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Türkei

Das Versteck
Fünfundneunzig Jahre nach dem Völkermord reisen zwei armenische Familien in
die Türkei zurück. Der einen fällt das Wiedersehen leicht, ihnen wurde damals
geholfen. Der anderen nicht, für sie bleiben alle Türken Feinde.
Von Karen Krüger

23. Juni 2010 Sie wollte immer ihre Heimat sehen.


Und oft wollte sie es auch nicht. Dann schlug die
Sehnsucht in Wut und Traurigkeit um. Dann
weinten sie und ihre Familie um die Ermordeten
und das Verlorene. Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan ist sechzig Jahre alt. Sie wurde dort
geboren, wo sie auch wohnt, im Libanon. Vor
wenigen Augenblicken aber hat sie den Ort, den sie
Heimat nennt, zum ersten Mal betreten. Shoushan
Als in Sis noch Armenier lebten, wurde die Stadt Faradschjan-Tschiftdsch- jan ist nach Kozan gereist,
von einer mächtigen Burg überragt. Heute ist sie
eine Ruine. einer kleinen Stadt im Südwesten der Türkei, die
früher einmal Sis hieß.

Am Himmel steht die Dämmerung, der Tag neigt sich dem Ende zu. Shoushan Faradschjan-
Tschiftdsch- jan blickt um sich, betrachtet still die vor ihr liegenden Häuser. Sie geht ein
paar Schritte die Straße entlang: eine gepflegte weißhaarige Dame. Sie atmet tief ein, so
als wolle sie den Duft der Luft kosten und nie mehr vergessen. Sie lächelt. Obwohl sie die
Sehnsucht und den Schmerz von drei Generationen in sich trägt, hat sie in diesem
Augenblick die Augen einer jungen Frau.

Der Imam von Sis rettete die christliche Familie

Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ist Armenierin. Über Jahrhunderte hatte ihre Familie


in Sis gelebt. Doch dann kam der Erste Weltkrieg und mit ihm in den Jahren 1915 bis 1917
der von den Jungtürken angezettelte Genozid an den Armeniern. Sie wurden umgebracht
oder starben während der Deportation. In Sis wurden die Armenier, die nicht geflüchtet
waren, im Jahr 1920 vom Mob gemeuchelt, nachdem die französischen Kriegssieger und
Beschützer es verlassen hatten. Dass die Familie von Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan
überlebte, hat sie dem Mut eines einzigen Mannes zu verdanken: Der Imam von Sis, Hoca
Camurdan, holte ihren Großvater, den Armenier, den christlichen Prediger, mit Frau und
Kindern in sein Haus. Er versteckte sie, zwei Jahre lang. Dann half er der Familie zu
flüchten, sie emigrierte in den Libanon.

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Der Kontakt nach Sis verlor sich, die Courage des Imams aber vergaßen selbst die
Nachgeborenen nie. Sie wurde zu einem Halt, der sie davor bewahrte, in der Erinnerung an
den Genozid unterzugehen. Sie schrieben Bücher über Rettung und Flucht. Erzählten
Journalisten davon. Bis vor drei Wochen dachte Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan aber,

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dass es niemanden mehr gebe, der auch in der Heimat noch an diese Geschichte denkt.
Doch dann klingelte in Beirut das Telefon. Am Apparat war der Urenkel des Imams.
Monatelang hatten er und seine Mutter nach der geretteten armenischen Familie gesucht,
von der sein Urgroßvater und auch der Großvater bis zu ihrem Tod wieder und wieder
erzählten. Ob man sich nicht kennenlernen könnte? Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan
sagte ja. Und jetzt sind es bis zum Treffen am nächsten Morgen nur noch wenige Stunden.

