Sie sind auf Seite 1von 247

nachwachsende-rohstoffe.

de
biogas.fnr.de

Leitfaden ­Biogas
Von der Gewinnung zur Nutzung

Bioenergie
Impressum
Diese Arbeit wurde im Rahmen des Projektes „Handreichung Biogasgewinnung und -nutzung“ angefertigt.

Projektträger: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR)


Förderkennzeichen (FKZ): 22005108

Gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und


Verbraucherschutz aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.

Projektnehmer: Deutsches Biomasseforschungszentrum gemeinnützige GmbH (DBFZ)


Torgauer Straße 116, 04347 Leipzig, www.dbfz.de

Projektpartner: Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL)
Bartningstraße 49, 64289 Darmstadt, www.ktbl.de

Johann Heinrich von Thünen-Institut (TI)


Institut für Agrartechnologie und Biosystemtechnik
Bundesallee 50, 38116 Braunschweig, www.ti.bund.de/de/startseite/institute/at.html

Rechtsanwaltskanzlei Schnutenhaus & Kollegen


Reinhardtstraße 29 B, 10117 Berlin, www.schnutenhaus-kollegen.de

Die vorliegende Aktualisierung erfolgte durch die Projektpartner Deutsches Biomasseforschungszentrum gGmbH (DBFZ),
­Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL) und Rechtsanwaltskanzlei Schnutenhaus & Kollegen.

Herausgeber: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (FNR)


OT Gülzow, Hofplatz 1, 18276 Gülzow-Prüzen
Tel.: 03843/6930-0, Fax: 03843/6930-102
info@fnr.de
www.nachwachsende-rohstoffe.de
www.fnr.de

Redaktion
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.  V. (FNR), Abteilung Öffentlichkeitsarbeit

Bilder
Titel: MT-Energie GmbH, Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.
Sofern nicht am Bild vermerkt: Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.

Gestaltung/Realisierung
www.tangram.de, Rostock

Druck
www.druckerei-weidner.de, Rostock

Gedruckt auf 100 % Recyclingpapier mit Farben auf Pflanzenölbasis

Bestell-Nr. 208
6., überarbeitete Auflage, 2013

Alle Rechte vorbehalten.


Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Einwilligung des Herausgebers in irgendeiner Form reproduziert oder unter
Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt, verbreitet oder archiviert werden.
Für die Ergebnisdarstellung mit Schlussfolgerungen, Konzepten und fachlichen Empfehlungen sowie die Beachtung etwaiger
Autorenrechte sind ausschließlich die Verfasser zuständig.

ISBN 3-00-014333-5
Leitfaden ­Biogas
Von der Gewinnung zur Nutzung
Inhalt
1 Ziele des Leitfadens 8
M. Kaltschmitt, F. Scholwin
1.1 Aufgabenstellung 8
1.2 Lösungsansatz 9
1.3 Inhalt 9
1.4 Zielgruppen 9
1.5 Abgrenzung 10
1.5.1 Technik 10
1.5.2 Substrate 10
1.5.3 Aktualität 10
1.5.4 Datenumfang 10

2 Grundlagen der anaeroben Fermentation 11


J. Friehe, A. Schattauer, P. Weiland
2.1 Entstehung von Biogas 11
2.2 Milieubedingungen 12
2.2.1 Sauerstoff 12
2.2.2 Temperatur 12
2.2.3 pH-Wert 13
2.2.4 Nährstoffversorgung 14
2.2.5 Hemmstoffe 14
2.3 Betriebsparameter 15
2.3.1 Raumbelastung und Verweilzeit 15
2.3.2 Produktivität, Ausbeute und Abbaugrad 16
2.3.3 Durchmischung 17
2.3.4 Gasbildungspotenzial und methanogene Aktivität 17
2.4 Literaturverzeichnis 20

3 Anlagentechnik zur B ­ iogasbereitstellung 21


V. Denysenko, El. Fischer, H. Gattermann, U. Jung, J. Postel, T. Reinelt,
A. Schattauer, S. Scheibe, F. Scholwin, W. Stinner, T. Weidele, P. Weiland
3.1 Merkmale und Unterscheidung verschiedener Verfahrensvarianten 21
3.1.1 Trockensubstanzgehalt der Gärsubstrate 21
3.1.2 Art der Beschickung 22
3.1.3 Anzahl der Prozessphasen und -stufen 23
3.2 Verfahrenstechnik 23
3.2.1 Substratmanagement 24
3.2.2 Biogasgewinnung 39
3.2.3 Lagerung des vergorenen Substrates 52
3.2.4 Speicherung des gewonnenen Biogases 55
3.2.5 Maßnahmen zur Emissionsminderung 57
3.3 Biogas-Kleinanlagen 60
3.3.1 Ziele und Rahmenbedingungen 60
3.3.2 Angebotene Technologien 61
3.4 Relevante technische und Arbeitsschutzregelwerke 65
3.5 Literaturverzeichnis 66

2
Inhalt

4 Beschreibung a ­ usgewählter Substrate 68


J. Friehe, A. Schattauer, P. Weiland
4.1 Substrate aus der Landwirtschaft 68
4.1.1 Wirtschaftsdünger 68
4.1.2 Nachwachsende Rohstoffe 68
4.2 Substrate aus der weiterverarbeitenden Agroindustrie 71
4.2.1 Bierherstellung 71
4.2.2 Alkoholgewinnung 71
4.2.3 Biodieselproduktion 72
4.2.4 Kartoffelverarbeitung (Stärkeherstellung) 72
4.2.5 Zuckergewinnung 72
4.2.6 Nebenprodukte der Obstverarbeitung 73
4.3 Einsatzstoffe gemäß Anlage 1 Biomasseverordnung 73
4.4 Stoffdaten und Gaserträge der Einsatzstoffe gemäß Anlage 1 Biomasseverordnung 74
4.5 Grün- und Rasenschnitt 74
4.6 Landschaftspflegematerial 74
4.7 Literaturverzeichnis 74
4.8 Anhang 76

5 Betrieb von ­Biogasanlagen 77


J. Friehe, J. Liebetrau, T. Reinelt, A. Schreiber, W. Stinner, P. Weiland
5.1 Kenndaten zur Überwachung des biologischen Prozesses 77
5.1.1 Biogasproduktionsrate 78
5.1.2 Gaszusammensetzung 78
5.1.3 Temperatur 78
5.1.4 Inputmenge und Füllstände 79
5.1.5 Substratcharakterisierung 79
5.1.6 Bestimmung der Konzentration von organischen Säuren 80
5.1.7 pH-Wert 81
5.1.8 Konzentration an Spurenelementen 81
5.1.9 Stickstoff, Ammonium, Ammoniak 82
5.1.10 Schwimmdecken 82
5.1.11 Schaumbildung 83
5.1.12 Prozessbewertung 83
5.2 Anlagenüberwachung und ­Automatisierung 84
5.2.1 Bussystem 85
5.2.2 Projektierung 86
5.2.3 Anwendungen/Visualisierung 86
5.2.4 Datenerfassung 86
5.2.5 Prozessregelung 86
5.3 Prozesskontrolle im Anfahr- und Regelbetrieb 87
5.3.1 Regelbetrieb 87
5.3.2 Anfahrprozess 88
5.4 Störungsmanagement 92
5.4.1 Ursachen von Prozessstörungen 92
5.4.2 Handhabung von Prozessstörungen 93
5.4.3 Handhabung von technischen Störungen und Problemen 94
5.5 Betriebssicherheit 95
5.5.1 Arbeits- und Anlagenschutz 95
5.5.2 Umweltschutz 97
5.6 Hinweise zur Anlagenoptimierung 98
5.6.1 Technische Optimierung 99
5.6.2 Analyse der Effizienz der Gesamtanlage (Substratausnutzung auf Basis von Energieflüssen) 99
5.6.3 Ökonomische Optimierung 99
5.6.4 Minimierung der Umweltauswirkungen 100
5.7 Literaturverzeichnis 104

3
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

6 Gasaufbereitung und ­Verwertungsmöglichkeiten 106


Er. Fischer, H. Gattermann, J. Grope, F. Scholwin, T. Weidele, M. Weithäuser
6.1 Gasreinigung und Gasaufbereitung 106
6.1.1 Entschwefelung 106
6.1.2 Trocknung 110
6.1.3 Kohlendioxidabscheidung 111
6.1.4 Sauerstoffentfernung 113
6.1.5 Entfernung weiterer Spurengase 114
6.1.6 Aufbereitung auf Erdgasqualität 114
6.2 Nutzung durch Kraft-Wärme-Kopplung 114
6.2.1 Blockheizkraftwerke mit Verbrennungs­motoren 114
6.2.2 Stirlingmotoren 120
6.2.3 Mikrogasturbinen 121
6.2.4 Brennstoffzellen 122
6.2.5 Abwärmenutzung stromgeführter KWK 123
6.3 Gaseinspeisung 124
6.3.1 Einspeisung in das Erdgasnetz 124
6.3.2 Einspeisung in Mikrogasnetze 125
6.4 Treibstoff für Kraftfahrzeuge 125
6.5 Thermische Nutzung von Biogas 126
6.6 Literaturverzeichnis 126

7 Rechtliche Rahmenbedingungen der Energiegewinnung aus Biogas 128


U. Behrendt, I. Falke, J. Schnutenhaus
7.1 Finanzierung von Biogasanlagen 128
7.2 Versicherung von Biogasanlagen 129
7.3 Genehmigung von Biogasanlagen 129
7.3.1 Das baurechtliche Genehmigungsverfahren 129
7.3.2 Das immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren 130
7.3.3 Immissionsschutzrechtliche Anforderungen 132
7.3.4 Störfall-Verordnung 133
7.3.5 Wasserrecht 133
7.3.6 Betriebssicherheit 133
7.3.7 Energierechtliche Anforderungen nach § 49 EnWG 133
7.4 Rechtliche Anforderungen beim Einsatz bestimmter Substrate 134
7.4.1 Einsatz von Energiepflanzen 134
7.4.2 Einsatz von Gülle und sonstigen tierischen Nebenprodukten 134
7.5 Einspeisevergütung für Strom nach dem EEG 2012 134
7.5.1 Voraussetzungen der Einspeisevergütung nach dem EEG 2012 135
7.5.2 Einsatzstofftagebuch 136
7.5.3 Umweltgutachten 136
7.5.4 Der Anlagenbegriff im EEG 2012 137
7.5.5 Besondere Förderung kleinerer Hofanlagen 137
7.5.6 Spezieller Vergütungsanspruch beim Einsatz bestimmter Bioabfälle 138
7.5.7 Förderung der Biogasaufbereitung durch den Gasaufbereitungs-Bonus 138
7.5.8 Auswirkungen des EEG 2012 auf Bestandsanlagen 138
7.6 Konfliktlösung und Information durch die Clearingstelle EEG 139
7.7 „Repowering“: Erweiterung von Biogasanlagen 140
7.7.1 Bau einer weiteren Biogasanlage am Standort der Biogasanlage 140
7.7.2 Bau eines zusätzlichen neuen BHKW am Standort der Biogasanlage 140
7.7.3 Austausch eines vorhandenen BHKW gegen ein neues BHKW am Standort der Biogasanlage 141
7.7.4 Austausch eines vorhandenen BHKW gegen ein neues, leistungsstärkeres BHKW am Standort der Biogasanlage 141
7.7.5 Austausch eines vorhandenen BHKW gegen ein neues BHKW am Satelliten-Standort 142
7.7.6 Auswirkungen auf die Genehmigung 142
7.8 Netzanschlusspflicht des ­Netzbetreibers 143
7.9 Einspeisemanagement 143

4
Inhalt

7.10 Direktvermarktung 143


7.10.1 Arten der Direktvermarktung 143
7.10.2 Marktprämie 144
7.10.3 Flexibilitätsprämie 144
7.10.4 Grünstromprivileg 145
7.10.5 Teilnahme am Regelenergiemarkt 145
7.11 Wärmenutzung 145
7.12 Biogasaufbereitung und Biomethaneinspeisung 146
7.12.1 Rechtliche Regelungen zum Gasnetzanschluss 146
7.12.2 Gastransport und Biomethannutzung 146
7.13 Typische Verträge 147
7.13.1 Anlagenbauvertrag 147
7.13.2 Betriebsführungs-/ Wartungsvertrag 148
7.13.3 Substratliefer- und Gärrückstandrücknahmevertrag 148
7.13.4 Biogasliefervertrag 148
7.13.5 Wärmeliefervertrag 149
7.13.6 Gestattungsvertrag mit ­Grundstückseigentümern 149
7.13.7 Wegenutzungsvertrag mit der Gemeinde 150
7.14 Literaturverzeichnis 150

8 Ökonomie 152
H. Döhler, S. Hartmann, U. Keymer, A. Niebaum, M. Paterson, G. Reinhold, M. Stadelmann, B. Wirth
8.1 Darstellung der Modellanlagen – ­Annahmen und Kennwerte 152
8.1.1 Anlagenleistung 153
8.1.2 Substrate 153
8.1.3 Biologische und technische Auslegung 155
8.1.4 Technische und verfahrenstechnische K ­ ennwerte 156
8.1.5 Investitionen für die Funktionseinheiten der Modellanlagen 158
8.2 Wirtschaftlichkeit der Modellanlagen 158
8.2.1 Erträge 158
8.2.2 Kosten 161
8.2.3 Leistungs-Kosten-Rechnung 162
8.3 Sensitivitätsanalyse 164
8.4 Wirtschaftlichkeit ausgewählter ­Wärmenutzungspfade 165
8.4.1 Wärmenutzungspfad Trocknung 165
8.4.2 Wärmenutzungspfad Gewächshaus­beheizung 168
8.4.3 Wärmenutzungspfad kommunales N ­ ahwärmenetz 169
8.5 Qualitative Einordnung unterschied­licher Wärmenutzungspfade 170
8.6 Literaturverzeichnis 170

9 Betriebsorganisation 171
S. Hartmann, P. Jäger, A. Niebaum, M. Paterson, G. Reinhold, M. Schwab, R. Stephany
9.1 Umstrukturierung des Betriebes – Perspektiven und Ansätze zur Optimierung 173
9.1.1 Wahl eines geeigneten Anlagenstandortes 173
9.1.2 Auswirkung der Biogasanlage auf die ­Fruchtfolge 173
9.1.3 Flächen- und Arbeitszeitbedarf 174
9.1.4 Einflüsse von BHKW-Fahrweise und -­ Auslastung 178
9.2 Steuerliche und rechtliche Anmerkungen zu Bau und Betrieb von Biogasanlagen 178
9.2.1 Steuerliche Behandlung des Betriebs von Biogasanlagen 178
9.2.2 Rechtsformwahl und die steuerlichen Auswirkungen 180
9.3 Literaturverzeichnis 182

5
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

10 Qualität und ­Verwertung des G ­ ärrückstandes 184


T. Amon, H. Döhler, S. Grebe, S. Klages, U. Roth, D. Wilken, S. Wulf
10.1 Eigenschaften des Gärrückstandes 184
10.1.1 Eigenschaften, Nährstoffe und wertgebende Inhaltsstoffe 184
10.1.2 Schadstoffe 184
10.1.3 Hygienische Eigenschaften 185
10.2 Lagerung des Gärrückstandes 186
10.2.1 Ammoniakemissionen 186
10.2.2 Klimarelevante Emissionen 187
10.3 Verwertung des Gärrückstandes auf landwirtschaftlichen Flächen 189
10.3.1 Verfügbarkeit und Nährstoffwirkung von Stickstoff 189
10.3.2 Maßnahmen zur Verringerung der Ammoniakverluste nach der Ausbringung von Gärrückständen 190
10.3.3 Günstige Einsatztermine für Gärrückstände 191
10.3.4 Nährstoffwirkung und Humusreproduktion für ein Anlagenbeispiel 193
10.3.5 Rechtliche Einordnung des Gärrückstandes – ­Anforderungen und Grenzen 195
10.4 Aufbereitung von Gärrückständen 197
10.4.1 Aufbereitungstechniken 197
10.4.2 Verwertung der aufbereiteten Gärrückstände 200
10.4.3 Vergleich der Gärrückstandaufbereitungsverfahren 201
10.5 Literaturverzeichnis 201

11 Umsetzung eines ­Projektes 203


Er. Fischer, A. Niebaum, A. Schattauer, F. Scholwin
11.1 Idee und Projektskizze 203
11.2 Machbarkeitsuntersuchung 204
11.2.1 Substratverfügbarkeit 206
11.2.2 Standortauswahl 206
11.2.3 Stoffstromlogistik 207
11.2.4 Technologieauswahl 208
11.2.5 Gasnutzung 208
11.2.6 Bewertung und Entscheidungsfindung 209
11.3 Investitionsvorbereitung durch ­Öffentlichkeitsarbeit 209
11.4 Planungsschritte 210
11.4.1 Genehmigungsplanung 211
11.4.2 Ausführungsplanung 213
11.5 Bauplanung und Anlagenbau 214
11.6 Abnahme der Bauleistungen 214
11.7 Inbetriebnahme der Anlage 215
11.8 Notwendige Verträge 215
11.8.1 Biomasseliefervertrag 215
11.9 Literatur- und Referenzverzeichnis 216

6
Inhalt

12 Stellung und Bedeutung von Biogas als regenerativer Energieträger in Deutschland 217
J. Daniel-Gromke, M. Kaltschmitt, A. Scheuermann, F. Scholwin, B. Schumacher, R. Wilfert
12.1 Biogaserzeugung als Option einer Energiegewinnung aus Biomasse 217
12.2 Ökologische Einordnung und Nachhaltigkeit der Biogasgewinnung und -nutzung 218
12.3 Stand der Biogasgewinnung und -­nutzung in Deutschland 219
12.3.1 Anlagenbestand und Anlagenleistung 219
12.3.2 Biogasanwendung und Trends 221
12.3.3 Eingesetzte Substrate 222
12.4 Potenziale 223
12.4.1 Technische Primärenergiepotenziale 223
12.4.2 Technische Endenergiepotenziale 223
12.5 Ausblick 224
12.6 Literaturverzeichnis 225

13 Beispielprojekte 226
J. Friehe, W. Stinner, P. Trainer, P. Weiland
13.1 Anlagenbeispiel 1 Güllekleinanlage (60 kWel) 227
13.2 Anlagenbeispiel 2 (bis 200 kWel) 228
13.3 Anlagenbeispiel 3 (bis 250 kWel; Beregnungsverfahren, besondere Eignung für Halmgut) 229
13.4 Anlagenbeispiel 4 (bis 500 kWel) 230
13.5 Anlagenbeispiel 5 (bis 1.000 kWel) 231
13.6 Anlagenbeispiel 6 zur Feststoffvergärung (Boxenverfahren) 232

Anhang 233
Glossar 233
Abbildungsverzeichnis 236
Tabellenverzeichnis 239
Abkürzungsverzeichnis 242
Anschriften der Institutionen 243
Autorenverzeichnis 244

7
1
Ziele des Leitfadens

Der Ausbau der Biogasgewinnung und -nutzung hat in den ver- Die FNR stellt dem Leser damit ein wertvolles Handbuch zur
gangenen Jahren eine sehr starke Entwicklung genommen. Ne- Verfügung, in dem ausgewählte Autoren Informationen über die
ben dem Ausbau des Biogasanlagenbestandes auf über 7.600 Biogastechnologie, die Vorbereitung der Investition bis hin zum
Anlagen, die vorwiegend in einem landwirtschaftlichen Kontext Nachschlagewerk für den Anlagenbetrieb geben.
errichtet wurden bzw. betrieben werden, haben sich die einge- Weitere Informationen und Publikationen der FNR zum The-
setzten Technologien deutlich verändert und weiterentwickelt. menbereich Biogas sind unter http://biogas.fnr.de erhältlich.
Trotz dieser inzwischen reichen Erfahrungen mit der Biogas-
technik in Deutschland besteht nach wie vor ein sehr großes
Interesse an der Technologie bei gleichzeitig vorhandenem 1.1 Aufgabenstellung
hohem Wissensbedarf. Der vorliegende Leitfaden soll daher
einen Beitrag leisten, erschöpfende und praxisnahe Antworten Die Steigerung der Energieerzeugung aus Biogas ist im Wesent-
auf technische, organisatorische, rechtliche und wirtschaftliche lichen auf die administrative Rahmensetzung (vor allem auf die
Fragen der landwirtschaftlichen Biogaserzeugung und -nutzung im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgelegten Vergütungssät-
zu geben. ze für Strom aus regenerativen Energien) zurückzuführen. Auf
Dieser Leitfaden ist die überarbeitete Fortführung der Grund der anhaltend starken Nachfrage hat sich eine beacht-
„Handreichung Biogasgewinnung und -nutzung“, die seit dem liche Zahl von Biogasanlagenherstellern und Komponentenan-
Jahr 2004 von der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. bietern am Markt etabliert. Auf diese Weise ist Deutschland zum
(FNR) herausgegeben wird. Im Zuge einer grundlegenden Neu- weltweit führenden Land hinsichtlich der Planung und Errich-
ausrichtung der FNR-Fachpublikationen für den Bereich Bioe- tung von Biogasanlagen geworden. Trotz der inzwischen weit-
nergie wurde die Handreichung in „Leitfaden Biogas – Von der reichenden Erfahrungen existieren weiterhin vier bedeutende
Gewinnung zur Nutzung“ umbenannt. Fragestellungen, deren Beantwortung die Aufgabe des vorlie-
Die 5. Ausgabe des Leitfadens (2010) wurde gegenüber genden Leitfadens Biogas sein soll:
der 3. überarbeiteten Auflage bzw. der 4. unveränderten Auf- Trotz der klar sichtbaren Tendenz einer zukünftig weiter zu-
lage der Handreichung (2006/2009) vollständig aktualisiert, nehmenden Biogaserzeugung fehlt in der Landwirtschaft und
neu strukturiert und zum Teil stärker detailliert. Besonders die auf Seiten der Investoren und zukünftigen Betreiber oft noch
technische Weiterentwicklung, Sicherheitsanforderungen und das notwendige Know-how. Deshalb müssen Kenntnisse von
die gesetzlichen Neuregelungen mit dem EEG 2009 wurden in der Landwirtschaft bis hin zur Energietechnik mit allen damit
umfassendem Maße berücksichtigt. zusammenhängenden rechtlichen, ökologischen, administra-
Mit der vorliegenden Fassung (2013) wurden schwerpunkt- tiven, organisatorischen und logistischen Aspekten vermittelt
mäßig Aspekte des Umwelt- und Emissionsschutzes und die werden, um möglichst viele weitere Biogas-Projekte zum Erfolg
neuen gesetzlichen Anforderungen aus dem EEG 2012 sowie zu führen.
anderer geänderter gesetzlich relevanter Vorschriften beleuch- Die Marktentwicklung hat zu einer kaum überschaubaren
tet. Ausgehend von den Bedingungen und Vorgaben des neu- Vielzahl technischer Lösungsvarianten und Einzellösungen ge-
en EEG sind im Kapitel 8 die Ökonomie der Modellanlagen auf führt. Der Leitfaden bietet hier einen bewährten frei von Firmen-
dieser Basis erstellt und das Thema kleine Gülleanlagen wird interessen erarbeiteten und wissenschaftlich fundierten Über-
ebenfalls erfasst. Aktuelle Zahlen und Abbildungen runden die blick darüber, welche Technologien heute marktverfügbar und
Überarbeitung ab. welche zukunftsträchtig sind.

8
Ziele des Leitfadens

Bei der Wahl der Substrate werden nach wie vor aus Unkennt- Gesichtspunkte berücksichtigt. Dies wird in den einzelnen Ka-
nis elementare biotechnologische Regeln verletzt. Deshalb muss piteln des Leitfadens realisiert, deren Inhalte zunächst in dieser 1
gerade für die Phase der Ideenfindung sowie für die Betrieb- Übersicht dargestellt werden.
sphase Wissen bereitgestellt werden, um zu vermeiden, dass Folgend aus den vier oben dargestellten Lösungsansätzen
weiterhin Anlagen weitab vom Optimum betrieben werden. soll der Leitfaden vor allem in Bezug auf diese vier Themenkom-
Es bestehen gerade vor dem Hintergrund des in der jun- plexe Unterstützung anbieten:
gen Vergangenheit stark veränderten Rechtsrahmens große • Motivation zum Engagement,
Unsicherheiten bei Fragen der Genehmigung von Biogasanla- • Vermittlung von Basisinformationen,
gen. Hier muss ein Überblick über notwendige Schritte bei der • Evaluierung einer Projektidee und
Umsetzung eines Biogas-Projektes unter Berücksichtigung der • Umsetzung eines Projektes.
äußerst uneinheitlichen Praxis in den einzelnen Bundesländern In den Kapiteln 2 bis 6 und 10 werden die Grundlagen des
erarbeitet werden. Aufbaus und des Betriebs von Biogasanlagen erläutert sowie
Die regenerative Energiebereitstellung aus Biogas kann in die Verwendung der Eingangssubstrate und der Reststoffe be-
idealer Weise mit einem verbesserten Stoffstrommanagement schrieben.
kombiniert werden. Deshalb ist die Investition in eine Biogasan- Die rechtlichen, administrativen und ökonomischen Rah-
lage häufig sinnvoll. Um hier eine fundierte Entscheidung treffen menbedingungen des Biogasanlagenbetriebs sowie wirtschaft-
zu können, müssen die eigenen Vorstellungen mit den techni- liche Analysen von Modellanlagen und die Betriebsorganisation
schen und ökonomischen Möglichkeiten der Biogastechnologie finden sich in den Kapiteln 7 bis 9.
methodisch richtig abgeglichen werden. Aus diesem Grund soll Die Umsetzung oder Realisierung einer Anlage wird in Ka-
der Leitfaden Biogas mit den enthaltenden Informationen dazu pitel 11 durch Planungsempfehlungen und Checklisten zum
beitragen, das energetische und wirtschaftliche Potenzial, das Anlagenbau, zum Anlagenbetrieb und zum Vertragsabschluss
die Branche zweifelsohne noch immer hat, auszuschöpfen. auf der Basis der Informationen der vorhergehenden Kapitel
erleichtert.
Kapitel 12 soll dazu anregen, Ideen zu entwickeln und In-
1.2 Lösungsansatz itiativen zu starten. Es werden aber auch Argumente für die
Biogasgewinnung und -nutzung geliefert, um die Öffentlich-
Der vorliegende Leitfaden soll bestehende Informationslücken keitsarbeit zu unterstützen, die zur Verwirklichung einer Idee
schließen und potenzielle Anlagenbetreiber und andere Betei- zur energetischen Nutzung organischer Substrate zur Biogasge-
ligte durch die Planungsphasen eines Biogasprojektes bis hin winnung notwendig ist.
zur Umsetzung begleiten. Zur Veranschaulichung realisierter Biogasprojekte bei unter-
Der Leitfaden soll den Leser MOTIVIEREN, die Gegebenhei- schiedlichen Konfigurationen der Biogasgewinnung und -nut-
ten in seinem Umfeld zu überdenken und zu prüfen, ob und auf zung werden in Kapitel 13 mehrere Beispiele vorgestellt.
welche Weise er in seinem Bereich einen Beitrag zur energeti-
schen Nutzung von Biogas leisten kann.
Auch soll der Leitfaden INFORMIEREN. Potenzielle Betreiber 1.4 Zielgruppen
und andere an der energetischen Nutzung von Biogas Interes-
sierte sollen durch den Leitfaden alle notwendigen Informatio- Der Leitfaden richtet sich grundsätzlich an alle Personen, die
nen aus einer Quelle beziehen können. Interesse an der Biogasgewinnung und -nutzung haben und/
Der Leitfaden soll darüber hinaus die entsprechenden Hilfs- oder von einem Biogasprojekt in irgendeiner Form betroffen
mittel bereitstellen, eine Projektidee zu EVALUIEREN. Es soll sind. Der Leitfaden wendet sich damit in erster Linie an Perso-
das Handwerkszeug vermittelt werden, das zur kritischen Prü- nen oder Einrichtungen, die ein Biogasprojekt umsetzen und
fung vielversprechender Projektideen im Hinblick auf ihre Taug- realisieren.
lichkeit für die wirtschaftliche Umsetzung notwendig ist. Zur Zielgruppe der Personen, die ein Biogas-Projekt umset-
Zusätzlich soll der Leitfaden Anleitungen und Entschei- zen wollen, zählen zunächst Landwirte bzw. landwirtschaftliche
dungshilfen geben, eine Projektidee zur Energiebereitstellung Unternehmen sowie deren Partner. Als Substrat- und Energie-
aus Biogas erfolgreich zu REALISIEREN. erzeuger können sie Interesse an der energetischen Biogas-
gewinnung und -nutzung haben. Zudem stellen im landwirt-
schaftlichen Betrieb die Gärrückstände ein im Wert gesteigertes
1.3 Inhalt Düngemittel dar. Auf Grund des großen Biomassepotenzials im
landwirtschaftlichen Bereich steht die landwirtschaftliche Bio-
Der Leitfaden Biogas bietet dem Leser einen Überblick über gaserzeugung im Mittelpunkt der Betrachtungen des vorliegen-
die komplexe Thematik der Biogasgewinnung und -nutzung. den Leitfadens.
Er kann als Wegleitung und Checkliste für alle notwendigen Zu den weiteren potenziellen Biogas-Erzeugern zählen an-
Überlegungen und Handlungen zur Vorbereitung, Planung, Er- dere Produzenten oder Verwerter organischer Reststoffe, wie
richtung und zum Betrieb einer Biogasanlage genutzt werden. beispielsweise Betriebe der lebensmittelverarbeitenden Indus-
Dabei werden nicht nur die technisch-planerischen Aspekte, trie, Entsorgungsunternehmen oder Kommunen. Private und in-
sondern auch rechtliche, wirtschaftliche und organisatorische stitutionelle Investoren sowie in die Technologie investierende

