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CHRISTUS IN UNS

ist der Hauptgrund, um den sich alles dreht, und auf den alles ankommt,
wenn wir wieder in unsern ersten Ursprung eingehen, und hiermit
wesentlich mit Gott vereinigt werden wollen. Christus in uns ist das
große Geheimnis der Gottseligkeit, das Reich Gottes in uns, das A und
das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte.

Wie nun dieser inwendig verborgene, geistige, himmlische Christus einst


in der Person Jesu von Nazareth Mensch geworden, und das große
Erlösungswerk äußerlich ausgeführt hat; also will eben derselbe innere,
unsichtbare, geistige und himmlische Christus noch in einem jeden von
uns Mensch werden, eine Gestalt gewinnen, und dieses Erlösungswerk
innerlich in jedem Einzelnen ausführen; uns auch der himmlischen,
göttlichen Natur teilhaftig machen, wie einst den Erstgeborenen, der in
allem uns gleich war, ausgenommen die Sünde, und deswegen in allen
Dingen den Vorrang hat.

Lasst uns also von dem äußeren Christus im Fleisch einmal zu dem
inneren Christus, dem Christus im Geist schreiten! Solange du, o
Mensch! nur die äußere Person des Erstgeborenen betrachtest, und bei
diesem Bild stehen bleibst, kannst du nicht zur wahren Erkenntnis
Gottes und Jesu Christi gelangen, welches doch das ewige Leben ist. Du
kannst nie gründlich heil, nie wahrhaftig erlöst und vollkommen
werden. Dein Glaubensgebäude ruht nur auf Sand, und am Ende bist du
betrogen. Statt also nur bei der äußeren Person Christi stehen zu bleiben,
musst du dein Geistesauge auf den inneren, unsichtbaren, geistigen
Christus und Sohn Gottes richten, der eben in jener sichtbaren Person
Jesu verborgen war, und durch dieselbe sprach und wirkte. So wird
einem das Geheimnis der Gottseligkeit auf einmal aufgeschlossen, und
zur höchsten Verwunderung sonnenklar, so dass es kein Geheimnis
mehr ist.

Damit es aber diesem himmlischen Christus gelingt, uns wieder


vollkommen zu erlösen, und in unsere erste paradiesische und
himmlische Heimat zurückzuführen, so müssen wir von allem
Eigenwirken und Eigenwollen abstehen, uns Ihm zum Opfer hingeben,
stillhalten, seiner Stimme in uns folgen, und wie ein Lamm leiden,
geduldig, ergeben und gelassen, mit gewisser Zuversicht und lebendiger
Hoffnung, dass das Werk herrlich werde ausgeführt werden. Der
göttliche Same zu einem neuen Menschen liegt in einem jedem. Das ist
eben, was Paulus zu Timotheus sagen wollte: „Erwecke die Gabe, die in
dir ist - ergreife das ewige Leben!"

Wenn Christus nach seinem Geist in uns kommt, und wir Ihn innerlich
im Glauben annehmen, und uns an Ihm festhalten, so ist Er gleich hinter
unserem alten Menschen her, der durch Lüste und Irrtum verdorben ist,
um ihn durch allerlei Leiden von außen und innen zu kreuzigen, zu
töten und ganz und gar abzutun, damit der sündliche Leib aufhöre, und
wir hinfort der Sünde nicht dienen, ihr Gehorsam zu leisten in ihren
Lüsten.

Bei dieser geistlichen Kreuzigung, welche in der wahren Verleugnung


der Welt und unser selbst besteht, haben wir also weiter nichts zu tun,
als alles zu lassen, was Christus von uns fordert, weil hier Geben seliger
ist als Nehmen. Auch sollen wir nach dem Vorbild des Erstgeborenen
mit Lammesgeduld leiden, bis Christus das falsche Natur- und
Sinnenleben völlig getötet, das Opfer vollendet, alle uns selbst
angemaßte Rechte dem Vater wieder zurückgestellt, und Ihn hiermit
gänzlich befriedigt hat, dass Christus in einem solchen Menschen rufen
kann: „Es ist vollbracht!"

Durch diesen Leidens- und Sterbensprozess ist nun der Mensch mit
Christo in seinem Tod getauft und begraben, dem Gesetz und der Sünde
für immer und ewig abgestorben, gerechtfertigt, und von der Strafe frei,
und los von allen Sünden. Auch das Fortsündigen hat nun bei ihm ein
für allemal aufgehört. Er steht jetzt unter dem Gesetz des Geistes, der da
lebendig macht in Christo Jesu. O seliger Stand, wo der alte Sünder
geschlachtet und abgetan (Rom. 8,10), die Gerechtigkeit, vom Gesetz
gefordert, in einem solchen geistlich gestorbenen Menschen erfüllt, und
er also mit Gott dem Vater ausgesöhnt und vereinigt ist. Nun befindet
sich derselbe in einer völligen Todesstille und tiefen Grabesruhe.

Alle eigene Kraft und Wirksamkeit ist verschwunden, und er geht nun
auch dem Auferstehungszustand Christi entgegen. Derselbe Geist,
welcher Jesum, den Erstgeborenen, vom Tode auferweckt hat, wird
einen solchen Menschen auch auferwecken, ihn zum neuen, göttlichen
und ewigen Leben hervorrufen, so dass er jetzt nicht mehr im alten
Wesen des Buchstabens, sondern im neuen Wesen des Geistes lebt!
Durch dieses geistige Sterben mit Christo wird der Mensch hier in der
Zeit schon zu einer neuen Kreatur in Christo, wahrhaftig wiedergeboren,
der göttlichen Natur teilhaftig, und also zu einem wirklichen Sohn
Gottes umgeschaffen, dass er die Gebote Gottes wie der Erstgeborene
(Joh. 12,37) vollkommen erfüllen und des Vaters Wille vollkommen tun
kann. Es fällt ihm nicht schwer, sondern ist ihm ganz natürlich, eine
himmlische Lust und Freude, ein sanftes Joch und eine leichte Last!

Ein solcher braucht nun kein gesetzliches Wesen mehr, hat auch nicht
nötig, dass ihn jemand lehre, denn er hat die Salbung von dem, der da
heilig ist, und weiß alles. Die Salbung lehrt ihn allerlei, er wandelt vor
Gott wie Abraham, und wird vollkommen. Er wird selbst eine lebendige
Kirche, eine Wohnung Gottes und ein Tempel des Heiligen Geistes. Gott
lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit ganzem Gemüte, ja
aus allen Kräften lieben, und den Nächsten wie sich selbst! seht, das ist
nun sein ganzer Gottesdienst!