Spuren eines Lebens

Zum Thema
Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan ist nicht allein in die
Türkei gekommen. Zu groß ist ihre Furcht vor dem
Der schwierige Dialog
Moment, in dem die Erinnerung an der Wirklichkeit
zwischen Armeniern und
Türken über den zerbricht. Zu groß die Angst, als Armenierin nicht sicher in
armenischen Genozid der Türkei zu sein. Noch immer gibt es Ressentiments,
Eine herausragende noch immer hat die Türkei den Genozid nicht anerkannt,
ARD-Dokumentation erinnert noch immer müssen Armenier dort ihre Herkunft
an den Genozid an den
Armeniern verleugnen. Deshalb hat sie ihre beiden Söhne
mitgebracht: Der eine, Ischchan, promoviert in
Völkermord im Lehrplan: Die
armen Schüler Deutschland über den Genozid und engagiert sich für
Genozid in Armenien: Die dessen Anerkennung. Auch der andere knüpft an
Herrschaft der Toten Vergangenes an: Pater Krikor lebt in einer Bruderschaft im
Libanon, deren Hauptsitz früher Sis gewesen ist. Lasst uns
ein paar Schritte gehen, sagt Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan zu ihren Söhnen. Wir wollen doch mal sehen, was das heutige Sis nachts zu
bieten hat; nur ein kleiner Spaziergang nach der langen Reise.

Sie gehen die Straße hinunter, biegen nach rechts und links ab, erst vorsichtig und tastend,
dann mit immer selbstbewussteren Schritten: drei Menschen auf den Spuren eines Lebens,
das nur noch als Anekdoten existiert. Wieder und wieder haben sie vor ihrer Abreise im
Libanon vergilbte Fotos angeschaut, sind eingetaucht in die Erinnerungen, die der
Urgroßvater dem Sohn, dessen Kinder den Kindeskindern und Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan ihren Söhnen weitergegeben hat. Kozan ist darin noch Sis, ein Ort, an dem
Armenier und Türken gemeinsam Feste feiern, in dem es eine Moschee, ein
jahrhundertealtes Kloster mit Kathedrale - Sitz des armenischen Katholikosat des Großen
Hauses von Kilikien - und auf dem Berg eine mächtige Festung gibt.

Irgendwo muss das Haus des Urgroßvaters sein

Dieses Sis ist Geschichte. Das Kloster und die Kathedrale fielen während des Genozids in
Schutt und Asche, die Burg wurde zur Ruine, die Stadt wurde in Kozan umbenannt. In die
Häuser der Armenier zogen Türken ein. Nichts sollte mehr von der armenischen Gemeinde
zeugen, nichts bleiben, was ihr Schicksal erzählt. Aber die Nacht über Kozan riecht noch
immer nach Jasmin und Feigen, sagt Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan. Auch davon
hatte der Urgroßvater gesprochen.

Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjans Hände streichen Häuserwände entlang, greifen nach


Zweigen, die aus Gärten in die Straße ragen, sie berührt einen Türklopfer, er ist geformt
wie eine Hand - schaut, so einen hatten wir auch in Tripolis, flüstert sie den Söhnen zu und
ist schon wieder weiter, irgendwo muss das Haus des Urgroßvaters sein und jenes, in dem
man ihn versteckte. Sie könnte sie beide zeichnen, so oft war die Rede davon. Da nähert
sich ein Auto, verlangsamt seine Fahrt, neugierige Augen streifen Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan und ihre Söhne. In der nächsten Kurve hält es an. Drei Frauen und zwei
Männer mit einem Baby auf dem Arm steigen aus, blicken den Fremden entgegen.

Der Dialog tanzt um das Unaussprechliche

Ihr Gespräch erstirbt, der Gang wird angespannt. Man ist fast aneinander vorbei, da spricht

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die jüngere der Frauen, ein Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren, Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan an. Guten Abend, sind Sie zu Besuch hier? Ja. Sie besichtigen die Stadt? Ja.
Woher kommen Sie? Aus dem Libanon. Das Mädchen mustert die Fotoapparate der
Fremden. Haben Sie Bilder gemacht? Shoushan Faradschjan- Tschiftdschjan versucht ein
Lächeln, nickt, wie man zum Abschied nickt. Sie möchte weitergehen. Da berührt das
Mädchen sie am Arm: Ich sehe doch, dass Sie etwas auf dem Herzen haben. Wie kann ich
Ihnen helfen?