9
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Energieversorger gehören ebenfalls zur Zielgruppe der poten- auf die Biogaserzeugung in marktgängigen Verfahren und die
ziellen Realisierer. So existieren z. B. Beteiligungsgesellschaf- motorische Verbrennung des Biogases zur Elektroenergiepro-
ten, die speziell in Biogasprojekte investieren. duktion mit marktgängiger Technik.
Die zweite Zielgruppe sind Personen, die in irgendeiner Form
an einem Biogasprojekt beteiligt sind, sei es als Behördenmitar- 1.5.2 Substrate
beiter, Bankangestellter, Angestellte eines Strom- oder Gasnetz- Im Leitfaden werden die derzeit mit bedeutenden Anteilen in
betreibers, landwirtschaftlicher Berater oder Planer, aber auch der Biogaswirtschaft eingesetzten Substrate unabhängig von
als Anlagen- und Komponentenbauer. Darüber hinaus sind aber ihrer Herkunft (Landwirtschaft, Landschaftspflege, Kommune,
auch alle Personen, die mittelbar oder unmittelbar von der Um- Industrie) berücksichtigt. Schwerpunktmäßig wird aber auf die
setzung eines Biogasprojektes betroffen sind, angesprochen. landwirtschaftlichen Substrate sowie die Substrate aus der Le-
Der Leitfaden soll hier Informationsdefizite beseitigen und zum bensmittel verarbeitenden Industrie eingegangen. Eine Orien-
besseren Verständnis für die gegenseitigen Belange beitragen. tierung für die Auswahl bieten die Einsatzstoffvergütungsklas-
Ähnliches gilt auch für regionale und überregionale Ver- sen gemäß Biomasseverordnung 2012 (s. a. Kapitel 7).
bände und Organisationen, die im Bereich der regenerativen
Energien aktiv und unter Umständen beratend tätig sind. Für sie 1.5.3 Aktualität
ist der Leitfaden eine wesentliche Informationsquelle für ihre Die Basisarbeiten und Datenerhebungen für den Leitfaden Bio-
Beratungsaufgaben im Bereich der Nutzung von Biomasse zur gasgewinnung und -nutzung wurden in den Jahren 2008 und
Biogasgewinnung. 2009 durchgeführt. Aus diesem Grund gibt sie das aktuelle Wis-
Der Leitfaden ist ebenfalls als Motivation und Hilfe für Ent- sen in Deutschland Mitte 2009 wieder. Dies bezieht sich dabei
scheidungsträger gedacht, die sich auf Grund ihrer Position in eher auf den Stand der Technik als auf die letzten Erkenntnisse
der Lage befinden, Biogasprojekte zu initiieren und/oder anzu- der Wissenschaft.
schieben. Potenziellen Fördergeldgebern und Energieagenturen Die Neufassungen in den Kapiteln 3, 7 bis 9 und 13 sowie
wird der Leitfaden in ihrer Multiplikatoren-Funktion hilfreich sein. alle aktualisierten Daten und Abbildungen basieren auf Erhe-
bungen in den Jahren 2012 und 2013. Dieses trifft insbesonde-
re auf die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Wirtschaft-
1.5 Abgrenzung lichkeitsberechnungen der Modellanlagen zu. Soweit nicht
explizit anders vermerkt, bezieht sich daher jede Aussage zum
Bei dem vorliegenden Leitfaden müssen, wie nachfolgend be- EEG auf die seit 1. Januar 2012 gültige Fassung.
schrieben, sowohl hinsichtlich der Technik und der betrachteten
Substrate als auch im Hinblick auf den Datenumfang und die 1.5.4 Datenumfang
Aktualität Abgrenzungen vorgenommen werden. Auch hinsichtlich des Datenumfangs erfolgt eine Abgrenzung.
Der hier vorliegende Leitfaden enthält einerseits die Daten und
1.5.1 Technik Fakten, die zum Verständnis der entsprechenden Informatio-
Der Leitfaden konzentriert sich ausschließlich auf die Verwer- nen und Vorgehensweisen notwendig sind, und andererseits
tung von Biomasse zur Gewinnung und Nutzung von Biogas. diejenigen, die für die Durchführung erster Abschätzungen und
Dabei liegt der Schwerpunkt auf Anlagen im landwirtschaftli- Berechnungen erforderlich sind. Auf die Einbeziehung darüber
chen Sektor sowie im Bereich der Verwertung von Reststoffen hinaus gehenden Zahlenmaterials wurde zu Gunsten höherer
aus der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte. Insbeson- Transparenz und Übersichtlichkeit verzichtet.
dere Fragen der Verwertung beispielsweise von kommunalen Der vorliegende Leitfaden enthält die aus den sorgfältigen
Abfällen und Klärschlämmen werden nicht aufgegriffen. Ferner Recherchen und vielfältigen Fachgesprächen resultierenden
werden schwerpunktmäßig Biogastechnologien in die Betrach- Ergebnisse. Dabei kann kein Anspruch auf die absolute Voll-
tungen einbezogen, die eine gewisse Bewährung im Markt er- ständigkeit und Richtigkeit der Daten erhoben werden, wobei
fahren haben und mehrfach kommerziell in Deutschland umge- das Ziel der umfassenden und weitestgehend erschöpfenden
setzt wurden. Darstellung aller relevanten Teilbereiche der Biogasgewinnung
Hinsichtlich der Gasverwertung wird der Schwerpunkt auf die und -nutzung erreicht scheint.
kombinierte Erzeugung von Wärme und Strom mittels Kraft-Wär-
me-Kopplung gelegt. Fragen der Biogas-Aufbereitung auf Erd-
gasqualität und dessen Einspeisung in das Erdgasnetz werden
grundsätzlich diskutiert, detaillierte Analysen und Bewertungen
werden jedoch in anderen Publikationen der Fachagentur Nach-
wachsende Rohstoffe e. V. dargestellt, so dass auf derartige
Werke entsprechend verwiesen wird.
Die über die motorische Kraft-Wärme-Kopplung hinausge-
henden Technologien zur Nutzung von Biogas (z. B. Mikrogas-
turbine, Brennstoffzelle, lokale Treibstoffbereitstellung) werden
nur soweit diskutiert, als wissenschaftlich abgesicherte Infor-
mationen vorliegen, die eine absehbare ökonomisch sinnvolle
Einsatzfähigkeit zeigen. Der Leitfaden konzentriert sich damit

10
2
Grundlagen der anaeroben
Fermentation

2.1 Entstehung von Biogas


Ausgangsmaterial
(Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette)
Wie schon der Name besagt, entsteht „Bio“-Gas in einem bio-
logischen Prozess. Unter Ausschluss von Sauerstoff (bez. als
anaerob) wird dabei aus organischer Masse ein Gasgemisch
gebildet, das sogenannte Biogas. Dieser in der Natur weit
verbreitete Prozess findet beispielsweise in Mooren, auf dem
Grund von Seen, in Güllegruben sowie im Pansen von Wieder- Einfache organische Bausteine
(Aminosäuren, Fettsäuren, Zucker)
käuern statt. Dabei wird durch eine Reihe von Mikroorganismen
die organische Masse fast vollständig zu Biogas umgewandelt.
Zusätzlich entstehen gewisse Mengen an Energie (Wärme) und Säurebildung
neuer Biomasse.
Das gebildete Gasgemisch besteht überwiegend aus Met-
han (50-75 Vol.-%) und Kohlendioxid (25-50 Vol.-%). Daneben Niedere Fettsäuren Weitere Produkte
(Propionsäure, Buttersäure) (Milchsäure, Alkohole usw.)
befinden sich im Biogas noch geringe Mengen an Wasserstoff,
Schwefelwasserstoff, Ammoniak und anderen Spurengasen. Die
Zusammensetzung wird im Wesentlichen von den eingesetzten Essigsäurebildung
Substraten, dem Fermentationsverfahren und verschiedenen
technischen Ausführungen beeinflusst [2-1], [2-2], [2-3], [2-4].
Der Entstehungsprozess des Biogases lässt sich in mehrere Teil- Essigsäure H2 + CO2
schritte unterteilen (siehe Abb. 2.1). Dabei müssen die einzel-
nen Abbauschritte optimal aufeinander eingespielt sein, damit
der Gesamtprozess reibungslos abläuft. Methanbildung
Im ersten Schritt, der „Hydrolyse“, werden die komplexen
Verbindungen des Ausgangsmaterials (z. B. Kohlenhydrate, Ei-
weiße, Fette) in einfachere, organische Verbindungen (z. B. Ami- Biogas
nosäuren, Zucker, Fettsäuren) gespalten. Die daran beteiligten CH4 + CO2

hydrolytischen Bakterien setzen hierzu Enzyme frei, die das Ma-


terial auf biochemischem Weg zersetzen.
Die gebildeten Zwischenprodukte werden dann in der soge- Abb. 2.1: Schematische Darstellung des anaeroben Abbaus
nannten „Versäuerungsphase“ (Acidogenese) durch fermen-
tative (säurebildende) Bakterien weiter zu niederen Fettsäuren gebildeten Produkte wird von der Konzentration des intermedi-
(Essig-, Propion- und Buttersäure) sowie Kohlendioxid und Was- är gebildeten Wasserstoffs beeinflusst.
serstoff abgebaut. Daneben werden aber auch geringe Mengen In der Acetogenese, der „Essigsäurebildung“, werden die-
an Milchsäure und Alkohole gebildet. Die Art der in dieser Stufe se Produkte anschließend durch acetogene Bakterien zu Vor-

11
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

läufersubstanzen des Biogases (Essigsäure, Wasserstoff und 2.2 Milieubedingungen


Kohlendioxid) umgesetzt. In diesem Zusammenhang ist der
Wasserstoffpartialdruck von großer Bedeutung. Ein zu hoher Bei der Beschreibung der Milieubedingungen muss zwischen
Wasserstoffgehalt verhindert aus energetischen Gründen die Nassfermentation und Feststofffermentation (auch als Trocken-
Umsetzung der Zwischenprodukte der Acidogenese. Als Folge fermentation bezeichnet) unterschieden werden, da sich insbe-
reichern sich organische Säuren, z. B. Propionsäure, iso-Butter- sondere im Hinblick auf den Wassergehalt, Nährstoffgehalt und
säure, iso-Valeriansäure und Capronsäure, an und hemmen die Stofftransport Unterschiede zwischen den beiden Verfahren er-
Methanbildung. Die acetogenen Bakterien (Wasserstoffbildner) geben. Auf Grund der dominierenden Anwendung in der Praxis
müssen aus diesem Grund in einer engen Lebensgemeinschaft wird im Folgenden nur auf die Nassfermentation eingegangen.
mit den Wasserstoff verbrauchenden methanogenen Archaeen
stehen, welche Wasserstoff zusammen mit Kohlendioxid bei 2.2.1 Sauerstoff
der Bildung von Methan verbrauchen (Interspecies-Wasser- Methanogene Archaeen gehören zu den ältesten Lebewesen
stoff-Transfer) und somit für akzeptable Milieubedingungen der auf unserer Erde und entstanden vor etwa drei bis vier Milliar-
essigsäurebildenden Bakterien sorgen [2-5]. den Jahren, lange bevor sich die Atmosphäre, wie wir sie ken-
In der anschließenden „Methanogenese“, dem letzten nen, gebildet hatte. Aus diesem Grund sind diese Mikroorganis-
Schritt der Biogasbildung, werden vor allem Essigsäure sowie men auch heute noch auf eine Lebensumgebung angewiesen,
Wasserstoff und Kohlendioxid von strikt anaeroben methanoge- in der kein Sauerstoff vorkommt. Die meisten Arten werden
nen Archaeen zu Methan umgewandelt. Die hydrogenotrophen schon durch geringe Sauerstoffmengen abgetötet. In der Regel
Methanogenen produzieren aus Wasserstoff und Kohlendioxid lässt sich jedoch ein Sauerstoffeintrag in den Fermenter nicht
das Methan, wohingegen die acetoclastischen Methanbildner vollkommen vermeiden. Der Grund, dass die methanogenen
durch Essigsäurespaltung Methan bilden. Unter den in land- Archaeen nicht sofort in ihrer Aktivität gehemmt werden oder
wirtschaftlichen Biogasanlagen vorherrschenden Bedingungen sogar ganz absterben liegt darin, dass sie in Gemeinschaft mit
erfolgt die Methanbildung bei höheren Raumbelastungen vor- sauerstoffverbrauchenden Bakterien aus den vorhergehenden
wiegend über den Wasserstoff verwertenden Reaktionsweg und Abbauschritten leben [2-1], [2-2]. Einige von ihnen sind soge-
nur bei relativ geringer Raumbelastung über den Essigsäure nannte fakultativ anaerobe Bakterien. Diese können sowohl
spaltenden Reaktionsweg [2-7], [2-8]. Die aus der Klärschlamm- unter Sauerstoffeinfluss als auch vollkommen ohne Sauerstoff
vergärung gewonnene Erkenntnis, dass Methan zu 70 % aus überleben. Solange der Sauerstoffeintrag nicht zu groß ist, ver-
der Essigsäurespaltung und nur zu 30 % aus der Wasserstoff- brauchen sie den Sauerstoff, bevor er die methanogenen Archa-
verwertung stammt, gilt bei landwirtschaftlichen Biogasanlagen een schädigt, die auf eine sauerstofffreie Umgebung zwingend
allenfalls für Hochlastfermenter mit sehr kurzen Verweilzeiten angewiesen sind. Auch der zur biologischen Entschwefelung in
[2-7], [2-9]. den Gasraum des Fermenters eingetragene Luftsauerstoff hat
Grundsätzlich finden die vier Phasen des anaeroben Abbaus daher in der Regel keinen negativen Einfluss auf die Methan-
in einem einstufigen Prozess zeitlich parallel statt. Die Bakterien bildung [2-6].
der einzelnen Abbauschritte stellen aber unterschiedliche An-
forderungen an ihren Lebensraum (z. B. pH-Wert, Temperatur), 2.2.2 Temperatur
daher muss hier prozesstechnisch ein Kompromiss gefunden Grundsätzlich gilt, dass chemische Reaktionen umso schneller
werden. Da die methanogenen Mikroorganismen aufgrund der ablaufen, je höher die Umgebungstemperatur ist. Dies lässt sich
geringen Wachstumsgeschwindigkeit das schwächste Glied der aber nur bedingt auf biologische Abbau- und Umsetzungspro-
Biozönose sind und am empfindlichsten auf Störungen reagie- zesse anwenden. Es muss hier bedacht werden, dass für die an
ren, müssen die Milieubedingungen an die Anforderungen der den Stoffwechselprozessen beteiligten Mikroorganismen unter-
Methanbildner angepasst werden. Der Versuch, die Hydrolyse schiedliche Temperaturoptima existieren [2-1]. Werden diese
und Säurebildung von der Methanbildung durch zwei getrennte optimalen Temperaturbereiche unter- bzw. überschritten, kann
Prozessstufen räumlich zu trennen (zweiphasige Prozessfüh- dies zu einer Hemmung und im Extremfall zur unwiderruflichen
rung) gelingt in der Praxis jedoch nur bedingt, da es trotz eines Schädigung der beteiligten Mikroorganismen führen.
niedrigen pH-Werts in der Hydrolysestufe (pH < 6,5) dennoch Die am Abbau beteiligten Mikroorganismen lassen sich auf
teilweise zur Bildung von Methan kommt. Das gebildete Hy- Grund ihrer Temperaturoptima in drei Gruppen einteilen. Es
drolysegas enthält neben Kohlendioxid und Wasserstoff daher wird hier zwischen psychrophilen, mesophilen und thermophi-
auch Methan, weshalb das Hydrolysegas einer Verwertung oder len Mikroorganismen unterschieden [2-12]:
Behandlung zugeführt werden muss, um negative Umweltaus- • Psychrophile Mikroorganismen haben ihr Optimum bei Tem-
wirkungen und Sicherheitsrisiken zu vermeiden [2-10]. peraturen unterhalb von 25 °C. Bei solchen Temperaturen
Je nach Konstruktion und Betriebsweise der Biogasanlage entfällt das Aufheizen der Substrate bzw. des Fermenters,
sowie der Beschaffenheit und Konzentration der als Substrat jedoch sind Abbauleistung und Gasproduktion nur gering.
eingesetzten Frischmasse können sich bei mehrstufigen Pro- Ein wirtschaftlicher Betrieb von Biogasanlagen ist daher in
zessen unterschiedliche Milieubedingungen in den einzelnen der Regel nicht möglich.
Fermenterstufen einstellen. Die Umgebungsbedingungen wie- • Der größte Teil der bekannten Methanbildner hat sein
derum beeinflussen die Zusammensetzung und Aktivität der Wachstumsoptimum im mesophilen Temperaturbereich zwi-
mikrobiellen Biozönose und haben damit unmittelbar Einfluss schen 37 und 42 °C. Anlagen, die im mesophilen Bereich
auf die gebildeten Stoffwechselprodukte. arbeiten, sind in der Praxis am weitesten verbreitet, da in

12
Grundlagen der anaeroben Fermentation

Temperatur, sondern vielmehr die Konstanz in einem Tempera-


Nassfermentation und Trockenfermentation
turniveau entscheidend.
In diesem Zusammenhang ist der in der Praxis vielfach be-
Eine strikte Unterteilung der Verfahren in Nass- und Fest- obachtete Effekt der Selbsterwärmung zu nennen. Dieser Effekt 2
stofffermentation ist aus biologischer Sicht irreführend, da tritt beim Einsatz von überwiegend kohlenhydrathaltigen Sub-
die am Vergärungsprozess beteiligten Mikroorganismen straten in Verbindung mit dem Verzicht auf flüssige Inputstof-
in jedem Fall ein flüssiges Medium für ihr Wachstum und fe und gut isolierte Behälter auf. Die Selbsterwärmung ist auf
Überleben benötigen. die Wärmeproduktion einzelner Mikroorganismengruppen
Auch bei der Definition über den Trockenmassegehalt beim Kohlenhydratabbau zurückzuführen. Diese kann zur Fol-
der zu vergärenden Frischmasse kommt es immer wieder ge haben, dass bei ursprünglich mesophiler Betriebsweise die
zu Missverständnissen, da häufig mehrere Substrate mit Temperatur bis in den Bereich von 43-48 °C ansteigt. Bei einer
unterschiedlichen Trockenmassegehalten eingesetzt wer- intensiven analytischen Begleitung und damit verbundenen
den. Hier muss dem Betreiber klar sein, dass nicht der Prozessregulation kann der Temperaturwechsel mit kurzfristi-
Trockenmassegehalt der Einzelsubstrate maßgebend für gen, geringen Einschnitten in der Gasproduktion vollzogen wer-
die Einteilung des Verfahrens ist, sondern der Trockenmas- den [2-11]. Sofern jedoch erforderliche Eingriffe in den Prozess
segehalt des in den Fermenter eingebrachten Substratge- (z. B. Reduktion der Inputmengen) unterbleiben, können sich
misches. die Mikroorganismen nicht an den Temperaturwechsel adaptie-
Deswegen erfolgt hier die Einteilung in Nass- oder Fest- ren und es kommt im schlimmsten Fall zum vollständigen Erlie-
stofffermentation über den Trockenmassegehalt des Fer- gen der Gasproduktion.
menterinhalts. Dabei sei noch einmal darauf hingewiesen,
dass die Mikroorganismen in ihrer unmittelbaren Umge- 2.2.3 pH-Wert
bung in beiden Fällen ausreichend Wasser benötigen. Für den pH-Wert gelten ähnliche Zusammenhänge wie für die
Zwar gibt es keine genaue Definition der Grenze zwi- Temperatur. Die an den verschiedenen Abbauschritten beteilig-
schen Nass- und Feststofffermentation, jedoch hat es ten Mikroorganismen benötigen unterschiedliche pH-Werte bei
sich in der Praxis eingebürgert, dass man bei Einsatz von denen sie optimal wachsen können. So liegt das pH-Optimum
Energiepflanzen bis zu einem Trockenmassegehalt im Fer- der hydrolysierenden und säurebildenden Bakterien bei pH 5,2
menter von ca. 12 % von Nassfermentation spricht, da bis 6,3 [2-6]. Sie sind aber nicht zwingend darauf angewiesen
der Fermenterinhalt bei diesem Wassergehalt in der Regel und können auch bei geringfügig höheren pH-Werten noch
noch pumpfähig ist. Steigt der Trockenmassegehalt im Fer- Substrate umsetzen. Lediglich ihre Aktivität wird dadurch ge-
menter auf Werte von über 15-16 % an, so ist das Material ring vermindert. Dagegen benötigen die Essigsäure bildenden
meist nicht mehr pumpfähig und man bezeichnet den Pro- Bakterien und die methanogenen Archaeen unbedingt einen
zess als Feststofffermentation. pH-Wert im neutralen Bereich bei 6,5 bis 8 [2-8]. Findet der Gär-
prozess in nur einem Fermenter statt, muss demzufolge dieser
pH-Bereich eingehalten werden.
diesem Temperaturbereich relativ hohe Gasausbeuten so- Unabhängig davon, ob der Prozess ein- oder mehrstufig
wie eine gute Prozessstabilität erreicht werden [2-6]. ist, stellt sich der pH-Wert innerhalb des Systems automatisch
• Sollen durch Hygienisierung des Substrates gesundheits- durch die alkalischen und sauren Stoffwechselprodukte ein,
schädliche Keime abgetötet werden oder werden als Sub- die während des anaeroben Abbaus gebildet werden [2-1]. Wie
strate Nebenprodukte oder Abfallstoffe verwendet, die mit empfindlich jedoch dieses Gleichgewicht ist, zeigt folgende Ket-
hoher Eigentemperatur anfallen (z. B. Prozesswasser), bieten tenreaktion.
sich thermophile Kulturen für die Vergärung an. Diese haben Wird dem Prozess z. B. in zu kurzer Zeit zuviel organische
ihr Optimum im Temperaturbereich zwischen 50 und 60 °C. Masse zugeführt oder ist die Methanbildung aus einem anderen
Es wird hier durch die hohe Prozesstemperatur eine höhe- Grund gehemmt, so reichern sich die sauren Stoffwechselpro-
re Abbaugeschwindigkeit sowie eine geringere Viskosität dukte der Acidogenese an. Im Normalfall stellt sich der pH-Wert
erreicht. Jedoch ist zu bedenken, dass auch mehr Energie durch den Carbonat- und Ammoniakpuffer im neutralen Bereich
für das Aufheizen des Gärprozesses benötigt werden kann. ein. Ist die Pufferkapazität des Systems erschöpft, d. h. es haben
Auch ist der Gärprozess in diesem Temperaturbereich emp- sich zu viele organische Säuren angereichert, sinkt der pH-Wert.
findlicher gegenüber Störungen, Unregelmäßigkeiten in der Dadurch erhöht sich wiederum die Hemmwirkung von Schwe-
Substratzufuhr oder der Betriebsweise des Fermenters, da felwasserstoff und Propionsäure, so dass es in kürzester Zeit
unter thermophilen Bedingungen weniger verschiedene Ar- zum „Umkippen“ des Fermenters kommen kann. Andererseits
ten von methanogenen Mikroorganismen vorliegen [2-6]. kann der pH-Wert steigen, wenn durch den Abbau organischer
Die Praxis hat in diesem Zusammenhang gezeigt, dass die Über- Stickstoffverbindungen Ammoniak freigesetzt wird, das mit
gänge zwischen den Temperaturbereichen fließend sind und in Wasser zu Ammonium reagiert. Dadurch erhöht sich die Hemm-
erster Linie schnelle Temperaturänderungen zu Schädigungen wirkung von Ammoniak. Im Hinblick auf die Prozesskontrolle ist
der Mikroorganismen führen, wohingegen sich die methano- jedoch zu beachten, dass der pH-Wert aufgrund seiner Trägheit
genen Mikroorganismen bei langsamer Temperaturänderung nur bedingt für die Anlagensteuerung verwendet werden kann,
an unterschiedliche Temperaturniveaus anpassen können. Für jedoch aufgrund seiner hohen Bedeutung stets gemessen wer-
einen stabilen Prozessverlauf ist daher weniger die absolute den sollte.

