Markus Wolf

Spionagechef im geheimen Krieg

Erinnerungen

scanned by unknown corrected by thesky
Jahrzehntelang nannte man ihn den »Mann ohne Gesicht«. Jetzt erzählt Markus Wolf, der legendäre Leiter der DDR-Auslandsaufklärung, erstmals seine persönliche Geschichte und die seines Dienstes: ein Buch, das zu den Klassikern der Spionageliteratur zählt.
ISBN 3-471-79158-2 Original: The Man Without a Face 1997 by List Verlag GmbH, München

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Spionagechef im ge heimen Krieg ist eine erweiterte und bearbeitete Fassung der englischsprachigen Originalausgabe.

Für Andrea

Inhalt
Einleitung ............................................................................. 4 Prolog................................................................................... 7 1 Vom Neckar an die Moskwa ........................................... 25 2 Der Einstieg..................................................................... 45 3 Learning by doing ........................................................... 64 4 Schicksalsjahr 1956 ......................................................... 99 5 Die Betonlösung............................................................ 123 6 Spionage aus Liebe........................................................ 144 7 Der deutschdeutsche Dschungel.................................... 156 8 Herbert Wehner............................................................. 190 9 Der heiße Sommer von 1968......................................... 215 10 Wandel durch Annäherung.......................................... 229 11 Des Kanzlers Schatten................................................. 258 12 Das Gift des Verrats .................................................... 290 13 Ein neues 1914? .......................................................... 316 14 Aktive Massnahmen.................................................... 341 15 Die Entdeckung der dritten Welt................................. 356 16. Der ferne Kontinent.................................................... 382 17 Der Ausstieg................................................................ 418 18. Der menschliche Faktor ............................................. 451 19 Glanz und Elend der Spionage .................................... 469 Epilog............................................................................... 480 Danksagung...................................................................... 486 Transkription der Tagebucheintragungen ........................ 487 Glossar.............................................................................. 493

Einleitung
Dieses Buch ist ein Wagnis. Als erfolgreicher Geheimdienstchef zur Symbolfigur abgestempelt, muß ich mit hohen Erwartungen der Leser rechnen. Die einen werden eine Enzyklopädie dieses Zweitältesten Gewerbes erwarten, die anderen etwas in der Art eines JamesBond-Films oder Spionagethrillers. Nur haben die Helden solcher Filme und Bücher mit den realen Akteuren der Nachrichtendienste nicht mehr Ähnlichkeit als die Märchentiere Walt Disneys mit der Tierwelt der Wälder, Steppen und Savannen. Die Nerven des Chefs eines Dienstes werden in der Wirklichkeit wesentlich mehr strapaziert als die der Filmhelden, und von ihm angeregte Aktionen laufen im Idealfall lautlos und weitgehend unbemerkt ab. Für welchen Leser wähle ich aus der Fülle der Erinnerungen und Gedanken, aus der Vielfalt des für mich alltäglich Gewesenen das Erzählenswerte? Manches, was vor Jahren die größte Aufregung verursachte, erscheint nach der Prüfung durch die Zeit fast banal. Umgekehrt erhalten Informationen und Vorgänge, die zum Alltagsgeschäft gehörten, und mit ihnen die Menschen, die viel aufs Spiel setzten, oft erst im Rückblick ihre wahre Bedeutung. Die Personen der Begebenheiten meines Buches leben zum großen Teil noch. Ihnen galt und gilt mein besonderes Interesse. Nicht das sich täglich auf dem Schreibtisch häufende Papier, sondern die Begegnung mit für ihre gefährliche Tätigkeit ganz unterschiedlich motivierten Menschen, das Kennenlernen so verschiedener Charaktere machte für mich den Reiz der Arbeit aus. Die moralische Verantwortung gegenüber diesen Menschen besteht fort. Vielen drohen noch Verfahren, viele sind in ihrer bürgerlichen Existenz gefährdet. Andere haben sich nach dem Verbüßen ihrer Haftstrafe ein neues Leben aufgebaut. Dies habe
-4-

ich beim Erzählen zu berücksichtigen. Deshalb muß ich meine Leser um Verständnis bitten, wenn ich viele Namen nicht nenne, in manchen Belangen Zurückhaltung übe und einiges noch ganz mit Schweigen übergehe. Begriffe, die manchem Leser wie Fachchinesisch vorkommen mögen, sind im Anhang in einem Glossar erläutert. Die Erfolge des von mir geleiteten Dienstes markierten Höhepunkte des kalten Krieges. Diese Zeit prägte schroffe und unversöhnliche Feindbilder auf beiden Seiten. Wir sahen in unserem Widersacher den »imperialistischen Aggressor« und verkörperten selbst für viele Menschen der anderen Seite das »Reich des Bösen«. Über Jahrzehnte hinweg verfestigte Klischees wirken nach, auch heute noch. Gleichzeitig rücken die Jahre des erbitterten kalten Krieges im Bewußtsein vieler allzu schnell in die Vergangenheit. Die Geschichte dieser von mir erlebten Zeit so zu erzählen, daß sie auch jenseits des verschwundenen Eisernen Vorhangs verstanden wird, ist nicht leicht. Und zuletzt: Nach der kläglichen Auflösung eines Staates über Erfolge eines Nachrichtendienstes zu schreiben, der nicht mehr existiert, mag anmaßend erscheinen. Doch gerade im Zusammenbruch des gesamten Systems, in das mein Land eingebunden war, liegt für mich die Herausforderung. Was sind die Ursachen, wann und wo lassen sie sich festmachen? Etwa ein Jahrzehnt vor der Wende des Herbstes 1989 erfaßten mich Beunruhigung und der Drang, über Symptome und Ursachen der immer sichtbarer werdenden Krankheit des Systems nachzudenken, das wir für den Sozialismus hielten. Ich begann zu schreiben – damals noch im Glauben an eine mögliche Heilung. Deshalb beantragte ich 1983 meine Pensionierung, und seitdem lebt dieses Buch in mir. Ich habe die Tatsachen ungeschminkt zu erzählen versucht. Leser, Kritiker und Historiker mögen sie prüfen, sie bestätigen oder bestreiten. Im vereinigten Deutschland wurde und wird
-5-

versucht, mit Hilfe der Justiz und auf anderen Wegen bei der Aufarbeitung der Geschichte Rechnungen zu begleichen, damit am Ende nur eine Sicht übrig bleibt. Ich meine aber, daß nach dem erklärten Ende des kalten Krieges Inventur auf beiden Seiten der ehemaligen Fronten zu machen ist und daß eine Geschichtsschreibung, die diesen Namen verdient, nicht nur von den Gewinnern verfaßt werden darf. Geschichte ist nur aus der erlebten Geschichte zu verstehen. Zu solchem Verstehen einer Zeit voller Widersprüche möchte ich durch mein subjektives Zeugnis beitragen.

-6-

Prolog
Der Tag war gekommen, an den keiner meiner Angehörigen und Freunde hatte glauben wollen. Bekannte und Unbekannte, alte Freunde in Moskau und neue Freunde in Wien, französische und schwedische Schriftsteller, der Rabbiner aus Jerusalem und ein ehemaliger Leiter des Mossad aus Tel Aviv, Senatoren und Juristen aus den USA, keiner war auf einen Prozeß gegen mich gefaßt – keiner außer mir. In Begleitung meiner Frau und meiner beiden Verteidiger ging ich auf das wenige hundert Meter vom Rhein entfernte Gebäude des Oberlandesgerichts in Düsseldorf zu, an dessen Turm als Wappentier des Deutschen Reiches ein Adler seine Schwingen ausbreitet. Im Blitzlichtgewitter tauchte für einen Augenblick das Gesicht jenes Fotografen auf, der in gewisser Weise zum Chronisten der Turbulenzen meiner vorangegangenen Jahre geworden war. Noch zu DDR-Zeiten hatte er mich in der Bildunterschrift einer Aufnahme als »Hoffnungsträger« bezeichnet. Schon anders sah es bei seinem Foto von den großen Protestdemonstrationen am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz aus; da war ich plötzlich der »Stasi-General«. Wie sah man mich wohl jetzt? Der Raum, in dem die Verhandlung stattfinden sollte, war derselbe Saal A 01, in dem derselbe Strafsenat gegen Christel und Günter Guillaume verhandelt hatte – Guillaume, dessen Plazierung an der Seite Willy Brandts noch heute viele für einen meiner größten Erfolge halten, obwohl das nicht zutrifft. Für den spektakulären Prozeß gegen den Spion am Busen des Kanzlers war der Saal damals eigens abhörsicher im Keller eingerichtet worden. Die Wahl dieses Schauplatzes für den Prozeß gegen mich war gewiß kein Zufall. Während der folgenden sieben langen Monate, in denen ich das irreale Geschehen dieses Prozesses vor meinen Augen wie
-7-

ein Schauspiel vorbeiziehen ließ, tauchten in meiner Erinnerung so manche Bilder aus den vergangenen Jahren auf, die mir oftmals nicht weniger unwirklich erschienen als die Vorstellung in Saal A 01. Als sich die beiden deutschen Staaten nach vier Jahrzehnten der Trennung und der Feindseligkeit auf die Vereinigung vorbereiteten, fand ich mich unversehens in der Rolle einer Geisel des historischen Geschehens wieder. Mein Land und die Welt des Sozialismus brachen vor meinen Augen zusammen. Dieses Land hatte sich vierzig Jahre lang als Deutsche Demokratische Republik bezeichnet und auch so verstanden, und doch war es während dieser gesamten Zeit in einer Art Zwangsehe an die wirtschaftlich mächtige Bundesrepublik gefesselt gewesen. Meine Situation war nicht gerade beneidenswert. Alle Hoffnung auf eine reformierte DDR mußte ich ein für allemal fahrenlassen. Mein Ruf als Hoffnungsträger, als Anhänger Gorbatschows, war keinen Pfifferling mehr wert. Um der zunehmenden Hysterie zu entfliehen und an einem Buch über die Ereignisse von 1989 zu arbeiten, hatte ich schon im Frühjahr 1990 in Moskau, der Stadt meiner Kindheit und Jugend, Rat und Ruhe gesucht. In Moskau, wo me ine Familie einst Zuflucht vor den Verfolgungen des Dritten Reichs gefunden hatte, war stets ein Teil meines Herzens geblieben. Die Datscha meiner Halbschwester Lena, vor allem aber ihre schöne Wohnung in dem berühmten »grauen Haus am Ufer«, in dem viele der von uns verehrten und oftmals unter Stalin verfolgten Größen der 30er Jahre gewohnt hatten, riefen mir die widersprüchliche und turbulente Zeit meiner Jugend machtvoll ins Gedächtis zurück. Der Blick über die zugefrorene Moskwa auf den Kreml erzeugte ein Gefühl von Geborgenheit, die kalte Winterluft regte das Denken an.
-8-

Natürlich wollte ich in Moskau auch herausfinden, ob meine Mitarbeiter aus der Auslandsaufklärung, die ehemaligen Kundschafter im Westen und – nicht zuletzt – ich selbst mit Unterstützung und Hilfe der ehemaligen Kollegen vom KGB und des Kreml rechnen konnten oder nicht. In Berlin hatten mir immer wieder Mitarbeiter aller Bereiche des entsprechenden Ministeriums mündlich und brieflich ihr Schicksal geschildert. Die von Tag zu Tag neuen Ent hüllungen über die Machenschaften der Staatssicherheit schürten den Haß der Bevölkerung auf alle ehemaligen Staatsbeamten zwangsläufig, ganz egal, welche Funktion die Betreffenden innegehabt hatten, und meine früheren Mitarbeiter mußten allmählich um das bloße Überleben bangen. Nach meiner Ankunft empfing mich Leonid W. Schebarschin, der nach meinem Abschied Leiter der Auslandsaufklärung im KGB geworden war, überaus herzlich in einem Gästehaus nahe dem eindrucksvollen neuen Dienstgebäude der Ersten Hauptverwaltung – dem Zentrum des sowjetischen Nachrichtendienstes – in der Nähe der Ringautobahn bei Jasenowo im Südwesten Moskaus. Im Verlauf unseres mehrstündigen Gesprächs, das an einer reichgedeckten Tafel beendet wurde, konnte ich ihm nicht viel Neues mitteilen. Er war durch die Berliner Vertretung des KGB gut informiert. Seine Freundlichkeit konnte mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß für meine Belange, für die Straffreiheit der hauptamtlichen Mitarbeiter im Osten und der geheimen im Westen des wiedervereinigten Landes nur auf Ebene des Präsidenten etwas zu erreichen war. Mehr versprach ich mir von meinem direkten Kontakt zum Kreml über Valentin Falin, den profunden Kenner deutschsowjetischer Beziehungen, nachdem dieser zum engsten außenpolitischen Berater Gorbatschows aufgerückt war. Seit Anfang der 80er Jahre hatte ich vor ihm kein Hehl über meine Sorgen angesichts der Entwicklung in der DDR gemacht, und Falin hatte sich immer als aufmerksamer
-9-

welche Konsequenzen daraus erwachsen würden. war in Haft. sondern der ebenso neu aufgestiegene CDU-Politiker Lothar de Maiziere Hans Modrow als Ministerpräsidenten ab. Bei den Wahlen im März 1990 gab ich meine Stimme in der Moskauer DDR-Botschaft ab.und klanglos ihrem Schicksal überlassen könnte – zur nicht weniger großen Überraschung seines neuen Freundes Helmut Kohl und dessen Umgebung. was sich nach der Unterzeichnung des Zweiplusvier-Vertrages zwischen Kohl und Gorbatschow im Kaukasus ergeben sollte. mein langjähriger Vorgesetzter. sondern höchstens mit ihrer politischen Vernunft. Erich Mielke. nicht für möglich halten. daß der Erste Mann der Sowjetunion deren engste Freunde und Verbündete sang.und wacher Gesprächspartner gezeigt. Mit dem Ausverkauf der DDR begann das Bieten für die Mitarbeiter meines Dienstes – auch für mich. genauer gesagt: für die von mir möglicherweise zu erlangenden Geheimnisse. Trotz meiner wachsenden Zweifel an Gorbatschows politischen Fähigkeiten wollte ich es noch lange nach Bekanntwerden der Beschlüsse von Arys im Juli 1990. in der ich von Mütterchen Rußland Hilfe erwartete auch wenn ich allen Gerüchten zum Trotz seit meinem Ausscheiden aus dem Dienst im Jahr 1986 weder mit Moskau noch mit der Berliner KGB-Vertretung engeren Kontakt unterhalten hatte. -10- . Nicht einmal in meinen schwärzesten Ahnungen hätte ich mir träumen lassen. Doch danach konnten wir mit keiner Gnade der Gewinner mehr rechnen. dennoch beschloß ich. Noch gab es den Schimmer einer Hoffnung auf Vernunft vor allem in der Haltung unseres Hauptverbündeten. Im Sommer 1990 war noch nicht absehbar. Allen Voraussagen entgegen löste nicht der bislang unbekannte Sozialdemokrat Ibrahim Böhme. und der Druck auf meine ehemaligen Mitarbeiter nahm täglich zu. die das Territorium der DDR bedingungslos in die Nato eingliederten. Nicht zum erstenmal in meinem Leben sah ich mich in einer Lage. nach Berlin zurückzukehren.

er wollte mit mir lediglich beraten. dem südöstlichen Vorort Berlins. Mein Gesprächspartner erläuterte. Diestel begegnete mir ohne Arroganz und ohne das Gehabe. das Gewinner der politischen Wende nur zu gern zeigten. Meine Nachfolger im Dienst. Keine Anspielung auf meine mißliche Lage. sofern er seine Quellen verraten wollte. daß meine ehemaligen Gegner aus den westdeutschen Diensten sich intensiv und recht ungeniert um ehemalige Mitarbeiter meines Apparates bemühten. und Schäuble werde ungeduldig. bereits als Statthalter neben Diestel residierte. ob ich zu einem Gespräch mit ihm bereit sei. Es bestand kein Zweifel. an und fragte. Ich wußte zwar. ein Herr Werthebach. Wollten wir eine realistische Aussicht auf Straffreiheit. Das erste Angebot war eine Überraschung. Bonn stehe unter Druck. Meinem Schwiegersohn. Früher oder später würden seine Leute ohnedies zum Ziel gelangen.Dafür wurde ein hoher Preis geboten.und Sinnkrise zu stellen. rief mich Peter-Michael Diestel. Wir verabredeten einen Besuch im Gästehaus des Innenministeriums in Zeuthen. Werner Großmann und Bernd Fischer. der erfolgreich in das Bundesamt für Verfassungsschutz eingedrungen war. Warum also nicht rechtzeitig die -11- . hatten mich darüber informiert. müßten zumindest ein Dutzend unserer wichtigsten westdeutschen Quellen preisgegeben werden. daß Schäubles Emissär. der Innenminister der Regierung de Maiziere. wie die Situation am besten entspannt und geklärt werden könne. Anfang Mai 1990. sich einer Lebens. daß Schäubles Leute mit meinen Nachfolgern nicht so recht vorankämen. die ihn bis an den Rand seiner Kräfte führte. Freundlich schuf er eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. hatte man Straffreiheit und eine halbe Million DM Belohnung angeboten. Er hatte abgelehnt und es vorgezogen. der Preis der Freiheit. daß dieses Gespräch mit Wissen des Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble zustande kam. Damals.

« Sicher hatte er recht. ihn in den Themen Schwerkriminalität und Terrorismusbekämpfung zu beraten. die uns noch verbleibt. Selbstverständlich wollte ich die Freiheit. etwas für meine Leute zu tun. Gerhard Boeden ist gerade in West-Berlin. aber in die Höhle des Löwen wollte ich mich ohne Not nicht begeben… und deshalb wechselte ich das Thema und bot Diestel an. »Sie wissen so gut wie ich. hielt ich die mehr als eindeutige Offerte für allzu abenteuerlich. des Tauziehens ebenfalls überdrüssig. das mir die geringste Chance bot. aber ich war mir auch meiner moralischen Verpflichtung bewußt. mir hingegen eine lange Zeit hinter Gefängnismauern. Zu guter Letzt vereinbarten wir. daß wir alle der Kriegsgefangenschaft entgegensehen. habe freies Geleit zugesagt. Der Unterschied zwischen uns war nur. Die wiederholten öffentlichen Angriffe aus Boedens Mund noch im Ohr. daß wir über unsere Unterkunft und die Verpflegungssätze mitbestimmen. der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. der von meinem Dienst für die nachrichtendienstliche Tätigkeit gewonnen und motiviert worden war. niemanden. steigen Sie einfach in meinen Wagen.« Boeden. da ich zu jedem Gespräch bereit war. daß ich mit meinen -12- . und Sie brauchen sich wegen einer etwaigen Strafverfolgung keine Gedanken mehr zu machen. daß ihm möglicherweise eine Karriere im wiedervereinigten Deutschland bevorstand.Trümpfe nutzen? Auf meine zweifelnden Bemerkungen sagte Diestel überraschend: »Herr Wolf. ist die. wir würden ungehindert zurückkommen. »Herr Wolf«. als daß ich sie hätte glauben können. obwohl sie zu einem Zeitpunkt erfolgte. zu verraten. Zehn bis zwölf Namen und ein paar Angaben zu den die Sicherheit der Bundesrepublik betreffenden Aktionen Ihres Dienstes. sagte er. Die einzige Möglichkeit.

Hathaway und persönlicher Beauftragter William Websters. der nichts unversucht ließ. daß es bereits andere Anbieter gebe und daß die Uhr nicht stehenbleibe. mich vom Anzünden einer Zigarette abzuhalten. dabei wirkte er alles in allem eher wie ein Leibwächter – er war wortkarg und schien sich nicht sonderlich für das Gespräch zu interessieren. stellte sich als Mr. die sie in Filmen gesehen hatte. auf die ich von allein nie und nimmer verfallen wäre. er heiße Charles und sei Leiter der Berliner Dépendance der CIA. Mit entwaffnender Offenheit gaben sie sich als Vertreter der CIA zu erkennen. ob die CIA eine Antiraucherkampagne gestartet habe. Hathaway erwies sich als fanatischer Nichtraucher. sie hätten jeglichen telefonischen Kontakt und somit jede Ankündigung ihres Kommens bewußt vermieden. Sein jüngerer Begleiter wirkte auf andere Weise steif. Meine Besucher erklärten. »Ein typischer Bürokrat«. um nicht vom KGB oder von ostdeutschen Diensten abgehört zu werden. um die festgefahrenen Gespräche mit Herrn Werthebach vom toten Punkt wegzubringen. Auf meine scherzhafte Frage. baten sie höflich um Einlaß. flüsterte mir meine Frau Andrea zu. Er sprach formvollendet gutes Deutsch. untadelig gekleidet. Er sagte. Man gab mir noch zu bedenken. Der Ältere. des damaligen Direktors der CIA. als wir in der Küche nach einer Vase für die Blumen und nach einem Aschenbecher für mich suchten. Ende Mai 1990 standen eines Tages zwei amerikanische Gentlemen am Gartentor meines Sommerhauses in Prenden. Andrea fühlte sich an marines erinnert.Nachfolgern Großmann und Fischer Kontakt aufnehmen wollte. Einen Blumenstrauß und eine Schachtel Pralinen für meine Frau in der Hand. Unterdessen ergab sich ein mehr als überraschendes Angebot aus einer Richtung. Es gefiel mir. reagierte er mit einem verhaltenen Lächeln. vor. daß sie auf den Gedanken -13- .

wo bleibt die Peitsche? Eine Tasse Kaffee nach der anderen wurde getrunken. sprach er scheinbar freimütig über sich selbst und seine Laufbahn. Hathaway senkte die Stimme. und zum Mißfallen der Gäste steckte ich mir eine Zigarette nach der anderen an. nicht hinterm Berg. froh. war nicht schwer zu erraten. daß er eine Menge über mich wußte und im Gespräch nun überprüfte. Hathaway flocht in den umständlichen Smalltalk so manches Kompliment über meine ehrenhafte Haltung und mein Ansehen als anerkannter Chef eines erfolgreichen Dienstes ein und hielt auch mit seinem Mitgefühl angesichts der großen Wahrscheinlichkeit. fuhr er in seinem fast akzentfreien Deutsch -14- . daß wir solche Dinge arrangieren können. Was für ein seltsames Gefühl. daß mir nach der Wiedervereinigung die Verhaftung drohte. Niemand würde davon erfahren. Erst kommt das Zuckerbrot. »Wir wissen. um mir Komplimente zu machen. Sie wissen.« Das war es. von dem Drumherumreden befreit zu sein. dachte ich. signalisierte mein Gehirn. Unüberhörbar ließ er durchblicken. dann könnten Sie das mit mir unter vier Augen regeln. »Gentlemen. Wenn Sie jedoch bereit wären. »Kalifornien«. »Sie sind ein Mann von hoher Arbeitsmoral und Intelligenz«. Dann verlor ich die Geduld. vier Jahre nach meinem Abschied aus dem Geheimdienst leitenden Vertretern der mächtigsten Geheimdienstbehörde der westlichen Welt in den eigenen vier Wänden gegenüberzusitze n! Was sie von mir wollten. Um eine Atmosphäre der Offenheit zu schaffen. Vermutlich erwarten Sie sich etwas von mir. sicher sind Sie nicht nur gekommen. mich im Wald aufzusuchen.« Beide lachten. fernab neugieriger Blicke. sagte er. daß Sie überzeugter Kommunist sind.verfallen waren. uns zu beraten oder uns zu helfen. Der Emissär unseres Hauptgegners im kalten Krieg bot mir Zuflucht vor der Rache seines deutschen Nato-Verbündeten an.

»wie soll ich mir ein Leben in den USA vorstellen? Ich kenne das Land ja gar nicht. Im Namen Websters sei er zu verbindlichen Zusagen befugt. eine Million Dollar für sein Wissen angeboten worden war. sagte Hathaway. Das Unwirkliche der Situation mit all seiner peinlichen Nähe zum plattesten Spionageromanklischee wurde mir bewußt. doch damit kann ich nicht dienen. scherzte ich. Man kann über vieles reden.« Hathaway erwähnte ein Haus und finanzielle Unterstützung in jeder denkbaren Form. erwiderte ich. Auf meine Frage nach der Gegenleistung.« Um das Gespräch keine sinnlose Richtung nehmen zu lassen. erklärte ich.« Das war noch die höflichste Form. meine nicht sehr freundlichen Gedanken loszuwerden. In solchen Fällen ist Geduld das beste. sagte Hathaway: »Natürlich müßten Sie etwas für uns tun. Ich reagierte nicht. sagte ich. Allerdings wußte ich. Das ganze Jahr über herrliches Wetter. Natürlich hätte ich Hathaway auch eine deutlichere Abfuhr erteilen können. was mir etwas Zeit zum Nachdenken verschaffte. Oberst Jürgen Rogalla. »Meine Herren«.« »Sibirien ist auch nicht übel«. Höflich setzten wir unser Gespräch über den Kollaps des Kommunismus und das hohe Ansehen meines Dienstes fort. Wir lachten. was Sie bezwecken. »Es würde sich für Sie aber lohnen«. »in diesem Metier habe ich eine gewisse Erfahrung. daß von mir keine Preisgabe der Namen irgendwelcher Agenten zu erwarten sei. »Wissen Sie«. die man von mir erwartete. Ich weiß. daß dem für die USA zuständigen Abteilungsleiter meines Dienstes. »ist sehr schön. Offenbar glaubte er. ohne gleich einen unterschriebenen Vertrag in der Tasche zu haben.fort. Sie erwarten eine Menge von Ihrem Gegenüber. Diese Mischung aus Schmeichelei und Arroganz bewirkte eine von den Gesprächspartnern unerwartete Reaktion. es mit einem grünen Jungen zu tun zu -15- .

sagte Hathaway. Sie sind auf mich zugetreten. meinen Ruhestand im sonnigen Kalifornien zu verbringen. fuhr ich fort. doch wenigstens kennenlernen. wo es um den Verrat an Menschen geht. lenkte Hathaway ein. Namen meiner Agenten sind tabu. die mit mir gearbeitet haben. »Vergessen Sie nicht. gewiß«.« Zweifellos war die Vorstellung. Kommen Sie in ein Land. -16- . »Gehen Sie nicht nach Moskau«. es gibt auch noch Rußland«. muß ich das Land. nicht umgekehrt. dann laden Sie mich doch in die USA ein. in dem ich Ihrem Vorschlag nach meine Zelte aufschlagen soll. wiederholte er stur. Denken Sie an Ihre Familie. was mir drohte. um mit Ihnen zu sprechen.« »Hier steht es um Ihre Sicherheit aber gar nicht gut«.« »Es gibt für mich eine Grenze«. Wenn Sie das Gespräch mit mir fortsetzen wollen. mein Gesicht zu verlieren. Wenn ich mich nicht täusche. erwiderte ich. Bevor ich irgendeine Entscheidung treffe. »Das Leben ist dort sehr hart. »Dann könnten Sie mich in der Tat fragen. verlockender als der Gedanke an eine deutsche Gefängniszelle. »und zwar da. wenn ich den ersten Schritt getan hätte«. Dort können wir unser Gespräch vertiefen. was ich einzubringen gedächte. jetzt an Andrea gewandt. sagte ich geduldig. obwohl ich innerlich kochte. »Selbstverständlich bin ich nach Berlin gekommen. als hätte ich nicht selbst gewußt. wo Sie Ihr Leben genießen können. gibt es diese Bedingungen im Augenblick für Sie nur in Amerika. Den Weg in die USA wollte ich mir gern offenhalten. Diese Freiheit aber als »Gast« der CIA erlangen? Natürlich würde man mir Daumenschrauben anlegen. So verhält es sich aber nicht. »So etwas könnten Sie verlangen. wo Sie ungestört arbeiten und schreiben können. warf Hathaway ein.haben.« »Gewiß. doch nicht um den Preis. »Sie müssen uns helfen«.

daß so etwas im umgekehrten Fall für meinen Dienst kein Problem gewesen wäre. Hartnäckig wiederholte er. ohne jemanden verraten zu müssen. Gordjewskij und Popow an. daß er und sein Dienst nicht etwa an meinem für die Bundesrepublik relevanten Wissen interessiert waren. fragte ich: »Welche Branche Ihres Dienstes Sie vertreten. Auch meine Idee. habe ich recht?« »Herr Wolf«. »wir sind hier. so gut informiert. speziell der Äußeren Abwehr. Um sicherzugehen. Wir suchen einen Maulwurf in unserem Dienst. Vorsichtig sprach er bekannte sowjetische Verräter wie Penkowskij.« Er war über die Strukturen des sowjetischen Apparats. sagte Hathaway leise und bedächtig. auch anderswo. welche die Möglichkeiten der CIA beschränkten. darunter etliche in den Apparaten selbst. Hathaway schüttelte den Kopf. und von der erforderlichen Rücksichtnahme auf bundesdeutsche Empfindlichkeiten. Das aber gefiel meinen Besuchern überhaupt nicht. Seit 1985 sind schlimme Dinge passiert. Er hat großen Schaden angerichtet. Eine ziemlich lange Pause trat ein. ich könne zu einer Abmachung mit der CIA gelangen. Längst hatte ich begriffen. Im stillen mußte ich denken. weiß ich nicht. daß Sie uns in einer bestimmten Sache helfen können.Also beharrte ich auf dem Vorschlag. sondern vermute es nur. einen Verlag oder eine Filmgesellschaft als Gastgeber für mich vorzuschieben – schließlich war ich als Autor kein Unbekannter -. Von Quoten war die Rede. daß ich in ihm einen hochrangigen Mann der amerikanischen Spionageabwehr vermutete. Er schätzte meinen -17- . daß man mich offiziell einlud und eine Rundreise organisierte. dem sowjetischen Nachrichtendienst. sondern an etwas. fand keinen Anklang. was mit meinen Beziehungen zum KGB. weil wir annehmen. Wir haben zwischen dreißig und fünfunddreißig Mitarbeiter verloren. zu tun hatte. Sie wollen etwas ganz Bestimmtes von mir wissen. nicht nur in Bonn.

schlug Hathaway vor. Andrea das Leben in den USA schmackhaft zu machen. um den vom Generalbundesanwalt erwirkten -18- . Da man in der CIA-Zentrale in Langley wahrscheinlich jedes Indiz meiner Zusammenarbeit mit dem KGB akribisch registriert hatte.russischen Kollegen. daß meine Lage sich nur verschlechtern konnte. »Charles« warf noch einen Haken aus. daß es in einem bestimmten Bereich eine »gute Verbindung« gibt. daß um Mitternacht zum 3. bei mir am ehesten auf nähere Informationen über den vermuteten Maulwurf zu stoßen. Das Äußerste wäre eine Andeutung. General Kirejew. Seit Juli meldeten die Medien in freudiger Erwartung. den die CIA mit Argwohn betrachtete. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. den US-Diplomaten. Sie gingen auf Warteposition in der Gewißheit. von einigen dieser Unternehmungen schien Hathaway zu wissen. indem er »für den Notfall« eine gebührenfreie Nummer in Langley hinterließ. auch keinem noch so eng verbündeten anderen Dienst. mir diesen Einblick zu gewähren. Von mir hatten sie keinerlei Zusage erhalten. Oktober Beamte an meiner Wohnungstür klingeln würden. daß die CIA sich ernste Sorgen machte. Hathaways Hartnäckigkeit war der beste Beweis. Derartige Informationen sind jedoch das bestgehütete Geheimnis eines jeden Dienstes. Es muß ihn einiges an Überwindung gekostet haben. wiegte man sich dort wohl in der Hoffnung. Niemals würde man die Identität einer Spitzenquelle preisgeben. Es wiederholte sich fast genau dieselbe Prozedur. beide versuchten. den Leiter der Äußeren Abwehr. mit dem ich so manche gemeinsame Operation gegen die CIA geplant hatte. Nachdem das Gespräch sich noch eine Weile ergebnislos im Kreis gedreht hatte. Nun trat auch »Charles« in Aktion. dann versuchte er das Gespräch auf Felix Bloch zu lenken. Und dem war auch so.

Doch das behielten wir für uns. Obwohl Mr. Ein mir bekannter Reporter der Bildzeitung erschien zum Kaffee und machte mir mit entwaffnender Miene das Angebot. sofern ich mich bereit erklären sollte. September nochmals eigens nach Berlin eingeflogen kam und eine kurze Besprechung in meiner Berliner Wohnung stattfand. mit ihm und einem Fotografen nach West-Berlin zu fahren. Mittlerweile war auch der Draht zur westdeutschen Seite über Herrn Diestel abgebrochen. Wir hatten die Koffer zum Verlassen Berlins in andere Richtung bereits gepackt. um mich dort freiwillig zu stellen – exklusiv für sein Blatt natürlich. war nicht ohne einen gewissen Reiz. das Asyl in den USA stehe mir jedoch offen. sofern ich bereit sei. Eine offizielle Einladung komme nach wie vor nicht in Frage. Hathaway unter diskretem Hinweis auf meine »schwierige Situation« sein Angebot. bei der »Charles« einen in fehlerhaftem Deutsch verfaßten Merkzettel mit Hinweisen zur Verbindung im »Notfall« überreichte. So dramatisch diese Vorschläge klangen. blieb auch dieses Gespräch ohne Ergebnis. mich an der »Maulwurfsjagd« zu beteiligen. hatte das Ganze dennoch etwas Belustigendes: Die Vorstellung. auf dem ich bei meiner Rückkehr aus Moskau 1945 nach dem Sieg über Hitler gelandet war.Haftbefehl zu vollstrecken. -19- . Und dann meldeten die Herren aus Amerika noch einmal ihren Besuch an. Nun wurde auch »Charles« etwas munterer. Hathaway hatte von mir kein Ja und kein Nein gehört. vom selben Flughafen Tempelhof. sollte Andrea von West-Berlin aus die Nummer 011-212-227-964 anrufen. sich als »Gertrude« melden und »Gustav« verlangen. Wir entschieden uns für einen anderen Weg. neben einem guten Honorar die Kosten für den Unterhalt meiner Familie während der Dauer meiner Haft zu übernehmen. Abermals in meinem Sommerhaus wiederholte Mr. Wollten wir in die USA. Meine Ausschleusung wäre kein Problem. nach Amerika zu starten. Hathaway am 26.

-20- . so daß das Spionagenetz der CIA in der Sowjetunion weitgehend zerstört werden konnte. Hathaway. war nicht nur Sonderbeauftragter des Direktors William Webster. die um die großen Verluste seines Dienstes in der Sowjetunion wußten – Todesurteile und langjährige Haftstrafen – und die das Ausmaß begriffen. In seinem Prozeß wurde er beschuldigt. was ihn wohl zum bestbezahlten Agenten der Welt machen dürfte. Er diente der Gegenseite neun Jahre lang. Ames gab der sowjetischen Gegenspionage tiefe Einblicke und verriet die Namen zahlreicher amerikanischer Agenten. Mein Besucher. bis in die Zeit der Präsidentschaft Boris Jelzins hinein. hatten sich die Anzeichen für das Vorhandensein eines Verräters in hoher Position zu mehren begonnen. in dem der Unbekannte die US-Spionage ausblutete. Es war Aldrich Ames.Erst später erfuhr ich. welcher Maulwurf der CIA derartige Kopfschmerzen bereitet hatte. Gardner A. sondern der ehemalige Leiter der Spionageabwehr der CIA. der vermutlich folgenschwerste Verräter in der Geschichte dieses Dienstes.7 Millionen Dollar erhalten zu haben. Zettel des CIA-Mannes »Charles« Als Hathaway etwas über ein Jahr in dieser Stellung gewesen war. Hathaway gehörte zu den wenigen. dafür 2.

demzufolge »nicht sein kann. Obwohl er seiner Pensionierung entgegensah. Dennoch spielte ich eine Zeitlang mit dem abenteuerlichen Gedanken. was in diesem Fall fatale Folgen hatte. Hathaways Angebot zu nutzen und die erste Zeit nach der Wiedervereinigung in den USA zu überbrücken. Seine eigene Diensteinheit – selbst innerhalb der CIA getarnt – verfügte über hervorragende Kräfte. was nicht sein darf«.und Abwehrmann mit Respekt. bestätigt. Deutschland zu verlassen. Man könnte jetzt meinen. den ehemaligen Gegner um Hilfe zu bitten. dessen war ich -21- . Hathaways Sachkenntnis stand außer Frage. so lange Zeit einen Doppelagenten unentdeckt in den eigenen Reihen wirken zu lassen? Mit einem Urteil bin ich vorsichtig.Mir gegenüber verhielt sich Hathaway als erfahrener Nachrichten. konnte er nicht einfach einen Schlußstrich unter seinen Beruf ziehen und sich den Freuden des Ruhestands mit seiner Familie widmen: Er war gefangen von dem tödlichen Puzzle. ich sei ernsthaft an Verhandlungen mit der CIA interessiert gewesen. lag wohl daran. Wie konnte es der CIA passieren. mit denen ich in nähere Beziehung kam. daß er zu wenig kreativ veranlagt war. an Willy Brandt und an Außenminister Genscher. darunter eine Frau für Abwehranalyse und einen Beamten. es mit einem Bürokraten zu tun zu haben. Dazu habe ich selbst zuviel erlebt. Daß ihm im Fall Ames der Erfolg versagt blieb. Dies schrieb ich noch im September an den Bundespräsidenten von Weizsäcker. Gefühle von Haß und Rache würden in Deutschland erst einmal die Oberhand gewinnen. Administrativ hätte auch ich wahrscheinlich nicht anders gehandelt. wurde mir später von einigen seiner Kollegen. Aber ich hatte kein Verlangen. Es kann ihm nicht leichtgefallen sein. Eine mögliche Erklärung ist sicher das nur zu verbreitete Wunschdenken. dem er seine letzten Jahre im Dienst gewidmet ha tte – der Suche nach dem großen Verräter. der den Weg eines dreißig Jahre lang unentdeckten chinesischen Maulwurfs verfolgt hatte. Mein Eindruck.

-22- . noch Deutsche etwas wußten. Da es bereits Freitag nachmittag war und der Rabbi am Sonntag abreisen mußte. von der weder Amerikaner noch Russen. Die russische Option war kein wirklicher Ausweg. In den 80er Jahren hatte sich die Politik der DDR-Führung gegenüber Israel und den jüdischen Gemeinden gelockert. Es gab noch eine weitere Option. Zu einem näheren Kontakt kam es erst spät. Doch dazu sollte es nicht kommen. aber ich habe jüdische Vorfahren. ein Verschwinden nach Moskau würde meine Zukunftsaussichten in Deutschland nicht gerade verbessern. Das ist möglicherweise etwas ungewöhnlich für den Chef eines Nachrichtendienstes im Warschauer Vertrag. Bei den großen Protestdemonstrationen auf dem Alexanderplatz im November 1989 lernte ich Irene Runge kennen.mir gewiß. Ich vereinbarte mit Irene Runge ein Interview für die Jerusalem Post und einen Besuch im Kulturverein. sondern im Gegenteil nur Wasser auf die Mühlen meiner Widersacher sein. ein wichtiger Mann in der orthodoxen Hierarchie Israels. Und sie kam aus Israel. und meine jüdische Herkunft habe ich nie verleugnet. Trotz aller Bindungen zur Befreiungsbewegung der Palästinenser habe ich das Schicksal der Juden und das des Staates Israel stets mit Interesse verfolgt. wolle mich kennenlernen. Wäre also die CIA auf meinen Vorschlag eingegangen. mich ohne Vorleistung in die USA aufzunehmen. Rabbi Zwi Weinman aus Jerusalem. Nach der Logik des kalten Krieges hätte man mich vielleicht für einen Gegner des Staates Israel halten können. Im Sommer 1990 rief Irene Runge mich an und sagte. Mein Vater Friedrich Wolf war Jude. Wenige Wochen später kam er abermals nach Berlin. wie hätte ich mich dann wohl entschieden? Vermutlich wäre ich gereist. doch das war ich nie. Hochschullehrerin und Journalistin und Mitbegründerin des Jüdischen Kulturvereins. erlaubte die Sabbatruhe uns nur ein kurzes Telefonat.

Sein Bart. Der dortige Dienst hätte mich aller Wahrscheinlichkeit nach über meine Beziehungen zu den Palästinensern ausfragen wollen. So war auch diese einladende Tür zugeschlagen. das muß ich zu meinem größten Bedauern sagen. erfuhr ich. der meine Träume abrupt beendete. unkompliziert und kontaktfreudig. ein Mann von etwa Mitte Fünfzig. sei wegen eines in den USA erschienenen Buchs über den Mossad und seine Methoden der Teufel los. Karlsruhe und Moskau bei der Nachricht meines Eintreffens in Israel aus. Wir telefonierten regelmäßig. Ein Aufenthalt in Israel hätte mir eine ganz neue Ausweichmöglichkeit geboten. doch darüber wollte ich mir erst nach dem Betreten des Gelobten Landes den Kopf zerbrechen. Ausführlich erkundigte er sich nach meiner Lage. der schwarze Hut mit breiter Krempe und seine Kleidung wiesen ihn als orthodoxen Juden aus. und ich malte mir bereits die verblüfften Gesichter in Bonn. Die dunklen Augen blickten warmherzig und aufmerksam.und diesmal besuchte er mich in meiner Wohnung. er habe als Offizier in der Armee gedient. -23- . daß zwischen Jerusalem und Bonn oder Pullach die Drähte heißgelaufen waren und daß die sorgsam gepflegten Beziehungen nicht um meinetwillen gefährdet werden sollten. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine Einladung der Jerusalemer Zeitung Jedioth Ahranoth. Seine Stimme klang deprimiert und enttäuscht. Der Zeitpunkt ist leider denkbar ungünstig. weshalb also dem geschenkten Gaul zu weit ins Maul schauen? Zwei Wochen vor der Wiedervereinigung erreichte mich ein Anruf Weinmans. ebenso sein Verhalten beim Essen und Trinken. Weinman erzählte mir. In Israel.« Mir war sofort klar. sehr wohl aber von meinem Interesse an Israel und einem eventuellen Besuch des Landes. Die jüdische Herkunft interessierte ihn. Von meiner früheren Tätigkeit war nicht die Rede. nach den rechtlichen Aspekten einer möglichen Verfolgung und nach der Perspektive vor allem meiner Familie. »Sie sind im Augenblick einfach nicht willkommen. Doch im übrigen war der Rabbi.

wie ich bei späteren Nachfragen feststellen konnte. und die Zeit wurde immer knapper. Inzwischen war meine Lage ausgesprochen ungemütlich. war plötzlich nicht mehr zu erreichen. und welchen Preis würde es mich kosten? Keine der Optionen war verlockend. die Amerikaner wollten mich zum Überläufer abstempeln. man möge Visa und Tickets für meine Frau und mich zu einem späteren Zeitpunkt in Wien hinterlegen – was nie geschah. in Israel war ich unerwünscht.Die Redakteurin der Zeitung. und nach Moskau wollte ich nicht. solange es irgendeinen anderen Weg gab. mich hinter Gitter zu bringen. Auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ ich die Nachricht. die sich so unermüdlich nach meinem Kommen erkundigt hatte. Wohin sollte ich fliehen. Die deutschen Behörden rieben sich bereits die Hände in der Erwartung. -24- .

ist das Geburtsjahr meines Vaters Friedrich Wolf. daß er Rabbiner geworden wäre. lernte er während seiner Tätigkeit als Stadtarzt in Remscheid kennen. Uns Kindern erklärte er später. Seine Eltern hätten gern gesehen.« Else Wolf. Wenn ich heute an meine Eltern zurückdenke. seine Großmutter mit ihrem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit habe den Grundstein zu seiner politischen Entwicklung gelegt. den Fürsten zu Wied besuchte. der Vater in Neuwied. die verriet. dann ist der -25- . Das Grauen des Ersten Weltkriegs erlebte mein Vater als Bataillonsarzt an verschiedenen Fronten. das ist der Kartätschenprinz. doch er setzte seinen eigenen Willen durch und studierte in Heidelberg Medizin. Er erinnerte sich gut daran. Und als Wilhelm II. als der spätere Kaiser in die Menge schießen ließ. wie mitreißend sie ihm von dem Urgroßvater aus Münster erzählt hatte. Im Widerspruch zum frommen Elternhaus. daß er sich nicht nur mit Plato und Kant. indem sie einen Juden heiratete. Nietzsches und Kropotkins beschäftigte. aber auch zum deutschnationalen Hurrapatriotismus der Jahrhundertwende entwickelte er in jenen Jahren eine pazifistische. das ist kein Heldenkaiser.1 Vom Neckar an die Moskwa Meine Eltern wurden beide nicht weit vom Rhein geboren die Mutter in Remscheid. ihre Verwandten vor den Kopf zu stoßen. utopisch getönte Weltanschauung. und trotz ihrer Sanftmut war meine Mutter eigensinnig genug. sondern auch mit den Gedanken Tolstois. meine Mutter. und das Todesjahr Wilhelms I. dies und seine Enttäuschung über das Scheitern der Novemberrevolution von 1918 ließ ihn zum überzeugten Marxisten werden. der während der Revolution von 1848 die Sturmglocken geläutet haben soll. sagte die Großmutter kopfschüttelnd zu meinem damals fünfjährigen Vater: »Fritzsche. um das Heldendenkmal für seinen Großvater feierlich einzuweihen.

Vater als Vorbild durch sein Handeln und seine Bücher zwar immer gegenwärtig. die sie am stärksten charakterisierte. Moritz Meyer. in der Familie das»Öhmchen« genannt. ist kein geringer Beweis der Liebe beider. Es war die Zeit der totalen Geldentwertung. Mein Vater war ein überzeugter Verfechter vegetarischer Ernährung und körperlicher Ertüchtigung. an die Landschaft der Schwäbischen Alb und später an Stuttgart ist bunt und klar zugleich. Toleranz war neben Ausgeglichenheit und Gelassenheit vielleicht die Eigenschaft. ihre unerschütterliche Zivilcourage unter Beweis zu stellen. wenn die bäuerlichen Patienten das Arzthonorar in Form von Eiern und Butter entrichteten statt in wertlosem Papiergeld. und meine Eltern mußten froh sein. -26- . Vermutlich hat sein Vorbild meinen Vater veranlaßt. er galt als Sonderling und genoß den Ruf eines Wunderdoktors. während ihre Toleranz durch die Liebschaften unseres Vaters immer wieder bis zum äußersten strapaziert wurde. Nicht weit von Hechingen lebte sein Onkel Dr. Er war Vegetarier und lebte eigenbrötlerisch mit seinen Ziegen im Wald. Als ältester Sohn kam ich 1923 in der württembergischen Kleinstadt Hechingen zur Welt. Unser bewegtes Schicksal sollte ihr mehr als ausreichend Gelegenheit bieten. Landgerichtsrat im Ruhestand und mit allen Honoratioren Hechingens bis aufs Messer verfeindet. sich von der Schulmedizin abzuwenden und sich mit Naturheilkunde und Homöopathie zu beschäftigen. doch scheint mir der stille Einfluß der Mutter auf uns Kinder fast größer gewesen zu sein als der seine. Die Erinnerung an meine frühe Kindheit. denn diesem Onkel widmete mein Vater sein Buch Die Natur als Arzt und Helfer. der galoppierenden Inflation. aber auch der Geduld und liebevollen Nachsicht meiner Mutter. Freikörperkultur selbstverständlich eingeschlossen. Daß trotz solcher Belastungen die Ehe meiner Eltern bis zum Tod des Vaters 1953 standhielt.

Sogar mit dem Gefängnis machte er kurzfristig Bekanntschaft. nach Stuttgart umzuziehen. medizinischen und politischen Fragen zu halten.Else und Friedrich Wolf nut Konrad (links) und Markus (rechts) 1926 Dieses Buch. in dem er das Abtreibungsverbot anprangerte. -27- . verurteilt wurde. in eine richtige Großstadt. als er für sein Stück Zyankali. und ließ keine Gelegenheit ungenutzt. Zu Anfang jedoch erlaubten uns die neuen Einnahmen. Erschöpfung war ein Wort. das mein Vater nicht kannte: Neben seiner ärztlichen Tätigkeit verfaßte er Theaterstücke. und sogar noch während des Dritten Reichs wurde es in Deutschland fleißig weiterverkauft – nur Tantiemen gab es keine mehr. in dem mein Vater seine Arztpraxis betrieb. war von Anfang an ein großer Erfolg. Vorträge zu sozialen. die ihn in ganz Deutschland bekannt machten. eine Gesundheitsfibel für die ganze Familie. wo wir ein modernes Haus bewohnten.

genau wie später mein jüngerer Bruder Konrad. was unsere Eltern erzählten. Wenn wir für streikende Metallarbeiter sammelten oder Flugblätter im Wahlkampf verteilten. traten meine Eltern in die Kommunistische Partei ein. kamen wir uns schon fast wie richtige politische Kämpfer und sehr erwachsen vor. die uns wie ein zauberisches Märchenreich erschien. und so wurde ich junger Pionier. als sie von ihrer ersten Reise in die Sowjetunion zurückkamen.1926 in Stuttgart Als ich in die Schule kam. und mein Bruder nahm sich vor. Stolz trugen wir unsere roten Halstücher und lauschten gebannt dem. Damals erfuhr ich zum erstenmal. daß wir Juden waren und von den neuen Machthabern nicht nur aus politischen Gründen -28- . einen ganzen Ochsen aufzuessen. sobald er erst groß war. Nur in der Ernährung konnten wir die Begeisterung unserer Eltern gar nicht teilen: Neidisch sahen wir die Wurstbrote unserer Mitschüler. An die Machtergreifung der Nazis erinnere ich mich genau.

dort verlebten mein Bruder und ich einen herrlichen Sommer voller Knabenabenteuer. und es dauerte nicht lange. es war Passahzeit. Freunde brachten uns auf der kleinen Ile de Bréhat vor der bretonischen Küste unter. das erste literarische Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland. bis Kriminalbeamte in Begleitung uniformierter SA-Leute vor unserer Tür standen. und deshalb konnte er uns nur trockene Matzen anbieten. Das machte den Namen Friedrich Wolf im Land der Nazis nicht beliebter. überall auf der Welt stand es auf dem Spielplan. während mein Vater sein Drama Professor Mamlock schrieb. aber für die karge Kost entschädigte der Großonkel mit seinen farbigen Erzählungen. mußten wir uns verstecken. Befreundete Kommunisten schmuggelten unsere Mutter und uns über die Schweizer Grenze. besuchten wir noch einmal das »Ohmchen« in seiner Einsiedelei. Vor der deutschen Uraufführung in Zürich wurde das Stück bereits am jüdischen Theater in Warschau gespielt. falls ich nicht verriet. wo Vater sich aufhielt. und in der Folgezeit wurde der ganzen Familie die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. kurz bevor die Mutter mit uns Kindern dem Vater ins Ausland folgte. Mir drohte man. Da wir als »unerwünschte Ausländer« keine Aufenthaltsgenehmigung erhalten konnten. Der Heuberg war das erste Konzentrationslager in Württemberg. um Haussuchungen durchzuführen. die uns das Gesicht verziehen ließen. ich käme auf den Heuberg.verfolgt wurden. der Name meines Vaters kam auf die Liste »schädlichen und unerwünschten Schrifttums«. Um diese Zeit. Nach dem Reichstagsbrand mußte mein Vater im Februar 1933 ins Ausland fliehen. und von dort ging es nach Frankreich. 1937 erschienen die Namen seiner Frau und seiner Söhne sogar neben dem seinen auf einer Fahndungsliste. Verfolgt wie Schwerverbrecher jetzt konnten mein Bruder und ich uns -29- . und die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: 1934 wurde unser Vermögen eingezogen.

der Mutter lange Hosen abzubetteln. sondern auf Gedeih und Verderb der Hofbande zugehörig. kolbassa. welches Ende Dr. Wie der Oheim von Riga nach Mauthausen gelangte. kislaja kapusta!« – »Deutscher. -30- . Eine Zweizimmerwohnung bedeutete für damalige Moskauer Verhältnisse beinahe unvorstellbaren Luxus. daß sie uns johlend hinterherriefen: »Nemez. daß alle Juden der Stadt im Haus eines begüterten Leidensgefährten zusammengetrieben und von dort in das Rigaer Ghetto transportiert worden waren. hatte Vater mit Hilfe des Dramatikers Wsewolod Wischnewskij eine kleine Zweizimmerwohnung in einer Gasse nahe dem Arbat. Pfeffer. Es war nicht leicht. der sich mit der Erforschung der Lokalgeschichte beschäftigte. Doch Kinder überwinden rasch anfängliche Barrieren. die die Verfolgung nicht überlebten. erzählte mir ein Arzt. Wurst und Sauerkraut«. und schon bald fühlten wir uns nicht mehr als Fremde.wahrhaftig erwachsen fühlen! Wären wir damals nicht rechtzeitig geflohen. Schon unser Erscheinen in kurzen Hosen bewirkte. Als ich 1993 meine Geburtsstadt besuchte. perez. also mitten im Zentrum. und der rüde Umgangston der Kinder auf dem Hof machte uns anfangs zu schaffen. es gelang uns. gefunden und eingerichtet. das werden wir nie erfahren… Dieses Schicksal blieb uns erspart. Moritz Meyer gefunden hatte: in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort mit fast achtzig Jahren elend umgekommen. was gewiß nicht als Kompliment gemeint war. denn wir fanden in der Sowjetunion Asyl. Während des Krieges erfuhren wir von deutschen Kriegsgefangenen. mit der wir die Dächer erkundeten und die Gassen unsicher machten. Als die Mutter im April 1934 mit uns Kindern in Moskau eintraf. hätten wir möglicherweise das Schicksal unseres »Öhmchens« und anderer jüdischer Verwandter geteilt. sich an die fremden Sitten und Lebensbedingungen zu gewöhnen.

die bis -31- . Im Kaleidoskop der Erinnerung vermengen sich Licht und Schatten. Zur gleichen Zeit fanden die Schauprozesse statt. in denen Männer. Das änderte nichts an der katastrophalen Wohnungsnot und den vorsintflutlichen hygienischen Verhältnissen. daß das riesige Land im Begriff stand. war Stuttgart uns nach Hechingen als brausende Großstadt erschienen. doch die Ernährungslage der Bevölkerung verbesserte sich zusehends.Die neue Umgebung bot Staunenswertes in Hülle und Fülle. wir nahmen unmerklich Eigenschaften russischer Menschen an und wurden zu richtigen »Kindern des Arbat«. und jeder war davon überzeugt. beide nicht weit vom Arbat gelegen. und die Metro wurde prunkvoll ausgebaut. Die historische »Steinstadt« mit dem Kreml als Mittelpunkt wuchs in vielgeschossigen Neubauten nach außen. wo man die Schalen seiner Sonnenblumenkerne auf den Boden spuckte und Pferdekarren durch die Straßen ratterten. was sollten wir dann erst von einer echten Metropole halten? Gleichzeitig war Moskau noch immer ein »großes Dorf« mit einer bäuerlich geprägten Bevölkerung. Wir waren nicht nur auf dem Papier russische Staatsbürger geworden. Aus dieser Zeit stammen unsere Spitzname n Kolja und Mischa. Eine Freundschaft aus dieser Zeit. und beides gab es am Arbat und in seiner Umgebung. den Söhnen des amerikanischen Journalisten Louis Fischer. die in unserem Leben eine unauslöschliche Rolle spielen sollte. Pferdefuhrwerke verschwanden von einem Tag auf den anderen. und freundeten uns an den Schulen mit anderen Emigrantenkindern an. später die russische Fridtjof-Nansen-Schule. Wir besuchten die deutschsprachige Karl-Liebknecht-Schule. dem Sohn des deutschen Kommunisten Wilhelm Wloch. Rückständigkeit und Finsternis hinter sich zu lassen und mit einem Schritt in ein neues Zeitalter einzutreten. der als Opfer der stalinistischen Säuberungen ermordet wurde. und zu Lothar Wloch. war die zu George und Victor Fischer. Autos vermehrten sich sprunghaft auf den Straßen.

und viele unserer Lehrer verschwanden während der »Säuberungen «. daß diese Geschehnisse unsere Eltern mit Sorge erfüllten. wurde nicht laut gestellt. daß unser Vater damals um sein eigenes Leben fürchten mußte. Tambourchor der Karl-Liebknecht-Schule in Moskau 1935 (Autor: 2. wer das nächste Opfer sein würde. erfundener Verbrechen beschuldigt und zum Tode verurteilt wurden. die bange Frage. Und im -32- . Immer häufiger schloß sich das Netz des NKWD. Trotz allem machten wir uns keine Gedanken über das Warum des Terrors. um Emigrantenfreunde und bekannte. sondern nur einen deutschen Paß. Wir Heranwachsende spürten. Reihe) Heute weiß ich. erst viel später wagten wir es. von links. daß Stalin selbst die Verantwortung für diese Morde trug.vor kurzem noch als Helden der Revolution gefeiert worden waren. Im Unterschied zu uns und unserer Mutter war er nicht eingebürgert worden und besaß keine sowjetischen Papiere. 2. der Geheimpolizei. das Undenkbare zu denken und uns einzugestehen.

die Ausreise genehmigt zu bekommen. die aus Überzeugung oder als Verfolgte in die UdSSR gekommen waren. beantragte er sofort die Ausreisegenehmigung. aber nicht sonderlich erwünscht. wurden von uns als Helden bewundert. mit den bitteren Worten erklärt hatte: »Ich warte nicht. drei Monate bevor Hitler die Sowjetunion überfiel. und im März 1941. um als Arzt in den Internationalen Brigaden zu dienen. die aus allen Ländern der Welt den spanischen Republikanern zu Hilfe eilten.« Nach mehr als einem Jahr zermürbenden Wartens erhielt er die Genehmigung zur Ausreise. weil inzwischen die französische Grenze geschlossen war. Wir Kinder waren stolz auf unseren Vater. was wir bei den jungen Pionieren lernten. Als deutsche Emigranten in der Sowjetunion waren wir nach dem Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin in einer wenig beneidenswerten Lage: geduldet. ließ uns neue Hoffnung schöpfen. bis man mich verhaftet. Wir bangten um sein Leben. Mit Geschick und Zähigkeit erlangte unsere Mutter im August 1940 schließlich das begehrte Dokument. Doch nach Spanien gelangte er nicht. Als 1936 der Spanische Bürgerkrieg ausbrach. zusammen mit anderen Internationalisten wurde er im September 1939 bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Lager Le Vernet in Südfrankreich interniert. um einen sowjetischen Paß für ihren Mann zu erkämpfen. die Freiwilligen der Internationalen Brigaden. Sehr viel später erst erfuhren wir. die wir begeistert nachplapperten. machte er sich ernste Gedanken über das Janusgesicht der Sowjetführung gegenüber jenen. Nun drohte ihm mit seinem deutschen Paß die Auslieferung an die Nazis. während unsere Mutter die sowjetischen Behörden belagerte. das uns erreichte. daß unser Vater einer engen Freundin der Familie seine hartnäckigen Versuche. der den Kampf gegen Hitlers Verbündete in Spanien aufnehmen wollte.Unterschied zu uns Kindern. jedes Lebenszeichen. konnten wir den Vater auf dem Kiewer Bahnhof zum erstenmal seit drei Jahren wieder in die -33- .

um die Züge durchzulassen. Juni 1941 Hitlers Truppen in die Sowjetunion einmarschierten. die sich entkräftet und krank im Zug befand. Aber unser aller Leben änderte sich dramatisch. -34- . Friedrich Wolf mit Konrad (links). Lena und Markus 1937 Bei der Rückkehr meines Vaters studierte ich bereits im zweiten Semester an der Moskauer Hochschule für Flugzeugbau. als am 22. Die dreiwöchige Bahnfahrt war ein Alptraum: Beinahe stündlich wurde unser Zug auf Nebengleisen abgestellt. die an die Front im Westen fuhren. verlegt.Arme schließen. Ich träumte von einer Zukunft als Flugzeugkonstrukteur in der Sowjetunion. meine Hochschule wurde in das sechstausend Kilometer entfernte Alma Ata. Mein Vater kümmerte sich um die Dichterin Anna Achmatowa. Wie mein Bruder Koni sprach ich den ganzen Tag Russisch und nur abends zu Hause Deutsch. und wie viele Mitglieder des Schriftstellerverbandes wurde mein Vater mit seiner ganzen Familie evakuiert. Im Herbst standen sie vor Moskau. die Hauptstadt Kasachstans.

der in einem unvorstellbar intensiven Blau strahlte. auch meinem Bruder war es gelungen. Im Frühjahr blühten unter dem Himmel. Die Rekordzahl von jährlichen Sonnentagen machte Alma Ata außerdem zum geradezu idealen Evakuierungsort für die aus Moskau und Leningrad ausgelagerten Filmstudios. und neben halbverhungerten Leningradern. obwohl ich weiterhin -35- . Die Stadt barst vor Mensche n: Flüchtlinge aus dem Westen des Landes drängten sich neben polnischen Offizieren. in denen wir uns als Statisten ein Zubrot zu den kargen Lebensmittelrationen verdienten. Abends las uns Sergej Eisenstein. Soldaten und Verwundeten der Roten Armee. Alma Ata zeigte sich uns vor der Kulisse des an die Alpen erinnernden Ala-Tau-Gebirges in seiner ganzen Pracht. in die Rote Armee einzutreten.und Apfelbäume. die auf einem improvisierten Weg über das Eis des Ladoga-Sees aus ihrer eingekesselten Stadt geflohen waren.Ich durfte ihr die Essensration von 400 g Schwarzbrot und etwas lauwarmes Wasser bringen. Viele meiner Kommilitonen waren inzwischen an der Front. Viele von ihnen starben kurz nach ihrer Ankunft an den Folgen der Entbehrungen. obwohl nur wenige Deutsche zum Militärdienst herangezogen wurden. die aus sibirischen Gefangenenlagern kamen und von der polnischen Exilregierung in London angeheuert wurden. An manchen Tagen versank alles wieder unter einer glitzernden Schneedecke. Zu den wenigen übriggebliebenen jungen Männern unter lauter Studentinnen zu zählen. soweit der Blick reichte. kam mir immer mehr wie das reine Spießrutenlaufen vor. Meine Fallschirmspringererfahrung verhalf mir zu kleinen Auftritten als Stuntman mit besonders hohem Salär. unzählige waren schon unterwegs gestorben. Mandel. der berühmte Regisseur. im privaten Kreis aus seinem Drehbuch zu Iwan der Schreckliche vor.

mich vom Studium befreien zu lassen notfalls mit Hilfe des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kasachstans – und Ufa aufzusuchen. Ich hieß »Kurt Förster« und fand das Ganze sehr aufregend. Wilkow. obwohl viele von uns sich aus Moskau kannten. wir wurden streng ermahnt. anders gesagt: ein Telegramm von der Komintern. als Größter der Gruppe das schwere Dreibeinstativ unseres Maxim. dort ausgebildet zu werden.an einer militärischen Ausbildung teilnahm. damit wir möglichst lange unentdeckt hinter den feindlichen Linien unserer subversiven Tätigkeit -36- .Maschinengewehrs auf dem Buckel mitzuschleppen. um später nach Deutschland eingeschleust zu werden und dort im Untergrund die NSDiktatur zu bekämpfen. brachte man uns den Umgang mit Handfeuerwaffen. Ich begriff. daß ich von der Partei dazu ausersehen war. Noch am Tag meiner Ankunft wurde ich weitergeschickt. wo sich die Schule der Komintern befand. bei der mir die zweifelhafte Ehre zufiel. die ich besuchen sollte. unterzeichnet vom Leiter der Abteilung Personal und Kader. Um uns auf unsere künftigen illegalen Einsätze vorzubereiten. Im Sommer 1942 erhielt ich ein rätselhaftes Telegramm. Nach Ufa waren zu Beginn der Belagerung Moskaus sowohl die Komintern als auch die Exilführung der Kommunistischen Partei Deutschlands evakuiert worden. die Hauptstadt Baschkiriens. An der Schule ging es noch konspirativer zu als in Ufa: Jeder von uns bekam einen Decknamen zugeteilt. diesmal per Schiff. zum stromabwärts gelegenen Dorf Kuschnarenkowo. mit Sprengstoff und Handgranaten bei und schulte uns in »konspirativer Technik«. Darin forderte man mich auf. uns nur mit Decknamen anzusprechen. In Ufa spielte sich alles sehr konspirativ ab. unterzeichnet mit dem Kürzel EKKI Wilkow. anders ausgedrückt: Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale.

und die Söhne Titos und Togliattis kennen. Gewiß waren bei uns Schriften tabu. daß Stalin sich dem Druck seiner -37- . Alle fieberten wir der Chance entgegen. Der wahre Grund sah so aus. es endlich den Altersgenossen gleichzutun. Trotz der strengen Disziplin freundeten wir Schüler uns in den kärglich bemessenen freien Stunden miteinander an. Am 16. der 1933 in Dachau ermordet worden war. Deshalb konnte ich in späteren Jahren nationalistische Ausprägungen in sozialistischen Ländern nie begreifen – standen sie doch in krassem Widerspruch zu allem. in der jedermann aus eigener Überzeugung Sozialist war. sondern wißbegierige und offene junge Leute. die hübsche Tochter der legendären Dolores Ibârruri. die Tochter des Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer. Aus unseren Zukunftsträumen wurden wir abrupt geweckt. nicht aus Opportunismus oder gar unter Zwang. die als trotzkistisch oder antisowjetisch verketzert wurden. so lernte ich nicht nur Amaya. aber dennoch waren wir keine eifernden Dogmatiker.nachgehen konnten. und unter Einsatz unseres Lebens den Faschismus zu bekämpfen und niederzuringen. Oftmals saßen wir Schüler noch spät am Abend todmüde über unseren Büchern. voller Enthusiasmus und Idealismus. sondern verliebte mich auch in Emmi Stenzer. weil die Unterschiede »zwischen den Ländern im Joch der Nazityrannei und den freiheitsliebenden Völkern« unüberbrückbar geworden seien. Der an dieser Schule von uns gelebte Internationalismus hat mein Denken auf vielfache Weise geprägt. Viele meiner Mitschüler waren wie ich durch Elternhaus und Schule zu überzeugten Kommunisten geworden. Wir träumten von einer künftigen gerechten Gesellschaft. was an der Komintern-Schule von der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus gelehrt worden war. die über Gott und die Welt diskutierten. Mai 1943 teilte man uns mit. die an der Front dienten. daß die Komintern und ihre Schule aufgelöst würden.

Im Herbst 1944. Inzwischen war ich KPD-Mitglied und nahm an den Sitzungen teil. Am 9. ihr Schicksal bewog die Exilführung der KPD. und das hat den meisten von uns zweifellos das Leben gerettet. Bisher hatte ich meine Aufsätze immer auf russisch geschrieben. daß Absolventen früherer Lehrgänge unserer Schule bei ihrer Ankunft in Deutschland von der Gestapo abgefangen und hingerichtet worden waren. machte man mich zum Sprecher und Kommentator beim Deutschen Volkssender. Meine Schulfreunde Josef Gierner und Rudolf Gyptner jedoch waren bei einem Einsatz in Polen umgekommen. sondern nur in Reichweite der Sowjetarmee und der Partisanen operieren würden. Da mein Vater ein bekannter Schriftsteller war. Zusammen mit einigen meiner Mitschüler wurde ich von der Parteiführung nach Moskau beordert. Unter deutschem Beschuß wurde sie verwundet und kam nach einem Lazarettaufenthalt schließlich nach Moskau zurück. Anton Ackermann und andere kennen. die nach dem Krieg in Deutschland eingesetzt werden sollten. im Zimmer Wilhelm Piecks. Bei diesen Treffen lernte ich auch Walter Ulbricht. Mai 1945 war es dann soweit: Mit meinen Eltern -38- . die im berühmten Emigrantenhotel Lux stattfanden. Jahre später erfuhr ich. denen die Komintern ein Dorn im Auge war. keine weiteren jungen Leute auf diese Weise dem sicheren Tod auszuliefern. der später der erste Staatspräsident der DDR wurde. meine Kommentare in deutscher Sprache abzufassen. daß wir nicht mehr mit dem Fallschirm in Deutschland abgesetzt. Man erklärte uns. die in wenigen Jahren das politische Gesicht dieses Staates prägen sollten.westlichen Alliierten. dem Sender der KPD. sondern wurde zur Lautsprecherpropaganda an die Front beordert. hatte beugen müssen. heirateten Emmi Stenzer und ich. doch sie konnte nicht in Moskau bleiben. jetzt hieß es erst einmal lernen. weil die Abwehr ihre Funkcodes geknackt hatte. wir waren der kleine Kreis derer. wenige Monate vor Kriegsende.

Beim Betreten deutschen Bodens nach so langer Zeit kam ich mir wie ein Fremder vor. mir vorzustellen. das konnte ich nie als kränkend empfinden. Nicht ohne Wehmut ordnete ich meine Siebensachen und begann. und ich darf in aller Bescheidenheit gestehen. Ich brauchte einige Tage. die ich als Jugendlicher zu oft essen mußte. daß die Menschen auf der Straße Deutsch sprachen. ich sei ein »halber Russe« geworden. Meine Freunde in Moskau und die Rotarmisten. Abschied auch von Kindheit und Jugend. was die Nazis angerichtet hatten. denen ich in Deutschland begegnete. manchmal auch mit abfälligem Unterton. In meine Erinnerung unauslöschlich eingebrannt sind sowohl die Lichter der bunten Raketen als auch die Tränen in den Augen der Männer und Frauen. die russische Küche ist mir die liebste. Gelegentlich hat man im Scherz. Mein Bruder Koni stand als neunzehnjähriger Leutnant mit der Sowjetarmee vor Berlin. Viele schienen noch immer nicht begriffen zu haben oder nicht begreifen zu wollen. daß ich einer der besten Pelmeni-39- . Schuld oder Mitverantwortung auf sich zu nehmen. Sowjetischer Alltag und russische Mentalität haben nun einmal meine Kindheit und Jugend geprägt. Abschied von der Sowjetunion zu nehmen. waren die wenigsten bereit. ausgenommen die Buchweizengrütze. daß ich mit Menschen leben würde. zu mir gesagt. von denen so mancher Hitler und Goebbels zugejubelt und unermeßliches Leid und Elend mitverschuldet oder geduldet hatte. Wildfremde Menschen umarmten und küßten sich gerührt.stand ich inmitten jubelnder Moskauer auf der Steinbrücke nahe dem Kreml. Als Elfjähriger war ich in Moskau angekommen. Tränen der Freude und Tränen der Trauer. Mit zweiundzwanzig Jahren kehrte ich nach Deutschland zurück. standen mir seelisch näher als diese Deutschen. Fast jede Familie hatte einen oder mehr Tote zu beklagen. Ein neuer Lebensabschnitt erwartete mich. um mich daran zu gewöhnen. es fiel mir schwer.

Mein erster Weg führte mich stets zu unserem einstigen Wohnhaus in der Nishni-Kislowski-Gasse. die ihre ganze Energie aufs Hamstern verwendeten und für die Überlebenden der Konzentrationslager weder Interesse noch Mitgefühl erübrigen konnten. Heine.Köche diesseits des Ural bin. Hemingways knappe. zog ich dann durch unser ehemaliges »Revier« bis zur Gorki-Straße. wo ich Freunde besuchte. und an den Arbat. das sich nur wenige Minuten von unserer Schule entfernt befand. die heute wieder Twerskaja heißt. der im Krieg ein Bein verloren hatte und später Germanistikprofessor wurde. dessen Bewohner sich als Opfer bemitleideten. kräftige Erzählweise zog uns besonders an. anders als einige meiner Freunde. an dem sich seit 1988 eine Gedenktafel für meinen Vater und meinen Bruder befindet. seine Menschen waren mir vertrauter als die Berlins. Lange Jahre hindurch war jeder Abschied von Moskau für mich nur ein Abschied auf Zeit. Mit Alik. In Moskau fühlte ich mich noch auf Jahre zu Hause. dem MCHAT. in dem meine künftigen Aufgaben lagen. für die ich mich an der Komintern-Schule und am Volkssender in Moskau vorbereitet hatte. Galsworthy und Roger Martin du Gard. bewunderten wir. Schlange gestanden. Ich war naiv genug gewesen -40- . Bei einem le tzten Treffen im Sommer 1941 ruderten wir in eine kleine. und dennoch hatte ich. nie den Wunsch. für immer nach Moskau zurückzukehren. Deutschland war trotz allem meine wahre Heimat geblieben. Auch Michoels und Suskin vom jüdischen Theater. Nicht vorbereitet war ich auf die Realität und das Alltagsleben in einem Land. Was waren das für Schauspieler! Wir liebten die russischen Klassiker. abgelegene Bucht der Moskwa und rezitierten Gedichte von Alexander Blok und Sergej Jessenin. das Land. weil sie den Krieg verloren hatten und in zerbombten Städten hausten. um Karten für Anna Karenina mit der berühmten Tarassowa in der Hauptrolle zu ergattern. Balzac. Hier hatten wir als Schüler stundenlang geduldig vor dem Künstlertheater.

Mai 1945 flog meine Gruppe. bis Ulbricht mir mit der Bemerkung das Wort abschnitt. Besonders erschütternd war der Anblick der Steinwüste mitten im zerbombten Warschau. -41- . Mich beorderte er zum Berliner Rundfunk – vermutlich wegen meiner Tätigkeit beim Deutschen Volkssender in Moskau. waren ganze sieben Mann. und die Sowjetarmee als Befreier begrüßen würde. die das jüdische Ghetto gewesen war. Aus der Luft ließ sich das ganze Ausmaß der Kriegszerstörungen ermessen – die verwüstete Landschaft. in einer kleinen Militärmaschine von Moskau nach Berlin. denn ich hatte nicht die geringste Neigung zu dieser Art von Schreibtischarbeit. die wir einen antifaschistischen Sender einrichten wollten. daß Ressentiment und Duckmäusertum den Umgang der Leute miteinander bestimmten. die vom Reichsrundfunk des Dr. das die Nazis nach dem Aufstand dem Erdboden gleichgemacht hatten. machte Berlin aus der Vogelperspektive einen so trostlosen Eindruck. Am 27. In dem riesigen Gebäudekomplex des Charlottenburger Funkhauses erwarteten uns an die siebenhundert Mitarbeiter. daß die Mehrheit der Deutschen froh wäre. daß ein Wiederaufbau uns völlig unmöglich erschien. die Ruinenfelder der Städte und Dörfer. wir. Goebbels übriggeblieben waren. jeder habe sich dorthin zu verfügen. Kurz und bündig sagte er jedem.zu hoffen. Ulbricht war schon im April mit einem Vorkommando aufgebrochen. Im britischen Sektor gelegen. Als wir zur Landung auf dem Flughafen Tempelhof ansetzten. wo er am dringendsten gebraucht werde. was er zu tun habe. stellte es gewissermaßen einen Vorposten im beginnenden kalten Krieg dar. Statt dessen mußte ich immer wieder erleben. Dieses Funkhaus war eine Welt für sich. Da es für unsere Parteizentrale in Ost-Berlin schwer zu erreichen war. Ich versuchte mich zu wehren. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurden wir einer nach dem anderen zu Ulbricht bestellt. zu der auch meine Frau gehörte. von der NS-Herrschaft befreit zu sein.

in der alle Parteien zu Wort kamen. Ulbrichts Fistelstimme und sächsische Aussprache wirkten auf die Zuhörer alles andere als angenehm. Sprechunterricht zu nehmen und seine Texte einstweilen von einem geübten Sprecher vorlesen zu lassen. und ich leitete verschiedene politische Redaktionen. gelegentlich war ich als Reporter tätig. In meiner Sendereihe »Tribüne der Demokratie«. Außenpolitische Kommentare verfaßte ich unter dem Pseudonym Michael Storm. von der spätere DDRRundfunkleute nur träumen konnten.hatten wir eine Handlungsfreiheit. die 1946 aus der Vereinigung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien in der von den Sowjets verwalteten Zone hervorgegangen war. Ein andermal fragte ich ihn. Seine Reaktion ließ keinen Zweifel zu. der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Ich war so taktlos. Meine ursprünglichen Befürchtungen verflogen bald. worauf er völlig entgeistert erwiderte: »Mach mal deine -42- . daß ich mir diesen Vorschlag besser verkniffen hätte. ihm in bester Absicht vorzuschlagen. von rechts) als Gastgeber der Sendereihe Treffpunkt Berlin 1947 Hin und wieder begegnete ich Ulbricht. die Arbeit war interessant. Autor (2. vertrat er den Standpunkt der SED. wann ich mein Studium in Moskau beenden könne.

wenn ich an das verbrecherische NS-Regime zurückdachte. zum anderen war die SED in diesem Punkt überaus empfindlich. und scheuten auch vor brenzligen Themen nicht zurück: sei es die umstrittene Oder-Neiße-Grenze. und obendrein wollten wir keine Ressentiments der Deutschen gegen die Russen schüren. Zum einen hatten unsere Kontrolloffiziere ihre entspreche nden Weisungen. und die Hörer schalteten prompt in Scharen zum neugegründeten Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS) um. Trotz aller Wachsamkeit der sowjetischen Kontrolloffiziere war unser Handlungsspielraum erstaunlich groß. daß vieles beschönigt wurde – keineswegs immer wider besseres Wissen. Oft genug konnte ich das Vorgehen der Besatzer oder unserer Partei gegen vermeintliche Abweichler keineswegs gutheißen. wie ich es in seinen scheußlichsten Facetten bei den Nürnberger Prozessen kennengelernt hatte. Wir haben andere Sorgen. als Flugzeuge zu bauen. daß diese K 5 nicht erfunden war. daß ich Berichte der West-Berliner Zeitung Telegraf über Verhöre und Folterungen in Ost-Berlin durch eine Geheimpolizeiabteilung namens K 5 damals empört als Lügenpropaganda anprangerte und viele Jahre später zu meiner nicht geringen Bestürzung erfuhr. Ich erinnere mich. Nur gegen die stundenlangen Pflichtübertragungen der Reden des sowjetischen Außenministers Wyschinskij vor der Uno wehrten wir uns vergeblich. -43- . aber diese Übergriffe verblaßten schnell zur Bedeutungslosigkeit. wir mußten sie senden. über Plünderungen und Vergewaltigungen während des Einmarschs der Roten Armee und über Vergeltungsakte an deutschen Zivilisten konnten wir nicht wirklich offen reden. den Funktionären und Mitläufern. Die Folge war.Arbeit. Über das Verhältnis der Bevölkerung zur sowjetischen Besatzungsmacht. das Schicksal deutscher Kriegsgefangener im Osten oder der Umgang mit den »kleinen Nazis«.« Wir bemühten uns. lebendige und hörernahe Sendungen zu machen.

Bis dahin hatte ich mir den ganzen Umfang der Monstrosität der Naziherrschaft nur schwer vorstellen können. mit der vor der Kamera gefoltert und gemordet wurde.Presseausweis beim Nürnberger Prozeß 1945 Im September 1945 war ich als Berichterstatter unseres Senders nach Nürnberg geschickt worden. daß sie hier die Nürnberger Rassengesetze beschlossen hatten. die NSWochenschauen mit ihrem hysterischen Jubel und die Dokumente über die Massenexekutionen. Nicht weniger gespenstisch waren die Filmvorführungen im Gericht. Damals glaubte ich wie viele andere. durch das völlig zerstörte Nürnberg – einst Deutschlands Schatzkästlein genannt – zu gehen und daran zu denken. die mit der gleichen Kaltblütigkeit und Teilnahmslosigkeit aufgenommen worden waren. -44- . diese Lehre könne nie vergessen werden. Wie auf dem Seziertisch wurde in diesem Gerichtssaal die Anatomie des Nationalsozialismus enthüllt. daß die Männer. hier auf dem Höhepunkt ihrer Macht gefeiert worden waren. Am schlimmsten waren die Amateurstreifen. Es war gespenstisch. die jetzt auf der Anklagebank saßen.

ahnte ich nicht. weder Rangabzeichen noch Orden. Ich war überrascht. wie klein er war. Ich stand mit dem Rücken zur Tür. wollte ich in den diplomatischen Dienst eintreten.2 Der Einstieg Nach der Währungsreform von 1948 in den drei westlich besetzten Zonen schlössen diese sich im Frühjahr 1949 zur Bundesrepublik zusammen. Ich drehte mich um und sah Stalin wenige Meter entfernt stehen. wie Filme -45- . stand ich auf der Tribüne neben dem Lenin-Mausoleum. Beides stand in eklatantem Widerspruch zum Bild des »Woschd«. und auch auf seine Glatze. war ich nicht gefaßt gewesen. Mir hatte man die Rolle zugedacht. dem Botschafter als Erster Rat zur Seite zu stehen. des Führers. meinen roten Diplomatenpaß und meinen Antrag auf Entlassung aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft in der Tasche. dem Jahrestag der Oktoberrevolution. Als Reaktion auf die Anerkennung unseres neuen Staates durch die UdSSR wollte man sofort eine Diplomatische Mission in Moskau einrichten. dem Ersten Sekretär der Mission in Moskau ein. die einer Tonsur ähnelte. Daß meine diplomatische Karriere nur eineinhalb Jahre währen sollte. Am 3. November traf ich mit Botschafter Rudolf Appelt und Josef Schütz. und im Oktober des gleichen Jahres erklärte die vierte Zone sich zur Deutschen Demokratischen Republik. Meine sowjetische Staatsbürgerschaft mußte ich aufgeben. Oktober. Er trug seine bekannte Litewka. Wenig später wurde ich in das Zentralkomitee der SED bestellt. Man konnte die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören. Das eindrucksvollste Erlebnis in meiner kurzen diplomatischen Laufbahn war ein Empfang im Februar 1950 für Mao Zedong im Festsaal des Hotels Metropol. Was für ein Unterschied zur tristen Trümmerlandschaft Berlins! Am 7. als das Stimmengewirr im Saal auf einen Schlag erstarb.

Diplomatische Mission der DDR 1949 in Moskau (Autor: 3. dann hob er sein Glas auf die Völker Jugoslawiens und zeigte sich zuversichtlich. Später brachte er selbst mehrere Trinksprüche aus. Der Grund seines unerwarteten Kommens war wohl. mit dem Tito abgestraft worden war. zündete Stalin sich eine Zigarette seiner Lieblingspapyrossi der Marke Herzegowina Flor nach der anderen an. Vielleicht ist es heute schwer zu verstehen. Während Tschu Enlai und Wyschinskij sprachen. an der die Spitzen beider Delegationen ihre Trinksprüche wechselten. vertrat ich ihn und saß in unmittelbarer Nähe der Tafel. daß wir damals -46- . Er pries die Bescheidenheit und Volksverbundenheit der chinesischen Führer. statt sklavisch zu gehorchen. daß sie ihren Platz in der sozialistischen Völkerfamilie wieder finden würden. daß er sich beim Empfang im Kreml nicht hatte blicken lassen. Auf Jugoslawien lastete der Bannfluch des Komintern-Beschlusses von 1948. daß er damit vor dem Gast die Unhöflichkeit ausbügeln wollte.und Gemälde es verbreiteten. weil er sich Moskau widersetzt hatte. von rechts) Da unser Botschafter abwesend war.

nicht wie lebende Zeitgenossen. Nun eröffnete Ackermann mir in seinem unnachahmlich geheimnisvollfeierlichen Ton. Als Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD) war er für den gleichnamigen Sender verantwortlich. ich solle mich nachmittags im Zimmer Nummer soundsoviel im Sitz des Zentralkomitees einfinden. Solche Inszenierungen liebte er. wie ein Stück erlebte Geschichte. Mao und Stalin wirkten auf uns andere Anwesende wie historische Denkmäler. gegangen war. doch ich erinnere mich. wie rätselhaft es mir vorkam. daß die Parteiführung ihn mit dem Aufbau eines politischen Aufklärungsdienstes beauftragt habe und daß ich für eine Funktion in diesem Apparat -47- . wo mir Ackermann. Nach der Machtergreifung Hitlers war er zunächst im antifaschistischen Widerstand in Berlin aktiv gewesen. Ich fand mich im Außenministerium ein. Niemand von uns ahnte den bevorstehenden Bruch zwischen China und der Sowjetunion voraus. daß Mao den ganzen Abend kein einziges Wort sprach. der durch die Schule der Komintern in Moskau und durch die harte Praxis einer Partei »neuen Typus«. an dem auch mein Komintern-Mitschüler Wolfgang Leonhard tätig war. ohne sich mit Erklärungen aufzuhalten. war eine r der führenden Köpfe des Politbüros der SED. Im August 1951 rief mich Staatssekretär Anton Ackermann in dringenden Angelegenheiten nach Berlin zurück. also Stalinscher Prägung. mitteilte. Ich staunte nicht schlecht. in Paris und in Madrid und zuletzt wieder in Moskau. Er hatte die typische Biographie eines kommunistischen Parteifunktionärs. als in besagtem Raum niemand anders auf mich wartete als – Anton Ackermann! Diesmal in seiner Eigenschaft als Mitglied des Politbüros.jedes Wort andächtig aufnahmen. Ackermann. Ulbricht und Florin in den wöchentlichen Redaktionssitzungen unseres deutschen Volkssenders. Als Verantwortlicher der KPD für Agitation und Propaganda saß er neben Pieck. mit richtigem Namen Eugen Hanisch. später in Moskau.

was Ackermann sich unter Geheimhaltung vorstellte. war eine imponierende Erscheinung. die uns nach Bohnsdorf. Obwohl er nie eine höhere Position in der KP innegehabt hatte. seit er 1923 in den Militärischen Rat der KPD berufen worden war. die illegale Arbeit der KPD in Deutschland zu unterstützen. aber sehr konspirativ. aber wohl kaum das. Am 16. sondern ein Parteibefehl. und es dauerte geraume Zeit. und selbst seine Ehefrau Erna nannte ihn Richard. Meine erste Amtshandlung in der neuen Tätigkeit bestand darin. ein solches Angebot zu machen. aber sein Deckname war ihm zur zweiten Natur geworden. der für den Aufbau des operativtechnischen Dienstes zuständig sein würde. einem Vorort Berlins. daß Stahlmann der berühmte Partisanen-Richard war. dessen ganzes Leben im Zeichen der Konspiration gestanden hatte. in dem die künftigen sowjetischen Partner fuhren – ein imposanter Anblick.vorgesehen sei. stand er mit der gesamten Parteiführung auf vertrautem Fuß. so lautete die Tarnbezeichnung unseres frischgegründeten Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) – ein wenig kompliziert. bis ich herausfand. mit der er gefährliche Einsätze vorbereitet -48- . Es war kein Vorschlag. Wie alle aus der »alten Garde« sprach er selten über die bewegten Ereignisse der Vergangenheit. Ich war stolz. daß man mir so viel Vertrauen entgegenbrachte. ein Mann. brachte. der im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte. Richard Stahlmann. Eigentlich hieß er Artur Illner. daß ich in die achtzylindrige Tatra-Limousine Richard Stahlmanns stieg. August 1951 wurde das Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung (IPW) aus der Taufe gehoben. Unterwegs schloß sich uns ein luxuriöser offener Horch an. Überlebende des Spanischen Bürgerkriegs sprachen voller Hochachtung von seinen Führungsqualitäten und von der Umsicht. der Georgi Dimitroffs enger Vertrauter gewesen war und der im Krieg in Schweden Herbert Wehner geholfen hatte.

Ich war wieder einmal der Jüngste. In Bohnsdorf gründeten wir. den Außenpolitischen Nachrichtendienst der DDR. Geburtstag 1971 Neben diesen Helden hatte Stahlmann gestanden. was der Name Dimitroff uns damals bedeutete. dieser Held hatte unbedingtes Vertrauen zu Stahlmann gehabt und ihn »das beste Pferd im Stall« genannt. acht Deutsche und vier sowjetische »Berater«. Als er nach dem Reichstagsbrand und nach seinem Freispruch nach Moskau gekommen war. Danach hatte Dimitroff ihn mit wichtigen Aufgaben betraut. Charlotte Bischoff gratuliert Richard Stahlmann zum 80. In Menschen wie Richard Stahlmann fand ich meine eigenen Ideale verkörpert und vorgelebt sie waren Berufsrevolutionäre. Vielleicht kann nur ein Mensch aus meiner Generation ermessen. als die Nazis kamen. um ihn zu verhaften. Ackermann sorgte – wie nicht anders zu erwarten -49- . hatten wir ihn als Helden gefeiert. von dem die meisten anwesenden Deutschen eine alles andere als klare Vorstellung hatten. der den Nazis die Stirn geboten hatte.hatte. die mir zu Vorbildern wurden.

wenn er uns vom abenteuerlichen Alltag im Geheimdienst erzählte. wie man einen Dienst aufbaut. erklärten wir im nachhinein den 1. September 1951 zum Gründungstag unseres Nachrichtendienstes. daß das Treffen den gebührend feierlichen Anstrich erhielt. Leider nahm er ein tragisches Ende. von Stalin persönlich beauftragt. -50- . Grauer hatte in der sowjetischen Botschaft in Stockholm für den Nachrichtendienst gearbeitet. Andrej Grauer 1951 Den Chef der sowjetischen Gruppe stellte Ackermann als Genossen Grauer vor. Da keiner von uns sich später an das Datum erinnern konnte und es kein Protokoll gab. Er brachte uns bei.dafür. und wir hingen an seinen Lippen. Er war erfahren. wie man ihn in Einzelabteilungen aufteilt und wie man den Gegner an seinen empfindlichen Stellen trifft. uns unter die Arme zu greifen.

Der Kompromiß. die einzigen Anwesenden mit Smoking und Fliege waren wir und die Kellner. in eben jenem Festsaal. endgültig Abschied zu nehmen. den wir schlössen. die mir so ans Herz gewachsen war. hieß Smoking. Beim Empfang selbst stellten wir v erdutzt fest. den unser Botschafter zum zweiten Jahrestag der DDR im Hotel Metropol gab. begleitete ich ihn zur Garderobe. Was hatten wir alles in den Jahren erlebt. Zuletzt rief der KGB Grauer nach Moskau zurück. um mich offiziell aus dem diplomatischen Dienst zu verabschieden. Mir blieb kaum Zeit. daß wir im Frack erschienen. Als Nikolaj Krutizkij. unerträglich gespannt. Ich kam gerade rechtzeitig zu dem Empfang. bis er drei Rubel zum Vorschein brachte. in dem ich 1950 Mao und Stalin mit eigenen Augen erblickt hatte. Wir Jüngeren konnten uns mit dem Chef unserer Mission nicht über die Kleiderordnung einigen: Der Botschafter wollte. wo er umständlich in seiner Soutane kramte.Er wurde krankhaft mißtrauisch – möglicherweise war die Ursache eine Mischung aus déformation professionelle und der unsicheren Atmosphäre in der UdSSR der Stalinzeit. von meinen Freunden und von der Stadt. Kurze Zeit nach Gründung des Dienstes flog ich nach Moskau. führe ich auf diese Begebenheit zurück. seit wir 1934 auf dem Bjelorussischen Bahnhof angekommen waren… Und nun weilte ich plötzlich als Ausländer in Moskau! Aber für -51- . sich nach dem offiziellen Teil verabschiedete. der Metropolit von ganz Rußland. daß fast alle Gäste in Uniform oder im dunklen Anzug kamen. daß er die Trennlinie zur Paranoia überschritten hatte. dem unser Dienst unterstand. Daß Ackermann bereits ein Jahr nach der Gründung des Dienstes um Ablösung ersuchte. Sein Verfolgungswahn wurde immer ausgeprägter. obendrein wurde durch seine Zwangsvorstellungen das Verhältnis zu Anton Ackermann. wo man inzwischen wohl gemerkt hatte. wir plädierten für den dunklen Anzug. die er mir als Trinkgeld in die Hand drückte.

das wahrscheinlich noch aus den Zeiten der zaristischen Geheimpolizei stammte und dessen Sinn uns von den Beratern niemals offenbart wurde. der Kernenergie. Sie geriet sofort mit dem seit Februar 1950 bestehenden Ministerium für Staatssicherheit in Konfrontation. warum Moskau sich mit -52- . um nicht zu sagen dominierende Rolle. da dieser von Berijas Geheimpolizei abgekoppelt und dem Außenminister Molotow unterstellt worden war. die westlichen Geheimdienste zu beobachten und zu infiltrieren. daß unsere Richtlinien fein säuberlich aus dem Russischen übersetzt waren. daß wir neben allem anderen Papierkram Stunden damit zubringen mußten. wurde so weit getrieben.und Maschinenbaus und der konventionellen Waffen sowie Aufklärung der westlichen Alliierten.und Trägerwaffen.wehmütige Erinnerungen war jetzt nicht der richtige Zeitpunkt. was sich in dem Maße änderte. Chemie. Die Struktur unseres Apparats entsprach fast spiegelbildlich der des sowjetischen Dienstes. hatte man bei uns in Anlehnung daran Ackermann vom Außenministerium zum Leiter ernannt. Dokumente in Aktenordner einzunähen – ein Verfahren. wirtschaftliche und wissenschaftlichtechnische Aufklärung auf den Gebieten der Kern. in dem unser Dienst den Kinderschuhen entwuchs. das mit einem weitaus personalreicheren Apparat auch auf diesem Gebiet tätig war. Man hat mich immer wieder gefragt. die wir befolgen mußten. Eine kleine. Unsere Aufgaben umfaßten politische Aufklärung in Westdeutschland und West-Berlin. Die Bürokratie. Am Anfang unseres Außenpolitischen Nachrichtendienstes spielten die sowjetischen Berater eine starke. des Flugzeug. Zuerst schrieben unsere Abteilungsleiter unter den Augen der Berater fleißig Arbeitspläne. selbständige Abteilung Abwehr war dafür zuständig. Elektronik und Elektrotechnik. Die Formulierung der Schwerpunkte unserer künftigen Arbeit ließ unschwer erraten.

Er leitete die Hauptabteilung Information. auch über Themen. die unsere Arbeit nicht berührten. Und so war es auch. die schnell selbstbewußt wurde und der sowjetischen Aufklärung in Deutschland bald in vielem überlegen war. wenigstens anfangs. den ich beim Deutschen Volkssender in Moskau kennengelernt hatte. daß die Sowjets zu Recht annahmen. und sie an seinem Wissen würde teilhaben lassen. der mich lehrte. sich durch Verwendung unterschiedlichster Quellen eine eigene Meinung zu bilden. was man ein Original nennt. Korb verfügte über profunde politische Kenntnisse und ein enormes Faktenwissen. Wir kamen beide schnell zu der Einsicht.unserem Dienst eine deutsche Konkurrenz schuf. etwa den Islam. Wir saßen in einer ehemaligen Schule im Stadtteil Pankow. nicht weit vom Sperrgebiet. wenn man nachrichtendienstliches Material kritisch beurteilen will. sogar die Decknamen unserer Quellen. die Berichte der operativen Abteilungen mit Skepsis zu prüfen. daß ein deutscher Dienst sich im Nachkriegsdeutschland leichter tun würde als sie selbst. als unser Dienst vollständig unter sowjetischer Kontrolle stand: Unseren Beratern gaben wir brav sämtliche Informationen. Korb war in mancher Hinsicht. Er war ein brillanter Analytiker. an bestimmte Informationen heranzukommen. in dem Parteiund Staatsführung wohnten. Von ihm habe ich viel gelernt. Mein erster direkter Vorgesetzter war Robert Korb. daß man als Analytiker stets gezwungen ist. Von dieser Erkenntnis ist es nicht weit zu der. Daß wir nach und nach dazu übergingen. was sie erfahren sollten. -53- . war nicht unbedingt im Sinne der Gründungsväter. ihm und mir bestand. auch ihnen gegenüber die Regeln der Konspiration einzuhalten und sorgfältig auszuwählen. Ich glaube. daß eine kontinuierliche. die aus einer Sekretärin. die lange Vorgeschichte Israels oder die Ursachen religiöser Konflikte auf dem indischen Subkontinent. gründliche Auswertung der Presse so manche »geheime« Information überflüssig macht.

Im Handumdrehen hatte er eine komplette Papierfabrik en miniature eingerichtet. Wenn sich unerwartete Schwierigkeiten für unseren frischgekürten Dienst einstellten. Richard Stahlmann stand durch seine Vergangenheit mit der gesamten Führungsriege unseres jungen Staates auf vertrautem Fuß. als ein ganzes Sortiment verschiedener Papiersorten aufzutun oder Fachleute ausfindig zu machen. So begann meine Laufbahn im Nachrichtendienst. Auch innerhalb des Dienstes war Stahlmanns Vergangenheit ein Plus. aber wir waren keine Eiferer. Wie jeder Nachrichtendienst benötigten wir gut gefälschte Ausweispapiere des betreffenden Landes. Allmählich platzte unser Domizil in Pankow aus allen Nähten.Seine Sarkasmen und Pointen saßen immer. Nichts leichter für Stahlmann. Wir dienten unserem Staat loyal. die die fast ausgestorbene Kunst des Handschöpfens beherrschten und obendrein die Sicherheitserfordernisse erfüllten. und die Schwierigkeiten waren gelöst. von vierundzwanzig Tatra-Limousinen. und wir mußten umziehen. die wir auf dem vorgeschriebenen Weg frühestens nach Monaten bekommen hätten. suchte Stahlmann den Ministerpräsidenten Otto Grotewohl zu Hause auf. Es gelang ihm sogar. Benötigten wir dringend Devisen. In unserem neuen Dienstgebäude am -54- . Ehrfurcht vor Würdenträgern kannte er nicht. die fünfunddreißig Jahre dauern sollte. die die Tschechoslowakei für unsere Regierung lieferte. besuchte er den Finanzminister und brachte das Geld in der Aktentasche von dort mit. nicht weniger als die Hälfte für unseren winzigen Dienst abzuzweigen. und wir fanden schnell eine gemeinsame Sprache. die missionarische Verbissenheit mancher unserer politischen Führer betrachteten wir mit ironischer Distanz. Auch den Fachmann für täuschend echt wirkende Stempel und Unterschriften brachte er zu uns: Richard Großkopf hatte vor und während des Krieges Hunderte von Illegalen mit falschen Papieren ausgestattet.

Der Tag. was sich damals Organisation Gehlen nannte. an dem wir uns in diesem oberbayerischen Ort sogar sehr gut auskannten. der in Pullach leitete. lag noch in weiter Ferne. ein Mann mit langjähriger Erfahrung in der illegalen Arbeit. Auf den Namen des Mannes. sagte uns der Name Pullach. die als Eigenkapital ihre intimen -55- . Da saßen wir zu viert und hatten nicht die leiseste Vorstellung. aber nicht den Gegner. Unsere Aufgabe war es. stieß ich erstmals in einem Artikel des Londoner Daily Express mit der Schlagzeile: »ExHitler-General spioniert jetzt für Dollars. unerreichbare Welt. Kurz vor seinem Ende hatte Adolf Hitler General Reinhard Gehlen. wie es uns schien. durch Oberstleutnant Gerhard Wessel ersetzt.Rolandsufer im Zentrum Berlins wurde ich stellvertretender Leiter der Abteilung Abwehr. wechselte Gehlen die Seite. nicht viel. die den Zusammenbruch des Dritten Reichs fast unbeschadet überlebt hatten und in der Bundesrepublik wie der Phönix aus der Asche auferstanden waren. Ihr Leiter war Gustav Szinda. Das war leichter gesagt als getan. der gelegentlich geheimnisumwittert in der Presse auftauchte. die die Anfeindungen durch das Ministerium für Staatssicherheit bisher überlebt hatte. den Chef der Abteilung Fremde Heere Ost. wie wir es mit Nachrichtend iensten aufnehmen sollten. Beschützt. Als wir mit unserer winzigen Abteilung Abwehr zum Jahreswechsel 1951/52 den Kamp f gegen die bereits voll agierenden westdeutschen Apparate aufnahmen. Als der Krieg zu Ende war. gefördert und finanziert von der Regierung der Vereinigten Staaten gründete er die nach ihm benannte Organisation Gehlen. was seine Glaubwürdigkeit erhärtete. die bundesdeutschen Geheimdienste zu infiltrieren.« Der Autor Sefton Delmer unterhielt gute Beziehungen zum britischen Geheimdienst und hatte im Krieg für den britischen Soldatensender Calais gearbeitet. Er stand für eine unbekannte und.

und SD-Leute in Pullach untergeschlüpft waren. Bei Kriegsende war die Macht der Sowjetunion weit nach Westen vorgedrungen. Jetzt ging es nicht mehr nur um die Verwirklichung der Ziele. Das hinderte Konrad Adenauer. Gleichzeitig wurden Gerüchte laut. daß der amerikanische General George S. die wir uns bei Kriegsende gesetzt hatten. Gehlen blieb Präsident des BND bis zum Frühjahr 1968. sondern auch in arabischen Staaten. Europa war gespalten. sondern auch hochrangigen NSOffizieren zur Flucht in die USA verholfen haben sollte. darunter so manchen Experten in der Judenverfolgung. All das war alarmierend und mußte von uns zwangsläufig als Bedrohung interpretiert werden. Patton. und die Trennlinie verlief mitten durch Deutschland. Gerhard Wessel. Sie wurde ein Sammelbecken »alter Kameraden« aus Hitlers Zeiten. erneuerten Geheimdienstes zu bedienen und ihn nach wenigen Jahren als Bundesnachrichtendienst in eigener Regie zu übernehmen. den ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. der Central Intelligence Agency der USA. weil er ehemalige Nazioffiziere als Ausbilder in den Nahen Osten entsandte. Gehlen genoß damals nicht nur im Bonner Kanzleramt Vertrauen. nicht.Kenntnisse über die fremden Heere im Osten einbrachte. das wollten die -56- . nicht nur die Strafverfolgung von Kriegsverbrechern aus Deutschland laut kritisiert. sich des alten. Delmers Artikel enthüllte. Adenauer setzte eindeutig auf die amerikanische Politik der Stärke und auf die von John Foster Dulles formulierte Strategie des roll back gegenüber dem Kommunismus. Er schlug wie eine Bombe ein. D. wie viele Offiziere aus Gehlens militärischem Dienst und wie viele ehemalige SS. Dulles' Bruder Allen war damals Chef der CIA. Sein Nachfolger wurde – wie 1945 – General a. Eine neue Konfrontation war vorgezeichnet. der mühsam errungene Frieden zeigte erste Sprünge. der als Rechtsaußen berüchtigt war.

sondern Einfluß auf die Politik der Bundesrepublik zu gewinnen. Dr. Süßwarenexporteure oder Klempnerfirmen jedweder Art. Es war die Zeit vor dem Beginn des westdeutschen Wirtschaftswunders.und West-Berlin vor den Tagen des Mauerbaus ein Leichtes war. Im Untergrund zwischen Ost und West waren zeitweise – ihre Ableger mitgerechnet – bis zu acht zig verschiedene Geheimdienste tätig.Vereinigten Staaten nun so schnell wie möglich und unter Einsatz aller nur erdenklichen Mittel rückgängig machen. zusätzlich waren sie uns gegenüber -57- . In amerikanischen und russischen Filialen war von Kompaniestärke die Rede. wurde von Adenauer zu dessen engstem Berater. Die Leute ließen sich bereitwillig als Spione anwerben. Hans Globke. daß breite Kreise der Bevölkerung im Osten das neue politische System unterschwellig ablehnten. Obendrein paßte er mitsamt seinen Verbindungen dem Kreuzzugsdenken der Brüder Dulles bestens ins Konzept. nicht nur seinen Geheimdienst am Leben zu erhalten. Gehlen begriff schnell die Chance. Leute wie Gehlen und sein Stab waren keine Ausnahme. Getarnt als Forschungszentren oder wissenschaftliche Einrichtungen. später sogar zum Staatssekretär im Bundeskanzleramt gemacht. denen der Verkehr zwischen Ost. Zum Synonym für diese Art von Kontinuität wurde der Name Globke. Die westlichen Dienste konnten sich dabei auf die Anziehung der harten Westwährung stützen und darauf. unter Hitler ein hochrangiger Beamter im Reichsinnenministerium und Verfasser des Kommentars zu den Nürnberger Rassengesetzen. Das Berlin der 50er Jahre mit seiner hektischen Atmosphäre hatte Wien als Hauptstadt europäischer Spionagetätigkeit abgelöst. rekrutierten und lenkten sie ihre diversen Agenten. In Bundeswehr und Staatsapparat besetzten einstige NSFunktionäre so manche Spitzenposition. wenn ma n ihnen etwas Besseres zu essen oder einen beruflichen Lichtblick versprach.

während sie gleichzeitig strebsame Bürger der BRD waren. Hin und wieder gelang es auch einem Ex-Nazi in der DDR. wieweit sie möglicherweise von westlichen Diensten unterwandert war. Viele unserer damaligen Agenten und Kontakte im Westen waren keine Kommunisten. Nazis waren bei uns nicht erwünscht. tatsächlich an die Geheimdienste des Westens heranzukommen. und wenn. sich in unseren Dienst einzuschmuggeln. bot die Parteiaufklärung der westdeutschen KPD. als ich beim Durchforsten der Unterlagen nach Beziehungen der Parteiaufklärung zu solchen Organisationen auf den Namen -58- . ob. Das konkret zu überprüfen. daß wir über ihre Vergangenheit im Dritten Reich besser informiert waren. daß auch unsere sowjetischen Berater. Einige hatten wir zur Kooperation überredet. wie verläßlich sie als Instrument der Aufklärung war – anders ausgedrückt. indem wir sie wissen ließen. von ihrer besseren Ausstattung ganz zu schweigen. weil sie die Teilung Deutschlands überwinden helfen wollten und die Politik der Amerikaner für falsch hielten. Da war es nur ein schwacher Trost zu merken. die wir bisher voller Ehrfurcht betrachtet hatten. der sich durch die SS-Tätowierung auf seinem Arm verraten hatte.dadurch im Vorteil. als ihnen lieb sein konnte. wurde der Betreffende stillschweigend von seinem Posten entfernt – so im Fall eines Mannes. Die Frage war nur. Der neue Nachrichtendienst der KPD wurde von Anfang an vom Zentralkomitee der SED aus gesteuert. Wieder andere wollten es sich sicherheitshalber mit keiner Seite verderben und spionierten deshalb für die DDR. deren verschiedene Dienste in enger Kooperation mit der Komintern und den sowjetischen Diensten gestanden hatten. sollte ich Gelegenheit bekommen. Eine unserer wenigen Chancen. sondern arbeiteten für uns. hervorgegangen aus einer Tradition der KPD. daß sie auf einen funktionierenden Apparat und langjährige Erfahrung zurückgreifen konnten. aber sobald wir das herausfanden. ähnlich blutige Anfänger waren wie wir selbst.

in ihrem Auftrag sei er dann zielstrebig an rechtsradikale Organisationen herangetreten und habe es zuletzt zum persönlichen Sekretär im Bonner Büro Dr. nach Berlin zu kommen. ich setzte »Merkur« mit den Fakten zu. Wir baten ihn. und obwohl wir ungeübt waren. Als ein Mitarbeiter unserer Abteilung den Mann in Schleswig-Holstein aufsuchte. aber auch das zerschlug sich. ihn umzudrehen und auf diesem Weg den britisehen Geheimdienst zu infiltrieren. die Kontakte zum Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln und gute Verbindungen zur Bonner politischen Szene zu unterhalten schien. Als Student in Hamburg wollte er begonnen haben. Es klang alles sehr logisch. den ma n durchaus für den Elektroingenieur halten konnte. Wir spielten kurzfristig mit dem Gedanken. aber sobald ich ihm Fragen zu Leuten stellte.einer Quelle namens »Merkur« stieß. Damit war der Traum von der Spitzenquelle verflogen. es klang alles fast zu schön. Fritz Dorls. hochgewachsenen Mann um die Dreißig. Am Tag darauf führten wir das Gespräch mit verteilten Rollen weiter: Szinda schlug die harten Töne an. die er angeblich kannte. als -59- . taten wir instinktiv das Richtige: Wir ließen »Merkur« zuerst ausführlich seinen Lebenslauf erzählen. Nach kurzer Beratung mit Szinda studierte ich die Akten bis tief in die Nacht – und mein Verdacht bestätigte sich. Schließlich gestand er. hie und da gar Widersprüche zu dem. als der er sich ausgab. fielen mir Ungereimtheiten in seinen Antworten auf. was in seinen schriftlichen Berichten gestanden hatte. gebracht. fast noch Amateure. daß er für den britischen Geheimdienst arbeitete. für die Parteiaufklärung der KP zu arbeiten. In einer Villa am Stadtrand von Berlin trafen wir uns mit »Merkur«. einem schlanken. am nächsten Tag noch einmal zu kommen. um wahr zu sein. zeigte er sich mehr als willig. fast als hätte er auf diese Einladung gewartet. Gustav Szinda leitete das Gespräch. des Vorsitzenden der neonazistischen Sozialistischen Reichspartei.

daß man sie verdächtigte). daß mein erster Fall ausgerechnet Erich Mielke in die Hände geriet. als der Mann in Untersuchungshaft kam. als uns lieb sein konnte. den gesamten Apparat samt all seinen Kontakten zu überprüfen. denn er hatte bei der Vernehmung ein Wissen über Mitarbeiter und Querverbindungen innerhalb der Parteiaufklärung offenbart. das er eigentlich nicht hätte haben dürfen. daß er schon als Student im Auftrag von MI 5 den Kontakt zur kommunistischen Parteiaufklärung gesucht hatte. aus der ich die Lehre zog. geständig war und dann vom Gericht zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. Die Entlarvung »Merkurs« bezeichnete Mielke sofort als »Quatsch«. damals Staatssekretär im Ministerium für Staatssicherheit. sondern mehr noch bei uns. von seinen eigenen Mitarbeitern mußte er sich eines Besseren belehren lassen. »Merkurs« Entlarvung löste nicht nur im Westen Alarm aus. die Finger von »Merkur« zu lassen. Wie bei einem Puzzle suchte ich geduldig nach den passenden Teilchen. Der Fall »Merkur« war meine erste Bewährungsprobe in der Aufklärung. Ohnedies lag die weitere Untersuchung des Falles außerhalb unserer Kompetenz. Daß zwischen ihm und Szinda seit ihrer gemeinsamen Vergangenheit im Spanischen Bürgerkrieg unverhüllte Abneigung herrschte. Unter diesen Umständen war es für uns nur ratsam. Ich machte mich an die mühselige Aufgabe. sondern die von der DDR aus eingesetzten Kuriere und Verbindungsleute. dem unser Dienst vom ersten Tag an ein Dorn im Auge gewesen und mit Mißtrauen verfolgt worden war. machte den Umgang nicht gerade harmonischer. Dabei erfuhr ich von mehr unstatthaften Querverbindungen. die gegen alle Regeln der Konspiration verstießen. -60- . So geschah es.wir bei einem dritten Gespräch aus ihm herausholten. befragte ich nicht sie. daß man im Nachrichtendienst nie die Logik außer acht lassen und sich nie vom Wunschdenken irreführen lassen darf. Um eve ntuell vom Gegner umgedrehte Agenten nicht »anzustoßen« (ihnen nicht zu verraten.

der uns noch viele Jahre mit Informationen versorgen sollte. Uneingeweihten sagte das nichts.Im Lauf mehrerer Monate entstand auf einem riesigen Bogen Millimeterpapier eine »Spinne« – ein Diagramm aller Beziehungen der Parteiaufklärung. daß Verfassungsschutz sowie britischer und amerikanischer Geheimdienst erhebliche Teile des Netzes enttarnt hatten und mittels umgedrehter Agenten möglicherweise bereits bis in die Berliner Zentrale vorgedrungen waren. aus dem außer mir bald niemand mehr schlau werden konnte. ebenso wie unsere Residentur in Bayern. Ackermann und ich -61- . Es blieb uns folglich nichts anderes übrig. zu Ulbrichts Wohnung in Pankow. Striche und Kästchen in verschiedenen Farben bezeichneten persönliche oder unpersönliche Verbindungen – rot für verdächtigte Doppelagenten. Auf dem Eßtisch breitete ich meine »Spinne« aus und schilderte die Ergebnisse meiner Überprüfungen in allen Einzelheiten. Was tun? In welchem Ausmaß mochte die Parteiaufklärung bereits von Agenten der Gegenseite durchsetzt und vom Gegner aufgerollt sein? Wir unterstellten als schlimmste Möglichkeit die. während ein Frankfurter Journalist mit dem Decknamen Wagner mir verdächtig vorkam und sich später beim Verhör als Doppelagent im Auftrag der Amerikaner entpuppte. Manche Quellen und Residenturen gingen unbeschadet aus meinem Durchleuchten hervor – ein hoher Beamter im Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen. die große Papierrolle unter dem Arm. Zeichen markierten Verdachtsmomente oder Kontakte zu gegnerischen Diensten. Ulbrichts Einrichtung verriet die Vorliebe des gelernten Tischlers für gutbürgerliches Mobiliar mit gedrechselten Verzierungen. grün für Residenten –. als auf die Parteiaufklärung zu verzichten. für meine Augen gewann das Diagramm jedoch immer deutlichere Konturen. Nach langen Beratungen zog ich eines Tages an der Seite Ackermanns. blau für Quellen.

waren so hochgeschraubt. die Kontakt zur KPD hatten. daß allein schon die Besetzung der Zentrale schier unmöglich schien. einige Spitzenquellen im Westen wieder zu aktivieren. -62- . schieden von vornherein aus. Die Sicherheitsanforderungen. wie bewahrt man Vertrauen? Wie prüft man Zuverlässigkeit? Darf man sich auf seine Intuition verlassen? Diese Fragen stellte ich mir damals immer wieder. Die zurückgerufenen Mitarbeiter der Parteiaufklärung waren fast ausnahmslos überzeugte Antifaschisten. auch wenn bei uns zum Glück nicht mit Berijas Methoden gearbeitet wurde. Konzentrationslager und Emigration auf sich genommen hatten und sich jetzt unsere mißtrauischen Fragen gefallen lassen mußten. nachdem wir sicher sein konnten. zurückzubeordern. einen Ersatz zu schaffen und geeignete Kandidaten zu finden. Ulbricht stimmte zu. Ackermanns Stellvertreter Gerhard Heidenreich. über deren Einhaltung ein sowjetischer Berater mit unnachgiebiger Strenge wachte. Diese Bereitschaft zu vorurteilsfreiem Denken ermöglichte es uns.schlugen Ulbricht vor. Zu unserer erheblichen Erleichterung stellten wir fest. daß es den westlichen Diensten nicht gelungen war. daß man einmal gefaßte Meinungen ständig überprüfen muß. den Apparat zu komplettieren. Im Verlauf dieser Untersuchung war mir klargeworden. um es bescheiden zu sagen. Andererseits stellte uns der Verzicht auf die Parteiaufklärung vor das nicht geringe Problem. An die folgenden Monate erinnere ich mich nicht gern. Kandidaten mit Verwandten im Westen oder solche. daß auch der Gegner nur mit Wasser kochte. Ihre Lage war demütigend. alle Verbindungen zur westdeutschen Parteiaufklärung abzubrechen und alle Mitarbeiter. die Zuchthaus. sie zu identifizieren. Wie gewinnt. die in westlicher Emigration oder Gefangenschaft gewesen waren. die DKP. der beauftragt war. und seitdem war die KPD bis zu ihrem Verbot im Jahr 1956 ebenso tabu für unseren Dienst wie später ihre Nachfolgerin.