Shoushan Faradschjan- Tschiftdschjan zögert, sucht die Augen der Söhne. Sie antwortet in
einem Türkisch, das den Akzent von Kozan trägt: Meine Familie hat vor langer Zeit hier
gelebt. Wir suchen das Haus von Hoca Camurdan, unseres war nebenan. Wie heißt du?
Ayse, sagt das Mädchen. Jetzt treten auch die übrigen Insassen des Autos heran. Von nun
an werden Ayses Vater und Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjans Söhne sprechen. Es ist
ein Dialog, der um das Unaussprechliche tanzt. Fiele das Wort Genozid, dann wäre die
Brücke, die in diesem Augenblick zwischen den Türken und den Armeniern entstanden ist,
wieder entzwei.

Wer hat all die alten Häuser hier gebaut?

Wo genau ist das Haus gewesen? Was hat man Ihnen erzählt?, fragt der Türke. Unser
Freund soll neben der kleinen Moschee gewohnt haben, sagt Ischchan Tschiftdschjan.
Kenne ich. Sind Sie sich sicher? Ja. Wieso? Weil das meine Nachbarschaft ist. Und? Das
steht schon lange nicht mehr, da wurde neu gebaut. Diese letzten Worte hängen in der
Luft, werden schwer wie Blei. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan und ihre Söhne starren
den Türken an, als habe er ihnen die Nachricht eines Todes überbracht. Als Ischchan
Tschiftdschjan wieder anhebt, ist Schärfe in seiner Stimme. Wer hat all die alten Häuser
hier gebaut? fragt der Armenier. Die Franzosen, sagt der Türke. Und das große am Berg?
Ein Ungläubiger. Hier sollen Armenier gelebt haben, wo sind die hin? Sie kamen mit den
Franzosen und verschwanden mit ihnen, sagt der Türke. Hör endlich auf damit, er weiß es
nicht besser, zischt Pater Krikor den Bruder auf Armenisch zu. Sie verabschieden sich.

Am nächsten Morgen wartet die Familie im Hotel auf das Eintreffen von Nihal Karahaliloglu,
der Enkelin des Imams, als eine weitere armenische Familie dazustößt, die in dieser
Geschichte Hagopian heißen soll: Mutter Vanuhi und Tochter Anna, beide leben in Los
Angeles. Mit dem Bankencrash hat die Tochter ihre Arbeit verloren. Die entstandene Lücke
habe sie mit Recherchen über die Geschichte ihrer Familie gefüllt, sagt sie.

Auf Zypern waren sie als türkische Armenier für Griechen nur die Türken

Auch ihre Familie stammt aus Sis, auch sie wurde aus dem Ort vertrieben. Sie flüchtete
nach Zypern, wo sie fremd blieb, weil sie als türkische Armenier für Griechen nur die
Türken waren, und emigrierte deshalb von dort aus nach Frankreich, Südamerika, in die
Vereinigten Staaten. Auch sie sprechen ein Türkisch, das den Akzent von Kozan trägt. Sie
lächeln verhalten, sind zum ersten Mal hier. Anders als Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan wollen sie niemanden in Kozan besuchen. Es gibt hier niemanden, der auf sie
wartet. Denn als der Genozid ausbrach, war niemand da, der ihnen half. Jetzt möchten die
Enkelin und die Urenkelin das Haus ihrer Familie wiederfinden. Es soll groß und prächtig
gewesen sein. Deshalb sind sie hier. Vielleicht kann der Kontakt der anderen Armenier
helfen.

Man begrüßt sich, man hat schon einmal zwischen Los Angeles und Beirut telefoniert und
sich geeinigt, die Reise nach Kozan zum gleichen Zeitpunkt anzutreten; irgendwie gehört
man zusammen, auch wenn man einander nicht kennt. Es ist die Erfahrung, die verbindet:
Der Genozid hat beide Familien über Generationen hinweg geprägt. Und doch ist ihr
Umgang damit verschieden. In dem Grauen, das die Familie Hagopian erlebte, gab es kein
Zeichen von Hoffnung, von Licht. In der Erinnerung sind es schwarze Jahre. Nichts ist weiß
oder grau. Die Türken haben uns vertrieben, sagt Vanuhi Hagopian, wenn sie vom

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Schicksal ihrer Großeltern spricht - als gäbe es eine türkische Kollektivschuld an deren
Vertreibung und an ihrem eigenen Leben. Die Schergen der jungtürkischen Regierung
haben meine Großeltern gezwungen zu flüchten, sagt hingegen Shoushan Faradschjan-
Tschiftdschjan. Es sind Nuancen, mit denen die Vergangenheit erträglich wird.