13
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

2.2.4 Nährstoffversorgung Tab. 2.1: Günstige Spurenelementkonzentrationen


Die Mikroorganismen des anaeroben Abbaus haben einen verschiedener Literaturquellen
artspezifischen Bedarf an Makro- und Mikronährstoffen sowie
Vitaminen. Die Konzentration und Verfügbarkeit dieser Kom- Konzentrationsbereich [mg/l]
Spuren-
ponenten beeinflusst Wachstumsgeschwindigkeit und Aktivität element nach nach nach nach
der verschiedenen Populationen. Es existieren artspezifische [2-17] [2-18] [2-15]a [2-16]b
Mindest- und Maximalkonzentration, deren Festlegung auf- Co 0,003–0,06 0,003–10 0,06 0,12
grund der Vielfalt unterschiedlicher Kulturen und deren z. T. stark Ni 0,005–0,5 0,005–15 0,006 0,015
ausgeprägter Adaptionsfähigkeit schwierig ist. Um möglichst Se 0,08 0,08–0,2 0,008 0,018
viel Methan aus den eingesetzten Substraten zu gewinnen,
Mo 0,005–0,05 0,005–0,2 0,05 0,15
muss eine optimale Nährstoffversorgung der Mikroorganismen
Mn k. A. 0,005–50 0,005–50 k. A.
gewährleistet sein. Wie viel Methan sich letztendlich aus den
eingesetzten Substraten gewinnen lässt, wird durch dessen An- Fe 1–10 0,1–10 1–10 k. A.
teile an Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten bestimmt. Diese
a
Absolute Minimalkonzentration bei Biogasanlagen
b
Empfohlene optimale Konzentration
Faktoren beeinflussen gleichermaßen den spezifischen Bedarf
an Nährstoffen [2-17].
Für einen stabilen Prozessverlauf ist ein ausgewogenes tor 100) der als essentiell angesehenen Spurenelementkonzen-
Verhältnis an Makro- und Mikronährstoffen erforderlich. Nach trationen auffallend
Kohlenstoff ist Stickstoff der am meisten benötigte Nährstoff. Er Die in Tabelle 2.1 aufgezeigten Konzentrationsbereiche sind
wird für die Bildung von Enzymen benötigt, die den Stoffwech- für landwirtschaftliche Biogasanlagen nur bedingt anwendbar,
sel durchführen. Daher ist das C/N-Verhältnis der eingesetzten da die aus den genannten Quellen zitierten Untersuchungen
Substrate wichtig. Ist dieses Verhältnis zu hoch (viel C und wenig teilweise im Abwasserbereich bei unterschiedlichen Ausgangs-
N), kann durch einen unzureichenden Stoffwechsel der vorhan- bedingungen und Untersuchungsmethoden erfolgten. Darü-
dene Kohlenstoff nicht vollständig umgesetzt werden, so dass ber hinaus sind die Spannbreiten extrem hoch und es liegen
die maximal mögliche Methanausbeute nicht erreicht wird. Im kaum Angaben zu den vorgelegenen Prozessbedingungen (z. B.
umgekehrten Fall kann es durch Stickstoffüberschuss zur über- Raumbelastung, Verweilzeit, etc.) vor. Die Spurenelemente
mäßigen Bildung von Ammoniak (NH3) kommen, der schon in können im Reaktor schwer lösliche Verbindungen mit freiem
geringen Konzentrationen die Bakterien in ihrem Wachstum Phosphat, Sulfid und Carbonat eingehen und sind somit für die
hemmt und sogar zum völligen Zusammenbruch der gesamten Mikroorganismen nicht mehr verfügbar. Mit der Analyse der
Mikroorganismenpopulation führen kann [2-2]. Für einen unge- Spurenelementkonzentrationen im Gärgut können daher keine
störten Prozessablauf muss das C/N-Verhältnis deswegen im sicheren Aussagen zur Verfügbarkeit der Spurenelemente ge-
Bereich 10 bis 30 liegen. troffen werden. Es wird ausschließlich die Gesamtkonzentrati-
Neben Kohlenstoff und Stickstoff sind Phosphor und Schwe- on bestimmt. Aus diesem Grund müssen dem Prozess größere
fel ebenfalls essentielle Nährstoffe. Schwefel ist Bestandteil Mengen an Spurenelementen zugeführt werden, als allein für
der Aminosäuren und Phosphorverbindungen sind für die Bil- den Ausgleich einer Mangelkonzentration benötigt würden. Bei
dung der Energieträger ATP (Adenosintriphosphat) und NADP einer Bedarfsermittlung muss stets die Spurenelementkonzen-
(Nicotinamid-Adenin-Dinucleotidphosphat) notwendig. Um trationen aller Substrate berücksichtigt werden. Aus Analysen
die Mikroorganismen ausreichend mit Nährstoffen zu versor- von Spurenelementgehalten verschiedener Futtermittel ist be-
gen, sollte das C:N:P:S-Verhältnis im Reaktor bei 600:15:5:3 kannt, dass erhebliche Schwankungsbreiten vorliegen können.
liegen [2-13]. Dieses macht eine optimierte Dosierung von Spurenelementen
Neben den Makronährstoffen ist eine ausreichende Ver- bei Mangelsituationen äußerst schwierig.
fügbarkeit einzelner Spurenelemente für die Mikroorganismen Dennoch sollte vor einer Zudosierung von Spurenelementen
lebensnotwendig. Bei den meisten landwirtschaftlichen Bio- zuerst der Gehalt der Mikronährstoffe des Fermenterinhalts be-
gasanlagen wird der Bedarf an Mikronährstoffen in der Regel stimmt werden, um eine Überdosierung von Spurenelementen
gedeckt, insbesondere beim Einsatz tierischer Exkremente. zu vermeiden. Diese kann dazu führen, dass die Schwermetall-
Vor allem bei der Monovergärung von Energiepflanzen kommt konzentration im Gärrückstand den zulässigen Grenzwert für
es jedoch sehr häufig zu einem Mangel an Spurenelementen. die landwirtschaftliche Verwertung übersteigt, so dass der Gär-
Methanogene Archaeen benötigen die Elemente Kobalt (Co), rückstand nicht als organischer Dünger verwertet werden kann.
Nickel (Ni), Molybdän (Mo) und Selen (Se) sowie teilweise auch
Wolfram (W). Ni, Co und Mo dienen in Co-Faktoren für essenti- 2.2.5 Hemmstoffe
elle Reaktionen im Stoffwechsel [2-14], [2-15]. Fernerhin sind Ist die Gasproduktion bzw. der Prozessablauf gehemmt, kann
Magnesium (Mg), Eisen (Fe) und Mangan (Mn) wichtige Mik- das unterschiedliche Gründe haben. Dies können zum Einen be-
ronährstoffe, die für den Elektronentransport und die Funktion triebstechnische Gründe sein (vgl. Kapitel 5.4 Störungsmanage-
bestimmter Enzyme erforderlich sind. ment). Zum Anderen können Hemmstoffe den Prozessfortschritt
Daher ist die Konzentration der Spurenelemente im Reaktor verzögern. Dieses sind Stoffe, die unter Umständen schon in
eine entscheidende Bezugsgröße. Vergleicht man in diesem geringen Mengen die Abbauleistung vermindern bzw. bei toxi-
Zusammenhang verschiedene Literaturquellen miteinander, so scher Konzentration den Abbauprozess zum Erliegen bringen.
ist vor allem die sehr große Schwankungsbreite (z. T. bis Fak- Unterschieden werden muss zwischen Hemmstoffen, die durch

14
Grundlagen der anaeroben Fermentation

die Substratzugabe in den Fermenter gelangen, und solchen, zunehmend basischen pH-Wert, also bei zunehmender OH--Io-
die als Zwischenprodukte aus den einzelnen Abbauschritten nen-Konzentration, das Gleichgewicht verschiebt und die Am-
hervorgehen. moniakkonzentration zunimmt. Beispielsweise führt ein Anstieg
Bei der „Fütterung“ eines Fermenters muss beachtet werden, des pH-Werts von 6,5 auf 8,0 zu einer Zunahme der Konzen- 2
dass auch eine übermäßige Substratzugabe den Gärprozess tration an freiem Ammoniak auf das 30-fache. Auch bei Tem-
hemmen kann, da sich grundsätzlich jeder Inhaltsstoff eines peraturanstieg im Fermenter kommt es zu einer Verschiebung
Substrates in zu hohen Konzentrationen schädlich auf die Bak- des Gleichgewichts in Richtung des hemmenden Ammoniaks.
terien auswirken kann. Dies gilt besonders für Substanzen wie Für ein nicht an hohe Stickstoffkonzentrationen angepasstes
Antibiotika, Desinfektions- oder Lösungsmittel, Herbizide, Salze Vergärungssystem liegt die Hemmschwelle im Bereich von 80–
oder Schwermetalle, die schon in geringen Mengen den Abbau- 250 mg/l NH3 [2-2]. Abhängig von pH-Wert und Gärtemperatur
prozess hemmen können. Der Eintrag von Antibiotika stammt in entspricht dies einer Ammoniumkonzentration von 1,7–4 g/l.
der Regel aus der Zugabe von Wirtschaftsdünger oder tierischen Erfahrungsgemäß muss bei einer Gesamtkonzentration an Am-
Fetten, wobei die hemmende Wirkung einzelner Antibiotika sehr moniumstickstoff von 3.000–3.500 mg/l mit einer Stickstoff-
unterschiedlich ist. Aber auch essentielle Spurenelemente kön- hemmung des Biogasprozesses gerechnet werden [2-17].
nen in zu hohen Konzentrationen toxisch für die Mikroorganis- Ein weiteres Produkt des Gärprozesses ist Schwefelwasser-
men sein. Da sich die Mikroorganismen bis zu einem gewissen stoff (H2S), welcher in nicht dissoziierter, gelöster Form als Zell-
Maße an solche Stoffe anpassen können, ist die Konzentration, gift schon in Konzentrationen von ca. 50 mg/l den Abbaupro-
ab der ein Stoff schädigt, nur schwer zu bestimmen [2-2]. Auch zess hemmen kann. Mit sinkendem pH-Wert steigt der Anteil an
existieren für einige Hemmstoffe Wechselwirkungen mit ande- freiem H2S, wodurch die Gefahr einer Hemmung zunimmt. Eine
ren Substanzen. So wirken Schwermetalle nur dann schädigend Möglichkeit den Gehalt an H2S zu vermindern besteht in der Fäl-
auf den Gärprozess, wenn sie in gelöster Form vorliegen. Sie lung mittels Eisen-Ionen als Sulfide. H2S reagiert auch mit wei-
werden aber durch Schwefelwasserstoff, der ebenfalls im Gär- teren Schwermetallen und wird unter Bildung von Sulfidionen
prozess gebildet wird, gebunden und als schwerlösliche Sulfide (S2-) gebunden und ausgefällt [2-2]. Schwefel ist, wie bereits er-
ausgefällt. Da bei der Methangärung H2S praktisch immer ent- wähnt, allerdings auch ein wichtiger Makronährstoff, der für die
steht, ist eine Prozessstörung durch Schwermetalle in der Regel Bildung von Enzymen in ausreichender Konzentration verfügbar
nicht zu erwarten [2-2]. Dies gilt nicht für Kupferverbindungen, sein muss, so dass eine zu weitgehende Ausfällung als Sulfid
die aufgrund ihrer antibakteriellen Wirkung bereits in sehr ge- wiederum eine Hemmung der Methanogenese auslösen kann.
ringer Konzentration (40-50 mg/l) toxisch sind und in landwirt- Die Hemmwirkung einzelner Stoffe hängt folglich von meh-
schaftlichen Betrieben, z. B. über die Klauendesinfektion, in den reren Faktoren ab und die Festlegung auf feste Grenzwerte ist
Wirtschaftskreislauf gelangen können. nur schwer durchzuführen. Eine Auflistung einiger Hemmstoffe
Während des Gärprozesses wird eine Reihe von Stoffen ge- zeigt Tabelle 2.2.
bildet, die den Prozess hemmen können. Dabei muss in diesem
Zusammenhang nochmals auf die hohe Adaptionsfähigkeit der
Bakterien hingewiesen werden, da man nicht von allgemein- 2.3 Betriebsparameter
gültigen absoluten Grenzen ausgehen kann. Insbesondere das
nichtionische, freie Ammoniak (NH3) wirkt schon in geringen 2.3.1 Raumbelastung und Verweilzeit
Konzentrationen schädigend auf die Bakterien, welches mit der Beim Bau von Biogasanlagen stehen meist ökonomische Über-
Ammoniumkonzentration (NH4+) im Gleichgewicht steht (Am- legungen im Vordergrund. So wird bei der Wahl der Fermen-
moniak reagiert hierbei mit Wasser zu Ammonium und einem tergröße nicht unbedingt die maximale Gasausbeute bzw. der
OH--Ion und umgekehrt). Das bedeutet, dass sich bei einem vollständige Abbau der im Substrat enthaltenen organischen

Tab. 2.2: Hemmstoffe bei anaeroben Abbauprozessen und deren schädigende Konzentration [2-13]

Hemmstoff Hemmkonzentration Anmerkung


Sauerstoff > 0,1 mg/l Hemmung der obligat anaeroben methanogenen Archaeen
Schwefelwasserstoff > 50 mg/l H2S Hemmwirkung steigt mit sinkendem pH-Wert
> 2.000 mg/l HAc
Flüchtige Fettsäuren Hemmwirkung steigt mit sinkendem pH-Wert, hohe Adaptionsfähigkeit der Bakterien
(pH = 7,0)
> 3.500 mg/l NH4+ Hemmwirkung steigt mit steigendem pH-Wert und steigender Temperatur,
Ammoniumstickstoff
(pH = 7,0) hohe Adaptionsfähigkeit der Bakterien
Cu > 50 mg/l
Schwermetalle Zn > 150 mg/l Nur gelöste Metalle wirken inhibierend, Entgiftung durch Sulfidfällung
Cr > 100 mg/l
Desinfektionsmittel
k. A. Hemmwirkung produktspezifisch
Antibiotika

15
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Masse angestrebt. Wollte man einen vollständigen Abbau der liegt die Verdopplungsrate einiger methanogener Archaeen bei
organischen Inhaltsstoffe realisieren, wären mitunter sehr lange 10 Tagen und länger) [2-1]. Außerdem ist zu berücksichtigen,
Aufenthaltszeiten des Substrates im Fermenter und damit auch dass bei geringer Verweilzeit den Mikroorganismen nur wenig
entsprechend große Behältervolumina notwendig, da einige Zeit bleibt, das Substrat abzubauen und so nur eine unzurei-
Stoffe – wenn überhaupt – erst nach sehr langen Zeiträumen chende Gasausbeute erzielt wird. Es ist also in gleichem Maße
abgebaut werden. Es muss also mit vertretbarem wirtschaftli- wichtig, die Verweilzeit an die spezifische Abbaugeschwindig-
chem Aufwand ein Optimum an Abbauleistung angestrebt wer- keit der verwendeten Substrate anzupassen. Bei bekannter täg-
den. licher Zugabemenge kann in Verbindung mit der Abbaubarkeit
In dieser Hinsicht ist die Raumbelastung (BR) ein wichtiger des Substrates und der angestrebten Verweilzeit das benötigte
Betriebsparameter. Sie gibt an, wie viel Kilogramm organischer Reaktorvolumen errechnet werden.
Trockensubstanz (oTS) dem Fermenter je m3 Arbeitsvolumen Die genannten Betriebsparameter einer Biogasanlage die-
pro Zeiteinheit zugeführt werden kann [2-1]. Die Raumbelas- nen in erster Linie zur Beschreibung der Belastungssituation,
tung wird in kg oTS/(m3 · d) angegeben. z. B. zum Vergleich unterschiedlicher Biogasanlagen. Ledig-
lich beim Anfahrprozess können die Parameter bei der Anla-
m·  c
BR = -------------------- [kg oTS m-3 d-1] gensteuerung im Hinblick auf eine langsame, kontinuierliche
VR  100
Steigerung hilfreich sein. Dabei wird in der Regel vor allem
Gleichung 2.1: Raumbelastung BR der Raumbelastung Beachtung geschenkt. Bei Anlagen mit in-
(m⋅ = zugeführte Substratmenge je Zeiteinheit [kg/d];
putseitig hohen Flüssigkeitsmengen und geringen Gehalten an
c = Konzentration der organischen Substanz [% oTS];
abbaubarer Organik (Gülleanlagen) ist die Verweilzeit von grö-
VR = Reaktorvolumen [m3])
ßerer Bedeutung.

Die Raumbelastung kann für jede Stufe (gasdichter, isolierter 2.3.2 Produktivität, Ausbeute und Abbaugrad
und beheizter Behälter), für das Gesamtsystem (Summe der Ar- Zur Beschreibung des Leistungsstandes einer Biogasanlage
beitsvolumina aller Stufen) sowie mit und ohne Einbeziehung sind Produktivität (P(CH )), Ausbeute (A(CH )) und Abbaugrad (hoTS)
4 4

von Materialrückführung (Rezirkulat) angegeben werden. Durch gut geeignete Parameter. Wird die Gasproduktion auf das Fer-
Veränderung der Bezugsgrößen ergeben sich zum Teil sehr un- mentervolumen bezogen, so spricht man von der Produktivität.
terschiedliche Ergebnisse für die Raumbelastung einer Anlage. Sie ist definiert als Quotient aus der täglichen Gasproduktion
Für einen möglichst aussagekräftigen Vergleich der Raumbelas- und dem Reaktorvolumen und gibt folglich Aufschluss über die
tung unterschiedlicher Biogasanlagen empfiehlt es sich, diesen Effektivität [2-19]. Die Produktivität kann sowohl auf die Bio-
Parameter für das Gesamtsystem und ohne Betrachtung der gas-(P(Biogas)) als auch auf die Methanproduktion (P(CH )) bezogen 4

Materialrückführung, also ausschließlich für das Frischsubstrat, werden und wird in Nm3/(m3 · d) angegeben.
zu ermitteln. ·
V  CH 4 
Ein weiterer Parameter für die Dimensionierung der Behäl- P CH 4  = ---------------- [Nm3 · m-3 · d-1]
tergröße ist die hydraulische Verweilzeit (HRT; hydraulic reten- VR
tion time). Dies ist die Zeitdauer, die ein zugeführtes Substrat Gleichung 2.3: Methan-Produktivität
rechnerisch im Mittel bis zu seinem Austrag im Fermenter ver- (V⋅CH4 = Methanproduktion [Nm³/d]; VR = Reaktorvolumen [m³])
bleibt [2-1]. Zur Berechnung setzt man das Reaktorvolumen (VR)
ins Verhältnis zur täglich zugeführten Substratmenge (V⋅ ) [2-2].
Die hydraulische Verweilzeit wird in Tagen angegeben.
Raumbelastung und hydraulische Verweilzeit
V
HRT = -----·R [d] Verweilzeit (d)
V
Gleichung 2.2: Hydraulische Verweilzeit 140
(VR = Reaktorvolumen [m3]; V⋅= täglich zugeführtes Substratvolumen
[m3/d]) 120

100 150 kg oTS/m3


Die reale Verweilzeit weicht hiervon ab, da je nach Durch- 100 kg oTS/m3
80
mischung, z. B. durch Kurzschlussströmungen, einzelne Kom-
50 kg oTS/m3
ponenten den Fermenter unterschiedlich schnell verlassen. 60
Zwischen der Raumbelastung und der hydraulischen Verweilzeit
40
besteht ein enger Zusammenhang (Abb. 2.2).
Setzt man eine gleichbleibende Substratzusammensetzung 20
voraus, wird mit steigender Raumbelastung mehr Input dem Fer-
0
menter zugeführt und es verkürzt sich somit die Verweilzeit. Um
1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 4,5 5,0
den Gärprozess aufrecht erhalten zu können, muss die hydrau-
Raumbelastung (in kg oTS/[m3 · d])
lische Verweilzeit so gewählt werden, dass durch den ständi-
gen Austausch des Reaktorinhalts nicht mehr Mikroorganismen Abb. 2.2: Zusammenhang zwischen Raumbelastung und hydraulischer
ausgespült werden als in dieser Zeit nachwachsen können (z. B. Verweilzeit bei unterschiedlichen Substratkonzentrationen

16
Grundlagen der anaeroben Fermentation

Wird die Gasproduktion auf die Inputstoffe bezogen, so handelt dungsprozess von großer Wichtigkeit ist. Wird diese Lebensge-
es sich um die Ausbeute [2-8]. Die Ausbeute kann ebenfalls auf meinschaft durch zu große Scherkräfte infolge intensiven Rüh-
die Biogas- (A(Biogas)) oder die Methanproduktion (A(CH )) bezo- 4
rens zerstört, kann es zu einer negativen Beeinträchtigung des
gen werden. Sie ist definiert als der Quotient aus der produzier- anaeroben Abbaus kommen. 2
ten Gasmenge und der zugeführten organischen Substanz und Es gilt also einen Kompromiss zu finden, der beiden Bedin-
wird in Nm3/t oTS angegeben. gungen hinreichend gerecht wird. In der Praxis wird dies meist
Die Ausbeuten kennzeichnen die Effizienz der Biogas- bzw. durch langsam rotierende Rührwerke erreicht, die nur geringe
Methanproduktion aus den eingebrachten Substraten. Sie sind Scherkräfte bewirken, und zum Anderen dadurch, dass der Re-
als Einzelparameter jedoch wenig aussagefähig, da sie die ef- aktorinhalt in Intervallen (d. h. nur für eine kurze, vorher defi-
fektive Belastung des Fermenters nicht mit erfassen. Aus die- nierte Zeitspanne) durchmischt wird. Weitere technische Fragen
sem Grund sollten die Ausbeuten immer im Zusammenhang mit der Durchmischung werden im Kapitel 3.2.2.3 erörtert.
der Raumbelastung betrachtet werden.
· 2.3.4 Gasbildungspotenzial und methanogene
V  CH 4 
A  CH 4  = ---------------
- [Nm3 · t-1 · oTS] Aktivität
m· oTS 2.3.4.1 Mögliche Gasausbeute
Gleichung 2.4: Methan-Ausbeute Wie viel Biogas in einer Biogasanlage produziert wird, hängt im
(V⋅CH4 = Methanproduktion [Nm³/d]; m⋅oTS = zugeführte organische Wesentlichen von der Zusammensetzung der eingesetzten Sub-
Trockensubstanz [t/d])
strate ab. Hierzu sollte nach Möglichkeit ein Gärtest mit der ent-
sprechenden Substratmischung durchgeführt werden [2-21].
Der Abbaugrad (hoTS) gibt Auskunft über die Effizienz der Aus- Ersatzweise kann auch aus der Summe der Gaserträge der am
nutzung der eingesetzten Substrate. Der Abbaugrad kann an- Input beteiligten Substrate die Gasausbeute abgeschätzt wer-
hand der organischen Trockensubstanz (oTS) oder dem chemi- den, sofern für die einzelnen Substrate die Gasertragswerte aus
schen Sauerstoffbedarf (CSB) bestimmt werden. Aufgrund der Tabellenwerken verfügbar sind [2-22].
in der Praxis überwiegend durchgeführten Analytik empfiehlt Für exotische Substrate, für die keine Datengrundlage aus
sich die Bestimmung des oTS Abbaugrades [2-19]. Gärtests verfügbar ist, kann die Abschätzung des Gasertrags
über den Verdauungsquotienten erfolgen, da zwischen den Ab-
oTS Sub  m zu – oTS Abl  m Abl bauvorgängen in einer Biogasanlage und den Verdauungsvor-
 oTS = ---------------------------------------------------------------------------  100 [%]
oTS Sub  m zu gängen bei Wiederkäuern Parallelen bestehen [2-3]. Die hierfür
benötigten Kennzahlen können bei nachwachsenden Rohstof-
Gleichung 2.5: Abbaugrad (hoTS) der Biomasse fen den DLG-Futterwerttabellen entnommen werden. Zu finden
(oTSSub = organischer Trockensubstanzgehalt der zugeführten Frisch- sind hier die Gehalte an Asche (RA), Rohfaser (RF), Fett (RL),
masse [kg/t FM]; mzu = Masse der zugeführten Frischmasse [t];
Eiweiß (RP) und N-freien Extraktstoffen (NfE) bezogen auf die
oTSAbl = organischer Trockensubstanzgehalt des Fermenterablaufs
[kg/t FM]; mAbl = Masse des Gärrückstands [t]) Trockensubstanz (TS) aus der WEENDER FUTTERMITTEL-ANALY-
SE sowie deren Verdaulichkeiten (VQ). Die Anteile an RF und NfE
ergeben zusammen den Gehalt an Kohlenhydraten.
2.3.3 Durchmischung Den einzelnen Stoffgruppen lassen sich spezifische Gaser-
Um eine hohe Biogasproduktion zu erreichen, ist ein intensiver träge sowie Methangehalte zuordnen, die sich aus den unter-
Kontakt von Bakterien und Substrat erforderlich, welcher im All- schiedlichen relativen Kohlenstoff-Anteilen ergeben (Tabelle
gemeinen durch ein Durchmischen des Gärbehälters erreicht 2.3) [2-6], [2-24].
wird [2-1]. In einem nicht-durchmischten Fermenter lässt sich
nach einiger Zeit eine Entmischung des Inhaltes mit gleichzei- Tab. 2.3: Spezifischer Biogasertrag und Methan-
tiger Schichtenbildung beobachten, was auf die Dichteunter- gehalt der entsprechenden Stoffgruppen [2-24]
schiede der einzelnen Inhaltsstoffe der eingesetzten Substrate
sowie den Auftrieb durch die Gasbildung zurückzuführen ist. Biogasertrag Methangehalt
Dabei findet sich der Großteil der Bakterienmasse, bedingt [l/kg oTS] [Vol.-%]
durch die höhere Dichte, im unteren Teil wieder, während sich Verdauliches Eiweiß (RP) 700 71
das abzubauende Substrat häufig in der oberen Schicht an-
Verdauliches Fett (RL) 1.250 68
sammelt. In einem solchen Fall ist der Kontaktbereich auf den
Verdauliche Kohlenhydrate
Grenzbereich dieser beiden Schichten beschränkt und es fin- 790 50
(RF + NfE)
det nur wenig Abbau statt. Zudem bildet sich aus aufschwim-
menden Feststoffen eine Schwimmdecke, welche den Gasaus-
tritt erschwert [2-20].
Es ist also wichtig, den Kontakt von Mikroorganismen und
Substrat durch Mischen des Gärbehälters zu fördern. Dennoch
sollte ein zu starkes Durchmischen vermieden werden. Vor
allem die Essigsäure bildenden Bakterien (aktiv in der Aceto-
genese) und die Archaeen der Methanogenese bilden eine
enge Lebensgemeinschaft, die für einen ungestörten Biogasbil-

17
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Aus diesen Vorgaben lassen sich die organische Trocken- Je kg Frischmasse ergeben sich daraus 162,5 Liter Biogas
substanz sowie die jeweilige Masse der verdaulichen Stoffgrup- mit einem Methangehalt von ca. 53 %. In diesem Zusammen-
pen je kg Trockensubstanz errechnen [2-23]: hang muss ausdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die
in der Praxis erzielten Methanausbeuten überwiegend deutlich
oTS-Gehalt: höher als die errechneten sind. Nach derzeitigem Erkenntnis-
(1000 - Rohasche1))/10 [% TS] stand gibt es keine hinreichend statistisch abgesicherte Metho-
Verdauliches Eiweiß: de, mit der sich die Gasausbeute exakt berechnen lässt. Die hier
(Rohprotein · VQRP)/1000 [kg/kg TS] dargestellte Methode ermöglicht lediglich einen Vergleich von
Verdauliches Fett: Substraten untereinander.
(Rohfett · VQRL)/1000 [kg/kg TS] Allerdings beeinflussen noch weitere Faktoren, wie die Ver-
Verdauliche Kohlenhydrate: weilzeit der Substrate im Fermenter, der Trockensubstanzge-
((Rohfaser · VQRF) + (NfE · VQNfE))/1000 [kg/kg TS] halt, die Fettsäuregehalte sowie evtl. vorhandene Hemmstoffe
den erreichbaren Biogasertrag. So ergibt sich durch Steigerung
1)
in g/kg der Verweilzeit ein besserer Abbaugrad und damit auch eine
höhere Gasproduktion. Mit fortschreitender Verweilzeit wird
Die weitere Berechnung soll am Beispiel Grassilage (Weide exten- mehr und mehr Methan freigesetzt, was den Heizwert des Gas-
siv, 1. Aufwuchs Mitte Blüte) verdeutlicht werden (Tabelle 2.4). gemisches erhöht.
Durch eine Steigerung der Temperatur wird auch die Ge-
Tab. 2.4: Kennwerte für Grassilage schwindigkeit der Abbauvorgänge beschleunigt. Dies ist aller-
dings nur in bestimmtem Maße möglich, da nach Überschreiten
der Maximaltemperatur die Bakterien geschädigt werden und
Rohprotein (RP)

der umgekehrte Effekt erreicht wird (siehe Kap. 2.2.2). Zusätz-


Rohasche (RA)

Rohfaser (RF)
Rohfett (RL)

lich zur gesteigerten Gasproduktion wird allerdings auch mehr


[g/kg TS]

[g/kg TS]

[g/kg TS]

[g/kg TS]

[g/kg TS]

VQNfE [%]
VQRP [%]

VQRL [%]

VQRF [%]

Kohlendioxid aus der flüssigen Phase freigesetzt, was wiederum


TS [%]

zu einem schlechteren Heizwert des Gasgemisches führt.


NfE

Der Gehalt an Trockensubstanz im Fermenter (TS-Gehalt)


35 102 112 62 37 69 296 75 453 73
kann die Gasausbeute in zweierlei Hinsicht beeinflussen. Zum
Einen ist der Stofftransport bei hohen TS-Gehalten erschwert,
so dass die Mikroorganismen das Substrat nur in ihrem unmit-
Daraus errechnet sich: telbaren Umfeld abbauen können. Bei sehr hohen Trockensub-
oTS-Gehalt: stanzgehalten von ≥ 40 % kann die Gärung sogar ganz zum
(1000 - 102)/10 = 89,8 % (TS) Erliegen kommen, da hier nicht mehr genügend Wasser für das
Verdauliches Eiweiß: Mikroorganismenwachstum vorhanden ist. Zum Anderen kann
(112 · 62 %)/1000 = 0,0694 kg/kg TS es infolge der hohen Trockensubstanzgehalte zu Problemen mit
Verdauliches Fett: Hemmstoffen kommen, da diese durch den niedrigen Wasser-
(37 · 69 %)/1000 = 0,0255 kg/kg TS gehalt in konzentrierter Form vorliegen. Eine mechanische oder
Verdauliche Kohlenhydrate: thermische Vorbehandlung der eingesetzten Substrate kann die
((296 · 75 %) + (453 · 73 %))/1000 = 0,5527 kg/kg TS Ausbeute steigern, da das Substrat den Bakterien so besser zur
Verfügung steht [2-4].
Damit lassen sich die Massen der einzelnen Stoffgruppen je kg
oTS errechnen. Diese Ergebnisse werden mit den Werten aus Pansen und Fermenter
Tabelle 2.3 multipliziert und man erhält die in Tabelle 2.5 dar-
gestellten Biogas- und Methanausbeuten.
Wie schon am Anfang dieses Kapitels beschrieben, beste-
Tab. 2.5: Biogas- und Methanausbeute von hen zwar durchaus Parallelen zwischen den Vorgängen im
­Grassilage Pansen der Wiederkäuer und den Abbauvorgängen in einer
Biogasanlage, jedoch sind beide Vorgänge nur bedingt ver-
Biogasertrag Methangehalt gleichbar, da es in beiden „Systemen“ zu unterschiedlichen
[l/kg oTS] [Vol.-%] Synergieeffekten kommen kann, welche die Biogasproduk-
Verdauliches Eiweiß (RP) 48,6 34,5 tion beeinflussen. Deshalb kann die vorgestellte Berech-
Verdauliches Fett (RL) 31,9 21,7
nungsmethode die tatsächliche Gas- bzw. Methanausbeu-
te nur abschätzen und darf deshalb nicht für betriebliche
Verdauliche Kohlenhydrate
436,6 218,3 oder ökonomische Kalkulationen herangezogen werden!
(RF + NfE)
Jedoch lässt die vorgestellte Methode eine tendenzielle
Summe (je kg oTS) 517,1 274,5 Abschätzung der Biogasausbeute und einen Vergleich zwi-
schen verschiedenen Substraten zu.

