlächter. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'. den man klassisch als Desinformation bezeichnet.

die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. der vor und während des 17. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern.und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«. deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte. -342- . als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an. um zu wirken. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X.Kriegführung« keine großen Illusionen machte. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte. verdankten wir einem unserer Offiziere. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt. in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. erfuhren. Von den diversen Ballon. war schon die Rede. in Berlin war das der RIAS. daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte. Damals hatte ich gelernt. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren.

denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten.Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. habe ich hingegen nie gehegt. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. CIA-Agent zu sein. daß seine Enttarnung bevorstand. angereichert mit selbstfabriziertem Material. Wir hatten zwar erfahren. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. die der DDR feindlich gesonnen waren. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten. Wenn heute selbsternannte -343- . ohne sich etwas Böses dabei zu denken. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. doch wir hatten ihn nicht warnen können. wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. während er sich im Glauben wiegte. einen Mann. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen. der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. und es gelang ihm sogar. ja sogar ernsthaft destabilisieren. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen. als er verhaftet und angeklagt wurde. Den naiven Glauben. wo es ihr gelang. einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben.

nie das Wasser reichen konnten. veröffentlicht wurde. die heute noch existieren. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden. das wir an Westjournalisten weitergaben. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit. daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war. Kontakte zu Journalisten zu finden. um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. was von dem Material. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. die sich meisterhaft darauf verstanden. und daß man mehr als blauäugig sein muß. mußten wir bald aufgeben. Die Mitte und SPD-Intern betitelt.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern. wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- .und SPDPressedienste. daß Politiker selbst wissen müssen. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. Unsere frühen Versuche. ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. Da wir natürlich nicht steuern konnten. dann kann ich dazu nur wiederholen. die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren. gründeten wir fiktive CDU.

und es wurden Dinge in die Welt gesetzt. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein. Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer. einen solchen Schritt zu tun. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte.gewesen wäre. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln. um van Nouhuys mundtot zu machen. der an Vertrauensbruc h grenzt. der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. einer der ersten war. sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen. die dieser während seiner Entführung getan haben soll. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. die das Maß dessen überschritten. daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. So problematisch ich es noch heute finde. In seinem Blatt hetzte er -345- .

mit dem -346- . Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. Politikern wie Franz Josef Strauß. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen.unermüdlich gegen die Ostverträge. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte. die Verträge könnten torpediert werden. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. den er am Ende nur deshalb gewann. Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß. so daß wir zu fürchten begonnen hatten. daß er kein Spion gewesen war.

Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. die Friedensbewegung zu unterstützen. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. Justiz. Wie ich bereits sagte. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. Armee. Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR. daß sie ihre Biographien -347- . eines jüdische n Kommunisten. Wir mußten daraus die Lehre ziehen. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. versuchten wir.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. und das auf allen Ebenen in Parteien. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. morgen vergessen. Staatsapparat und auch im Geheimdienst. Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte.

1972. wird mir darin zustimmen. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist. denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. Es gelang uns sogar. ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu StasiHandlangern abzustempeln. die -348- . die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. Jeder. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. ist das immer wieder bemerkbare Bemühen. und eine andere. die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre.geschönt hatten. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt. Hubert Schrubbers. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. Meinem Dienst gelang es. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Es ist eine Sache. Nicht weniger peinlich als der Versuch. daß es nur lachhaft sein kann. die sie konsultieren wollten.

Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. war der Antifaschismus doch in der Kunst. Ihre Tragik war.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr. in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen. daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. daß sie sich -349- . Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. wie sie uns damals vorschwebte. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NSGreueltaten und solchen Unrechts. an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert. völlig außer acht. Selbst in den letzten Jahren der DDR. Dazu muß ich sagen. daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. wie es in der DDR geschah. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. es sei möglich.

Mit ernster Miene eröffnete er mir. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. dem Leiter des Presseamtes. Auf meine Frage. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei. unterhielt. und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. diese Lage zuzuspitzen. Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. Recht hatte Mielke insofern. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. darunter des Spiegel.dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. einem Vertrauten Beaters. -350- . Aber ich kannte nicht nur von Berg. Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei. wurde ich zu Mielke bestellt. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. Kaum war das »Manifest« erschienen. daß Hermann von Berg. es sei erwiesen. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten.

obwohl es uns gelang. daß es Aufgabe meines Dienstes sei. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis. die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. Daran hielt er sich auch dann noch. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. die ihm zuteil geworden war. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. Obwohl alles streng geheim ablief. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren. Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern. den Ausreiseantrag zu stellen. Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. sickerte doch das eine und andere durch. Das brachte Mielke auf die Idee. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. an die große Glocke hängte. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. Einiges davon war durchgesickert. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte. der Hauptabteilung Untersuchung. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff.

mit welcher Aufgabenstellung. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. Daß Gutachter und -352- . mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden. Erst viel später erfuhr ich. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften. in Suhl. daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen. ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten. und wenn ja. kamen findige Vernehmer auf die Idee.standgehalten hatten. Besonders wichtig war es herauszufinden. So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. das seine Abwehr – wohlgemerkt. Ihre Lage war mißlich. Im südlichen Grenzbezirk der DDR. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA.

deutlich zu machen. und er hatte aus ihm herausbekommen. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. bewies. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. Mielke dazu zu bewegen. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. aber nicht den Mut gefunden. daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. daß er noch der alte war. daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. war er in der Lage. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz. mit dem er schloß. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. der Sache Einhalt zu gebieten.Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten. ihm Gehör zu leihen. Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden. wie die ASA zustande gekommen waren. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«.

stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde. Mit Erich Mielke 1983 -354- .

daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden. die neu war.Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen. wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern. -355- . wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. von einer Unsicherheit.

Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. Aber ausgerechnet diese neue Republik. der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. und auserwählt wurde General Rolf Markert. Wie dem auch sei. -356- . der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war. die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. Da Mielke fand. die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen. die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher. der außenpolitische Erfahrung besaß.15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes. Was sollte das Besondere an Sansibar sein.

daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden. In Kairo.Damals war es eine waghalsige Idee. dem Leiter unserer Delegation. und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. während ich in der Touristenklasse saß. um nicht aufzufallen. Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. Wir wußten. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. in der Ersten Klasse. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge. Dann erhielten wir DDR. Aber Mielke beschränkte sich darauf. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber. die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen. meinen falschen Bart wieder so anzukleben. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. brachen wir in schallendes Gelächter aus. zu verpflichten. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. -357- . daß ein DDRDiplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. Als wir uns gegenseitig betrachteten.

und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land. überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten. Nachdem wir den Äquator überquert hatten. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen. -358- . doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga. Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden. der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident.Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen.

die wir gewohnt waren. herrliche Strande. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. einmalige Sonnenuntergänge. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen. daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. die man von Afrika kennt üppige Natur. Anfangs kostete es viel Geduld. sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. und unser Koch erzählte mir auch. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. Besonders mühsam war es. Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. Es gab keine bettelnden Kinder. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren. mit Ibrahim Makungu. die DDR hatte Sansibar geholfen. die völlig andersgeartete Denk. und man erwartete viel von uns. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. Erst durch unseren Koch erfuhr ich. bei meinem letzten Besuch. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen. Später. wie er hieß. ins Gespräch zu kommen. anfangs nicht leicht. Es fiel uns. ließen sie -359- . Das nahm er so wörtlich. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern. Sansibar erfüllte alle Klischees. daß er bei einem Berlin. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen.Besuch sogar seine Frau mitbrachte.

sich die Unzufriedenheit anmerken. denn Julius Nyerere. das wirtschaftlich interessant genug war. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. nachdem meine -360- . Anschluß an ein Land zu suchen. In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten. dem englischen TradeUnionismus zuneigte. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei. Es war schwierig. andere waren strenggläubige Moslems. Diese Widersprüche erklären auch. unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. der Präsident Tanganyikas. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. um Sansibar unter die Arme greifen zu können. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte.

Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf.Partner mir kategorisch versichert hatten. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig. zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. um mich mitnehmen zu können. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. Kurz vor Mitternacht des 24. Wir waren überzeugt. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß. wie es unseren -361- . den anderen einfach davonzufahren. was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte. durch das. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. was wir leisteten. April überbrachte man uns die Nachricht. das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. doch die meisten unserer Leute. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren. Berlin drängte auf meine Rückkehr. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten.

Wir mußten uns wohl oder übel beugen.eigenen Strukturen entsprach. Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. -362- . ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft. in Äthiopien und Mosambik. Unser Einfluß blieb stets minimal. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. verglichen mit dem des Regimes. Kultur und Bildung zu ignorieren. denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten. So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. Kongo (das spätere Zaire). Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. sondern darin. So war es in Sansibar. im Südjemen. Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. sehr wohl aber an der Notwendigkeit. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt. daß sie gar so sehr ausuferten. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. der Sudan. so im Sudan. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. all jenen Ländern. beide Jemen.

Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen. daß man sich in Ägypten einredete. und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. Uns wiederum gelang es nicht. die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. Als wir Nasser erklärten. war die Enttäuschung groß.Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. Bis auf ihn. Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der NatoLänder in Nahost in Erfahrung zu bringen. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief. in dem am 25.

Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit. Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen. Sozialismus bestehe darin. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. Um so erstaunlicher fand ich es. das Sachwalter Großbritanniens gewesen war. dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum.Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. Einer von ihnen erklärte mir. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. vor allem solche.

wuchtig. Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. und dann davonbrauste. sehr schwarz. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. Auch seine Augen lächelten. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert. Ich erinnere mich gut daran. eine Rede hielt. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen. Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- . wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. die gellende Pfiffe der Zuhörer. Platz zu nehmen. Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund. mit der rechten lud er mich ein. heraussprang. daß er im Wagen ankam. dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates. und sie wirkten britisch bis zur Karikatur. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus.

Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. Er vertraute mir seine Befürchtungen an. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. soll er mit »Ja« geantwortet haben. Von einer Waffe ist nichts zu sehen. Er war ein Politiker. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel. die seinem Land gesetzt waren. Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. »Diese Probleme müssen wir selbst lösen. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich. ob er sich am Putsch beteiligt hätte. daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. Hamadallah gelingt es. durch Überredung zu erwirken. in der das Urteil beraten wird. da könnt ihr uns nicht helfen«. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . der sich zu jener Zeit in London aufhielt. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. der mir nahestand. Auf die Frage Numeiris. daß die Waffen niedergelegt werden. wenn er im Lande gewesen wäre. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. sagte er düster. In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären AnsarSekte verschanzt und feuern nach draußen. die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt. nach Kairo zurück.

daß er die verdeckte Kriegführung lernte. glaube ich. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. die er daraus zog.Bewachern. Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg. In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. einen Menschen. so viele Jahre nach seinem Tod. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. Dreihundert Fallschirmabsprünge. nur die Mitteilung des Kommentars. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. woran er geglaubt hatte. überlebte ihn selbst nicht lange. Das. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. war. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner. -367- . der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war. Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. Er war 1933 in München geboren. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. Die Lehre. In der ölreichsten Ostregion Nigerias. Noch heute. wofür Hamadallah gelebt. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. Seine Stimme ist nicht zu hören. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. den wir gefangennehmen helfen konnten.

Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. von Mellenthin. Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken. um zu sondieren. Preston weitervermittelte. so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. wo man ihn genauer instruieren würde. Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen). Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen.Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr. ein ehemaliger Missionar. Die CIA hoffte. ob Steiner sich dafür eigne. das sich Welt-InformationsKorrespondenz nannte. der ihn an einen Mr. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden. Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige LufthansaBüro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. D. an. Norman von der CIA. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete.

erreichte. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht. Es stand außer Zweifel. der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. das dem Druck der OAU. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft. daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. der Organisation Afrikanischer Staaten. zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda.Landes bestanden. Da die USA sich weltweit vom -369- . Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. Daß es uns gelang. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. das Todesurteil zu verhindern. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. Alles in allem wurde er so gesprächig. daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. Hans-Jürgen Wischnewski. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. Landsleute vor sich zu haben. ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten. Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle.

noch irgendwelche Medien. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten.Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. die in den USA oder der BRD existierte. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger. Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor. Ausgesprochen mühevoll war es. Das -370- . ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen.

Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- . UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt. war man in Aden wohl der Meinung. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre. richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. während die USA von Kinshasa. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen. die Konflikte zu reduzieren. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. hinter dem Saudi-Arabien stand.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten. Es war also nicht überraschend. daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten. Die Frage. der UdSSR und der DDR suchte. brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. der Hauptstadt Zaires.

Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte. und Markowski. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte.ausgemusterter NVA-Waffen. Mitglied des Politbüros der SED. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. von denen man sich -372- . Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet. Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. die sich strikt weigerte. weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. Eritreas Autonomie zu respektieren. es war eine politische Entscheidung. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. die wirklich akzeptiert wurden. Lamberz. Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam. Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. waren 1973 nach Libyen geflogen. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete. Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen.

die Hilfe. wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. die sie anderswo nicht kaufen konnten. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß. Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht. dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. -373- . Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. uns dazu zu bringen. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. und wie in solchen Fällen üblich. darauf zu beschränken. als die KGB-Führung 1979 versuchte. die wir leisteten. Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen. Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft. der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten. Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik.

doch damals. seinen linken Flügel zu stärken. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten. daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten. besonders zu Jassir Arafats PLO. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten.Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet. ohne daß man sie entdeckte. Honecker stimmte zu. galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. So. Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht. wie die Beziehungen zu den Sicherheits. ohne das eigene Wissen zu verraten. staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen. und sie infiltriert. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren. die Gegenseite desinformiert. Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. der Führer der südafrikanischen KP. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten. und von da an bildeten wir zwei. er befürchtete. an das Zentralkomitee der SED die Bitte. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- .

dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden. Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik. Bei allen weiteren -375- . Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen. zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen.ausgeschlossen worden. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. daß fünf Geiselnehmer. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. im August 1972. Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig. Wenige Monate zuvor. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können. Das war zu jener Zeit.

Da den Palästinensern sehr bald klar wurde. daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte. daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen. Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. daß sie Verbindungen bis in höchste USRegierungskreise. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLOSicherheit wurde bald sichtbar. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. über ihre strategischen Pläne. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch. jede Seite suchte ihren Vorteil. so über die Vorbereitung und den -376- . ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. Wir wiederum waren bemüht.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen. und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich.

weil sie -377- . Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. schilderten sie mir. BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum.Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. manche weigerten sich. Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon.

zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. Carlos. beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- . Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte. Führungsmitglied der Fatah. Ein Dokument vom 8. Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS. die im übrigen nicht mir unterstand. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. Abu Daud. zur IRA. Diese Kontakte bestanden meist darin. der Antiterrorabteilung.die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. daß sie Kontakte zur ETA. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. mehrmals in Ost-Berlin auf. Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt.

obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen. daß libysche Diplomaten. bestand darin. es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS. in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. Das Papier vom 8. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. -379- . ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus. Libysche Täter wurden verdächtigt. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France.worden war. die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht.

daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. Patrice Lumumba. dem ANC oder der SWAPO betrachte. Peres und -380- . sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke. hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. Jassir Chraidi. dann ist mein Eindruck zwiespältig.und West-Berlin hin und her reisen können. einer der Haupttäter. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. Gewiß war manches Opfer zu schwer. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat. Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO. weil sie davon überzeugt waren. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. nur Gaddafi blieb unverletzt.Interessant ist die Frage. Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen. was vom Nahen Osten ausgeht. obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. Che Guevara. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab. und es für ihre Pflicht hielten. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben.

mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde. der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde. -381- .Rabin vor dem Weißen Haus. und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela.

sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus.16. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt. Es war im Januar 1965. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. Also ging es nach Moskau. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten. und das Ziel meiner Reise war Kuba. Für Kuba. Dennoch wollte es der Zufall. Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke. dem Leiter der Auslandsaufklärung. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop-382- . In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen. zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren.

zwei Chinesen. Weiter geschah zunächst nichts. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. Als die Triebwerke verstummten. die Sitzreihen waren abmontiert.-Kennedy-Flughafens auf. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck. das um sie herum gestapelt war. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. vermutlich KGB-Mitarbeiterin. offenbar diplomatische Kuriere. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. Wir tauchten steil nach unten. Die einzigen Ausländer außer uns. kümmerte sich vorrangig um uns. brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. manche auch mit Kindern. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. Eine Stewardeß. Ich rasierte mich gerade. -383- . als unser Flugzeug an Höhe verlor.Maschine vom Typ AN-124. Weitere Stunden vergingen. War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen. kam die kanadische Küste in Sicht. als ich bemerkte. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. saßen direkt vor uns. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer. Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. um Gewicht zu sparen.

wenn er erfuhr. unter die Matratze eines Kinderwagens. Mit Gesten forderten sie uns auf. und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen. sie durchzulassen.Stunden ungewissen Wartens vergingen. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. Sicher w ürde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. Wir besaßen Diplomatenpässe. da die DDR von den USA nicht anerkannt war. versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. Wild gestikulierend. doch die nützten uns wenig. Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken. der im Gang neben uns stand. Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück. Wie ich später erfuhr. Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. Ich ging im -384- .

übergewechselt war. die mir zur Last gelegt werden konnten. Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. Die Heizung war abgeschaltet. Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. blies der Pilot Winterluft in die Kabine.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. und erklärte. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. Stunden waren vergangen. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. Um zu lüften. Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. daß Moskau mit Washington verhandle. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. sollte es gelingen. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren. mich hier zu identifizieren. unser Flugzeug auftanken zu lassen. als -385- . Eingeschleust hatten wir noch niemanden. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale. Er behauptete. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad.

Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher. Es sah aus. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte. allerdings unter der Bedingung. daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. Es war schon dunkel. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. der uns schon durch seinen -386- . Als die Tür für einen Augenblick offenstand. Die anderen mußten weiter warten. Wieder durften wir nicht aussteigen. von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. Wir wurden in einer Villa einquartiert. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. und jetzt ging es darum. als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. Am frühen Abend startete unsere AN-124. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte.die Stewardeß mir zuflüsterte. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. Washington habe den Weiterflug genehmigt. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache. Nun.

den -387- . sagte er ganz ernsthaft. Wir waren nicht als Touristen gekommen. Die betörende Luft. Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. bestaunt von den Kubanern. in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der USMarine erkennen konnte. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung.korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. stellte sich als Umberto vor und erklärte. wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet.

bestand in der Illusion. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest. erfuhr ich erst später. Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. die Castro beseitigen sollten. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. die Exilkubaner. so irrwitzig waren die Einzelheiten. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- . Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken.wir nun besichtigten. die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen. sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. ohne weiteres auf Kuba übertragen. Der große Irrtum der CIA. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26Bombers. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. Bomber einzusetzen. das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben. daß die Kubaner aus den früheren CIAAktionen ihre Lehren gezogen hatten. fiel es der Öffentlichkeit schwer. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren.

Er interessierte sich für unsere Erfahrungen. und Manuel Pineiro. Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. Erst in späteren Jahren änderte sich das. seinen Dienst technisch zu unterstützen. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. der damalige Innenminister. Fidel Castros Bruder Raul. als ob sie nicht existierten. vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. Ramiro Valdez. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. -389- . Miniatursender und dergleichen mehr. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. vor allem aber für unsere Möglichkeiten. und groß war seine Enttäuschung. bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. den Bärtigen. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. die man mir in Moskau genannt hatte.Mordplan. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. der Chef des Aufklärungsdienstes. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben.

Ich erinnerte mich. Jahre später erfuhr ich von ihm. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. Da wurde mir erstmals bewußt. Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an. sich zu befreien. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. um die Kubakrise zu beenden. Comandante Pineiro. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. das wir mit Dritten gewechselt hatten.Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. was in Kuba gelungen war. was er wissen wollte. daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. sprach aber nicht besser Englisch als ich. ihn tief enttäuscht. Nie war er um einen Scherz verlegen. Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen. das Bild zu vervollständigen. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. kolportiert hatte. dennoch verständigten wir uns glänzend. merkte ich schnell. als sie ihre Raketenbasen abbauten. war mit einer Amerikanerin verheiratet. das man in Havanna gezeichnet hatte. Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen.

doch alle waren voller Begeisterung gekommen. nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand. beeindruckte mich außerordentlich. daß er verabredete Termine einhielt. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte. weil es kaum Benzin gab. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. Im mexikanischen Asyl h atte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. um ihre Comandantes hochleben zu lassen. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. sondern am auffälligsten dadurch. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. einen Film über Tamara Bunke zu machen. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt. gebildeter und staatsmännischer. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern.zu haben. so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. eine junge Frau aus der DDR. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. Anders als seine emotionaleren Kollegen. Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war.

Mit Tomás Borge (1. bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten.Mischung aus sozialdemokratischem. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. die sich für eine Landung eigneten. Jedermann wußte. das eigene Leben einzusetzen. alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert. wenn nicht gar Dichter. christlichem. Die Stellen an der Pazifikküste. Charakteristisch für die Sandinisten war auch. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen. sozialistischem. Tomás Borge machte da keine Ausnahme. wurden Tag und Nacht überwacht.

Händlern. politisch und militärisch unter Druck setzen. die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden. daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. aber sie konnten es nicht international isolieren. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. und man sah ihr an. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. Unser bescheidener Beitrag bestand darin. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig. Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend. ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. als moskauhörig abgestempelt zu werden. Mehr als die Contras. Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt.kommen würde. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. wie es mit Kuba möglich gewesen war.

doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. die die USA mit Erfolg durchführten. Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete. Die finanzielle USHilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte. der größten Tageszeitung Chiles. hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. um zu erkennen. Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. Er hatte recht. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- .sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft. praktizierte Methode. Die Wirtschaftsblockade. ob mir nicht aufgefallen sei.

allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. waren ihr offiziell die Hände gebunden. und im Hintergrund zog John McCone. den Führer der chilenischen KP. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte. der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. wie durchlässig die Kontrollen -395- . denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde. die erkundeten. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. um Salvador Allende zu stürzen. mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. daß die chilenische Armee. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär. in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR. Allendes tragischer Irrtum war es.Wirtschafts. General René Schneider. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán. zu lange darauf zu vertrauen. ehemaliger CIA-Direktor. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. Wie mir Castro erzählte. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt.und Versorgungsprobleme gesetzt. der Regierungskoalition. Da der Oberkommandierende. die Fäden. sah die CIA sich genötigt. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. der im Aufsichtsrat von ITT saß. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte.

und installierten Verstecke in Fahrzeugen. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein. Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. Handelsschiffe umzudirigieren. Luis Corvalán. Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. Wir überlegten Möglichkeiten. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein. Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. Unsere Aktion konnte nicht alle retten. der in der Sowjetunion inhaftiert war. Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil.auf chilenischen Flughäfen. bis wir sie in Sicherheit hatten. die wir nach Chile einschleusten. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte. In manchen Fällen dauerte es Wochen. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- . reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam. den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. und die Kubaner sekundierten mir. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion.

Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen. was man dem Volk versprochen hatte. wie später Nicaragua. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. als schlügen sie einen eigenen Weg ein. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. während ich für Castro mehr Verständnis hatte. Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . starb im Exil in Chile. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen. sich an die Sowjetunion anzuschließen. daß sich gerade durch Gorbatschow. denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. für die wir nach 1945 eingetreten waren.Prinzipien. und Erich Honecker. ihm Dauerasyl zu gewähren. sondern sie praktisch gezwungen. Der Sozialismus hatte nicht gehalten. Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. Ich glaubte. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen. Damals ahnte ich nicht. wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste.

dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. ein Greuel. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. ohne eine Alternative anzubieten. dann bin ich für Kuba. aber nicht eindimensional. jedenfalls keine andere als Batista. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten. aber kein durch und durch kommunistischer Staat. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen. dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein. -398- . Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten.« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. Günter Grass hat dazu etwas gesagt. sogar die Sozialdemokratie. und nicht zuletzt Amerikaner. Hinzu kamen Freunde. daß es dort zu Ende geht. wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden. Aber wenn ich heute erlebe. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus. die in den USA lebten. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert.Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –.

Dreiser und Steinbeck. Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen. über das politische Denken. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus. und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise. die New York Herald Tribune. trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. Time und Newsweek gelesen. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- . was ich über die USA erfuhr. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. verdanke ich zwei Männern. Beide waren in Deutschland geboren. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht. darunter Hemingway.Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. beide waren Juden. Alles. Viel von meinem Wissen über die USA. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. die Hoffnungen und Ängste dort. die ich zwischen uns errichtete. Die ideologische Barriere. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat. was ich in Büchern gelesen hatte. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter.

fanden wir über einen Studienfreund. Beide fanden in den USA Asyl. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen. der Wirtschaft. sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom.mußten vor dem NS-Terror fliehen. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. der andere als Jurist –. Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert. von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. angeworben. und beide wurden vom OSS. dem Ökonomen. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert.und Brandsätze zu zerstören versuchte. was seine paradoxe Umkehr darin fand. Den Kontakt zu »Maler«. dem Vorläufer der CIA. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer.

Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. aber nie ängstlich. Als wir vorschlugen. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab. und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe. was uns verband. Obwohl er Atheist war. dem er beigewohnt hatte. des Krupp.und RoechlingProzesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten. Er war umsichtig. seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. für meinen Dienst zu arbeiten. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. -401- . aber auch der KGB. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. lehnte er das entschieden ab. enthielt. der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt.

die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. wo sie eine Weile lebten. Lateinamerika oder Australien auswandern. Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. das wir zahlten. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. Gegenstand ausführlicher Beratungen. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. von großem Wert. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. durchaus brauchen. in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah. Da galt es. Agenten einzuschleusen.Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- . war jede Reise. war langwierig und umständlich. Doch unsere bevorzugte Methode. die er unternahm. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. daß er für uns spionierte. Kurzum. verging nochmals beträchtliche Zeit.

daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. Daß es dazu nicht mehr kam. zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. Deckname Brest. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. Alles andere als erfreulich war auch. die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten. viele unserer Agenten aufzuspüren. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition. diesen -403- . Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. während er sich darauf vorbereitete. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung. uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm.versorgen. sondern auch berichtete. und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung. Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. Es hatte Jahre gedauert. daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte.

daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. blieben in den Anfängen stecken. und der Mann wurde von unseren -404- . Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. der geheime Informationen über AtomU-Boote verkaufen wollte. Abgeordneten oder Managern getan hatten. in den USA nicht. die Verluste zu ersetzen. Die Praxis bestätigte. Wir hatten nie bezweifelt. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. Es kam vor. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen. Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDRBotschaft vorstellig wurden. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. die ich übersehen kann. und alleinstehende Herren. Unsere Bemühungen. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt. Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann.Sender zu bauen. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren.

Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. Nach einem halben Jahr erfuhren wir. Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. in die USA zu reisen. einen jungen polnischen Aufklärer. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. der sich als Doppelagent entpuppte. Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben.Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt. Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon. Das FBI triumphierte. hieß es plötzlich. war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. auf der er prompt festgenommen wurde. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise. wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte.

wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben. Im nachhinein muß ich gestehen. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am USMilitärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. der Protest gegen den Vietnamkrieg. Die Atmosphäre der 68erBewegung. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. aus dem Agententhriller gemacht werden. der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. So unergiebig unsere Situation in den USA war. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. Wir wußten zwar. Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. machte es uns relativ leicht. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. Was die Kontakte besonders förderte. wenn man das Geld sprechen ließ. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte.

daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren. weil sie klug genug waren zu argwöhnen. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging. daß es den Technikern gelungen war. der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war. So hatten wir herausbekommen. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen. ohne es zu ahnen. mit denen die täglichen innen. das in den Äther drang. die Hall alias »Blitz« uns lieferte. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen.und Telefonbotschaften ab. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. die sie aus ihnen herausfilterten. der Wirtschaftsminister. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte. die Existenz der NSA zu leugnen. weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. gehörte das. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio. daß mein Dienst dies -407- . und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht. den riesigen. Später erfuhr ich. Günter Mittag. Zu den wichtigsten Unterlagen. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. daß jedermann im USNachrichtengewerbe angehalten war. die Codes zu knacken. die das Zentralkomitee erhielt. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten.

Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. daß wir ihm rieten. aber die Informationen waren es wert. damit er sich nicht verdächtig machte. Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing. Bevor wir das taten. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren. wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos. -408- . daß wir sie an den KGB weitergaben. der auflistete. Dieser Plan führte detailliert aus. und deshalb schlug ich vor. waren alles andere als billig. Seit es »Blitz« gab. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren.sehr bald in Erfahrung bringen würde. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen. Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. mußten wir uns nicht mehr abmühen. Beide. Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte. etwas zu bremsen. geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. Hall und sein Mittelsmann. unbrauchbar gemacht werden konnten. um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-PaktStaaten auszuschalten.

Offenbar versuchte er. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten. Wenn -409- . Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. die er uns beschafft hatte. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. beschrieb. der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war. das Carney uns besorgt hatte. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. verhaftet. die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. Wir konnten nicht daran zweifeln. daß die Unterlagen. um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten. um sie glauben zu können. Ein Dokument. wie es den Amerikanern gelungen war. Die amerikanische Abwehr schätzte. und von da an waren seine Tage gezählt. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. Carneys Material bewies uns anschaulich. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. meinem Dienst dazu verholfen hatten. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. der sich als KGB-Agent ausgab. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. mit dem KGB in Verbindung zu treten. ein Sergeant der Air Force. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte.

stellten wir fest. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. wurden ihm Papiere angeboten.ihnen das gelungen wäre. Damit er sich nicht langweilte. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. änderte nichts an unserer Befürchtung. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. beim geringsten Anlaß alles zu gestehen. Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal. die wir 1973 durchführten. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. Wir griffen auf eine Methode zurück. setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein. Es las sich wie Sciencefiction. Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus. wie ich vermuten darf. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. mit denen er nach Havanna flog. die für Notfälle reserviert war. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. daß die CIA DDR-Bürger in der -410- . und besorgten Carney kubanische Papiere. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. als man meinen könnte. meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIAAktivitäten in der Bundesrepublik. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei.

als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. den Mann. »Thielemann« operierte von Bonn aus. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren. daß alle vermeintlichen CIASpione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren. daß Fuchs als anerkannter -411- . der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde. der beauftragt war. Seit langem beschäftigte es mich. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt. als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIAAnwerber. daß Stalin keine Überraschung zeigte. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. den berühmten Physiker. die in Potsdam konferierten. Juli 1945. Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen. Es handelt sich um Klaus Fuchs. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat.

sich mit mir zu unterhalten. die aufmerksamen.Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. Die hohe Stirn. den er vom ersten Moment an machte. seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen. Diese Augen wurden lebendig. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- . in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. sich aber rundheraus weigerte. Wenige Jahre bevor er starb. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers.

-413- . aus dem Männer wie Richard Sorge. Fuchs war für mich ein Kundschafter. sondern Kundschafter genannt. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. Er war Forscher mit Leib und Seele. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. nicht Spione. In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen. weil sie darin eine Möglichkeit sahen. Kim Philby und viele andere waren. auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. Harro Schulze-Boysen. kaum E rfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte.Physik. die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren.

Ich war der Ansicht. Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab. »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht.Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. die Atombombe mit Moskau zu teilen. warum der Westen nicht bereit war. 1941 fand er durch seinen Freund. die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte. die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. seinem verehrten Lehrer. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. erkannte Fuchs. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. Die -414- . In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war. sagte Fuchs zu mir. »Ich konnte nur nicht verstehen.

daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. wie Fuchs seine Informationen weitergab. Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. Solange er in England arbeitete. August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein. daß Igor Kurtschatow. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . Ruth Werner. als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. fand ich einfach entsetzlich. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. das nicht zu tun. daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das USKernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können. Ich hatte nie das Gefühl. daß eine Seite in der Lage sein sollte. Das wäre so gewesen. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. Fast unglaublich war die einfache Art. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. von allen Kontaktpersonen die sympathischste. sondern jahrzehntelang so getan. Er erinnerte sich.Vorstellung. der Vater der sowjetischen Bombe.

das brachte Fuchs nicht über sich. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. Ich nehme an. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. bis er 1950 verhaftet wurde. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. verrieten ihn. mit dem er privat befreundet war. Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold. Juli 1953. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun. Einen Freund anzulügen. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. sie zu begnadigen. eine Antwort zu geben. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. hinter denen das Odium des Verrats stand. ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. ihn unter vier Augen fragte. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- . Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt. Wenn nicht. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell. Die fatale Kette von Verhaftungen.Hand. und sein Zögern und die Unfähigkeit. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden. Ruth Werner erzählte mir später. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan NunnMay im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik.

aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. kann ich mir nur damit erklären. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen. war es ihnen einfach zu peinlich. daß sie ihn anfangs verdächtigten. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt. Filmen und Büchern kenne.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. und ich hoffe. -417- . Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen. Klaus Fuchs. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. das ich nur aus Erzählungen. die gemerkt hatten. Als sie es besser wußten. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits. Ich wünsche mir. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen. meine Freunde und Bekannten zu besuchen.der britischen Sicherheitsbeamten war.

daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte. ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. Ich mußte sie artikulieren. Meine Zukunftspläne waren anderer Art. was mir vorschwebte. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. auch wenn Mielke es glaubte und tat. die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann.17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. was in seiner Macht stand. den Dienst zu quittieren. Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. Beruflich hatte ich alles erreicht. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . um so mehr hatte ich den Eindruck. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. um dies zu verhindern. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann. indem ich schreibend darüber nachdachte. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. aber das war es nicht. stärker in mir. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. daß man mit dem Gedanken spielte. weil es eben das gerade nicht war. Ich wußte. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. was ich mir wünschen konnte. Wirtschaft. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. Vielen DDR-Bürgern.

die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte.Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit. Mit Konrad Wolf 1981 -419- . Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten.

und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. die Beschreibung der unterschiedlichen Wege. Bei diesen Gesprächen über das TroikaProjekt ahnten wir nicht. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. als hätte mir mein Bruder sein TroikaProjekt als Vermächtnis hinterlassen. den Film noch zu drehen. Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten. bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . Es war die Geschichte unserer Kinder. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war.Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems. das ihm sehr am Herzen lag. einem Projekt. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt. Von da an war mir. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. die die Freunde im Leben einschlugen. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt. Nein. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen.

daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. Diese Indolenz. Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. doch hier konnte er mir nicht entwischen. Er war fünfundsiebzig geworden. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte. sagte er. sei der UdSSR unverständlich. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister. Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen.nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. Konstantin Tschernjenko. Mielke war bereit. Bei solchen Worten -421- . ich sechzig. mich in die Pensionierung zu entlassen. Das war mehr als deutlich. und er betonte. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen. hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. Andropows Nachfolger. und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon.

mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. Gab es wirklich eine Chance. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-WestStudie der Nato übermittelt. Wegen verschiedener Pannen. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen. Frostig nahm man Abschied voneinander. unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit. mit den spezifischen Mitteln der HVA. Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. Tschernjenko ließ durchblicken. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. als wir selbst es hätten darstellen können. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDRFührung hin.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt.

