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Dummetts Auffassung von Realismus

Gegenstand dieses Essays ist die von Michael Dummett entwickelte Auffassung von Realismus. Was uns
genauer interessiert, ist seine Behauptung, dass die korrekte Beschreibung der Debatten zwischen Realisten
und Anti-realisten eine semantische Form im weiten Sinne annehmen soll, nämlich eine solche, die sowohl
eine Theorie der Bedeutung (Referenz) als auch eine des Sinns beinhält. Wegen der Kürze des Essays sind
wir dazu verpflichtet, uns nur auf Dummetts Realismusdeutung zu konzentrieren und daher seine
tatsächlichen Argumente gegen Realismus sowie seine genaue Formulierung der Anti-realismus außer
Betracht zu lassen. Im Folgenden beziehen wir uns zwar hauptsächlich auf Dummetts Text ‘Realism’1, aber
der Auslegung wegen werden wir auch auf andere Texte kommen.

Bevor wir zu Dummetts Auffassung kommen, wäre es sinnvoll einige vorläufige den Realismusbegriff
betreffenden Unterscheidungen zu treffen. Es wird oft akzeptiert, dass die Frage nach dem Realismus
hinsichtlich verschiedener Bereiche gestellt werden kann, in denen um nur einige zu erwähnen die
Wissenschaft, die Moral, die Mathematik, die Außenwelt u.a zahlen. Eine Intuition zu haben globaler
Realist zu sein ist zwar nicht etwas Seltenes, aber es ist nicht zu übersehen, dass meistens ein lokaler Disput
derjenige ist, worüber man zu entscheiden hat, ob realistisch oder antirealistisch zu charakterisieren ist. Es
fehlt daher einem allgemeinen Konsens wie die Reichweite des Realismus besser aufzufassen ist. Um unser
Thema etwa zu nähern können wir einer weit verbreiteten Auffassung zufolge zwischen zwei Aspekte des
Realismus in Bezug auf die Außenwelt2 unterscheiden: einerseits haben wir, wenn es um Dinge Stuhle,
Autos oder Berge geht, eine Behauptung, die deren Existenz betrifft und anderseits können wir über deren
Unabhängigkeit von uns sprechen , d.h von unserem Verstehen, Begriffen, Schemas usw. Diese Aspekte
lassen wir zwar jetzt ganz allgemein unterscheiden, aber es ist zu erwähnen, dass Existenz und
Unabhängigkeit als Merkmale der Realismus auf einer nicht trivialen Weise zu verstehen sind3. Dieser
vorläufigen Unterscheidung zufolge könnte eine antirealistische Position formuliert werden, indem sie eine
der zwei oben genannten Aspekte verneint. Wenn es um die Widerlegung des Existenzaspekts geht, kommt
man unter anderem zu Instrumentalismus, Non-Kognitivismus, wohin gegen bei der Verneinung der
Unabhängigkeitsaspekt zu Idealismus und Konstruktivismus. All diese mögen prinzipiell unumstritten sein,
aber sie weisen darauf hin, dass Realismus und Antirealismus nur zwischen ihrer Beziehung und in Bezug
auf die jeweils Gegenstandsbereiche, d.h lokal genauer bestimmt werden können. Darauf werden wir aber
bei der Dummetts Auffassung zurückkommen müssen.

Unsere Formulierung des Realismus bezüglich der Außenwelt läuft darauf hinaus, dass es um eine minimal
metaphysische Deutung handelt, die jeder Außenweltrealist kein Problem zu akzeptieren hätte. Um einen
möglichen Einwand vorwegzunehmen haben wir bei unserer Formulierung auf eine explizite Erwähnung
epistemischer und semantischer Komponente verzichtet, damit wir den Kontrast mit der dummettschen