18
Grundlagen der anaeroben Fermentation

2.3.4.2 Gasqualität Im Hinblick auf die Qualität des Gasgemisches spielt die
Biogas ist ein Gasgemisch, welches überwiegend aus Methan Konzentration des Spurengases Schwefelwasserstoff (H2S)
(CH4) und Kohlendioxid (CO2) sowie Wasserdampf und diversen eine wichtige Rolle. Sie sollte zum Einen nicht zu hoch sein, da
Spurengasen besteht. Schwefelwasserstoff schon in geringen Konzentrationen hem- 2
Von Bedeutung ist in erster Linie der Methangehalt, da die- mend auf den Abbauprozess wirkt. Zum Anderen führen hohe
ser den brennbaren Anteil des Biogases darstellt und somit H2S-Konzentrationen im Biogas bei der Nutzung zu Korrosions-
dessen Heizwert direkt beeinflusst. Die Zusammensetzung des schäden an Blockheizkraftwerken und Heizkesseln [2-1]. Einen
Biogases kann durch gezielte Prozesssteuerung nur begrenzt Überblick über die durchschnittliche Zusammensetzung des
beeinflusst werden. In erster Linie ist sie von der Zusammen- Biogases gibt Tabelle 2.6.
setzung des Inputmaterials abhängig. Darüber hinaus wird der
Methangehalt von Prozessparametern, wie der Gärtemperatur,
dem Belastungszustand des Reaktors und der hydraulischen Tab. 2.6: Durchschnittliche Zusammensetzung
Verweilzeit sowie durch Prozessstörungen und Verfahren der von Biogas (nach [2-1])
biologischen Entschwefelung beeinflusst.
Die erzielbare Ausbeute an Methan ist dabei im Wesentli- Bestandteil Konzentration
chen durch die Zusammensetzung des eingesetzten Substrates, Methan (CH4) 50–75 Vol.-%
also durch die Anteile an Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten
Kohlendioxid (CO2) 25–45 Vol.-%
bestimmt (siehe Kap. 2.3.4.1). Hierbei nehmen die spezifischen
Methanausbeuten der eben genannten Stoffgruppen in der Wasser (H2O) 2–7 Vol.-% (20–40 °C)
genannten Reihenfolge ab. Bezogen auf die Masse lässt sich Schwefelwasserstoff (H2S) 20–20.000 ppm
mit Fetten eine höhere Methanausbeute erreichen als mit Koh- Stickstoff (N2) < 2 Vol.-%
lenhydraten.
Sauerstoff (O2) < 2 Vol.-%
Wasserstoff (H2) < 1 Vol.-%

Abb. 2.3: Batchversuche im Biogaslabor

19
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

2.4 Literaturverzeichnis [2-18] Preißler, D.: Die Bedeutung der Spurenelemente bei der
Ertragssteigerung und Prozessstabilisierung; Tagungsband
[2-1] Kaltschmitt, M.; Hartmann, H.: Energie aus Biomasse – 18. Jahrestagung des Fachverbandes Biogas, Hannover, 2009
Grundlagen, Techniken und Verfahren; Springer Verlag Berlin, [2-19] Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (Hrsg.): Bio-
Heidelberg, New York, 2001 gas-Messprogramm II, Gülzow, 2009
[2-2] Braun, R.: Biogas – Methangärung organischer Abfallstoffe; [2-20] Maurer, M.; Winkler, J-P., Biogas – Theoretische Grundlagen,
Springer Verlag Wien, New York, 1982 Bau und Betrieb von Anlagen, Verlag C.F. Müller, Karlsruhe,
[2-3] Kloss, R.: Planung von Biogasanlagen; Oldenbourg Verlag 1980
München, Wien, 1986 [2-21] VDI-Richtlinie 4630: Vergärung organischer Stoffe. Sub­
[2-4] Schattner, S.; Gronauer, A.: Methangärung verschiedener stratcharakterisierung, Probenahme, Stoffdatenerhebung,
Substrate – Kenntnisstand und offene Fragen, Gülzower Gärversuche. VDI-Gesellschaft Energietechnik, 2006
Fachgespräche, Band 15: Energetische Nutzung von Biogas: [2-22] KTBL (Hrsg.): Faustzahlen Biogas. Kuratorium für Technik und
Stand der Technik und Optimierungspotenzial, S. 28–38, Bauwesen in der Landwirtschaft, 2009
Weimar, 2000 [2-23] Biogasanlagen zur Vergärung nachwachsender Rohstoffe;
[2-5] Wandrey, C.; Aivasidis, A.: Zur Reaktionskinetik der anaero- Tagungsband; Barnstorfer Biogastagung 2000; Ländliche
ben Fermentation; Chemie-Ingenieur-Technik 55, Nr. 7, Erwachsenenbildung Niedersachsen (LEB)
S. 516–524, Weinheim, 1983 [2-24] Baserga, U.: Landwirtschaftliche Co-Vergärungs-Biogasanla-
[2-6] Weiland, P.: Grundlagen der Methangärung – Biologie und gen; FAT- Berichte Nr. 512, 1998
Substrate; VDI-Berichte, Nr. 1620 „Biogas als regenerative
Energie – Stand und Perspektiven“; S. 19-32; VDI-Verlag
2001
[2-7] Bauer, C.; Korthals, M.; Gronauer, A.; Lebuhn, M.: Methano-
gens in biogas production from renewable resources – a
novel molecular population analysis approach. Water Sci.
Tech. 2008, 58, No. 7, S. 1433–1439
[2-8] Lebuhn, M.; Bauer, C.; Gronauer, A.: Probleme der Biogaspro-
duktion aus nachwachsenden Rohstoffen im Langzeitbetrieb
und molekularbiologische Analytik. VDLUFA-
Schriftenreihe 64, 2008, S. 118–125
[2-9] Kroiss, H.: Anaerobe Abwasserreinigung. Wiener Mitteilungen
Bd. 62; Technische Universität Wien, 1985
[2-10] Oechsner, H., Lemmer, A.: Was kann die Hydrolyse bei der Bio-
gasvergärung leisten?, VDI-Berichte 2057, 2009, S. 37–46
[2-11] Lindorfer, H.; Braun, R.; Kirchmeyr, R.: The self-heating of
anaerobic digesters using energy crops; Water Science and
Technology 53 (8), 2006
[2-12] Wellinger, A.; Baserga, U.; Edelmann, W.; Egger, K.; Seiler, B.:
Biogas-Handbuch, Grundlagen – Planung – Betrieb landwirt-
schaftlicher Anlagen, Verlag Wirz – Aarau, 1991
[2-13] Weiland, P.: Stand und Perspektiven der Biogasnutzung und
-erzeugung in Deutschland, Gülzower Fachgespräche, Band
15: Energetische Nutzung von Biogas: Stand der Technik und
Optimierungspotenzial, S. 8–27, Weimar, 2000
[2-14] Abdoun, E.; Weiland, P.: Optimierung der Monovergärung
von nachwachsenden Rohstoffen durch die Zugabe von
Spurenelementen; Bornimer Agrartechnische Berichte Nr. 68,
Potsdam, 2009
[2-15] Bischoff, M.: Erkenntnisse beim Einsatz von Zusatz- und Hilfs-
stoffen sowie Spurenelementen in Biogasanlagen; VDI Berich-
te Nr. 2057; „Biogas 2009 – Energieträger der Zukunft“; VDI
Verlag, Düsseldorf, 2009
[2-16] Bischoff, Manfred.: Persönliche Mitteilung, 2009
[2-17] Seyfried, C.F. et al.: Anaerobe Verfahren zur Behandlung
von Industrieabwässern. Korrespondenz Abwasser 37,
S. 1247–1251, 1990

20
3
Anlagentechnik zur
­Biogasbereitstellung

Die Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung weist ein sehr brei- Demgegenüber besteht für den Bauherrn die Option, vom
tes Spektrum auf, welches in diesem Kapitel dargestellt wird. Anlagenanbieter nur die Planungsleistung einzukaufen (Ingeni-
Die Möglichkeiten der Komponenten- und Aggregatkombinati- eurvertrag). Die Bauabschnitte werden vom Bauherrn einzeln
onen sind nahezu unbegrenzt. Aus diesem Grund werden die an die Fachfirmen vergeben. Diese Vorgehensweise erlaubt
Einzelaggregate mit technischen Beispielen diskutiert. Für den eine größtmögliche Mitgestaltung des Bauherrn, ist aber auch
konkreten Anwendungsfall muss jedoch eine fallspezifische nur sinnvoll, wenn dieser bereits sachkundig ist. Nachteilig ist
Prüfung der Aggregat- und Systemeignung und eine Leistungs- dabei, dass das Risiko des Anfahrbetriebs und der Leistungs-
anpassung durch Fachpersonal durchgeführt werden. abnahme beim Bauherrn verbleibt und dass Regressansprüche
Weit verbreitet ist bei der Biogasanlagenerrichtung die Über- mit den Fachfirmen einzeln abgehandelt werden müssen.
nahme des Auftrages für die Komplettanlage durch einen ein-
zelnen Anbieter – Generalunternehmer (GU), was mit Vor- und
Nachteilen für den Bauherrn verbunden ist. Bei einem Einzel­ 3.1 Merkmale und Unterscheidung
anbieter kann als vorteilhaft angesehen werden, dass die ein- ­verschiedener Verfahrensvarianten
gesetzte Technik in der Regel aufeinander abgestimmt ist und
Gewährleistung für die Einzelaggregate und die Gesamtanlage Die Erzeugung von Biogas erfolgt mit unterschiedlichen Verfah-
übernommen wird. Damit ist auch die Funktionalität des Pro- rensvarianten. Typische Varianten sind in Tabelle 3.1 dargestellt.
zesses der Erzeugung von Biogas Teil der Gewährleistung. Die
Übergabe der fertiggestellten Anlage findet bei einer Beauftra- Tab. 3.1: Einteilung der Verfahren zur Biogas­
gung eines GU im Regelfall erst nach der Leistungsabnahme erzeugung nach verschiedenen Kriterien
statt, also erst, wenn die Anlage die Nennlast erreicht hat. Dies
ist insofern sehr wichtig, da somit erstens das Risiko des Anfah- Kriterium Unterscheidungsmerkmale
rens der Anlage auf den Anlagenhersteller übergeht und zwei- Trockensubstanzgehalt der • Nassvergärung
tens eine zeitliche Verzögerung für den zukünftigen Betreiber Substrate • Feststoffvergärung
ohne finanzielles Risiko ist, wenn entsprechende Übergabeter- Art der Beschickung • diskontinuierlich
mine nicht eingehalten werden können. Zeitliche Vorteile ent- • quasikontinuierlich
stehen meist bei der Genehmigung und beim Betrieb. Darüber • kontinuierlich
hinaus ist das Risiko von Problemen an Schnittstellen verschie- Anzahl der Prozessphasen • einphasig
dener technischer Komponenten reduziert, da GU meist Konfi- • zweiphasig
gurationen einsetzen, mit denen sie bereits Erfahrung haben. Prozesstemperatur • psychrophil
Nachteilig ist der relativ geringe Einfluss des Bauherren auf die • mesophil
Zusammenstellung der Technik im Detail, da sehr viele Komplet- • thermophil
tanbieter standardisierte Anlagenmodule anbieten, die weniger
flexibel ausgestattet werden können. Damit ist die Anpassung
an die betriebliche Situation (z. B. Substratauswahl oder Einbin- 3.1.1 Trockensubstanzgehalt der Gärsubstrate
dung vorhandener Baulichkeiten) oft weniger gut möglich. Die Die Konsistenz der Substrate ist von ihrem Trockensubstanzge-
Modulbauweise kann bei der Genehmigung, der Errichtung und halt abhängig. Dies begründet eine grundsätzliche Einteilung
dem Betrieb der Anlage zeitliche und monetäre Vorteile bieten. der Biogastechnologie in Nass- und Feststoffvergärungsver-

21
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

fahren. Nassvergärungsverfahren arbeiten mit pumpfähigen oder Entnahme in das Gärrückstandslager (vergleiche Abb. 3.1).
Sub­­ ten. Bei der Feststoffvergärung kommen stapelbare
stra­ Der Fermenter ist bei diesem Verfahren somit immer gefüllt und
Substra­te zum Einsatz. wird nur für Reparaturarbeiten geleert. Dieses Verfahren weist
Zwischen den Begriffen Nassvergärung und Feststoffver- eine gleichmäßige Gasproduktion und eine gute Faulraumaus-
gärung (auch als „Trockenvergärung“ bezeichnet) besteht keine lastung auf. Es besteht jedoch die Gefahr der Kurzschlussströ-
eindeutige Abgrenzung. Nach einer Auslegungshilfe des Bun- mung durch den Fermenter, d. h. es ist damit zu rechnen, dass
desumweltministeriums basierend auf den Regelungen des EEG ein geringer Teil des frisch eingebrachten Substrates sofort wie-
2004 wurde die „Trockenvergärung“ an bestimmte Bedingun- der ausgetragen wird [3-2]. Zudem entstehen bei offenen Gär-
gen geknüpft. Hierzu zählte ein Trockenmassegehalt im Input rückstandslagern Methangasemissionen. Allerdings ist mit der
von mindestens 30 Masseprozent und eine Raumbelastung von EEG-Novelle 2012 die Errichtung offener Gärrückstandslager
mindestens 3,5 kg oTS/(m3 · d) im Fermenter. nur noch bei ausschließlicher Vergärung von Gülle (im Sinne
Bei Nassvergärungsverfahren sind in der Fermenterflüssig- § 2 Düngegesetz) erlaubt, so dass diese Verfahrensvariante zu-
keit Trockensubstanzgehalte von bis zu 12 Masseprozent vor- künftig nur noch für wenige Anlagen interessant ist (siehe Kap.
zufinden. Als Faustregel gilt eine Grenze von 15 Masseprozent 3.2.5.2).
für die Pumpbarkeit des Mediums, jedoch ist diese Angabe qua-
litativ und nicht für alle Einsatzstoffe zu werten. Einige Substra-
te mit feindisperser Partikelverteilung und hohen Gehalten an
gelösten Stoffen sind auch bei TS-Gehalten von bis zu 20 Mas-
seprozent noch pumpfähig, beispielsweise dispergierte Speise-
reste aus dem Tankfahrzeug. Hingegen liegen andere Substrate Vorgrube Gärbehälter Gärrückstandslager
bereits bei 10 bis 12 Masseprozent in der stapelbaren Form vor,
wie z. B. Obst- und Gemüseschalen. Abb. 3.1: Schema des Durchfluss-Verfahrens
Bei landwirtschaftlichen Biogasanlagen kommt überwie-
gend die Nassvergärung in klassischen Rundbehältern zur An- Kombiniertes Durchfluss-Speicher-Verfahren
wendung. Die realisierten Feststoffvergärungsanlagen haben Bei Biogasanlagen, die nach dem kombinierten Durch-
jedoch in den vergangenen fünf Jahren – seit der 1. EEG-No- fluss-Speicher-Verfahren arbeiten, ist das Gärrückstandslager
velle 2004 – die Marktreife erreicht und finden insbesondere ebenfalls abgedeckt. So kann das hier anfallende Biogas aufge-
im Bereich der NawaRo-Vergärung Anwendung. Eine detaillierte fangen und verwertet werden. Das Gärrückstandslager fungiert
Erläuterung der Fermenterbauformen wird in 3.2.2.1 gegeben. so als „Speicheranlage“. Diesem Speicheranlagenteil ist ein
Durchflussfermenter vorgeschaltet. Auch aus dem Durchfluss-
3.1.2 Art der Beschickung fermenter kann, wenn z. B. Bedarf an viel vergorenem Substrat
Das Beschickungsregime (Fütterung) der Biogasanlage be- zu Düngezwecken besteht, Substrat entnommen werden. Eine
stimmt in hohem Maße die Verfügbarkeit von frischem Substrat schematische Verfahrensübersicht zeigt Abbildung 3.2. Das
für die Mikroorganismen und wirkt sich damit auf die Biogaser- Verfahren erlaubt eine gleichmäßige Gasproduktion. Die Ver-
zeugung aus. Es wird grundsätzlich zwischen kontinuierlicher, weilzeit kann nicht exakt bestimmt werden, da Kurzschluss-
quasikontinuierlicher und diskontinuierlicher Beschickung un- strömungen im Durchflussfermenter möglich sind [3-2]. Diese
terschieden. Verfahrensvariante entspricht dem Stand der Technik. Durch
die Abdeckung des Gärrückstandslagers entstehende Investiti-
3.1.2.1 Kontinuierliche und quasikontinuierliche onskosten können durch den zusätzlichen Gasertrag sukzessive
­Beschickung refinanziert werden.
Bei der kontinuierlichen und der quasikontinuierlichen Be-
schickung kann zwischen dem Durchfluss-Verfahren und dem
kombinierten Speicher-Durchfluss-Verfahren unterschieden
werden. Auf das z. T. noch in der Literatur erwähnte Speicher-
verfahren wird hier nicht eingegangen, da es aus ökonomischen
und verfahrenstechnischen Gründen in der Praxis kaum ange- Vorgrube Gärbehälter Gärrückstandslager
wendet wird. Im Gegensatz zur kontinuierlichen Beschickung
wird bei der quasikontinuierlichen Beschickung mindestens Abb. 3.2: Schema des kombinierten Durchfluss-Speicher-Verfahrens
einmal arbeitstäglich eine unvergorene Substratcharge in den
Fermenter eingebracht. Vorteilhaft hat sich eine Beschickung in 3.1.2.2 Diskontinuierliche Beschickung
kleinen Chargen mehrmals täglich erwiesen. Bei der Vergärung im Batchverfahren wird der Fermenter kom-
plett mit frischem Substrat gefüllt und luftdicht verschlossen.
Durchfluss-Verfahren Das Substrat bleibt bis zum Ende der gewählten Verweilzeit in
In der Vergangenheit wurden die meisten Biogasanlagen nach dem Behälter, ohne dass Substrat hinzugefügt oder entnom-
dem Durchfluss-Verfahren errichtet. Aus einem Vorratsbehälter men wird. Nach Ablauf der Verweilzeit wird der Fermenter ge-
bzw. einer Vorgrube wird das Substrat mehrmals täglich in den leert und mit frischem Substrat befüllt, wobei ein geringer Teil
Faulbehälter gepumpt. Die gleiche Menge, die dem Fermenter des ausgefaulten Materials zur Animpfung der nächsten Befül-
an frischem Substrat zugegeben wird, gelangt über Verdrängung lung im Behälter verbleiben kann. Zur zügigen Befüllung und

22
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Leerung des Batchbehälters werden zusätzlich ein Vorrats- und menter und Nachgärbehälter, einphasig, aber dreistufig. Die
ein Lagerbehälter benötigt. Bei Batchverfahren ändert sich offene Vorgrube an sich stellt dabei keine eigene Phase dar.
die Gasproduktionsrate in Abhängigkeit von der Zeit. So setzt Hingegen wird der geschlossene Vorlagebehälter als eigene
die Gasproduktion nach der Befüllung langsam ein, erreicht je Phase (Hydrolysephase) betrachtet. Fermenter und Nachgärer
nach Substrat innerhalb weniger Tage ein Maximum und geht sind beide als Methanphase zu werten.
dann kontinuierlich zurück. Eine konstante Gasproduktion und Bei landwirtschaftlichen Biogasanlagen kommen meist ein-
-qualität ist somit für einen einzelnen Fermenter nicht gegeben, oder zweiphasige Verfahren zur Anwendung, wobei der Schwer- 3
sondern muss durch eine zeitlich versetzte Befüllung mehrerer punkt bei den einphasigen Anlagen liegt [3-1].
Fermenter (Wechselbehälter-Verfahren) ausgeglichen werden.
Die verfahrensnotwendige Mindestverweilzeit kann somit exakt
eingehalten werden [3-2]. Für die Praxis haben Batchverfahren 3.2 Verfahrenstechnik
mit Einzelfermentern keine Bedeutung, das Prinzip der Wech-
selbehälter-Verfahren wird bei Garagenanlagen (Feststoffver- Grundsätzlich kann eine landwirtschaftliche Biogasanlage un-
gärung) angewendet. abhängig von der Betriebsweise in vier verschiedene Verfah-
rensschritte unterteilt werden:
3.1.3 Anzahl der Prozessphasen und -stufen 1. Substratmanagement (Anlieferung, Lagerung, Aufbereitung,
Als Prozessphase wird das biologische Milieu – Hydrolyse- bzw. Transport und Einbringung),
Methanisierungsphase – mit den jeweils spezifischen Prozess- 2. Biogasgewinnung,
bedingungen wie pH-Wert und Temperatur verstanden. Im Falle 3. Gärrückstandslagerung, -aufbereitung und -ausbringung
der Verarbeitung im selben Behälter wird von einphasiger Pro- s­ owie
zessführung gesprochen. Bei Durchführung von Hydrolyse und 4. Biogasspeicherung, -aufbereitung und -verwertung.
Methanisierung in getrennten Behältern ist der Betrieb zweipha- Die einzelnen Schritte sind in Abbildung 3.3 detailliert dargestellt.
sig. Die Stufe bezeichnet den Prozessbehälter unabhängig von Die vier Verfahrensschritte sind voneinander nicht unabhän-
der biologischen Phase. gig. Besonders zwischen Schritt zwei und Schritt vier besteht
Demnach ist eine, z. B. die in der Landwirtschaft häufig an- eine enge Verbindung, da Schritt vier normalerweise die in
zutreffende Anlagenkonzeption, bestehend aus Vorgrube, Fer- Schritt zwei benötigte Prozesswärme zur Verfügung stellt.

Anlieferung und Lagerung

Aufbereitung und Vorbehandlung (optional)


Sortierung, Zerkleinerung, Anmaischen, Homogenisieren 1. Verfahrensschritt

Einbringung
Förderung, Dosierung

Biogasgewinnung 2. Verfah-
Vergärung im Fermenter
rensschritt
stän­
rück­
Gär­

Bio-
gas
de

Biogasaufbereitung und -speicherung


Gärrückstandslagerung u./o. Nachgärung Entschwefelung, Trocknung
Biogas
Gärrückstandaufbereitung
CO2-Abscheidung
O2-Abtrennung und
Abtrennung weiterer
Spurengase
Biogas

Fest-Flüssig-Trennung
(optional) Ausbrin- Biomethan
gung oder
Kompostie-
rung ohne Biogasverwertung

Ausbrin- Fest-Flüs- Stromproduktion und Biomethannutzung


Flüssig­ sig-Tren- Wärmegewinnung (KWK) (KWK, Wärme, Kraftstoff)
gung, Kom-
dünger nung
postierung

3. Verfahrensschritt 4. Verfahrensschritt

Abb. 3.3: Allgemeiner Verfahrensablauf bei der Biogasgewinnung; nach [3-3]

23
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.4: Schema einer landwirtschaftlichen Biogasanlage mit Verwendung von Kosubstraten [nach ATB]

Die zu Schritt 4 gehörende Aufbereitung und Verwertung des komponenten, Baugruppen und Aggregate einer einstufigen
Biogases ist in Kapitel 6 und die Aufbereitung und Behandlung landwirtschaftlichen Biogasanlage bei Verwendung zu hygieni-
des Gärrückstandes in Kapitel 10 gesondert dargestellt. Hier sierender Kosubstrate dargestellt.
wird nachfolgend auf die Technologie und den Technikeinsatz Die Verfahrensschritte stellen sich hier wie folgt dar: Zu dem
in den Schritten 1, 2 und 3 eingegangen. Die bei den jeweiligen ersten Verfahrensschritt (Lagerung, Aufbereitung, Transport und
Schritten bestehenden Herausforderungen und Möglichkeiten Einbringung der Substrate) gehören die Gülle- bzw. Vorgrube
zur Minimierung von Emissionen sind in den Kapiteln 3.2.5 und (2), der Sammelbehälter (3) und der Hygienisierungstank (4).
5.6.4 dargestellt. Der zweite Verfahrensschritt (Biogasgewinnung) wird im Fer-
Welche verfahrenstechnische Ausrüstung für die Anlage ge- menter (5) durchgeführt. Der dritte Verfahrensschritt wird durch
wählt wird, ist in erster Linie von den zur Verfügung stehenden das Gärrückstandslager (8) und die Ausbringung des vergore-
Substraten abhängig. Die Menge der Substrate bestimmt die nen Substrates auf die Ackerfläche (9) dargestellt. Der vierte
Dimensionierung aller Aggregate und der Behältervolumina. Verfahrensschritt (Biogasspeicherung, -reinigung und -verwer-
Die Qualität der Substrate (TS-Gehalt, Struktur, Herkunft usw.) tung) wird in dem Gasspeicher (6) und dem Blockheizkraftwerk
bestimmt die Auslegung der Verfahrenstechnik. Je nach Zusam- (7) durchgeführt. Die einzelnen Verfahrensschritte sollen im
mensetzung der Substrate kann es notwendig sein, Störstoffe weiteren Verlauf genauer betrachtet werden.
abzutrennen oder die Substrate durch Zugabe von Wasser an-
zumaischen, um sie in einen pumpfähigen Zustand zu überfüh- 3.2.1 Substratmanagement
ren. Werden Stoffe verwendet, die einer Hygienisierung bedür- 3.2.1.1 Anlieferung
fen, ist es notwendig, eine Hygienisierungsstufe einzuplanen. Die Anlieferung spielt nur bei der Verwertung von betriebsfrem-
Das Substrat gelangt nach der Vorbehandlung in den Fermenter, den Kosubstraten eine wichtige Rolle. Für die Abrechnung und
wo es vergoren wird. Nachweisführung ist bei der Anlieferung mindestens eine visu-
Bei der Nassvergärung kommen meistens ein- und zwei­ elle Eingangskontrolle des Substrates zur Sicherstellung von
stufige Anlagen, die nach dem Durchflussverfahren arbeiten, Qualitätsansprüchen unerlässlich. Großanlagen zur Vergärung
zum Einsatz. Bei zweistufigen Verfahren ist dem eigentlichen nachwachsender Rohstoffe setzen zunehmend auch Schnell-
Fermenter ein Nachgärer nachgeschaltet. Das Substrat gelangt verfahren zur Kontrolle der Trockensubstanz und teilweise auch
aus dem Fermenter in den Nachgärer, in dem weitere schwer ab- der Futtermittelanalyse ein, um eine Konformität mit den im
baubare Substanzen umgesetzt werden. Der Gärrückstand wird Liefervertrag ausgehandelten Konditionen und eine leistungs-
in Gärrückstandbehältern gelagert und in der Regel als Flüssig- gerechte Bezahlung sicherzustellen.
dünger auf landwirtschaftlichen Nutzflächen ausgebracht. Grundsätzlich sind das Anlieferungsgewicht zu erfassen und
Das bei der Vergärung entstehende Biogas wird gespeichert alle Eingangsdaten zu protokollieren. Besondere Beachtung ist
und gereinigt. Seine Verwertung erfolgt meistens in einem Substraten zu widmen, die als Abfall klassifiziert sind. Hier kann
Blockheizkraftwerk (BHKW) zur gleichzeitigen Erzeugung von je nach Einstufung des Abfalls eine Nachweisführungspflicht
Strom und Wärme. In Abb. 3.4 sind die wesentlichen Anlagen- bestehen oder von der zuständigen Behörde gefordert werden.