Sie sollten den Kern meines Dienstes. wenn es um die Besetzung leitender Positionen ging. -63- . bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1990 bilden. und so kamen viele junge Leute von der FDJ zu uns. und sie ermöglichte es mir. Im Unterschied zu den meisten anderen Geheimdiensten drehte sich bei uns kein Karussell. Ihre in vierzig Jahren gewonnene praktische Erfahrung hätte kein Lehrgang ersetzen können. der späteren Hauptverwaltung Aufklärung. noch ein weiter Weg. Aber bis dahin war es Ende 1952. Diese Kontinuität war einer der Hauptgründe unserer Effizienz. meine Denkweise und Handschrift auf andere zu übertragen. der Jugendorganisation der SED.war Sekretär für Kaderfragen bei der FDJ gewesen.

bevor er sie aus dem Zimmer schickte. erschien aber kurz darauf und führte mich in das benachbarte Büro seiner Frau Lotte.3 Learning by doing Im Dezember 1952 wurde ich zu Walter Ulbricht bestellt. Dann kam er ohne Umschweife zur Sache. Später hieß es. daß die Anfeindungen Grauers -64- . machte ich mich auf den Weg zum Zentralkomitee. andererseits war es ein offenes Geheimnis. die als seine engste Mitarbeiterin galt. daß Anton Ackermann darum gebeten hatte. und das Gebäudeinnere war nicht annähernd so imposant wie später im sogenannten Großen Haus am Werderschen Markt. was er von mir wollte. hinzuzufügen: »Aus gesundheitlichen Gründen. der bereits als der mächtigste Mann des jungen Staates galt. ohne Einleitung und ohne den Gesprächspartner anzublicken. daß Ackermanns Vorstellung von einem eigenen deutschen Weg zum Sozialismus mit Ulbrichts Moskautreue kollidierte. dem Generalsekretär der SED. das zu jener Zeit noch nicht weit vom Alexanderplatz seinen Sitz hatte.« Selbstverständlich wußte ich. Die Kontrollen waren nicht annähernd so drakonisch. den die Wache sorgfältig mit meinem Ausweis verglich. die so charakteristisch werden sollte für die abgehobene Welt der Parteiführer. doch schon damals wehte ein unmißverständlicher Hauch jener Atmosphäre. wie es seine Art war. was im puritanischen Milieu der DDR jener Zeit das politische Aus bedeuten mußte. ohne persönliche Worte. Sie begrüßte mich freundlich. Er war no ch in einer Besprechung. In der Anmeldung erhielt ich einen Passierschein. von der Leitung des Außenpolitischen Nachrichtendienstes entbunden zu werden – hier gehorchte Ulbricht der Sprachregelung zumindest soweit. So erfuhr ich. Ohne zu ahnen. daß Ackermann sich in seinem Privatleben unvorsichtig verhalten haben soll. Ich meldete mich in Ulbrichts Sekretariat.

als ich wieder auf der Straße stand – nicht wenig verwirrt. Sollte ich irgendein Gefühl benennen. in der Partei noch unbedeutender. erklärte Ulbricht. was gewiß nicht ohne Gewicht war. Andererseits hatte Ackermann meine Wahl offenbar befürwortet. Stolz auf das Vertrauen. Auf meine Frage. Noch heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen. das die Partei mir entgegenbrachte. hörte ich Ulbrichts nächste Worte: »Wir sind der Meinung. Damit will ich keineswegs dem blinden Gehorsam das Wort reden. Während ich diese Mitteilung noch verdutzt zur Kenntnis nahm. über wen ich Kontakt zur Führung halten solle. ich sei unmittelbar ihm unterstellt. daß ich es damals ganz gewiß nicht so sah und auch gar nicht so sehen konnte. so benommen war ich von dem. was mir widerfahren war. daß du die Leitung des Dienstes übernehmen solltest. Wenn man mich heute fragt.« Anders ausgedrückt: Die SED-Führung war der Meinung. keine dreißig Jahre alt. Mir drehte sich alles im Kopf. warum die Wahl ausgerechnet auf mich fiel. Meine guten Moskauer Beziehungen und meine Abstammung aus der Familie eines kommunistischen Schriftstellers mochten das ihre dazu beigetragen haben. was heute vielen als Unterdrückungsapparat erscheinen muß. Ackermanns Nachfolger in dieser entscheidenden Funktion werden sollte. der Teil dessen war.Ackermann die Leitung des Geheimdienstes zunehmend verleidet hatten. in der Hierarchie des Nachrichtendienstes einer unter vielen. doch meine fast gänzliche Unerfahrenheit im Nachrichtendienst mußte in anderer Hinsicht in die Waagschale fallen. wäre es wohl am ehesten Stolz. an das ich mich erinnern kann. Es war kaum eine Viertelstunde vergangen. Mir war bei -65- . wie ich so unbefangen die Ernennung zum Leiter eines Nachrichtendienstes annehmen konnte. daß ich. dann kann ich dazu nur sagen. auf den so viele Mitläufer des Dritten Reichs sich im nachhinein so gerne berufen haben.

die ich ausschlug. um im schwerfälligen Parteiapparat zu verschwinden. Als ich in unser Dienstgebäude am Rolandsufer zurückkam. daß -66- . Über seine Biographie wußte ich nur. Jahre später habe ich mich tatsächlich einmal einer Weisung widersetzt: Man hatte mich als Nachfolger Horst Sindermanns in der Leitung der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der SED ausersehen. ich wollte die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit. in eisigem Ton zu erklären. bin ich da. nur aus unterschiedlichen Motiven: Er wollte meinen kometenhaften Aufstieg bremsen. nun mach mal. von mir abgelöst zu werden und die leidige Schreibtischarbeit hinter sich zu lassen.« Wesentlich frostiger fiel Mielkes Begrüßung aus. verhielt er sich auch jetzt: Freudig schloß er den Panzerschrank auf. eine Ehre. nicht in dessen Funktion als Minister für Staatssicherheit. über meine Ernennung sei so wenig endgültig entschieden wie über die ganze Existenz des Nachrichtendienstes.jeder Entscheidung in meinem Leben bewußt. die ich im Nachrichtendienst genoß. In diesem einen Fall zogen Mielke und ich am selben Strang. Wenn du mich brauchst. Über den Tisch schob er mir den Schlüssel zu und sagte: »So. sondern in der eines Mitglieds des Politbüros der SED. als Stahlmann mich ihm in meiner neuen Funktion vorstellte. in Abwesenheit Ackermanns der amtierende Chef unseres Dienstes. wie er in allen Dingen war. Ungewöhnlich. Der Nachrichtendienst blieb nur ein knappes halbes Jahr unter Ulbrichts direkter Kontrolle. Im Frühjahr 1953 wurde er Wilhelm Zaisser unterstellt. um mir die spärlichen Akten zu übergeben. was man von mir verlangte. daß ich mich dem. als könne er es kaum erwarten. erwartete mich dort schon ungeduldig Richard Stahlmann. Er ließ uns zuerst über eine Stunde im Vorzimmer warten und beschränkte sich dann darauf. sobald sie mir zu Ohren kam. auch hätte verweigern können – mit unangenehmen Folgen. aber ohne Gefahr für Leib und Leben. nicht aufgeben.

Fast nie gelang es mir. verweigert hatte. zu der er mich auf die Minute genau empfing. aber auch von Ulbrichts steifer. als er in Zeiten schlimmer Repressalien Hilfe. aus ihm herauszuquetschen und zu handeln. mit Zaisser zusammenzuarbeiten. weil er sich sogar ihnen gegenüber autoritär gebärdete. Für Mielkes Unterwürfigkeit gegenüber Ulbricht hatte er nur Verachtung übrig. was vor sich ging.und Fühllosigkeit in Moskau erinnerten. was mir auf den Nägeln brannte. Da er sich unmittelbar vor Ostern 1953 absetzte. die nötig und möglich gewesen wäre. bevor wir auch nur ahnen konnten. die ich näher kennenlernte. als der -67- . den ersten Überläufer aus unserem Dienst in den Westen. Einmal in der Woche hatte ich bei ihm eine feste Sprechstunde. Er strahlte eine vertrauenerweckende ruhige Autorität aus. mit dem er als Herausgeber der gesammelten Werke Lenins in deutscher Sprache Übersetzungsfragen diskutieren konnte. wie fassungslos wir waren. hatte die bundesdeutsche Abwehr genug Zeit. genoß Ulbricht keine Sympathie: bei den einen. erlebten wir unseren ersten großen Skandal. und auch aus seiner tiefen Abneigung gegen den Generalsekretär der Partei machte er kein Hehl. in dieser Stunde alles zur Sprache zu bringen. Kaum hatte Ulbricht den Nachrichtendienst an Zaisser abgetreten. Man kann sich vorstellen.er – wie Richard Sorge – Geheimaufträge in China ausgeführt hatte und daß er im Spanischen Bürgerkrieg unter dem Namen General Gomez die Elfte Internationale Brigade befehligt hatte. Es machte Spaß. was Kraus wissen konnte. alles. weil sie sich an seine Herz. Ausgerechnet ihn hatte Szinda aus einer anderen Abteilung zu uns geholt und mit besonders vertraulichen Schreibarbeiten betraut. die sich wohltuend von Mielkes wichtigtuerischer Hektik abhob. denn bei meinen Besuchen war ich für Zaisser ein willkommener Gesprächspartner. die sogenannte Vulkan-Affäre. unpersönlicher Art. Bei fast allen Emigranten. bei anderen wie Pieck oder Ackermann. Verursacht wurde sie durch Gotthold Kraus.

Vor Schrecken über das Wissen der Gegenseite wurde beschlossen. Die darauffolgenden Monate verbrachten wir mit dem mühsamen Klären der Personalfragen und dem zähen Kampf um jeden einzelnen Mitarbeiter. Im Kreml brachen erbitterte Machtkämpfe aus. wie verwundbar unser Dienst war. Stalins Tod im März 1953 war ein großer Schock. wir hätten erkennen müssen. den ganzen Apparat zu dezentralisieren und die einzelnen Abteilungen in einem Dutzend weit auseinanderliegender Gebäude unterzubringe n. Natürlich wußten wir sofort. die ich mit Zaisser dringend besprechen mußte. An Problemen. Wie viele Maulwürfe mochten noch unerkannt in unserem Apparat wirken? Eine Kommission unter Vorsitz von Staatssekretär Mielke überprüfte alle Mitarbeiter auf Herz und Nieren – für Mielke eine hochwillkommene Gelegenheit. daß die westdeutsche Spionageabwehr vor lauter Übereifer neben höchstens einem halben Dutzend echter Verbindungsleute honorige Geschäftsleute verhaftet hatte. mich seine Macht spüren zu lassen. und die übrigen sozialistischen Staaten Osteuropas waren plötzlich auf sich -68- . daß die Zahl Fünfunddreißig eine gigantische Übertreibung darstellte. ohne das geringste mit dem Nachrichtendienst zu tun zu haben. gab sie uns viel zu denken. Während die Aktion Vulkan sich für den westlichen Dienst letztlich als Blamage erwies – viele der Betroffenen klagten auf Schadenersatz -. herrschte kein Mangel. es seien gerade fünfunddreißig ostdeutsche Agenten durch die westdeutschen Behörden festgenommen worden. nicht einmal leitenden Mitarbeitern unseres Dienstes wäre die Identität so vieler Agenten in einem fremden Land bekannt gewesen.bundesdeutsche Vizekanzler Franz Blücher kurz nach Ostern auf einer Pressekonferenz unter dem Kennwort Aktion Vulkan bekanntgab. Es stellte sich bald heraus. den ich nicht verlieren wollte. Für die eigentliche Arbeit blieb in dieser Phase wenig Zeit. die im innerdeutschen Handel aktiv gewesen waren.

und die Stimmung in breiten Schichten der Bevölkerung war uns nicht wirklich bekannt. sondern gehandelt. Die Konsequenzen waren unübersehbar: Als Reaktion auf den zunehmenden Druck wurde nicht nur immer lauter gemurrt. rüttelte uns das nicht wach. sahen die Entwicklung mit Sorge und plädierten für einen weniger harten Kurs. denn im Nachrichtendienst waren wir viel zu sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. die den Freiraum der Kirchen und Geistlichen noch weiter einengten. nahmen wir nur halb wahr.selbst gestellt. der Chefredakteur der Parteizeitung Neues Deutschland. Ulbricht war die treibende Kraft hinter dem ein Jahr zuvor beschlossenen forcierten Aufbau des Sozialismus. Zaisser und Rudolf Herrnstadt. Daß ausgerechnet Lawrentij Berija. mehr als 120 000 Menschen stimmten mit den Füßen ab und verließen in den ersten vier Monaten des Jahres 1953 die DDR. Besonnene Politiker wie Ackermann. Wir lebten in einer eigenen und sehr abgeschotteten Welt. warnend von einer drohenden Versorgungskrise sprach. Doch diese umwälzenden Konsequenzen wurden mir damals nicht bewußt. vom Tisch. Besonderen Unmut erregten Vorschriften. was in unserem Land geschah. solange die sozialistische Umwälzung noch nicht abgeschlossen ist. zu Zwangsmaßnahmen gegen größere Bauernhöfe. sich für eine -69- . denn damit brachte die Regierung die Arbeiter gegen sich auf. der gefürchtete Geheimdienstchef. Selbst als Ministerpräsident Grotewohl schon im Dezember 1952. der seit dem Tod Stalins der entscheidende Mann in der sowjetischen Führungstroika war. Jeden Widerstand dagegen wischte er als geübter Stalinist mit der These von der gesetzmäßigen Verschärfung des Klassenkampfes. Es kam zu drastischen Steuererhöhungen und Kreditbeschränkungen. Vieles. Am gefährlichsten jedoch waren die Preiserhöhungen für Grundnahrungsmittel und die gleichzeitige Erhöhung der Arbeitsnormen. mittlere und kleine Unternehmen und Freischaffende.

Berija hatte dabei das langfristige Ziel eines vereinigten. marschiert waren. Das klang alles sehr vernünftig und beruhigend.Wende in der Deutschlandpolitik aussprach. daß ich Ende Mai auf seinen Vorschlag hin mit meiner Familie einen langentbehrten Urlaub antrat und die nächsten Wochen in Prerow an der Ostseeküste mit Baden und Hemingway-Lektüre verbrachte. daß Berija Anfang Juni Vertreter des SED-Politbüros nach Moskau beorderte und ihnen ein Papier mit dem Titel »Über die Maßnahmen zur Gesundung der Lage in der Deutschen Demokratischen Republik« vorlegte. die den Weg freimachen sollte für ein vereinigtes. Heute weiß ich. man versicherte. In der Zeitung las ich. eine Verständigung mit der Bundesrepublik wäre in den Bereich des Möglichen gerückt. Görings ehemaligem Reichsluftfahrtsministerium in der Leipziger Straße. Am Morgen des 16. Juni brachte der Rundfunk die alarmierende Nachricht. hätte ich nicht in meinen abenteuerlichsten Träumen für möglich gehalten. Von diesen dramatischen Entwicklungen und den erbitterten Auseinandersetzungen im Politbüro zwischen Hardlinern und Gemäßigten verlor Zaisser mir gegenüber kein Wort. daß Berliner Bauarbeiter von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. es werde ihnen nichts geschehen. So kam es. Es enthielt Vorschläge. Politbüro und Regierung hätten schwere Fehler eingestanden und die Revision früherer Entscheidungen angekündigt: Republikflüchtige wurden zur Rückkehr aufgefordert. neutralen Deutschlands vor Augen. deren Verwirklichung eine Abkehr vom administrativen Kommandieren bedeutet hätte. Aber es war zu spät. politische Repressionen und die Diskriminierung junger Christen sollten merklich gemildert werden. demokratisches und neutrales Deutschland. Dort hatten sie in Sprechchören die -70- . das sich keinem Bündnis gegen die Sowjetunion anschließen würde – ein von Stalin formuliertes Ziel.

Demonstrationszüge bewegten sich von allen Seiten auf die Sektorengrenze am Potsdamer Platz zu. ließ man uns frei. Ein Betrieb nach dem anderen trat in Streik. und die Hörer in OstBerlin aufgefordert. zu tun sei. daß ich Russisch sprach. hielt ich an. Um 13. die Stimmung drohte überzukochen. dem Posten zu beweisen. daß Ulbricht und Grotewohl sich ihnen zeigten. Trotz unseres Protests und trotz meines deutschen Polizeiausweises sperrte man uns im Keller der Kommandatur zusammen mit anderen Verdächtigen ein. Der Sender RIAS ließ die Chance nicht ungenutzt. wo wir wohnten. was in dieser Situation. doch vergebens. Das Gebäude war von Bereitschaftspolizei abgeriegelt worden. Dort konnte ich in Ruhe über die wahren Machtverhältnisse in Deutschland nachdenken. Erst als es mir gelang. auch von Westen her.Rücknähme der neuen Arbeitsnormen und soziale Verbesserungen gefordert. um -71- . Juni überschlugen sich die Meldungen. aber keine konkreten Vorstellungen erkennen lassen. die keinen Aufschub gestattete. Die Streikenden verlangten. ein ehemaliger Bergarbeiter. massiv zu agitieren. und ich zum Kommandanten vorgelassen wurde.00 Uhr verhängte der sowjetische Stadtkommandant den Ausnahmezustand. teilzunehmen. der müde und enttäuscht von einer Parteibesprechung zurückgekommen war. Nun hielt es mich nicht länger am Urlaubsort. Ulbricht hatte zwar Fehler eingeräumt. Die Unruhen hatten sich bereits ausgebreitet und Großbetriebe in anderen Teilen des Landes erreicht. Abends telefonierte ich mit Richard Stahlmann. welche Kundgebungen wann und wo stattfanden. und versuchte die Menge mit dem Hinweis auf die beschlossenen Reformen zu beruhigen. An ihrer Stelle erschien Industrieminister Fritz Selbmann. Im Stadtbezirk Pankow. Die ganze Nacht hindurch hatte er Mitteilungen gesendet. Auf halber Strecke nach Berlin wurden wir kurz vor Neustrelitz von einem sowjetischen Kontrollposten angehalten. Am 17.

einem großen Metallbetrieb. als Parteibüros und Verwaltungsgebäude gestürmt wurden und bisweilen in Flammen aufgingen. Dort berichteten mir mein Vater und meine Schwiegermutter aufgeregt. in dieser Zeit wurde mir klar. Als Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes hatte ich die Aufgabe herauszufinden. als sowjetische Panzer durch die Straßen rollten und von Jugendlichen mit Steinen beworfen wurden. daß die Ursachen hausgemachter Natur waren. Aus Informationen meines Dienstes. aus Presseveröffentlichungen westdeutscher und amerikanischer Politiker und aus den Verlautbarungen militanter kalter Krieger wie der »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« oder des -72- .mich zu Hause schnell umzuziehen. wäre die Eskalation des 17. Juni vielleicht zu vermeiden gewesen. als es die ersten Toten und Verletzten gab – und der Aufstand sollte mehr als hundert Menschenleben kosten -. als stammten sie aus dem Westen und als wären sie nur um des Randalierens willen gekommen. daß das Aufbegehren von West-Berlin aus nach Kräften geschürt worden war. um die Stimmung aufzuheizen. daß viele der jungen Leute im Zentrum aussahen. So gut wir alle wußten. Hätte man rechtzeitig die Funktionäre in den Betrieben über den geplanten neuen Kurs aufgeklärt und sich dem offenen Gespräch mit den unzufriedenen Arbeitern gestellt. direkt an unserem Haus vorbeimarschiert waren und daß mein Vater am Bahnhof Friedrichstraße beinahe vom Mob zusammengeschlagen worden war. daß die Arbeiter von Bergmann-Borsig. In dieser Zeit des Aufruhrs. Die folgenden Tage und Nächte verbrachte ich in meiner Dienststelle. daß agents provocateurs nach Ost-Berlin gekommen waren. inwiefern der Westen bei den Unruhen die Finger im Spiel haben mochte. so wenig ließ sich übersehen. Er hatte den Eindruck gehabt. daß das von unserer Führung in die Welt gesetzte Gerede vom »faschistischen Abenteuer« und vom »konterrevolutionären Putsch« reine Schutzbehauptungen waren.

und im Politbüro besaß Ulbricht keine Mehrheit. der Vorsitzende der Parteikontrollkommission. war in der DDRPresse mit einemmal ganz selbstverständlich die Rede. Moskau hatte Reformen verlangt. die DDR zu liquidieren. alle anderen befürworteten. Nur Hermann Matern. An Material herrschte also kein Mangel: Da hatten sich beispielsweise CIA-Chef Allen Dulles und seine Schwester Eleanor. wurde von Ulbricht sofort zum Kennwort für die Auslösung der Unruhen hochstilisiert.»Untersuchungsausschusses freiheitlicher Juristen« Material zusammenzustellen. eine neue SED-Führung -73- . Juni an Vertrauensleute und Freunde in Ost-Berlin herausgegeben. die im State Department für deutsche Angelegenheiten zuständig war. Juni einem äußeren Gegner in die Schuhe schieben zu können. am Vorabend des 17. dessen Prophezeiung bisher eine Spezialität westdeutscher Boulevardblätter gewesen war. bewies er doch die Verschwörung des Auslands gegen uns. Und selbst die Einladung zu einer Dampferfahrt der West-Berliner Gewerkschaften. daß Pläne bestanden. Juni nach jedem Strohhalm greifen. in der Woche vor dem 17. dem Tag der Machtübernahme durch den Westen in der DDR. Die sowjetische Parteispitze hatte ganz andere Sorgen. Sogar vom »Tag X«. um die Verantwortung für den 17. Juni in Berlin aufgehalten – das mußte doch einen Grund haben. die DDR-Regierung hatte die Sowjetarmee gegen die eigene Bevölkerung zu Hilfe rufen müssen. Ulbricht und seine Gruppierung mußten nach den Ereignissen des 17. denn ihre Position war schwer angeschlagen. und Ulbrichts junger Protege Erich Honecker unterstützten ihn. als sich der Ungewißheit auszusetzen. war ein Kinderspiel. dem sich entnehmen ließ. Dieses Material benötigte unsere politische Führung. was Ackermann am heftigsten verlangte: daß er als Generalsekretär abgelöst wurde. Ulbrichts Rettung war die Nachricht von Berijas Sturz in Moskau.

Wie Wilhelm Zaisser auch sollte er sie nicht mehr erleben. Sobald Ulbricht sich seiner Sache sicher sein konnte. in der DDR vorerst alles beim alten zu lassen. der die Zeit der Verdrängung unter Stalin. Eine Konfrontation mit der Partei hätte einen radikalen Bruch mit ihrem bisherigen Leben. die verlangen konnte. ohne den Zweck in Frage zu stellen. seine ärgsten Kritiker in der Parteiführung auszuschalten. das bittere Schicksal vieler Gefährten und die Macht der Parteidisziplin. Zu seinen besten Leuten gehörten seine erste Frau Ilse Stöbe und Gerhard Kegel aus der deutschen -74- . Warum hatten beide 1953 geschwiegen? Das vermag vielleicht nur der nachzuvollziehen. Zaisser war nur noch ein Schatten seiner selbst. und zog es vor. Auf der 35. die sie hinnahmen. Juni ihn und seinen harten Kurs gerettet. durch das Parteiurteil seelisch gebrochen und gesundheitlich gezeichnet. Eine Chance war vertan. ohne zu protestieren. der Eigenmächtigkeit und der Kontakte zu Berija. Sie wurden aus der Parteiführung ausgeschlossen.einen neuen Kurs ausprobieren zu sehen. Tagung des Zentralkomitees im Juli 1953 saß Ulbricht wieder fest im Sattel. hatte vor dem Zweiten Weltkrieg für die Sowjetische Militäraufklärung gearbeitet und von Warschau aus ein hervorragendes Agentennetz aufgebaut. Er prägte die Bezeichnung von der »Zaisser-HerrnstadtFraktion« und beschuldigte Zaisser und Herrnstadt des Abweichlertums von der Parteilinie. mit einem Parteiurteil und Strafen belegt. Rudolf Herrnstadt. Paradoxerweise hatte der 17. Männer wie Herrnstadt und Zaisser hatten ihre ganze Kraft der revolutionären Bewegung gewidmet. ursprünglich Journalist. mit ihren Wertvorstellungen und Idealen bedeutet. selbst erlebt hat. machte er sich unverzüglich daran. Drei Jahre nach diesen Ereignissen machte Rudolf Herrnstadt sich an die Niederschrift des wahren Geschehens und nahm den Kampf um seine Rehabilitierung auf. daß man sich opferte.

Das bewirkte eine Untersuchung mit personellen und strukturellen Folgen. Ich hatte darin eine logische Fortsetzung dessen gesehen. ja unmöglich sei. Wie Dimitroff oder Tito war Ackermann der Ansicht. was wir an der Komintern-Schule gelernt hatten. die er während seiner »Verbannung« an das Staatsarchiv in Merseburg schrieb. das darin ausgedrückt ist. Das Ministerium für Staatssicherheit erhielt den Status eines Staatssekretariats und -75- . läßt sich vielleicht mit dem Gewissenskonflikt vergleichen. ob er denn klüger sein könne als die Partei. wurde 1949 Staatssekretär im Außenministerium der DDR und 1951 erster Leiter des Außenpolitischen Nachrichtendienstes. In den Aufzeichnungen. Noch zu Zeiten. Auch Ackermann hatte sich der Parteiraison beugen müssen und sich von diesen Gedanken öffentlich distanziert – allerdings ohne dabei Schaden zu nehmen. die beide frühzeitig den bevorstehenden Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion gemeldet hatten. daß es sinnlos. als Herrnstadts Name in der DDR nicht genannt werden durfte. Im Zusammenhang mit Herrnstadts und Zaissers Amtsenthebung hatte Ulbricht harsche Kritik an der Staatssicherheit geübt. ließ ich als kleine Geste des Respekts einen Film über seine Warschauer Residentur für unsere Ausbilder drehen und setzte mich auch für seine Rehabilitierung ein. das sowjetische System auf andere Länder zu übertragen. Auch nach seinem Widerruf blieb er im Politbüro der SED bis 1953. in dem heutzutage Vertreter der Befreiungstheologie stecken. Daß all das offenbar nichts mehr bedeutete. Anton Ackermann hatte bereits 1946 seine Thesen zu einem »deutschen Weg zum Sozialismus« veröffentlicht. muß Herrnstadt tödlich getroffen haben. und zugleich zermarterte er sich den Kopf mit der Frage.Botschaft in Warschau. weist Herrnstadt alle Anschuldigungen der Fraktionsbildung zurück. Das Dilemma überzeugter Kommunisten. die sowohl soziale Verantwortung empfinden als auch dem Heiligen Stuhl Gehorsam schulden.

In seinen Memoiren erzählt Gehlen. Im Ersten Weltkrieg war er Matrose gewesen. bis die Parteikontrollkommission sie überprüft hatte. am liebsten beim Billard. Dienstlich interessierte er sich wenig für operative Details. der seine Ambition. Seine kritische Distanz zu Ulbricht war mir so wenig verborgen wie sein gespanntes Verhältnis zu Mielke. Unser bisher selbständiger Außenpolitischer Nachrichtendienst wurde unter der Bezeichnung Hauptabteilung XV Teil des Staatssekretariats Staatssicherheit. Der kleine dicke Mann marschierte bei solchen Gesprächen auf dem Teppich seines Arbeitszimmers auf und ab. Der neue Mann an der Spitze der Staatssicherheit hieß Ernst Wollweber.wurde in das Innenministerium eingegliedert. während er selbst mit den anderen leitenden Offizieren im Saal saß. Wollwebers bewegtes Leben hat sogar die Phantasie Reinhard Gehlens beflügelt. dem Willi Stoph vorstand. aus dem er gern erzählte. Wollweber verbrachte die Abende meist in Gesellschaft. um so mehr aber für die politischen Informationen. Zaissers bisherige Stellvertreter – darunter auch Mielke – hingegen mußten warten. Man kann sich denken. mich neben Stoph und Wollweber am Präsidiumstisch sitzen zu sehen. als die neue Einteilung bekanntgegeben wurde. die im Krieg in Sabotageaktionen eingemündet war. welche Demütigung es für den ehrgeizigen Mielke bedeutet haben muß. Ernst Wollweber. war in jeder Hinsicht der denkbar größte Gegensatz zu Mielke. was ihm -76- . und als Leiter eines Komintern-Büros in Kopenhagen hatte er im Kampf gegen das Dritte Reich die konspirative Arbeit unter Seeleuten in Gang gesetzt. selbst an die Spitze der Staatssicherheit zu gelangen. und ich als sein Leiter wurde zum Stellvertreter Wollwebers ernannt und in diesem Amt bestätigt. den ständig ausgehenden Zigarrenstummel im Mund. wo Richard Stahlmann zu seinen bevorzugten Partnern gehörte. bis 1933 hatte er als Abgeordneter im Reichstag gesessen. kaum zu zügeln vermochte. der ein wechselvolles Leben geführt hatte.

noch unversöhnlicher und mißtrauischer als bisher »feindlichnegative Kräfte« im eigenen Land zu befehden. und das sollte er nie vergessen. Sogar die Brände auf den Passagierschiffen Queen Elizabeth und Queen Mary schrieb er Wollweber zu. In den 50er Jahren behaupteten beide deutsche Staaten von sich. der unter dem Decknamen Brutus in Wollwebers Umgebung saß. Mielke hatte tatsächlich eine Parteistrafe erhalten. und er ließ nichts unversucht. Während Mielke die Geschehnisse des 17. Für Mielke war jeder ein potentieller Verräter. Aus Wollwebers buntbewegter Vergangenheit hatte »Brutus« eine weitverzweigte neue »Wollweber-Organisation« gedichtet. als oberstes Ziel die Wiedervereinigung anzustreben. Juni zum Anlaß nahm. Schon damals hatte ich den Eindruck. daß Matern 1933 nach kurzer Haft von den Nazis entlassen worden war. Sein Verdacht rührte daher. die Saboteure aus aller Welt ausbilden und Sabotageakte gegen alle westlichen Staaten vorbereiten sollte. daß Wollweber sich eine Zeitlang mit dem Gedanken trug. Matern als NaziKollaborateur zu entlarven. Das einzige Körnchen Wahrheit an diesen Räuberpistolen ist der Umstand. richtete mein Dienst den Blick nach Westen und dort in erster Linie auf Bonn. in Rostock einen internationalen Seemannsklub zu gründen. der lebend einem faschistischen Gefängnis oder einem Konzentrationslager entronnen war. als dieser noch Staatssekretär der DDR für Schiffahrt war.einer seiner Agenten berichtet hatte. daß diese -77- . doch diese Idee führte zu keinen bemerkenswerten Ergebnissen für den Nachrichtendienst. Zu seinem unendlichen Verdruß fand er nichts. ja gar nicht erst keimen zu lassen. der DDR um die Durchsetzung ihrer Identität im Ostblock. Der Bundesrepublik ging es dabei vorrangig um wirtschaftliche Macht. Allein der Name Hermann Matern – des Leiters der Kommission – war seit jener Zeit ein rotes Tuch für ihn. was er gegen Matern hätte verwenden können.

was man nur falsch machen kann. Allein die Prüfung der politischen Zuverlässigkeit und der charakterlichen Eignung erforderte viel Zeit. Juni 1953 erheblich mehr als zuvor.Bekenntnisse auf beiden Seiten rhetorischer Natur waren und daß eine tatsächliche Wiedervereinigung in absehbarer Zeit gar nicht durchsetzbar gewesen wäre. alles falsch zu machen. Es war nicht schwierig. Unsere Leute mußten zwar damit rechnen. Diese jungen und politisch motivierten Menschen legten den Grundstein für unsere späteren Erfolge. Als Grund für das Verlassen der DDR mußten sogenannte dunkle Stellen in der eigenen oder der Vergangenheit eines Angehörigen herhalten – Mitgliedschaft in der Waffen-SS oder in der NSDAP – oder negative Äußerungen über die Politik der DDR oder über Ulbrichts Person. in den Flüchtlingslagern von westlichen Diensten ausgefragt zu werden. in diesem Flüchtlingsstrom ausgewählte Männer und Frauen mitschwimmen zu lassen. Im Unterschied zu unseren Mitarbeitern in der Zentrale störte uns hier eventuelle Verwandtschaft im Westen nicht. denn sie konnte die Glaubwürdigkeit unserer Leute »drüben« nur erhärten. mit einer glaubhaften Lebensgeschichte durchzukommen. standen gut. sondern war im Gegenteil erwünscht. und wir bildeten keine Ausnahme von dieser Regel. Sie beschränkte sich darauf. Dennoch war es schwierig und zeitraubend. Die Schulung des auserwählten Agenten erfolgte individuell durch den zuständigen Mitarbeiter. Zehntausende von DDR-Bürgern strömten in jener Zeit über die noch offene Grenze nach West-Berlin und in die Bundesrepublik – nach dem 17. Unser Dienst lernte indessen seine ersten Lektionen. solche Kandidaten für die Übersiedlung in die Bundesrepub lik ausfindig zu machen. doch ihre Chancen. und bis Ende 1957 hatten fast 500000 Menschen unser Land verlassen. Als Anfänger muß man immer damit rechnen. -78- .

andere in hochdotierte Wirtschaftspositionen. Die Möglichkeiten. alles aufs Spiel zu setzen. Während der Westen aus dem Vollen schöpfen konnte. mußten wir uns mit einem Häuflein Idealisten zufriedengeben. Auch scheinbar noch unbedeutende Betriebe wie Messerschmitt und Bölkow ließen wir nicht außer acht. Mein erster Übersiedlungskandidat war »Felix«. daß sie künftig mit Rüstungsprojekten befaßt sein könnten. um die Einbürgerungsphase unauffällig hinter sich zu bringen. Weit schwieriger war es. die nichts mitbrachten als ihre Bereitschaft. Wieviel leichter hatten es da die westlichen Dienste in Ost-Berlin! Wie Ernst Reuter es so richtig ausdrückte. Für angeworbene Studenten und Wissenschaftler suchten und fanden wir manchmal auf Umwegen Plätze in den für uns relevanten Einrichtungen wie den Kernforschungszentren in Jülich. Karlsruhe und Hamburg.daß die elementarsten Regeln der Konspiration und das uns bekannte Wissen über die entsprechende Aufgabe vermittelt wurden. waren äußerst begrenzt. Von nicht geringerem Interesse waren Beziehungen zu den deutschen Wissenschaftlern in den USA um Wernher von Braun. Als -79- . um uns genauer über den Stand der westdeutschen Wiederaufrüstung zu informieren. den ich im Frühjahr 1952 noch zusammen mit Gustav Szinda anwarb. bei Siemens und IBM und in den Nachfolgeunternehmen des IG-Farben-Konzerns. weil wir argwöhnten. Auch die Verbindungen zwischen den Wissenschaftlern beider deutscher Staaten suchten wir zu nutzen. Leute dort zur Zusammenarbeit zu motivieren. Manche unserer Männer drangen in Geheimhaltungsposten vor. und deshalb waren uns Kandidaten mit handwerklicher Qualifikation und mit Berufspraxis am liebsten. Meist mußten unsere Leute anfangs Tätigkeiten mit einfacher körperlicher Arbeit auf sich nehmen. unsere Übersiedler in Bonn und an anderen Orten in die politischen und militärischen Zentren einzuschleusen. bildete West-Berlin einen »Stachel im Fleisch der DDR«.

Jeder von uns wußte. die unsere erste Quelle im Bundeskanzleramt werden sollte und die wir Norma nannten. die sich einfach nicht abschütteln ließen. sich dort dem Bundesamt für Verfassungsschutz zu nähern. sah er sich von den immer gleichen Männern beschattet. Seine Aufgabe war es. die wahren Mut besitzen und sich in der Gefahr bewähren. den er für seinen ersten Ernstfall hielt. Als Vertreter einer Firma. Sie war keine Schönheit. ließ »Felix« sich zunächst in Köln nieder. während Draufgänger in brenzligen Situationen die Courage verlieren oder durch Tollkühnheit alles verderben. was sie »Felix« erzählte. der ihm Material übergeben würde. zu dessen Leiter Globke vor kurzem aufgestiegen war. Als wir sein Verhalten analysierten. Trotzdem wurde »Felix« zu einem unserer besten Agenten. daß er vor Aufregung jeden Mann in einem der damals verbreiteten Staubmäntel für einen Verfolger gehalten hatte. aber das. »Norma« wurde von uns nicht angeworben und lieferte auch keine Geheiminformationen. Seit er den Zug verlassen hatte. die Frisiersalons einrichtete. er hatte sie nur aus Berechnung -80- . sich diesem streng bewachten Objekt nähern zu wollen nicht umsonst hatte unsere zuständige Abteilung bisher völlig versagt. Deshalb gab er beim Vortreff das vereinbarte Warnzeichen.erstes schickten wir ihn nach Hamburg. merkten wir. ermöglichte uns ein systematischeres Vorgehen als bisher. Auf diese ausgesprochen schlichte Weise lernte er die Frau kennen. Da er jedoch als Vertreter häufig in Bonn zu tun hatte. der sich als zunehmend kaltblütig erwies. für einen Übungseinsatz. daß es so gut wie aussichtslos war. Oft sind es gerade die anfangs zurückhaltenden Erscheinungen. Er sollte nach einem Vortreff in Nähe des Bahnhofs an den Eibbrücken einen Mann treffen. weckte das in uns den Gedanken. »Felix« mischte sich unter die Wartenden der nächstgelegenen Bushaltestelle und vertraute auf seinen Charme. ihn das Bundeskanzleramt auskundschaften zu lassen. worauf das eigentliche Treffen nicht mehr stattfand.

und wir zogen »Felix« ab. In kurzer Zeit etablierten wir in Parteien und Organisationen der DDR. daß es keinen Sinn habe. Er hatte im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flüchten können und war Gerüchten zufolge von dort aus in Kontakt zum Widerstand in Deutschland. So gesehen.angesprochen. veritable legale Residenturen – häufig mit der Westabteilung identisch. Gesamtdeutsche Begegnungen und Veranstaltungen waren ideale Schauplätze. Neben diesen Übersiedlungsaktionen versprachen wir uns größere Erfolge von den vielfältigen Ost-West. besonders auf der Leipziger Messe. sie nachzuholen zu versuchen. und so ein Risiko konnten wir nicht eingehen. wie eng die Bindung zwischen ihm und »Norma« geworden war. Dr. So entstanden politische Beziehungen zu Personen. Ein Leben in der DDR war für sie nicht vorstellbar. denn eine Routineüberprüfung wäre nicht zu umgehen gewesen.und West-OstKontakten. Joseph Wirth. wurde mir klar. Einige Jahre später erfuhren wir durch eine andere Quelle. Erst als ich ihm in Berlin gegenübersaß. Ähnlich wie im politischen Bereich ergaben sich auch auf wirtschaftlichem und wissenscha ftlichem Gebiet Kontakte. um interessante Verbindungen anzubahnen. Dennoch erklärte er von sich aus. die aus den unterschiedlichsten Motiven mit Adenauers Politik nicht einverstanden waren. doch mit der Zeit wurden beide ein Liebespaar und zogen zusammen. daß der Verfassungsschutz sich für »Normas« Lebensgefährten interessierte. wo gerade die strengen -81- . war dies mein erster Romeo-Fall mit tragischem Ausgang. die über sogenannte Westabteilungen verfügten. und er fühlte sich auch für ihren Sohn verantwortlich. wie dem Altkanzler der Weimarer Republik. Eine Heirat war selbstverständlich ausgeschlossen. aber auch zu Geheimdiensten der UdSSR und der westlichen Alliierten getreten.

Er war mit einer geborenen Werhahn verheiratet. Doch damit nicht genug: Kardinal Frings. denn Steinrücke war Berater des Lockheed-Konzerns und unterhielt gute Beziehungen zu General Steinhoff. dem Chef der bundesdeutschen Luftwaffe. die ich Steinrücke als mein Domizil präsentierte. der einflußreichste Würdenträger der katholischen Kirche im Deutschland jener Zeit. Schon während des Essens freundeten wir uns an. Fotos ihrer Kinder zierten die Wände der kleinen Villa. daß meine Ohren glühten. Auf diese Weise lernte ich Christian Steinrücke kennen. und abends tranken wir Brüderschaft. Man kann sich vorstellen. war ein Onkel seiner Frau. die stets bemüht war. Ich gab mich als General aus. seine Eskapaden ohne allzuviel Aufsehen auszubügeln. Unsere Verbindung hielt mehrere Jahre an. Der Bruder seiner Frau war Adenauers Schwiegersohn. daß ich es gewagt hätte zu versuchen. im Verteidigungsministerium unter Willi Stoph tätig. und enge Beziehungen verbanden ihre Familie mit den Bankiers Abs und Pferdmenges. Völlig überraschend stellte er mich am nächsten Vormittag bei einer internen Beratung der westdeutschen Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl als seinen Mitarbeiter vor. als ich das hörte. Ich hatte mir eigens einen fiktiven Familienhintergrund ausgedacht: Eine Ansagerin des DDR-Fernsehens fungierte als meine Ehefrau. Mit dem Ruf eines Homosexuellen mit unkonventionellem Lebensstil war Steinrücke das schwarze Schaf seiner Familie. und er wußte über Franz -82- .Restriktionen vertrauliche Verhandlungen und illegale Transaktionen im sogenannten Interzonenhandel zum Erblühen brachten. Steinrücke anzuwerben. Keiner der Anwesenden schien sich darüber zu wundern – im Unterschied zu mir waren sie Steinrückes exzentrische Art offenbar gewohnt. der im Stahlgroßhandel der Bundesrepublik tätig war. Obwohl unser Kontakt nie so eng wurde. waren die Gespräche mit ihm sehr ergiebig. der Tochter eines der mächtigsten Männer des deutschen Großkapitals.

konnte nicht die Rede sein. war meine Schuld. Ich vermutete deshalb in Bauer einen Verbindungsmann zum USGeheimdienst. daß Bauer ihn sich vorgeknöpft haben mußte. Bewaffnet mit diesem Wissen und mit dem Verdacht. der für einen Grünschnabel wie mich einige Nummern zu groß war. rundlicher Mann in einem Anzug. Zum von Steinrücke eingefädelten Treffen erschien ein kleiner. das ihn an der Seite Adenauers im Präsidium eines Kirchentags zeigte. in Erinnerung war. paßte ebenfalls wenig zum Bild des kleinen Händlers. Ein Foto. gar unter Druck zu setzen. war mir klar. als er mir gegenüber andeutete. dem damaligen Eigentümer der Lausitzer Braunkohle. dem Vorläufer der CIA. einen scheinbar unbedeutenden Geschäftsmann. eine hohe Stellung innegehabt hatte. daß ich es mit einem gewieften Burschen zu tun hatte. Als Steinrücke dem nächsten mit mir vereinbarten Treffen fernblieb. Über Steinrücke hatte ich Dr. Tatsächlich hatten Beamte des amerikanischen -83- . der im Interzonenhandel tätig war.Josef Strauß' Rolle im Starfighter-Skandal zweifellos mehr. der mir vom Nürnberger Prozeß noch gut als Verbindungsmann des bürgerlichen deutschen Widerstands gegen Hitler zum amerikanischen Geheimdienst OSS. daß es in Bauers Geschäften mit und in der DDR möglicherweise zu Unregelmäßigkeiten gekommen war. der genauso unscheinbar wirkte wie seine abgegriffene Aktentasche. Gisevius. ihn einzuschüchtern. Besonderes Interesse an Bauer hatte ich wegen dessen enger Beziehung zu Dr. Walter Bauer kennengelernt. daß er in Wahrheit für seinen alten Dienstherrn in der Lausitz nach dem Rechten sehen sollte. Da er vor 1945 im Flickkonzern. Daß unser Kontakt abbrach. einen Frontalangriff wagen zu können. Davon. der offiziell im Lausitzer Braunkohlerevier Stearin in Form von Kerzenbruch billig aufkaufte. glaubte ich. Sehr schnell mußte ich mir eingestehen. lag der Verdacht nahe.

Carl Hundhausen. wäre mein Dienst entsprechend der Höhe unserer Einlage in bester kapitalistischer Manier daran beteiligt gewesen. mich als vermeintlichen Regierungsvertreter der DDR für die Ziele der Krupp-Stiftung einzuspannen. Wir setzten einen Vertrag auf. lernte ich auf der Leipziger Messe kennen. Er war nicht nur ein engagierter Befürworter der Wiedervereinigung und Gegner der Anbindung Bonns an Washington. daß er beabsichtigte. Heinrich Wiedemann. als Mitte der 70er Jahre in Zusammenhang mit der Starfighter-Affäre immer wieder der Name Steinrücke fiel. das ihm – und damit uns – den Zugang zu sämtlichen Ministerien und deren Mitarbeitern ermöglichte. doch ich mußte begreifen. Wesentlich mehr Glück hatte ich bei Dr. ein Vorstandsmitglied des Krupp-Konzerns. Doch dazu sollte es leider nie -84- . Bei einem anderen Kontakt hätte mir wahrscheinlich auch mehr Geduld nicht mehr Erfolg bescheren können. Bei der Erörterung politischer Fragen zeigte er sich aufgeschlossen.Geheimdienstes ihn einer hochnotpeinlichen Befragung unterzogen. daß er nicht abgeneigt war. ein konkretes Angebot unterbreitet zu bekommen. Wiedemann sollte in Bonn mit finanzieller Starthilfe unsererseits ein »Büro Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« eröffnen. und keineswegs vorhatte. Schmerzlich sollte ich daran zurückdenken. die Bonner Regierung kritisierte er offen ob ihrer restriktiven Haltung im Interzonenhandel. sich von mir für meine Zwecke einspannen zu lassen. ihn über meine wahre Identität aufgeklärt und ihn vor mir gewarnt. Sobald Gewinne erwirtschaftet würden. einem Anhänger und guten Bekannten Joseph Wirths. sondern ließ mich auch bald diskret merken. Durch mein unbedachtes Vorpreschen gegenüber Bauer hatte ich den wertvollen Kontakt zu meinem ahnungslosen Informanten Steinrücke ohne Not zerstört.

den Residenten aus Wiedemanns Büro umgehend abzuziehen. Nachrichtendienstlich sah die Sache besser aus. und wir sahen uns genötigt. als Drehscheibe in Krisensituationen. Die Entscheidung über die Zukunft der »Wirtschaftshilfe für Festbesoldete« wurde uns unversehens aus der Hand genommen. als Abteilungsleiter im Bundeskanzleramt für Verteidigungspolitik und Militärbündnisse zuständig. Die Einschleusung unseres Residenten dauerte mehrere Monate. bis die Finanzbehörden mißtrauisch werden und am Ende gar die Spionageabwehr informieren würden. die wir unter dem Decknamen Iris auf die Gehaltsliste des Büros setzten. -85- . Unterdessen warben wir mit Wiedemanns Hilfe seine Lebensgefährtin an. Bearbeitung und Weiterleitung größerer Mengen von Informationen vertraut. Vor allem Wiedemanns Freundschaft mit Dr. Das stachelte unseren Ehrgeiz an: Im Geiste sahen wir das Büro bereits als Dach einer illegalen Residentur. machte sich bezahlt. wenn andere Verbindungskanäle zu riskant gewesen wären. Ein Mitarbeiter aus unserer Zentrale setzte sich in den Westen ab. Inzwischen stellten wir besorgt fest. Den zum Residenten ausersehenen Kandidaten machten wir mit den einschlägigen Techniken für Entgegennahme. weil Wiedemanns Büro nichts abwarf. Der hochkarätige Geheimnisträger verkehrte ahnungslos in unserem Büro. statt dessen mußten wir im Lauf der Zeit die Kosten allein aufbringen. trank mit unserem Mann beste Rheinweine und erzählte ihm so manche Interna. außerdem wurde er für besagte Krisenmomente am Funkgerät und am Schnellgeber ausgebildet und in Abhörtechnik unterwiesen. Rudolf Kriele. damit er nicht verraten werden konnte. damit er wichtige Gespräche aufnehmen konnte.kommen. und wir befürchteten. daß das Mißverhältnis zwischen Kosten und Ertrag des Büros immer krasser wurde. daß es nur noch eine Frage der Zeit sein konnte.

wurde aus Alters. Stoltenberg und Leussink. richtete in Bonn eine gastliche Wohnung ein. 1951 war sie auf der Fahrt zur Leipziger Messe verhaftet und wegen DDRfeindlicher Tätigkeit zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Bei dieser zweiten Begegnung erklärte sie sich bereit. Bevor sie von ihrer bevorstehenden Entlassung erfuhr. Lydia. für uns zu arbeiten. und machte aus ihrer antikommunistischen Einstellung kein Hehl.und Gesundheitsgründen eingestellt. Als Beruf hatte sie freie Journalistin angegeben. als wir vor einer Amnestie die Liste der zur Entlassung vorgesehenen Häftlinge durchsahen. schlanken Frau von Mitte Dreißig gegenüber. das sie erdulden mußte. Trotzdem war sie bereit. Wir verdankten ihr detaillierte Informationen über Kabinettssitzungen und Forschungsprojekte. bis sie 1970 enttarnt und verhaftet wurde. Susanne Sievers – so hieß sie – war uns aufgefallen. der »Iris« angeworben hatte. in der sie eine Art -86- . Sie beschwerte sich massiv über das Unrecht.Als Trostpreis blieb uns »Iris« erhalten. so lautete unser Deckname für Susanne Sievers. die unsere Arbeit auf dem Gebiet der wissenschaftlichtechnischen Aufklärung beträchtlich erleichterten. suchte einer unserer Mitarbeiter sie im Gefängnis auf. Das Gerichtsverfahren gegen Wiedemann. sich nach ihrer Entlassung mit unserem Abgesandten an der Warschauer Brücke in OstBerlin zu treffen. Wiedemanns Büro ließ sich im Bonn der 50er Jahre der Salon einer Dame recht vielversprechend an. Neben Dr. Als Kriele aus dem Bundeskanzleramt als Ministerialdirektor in das Ministerium für Wissenschaft und Bildung versetzt wurde. Immerhin rückte »Iris« dort mit seiner Protektion bis zur Ministersekretärin auf und arbeitete bei den Ministern Lenz. und das machte meine Leute neugierig. machten wir zuerst lange Gesichter. Zu seiner Überraschung sah er sich einer großen. deren selbstbewußte Ausstrahlung durch die Häftlingskleidung nicht gemindert war.

Brandt und Strauß hätten sich zu einem Gespräch unter vier Auge n in ihrer Wohnung verabredet. was sie dazu bewogen haben kann. mit dem Susanne Sievers vor ihrer verhängnisvollen Reise zur Leipziger Messe eine leidenschaftliche Affäre gehabt hatte.Salon führte. Zeichneten sich da etwa erste Schritte zu einer großen Koalition zwischen CDU und SPD ab? Wir waren mehr als gespannt. der auch nur entfernt im Verdacht stand. und von diesem Zeitpunkt an hatte Susanne Sievers jeden Kontakt zu uns abgebrochen. König von Ungarn zu werden. Später fanden wir heraus. Diese Organisation zog die Fäden auf einem extrem rechten Flügel der Politik. denn es fand nach dem Mauerbau im Sommer 1961 statt. sie unterstützte Otto von Habsburg in seinem Vorhaben. Ich habe mich oft gefragt. daß Susanne Sievers in den 60er -87- . Dank »Lydia« waren wir auch über die Organisation »Rettet die Freiheit« bestens informiert. daß Strauß nicht zu jeder Stunde der fanatische Sozialistenfresser war. um ihre Unkosten zu decken. kein Rechter zu sein. Einzelheiten über unseren Dienst in Erfahrung zu bringen. trotz ihrer Ablehnung der DDR und trotz des Gefängnisaufenthalts regelmäßig zu konspirativen Treffen zu kommen und zuverlässig Informationen für uns zu sammeln. darunter Franz Josef Strauß und Willy Brandt. damals ein junger Protege Adenauers. als sie uns Anfang der 60er Jahre ankündigte. mehr nicht. Durch sie erfuhren wir. hätte sie versucht. aber das war nie der Fall. den er vor der Öffentlichkeit abgab. an deren Spitze Rainer Barzel stand. und führte einen regelrechten Kreuzzug gegen jeden Politiker der Bundesrepublik. »Lydias« große Stunde schien gekommen. wo Abgeordnete und Politiker sich zwanglos einfanden. sondern ein nüchtern denkender Pragmatiker. Die finanzielle Entschädigung reichte aus. aber über Verlauf und Ausgang dieses Gesprächs konnte ich mich erst Jahrzehnte später bei der Lektüre von Willy Brandts Memoiren informieren. Wäre sie eine Doppelagentin gewesen.

war auf ein solches Ereignis nur unzulänglich vorbereitet. Auf einer Besprechung belehrte uns ein eigens aus Moskau angereister Offizier. mußte sich in ein enges Verlies von einem Wandschrank zwängen und konnte sich erst bewegen. Tokio. Das war leichter gesagt als getan. daß das russische Wort für Himbeere im Ganovenjargon eben auch ein Puff bezeichne. Der Bedauernswerte. noch nicht ganz flügge. und unsere sowjetischen Berater geizten nicht mit Ratschlägen. daß ihr Vorgesetzter für 1968 beim Leiter des Strategischen Dienstes 96000 DM für sie angefordert hatte – ein kleiner Fisch kann sie also nicht gewesen sein -. Unser eigener Apparat. oben unter der Dachschräge ein winziges Schlafzimmer mit in die Deckenbeleuchtung eingebautem Fotoapparat samt Blitzlicht hinter infraroten Scheiben. Jeder kannte die Karten des anderen. wenn -88- . Jakarta und Singapur eingesetzt worden war.Jahren zum Bundesnachrichtendienst übergewechselt und in Hongkong. In aller Eile richteten wir ein Häuschen im Berliner Vorort Rauchfangswerder als Liebesnest her: unten das Wohnzimmer mit Seeblick und von uns installierter Abhörvorrichtung. daß ihr erfolgloser Ausgang von vornherein feststand. Dennoch bescherte die Konferenz den versammelten Nachrichtendiensten aus aller Welt eine Zeit hektischer Betriebsamkeit. und ich erklärte meinen Mitarbeitern. für Anlässe wie diesen benötige man unbedingt eine malina. Die Berliner Außenministerkonferenz der Siegermächte im Januar 1954 unterschied sich von den vorangegangenen Treffen nur dadurch. Manila. Der Dolmetscher stutzte. Wir sollten also ein Bordell fingieren. Aus BND-Akten erfuhren wir. ein Bluff war ausgeschlossen. denn in diesem Zweig des Spionagegewerbes hatten wir nicht die geringste Erfahrung. der diese Apparatur bediente. um dort Konferenzteilnehmer auszuhorchen und zu kontaktieren. und Gerüchten zufolge soll sie bei Beendigung der Zusammenarbeit vom BND eine Abfindung von 300000 DM erhalten haben.

zog er sich gelangweilt in die Küche zurück. Am letzten Tag endlich erschien einer unserer Mitarbeiter mit einem westdeutschen Journalisten. Schließlich richtete er sich zur Nacht auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln ein und bewachte den Schlaf unseres auf dem Sofa entschlummerten Leiters. bemerkte dieser nur lakonisch: »Die würden nicht mal für eine Mark einen Freier kriegen« und machte sich selbst auf die Suche. Wenn ich nicht irre. Er wußte.Dame und Begleiter das Schlafzimmer verlassen hatten. vom Sittenexperten beigesteuert. Inoffizielle Mitarbeiter unseres Dienstes sollten nach WestBerlin ausschwärmen. Stahlmann unter die Augen kamen. die Damen setzten sich in Positur. Als nächstes galt es. geeignete Damen zu finden. wo er sich mit der Haushälterin unterhielt. hieß er Jansen. die er anschleppte. Als Dessert gab es beschlagnahmte Pornofilme. Am nächsten Morgen hatte unser Gast als einziger einen klaren Kopf. schien nicht abgeneigt. im Pressezentrum oder in Lokalen Kontakte anknüpfen und die Kandidaten zu einem zwanglosen Abend mit Damenbegleitung einladen. Beim Aperitif wurden zwei Gläser verwechselt. aber kein Gast ließ sich blicken. dem sozialistischen Vaterland einen Gefallen zu tun und sich ein bißchen Geld dazuzuverdienen. und während unsere Leute wie gebannt auf die Leinwand starrten. In einem Cafe engagierte er ein paar attraktive und abenteuerlustige Mädchen. doch als die Prostituierten aus dem Scheunenviertel. so daß der Malina-Chef und nicht der Gast das Aphrodisiakum zu sich nahm. unser Team wartete ungeduldig. Der Gast reparierte zuerst den Vorführapparat. die nicht abgeneigt waren. Speisen und Getränke wurden aufgetischt. was wir von ihm wollten. Für die Damen zeigte er nicht das geringste Interesse. uns mit Informationen zu versorgen. Unser Team rotierte. Die Konferenz begann. den ehemaligen Chef der Berliner Sittenpolizei um Hilfe zu bitten. Anfangs waren wir so blauäugig. und machte ein -89- .

Nicht daß Fingerspitzengefühl immer die starke Seite unserer Mitarbeiter gewesen wäre. denen es gelang. Der fehlgeschlagene Anwerbeversuch mit Dr. sollte sich bei ähnlichen Anlässen wiederholen – die. erwies sich als überaus williger und diensteifriger Agent. weiten Welt um die Nase wehen zu lassen. Er behauptete. aber brauchbare Kontakte wurden so nicht geknüpft. Internationale Tagungen und Olympische Spiele boten lediglich unseren Mitarbeitern Gelegenheit. als wir abgehörte Gespräche der Brüder auswerteten und begriffen. glänzende Zukunftsaussichten Arturs als Vizekanzler einer CDU/FDP-Koalition vorzugaukeln und uns geschickt das Geld aus der Tasche zu ziehen. die wir mit unserer malina gemacht hatten. daß Aufwand und Ergebnis in keinerlei vernünftigem Verhältnis standen. Deckname Nante. gewiefter Journalist. daß sie nichts zu bieten hatten und uns nur wie kleine -90- . ein gewisser Heinz Losecaat van Nouhuys. hielten unseren Überprüfungen stand. Die Ernüchterung kam. die er lieferte. Die Erfahrung. Van Nouhuys. Zu diesem Treffen erschien statt seiner ein anderer Journalist. Die Informationen.weiteres Treffen aus. unserem Dienst. Sein Eifer stimmte mich mißtrauisch. habe ich nie herausgefunden. sich den Wind der großen. sich eine Vielzahl von Quellen zu schaffen und im Umgang mit ihnen Fingerspitzengefühl walten zu lassen. wurde vom Stern entlarvt. Bauer und der Mißerfolg unseres Etablissements in Rauchfangswerder hatten mir eindrücklich vor Augen geführt. daß es unverzichtbar war. oder ob von Anfang an ein westlicher Geheimdienst dahintersteckte. für den sie sich hatten anwerben lassen. In den 70er Jahren bestätigte sich mein ursprünglicher Verdacht: van Nouhuys. inzwischen Chefredakteur der Quick. der sich als Redakteur des Spiegel ausgab. ein windiger. Gut erinnere ich mich an den FDPBundestagsabgeordneten Artur Stegner und seinen Bruder Herbert. in West-Berlin nahezu alle wichtigen Leute zu kennen. Ob die beiden den Tausch auf eigene Faust vollzogen haben.

nachdem Gereke sich 1950 mit Ulbricht getroffen hatte. Sammelbecken für Kräfte. So wenig schmeichelhaft es war. Günther Gereke. denn wir erfuhren. um sein Mißfallen an Adenauers Deutschlandpolitik zu demonstrieren. Größeren Gewinn brachte die Beziehung zu Dr. der unter den Nazis inhaftiert gewesen war und zum Kreis der Verschwörer des 20. In konspirative Bahnen wurde sie gelenkt.und Forstwirtschaft entstanden. mit der sie in unserer Villa in Rauchfangswerder Teile des Silberbestecks in ihren geräumigen Aktentaschen mitgehen ließen. brachen wir den Kontakt erleichtert ab. diesen wertvollen Informanten zum Übertritt in die DDR zu bewegen. die von rechts. Nach dem Ausschluß aus der CDU unternahm Gereke mehrere Versuche. eine neue Partei ins Leben zu rufen. ehemalige NSBauernfunktionäre und Kommunisten. Militärs. gute Miene zum bösen Spiel zu machen und -91- . Leider sahen wir uns bald gezwungen. Als Artur Stegner 1957 nicht wiedergewählt wurde. mitanzuhören. Juli gehört hatte. und 1950 gründete er mit Billigung und Unterstützung Viewegs die DSP – Deutsche Soziale Partei -. Wir beschlossen. aber auch von links her in Opposition zu Adenauers Politik standen – Nationalisten. daß sein persönlicher Mitarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit für den britischen Geheimdienst arbeitete. und aufgrund dieses Treffens prompt aus der CDU ausgeschlossen worden war. einem der Mitbegründer der CDU.Gauner ausnehmen wollten. Seine Verbindung zu Kurt Vieweg. wie sie die Intelligenzbestie – gemeint war ich – übers Ohr zu hauen gedachten – was der Unverfrorenheit die Krone aufsetzte. war über den von Vieweg geleiteten gesamtdeutschen Arbeitskreis der Land. war die Gemütsruhe. Nach dem Krieg war er als Gutsbesitzer in der sowjetischen Besatzungszone enteignet worden und hatte sich in der britischen Zone zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Niedersachsen hochgearbeitet. dem Sekretär des Zentralkomitees der SED.

die er weder kannte noch gutheißen dürfte. Auf Weisung Wollwebers wurden meine Unterlagen durchforstet. überlegte man in Berlin. der eine steile Karriere vor sich hatte. wie ich wenig später erkennen mußte. Mitglied der Parlamentsausschüsse für Fragen der europäischen Sicherheit. Er gehörte zu jenen Patrioten. doch er wiederholte -92- . Hinter diesem Decknamen verbarg sich der CDUBundestagsabgeordnete Karlfranz Schmidt-Wittmack. Als ich aus dem Urlaub zurückkehrte. ein Mann. und dabei stieß man auf eine Quelle namens »Timm«. fand ich Wollwebers Weisung vor. Ich sträubte mich mit Händen und Füßen. wie man der Bundesrepublik möglichst publikumswirksam den Beitritt zu einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft erschweren könnte. Schmidt-Wittmack stammte aus einer gutbürgerlichen Familie und war gewiß kein Linker. »Timm« sei unverzüglich in die DDR zu bringen. arbeitete er für uns. Dennoch hatte er für die Parteiaufklärung der KPD gearbeitet. besonders über die Haltung der Bundesrepublik zu einem amerikanisch dominierten Militärbünd nis. meine Spitzenquelle in der CDU zu opfern. und seit wir die Verbindung zu ihm wieder aufgenommen hatten. Während ich im Sommer 1954 nichtsahnend am Schwarzen Meer Urlaub machte. SchmidtWittmacks Informationen über geheime Ausschußsitzungen waren von unschätzbarem Wert. für gesamtdeutsche und Berliner Fragen. auf der mein Mann obendrein Thesen vertreten sollte. als mir lieb sein konnte. denen Adenauers Politik eine Wiedervereinigung unmöglich erscheinen ließ und die seine Aufrüstungspläne ablehnten. Bei unserer politischen Führung fand Gerekes öffentlicher Auftritt großen Anklang – mehr Anklang. Ich bestürmte Wollweber.Gereke auf einer Pressekonferenz als Überläufer aus Gewissensgründen zu präsentieren. nur um eine Pressekonferenz zu veranstalten.

den ein Kurier nach -93- . sich in die DDR abzusetzen. das Bundesamt für Verfassungsschutz sei auf Schmidt-Wittmack aufmerksam geworden und beabsichtige. und bei unserer ersten Begegnung – in derselben Villa. und ich griff zu einer daraus abgeleiteten Notlüge. Mir blieb nichts anderes übrig. sei es ebenfalls. er sei einverstanden. wie ich Schmidt-Wittmack dazu überreden wollte.nur. seine Frau. ihn zu verhaften. Ich war mit meinem Latein am Ende. in der ich mit dem Doppelagenten »Merkur« gesprochen hatte – blieb die Atmosphäre reserviert bis frostig. Karlfranz Schmidt-Wittmack 1954 Er schrieb einen Brief an seine Frau. überzeugte mein Gegenüber ganz und gar nicht. die mit den zwei Kindern nichtsahnend in Hamburg saß. Das war schon besser. als zu überlegen. vorausgesetzt. und nach kurzer Bedenkzeit sagte er. Was ich als Argumente für einen Übertritt vorbrachte. es sei alles beschlossene Sache. Wir kannten uns nicht persönlich. Ich behauptete. da fiel mir Gerekes Fall ein.

Schulferien und Parlamentspause in Bonn halfen uns. August 1954 trat Schmidt-Wittmack in Ost-Berlin vor die Presse. Die Verhandlungen mit ihr gestalteten sich auf andere Weise schwierig als die mit ihrem Mann. die Abwesenheit der Familie für einige Tage abzudecken und den wichtigsten persönlichen Besitz unauffällig zu überführen. Als Vizepräsident der Kammer für Außenhandel hatte er eine Funktion inne. daß nämlich ein Mobilmachungsplan für die Aufstellung eines bundesdeutschen Kontingents von vierundzwanzig Divisionen auf geheimen Sonderkonferenzen beschlossen worden sei. und kurz darauf stand sie mitsamt den Kindern vor der Tür unserer konspirativen Villa. konnte sich ein Leben in der DDR aber ebensowenig vorstellen wie ein Leben auf dem Mond. Sein Los war zumindest rosiger als das Gerekes. und mit Anteilnahme verfolgte ich Schmidt-Wittmacks weiteren Lebensweg. sondern im Gegenteil von Amts wegen dafür -94- . Am 26. die seinen öffentlichen Verlautbarungen widersprachen. Zu guter Letzt siegte ihr weiblicher Pragmatismus. was er hatte aufgeben müssen. Der spektakulärste Übertritt jene r Jahre fand allerdings ohne unser Zutun statt. daß Adenauer den Bundestag in wesentlichen Fragen der Außenpolitik und der Aufrüstung hintergehe und Entscheidungen treffe. selbständiger Handwerker und Kleinunternehmer. der einen VorruhestandsFunktionärsposten in der Nationaldemokratischen Partei erhalten hatte. vor der Alternative Gefängnis für ihren Mann im Westen oder Haus am See in der DDR entschied sie sich für das geringere Übel. Außerdem verkündete er eine Information. Inzwischen waren wir uns mens chlich nähergekommen. einem Sammelbecken ehemaliger Soldaten. die ihn wenigstens teilweise für das entschädigte. Sie wußte zwar um seine geheimdienstliche Tätigkeit. die uns der sowjetische Geheimdienst hatte zukommen lassen. und der Überläufer war nicht für uns tätig gewesen.Hamburg brachte. Seine Enthüllungen besagten.

Wolfgang Wohlgemuth. nach einer Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag des mißglückten Attentats auf Hitler in West-Berlin.zuständig gewesen. Juli 1954 verschwand Dr. unsere Quellen aufzuspüren und zu enttarnen. daß beide mit Wohlgemuths Auto nach OstBerlin gefahren waren. Juli erklärt. und beschuldigte die Bundesregierung. Am 20. er sei politisch unabhängig. in der dieser das Gegenteil versicherte. Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. John könne »das Bundesgebiet nicht freiwillig verlassen« haben. Johns letzte Spur führte zu dem mit ihm bekannten Arzt Dr. Kaum hatte die Bundesregierung am Abend des 23. Otto John. Es hatte den Anschein. Otto John als Beispiel führte er die Praxis des Amtes Blank und der -95- . Auf einer kurz darauf anberaumten Pressekonferenz wiederholte John. ehemalige Widerstandskämpfer hingegen zu benachteiligen. sich durch Adenauer als »Werkzeug der amerikanischen Politik in Europa« mißbrauchen zu lassen und innenpolitisch alte Nazis zu schützen. übertrug der DDR-Rundfunk eine Ansprache Johns.

was John selbst mir bei mehreren Begegnungen 1992. und aus dem. Heute vermutet er. die er für seinen Übertritt vorbrachte. Eine diplomatische Karriere. daß man ihm den vormaligen Vizepräsidenten der Organisation Gehlen in sein Amt gesetzt hatte. wo Sefton Delmer ihn mit Propagandasendungen betraute.und SS-Chargen in führender Stellung zu beschäftigen. Aus Akten. paßte Adenauer und dessen Staatssekretär Globke wiederum nicht. glaubwürdig erscheinen. Juli 1944 hatte er miterlebt und war über Madrid und Lissabon nach England geflüchtet. während er dem Bundesamt für Verfassungsschutz die kalte Schulter zeigte. Den tragischen Ausgang des Attentats am 20. Als ausgemachte Brüskierung mußte John es empfinden. wie sie ihm vorschwebte. abgefangen und unterdrückt wurden. Johns politische Vergangenheit ließ die Gründe. Kontakte zu Eisenhower und Churchill herzustellen. die in der britischen Zone ihren Sitz hatte. die ich 1990 einsehen konnte. und danach -96- . Vor dem Hintergrund all dessen erschien ein Übertritt Johns in die DDR als nur zu verständlich. dem KGB-Maulwurf. Er hatte als überzeugter Gegner des NS-Regimes zu den Verschwörern gegen Hitler gehört und hatte im Auftrag Stauffenbergs versucht. einstige SD. mit Sonderrechten versehen und unverhüllt protegiert. Bei den Nürnberger Prozessen hatte John gegen die Feldmarschälle von Brauchitsch. Besonders Globke hatte von Anfang an die Organisation Gehlen favorisiert. von Rundstedt und von Manstein ausgesagt. Dieser öffentliche Auftritt schlug in beiden Teilen Deutschlands wie die sprichwörtliche Bombe ein und stürzte den westdeutschen Verfassungsschutz in eine schwere Krise.Organisation Gehlen an. Daß er statt dessen zum Präsidenten der Verfassungsschutzbehörde ernannt wurde. fraglos als Aufpasser. daß seine Botschaften beim britischen Geheimdienst von Kim Philby. scheiterte am Korpsgeist der politisch eindeutig vorbelasteten Ribbentrop-Clique in der Bundesrepublik.

John zufolge hatten beide in West-Berlin kräftig gezecht. dort Eindruck zu schinden. daß John tatsächlich entführt wurde und daß die Staatssicherheit der DDR sich ähnlich ahnungslos wie er selbst mit dem unerwarteten Gast konfrontiert sah. Nach seinem Presseauftritt wurde John mit Kutschin auf eine längere Reise durch die Sowjetunion geschickt. als Überläufer aufzutreten. den ich aus meiner Rundfunkzeit kannte. Doch im Dezember 1955.erzählt hat. John war eingeschlafen und erst in sowjetischem Gewahrsam erwacht. wenn ich ihn nach dem Fall John auszufragen begann. Leider sind die Akten zum Fall John zwar umfangreich. Offenbar stand Wohlgemuth in Verbindung zum sowjetischen Geheimdienst. Wahrscheinlich ist. den ihr die Sowjets unversehens präsentierten. Er verließ eine Veranstaltung der Humboldt-Universität. Vermutlich hatte Wohlgemuth seinem Freund ein Betäubungsmittel ins Glas praktiziert. und offenbar war er auf die abenteuerliche Idee gekommen. daß mein Freund Wadim Kutschin vom KGB immer sehr einsilbig wurde. und so wurden Mitarbeiter aus Moskau angefordert. Auffallend ist. In Karlshorst war der dortige Leiter Ewgeni Pitawranow überrascht. und über den weiteren Verlauf der Entführung kann ich nur spekulieren. um die Situation zu klären. und wahrscheinlich scheint mir. daß niemand so recht Lust hat. sich zu der Wahrheit der ganze n Sache zu bekennen. da seine Laufbahn in der Bundesrepublik ohnedies irreparabel beschädigt und an eine Rückkehr v orerst nicht zu denken war. stieg in den Wagen -97- . dem militärischen Hauptquartier. daß John sich nach mehreren Gesprächen bereit erklärte. überreichte. setzte John sich ohne viel Aufhebens in den Westen ab. läßt sich ersehen. Bei seiner Rückkehr freundete er sich mit dem Berliner Architekten Hermann Henselmann und mit Wilhelm Girnus an. siebzehn Monate nach seinem spektakulären Auftauchen im Osten. indem er den obersten Verfassungsschützer als Beute anschleppte und den Sowjets in Karlshorst. aber arm an Aussagen.

des dänischen Journalisten Bonde-Henriksen und fuhr mit ihm durch das Brandenburger Tor nach West-Berlin. und bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung und um die Aufhebung des Urteils. war uns nicht gelungen. Gerhard Schröder. -98- . Aber wenige Zeit später beantragte die Bundesrepublik ihre Aufnahme in die Nato. die keinen nachrichtendienstlichen Wert mehr besaßen. als Überläufer zu präsentieren. die ich daraus zog. und das peinliche Thema des wachsenden Einflusses der Alt-Nazis in der Bundesrepublik ließ sich nicht länger unter den Teppich kehren. Daß er zu vier Jahren Zuchthaus wegen Landesverrats verurteilt und erst nach achtzehn Monaten Haft begnadigt wurde. künftig dem Druck von oben nie wieder nachzugeben und nur »verbrannte« Quellen. war die. Die Lehre. der damalige Innenminister. hat ihn zeitlebens erbittert. wir hatten sie nicht einmal nennenswert verlangsamen können. Kurzfristig schienen die öffentlichen Auftritte Schmidt-Wittmacks und Johns einiges bewirkt zu haben – Adenauer mußte sich vor dem Bundestag rechtfertigen. Die Wiederbewaffnung aufzuhalten. sprach von einer »Schlappe im kalten Krieg«. Alles in allem waren die spektakulären Übertritte jener Zeit von wenig strategischem Wert.

die letztlich zu jener Entwicklung führten. Bis zum Februar 1956 hing über meinem Schreibtisch ein Foto Stalins. das ihn so zeigte. Parteitag der sowjetischen Kommunisten. fällt es mir schwer. Drei Jahre nach Stalins Tod wirkte die Rede Nikita Chruschtschows wie ein Vulkanausbruch. begleitet von Zweifeln. Wenn ich mich nach dem Zeitpunkt meines eigenen Brechens mit dem Stalinismus frage. die jahrelang auf uns gelastet hatte. für die anderen wich eine Spannung. gerechteren Welt mitzuwirken. das sich gerade sein Pfeifchen anzündet.4 Schicksalsjahr 1956 Die Ereignisse im Jahr 1956 leiteten Prozesse ein. als das weise. beeinflußt vom Fortwirken der alten Strukturen und Denkweisen auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. aber die Wirkung ging tiefer. In der Sowjetunion und auch in der DDR wurde diese Rede -99- . nahm ich das Bild von der Wand und feuerte es in die Ecke. so ging auch ich. welche sich am Ende unseres Jahrhunderts im Zusammenbruch des Sozialismus vollendet. doch an seinem Anfang stand zweifellos der XX. einen bestimmten Moment dieses langen und schmerzlichen Prozesses herauszugreifen. einen langen und keineswegs geradlinigen Weg der Erkenntnis bis zum Durchbruch des neuen Denkens und meinem Ausscheiden aus dem Dienst. Chruschtschows Enthüllungen versetzten meiner Überzeugung. Im Rückblick erscheint mir der XX. Doch so. Parteitag wie eine Vorankündigung der Perestroika. wie zwischen Chruschtschow und Gorbatschow ein langer Weg lag. wie ich ihn lange gesehen habe. Als ich die Rede gelesen hatte. Im ersten Augenblick emp fand ich nur Schmerz und Empörung. einen ersten Stoß. die Chruschtschow vor dem Parteitag gehalten hatte. gütige »Väterchen«. Für die einen verdunkelte sie die Sonne. an der Errichtung einer besseren.

Anfangs jedoch überwog das Gefühl der Erleichterung. mit der Stalin die Warnungen zahlreicher Kundschafter ignoriert hatte. an der ich -100- . Unfaßbar erschien mir die Liquidierung Marschall Tuchatschewskijs und weiterer 5000 Offiziere der Roten Armee und kaum weniger unbegreiflich die Selbstherrlichkeit. denn wir glaubten. Parteikonferenz der SED. Wer zur Zeit des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion Augen und Ohren nicht völlig verschloß. Natürlich erinnerte ich mich an die Jahre in Moskau. die 1934 auf dem XVII. in den Folgejahren 98 verhaftet und erschossen worden waren. die unter Einsatz ihres Lebens Zeitpunkt und Einzelheiten des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion in Erfahrung gebracht und gemeldet hatten. Sie enthüllte. daß von den 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees. Doch vieles blieb für uns damals dunkel und widersprüchlich. konnte später nicht behaupten. Die Aufdeckung und massive Verurteilung aller Verbrechen Stalins und seiner Vergehen gegen die Ideale des Sozialismus mußten daher wie ein Schock wirken. konnte sie allerdings scho n kurz nach dem Parteitag lesen. von den 1966 Delegierten des Parteitags waren weit mehr als die Hälfte als Konterrevolutionäre abgeurteilt worden. Auf der 3. nun sei das Ende der Ungerechtigkeit gekommen. er selbst aber blieb die unantastbare. Viele haben seither mit einem inneren Zwiespalt gelebt. Manches hielten wir für Folgen eigenmächtigen Handelns oder unguter Einflüsse aus Stalins engerer Umgebung. der nicht zu bereinigen war. Schon im Frühjahr 1956 trübten erste Schatten alle Erwartungen. die überragende historische Gestalt. Wer wie ich Zugang zu westlichen Zeitungen hatte.jahrzehntelang unter Verschluß gehalten. in denen Eltern meiner Freunde plötzlich verschwunden und die eigenen Eltern sorgenvoll und einsilbig geworden waren. Parteitag der KPdSU gewählt worden waren. von den Repressalien und Greueltaten nichts gewußt oder wenigstens geahnt zu haben.

wie Ulbricht mit der neuen Situation umzugehen gedachte. und sprach von meiner Erleichterung. Lediglich Auszüge aus der Rede wurden in geschlossener Sitzung verlesen. doch schon der Umgang mit Chruschtschows Rede auf der Parteikonferenz zeigte hinlänglich. Parteitag der KPdSU gezogen. Diese unsinnige Geheimniskrämerei wurde von Ulbricht auch weiterhin praktiziert und von Honecker bis zuletzt fortgesetzt. Kurz nach der Parteikonferenz fand im Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Kollegiumssitzung statt. wurden zwar Folgerungen aus dem XX. wie die sowjetische Partei mit ihrer eigenen Geschichte umging. Er habe unter keiner Last gelitten. nachdem er Minister geworden war. Von der Demontage des großen Vorbilds mußte er zu Recht eine Gefährdung der Machtstrukturen befürchten. die auf mehr Kollektivität in der Leitung und eine Entfaltung der Kritik von unten nach oben zielten. der damals weder in der Sowjetunion noch in der DDR benutzt wurde. nach Chruschtschows Sturz. begrüßte die Art. in der DDR habe es keine gegeben. die mich in der zurückliegenden Zeit belastet hatten. Es war noch nicht die Zeit der einsamen Monologe. daß die UdSSR unter Stalins Führung den Faschismus zerschlagen hatte. bezeichnete Mielke dessen Abrechnung mit Stalin als schweren Fehler. Von den Repressalien in der Sowjetunion habe er nichts gewußt. mit denen Mielke uns langweilte. Mielke widersprach mir sofort. und brachte im Beisein sowjetischer Partner und vor versammelter Mannschaft Trinksprüche auf Stalin mit dem obligatorischen dreifachen Hurra aus. Er bekannte sich offen zum »Stalinismus«. Parteitag der KPdSU war Ulbrichts Sorge über die Konsequenzen der Enthüllungen deutlich zu spüren. Spontan meldete ich mich als erster zu Wort. Gewissen Konsequenzen konnte die DDR sich nicht -101- . Einige Jahre später. Er betonte. Damals forderte Wollweber die Anwesenden zu Meinungsäußerung auf. Bereits unmittelbar nach dem XX. ein Begriff. daß nun offen über Tatsachen geredet wurde.teilnahm.

als habe der kalte Krieg sich auf ähnliche Weise verselbständigt wie seinerzeit der Dreißigjährige Krieg. Parteikonferenz jede »Fehlerdiskussion« ablehnte. bei Lenin ausgegraben. Der Begriff der friedlichen Koexistenz. »Keine Fehlerdiskussion«. sah die SED-Spitze die führende Rolle der Partei und damit das ga nze Herrschaftssystem bedroht. holte auch die DDR-Führung Reformpläne aus den Schubladen. Bewegung in die erstarrten Fronten zu bringen. Dabei hätte dieses Jahr die Chance geboten. »dem Gegner keine Argumente liefern«. daß ein Beschluß des Politbüros keine zwei Monate nach der 3. Durch diese offenen Erörterungen und durch Vorschläge. Im Gefolge der Auseinandersetzungen über Grundfragen der Wirtschaftspolitik. Anton Ackermann. ungarischer. Die bescheidenen Ansätze zu innerparteilicher Demokratisierung wurden mit der Begründung gestutzt. in der DDR habe es keinen Personenkult gegeben und keine Verletzung innerparteilicher Demokratie oder sozialistischer Gesetzlichkeit. So kam es. Innerhalb der SED wurden Verfahren überprüft und die Parteistrafen gegen Franz Dahlem. wenngleich keiner von ihnen in das Politbüro zurückkam. die auf mehr Demokratie und Selbstverwaltung abzielten. die in der Sowjetunion geführt wurden. »Mängel im Vorwärtsschreiten überwinden« – so und ähnlich kla ngen die Schlagworte.entziehen: 88 von sowjetischen Militärtribunalen verurteilte Häftlinge wurden begnadigt. 698 weitere vorzeitig entlassen. Im Sommer desselben Jahres folgte eine Amnestie für abermals 19000 Inhaftierte. polnischer. wo ein lebhafter. kam -102- . deutscher und italienischer Marxisten. mit denen in der Folge jede offene Diskussion unterbunden wurde. Schulungsseminare für Partei. Hans Jendretzky und andere aufgehoben.und Staatsfunktionäre wurden veranstaltet. ja kontroverser Meinungsaustausch stattfand. Diskussionen zwischen Intellektuellen behandelten Demokratisierungskonzepte jugoslawischer. 1956 wollte es fast so scheinen.

daß eine Aufweichung des sozialistischen Systems den Status quo in Europa ernstlich gefährdet hätte. die auch die Telefonleitungen des Ostbüros der SPD anzapften.in Mode. In der Bundesrepublik bespitzelte und infiltrierte das Ostbüro von der SPD als prokommunistisch eingestufte Gruppen und Organisationen und belieferte den Verfassungsschutz mit seinen Erkenntnissen. so wenig konnte ich mich der Erkenntnis verschließen. ihre Aktivitäten. das bis 1966 bestand. So sehr die restriktive Politik der SED-Führung meine Hoffnungen enttäuschte. der heiße Krieg galt nicht länger als unvermeidlich. Mein Dienst hatte dort eigene Quellen plaziert.« Ein Blick aus dem -103- . an den sich ehemalige VLeute noch heute voller Zorn erinnern. zunehmend verstärkten die westdeutschen Organisationen in der DDR. um so an Informationen zu kommen – oft mit einem sträflichen Dilettantismus. Doch der kalte Krieg wurde nicht für einen Tag unterbrochen. Mindestens 800 Angeworbene wurden in der DDR wegen Nachrichtenbeschaffung und Spionage verur teilt. Ende April 1956 weckte unsere Hausangestellte mich eines Tages in der Morgendämmerung mit den Worten: »Der Minister erwartet Sie am Gartentor. der in den USA ein hoher Stellenwert im Kampf gegen den Kommunismus zugemessen wurde. Institutionen wie das Ostbüro stellten für die amerikanischen Dienste eine hochwillkommene Ergänzung des eigenen Agentennetzes dar. Dieses SPD-Ostbüro. Längst nicht jede oppositionelle Stimme in der DDR hatte ihren Ursprung in diesem Land. schleuste mit Kurieren Propagandamaterial in die DDR ein und warb Vertrauensleute an. und ihr politischer Hintergrund bildete eine beinahe zwangsläufige Parallele zur psychologischen Kriegführung. Einige von ihnen wurden von den Abwehrabteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit observiert. hinter denen sich westliche Geheimdienste verbargen.

In dem recht wohnlich eingerichteten Verstärkerraum tat sich unseren staunenden Blicken ein wahres Wunderwerk der Technik auf. Wollweber erklärte mir nun. Von einem Anruf aus dem Bett geholt. Sämtliche Kabel – gewiß einige hundert – waren durchtrennt. Vor der Tür stand jedoch tatsächlich der rundliche Ernst Wollweber mit dem unvermeidlichen Zigarrenstummel zwischen den Lippen. war er in den Wagen eines Mitarbeiters aus der Nachbarschaft gesprungen. daß die CIA in Zusammenarbeit mit dem SIS die neben der Landstraße verlaufenden Kabelstränge aller von Berlin in den Süden der DDR verlaufenden Telefonleitungen angezapft habe. Hinter Alt-Glienicke. der zum sowjetischen Hauptquartier in Wünsdorf führte. mit einem Verstärker verbunden und wieder verkabelt zu einem Gebäude -104- . den seither berühmt gewordenen amerikanischen Spionagetunnel. das am Rand eines Friedhofs eine Grube auszuheben schien. In halsbrecherischem Tempo rasten wir über die menschenleeren Straßen in Richtung des Flughafens Schönefeld. Sie gruben einen Tunnel aus. Wollweber fuhr üblicherweise die große sowjetische SIMLimousine mit Begleitschutz. wobei das besondere Augenmerk zweifellos dem Strang galt. durften wir die Anlage besichtigen. nachdem sie das Terrain nach Minen und Sprengladungen abgesucht hatten. etwa einen Kilometer vor dem Flugplatz. Sicherheitshalber bewegte ich mich mit durchgeladener Dienstpistole in der Tasche zur Eingangstür – bei der knappen Entfernung nach West-Berlin und der offenen Grenze mußte man auf alles gefaßt sein. Inzwischen hatten die Grabenden ein Stück der Tunnelröhre aufgeschweißt und die schwere Metalltür zum geräumigen Verstärkerraum unter der Straße geöffnet.Schlafzimmerfenster ließ diesen ungewöhnlichen Besuch noch seltsamer erscheinen: Der ältere Volkswagen auf der Straße paßte ebensowenig zu Wollweber wie die frühe Stunde. trafen wir auf ein Trüppchen Männer – zur Hälfte sowjetische Soldaten -.

die Hintergründe dieses Tunnelbaus. das eigens dafür errichtet worden und als meteorologische Beobachtungsstation getarnt war. Er war damals in der WestBerliner Dienststelle des britischen Dienstes eingesetzt gewesen. Viele Jahre später erzählte mir George Blake. Als George Blake nach seiner aufsehenerregenden Flucht aus dem britischen Gefängnis. Es war faszinierend. daß es opportun sein könnte. wo ein amerikanischer Spaßvogel hinter einer Stacheldrahtrolle ein kleines Pappschild mit der Aufschrift »Hier beginnt der amerikanische Sektor« aufgestellt hatte. Beide waren mit -105- . der wohl bekannteste sowjetische Kundschafter im britischen Geheimdienst. und durch ihn waren die Sowjets von Anfang an über das Unternehmen auf dem laufenden gehalten worden. wenn er seine Lebensgeschichte erzählte – wie er als Sohn eines reichen Bankiers aus Kairo und einer holländischen Aris tokratin zum britischen Marineoffizier und Geheimdienstmitarbeiter geworden war.etwa 500 Meter hinter der Grenze geleitet. sahen wir uns hin und wieder und freundeten uns an. der berühmte Maulwurf des KGB im britischen Geheimdienst. häufiger in die DDR fuhr. man ließ das Ministerium für Staatssicherheit lediglich irgendwann wissen. was sich an jenem frühen Morgen im April 1956 abspielte. wo er sich mit seiner in Holland lebenden betagten Mutter traf. den Bau einer Einrichtung unbekannter Art in der Nähe des Flughafens Schönefeld zu beobachten. in das ihn Enttarnung und Prozeß gebracht hatten. und deshalb 1950 in der Gefangenschaft während des Koreakrieges von sich aus den Kontakt zum KGB gesucht hatte. Durch den Tunnel tappten wir bis zu der unterirdischen Stelle. wie er in Gewissenskonflikte geraten war. Wie Blake lebte auch Kim Philby. seit Enttarnung und Rückzug in Moskau. Uns gegenüber ließ der KGB wie immer größte Zurückhaltung walten. als die Alliierten sich gegen die UdSSR zu stellen begannen. Das Ergebnis dieser Beobachtungen war das.

der seit 1951 als »titoistischer und nationalistischer« Abweichler im Gefängnis saß.Russinnen verheiratet und einander freundschaftlich ve rbunden. In Philby lernte ich nach Blake einen zweiten Engländer kennen. Beide gehören für mich zu den großen und tragischen Gestalten der Nachrichtendienste. Die polnische Partei hatte Wladislaw Gomulka. Offen tauschten sie mit mir kritische Ansichten aus. der aus Überzeugung gegen den Nachrichtendienst seines Mutterlandes für die Sowjetunion gearbeitet hat. Seit Chruschtschows Rede waren in Polen und Ungarn Unruhen aufgeflackert und eskaliert. Mit George Blake 1980 Blake wie Philby hatten sich der Realität in der Sowjetunion nicht verschließen können. besseren Welt zu erkennen glaubte. und ihr Blick auf das verheißene Land war im Lauf der Jahre immer nüchterner geworden. ebenso rehabilitiert wie die früheren Angehörigen der -106- . hielten aber nach wie vor am Glauben an mögliche Veränderungen des Sowjetsystems fest. weil er in ihr den Beginn einer neuen.

daß als Stalinisten verrufene Politiker wie -107- . die ungarische Partei bemühte sich. die 53 Tote und 300 Verletzte forderten.antikommunistischen Landesarmee. ihr Verhältnis zur katholischen Kirche zu normalisieren. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei wurden Politiker rehabilitiert. mußte auf einer Massenkundgebung in Budapest Selbstkritik üben. Ungarns »kleiner Stalin«. die die Emigrantenregierung während des Krieges von London aus befehligt hatte. Mátyás Rákosi. Mit Kim Philby 1981 In Polen kam es im Sommer während der Industriemesse in Poznan zu blutigen Zusammenstößen. Gomulka. 150 Sozialdemokraten wurden aus den Gefängnissen entlassen. während man davon überzeugt war. Außerdem fanden Umbesetzungen in der politischen Führung dieser Länder statt. die zu Anfang der 50er Jahre unrechtmäßig verurteilt worden waren. und jeden Donnerstag versammelten sich Tausende rund um den Petöfi-Klub. von den Dogmatikern nach wie vor beargwöhnt. galt als kommender Parteichef.

auf denen anfangs noch Gedichte Petöfis und Kossuths rezitiert worden waren.der den Polen von den Sowjets als Verteidigungsminister aufgenötigte sowjetische Marschall Rokossowskij aus der Parteiführung entfernt werden würden. vernünftige Politik. Begleitet von der gesamten Staatsspitze der UdSSR und vierzehn hohen Militärs. In diesen Tagen sah ich Europa ständig auf der Schwelle zwischen kaltem und heißem Krieg. der eingekerkerte Kardinal Mindszenty wurde auf freien Fuß gesetzt. ihn zu beruhigen. wurde aus der Haft entlassen. weder von der Regierung noch von der Kommunistischen Partei. Der Verlauf der nächsten Tage schien mir recht zu geben: Die sowjetischen Panzer zogen aus Budapest ab. die Symbolfigur oppositioneller Kreise. Chruschtschow billigte seinen neuen Kurs. November rückten erneut sowjetische Panzer in Budapest ein. Am 23. nach dem Ausstieg aus dem Warschauer Pakt und einer Annäherung an den Westen. Über Nacht rückten sowjetische Panzer in die Stadt Budapest ein. Im Wechsel wollten sowjetische -108- . Mein Sondertelefon klingelte pausenlos. In Ungarn spitzte die Situation sich Ende Oktober so dramatisch zu. Täglich strömten mehr Menschen zu den Kundgebungen. der Ruf nach Freiheit. Imre Nagy. Rákosi mußte zurücktreten. Nagy verkündete sein Regierungsprogramm. den ich aus Moskau kannte. Es gelang den Polen. Am 4. Kardinal Wyszynski. Gomutka wurde zum Ersten Sekretär der Partei gewählt. und das sagte ich auch Wollweber und Mielke. nun wurden politische Forderungen laut. daß sie uns Tag und Nacht in Atem hielt. Von ihm versprach ich mir eine besonnene. Oktober wurde das Stalin.Denkmal gestürzt und der Rundfunksender gestürmt. landete Chruschtschow auf einem polnischen Militärflugplatz. Aber die Krise ließ sich nicht mehr beherrschen. wurde wieder zum Ministerpräsidenten ernannt. Das Radio war wichtiger als die Informationen des eigenen Dienstes. nach dem Abzug der sowjetischen Truppen. Es gab den ersten Toten.

endete der Konflikt. Erst als die Sowjetunion ihr Eingreifen androhte und die USA Druck auf ihre Verbündeten ausübten. in welcher Anspannung und Ungewißheit wir damals lebten. Selbst eine so lapidare Auflistung der Ereignisse jener Zeit läßt erahnen.Verbindungsoffiziere und meine Vorgesetzten wissen. Juni 1953 in der DDR. was die Nato tun werde. offenbar ermutigt durch die Destabilisierung des Warschauer Pakts. Israel trat in einen bewaffneten Konflikt mit Jordanien. In einer handstreichartigen Aktion griffen israelische Truppen ägyptische Stellungen im Sinai an. von Zypern aus unterstützt durch britische und französische Bomber. Sowjetische Panzer in Budapest 1956 Zur gleichen Zeit tat sich im Nahen Osten ein weiterer Konfliktherd auf. Bei den dramatischen Geschehnissen in Ungarn respektierten die USA den Status quo genauso wie zuvor am 17. aber auch über die grundlegende Entwicklung der Interessensphären des westlichen und östlichen Bündnisses fielen in Washington und Moskau. Die Entscheidungen über Krieg und Frieden. wie später beim Mauerbau und beim -109- .

daß er damals mit seinen Informationen dazu beigetragen hat.Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in der Tschechoslowakei – aber wer hätte es verbindlich vorauszusagen gewagt? Angesichts der wechselseitigen atomaren Bedrohung konnten falsche Informationen und fehlerhafte Analysen katastrophale Folgen zeitigen. den Dienst der DDR in seinem Gewicht überzubewerten. daß Imre Nagy und mit ihm die Mehrheit der Ungarn sich die -110- . In jenen Wochen im Herbst 1956 schienen national und international wirkende Ursachen und Kräfte zu einem unauflöslichen Knäuel verflochten. und es ist mir nicht darum zu tun. eine militärische Konfrontation zu verhindern. Über den Nutzen von Geheimdiensten mag man denken wie man will. die sowjetischen Panzer hätten in Ungarn einen Volksaufstand niedergewalzt. Imre Nagy verkündet Ungarns Austritt aus dem Warschauer Pakt Heute ist es einfach zu sagen. Aus der historischen Distanz ist unverkennbar. doch selbst im kritischen Rückblick halte ich ihm zugute.

Damals sahen wir in erster Linie. als Patrioten. in einem Geheimprozeß zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren. Die Wiederherstellung der sozialistischen Macht unter János Kádár. daß die noch immer vorhandenen Anhänger des Horthy-Regimes die Unruhen für sich zu nutzen suchten und mit Hilfe aus dem Westen zu ihnen stoßender Gesinnungsgenossen Exzesse schürten. wo immer sie Gelegenheit dazu fanden. Panzerabwehrgeschütze auf Budapests Straßen Die meisten meiner ungarischen Kollegen sind über die Ereignisse des Herbstes 1956. über ihre unmittelbaren und ihre langfristigen Folgen nie wirklich hinweggekommen: die Massenflucht der Ungarn ins Ausland. die nach der Niederschlagung des Aufstands nach Rumänien verschleppt. der unter Rákosi inhaftiert und schweren Mißhandlungen -111- . das Schicksal Imre Nagys und seiner Gefährten.Forderungen der Studenten und Intellektuellen zu eigen gemacht hatten. die nach Freiheit und Unabhängigkeit strebten und die einen eigenen demokratischen Weg der gesellschaftlichen Entwicklung einschlagen wollten.

Unter solchen Umständen mußte ein Dokument über Pläne mit der Bezeichnung DECO-II. Auf mehreren als geheime Bundessache abgestempelten Seiten und vier beigefügten Karten waren Aufgaben und Stoßrichtungen der Heeresgruppen. daß inzwischen Truppenteile beider deutscher Staaten in die jeweiligen Bündnisse integriert waren. Derartige Vorstellungen paßten jedoch zu den ständigen Bedrohungsängsten der politischen Führung. Als wir es 1959 veröffentlichten. der zufolge Franz -112- . Armeekorps und Divisionen genau definiert und beschrieben. und sie bestimmten deshalb für längere Zeit viele Aufgaben meines Dienstes. Das Ziel der Operation war die »Befreiung der SBZ und Wiedervereinigung Deutschlands durch militärische Besetzung des mitteldeutschen Raumes bis zur Oder-Neiße. schien uns über jeden Zweifel erhaben. was ich auf deutschem Boden für kaum wahrscheinlich hielt. gewann eine Information an Gewicht. März 1955. nachdem die Verbindung zu »Kohle« nicht mehr bestand. das wir von einer Quelle mit Decknamen Kohle erhielten. Angesichts des Umstands. denn wenn es wirklich echt war. der im Verteiler des DECO-Dokuments genannt war und aus dessen Panzerschrank es stammen sollte. ließ dennoch zu. Ihre bisherigen Informationen waren immer korrekt gewesen. Bereits im Sommer desselben Jahres kursierten im Kollegium der Staatssicherheit Gerüchte über die Gefahr eines kleinen Krieges – etwas. »Kohles« wichtigste Verbindung war eine Vorzimmerdame im Büro von General Speidel. Wasser auf die Mühlen unserer Führung sein. daß Ungarn für Reformen offen blieb und für seine Bürger in vielem erträglicher war. dann handelte es sich bei ihm um nichts Geringeres als um eine Studie zur militärischen Einverleibung der DDR durch die Bundesrepublik. erfolgte kein Dementi aus Bonn. datiert war das Dokument vom 2.ausgesetzt gewesen war. als es die damalige DDR für ihre Bewohner war. Die Zuverlässigkeit der Quelle.Linie«.

daß General Norstad sich nicht beeilte. die Bundeswehr auf DDR-Gebiet einzusetzen. ob bei »grenzüberschreitenden Unruhen an der Demarkationslinie« zwischen DDR und Bundesrepublik der Nato-Fall eintrete – anders gesagt. Mir aber gab dieser Auftrag des Bundeskanzlers ebenso zu denken wie der Umstand. die militärische Komponente in unserer Arbeit stärker zu betonen. daß Staatssekretär Globke in Adenauers Auftrag in den kritischen Novembertagen 1956 nach West-Berlin gefahren war. Strauß auf seine Anfrage zu antworten. der alle Bereiche des Ministeriums verpflichtete. und allerorten begann man sich in einem Wust von Informationen zu verzetteln. um in den einzelnen Verwaltungen des Ministeriums für Staatssicherheit alles zu erläutern. die wir im Sommer und Herbst 1956 lieferten. um zu verhindern. die möglicherweise den Nachrichtendienst der Armee interessieren -113- . daß ein Aufruf des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Scharnowski zum Generalstreik in der DDR über den Rundfunk verbreitet wurde. schriftlich beim Nato-Oberbefehlshaber Lauris Norstad angefragt haben sollte. der neue Bundesverteidigungsminister. Durch die Informationen. trugen wir unabsichtlich selbst zu dem Druck bei. Nach den Ereignissen in Ungarn war Ulbricht von der Furcht vor einem begrenzten Konflikt auf deutschem Boden mehr denn je beherrscht. ob es möglich sei. der später auf unseren Dienst ausgeübt wurde mit dem Ziel. paßte nicht gerade in die bei uns gängige Klischeevorstellung vom westdeutschen Politiker. der in keinem Verhältnis zum Nutzen stand: Leitende Mitarbeiter reisten in die Bezirke des Landes.Josef Strauß. die er bis zuletzt beibehalten sollte – bei der Aufklärung militärischer Objekte und Entwicklungen in der Bundesrepublik zu unterstützen. die HVA – inzwischen hatte mein Dienst diese Bezeichnung. und Ulbricht tat sie selbstverständlich als pure Erfindung ab. Das führte zu einem Aufwand. Auch die Information. Wollweber erließ einen Befehl.

die Mitte der 50er Jahre für uns tätig wurde. der es in erstaunlich kurzer Zeit gelang. jungen DDR-Bürgerin von Ende Zwanzig. was für mich eine herbe Enttäuschung war. Ihr Resident mit Decknamen Schatz hatte bald alle Hände voll zu tun. zu f tografieren o und die Kopien per Kurier zu uns zu befördern. Schwierig sollte sie immer bleiben. Erfolgreicher operierten wir im militärischen Bereich mit Ruth Moser. In relativ kurzer Zeit warb sie ihren Ehemann Karl-Heinz Knollmann als Quelle mit Decknamen Stein an. und sie erklärte sich auch bereit. Die Verbindung stellten wir über ihren Bruder her. und auch er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube. So kam es. Rosalie Kunze weigerte sich in der Folge. Leider verliebte unsere Agentin »Ingrid« – so nannten wir sie – sich ernsthaft und hatte das Bedürfnis. in die DDR zurückzukehren.konnten. weil sie in Bonn wohnte und Verwandte in der DDR hatte. Als Oberstleutnant beim Bundesgrenzschutz war er für die Absicherung zentraler Regierungsobjekte verantwortlich. Sie war uns als eventuelle Kandidatin aufgefallen. Einer unserer ersten Versuche auf diesem Gebiet war die Übersiedlung von Rosalie Kunze in den Westen. die sie ihm übermittelte. -114- . für uns zu arbeiten. Unsere Tätigkeit im militärischen Bereich gestaltete sich zu Anfang ähnlich schwierig wie auf politischem Gebiet. dem Mann ihres Herzens alles zu erzählen. einer hübschen. und durch ihn erfuhren wir sowohl den Baubeginn als auch Betriebsdetails des Regierungsbunkers in Ahrweiler bei Bonn. denn ich hatte sie für eine überzeugte Kommunistin gehalten. die Flut an Geheimdokumenten. und erst allmählich kamen wir zu vo rzeigbaren Ergebnissen. als Topsekretärin bis ins Bundesverteidigungsministerium vorzudringen und dort als Geheimnisträgerin verpflichtet zu werden. daß 1960 ein erster spektakulärer Prozeß gegen unseren Dienst in der Bundesrepublik stattfand. Deckname Gerlinde.

der mit einigen Extras versehen war. wie sie damals zu unserer Standardausrüstung gehörte. Anders verhielt es sich da mit dem westdeutschen Journalisten Helmut Ernst. Bei beiden hatte ich den Eindruck. Mittelbar wurden über »Henry« gleich drei Frauen enttarnt. zu der sie nach wie vor standen. »Henry« wurde mit Bein. Er informierte uns über Ausrüstung und Leistungsfähigkeit der Luftwaffentransportverbände und später. sieben Jahre jüngeren Ehemann Norbert Moser.Nach der Scheidung von Knollmann warb »Gerlinde« ihren zweiten. nämlich wie in einem James-Bond-Film. auch diesmal wieder aus eigener Initiative. als er Verbindungsoffizier zum Stab einer Panzerbrigade war. Filme. die erforderlich waren. Seine Spionagekarriere endete tatsächlich angemessen. damit unsere Leute die mysteriösen Stimmen hören konnte. der unter dem Decknamen Henry für uns aktiv war. als sie in seinem Auto unter anderem eine MinoxKleinstkamera. für unseren Dienst an. Anfang der 80er Jahre lernte ich das Ehepaar erstmals persönlich kennen. daß sie aus innerer Überzeugung. Das Glatteis hatte dem Verfassungsschutz zu einem unverhofften Erfolg verholfen. die über Kurzwelle unsere Anweisungen in Form von Zahlenkombinationen übermittelten.und Beckenbruch ins Krankenhaus eingeliefert. der Einblick in Verschlußsachen höchster NatoGeheimhaltungsstufe hatte. ihren Mann nach vier Jahren Haft im Austausch gegen Spione der Bundesrepublik in die DDR zu holen. Ihm verdankten wir aufschlußreiche Einblicke in das militärpolitische und strategische Verteidigungskonzept der Bundesrepublik und einiger ihrer Nato-Partner. -115- . als sein Wagen eines Dezembermorgens auf vereister Landstraße zwischen Bad Ems und Arzbach auf einen verunglückten Lastwagen prallte. Ruth Moser war es gerade gelungen. und die Polizei staunte nicht schlecht. ebenfalls Offizier. über die Panzer Leopard 2 und Gepard. für die Aufklärung gearbeitet hatten. eine Pistole und einen Radioempfänger entdeckte.

Presseoffizier beim Stab der Luftwaffengruppe Süd in Karlsruhe. Deckname Heike. und »Henrys« Geliebte. Mitarbeiterverzeichnisse und Dokumente über Finanzoperationen zwischen der Bundeswehr und den USA. weil er als strikter Gegner eines Dritten Weltkriegs jede forcierte Aufrüstung der Bundeswehr ablehnte. wo wir ihn mit Propagandafanfaren auf einer Pressekonferenz als Deserteur aus Gewissensgründen präsentierten. Unsere ranghöchste Quelle bei der Bundeswehr war lange Zeit Major Bruno Winzer. Bei der Gerichtsverhandlung stellte sich heraus. der daraufhin – im Mai 1960 – aus seinem Urlaub in die DDR überwechselte. als Winzer zu warnen. Es blieb uns nichts anderes übrig. hatte er sich allerdings nicht in unserem Auftrag so eingerichtet. Deckname Südpol. arbeitete als Sekretärin im Haushaltsreferat des Verteidigungsministeriums und lieferte Strukturpläne. die als Kurier seine Informationen zu uns beförderte. Zur Zusammenarbeit war es gekommen. Das Ende seiner Tätigkeit für uns war wiederum ein Unfall. die für unseren Mann im Bundesamt für Wehrtechnik in Koblenz Pläne von elektronischen Waffensystemen beschaffte. Eine unserer ergiebigsten Bonner Quellen jener Jahre war ein einfacher Bote im Innenministerium. Die Papiere des Kuriers hätten nicht einmal die oberflächlichste Verkehr skontrolle überstanden. Deckname Blanche. das im Prozeß ausführlich gewürdigt wurde. diesmal von seinem Kurier verursacht. Die Informationen von »Südpol« waren im Wagen geblieben. für einen französischen Dienst tätig zu sein. Mit der einen Dame – Deckname Lilo -. In beider Haushalt lebte »Lilos« geschiedene Tochter. daß »Blanche« im Glauben gelebt hatte. der Informationen aus einem Versteck abgeholt hatte. »Henry« selbst wurde krankheitshalber für verhandlungsunfähig erklärt. und deshalb flüchtete er zu Fuß. ein sogenannter -116- .Sein etwas bizarres Privatleben. führte er offenbar eine sogenannte Onkelehe.

Internierung als gefährlich eingestufter Personen und Ausländer. die er uns verschaffte. Anläßlich ihrer Enttarnung sprach die westdeutsche Presse vom schwersten und folgenreichsten Spionagefall in der Bundesrepublik. der den stolzen Decknamen Minister trug. die unter Hitler einen Weltkrieg vorbereitet und in diesem Krieg ihre Erfahrungen gesammelt hatten.Amtgehilfe. wie weit die Planung für den Ernstfall vorangeschritten war – lange vor der Verabschiedung der Notstandsgesetze.und Lebensmittelrationierung. Er besaß einen nachgefertigten Schlüssel für die Kuriertaschen seines Hauses. wie das Bonner Verteidigungsministerium selbst erklärte. die Requirierung ziviler Fahrzeuge. Deckname Bruno. Die Papiere. Später frischte er seine Freundschaft zu einer Sekretärin auf. Baupläne für Raketenbasen und Atomwaffendepots und Notfallpläne der Nato besorgt. die inzwischen in der Botschaft der -117- . die er erbarmungslos plünderte. die alle drei im Bonner Verteidigungsministerium beschäftigt waren. Er war das lebende Beispiel dafür. ein ehemaliger Fremdenlegionär. Wir warben ihn an. als er im Stabsquartier der französischen Streitkräfte in West-Berlin arbeitete. war sie doch von Fachleuten ersonnen. zeigten. Alles war bis ins einzelne vorbereitet: das Lenken der Flüchtlingsströme. sondern auch regelmäßig die jährlichen Zustandsberichte der Bundeswehr. Sie hatten uns nicht nur Konstruktionspläne für den Kampfpanzer 3. »ein zuverlässiges und vollständiges Bild über den Ist-Zustand der Bundeswehr« lieferten. die. Spitzenquellen im militärischen Bereich waren in der Folgezeit Lothar-Erwin Lutze. Erste Erkundungen über die Nato stellten die Informationen dar. daß der Dienstrang noch lange nicht die wahre Bedeutung eines Agenten ausmacht. die uns Peter Kranick. Benzin. seine Frau Renate und sein Freund Jürgen Wiegel. Die durchkoordinierte Planung überraschte uns nicht. beschaffte.

Bundesrepublik in Paris eine Stelle hatte, und nachdem es ihm gelungen war, sie für uns anzuwerben, siedelte er nach Paris über und zählte von da an zu unseren Spitzenleuten im Hinblick auf das Nato-Hauptquartier. Hinweise auf konkrete Vorbereitungen für den von unserer Führung gefürchteten kleinen Krieg erhielten wir von keiner unserer Quellen. Statt dessen erfuhren wir durch sie, wie die Bundesrepublik die sogenannte verdeckte Kriegführung vorbereitete, die auf den Fall eines sowjetischen Angriffs abzielte. Offenbar befürchtete man auch in Bonn den kleinen Krieg, nur mit Stoßrichtung von Ost nach West. Als das Jahr 1956 zu Ende ging, hatte kein Dritter Weltkrieg stattgefunden; die stalinistischen Dogmatiker in den Ländern des Warschauer Pakts hatten eine Niederlage erlitten, aber sie waren nicht geschlagen, geschweige denn ausgeschaltet, und sie nutzten jede Chance, die sich ihnen bot, ihre erschütterte Position erneut zu festigen. In der DDR kam es abermals zu einem Eklat innerhalb der SED, abermals verbrämt mit dem Spektakel um eine »parteifeindliche Fraktion«. Der Spielleiter hieß diesmal Mielke, und als Sündenböcke hatte er sich Ernst Wollweber und Karl Schirdewan auserkoren. In meinen Augen war das Ganze so fingiert wie 1953 die sogenannte Zaisser-Herrnstadt-Fraktion. Allerdings gab es für mich einen signifikanten Unterschied, denn diesmal war auch ich involviert, da ich als enger Vertrauter Wollwebers galt. Mielkes Intrige gegen Wollweber traf sich mit Erich Honeckers Ambitionen, dem bei seinem Aufstieg Schirdewan, der zweite Mann hinter dem Generalsekretär, im Weg stand, und bei dem chronisch mißtrauischen Ulbricht fielen ihre Einflüsterungen auf fruchtbaren Boden. Schirdewan und Wollweber waren in den ersten Nachkriegsjahren Nachbarn gewesen, aber meines Wissens hatten sie nie engere Beziehungen unterhalten.
-118-

Auf einer Tagung der Parteiorganisation der HVA zog Mielke im Beisein Wollwebers über uns her, ohne daß Wollweber etwas dagegen sagte, und ich begriff, was auf uns zukam. Kernpunkt des Gepolters war die Anschuldigung, wir unterschätzten das, was er »ideologische Diversion« nannte.

Karl Schirdewan 1958 Robert Korb, meinen Stellvertreter, und mich griff er persönlich an, hatten wir uns doch beide f r eine differenzierte ü Beurteilung der verschiedenen Strömungen innerhalb der Sozialdemokratie ausgesprochen, während Mielke die gesamte SPD mit ihrem Ostbüro gleichsetzte und in Herbert Wehner den schlimmsten Anstifter überhaupt zur »ideologischen Diversion« sah. In diesem Zusammenhang sei nicht verschwiegen, daß Mielke immer sehr stolz darauf war, diesen Begriff erfunden zu haben. Erst später wurde dieser Terminus auch von anderen Sicherheitsdiensten – leider auch von sowjetischen – übernommen und floß zuletzt sogar in den Sprachgebrauch der kommunistischen Parteien ein, wo er bei der Einschätzung
-119-

politisch Andersdenkender einem simplifizierenden SchwarzWeiß-Denken Vorschub leistete, das weit von jeder Realität entfernt war. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, wurde dieser Kautschukbegriff, der jede Auslegung zuließ, die der politischen Führung gerade opportun erschien, sogar durch Paragraphen des Strafrechts legitimiert und als Ordnungsmittel angewandt. »Politischideologische Diversion« – der deutschen Abkürzungssucht folgend PID genannt – wurde zu einem bestimmten Element der Sicherheitsdoktrin und zur Grundlage der verfassungswidrigen Repression Oppositioneller, PID war die entscheidende Waffe, mit der die Dogmatiker ihre verkrustete Macht behaupteten, bis sie zerbrach.

Ernst Wollweber 1955 Als Mielke mich mit Unterlagen über Gespräche, die Wilhelm Girnus am Rande der Genfer Außenministerkonferenz mit Wehner geführt hatte, und mit Unterlagen zur Person von Girnus zu sich ins Ministerium bestellte, ahnte ich, was er bezweckte. Girnus sollte wohl als Kurier zwischen dem »Parteischädling« Schirdewan und dem ideologischen Verderber Wehner angeschwärzt werden, und zwar darüber, daß Girnus
-120-

Schirdewan aus der gemeinsamen Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen kannte. Ich brachte ihm Kopien jener Gesprächsberichte, die Ulbricht selbst abgezeichnet und teilweise mit handschriftlichen Bemerkungen versehen hatte. Die Originale schloß ich in meinen Safe ein und informierte Robert Korb. Damit hatte ich nicht nur Girnus, sondern möglicherweise auch mich selbst vorerst aus der Schußlinie gebracht. Der Vorwurf, Wollweber habe die Staatssicherheit und sich selbst über die Partei zu stellen versucht, sollte mit einem Befehl bewiesen werden, der die Kontakte zwischen leitenden Ministeriumsmitarbeitern und dem Apparat des Zentralkomitees betraf, obwohl Wollweber diese Kontakte stets seinen Stellvertretern überlassen hatte. Obwohl das alle wußten und ich es auch laut sagte, als Ulbricht die Leitung des Ministeriums vorlud, um das Belastungsmaterial zu testen, änderte diese Reaktion nichts an dem abgekarteten Spiel. Karl Schirdewan und Ernst Wollweber wurden im Oktober 1957 aller Funktionen enthoben mit der Begründung, sie hätten »in der Zeit verschärften Klassenkampfs schädliche Auffassungen« vertreten. Wieder einmal hatte der politische Fuchs Ulbricht eine für ihn bedrohliche Situation zu seinem Vorteil zu wenden verstanden. Hatten ihn im Sommer 1953 ausgerechnet die gegen seine Politik gerichteten Unruhen gerettet, so bewahrte ihn jetzt die antistalinistische Rebellion in Polen und Ungarn vor den Konsequenzen des XX. Parteitags der KPdSU, den lauter werdenden Forderungen nach Reformen, nach innerparteilicher Demokratie und nach seiner Ablösung. Und auch Mielke konnte sich die Hände reiben. Er hatte sein Ziel erreicht: Er wurde Minister für Staatssicherheit. Ich befand mich nun in einer wenig beneidenswerten Lage. Einerseits wußte ich, daß Mielke bei Ulbricht meine Ablösung verlangt hatte, andererseits war ich stark versucht, öffentlich Stellung zu Mielkes Ränken zu nehmen und die »Schirdewan-121-

Wollweber-Fraktion« als das zu bezeichnen, was sie war, nämlich pure Erfindung. Damit hätte ich mich selbst ins Aus manövriert und der relativen Selbständigkeit meines Dienstes ein Ende bereitet. Wollweber selbst riet mir eindringlich davon ab, die Konfrontation zu suchen. So geriet ich in eine der peinlichsten Situationen meines politischen Lebens: Auf einer Parteikonferenz des Ministeriums verlas ich in Anwesenheit Ulbrichts einen Diskussionsbeitrag, der das erforderliche Maß an »Selbstkritik« aufwies. Jetzt konnte ich nachvollziehen, wie andere sich gefühlt haben mußten, wenn sie dazu erpreßt worden waren, dem Ritual der Parteidisziplin ihre Reverenz zu erweisen. Die Frage, die sich von nun an nie ganz verdrängen ließ, war die, ob meine vermeintliche Selbständigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes nicht bloß eine Illusion war.