1
Michael Dummett, Realism, Synthese, Vol. 52, No. 1, Realism, Part II (Jul., 1982), p. 55-112
2
Michael Devitt, Realism and Truth, Princeton University Press, Princeton, 1991, p.24
3
Alexander Miller, The Significance of Semantic Realism, Synthese 136, 2003, p. 192
Position besser beschreiben können. Man könnte beispielweise mit C. Wright4 behaupten, dass dem
Realismus zwei Versionen zugeschrieben werden können, eine schwächere (modest) und eine stärkere
(presumptous). Die Stärkere zum Beispiel besagt, dass, Realismus als eine epistemisch optimistische
Position verstanden werden kann, die gegen den Skeptizismus auftritt. Trotzdem scheint uns ein Verzicht
auf epistemische Aspekte von der minimalen Definition des Realismus deswegen notwendig, weil es
überhaupt nicht klar ist, wie er prinzipiell mit der Unabhängigkeitsdimension zu kombinieren wäre5.

Bei traditionellen Dispute über Realismus geht es meistens um die Existenz und die Unabhängigkeit von
bestimmten Entitäten. Man kann beispielsweise an den Disput zwischen mittelalterlichen Realisten und
Nominalisten über die Existenz der Universalien sowie an den Realismus in Mathematik (Platonismus),
wobei die Zahlen als außer der Raum und Zeit bestehende Objekt verstanden worden sind, denken. Dagegen
wendet sich Dummett, indem er behauptet, dass die korrekte Auffassung des Realismus nicht
problematische Entitäten, sondern bestimmte Aussageklasse betreffen soll. Damit ändert sich entsprechend
die Vorstellung der Existenz und Unabhängigkeit, die die jeweils problematische Aussage betrifft, indem
sie darauf hinauskommt, wie diese als wahr oder falsch gemäß ihrer Konstitution zu verstehen sind.
Allgemein betrachtet bedeutet der Fokus auf Aussage statt Entitäten eine semantische Umformung des
Disputs. Welche Gründe hat dabei Dummett eine mehr oder weniger metaphysische Konzeption des
Realismus zu bestreiten und sich für eine semantische Umdeutung zu entscheiden? Dem langen Essay
Realism zufolge ist eine global realistische Position kaum formulierbar, wenn es um bestimmte Entitäten
die Rede ist, weil es Formen des Realimus gibt, wie etwa der Realismus über das Futur6, wobei niemand
tatsächlich glaubt, dass bei diesem Bereich überhaupt über Entitäten diskutiert werden kann. Man könnte
einen zweiten Grund in einem späteren Essay namens Realism and Antirealism7 finden. Dabei erklärt
Dummett, dass der Anlass für seinen Fokus auf die Semantik darin lag, dass bei manchen Fällen (hier denkt
Dummett wie üblich an die Mathematik) nicht die Existenz in Frage gestellt wird, sondern die Objektivität,
d.h die Unabhängigkeit der Aussagen. Hierbei versteht Dummett unter Objektivität eine den Wahrheitswert
der Aussagen bestimmende Weise. Wiederum lag das Hervorbringen der Aussagen (alternativ
Propositionen) statt den Dingen einem wittgensteinischen Gedanke zugrunde, nämlich demjenigen, der
lautet: die Welt sei die Totalität der Tatsachen, nicht der Dinge, wobei Tatsachen für Dummett (wie für
Wittgenstein), diejenigen Propositionen sind, die wahr sein können8. Die bereits genannten Gründe mögen
zwar von großer Bedeutung sein um Dummetts Projekt zu verstehen, sollten sie aber nicht einen tief
liegenden Verdacht unterspielen. Es handelt sich nämlich bei diesem Gedanken um eine Ablehnung unseres
Vermögens eine wortwörtliche metaphysische Konzeption des Realismus überhaupt zu haben. Diesem
Gedanken zufolge sind die jeweils metaphysische Einsichten nur ein Bild ohne bestimmten Gehalt, das
nicht dazu dienen könnte, einen Dissens über den realistischen Status eines Bereichs einem bestimmten
Inhalt zuzuschreiben und dadurch aufzulösen. Der charakteristische Fall, der diesen Gedanke

4
Crispin Wright, Truth and Objectivity, Harvard University Press, Cambridge, 1992, p.2
5
Stuart Brock, Edwin Mares, Realism and Anti-Realism, Mcgill Queens University Press, 2007, p.6
6
M. Dummett, Realism, p. 56
7
Michael Dummett, Realism and Antirealism in: The Seas of Language, Clarendon Press, Oxford,
1993, p.462-478
8
Ebd., p. 464
exemplifiziert, ist wiederum die Mathematik und die von Dummett bevorzugten Position des
Intuitionismus9. M. Devitt, der lautstärkster Kritiker Dummetts, nennt die obengenannte Position, die These
von Metaphern10 (Metaphor Thesis).