24
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.2: Lagerung von Substraten vor der Vergärung

Dimensionierung • abhängig von: Substrataufkommen, Fermenterleistung, auszugleichenden Lieferzeiträumen, Flächenausstattung


und Ertrag bei Kosubstraten, Lieferverträgen bei betriebsfremden Substraten, eventuell aufzufangenden Betriebs-
störungen
Besonderheiten • das Einfrieren von technischen Einrichtungen zur Lagerung sollte vermieden werden, dies kann durch Aufstellung
von Lagertanks in Hallen, Beheizung von Lagergefäßen oder Anlagen von Gruben unter Geländeniveau erreicht 3
werden
• Abbauprozesse, die den Gasertrag mindern, sollten vermieden werden
• Vermischung von hygienisch bedenklichen und hygienisch unbedenklichen Substraten muss vermieden werden
• Geruchsemissionen sollten durch bauliche Maßnahmen minimiert werden
• stoffliche Emissionen in Boden und Gewässer sind zu vermeiden
Bauformen • in der Landwirtschaft übliche Lager für feste Substrate als Fahr-, Hoch-, Folienschlauch- und Ballensilo sowie
offene oder überdachte Lagerflächen (z. B. Festmistlager) und Gruben/Bunker
• in der Landwirtschaft übliche Lager für flüssige Substrate wie Tanks und Vorgruben
Kosten • der Preis muss in Abhängigkeit von der Vielzahl der oben genannten Einflussgrößen für den Einzelfall ermittelt
werden

Aus diesem Grund werden bei kritischen Substraten auch Rück- Tankfahrzeugen und Lagerbehältern vor Zutritt von Personen).
stellproben genommen. Weitere Informationen zu rechtlichen Tabelle 3.2 zeigt die Lagerung von Substraten im Überblick.
und administrativen Rahmenbedingungen können in Kapitel 7
nachgelesen werden. 3.2.1.3 Aufbereitung
Art und Umfang der Substrataufbereitung beeinflussen zum ei-
3.2.1.2 Lagerung nen die generelle Nutzbarkeit von Substraten im Hinblick auf
Substratlager dienen in erster Linie dazu, die für die Beschi- den Gehalt an Störstoffen und haben somit direkten Einfluss auf
ckung notwendige Substratmenge vorzuhalten. Die Gestaltung die Verfügbarkeit der Anlagentechnik. Ferner kann durch ein ge-
der Lager ist von den verwendeten Substraten abhängig. Die für eignetes Aufbereitungsverfahren der Ablauf des Gärprozesses
die Lager benötigte Fläche richtet sich nach den zu erwartenden und damit die Ausnutzung des energetischen Potenzials der
Stoffmengen und den auszugleichenden Zeiträumen. Werden verwendeten Substrate positv beeinflusst werden.
betriebsfremde Kosubstrate verwendet, spielen vertragliche
Bedingungen wie Abnahmemenge und Häufigkeit der Liefe- Sortierung und Störstoffabtrennung
rung eine Rolle. Bei Verwendung von hygienisch bedenklichen Die Notwendigkeit einer Sortierung und Störstoffabtrennung
Kosubstraten aus z. B. industrieller Herkunft ist auf eine strik- hängt von der Herkunft und Zusammensetzung des Substrates
te Abtrennung der Annahmestation vom landwirtschaftlichen ab. Steine, die den am häufigsten auftretenden Störstoff dar-
Betrieb zu achten. Es darf keine Vermischung von hygienisch stellen, werden meist in der Vorgrube abgetrennt, von deren
bedenklichem und unbedenklichem Substrat vor dem Durchlauf Boden sie von Zeit zu Zeit entnommen werden müssen. Ein-
durch die Hygienisierungseinrichtung möglich sein. gesetzt werden auch Schwerstoffabscheider, die vor der För-
Nicht nur aus immissionsrechtlichen Gründen sollten Gerü- dereinrichtung direkt in die Substratleitung eingebunden sind
che bei Einsatz solcher Substrate (insbesondere bei Bioabfäl- (vgl. Abbildung 3.5). Andere Störstoffe werden manuell bei der
len) durch geschlossen ausgeführte Lager minimiert werden. Substratanlieferung oder der Befüllung der Beschickungsein-
Dies kann durch Einhausung u. a. in Hallen erfolgen, die neben
der Lagerung auch die Annahme und Aufbereitung der Subs-
trate beinhalten. Hier kann die Abluft gezielt erfasst und über
geeignete Abluftreinigungsanlagen geführt werden (z. B. über
Wäscher und/oder Biofilter). Bei Abfallvergärungsanlagen sind
diese Hallen häufig mit einem Unterdrucksystem ausgestattet,
so dass zusätzlich zur Absaugung ein Austritt von Gerüchen
weitgehend vermieden werden kann. Neben der möglichen
Geruchsminderung haben Hallen weitere Vorteile, da so die
Technik geschützt wird und Bedien- sowie Kontrollarbeiten
witterungsunabhängig durchgeführt werden können, ferner
können lärmschutzrechtliche Vorschriften durch Einhausung
erfüllt werden. Allerdings muss der Schutz des Personals vor
gefährlichen Gasen, besonders Schwefelwasserstoff (H2S), ge-
währleistet werden. Dies kann durch technische Einrichtungen
(ausreichende Luftrate, Warnmelder) und/oder geeignetes Ma-
nagement geschehen (z. B. gezielte Ableitung von Gasen aus Abb. 3.5: Schwerstoffabscheider in einer Rohrleitung [DBFZ]

25
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

richtungen aussortiert. Ein großes Störstoffpotenzial können


Bioabfälle haben. Sollten diese als Kosubstrat eingesetzt wer-
den, ist nach Möglichkeit auf störstoffunbelastetes Material
zu achten. Eine aufwendige Sortierung mittels mechanischer
Aufbereitungsstrecken oder Sortierkabinen, vergleichbar mit
denen von Bioabfallanlagen, würde in den meisten Fällen die
Möglichkeiten des landwirtschaftlichen Betriebs übersteigen.
Garagenfermenter hingegen sind gegenüber groben Störstoffen
so gut wie unempfindlich, da der Substrattransport vornehmlich
mit Radladern und Greifern erfolgt und ein Kontakt mit störstof-
fempfindlichen Komponenten wie z. B. Pumpen, Armaturen und Abb. 3.6: Vorlagebehälter mit Auflöser [Konrad Pumpe GmbH]
Förderschnecken ausgeschlossen ist.
Gegenüber der Zerkleinerung von Feststoffen vor dem Ein-
Zerkleinerung trag in Vorgrube, Rohrleitung oder Fermenter, können feststoff-
Die Substratzerkleinerung erschließt Substratoberflächen für und faserhaltige Flüssigkeiten direkt in der Vorgrube, in sonsti-
den biologischen Abbau und damit auch für die Methanpro- gen Mischbehältern oder in der Rohrleitung zerkleinert werden.
duktion. Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass Dies kann bei Substraten und Substratgemischen notwendig
mit einem höheren Zerkleinerungsgrad die Geschwindigkeit des werden, deren Beschaffenheit eine Gefahr der Funktionsfähig-
biologischen Abbaus, aber nicht zwingend die Gasausbeute keit der Beschickungseinrichtung (i. d. R. Pumpe) darstellen
steigt. Die Methanproduktion erfolgt unter anderem aus dem kann. Eine Zerkleinerung kann u. a. durch separate Zerkleine-
Zusammenspiel von Aufenthaltszeit und Zerkleinerungsgrad. rungsrührwerke in der dem Fermenter vorgelagerten Grube er-
Daher muss großer Wert auf den richtigen Technikeinsatz ge- folgen. Häufig ist jedoch eine rohrleitungsgebundene, direkte
legt werden. Kopplung von Zerkleinerung und Förderung oder sogar eine
Die Zerkleinerung fester Substrate kann extern vor der Ein- Vereinigung in einem einzelnen Aggregat zu verzeichnen. Im
bringung in die Vorgrube, Rohrleitung oder Fermenter installiert Allgemeinen erfolgt der Antrieb der Aggregate über einen Elek-
werden. Hierfür stehen bspw. Schredder, Mühlen, Quetschen tromotor, teilweise ist auch der Anschluss an die Antriebswelle
sowie Wellen und Schnecken mit Reiß- und Schneidvorrich- eines Traktors möglich. Die Möglichkeiten der Zerkleinerung
tungen zur Verfügung (vgl. Abbildung 3.7). Wellen mit Paddeln sind in den Abbildungen 3.8 und 3.9 sowie in den Tabellen 3.5
und Schnecken mit Schneidmesserbesatz werden sehr häufig bis 3.7 dargestellt und erläutert.
in kombinierten Vorlage- und Dosiereinheiten verwendet (vgl.
Abbildung 3.6). Aufgrund ihrer breiten Anwendung werden die Anmaischen, Homogenisieren
Eigenschaften von Zerkleinerungsaggregaten bei der direkten Das Anmaischen von Substraten ist notwendig, um in der Nass-
Feststoffdosierung durch kombinierte Vorlage- und Dosierein- vergärung pumpfähige Substrate durch Erhöhung des Was-
heiten (in Tabelle 3.3) sowie von Mühlen und Schreddern (in sergehaltes herzustellen und diese dann in den Fermenter zu
Tabelle 3.4) zusammengefasst. fördern. Es erfolgt in der Regel in der Vorgrube oder anderen

Tab. 3.3: Kennwerte und Einsatzparameter von Zerkleinerungsaggregaten in kombinierten Vorlage- und
Dosiereinheiten

Kennwerte • bis zu 50 m3 täglich können mit marktüblichen Einzelaggregaten zerkleinert werden (Substratvorlage kann dabei
weitaus größer sein)
Eignung • übliche Silagen, CCM, Mist aus der Viehhaltung (auch Geflügel), Altbrot, Gemüse
• für langfasrige Stoffe sind Zahnwalzen oder Mischschnecken mit Schneidmesserbesatz eher geeignet
Vorteile ++ große Durchsatzmengen
++ einfache Befüllung mit Radlader oder Greifer
++ großes Vorratsvolumen zur automatisierten Steuerung von Zerkleinerung und Beschickung
++ Einsatz robuster Technik
Nachteile -- mögliche Brückenbildung über dem Zerkleinerungswerkzeug, die aber stark von der Geometrie des Vorlagebehäl-
ters und vom Substrat abhängt
-- vollständiger manueller Materialausbau im Havariefall
Besonderheiten • Paddelwellen vermindern die Gefahr der Brückenbildung über dem Zerkleinerungswerkzeug
Bauformen • Futtermischwagen mit vertikalen Mischschnecken mit Schneidmesserbesatz zur Zerkleinerung
• Vorlagebehälter mit schneidenden Austragsschnecken teils mit Messerbesatz zur Zerkleinerung und Förderung
• Vorlagebehälter mit reißenden Paddelwellen zur Zerkleinerung und Förderung
• Vorlagebehälter mit Frässchnecken/Fräswerk zur Zerkleinerung und Dosierung
Wartung • nach Herstellerangaben sind die Geräte wartungsarm, Wartungsverträge werden angeboten
• die Wartung sollte innerhalb der Beschickungspausen möglich sein

26
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.4: Kennwerte und Einsatzparameter externer Zerkleinerungsaggregate

Kennwerte • Mühlen: kleinere bis mittlere Durchsätze (z. B. 1,5 t/h bei 30 kW)
• Schredder: auch für hohe Durchsätze einsetzbar
Eignung • übliche Silagen, CCM, Getreide, Körnermais (Mühle meist ausreichend)
• Kartoffeln, Rüben, Grünabfälle (Mühle, Schredder)
Vorteile ++ leichte Zugänglichkeit des Aggregates bei Havarien
3
++ es kann ein Vorrat an zerkleinertem Substrat vorbereitet und vorgehalten werden
++ Befüllung ist automatisier- und mit Vorlageeinheiten kombinierbar
++ Zerkleinerungsgrad beeinflussbar
Nachteile -- bei Verstopfungen o. ä. muss das Aggregat mit der Hand entleert werden
-- relativ störstofftolerant, allerdings erhöhter Verschleiß möglich
Besonderheiten • Vorlagebehälter in verschiedenen Größen können installiert werden
• die Höhe der Vorlagebehälter sollte an die verfügbare Maschinentechnik angepasst sein
Bauformen • z. B. Hammermühle, Walzenmühle, Schredder (generell auch mobile Ausführung möglich)
Wartung • kann vertraglich mit dem Hersteller vereinbart werden und ist in Abhängigkeit der verarbeiteten Substrate
notwendig
• für die Überbrückung von Wartungsintervallen kann ein Vorrat an zerkleinertem Material vorgehalten werden

Abb. 3.7: Hammer- und Walzenmühle zur Zerkleinerung fester Substrate [Huning Maschinenbau GmbH, DBFZ]

Tab. 3.5: Kennwerte und Einsatzparameter von Zerkleinerungsrührwerken in der Vorgrube

Kennwerte • Leistungsaufnahme: in den üblichen Größenordnungen der Rührwerkstechnik mit einem Leistungszuschlag um
6 kW bei Rührwerken mit 5–15 kW
Eignung • Festmist, Speisereste, Grünschnitt, Stroh
Vorteile ++ direkte Feststoffaufgabe in die Vorgrube
++ keine zusätzlichen Aggregate notwendig
Nachteile -- die Erhöhung des Trockensubstanzgehaltes im Fermenter ist nur bis zur Grenze der Pumpfähigkeit des Substrates
möglich
-- Gefahr der Schwimmdeckenbildung und Sinkschichtenbildung in Abhängigkeit des Substrates
Besonderheiten • bei direkter Feststoffeinbringung in den Fermenter, z. B. über Dosiereinheiten können Zerkleinerungsrührwerke
auch im Fermenter eingesetzt werden
Bauformen • in der Regel als Rührwerksflügel mit Schneidmessern bzw. zusätzlicher Montage von Schneidmessern auf der
Rührwerksachse
Wartung • je nach Rührwerkstyp kann die Wartung ohne Prozessunterbrechung außerhalb der Vorgrube oder des Fermenters
durchgeführt werden

27
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.6: Kennwerte und Einsatzparameter von Zerkleinerungsaggregaten in der Förderleitung

Kennwerte • Lochscheibenzerkleinerer bis zu 750 m3/h Durchsatzleistung, Motorleistung zwischen 1,1 und 15 kW
• Inline-Zweiwellenzerkleinerer auf Basis von Drehkolbenpumpen: bis 350 m3/h Zerkleinerungsleistung
• Kenndaten der Aggregate hängen sehr stark vom Trockensubstanzgehalt ab, die Förderleistung sinkt mit zuneh-
mendem Trockensubstanzgehalt stark
Eignung • Lochscheibenzerkleinerer für faserhaltige Substrate geeignet
• Inline-Zweiwellenzerkleinerer auch für pumpfähige Substrate mit größeren Feststoffanteilen geeignet
Vorteile ++ leichte Zugänglichkeit des Aggregates bei Havarien
++ bei Verstopfungen können die Aggregate leicht geöffnet und gewartet werden
++ Störstoffauslese durch integrierten Abscheidebehälter (Lochscheibenzerkleinerer)
Nachteile -- die Erhöhung des Trockensubstanzgehaltes im Fermenter ist nur bis zur Grenze der Pumpfähigkeit des Substrates
möglich
-- erhöhter Verschleiß bei störstoffhaltigen Substraten möglich (Inline-Zweiwellenzerkleinerer)
Besonderheiten • die Aggregate sollten durch Schieber von der Substratleitung getrennt werden können
• für den Havariefall kann eine über Schieber zu bedienende Umgehung (Bypass) sinnvoll sein
• erreichbare Partikelgrößen werden durch Auswahl der Schneid- oder Reißtechnik bestimmt
Bauformen • Lochscheibenzerkleinerer: rotierende Messer vor einem Schneidsieb
• Inline-Zweiwellenzerkleinerer: mit Schneid- oder Reißwerkzeugen bestückte Wellen
Wartung • freistehende Aggregate können schnell ohne lange Ausfallzeiten gewartet werden
• leicht zugängliche Reinigungsöffnungen beschleunigen die Arbeiten erheblich

Abb. 3.8: Substratzerkleinerung in der Förderleitung, Lochscheibenzerkleinerer [Hugo Vogelsang Maschinenbau GmbH]

Behältern kurz vor Einbringung des Substrates in den Gärpro- komponenten aus (siehe Kap. 3.2.5 und 5.6.4). Die für das An-
zess. Als Flüssigkeit zum Anmaischen werden je nach Verfüg- maischen verwendete Pumpentechnik wird im Abschnitt Subs­
barkeit Gülle, (abgepresste) flüssige Gärrückstände, Prozess- trattransport und Einbringung dargestellt.
wasser oder im Ausnahmefall auch Frischwasser genutzt. Die Die Homogenität der zugeführten Substrate ist für die Stabi-
Anwendung flüssigen Gärrückstandes kann den Frischwasser- lität des Vergärungsprozesses von hoher Bedeutung. Bei stark
bedarf senken und hat den Vorteil, dass das Substrat bereits vor schwankender Belastung und wechselnder Substratzusammen-
Erreichen des Fermenters mit den Bakterien des Gärprozesses setzung müssen sich die Mikroorganismen an die veränderten
angeimpft wird. Daher bietet sich diese Vorgehensweise nach Bedingungen anpassen, was meist mit einer Einbuße bei der
einer Hygienisierungsstufe oder in Pfropfenstromverfahren be- Gasausbeute verbunden ist. Die Homogenisierung pumpfähiger
sonders an. Auf die Nutzung von Frischwasser sollte aufgrund Substrate wird meist in der Vorgrube mit Rührwerken durchge-
der hohen Kosten nach Möglichkeit verzichtet werden. Falls für führt. Sie kann aber auch im Fermenter erfolgen, wenn verschie-
das Anmaischen Wasser aus Reinigungsprozessen verwendet dene Substrate direkt eingepumpt und/oder über einen Fest-
werden soll, ist zu bedenken, dass Desinfektionsmittel den stoffeintrag in den Fermenter eingebracht werden. Die Technik
Vergärungsprozess beeinträchtigen können, da sich solche Mit- der Rührwerke wird im Abschnitt Rührwerke vorgestellt. Die Ver-
tel auch auf die Mikroorganismengemeinschaft im Fermenter mischung in einer Vorgrube entspricht in etwa den Systemen
negativ auswirken. Ebenfalls nachteilig wirkt sich das erhöhte der volldurchmischten Fermenter (siehe Kap 3.2.2.1, Abschnitt
Emissionspotenzial bei nicht gasdicht ausgeführten Anmisch- Verfahren mit Volldurchmischung).

28
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.7: Kennwerte und Einsatzparameter von Zerkleinerungsaggregaten, die mit der Fördertechnik eine
Geräteeinheit bilden

Kennwerte • Förderströme bis 720 m3/h möglich


• Förderhöhe bis max. 25 m
• Leistungsaufnahme: 1,7–22 kW
Eignung • pumpfähige Substrate mit langfaserigen Bestandteilen 3
Vorteile ++ leichte Zugänglichkeit des Aggregates bei Havarien
++ bei Verstopfungen können die Aggregate leicht geöffnet und gewartet werden
++ keine zusätzlichen Förderaggregate notwendig
Nachteile -- die Erhöhung des Trockensubstanzgehaltes im Fermenter ist nur bis zur Grenze der Pumpfähigkeit des Substrates
möglich
-- es lässt sich nur ein kleiner Teil des Stoffstroms zerkleinern, durch mehrmaliges Umpumpen kann der Anteil an
geschnittenem Gut erhöht werden
Besonderheiten • die Aggregate sollten durch Schieber von der Substratleitung getrennt werden können
• für den Havariefall kann eine über Schieber zu bedienende Umgehung sinnvoll sein
• erreichbare Partikelgrößen werden durch Auswahl der Schneid- oder Reißtechnik bestimmt
Bauformen • Kreiselpumpen, Laufrad mit Schneidkanten als trocken stehende Pumpe oder Tauchpumpe
Wartung • freistehende Pumpen können schnell ohne lange Ausfallzeiten gewartet werden, Tauchpumpen können dafür
leicht aus dem Substrat entnommen werden
• Wartungsöffnungen verkürzen die Stillstandszeiten stark

Hygienisierung
Um die gesetzlich vorgeschriebenen Kriterien für einige aus
Sicht der Seuchen- und Phytohygiene kritische Stoffgruppen
zu erfüllen, ist es unter Umständen notwendig, eine thermische
Vorbehandlung in die Biogasanlage zu integrieren. Die Vorbe-
handlung erfolgt durch Erwärmung der Stoffe auf eine Tempera-
tur von 70 °C für mindestens eine Stunde. Eine zweite Methode
zur Abtötung von Keimen ist die Drucksterilisation. Hier wird das
zu sterilisierende Substrat 20 Minuten auf 133 °C bei einem
Druck von 3 bar vorbehandelt. Dieses Verfahren ist im Vergleich
zur Hygienisierung bei 70 °C allerdings seltener anzutreffen. Da
die Größen der zur Hygienisierung verwendeten Behälter und
der Energieaufwand von der Durchsatzmenge abhängen, wird
die Hygienisierung in der Regel vor der Einbringung hygienisch
bedenklicher Kosubstrate in den Fermenter durchgeführt. So
Abb. 3.9: Tauchpumpe mit Schneidkanten am Rotor als Beispiel der ist es möglich, nur die bedenklichen Stoffe zu hygienisieren
Einheit aus Zerkleinerungs- und Förderaggregat [Xylem Water Solu- und damit die Hygienisierungsstufe wirtschaftlicher zu dimen-
tions Deutschland GmbH]
sionieren (Teilstromhygienisierung). Möglich ist auch eine
Vollstromhygienisierung der gesamten Einsatzstoffe bzw. des
vergorenen Materials. Ein Vorteil der dem Fermenter vorange-
stellten Hygienisierung ist ein gewisser thermischer Aufschluss
des Substrates, welches dadurch in Abhängigkeit seiner Eigen-
schaften besser vergärbar wird.
Die Hygienisierung kann in luftdicht verschließbaren und
beheizbaren Edelstahlbehältern durchgeführt werden. Verwen­
det werden häufig Behälter aus der Fütterungstechnik. Die
Hygienisierung wird mittels Füllstands-, Temperatur- und
Druckmesseinrichtungen überwacht und dokumentiert. Die
Temperatur des Substrates ist nach der Hygienisierung höher
als die im Fermenter vorherrschende Prozesstemperatur. Das
hygienisierte Substrat eignet sich so zur Vorwärmung anderer
Substrate oder kann durch direkte Zugabe in den Fermenter zu
dessen Beheizung genutzt werden. Kann die Wärme des hygie­
Abb. 3.10: Hygienisierung mit Rückkühlung [TEWE Elektronic GmbH & nisierten Substrates nicht genutzt werden, ist eine geeignete
Co. KG] Kühlung auf das Temperaturniveau des Fermenters notwendig.

29
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.8: Kennwerte und Einsatzparameter von Hygienisierungsbehältern

Kennwerte • Volumen: anlagenspezifisch, Hygienisierungsbehälter mit z. B. 50 m3 Inhalt


• Heizung: innenliegend oder Doppelwandbehälter
• Dauer: Es müssen zu der einen Stunde Hygienisierungszeit (bei 70 °C) Befüllvorgang, Aufheizen und Entleeren für
die Dimensionierung berücksichtigt werden
Eignung • für die üblichen Hygienisierungsbehälter muss das Substrat pumpfähig sein und daher gegebenenfalls vor der
Hygienisierung vorbehandelt werden
Besonderheiten • Registriervorrichtung für den Hygienisierungsverlauf ist zwingend vorzusehen
• das heiße hygienisierte Substrat sollte nicht direkt in den Fermenter gegeben werden, da die Biologie die hohen
Temperaturen nicht verträgt (bei Teilstromvergärung kann eine direkte Beimischung möglich sein)
• es darf keine Vermischung von hygienisch bedenklichem und unbedenklichem Material möglich sein
• je nach Substrat ist mit der Ablagerung von Sand und Schwerstoffen zu rechnen
Bauformen • einwandige Edelstahlbehälter mit interner Heizung oder doppelwandige Edelstahlbehälter mit Wandheizung oder
Gegenstromwärmeübertragern
• gasdicht und an Gaspendelleitung angeschlossen oder nichtgasdicht mit Abführung der Verdrängungsluft aus
dem Behälter ggf. über eine Abluftreinigung
Wartung • es ist mindestens ein Mannloch im Behälter vorzusehen
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten in geschlossenen Behältern müssen beachtet werden
• (auch Gassicherheit sollte berücksichtigt werden)
• je nach installierter Technik (Temperaturfühler, Rührwerke, Pumpen) ist Wartung notwendig, der Behälter selbst
sollte wartungsfrei sein

Beispielhaft werden Hygienisierungsbehälter in Abbildung 3.10 erhöhen. Als Behälter sind verschiedene Vorlagebehälter (ste-
dargestellt, spezifische Eigenschaften von Hygienisierungsbe- hend, liegend) mit einer entsprechenden Ausstattung wie Rühr-
hältern sind in Tabelle 3.8 zusammengefasst. werk, Beheizungsmöglichkeit und Isolierung nutzbar. Beschickt
werden können diese kontinuierlich, aber auch im Batchbetrieb.
Aerobe Vorrotte Zu beachten ist, dass das Hydrolysegas auch zu großen Teilen
Bei der Feststoffvergärung im Garagenverfahren besteht die Wasserstoff enthält. Bei der aeroben Fahrweise und der Ablei-
Möglichkeit der gezielten Belüftung des Substrates im Vorfeld tung der Hydrolysegase ins Freie kann dies energetische Ver-
des eigentlichen Gärprozesses (siehe 3.2.2.1 Fermenterbaufor- luste bezogen auf die erzeugte Biogasmenge und zusätzliche
men). Die durch die Luftzufuhr einsetzenden Kompostierungs- Emissionen bedeuten. Darüber hinaus stellt dies ein sicherheit-
prozesse gehen mit einer Erwärmung des Substrates auf ca. 40 stechnisches Problem dar, da Wasserstoff in einem Gemisch mit
bis 50 °C einher. Vorteil der zwei bis vier Tage dauernden Vor- Luft eine explosionsfähige Atmosphäre ausbilden kann.
rotte ist der beginnende Zellaufschluss und die Selbsterhitzung
des Materials, wodurch u. a. zusätzliche Heizelemente im Fer- Desintegration
menter eingespart werden können. Nachteilig sind allerdings Desintegration ist die Zerstörung der Zellwandstruktur zur Frei-
erhebliche Emissionen und die Umsetzung von organischer setzung des gesamten Zellmaterials. Damit kann eine bessere
Substanz, die dann nicht mehr für die Biogasbereitstellung zur Verfügbarkeit des Substrates für die Mikroorganismen erreicht
Verfügung steht. werden, die zu erhöhten Abbauraten führen soll. Es werden

Hydrolyse
Bei einer einphasigen Prozessführung besteht bei hoher Raum-
belastung die Gefahr, dass die Prozessbiologie im Fermenter aus
dem Gleichgewicht gerät, d. h. dass die Säurebildung während
der primären und sekundären Gärung schneller abläuft, als der
Säureabbau während der Methanbildung [3-19]. Zudem sinkt
bei hoher Raumbelastung und kurzen Verweilzeiten die Ausnut-
zung der Substrate, im schlimmsten Fall drohen eine Versäue-
rung und das Kippen der Fermenterbiologie. Um dem zu begeg-
nen, können Hydrolyse- und Versäuerungsprozesse in separaten
Behältern dem eigentlichen Fermenter vorangestellt, bzw. durch
spezielle Einbauten im Fermenter (z. B. Zwei-Phasen- Fermenter)
ein abgegrenzter Raum geschaffen werden. Die Hydrolyse kann
unter aeroben und anaeroben Bedingungen ablaufen und arbei-
tet bei pH-Werten zwischen 4,5 und 7. In der Regel sind Tempe-
raturen von 25 bis 35 °C ausreichend, können aber auch auf 55 Abb. 3.11: Hydrothermale Desintegration mit Bioextruder [Lehmann
bis 65 °C erhöht werden, um die Umsetzungsgeschwindigkeit zu Maschinenbau GmbH]

30
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

thermische, chemische, biochemische und physikalisch/me-


chanische Zellaufschlussverfahren eingesetzt. Mögliche Verfah-
ren sind Erhitzen auf < 100 °C unter Normaldruck oder > 100 °C
unter Druck, die oben ausgeführte Hydrolyse, die Zugabe von
Enzymen, die elektrokinetische Desintegration mittels Hoch-
spannungsfeldern oder der Einsatz der Ultraschalldesintegrati-
on. Über den Nutzen dieser Verfahren wird in der Branche dis- 3
kutiert. Zum einen ist die Wirkung der einzelnen Verfahren stark
vom Substrat und dessen vorheriger Aufbereitung abhängig,
zum anderen bedürfen alle Verfahren einer zusätzlichen Zufuhr
von Wärme- und/oder Elektroenergie, welche sich unmittelbar
auf die Effektivität in Bezug auf den möglichen Mehrertrag der
Anlage auswirkt. Im Vorfeld einer möglichen Integration sollte
der effektive Nutzen einer Desintegrationsstufe beispielsweise
durch Tests und zusätzliche Analysen des behandelten Substra-
tes sowie durch eine ökonomische Betrachtung der finanziellen Abb. 3.12: Pumpen in einer Biogasanlage [WELTEC BIOPOWER GmbH]
Mehraufwendungen und -einnahmen untermauert werden.

