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„AUF DEN LEIB GESCHRIEBEN“: THOMAS LAQUEURS STUDIE ÜBER DIE DIFFERENZ DER GESCHLECHTER VON DER ANTIKE BIS ZUR GEGENWART

So frei wie das Spiel der Gedanken

VON Ute Frevert | 08. Mai 1992 - 08:00 Uhr

Von Ute Frevert

Heiß umboten“, läßt der Verlag wissen, war Thomas Laqueurs 1990 in den USA erschienenes Buch „Making Sex“ auf der Frankfurter Buchmesse des gleichen Jahres. Warum? War es die positive Resonanz, die das Werk des Geschichtsprofessors aus Berkeley in der amerikanischen Fachpresse gefunden hatte? Wohl kaum: Viele fremdsprachige Bücher erhalten daheim begeisterte Rezensionen, ohne daß hiesige Verleger nach ihnen Schlange stehen.

Oder war es schlicht der anzüglich-doppeldeutige Titel, der einen Verkaufserfolg zu garantieren schien? Auch das kann es nicht gewesen sein. Schließlich verwandelte sich das vielversprechende „Making Sex“ unter der Hand des Übersetzers in ein bieder- altertümelndes „Auf den Leib geschrieben“, und der modisch-prätentiöse Untertitel „Inszenierung der Geschlechter“ weckt gleichfalls keine voyeuristischen Hoffnungen. Auch der Inhalt ist alles andere als leichtverdauliche Kost für neugierige Genußmenschen. Statt dessen: Wissenschaft pur, und kein Hauch von Sexologie.

So war hier wohl der oft beschworene Verlegerspürsinn am Werk, der nach neuen Trends, neuen Zeitgeistern Ausschau hält, immer auf der Suche nach Texten, die als Klassiker oder Trendsetter zu Ehren (und Marktanteilen) kommen könnten. Tatsächlich hat Laqueurs Buch dazu einiges zu bieten. Als Mischung aus Kultur-, Anthropologie- und Geschlechtergeschichte spielt es auf allen Klaviaturen, die zur Zeit einen guten Klang haben. Vollmundig verspricht es die „Öffnung neuer Welten des Sehens, der Politik und des Eros“ – reizvolle Aussichten für ein Publikum, das den alten Welten offenbar immer weniger abgewinnen kann.

Worum geht es dem Autor? Ursprünglich, schreibt er im Vorwort, habe er das „Verschwinden des Orgasmus“ untersuchen wollen, und wirklich kommt er auf diesen zentralen Punkt immer wieder zurück. Um keine Mißverständnisse entstehen zu lassen:

Laqueur interessiert sich nicht für den Orgasmus, wie er von Menschen verschiedener Epochen und Kulturräume empfunden und erfahren wurde. Ihn beschäftigt vielmehr sein Stellenwert im Wissenssystem der Reproduktionsbiologie, also das, was berufene Experten – allen voran Mediziner, aber auch Philosophen, Theologen und Juristen – über den Zusammenhang von Orgasmus und Fortpflanzung zu sagen hatten.

Eine weitere Einschränkung tut not: Nicht der Orgasmus von Menschen allgemein steht im Mittelpunkt, sondern der von Frauen. Ihr Leib ist es, dessen Beschriftung und Inszenierung Laqueur untersucht. Damit folgt er den Vorgaben seiner Informanten. Ihnen war daran gelegen gewesen, die Differenz zwischen männlichem und weiblichem Leib zu bestimmen,

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eine Differenz, die per definitionem dem weiblichen, vom männlichen Standardmodell abweichenden Körper eingeschrieben war. „Wahrscheinlich“, folgert Laqueur deshalb, „ist es nicht möglich, die Geschichte des männlichen Körpers und seiner Freuden zu schreiben, weil die historische Überlieferung in einer Kulturtradition zustande kam, in der eine solche Geschichte nicht nötig war“.

Ebenjener Kulturtradition gilt Laqueurs Interesse. Wie kam es dazu, so seine Ausgangsfrage, daß der weibliche Orgasmus, der jahrhundertelang als Voraussetzung für Empfängnis gegolten hatte, seit dem 18. Jahrhundert auf einmal als beiläufig, entbehrlich und zufällig angesehen wurde? Auf welchen Wegen gelangte man zu jener „tiefergehenden Umdeutung des weiblichen Körpers im Vergleich zum männlichen“, die im Zeitalter der Aufklärung Platz griff und das moderne Verhältnis der Geschlechter formte? Warum wurde eine „Biologie der Hierarchie“ durch eine „Biologie der Inkommensurabilität zwischen zwei Geschlechtern“ ersetzt – mit weitreichenden Folgen für die Handlungsräume und Machtpotentiale von Frauen und Männern?

Das sind originelle, spannende Fragen. Jeder, der sich mit der Geschichte des „sexuellen Unterschieds“ beschäftigt, muß Laqueur dafür dankbar sein, daß er sie gestellt hat. Sein Buch bietet, genaugenommen, eine Explikation dieser Fragen, die Schritt für Schritt präpariert und entwickelt werden. Es untersucht, wie der weibliche Körper, der lange Zeit als eine zwar minder vollkommene, aber prinzipiell gleichförmige Version des männlichen begriffen wurde, zu dessen absolutem Gegensatz, zu einem ganz und gar anderen, erhoben – oder degradiert? – wurde. In sechs Kapiteln, auf insgesamt 270 Textseiten, bewegt es sich dabei von der Antike bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Eine weite Reise – aber nicht für den Autor, der Epochengrenzen ebenso leichtfüßig überspringt wie er behende zwischen geographischen Räumen her- und hinüberwechselt. Da er davon ausgeht, es bis ins 18. Jahrhundert hinein mit gleichbleibenden Erkenntnismodellen zu tun zu haben, kann er sich einen solchen unbeschwerten Umgang mit Zeit und Raum leisten.

In der Tat weist er nach, daß das, was er das „Ein-Geschlecht-Modell“ nennt, bis ins Zeitalter der Aufklärung die Wahrnehmung des Geschlechtsunterschieds prägte. In der Antike entwickelt, überdauerte es selbst die epistemologischen Umbrüche der Renaissance, um erst im 18. Jahrhundert von dem neuen „Zwei-Geschlechter-Modell“ abgelöst zu werden. Bis dahin war das Denken über sexuelle Differenzen von einer Auffassung des menschlichen Körpers dominiert, die nur „ein Fleisch“ gelten ließ, das männliche. Frauen erschienen demgegenüber als „nach innen gekehrte und also weniger vollkommene Männer“. Sie hatten zwar dieselben Organe, aber am falschen Ort.

Diese Sichtweise erhielt sich bis ins 18. Jahrhundert, zuweilen sogar noch darüber hinaus. Erst der politisch-soziale Umbruch zur Moderne vermochte ihren Geltungsanspruch zu erschüttern. Nun legte man Wert darauf, zwei grundsätzlich verschiedene, unvergleichbare Geschlechter zu sehen, und mühte sich nach Kräften, diese Verschiedenheit anatomisch-

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physiologisch zu begründen. Das Ergebnis dieser Anstrengungen war ein Modell der Geschlechterdifferenz, das bis heute Gültigkeit besitzt. Danach übersetzt sich die körperliche Besonderheit von Frauen, nämlich ihr Menstruationszyklus und die Funktion ihrer Eierstöcke, unmittelbar in ihr Wesen und ihre soziale Bestimmung. Die politischen Dimensionen dieser Definition sind wohlbekannt: langwährender Ausschluß der Frauen von staatsbürgerlichen und sozialen Rechten, strukturelle Benachteiligung in der Arbeits- und politischen Welt, Machtungleichgewicht der Geschlechter in allen gesellschaftlichen Institutionen.

Laqueur argumentiert nun, daß der Übergang vom Ein- zum Zwei-Geschlechter- Modell nicht das Resultat innerwissenschaftlicher Erkenntnisfortschritte war, sondern die Folge soziopolitischer und erkenntnistheoretischer Revolutionen. Nicht neue medizinische Entdeckungen waren dafür verantwortlich, daß sich das Denken über den sexuellen Unterschied veränderte, sondern neue politische Herausforderungen und Problemstellungen. Verkürzt gesagt: Mann wollte Frauen aus der Gesellschaft freier, gleicher, brüderlicher Bürger ausschließen; deshalb suchte mann nach unangreifbaren Legitimationen, die am eindeutigsten in ihren Körpern zu lokalisieren waren. Der Anatomie wurde die Aufgabe zuteil, den Ort der Differenz zu bestimmen, und sie fand ihn in den weiblichen Eierstöcken.

Kultur, so Laqueurs Hauptthese, formt Natur, und nicht umgekehrt. Bis in die Sprache hinein läßt sich diese Formation verfolgen. Die uns geläufigen Bezeichnungen weiblicher Körperteile entstanden erst dann, als man den Körper von Frauen nicht mehr als Spielart des männlichen ansehen wollte, sondern als eigene Wesenheit. Wissenschaft als kulturelles System „erforscht nicht einfach, sondern schafft selbst den Unterschied der Frau vom Manne“. Indem der Autor ihre Kontextabhängigkeit betont, zeigt er zugleich auf, daß jener Unterschied kein an sich gültiger, sondern ein bloß „imaginierter“ ist, ein soziales Konstrukt, das seine Schlüssigkeit aus den „Forderungen des Tages“ bezog. Die Schlußfolgerung liegt auf der Hand: „Im Grundsätzlichen ist dem Inhalt der Rede über den Geschlechtsunterschied vom Faktischen her keine Fessel angelegt. Er ist so frei wie das Spiel der Gedanken.“

Mit dieser luftigen Botschaft endet das Buch. Sie ist ungemein an- und aufregend:

Machen wir uns auf, neue Differenzen auszudenken, die den heutigen Bedürfnissen und Erfordernissen besser entsprechen als die alten. Alles ist möglich, nichts determiniert.

Eine wunderbare Botschaft. Aber leider auf das Spiel der Gedanken beschränkt, fernab gesellschaftlichen Realitäten und Probleme, die sich dem postmodernen Ludismus beharrlich entziehen. Hier steckt denn auch die zentrale Schwäche des ganzen Buchs:

seine Distanz zum Sozialen und zum Politischen. Allzu groß ist der Kontrast zwischen der unendlich detaillierten Analyse der Diskurse und der in vagen Gemeinplätzen schwelgenden Skizze „allgemeiner“ Entwicklungen, aus denen die Rede über sexuelle Differenz, wie behauptet, ihre Inhalte und Ziele gewinnt. (Die Häufigkeit von „irgendwie“

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spricht Bände!). Die Kluft zwischen „Repräsentation“ und „Realität“ wird nicht geschlossen, eine Brücke zwischen Diskurs- und Gesellschaftsgeschichte nicht geschlagen. Der Kontext, die konkrete Auseinandersetzung um Geschlechterrollen und Geschlechtermacht, in die sich Deutungsmuster und Diskurse einlagern, bleibt so dunkel wie zuvor.

Daß erhellende Blitze ausbleiben, ist nicht zuletzt das Verdienst einer in sich selbst verliebten Rhetorik, die in der holprigen deutschen Übersetzung wollüstige Gipfel erklimmt: „Die Echos von Myriaden Diskursen hallen durch den Leib.“ Die Rezensentin erschauert.

Auf den Leib geschrieben

Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud; aus dem Englischen von H. Jochen Bußmann; Campus Verlag , Frankfurt/New York 1992; 348 S., Abb., 48,– DM

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