-122-

5 Die Betonlösung
Das wirtschaftliche und soziale Gefalle zwischen DDR und Bundesrepublik machte sich 1960 und 1961 bemerkbarer denn je zuvor, und die Folgen waren gravierend. Der Flüchtlingsstrom nach Westen schwoll von Monat zu Monat weiter an; 1961 wäre die Rekordzahl des Jahres 1953 von mehr als 300000 Aussiedlern wahrscheinlich weit überschritten worden. Am 9. August hatte die Zahl der in West-Berliner Aufnahmelagern erfaßten Flüchtlinge den höchsten je an einem Tag registrierten Stand von 1926 Personen erreicht. Und wer hätte es den Arbeitern, Medizinern, Ingenieuren, den jungen Menschen am Beginn ihres Lebensweges verübeln wollen, daß es sie dorthin zog, wo sie gutes Geld verdienen und sich einen entsprechenden Lebensstandard leisten konnten? In ihrem Selbstverständnis verrieten sie nicht die DDR, sondern zogen von einem Teil Deutschlands in einen anderen, wo Verwandte oder Freunde sie oft schon erwarteten. Doch dieser unablässige Aderlaß war für die wirtschaftlich ohnehin geschwächte DDR nicht länger zu verkraften. Daß etwas geschehen mußte, um dem Einhalt zu gebieten, war allen klar. Was geschah, war allerdings nicht nur für den Westen eine Überraschung, sondern auch für die meisten Bürger der DDR. Auf die Gefahr, meinen Nimbus als einer der bestinformierten Männer der DDR zu verlieren, muß ich gestehen, daß die Schließung der Grenzen der DDR am 13. August auch für mich unerwartet kam; wie die meisten erfuhr ich von den Straßensperren und Abriegelungen, aus denen die Berliner Mauer entstand, durch die Radionachrichten. Bis heute kann ich nicht mit Gewißheit sagen, ob der Grund dafür in der beinahe krankhaften Geheimhaltungssucht unserer politischen Führung zu sehen ist oder in Mielkes Mißtrauen gegenüber der
-123-

Aufklärung, denn er war selbstverständlich eingeweiht und an allen Vorbereitungen beteiligt.

Grenzkontrolle an der geschlossenen Sektorengrenze Für meinen Dienst und mich war die Situation zunächst katastrophal. Meine Mitarbeiter zweifelten an meiner Ahnungslosigkeit und mußten mir mangelndes Vertrauen in sie unterstellen, aber schlimmer als das war die durch die Grenzschließung völlig veränderte Lage, auf die wir nicht vorbereitet waren; ab sofort war der Grenzübertritt innerhalb Berlins in beide Richtungen nicht mehr ohne weiteres möglich. Bevor die Mauer – von unserer Führung als »antifaschistischer Schutzwall«, vom Westen als »Schandmauer« bezeichnet – vollendet und die Stadt mit deutscher Gründlichkeit zweigeteilt war, spielten sich erschütternde Szenen ab: Kinder und Greise wurden an zusammengeknoteten Bettlaken aus den Fenstern jener Häuser, die auf der Grenzlinie standen, in den Westteil Berlins abgeseilt;
-124-

viele ließen sich in die Sprungtücher der West-Berliner Feuerwehr fallen; Dutzende primitiver Tunnel wurden gegraben, durch die Hunderte unter Lebensgefahr den Weg in den Westen suchten, und manche krochen durch die Kanalisation, bis auch sie mit Gittern versperrt wurde.

Ausbesserung an der Mauer Die Begründung unserer Führung, mit der Schließung der Grenze sei ein Schutzwall gegen einen bevorstehenden Angriff oder das Eindringen von Agenten und Saboteuren errichtet worden, war schon damals unglaubwürdig, weil soziale und wirtschaftliche Faktoren als Ursache auf der Hand lagen. Die DDR hatte nicht nur ungünstigere Startbedingungen als die Bundesrepublik gehabt, sondern auch ungleich mehr Reparationsleistungen als Wiedergutmachung erbringen müssen. Wie viele andere glaubte ich damals, eine Atempause würde uns helfen, nach und nach die Vorzüge des Sozialismus zur Geltung zu bringen. Die Menschen vom attraktiven Westen Deutschlands abzusperren, war keine Lösung, sondern betonte die Diskrepanz zwischen den beiden deutschen Staaten. Durch die zugemauerte
-125-

Grenze gewannen das Pochen des Westens auf die Menschenrechte und die Forderung nach Reisefreiheit an Überzeugungskraft und beeinflußten den Ausgang des kalten Krieges, auch wenn das damals von mir so nicht erkannt wurde.

Flucht aus dem Fenster auf die Bernauer Straße Die wesentlichen Gründe, die der DDR-Führung und ihren Verbündeten den Bau einer Mauer als letzte Rettung erscheinen ließen, sind zweifellos innerhalb und nicht außerhalb des Landes zu suchen. Mag sein, daß Ulbricht der Initiator war, der auf Schließung der Grenzen drängte. Die Entscheidung aber fiel in Moskau. Was 1961 in der Mitte Europas an der sensiblen Grenze zwischen den zwei feindlichen Machtblöcken geschah, wurde von den Großmächten und niemandem sonst entschieden. Nach dem Ende der DDR unterhielt ich mich mit Valentin Falin, einem der besten Kenner der sowjetischen Deutschlandpolitik, über den Mauerbau, und er sagte: »Nach den Ereignissen in Ungarn, im Nahen Osten und in Polen gewann das Thema Stabilität für Chruschtschow an Aktualität. Der zentrale Punkt war die innere Stabilität der DDR. Ich denke, daß die Krise der DDR, die mit der Katastrophe von 1989
-126-

-127- . daß Ulbricht im Sommer 1961 erklärt hatte. daß die Mitgliedsländer des Warschauer Vertrags via Beschluß die DDR aufforderten. die es ermöglichte. Folglich stellte sich irgendwann die Frage. »wurde Ulbricht formal zum Vollzug des Beschlusses autorisiert. werde es unmöglich sein.endete. das Land zu verlassen. die das Regime in der DDR unterstützten. falls die Abwanderung anhalte. Die Entscheidung über den Bau der Mauer verlief bekanntlich so. eine wirksame Grenzkontrolle einzurichten. war nie höher als dreißig Prozent. die Menschen daran zu hindern. sagte Falin. die DDR stabil zu erhalten. Er handelte also nicht in nationaler Selbständigkeit.« Zugemauerte Häuserfront Falin erinnerte sich. Die Zahl derer. in der Regel niedriger. »Damit«. die DDR entweder aufzugeben oder an der Grenze zur Bundesrepublik eine Ordnung einzuführen. bereits 1953 begonnen hat.

Obwohl solche Ankündigungen in der DDR von Fachleuten mit einem Achselzucken abgetan wurden. überbot die Führung in Berlin die Moskauer Parole mit der abenteuerlichen. was die USA provozieren könnte. Absprachen zum Bau der Mauer zwischen den beiden Großmächten hat es zwar nicht gegeben. bestätigte Julij Kwizinskij.« Daß Ulbricht im Frühsommer 1961 Chruschtschow durch den sowjetischen Botschafter Perwuchin mitteilen ließ. die Grenze zu schließen und unter äußerster Geheimhaltung sofort mit den Vorbereitungen zu beginnen. ohne die bevorstehende Aktion zu erwähnen. Es steht also außer Frage. daß die Sowjetunion nie etwas gegen West-Berlin unternehmen würde. Nach dem Krisenjahr 1956 hatte die sowjetische Führung unter Chruschtschow sich bemüht. jeder Logik hohnsprechenden Losung: -128- . bei weiterhin offener Grenze sei der Zusammenbruch der DDR unvermeidlich. Chruschtschows protzige Zahlen und seine optimistischen Reden lösten zwar bei manchen Zuhörern ein eher ironisches denn bewunderndes Lächeln aus. aber er selbst glaubte an seine ehrgeizigen Pläne. auf der inoffiziellen jedoch versicherte die UdSSR Washington ihr Interesse an guten Beziehungen. die USA wissen. der Perwuchin damals begleitete. Konflikte und Spannungen aufzulösen oder wenigstens unterhalb einer bestimmten Schwelle zu halten. wohl aber Kontakte: auf der offiziellen Ebene ziemlich frostige. und daß Chruschtschow Ulbricht durch den Botschafter die Genehmigung überbringen ließ. daß Chruschtschow und nicht Ulbricht die Hauptrolle in dem Drama spielte. um sich den eigenen hochgesteckten wirtschaftlichen Zielen widmen zu können. das im Sommer 1961 über die Bühne ging. Er nannte Fristen. in denen die USA-Wirtschaft eingeholt und überholt werden sollte. Am Vorabend der Grenzschließung ließ Moskau. später selbst Botschafter der UdSSR in Bonn.sondern im Auftrag des Bündnisses.

imponierte vielen -129- .« Nikitas (wie Chruschtschow in der DDR nicht unfreundlich von vielen genannt wurde) Glaube an den Mais als Wunderwaffe zur Lösung der Versorgungsprobleme ließ findige Agitatoren zu seiner Freude den Begriff Wurst am Stengel für Maiskolben prägen. dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets. Er wirkte wie ein russischer Bauer und erzählte oft von seinem Heimatort Kalinowka. als er 1957 mit Anastas Mikojan. die Mikojan meist zum Schlafen nutzte. ohne einzuholen. und wir fuhren in einer großen SIL-Limousine mit aufgeklapptem Verdeck. war er immer zum Plaudern und Scherzen aufgelegt. doch viele Gesichter spiegelten freundliche. zum erstenmal.»Überholen. Zur Begrüßung standen überall Menschenmengen am Straßenrand. Unvergessen ist jene Szene. Selbst während der seltenen Atempausen. Das fast eine Woche umfassende Programm strapazierte alle bis zur Erschöpfung – alle außer Chruschtschow. die naiv wirkende Art. Chruschtschow hielt volkstümliche Reden. Bei großen Teilen der DDR-Bevölkerung genoß er eine Sympathie wie vor und nach ihm kein anderer sowjetischer Politiker mit Ausnahme G orbatschows. mit der er in den USA die Propagandatrommel für den Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus rührte. Mielke vorn neben dem Fahrer. weil er im Unterschied zu Ulbricht frei sprach. die er gern mit witzigen Beispielen und Anekdoten ausschmückte. von Mielke und mir als »Ehrensicherheitsbetreuern« begleitet wurden. dessen Vitalität jede Vorstellung übertraf. doch anders als dieser besaß Chruschtschow die Ausstrahlung des einfachen Mannes. als er seinen Protest vor den Vereinten Nationen mit dem Schuh auf das Pult hämmerte. Bei seinen Besuchen in der DDR erlebte ich Chruschtschow aus nächster Nähe. Es war im Sommer. sogar herzliche Gefühle. Chruschtschow und Mikojan in der Mitte. der Dolmetscher und ich hinten. Natürlich war das organisiert. Er wirkte überzeugend. Doch gerade diese Spontaneität.

Grotewohl und Mielke dürften dieser offenherzigen Rede mit gemischten -130- . ist vielfach beschrieben worden.Amerikanern. Ulbricht. Nikita Chruschtschow beim Staatsbesuch in der DDR 1957 (Autor: 2. Malenkow und Bulganin« sowie den »zu ihnen gestoßenen Schepilow«. ihn zu stürzen. Zur Überraschung nicht nur seiner sowjetischen Begleitung. von rechts) Ohne Zweifel besaß Chruschtschow einen starken Willen. Wie er mit dem gefürchteten Widersacher Berija fertig wurde. daß der von Molotow geführte konservative Flügel aus der Parteispitze entfernt wurde. In der DDR war davon nichts bekannt. Unterstützt von Marschall Shukow hatte er die Mitglieder des Zentralkomitees mit Militärflugzeugen zu einer Sondersitzung nach Moskau befördern lassen und auf dieser Sitzung durchgesetzt. Als er 1957 die DDR besuchte. hatte er kurz zuvor den Versuch seiner Gegner im Politbüro. Kaganowitsch. sondern auch der anwesenden DDR-Politiker referierte Chruschtschow bei seinem Besuch der sowjetischen Streitkräfte in Wünsdorf vor großem Publikum in epischer Breite den parteiinternen Konflikt und das Vorgehen »gegen die Fraktionsmitglieder Molotow. entschlossen durchkreuzt.

die für die Sowjetunion lebenswichtig war. Mitteleuropa zur atomwaffe nfreien Zone zu machen. die Ausschaltung der »Molotow-Fraktion« für einen rein innenpolitischen Vorgang zu halten. Überzeugend war er nicht nur auf Massenkundgebungen. Die Entspannung.Gefühlen gelauscht haben. Chruschtschow brauchte freie Hand für den angestrebten Ausgleich mit den USA. und nic ht zu Unrecht wurde ihm Voluntarismus vorgeworfen. das viele seiner vernünftigen Ideen abbremste und schließlich zunichte machte. Für Chruschtschow war der Begriff der friedlichen Koexistenz keine leere Floskel. daß das State Department in Washington Moskaus erneute Vorschläge zu einem Friedensvertrag mit Deutschland unter Rückgriff auf den alten Plan einer Konföderation der beiden deutschen Staaten so skeptisch beurteilte wie ehedem. hat Chruschtschow nie aus dem Auge verloren. wichtige Entscheidungen spontan zu fällen. Aber er war ein Vollblutpolitiker. Auch dem Plan des polnischen Außenministers Rapacki. Gewiß fehlte es Chruschtschow an allgemeiner Bildung und an Realitätssinn. Er neigte dazu. Dennoch schien sich beim Gipfeltreffen zwischen Präsident Eisenhower und Chruschtschow 1959 in Camp David eine neue Phase der Verständigung anzubahnen. denn so etwas hätte essentielle Rechte der westlichen Siegermächte tangiert. Bei der Auswahl seiner Berater hatte er nicht immer eine glückliche Hand. Es wäre ein Irrtum. Eilfertige -131- . stand es ablehnend gegenüber. aus denen hervorging. Meinem Dienst waren die dem Bonner Auswärtigen Amt vorliegenden Berichte bekannt. sondern auch bei vertraulichen Verhandlungen mit Politikern der anderen Seite. Er hatte feste Wurzeln in seiner Vergangenheit und war ebenso fest eingebunden in ein System. der an seine Ideale glaubte. Berlin in eine »freie Stadt« umzuwandeln. und besonders empfindlich schien es auf die Idee zu reagieren.

selbst wenn man alle wichtigen Zeitungen las und die Berichte der bundesdeutschen Botschaft in Washington studierte. Die Einschätzung des Auswärtigen Amtes verriet zusammen mit anderen Quellen Adenauers Sorge. setzte auch von Moskau aus ein positives Zeichen. Mit den Republikanern Eisenhower und Dulles hatte Adena uer sich gut verstanden. Kennedy und seine neue Mannschaft zu beschaffen. zu einer eigenen Wertung zu gelangen. die Medien feierten den »Geist von Camp David«. Daß die sowjetische Presse seine Antrittsrede in vollem Wortlaut abdruckte.Kommentatoren kündigten bereits das Ende des kalten Krieges an. Es war nicht leicht. daß beide Staatsmänner sich in der heiklen Berlin-Frage nähergekommen seien und für ihr nächstes Treffen in Paris eine Vereinbarung anstrebten. die USA könnten ihre eigenen Interessen über die ihres deutschen Verbündeten stellen. mit der Kennedy sein Amt und die Probleme seiner Regierung anging. weil die sowjetische Raketenabwehr ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vom Himmel holte. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. der in den USA zu dreißig Jahren Gefängnis verurteilt worden war. uns Kenntnisse über John F. den überlebenden Piloten Gary Powers vor Gericht stellte und bei nächs ter Gelegenheit gegen den sowjetischen Kundschafter Rudolf Abel austauschte. die in die -132- . Aber das Pariser Gipfeltreffen kam nicht zustande. die die sowjetischen Vorschläge berücksichtigte. Allmählich begann sich für mich ein Bild der unkonventionellen Art abzuzeichnen. soweit wir Zugang zu ihnen hatten. Von gut informierten amerikanischen Quellen – nicht etwa von unseren sowjetischen Partnern – erfuhren wir. Ein halbes Jahr darauf kündigte sich der Führungswechsel im Weißen Haus an. Fieberhaft versuchten wir. während er dem Demokraten Kennedy mißtraute.

Was hatten wir von einer amerikanischen Regierung zu erwarten. Kennedys Reden -133- . Andererseits konnte Chruschtschow unmittelbar vor der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht. unterlag keinem Zweifel.. Innerhalb der sowjetischen Führung bildete sich erneut eine Gruppe. ein baldiges Gipfeltreffen als Ersatz für den geplatzten Pariser Gipfel vor. In dieser Situation schlug Chruschtschow dem amerikanischen Präsidenten. die gegen Zugeständnisse an den Westen opponierte. Das Bündnis zwischen Sowjetunion und China war zerbrochen. mit dem ersten beinannten Weltraumflug am 12. die West-Berlin-Frage offensiver anzugehen. der mit seinen Beratern nach einer tragfähigen Grundlage für den Umgang mit der Sowjetunion suchte. Keine unserer Quellen konnte die Haltung der USA zur Berlin-Frage einschätzen. und das war Kennedy bewußt. Der Fehlschlag der Schweinebucht-Invasion bewegte Chruschtschow und seine außenpolitischen Berater dazu. der psychologisch das nukleare Ungleichgewicht der Supermächte minderte. Die sowjetische Führung wußte. sondern unterstützte? Denn daß die dort gelandeten Exilkubaner von den USA unterstützt worden waren. die er als Indiz der Führungsschwäche Kennedys deutete. eigene Streitkräfte gegen Kuba zu entsenden. Die wie eine Insel mitten in der DDR liegende Teilstadt war ein gewichtiges Faustpfand. April 1961 einen spektakulären Erfolg verbuchen. die ein Unternehmen wie die Intervention in der kubanischen Schweinebucht vom April 1961 nicht nur tolerierte. Aufgefallen war ihnen lediglich eine gewisse Zurückhaltung.gegenteilige Richtung wiesen und Schlimmes befürchten ließen. und aus der DDR strömten immer mehr Menschen über die offene Grenze in den Westen. daß die USA mit der Minuteman-Rakete eine Erstschlagwaffe besaßen und daß das Verhältnis bei den Nuklearsprengstoffen 20 : 1 zugunsten der USA stand. zögerte er. Anders als Eisenhower 1954 in Guatemala.

prallten die Standpunkte hart und unvereinbar aufeinander. reagierte er zornig. Kennedy soll nach dem Gespräch gesagt haben: »Es kann ein kalter Winter werden.« Unsere Informationen aus Washington besagten inzwischen.Blockade erarbeitet würden. Aus westlichen Militärstäben hatten wir uns Dokumente zu -134- . unternahm Kennedy in einem Gespräch unter vier Augen den Versuch. Als er entgegen seinen Erwartungen in Kennedy alles andere als einen zögernden oder schwachen Kontrahenten vorfand. Die Fernsehbilder vom Gipfeltreffen in Wien zeigten der Öffentlichkeit zwei fröhliche Politiker. und drohte. Chruschtschow beharrte für eine Übereinkunft in der deutschen Frage auf der Bedingung. doch in den Verhandlungen. die abwechselnd in der amerikanischen und in der sowjetischen Botschaft stattfanden. die gefährliche Konfrontation in der Berlin-Frage zu entschärfen.enthielten nicht einmal ein Minimum der üblichen Treuebekenntnisse zu Berlin. Da Chruschtschow nun – womit die USExperten nicht gerechnet hatten – auch hinsichtlich Laos und des Atomtest-Abkommens kein Entgegenkommen zeigte. Vergeblich. daß West-Berlin in eine »freie Stadt« umgewand elt würde. andernfalls bis Ende des Jahres ultimativ mit der DDR einen separaten Friedensvertrag mit allen Konsequenzen zu schließen – womit vor allem die Kontrolle der Verbindungswege nach West-Berlin inklusive der Luftkorridore gemeint war. Im nachhinein wissen wir. daß es zum Krieg gekommen wäre. die freundschaftlich miteinander umgingen. daß die Kontrahenten sich gegenseitig die Verantwortung für den Fall zuschoben. und Washington lancierte ähnlichlautende Meldungen in der Öffentlichkeit. daß im Pentagon hektisch militärische Gegenmaßnahmen für den Fall einer Berlin.

Für Klarheit sorgte eine Fernsehansprache Kennedys Ende Juli 1961. trat den Rückzug an. die befürchtete Kriegsgefahr war abgewendet«. Verteidigungsminister McNamara schlug vor. London und Paris auf.einem Stufenplan verschafft. doch am Ernst der Lage nach dem Gipfel von Wien war nicht zu zweifeln. Chruschtschow. schrieb Willy Brandt in seinen Erinnerungen. So sah die Situation aus. blieben unangetastet. August 1961 bestanden hatte. in der er sich unmißverständlich zu den Verpflichtungen gegenüber West-Berlin bekannte und jede Aggression gegen die Stadt als »Angriff auf uns alle« bezeichnete. Natürlich mußten wir mit der Möglichkeit rechnen. freier Zugang und Lebensfähigkeit der Stadt – hatten die Grenze zwischen Krieg und Frieden abgesteckt. den nationalen Notstand zu verkünden. -135- . an jenem Sonntag morgen waren. auf West-Berlin bezogen. So groß der Schock. nicht Kennedy. die mögliche Sperren mit Waffengewalt durchbrechen sollten. der vergeblich energische Reaktionen der Westmächte einforderte. und ein anderer Plan sah für den Fall einer Blockade West-Berlins sogar den begrenzten atomaren Erstschlag als Warnung vor. die Empörung und die Verzweiflung der Berliner und des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin. Auch wenn Chruschtschow noch für eine Weile seinen separaten Friedensvertrag mit der DDR im Munde führen sollte. der Fahrten amerikanischer Garnisonen nach West-Berlin vorsah. daß die Konfidenten unserer Quellen diese Informationen absichtlich durchsickern ließen. um die Reaktion der Sowjets zu testen. da die bedrohliche Krise um Berlin entschärft war. »Ihre Rechte. waren die Würfel nunmehr gefallen. Die unerwartet entschiedene Haltung Kennedys und die Betonung der drei essentials in der Berlin-Frage – Anwesenheit der westlichen Alliierten. die bis zum Morgen des 13. so erleichtert atmeten die Politiker in Washington.

Kennedy wurde erst Stunden später informiert. besser als ein Krieg. an der Schraube des freien Zugangs nach West-Berlin zu drehen. wo dieser. die er richtig voraussah. verdammt noch mal. Allan Lightner. setzte aber seine unterbrochene Segelpartie fort. seinerzeit als »Held der Luftbrücke« gefeiert. bekannt als erbitterter Kommunistenfresser und hitziger Amateurpolitiker. Auch Chruschtschow befand sich an diesem Sonntag fernab von Moskau am Schwarzen Meer. und Ulbrichts Wünschen. sie haben jedes Recht dazu. August so unvorbereitet wie meinen Dienst. der höchste Zivilbeamte der US-Mission in -136- . daß man Ruhe bewahren werde. Ein Fernsehinterview des amerikanischen Senators Fulbright vom 30. können sie das nächste Woche tun – und sogar ohne vertragsbrüchig zu werden. einen Riegel vorgeschoben. nachdem er den obligatorischen »feierlichen Protest« ausgesprochen und Weisung gegeben ha tte. die lautete: »Eine Mauer ist. Die Reaktion Washingtons. Clay. daß die drei essentials nicht verletzt wurden. weshalb die Ostdeutschen ihre Grenzen nicht schon längst zugemacht haben. denn ich glaube. konnte er in seinem Urlaubsdomizil Pizunda auf der Krim gelassen abwarten.« Jahre später wurde Kennedys drastische Bemerkung bekannt. Kennedy hatte General Lucius D. um große Politik zu machen. hatte er doch peinlich darauf geachtet.Sämtliche westliche Geheimdienste traf der 13. wie er sie verstand. Juli – keine zwei Wochen vor dem Mauerbau – war von der deutschen Öffentlichkeit seltsamerweise nicht beachtet worden.« Die erste große Aufregung schien verflogen. als Boten der »moralischen Aufrüstung« nach WestBerlin entsandt. darin hatte der einflußreiche Außenpolitiker unter anderem ge sagt: »Wenn sie die Grenze abriegeln wollen. die Lage nicht zu verschärfen. als ein Zwischenfall noch einmal für Schrecken sorgte. einen relativ unbedeutenden Vorfall benutzte. Ich verstehe nicht. sondern der Sowjetunion zu signalisieren.

ohne sich auszuweisen. als Kennedy fast zwei Jahre nach Errichtung der Mauer im Juni 1963 WestBerlin besuchte und vor fast 400000 Menschen die berühmten Worte »Ich bin ein Berliner!« rief. Zurückgewiesen. worauf hinter der Grenze sowjetische Panzer erschienen. nicht aber der kalte Krieg. Er entsandte zunächst zwei Militärpolizisten in Zivil samt riesigem Presseaufgebot an einen Grenzübergang nach Ost-Berlin. obwohl die militärischen wie die zivilen Angehörigen der Westmächte das Recht auf ungehinderten Zugang nach Ost-Berlin besaßen. Mit seinem Rücktritt im Oktober 1963 zollte der siebenundachtzigjährige Kanzler Adenauer nicht nur dem Alter Tribut. Worte. war am Checkpoint Charly von einem DDRPosten aufgefordert worden. die Posten zu passieren. wobei das Beispiel der Flexibilität des bewunderten amerikanischen Präsidenten sicher keine geringe Rolle spielte. Seine Zeit war auch im übertragenen Sinn abgelaufen. Eine Woche nach Kennedys BerlinBesuch hielt Egon Bahr eine vielbeachtete Rede vor der -137- . kehrten sie in Begleitung von drei Jeeps mit Soldaten in voller Kampfausrüstung zurück. und selbst in seiner eigenen Partei mehrten sich Anzeichen der Unzufriedenheit. und Washington rief Clay aus West-Berlin zurück. Eine aktuelle Krise war wieder einmal überwunden. die eine Absage an Chruschtschow waren. um ein Exempel zu statuieren. und am dritten Tag ließ Clay zur Krönung der Veranstaltung Panzer am Checkpoint Charly auffahren. sich auszuweisen. daß bundesdeutsche Politiker vermehrt vom Gedanken der Konfrontation mit der östlichen Großmacht abrückten. beide Seiten zogen ihre Panzer ab. Und dennoch nahm beinahe unmerklich eine neue Phase in der Weltpolitik ihren Beginn. Das wurde uns mehr als deutlich. Sogleich sah Clay die Stunde gekommen. wo sie versuchten. Mit ihm war keine Entspannung möglich gewesen. Auch wir merkten. wiederholten das ganze Spektakel an drei Tagen hintereinander.West-Berlin. Dann wurde es Moskau und Washington zu bunt.

« Durch die Grenzschließung am 13. Es konnte vorkommen. Die Praxis der Übersiedlung mußte völlig neu durchdacht werden. Willy Brandt erklärte auf derselben Tagung: »Es gibt eine Lösung der deutschen Frage nur mit der Sowjetunion. Manche unserer Kandidaten statteten wir mit der Identität von Opfern der Luftangriffe auf Dresden aus. und da die grüne Grenze noch nicht so dicht war. deren Tragweite damals nicht vorauszusehen war. So kam es zu der paradoxen Situation. weil die vielen Flüchtlinge unter den Toten nicht vom zentralen Melderegister erfaßt waren. daß die Grenzkontrollen der eigenen Seite für unseren Nachrichtendienst das weitaus größere Problem waren als die relativ harmlosen Kontrollen auf der Westseite. gingen wir das Wagnis ein. Sie wurde sehr viel aufwendiger. die für unsere westlichen Informanten oft leichter zu bewerkstelligen waren als DDR-Besuche.Evangelischen Akademie in Tutzing. angefangen bei den erforderlichen Papieren bis hin zur Durchforstung des bundesdeutschen Meldesystems nach Lücken bei Zuzügen aus dem Ausland. nicht gegen sie. Jetzt war dieser Weg versperrt. unsere Mitarbeiter im großen Flüchtlingsstrom nach Westen mitschwimmen zu lassen. Bis zur Grenzschließung war es ein leichtes gewesen. an die Identität unserer Quellen und Illegalen heranzukommen. Eine Reihe von Aussiedlungskandidaten steckte mitten in der Vorbereitung. daß der ursprüngliche Inhaber einer solchen Identität noch lebte und sich -138- . was wir strikt ablehnen. unsere Leute über Fluchtwege auszuschleusen. mußten nun so eingerichtet werden. August 1961 war mein Dienst nicht nur in der prekären Lage. Sogar Treffen am Rand der Transitautobahnen. den Grenzverkehr unserer Kuriere und Agenten neu organisieren zu müssen. daß wir dabei nicht ins Visier unserer Abwehr gerieten. sondern sah sich obendrein den Bestrebungen der Mielke unterstellten Abwehr ausgesetzt. Sie hatte das Thema »Wandel durch Annäherung« und ist später als Konzeption einer neuen Ostpolitik in die Geschichte eingegangen.

der Vorsitzende des KGB. die auch darin gründeten. Sie lebten im ständigen Zweikampf mit der Peiltechnik der gegnerischen Abwehr. die für die Übersiedlungen zuständig war. und der sogenannten illegalen Linie der Ersten Hauptverwaltung des KGB entwickelten sich im Lauf der Jahre enge. funktionieren mußten. In den ersten Jahren mußten unsere Männer und Frauen das Funken noch mühselig an Morsetasten lernen und üben. blieb immer eines der wichtigsten Verbindungsmittel. Dazu dienten ihnen eigens gefertigte getarnte Kleinstgeräte. Unsere Abteilung VI war für die Herstellung sämtlicher Dokumente zuständig. die benötigt wurden. bildeten wir die illegalen Residenten im Senden und Empfangen verschlüsselter Funksprüche aus. aber oft kam es nicht vor. ja freundschaftliche Arbeitsbeziehungen.in der Bundesrepublik aufhielt. während sie zuletzt den chiffrierten Text ohne viel Aufhebens in wenigen Sekunden über einen Schnellgeber absetzen konnten. die ständig verbessert wurden. daß Jurij Andropow. also bei Unterbrechung aller im Frieden offenen Verbindungswege. Zwischen der Abteilung VI unserer HVA. Da unsere Vorkehrungen auch im Ernstfall. der nicht größer als eine Zigarettenschachtel war. das Senden von der Zentrale ins Einsatzgebiet. Eine wahre Meisterleistung vollbrachten die Experten dieser Abteilung nach meinem Ausscheiden aus dem Dienst: die weltweit von Kennern neidlos bewunderte Fälschung der vermeintlich fälschungssicheren neuen bundesdeutschen Reisepässe und Personalausweise. Mit einem im Handel erhältlichen Gerät – möglichst mit gespreizter Kurzwelle – konnte der Empfänger -139- . die Grenzen der nachrichtendienstlichen Möglichkeiten legaler Residenturen in Auslandsvertretungen richtig einschätzte und sich für die Stärkung der illegalen Linie aussprach. Der einseitige Funk. doch keiner unserer Leute wurde durch das Funken entdeckt.

-140- . so daß unsere Quellen in keinerlei Weise von zehntausenden anderer Personen. Auf die fatalen Folgen der Entschlüsselung unserer Funksprüche aus der Zeit vor 1961 komme ich später noch zurück. So gut und einfach diese Methode war. hing doch alles von der Zuverlässigkeit des Chiffresystems ab. die irgendwann in unser Blickfeld gerieten. entweder mit einem normalen Gerät die geringe Wahrscheinlichkeit in Kauf zu nehmen. Die ständig wiederkehrenden Bestrebungen Mielkes und der Abwehr. das er Rundspruchdienst nannte. war die zentrale Erfassung für die HVA ausschließlich mit vier Grunddaten zur Person möglich. In Anbetracht all dessen war es nur zu verständlich. daß man angepeilt wurde. gegen die ich mich ebenso unermüdlich zur Wehr setzte. Um die Mitte der 70er Jahre tauchte ein neues. Der Bundesnachrichtendienst praktizierte übrigens das gleiche System. zu unterscheiden waren oder sind. bestehende Sonderregelungen aufzuheben und eine zentrale Erfassung der Agenturen durchzusetzen. sorgten für dauerhafte Reibung. konnte er schlecht etwas dagegen sagen. der einen im Fall der Entdeckung der Spionage überführen mußte. oder einen speziellen Empfänger zu benutzen. Bis ich den Dienst verließ.die verschlüsselten Funksprüche empfangen. Da er selbst die Konspiration in jedem Befehl und jeder Rede bemühte. Das bedeutete die schwere Entscheidung. bis dahin kaum für möglich gehaltenes technisches Phänomen auf: Normale Radioempfänger konnten durch eine bestimmte Abstrahlung zur Gefahr werden. Niemand außer den unmittelbar mit einem Vorgang befaßten Mitarbeitern durfte irgendwelche Kenntnisse über das Netz und die Identität unserer Agenten besitzen. daß die Regeln der Konspiration von uns ernster denn je genommen wurden. sowohl innerhalb unserer Hauptverwaltung als auch gegenüber den sowjetischen Verbindungsoffizieren und erst recht gegenüber der Abwehr unseres Ministeriums.

mit welcher Zielstrebigkeit und Energie der auf die Sechzig zugehende von Hanstein Verbindungen knüpfte und aktivierte. Es war erstaunlich. Adenauers engstem -141- . Als besonders wertvoll erwiesen sich seine Kontakte zu Heinrich Krone. Anhänger eines humanistischen Weltbilds. des Generalsekretärs der Liga für Menschenrechte. sein Vater und Großvater waren bekannte Wissenschaftler und Schriftsteller gewesen. Der für die christlichen Parteien der Bundesrepublik verantwortliche Referatsleiter der Aufklärung. indem er in der Illegalität untertauchte. Der Einberufung zur Wehrmacht entzog er sich.Die erschwerten Bedingungen beim Grenzübertritt und der Hickhack mit der Abwehr waren nicht unsere einzigen Probleme. schwere personelle Verluste zwangen uns zu erhöhten Anstrengungen. Nach 1933 verdiente er seinen Lebensunterhalt mit historischen Romanen. aber einige Quellen wurden festgenommen. Den ersten Hinweis auf von Hanstein hatte ich von Wilhelm Zaisser erhalten. für uns zu arbeiten und deshalb nach Westdeutschland überzusiedeln. Er entstammte einer alten Adelsfamilie. hatte sich in den Westen abgesetzt und sein gesamtes Wissen der Gegenseite verraten. als er sich gegen die aufkommende NS-Bewegung wandte. der zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Wolfram von Hanstein folgte dieser Tradition. Von Hanstein hatte sich unserer Zusammenarbeit mit Leib und Seele verschrieben und eine große Zahl wichtiger Verbindungen aufgebaut. sondern auch seine Frau ohne Zögern bereit. Besonders hart traf uns die Verhaftung Wolfram von Hansteins. Ihr Grundstück samt Villa traten sie an die vom Krieg schwer heimgesuchte Stadt Dresden ab. die wertvolle Einrichtung überließen sie uns zur Nutzung. Wider Erwarten fand sich nicht nur er. Von Hanstein war einige Jahre in der Sowjetunion inhaftiert gewesen und lebte seit seiner Freilassung in Dresden. Es kam zwar nicht zu einer Wiederholung der seinerzeitigen »Vulkan-Affäre«. Max Heim.

Vertrauten. Mit zwei Millionen hinzugewonnener Stimmen erreichten die Sozialdemokraten ihr bestes Wahlergebnis seit Kriegsende. Sein besonders enger Kontakt zu Stephan Thomas. Wiedergutmachung zu leisten und eine eventuelle Wiederkehr des Nationalsozialismus in Deutschland zu verhindern. Ebenfalls von Heim verraten wurde Freiherr von Epp. dem Minister für Gesamtdeutsche Fragen und führenden Kopf des Kuratoriums Unteilbares Deutschland (KUD). der als Sonderminister für Sicherheitsfragen zuständig war. Wie sehr von Hanstein uns verbunden war. Von Hanstein konzentrierte sich vorrangig auf alle Aktivitäten. und nur durch längere Debatten war er von diesen Vorstellungen abzubringen. daß er während seiner Haft für uns die Verbindung zu drei interessanten Mithäftlingen herstellte. Zum gleichen Zeitpunkt eröffneten sich in Bonn neue Perspektiven. ein Verwandter jenes berüchtigten Ritters von Epp. Von Epp trat aus freien Stücken mit uns in Verbindung. Zum erstenmal war nicht nur in haltlosen -142- . der Träger eines in Deutschland bekannten Namens. Als er verraten wurde. Seine Tätigkeit im Kuratorium Unteilbares Deutschland ermöglichte uns Einblicke in die konzeptionellen Vorstellungen der Bonner Regierung und die Koordinierung der Opposition. Er war von dem Drang erfüllt. wo er 1965 verstarb. dem Leiter des Ostbüros der SPD. und zu Ernst Lemmer. Bei den ersten Gesprächen unterbreitete er mir abenteuerliche Vorschläge. die bis an die Grenze des Terrorismus gingen. zeigt am deutlichsten vielleicht der Umstand. der in den Anfängen der NSDAP eine Rolle gespielt hatte. und seine Kontakte zu den Komitees »Rettet die Freiheit« und »Vereinigung der Opfer des Stalinismus« verhalfen uns frühzeitig zu allem Wissenswerten über diese Organisationen. Nach seiner Freilassung kehrte er in die DDR zurück. die gegen die DDR und andere sozialistische Staaten gerichtet waren. hatte er gerade eine vielversprechende Quelle in der CDU erschlossen.

die zum Abbau des kalten Krieges und zu eine r dauerhaften Entspannung führen konnten. Es kam nicht zur großen Koalition. Doch für uns galt es. auch die geringsten Anzeichen zu verfolgen und zu bewerten.Spekulationen von einer möglichen Regierungsbeteiligung der SPD die Rede. die Regierungspolitik wurde weiterhin von Christdemokraten und Freien Demokraten bestimmt. -143- .

schnitten sie eine Weinrebe ab. Buch Mose wird geschildert. übernachteten – ein erstes Aufeinandertreffen der zwei weltältesten Gewerbe. daß die Verknüpfung von Spionage und Liebe naheliegend. daß zwei der Männer sie an einer Stange nach Hause tragen mußten. mit einer Traube. wie der Herr Mose gebot. gründete. wo diese im Hause der Rahab. den finanziellen Motiven und denen des unbefriedigten Ehrgeizes auch das der -144- . indem sie ihr das Leben retteten. Die Abwehrleute des Königs von Jericho informierten ihn von der Anwesenheit der Fremden in Rahabs Haus. wie Josua als Amtsnachfolger Mose zwei Kundschafter nach Jericho entsandte. Im Buch Josua erfahren wir. und wie Mose zwölf Männer auswählte. Zu den vielfältigen Ursprüngen. ja zwangsläufig ist. Hosea. diese seien aber bereits abgereist. So rettete sie zwei sehr geheimen Agenten das Leben. aus jedem Stamm einen. sie habe zwar Fremde bewirtet. Nachdem die Kundschafter Informationen über die Bewohner Kanaans und die Wirtschaftspolitik des Landes. die so schwer war. gehört neben der politischen Überzeugung. die sich für meinen Dienst engagierten. in dem Milch und Honig floß. dem Sohne Nuns. sondern so alt wie das Zweitälteste Gewerbe der Welt selbst. Einem der Männer.6 Spionage aus Liebe Die enge Verbindung zwischen Spionage und Liebesgeschichten ist weder eine Erfindung der Kolportage noch der Geheimdienste. gesammelt hatten. Weniger launig läßt sich feststellen. in denen die Motivation derer. einer Dirne. die sich später revanchierten. gab er in bester geheimdienstlicher Tradition den Decknamen Josua. versteckte sie die Spione auf dem Dach und behauptete gegenüber den Ermittlern. Im 4. dem Idealismus. Männer als Kundschafter in das Land Kanaan zu entsenden. Als Rahab die nahenden Tugendwächter erspähte.

hat damit zu tun. um auf diesem Weg die Geheimnisse der Bonner Regierung auszukundschaften.Liebe. Was blieb. die wir in den Westen entsandten. die für unseren Dienst lohnende Aussichten beinhalteten. an der »Felix« noch lange zu tragen hatte. Daß dieses Romeo-Klischee überhaupt entstehen konnte. damit sie dort den ledigen Fräulein den Kopf und den Verstand verdrehten. Ein erster »Romeo« war zweifellos »Felix«. Das aber bedeutete noch lange nicht. waren ein gebrochenes Herz. der Zuneigung zu einem Mitarbeiter meines Dienstes. die sich für die HVA in die Bundesrepublik aufmachten. den Bereich der Phantasie. waren in den weitaus meisten Fällen Männer und nicht Frauen. dessen Liebe zu seiner Quelle »Norma« in Bonn so unglücklich endete. eine moralische Bürde. alleinstehende Männer waren. Daß sie im Westen Freundinnen kennenlernten. meine HV Aufklärung habe regelrechte Romeo-Spione auf unschuldige weibliche Wesen in der Bundesrepublik angesetzt. Die wohl eher mediengerechte Behauptung. unsere Leute davon abzuhalten. war von unserer Seite aus nicht untersagt. daß wir »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur« in Herzensdingen in die Bundesrepublik aussandten. Glaubhafte »Legenden« waren für Ehepaare weit schwieriger zu erstellen als für Alleinstehende. und die Erinnerung an eine entfernte Bekannte. in der die jeweils neuesten Hilfmittel für den Agenten 007 erfunden und getestet werden. als wir ihn Hals über Kopf abziehen mußten. von der er den -145- . und wenn sich dabei Bekanntschaften ergaben. Herzensbrecher ausgebildet zu haben. gewann schnell ein unausrottbares Eigenleben. daß die meisten Kundschafter. Es handelte sich um eine Sekretärin in Globkes Büro. die er uns als mögliche Quelle empfahl. sahen wir es nicht als geboten an. und seitdem haftet meinem Dienst der zweifelhafte Ruf an. Ich brauche wohl nicht eigens zu betonen. daß eine solche Abteilung in den gleichen Bereich gehört wie die des MI 5. Alleinstehende.

dessen Souveränität sie nur belächeln konnte.Eindruck hatte. Leider verschlimmerte ein Lungenleiden »Astors« sich so -146- . Seine Mitgliedschaft in der NSDAP. kam uns ebenso wie seine Beziehung zu anderen einstigen Offizieren aus der Umgebung Kesselrings zugute. wo Regierungsmitglieder verkehrten. die »Felix« genannt hatte. seine Freundin anzuwerben. ebenso über Gehlens Kontakte zum Kanzler und dessen Staatssekretär Globke. indem er sich als sowjetischer Aufklärungsoffizier ausgab. Das fanden wir merkwürdig. aber sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen: Eine Großmacht wie die UdSSR war für seine Geliebte etwas ganz anderes als ein Staat wie die DDR. um seine Möglichkeiten in Richtung Bonn zu aktivieren und eine glaubwürdige Geschichte für seinen Weggang aus der DDR zu ersinnen. Deckname Astor. Sie wurden ein Paar. Er wurde Immobilienmakler und trat in den exklusiven Fliegersportklub von Hangelar ein. In einem abgelegenen Wintersportort in der Schweiz fand die offizielle Anwerbung statt. Nach seiner Entlassung bekannte er sich zu den Zielen der DDR und trat der Nationaldemokratische Partei Deutschlands – NDPD – bei. der Dame. sie könne durch den richtigen Mann möglicherweise beeinflußbar sein. Schon in der ersten Phase der Bekanntschaft »Astors« mit »Gudrun« erhielten wir Informationen über Personen und Vorgänge aus Adenauers unmittelbarer Umgebung. als Kandidaten. Ähnlich anderen Offizieren hatte er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft eine politische Wandlung durchgemacht. Vor diesem Hintergrund knüpfte er unaufdringlich eine Beziehung zu »Gudrun« an. in der zahlreiche ehemalige Offiziere und kleine Mitläufer der Nazis eine neue politische Heimat fanden. Er war Sportflieger und ehemaliger Major im Stab des Generalfeldmarschalls Kesselring. Nach einiger Zeit schlug »Astor« vor. Mitte der 50er Jahre machte er sich auf nach Bonn.. die er nicht verschwiegen hatte. Wir entschieden uns für Herbert S.

1961 fuhr er in unserem Auftrag nach Bonn. passenderweise mit dem Namen Margarete. Unser Mann überlegte. daß sie zunehmend Gewissensbisse habe. Eine gute Besetzung war auch Roland G. seiner Freundin. um dort eine Frau kennenzulernen.dramatisch. was uns vorschwebte.. daß wir ihn zurückholen mußten. fleißig. sittsam und scheu. dessen Rücktritt im Jahr 1963 wir um einiges beschleunigt haben. das Wissen. Eines Tages jedoch eröffnete sie ihm. Sie hatte aus Liebe zu ihm spioniert. indem er sich als Offizier der dänischen militärischen Aufklärung ausgab. der auf der Bühne vielleicht eher den Don Giovanni als den jugendlichen Romeo gegeben hätte. die als Dolmetscherin an der Nato-Zentrale in Fontainebleau bei Paris arbeitete. Es gelang ihm. wo er als galanter Verehrer glänzte. kannte das Wort Niederlage nicht. Unser Zielobjekt. nicht aus Neugierde oder Abenteuerlust. Doch Ro land G. Er war ein hochintelligenter. Das Ende der Beziehung gab uns jedoch Gelegenheit. Im Verlauf dieser Reise verführte er die junge Dame und enthüllte ihr seine Identität als Spion. Margarete zu einer Reise nach Wien zu überreden. der geborene Kand idat für das. war hübsch und katholisch. in unserer Kampagne gegen Globke zu verwenden. Zu diesem Zweck schlüpfte er in die Rolle eines dänischen Journalisten namens Kai Petersen und sprach Deutsch mit dänischem Akzent. was -147- . gutaussehender Mann mit dem Naturtalent. die er an uns weitergab. in jede Rolle zu schlüpfen. und das bedeutete das Ende der Zusammenarbeit mit »Gudrun«. verstärkt durch den Umstand. der im Kunsthistorischen Museum ebenso zu Hause war wie im Prater oder beim Heurigen. daß sie in der Sünde mit ihm zusammenlebte. Eine Zeitlang ging alles gut: Margarete beschaffte ihrem Geliebten Nato-Geheiminformationen. Andere Romeo-Agenten hatten sich bereits vergeblich um sie bemüht. Direktor eines angesehenen Theaters in Sachsen. kurzum. das wir durch »Gudrun« erworben hatten.

blieb Margarete im Westen. zurückziehen mußten. wie uns eine unserer besten Quellen verlorenging. beriet sich mit seinen Verbindungsleuten in KarlMarx-Stadt und begab sich zusammen mit Margarete nach Jutland. Weniger Glück hatten wir mit der Quelle »Hulda«. die uns über Jahre hinweg wertvolle Informationen aus dem Bundeskanzleramt lieferte. daß niemand – und schon gar keine Frau – gegen den eigenen Willen zur Spionage gezwungen werden kann. als Feldkaplan verkleidet. Obwohl sie eine Zeitlang sogar bereit war. der eigens hatte Dänisch lernen müssen. dann beweisen sie. Als wir Roland G. mußten wir ohnmächtig mitansehen. Unser Mann mit dem Decknamen Reggentin fand keinen anderen Weg. um ein neues Leben mit ihm zu beginnen. Als die Abwehr unserem Mann auf die Fährte kam und wir ihn überstürzt abziehen mußten. Wenn diese Romeo-Fälle etwas beweisen. um Margarete die Beichte abzunehmen. Das bestätigt auch der Fall einer Quelle mit Decknamen Schneider. um an die gesuchten Informationen heranzukommen. Wie »Gudrun« hatte auch sie nur um des geliebten Mannes willen spioniert. als sie zu ehelichen. dem sie alles gestand und der sie dazu bewegte. Sie hatte sich in unseren Mitarbeiter verliebt und sogar um seinetwillen dessen politische Überzeugung zu der ihren gemacht. Dort erwartete sie ein Mitarbeiter unseres Dienstes. ihre Stelle zu kündigen.zu tun sei. bei einem Treffen in der DDR bat sie um Aufnahme in die SED. verlor sie bald das Interesse daran. doch selbst nach der Eheschließung blieb »Hulda« ihrem Dienstherrn Rainer Barzel gegenüber loyal und ihrem Ehemann gegenüber enttäuschend zugeknöpft. war es ein herbes Erwachen für die -148- . er sei ins Visier der Abwehr geraten. Nach seinem Abzug war sie weiterhin für uns tätig. doch eines Tages trat ein anderer Mann in ihr Leben. einen anderen Agenten mit Material zu versorgen. Obwohl sie auch danach noch zu Treffs nach OstBerlin kam. weil wir fürchteten.

Gerda S. Was dann geschah. Herbert – Deckname Kranz – entdeckte Gerda seine wahre Identität. hatte zu Beginn der 60er Jahre als Neunzehnjährige an der Pariser Sprachenschule Alliance Française ihren späteren Ehemann und Führungsoffizier Herbert S. kennengelernt. was leider den Zustand der Ehe zwischen »Rita« und »Kranz« widerspiegelte. Doch nun begann es in unserer Zusammenarbeit zu kriseln. um es euphemistisch auszudrücken. und »Rita« war kein ängstliches Naturell. und seine Frau hatte in Warschau einen westdeutschen Journalisten kennengelernt. wo die Telegramme aller bundesdeutschen Botschaften dechiffriert und weitergeleitet wurden. dem Nachrichtenzentrum des Auswärtigen Amtes. Der Arbeitsstil bei Telco war lässig. der Enttarnung knapp entronnen. Herbert S.. Als sie für drei Monate als Chiffreuse an die deutsche Botschaft in Washington versetzt wurde. in den sie sich verliebte und dem sie ihr Herz ausschüttete. daß sie ihre Meinung ändern und nicht nach Bonn -149- . klingt eher wie ein Spionagekrimi als wie die nüchterne Realität: Herbert S. Anfang der 70er Jahre wurde »Rita« dann an die Bonner Mission in Warschau versetzt. daß »Rita« ihn anrief und ihm eine Warnung zukommen ließ. und das mit außergewöhnlicher Effizienz. Aus der Liebelei wurde Liebe. immer wieder stopfte sie kaltblütig meterlange Telegrafenpapierstreifen in ihre geräumige Handtasche und spazierte damit aus dem Haus. Gerda O. erhielten wir durch sie ungeahnte Einblicke in Interna der deutschamerikanischen Beziehungen. Die Zuneigung zu »Kranz« war immerhin noch so lebendig. Ab 1966 war sie in der Abteilung Telco tätig. und sie arbeitete von da an bewußt für unseren Dienst unter dem Decknamen Rita. einen getarnten Agenten des BND. wurde in der Warschauer Villa des bundesdeutschen Botschafters argusäugig bewacht. hatte in der Bundesrepublik bleiben müssen.Getäuschte. saß bei uns. ohne daß man sie durchsucht hätte. Noch hofften wir.

Doch kaum aus dem Westen abgezogen. doch eine solche Chance ergab sich nicht. obwohl er ihr notgedrungen reinen Wein einschenkte. und »Kranz« war in der Bundesrepublik durch seine Enttarnung verbrannt. weil sie gern für Kolleginnen einsprang. daß die Seite im Heiratsregister mit ihrem Eintrag nach der Veranstaltung entfernt und vernichtet wurde. doch dann schüttelte sie den Kopf und stieg ins Flugzeug. was sie wußte. Was sie nicht wußten.zurückkehren würde. Trotz unserer Bedenken ließen wir ihr Papiere auf ihren Mädchennamen ausstellen. »Rita« hatte den westdeutschen Behörden bereitwillig alles über uns erzählt. und in einem Standesamt in Lichtenberg gaben die beiden sich das Jawort. war. wollte sie ihn unbedingt heiraten. Meine polnischen Kollegen versprachen mir. wenigstens in der DDR. die eine feste Beziehung mit ihm einging. Sie zögerte für einen Augenblick – der dem Botschafter zweifellos wie eine Ewigkeit vorgekommen sein muß –. denn dann konnte sie in Ruhe die Extrakopien für unseren Dienst machen. Deckname Inge. Als der Botschafter und ein Botschaftsrat zusammen mit zwei BND-Mitarbeitern »Rita« zur Abfertigung am Flughafen begleitete. um »Ritas« Abflug zu verhindern. Obwohl »Inge« wußte. doch vergebens. als »Inge« ohne -150- . Erst Jahre später. suchte sich zielstrebig eine Stelle in Bonn und fand tatsächlich in relativ kurzer Zeit eine Anstellung im Bundeskanzleramt. trat dort ein polnischer Offizier vor und bot ihr Asyl in Warschau an. Seine neue Liebe. daß ein Eheleben mit »Kranz« in der Bundesrepublik nicht möglich gewesen wäre. als sie in einer Illustrierten in einem Bericht über »Ritas« Prozeß auf sein Foto und seinen Namen stieß. die geringste Chance zu nutzen. Jahrelang versorgte sie uns von dort mit Informationen. In ihrem Büro war sie beliebt. Für meinen Dienst war das kein Ruhmesblatt. wenn abends länger gearbeitet werden mußte. lernte er im Urlaub an der Schwarzmeerküste Bulgariens eine Frau kennen.

eine Sekretärin in der CDU-Führung. daß sie aus Gewissensgründen diesen Schritt getan habe.eigenes Verschulden enttarnt und verurteilt wurde. daß sich kurz darauf Inge G. sei enttarnt und mitsamt ihrem Ehemann verhaftet worden. die in der Bundesgeschäftsstelle der Partei beschäftigt war? Sicher war nur... in die DDR über und erklärte in einem Fernsehauftritt. Werner Marx. erfuhren die beiden zu ihrer Empörung. Am selben Abend noch ordnete ich den Rückzug an. die uns bisher sicher vorgekommen war. dessen Tod nicht registriert war. Das Jahr 1979 war ein schwarzes Jahr für meinen Dienst. diese Tarnung. wurde Anfang des Jahres enttarnt und verhaftet.. daß allen drei Frauen eines gemeinsam war: Ihre Ehemänner oder Lebensgefährten stammten aus der DDR. Die Medien behaupteten. die Sekretärin von Dr. daß ihre Ehe bislang null und nichtig gewesen war. Sekretärin des Staatssekretärs Manfred Lahnstein. die für den Generalsekretär der CDU arbeitete? Oder »Herta«. Ingrid Garbe. ohne Aufsehen. Sekretärin in der bundesdeutschen NatoBotschaft. Mitarbeiterin des NatoGeneralsekretariats. eine sogenannte Doppelgängerexistenz. Offenbar war es der westdeutschen Abwehr gelungen. Am gleichen Abend wurde in den Nachrichten gemeldet. und ihr Ehemann. So kam es. kein weiteres Risiko einzugehen und vor allem die möglicherweise gefährdeten Quellen in der Bundesrepublik keinem unnötigen Risiko auszusetzen. beschloß ich. lebten unter falscher Identität in der Bundesrepublik und führten mit den Papieren eines Ausgewanderten oder eines Verstorbenen. Ursula H. samt Lebensgefährten und Helga R. zu entschlüsseln. Der Name sagte mir zunächst nichts – war es »Christel«. die im Vorzimmer des außenpolitischen Sprechers der Fraktion saß? Oder »Uta«. Alarmiert durch die Festnahmen innerhalb weniger Wochen. ebenfalls mit ihrem -151- . aber unve rzüglich. Im März trat Ursel Lorenzen. Kurt Biedenkopfs Sekretärin Christel B. sie sei »so gefährlich wie Guillaume« gewesen.

Lebensgefährten, in die DDR absetzten. Die Boulevardpresse überschlug sich – Sekretärinnen, die aus Liebe zu Spioninnen wurden, vielleicht gar aus Gründen sexueller Abhängigkeit oder Angst vor Schlägen, das ließ sich weidlich ausschlachten. Heribert Hellenbroich, damals Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sah die Sache wesentlich differenzierter und sagte dazu: »Die besondere Beziehung entsteht in der Regel ohne Druckmittel, ohne Erpressung, auch Geld spielt keine Rolle, sondern eben nur dieses ideelle Motiv.« Wie aber war die Gegenseite uns mit einemmal auf die Doppelgänger-Identität unserer Männer gekommen? Als in den Nachwehen der Guillaume-Affäre Dr. Richard Meier Günther Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz abgelöst hatte, waren in dieser Behörde mit einem Schlag größere Professionalität und höhere Effizienz eingekehrt, und das bekamen wir durch Rückschläge und Erschwernisse unserer Arbeit schmerzlich zu spüren. Die Verhaftungen unserer Quellen Anfang 1979 und mein Entschluß, alle eventuell gefährdeten Personen zurückzurufen, waren die späte und für meinen Dienst schmerzlichste Folge der sogenannten Aktion Anmeldung, durch die der Verfassungsschutz seit Beginn der 70er Jahre gezielt alle aus dem Ausland in die Bundesrepublik einreisenden Personen auf bestimmte Rastermerkmale überprüfte. Scharen von Rentnern durchkämmten die Karteien der westdeutschen Meldebehörden, und Zollbeamte waren angewiesen, männliche Einzelreisende aus der DDR im Alter zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig Jahren mit auffallend wenig Gepäck und unmodischem Haarschnitt besonders scharf ins Auge zu fassen und auszufragen. Immer wieder hatten wir uns den Kopf zerbrochen, wenn ausgerechnet Mitarbeiter mit guten Papieren den Argwohn der
-152-

bundesdeutschen Abwehr erregten, doch diese Einzelfälle hatten wir dem Zufall oder – Alptraum jedes Geheimdienstes der Tätigkeit eines Maulwurfs zugeschrieben. Erst die unnatürliche Häufung von Enttarnungen in den ersten Monaten des Jahres 1979, gekrönt von einem Fernseha uftritt Dr. Meiers, in dem er die Verhaftung von sechzehn DDR-Spionen bekanntgab, sorgte für unmißverständliche Klarheit. Wir zogen alle Mitarbeiter zurück, die möglicherweise gefährdet waren. Das war zwar aufwendig, aber kein Ding der Unmöglichkeit. Unverständlich bleibt mir, warum der Verfassungsschutz seine »Aktion Anmeldung« damals publik gemacht und uns von sich aus über seine Rasterfahndung aufgeklärt hat. Auf lange Sicht hätte er meinem Dienst mit einer wohldosierten Salamitaktik weit mehr schaden können – materiell mit gezielten Festnahmen und psychologisch durch die Ungewißheit und die Zweifel, die er bei uns gesät hätte. So, wie die Dinge nun lagen, blieben die Auswirkungen der Aktion begrenzt. Nach den ersten spektakulären Festnahmen wurden bis Mitte der 80er Jahre noch etwa zweihundert Falschidentitäten herausgefunden, von denen nur ein minimaler Prozentsatz geheimdienstlich relevant war. Humor bewies die Katholische Nachrichtenagentur, aus der wir wegen der »Aktion Anmeldung« eine Quelle hatten abziehen müssen. Die Agentur schrieb daraufhin einen Brief an Mielke, in dem sie erklärte: »Dieser Mitarbeiter steht in den Diensten Ihres Hauses und ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt.« Da »entgegen den Sitten des Hauses kein sogenannter Ausstand gegeben wurde«, möge Minister Mielke so freundlich sein, an Stelle des Betreffenden die Mitarbeiter der Katholischen Nachrichtenagentur zu einem Umtrunk einzuladen, da dies »der bewährten Zusammenarbeit unserer Häuser« nur zuträglich sein könne.

-153-

Helga Rödiger 1981 Die Ehen von Inge G. und Ursula H., in der Bundesrepublik unter den falschen Namen ihrer Partner geschlossen, blieben in der DDR – nun unter richtigem Namen – stabil. Wie Christel B. konnte auch Helga Rödiger ihren Lebensgefährten erst in der DDR heiraten, und mit ihrer Geschichte, in die ich auch persönlich einbezogen bin, will ich dieses Kapitel beschließen. Unter dem Decknamen Hannelore war Helga Rödiger im Bundeskanzleramt für uns aktiv. Als wir ihren ursprünglichen Verbindungsmann zurückziehen mußten und ihn durch Gerd K. ersetzten, beschloß ich, beim Vorstellungsgespräch der beiden selbst dabei zu sein, da »Hannelore« wissen wollte, ob sie ihrem Chef Manfred Lahnstein in das Finanzministerium folgen sollte oder nicht. Unter dem Deckmantel der Olympischen Winterspiele 1976 trafen wir uns in Innsbruck. Die Gespräche verliefen problemlos, das winterliche Alpenpanorama und der Charme der alten Stadt taten das ihre, und zu meiner großen Erleichterung
-154-

waren sich die beiden auf Anhieb sympathisch. Bald merkte ich, daß zwischen ihnen mehr war als bloße Sympathie. Daß eine Heirat ausgeschlossen war, wußten beide. Dennoch fanden sie einen Weg, ihre Beziehung zu besiegeln, von dem ich erst aus der westdeutschen Boulevardpresse erfuhr, als »Hannelore« enttarnt worden war und beide in die DDR geflüchtet waren. An ihrer Wohnungstür war auf dem Namensschild nicht nur ihr Name zu lesen gewesen, sondern auch der Name K., unter dem ihr Verbindungsmann und Lebensgefährte in der Bundesrepublik firmierte. Das Happy-End dieser Geschichte erlebte ich ebenso mit wie ihren Anfang. Schauplatz der Trauung des überglücklichen Paares war das mittelalterliche Städtchen Wernigerode im Harz, ein kaum weniger romantischer Rahmen als Innsbruck. Leider fand ihr Eheglück nach wenigen Jahren durch den Tod Gerds nach schwerer Krankheit ein allzu frühes Ende.

-155-

7 Der deutschdeutsche Dschungel
Schon Anfang der 50er Jahre kam ich zu dem Schluß, daß eine Wiedervereinigung Deutschlands auf absehbare Zeit unmöglich sein würde. Die Politik der Westmächte und der Bonner Regierung verfolgte andere Ziele. Die Unruhen vom Juni in der DDR 1953 bestärkten sie in ihrer Überzeugung, daß sie mit einer rollback-Strategie den Kommunismus besiegen könnten – durch politischen, wirtschaftlichen und auch militärischen Druck. Konrad Adenauer hatte schon vor Gründung der Bundesrepublik insgeheim einen Kurs verfolgt, der die schnelle Wiederbewaffnung und die Integration Westdeutschlands in ein westeuropäisches Militärbündnis vorbereitete. Obwohl er in seinen öffentlichen Reden die deutsche Einheit beschwor, war uns klar, daß seine Politik eine Annäherung der beiden deutschen Teilstaaten ausschloß. Noch als ich bei Robert Korb in der Informationsabteilung saß, kamen wir konspirativ in den Besitz eines Dokuments, das unsere Befürchtungen bestätigte. Es war der geheime Entwurf des »Generalvertrags«, in dem die Aufrüstung der BRD unter dem Dach einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft konzipiert war. Diese Pläne aufzudecken und nach Möglichkeit zu verhindern, war unsere wichtigste politische Aufgabe in diesen Jahren. Wir fanden dabei nicht wenige Verbündete auch in Westdeutschland, denn Adenauers Kurs war selbst in seinen eigenen Reihen umstritten. Dem Rheinländer wurde vorgeworfen, daß ihm die Franzosen näherstünden als die protestantischpreußischen Deutschen jenseits der Elbe und daß er die Spaltung nutzen wolle, um einen katholisch dominierten Rheinbund zu schaffen. Der Widerstand gegen die Politik Adenauers kam daher auch
-156-

aus rechten Kreisen – von Nazigruppierungen über nationalkonservative Mitglieder der Unionsparteien bis zum nationalliberalen Flügel der FDP. Einige dieser Kanzlergegner suchten den Kontakt mit uns, so Gereke mit seiner 1950 gegründeten Partei, denn die DDR-Führung propagierte zu jener Zeit noch die Wiedervereinigung als Ziel ihrer Deutschlandpolitik. Den Entwurf des »Generalvertrags« lieferte uns eine Agentengruppe, die unter dem Decknamen Kornbrenner arbeitete. An ihrer Spitze stand ein ehemaliger Mitarbeiter des NS-Sicherheitsdienstes SD. Geführt wurde der Agent von einem Widerstandskämpfer jüdischer Abstammung, was für diesen Mann eine beinahe unzumutbare Belastung war. Entgegen allen Legenden, die später in Umlauf gesetzt wurden, war der »Kornbrenner«-Kontakt der einzige Fall, in dem wir die Netze ehemaliger SS- und SD-Angehöriger nutzten. Hätten wir weniger Skrupel gehabt, wären wir schon in den Anfangsjahren unseres Dienstes leichter und schneller in die Spitzen der westdeutschen Geheimdienste und der Bundeswehr eingedrungen. Der sowjetische Nachrichtendienst ging in dieser Hinsicht mit großem Erfolg sehr viel pragmatischer vor. Trotzdem flössen Informationen aus allen möglichen politischen und nachrichtendienstlichen Quellen in unsere Kanäle. Zu einigen Abgeordneten aus dem rechten Lager des Bundestages hatten sich vertrauliche Beziehungen entwickelt. Sie waren unterschiedlicher Natur. Es gab konspirative und politische Kontakte und auch Fälle, in denen die Politiker nur von einem Mitarbeiter »abgeschöpft« wurden, der sie aushorchte, ohne daß es ihnen bewußt war. Einer dieser Kontakte war Erwin Feller von der Partei Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), einem Sammelbecken Rechtskonservativer und ehemaliger Nazis, zeitweiligem Koalitionspartner Adenauers. Feller überredete seinen Fraktionsvorsitzenden Dr. Karl Mocker zu
-157-

deutschlandpolitischen Erklärungen, die im Gegensatz zur Bonner Politik standen und mit den damaligen Positionen der DDR-Führung vereinbar schienen. Bei diesen Kontakten vermengte sich der nachrichtendienstliche Aspekt mit dem Interesse, Einfluß zu nehmen. Gleiches galt für den Minister für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett Adenauer, Ernst Lemmer. Wir waren im Besitz einer Verpflichtungserklärung, die der CDU-Politiker für den sowjetischen Nachrichtendienst unterschrieben hatte. Es wurde von unserer Seite aber nie versucht, ihn damit zu konspirativer Zusammenarbeit zu nötigen. Sein Wissen abzuschöpfen war uns ein leichtes, da er in engem Kontakt zu Wolfram von Hanstein, der für uns arbeitete, und zu unserer amerikanischen Quelle »Maler« stand. Lemmer gehörte zu der Minderheit von Unionspolitikern, die im Widerstand gegen den Nationalsozialismus gewesen waren und nach der Kapitulation in die Politik gingen, um beim Aufbau eines demokratischen Deutschlands mitzuwirken. Hilflos mußten sie mit ansehen, daß Spitzenfunktionen in der Bundesrepublik mit ehemaligen Nationalsozialisten besetzt wurden. Eine antifaschistische Vergangenheit war in Westdeutschland bald ein Karrierehindernis, unter anderem deshalb, weil man Leuten aus dem Widerstand mangelnde antikommunistische Standfestigkeit vorwarf. Dieses Mißtrauen war nicht ganz unberechtigt, denn einige unserer wichtigsten Quellen und politischen Gesprächpartner kamen aus dem Kreis konservativer Nazigegner. Viele hatten wie Lemmer schon im Widerstand Kontakt zu kommunistischen Kreisen gehabt. Sie sahen es als patriotische Pflicht an, gegen den deutschland- und innenpolitischen Kurs Adenauers zu wirken. Gute Kontakte hatten wir schon früh in die bayerische CSU, und sie sollten bis zur Wende nicht abreißen. Eine unserer Quellen gehörte zum Kreis um den Vorsitzenden Dr. Josef Müller, genannt »Ochsensepp«, der Adenauers Politik kritisch
-158-

gegenüberstand. Durch sie erfuhren wir auch erstmals von einem Nachwuchstalent namens Franz Josef Strauß. Politisch schien Strauß damals wie sein Ziehvater Müller undogmatisch und aufgeschlossen zu sein. Uns wurde zugetragen, er habe sich nach Kriegsende sogar zunächst um die Mitgliedschaft in der KPD beworben. Überraschendes erfuhren wir auch über den einflußreichsten CSU-Politiker, den Bundesfinanzminister und Vizekanzler Fritz Schäffer. Den Kontakt zu ihm hielt ein westdeutscher Geschäftsmann, der unter dem Decknamen Markgraf Informant unserer Hauptabteilung Wirtschaft war. »Markgraf« berichtete, daß Schäffer deutschlandpolitische Vorstellungen hege, die in krassem Widerspruch zur Politik seines Regierungschefs standen. Der Vizekanzler dachte angeblich über die Möglichkeit einer deutschen Konföderation nach. Diese Berichte schienen uns wenig glaubwürdig, weil wir es für ausgeschlossen hielten, daß der zweite Mann in der Bonner Regierung Pläne entwickelte, die mit Adenauers Politik unvereinbar waren. Die Skepsis wurde nicht geringer, als »Markgraf« einen Besuch Schäffers in Ost-Berlin ankündigte, bei dem der Vizekanzler mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion und der DDR über seine Konföderationspläne sprechen wollte. Gespräche mit Repräsentanten der »Sowjetzone« waren für Bonn damals ein Tabu, über das sich kein westdeutscher Politiker ungestraft hinwegsetzen durfte. Wir glaubten deshalb »Markgraf« so wenig, daß wir die Nachricht weder an die SEDFührung noch nach Moskau weitergaben, da wir fürchteten, uns zu blamieren. Zu unserer Überraschung stieg dann am 11. Juni 1955 zur angegeben Zeit tatsächlich der Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland nur in Begleitung unseres Informanten am Bahnhof Marx-Engels-Platz aus der S-Bahn. Dort empfingen ihn ein Oberst und der Major, der für die Führung »Markgrafs« verantwortlich war. Zum Glück hatten wir wenigstens einen
-159-

Fotografen verdeckt postiert, der das historische Ereignis im Bild festhielt.

Konspirative Aufnahme von Fritz Schäffers Ankunft in OstBerlin 1955 (»Markgraf«: 2. von rechts)

Konspirative Aufnahme der Begrüßung Fritz Schäffers
-160-

« Er habe ihn auch vor den persönlichen Konsequenzen des Abenteuers gewarnt. Der »Alte« habe ihm allerdings geraten: »Fahren Sie nicht. Wenige Wochen zuvor hatte der österreichische Bundeskanzler Julius -161- . Vincenz Müller. Der Vizekanzler behauptete. Schäffer erklärte bei Müller. daß er ein Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Puschkin erwarte. Der Zeitpunkt für Schäffers Mission war kein Zufall. D. Ich befand mich nun in keiner beneidenswerten Lage.Vincenz Müller Der vorgeschobene Anlaß für Schäffers Ausflug in den Osten war ein Besuch bei General a. Adenauer von dem Besuch informiert zu haben. Gegen eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Grotewohl habe er allerdings noch Bedenken. daß das Unglaubliche wahr geworden war. mit dessen Familie der Vizekanzler befreundet war. Unser Oberst brachte den Gast zunächst in Müllers Wohnung und benachrichtigte mich dann davon. Er wolle lieber fürs erste mit einem DDR-Vertreter unterhalb des Kabinettsrangs reden.

der Wiedervereinigung und Neutralität der Alpenrepublik festschrieb. Als Vertreter der sowjetischen Seite könne mein Verbindungsoffizier Semjon Logatschow fungieren. den nicht eingeweihten Botschafter Puschkin zu mobilisieren. um mit dem Osten Kontakt aufzunehmen. das österreichische Modell auch auf Deutschland zu übertragen. Am 5. -162- . was zu tun sei. Ich rief Ministerpräsidenten Grotewohl an. indem er unter hohem persönlichen Risiko nachrichtendienstliche Wege nutzte. Mai 1955 sollten die Pariser Verträge in Kraft treten. Adenauer hatte entsprechende Vorstöße Moskaus immer als Propagandamanöver abgetan. schilderte ihm die Situation und fragte. mit denen die Meinungsbildung im Kabinett und in der Öffentlichkeit noch zu beeinflussen gewesen wäre. die die Bundesrepublik an das westliche Militärbündnis banden. war es unmöglich. solle ich den Part des Regierungsvertreters übernehmen. Grotewohl entschied.Raab in Moskau die Verhandlungen über einen Staatsvertrag abgeschlossen. Da ich mit meinem sowjetischen Verbindungsoffizier abgesprochen hatte. Verhandlungen über Neutralität und Wiedervereinigung schienen damit obsolet. da Schäffer ohnehin nicht mit ihm reden wolle. die unglaubwürdige Ankündigung des Besuchs nicht nach oben weiterzugeben. daß es auch im Bonner Regierungslager einflußreiche Kräfte gab. der offiziell als Botschaftsrat akkreditiert war. Er hoffte auf konkrete Vorschläge aus dem Osten. Motiv seines Besuchs war offensichtlich zu signalisieren. In der sowjetischen Führung gab es ernsthafte Erwägungen. Der Vizekanzler suchte sie zu ergreifen. Für die Gegner von Adenauers Politik der Westintegration gab es im Frühjahr 1955 nur noch eine letzte Chance. die eine Wiedervereinigung auf dem Verhandlungsweg noch nicht abgeschrieben hatten. um auf diese Mission vorbereitet zu sein. Wir waren also zu überrascht. Der Nato wäre dadurch Westdeutschland als Aufmarschgebiet verlorengegangen.

Schäffer erinnerte an die Vorgeschichte der deutschen Einigung von 1871. das ließen auch die Pariser Verträge zu. gemessen an den entgegengesetzten Plänen Adenauers. Auf unseren Einwand. Daraus könne man lernen. deren Namen ihm unbekannt waren und die ihm viele Fragen stellten. Er zeigte sich gründlich vorbereitet und begann mit einem historischen Exkurs. noch bemerkenswerter. Voraussetzung für die Vereinigung sei.Fritz Schäffer wurde in die kleine Villa am Zeuthener See gefahren. ohne selber konkrete Antworten geben zu können. die uns schon während der Außenministerkonferenz für weniger diplomatische Zwecke gedient hatte. Gingen diese Vorstellungen. Er sagte. schon sehr weit. daß die Entwicklung der letzten zehn Jahre im östlichen Teil Deutschlands nicht einfach rückgängig gemacht werden könne. Man müsse sich da annähern und nicht die Differenzen in den -163- . Er war sichtlich enttäuscht. daß es zunächst zu Vereinbarungen zwischen den beiden Staaten auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet kommen müsse. daß die deutschen Staaten keinem Machtblock angehörten. Er verstehe aber. persönlich sei er ein überzeugter Anhänger der Marktwirtschaft. sich an das Lager der USA zu binden. daß gerade wegen dieser Frage alle Vorschläge der sozialistischen Seite von Bonn zurückgewiesen worden seien und die BRD gerade im Begriff stehe. die er innenpolitisch machen wollte. die schon 1834 mit der Gründung des deutschen Zollvereins eingeleitet worden war. so waren die Kompromisse. als er statt des sowjetischen Botschafters und eines hochrangigen DDR-Vertreters nur uns traf: zwei junge Männer. ein vereintes Deutschland könne sich für neutral erklären. meinte er. Bis dahin müßte die Stärke der Streitkräfte entsprechend der Bevölkerungszahl in beiden Staaten begrenzt werden. entgegnete Schäffer. Eine atomare Bewaffnung käme nicht in Frage. Trotzdem entwickelte der Vizekanzler über annährend zwei Stunden seine Vorstellungen.

eher bescheidene und unauffällige Mann hatte eine andere Vergangenheit als die große Mehrheit der Funktionsträger im Bonner Staat. Vielleicht hätte ich mit einem Gespräch bei Botschafter Puschkin der deutschen Situation helfen können. In meinem Bericht zitierte ich ihn wörtlich: »Ich habe im Zweiten Weltkrieg meinen Sohn verloren. Wichtiger noch schien ihm zu sein. die Fritz Schäffer zu seiner gewagten Initiative trieben. wenn auch widerstrebend. Der alte Fuchs hatte das Scheitern des Alleingangs vorausgesehen. auf dessen Wünsche man deshalb Rücksicht zu nehmen hatte. Das wichtigste sei. Es waren nicht allein nationale Motive. daß sich die beiden Staaten nicht mehr feindlich gegenüberstünden. daß noch einmal Millionen von Familien von solch einem Unglück getroffen werden.« Über unsere Kanäle erfuhren wir. und darum will ich verhindern. warum Adenauer. habe ich nicht alles gesagt. daß eine Annährung der deutschen Staaten die Kriegsgefahr verminderte. Sie demonstrierte. Auf der Rückfahrt sagte er voller Enttäuschung zu unserem Gewährsmann: »Ich habe eine Schlappe erlebt. -164- . Gegenüber den USA konnte er Schäffers Initiative als Trumpfkarte ausspielen. aus dem er 1945 befreit worden war. Adenauer konnte sich als unverzichtbarer Garant der Westintegration präsentieren. die dem Nationalsozialismus aktiv oder zumindest als Mitläufer gedient hatten. Doch als ich die zwei jungen Männer sah. Ich war bereit. wie stark selbst im Kabinett der Widerstand gegen die Bindung der Bundesrepublik an die USA war. Geheimverhandlungen zu führen. seinen Stellvertreter nach Ost-Berlin hatte fahren lassen.« Auch dieser kleine. Er hat sich uns damals nicht ganz offenbart. Schäffer war aus politischen Gründen mehrfach von der Gestapo verhaftet und schließlich in das KZ Dachau gebracht worden.Vordergrund stellen.

Am 20. man habe über aktuelle Themen gesprochen. ohne daß er konkrete Antworten erhielt. Auf meinen Vorschlag übernahm der Volkskammerabgeordnete der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NDPD). weil immer das Mißtrauen blieb. die Scharte auszuwetzen. auch bei Schaffen -165- . die beide deutsche Staaten zusammenführen sollten. die Rolle als Verbindungsmann zum Vizekanzler. waren vage. Oktober 1956 kam der Vizekanzler wieder nach Berlin und sprach diesmal auch mit Botschafter Puschkin. weil das die Hallstein. Andererseits sah man Konföderationspläne mit gemischten Gefühlen. Für den Fall.Doktrin ausgehebelt hätte.Doch Schäffer gab nicht auf. strebte er zunächst eine deutschdeutsche Zusammenarbeit nach dem Vorbild der Benelux-Länder an. Nach einigem Zögern erklärte sich Schäffer zu regelmäßigen Kontakten auch mit unserer Seite bereit. Als einen seiner engsten Vertrauten beschrieb er Franz Josef Strauß. Er traf den Unionspolitiker in München und Bonn. Die DDR-Führung hatte kein Verhandlungskonzept. zum Beispiel über die Gebührenpauschale für die Transitautobahn. Der Einmarsch der Roten Armee in Ungarn zerstörte endgültig alle Wiedervereinigungsillusionen. Moskau könne für eine gesamtdeutsche Neutralität die DDR aufgeben. Schäffer legte weiter Wert auf strikte Geheimhaltung. daß Schäffer immer neue Fragen gestellt wurden. die ich dem Kontaktmann Rühle für die Gespräche geben konnte. gab es die Sprachregelung. Es blieb zunächst dabei. und wir bemühten uns. Einerseits wollte man die vom Vizekanzler angestrebten direkten Verhandlungen zwischen den deutschen Staaten. daß Parteifreunde in seine Pläne eingeweiht seien. Schäffer betonte. Professor Otto Rühle. Die Kontakte wurden mit Hilfe von Vincenz Müller aufrechterhalten. Da sein Ziel – die Vereinigung – immer utopischer zu werden schien. Fern von der politischen Realität entwarf Schäffer Vorschläge. Die Direktiven. daß die Kontakte doch bekannt würden.

wie selektiv Schäffer den Kanzler informiert hatte. die ich dem Vizekanzler hatte geben lassen.Doch im Jahr 1958 machte Ulbricht plötzlich den Vorschlag einer deutschdeutschen Konföderation. Eine abenteuerliche Version der Schäffer-Initiative gibt Franz Josef Strauß in seinen Erinnerungen zum besten. Bonn lehnte brüsk und herablassend ab. »bei dem -166- . Später wurden in Publikationen für Zeitgeschichte sogenannte Dokumentationen des Falles veröffentlicht. die in Absprache mit mir den Kontakt zu Schäffer aufrechterhalten hatten. die allenfalls Halbwahrheiten enthielten. allerdings ohne den nachrichtendienstlichen Hintergrund und meinen Part. weil der ihm »weitreichende Andeutungen« über einen bevorstehenden Putsch der NVA gemacht habe. Adenauer ließ die Untersuchungen der Affäre schnell beenden und nahm seinen Stellvertreter unter den Mantel der Nächstenliebe. der im wesentlichen mit den ursprünglichen Vorstellungen Schäffers übereinstimmte. In Bonn wurde diese Erklärung als »unverschämte Lüge« zurückgewiesen. Ulbricht hatte dabei offensichtlich auf meine Berichte über den Schäffer-Kontakt zurückgegriffen. eine öffentliche Erklärung verfassen. Zu unserer großen Überraschung hatten die Enthüllungen für Schäffer keine Konsequenzen. Das wiederum brachte den mit Berichten wohlgerüsteten Ulbricht dazu. in seinem Plan habe er doch nur die Vorschläge eines Bonner Regierungsmitglieds aufgegriffen. Darin wurde die Initiative des Vizekanzlers korrekt wiedergegeben. Ulbricht erklärte. die Grotewohl im Oktober 1956 mit dem Vermerk versehen hatte: »Einstweilen abwarten. der Vizekanzler habe die Verbindung zu General Müller gesucht. Bonn reagierte hektisch. Sie belegten allerdings. Er ließ General Müller und Professor Rühle. Er behauptet.« Nun aber brach Ulbricht um eines schnellen Propagandaerfolgs willen die Zusage strikter Vertraulichkeit. den Vertrauensbruch noch weiter zu treiben.

Kanter schloß sich der jungen CDU-Truppe an. Hans Kapfinger. Der Versuch des Vizekanzlers. in der Umgebung eines rheinlandpfälzischen Nachwuchspolitikers namens Helmut Kohl plaziert. Zu Kanters politischen und persönlichen Freunden zählte der Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch. Strauß veröffentlichte diesen Unsinn wider besseres Wissen. schon in den 50er Jahren eine Politik der Wiedervereinigung einzuleiten.Ulbricht verhaftet und die ganze Regierung abgesetzt werde«. denn der General kooperierte in dieser Sache aus politischer Überzeugung mit meinem Dienst. in der er Kreisvorsitzender und Bezirksschulungsreferent wurde. Er kannte dadurch den späteren Kanzler persönlich und konnte -167- . Mit Glück und Voraussicht hatten wir unseren dienstältesten Kundschafter in Westdeutschland. Kanter. Wir wußten nicht nur von Schäffer. 1949 verließ er die kommunistische Jugendorganisation und trat nach einer Schamfrist der Jungen Union bei. Über vielfältige Kontakte in die Unionsparteien hatten wir immer ein ziemlich genaues Bild von den Aktivitäten auf der politischen Rechten in der Bundesrepublik bis ins Bundeskanzleramt. ist eine jener Episoden. Im übrigen waren alle Gespräche zwischen Schäffer und Müller unter unserer Kontrolle. Adolf Kanter. die gegen den Widerstand der Parteihonoratioren den Weg für die Karriere von Helmut Kohl bahnte. Unsere Kontakte zu einem seiner engsten Vertrauten. Nach dem Krieg hatte er die FDJ in Rheinland-Pfalz mit aufgebaut und gehörte ihrem Landesvorstand an. bestätigten die Mitwisserschaft von Strauß. Über ihn besorgte er schon früh Spenden für Kohls Mannschaft. dem Verleger und Chefredakteur der Passauer Neuen Presse. Deckname Fichtel. die offenbar aus der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gestrichen werden sollten. daß Strauß in die Konföderationspläne eingeweiht war. war von der Parteiaufklärung zu unserem Dienst gekommen.

. wußten wir spätestens 1974. für Flick bei Parteien und Regierung Informationen zu sammeln und politisch im Sinne des Konzerns Einfluß zu nehmen. als Kanter die Zweckentfremdung von Spenden vorgeworfen wurde. der sich dem Sozialismus verpflichtet fühlte. Seine Arbeit für uns wurde durch die neue Position natürlich noch effektiver. Viele der Beiträge in dem Dienst wurden von unserem Verbindungsmann zu »Fichtel«. K. Es entbehrte nicht der Ironie. der sich seit 1962 regelmäßig mit Kanter traf. Dem Vertreter des Flickkonzerns vertrauten Politiker Geheimnisse an. Außerdem ermöglichten wir ihm die Herausgabe eines Hintergrunddienstes für Verantwortliche aus Wirtschaft und Politik. Daß es sich gelohnt hatte. Zwar endete das Strafverfahren mit einem Freispruch. Dr. »Fichtel« wurde Prokurist und stellvertretender Leiter im Bonner Büro des Flickkonzerns. Mit unserer Hilfe etablierte er ein Bonner Büro für Finanzund Wirtschaftsberatung. Die engen Verbindungen zum Kreis um Kohl und zum Flick-Manager von Brauchitsch blieben allerdings erhalten. ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. war ein hervorragender Wirtschaftsfachmann.vertrauliche Beziehungen zu einigen der Männer aufbauen. doch sein Ruf hatte Schaden genommen. die politische Stabsabteilung eines der mächtigsten Konzerne führte. Ähnliches erwarteten auch wir vom ihm. die Kohl zunächst in Mainz und später in Bonn um sich scharte. eine so hochqualifizierte Kraft als Instrukteur Kanters einzusetzen. und eine politische Karriere an der Seite Kohls war unrealistisch geworden. geschrieben. Vor seinem Wechsel zur HVA hatte er als Vorstandsmitglied im Verband Deutscher Konsumgenossenschaften gearbeitet. Kanters Aufgabe war es. daß ein Mann. Der erhoffte Aufstieg in der CDU an der Seite Kohls wurde allerdings 1967 gebremst.. Adolf Kanter war einer unserer wenigen Männer mit einer erfolgversprechenden Perspektive in der Bunderepublik. Werner K. Gepflegt wurden die Beziehungen durch großzügige -168- .

. Lange bevor die illegale Spendenpraxis des Flickkonzerns der Öffentlichkeit bekannt wurde. offiziell »Dolmetscher zwischen Wirtschaft und Politik« und inoffiziell Dolmetscher zwischen West und Ost. waren wir bis in die Details informiert. als 1983 eine Eilmeldung von einer Quelle im Verfassungsschutz kam: Unser Kontaktmann zu Kanter. die Kanter als Unterkunft für seinen regelmäßigen Besucher gemietet hatte. illustrierte die marxistische Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus recht deutlich. Werner K. aber seine Informationen waren kaum weniger wertvoll. Er -169- . das Material westdeutschen Medien zuzuspielen. Nun zahlten sich »Fichtels« Verbindungen aus der Zeit in RheinlandPfalz aus. Was »Fichtel« uns an Informationen über die Verbindung von Kapital und Politik lieferte.Spenden des Flickkonzerns. Kleinere Beträge konnte Kanter in eigener Verantwortung vergeben. Seine Informationen versetzten uns in die Lage. Kanter hatte nicht den direkten Zugang zur Regierungsspitze wie Günther Guillaume. Adolf Kanter wurde mit 320000 DM vom Konzern abgefunden. widerstanden wir der Versuchung. die er als Flick-Repräsentant hatte weiter pflegen können. Nutzen konnte er vor allem die alte Freundschaft zu Philipp Jenninger. was ihm viele Türen bei CDU und FDP öffnete. wie er es nannte. war enttarnt worden. während er auf die Verteilung großer Summen zumindest Einfluß hatte. Allerdings wurde auch damals nur die Spitze eines Eisbergs bekannt. Dr. Er blieb. gerade auf dem Weg in die Wohnung. Schon um unsere Quelle zu schützen. Zur Aufdeckung des Parteispendenskandals im Jahr 1981 hat mein Dienst nicht beigetragen. auch die Politik der neuen Bonner Regierung unter Helmut Kohl realistisch zu analysieren. der als Kanzleramtsminister zu den engsten Vertrauten Kohls gehörte. Alle Alarmglocken schrillten deshalb bei uns. Das Bonner Flick-Büro mußte als Folge der Affäre von 1981 geschlossen werden.

stand seit dem Grenzübertritt unter Beobachtung. -170- . Die sonst so auf Öffentlichkeit bedachte Bundesanwaltschaft hielt sich zurück. blieben die in solchen Fällen üblichen Triumphmeldungen über die Enttarnung eines weiteren »Topspions« aus. weil sie natürlich K. Das Hauptverfahren wurde binnen eines Monats durchgezogen.. Wir fürchteten.s Gastge ber in flagranti überraschen wollten. konnte Kanter allerdings nur noch im Ausland treffen. Es fand praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Kanter mußte zum Verhör. Als Adolf Kanter im Frühjahr 1994 dann doch noch verhaftet wurde. Während des Verfahrens wurde Kanter nie in die Verlegenheit gebracht. eine unserer wichtigsten Quellen zu verlieren. mit welcher Diskretion er über die Bühne gebracht worden war. Klaus Kuron. Die Behandlung dieses Falles unterschied sich bemerkenswert von vergleichbaren Verfahren. Adolf Kanter wurde unter anderem mit Rücksicht auf die »geringe Brauchbarkeit des Verratsmaterials« zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt. In der Wohnung erreichten wir unseren Mann endlich. dann aber wurden überraschend die Ermittlungen gegen ihn eingestellt. Einige Journalisten wurden erst später auf den Fall aufmerksam und wunderten sich. über ihre Tarnfirmen und Geldwaschanlagen preisgeben zu sollen. Seine Verfolger warteten noch mit dem Zugriff. etwa dem endlosen Spektakel des Prozesses gegen Karl Wienand. und ihm gelang eine abenteuerliche Flucht. der in Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst zu einem guten Freund geworden war. Unser Mann beim Verfassungsschutz. Seinen Instrukteur K. Die Beschatter folgten ihm bis vor die konspirative Wohnung. gab Entwarnung: Auf höhere Weisung seien die Untersuchungen gestoppt worden. sein umfangreiches Wissen über Interna der Regierungsparteien und ihre Verbindungen zur Industrie.

Das Bild. Ein Problem für uns war. Ein solcher Problemfall war »Freddy«. hatte »Freddy« in die West-Berliner SPD geschickt. als es den Anschein haben mochte. Als plausible Erklärung für ihren Wechsel bot sich die Ablehnung des Stalinismus an. ergab sich für die Aufklärung beider Seiten die Möglichkeit. war zwar nicht immer schmeichelhaft. Bei uns gab es Kommunisten. die im gemeinsamen antifaschistischen Widerstand gewachsen waren. daß es einigen der besten dieser Leute ernst war mit ihren Vorbehalten gegen das stalinistische System in der DDR und daß sie gegenüber der SPD Loya lität entwickelten. Das Ostbüro der SPD konnte in großer Zahl Sozialdemokraten rekrutieren. wie es manche in der DDR-Führung pflegten. weil sie freundschaftliche Beziehungen zu Sozialdemokraten hatten. daß durch Kanters »Verrat« der Bundesrepublik wohl kaum Schaden entstanden sei. Durch Kanter erfuhren wir – wie später auch durch »Lydia« mit ihrem Salon -. Der Entspannungspolitik hat er genützt. Er war in seiner Jugend KPD-Mitglied geworden und nach dem Krieg zur Parteiaufklärung gekommen. die unverdächtig zur West-SPD wechseln konnten. daß man im Lager von Kohl. wenn es um Geld ging.Zu Recht hatte das Gericht festgestellt. und das nicht nur. die in unmittelbarer Nähe Willy Brandts plaziert waren. -171- . aber es widersprach dem Stereotyp der dogmatischen kalten Krieger im konservativen Lager. das er von westdeutschen Politikern und Wirtschaftsführern mit seinen Informationen vermittelte. relativ problemlos Leute beim Gegner einzuschleusen. Strauß und Flick sehr viel pragmatischer dachte. Paul Lauffer. der später auch die Guillaumes auf ihren Einsatz vorbereitete. Durch die Vereinigung von KPD und SPD und die vielen Bindungen. die gegen ihren Willen zu Mitgliedern der SED geworden waren. »Freddy« wurde somit der erste von Lauffers Leuten.

Wer ihn erlebt hat. die wir ihm gaben. über Personen seiner näheren Umgebung zu informieren. Walter Ulbricht war für ihn eine Reizfigur. Er verstand sich nicht als »Agent«. Ich stimmte -172- . »Freddy« machte in der West-Berliner SPD schnell Karriere. Wir rauchten.Er hätte sicherlich nichts dagegen gehabt. ihn persönlich zu führen. daß die Berliner SPD entscheidenden Einfluß auf die Deutschlandpolitik der Gesamtpartei nahm und daß sie in ihrer Mitte einen Mann mit Führungsqualitäten und großer Perspektive hatte: Willy Brandt. Aber mit Rücksicht auf seine Familie nenne ich nur seinen Decknamen. denn er konnte immer zu dem stehen. bis wir uns in dem Qualm kaum noch sahen. den er gerade dadurch bewies. und lehnte es kategorisch ab. Den Resid enten in West-Berlin. Andererseits wurde immer deutlicher. wird ihn in der Beschreibung erkennen. Angehörige des Ostbüros zu benennen. »Freddy« hatte seinen Eintritt in die SPD als politischen Parteiauftrag begriffen. Wir trafen uns in dem winzigen Mansardenzimmer eines Genossen. paßte ihm nicht. blieben unbesprochen. Die Tonbänder. Daß er automatisch von unserem Dienst übernommen worden war. Mit Harne imitierte er die Fistelstimme des SED-Chefs. Eine Quelle in seiner Nähe war wichtig für uns. Er wollte in der SPD seiner Überzeugung gemäß gegen Rechtsopportunismus und Antikommunismus streiten. Ich beschloß. verwickelte er in hartnäckige Diskussionen über den Kurs der SED unter Ulbricht. Auf unserer Seite wuchs das Mißtrauen gegen ihn. der ihn führte. wurde immer geringer. daß er uns Probleme bereitete. was er tat. doch seine Bereitschaft. Er weigerte sich. »Freddy« blieb unerbittlich in seiner Kritik an den bürokratischen Auswüchsen unseres Systems. Außerdem fühlte ich mich angezogen von dem außergewöhnlichen Charakter »Freddys«. daß ich heute seinen Namen preisgebe. mit uns zu kooperieren.

daß ich durch meinen persönlichen Einsatz eine wichtige Quelle für uns erhalten habe. Die ungewöhnliche Praxis. der sich von der Rechten einwickeln lasse. die keine Zeugen vertrugen. Wir beschlossen. Dazu bedurfte es eines besonderen Ereignisses. sondern gemeinsam auch mit nachrichtendienstlichen Mitteln gegen die Aufrüstung der BRD und die Unterstützung dieses Kurses durch die SPD zu kämpfen. in der ich schon andere wichtige Begegnungen hatte. Statt die SED zu kritisieren. und verabredeten eine Vorfeier seines 50. -173- . Parteitag in Moskau mit Chruschtschows Enthüllungen über die Verbrechen Stalins. »Freddy« konnte triumphieren: »Habe ich es nicht schon immer gesagt!« Dieser Parteitag war auch der Wendepunkt in unserer Beziehung. und das war der XX. Es war ein herrlich sonniger Tag. Am bissigsten waren seine Kommentare zu Willy Brandt. Wir kamen überein. ging er nun mit der SPD ins Gericht. die auch mir viel gab. nicht nur an die Reformierbarkeit des sozialistischen Systems zu glauben. Er nannte den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer einen Mann ohne Rückgrat. den er für einen Renegaten hielt. Wir waren uns in dieser Beurteilung damals ziemlich einig. Wir saßen auf der von fremden Blicken abgeschirmten Veranda und tranken eisgekühlten Sekt. Das war ganz nach »Freddys« Geschmack. Ich glaube. den wir beide nie vergessen sollten. Aber wirklich zusammen kamen wir noch nicht. Gemeinsam träumten wir von der Zukunft eines Sozialismus.in vielem mit ihm offen oder heimlich überein. der sich von den furchtbaren Irrtümern der Vergangenheit befreite. uns einmal ohne zeitliche Beschränkung zu treffen. Die nachrichtend ienstliche Beziehung entwickelte sich zur Freundschaft. Geburtstags zu zweit. Das Gespräch fand in jener kleinen Villa am See statt. weil dieser seiner Ansicht nach von einer radikal linken Position während der Emigration zum rechten Flügel seiner Partei gewechselt war. Er schien voller Verachtung für den Mann.

der belegte. Mit gespannter Sorge blätterte ich in den folgenden Tagen die West-Berliner Zeitungen durch. Zum Glück hatte ich den Mitarbeiter. fuchtelte mit den Armen in meine Richtung und rief: »Wir trinken noch tausend Tassen zusammen. Ich versuchte. mit »Freddys« Trinktempo Schritt zu halten. Die Einstellung »Freddys« zu Willy Brandt sollte sich übrigens bald ändern. hat sich für mich nicht nur in diesem Fall ausgezahlt. -174- . Kurz vor Mitternacht fuhr er uns in die Stadt zurück. Nicht ohne Stolz zeigte er mir später einen handschriftlichen Brief des Parteivorsitzenden Brandt an ihn. angewiesen. du und ich!« Ich befürchtete. Erst: »Wenn wir schreiten Seit' an Seit'« und dann die »Internationale«. An jenem Tag in der Villa am See gingen die reichlichen Sektvorräte irgendwann aus. ihm einzuschärfen. Die Geschichte wurde nicht publik. Ich ließ den Wagen in einiger Entfernung vom Grenzübergang halten. der mit der praktischen Durchführung des Treffens betraut war. Er drehte sich noch einmal um. als »Freddy« aus vollem Halse zu singen begann. und obgleich ich von meinen russischen Freunden gestählt war. Ich wurde schlagartig wieder nüchtern und herrschte ihn wenig freundschaftlich an: »Halt die Klappe!« Ich mußte ihn zu einem anderen Übergang bringen. Wir schwankten durch den Treptower Park und waren schon in Hörweite der Grenzposten. wie vertrauensvoll die beiden zusammenarbeiteten. Für die Springer-Presse wäre das ein gefundenes Fressen gewesen: SPD-Politiker sturzbetrunken im Osten. keinen Alkohol anzurühren. wie er auf den Posten zuschwankte. Mit klopfendem Herzen sah ich. Wir wechselten zu Bier. den Kopf einzuziehen und kein unnötiges Wort bei der Kontrolle zu sagen. daß die Polizisten auf der Westseite die lokale Politgröße erkennen würden.daß ein Geheimdienstchef selber Quellen führt. hatte ich Mühe.

und Ausfahrt auf der Transitautobahn wurde von den Grenzwächtern beider Seiten festgehalten. wenn »Freddy« zum Bonner Bundestag fuhr. So hatte »Freddy« auch seine Verdienste beim Zustandekommen der zunächst meist noch geheimen Kontakte unserer Seite zum West-Berliner Senat. Parkplätze und unübersichtliche Teile der Route wurden von Kameras überwacht. Raststätten. ohne daß man sich verdächtig gemacht hätte. Polizei und Abwehr kontrollierten die Strecke. oft auch sehr ernst und immer politisch engagiert. wenn er es für richtig und wichtig hielt. um die Identität meiner -175- . Er zog die personalpolitischen Fäden in der West-Berliner SPD und wurde Bundestagsabgeordneter. denn die Transitstrecke war für westliche Agenten. das Verhältnis der SEDFührung zu den Sozialdemokraten zu versachlichen. Eine längere Unterbrechung der Fahrt war also nicht möglich. abenteuerlustig. Auch in der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit behielt er seinen eigenen Kopf. die ganz wesentlich dazu beitrug. Die Zeit der Ein. Er informierte mich. über ihn erfuhr ich von den wirklichen Intentionen Brandts. Er war eine Quelle von unschätzbarem Wert.So war »Freddy«: eine imposante Erscheinung. Viel Gelegenheit. wieviel Zeit ein Wagen für die Strecke brauchte. zu unseren Treffen in den Osten zu kommen. er analysierte die Konflikte und Machtverhältnisse innerhalb der SPD. hatten wir allerdings nicht mehr. lebensfroh. ließ sich unschwer errechnen. Diese Lösung erforderte allerdings minutiöse und operativ komplexe Planung. Wie auch in anderen Fällen wollte ich die Abwehr möglichst nicht von meinen Treffen informieren. arbeitswütig. Es war auch ohne Gelage riskant für ihn. die tausend Gläser zusammen zu leeren. Da die Höchstgeschwindigkeit von hundert Stundenkilometern vorgeschrieben war. Nach dem Mauerbau mit all seinen Konsequenzen trafen wir uns auf der Transitstrecke. Fluchthelfergruppen oder Geschäftemacher ein beliebtes Aktionsfeld.

Wir fuhren auf die Transitautobahn. wie man sich gemeinhin die Arbeit eines Spions vorstellt. Mein Fahrer war entsprechend ausstaffiert. Hätten die guten Lkw-Fahrer gewußt. Ganz nebenbei war für mich ein bißchen Abenteuer eine erfrischende Abwechslung in der Routine und bot die Möglichkeit. daß sie gerade mit einem dieser Bonzen redeten. Alles war fast auf die Sekunde geplant. Wir überholten »Freddy« kurz vor einer der Abfahrten. Als »Freddys« Auto uns bei einbrechender Dunkelheit passierte.« Solche seltenen Begegnungen mit der Wirklichkeit im real existierenden Sozialismus waren aufschlußreicher als die Berichte von Mielkes Spähern. mußten wir uns abrupt verabschieden. Sie zogen über die ostdeutschen Bonzen her. daß »Freddy« etwas später in West-Berlin startete. die für Polizei und Forstfahrzeuge reserviert waren. Ich war getarnt im Tuch des westdeutschen Geschäftsmannes. Ich wußte. tranken unter den Überwachungskameras eine Tasse Kaffee und vertraten uns an einer Stelle des Parkplatzes die Beine. von der aus wir die passierenden Autos im Blick hatten. wäre ihnen wohl vor Schreck die Westzigarette aus der Hand gefallen. Wir folgten dem Wagen mit verboten hoher Geschwindigkeit. Nachdem ich einigen ostdeutschen Lkw-Fahrern meine Westzigaretten angeboten und mich als Fabrikant aus dem Ruhrgebiet vorgestellt hatte. mit falschen BRD-Papieren und Westzigaretten.Quellen zu schützen. Das erstemal stieg ich am späten Nachmittag in einen dunkelblauen Mercedes mit Kölner Kennzeichen. Außerdem war die Sache auch nach »Freddys« Geschmack. -176- . Einer meinte: »Diese Apparatschiks bei uns leben wahrscheinlich genauso gut wie ihr. Beide Autos bogen mit ausgeschalteten Scheinwerfern ab und hielten hinter der nächsten Wegbiegung. einmal so zu agieren. Das Warten wurde kurzweilig. Der Unterschied ist nur: Ihr schafft was. Wie hielten an der ersten Tankstelle. und die bringen nichts zustande. wurden sie redselig.

Mein Fahrer saß da schon am Steuer von »Freddys« Wagen. die »Freddy« zu schaffen gemacht hatten. Ich stand nun vor der schwierigen Entscheidung.« Er überreichte mir Material und erklärte mir die aktuelle Situation in der SPD und Willy Brandts jüngste Schachzüge. daß uns die eigene Abwehr dabei im Verlauf der Jahre kein einziges Mal auf die Schliche kam. Kurz vor der Grenze wiederholten wir dann das Manöver des Autotauschs. so schnell es sein Bauch erlaubte. daß offenbar auch westliche Dienste und Fluchthelfer mit dieser Methode unsere Abwehr narrten. Nicht ohne Stolz kann ich verraten. seine junge Frau könne von seiner Tätigkeit für uns erfahren. Wir waren glücklich wie nach einem gelungenen Streich. Nur der kalte Sekt fehlte. Es dauerte nur Sekunden. wenige Tage nach einem Treffen. Es blieb uns nichts anderes übrig. die harte Arbeit. Eine der Belastungen. Ende der 60er Jahre. »Freddy« schob sich. neben mich. Das Problem war nur. »Freddy« stöhnte: »Das ist doch mal was anderes als die ewige Politik. auf die Hinterbliebene unserer Quellen -177- . daß wir dabei so routiniert wurden. so daß die Überwachung der Waldwege an der Autobahn allmählich immer lückenloser wurde. die wiederum reagierte. sie würde seine Motive nicht verstehen. war die Angst. Er hatte immer gemeint. die Leidenschaft für Politik. die psychische Doppelbelastung als SPDPolitiker und HVA-Kundschafter. bis wir wieder auf der Autobahn waren. Dann hatten wir noch genügend Zeit zum Diskutieren und Philosophieren. versagte »Freddys« Herz – viel zu früh. Essen und Trinken hatten ihren Tribut gefordert. So trafen wir uns etliche Male.Ich rutschte auf den Fahrersitz. Ich gab ihm neue Instruktionen. die Witwe im Unwissen zu lassen oder ihr die Pension zu zahlen. Sein intensives Leben. als die Umstände unserer Treffen immer wieder zu variieren und immer vorsichtiger zu werden. über Politik und das Leben an und für sich.

»Freddy« hatte sie zwar nie eingeweiht. warum wir ihr Geld schuldeten. Fritz Erler 1966 Heinz Kühn 1982 In der Bundesrepublik war es nach der Wende üblich. aber geahnt hatte sie immer etwas. Sie schien nicht wirklich überrascht. der ihr behutsam erklärte. Für mich war das ein neuer Beleg dafür. Ich schickte einen Mitarbeiter zu »Freddys« Frau. alle -178- .Anspruch hatten. als diese glauben. daß Frauen meist mehr über ihre Ehemänner wissen.

und außenpolitische Tendenzen. Zu unterschiedlich waren die Kontakte und ihre Motive. die ihnen gefährlich erschienen. und zwar aus den unterschiedlichsten Gründen. andererseits sahen sie auch die Entwicklung im Westen mit einiger Skepsis. Sie wußten. die vor und während der NS-Herrschaft in Opposition zur SPD-Führung gestanden hatten. neudeutsch back channels genannt. -179- . Natürlich war ihnen klar. Vertrauliche politische Kontakte meines Dienstes gab es zum Beispiel zu zwei der einflußreichsten sozialdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit. die nun in der DDR lebten. uns über innen. die dem Informationsaustausch und oft auch der Vorbereitung offizieller Verhandlungen dienten. Fritz Erler und Heinz Kühn. die sich an unseren Dienst banden. Weder Erler noch Kühn hielten mit ihrer Kritik am System der DDR zurück. Unabhängig voneinander hielten sie Kontakte zu Mitkämpfern des antifaschistischen Widerstands aufrecht. Unter unseren westdeutschen Partnern waren Idealisten wie Pragmatiker und auch vo rnehmlich materiell Interessierte. Es gab Partner. Kühn war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Es gab rein politische Kontakte. die uns gelegentlich bewußt Interna anvertrauten. Die gemeinsame Erfahrung des Widerstands und die Sorge um die weltpolitische Lage bestimmten den Charakter der Kontakte. In einigen Fällen konnten solche Beziehungen auch nachrichtendienstlich interessant werden. Beide kamen aus linken Gruppierungen der Sozialdemokratie. Mit der Wirklichkeit hat dieses Pauschalurteil nichts zu tun. Erler war Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag und stellvertretender Parteivorsitzender. und sie hielten es für ihre moralische Pflicht. und nutzten diesen Kanal bewußt. als »Landesverräter« und »Agenten« abzuqualifizieren. zu informieren. und es gab jene. zu denen wir intensivere Verbindungen hatten. was Konspiration war.Westdeutschen. daß die regelmäßigen Besuche der alten Freunde mit Billigung einer offiziellen Institution in der DDR stattfanden.

Er unterhielt geschäftliche und persönliche -180- . Der frühe Tod Fritz Erlers hinterließ eine spürbare Lücke. Erler mußte sich nun um ein gutes Verhältnis zu den ehemaligen Offizieren der Hitler-Wehrmacht bemühen. aber für uns war es von großem Nutzen. Es hieß. Schumacher habe damit den Linken von der innerparteilichen Diskussion fernhalten wollen. Gerade diese Probleme machten sie ansprechbar für uns. Die beiden Sozialdemokraten verfolgten politische Ziele mit ihren Informationen. Erler war vom SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher dazu bestimmt worden. der fest in unsere nachrichtendienstliche Arbeit eingebunden war.Ein alter Freund Erlers. als Wehrexperte der Partei zu fungieren. Der SPD-Politiker Karl Wienand wurde von uns zunächst nur durch einen Agenten abgeschöpft. Das war natürlich nicht einfach für ihn. Seine Analysen der Vorgänge innerhalb der Nato oder seine Hinweise auf die Pläne der »Falken« in Washington brachten uns wichtige Erkenntnisse. Die Beziehungen zu Erler und Kühn beschränkten sich auf die Ebene politischer Kontakte. Motive und Ausmaß einer Zusammenarbeit so eindeutig bestimmen. Ein Beleg dafür ist der Fall Wienand. Nicht in allen Fällen lassen sich Kriterien. sie wollten gefährlichen Entwicklungen entgegentreten und uns zudem mit ihrer sozialdemokratischen Sicht der Dinge beeinflussen. Auch seine Einschätzung der innenpolitischen Situation half uns bei der richtigen Bewertung der Entwicklungen in Westdeutschland. die ehemals linke Sozialdemokraten mit ihrer Einbindung in das reformistische Partei-Establishment hatten. Seine scharfsichtige Beurteilung der Dinge fehlte uns sehr. als sich die Stationierung neuer Kernwaffenträger in Europa abzeichnte und die politischen Absichten Washingtons immer schwerer zu deuten waren. hielt den Kontakt zum Fraktionsvorsitzenden und machte meine Mitarbeiter mit den Problemen vertraut.

ihn direkt anzusprechen. der Wienand aus dem Kreis um Bosse bekannt war und der seine Qualifikation schon in anderen Operationen bewiesen hatte. Absichten und Grabenkämpfe innerhalb der SPD-Troika Brandt-Wehner-Schmidt. bis zur Wende. Das übernahm einer unserer Mitarbeiter. blieb er hauptberuflich Wienand-Besucher. der Wirtschaftsexperte Alfred Völkel – Deckname Krüger -.Beziehungen zu dem Ost-West-Händler Horst Bosse. Da Wienand im -181- . Ob Herbert Wehner von dem Kontakt seines engs ten Mitarbeiters zu Völkel wußte. Karl Wienand war 1970 Geschäftsführer der Bonner SPDFraktion und galt als der einzige Vertraute Wehners. Er bekam den Decknamen Streit. und ihre Zusammenarbeit war so erfolgversprechend. Als Bosse auf einer seiner Reisen in die DDR bei einem Verkehr sunfall ums Leben kam. schien es uns erfolgversprechend. die Verbindung auf eine feste Grundlage zu bringen. Die beiden trafen sich regelmäßig. ob Wienand sogar im Auftrag des »Onkels« mit uns kooperierte. das wir von Wienand erarbeiteten. Wienand reagierte aufgeschlossen. weiß ich nicht. Fast zwanzig Jahre. obwohl er von dessen vielfältigen Beziehungen in die DDR wußte. Aufgrund des Persönlichkeitsprofils. Wienand war gegenüber dem Geschäftsfreund sehr freigebig mit Informationen. daß wir Völkel ganz für diese Aufgabe freistellten. Im Lauf des Jahres 1970 gelang es Völkel. der unter dem Decknamen Jäger unser Informant war. Niemand war so umfassend über die Bonner SPD-Interna informiert wie er. Unser Mann gab sich wie üblich als Mitarbeiter des DDRMinisterrats aus. drohte der Kontakt zu Wienand abzureißen. Mit dieser zusätzlichen Quelle hatte ich von da an einen beneidenswerten Einblick in die unterschiedlichen Vorstellungen.

als wir erfuhren. blieb aber ein geschätzter Berater führender Sozialdemokraten und pflegte seine engen Beziehungen insbesondere zu Herbert Wehner und Helmut Schmidt. auch wenn sie befreundet sind. Statt die Unterschrift unter eine Verpflichtungserklärung zu verlangen. Ich bin ihm deshalb nie persönlich begegnet. Völkel berichtete hinterher. persönlichen Gespräch seine politische Nähe zu uns bekannt. die direkte Werbung ins Auge zu fassen. daß der KGB allem Anschein nach mit Wienand ins Geschäft zu kommen versuchte. wagten wir es. sondern eine noch größere Leidenschaft für die Jagd hege. Er war ein vorsichtiger Mann. was wir in solchen Fällen ohnehin selten taten. da die seltenen Wildschafe ihm offenbar noch in seiner Trophäensammlung fehlten. sonst traf Völkel ihn immer im Ausland. daß das Objekt unserer Werbung nicht nur gute Geschäfte schätze. Wir wollten nicht Anlaß zu einem weiteren Kanzlersturz geben. Es wurde deshalb erwogen. Mit einigem Unbehagen genehmigte ich eine Reise Völkels an den Gardasee zu Wienand. wollten wir Wienand über Völkel zur gemeinsamen Pirsch mit mir auf Mufflons einladen. Es ist immer mißlich. einer konkreten Verabredung aber wich er immer aus. sich um dieselbe -182- . die Kontakte zeitweise ruhen zu lassen. Die Kontakte wurden nur einmal für etwas mehr als ein Jahr unterbrochen. wenn zwei Dienste. Wienand habe in einem langen. Als Folge verschiedener Affären mußte Wienand alle Bonner Ämter aufgeben. Nur ein einziges Mal kam er zu Gesprächen in eines unserer Berliner Objekte. Nach der Verhaftung Guillaumes waren wir in großer Sorge vor einer Entdeckung der Wienand-Verbindung.Geruch außergewöhnlicher materieller Interessiertheit stand. der die Verbindung aufrechterhalten wollte. Die beiden setzten ihre regelmäßigen Treffen unter noch größeren Vorsichtsmaßnahmen fort. Karl Wienand wies die Einladung nicht zurück. Nun war uns aber zugetragen worden.