3.2.1.4 Transport und Einbringung stopfungen der Pumpen kommt, die schnell beseitigt werden
Für einen stabilen Gärprozess ist aus prozessbiologischer Sicht müssen. Außerdem ist zu beachten, dass die beweglichen Teile
ein kontinuierlicher Substratstrom durch die Biogasanlage der der Pumpen Verschleißteile sind, die in Biogasanlagen hohen
Idealfall. Da dieser in der Praxis kaum realisiert werden kann, Beanspruchungen unterliegen und von Zeit zu Zeit ausge-
ist eine quasikontinuierliche Zugabe des Substrates in den Fer- tauscht werden müssen, ohne dass die Biogasanlage außer Be-
menter der Regelfall. Die Zugabe des Substrates erfolgt in meh- trieb genommen werden muss. Die Pumpen müssen daher über
reren Chargen über den Tag verteilt. Daraus folgend werden alle Absperrschieber zum Ausführen von Wartungsarbeiten vom Lei-
Aggregate, die für den Substrattransport notwendig sind, nicht tungsnetz trennbar sein. Verwendet werden fast ausschließlich
kontinuierlich betrieben. Dies spielt für die Auslegung eine sehr Kreisel- oder Verdrängerpumpen, die auch in der Gülletechnik
große Rolle. zur Anwendung kommen.
Die Anlagentechnik für den Transport und die Einbringung Die Auswahl geeigneter Pumpen hinsichtlich Leistung und
hängt im Wesentlichen von der Beschaffenheit des Substrates Fördereigenschaften ist in hohem Maß von den eingesetzten
ab. Es muss zwischen Technik für pumpfähige und stapelbare Substraten und deren Aufbereitungsgrad bzw. Trockensubs-
Substrate unterschieden werden. tanzgehalt abhängig. Zum Schutz der Pumpen können Schneid-
Bei der Einbringung der Substrate ist deren Temperatur zu und Zerkleinerungsapparate sowie Fremdkörperabscheider
beachten. Bei großen Differenzen zwischen Material- und Fer- direkt vor die Pumpe eingebaut werden oder Pumpen, deren
mentertemperatur (beispielsweise bei Einbringung nach einer Förderelemente mit Zerkleinerungseinrichtungen versehen
Hygienisierungsstufe oder im Winter) wird die Prozessbiologie sind, zum Einsatz kommen.
stark beeinflusst, was zur Verminderung des Gasertrages führen
kann. Als technische Lösungen werden hier zuweilen Wärme- Kreiselpumpen
übertrager und beheizte Vorgruben angewendet. Kreiselpumpen sind in der Gülletechnik weit verbreitet. Sie eige-
nen sich vor allem bei dünnflüssigen Substraten. Im Inneren der
Transport pumpfähiger Substrate Kreiselpumpen dreht sich ein Laufrad in einem feststehenden
Zum Transport pumpfähiger Substrate innerhalb der Biogasan- Gehäuse. Das zu fördernde Medium wird mit Hilfe des Laufrades
lage werden hauptsächlich über Elektromotoren angetriebene beschleunigt und die daraus resultierende Geschwindigkeitser-
Pumpen verwendet. Sie können über Zeitschaltuhren oder Pro- höhung im Druckstutzen der Kreiselpumpe in Förderhöhe bzw.
zessrechner angesteuert werden, wodurch der Gesamtprozess Förderdruck umgesetzt. Das Laufrad kann je nach Anforderung
ganz oder teilweise automatisiert werden kann. In vielen Fällen unterschiedliche Größen und Formen besitzen. Eine spezielle
wird der gesamte Substrattransport innerhalb der Biogasanla- Form stellt die Schneidradpumpe dar (vgl. Abbildung 3.9) de-
ge über ein oder zwei zentral in einem Pump- oder Steuerhaus ren Laufrad mit gehärteten Schneidkanten zur Substratzerklei-
positionierte Pumpen realisiert. Die Verlegung der benötigten nerung versehen ist. Kennwerte und Einsatzparameter sind in
Rohrleitungen erfolgt dann so, dass alle eintretenden Betriebs- Tabelle 3.9 enthalten.
fälle (z. B. Beschicken, vollständiges Entleeren von Behältern, Ha-
variefälle etc.) über gut zugängliche oder automatische Schieber Verdrängerpumpen
gesteuert werden können. Ein Beispiel für die Pumpen- und Rohr- Zum Transport dickflüssiger Substrate mit hohen Trockensub-
leitungsinstallation in einer Biogasanlage zeigt Abbildung 3.12. stanzgehalten werden Verdrängerpumpen eingesetzt. Bei Ver-
Es sollte darauf geachtet werden, dass die Pumpen gut drängerpumpen kann die geförderte Menge über die Drehzahl
zugänglich sind und ausreichend Arbeitsraum um sie herum bestimmt werden. Dadurch wird eine bessere Steuerung der
freigehalten wird. Trotz getroffener Vorsichtsmaßnahmen und Pumpen in Verbindung mit einer genaueren Dosierung des
guter Substrataufbereitung kann es passieren, dass es zu Ver- Substrates erreicht. Sie sind selbstansaugend und druckstabi-

31
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.9: Kennwerte und Einsatzparameter von Kreiselpumpen [3-1]

Kennwerte • Förderdruck: bis zu 20 bar (in der Praxis meist geringerer Förderdruck)
• Fördermenge ab 2 m3/min bis 30 m3/min
• Leistungsaufnahme: z. B. 3 kW bei 2 m3/min, 15 kW bei 6 m3/min, stark substratabhängig
• i. d. R. für Substrate mit < 8 % TS-Gehalt
Eignung • dünnflüssige Substrate mit niedrigen Trockensubstanzgehalten, geringe Strohanteile sind zulässig
Vorteile ++ einfacher, kompakter und robuster Aufbau
++ hohe Förderleistung
++ flexibler Einsatz (auch als Tauchpumpe)
Nachteile -- nicht selbstansaugend, Aufstellung unterhalb des anzusaugenden Substratspiegels, z. B. in einem Schacht
notwendig
-- nicht zur Substratdosierung geeignet
Besonderheiten • starke Abhängigkeit der Förderleistung vom Förderdruck bzw. der Förderhöhe
Bauformen • als Tauchpumpe oder Pumpe in Trockenaufstellung; auch als Schneidpumpe lieferbar; als Tauchpumpe mit
Antrieb unter oder über Substratoberfläche verfügbar
Wartung • bei Tauchpumpen erschwert, jedoch über Entnahmeöffnungen relativ leicht erreichbar
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden
• Betriebsunterbrechungen sind geringfügig länger als bei anderen Pumpentypen

Tab. 3.10: Kennwerte und Einsatzparameter von Exzenterschneckenpumpen

Kennwerte • Förderdruck: bis zu 48 bar


• Fördermenge ab 0,055 m3/min bis 8 m3/min
• Leistungsaufnahme: z. B. 7,5 kW bei 0,5 m3/min; 55 kW bei 4 m3/min; stark substratabhängig
Eignung • dickflüssige pumpfähige Substrate mit geringen Störstoffanteilen und langfaserigen Stoffen
Vorteile ++ selbst ansaugend
++ einfacher, robuster Aufbau
++ zur Substratdosierung geeignet
++ Drehrichtung umkehrbar
Nachteile -- geringere Förderleistungen als Kreiselpumpen
-- empfindlich gegen Trockenlauf
-- empfindlich gegen Störstoffe (Steine, langfaserige Stoffe, Metallteile)
Besonderheiten • starke Abhängigkeit der Förderleistung von der Viskosität, stabile Förderung bei schwankenden Drücken
• Trockenlaufschutz kann integriert sein
• sehr häufige Anwendung in der Klärtechnik
• der Stator kann zum Teil in Abhängigkeit der Förderleistung, des Substrates und der Abnutzung meist nachgestellt
werden
• Förderrichtungsänderung als Sonderbauform möglich
Bauformen • als Pumpe in Trockenaufstellung
Wartung • sehr langlebig
• aufgrund des Aufbaues wartungsfreundlich, es werden durch Schneckenschnellwechselsysteme nur kurze
Betriebsunterbrechungen notwendig

ler als Kreiselpumpen, das heißt, die Fördermenge ist sehr viel Drehkolbenpumpen besitzen zwei gegenläufig rotierende
weniger von der Förderhöhe abhängig. Verdrängerpumpen sind zwei- bis sechsflügelige Drehkolben in einem ovalen Gehäuse.
relativ anfällig gegenüber Störstoffen, weswegen es sinnvoll ist, Die beiden Drehkolben wälzen sich gegenläufig mit geringem
die Pumpen mit Zerkleinerungsaggregaten und Fremdkörper- axialen und radialen Spiel aufeinander ab, wobei sie weder das
abscheidern vor grobstückigen und faserigen Bestandteilen zu Gehäuse noch sich untereinander berühren und so ausgebildet
schützen. sind, dass in jeder Stellung der Saug- gegen den Druckraum
Zum Einsatz kommen größtenteils Drehkolben- und Exzen- abgesperrt wird. Zum Transport des Mediums werden die im
terschneckenpumpen. Exzenterschneckenpumpen haben ei- Saugraum auftretenden Lücken mit dem Fördermedium ge-
nen korkenzieherförmigen Rotor, der in einem Stator aus elasti- füllt und zur Druckseite transportiert. Das Funktionsprinzip von
schem Material läuft. Durch die Drehung des Rotors entsteht ein Drehkolbenpumpen kann Abbildung 3.14 entnommen werden.
wandernder Hohlraum, in dem das Substrat transportiert wird. Kennwerte und Einsatzparameter sind in Tabelle 3.11 zusam-
Ein Beispiel ist in Abbildung 3.13 dargestellt. Kennwerte und mengefasst.
Einsatzparameter können Tabelle 3.10 entnommen werden.

32
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Abb. 3.13: Exzenterschneckenpumpe [Knoll Maschinenbau GmbH/LEWA GmbH]

Abb. 3.14: Drehkolbenpumpe (links), Drehkolben-Pumpprinzip (rechts) [Börger GmbH (links), Hugo Vogelsang Maschinenbau GmbH]

Tab. 3.11: Kennwerte und Einsatzparameter von Drehkolbenpumpen

Kennwerte • Förderdruck: bis zu 12 bar


• bei Fördermenge ab 0,1 m3/min bis ca. 16 m3/min
• Leistungsaufnahme: ca. 2 bis 55 kW
Eignung • dickflüssige pumpfähige Substrate
Vorteile ++ einfacher, robuster Aufbau
++ selbstansaugend bis 10 m Wassersäule
++ zur Substratdosierung geeignet
++ Förderung größerer Fremd- und Faserstoffe als Exzenterschneckenpumpen
++ trockenlaufunempfindlich
++ geringer Platzbedarf
++ wartungsfreundlich
++ Förderrichtungsänderung serienmäßig
Besonderheiten • hohe Drehzahlen bis 1300 U/min sind günstig für die Leistungsoptimierung
• nachstellbare Halbschalen optimieren Wirkungsgrad und Standzeit durch Verminderung des Spiels
Bauformen • als Pumpe in Trockenaufstellung
Wartung • aufgrund des Aufbaues wartungsfreundlich, es werden nur kurze Betriebsunterbrechungen notwendig

Transport von stapelbaren Substraten Dosierung verwendet werden. Sie ermöglichen die Anwendung
Stapelbare Substrate müssen in der Nassvergärung bis zur von sehr großen Vorlagebehältern. Förderschnecken können
Materialeinbringung bzw. bis zur Anmaischung transportiert stapelbare Substrate in nahezu alle Richtungen transportieren.
werden. Die meisten Wege werden mit einem üblichen Lader Vorbedingung ist hier nur die Freiheit von großen Steinen und
zurückgelegt. Erst für die automatisierte Beschickung werden die Zerkleinerung des Substrates, dass es von der Schnecke
Kratzböden, Overhead-Schubstangen und Förderschnecken ergriffen werden kann und in die Schneckenwindungen passt.
eingesetzt. Kratzböden und Overhead-Schubstangen sind in der Automatische Beschickungssysteme für stapelbare Substrate
Lage, nahezu alle stapelbaren Substrate horizontal oder mit ei- stellen oftmals eine Einheit mit den Einbringungsaggregaten an
ner leichten Steigung zu fördern. Sie können jedoch nicht für die der Biogasanlage dar.

33
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Flüssige (Ko)substrate können auch direkt über einen nor-


mierten Tankstutzen in den Fermenter oder einen beliebigen
Vorlagebehälter eingetankt werden. Die Vorlagebehälter sind
dann technisch den Substrateigenschaften anzupassen. Tech-
nische Notwendigkeiten können u. a. chemisch beständige Be-
hältermaterialien, Beheizungsmöglichkeiten, Rührvorrichtun-
gen und geruchsmindernde oder gasdichte Abdeckungen sein.

Einbringung von stapelbaren Substraten


Der Feststoffeintrag in den Fermenter kann direkt oder indirekt
erfolgen. Beim indirekten Eintrag werden stapelbare Substra-
te in die Vorgrube oder in die Substratleitung zum Fermenter
eingebracht (vgl. Abbildung 3.16). Mit dem direkten Feststof-
Abb. 3.15: Vor- bzw. Annahmegrube bei der Beschickung [Paterson, feintrag ist es möglich, feste Substrate unter Umgehung des
FNR; Hugo Vogelsang Maschinenbau GmbH] Anmischens in der Vorgrube oder Flüssigkeitsleitung direkt in
den Fermenter einzubringen (vergleiche Abbildung 3.17). Ko-
fermente können so unabhängig von der Gülle und in regelmä-
In den bekannten Feststoffvergärungsanlagen nach dem ßigen Abständen eingespeist werden [3-8]. Außerdem ist es
Garagenprinzip werden die stapelfähigen Substrate ausschließ- möglich, den Trockensubstanzgehalt im Fermenter zu erhöhen
lich mit dem Radlader bewegt oder direkt durch Ladewagen mit und damit die Biogasproduktivität zu steigern.
Schubbodentechnik o. ä. beschickt.
Indirekter Eintrag über die Vorgrube
Einbringung pumpfähiger Substrate Verfügt die Biogasanlage nicht über eine getrennte Zugabe-
Pumpfähige Substrate werden in der Regel über in den Boden möglichkeit zur Direkteinbringung von Kosubstraten, werden
eingelassene, substratdichte Vorgruben aus Beton, in denen die stapelbare Substrate in der Vorgrube gemischt, zerkleinert,
anfallende Gülle zwischengespeichert und homogenisiert wird, homogenisiert und wenn nötig zur Herstellung pumpfähiger
eingebracht. Die Vorgruben sollten so ausgelegt sein, dass min- Gemische angemaischt. Aus diesem Grund sind Vorgruben mit
destens ein bis zwei Tagesmengen in ihnen gespeichert werden Rührwerken, wenn nötig in Kombination mit Reiß- und Schneid-
können. Häufig werden vorhandene Güllesammelgruben im werkzeugen zur Zerkleinerung der Substrate, ausgestattet. Wer-
landwirtschaftlichen Betrieb genutzt. Verfügt die Biogasanlage den störstoffhaltige Substrate verarbeitet, dient die Vorgrube
nicht über eine getrennte Zugabemöglichkeit zur Direkteinbrin- auch zur Abtrennung von Steinen und Sinkschichten, sie kön-
gung von Kosubstraten, werden auch stapelbare Substrate in nen z. B. mittels Kratzböden und Förderschnecken konzentriert
der Vorgrube gemischt, zerkleinert, homogenisiert und wenn und ausgetragen werden [3-3]. Aus Sicht der Emissionsminde-
nötig zur Herstellung pumpfähiger Gemische angemaischt (vgl. rung kann diese Art der Beschickung allerdings nicht empfoh-
Abschnitt Indirekter Eintrag über die Vorgrube). Die Kenndaten len werden. Sollte zur Vermeidung von Geruchsemissionen die
von Vorgruben sind in Tabelle 3.12 zusammengefasst, ein Bei- Vorgrube abgedeckt werden, sollte die Abdeckung allerdings so
spiel ist in Abbildung 3.15 dargestellt. ausgeführt sein, dass ein Öffnen der Vorgrube und damit eine

Tab. 3.12: Kennwerte und Einsatzparameter von Vorgruben

Kennwerte • Herstellung aus wasserdichtem Beton, meist aus Stahlbeton


• das Volumen sollte ein bis zwei Tagesmengen an Substrat aufnehmen können
Eignung • pumpfähige, rührbare Substrate
• bei Einsatz von Zerkleinerungstechnik auch stapelbare Substrate
Besonderheiten • gute Homogenisierung und Vermischung der Substrate möglich
• Bildung von Sinkschichten aus Steinen möglich
• Sinkschichtentnahme sollte über Pumpensumpf, Sammelgruben oder über Räumaggregate ermöglicht werden
• Abdeckung der Vorgrube ist wegen Geruchsemissionen empfehlenswert
• Feststoffeinbringung kann zu Verstopfungen, Sink- und Schwimmschichten führen
Bauformen • runde oder viereckige ebenerdig abschließende oder aus dem Boden herausragende Gruben und Behälter, deren
Befüllungseinrichtung noch mit einem Radlader erreicht werden kann
• höherliegende Gruben im Vergleich zum Fermenter sind vorteilhaft, da durch das entstehende hydraulische
Gefälle auf den Einsatz von Fördertechnik verzichtet werden kann
• die Umwälzung kann mit gleichen Technologien realisiert werden, wie in den Fermentern
Wartung • bei fehlender Sinkschichtentnahme manuelle Sinkschichtentfernung notwendig
• ansonsten kaum Wartungsaufwand; die Wartung der technischen Aggregate wird in den jeweiligen Kapiteln
beschrieben

34
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

problemlose Entnahme von abgesetzten Sinkstoffen weiterhin ge der einzutragenden Substrate kann die Eintragsvorrichtung
möglich sind. in ihrer Förderleistung angepasst werden. Als Flüssigkeitsstrom
Die Befüllung erfolgt bspw. mit Radladern oder anderen mo- kann Gülle aus einer Vorgrube/Vorlage oder Substrat aus der
bilen Geräten sowie mittels automatisierten Feststoffeintrags- Vergärungsanlage oder den Gärrückstandslagern verwendet
systemen. Die Zuführung des Feststoff-Flüssigkeitsgemisches werden. Derartige Systeme finden auch bei mittleren bis großen
in den Fermenter erfolgt dann durch geeignete Pumpen. Die Biogasanlagen Verwendung, da ein modularer Aufbau eine ge-
Kenndaten von Vorgruben sind in Tabelle 3.12 zusammenge- wisse Flexibilität und Ausfallsicherheit garantiert [3-17]. 3
fasst, ein Beispiel ist in Abbildung 3.15 dargestellt. Die wichtigsten Eigenschaften von indirekten Eintragssyste-
men sind in Tabelle 3.13 zusammengefasst.
Indirekter Eintrag in den Flüssigkeitsstrom
Alternativ zum Eintrag über eine Vorgrube können feste Sub- Direkter Eintrag mittels Presskolben
strate wie z. B. Bioabfälle, Silage und Mist auch mittels geeig- Bei der Einbringung mittels Eintragskolben werden die Sub­
neten Dosiereinrichtungen, wie Rachentrichterpumpen, in den strate mittels Hydraulikzylinder durch eine Öffnung in der Fer-
Flüssigkeitsstrom eingetragen werden (vgl. Abbildung 3.18). menterwand nahe der Fermentersohle direkt in den Fermenter
Der Eintrag kann durch Eindrücken in die Substratleitung oder eingebracht. Durch die bodennahe Einbringung werden sie mit
mittels direkter Durchströmung der Eintragseinrichtung gesche- Gülle durchtränkt und so die Gefahr der Schwimmschichtenbil-
hen, mit dem Eintrag kann auch eine grobe Zerkleinerung der dung reduziert. Das System ist mit gegeneinander laufenden
Substrate einhergehen. Abhängig vom TS-Gehalt und der Men- Mischwalzen ausgestattet, welche die Substrate in den darun-

Abb. 3.16: Indirekter Feststoffeintrag (Schema) [3-1]

Abb. 3.17: Direkter Feststoffeintrag (Schema) [3-1]

Abb. 3.18: Rachentrichterpumpen mit integrierter Drehkolbenpumpe (links) und Exzenterschneckenpumpe (rechts) [Hugo Vogelsang Maschinenbau
GmbH (links), Netzsch Mohnopumpen GmbH]

35
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.13: Eigenschaften von Rachentrichterpumpen zum Feststoffeintrag in den Flüssigkeitsstrom

Kennwerte • Förderdruck: bis zu 48 bar


• Fördermenge Suspension: 0,5–1,1 m3/min (je nach Pumpentyp und zu fördernder Suspension)
• Fördermenge Feststoffe: ca. 4–12 t/h (zweiwellige Schneckenzuführung mit Zerkleinerung)
Eignung • für vorzerkleinerte und weitestgehend störstofffreie Substrate geeignet
Vorteile ++ hohes Saug- und Druckvermögen
++ robuster Aufbau, teils mit Verschleißschutz lieferbar
++ zur Dosierung geeignet
++ Zerkleinerung durch Reißwerkzeuge an den Zuführschnecken möglich
Nachteile -- teilweise empfindlich gegen Störstoffe (Steine, langfasrige Stoffe, Metallteile)
Besonderheiten • Zerkleinern, Mischen und Anmaischen in einem Schritt möglich
• Zuführung der Feststoffe beliebig gestaltbar (per Radlader, Fördereinrichtungen, Vorlageeinheiten)
• Zuführung der Flüssigphase durch separate Pumpe
Bauformen • als Aggregat in Trockenaufstellung
• Ein- oder Doppelwellige Schneckenzuführung der Substrate in den Flüssigkeitsstrom/zur Pumpeinheit, Schnecken
teils gezahnt zur Substratzerkleinerung
• bevorzugte Pumpen: Drehkolben und Exzenterschneckenpumpe, teils in Rachentrichterpumpe integriert
Wartung • aufgrund des Aufbaues wartungsfreundlich, es werden nur kurze Betriebsunterbrechungen notwendig

Abb. 3.19: Einbringung stapelbarer Biomasse [PlanET Biogastechnik GmbH]

ter liegenden Zylinder befördern und gleichzeitig langfaserige Beschickung der Schnecke kann diese mit beliebigen Vorlage-
Stoffe zerkleinern [3-1]. Das Eintragssystem ist meist mit einem behältern, welche z. T. über Zerkleinerungswerkzeuge verfügen,
Vorlagebehälter gekoppelt bzw. unter diesem installiert. Die eingesetzt werden [3-8]. Kennwerte von Einbringungssystemen
Presskolbentechnik wird unter anderem aufgrund ihrer Stör- mit Förderschnecken sind in Tabelle 3.15 zusammengefasst,
anfälligkeit inzwischen nicht mehr angeboten und ist somit ein Beispiel ist in Abbildung 3.20 veranschaulicht.
nur noch auf älteren Biogasanlagen im Einsatz. Kennwerte und
Einsatzparameter von Eintragskolben sind in Tabelle 3.14 zu- Direkter Eintrag mittels Schubboden
sammengefasst.. Bei größeren Anlagen werden oft Schubbodenanlagen als
Ergänzung zu den verschiedenen Eintragssystemen verwen-
Direkter Eintrag mittels Schnecken det. Sie dienen der besseren Organisation der Arbeitszeit und
Bei der Zufuhr mittels Eintrags- bzw. Förderschnecken wird das können direkt mit abkippenden Fahrzeugen oder auch mit
Substrat durch Stopfschnecken unterhalb des im Fermenter be- Radladern oder ähnlichen Geräten beschickt werden. Je nach
findlichen Flüssigkeitsspiegels gedrückt. So ist gesichert, dass Dimensionierung kann eine Substratbevorratung für einen Tag
kein Gas über den Schneckengang austreten kann. Der dafür oder mehrere Tage erfolgen. Dadurch können über einen ent-
notwendige Füllstand im Fermenter ist regelmäßig zu kontrollie- sprechenden Zeitraum die verschiedenen möglichen Zuführag-
ren. Im einfachsten Fall steht bei dieser Methode der Dosierer gregate (v. a. Schnecken, Mischpumpen, Förderbänder) auto-
auf dem Fermenter, so dass nur eine vertikal verlaufende Schne- matisch beschickt werden.
cke zur Einbringung notwendig ist. Ansonsten muss die Höhe
des Fermenters mit Steigschnecken überwunden werden. Zur

36
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.14: Kennwerte und Einsatzparameter von Eintragskolben

Kennwerte • Material meist Edelstahl, Kolben in geschlossenem Gehäuse untergebracht


• Eintrag in den Fermenter: horizontal, Zugabe auch am Fermenterboden möglich
• Hand- und Automatikventil notwendig, falls Fermenterfüllstand über Oberkante des Vorlagebehälters
Eignung • alle üblichen stapelbaren Kosubstrate, je nach Schneckentechnik auch langfaserig und mit Steinen
Vorteile ++ weitgehend geruchsfrei
3
++ sehr gute Dosierbarkeit
++ automatisierbar
Nachteile -- Gefahr der Sinkschichtenbildung im Fermenter durch Verklumpung des eingepressten Substrates, damit nicht
optimal zugänglich für die Mikroorganismen im Fermenter
-- nur horizontaler Substrattransport möglich
-- es kann immer nur ein Fermenter aus der Vorlage gefüttert werden
Besonderheiten • Zuführung muss flüssigkeitsdicht ausgeführt sein
• Einfüllhöhe und -größe sind mit der vorhandenen Fülltechnik im Betrieb abzustimmen
• Zerteilung des Presspfropfens durch ein Messerkreuz wird angeboten und erscheint aufgrund der Verklumpungs-
gefahr sehr sinnvoll
• Platzbedarf direkt neben dem Fermenter
• gewichtsabhängige Dosierung mit Kolben bei Installation von Wiegetechnik an der Vorlageeinheit ist möglich
Bauformen • Hydraulikzylinder mit hydraulisch oder elektrisch angetriebenen Zuführungsschnecken
• flexibel mit verschiedenen Vorlagesystemen kombinierbar (z. B. Vorlagetrichter, Schubbodencontainer, Futtermi-
schwagen)
Wartung • Aufgrund der beweglichen Technik ist mit regelmäßigem Wartungsaufwand zu rechnen
• Wartung des Kolbens ist mit einer z. T. erheblichen Prozessunterbrechung, evtl. auch mit einer Leerung des
Fermenters verbunden

