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Aphorismus 354 der Fröhlichen Wissenschaft

Michael Gerlinger

Die Beherrschten wenden vom Standpunkt der Herrschenden aus konstruierte Kategorien auf die Herrschaftsverhältnisse an und lassen diese damit als natürlich erscheinen. Das kann zu einer Art systematischer Selbstabwertung, ja Selbstentwürdigung führen. 1

Bewusstsein und Sprache als Medien der Selbstentfremdung – Apho- rismus 354 der Fröhlichen Wissenschaft In Nietzsches kindlichen Erleben hat sich die ursprüngliche Erfahrung der Le- bendigkeit und ihres Schicksals in der Familie erhalten also durchaus auch ei- ne Deutung, die aber unverbalisiert in unbewussten Handlungen und Erfahrungs- weisen steckt. In ihr bestehen die Wurzeln seiner Selbsterfahrung. Die Entfremdung von dieser Selbsterfahrung entsteht im Medium der Vernunft, von Bewusstsein und Sprache, und damit der Übernahme der kulturellen Kategorien der Herrschaft, der er unterworfen wurde. Auch weil er dies spürte, hat er immer die Musik der Sprache vorgezogen. Man sollte nicht vergessen, dass Nietzsches Abneigung gegen das Sokratische (und gegen die Aufklärung) damit zu tun haben könnte, dass Sokrates die Ver- nunft als Erzieher vorstellt. 2 In der Fröhlichen Wissenschaft leitet er in Aphorismus 354 Bewusstsein und Spra- che aus der Notwendigkeit ab, sich gegenseitig vor Gefahren zu warnen. Und wenn er gleich zu Beginn seine Thema vorstellt als Das Problem des Bewusstseins (richtiger: des Sich-Bewusst-Werdens) (später spricht er vom Sich-Bewusst-Werden der Vernunft), dann sind damit indirekt die Kindheit und Jugend, als diejenigen Le- bensphasen besonders angesprochen, in denen sich die ersten prägenden be- wussten Selbst-Begegnungen ereignen.

1. Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, 2005 (La domimation masculine, 1998), Frankfurt am Main

(Suhrkamp), S. 65

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Während heute noch (nach der linguistischen Wende) in den Geistes- wissenschaften das Vorurteil herrscht, es gebe kein Denken außerhalb der Spra- che, schreibt Nietzsche hier:

Denn nochmals gesagt: der Mensch, wie jedes lebende Geschöpf, denkt im- merfort, aber weiss es nicht; das bewusst werdende Denken ist nur der klein- ste Theil davon, sagen wir: der oberflächlichste, der schlechteste Theil: — denn allein dieses bewusste Denken geschieht in Worten, das heisst in Mittheilungszeichen, womit sich die Herkunft des Bewusstseins selber auf- deckt. Es gibt also ein sinnvolles Denken außerhalb der Sprache und des Bewusstseins. Und sinnvoll denken können nicht nur Menschen sondern jedes lebende Geschöpf. Hier äußert sich das Prinzip der Naturalisierung in Nietzsches Denken, die An- erkennung, dass sich unsere Existenz wie jedes Leben aus dem Körperlichen und Vegetativen heraus abspielt und nicht als Kopfgeburt. Man muss sich klar machen, dass das eine Sichtweise ist, die dem kindlichen Er- leben verbunden geblieben ist. Wieviel Unverständnis, Argwohn und Diszipli- nierung müssen kleine Kinder über sich ergehen lassen, weil sie nicht der Spra- che mächtig sind? Und auch später noch: Weil ihre Begründungen keinen Raum haben in den Denkgewohnheiten der Erwachsenen. Noch wichtiger aber: Weil ihnen ihre eigenen Beweggründe und deren Integrität noch gar nicht bewusst sind und sie deshalb gezwungen sind, die Sprech- und Denkweisen der Erwachsenen zu übernehmen, nach denen ihr Handeln eben keinen legitimen Sinn hat. 3 Die nächste, im Grunde revolutionäre Erkenntnis lautet:

Bewusstsein ist eigentlich nur ein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch […]. Was für ein Gegensatz zur gängigen Vorstellung von der Innerlichkeit eines In- dividuums! Das bedeutet doch: Sobald wir bewusst sind, sind wir nicht mehr für uns allein, sondern mit anderen, für andere. Die internalisierten Anderen hören mit, wer- den von uns angesprochen, reden mit. Ohne darauf bewusst abzuzielen schat Nietzsche damit aber auch eine Grund- lage für ein Verständnis von Erziehung/Sozialisation als dialektischem Vorgang zwischen dem Eigenen, das er vorwiegend oder gar ausschließlich im Vor- sprachlichen ausmacht, und dem Kulturellen, das er in der Sprache ansiedelt. Die zentrale Aussage in Bezug auf Bewusstsein und Sprache als Medium der

3. Ich habe das an einem meiner Söhne beobachten können: Wir saßen mit einem älteren Jungen, den er nicht leiden konnte, weil er ziemlich dominant war, in der Straßenbahn. Der Junge stand auf und forderte meinen damals 3-jährigen Sohn auf, ihm den Platz freizuhalten. Mein Sohn sagte „nein“. Das war nicht nett. Mir fiel dabei auf, dass er, wenn man ihn genötigt hätte, seine Reaktion zu be- gründen, ziemlich sicher auf eine politisch korrekte Form von Höflichkeit reduziert worden wäre. Die Wahrheit seines Verhaltens war ihm wahrscheinlich nicht bewusst und ließ sich nicht in Sprache aus- drücken. Sie steckte in seinen Handlungen. Es ist also, wie Nietzsche schreibt: Unsre Handlungen sind im Grunde allesammt auf eine unvergleichliche Weise persönlich, einzig, unbegrenzt-individuell, es ist kein Zweifel; aber sobald wir sie in’s Bewusstsein übersetzen, scheinen sie es nicht mehr…

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Selbstentfremdung lautet:

Unsre Handlungen sind im Grunde allesammt auf eine unvergleichliche Weise persönlich, einzig, unbegrenzt-individuell, es ist kein Zweifel; aber sobald wir sie in’s Bewusstsein übersetzen, scheinen sie es nicht mehr… Doch wie vollzieht sich nach Nietzsche diese Ent-Persönlichung, ich würde sa- gen: Selbstentfremdung? Mein Gedanke ist, wie man sieht: dass das Bewusstsein nicht eigentlich zur Individual- Existenz des Menschen gehört, vielmehr zu dem, was an ihm Gemeinschafts- und Heer- den-Natur ist; dass es, wie daraus folgt, auch nur in Bezug auf Gemeinschafts- und He- erden-Nützlichkeit fein entwickelt ist, und dass folglich Jeder von uns, beim besten Willen, sich selbst so individuell wie möglich zu verstehen, „sich selbst zu kennen“, doch immer nur gerade das Nicht-Indivi- duelle an sich zum Bewusstsein bringen wird, sein „Durchschnittli- ches“, dass unser Gedanke selbst fortwährend durch den Charakter des Bewusst- seins durch den in ihm gebietenden „Genius der Gattung“ — gleichsam majorisirt und in die Heerden-Perspektive zurück-übersetzt wird. Hier und im Folgenden wirkt sich Nietzsches eigene pädagogische Zurichtung aus, indem er sich erst in eine wenig überzeugende Extremposition manövriert, weil er die Zurichtung der Entindividualisierung ins Extrem treibt:

Wir haben eben gar kein Organ für das Erkennen, für die „Wahrheit“: wir „wissen“ (oder glauben oder bilden uns ein) gerade so viel als es im Interesse der Men- schen-Heerde, der Gattung, nützlich sein mag:

Dieses Extrem bringt er sogleich zum Kippen, indem er den Anspruch der herr- schenden Kultur, des herrschenden Bewusstseins als Illusion enttarnt:

und selbst, was hier „Nützlichkeit“ genannt wird, ist zuletzt auch nur ein Glaube, eine Einbildung Doch das genügt nicht, denn durch seine These, wir hätten kein Organ für die „Wahrheit“, hat er sich vom Ursprung und Grund seiner Intuition im Vorsprach- lichen Erleben abgespalten. In dieser vom ursprünglichen Erleben abgespalte- nen Situation bleibt nur noch Krankheit und Tod. und vielleicht gerade jene verhängnissvollste Dummheit, an der wir einst zu Grunde gehn. Immerhin ahnt er die Todesgefahr durch falsches Bewusstsein:

Zuletzt ist das wachsende Bewusstsein eine Gefahr; und wer unter den bewusstesten Eu- ropäern lebt, weiss sogar, dass es eine Krankheit ist. Aber er berücksichtigt nicht, dass die vorsprachliche authentische Erfahrung auch die Wurzel für eine andere Art von Bewusstsein sein könnte. 4 Stattdessen

4. Und ganz unabhängig von der Zurichtung durch Sozialisation, ist mir aufgefallen, wie vielen Geis- teswissenschaftlern nicht mehr klar ist, dass, was ihre Sprachkonstrukte mit Sinn speist, außerhalb der Sprache liegen muss. Sie glauben ernsthaft, dass es Inhalte, Sinn ohne vorsprachliche Erfahrung gäbe.

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gerät ihm jedes Bewusstsein, Bewusstsein an sich zur Schimäre:

Diess ist der eigentliche Phänomenalismus und Perspektivismus, wie ich ihn verstehe: die Natur des thierischen Bewusstseins bringt es mit sich, das die Welt, deren wir be- wusst werden können, nur eine Oberflächen- und Zeichenwelt ist, eine verallgemeinerte, eine vergemeinerte Welt, — dass Alles, was bewusst wird, ebendamit flach, dünn, relativ-dumm, generell, Zei- chen, Heerden-Merkzeichen wird, dass mit allem Bewusstwerden eine grosse gründliche Verderbniss, Fälschung, Veroberflächlichung und Generalisation verbunden ist. Wie häufig enthält auch hier Nietzsches Übertreibung einen wichtigen Kern. Ich will hier auch gar nicht in Abrede stellen, dass es wesentliche Unterschiede zwischen dem Empfinden des eigenen Lebensprozesses und der Welt einerseits und dem Bewusstsein bzw. sprachlich Mitteilbaren gibt. Mir geht es darum, plausibel zu machen, dass ein Teil seines Interesses daran, diesen Punkt zu über- spitzen, darin liegt, dass sich auf diese Weise die Wahrheit seiner kindlichen Er- fahrung unterbringen lässt. Unterbringen aber nur im Sinne gleichzeitiger Auf- deckung und Verdeckung. Es ist eher eine Beschäftigung mit seiner Geschichte im Sinne eines Wiederholungszwangs als ihre Lösung.

Musik als verbliebenes Ausdrucksmedium der richtigen Empfindung Zuvor lohnt sich ein Blick auf eine Passage eines 11 Jahre vor der Fröhlichen Wis- senschaft entstandenen Textes, aus Richard Wagner in Bayreuth von 1876, den ich schon im Zusammenhang mit Arno Gruens Beschreibung der Abstraktion als Medium der Selbstentfremdung zitiert habe (S. #). Schon damals stellte er fest, Sprache sei allein da, um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden miteinander zu verständigen. (RWB 5, KSA 1, 455) Die Sprache werde in der modernen Zivilisation aber dafür eingesetzt, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen. Er spricht vom Wahnsinn der allgemeinen Begrie, ja der reinen Wortklänge und von der Hohlheit jener gewaltherri- schen Worte und Begrie. (RWB 5, KSA 1, 455) Auch hier schon firmiert die Sprache als Medium der Selbstentfremdung, die, weil sie auf den Ausdruck von Gedanken und nicht die Mitteilung besagter ein- fachsten Lebensnöthe hin entwickelt wurde, den Menschen dorthin drängt, wohin er gar nicht will. Der Mensch kann sich in seiner Noth vermöge der Sprache nicht mehr zu erkennen geben, also sich nicht wahrhaft mittheilen: bei diesem dunkel gefühlten Zustande ist die Sprache überall eine Gewalt für sich geworden, welche nun wie mit Gespensterarmen die Men- schen fasst und schiebt, wohin sie eigentlich nicht wollen; (RWB 5, KSA 1, 455) Das versteht sich eigentlich gar nicht von selbst. Aus der Abstraktion folgt nicht automatisch eine Richtung, in die wir nicht wollen. Aber die A nität zur kindli- chen Notlage ist überdeutlich. Der Mensch kann sich in seiner Noth vermöge der Sprache nicht mehr zu erkennen geben, weil Zivilisation und Erziehung den direkten sprachli-

Und nach demselben Prinzip halten sie die Theorie für die eigentliche, wahrere Realität.

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chen Gefühlsausdruck nicht zulassen. Nietzsche nennt hier explizit die Bildung, aber man kann dahinter eine Erziehungserfahrung erkennen. Wie in dem abwärts laufenden Gange jeder Kunst ein Punct erreicht wird, wo ihre krank- haft wuchernden Mittel und Formen ein tyrannisches Uebergewicht über die jungen Seelen der Künstler erlangen und sie zu ihren Sclaven machen, so ist man jetzt, im Nie- dergange der Sprachen, der Sclave der Worte; unter diesem Zwange vermag Niemand mehr sich selbst zu zeigen, naiv zu sprechen, und Wenige über- haupt vermögen sich ihre Individualität zu wahren, im Kampfe mit einer Bildung, welche ihr Gelingen nicht damit zu beweisen glaubt, dass sie deutli- chen Empfindungen und Bedürfnissen bildend entgegenkomme, sondern da- mit, dass sie das Individuum in das Netz der „deutlichen Begri e“ ein- spinne und richtig denken lehre: als ob es irgend einen Werth hätte, Jemanden zu einem richtig denkenden und schliessenden Wesen zu machen, wenn es nicht gelungen ist, ihn vorher zu einem richtig empfindenden zu machen. (RWB 5, KSA 1, 455 f, meine Hervorhebung) Doch Nietzsche deckt nicht nur auf, was seine Bildungserfahrung ist, sondern er formuliert, als sei diese Entwicklung nicht aufzuhalten. Als gäbe es keine Mög- lichkeit zum Ausdruck des richtigen Gefühls in der Sprache. In Richard Wagner in Bayreuth hat das gewiss auch strategische Gründe, denn es geht schließlich da- rum Wagners Bedeutung in Szene zu setzen: Indem die Musik als letzte verblei- bende Möglichkeit für den Ausdruck des richtigen Empfindens hingestellt wird. Wenn nun, in einer solchermaassen verwundeten Menschheit, die Musik unserer deut- schen Meister erklingt, was kommt da eigentlich zum Erklingen? Eben nur die richtige Empfindung, die Feindin aller Convention, aller künstlichen Entfremdung und Unverständlichkeit zwischen Mensch und Mensch: diese Musik ist Rückkehr zur Natur, während sie zugleich Reinigung und Umwandelung der Natur ist; denn in der Seele der liebevollsten Menschen ist die Nöthigung zu jener Rückkehr entstanden, und in ihrer Kunst ertönt die in Liebe verwandelte Natur. (RWB 5, KSA 1, 456, meine Hervorhebung) Aber die kulturelle Notlage, die Wagners Musiktheater aufdecken und überwin- den soll, gehört zu einem wesentlichen Teil selbst zu den Abstraktionen, Gedan- ken, auf die die Sprache so reduziert wurde, dass sie den adäquaten Gefühlsaus- druck, einschließlich der einfachsten Lebensnöthe, gerade verstellt. Und so finden wir schon in diesem frühen Aufsatz dieselbe Bewegung des Aufdeckens und Verdeckens, der ich jetzt im Aphorismus 354 genauer nachgehen will. Die Pro- blematik der Abstraktion kippt ins Extrem der Unfähigkeit, sich mitzuthei- len, sodass Nietzsche sich durch seine eigene Einsicht der Notwendigkeit ent- hebt, seine eigene Notlage klipp und klar sprachlich zum Ausdruck zu bringen.

Wie dieser Aphorismus Aufdeckung und Verdeckung eines kindli- chen Notrufs enthält. Wir haben hier also eine gegenläufige Bewegung vor uns, wie sie bei Opfern von Überwältigung so häufig ist: Die eigene Leidensgeschichte wird gleichzeitig aufgedeckt und wieder verdeckt.

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Aufdeckung eines Hilferufs Aufgedeckt wird die Selbstentfremdung vom authentischen vorsprachlichen Selbstgefühl, der pädagogische Zwang zur Übernahme bestimmter Denkkatego- rien und damit entfremdender Selbstinterpretationen. Erinnern wir uns, dass am Anfang des Aphorismus die Idee stand, dass die Funktion von Bewusstsein und Sprache darin liegt, vor Gefahr zu warnen! An sich leben wir in einem vorsprachlichen Bereich. Dort (nicht erst in der Sprache) müssen also die Gefahren fühlbar geworden sein, die ins Bewusstsein und zur Mitteilung drängen. Von der kindlichen Erfahrung aus gesehen geht es dann aber um einen Hilfe- ruf (unter dem Druck des Mittheilungs-Bedürfnisses)! Schauen wir uns das noch einmal näher an, dann finden wir die Geschichte einer kindlichen Notlage, in der sich das hilfsbedürftige Kind an den Befehlenden wendet:

Gesetzt, diese Beobachtung ist richtig, so darf ich zu der Vermuthung weitergehn, dass Bewusstsein überhaupt sich nur unter dem Druck des Mittheilungs-Bedürfnisses ent- wickelt hat, dass es von vornherein nur zwischen Mensch und Mensch (zwischen Befehlenden und Gehorchenden in Sonderheit) [Was motiviert diesen Einschub, wenn nicht das Erzieher-Kind-Verhältnis?] nöthig war, nützlich war, und auch nur im Verhältniss zum Grade dieser Nützlichkeit sich entwickelt hat. Bewusstsein ist eigentlich nur ein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch, — nur als solches hat es sich entwickeln müs- sen: der einsiedlerische und raubthierhafte Mensch hätte seiner nicht bedurft. Wie sooft übergeht Nietzsche hier, dass Menschen als soziale Tiere angelegt sind. Der einsiedlerische und raubthierhafte Mensch ist bestenfalls die Ausnahme. Er taugt aber nicht als historischer Ausgangspunkt für eine zivilisatorische Entwick- lung. Wenn Nietzsche – der ein einsames (auf dem Örtchen, seine Wut mit sich selbst ausmachendes), einzelgängerisches Kind war, das auch als Jugendlicher we- nig Anschluss fand, weil er Seinesgleichen nicht fand – dennoch immer wieder Einsamkeit und Raubtierhaftigkeit ins Spiel bringt, lese ich das als Hinweis auf die unterdrückte Wut des unterdrückten Kindes. Dass uns unsre Handlungen, Gedanken, Gefühle, Bewegungen selbst in’s Bewusstsein kommen — wenigstens ein Theil derselben —, das ist die Folge eines furchtbaren langen über dem Menschen waltenden „Muss“: er brauchte, als das gefähr- detste Thier, Hülfe, Schutz, er brauchte Seines-Gleichen, er musste seine Noth auszudrücken, sich verständlich zu machen wissen. Deutlicher geht es eigentlich nicht. Am gefährdetsten ist allemal das kleine Kind. Spätestens jetzt ist auch klar, dass die obige Bemerkung (zwischen Befehlenden und Gehorchenden in Sonderheit) nicht auf das Mitteilungsbedürfnis des Befehlenden gemünzt war sondern auf die Mitteilungen des in Not befindlichen gehorchenden Kin- des. Noch einmal: er musste seine Noth auszudrücken, sich verständlich zu machen wissen.

Das Problem des Sich-Bewusst-Werdens In Nietzsches bewusster Perspektive, die vom Standpunkt des Menschen als Gat- tung aus seine Entwicklung verstehen will, hat er hier wohl vor allem die Gefah-

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ren der Natur im Blick, mit denen der Mensch als das gefährdetste Thier konfron- tiert war. Blickt man aber von der hier immer mitschwingenden Erfahrung der kindlichen Notlage auf Nietzsches Verständnis des Bewusstseins als Verbindungs- netz zwischen Mensch und Mensch, dann kann das Sich-Bewusst-Werden gerade dann zum Problem des Kindes werden, wenn der im Bewusstsein internalisierte er- wachsene Teilnehmer der inneren Kommunikation, die das Bewusstsein dar- stellt, kindliche Handlungen verurteilt – also gerade, worin wir auf eine unvergleich- liche Weise persönlich, einzig, unbegrenzt-individuell sind. Wenn ein Kind unbewusst verstanden hat, dass es etwas nicht soll, sich aber dabei ertappt, wie es genau das tut oder tun will, dann sorgt das Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch dafür, dass es sich selbst auf eine konflikthafte, problematische Weise zu Bewusstsein kommt. Deshalb ist die Selbstbejahung, die im Zentrum von Nietzsches Denken steht, so problematisch: Er meint immer eine Selbstbejahung gegen die morali- sche Verurteilung, der er in seiner Erziehung ausgesetzt war. Im Verlauf des Textes wird das Problem des Sich-Bewusst-Werdens beiläufig mit un- terschiedlichen Schwerpunkten präzisiert. Mal ist es der Zeichen-erfindende als der immer schärfer seiner selbst bewusste Mensch. Mal spricht er vom Sich-Bewusst-Wer- den der Vernunft. Im Verweis auf die Vernunft liegt eine tiefgreifende Ambiva- lenz. Einerseits will er an dieser Stelle auch den vorsprachlichen Handlungen Vernunft zugestehen, weil er ja ein vorsprachliches Denken anerkennt. Ande- rerseits könnte man darin aber auch einen Hinweis auf das pädagogische Ver- nunft-Monopol der Kultur und ihrer Erzieher sehen; einer Vernunft, die Nietz- sche angefangen mit seiner Kritik des Erziehers Sokrates in der Geburt der Tragödie bekämpft hat. Mit anderen Worten: Wessen Vernunft? Kann ein Kind, das sein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch aktiviert, sodass es quasi die Haltungen seiner Erzieher in sich aufruft, überhaupt noch die eigenen, au- thentischen Handlungen als vernünftig anerkennen? Oder muss es seinen An- spruch auf Vernunft nicht gleich aufgeben, wenn es nicht sich selbst aufgeben will? Und bedeutet das nicht, dass das pädagogische Unwerturteil unvernünftig, für sich zu akzeptieren? Muss nicht passieren, was Nietzsches eigenes Denken so zwiespältig macht, dass nämlich das Festhalten an den eigenen vorsprachlichen Impulsen, die Verteidi- gung der eigenen Lebendigkeit, damit erkauft wird, dass man die Charakterisie- rung böse, die pädagogische Verurteilung, trotzig auf sich nimmt? Anders gesagt: Wenn das Bewusstsein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch ist, wie könnte dann ein Kind diesen Gerichtshof gleichzeitig anrufen und seine Legitimität in Frage stellen? Ein Kind, das sein eigenes vorsprachliches Erleben intensiv empfindet, kann in der Sprache einen Eindringling, eine Gefährdung seiner selbst und seiner Welt, seiner Identität sehen – nicht nur ein längst dringend benötigtes Medium der Mitteilung. Insofern passt es auch, wenn Janz mitteilt, Nietzsche habe erst spät sprechen gelernt. Nur sprechen wollte er nicht zur rechten Zeit, doch ergab sich auch dies sehr bald, als der erfahrene Hausarzt, der Rosaliens wegen oft kam, die Mutter darauf aufmerksam machte, dass sie zu sorgsam auf jedes Zeichen des Söhnchens achte und ihn so der Notwendigkeit

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überhebe, den Mund aufzumachen. 5 Mit anderen Worten: Es gibt eine rechte Zeit zum Spracherwerb und wenn die überschritten wird, liegt das daran, dass die Mutter zu aufmerksam auf die non- verbalen Mitteilungen ihres Kindes achtet. Man muss aus der betulichen Spra- che auch nicht schließen, Nietzsches Mutter hätte sich tatsächlich (nach heuti- gen Maßstäben) besondere Mühe gegeben. Jedenfalls legt das die Vorstellung nahe, hierin könnte eine frühe Quelle für Nietzsches Frauenhass liegen: Im müt- terlich erzwungenen Spracherwerb und der ärztlich verordneten Nichtachtung seiner nichtsprachlichen Äußerungen. Denn wenn die nichtsprachlichen Äußerungen des Kindes ignoriert werden, dann bedeutet das für das Kind eine Spaltung seiner Welt in mehrfacher Hin- sicht. Die (idealerweise) symbiotische Verständigung mit der Mutter reißt in den nichtsprachlichen Ebenen ab. Gleichzeitig wird dem Kind in seiner Selbstwahr- nehmung eine Spaltung zwischen seinen sprachlichen und vorsprachlichen Re- gungen aufgezwungen. Der Aphorismus 354 artikuliert dabei sehr klar, dass es hier nicht einfach um die Wahrnehmung des Selbst geht sondern um die Identi- tät. Die Majorisierung bedeutet eine Entfremdung vom Eigenen. Und in diesem Licht lohnt es sich noch einmal auf die schon zitierten Selbstäußerungen über Erziehung zu blicken:

Nietzsches Definition, Erziehung sei „Umtaufen-lernen oder Anders-fühlen lernen (Nach- lass, KSA 9, 479), könnte hier […] lehren, […] dass er auch die Beschädigung seiner ihm höchst eigenen Wertungs- und Empfindungsweise im Blick hatte, etwa gemäß dem Satz: „Welche Marter für ein Kind, immer im Gegensatz zu seiner Mutter sein Gut und Böse anzusetzen und dort, wo es verehrt, gehöhnt und verachtet zu werden.“ (N, KSA 12, 15) […] „Weiß eigentlich irgend Jemand, was mich krank machte? was mich jahrelang in der Nähe des Todes und im Verlangen nach dem Tode festhielt? Es scheint mir nicht so […]; ich war […] schon als Kind allein, ich bin es heute noch, in meinem 44ten Lebensjahre“ (Franz Overbeck, 12.11.1887). 6 Bewusstsein ist halt falsch: Verdeckung der Selbstentfremdung durch Alternativ- losigkeit des falschen Bewusstseins Nietzsches expliziter Grundgedanke lautet: Um Hilfe zu rufen braucht der Mensch (das Kind) Bewusstsein. Aber wie soll das funktionieren, wenn Nietz- sche meint:

Wir haben gar kein Organ für das Erkennen, für die „Wahrheit“ […] ? Wenn wir vom Ende des Aphorismus her denken, wird die gleichzeitige Verde- ckungsabsicht deutlich. Man kann ihn als Versuch der Mitteilung einer Noth le- sen: Insofern ist das Bewusstsein als Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch ei- ne Art Notrufnetz. Andererseits bleibt von dieser Funktion nichts mehr übrig, wenn es am Schluss

5. Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche. Biographie, (1978), München (dtv), 1981, S. 43

6. Ottmann (Hrsg.), Nietzsche-Handbuch Leben - Werk - Wirkung, 2011, Stuttgart [u.a.] (Metzler), S. 12 zi-

tierend aus Förster-Nietzsche, 1935, 35

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heißt:

Zuletzt ist das wachsende Bewusstsein eine Gefahr; und wer unter den bewusstesten Eu- ropäern lebt, weiss sogar, dass es eine Krankheit ist. Die Verdeckung liegt in der Pauschalität des Urteils über das wachsende Be- wusstsein – genauso wie in der Pauschalität von Nietzsches Vernunft-Skepsis. Die Verdeckung liegt also darin, dass er die Krankheitsdiagnose nicht zu be- schränken weiß auf ein falsches, inauthentisches Bewusstsein. Genauso wie das Kind, das sich für böse und unvernünftig halten muss, wenn es über das Verbin- dungsnetz zwischen Mensch und Mensch die Wertungen der Erzieher für sich an- nimmt, muss Nietzsche das Bewusstsein an sich für eine Gefahr und Krankheit halten, wenn er nicht seine Vernunft dazu verwenden kann, die Ansteckung mit Abwertungen seiner authentischen Lebendigkeit herauszufiltern. Wir müssen ja krank werden, wenn wir Vernunft, Sprache und Bewusstsein nicht zur Artikulation unserer eigenen Wahrheit einzusetzen verstehen. Die Wahrheit, die eigentlich ausgedrückt werden soll, bleibt im Hals stecken. Sie macht nicht frei sondern krank. Wenn nämlich die Erzieher unfähig sind für das Kind, die Wahrheit in der Mitteilung des Kindes zu erkennen. Nicht wir, sondern sie haben eben gar kein Organ für das Erkennen, für die „Wahrheit“:

Sie interpretieren die Mitteilungen des Kindes im Sinne der herrschenden Mo- ral und indem das Kind letztlich ihre Sprache, ihr falsches Bewusstsein über- nimmt „wissen“ (oder glauben oder bilden uns ein) [wir] gerade [noch] so viel als es im In- teresse der Menschen-Heerde, der Gattung, nützlich sein mag:

d.h. nützlich eben nicht im Interesse des Kindes sondern im Interesse der Gesell- schaft bzw. des für die Erzieher maßgeblichen Milieus. Und in einem solchen sozial geteilten und angepassten Bewusstsein ist es natür- lich auch kaum noch möglich, individuelle Originalität sprachlich auszudrü- cken, sodass (ich wiederhole wieder) folglich Jeder von uns, beim besten Willen, sich selbst so individuell wie möglich zu ver- stehen, „sich selbst zu kennen“, doch immer nur gerade das Nicht-Individuelle an sich zum Bewusstsein bringen wird, sein „Durchschnittliches“, […] Wie authentisch kann die Philosophie sein, wenn sie doch im Medium von Sprache und Bewusstsein stattfindet? Auch das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Im Grunde (von der Kindheitsgeschichte aus gesehen) sagt Nietzsche hier etwas Entscheidendes über seine eigene Philosophie. Die ist doch schließlich genau das, wovon er hier spricht: versprachlichtes Bewusstsein. Was wir hier vor uns haben, ist das unbewusste Eingeständnis wenn nicht des Scheiterns so doch jedenfalls des Ringens zwischen einer vitalen Selbstbehauptung durch Philosophie und ihrer Korruption durch den Druck der Anpassung an die herr- schenden Kategorien d.h. die Kategorien der Herrschaft.

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Verdeckung durch Verallgemeinerung Zur Verdeckung gehört natürlich auch, dass Nietzsche seine Beobachtungen partout nicht auf den einzelnen Menschen sondern nur auf die Gattung bezogen wissen will:

Nun scheint mir, […], die Feinheit und Stärke des Bewusstseins immer im Verhältniss zur Mittheilungs-Fähigkeit eines Menschen (oder Thiers) zu stehn, die Mittheilungs-Fä- higkeit wiederum im Verhältniss zur Mittheilungs-Bedürftigkeit: letzteres nicht so ver- standen, als ob gerade der einzelne Mensch selbst, welcher gerade Meister in der Mittheilung und Verständlichmachung seiner Bedürfnisse ist, zugleich auch mit seinen Bedürfnissen am meisten auf die Andern angewiesen sein müsste. Davon will er hier nicht sprechen, aber das ist genau seine eigene Situation. Schon einmal hat er sie einem anderen empathisch untergeschoben, nämlich Wagner in Richard Wagner in Bayreuth 7 . Das Problem des Gebers, der keine Neh- mer findet, personifiziert schließlich auch Nietzsches alter ego Zarathustra. Es be- zeichnet vor allem seine eigene Situation als eines besonders originellen und sprachbegabten Geistes, der Zeit seines Lebens unter seiner Vereinsamung litt; d.h. besonders unter dem Druck, für den empfundenen Überfluss keine Abneh- mer zu finden. Von dieser ganz individuell-persönlichen Not, quasi der Fortset- zung der kindlichen Notlage in die Lage eines Philosophen ohne Zuhörer, lenkt er ab, wenn er seine aus anderen Schriften bekannte soziale Variante des darwi- nistisches Selektionsprinzips einführt: Die eigene individuelle Not wird unterge- bracht und versteckt im Schicksal der Gattung:

Wohl aber scheint es mir so in Bezug auf ganze Rassen und Geschlechter-Ketten zu stehn: wo das Bedürfniss, die Noth die Menschen lange gezwungen hat, sich mitzutheilen, sich gegenseitig rasch und fein zu verstehen, da ist endlich ein Ueberschuss dieser Kraft und Kunst der Mittheilung da, gleichsam ein Vermögen, das sich allmählich aufgehäuft hat und nun eines Erben wartet, der es verschwenderisch ausgiebt (— die sogenannten Künstler sind diese Erben, insgleichen die Redner, Prediger, Schriftsteller, Alles Men- schen, welche immer am Ende einer langen Kette kommen, „Spätgeborne“ jedes Mal, im besten Verstande des Wortes, und, wie gesagt, ihrem Wesen nach Verschwender). So viel Aufwand, wo Nietzsche doch auf das bittere Ende hinaus will, dass wir gar kein Organ für Wahrheit haben. Wozu dann Gefahren mittzuteilen versu- chen? Doch solange er unterstellt, dass Bewusstsein und Sprache ihre Funktion noch erfüllen könnten, geht es um den Einzelnen in Not:

[…] hatte er zuerst „Bewusstsein“ nöthig, also selbst zu „wissen“ was ihm fehlt, zu „wissen“, wie es ihm zu Muthe ist, zu „wissen“, was er denkt. Denn nochmals gesagt: der Mensch, wie jedes lebende Geschöpf, denkt immerfort, aber weiss es nicht; das bewusst werdende Denken ist nur der kleinste Theil davon, sagen

7. Damit ein Ereignis Grösse habe, muss zweierlei zusammenkommen: der grosse Sinn Derer, die es vollbringen und der grosse Sinn Derer, die es erleben. An sich hat kein Ereigniss Grösse, […] So überschleicht einen Jeden, welcher ein Ereig- niss herankommen sieht, die Sorge, ob Die, welche es erleben, seiner würdig sein werden. Auf dieses Sich-Entsprechen von That und Empfänglichkeit rechnet und zielt man immer, wenn man handelt, im Kleinsten wie im Grössten; und Der, welcher geben will, muss zusehen, dass er die Nehmer findet, die dem Sinne seiner Gabe genugthun. (Richard Wagner in Bayreuth, 1., KSA S. 431, meine Hervorhebung)

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wir: der oberflächlichste, der schlechteste Theil: denn allein dieses bewusste Denken geschieht in Worten, das heisst in Mittheilungszeichen, […]. Das ist es, was Nietzsche hier erst aufdeckt und dann wieder verdeckt: Das per- manente aber vorsprachliche und vorbewusste, aber sinnvolle (ver- nünftige) Denken des Kindes und seine Fähigkeit zum Bewusstsein seiner selbst zu kommen – Notlage oder nicht. Sobald die herrschenden Denkweisen eine halbwegs authentische Artikulation der kindlichen Befindlich- keit nicht erlauben, sondern sie z.B. als böse verurteilen, kommt es zu einer Selbstentfremdung, denn nun muss sich das Kind als böse verstehen. Und ge- nau das tut Nietzsche, allerdings, indem er sich trotzig zu dieser Bosheit bekennt oder sie – Umwertung aller Werte – mitsamt aller Grausamkeit, die demselben Ver- dikt verfällt, als natürlich und ächt zu rehabilitieren versucht. Verdeckt wird die- se Selbstentfremdung, indem die verstellende Wirkung des Bewusstseins als al- ternativlos hingestellt wird: Bewusstsein könne sowieso keine Authentizität bewahren.

Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Nr. 354.

Vom „Genius der Gattung“. Das Problem des Bewusstseins (richtiger: des Sich-Bewusst-Werdens) tritt erst dann vor uns hin, wenn wir zu begreifen anfangen, inwiefern wir seiner ent- rathen könnten: und an diesen Anfang des Begreifens stellt uns jetzt Physiologie und Thiergeschichte (welche also zwei Jahr- hunderte nöthig gehabt haben, um den vorausfliegenden Arg- wohn Leibnitzens einzuholen). Wir könnten nämlich denken, fühlen, wollen, uns erinnern, wir könnten ebenfalls „handeln“ in jedem Sinne des Wortes: und trotzdem brauchte das Alles nicht uns „in’s Bewusstsein zu treten“ (wie man im Bilde sagt). Das ganze Leben wäre möglich, ohne dass es sich gleichsam im Spiegel sähe: wie ja thatsächlich auch jetzt noch bei uns der bei weitem überwiegende Theil dieses Lebens sich ohne diese Spie- gelung abspielt —, und zwar auch unsres denkenden, fühlen- den, wollenden Lebens, so beleidigend dies einem älteren Phi- losophen klingen mag. Wozu überhaupt Bewusstsein, wenn es in der Hauptsache überflüssig ist? — Nun scheint mir, wenn man meiner Antwort auf diese Frage und ihrer vielleicht aus- schweifenden Vermuthung Gehör geben will, die Feinheit und Stärke des Bewusstseins immer im Verhältniss zur Mittheilungs- Fähigkeit eines Menschen (oder Thiers) zu stehn, die Mitthei- lungs-Fähigkeit wiederum

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im Verhältniss zur Mittheilungs-Bedürftigkeit: letzteres nicht so verstanden, als ob gerade der einzelne Mensch selbst, welcher gerade Meister in der Mittheilung und Verständlichmachung seiner Bedürfnisse ist, zugleich auch mit seinen Bedürfnissen am meisten auf die Andern angewiesen sein müsste. Wohl aber scheint es mir so in Bezug auf ganze Rassen und Geschlechter- Ketten zu stehn: wo das Bedürfniss, die Noth die Menschen lange gezwungen hat, sich mitzutheilen, sich gegenseitig rasch und fein zu verstehen, da ist endlich ein Ueberschuss dieser Kraft und Kunst der Mittheilung da, gleichsam ein Vermögen, das sich allmählich aufgehäuft hat und nun eines Erben wartet, der es verschwenderisch ausgiebt (— die sogenannten Künstler sind diese Erben, insgleichen die Redner, Prediger, Schriftstel- ler, Alles Menschen, welche immer am Ende einer langen Ket- te kommen, „Spätgeborne“ jedes Mal, im besten Verstande des Wortes, und, wie gesagt, ihrem Wesen nach Verschwender). Ge- setzt, diese Beobachtung ist richtig, so darf ich zu der Vermut- hung weitergehn, dass Bewusstsein überhaupt sich nur unter dem Druck des Mittheilungs-Bedürfnisses entwickelt hat, — dass es von vornherein nur zwischen Mensch und Mensch (zwischen Be- fehlenden und Gehorchenden in Sonderheit) nöthig war, nütz- lich war, und auch nur im Verhältniss zum Grade dieser Nütz- lichkeit sich entwickelt hat. Bewusstsein ist eigentlich nur ein Verbindungsnetz zwischen Mensch und Mensch, — nur als solches hat es sich entwickeln müssen: der einsiedlerische und raubthierhafte Mensch hätte seiner nicht bedurft. Dass uns unsre Handlungen, Gedanken, Gefühle, Bewegungen selbst in’s Bewusstsein kommen — wenigstens ein Theil derselben —, das ist die Folge eines furchtbaren langen über dem Menschen waltenden „Muss“: er brauchte, als das gefährdetste Thier, Hül- fe, Schutz, er brauchte Seines-Gleichen, er musste seine Noth auszudrücken, sich verständlich zu machen wissen — und zu dem Allen hatte er zuerst „Bewusstsein“ nöthig, also selbst

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zu „wissen“ was ihm fehlt, zu „wissen“, wie es ihm zu Muthe ist, zu „wissen“, was er denkt. Denn nochmals gesagt: der Mensch, wie jedes lebende Geschöpf, denkt immerfort, aber weiss es nicht; das bewusst werdende Denken ist nur der kleinste Theil davon, sagen wir: der oberflächlichste, der schlechteste Theil: — denn allein dieses bewusste Denken geschieht in Worten, das heisst in Mittheilungszeichen, womit sich die Herkunft des Be- wusstseins selber aufdeckt. Kurz gesagt, die Entwicklung der Sprache und die Entwicklung des Bewusstseins (nicht der Ver- nunft, sondern allein des Sich-bewusst-werdens der Vernunft) gehen Hand in Hand. Man nehme hinzu, dass nicht nur die Sprache zur Brücke zwischen Mensch und Mensch dient, son- dern auch der Blick, der Druck, die Gebärde; das Bewusstwer- den unserer Sinneseindrücke bei uns selbst, die Kraft, sie fixi- ren zu können und gleichsam ausser uns zu stellen, hat in dem Maasse zugenommen, als die Nöthigung wuchs, sie Andern durch Zeichen zu übermitteln. Der Zeichen-erfindende Mensch ist zugleich der immer schärfer seiner selbst bewusste Mensch; erst als sociales Thier lernte der Mensch seiner selbst bewusst werden, — er thut es noch, er thut es immer mehr. — Mein Gedanke ist, wie man sieht: dass das Bewusstsein nicht eigentlich zur Individual-Existenz des Menschen gehört, viel- mehr zu dem, was an ihm Gemeinschafts- und Heerden-Natur ist; dass es, wie daraus folgt, auch nur in Bezug auf Gemein- schafts- und Heerden-Nützlichkeit fein entwickelt ist, und dass folglich Jeder von uns, beim besten Willen, sich selbst so indivi- duell wie möglich zu verstehen, „sich selbst zu kennen“, doch im- mer nur gerade das Nicht-Individuelle an sich zum Bewusstsein bringen wird, sein „Durchschnittliches“, — dass unser Gedan- ke selbst fortwährend durch den Charakter des Bewusstseins — durch den in ihm gebietenden „Genius der Gattung“ — gleich- sam majorisirt und in die Heerden-Perspektive zurück-übersetzt wird. Unsre Handlungen sind im Grunde allesammt auf eine unvergleichliche Weise persönlich, einzig, unbe-

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grenzt-individuell, es ist kein Zweifel; aber sobald wir sie in’s Bewusstsein übersetzen, scheinen sie es nicht mehr… Diess ist der eigentliche Phänomenalismus und Perspektivismus, wie ich ihn verstehe: die Natur des thierischen Bewusstseins bringt es mit sich, das die Welt, deren wir bewusst werden können, nur eine Oberflächen- und Zeichenwelt ist, eine verallgemeinerte, eine vergemeinerte Welt, — dass Alles, was bewusst wird, ebenda- mit flach, dünn, relativ-dumm, generell, Zeichen, Heerden- Merkzeichen wird, dass mit allem Bewusstwerden eine grosse gründliche Verderbniss, Fälschung, Veroberflächlichung und Generalisation verbunden ist. Zuletzt ist das wachsende Be- wusstsein eine Gefahr; und wer unter den bewusstesten Euro- päern lebt, weiss sogar, dass es eine Krankheit ist. Es ist, wie man erräth, nicht der Gegensatz von Subjekt und Objekt, der mich hier angeht: diese Unterscheidung überlasse ich den Er- kenntnisstheoretikern, welche in den Schlingen der Grammatik (der Volks-Metaphysik) hängen geblieben sind. Es ist erst recht nicht der Gegensatz von „Ding an sich“ und Erscheinung:

denn wir „erkennen“ bei weitem nicht genug, um auch nur so scheiden zu dürfen. Wir haben eben gar kein Organ für das Er- kennen, für die „Wahrheit“: wir „wissen“ (oder glauben oder bil- den uns ein) gerade so viel als es im Interesse der Menschen- Heerde, der Gattung, nützlich sein mag: und selbst, was hier „Nützlichkeit“ genannt wird, ist zuletzt auch nur ein Glaube, eine Einbildung und vielleicht gerade jene verhängnissvollste Dummheit, an der wir einst zu Grunde gehn.

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Aus Richard Wagner in Bayreuth

5.

Wagner rückte das gegenwärtige Leben und die Vergangenheit unter den Lichtstrahl einer Erkenntniss, der stark genug war, um auf ungewohnte Weite hin damit sehen zu können: deshalb ist er ein Vereinfacher der Welt; denn immer besteht die Ver- einfachung der Welt darin, dass der Blick des Erkennenden auf’s Neue wieder über die ungeheure Fülle und Wüstheit eines scheinbaren Chaos Herr geworden ist, und Das in Eins zusam- mendrängt, was früher als unverträglich auseinander lag. Wag- ner that diess, indem er zwischen zwei Dingen, die fremd und kalt wie in getrennten Sphären zu leben schienen, ein Verhält- niss fand: zwischen Musik und Leben und ebenfalls zwischen Musik und Drama. Nicht dass er diese Verhältnisse erfunden oder erst geschaen hätte: sie sind da und liegen eigentlich vor Jedermanns Füssen: so wie immer das grosse Problem dem ed- len Gesteine gleicht, über welches Tausende hinwegschreiten, bis endlich Einer es aufhebt. Was bedeutet es, fragt sich Wag- ner, dass im Leben der neueren Menschen gerade eine solche Kunst, wie die der Musik, mit so unvergleichlicher Kraft er- standen ist? Man braucht von diesem Leben nicht etwan ge- ring zu denken, um hier ein Problem zu sehen; nein, wenn man alle diesem Leben eigenen grossen Gewalten erwägt und sich das Bild eines mächtig aufstrebenden, um bewusste Frei- heit und um Unabhängigkeit des Gedankens kämpfenden Da- seins vor die Seele stellt — dann erst recht erscheint die Musik in dieser Welt als Räthsel. Muss man nicht sagen: aus dieser Zeit konnte die Musik nicht erstehen! Was ist dann aber ihre Existenz? Ein Zufall? Gewiss könnte auch ein einzelner grosser Künstler ein Zufall sein, aber das Erscheinen einer solchen Reihe von grossen Künstlern, wie es die neuere Geschichte der Musik zeigt, und wie es bisher nur noch einmal, in der Zeit der Griechen, seines Gleichen hatte, giebt zu denken, dass hier nicht Zufall, sondern Nothwendigkeit herrscht. Diese Nothwendigkeit eben ist das Problem, auf welches Wagner eine Antwort giebt.

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Es ist ihm zuerst die Erkenntniss eines Nothstandes aufgegan- gen, der so weit reicht, als jetzt überhaupt die Civilisation die Völker verknüpft: überall ist hier die Sprache erkrankt, und auf der ganzen menschlichen Entwickelung lastet der Druck dieser ungeheuerlichen Krankheit. Indem die Sprache fortwährend auf die letzten Sprossen des ihr Erreichbaren steigen musste, um, möglichst ferne von der starken Gefühlsregung, der sie ursprünglich in aller Schlichtheit zu entsprechen vermochte, das dem Gefühl Entgegengesetzte, das Reich des Gedankens zu erfassen, ist ihre Kraft durch dieses übermässige Sich-Aus- recken in dem kurzen Zeitraume der neueren Civilisation er- schöpft worden: so dass sie nun gerade Das nicht mehr zu lei- sten vermag, wessentwegen sie allein da ist: um über die einfachsten Lebensnöthe die Leidenden miteinander zu ver- ständigen. Der Mensch kann sich in seiner Noth vermöge der Sprache nicht mehr zu erkennen geben, also sich nicht wahr- haft mittheilen: bei diesem dunkel gefühlten Zustande ist die Sprache überall eine Gewalt für sich geworden, welche nun wie mit Gespensterarmen die Menschen fasst und schiebt, wo- hin sie eigentlich nicht wollen; sobald sie mit einander sich zu verständigen und zu einem Werke zu vereinigen suchen, erfasst sie der Wahnsinn der allgemeinen Begri e, ja der reinen Wortklänge, und in Folge dieser Unfähigkeit, sich mitzutheilen, tragen dann wieder die Schöpfungen ihres Gemeinsinns das Zeichen des Sich-nicht-verstehens, insofern sie nicht den wirkli- chen Nöthen entsprechen, sondern eben nur der Hohlheit je- ner gewaltherrischen Worte und Begri e: so nimmt die Menschheit zu allen ihren Leiden auch noch das Leiden der Convention hinzu, das heisst des Uebereinkommens in Worten und Handlungen ohne ein Uebereinkommen des Gefühls. Wie in dem abwärts laufenden Gange jeder Kunst ein Punct er- reicht wird, wo ihre krankhaft wuchernden Mittel und Formen ein tyrannisches Uebergewicht über die jungen Seelen der Künstler erlangen und sie zu ihren Sclaven machen, so ist man jetzt, im Niedergange der Sprachen, der Sclave der Worte; un- ter diesem Zwange ver-

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mag Niemand mehr sich selbst zu zeigen, naiv zu sprechen, und Wenige überhaupt vermögen sich ihre Individualität zu wahren, im Kampfe mit einer Bildung, welche ihr Gelingen nicht damit zu beweisen glaubt, dass sie deutlichen Empfin- dungen und Bedürfnissen bildend entgegenkomme, sondern damit, dass sie das Individuum in das Netz der „deutlichen Be- gri e“ einspinne und richtig denken lehre: als ob es irgend ei- nen Werth hätte, Jemanden zu einem richtig denkenden und schliessenden Wesen zu machen, wenn es nicht gelungen ist, ihn vorher zu einem richtig empfindenden zu machen. Wenn nun, in einer solchermaassen verwundeten Menschheit, die Musik unserer deutschen Meister erklingt, was kommt da ei- gentlich zum Erklingen? Eben nur die richtige Empfindung, die Feindin aller Convention, aller künstlichen Entfremdung und Unverständlichkeit zwischen Mensch und Mensch: diese Musik ist Rückkehr zur Natur, während sie zugleich Reinigung und Umwandelung der Natur ist; denn in der Seele der liebevoll- sten Menschen ist die Nöthigung zu jener Rückkehr entstan- den, und in ihrer Kunst ertönt die in Liebe verwandelte Natur.