M. Devitt ist hinzu der Meinung, dass Dummett neben der Metapherthese eine Komplementäre vertritt, der
zufolge der wörtliche Gehalt des Realismus durch den semantischen Realismus konstituiert wird. Diese
These nennt Devitt die von Konstitution (the constitution thesis). Aber was ist genau unter semantischem
Realismus zu verstehen? Wir können ihn auf die Konjunktion drei Behauptungen zurückführen11. Die erste
Behauptung, die wir schon gesehen haben, ist der Fokus auf Sätze oder Aussage statt Entitäten. Die Zweite
lautet, dass der Realismus Disput mit Wahrheit im Wesentlichen zu tun hat, die auf die problematischen
Aussagen zutreffen kann. Die dritte Komponente besagt eine Spezifizierung der Wahrheitskonzeption, die
ein semantischer Realist vertreten würde, nämlich eine die bivalent oder evidenz-transzendent ist. Diese
Begriffe bedürfen jedenfalls Erklärung. Eine Aussage deren Wahrheit bivalent ist, heißt, dass sie nur wahr
oder falsch sein kann ohne ihr weitere Wahrheitswerte zugeschrieben werden zu können. Evidenz-
transzendent ist eine Aussage von deren Wahr-oder Falschsein gesagt werden kann ohne dass wir prinzipiell
in der Lage sind oder sein werden, ihren Wahrheitswert überhaupt zu erkennen oder Evidenz dafür zu
finden. Diese Prinzipien sind ausschlaggebend für die realistische oder bivalente Semantik wie Dummett
sie nennt und notwendig, aber nicht hinreichend für Realismus. Hier sollte doch erwähnt werden, dass die
präzise Beziehung zwischen Bivalenz und Evidenz-transzendenz nicht eine der Identität ist, obwohl beide
in Realism Essay zusammen bei Dummetts erste Formulierung vorkommen12.

An diese Stelle ist eine Qualifizierung unserer ersten These notwendig, ohne die eine wesentlich falsche
Beschreibung der dummettschen Position gegeben würde. Dummett nennt die Sätze worüber man
metaphysisch diskutieren kann, die umstrittene Klasse (the disputed class) oder die gegebene Klasse (the
given class). Dummett scheint nämlich zu glauben, dass ein Disput über Realismus den Status nur
bestimmter problematischer Sätzen betreffen soll und nicht aller Sätze, die wir über den jeglichen Bereich
hinaus formulieren können. In dieser Hinsicht ist gewissermaßen der Antirealismus, den Dummett vertritt,
nicht global, wie der traditionelle Idealismus, ihm zufolge der Realist die Essenz der Wahrheit im
Wesentlichem verwechselt. Laut C. Wright13: “Dummett’s anti-realist makes his complaints about the