Ich konnte schließlich die sowjetischen Kollegen mit energischen Argumenten davon abbringen.Quelle kümmern. Karl Wienand und Herbert Wehner 1973 Karl Wienand (rechts) und Alfred Völkel bei Wienands Prozeß 1996 -183- . sich an Wienand heranzumachen. Der KGB zog sich von »Streit« zurück.

obwohl es dabei auch um wichtige politische Zugeständnisse unserer Seite ging. dem sogenannten Züricher Modell. informiert von den eigenen Quellen. Wienand war auf keine Rolle festzunageln und blieb schwer zu kontrollieren. Geplant war Anfang der 80er Jahre. Wienand erhoffte sich für seine Mitwirkung nicht nur Provisionen. Die von Schalck über seine Verbindung zu -184- . Als ich Mielke zur Rede stellte.Die Verbindung zu Wienand gehörte über die Jahre zu unseren kostspieligsten Unternehmungen. ein alter Freund Wienands. daß er die Meriten als Retter der DDR vor dem Bankrott nur mit Schalck teilen wollte. daß er an einem Projekt beteiligt war. wenngleich sie unsere hochgesteckten Erwartungen am Ende nicht erfüllt hat. und zwar ausschließlich über die Schiene Schalck-Mielke. das der DDR dringend benötigte Kredite bringen sollte. bei der sich private mit politischen Interessen mischten. Ein anderer Grund war. tat er die ganze Sache als »Hirngespinst« ab und meinte. Das Unternehmen lief hinter unserem Rücken ab. mein Minister hatte mich nicht informiert. mißtrauten dieser unkontrollierten und undurchsichtigen Kungelei. Eines der Motive für die Geheimniskrämerei Mielkes war. Die Sowjets. sondern auch den Posten eines Bankdirektors. Tatsächlich hatte ich jedoch aus der Umgebung von Kohl und Jenninger sowie durch die Verbindung zu Wienand Entsprechendes in Erfahrung gebracht. daß weder die meisten Mitglieder des Politbüros noch die Führung in Moskau offiziell in diese Verhandlungen eingeweiht waren. mit Unterstützung Bonns und unter DDRBeteiligung eine Bank in der Schweiz zu gründen. Die Verhandlungen um das Züricher Modell scheiterten. So erfuhr ich. über die Devisen vom internationalen Kapitalmarkt in die DDR fließen sollten. Eingeweiht in das Projekt war auch der Kohl-Vertraute Philipp Jenninger. ich sei einer Desinformation aufgesessen. Der bitter benötigte Devisensegen sollte sich aber dennoch einstellen.

Franz Josef Strauß eingefädelten Verhandlungen über einen weiteren Milliardenkredit wurden mit dem Beauftragten Helmut Kohls fortgesetzt. als er Verteidigungsminister wurde. Eines seiner Interessengebiete war dabei der innerdeutsche Handel. Geschäftsfreund. mit uns zu reden. Strauß sei zwar der Repräsentant des militärischindustriellen Komplexes in der BRD. wo sie sich anbieten. Dieser Verbindung verdankten die DDR-Bürger. und nahm sie nach der Entlassung aus dem Amt wieder auf. Jagdgenosse und Intimus von Franz Josef Strauß. daß die sowjetischen Kollege n zur Zeit der sozialliberalen Koalition um ein Persönlichkeitsprofil des CSU-Politikers baten. Das Qualitätsfleisch ging zu Dumpingpreisen an den Strauß-Freund -185- . der sicherlich bereit sei. der in Zusammenarbeit mit der HVA seine Außenhandelsfirma betrieb. Das war Simon Goldenberg. Ich erinnere mich. sondern eher jemand. aber kein ideologisch verbohrter Antikommunist. der Geschäfte macht – politische wie persönliche -. Schon Josef Müller und Fritz Schäffer hatten uns den jungen Strauß als »klugen und flexiblen Kopf« beschrieben. Wienand ging dabei leer aus. daß Steaks und andere gute Stücke vom Rind Mangelware blieben in der DDR. Der bayerische Politiker versuchte in der Tradition seiner Vorgänger Müller und Schäffer. Für uns war Strauß seit den 50er Jahren kein Unbekannter mehr. Karl Wienand war nicht der einzige. Er ließ sie ruhen. Ich berichtete ihnen. Als Strauß Atomminister wurde. Einer der Handelspartner Goldenbergs war der Großschlachter März. Franz Josef Strauß rechnete in größeren Summen. Eine wichtige Verbindung zu Strauß lief folglich über einen der wenigen privaten Außenhändler in der DDR. auf eigene Faust in der Deutschlandpolitik mitzumischen. der seine politische Mission mit dem Geschäft zu verbinden suchte. In Moskau hielt man ihn damals für einen radikal rechten ideologischen Dogmatiker. ging die Initiative zu Kontakten von ihm aus.

arbeitete aber weiter mit den privaten Außenhändlern zusammen. die Kommerzielle Koordinierung (KoKo). Fruck schlug für diese Aufgabe Alexander Schalck-Golodkowski vor. Zudem hoffte er. daß die Informationen. Schalcks Bereich wurde schließlich weitgehend von der HVA abgekoppelt und direkt dem Minister unterstellt. Parteisekretär im Ministerium für Innerdeutschen. Über Goldenberg stieg er auch in die Strauß-Verbindung ein. wie locker Strauß gegenüber seinem DDR-Partner politische und militärische Interna der BRD und des westlichen Bündnisses ausplauderte. die Rolle meines Dienstes bei den Sowjets schmälern würden. Mit nicht geringem Erstaunen las ich in den SchalckBerichten. Da wir bei der Devisenbeschaffung durch private Händler mehr staatliche Ordnung wünschenswert fanden. schmeichelte nicht nur seinem Geltungsbedürfnis. Schalck baute in den nächsten Jahren eine eigene Handelsorganisation auf. Er hatte dafür zu sorgen. Solche Erkenntnisse brachte der StraußKontakt. Wie Rechtsanwalt Vogel durfte Schalck allein Mielke berichten. sondern erhöhte auch sein politisches Gewicht bei Honecker. daß sie einen Teil ihrer Gewinne an die SED abführten und sich auch nachrichtendienstlich nützlich machten.März. -186- . die Außenhandelsaktivitäten straffer zu koordinieren.und Außenhandel. Für die Zusammenarbeit mit privaten Außenhändlern wie Goldenberg war mein Stellvertreter Hans Fruck zuständig. wurde Mitte der 60er Jahre begonnen. wenn es um außenpolitisch besonders relevante Erkenntnisse ging. an die er so gelangte. Ich wurde über Schalcks Aktivitäten von Mielke nur noch informiert. Daß Mielke zwei so wichtige Männer selber führte.

nur Mielke über seine Aktivitäten zu berichten. Ähnlichen Pragmatismus hatte ich schon bei Strauß konstatiert. daß Schalck und ich nach den ersten drei Geheimtreffen zwischen ihm und Strauß zur selben Zeit Urlaub in Bulgarien machten.Franz Josef Strauß (links) und Alexander SchalckGolodkowski auf der Leipziger Herbstmesse Ich habe Alexander Schalck-Golodkowski als einen intelligenten. suggeriert ein vertrauliches Verhältnis zwischen uns. aber auch eiskalten Mann erlebt. doch das Bild täuscht. Bei der Beobachtung der geheimen Kontakte zwischen Strauß und Schalck war ich bisweilen auf den Augenschein angewiesen. Der Zufall wollte es. Wie auch in anderen Fällen war aus einer konspirativen Verbindung eine Männerfreundschaft geworden. Ein Foto. sehr amüsanten. Es war also nicht weiter verwunderlich. Selbst an der Bar hielt sich der Devisenbeschaffer streng an die Weisung. daß die beiden sich verstanden. das uns beim Fischessen in Varna zeigt. dem es nur noch verbal um Ideologisches und tatsächlich weit mehr um sein Ansehen bei der Führung und ums Geschäft ging. Etwa einen Monat nach unserer Urlaubsbegegnung -187- . Ich hatte wenig persönlichen Kontakt zu Schalck.

überholte mich auf dem Weg nach Dresden ein Konvoi von Nobelkarossen mit Münchner Kennzeichen, dazwischen ein Volvo. Schalck und Strauß kamen von einem Ausflug aus der Schorfheide, wo sie in Honeckers Revier gejagt hatten. In Erfurt stieß ich wenig später wieder auf die Spuren von Strauß. Ich fand einen verwirrten Parteisekretär vor, der ohne Vorwarnung und Erklärung in seiner Stadt mitbekommen hatte, wie der oberste westdeutsche »Kriegstreiber« mit Huldigungen und Geschenken überhäuft wurde, bevor er sein Flugzeug zurück in die Bundesrepublik steuerte. Der Parteisekretär hatte nun große Probleme, dieses Phänomen seinen Mitarbeitern zu erklären. Ich konnte ihm auch nicht helfen. Einmal im Jahr traf ich Schalck, um die Aufgaben zu koordinieren. Es ging dabei um die Führung der von der HVA genutzten Firmen und um Devisen, die Schalck für die Arbeit meines Dienstes zur Verfügung stellte. Die Strauß-Verbindung durfte dabei nie erwähnt werden. Sie war auch bei allen anderen Kontakten zwischen HVA und KoKo ein Tabu. Folglich war die Meldung, daß die DDR auf Vermittlung von Franz Josef Strauß einen Milliardenkredit bekam, eine Überraschung für mich. Die Verhandlungen mit Schalck waren so diskret geführt worden, daß unsere Quellen in Bonn nichts erfahren hatten. Auch ich kann die Frage nicht beantworten, warum ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident die DDR vor der Zahlungsunfähigkeit bewahren wollte. Die Hintergründe des Handels blieben Mielkes und Schalcks Geheimnis. Ende der 70er Jahre war ich noch einmal mit einem Problem der Strauß-Verbindung befaßt. Der Initiator des Kontakts, Simon Goldenberg, meldete sich von einer Geschäftsreise ins westliche Ausland. Er war erkrankt, lag in einem Wiener Hospital und erklärte, daß er nicht i die DDR zurückkehren n werde. Die Erklärung für diesen Schritt lag nahe. Die Abwehr hatte Goldenberg seit langem im Visier und wollte ihn verhaften
-188-

lassen, denn manche seiner Geschäfte waren selbst bei großzügigster Auslegung auch mit DDR-Recht unvereinbar. Da Schalck die wichtigsten seiner Verbindungen übernommen hatte, war Goldenberg auch nicht mehr unentbehrlich. Andererseits war es ohne Beispiel, daß sich ein nicht ganz unbedeutender inoffizieller Mitarbeiter des MfS einfach fernmündlich aus der DDR abmeldete – und das, als wäre nichts weiter dabei. Er verlangte noch, daß seiner Frau die Ausreise in den Westen gestattet würde und daß er sein luxuriöses Anwesen in Berlin verkaufen könne. Seltsam war es dann, daß Mielke, der sonst jedem Fahnenflüchtigen Tod und Teufel an den Hals wünschte, von Fruck nicht lange dazu überredet werden mußte, Goldenbergs Wünschen nachzugeben. Goldenbergs Ansinnen wunderte mich auch deshalb, weil wir wußten, daß in der Bundesrepublik ein Haftbefehl gegen ihn vorlag. Dort war nicht nur seine Verbindung zum MfS bekannt geworden, ihm wurde auch die Beteiligung an einer Entführung vorgeworfen. Um so erstaunlicher war es, daß wir ihn wenig später in Bayern orteten, wo er unbehelligt seinen Lebensabend genoß. Es muß eine starke Hand gewesen sein, die ihn vor dem Verfassungsschutz und der bundesdeutschen Justiz schützte. Die Geschichte der Strauß-Verbindungen zeigt beispielhaft, wie komplex die Problematik der geheimen deutschdeutschen Kontakte ist und wie selektiv diese Kontakte nach der Wende verurteilt oder gar kriminalisiert wurden. Was konservativen Politikern als gesamtdeutsche Politik nachgesehen wird, rückt Sozialdemokraten in die Nähe des Landesverrats. Mitarbeiter und Kontaktpersonen von uns, die auf der politischen Rechten und der Industrie umfangreiches internes Wissen sammelten, konnten im allgemeinen auf eine sehr diskrete und gnädige Behandlung durch die Bundesanwaltschaft rechnen oder wurden erst gar nicht verfolgt.

-189-

8 Herbert Wehner
Herbert Wehner blieb für mich immer ein Mensch unauflösbarer Widersprüche. In all den Jahren, die ich mich mit dieser herausragenden Figur der deutschen Nachkriegsgeschichte beschäftigte, wurden stets nur einige Konturen des Mannes deutlicher. Das heute verbreitete, schon legendäre Bild vom »politischen Urgestein«, Demokraten und Patrioten, dem die Stasi zeitweilig nach dem Leben trachtete, wird gewiß von der historischen Forschung zu differenzieren sein. Ohne Kenntnis von Wehners Einstellung gegenüber der DDR und seinen intensiven geheimen Kontakten zum realsozialistischen deutschen Staat sind manche verschlungenen Wege der Deutschlandpolitik kaum nachzuvollziehen. Die Hintergründe sind selbstverständlich nicht nur mir bekannt. In den Panzerschränken Honeckers und Mielkes befanden sich die Wehner-Dossiers. Dazu gehörten die Protokolle über seine Treffen mit Abgesandten der DDR, insbesondere die Niederschriften der Gespräche, die Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel über fast eineinhalb Jahrzehnte hinweg mit Wehner führte. Die Akten aus diesen Panzerschränken wurden bekanntlich während der Wendewirren nach Westdeutschland gebracht. Warum sie bis heute weder der Öffentlichkeit noch – allem Anschein nach – den mit der Person Wehner befaßten Historikern zugänglich gemacht wurden, darüber kann man nur spekulieren. Die Protokolle der Wehner-Kontakte waren so geheim, daß von den jeweiligen von Mielke redigierten Berichten Vogels nur drei Exemplare angefertigt wurden, von denen eines an Honecker, eines an Mielke und eines an mich ging. Diese Unterlagen standen mir bei Abfassen des Buches zur Verfügung. Nach Lage der Dinge sehe ich keinen Anlaß, Dinge zu
-190-

verschweigen, deren Kenntnis zum Verständnis der deutschdeutschen Vergangenheit beitragen kann. Herbert Wehners Bruch mit der Vergangenheit war nicht so konsequent und endgültig, wie es der Öffentlichkeit erscheinen mag. Nach seinem Ausschluß aus der KPD 1942 hat er die Verbindung zu seinen ehemaligen Genossen nie ganz abgebrochen. Ein Kontakt von ihm zur DDR war schon installiert, als ich 1951 zur Aufklärung kam. Eingefädelt hatte ihn Kurt Vieweg, damals ZK-Sekretär für Landwirtschaft, verantwortlich aber auch für konspirative Westkontakte mit Hilfe seines Gesamtdeutschen Arbeitskreises Land- und Forstwirtschaft (GAK). Vieweg kannte Wehner aus der skandinavischen Emigration. Auf den Rat unseres sowjetischen Beraters Grauer und nach Rücksprache mit Ulbricht nahm mein Dienst im November 1951 Kontakt zu Vieweg auf, und seitdem kontrollierten wir seine Westverbindungen. Als Verbindungsmann fungierte der Journalist Ernst Hansch, später inoffizieller Mitarbeiter der HVA und Chefredakteur der OstBerliner BZ am Abend. Die Treffen mit Hansch waren für Wehner ein Risiko, denn er stand bei der Rechten in der Bundesrepublik im Verdacht, ein heimlicher Kommunist und »Ostagent« zu sein. Wir mußten davon ausgehen, daß die Kontakte von westlichen Diensten beobachtet wurden. Eine Enttarnung der Hansch-Besuche hätte ihm erheblich geschadet. Wehner waren diese Besuche aber offenbar das Risiko wert. Die Informationen von Hansch, Deckname Henkel, über seine Gespräche mit Wehner paßten schlecht zum Bild des »Arbeiterverräters«, das wir von ihm hatten, oder zu dem des antikommunistischen Vorreiters, als der er sich öffentlich präsentierte. Die politische Führung der DDR blieb äußerst mißtrauisch gegenüber seinen vorsichtigen Annährungsversuchen. Für Walter Ulbricht war er aus unerfindlichen Gründen ein
-191-

»englischer Agent«. Er galt als einer unserer gefährlichsten Feinde. Seine Akte wurde in der HVA unter dem Decknamen Wotan geführt. Einige Verwirrung stiftete eine Eilbotschaft, die uns Wehner, damals stellvertretender SPD-Vorsitzender, im November 1956 zukommen ließ. Er warnte vor möglichen Unruhen in der Region Magdeburg und riet uns, öffentliche Proteste in Grenznähe unter allen Umständen zu verhindern. Zu dieser Warnung paßte ein uns zugespieltes Memorandum des SPDSicherheitsreferenten Beermann, das sich mit der Möglichkeit befaßte, im Falle »grenzüberschreitender Unruhen an der Demarkationslinie« die Bundeswehr einzusetzen. Darin wurde ausgeführt, daß sich einzelne Gebiete von der DDR lösen, den Anschluß an die Bundesrepublik proklamieren und danach von der Bundeswehr besetzt werden könnten. Dies wiederum stimmte überein mit Erkenntnissen der Abwehr, daß in und um Magdeburg sozialdemokratische »Agitatoren« Unzufriedenheit schürten und zum Widerstand aufriefen. Es gab damals erhebliche Versorgungsschwierigkeiten, und nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands und den Enthüllungen Chruschtschows über den Stalin- Terror war die Stimmung in der DDR insgesamt angespannt. Die Abwehr vermutete eine gezielte Kampagne, vom Ostbüro der SPD über V-Leute gesteuert. Da Herbert Wehner der direkt Verantwortliche für das Ostbüro war, mußte er also wissen, wovor er warnte. Ganz offensichtlich gingen ihm die Konsequenzen der sozialdemokratischen Destabilisierungsversuche in der DDR zu weit, und er befürchtete, daß im Verteidigungsministerium allzusehr mit dem Gedanken eines militärischen Einsatzes der Nato an der deutschdeutschen Grenze geliebäugelt wurde. Im Rückblick wird am Fall Magdeburg deutlich, was den SPD-Politiker Wehner mit den Erfahrungen seiner kommunistischen Vergangenheit offenbar schon damals zum
-192-

»Geheimnisverrat« motivierte: alles zu tun, was in seinen Kräften stand, damit von deutschem Boden nicht wieder ein Krieg ausging. In seinen späteren geheimen politischen Botschaften ließ er wesentlich deutlicher durchblicken, daß er von rechtskonservativen Politikern in der Bundesrepublik und vor allem von den »Falken« in der CIA und der US-Führung befürchtete, daß sie die Welt in die atomare Katastrophe treiben könnten. Er schien schon damals verläßliche Partner einer Friedenspolitik im Osten zu suchen. Eine Erklärung für sein Verhalten fand ich auch in den Aufzeichnungen über seine Vergangenheit, die er einem Kreis führender Sozialdemokraten anvertraut hatte. Dieses Bekenntnis war uns bekannt und bildete für mich gewissermaßen den Prolog zum Vorgang »Wotan«. Das seltsame Papier war eine Mischung aus offener Darstellung dunkler Punkte seiner Biographie und subjektiver Rechtfertigung. Wer es im Wissen um den Lebensweg Wehners las, erkannte darin den Versuch, sich nach beiden Seiten von den Sünden der eigenen Vergangenheit loszukaufen. Zunächst bemühte er sich im Westen als scheinbar militanter Antikommunist um politische Vergebung und Anerkennung. Doch selbst in dieser Zeit unterließ er es nicht, der östlichen Seite unter der Hand zu signalisieren, daß er nicht der Renegat und Verräter war, für den wir ihn hielten. Nachdem er in der Bundesrepublik als führender Sozialdemokrat akzeptiert und respektiert war, lag ihm nun die Rehabilitierung durch die ehemaligen Genossen und schließlich die persönliche Freundschaft zu Erich Honecker besonders am Herzen. Unsere frühen Kontakte, von Ulbricht und Mielke noch argwöhnisch beobachtet, bereiteten diesen Weg vor. Das Magdeburg-Signal dokumentierte schon früh einen Widerspruch in Wehners Ostpolitik. Während er öffentlich den Zusammenbruch des kommunistischen Systems voraussagte, wirkte er insgeheim, um eine DeStabilisierung im
-193-

sozialistischen Lager zu verhindern. Es gibt in den Kontakten zu uns eine Linie von 1956 bis zu seiner Aufforderung im Jahr 1980, konsequent gegen die polnische Solidarnosc-Opposition vorzugehen, auch wenn das Gewalt bedeutete. Solche Zeichen eines zwiespältigen Verhaltens gab es auch im Fall Kurt Viewegs, des Mannes, der den Kontakt zu Wehner hergestellt hatte. Vieweg drohte Maßregelung wegen abweichender Auffassungen in der Landwirtschaftspolitik, und eine außereheliche Beziehung belastete ihn zusätzlich. Im März 1957 floh er Hals über Kopf in die Bundesrepublik, stellte sich dort aber nicht den Behörden, sondern suchte bei Herbert Wehner Zuflucht. Bei uns wurde Großalarm ausgelöst. Der Altkommunist Vieweg war nicht nur eine politische Größe, deren Frontwechsel vom Gegner propagandistisch ausgenutzt werden konnte, als Geheimnisträger wußte er um zahlreiche konspirative Kontakte und Verbindungen nach Westen, die unser Apparat von ihm übernommen hatte. Es drohte, was damals für beide Seiten Waffe im PropagandaKrieg war: die medienwirksame Präsentation eines präparierten Überläufers. Ich bekam den Auftrag, Vieweg in die DDR zurückzuholen. Die Mittel, mit denen fahnenflüchtigen Funktionsträgern und Geheimdienstlern nachgestellt wurde, waren damals nicht zimperlich, doch für mich war Gewalt nie eine vernünftige Lösung, weil sie meist mehr Schaden anrichtete als verhinderte. Ich setzte auf die »Wotan-Verbindung« – mit nicht eben viel Optimismus, aber in der vagen Hoffnung, daß Wehner schon aus Eigeninteresse möglicherweise Hilfestellung leisten könnte. Gemeinsam mit Viewegs zurückgelassener Frau entwarf ich einen Brief, der von Hansch überbracht wurde. Daß Wehner sich auch unseren Kopf zerbrach, konnte ich aus seiner ersten Reaktion ersehen. Über Hansch belehrte er uns, Vieweg sei unklug und ungerecht behandelt worden. Vor Vertretern des britischen und des US-Geheimdienstes, die an Gesprächen
-194-

interessiert waren, hatte er Vieweg bereits gewarnt. Und er zeigte sich überraschenderweise bereit, den Überläufe r zur Rückkehr zu überreden, wenn wir Straffreiheit garantierten. Nachdem Ernst Wollweber, damals Minister für Staatssicherheit, mir diese Zusicherung gegeben hatte, ließ ich Wehner mitteilen, sein Schutzbefohlener habe in der DDR nichts zu befürchten. Wehner schien dieser Garantie zu vertrauen, obwohl er die Unerbittlichkeit des Machtapparates in solchen Fällen eigentlich kannte. In Wehners Hamburger Wohnung wurde mit dessen Vertrauten Peter Blachstein das weitere Prozedere beraten. Vieweg kehrte am 19. Oktober 1957 freiwillig in die DDR zurück. Trotz der gegebenen Zusage und gegen meinen Protest wurde er verhaftet und am 1. Oktober 1959 verurteilt; erst am 17. Dezember 1964 kam er wieder frei. Die »WotanVerbindung« wurde durch den Vertrauensbruch nicht gestört. Den Vernehmern des Ministeriums für Staatssicherheit offenbarte Vieweg 1957 Erstaunliches: Wehner habe zwar Einwände gegen den Staatsaufbau in der DDR und bemängele das Fehlen jeglicher parlamentarischen Kontrolle, halte aber die DDR für einen sozia listischen Staat. Er stehe weiterhin auf dem Boden des Marxismus-Leninismus und betrachte den Sturz des Kapitalismus in der DDR als einen positiven Impuls für ganz Deutschland. Erste Bedingung für eine Verständigung zwischen SED und SPD sei die Beseitigung des gegenseitigen Mißtrauens. Diese als Botschaft zu verstehende Aussage Viewegs gelangte schon nicht mehr auf den Schreibtisch Wollwebers, da dessen Sturz zu jener Zeit bereits vorbereitet wurde. Das Verhalten Wehners in diesem Fall ist am ehesten so zu deuten, daß er einerseits Vieweg als Boten für sein Angebot der Verständigung benötigte und andererseits fürchten mußte, daß Vieweg in den Verhörmühlen der westdeutschen und amerikanischen Dienste alles preisgeben konnte, sogar das Wissen um seinen, Wehners, Kontakt zu Hansch. Vieweg war
-195-

also aus Wehners Sicht in der DDR sicherer aufgehoben. Obendrein schien es aber auch, als wolle er uns beweisen, daß wir ihm zu Unrecht mißtrauten. Ähnlich überraschend verhielt er sich bei einer anderen Gelegenheit. Einem einflußreichen Bundestagsabgeordneten, der mit uns zusammenarbeitete, grummelte er im Vorbeigehen zu: »Paß auf, über dir zieht sich ein Netz zusammen.« Unsere sofortigen Nachforschungen ergaben, daß die Quelle in das Fadenkreuz des Verfassungsschutzes geraten war. Wir konnten sie noch rechtzeitig schützen. Mein Mißtrauen gegenüber dem janusköpfigen Renegaten aber blieb trotz solcher Vorkommnisse. Ich fragte mich, wer denn nun der echte Wehner war. War es der Mann, der die Linke in der SPD kaltstellte, der mit dem Godesberger Programm das sozialistische Erbe der Sozialdemokraten verleugnete, der mit seiner Rede vom 30. Juni 1960 die Partei zur Akzeptanz von Aufrüstung und bedingungsloser Westintegration trieb? Und das ohne Abstimmung mit führenden Sozialdemokraten, zum Beispiel Willy Brandt, wie wir von unserer Quelle »Freddy« wußten. Oder war der Herbert Wehner, der sich uns als verläßlicher Partner anbot, ein zwischen den Systemen Schwankender? Wir hatten früh erkannt, daß Wehner zum mächtigsten Mann in der SPD aufstieg und die westdeutsche Politik gegenüber dem Osten entscheidend beeinflußte. Dementsprechend aufwendig waren unsere Anstrengungen, ihn unabhängig vom direkten Kontakt unter Beobachtung zu halten. Schon Anfang der 50er Jahre warben wir einen seiner wenigen Freunde und politischen Vertrauten an, den Journalisten Otto W, Deckname Wanger. Er gab mit unserer Unterstützung einen Pressedienst in Bonn heraus. »Wanger« arbeitete aus politischer Überzeugung für uns. Zudem hatte er sein Herz an eine junge DDR-Journalistin verloren, die uns nahestand. Ob Wehner ahnte, daß sein Freund für den Nachrichtendienst der DDR arbeitete, weiß ich nicht.
-196-

und das. die er nach Deutschland geschickt hatte. Um dem zu entgehen. sondern auch Namen von Genossen preisgegeben haben. obwohl er wußte. Sie hatte schon an den Straßenkämpfen während der Novemberrevolution in Berlin teilgenommen. Geschürt wurde es durch das. Wir fanden später in Gestapo-Akten Hinweise darauf. was ich von Richard Stahlmann erfuhr. um dort die illegale Partei zu führen. denen Menschen geopfert wurden. nach Deutschland zu gehen. weil ich Genossen kannte. Daß trotzdem eine zentrale Führung in Deutschland agieren sollte. daß die schwedische Polizei mit den Nazis kooperierte. als er aus Moskau den Auftrag bekam. daß das ein Himmelfahrtskommando war. der von gemeinsamen Interessen der beiden deutschen Staaten ausging. habe Wehner seine Verhaftung durch die schwedische Polizei provoziert. der in der schwedischen Emigration enger Mitarbeiter Wehners gewesen war. eine bescheidene Frau und eine Heldin des Widerstands. Stahlmann erzählte. so Stahlmann. war einer der sinnlosen Beschlüsse der Partei. der sich um den Frieden und um die Stabilität der DDR sorgte. darunter Charlotte Bischoff.Auch »Wanger« beschrieb in seinen Berichten einen doppelgesichtigen Wehner: den antikommunistischen Polterer vor Publikum und den Nachdenklichen im vertraulichen Gespräch. Mein Mißtrauen gegenüber Wehner blieb. Auf Wehners -197- . denn die Organisation der KPD im Untergrund war von der Gestapo schon zerschlagen. Dieser Verrat – als solchen mußte ich es sehen – bewegte mich persönlich. die verhaftet und hingerichtet worden waren. wie Wehner in einem seiner Wutausbrüche die Pfeife zerbiß. Bei den Vernehmungen soll er sich nicht nur vom Kommunismus distanziert. Er wußte natürlich. daß Wehners Aussagen in Akten von Widerstandskämpfern vorkamen. deren Namen Wehner im Verhör offenbar genannt hatte.

dessen Veröffentlichung »Wotan« wirklich politisch erledigt hätte. mit denen er sich bei Kurt Schumacher gerechtfertigt hatte. ihn in der westdeutschen Öffentlichkeit bloßzustellen. Die Begegnungen und Gespräche mit dieser Frau festigten meine Abneigung gegen den Mann. Der Leitfaden für den Plan seiner Kompromittierung waren die Aufzeichnungen. Erst -198- . falls so etwas politisch opportun sein sollte. den ich für einen Verräter halten mußte. Wie durch ein Wunder war sie der Gestapo immer wieder entkommen. hatte sich nach Berlin durchgeschlagen und dort bis Kriegsende in der Illegalität ausgeharrt. Auf Material aus Moskau. Das Material war dazu gedacht. wartete ich zehn Jahre. Herbert Wehner auf schwedischem Polizeifoto 1942 Da Wehner nachrichtendienstlich aber von großem Wert war.Befehl war sie ohne irgendwelche Papiere 1941 als Matrose verkleidet von Schweden nach Deutschland gereist. soviel Belastendes wie möglich gegen ihn zu sammeln. arbeitete ich mit gemischten Gefühlen an dem Auftrag.

als sie ohnedies schon wußten. Und in schwedischer Haft drohte ihm 1941 die Auslieferung an die Gestapo. hätte Wehner wohl nicht überlebt. Doch zu einem entsprechenden Beschluß kam es nicht. wie viele Genossen. Mein Urteil über Wehner habe ich im Verlauf der Jahre teilweise revidiert. wohl wissend. den Vernehmern nicht mehr verraten zu haben. die Freiheit und Leben für ihre sozialistischen Ideale eingesetzt hatten. Die Versuchung war immer groß für unsere Seite. Opfer des stalinistischen Terrors geworden waren. mit dem NKWD zusammenzuarbeiten. hatte sich schon 1955 ergeben. denn sie dokumentieren. die konspirativen Beziehungen auf eine höhere Stufe zu stellen. daß ihnen daraufhin Tod oder Gulag drohen konnte. ob man richten darf über das.1967 wurde es uns vom KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastnij überlassen. in denen er ü viele seiner Mitkämpfer der »trotzkistischen Wühlarbeit« bezichtigte. durch eine Veröffentlichung der Dossiers die Weichen in der SPD und in Bonn anders zu stellen. Schließlich ist es nicht auszuschließen. zumal sie sich aussichtsreich entwickelten. daß mit unserem Wissen die geheimen Kontakte besser nutzbar waren. Ich frage mich. also Folter und Tod. das gesammelte Material gegen ihn zu benutzen. was ein Mensch in Todesgefahr tut. Denn die Weigerung. Es waren die handschriftlichen Berichte Wehners f r das NKWD von Ende 1937. Die Gelegenheit. Wehner gehörte damals zur BRD-Delegation auf der ersten Genfer -199- . Im Fall Wehner gab es wiederholt ernsthafte Erwägungen der Führung. In meinem Tagebuch habe ich damals notiert: »Wie würde Wehner wohl auf eine Erinnerung daran reagieren?« Die Protokolle habe ich mit Bestürzung gelesen. ohne daß man selbst einer solchen Situation ausgesetzt war. daß er zumindest subjektiv der Meinung war. Gegen eine solche Entscheidung stand das Argument.

Hermann Flach Gespräche zu führen. Ich hatte Girnus auf die Begegnung vorbereitet. Wir arrangierten ein Zusammentreffen Wehners mit Wilhelm Girnus. bei der die Vertreter beider deutscher Staaten am Katzentisch dabeisein durften. wenn bekanntgeworden wäre. in der Journalisten und die Observateure der verschiedenen Geheimdienste die Szene kontrollierten. waren so wohl kaum mit der SPD-Führung abgesprochen. Über unseren Kontakt Hansch hatten wir bei Wehner eruiert. Am Ende schlug er von sich aus vor. zu dem damals in seiner Partei erst vorläufige Überlegungen vorlagen. Die Informationen. in Genf unter anderem mit dem FDPGeneralsekretär Karl. und die Positionen. zumal zu einer Zeit. der eine sehr progressive Position in der Deutschlandpolitik vertrat. die Gespräche mit einem Politbüromitglied fortzusetzen. der offiziell Sekretär des Ausschusses für deutsche Einheit war. die er Girnus freimütig gab. Es war nicht gerade eine Routineaufgabe. sich mit einem Repräsentanten der DDR in Genf zu treffen. Uns gelang es. Zur DDR-Delegation gehörten auch Angehörige meiner Hauptverwaltung. Für westdeutsche Politiker war es allerdings noch ein Tabu. in einer Stadt des westlichen Auslands einen konspirativen Treff mit einer so bekannten Figur zu organisieren. dem Exkommunisten hätte man im Westen nie verziehen.Außenministerkonferenz. daß er sich entgegen allen parteiübergreifenden Absprachen heimlich mit einem Vertreter des Ulbricht-Regimes traf. Wehner erläuterte unter anderem seine Vorstellungen von einem Deutschlandplan der SPD. mit Abgesandten der »Sowjetzone« zu sprechen. Für Wehner war diese Kontaktaufnahme wieder ein großes Risiko. ob er bereit sei. die er vertrat. Wichtiges Zielobjekt jedoch blieb Wehner. Noch nie hatte es die Möglichkeit gegeben. Er wollte sich mit Professor Albert Norden in West-Berlin treffen. an so viele führende westdeutsche Politiker direkt heranzukommen. Er war es. -200- .

Er wollte die Annährungsversuche Wehners nicht brüsk zurückweisen. informierte ich Walter Ulbricht von dem Vorschlag. wie zwiespältig das Verhältnis der SED zur SPD in jener Zeit war. Es nützte Wollweber in seinem Parteiverfahren nichts. Nur den ebenfalls beschuldigten Wilhelm Girnus.« Sehr viel kleiner stand darunter: »Nicht mit Norden. denn er mußte fürchten. der sich in Genf mit Wehner getroffen hatte. Wie risikoreich die Verbindung zu Wehner für alle Beteiligten war. Wie ich erwartet hatte. wurde nach 1957 deutlich. Spalter der -201- . Ernst Wollweber. Auch wenn diese Anschuldigungen nur ein Vorwand waren. aber der immer enger werdende Kontakt zu dem »englischen Spion« blieb ihm suspekt. Wir wußten. Für die einen waren alle Sozialdemokraten ideologische Diversanten. sich zu sehr in unsere Hand zu begeben.« Das war ein typischer Ulbricht-Schachzug. daß Ulbricht alle Berichte über die Treffs mit Wehner abgezeichnet hatte und daß ich diese Belege vorweisen konnte.Die Zusammenkunft sollte in der Wohnung von Probst Heinrich Grüber stattfinden. In der Hauptstadt der DDR. Über den Minister für Staatssicherheit. Der Bericht kam zurück mit Ulbrichts markantem Vermerk: »Einverstanden. Dem Intellektuellen und Westemigranten Norden wollte er diesen Kontakt nicht anvertrauen. Ernst Wollweber als Minister wurde ebenso wie Karl Schirdewan als Mitglied des Politbüros parteifeindlicher Fraktionstätigkeit beschuldigt und entlassen. daß er die Begegnung mit ehemaligen Genossen noch immer scheute. Der Treffpunkt Ost-Berlin wiederum war für Wehner kaum akzeptabel. sondern mit Matern. dokumentierten sie doch. Als gravierendster geheimer Anklagepunkt gegen beide fungierte der Kontakt zu Wehner. rettete am Ende der Nachweis. lehnte er den Vorschlag ab. daß Ulbricht das Treffen gebilligt hatte. Es gab in dieser Frage zwei unvereinbare Positionen.

etwa mit dem erzkonservativen CSU-Ideologen Baron Guttenberg. Da unterschied er sich allerdings kaum von anderen Sozialdemokraten. Bei den sowjetischen Kollegen betonte dieser gern. eine solche Verbindung ernsthaft zu gefährden. bei der innerparteilichen Diskussion rechte Positionen zu vertreten. Über unseren Kontaktmann Hansch deutete er Unterstützung von DDR-Positionen an. Wir wußten über unsere Quellen. Ehe sozialdemokratische Abgeordnete oder die Öffentlichkeit etwas ahnten. Der Kontakt zu Wehner wurde durch die taktischen Manöver Ulbrichts zwar beeinträchtigt. aber nie abgebrochen. kannten wir den Zweck solcher Allianzen. Für manche Sozialdemokraten. die wir bekämpften. die aus politischer Überzeugung mit uns -202- . Dafür stand der 1958 ernannte Minister für Staatssicherheit Erich Mielke. zu denen wir nicht nur politische.Arbeiterbewegung und damit die gefährlichsten Feinde. daß der Weg zu den bundesrepublikanischen Einflußzentren nicht über die linke Spur führte. daß er gleichzeitig insgeheim mit Politikern paktierte. Der »Onkel« bereitete mit den ihm vertrauten konspirativen Mitteln die große Koalition von Unionsparteien und SPD vor. Wehner stand in der Öffentlichkeit immer noch für die politischen Positionen. Die anderen zählten den linken Flügel der SPD zur Arbeiterbewegung und befürworteten Kontakte. Er wollte sie nur unter zuverlässiger Kontrolle wissen. sondern auch nachrichtendienstliche Kontakte hatten. Quellen in Positionen wie etwa Günter Guillaume wurden von uns angewiesen. Wehner galt ihnen als der Chef-Diversant. denn uns war klar. daß er die direkteste und authentischste Verbindung zum bundesdeutschen Machtzentrum und damit zur westlichen Allianz habe. die wir zu den »reaktionärsten Kreisen des westdeutschen Revanchismus« zählten. denn auch der erste Mann in der Partei dachte nicht daran. Die politischen Aktivitäten des mächtigsten Mannes in der SPD blieben weiter undurchsichtig.

denn die Zahl der mit uns auf verschiedene Weise verbündeten SPD-Bundestagsabgeordneten und leitenden Parteiund Gewerkschaftsfunktionäre erreichte bald Fraktionsstärke. zu denen engere Kontakte bestanden. Herbert Wehner als Vorsitzender des Ausschusses für Gesamtdeutsche Fragen In der SED-Führung gab es Stimmen. die forderten. die SPD mit Hilfe uns nahestehender Leute zu spalten und auf diesem Weg eine Art neue USPD zu etablieren. um so intensiver wurden die Überlegungen. war es eine schwere Belastung. Je weiter Herbert Wehner die SPD nach rechts führte. vor allem als politische Einflußagenten genutzt werden sollten. Nicht nur aus nachrichtendienstlichem Interesse habe ich solche -203- . daß die SPD-Politiker.zusammenarbeiteten. Kurzfristig schien das eine realistische Option zu sein. sich auf diese Weise taktisch verhalten zu müssen.

Aber instruiert wurde er von Mielke und dessen Offizier für diese Sonderaufgabe. Der Kontakt zu Wehner bekam eine ganz neue Qualität.Pläne immer abgelehnt. Tatsächlich handelte Vogel mit Wissen und auch im Auftrag Honeckers. Im Westen galt Vogel als »Vertrauter Honeckers«. Der enger werdende Kontakt zu dem SPD-Politiker bedeutete für Mielke mehr Ansehen und mehr Macht in der Parteiführung und gegenüber dem sowjetischen Dienst. um die Botschaften des »Onkels« in die rechte Form zu bringen. Da das Formulieren nicht seine Stärke war. Nicht nur offene. Verbindung selbst und hatte damit einen Trumpf gegenüber der HVA in der Hand. der mit dem Westen »humanitäre Fragen« verhandelte. Mielke allein redigierte die Berichte über Gespräche mit Wehner für die Weitergabe an Honecker. Außer den drei Exemplaren für Honecker. Sein offizieller Ansprechpartner war der Gesamtdeutsche Minister. Schließlich wurde das Projekt SPD-Spaltung zu den Akten gelegt. sondern auch geheime Treffen der beiden waren dadurch gedeckt. Mielke und mich gab es noch eine extraredigierte und zensierte Version der Protokolle. Wehner war nun Minister für Gesamtdeutsche Fragen. Unsere Analysen gaben einer solchen Gruppierung auf Dauer keine Chance. Noch unter Ulbricht hatte ich die Anordnung bekommen. warum sein -204- . Kaum etwas in der DDR war geheimer als diese Berichte. Deshalb berichtete Vogel direkt dem Minister. Den Kontakt übernahm Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. alle Ermittlungen in Sachen Wehner einzustellen. Die Inhalte ihrer Gespräche durften nicht bekannt werden. zog er sich oft einen ganzen Tag zurück. Das erklärt vielleicht. die an die sowjetischen Partner ging. Heinz Volpert. als er sein innenpolitisches Ziel erreicht und die SPD 1966 in die große Koalition geführt hatte. da sie zu risikoreich geworden w Von nun an kontrollierte Mielke die ar. Die langjährige Verbindung zu unserem Mann Ernst Hansch wurde abgeschaltet.

Wehner nahm den FDP-Fraktionsvorsitzenden Wolfgang Mischnick mit. Der junge Dachdecker Honecker hatte die kommunistische Führungspersönlichkeit Wehner in den 30er Jahren bewundert. Zunächst entwickelte sich Anfang der 70er Jahre eine intensive Brieffreundschaft zwischen den beiden. er mache in der DDR geheime Politik auf eigene Faust. Briefträger war Anwalt Vogel. Ich vertraute meinem Tagebuch damals Zweifel über die Gesetzmäßigkeit des Verlaufs der Geschichte an. Die Rückerinnerung an die unschuldige und heroische gemeinsame Jugend wurde ein wichtiger Faktor der Ost-West-Politik. Schon einen Tag vor dem offiziellen Gespräch. Dieses Treffen war mit der SPD-Führung abgesprochen. Besiegelt wurde die wiedererweckte Freundschaft während des Besuchs von Wehner bei Honecker im Mai 1973. Die Briefe begannen bald mit »Mein lieber Freund« und endeten mit »herzlichen Grüßen«.abgrundtiefes Mißtrauen sich zu einem geradezu naiven Zutrauen gegenüber Wehner wandelte. Ambitionen und Emotionen der einzelnen Akteure bestimmt wurde. Aus den konspirativen politischen Kontakten wurden geheime persönliche Beziehungen. Den Parteifreunden vertraute er allerdings nur die halbe Wahrheit an. wie sehr die Politik von Schwächen. Im Unterschied zu anderen KPDSpitzenfunktionären hatte Wehner damals erfolgreich die ehrliche Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten gesuc ht. Mit dem Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker war der Kontakt zu Wehner nicht mehr belastet von den persönlichen Erfahrungen der alten Kommunisten aus der Sowjetunion und der skandinavischen Emigration. an dem auch -205- . weil ich wieder einmal sah. um dem Verdacht bei Gegnern und Freunden entgegenzuwirken. Honecker kannte Wehner aus dem Widerstand gegen die Nazis im Saarland. Auch das hat Honecker wohl noch nachträglich beeindruckt.

Der Kuchen sollte schmecken wie der Selbstgebackene. -206- . sondern auch sentimentaler Natur. wie penibel der Erste Sekretär dieses Wiedersehen persönlich vorbereitet hatte. Erich Honecker und Herbert Wehner im Mai 1973 Erich Honecker legte auch alle Einzelheiten der Berichterstattung fest. daß er nicht mehr als H. mit dem Honeckers Mutter den hungrigen Wehner einst im Saarland verwöhnt hatte. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. traf er sich unter strenger Geheimhaltung mit Honecker in der Schorfheide. Eine neue Sprachregelung bestimmte. Aber die Beziehung Honecker-Wehner war eben nicht taktischer. das er dann am Gartentisch seinem Gast anbot. Diese bevorzugte Behandlung in den DDRMedien war taktisch wenig klug. denn sie konnte im Westen Mißtrauen bestärken. sondern mit vollem Vornamen genannt werden mußte. Gegen alle Regeln wurde der westdeutsche Gast auf der ersten Seite des Neuen Deutschland gewürdigt. Wehner. Er wählte selber das Gebäck aus.Mischnick teilnahm.

Tagebucheintrag vom 15. 4. 1980 (Transkription im Anhang) -207- .

1980 (Transkription im Anhang) Erich Honecker erfüllte seinem Freund den Wunsch. den Wunsch nach Rehabilitierung innerhalb der -208- . 4.Tagebucheintrag vom 16. der ganz offensichtlich auch eine Triebfeder für Wehners Kontakte zur DDR war.

daß nicht Wehner. Um das sicherzustellen. Vor dem Politbüro gab er eine feierliche Ehrenerklärung für Wehner ab. der die Sowjetunion zur Aufgabe der DDR bewegen wolle. Mielke wollte außerdem inzwischen herausgefunden haben. wurde aus dem Buchhandel zurückgezogen. In die »Giftschränke« wanderten daraufhin die Erinnerungen von Karl Mewis. und diese These fand sich bald darauf in einer bundesrepublikanischen Wehner-Biographie von Alfred Freudenhammer und Karlheinz Vater wieder. Für mich war das eine absurde Vorstellung. daß Wehner sich im Lauf der Jahre immer weiter dem sozialistischen Lager angenähert hat. beschloß das Politbüro im Januar 1974. sondern Mewis der eigentliche Verräter in Schweden war. Wolfgang Vogel traf auf Öland an drei Tagen einen deprimierten Wehner. Die »Lex Wehner« des Politbüros wirkte wie eine späte Rache Wehners an seinen Gegnern in der Kommunistischen Partei.Partei. Der Sozialdemokrat durfte in Publikationen nicht mehr als Verräter an der Arbeiterbewegung dargestellt werden. Die Protokolle von Wehners Gesprächen mit Vogel und die Briefe an Honecker lassen den Schluß zu. in denen Wehner detailliert Verrat an Genossen vorgeworfen wurde. der geradezu prophetisch vom drohenden Untergang der DDR und des Sozialismus in Europa orakelte. Die bereits publizierten Erinnerungen von Erich Glückauf. daß Memoiren von »Persönlichkeiten der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung« nur noch auf Beschluß des ZK-Sekretariats veröffentlicht werden durften. -209- . Im August 1981 schien er sich dann schon voll mit der Sache des »real existierenden Sozialismus« zu identifizieren. Wieder einmal warnte er vor Brandt. in denen die Vorwürfe gegen Wehner bereits nur mehr sehr vorsichtig formuliert waren.

8. 1981 (Transkription im Anhang) -210- .Tagebucheintrag vom 24.

1983 (Transkription im Anhang) -211- . 3.Tagebucheintrag vom 8.

Tagebucheintrag vom 8. Er fürchte. sagte er zu Vogel. Er riet seinem Freund Honecker zu -212- . einen »gefährlichen Ermunterungssog«. 3. 1983 (Transkription im Anhang) Die akute Gefahr sah Wehner in der polnischen SolidarnóscBewegung. wenn man die Opposition in Polen nicht unter Kontrolle bekäme.

Die Voraussage aber. sollte sich als zutreffend erweisen. das schönste Geschenk zu seinem 75.« Sein Rat. Er wirkte tief enttäuscht von der Sozialdemokratie.»entschlossenen Maßnahmen« der sozialistischen Staaten. Zu sehr war er von den Repressionen der -213- . daß Herbert Wehner am Ende seines Wirkens wieder nahe der politischen Heimat seiner Jugend angelangt war. Wehner dachte dabei offenbar nicht nur an politische Pressionen. Wenn man das aus westdeutscher Perspektive als Verrat deuten will. Wehner war nie ein Agent im klassischen Sinn. denn er meinte: »Es geht nicht ohne innere Gewalt. leider. fand glücklicherweise kein Gehör. ist das eine allzu platte Sicht. daß ein Erfolg der Solidarnósc der Anfang vom Ende der sozialistischen Herrschaft in Europa sei. eine geschnitzte Holzfällerfigur aus dem Erzgebirge. »je eher. Geburtstag sei die Gabe des Staatsratsvorsitzenden. ja bisweilen des physischen Überlebens. Seine Genossen aus jenen Zeiten standen ihm offenbar politisch und menschlich näher als Sozialdemokraten vom Typus Willy Brandts oder auch Helmut Schmidts. weil er so unglaubwürdig klang: »Herbert war seit den 30er Jahren mein unersetzlicher Freund und Berater. der Stärkere im politischen Spiel zu sein. Von den ersten Kontakten zu uns bis zur Freundschaft mit Honecker hat er wohl immer geglaubt. Es ist eine halbe Minute vor zwölf.« Nicht allein das Gespräch im August 1981 mit Vogel legt die Deutung nahe. Nach der Wende sagte Honecker in einem Interview einen Satz. der kaum Beachtung fand. Die Konspiration war für ihn von Jugend an ein Mittel der Machtpolitik und auch des politischen. die polnische Opposition gewaltsam zu zerschlagen. Eine Rückkehr Wehners zum Kommunismus sehe ich in alledem nicht. Er bekannte. Wehner verabschiedete sich in diesem August von Vogel mit überschwenglichen Beteuerungen seiner Freundschaft zu Honecker. desto besser«.

zu sehr hatte er unter dem Mißbrauch der Ideale seiner Jugend gelitten. deren Konflikte sein Leben ausfüllten. Auf seine Art förderte er aber die Annäherung und den friedlichen Ausgleich der beiden Welten. Er tat dies oft auf seine Weise. Wehners Absage an jede Form der Diktatur entsprach seiner Überzeugung.Stalinzeit gezeichnet. Erich Honecker und Herbert Wehner in Bonn 1987 -214- .

Das. in Frankreich und der Bundesrepublik war das Jahr 1968 durch den Höhepunkt der Studentenrevolte und der Protestbewegung gekennzeichnet. ließ aufhorchen. daß Nasser an der Kampfkraft des sozialistischen Lagers zweifle und das Kräfteverhältnis zwischen den Supermächten falsch einschätze. was Leonid Breschnew. Dies aber verleitete die Falken in der USAdministration zu gefährlichen Schlüssen. mit der Ägyptens vergleichen ließ. Auswirkungen. seit 1964 Chruschtschows Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU. Ähnlich den Ereignissen in Ungarn im Herbst 1956 hatten diese Geschehnisse tiefreichende Auswirkungen auf das Denken vieler von uns. in der die größte sowjetische Streitmacht außerhalb der UdSSR stationiert war. Deshalb müsse Ägypten nach einer politische n Lösung suchen. Ulbricht hatte permanent Angst vor einem »kleinen Krieg« und mißtraute insgeheim Moskaus Bündnistreue. die Sowjetunion könne die DDR in einem militärischen Konflikt der deutschen »Brüder« ihrem Schicksal überlassen. bedeute Krieg. traute Ulbricht dennoch der Bundesrepublik ein ähnliches Vorgehen wie Israel zu und fürchtete. Das Interesse der Sowjetunion am Friedenserhalt war offenkundig. in den Ländern des Warschauer Vertrags durch den »Prager Frühling« und den Einmarsch der Truppen der Vertragsstaaten in die CSSR. So wenig sich die strategische Lage der DDR. Er war der Ansicht. so Breschnew. in geschlossenen Sitzungen des Zentralkomitees und bei Beratungen mit führenden Politikern der sozialistischen Länder zur Lage im Nahen Osten sagte. Der israelischägyptische Sechstagekrieg 1967 schürte seine Befürchtungen noch. deren die meisten sich erst im nachhinein bewußt wurden. Walt Whitman -215- .9 Der heiße Sommer von 1968 In den USA. Israel zerstören zu wollen.

der eine allgemeine Streikbewegung zur Folge hatte. das hatte eine Welle der Rebellion an westdeutschen Universitäten ausgelöst. den Vietnam-Krieg bis zum Sieg über die Kommunisten weiterzuführen. danach könne der Erfolg der Israelis gegen die Araber ausgebaut werden. folgerte aus den sowjetischen Friedensbemühungen. Das beanspruchte meine Aufmerksamkeit weit mehr als das Geschehen bei unseren östlichen und südlichen Nachbarn. sondern geboten sei. den Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition. Fabriken wurden durch Arbeiter und Studenten besetzt.Rostow. Im Vorjahr war während des Staatsbesuchs von Schah Reza Pahlewi in West-Berlin der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen worden. -216- . und dann werde man sich Europa zuwenden. Der Protest gegen den weiter eskalierenden Vietnam-Krieg weitete sich zur Auflehnung gegen die herrschenden Machtverhältnisse aus. Die Gewerkschaften riefen einen Solidaritätsstreik aus. verübte im Frühjahr 1968 ein Neonazi ein Attentat auf Rudi Dutschke. daß es für die USA nicht nur möglich. was neue Unruhen auslöste. Kaum waren sie abgeebbt. In Frankreich eskalierte der Studentenaufstand zu Straßenschlachten mit der Polizei. Im Parlament stimmten fünfzig Abgeordnete der SPD mit der FDP gegen die Annahme der Gesetze und damit gegen die Beschlüsse ihrer Parteiführung. Für eine ganze Generation bildeten die Ereignisse des Jahres 1968 eine historische Zäsur. außenpolitischer Berater Präsident Johnsons. In der Bundesrepublik mündete die Protestbewegung in den politischen Protest gegen die geplante Verabschiedung der Notstandsgesetze durch den Bundestag. Anfang 1968 nahmen die Studentenunruhen im Westen dramatische Formen an. und deshalb wurde mir die kritische Zuspitzung der Ereignisse in der Tschechoslowakei erst relativ spät bewußt.

um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen – immerhin waren wir uns der Haltung etwa eines Dutzends Abgeordneter sicher. Mit diesem Beitrag meines Dienstes im Kampf gegen die Notstandsgesetze hätte unser soeben von einem leichten Gehirnschlag genesener Minister eigentlich zufrieden sein können. Über die Lage in Prag hatte ich kein klares Bild. und aus dem Mund dieser Männer wurden Forderungen laut. Seine öffentlichen Auftritte in Prag bezeichneten Anwesende als ausgewogen. hatte Ulbricht sich skeptisch über Alexander Dubcek. Das erinnerte an den Ablauf der Ereignisse in Ungarn 1956. Als ich jedoch Dubceks erste Reden las. Sehr bald jedoch tauchten neben Dubcek neue Namen auf. die weit über das hinausgingen. worauf auch in der DDR viele warteten. Aus dem Zentralkomitee der SED kamen widersprüchliche Auskünfte über die Gipfeltreffen der sozialistischen Länder. Die Ankündigung eines »neuen Kurses« mit dem Ziel demokratischer Reformen drückte das aus. auf denen Dubcek sich bemühte. um auf andere einzuwirken. genau wie die Studentenkrawalle. Da er die von Gomulka in Polen verfolgte Landwirtschaftspolitik und die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien noch heftiger kritisierte. stutzte ich. dem 8. die Besorgnis der anderen Teilnehmer zu entkräften. so der Parlamentspräsident -217- . was er propagierte. die ihrerseits nichts unversucht gelassen hatten. in seiner Umgebung aber bestimmten andere den Ton. die aus Warschau gemeldet wurden.Wir nutzten unsere Verbindungen zu Abgeordneten des Bundestags soweit wie möglich. denn seine Aufmerksamkeit war zur Gänze von der Entwicklung in den sozialistischen Nachbarländern beansprucht. hatte ich seine Bemerkungen zunächst seiner bekannten Besserwisserei zugeschrieben. Am Jahrestag der Staatssicherheit. doch Mielke war keineswegs zufrieden. den neuen Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten. geäußert. Februar.

was man ohnedies über die Be ziehungen der Prager Liberalen zu Westpolitikern wußte oder zumindest ahnte. Die Informationen meines Dienstes ergänzten das. Alexander Dubcek mit Jan Pudlák und Ludvik Svoboda Großes Interesse bei unserer politischen Führung fanden Informationen über tschechische Kontakte zu westdeutschen Sozialdemokraten und zur italienischen KP. Diese unterschieden zwischen Dubceks Reformkurs. die -218- . die einer Annäherung der gesellschaftlichen Systeme und eines »dritten Weges« das Wort redete. Die Erklärungen des Außenministers Jirj Hajek ließen deutlich sozialdemokratischen Einfluß erkennen.Josef Smrkovsky oder Eduard Goldstücker. Mielke wußte durch meinen Dienst von den Gesprächen. den mit westlichen Modellen sympathisierenden Liberalen und den an Moskau orientierten Konservativen. die als Wiege eines reformierten Eurokommunismus besonders suspekt war. Als ideologisch absolut verderblich galt die Konvergenztheorie dieser Kreise.

nicht nur er sei der Auffassung. als offiziell behauptet worden war. in der Bundesrepublik geführt hatte. der sich mit dem Deckmantel der Kritik am Zionismus tarnte. Szlachcic fragte mich hinterher einigermaßen verwirrt. und hatte erklärt. Anzeichen für eine bevorstehende Intervention wechselten in immer kürzeren Abständen mit Bemühungen um eine tragfähige einvernehmliche Lösung. was Mielke mit seiner Schimpftirade denn eigentlich gemeint habe. Szlachcic schilderte mir eingehend. Mielke besuchte. die Konvergenz sei unvermeidlich und wünschenswert. Dabei hatte er betont. Im Sommer 1968 kamen mir der Fortgang der Ereignisse in der Tschechoslowakei und die Reaktionen darauf wie ein Wechselbad vor. Im Mai hatte eine Meldung der Berliner Zeitung für -219- . Als der polnische stellvertretende Innenminister Francisek Szlachcic. welche Rolle der unterschwellige Antisemitismus bei der Bekämpfung von Reformbestrebungen und ihrer Exponenten durch die konservativen Kräfte in den sozialistischen Staaten von jeher gespielt hat.Mieczyslaw Rakowski. Erst bei der Niederschrift dieser Erinnerungen ist mir aufgefallen. Nicht weniger besorgniserregend fand er den aufflackernden Antisemitismus. Sowohl die Studentenunruhen als auch das Einschreiten der Ordnungskräfte waren seinen Worten zufolge weit weniger harmlos gewesen. entgegen Moskaus Hegemonialbestrebungen. daß Polen sich um ein hohes Maß an nationaler Eigenständigkeit bemühe. Auch in der Tschechoslowakei waren es Juden. Chefredakteur der Zeitung Polityka und Mitglied des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei. der für die Aufklärung zuständig war. was in Warschau in den letzten Wochen geschehen war. die am massivsten angefeindet und deren Entfernung am lautesten gefordert wurde. Konvergenz – das war das Stichwort für Mielke. wetterte dieser gegen Rakowski wie gegen den bösen Feind.

ja geradezu kindisch. In einem offiziellen Schreiben kündigte Mielke meinen Besuch dem neuen Prager Innenminister Pavel mit der Erklärung an. daß in Prag Außenaufnahmen für den Film Die Brücke von Remagen gemacht wurden. Am 8. gewählt würden. die sich selbst als Progressive bezeichneten. Der wahre Sachverhalt sah so aus. Juli holte Houska mich an der Grenze ab. Salgovic -220- . Das hielt ich für absurd. Er sagte. Unterwegs schilderte er mir die Lage in Partei. konnte ich während meines Besuchs wiederholt feststellen. die Mehrheit. (Wie sehr die Begriffe »rechts« und »links« durcheinandergingen und vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters abhängig waren.Aufregung gesorgt: Acht amerikanische Panzer sollten in Prag gesichtet worden sein. zu dem unter dem herrschenden Druck nur »Progressive«. im Parteipräsidium hätten die »Rechten«. daß die Panzerente als Alibi für eine sowjetische Intervention gedacht sei. der für Staatssicherheit und Nachrichtendienst zuständig war. Im Juni lud mein Prager Kollege Houska mic h nach Prag ein. ich müsse mich mit meinem Kollegen über einen geheimdienstlichen Vorgang beraten.) Dubcek gebe ihrem Druck immer mehr nach. Am nächsten Tag traf ich mich mit dem stellvertretenden Innenminister Vilian Salgovic. Für September werde ein Parteitag vorbereitet. Als Slowake stellte er gemäß den in Prag geltenden Regeln die Parität zum tschechischen Minister Pavel her. Diese »Nachricht« war der Redaktion ohne unser Wissen von sowjetischer Seite untergeschoben worden.und Staatsführung in den düstersten Farben. Die Panzer schrumpften schnell zu einer Handvoll Statisten in amerikanischen Uniformen. Gesprächspartner aus dem Westen fragten mich rundheraus. ob man annehmen müsse. meist Intellektuelle. Die meisten Slowaken in der Führung hatten offenbar kein Vertrauen mehr zu ihrem Landsmann Dubcek und fanden sich immer ärgeren Diffamierungen und Angriffen ausgesetzt. Derart unseriöse Unternehmungen interpretierte ich damals als Indiz der Unsicherheit Moskaus.

Er sagte. Am 19. An Häuserwände wurden Galgen mit ihren Namen gepinselt. antwortete er ratlos: »Ich weiß es nicht. Nicht zuletzt waren Männer wie Salgovic und unsere Partner im Prager Innenministerium vierzig Jahre lang selbst diejenigen gewesen. 1991 las ich eine kurze Notiz in der Zeitung: Salgovic hatte sich in der Slowakei das Leben genommen. von meinem -221- . die alle »Konservativen« denunzierte. Auf meine Frage. wie ich sie damals erlebte. Viele fühlten sich so bedroht. Gegen Salgovic und andere Offiziere des Innenministeriums lief tatsächlich eine regelrechte Diffamierungskampagne. man sei sich bald seines Lebens nicht mehr sicher.und seine als konservativ abgestempelten politischen Freunde hätten auf diesem Parteitag zweifellos keine Chance. Unerwartet traf meine Reise nach Prag auf öffentlichen Widerhall.« Seiner Meinung nach war Pavel die treibende Kraft. Natürlich waren sie einseitig von der Sicht derer geprägt. lag hie wie da an den gleichen Ursachen. die politisch Andersdenkende unterdrückt hatten. verbunden mit der Frage: »Was wollte General Wolf in Prag?« Da außer den von mir erwähnten Gesprächspartnern nur Borecký. Auf seinem Rückflug Ende November unterhielten wir uns kurz in Ost-Berlin. Salgovic ging nach Bulgarien. Pavel terrorisiere alle ihm nicht genehmen Mitarbeiter mit Hilfe von Presse und Fernsehen. daß sie im Ausland Unterschlupf suchten. wie ich es ähnlich nach dem Zusammenbruch der DDR gegenüber der Staatssicherheit erlebt habe. Juli erschien in der Zeitung Literarny Listy unter der Überschrift »Interpellation« eine Meldung über meine Anwesenheit. Meine Begegnungen und Eindrücke habe ich so geschildert. Daß der Zorn großer Teile des Volkes sich oft auf extreme Weise Luft machte. der Leiter der Abteilung für Aktive Maßnahmen im Prager Nachrichtendienst. Rufmord und Psychoterror seien an der Tagesordnung. was von unserer Seite aus getan werden könne. die auch in Moskau und bei der Führung in Ost-Berlin Gehör fanden.

konnten wir nicht mit den gewünschten Belegen für eine unmittelbare Einmischung westlicher Staaten in die Prager Vorgänge aufwarten. Die Meldung war die Revanche für Angriffe der DDR-Presse auf den CSSRReformkurs. Ein Treffen der Prager Regierung mit der sowjetischen Führung Ende Juli resultierte in einem Abschlußkommunique. die mit nationalem Pathos ihren erstmals in der Geschichte etablierten freiheitlichen Sozialismus verteidigten.Besuch informiert war. Sowjetische Panzer in Prag 1968 Obwohl Mielke und die DDR-Führung meinem Dienst keine Ruhe ließen. in dem von »umfangreichem kameradschaftlichen Meinungsaustausch« und einer »Atmosphäre völliger Freimütigkeit. Moskauer und Berliner Zeitungen veröffentlichten im Frühsommer einen kritischen Artikel zur Lage in der CSSR nach dem anderen. was aus Prag von namhaften Autoren gekontert wurde. fiel es mir nicht allzu schwer. Offenherzigkeit und -222- . den Zusammenhang zu erraten. Borecký galt schließlich als Wortführer der »Progressiven« im Geheimdienst.

Er vermutete. was drei Tage später geschehen würde. daß in der CSSR nun doch »Ernst gemacht« würde. August holte mein Fahrer mich kurz nach 4. Trotz zunehmender Anzeichen hielt ich ein direktes Eingreifen des Warschauer Pakts noch immer für unwahrscheinlich. was unmittelbar nach dem Treffen der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde. In meinem Tagebuch notierte ich: »Wir werden noch ganz schön strampeln müssen. Wir konnten uns wieder unserem eigentlichen Arbeitsgebiet im Westen zuwenden. und ich fuhr nach Ahlbeck nahe der polnischen Grenze. Er sagte mir. die eine Intervention in der CSSR begründen sollte. Smrkovsky verkündete triumphierend: »Unsere Hoffnungen wurden weit übertroffen – die Spaltung der sozialistischen Welt ist verhindert worden! « In Ost-Berlin wurde unterdessen eine Mitteilung der Parteiführung. er müsse sofort nach Berlin zurück. Um 2.00 Uhr morgens i Ahlbeck ab. wurde ich dort von Boten Mielkes erwartet. und das. als habe man sich geeinigt. Als ich im Ferienhaus ankam.00 Uhr brachte Radio Prag die erste Meldung. August fuhr Mielke zu einem Kurzurlaub nach Heringsdorf. Bis dahin war Mielke in völliger Unkenntnis dessen.gegenseitigen Verständnisses« die Rede war. Von der Begegnung der Parteiführer Anfang August erwartete ich keine Wunder. Am 17. sah ganz danach aus. Für den 3. Auf der Fahrt nach Berlin hörte ich abwechselnd die Rundfunkmeldungen aus Ost und West. -223- . um mit den nach einem Kompromiß auf uns zukommenden Problemen fertig zu werden. die mich zu ihm brachten. hastig eingezogen. August war ein gemeinsames Treffen mit den Vertretern der übrigen Staaten des Warschauer Vertrags festgesetzt. weil für den nächsten Tag überraschend ein Treffen der Parteiführer in Moskau angesetzt worden sei.« Da rechnete ich noch fest mit einem Kompromiß. Am 21. Der Einmarsch in die n Tschechoslowakei hatte schon vor Mitternacht begonnen.

daß sie bis zur Nacht vom 20. die Dubcek unter politischen Druck setzen sollte. Andropow hörte ihm höflich zu. Dann sagte er: »Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. In den Wochen zuvor war es bereits zu Vorbereitungen für eine militärische Lösung gekommen. elf ranghohe Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit und ich teil. Wir hatten zwei Möglichkeiten: -224- . Ulbricht und die Mehrheit der Parteiführung gehörten ohne Frage zu den Befürwortern eines militärischen Eingreifens.Der ganze Ablauf paßte zu meiner Annahme. daß die Führung in Moskau buchstäblich bis zur letzten Stunde gezögert hatte. Einheiten der Sowjetarmee und der Nationalen Volksarmee der DDR waren nördlich der Grenze zur CSSR zusammengezogen und in Bereitschaft gehalten worden. Dann kam das Gespräch auf die CSSR. An dem Bankett in unserem Gästehaus in Pankow nahmen von deutscher Seite Minister Mielke. auf den 21. was ich nicht zuletzt Andropows Führungsstil zuschrieb. Die Atmosphäre war entspannt. Drei Tage vor dem Einmarsch soll Breschnew noch einmal mit Dubcek telefoniert haben. Über die Beteiligung der DDR und ihrer Armee an der Invasion sind bis heute verschiedene Versionen in Umlauf. keine ideologischen Aufweichungserscheinungen in der DDR zuzulassen. Im September kam KGB-Chef Andropow zu einem Arbeitsbesuch nach Berlin. den Marschbefehl zu geben. Wie üblich gaben beide Minister einen allgemeinen Überblick zur politischen Lage und den Aktivitäten der anderen Seite. Hohe Offiziere der NVA wiederum haben mir versichert. Mielke zog sogleich gegen ideologische Diversanten und gefährliche Konvergenzbefürworter vom Leder und gelobte. wie sie Prag zugrunde gerichtet hätten. August keine Kenntnis von der geplanten Unternehmung hatten und auch danach nicht in die Planung einbezogen wurden. Das hatte ich als Machtdemonstration mißdeutet. weil unsere Reise nach Moskau ausgefallen war. Mielke hatte ihn darum gebeten.

diese Entwicklung wird zu einer weiteren Differenzierung führen. Ich glaube auch. wie die innenpolitische Lage beschaffen ist. sondern möglicherweise als ernstzunehmenden Verhandlungspartner in Betracht zu ziehen. Von heute aus gesehen ist der Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR Ausdruck einer Machtdoktrin. War mit dem Brechen der souveränen Rechte der CSSR die -225- . die das für die sozialistischen Staaten Europas mit sich gebracht hätte. Dennoch hat er sich bemüht. über den Leninschen Weg zum Sozialismus und über den sozialdemokratischen Weg neu nachzudenken und zu diskutieren. die Sozialdemokratie nicht in Bausch und Bogen zu verteufeln. aber noch ungewohnter war sein Appell. was in der CSSR geschehen ist. Das waren ungewohnte Töne aus dem Mund eines KGB-Oberen. in der inneren Entwicklung unserer Staaten. die Gründe für das. Aus jedem anderen Mund hätte er sie als Ketzerei gebrandmarkt. weil so etwas nicht in sein Denkschema paßte. die Ursachen der Prager Ereignisse zu untersuchen. auf einem anderen Niveau als bisher zu pflegen. unseren Ruf zu schädigen. an deren Auswirkungen das System des »real existierenden Sozialismus« zwei Jahrzehnte später mit zerbarst. Ich glaube. auf die Gefahr hin. die Kontakte zu westdeutschen Politikern.« Er fuhr fort: »Man muß in jedem Land sorgfältig abwägen. Im übrigen wären wir gut beraten. daß es unabdingbar ist.militärisch einzugreifen. oder die CSSR aufzugeben und zwar mit allen Konsequenzen. Statt die Intervention ideologisch zu untermauern. Für Mielke muß das ein harter Brocken gewesen sein.« Es verschlug uns fast die Sprache. in der kommunistischen Bewegung. bei uns selbst zu suchen. Vielleicht hat er die Erinnerung daran einfach verdrängt. auch zu Sozialdemokraten wie Herbert Wehner. Die neue Regierung in der CSSR wird es nicht leicht haben. und er kam nie auf diese Äußerungen Andropows zurück. hatte Andropow dafür plädiert. Es war keine angenehme Wahl.

haben die Männer um Dubcek die Erfahrungen vergangener Jahrzehnte außer acht gelassen. Von der Sympathie des Volkes und vom Westen ermutigt. zwischen Parteien zu wählen. Wie aber ließ sich sozialistische Staatsmacht erhalten und mit Demokratie verbinden? Eine auf Demokratie gestützte Macht schien mir unbedingt erstrebenswert: pluralistische Strukturen und Meinungsbildung. Solche Erwartungen ignorierten völlig. Im politischen Klartext hätte dies bedeutet. daß Moskau zögerte und daß die anderen Partner des Warschauer Vertrags widersprüchliche Haltungen vertraten. ein besseres Sozialismusmodell zu schaffen. die Möglichkeit. und zumindest einige unter ihnen erwarteten von den USA. daß sie an die Sowjetunion die ultimative Forderung richten würden. wie die USA auf den 17. Juni 1953. zwischen Geist und Macht – die Macht aber sollte eine sozialistische sein. die an der Spitze des Prager Frühlings standen. das Experiment eines »dritten Weges« sei ein realisierbarer Gegenentwurf zum Stalinismus. In meinem Tagebuch hatte ich damals -226- . jedes militärische Eingreifen in die inneren Angelegenheiten der CSSR zu unterlassen. auf den ungarischen Herbst 1956 und auf den Mauerbau 1961 reagiert hatten. Sie spürten. einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«? War die Marxsche Utopie einer freien Assoziation freier Bürger am internationalen Kräfteverhältnis und am sowjetischen Gesellschaftsmodell Stalinscher Prägung gescheitert? Politik ist letztlich die Kunst des Möglichen.Chance vertan worden. zwischen Plan. vernünftige Relationen zwischen gesellschaftlichem und privatem Eigentum. sie glaubten. daß die USA die Tschechoslowakei zu einem ähnlich essentiellen Gebiet hätten erklären müssen wie seinerzeit West-Berlin. Die Männer.und Marktwirtschaft. haben – sofern der Sozialismus für sie überhaupt noch eine lebensfähige Alternative zum kapitalistischen System darstellte – die weltpolitischen Gegebenheiten des Jahres 1968 falsch eingeschätzt.

dann wäre ein ähnlicher Wandel auch in anderen Ländern Osteuropas denkbar gewesen. Ungarn 1956 bis zum August 1968 in der CSSR führt eine Kette von Unruhen. die komplizierten Machtfragen einfach zu ignorieren. demokratische und humanistische Prinzipien in die Gesellschaft einzuführen. sich auf die Fragen des wissenschaftlichen. nicht die Verständigung. die nach 1989 oft gestellt wurde. Gab es 1968 oder danach eine denkbare sozialistische Alternative? Das ist eine spekulative Frage. beschäftigt mich dieses Problem nach wie vor. daß der Westen eine strikte Nichteinmischung praktiziert hätte. Die Geschichte ist kein Schachspiel. zu reduzieren oder auszuklammern. Hätte in der UdSSR ein Mann an der Spitze umsichtig und konsequent den Weg zu einem reformierten Sozialismus freigemacht und dies schon im Frühjahr 1968. Auch wenn meine Zweifel in den 70er Jahren zunahmen und mich Anfang der 80er Jahre zu dem Entschluß bewegten. aber wer wollte das ernsthaft annehmen? Unstrittig ist. die ihren Kern in diesem widersprüchlichen Prozeß der Transformation der Macht haben. mich aus der Mitverantwortung für die Folgen subjektiven Machtdenkens zu verabschieden. technischen und kulturellen Fortschritts zu konzentrieren. Ohne Veränderungen in Moskau hätte keine Alternative in Ostund Mitteleuropa auch nur ansatzweise eine Chance gehabt. daß man Züge zurücknimmt -227- . daß in der weltpolitischen Konstellation damals die Konfrontation gepflegt wurde. Dann kommt es so wie in der CSSR. ob die Erhebungen in Ungarn oder in der CSSR bei ungestörtem Fortgang zu einem reformierten Sozialismus geführt hätten. Da die feindliche Umwelt und ihre Wirkung auf die eigenen Menschen weiterhin sehr stark sind. Bis heute würde ich nicht mit Sicherheit sagen wollen.notiert: »Über Polen. Dies jedoch hätte vorausgesetzt. geht es nicht so einfach. bei dem die nachträgliche Analyse gestattet.« Heute sehe ich die Machtfrage wesentlich differenzierter.

Der Einmarsch in die Tschechoslowakei war meiner Einschätzung nach für die meisten Teilnehmer keineswegs das. Saint-Just hat in einer Rede vor dem Nationalkonvent die berühmten Worte gesagt. so wirkte der Einmarsch in die Tschechoslowakei auf die Jugend der DDR. So wie im Westen die Zusammenstöße mit der Staatsmacht für einen Teil der jungen Generation zum Kristallisationspunkt einer unausweichlichen Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen System wurden. bis die Fähigkeit zu manövrieren erschöpft war. die großen historischen Ereignisse geschähen durch »die Macht der Dinge«. die einzelnen Züge führten immer weiter in das fatale Endspiel. Viele Bürgerrechtler. die an der Spitze der Bewegung von 1989 standen. die niemand vorauszusehen vermag. hatten das Jahr 1968 als tiefen und schmerzlichen Einschnitt erlebt. Um bei der Schachmetapher zu bleiben: Die Partie verlief in mehrfach erprobten Varianten. -228- . von dem sie sich innerlich mehr und mehr entfernten. was sie gewollt hatten. als den Anfang der bewußten Auflehnung gegen ein Regime. die Ergebnisse zeitigen könne.und andere Varianten durchspielt.

Am Abend des 21. Ich reichte das Schreiben weiter an unseren Mitarbeiter Hermann von Berg.10 Wandel durch Annäherung Das Jahr 1969 begann mit einer schlechten Nachricht. Ulbricht bot in dem Schreiben an. Februar 1969 übergab mir Mielke einen Brief Ulbrichts an den SPD-Vorsitzenden Willy Brandt. Herbert Wehner. Es ging zeitweilig zu wie im Tollhaus. Die bevorstehende Wahl des Bundespräsidenten sollte in WestBerlin stattfinden. militärische Übungen. über Rechtsanwalt Wolfgang Vogel. dem er den Brief brachte. Mit geradezu naiver Genugtuung meldete -229- . Von Berg nutzte seinen geheimen Kanal zu dem späteren West-Berliner Bürgermeister Klaus Schütz. wenn die Präsidentenwahl in eine andere Stadt verlegt würde. Behinderung des Transitverkehrs. Nach dem Rechtsverständnis der DDR und der Sowjetunion war West-Berlin kein Teil der Bundesrepublik. Die Wege waren noch verschlungen. Deckname Günter. und demnach konnten dort auch keine Präsidentenwahlen stattfinden. Davon unabhängig nutzte Mielke seinen Kanal zum Minister für Gesamtdeutsche Fragen. den West-Berlinern zu Ostern 1969 Passierscheine für den Besuch Ost-Berlins zu gewähren. Fast gleichzeitig liefen über meinen Dienst geheime diplomatische Initiativen. Die Reaktionen unserer Seite waren widersprüchlich und ohne strategischen Ansatz für eine Politik auf längere Sicht. Wieder begann ein fruchtloses Kräftemessen zwischen den beiden deutschen Staaten. der offiziell im Presseamt des Innenministeriums arbeitete. Sie erschöpften sich wieder einmal im Ritual der Drohgebärden: Verschärfte Kontrollen an der Grenze. Zu allem Überfluß brausten auch noch sowjetische Düsenjäger im Tiefflug über den Reichstag.

Mielke. Tagebucheintrag vom 27. 1969 (Transkription im Anhang) Wehner hatte zudem Vogel einen überaus freundlichen und -230- . 2. Wehner sei gegen die Präsidentenwahl in West-Berlin und werde die Annahme des Ulbricht-Vorschlags befürworten.

Heinz Felfe. Gleichzeitig jedoch ließ uns Klaus Schütz indirekt über Hermann von Berg wissen. Während über unseren Kanal der Brief Ulbrichts an Brandt ge gangen war. Brandt blieb nichts anderes übrig. liefen viele geheime Botschaften und Gespräche über meinen Dienst. hatte Rechtsanwalt Vogel gleichzeitig seinen Kontaktmann Wehner von dem Angebot informiert. um zu demonstrieren. Er war 1959 -231- . daß es sowohl auf dem Kiesinger-Flügel der CDU als auch bei der SPD bemerkens werte Anzeichen für die Bereitschaft zu vernünftigen Lösungen in der West-Berlin-Frage gab. gemeint waren die von der CDU. Dabei sagten uns verläßliche Quellenberichte. aus dem Spiel lassen. als Ulbrichts Offerte schroff zurückzuweisen. sondern gab die Nachricht an den CDUKanzler Kiesinger weiter. daß man an Verhandlungen interessiert sei. wurde im Austausch gegen einundzwanzig in der DDR inhaftierte Personen aus dem Gefängnis entlassen. Statt mit einer realistischen Initiative die Offensive in der Deutschlandpolitik zu ergreifen. hatte unsere politische Führung nur Porzellan zerschlagen. Spätestens nach diesem Erfolg seines Kanals war der ehemalige »gefährliche Renegat« und »ideologische Diversant« Wehner für Mielke die beste Adresse in Bonn. Er lehnte jede Erörterung des angebotenen Handels ab. Die verschiedenen Drähte zu westdeutschen Politikern sorgten immer wieder auch für Verwirrung. Da offizielle Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten noch immer problematisch waren.höflichen Brief mitgegeben und Mielke einen Herzenswunsch erfüllt: Der prominenteste Maulwurf des KGB im BND. Wir sollten nur die anderen »Scheißkerle«. Kiesinger ließ sofort den sowjetischen Botschafter Zarapkin per Hubschrauber kommen. Dabei kam Hermann von Berg eine wesentliche Rolle zu. daß es keine Verhandlungen mit der DDR an der Sowjetunion vorbei gebe. Der wiederum schloß sich nicht mit Brandt kurz.

Schon bald wurde er in politischoperative Vorgänge einbezogen. zunächst vor allem in West-Berliner Senatskreisen. Er überbrachte Briefe Ulbrichts und bereitete offizielle Verhandlungen vor. So wurde er allmählich zu einer Art Sonderbotschafter für die Geheimdiplomatie zwischen den deutschen Staaten – zumindest mußten seine westlichen Gesprächspartner das so sehen. Über Medienvertreter kam er in Kontakt zu Politikern. verhandelte mit Egon Bahr und Horst Ehmke. sprach mit Richard von Weizsäcker und Hans-Dietrich Genscher. Seine unkonventionelle Art. um auf dem Gebiet der »gesamtdeutschen Arbeit« tätig zu sein. Wahl des Bundespräsidenten 1969 in West-Berlin Als zeitweiliger Mitarbeiter des DDR-Presseamtes konnte er engere Beziehungen zu einflußreichen westdeutschen Journalisten aufbauen. Er war eingeschaltet in die vorbereitenden Gespräche zu den Passierscheinabkommen und zum Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR. seine Schlagfertigkeit und Ironie machten ihn zu einem beliebten Gesprächspartner. Er bereitete den -232- . Hermann von Berg wurde von Willy Brandt empfangen.geworben worden.

die die Bundesanwaltschaft in das Verfahren einbrachte. aber Mielke und die Abwehr mißtrauten ihm. Das brachte ihn immer wieder in verzwickte Situationen. Es lag wohl nicht in ihrem Interesse zu dokumentieren. der durch seine Kontakte für sozialdemokratisches Gedankengut anfällig war. daß die Vorbereitungen der Entspannungspolitik über meinen Dienst gelaufen waren und daß hochrangigen Politiker der Bundesrepublik über Jahre hinweg politische Kontakte zu einem meiner Mitarbeiter gepflegt hatten. ihn vor seinen wichtigen Missionen so genau wie möglich zu instruieren. Manche hielten ihn für einen Oberst des MfS. Hermann von Berg wurde zwar für seine Arbeit mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber ausgezeichnet. Auf seine Zeugenvernehmung verzichteten die Bundesanwälte dann allerdings. wurde publik. In meinem Prozeß 1993 wurde mir die »nachrichtendienstliche Führung dieses IM« vorgeworfen. Von Bergs Position in der DDR wurde in der Bundesrepublik überschätzt. Je nach Stimmungslage im Politbüro – die nicht zuletzt von der in Moskau abhängig war – sollte von Berg das eine Mal den Kontakt zu den westlichen Gesprächspartnern suchen. andere für einen wichtigen politischen Berater des Ministerpräsidenten Willi Stoph. Erst durch Dokumente. Er galt als jemand. -233- . daß von Berg für die HVA tätig gewesen war. denn wirkliche Verhandlungsvollmacht hatte er nicht. Wir versuchten zwar. Für ihren Geschmack redete er im Westen zu freimütig über Probleme der DDR. das andere Mal den Wünschen der anderen Seite nach Begegnungen die kalte Schulter zeigen. doch angesichts der schwankenden und konzeptlosen Deutschlandpolitik der DDR war das nicht gerade einfach.Dialog zwischen SED und SPD ebenso vor wie Verhandlungen unserer Führung mit dem westdeutschen Arbeitgeberpräsidenten.

Hermann von Berg 1986

Das Jahr 1969 brachte nicht nur für die westdeutsche Innenpolitik eine Wende, sondern auch in der Deutschlandpolitik. Am 5. März 1969 wurde Gustav Heinemann als erster Sozialdemokrat in West-Berlin zum Bundespräsidenten gewählt. Wenige Monate später wurde Willy Brandt als erster Sozialdemokrat Bundeskanzler. In Washington war man überrascht, wir hatten mit dieser Entwicklung gerechnet. Über unsere Quellen in der FDP wußten wir, daß die FDP-Spitze mit Walter Scheel und Hans-Dietrich Genscher eine sozialliberale Koalition anstrebte. Über unsere internen Kontakte mit Wehner, Erler und Kühn und über unsere Quellen wie Günter Guillaume kannten wir auch die Strategie der SPD. Wir konnten uns also rechtzeitig auf den Regierungswechsel vorbereiten. Als bei den Sozialdemokraten die Auswahl der Kandidaten begann, die für Regierungsposten in Frage kamen, suchten auch wir in unserem Netz nach geeigneten Leuten. Wir registrierten die Namen, die für Positionen in Bonn genannt wurden, und
-234-

machten unsere Mitarbeiter auf sie aufmerksam. War es bisher vor allem darum gegangen, durch unsere Verbindungen in die SPD den Widerstand gegen die Anpassungsstrategie der Führung zu stärken, so ging es nun darum, einflußreiche Positionen in Regierung und Parlament anzustreben. So mußte der überzeugte Linke »Freddy«, von dem ich schon berichtet habe, als Bundestagsabgeordneter die Nähe der rechten »Kanalarbeiter« in der SPD-Fraktion suchen. Denn ohne die Unterstützung der »Kanalarbeiter« wäre er nicht für einen wichtigen Parlamentsausschuß nominiert worden. Zu anderen einflußreichen Sozialdemokraten, zu denen nur lockere Kontakte bestanden, mußte versucht werden, feste Beziehungen aufzubauen. In den wichtigsten Fällen, wie bei Wienand, übernahm ich die Aufgabe selber. Wienand wich einer Zusammenkunft mit mir zwar immer wieder aus, doch bei einem anderen Bundestagsabgeordneten, den wir »Julius« nannten, war meine Strategie erfolgreich. »Julius«, in den 50er Jahren Kommunalpolitiker, Journalist und Abgeordneter in einem Landtag, hatte im Rahmen der Städtepartnerschaften eine engere Beziehung zu einem DDRBürgermeister aufgebaut. Es gelang uns, einen unserer Leute in diese Beziehung einzuschalten. Ende der 50er Jahre gaben wir »Julius« auf seinen Wunsch Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ministerpräsident Grotewohl. Danach konnte unser Mann problemlos unter der üblichen Legende als Mitarbeiter des Ministerrats den Kontakt zu »Julius« vertiefen. Mit der Zusicherung strikter Vertraulichkeit war ein wichtiger Schritt zur Zusammenarbeit getan. 1969 war »Julius« nicht nur Bundestagsmitglied, sondern auch Mitglied des Europarates und wichtiger Ausschüsse beider Parlamente. Unser Mann lud ihn zu einer Reise durch die Sowjetunion ein, die im Sommer des Jahres stattfand. Zur Vertiefung der Konspiration erhielt er einen DDR-Reisepaß mit
-235-

falschem Namen. Da ich zur gleichen Zeit an der Wolga Urlaub machte, war ein »zufälliges« Zusammentreffen mit ihm geplant. Mein Aussehen war bis dahin im Westen noch nicht bekannt. So konnte ich zunächst als hoher Regierungsvertreter auftreten und alles weitere dem Gang der Gespräche überlassen. Die sowjetischen Kollegen waren um organisatorische Hilfe gebeten worden. Unsere Partner in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, boten mir die Villa an, die für Treffen Chruschtschows mit ausländischen Staatsmännern gebaut worden war. Nach einer Besichtigung des mit Plüsch und Kristalleuchtern protzenden Gebäudes hielt ich es für den Zweck wenig geeignet. Ich wählte einen anderen Ort, ein abgelegenes Anglerparadies an der Wolga, das vor allem von Rentnern besucht wurde. Mein Fahrer hatte mich einmal zu diesem verzauberten Refugium gebracht. Die Geborgenheit am Lagerfeuer, die fast kultische Zubereitung und der feierliche Verzehr der Ucha, der Fischsuppe, ließen mich die Dürftigkeit der alten Bretterbuden und rostigen Wellblechhütten, die hier als Unterkunft dienten, schnell vergessen. Nachdem die Leute erst einmal Vertrauen zu dem seltsamen Deutschen gefaßt hatten, der auch ein Russe sein konnte, kam eines jener innigen Gespräche bis tief in die Nacht in Gang, die ich so nur fernab der Großstädte in Rußland, besonders in Sibirien, kennengelernt habe. In der Isba, dem aus Baumstämmen kunstvoll gezimmerten Haus eines meiner neuen Freunde, sollte das Treffen mit »Julius« stattfinden. Er wurde mit einem Tragflügelboot gebracht. Als ich ihn begrüßte, wirkte er sehr reserviert. Er taute auch nicht auf, als ich ihn durch das Dorf führte und ihm die herrlichen Ikonen in der Dorfkirche zeigte. Ich war ratlos, bis mir unser Mann, der ihn begleitete, den Grund der Zurückhaltung zuraunen konnte. Sie hatten die Gedenkstätte in Wolgograd besichtigt und das Gästebuch eingesehen, in das ich
-236-

mich bei einem Besuch kurz zuvor mit richtigem Namen und vollem Rang eingetragen hatte. Aus dem Regierungsvertreter Wolf war der General der Staatssicherheit geworden. Dennoch führte ich »Julius« abends in das Holzhaus, in dem schon alles zu seinem Empfang vorbereitet war. Der Tisch war reich gedeckt mit den köstlichsten Vorspeisen der russischen Küche, darunter reichlich Kaviar. Als die Stimmung schon gehoben war, folgten Fischsuppe mit Piroggen und dann Pelmeni, jene Teigtaschen, in deren Zubereitung mein Bruder und ich so manches Mal wetteifertern. Ich dolmetschte das Gespräch zwischen »Julius« und dem Hausherrn, der einer jener typischen russischen Arbeiter war, die trotz einfacher Bildung klar, unverstellt und damit glaubwürdig reden. Er erzählte vom Krieg, in dem seine beiden Söhne gefallen waren. Das in der Politik so oft strapazierte Wort Frieden hatte an diesem Abend seinen eigenen, menschlichen Klang. Als sich noch ein Dutzend weitere Gäste in der kleinen Stube versammelten, holte der Hausherr seine alte Knopfzieharmonika vom Schrank, und wir hörten die melancholischen Gesänge, in denen sich die »russische Seele« am deutlichsten ausdrückt. Dieser unvergeßliche Abend bestimmte noch die Atmosphäre, als ich am nächsten Ta g mit dem Abgeordneten über seine Zusammenarbeit mit uns sprach. Ich habe meinen sowjetischen Freunden oft gesagt: Ihr versteckt euer wertvollstes Kapital, den einfachen russischen Menschen! »Julius« hatte seine Reserviertheit abgelegt. Für den ständig in der Öffentlichkeit agierenden Politiker war die Bereitschaft zum konspirativen Doppelleben kein leichter Schritt, aber er tat ihn, obwohl ich ihm die Risiken deutlich vor Augen geführt habe. Mit »Julius« hatten wir einen weiteren wichtigen Mann in der SPD, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem Willy Brandt Bundeskanzler wurde. In der anderen Regierungspartei, der FDP, hatten wir durch die Verhaftung von Hannsheinz Porst, der 1968 von seinem
-237-

Privatsekretär verraten worden war, eine wichtige Quelle verloren. Wir mußten uns daher mehr auf unsere Verbindung zum FDP-Vorsitzenden Erich Mende, Deckname Elch, konzentrieren. Auf den ehemaligen HJ-Führer und Ritterkreuzträger hatten wir einen Jugendfreund, Deckname Otter, angesetzt. Da »Otter« den FDP-Vorsitzenden regelmäßig aus der DDR besuchte, mußte es Mende klar sein, daß sein Gesprächspartner Verbindungen zu offiziellen Stellen der DDR hatte. Er war trotzdem so auskunftsfreudig, daß die Berichte über die Treffen schließlich Aktenbände füllten. Mein zuständiger Mitarbeiter war der Meinung, daß Mende materiell so interessiert sei, daß man eine direkte Werbung versuchen solle. Er wies auf die trüben Quellen hin, aus denen sich Mende schon finanziell bediente, darunter die betrügerische Geldanlagefirma IOS. Ich stimmte der Operation am Ende nicht zu, weil ich zum entgegengesetzten Schluß kam: Die Geschäfte des FDP-Vorsitzenden liefen ohnedies schon so gut, daß er auf ein vergleichsweise bescheidenes Honorar aus unserer Tasche nicht angewiesen war. Zudem hätte ein Fehlschlag der Werbung Hannsheinz Porst zusätzlich schaden können. Schließlich hatten wir auch noch andere Verbindungen in die FDP, unter anderem zum Geschäftsführer der FDP in Bonn, Karl-Hermann Flach, zu Politikern einiger Landesverbände, zum Herausgeber eines FDP-Informationsdienstes und nicht zuletzt zu William Borm, dem Altliberalen, der seit Anfang der 60er Jahre eine wichtige Quelle war. Unsere Verbindungen waren so vielschichtig, daß wir, wenn auch in bescheidenem Umfang, Einfluß auf die Politik der Partei nehmen konnten. So lag der Entwurf der Rede, die der Alterspräsident Borm vor dem neugewählten Bundestag halten wollte, zur Ergänzung und Korrektur auf meinem Schreibtisch. Übrigens erhielt ich über unsere Kanäle auch die erste Grundsatzrede des Kanzlers Brandt vorab, ohne darin allerdings etwas ändern zu können. Die Analyse dieser Rede und der umfangreichen
-238-

Informationen aus dem Lager der neuen Regierung war nicht leicht. Erst im Rückblick ist klar erkennbar, daß die Regierungsübernahme der sozialliberalen Koalition eine Wegscheide der deutschen Nachkriegspolitik war. So deutlich wurde uns das damals nicht. Wir hatten Brandt natürlich schon als Außenminister der großen Koalition genau beobachtet. Unsere Quellen im Auswärtigen Amt gaben ein nahezu vollständiges Bild; beispielsweise erhielten wir die Protokolle der von Brandt geleiteten Botschafterkonferenzen in Japan, Chile und an der Elfenbeinküste. Dabei hatten wir Brandts Engagement für die Nichtverbreitung von Kernwaffen, für eine Truppenreduzierung und den Abbau der Ost-West-Spannungen registriert. Weniger deutlich jedoch war für uns zu erkennen, daß mit der sozialliberalen Koalition die Ära einer neuen eigenständigen nationalen Politik der Bundesrepublik Deutschland begann. Trotz großer Widerstände vo n rechts und trotz zunehmendem Mißtrauen der Verbündeten setzte Brandt ein eigenes realpolitisches Konzept durch, das der Bundesrepublik im westlichen Bündnis die Rolle eines selbständigen Partners zuwachsen ließ. In der SED-Führung herrschte anfangs Uneinigkeit darüber, wie die neue Bonner Regierung zu beurteilen sei. Die Konfrontationspolitik Adenauers und seine Kooperation mit ehemaligen Nazis hatte ein klares Feindbild geschaffen. Daß der Weg zum Sozialismus dem vorzuziehen war, das hatte für viele in der DDR außer Frage gestanden. Diese klare Frontstellung geriet ins Wanken, als der Antifaschist Brandt Kanzler wurde und nach Osten die Hand der Verständigung ausstreckte. Die Furcht vor dem Einfluß sozialdemokratischen Gedankenguts und »ideologischer Diversion« vor allem auf die Intellektuellen in der DDR machte sich breit. Noch vor seiner Wahl zum Kanzler hatte Brandt in einem Gespräch unter vier Augen mit einer unserer wichtigsten
-239-

Quellen deutlich gemacht, wie wichtig für ihn eine Entspannung des Verhältnisses zur Sowjetunion war. Über verschiedene Kanäle erfuhren wir, daß Vertrauensleute Brandts, darunter Egon Bahr, Kontakte zu sowjetischen Gesprächspartnern unterhielten. Die Sowjets informierten ihre deutschen Verbündeten über diese beginnende Annährung zur BRD überhaupt nicht oder nur oberflächlich. Ich war allerdings auf Informationen aus Moskau auch nicht angewiesen. Dank der Quellen im Auswärtigen Amt, in Botschaften und auch in den Parteien der sozialliberalen Koalition standen mir annährend die gle ichen Informationen zur Verfügung wie dem Bonner Außenminister. Eine dieser Quellen nahm zeitweise an den Gesprächen Egon Bahrs in Moskau teil. Über den positiven Fortgang der Verhandlungen war ich auf diese Weise immer auf dem laufenden. Es gelang uns sogar, im Privathaus Egon Bahrs Abhöranlagen zu installieren. Wir belauschten ihn dort bei ebenso geheimen wie freimütigen und oft auch fröhlichen Gesprächen mit seinen sowjetischen Partnern. So wußte ich bisweilen wahrscheinlich vor dem Bundeskanzler, mit wieviel Geschick der Unterhändler über seine konspirativen Kanäle die Verhandlungen vorantrieb. Die »Verwanzung« seines Hauses, die uns im Verlauf von Reparaturarbeiten gelang, war ein seltener Glücksfall. Trotz einigem Aufwand glückten uns solche Operatione n sehr selten. Nach einiger Zeit blieben alle Mikrofone in Bahrs Haus mit einem Schlag stumm. Ich vermute, daß unsere sowjetischen Freunde etwas gemerkt und Egon Bahr gewarnt hatten, denn Moskau paßte es gar nicht ins Konzept, daß die DDR-Führung allzuviel über die Annäherung der UdSSR an Bonn erfuhr. Noch lückenloser informiert waren wir über die Verhandlungen der Brandt-Regierung mit Polen. Aus der BRDMission in Warschau wurden wir mit allen Informationen versorgt, die über den Tisch des bundesdeutschen Botschafters gingen. Unsere Informantin, Deckname Komteß, war 1967 an
-240-

die Mission versetzt worden. Alles, was der dortige Botschafter Dr. Heinrich Box schrieb, las und sagte, übermittelte uns »Komteß«. Schriftliches trug sie im Einkaufsbeutel unter dem Strickzeug aus der Mission. Als mit der Zeit zwischen ihr und Böx ein sehr privates Verhältnis entstand, plauderte der Botschafter auch ungeniert Geheimes aus, das nicht in Schriftstücken auftauchte. Da Böx CDU-Mitglied war, interessierten uns seine Bewertungen ganz besonders. Wir erfuhren, daß die polnische Regierung erstaunlich offenherzig mit der westdeutschen Seite verhandelte. Sie zeigte ganz ungeniert das Interesse, ohne viel Rücksicht auf die Sowjetunion und die DDR möglichst schnell mit Bonn zu einer vertraglichen Vereinbarung zu kommen. Dank dieser umfassenden Informationen erkannte ich schon früh, daß es Brandt mit der Entspannungspolitik ernst war und daß er erfolgreich sein würde. Die DDR-Führung aber schien sich blind und taub zu stellen gegenüber dem Wandel, für den ich fast täglich neue Belege lieferte. Verantwortlich für die Harthörigkeit unserer Führung war nicht zuletzt die undurchsichtige Haltung Moskaus, wo man der DDR gegenüber zu verheimlichen versuchte, wie weit die Gespräche mit Bonn bereits gingen. Die SED-Führung, insbesondere der zweite Mann in der Partei, Erich Honecker, interpretierte die Signale aus Moskau als Bestätigung einer unverändert starren Politik der UdSSR gegenüber der BRD. Als sich Ulbricht 1969 mit Breschnew traf, ließ er seine Sorge durchblicken, Moskau könne sich hinter dem Rücken der DDR mit Bonn verständigen. Der Kreml-Führer versicherte ihm darauf, er werde nicht vom gemeinsamen Kurs abweichen, und bestärkte Ulbricht darin, den harten Kurs gegenüber der Bundesrepublik beizubehalten. In Grundsatzfragen dürfe es keine Kompromisse geben, und zunächst stehe die Völkerrechtliche Anerkennung der DDR auf der Tagesordnung. Breschnew übte sogar Kritik an den Bemühungen der DDR um
-241-

weitergehende Handels- und Wirtschaftsbeziehunge n zur BRD. Im November desselben Jahres war ich mit Mielke bei Jurij Andropow. Weniger differenziert als bei vorangegangenen Treffen bewertete er die Politik der SPD so kritisch wie Breschnew. Auf meinen Einwand, unsere Informationen belegten, daß es Brand t ernst sei mit der Entspannung, warnte Andropow vor Illusionen. Selbst wenn der Bonner Kanzler subjektiv guten Willens sei, gebe es für einen wirklichen Wandel kaum ausreichende Voraussetzungen. Mielke konnte mit der Botschaft nach Hause fliegen, daß alles beim alten bleibe. Mir gegenüber jedoch hatte unser sowjetischer Verbindungsoffizier Oleg Gerassimow, mit dem mich ein Vertrauensverhältnis verband, durchblicken lassen, daß Moskau an die Verhandlungen mit der BRD pragmatisch und ohne Prinzipienreiterei herangehe. Breschnew schlüpfte seinen Gesprächspartnern gegenüber ohne Schwierigkeiten in die Rolle, die er jeweils für opportun hielt. Zur selben Zeit, in der er die SED-Führung zur starren Haltung gegenüber der BRD mahnte und in ihrer ablehnenden Positio n zur Sozialdemokratie bestätigte, hatten die von ihm und Brandt beauftragten Sonderemissäre die Wende in den Beziehungen zwischen Bonn und Moskau schon vollzogen. Breschnew wollte die Öffnung nach Westen selber kontrollieren. Nichts wäre ihm ungelegener gewesen als eigenmächtige, schwer überschaubare Kontakte zwischen der DDR und der BRD. Die sowjetischen Deutschlandexperten waren zudem sehr viel realistischer als die SED-Führung bei der Beurteilung der Stimmung in der DDR-Bevölkerung. Sie fürchteten die Sogwirkung des reicheren Westens und den Erfolg der Bonner Propaganda, die auf das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen zielte.

-242-

Walter Ulbricht auf der Leipziger Messe 1970 (Willi Stoph: 1. von links. dahinter Erich Honecker) Wie widersprüchlich die Führung der DDR auf diese Entwicklung reagierte. Bonn wolle »mit Hilfe der Politik des Brückenschlags. daß Honecker der harten Linie Moskaus folgte. erlebte ich auf einer Festveranstaltung zum 20. -243- . Als dann die Verhandlungen über ein Treffen der beiden deutschen Regierungschefs liefen. Jahrestag des Ministeriums für Staatssicherheit. Ulbricht setzte bemerkenswerte neue Akzente. warnte Honecker. der in seiner Festansprache die Veränderungen in Bonn ignorierte und unsere Kundschafter dafür lobte. Zwischen den Zeilen erkannte ich auch eine Abgrenzung von den sowjetischen Vorstellungen der zukünftigen Deutschlandpolitik. indem er in einem Trinkspruch die eigenständige Entwicklung der DDR betonte. Ganz anders Honecker. der Konvergenz und der Wirtschaftshilfe den Stoß in die sozialistischen Länder« führen. daß »sie durch mutigen Einsatz die westdeutschen revanchistischen Pläne in Erfahrung bringen«. um Ulbricht bei der sowjetischen Führung zu demontieren. Nur Insider ahnten damals schon.

Brandt wollte über »menschliche Erleichterungen« zwischen den deutschen Teilstaaten verhandeln.Dieser Strategie fo lgend erhielt das geplante Treffen zwischen Stoph und Brandt bei der Staatssicherheit den Codenamen »Konfrontation I«. daß hunderte Menschen vor der Unterkunft Brandts. die Absperrungen durchbrachen und »Willy. Schon die Ausgangspositionen der beiden Regierungschefs waren unvereinbar. Die Widersprüche in der Parteiführung wurden deutlich in den wechselnden Instruktionen. Trotz aller Vorsorge kam es dazu. Stoph bestand auf der Anerkennung der DDR als Voraussetzung für weitergehende Verhandlungen. Hermann von Berg. Willy Brandt und Willi Stoph vor dem Erfurter Hauptbahnhof 1970 -244- . Bereits am ersten Tag erwiesen sich auch Befürchtungen der Staatssicherheit als begründet. bekam. März 1970 in Erfurt stattfand. Willy!« riefen. Als das Treffen am 19. dem Erfurter Hof. das Ereignis könne außer Kontrolle geraten. die ich für unseren Verbindungsmann zur SPD-Spitze. schienen sich die pessimistischen Prognosen zu bestätigen.

daß sie nicht Willi Stoph meinten. befreite uns nicht ganz von diesen Einsätzen. In meinem Tagebuch notierte ich. Neben dem Personenschutz reisten nur Mitarbeiter meiner Hauptverwaltung in der Delegation. war die Belastung für die Staatssicherheit dieses Mal gering. -245- . Museums. Honecker und Stoph kamen von einer anschließenden Beratung in Moskau mit der Orientierung zurück: Nun müsse Brandt erst einmal über die völkerrechtliche Anerkennung der DDR und die Aufnahme beider deutschen Staaten in die Uno nachdenken. Für viele Menschen wurde er zum Hoffnungsträger der Entspannung. sondern mußten auch Passanten. Mai 1970 im Ministerium den Codenamen »Konfrontation II«. Die SED-Führung betrachtete das Ergebnis mit gemischten Gefühlen. Auch Mitarbeiter meiner Hauptve rwaltung wurden dabei eingesetzt.Es war klar. Der Besuch in der DDR hatte Brandt Sympathie und Achtung eingebracht.oder Theaterbesucher spielen. Die Mitarbeiter wurden nicht nur zur Absicherung eingesetzt. die Erfurter Begegnung könne »für die weitere Entwicklung eine akzentsetzende Bedeutung haben« und »im Zeichen der Einsicht in die Notwendigkeit der Beendigung der langen Phase des kalten Krieges in der Nachkriegszeit stehen«. Da die Gespräche in Kassel stattfanden. Der Kanzler war sichtlich bewegt. Nach einigem Zögern zeigten sich Brandt und Stoph auf einem Balkon der jubelnden Menge. daß dadurch die Sicherheit bei Auslandsreisen gefährdet war. Bei Mielke hinterließ diese Erfahrung anhaltende Wirkung. Dementsprechend erhielt das geplante zweite Treffen der Regierungschefs am 21. Fortan wurde bei politischen Besuchen aus dem Westen der Apparat der Staatssicherheit in unvorstellbarem Maße strapaziert. Auch ich zog damals ein optimistisches Fazit. Selbst der Hinweis.

weil Ausschreitungen befürchtet wurden. Innenpolitisch wegen der Wahlen im Juni.« Meine Mitarbeiter berichteten von ihren inoffiziellen Kontakten. die Anerkennung kommt.Willy Brandt und Conrad Ahlers am Fenster des Hotels Erfurter Hof Der Einsatz der westdeutschen Sicherheit war kaum weniger aufwendig als bei uns. die Gespräche fortzuführen. daß in der Umgebung Brandts der Wunsch bestehe. und wegen der Haltung der DDR. auch wenn dafür Zugeständnisse notwendig seien. Am Ende der ergebnislos verlaufenen Gespräche fragte Brandt: »Was nun?« Stoph antwortete: »Denkpause.« Keine drei Monate später hatten sich Moskau und Bonn auf -246- . Einer der engsten Vertrauten des Kanzlers. aber wir können noch nicht. sagte zu Hermann von Berg: »Wir sind uns einig. und eine geplante Kranzniederlegung durch Stoph mußte abgesagt werden. außenpolitisch wegen der Verbündeten. besonders der USA. Conrad Ahlers. Aufgeputschte Jugendliche zerfetzten eine DDR Fahne. trotzdem kam es auch in Kassel zu Zwischenfällen.

mußte Honecker bei Breschnew vorsprechen. Der Kreml-Chef wandte sich in dem Gespräch scharf gegen Ambitionen der SED. Vorsichtig hatte er begonnen. daß der Kreml die Visite des Kanzlers protokollarisch niedrig hängen und Brandt wie einen beliebigen westlichen Staatsmann behandeln würde. Auch der bevorstehende Besuch Brandts in Moskau schien sie nicht zu beunruhigen. Ansätze einer eigenständigen Politik gegenüber der BRD zu formulieren. Der Mehrheit der Funktionäre in der SED-Führung kamen die barschen Regieanweisungen aus Moskau aber gerade recht. der schon immer mißtrauisch gegenüber der sowjetischen Deutschlandpolitik gewesen war.den »deutschsowjetischen Vertrag« geeinigt. Der Generalsekretär hielt es sogar für notwendig hinzuzufügen: »Wir haben doch Truppen bei euch. Sie rechneten damit. ohne uns gibt es keine DDR. Ulbricht. um die Vereinbarung zu unterzeichnen. Der erste Mann der SED las meine Berichte und Analysen sehr genau. vergiß das nie. Das erlebte ich. Wenn man sich darauf einließe. und er traute ihnen eher als den Papieren. mir den Urlaub mit solchen -247- . »der Brandt-Regierung zu helfen und mit der deutschen Sozialdemokratie zusammenzuarbeiten«. durchschaute offenbar das doppelte Spiel Breschnews. sei die Sicherheit.« Die Gardinenpredigt war eigentlich für Walter Ulbricht bestimmt. Ungewöhnlich offen kalkulierten sie auf den Sturz Ulbrichts und die Machtübernahme Honeckers. ja die Existenz der DDR bedroht. Meine deutschen Miturlauber schwadronierten sogar noch beim Sonnenbaden über die Gefährlichkeit der Ostpolitik Brandts. Erich. die von den Leuten seines Apparates fabriziert wurden. meinten sie. Es dürfe zu keiner Annäherung zwischen der DDR und der BRD kommen. als ich Anfang August 1970 mit meiner Familie in einem Heim der bulgarischen Staatsführung für ausländische Führungskader Ferien machte. Zwei Wochen bevor sich Brandt und Breschnew trafen. Ich verspürte wenig Lust.

Honecker.« Am 13. mit seinem besseren Gespür für politische Wendungen. Die Verblüffung in den meisten Gesichtern war ein wenig Genugtuung für mich. und legte jedem deutschen Gast ein Exemplar auf den Frühstückstisch. die immer schon morgens mit dem Flugzeug aus Moskau kamen. daß er sogar die Bildung gesamtdeutscher Kommissionen geplant hatte. -248- . Als Honecker von Abrassimow unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Blatt mit russischem Text über den Stand der sowjetischen Verhandlungen mit der BRD erhalten hatte. In diesem Sommer 1970 verdichteten sich die Anzeichen. daß Brandts Ostpolitik ernst zu nehmen sei. mit diesem Vorschlag im Politbüro aber nicht durchgekommen war. der Bericht über die Unterzeichnung des Vertrags. daß Honecker zu seinem Meister Ulbricht auf Distanz ging. Die Betonköpfe scharten sich nur noch enger um Erich Honecker. groß aufgemacht. Mir fiel auf. einem der wenigen vernünftigen DDR-Gäste in diesem Ferienheim: »Die werden sich wundern. kannten wir und damit auch Ulbricht durch unsere Quelle in der FDP-Spitze bereits den vollständigen Wortlaut des Vertragsentwurfes. August sah ich früh in die Prawda. Die Irritation hielt aber nicht lange an. Er wußte sich mit Moskau im Bunde. Auf der ersten Seite war ein Bild Willy Brandts. daneben. Ich sagte nur zu Paul Markowski. Ich schnappte mir einen Stapel der Zeitungen.Diskussionen zu verderben. der ohne Ulbrichts Förderung nie auf einen vorderen Platz in der Führung gekommen wäre. konnte auf die Protektion nun verzichten. folgte der Bewertung meines Dienstes. dem Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. wie sich der Zauberlehrling während der offiziellen Geburtstagsgratulation für Ulbricht gegen seine sonstige Gewohnheit im Hintergrund hielt. Auf einer Tagung des Zentralkomitees der SED machte er sehr nuancierte Bemerkungen über die Beziehungen zur Bundesrepublik. Aus seiner Umgebung erfuhr ich. Ulbricht.

Walter Ulbricht begriff die Bedeutung der wissenschaftlichtechnischen Revolution. informierte uns über das Zusammenspiel der konservativen Kräfte mit den Medien. die das alte monolithische Feindbild des westdeutschen Revanchismus bestätigten. verbunden mit Meinungsmache. unter komplizierteren Bedingungen Partei und Staat zu führen. als Sekretärin Quelle beim CDU-Rechtsaußen Werner Marx.Die Meinungsverschiedenheiten in der Parteispitze über die Einschätzung der Bo nner Regierung und der SPD wurden immer deutlicher. vor allem mit dem Springer-Konzern. und er begann. Bei einem Treffen mit mir beschrieb eine Spitzenquelle aus der SPD. Man machte sich sogar schon auf Übertritte und den Verlust der parlamentarischen Mehrheit gefaßt. Er glaubte unserer Einschätzung. Mit großem Interesse -249- . Durch Zuspielen und Veröffentlichung angeblicher oder tatsächlicher geheimer Dokumente. Ulbricht wies für ihn erarbeitete Analysen zurück. Im Anklang an die Vaterlandsverräter-Kampagne gegen Brandt in früheren Jahren wurden nun seine Verhandlungen mit dem Osten als Verrat nationaler Interessen dargestellt. Berger. Unsere Einschätzung der Lage in der Bundesregierung wurde von den Verantwortlichen im Zentralkomitee zurückgewiesen. daß Brandts Entspannungspolitik durch gefährliche Angriffe der Rechten in der Bundesrepublik bedroht sei. Berater in Wirtschaftsfragen. daraus eigene Schlüsse zu ziehen. weil sie »Wasser auf die Mühlen Ulbrichts« und seiner Berater Gerhard Kegel und Dr. kannte Ulbrichts wachsende Zweifel an der Fähigkeit Honeckers. unter welchem Druck die Mitglieder der Regierungsfraktionen stünden. Er sah das stürmische Wachstum der Produktivkräfte in der Bundesrepublik und anderen entwickelten kapitalistischen Staaten. »Herta«. Wolfgang Berger sei. Kegel hatte seinerzeit aus der deutschen Botschaft in Moskau dem sowjetischen Nachrichtendienst den Termin von Hitlers Überfall gemeldet. wurde eine regelrechte Hysterie angefacht.

Die immer größer werdende Diskrepanz zwischen dem Lebensstandard in Ost und West und die damit verbundene Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung ließen Ulbricht wieder an längst zu den Akten gelegte Pläne denken. Iwan Fadejkin. Da Ulbricht sich aber nicht traute. In Einzelgesprächen erörterte er den Gedanken einer deutschdeutschen Konföderation mit dem Akzent auf wirtschaftlicher und wissenschaftlichtechnischer Zusammenarbeit. die mein Dienst beschafft hatte. die Lebensfähigkeit der DDR zu erhalten. die ihm kaum jemand zugetraut hatte. diese Gedankenspiele in der Parteiführung und im Gespräch mit sowjetischen Repräsentanten zu diskutieren. Am Ende seiner Amtszeit bewies er eine Weitsicht. Ulbrichts Nachfolge als SED-Chef anzustreben. Breschnew bestärkte ihn in dem Plan.verfolgte er Vorführungen von Mustern modernster technologischer Entwicklung. Ansatz eines neuen Denkens zu erkennen. Ungeduldig erwartete er die Rückkehr des Leiters der Berliner KGB-Vertretung. Er war ein Kommunist stalinscher Prägung. Völlig überraschend für die anderen Mitglieder der Parteiführung sprach Ulbricht auf einer Arbeiterkonferenz in Rostock von »Merkmalen für eine neue geschichtliche Zäsur«. Er hatte ein -250- . aus den umwälzenden Entwicklungen die notwendigen Konsequenzen abzuleiten. Im kleinen Kreis verriet er seine Skepsis an der Fähigkeit Moskaus. die zum Sturz Ulbrichts führen sollten. der wegen der Vorgänge im Politbüro nach Moskau geflogen war. Walter Ulbricht war ein Mann mit Fehlern und Schwächen. die Rostocker Rede sei »nicht abgestimmt« gewesen. um mit Andropow zu konferieren. Mielke erklärte. wuchs das Mißtrauen der Hardliner nur. Es ging ihm dabei nur darum. Mein Minister sah das offenbar ähnlich. Honecker reiste ebenfalls nach Moskau. Gemeinsam mit Honecker zog er die Fäden. reagierte aber gerade deshalb entrüstet. Ich glaubte damals. um sich bei Breschnew über Ulbricht zu beschweren.