Tab. 3.15: Kennwerte und Einsatzparameter von Eintragsschnecken

Kennwerte • Material meist Edelstahl, in geschlossenem Gehäuse untergebracht


• Eintrag in den Fermenter: horizontal, vertikal oder schräg von oben
• Zugabe knapp unter den Flüssigkeitsspiegel
• Hand- und Automatikventil notwendig, falls Fermenterfüllstand über Oberkante des Vorlagebehälters
Eignung • alle üblichen stapelbaren Kosubstrate mit Steinen, die kleiner als die Schneckenwindungen sind
• Transport gehäckselter und langfaseriger Substrate könnte problematisch sein
Vorteile ++ Förderrichtung spielt keine Rolle
++ automatisierbar
++ mehrere Fermenter können aus einer Vorlage beschickt werden (z. B. über eine Steigschnecke mit nachfolgender
Verteilung auf 2 Stopfschnecken)
Nachteile -- Abrieb in den Schneckengehäusen und an den Schnecken
-- Empfindlichkeit gegenüber größeren Steinen und anderen Störstoffen (abh. von Größe der Schneckenwindung)
Besonderheiten • Transport angemaischter Substrate ist möglich
• Gasaustritt durch die Schnecken muss verhindert werden
• gewichtsabhängige Dosierung mit Schnecken bei Installation von Wiegetechnik an der Vorlageeinheit ist möglich
• Platzbedarf direkt neben dem Fermenter
• Einfüllhöhe und -größe sind mit der vorhandenen Fülltechnik im Betrieb abzustimmen
Bauformen • Stopfschnecke aus Vorlagebehälter senkrecht, waagerecht oder diagonal in den Fermenter
• Steigschneckensystem zur Überwindung der Fermenterhöhe (vertikaler Transport)
• flexibel mit verschiedenen Vorlagesystem kombinierbar (z. B. Vorlagetrichter, Schubbodencontainer, Futtermi-
schwagen)
Wartung • Aufgrund der beweglichen Technik ist mit regelmäßigem Wartungsaufwand zu rechnen
• Verstopfungen oder eingeklemmte Störstoffe sind von Hand zu beseitigen
• Wartung der Schnecke, die die Förderung in den Fermenter realisiert, ist mit einer z. T. erheblichen Prozessunter-
brechung verbunden

37
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.20: Einbringung stapelbarer Biomasse mit Förderschnecken [DBFZ]

Abb. 3.21: Rohrleitungen und Armaturen in einer Pumpstation, Absperrschieber [DBFZ]

Vermusung der Biomasse Einbringung von stapelbaren Substraten in der Feststoff-


Die Kofermente (z. B. Rüben) werden mit in der Rübenverarbei- vergärung (Garagenverfahren)
tung üblichen Zerkleinerungsaggregaten aufbereitet, so dass Aufgrund der einfachen Befahrbarkeit der Boxenfermenter ist
sie einen pumpfähigen Zustand erreichen. Der dabei verblei- bei den betriebenen Anlagen keine Automatisierung der Be-
bende Trockensubstanzgehalt beträgt bis zu 18 %. Die verflüs- schickung vorgesehen. Sowohl Beschickung als auch Entlee-
sigten Substrate werden in entsprechenden Behältern gelagert rung werden mit der in der Landwirtschaft üblichen Transport-
und unter Umgehung der Vorgrube direkt mit den in Abschnitt technik, meist mit Radladern, durchgeführt.
Transport und Einbringung erläuterten Aggregaten in den Fer-
menter gepumpt. Durch dieses Verfahren lässt sich beim Ein- Armaturen und Rohrleitungen
satz von Gülle als Grundsubstrat keine Erhöhung des Trocken- Die eingesetzten Armaturen und Rohrleitungen müssen medi-
substanzgehaltes im Fermenter erzielen [3-8]. en- und korrosionsbeständig sein. Armaturen wie Kupplungen,
Absperrschieber, Rückschlagklappen, Reinigungsöffnungen und
Einspülschächte Manometer müssen gut erreichbar und bedienbar sein sowie
Einspülschächte stellen eine sehr robuste und technisch einfa- frostfrei verbaut werden. Die „Sicherheitsregeln für Biogasanla-
che Lösung für den Eintrag von Substraten dar, sie können leicht gen“ der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft enthalten
mittels Radladern befüllt werden und ermöglichen auch eine Hinweise zu den an Rohrleitungen und Armaturen gestellten
sehr schnelle Zugabe von größeren Substratmengen. Bei älte- Anforderungen und können eine Hilfestellung sein, die entspre-
ren Kleinanlagen ist diese Technik noch anzutreffen, sie ist sehr chenden gesetzlichen und technischen Vorschriften im Hinblick
preiswert und erfordert im Prinzip keine Wartung. Aufgrund der auf Materialeigenschaften, Sicherheitsvorkehrungen und Dich-
unmittelbaren Einbindung in den Fermenter können allerdings tigkeitsprüfungen für einen sicheren Betrieb der Biogasanlage
erhebliche Geruchsprobleme und die Freisetzung von Methan einzuhalten [3-18].
aus dem Fermenter auftreten, weswegen diese Technik bei der Als außerordentlich bedeutender Faktor hat sich herausge-
Errichtung von Neuanlagen heute keine Rolle mehr spielt [3-17]. stellt, dass aus Gasleitungen an allen Stellen die Möglichkeit
bestehen muss, Kondensat abzulassen beziehungsweise die

38
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.16: Kennwerte von Armaturen und Rohrleitungen für Flüssigkeitsleitungen

Kennwerte • Rohrleitungsmaterial: PVC, HDPE, Stahl oder Edelstahl, je nach Medienbelastung und Druckstufe
• Verbindungen sind geflanscht, verschweißt oder verklebt ausgeführt
• Druckleitungen sollten 150 mm, nicht unter Druck stehende Leitungen (Überlauf und Rücklaufleitungen) sollten je
nach Substrat 200–300 mm Durchmesser haben
• alle Materialien müssen dem Substrat gegenüber chemisch beständig sein und müssen dem maximalen Pumpen-
druck standhalten (Druckleitung)
3
Besonderheiten • Schieber dichten als Keilflachschieber sehr gut ab, sind aber störstoffempfindlich
• Messerschieber trennen faserhaltige Stoffe durch
• für schnell lösbare Rohrverbindungen sollten Kugelkopfschnellverschlüsse verwendet werden
• bei allen Armaturen und Rohrleitungen ist auf Frostfreiheit zu achten, bei warmen Substrat sollte eine Isolierung
angebracht werden
• Rohrverlegung immer mit 1–2 % Gefälle, um Entleerung zu ermöglichen
• Rücklauf von Substrat aus dem Fermenter in die Vorgrube durch entsprechende Leitungsverlegung verhindern
• bei Rohrverlegung im Boden auf gute Verdichtung vor der Installation achten
• vor Rückschlagklappen sind Schieber zu installieren, falls die Rückschlagklappe durch Störstoffe nicht mehr schließt
• Gusseisenleitungen ungünstig, da sie eher zu Ablagerungen neigen als bspw. glattwandige Kunststoffrohre

Tab. 3.17: Kennwerte von Armaturen und Rohrleitungen für Gasleitungen

Kennwerte • Rohrleitungsmaterial: HDPE, PVC, Stahl oder Edelstahl (keine Rohre aus Kupfer und anderen Buntmetallen!)
• Verbindungen sind geflanscht, verschweißt, verklebt oder verschraubt ausgeführt
Besonderheiten • bei allen Armaturen und Rohrleitungen ist auf Frostfreiheit zu achten
• Rohrverlegung immer mit Gefälle, um ungewollte Kondensatansammlungen zu vermeiden (Verstopfungsgefahr)
• Kondensat muss aus allen Gasleitungen abgelassen werden können, Entwässerung über Kondensatschacht
• alle Armaturen müssen leicht zugänglich, gut zu warten und von einem sicheren Stand aus bedienbar sein
• bei Rohrverlegung im Boden auf gute Verdichtung vor der Installation achten, spannungsfreie Verlegung, ggf. sind
Kompensatoren oder U-Bögen einzuplanen

Abb. 3.22: Arbeitsbühne zwischen zwei Behältern mit Rohrleitungen und Drucksicherungen (links); Gasleitung mit Verdichtergebläse (rechts)
[MT-Energie GmbH (links), DBFZ (rechts)]

Leitungen mit soviel Gefälle gebaut werden müssen, dass auch 3.2.2 Biogasgewinnung
leichte Setzungen noch nicht zu nicht vorgesehenen Hochpunk- 3.2.2.1 Fermenterbauformen
ten in den Leitungen führen. Aufgrund der geringen Drücke im Die Fermenterbauformen sind eng an das Vergärungsverfahren
System können bereits sehr geringe Kondenswassermengen zu gebunden. Für die Substratvergärung können Verfahren mit
einer vollständigen Leitungsverstopfung führen. Die wichtigsten Volldurchmischung, Pfropfenströmungsverfahren und Sonder-
Kenngrößen für flüssigkeits- und gasführende Leitungen sind in verfahren zum Einsatz kommen.
den Tabellen 3.16 und 3.17 zusammengefasst. Einen Eindruck
vermitteln die Abbildungen 3.21 und 3.22. Verfahren mit Volldurchmischung
Vorwiegend im Bereich der landwirtschaftlichen Biogaser-
zeugung werden volldurchmischte Reaktoren in zylindrischer,

39
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.18: Eigenschaften von volldurchmischten Biogasreaktoren; nach [3-1] und [3-3]

Kennwerte • Baugröße bis oberhalb von 6.000 m3 möglich, die Durchmischung und die Prozesskontrolle werden aber mit
zunehmender Größe technisch anspruchsvoller
• Ausführung i. d. R. aus Beton oder Stahl
Eignung • grundsätzlich alle Substrattypen, vorzugsweise pumpfähige Substrate mit geringem und mittlerem Trocken­
substanzgehalt
• Rühr- und Fördertechnik muss an Substrate angepasst werden
• Rückführung bei reiner Nawaro-Vergärung
• für kontinuierliche, quasikontinuierliche und diskontinuierliche Beschickung geeignet
Vorteile ++ kostengünstige Bauweise bei Reaktorvolumina oberhalb 300 m3
++ variabler Betrieb als Durchfluss- oder Durchfluss-Speicher-Verfahren
++ technische Aggregate können je nach Bauart meist ohne Fermenterleerung gewartet werden
Nachteile -- Kurzschlussströmungen sind möglich und wahrscheinlich, dadurch keine Sicherheit bei der Verweilzeitangabe
-- Schwimmdecken- und Sinkschichtenbildung möglich
Besonderheiten • Sedimentaustrag bei einigen Substraten zu empfehlen (z. B. Hühnermist wg. Kalksediment), Kratzboden mit
Austragschnecke
Bauformen • stehende zylindrische Behälter oberirdisch oder ebenerdig abschließend
• die Durchmischungseinrichtungen müssen sehr leistungsfähig sein; bei ausschließlicher Güllevergärung kann
auch eine pneumatische Umwälzung durch Biogaseinpressung eingesetzt werden
• Umwälzungsmöglichkeiten: Tauchmotorrührwerke im freien Reaktorraum, axiales Rührwerk in einem zentralen
vertikalen Leitrohr, hydraulische Umwälzung mit externen Pumpen, pneumatische Umwälzung durch Biogasein-
pressung in ein vertikales Leitrohr, pneumatische Umwälzung durch flächige Biogaseinpressung durch Düsen am
Reaktorboden
Wartung • Mannloch erleichtert Begehbarkeit

Abb. 3.23: Volldurchmischter Fermenter mit Langachsrührwerk und weiteren Einbauten [Anlagen- und Apparatebau Lüthe GmbH]

stehender Bauform angewendet. Diese repräsentierten 2009 Pfropfenstromverfahren


etwa 90 % des Anlagenbestandes. Die Fermenter bestehen aus Biogasanlagen mit Pfropfenströmung – bei Nassvergärung
einem Behälter mit Betonboden und Wänden aus Stahl oder auch als Tank-Durchflussanlagen bekannt – nutzen den Ver-
Stahlbeton. Der Behälter kann ganz oder teilweise im Boden drängungseffekt von zugeführtem frischen Substrat, um eine
versenkt oder vollständig oberirdisch errichtet werden. Pfropfenströmung durch einen Fermenter mit rundem oder
Auf den Behälter wird gasdicht eine Abdeckung aufgebaut, rechteckigem Querschnitt hervorzurufen. Eine Durchmischung
die je nach Anforderungen und Konstruktionsweise verschie- quer zur Strömungsrichtung wird meist durch Paddelwellen
denartig ausgeführt wird. Zur Anwendung kommen meist Foli- oder eine speziell konstruierte Strömungsleitung realisiert. Die
endächer und Betondecken. Die Volldurchmischung wird durch Eigenschaften solcher Anlagen sind in Tabelle 3.19 charakte-
Rührwerke im bzw. am Reaktor realisiert. Die spezifischen Ei- risiert.
genschaften werden in Tabelle 3.18 dargestellt, ein Schnittbild Grundsätzlich gibt es liegende und stehende Pfropfenstrom-
zeigt Abbildung 3.23. Auf die unterschiedlichen Rührwerksfor- fermenter. In der Landwirtschaft kommen fast ausschließlich
men wird in 3.2.2.3 näher eingegangen. die liegenden Fementer zum Einsatz. Stehende Fermenter nach

40
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.19: Eigenschaften von Biogasreaktoren mit Pfropfenströmung; nach [3-1] und [3-3]

Kennwerte • Baugröße: bei liegenden Fermentern bis 800 m3, bei stehenden Fermentern bis ca. 2.500 m3
• Material: vorwiegend Stahl und Edelstahl, auch Stahlbeton
Eignung • Nassvergärung: für pumpfähige Substrate mit hohem Trockensubstanzgehalt geeignet
• Feststoffvergärung: Rühr- und Fördertechnik muss an Substrate angepasst werden
• für quasikontinuierliche bzw. kontinuierliche Beschickung vorgesehen 3
Vorteile ++ kompakte, kostengünstige Bauweise bei Kleinanlagen
++ Trennung der Gärstufen im Pfropfenstrom
++ bauartbedingte Vermeidung von Schwimmdecken und Sinkschichten
++ Einhaltung von Verweilzeiten durch weitgehende Vermeidung von Kurzschlussströmungen
++ geringe Verweilzeiten
++ effektiv beheizbar, auf Grund der kompakten Bauweise geringe Wärmeverluste
++ Nassvergärung: es können leistungsfähige, funktionssichere und energiesparende Rührwerke eingesetzt werden
Nachteile -- Platzbedarf der Behälter
-- Animpfung des Frischmateriales fehlt oder muss durch Rückführung von Gärrückstand realisiert werden
-- nur in kleinen Baugrößen wirtschaftlich herstellbar
-- Wartungsarbeiten am Rührwerk erfordern die vollständige Entleerung des Gärbehälters
Bauformen • als Pfropfenstromreaktor mit rundem oder eckigem Querschnitt
• können horizontal und vertikal hergestellt werden, wobei sie meist liegend angewendet werden
• in stehender Bauform wird die Pfropfenströmung meist durch vertikale, selten durch horizontale Einbauten
realisiert
• können mit und ohne Durchmischungseinrichtungen betrieben werden
Besonderheiten • Öffnungen für alle anzuschließenden Aggregate und Rohrleitungen sind vorzusehen
• zur Sicherheit muss ein Überdruckventil für den Gasraum installiert werden
Wartung • es ist mindestens ein Mannloch vorzusehen, um den Reaktor im Havariefall begehen zu können
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

dem Pfropfenstromverfahren werden derzeit nur in Einzelfällen


eingesetzt und sind nicht Gegenstand dieser Betrachtung. Der
schematische Aufbau wird durch Beispiele für Flüssigvergärung
und Feststoffvergärung in den Abbildungen 3.24 bis 3.26 ver-
anschaulicht.
Die meist als liegende Stahltanks ausgeführten Fermenter
werden im Werk gebaut und dann ausgeliefert. Der dadurch
notwendige Transport der Fermenter zu ihrem Einsatzort ist je-
doch nur bis zu einer gewissen Behältergröße möglich. Die An-
wendung kommt als Hauptfermenter für kleinere Anlagen oder
als Vorfermenter für größere Anlagen mit volldurchmischten
Hauptfermentern (Rundbehälter) in Frage. Liegende Fermenter
werden auch parallel betrieben, um größere Durchsatzmengen Abb. 3.24: Pfropfenstromreaktor (Nassvergärung) [3-4]
zu realisieren.
Die Möglichkeit, nicht ausgegorenes Substrat ungewollt aus
dem Fermenter auszutragen, wird beim Pfropfenstromprinzip
verringert und die Aufenthaltszeit kann für das gesamte Materi-
al mit höherer Sicherheit gewährleistet werden [3-3].

Batchverfahren
Batchverfahren sind als mobile Containeranlagen oder als sta-
tionäre Boxenfermenter ausgestaltet. Die Verfahren haben in
den vergangenen Jahren die kommerzielle Stufe erreicht und
sich am Markt etabliert. Insbesondere die Boxenfermenter aus
Stahlbeton finden im Bereich der Vergärung schüttfähiger Sub- Abb. 3.25: Pfropfenstromreaktor (Feststoffvergärung)
strate wie Mais- und Grassilage Anwendung. [STRABAG Umweltanlagen GmbH]
Im Batchverfahren werden die Fermenter mit Biomasse be-
füllt, luftdicht verschlossen und erst wieder nach der Ausgasung
geöffnet. Befüllung und Entleerung erfolgen in der Regel mit ei-
nem Radlader.

41
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.26: Pfropfenstromfermenter; Praxisbeispiele, zylindrisch (links), rechteckig, mit aufgesetztem Gasspeicher (rechts), [Novatech GmbH (links), DBFZ
(rechts)]

Abb. 3.27: Beispiel für Boxenfermenter; Fermenterbatterie [Weiland, TI] und Fermentertor [Paterson, FNR]

Um das zu vergärende Gut ausreichend mit anaeroben Bak- Kategorien zugeordnet werden können. Es haben sich eine Rei-
terien zu versorgen und um entstehende Säuren abzupuffern, he neuartiger Ansätze herausgebildet, deren künftige Bedeu-
wird es mit mind. 40 % ausgefaultem Substrat in einem Ver- tung derzeit noch nicht abgeschätzt werden kann.
hältnis von 40 % bis zu 60 % (Frischmaterial zu Impfmaterial) Im Bereich der Sonderverfahren für die Nassvergärung sind
vermischt. Zusätzlich wird das Substrat während der gesamten in Ostdeutschland Vergärungsverfahren verbreitet, die die
Verweilzeit von 3 bis 6 Wochen über an der Decke angebrachte Substratdurchmischung in Doppelkammerverfahren (Pfeffer-
Düsen mit Perkolat (Perkolat = aus dem Substrat sickernde Über- korn-Prinzip) realisieren. Dabei wird die hydraulische Substrat­
schussflüssigkeit, die rezirkuliert wird) besprüht. Das Perkolat si- umwälzung durch automatischen Druckaufbau, resultierend
ckert durch das Substrat, wird am Boden über eine Ablaufrinne aus der Gasproduktion und Druckablass bei Erreichen eines
aufgefangen und in einen Vorratstank gepumpt [3-20]. Das Bio- festgelegten Überdruckes erreicht. Dadurch kann auf den Ein-
gas wird in an den Fermenter angeschlossenen Gassammellei- satz elektrischer Energie für die Umwälzung verzichtet werden.
tungen aufgefangen und der energetischen Nutzung zugeführt. Dafür ist der bauliche Aufwand für den Fermenter höher. Es
Als zweckmäßig haben sich Fermenterbatterien zu 2 bis 8 wurden im landwirtschaftlichen Bereich über 50, auf dieser
Einheiten – meist 4 – herausgestellt. Dadurch wird eine quasi- Technologie basierende Biogasanlagen mit Fermentervolumina
kontinuierliche Gasproduktion erreicht. zwischen 400 und 6.000 m3 im Wesentlichen für die Güllever-
Bei der Nutzung von Batchverfahren sind besondere Anfor- gärung mit geringen NawaRo-Anteilen und für die Klärschlamm-
derungen für einen emissionsarmen Betrieb zu berücksichtigen vergärung errichtet. Der Aufbau eines Doppelkammer-Fermen-
(vgl. Kapitel 3.2.5). Ein Beispiel für Boxenfermenter und Fer- ters ist in Abbildung 3.28 veranschaulicht.
menterbatterie ist in Abbildung 3.27 dargestellt. Im Bereich der Feststoffvergärung hat sich das Batch-Prin-
zip in verschiedenen Sonderformen ausgeprägt. Bei aller Un-
Sonderverfahren terschiedlichkeit ist den Verfahren ein geschlossener Raum für
Abweichend von den oben genannten, sehr weit verbreiteten schüttfähige Substrate gemein.
Verfahren für die Nassvergärung und die Feststoffvergärung Als sehr einfache Lösung hat sich aus der Silagetechnik he-
existieren weitere Verfahren, die nicht klar den oben genannten raus die Folienschlauchvergärung entwickelt. Hierbei wird ein

42
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Abb. 3.28: Prinzipskizze Pfefferkorn-Fermenter [AgroNet Dresden GmbH]

Abb. 3.29: Beispiele für Sonderbauformen in der Feststoffvergärung; Aufstauverfahren (links), durchmischte Boxenfermenter (Mitte), Methanstufe des
Trocken-Nassvergärungsverfahrens und externer Gasspeicher (rechts) [ATB Potsdam (links), Mineralit GmbH (Mitte), GICON GmbH (rechts)]

43
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

gasdichter Kunststoffschlauch bis zu 100 m Länge auf einer


beheizbaren Betonplatte über eine Befülleinrichtung mit dem
Gärgut beschickt. Das Biogas wird über eine integrierte Sam-
melleitung gefasst und zu einem BHKW abgeführt.
Als Aufstauverfahren wird ein System mit Beladung über
die Oberseite bezeichnet. Das Befeuchten des Substrates be-
schränkt sich auf eine periodische Perkolation, bis das Gärgut
unter Flüssigkeit steht.
Eine Neuentwicklung stellt das zweistufige Verfahren mit
durchmischten Boxenfermentern dar. Durch eingebaute Schne-
ckenwellen in den Fermentern wird das Material homogenisiert,
Förderschnecken sorgen für den Transport in die nächste Stufe.
Die Batchfermenter sind torlos ausgefertigt. Das schüttfähige
Gärgut wird stattdessen vollständig gekapselt über Schnecken-
förderer ein- und ausgeführt. Abb. 3.30: Bau eines Betonfermenters [Wolf System GmbH]
Ein zweistufiges Feststoff-Nassvergärungsverfahren vollzieht
in einer Boxenkammer eine Hydrolyse und das Auswaschen des
Gärgutes. Die Flüssigkeit aus Hydrolyse und Auswaschen wird wirtschaft LB 3 [3-10] und LB 13 [3-11] entnommen werden.
in einen Hydrolysetank verbracht. Von dort wird die Methanstu- Ein Beispiel für einen im Bau befindlichen Stahlbetonfermenter
fe beschickt. Das Verfahren ist in der Lage, die Methanbildung zeigt Abbildung 3.30.
innerhalb weniger Stunden ein- und abzuschalten und ist da- Behälter aus Stahl und Edelstahl werden auf ein Beton-
her als Regelenergie geeignet. Einige Beispiele zu den Sonder- fundament gesetzt, mit dem sie verbunden werden. Zum Ein-
bauformen zeigt Abbildung 3.29. satz kommen gewickelte Blechbahnen und verschweißte oder
verschraubte Stahlplatten. Die Verschraubungen müssen an-
3.2.2.2 Konstruktion der Fermenter schließend abgedichtet werden. Stahlfermenter werden immer
Die Fermenter bestehen im Wesentlichen aus dem eigentlichen überirdisch aufgestellt. In der Regel wird die Dachkonstruktion
Gärbehälter, der wärmegedämmt errichtet wird, einem Heizsys- als Gasspeicher verwendet und mit einer gasdichten Folie gear-
tem, Mischaggregaten und Austragssystemen für Sedimente beitet. Kennwerte und Eigenschaften von Stahlbehältern sind in
und das vergorene Substrat. Tabelle 3.21 dargestellt. Beispiele zeigt Abbildung 3.31.

Behälterkonstruktion 3.2.2.3 Durchmischung und Rührtechnik


Fermenter werden entweder aus Stahl, Edelstahl oder Stahlbe- Eine gute Durchmischung des Fermenterinhalts muss aus meh-
ton konstruiert. reren Gründen gewährleistet sein:
Stahlbeton wird durch Wassersättigung ausreichend gas- • Animpfung von Frischsubstrat durch Kontakt mit biologisch
dicht, wobei die dafür benötigte Feuchte in Substrat und Biogas aktiver Fermenterflüssigkeit,
enthalten ist. Die Fermenter werden vor Ort aus Beton gegossen • eine gleichmäßige Verteilung von Wärme und Nährstoffen
oder aus Fertigteilen zusammengesetzt. Bei Betonbehältern innerhalb des Fermenters,
besteht die Möglichkeit, wenn dies die Untergrundbeschaffen- • die Vermeidung und Zerstörung von Sink- und Schwimm-
heit zulässt, sie ganz oder teilweise in den Boden abzusenken. schichten,
Die Behälterdecke kann aus Beton, bei abgesenkten Behältern • ein gutes Ausgasen des Biogases aus dem Gärsubstrat.
auch befahrbar, ausgeführt sein, wobei das Biogas in einem ex- Eine minimale Durchmischung des Gärsubstrates findet durch
ternen Gasspeicher gespeichert wird. Soll der Fermenter gleich- das Einbringen von Frischsubstrat, thermische Konvektionsströ-
zeitig als Gasspeicher dienen, kommen gasdichte Foliendächer mungen und das Aufsteigen von Gasblasen statt. Diese passive
zum Einsatz. Ab einer gewissen Behältergröße ist es notwendig, Durchmischung ist allerdings nicht ausreichend, weshalb der
bei Betondecken Mittelstützen zu verwenden. Hier besteht bei Durchmischungsprozess aktiv unterstützt werden muss.
unsachgemäßer Ausführung die Gefahr der Rissbildung in der Das Durchmischen kann durch mechanische Einrichtungen
Decke. In der Vergangenheit kam es nicht selten zu Rissbildun- im Faulbehälter wie z. B. Rührwerke, hydraulisch durch außer-
gen, Undichtigkeiten und Betonkorrosion, was im Extremfall halb des Fermenters angeordnete Pumpen oder pneumatisch
zum Abriss des Fermenters geführt hat. durch Einblasung von Biogas in den Fermenter durchgeführt
Diese Probleme müssen durch eine ausreichende Beton- werden.
qualität und professionelle Planung der Fermenter vermieden Die beiden letztgenannten Möglichkeiten spielen eine eher
werden. Vom Bundesverband der Deutschen Zementindus- untergeordnete Rolle. In Deutschland werden in etwa 85 bis
trie e. V. ist das Zement-Merkblatt LB 14 „Beton für Behälter 90 % der Anlagen mechanische Einrichtungen bzw. Rührwerke
in Biogasanlagen“ herausgegeben worden [3-13]. Hier sind eingesetzt [3-1].
Empfehlungen an die Anforderungen der Betongüte für Stahl-
betonfermenter definiert. Die wichtigsten Eckdaten für Beton im Mechanische Durchmischung
Biogasanlagenbau sind in Tabelle 3.20 zusammengefasst. Zu- Die mechanische Durchmischung des Gärsubstrates wird durch
sätzliche Informationen können den Zementmerkblättern Land- Verwendung von Rührwerken realisiert. Unterschieden werden

44
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.20: Kennwerte und Einsatzparameter von Beton für Behälter in Biogasanlagen; [3-10], [3-11], [3-13]

Kennwerte • für Fermenter im flüssigkeitsberührten Raum C25/30; im Gasraum C35/45 bzw. C30/37 (LP) bei frostbeaufschlag-
ten Bauteilen, für Vorgruben und Güllelager = C 25
• bei geeigneten Betonschutzmaßnahmen ist eine niedrigere Mindestbetonfestigkeit möglich
• Wasserzementwert = 0,5, für Vorgruben und Güllelager = 0,6
• Rissbreitenbeschränkung rechnerisch auf = 0,15 mm
• Betondeckung der Bewehrung, Mindestmaß innen 4 cm
3
Eignung • für alle Fermentertypen (liegend und stehend) sowie Gruben
Vorteile ++ Fundament und Fermenter können ein Bauteil sein
++ Fertigteilmontage z. T. möglich
Nachteile -- nur in frostfreien Perioden herstellbar
-- Bauzeit länger als bei Stahlfermentern
-- nach der Bauphase notwendig gewordene Öffnungen können nur mit großem Aufwand hergestellt werden
Besonderheiten • bei Fußbodenheizungen müssen die aus der Beheizung resultierenden Spannungen berücksichtigt werden
• Gasdichtigkeit muss gewährleistet sein
• Spannungen, die aus z. T. großen Temperaturunterschieden innerhalb des Bauwerks herrühren können, müssen
bei der Bewehrung beachtet werden, um Schäden zu vermeiden
• insbesondere die nicht ständig von Substrat bedeckten Betonflächen (Gasraum) müssen vor Korrosion durch
Säuren durch Beschichtungen geschützt werden (z. B. mit Epoxid)
• behördlicherseits wird oft ein Leckerkennungssystem gefordert
• Sulfatbeständigkeit sollte gewährleistet sein (Einsatz von HS-Zement)
• die Behälterstatik sollte sehr gründlich standortspezifisch geplant werden, um Risse und Schäden zu vermeiden