9
Dazu schreibt Dummett: How [are] we to decide this dispute over the ontological status of mathematical
objects[?] As I have remarked, we have here two metaphors: the platonist compares the mathematician
with the astronomer, the geographer or the explorer, the intuitionist compares him with the sculptor or
the imaginative writer; and neither comparison seems very apt. The disagreement evidently relates to the
amount of freedom that the mathematician has. Put this way, however, both seem partly right and partly
wrong: the mathematician has great freedom in devising the concepts he introduces and in delineating
the structure he chooses to study, but he cannot prove just whatever he decides it would be attractive to
prove. How are we to make the disagreement into a definite one, and how can we then resolve it? Michael
Dummett, The Seas of Language, Oxford University Press, 1996, p. xxv
10
Michael Devitt, 1991
11
Zu dieser Formulierung: Bob Hale, Realism and its Opponents in: Bob Hale, Crispin Wright (ed.), A
Companion to the Philosophy of Language, Wiley-Blackwell, 1997, p. 283
12
Dummett, 1982, p.55: “The very minimum that realism can be held to involve is that statements in the
given class relate to some reality that exists in dependently of our knowledge of it, in such a way that
that reality renders each statement in the class determinately true or false, again independently of whether
we know, or are even able to discover, its truth-value”.
13
Crispin Wright, Realism, Meaning and Truth, Wiley-Blackwell,1993, p. 3
realist interpretation of certain statements by contrast with the situation of other statements- effectively
decidable statements- about which he has no quarrel with the realist view”. Die Sätze also mit denen sich
Dummett beschäftigt sind die sogenannte “Unentscheidbare14“: “An undecidable sentence is simply one
whose sense is such that, though in certain effectively recognizable situations we acknowledge it as true, in
others we acknowledge it as false, and yet in others no decision is possible, we possess no effective means
for bringing about a situation which is one or the other of the first two kinds”.

Dummett erweckt manchmal den Eindruck, dass er sich damit zufriedengibt, die unrestringierte Bivalenz
als notwendiges und hinreichendes Merkmal des Realismus zu akzeptieren. Das mag in gewissem Masse
richtig sein, aber es entspricht keinesfalls völlig seiner Position, die in Realism Essay als viel komplizierter
erscheint. Bevor wir uns aber mit den Problemen der absoluten Bivalenz beschäftigen, sollten wir kurz die
übrige Komponente seiner Auffassung besprechen. Die erste Komponente, die wir erwähnen möchten, ist
der Begriff der Referenz (reference). Nach Dummett ist nicht immer die Bivalenz, die in Frage gestellt wird,
sondern auch die Weise wie die Wahrheitswerte bestimmt sind. Um eine realistische Semantik zu haben
sollte man Dummett zufolge eine zweiwertige (bivalente) Semantik auf eine bestimmte Idee der Referenz
zurückführen. Ein semantischer Realist würde dann eine bivalente Wahrheit akzeptieren und sie auf Sätze
anwenden lassen, die aus auf Objekte bezogenen singulären Termini oder prädikativen Ausdrücke
bestehen15. Daraus ergibt sich, dass eine antirealistische Position auch dann formuliert werden könnte,
indem sie darauf hinweist, dass die Referenz bestimmter Termini nicht gelingt. Sowohl bei der Idee der
Bivalenz als auch bei der Referenz scheint Dummett zu glauben, dass immer dann sich eine antirealistische
Position ergibt, wenn Wahrheitswertlücke (truth-value gaps) auftreten. Die Idee der Wahrheitswertlücke
kann auf die fregesche Idee zurückgeführt werden, ihr zufolge diese auf die Notwendigkeit des Sinns neben
der Bedeutung (Referenz in unserem Sinn) hinweist, immer wenn solche Wahrheitswertlücke vorkommen.
Das könnte auch die Tatsache erklären, wieso Dummett den Frege nicht als einen Realist tout court
bezeichnet16. Dieser Fokus auf Wahrheitslücke hängt wiederum eng für Dummett mit dem Scheitern der
Bivalenz zusammen. Darauf werden wir aber zurückkommen.

Die zweite Komponente liegt darin, dass nach Dummett eine semantische Theorie, wie diejenige des
semantischen Realismus nur dann plausibel sein kann, wenn sie als Base für eine Theorie des Sinns17
(theory of meaning) funktioniert. Dieser Gedanke ist wieder auf Freges grundlegende Unterscheidung von
Sinn und Bedeutung zurückzuführen. Laut Dummett18: “ But, given the way the world is, whether a sentence
is or is not true depends upon its meaning; so, given the way the world is, the semantic value of an
expression depends only on its meaning. It follows that a grasp of the meaning of a specific expression
must be something which, taken together with the way the world is, determines the particular semantic