Informationen und Dokumenten. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRDBesuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. Ich konnte sicher sein. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. Ich baute auf Mielkes Neigung. Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. Dennoch mußte ich es zumindest versuchen. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon. waren noch mehr geworden. daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. um das Dossier zu überreichen. Die Sowjetunion erfuhr davon. vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern. über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. seiner Kommadozentrale. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. Der geeignete Zeitpunkt. die nur an höchster Stelle zugänglich waren. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. als sei nichts geschehen. um es vorzulegen. kam. und deshalb hatte er mich kommen lassen.

als er Andropows Stellvertreter gewesen war. den KGB-Vorsitzenden. Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. bevor er ihn antrat. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. versuchte ich. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. daß er es für das beste gehalten habe. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte. Honecker das Zugeständnis abzuringen.einem offenen Schlagabtausch entgegen. Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . Honeckers Jagdgefilde. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. Mielke erklärte mir nun. gab Mielke mir den Hörer. sie würden einen Kompromiß finden. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte. Als das Telefon klingelte. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. dann hatte ich mich getäuscht. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. Zumindest nahm er die Studie entgegen. doch wenn ich angenommen hatte. Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle. doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. Darauf erwiderte Tschebrikow. Viktor Tschebrikow. Mich habe er hergebeten. Am 17.

daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte. wußte aber nicht. Sein Fazit war. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- . Willi Stoph sagte später. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. Er beklagte. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen. Er zog Mielke zu Rat. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. der ihm entschieden abriet. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt. Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. Er wird nicht schlecht gestaunt haben. alles so zu arrangieren. ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. wie er es anstellen sollte. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde.freundliche Weise. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis. daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. Jetzt galt es nur. und beschwerte sich über die Sowjetunion. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung.

den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt. Keinen Augenblick dachte er daran. Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. Kurz nach dem 35. Es wäre ungerecht. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft. Dem Sozialismus. nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. der Dachdecker aus Wibbelskirchen. Die Einigkeit und Geschlossenheit. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. daß das Sozialprogramm. daß er. blieb er immer treu. Jahrestag der DDR demonstrierten. als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDIProgramms seine Entschlossenheit zeigte. Da er -426- . aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt. war eine Sache.Honeckers zu kennzeichnen. kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. wie er ihn sich vorstellte. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl. Die sentimentale Enttäuschung. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären. Sein unlösbares Dilemma war.

Der Acker. Wir begriffen nicht. strenges Vorgehen angekündigt. Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. war gut bestellt. nicht aber. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzigbis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. in das wir eingebunden waren. daß man zumindest den Versuch macht. sie zu ändern. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. wenn da nicht die Menschen gewesen wären. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. Kaum war gegen Flüchtlinge. der uns dazu bringen sollte. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. Was würden sie. den ich hinterlassen würde. daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. daß ich genug hatte. die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. Es bedeutet nur.seine Meinung ehrlich vertrat. daß man die Lage erkennt. wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. Mehr denn je war mir klar. Aber mit vielen der Menschen. verbanden mich Jahre. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . das System zu ändern. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit. mit denen mich so viel verband. die für meinen Dienst arbeiteten.

Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. Um diese Situation zu beenden. ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. Parteitag der SED getroffen werden mußte. Altersgründe anzugeben. immer wieder hinaus. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle. Sein TroikaProjekt war mir zum Vermächtnis geworden. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. drängte ich auf eine klare Entscheidung.Lebensaufgabe. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. das bereits beantragt war. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. Er trug nun die Last der Arbeit. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre. während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte. die zu tun waren. damit ich ausscheiden konnte. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt. muß dieser Schritt bald getan werden. Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen. Er glaubte offenbar. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten.

und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. also Offenheit. Der PerestroikaKurs.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. auf jeden einzelnen an. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin. mit dem man vernünftig reden könne. weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. so meinten sie. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn. den er schnell einschlug. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. waren Vorboten einer Lawine. an mein Gewissen zu appellieren. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. Ich war mir sicher. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. daß Glasnost. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. die in Bewegung geraten war. die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. Die Flüchtlinge. Parteitag der SED im April 1986.

wie nicht anders zu erwarten. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat. darunter auch ich. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. Erst später erfuhr ich. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. um an Informationen zu gelangen. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten. Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten. Die Delegierten des Parteitags. waren gern bereit. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- . und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. Es war also kaum verwunderlich. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. Er erntete sogleich Sympathie. Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow. die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt. jeden Impuls aufzunehmen. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab.

Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder. ganz so. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte. die ich zwei Jahre später heiratete. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen. Als wir feststellten. würde ich als Buch realisieren. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. Noch im Dienst stehend. auf mich übertrugen.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. als wäre ich sein Nachfolger. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. die sie in ihn gesetzt hatten. Die Summe all dieser Gespräche. Fast zur selben Zeit. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert. und er genehmigte die unzensierte Fassung.in der China-Politik überholt wurde. der bewältigt sein wollte. daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen.

im ersten Moment war ich sprachlos. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. daß ich Mielke informieren mußte. Mit dem Entschluß. in dem Mielke behauptete. Der 30. doch das hatte ich abgelehnt. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier. es zu unterdrücken. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. lieferte ich endlich einen Anlaß. Im November war es dann soweit. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. Andrea zu heiraten. die ich mir ausbedungen hatte. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen. Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. Jahre später las ich ein Interview. Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. So blieb es nicht aus. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. beschlossen wir. wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. reinen Tisch zu machen. Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung.Versuche behauptete. Mielke hatte noch versucht. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach. aber dann gewann der Humor die Überhand. meinen Abgang in die Wege zu leiten. doch vergebens. Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. Jenen unter ihnen. mich zu überreden. die mich gut kannten.

In vertraute Gesichter blickend. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. auch im eigenen Land. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge. für einen Standpunkt einzutreten. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. Die Fähigkeit. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. sind jetzt weniger blind gläubig. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. Das. sagte ich. »Wir waren anfangs sehr gläubig. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen.geblieben sein. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. Der Aufklärer ist nicht dazu da. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. die unausweichlich bevorstanden. in der Familie und von Menschen. auch im eigenen Lager«. vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. Den roten Faden lieferte mir der Brief. den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. manche auch vom Gegner. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. sprach ich an diesem Abend über das Glück. Damals war Koni Soldat der Roten Armee. ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. als ich am 27.

aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. daß ich ein Mensch bin. Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. Jeder Mensch hat das Bedürfnis. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . fuhr ich in meiner Rede fort. wo einem keiner raten und helfen kann. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. das Persönliche aus meinem Credo.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht. Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. das ich ihnen mitgeben wollte. »In einer Zeit. nicht auszuschließen. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. gebraucht und nicht benutzt zu werden. ist alles Dünkelhafte von Schaden«.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt. der in den Ruhestand geht. in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. Verzeiht. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen. Dünkel. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten.wurde. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr. Doch stark geliebet auch. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß.

mit der imposanten Eiche am Eingangstor. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. mich fordernde. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. das heißt. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. erregte das Buch Aufsehen. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. was ich von Gorbatschow hielte. ich sei froh. in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. Sie verharrte in einer Rechthaberei. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe. sagte ich. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren.« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. Es war eine aufregende. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZEProzesses kein gutes Ende nehmen konnte. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt.Weg unbeirrt zu Ende gehen. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- . daß es ihn gebe. dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe. kurzum produktive und schöne Zeit. Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut. Auf die Frage. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß m anchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost.

n. Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- . Umschlag der Troika von 1989 (v. Lothar Wloch. das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte.: George Fischer. daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme. r. l. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit.Äußerungen.

Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. Am 18. und ich antwortete stur. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. so sei es in der Tat. den keiner. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. der ich doch Bürger der DDR war.und klanglos von der politischen Bühne ab. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen. -437- . Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. Mielke fragte mich irritiert. jemals vergessen wird. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. einen Haftbefehl. Keinen Monat später kam jener Tag. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. ob das gerade jetzt sein müsse. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein. der dabei war.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen. daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte. Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview.

Da kamen die ersten Pfiffe.Am 4. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. Die Stimmung war gelöst. noch existierten Armee. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. um ihr Recht auf Meinungs. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. daß ein Umschwung bevorstand. Alle empfanden. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. wurden die Pfiffe lauter. Christa Wolf umarmte mich. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. eine halbe Million Menschen. Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. noch stand die Mauer. Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. fast euphorisch. daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. Aber an diesem 4. verschwieg aber nicht. die Schauspielerin Johanna Schall. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. Brechts Enkelin. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. -438- . auch solche Gedanken auszusprechen. Als die Reihe an mir war. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg. daß die Vergangenheit mich einholen würde. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. Staatssicherheit und Polizei. die Widerspruch erregen mußten. andere drückten mir die Hand. Als ich verlangte. Es hagelte Zwischenrufe.und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. ob ich bereit sei. der noch keinen Namen hatte. mitten im Zentrum. war mein Mund ausgetrocknet.

