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Editorial

Der blaue Dunst zwischen Medizin,


Politik und Kommerz
D
as Ausland zeigt den Weg: Irland (2004), Italien spiel haben gezeigt, dass das komplette Rauchverbot am
(2005) und Spanien (2006) haben strenge Nicht- Arbeitsplatz, in öffentlichen Einrichtungen, in Einkaufs-
raucherschutzgesetze in Kraft gesetzt und damit zentren und Verkehrsmitteln sowie das eingeschränkte
auch in Deutschland die Diskussion um das Rauchen Rauchverbot in Gaststätten durchführbar ist und den
und den Nichtraucherschutz wieder angestoßen. Von Tabakkonsum reduziert. Die Anhebung des Preises und
medizinischer Seite aus steht man dieser Diskussion et- ein Verbot der Werbung für Tabakprodukte oder auch
was ratlos gegenüber, weil die Fakten, die gegen das Medienkampagnen gegen das Rauchen sind weitere ef-
Rauchen sprechen, schlicht überwältigend sind. Lun- fektive Mittel zur Reduktion des Tabakkonsums. Helfen
genkrebs, koronare Herzkrankheit (KHK), Myokard- könnte auch eine deutliche Reduktion der Zahl der Ziga-
infarkt, Schlaganfall oder chronisch obstruktive Lungen- rettenautomaten, was vor allem den Zigarettenkonsum
erkrankung (COPD) stehen nachgewiesenermaßen der Jugendlichen reduzieren würde. Denn dieser hat
unmittelbar mit dem Rauchen in Verbindung. Darüber beträchtliche Ausmaße angenommen: Etwa 20% der
hinaus ist das Aktivrauchen direkt verantwortlich für Jugendlichen rauchen, das Anfangsalter liegt bei etwa 14
20% aller Todesfälle und Ursache für 30% aller Krebs- Jahren, und die hohe Zahl rauchender junger Mädchen
todesfälle. Die negativen Folgen des Rauchens sind also und Frauen ist erschreckend.
hinlänglich bekannt. All dies wird bei uns in Deutschland jedoch nur zöger-
Die möglichen schädlichen Folgen des Passivrauchens lich oder überhaupt nicht umgesetzt. Über die Ursachen
wiederum wurden über viele Jahrzehnte intensiv disku- kann man nur spekulieren: Fürchtet der Staat um die Er-
tiert. Einerseits wurden die Gefahren oft herunterge- löse der Tabaksteuer? Ist die Lobby der Werbeindustrie zu
spielt, andererseits gab es immer wieder Vermutungen, stark? An dieser Stelle kollidieren die gesundheitlichen
dass Ergebnisse über die negativen Folgen des Passiv- Interessen mit den Interessen der Politik. Es gibt noch
rauchens der Öffentlichkeit vorenthalten wurden. Jetzt andere Nebenkriegsschauplätze: Weshalb sind viele Kas-
liegen definitive wissenschaftliche Ergebnisse vor. Vor sen zögerlich mit der Unterstützung von Raucherentwöh-
allem der Nebenstromrauch, also der Rauch, der beim nungskampagnen? Fragen über Fragen also. Dabei sind
Glimmen der Zigarette entsteht, ist es, der besonders die gesundheitlichen Vorteile der Beendigung des Rau-
viele toxische und krebserregende Substanzen enthält – chens geradezu umwerfend: So sinkt das Herzinfarktrisiko
mehr als der so genannte Hauptstromrauch, der vom innerhalb von zwei Jahren um 50% – ein Erfolg, der mit
Raucher ausgeatmet wird. Eine interessante Broschüre keiner anderen Maßnahme erreicht wird und einen weite-
zum Thema „Passivrauchen – ein unterschätztes Gesund- ren positiven Nebeneffekt besitzt: Auch andere Menschen
heitsrisiko“, die großen Anklang in den Medien gefunden werden nicht gefährdet.
hat, hat das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), Bei so vielen guten Argumenten muss Nichtraucher-
Heidelberg, im letzten Jahr herausgegeben. schutz und das Durchsetzen von Raucherentwöhnungs-
Allein in der erwachsenen Bevölkerung unseres Lan- kampagnen ein primäres Anliegen aller Ärzte sein. Unter-
des sind mehr als 35 Millionen Menschen im Beruf oder stützen kann hierbei die vor einiger Zeit gegründete Ärzte-
in der Freizeit oder bei beiden Anlässen den schädigen- Initiative Raucherhilfe e.V., die strukturierte Programme
den Folgen des Passivrauchens ausgesetzt. Doch die Ge- für Ärzte anbietet, die so eine kompetente Raucher-
fahr beginnt schon viel früher: Etwa 170 000 Kinder wer- entwöhnung erlernen wollen (www.air-raucherhilfe.de).
den in eine Raucherumgebung „hineingeboren“. Man Eines sollte man dabei allerdings nicht vergessen:
nimmt deshalb an, dass mehrere tausend Todesfälle im Eine Voraussetzung für den Erfolg solcher Kampagnen ist,
Jahr in Deutschland als Folge des Passivrauchens auftre- dass man selbst mit gutem Beispiel vorangeht!
ten, 70% davon betreffen Frauen. Diese Menschen sterben
also, weil sie im Beruf, in der Öffentlichkeit oder zu Hause
toxischen Stoffen ausgesetzt sind, für deren Entstehung
Andere verantwortlich sind und denen sie nicht entgehen Ich danke Herrn Prof. Dr. K.D.
können. Kolenda, Krohnshagen, für seine
Passivrauchen ist demnach unzweifelhaft eine der Mitarbeit an diesem Editorial.
großen Gefahren in unserer Gesellschaft, der Schutz der
Nichtraucher ein wesentliches gesundheitliches Anlie-
gen. Probate Maßnahmen, den Nichtraucherschutz in die
Tat umzusetzen, gibt es durchaus. In vielen Fällen wird
damit gleichzeitig eine primäre Raucherprophylaxe be-
trieben. Außerdem gibt es erprobte Raucherentwöh-
nungsprogramme. Irland, Italien und Spanien zum Bei- Prof. Dr. A. Weizel, Mannheim

klinikarzt 2006; 35 (8) 301