14
Michael Dummett, Frege: Philosophy of Language, Duckworth, London, 1973, p. 468
15
Dummett, Realism, p. 56: “To have a realistic view, it is not enough to suppose that statements of the
given class are determined, by the reality to which they relate, either as true or false; one has also to have
a certain conception of the manner which they are so determined”.
16
Dummett, Realism and Antirealism, p. 468
17
Wir lassen hier die Frage beiseite, wie Dummett genau eine Theorie des Sinns konzipiert, die für seine
Konzeption des Realismus vorausgesetzt wird.
18
Dummett, Realism, p. 62
value that is has. Thus meaning must be something that determines semantic value: Frege's terminology,
sense determine reference”. Eine realistische Semantik bedürfte also einer wahrheitsbedingter Theorie des
Sinns (truth-conditional theory of meaning): “It is in this way that a semantic theory, while not being a
theory of meaning, forms a base for such a theory, plausible only if a viable theory of meaning can be
constructed as base19“. Ein paradigmatischer Fall des Antirealismus nach Dummett, der sowohl auf das
Scheitern der Referenz als auch auf einen wahrheitsbedingten Sinn verzichtet ist Wittgensteins Idee von
Aussage über innerliche Wahrnehmungen20 (inner sensations ascriptions).

Das dritte Aspekt, das wir einleuchten wollen, läuft darauf hinaus, dass Dummett eine starke
Unterscheidung zwischen Antirealismus und Reduktionismus trifft. Es ist auffällig, dass sich etwa die
Hälfte des Essays über Realismus damit beschäftigt klar zu machen, welche die genaue Beziehung zwischen
diesen ist. Hier wäre es sinnvoll die lange Beschreibung Dummetts in etwa zusammenzufassen. Die
Motivation eine Grenze zwischen Antirealismus und Reduktionismus zu ziehen liegt unserer Meinung nach
darin, die Idee des Antirealismus davon zu bewahren komplett identifiziert mit Reduktionismus zu
werden21. Das wiederum ist auf die Annahme zurückzuführen, dass traditionell jede Form des
Reduktionismus22 auf unaufgehobene Schwierigkeiten stößt und daher implausibel ist. Dummetts
Argumentation läuft auf zwei Ebene: einerseits zu zeigen, dass Reduktionismus kompatibel mit Realismus
ist, indem er das Prinzip der Bivalenz bewahren kann (Dummetts Beispiel ist hier der sogenannte Central
State Materialism). Auf der anderen Seite besteht seine Strategie darin, zwar zu akzeptieren, dass
Reduktionismus manchmal Anlass auf Antirealismus geben kann, indem zur Verneigung der Bivalenz
führen kann (aber nicht muss), aber als reduktive Antirealismus (reductive Antirealism) nicht so radikal
sein kann. Daher sind nach Dummett die sogenannte “outright antirealists”23 die radikalste, die nicht die
Existenzdimension der umstrittenen Klasse bestreiten, sondern für ausschlaggebender den Begriff der
Assertibilität (assertibility) statt denjenigen der Wahrheit halten. Damit unterminieren diese die Objektivität
und Unabhängigkeit der Propositionen.

Wegen der Kürze des Essays sind wir davon bewusst, nicht die dummetsche Behandlung des
Reduktionismus ausführlich begründet zu haben. Wir sollten jetzt aber kritisch unsere Überlegungen
zusammenfassen. Erstens hat die Beschreibung Dummetts der Beziehung zwischen Antirealismus und
Reduktionismus eine ganz merkwürdige Konsequenz, die als Hauptargument gegen seine Auffassung des
Realismus als semantischen Realismus funktionieren kann. Diese Konsequenz besteht darin, den
Phenomenalismus24, der traditionell als die paradigmatische Form des Antirealismus galt, als eine Spezies