Alle seine bisherigen Besserungs- und Förderungsmittel zur Seligkeit


sind jetzt für ihn ganz überflüssig, weil er den Zweck erreicht hat. Das
Wort des Herrn wird an ihm erfiillt: „Ich will reines Wasser über euch
sprengen, dass ihr rein werdet von aller eurer Unreinigkeit, und von
allen euren Götzen will ich euch reinigen; und will euch ein neues Herz
und einen neuen Geist in euch geben, und will das steinerne Herz aus
eurem Fleisch wegnehmen, und euch ein fleischernes Herz geben. Ich
will meinen Geist in euch geben, und will solche Leute aus euch machen,
die in meinen Geboten wandeln, meine Rechte halten und darnach tun.
Und ihr sollt wohnen im Lande, das ich euren Vätern gegeben habe, und
sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein. Ich will mein Gesetz in
euer Herz geben, und in euren Sinn schreiben, und ihr sollt mein Volk
sein, so will ich euer Gott sein. Und keiner wird den andern, noch ein
Bruder den andern, lehren und sagen: Erkenne den Herrn! sondern ihr
sollt mich alle kennen, beide, klein und groß, spricht der Herr. Denn ich
will eure Missetat vergeben, und eurer Sünden nicht mehr gedenken."
(Jer. 31 u. Hesek. 36).
So lasse denn, o Seele! den geistigen Christus, den zweiten Adam, auch
in dich kommen, wie er in dem Menschen Jesu war, so wirst du auch ein
Sohn Gottes, dass du sagen kannst: „Ich und der Vater sind eins! meine
Speise ist, dass ich den Willen des Vaters tue; dein Gesetz, o mein Gott!
habe ich in meinem Herzen!" So kannst du in diesem Leben schon dazu
gelangen, dass du nicht mehr sündigst, nicht mehr zu streiten und zu
kämpfen hast mit Sünde, Welt, Fleisch und Blut; denn du bist durch
Christus in dir vollkommen erlöst, und mit Ihm gleicher Natur teilhaftig,
also mit Ihm ins himmlische Wesen versetzt worden. Du lebst nun in der
herrlichen Freiheit der Kinder Gottes im Paradies, in Gott, deinem
Ursprung, genießest den göttlichen Frieden, bist in sicheren
Wohnungen, in stolzer Ruhe im Lande der Verheißung, in Kanaan,
worin Milch und Honig fließt! Da ist kein Leid, kein Geschrei, kein
Schmerz mehr, denn das Erste ist vergangen! Der Ankläger ist
verworfen, die Klagen über Schwachheit, Sünden, Unwürdigkeit und
Unvollkommenheit sind verstummt, weil da kein Einwohner sagen
wird: „Ich bin schwach!" sondern: „Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und
Stärke." Wenn schon der Teufel diesen glückseligen Seelenzustand
beneidet, und allerlei Lästern, Schelten und Stürme zu erregen sucht, so
sind das nur unbedeutende Schrecknisse und letzte Zuckungen, die dir,
o unaussprechlich selige Seele, weiter keinen Schaden zufügen können!
Nur Dank und Ruhm, Lob und Preis wird da gehört, und ist dies also
das eigentliche Himmelreich im Menschen, wie es nach und nach überall
auf der ganzen Erde sein wird. Einen solchen starken, allmächtigen und
vollkommenen Heiland haben wir an dem inneren Christus im Geist,
wenn wir Ihm Platz machen, Ihm unser ganzes Inwendiges einräumen,
und uns von Ihm ausarbeiten lassen.

O meine teuren Geliebten! die ihr von ganzem Herzen neugeboren, neue
Kreaturen in Christo werden, und Gott dienen möchtet in
rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit, wie es vor Ihm
wohlgefällig ist; wandelt nur den kurzen, einfachen und sicheren Weg,
der euch im Wort des Herrn vorgeschrieben ist. Er spricht: Wenn ihr
stille bleibet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen
würdet ihr stark sein." (Jes. 30,I5).

Dieses Stillesein besteht in der völligen Überlassung unserer selbst, und


was uns angeht, für Zeit und Ewigkeit - an Gott, dass wir nämlich nicht
mehr ängstlich sorgen, nicht in eigener Kraft wirken, sondern mit
unseren Sinnen, Gedanken, Wollen und Wirken uns zu Grund
versenken, und uns Ihm also hingeben zum Opfer und ewigen
Eigentum, damit wir Ihm nicht mehr im Wege stehen und seine
gnadenreiche Wirkung in uns verhindern! Dann erst, wenn wir uns Ihm
so gelassen, ruhig, friedsam und leidend aufopfern, kann und wird Er
ein Neues im Lande unseres Innern erschaffen. Er wird aus dem
schrecklichen Chaos unserer selbst eine herrliche, neue und zweite
Schöpfung hervorbringen. Erst dann kann der Vater seinen Sohn in uns
zeugen, und uns also den Heiland innerlich senden, der uns nach und
nach von dem alten Menschen befreit, und uns den neuen Menschen
anzieht, der nach Gottes Gleichnis geschaffen ist. –

O wer doch die ewige, unveränderliche Gemütsstille in Gott recht


verstünde, die tiefe Sabbatruhe, der würde in kurzer Zeit an Geist, Seele
und Leib sich verändert fühlen! An diesem Sabbat heilt Christus, und
macht den ganzen Menschen gesund. An diesem Sabbat legt Er dem
Blinden Kot auf die Augen, und öffnet sie! - Als jener Kämmerer aus
Mohrenland sich durch Philippus wollte taufen lassen, hieß es: „Und er
hieß den Wagen stille halten." So muss eben der Wagen unseres
Eigenwirkens, Treibens, Sorgens, Wollens und Laufens stille halten,
dann können wir erst mit Geist und Feuer getauft werden! Ach wie gut
kann man es doch haben, wenn man sich in Demut Gott aufopfert, und
sich Ihm wie ein hilfloses Kind überlässt! Aber sehr wenige dürfen
diesen Schritt wagen; sie fürchten, ihre Seele möchte verloren gehen, sie
wollen sie nicht überlassen, darum werden sie sie einst im traurigen Sinn
des Wortes lassen müssen. „Wer sein Leben verliert um meinetwillen",
heißt es, „der wird es erhalten, und wer sein Leben erhalten will, der
wird es verlieren." Ach, wie sind die Menschen so äußerlich und
fleischlich, und verbildet worden! Wie sehr sind sie in diesinnlichen
Dinge zerstreut.

Ihr Herz und ihre Lust ist ganz in dieselben ergossen. Ihre Sinne sind
auswärts statt einwärts gekehrt. Sie sind fast nie zu Hause bei ihnen
selbst, und hören also dem ewigen Wort nicht zu, dass sie weise würden!
Wer demselben hingegen beständig zuhört und gehorsam ist, hat andere
Prediger nicht nötig, er ist immer in der Kirche, denn der Herr lehrt noch
täglich im Tempel des Herzens, wie Er sich ehemals im Äußeren
vernehmen ließ. O heidnisches Sorgen, Eigenwirken und Zappeln! du
mordest Christum im Geist! Er kann ja so nicht aufkommen und eine
Gestalt in dir gewinnen, wenn du Ihn so unterdrückst, obwohl du es gut
meinst!
Ihr aber, die ihr euch gerne stille zum Opfer hingebt, und Gott wollt
machen lassen - Ruhe mit euch und Friede in aller Fülle! Erschrecket
nicht, wenn ihr schon in eurem Innern hört Krieg und Kriegsgeschrei;
wenn teure Zeiten kommen, wo euch Trost und Glaubensgewissheit
gebricht. Fürchtet euch nicht, wenn die Pestilenz eintritt, wo ihr alles
Eigene in euch verwelken und absterben sehet; wenn ein Königreich
wider das andere sich empört, d.h. wenn das Reich Gottes in euch das
Reich des Satans zerstört, wo der neue Mensch mit dem alten Krieg
führt, wo lauter Streit und Kampf mit Sünde, Welt, Fleisch und Blut, ja
gar mit dem Fürsten der Finsternis ist. Fürchtet euch nicht, wenn sich ein
Kriegsheer von schrecklichen Zweifeln, Unglauben, bösen Gedanken
und grimmigen Leidenschaften vor eure Seele lagert, solange ihr den
inneren Christus im Geist festhaltet, und euch Ihm stets überlasset.

Alles dieses kann euch nichts schaden, sondern muss euch zum ewigen
Besten dienen! Wenn alles drunter und drüber geht, so brechet getrost
hindurch durch alle Donnerwetter und Gewitterstürme von
Missverständnissen, Verleumdungen, Lästerungen und Verfolgungen!
Der im Himmel wohnt, lacht ihrer, und ihr könnet während der Zeit
dieser Kreuzigung und Sterben mit Christo dennoch wie im Himmel
sein, durch eine lebendige Hoffnung, dass diese Kämpfe und Leiden die
unverwelkliche Krone der Ehren euch einbringen werden! Alles hat
seine Zeit! Man muss nicht immer kämpfen, sich verleugnen und
absterben. Christus im Geist macht diesem alten Menschen um so eher
ein Ende, je treuer wir sind im Absterben. Der alte Sünder muss bald
sterben, wenn man ihm alle Nahrung seines falschen Lebens entzieht,
und nur nach ewig bleibenden Gütern strebt.