Dankbar, überlebt zu haben

Sie springt auf, läuft zur Tür, in der eine kleine ältere Dame mit weißer Handtasche steht.
Es ist Nihal Karahaliloglu, die Enkelin des Imams. Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan
umfängt sie mit beiden Armen. Sie lacht. Sie weint. Nihal Karahaliloglu umklammert ihre
Handtasche, sagt ach, ach. Streicht der Armenierin ungeschickt über die Wange. Über
Generationen erfahrenen Schmerz, Dankbarkeit, überlebt zu haben, kennt die Türkin nicht.
Ihr Großvater hat Leben gewährt, gerettet, darüber sprach ihre Familie. Nach außen
verschwieg man es lieber. Etwas anderes ließ das Klima in der Türkei nicht zu. Hoca
Camurdan war ein sehr bescheidener Mann, fasst Nihal Karahaliloglu zusammen.

Die Türkin legt ihr seidenes Kopftuch ab. Sie setzen sich. Keiner weiß, wo anfangen. Es ist,
als sei mit lautem Knall ein Luftballon geplatzt. Und jetzt ist Stille. Erst nach und nach
fliegen Erinnerungsfetzen durch die Luft, werden Bilder herumgereicht, ein Fotoapparat
klickt. Der Moment, auf den man so lange gewartet hatte, ist ruhig, viel ruhiger als
gedacht. Die Hagopians sitzen mit am Tisch, lauschen höflich. Den Tee, den man serviert,
lehnen sie ab. Türkischen vertrage ich nicht, sagt die Mutter. Ob sie glücklich sei?, wird
Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan gefragt. Sie nickt. Auch traurig, weil sie spüre, wie es
bei einem anderen Lauf der Geschichte hätte sein können hier.

Sie wollen gemeinsam das Versteck anschauen

Sie zieht ein Geschenk hervor. Das Licht meiner Augen, sagt sie und überreicht es Nihal
Karahaliloglu. Es ist eine wunderbare Häkelarbeit, eine Rosette, gefertigt von der
Urgroßmutter, der Großmutter und ihr. Wir haben unsere Erinnerungen in sie einfließen
lassen; sie soll ein Symbol sein für die Verbindung unserer Familien. Nihal Karahaliloglu
verschenkt Süßigkeiten. Vanuhi Hagopian hat die Besitzurkunde vom Haus ihres
Großvaters mitgebracht. Ob man ihr das Alttürkisch übersetzen könne? Keiner nickt.
Vanuhi Hagopian ist enttäuscht. Sie haben die Cousine meines Großvaters auf dem Feld
verbrannt, flüstert sie später.

Sie gehen los. Sie wollen gemeinsam das Versteck anschauen. Die Türkin geht voran, jeder
im Ort kennt ihre Familie, an ihrer Seite läuft Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan: Zwei
Frauen, die eine ist hier zu Hause, die andere darf es nicht sein. Begegnen sie Menschen,
dann stellt man Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan als Freundin der Familie vor. Dass sie
Armenierin ist, wird verschwiegen. Die Häuser aber können jetzt, am Tag, die
Vergangenheit nicht leugnen.

Graberde für Beirut

Jahrhundertealte Mauern säumen den Weg, manche schmücken Ornamente. Erst beim
genauen Hinsehen sieht man, dass sie Außenwände stattlicher Gebäude waren. Nach ihrer
Zerstörung wurde einfach der Schutt aus ihrem Kern entfernt, und neue, kleinere Häuser
wurden in ihm gebaut. Die Menschen hier haben keinen Sinn für Schönheit, wir erst haben
ihnen Zivilisation gebracht, sagt Vanuhi Hagopian, als sie an einem zerfallenen Balkon
entlanggeht. Dass Barack Obama nicht mehr von Genozid spricht und nicht mehr dessen
Anerkennung verlangt, seitdem er Präsident ist, findet sie gut: Weil Armenier in Amerika
deshalb weiter dafür streiten müssen, bleibt der Genozid ein Thema. Und die Türkei ärgert
sich.