19
Ebd., p.63
20
Ebd., p.64: “An example a rejection of realism on both counts would be Wittgenstein's view statements
ascribing inner sensation”.
21
Ebd., p.95: “My intention is only to indicate the possibility of such a position, which represents a form
of anti-realism not vulnerable to many of the objections successfully brought against phenomenalism.”
22
Es ist wichtig hierbei zu erwähnen, dass Dummett eine Unterscheidung zwischen Reduktionismus und
Reduktivismus trifft und seine Neigung zu dem Letzteren durch drei Argumente äußert. Die
Unterscheidung trotz ihrer interessanteren Aspekte wird nicht mehr von Bedeutung für unsern Essay
sein. Dazu: Dummett, Realism, p. 70-74
23
Ebd., p. 96
24
Ebd., p.66: “The most celebrated example of a reductionist thesis is that embodied classical
phenomenalism: the given class here consists of statements about material objects, and the reductive
des Realismus zu betrachten. Es lohnt sich an dieser Stelle Dummett ausführlich zu zitieren25: “It would be
better to say that the distinction between those who called themselves realists and those who called
themselves phenomenalists was that the former were naive realists, at least as I earlier explained the term
'naive realism', while the latter were sophisticated realists, concerning material objects”. Wir können das
Argument gegen Dummett so zusammenfassen: Der Inhalt des Realismus kann prinzipiell nicht mit einer
Position kompatibel sein, die den Phenomenalismus akzeptiert. Der semantische Realismus nach Dummett
scheint im Groben kompatibel mit Phenomenalismus als “sophisticated realism” zu sein. Daher kann der
Inhalt des Realismus nicht mit demjenigen des semantischen Realismus gleichgesetzt werden. Diese
Bemerkung ist Übereinstimmung mit M. Devitts Kritik an Dummett, die lautet, dass der semantische
Realismus kompatibel mit einer idealistischen Metaphysik wie der von Berkeley ist26.

Wir können dazu noch andere Argumente gegen Dummett einführen, die seine Auffassung unserer
Meinung nach wesentlich schwächen. Wir können einerseits mit C. Wright27 behaupten, dass Dummetts
Konzeption nicht in Einklang mit traditionellen Formen des Antirealismus ist und daher der semantische
Antirealismus als Gegenposition zur semantischen Realismus den antirealistischen Gehalt nicht erschöpfen
kann. Laut C. Wright zeichnen sich zwei prominente Formen des Antirealismus, nämlich die sogenannte
“Error theory” und Expressivismus (Non-Kognitivismus) dadurch aus, indem sie bestreiten, dass es
überhaupt nicht über Wahrheitsbedingungen die Rede sein kann, obgleich evidenztranszendent oder nicht.
Dummetts Antwort28 auf diesen Einwand lautet: “The controversy between [non-cognitivists] and
[cognitivists] in ethics was therefore not an example of that kind of dispute… The dispute between the
[non-cognitivist] and the “moral realist” is not one of those to which my comparative method was meant to
apply: the issues in that dispute are different and prior to it”. Zusammenfassend könnte gesagt sein, dass
für Dummett die Debatte zwischen Kognitivisten und ihre Gegner logisch bedeutender als diejenige
zwischen Antirealisten und Realisten sind und daher wäre die Wichtigkeit seiner Position in etwa
unterminiert. Zweitens bestünde ein möglicher Einwand gegen Dummett darin, auf Fälle aufmerksam zu
machen, in denen der Fall ist, dass der Realist nicht die Evidenztranszendenz der umstrittenen Sätze
akzeptieren würde. C. Wright ist wiederum für diesen Einwand berühmt, indem er darauf hinweist, dass in
den Bereichen der Ethik und der Komödie der Realist und sein Gegner im Einklang sein können, dass die
betreffenden Sätze keine evidenztranszendende Bedingungen haben. Wright generalisiert diesen Punkt
folgendermaßen29: “It is very far from obvious that . . . only by allowing that truth can transcend evidence
can substance be given to the idea that truth is not in general of our creation but is constituted by