Frohlocket demnach, hüpfet auf vor Jubel, die ihr den inneren Christus
im Geist kennet, und von Ihm erkannt seid, die ihr eine lebendige
Überzeugung und Gewissheit habt, dass Er euch vollkommen erlösen
wird! Schon während eures Leidens und Sterbens mit Christo könnt und
dürft ihr euch im Geist unaussprechlich freuen, weil ihr durch eine
lebendige Hoffnung wisset, dass auf dieses geistige Sterben ein neues,
ewiges und unsterbliches Leben folgt, eine selige Auferstehung, der
volle Tag der Ewigkeit. Auf die Tränensaat folgt eine ewige
Freudenernte. Selig ist also der Mann, der die Anfechtung erduldet;
denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens empfangen,
welche Gott verheißen hat allen denen, die Ihn lieben.

Auf denn, ihr geistlich Gekreuzigten und Sterbenden! Lasst euch nicht
lass und mutlos machen durch kleine Leiden, Anfechtungen und
Widerwärtigkeiten, sie mögen heißen wie sie wollen. Sterbet fort und
fort dem alten Adam ab, bis der neue Adam, der Herr vom Himmel, als
der Letzte über dem Staub eurer geistigen Vernichtigung stehen und
siegreich überwunden haben wird. Keine Spur darf mehr übrig bleiben
vom alten Sinnenleben, sondern das göttliche Leben Christi, das Leben
der Ewigkeit, soll an dessen Stelle sein, welches hier in dieser Zeit noch
geschehen kann.

Fangt nur herzhaft an zu glauben, dass es dem Herrn möglich sei, euch
dahin zu bringen. Tut Ihm doch diese Ehre an, so werdet ihr gleich seine
verborgene Kraft in euch empfinden, allem Bösen zu widerstehen, und
alles zu überwinden, was euch hindern könnte, nach dem vorgesteckten
Ziel eurer himmlischen Berufung Gottes in Christo Jesu nachzujagen.
Wenn ihr fallet, so stehet bisher im allgemeinen, sondern im Geist und in
der Wahrheit. - O herrliche Zeit! o angenehmer Tag des Heils! o Licht der
Wahrheit, wie hell leuchtest du in der Finsternis, die dich zwar nicht
begreifen kann, aber von deinem allmächtigen Glanz verschlungen wird.

O ihr Wahrheit suchenden Seelen! lasst euch doch nicht länger mehr
durch den großen Unglauben zurückhalten, als wäre es unmöglich, in
diesem Leben schon gänzlich erlöst und in den paradiesischen Stand des
Friedens und der wesentlichen Wiedervereinigung mit Gott zu gelangen.

Dafür ist Er ja im Fleisch erschienen, und hat uns die Möglichkeit


erworben, dazu zu gelangen Es ist die ewige Wahrheit, aber sie scheint
fremd, neu und unbekannt, dass es einem das Herz zerreißen möchte.
Die Wahrheit muss wieder öffentlich gelehrt und befolgt werden, dass
wir nämlich durch das Leiden, Sterben und Auferstehen mit Christo im
Geist, schon in dem Leben zur himmlischen, göttlichen Natur hinauf
geadelt, und also in den Stand gesetzt werden können, nicht mehr zu
sündigen. Denn wer Sünde tut ist ja vom Teufel, sagt Johannes, und
dazu ist der Sohn Gottes eben erschienen, dass Er die Werke des Teufels
zerstöre - erschienen, dass Er unsere Sünden hinwegnehme, und in Ihm
ist keine Sünde - dass wir also dann kraft dieser göttlichen Natur auch
Gottes Gebote vollkommen halten, und des Vaters Willen vollkommen
tun können.

Es ist ja so natürlich, dass wenn der wahre Christus in uns erscheint,


lebendig und offenbar wird, Er noch das gleiche Geschäft verrichtet, wie
vor 1800 Jahren in der Person Jesu von Nazareth! O ewige Wahrheit!
Warum wirst du so verkannt und bestritten! Warum sollen die armen
Seelen glauben, dass sie bis zum Tode immer die gleichen armen,
schwachen, elenden, sündigen und unvollkommenen Menschen bleiben
müssten, da doch dies im Worte Gottes nirgends ausgedrückt wird, und
also der Wahrheit ganz entgegen ist! Wohl aber heißt es: Ihr sollt
vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Wandle
vor mir und sei vollkommen, heißt es eigentlich im Grundtext.

Ach seid doch nicht mehr so ungläubig, so engherzig und in euch selbst
eingesperrt, gebt doch Gott einmal die Ehre! Schleppt euch doch nicht
mit dem alten Adam bis zum leiblichen Tod herum. Stützt euch nicht
nur auf diejenigen Schriftstellen, die den Menschen zum Sünder machen,
weil er noch nicht durch Christum erlöst ist, und wodurch ihr euch im
Unglauben nur noch mehr versteift. Durch den leiblichen Tod werdet ihr
ja um kein Jota seliger und vollkommener. Wie der Baum fällt, so bleibt
erliegen; wie ihr sterbet, so findet ihr euch in demselben Augenblick in
der Ewigkeit wieder. Ach raubt doch Christo nicht länger seine Ehre,
vernichtet doch nicht seine Vollkommenheit. Er ist ja ein vollkommener
Gott, und kann vollkommen selig machen. Christus im Geist macht ja
allen Klagen über Sünden, Schwachheit, Unwürdigkeit und
Unvollkommenheit ein Ende, laut den klaren Aussprüchen der Heiligen
Schrift (Rom. 6,1; Joh, 3 usw.)

Ihr macht Ihm so keine Ehre, sondern tut Ihm Schmach an, und macht
Ihn zum Lügner! Klagen, Schmerz und Jammern über die Sünden hat
seine Zeit und muss auch sein, wer aber von ganzem Herzen der Sünde
absagt, und von nun an Gott lieben und seinen Willen tun will, ein
solcher hat gleich Vergebung aller seiner vormals begangenen Sünden.
Es wird ihrer ewig nicht mehr gedacht werden, wie der Herr selbst
bezeugt, nur dass ein solcher treu nach dem Wort des Lebens
fortwandelt. So muss er ja nicht die ganze Lebenszeit mühselig und
beladen sein, nicht immer jammern, zagen und mit dem- Ich geplagt
sein, und in Sünden leben, sondern er wird durch CHRISTUS IN UNS
ins himmlische Wesen versetzt, in ewige Ruhe und unwandelbaren
Frieden, nachdem 'der alte Sünder ist geschlachtet und gänzlich abgetan
worden, auch der volle Stolz, die Ichheit, die Selbstgefälligkeit und alles
ungöttliche Wesen. Stattdessen herrscht der im Geist auferstandene neue
Mensch, CHRISTUS, und dieser kann und will ja nicht sündigen, denn
Er ist vollkommen und heilig wie Gott, sein Vater!

O ihr ewig seligen Seelen! denen dieses große, gottselige Geheimnis


innerlich kundgeworden ist, und die ihr es an euch selbst erfahret -
trinket unaufhörlich aus der unversiegbaren Quelle des lebendigen
Wassers, von dem neuen Wein des Reiches Gottes, das wirklich in euch
gekommen ist! Keine Macht der Hölle kann euch aus eures Vaters Hand
herausreißen, nichts mehr euch scheiden von der Liebe Gottes, die da ist
in Christo Jesu, unserem Herrn! Ihr seid es, die mit Paulus das Siegeslied
anstimmen können: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg! Tod! wo ist
dein Stachel? Hölle! wo ist dein Sieg? Der Stachel des Todes aber ist die
Sünde, und die Kraft der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der
uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesum Christum!"

