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Einführung: Sprachwissenschaft I SS 2012 Melani Wratil

SYNTAX

Gegenstand der Syntax

Die Syntax ist der Bereich der Linguistik, der sich mit der internen Struktur von Sätzen und den unterschiedlichen Regeln und Prinzipien befasst, nach denen Wörter gegebenenfalls mit entsprechenden flexivischen Markierungen im Satz angeordnet werden, um bestimmte Bedeutungsrelationen anzuzeigen.

Unterschiedliche Anordnungen von Wörtern in Sätzen führen in vielen Sprachen zu unter- schiedlichen Bedeutungsrepräsentationen.

a. Jimmy kisses Lisa.

b. Lisa kisses Jimmy.

Jimmy gave the book to Lisa. Lisa gave the book to Jimmy.

*************************************************************************** 1. Die a-Sätze enthalten genau die gleichen Wörter wie die b-Sätze. Bedeuten die a-Sätze auch das gleiche wie die b-Sätze?

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Grundwortstellung

Unter Grundwortstellung versteht man die unmarkierte Abfolge von Verben, Subjekten und Objekten in pragmatisch neutralen Sätzen. Sprachen sind hinsichtlich ihrer Grundwortstellung parametrisiert. Folgende Wortstellungsmuster hinsichtlich der Anordnung von Subjekt, Objekt und Verb sind denkbar und belegt:

SVO / (SV)

VOS / (VS)

SOV / (SV)

OVS / (VS)

VSO / (VS)

OSV / (SV)

a. SVO wantu wa Kenya wa-na-wa-penda wa-toto (Swahili) Leute(KL2) ASC.CL2 Kenia SUBJ.CL2-PRÄT-OBJ.KL2-mög CL2-Kind ‘Kenianische Leute mögen Kinder.’

b. SOV manus manum lavat (Lateinisch) Hand(NOM) Hand(AKK) wasch-3SG ‘Eine Hand wäscht die andere.’

c.

VSO

Lladdodd y ddraig y dyn (Walisisch)

töt(PRÄT)

DET Drachen DET Mann

‘Der Drachen tötete den Mann.’

d. VOS Nahita ny mpianatra ny

vehivavy

(Malagasy)

seh DET Student DET Frau ‘Die Frau sieht den Studenten.’

e. OVS Toto yahosiye kamara (Hixkaryana) Mann 3SG-pack-PRÄT+3SG Jaguar ‘Der Jaguar packte den Mann.’

f. OSV

(Apurina, Xavante)

In Sprachen mit fester Grundwortstellung gibt es in der Regel Abweichungen von der Grundwortstellung. Im Bereich der Syntax untersucht man:

- was es überhaupt für Abweichungen gibt

- welche Abweichungen grundsätzlich nicht erlaubt sind

- wie die verschiedenen Abweichungen bedingt sind

- welche syntaktische Operationen den jeweiligen Abweichungen zugrunde liegen

- was die jeweiligen Abweichungen syntaktisch, semantisch oder pragmatisch bewirken

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2. Gibt im Deutschen allein die oberflächliche syntaktische Positionierung von Wörtern Aufschluss über deren grammatischen Status? Wenn nicht: Was könnte noch eine Rolle spielen?

a. Heiko küsst Susi.

b. Susi küsst Heiko.

c. Im Vollrausch küsst Susi Heiko.

d. Heiko küsst den Frosch.

e. Den Frosch küsst Heiko.

f. Heiko küssen die Großtanten.

g. Im Vollrausch küssen die Mädchen Heiko.

h. dass Heiko die Mädchen im Vollrausch küssen.

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Syntax und Morphologie

In vielen Sprachen sagt die individuelle Positionierung von Wörtern nicht unbedingt etwas über deren individuelle syntaktische Funktion innerhalb des Satzes aus. In diesen werden syntaktische Funktionen und Relationen zusätzlich oder ausschließlich durch morphologische Markierungen genauer: durch spezifische Flexionsmerkmale angezeigt.

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3. Lesen Sie sich das Interview () aufmerksam durch und beantworten Sie die folgenden Fragen zum

Projekt REDEDEUTSCH!

1. Was haben die RDD-Sprachdesigner verändert bzw. vereinfacht?

a) bezüglich der Schreibung?

b) bezüglich der Wortstellung?

c) bezüglich der Flexion an Nomen?

d) bezüglich der Flexion von Pronomen?

e) bezüglich der Flexion von Adjektiven?

f) bezüglich der Flexion an Verben?