class of statements about sense-data. Reductionism in this sense may indeed afford a ground rejecting
realism concerning statements of the given class”.
25
Ebd., p. 84
26
M. Devitt, Dummett’s Antirealism, Journal of Philosophy 80, 1983, p. 73–99: “Does [semantic
realism] entail Realism? It does not. Realism … requires the objective independent existence of common-
sense physical entities. Semantic Realism concerns physical statements and has no such requirement: it
says nothing about the nature of the reality that makes those statements true or false, except that it is [at
least in part potentially beyond the reach of our best investigative efforts]. An idealist who believed in
the existence of a purely mental realm of sense-data could subscribe to [semantic realism]”.
27
Crispin Wright, 1992, p. 5
28
Dummett, 1993, p. 467
29
Crispin Wright, 1992, p.3
correspondence with autonomous states of affairs. That opinion would have the consequence that, when
restricted to the domain of states of affairs over which human cognitive powers are sovereign, the thesis of
realism would have no content”. Daraus ergibt sich, dass sich Dummetts Auffassung des Realismus auf die
sogenannten unentscheidaren Sätze beschränkt, nämlich auf diejenigen für die wir keinen rechtfertigen
Grund haben können, sie als wahr oder falsch zu halten. Es ist aber zumindest ein plausibler Gedanke, über
Realismus und seine mögliche Widerlegung zu diskutieren, wenn auch die Rede über solche Sätze ist, die
nach Dummett entscheidbar sind. Ein prominenter Beispiel wäre hierbei die Arithmetik30. Diese zwei
Einwände beziehen sich nicht so sehr kritisch auf Dummetts erste These des semantischen Realismus,
sondern auf den zweiten und dritten, sogar auf seine Annahme, dass die Debatte über Realismus wesentlich
eine Debatte über den Charakter der Wahrheit sei. Genau gegen diese Behauptung wendet sich Wrights
Projekt in “Truth and Objektivity”, wobei er eine minimale Konzeption der Wahrheit zu formulieren
versucht, die neutral zwischen Realisten und Antirealisten wäre.

Wir möchten unser Essay mit einigen Überlegungen über das Prinzip der Bivalenz zum Schluss bringen,
die das unabdingbare Merkmal der Realismus Auffassung nach Dummett ist. Gegen das Ende des
„Realism” Essays trifft Dummett eine Unterscheidung zwischen seiner vorherigen Position und derjenigen,
die er mit diesem Essay vertritt. Seine vorherige Stellungnahme beschreibt Dummett folgendermaßen31:“ I
used to think that one could classify semantic theories involving departures from the principle of bivalence
into those which did those which did not entail a rejection of realism. I no longer think this can be done by
appeal just to the form of the semantic theory: any modification of the principle of bivalence, or, more
generally, the standard two-valued semantics, involves potentially a rejection some realistic view.”
Dagegen zeichnet sich seine aktuelle Auffassung dadurch aus, dass sie sich nur auf das Prinzip der Bivalenz
beschränkt und ihre Verneigung als das Merkmal des Antirealismus hervorhebt. Es scheint also, dass er
hier gegen unsere zuvor erwähnte Qualifizierung der Notwendigkeit, aber nicht des Hinreichens der
Bivalenz argumentiert. Das hätte wiederum eine interessante Konsequenz, wie Dummett zu sagen kommt,
indem Antirealismus ihm zufolge nur eine negative Position sei, die immer davon abhängt, ob der
Realismus jeweils unglaubwürdig oder eine lebendige Alternative ist32. Aber lassen wir diesen letzten Punkt
beiseite und wenden wir uns an die folgende Frage bezüglich der Bivalenz: inwiefern ist derjenige, der
behauptet, dass Sätze manchmal bivalent zu beurteilen sind oder Wahrheitslücke haben, dazu gezwungen,
sich selbst weniger als ausgereifter Realist zu betrachten? Anders gesagt: könnte man aus dem
Vorhandensein von Wahrheitslücke in einem Diskurs metaphysische Schlussfolgerungen ziehen? Es gibt
lediglich verschiedene Gründe dafür, sich Wahrheitslücke zu ergeben, die aber offensichtlich nicht ohne
weitere Reflexion mit irgendwelcher metaphysischen Konzeption in Verbindung stehen. Zwei
Hauptgründe33 für lokale Lücke in Diskurse sind Folgende: die sogenannte leere Name (empty names) und
die Vagheit. Im ersten Fall kommt Dummett in „Realism” Essay sowie in “Realism and Antirealism“