So kamt und soll sich billig der durch Christum in uns freigewordene
und in Ihm auferstandene Christ freuen und sich abermals freuen, der
jetzt den neuen, auf dem weißen Stein der Versöhnung, Unschuld und
Reinheit gegrabenen Namen trägt, den niemand kennt, als der ihn
empfängt? Nun erst geht es an ein Wachsen und Fortschreiten in Gott,
von Klarheit zu Klarheit, von Vollkommenheit zu Vollkommenheit! So
ziehe denn aus, o ewige Wahrheit! Siege, siege und triumphiere über das
Reich der Lüge und der Finsternis, damit das Reich Gottes in allen
Gemütern und endlich auf der ganzen Erde offenbar, und Gott durch
Christum König werde überall!

Dir, o Wahrheit! zur Ehre und zum ewigen Heil der Seelen ist diese
Schrift geschrieben worden. Begleite sie mit deiner Kraft und deinem
Geist, und lasse alle Herzen der Leser wahrhaftig und ganz für dich
gewonnen werden! Amen!

 
Der  wahre  Grund  
 

Wer  noch  an  Bilderdienst  gebunden,  Und  in  geschaffnen  Dingen  lebt,  
Der  hat  den  Grund  noch  nicht  gefunden,  Obgleich  er  in  Ihm  ist  und  lebt!  
Denn  wer  in  diesem  Grunde  ruht,  Dient  ohne  Bild  dem  höchsten  Gut!  

Wem  Gott  ist  alle  Dinge  worden,  Und  seines  Herzens  einz'ger  Schatz,  
Im  Liebes-­‐  und  im  Kreuzesorden,  Der  steht  fürwahr  am  rechten  Platz.  
Er  lebt  schon  selig  in  der  Zeit,  Im  stillen  Gott  der  Ewigkeit!  
 

 
 

Fällt  er  aus  Schwachheit  oft  darnieder,  

Sinkt  er  nur  tiefer  in  Gott  ein,  


Da  find't  er  seinen  Ruhpunkt  wieder,  
Der  ihn  befreit  von  jeder  Pein.  
O  Gottes  Grund!  o  Ruhestatt,  

Wohl  dem  der  dich  gefunden  hat!  


 
*~*~*  

 
 
 
 

 
 
 

 
 
 
 
Wer  war  Jakob  Ganz?  
 

Jakob  Ganz,  den  wir  wohl  mit  Recht  den  Tersteegen  der  Schweiz  nennen  dürfen,  wurde  
am   6.   März   1791   in   Embrach,   Kt.   Zürich,   als   das   Kind   armer   Eltern   geboren.  
Ursprünglich  zum  Schneiderberuf  bestimmt,  dem  er  auch  mehrere  Jahre  oblag,  empfand  
er  schon  früh  einen  tiefen  Zug  nach  etwas  Höherem,  als  diese  Welt  bietet,  verbunden  mit  
eigentümlichen   inneren   Anfechtungen,   aus   welchem   sich   je   länger   je   mehr   das  
Verlangen,   in   den   geistlichen   Stand   zu   treten,   entwickelte.   Von   frühester   Kindheit   an  
wurde  er  durch  merkwürdige  Schicksale,  Bedrängnisse,  Kreuz  und  Leiden  aller  Art  auf  
den  Weg  des  inneren  Christentums  geführt.  
 

Nach   mehreren   vergeblichen   Versuchen   nahmen   sich   endlich   christliche   Freunde   seiner  
an,   und   ermöglichten   es   ihm,   in   Basel   Theologie   zu   studieren,   wo   er   auch   das  
theologische   Examen   bestand.   Nachdem   er   ein   halbes   Jahr   in   Seengen   amtiert   hatte,  
wurde   er   auf   Ostern   1816   als   Vikar   nach   Staufberg   bei   Lenzburg   berufen.   Dort   wurde  
durch   seine   Predigten   jene   mächtige   Erweckung   hervorgerufen,   welche   wohl   noch  
manchem   in   Erinnerung   ist.   Aus   mehr   als   30   der   umliegenden   Ortschaften   strömten   die  
Leute   Sonntag   für   Sonntag   nach   Staufberg,   um   Ganz   zu   hören   und   ihm   ihr   Herz  
auszuschütten.  Diese  Erweckung  machte  Aufsehen  und  rief  den  Neid  wach.    
 

Infolgedessen   wurde   Ganz   schon   im   Februar   1817   auf   ebenso   heimtückische   als  
gewalttätige   Weise   von   Staufberg   entfernt,   und   ihm   durch   obrigkeitlichen   Befehl   ein   für  
allemal   die   Funktionen   auf   Staufberg   und   im   ganzen   Kanton   verboten.   Von   da   an   hat  
Ganz  in  seiner  Heimat  die  Kanzel  nicht  mehr  betreten.  Er  begab  sich  zunächst  zu  Pfarrer  
Oberlin   ins   Steintal,   der   sich   seiner   väterlich   annahm,   begleitete   sodann   eine   Zeitlang  
Frau  von  Krüdener  auf  ihren  Missionsreisen  durch  die  Schweiz  und  Baden,  zog  sich  aber  
bald,   dem   ihm   eigentümlichen   Zug   zur   Stille   folgend,   ganz   von   aller   öffentlichen  
Tätigkeit   zurück,   und   wirkte   fast   nur   noch   durch   persönliche   Besuche,   die   er   machte  
und  empfing,  sowie  durch  seine  ausgebreitete  Korrespondenz  in  zwar  verborgener,  aber  
um  so  nachhaltigerer  Weise.  -­‐  Gibt  es  doch  heute  noch  hin  und  her  in  der  Schweiz  viele  
Seelen,   die   ihm   viel,   die   ihm   alles   verdanken,   was   sie   an   innerem   Leben   besitzen:   Und  
heute   noch   wirken   seine   hinterlassenen   Schriften   nach,   wie   wenige   aus   früherer   Zeit.  
Sein   Leben   war   von   da   an   eine   Kette   von   Schmach   und   Verkennung,   Armut   und   Not.  
Wiederholt   wurde   er   ausgewiesen   und   musste   bald   da,   bald   dort   Unterkunft   suchen,   bis  
ihn   der   Herr   in   der   Christnacht   1867   in   Winterthur,   wo   er   die   letzten   Jahre   seines  
Lebens  zubrachte,  heimrief.    
 
Seine   Briefe,   von   welchen   im   Jahr   1870   eine   erste   Sammlung   erschienen   ist,   zeugen   von  
reicher  Erfahrung  des  inneren  Lebens  und  spiegeln  ganz  seine  reine,  von  der  Welt  und  
allem  Eigenen  abgezogene,  gottergebene,  nur  in  Gott  lebende  und  ruhende  Seele  ab.  Es  
weht   eine   eigentümliche   Luft   in   diesen   Briefen.   Sie   sind,   wie   wenige   solcher   Schriften,  
geeignet,   dem   Leser   Aufschluss   über   sein   Inneres   und   über   den   göttlichen   Zweck   seiner  
äußeren   Lebenserfahrungen,   namentlich   der   Leiden,   zu   geben,   ihn   von   der   Welt  
abzuziehen,   zu   beruhigen,   zu   stillen,   zu   trösten   und   zu   stärken.   Dabei   sind   sie   einfach,  
klar   und   leicht   verständlich,   so   dass   wir   sie   jedem   Liebhaber   einer   ernsteren  
erbaulichen   Lektüre   und   namentlich   angefochteten   Seelen   dringend   empfohlen   haben  
möchten.      
 