Die Leute der Hauptabteilung Personenschutz wunderten sich über den ungewöhnlichen Befehl. daß der erste Mann in Partei und Staat wichtige Informationen des Nachrichtendienstes nicht mehr erhalten sollte. Aber all das warfen ihm seine Widersacher nicht vor. ihn von seinem Jagdsitz Wildfang abzuholen und zu Ulbrichts Residenz in Dölln zu begleiten. bekam ich ihre Auswirkungen bereits zu spüren. Der alte Mann blieb formell sogar noch einige Zeit Vorsitzender des Staatsrates. Parteitag der SED im Juni 1971 wurde Honecker die Macht anvertraut. als es die 1990 bekanntgewordenen Dokumente verraten. Als die Intrigen gegen Ulbricht selbst im inneren Führungszirkel noch nicht für alle zu erkennen waren. Aber die Umstände waren dramatischer. Auf dem VIII. Seine Neigung zu eigenmächtigen Entscheidungen und zur Selbstüberhebung wurden durch den Altersstarrsinn des fast Achtzigjährigen noch verstärkt.ausgeprägtes Gefühl für Macht und kannte kaum Skrupel. Mielke übermittelte mir die Mißbilligung Honeckers. Er sollte entmachtet werden. weil er mit bemerkenswertem Realitätssinn die Lage im sich verändernden Europa sah und über politische Konsequenzen dieser Entwicklung nachdachte. weil ich den Bericht über ein mehrstündiges Treffen mit einem der führenden Männer der SPD-Fraktion an Ulbricht weitergegeben hatte. Vor der Begegnung hatte Honecker die Männer des Personenschutzes aufgefordert. Soweit war es also schon gekommen. Nach außen vollzog sich der Rücktritt Ulbrichts dann im Vergleich zu solchen Ereignissen in anderen sozialistischen Staaten korrekt und ehrenvoll. während Ulbricht zum Ehrenvorsitzenden gewählt wurde. Über den Ablauf der Entmachtung Ulbrichts ist viel geschrieben worden. zu einem -251- . Zur entscheidenden Konfrontation zwischen Ulbricht und Honecker kam es bei einem Vier-Augen-Gespräch im Sommersitz Dölln.

Schon vor der Eröffnung des VIII. verlassen von Moskau und der Mehrheit des Politbüros.solchen Besuch unter Freunden nicht nur die normale Ausrüstung. das Gesicht zu wahren und als Staatsratsvorsitzender politischen Einfluß ausüben zu können. als Honecker – Ironie der Geschichte – auf ähnliche Weise vom Sockel gestoßen wurde. seiner ehedem engsten Vertrauten. sondern auch Maschinenpistolen mitzunehmen. Auch er sprach danach von einem Putsch. Soweit kam es nicht. Vor Ulbrichts Residenz angekommen. Honecker schien also entschlossen. Anfänglich sah es in der Wirtschafts. Reformideen. die es immer wieder gab. von einem Putsch Honeckers und Mielkes. Er ordnete an. Aber diese Ansätze waren bald vergessen. forderte sie sogar heraus. In der Führung praktizierte Honecker einen kollegialeren Leitungsstil. falls dieser sich seinen Forderungen verweigern sollte. Honecker war wie sein Lehrmeister Ulbricht ein Produkt des real existierenden Sozialismus.und Kulturpolitik tatsächlich nach einem Neubeginn aus. mit der er den Sturz betrieben hatte. Nicht einmal zwanzig Jahre später schloß sich der Kreis. Er unterschrieb das geforderte Rücktrittsgesuch an das Zentralkomitee. Er hoffte noch. Aber Honecker unterband das mit der gleichen Härte. er ließ andere Meinungen gelten. Vom Ende der Ära Ulbricht und der Inthronisierung Honeckers versprachen sich viele Menschen in der DDR frischen Wind. berief sich Honecker gegenüber dem Kommandanten auf seine Weisungsbefugnis als verantwortlicher ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. der ein Stück deutsche Geschichte mitgeschrieben hatte. hatten keine Chance. Nach eineinhalbstündiger harter Auseinandersetzung resignierte Ulbricht. Parteitags waren die Delegierten in einer Instruktion darauf hingewiesen -252- . alle Tore und Ausgänge zu besetzen und die Nachrichtenverbindungen zu kappen. seinen Ziehvater festzusetzen. Verbittert sprach der alte Mann.

die uns bis zum Oktober 1989 begleiteten. bevor es zu vernünftigen Beziehungen zwischen DDR und BRD und nach mühseligen Verhandlungen zu den Verträgen zwischen ihnen kommen konnte. daß es »keinen Grund zur Fehlerdiskussion« gebe. Nach der Unterzeichnung des Moskauer Vertrags hatte sich die Politik der Entspannung in den beiden deutschen Staaten längst noch nicht durchgesetzt. Auch ich muß mich dieser Frage stellen. Unsere Quellen in den Unionsparteien berichteten über -253- . Es gab gewaltige außen.und innenpolitische Hürden zu überwinden. Erich Honecker und Walter Ulbricht 1972 Verständlich ist die Frage der Jüngeren an uns Ältere.worden. weshalb wir uns dieser im Widerspruch zu den »Leninschen Normen des Parteilebens« stehenden Disziplinierung mehr oder weniger widerstrebend immer wieder gefügt haben. Probleme würden »im Vorwärtsschreiten« überwunden – Floskeln. Jeder Versuch einer demokratischen Diskussion innerhalb der Partei wurde unterdrückt.

Damit begann die Phase der Normalisierung in den Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten und West-Berlin. die sich in Paris aufhielten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei das Zusammenwirken von Konservativen im Auswärtigen Amt. die Weichenstellung für den künftigen Verlauf der europäischen Geschichte -254- .verschiedene geheime Manöver. mit denen Brandts Politik torpediert und schließlich der Sturz seiner Regierung erreicht werden sollte. Moskau sah eine Annährung der deutschen Staaten weiter mit Mißtrauen. Mitarbeiter meines Dienstes mußten alarmiert werden. Es bedurfte vertrauensvoller Zusammenarbeit und großer diplomatischer Kunst der Unterhändler Bahr und Falin. daß zwei Mitglieder des Politbüros. Für Uneingeweihte völlig überraschend wurden im Oktober 1970 die konträren Grundsatzpositionen in der Berlin-Frage ausgeklammert und ganz pragmatisch über den Transitverkehr verhandelt. In der historisch kurzen Zeit von nur zwei Jahren war es Willy Brandt und seinen Unterhändlern gelungen. zum Beispiel auf den Transitwegen. die Wende gar nicht mitbekamen und i mer noch der alten Sprachregelung in der m Berlin-Frage folgten. Industriekreisen und den Blättern des Springer-Konzerns. aber auch die westlichen Siegermächte pochten auf ihre Rechte in West-Berlin und komplizierten die Problematik zusätzlich. ihre jeweiligen Verbündeten zum Einlenken zu bewegen. Die DDR nutzte unter anderem die unterschiedlichen Auffassungen über den Status von WestBerlin als Bremse bei den Verhandlungen über praktische Lösungen. Dies nötigte Brandt zu großer Vorsicht bei Zugeständnissen an die östliche Seite. Nach eineinhalb Jahren war schließlich auch das BerlinAbkommen unter Dach und Fach und bildete mit dem Transitabkommen den Abschluß der Verhandlungen. Die SED-Führung war so überrumpelt von den neuen Direktiven aus Moskau. um den beiden die neuen Direktiven zu erläutern.

daß CDU und CSU. die Verträge sollten die Bedingungen dafür schaffen. Die Paraphierung des Abkommens mit der DDR in Berlin und die Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt in Oslo fielen fast auf den Tag zusammen. Er legte heute ein beachtenswertes politisches Bekenntnis ab. weil er deutschen Boden den Polen überlassen habe. die Seite gewechselt hatten. die Sowjetunion wolle West-Berlin schlucken. Wir erhielten sichere Informationen. bezichtigten ihn wieder einmal des Verrats. mit viel aufhorchend machenden Gedanken eines Kosmopoliten. Dezember 1971 in meinem Tagebuch: »Brandt hielt eine seiner emotional wirkenden Reden. Dazu notierte ich am 11. daß drei Parlamentarier der FDP darunter der frühere Vorsitzende Mende – und ein Sozialdemokrat. vielfältige Aktivitäten entfalteten. auch in der eigenen Fraktion. daß sie das Erreichbare und die notwendigen Kompromisse real einschätzen konnten.« Für Brandt brach der innenpolitische Sturm jetzt erst richtig los. insbesondere Strauß und Marx. »Confidenten« aus dem Auswärtigen Amt belieferten die Springer-Blätter mit angeblichen Belegen für die These. Unsere Quellen meldeten. Die politische Führung in Moskau und die Verhandlungsführer der DDR waren über die Intentionen der anderen Seite so gut unterrichtet.entscheidend zu verändern. Vertreter der Landsmannschaften. um Abgeordnete der Regierungskoalition für ein Votum gegen die Verträge und damit gegen Brandt zu gewinnen. der Vertriebenen-Funktionär Herbert Hupka.« Für ihn traf Bismarcks Feststellung zu: »Politik ist keine Wissenschaft… Sie ist eben eine Kunst. daß Informationen und Kontakte meines Dienstes die Entspannungspolitik auf spezifische Weise unterstützt haben. Im Rückblick glaube ich sagen zu dürfen. -255- . denen man zustimmen muß.

Spangenberg. ob der CDU-Mann möglicherweise zweimal kassiert hat. Später behauptete Steiner. Vor der Abstimmung über das Mißtrauensvotum am 27. Die Ratifizierung der Verträge wäre gescheitert. In Moskau wurde Honecker von Breschnew belehrt. Mit den gekauften Stimmen schien der Union ein Sieg sicher. der sich zu einer mittelmäßigen Informationsquelle entwickelt hatte und dafür regelmäßige Geldzuwendungen bekam. Der Sachverhalt wurde nie geklärt. Schütz. April 1972 wurden die Namen von vier weiteren Koalitionsabgeordneten. Ahlers und Flach wurde nach Wegen gesucht. die Verträge hätten epochale Bedeutung. Der Generalsekretär warnte zwar gleichzeitig wieder. Entsprechend siegesbewußt gab sich die Opposition. der Brandt-Regierung politisch zu helfen. Ich erinnerte mich an den CDU-Parlamentarier Julius Steiner aus BadenWürttemberg. von Wienand 50000 DM erhalten zu haben. Über die Kontakte Hermann von Bergs zu Bahr. und deshalb ist auch die Frage nicht zu beantworten. fehlten ihr wider -256- . um Steiner zur Stimmabgabe gegen das Mißtrauensvotum zu bewegen. Honecker. die gegen Brandt abstimmen würden. Als dann das Ergebnis verkündet wurde. fünfundzwanzig Jahre sicherten. um die Verträge zu retten. bekannt. Gegen den Kauf von Abgeordneten durch die Union waren politische Aktionen wenig erfolgversprechend. setzte sich für noch weiter gehende Kompromisse in der Berlin-Frage ein. In dieser Situation aber müsse Brandt unterstützt werden. Brandt wolle wie Barzel die Grundlagen der DDR untergraben und deshalb dürfe sie sich nicht in wirtschaftliche Abhängigkeit von der BRD begeben. vom Saulus zum Paulus gewandelt.Da sich die Opposition von Neuwahlen wenig versprach. setzte sie auf ein konstruktives Mißtrauensvotum gegen Brandt. weil sie den Frieden in Europa für die nächsten zwanzig. mittels dessen ihr Kandidat Rainer Barzel zum Kanzler gewählt werden sollte. Ich stellte aus unserer Kasse 50000 DM zur Verfügung.

Das Auswärtige Amt registrierte vierundfünfzig Fälle von Geheimnisverrat im Zusammenhang mit der Stimmungsmache gegen die Ostverträge. Mindestens zwei Unionsabgeordnete hatten gegen die eigene Partei gestimmt. Beide deutsche Staaten saßen als gleichberechtigte Mitglieder in der Uno. Am Ende gab es aber auch in der CDU Meinungsverschiedenheiten über die Bewertung der Abkommen. Das Fernsehen zeigte die betretenen Gesichter in ihren Reihen. Beide waren offenbar gut informiert über den geheimen Kampf um Stimmen. Trotz dieser Niederlage gab das rechte Bündnis den Kampf gegen die Verträge nicht auf und arbeitete weiter mit Indiskretionen. Bei der Abstimmung enthielt sich fast die ganze Opposition der Stimme. geriet der Kanzler nun durch unser Zutun in Gefahr. Bei mir wurde zur gleichen Zeit durch die Meldung Alarm ausgelöst. die Fassungslosigkeit Rainer Barzels. daß neun Monate später geschehen würde. Nachdem wir gerade dazu beigetragen hatten. Barzels Niederlage machte im übrigen für Strauß den Weg frei zur eigenen Kanzlerkandidatur. daß unsere Spitzenquelle im Bundeskanzleramt observiert werde. Nur zwei Abgeordnete schienen ganz gelassen zu bleiben: Herbert Wehner und Franz Josef Strauß. den Sturz Brandts zu verhindern. -257- . Die Regierungsfraktionen jubelten. Das Ja exakt der Hälfte der Abgeordneten reichte zur Ratifizierung. Geburtstag am 1. Wir forschten nach den Ursachen und ergriffen alle möglichen Schutzmaßnahmen. Als Walter Ulbricht kurz nach seinem 80. Honecker hatte seine Haltung gegenüber der Sozialdemokratie revidiert und empfing Herbert Wehner als neuen Freund auf Schloß Hubertusstock. Noch ahnte ich allerdings nicht.Erwarten zwei Stimmen. war Europa politisch verändert. der dem Votum vorausgegangen war. was man mir bis heute anlastet: der Rücktritt Willy Brandts nach der Verhaftung unseres Kundschafters Günter Guillaume. August 1973 starb.

wenn sie in Bonn vorstellig wurden. zu Verbänden. den Weg ins Kanzleramt finden würde. Nach kaum einem halben Jahr stieg er zum Referenten auf. allein schon wegen der strengen Sicherheitsüberprüfungen. um Spione in möglichst zentralen Regierungskreisen Bonns einzuschleusen. damit hätten wir nie gerechnet. Günter Guillaume und seine Frau Christel waren wie Dutzende anderer junger Menschen Mitte der 50er Jahre im Auftrag meines Dienstes unter ihrem richtigen Namen in die -258- . was wir in unserem kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt hätten: einen der Unseren in unmittelbarer Nähe des Kanzlers zu plazieren. denen Übersiedler aus der DDR ausgesetzt waren.11 Des Kanzlers Schatten Drei Wochen nach Willy Brandts Wahl zum Bundeskanzler am 21. Kirchen und Behörden zuständig war. Natürlich hatten wir nichts unversucht gelassen. daß der kometenhafte Aufstieg des zielstrebigen und tüchtigen SPD-Mitglieds Guillaume der HVA und ihrem Leiter Markus Wolf noch mehr Freude bereitete als Guillaumes Vorgesetzten im Bonner Kanzleramt. Oktober 1969 stellte sich dem Chef des Kanzleramts ein Mann namens Günter Guillaume vor. Kanzleramtschef Horst Ehmke sah keinen Grund. Guillaumes Befürwortern ihren Wunsch abzuschlagen. doch daß Guillaume. Tatsächlich waren wir noch wie betäubt vom Eintreten dessen. nach einem Jahr wurde er zum Oberregierungsrat befördert und dem Chef des Kanzleramts direkt unterstellt. Deckname Hansen. und der neue Mann wurde als Hilfsreferent in einem neuen Ressort eingestellt. Niemand konnte ahnen. Guillaume hatte in der Frankfurter SPD eine steile Karriere gemacht und sich soeben erst als Wahlhelfer des Rechten Georg Leber gegen den beliebteren Linken Karsten Voigt glänzend bewährt. das für engere Kontakte zum Parlament.

und so schien es am zweckdienlichsten. Mitglied des Parteivorstands. Dabei hielten sie sich gewissenhaft an die Direktive. Günter arbeitete nebenbei noch als freiberuflicher Fotograf. stramm die Linie des rechten Flügels der SPD zu vertreten und sich dort Freunde zu machen. Das Ehepaar war von uns beauftragt.Bundesrepublik gegangen. waren DDR-259- . blieben ihnen Flüchtlingslager und Befragung durch westliche Geheimdienste erspart. höher. Womit wir nicht gerechnet hatten. Quellen innerhalb der SPD zu erschließen und zu »führen«. Nachdem er und seine Frau unerwartet Blitzkarrieren in der SPD machten. schon früher nach Frankfurt am Main gezogen war. Vorsitzender der sozialistischen Fraktion des Europaparlaments und Staatssekretär der hessischen Landesregierung. die ein Kurier im Laden seiner Schwiegermutter entgegennahm. denn im Rampenlicht wollten wir unsere Agenten. Die Informationen ließ er uns per Mikrofilm in leeren Zigarrenhülsen zukommen. Da Christels Mutter. Er war eine besonders einflußreiche Figur der Sozialdemokratie. Einseitigen Funkkontakt zu den Guillaumes hielten wir zu festgelegten Zeiten an bestimmten Monatstagen. Christel Guillaume war als erste erfolgreich: Sie wurde Anfang der 60er Jahre Büroleiterin bei Willi Birkelbach. nicht wissen. Auf seinen Schreibtisch gelangten geheime Nato-Dokumente wie die Studie »Das Kriegsbild« und Unterlagen zur Notstandsplanung. Das Ehepaar führte ein Fotokopiergeschäft in Frankfurt. als uns recht sein konnte. Günter Guillaume wurde 1964 Geschäftsführer des SPDUnterbezirks Frankfurt und 1968 Geschäftsführer der Fraktion und Stadtverordneter. mit dem sie sich in kurzer Zeit in der Parteihierarchie hochdienten. des Bundestags sowie wichtiger Ausschüsse. das war der enorme Fleiß und Arbeitseinsatz der Guillaumes. daß beide in die Partei eintraten und sich als engagierte Parteimitglieder bewiesen. eine Holländerin. die wir für Führungsaufgaben vorgesehen hatten.

Als nächstes gewann Guillaume das Vertrauen Georg Leibers. was zur Folge hatte. Es war daher nicht weiter verwunderlich. aber dessen Vergangenheit lasse es als äußerst riskant erscheinen. daß dieser ihm zur Belohnung für den Wahlsieg. sich ruhig zu verhalten und auf keinen Fall durch übertriebenen Ehrgeiz auf sich aufmerksam zu machen. ihn ins Kanzleramt aufzunehmen. Seine einstige Mitarbeit im Verlag Volk und Welt in Ost-Berlin konnte Guillaume zur Zufriedenheit der neuen Arbeitgeber als politisch unbedenklich darstellen. Jahre später bezeugte Heribert Hellenbroich. Die Sicherheitsüberprüfung bestanden beide – Günter durch kluges Auftreten bei einer kritischen Befragung durch Horst Ehmke. andererseits würde Guillaume als DDR-Übersiedler von BND und Verfassungsschutz peinlich genau unter die Lupe genommen und möglicherweise verdächtigt und am Ende gar enttarnt werden. wie es das Schicksal aller Kassandren seit der Antike will. einen Posten in Bonn versprach und auch besorgte. die bestanden. dessen Herkunft vom Verfassungsschutz argwöhnisch beäugt wurde – man denke nur an Hans-Dietrich Genscher.Besuche der Familie nicht länger ratsam. Seine Warnung verhallte ungehört. Wir empfahlen unserem Agentenehepaar. Guillaume war nicht der einzige Zuzügler aus der DDR. hätten erhärten lassen. daß man ihre Vergangenheit und ihren Lebenswandel akribisch durchleuchtet hatte. Und das stürzte uns in ein Dilemma: Einerseits war es fast zu schön. den unser Mann ihm verschaffte. möglicherweise tue er Guillaume Unrecht. und die Kontakte in der Bundesrepublik mußten noch umsichtiger als zuvor stattfinden. daß man auch -260- . ohne daß sich die vagen Verdachtsmomente. der seine ursprüngliche Sprachfärbung bis zuletzt nicht verleugnen konnte. um wahr zu sein. der nachmalige Leiter des BND. Nur Egon Bahr blieb mißtrauisch und erklärte Ehmke gegenüber.

erwarteten wir in erster Linie rechtzeitige Signale. war er niemals befaßt. die äußerste Aufmerksamkeit verdienten. Aber für ihn sprachen seine Klugheit und sein unermüdlicher Fleiß. das seinen Niederschlag in Dokumenten fand. Diese Aufgabe besaß für Guillaume stets höchste Priorität. falls die internationale Situation sich bedrohlich zuspitzen sollte. So kam es. Oft hat man die Frage gestellt. wenn es um Themen ging. Über diese Vorgänge waren wir aus anderen Quellen gut informiert. die uns über -261- . Guillaumes Informationen und Wertungen hatten eine ganz andere Bedeutung als die Geheimdokumente. daß von einer Regierung unter Brandt zwar kein Ausscheren der Bundesrepublik aus der Nato-Politik und der Hochrüstung zu erwarten sei.Guillaume vertraute. Mit den Entscheidungen über die Verhandlungen in Warschau und Moskau. Brandts Politik zu durchschauen. die ihn eigentlich nicht interessieren konnten. Von einer Quelle im Bundeskanzleramt. wie Guillaume es war. Guillaume kam erst ab 1972 in die unmittelbare Nähe des Kanzlers. möglicherweise aber Schritte hin zu einer Entspannung in Europa vorstellbar seien. die sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatten. Manche SPD-Mitglieder konnten sich nie so recht mit seiner Beflissenheit und seiner ständigen Anwesenheit im Hintergrund abfinden. ob mein Dienst allein durch Guillaume in die Lage versetzt wurde. als die Verhandlungen ein Stadium erreichten. sobald die ursprünglichen Verdächtigungen ausgeräumt waren. und er hatte gewichtige Förderer. daß unser Agent mit dem Decknamen Hansen in die unmittelbare Nähe des Kanzlers Willy Brandt gelangte. andere waren grundsätzlich gegen Aufsteiger eingestellt. eine Politik. die oft unter Ausschaltung der Botschafter in sehr kleinem Kreis gefällt wurden. die sehr widersprüchlich beurteilt wurde. Gleichzeitig hatte ich ihn darauf hingewiesen.

daß Guillaumes Wahrnehmungsfähigkeit und seine politische Intelligenz ihn zu Erkenntnissen und Schlußfolgerungen befähigten. verstand er es. Seine Einschätzung der Ostpolitik Willy Brandts erwies sich im nachhinein als völlig zutreffend. 1970 wurde Guillaume damit betraut. Die Anregung zu dem ursprünglich nicht vorgesehenen Besuch Brandts im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald soll von ihm ausgegangen sein. Unterdessen schritt Guillaumes Karriere unaufhaltsam voran. daß es sich bei Brandts neuer Ostpolitik um einen zwar widersprüchlichen. Im Vorfeld der Brandt-Stoph-Gespräche verhalf er uns zusammen mit anderen Kanälen zu einem nahezu vollständigen Bild der Wünsche und Vorstellungen der Bundesregierung. wie er war. in Saarbrücken ein Regierungsbüro für den SPD-Parteitag einzurichten. -262- . wenn ich sage. und es ist keine Übertreibung. Wichtiger als all das war für meinen Dienst aber immer noch. Die BNDLeute gewöhnten sich schnell daran. aber dennoch echten Kurswechsel in der bundesdeutschen Außenpolitik handelte. Als Chef dieser Dépendance des Kanzleramts war er auch für den Kontakt zu den verantwortlichen Beamten des BND und für Empfang und Weiterleitung der eingehenden Nachrichten und der per Hubschrauber eintreffenden Kurierpost zuständig.unsere anderen Quellen erreichten. denen wir zweifelsfrei entnehmen konnten. Noch vor seiner Tätigkeit als Referent Willy Brandts gehörte Guillaume schon zu dessen engerem Arbeitsstab. Kontaktfreudig und fleißig. indem er uns den Friedenswillen Willy Brandts nachdrücklich vor Augen geführt hat. Mit Zustimmung des Verfassungsschutzes erhielt er kurz darauf auch die formelle Genehmigung zum Umgang mit Verschlußsachen der höchsten Geheimhaltungsstufe. daß er die Entspannung zwischen Bundesrepublik und DDR mitgeprägt hat. seine vielfältigen Verbindungen aufs beste zu nutzen. daß Guillaume offensichtlich das Vertrauen der Regierungsspitze genoß.

stiller Zuhörer vieler Gespräche. jedes Anzeichen einer möglichen Zuspitzung der internationalen Lage sofort zu signalisieren. uns über diese Aspekte des Privatlebens des Kanzlers zu berichten. über die Vorbereitung der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und die Haltung der Bundesregierung zu den Abrüstungsverhandlungen zwischen USA und UdSSR zu berichten und jede Möglichkeit zu nutzen. Als nimmermüder Helfer stand er Tag und Nacht hinter Willy Brandt. wo er als erschöpfter. Der Vorschlag wurde angenommen. konnten ihn bei dieser Gelegenheit im Fernsehen bewundern. -263- . Januar 1973 war er als persönlicher Referent für Parteifragen dem Kanzlerbüro zugeteilt. wenngleich er nicht beauftragt war.Peter Reuschenbach. und seitdem nahm er an den Sitzungen des Partei. daß Guillaume beim Kanzler bleiben sollte. als er aus irgendwelchen Papieren kopieren oder entnehmen konnte. als er aus dem Inhalt des Kanzleraktenkoffers gewinnen konnte. die Brandt gern im kleinsten Kreis führte. mehr über die wahren Absichten der USA herauszufinden. den er auf Reisen für seinen Chef in Obhut hatte. ist wohl kaum verwunderlich. Sein genereller Auftrag lautete nach wie vor.und des Fraktionsvorstands der SPD ebenso teil wie an den Besprechungen der Abteilungsleiter im Parteivorstand. bescherten der Koalition aus SPD und FDP einen unerwarteten Sieg. Noch am Tag des Wahlerfolgs fiel die Entscheidung. Daß er auf diese Weise bald über Brandts menschliche Schwächen im Bilde war. der Wahlkampfleiter und Parteireferent im Kanzleramt. aber glücklicher Wahlhelfer Willy Brandts zu sehen war. die Guillaume kannten. Ab dem 1. Als kaum beachteter. kandidierte selbst für den Bundestag und schlug deshalb unseren Mann als seinen Nachfolger vor. Dadurch gewann er tiefere Einblicke in politische Interna der Regierungspartei. erfuhr er Wichtigeres. und Guillaume organisierte den Wahlkampf mit aller gewohnten Effizienz und Umsicht. Diejenigen Mitarbeiter meines Dienstes. Die Wahlen von 1972.

wo man Guillaume am Chiffriergerät ein eben eingegangenes Fernschreiben lesen sieht. ohne vom nachrichtendienstlichen Hintergrund des jeweils anderen zu wissen. als er sich mit seinem DDR-Instrukteur traf. die man mit allen Mitteln voneinander fernhält. der daraufhin Brandt informierte – aber wie und in welchem Umfang. kann ich nur als Ironie des Schicksals sehen oder als Bestätigung der Theorie. wo er für mehrere Wochen sämtliche Aufgaben des persönlichen Referenten und Büroleiters erledigte. verhaftet. Rut Brandt und Christel Guillaume hatten sich angefreundet und unternahmen -264- . daß Leute. Guillaume als eventuell lohnenden Kandidaten näher ins Auge zu fassen. Was ich nicht wissen konnte. blieb Guillaume Brandts enger Vertrauter und begleitete ihn Ende Juni 1973 auf dessen Urlaub nach Norwegen. war. eine unserer ältesten Quellen in West-Berlin. was mir damals nur allzu selbstverständlich vorkam. Daß Gronau uns eines Tages den Vorschlag gemacht hatte. Aller Schriftverkehr ging durch seine Hände. Nach Gronaus Verhaftung wurde auch Guillaume vom Verfassungsschutz überprüft. es gibt Fernsehaufnahmen. Als wäre nichts gewesen. die bislang harmlos erschienen waren. Gronau und Guillaume hatten dienstlich miteinander zu tun gehabt.Diesen Auftrag erfüllte Guillaume nach Kräften. allerdings nicht mehr sehr lange. daß ein Beamter der Verfassungsschutzbehörde sich den Kopf über den Namen Guillaume zu zerbrechen begann und Fährten. Es kann nicht später als März 1973 gewesen sein. Im Herbst 1972 wurde Wilhelm Gronau vom Ostbüro des DGB. es unweigerlich fertigbringen. das bleibt bis heute ein Geheimnis. miteinander in Beziehung brachte. Ende Mai wurde der damalige Innenminister Genscher informiert. aber rein empirisch bewiesen ist und die da lautet. die zwar nicht wissenschaftlich. in Kontakt zu kommen. daß der Verfassungsschutz sich über Guillaumes Identität als Spion der DDR endgültig im klaren war.

zwischen Außenminister Scheel und Sicherheitsberater Kissinger erzürnten wiederum die anderen Nato-Partner. daß Großbritannien sich von den USA nicht bevo rmunden lassen wollte und daß der französische -265- . Das zweite war ein ausführlicher Bericht Walter Scheels aus Washington über seine vertraulichen Gespräche mit Nixon und Kissinger. die Charta zu unterzeichnen. Vertrauliche Verhandlungen zwischen Nixon und Brandt. den Richard Nixon am 3. in der die Mitgliedstaaten die Vorreiterrolle der USA bekräftigen sollten. die sich übergangen fühlten. In dieser Zeit wurde die KSZE in Helsinki vorbereitet. was unser Mann »Hansen« uns zukommen ließ.mit ihren Kindern Ausflüge. in denen er sie davor gewarnt hatte. sich nicht von den Amerikanern unter Druck setzen zu lassen und die guten Beziehungen zu Frankreich nicht aufs Spiel zu setzen. und aus dem. konnten wir entnehmen. Und das dritte war eine Mitteilung Egon Bahrs. Das erste war ein Brief. wenn die Ehemänner durch die Arbeit gebunden waren. Der Dissens innerhalb der Nato spitzte sich weiter zu. daß die USA infolge der Entspannungspolitik Alleingänge ihrer europäischen Partner befürchteten. Drei besonders wichtige Dokumente konnte Guillaume kopieren. insbesondere die Franzosen. aus den Dokumenten war zu erfahren. die europäischen Mitgliedstaaten zu erpressen zu versuchen. Deshalb drangen sie auf den Abschluß der Atlantischen Charta. dieser Brief war mit dem Vermerk »privat« gekennzeichnet und mit einem handschriftlichen Gruß Nixons versehen. die Franzosen dazu zu bewegen. der Brandt riet. Juli an Willy Brandt sandte mit der Bitte. daß ohne technologische Nachrüstung der Nato ein nuklearer Erstschlag des Atlantischen Bündnisses nicht länger im Bereich des Möglichen stehe. die waffentechnischen Fortschritte der Sowjets seien so gewaltig. die ein Abdriften aus der Verteidigungsallianz zur Folge haben könnten. und in denen die Amerikaner erklärt hatten.

Als er die umgeschriebene Fassung Guillaume übergab. um es dann mit großer Geste löschen zu können. damit dieser sie nach Bonn zurückübermittelte. In Günter Guillaumes Prozeß warf ihm die Anklagevertretung vor. sie sei so unleserlich. daß er Stunden um Stunden mit grünem Filzstift daran herumredigierte. die Feuer legten. die Position der Nato gegenüber der Sowjetunion durch die -266- . daß er sie erst abtippen müsse.Außenminister Michel Jobert die Amerikaner mit Feuerwehrleuten verglich. aber der Entwurf seines Beraters Bahr entsprach seinen Vorstellungen so wenig. gab dieser vor. Niemand kam auf die Idee. nach dem Verbleib des Originals zu fragen. Willy Brandt und Günter Guillaume 1973 Brandt mußte reagieren und seinem Außenminister eine Stellungnahme übermitteln.

wie weitgehend und umfassend die Vorschläge der USA waren und mit welchem Mißtrauen und welcher Skepsis sie von Frankreich. (…) Insgesamt gesehen vermittelten die Schreiben das Bild zerstrittener und in grundsätzlichen Fragen uneiniger Bündnispartner. Das konnte die Sowjetunion bei ihren politischen und strategischen Überlegungen veranlassen. (…) Diese sich aus dem Fernschreibverkehr ergebenden Erkenntnisse mußten vor der Sowjetunion als Führungsmacht des Warschauer Paktes geheimgehalten werden. das allerheiligste Sakrament der Bonner Regierung sei durch ihn in den Besitz des Allerheiligsten in Ost-Berlin geraten – anders ausgedrückt: Er sei fest davon überzeugt gewesen. Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen wurden. gezielte Maßnahmen zur Erosion des sicherlich nicht mehr festen westlichen Bündnisses zu ergreifen und diese später in eine politische Pression überzuleiten. daß die -267- . wie wenig einig diese Staaten in ihren Vorstellungen über den Inhalt und die Ziele einer solchen Erklärung und über das zu ihrer Erörterung einzuschlagende Verfahren waren. Sie zeigten. Sie ließen erkennen. um die Gefahr eines schweren Nachteils für die äußere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden. wenn er dort schreibt. Ihre Kenntnis konnte in den Augen der Sowjetunion die Abschreckungskraft der Nato mindern. die unter der glaubhaften Entschlossenheit der Mitgliederstaaten zur gemeinsamen Verteidigung eine echte Bündnissolidarität und ein strategisches Gleichgewicht der militärischen Kräfte voraussetzt. die während der Verhandlungen über die Atla ntische Erklärung zwischen den USA und ihren europäischen Nato-Partnern hervortraten.Weitergabe besagter Geheimdokumente stark gefährdet zu haben – wörtlich: »Die Fernschreiben geben einen zuverlässigen Einblick in die Meinungsverschiedenheiten.« So ähnlich schilderte es auch Guillaume in seinen Erinnerungen. deren gegenseitiges Vertrauen bis auf ein Minimum geschwunden war.

die Christel Guillaume ihrem Kurier »Anita« aushändigte. Eines der Berufsrisiken des Spionagechefs besteht darin. nie erhielten. Schon bald nach dem Urlaub in Norwegen konnte Christel Guillaume den Eindruck. sie sehe die berühmten weißen Mäuse. daß es unterschiedliche Sichtweisen in dieser Sache geben könne.Kopien. Den Inhalt der Norwegen-Dokumente erfuhren wir erst. als sie Gegenstand des Prozesses gegen das Ehepaar Guillaume wurden. Der Grund dafür ist. Bis heute ist diese Sichtweise verbreitet. Guillaume bestätigte diese Version. Zum Glück hatte der Film bereits den Besitzer gewechselt. In Guillaumes Prozeß unterstellte man also. da ich es einstweilen für geraten hielt. die Verfolger abzuschüttel. nicht loswerden. Anfangs dachten wir. und plötzlich sah Christel aus dem Augenwinkel ein Kameraobjektiv in der halbgeöffneten Aktentasche des einen blinken. Als Christel Guillaume sich mit »Anita« für die Übergabe der Mikrofilme in einem Bonner Restaurant traf. daß -268- . die eine häufige Begleiterscheinung jeglicher geheimdienstlichen Tätigkeit sind. die Papiere seien zu uns gelangt. und ich schwieg. die er von den Dokumenten angefertigt hatte. doch wir mußten uns schnell eines Besseren belehren lassen. die beiden Frauen plauderten noch ein wenig und verabschiedeten sich dann. Unserem Kurier gelang es jedoch nicht. daß wir die Filmrollen mit den Kopien der Papiere. daß man sie und »Anita« beschattete. den Eindruck zu vermeiden. weder in Bonn noch später in Köln. Wie so oft sieht jedoch auch in diesem Fall die Wahrheit ganz anders aus. durch einen Kurier auch tatsächlich nach Ost-Berlin weiterbefördert worden seien. Zuletzt wählte sie die geringere Gefahr und ließ das Päckchen von einer Rheinbrücke ins Wasser fallen. wo es auf Nimmerwiedersehen verschwand. nahmen zwei Männer an einem Tisch ganz in der Nähe Platz.

Aber das Schicksal nahm unerbittlich seinen Lauf. daß westliche Dienste es mittels EDV geknackt hatten und die Telegramme nicht nur dechiffrieren. daß er Gronau ans Herz legen sollte. daß ein Verfassungsschutzbeamter sich im Zusammenhang mit dem Fall Gronau daran erinnert hatte. daß mein Dienst in den 50er Jahren ein sowjetisches Chiffriersystem verwendet hatte. der in West-Berlin zusammen mit Gronau verhaftet worden war. entgegen den elementarsten Regeln aller Geheimdiensttätigkeit einen Spickzettel mit sich geführt hatte. wenn unser Agent einen xbeliebigen Namen wie Meier oder Schulze gehabt hätte – vielleicht. Im Fall der Guillaumes gelangten wir zu der Ansicht. sondern sogar nach Empfängern zuordnen konnten. Ich erwähnte bereits den folgenschweren Umstand. dem Namen Guillaume schon in Verbindung mit anderen Spionagefällen begegnet zu sein. die Telegramme an -269- . Besonders verhängnisvoll war. Hierzu muß ich erläutern. Daraufhin zogen wir das System aus dem Verkehr und überprüften. sondern weil sie nie in unsere Hände gelangten.einem für gewöhnlich nicht geglaubt wird. der ungeklärte Fälle nichtidentifizierter Empfänger von Funktelegrammen bearbeitete. bis wir erfuhren. Vielleicht hätte all das noch nicht zur Katastrophe führen müssen. nicht weil sie 1989 vernichtet worden wären. wenn man die Wahrheit sagt. daß jede Suche in unseren Archiven nach den Norwegen-Papieren vergebens wäre. Selbst auf diese Gefahr hin kann ich nur versichern. um nicht zu vergessen. auf dem er sich unter anderem den Namen Guillaume notiert hatte. daß der Instrukteur aus unserem Dienst. wieweit unsere Leute in der Bundesrepublik durch von uns versandte Telegramme gefährdet waren. sich vor Guillaume in acht zu nehmen und seine Annäherungsversuche für unseren Dienst diesem Mann gegenüber einzustellen. als der mißtrauisch gewordene Beamte eines Tages in der Kantine mit einem Kollegen fachsimpelte.

der gegen Ende der 50er Jahre aktiv geworden war. Was wir außerdem zu berücksichtigen vergaßen. Es blieb nur die Frage. daß zu jener Zeit keineswegs alle Regierungsmitglieder der Bundesrepublik in erster Linie das Wohl des Kanzlers im Auge hatten. begann. daß die Verbindung zum Kurier und somit zur Zentrale über sie lief. Man entschied sich für das zweite Vorgehen. Der Beamte nahm sich die Akte mit den Telegrammen vor und verglich die Daten der Glückwünsche mit den Geburtstagen der Familie Guillaume. wenn wir geahnt hätten. Von da an war alles klar. Zugang zur SPD hatte und bedeutend genug sein mußte. an einen dieser Vorgänge. der einen Agenten betraf. um es auf diesem Weg seiner nachrichtendienstlichen Verbindungen zu überführen. um zusätzlichen Schaden zu verhindern und juristisch unangreifbares Beweismaterial zu erlangen. wie man weiter vorgehen wollte. Anders läßt sich nämlich nicht erklären. Zweifellos hätten wir nicht so gedacht. sie bei der Übergabe von Material an ihren Kurier zu erwischen und durch Zugriff in den Besitz der nötigen Beweise zu gelangen.und Neujahrsglückwünsche. Beim Kantinengespräch der beiden Abwehrleute erinnerte sich der Verfassungsschützer. dessen Name offenbar mit G. Zwei Möglichkeiten standen zur Diskussion: entweder sogleich das Ehepaar Guillaume verhaften. um so schnell wie möglich zu Beweisen zu kommen.sie aus der Anfangszeit ermöglichten keine Rückschlüsse auf ihre Identität. um Glückwunschtelegramme aus Ost-Berlin zu erhalten. wieso zwischen dem mehr als -270- . waren die Geburtstags. der mit den ungeklärten Funkvorgängen beschäftigt war. und in der Hoffnung. an welche exponierte Stelle sie einmal geraten würden. oder Guillaume an seinem Posten zu belassen und das Ehepaar zu observieren. Zunächst observierte man nur Christel Guillaume in der zutreffenden Annahme. Kompliziert wird die Geschichte dadurch. die unser Dienst an seine Mitarbeiter zu schicken pflegte.

wie sie ihm seinerzeit als Regierendem Bürgermeister West-Berlins beinahe täglich vorgetragen worden waren und die sich letzten Endes fast immer als haltlos erwiesen. daß die Abwehr während seines Urlaubs in Norwegen nichts unternommen hatte. daß er diesem Hinweis nicht mehr Gewicht beigemessen habe als ähnlichen Verdächtigungen. Genscher und sein Bürochef Klaus Kinkel beharrten auf der Behauptung. Nollau wiederum bestritt bis zu seinem Tod vehement Genschers Darstellung und beharrte darauf. dennoch wurde die Schuld bei ihm gesehen. muß er sich so vage ausgedrückt haben. Mai 1973 informierte Günter Nollau als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Innenminister Genscher über den Fall Guillaume. Bericht erstattete. Nollau habe lediglich von einem generellen Verdacht gesprochen und in keiner Weise die Indizien erwähnt. und nach Abschluß der Untersuchungen mußte er seinen Rücktritt einreichen. Vor einem Untersuchungsausschuß machten die beiden später widersprüchliche Angaben über das. Da er und sein Protektor -271- . Eingeweihte hätten Brandt bewußt ins Unheil tappen lassen. Als Genscher Brandt von dem Gespräch mit Nollau. In seinen Erinnerungen schildert Brandt. Am 29. daß er mit aller gebotenen Deutlichkeit vor Guillaume gewarnt habe. von dem Spionageverdacht und dem Vorschlag. daß Brandt die Informationen beiläufig zur Kenntnis nahm. und der Verhaftung der beiden ein Jahr lang nichts getan wurde. daß das Ehepaar Guillaume für die DDR spionierte. um den Kanzler zu schützen. ohne sich weiter etwas dabei zu denken. Guillaume auf seinem Posten zu belassen. mußte er als Bestätigung seiner Sicht der Dinge nehmen. Die Diskrepanzen in den Aussagen des Innenministers und des obersten Verfassungsschützers ließen nicht nur in Bonn den Verdacht aufkommen.begründeten Verdacht. die sein Amt bereits zusammengetragen hatte. was sie gesagt haben wollen. Nach Abschluß der Untersuchungen wurde Nollau zum Schuldigen erklärt.

Wir hatten die Lunte gelegt. denn nach Guillaumes Festnahme erklärte Genscher vor dem Bundestag. Daß der ehrgeizige Politiker Genscher angesichts der Regierungskrise in jenen Tagen bereits mit Helmut Kohl. das ist zweifellos wahr.Wehner mittlerweile verstorben sind. Genscher und Nollau hätten aus durch und durch ehrenwerten Gründen beschlossen. wie Genscher so etwas zulassen konnte. statt das Feuer im Keim zu ersticken. daß der Verfassungsschutz durch die Observation der Guillaumes bis zum Tag ihrer Verhaftung nicht die Spur weiteren Belastungsmaterials vorweisen konnte. ebenso wie an dem um nichts weniger peinlichen Sachverhalt. daß die Eingeweihten es ein Jahr lang für opportun hielten. in nächster Nähe des Kanzlers und der Staatsgeheimnisse einen Spion ungehindert wirken zu lassen. daß unser Mann auch nur einen Tag länger in so enger Nähe zum Bundeskanzler verweilte. daß Kanzler Brandt weder vom Koalitionspartner noch aus den eigenen Reihen prononciert unterstützt wurde. es sei ein großer Agentenring aufgeflogen. doch andere hatten sie munter brennen lassen. die Genschers Behörde dabei gespielt hat. Angenommen jedoch. dem Oppositionsführer. Nicht zu rütteln ist an der Tatsache. als der Spion an seiner Seite enttarnt wurde. dann hätten sie dennoch auf keinen Fall erlauben dürfen. ist ebensowenig ein Geheimnis wie der Umstand. bleiben Genscher und Kinkel die einzigen. die in dieser Sache Licht ins Dunkel bringen könnten. war diesem zweifellos bewußt. nichts zu unternehmen und Guillaume lediglich zu beobachten. daß sie von Nollau lediglich über einen »vagen Verdacht« informiert worden seien. und es bleibt mir ein Rätsel. Ihre diesbezüglichen Aussagen in meinem Prozeß 1993 waren wenig erhellend und beschränkten sich im wesentlichen darauf. da nur so das Jahr Observation -272- . Die zwielichtige Rolle. um so Beweise gegen ihn zu sammeln. Gespräche über eine CDU-FDP-Koalition führte.

und das erklärte in unseren Augen. und wir schlugen dem Ehepaar vor. Einerseits sollten die Guillaumes keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden. daß sie von A bis Z erfunden ist. Warum haben wir sie damals nicht zurückgerufen? Wir debattierten eingehend mit ihnen. daß wir beschlossen. Und so kam es zu dem Kompromiß. hatte der Frau seines unvergessenen Wahlhelfers die Stelle einer Vorzimmerdame in seinem Ministerium angeboten. und ein West-Berliner Zahnarzt. Christel hatte ihre Bewerbungsunterlagen eingereicht. warum sie – wie viele Bewerber um eine solche Stelle – beobachtet worden war und warum die Beobachter sich keine große Mühe bei ihrer Routineobservation gegeben hatten. inzwischen Verteidigungsminister. was eine mögliche Überwachung durch Bundesbehörden betraf. sobald sie sich in Gefahr wähnen sollten. mit dem die Guillaumes privat befreundet waren. den Rückzug in die DDR anzutreten. bevor man sie heimlich. Zur Aufnahme -273- . daß man sie observierte. wiesen wir sie und ihren Mann an. mußten als der ominöse »Ring« herhalten und wurden ohne jede rechtliche Grundlage verhaftet. Ein Bonner Ehepaar. was zu tun ratsam wäre. Dennoch hinterließ die Geschichte bei uns ein ungutes Gefühl. andererseits wiegte das tolpatschige Vorgehen von Christel Guillaumes Überwachern uns in der Illusion. die Observation sei Teil einer routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung.halbwegs plausibel gemacht werden konnte. während sie Augen und Ohren offenhalten sollten. Nachdem Christel uns berichtet hatte. still und leise umgehend aus der Haft entließ. Der einzige Schönheitsfehler dieser Erklärung ist. jegliche geheimdienstliche Betätigung einzustellen und alles verräterische Material aus ihrem Haus zu entfernen. die nachrichtendienstliche Tätigkeit der Guillaumes bis auf weiteres einzufrieren. den sie im Urlaub kennenge lernt hatten. Georg Leber. Dafür aber sahen beide keinen Grund.

der gerade von einem Staatsbesuch im Nahen Osten zurückkehrte. was wir mit ihm für einen solchen Fall vereinbart hatten. daß Guillaume sich überaus stilvoll ergeben haben sollte. die nur im dringendsten Notfall genutzt werden sollten. daß er von ganzen Schwärmen motorisierter deutscher und französischer Überwacher verfolgt wurde. um seine Frau und den Sohn nicht im ungewissen zurückzulassen. April 1974 verhaftet worden waren. An diesem Punkt der Entwicklung informierte ich Minister Mielke. den man bei Agenten für angemessen halten würde. entschied er sich dafür. solange es noch in seiner Hand lag? Entgegen dem. Mielke schloß sich meiner Einschätzung an und stimmte meinem Vorgehen zu. nach Bonn weiterzufahren. Im April machte Günter Guillaume in Südfrankreich Ferien.einer Verbindung vereinbarten wir mehrere sichere Varianten. war seine Eskorte mit einemmal verschwunden. allerdings nicht in dem Stil. Hatte man ihn aus den Augen verloren? Hatte man die Beobachtung eingestellt? Warum nutzte er die Fluchtchance nicht. um ihm -274- . weihte ich den Minister ein. Dann geschah bis Februar 1974 nichts Auffallendes. Die Guillaumes schlugen deshalb vor. Das hätte er nicht tun dürfen. Daß er damals Honecker oder sonst jemanden davon informiert haben sollte. Im Fall Guillaume ließ die politische Brisanz mir dies geraten scheinen. traf mich nicht weniger unvorbereitet als Willy Brandt. Als er nachts über Paris und durch Belgien nach Hause fuhr. zumindest bis zum Herbst des Jahres. Die Meldung. Noch verstörender war die Meldung. halte ich für wenig wahrscheinlich. doch wenn die Intentionen der politischen Führung von Aktivitäten meines Dienstes berührt sein konnten. und dort fiel ihm auf. Normalerweise traf ich meine Entscheidungen in eigener Verantwortung. daß Christel und Günter Guillaume am 24. was ich aus Vorsicht ablehnte. Als die Polizei läutete. ihre Tätigkeit wiederaufzunehmen.

Vielleicht veranlaßte ihn der unbewußte Wunsch. ihn zu fragen. ohne überhaupt beschuldigt gewesen zu sein. Anschrift und Geburtsdatum anzugeben. er könne seine Reaktion nur mit der frühen Morgenstunde und dem alles beherrschenden Gedanken an seinen Sohn Pierre erklären. Er hatte immer darunter gelitten. daß man festgenommen wird. einen so fatalen Schritt zu tun. Mit diesem Bekenntnis erlöste er die Bo nner Abwehr und die Strafverfolgungsbehörden aus großer Beweisnot und ersparte ihnen das peinliche Schauspiel. Nach Guillaumes Rückkehr in die DDR sieben Jahre später konnte ich nicht umhin. der Guillaume in Frankreich begleitet hatte. sondern nur die Fassade. und dieser hatte abgewinkt. was ihn dazu bewegt hatte. Pierre hielt seine n Vater für einen Verräter an der Sache des Sozialismus und für einen rechten SPDler wie Georg Leber. ohne stichhaltige Beweise einen Prozeß zu führen. zu seinen unbedachten Worten. sofern man noch ein wenig länger ermittle und observiere – daher der Konvoi. den er über alles liebte. Auf diese Weise lag die -275- . soll er gerufen haben: »Ich bin Bürger der DDR und ihr Offizier – respektieren Sie das! « Als mir das zu Ohren kam. nichts als Name.den Haftbefehl vorzulesen. daß man die DDR-Vertretung in Bonn verständige. zu verlangen. die für die Bundesrepublik bestimmt war. traute ich meinen Sinnen nicht. Er sagte. Anfang 1974 hatte der Verfassungsschutz die Erkenntnisse von Anfang 1973 dem Generalbundesanwalt zur Eröffnung eines Verfahrens angeboten. und sich ansonsten in eisernes Schweigen zu hüllen. sich vor dem geliebten Sohn zu rechtfertigen. Wir schärften ihnen ein. Unsere Leute wurden deshalb in dieser Hinsicht stets besonders sorgfältig geschult. Guillaume hatte damit ein Schuldbekenntnis abgelegt. Wochen später hielt sein Nachfolger Siegfried Buback dies für möglicherweise doch aussichtsreich. Als Spion muß man jederzeit damit rechnen. Das war ein unverzeihlicher Fehler. daß sein Sohn ihn nicht wirklich kannte.

1974 (Transkription im Anhang) Schon bei den ersten Vernehmungen wurde Guillaume nach seinem Wissen um Brandts Intimsphäre befragt. Tagebucheintrag vom 25. 4.Beweislast ausschließlich bei den Organen der Bundesrepublik. Da er schwieg. -276- .

so kann ich nur antworten. sind Bundesregierung und Bundesrepublik blamiert bis auf die Knochen. Nollau notierte in diesem Zusammenhang: »Wenn Guillaume diese pikanten Details in der Hauptverhandlung auftischt. dann hat die Regierung der DDR. die den Kanzler stets auf seinen Reisen begleitet hatte. Wenn es überhaupt möglich ist. Aus dem Untersuchungsgefängnis schrieb er mir damals: »Was… auf mein Fehlverhalten zurückzuführen ist. noch von Frankreich aus zu fliehen. läßt mich hier nicht zur Ruhe kommen. warum ich es unterließ. die Horst Herold. veranlaßten. den Leiter des Bundeskriminalamts. Innenminister Genscher zu informieren. Stolz schwieg er bis zuletzt und ließ sich nicht verlocken. doch wie verhielt es sich mit mir und meinem Dienst? Hatten wir die ersten Anzeichen einer Observation auf die leichte Schulter genommen? Oft genug -277- . sondern durch die Vernehmung westlicher Sicherheitsbeamter wurden Details über Brandts Privatleben an die Öffentlichkeit gezerrt. daß von seiner Seite keinerlei private Indiskretionen zu gewärtigen seien. Guillaume büßte für seine Fehler schwer in seiner langen Haft. so bitte ich die Partei und Sie als meinen Vorgesetzten um Nachsicht für mein Verschulden. gab er eine Erklärung zu Protokoll. um damit die Haftdauer zu verkürzen. daß er keine weiteren Aussagen machen werde.konzentrierte die Befragung sich auf Beamte der Sicherungsgruppe Bonn. Nicht durch Guillaume also. der Guillaume natürlich auch dies berichtet hat. jedes Kabinett Brandt und die SPD zu demütigen. Sollten Sie fragen.« Er hatte seine Fehler eingesehen. ein Mittel. Sagt er aber nichts. Unter Hinweis auf die bisherige Rolle der Untersuchungsbehörden erklärte er zudem. Informationen preiszugeben. während Nollau Herbert Wehner unterrichtete. daß die Chance sehr gering war und ich auch nicht wie ein Feigling handeln wollte.« Als Guillaume in der Haft von den Pressionen auf Brandt erfuhr.

Als wir die potentiellen Gefahrenquellen für die Guillaumes untersuchten. Statt den Kanzle r zu schützen. vergaßen wir dabei die Funksprüche aus den späten 50er Jahren. daß sie entschlüsselt worden waren. Wir maßen ihnen einfach keine Bedeutung zu und wurden aus unserem Tiefschlaf erst durch Günter Guillaumes Gerichtsverfahren geweckt. den ich mir und meinen Mitarbeitern vorwerfen muß. Der unverzeihliche Fehler. die Fehler. daß unser Mann nicht aus der unmittelbaren Nähe des Kanzlers abgezogen worden war.« Leider hatten wir unsere Fehler in diesem Fall so früh gemacht.fanden hysterische Überwachungsaktionen statt. Niemals hätten wir uns vorstellen können. daß die Lehren daraus der Vergessenheit anheimgefallen waren. In Guillaumes Fall hatten wir uns von der laienhaften Durchführung der Observation ebenso täuschen lassen wie davon. hätte der Agent nicht in meiner unmittelbaren Nähe belassen werden dürfen und man hätte ihn in eine andere. denn in seinen Memoiren schreibt er: »Wenn ein gravierender Verdacht vorlag. Da fiel mir Winston Churchills prophetische Warnung ein: »Es ist von großem Vorteil. obwohl wir wußten. bei denen zahllose Unschuldige auf Herz und Nieren geprüft wurden. war anderer Natur. Beide Guillaumes nahmen die Urteilsverkündung gefaßt und mit unbewegter Miene auf. -278- . machte man ihn zum agent provocateur des Geheimdienstes seines eigenen Landes. aus denen man lernen kann. in dem sie ausführlich zur Sprache kamen. Im übrigen sah Willy Brandt dies nicht viel anders als ich. recht früh zu machen. einen Spion an so sensibler Stelle seelenruhig zu belassen.« Dem ist nichts hinzuzufügen. daß eine Sicherheitsbehörde die Nerven besitzen könnte. gut zu observierende Stelle verschieben oder sogar befördern müssen. Nach monatelangen Verhandlungen verurteilte das Oberlandesgericht in Düsseldorf Christel und Günter Guillaume zu acht beziehungsweise dreizehn Jahren Gefängnisstrafe.

aber da hatte Günter Guillaume bereits nicht mehr lange zu leben. nur um Pierre zu betreuen. Schließlich war er in einer Umgebung aufgewachsen. Manchmal hatte ich fast den Eindruck. Aber er konnte sich nicht einpassen und fand keine Freunde. als ich erfuhr. Das war aber nicht so einfach. Günters Enttäuschung war sehr tief. daß Pierre und seine neue Braut Ausreiseanträge gestellt hatten. Mit einiger Mühe fanden wir eine Schule. In unserer Verzweiflung ließen wir nichts unversucht. denn dort hatte er eine Freundin. Seine nächste Freundin war die T ochter eines Offiziers aus meinem Dienst. als brauchten wir eine eigene Abteilung. Brandts Rücktritt im Mai 1974 erschwerte unsere Position erheblich. denn sein Nachfolger Helmut Schmidt verkündete wiederholt. Der -279- . den er seinem Vater abstattete. Uns blieb nur. wie man meinen könnte. während wir uns den Kopf zerbrachen. in denen er mich inständig bat. welche Agenten wir dem Westen zum Tausch anbieten konnten. er wolle nach Bonn zurück. die sich finden ließen. sahen wir ihn im Geist für immer im Westen bleiben. Guillaume müsse seine Strafe bis zum letzten Tag absitzen. auf der Kinder von DDR-Funktionären erzogen wurden. Sein Vater schrieb mir besorgte Briefe. Bei jedem Gefängnisbesuch. um ihm das Leben in der DDR schmackhaft zu machen: Wir bezahlten ihm eine Fotografenausrüstung und besorgten ihm eine Anstellung bei einer der besten Zeitschriften. Bald darauf erklärte er zu unserem Entsetzen.Für ihren Sohn Pierre kam eine schreckliche Zeit. mich um den Halbwüchsigen zu kümmern und aus ihm einen jungen Mann zu machen. Auf unsere Weisung hin schwiegen die Guillaumes in der Haft. ihre Ausreise zu genehmigen. und wir wollten schon erleichtert aufatmen. in der antiautoritäres und individualistisches Denken herrschte. Erst viele Jahre darauf konnten Vater und Sohn wieder ein normales Gespräch miteinander führen. auf den die DDR stolz sein konnte. und dort brachten wir Pierre unter.

Fidel Castro weigerte sich. Einer der gegen sie ausgetauschten Westspione ließ nach seiner Heimkehr deutlich verlauten. und ein Paket mit Spionen beider Seiten wurde geschnürt. und für einen Augenblick war die schwere Krise. die er fünfundzwanzig Jahre früher verlassen hatte. an der sich nicht nur die Deutschen die Finger zu verbrennen drohten. So scheiterte der Austausch Jahr um Jahr. den jüdischen Dissidenten Anatolij Schtscharanskij freizulassen. um ihn zu begrüßen. Auch Christel war gekommen. als jeder wußte. nun mußte er handeln. doch weder Christel noch Günter Guillaume gehörten zu den Auserwählten. Kanzler Schmidt mochte noch so unwillig sein. ihn schon bald gegen Westspione einzutauschen. daß in der DDR seit langen Jahren inhaftierte Westagenten es sehr begrüßen würden.Fall wurde zu einer heißen Kartoffel. um seinen Auftrag zu erfüllen. sondern auch ihre großen Freunde in Ost und West. Und am 1. doch ich spürte. erwiesen sich als trügerisch. den der KGB sogar noch dann als Agenten und gefährlichen Staatsfeind bezeichnete. »Gerlinde« und »Hagen« kamen nach Ost-Berlin. Oktober 1981 traf tatsächlich Günter Guillaume in der DDR ein. daß der Mann. die Sowjetunion war nicht bereit. Im März 1981 war es dann endlich soweit. wenn man etwas für sie täte. und offenbar stieß dieser Hinweis nicht auf taube Ohren. und Günter Guillaume litt zusehends unter den Folgen der Haft. von dem ich vor einem Vierteljahrhundert Abschied genommen hatte. daß Christel Guillaume ausgetauscht wurde. innerlich noch derselbe war. Alle unsere Hoffnungen. im Tausch den CIAAgenten Hunt freizugeben. Ruth und Norbert Moser. Kurz vor Weihnachten 1980 kam es zu einem Austausch. daß es nur noch eine Frage des Geschicks war. in die ihre Ehe schon -280- . Die Zeit und die Folgen der Haft waren nicht unbemerkt an ihm vorübergegangen. wie das Land in dieser Sache sein Gesicht retten wollte. den ich in die Arme schloß.

was er durchgemacht hatte. Aber er war zu lange aus dem Geschäft. heirateten nach einiger Zeit und zogen in ein Haus auf dem Land. beispielsweise als leitender Führungsoffizier für BRD-Agenten. Nach der Ansprache gingen wir auf den Friedhof hinaus. Ich hatte gehofft. doch es war keiner der beiden. und eine windzerzauste schlanke Gestalt schlüpfte herein.« Da Guillaumes Nieren. öffnete sich die Tür. Die beiden kamen sich menschlich näher. erwiderte er trocken: »Auf einen mehr oder weniger kommt es dort wirklich nicht an. In letzter Minute. wo der Sarg ins Grab gesenkt wurde. bevor die kurze Totenfeier begann. Christel oder Pierre wider besseres Wissen kommen zu sehen. sondern Guillaumes zweite Frau Elke. die Licht und Liebe in seine letzten Lebensjahre gebracht hatte. denn ich konnte mir denken. kümmerte sich eine Krankenschwester als Pflegerin um ihn. gewiß eine besonders interessante Stelle in der HVA erwartete.geraume Zeit vor beider Verhaftung geraten war. -281- . sie umzustimmen. Mitte 1995 starb Günter Guillaume nach langer Krankheit. daß Christel Guillaume nicht zu ihrem Ehemann zurückkehren wollte. Auch für mich würde die nächste Zeit nicht leicht sein. denn ich wußte. wie vergessen. daß Guillaume als Belohnung für alles. Ich war bei seiner Beerdigung auf dem Friedhof von Marzahn zugegen.und Kreislaufleiden ständig beobachtet werden mußten. Die nächsten Tage würden für beide nicht leicht sein. während er sich noch immer an die Hoffnung klammerte. Als ich mich mit seinem Arzt beriet und im Scherz meinte. und ich warf als letzten Gruß eine rote Rose ins offene Grab. unter einem Posten im Politbüro werde Günter es wohl kaum tun.

Brandts Rücktritt war keineswegs von mir gewollt gewesen. Guillaumes Einzug ins Bundeskanzleramt sei mein größter Erfolg gewesen. Erich Mielke (1981) Noch heute glauben viele. das aus ihm selbst. daß die Guillaume-Affäre nicht der Grund.Von links nach rechts: Autor. dem -282- . ihm den Rücktritt nahezulegen. Willy Brandt war das Opfer unüberbrückbarer Differenzen innerhalb seiner Partei und einer Vertrauenskrise gegenüber der Parteiführung. Christel Guillaume. sondern nur der Vorwand für den Rücktritt Willy Brandts am 6. hervorgerufen durch das Ungleichgewicht des Machtdreiecks. Herbert Wehner. Erich Honecker. daß der Fall Guillaume für meinen Dienst die größte Niederlage war. Ich wiederhole deshalb. die wir bis dahin erlitten hatten. Mai 1974 war. selbst aus damaliger Sicht konnte das nur ein politisches Eigentor für die DDR sein. Viele Anhänger Willy Brandts können mir Guillaumes Anteil am Sturz dieses Kanzlers nicht verzeihen und sehen in mir den Hauptschuldigen an Brandts Rücktritt. Ich war und bin fest davon überzeugt. Günter Guillaume. In seinen Erinnerungen sagt Brandt selbst. daß die Entdeckung eines Spions in seiner unmittelbaren Umgebung kein Grund hätte sein dürfen.

bestand. ein Komplott zwischen Herbert Wehner und Erich Honecker mit dem Ziel. doch unklar muß bleiben. hinter seinem Rücken mit uns Absprachen zu treffen. Über Schmidt schrieb Guillaume mir in einem Brief vom 11. wo der Dolch im Gewände offenbar als die natürlichste Sache der Welt erschien.Einpeitscher der Parteidisziplin. Honecker habe von der HVA Tonbänder mit abfälligen Bemerkungen aus seinem Mund über Wehner erhalten und diese an Wehner weitergegeben.« Brandt mißtraute Wehner und dessen Ostkontakten zutiefst. steht außer Frage. wie eingehend und in welchem Umfang Willy Brandt darüber informiert wurde. -283- . daß er sich Wehners unfreundliche Haltung bei seinem Rücktritt später sogar mit der Vorstellung zu erklären versuchte. Das beweist. Sein einflußreichster Opponent war zweifellos Herbert Wehner. daß Brandts Feinde innerhalb der Regierung unter Umständen gefährlicher sein konnten als Spione. Aus Guillaumes Berichten wußte ich seit langem. die man auf ihn ansetzte. Brandts Abneigung gegen Wehner verleitete ihn sogar dazu. der dem Kanzler Unentschlossenheit und zu große Kompromißbereitschaft vorwarf.und währungspolitischer Maßnahmen auch auf die Außenpolitik stark Einfluß nehmen (…). (Er) wird das verjüngte Kabinett über den Haushalt beherrschen und mit Hilfe Wirtschafts. zu unterstellen. und Helmut Schmidt. wie zerrüttet die Atmosphäre in der SPD-Führung damals war. Mit an Verfolgungswahn grenzendem Argwohn unterstellte er ihm. ihn zu stürzen. Daß die Parteiführung der SPD seit den 50er Jahren von Wehners vertraulichen Kontakten zu DDR-Politikern informiert war. Immer wieder ist aus Brandts Umgebung zu hören. gegenüber dem Wählervolk als Wirtschaftskanzler und auf die Sozialdemokraten als drohende Kassandra zu wirken. dem Finanzminister. Juni 1974: »Helmut Schmidt wird versuchen.

Tagebucheintrag vom 6. 5. 1974 (Transkription im Anbang) -284- .

Tagebucheintrag vom 6. das er für -285- . 1974 (Transk ription im Anhang) Wehner wiederum verübelte Brandt seine Frauengeschichten und sein vertrauensseliges Verhalten ganz allgemein. 5.

aber bis heute ist man auf beiden Seiten nicht so zartbesaitet. So überließen des Kanzlers engste Parteigenossen ihn der bitteren Erkenntnis. publik machen sollte. ihn mit diesem Wissen zu erpressen. Breschnew und Honecker sprachen selbstverständlich ihr Bedauern über die Guillaume-Affäre aus. daß es nie geschehen wäre. um zu wissen. obwohl ich mir nicht vorstellen kann. den Rücktritt anzubieten. daß Wehner auch nur entfernt einen solchen Unsinn glaubte. -286- . es werde zu einem Skandal kommen. Vielleicht werden die Zeiten noch einmal so reif und zivilisiert. daß nur nervenschwache Menschen sich mit ihrem Privatleben erpressen lassen. der die Situation ausnutzte. daß man daran denken kann. Er erklärte Brandt. zum anderen kannte Wehner Honecker und seine prüde Art gut genug. sondern von den eigenen Parteigenossen mit Mißgunst und Häme beäugt und nicht unterstützt worden war. In dieser Situation tiefster Enttäuschung muß ihm als einzig möglicher Weg erschienen sein. Außerdem versuchte er ihm einzureden. setzte sich jedoch auch nicht für den angeschlagenen Kanzler ein. daß er nicht nur einem Spion ausgesetzt gewesen. Helmut Schmidt. die sich aufführten. und in diese Kategorie reihe ich Brandt nicht ein. die DDR-Regierung könne versuchen. falls Guillaume das. Zum einen hätte es der DDR nichts genützt. den es längst nach Brandts Position gelüstete. Weniger verständlich als Willy Brandts Enttäuschung war mir das scheinheilige Getue mancher Politiker in Ost wie West. war Wehner der erste. Zum dritten war und bin ich der Ansicht. als sei ein Agent in unmittelbarer Nähe eines Regierungschefs ein unfaßbarer Verstoß gegen internationale Sitten. Sperrzonen um Staatsoberhäupter und Regierungschefs zu errichten. Als Guillaume enttarnt wurde. verhielt sich nicht feindselig wie Wehner.einen Staatsmann unpassend fand. Doch wenn Honecker – wie behauptet wird – zu Helmut Schmidt wirklich gesagt hat. was er über den Lebenswandel des Kanzlers wußte.

Bei Willy Brandt habe ich mich persönlich entschuldigt. kann ich nur staunen. in dem drei junge Frauen Brandt Mut zusprachen und die Hoffnung äußerten. in Güstrow fing die Post ein Beileidstelegramm ab. ohne ihn naß zu machen. denn eine derartige Order Honeckers ist mir nie zu Ohren gekommen. wäre ihm dessen Existenz bekannt gewesen. er meinte. daß sein Nachfolger sein Werk weiterführen werde. Eine Begegnung mit ihm war mir nicht vergönnt. Seine menschliche Größe habe ich selbst erfahren. als daß wir den Pelz des Bären waschen sollten. daß wir die mit dem anhaltenden Wettrüsten verbundenen Gefahren und alle Anzeichen einer eventuellen Zuspitzung der internationalen Lage oder einer Konfrontation der Machtblöcke zuverlässig kontrollierten. In Neustrelitz wurde eine Straße mit einem Schild von Hand in Willy. Politiker wie Geheimdienstler – wissen. daß nachrichtendienstliche Aktivitäten der Politik selbst nach Möglichkeit nicht schaden sollen. In den Zeiten der Entspannung war diese Prämisse wichtiger denn je.er hätte Guillaumes sofortigen Abzug angewiesen. Verlangt wurde. Der Mann auf der Straße – Ost wie West – hatte Willy Brandt als Friedenskanzler geliebt und äußerte seinen Unmut über dessen erzwungenen Rücktritt ganz unverblümt. -287- . dies würde allzuviel Schmerzliches in ihm aufrühren.BrandtStraße umgetauft. am liebsten innerhalb der Regierungsspitzen und der Nato – was nichts anderes heißt. Dennoch wurde der Druck auf die HVA gerade in dieser Zeit besonders heftig. als er sich kurz vor seinem Tod im Jahr 1993 gegen meine strafrechtliche Verfolgung aussprach. in Erfurt prangerte man den Verrat an ihm auf zornigen Plakaten an.

Tagebucheintrag vom 7. 5. 1974 (Transkription im Anhang) -288- .

1974 (Transkription im Anhang) -289- . 5.Tagebucheintrag vom 8.

Aus diesem Grund waren unsere Dienste. mit denen gegnerische Agenten in unserem Land zu rechnen hatten. derart drakonisch gewesen seien.12 Das Gift des Verrats Der Kampf der Geheimdienste gegeneinander. die Überlegenheit der HVA gegenüber den Diensten der Bundesrepublik – die er nicht in Abrede stellte – resultiere in erster Linie aus dem »Vorteil der Diktatur« gegenüber dem freiheitlichdemokratischen Rechtsstaat. mit der westdeutsche Dienste ganze Heerscharen von Agenten zur Beobachtung und zum -290- . Bei Geheimdiensten sozialistischer Staaten verstärkte dieses Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsame Glaube an die Sache des Kommunismus. stets effektiver als die des Westens. weil die Strafen. das Werben und Überwerben von Agenten. Für die Geheimdienste gehört die Auseinandersetzung mit der Gegenseite zu den Höhepunkten und das Eindringen in den gegnerischen Dienst zur Krönung ihrer Tätigkeit und das Erlebnis ohnmächtiger Schwäche. daß man für eine bessere Welt arbeitete. wenn der eigene Dienst vom Gegner unterwandert wird. der Glaube daran. Einer meiner ehemaligen Gegenspieler hat behauptet. Dieser Behauptung muß ich widersprechen: Die bedenkenlose Leichtfertigkeit. zu den demoralisierendsten Niederlagen. wie ich meine. das Anlocken von Überläufern durch die eine und die anschließende Verfolgung durch die andere Seite mag Außenstehenden als ein schmutziges und im Grunde sinnloses Geschäft erscheinen. die ihre Mitarbeiter meist auf rein pekuniärer Basis zu gewinnen pflegten. daß das Risiko den bundesdeutschen Diensten zu hoch gewesen sei. Psychologisch läßt sich die Struktur eines Geheimdienstes mit der eines Stammes oder eines Clans vergleichen: Die einzelnen Individuen verbindet das gemeinsame Ziel und ein Gefühl gemeinsamer Identität.

Doch für viele ihrer Mitarbeiter mußte die Tätigkeit hauptsächlich ein mehr oder weniger gut bezahlter Job sein. logischem Denken eingebüßt hatten. Mitarbeiter aus den gegnerischen Diensten zu rekrutieren. damit wir sie später zum Austausch gegen unsere im Westen enttarnten Leute anbieten konnten. daß wir uns mit der Idee und dem Ideal einer gerechteren Gesellschaftsordnung identifizierten. daß uns diese Agenten quasi auf dem Tablett serviert wurden. und oft genug übertrug sich diese ihre geistige und ideologische Haltung auf die Quellen. daß die überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter meines Dienstes von den Idealen des Sozialismus überzeugt war. Geld und Prestige. So erkläre ich mir den Umstand. waren in der westlichen Leistungsgesellschaft häufig gewiß stärkere Anreize als die Identifizierung mit dem Staatswesen. ohne daß sie deshalb die Fähigkeit zu selbständigem. eine -291- . ein abenteuerliches Leben zu führen. vielleicht auch hin und wieder der Kitzel. Es war wohl kaum anzunehmen. Das Geheimnis unseres Erfolgs ist meiner Meinung nach darin zu suchen. Doch neben ihrem fachlichen Können und ihren intellektuellen Vorzügen spielte ihre politische Überzeugung stets eine herausragende Rolle. Im übrigen zeigte sich auch nach dem Zusammenbruch der DDR. daß man einen gewissen Lebensstandard erreichte oder absicherte. daß es für meinen Dienst in manchen Fällen nicht sonderlich schwer war. Auch in den westlichen Diensten wurde immer versucht. Sie waren keineswegs blind für die Mängel des eigenen Systems. Bis auf einige Ausnahmen waren sie politisch motiviert und fühlten sich moralisch auf der richtigen Seite in der weltweiten Auseinandersetzung zweier konträrer Systeme. konnte ich oft nur schwer begreifen. Was hatten westliche Dienste dem entgegenzusetzen? Sicher hatten auch sie von den Vo rzügen ihrer Gesellschaft überzeugte Frauen und Männer. der ermöglichte. die sie betreuten.Fotografieren von Kasernen und militärischen Übungen in Bewegung setzten.

die sich ergab. Deshalb fanden und finden sich in den britischen Diensten so auffallend viele Cambridge und Oxford-Absolventen und in der CIA ehemalige Studenten der Eliteuniversitäten an der Ostküste. daß ein solcher Fall von den Medien hochgeputscht wird und das wiederum die Aufmerksamkeit der politischen Führung weckt. Ihnen unterstellte man einen ausgeprägteren Gemeinschaftssinn. aber innerhalb des KGB wurden natürlich Schuldige gesucht und auch gefunden. Und wenn das Unglück es will. neue Agenten zu gewinnen. In dem Augenblick aber. Erst geraume Zeit später erzählte mir mein Moskauer Kollege ganz nebenbei. Das ohnehin ständig vorhandene Gefühl des Risikos und der Gefahr verschärft sich akut.Basis gemeinsamer Überzeugungen und Identifikationsmuster für die Mitarbeiter zu schaffen. in dem dieses Gemeinschaftsgefühl durch Verrat verletzt wird. Die Sowjetunion protestierte und rächte sich mit Gegenschikanen. als der KGB-Offizier Oleg Ljalin sich 1971 in England absetzte. daß Ljalin wegen einer Liebesaffäre zum Verräter an seinem Dienst geworden sei – selbstverständlich ohne den Namen des Betreffend en zu nennen. die weit vom Ort des Geschehens entfernt operieren. sogar bei Agenten. Apparat und Leitung können wochen-. Nur zu gut erinnere ich mich an die Welle der Spionagehysterie. Jeder Fall erschüttert das Vertrauen aller für den Dienst Tätigen nachhaltig und erschwert es oft auf lange Zeit. Neunzig Angehörige sowjetischer Vertretungen wurden ohne viel Federlesens des Landes verwiesen. können sich personelle Konsequenzen höchst unerwünschter Art für den betroffenen Dienst ergeben. Verrat ist Gift für jeden Nachrichtendienst. durften nicht wieder einreisen. ja monatelang so von ihren eigentlichen Aufgaben abgelenkt. Ein nicht zu unterschätzendes Problem in diesem -292- . die sich in Urlaub befanden. wenn nicht geradezu paralysiert werden. andere. breiten sich alles zersetzender Argwohn und Mißtrauen aus.

als den Sachverhalt -293- . daß wir alle erforderlichen Schritte nur mit dem Leiter der polnischen Spionageabwehr in Warschau besprechen sollten. die wir teilten. Die Liebe zur Jagd. tut dann wenig zur Sache. Ich besuchte ihn wie vereinbart. und so rief ich den polnischen stellvertretenden Innenminister Francisek Szlachcic an und schlug ihm einen gemeinsamen Jagdausflug für das kommende Wochenende vor. für den BND tätig zu werden. bis man am Ende mit leeren Händen dasteht. Anders ausgedrückt: Es besteht fast immer die Gefahr. zuständig für die Bundesrepublik. Zu meinem Bedauern blieb mir nichts anderes übrig. zu argwöhnen. ließ einen hohen Grad an Professionalität und Insiderwissen vermuten. weil der gesuchte Verräter von einem der vielen Mitwisser gewarnt wurde – ob absichtlich oder versehentlich. hatte unsere Beziehung sehr offen und unkonventionell werden lassen. sondern mit einem wahren Aufgebot von Gesprächsteilnehmern konfrontiert vorfand. Genau wie ich war auch Szlachcic der Ansicht. Was er an Vorschlägen und Bedingungen nannte. bei einem Verdacht zwischen erforderlicher Vorsicht und der Empfindlichkeit möglicher Betroffener geschickt abzuwägen. als ich mich beim vereinbarten Termin am nächsten Tag keineswegs wie abgemacht in vertraulichem Kreis. so daß man kein Hellseher sein mußte.Zusammenhang ist die Schwierigkeit. und wir besprachen den wahren Grund meines Kommens auf dem Hochsitz. gewissermaßen ganz privat. als ein Mitarbeiter des Warschauer Innenministeriums sich beim Chiffreur der dortigen BRD-Vertretung anerboten hatte. Mein Unbehagen. wo uns niemand belauschen konnte. Als Beispiel fällt mir der Fall ein. grenzte an Verärgerung. daß zu viele Personen eingeweiht werden. Über den BND und dort für uns tätige Quellen gelangte das Angebot auch zu meiner Kenntnis. um in dem anonymen Bewerber ein Mitglied der polnischen Spionageabwehr.

doch seither war es zu keinen spektakulären Verratsfällen mehr gekommen. die dem westdeutschen Dienst fast ein Dutzend unserer Agenten enttarnen half. Mein Gefühl hatte mich nicht getroge n: Der Verräter tappte nicht in die Falle. daß andere Geheimdienstchefs des Ostblocks sich sehr wohl mit dem Gedanken schmeichelten. der seinerzeitigen Vulkan-Affäre. die CDU zu infiltrieren. als ich ans Telefon gerufen wurde: In der Abteilung XIII unseres Sektors für wissenschaftlichtechnische Aufklärung (SWT) war im -294- . waren die empfindlicheren Niederlagen meinem Dienst in den 50er Jahren durch die Überläufer Max Heim. Nach dem ersten Verrat. und aus jedem läßt sich eine Lehre ziehen. Geburtstag. befand ich mich auf einer Konferenz in Karl-Marx-Stadt. Am 19.darzulegen und zu erläutern. die schmerzlichen Lektionen aus unseren frühen Niederlagen hatten mich gelehrt. So naiv war ich nie. den wir auf amerikanische Institutionen in der Bundesrepublik angesetzt hatten. Januar 1979. Im übrigen haben wir nicht erfahren. der heute wieder Chemnitz heißt. auch wenn deren Motivation noch so ehrenwert war. dem Ort. Jeder einzelne Fall von Verrat hat seine Geschichte. und Walter Glassei. die wir ihm stellten. obwohl ich aus eigener Anschauung weiß. nicht allzu unbedingt auf die moralische Zuverlässigkeit unserer Leute zu bauen. Nie habe ich mich in der Illusion gewiegt. bei ihnen sei dergleichen undenkbar. welche Gegenmaßnahmen ich für empfehlenswert hielt. beigebracht worden. mein eigener Dienst wäre der latenten Gefahr des jederzeit möglichen Verrats eines Mitarbeiters nicht ausgesetzt. um wen es sich bei diesem potentiellen Maulwurf gehandelt haben könnte. da ihn entweder ein Informant gewarnt hatte oder einer der vielen Gesprächsteilnehmer unabsichtlich sein Wissen hatte durchsickern lassen. meinem 56. eine zentrale Figur in unserem Bemühen.

In diesem Fall hatte er ihn – vorschriftswidrig – der Sekretärin überlassen. und der Abteilungsleiter hatte ihn ständig unter Verschluß zu halten. Der Verdacht fiel auf Oberleutnant Werner Stiller. daß seine Reden demnächst im Westen veröffentlicht werden würden. Meine sofortige Meldung gab ihm genug Zeit. Sein konkretes Wissen – als Oberleutnant gehörte er zu den niedrigsten Chargen im operativen Dienst – konnte nur begrenzten Schaden anrichten. Wie wir herausfanden. aber für Mielke der weitaus schwerste Schlag. um ihn nicht ständig an Mitarbeiter ausleihen zu müssen. In den verschwundenen Ordnern befanden sich Listen. Mit dieser Praxis war der Täter ganz offensichtlich vertraut. -295- . Chemie und Bakteriologie.Sekretariat der Schrank aufgebrochen worden. Zwei Tage nach Stillers Flucht wußten wir. Aber wer? Es war seit Jahren der erste Fall dieser Art. Ohne Zweifel hatte ein Mitarbeiter meines Dienstes sich in den Westen abgesetzt. dessen Enttarnung und Festnahme durch unsere Spionageabwehr unmittelbar bevorgestanden hatte. neben wichtigen Unterlagen hatte der unbekannte Täter den Sonderausweis mitgenommen. sich seelisch darauf vorzubereiten. die als geheime oder vertrauliche Verschlußsachen klassifiziert waren. Januar gegen 21. einen Mitarbeiter des Referats 1 für Atomphysik. Das war zwar nicht für mich. die nebst kurzen Inhaltsangaben der Informationen die Decknamen der betreffenden Quellen aufführten. Einen solchen Ausweis gab es in jeder Abteilung nur einmal. niemand anders als er gewesen war. Außerdem waren Ordner mit Befehlen. mit Dienstanweisungen und mit Referaten Minister Mielkes verschwunden. daß der Maulwurf des Bundesnachrichtendienstes. war der Ausweis am Abend des 18. der zum Passieren der Grenzkontrollen am Bahnhof Friedrichstraße berechtigte. unüberschaubar waren jedoch die Folgen seines Einbruchs in das Sekretariat der Abteilung.30 Uhr am Bahnhof Friedrichstraße benutzt worden.

denn der hatte ihm so unbrauchbare falsche Papiere besorgt. konnte dort jedoch nicht Fuß fassen und kehrte mit unserer stillschweigenden Duldung zwei Jahre darauf wieder in die Bundesrepublik zurück. und verließ mit seiner Frau die Wohnung. Aber nicht alle Mitarbeiter Stillers konnten gerettet werden. Ein Professor der Universität Göttingen wurde ebenso verhaftet wie ein Atomphysiker. die mit Stiller zu tun gehabt hatten. -296- . gelang die Flucht buchstäblich in letzter Minute. als die Polizeibeamten sich bereits Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatten. und den Schaden. Daß die Flucht ihm überhaupt gelang. das in der Reaktorforschung gearbeitet und Stiller mit Informationen versorgt hatte. Einen Mitarbeiter am Kernforschungszentrum in Karlsruhe erreichte unsere telefonische Warnung erst dann.Offenbar hatte er die letzte Fluchtchance genutzt. dieser wohne zwei Stockwerke höher. nicht dem BND. Seine konspirative Wohnung. den er angerichtet haben mochte. all jene zu warnen. realistisch abzuschätzen. wo er die Rundsprüche des BND empfangen hatte und in deren Umgebung er die mit Geheimschreibmittel geschriebenen Briefe aufgegeben hatte. sagte unser Mann mit seltener Geistesgegenwart. doch auf dem Weg zum Haftrichter konnte er aus dem Auto springen und fliehen. daß er auf sie verzichten und die Flucht improvisieren mußte. Einem Hamburger Ehepaar. während sein Begleiter auf dem Glatteis ausrutschte und stürzte. Unterdessen waren wir damit beschäftigt. sobald die Beamten die Treppe hochpolterten. Natürlich stilisierten die westlichen Dienste Stillers Flucht in den Westen zum empfindlichsten Schlag hoch. Er gelangte unbehelligt in die DDR. war bereits eingekreist gewesen. der in Frankreich tätig war und in den wir große Hoffnungen gesetzt hatten. Als die Kripobeamten an der Tür läuteten und nach dem Wohnungsbesitzer fragten. den sie meinem Dienst je versetzt hatten. verdankte er dem eigenen Handeln.

die vielen Westbürgern ernsthaft Sorgen machte. sondern auch der Bevormundung durch die Sowjetunion. aber auch in der Feinmechanik und Optik -297- . SWT. beschränkten sich der Enthusiasmus unserer politischen Führung und die realen Möglichkeiten der DDR. in Wirklichkeit unterstand es dem sowjetischen Militärapparat. die uns in unserer Arbeit schmerzlich zurückwarfen. Zunächst war es eine Miniabteilung.Tec. Deswegen kam es in der DDR nie zu einer eigenständigen Nutzung der Kernenergie. Seit Mitte der 60er Jahre konnte man nicht länger die Augen davor verschließen. auf wenige Vorzeigeunternehmungen.Alles in allem bestand der weitaus größere Schaden in diesem Fall nicht im tatsächlichen Wissen des Defektors. war in den 50er Jahren eingerichtet worden. die wir nach seiner Flucht wohl oder übel ergreifen mußten. die nicht allein zu friedlichen Zwecken genutzt werden konnten. Vornehmlich in diesem Zweig der High. die bis in die 90er Jahre den Abbau der Uranvorhaben in der DDR kontrollierte. daß die DDR im weltweiten Wettrennen um technologischen Fortschritt nicht nur auf dem Gebiet der Nutzung der Kernenergie immer mehr hinterherhinkte. Physiker und Biologen der Bundesrepublik unterrichteten uns über die Aufrüstung in der Bundesrepublik. Zur Aufrüstung gehörte der Bau von Kernenergieanlagen. sondern in den Vorsichtsmaßnahmen. Die Kernenergie war für uns in zweifacher Hinsicht problematisch. in den unzähligen Rückrufen und Rückzügen. Während in der Bundesrepublik die Geldquellen für Forschung und Weiterentwicklung sprudelten. beispielsweise in der Mikroelektronik. Die Wismut-AG war nur dem Etikett nach ein deutschsowjetisches Unternehmen. denn wir sahen uns nicht nur der Konkurrenz der Bundesrepublik ausgesetzt. der Sektor für wissenschaftlichtechnische Aufklärung. uns über die Entwicklung der Kernenergienutzung und andere Forschungen von militärischer Bedeutung im Westen auf dem laufenden zu halten. die dafür zuständig war.

in denen man Mitarbeiter meines Dienstes vermutete. Diese Fotos hatte der BND Stiller routinemäßig zusammen mit anderen Aufnahmen unidentifizierter Personen. Im Sommer 1978 hatte ich mich in Schweden mit dem SPDPolitiker Dr. die Blockade der Embargobestimmungen zu durchbrechen und bei den Managern der DDR-Wirtschaft – aber auch bei unseren Verbündeten. vorgelegt. wie ich aussehe.oder der modernen Chemie brauchte sich unsere wissenschaftlichtechnische Aufklärung mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. Bis dahin hatte ich im Westen immer als »Mann ohne Gesicht« gegolten. Deshalb sonderten wir mit der Zeit besonders lukrative Ergebnisse aus dem ansonsten unter Freunden kostenfreien Strom unserer für Moskau bestimmten Informationen aus. um sie der DDR-Wirtschaft als Äquivalent für sowjetische Leistungen zur Verfügung zu stellen. Creme r war einer meiner interessanten und politisch aufgeschlossenen Gesprächspartner in der Bundesrepublik. denn niemand dort hatte gewußt. Kaum war der Fall Stiller aus den Schlagzeilen verschwunden. und Stiller hatte mich -298- . Im Verlauf dieses Treffens waren wir ganz offensichtlich vom schwedischen Geheimdienst oder dessen westdeutschem Partnerdienst heimlich fotografiert worden. besonders in Moskau – hohes Ansehen zu gewinnen. Technisches Wissen jedoch war von unseren Freunden meist nur gegen klingende Münze zu haben. Es handelte sich um einen heimlich aufgenommenen Schnappschuß aus dem Jahr 1978. Friedrich Cremer zu einem Meinungsaustausch getroffen. erschien als nächste Sensation ein unscharfes Foto von mir auf den Titelseiten mehrerer Magazine. Es war ihr gelungen. daran gab es nichts zu rütteln. So kam es zwangsläufig zu manch delikater Situation in den freundschaftlichen Beziehungen zu den wißbegierigen Verbindungsoffizieren des sowjetischen Partners. aber trotz Unscharfe und dunkler Brille war der Mann auf dem Bild eindeutig ich.

identifiziert – was seine Befrager ihm anfangs nicht glauben wollten. 1979 Leider hatte meine Identifizierung durch den Überläufer -299- . Spiegel-Titelblatt der Ausgabe vom 5. wie ich später erfuhr. 3.

ob man in Pullach wußte. man hätte den Gast nicht zur Kenntnis genommen und folglich nicht observiert… Während ehrenwerte westdeutsche Politiker. Joachim Moitzheim. daß sich die bundesrepublikanischen Verfassungsschützer Klaus Kuron und Hansjoachim Tiedge in den Dienst der DDR stellten. wenn man mit dem Fernrohr die Gegend absucht und ganz übersieht. Es begann mit dem Fall unseres Agenten »Wieland« und kulminierte darin. besagter »Wieland«. Hätte ich mich nicht von unserem Residenten in Schweden so vorbildlich betreuen und in einer Dienstwohnung der Botschaft unterbringen lassen. immer wieder den Argwohn von Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz erregten. Nach dem Krieg hatte ein ehemaliger Mitgefangener ihn für unseren Dienst angeworben. daß Friedrich Cremer als DDR-Agent vor Gericht gestellt wurde. die ernsthaft an einem konstruktiven politischen Dialog interessiert waren. was vor der eigenen Nase vor sich geht – wie dies eines der aufregendsten und packendsten Kapitel deutschdeutscher Geheimdienstgeschichte beweist. dann wäre der Argwohn des schwedischen Geheimdienstes möglicherweise nie geweckt worden. da die Bundesrepublik in jenen Jahren nicht zu meinen bevorzugten Reisezielen zählte. daß er einerseits auf eigenen Wunsch in die SED eintrat und sich im -300- . wie ich aussah. Über seine Motive waren wir uns nie ganz im klaren. Alle Unschuldsbeteuerungen halfen ihm so wenig wie die mehr als wackelige Beweislage. und man verurteilte ihn. ohne ein solcher gewesen zu sein. Für mich selbst war es wenig erheblich. und wir schrieben es dem Jesuitenschüler in ihm zu. sondern wie jeder xbeliebige Geschäftsreisende im Hotel gewohnt. verhielt es sich dabei wie so oft.Stiller zur Folge. aber für die Boulevardpresse war das Foto natürlich ein wahres Geschenk. das weidlich ausgeschlachtet wurde. war als Neunzehnjähriger in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten und hatte dort eine antifaschistische Schule besucht.

nichts Eiligeres zu tun hatte.Scherz sogar eine Stelle für sein Grab nicht weit von unserem konspirativen Häuschen in Rauchfangswerder aussuchte. war jedoch. Daraufhin sprachen unseren Agenten eine s Abends auf der Straße zwei Herren an. andererseits zwischen seiner Tätigkeit für uns und seinem Privatleben streng trennte und sic h. gelangte er durch seine Aktivitäten ins Visier dieser Organisation. wiesen sich als VerfassungsschutzBeamte aus und forderten ihn auf.und Dreifachspionage von nun an seinen Verlauf nahm. dem sie mit einer langjährigen Haftstrafe drohten. sie zu begleiten. den er zu bestechen und anzuwerben versucht hatte. daß »Wieland« bei der nächsten Fahrt nach Berlin. als sich seinem Führungsoffizier bei der HVA anzuvertrauen. Der Verfassungsschützer. stets mehr als zugeknöpft gab. Die Fahrt endete vor einem Hotel in Köln. wo sie seine Chiffrierunterlagen kopierten. »Tabbert« Hansjoachim Tiedges Deckname war und daß ein hochkompliziertes Geflecht aus Doppel. Was sie nicht bedachten. daß »Kluge« Klaus Kurons. Die beiden hochkarätigen Verfassungsschützer verlangten von »Wieland«. Doppelagent zu werden und für den Verfassungsschutz zu arbeiten. »Wieland« -301- . so daß sie von da an die Funksprüche der HVA an ihn mithören konnten. Aus Furcht sagte er zu. sie gingen mit ihm in seine Wohnung. wo die beiden sich unter den Namen »Kluge« beziehungsweise »Tabbert« vorstellten. Kontakt zu Mitarbeitern des Bundesamts für Verfassungsschutz herzustellen. hatte es dann aber für klüger gehalten. war offenbar eine Weile unschlüssig gewesen. die er als Doppelagent für das Bundesamt für Verfassungsschutz unter seinem neuen Decknamen Keil antrat. seine Vorgesetzten von »Wielands« Annäherungsversuchen zu informieren. darf ich verraten. was letzteres betraf. Ohne irgendwelche Pointen vorwegzunehmen. Die Überwerbung war nicht von langer Dauer gewesen. Nachdem er von uns beauftragt worden war.

die sich mit der Überwachung von Telefonen oder Postsendungen beschäftigten. zuständig für die westlichen Dienste. Der Schreiber stellte sich als Geheimdienstmann mit speziellen Kenntnissen vor und erklärte sich bereit. daß wir über sämtliche Mitarbeiter des BfV informiert wurden. Dieses Vorgehen überschritt alle Grenzen des Zulässigen. wenn auch ohne Wissen des Kölner Dienstes bestehende Zusammenarbeit zwischen HVA und BfV bestellt. Dem Verfassungsschutz war es offenbar so wichtig. Als -302- . Im Umschlag befanden sich ein Schreiben an den Leiter der Abteilung IX der HVA. für eine einmalige Zahlung von 150000 DM sowie eine monatliche Entlohnung in doppelter Höhe seines Gehalts beim Verfassungsschutz als Maulwurf für uns aktiv zu werden. um kein Mißtrauen bei uns zu wecken. unter denen ihre Dossiers im Bundesamt für Verfassungsschutz geführt wurden. »Wieland« wurde 1990 verha ftet und verurteilt. die neue Innenverbindung zur HVA zu besitzen. Darunter befanden sich Beamte in Ministerien.alias »Keil« war nun ein Tripelagent. Ich sah ihn 1993 bei meinem Prozeß wieder. als eines Tages im Sommer 1981 ein Unbekannter im Briefkasten unserer Bonner Ständigen Vertretung einen umfangreichen Briefumschlag deponierte. die unter dem Verdacht der Spionage für die DDR oder andere östliche Dienste standen abgesehen davon. leitende Angestellte von Rüstungsunternehmen und sogar Personen. und ein Zwanzigmarkschein. »Wieland« in mehr als tausend Fällen aus den geheiligten Beständen des NADIS-Computers echte Daten und Namen von BRD-Bürgern anvertraute einschließlich der Angaben. dessen Nummer offenbar für künftige Code-Schlüssel benutzt werden sollte. der Äußeren Abwehr. als er als Zeuge aus der Haft vorgeführt wurde. Der Brief war handschriftlich mit Großbuchstaben geschrieben. daß man. So war es um die überaus harmonische.

daß Kuron es ernst meinte. denn sowohl wir als auch Kuron ließen keine Vorsichtsmaßnahme außer acht. sollte nochmals fast ein Jahr vergehen. sein Beamtengehalt ermöglichte zwar ein halbwegs sorgenfreies Leben. doch das Studium seiner Söhne war damit nicht zu finanzieren. Was. fällten wir nicht gerade leichten Herzens. seine Ambitionen wurden frustriert. das seinen Bürgern gleiche Rechte nur auf dem Papier garantierte. seine Aufgaben und den Grund für seinen Verrat am BfV offen und ungeschminkt. Wir verglichen die Schrift mit der auf einem Zettel. Allein die Entscheidung. den »Wieland« uns nach einem Treffen mit seinem Westvorgesetzten »Kluge« übergeben hatte. stellte sich ohne Umschweife als Klaus Kuron vor und schilderte seine Stellung. wo es von Agenten aller nur möglichen Geheimdienste nur so wimmelte. Seine Karriere war an einem toten Punkt angelangt. Er erzählte die Geschichte des Doppelagenten -303- . die sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeiteten. daß die Schrift die gleiche war. Verbittert sprach er von der gesellschaftlichen Realität eines Landes. leitenden Offizieren unserer Abteilung IX. während die faulen Söhne der Reichen unverhüllt begünstigt und protegiert wurden. um nicht am Ende als Düpierte dazustehen. der den Vorgang »Keil« beim Verfassungsschutz führte. wenn wir uns am Ende nicht etwa mit einem neuen. sondern ohne einige der alten Mitarbeiter wiedergefunden hätten? Der Mann.Köder nannte der Unbekannte uns eine in Wien geplante Aktion gegen einen leitenden Offizier unseres Sektors SWT. Schnell erkannten meine Mitarbeiter. Bis er sich bei einem ersten Treffen in Wien demaskierte. hatte sich aus freien Stücken unserem Dienst angeboten. der sich im Schönbrunner Park mit Karl-Christoph Großmann und Günther Nehls. Klaus Kuron. leitende Offiziere unseres Dienstes nach Wien zu schicken. verabredet hatte. in Wirklichkeit aber allen. Stolpersteine in den Weg legte. Es bestand kein Zweifel.

fühlte er sich weit überlegen. die nicht nur einen zauberhaften Blick über das Elbtal erlaubte. stellte man ihm ein Gespräch mit mir in Aussicht. gestand er zwar eine abgeschlossene Juristenausbildung und Professionalität zu. was er zu tun im Begriff stand. sondern auch in sicherer Entfernung zu Ost-Berlin gelegen war. das er besaß. Um seine Bedenken auszuräumen. so sagte er. die seiner Ansicht nach allein durch Protektion seitens der CSU an ihre Ämter gelangt waren. seinem fachlichen Können. doch stufte er ihn wegen seines Lebenswandels als längst nicht mehr tragbar für die Spionageabwehr ein. und im Herbst 1982 lernte ich ihn in der Dresdner Villa unseres Dienstes kennen. ja als Demütigung. Wie bereits in Wien erklärte er seinen Schritt und seine Geldforderungen mit seiner sozialen Situation. Seinen unmittelbaren Vorgesetzten. Das große Risiko dessen. Letzten Endes. wo alle Einzelheiten unserer Vereinbarung festgehalten werden sollten und er sich selbst ein Bild von uns machen konnte. Seinen Entschluß hatte er lange und gründlich überlegt. Klaus Kuron gab sich frei von aller Wichtigtuerei oder Anbiederung. daß wir darüber längst im Bilde waren.»Wieland« in aller Ausführlichkeit – schließlich konnte er nicht wissen. das er dem Meistbietenden verkaufte. bestimmte immer nur das Geld die Lebensqualität. und nun handelte er mit äußerster Konsequenz. Tiedge. war ihm eindeutig bewußt. Das Gespräch mit ihm verlief locker und unkonventionell. In keinem Moment der Unterhaltung hatte ich den Eindruck. Im Grunde befolgte er die Maximen seiner Gesellschaft: Er handelte mit dem Pfund. Unsere Leute verabredeten mit ihm ein Treffen in der DDR. seinem Gruppenleiter. es mit einem habgierigen oder skrupellosen Menschen zu tun zu haben. -304- . Seine Position inne rhalb der Verfassungsschutzbehörde empfand er als Ungerechtigkeit. Die Neugier überwog die Vorsicht.

mit der bei uns gearbeitet wurde. ein Star. Für das Treffen mit mir hatte er mit Hilfe eines seiner nichtsahnenden Söhne einen Taschencomputer so programmiert. Eine wichtige Bedingung. strafrechtlich nichts unternehmen durften. daß die Informationen über das Telefon. Da er wirklich etwas ganz Besonderes war. im Schnellgebeverfahren übermittelt werden konnten. erhielt er statt des zuerst gewählten Decknamens Berger den viel treffenderen -305- . daß wir gegen Agenten oder Doppelagenten. war die. den sogenannten heißen Draht. auf die er uns aufmerksam machte. zu erkennen und zu schätzen wußte. die er stellte.Klaus Eduard Kuron 1992 Noch heute schmeichle ich mir mit dem Gedanken. Später perfektionierten wir diese Technik dahingehend. daß Kuron den Weg zur HVA nicht zuletzt deshalb einschlug. da sonst der Verfassungsschutz auf seine Fährte hätte kommen können. weil er als Profi die Professionalität. daß er Informationen schnell und relativ einfach verschlüsseln konnte.

den es aus freien Stücken in unsere Netze verschlug. Politisch war er in der CDU beheimatet. daß ihr anfängliches Mißtrauen einem Ausdruck von Zutrauen und Zufriedenheit wich. Bei einem späteren DDR-Besuch Kurons lernte ich auch seine Ehefrau kennen. daß sie sich mit eigenen Augen vergewissern wollte. Dank seiner Zuarbeit waren wir über alle Aktivitäten des niedersächsischen Landesamts für Verfassungsschutz bestens auf dem laufenden und konnten die Abwehrtätigkeit in Niedersachsen jahrelang erfolgreich lahmlegen – sei es in Grenzfragen oder im Transitverkehr. Trotz der guten Zusammenarbeit brach »Gräber« den Kontakt zu uns noch vor dem Jahr 1989 ab. Erleichtert sah ich. suchte den Kontakt zu uns. Als letzten Tip hatte »Gräber« uns auf jemanden im Verfassungsschutz hingewiesen. Seinen Klarnamen nannte er nie. Treffen durften nur bei tiefster -306- . vor allem. ob ihr Mann bei uns in besseren Händen war als bei der Kölner Behörde. der dort den Ruf einer grauen Eminenz genoß. weil auch er sich unterbewertet und zugunsten weniger tauglicher. Ich erkannte schnell. beruflich war er Observationsleiter im Rang eines Kriminalhauptkommissars im niedersächsischen Innenministerium. daß der Umgang zwischen uns freundschaftlich war. Ein Verfassungsschutzbeamter. die im Unterschied zu den Söhnen in seine Überlegungen einbezogen war. Klaus Kuron war der bei weitem größte. den wir unter dem Decknamen Gräber führten.Namen Stern. aber beileibe nicht der einzige Fisch. wann immer unser Dienst mit ihm zu tun hatte. ob er bei uns die gebührende Anerkennung fand oder wie ein xbeliebiger kleiner Agent behandelt wurde. Dieser Mann – wir nannten ihn »Maurer« – hatte sich bereits Ende der 70er Jahre von sich aus bei uns gemeldet und war seither durch exzentrisches Verhalten aufgefallen. der eng mit dem Militärischen Abschirmdienst kooperierte. als sie feststellte. aber besser protegierter Konkurrenten übergangen fühlte.

wir zahlten ihm dafür eine Million Mark. Anfang 1996 wurde »Maurer« von einem Gericht zu einer siebenjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. versuchte er. Mitte 1985. sie ins Lächerliche zu ziehen. als ich eine Kur in Ungarn antreten wollte.Dunkelheit stattfinden. Aber er leistete uns wichtige Dienste. so recht scheint er im nachhinein behalten zu haben. von ihm wurden wir über die Methoden aufgeklärt. ganz offensichtlich hatte der Gruppenleiter des westdeutschen Verfassungsschutzes. mittels derer der Verfassungsschutz unsere Kuriere aus den unzähligen Reisenden herauszufiltern gedachte. kurzum: »Maurer« war der Geheimagent wie aus dem Bilderbuch. ihn zu identifizieren. egal. von ihm erfuhren wir. beschlossen. Er sei bereit. der für Doppelagenten zuständig war. seine Identität zu klären. die Seiten zu wechseln. das auf dem Telefonbuch oder dem Duden basierte. Eines Tages behauptete ein Mitarbeiter der Abteilung IX. welche unserer Mitarbeiter von der westdeutschen Abwehr verdächtigt oder gar schon observiert wurden. So albern sein ewiges Versteckspiel uns damals erschien. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. und zwar stets in irgendwelchen Parks. Lange haben sich Verfassungsschutz und Staatsanwälte bemüht. daß man ihn unversehens zur Abteilung IX der HVA bringe. und durch ihn wurden wir auch auf Fehler aufmerksam gemacht. »Maurer« könne uns den Überläufer Stiller ausliefern. vorausgesetzt. Wir verzichteten auf das Angebot. -307- . unser Chiffriersystem lehnte er ab und benutzte lieber ein schlichtes Codesystem. wenn wir Vermutungen äußerten. Es gelang uns nie. welches Wetter herrschte. Stiller notfalls zu entführen. die wir beim Fälschen westdeutscher Ausweispapiere begangen hatten. erhielt ich über eine Sonderleitung einen Telefonanruf aus Magdeburg: Am Grenzübergang sollte sich jemand namens Tabbert im Zug gemeldet und verlangt haben. die Zahl seiner Verkleidungen überstieg jedes Vorstellungsvermögen. Jedesmal.

daß der Magdeburger Chef ein Donnerwetter über sich ergehen lassen mußte. daß Kuron bereits für uns arbeitete. Zuletzt gelangte ich zu der Schlußfolgerung. was bei der zeitlichen Knappheit konspirativer Treffen oder der räumlichen -308- .und Dienstpapieren aus. obwohl sie keinen großen Neuigkeitswert besaßen. doch nicht nur die Regenbogenpresse. »Fundsachen« seien künftig bei ihm persönlich abzugeben. Und ich muß einräumen. daß seine Tage beim Verfassungsschutz gezählt sein mußten. was den Effekt hatte. Für die Boulevardzeitungen war Tiedge ein gefundenes Fressen – Alkoholprobleme. was ihn letztlich dazu bewogen haben mochte. ließ Mielke später verlauten. Eine Kurzschlußreaktion konnte sein Handeln andererseits nicht gewesen sein. denn sein Übertritt war wohlüberlegt. daß viele seiner Informationen tatsächlich sehr wertvoll waren. Tiedge wies sich mit Personal. Nachdem wir ihn zu seiner Zufriedenheit in einem besonders gesicherten Gebäude einquartiert hatten. Daß er kein Kommunist war. daß der Weggang seines Gönners Hellenbroich ihn wohl hatte erkennen lassen. stand außer Frage. Schwierigkeiten in der Behörde. weil er Tiedges Erscheinen mir und nicht Mielke gemeldet hatte. zerrüttete Familienverhältnisse. nannte seinen Klar. auch mein Dienst und ganz gewiß das BfV zerbrachen sich lange genug den Kopf mit der Frage.Keine zwei Stunden später holten ihn Karl-Christoph Großmann und ein Begleiter ab und beförderten ihn nach Berlin. uns geheimste Dinge zu verraten. daß er für seine Behörde nur noch ein Sicherheitsrisiko und sonst nichts darstellte. sich abzusetzen. Für die HVA hatte er sich zuvor in keinerlei Weise betätigt. denn er konnte ja nicht ahnen.und seinen Tarnnamen. Tiedges beinahe computergleich arbeitendes Gedächtnis ermöglichte in den kommenden Monaten eine annähernd systematische Aufarbeitung seines gesamten Wissens – etwas. erstattete ich Mielke Bericht. Tiedge war selbstverständlich der Meinung.

bis er an einer juristischen Dissertation saß. Der gesunde Geist in seinem gesundeten Körper verlangte nach neuer Nahrung. die ungewohnte Ertüchtigung gefiel ihm und trug schneller Früchte. sondern Bücher über Geschichte. die er an der Humboldt-Universität einreichte. Hansjoachim Tiedge Da Tiedge als körperliches und seelisches Wrack zu uns gekommen war. sich den Lebensumständen anzupassen. die er heiratete. ihn wieder auf die Beine zu bekommen. bemühten wir uns als erstes.Begrenztheit von Berichten nicht einmal erträumbar ist. Ansonsten bekannte er sich weiterhin zur parlamentarischen Demokratie und rümpfte die Nase über das politische System der DDR. und es dauerte nicht allzu lange. als wir gedacht hätten. Nach einiger Zeit lernte er eine Frau kennen. Er las nicht nur alle Zeitungen und Zeitschriften in seiner Reichweite. Dennoch verstand er es. -309- . Er mußte abnehmen und Sport treiben. Geologie und Kunst.

bis die Überwachungsmaßnahmen unabhängig von Kuron erkennen ließen. und so kam es. in -310- . und die Bundesrepublik traf keine Anstalten. und er kümmerte sich von der DDR aus darum. Als nach drei Jahren kein Silberstreif am Horizont zu erkennen war. Eingedenk der Zusage. erhängte der sensible und durch die Haft depressiv gewordene Mann sich in seiner Zelle. Ohne die Vereinigung abzuwarten. So erfuhren wir von Kuron. der andere als »Günter« Verbindungsmann zu ebenjenem »Wolfgang«. obgleich die Ehefrau nach wenigen Monaten aus der Haft entlassen wurde. Er hatte die unglückselige Idee gehabt. seit längerem umgedreht waren und als Doppelagenten für den Verfassungsschutz arbeiteten. Diese Flucht konnten wir nicht zulassen. flüchtete Tiedge mit seiner Frau in die Sowjetunion. der eine unter dem Decknamen Wolfgang in der Bundesrepublik eingesetzt. war für ihn die Zeit in diesem Land abgelaufen.Seine drei Töchter konnten ihn jederzeit besuchen – solche Dinge waren für meinen Dienst selbstverständlich –. Ein Nebeneffekt des Seitenwechsels von Geheimdienstmitarbeitern ist das Offenbaren bis dahin unverdächtiger Doppelagenten. ließ die DDR ihrem Mann gegenüber keinerlei Milde walten. daß das Grab seiner ersten Frau gepflegt wurde. daß das Ehepaar festgenommen wurde. die es noch gab und die ihm damals wohl sicherer erschien. Als 1989 mit der Maueröffnung sensationslustige Journalisten vor seinem Häuschen Posten bezogen. Menschlich endete dieser Fall tragisch. sich samt Ehefrau in Kürze in die Bundesrepublik davonzumachen. daß »Günter« beabsichtigte. daß zwei unserer Mitarbeiter. Nicht weniger tragisch ist der Ausgang des Falles Teske. Zum Glück fiel ihre Enttarnung mit Tiedges Übertritt zusammen. warteten wir ab. die wir Kuron gemacht hatten. ihn gegen einen unser Spione auszutauschen. An Werner Teske wurde im Jahr 1981 letztmals die Todesstrafe in der DDR vollzogen.

das keine abschreckende Wirkung haben konnte. indem wir Großmann nicht vor Gericht brachten. der einstige stellvertretende Leiter der Abteilung IX. warum es nicht qua Gnadenerlaß außer Kraft gesetzt. Im nachhinein erwies sich. ihn von seiner Funktion zu entbinden und mit einer Sonderaufgabe abzufinden. sondern uns damit begnügten. wie recht er damit gehabt hatte. Doch als bei einer Überprüfung wichtige Akten vermißt wurden. Daß Teske vor ein Militärgericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde.die Fußstapfen des Überläufers Stiller zu treten. Klaus Kuron und Alfred Spuhler verhaftet worden waren. Bei uns hatte er immer als erfolgreicher Praktiker. mit seiner dienstfertigen Betriebsamkeit charakterliche Schwächen zu übertünchen. fand eine gründliche Untersuchung statt. sondern tatsächlich vollstreckt wurde. Kuron hatte nie verhehlt. daran zweifelte ich keine Sekunde: Es konnte nur KarlChristoph Großmann sein. war juristisch nicht zu rechtfertigen. daß meine einstigen Spitzenquellen Gabriele Gast. kam es zum Eklat. ein zu großer Personenkreis wisse über Vorgänge wie den seinen Bescheid. Wie oft in derartigen Fällen versuchten wir den Schaden zu minimieren. Lange Zeit hatte er es verstanden. Als Unregelmäßigkeiten an den Tag kamen. der im selben Bereich wie er gearbeitet hatte. Die -311- . Aus diesem Grund kann ich auch nicht verstehen. denn es war nicht zum Verrat gekommen. daß er befürchtete. und er hatte Großmann nie ganz über den Weg getraut. denn es wurde nicht bekanntgegeben. daß Teske die verschwundenen Unterlagen zu Hause in der Waschmaschine versteckt hatte. wenn auch gleichzeitig als leichtsinniger Hasardeur gegolten. Wer der Denunziant war. die eindeutig in die Kategorie Amtsmißbrauch fielen. Unverständlich war dieses Urteil. und es stellte sich heraus. um sie zum geeigneten Zeitpunkt einem westlichen Dienst als Eintrittsgeschenk zu überreichen. Im Herbst 1990 erfuhr ich in Österreich aus der Presse.

ihre Enttarnung und Verhaftung ermöglicht. er habe sich vom Sozialstaat Bundesrepublik im Stich gelassen gefühlt. wie Kurons ehemalige Kollegen über seinen Seitenwechsel gedacht haben müssen. Ich bin mir dessen bewußt. und auf die Frage. Die bundesdeutsche Justiz benötigte immerhin noch eineinhalb Jahre. müssen für die Vertreter der Verfassungsschutzbehörde wenig vergnüglich anzuhören gewesen sein. er hatte allein mit den Hinweisen. als er als Zeuge im Prozeß gegen mich aussagte. Ein letztesmal bin ich ihm im September 1993 begegnet. wie Grossmann kaltschnäuzig für die bekannten Silberlinge ve rkauft. antwortete er kühl: »Mein Dienstherr war nach meiner Entscheidung die HVA. ihn habe »ein Gefühl der Ohnmacht und Wut« erfüllt. Die Vergleiche. und sie. dem Wissen. zwei Herren zugleich zu dienen.« Über das Bundesamt sprach er nur mit Sarkasmus und Verachtung. solange es seiner Karriere dient. mit dem Bundesamt habe ich gebrochen. wenn der Wind sich gedreht hat. Kuron nahm das Urteil stoisch auf. Auf die Frage nach seinen Motiven sagte er unumwunden. wo die Geheimdienste ihre Verräter ohne viel Federlesens aus dem -312- . daß die Haltung zu Verrat und Verrätern vom jeweiligen Standort des Betrachters abhängt. über die er verfügte.volle Identität von Gabriele Gast war Großmann nicht bekannt gewesen. und ich kann mir gut vorstellen. die als Spitzenquelle im Bundesnachrichtendienst saß. die er zwischen diesem Amt und der HVA anstellte. der Menschen ausnutzt. daß es sich um eine Frau mit einem pflegebedürftigen Kind handelte. In meinen Augen ist und bleibt jedoch der wirklich verächtliche Verräter derjenige. manche zahlen einen zu hohen Preis. bis sie Klaus Kuron 1992 zu zwölf Jahren Haftstrafe verurteilte. und manchmal sieht es in der Realität tatsächlich nicht viel anders aus als im Spionagethriller. Manche Verräter kassieren ihren Preis. wie es ihm möglich gewesen sei.

werden sie in der Regel von den Untersuchungsbehörden vertuscht. dann wäre der Verräter Karl-Christoph Großmann nicht ungeschoren mit einer Strafversetzung davongekommen.Weg räumen oder dies auch gegenüber unliebsamen Politikern versuchen. als er aussagte. Paisley. das offenbar nicht nur Likör enthielt. An Beispielen herrscht kein Mangel: Man denke nur an die Attentate mit vergifteten Regenschirmspitzen. zweier Führer ukrainischer nationalistischer Organisationen. was wenige Jahre später vom Täter Bogdan Staschinskij korrigiert wurde. der ehemalige Stabschef der französischen OAS. Stock des Arabella-Hochhauses. Frank Olsen. Bis zur Schließung der Staatsgrenzen der DDR im Jahr 1961 hatte Berlin als Eldorado der Geheimdienste jeglicher Provenienz München bei weitem übertroffen. aus dem 10. dort fand man die Leichen Stefan Banderas und Lew Rebets. stürzte nach dem Genuß eines Glases Cointreau. Dort verschwand auf Nimmerwiedersehen Oberst Argoud. Hieb. Castro mittels eines speziellen Gifts zum Kahlkopf zu machen. Stock eines New Yorker Hotels. Von John S. und wenn es sie doch einmal gibt. daß er die Exilpolitiker im Auftrag des KGB ermordet habe. sondern wegen seines gefährlichen Wissens aus dem Verkehr -313- .und stichfeste Beweise lassen sich in solchen Fällen allerdings so gut wie nie festmachen. Ein beliebter Schauplatz für Morde und Entführungen in Geheimdienstkreisen war lange Zeit die bayerische Landeshauptstadt. Hätte sich mein Dienst jemals solcher Methoden bedient. dem Vizedirektor des CIA-Büros für strategische Forschung. blieb nichts übrig als ein verlassenes Segelboot. die als Spezialität des bulgarischen Geheimdienstes galten. Angestellter des US-Konsulats und hochrangiger CIA-Agent. Ebenfalls in München stürzte Robert Wood. aus dem 14. Experte für biologische Kriegführung. oder an den Versuch der CIA. bei denen die Ärzte Herzversagen feststellten.

oder James-BondManier mit ihnen »abzurechnen«. Aus der Bundesrepublik ist mir für die entsprechenden Dienste kein einziger vergleichbarer Fall bekannt. Daraus entstand eine Atmosphäre des Vertrauens. auf Wildwest. sondern uns um einen Austausch bemühen würden. wie wir konnten. daß er einen Unsicherheitsfaktor darstellte. Doch ein Angebot garantiert noch keinen Erfolg. als sei meinem Dienst der Erfolg in den Schoß gefallen. Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. weil sie die Nato-Politik als friedensgefährdend einstuften und ihre moralische Aufgabe darin sahen. kann ich nur sagen. daß wir sie nicht im Stich lassen würden. Beispiele wie die Fälle Kurons und Tiedges könnten fast den Eindruck erwecken. Sie alle wuß ten. die erklärt. einen Dritten Weltkrieg verhindern zu helfen.gezogen worden. Wenn ich im Geist die Namen der Überläufer durchgehe. sofern sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind. Im Umgang mit unseren Quellen bemühten wir uns. Ihre Adressen und Lebensumstände waren uns bekannt. -314- . ohne daß es ernste Versuche gegeben hätte. gerade die Arbeit mit Selbstanbietern erfordert ein Höchstmaß an Analyse. als wir merkten. die meinem Dienst schwersten Schaden zugefügt haben. Die Brüder Alfred und Ludwig Spuhler beispielsweise hatten meinem Dienst Informationen von unschätzbarem Wert aus dem BND zukommen lassen. Neben dem finanziellen Motiv und dem der gekränkten Ehre oder frustrierter Ambitionen gab es auch immer wieder das der Überzeugung – sei es durch Herkunft und Erziehung oder als Frucht langer Diskussionen und Gespräche. daß sie alle noch leben. auf den einzelnen einzugehen. warum wir mit vielen Quellen jahrelang oder jahrzehntelang zusammenarbeiten konnten. seinen Vorstellungen soweit wie möglich entgegenzukommen und ihm so viel Sicherheit zu bieten. wenn sie in die Hände der Spionageabwehr fielen.

auf die bei uns großer Wert gelegt wurde. Solche Erfahrungen blieben mir erspart.In diesen Zusammenhang gehört auch die personelle Kontinuität. zum Rücktritt gezwungen. obwohl die Guillaume-Affäre oder der Fall Stiller einen Anlaß zu meiner Ablösung geboten hätten. -315- . wurde Heribert Hellenbroich. Mochte Mielke intern noch so aggressiv auftreten. gegen überzogene Forderungen der politischen Führung hat er seinen »Apparat« – und somit auch meinen Dienst – stets abgeschirmt. der gerade zum Präsidenten des BND avanciert war. Als Tiedge sich in die DDR absetzte.