30
A. Miller, 2003, p. 203
31
Dummett, 1982, p.99
32
Ebd., p. 99
33
Gideon Rosen, The Shoals of Language: Critical Notice of Michael Dummett, The Seas of Language,
Mind 104, p. 603-605
schnell dazu, aus Lücke in Wahrheit metaphysische Konsequenzen zu ziehen, indem er Frege als Antirealist
charakterisiert. Der Grund für Dummett liegt darin, dass Frege behauptet, dass es einem Satz mit einem
leeren Name an Wahrheitswert fehlt. Aber es scheint, dass man aus dieser Überlegungen mit Recht nur
darauf schließen kann, dass es Sätze gibt, die Sinn haben, aber keinen tatsächlichen Diskurs gehören und
nicht, dass diese Sätze nicht “real” in irgendeinem Sinn sind oder “abhängig” von unserem Verstehen im
allgemein. Auf der anderen Seite ist die Vagheit in natürlichen Sprache ein übliches Phänomen und immer
wo sie vorkommt, erkennt man dann Wahrheitslücke. Aber würde es das bedeuten, dass jemand, der diese
Lücke erkennt, nicht Realist sein kann? Auf jeden Fall kann ganz plausibel sein, dass man zwar Vagheit
akzeptiert (um ein oft erwähntes Beispiel zu nennen, das der Glatköpfigkeit), aber Realist über die
Tatsachen dieses Bereichs bleibt, je nachdem wie man diese Idee kassieren kann. Dummett scheint
demnach wie C. Wright behauptet dazu gezwungen, zu glauben, dass entweder niemand Realist über
Vagheit sein kann oder dass die Vagheit eines Satzes kompatibel mit der Tatsache ist, einen bestimmten
Wahrheitswert zu haben. Wright Vorschlag in dieser Hinsicht ist die Reichweite des Prinzips der Bivalenz
nur auf nicht vage Sätze zu beschränken.

In diesem Essay wollten wir die Komplexität der dummettschen Auffassung sowie die grundsätzlichen
Probleme, auf die sie stößt, skizzieren. Wir sind sicherlich davon bewusst, dass wir uns nicht auf alle Details
und Gegenargumente konzentrieren könnten, aber es gibt gute Gründe zu glauben, dass zwar der
semantische Realismus auf bestimmte Diskurse anwendbar ist, aber keinesfalls die Reichweite des
Realismus erschöpft. Es gibt ebenfalls interessante Aspekte der Argumentation Dummetts, worauf wir
nichts erwähnt haben, nämlich die genaue Argumente gegen Realismus34, Dummetts Konzeption einer
Theorie des Sinns sowie seine Auffassung von Intuitionismus.

Literatur
 Michael Dummett, Realism, Synthese, Vol. 52, No. 1, Realism, Part II, 1982
 Michael Dummett, The Seas of Language, Clarendon Press, Oxford, 1993
 Michael Dummett, Frege: Philosophy of Language, Duckworth, London, 1973
 Michael Devitt, Realism and Truth, Princeton University Press, Princeton, 1991
 M. Devitt, Dummett’s Antirealism, Journal of Philosophy 80, 1983, p. 73–99
 Alexander Miller, The Significance of Semantic Realism, Synthese 136, 2003, p. 191-217
 Alexander Miller, Philosophy of Language, Routledge, 2007
 Stuart Brock, Edwin Mares, Realism and Anti-Realism, Mcgill Queens University Press, 2007
 Gideon Rosen, The Shoals of Language: Critical Notice of Michael Dummett, The Seas of
Language’, Mind 104, p. 599-609
 Crispin Wright, Realism, Meaning and Truth, Wiley-Blackwell,1993
 Crispin Wright, Truth and Objectivity, Harvard University Press, Cambridge, 1992

34
Alexander Miller, Philosophy of Language, Routledge, 2007, Chapter 9
 Bob Hale, Realism and its Opponents in: Bob Hale, Crispin Wright (ed.), A Companion to the
Philosophy of Language, Wiley-Blackwell, 1997