 

Die  Briefe  
 
24.  Die  Leidensgeschichte  muss  sich  bei  allen  Nachfolgern  Christi  wiederholen,  wenn  sie  
zur  Vollkommenheit  gelangen  wollen  
 
Ich   teile   ganz   Dein   Gefühl   bei   den   bitteren   Erfahrungen   mit   so   vielen   unserer  
Mitmenschen,  die  eben  durch  ihr  Benehmen  ein  Mittel  mehr  werden,  uns  zur  alleinigen  
Quelle   alles   Wahren   und   Guten   zu   halten,   wo   wir   keine   Untreue   noch   Täuschung   zu  
riskieren  haben,  weil  sie  ewig  ungetrübt  und  lauter  fließt.  

 
Wer   sich   an   die   Nachfolge   Jesu   anschließt,   der   muss   unter   anderem   auch   einen   Judas  
erfahren.  Dieser  Zug  darf  dem  Gemälde  nicht  fehlen.  "Auch  mein  Freund,  dem  ich  mich  
vertraute,  der  mein  Brot  aß,  tritt  mich  unter  die  Füße"  (Ps.41).  Geschieht  es  auch  nicht  
immer   in   böser   und   absichtlicher   Weise,   so   muss   man   doch   etwas   Ähnliches   erfahren,  
denn  die  Leidensgeschichte  wird  noch  fortgesetzt,  und  wiederholt  sich  bei  allen,  die  in  
ihre   Gemeinschaft   aufgenommen   werden.   Die   leidsame   Geduld   ist   das   unfehlbare  
Kennzeichen   eines   Nachfolgers   Christi,   wie   auch   die   einzige   Waffe   zur   Überwindung  
aller  Feinde  von  innen  und  außen.  Und  nur  auf  diese  Weise  und  auf  diesem  Wege  kann  
man  den  gekreuzigten  Christum  kennen  und  verkündigen  lernen.  
 
Er  wollte  auch  nicht,  dass  seine  Jünger  Ihn  bekannt  machten,  bevor  Er  gelitten  habe  und  
gestorben  sei.  Das  sind  alles  vielsagende  Winke,  die  man  gewöhnlich  nicht  achtet,  sonst  
wären   weniger   Prediger   und   mehr   aufmerksame   Schüler.   Wenn   Freund   N.   jenem  
großen   Ausspruch,   den   er  sich  erwählt  hat,  treu  nachkommt:  "Wandle  vor  mir  und  sei  
fromm!"  so  kann  es  wohl  nicht  fehlen,  er  wird  Gesinnung,  Sprache  und  Wandel  ändern,  
wird   auch   Dich   wieder   aufsuchen,   Dich   lieb   gewinnen   und   gemeinschaftlich   mit   Dir  
wandeln.  Denn  jene  goldene  Richtschnur  ist  für  alle  Menschen  ohne  Ausnahme.  Sie  zeigt  
allen  das  gleiche  Ziel,  die  gleiche  Bahn,  um  darin  zu  wandeln.  Sie  führt  mit  einem  Wort  
zur   Vollkommenheit,   wie   das   Wort   im   Grundtext   lautet.   Wo   ist   denn   das   Abstoßende,  
das   Trennende   und   der   Parteigeist,   der   jene   Leute   dort   so   schroff   gegen   andere   stimmt?  
Nun,   mit   Zeit   kommt   Rat;   ist   doch   alles   nichts,   was   Gott   nicht   ist,   sagten   die   frommen  
Alten.  
 

Sehr  auffallend  war  mir  die  Nachricht  von  den  bekannten  zwei  Todesfällen.  Ich  wusste  
nichts  davon,  bis  ich  es  von  Dir  erfuhr.  Es  ist  wahr,  wie  Du  sagst,  man  geht  viel  zu  früh  
hinaus   und   verzehrt   seine   Kräfte   im   Dienst   des   Buchstabens.   Ach!   man   sucht   nur   seinen  
verlorenen,  beseligenden  Gegenstand,  ohne  ihn  zu  finden,  weil  man  ihn  nicht  da  sucht,  
wo   er   ist,   und   auch   nicht   auf   die   Weise,   wie   er   gefunden   werden   kann.   Alle   anderen  
Gegenstände,   die   wir   mit   unseren   Herzen   ergreifen,   kündigen   denselben   nur   an   und  
weisen  uns  zu  ihm,  wenn  wir  sie  recht  ansehen.  Sie  sagen  gleichsam  mit  Johannes  dem  
Täufer:  "Ich  bin  nicht  der,  wofür  ihr  mich  haltet."  
 

30.  Die  verlorene  Erstgeburt  und  deren  Wiederbringung  


 
In   Kürze   will   ich   nachholen,   was   Du   in   meinem   letzten   Brief   in   Ansehung   der  
verscherzten  Erstgeburt  vermisst  hast.  Du  bist  es  eben  nicht  allein,  nein,  wir  alle  ohne  
Ausnahme   haben   dieses   hohe   Vorrecht   verscherzt   und   verloren.   Wir   müssen   diesen  
Verlust   genug   büßen.   Aus   Gott   geboren,   frei,   rein,   in   paradiesischer   Unschuld,   voll  
Herrlichkeit  und  Glückseligkeit  stand  der  erste  Mensch  da,  und  alle  seine  Nachkommen  
wären  dieses  Adels  teilhaftig  geworden,  wenn  er  treu  geblieben  wäre.  Allein  er  fiel,  und  
da  war  es  um  diese  Erstgeburt  geschehen.  Die  erste  Liebe,  nämlich  Gott,  verließ  er  und  
fiel  der  irdischen,  fleischlichen   und  sündlichen  Geburt  anheim,  und  wir  alle  mit  und  in  
ihm,  wie  es  leider  am  Tage  ist.  
 

Doch   können   und   sollen   wir   wiederum   jene   ursprüngliche   Erstgeburt   erlangen   durch  
Jesum,   den   Erstgeborenen   aller   Kreaturen,   sofern   wir   Ihm   in   der   Verleugnung   unserer  
selbst   und   aller   Dinge   nachfolgen,   wie   Er   denn   deshalb   auch   ein   Wiederbringer   genannt  
wird.   Unter   jener   Bedingung,   die   ja   so   natürlich   und   billig   ist,   finden   wir   alles   wieder,  
was   wir   durch   den   Sündenfall   verloren   haben.   Eben   darum   ist   uns   diese   Lebenszeit  
gegeben,  dass  wir  trachten  sollen,  zur  vorigen  Herrlichkeit  wieder  aufzusteigen,  und  der  
damit   verbundenen   Glückseligkeit   aufs   neue   teilhaftig   zu   werden.   Darin   besteht   ja  
unsere  Aufgabe  hienieden,  die  leider  von  den  wenigsten  völlig  gelöst  wird.  
 

Wegen   einer   besonderen   Gebetsgabe   und   des   damit   verbundenen   Genusses   für   den  
Geist  darfst  Du  es  nicht  so  ängstlich  nehmen,  noch  Dich  auf  alle  Weise  anstrengen.  Die  
stete  Richtung  Deines  Gemüts  auf  Gott  und  Dein  sehnsuchtsvoller  Aufblick  zu  Ihm,  dem  
Allgegenwärtigen,   ist   eben   das   rechte   Gebet   und   der   Kern   desselben.   Fahre   Du   nur   in  
dieser  guten  Richtung  fort,  wie  Tersteegen  auch  schreibt:  "Ich  bet'  daheim  und  auf  der  
Strass',  beim  Werk  und  sonst  ohn'  Unterlass  im  Geist  und  in  der  Wahrheit".  Unterdessen  
tust   Du   sehr   wohl,   auch   freie   Augenblicke   zu   dieser   seligen   Übung   zu   benützen   und   den  
Umgang  mit  Gott  zu  suchen.  Man  kann  ja  nie  zuviel  Zeit  dazu  anwenden.  
 