Nihal Karahaliloglu biegt in ein Tor ein. Niemand hatte es in der vergangenen Nacht
bemerkt. Das Haus des Imams ist eine Ruine, aber noch da. Im Innenhof wachsen Gras

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und wilde Blumen. Ischchan Tschiftdschjan bückt sich, steckt einen Stein in die
Hosentasche. Sein Bruder fotografiert. Die Mutter ist ganz still. Da sind die Überreste des
Stalls, in den die Familie kroch, als der Mob eines Tages in den Hof eindrang, da der Raum,
in dem sie aßen. Zwei Jahre lang hämmerte es immer wieder wütend an das Tor, jedes
Mal verjagte der Imam die aufgehetzte Meute, drohte, jeden Einzelnen in der Moschee
namentlich zu nennen und zu blamieren. Einmal bot er sein Leben für das der Armenier an.
War die Lage wieder ruhig, dann reparierte der Urgroßvater der Faradschjan-
Tschiftdschjans weiter kaputte Schuhe: Um für den Unterhalt seiner Familie einen
finanziellen Beitrag zu leisten, ließ er sie sich von den Bewohnern von Sis zukommen. Ob
die ehemaligen Nachbarn auf diese Weise Solidarität mit den Verfolgten signalisieren
wollten oder ob sie sich so über sie mokierten, weiß heute niemand mehr. Lasst uns zum
Friedhof gehen, sagt Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan.

Der Weg der Urgroßväter

Das Grab des Imams ist erhöht, hier ruht ein angesehener Mann. Vor der Stele hebt Pater
Krikor beide Hände und spricht mit seiner Familie ein armenisches Gebet. Die andern
warten im Hintergrund. Bruder Ischchan packt eine Tüte aus, in die alle drei eine Handvoll
Graberde legen. Nach ihrer Rückkehr nach Beirut werden sie damit die Ruhestätte des
Urgroßvaters bestreuen. Da kommt der Friedhofswärter und baut sich vor der Familie auf.
Es sind die gleichen Fragen wie nachts zuvor: Woher? Wieso? Dann legt er los: Die
Armenier seien alle Extremisten gewesen, Kollaborateure der russischen Armee;
skrupellos, allen Warnungen ihnen gegenüber zum Trotz. Vor der Familie steht ein
Vertreter der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung. Pater Krikor geht zwischen den
Gräbern davon. Seine übrige Familie und die Hagopians ertragen die Worte. Irgendwie.

Am Abend, es ist der Abschied, lädt Nihal Karahaliloglu alle ein, in ein Restaurant außerhalb
von Kozan. Sie und Shoushan Faradschjan-Tschiftdschjan plaudern jetzt bei Tisch von der
Gegenwart, sie lachen. Die Amerikanerin Vanuhi Hagopian bleibt in sich gekehrt. Die
Geschichte der Rettung sei ja ganz schön, gegen ihr tiefstes Inneres komme sie aber nicht
an, dort sei der Türke noch immer der Feind. Ihre Tochter lächelt, der Wirt meint zu
wissen, wo das Haus des Großvaters steht. Zwischen Pater Krikor und dessen Bruder hat
der Urenkel des Imams Platz genommen. Sie unterhalten sich. Er ist ein offener Mann. Ihm
gegenüber fällt das erste Mal an diesem Tag das Wort Genozid. Es bleibt unwidersprochen.
Wir sollten den Weg unserer Urgroßväter weiterführen, sagt er. Sieben Menschen sitzen an
der Tafel. Verbunden und entzweit durch ein fast hundert Jahre altes Verbrechen und durch
eine Stadt, die für sie Heimat ist. Sie alle sollten dort leben können. Aber als sie später vor
das Restaurant treten, betrachten sie nur ihre Lichter.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Daniel Pilar

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