In diesem Fall hätte -316- . daß die Jahre der Regierung Schmidt gezählt waren. daß auch mein Diens t unmittelbaren Zugang zu diesen Politikern hatte. vertraute er seinem Kontaktmann Wolfgang Vogel an. zum Beispiel über Karl Wienand. wenn sich die Kluft zwischen Schmidt und der Partei vergrößere. Der Pragmatiker Schmidt schien berechenbarer als der Visionär Brandt. Schmidt befinde sich in einer politischen. einen Vorteil in den internen politischen Spannungen der SED-Führung zu haben. gesundheitlichen und persönlichen Krise »von bisher nicht gekanntem Ausmaß«. Die Berichte von Vogel und Schalck wurden zur Lieblingslektüre Mielkes. auch mir Berichte über die Gespräche mit Wehner und anderen hochkarätigen Kontakten Vogels oder Schalcks vorenthalten zu müssen oder sich auf mündliche Andeutungen beschränken zu können. Außerdem stellten wir uns bald darauf ein.13 Ein neues 1914? Wer an die Entspannungspolitik Willy Brandts Illusionen geknüpft hatte. Diese Quelle bestätigte die düstere Voraussage Wehners über die Zukunft der sozialliberalen Koalition. Jedenfalls werde die Koalition das Jahr 1980 kaum überleben. Im Herbst 1979 berichtete Wienand über ein vertrauliches Gespräch zwischen Schmidt und Strauß. der wurde in der Ära Helmut Schmidt schnell ernüchtert. Wenige Monate nach den Wahlen von 1976 mit ihrem für die SPD enttäuschenden Ergebnis ließ Herbert Wehner seinem Freund Erich Honecker über Vogel mitteilen. Bei diesem »Tartuffe-Spiel« übersah er. Mit dem exklusiven Wissen aus ihren Kontakten glaubte er. Die SED-Führung hatte der Kanzlerwechsel in Bonn nicht beunruhigt. in dem die Möglichkeit einer großen Koalition nach der Wahl des kommenden Jahres erörtert worden war. Gelegentlich m einte er. Wehner rechnete »mit dem Schlimmsten«.

die er in unseren Informationen hätte -317- . Vor diesem Hintergrund begann ein schwer durchschaubares Tauziehen um ein Treffen zwischen Honecker und Schmidt. Schmidt zögerte. Als Drahtzieher sah er ebenfalls Egon Bahr. Honecker wiederum sah. würden häufig von Bahr aus Moskau mitgebracht und seien seiner Kenntnis nach ausdrücklich von Breschnew autorisiert. ähnlich wie sein Vorgänger Ulbricht. die das Zustandekommen des deutschdeutschen Gipfeltreffens verhinderte. daß sich Bundesrepublik und Sowjetunion hinter dem Rücken der DDR über die deutsche Frage einigten.« Erich Honecker versuchte inzwischen. der mit Billigung Moskaus gegen die DDR intrigiere. Moskau bremste. so Wehner. seines Stellvertreters Kwizinskij und seines politischen Vertrauten Portugalow. Auf westdeutscher Seite machte Wehner seinen Parteifreund Egon Bahr als denjenigen aus. Honecker wollte es. weil er sich davon Prestige und eine Konsolidierung in der DDR versprach. Informationen. mit Besorgnis die engen Kontakte einiger Sozialdemokraten nach Moskau. die das Verhältnis zwischen DDR und BRD belasteten. Doch das konstante Mißtrauen Moskaus gegenüber einer zu weit gehenden Annäherung beider deutsche r Staaten bremste den SED-Chef immer wieder. die Drähte zwischen DDR und BRD auf offizieller und vertraulicher Ebene zu nutzen.Strauß Vizekanzler werden sollen. Der auf Wehner fixierte Minister wollte offenkundige Tatsachen nicht zur Kenntnis nehmen. Er nannte in diesem Zusammenhang die Namen des Botschafters Valentin Falin. Geschürt wurde dieses Mißtrauen durch Informationen Herbert Wehners. Auch Mielke vermutete eine Intrige. Wiederholt warnte der SPDFraktionsvorsitzende vor Moskauer und Bonner Intrigen gegen die DDR. Honecker schrieb an den Rand dieses Berichts: »Strauß wird auch nicht schlechter sein als die SPD-FDP-Koalition. Er mußte befürchten.

wehte 1979 der politische Wind merklich kühler. kommen die Beziehungen zur DDR.« Leider behielt ich recht. daß er mehr und mehr den Sinn für Realitäten einbüßte. Dann kommt noch sehr viel anderes und erst dann. Für den realistisch denkenden Bundeskanzler hat nach den Beziehungen zu den USA das Verhältnis zur Sowjetunio n absolut vorderen Rang. weil äußerst kompliziert. wenn für ihn etwas herausspringt… Wir sollten in unserem Land die Wirtschaft und die anderen Ursachen der existierenden Unzufriedenheit in Ordnung bringen und die Nase nicht so weit hinausstrecken. also in unmittelbarer Nähe der Trennungslinie zwischen den Machtblöcken. in denen die DDR weit hinten rangierte.nachlesen können. wären sie ohne Illusionen. der Prioritäten setzte. Wieder verhärteten sich die Fronten. April 1977 zukommen ließ. Honecker hatte sich nach sowjetischem Vorbild 1976 zum Vorsitzenden des Staatsrats wählen lassen. Dieses Papier wies Schmidt als konzeptionell denkenden Strategen aus. als Wehner ihm über Vogel eine Niederschrift des Bundeskanzlers Schmidt mit höchster Geheimhaltungsstufe vom 10. Das trug vermutlich dazu bei. Er ignorierte sie selbst noch. Zum erstenmal sollten Atomraketen mit strategischer Reichweite auf deutschem Boden stationiert werden. und die Rüstungsspirale drehte sich schneller als je zuvor. -318- . Es kann möglicherweise bald unangenehmer Wind blasen. Unter diesen Umständen des sich wieder verschärfenden kalten Krieges reagierte Moskau auf den Plan eines Treffens zwisehen Honecker und Schmidt geradezu allergisch. Wie bei Breschnew nahm auch der Kult um seine Person sehr schnell groteske und unerträgliche Züge an. Ich schrieb damals in mein Tagebuch: »Wenn unsere Dilettanten dieses Dokument wirklich gelesen und verstanden hätten. Während nach dem Abschluß der Ostverträge das Wort Entspannung Konjunktur gehabt hatte.

Der Vorsitzende des KGB. -319- . In dem Krankenhaus für die obere Nomenklatura gab es einen abgeschirmten Bereich. Die sich wiederholenden Hinweise Wehners auf Kontakte zwischen Moskau und Bonn. Die DDR war zu Stalins Zeiten Objekt sowjetischer Interessen gewesen. war bei dem Festakt nicht anwesend. er befinde sich zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus. in der sich die DDR gegenüber der Sowjetunion befand. Die Verbundenheit mit dem Land meiner Kindheit und Jugend. die an der DDR vorbeiliefen. Jurij Andropow. Ich kannte Kunzewo aus der Emigrationsszeit als Datschenvorort. Im Februar 1980 flog ich mit einer Delegation des MfS unter Leitung Mielkes nach Moskau.Erich Honecker hegte die Illusion. Jahrestag des MfS. bis Gorbatschow sie der Nato überließ. Breschnew. die deutschdeutschen Probleme im Interesse der DDR auf eigene Faust lösen zu können. die Anerkennung meines Dienstes und seiner Leistungen wiegten mich im trügerischen Gefühl partnerschaftlicher Gleichwertigkeit. aber von dieser Illusion war auch ich nicht ganz frei. Zu den Krankenzimmern gehörten jeweils Wohnraum und Arbeitszimmer. Nicht weit von der Siedlung hatte Stalin in einem streng bewachten Wäldchen sein Sommerdomizil gehabt. Die Konsequenzen der totalen Abhängigkeit. und sie blieb es unter Chrus chtschow.« Das war sein Denkfehler. Anlaß war der 30. wo nur Mitglieder des Politbüros stationär behandelt wurden. Es hieß. kommentierte er gelassen: »Die entscheiden nichts ohne uns. So fuhren Mielke und ich zum Kreml-Klinikum in Kunzewo am Stadtrand Moskaus. Andropow. Inzwischen war die Hauptstadt mit ihren Neubauten bis hierher vorgedrungen. zu dem wir an leitende Offiziere des KGB Orden und Medaillen verliehen. Tschernjenko. dachte ich nicht zu Ende. in dem sich die Führung der Kommunistischen Internationale erholte.

Er wirkte bleich und abgespannt. Mielke und Andropow zogen sich protokollgemäß zu einem kurzen Gespräch unter vier Augen zurück. ihre Verbündeten und vor allem die immer bedrohlicher werdende internationale Lage brauchten im Kreml einen gesunden Mann vom Format Andropows. Wladimir A. Ich setzte große Hoffnung auf ihn. Unterdessen vertraute mir der Leiter des Aufklärungsdienstes. Das war eine schlechte Nachricht. Unter Eingeweihten galt er als designierter Nachfolger des kranken Breschnew. ein Staatsgeheimnis an: Die Erkrankung seines Chefs sei ernst. -320- . Auch der Rat eines kompetenten deutschen Urologen sei gefragt. Ich hatte großen Respekt vor den politischen und analytischen Fähigkeiten Andropows.Juri Andropow 1983 Andropow begrüßte uns im Anzug. Krjutschkow. Die Sowjetunion. als verbringe er viel Zeit an der frischen Luft. der uns begleitete. Er hatte nie den Eindruck gemacht.

Er zitierte Äußerungen des amerikanischen Präsidenten Carter. als er sagte: »Wir können jetzt nicht mehr zurück.« Der Mann. schien nur noch in einer Politik der Stärke die Antwort auf das westliche Streben nach Vormacht zu finden. daß unter gewissen Umständen ein atomarer Erstschlag gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gerechtfertigt sei. das sowjetische AfghanistanAbenteuer zu beenden. Ich versuchte vorsichtig zu erfragen. Er zeichnete ein düsteres Szenarium. und es klang eher resigniert. Auf meinen Einwand.« Das war auch eine unmißverständliche Warnung an die DDRFührung.Andropow ließ in seiner nüchternen Art die Zeremonie der Auszeichnung ohne große Worte schnell über sich ergehen. daß die US-Regierung mit allen Mitteln die atomare Dominanz über die Sowjetunion anstrebe. Seine nüchterne Analyse kam zu dem Schluß. daß unsere -321- . Andropow warnte vor einer Fehleinschätzung des westdeutschen Kanzlers. Andropow ließ durchblicken. Schwäche zu zeigen. Das Fazit seiner Analyse lautete: »Es ist nicht die Zeit. in dem ein atomarer Krieg eine reale Bedrohung war. daß die sowjetische Führung die geheimen Verhandlungen auf verschiedenen Ebenen zwischen den beiden deutschen Staaten mit großem Mißtrauen verfolgte. Über wichtige Gespräche unserer Führung mit Bonn waren die Genossen im Kreml nicht oder nur unvollständig informiert worden. Dann begannen wir ein Gespräch über die Situation im OstWest-Konflikt. der nach meiner Einschätzung mehr als jeder andere in der sowjetischen Führung für Vernunft. Wenig optimistisch hörte sich auch Andropows Bericht über die Lage in Afghanistan an. die alle die Aussage enthielten. Andropow verstand sofort. seines Beraters Zbigniew Brzezinski und von Sprechern des Pentagons. insbesondere über die Vorbereitung des Treffens zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. Ich hatte Andropow nie zuvor so ernst und bedrückt erlebt. ob es Überlegungen gab. Reform und Entspannung stand.

der Mann hat zwei Gesichter. Darin mutmaßte er: »Der CIA hat den Bazillus eines möglichen Krieges zwischen den beiden deutschen Staaten verstreut. Diese Haltung kann sehr leicht danebengehen. Nuklearraketen in vier westeuropäischen Ländern.Informationen doch ein differenziertes Bild des Außenpolitikers Schmidt ergäben. Zwar gab es in den Berichten unserer Quellen Anzeichen dafür. zu stationieren.« Die Charakterisierung Helmut Schmidts als Mann mit zwei Gesichtern widersprach unserer Einschätzung nicht. darunter der Bundesrepublik. wie denn nun die Verteidigung Westeuropas aussehen solle? Die Antwort gab die Nato Ende 1979 mit dem Beschluß. jede mögliche Variante auszuprobieren. meinte er: »Ja. weil er dunkle Absichten hat. Aber tatsächlich steht er auf Seiten der Amerikaner.« -322- . der nun die Entwicklung des Ost-WestKonflikts gefährlich unberechenbar machte. Die Neutronenbomben sind maßgeschneidert für die Ruhr und für Berlin. Mit diesem Mann sollte man keine Gespräche auf höchster Ebene führen. Von Herbert Wehner erreichten uns immer dramatischere Warnungen vor wachsender Kriegsgefahr. daß sich der Bundeskanzler vor den Raketen. Nicht. Schmidt war es gewesen. Der Bundeskanzler gehörte zu den geistigen Vätern des NatoDoppelbeschlusses. nun selber zu fürchten begann. die er gerufen hatte. Über unsere Verbindung zu Wehner erhielten wir ein streng vertrauliches Papier des SPD-Fraktionsvorsitzenden. wenn die Sowjetunion nicht ihre SS-20-Raketen aus der DDR und Westrußland abziehe. Ich teile Schmidts Skepsis Carter gegenüber. Das ist keine Erfindung. Aber in der Öffentlichkeit gab sich Schmidt im Gegensatz zu großen Teilen seiner Partei als kompromißloser Befürworter des Nato-Doppelbeschlusses und als Gegner der Friedensbewegung. sondern weil er fähig ist. der nach der Vereinbarung zwischen Washington und Moskau über die Beschränkung der Zahl der Interkontinentalraketen gefragt hatte.

im Sog einer »abenteuerlichen« US-Politik treibe. Moskau und Washington verlangten auch von ihren jeweiligen deutschen Verbündeten. die Kontakte der DDR zu Bonn auch auf höchster Ebene auszubauen. Er meinte. wurde unseren Quellen zufolge auch von verantwortlichen Bonner Politikern diskutiert. gab er nur durch mißtrauischen Fragen zu erkennen. Erich Honecker hatte Moskau den blinden Gehorsam längst aufgekündigt. Doch trotz vernünftiger Einsicht schienen die Mächtigen in Ost und West fatalen Zwängen zu unterliegen. Der Vergleich mit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Daß Gromyko sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. DDR-Außenminister Fischer kam von einem Besuch bei seinem sowjetischen Kollegen Gromyko mit ähnlichen Eindrücken zurück.Wehner zeichnete gegenüber Wolfgang Vogel aber auch ein zunehmend negatives Bild von Schmidt. die Anfang der 80er Jahre herrschte. dem er zur Kanzlerschaft verholfen hatte. daß der Mann. ohne ihn wirklich zu wollen. Nachträglich mag die Kriegsfurcht. Er arbeitete weiter beharrlich an der Verwirklichung seines Traums. Diese Besorgnis teilten auch viele Bürger in beiden deutschen Staaten. übertrieben scheinen. in der die Großmächte unaufhaltsam dem bewaffneten Konflikt zutrieben. Die Informierten und Nachdenklicheren in Bonn und Ostberlin aber waren damals ernsthaft besorgt. Unbeirrt folgte er seinem Kurs. sich ihrer Konfrontationslogik unterzuordnen. Ebenso bedeutsam war für ihn eine Rückkehr in sein heimatliches Saarland. Diese Befürchtung jedenfalls ließ er dem »Jugendfreund« Erich Honecker übermitteln. Die Vorschläge unserer Führung zur Entwicklung der Beziehungen mit der BRD wurden in Moskau praktisch ignoriert. in Bonn auf rotem Teppich zu den Klängen der DDR-Hymne empfangen zu werden. wo er unter Herbert Wehner den -323- . wie ich sie bei Andropow gewonnen hatte. Der Spiegel erschien 1980 mit einer Titelgeschichte »Wie im August 1914? Angst vor dem großen Krieg«.

Honecker und seine Umgebung versuchten. Schmidt stand unter ähnlichem Druck aus Washington. die uns auch nach dem Ausfall Guillaumes noch ausreichend informierten. Unsere Quellen im Umfeld des Bundeskanzleramts. bevor er die Zustimmung für den Olympia-Boykott bekam. Soweit die Kontakte nicht über Mitarbeiter oder Quellen meines Dienstes liefen. die deutschdeutschen Gespräche auf verschiedenen Ebenen so gut wie möglich vor der mißtrauischen Neugier der sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin abzuschirmen. kam es zum Eklat innerhalb der SPD-Führungsriege. das Treffen abzusagen. Andererseits bestätigte sich die Einschätzung Andropows. Der geplante Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in der DDR war nach dem unmißverständlichen Veto Moskaus für Honecker nicht mehr durchführbar. Der Kanzler tat es und ersparte damit dem Staatsratsvorsitzenden die Peinlichkeit. Als die USA von der BRD den Boykott der Olympischen Spiele im Sommer 1980 in Moskau verlangten. Die Forderung der USA nach Wirtschaftssanktionen gegen die Sowjetunion soll bei dieser Sitzung von der Mehrheit der -324- . ihn ausladen zu müssen. Wichtigstes Element der Politik intensiver politischer Kontakte zwischen Bonn und Ost-Berlin war allerdings auf beiden Seiten der Versuch. ließen uns wissen. in einer Atmosphäre der Irrationalität zwischen den Großmächten so etwas wie eine gesamtdeutsche Achse der Vernunft zu schaffen. daß dem Kanzler letztendlich die Loyalität gegenüber Washington über alle Bedenken ging. erfuhr auch ich Einzelheiten eher aus Bonn als von Eingeweihten in Berlin. daß Helmut Schmidt nur widerwillig und oft wider bessere Einsicht dem Druck aus Washington nachgab.Widerstand gegen die Nationalsozialisten organisiert hatte. Während einer Krisensitzung beim Bundeskanzler im April 1980 soll nach unseren Informationen Schmidt mit dem Rücktritt gedroht haben.

« Wehner sah eine Lage »wie 1914«. da ist alles drin. Wiederholt hatte er sich besorgt über die Konzentration von Waffen. der atomare Aufrüstungswettlauf an der deutschdeutschen Grenze sei zu stoppen. die er in MX. daß sie sich anbahnt. ja vielleicht schon brodelt.versammelten Sozialdemokraten abgelehnt worden sein – Brandt. Er hatte das Vertrauen in den Bundeskanzler verloren und beschwor Vogel: »Sagen Sie meinem Jugendfreund. nur Hans-Jürgen Wischnewski befürwortete sie.und Trident-Raketen investierte. war Herbert Wehner. Auch Mielke glaubte noch. in Cruise Missiles und Atom. Ich habe ihm (Honecker) versprochen. Einer der führenden sowjetischen Nuklearstrategen vertraute mir an. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen.« Honecker versuchte im Krisenjahr 1980 gegenüber Moskau als gleichberechtigter Partner aufzutreten. wie verletzbar die Sowjetunion angesichts einer amerikanischen Politik der Stärke und Hochrüstung war. -325- . Wehner. Bahr und Apel sprachen sich entschieden gegen Sanktionen aus. Carters Präsidentschaft hatte im Kreml große Besorgnis ausgelöst. um da mitzuhalten. Seit heute weiß ich. denn der fü r uns unberechenbare Mann präsentierte ein Rekordverteidigungsbudget von über 157 Milliarden Dollar. Ob und wie er sich da rauswindet. Mir war immer klar gewesen. Der erste. der uns über diese Sitzung im Bundeskanzleramt informierte. aber er überschätzte seinen Einfluß.U-Boote. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen. Soldaten und nuklearen Raketen auf dem Boden der DDR geäußert. die Stationierung von sowjetischen SS-20Raketen zu verhindern. Er ließ noch am selben Tag Rechtsanwalt Vogel zu sich kommen und formulierte eine Nachricht für Erich Honecker: »Wir ziehen ja an einem Strang. daß die Ressourcen unseres Bündnisses nicht ausreichten.

alle Anzeichen für einen bevorstehenden atomaren Angriff der Nato auf schnellstem Weg zu einer Zentrale und von dort nach Moskau zu übermitteln. Es wurde ein Katalog von Merkmalen erarbeitet. Für diese Aufgaben wurde der Stab der HVA ausgebaut. der alle Staaten des Warschauer Pakts einbezog. in der BRD und den USA wurden entsprechend instruiert. Der Minister befahl allen Dienstbereichen der Staatssicherheit. die Abkürzung für »Raketno jadernoje napadenije«. sah die Sowjetführung den atomaren Erstschlag der Nato als reale Gefahr. Die darüberliegenden Tarnobjekte eigneten sich allerdings hervorragend für gesellige Veranstaltungen und die Unterbringung von Gästen. zu deutsch RaketenKernwaffen-Angriff. -326- . Die Stationierung der atomaren Trägerwaffen an der deutschdeutschen Grenze bedeutete eine dramatische Verkürzung der Vorwarnzeiten im Falle eines Kernwaffenangriffs der Nato.Als dann der eher schwache Carter von dem säbelrasselnden Antikommunisten Ronald Reagan ersetzt wurde. Vom Nutzen solcher Anlagen war ich wenig überzeugt. Höchste Priorität hatte die Observation der Basen von Pressing 2 und Cruise Missiles. die Hinweise auf Angriffsvorbereitungen sein konnten. Hinweise auf Angriffsvorbereitungen unverzüglich an die HVA weiterzuleiten. Er bekam den Tarnnamen Rjan. das mit einer Sonderverbindung zum Partner in Moskau ausgestattet werden sollte. Für die Leitung der HVA wurde ein atomsicherer Bunker in die Gosener Berge südöstlich von Berlin gegraben. den Bau dezentraler Kommandobunker für den Kriegsfall zu forcieren. deren Standorte wir bereits erkundet und nach Moskau gemeldet hatten. Eine spezielle Arbeitsgruppe des Ministers war damit beauftragt. Von Moskau wurde als Antwort auf die neue Situation ein Plan entwickelt. Er erhielt ein eigenes Lagezentrum. Unsere Quellen in den Nato-Stäben. Dieser Plan sollte es ermöglichen.

wo und wann aber die SS-20-Raketen in unseren Wäldern versteckt werden würden. Mitte der 80er Jahre ließ der von Moskau forcierte Tempodruck allmählich nach. Rainer Rupp. wie die sowjetischen Bundesgenossen bei der Stationierung der atomaren Raketen in der DDR wie eine Besatzungsmacht auftraten. Ob es Pläne gab. Trotz dieser Disproportion hatten wir uns nie als reine Erfüllungsgehilfen Moskaus gesehen. Die Kreml-Führung hätte uns wohl auch nicht in solche Pläne -327- . daß Mielke mir wenige Wochen vor dem Eintreffen der sowjetischen Raketen erklärte: »Es kommt überhaupt nicht in Frage. einem vorausgesagten Angriff des Gegners mit einem Erstschlag von unserer Seite zuvorzukommen. Im Grunde haben wir Deutschen als Statisten an den Kriegsspielen der Supermächte teilgenommen. daß Schneisen und Lichtungen in die Wälder geschlagen wurden und daß die SS-20-Lafetten im Schutz der Dunkelheit. die verhandeln weiter. Du wirst sehen. um Platz für die Startrampen zu schaffen. wo die NatoRaketen stehen sollten. daß wir Milliarden ausgeben und unsere Bäume abhacken. zu denen auch unsere Quelle in der Nato. habe ich nie erfahren.Die Durchführung der Maßnahmen im Rahmen des Plans Rjan beanspruchte viel Zeit und Kraft. wichtige Informationen lieferte. daß eine unmittelbare Bedrohung durch einen nuklearen Raketenangriff nicht gegeben war. Daneben waren die Gegengaben unserer sowjetischen Kollegen eher bescheiden. Wir wußten zwar. die wir lieferten. Moskau konnte zufrieden sein mit den militärischen und militärpolitischen Informationen. Die Analysen. anrollten. das teilten die Freunde selbst Honecker und Mielke nicht mit. ermöglichten uns die Einschätzung. Auf militärischem und strategischem Gebiet erkannten wir die Führungsrolle der Sowjetunion aus Überzeugung an. als Holztransporter getarnt. Dennoch war es frustrierend zu erleben.« Weder er noch jemand anders aus der Staatsführung konnte verhindern. Nur so ist verständlich.

eingeweiht. dem Leiter des polnischen -328- . In der Ministerinformation aus Warschau hieß es. Die eskalierenden Streiks. In jenem Sommer von 1980. Die Nuklearstrategen auf beiden Seiten wußten natürlich. Ich vereinbarte Termine mit meinem alten Bekannten Frantisek Szlachcic. um eventuelle Gefahren rechtzeitig zu erfassen. Jahrestag des Einmarschs der Staaten des Warschauer Vertrags in die CSSR. die regierende Polnische Vereinigte Arbeiterpartei (PVAP) mobilisiere ihre Mitglieder und sei Herr der Lage. die im Juli und August in die Gründung der unabhängigen Dachgewerkschaft Solidarnosc einmündeten. begann sich hinter unserem Rücken in Polen ein neues Unwetter zusammenzubrauen. mit Miroslaw Milewski. und mit meinem Kollegen Jan Slowikowski. hatten unübersehbar wirtschaftliche Ursachen: Die willkürlichen Preiserhöhungen der Lebensmittel wurden von den Arbeitern nicht länger hingenommen. Mielke bezweifelte. ihre Verbündeten zu beschwichtigen. daß die politische Führung die »Konterrevolution« niederhalten könne. Am 21. ob ich nicht meine guten Beziehungen nutzen und mir selbst vor Ort einen Eindruck verschaffen wolle. als das Gespens t des Jahres 1914 in Europa umhergeisterte und mein Dienst sämtliche Möglichkeiten im Westen mobilisieren mußte. bestellte Mielke mich zur Beratung über die Lage in Polen. der unter Gierek zum zweiten Mann in der Parteiführung der PVAP aufgestiegen war. dem Stellvertreter des Innenministers. Zu 1968 bestand ein grundlegender Unterschied: Damals war die Intervention eine Reaktion auf die Politik der Führung in Prag unter Alexander Dubcek gewesen. in Polen jedoch zeichnete sich eine Erhebung ab. Die Führung in Warschau war bestrebt. die von unten ausging. Nach einer Unterredung mit Honecker Ende August schlug er mir vor. August 1980. daß von Deutschland auch bei einem begrenzten atomaren Krieg nur ein radioaktiv verseuchtes Trümmerfeld übrig bleiben würde. dem 12.

Die Grenzen der Gewalt waren deutlich erkennbar geworden. Der Westen schwankte zwischen Frohlocken über die ersten Erfolge auf dem -329- . fast eine Witzfigur. zu diesem Zweck seien den Streikenden 400 000 DM zugeflossen. Kaum war ich wieder in Berlin und faßte gerade meinen Bericht ab. An dieser von der Realität weit entfernten Sicht meiner Gesprächspartner änderte sich wenig bis in den Dezember des Folgejahres hinein. daß vom BND und Kreisen um Franz Josef Strauß Bemühungen ausgegangen seien. das Zentralkomitee der PVAP habe sämtliche Forderungen des Streikkomitees akzeptiert. Nach Mitteilungen einer unserer Bonner Spitzenquellen wollte die SPD-Führung in Erfahrung gebracht haben. nicht sehr ernst zu nehmende Gestalt betrachtet. eine Legalisierung der Opposition komme auf keinen Fall in Frage. keinesfalls jedoch die nach freien. Lech Walesa wurde als ferngesteuerte. Schon bei meiner Reise Ende August 1980 zeigte sich diese Realitätsferne darin. Im Flugzeug ging ich nochmals eine kurze Zusammenfassung der Polen-Informationen des BND und des Auswärtigen Amtes durch. daß die Lagebeurteilung des Innenministeriums innerhalb von vierundzwanzig Stunden völlig umgekrempelt wurde. Verhandlungen des Streikkomitees mit der polnischen Regierung zu vereiteln. von den einundzwanzig Danziger Forderungen könnten zwanzig akzeptiert werden. unabhängigen Gewerkschaften. Kritik an der eigenen Führung und überheblicher Geringschätzung der intellektuellen Führer der Opposition wider. Die Reise hätte ich mir also sparen können. Sie spiegeln nichts als eine Mischung aus Ratlosigkeit.Nachrichtendienstes. aus den Notizen über meine Gespräche mit den polnischen Bekannten ausführlich zu berichten. Es lohnt nicht. Beschwichtigungsversuchen. Bei dieser Kraftprobe hatte sich Solidarnósc gegen den Machtapparat von Staat und Partei durchgesetzt. als in Polen das Kriegsrecht verhängt wurde. Man hatte mir erklärt. erhielt ich aus Warschau die Nachricht.

Um einer solchen Entwicklung vorzubeugen. Vom Papst und Kardinal Wyszynski bis zu Ratgebern aus westeuropäischen Gewerkschaften wurde bremsend auf die radikalen Führer der polnischen Gewerkschaftsbewegung eingewirkt. wurden innerhalb des MfS. Westeuropäische Politiker bemühten sich darum. Parteien und Organisationen hinsichtlich des Nachbarlandes im Vordergrund. Der für das große Arbeitszimmer etwas zu klein geratene Minister nahm sich viel Zeit für unser Gespräch und sparte nicht mit Kritik am neuen Generalsekretär der Partei.Weg der Liberalisierung und der Befürchtung. auch in meinem Dienst. besondere Arbeitsgruppen mit dem Schwerpunkt Polen gebildet. in Paris die Emigrantenzeitschrift Kultura. Zugleich hatten wir den Auftrag. in München wirkte Radio Free Europe. Bei meiner zweiten Reise nach Warschau im Oktober 1980 war Milewski bereits Innenminister. Für die HVA stand das Beschaffen von Informationen über die Absichten westlicher Dienste. -330- . uns in Polen selbst um eine eigene Beurteilung der Lage zu bemühen. und an Ministerpräsident Jaruzelski. Der Prager Frühling mit all seinen Folgen war noch in frischer Erinnerung. Kania. Sämtliche Quellen aus westlichen Regierungskreisen. Bei Milewski konnte ich mich nie des Eindrucks erwehren. daß unsere Präsenz und mein Ausfragen seinem polnischen Nationalstolz widerstrebten. daß der polnische Staat Aufweichungserscheinungen zeigen könnte. Unser polnischer Partnerdienst hatte uns insbesondere um Auskünfte zu polnischen Emigrantenzirkeln und deren Aktivitäten gebeten. eine direkte Intervention zu verhindern. daß man im Westen ein Eingreifen der UdSSR und ihrer Verbündeten für unausweichlich hielt. aus der SPD-Spitze und dem BND ließen uns erkennen. Oft genug kam ich mir selbst in jenen Tagen wie gelähmt vor. die die Mitglieder des Warschauer Pakts zur Intervention veranlassen würden. Regierungsstellen.

hieß es. Dezember. den Mann seines Vertrauens. riß meine wichtigste persönliche Verbindung nach Warschau ab. auf den 13. Aus meinen Gesprächen mit Andropow und mit Krjutschkow war ich zu der Überzeugung gelangt. Doch einem analytisch denkenden Mann wie Andropow mußte klar sein. daß er sein Vorhaben nicht mit Moskau abgestimmt hatte. Als Jaruzelski Mitte Oktober zum Generalsekretär der PVAP gewählt wurde. daß für die UdSSR nach den Erfahrungen von 1968. überraschte mich genauso wie Honecker und Schmidt. Es scheint mir undenkbar. vorerst Luft zu gewinnen. Je heftiger der kalte Krieg zwischen den Weltmächten geführt wurde. das half. daß dies keine Lösung auf Dauer sein konnte. an Milewskis Statt zum Innenminister ernannte. die am Werbellinsee bei Berlin konferierten. durch diesen Schritt habe er einem Einmarsch sowjetischer Truppen vorgebeugt. desto intensiver wurden die geheimen Kontakte -331- . um die Lage aus eigenen Kräften zu normalisieren. mit Blick nach vorn weitsichtig und klug Entscheidungen zu treffen. trieb Polen in unserer unmittelbaren Nachbarschaft möglicherweise noch katastrophaleren Ereignissen entgegen. In Moskau und OstBerlin saßen alte Männer an den Hebeln der Macht. Als Woijciech Jaruzelski die Führung übernahm und Kiszczak. Bis in den Sommer 1981 hielten die Wechselbäder aus Streikdrohungen und trügerischer Ruhe an. Die Nachricht in der Nacht vom 12. Unter diesem Aspekt war Jaruzelskis Eingreifen das kleinere Übel. nach der Verstrickung in den afghanischen Bürgerkrieg und angesichts der Spannungen mit China und der demonstrativen Politik der Stärke der USA ein bewaffnetes Vorgehen in Polen nicht mehr in Frage kam. kaum fähig. die polnische Führung werde nun alles tun. daß in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war.Das Prager Szenarium von 1968 noch vor Augen. Jaruzelski erklärte später.

aber stetig in eine Konfrontation. und bat um Verständnis für die Beteiligung der BRD am Olympia-Boykott. daß Schmidt befürchte. Nach der Wende haben es westdeutsche Politiker konsequent verschwiegen oder herabgespielt. Statt des abgesagten Treffens zwischen Schmidt und Honecker wurde ein Besuch des Politbüromitglieds Günter Mittag beim Bundeskanzler arrangiert. Der amerikanische Präsident erliege dem starken innenpolitischen Druck. Wie Mittag hinterher berichtete. beide Seiten müßten versuchen. und die Weltmächte gerieten dadurch langsam. der sehr viel nachdenklicher und beunruhigter schien. Mittag berichtete. wie vertraut und vertraulich oft ihre Kontakte zu den Repräsentanten der SED waren.zwischen Schmidt und Honecker. In dieser bedrohlichen Lage – so Schmidt laut Mittag müßten die Kontakte zwischen den beiden Staaten unbedingt erhalten bleiben. der auf ihm laste. In Teheran war zu dieser Zeit die US-Botschaft von »Gotteskämpfern« besetzt. als er sich der Öffentlichkeit und selbst den eigenen Parteifreunden gegenüber präsentierte. Mittag zufolge beklagte der Bundeskanzler sehr offen den Druck. Herbert Wehner bereitete über Vogel unsere Seite auf das Gespräch vor.« Schmidt – so Mittag sah in der Verschlechterung der internationalen Lage eine ernste Gefahr und soll wörtlich gesagt haben: »Alles läuft aus dem Ruder. traf er am 17. Mielke zeigte mir Niederschriften dieser Telefonate. die inzwischen regelmäßig miteinander telefonierten. April 1980 einen realistisch analysierenden Schmidt.« Er fürchte einen möglichen Zusammenstoß der Großmächte. den Washington auf Bonn ausübte. dem es ganz offensichtlich ernst war mit der wiederholten Beschwörung: »Von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. der US-Präsident könne auf diese Situation irrational reagieren. In ihnen offenbarte sich ein Helmut Schmidt. auf ihre »großen Freunde« mäßigend einzuwirken. Erich Honecker solle -332- . die sehr schnell zu panischen Reaktionen eskalieren könne.

sprach unter anderen -333- . Dennoch waren die Gruppen und Personen. Konservative Politiker und Medien behaupteten sofort. »daß von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht«. Selbst Helmut Schmidt warf den Demonstranten vor. Als im Herbst 1981 die große Friedensdemonstration in Bonn organisiert wurde. Die Menschen in beiden deutschen Staaten hatten nicht die detaillierten Informationen der politisch Handelnden. in der Minderheit. soll Schmidt nach dem Gespräch mit Mittag Honecker angerufen haben. Sie protestierte gegen die Raketenstationierung und die militante Außenpolitik der USA. Helmut Schmidt. in diesem Telefonat sollen beide nochmals ihre Bereitschaft versichert haben. Die formelhaften Erklärungen über das Treffen für die Öffentlichkeit ließen kaum ahnen. auf die wir einwirken konnten. Tatsächlich schien die Bewegung für die außenpolitischen Ziele unserer Seite nützlich zu sein. und es bestand ein starkes Interesse unserer Führung. wenn möglich sogar zu beeinflussen. berechenbar sei. wie eng die Regierenden der beiden deutschen Staaten in dieser Krisensituation zusammengerückt waren. die Aufhebung des Beschlusses über die Raketenstationierung in der BRD sei die wichtigste friedenssichernde Maßnahme. die Friedensbewegung sei »vom Osten gesteuert«. alles zu tun. Soweit mir bekannt. sie zu unterstützen. das Geschäft Moskaus und Ost-Berlins zu betreiben. Beinahe zeitgleich entwickelte sich in Ost und West eine Friedensbewegung. die nach Bonn kamen. Vor den Dreihunderttausend. daß er. in der sich das große Unbehagen über die herrschenden Verhältnisse bündelte. gehörte die uns nahestehende Deutsche Friedensunion zu den Initiatoren. aber ein Gespür für das Bedrohliche der internationalen Lage.wissen. Seitens der Bundesrepublik werde »nichts Verrücktes« passieren. In der Bundesrepublik war die neue Massenbewegung zunächst deutlicher sichtbar. Mittag wiederum erklärte im Namen Honeckers.

Meine Meinungsäußerungen blieben aber auf einen sehr kleinen Kreis beschränkt.zu-Flugscharen-Gruppierungen in die Opposition gedrängt wurden. die Auseinandersetzung mit den Friedensgruppen der Staatssicherheit zu überlassen. deren Forderungen schließlich weitgehend identisch -334- . auf der anderen Seite sollte die Friedensbewegung im Westen im Einklang mit unserer Außenpolitik unterstützt werden. der sich engagiert für Dissidenten aus sozialistischen Staaten einsetzte. und ging statt dessen mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Ich wandte mich dagegen. Der Widerspruch zwischen der Friedenspolitik nach außen und der restriktiven Haltung bis hin zur Repression gege n Engagierte der Friedensbewegung im Innern wurde immer auffallender. In der DDR organisierte sich eine eigene Friedensbewegung. die sie nicht unter Kontrolle bekam. Dem außenpolitischen Nut zen der westdeutschen Friedensbewegung für die DDR standen aus der Perspektive unserer Führung bald die innenpolitischen Auswirkungen entgegen. die sich nicht nur gegen die Hochrüstung aussprach. wodurch die Schwerter. mit den kirchlich beeinflußten Friedenskräften der DDR ins Gespräch zu kommen. sondern auch gegen die Verletzung von Menschenrechten und die vormilitärische Ausbildung an unseren Schulen. Dabei entwickelten sich immer engere Beziehungen zwischen den Protestierenden in Ost und West. doch auch er wäre nicht bereit gewesen. sich nach unseren taktischen Anweisungen zu verhalten.und Staatsapparat hinein. Die Staatsmacht reagierte mit Repression statt mit Dialog auf diese Erscheinung. Unser einziger Mann auf der Rednerbühne war der FDP-Politiker William Borm. Die Engstirnigkeit dieser Politik war für viele unbegreifbar. Auf der einen Seite wurde schärferes Vorgehen gegen »ideologische Diversion« verlangt. So verspielte sie die Gelegenheit. Die dadurch erzeugte Konfusion wirkte bis in den Partei.der Schriftsteller Heinrich Böll.

Sie hatte qualitativ und quantitativ ein ganz anderes Gewicht als ihre -335- . Die in der Abwehr für oppositionelle Gruppierungen. Diese unvereinbaren Anforderungen führten zu Unsicherheit unter den Mitarbeitern bis hin zum Minister. Gert Bastian und Petra Kelly 1983 Für den auf die Außenpolitik orientierten Nachrichtendienst war die Haltung zur Friedensbewegung einfacher. Ihren Vertretern – darunter so prominenten Repräsentanten der Friedensbewegung wie Petra Kelly und Gert Bastian – wurde wiederholt die Einreise in die DDR verweigert.waren. Das zeigte sich unter anderem im Verhältnis zu den Grünen in der BRD. weil sie hier Mitglieder von Friedensgruppen besuchen wollten. Jugend und Kirche Verantwortlichen konnten den Widerspruch nicht lösen. Diese Entwicklung wirkte sich auf viele Bereiche der Staatssicherheit aus. Aus unserer Sicht richtete sich die Bewegung objektiv gegen den Kurs der US-Politik und der von ihr abhängigen Regierungen. Sie sollten gegen die »feindlichnegativen Kräfte« vorgehen und durften zugleich der Außenpolitik nicht schaden.

damit auch innenpolitische Wirkung zu erzielen. Schließlich hatte die Aufklärung auch Anteil an der Propagandaschlacht. das eine Perspektive als Quelle versprach. Aufstieg und materieller Wohlstand waren ihnen weniger wichtig als Solidarität. daß die atomare Hochrüstung vor allem des Westens zum nuklearen Inferno führen könne. Das waren wichtige Aspekte für unsere Arbeit. die Kampagne »Kampf dem Atomtod« in den 50er und die Ostermärsche in den 60er Jahren. daß sie ein Studienfach hatten. Unter ihnen war der pensionierte General Graf Baudissin. der kapitalistische Staat mit Entmündigung und Entfremdung gleichgesetzt. Denn wir wußten. und daß sie sich nicht auffällig politisch engagiert hatten. daß gerade bei jungen Menschen aus bürgerlichen Familien ein grundlegender Wertewandel stattgefunden hatte. Unsere Analysen zeigten. Die moderne Technologie wurde mit Kriegsbedrohung und Zukunftslosigkeit. Ich hoffte. Aus England kam General Michael Harbottle. Ein anderes Ziel unserer Arbeit war es. Sie nannte sich »Generale für den Frieden«. 1981 hatten sich neun ehemals hohe Militärs aus verschiedenen Nato-Ländern zusammengefunden. weil sie fürchteten. Eine kleine Friedensgruppe war für uns dabei besonders interessant.Vorgänger. der Parteiführung objektivierende Informationen über die Grünen und andere Gruppierungen zu liefern. daß die Aktivisten der Bewegung vom Verfassungsschutz und anderen westlichen Diensten ähnlich intensiv überwacht wurden wie die Oppositionellen in der DDR von der Abwehr. die zu einem toleranteren Umgang mit der Friedensbewegung in der DDR führen könnte. einer der Väter der Bundeswehr und ihr demokratisches Gewissen. aus -336- . aus den USA Admiral John Marshall Lee. Voraussetzung war. um Vorurteile abzubauen. Wir konnten bei Sympathisanten der Friedensbewegung neue Mitarbeiter rekrutieren. Zusammengehörigkeitsgefühl und Selbstverwirklichung. die zwischen den Blöcken tobte.

Ihre Wirkung ging noch weit über den Kreis der Engagierten hinaus. Bastians Lebensgefährtin wurde die populärste und eindrucksvollste Repräsentantin der westdeutschen Friedensbewegung. wie den jungen Aktivisten. Einige Monate nach der Gründung stieß Exgeneral Gert Bastian zu der Gruppe. Viele hatten an der strategischen Planung der Nato und damit an den Konzepten der atomaren Abschreckung mitgearbeitet. aus den Niederlanden Admiral von Meyenfeldt. war der ehemalige Offizier der Bundesmarine Gerhard Kade. Ein großes Problem der »Generale für den Frieden« war die Finanzierung ihrer Aktivitäten. war Historiker an der Universität Hamburg und Publizist geworden. schnell einen herausragenden Status in der Friedensbewegung. Seine Erkenntnisse hatten ihn zu einer sehr kritischen Einstellung gegenüber dem militärischindustriellen Komplex in der Marktwirtschaft gebracht. Er hatte den Dienst schon Jahre zuvor quittiert. Sie alle waren schon im Zweiten Weltkrieg Offiziere gewesen und waren in ihren Ländern hoch angesehen. hatte seinen Dienst bei der Bundeswehr quittiert. Kopf und Motor.Frankreich Admiral Antoine Sanguinetti. zuletzt Kommandeur einer Panzerdivision. weil er die Raketenrüstung nicht mitverantworten wollte und zunehmend reaktionäre Tendenzen bei seinen Kameraden registrierte. Sie konnten den amerikanischen Propagandaslogan von der »sowjetischen Bedrohung« aus militärischer Sicht überzeugend widerlegen. Die neun Militärs gewannen. aus Italien General Nino Pasti und aus Portugal General Fransisco da Costa Gomes. Sein Hauptforschungsgebiet war die Verbindung hoher Militärs zur Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik und den USA. vergleichbar einem Geschäftsführer der Gruppe. vorwerfen. zu Vorträgen und Diskussionen -337- . Bastian. Sie mußten ihre Reisen zu den gemeinsamen Treffen. Niemand konnte ihnen. Petra Kelly. wovon sie redeten. sie wüßten nicht. so paradox es klingen mag.

Aber der Deckmantel wirkte beruhigend auf die Gesprächspartner und gab ihnen einen gewissen Schutz. daß es seiner Abteilung gelungen sei. Kontakt zu der Gruppe zu suchen. Als sich herauskristallisierte. die mangelnden finanziellen Ressourcen. Kade war in den Gesprächen sehr schnell auf das Problem der »Generale für den Frieden« gekommen. Er meinte. dem mußte schnell klar sein. In solchen delikaten Dingen traten wir meist anders auf als die USGeheimdienste. Der ehemalige Marineoffizier schien bereit zu Gesprächen mit Abgesandten der DDR. Ich mußte meinen Mitarbeitern keine spezielle Order geben. daß diese Behauptung wirklich geglaubt wurde. wie wir es häufig bei Kontakten zu potentiellen Quellen in Westdeutschland taten. die vorgaben. Nach einigen Begegnungen und Gesprächen bekam Kade den Decknamen Super. und ganz Naive beließ er im Glauben. ihre Analysen und Forderungen zu publizieren. Kurz nach ihrer Gründung meldete mir ein Mitarbeiter. Wer ein wenig Ahnung von den Strukturen der DDR hatte. daß die Aktion zu einem großen -338- . Gerhard Kade. Ich bewilligte die Summe. Wir waren nicht so naiv anzunehmen. die selten ein Hehl aus ihrer Ident ität machten und gern von Anfang an Begriffe wie Anwerbung und Bezahlung im Munde führten. Das war unsere Chance. im Auftrag des Ministerrats der DDR zu reisen. über eine Quelle in Hamburg an den Organisator der Friedensgenerale. Sie hatten keine Mittel. sondern vom Institut für Politik und Wirtschaft als Spende ausgezahlt wurde. sich mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft zu unterhalten. daß er sich mit dem Nachrichtendienst einließ. ein jährlicher Zuschuß von 100000 DM würde der Gruppe die Öffentlichkeitsarbeit entscheidend erleichtern. heranzukommen. der auch seine Bedeutung für uns ausdrückte.weitgehend selber finanzieren. Ich schickte zwei Leute. die selbstverständlich nicht von der HVA.

daß er der Initiator der Unterstützung für die Generäle gewesen sei. Ich glaube. Offenbar gelang es Kade daraufhin. Sie müssen sich gefragt haben. denn das war tatsächlich der Fall. daß er sich um Aufnahme in die »Generale für den Frieden« bewarb. wieso in der Vereinskasse plötzlich Geld war. Kade mußte die von ihm eingebrachten Vorstellungen mit der ganzen Gruppe diskutieren. Feist erzählte Honecker. Ich weiß nicht. Gleichzeitig mit uns bemühte sich auch der KGB um eine Verbindung zu Kade und informierte mich darüber. behaupteten alle möglichen Stellen in der DDR.Erfolg wurde. und die eigenwilligen Persönlichkeiten waren kaum manipulierbar. die in letzter Zeit aus Moskau kommen. den wir über Kade ausübten. ob alle Mitglieder der »Generale für den Frieden« über die Finanzierungsquelle informiert waren. Dennoch erkannte man in Erklärungen der Generale den Einfluß wieder. Dies bedeutete allerdings keineswegs. während er später immer eindeutiger für Positionen des Warschauer Pakts Partei ergriff. besser gesagt. So hatte beispielsweise Expanzergeneral Bastian ursprünglich Ost und West gleichermaßen für die Hochrüstung verantwortlich gemacht und zur Umkehr aufgefordert. Unsere jährliche Spende war nicht die einzige Unterstützung aus dem Osten. das sei ihr Verdienst. daß sich ein Sponsor eingefunden hatte. was sie sich unter diesem Institut vorstellten. bis 1989 Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. aber wahrscheinlich genügte ihnen Kades Erklärung. daß die Gruppe nun das Sprachrohr Moskaus gewesen wäre. ob die jüngste Rede des sowjetischen Außenministers Gromyko nicht der Stärkung des Friedens diene. und ich -339- . sehr konstruktiv sind. antwortete Bastian: »Das denke ich. den KGB zu bewegen. einen sowjetischen General dazu abzukommandieren. Als er 1987 in einem Interview mit dem DDR-Radio gefragt wurde. daß die Vorschläge. Am ärgerlichsten war dabei die Rolle von Honeckers Schwager Manfred Feist.

-340- . daß sie im Westen ein positives Echo finden. dem man die Einreise in die DDR lange Zeit verwehrte. Wir waren schließlich weder Initiatoren der Gruppe noch ideologische Einflüsterer. Wir haben durch unsere Hilfe nur dazu beigetragen.hoffe. daß ihre Stimme gehört werden konnte. Ich habe keine Belege dafür. kann ich das mit einem klaren Nein beantworten. ob Bastian von Kade in dessen Kontakte eingeweiht war. Gert Bastian nahm sich 1992 das Leben. Für unsere Abwehr jedenfalls blieb er ein verdächtiger Kunde. Wie kaum eine andere Gruppierung haben die »Generale für den Frieden« durch ihre Kompetenz und ihren Mut einer breiten Öffentlichkeit die Kriegsgefahr in den 80er Jahren bewußtgemacht und haben dadurch die Regierenden auf einen vernünftigeren politischen Kurs gezwungen. um sie möglicherweise zu manipulieren. Wenn man mich fragt.« Bastians Parteinahme für Moskauer Positionen führte innerhalb der westdeutschen Friedensbewegung zu kontroversen Diskussionen und stand nicht immer in Einklang mit den Erklärungen seiner Lebensgefährtin Petra Kelly. Ich empfinde heute wie gestern größten Respekt vor diesen Männern. ob ich es bereue. nachdem er seine Lebensgefährtin Petra Kelly erschossen hatte. hat der Sache nicht geschadet. Daß sich einige ihrer Mitglieder vielleicht unter unserem Einfluß außenpolitisch unseren Positionen näherten. Die Gesinnung dieses integeren Mannes war dadurch nicht zu kaufen. Seine Verbindungen zu unserem Dienst und zum KGB wurden nie aufgedeckt. Die beiden haben jedoch so eng miteinander gearbeitet. Gerhard Kade starb 1995. eine so idealistische und integere Gruppe infiltriert zu haben. daß Bastian zumindest etwas geahnt haben muß. Ich hatte bei dieser Aktion – im Unterschied zu einigen anderen Operationen – nie Bedenken.

Viele denken beim Wort Desinformation sofort unweigerlich an Lügen und bewußte Irreführung. um Die Niedrigkeit auszutilgen? Könntest du die Welt endlich verändern. erreichte sie nie die Größe und Bedeutung anderer Abteilungen. während er bei der Abteilung X meines Dienstes Aktive Maßnahmen genannt wurde. doch die Methode an sich ist so alt und so vielgestaltig wie die Nachrichtendienste selbst. in den 50er Jahren eingerichtet hatten. Umarme den Schlächter.14 Aktive Massnahmen In Bertolt Brechts ernüchterndem Stück Die Maßnahme heißt es an einer Stelle: Welche Niedrigkeit begingest du nicht. mit nachrichtendienstlichen Mitteln auf die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik Einfluß zu nehmen. Obwohl sie zu einer eigenen Abteilung wurde. aber Ändere die Welt: sie braucht es! Diese Worte könnten das Motto für jenen Aspekt der Geheimdienstarbeit sein. wofür Wärest du dir zu gut? Wer bist du? Versinke in Schmutz. nicht verwerflicher und nicht unmoralischer als alle nachrichtendienstlichen Aktivitäten. Unsere Abteilung X entstand aus einer ursprünglich sehr kleinen Arbeitsgruppe. da ich mir über das begrenzte Potential und die geringe Wirksamkeit solcher »ideologischer -341- . den man klassisch als Desinformation bezeichnet. Sie hatte die Aufgabe. Wegen der negativen Assoziationen des Begriffs Desinformation heißt sie auch schwarze Propaganda oder psychologische Kriegführung. die wir auf eine Anregung Iwan Agajanz'. eines der intelligentesten Veteranen des KGB.

Kriegführung« keine großen Illusionen machte. um zu wirken. wo wir nach dem Vorbild von Sefton Delmers berühmtem Soldatensender Calais eine Mischung aus echten Nachrichten und erfundenen Meldungen ausstrahlten. Die Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg wurden im kalten Krieg von beiden Seiten weiterentwickelt.und Flugblattaktionen des Ostbüros der SPD und anderer Organisationen. als ich im Sommer 1943 in Moskau am Deutschen Volkssender eingesetzt worden war. er arbeite für einen US-amerikanischen Dienst. der vor und während des 17. erfuhren. Juni 1953 seine Bewährungsprobe bestand. die von US-Geheimdiensten gesteuert wurden. Von den diversen Ballon. in München kamen später Radio Liberty und Radio Free Europe dazu. -342- . Damals hatte ich gelernt. daß solche Sendungen der Wahrheit möglichst nahe kommen müssen. das Bonner Gegenstück zu unserer Abteilung X. Im Bonner Verteidigungsministerium wurde bald nach dessen Gründung eine Abteilung »Psychologische Kampfführung« eingerichtet. Diese Art von Propaganda hatte ich bereits aus erster Hand kennengelernt. um die Deutschen zum Widerstand zu motivieren und ihre Führung zu diskreditieren. der Anfang der 60er Jahre einen hochrangigen Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums als Informanten anzuwerben vermochte. Daß wir schon frühzeitig alles Wissenswerte über die Abteilung »Psychologische Kampfführung«. war schon die Rede. die Sendungen in den Sprachen der anderen Staaten des Warschauer Pakts ausstrahlten. indem er ihm erfolgreich vorgaukelte. Die USA geizten nicht mit Geldern für Aufbau und Ausbau von Zeitungen und Radiosendern. Das Territorium Deutschlands bot sich als Forum für die verschiedensten Formen der Propagandaschlacht geradezu an. verdankten wir einem unserer Offiziere. in Berlin war das der RIAS. deren Tätigkeit naturgemäß offensiven und nicht defensiven Charakter hatte.

während er sich im Glauben wiegte. In diesem Zusammenhang war die Tätigkeit unserer Abteilung X in meinen Augen tatsächlich da wichtig. einen einstmaligen leitenden Mitarbeiter des SPD-Ostbüros anzuwerben. CIA-Agent zu sein. denn wir konnten ihm ja nicht gut die Übersiedlung in die DDR anbieten. als er verhaftet und angeklagt wurde. ohne sich etwas Böses dabei zu denken. wo es ihr gelang. Wir hatten zwar erfahren. doch wir hatten ihn nicht warnen können. daß seine Enttarnung bevorstand.Nach seiner Pensionierung wurde der vermeintlich für die USA tätige Spion Kreisvorsitzender des Wehrpolitischen Arbeitskreises der CSU in München und Regionalbeauftragter des Bonner Arbeitskreises für Landesverteidigung. weil er Brandts Entspannungspolitik nicht verkraften konnte. ehemalige Nazis zu entlarven und an den Pranger zu stellen und politisch ewiggestrige Scharfmacher im kalten Krieg der Unglaubwürdigkeit zu überführen. die der DDR feindlich gesonnen waren. habe ich hingegen nie gehegt. und es gelang ihm sogar. die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den gezielten Einsatz von Fakten und Dokumenten. Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin. einen Mann. weil er vierzehn Jahre lang für die DDR spioniert hatte. Den naiven Glauben. angereichert mit selbstfabriziertem Material. der zum ultrarechten Flügel der CDU gewechselt war. ja sogar ernsthaft destabilisieren. So kassierten eingefleischte Gegner unseres Systems unser Geld und beschafften uns Informationen. Personen und Institutionen der Bundesrepublik in Mißkredit zu bringen. wir könnten mit den Nadelstichen unserer Aktiven Maßnahmen das politische System oder die Wirtschaft der Bundesrepublik merklich beeinflussen. Für den Kreisvorsitzenden des Wehrpolitischen Arbeitskreises kam es allerdings 1984 zu einem unschönen Erwachen. Wenn heute selbsternannte -343- .

wo die Wahrscheinlichkeit ihrer Meldungen nicht mehr gewährleistet -344- . die Tätigkeit von Westjournalisten nach Möglichkeit einzuschränken. veröffentlicht wurde. Da wir natürlich nicht steuern konnten. die sich meisterhaft darauf verstanden. daß Telefongespräche westdeutscher Politiker von uns abgehört wurden. das wir an Westjournalisten weitergaben.Moralwächter sich in echter oder geheuchelter Empörung darüber ereifern. dann kann ich dazu nur wiederholen. nie das Wasser reichen konnten.und SPDPressedienste. während die Mitarbeiter unserer Abteilung X im Gegenteil bereit waren. was von dem Material. doch damit gerieten wir in Kollision mit anderen Bereichen des Ministeriums für Staatssicherheit. um über die Abhörpraktiken der Geheimdienste staunen zu können. deren Mitteilungen Spezialisten der Abteilung X verfaßten. die heute noch existieren. Die Mitarbeiter der Abwehr hatten die Aufgabe. mußten wir bald aufgeben. weil so etwas unsere Möglichkeiten überstieg. Dem Ideenreichtum unserer Mitarbeiter waren selbstverständlich dort Grenzen gesetzt. gründeten wir fiktive CDU. Kontakte zu Journalisten zu finden. Die Mitte und SPD-Intern betitelt. Unsere frühen Versuche. Statt dessen konzentrierten wir uns darauf. und daß man mehr als blauäugig sein muß. um sich vielfältige Kontakte zu erhalten. daß Politiker selbst wissen müssen. Stil und Diktion einzelner Bundespolitiker nachzuahmen. ihnen sogar bei ihren Recherchen zu helfen. was ich bereits in einem Interview des Spiegel sagte. in der Bundesrepublik eigene Publikationsorgane einzurichten. daß unsere Abhörvorrichtungen denen der amerikanischen NSA auf deutschem Boden. Für die FDP brauchten wir keinen fiktiven Pressedienst zu erfinden. Im übrigen möchte ich dazu anmerken. welche Gespräche man am Autotelefon führen kann und welche nicht. weil dort mit unserer Mithilfe ein echter Dienst namens X-Informationen entstanden war.

Im Kampf gegen den Einfluß der DDR stand die Abteilung für »Psychologische Kampfführung« des Bonner Verteidigungsministeriums keineswegs allein. niemals einen Agenten preiszugeben – auch wenn er seit ewigen Zeiten nicht mehr aktiv war -. handelte es sich doch um ebenjenen van Nouhuys. daß dem Stern eine Quittung mit van Nouhuys' Unterschrift ausgehändigt wurde. der an Vertrauensbruc h grenzt. Nun war ihr Chefredakteur für uns kein Unbekannter. So problematisch ich es noch heute finde. die nach 1989 mit ihrem Wissen bei der Boule vardpresse hausieren gingen.gewesen wäre. anhand deren das Hamburger Magazin ihn beweiskräftig bezichtigen konnte. die bis weit in die 80er Jahre die Bezeichnung DDR in Gänsefüßchen schreiben mußten. die das Maß dessen überschritten. und es wurden Dinge in die Welt gesetzt. der Aussagen Hanns-Martin Schleyers erfunden und verbreitet hatte. sondern sie genoß Schützenhilfe seitens politischer Vereinigungen und prominenter Politiker des rechten Spektrums sowie ihnen verbundener Medien. ließ ich mir schließlich das Einverständnis abringen. So muß ich es für eine bittere Ironie der Geschichte halten. einer der ersten war. Doch oft genug entwickelte ihr Tun eine kaum zu bremsende Eigendynamik. die dieser während seiner Entführung getan haben soll. um van Nouhuys mundtot zu machen. so unumgänglich erschien es mir damals zu handeln. einen solchen Schritt zu tun. Neben Gerhard Löwenthal mit seiner Fernsehsendung und allen Blättern des Zeitungskönigs Axel Springer. hatte sich vor allem die Illustrierte Quick auf das sozialistische Deutschland eingeschossen. der von 1954 bis Anfang der 60er Jahre unter dem Decknamen Nante als Agent für uns gearbeitet hatte und obendrein für den BND Doppelagent gewesen war. Trotz des ungeschriebenen Gesetzes. daß ausgerechnet jener Mitarbeiter der Abteilung X. was bei einem Geheimdienst noch als erlaubt gelten kann. In seinem Blatt hetzte er -345- .

so daß wir zu fürchten begonnen hatten. Die Wahrheit allein nützt in juristischer Hinsicht eben herzlich wenig. die Verträge könnten torpediert werden.unermüdlich gegen die Ostverträge. kann man nur als Witz am Rande dieses finsteren Gewerbes auffassen… Heinz van Nouhuys 1981 Weniger erfolgreich als die Bloßstellung van Nouhuys' waren unsere Bemühungen. den er am Ende nur deshalb gewann. Politikern wie Franz Josef Strauß. Interessanterweise mußte der Stern nach seinen Enthüllungen über Jahre hinweg einen Rechtsstreit gegen van Nouhuys und dessen Verlag führen. Strauß war für solche Fallstricke schlicht eine Nummer zu groß. mit dem -346- . Daß van Nouhuys nach der Wiedervereinigung in den eigens für die neuen Bundesländer erfundenen Boulevardpostillen als Experte über die Stasi und die HVA das große Wort führte. weil van Nouhuys nicht beweisen konnte. Alfred Dregger oder Werner Marx durch gezielt ausgestreute Mischungen aus Fakten und Gerüchten zu schaden. daß er kein Spion gewesen war.

Georg Kiesinger und Heinrich Lübke mußten zugeben. auf denen die NS-Vergangenheit von Politikern und Staatsbeamten der Bundesrepublik aufgedeckt wurde. Armee. Anders jedoch sah es mit unseren Aktivitäten gegen ehemalige Nazis in der Bundesrepublik aus und mit unseren Bemühungen. Justiz. Schon in den ersten Nachkriegsjahren waren in der Bundesrepublik zahlreiche Amtsträger des Hitlerreichs in der Regierung Adenauer wieder in Amt und Würden gelangt. denn trotz kurzfristiger Empörung waren die Folgen unserer Enthüllungen gleich Null. eines jüdische n Kommunisten. Unter der Leitung Professor Albert Nordens. Adenauers Staatssekretär Globke darf man getrost als Symbolfigur dieses Personenkreises betrachten. daß sie ihre Biographien -347- . veranstalteten wir in den 50er Jahren Pressekonferenzen in der DDR. Und in anderen Fällen war der Aufwand das Ergebnis nicht wert. daß Skandale und Skandälchen um Politiker genau wie das Privatleben von Fußballspielern oder Schauspielern zum Alltagsgeschehen der westlichen Bo ulevardpresse gehörten – heute in aller Munde. und das auf allen Ebenen in Parteien. Bei unseren Maßnahmen gegen Altnazis in der Bundesrepublik hatten wir dergleichen nicht zu befürchten. Wie ich bereits sagte.Vorwurf der Bestechlichkeit gegen ihn konnten wir niemanden hinter dem Ofen hervorlocken. ohne dabei in zu offene Konflikte mit der eigenen politischen Führung zu geraten. Damals wie später erbrachten solche Aktionen häufig den gewünschten Effekt: Minister Theodor Oberländer und Ministerpräsident Hans Filbinger mußten zurücktreten. versuchten wir. in vorsichtiger Dosierung der West-Friedensbewegung unter die Arme zu greifen. morgen vergessen. Wir mußten daraus die Lehre ziehen. der das Dritte Reich in den USA überlebt hatte. Staatsapparat und auch im Geheimdienst. Dabei handelte es sich in der Mehrzahl keineswegs um sogenannte kleine Mitläufer. die Friedensbewegung zu unterstützen.

der in Kontakt zu unserem Dienst geriet. Es ist eine Sache. weil sie auch in sozialistischen Staaten gegen den Antisemitismus protestiert hatten.geschönt hatten. den seinerzeitigen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Dadurch wurde ihnen wie jedermann. aufrechte Gerechtigkeitskämpfer wie das Ehepaar Klarsfeld zu StasiHandlangern abzustempeln. ohne daß sie die geringste Ahnung davon gehabt hätten. und eine andere. Unsere Unterstützung für das Ehepaar Klarsfeld brachte uns wiederum mit der Abwehr im Ministerium für Staatssicherheit in Konflikte. die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Hort braunen Gedankengutes und die Auswüchse solchen Tuns zu lenken. die in den alten wie den neuen Bundesländern unkontrollierbar aufflackern. die Klarsfelds aufgrund dessen als Parteigänger der DDR oder gar der Stasi diffamieren zu wollen. der mit den Gepflogenheiten der Staatssicherheit und meines Dienstes auch nur entfernt vertraut ist. wird mir darin zustimmen. die sie konsultieren wollten. Meinem Dienst gelang es. Jeder. der wie Reinhard Gehlen zu den Ziehvätern mehrerer Generationen leitender Bundesbeamter zählte und der wie Gehlen selbst im NS-Staat geprägt worden war. Nicht weniger peinlich als der Versuch. meinem Dienst die besorgniserregenden Umtriebe neonazistischer Natur in die Schuhe zu schieben. ob gerade ich als Sohn eines jüdischen Vaters der Richtige gewesen wäre. Es gelang uns sogar. daß es nur lachhaft sein kann. dergleichen gezielt zu unterstützen und zu fördern. durch die Konfrontation mit seiner Vergangenheit im Dritten Reich in den vorzeitigen Ruhestand zu befördern einen Mann. denn die Klarsfelds standen lange Zeit auf der Liste unerwünschter Personen. die -348- . Ich überlasse es dem Urteilsvermögen des Lesers zu entscheiden. die Einreiseerlaubnis für sie zu erwirken und ihnen Zugang zu den Archiven zu verschaffen. Hubert Schrubbers. ist das immer wieder bemerkbare Bemühen. 1972. in der Abteilung X eine Akte und Decknamen zugeteilt.

wird der Antifaschismus der DDR als verordneter Antifaschismus diffamiert. Selbst in den letzten Jahren der DDR. Um die vierzig Jahre DDR-Staat restlos »abzuwickeln«. daß sie sich -349- . daß sich die Geschichte der DDR nicht durch verordneten Antifaschismus und Kadavergehorsam erklären läßt. Ihre Tragik war. Aus diesem Grund schrieb er sein Drama Was der Mensch säet und ebenso das Drehb uch zu dem DEFA-Film Rat der Götter. Mag unsere politische Führung die Staatsbürger ihres Landes damals noch so vorschnell pauschal von der Mitschuld am Dritten Reich freigesprochen und die Hinterlassenschaft der braunen Zeit einseitig der Bundesrepublik zugeschoben haben – wahr bleibt doch. an den Hochschulen und Universitäten und nicht zuletzt in den Dissidentenzirkeln noch immer lebendig. es sei möglich. wie sie uns damals vorschwebte. als antifaschistische Bekenntnisse oft nur mehr bloße Worthülsen bildeten. Diese Menschen waren auch damals noch davon überzeugt. in dem es um die unheilige Allianz aus Kriegsverbrechern und der modernen Großindustrie geht. völlig außer acht. daß in der DDR ein echter und ungeheuchelter Glaube an einen wirklichen Neuanfang bestand. Dazu muß ich sagen. Von da ist es dann nicht mehr weit zur Gleichsetzung der NSGreueltaten und solchen Unrechts. Solche Denkmodelle lassen den tatsächlichen Enthusiasmus für eine neue und möglicherweise bessere und gerechtere Gesellschaftsordnung.Schändung jüdischer Friedhöfe oder andere neonazistische Schandtaten zuzulassen oder zu initiieren. war der Antifaschismus doch in der Kunst. Mit Enthüllungen über Nazis in der DDR will man die Vergangenheit der beiden deutschen Staaten relativieren. zur Tagesordnung überzugehen und die Frage der Mitschuld des deutschen Volkes unter den Teppich zu kehren. Deutlich erinnere ich mich an die Besorgnis meines Vaters angesichts der Gefahr. wie es in der DDR geschah. in der DDR die bessere deutsche Alternative zu schaffen.

dabei an dem immer sichtbarer werdenden Widerspruch zwischen ihren sozialistischen Idealen und der realsozialistischen Wirklichkeit aufrieben. Eine Veröffentlichung des Spiegel trug dazu bei. Mit ernster Miene eröffnete er mir. es sei erwiesen. Aber ich kannte nicht nur von Berg. Auf meine Frage. Kaum war das »Manifest« erschienen. Ende der 70er Jahre war das Vertrauen des Ministeriums zu meinem Dienst nicht zuletzt wegen Aktivitäten der Abteilung X auf einem Gefrierpunkt angelangt. weil er als stellvertretender Leiter des Presseamtes beim Ministerrat der DDR gute Beziehungen zu Politikern der Bundesrepublik und West-Berlins ebenso wie zu gut informierten Journalisten. dafür verantwortlich sei und daß bereits gegen ihn ermittelt werde. Als erste Reaktion verfügte unsere Führung umgehend die Schließung des Ost-Berliner Spiegel-Büros. einem Vertrauten Beaters. Später erst konnte ich mir allmählich zusammenreimen. darunter des Spiegel. schließlich ein Mitarbeiter der HVA. und dem schloß sich in allen Parteiorganisationen der SED eine massive Kampagne gegen »Aufweichung« an. daß Hermann von Berg. sondern auch Mielkes Art zu bluffen. Es handelte sich um ein sogenanntes Manifest eines sogenannten Bundes Demokratischer Kommunisten Deutschland s. Recht hatte Mielke insofern. schwieg Mielke genauso eisern wie sein anwesender Stellvertreter Bruno Beater. wurde ich zu Mielke bestellt. was geschehen war: Von Berg war von seinem ehemaligen Vorgesetzten. diese Lage zuzuspitzen. -350- . in dem eine scharfe Abgrenzung zwischen Reformkommunismus und Stalinismus vorgenommen wurde. unterhielt. schon immer argwöhnisch beäugt worden und deshalb als mutmaßlicher Verfasser des Manifests in Verdacht geraten. als von Berg tatsächlich seit längerem mit unserer Abteilung X in Verbindung stand. dem Leiter des Presseamtes. wie die Autorenschaft von Bergs an dem ominösen Manifest bewiesen worden sei.

Als er schließlich nicht mehr davon abzuhalten war. den Ausreiseantrag zu stellen. die ihm zuteil geworden war. daß in den Westen desertierte Angehörige der Nationalen Volksarmee zurückkehrten. Einiges davon war durchgesickert. an die große Glocke hängte. Wie das ominöse Manifest in die Welt gesetzt worden war. sickerte doch das eine und andere durch. von Berg relativ lange zum Bleiben zu überreden. trennte er sich von meinen Mitarbeitern im Einvernehmen. das allerdings bleibt vorläufig noch das zwischen von Berg und dem Spiegel gehütete Geheimnis.Die mit dem Fall beauftragte Abwehrabteilung hatte ihn an einen geheimen Ort verbracht. als er von der Bundesrepublik aus die Politik der DDR-Führung scharf angriff. daß ihm kein Prozeß gemacht werden würde. Im Frühjahr 1979 hatte Mielke eine unabhängige Kommission eingesetzt. von Berg nach dessen Entlassung aus dem Hausarrest milde zu stimmen. obwohl es uns gelang. Letzten Endes ließ sich das nicht verhindern. der Hauptabteilung Untersuchung. Diskretion über die Zusammenarbeit zu wahren. Worum handelte es sich dabei? Hin und wieder kam es vor. und der Spiegel und andere Medien hatten mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg gehalten. Obwohl alles streng geheim ablief. Daran hielt er sich auch dann noch. die Mielke direkt unterstand und von ihm stets allen anderen als Vorbild präsentiert wurde. Immerhin konnte ich Mielke mit Hinweis auf die politischen Missionen von Bergs gegenüber Willy Brandt die Zusage abringen. und so hörte ich zum erstenmal von dem Begriff ASA – Agent mit spezieller Auftragsstruktur. weil ihre Illusionen vom goldenen Westen der nüchternen Realität nicht -351- . damit er nicht etwa in den Westen ging und dort die Behandlung. wo sie ihn isoliert gehalten und Verhören unterworfen hatte. die sich mit einem Phänomen in der Hauptabteilung IX seines Ministeriums befassen mußte. Das brachte Mielke auf die Idee. daß es Aufgabe meines Dienstes sei.

mit welcher Aufgabenstellung. ob westliche Geheimdienste sie in der Bundesrepublik anzuwerben versucht hatten. Ein Häftling nach dem anderen entpuppte sich als ASA. in der solche Lügenmärchen anstandslos geschluckt wurden. daß dieses ominöse U-Boot dem Hirn eines besonders phantasiebegabten ASA-Untersuchungshäftlings entstammte und von dort über die gesamte Dienststufenleiter bis auf den Tisch des Ministers gelangt war. Besonders wichtig war es herauszufinden. andererseits mißtraute man ihrer Loyalität und ihrer politischen Zuverlässigkeit.standgehalten hatten. Der jahrelang geführte Propagandakrieg zwischen DDR und BRD und die ständige Furcht vor einem »kleinen« oder »verdeckten« Krieg hatten eine Atmosphäre entstehen lassen. das seine Abwehr – wohlgemerkt. Ihre Lage war mißlich. Im südlichen Grenzbezirk der DDR. die angeblich vom amerikanischen Geheimdienst in den Auffanglagern für Flüchtlinge ausgebildet worden waren. mit ihnen zusammen wahre Räuberpistolen zu ersinnen. wo die Ergebnisse dieser Befragungen meist dürftig ausfielen. in Suhl. Zu meiner nicht geringen Verblüffung erwähnte Mielke in meinem Beisein Andropow gegenüber bedeutungsvolle Informationen und überreichte ihm mysteriö se Unterlagen über ein feindliches Mini-U-Boot. Daß Gutachter und -352- . So entstand das Lügengespinst um die »Agenten mit spezieller Auftragsstruktur«. Nach ihrem Eintreffen wurden sie in Haft genommen und auf Herz und Nieren überprüft. kamen findige Vernehmer auf die Idee. einerseits ließ ihre Rückkehr sich propagandistisch gut ausschlachten. nicht etwa die Aufklärung – entdeckt haben wollte. Die Lawine war losgetreten und bald nicht mehr zu bremsen. Erst viel später erfuhr ich. obwohl allein schon die Bezeichnung ASA verdächtig nach DDR-Sprachgebrauch und kein bißchen amerikanisch klang. und wenn ja. die Untersuchungshäftlinge mit Hafterleichterungen und Versprechungen dazu anzustiften.

deutlich zu machen. mit dem er schloß. daß er noch der alte war. bei der auch ich zugegen sein durfte und auf der Mielke auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel. die Hauptabteilung IX streng verurteilte und Selbstkritik übte. daß Mielke die Beschwerden des Anwalts nicht vom Tisch gewischt hatte. mit denen die unmittelbar Verantwortlichen in anderen Dienstbereichen »versteckt« wurden. Rechtsanwalt Wolfgang Vogel machte dem Spuk ein Ende. Das war der Grund für die hochgeheimen Untersuchungen in der Hauptabteilung IX. Wahrscheinlich hatten die Verantwortlichen in der Hauptabteilung IX zu jenem Zeitpunkt bereits erkannt.Marineexperten über die Angaben in den U-Boot-Dokumenten nur den Kopf geschüttelt hatten. Solche Töne war man von ihm sonst nicht gewohnt. der Sache Einhalt zu gebieten. im Zweifelsfall sei zugunsten des Beschuldigten zu entscheiden. zum Thema zu kommen – die ungeheuerlichen Vorgänge und Manipulationen beim Namen nannte. Mielke dazu zu bewegen. und Schulungsmaterialien über sie waren in Umlauf. Ihr Ergebnis war eine Dienstkonferenz. Inzwischen hatten die ASA jedoch ihre Eigendynamik voll entwickelt. bewies. daß sie frei erfundenen Geschichten aufgesessen waren. Ihm waren bei der Verteidigung eines Mandanten sonderbare Dinge aufgefallen. ihm Gehör zu leihen. aber nicht den Mut gefunden. Die personellen Konsequenzen aus dem Skandal beschränkten sich auf ein paar Versetzungen. Da Vogel über Oberst Heinz Volpert eine Sonderbeziehung zum Minister hatte. war er in der Lage. »wissenschaftliche« Arbeiten wurden über sie verfaßt. war dabei unter den Tisch gekehrt worden. und nur sein Standardcredo »Feinde müssen wie Feinde behandelt werden«. Dennoch schien die Konferenz und der Umstand. Explizit wandte er sich gegen Amtsmißbrauch und Willkürhandlungen gegenüber Häftlingen und vertrat den Standpunkt. daß die Tätigkeit des MfS künftig -353- . und er hatte aus ihm herausbekommen. wie die ASA zustande gekommen waren.

stärker vom Einhalten der Rechtsnormen geprägt sein würde. Mit Erich Mielke 1983 -354- .

die neu war. daß politische Vernunft und Sinn für Realitäten sich in unserem Land doch noch durchsetzen würden. Die DDR mußte zeitweilig ihre Repressionen lockern. von einer Unsicherheit. wo vordem mit Festnahmen zu rechnen gewesen wäre. wollte sie nach innen wie nach außen politisch glaubwürdig sein. und das wiederum nährte bei mir wie bei vielen anderen die noch immer nicht ganz erloschene Hoffnung darauf.Tatsächlich zeugten in der Folgezeit manche Entscheidungen gegenüber Intellektuellen und Ausreisegenehmigungen in Fällen. -355- .

15 Die Entdeckung der dritten Welt Am 12. die aus zwei kleinen Nelkeninseln bestand. Das Ministerium für Staatssicherheit mußte einen kompetenten Mann mit Wissen und Autorität in ein völlig unbekanntes Land entsenden. Januar 1964 wurde die Volksrepublik Sansibar ausgerufen. eine Kolonie nach der anderen proklamierte ihre Unabhängigkeit. schlug ich kurzerhand mich selbst vor. hatte als erstes nichtsozialistisches Land beschlossen. -356- . der den Vorschlag junger Mitglieder seines Revolutionsrates aufgriff und der DDR die Aufnahme diplomatischer Beziehungen anbot. zumindest für den Anfang solle jemand mitreisen. mit dem Angebot ging eine Reihe von Hilfsersuchen einher. der außenpolitische Erfahrung besaß. Ein besonderes Ereignis? Sämtliche Kolonialreiche befanden sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Auflösung. Was sollte das Besondere an Sansibar sein. von dessen Existenz höchstens die Briefmarkensammler in Europa wußten? Aus meiner Kindheit erinnerte ich die Marken des Sultanats mit den hohen Hüten auf fremdländischen Köpfen. die Deutsche Demokratische Republik diplomatisch anzuerkennen und der Hallstein-Doktrin zu trotzen. Da Mielke fand. und zu meinem nicht geringen Staunen stimmte er nach längerem Zögern tatsächlich zu. die internationalen Weiterungen seines Tuns auch gar nicht klar. Aber ausgerechnet diese neue Republik. Wie dem auch sei. und auserwählt wurde General Rolf Markert. Vielleicht waren Präsident Scheich Obeid Amani Karume. Sansibar benötigte einen Sicherheitsberater. der im Konzentrationslager Buchenwald interniert gewesen war und nach dem Krieg zuerst in die Polizei eingetreten und von dort in die Staatssicherheit gewechselt war. die den Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik formulierte. unter anderem in Fragen der Sicherheit und des Grenzschutzes.

die uns offenbar zu Experten der Erwachsenenbildung machten. Mielkes Befürchtungen hatten zu Recht bestanden: Unsere Delegation wurde auseinandergerissen und auf verschiedene Hotels verteilt.und BRD-Pässe und mußten uns bei einem Maskenbildner interessanten Veränderungen unterziehen. Ein Sandsturm über Kairo zwang den Piloten umzukehren und in Athen zu landen. zu verpflichten. als Chef eines sozialistischen Nachrichtendienstes durch Länder zu reisen. -357- . Als wir uns gegenseitig betrachteten. unsere Papiere waren von einem Beamten in einem Schuhkarton davongetragen worden. während ich in der Touristenklasse saß. und in Nairobi nahm man uns die Papiere weg und verweigerte uns den Anschlußflug. nachdem ich eine geschlagene halbe Stunde damit verbracht hatte. meinen falschen Bart wieder so anzukleben.Damals war es eine waghalsige Idee. Wir wußten. Zweifellos hielt man uns seit Athen im Auge. Zuerst ging es mit einer Linienmaschine nach Kairo. Addis Abeba und Mogadischu mußten wir wieder warten. Dann erhielten wir DDR. denn so lautete unsere neue Berufsbezeichnung. auch meinem ersten Stellvertreter gegenüber. um nicht aufzufallen. uns ausführlich zu belehren und zu absoluter Verschwiegenheit jedermann. brachen wir in schallendes Gelächter aus. Markert flog zusammen mit dem stellvertretenden Außenminister Wolfgang Kiesewetter. Aber Mielke beschränkte sich darauf. In Kairo. die gute Beziehungen zu Nato-Mitgliedstaaten unterhielten. dem Leiter unserer Delegation. daß eine gewisse Ähnlichkeit zum Paßfoto gewährleistet war. und in Kairo hatten wir beim britischen Konsulat Visa für unsere Reise in die Ostafrikanische Union beantragen müssen. daß ein DDRDiplomatenpaß in einem Nato-Staat keinerlei Schutz gewährte. Er kümmerte sich persönlich um Sicherheitsmaßnahmen und ließ sogar für den Fall der Fälle einen Fluchtplan ausarbeiten. Am nächsten Morgen konnten wir unsere Reise fortsetzen. in der Ersten Klasse.

Der gesamte Revolutionsrat und sämtliche Honoratioren mit Präsident Karume an der Spitze hatten sich vor dem Flughafengebäude eingefunden. der kenianische Außenminister und spätere Vizepräsident. überflogen wir ganz dicht den schneebedeckten Krater des Kilimandscharo und schlingerten mit unserer Maschine von einem kleinen Flughafen zum nächsten. der mit Kiesewetter bekannt war und dessen Sohn in der DDR studierte. Die Ankunft unserer Delegation war ein Großereignis für das kleine Land. doch als Retter in der Not erschien Oginga Odinga. In angemessener Entfernung hatten eine uniformierte Ehrenkompanie und eine Kapelle Aufstellung genommen. Kiesewetter mußte nun zu den Klängen eines Strauß-Walzers die Ehrenkompanie abschreiten. In Sansibar 1964 Unsere Landung aus Sansibar wird mir unvergeßlich bleiben. und ich machte mir ernste Sorgen um sein Herz. Dank seiner Intervention ließ man uns weiterfliegen. -358- . Markert bekam diese Art des Fliege ns überhaupt nicht. Nachdem wir den Äquator überquert hatten.Da saßen wir nun mit mulmigen Gefühlen.

daß er uns nicht einmal seinen Namen sagte. Besonders mühsam war es. und allerorts war die politische Aufbruchstimmung zu spüren. Die Ansprüche unserer Partner wuchsen schnell. Anfangs kostete es viel Geduld. die DDR hatte Sansibar geholfen. dem designierten Leiter des Sicherheitsdienstes. daß er bei einem Berlin. wie er hieß. die völlig andersgeartete Denk. Es fiel uns.denn die Noten der DDR-Nationalhymne befanden sich noch in unserem Gepäck. Dennoch glaube ich auch im Rückblick. die man von Afrika kennt üppige Natur. Bei unserer ersten Begegnung saß er mir eisern schweigend gegenüber. und unser Koch erzählte mir auch. Später.Besuch sogar seine Frau mitbrachte. Aufgaben nach festen Schemata zu lösen. einmalige Sonnenuntergänge. die wir gewohnt waren. und wenn wir ihre Wünsche nicht erwartungsgemäß erfüllten. Als Vertreter der DDR waren wir überall willkommen. ins Gespräch zu kommen. bei meinem letzten Besuch. Die Armut zeigte sich nicht so brutal wie in anderen Ländern. Es gab keine bettelnden Kinder. daß Ibrahim Makungu vor der Revolution bei der britisch geleiteten Special Branch – unserer Kriminalpolizei vergleichbar – gearbeitet hatte. anfangs nicht leicht. Sansibar erfüllte alle Klischees.und Verhaltensweise zu verstehen und uns ihr anzupassen. war von diesem Optimismus nichts mehr zu spüren. tagelang auf Gesprächstermine zu warten und mit ständig neuen Ansprechpartnern immer wieder von vorn zu beginnen. Jahre später war das Vertrauensverhältnis zwischen uns so weit gediehen. ließen sie -359- . sich von uns alles Wichtige erzählen zu lassen und selbst nichts zu verraten. Erst durch unseren Koch erfuhr ich. Das nahm er so wörtlich. mit Ibrahim Makungu. daß es uns alles in allem besser als den einstigen Kolonialherren und auch besser als unseren sowjetischen Freunden gelungen ist. Allem Anschein nach hatte der Präsident ihn instruiert. herrliche Strande. und man erwartete viel von uns.

unterhielt enge Beziehungen zu Großbritannien. Hanga hatte in der Sowjetunion studiert und dort promoviert. In einem solchen Fall mußten wir den Abbruch der eben erst begonnen Beziehungen befürchten. vormals Führer der Seemannsgewerkschaft und Chef der Afro-Shirazi-Partei.sich die Unzufriedenheit anmerken. nachdem meine -360- . der Präsident Tanganyikas. Diese Widersprüche erklären auch. und Nbabu demonstrierte seine Nähe zum Maoismus dadurch. die ihm eine enge Bindung an eine sozialistische Großmacht vielleicht verübelt hätten. dem englischen TradeUnionismus zuneigte. denen unsere Weltanschauung ein Greuel sein mußte. daß er bei Staatsempfängen auf einem altersschwachen Grammophon immer wieder die Internationale abspielte. daß Sansibar es sich nicht mit den Handelspartnern verdarb – vor allem seiner ehemaligen Kolonialmacht England –. Anschluß an ein Land zu suchen. Es war ein simples politisches Kalkül und nicht Naivität. vertraten seine Vizepräsidenten Abdallah Kassim Hanga und Abdulrahman Mohammed Babu die widerstreitenden Modelle des sowjetischen und des chinesischen Sozialismus. Es war schwierig. sich in den widerstreitenden Interessen und Zielen zurechtzufinden: Manche unserer Partner bezeichneten sich als Sozialisten. um Sansibar unter die Arme greifen zu können. und das klein und weltpolitisch unbedeutend genug war. denn Julius Nyerere. Die Regierung war ein getreuer Spiegel des Landes: Während Präsident Karume. das wirtschaftlich interessant genug war. warum die DDR von Sansibar auserkoren wurde. Immer wieder wurden wir nachdrücklich auf den desolaten Zustand der Geräte und Schiffe des Dienstes und auf die jämmerliche Infrastruktur hingewiesen. Drei Monate nach unserer Ankunft beunruhigten uns Gerüchte über eine mögliche Vereinigung Sansibars mit dem Festla ndsstaat Tanganyika. Ende April befand ich mich auf einem Inspektionsbesuch auf der Insel Pemba. andere waren strenggläubige Moslems.

das Freiheitsstreben der afrikanischen Völker zu unterstützen. an eine Vereinigung der beiden Länder sei in absehbarer Zeit nicht zu denken. den anderen einfach davonzufahren. Kurz vor Mitternacht des 24. Wir brachen unseren Besuch sofort ab und flogen am nächsten Morgen nach Sansibar zurück. um mich mitnehmen zu können. was wir leisteten. sondern als Mitakteure in einem revolutionären Prozeß. Entgegen unseren Befürchtungen bewahrheitete sich das. Das war vielleicht eine etwas naive Vorstellung. Schließlich lichtete es seinen Anker ohne mich. empfanden sich nicht so sehr als Geheimdienstler. Sansibar bewahrte sich einen hohen Grad an Selbständigkeit. Berlin drängte auf meine Rückkehr. April überbrachte man uns die Nachricht. was der Provinzgouverneur Pembas nur bestätigen konnte. daß die Vereinigung stattgefunden habe und das vereinigte Land nun Tansania heiße. Eine negative Folge unserer Unterstützung wurde uns bald bewußt. die in jenen Jahren in der dritten Welt tätig waren. Sansibar war unser erster Schritt in das Neuland der dritten Welt. was unsere sansibarischen Freunde vorausgesagt hatten. Zum einen schien mir die Aufgabe vor Ort zu wichtig. zum anderen wäre ich mir schäbig vorgekommen. doch ändern konnten wir sie nicht mehr: Der Sicherheitsapparat Sansibars nahm eine für das kleine Land unverhältnismäßige Größe an. Wir hatten es zu gut gemeint und unsere Partner zu gründlich so ausgebildet. wie es unseren -361- . doch die meisten unserer Leute. und bei Revolutionsfeiern war Nyerere einer unter vielen Ehrengästen. Wir waren überzeugt. Das Bild Staatspräsident Nyereres hing in den Amtszimmern immer etwas unterhalb dem des Vizepräsidenten Karume. Der Revolutionsrat Sansibars wurde bis zu Karumes Ermordung im Jahr 1972 nicht in seinen Rechten beschnitten.Partner mir kategorisch versichert hatten. das DDR-Handelsschiff Halberstadt verzögerte seine Rückfahrt eigens. auch was seinen Sicherheitsdienst betraf. durch das.

Im April 1969 folgten sieben weitere Länder dem Beispiel Sansibars und erkannten die DDR an. sondern darin. sehr wohl aber an der Notwendigkeit. Ich zweifelte nicht an der politischen Bedeutung solcher Beziehungen. daß sie gar so sehr ausuferten. beide Jemen. im Südjemen. so gering war mein Einfluß auf die Entscheidungen der politischen Führung. Syrien und Ägypten scherten sich trotz massiver Interventionen der Bundesrepublik nicht länger um die Haustein-Doktrin. zu deren Sicherheitsorganen mein Dienst engere und langfristige Beziehungen unterhielt. Kultur und Bildung zu ignorieren. So war es in Sansibar. dem die Dienste jeweils zuarbeiteten. Die von erster und zweiter Welt oktroyierte forcierte Industrialisierung hat sich weder als sozial verträglich noch als effektiv erwiesen. und wichtige Mitarbeiter für Jahre in ferne Gefilde der dritten Welt abkommandieren. -362- . Ähnliche Erkenntnisse machten wir in der Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten der Drittweltstaaten. Von heute aus mag man unser ganzes Engagement in den Ländern der dritten Welt als gescheitert betrachten. Unser Einfluß blieb stets minimal. denn sie hielten uns von der eigentlichen Arbeit ab. ethnische Traditionen und die sehr unterschiedlichen Entwicklungsbedingungen in Wirtschaft. In den 60er und frühen 70er Jahren sahen wir das noch nicht so. verglichen mit dem des Regimes. so im Sudan. der Sudan. Vor allem sahen wir unsere Aufgabe nicht nur im Vermitteln unseres spezifischen Wissens. der DDR politische Anerkennung in der nichtsozialistischen Welt zu verschaffen. Sozialistische Ökonomen wie kapitalistische Fachleute warnen seit langem davor. Kongo (das spätere Zaire). Wir mußten uns wohl oder übel beugen. So sehr ich mich gegen die Aufnahme neuer Beziehungen sträubte. in Äthiopien und Mosambik. Kampuchea und die rhodesische Freiheitsbewegung ZAPU suchten den Kontakt.eigenen Strukturen entsprach. all jenen Ländern.

war die Enttäuschung groß. daß der Informationsaustausch mit Ägypten wertlos und reine Zeitverschwendung war. Besonders aussichtsreich ließ sich für uns die Zusammenarbeit mit dem Sudan an. So kamen wir schnell zu der Überzeugung. Nach dem Sechs-Tage-Krieg entwickelte sich auf Initiative des Innenministers General Sharawi Goma'a ein enger Kontakt. und wenige Tage nach ihrer Machtergreifung informierten sie uns über diplomatische Kanäle von ihrem Wunsch. Mein Stellvertreter wurde in Kairo mit allen Ehrenbeizeigungen empfangen und nach intensiven Gesprächen mit persönlichen Grüßen Präsident Nassers verabschiedet. daß man sich in Ägypten einredete. den vormaligen Leiter der sudanesischen Militärakademie. von Nassers Geheimdienstchef irgend etwas Substantielles über die Aktivitäten der NatoLänder in Nahost in Erfahrung zu bringen. angeführt von Ga'afar Mohammed el Numeiri. der in unserer Botschaft als sogenannter legaler Resident – das heißt. Er wurde von beiden Seiten eingestellt. Von da an beschränkte die Zusammenarbeit sich auf den Kontakt des Verbindungsoffiziers.Eine Zeitlang hatten die Beziehungen zu Ägypten besonderen Stellenwert. Die Beziehungen zu Goma'a blieben jedoch bestehen. daß wir keine Agenten in Israel unterhielten. Der Schock über den verlorenen Krieg saß so tief. Uns wiederum gelang es nicht. Als wir Nasser erklärten. Meine Leute sollten den Ägyptern nun helfen. Mai 1969 eine Gruppe progressiver Offiziere die Macht ergriffen hatte. daß wir die Neuformierung und Ausbildung ihrer -363- . bis dieser zusammen mit anderen Nasser-Anhängern 1970 von Nassers Nachfolger Anwar Sadat als Hochverräter vor Gericht gestellt wurde. war keiner der Revolutionäre älter als Anfang Dreißig. als Botschaftsangehöriger – etabliert war. Bis auf ihn. in dem am 25. gewiß nicht ohne beiderseitige Erleichterung. die israelischen Spione in der Regierung und im Militär Ägyptens zu lokalisieren. Ihnen schwebte ein arabischer Sozialismus vor. Israel habe nur durch Spionage und Sabotage den Sieg errungen.

daß die jungen Leute nur sehr nebulöse Vorstellungen von dem hatten. die nach dem Umsturz im Mai 1969 das neue Regime zu destabilisieren versuchten. in militärischem Kameradschaftsgeist und der Proklamation der Gleichheit. Für sie erschöpfte sich der Charakter ihrer neuen Gesellschaft in der Betonung nationalistischer Eigenständigkeit. So war dieser La ndesteil ein ideales Feld für Geheimdienste und Söldnertruppen.Sicherheitsorgane durch Berater unterstützen. vor allem solche. Um so erstaunlicher fand ich es. Bei meinem ersten Besuch im Dezember 1969 begriff ich. was sie als arabischen Sozialismus bezeichneten. daß der gestürzte Premierminister Awadallah ebenso wie später Numeiri selbst dort Zuflucht suchten. um mich mit eigenen Augen und Ohren vor Ort kundig zu machen. daß er als sozial Bessergestellter jeden Freitag die Armen beköstige. Einer von ihnen erklärte mir. Ausgeprägt war die Feindseligkeit der Sudanesen gegenüber Ägypten. dessen Bewohner immer wieder in Massen in die südlichen Nachbarländer flüchteten. Sozialismus bestehe darin. während aus Kongos beziehungsweise Zaires Ostprovinzen und aus Äthiopien Flüchtlinge in den Südsudan gelangten. die in Wahrheit nichts anderes war als das islamische Gebot der Nächstenliebe. das Sachwalter Großbritanniens gewesen war. Aktivitäten des britischen und des israelischen Geheimdienstes waren uns nicht verborgen geblieben. Im August begab sich eine Gruppe von Mitarbeitern des MfS und des Innenministeriums in den Sudan. Die meisten von ihnen konnten sich ihren neuen Funktionen zum Trotz nicht einmal annäherungsweise -364- . und im Dezember flog ich selbst nach Khartoum. Die Moslems des Nordens unterdrückten wiederum den »schwarzen« oder »christlichanimistischen« Süden. Vor meiner Reise hatte ich über den Sudan herzlich wenig gewußt. Der islamische Norden besaß eine lange Tradition im Kampf gegen die Unterdrückung durch die britischen Kolonialisten.

Auch seine Augen lächelten. durchtrainiert und in eine schneeweiße Dschallbiyah statt in Uniform gekleidet. daß er im Wagen ankam. Platz zu nehmen. Mit Faruq Othman Hamadallah 1970 in Ost-Berlin Eine andere Erinnerung an Hamadallah hat sich mir eingeprägt: Er geht mit ausladenden Schritten über einen -365- . Ich erinnere mich gut daran. und dann davonbrauste. Gekreische und Sprechchöre unterbrachen. und sie wirkten britisch bis zur Karikatur. Wie so oft in arabischen Staaten verliefen Numeiris Auftritte in der Öffentlichkeit so ab. Mit der linken Hand streichelte er seinen Schäferhund. Seine Beamten hatten zu großen Teilen schon unter den Briten und Ägyptern gedient. dem Innenminister und somit Leiter des Sicherheitsapparates.gegen den übernommenen Beamtenapparat durchsetzen. Anders sahen meine Begegnungen mit Faruq Othman Hamadallah aus. eine Rede hielt. sehr schwarz. heraussprang. wie Hamadallah mir aus der nachtdunklen Tiefe seines Gartens entgegenkam: groß. wuchtig. die gellende Pfiffe der Zuhörer. mit der rechten lud er mich ein. Meine Gespräche mit Numeiri waren sachlich und distanziert.

In der Moschee haben sich Mitglieder der reaktionären AnsarSekte verschanzt und feuern nach draußen. da könnt ihr uns nicht helfen«. nach Kairo zurück. Seine Vorstellungen von einem eigenständigen Weg zum Sozialismus überzeugten mich. nicht nur mit den Putschisten abzurechnen. Er vertraute mir seine Befürchtungen an. in der das Urteil beraten wird. der mir nahestand. Er zündet sich eine Zigarette an und spricht ruhig mit seinen -366- . daß Numeiri mit seinem Doppelspiel den Revolutionären Kommandorat immer mehr ausschaltete und Westkontakte verstärkte. Nie werde ich die Bilder im westdeutschen Fernsehen vergessen: Hamadallah tritt nach der Verhandlung vor dem Militärgericht aus der Baracke. dabei war er sich über die Grenzen völlig im klaren. soll er mit »Ja« geantwortet haben. sondern sich aller nicht genehmen Personen zu entledigen. durch Überredung zu erwirken. und Hamadallah und ein mitreisender sudanesischer Politiker wurden an Numeiri ausgeliefert. Im Verlauf des Jahres 1970 wurde Numeiris neuer Kurs immer offenbarer. Entgegen unserem Rat flog Hamadallah. Mitte 1971 benutzte Numeiri dann einen Staatsstreich als Vorwand. Hamadallah und andere Revolutionäre ließ er aus dem Kommandorat entfernen. wenn er im Lande gewesen wäre. die Verhältnisse zwischen Schwarzafrika und der arabischen Welt. ob er sich am Putsch beteiligt hätte. »Diese Probleme müssen wir selbst lösen. Er war ein Politiker. Bei Gesprächen in Berlin analysierte er mit überraschender Tiefe und Prägnanz die komplizierte Lage seines Landes. Er trägt eine Uniform mit breitem Ledergürtel.steinübersäten Platz auf eine Moschee zu. die seinem Land gesetzt waren. sagte er düster. daß die Waffen niedergelegt werden. Auf die Frage Numeiris. der sich zu jener Zeit in London aufhielt. Auf Befehl Gaddafis wurde sein Flugzeug über Libyen zur Landung gezwungen. Von einer Waffe ist nichts zu sehen. Hamadallah gelingt es.

Die Kapitulation der eingeschlossenen Festung Dien Bien Phu erlebte er 1954 mit. wurde Steiner zum faktischen Armeechef gemacht. überlebte ihn selbst nicht lange. den wir gefangennehmen helfen konnten. nur die Mitteilung des Kommentars. der 1967 in dem gerade in die Unabhängigkeit entlassenen Land ausbrach. die er daraus zog. In der ölreichsten Ostregion Nigerias. Die Lehre. daß er die verdeckte Kriegführung lernte. Steiners Lebenslauf liest sich wie die exemplarische Biographie eines Söldners. glaube ich. Seinen ersten großen eigenen Auftrag erhielt er im nigerianischen Bürgerkrieg.Bewachern. Er war ein Freund gewesen und für seine Überzeugung in den Tod gegangen. woran er geglaubt hatte. mit achtzehn Jahren in die französische Fremdenlegion eingetreten und hatte den Antiguerillakrieg in Indochina fünf Jahre lang geübt. Wir verließen den Sudan bald nach diesen Ereignissen auf Nimmerwiedersehen. Unter dem Totenkopfbanner folgt ihm eine Truppe. daß der Sudan mit Hamadallah einen seiner besten Männer verloren hat. Das. und so geriet er in Kontakt mit Geheimdiensten. einen Menschen. Noch heute. Dreihundert Fallschirmabsprünge. -367- . Er war 1933 in München geboren. die zeitweise an die 20 000 Mann zählte. In seiner Zeit in Algerien heiratete er eine Schönheitskönigin dieses Landes. der seiner Zeit und seinem Land um einiges voraus war. Mit Hilfe diverser Tarnorganisationen betrieb er einen schwunghaften Waffenhandel und machte Biafra zum waffenreichsten Gebiet Afrikas. Seine Stimme ist nicht zu hören. so viele Jahre nach seinem Tod. die sich unter dem Namen Biafra unabhängig erklärte. wofür Hamadallah gelebt. Einsätze beim Suezkanalkonflikt und im Algerienkrieg machten ihn zum Profi aller völkerrechtswidrigen Kampfformen. Bei dieser Erinnerung krampft sich mir heute wie damals das Herz zusammen. daß er kurz nach diesen Aufnahmen erschossen wurde. war. Während unserer Tätigkeit im Sudan stießen wir auf die Spur des deutschen Söldners Rolf Steiner.

ob Steiner sich dafür eigne. daß bewaffnete Rebellenbanden von Steiner ausgerüstet und ausgebildet wurden. Er schickte ihn nach Köln zu einem Geheimdienstunternehmen. Norman von der CIA. Anlaufstelle für Steiner in Uganda war das dortige LufthansaBüro (interessanterweise war der damalige Afrika-Chef der Lufthansa Gehlens ehemaliger Stellvertreter General a. Selbstverständlich sah die humanitäre Hilfe in Wahrheit so aus. Leider sind wir uns noch nicht begegnet und konnten uns daher nicht über alle Facetten des Falles Steiner austauschen). so einen Umsturz in dem ihrer Meinung nach prokommunistischen Sudan zu befördern. der ihn an einen Mr. ein ehemaliger Missionar. das sich Welt-InformationsKorrespondenz nannte.Als das blutige Abenteuer zu Ende ging. wo man ihn genauer instruieren würde. Preston weitervermittelte. die Aufständischen im Südsudan zu unterstützen. Der frühere britische Militärattache Beverly Barnard versorgte ihn mit Karten und Funkgeräten. Die CIA hoffte. Als Rebellenführer im Südsudan wurde Steiner auch für den britischen Geheimdienst und die CIA interessant. Über den Secret Service gelangte Steiner in Kontakt mit einem Mr. von Mellenthin. der – vermutlich als legaler Resident – an der ugandischen US-Botschaft in Kampala die Waffenbeschaffung für Steiner organisierte. D. verwandelte der Biafraner Steiner sich unter Mithilfe der Vertretung der Bundesrepublik in Gabun in den Bundesbürger Steiner zurück. an. der in der Bundesrepublik eine Organisation namens Förderungsgesellschaft Afrika leitete. Als nächstes sprach ihn Pater Franz Glypken. der sich 1990 brieflich mit mir in Verbindung gesetzt hat. Offiziell reiste Steiner unter dem Deckmantel der Förderungsgesellschaft des Pater Glypken und zwar als deren »Beauftragter für humanitäre Hilfe im Südsudan«. deren Einsätze nicht gegen Armee und Polizei des Sudan stattfanden. sondern in der Hauptsache in Terrorakten gegen die Zivilbevölkerung des -368- . um zu sondieren.

ihnen vertraute er eher als den einheimischen Behördenvertretern. der Nahostexperte der damaligen Bundesregierung – »Ben Wisch« –. wurden auf westdeutscher Seite bereits ganz andere Fäden gezogen. erreichte. das Todesurteil zu verhindern. Landsleute vor sich zu haben. Da die USA sich weltweit vom -369- . Wirtschaftliche und militärpolitische Interessen spielten beim Engagement der Großmächte in den einzelnen Ländern zweifellos stets eine ausschlaggebende Rolle. daß Rolf Steiner in die Bundesrepublik abgeschoben wurde. zum anderen auf dem abrupten Umschlagen der politischen Situation in Uganda. Zudem hatten unsere tüchtigen Rechercheure es fertiggebracht. wo die Einflußnahme auf Länder der dritten Welt an ihre Grenzen trifft. und ihnen gegenüber zeigte er sich erstaunlich kooperativ. Daß es uns gelang. doch der kalte Krieg wies ihrer Konfrontation gerade in diesen Ländern eine zunehmende Bedeutung zu. Offenbar war es eine Erleichterung für ihn. daß Steiner im Sudan die Todesstrafe drohte. Steiner einzukreisen und seine Gefangennahme zu ermöglichen. Hans-Jürgen Wischnewski. das dem Druck der OAU. der Organisation Afrikanischer Staaten. Auf Bitte der sudanesischen Regierung beteiligten sich Leute des MfS an Steiners Verhören. ein Fotoalbum mit Hochzeitsbildern und einen Gruß seiner Angehörigen den Weg in seine Zelle finden zu lassen. Die Vorgänge um Steiner im Sudan machen deutlich. beruhte zum einen auf unseren Ermittlungen. daß wir uns allmählich ein Bild vom Zusammenwirken der verschiedenen Interessengruppen. Alles in allem wurde er so gesprächig.Landes bestanden. selbst wenn sie aus dem »falschen« Deutschland kamen. Es stand außer Zweifel. doch während unsere Leute sich noch dafür einsetzten. nachgeben und den Söldner fallenlassen mußte. Organisationen und Geheimdienste bei ihren Unterwanderungsversuchen in den Ländern der dritten Welt machen konnten.

Im übrigen tat sich die DDR durch Waffenlieferungen erst im letzten Jahrzehnt ihres Bestehens hervor. die entweder über die Armee oder über eine regierungseigene Außenhandelsfirma des Bereichs Kommerzielle Koordination erfolgten. daß die Politiker der unabhängig gewordenen Staaten oder nach Unabhängigkeit strebenden Bewegungen letztlich ihre eigenen Ziele konsequent verfolgten. während es in den Ländern des »real existierenden Sozialismus« weder die ohnedies äußerst bescheidene parlamentarische Kontrolle gab. noch irgendwelche Medien.Gespenst des vorrückenden Kommunismus bedroht sahen. ob ihre Verfechter sich als Anhänger marxistischer Ideen. Einige spielten recht virtuos mit den Interessengegensätzen der Großmächte und zogen zeitweilig ihren Nutzen daraus. Regierungsabkommen regelten die Lieferungen. ergriffen sie beinahe zwangsläufig fast immer für die »falsche Seite« Partei. Das -370- . und so verhielt es sich auch in der Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten. geheime Operationen auf lange Sicht vor der Öffentlichkeit zu verbergen. und das waren betont afrikanische Ziele – ganz gleich. eines afrikanischen Sozialismus eigener Prägung oder westlicher Gesellschaftsmodelle bezeichneten. Ausgesprochen mühevoll war es. Das Beispiel unseres Engagements in Afrika zeigt. für die Seite der Unterdrücker und Diktatoren. Sicherlich fiel es den westlichen Diensten schwerer. im Südjemen auf Bitte der Revolutionsregierung einen Sicherheitsapparat aufzubauen. doch in der Regel in Übereinstimmung mit den USA und ihren Partnern. die in den USA oder der BRD existierte. Anders als in vielen Nahostländern wurden wir in Aden mit offenen Armen willkommen geheißen. Bei unserer Entscheidung ließen wir uns von der weltstrategische n Lage Adens leiten. die allein schon aus Sensationsgier über derartige Aktionen berichtet hätten. Die Bundesrepublik und ihr Geheimdienst operierten zwar vorsichtiger.

der UNITA unter Jonas Savimbi und der FNLA unter Holden Roberto sofort aus. brach die Rivalität zwischen den Befreiungsorganisationen MPLA unter Agostinho Neto. dessen zwei Staaten sich geheimdienstlich befehdeten. hinter dem Saudi-Arabien stand. der UdSSR und der DDR suchte. und deshalb beschränkten wir uns zuletzt auf Lieferungen technischer Hilfsgeräte und -371- . während die USA von Kinshasa. daß die an die Regierung gelangte MPLA mit Präsident Neto Rückhalt bei Kuba. In Mosambik unterstützten wir gemeinsam mit kubanischen und sowjetischen Beratern die Regierungspartei Frelimo gegen die Renamo-Rebellen. daß wir die Probleme des Südjemen am besten verstehen konnten. doch der Bürgerkrieg wurde unentwirrbar. Es war also nicht überraschend.Land war in einen unerbittlichen nachrichtendienstlichen Krieg mit dem Nordjemen verstrickt. aus die FNLA mit Geld und Waffen im mittlerweile geschürten Bürgerkrieg unterstützten. war man in Aden wohl der Meinung. Sechs Jahre lang investierte das Ministerium für Staatssicherheit beträchtliche Mittel in Ausbildung und Ausrüstung eines Sicherheitsdienstes. Als Angola für Ende 1975 die Unabhängigkeit zugesagt wurde. Machtkämpfe innerhalb der Regierung von Mosambik erschwerten uns eine effiziente Unterstützung im gleichen Maße wie die Uneinigkeit zwischen KGB und dem sowjetischen Militär über den richtigen Weg. der Hauptstadt Zaires. Netos Volksbewegung war marxistisch orientiert. Die Frage. die Konflikte zu reduzieren. Da meine Leute ebenfalls aus einem geteilten Land kamen. Auch im nachhinein kann ich den bescheidenen Beitrag me ines Nachrichtendienstes in Angola nicht kritikwürdig finden. richtet sich in erster Linie an die Adresse der USA. UNITA und FNLA waren prowestlich eingestellt. die von den Apartheidregimes Rhodesiens und Südafrikas finanziert wurden. ob der Kampf um politische Unabhängigkeit in Angola ohne Einmischung von außen nicht weniger blutig verlaufen wäre.