 
 
 
 

 
Bd.  2  
 

34.  Alles  zielt  auf  die  Losmachung  und  Freiheit  des  Geistes  
 
In   Deinem   letzten   Brief   meldest   Du   zwar   nichts   von   meiner   Antwort   auf   den   vorigen,  
dessen   Inhalt   so   ängstlich   klagend   war;   dennoch   hoffe   ich,   dieselbe   werde   Dir  
entsprochen   haben.   Bereits   atmet   Dein   letzter   Brief   einen   freieren   und   befriedigteren  
Geist,   worüber   ich   mich   freue.   Auch   scheint   Dein   Besuch   in   L.   von   guten,   gesegneten  
Folgen  für  Dich  gewesen  zu  sein.  
 
Dass  aber  das  Gefühl  davon  nicht  mehr  von  gleicher  Kraft  und  Lebendigkeit  vorhanden  
ist,   und   sich   alles   wie   zu   verdunkeln   scheint,   soll   Dich   eben   nicht   erschrecken   noch  
entmutigen.   Die   Sache   an   sich   besteht   gleichwohl,   wenn   sie   schon   nicht   immer   gleich  
empfunden  wird.  Gleich  wie  die  Sonne  am  Firmament  immer  von  der  gleichen  Kraft  und  
Wärme  bleibt,  wenn  sie  auch  oft  und  viel  mit  Wolken  bedeckt  ist,  und  deshalb  nicht  im  
vollen  Glanz  scheinen  kann;  ebenso  auch  von  der  Gnadensonne  im  Inwendigen,  wo  sie  
nur   zu   oft   von   den   in   uns   aufsteigenden   Dünsten   irdischer   Sinne   und   Gedanken,  
unreiner   Lüste,   Zerstreuungen   und   zeitlicher   Sorgen   und   Kümmernisse   verdeckt   wird,  
und  wir  dann  meinen,  sie  sei  sogar  untergegangen  und  es  sei  für  uns  alles  aus  und  dahin.  
Da   geht   es   an   ein   jammern,   Winseln   und   Wehklagen,   gleich   als   wären   wir   von   Gott  
verlassen,  was  aber  überall  nicht  ist.  Er  weicht  eigentlich  nie  von  uns  und  verlässt  uns  
nicht.   Sein   Verbergen   ist   nur   scheinbar   und   soll   nur   dazu   dienen,   die   Seele   dahin   zu  
vermögen,  dass  sie  aufs  neue  von  allen  sie  zerstreuenden  und  fesselnden  Dingen  dieses  
Lebens   und   auch   von   sich   selbst   ausgehe,   ihrem   Geliebten   nachlaufe   und   zu   Ihm  
eindringe.   Das   sind   heilsame   Übungen   und   sollen   für   sie   zu   lauter   Gewinn   werden,   auch  
sie  in  allem  schweigsam  und  vorsichtig  machen,  nicht  vor  jedem  Unerfahrenen  das  Herz  
auszuschütten   und   die   inneren   Erfahrungen   mitzuteilen,   sondern   nur   da,   wo   man   für  
diese   Ausgaben   wieder   Einnahmen   hat.   Dies   hast   Du   neulich   erfahren,   als   Du   jemandem  
Deine   Einsichten   und   Empfindungen   mitteiltest,   was   man   Dir   aber   als   Vermessenheit  
ausdeutete.  Es  ist  eben  eine  beständige  Schule,  worin  vieles  zu  lernen  ist,  und  worin  man  
auf   tausenderlei   Weise   geübt   wird.   Alles   aber   zielt,   wie   Du   sagst,   auf   die   Losmachung  
und  Freiheit  des  Geistes.  

 
Übrigens   bemerke   ich   zu   meinem   Vergnügen,   dass   Du   seit   einiger   Zeit   in   gutem   Sinn  
fortgeschritten  bist,  freilich  nur  unter  Angst  und  Zweifel,  Furcht  und  Hoffnung.  Es  kann  
eben  nicht  anders  gehen  auf  diesem  Weg,  und  ist  also  ein  stetes  Ringen  und  Arbeiten  zur  
neuen  Geburt  aus  Gott.  Die  Frucht  davon  wird  aber  so  edel  sein,  dass  wir  uns  einst  daran  
ewig  ergötzen  und  erfreuen  werden.  Dieses  edle  Bäumlein  wächst  ins  Reich  der  Himmel,  
ins   Paradies   auf.   Jesus   lebe   in   Dir   und   sei   ferner   der   alleinige   Gegenstand   Deines  
Herzens,  Dein  Licht  und  Dein  Führer!  
 
 
35.  Der  ungebrochene  Eigenwille  gleicht  einem  Besessensein  von  Geistern.  
Wiederholte  Ermahnung  zur  treuen  Ausübung  der  gegebenen  Anweisungen  
 
Was   die   bewusste   Freundin   betrifft,   so   ist   es,   wie   ich   begreife,   nicht   sowohl   ein  
besonderer   Geist,   der   sie   plagt,   als   vielmehr   ihr   eigener,   noch   unerkannter   Geist   mit  
einem   ungebrochenen   Sinn   und   Willen,   eine   steife   Eigenheit,   die   ihr   zur   Zeit   noch  
unbekannt  ist.  Das  ist  eben  der  Geist,  womit  wir  alle  mehr  oder  weniger  besessen  sind,  
und   der   nur   durch   Christi   Geist   in   Gebet,   Selbstverleugnung   und   christlicher   Demut  
kann   vertrieben   und   unschädlich   gemacht   werden.   Demnach   ist   niemand   von   außen  
imstande,   dieses   Werk   zu   verrichten.   Die   Freundin   wird   nun   nichts   Besseres   tun  
können,   als   sich   geradezu   an   den   großen   und   alleinigen   Erlöser   zu   wenden,   sich   Ihm  
aufs   neue   in   die   Arme   zu   werfen   und   Ihn   um   Befreiung   von   ihrem   Leiden   zu   bitten,  
wenn   es   zu   seiner   Ehre   und   ihrem   Heil   diene,   daneben   auch   die   Ihrigen   in   liebender  
Geduld  zu  tragen  und  ihnen  soviel  als  möglich  gehorsam  zu  sein.  Auf  diesem  Weg  wird  
ihr  ohne  Zweifel  geholfen  werden.  Ein  anderes  Mittel  kenne  ich  nicht  und  ist  auch  nicht  
nötig,   weiter   in   mich   zu   dringen.   An   meinem   herzlichen   Anteil   darf   sie   nicht   zweifeln,  
soviel  von  mir  abhängt  und  mir  gegeben  ist.  

 
Was  dann  Deinen  eigenen  Zustand  betrifft,  so  ist  meine  Antwort  darauf  schon  in  meinem  
vorigen   Brief   deutlich   enthalten,   so   dass   ich   jetzt   nichts   anderes   oder   Besonderes  
hinzuzufügen   hätte.   Du   darfst   nur   nachsehen   und   wirst   daselbst   die   köstliche   Lehre  
finden   vom   Aufhören   des   Selbstwirkens,   der   Ergebung   an   Gott,   der   Einkehr   oder  
Gemütssammlung,   der   Gelassenheit   usw.   Das   muss   man   in   treue   Ausübung   bringen   und  
nicht  immer  Neues  begehren  und  gleiches  wiederholen.  Gewiss,  wenn  man  diese  guten  
Anweisungen   wirklich   befolgte,   man   würde   bald   den   gewünschten   Nutzen   und   Segen  
davon   spüren   und   nicht   immer   soviel   schreiben   müssen.   Am   Ende   muss   doch   jedes  
selbst  gehen  lernen.  Die  meisten  machen  sich  selbst  viel  vergebliche  Unruhe,  indem  sie  
immer   wollen,   was   sie   nicht   haben   können,   und   nicht   zufrieden   sind   mit   dem,   was   sie  
gegenwärtig  haben,  da  es  doch  heißt:  "Lasset  euch  begnügen  mit  dem,  was  da  ist'  Denn  
Er   hat   gesprochen:   Ich   will   dich   nicht   verlassen   noch   versäumen."   Übrigens   begreife   ich  
gar   wohl   den   gerechten   Grund   Deiner   anderweitigen   Klage   über   Dein   Elend   und  
Verderben   und   über   den   Mangel   am   Guten.   Diese   Einsicht   und   Empfindung   ist   eine  
Wirkung   des   in   Dir   leuchtenden   Gnadenlichts,   wofür   Du   wohl   von   Herzen   zu   danken  
hast.  