11. 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum. Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher. als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube.« Die Richtstatt. vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen. daß die Tage der DDR gezählt waren. An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«. Am 4.Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. einig Vaterland«. und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl. sondern der Ort der Wahrheit. das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung. -439- .

in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte.Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. mein zweites Buch zu beginnen. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse. Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. vielleicht. -440- . Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken. Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Gespräche und Gedanken verarbeiten. Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. Inge Viett und andere RAF-Mitglieder. verging kein Tag. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden. die aussteigen wollten. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. weil er meinte. als bekannt wurde. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen.

vorübergehend das Land zu verlassen. Am 3. in denen ich klarstellte. sondern gescheitert. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. sei Grund genug. sagte er nicht. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- . Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. beschloß ich schweren Herzens. war nicht verabschiedet worden. Anatolij G. der Leiter der Berliner KGBNiederlassung. aber er fügte hinzu. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen.und die Offiziere der Abteilung XXII. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen. dem ich sagte. Neueste Enthüllungen deuteten an. das Land zu verlassen. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. das den Mitarbeitern der DDRNachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. an den Außenminister und an Willy Brandt. daß ich mich geweigert hätte. Oktober 1990. fügte ich hinzu. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. dem Tag der Vereinigung. Woher sie das wußten. aber keinen Grund sah. die für sie zuständig waren. Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke. der KGB sei sehr froh. darunter Walter Janka. Nowikow. einzugreifen oder sich zu beschweren. Bewegte Monate folgten. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz. erwiderte lächelnd. hatte ich nicht die Absicht. dann in der Sowjetunion. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. zuerst in Österreich.

falls ich in Schwierigkeiten geriete. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden.Codewort an den KGB wenden könne. Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los. Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch. Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder. Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- . konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo.

mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. kam auf die Idee. als wir in Wien nachfragten. und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort.Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht. daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau. Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen. die Stimmung war jedoch gespannt. wie wir feststellten. Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. Der Weg nach Israel war uns versperrt. Meinem Gastgeber war es peinlich. mit dem wir zu tun hatten. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. trafen wir dort ein. doch niemand. daß sein -443- . ohne eine Antwort zu erhalten. aber erleichtert. Erschöpft.

Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. daß Wladimir Krjutschkow. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. sondern einfach schwiegen. alte und neue Freunde. die gebot. die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. Mit Andrea Wolf. Wir trafen die Familie meiner Schwester. Sehr schnell mußte ich erkennen. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab. nun Vorsitzender des KGB.Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte. daß Freunde im KGB. So kam es. doch komfortabel genug. Als seltsam empfand ich es. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. mir Asyl zu gewähren.

Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. Gorbatschows Protege. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. die ihm mitteilte. was ich ihm mitteilte. Du warst uns immer ein treuer Freund. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. hörte sich jedoch freundlich an. aber wir können im Augenblick nichts für dich tun. Wer hätte gedacht. was hier los ist.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren.aus erster Ehe. daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben. um danach zu entscheiden. du siehst selbst. Er war mir zu schmalspurig. Er wirkte erschöpft und überanstrengt. und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. Allein -445- . ein typischer Verwaltungsmensch.

Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. wo der Bundesanwalt. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete. Um diesem Rummel ein Ende zu machen. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. war ihm vom Gesicht abzulesen. mich schon erwartete. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- . daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte. Der Triumph. Am 24. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. daß ich mich in Wien aufhielt.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. meiner endlich habhaft zu werden. In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt.

Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. allerdings eine seltsame. Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen. Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen. der ehemalige Präsident des BND. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen. der für die DDR spionierte. Heribert Hellenbroich. Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. das ist schwer zu verstehen. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte. Jemanden. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten. des Landesverrats zu bezichtigen. das hat eine Logik. so hatte er gesagt. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. Admiral Elmar Schmähling.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. (…) Ihn jetzt (…) allein. zu vernehmen. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. weil der Zugriff möglich ist.

die man als Agenten bezeichnen kann. Später erfuhr ich. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren. Während meines Prozesses war Rainer Rupp. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. Dazu hatte ich erklärt. einer guten Sache zu -448- . der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte. Deshalb bemühten sie sich. mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel. sondern als Menschen. daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte. Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern.und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. enttarnt und verhaftet worden. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. denen es gelungen war. Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs. die Informationen zu entschlüsseln.

daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. gab er bekannt. sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren. was er durchgemacht hatte. war Karl Winkler. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. Ich war des Landesverrats angeklagt. und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. die wir später verwirklichen wollten. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war. den 6. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war.dienen. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . daß dieser junge Mann trotz allem. Dezember 1993 anberaumt worden. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. November 1989 unterhielten. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. Als wir uns nach dem 4. für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. Ein Freund. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. stellte ich fest. sondern ein offener. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. Gemeinsam entwickelten wir Projekte. der mir in dieser Zeit nahekam.

Revision. Rechenschaft über das abzulegen. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte. Der Gerichtssaal war nicht der Ort. was wir uns vorzuwerfen haben mochten. half mir die Lähmung überwinden. Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann. die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte. und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. -450- . daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können.

doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. Ich sah Frauen und Männer wieder. Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte. Beide stammten aus Nürnberg. Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. wahrten sie ihre Haltung und Würde. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden.18. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . Auf dem Weg dazu. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen.

Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn. Böhm ging in den Osten. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war. in die CDU einzutreten. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen. er wolle der DDR gern helfen. um westliche Verbindungen zu nutzen.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. wollten sie einen Verlag gründen. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln. glaubten sie. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. mit ihm leichtes Spiel zu haben. bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen. der andere als FlakOffizier –. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag. gerechten Gesellschaft entwickelte. obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. und forderten ihn auf. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. aber er sei keine Marionette. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen. wenn es galt. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte. warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. Porst wollte sich mit einem -452- . sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes.Stirn. Er sagte.

Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- .und kapitalistischer Marktwirtschaft.« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven. nicht ohne Humor. daß die DDR selbst schuld sei. von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen.und Nachteile sozialistischer Plan. Es war ein Vergnügen. Vielem. mit denen unser Land zu kämpfen hatte. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten. beharrte er auf der Meinung. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle.kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete. als es um Presse und Medien der DDR ging. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif. gutgeschnittene Anzüge. Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. auf Gedanken einzugehen. denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte. was er vorbrachte. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. Der gleiche Jahrgang wie ich. mußte ich recht geben. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los. Er war von kleiner Statur. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen. Vor. wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück.

die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen. Optik. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte. nachdem er in die FDP eingetreten war. Wie Porst seinen politischen Standort definierte. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen.wertvoller. Walter Scheel. ihn so beeinflußt zu haben. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. so sein Deckname. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. Er war nicht in die CDU eingetreten. an der sein Herz zu hängen schien. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. Thomas Dehler und Karl. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten. die ihm als Unternehmer näherstand. Offenkundig glaubte er. Eigentlich war so etwas nicht möglich. daß er. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. Politiker wie Erich Mende. daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- . Um den Kontakt optimal zu halten. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. kann man daraus ersehen.Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. Er fand es auch selbstverständlich. sondern in die FDP.

denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet. ihre Kredite zu sperren. unter starken Einbußen.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. Für uns galt allerdings das gleiche. ein unsanftes Erwachen gewesen sein. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. Daran muß ich denken. dann muß seine Verhaftung. der Kern seines Unternehmens. Falls das so war. wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet. litt das Versandgeschäft. Es funktionierte. Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. hielt ich ihn für einen Hasardeur. Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. Banken drohten. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . doch als er 1967 verhaftet wurde. Als wir uns in Budapest trafen. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark. den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunkund Fernsehbeilage.

gedacht werden dürfen. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen.Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. so utopisch erschien sie mir. Verantwortung und Initiative des einzelnen. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter. Der wahre Grund für die neun -456- . daß die Bundesrepublik ein Land ist. in dem auch Gedanken. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns. So faszinierend die Idee war. Vier Jahre später. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. Und zwar mit meiner Meinung. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Ich nehme mir die Freiheit nach links. Auch konnte ich nicht glauben. Ich glaube immer noch. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. die von den offiziellen Normen abweichen.« William Borm war einer der interessantesten Menschen. da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause.

Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. daß man Borm verdächtigte. der Beiname. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. was man dort unter einem »Herrn« versteht. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . hochgewachsener Mann. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. die ihn in Bautzen besucht hatten. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten. Im Gespräch erklärte er sich bereit. Ich war neugierig geworden und beschloß. Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen. auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP. Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDPLandesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. Sir William. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis. den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte.

so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. die uns halfen. Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht. Für Bonn aber war es noch früh. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt.Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der WestBerliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. nachdem es ihm gelungen war. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen. Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. Das zeugte von seinem guten Gespür. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde. Brandt davon zu überzeugen.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen. das gleichberechtigte Geben und Nehmen. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. wußte -458- .

die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. »Ist es schon Mut. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen. Ein Satz. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. Es war das Freimaurertum. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete. In seinem Denken war er jung und radikal. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab. stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. -459- . sondern als Gleichgesinnter. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde. Brüderlichkeit und Dienen. aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. Nie wieder sollte es geschehen. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er.ich.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. und statt dessen für Opportunismus. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei. den er häufig äußerte. Das beschäftigte ihn bis zuletzt. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt.

mit der er seine Parteikollegen charakterisierte. schätzte aber selbst nüchtern ein. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft. An Genscher störte ihn. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. Das war sein Ende als Parteipolitiker. daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. Genscher hielt er für einen Macher. wozu ich ihn ermuntert hatte. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . Die Geister. Mit Sorge beobachtete er. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. Hinzu kam. daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. daß er gerade solche Karrieristen förderte. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. zeigt sich auch in der Offenheit.Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging. Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. Er tadelte Genschers Bereitschaft. die er gerufen hatte. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig.

Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden.Bundesrepublik. Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt. saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- .

Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte. Nach seinem Tod am 2. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde. als äußeres Zeichen. Er hat stets Opfer gebracht. wo es ihm geboten schien. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen. Gabriele Gast gehört zu jenen. die mich mit Jahrzehnten -462- .« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. die es mir besonders schwer machten. die Fäden zu durchtrennen. getan haben. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat. der die Gedanken anderer respektierte. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien. Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. daß sein Einsatz. als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. so wie ich ihn kennengelernt habe.William Borm war. seine grundlegenden Werte zu verteidigen. seine Mühen verstanden wurden. galt viel. ein echter Deutscher. der Aussöhnung gerade da. sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. auch um den Preis der eigenen Freiheit. Er war der erste Politiker aus dem Westen. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen. so unbequem es auch oft war. der Liberalen Demokraten. Er hat Konflikte nicht gescheut. Sein Wort. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten.

Die Mitarbeiter meines Dienstes. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht. Beide waren kluge Männer. die sich für unseren Dienst engagierten. sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. als dies noch möglich war. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig. für ein edles Ideal. -463- . die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen. die für eine gute Sache eintrat. weil sie nicht wollte. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. weil es ihre Sensibilität. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. ausze ichneten. die Kardinaltugend des Aufklärers. die sich nicht nur durch Geduld. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. Lange Zeit war es ihre Aufgabe. die zu der ihren wurde. habe ich immer wieder festgestellt. wenn sie noch lebten. ohne daß man zu große Gefahren einging. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. könnten mehr dazu sagen. Diese Frau war ein weißer Rabe. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. daß er in ein Heim abgeschoben wurde.

Wenn wir Originaldokumente benötigten. die sie in Toilettenoder Kosmetikartikeln versteckte. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert. Ich weiß. die richtige Wertung zu haben. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. die sie für uns verfaßte. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. dem bekannten Osteuropaspezialisten. um dort zu recherchieren. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. fand ich es ratsam. Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. zu ihrem ständigen Betreuer. und deshalb übernahm dies ein Kurier. der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. fertigte sie Mikrofilmkopien an. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. mich Mitte -464- . die von München in den Osten fuhren. Anfangs fand die Übergabe statt. Ihre Arbeit für uns war hervorragend. Die Analysen. das Material entgegennahm. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen.Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. doch das war zu riskant und zu umständlich. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. der in München. das uns erlaubte. besuchte sie erstmals die DDR.

deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte. doch je länger wir uns unterhielten. Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste. Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. war sie vom Dauerstreß der Konspiration. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen. Als wir uns einmal über den Nürnberger KriegsverbrecherProzeß unterhalten hatten. Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen. daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. Probleme waren daraus erwachsen. -465- . um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet.

waren bereits vernichtet worden. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt. Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. Sie prognostizierte. läßt sich daraus ablesen. Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System. daß sie 1986 beauftragt wurde. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ. vor allem nach dem Tod Andropows. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. Alle Unterlagen. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern.immer marginaler geworden war. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren. daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. Es war eine Begegnung. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte. Meine anfänglichen Befürchtungen. hatte ich zu Unrecht gehegt. Wie sich herausstellen sollte. sie wolle sich zurückziehen. Aber das war ein Irrtum. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. die mit ihr zu tun hatten. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. daß sie andere denunzierten. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. etwas Sinnvolles zu leisten. mit dem. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. wie wichtig es ihr war. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte. was sie für uns tat.

daß -467- . Daß ihr Auftritt als Zeugin. Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. als sie begriff. die aus der Haft vorgeführt wurde. und wir vereinbarten. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. Mitte der 80er Jahre. uns sobald wie möglich zu treffe n. Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt. Ende März besuchte sie mich. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. weil er mitangehört hatte. was uns bewegte. merkte man an ihrer Anspannung. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. Das Verhalten KarlHeinz Schmidts. der vor Gericht ganz anders hieß. an das ich nicht mehr glauben konnte. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen. hätten freigeben sollen. die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer. sie nervlich belastete. ob ich sie damals. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. daß genau das eingetreten war. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. um ausführlicher über alles zu sprechen. In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht. ihres »Karliceks«. Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß. indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. was sie in den Haftjahren gequält hatte.verwandt) tat sich dabei besonders hervor. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können.

obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe. Daß nicht verlorengeht.unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. Deshalb möchte ich daran glauben. Wahrheiten können nicht nur hilfreich. daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden. was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft. sondern ebenso schmerzhaft sein. -468- . Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen.

die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-PaktStaaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern.19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie. worauf es ankommt.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. dem Charakter einer Gesellschaft. wird mich verfolgen. s chreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. weiß man sowieso. Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen. dem Bonner Botschafter der DDR. (…) Das. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- .und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten. was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. Im Gespräch mit Michael Kohl. hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören. dem wir dienten.

« -470- . Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht. einander das Leben zu erschweren. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen. 1974 nach den Feiern zum 25. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg.west-östlichen Diwan gelegt. Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei. Regenschirmspitzen vergiftet. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen. Jahrestag der DDR geschrieben. Staat und Wirtschaft messen. ohne Geheimdienst auskommen zu können. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. anleiten. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam. Keine Nation der Welt glaubt.« Eine eigene Eintragung. daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut.

10. 1974 (Transkription im Anhang) -471- .Tagebucheintrag vom 16.

Tagebucheintrag vom 17. wo ihre Warnungen in den -472- . 1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort. wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen. 10.

Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit. was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach.Archiven verstauben. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann. Sorge in Tokio. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. bevor sie starben. die Rote Kapelle in Berlin. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- . Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. dem er eng verbunden war. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener. Leopold Trepper in Frankreich. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen. In der Politik fällt die Entscheidung. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. mit einer Handbewegung vom Tisch fegte. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind.

Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. zumindest als sinnloses Spiel erscheinen. weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. -474- . Trotz der Faszination. Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. die das Werk auf mich ausübte. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal. Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen. auch in der US-Öffentlichkeit. Aber Opfer und Entbehrungen. Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich. Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. ihr Tun unmoralisch. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. und sie bekam keine guten Noten. sie durften nicht umsonst gewesen sein. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. blieb Widerspruch in mir zurück. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. nein.

solange diese Dienste existieren. Technisch kann man nur den IstZustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. darauf hinzuweisen. daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. zu gewinnen und aufzubauen. nie ganz zu ersetzen sein wird. dann drängt sich der Verdacht auf. Dennoch glaube ich. streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß. Geheime Pläne. in die man eindringen will. sie aufzublasen. Bürgerrechte zu schützen. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen. vermag diese Barriere nicht -475- . sondern von den eigenen Führungsqualitäten. Aber es ist so. Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht. daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt. Vielleicht steht es nicht gerade mir zu. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. Selbst ein auf wenige. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen.Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten.

mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen. die er ihnen selbst geliefert hatte. eigentlich dagegen. Überhaup t ist es kaum zu fassen. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen.zu überwinden. dessen Zeugen wir gerade wurden. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß. nur hat sich der -476- . von sich aus darauf zu verzichten. Regierungen sind niemals bereit. um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. Vor allem in Deutschland. vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. ist allgemein bekannt. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei. Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar. Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. »tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. heißt es.

um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren. den naheliegenden Schluß zu ziehen.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete LawandorderDenken verleitet diese nur zu oft dazu. die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionageund Sicherheitsdienste auf. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends. Im übrigen ist die Wirtschafts. Was die Atommafia betrifft.und Industriespionage keine neue Entdeckung.und ausgebaut. sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste. auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen. CIA-Direktor unter Präsident Bush. so entsprechen die bisherige -477- . hat offen ausgesprochen. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates. daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken. daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. Allerdings versäumen diese Experten. Aber es gibt noch andere Gebiete.

Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kernund Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen. in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen. Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. wo es bisher ausgeklammert blieb. der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen. signalisieren die latente Gefahr. muß gefragt werden. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen. aber das -478- .Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern. Dem möchte ich hinzufügen. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. Dieser Kampf ist kein Spie l. unsere Welt brauche Utopien. Admiral Schmähling. Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. als Utopie abgetan wird. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West.

besonders durch den Staat. -479- . ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande. Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft.Endspiel verloren hat.

meiner Familie. was meiner Familie und mir teuer war. und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. mit denen wir die Welt verändern wollten. was hinter mir liegt. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. noch so gering gewesen sein. war kein Verrat an Deutschland. wahrscheinlich zu hoher Anspruch. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt.« Wenn ich nach allem. auch Wunden und schmerzende Narben. wir haben aber nicht umsonst gelebt. Habe ich etwas von den Werten verraten. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen. die mir erst später bewußt wurden. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. die meinen Lebensweg begleitet haben. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt. Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. Wir haben Spuren hinterlassen. mit gutem Gewissen sage. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. sondern das Leben in Kriegszeiten. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften. Es war ein hoher. vieles haben wir falsch gemacht. die -480- . sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. bedeutet dies. daß ich nichts verraten habe. Aber ich halte an den Werten fest. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. die meinen Vorbildern. er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs.Epilog Das Schlußwort.

Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer. wie diese Führung jeden Meinungsstreit. meine Meinung zu vertreten. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. Verantwortung für ihren Mißbrauch. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. auf Veränderungen von oben. was mich lahmte. Mangelnde Courage. konsequenter hätte tun können. nahm ich an der Macht teil. Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. auf sich nehmen zu müssen. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. Es war vielmehr der Zweifel. in dem System.Wurzeln des Nationalsozialismus. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat. tun müssen. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. auch durch andere. Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach. daß wir uns -481- . was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. wie es beschaffen war. mutiger. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. ohne zu begreifen. vor allem in Moskau. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten. war es nicht.

das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. doch nicht sehr lange. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. Die Zeit war abgelaufen. Wir sind gescheitert – aber nicht. daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. an einer Gesellschaft mitzuwirken. zu einer Zeit. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten. Ihm galten auch meine Hoffnungen. indem wir alles Handeln delegierten. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten. Das ist meine feste Überzeugung. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied. sondern zuwenig. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- . dem bedingungslosen Gehorsam. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen.selbst die Hände banden. wie es meine Überzeugung ist. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. den Ideen treu zu folgen. Was bleibt von unseren Idealen. Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. wir glaubten. was von den Mühen. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System. so. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen.

Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter. als sie halten konnte. Man mag einwenden. Manchmal werde ich gefragt. vor denen die Menschheit steht. Sie wirkt weniger vordergründig. in dem sie verlorengehen. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. ist aber nicht weniger brutal. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . sondern immer neue und größere Probleme erzeugt.Westens mehr versprochen. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. Viele müssen erkennen. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. das dadurch charakterisiert werden kann. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren. nicht zu lösen vermag. So richtig das ist. daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme. Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. und sie rührt daher. welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann. kann ich darauf nur erwidern. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik. daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger G ewalt aus als die Macht des Staates.

selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. -484- . Ich weiß nicht. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. Karl. was Jean Ziegler sagte. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. das müssen sie selbst prüfen und herausfinden. in der Freiheit. Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen.wichtiger. Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. diese Meinung auch zu vertreten. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. doch meine Ideale habe ich nicht verloren. ist gescheitert. daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. Sie hatten recht. Der kalte Krieg ist zu Ende. ein Modell des Sozialismus. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. Karl – bis morgen. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen. als sich eine eigene Meinung zu bilden. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut. Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

im März 1997 -486- .und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Für Rat. Klaus Eichner. Berlin. Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau. Jürgen Jessel. Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. Aune Renk und Craig R. die Endfassung Anfang 1997. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea.Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt. die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. Whitney. Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. Kai Hermann.

mit Schmidt. Ich habe ihm versprochen.4. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. daß auch Brandt eine Einladung besitzt). Seit heute weiß ich. mit Zeitungsausschnitten. wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden. Sachse«. Es ging auch um die Einladung L.Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU. »Wir ziehen ja an einem Strang.a.a.I.: »Sing anders. für die nur Wischnewski eintrat. 3. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. Bahr und Apel im BKA kommend. H. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. u. für unzurechnungsfähig zu erklären). daß sie sich anbahnt. Eskalation. und vom 16.« Es wird berichtet. seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht. Parteibuchs. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist. Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt. u. Frisch von der Krisensitzung am 13. in Vorbereitung der Mittagreise. Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. Wischnewski. H. -487- . bedankte er sich für die Grüße E. ja vielleicht schon brodelt. Brandt.s. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. a.W. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist.

vorgesehenen Austausch vo n G. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Dieser glaube noch. die UdSSR könne die DDR opfern. 35 mit der Außenpolitik Genschers. daß er aufhören muß. Eintrag vom 24.« -488- . Polen – gefährlicher »Ermunterungssog. Besuch von RA Vo gel bei H. zum 75. mit dem operiert werden soll. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt. Materialwalze auf Dauer mithalten könne. desto besser. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. Ob u. ob die UdSSR mit der amerik. Guillaume. Lambsdorff. Mischnik u. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. u.Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen.H.. 8. wie er sich da heraus windet. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung. – sein liebstes Geschenk. gab dann noch Empfehlungen für G. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u. Verheugen hinzugezogen.a. »Je eher.« Später wurden Genscher. die im argen liegen. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E. da ist alles drin. H.H.10. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E.W. Bestätigt den für Sept.« Sorge. »Sagen sie meinem Jugendfreund. Mittag.

Es ist eine halbe Minute vor 12. die an Gott glauben.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. eigentlich immer ein Einzelgänger. leider. März 1983 Mit Herbert Wehner. Reagan am 8. Für alle. Gott zu kennen. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR. die in jener totalitären Finsternis leben – beten.-J.»Es geht nicht ohne innere Gewalt. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. So hat die Antwort Brandts (ND 27. Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. ein interessantes Leben unserer Zeit. sich selbst zu zerfleischen.« Eintrag vom 27. 3.) auf das Schreiben Walter U. daß sie die Freude entdecken. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski. Als ob von Brandt. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- . Eintrag vom 8. Sein Leben voller jäher Wendungen. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab. seiner Politik. sei es besser. der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H. tot als rot zu sein. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. bereit andere u. Vogel abgelöst wird. Februar 1969 Es ist erstaunlich. 2.« Absolute Ablehnung Reagans u. Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. Choleriker. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert.

Mai 1974 Es schien kurze Zeit. Nixon in Westberlin. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar. man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. »Heinze« – sind verhaftet. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n]. Max Christiansen-Clausen 70. Doch der Schein trügte. schade. Ausschlaggebend war die Annahme. Die SED solle sich darauf einstellen. Er war es seit eh und je.s. als ein Tropfen genügte. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. Eintrag vom 25. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. H. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte. Politisch völlig unpassend. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten. um das Faß zum Überlaufen zu bringen. Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus. etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. Schade. und die Regierungs.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. Trotz aller Überlegungen u.charakterisiert wird. Eintrag vom 6. schade. der -490- . daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt. Das ging auf den Magen. sonst nicht. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. Das Letztere scheint der Fall zu sein. April 1974 Großer Mist: »Hansen«. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug. Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt.

Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß. aber ein ganz Großer war er nicht. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. Warum auch? -491- . Er glaubte tatsächlich. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. auch unser Günter Guillaume. Brandt tritt zurück.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. weiß er. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. Er wird in die Geschichte eingehen. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. und das wußte u. in dem herumgestochert wurde. und 8. Den hat er allerdings weniger uns. Eintrag vom 7. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird. als seinen Gefährten zuzuschreiben. in einigem Sympathie entgegenbringen. BKA-Min. Ein Gerücht jagte das andere. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e]. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag. betätigen wir den Abzug.a. Ein Mann. jetzt. u. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten. mit dem Kalkül. Daher die echte Resignation.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. mit dem man manches machen konnte. BfV-Chef Nollau u. liefern das Geschoß. passiert dieser Unfall. ehem. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg.

Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. H. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- . Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate.In der PB-Sitzung wurde von E. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. kontrollieren. Wirtschaft messen. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. das die NATO produziert. Staat. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. und 17. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. anleiten. wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders. Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. mit Stempeln Geheim u. Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. Eintrag vom 16.

auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion. um Medien. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- . Politik. Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In. auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung.und Ausland. auch VMann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität. Dokumenten.Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson. operative geheime Sammlung von Informationen.

der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code .Buchstaben oder Zahlenkombinationen. der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter.oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter. Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes. der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- .

operative glaubwürdiger Vorwand. um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten. geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. Ermittlungen vorzunehmen. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende. unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent.Inoffizieller Mitarbeiter. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- .

Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission. auch Geld.geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person. Funk. illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw. Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-.oder Operationsstützpunkt. wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw. auch technisches Gerät zu diesem Zweck.oder Materialdepot Subversion -496- . die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient.

auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung. Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- . B. Behörde. militärische Einrichtung.Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland. z.