Unser glückloses Engagement wird in meiner Erinnerung immer vom tragischen Unfalltod Paul Markowskis und Werner Lamberz' begleitet sein. Es war nicht nur deshalb ein schwerer Schlag. Eritreas Autonomie zu respektieren. die den Wünschen der kubanischen und sowjetischen Verbündeten Folge leistete. Mitglied des Politbüros der SED. um Gaddafi als Vermittler in der Eritrea-Problematik zu gewinnen. die wirklich akzeptiert wurden. sondern weil sie zu den wenigen im Führungskern der DDR gezählt hatten. Die Zusammenarbeit mit dem äthiopischen Sicherheitsdienst bedeutete viel Arbeit und hohe Kosten für uns bei minimalem Einfluß und so gut wie keinem Einblick in das Tun der dortigen Sicherheitsorgane. Zu manchen eritreischen Organisationen unterhielten wir engere und bessere Beziehungen als zur äthiopischen Regierung in Addis Abeba. Leiter der außenpolitischen Abteilung des Zentralkomitees. All mein Sträuben gegen die zusätzliche Belastung für meinen Dienst hatte nichts gefruchtet. Mit der Eritrea-Politik und dem späteren Krieg gegen Somalia waren wir weder glücklich noch einverstanden. Dennoch mußten wir uns des öfteren fragen und fragen lassen. die sich strikt weigerte. von denen man sich -372- . Auf dem Rückflug stürzte der Hubschrauber ab. es war eine politische Entscheidung. Ich hörte die Nachricht beim Winterurlaub in den Bergen. weil ich den beiden freundschaftlich verbunden war. und diese Forderung mit einem mörderischen Feldzug beantwortete. und Markowski. Ähnlich erging es offenbar den Vertretern des KGB. Wie in den meisten Ländern Afrikas waren es einzig die Vertreter Kubas. was nicht zuletzt an ihrem unmittelbaren Kampfeinsatz gelegen haben dürfte.ausgemusterter NVA-Waffen. ob unsere Hilfe immer der richtigen Seite zugute kam. In Äthiopien beispielsweise hatte unser Land sich besonders stark engagiert. Lamberz. wenngleich ihr weit größeres wirtschaftliches und militärisches Engagement ihnen größere Autorität sicherte. waren 1973 nach Libyen geflogen.

Nachdrücklich führte ich Mielke vor Augen. Deshalb beschränkte der Kontakt sich auf den begrenzten Verkauf der gewünschten Technik. ein Krankenhaus auszustatten und in Ost-Berlin Treffen zwischen Vertretern der Mudschaheddin und Nadschibullah zu ermöglichen. die sie anderswo nicht kaufen konnten. darauf zu beschränken. als die KGB-Führung 1979 versuchte. die Ausrüstung eines Ausbildungszentrums und die Durchführung eines Lehrgangs für Personenschutz durch die entsprechende Hauptabteilung des MfS. wenn sich interessante Perspektiven ergeben hätten. und dort wurden sie mit einer Ausrüstung versehen. begannen schnell Gerüchte um seinen Tod zu sprießen. Die libysche Seite hat sich in Einzelfällen um bestimmte technische Ausrüstungsartikel bemüht. Ich habe mir deshalb Untersuchungsprotokolle über den Absturz verschafft. die wir leisteten. dies aber hatte Werner Lamberz ausdrücklich verlangt. In der Bundesrepublik wurden die libyschen Nachrichtendienstler ausgebildet. und wie in solchen Fällen üblich. Direkte nachrichtendienstliche Beziehungen zu Libyen haben wir zu keinem Zeitpunkt unterhalten. Da Lamberz verschiedentlich als potentieller Nachfolger Honeckers im Gespräch gewesen war. daß wir dort nichts zu gewinnen hatten. daß der Pilot für Nachtflüge nicht qualifiziert war und den Rückflug in der Dunkelheit nicht hätte antreten dürfen. wurde die HVA bei den Verhandlungen als Vermittler eingesetzt. -373- . der Gaddafis Leibwächtern zugute kam. die Hilfe. Mit aller gebotenen Diplomatie gelang es uns. mehr Mitarbeiter meines Dienstes nach Afghanistan zu entsenden.Bereitschaft zu Reformen erhoffen konnte. uns dazu zu bringen. aber Libyen war durch seine westdeutschen Partner bereits bestens versorgt und zufrieden. Gewiß wäre mein Dienst aktiv geworden. Alle Berichte gelangen zu dem Schluß. Anders als im Fall unseres erfolglosen Wirkens in Äthiopien konnte ich mich mit meiner Ablehnung durchsetzen.

Unter den nach dem Zweiten Weltkrieg vom Kolonialismus befreiten Völkern waren sie als einzige von einer eigenständigen nationalen Entwicklung -374- . Ende der 70er Jahre richtete Joe Slovo. der Führer der südafrikanischen KP. Honecker stimmte zu. daß wir eine kleine Gruppe von ANC-Mitarbeitern für die Spionageabwehr ausbildeten. und von da an bildeten wir zwei. seinen linken Flügel zu stärken.Das Engagement der DDR und meines Dienstes für Befreiungsbewegungen wie die SWAPO in Namibia oder den ANC in Südafrika wird im nachhinein gewiß von niemandem beanstandet.bis dreimal im Jahr ein knappes Dutzend Südafrikaner darin aus. ohne die Gefahr einer Spaltung innerhalb der Bewegung heraufzubeschwören. doch damals. wie man Doppelagenten auf die Schliche kommt. wie die Beziehungen zu den Sicherheits. geschah es auch mit unserem Kontakt zur PLO. So. Die Kontakte zu arabischen Staaten und zu palästinensischen Organisationen. daß Spitzel der südafrikanischen Regierung in den ANC eindringen könnten. die Gegenseite desinformiert. galten sie in den Augen vieler als terroristische Vereinigungen – so wie es der PLO heute noch oftmals widerfährt. an das Zentralkomitee der SED die Bitte. versuchen westliche Medien bis heute fast unisono meinem Dienst und mir als Unterstüzung des internationalen Terrorismus anzulasten. Wir unterstützten den ANC in seinem Kampf gegen die Apartheid.und Nachrichtendiensten afrikanischer und arabischer Staaten auf der Grundlage politischer Entscheidungen. daß die Palästinenser für ihre rechtmäßigen Interessen eintraten. als diese Bewegungen den bewaffneten Kampf führten. ohne das eigene Wissen zu verraten. und sie infiltriert. Wie unsere politische Führung waren auch wir in der HVA der Ansicht. wenngleich wir dabei diskret bemüht waren. staatlicher Verträge und Vereinbarungen zustande kamen. er befürchtete. besonders zu Jassir Arafats PLO. ohne daß man sie entdeckte.

Eine spätere Analyse des Blutbads brachte den deutschen Behörden scharfe Kritik ein. wie schnell Terrorkommandos die Gewalt in jedes xbeliebige Land transportieren können. Wenige Monate zuvor. als die PLO gerade von der Arabischen Liga als einziger Repräsentant des palästinensischen Volkes anerkannt worden war und in der Uno-Vollversammlung den Beobachterstatus zuerkannt bekommen hatte. dem Leiter der radikaleren Volksfront für die Befreiung Palästinas. zwei Sportler getötet und neun weitere als Geiseln genommen. Unter der Leitung des damaligen Innenministers Genscher wurde die Befreiungsaktion auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck so dilettantisch geplant und durchgeführt. hatte ein Kommando der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September bei den Olympischen Spielen in München das Quartier der israelischen Olympiamannschaft überfallen. daß solche Aktionen künftig unterlassen würden. Bei allen weiteren -375- . Arafat hatte während eines Besuchs in Ost-Berlin im Gespräch mit Honecker den Wunsch danach geäußert. Kurz darauf nahm die DDR diplomatische Beziehungen zur PLO auf. aber auch uns mit aller Deutlichkeit bewußt. und mein Vertreter traf sich daraufhin mit ihm in Moskau. Widerstreitende Interessen hatten die Entstehung eines Staates Palästina zu verhindern gewußt. ein Polizist und alle neun Geiseln getötet wurden. Bei den Gesprächen mit Arafat in Moskau verurteilte unser Vertreter den Anschlag in München und machte einen Kontakt unseres Dienstes zum Sicherheitsdienst der PLO von der Bedingung abhängig. daß fünf Geiselnehmer. Das war zu jener Zeit. doch der erste offizielle Kontakt ergab sich Ende 1972 oder Anfang 1973.ausgeschlossen worden. 1969 hatte der Resident unseres Dienstes in Kairo inoffizielle Kontakte zu Arafat aufgenommen und zu Georges Habasch. im August 1972. Der Überfall im olympischen Dorf machte erstmals der Bundesrepublik. Arafat war dazu bereit und benannte Abu Ayad als seinen Beauftragten für Sicherheitsfragen.

und Abu Ayad und andere Gesprächspartner sagten dies zu. in die militärischen Stäbe der Nato und in die Zentren von Rüstungsforschung und -produktion besäßen. ihre Waffensysteme und geheimdienstlichen Aktivitäten. Informationen über die USA und ihre Verbündeten zu erhalten. Nach Aufnahme direkter Beziehungen zur PLOSicherheit wurde bald sichtbar. über ihre strategischen Pläne. daß sie aber zugleich ebenso die gesicherte Existenz und Entwicklung des Staates Israel bei internationalen Garantien für eine Friedensregelung befürwortete. Wir wiederum waren bemüht. Abu Ayad und andere deuteten häufig an. Ausrüstungen für den bewaffneten Kampf zu bestellen. daß die PLO auf Terroraktionen in Europa verzichtete. konzentrierte sich ihr Interesse auf die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und darauf. daß sie Verbindungen bis in höchste USRegierungskreise. In allen Gesprächen ließen unsere Leute keinen Zweifel daran. daß die Übereinstimmung in politischen Grundfragen deutliche Grenzen hatte.Kontakten stellten wir immer die Bedingung. Die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der PLO war von unterschiedlichen Interessen bestimmt. Tatsächlich erhielten wir nützliche Informationen über Interna. daß von uns keine Beteiligung an Anschlägen gegen Israel und keine Geheiminformationen über Israel zu erwarten waren. so über die Vorbereitung und den -376- . und aufgrund ihrer weltweiten Beziehungen erschien uns das nicht unwahrscheinlich. Den Umgang erschwerte zudem der manifeste oder latente Antikommunismus vieler Mitarbeiter im Sicherheitsapparat der PLO. jede Seite suchte ihren Vorteil. daß die DDR zwar für den Rückzug der Israelis aus den seit 1967 besetzten Gebieten und für das Recht der Palästinenser auf Selbstbestimmung eintrat. Die Anerkennung der staatlichen Existenz Israels aber war Anfang der 70er Jahre für die meisten Palästinenserführer ein rotes Tuch. Da den Palästinensern sehr bald klar wurde.

Angesichts der grausam ausgetragenen Bürgerkriege an allen Ecken und Enden der Welt sind die Bilder des Grauens jener Tage im Libanon längst vergessen. Wertvoll für uns waren die Kenntnisse der Palästinenser in allem.Inhalt des Camp-David-Vertrags zwischen Israel und Ägypten. Amerikanische und israelische Publikationen reduzieren die Kontakte nicht nur meines Dienstes. zu welcher Feuerhölle der Dauerbeschuß der Israelis Beirut in jenen Tagen gemacht hatte. Als Beirut von den israelischen Truppen bereits in Schutt und Trümmer gebombt war. während unsere Offiziere als einzige über funktionierende Funkgeräte und eine offene Verbindung zur PLO verfügten. hatte Moskau zeitweilig keine Verbindung zu seiner Botschaft und den KGB-Mitarbeitern. weil sie -377- . Über unsere Residenten in arabischen Staaten unterhielten wir einen regelmäßigen Nachrichtenaustausch mit Abu Ayads Dienst. Sie trafen sich unter Beschuß und Bombardements mit ihren Partnern. und viele engagierten sich danach in der israelischen Friedensbewegung. Auf diesem Weg bekamen wir einen guten Einblick in die Geheimdienstaktivitäten von CIA. Als ich unsere Offiziere später für ihren Einsatz auszeichnete. gegen die Zivilbevölkerung einzuschreiten. schilderten sie mir. BND und anderen westlichen Diensten in diesem Raum. doch damals standen sogar israelische Soldaten angesichts der Massaker in den Lagern Sabra und Schatila unter Schock. Eine unerwartete Bedeutung erhielt unsere bescheidene Präsenz im Vorderen Orient während der dramatischen Ereignisse 1982 im Libanon. die unsere eigenen Bemühungen weit in den Schatten stellten. manche weigerten sich. sondern auch anderer Abteilungen der Staatssicherheit zur PLO ausschließlich auf eine Unterstützung des palästinensischen Terrorismus. was mit dem Krisenherd Nahost zusammenhing. doch insgesamt wurden unsere Erwartungen ebensowenig erfüllt wie die der PLO.

Mai 1979 aus der Abteilung XXII des MfS. mit bürgerlichem Namen Ramirez Illich Sanchez.« Die spätere Hauptabteilung XXII des MfS war eine Abwehr im kleinen. der 1977 in Frankreich festgenommen und abgeschoben -378- . Dieses Dokument wird immer wieder als Beweis für unsere Verstrickung in terroristische Aktivitäten zitiert. daß ich Terrorakte verurteile und einen großen Unterschied zwischen solchen Aktionen und einem gerechten Befreiungskampf sehe. Nicht nur ich habe nie ein Hehl daraus gemacht. daß sie Kontakte zur ETA. hielt sich unter falschem Namen mit einem Diplomatenpaß der VDRJ als Gast der Botschaft des Südjemen zwischen 1979 und 1982. sondern einem anderen Stellvertreter Mielkes. der Antiterrorabteilung. daß die Abteilung XXII einzelnen Personen den Aufenthalt in der DDR unter falscher Identität zu Ausbildungszwecken oder zum Untertauchen ermöglichte. Führungsmitglied der Fatah. über die nicht einmal zwei Dutzend Mitarbeiter der Abteilung selbst informiert waren. Diese Kontakte bestanden meist darin. die im übrigen nicht mir unterstand. denn sie lautet: »Derartige Aktivitäten vom Territorium der DDR aus schaffen politische Gefahren und beeinträchtigen unsere staatlichen Sicherheitsinteressen. Abu Daud. zu den radikaleren Palästinenserflügeln wie Habaschs Volksfront oder Abu Nidais Gruppe und zu dem international gefürchteten Terroristen Carlos unterhielt – Kontakte. beschäftigt sich mit möglichen Gewaltakten palästinensischer Extremisten und anderer Terroristen und deren Bedeutung für die DDR. mehrmals in Ost-Berlin auf. Ein Dokument vom 8. Carlos. doch dann wuchs sie innerhalb weniger Jahre beträchtlich. zur IRA. doch die Prämisse des Dokuments wird dabei verschwiegen.die PLO ausschließlich als terroristische Vereinigung betrachten. Bis Ende der 70er Jahre hatte sie ein Schattendasein geführt. Aus den Unterlagen der Abteilung weiß man heute.

es gab ein Todesopfer und dreiundzwanzig Verletzte. doch dort hatte man sich offenbar zu keinem Vorgehen entschließen können. die der Abteilung XXII keine Unbekannten waren.worden war. Mai 1979 mit dem Titel »Aktivitäten von Vertretern der palästinensischen Befreiungsbewegung in Verbindung mit internationalen Terroristen zur Einbeziehung der DDR bei der Vorbereitung von Gewaltakten in Ländern Westeuropas« enthielt eine deutliche Warnung. Libysche Täter wurden verdächtigt. Doch entweder unterschätzte die Abteilung XXII mitsamt Minister Mielke die Gefahr. Üblicherweise reisten Gäste aus dem Nahen Osten schwerbewaffnet. Die Grenzposten hatten das sofort dem MfS gemeldet. August 1983 detonierte eine Sprengstoffladung im West-Berliner französischen Konsulat Maison de France. Im Fall des La-Belle-Attentats stellte sich heraus. bestand darin. -379- . Das Papier vom 8. Unsere schlimmsten Befürchtungen waren übertroffen worden. tauchte ebenfalls kurzzeitig in der DDR unter. Die Organisation um »Carlos« hatte auf diesem Weg versucht. das Treiben verdächtiger Staatsgäste mit Diplomatenpaß zu kontrollieren. obwohl Hinweise auf geplante Attentate libyscher Gruppen vorlagen. daß libysche Diplomaten. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Am 25. in Frankreich inhaftierte Mitglieder freizupressen. die den Sprengstoff von Ost-Berlin aus eingeschmuggelt haben sollten. ihr Gepäck genauestens zu untersuchen. oder die beargwöhnten Gäste waren aus dem Ruder gelaufen und entzogen sich immer mehr der Überwachung. Sprengstoff in ihrem Gepäck mitgeführt hatten. April 1986 kam es zu drei Toten und mehr als zweihundert Verletzten. Aktiven Terroristen Unterschlupf zu gewähren. Beim Sprengstoffanschlag auf die West-Berliner Diskothek La Belle am 5. das war nicht weniger gefährlich als mit offenem Feuer in der Nähe von Benzin zu hantieren. Eine der wenigen Möglichkeiten für das MfS.

obwohl strengste Sicherheitsvorkehrungen vorgeschrieben waren. weil sie davon überzeugt waren. damals Angestellter der Botschaft Libyens in Ost-Berlin. sondern auch Bilder jener historischen Augenblicke. Nur einen Tag nach dem Attentat auf die Diskothek verkündete Präsident Reagan. daß eine bessere und gerechtere Welt möglich ist. Che Guevara. und es für ihre Pflicht hielten. Doch nicht nur Bilder der Trauer erinnern uns an sie. Auf jeden Fall ließ Reagan zwei Tage nach seiner Ansprache die US-Luftwaffe massive Vergeltungsangriffe gegen Ziele in Tripolis und Bengasi fliegen. Peres und -380- . Patrice Lumumba. hatte ungehindert mehrfach zwischen Ost. die USA seien im Besitz eindeutiger Beweise für die Täterschaft. die sie mitgestaltet haben: das Bild des Händedrucks zwischen Arafat.Interessant ist die Frage. Dutzende von Todesopfern und Hunderte Verletzte waren das Ergebnis. was vor nicht allzu langer Zeit schier unmöglich schien. Jassir Chraidi. Einhundertsechzig Bomber warfen über sechzig Tonnen Sprengstoff ab.und West-Berlin hin und her reisen können. Wenn ich im Rückblick unser Engagement in der dritten Welt und unsere Kontakte zu kämpferischen Freiheitsbewegungen wie der PLO. dem ANC oder der SWAPO betrachte. Angesichts solcher Vergeltungsschläge fragt man sich. Gewiß war manches Opfer zu schwer. am Entstehen dieser Welt mitzuwirken. mancher oft nur vermeintliche Fortschritt zu teuer erkauft – doch ebenso wurde der Boden für manches bereitet. dann ist mein Eindruck zwiespältig. wie früh die Amerikaner über die libyschen Pläne informiert waren und ob sie den Anschlag hätten verhindern können. was vom Nahen Osten ausgeht. Chraidi habe sich im Geheimauftrag der USA in die libysche Terroristengruppe eingeschlichen. einer der Haupttäter. Salvador Allende und zuletzt Yitzhak Rabin haben ihr Leben gegeben. PLO-Quellen wiederum haben durchsickern lassen. nur Gaddafi blieb unverletzt. ob der Begriff Staatsterrorismus nur auf das zutreffen soll.

-381- . und das Bild eines strahlenden Nelson Mandela. der zum ersten schwarzen Präsidenten der Republik Südafrika gewählt wurde. mit dem der Frieden im Nahen Osten plötzlich greifbar wurde.Rabin vor dem Weißen Haus.

doch Mitte der 60er Jahre waren die Kubaner so blutige Anfänger wie mein eigener Dienst zehn Jahre zuvor. und das Ziel meiner Reise war Kuba. um Fidel Castros Regierung dabei zu beraten. sowohl rein geographisch als auch im übertragenen Sinn. Es war im Januar 1965. wo der Nonstop-Weiterflug nach Havanna angetreten werden sollte. um uns mit dem KGB-Vorsitzenden Wladimir Semitschastny und Alexander Sacharowskij. wir sollten nicht in Nato-Staaten landen. Wir nutzten den Zwischenaufenthalt. Dennoch wollte es der Zufall. Für meinen Dienst aber war und blieb die Bundesrepublik das wichtigste Operationsgebiet. Am Abend starteten wir mit einer viermotorigen Turboprop-382- . Die normale Route von Berlin über Prag mit Zwischenlandungen in Schottland und Kanada verwarf Mielke. In Moskau landeten wir bei klirrender Kälte. als ich mit zwei Begleitern nach Havanna flog. einen effizienten Sicherheitsdienst aufzubauen. Nicaragua und die Sowjetunion waren die USA der »Hauptgegner« – ein Terminus. das Thermometer war unter dreißig Grad gefallen. In späteren Zeiten galt der kubanische Geheimdienst zu Recht als hochgradig professionell. der auf Konferenzen sozialistischer Nachrichtendienste offiziell verwendet wurde. dem Leiter der Auslandsaufklärung. zu treffen und uns über den Stand ihrer Beziehungen zum kubanischen Innenministerium und über Anzahl und Wirken ihrer auf Kuba tätigen Verbindungsoffiziere zu informieren. daß ich den Boden des amerikanischen Kontinents zum erstenmal ausgerechnet in New York betrat. Für Kuba.16. Fünf Jahre waren seit dem Sturz der Diktatur Batistas und dem Sieg der Revolutionäre vergangen. Also ging es nach Moskau. Der ferne Kontinent Während meiner gesamten Dienstzeit blieb der amerikanische Kontinent für mich in weiter Ferne.

Als wir das Schauspiel des Übergangs der Nacht in den herannahenden Tag erlebten. als unser Flugzeug an Höhe verlor. Was war geschehen? Den Mitreisenden war anzusehen.-Kennedy-Flughafens auf. offenbar diplomatische Kuriere. Weiter geschah zunächst nichts. Wir tauchten steil nach unten. doch schon setzte der Pilot die Maschine vorbildlich auf die unmittelbar am Wasser gelegene Landebahn des John-F. War uns etwa doch der Treibstoff ausgegangen? Hatte das Flugzeug einen Defekt? Hatte ein Teil der Crew spontan beschlossen. Ich rasierte mich gerade. daß alle die gleiche stumme Frage beschäftigte. Als die Triebwerke verstummten. Weitere Stunden vergingen. Die einzigen Ausländer außer uns. Plötzlich tauchte vor dem Bordfenster die Silhouette Manhattans auf. saßen direkt vor uns. das um sie herum gestapelt war. dem leistungsstärksten Flugzeug der Aeroflot. als ich bemerkte. Gleich mußten wir ins Meer stürzen. vermutlich KGB-Mitarbeiterin. um Gewicht zu sparen. Nach meiner Berechnung mußten wir uns kurz vor Kuba befinden. Einer hatte eine Tasche an sein Handgelenk gekettet. deutlich war die Gischt hoher Wellen zu erkennen. zwei Chinesen. Eine Stewardeß. und beide bewachten mit Argusaugen ihr übriges Gepäck.Maschine vom Typ AN-124. sein Heil im freien Westen zu suchen? Ein Lotsenfahrzeug dirigierte die Maschine zu einer abgelegenen Stelle des Flughafens. Die meisten Insassen des vorderen Salons waren sowjetische Seeleute oder Experten mit Ehefrauen. die Sitzreihen waren abmontiert. kam die kanadische Küste in Sicht. kümmerte sich vorrangig um uns. Der hintere Teil des Flugzeugs war völlig leer. Die von Turbulenzen geschüttelte Maschine sank immer tiefer. -383- . brausten Polizeifahrzeuge mit blinkendem Rotlicht und heulenden Sirenen heran und gingen rund um uns in Stellung. daß die Sonne auf der »falschen« Seite aufging. manche auch mit Kindern. damit der Treibstoff auch wirklich bis Havanna reichte.

Auch mein Halbbruder Lukas mußte irgendwo in der Nähe von New York wohnen. sie durchzulassen. Aber die Realität meldete sich bald genug zurück. versuchten sie die Polizisten dazu zu bringen. Inzwischen war eine ganze Kohorte Journalisten aufgetaucht. wenn ich als ganz normaler Passagier gekommen wäre? Was würde ich jetzt unternehmen? Könnte ich den Jugendfreund George Fischer ausfindig machen oder Leonhard Mins. da die DDR von den USA nicht anerkannt war. Mit Gesten forderten sie uns auf. Wir malten uns Mielkes Mimik und seine Reaktionen aus. Vorsorglich schob ich die schmale Tasche mit den Unterlagen. Hinter den Hangars sah ich den am Flughafen vorbeiführenden Highway mit seinem allmählich anschwellenden Strom von Fahrzeugen.Stunden ungewissen Wartens vergingen. Mit dem Auftritt der Presse kehrte unser Humor zurück – in solchen Situationen ein unverzichtbarer Begleiter. als er in Frankreich in Le Vernet interniert gewesen war. wenn er erfuhr. den Freund der Eltern aus der Moskauer Vorkriegszeit? Über Mins hatte mein Vater zu uns Verbindung gehalten. die unsere tatsächliche Identität verraten konnten. Für einen Augenblick überließ ich mich dem Träumen: Was wäre. um den KGB-Partnern mit Fragen und Vorschlägen den Nerv zu rauben. Sicher w ürde er zum Hörer eines seiner unzähligen Sondertelefone greifen und in Moskau anrufen. Wir besaßen Diplomatenpässe. hatte seit der Kubakrise 1962 kein sowjetisches Schiff oder Flugzeug einen amerikanischen Hafen aufgesucht. wenigstens in die amerikanische Freiheit zu winken. Wild gestikulierend. der im Gang neben uns stand. Wie ich später erfuhr. doch die nützten uns wenig. einige hatten sogar wie im Film den Presseausweis am Hut stecken. Ich ging im -384- . und deshalb lieferte unsere AN-124 eine kleine Sensation. daß sein Geheimdienstchef samt Geheimnisträgern auf dem Boden des »Erzfeindes« gelandet waren. unter die Matratze eines Kinderwagens.

Er behauptete. wegen ungewöhnlich starkem Gegenwind sei uns der Treibstoff ausgegangen. der Kenntnis über amerikanische Objekte besaß. und die Passagiere zitterten in ihrer Tropenkleidung bald wie Espenlaub. Das Thermometer sank auf minus fünfzehn Grad. Er stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und deutete auf die Sitzreihe vor uns. Stunden waren vergangen. Seit der Kubakrise hatten die Amerikaner die Sanktion erlassen. übergewechselt war. Inzwischen wurde es im Flugzeug ausgesprochen ungemütlich. Sollten wir ihnen als Geste des proletarischen Internationalismus Hilfe anbieten? Wir warteten lieber ab. mich hier zu identifizieren. unser Flugzeug auftanken zu lassen. als der sowjetische Konsul mit einem Campingbeutel voller Thermosflaschen auftauchte. als -385- . Die Heizung war abgeschaltet.Kopf einige nachrichtendienstliche Aktivitäten durch. Mein Sitznachbar unterbrach diese Grübeleien. Um zu lüften. die mir zur Last gelegt werden konnten. den Inhalt wahrscheinlich wichtige Papiere – möglichst unauffällig zu verzehren. daß keine Flugzeuge der UdSSR oder ihrer Verbündeten mit Destination Kuba in den USA landen oder tanken durften. blies der Pilot Winterluft in die Kabine. und erklärte. Der Hauch des kalten Krieges war noch um einige Grade frostiger als die New Yorker Winterluft. Die beiden Chinesen hatten ihre Kuriertasche geöffnet und mühten sich damit ab. Achtzehn Stunden waren seit unserem Abflug vergangen. Außer beruhigenden Worten konnte er uns nur die Nachricht bieten. Kauen und Schlucken waren ihnen als einzige Waffen im Kampf gegen die vom Klassenfeind drohende Gefahr geblieben. Eingeschleust hatten wir noch niemanden. Zu jener Zeit waren wir damit beschäftigt. sollte es gelingen. weil vor wenigen Jahren ein Mitarbeiter unserer Zentrale. er bemühe sich um eine Sondergenehmigung. daß Moskau mit Washington verhandle. die ersten Agenten mit fa lschen Papieren für die Übersiedlung in die USA vorzubereiten.

Washington habe den Weiterflug genehmigt. konnte ich einen der beiden beim Hantieren am Waschbecken beobachten. In wilder Fahrt ging es durch das abendliche Havanna. von denen sich einige am großen Vorsitzenden Mao orientierten. Meine Begleiter und ich wurden jedoch umgehend zu einem Empfangskomitee gebeten. Wir wurden in einer Villa einquartiert. Am frühen Abend startete unsere AN-124. Als die Tür für einen Augenblick offenstand. dessen Kern und Villenviertel die imponierende Ausstrahlung einer modernen Metropole hatten. Leider konnte ich die gute Nachricht den beiden Chinesen nicht vermitteln. der uns schon durch seinen -386- . als rücke er den auf weiße Seide geschriebenen Nachrichten mit Seife zu Leibe. Den Kubanern waren die beiden US-Offiziere nicht avisiert worden. Abwechselnd suchten sie die Toilette auf. die vor der Revolution einem Millionär gehört haben mußte. allerdings unter der Bedingung. Die Aufnahmekapazität ihrer Mägen war inzwischen erschöpft. Es sah aus. das uns mit Blumen und wortreicher Freundlichkeit begrüßte. Viel hatte ich nicht gesehen: ein Stück New York aus der Luft und den Highway neben dem Flughafen. und jetzt ging es darum. Unser ständiger Begleiter und Dolmetscher. dort machten unsere Betreuer uns mit dem Programm für die nächsten Tage bekannt. ob Passagiere und Besatzung überhaupt das Flugzeug verlassen durften oder nach Moskau zurückfliegen mußten. als wir auf dem Flughafen Jose Marti in Havanna landeten. Das war mein erster Aufenthalt auf dem amerikanischen Kontinent. um sich der Post auf andere Weise zu entledigen. daß zwei Offiziere der Air Force als Lotsen an Bord kämen. Die anderen mußten weiter warten.die Stewardeß mir zuflüsterte. Nun. Vielleicht waren sie für Guerillagruppen in Lateinamerika bestimmt gewesen. Wieder durften wir nicht aussteigen. darunter die beiden Märtyrer der rotchinesischen Sache. diesmal mußten sie ihre Instruktionen verbal entgegennehmen. Es war schon dunkel.

wo wir uns befanden: keine neunzig Meilen von der Küste des mächtigsten Staates der »anderen Welt« entfernt. Alle Schönheit Kubas aber konnte uns nicht vergessen machen. In den Mauern waren noch die Einschläge der Kugeln zu sehen. stellte sich als Umberto vor und erklärte. Obwohl wir vor Müdigkeit fast umfielen. Am Tag nach unserer Ankunft standen wir auf der Aussichtsplattform des monumentalen Denkmals für Jose Marti. doch dem Zauber der Natur auf dieser wunderschönen Insel konnten wir uns nicht verschließen: den wechselnden Farben des Himmels vom zarten Gelb und Rosa am Morgen über das strahlende Blau des Tages bis zum samtenen Schwarz der Nacht. den unvorstellbaren Farbschattierungen des Meeres. Um unsere Sicherheit brauchten wir uns wirklich keine Sorgen zu machen. den -387- . in dessen Wellen wir uns bei jeder Gelegenheit stürzten. dieser sei der beste pistolero ganz Kubas. Er präsentierte uns den Fahrer Enrico mit der Bemerkung. für die sei unablässig und zuverlässig gesorgt. daß er auf Weisung des Ministers für die Erfüllung all unserer Wünsche zuständig sei. von wo aus man mit bloßem Auge die Kriegsschiffe der USMarine erkennen konnte. Vo r nicht einmal zehn Jahren war Fidel Castro mit seinen zweiundachtzig Kampfgefährten vom Motorkutter Granma am Strand von Las Colorados in der Provinz Oriente gelandet.korrekten Anzug mit weißem Hemd und Krawatte aufgefallen war. Wir waren nicht als Touristen gekommen. Die betörende Luft. denen Wassertemperaturen von siebenundzwanzig Grad Celsius viel zu niedrig waren. bestaunt von den Kubanern. Die Erhebung gegen das Batista-Regime war noch nicht lange her. machten wir nach dem Essen noch einen kleinen Gang durch den Garten. sagte er ganz ernsthaft. die üppige Vegetation und die nur durch das Zirpen der Grillen unterbrochene Stille ließen den Berliner Winter und die klirrende Kälte Moskaus fast vergessen.

das ganze Ausmaß dieser monströsen Geheimaktion gegen Kuba zu enthü llen. und Kennedy verlangte vom seinerzeitigen CIA-Direktor Richard Helms höchste Priorität für den -388- . sie könne die Mechanismen ihrer erfolgreichen Blitzoperation PB Success. und sie konnten sich offensichtlich auch nicht vorstellen. Obwohl beim Bekanntwerden der CIA-Invasionspläne Machenschaften wie der Mord an Patrice Lumumba und die amerikanische Intervention gegen die rechtmäßige Regierung Guatemalas noch in frischer Erinnerung waren. nachdem sie etwas ähnliches ein Jahr zuvor im Iran unter der Bezeichnung AJAX erprobt hatte. Der große Irrtum der CIA. als ein Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats die CIA zwang. die sie 1954 gegen Guatemala durchgeführt hatte. die das Unternehmen Schweinebucht im Jahr 1961 zu verantworten hatte. so irrwitzig waren die Einzelheiten. die Castro beseitigen sollten. Einzelheiten über die Operation Zapata und Kennedys Bedenken. die Exilkubaner. Bomber einzusetzen. Auf der Fahrt durch die Zapata-Sümpfe und entlang der Schweinebucht erinnerten alle paar Kilometer schlichte Zeichen an die erbitterten Kämpfe gegen die Contras. das Invasionsvorhaben gegen Kuba zu glauben. erfuhr ich erst später. an einer Stelle sogar das Wrack eines abgeschossenen B-26Bombers. daß Fidel Castros Befreiungsbewegung von der überwältigenden Mehrheit der Kubaner unterstützt wurde.wir nun besichtigten. Auch nach Playa Girón fuhr man uns. Selbst nach dem Desaster in der Schweinebucht hielt die CIA an ihren Kontakten zu führenden Mafiabossen wie Sam Giancana aus Chicago fest. daß die Kubaner aus den früheren CIAAktionen ihre Lehren gezogen hatten. Allen Dulles und seine Leute hatten einfach nicht zur Kenntnis genommen. fiel es der Öffentlichkeit schwer. ohne weiteres auf Kuba übertragen. bestand in der Illusion. weil er ein »zweites Ungarn« vermeiden wollte.

die man mir in Moskau genannt hatte. dann mußte ich zuerst meine kubanischen Betreuer nach allen Regeln der Konspiration abschütteln. als ich ihm behutsam klarmachen mußte. die den Marsch in die Sierra Maestra und die Kämpfe in den Bergen überlebt hatten. und Manuel Pineiro. Unsere Gespräche drehten sich bald im Kreis. Ich bekam sie auch bei keiner geselligen Zusammenkunft zu sehen. den Bärtigen. Erst in späteren Jahren änderte sich das. Ramiro Valdez wirkte wenig staatsmännisch und eher wie ein leichtfertiger Draufgänger. die über den neuesten Stand der Abhörtechnik berichteten. Ich erinnere mich einer waghalsigen Autofahrt in einem riesigen Cadillac. der damalige Innenminister. Castros Tod oder zumindest sein Sturz war verbindlich für Oktober 1962 vorgesehen. Miniatursender und dergleichen mehr. vom State Department und der CIA gemeinsam beaufsichtigt. waren auf verschiedene Weise eigenwillige und faszinierende Persönlichkeiten. seinen Dienst technisch zu unterstützen. -389- . und groß war seine Enttäuschung. Die Anwesenheit sowjetischer Berater erwähnte Valdez mit keiner Silbe – fast so. als ob sie nicht existierten. Ramiro Valdez. Fidel Castros Bruder Raul. Seinen Schreibtisch übersäten Kataloge und Fachzeitschriften. während er bei Rot über die Kreuzungen raste. über Fernsteuerungen und leistungsstarke Mikrofone. vor allem aber für unsere Möglichkeiten. Wollte ich mich mit einem der sowjetischen Vertreter treffen. Sein Glaube an die Technik und an die unerschöpflichen Geldquellen der DDR war grenzenlos. daß die Sowjetunion der Ansprechpartner für seine extravaganten Wünsche war. Meine Gesprächspartner gehörten zu den barbudos. der Chef des Aufklärungsdienstes.Mordplan. und Robert Kennedy scheint die Oberleitung innegehabt zu haben. Das Projekt wurde von Beratern des Präsidenten. bei der er am Steuer locker mit mir plauderte. Er interessierte sich für unsere Erfahrungen.

Comandante Pineiro. er könne mit einer Handvoll verwegener Kämpfer in Bolivien wiederholen. merkte ich schnell.Die Kommunistische Partei war damals noch im Aufbau. wegen seines roten Bartes barba roja genannt. daß ich bei meinem ersten Besuch im Januar 1965 Che nicht zu Gesicht bekommen hatte und sein Name kein einziges Mal gefallen war. Bei Fahrten ins Land versuchte ich stets. Offenbar hatte das Einlenken der Sowjets. Wenn ich mich dann mit Raul Castro oder Ramiro Valdez unterhielt. dennoch verständigten wir uns glänzend. sich zu befreien. was er wissen wollte. das man in Havanna gezeichnet hatte. das wir mit Dritten gewechselt hatten. Doch dabei hatte er den Unterschied zwischen der Entschlossenheit der Kubaner. Meist sprachen sie die Meinungsäußerungen so direkt und ungeniert an. und zur Enttäuschung hatte sich wohl die Illusion gesellt. daß man ihnen nicht ernstlich böse sein konnte. das Bild zu vervollständigen. Für meinen Bruder Konrad und mich war Che wie für so viele in Ost und West seit seiner Ermordung 1967 ein Idol gewesen. sprach aber nicht besser Englisch als ich. Widersprüche und Kritik waren nicht zu überhören. Da wurde mir erstmals bewußt. was in Kuba gelungen war. kolportiert hatte. Nie war er um einen Scherz verlegen. Neben seinem Humor und seiner Lässigkeit hatte er eine erfrischend respektlose Art. und der leidgewohnten Lethargie und Zerrissenheit der bolivianischen Bevölkerung außer acht gelassen. Jahre später erfuhr ich von ihm. ihn tief enttäuscht. Tamara Bunke in jenen Tagen auf Kuba gesehen -390- . über den zur Legende stilisierten Befreiungskampf und über Fidel Castro zu sprechen. daß unser ständiger Begleiter ihnen jedes Wort. Ich erinnerte mich. und vielerorts stießen wir auf ihre sehr unterschiedlichen Vorläufer. war mit einer Amerikanerin verheiratet. und mit seinen listigen Fragen erfuhr er fast immer. als sie ihre Raketenbasen abbauten. um die Kubakrise zu beenden. warum Che Guevara 1966 als Guerillakämpfer nach Bolivien gegangen war.

nahm er sich bei jedem meiner Besuche Zeit für ein Gespräch mit mir. Die gewaltige Volksversammlung im Zentrum dieser Stadt. und Fidel nannte ihn den Preußen unter den Kubanern. beeindruckte mich außerordentlich. sondern am auffälligsten dadurch. sich mit ihrer ganz eigenen -391- . so auch bei meinem Aufenthalt im Jahr 1985. die später mit Che Guevara in Bolivien den Tod fand. Wie im Kuba der 60er Jahre hatte man in Nicaragua den Eindruck. Die Sandinisten hatten es in den Jahren seit dem Sturz Somozas verstanden. Militärtheorie und den Erfahrungen anderer revolutionärer Bewegungen befaßt. ließ er sich keine betonte Distanz zur Sowjetunion oder Enttäuschung über sie anmerken. Seine Landsleute zogen ihn mit seiner Pünktlichkeit auf. doch alle waren voller Begeisterung gekommen. Nicaraguas Innenminister Tomás Borge hatte mich zum sechsten Jahrestag der Sandinistischen Revolution nach Managua eingeladen. die durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört war. daß man sich bei ihm darauf verlassen konnte. als ich gerade aus Nicaragua zurückkehrte. Viele der Teilnehmer hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich. Obwohl der Nachrichtendienst nicht unter seine Zuständigkeit fiel. eine junge Frau aus der DDR. Von den anderen Comandantes unterschied er sich nicht nur durch den schmalen Lippenbart. Bei jedem meiner Besuche konnte ich mich von seiner Autorität und seinen Führungsqualitäten überzeugen. gebildeter und staatsmännischer. Anders als seine emotionaleren Kollegen. einen Film über Tamara Bunke zu machen. daß das Volk fast einhe llig die Revolution unterstützte. weil es kaum Benzin gab. daß er verabredete Termine einhielt. um ihre Comandantes hochleben zu lassen.zu haben. Im mexikanischen Asyl h atte er sich am gründlichsten mit marxistischer Theorie. Mein Bruder Konrad trug sich lange mit den Gedanken. Neben Valdez und Pine iro wirkte Raul Castro überlegener.

alle lebenswichtigen Objekte waren permanent abgesichert. daß es nicht zu einer zweiten Machtprobe zwischen UdSSR und USA auf lateinamerikanischem Boden -392- . Er hatte eine faszinierende Ausstrahlung in der intellektuellen Debatte. wurden Tag und Nacht überwacht. wenn nicht gar Dichter. Tomás Borge machte da keine Ausnahme. Mit Tomás Borge (1. sozialistischem. Jammern und Klagen habe ich in Nicaragua nie zu hören bekommen.Mischung aus sozialdemokratischem. bürgerlichhumanistischem und marxistischem Gedankengut zu behaupten. daß fast jeder von ihnen Schriftsteller war. war aber auch unschlagbar beim Wettschwimmen in der malerischen Lagune Jiloa. Jedermann wußte. mit der jederzeit gerechnet werden mußte. christlichem. die sich für eine Landung eigneten. das eigene Leben einzusetzen. Wie auf Kuba war auch hier überall die Bereitschaft zu spüren. Die Stellen an der Pazifikküste. von links) 1985 bei Managua Borge zeigte mir eine Analyse seines Ministeriums und ein Konzept für den Fall einer militärischen Intervention der USA. Charakteristisch für die Sandinisten war auch.

Die Sandinisten nutzten ihre Zugehörigkeit zur Sozialistischen Internationale und ihre guten Beziehungen zur deutschen Sozialdemokratie mit großem Geschick. der am bewaffneten Kampf teilgenommen hatte. Gewerbetreibenden und Kleinindustriellen hatte in Mittelamerika eine ganz eigene familiäre Verflechtung erzeugt. Die Ausrüstung des nicaraguanischen Sicherheitsdienstes war völlig ungenügend. wie es mit Kuba möglich gewesen war. aber sie konnten es nicht international isolieren. daß sie aus Spenden sozialistischer Länder zusammengeflickt war. Mit ihrem eklektizistischen Sozialismus à la Sandinista liefen sie keine Gefahr. daß wir in der DDR Nicaraguaner für den Personenschutz ausbildeten und technisches Zubehör lieferten. Außerdem hatte Nicaragua trotz aller Grenzzwischenfälle. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen. und man sah ihr an. ein gutes Verhältnis zu den Nachbarstaaten Guatemala im Norden und Costa Rica im Süden. Andererseits konnten die USA Nicaragua zwar ökonomisch. mehr sogar als das Schreckgespenst einer Invasion amerikanischer Truppen fürchtete die -393- . Mehr als die Contras. Das unablässige Hin und Her von Landarbeitern. Lange Zeit galt in Nicaragua jeder als zuverlässig. Doch anders als bei den meisten afrikanischen Diensten führte man uns stolz die tadellos gepflegten und gewarteten Geräte vor. politisch und militärisch unter Druck setzen. Unser bescheidener Beitrag bestand darin. Eine gewisse Sorglosigkeit der Nicaraguaner in Sicherheitsfragen wurde vor allem von den Kubanern getadelt. daß im Umgang mit mir die Regeln der Konspiration so unerbittlich gewahrt wurden. als moskauhörig abgestempelt zu werden. daß Gespräche grundsätzlich im Freien geführt wurden. und auf diese Verbindungen konnten die Sandinisten sich in Notfällen verlassen. Händlern.kommen würde. die meist durch die Söldnertruppen der Contras provoziert wurden.

wie sehr das Vorgehen der USA gegenüber Nicaragua dem chilenischen Szenarium von 1973 ähnelte. ob mir nicht aufgefallen sei. daß diese Art von Wirtschaftshilfe nicht einmal den berühmten Tropfen auf den heißen Stein gewährleistete. Die Wirtschaftsblockade.sandinistische Regierung die Folge der zerrütteten Wirtschaft. praktizierte Methode. Mit Raúl Castro 1985 auf Kuba Bei unserem Gespräch nach meinem Besuch in Managua fragte mich Raul Castro. Er hatte recht. doch ein Blick in die leeren Geschäfte genügte. hatte das Überleben der Nicaraguaner bis zur Schmerzgrenze erschwert. der größten Tageszeitung Chiles. die die USA mit Erfolg durchführten. Die finanzielle USHilfe für Violeta Chamorros Oppositionsblatt La Prensa erinnerte überdeutlich an die seinerzeit mit El Mercurio. Neben der großzügigen Finanzierung der Opposition hatte die CIA auch in Chile auf die Verschärfung der ohnedies schon gravierenden -394- . um zu erkennen. Dankbar erkannte man in Managua die Hilfe der sozialistischen Länder an.

wie durchlässig die Kontrollen -395- . Da die DDR die diplomatischen Beziehungen zu Santiago abgebrochen hatte. verwurzelt in einem demokratischstaatsbürgerlichen Traditionsverständnis. ehemaliger CIA-Direktor. Nach dem Putsch und dem Mord an Allende suchten Anhänger der Unidad Populär. den Führer der chilenischen KP. der Regierungskoalition. denn die staatliche Telefongesellschaft Chiles war eine Tochtergesellschaft von ITT.und Versorgungsprobleme gesetzt. der im Aufsichtsrat von ITT saß. General René Schneider. hatte auch der kubanische Nachrichtendienst Allende rechtzeitig dringend gewarnt. Multinationale Unternehmen wurden unter Druck gesetzt. waren ihr offiziell die Hände gebunden. sich niemals gegen ein demokratisches Parlament und eine demokratisch gewählte Regierung erheben würde. als letztes Mittel den Putsch der Generale einzuleiten. Da der Oberkommandierende. und im Hintergrund zog John McCone.Wirtschafts. Mein Dienst hatte in Santiago keinen einzigen Mitarbeiter postiert. mußte er im September 1973 als erster beseitigt werden. sah die CIA sich genötigt. Prominentester Schutzsuchender war Carlos Altamirano. Unsere Informationen stammten vom BND und sprachen eine deutliche Sprache. In aller Eile entsandten wir Offiziere von Ost-Berlin aus. Allendes tragischer Irrtum war es. Wie mir Castro erzählte. die erkundeten. bereits im Frühjahr 1973 gewarnt. Vor einem drohenden Militärputsch hatte mein Dienst Allende und Luis Corvalán. in Todesangst Zuflucht in der Botschaft der DDR. um Salvador Allende zu stürzen. daß die chilenische Armee. denn der BND war in Chile stark vertreten und war über die Absichten der Putschisten voll im Bilde. allen Umsturzplänen eine unmißverständliche Absage erteilt hatte. dessen Wahl sie zu ihrem großen Verdruß nicht hatte verhindern können. der Generalsekretär der Sozialistischen Partei. Als dieser ganze Druck noch immer nicht das gewünschte Ergebnis zeitigte. die Fäden. zu lange darauf zu vertrauen.

Erich Honecker nahm an dieser Rettungsaktion großen persönlichen Anteil. im Hafen von Valparaiso und an den Straßenübergängen nach Argentinien waren. reisten die Brüder Castro nicht mehr gemeinsam. Alle zivilen Strukturen waren seither in die Verteidigung des Landes einbezogen. gegen den sowjetischen Dissidenten Wladimir Bukowksi auszutauschen. Die Flüchtlinge wurden in Autoverstecken und auf Schiffen in Jutesäcken zusammen mit Früchten und Fischkonserven aus dem Land geschmuggelt. das wir in jahrelangen Grenzkontrollen an den Wagen westdeutscher Fluchthelfer gewonnen hatten. der in der Sowjetunion inhaftiert war. Bei meinen Kollegen vom KGB setzte ich mich für diesen Austausch ein. Handelsschiffe umzudirigieren. Unsere Aktion konnte nicht alle retten. bis wir sie in Sicherheit hatten. Von Argentinien aus improvisierten wir eine vorbildliche nachrichtendienstliche Aktion. seine Tochter war mit einem chilenischen Sozialisten verheiratet. Unser gesellschaftliches System schien mir in seinen Grundfesten erschüttert. die Kuba aus dem Fiasko in Chile gezogen hatte. Auf dem ganzen Hinflug hatten mich bei meinem Besuch in Mittelamerika 1985 düstere Gedanken beschäftigt. Raul Castro schilderte mir auch die praktischen Folgen der Lehren. In manchen Fällen dauerte es Wochen. und auf öffentlichen Veranstaltungen traten sie nicht mehr gemeinsam auf. Endlich konnten wir das Wissen nutzbringend anwenden. und die Kubaner sekundierten mir. den das Pinochet-Regime auf einer Insel gefangenhielt. Wir überlegten Möglichkeiten. die wir nach Chile einschleusten. Die Praxis entfernte sich immer weiter von den -396- . Seit neue Morddrohungen laut geworden waren. Über amerikanische Verbindungskanäle Rechtsanwalt Vogels wurde uns vorgeschlagen. Luis Corvalán. Altamirano traf erst zwei Monate nach dem Putsch in Ost-Berlin ein. und installierten Verstecke in Fahrzeugen.auf chilenischen Flughäfen.

für die wir nach 1945 eingetreten waren. denn in Lateinamerika bedeutete jede Preisgabe errungener Positionen die Gefahr. sich an die Sowjetunion anzuschließen. ihm Dauerasyl zu gewähren. nachdem die Sowjetunion sich geweigert hatte. Bei Honecker hielt ich das für verhängnisvoll. ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. schien sich ein Hoffnungsstreif am Horizont abzuzeichnen. Die Kluft zwischen dem Wunschdenken der Politiker und der Realität verbreiterte sich zusehends. wie später Nicaragua. sondern sie praktisch gezwungen. als schlügen sie einen eigenen Weg ein. doch Kubas Schwierigkeiten waren nicht zu übersehen. während ich für Castro mehr Verständnis hatte. Doch die USA hatten ihnen keine Chance gelassen. Mein letzter Besuch auf der Insel im Jahr 1989 war von den Problemen der DDR überschattet gewesen. daß sich gerade durch Gorbatschow. Ich glaubte. der einst chilenische Flüchtlinge aufgenommen hatte. Oberflächlich betrachtet steckten beide Länder in der gleichen Zwickmühle: Beide lehnten Gorbatschows Kurs ab. und Erich Honecker. der eine Reihe alter und kranker Männer ablöste. Damals ahnte ich nicht. Heute kann ich nur schweren Herzens an Kuba denken. Bei wem sonst hätte Castro Hilfe gegen den übermächtigen Boykott und die ständige Bedrohung suchen sollen? -397- . was man dem Volk versprochen hatte.Prinzipien. Die DDR hörte wenige Monate später auf zu existieren. Der Sozialismus hatte nicht gehalten. durch Perestroika und »neues Denken« in der Außenpolitik die Probleme Kubas ins Unermeßliche steigern würden. dieser neue Aufbruch könne auch Kuba und Nicaragua helfen. doch im neuen Generalsekretär der KPdSU. starb im Exil in Chile. und der Anblick der Menschenschlangen vor den meist leeren Geschäften und den ausländischen Botschaften verhieß nichts Gutes. Warum hatten Castro und seine Männer sich so stark dem sowjetischen Modell angenähert? Anfangs hatte es ausgesehen. wieder unter die Vorherrschaft der USA zu geraten.

wäre Kuba vielleicht ein Land mit sozialen Reformen geworden. die USA hätten gegenüber Kuba einen ihrer schwersten Fehler begangen. Ursprünglich stand Fidel Castro dem Denken Jose Martís wesentlich näher als dem Lenins. und nicht zuletzt Amerikaner. sondern mit Stumpf und Stiel ausrotten mußten.« Waren die Vereinigten Staaten für meine Freunde auf Kuba und in Nicaragua zweifellos ein bedrohlicher Hauptgegner. aber nicht eindimensional. als dieses Land für uns noch in unerreichbarer Ferne zu liegen schien und wir bei unserer Beschäftigung mit amerikanischen Objekten in der Bundesrepublik nur dürftige Anfangsergebnisse vorweisen konnten. Aber wenn ich heute erlebe. Günter Grass hat dazu etwas gesagt. sondern den Ausbau der Beziehungen forciert. jedenfalls keine andere als Batista. die in den USA lebten. Hinzu kamen Freunde. Allein schon meine internationalistische Erziehung in der Familie und in der Komintern-Schule hatte mich vor stupidem Antiamerikanismus bewahrt. den sie im »Hinterhof« von god's own country nicht dulden konnten. Was wird aus Kuba werden? Welche Chancen haben Befreiungsbewegungen in Lateinamerika heute überhaupt noch? Falls Kuba nicht zu einer lebensnotwendigen inne ren Erneuerung findet. so war mein Bild von diesem Land zwar diffus. aber kein durch und durch kommunistischer Staat. daß es dort zu Ende geht. dem ich nur beipflichten kann: »Ich bin immer ein Gegner des doktrinären Systems in Kuba gewesen. Hätte Washington keine Wirtschaftsblockade durchgeführt. ein Greuel. Aber den Falken in Washington war jede Form von Sozialismus. sogar die Sozialdemokratie. dann bin ich für Kuba. dann wird Lateinamerika bald um eine Hoffnung ärmer sein. -398- .Häufig sagten mir politisch erfahrene Gesprächspartner im Westen – darunter auch ein Kollege des Mossad –. ohne eine Alternative anzubieten. die sich zu einer Zeit für meinen Dienst einsetzten.

Bei meinen wenigen Kontakten mit dem amerikanischen Mann von der Straße war ich auf eine mir eher fremde Mentalität gestoßen.Meine eigenen USA-Kenntnisse beschränkten sich auf das. Das amerikanische Buch hingegen war mit sieben Siegeln verschlossen. und auf spärliche persönliche Kontakte mit Amerikanern während meiner Rundfunktätigkeit und beim Nürnberger Prozeß. der in Moskau mit mir zur Schule gegangen war und als Captain im Stab Eisenhowers 1945 häufig nach Berlin kam. Sie waren meine ersten Agenten in Amerika und wurden nie enttarnt. Beide waren in Deutschland geboren. Meine Arbeit an der Spitze des Nachrichtendienstes veränderte zwar die ideologische Frontstellung nicht. verdanke ich zwei Männern. erhöhte aber die Neugier und Offenheit für alle Aspekte des Lebens der »anderen Seite«. doch mit denen verbanden mich Sprache und Denkweise. hatten in ihrer Jugend kommunistischen Bewegungen nahegestanden und -399- . trübte die Freude über das Wiedersehen und machte uns beide gehemmt. die ich zwischen uns errichtete. darunter Hemingway. so daß ich beinahe reflexartig im Geist stets die entgegengesetzte Position einnahm und vertrat. Time und Newsweek gelesen. Die ideologische Barriere. über das politische Denken. beide waren Juden. was ich in Büchern gelesen hatte. Das wirkte sich auch auf die Freundschaft zu George Fischer aus. durchlief in meinem Kopf einen ideologischen Abwehrfilter. Viel von meinem Wissen über die USA. mit denen mich über die gemeinsamen nachrichtendienstlichen Interessen hinaus politische Überzeugungen und Sympathien verbanden. Dreiser und Steinbeck. was ich über die USA erfuhr. die New York Herald Tribune. die Hoffnungen und Ängste dort. Westdeutschland lag vor mir wie ein offenes Buch. Als außenpolitischer Kommentator hatte ich regelmäßig die New York Times. Das unkomplizierte und naive Wesen amerikanischer Soldaten erinnerte mich zwar an das russischer Soldaten. Alles.

bekleidete der Freund eine leitende Position im Finanzwesen der DDR. Zur Zeit der Hexenjagd McCarthys wurde das OSS als Sammelbecken linkslastiger Intellektueller denunziert. Beide hatten zur Widerstandsgruppe um Herbert Baum gehört. angeworben. »Maler« war schon vor Kriegsausbruch emigriert. Fünfunddreißig Mitglieder der Gruppe wurden hingerichtet. Den Kontakt zu »Maler«. der andere als Jurist –. und beide wurden vom OSS. fanden wir über einen Studienfreund. daß die Praxis des »real existierenden Sozialismus« nicht im entferntesten eine Anwendung oder gar Weiterentwicklung der Marxschen Lehre darstellte. »Maler« klärte mich über Lemmers Beziehungen zu verschiedenen Geheimdiensten mit -400- . von dem »Maler« sich bei jedem Besuch in der Bundesrepublik ausführlich unterrichten ließ. ging er mit der Realität des in der Sowjetunion und in der DDR praktizierten Systems schonungslos ins Gericht und wies nach. die 1942 eine Nazi-Ausstellung durch Spreng. Beide fanden in den USA Asyl. der Minister für Gesamtdeutsche Fragen.und Brandsätze zu zerstören versuchte. was seine paradoxe Umkehr darin fand. der Wirtschaft. eine blutige Verfolgungsorgie gegen »nicht linientreue« Kommunisten zu veranstalten. Er stellte die Verbindung zwischen »Maler« und meinem Dienst her. daß zur selben Zeit Stalin und Berija Noël Fields OSS-Verbindung als Vorwand benutzten. Er besaß einflußreiche Freunde in Washington und knüpfte in unserem Interesse Beziehungen zum US-Botschafter in Bonn und dem Gesandten in West-Berlin. dem Ökonomen. Als die beiden sich nach dem Krieg wiedersahen. Auf seinem ureigensten Wissensgebiet. dem Vorläufer der CIA. Eine seiner Quellen war Ernst Lemmer. In seinem Denken war »Maler« ungebunden und dennoch überzeugter Kommunist geblieben. wo sie ihr Studium beendeten – der eine als Ökonom. sein Freund überlebte Haft und Konzentrationslager.mußten vor dem NS-Terror fliehen.

Für seine Mühen hat er nie Geld genommen und ließ sich nur die Reisekosten erstatten. war »Clivia« – so der Deckname des Emigranten.Sitz in der Schweiz auf – westliche Dienste. denn sonst hätte er sich nicht bereit gefunden. Obwohl er Atheist war. die zu seiner Entlassung aus dem Staatsdienst geführt hatten. betonte »Clivia« sein Judentum und sah in meiner jüdischen Abstammung etwas. Er war nervöser als der ruhige »Maler« und im Unterschied zu dessen Kaltblütigkeit fast ängstlich um die eigene Sicherheit besorgt. Während »Maler« vor allem seine Kontakte in der Bundesrepublik nutzte. dem er beigewohnt hatte. Das mag eine Folge seiner Erlebnisse bei den Verhören der Kommission für unamerikanische Aktivitäten gewesen sein. Seine Berichte und Analysen diktierte er auf Tonband. das Akten des Wilhelmstraßen-Prozesses. der Weg meines Vaters vom Humanisten aus jüdischem Elternhaus zum kommunistischen Schriftsteller gehe nicht zuletzt auf die Verwurzelung im Judentum zurück. Er war umsichtig. Bei den Nürnberger Prozessen hatte er zur Staatsanwaltschaft gehört. eine schleichende Renazifizierung in der Bundesrepublik zu verhindern. Der DDR machte er keine derartigen Vorwürfe. was uns verband. seine erwachsenen Kinder in die Arbeit für uns einzubeziehen. aber nie ängstlich. »Clivia« hatte ein umfangreiches Archiv angelegt. lehnte er das entschieden ab. Die Repression und die Symptome eines uneingestandenen Antisemitismus in der Sowjetunion konnte und wollte er weder verstehen noch verzeihen. und seither war es eines der großen Ziele seines Lebens. Von ihm hörte ich zum erstenmal die Ansicht. für meinen Dienst zu arbeiten.und RoechlingProzesses sowie des Eichmann-Prozesses in Jerusalem. Als wir vorschlugen. -401- . der Jurist geworden war – ein intimer Kenner der innenpolitischen US-Szene. enthielt. des Krupp. aber auch der KGB. Technische Mittel und Kurierverbindungen lehnte »Maler« kategorisch ab.

Gründe für Besuche jedes einzelnen Gesprächspartners in und außerhalb von Washington. von großem Wert. war jede Reise. uns zwischenzeitlich mit interessanten Informationen aus ihrem beruflichen Umfeld zu -402- . in seiner Brust tobte der unablässige Widerstreit zwischen seinen Motiven und seinen Gefühlen. Kurzum. Und wenn sie dann glücklich in die Vereinigten Staaten eingewandert waren. bis sie ihre eigentliche Tätigkeit aufnehmen konnten. denn im Unterschied zu »Maler« konnte »Clivia« das Geld. Agenten einzuschleusen. daß er für uns spionierte.Die Zusammenarbeit mit »Clivia« war für uns wesentlich mühsamer als die mit »Maler«. das wir zahlten. ihre Aktivitäten auf das Territorium der Vereinigten Staaten auszudehnen. Alibis seiner Frau gegenüber zu ersinnen. bevor das Ziel USA angepeilt werden konnte. Doch unsere bevorzugte Methode. und unsere offiziellen Kontakte waren entsprechend mager. vor allem in den krisenträchtigen Jahren 1961 und 1962. durchaus brauchen. Dennoch waren seine Informationen für unsere Beurteilung der amerikanischen Politik. Mit halbwegs stimmigen Lebensgeschichten mußten die Kandidaten als sogenannte Doppelgänger zuerst nach Südafrika. Die für die USA zuständige Abteilung meines Dienstes bemühte sich gemeinsam mit dem Sektor für Wissenschaft und Technik. wo sie eine Weile lebten. Da er in Deutschland lebte und mit einer Deutschen verheiratet war. Lateinamerika oder Australien auswandern. Gegenstand ausführlicher Beratungen. die er unternahm. die seiner Ansicht nach nicht erfahren durfte. Bis Anfang der 70er Jahre war die Hallstein-Doktrin in Kraft. verging nochmals beträchtliche Zeit. war langwierig und umständlich. die diplomatische Vertretungen der DDR in Washington und bei der Uno in New York verhinderte. und dann mußte die finanzielle Seite geklärt werden. Unter glücklichen Umständen waren sie in der Lage. Da galt es. indem man sie mit den Papieren lebender oder verstorbener Zeitgenossen versah.

Daß es dazu nicht mehr kam. sondern auch berichtete. zu gegebenem Zeitpunkt Quellen aufzutun und zu betreuen. daß die Aktion Anmeldung sich auch auf unsere Agenten jenseits des Atlantiks auswirkte. Lüttich war einer der wenigen ha uptamtlichen Offiziere des MfS. Die Schwächen unserer Einschleusungsmethodik waren nicht länger zu leugnen. daß unsere Zentrale in Ost-Berlin unsere Agenten in den USA mit einseitigen Funksprüchen erreichte. der nach der Festnahme sein gesamtes Wissen verriet. uns brauchbare Informationen über den Transport von Rüstungsgütern und über Umzugsbewegungen im Bereich der US-Armee zu verschaffen. Der schwerste Schlag war die Enttarnung und Verhaftung Eberhard Lüttichs. Leider barg diese Methode des Einschleusens jene Risiken. viele unserer Agenten aufzuspüren. Es hatte Jahre gedauert. Unter Pseudonym und mit entsprechend frisierter Vita schleusten wir ihn 1972 in die Bundesrepublik ein. die wir für den illegalen Einsatz ausgewählt und vorbereitet hatten. Die enge Kooperation zwischen Verfassungsschutz und FBI führte dazu. während er sich darauf vorbereitete. In Hamburg bewarb er sich bei einer internationalen Spedition. Deckname Brest. darunter einen weiteren Offizier und ein Wissenschaftlerehepaar.versorgen. die von einem Sender auf Kuba ausgestrahlt wurden. diesen -403- . die es dem bundesdeutschen Verfassungsschutz Ende der 70er Jahre ermöglichten. und wir mußten – auch als Folge des Verrats von Lüttich – in den sauren Apfel beißen und unsere gesamten legalisierten »Illegalen« nach und nach aus den Vereinigten Staaten zurückziehen. daß Lüttich der Hamburger Polizei nach seiner Festnahme Ende 1979 nicht nur haarklein unsere Methoden schilderte. Alles andere als erfreulich war auch. Sein berufliches Umfeld ermöglichte es ihm. war eine direkte Folge der Aktion Anmeldung. und binnen kurzem brachte er es zu einer leitenden Stellung in deren New Yorker Niederlassung.

die Reagan oder Bush im Kreis von Senatoren. Abgeordneten oder Managern getan hatten. der geheime Informationen über AtomU-Boote verkaufen wollte.Sender zu bauen. Lüttich verriet außerdem seinen Verbindungsmann. Auf den ersten Blick war an seinem Material nichts auszusetzen. die Verluste zu ersetzen. und der Mann wurde von unseren -404- . Echte nachrichtendienstliche Quellen außer den genannten gab es in der Zeit. Wir konnten die Augen nicht vor der betrüblichen Erkenntnis verschließen. Seit dieser Schlappe haben wir in den USA nicht mehr recht Fuß gefaßt. aber fast immer konnte man die vermeintlichen Interna wenige Tage darauf in der Zeitung lesen. die durch Einheiraten an die begehrten Ausweispapiere gelangen wollten. taten sich viel schwerer als in der Bundesrepublik. Ehepaare einzuschleusen war meist zu mühsam. und alleinstehende Herren. Unsere legalen Residenturen in Washington und am Sitz der Uno in New York zeichneten sich hauptsächlich dadurch aus. in den USA nicht. daß echte oder von der amerikanischen Abwehr gesteuerte Geheimnisträger als Selbstanbieter in der DDRBotschaft vorstellig wurden. Gelegentlich erlangten wir dur ch unauffällige und meist zufällige Kontakte an Äußerungen. Es kam vor. der sofort verhaftet wurde und den wir erst zwei Jahre später im Austausch gegen westliche Agenten freibekamen. Die Praxis bestätigte. blieben in den Anfängen stecken. daß unsere Residenturen keinen Deut weniger intensiv durchleuchtet wurden als die der UdSSR. daß die Rasterfahndungsmethoden des FBI so gut griffen. daß sie personell und materiell überaus aufwendig und nicht sonderlich effektiv waren. die ich übersehen kann. Unsere Bemühungen. Wir hatten nie bezweifelt. daß sie unter pausenloser FBI-Überwachung stehen würden. Anfang der 80er Jahre erschien eines Tages ein Mann. daß unsere eingeschleusten Mitarbeiter in den USA ein hohes Risiko eingingen.

dem neben unserem Mitarbeiter als Experte Professor Zehe von der Technischen Hochschule Dresden beiwohnen sollte. die amerikanischen Medien konnten sich lautstark darüber empören. wie man den universitären Unglücksraben aus der Patsche holen konnte. Die Austauschaktion auf der Glienicker Brücke fand natürlich wie -405- . Zehe habe es sich anders überlegt und wolle in den USA bleiben. auf der er prompt festgenommen wurde. zu dem ihr Außenminister um bessere Beziehungen bemüht war und ihr Staatsratsvorsitzender eingeladen zu werden versuchte. Als alles geregelt schien und die Austauschkandidaten – dreiundzwanzig Westspione und der Dissident Schtscharanskij gegen einen Bulgaren. Der ganze Vorgang wurde mit größter Vorsicht behandelt. Zwei Wochen später hatte er es sich dann wieder anders überlegt und wollte nun doch ausgetauscht werden. Rechtsanwalt Vogel zog Erkundigungen ein. einen jungen polnischen Aufklärer. in welchen Dimensionen sich Anwaltskosten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewegten. in die USA zu reisen. der sich als Doppelagent entpuppte. und wir bekamen eine deutliche Vorstellung davon. um auf dem Rückweg aus Mexiko Anfang November 1983 eine wissenschaftliche Tagung in Boston zu besuchen. Ob er nun aus Zerstreutheit oder Weltfremdheit die Warnungen in den Wind geschlagen hatte – was wir als vorsichtig anzugehenden Test gegenüber einem Selbstanbieter geplant hatten. Nach einem halben Jahr erfuhren wir.Leuten zu einem Treffen nach Mexiko bestellt. hieß es plötzlich. Meine Mitarbeiter schworen Stein und Bein. daß sie Zehe ausdrücklich verboten hatten. daß Zehe gegen eine Kaution von einer Million Dollar auf freien Fuß gelangen könne. eine DDR-Bürgerin im Sold eines sowjetischen Dienstes und unseren Professor – feststanden. war unter der Hand zu einer spektakulären Aktion gegen uns geworden. Das FBI triumphierte. daß die DDR zu einem Zeitpunkt kaltschnäuzig der Spionage nachging. Professor Zehe aber nutzte die unverhoffte Reise.

Mein Dienst war dabei mit einem zerstreuten Professor vertreten. Wir wußten zwar. Hussein Yildrim arbeitete als Kfz-Mechaniker am USMilitärstützpunkt in West-Berlin und belieferte uns mehr als -406- . Die Atmosphäre der 68erBewegung. der Protest gegen den Vietnamkrieg. daß amerikanische Dienste meist ganz unverblümt den finanziellen Faktor ansprachen. wo sich das Hauptquartier der US-Streitkräfte in der BRD befand. Was die Kontakte besonders förderte. der aus reiner Tolpatschigkeit in eine Falle der amerikanischen Abwehr getappt war – nicht gerade der Stoff. machte es uns relativ leicht. Kontakte anzuknüpfen und auszubauen. Anders als Engländer und Franzosen integrierten die Amerikaner sich in das gesellschaftliche Leben. die in der Bundesrepublik und in West-Berlin lebten. Die geballte Präsenz des US-Militärs und der dazugehörigen Zivilisten in West-Berlin und in Heidelberg. so wenig kompliziert war sie vor der eigenen Haustür. das kritische Verhältnis zu Obrigkeit und Autorität waren ein Phänomen der ganzen westlichen Welt und prägten auch die jungen Amerikaner. Auch in Ost-Berlin bewegten sie sich freier. war der sprichwörtliche amerikanische Sinn für unkonventionelle Gelegenheitsgeschäfte. Auch wenn man nicht bloß den Mund aufzumachen brauchte. damit einem die gebratenen Tauben von selbst hineinflogen. Welche Ergebnisse es zeitigen konnte. wenn man das Geld sprechen ließ. aber wir selbst taten uns im umgekehrten Fall mit diesem Pragmatismus ohne jede weltanschauliche Verbrämung schwer.immer große Beachtung in Presse und im Fernsehen. aus dem Agententhriller gemacht werden. erleichterten uns viele Faktoren das Vorgehen. So unergiebig unsere Situation in den USA war. Im nachhinein muß ich gestehen. wenn sie DDR-Bürger anzuwerben versuchten. demonstrierte uns ein türkischer Mittelsmann. daß mein Dienst diese Vorliebe der Amerikaner für schnellverdientes Geld viel zu zaghaft genutzt hat.

gehörte das.und außenpolitischen Lageberichte chiffriert waren. die das Zentralkomitee erhielt. die Hall alias »Blitz« uns lieferte. zu dem die Anlage auf dem Teufelsberg im Grunewald und Horchposten unweit der Grenze zwischen BRD und DDR gehörten und dem kein Räuspern entging. Zu den wichtigsten Unterlagen. Neben Informationen erfuhren wir durch Yildrim auch die wahre Bedeutung des Kürzels NSA: Laut den Mitarbeitern der Agentur hieß das no such agency. So hatten wir herausbekommen. das in den Äther drang. daß es den Technikern gelungen war. und daß die Amerikaner nicht damit herausrückten. der in der elektronischen Spionage der National Security Agency tätig war. was er uns über Amerikas »großes Ohr« zur Kenntnis brachte. ohne es zu ahnen. diese Informationen von den Amerikanern zu erhalten. den riesigen. daß jedermann im USNachrichtengewerbe angehalten war. daß die bundesdeutschen Dienste immer wieder vergebens versucht haben. Günter Mittag. Dreizehnhundert hochspezialisierte Techniker fingen allein in Berlin Radio.sechs Jahre lang mit hochkarätigen Informationen. die sie aus ihnen herausfilterten. der Wirtschaftsminister. daß mein Dienst dies -407- . und wir hatten – leider zu spät – in Erfahrung gebracht. analysierten und klassifizierten sie und leiteten die Informationen weiter. weltumspannenden Komplex von Abhöranlagen.und Telefonbotschaften ab. weil die Geheimhaltung um diesen Dienst so abstruse Blüten trieb. weil sie klug genug waren zu argwöhnen. Später erfuhr ich. Früher hatten wir uns aus unterschiedlichen Quellen umständlich ein Mosaik an Informationen zusammensetzen müssen. mit denen die täglichen innen. präsentierte auf diesem Weg den Amerikanern jeden Tag das neueste Bulletin unserer wirtschaftlichen Situation. die Codes zu knacken. die er dem Unteroffizier James Hall – Deckname Blitz – abkaufte. daß vom Teufelsberg aus unsere Telefonleitungen und Radiosendungen abgehört wurden. die Existenz der NSA zu leugnen.

Auch nach der Versetzung Halls in die Zentrale der NSA in den Vereinigten Staaten riß der Kontakt nicht ab. »Blitz« verschaffte uns auch einen Bericht mit der Bezeichnung Canopy Wing. wie die Hochfrequenzsender des sowjetischen Oberkommandos. ließen wir sie vom Leiter der Funkaufklärung und -abwehr (HA III) im MfS beurteilen. waren alles andere als billig. Eine andere Lieferung unseres Informanten umfaßte dreizehn Dokumente. da sie vor allem von strategischer Bedeutung waren. Er äußerte sich sehr begeistert und eröffnete uns. Beide. deren Inhalt die Pläne der USA auf dem Gebiet der Funkaufklärung bis ins nächste Jahrzehnt detailliert auflistete. Hall und sein Mittelsmann. welche elektronischen Mittel vorgesehen waren. mußten wir uns nicht mehr abmühen. Dieser Plan führte detailliert aus. Seine allzugroße Geschäftstüchtigkeit wurde ihm zum Verhängnis. unbrauchbar gemacht werden konnten. der auflistete. um im Ernstfall die Kommandozentralen der UdSSR und der Warschauer-PaktStaaten auszuschalten. Er besorgte uns weiterhin so brisantes Material. aber die Informationen waren es wert. geheime und geheimste Informationen flössen unaufhaltsam. etwas zu bremsen. -408- . Direktiven und Arbeitsdokumente der NSA und des Intelligence and Security Command (INSCOM). daß wir ihm rieten. Seit es »Blitz« gab. daß wir sie an den KGB weitergaben. damit er sich nicht verdächtig machte. Bevor wir das taten. Umfang und Inhalt der Dokumente überforderten unsere Auswerter bald. über die die Befehle an die Streitkräfte geleitet wurden. und deshalb schlug ich vor. daß laut diesen Unterlagen das elektronische Kampfführungssystem der USA und ihrer Nato-Partner – ELOKA – diesen exakte Kenntnisse über die entscheidenden Kommandozentralen der Staaten des Warschauer Pakts und über sämtliche Truppenbewegungen des Ostblocks von der DDR bis weit in die Sowjetunion hinein ermöglichte.sehr bald in Erfahrung bringen würde.

Ein Dokument.Offenbar versuchte er. um eine lukrative Zweitverwertung seines Wissens zu tätigen. das Carney uns besorgt hatte. daß die Unterlagen. mit dem KGB in Verbindung zu treten. Inzwischen waren sie damit beschäftigt herauszufinden. um sie glauben zu können. der als Linguist und Kommunikationsfachmann eingesetzt war. und von da an waren seine Tage gezählt. Wenn -409- . beschrieb. daß den georteten Hauptquartieren im Ernstfall die unmittelbare Zerstörung drohte. über die amerikanische elektronische Spionage lieferte. die elektronische Überwachung Osteuropas durch die Amerikaner für mindestens sechs Jahre hinfällig zu machen. daß ich sie mir von Experten erklären lassen mußte. wie sie die Bodenleitzentrale ausschalten und von West-Berlin aus simulieren konnten. die uns Jeffrey Carney – Deckname Kid –. der sich als KGB-Agent ausgab. So befaßte sich beispielsweise ein in West-Berlin stationiertes Team mit dem sowjetischen Militärflugplatz Eberswalde etwa fünfundzwanzig Kilometer nordöstlich Berlins. verhaftet. Die amerikanische Abwehr schätzte. ein Sergeant der Air Force. wie dieses Kommunikationssystem innerhalb von Minuten nach Kriegsausbruch Dutzende sensibler Ziele im Warschauer Pakt anzuzeigen vermochte. Manche Dinge kamen mir so phantastisch vor. Hall wurde zu vierzig Jahren Gefängnis verurteilt. Im Dezember 1988 wurde er zusammen mit Yildrim bei einem Rendezvous mit einem FBI-Agenten. meinem Dienst dazu verholfen hatten. Wir konnten nicht daran zweifeln. Vom Hauptquartier der NSA in Fort Meade in Maryland liefen Direktverbindungen zur Europavertretung in Frankfurt am Main und zum West-Berliner Teufelsberg. Ebenfalls von hohem Wert waren die Informationen. in die Luft-Boden-Kommunikation dieses Flugplatzes einzudringen. Carneys Material bewies uns anschaulich. wie es den Amerikanern gelungen war. die er uns beschafft hatte. indem er es zusätzlich an die Sowjetunion verkaufte. Das ließ ihn ins Blickfeld des FBI geraten.

daß die CIA DDR-Bürger in der -410- . beim geringsten Anlaß alles zu gestehen. änderte nichts an unserer Befürchtung. von dort ging es über Moskau nach Ost-Berlin. denen Spione infolge ihrer nervlichen Anspannung leicht zum Opfer fallen können. mit denen er nach Südafrika auswandern konnte. In den USA wurde er dann zu achtunddreißig Jahren Gefängnis verurteilt. doch das lehnte er ab und tauchte lieber im Süden der DDR unter. und besorgten Carney kubanische Papiere. Damit er sich nicht langweilte. der als Spion verdächtigt und eines Tages mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt in der Badewanne aufgefunden worden sei. Als der Zusammenbruch unseres Staates sich abzeichnete. wurden ihm Papiere angeboten. meinen Dienst zu infiltrieren oder zumindest Agenten in die DDR einzuschleusen? Im Verlauf eine r intensiven Analyse der CIAAktivitäten in der Bundesrepublik. Noch vor dem endgültigen Aus für die DDR entführte ihn von dort der amerikanische Geheimdienst – mit Hilfe westdeutscher Dienste. Ob seine Ängste einen realen Hintergrund hatten oder ob er jener Paranoia erlegen war. wie ich vermuten darf.ihnen das gelungen wäre. Ganz offensichtlich fürchtete er ein ähnliches Schicksal. Wie aber sah es mit den Versuchen der USA aus. Im April 1984 wurde Carney nach Texas versetzt. aber angesichts des enormen Einsatzes wissenschaftlicher und technischer Potenzen erschien es weniger abwegig. Wir griffen auf eine Methode zurück. setzten wir ihn bei der Überwachung englischsprachiger Funksprüche in der Hauptabteilung III ein. daß er in seinem nervlich angegriffenen Zustand Gefahr lief. dann hätten die sowjetischen Piloten ihre Befehle von einer amerikanischen Kommandostelle erhalten. die wir 1973 durchführten. stellten wir fest. als man meinen könnte. Ein Jahr später jedoch ersuchte er um Asyl in unserem Land. wo seine Bedeutung für uns noch größer war. Es las sich wie Sciencefiction. die für Notfälle reserviert war. Er schilderte den Fall eines engen Freundes. mit denen er nach Havanna flog.

als Präsident Truman nach Erhalt des Telegramms über die »Geburt des Babys« die Nachricht am Verhandlungstisch der Siegermächte bekanntgab. Nachdem wir ihm auf die Schliche gekommen waren. Geschäftsleuten und Akademikern herzustellen. daß Stalin keine Überraschung zeigte. die bei geselligen Anlässen das Gespräch mit unseren Landsleuten suchten. Die bevorstehende Zündung der Bombe hatte Fuchs so rechtzeitig nach Moskau signalisiert. die in Potsdam konferierten. daß Fuchs als anerkannter -411- . Seit langem beschäftigte es mich. Es handelt sich um Klaus Fuchs. und auf diesem Weg kamen wir dem CIA-Agenten mit Codenamen Thielemann auf die Spur. versorgten wir ihn mit Selbstanbietern. als sich der Atompilz als drohendes Vernichtungsmal über der Wüste von Arizona erhob. den ich stets bewundert habe und dem ich – ähnlich wie »Maler« und »Clivia« – viel von meinem Wissen über die Vereinigten Staaten verdanke. gelangten wir schnell zu einer Bestandsaufnahme der CIAAnwerber. Indem wir die Leute etwas genauer unter die Lupe nahmen. Kontakte zu ostdeutschen Diplomaten. Ich möchte dieses Kapitel nicht beschließen. der die Entwicklung der Atombombe in Los Alamos begleitet und die Sowjetunion auf allen Etappen über die dabei beschrittenen Lösungswege informiert hat. den berühmten Physiker. daß alle vermeintlichen CIASpione in der DDR in Wirklichkeit inoffizielle Mitarbeiter des MfS oder umgedrehte Doppelagenten waren. ohne die Geschichte eines Mannes zu erwähnen. Er war Zeuge der gewaltigen Detona tion am 16. Juli 1945. »Thielemann« operierte von Bonn aus. Wir waren tatsächlich in der beneidenswerten Lage zu wissen. die ihm gezielte Desinformationen übermittelten. den Mann.Bundesrepublik anzusprechen versuchte. der oft als größter Atomspion bezeichnet wurde. der beauftragt war. Nach der Wiedervereinigung wurde mir das von CIA-Mitarbeitern bestätigt.

Wissenschaftler und Mitglied des Zentralkomitees der SED in Dresden lebte. in seinem ganzen Auftreten entsprach Klaus Fuchs nicht den landläufigen Vorstellungen von einem erfolgreichen Spion. Diese Augen wurden lebendig. nach jeder Frage hinter der randlosen Brille nachdenklich blickenden Augen vertieften den Eindruck des typischen Wissenschaftlers. die aufmerksamen. sich mit mir zu unterhalten. Fragen zu seiner nachrichtendienstlichen Tätigkeit zu beantworten. daß ein Mann mit einem so außergewöhnlichen Leben sein Wissen mit ins Grab nehmen sollte. Wenige Jahre bevor er starb. sich aber rundheraus weigerte. sein Schweigen zu brechen – und auch das erst. Klaus Fuchs 1950 In seiner Art zu reden. als Erich Honecker sich persönlich an ihn wandte und ihn bat. Die hohe Stirn. konnte ich ihn schließlich dazu bewegen. wenn Fuchs auf die Grundlagen der theoretischen -412- . seit er 1959 aus britischer Haft entlassen worden war. den er vom ersten Moment an machte. Ich konnte und wollte mich nicht damit abfinden.

kaum E rfahrung und gewiß nicht die notwendige Härte für diese schwierige Tätigkeit mitgebracht hatte. sondern Kundschafter genannt. auch wenn er keinerlei nachrichtendienstliche Ausbildung. auf die Quantentheorie oder die mathematische Berechnung von Schwankungen bei der Implosion in der Plutoniumbombe zu sprechen kam. aus dem Männer wie Richard Sorge. Harro Schulze-Boysen. die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten in den Dienst der Sowjetunion gestellt hatten. Mit Klaus und Margarete Fuchs 1983 Fuchs war aus dem Stoff. weil sie darin eine Möglichkeit sahen. Fuchs war für mich ein Kundschafter. -413- . In unserem Sprachgebrauch wurden solche Menschen. das Dritte Reich zu bekämpfen und den Zweiten Weltkrieg entscheiden zu helfen. Kim Philby und viele andere waren.Physik. die aus Idealismus und tiefer politischer Überzeugung für den Nachrichtendienst tätig geworden waren. Er war Forscher mit Leib und Seele. nicht Spione.

daß diese Waffe schon vor dem Abwurf über Japan zu einem Faustpfand in der Hand militanter Antikommunisten geworden war. die in der Sowjetunion nur mehr den potentiellen Gegner und nicht mehr den Alliierten sahen. doch bei Kriegsausbruch trennten sich ihre Wege. seinem verehrten Lehrer. Verbindung zum sowjetischen militärischen Nachrichtendienst GRU.Als Student hatte Fuchs sich der kommunistischen Bewegung angeschlossen und war nach 1933 auf Beschluß der Partei ins Ausland gegangen. In Birmingham stellte Fuchs seine wissenschaftliche Begabung bei der Berechnung der Energieausschüttung der Bombe und bei der Lösung von Problemen bei der Isotopentrennung zur Reingewinnung von Uran 235 unter Beweis. erkannte Fuchs. die von 1943 bis 1946 in den USA am geheimen Manhattan-Projekt unter der Leitung Robert Oppenheimers beteiligt war. Ich war der Ansicht. Als britischer Staatsbürger wurde er in die Delegation aufgenommen. was die Zukunft der Welt vor leichtsinnigen Hasardeuren schützen konnte. den Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. die von einer kollektiven Gewissenlosigkeit sprachen. Während die Väter der Bombe von der Öffentlichkeit als Helden gefeiert wurden. »Ich konnte nur nicht verstehen. die er hellsichtig für eine »teuflische Erfindung« hielt. die Atombombe mit Moskau zu teilen. denn nun war der atomare Ausgleich das einzige. Schon damals wurden auch in den USA Stimmen laut. Die -414- . »Ich habe mich nie als Spion gesehen«. sagte Fuchs zu mir. Damit bekamen die Informationen des Wissenschaft lers ein neues Gewicht. 1941 fand er durch seinen Freund. Born lehnte als überzeugter Pazifist entschieden die Mitarbeit an dem »kriegswichtigen« Geheimprojekt der Atombombe ab. warum der Westen nicht bereit war. In Edinburgh promovierte er bei Max Born. daß etwas mit einem so ungeheuren Vernichtungspotential den Großmächten in gleichem Maße zugänglich sein mußte.

daß ohne die Informationen von Klaus Fuchs das USKernwaffenmonopol niemals so früh durch die Sowjetunion hätte gebrochen werden können. Ich hatte nie das Gefühl. In der Regel fuhren Fuchs und Ruth Werner mit dem Fahrrad in den Wald. als hätte der sowjetische Nachrichtendienst neben Fuchs noch andere Atomspione gehabt. als ich Moskau mein Geheimwissen zur Verfügung stellte. Vierzig Jahre nach der Explosion der ersten russischen Atombombe über der kasachischen Steppe am 29. als würde ein Riese auf Liliputanern herumtrampeln. die andere mit einer solchen Waffe zu bedrohen. wie Fuchs seine Informationen weitergab. Moskau hatte ihm den Wert seiner Informationen nie bestätigt. Er erinnerte sich. mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Ruth Werner. dank Fuchs auf langwierige Versuc he verzichten und sich auf das konzentrieren konnte. Das wäre so gewesen.« Über seinen persönlichen Beitrag zur Entwicklung der russischen Atombombe äußerte Fuchs sich sehr zurückhaltend. fand ich einfach entsetzlich. von allen Kontaktpersonen die sympathischste. sondern jahrzehntelang so getan.Vorstellung. Er traf sich mit seinen Kontaktpartnern nach Vereinbarung. das nicht zu tun. Die meisten seiner Verbindungsleute waren ihm persönlich nicht bekannt. der Vater der sowjetischen Bombe. daß Igor Kurtschatow. war ihm Jürgen Kuczynskis Schwester. und dort übergab der Physiker der Informantin schriftlich von Hand zu -415- . Fast unglaublich war die einfache Art. daß die russischen Profis sich am auffälligsten benahmen – einer von ihnen schaute sich ständig nach Verfolgern um. Erst nach dem Tod Fuchs' wurde in der UdSSR publik. daß eine Seite in der Lage sein sollte. Solange er in England arbeitete. Es wäre mir wie ein sträfliches Versäumnis erschienen. so wie er das aus seiner illegalen Arbeit als Student in Deutschland kannte. August 1949 räumten sowjetische Wissenschaftler erstmals ein. was in Los Alamos bereits erfolgreich probiert worden war.

Wenn nicht. eine Antwort zu geben. Ruth Werner erzählte mir später. daß das ein besonders raffinierter Schachzug -416- . ob an den Verdächtigungen etwas Wahres sei oder nicht. zog sich vom Seitenwechsel eines Chiffreurs an der kanadischen Residentur des GRU im Herbst 1945 über die Verhaftung des britischen Atomwissenschaftlers Allan NunnMay im Jahr darauf bis zur Festnahme von Ethel und Julius Rosenberg im Sommer 1949 und ihre Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl am 20. hinter denen das Odium des Verrats stand. bis er 1950 verhaftet wurde. sie zu begnadigen. Ich nehme an. daß alle Kollegen wie ein Mann zu ihm stehen würden. Einen Freund anzulügen. der in konspirativer Verbindung zu ihm und zu Ethel Rosenbergs Bruder David Greenglass gestanden hatte. daß sie aus Neugier zwar einen Blick auf die Formeln geworfen hatte. und sein Zögern und die Unfähigkeit. Juli 1953. als Laie jedoch den Hieroglyphen in Fuchs' unendlich kleiner Schrift nicht das Geringste entnehmen konnte. das brachte Fuchs nicht über sich. und man wollte bereits jeden Verdacht gegen ihn als ausgeräumt abtun. dann könne Fuchs sich darauf verlassen. Dabei handelte es sich um Kopien seiner eigenen Arbeiten oder um mit seinem nahezu fotografischen Gedächtnis gespeicherte und danach niedergeschriebene Erkenntnisse über das gesamte Projekt. Die britischen Sicherheitsbeamten hatten Fuchs bei ihren Befragungen nicht aufs Glatteis führen können. Die fatale Kette von Verhaftungen. nachdem Präsident Eisenhower zweimal abgelehnt hatte. David Greenglass war in Los Alamos beschäftigt gewesen. Nach der Rückkehr aus den USA arbeitete Fuchs am britischen Atomforschungsinstitut in Harwell als Leiter auf dem Gebiet der theoretischen Physik. ihn unter vier Augen fragte. mit dem er privat befreundet war. Zwischen diesen Daten lagen die Verhaftung von Klaus Fuchs Anfang 1950 und im Frühjahr 1950 die von Harry Gold.Hand. verrieten ihn. als der stellvertretende Direktor des Instituts in Harwell.

die mich eingeladen haben und mir ihre Heimat zeigen wollen. nicht dichtgehalten oder die Kette des Verrats in Gang gesetzt zu haben. Mit seinem Ehrenkodex in Freundschaften handelte er sich vierzehn Jahre Haft ein. Mehr als dreißig Jahre sind seit meiner unfreiwilligen Stippvisite in New York vergangen. meinem bisher einzigen Besuch in diesem fernen Land.und Jugendtagen wieder aufgenommen und habe viele neue Freunde dazugewonnen. Inzwischen habe ich die Beziehung zu meinen amerikanischen Freunden aus Kindheits. das ich nur aus Erzählungen. Filmen und Büchern kenne.der britischen Sicherheitsbeamten war. Als sie es besser wußten. meine Freunde und Bekannten zu besuchen. Klaus Fuchs. -417- . Daß die Sowjets ihm kein Wort der Anerkennung zuteil werden ließen. Ich wünsche mir. die gemerkt hatten. kann ich mir nur damit erklären. daß dieser Wunsch kein Wunschtraum bleibt. daß sie ihn anfangs verdächtigten. war es ihnen einfach zu peinlich. aus der er nach neun Jahren entlassen wurde. dieses Fehlurteil einzugestehen und sich bei Fuchs zu entschuldigen. daß sie mit konventionellen Mitteln bei Fuchs nichts ausrichten konnten. »Maler« und »Clivia« sind nicht mehr unter den Lebenden. und ich hoffe.

Wenn ich auch noch nicht mit letzter Konsequenz erkannte. daß die Krankheitssymptome in der Sowjetunion und in der DDR die gleichen waren und daß das gesamte System des »real existierenden Sozialismus« wenig Überlebenschancen hatte. Je weniger ich mein Unbehagen an der Politik unserer Führung. um dies zu verhindern. in der unsere innenpolitische Führung inzwischen eine Ultima ratio zu sehen schien – das waren deutliche -418- . Meine Zukunftspläne waren anderer Art. stärker in mir. Eingeweihten jedoch war die politische und ökonomische Krise des Systems bewußt. was mir vorschwebte. weil es eben das gerade nicht war. Vielen DDR-Bürgern. Wirtschaft. unser Nachrichtendienst war innerhalb von dreißig Jahren zu einem der weltweit effizienten und erfolgreichen Dienste geworden. ließen meine Zweifel sich doch nicht länger unterdrücken. Ich mußte sie artikulieren. Wissenschaft und Kultur ihr Bestes gaben. auch wenn Mielke es glaubte und tat. die unwürdige Überwachung und Gängelung systemkritischer Schriftsteller und Wissenschaftler wie Robert Havemann. indem ich schreibend darüber nachdachte. aber das war es nicht. den Dienst zu quittieren. Die geradezu hysterische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Kritik. die Ausbürgerung unbequemer Bürger wie Wolf Biermann. die in nicht geringer Zahl in wichtigen Positionen von Politik. schien die Überwindung der Abwirtschaftung unserer Gesellschaft noch immer möglich. um so mehr hatte ich den Eindruck. Beruflich hatte ich alles erreicht.17 Der Ausstieg Seit 1981 wurde der Gedanke. daß ich mir über den eigenen Standpunkt nur Klarheit verschaffen konnte. Ich wußte. mich ins Ze ntralkomitee zu berufen. an den Gebrechen der Gesellschaft vor mir selbst verhehlen konnte. was in seiner Macht stand. daß man mit dem Gedanken spielte. was ich mir wünschen konnte.

anläßlich einer Beratung des Chefs aller Nachrichtendienste der sozialistischen Länder.Anzeichen nicht nur der Hilflosigkeit. Außenpolitisch war diese Zeit von einer Stagnation der deutschdeutschen Beziehungen gekennzeichnet. die in herben Worten die deutschdeutsche Annäherung ebenso wie Honeckers eigenen Kurs in der China-Politik kritisierte und bedingungslose Solidarität in dem von ihr für notwendig gehaltenen Konfrontationskurs gegenüber den USA forderte. die keine zehn Jahre zuvor so hoffnungsvoll begonnen hatten. Zugleich wurde sie von immer häufigeren und heftigeren Meinungsverschiedenheiten mit der Sowjetunion überschattet. Mit Konrad Wolf 1981 -419- . Im Mai 1982 mußte ich mir in Moskau von Andropow am Tag seiner Ernennung zum Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU. eine Gardinenpredigt zu diesen Themen anhören. sondern der sich abzeichne nden Zukunftslosigkeit.

Das Beharren auf liebgewordenen politischen Vorstellungen hat zweifellos nicht wenig zum beschleunigten Untergang der DDR beigetragen.Im nachhinein habe ich mich oft gefragt. Unsere letzten Gespräche fanden im März 1982 an seinem Sterbebett im Krankenhaus statt. Von da an war mir. In dieser Zeit diskutierte ich viel mit meinem Bruder Koni. seine Führungsschwächen sind nicht zu beschönigen: Seine eigenwillige Haltung in den letzten Jahren an der Spitze der DDR entsprang dogmatischem Denken und Subjektivismus. die ihm keine Zeit mehr lassen sollte. als hätte mir mein Bruder sein TroikaProjekt als Vermächtnis hinterlassen. die Beschreibung der unterschiedlichen Wege. den Film noch zu drehen. Bei diesen Gesprächen über das TroikaProjekt ahnten wir nicht. die wir vor allem einen möglichen Konflikt mit der Sowjetunion zu vermeiden trachteten.und Jugendfreundschaft mit George und Victor Fischer und Lothar Wloch im Moskau der 30er Jahre. daß Koni bereits an seiner Krebserkrankung litt. der seit Mitte der 70er Jahre mit seinem Troika-Filmprojekt beschäftigt war. das ihm sehr am Herzen lag. die die Freunde im Leben einschlugen. Selbstüberschätzung und Loslösung von jeglicher Realität. ob Honecker mit seinen Alleingängen in der deutschdeutschen Politik und auch mit den nach Peking ausgestreckten Fühlern nicht größere Weitsicht gezeigt hat und vielleicht klüger war als wir anderen. Seine letzten Gedanken waren von den Moskauer Kindheitseindrücken erfüllt. Honeckers persönliche Schwächen waren ein getreuer Spiegel der Schwächen des Systems. weil es autobio graphische Wurzeln hatte. während sie über Grenzen und Jahrzehnte hinweg ihre Freundschaft lebendig erhielten. gewollter wie schmerzlicher – nutzte ich eine Flugreise -420- . Unter dem Eindruck all dieser Veränderungen – innerer wie äußerer. einem Projekt. bis hin zu ihrem gemeinsamen Wiedersehen vierzig Jahre später in den Vereinigten Staaten. Es war die Geschichte unserer Kinder. Nein.

mich in die Pensionierung zu entlassen.nach Moskau mit Minister Mielke Anfang 1983. Diese Indolenz. Flugreisen zählten zu den wenigen Gelegenheiten. daß die Sicherheit der Sowjetunion und der ganzen sozialistischen Staatengemeinschaft in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten stehe. an dem ich die seit langem gereifte Entscheidung in die Ta t umgesetzt sehen wollte. dies gefährde die Existenz der DDR ganz außerordentlich. sagte er. und die Zahl Sechzig war für mich der Rubikon. und er betonte. ich sechzig. wenn ich es zur Sprache zu bringen versucht hatte. Er ließ sich von mir Vorschläge zur Übergabe der Geschäfte machen. Andropows Nachfolger. Er war fünfundsiebzig geworden. die Bundesrepublik als Hauptverbündeten der »Abenteuerpolitik« der USA in Europa bezeichnet und Honecker beschuldigt. in dem ich eine kontinuierliche Übergabe der Leitung an meinen Nachfolger Werner Großmann skizziert hatte. hatte Honecker massive Vorhaltungen gemacht. außerdem mußte ich äußerste Diskretion versprechen – nach außen durfte nicht die geringste Andeutung dringen. Bei solchen Worten -421- . Kontakte der BRD in die DDR hinein zuzulassen. sei der UdSSR unverständlich. Das war mehr als deutlich. um die mir schon länger am Herzen liegende Frage meines vorzeitigen Ausscheidens aus dem Dienst anzusprechen. wie frustrierend der Moskau-Besuch Honeckers im Juni verlaufen war. doch hier konnte er mir nicht entwischen. Konstantin Tschernjenko. aber den Zeitpunkt wollte er selbst bestimmen. Mielke war bereit. Mielke war diesem Thema immer wieder ausgewichen. Anfang Juli 1984 erzählte mir unser Außenminister. und wenige Wochen darauf bestätigte er einen Plan. wo man sich seiner Aufmerksamkeit ungeteilt versichern konnte. die den Sozialismus untergrüben und einer nationalistischen Stimmung Vorschub leisteten. Damit schien meinem Ausscheiden nichts weiter im Wege zu stehen.

blieb die Identität dieser Quelle nur den wenigen Mitarbeitern meines Dienstes bekannt. mit unter Gefahren und hohem Risiko beschafften -422- . die von Anfang an mit ihr zu tun gehabt hatten. die internen Probleme der DDR durch größere Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu lösen.wäre jeder DDR-Funktionär früher merklich zusammengezuckt. mit den spezifischen Mitteln der HVA. Frostig nahm man Abschied voneinander. und bezeichnete die Haltung der DDR zu China als überaus gefährlich. unserer politischen Führung das Fatale unserer Lage vor Augen zu führen. Sie beschrieb die zentrifugalen Tendenzen innerhalb des Warschauer Pakts zutreffend und deutlicher. Ausdrücklich wies die Studie auf die Bemühungen der DDRFührung hin. daß Honeckers geplanter BRD-Besuch der UdSSR nicht opportun erscheine. doch diesmal verfehlte die Drohung ihre Wirkung. Die Verbindung verlief fast nur noch unpersönlich. Tschernjenko ließ durchblicken. und ich sah in diesem Papier eine Möglichkeit. Wegen verschiedener Pannen. Treffen fanden nur in großen Zeitabständen und unter gewissenhaftesten Sicherheitsvorkehrungen statt. und Honecker machte aus seiner Verärgerung kein Hehl. ihre wirtschaftlichen Probleme und die zunehmenden Belastungen durch die Intervention in Afghanistan. Etwa um die gleiche Zeit erhielt ich von unserer Spitzenquelle im Brüsseler Nato-Hauptquartier eine Kopie der Ost-WestStudie der Nato übermittelt. ihre Differenzen mit China und die immer sichtbarere Instabilität und Erosion des Warschauer Pakts. Gab es wirklich eine Chance. Vieles in diesem Dokument entsprach meinen eigenen Gedanken und Erkenntnissen der letzten Monate. als wir selbst es hätten darstellen können. Die Nato-Studie behandelte ausführlich die innere Lage der Sowjetunion. die in den letzten Jahren aufgetreten waren. Ich hatte sie vor den Außenministern der Mitgliedstaaten der Nato in Händen.

die nur an höchster Stelle zugänglich waren. um das Dossier zu überreichen. Die Telefone und Tasten für Direktverbindungen am Pult links von seinem Schreibtisch. daß das Dokument sofort an den Vorsitzenden des KGB und von diesem an den Generalsekretär der KPdSU weitergeleitet werden würde. Der besondere Charakter des Dokuments ließ es mir geraten scheinen. um es vorzulegen. bei unseren politisch Verantwortlichen etwas in Richtung Vernunft zu bewirken? Vieles sprach gegen eine solche Vorstellung. Die Dreierrunde Honecker-Mielke-Mittag plante Honeckers BRDBesuch und Gegenleistungen für einen weiteren Milliardenkredit – alles. als Mielke mich in »einer wichtigen Angelegenheit« zu sich beorderte. Der inzwischen zur grauen Eminenz aufgestiegene Schalck-Golodkowski und Bundeskanzler Helmut Kohls Emissär Philipp Jenninger waren schon fast unzertrennlich. Rechts vor ihm auf dem Schreibtisch stand das Sondertelefon.Informationen und Dokumenten. seiner Kommadozentrale. Daraufhin steuerte der schwelende Dissens zwischen DDR und UdSSR -423- . über das er mit Honecker und anderen Mitgliedern des Politbüros sprach. waren noch mehr geworden. Der geeignete Zeitpunkt. Ich konnte sicher sein. die gewöhnlich nach der Politbürositzung stattfindende Aussprache zwischen Mielke und dem Generalsekretär zu nutzen. als sei nichts geschehen. Dennoch mußte ich es zumindest versuchen. und deshalb hatte er mich kommen lassen. Die Sowjetunion erfuhr davon. Ich baute auf Mielkes Neigung. mit spektakulären Ergebnissen die Erfolge des Ministeriums zu demonstrieren. kam. Trotz der Unmutsbekundungen Tschernjenkos war die deutschdeutsche Annäherung weitergelaufen. weil die Bundesrepublik die Verhandlungen publik machte. auf diesem Apparat erwartete er gerade einen Anruf aus Moskau. ohne das ZK der KPdSU ins Vertrauen zu ziehen. vielleicht sogar gleich meine Interpretation und Argumente beizusteuern.

Darauf erwiderte Tschebrikow. daß sie ihre öffentliche Polemik einstelle.einem offenen Schlagabtausch entgegen. doch wenn ich angenommen hatte. Tschebrikows Stimme war mir vertraut aus der Zeit. Honeckers Mitteilung verlangte von der Sowjetunion. seien für einen Meinungsaustausch die Parteikanäle zuständig und nicht Staatssicherheit und KGB. in dem die sowjetische Seite ihren Standpunkt bekräftigte. und die Mitglieder der sowjetischen Delegation äußerten sich durchgehend auf wenig -424- . Die sowjetische Ablehnung der Reisepläne unseres Generalsekretärs war eindeutig und unmißverständlich. Mich habe er hergebeten. gab Mielke mir den Hörer. Als das Telefon klingelte. daß er es für das beste gehalten habe. als er Andropows Stellvertreter gewesen war. Mielke die Ost-West-Studie mit einem entsprechenden Kommentar zur Kenntnis zu bringen. und beharrte auf der Notwendigkeit eines Dialogs mit der BRD. Mielke erklärte mir nun. den KGB-Vorsitzenden. Zumindest nahm er die Studie entgegen. Viktor Tschebrikow. Während die Sekretärin meine Gesprächsnotiz tippte. daß er seinen BRD-Besuch mit dem sowjetischen Partner abstimmte. Er verpflichtete mich zu absolutem Stillschweigen und fuhr in die Schorfheide. versuchte ich. Honecker das Zugeständnis abzuringen. im Auftrag Honeckers anzurufen und um Vermittlung zu bitten. Tatsächlich gelang es ihnen offenbar. damit ich Honeckers Text an Tschebrikow durchgäbe. dann hatte ich mich getäuscht. Am 17. Honeckers Jagdgefilde. doch er war schon wieder nervös und im Geist mit anderen Dingen beschäftigt. er vermisse eine Antwort auf die sowjetische Frage nach Honeckers geplantem BRD-Besuch. bevor er ihn antrat. sie würden einen Kompromiß finden. um dort zusammen mit Mittag auf den Generalsekretär einzuwirken. Wenige Tage darauf führte ich ein weiteres Telefonat für Mielke. August traf Honecker sich zu diesem Zweck mit Tschernjenko. Sollte inzwischen eine Entscheidung gefallen sein.

Er zog Mielke zu Rat. Auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch in Algier Ende 1984 bekamen Honeckers Mitreisende zu hören. wie wenig er den Verzicht auf den Besuch in der Bundesrepublik verwunden hatte. ganz offenkundig lag ihm an der Reise nicht weniger als dem DDR-Staatsoberhaupt. daß das Verschieben des BRD-Besuchs nicht so aussah. von der er sich persönlich gekränkt und im Stich gelassen fühlte. Honecker hatte sich – wenn auch widerstrebend den Wünschen der Sowjetunion gebeugt. als sei der Rückzieher Honeckers auf Weisung Moskaus geschehen. Jetzt galt es nur. Sein Fazit war. seine saarländische Heimat noch einmal wiederzusehen. daß es ihm wohl nicht mehr vergönnt sein werde. Honecker steckte nun in der Zwickmühle: Er wollte an seinem Besuch festhalten. und beschwerte sich über die Sowjetunion. der angekündigte Besuchstermin scheine nicht mehr realistisch. Er wird nicht schlecht gestaunt haben. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben. daß die DDR sich auf die eigene Kraft verlassen müsse. wie er es anstellen sollte. als der Leiter unserer Bonner Vertretung weisungsgemäß vor der Presse erklärte. daß es für die Bundesrepublik unannehmbar sein mußte. Willi Stoph sagte später. umgehend die Verhandlungen mit Jenninger so wenig kooperativ wie möglich zu gestalten und das Kommunique zum Besuch so abzufassen. der ihm entschieden abriet. Deshalb erging an den Leiter der Bonner DDR-Vertretung die Weisung. Aber nun schaltete Helmut Kohl sich persönlich ein und war mit allen Bedingungen einverstanden. die Konfrontation mit der Sowjetunion noch mehr zu verschärfen. er sei selten so enttäuscht gewesen wie angesichts dieses massiven Mißtrauens gegenüber der DDR und ihm persönlich. Er beklagte.freundliche Weise. Zu guter Letzt lenkte Honecker ein und legte seine Reisepläne auf Eis. wußte aber nicht. alles so zu arrangieren. Mir scheint das einen Wendepunkt im Denken und Handeln -425- .

Das wahre Ausmaß der wirtschaftlichen Misere wurde zwar vor ihm geheimgehalten. in der DDR einen anderen Kurs als den Moskaus zu steuern und die wirtschaftlichen Probleme aus eigener Kraft. den Rüstungswettkampf unerbittlich zu führen. Die sentimentale Enttäuschung. wie er ihn sich vorstellte. aber auch mit Finanzspritzen aus dem Westen zu lösen. Dem Sozialismus. in das er so große Hoffnungen gesetzt hatte und an dem er beinahe sklavisch festhielt. Jahrestag der DDR demonstrierten. die Honecker und Andrej Gromyko bei den Feiern zum 35. als Präsident Reagan trotz aller Proteste in Europa die Pershing-Raketen stationierte und mit der Verkündung des SDIProgramms seine Entschlossenheit zeigte. daß er. blieb er immer treu. Jahrestag der DDR lernte ich Hans Modrow näher kennen. Es wäre ungerecht. Keinen Augenblick dachte er daran. Er beurteilte die Probleme ähnlich wie ich und sah die düstere Zukunftsperspektive am Horizont. Da er -426- . nun doch nicht als anerkanntes Staatsoberhaupt den anderen deutschen Staat besuchen würde. sich dem Westen in die Arme zu werfen oder die DDR der Bundesrepublik auszuliefern. Sein unlösbares Dilemma war.Honeckers zu kennzeichnen. daß das Sozialprogramm. war eine Sache. Die Einigkeit und Geschlossenheit. daß die Interessen der verbündeten Großmacht mit den dringend notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen im eigenen Land nicht zur Deckung zu bringen waren. aber trotz Potemkinscher Dörfer erkannte er sehr wohl. Kurz nach dem 35. der Dachdecker aus Wibbelskirchen. kaschierte nur notdürftig die verhärteten Fronten. die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes bis an die Grenze strapazierte. Ihren unnachgiebigen Kurs sah die Sowjetunion bestätigt. eine ganz andere war die Vorstellung des Politikers. Honecker nachträglich zum Provinzpolitiker zu degradieren und verletzte Eitelkeit zur einzigen Triebkraft seines Handelns zu erklären.

die in der amerikanischen Botschaft oder der Vertretung der Bundesrepublik Zuflucht gesucht hatten. daß Ausreisewillige ihre Anträge zurücknahmen. Das Unterlassen von Liebedienerei allein ersetzt aber noch nicht klare Analysen und radikale Reformvorschläge. Die Trennung vom Gewohnten wäre mir weniger schwergefallen. Aber mit vielen der Menschen. Wir begriffen nicht. sie zu ändern. Es bedeutet nur. den ich hinterlassen würde. daß man zumindest den Versuch macht.seine Meinung ehrlich vertrat. daß man die Lage erkennt. in das wir eingebunden waren. Was würden sie. der uns dazu bringen sollte. strenges Vorgehen angekündigt. oft Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit. Der Acker. gemeinsamer Erlebnisse in einer nicht gerade alltäglichen Tätigkeit. dem ich den Dienst beruhigt anvertrauen konnte. das System zu ändern. die sie weiter ihre Freiheit aufs Spiel setzten. wurden sie postwendend mit Kind und Kegel in den Westen abgeschoben. zu meinem plötzlichen Ausscheiden sagen? Doch meine Entscheidung stand fest. die für meinen Dienst arbeiteten. Das Professionelle war in guten Händen: Werner Großmann war ein Nachfolger. Äußerungen und Weisungen Mielkes widersprachen sich inzwischen von einem Tag zum anderen. damit im nächsten Augenblick fünfundzwanzigbis dreißigtausend Ausreisewillige im Paket als Gegenleistung für den Milliardenkredit kurzfristig sollten ausreisen können. Leute wie Hans Modrow und ich warteten weitgehend passiv auf einen »Erlöser«. kam er schon lange nicht mehr für eine Funktion im Politbüro der SED in Frage. verbanden mich Jahre. Kaum war gegen Flüchtlinge. Im Schreiben über die eigenen Erfahrungen sah ich immer zwingender meine -427- . daß der Anstoß von uns selbst hätte kommen müssen. wenn da nicht die Menschen gewesen wären. Mehr denn je war mir klar. daß ich genug hatte. Eben noch sollte die Staatssicherheit dafür sorgen. nicht aber. war gut bestellt. mit denen mich so viel verband.

während ich am Schreibtisch saß und den Chef mehr oder weniger mimte. drängte ich auf eine klare Entscheidung. Die auslaufende Phase meiner Arbeit im Nachrichtendienst dauerte knapp zwei Jahre. Mielke zögerte trotz seines generellen Einverständnisses die einzelnen Schritte. das war angesichts seines eigenen und des Lebensalters der meisten Politbüromitglieder kaum ratsam. damit ich ausscheiden konnte. Die laufenden Geschäfte hatte ich zum Großteil bereits Werner Großmann übergeben. das bereits beantragt war. An einem Dokumentarfilm über sein Leben mit dem Titel Die Zeit. Im Frühjahr 1985 war Michail Gorbatschow zum -428- . Mielke mußte ihnen umgehend reinen Wein einschenken und ihnen die Begründung nennen.Lebensaufgabe. die bleibt hatte ich zwischenzeitlich mitgewirkt. Das allerdings setzte meinen Abschied voraus. ob mit meiner Kandidatur bei der Neuwahl der Mitglieder gerechnet werden könne. Sein TroikaProjekt war mir zum Vermächtnis geworden. Er trug nun die Last der Arbeit. immer wieder hinaus. Parteitag der SED getroffen werden mußte. muß dieser Schritt bald getan werden. auf die er und ich uns geeinigt hatten: daß ich mich nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Zum Jahreswechsel 1985 notierte ich in meinem Tagebuch: »Will ich das in mir Gärende bewältigen. Um diese Situation zu beenden. um bei den sowjetischen Freunden und in der eigenen Führung ja nicht in ein schiefes Licht zu geraten.« In diesem Jahr stand der sechzigste Geburtstag meines verstorbenen Bruders bevor. die besonders in Hinsicht auf den im Frühjahr 1986 bevorstehenden XI. das nicht in der Schublade verschwinden durfte. wieder einmal besonders geschickt taktieren zu müssen. Er glaubte offenbar. Ahnungslose Mitarbeiter des Zentralkomitees hatten bereits bei Mielke angefragt. die zu tun waren. Dieser Zustand war der Kontinuität der Arbeit nicht zuträglich. Altersgründe anzugeben. voll und ganz der Pflege des Erbes meiner Familie widmen wolle.

so meinten sie.Generalsekretär der KPdSU gewählt worden. und ein gefährliches Konfliktpotential braute sich zusammen. weckte in unserem Land große Erwartungen auf eine mögliche Genesung des gesamten sozialistischen Systems und der an der Selbstgefälligkeit ihrer Führung krankenden und zerrissenen Gesellschaft der DDR. mit dem man vernünftig reden könne. auch an unserem Land nicht vorbeigehen würde. Die Lage im Land spitzte sich zusehends zu. an mein Gewissen zu appellieren. daß Glasnost. die in Bewegung geraten war. Angesichts der wachsenden Differenzen zwischen den Führungen unserer Länder komme es. Honeckers BRD-Besuch war für Ende Mai mit dem Bundeskanzleramt fest vereinbart worden – wieder ohne Wissen -429- . die Flinte nicht ausgerechnet jetzt ins Korn zu werfen. Die Flüchtlinge. die an den Toren der amerikanischen Botschaft und bundesdeutschen Vertretung in Ost-Berlin und Prag Einlaß begehrten. Die Moskauer Freunde erwarteten sich von mir Hinweise zur Lage innerhalb unserer Führung und eine Einflußnahme in ihrem Sinn. Parteitag der SED im April 1986. Der PerestroikaKurs. auch wenn Moskau daran noch immer glaubte. den er schnell einschlug. durch die Informationen der HVA auf die wahren Probleme des Landes einzuwirken. waren Vorboten einer Lawine. In einer solchen Situation sah ich kaum noch eine Chance. Zwischen den Führungen ging der alte Hickhack um die DDR-BRD-Beziehungen und Honeckers Reisewünsche weiter. auf jeden einzelnen an. doch gerade dieser Besuch führte mir meine Ohnmacht drastisch vor Augen. Plötzlich begannen deutsche Freunde und die über meine Absichten informierten KGB-Vertreter in Berlin. Von Gorbatschow wurde mir bei seinem Besuch eine hohe Anerkennung ausgesprochen. Aber die DDR hatte inzwischen gravierendere Probleme. Ich war mir sicher. bis nach Gorbatschows Auftreten auf dem XI. also Offenheit.

jeden Impuls aufzunehmen. Beide Seiten brachten ihre altbekannten Standpunkte vor. Er erntete sogleich Sympathie. Nach Gesprächen mit Egon Krenz und anderen Mitgliedern des Politbüros wurde mir da erst klar. Äußerlich begann der Parteitag wie gewohnt: Die schönfärberischen Reden und der Personenkult um Honecker waren noch unerträglicher als sonst. und daß einige Berater bereits die Möglichkeit einer deutschen Einheit ins Auge faßten. Seine außenpolitischen Bemerkungen klangen selbstbewußt und von umsichtiger Klugheit geprägt. um an Informationen zu gelangen. Alle Kontakte wurden über Schalck und Mittag abgewickelt. Das Gespräch unter vier Augen schob Honecker hinaus. darunter auch ich. daß er auf einmal von Gorbatschow in den Beziehungen zur Bundesrepublik und sogar -430- . Zur Entwicklung in der DDR schwieg Gorbatschow. der Deutschlandpolitik eine ganz neue Priorität beizumessen. wie nicht anders zu erwarten. Davon hob sich das Auftreten Gorbatschows und seiner Begleiter wohltuend ab. welches Trauma es bei Honecker bewirkt haben muß zu sehen. daß die sowjetischen Vertreter in Berlin und Mitreisende in Gorbatschows Delegation sich an mich hefteten. Erst später erfuhr ich. daß Gorbatschow und seine engeren Berater schon damals begonnen hatten. Nur Außenminister Fischer war eingeweiht worden. sondern vor allem frischen Wind in Partei und Staat. Wie so viele versprach auch ich mir von Gorbatschows Anwesenheit auf dem XI. waren gern bereit. Die Delegierten des Parteitags. Parteitag im April nicht nur die Beilegung des Streits um Honeckers BRD-Besuch. der eine Wende im eigenen Land zu ermöglichen schien. die sowohl seiner Politik der Offenheit und Ehrlichkeit als auch seiner persönlichen Ausstrahlung galt.der Sowjets und diesmal auch des Politbüros und der zuständigen politischen DDR-Gremien. Es kam erst am dritten Tag zustande und dauerte drei Stunden. Es war also kaum verwunderlich.

daß das Gefühl zwischen uns sich gegen alle -431- . die sie in ihn gesetzt hatten. Zunächst entschied ich mich für das Troika-Projekt. und keiner der Zuständigen im Fernsehfunk und im Zentralkomitee war bereit.in der China-Politik überholt wurde. Das jedoch war damals bei uns noch immer streng tabuisiert. würde ich als Buch realisieren. begann ich mit der Arbeit an dem Buch. daß ich vor dem Hintergrund der Lebensleistung meines Vaters und meines Bruders mehr in die gesellschaftlichen Prozesse unseres Landes eingreifen und mehr Gehör finden konnte als durch mein Verbleiben im Nachrichtendienst. hatte mein eigenes Leben eine neue Wendung genommen. In einer Passage des Films spreche ich anläßlich unserer Jugend in Moskau auch über die Verfolgungen unter Stalin. Das Schicksal der drei Familien war allerdings ein Jahrhundertstoff. daß viele Künstler und Schriftsteller die Hoffnungen. die Verantwortung für diese Passage zu übernehmen. Noch im Dienst stehend. Zuletzt mußte Mielke sich den Film ansehen. die ich zwei Jahre später heiratete. Fast zur selben Zeit. sich selbst an die Spitze der Verständigung setzte und sich zum Vorreiter innen. Bei den Ehrungen und Veranstaltungen zum Gedenken an meinen Bruder merkte ich. Begegnungen und Eindrücke verstärkte mein Gefühl. und er genehmigte die unzensierte Fassung. als ich mit Troika meinen Weg zu einem neuen Ziel zu erkennen meinte. Was mein Bruder sich als Film vorgestellt hatte. ganz so. Die Summe all dieser Gespräche. der bewältigt sein wollte. hatte ich einen kleinen Sieg über die Zensur errungen. Mit der Premiere des Dokumentarfilms über meinen Bruder.und weltpolitischer Veränderungen aufschwang. die an seinem sechzigsten Geburtstag stattfand. als wäre ich sein Nachfolger. auf mich übertrugen. indem dieser ihn zur Zurückhaltung aufforderte. Ich war mir der Liebe zu einer Frau bewußt geworden. Als wir feststellten.

