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54_meinung.qxp 03.06.

2009 14:35 Uhr Seite 54

54 Internet World BUSINESS MEINUNG 8. Juni 2009 12/09

KOMMENTAR GASTKOMMENTAR

Der Kampf
gegen Zensur Wachstumsbremse Angst
Plädoyer für einen lustvollen Umgang mit Social Media
Als ich in der vergange-
nen Ausgabe an dieser
Stelle den Umgang der
Regierung mit den Kriti-
kern des Plans zur Sper-
W ir sind es gewohnt, im Internet fast
alles messen, zählen, verfolgen und
optimieren zu können. Fast wahnhaft wer-
blinkenden Bannern offeriert, RSS-Feeds
angeboten etc. Doch wo bleibt der Rück-
kanal? Der Grund, warum Dienste wie
und Werbefenster? Fangen wir doch einmal
an, darüber nachzudenken, was die Konsu-
menten interessiert, was sie bewegt. Mit
rung von Internetseiten den Konversionsraten promillegenau unter- Youtube, Myspace und Facebook von der welchen Inhalten erreichen wir sie? Womit
kommentierte, hatten sucht und jeder Pressetext auf seine SEO- Netzgemeinde so gut angenommen wer- können wir sie animieren? Im zweiten
rund 85.000 Menschen Tauglichkeit geprüft. Kaum ein E-Com- den, liegt in ihrer Offenheit für Partizipa- Schritt finden wir die Tools und Kanäle her-
eine Onlinepetition gegen merce-Projekt steht ohne Mitbewerber am tion und Interaktion und macht daher vie- aus, mit welchen wir diese Inhalte zielgrup-
eine solche Sperre unter- Frank Kemper, Markt, die Kosten für SEM und SEO steigen len Unternehmen und Medienschaffen- pengenau verbreiten. Dabei sollte die ganze
schrieben. Inzwischen stv. Chefredakteur erheblich. Es wird herumoperiert, als be- den Angst. Dies scheint ein deutsches Phä- mediale Klaviatur von Text,Audio, Bild und
sind es deutlich über fände man sich auf einer Intensivstation. nomen zu sein. So ist beispielsweise eine Video genutzt werden.
100.000. Das sind mehr Wähler als zum Beispiel Der Blick für neue 80 Prozent der Internetnutzer bewegen
die Mitarbeiter der krisengeschüttelten Opel- Märkte, Zielgruppen und sich in der Social-Media-Welt. Netzwerke
Werke, die im Moment den Tagesablauf der Spit- Möglichkeiten geht dabei und Blogs erwecken nicht deshalb Auf-
zen der deutschen Politik bestimmen. häufig verloren. Es fehlen Tilo Bonow, merksamkeit, weil sich dort schöne bunte
Die Koalition wird sich also mit der Kritik an der Energie und der Sinn für Banner finden. Die Angebote sind für ihre
geplanten Änderung des Telekommunikationsge- frische Impulse, die solides Geschäftsführer der Nutzer interessant, weil diese sich dort mit
setzes befassen müssen. Und anlässlich des 60. Wachstum versprechen. Kommunikationsagentur Freunden und Fremden austauschen,
Jahrestags des Grundgesetzes, das staatliche Zen- Anstatt neue Wege zu be- Piâbo in Berlin Tipps und Empfehlungen bekommen so-
sur klipp und klar verbietet, täte die Regierung gut schreiten, wird krampfhaft ❚ www.piabo.net wie neue Trends entdecken können – zu-
daran, auf die geballte Kritik der Fachkreise ange- an vermeintlich Altbe- dem wollen und können sie ihre Sicht der
messen zu reagieren. Denn es ist nicht nur eine währtem und Messbarem Dinge hier wiederum mit anderen teilen.
diffuse Clique aus Bloggern mit verrückten Ideen festgehalten. Kampagnen Auch in der Onlinewelt zählt, was in den
und merkwürdigen Frisuren, die da protestiert. ersticken in gepflegter Langeweile. Öffnung für Dienste wie Twitter & Co. bei klassischen Medien gilt: Ein authentischer
Auch die drei wichtigsten Branchenverbände der Social Media eröffnen neue Möglichkei- deutschen Social-Media-Portalen noch redaktioneller Beitrag bewirkt ein Vielfa-
Informations- und Telekommunikationsbranche ten der Kommunikation und fördern den nicht wirklich erkennbar. ches mehr an Wahrnehmung und Wir-
(Bitkom, Eco und BVDW) sind sich einig: Die ge- direkten Dialog mit der Zielgruppe im Es wird viel über neue Tools und Kanäle kung als klassische Werbeanzeigen. Lang-
plante Änderung des TKG öffnet einer staatlichen World Wide Web. Wo jedoch das Wissen debattiert: Sie lassen sich ja so wunderbar fristig wird sich dies auch in den geliebten
Zensur des Internets Tür und Tor. über die Funktionsweise von Social Media programmieren und an individuelle Be- Zahlen niederschlagen. Social Media ist
Eine gewisse Perfidie liegt in der Tatsache, dass fehlt, führen lieblos durchgeführte Koope- dürfnisse anpassen. Nach kreativen Inhal- eine gigantische Chance, weil hier den Ver-
der Kampf gegen Kinderpornografie als Grund da- rationen zu schnell verpuffenden Kurz- ten und authentischer Kommunikation brauchern auf einer wesentlich persön-
für genannt wird, einen staatlichen Zensurmecha- zeiteffekten. Von diesen Erfahrungen be- wird dabei leider kaum gefragt. licheren, unverstellten Ebene begegnet
nismus im Internet zu etablieren. Allein der Ge- richten mir Webunternehmer immer häu- Kommunikation erfordert Personalein- werden kann. Social Media ist eine Einla-
danke an gequälte Kinder ist dazu geeignet, alle figer. Zugleich scheuen sie sich aber auch, satz, der natürlich teurer ist als die Pro- dung zum Dialog. Dialog bedeutet aber
Widerworte im Keim zu ersticken. Dabei muss sich neue Wege zu gehen, die sich nicht hun- grammierung eines neuen Widgets. Aber auch, aushalten zu können, wenn jemand
Familienministerin von der Leyen gezielte Panik- dertprozentig kontrollieren lassen. sind uns der Blog einer echten Leseratte, anderer Meinung ist und sich dem zu stel-
mache vorwerfen lassen. Den von ihr behaupteten Nehmen wir zum Beispiel die Bereit- die uns neue Bücher vorstellt, der Blog des len. Wer sich im Web 2.0 bewegt, lernt
Millionenmarkt mit Kinderpornografie im Netz, so schaft zum Dialog: Welche Ironie, dass ge- heimwerkelnden Familienvaters für eine schnell, dass nicht jeder sein Freund sein
sagen Fachleute, gibt es nicht. Und Internetaktivis- rade im Dialogmedium Nummer eins, Baumarktkette oder die Berichte einer kann, dass Kritik zum Geschäft gehört und
ten wie Alvar Freunde beweisen, wie sich ein Kin- dem Internet, eine Einbahnstraßenkommu- modeverrückten Studentin, die uns für ein letztendlich eine Bereicherung ist. Nur
derporno-Server effektiv sperren lässt: Eine E-Mail nikation vorherrscht. Es werden E-Mail- Fashionportal mit auf ihre Modestreifzüge durch ehrliches Feedback können wir bes-
an den Serverbetreiber reicht. Newsletter versendet, Sonderangebote auf nimmt, nicht viel lieber als weitere Buttons ser werden. ❚

mail@internetworld.de Gehört

Sperren oder nicht? subjektive Empfindungen und Deklarationen –

Das Thema Indizierung und Sperrung von


verbunden mit jedweder Zensurmacht. Würde „Vieles im Internet lese ich nicht. Ich finde,
ich in Haftung genommen, würde ich auch lie-
Kinderporno-Websites wird natürlich auch ber überreagieren als nachlässig zu sein.
dort herrscht oft so ein menschenverachtender Ton
auf internetworld.de intensiv diskutiert. Hier und das mag ich nicht.“
Bald wird es Grenzfälle geben, wo Objekt
einige Beiträge zu dem Thema:
und Missbrauchmöglichkeit verschwimmen.
H a n s L e y e n d e c k e r , Investigativ-Journalist der „Süddeutschen Zeitung“
Die Sperrung ist das einzig effektive Mittel. Ein Man kann mit Altarkerzen auch jemanden er-
gesondertes Gesetz für das Web ist nicht erfor- schlagen, sollte man sie also verbieten? Ich
derlich. Kinderpornografie ist bereits verboten! denke nur an die vielen privaten Urlaubsfotos
Und das ist gut so, genauso wie beim klassi- und deren Ausdeutungsmöglichkeit ... „Je mehr Stellen, an denen eine Marke und ihre
schen Geld-Glücksspiel. Beispiel: Was es am Franz Wanner
Zeitungsständer nicht gibt, hat auch im Web Inhalte präsent sind, desto besser.“
nichts zu suchen und muss verfolgt und auch Journalistik-Professor J e f f J a r v i s rät Markenartiklern zu mehr Social-Media-Aktivitäten
gesperrt werden, insbesondere auch Hardcore. Ihre Meinung ist uns wichtig!
Der Staat hat eine Führsorgepflicht gegenüber
Haben Sie Kommentare, Vorschläge oder
unseren Kindern. Dass sich einige dagegen-
Kritik? Schreiben Sie einen Leserbrief an
stellen, kann ich nicht nachvollziehen.
❚ mail@internetworld.de
„Es bleibt die Frage, was aus den Rohdaten wird. Darauf
Daniel Schmidt muss Google noch eine Antwort geben.“
Sind Sie befördert worden oder haben Sie
gar eine neue Position bei einem anderen
Der Hamburger Datenschutzbeauftragte J o h a n n e s C a s p a r sieht bei
Insgesamt sind die Delegierung und die Haf- Unternehmen? Dann bitte eine Mail an
Google Street View den Datenschutz verletzt
tung Dritter zur Durchsetzung eines bestehen- ❚ aufstieg@internetworld.de
den Verbots bedenklich, sogar falsch! Wenn ich Hat Ihr Unternehmen einen neuen Auf-
etwas „sperre“, muss ich es vorher „identifizie- trag erhalten oder ein Projekt übernom-
ren“. Hier hätte also eine Meldepflicht der Pro- men? Lassen Sie’s uns wissen unter „Wir müssen weg davon, dem User Werbung aufzudrängen.“
vider genügt und der Staat hätte als Staat agie- ❚ pitch@internetworld.de
ren können. So aber sind die Tore weit auf für J o c h e n U r b a n , Geschäftsführer Vibrant Media