2. Ist die RDD-Grammatik einfach und logisch?

3. Beherrscht die RDD-Gruppe überhaupt selbst die RDD-Grammatik?

4. Kann man im RDD alles adäquat ausdrücken?

5. Ist RDD als Fremdsprache leicht zu erlernen?

6. Kann ein Kind RDD erwerben?

7. Ist das Sprachprojekt RDD in Ihren Augen sinnvoll?

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Phrasenstrukturen

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4. Die sieben Wörter den, täglich, Elch, durch, Wald, rennt, der lassen sich auf verschiedene Weise

anordnen. Nennen Sie einige mögliche Anordnungen! ***************************************************************************

Sätze weisen Hierarchierelationen auf. Dies wird daran deutlich, dass einige Wortfolgen enger zusammengehören als andere. Wortsequenzen, die als zusammengehörend empfunden werden, lassen sich zu syntaktischen Phrasen zusammenfassen.

Syntaktische Phrasen

Sätze sind syntaktische Phrasen, die sich in spezifischere Phrasen zerlegen lassen. Jede dieser Phrasen ist syntaktisch durch die lexikalische oder funktionale Kategorie definiert, von der aus sie projiziert wurde.

Lexikalische Kategorien

Lexikalische Kategorien nehmen innerhalb von Äußerungen explizit auf außersprachliche Entitäten Bezug. Sie liefern den „Inhalt“ von Sätzen.

Sie referieren auf Individuen: Hansi hat Flöhe. Sie referieren auf Handlungen: Die Katze schnurrt. Sie ordnen Eigenschaften zu: Der fette Kater maunzt. Sie bezeichnen die Art und Weise: Der Spatz singt schief. Sie drücken zeitliche und räumliche Relationen aus: Der Spatz sitzt auf der Antenne.

Die Hauptklassen der lexikalischen Kategorien sind:

Nomen Verben Adjektive Adverbien Präpositionen

Diese Klassen sind offene Klassen.

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5. Identifizieren Sie die lexikalischen Kategorien N, V, A, Adv, P in den folgenden Sätzen!

a. Der Elch rennt täglich durch den Wald.

b. Die großen Elche pfeifen auf die dümmsten Holzfäller.

c. Besucht der Elch morgen das Eichhörnchen auf dem Berg?

6. Können Sie in dem Gedicht von Goggelmoggel irgendwelche lexikalische Kategorien erkennen?

Verdaustigwarsundglassewieben

Rottertengorkichtimgemank;

Garelumpwarderpluckerwank,

Unddiegabbenschweiselfrieben.

(Caroll „Alice hinter den Spiegeln“)

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Distributionelle Kriterien für lexikalische Kategorien

Lexikalische Kategorien sind aufgrund distributioneller Charakteristika identifizierbar.

Morphologische Distribution:

- Verbindung mit bestimmten Derivationsaffixen

- Verbindung mit bestimmten Flexionsaffixen

Syntaktische Distribution:

- bestimmte Positionierung in Relation zu anderen grammatischen Wörtern im Satz

Funktionale Kategorien

Funktionale Kategorien vereinigen in sich keine erweiterbare Menge von Lexemen. Sie bilden geschlossene Klassen. Funktionale Kategorien tragen grammatische Merkmale, mit Hilfe derer sie grammatische Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen Wörtern und Phrasen spezifizieren.

Zu den funktionalen Kategorien gehören unter anderem:

Konjunktionen (CONJ) Komplementierer (Comp) Determinanten (Det) Auxiliare (AUX) Kongruenzmarker (AGR) Tempusmarker (T)

Der Elch und der Biber sind eingeladen. Der Elch weiß, dass das Eichhörnchen Haselnüsse liebt. Der Biber ist sehr charmant. Das Eichhörnchen wird einen Kuchen backen. Der Biber und der Elch halten eine Begrüßungsrede. Das Eichhörnchen freute sich.

Konstituenten

Syntaktische Phrasen sind immer Konstituenten.

Eine Konstituente ist eine Wortgruppe, die eine syntaktische Einheit bildet.

Konstituententests

Der Elch rennt täglich durch den Wald.

Ersetzungsprobe:

Der Elch rennt täglich in die Schule.

Weglassprobe:

Der Elch rennt täglich [

Frageprobe:

]

und die Libelle fliegt wöchentlich durch den Wald.

Wer rennt täglich durch den Wald? Der Elch.

Pronominalisierungstest:

Er rennt täglich durch den Wald.

Verschiebeprobe:

Durch den Wald rennt der Elch täglich.

Koordinationstest:

Der Elch rennt täglich durch den Wald und in die Schule.

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HAUSAUFGABEN

Der Satz Renate erschlägt den Kerl mit der Lederjacke. ist syntaktisch ambig. Weisen Sie die verschiedenen Strukturen mit jeweils drei Konstituententests nach! ***************************************************************************

LITERATUR: