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T ä t e r t h er a p i e im Sp a n n u n g s f e l d

Die derzeitige Praxis des gesellschaftlichen Umgangs


mit Sexualsfraftätern ist gekennzeichnet durch
Androhung bzw. Verhängung einer Freiheitsstrafe,
durch soziale Diskriminierung und Pf licht zur Be-
handlung. Dabei bleiben Strafandrohung und Bestra-
fung auf ein enges und ausschließlich reaktives
Handlungsspektrum beschränkt. Hieran gab es in der
Vergangenheit Kritik sowohl aus Kreisen der Justiz
als auch aus der Frauenbewegung und auf der Ju-
gendministerkonferenz 1991. Denn erst wenn zur
Strafe auch eine Behandlung tritt, ergibt sich die
Chance einer fäterorientierten Prävention sexueller
Gewalt.
VON ULRICH K O B B E

Problematischerweise ist das derschänder") paradoxenveise


Bild des Sexualstraftäters in der zum Teil mehr verharmlost als
Öffentlichkeit von stereotypen tatsächlich jeweils neu aktuali-
Bildern eines „Triebtäters" ge- siert. Denn durch derartige un-
prägt, die der Wirklichkeit nicht differenzierte (Vor-)Urteile er-
gerecht werden. Hierzu muss scheint eine Tat wie die andere.
korrigierend festgestellt werden, Die Etikettierung jedes Sexual-
das es den Triebtäter, den Se- straftäters als „Triebtäter" folgt
xualstraftäter nicht gibt, son- einem äußerst naiven, biolo-
dern nur Einzelpersonen. Diese gisch-mechanistischen „Hydrau-
begehen vor dem Hintergrund lik- und Staudamm"-Modell der
ihrer Lebenserfahrungen und Sexualität. Dabei wird eine Ab-
Entwicklungsprozesse, durch folge von sogenannter Triebsfär-
unterschiedliche Stömngen ver- ke zu Triebdruc/c, zu Triebs/au
ursacht, bei individuellen Anläs- und schließlich zu Triebdurch-
sen ebenso unterschiedliche he- bruch angenommen. Dieses sim-
tero-, homo-, pädosexuelle ple Ursache-Wirkung-Modell ig-
Straftaten mit ungleichen Ge- noriert schlicht die komplexen
waltanteilen, die von den Op- Beziehungen von Trieb und Se-
fern verschieden erlebt werden. xualität und fasst damit „Trieb"
Dies wird jedoch in der Pau- nicht mehr als psychologische
schalierung (.,. Sexualstraftäter"), Bedingung, sondern rein vorbe-
Dramatisierung („Triebtäter") stimmt im Sinne einer biologi-
und Emotionalisiemng („Kin- schen Kausalität auf. Dabei geht
es aber, wie jeder aus eigener Jugendlichen (§ 78b StGB), heit", sondern als abweichen- insofern sehr individuell. Spek-
Erfahrung wissen müsste, in der • 1994 das Verbrechensbe- des, andere schädigendes Ver- takulär ist Täterarbeit lediglich
Sexualität - und damit gerade in kämpfungsgesetz, darin weitere halten kriminell sind. Das be- in den Augen der Öffentlichkeit
der abweichenden Sexualität Verschärfung des Verbots von deutet auch, dass das Asoziale und der Medien, da durch die
und mehr noch in der aggressi- Kinderpomographie (§184 der Sexualdelinquenz nicht ge- Vermischung von „sex and cri-
ven Sozialisierung von Bezie- StGB) nerell auf etwas Pathologisches me" mit ihr eine Angstlust ver-
hungen - auch um Angstab- • 1997 das Gesetz zur Ausdeh- reduziert werden darf. bunden und gelegentlich auf
wehr, Konfliktbewältigung und nung der Strafbarkeit von sexu- Dennoch sind auch unfreiwillig- den Tätertherapeuten als heimli-
Wunscherfüllung. Anders aus- eller Nötigung und Vergewalti- verpflichtende Behandlungen chen, vielleicht gar lustvollen
gedrückt: Es geht in der Mehr- gung auf die Ehe (§§ 177-179 erforderlich und sinnvoll. Er- Komplizen übertragen wird.
zahl der sogenannten Sexual- StGB), reicht werden Täter, die außer-
straftaten nicht um sexuelle • 1998 das Gesetz zur „Harmo- halb des Vollzuges nie die Eine fundierte Behandlung der
Lust oder Befriedigung, sondern nisierung", sprich: Erhöhung Schwelle einer Beratungsstelle Täter hat zum Ziel, seine emo-
um Machtausübung, Demüti- der Strafandrohungen, unter an- oder psychologischen Praxis tionale Selbstwahmehmung zu
gung und Erniedrigung mit den derem für Sexualdelikte (Miss- überschritten hätten, denen nun fordern, seine Fähigkeit zur Lö-
Mitteln der Sexualität. brauch, Prostitution. Pornogra- aber - zunächst unfreiwillig - sung gedanklicher Probleme zu
Für den Umgang mit den Tätern phie) im Zusammenhang mit ein Zugang zu dieser Form auf- verbessern und den Verhaltens-
bedeutet dies, dass nicht jede Kindern sowie erneute Auswei- gezwungener Hilfe geboten oder Handlungsspielraum zu er-
pädosexuelle Handlung, nicht tung einiger Tatbestände (§§ wird. Dabei wird es darauf an- weitem. Behandlungstechnisch
jedes pädosexuelle Delikt das 176-184 StGB) kommen, mit dem Täter in den geht es dabei dämm, ein thera-
Symptom einer pädophilen Nei- • 1998 das Gesetz zur Bekämp- ersten Stunden eine therapeuti- peutisches Arbeitsbündnis her-
gung oder Persönlichkeit im kli- fung von Sexualdelikten und an- sche Beziehung, ein therapeuti- zustellen, um Entwicklungspro-
nischen Sinne ist. Denn auch deren gefährlichen Straftaten, sches Arbeitsbündnis zu ent- zesse anzustoßen, um affektiv
psychosexuelle Reifungsstörun- darin insbesondere Verschär- wickeln. und gedanklich wirksame Be-
gen können im Einzelfall zu fungen im Bereich der Sanktio- Die Vorstellungen über eine handlungsprozesse zu ermögli-
Missbrauchshandlungen führen, nen und des Vollstreckungs- „Behandlung der Täter" bleiben chen: d.h. einerseits einen
ohne dass eine pädophiie Se- rechts (§§ 56c, 57, 66. 67d, gemeinhin eher vage. Vielmehr Nachreifungsprozess, anderer-
xualausrichtung vorliegt. Auch 68c-fStGB). mobilisiert das Thema Affekte, seits eine Übertragung von Ein-
Lebenskrisen sind unter Um- und es entsteht ein latent aggres-sicht, Werten und Wissen auf
ständen auslösende Momente Die im Zuge dieser Gesetzesän- sionshaltiges Klima. Dessen Te- die Ebene des Handelns zu be-
für pädosexuelle Handlungen. derungen eingeführte „Pflicht" nor ist. ob sich dies denn über- wirken, um sozial akzeptierte
Darüber hinaus gibt es pädokri- zur Behandlung für inhaftierte haupt lohne, ob diese Behand- Verhaltensrepertoires zu ent-
minelle Handlungen, die aus- Sexualstraftäter verwirklicht ei- lungen nicht ohnehin sinn- und wickeln. Dabei ist Schadensbe-
schließlich auf kommerzielle nen Aspekt des Umgangs mit zwecklos seien, bis hin zur For- grenzung („härm reduction")
Ausbeutung gerichtet sind, mit- den Tätern, der gerade auch im derung, in der Therapie müsse zwar eine wichtige, vielleicht so-
hin rein kriminellen Charakter Sinne des Opfers sein muss: Ne- dem Täter mal deutlich und oh- gar die wichtigste Zielsetzung,
haben (wie im Fall Dutroux). ben der Tatsache, dass es sich ne Schonung vor Augen geführt doch muss Behandlung dem Tä-
Vor diesem Hintergrund hat der um die Vorbeugung weiterer werden, „was Sache" ist. ter mehr zu bieten haben, als
Gesetzgeber in den vergangenen Taten handelt, ist dies auch für Nun sind Tätertherapeuten in ihn nur zu belehren, wie er sich
Jahren - mal über die Auswei- die Wiedereingliederung des Tä- der Tat keine ..netten Men- zu benehmen hat. Das heißt:
tung von Straftatbeständen, mal Verhaltens- und Handlungs-
durch Erhöhung der Strafandro- Täterarbeit ist als solche höchst autonomie als Grundlage für re-
hung, mal durch Verlängerung gelhaft-straffreies Alltagsverhal-
von Verjährungsfristen - Ver- ten geht über eine reine Anpas-
schärfungen des sogenannten sung an soziale und juristische
Sexualstrafrechts eingeführt: ters in die Gesellschaft - und schen" - weder für die Täter Normen und an die gesellschaft-
• 1992 das Gesetz zur Bekämp- damit gerade auch in Familien - noch für die interessierte Öf- lichen Gegebenheiten weit hin-
fung der Prostitution und des wesentlich. Zugleich ist aber fentlichkeit. Denn Behandlet- be- aus, auch wenn sich Täterbe-
Menschenhandels (§§ 180a- klarzustellen, dass Straftaten nutzen ihr therapeutisches handlung vom Auftrag her
ISlcStGB), zwar, wie sich 1905 der Straf- Handlungswissen weder zur primär darauf richtet, deliktrele-
• 1993 das Gesetz zur Bekämp- rechtsreformer von Liszt aus- verständnisvoll-einfühlsamen vante Persönlichkeitsanteile,
fung von Kinderpornographie, drückte, eine „sozial-pathologi- Entschuldigung der Tat noch als Einstellungsweisen, Dank- und
auch im Ausland (§§ 5, 6, 184 sche Erscheinung" der Gesell- gesellschaftliches Disziplinie- Handlungsmuster zu reduzieren.
StGB), schaft sein mögen, dass (Sex- rungs- oder Racheinstrument. Deliktbearbeitung als Teil von
• 1994 das Gesetz zur Verlän- ual-)Straftaten jedoch kein Und Täterarbeit ist als solche Behandlung hat zum Ziel, einen
gerung der Verjährung von Se- Symptom einer irgendwie zu be- höchst unspektakulär. Sie ist Zugang zu den eigenen devian-
xualstraftaten an Kindern und handelnden „sozialen Krank- Arbeit quasi „Fall-für-Fall" und ten Anteilen, zu einer Verarbei-

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tung und Verändemng dieser der Allmacht, aber auch der De- laufstelle, die befürchten, eine „Pflicht" im Freiheitsentzug nur
oft abgespaltenen Gefühle, zu pression, der Hilflosigkeit, der Sexualstraftat zu begehen. Stra- statthaft -, wenn der Täter
einer Korrektur bisheriger Ver- Passivität sowie der Angst oder fe hat keine Antwort auf die Chancen zur gesellschaftlichen
zerrungen der Fremd- und Panik, der Leere und Nichtig- Problematik der Täter, die Reintegration erhält. Die Veröf-
Selbstwahrnehmung, aber auch keit oder der Scham, der selbst Opfer von Gewalt sind. fentlichung der Namen verur-
zu einem Verstehen der Tat zu Schuld, der Schlechtigkeit. Strafe versagt somit auf weiten teilter Sexualstraftäter an deren
gewinnen. Künftig adäquate Damit bringt Täterarbeit für die Strecken in der Prävention sexu- Wohnort in Großbritannien und
Verhaltensalternativen zur Ver- Behandler erhebliche psychische eller Gewalt. Dies erfordert Tä- den USA und gelegentliche For-
fügung zu haben bedeutet also, Belastungen mit sich. Sie erfor- terarbeit als Opferschutz ohne derungen auch in Deutschland
dass die Straftat nicht - quasi dert viel Selbsterfahrung, um Strafverfahren, als Beitrag zu charakterisieren ein öffentliches
schicksalhaft oder zufällig - mit diesen Zuständen therapeu- Resozialisierung / Reintegration Klima, das kaum Bereitschaft
..passiert" ist, sondern dass sich tisch angemessen umgehen während der Haft, als Rückfall- zeigt, Täter nach Strafver-
der Täter als Akteur seiner zukönnen. Das heißt auch, dass prävention während der Haft, büßung - und gegebenenfalls
Handlungen wahrnehmen, Ver- Behandler von Täterpersonen in als Rückfallprävention nach der Therapie - wieder in die soziale
antwortung übernehmen und ihrem Selbstverständnis nicht Entlassung, als täterorientierte Gemeinschaft zu integrieren.
deliktrelevanten Konfliktsitua- auf kurz- oder mittelfristige Er- Prävention, als Behandlung der
tionen vorbeugen kann. folge angewiesen sein dürfen. Ursachen. Mit der Zielrichtung Dr. Ulrich Kobbe behandelt seit
Damit ist die Behandlung der Sie müssen weitgehend gegen des Opferschutzes unterscheidet 1984 Täter in der forensischen
Täter immer „Beziehungsar- eine zu große Ungeduld und ge- sich Tätertherapie grundlegend Psychiatrie und im Strafvollzug.
beit", was mit den besonderen gen eigenen therapeutischen von anderen psychotherapeuti- Er vertritt einen Lehrstuhlfür
Beziehungsmustern zu tun hat. oder erzieherischen Ehrgeiz ge- schen oder psychologischen Be- klinische Psychologie an der
Was in der Begegnung mit Tä- feit sein, um nicht der Versu- handlungsmodellen, die aus- Universität Essen und ist Mit-
tern beeindruckt, vielleicht be- chung zu erliegen, den Klienten schließlich oder primär an Hilfe herausgeber der Zeitschrift,. Fo-
fremdet oder erschreckt, sind manipulativ zu behandeln. für den Patienten oder Klienten rensische Psychiatrie und Psy-
nicht nur deren Gefühlszustän- Zusammenfassend ist zu sagen: orientiert sind. chotherapie".
de, sondern eben auch die -hef- Strafe greift zu kurz. Sie wird Voraussetzung für eine erfolg-
tigen- emotionalen und auch dem gesetzlichen Resozialisie- reiche Behandlung der Täter ist
körperlichen Reaktionen des rungsauftrag nicht gerecht. Stra- allerdings, dass es einen „sozia-
Therapeuten. Da gibt es in der fe hilft nicht. Rückfälle nach ei- len Empfangsraum" gibt, in den
Situation aufblitzende Gefühls- ner Haftstrafe zu vermeiden. sie sich gesellschaftlich wieder
zustände der Wut, des Zorns, Strafe kann Täter außerhalb der integrieren können. Die Be-
des Hasses, ebenfalls der Strafverfolgung nicht erreichen. handlung von Tätern kann nur
Großartigkeit, der Dominanz, Strafe bietet denen keine An- erfolgreich sein - und ist als