 
Da  ich  noch  nicht  in  Eure  Gegend  kommen  kann,  so  möchte  ich  Dir  und  Deiner  Freundin  
raten,  zu  dem  lieben  W.  zu  gehen.  Er  ist  ein  brüderlicher  Freund  von  mir.  Hast  Du  etwa  
Vorurteile  gegen  Ihn,  so  lasse  sie  fallen  und  berate  ihn  offenherzig.  
 

Unterdessen  empfehle  ich  Euch  beide  der  kräftigen  Wirkung  des  Geistes  Jesu.  
 
Mit  besonderem  Vergnügen  sehe  ich,  dass  mein  seitheriges  Stillschweigen  Dir  weit  mehr  
genützt   und   Dich   gefördert   hat,   als   wenn   wir   uns   geschrieben   hätten.   Auch   inskünftig  
soll   es   also   gehalten   und   also   nicht   mehr   so   häufig   und   soviel   geschrieben   werden,  
wodurch   das   Innere   nur   ausgekehrt   und   zerstreut   wird.   Man   muss   ja   am   Ende   allem  
absterben.   Alles   hat   seine   Zeit.   Überdies   hast   Du   jetzt   einen   treuen   Seelenfreund   und  
Führer,   der   unendlich   geschickter   ist   als   ich,   Dich   zu   leiten   auf   gutem   und   richtigem  
Wege.  Du  darfst  Ihm  nur  ferner  ergeben  sein,  Ihm  folgen  und  Ihn  als  deinen  Herrn  in  Dir  
und   über   Dich   walten   und   schalten   lassen,   wie   Du   denn   auch   tust,   so   wird   Er   sein  
angefangenes  Gnadenwerk  in  Dir  herrlich  ausführen,  weil  Er  allein  davon  der  Anfänger  
ist  und  auch  der  Vollender  sein  will  -­‐  alles  zu  seinem  Lob  und  Deinem  wesentlichen  Heil.  
Ich   habe   eine   Ehrfurcht   vor   seinem   Werk   in   der   Seele,   und   darf   und   soll   mich   nicht  
darein  mischen,  sonst  würde  ich  mehr  verderben  als  gut  machen.  Siehe,  lieber  Freund,  
so   muss   man   die   Seelen,   nachdem   sie   äußerlich   genug   Handreichung   empfangen,  
endlich   der   Führung   des   Erzhirten   übergeben   und   anvertrauen.   Er   will   es   so   haben,  
damit   sie   den   gebrechlichen   Stützen   der   Kreaturen   absterben,   sich   Gott   allein  
unterwerfen  und  Ihm  in  die  Arme  fallen.  Ich  mache  es  gerade  auch  also,  und  auf  diese  
Weise  finden  wir  uns  in  Ihm  vereint.  Ach  wie  viel  unnütze  Mühe  fällt  da  der  Seele  weg'  
Da   geht   es,   wie   der   Prophet   sagt,   dass   zu   der   Zeit   ein   jedes   unter   seinem   Weinstock   und  
Feigenbaum  sicher  wohnen,  weiden  und  ruhen  wird  ohne  alle  Furcht.  

 
36.  Wer  lange  genug  der  Ägypter  Brot  gegessen,  der  darf  (in  die  Wüste  getrieben)  
vom  Manna  des  Glaubens  essen  
 
Nach   Deinem   Brief.   vom   29.   Mai   bist   Du   also   von   einer   24-­‐jährigen   Last   befreit,   unter  
welcher   Du   so   lange   geseufzt,   obgleich   sie   Dir   ein   irdisches   Brot   eintrug,   das   Dir   aber  
auch  ohne  dieselbe  kann  und  wird  zugeteilt  werden.  Denn  der  Herr  ist  an  kein  äußeres  
Mittel   gebunden;   sein   Arm   ist   nicht   verkürzt,   dass   Er   nicht   helfen   könnte   und   gerne  
helfen  will.  Ist  Er  doch  reich  genug  für  alle,  die  Ihn  anrufen,  ja  Ihn  mit  Ernst  und  in  der  
Wahrheit  anrufen:  Und  wenn  es  auch  nicht  immer  nach  dem  Begehren  unseres  irdischen  
Sinnes   geschieht,   so   wird   doch   das   Nötige   niemals   fehlen.   Die   Entziehung   einer  
bisherigen   Stütze   soll   uns   nur   ermuntern,   unser   Vertrauen   auf   Gott   zu   verdoppeln.   Du  
tust   wohl   daran,   auf   diese   niemals   fehlende   Stütze   Dich   zu   verlassen.   Er   hat   ja   Deine  
Führung  übernommen  und  damit  sich  gleichsam  verpflichtet,  Dein  Vater  und  Versorger  
zu   sein   in   leiblicher   und   geistlicher   Beziehung.   Diese   Überzeugung   soll   für   Dich   sehr  
beruhigend   sein   und   alle   Furcht   und   Zweifel   aus   dem   Gemüt   verbannen.   Mein   eigenes  
Beispiel  kann  Dich  belehren  und  ermutigen.  Schon  seit  36  Jahren  ist  mir  der  Verdienst  
entzogen   und   bin   auch   von   Hause   aus   ohne   irgendein   Vermögen;   und   dennoch   werde  
ich  erhalten,  ohne  jemandem  zur  Last  fallen  zu  müssen.  Ja  ich  muss  noch  auf  viele  Seiten  
hin  in  Anspruch  genommen  werden.  

 
Hat  man  lange  der  Ägypter  Brot  gegessen,  so  wird  man  von  ihnen  weggeführt  und  in  die  
Wüste   getrieben,   um   vom   Glauben   zu   leben   und   Manna   essen   zu   lernen.   Nachdem   Dir  
die   peinliche   Furcht   genommen   worden   ist,   fängt   jetzt   (wie   es   scheint)   ein   anderer  
Wurm  an  zu  nagen,  indem  es  Dir  bange  machen  will,  es  möchte  Gleichgültigkeit  für  Dein  
Heil   sein.   Aber   die   Überzeugung,   dass   der   Herr   Deine   Führung   übernommen   habe,  
vermag   auch   diesen   düsteren   Nebel   zu   verscheuchen.   Du   darfst   Dich   derselben   nur  
getrost   anvertrauen   und   Ihm   die   Sorge   für   alles   überlassen   nach   dem   heilsamen   und  
schönen  Rat  Davids:  "Befiehl  dem  Herrn  deine  Wege  und  hoffe  auf  Ihn:  Er  wird  es  wohl  
machen."   Wie   aber   hier   keine   Rose   ist   ohne   Dornen;   so   ist   es   mit   allen   Ständen   des  
Gemüts,  ja  auch  mit  jeder  verbesserten,  glücklichen  Lage  überhaupt.  Das  Kreuz  begleitet  
alles,  um  uns  in  Ordnung,  im  Gleichgewicht  zu  erhalten,  damit  wir  uns  nie  völlig  am  Ziele  
glauben,   sondern   demselben   immer   nachstreben,   um   immer   noch   reiner   und  
vollkommener  zu  werden.  Das  Kreuz  ist  ein  Ansporn  zum  Gebet  und  zu  allem  Guten;  es  
ist  die  Würze  des  Lebens.  
 