So blieb es nicht aus. Andrea zu heiraten. Nach der offiziellen Veranstaltung traf ich den Kern meiner Mannschaft bei einer weniger förmlichen Abschiedsfeier. beschlossen wir. Meine offizielle Verabschiedung war überaus feierlich und aufwendig. reinen Tisch zu machen. Mai 1986 wurde mein letzter Arbeitstag. meinen Abgang in die Wege zu leiten. Den Abschied selbst jedoch verschob Mielke bis in den Herbst hinein. doch das hatte ich abgelehnt. im ersten Moment war ich sprachlos. In Anwesenheit sämtlicher leitender Mitarbeiter des MfS und von Vertretern des Zentralkomitees der SED und des KGB verkündete Mielke mein Ausscheiden und verlas eine Laudatio. daß ich Mielke informieren mußte. aber dann gewann der Humor die Überhand. in dem Mielke behauptete. Ehescheidungen bei exponierten Persönlichkeiten waren überhaupt nicht wohlgelitten. Politbüro und Nationaler Verteidigungsrat faßten den Beschluß über mein Ausscheiden. Im November war es dann soweit.Versuche behauptete. Der Moralkodex in sozialistischen Ländern stand dem der katholischen Kirche in nichts nach. Mit dem Entschluß. lieferte ich endlich einen Anlaß. Mielke hatte noch versucht. doch vergebens. gesundheitliche Gründe für mein Rücktrittsgesuch vorzuschützen. Ich durfte sie mir übrigens vom Tonband abgespielt während meiner Prozesse noch zweimal anhören. Ein geschlagenes Jahr lang bemühte Mielke sich redlich. Der 30. er habe mich wegen moralischer Verfehlungen aus dem Ministerium entfernen müssen. es zu unterdrücken. Jenen unter ihnen. die mich gut kannten. Nach der Ansprache griff Mielke unter das Rednerpult und holte wie ein Zauberer den Karl-Marx-Orden und eine Urkunde hervor. mich auf den Pfad der Tugend zurückzuführen. Jahre später las ich ein Interview. mich zu überreden. Beim Zuhören der Lobeshymne kam ich mir vor wie bei der eigenen Beerdigung. wird meine innere Bewegung nicht verborgen -432- . die ich mir ausbedungen hatte.

den mein Vater 1944 meinem Bruder zum neunzehnten Geburtstag geschrieben hatte. viel Liebe und Freundschaft erfahren zu haben. war mein Leitgedanke bei der Arbeit an der Troika geworden. sagte ich. für einen Standpunkt einzutreten. bis der Himmel eine neue Erleuchtung schickt. ist die Voraussetzung für die Erarbeitung einer produktiven Strategie. November 1986 die letzten Worte an sie richtete. in der Familie und von Menschen. dem Sog des Systems und der militärischen Hierarchie zu widerstehen und bei den Umwälzungen. wonach ein guter Kommunist viele Beulen am Helm hat. Die Fähigkeit. auch im eigenen Land. vorhandene Erkenntnisse wiederzukäuen. bisherige Erkenntnisse und Praktiken immer wieder in Frage zu stellen. An meiner Seite standen mein Nachfolger und die Stellvertreter. Damals war Koni Soldat der Roten Armee. die unausweichlich bevorstanden. auch im eigenen Lager«. manche auch vom Gegner. sprach ich an diesem Abend über das Glück. was mein Vater in diesem Brief über die Zivilcourage sagte.geblieben sein. Der Aufklärer ist nicht dazu da. Erfahrungen des Lebens zu durchdenken und an Jüngere weiterzugeben. In vertraute Gesichter blickend. mit denen die Arbeit mich zusammengeführt hatte. sind jetzt weniger blind gläubig. auch wenn dies im eigenen Haus nicht immer und nicht von allen gern gesehen -433- . als ich am 27. sondern er hat Tatsachen objektiv zu bewerten und zu analysieren. Würden auch sie solchen Beulen nicht ausweichen? Würde jeder einzelne die Stärke besitzen. Das. Ich endete mit den Bertolt Brecht zugeschriebenen Worten. »Wir waren anfangs sehr gläubig. Meine Verabschiedung sah ich als Chance. Wir haben uns aber immer um selbständiges Denken bemüht. einen eigenen Standpunkt zu behaupten? »Es gehört oft Mut dazu. Strategisches Denken und selbständiges Handeln waren die Grundlage für das›Geheimnis‹mancher unserer Erfolge. Den roten Faden lieferte mir der Brief.

das Persönliche aus meinem Credo. Jeder Mensch hat das Bedürfnis. Dünkel.« Zuletzt zitierte ich aus dem Brief meines Vaters an meinen Bruder: »Wenn es schwere Situationen im Leben gibt. Es war mir bei diesem letzten Zusammensein mit meinen engsten Mitarbeitern wichtig. Verzeiht. daß ich ein Mensch bin. Und wenn ich zuviel gehasset Und eine geliebet zu sehr. Arroganz und Eigenliebe vertragen sich nicht mit einfühlsamem Verhalten anderen Menschen gegenüber. das kurz vor Kriegsende entstanden ist: Verzeiht. »In einer Zeit. aber in Wirklichkeit sind Dünkel und Feigheit Geschwister. ist alles Dünkelhafte von Schaden«. wenn der Wind schärfer weht und Rückgrat gezeigt werden muß. das ich ihnen mitgeben wollte. dann muß man selbst nach seinem Gewissen die Entscheidung mutig fällen und den -434- . Der in dem Haß und Todeshauch Vielleicht zuviel gehasset. gebraucht und nicht benutzt zu werden. Doch stark geliebet auch. sondern aus der lange gewahrten Reserve heraustreten. auf das es in dieser Zeit besonders ankommt. in der Verantwortliche vielleicht auch einmal den Mut haben müssen. der in den Ruhestand geht. fuhr ich in meiner Rede fort. »Dünkel paart sich oft mit forschem Auftreten. daß ich ein Mensch bin Und nicht ein Heiliger. Ich wollte mich nicht als müder Rentner verabschieden. wo einem keiner raten und helfen kann.« Zu den Umständen meines Ausscheidens zitierte ich einige Zeilen aus einem Gedicht meines Vaters. nicht auszuschließen.wurde. sich etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen.

mich fordernde. Am Erscheinungstag gab ich im bundesrepublikanischen Fernsehen einige Interviews. kurzum produktive und schöne Zeit. Die Arbeit am Troika-Projekt und die anschließenden Lesungen aus dem Buch begleiteten mich bis zum Beginn der Umwälzungen im Herbst 1989. Noch nie hatte ich mich so lebendig gefühlt. Es war eine aufregende.« Das Ausscheiden aus dem Dienst habe ich als Befreiung empfunden. Die politische Führung distanzierte sich in selbstzerstörerischer Weise und weltfremder Selbstherrlichkeit von Perestroika und Glasnost. Sequenzen aus diesen Sendungen wurden in den Nachrichtensendungen ausgestrahlt. ich sei froh. weil sie über Verbrechen im Stalinismus berichtete. Ich distanzierte mich darin vom Verbot der deutschsprachigen sowjetischen Zeitschrift Sputnik durch die DDR-Behörden. aber letzten Endes ist es das richtige und hat auch den Aufrichtigen niemals gereut.Weg unbeirrt zu Ende gehen. Die Arbeit in der Abgeschiedenheit unseres Waldgrundstücks mit den hohen Kiefern und den schlanken Birken. Trotz der Konzentration auf mein Buch ließ die Sorge um die Zukunft des Landes mir keine Ruhe. mit der imposanten Eiche am Eingangstor. in die ich große Hoffnungen setzte – ganz so. Auf die Frage. sagte ich. als gäbe es bei uns nichts zu reformieren. die angesichts der weltpolitischen Entwicklung nach dem Beginn des KSZEProzesses kein gutes Ende nehmen konnte. Auf seiner nächsten Sitzung beschäftigte das Politbüro sich mit meinen -435- . Der größte Mut – das gilt auch für den Krieg – ist die Zivilcourage. dem weichen Morgenlicht über dem See und Andreas Katzen war eins mit dem Glück meiner neuen Ehe. Sie verharrte in einer Rechthaberei. in allen wichtigen Dingen seine Überzeugung zu vertreten und seine Meinung zu sagen! Das kann einen gewiß m anchmal bei kleinen Geistern mißliebig machen. das heißt. Als Troika im Frühjahr 1989 gleichzeitig in der BRD und der DDR erschien. was ich von Gorbatschow hielte. erregte das Buch Aufsehen. daß es ihn gebe.

Konrad Wolf) Die Leser der Troika in der DDR nahmen den abweichenden -436- .: George Fischer. Nach der Sitzung rief Mielke mich an und teilte mir mit. daß ich auf der bevorstehenden Leipziger Buchmesse von Interviews Abstand nähme. n. das Politbüro betrachte meine Worte als Angriff auf die Parteiführung und erwarte. Umschlag der Troika von 1989 (v. r.Äußerungen. l. Lothar Wloch.

dieser Zwiespalt hatte mich häufig beschäftigt. daß mein Telefon inzwischen abgehört wurde. daß ich in einem Gespräch mit dem Spiegel gesagt hatte. Weshalb ausgerechnet gegen mich? Ich war doch längst nicht mehr aktiv. zur Verständigung über Ländergrenzen und Ideologien hinweg. ob das gerade jetzt sein müsse. ich würde gern einmal wieder Stuttgart besuchen.Umgang mit den finsteren Seiten aus der Geschichte des Sozialismus in diesem Buch sehr wohl wahr und ebenso die Aufforderung zur Offenheit und zum demokratischen Meinungsstreit. Bis dahin war mein Blick vorrangig nach außen gerichtet gewesen. Am 18. der dabei war. Oktober 1989 traten Honecker und einige seiner Getreuen sang. der ich doch Bürger der DDR war. denn die Zuhörer auf meinen Lesungen forderten in den anschließenden Diskussionen Antworten von mir.und klanglos von der politischen Bühne ab. so sei es in der Tat. Mielke fragte mich irritiert. jemals vergessen wird. zur Toleranz im Umgang mit anderen Gedanken. den keiner. -437- . Für mich begann ein völlig neuer Lebensabschnitt. Mitten in diesem Sommer traf mich aus heiterem Himmel eine seltsame Nachricht. Offenbar hatte Rebmann rein sicherheitshalber für diesen Fall einen Haftbefehl gegen mich erwirkt. der mich so intensiv wie nie zuvor mit der Realität im Land konfrontierte. Keinen Monat später kam jener Tag. Trotz des Verbots der Parteiführung gab ich der Süddeutschen Zeitung ein Interview. Jetzt konnte ich ihn nicht mehr verdrängen. Den Gegensatz zwischen der Scheinwelt der Lüge und der Realität der Wahrheit hatte es in der DDR schon immer gegeben. die ich damals nicht sonderlich ernst nahm: Generalbundesanwalt Rebmann erwirkte gegen mich. Mit mir sympathisierende Mitarbeiter der Staatssicherheit verrieten mir. Die einzig mögliche Erklärung schien mir die zu sein. und ich antwortete stur. einen Haftbefehl.

Am 4. -438- . Als ich verlangte. verschwieg aber nicht. Ich hatte zugesagt und war entschlossen. manche schrien: »Aufhören!« Als ich meine Ansprache beendet hatte und vom Lastwagen stieg.und Pressefreiheit öffentlich einzuklagen. Alle empfanden. Als Rednertribüne diente die Ladefläche eines Lkw. daß man nicht alle Mitarbeiter der Staatssicherheit undifferenziert zu Prügelknaben der Nation machen solle. Als die Reihe an mir war. Da kamen die ersten Pfiffe. Zweifeln und Widersprüchen war ich den Weg vom jugendlichen Bewunderer Stalins zum Befürworter demokratischer Wandlungen gegangen. Trotzdem versammelten sich auf dem Alexanderplatz. Nach langen inneren Auseinandersetzungen. hatte mich wenige Tage zuvor gefragt. daß die Vergangenheit mich einholen würde. der noch keinen Namen hatte. Das Recht der freien Versammlung nahmen sie sich an diesem Tag selbst. Aber an diesem 4. noch existierten Armee. fast euphorisch. November war Ost-Berlin noch die Hauptstadt der DDR. Künstler und Journalisten hatten zu dieser Willenskundgebung aufgerufen. war mein Mund ausgetrocknet. Ich brauchte keine Feindbilder abzubauen. noch stand die Mauer. Es hagelte Zwischenrufe. ob ich bereit sei. mitten im Zentrum. die Schauspielerin Johanna Schall. um ihr Recht auf Meinungs. die Widerspruch erregen mußten. daß ein Umschwung bevorstand. auch solche Gedanken auszusprechen. eine halbe Million Menschen. andere drückten mir die Hand. Die Stimmung war gelöst. November stieg eine erste Ahnung in mir auf. auf der geplanten Kundgebung zu sprechen. wurden meine ersten Sätze mit Beifall quittiert. Brechts Enkelin. wurden die Pfiffe lauter. daß ich General der Staatssicherheit gewesen war. als ich nun inmitten oppositioneller Bürgerrechtler stand. Christa Wolf umarmte mich. Ich bekannte mich zu Perestroika und zur Verbindung von Sozialismus und wahrer Demokratie. Staatssicherheit und Polizei.

das ist für Aitmatow nicht der Ort der Hinrichtung.Später ging mir das Wort Tschingis Aitmatows durch den Kopf: »Jeder Mensch wird im Laufe des Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert. Am 4. Fünf Tage später diskutierte ich in einem Potsdamer Klub nach einer Troika-Lesung mit dem Publikum. niemand hat an diesem Abend die historische Dimension der Stunde ganz erfaßt. vor dem Ort meiner Wahrheit zu stehen. -439- . einig Vaterland«. und aus ihr entwickelte sich die Forderung »Deutschland. sondern der Ort der Wahrheit. daß die Tage der DDR gezählt waren. An Stelle des Slogans »Wir sind das Volk« trat die Losung »Wir sind ein Volk«.« Die Richtstatt. Nach dem Fall der Mauer wurde von Woche zu Woche deutlicher. 11. als ein Mann die Tür aufriß und rief: »Die Grenze ist offen!« Ich glaube. 1989 auf dem Alexanderplatz An diesem grauen. schönen Novembertag hatte ich das Gefühl.

in dem ich als Zeitzeuge meine Eindrücke des letzten Jahres festhalten wollte. Zu Beginn der 80er Jahre hatten Susanne Albrecht. Diese Attacken erreichten einen Höhepunkt. Als ich im Frühjahr aus Moskau zurückkehrte. Das ehemalige Ministerium war von einer Menschenmenge gestürmt worden. um den Strafverfolgungsbehörden der Bundesrepublik in die Suppe zu spucken.Anfang 1990 zog ich mich zu meiner Schwester Lena nach Moskau zurück. damit für den Fall des Falles erprobte Kämpfer in Reserve zu halten. mein zweites Buch zu beginnen. weil er meinte. sich an das MfS gewandt und waren heimlich in die DDR aufgenommen worden. Gespräche und Gedanken verarbeiten. Offiziere der Abteilung XXII hatten sich um sie gekümmert. Seither sind bestimmte Akten insbesondere aus dem Bereich der Abwehr – verschwunden und erwiesenermaßen bei Diensten im Westen gelandet. an deren politischem Ausgang es keinen Zweifel mehr geben konnte. Da ich außer Mielke als einziger einer größeren Öffentlichkeit bekannt war. Ihre Resozialisierung jedenfalls kann man im nachhinein nur als gelungen bezeichnen. die aussteigen wollten. -440- . Vielleicht hatte Mielke sie aufgenommen. daß ehemalige RAF-Angehörige seit Jahren unter neuer Identität in der DDR gelebt hatten. geriet ich in die hysterische Atmosphäre einer Schlammschlacht. vielleicht. um in Ruhe meine Gedanken zu ordnen und abseits aller Wirren in der DDR. Der Rachedurst vieler konzentrierte sich in erster Linie auf die Staatssicherheit. aber auch Verleumdungen ausgesetzt sah. ihnen neue Lebensläufe und Papiere verschafft und mit ihnen geübt. als bekannt wurde. wie man als DDR-Bürger nicht auffiel. ohne daß ich mich heftigen Angriffen. Inge Viett und andere RAF-Mitglieder. Wieder einmal nützte es mir herzlich wenig. daß die HVA damit nichts zu tun gehabt und auch keinerlei Kenntnis davon gehabt hatte. verging kein Tag. Nur wenn ich mich sofort an die Arbeit machte. konnte ich die noch frisch in der Erinnerung haftenden Erlebnisse.

Aber faire Bedingungen waren in diesem deutschen Herbst des Jahres 1990 nicht gegeben. Ich schrieb Briefe an den Bundespräsidenten. einzugreifen oder sich zu beschweren. sagte er nicht. Als die Vereinigung der beiden deutschen Staaten bereits abzusehen war. das Land zu verlassen. Nowikow. Allein meine Erziehung zur Zivilcourage. Bewegte Monate folgten. in denen ich klarstellte. Oktober 1990. zuerst in Österreich. wo ich das Scheitern der Perestroika miterlebte. sondern gescheitert. beschloß ich schweren Herzens. sei Grund genug. dem ich sagte. haben sich als exzellente Bewährungshelfer erwiesen. fügte ich hinzu. dann in der Sowjetunion. aber keinen Grund sah. hatte ich nicht die Absicht. aber er fügte hinzu. Nach Gesprächen mit meinen Anwälten und mit Freunden. die Freiheit vor Strafverfolgung durch Ausplaudern von Informationen zu erkaufen. daß eine zweite Emigration für mich nicht in Frage kam. die für sie zuständig waren.und die Offiziere der Abteilung XXII. drohte mir unzweifelhaft der Vollzug des Haftbefehls. Neueste Enthüllungen deuteten an. daß die Spitze der Bundesregierung die ganze Zeit über diese Vorgänge Bescheid gewußt hat. daß ich mich geweigert hätte. der KGB sei sehr froh. Am 3. vorübergehend das Land zu verlassen. darunter Walter Janka. erwiderte lächelnd. Woher sie das wußten. daß ich Deutschland für eine Weile zu verlassen gedenke. der Leiter der Berliner KGBNiederlassung. daß ich mich unter fairen Bedingungen einer Klärung der gegen mich erhobenen Vorwürfe stellte. daß ich mich über eine Geheimnummer mit einem -441- . Anatolij G. Nach dem Sommer 1990 stand ich jedoch vor einer völlig neuen Situation: Ein mit dem Einigungsvertrag vorbereitetes Amnestiegesetz. war nicht verabschiedet worden. an den Außenminister und an Willy Brandt. das den Mitarbeitern der DDRNachrichtendienste Straffreiheit zusichern sollte. dem Tag der Vereinigung.

Außer Sichtweite hielten wir in der nächsten Kurve und freuten uns wie kleine Kinder. Wir reisten mit echten Pässen und unserem Volvo.Codewort an den KGB wenden könne. falls ich in Schwierigkeiten geriete. denn ich wollte jedes Merkmal illegalen Handelns vermeiden. Am Grenzübergang in Richtung Karlsbad fuhr einer meiner Söhne sicherheitshalber mit Andrea den Volvo. Der Grenzer warf nur einen oberflächlichen Blick auf die Papiere und winkte uns durch. Sechs Tage vor der Vereinigung packten Andrea und ich unsere Koffer und fuhren nach Österreich. den mein Schwiegervater Helmut Stingl steuerte. ich folgte in gebührendem Abstand im Lada. Mit Yitzhak Shamir und Andrea Wolf 1996 in Tel Aviv -442- . konnten aber zunächst beruhigt umkehren. Schwiegervater und Schwiegermutter waren zwar die Sorge um uns nicht los.

Tatsächlich sollte ich erst 1996 auf eine Einladung der Zeitung Ma'ariv erstmals nach Israel kommen. mich mit dem verschwundenen Generaloberst Wolf in Verbindung zu bringen. doch niemand. Aus Österreich schrieb ich an Gorbatschow. Meinem Gastgeber war es peinlich. Zwei Tage später erwartete ein russischer Kurier Andrea und mich an der ungarischen Grenze und geleitete uns durch Ungarn und die Ukraine nach Moskau. Der Weg nach Israel war uns versperrt. wie wir feststellten. daß die Wochen der Flucht ein Ende gefunden hatten. ohne eine Antwort zu erhalten. daß sein -443- . als wir in Wien nachfragten. Erschöpft. mit dem wir zu tun hatten. und Ende November holte ich die Geheimnummer hervor und sprach das Codewort. aber erleichtert. die Stimmung war jedoch gespannt. Natürlich tranken wir ein Glas auf meine Freiheit. trafen wir dort ein. Bald darauf wurde ich in Jasenewo von Leonid Schebarschin empfangen.Mit Ziwi Weinman 1996 in Jerusalem Schon nach kurzem wurden Fotos von mir in den Zeitungen veröffentlicht. ob die von der israelischen Zeitung anvisierten Tickets eingetroffen seien. kam auf die Idee.

mir als altem Bekannten über Valentin Falin Grüße und die Empfehlung ausrichten ließ. Mit Andrea Wolf. Johann Schwenn und Heinrich Senfft 1991 in Moskau Bis August 1991 lebten wir einfach. Als seltsam empfand ich es. Sehr schnell mußte ich erkennen. ich schrieb an diesem Buch und sammelte Rezepte und Geschichten für ein Buch über die russische Küche. doch komfortabel genug. Einerseits galt die Verpflichtung gegenüber der Vergangenheit. alte und neue Freunde. daß Freunde im KGB. die gebot. So kam es. die mir früher jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. bei bestimmten Wünschen nicht nein sagten. nun Vorsitzender des KGB. daß Wladimir Krjutschkow. Wir trafen die Familie meiner Schwester.Dienst keine wirksamere Unterstützung des Präsidenten für den Freund erlangen konnte. andererseits sollte meine Anwesenheit die Beziehungen zum vereinigten Deutschland auf keinen Fall stören oder gar belasten. mir Asyl zu gewähren. Zweimal besuchten uns mein Sohn Sascha und Andreas Tochter Claudia -444- . daß es im Kreml unterschiedliche Meinungen zu meinem Aufenthalt in Moskau gab. auf keinen Fall nach Deutschland zurückzukehren. sondern einfach schwiegen.

hörte sich jedoch freundlich an. aber wir können im Augenblick nichts für dich tun. die Rückkehr nach Deutschland nicht länger hinauszuschieben. um die Modalitäten der Rückkehr mit mir zu diskutieren. ein typischer Verwaltungsmensch. und sagte mit einer Geste der Ratlosigkeit: »Mischa. Gorbatschows Protege. Du warst uns immer ein treuer Freund. Allein -445- . Doch nie hätte ich es für möglich gehalten. daß es so kommen würde! Gott sei mit dir. du siehst selbst. Er war mir zu schmalspurig. Meine Anwälte hatten mich mehrmals besucht. ob ich im Lande bleiben wollte oder nicht. Dieser Putschversuch bestärkte Andrea und mich in unserem Entschluß. in denen Gorbatschow mit Anhang untergebracht war und wo er wenig später die nicht geladene Delegation seiner Genossen vom Politbüro empfing. daß sich ein Mann seines Kalibers in eine so stümperhafte Aktion einlassen könnte wie diesen Coup. Krjutschkow war nie mein Wunschkandidat an der Spitze des KGB gewesen. die ihm mitteilte. intellektuell kein Vergleich mit Andropow. Wer hätte gedacht. Ich hätte bis Oktober abwarten und unter Zusicherung freien Geleits im Prozeß gegen den ehemaligen Leiter der Äußeren Abwehr meines Dienstes als Zeuge auftreten können. um danach zu entscheiden. daß in Moskau ein Putsch stattgefunden hatte – inszeniert von KGB-Chef Krjutschkow. Er wirkte erschöpft und überanstrengt.« Inzwischen war gegen meinen Nachfolger im Dienst und gegen leitende Mitarbeiter der HVA vor dem Berliner Kammergericht Anklage erhoben worden. In dieser Situation wollte ich mich keinesfalls meiner Verantwortung entziehen. Im Sommer waren wir in ein Ferienheim in Jalta an der Schwarzmeerküste eingeladen. was ich ihm mitteilte. der den inhaftierten Krjutschkow als Chef des KGB vertrat.aus erster Ehe. Bei einem Ausflug nach Sewastopol fuhren wir an den Luxusunterkünften vorbei. was hier los ist. Ende August ließ ich mich bei Schebarschin anmelden.

Der Triumph. Wir fuhren zuerst wieder nach Österreich. daß ich sie nur mit Mühe und dank der solidarischen Hilfe von Freunden aufbringen konnte. daß ich mich in Wien aufhielt.schon um die Freiwilligkeit meiner Rückkehr zu verdeutlichen. Der Ermittlungsrichter in Karlsruhe setzte den Haftbefehl mit einigen Auflagen außer Kraft. der die Anordnung des Ermittlungsrichters noch zu später Stunde aufhob und meine sofortige Inhaftierung anordnete. Im Karlsruher Gefängnis hatte ich in der Presse Worte des -446- . In zwei gepanzerten Mercedes-Limousinen chauffierte man uns nach Karlsruhe. Um diesem Rummel ein Ende zu machen. Wenige Tage nach unserer Ankunft wurde von Moskau aus bekannt. die ich seit 1933 nicht gesehen hatte. wo der Bundesanwalt. vorbei an meiner Heimatstadt Stuttgart. war ihm vom Gesicht abzulesen. doch der Bundesanwalt protestierte sofort beim Senat des Bundesgerichtshofs. bevor ich die Grenze zur Bundesrepublik überschritt. Am 24. und daraufhin entfachte die Presse einen Höllenspektakel. daß ich das Land inne rhalb einer absehbaren Frist verlassen wolle. weil ich mich von dort aus mit meinen Anwälten verständigen wollte. September 1991 überschritt ich die Grenze in Bayerisch Gmain. So landete ich kurz vor Mitternacht an diesem ereignisreichen Tag als Untersuchungshäftling in der einzigen doppelt vergitterten Zelle des Karlsruher Gefängnisses. In einem kleinen Hotel eröffnete er mir im Beisein meines Anwalts den Haftbefehl und nahm mich fest. und unter schikanösen Auflagen aus der Haft. meiner endlich habhaft zu werden. mich schon erwartete. Nach elf Tagen hinter Gefängnismauern entließ man mich gegen Hinterlegung einer so hohen Kaution. dem ich vor Gericht viele Monate lang gegenübersitzen sollte. stellte ich mich den Wiener Behörden und teilte ihnen mit. habe ich diesen Zeitpunkt bewußt nicht abgewartet.

allerdings eine seltsame. Wolf hat im damaligen Staatsauftrag Aufklärung betrieben. Nach sieben Monaten neigte sich mein Prozeß vor dem -447- . in der deutschen Vereinigung keine Sieger und keine Besiegten. Heribert Hellenbroich. das ist schwer zu verstehen. Diese quasi rückwirkend beanspruchte Zugriffsmöglichkeit kommt einem rückwirkend beschlossenen Strafgesetz gleich. der für die DDR spionierte. das hat eine Logik. eine grundsätzliche Entscheidung zur Rechtmäßigkeit solcher Verfahren zu fällen. (…) Ihn jetzt (…) allein. ob es sich bei der Wiedervereinigung um die Vereinigung zweier souveräner Staaten oder um eine Einverleibung gehandelt hatte. Es herrschte also erhebliche Rechtsunsicherheit. Wie bei vielen nach der Wiedervereinigung umstrittenen Fragen ging es auch in meinem Prozeß letztlich um die Grundfrage. Sogar frühere Kontrahenten aus den westdeutschen Nachrichtendiensten äußerten ihr Unverständnis. Schon vor meinem Prozeß und erst recht während des Verfahrens mehrten sich in der Öffentlichkeit kritische Stimmen.« Ähnliches war vom ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes. Jemanden. Andere Gerichte wiederum hatten Urteile gesprochen. des Landesverrats zu bezichtigen. des Verrats an der Bundesrepublik zu bezichtigen. Admiral Elmar Schmähling.Justizministers Kinkel zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung gelesen: Es gebe. die den Unterlegenen dem Sieger unterwirft. zu vernehmen. Das Berliner Kammergericht hatte seine Zweifel an der Vereinbarkeit der Anklage gegen meine Mitarbeiter mit dem Völkerrecht als so schwerwiegend bewertet. daß es das Bundesverfassungsgericht ersucht hatte. so hatte er gesagt. erklärte: »Den Prozeß gegen Wolf halte ich für verfassungswidrig. der zudem den Fortbestand von Nachrichtendiensten nach dem Ende des kalten Krieges generell in Frage stellte. weil der Zugriff möglich ist. der ehemalige Präsident des BND.

Zu dem schon Bekannten war nichts Neues hinzugekommen. die man als Agenten bezeichnen kann. Bewiesen wurde in meinem Prozeß. enttarnt und verhaftet worden. daß vermutlich auf Disketten gespeicherte Karteien mit dem geheimsten Wissen der HVA dank der CIA in die Hände westlicher Dienste gelangt waren. Mehr als dreißig Zeugen und Gutachter waren gehört. die aus der Überzeugung heraus gehandelt hatten. Während meines Prozesses war Rainer Rupp.und völkerrechtlichen Grundlagen des Verfahrens sehr wohl bewußt. unsere einstige Spitzenquelle bei der Nato in Brüssel. Als einziger zu Prozeßbeginn noch nicht bekannter Fall wurde »Topas« nachgeschoben. die Informationen zu entschlüsseln. mich als das Oberhaupt einer kriminellen Vereinigung vorzuführen.Oberlandesgericht in Düsseldorf im Spätherbst 1993 seinem Ende zu. denen es gelungen war. daß ein ehemaliger Mitarbeiter der HVA den Codenamen unserer Brüsseler Quelle 1990 dem BND verraten hatte. einer guten Sache zu -448- . daß ich für die auf der Grundlage von Gesetzen und der Verfassung der DDR getätigten Handlungen der mir unterstellten Mitarbeiter die volle Verantwortung übernahm. eine endlose Fülle von Papieren war verlesen worden. Später erfuhr ich. der dann mit Hilfe des aus den Disketten gewonnen Wissens die Identität von »Topas« lüften konnte. Deshalb bemühten sie sich. was nie in Zweifel gezogen worden war: daß ich Leiter eines leistungsfähigen Nachrichtendienstes gewesen war und mich in dieser Funktion mit Menschen getroffen hatte. sondern als Menschen. Aus dieser und anderen Verhaftungen ehemaliger Quellen in der Bundesrepublik mußte ich den Schluß ziehen. Bundesanwaltschaft und Richter waren sich der Fragwürdigkeit der verfassungs. Hinter den Sitzlehnen der Richter stapelten sich Dutzende von Aktenordnern. Dazu hatte ich erklärt. Die als gefährliche Agenten aufgebotenen Zeugen erwiesen sich jedoch nicht als Finsterlinge aus der Unterwelt.

gab er bekannt. Als Regimekritiker aus dem Kreis um Robert Havemann war er 1979 verurteilt und nach der Haft in den Westen abgeschoben worden. der mir in dieser Zeit nahekam. liebenswerter und mit neuen Ideen in die Zukunft blickender Mensch geblieben war. Die Urteilsverkündung in meinem ersten Verfahren war auf Montag. sondern ein offener. Das Urteil blieb ein Jahr unter dem Antrag der Bundesanwaltschaft. Dezember 1993 anberaumt worden. sondern dem Angeklagten Haftverschonung unter Auflagen gewähre. Als wir uns nach dem 4. Den Abend verbrachten wir mit neugewonnenen Freunden aus dem Rheinland. Ein Freund. November 1989 unterhielten. Der Generalbundesanwalt hatte sieben Jahre Freiheitsstrafe gefordert – ein Strafmaß wie bei Agenten. Meine Verteidigung ging umgehend in -449- . und mir bis dahin unbekannte Menschen standen uns mit ihrer Solidarität wie selbstverständlich zur Seite. daß dieser junge Mann trotz allem. für den das Wort Dialog keine leere Floskel bildete. stellte ich fest. Ich war des Landesverrats angeklagt. Gemeinsam entwickelten wir Projekte. die Andrea und mich in den vergangenen Monaten selbstlos beherbergt hatten.dienen. was er durchgemacht hatte. war Karl Winkler. sprachen uns vor der Gerichtsverhandlung Mut zu und bewirteten uns bei sich zu Hause. Am Sonntag begleiteten meine Kinder und Schwiegerkinder Andrea und mich nach Düsseldorf. daß er dem Antrag der Bundesanwaltschaft auf sofortige Haftvollstreckung nicht folge. Leider starb »Kalle« viel zu früh beim Baden im Mittelmeer 1994. Bevor der Vorsitzende Richter die mündliche Urteilsbegründung vortrug. Ich hatte ihn auf der Novemberkundgebung 1989 in Berlin kennengelernt. die wir später verwirklichen wollten. die als Bürger der alten Bundesrepublik verurteilt worden waren. nicht verbittert oder rachsüchtig geworden war. den 6.

-450- . Mit Karl Winkler 1993 in Düsseldorf Der Kreuzzug der Gewinner. Rechenschaft über das abzulegen. daß Offiziere der DDR-Aufklärung nicht für Landesverrat und Spionage in der Bundesrepublik verfolgt werden können. Die Antwort auf vieles war ich mir selbst noch schuldig. half mir die Lähmung überwinden.Revision. und darum kassierte der Bundesgerichtshof auch das Urteil des Düsseldorfer Gerichts gegen mich. Im Sommer 1995 entschied das Bundesverfassungsgericht im Verfahren gegen Werner Großmann. Der Gerichtssaal war nicht der Ort. die der Zusammenbruch des sozialistischen Systems verursacht hatte. der die untergegangene DDR wie ein besetztes Land überzogen hatte. was wir uns vorzuwerfen haben mochten.

Zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt und in ihrer bürgerlichen Existenz ruiniert. eine Spitzenquelle für unseren Dienst zu werden. war sie eine Zeitlang Sekretärin bei William Borm gewesen. Obwohl auch für sie eine Welt zusammengebrochen war. gab es für mich immer wieder bewegende Augenblicke. doch mit Beginn des Dritten Reichs war Böhm auf einmal verschwunden. Ich sah Frauen und Männer wieder. Auf dem Weg dazu. Beide stammten aus Nürnberg. wo Porsts Vater ein Fotogeschäft betrieb. wahrten sie ihre Haltung und Würde. Obwohl er ein unpolitischer Mensch war. Hannsheinz Porst lernte ich in den 50er Jahren durch seinen Vetter Karl Böhm kennen. Mögen die folgenden Porträts für all jene stehen. ließen sie es sich als Zeugen nicht nehmen. brachte der alte Porst ihn in seiner Firma unter. Den zehn Jahre älteren Böhm bewunderte Porst wie einen großen Bruder. bot er dem Gerede der Leute unerschrocken die -451- . Dies galt ebenso für den von schwerer Krankheit gezeichneten Günter Guillaume wie für die beiden hochrangigen Diplomaten des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Dr. Hagen Blau und Klaus von Raussendorf. Der menschliche Faktor Als im Verlauf meines Prozesses vie le meiner ehemaligen Mitarbeiter als Zeugen aufgerufen wurden. Als er sechs Jahre später aus Dachau zurückkam. die politischen Beweggründe ihres Handelns darzulege n. Auch Johanna Olbrich sah ich nicht ohne Bewegung. ohne daß einer der beiden von der klandestinen Tätigkeit des anderen das geringste geahnt hätte.18. die mir viele Jahre lang nahegestanden hatten und die mir heute noch viel bedeuten. mit denen im Verlauf der Jahre und der Zusammenarbeit eine menschliche Bindung gewachsen ist. obwohl die meisten von ihnen aus Gefängnissen vorgeführt wurden.

Als ich einige Zeit darauf mit Böhm zu tun hatte. der wegen seiner Überzeugung verfolgt worden war. Er sagte. wollten sie einen Verlag gründen. der andere als FlakOffizier –. und Porst wurde Teilhaber in der Firma seines Vaters. Daraufhin beschwerte Porst sich bei seinem Vetter über das Ansinnen. Porst wollte sich mit einem -452- .Stirn. einem »ehrlichen Kerl« zu helfen.« Karl Böhm war inzwischen im Kulturministerium der DDR für das Verlagswesen zuständig. Eher zufällig lernten Mitarbeiter meines Dienstes auf diesem Weg Porst auf der Leipziger Messe kennen. aber er sei keine Marionette. um westliche Verbindungen zu nutzen. verweigerten die amerikanischen Besatzungsbehörden ihnen die Lizenz. und forderten ihn auf. wenn es galt. Nachdem Porst junior und sein Vetter den Krieg überlebt hatten – der eine in einem Strafbataillon. Er sagte einmal über ihn: »Wenn Böhm seine Ideen von einer freien. deren Umsatz er innerhalb von zehn Jahren verzehnfachte. glaubten sie. um Informationen gegen die Aufrüstung für sie zu sammeln. mit ihm leichtes Spiel zu haben. in die CDU einzutreten. er wolle der DDR gern helfen. Unter dem Dach seines Ressorts hatte mein Dienst eine legale Residentur eingerichtet. dann sprach er nicht nur mit Kenntnis. Genauso hielt er Jahrzehnte später zu seinem Sohn. Da er im Gespräch kein Blatt vor den Mund nahm. Porsts Verbindung zu seinem Vetter im anderen deutschen Staat riß nie ab. mehr über die Politik der BRD zu erfahren. Böhm ging in den Osten. erzählte dieser mir die Geschichte der verunglückten Anwerbung und schloß mit dem Vorschlag. obwohl er von dessen Kontakten zum DDR-Geheimdienst nichts geahnt hatte. warum nicht ich selbst Kontakt zu Porst aufnehmen wolle. gerechten Gesellschaft entwickelte. sondern auch mit der Glaubwürdigkeit eines Mannes. Da Böhm kein Hehl aus seiner kommunistischen Einstellung machte. bei dem Theorie und Praxis sich nicht widersprachen.

als es um Presse und Medien der DDR ging. Unsere erste Begegnung verlief ein wenig steif. Der gleiche Jahrgang wie ich. auch wenn ich widersprach und mein Land verteidigte. daß seine Ansichten auf hoher Ebene Beachtung fanden. Obwohl er die objektiven Schwierigkeiten nicht in Abrede stellte. Vor. mit denen unser Land zu kämpfen hatte. mit ihm zu diskutieren und auch zu streiten. wirkte sportlich und ging temperamentvoll und ohne Umschweife auf sein Thema los. was er vorbrachte. Heute noch erinnere ich mich gern an die Gespräche mit Hannsheinz Porst zurück. daß die DDR selbst schuld sei. Er war von kleiner Statur. Ich muß sagen: So waren sie nicht alle. von feiner Ironie und originell durch phantasievolle Abschweifungen über idealistische Weltverbesserungsideen. Einer Meinung waren wir allerdings sofort. Es war ein Vergnügen. Seine Kritik begann bei den schikanösen Grenzkontrollen und endete bei der schwerfälligen Bürokratie und der mangelhaften Effizienz der sozialistischen Wirtschaft.und kapitalistischer Marktwirtschaft. Vielem. deren plumpe Agitation Hörer und Leser nur abschrecken konnte. mußte ich recht geben. nicht ohne Humor. Auch er hat unsere Begegnungen in guter Erinnerung behalten: »General Markus Johannes Wolf […] konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen. Porst blieb ein anregender und zuverlässiger Gesprächspartner. selbst wenn sie nicht zu dem offiziellen Repertoire gehörten. gutgeschnittene Anzüge. wenn die meisten im Westen und nicht geringe Teile der eigenen Bevölkerung ihr System ablehnten.und Nachteile sozialistischer Plan. auf Gedanken einzugehen. Seine Informationen und Urteile wurden noch -453- . denn sein Denken und Reden waren anspruchsvoll.« Porst machte sich ernsthafte Gedanken über die Perspektiven.kompetenten Mann über politische Zusammenhänge unterhalten und erwartete. beharrte er auf der Meinung.

Er fand es auch selbstverständlich. deren Herrenreiterattitüden ihn zu sehr an die Zentrumspartei erinnerten. Walter Scheel. und zu meinem noch größeren Entsetzen brachte er den jungen Mann zu unserem nächsten Treffen nach Budapest als Überraschungsgast mit. Möglicherweise war dieses vertrauensselige Verhalten -454- . daß er seinen persönlichen Referenten in alles eingeweiht habe. daß er. unterrichtete offiziell Porsts Kinder als Hauslehrer. Mit der Zeit erreichten »Optiks« Informationen einen solchen Umfang. arbeitete in dessen Firma und trat ebenfalls in die FDP ein. Seinen Parteiausweis mußte er allerdings – zu seinem großen Bedauern – in Ost-Berlin lassen. Thomas Dehler und Karl.wertvoller. Daneben leitete er Porsts Informationen an uns weiter und knüpfte selbst Verbindungen an. ihn so beeinflußt zu haben. sondern in die FDP. Zu meinem Entsetze n berichtete Porst mir eines Tages ganz unbekümmert. die Verbindung zu Porst und »Optik« zu betreuen. den Antrag auf Aufnahme in die SED stellte. nachdem er in die FDP eingetreten war.Hermann Flach verkehrten auch privat mit dem ideenreichen Nürnberger Firmeninhaber. schickten wir einen Mitarbeiter mit der Vita eines Republikflüchtlings nach Nürnberg. Politiker wie Erich Mende. Offenkundig glaubte er. so sein Deckname. die ihm als Unternehmer näherstand. daß sein Assistent bei unserem vertraulichen Gespräch anwesend war. an der sein Herz zu hängen schien. Optik. Er war nicht in die CDU eingetreten. Wie Porst seinen politischen Standort definierte. aber mit Hilfe eines Ausnahmestatuts wurde ihm die Sondermitgliedschaft gewährt. als sich nach dem Mauerbau erste Ansätze eines politischen Umdenkens in der Bundesrepublik anzudeuten schienen. daß er ihm gefahrlos alles anvertrauen konnte. Eigentlich war so etwas nicht möglich. daß wir einen zweiten Mann damit beauftragen mußten. Nach zwei Jahren Kandidatenzeit wurde er Vollmitglied. Um den Kontakt optimal zu halten. kann man daraus ersehen.

ihre Kredite zu sperren. litt das Versandgeschäft. der von dem Privilegierten aus der Schar seiner Angestellten für seinen Gunstbeweis unverbrüchliche Treue erwartet. nachdem der junge Mann ihn denunziert hatte. unter starken Einbußen. ein unsanftes Erwachen gewesen sein. zum Selbstkostenpreis mehreren Tageszeitungen zur Verfügung stellte. Daran muß ich denken. Falls das so war. den Versandhandel durch eine Ladenkette zu ergänzen. Banken drohten. denn »Optik« entpuppte sich ebenfalls als Judas. Für uns galt allerdings das gleiche. die den Grundstein für eine spätere Zeitschrift bilden sollte. Als wir uns in Budapest trafen. wenn mir heute von Geschäften im Osten wie im Westen Deutschlands der Name Porst entgegenleuchtet. ging diese Beilage bereits an fast zweihundert Zeitungen und machte einen Umsatz von drei Millionen Mark. hielt ich ihn für einen Hasardeur. dann muß seine Verhaftung. Mit Feuereifer erklärte Porst mir seinen Plan. Es funktionierte.Ausdruck der naiven Überheblichkeit des erfolgreichen Unternehmers. Mit Hannsheinz Porst 1993 in Düsseldorf -455- . Immer wieder mußte ich Porsts unternehmerisches Gespür bewundern. doch als er 1967 verhaftet wurde. der Kern seines Unternehmens. Als er die ersten Ausgaben einer neuen Rundfunkund Fernsehbeilage.

Vier Jahre später. als dieser nach Verbüßen einer Haftstrafe in Bautzen wegen »Kriegs. daß die Bundesrepublik ein Land ist. gedacht werden dürfen. Verantwortung und Initiative des einzelnen. mehr Mitbestimmung der Arbeitnehmer. die er 1968 sprach: »Ich bin in der Bundesrepub lik Deutschland zu Hause. Ich glaube immer noch. Und zwar mit meiner Meinung. als seine Unternehmen fast zweihundert Millionen Mark Umsatz erzielten. Mein Dienst war Ende der 50er Jahre auf den West-Berliner FDP-Politiker Borm gestoßen. übergab er die Porst-Gruppe mit hundertprozentiger Gewinnbeteiligung und Selbstbestimmung an die Mitarbeiter. die ich während meiner Tätigkeit an der Spitze des Nachrichtendienstes kennenlernte. in dem auch Gedanken.« William Borm war einer der interessantesten Menschen.und Boykotthetze« kurz vor seiner Freilassung stand. Ich nehme mir die Freiheit nach links. da die nach rechts schon längst wieder salonfähig geworden ist. Doch unmittelbar nachdem Porst gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Kurz darauf verstarb Borm im Alter von zweiundneunzig Jahren. daß ein Millionär zu derartigen Experimenten wirklich bereit sein könne. Der wahre Grund für die neun -456- .Bei einem Gespräch in Moskau entwickelte Porst seine Vorstellungen von einer Synthese unternehmerischer Initiative und Überführung des Eigentums in die Hände aller Beschäftigten des Unternehmens. Beim Nachdenken darüber fallen mir seine Worte ein. Heute sind wir beide Bürger der Bundesrepublik. so utopisch erschien sie mir. Auch konnte ich nicht glauben. sprach er in der Nürnberger Meistersingerhalle vor zweitausend Belegschaftsmitgliedern über seine Vorstellungen von einer Dezentralisierung des Konzerns. Die Verbindung zu diesem Politiker währte annähernd zwei Jahrzehnte bis zu meinem Ausscheiden aus der HVA. So faszinierend die Idee war. die von den offiziellen Normen abweichen.

Selbst in legerer Kleidung wirkte er stets elegant und vornehm. Kurz darauf trat er in Verbindung mit den HVA-Männern. der bundesdeutschen Wiederaufrüstung und der Erkenntnis. Vor diesem Hintergrund beriet Borm mit mir sein politische s Agieren. daß man Borm verdächtigte. Ich war neugierig geworden und beschloß. zunächst innerhalb der West-Berliner FDP. was man dort unter einem »Herrn« versteht. Unseren Konsens hatten wir in der Ablehnung der proamerikanischen Adenauer-Politik gefunden. die ihn in Bautzen besucht hatten. nach seiner Entlassung den Kontakt zu ihnen fortzusetzen. der Beiname. Von Borms Rolle in der West-Berliner Lokalpolitik zeugen Willy Brandts Memoiren. auch in der Variante einer kleinen Koalition mit der FDP.Jahre Haft und auch für das Interesse meiner Leute an ihm war. Zwei Mitarbeiter der HVA suchten Borm im Gefängnis auf. Im Gespräch erklärte er sich bereit. In unserer konspirativen Villa erschien ein schlanker. für den britischen Geheimdienst in der DDR tätig gewesen zu sein. daß eine Verständigung zwischen beiden deutschen Staaten dringend notwendig war. Allem Anschein nach hatte er als Sohn eines Hamburger Fabrikbesitzers etwas von dem angenommen und behalten. 1960 wurde er zum Vorsitzenden der FDPLandesparteiorganisation West-Berlins gewählt und wurde in den Bundesvorstand der Partei aufgenommen. Vor den Bundestagswahlen im Jahr 1965. dann auf seinem Weg in den Deutschen Bundestag. der das fünfundsechzigste Lebensjahr überschritten hatte. Nach unserem ersten Gespräch trafen wir uns regelmäßig. hochgewachsener Mann. Sir William. bei denen Brandt Kanzlerkandidat war. Schon zwei Jahre zuvor hatte -457- . den ihm die Jungdemokraten verliehen hatten. wurden immer wieder Spekulationen über die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung der SPD laut. beschreibt recht gut den ersten Eindruck seiner Erscheinung. selbst einen Blick auf diesen Mann zu werfen.

Borm sein Vorhaben einer solchen Koalition in der WestBerliner Regie rung mit mir diskutiert und dieses Vorhaben auch in die Tat umgesetzt. Honecker war von einer solchen feinen Auffassungsgabe damals noch weit entfernt. In Borms Verhältnis zu meinem Dienst war der Meinungsaustausch das Entscheidende.‹« Bei der nächsten Bundestagswahl Ende September 1969 sahen die Voraussetzungen anders aus. In mir sah er einen kompetenten und gleichzeitig unorthodoxen Gesprächspartner. so wie er uns wichtige Informationen zukommen ließ. Für Bonn aber war es noch früh. wie Brandt sich in seinem Buch erinnert: »Daß es nicht ging. Borm war eine der Quellen unseres Wissens. Unter denkbar knappen Mehrheitsverhältnissen läutete dieser Bundestag. Brandt davon zu überzeugen. die Geburtsstunde der sozialliberalen Koalition in Bonn ein. In privaten Gesprächen lernte ich den Menschen William Borm noch besser kennen. Daß er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hatte und in der Weimarer Republik in die rechtsliberale Deutsche Volkspartei eingetreten war. die uns halfen. wie in einem Mosaik das Bild der Wandlung Willy Brandts vom kalten Krieger und Frontstadtpolitiker zum Befürworter einer neuen Ostpolitik der Verständigung zusammenzusetzen. Das zeugte von seinem guten Gespür. Die Informationen meines Dienstes haben Ulbricht veranlaßt. von Inhalten abgesehen: es hätte in der geheimen Kanzlerwahl nicht gereicht. das gleichberechtigte Geben und Nehmen. nachdem es ihm gelungen war. wußte -458- . Mein geschätzter Berliner FDP-Kollege William Borm hatte mir die Gründe genannt und gefolgert:›Machen Sie es nicht. erfuhr ich in den Sachgesprächen […] und. dessen erste Sitzung mit einer Ansprache des Alterspräsidenten William Borm eröffnet wurde. eine behutsame Korrektur in seinen Äußerungen über die Beziehungen zwischen BRD und DDR vorzunehmen. von dem er wichtige Informationen erlangen konnte.

daß Unrecht widerspruchslos geduldet würde. weil er keinen Widerstand geleistet hatte. und er sprach auch in der Öffentlichkeit darüber. für eine freiheitliche und unabhängige Strömung zu stehen. und statt dessen für Opportunismus. sondern als Gleichgesinnter. Geschäftemacherei und Geldvergötzung stand. Seine politischen Maximen machten den Altliberalen William Borm zu einer Vaterfigur für die Jungen in der Partei.« Als der FDP-Vorstand sich 1979 auf die Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluß einigte. In diesen Gesprächen lernte ich mehr von der Haltung eines Liberalen kennen. und dennoch sprach er von seiner »Mitschuld«. weil die Zwangsarbeiter in seinem Betrieb nur Gutes über ihn aussagten. aber auch von einer anderen Komponente der Weltsicht Borms. Brüderlichkeit und Dienen. Als er 1981 zum Kampf gegen den »atomaren Selbstmord« aufrief. Nie wieder sollte es geschehen. Ein Satz. weil er seiner Meinung nach aufgehört hatte. denen er nicht als Besserwisser gegenübertrat. die ihn in seiner Haft aufrechterhalten hatte. Im August desselben Jahres veröffentlichte der Spiegel eine scharfe Abrechnung Borms mit der Außenpolitik Genschers. »Ist es schon Mut. -459- . stimmte Borm als einziges Vorstandsmitglied gegen den Beschluß. den er häufig äußerte. diese zentralen Begriffe der Freimaurer bestimmten für ihn den eigentlichen Inhalt liberalen Denkens. wenn man für seine Überzeugung eintritt?« fragte er. lautete: »Die Ketzereien von heute sind die Banalitäten von morgen. Das beschäftigte ihn bis zuletzt. Es war das Freimaurertum. Mitglied der NSDAP war er nie gewesen. das mit Borms Verständnis von Liberalität eine Einheit bildete. und die Sowjets verhafteten ihn nach der Einnahme Berlins nur deshalb nicht. stand er an der Spitze der Opposition innerhalb der Partei.ich. Den Begriff Liberalismus lehnte er zuletzt ab. In seinem Denken war er jung und radikal. Im Dritten Reich wurde er als Betriebsleiter zum »Wehrwirtschaftsführer« ernannt.

daß dieser Partei keine Zukunft beschieden sein konnte. Im Herbst 1983 demonstrierte er mit über einer Million Menschen gegen die geplante Aufstellung von US-Atomwaffen in der -460- . wozu ich ihn ermuntert hatte. Er wurde zwar noch von seinen Anhängern zum Ehrenvorsitzenden der neugegründeten Liberalen Demokraten ernannt. Genscher hielt er für einen Macher. Unter Protest verließ die Parteiopposition im November 1982 die Tagungsstätte des Berliner FDP-Parteitags. zeigt sich auch in der Offenheit. Fortan sah er seine Aufgabe und sein Betätigungsfeld in der Friedensbewegung. Hinzu kam. Bei aller Pointiertheit waren seine Porträts nie denunzierend. Die Geister. hielt ihn aber charakterlich nicht für une hrenhaft. Mit Sorge beobachtete er. Für den damals noch aufstrebenden Jürgen Möllemann hatte er allerdings nur Verachtung und den Spottnamen Mümmelmann übrig. Er tadelte Genschers Bereitschaft. daß er gerade solche Karrieristen förderte. schätzte aber selbst nüchtern ein. Das war sein Ende als Parteipolitiker. daß er seine Lebensgeschichte aufzuzeichnen begann. das folgende Jahr leitete er zusammen mit vielen bekannten Persönlichkeiten mit einem Friedensmanifest 1982 ein. warfen nach dem Eintritt der FDP in die Regierungskoalition mit der CDU jedes politische Kalkül über den Haufen. 1981 sah man ihn in der ersten Reihe der Demonstranten und als Redner vor der großen Kundgebung der Dreihunderttausend in Bonn. »Hätte ich da sitzenbleiben sollen?« fragte er mich später. Der Bruch mit der FDP war von Borm nicht so geplant und kam für uns völlig überraschend. dem er das Zeug zu einem guten zweiten Mann. eine politische Kehrtwende zu vollziehen. nicht aber zu einem Strategen zubilligte. An Genscher störte ihn. die er gerufen hatte. daß Genscher in Bonn immer häufiger bei sogenannten privaten Begegnungen mit Helmut Kohl gesehen wurde. mit der er seine Parteikollegen charakterisierte.Wie ungezwungen Borm mit meinen Leuten und mir umging.

Bundesrepublik. Als der Bundestag im November nach turbulenten Debatten die Stationierung mehrheitlich billigte und die ersten Pershing-2-Raketen in das US-Depot in Mutlangen transportiert wurden. Mit William Borm 1983 in Ost-Berlin -461- . Ein langer Lebensweg hatte ihn vom Freiwilligen der kaiserlichen Armee an die Seite der konsequentesten Kriegsgegner ge führt. saß der Achtundachtzigjährige im Parka neben den anderen Demonstranten vor dem Raketenstützpunkt.

Es fand Gehör weit über die Grenzen seiner eigenen Partei hinaus. der unbeirrbar und ungebrochen für Freiheit und Demokratie eingetreten ist. galt viel. so wie ich ihn kennengelernt habe. als äußeres Zeichen. Er hat stets Opfer gebracht.« Die Liberalen Demokraten schrieben über ihren Ehrenvorsitzenden: »William Borm hat deutsche Geschichte gestaltet. als es diese Nachrufe des von ihm geschätzten Bundespräsidenten und seiner Freunde. dem die Ehrendoktorwürde einer DDR-Universität angetragen wurde.William Borm war. seine grundlegenden Werte zu verteidigen. der Aussöhnung gerade da. die Fäden zu durchtrennen. war er geistiger Wegbereiter der Friedenspolitik gegenüber dem Osten. die es mir besonders schwer machten. der die Gedanken anderer respektierte. Nach seinem Tod am 2. seine Mühen verstanden wurden. der stets von deutscher Geschichte ausgehend politisch gedacht und gelebt hat. die mich mit Jahrzehnten -462- . sondern auch zwischen den Deutschen im geteilten Vaterland. so unbequem es auch oft war. Trennendes zu überwinden nicht nur zwischen den Generationen. Er hat Konflikte nicht gescheut. Obwohl gerade er unter langjähriger Einzelhaft besonders gelitten hatte. Aber im Grunde war er beseelt von dem Drang. Gabriele Gast gehört zu jenen. der Liberalen Demokraten. Er war der erste Politiker aus dem Westen. Zugleich vereinigte er damit in seiner Person die Widersprüche der deutschen Gegenwart. auch um den Preis der eigenen Freiheit. September 1987 schrieb Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seinem Kondolenzschreiben: »Sein Leben war bestimmt von der Überzeugungskraft eines Demokraten. Zugleich war er ein überzeugter Liberaler. getan haben. wo es ihm geboten schien. als sie nahezu allen anderen als unmöglich erschien.« Wahrer und zutreffender kann man William Borm nicht würdigen. ein echter Deutscher. Sein Wort. daß sein Einsatz.

Die Mitarbeiter meines Dienstes. Ihr soziales Verantwortungsgefühl beschränkte sich nicht auf die Theorie. weil sie nicht wollte. -463- . sondern auch durch großes psychologisches Einfühlungsvermögen. Als einzige Frau war sie im BND in eine Spitzenposition gelangt als Chefanalytikerin für die Sowjetunion und Osteuropa und dadurch für uns zu einer Quelle geworden. ausze ichneten. ihre Einzigartigkeit und ihre Anteilnahme am anderen außer acht läßt. als dies noch möglich war. Lange Zeit war es ihre Aufgabe. Auch bei anderen Menschen bürgerlicher Herkunft. die zu der ihren wurde. ihrer hohen Intelligenz und Bildung dem Typ kühler emanzipierter Frauen mit ausgeprägtem Ehrgeiz zuzurechen. daß er in ein Heim abgeschoben wurde. ohne daß man zu große Gefahren einging. die den ersten Kontakt zu ihr aufnahmen und sich öfter mit ihr trafen. von der jeder Nachrichtendienst nur träumen kann. die sich für unseren Dienst engagierten.der Arbeit im Nachrichtendienst verbanden. Durch sie fühlte Gaby Gast sich einer Gemeinschaft zugehörig. Für Gaby waren sie väterliche Freunde und Vermittler einer Weltsicht. als ihr Bruder und seine Frau ein schwerbehindertes Kind adoptierten und sich dieser emotionalen Belastung nicht gewachsen sahen. könnten mehr dazu sagen. übernahm Gaby die zeitaufwendige und seelisch aufreibende Pflege des Jungen. Diese Frau war ein weißer Rabe. Gaby Gast mit ihrem komplizierten Charakter. wenn sie noch lebten. die Kardinaltugend des Aufklärers. weil es ihre Sensibilität. Bei oberflächlicher Bekanntschaft lief man leicht Gefahr. Ein solches Psychogramm würde ihr Wesen jedoch völlig verfehlen. die für eine gute Sache eintrat. die sich nicht nur durch Geduld. habe ich immer wieder festgestellt. daß eine solche starke Bindung ihr auffälligstes Motiv war. für ein edles Ideal. aus sämtlichen wichtigen Informationen den Lagebericht für den Bundeskanzler zu erstellen. Beide waren kluge Männer. eine Ausnahmeerscheinung in einer von Männern dominierten Welt.

doch das war zu riskant und zu umständlich. das Wesentliche zu erfassen und darzustellen.Als Gaby Gast Ende der 60er Jahre an ihrer Dissertation über die politische Rolle der Frau in der DDR arbeitete. das Material entgegennahm. bot ihr der BND eine Stelle als Analytikerin an. Ihre Arbeit für uns war hervorragend. mich Mitte -464- . der sich Gaby gegenüber als Karl-Heinz Schmidt ausgab. die von München in den Osten fuhren. Sie hatte Zugang zu vielen außenpolitischen Interna der Bundesrepublik und der Nato und zu Berichten über die Einschätzung der Lage im Ostblock. die sie für uns verfaßte. die sie in Toilettenoder Kosmetikartikeln versteckte. Ihr verdankten wir ein Wissen über die Sicht des Westens auf den Osten. Ab 1968 wurde ein Mitarbeiter der HVA. zu ihrem ständigen Betreuer. und lernte die beiden Mitarbeiter meines Dienstes kennen. Anfangs fand die Übergabe statt. als Anfang der 80er Jahre die polnische Innenpolitik ihre dramatische Veränderung erlebte. fertigte sie Mikrofilmkopien an. die richtige Wertung zu haben. indem Gaby Gast die präparierten Gegenstände im Toilettenabteil der Züge versteckte. Da Gaby Gast sich in kurzer Zeit zu einer unserer Spitzenquellen entwickelt hatte. Wenn wir Originaldokumente benötigten. und das Verhältnis zu ihm entwickelte sich zu einer Liebesbeziehung. und deshalb übernahm dies ein Kurier. Die strengen Bestimmungen ihres neuen Arbeitgebers erlaubten keine Reisen in die DDR mehr. besuchte sie erstmals die DDR. Die Analysen. daß ihre Vorgesetzten beim BND diese Einschätzung geteilt haben. zeugten von ihrer herausragenden Fähigkeit. um dort zu recherchieren. das uns erlaubte. Treffen mußten während Gabys Urlaubstagen umständlich in Drittländern arrangiert werden. fand ich es ratsam. vorzugsweise in Umkleidekabinen von Schwimmbädern. Ich weiß. dem bekannten Osteuropaspezialisten. der in München. Einige Zeit nach ihrer Promotion 1973 bei Klaus Mehnert.

Als wir uns einmal über den Nürnberger KriegsverbrecherProzeß unterhalten hatten. -465- . Wir begegneten uns in einem Bungalow an der jugoslawischen Adriaküste.« Diesen Kampfgeist sah ich ungemindert in ihr. hatte sie mir danach einen Bildband über Nürnberg geschickt. doch je länger wir uns unterhielten. von ihren persönlichen Problemen und von der Bürde der Verantwortung für das Kind gezeichnet. Probleme waren daraus erwachsen. in den sie geschrieben hatte: »Neues Nürnberg – Altes hinter neuen Fassaden oder Neues in wiedererstandenen alten Gemäuern? Dreißig Jahre nach ›Nürnberg‹ muß der Kampf weitergehen. Die Atmosphäre war zu Anfang gehemmt. deren wacher und lebhafter Intellekt mich tief beeindruckte.der 70er Jahre selbst mit ihr zu treffen. um so ungezwungener und fesselnder wurde das Gespräch mit dieser Frau. daß der Kontakt zwischen ihr und uns immer unpersönlicher. war sie vom Dauerstreß der Konspiration. Mit Gabriele Gast 1981 in Dresden Als wir uns einige Jahre später wiedersahen.

Sie prognostizierte. hatte ich zu Unrecht gehegt. ihr gewachsenes Selbstbewußtsein. Sie sah die größere Selbständigkeit der kleineren Staaten. daß westdeutsche Firmen in Libyen am Bau einer Fabrik für chemische Waffen beteiligt waren. ob sie nichts weiter als ein »Schräubche n im Getriebe« sei. bei der wir sehr ernsthaft miteinander sprachen und die uns nachdenklich zurückließ. Alle Unterlagen. Meine Sorge über die Stagnation im sozialistischen System. sich im wiedervereinigten Land dadurch Vorteile zu sichern. vor allem nach dem Tod Andropows.immer marginaler geworden war. Karl-Christoph Großmann (mit Werner Großmann nicht -466- . Die Karriere unserer Spitzeninformantin in Pullach schien unaufhaltsam nach oben zu führen. die mit ihr zu tun hatten. Aber das war ein Irrtum. Bei unserem Gespräch erfuhr ich. daß sie 1986 beauftragt wurde. Nach dem Zusammenbruch der DDR fand noch ein Treffen Anfang 1990 in Salzburg statt. Wie sich herausstellen sollte. so daß ihre Identität nicht enthüllt werden konnte. Gaby wollte nur offen mit mir über ihre Situation und über ihre politischen Sorgen sprechen. Es war eine Begegnung. etwas Sinnvolles zu leisten. bei dem letzte Dinge mit ihr besprochen wurden. konnte ihr gewiß nicht verborgen bleiben. daß autonome Reformbewegungen über Polen hinaus im ganzen Ostblock Fuß fassen würden. Meine anfänglichen Befürchtungen. so daß sie sich zu fragen begonnen hatte. einen Geheimbericht für den Bundeskanzler über den Verdacht abzufassen. waren einige Mitarbeiter der HVA auf den Gedanken verfallen. wie wichtig es ihr war. läßt sich daraus ablesen. Welche hohe Wertschätzung sie in ihrer Behörde genoß. als logische Folge vornehmlich ökonomischer Prozesse. mit dem. was sie für uns tat. daß sie andere denunzierten. Ein Jahr später wurde sie zur stellvertretenden Leiterin der Ostblockabteilung des BND befördert. sie wolle sich zurückziehen. waren bereits vernichtet worden.

sie nervlich belastete. Nach der schockierenden Meldung ihrer Verhaftung habe ich mich gefragt. Wir unternahmen stundenlange Spaziergänge und redeten bis tief in die Nacht. In der Prozeßpause konnten wir uns ungestört unterhalten. In einem Brief aus der Untersuchungshaft schilderte sie mir ihre Lage und besonders ihr Entsetzen. was uns bewegte. daß ein leitender Offizier unserer Zentrale sie verraten hatte. an das ich nicht mehr glauben konnte. ihres »Karliceks«. was sie in den Haftjahren gequält hatte. als sie begriff. Er lieferte den entscheidenden Hinweis auf Gaby. Ende März besuchte sie mich. daß eine Frau mit einem behinderten Kind im BND für uns arbeitete. daß -467- . Im Spätherbst 1990 wurde sie an der österreichischen Grenze festgenommen. Mitte der 80er Jahre. daß der »reale Sozialismus« sich auch für mich als Truggebilde herausgestellt hatte. Das Verhalten KarlHeinz Schmidts.verwandt) tat sich dabei besonders hervor. Zwei Jahre vergingen zwischen unserem Briefwechsel und unserer Wiederbegegnung bei meinem Prozeß. Anfang Februar 1994 war es soweit – Gaby Gast war nach Verbüßung der Hälfte ihrer Haftstrafe wieder auf freiem Fuß. wie sich andere Mitarbeiter darüber unterhielten. die Frage nach den Quellen des detaillierten Wissens ihrer Vernehmer. Wieder und wieder kam sie auf das zurück. um ausführlicher über alles zu sprechen. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie mir. ob ich sie damals. weil er mitangehört hatte. indem ich ihr offen meine Zweifel anvertraut und ihr eingestanden hätte. was meinen wiederholten Versicherungen zufolge nie und nimmer hätte eintreten können. der vor Gericht ganz anders hieß. merkte man an ihrer Anspannung. uns sobald wie möglich zu treffe n. hätten freigeben sollen. und ihres letzten Führungsoffiziers wurde für sie zu einer herben Enttäuschung. die aus der Haft vorgeführt wurde. Daß ihr Auftritt als Zeugin. daß genau das eingetreten war. und wir vereinbarten.

Wahrheiten können nicht nur hilfreich. Gerade aus diesem Brief spürte ich ihre Charakterstärke und ihre Sensibilität gegenüber Lebensfragen. daß wir uns auf unserem »Weg der Erkenntnis« auch künftig immer wieder treffen werden. Deshalb möchte ich daran glauben. -468- .unsere Gespräche die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit für sie erträglicher machen würden. obschon sie auch neue Verwundunge n erlitten habe. Daß nicht verlorengeht. was an die Stelle nachrichtendienstlicher Zusammenarbeit getreten ist: eine Freundschaft. sondern ebenso schmerzhaft sein.

wird mich verfolgen.« Ein anderer Beobachter urteilte nach dem Übertritt Tiedges nicht weniger hart über das. die ihre Existenzberechtigung nachweisen und ihre Planstellen erhalten wollen. weiß man sowieso. (…) Das. s chreibt der japanische Philosoph Daisaku Ikeda.und Indianerspiel von Kindern: KGB-Agenten wachen über CIA-Agenten. was in der vierzigjährigen Geschichte der DDR geschah. dem Bonner Botschafter der DDR. Diese wie jene wechseln je nach historischen Umständen. indem man sie nach relativ positiven oder negativen Kriterien bewertet. die gemeinsam mit dem Bundesnachrichtendienst. Dafür werden den Diplomaten Callgirls auf den -469- . hat Helmut Schmidt einmal in seiner direkten Art gesagt: »Man soll mit den lästigen Spionagegeschichten aufhören. des Zeitalters und der subjektiven Ansichten«. Die eigene Verstrickung in die geheimen Seiten des kalten Krieges und die Erfahrung des im Namen Sozialismus betriebenen Machtmißbrauchs sind tiefe Einschnitte in meiner Biographie.19 Glanz und Elend der Spionage »Man darf die einen nicht unreflektiert zu Trägern des Guten machen und die anderen zu Missetätern. was er den Unfug der Geheimdienste nannte: »Ihre Aktionen erinnern zuweilen an das Cowboy. worauf es ankommt. Doch dies steht nicht zuvorderst auf dem Blatt meiner Verantwortung als Leiter eines Nachrichtendienstes. dem israelischen Mossad oder dem britischen MI 5 Moskaus KGB-Agenten beschatten und bekämpfen. Das Wissen um meine politische und moralische Mitverantwortung für vieles. dem wir dienten. (…) Der Aufwand ist unnötig und stellt eine Wichtigtuerei dieser Dienste dar. dem Charakter einer Gesellschaft. Im Gespräch mit Michael Kohl. Genausowenig wie die Partnerdienste der Warschauer-PaktStaaten konnte mein Dienst den Untergang des Systems verhindern.

Und wer will bei uns im Innern den Nutzen der Riesenapparate von Partei. die Armeen verschlingen das Vielfache an Milliarden. ohne Geheimdienst auskommen zu können. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. fügen Pyrrhussieg an Pyrrhussieg. Die Hauptarbeit der meist aufgeblähten Behörden erschöpft sich weitgehend darin. Staat und Wirtschaft messen. ist bei näherem Hinsehen nicht einmal dafür gut. Aber die Monster wachsen unaufhaltsam. 1974 nach den Feiern zum 25. einander das Leben zu erschweren. Doch fast sämtliches in der Nato produzierte Papier. führte mir beim Blättern in meinem Tagebuch vor Augen. Jahrestag der DDR geschrieben. mit Stempeln cosmic und streng geheim versehen. alternde Sekretärinnen erhalten Rosen von östlichen Kavalieren.« Eine eigene Eintragung.west-östlichen Diwan gelegt. kontrollieren? Wie viele nützlichere Dinge könnten getan werden. das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Die Deutschen in ihrer geteilten Nation haben es dabei zu wahrer Meisterschaft gebracht.« -470- . anleiten. an einem stillen Örtchen verwendet zu werden. wie viele Menschen eine wirklich befriedigende Tätigkeit ausüben. Keine Nation der Welt glaubt. Regenschirmspitzen vergiftet. daß die Frage nach dem Sinn nachrichtendienstlicher Tätigkeit mir nicht erst seit dem Scheitern des »real existierenden Sozialismus« durch den Kopf geht: »Bei der Diskussion über Geheimdienste taucht neben der Frage cui bono? die Frage auf: Nutzen sie überhaupt? Dabei geht es nicht nur um diese Apparate.

1974 (Transkription im Anhang) -471- . 10.Tagebucheintrag vom 16.

1974 (Transkription im Anhang) Das Elend beginnt dort. wo die Nachrichten der Dienste auf Ignoranz und Arroganz stoßen.Tagebucheintrag vom 17. wo ihre Warnungen in den -472- . 10.

Leopold Trepper in Frankreich. Durch ihren Tod blieb ihnen die bittere Wahrheit erspart. Dennoch setzten sie ihre lebensgefährliche Tätigkeit bis zuletzt fort. den Roman Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss zu lesen. Als ich an der Spitze meines Dienstes stand und mich immer wieder nach dem Sinn der Opfer fragen mußte. In der Politik fällt die Entscheidung. die verheerenden Niederlagen der Roten Armee in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs erlebt. falls sie nicht gleich in den Reißwolf gewandert sind. ob die Arbeit der Nachrichtendienste Nutzen stiftet oder zur Sinnlosigkeit verurteilt ist. dem er eng verbunden war. Sandor Rado in der Schweiz und Gerhard Kegel an der deutschen Botschaft in Moskau – sie füllen die Ruhmesseiten nachrichtendienstlicher Tätigkeit.Archiven verstauben. die wir vielen Mitarbeitern abverlangten. daß Stalin ihre Warnungen in den Wind geschlagen hatte. Wie mochten Richard Sorge oder Harro Schulze-Boysen und seine Gefährten den Wert ihres Tuns. Das Elend war die Behandlung ihrer Meldungen durch einen Mann. Trotz ihrer sehr präzisen Warnungen schien die Führung der Sowjetarmee völlig überrascht worden zu sein. der in maßloser Selbstherrlichkeit alles. bevor sie starben. den Sinn ihres Lebens gesehen haben. als sie den Weg zum Schafott gingen? Sie hatten. Für das Erscheinen dieses Werkes in der DDR hatte er sich als Präsident der Akademie der Künste nachdrücklich eingesetzt und keine Auseinandersetzung mit der Kulturabteilung des Zentralkomitees der SED gescheut. was seiner vorgefaßten Meinung nicht entsprach. Mein Bruder Konrad empfahl mir eines Tages. In wenigen Tagen verschlang ich die drei Bände: Es war mein -473- . mit einer Handbewegung vom Tisch fegte. Sorge in Tokio. und auch jetzt beim Niederschreiben meiner Gedanken bewegte und beschäftigt mich das Schicksal jener. die wir als unsere Vorläufer und Vorbilder ehrten. die Rote Kapelle in Berlin.

Seine Notizbücher darüber sind eine aufregende Lektüre. den Informationen auch dann Rechnung zu tragen. Risiken und Mut sagen nichts über den Wert nachrichtendienstlicher Tätigkeit aus. Die Veröffentlichung seiner Recherchen über die Verbrechen und die Opfer des Stalinismus waren in der DDR sensationell. wenn sie von seinem Urteil abweichen oder ihm sogar widersprechen.Thema! Zehn Jahre hindurch hatte Weiss umfangreiches Material für das Buch gesammelt. und sie bekam keine guten Noten. daß ihre Funktion kritisch durchleuchtet wurde. Trotz der Faszination. zu dem sich Harro Schulze-Boysen bekannte. Er beschreibt ihren Gang zum Schafott und ihre Enthauptung so eindringlich. Immer wieder stieß ich auf vertraute Namen. auch in der US-Öffentlichkeit. sie durften nicht umsonst gewesen sein. Ich sträubte mich innerlich heftig gegen seine Skepsis. blieb Widerspruch in mir zurück. Noch stand ich im Bann des historischen Optimismus. Aber Opfer und Entbehrungen. zumindest als sinnloses Spiel erscheinen. nein. daß die Bilder mich bis in meine Träume verfolgten. Um so dringlicher stellt sich nach dem Ende des kalten Krieges die Frage nach einer weiteren Existenzberechtigung der Dienste – nicht nur hierzulande. Auch Peter Weiss stellte die Frage nach dem Sinn der Opfer und des Lebens von Kundschaftern. -474- . Nach dem Skandal um Aldrich Ames mußte die CIA es sich gefallen lassen. weil deren Effizienz letztlich nur von der Bereitschaft des Die nstherrn abhängt. Dem Außenstehenden muß die Welt der Geheimdienste manchmal absurd und surreal. als er kurz vor seiner Hinrichtung schrieb: »Der Stunde Ernst will fragen: Hat es sich auch gelohnt? An Dir ist's nun zu sagen: Doch! Es war die rechte Front!« Dieses Bekenntnis entsprach meiner Überzeugung – die Opfer konnten. ihr Tun unmoralisch. Seine Darstellung empfand ich als zutiefst pessimistisch. die das Werk auf mich ausübte.

zu gewinnen und aufzubauen. Aber es ist so. daß Nachrichtendienste undemokratisch und denkbar ungeeignet sind. wie er im Deutschen Bundestag oder im Kongreß der USA besteht. die wachsende Bedeutung der analytischen Arbeit heißt. das allerdings hängt nicht von der Anzahl der Mitarbeiter in der Zentrale ab. Bürgerrechte zu schützen. ließe sich ihre Größe erheblich einschränken. sondern von den eigenen Führungsqualitäten. Im Unterschied zu anderen leitenden Offizieren im MfS habe ich nie um erweiterte Kompetenzen und Stellenpläne gekämpft. sie aufzublasen. darauf hinzuweisen. in die man eindringen will. Dennoch glaube ich. Optionen und Entscheidungen müssen auch dem höchstentwickelten Satelliten verborgen bleiben. dann drängt sich der Verdacht auf. Gegenwärtig besteht jedoch eher die Tendenz. solange diese Dienste existieren. Geheime Pläne. daß hier unter der Hand ganz andere Ziele verfolgt werden. streng ausgesuchte Abgeordnete begrenzter Kontrollausschuß. daß die Arbeit mit menschlichen Quellen. Selbst ein auf wenige. daß es gewissermaßen in der Natur der Sache liegt.Gewiß könnten die aufgeblähten Apparate der Geheimdienste einer unparteiischen und objektiven Prüfung ihrer Effizienz und der sachlichen Notwendigkeit ihres Umfangs nicht standhalten. Im Satellitenzeitalter hat die technische Aufklärung Riesenschritte gemacht. vermag diese Barriere nicht -475- . daß durch sinnvolle Konzentration viel überflüssiger Aufwand und Doppelgleisigkeit vermieden werden könnten. Die Arbeit mit Geheimagenten schließt eine vorbehaltlose Offenlegung aus. Wenn als Begründung dafür sogar die Bekämpfung der Schwerkriminalität herhalten muß. Technisch kann man nur den IstZustand des überwachten Gebietes annähernd genau feststellen. nie ganz zu ersetzen sein wird. Vielleicht steht es nicht gerade mir zu. Hochwertige Quellen in den entscheidenden Bereichen. Selbst wenn man also Nachrichtendienste auch künftig für unverzichtbar hielte.

heißt es. Vor allem in Deutschland. mit welchem Aufwand die Nato-Verbündeten sich untereinander überwacht und bespitzelt haben. dessen Zeugen wir gerade wurden.zu überwinden. diese Frage zu bejahe n? Erfahrung und Vernunft lassen mich an der Realisierbarkeit einer solchen Vorstellung in absehbarer Perspektive zweifeln. die er ihnen selbst geliefert hatte. Regierungen sind niemals bereit. seine Beziehungen zu Nachrichtendiensten verbündeter Länder zu nutzen. Machtpolitik nach außen wie nach innen auszuüben und die überkommenen Bahnen ihres Denkens zu verlassen. Überhaup t ist es kaum zu fassen. vorzugsweise Sozialdemokraten und als linkslastig eingestufte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. »tummeln sich mehr Nachrichtendienste als je zuvor«. Davon zeugt die endlose Geschichte der Skandale in allen parlamentarischen Demokratien. von sich aus darauf zu verzichten. nur hat sich der -476- . um deren Interna mittels jener Chiffriertechnik auszuforschen. daß heute weltweit mehr spioniert wird als zu Zeiten des kalten Krieges. Er zeigte auch wenig Skrupel dabei. Nach dem Verschwinden der behaupteten Bedrohung durch den Ostblock hat keine einzige Regierung eines Nato-Mitgliedstaates die Existenzberechtigung hochgerüsteter Armeen in Europa oder gar des Bündnisses selbst in Frage gestellt. Also doch weg mit den »Monstern«? Was spricht am Ende der Geschichte dieses Jahrhunderts. Warum sollten sie dann ausgerechnet ihre Geheimdienste abschaffen? Daß der BND auch lange nach der Ära Gehlen Dossiers über prominente Bundesbürger führte. ist allgemein bekannt. Aber ein besonders finsteres Kapitel stellen die illegalen Waffenlieferungen der Geheimdienste in Krisengebiete dar. Eine 1994 vom Forschungsinstitut für Friedenspolitik in Weilheim erstellte Studie zur »Zukunft der Nachrichtendienste der KSZE-Staaten und Japans« gelangt zu dem Schluß. eigentlich dagegen.

die mit dem Terrorismus und der Drogenmafia einhergehenden Gefahren als Rechtfertigung für den Ausbau eines inneren Repressionsapparates vorzuschieben. auf denen die Geheimdienste trotz aller angebrachten Skepsis ihrem Tun gegenüber nützlich sein und international kooperieren könnten. den naheliegenden Schluß zu ziehen. Mehr denn je benötige die Regierung zuverlässige Analysen globaler wirtschaftlicher Trends. Allerdings versäumen diese Experten. daß gerade auf dem Feld der Wirtschaftsspionage seines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben nachrichtendienstlicher Tätigkeit in der Zukunft liegen wird. Im übrigen ist die Wirtschafts. CIA-Direktor unter Präsident Bush. Aber es gibt noch andere Gebiete.und ausgebaut. sondern spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg fester Bestandteil aller Nachrichtendienste. Das leider bei Politikern immer noch verbreitete LawandorderDenken verleitet diese nur zu oft dazu. der technologischen Entwicklung anderer Länder und deren Aktivitäten in der Wirtschaftsspionage. Als Beispiele will ich nur die Bekämpfung des internationalen Terrorismus und der sich ausbreitenden Drogenmafia nennen. um gegenüber Regierungen und Parlamenten ihre Existenzberechtigung zu demonstrieren. daß die Dienste sich mit fremden Federn schmücken.Schwerpunkt von der Ausspähung militärischer Geheimnisse zur Wirtschaftsspionage verschoben. hat offen ausgesprochen. Diese Einschätzung deckt sich mit Erkenntnissen von Experten der Bundesregierung. denn die großen Wirtschaftsunternehmen haben längst ihre eigenen Spionageund Sicherheitsdienste auf. Auf diesem Gebiet sind die Amerikaner von erfrischendem Pragmatismus: Robert Gates. Was die Atommafia betrifft. Allzu gern verlange n bestimmte Kreise bei jedem Anlaß Überwachung linker Organisationen und Einschränkung der Bürgerrechte.und Industriespionage keine neue Entdeckung. so entsprechen die bisherige -477- .

in wessen Hände ihre Erkenntnisse gelangen und zu welchem Zweck. Meldungen über die Inbetriebnahme geheimer Anlagen in sogenannten Schwellenländern. Deshalb geht der Kampf im dunkeln weiter. die sich selbst gern realistisches Denken bescheinigen. Sofern Nachrichtendienste sich auf eine diesbezügliche Tätigkeit berufen. der dem Urteil eines amerikanischen Kollegen zufolge zwar der bessere war. die unkontrollierte Macht der Dienste zu beschneiden. signalisieren die latente Gefahr. die meist in instabilen Regionen oder Krisengebieten liegen. denn er findet in einer sehr realen problembeladenen Welt statt. Admiral Schmähling. Dem echten friedlichen Zusammenwirken der Dienste sind noch immer zahlreiche und sehr enge Grenzen gesetzt. als Utopie abgetan wird. unsere Welt brauche Utopien. Vielleicht ermöglicht es das Ende der Konfrontation zwischen Ost und West. sie gefährden noch immer den Weltfrieden. aber das -478- . die das noch vorhandene Vernichtungspotential der Waffenarsenale darstellt. muß gefragt werden. Dem möchte ich hinzufügen.Vorgehensweise und die internationale Koordinierung nicht einmal annähernd der Herausforderung. Dieser Kampf ist kein Spie l. daß eine zivilisierte Welt Regierungen braucht. Ohne derartige politische Zielsetzungen muß die Forderung nach der Bändigung der »Monster« ein frommer Wunsch bleiben. wo es bisher ausgeklammert blieb. Als ehemaligen Leiter eines mit seinem Staat untergegangenen Nachrichtendienstes. Trotz erster bescheidener Abrüstungsschritte bedrohen Kernund Trägerwaffen nicht nur die Sicherheit einzelner Staaten und Regionen. pflegt auf dieses Argument zu erwidern. deren Politik sich von der kompromittierten Machtausübung in internationalen Beziehungen wie gegenüber den Bürgern des eigenen Landes abwendet und zur Respektierung des Rechts auch auf Gebieten hinführt. dessen Forderung nach dem Abschaffen der Geheimdienste von Kollegen.

-479- . besonders durch den Staat. beschäftigt mich die Frage einer künftigen Rolle der Geheimdienste nur noch am Rande.Endspiel verloren hat. Sie ist in meinen Augen Teil der größeren und wichtigeren Frage nach der Rolle der Macht in der Gesellschaft. ihres Gebrauchs oder Mißbrauchs.

vieles haben wir falsch gemacht. die -480- . Mag der Beitrag meiner Familie und der anderer Emigranten. noch so gering gewesen sein. Wir haben Spuren hinterlassen. Habe ich etwas von den Werten verraten. die meinen Lebensweg begleitet haben. mit gutem Gewissen sage. auch Wunden und schmerzende Narben. Wenn ich mich an meine Jugend in der Sowjetunion erinnere. daß ich nichts verraten habe.« Wenn ich nach allem. bedeutet dies. war kein Verrat an Deutschland. sich nach der Bilanz des eigenen Lebens zu befragen.Epilog Das Schlußwort. dann fallen mir nicht zuerst die Verbrechen Stalins ein. die Fehler und ihre Ursachen viel zu spät erkannt. das ich zu meinem Prozeß in Düsseldorf 1993 hielt. endete mit den Worten: »Mit Siebzig ist es sicher an der Zeit. Hier steht das Wort ›Verrat‹ im Raum. Der Zweite Weltkrieg war das tief eingreifende Ereignis im Leben vieler Menschen. Ebensowenig kann ich mich meines Anteils an dem Versuch schämen. meiner Familie. wahrscheinlich zu hoher Anspruch. er endete mit dem Untergang des Dritten Reichs. die mir erst später bewußt wurden. den die DDR in den Nachkriegsjahren unternahm. so brauche ich mich doch dieses Teils meiner Biographie nicht zu schämen. was hinter mir liegt. und es fällt mir auch nicht der Pakt mit Nazideutschland ein. gemessen an den Opfern und Leiden der überfallenen Völker. wir haben aber nicht umsonst gelebt. Es war ein hoher. die meinen Vorbildern. Aber ich halte an den Werten fest. mit denen wir die Welt verändern wollten. daß ich auch bei noch so kritischem Rückblick mein Leben und meine Wertvorstellungen nicht in Frage stelle. mir selbst wert und teuer waren? Wir haben geirrt. was meiner Familie und mir teuer war. sondern das Leben in Kriegszeiten. Daß wir als Deutsche an der Seite der Sowjets gegen Hitlers Truppen kämpften.

ohne zu begreifen. Unter diesem Zeichen stand auch meine frühe Tätigkeit im Geheimdienst. Wie gebannt warteten wir auf einen Generationswechsel in der Führung. Wie viele meiner Freunde scheute ich davor zurück. wie diese Führung jeden Meinungsstreit. Das habe ich als Teil meiner Lebensbilanz zu tragen. auf sich nehmen zu müssen. Und bei aller Verstrickung in Ungerechtigkeit und Niederträchtigkeiten des kalten Krieges bin ich stolz darauf. durch offenes Opponieren etwas Sinnvolles bewirken zu können. obwohl wir tagtäglich zu spüren bekamen. die Geschichte der DDR zu kriminalisieren und ihre antifaschistischen Ursprünge zu leugnen. auch durch andere. meine Meinung zu vertreten. in dem System. was mich lahmte. nahm ich an der Macht teil. wie es beschaffen war. Verantwortung für ihren Mißbrauch. heilige Kühe wie die in der Verfassung festgeschriebene führende Rolle der Partei anzutasten. Mangelnde Courage. daß meine geheimdienstliche Tätigkeit zum Status quo in Europa und somit zur längsten Friedensperiode in der modernen Geschichte Europas und zur Verhinderung eines atomaren Infernos beigetragen hat.Wurzeln des Nationalsozialismus. daß wir uns -481- . Immer wieder habe ich mich seit 1989 nach den Ursachen des jämmerlichen Untergangs unseres Staates gefragt und danach. auf Veränderungen von oben. vor allem in Moskau. jede schöpferische Diskussion im Keim erstickte. tun müssen. kann ich dennoch meinen Anteil an der Verantwortung für die Schattenseiten ihres Systems und für die Ursachen ihres Scheiterns nicht abstreiten. Es war vielmehr der Zweifel. Mit der Macht umzugehen bedeutet aber immer. Wenn ich mich entschieden gegen Versuche wehre. konsequenter hätte tun können. Durch meine Position und meine Tätigkeit war ich Teil dieses Systems. seiner Verbrechen und des schlimmsten aller bisherigen Kriege bloßzulegen. mutiger. was ich meinen wachsenden Erkenntnissen folgend früher. war es nicht.

Die Realität in der Gesellschaft der DDR hatte mit Demokratie und Sozialismus zunehmend wenig zu tun. den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen? Wir glaubten. dem bedingungslosen Gehorsam. wir glaubten. daß die unter Stalin begangenen Verbrechen nicht Verbrechen des Kommunismus. das 1917 in Rußland ausgerufene Gesellschaftsmodell gescheitert. sondern Verbrechen am Kommunismus waren. zu einer Zeit. als unter Stalin der Begriff der Freiheit des einzelnen bereits der bedingungslosen Unterordnung unter die Parteidoktrin geopfert war. doch nicht sehr lange. Ihm galten auch meine Hoffnungen. den Ideen treu zu folgen. Was bleibt von unseren Idealen. die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. in der die großen Ideale der Französischen Revolution mehr Lebenskraft besäßen als im kapitalistischen System. der sich letztlich in nichts vom Kadavergehorsam des Obrigkeitsstaates unterschied. sondern zuwenig.selbst die Hände banden. Mein Weg zur sozialistischen Bewegung begann zu einer Zeit. Ohne Demokratie als unerläßliche Prämisse aber mußte unsere Gesellschaft in einem Vergleich mit der pluralistischen Demokratie eines entwickelten kapitalistischen Landes den kürzeren ziehen. an einer Gesellschaft mitzuwirken. als Ideale von zynischen Machtinhabern mißbraucht wurden. Für viele meiner La ndsleute hat die strahlende Fassade des -482- . wie es meine Überzeugung ist. Wir sind gescheitert – aber nicht. und daran ist diese Gesellschaft erstickt und ihr System zerbrochen. Schließlich kam die Veränderung von oben in Gestalt Michail Gorbatschows. um eine disziplinierte Gesellschaft zu manipulieren. Das ist meine feste Überzeugung. was von den Mühen. Die größere soziale Sicherheit allein konnte die fehlende Reisefreiheit und das ständige Reglementieren freier Meinungsäußerung nicht aufwiegen. so. weil wir zuviel Sozialismus praktizierten. indem wir alles Handeln delegierten. Die Zeit war abgelaufen.

sondern immer neue und größere Probleme erzeugt. nicht zu lösen vermag. daß unser gegenwärtiges Gesellschaftssystem die großen Probleme. daß manche Menschenrechte in der DDR größer geschrieben wurden. und sie rührt daher. Man mag einwenden. So richtig das ist. so wird im Kapitalismus das Ideal von der individuellen Freiheit im Interesse der Macht des Geldes und zum Schaden für die Mehrheit der Gesellschaft mißbraucht. Sollen die Menschen sich auf Dauer mit einem Zivilisationsmodell zufriedengeben. die keine Zukunftsvisionen anzubieten hat und sich auf das Erhalten des Bestehenden zurückzie ht. Sie wirkt weniger vordergründig. als sie halten konnte. das dadurch charakterisiert werden kann. vor denen die Menschheit steht. Für einen jungen Menschen ist nichts -483- . Eine diffuse Angst vor der Zukunft ist vielerorts zu spüren. Wenn Machtmißbrauch wie im »realen Sozialismus« mit der Manipulation eines Ideals beginnt. Viele müssen erkennen. Die Entsolidarisierung in der Gesellschaft wird als schwerwiegender Verlust empfunden. ist aber nicht weniger brutal. daß alles unter dem Diktat des Besitzes steht? Die Macht des Geldes übt nicht weniger G ewalt aus als die Macht des Staates. Das Recht auf Arbeit und das auf eine bezahlbare Wohnung werden in dem Maße wertgeschätzt. kann ich darauf nur erwidern. daß ich mich genausowenig wie andere damit abfinden kann. daß eine Kritik an den demokratischen oder undemokratischen Verhältnissen im Kapitalismus nicht anhand der Meßlatte eines sozialistischen Ideals vorgenommen werden dürfe. in dem seit Jahrzehnten die Reichen unbestritten immer reicher und die Armen immer ärmer werden. welchen Rat und welche Erfahrung ich meinen zehn Enkeln mit auf den Weg geben kann. Manchmal werde ich gefragt.Westens mehr versprochen. Nicht nur ich empfinde großes Unbehagen angesichts einer Politik. Ihnen reiche ich die Lebensmaxime meines Vaters über die Zivilcourage weiter. in dem sie verlorengehen. ein Gesellschaftssystem zu akzeptieren.

Karl – bis morgen. Unweit meiner Wohnung im Zentrum Berlins haben junge Leute auf ein Marx-Engels-Denkmal die Worte aufgesprüht: Wir sind unschuldig. das müssen sie selbst prüfen und herausfinden. Der kalte Krieg ist zu Ende. selbst wenn dies mit Unannehmlichkeiten verbunden ist. -484- . Aus meiner Erfahrung möchte ich ihnen auch nahelegen. sie lassen sich nicht einfach außer Kraft setzen. ein Modell des Sozialismus. Ohne das weitere Suchen nach einer Alternative müßten wir zusehen. diese Meinung auch zu vertreten. Karl. ist gescheitert. wie viele junge Menschen heute von einer gerechteren Welt träumen. dessen Beginn mit großen Hoffnungen verbunden war. als er seinem Buch über die Unsterblichkeit des Marxismus den Titel gab: A demain. in der Freiheit.wichtiger. Die Worte der Sprayer drücken auch das aus. Gleichheit und Brüderlichkeit Wirklichkeit werden sollen. anderen die eigene Meinung mit Gewalt aufzuzwingen. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Ob ihnen bei ihrem Weg der gute alte Marx noch eine Richtschnur sein kann. die Meinung anderer unbedingt zu respektieren und niemals zu versuchen. Utopien – da pflichte ich Elmar Schmähling bei – werden gebraucht. was Jean Ziegler sagte. wie unser Planet schleichend oder mit einem Knall zerstört wird. Sie hatten recht. Ich weiß nicht. als sich eine eigene Meinung zu bilden. daß auch künftig Idealisten eine Gesellschaftsordnung anstreben werden. Kaum weniger wichtig scheint mir jedoch der Mut. doch meine Ideale habe ich nicht verloren.

Vor dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin 1993 -485- .

Die erste Fassung habe ich während meines Prozesses Ende 1993 beendet.Danksagung Seit Ende der 70er Jahre hat dieses Buch mich beschäftigt. Whitney. Kai Hermann.und deutschsprachigen Ausgabe danke ich insbesondere Anne McElvoy. Unterstützung und die in erster Linie bezeigte Solidarität und Hilfe bei der Vorbereitung der englisch. Jürgen Jessel. Für die Erstellung von Glossar und Register sei an dieser Stelle Herbert Kloss gedankt. Daran zu schreiben begann ich 1991 in Moskau. Berlin. die Endfassung Anfang 1997. im März 1997 -486- . die am Werden dieses Buches den größten Anteil hat und die in dieser Zeit der Prüfung keinen Augenblick von meiner Seite gewichen ist. Aune Renk und Craig R. Für Rat. Mein Dank gilt besonders meiner Frau Andrea. Klaus Eichner.

seinem Übersollerfüllen auf seinem einzigen Feld der deutschsowjetischen Beziehungen. für die nur Wischnewski eintrat.a. mit unterschiedlichen Relationen beim Votum. Frisch von der Krisensitzung am 13. Ich habe ihm versprochen. 3. bedankte er sich für die Grüße E. -487- . und vom 16.Transkription der Tagebucheintragungen Eintrag vom 15. Beim Olympia-Boykott drohte Schmidt mit Rücktritt. Breshnews an Schmidt (wobei sich herausstellte. Es ging auch um die Einladung L.I. Brandt. daß auch Brandt eine Einladung besitzt). Schmidt schickte Wehner einen warnenden Brief.4.s. Onkel Herbert steht unter schwerem Beschuß. H. das von keinem »Einflußagenten« gelöst werden könnte u. Parteibuchs. Unterstellungen für das an die Heimat Sachsen gebundene »Rätsel Wehner« die Rede ist. für unzurechnungsfähig zu erklären). Sachse«. Seit heute weiß ich. auch der FAZ (Wischnewski hat auch bei Moldt versucht. als Wehner namens der Fraktion dagegen votierte. repräsentativ dafür ist ein Artikel der FAZ vom 29. vor einer möglichen Kriegsgefahr zu warnen. u. mit Schmidt.: »Sing anders.W. in Vorbereitung der Mittagreise. ja vielleicht schon brodelt. Wischnewski. Bahr und Apel im BKA kommend. mit Zeitungsausschnitten. wo von möglichem Wiederentdecken des alten kommunist.a. Eskalation. u. April 1980 Der »Kanal« zum Onkel ist aktiv. alle waren gegen den Abbruch der Beziehungen zum Iran und gegen jede militär. a. H. um wirtschaftliche Sanktionen gegen die SU. »Wir ziehen ja an einem Strang. daß sie sich anbahnt.« Es wird berichtet. wie in diesem Kreis die verschiedenen von den USA geforderten Maßnahmen behandelt wurden.

Ob u. Eintrag vom 24. ob die UdSSR mit der amerik. H. 35 mit der Außenpolitik Genschers. da ist alles drin. Guillaume. – sein liebstes Geschenk.W.a. Schmidt befindet sich in einem Dickicht von Wahnvorstellungen.« Später wurden Genscher.Die Lage wurde mit der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des ersten Weltkrieges 1914 verglichen. Polen – gefährlicher »Ermunterungssog. zum 75.« -488- . 8. gab dann noch Empfehlungen für G. Er beginnt sein physisches Unvermögen zu verstehen u. wie er sich da heraus windet. Der geschnitzte Holzfäller aus dem Erzgebirge – von E. Wehner auf Öland/Schweden vom 7. vorgesehenen Austausch vo n G. Bestätigt den für Sept.« Sorge. Plädiert für Schmidt als einzig vernünftige Alternative u. »Je eher. August 1981 Bemerkenswert scharfe Abrechnung »Olafs« im Spiegel Nr. Viel Freundschaftsbeteuerungen gegenüber E.H. desto besser. die UdSSR könne die DDR opfern. Lambsdorff.H. »Sagen sie meinem Jugendfreund. Materialwalze auf Dauer mithalten könne. Stimmungslage insgesamt apokalyptisch. mit dem operiert werden soll. u. absolut gegen den von Moskau poussierten Brandt. Das Bemerkenswerte für die Stimmungslage ist die Tatsache der Veröffentlichung.. Dieser glaube noch. die im argen liegen. daß er aufhören muß.10. Mittag. zum Ansprechen der »humanitären Fragen«. Drängt auf entschlossene Maßnahmen gegenüber Polen. Es soll da einen Brief von RA Vogel an Stange geben. Besuch von RA Vo gel bei H. Mischnik u. Verheugen hinzugezogen.

Vom kommunistischen Funktionär über den aktiven Anti bis zu dem im Alter anscheinend weise werdenden humanistischen Weltverbesserer und Einzelkämpfer mit konspirativen Sonderbeziehungen. So hat die Antwort Brandts (ND 27.»Es geht nicht ohne innere Gewalt. Eintrag vom 8. eigentlich immer ein Einzelgänger. Der Kommunismus bleibe das »Zentrum des Boesen in der modernen Welt«. Choleriker. Sein Leben voller jäher Wendungen. seiner Politik. der ja immer als Verräter in der Arbeiterklasse -489- .) auf das Schreiben Walter U. daß sie die Freude entdecken. März 1983 Mit Herbert Wehner. 3. die in jener totalitären Finsternis leben – beten. Gott zu kennen.-J. wie sehr subjektive Einstellungen und sogar Emotionen führende Leute beeinflussen.« Absolute Ablehnung Reagans u. ihren Tagungsort kann es zwischen der SPD und Ihnen keine Erörterungen geben« – großen Ärger verursacht. sich selbst zu zerfleischen. der nicht mehr im Bundestag sein und als Fraktionsvorsitzender von H. leider. bereit andere u.« Eintrag vom 27. die an Gott glauben. tritt eine der markanten und schillernden Figuren von der politischen Arena ab. vor Evangelisten in Orlando/Florida warnte vor jedem Entgegenkommen gegenüber der UdSSR. Februar 1969 Es ist erstaunlich. »Laßt uns für die Rettung all jener zu beten.s (PB) mit dem kernigen Satz: »Über die Bundesversammlung u. tot als rot zu sein. Winkelzüge und nur ihm selbst bekannter Geheimnisse wäre einer Beschreibung wert. Abend mit Barbara Koppe und Klaus Wischnewski. sei es besser. Vogel abgelöst wird. ein interessantes Leben unserer Zeit. 2. Reagan am 8. Für alle. Es wäre schon ein Eckstein für meine Geschichte. Es ist eine halbe Minute vor 12. Als ob von Brandt.

Dann hätte »Hansen« etwas gemerkt. daß es den Willy Brandt nicht mehr gibt.und Koalitionsspitze stellt einen desolaten Haufen dar. Mai 1974 Es schien kurze Zeit. mitteilen lassen: »Es sei das schlimmste zu befürchten. schade. H. Trotz aller Überlegungen u.charakterisiert wird. schade. April 1974 Großer Mist: »Hansen«. man werde bei dringendem Verdacht Brandt einen Hinweis geben müssen. Seit Wochenende eskaliert die Kampagne der Rechten Zug um Zug. Schade. Politisch völlig unpassend. Wissens über die Gefahr hatte unsere Rechnung und Risikobereitschaft war es eine Fehlkalkulation. nur wurde er hier zu einem Zeitpunkt sichtbar. etwas anderes zu erwarten gewesen wäre. bei dem eine ganze Serie konstruktiver Vorschläge überbracht wurde. Eintrag vom 6. Und doch geht man von alten Vorstellungen und taktischen Überlegungen aus.s. der ja viele intime Geheimnisse des Kanzlers kannte und wahrte. Der Bursche versteht etwas vom Publicitygeschäft. als ob die Wogen in der Sache Guillaume im Abklingen wäre[n]. »Heinze« – sind verhaftet. und die Regierungs. Am Freitag hatte Onkel Herbert in einem Gespräch mit dem Beauftragten E. Das Letztere scheint der Fall zu sein. sonst nicht. als ein Tropfen genügte. Er war es seit eh und je. der -490- . um das Faß zum Überlaufen zu bringen. Max Christiansen-Clausen 70. Ausschlaggebend war die Annahme. Nixon in Westberlin. Doch der Schein trügte. Das ging auf den Magen. Eintrag vom 25. Die SED solle sich darauf einstellen. Dabei ist es ein so nüchternes Geschäft: Wenn die Interessen aus entgegengesetzten Motiven zusammentreffen – gibt es eine Übereinstimmung.

Ein Gerücht jagte das andere. betätigen wir den Abzug. aber ein ganz Großer war er nicht. daß es mit Helmut Schmidt vielleicht gar nicht schlechter gehen wird. aber kein geringer und im denkbar wirksamsten Augenblick. BfV-Chef Nollau u. zeigt hier seine bekannten emotionalen Empfindlichkeiten und Schwächen. Gut daß bei uns weiter gelassen reagiert wird.« Am Montag glich Bonn einem Wespennest. aber dessen demagogische Schauspielerei man auch registrieren mußte. ehem. Ironie des Schicksals: Jahrelang schmiedeten wir Pläne und Maßnahmen gegen Brandt. wo wir das wirklich nicht wollten und sogar befürchteten. und 8. Er wird in die Geschichte eingehen. passiert dieser Unfall. sich aus den Tiefen des politischen Geschäfts und Alltags zur einsamen Höhe und Größe einer politischen Sendung erhoben zu haben. Brandt tritt zurück. Ehmke schlugen sich gegenseitig in die Pfann[e]. Daher die echte Resignation.an die Hypothesen seiner Ostpolitik glaube. in dem herumgestochert wurde. liefern das Geschoß. Ein Mann. Den hat er allerdings weniger uns. u. weiß er. jetzt. Warum auch? -491- . BKA-Min. Brandt – der Kämpfer gegen uns im kalten Krieg. Zu Emmi sagte ich vor dem Schlafengehen: Ich glaube. Eintrag vom 7. Er glaubte tatsächlich. auch unser Günter Guillaume. mit dem man manches machen konnte. Natürlich war [es] nur ein letzter Anstoß. Mai 1974 Brandt ist tatsächlich zurückgetreten. als seinen Gefährten zuzuschreiben.a. Und nun zu allen Widerwärtigkeiten der letzten Monate noch dieser in seinen Augen unzulässige Tiefschlag. Rücktritte scheinen nicht fällig zu sein. in einigem Sympathie entgegenbringen. mit dem Kalkül. Bei manchen Augure[n] herrscht Schadenfreude. und das wußte u.

die sich zum erheblichen Teil gegenseitig beschäftigen. Ähnlich sieht es aber in unseren Bündnisapparaten auch aus. unsere kurzfristig zusammengestellte Argumentation verwandt u. Oktober 1974 Bei der aktuellen Diskussion über die Geheimdienste taucht neben der Frage: Cui bono auch die Frage auf: Nützen sie überhaupt. Eintrag vom 16. Wer will den Anteil effektiven Nutzens der Riesenapparate von Partei. Eine durchaus berechtigte Frage und welcher ehrliche Eingeweihte würde sie ohne zu zögern beantworten. Möglicherweise ist die Reaktion in Moskau anders. und 17. wenn diese Zöpfe beschnitten würden. H. das die NATO produziert. Ob unsere Urenkel schon die Gegenmittel finden? -492- . ist bei näherem Hinsehen nicht einmal gut. Vorläufig aber wachsen diese Monster unaufhaltsam. Will man mal von den Milliarden verschlingenden Armeen absehen: Fast alles Papier. Wirtschaft messen. Aber es geht ja nicht nur um diese Apparate. wenn auch die Effektivität der in den verschiedenen Gremien produzierten Papierberge minimal ist. Cosmic versieht und das wir mit hohem Aufwand beschaffen. Wie viele nützliche Dinge könnten getan. Beim RGW spricht wenigstens die Logik für einen möglichen Nutzen. anleiten.In der PB-Sitzung wurde von E. Staat. um an einem stillen Örtchen nutzbringend verwandt zu werden. kontrollieren. wie viele Menschen eine sie echt befriedigende Tätigkeit ausüben. mit Stempeln Geheim u. Dort gab es emotional und möglicherweise auch sachlich eine etwas differenzierende Einstellung. ohne großes Palaver richtige Reaktionen festgelegt. Im Innern ist es aber auch nicht viel anders.

operative geheime Sammlung von Informationen. auch Spionage Bearbeiten Tätigkeit der Aufklärung im Zielgebiet Beschaffung. Politik. Gegenständen BfV Bundesamt für Verfassungsschutz BND Bundesnachrichtendienst CIA Central Intelligence Agency (zentraler Nachrichtendienst der USA) Chiffrieren vertrauliche Nachrichten verschlüsseln Codes -493- .und Ausland. auch VMann oder Inoffizieller Mitarbeiter Aktive Maßnahme verdeckte Aktivität. auch Gesprächsaufklärung Agent für einen Geheimdienst wissentlich tätiger Spion.Glossar Abschöpfen geheime Gewinnung von Informationen durch Gespräche mit einer Zielperson. Dokumenten. um Medien. Wirtschaft und Öffentlichkeit zu beeinflussen Aufklärung geheimdienstliche Ermittlung und Analyse im In.

Zielpersonen und operative Vorgänge Desinformation (auch Aktive Maßname) gezielte Indiskretion oder Falschinformation Doppelagent umgedrehte Agent. die zum Chiffrieren verwendet werden Counterman von westlichen Geheimdiensten enttarnter geheimer Mitarbeiter eines fremden Nachrichtendienstes.Buchstaben oder Zahlenkombinationen. der umgedreht seine frühere Führungsstelle ausspäht Deckadresse Deckname (auch Code .oder Tarnname) Anschrift für geheime Postsendungen falscher Name für geheime Mitarbeiter. der nach seiner Enttarnung durch gegnerischen Dienst für diesen tätig ist Einflußagent im Rahmen Aktiver Maßnahmen tätiger Agent Einschleusen zielgerichtetes getarntes Eindringen eines Agenten in das Operationsgebiet FBI Federal Bureau of Investigation (Inlandsnachrichtendienst der USA) Führungsoffizier hauptamtlicher Geheimdienstmitarbeiter. der IM und Quellen betreut und koordiniert Gegenspionage Eindringen in einen fremden Gehe imdienst durch Einschleusen eines eigenen oder Umdrehen eines fremden Spions IM -494- .

um sich konspirativ an einem bestimmten Ort aufzuhalten.Inoffizieller Mitarbeiter. operative glaubwürdiger Vorwand. unter Täuschung über den wahren Hintergrund der nachrichtendienstlichen Tätigkeit MAD Militärischer Abschirmdienst der Bundeswehr Maulwurf eingeschleuster oder umgedrehter Agent. die unwissentlich in Verbindung zu einem Geheimdienst steht und deren Wissen von diesem genutzt wird Kurier Bote zwischen Geheimdienstzentrale und Quelle Legende. Ermittlungen vorzunehmen. geheimer nebenamtlicher Mitarbeiter der Abwehr und der Aufklärung (MfS und HVA) KGB Komitet Gossudarstwenoi Besopasnosti (Komitee für Staatssicherheit der UdSSR) Kontaktperson Person. der innerhalb eines Geheimdienstes für einen gegnerischen Dienst tätig ist MfS Ministerium für Staatssicherheit der DDR NSA National Security Agency der USA (nationale Sicherheitsbehörde mit den Schwerpunkten der Satellitenund Funkaufklärung) Observation heimliche Beobachtung von Zielpersonen (umgangssprachlich: Beschattung) operativ -495- .

oder Materialdepot Subversion -496- . auch Geld. Funk. Irreführung des Gegners eingesetzte – oftmals gefälschte – Dokumente und Informationen Spionageabwehr Behörde zur Bekämpfung gegnerischer Spionage Stützpunkt geheime Operationsbasis wie Wohn-. Leiter einer Agentengruppe Residentur getarnte nachrichtendienstliche Führungsstelle außerhalb der Zentrale des Apparats (legale Residentur: Botschaft oder Handelsmission. wie Abhöreinrichtungen Resident getarnter Führungsbeamter oder offizier bzw.geheimdienstlich Operationsgebiet Zielgebiet (Land) für nachrichtendienstliche Tätigkeit Quelle Person.oder Operationsstützpunkt. auch technisches Gerät zu diesem Zweck. die zur geheimdienstlichen Informationsgewinnung dient. illegale Residentur: Agentengruppe mit Führungsoffizier) SDECE Service de Documentation et d'Espionnage (Auslandsnachrichtendienst Frankreichs) SIS Secret Intelligence Service (geheimer Aufklärungsdienst Großbritanniens) Spielmaterial zur Beeinflussung bzw.

Behörde. auch Führungstreff mit Führungsoffizier Überwerben Werben eines bereits für einen anderen Nachrichtendienst tätigen Agenten V-Mann/V-Frau geheime nebenamtliche Mitarbeiter eines Geheimdienstes oder der Polizei Werbung Gewinnung einer Zielperson zur Zusammenarbeit mit dem Nachrichtendienst Zielobjekt Objekt der Aufklärung. z. Forschungsunternehmen Zielperson Person im Visier des Geheimdienstes zum Zweck der Werbung oder im Visier der Abwehr wegen Verdachts der Spionage -497- . B. militärische Einrichtung.Sammelbegriff für organisierte Untergrundtätigkeit Tarnung verdeckte Tätigkeit oder Schutz eines Objekts zum Zweck der Geheimhaltung Treff geheime Zusammenkunft von Agent und Instrukteur oder Kurier im Operationsgebiet oder in Drittland.