Da   Du   endlich   die   früher   ausgesprochene   Wahrheit,   dass   wir   nichts   in   unserer   Macht  
haben,   erfährst,   so   bleibt   Dir   nichts   anderes   zu   tun   übrig,   als   Dich   lediglich   an   Gott   zu  
überlassen  und  von  Ihm  allein  Hilfe  zu  erwarten.  

 
 
90.  Die  Anfechtungen  gehören  notwendig  zu  unserer  geistigen  Erziehung  und  
Reinigung,  und  sind  oft  die  bitteren  Früchte  einer  früheren  Aussaat  
 
Geliebter  Freund  und  Bruder!  Auf  Deinen  Brief  will  ich  Dir  mit  Raphael  antworten:  "Weil  
du  Gott  lieb  bist,  muss  es  also  sein;  ohne  Anfechtung  musst  du  nicht  bleiben,  damit  du  
bewährt   werdest".   Siehe,   das   gehört   notwendig   zu   Deiner   Führung   und   geistigen  
Erziehung   und   darf   nicht   fehlen,   ist   demnach   nur   ein   gutes   Zeichen   und   von   günstiger  
Vorbedeutung   für   das   Heil   Deiner   Seele.   Die   Heiligen   sagen   einstimmig:   "Keine  
Anfechtung  oder  Leiden  haben,  sei  die  größte,  gefährlichste."  

 
Wie  recht  haben  sie  doch!  Nein,  Freund!  Dir  widerfährt  nichts  Fremdes.  Tausende  von  
Deinen   Mitbrüdern   teilen   dieses   Los   mit   Dir.   Freue   Dich   also   und   achte   Dich   nicht  
einmal  würdig,   um   des   Namens   Christi  willen  die  Lästerungen  und  Schmähungen  seines  
und   Deines   Feindes   zu   leiden!   Du   bist   dem   Widersacher   ausgerissen,   und   als   einen  
solchen   Ausreißer   setzt   er   Dir   nach   und   sucht   Dich   auf   alle   Weise   zu   plagen   und   zu  
ängstigen;   denn   er   sieht,   dass   er   es   verspielt   hat,   und   Du   zu   seinem   Sieger,   Deinem  
rechtmäßigen  König,  übergegangen  bist.  
 
Wundert   es   Dich   nun,   dass   er   Dir   diesen   göttlichen   Fürsten   und   Herrn   auf   so   gemeine  
Weise   zu   verdächtigen   oder   Ihn   gar   wegzuleugnen   sucht?   Siehe,   Du   bist   bei   all   diesen  
Anwandlungen  unbeteiligt;  sie  gehen  Dich  überall  nichts  an  und  berühren  den  Willen  im  
geringsten  nicht,  da  wo  es  Dir  ja  Schmerz  und  Betrübnis  verursacht.  Die  Sünde  liegt  im  
Willen,   nach   diesem   wird   man   beurteilt.   Die   betreffenden   Anfechtungen   sind   also  
beschwerlich,  aber  nicht  gefährlich.  

 
Dies   merke   Dir   wohl,   lege   keinen   Wert   darauf   und   zeige   damit,   dass   Du   des   Feindes  
Gaukelspiel   nicht   achtest!   Er   mag   es   für   sich   treiben   oder   aufgeben.   Dann   lässt   sich   dies  
auch  noch  von  einer  andern,  nicht  weniger  tröstlichen  Seite  ansehen.  Der  verfallene  und  
verdorbene   Zustand   des   Menschen   bringt   es   naturgemäß   mit   sich,   dass   wir   nun   alle,  
jedes   nach   Bedürfnis,   Stand   und   Bestimmung,   das   Feuer   der   Prüfungen   mancherlei  
Arten   passieren   müssen,   um   von   den   tief   eingewurzelten   Sünden   und   eingerosteten  
Eigenheiten  gründlich  geheilt  und  wieder  in  die  Aufnahme  in  Gott  befähigt  zu  werden,  
da   ja   in   Ihn   nichts   Unreines   und   Gemeines   eingehen   kann.   Denn   Er   ist   jene   heilige   Stadt,  
deren   Gassen   von   lauterem   Gold   sind,   gleich   einem   durchscheinenden   Glas.   Nun   lässt   es  
sich   denken,   welch   einer   Reinigkeit   diejenigen   bedürfen,   die   daselbst   einheimische  
Bürger  sein  wollen.  
 

Die  gegenwärtigen  Anfechtungen  und  Seelenleiden  haben  meistens  ihre  Veranlassung  in  
früher   begangenen   Sünden,   Abweichungen   und   Untreuen   gegen   Gott,   gegen   den  
Nächsten  und  gegen  uns  selbst.  Freilich  wissen  wir  uns  dessen  nicht  immer  zu  erinnern;  
aber   das   allsehende   Auge   führt   eine   genaue   Rechnung   darüber,   und   vermöge   seiner  
heiligen   Gerechtigkeit   gibt   Er   uns   nun   die   bittern   Früchte   von   unserer   früheren   Aussaat  
zu  genießen,  was  ja  höchst  billig  ist.  Jener  Mitgekreuzigte  erkannte  diese  Wahrheit  und  
bekannte  sie  zu  unser  aller  Belehrung  vor  der  ganzen  Welt:  "Wir  empfangen  billig,  was  
unsere   Taten   wert   sind;   dieser   aber   hat   nichts   Ungeschicktes   gehandelt."   Wie   viel  
Murrens,   Unzufriedenheit   und   Klagens   würde   bei   solchem   Licht   unterbleiben,   und  
hingegen   würden   wir   dem   Herrn   Gerechtigkeit   widerfahren   lassen,   und   zugleich   den  
größten   Nutzen   aus   unserem   Leiden   schöpfen.   Auch   hätten   wir   das   Vergnügen,   zu  
sehen,   wie   fein   Er   unser   Interesse   mit   dem   seinigen   zu   verbinden   und   gleichsam   zu  
Einem  zu  verschmelzen  weiß.  
 

Nun  auf  diesen  heil'gen  Grund,  


Bau  ich  mein  Gemüte,  
Siehe,  wie  der  Höllenhund  

Zwar  dawider  wüte.  


Gleichwohl  muss  er  lassen  steh'n,  
Was  Gott  aufgerichtet;  
Aber  schändlich  muss  vergeh'n,  

Was  er  selber  dichtet'  


 
Ob   auch   ich   solche   Anfechtungen   erfahren?   -­‐   frägst   Du,   mein   Teurer:   Ja   und   noch   viel  
mehr.  Auch  noch  jetzt  fliegen  die  Pfeile  des  Tages.  Was  aber  fliegt,  das  hält  sich  nicht  auf,  
kommt   schnell   und   vergeht   ebenso   schnell.   Und   warum?   weil   dies   am   Tage   geschieht,  
eben  bei  dem  Licht  Christi,  welches  der  ewige  Tag  ist,  wo  das  Böse  nicht  bleiben  kann,  
sondern   von   dem   Abglanz   desselben   in   den   finstern   Abgrund   geschleudert   wird,   aus  
dem  es  sich  aufzutauchen  wagte.  Doch  fliegen  diese  Pfeile,  die  am  Tage  wandelnde  Seele  
zu   versuchen,   zu   prüfen   und   zu   üben,   was   ihr   nur   zum   Besten   dienen   muss   und   sie  
befestigt.  So  geht  es  nach  dem  Sprichwort:  "Der  Feind  betrügt  sich  nur  selber."