Tab. 3.21: Kennwerte und Einsatzparameter von Stahl für Behälter in Biogasanlagen

Kennwerte • verzinkter/emaillierter Baustahl St 37 oder Edelstahl V2A, im korrosiven Gasraum V4A


Eignung • für alle liegenden und stehenden Fermenter und Gruben
Vorteile ++ Vorfertigung und kurze Bauzeit möglich
++ flexibel in der Herstellung von Öffnungen
Nachteile -- das notwendige Fundament ist nur in frostfreien Perioden herstellbar
-- für Rühraggregate ist meist eine zusätzliche Abstützung notwendig
Besonderheiten • insbesondere die nicht ständig von Substrat bedeckten Materialflächen (Gasraum) sollten aus höherwertigem
Material oder mit Schutzbeschichtung aufgrund der Korrosion hergestellt werden
• Gasdichtigkeit, insbesondere der Anschlüsse an Fundament und Dach muss gewährleistet sein
• behördlicherseits wird oft ein Leckerkennungssystem gefordert
• Beschädigungen der Beschichtungen bei Baustahl-Behältern müssen unbedingt vermieden werden

Abb. 3.31: Im Bau befindliche Edelstahlfermenter [Anlagen- und Apparatebau Lüthe GmbH]

45
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

kann zwischen schubbasierten und knetenden Rührwerken. De-


ren Einsatz wird maßgeblich von der Viskosität und dem Fest-
stoffgehalt des zu durchmischenden Mediums bestimmt. Nicht
selten werden Kombinationen aus beiden Systemen verwendet.
Diese arbeiten sich zu, um so eine bessere Rührwirkung erzie-
len zu können.
Die Rührwerke werden in Dauer- oder Intervallbetrieb betrie-
ben. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die Rührintervalle an die
spezifischen Eigenschaften jeder Biogasanlage, wie Substratei-
genschaften, Behältergrößen, Neigung zur Schwimmdeckenbil-
dung usw. empirisch optimiert werden müssen. Nachdem die
Anlage in Betrieb genommen wurde, wird sicherheitshalber län- Abb. 3.32: Propeller-TMR (links), Führungsrohrsystem (Mitte), Großflü-
ger und häufiger gerührt. Die gemachten Erfahrungen werden gel-TMR (rechts) [Lothar Becker Agrartechnik GmbH (links, Mitte), KSB AG]

Tab. 3.22: Kennwerte und Einsatzparameter von Tauchmotor-Propellerrührwerken; [3-2], [3-16], [3-17]

Kennwerte allgemein:
• Einsatzdauer abhängig vom Substrat, muss in der Einfahrphase ermittelt werden
• in großen Fermentern können mehrere Rührwerke installiert werden
Propeller:
• schnell laufend im Intervallbetrieb (500 bis 1.500 U/min)
• Leistungsbereich: bis 35 kW
Großflügel:
• langsam laufend im Intervallbetrieb (50 bis 120 U/min)
• Leistungsbereich: bis 20 kW
Eignung • alle Substrate in der Nassvergärung, in stehenden Fermentern
• nicht geeignet für extrem hohe Viskositäten
Vorteile Propeller:
++ erzeugt turbulente Strömung, dadurch sehr gute Durchmischung im Fermenter und Zerstörung von Schwimmde-
cken und Sinkschichten erreichbar
++ aufgrund der sehr guten Beweglichkeit gezielte Durchmischung aller Fermenterbereiche möglich
Großflügel:
++ sehr gute Durchmischung im Fermenter erreichbar,
++ erzeugt weniger turbulente Strömung, aber höhere Schubleistung je aufgewendetes kWel im Vgl. zu schnell
laufenden TMR
Nachteile allgemein:
-- durch Führungsschienen viele bewegliche Teile im Fermenter
-- Wartung erfordert die Öffnung des Fermenters, jedoch kann meist auf ein Entleeren verzichten werden (bei
Ausstattung mit Winde)
-- aufgrund der Intervalldurchmischung Absetz- und Aufschwimmvorgänge möglich
Propeller:
-- bei TS-reichen Substraten Kavernenbildung mgl. (Rührwerk „läuft im eigenen Saft“)
Großflügel:
-- Ausrichtung des Rührwerkes muss vor der Inbetriebnahme festgelegt werden
Besonderheiten • Durchführung der Führungsrohre durch Fermenterdecke muss gasdicht sein
• Intervallsteuerung z. B. über Zeitschaltuhren oder andere Prozesssteuerung
• Motorgehäuse müssen vollkommen flüssigkeitsdicht sein, automatische Leckerkennung im Motorgehäuse wird
z. T. angeboten
• Motorkühlung muss auch bei hohen Fermentertemperaturen gewährleistet sein
• sanfter Anlauf und Drehzahlregelung mit Frequenzumrichtern möglich
Bauformen Propeller:
• tauchfähige getriebelose oder getriebeuntersetzte Elektromotoren mit Propeller,
• Propellerdurchmesser bis ca. 2,0 m möglich
• Material: korrosionsfest, Edelstahl oder beschichtetes Gusseisen
Großflügel:
• tauchfähige getriebelose oder getriebeuntersetzte Elektromotoren mit Flügelpaar
• Flügeldurchmesser: von 1,4 bis 2,5 m
• Material: korrosionsfest, Edelstahl oder beschichtetes Gusseisen, Blätter aus Kunststoff oder glasfaserverstärk-
tem Epoxidharz
Wartung • z. T. schwierig, da der Motor aus dem Fermenter entnommen werden muss
• Wartungs- und Motorentnahmeöffnungen müssen im Fermenter integriert sein
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

46
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

dann zur Optimierung der Dauer und Häufigkeit der Intervalle die Kennwerte von Langachsrührwerken, Abbildung 3.33 zeigt
sowie der Einstellungen der Rührwerke verwendet. Zum Einsatz Beispiele.
können hierbei unterschiedliche Rührwerkstypen kommen. Eine weitere Möglichkeit der schubbasierten mechanischen
In stehenden, nach dem Rührkesselprinzip arbeitenden Fer­ Durchmischung des Fermenters bieten axiale Rührwerke.
mentern, kommen häufig Tauchmotorrührwerke (TMR) zum Sie kommen oft in dänischen Biogasanlagen zum Einsatz und
Einsatz. Unterschieden werden schnelllaufende TMR mit einem werden kontinuierlich betrieben. Sie sind an der meist zent-
zwei- oder dreiflügeligen Propeller und langsamlaufende TMR risch an der Fermenterdecke montierten Welle angebracht. Die 3
mit einem zweiblättrigen Großflügel. Diese schubbasierten Geschwindigkeit des Antriebsmotors, der sich außerhalb des
Rührwerke werden durch getriebelose und getriebeuntersetzte Fermenters befindet, wird durch ein Getriebe auf wenige Um-
Elektromotoren angetrieben. Da sie komplett in das Substrat drehungen pro Minute herabgesetzt. Sie sollen im Inneren des
eingetaucht sind, werden deren Gehäuse druckwasserdicht und Fermenters eine ständige Strömung erzeugen, die innen nach
korrosionsfest ummantelt und so durch das Umgebungsmedi- unten und an den Wänden nach oben gerichtet ist. Kennwerte
um gekühlt [3-1]. Kennwerte für Tauchmotor-Propellerrührwer- und Einsatzparameter von axialen Rührwerken sind in Tabelle
ke sind in Tabelle 3.22 aufgeführt, Beispiele sind in Abbildung 3.24 zusammengefasst, ein Beispiel stellt Abbildung 3.34 dar.
3.32 dargestellt. Paddel- oder Haspelrührwerke sind langsamdrehende
Alternativ sitzt bei schubbasierten Langachsrührwerken Langachsrührwerke. Die Rührwirkung ist nicht auf den Schu-
der Motor am Ende einer Rührwelle, die schräg in den Fermen- beintrag, sondern auf das Durchkneten des Substrates ausge-
ter eingebaut wird. Der Motor ist außerhalb des Fermenters richtet und soll eine gute Durchmischung von besonders TS-rei-
angeordnet, wobei die Wellendurchführung durch die Fer- chen Substraten bewirken. Zur Anwendung kommen diese
menterdecke oder bei Foliendächern im oberen Wandbereich Rührwerke sowohl in stehenden Rührkesselfermentern als auch
vorgenommen wird und gasdicht ausgeführt ist. Die Wellen in liegenden, sogenannten Pfropfenstromfermentern.
können zusätzlich am Fermenterboden gelagert sein und sind In liegenden Fermentern ist die Rührachse bauartbedingt
mit einem oder mehreren kleinflügligen Propellern oder groß- horizontal ausgeführt, wobei daran befestigte Paddel die Durch-
flügligen Rührwerkzeugen ausgestattet. Tabelle 3.23 vermittelt mischung realisieren. Der horizontale Pfropfenstrom wird durch

Tab. 3.23: Kennwerte und Einsatzparameter von Langachsrührwerken

Kennwerte Propeller:
• mittel- bis schnelllaufend (100–300 U/min)
• verfügbarer Leistungsbereich: bis 30 kW
Großflügel:
• langsam laufend (10–50 U/min)
• verfügbarer Leistungsbereich: 2–30 kW
allgemein:
• Einsatzdauer und Drehzahl abhängig vom Substrat, muss in der Einfahrphase ermittelt werden
• Material: korrosionsfest, Stahl beschichtet, Edelstahl
Eignung • alle Substrate in der Nassvergärung, nur in stehenden Fermentern
Vorteile ++ sehr gute Durchmischung im Fermenter erreichbar
++ kaum bewegliche Teile im Fermenter
++ Antrieb wartungsfreundlich außerhalb des Fermenters
++ bei kontinuierlichem Betrieb können Absetz- und Aufschwimmvorgänge vermieden werden
Nachteile -- unvollständige Durchmischung ist aufgrund der stationären Installation möglich
-- dadurch sind Bereiche mit Sink- und Schwimmschichtenbildung möglich
-- bei Intervalldurchmischung Absetz- und Aufschwimmvorgänge möglich
-- bei außenliegenden Motoren kann es zu Problemen wegen Motor- und Getriebegeräuschen kommen
-- die im Fermenter befindlichen Lager und Wellen sind störungsanfällig, bei Problemen ist u. U. eine teilweise oder
vollständige Entleerung des Fermenters nötig
Besonderheiten • Durchführung der Rührwerksachse muss gasdicht sein
• Intervallsteuerung z. B. über Zeitschaltuhren oder andere Prozesssteuerung
• sanfter Anlauf und Drehzahlregelung mit Frequenzumrichtern möglich
Bauformen • Außenliegende Elektromotoren mit/ ohne Getriebe, innenliegende Rührwerksachse mit einem oder mehreren
Propellern bzw. Flügelpaaren (ggf. mit Zerkleinerungswerkzeugen (siehe Kapitel Zerkleinerung))
• z. T. Achsende am Boden fixiert, schwimmend oder schwenkbar ausgeführt
• Zapfwellenanschluss möglich
Wartung • Motorwartung aufgrund der fermenterexternen Montage einfach und ohne Prozessunterbrechung möglich
• Reparatur von Propeller und Achse schwierig, da sie aus dem Fermenter entnommen werden müssen oder der
Fermenter abgelassen werden muss
• Wartungsöffnungen müssen im Fermenter integriert sein
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

47
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.33: Langachsrührwerke [WELTEC BIOPOWER GmbH; Grafik: Armatec FTS GmbH & Co. KG]

Tab. 3.24: Kennwerte und Einsatzparameter von axialen Rührwerken für Biogasanlagen

Kennwerte • langsam laufende Rührwerke im kontinuierlichen Betrieb


• verfügbarer Leistungsbereich: bis 25 kW
• Drehzahl abhängig vom Substrat, muss in der Einfahrphase ermittelt werden
• Material: korrosionsfest, meist Edelstahl
• Leistungsbedarf: z. B. 5,5 kW bei 3.000 m3, meist darüber
Eignung • alle Substrate in der Nassvergärung, nur in stehenden größeren Fermentern
Vorteile ++ gute Durchmischung im Fermenter erreichbar
++ kaum bewegliche Teile im Fermenter
++ Antrieb wartungsfreundlich außerhalb des Fermenters
++ dünne Schwimmdecken können nach unten abgesaugt werden
++ kontinuierliche Absetz- und Aufschwimmvorgänge werden weitgehend verhindert
Nachteile -- unvollständige Durchmischung ist wegen der stationären Installation möglich
-- dadurch sind Bereiche mit Sink- und Schwimmschichtenbildung möglich, insbesondere die Fermenterrandberei-
che neigen dazu
-- Wellenlagerung ist hoher Beanspruchung ausgesetzt, daher u. U. wartungsintensiv
Besonderheiten • Durchführung der Rührwerksachse muss gasdicht sein
• Drehzahlregelung mit Frequenzumrichtern möglich
Bauformen • Außenliegende Elektromotoren mit Getriebe, innenliegende Rührwerksachse mit ein oder mehreren Propellern
bzw. Flügeln, als stehende oder hängende Rührwerke
• Propellermontage kann in einem Leitrohr für die Strömungsausbildung erfolgen
• exzentrische Anordnung ist möglich
Wartung • Motorwartung aufgrund der fermenterexternen Montage einfach und ohne Prozessunterbrechung möglich
• Reparatur von Flügeln und Achse schwierig, da sie aus dem Fermenter entnommen werden müssen oder der
Fermenterinhalt abgelassen werden muss
• Wartungsöffnungen müssen im Fermenter integriert sein
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

die Nachlieferung von Material in den Fermenter gewährleistet. Pneumatische Durchmischung


In den Laufwellen und auch in den Rührarmen der Rührwerke Die pneumatische Durchmischung des Gärsubstrates wird zwar
sind oftmals Heizschlangen integriert (vgl. Abbildung 3.24), mit von einigen Herstellern angeboten, spielt allerdings bei land-
denen das Gärsubstrat erwärmt wird. Das Rührwerk wird mehr- wirtschaftlichen Biogasanlagen eine untergeordnete Rolle.
mals am Tag für einen kurzen Zeitraum mit geringer Drehzahl in Bei der pneumatischen Durchmischung wird Biogas über
Betrieb genommen. den Fermenterboden in den Fermenter eingeblasen. Dadurch
In stehenden Rührkesselfermentern wird die horizontal ver- kommt es durch die aufsteigenden Gasblasen zu einer vertika-
laufende Rührwelle mit Hilfe einer Stahlkonstruktion gelagert. len Bewegung und Durchmischung des Substrates.
Die Welle kann in ihrer Ausrichtung nicht verändert werden. Mit Die Systeme haben den Vorteil, dass die für die Durch-
Hilfe eines korrespondierenden, schubbasierten Rührwerks, mischung benötigten mechanischen Teile (Pumpen und Ver-
wird die Fermenterduchmischung bewerkstelligt. Ein Beispiel dichter) außerhalb des Fermenters angeordnet sind und so
wird in Abbildung 3.35 dargestellt. einem geringeren Verschleiß unterliegen. Zur Zerstörung von
Die Kennwerte und Einsatzparameter von Paddel- und Has- Schwimmschichten eignen sich diese Techniken nicht, weswe-
pelrührwerken können Tabelle 3.25 entnommen werden. gen sie nur für dünnflüssige Substrate mit geringer Neigung zur
Schwimmschichtenbildung eingesetzt werden können. Kenn-

48
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.25: Kennwerte und Einsatzparameter von Paddel-/Haspelrührwerken in stehenden und liegenden
Fermentern

Kennwerte • langsam laufende Rührwerke im Intervallbetrieb


• Leistungsbedarf: stark vom individuellen Einsatzort und Substrat abhängig, in der Feststofffermentation aufgrund
des hohen Substratwiderstandes erheblich höher
• Drehzahl abhängig vom Substrat, muss in der Einfahrphase ermittelt werden
• Material: korrosionsfest, meist Stahl beschichtet aber auch Edelstahl möglich
3
Eignung • alle Substrate in der Nassvergärung (besonders für TS-reiche Substrate)
Vorteile ++ gute Durchmischung im Fermenter erreichbar
++ Antrieb wartungsfreundlich außerhalb des Fermenters, auch Zapfwellenanschluss möglich
++ Absetz- und Aufschwimmvorgänge werden verhindert
Nachteile -- für Paddelwartungen muss der Fermenter entleert werden
-- bei Havarien in der Feststofffermentation ist eine manuelle Entleerung des gesamten Fermenters notwendig (ggf.
ist ein Aufrühren (Begleitrührwerk) und Abpumpen möglich)
-- unvollständige Durchmischung aufgrund der stationären Installation möglich, Strömung im Fermenter muss durch
Begleitaggregate sichergestellt werden (in liegenden Fermentern meist durch Stopfschnecken, in stehenden
Rührkesselfermentern durch schubbasierte Rührwerke)
Besonderheiten • Durchführung der Rührwerksachse muss gasdicht sein
• Drehzahlregelung mit Frequenzumrichtern möglich
Bauformen • Außenliegende Elektromotoren mit Getriebe, innenliegende Rührwerksachse mit mehreren Paddeln, z. T. Montage
von Wärmetauscherrohren als zusätzliche Mischaggregate auf der Achse bzw. als Einheit mit den Paddeln möglich
(bei liegenden Fermentern)
Wartung • Motorwartung aufgrund der fermenterexternen Montage einfach und ohne Prozessunterbrechung möglich
• Reparatur von Paddeln und Achse schwierig, da der Fermenter abgelassen werden muss
• Wartungsöffnungen müssen im Fermenter integriert sein
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

Abb. 3.34: Axialrührwerk [EKATO Process Technologies GmbH] Abb. 3.35: Paddelrührwerk [PlanET Biogastechnik GmbH]

werte von Systemen zur pneumatischen Durchmischung enthält nen. Zur Zerstörung von Schwimmschichten eignet sich auch
Tabelle 3.26. die hydraulische Durchmischung nur bedingt, weswegen sie nur
für dünnflüssige Substrate mit geringer Neigung zur Schwimm-
Hydraulische Durchmischung schichtenbildung eingesetzt werden kann. Zur Beurteilung der
Bei der hydraulischen Durchmischung wird Substrat über Pum- Pumpentechnik sind zusätzlich die Angaben in Kapitel 3.2.1.4
pen und waagerecht oder zusätzlich senkrecht schwenkbare zu beachten. Tabelle 3.27 zeigt eine Übersicht der Kennwerte
Rührdüsen in den Fermenter eingedrückt. Das Absaugen und und Einsatzparameter der hydraulischen Durchmischung.
Einleiten des Gärsubstrates muss so erfolgen, dass der Fermen-
terinhalt möglichst vollständig durchmischt wird. Austrag des vergorenen Materials
Auch hydraulisch durchmischte Systeme haben den Vorteil, Volldurchmischte Fermenter haben normalerweise einen Über-
dass die für die Durchmischung benötigten mechanischen Teile lauf, der nach dem Siphonprinzip arbeitet, um einen Gasaus-
außerhalb des Fermenters angeordnet sind und so einem gerin- tritt zu verhindern. Das vergorene Substrat kann auch mittels
geren Verschleiß unterliegen und leicht gewartet werden kön- Pumpen abgezogen werden. Es empfiehlt sich, vor Entnahme

49
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.26: Kennwerte und Einsatzparameter der pneumatischen Fermenterdurchmischung

Kennwerte • Leistungsbedarf: z. B. 15 kW Verdichter für einen 1.400 m3 Fermenter, quasikontinuierlicher Betrieb
• verfügbarer Leistungsbereich: ab 0,5 kW alle Bereiche für Biogasanlagen möglich
Eignung • sehr dünnflüssige Substrate mit geringer Schwimmdeckenbildung
Vorteile ++ gute Durchmischung im Fermenter erreichbar
++ wartungsfreundlicher Standort von Gasverdichtern außerhalb des Fermenters
++ Sinkschichten werden verhindert
Nachteile -- für Wartungen der Biogaseintragseinrichtungen muss der Fermenter entleert werden
Besonderheiten • Verdichtertechnik muss für die Zusammensetzung des Biogases geeignet sein
Bauformen • gleichmäßige Düsenverteilung über den gesamten Fermenterboden oder Mammutpumpenprinzip der Einpres-
sung des Biogases in ein vertikales Leitrohr
• Kombination mit hydraulischer oder mechanischer Durchmischung wird angewendet
Wartung • Gasverdichterwartung aufgrund der fermenterexternen Montage einfach und ohne Prozessunterbrechung möglich
• Reparatur von Biogaseinpressungsbauteilen schwierig, da der Fermenterinhalt abgelassen werden muss
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

Tab. 3.27: Kennwerte und Einsatzparameter der hydraulischen Fermenterdurchmischung

Kennwerte • Einsatz von Pumpen hoher Förderleistung


• Leistungsdaten: entsprechen den üblichen Pumpenleistungen wie in Kapitel 3.2.1.4
• Material: wie bei Pumpen
Eignung • alle leicht pumpfähigen Substrate in der Nassvergärung
Vorteile ++ gute Durchmischung im Fermenter mit verstellbaren Tauchkreiselpumpen oder Leitrohren erreichbar, damit auch
Zerstörung von Sink- und Schwimmschichten möglich
Nachteile -- mit externen Pumpen ohne gezielte Strömungsleitung ist die Bildung von Sink- und Schwimmschichten möglich
-- mit externen Pumpen ohne gezielte Strömungsleitung können Sink- und Schwimmschichten nicht entfernt werden
Besonderheiten • Aggregatbesonderheiten siehe Kapitel 3.2.1.4
Bauformen • Tauchkreiselpumpe oder trocken aufgestellte Kreisel-, Exzenterschneckenpumpe oder Drehkolbenpumpe, siehe
Kapitel 3.2.1.4
• bei externen Pumpen können die Eintrittsstellen mit beweglichen Leitrohren oder Düsen versehen sein; Umschal-
tung verschiedener Einlassstellen möglich
Wartung • es gelten die gleichen aggregatspezifischen Wartungsangaben wie in Kapitel 3.2.1.4

aus einem Gärrückstandslager das Material aufzurühren. Hier-


durch wird für den Endabnehmer, z. B. die Landwirtschaft, eine
gleichbleibende Konsistenz und Qualität des Biodüngers er-
reicht. Für solche Anwendungen haben sich Zapfwellenrührwer-
ke bewährt, die zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit nicht
dauerhaft mit einem Motor versehen sein müssen. Stattdessen
wird zur Gärrückstandausbringung z. B. ein Traktormotor ange-
schlossen, um zeitgenau aufrühren zu können.
Bei liegenden Fermentern wird das vergorene Material durch
die Pfropfenströmung aufgrund des in den Fermenter geförder-
ten Substrateintrages über einen Überlauf oder ein unterhalb
des Substratspiegels gelegenes Austragsrohr ausgetragen.

3.2.2.4 Weitere Nebeneinrichtungen


Etliche Biogasanlagen besitzen Einrichtungen, die für den
Betriebsablauf nicht zwingend erforderlich sind, im Einzel- Abb. 3.36: Vorrichtungen zur störungsarmen Gasabfuhr; Gasrohrein-
fall – meist substratabhängig – aber nützlich sein können. lass mit Öffnung nach oben (links die Substratzufuhr) [DBFZ]
Nachfolgend werden Maßnahmen gegen Schaum- und Sink-
schichtbildung vorgestellt. Zudem wird der dem Biogasprozess
nachgeordnete Verfahrensschritt der Fest-Flüssig-Trennung be-
schrieben.

50
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.28: Technik von Sedimentaustragssystemen

Kennwerte • Kennwerte der für Sedimentaustragssysteme verwendeten Aggregate entsprechen denen der Einzelaggregate, die
im Text beschrieben wurden
Eignung • Bodenräumer nur in stehenden Fermentern mit runder und ebener Grundfläche
• Austragsschnecken in liegenden und stehenden Fermentern
• konische Fermenterböden in stehenden Fermentern 3
Besonderheiten • Besonderheiten der für Sedimentaustragssysteme verwendeten Aggregate entsprechen denen der Einzelaggrega-
te, die im Text beschrieben wurden
• Austragsschnecken müssen entweder flüssigkeitsdicht durch die Fermenterwand oder gasdicht über die Fermen-
terwand geführt werden
• der Austrag kann starke Gerüche verursachen
• für Austragsschnecken muss ein Pumpensumpf o.ä. im Fermenter integriert sein
Bauformen • Bodenräumer mit außenliegendem Antrieb zur Förderung der Sinkschicht nach außen
• Austragsschnecken am Fermenterboden
• konischer Fermenterboden mit Entnahmepumpe und Sinkschichtaufrührung oder Spüleinrichtung
Wartung • die Wartung ist bei fest installierten Systemen mit dem Ablass des Fermenters verbunden, daher sind außenlie-
gende Antriebe oder entnehmbare Aggregate von Vorteil
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

Schaumfalle und Schaumbekämpfung


Je nach verwendetem Substrat bzw. verwendeter Substratzu-
sammensetzung kann es zur Schaumbildung bei der Nassfer-
mentation im Fermenter kommen. Dieser Schaum kann die
Gasleitungen zur Biogasentnahme verstopfen, weswegen die
Gasableitung möglichst hoch im Fermenter verlegt werden soll-
te. Zusätzliche Schaumfallen sollen das Eindringen von Schaum
in die Substratleitungen zu den nachgeschalteten Fermentern
oder Lagerbecken verhindern. Eindrücke zu diesen Anordnun-
gen vermittelt Abbildung 3.36.
Zudem kann im Gasraum des Fermenters ein Schaumsen-
sor angebracht werden, der bei zuviel Schaumentstehung ei-
nen Alarm auslöst. Bei zu starker Schaumbildung besteht die
Möglichkeit, schaumhemmende Stoffe in den Fermenter ein-
zusprühen, wofür allerdings die entsprechende Vorrichtung im
Fermenter vorhanden sein muss. Diese kann in einer Sprüh­
einrichtung bestehen. Zu bedenken ist allerdings, dass die fei-
nen Löcher von Sprührohren in der korrosiven Gasatmosphäre
angegriffen werden. Eine regelmäßige Betätigung, auch ohne
Schaumbildung, kann dem vorbeugen. Als Schaumhemmer
können beispielsweise Öle – vorzugsweise Pflanzenöl – einge-
setzt werden. Notfalls hilft bereits über der Flüssigkeitsphase
verregnetes Wasser.

Sedimentaustrag aus dem Fermenter


Sedimente bzw. Sinkschichten bilden sich durch das Absetzen
von Schwerstoffen wie beispielsweise Sand in der Nassver- Abb. 3.37: Schneckenseparator [FAN SEPARATOR GmbH]
gärung. Zur Abscheidung von Schwerstoffen werden Vorgruben
mit Schwerstoffabscheidern versehen, jedoch kann Sand, bei- bereits bis zur Hälfte mit Sand gefüllte Fermenter aufgetreten.
spielsweise bei Hühnerkot, sehr stark an die organische Subs- Außerdem können die Sinkschichten sehr stark verhärten, so
tanz gebunden sein, so dass in Vorgruben meist nur Steine und dass sie nur noch mit Spaten oder Baggern zu entfernen sind.
andere grobe Schwerstoffe abgeschieden werden können. Ein Der Austrag der Sinkschichten aus dem Fermenter wird über
Großteil des Sandes wird erst während des biologischen Abbau- Bodenräumer oder einen Bodenablass möglich. Bei starker
prozesses im Fermenter freigesetzt. Sinkschichtenbildung ist die Funktionalität der Sedimentaus-
Bestimmte Substrate wie z. B. Schweinegülle oder Hühnerkot tragssysteme allerdings nicht in jeden Fall gegeben, weswegen
können die Bildung solcher Schichten fördern. Die Sinkschich- es nötig sein kann, den Fermenter zu öffnen um die Sinkschich-
ten können im Laufe der Zeit sehr mächtig werden, wodurch ten per Hand oder maschinell zu entfernen. Mögliche Techni-
das nutzbare Volumen des Fermenters verkleinert wird. Es sind ken des Sedimentaustrages werden in Tabelle 3.28 dargestellt.

51
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 3.29: Technik von Schneckenseparatoren

Eignung • für pumpfähige Substrate, die von Förderschnecken bewegt werden können
• für Substrate von 10 % Trockensubstanz bis ca. 20 % Trockensubstanz (das Produkt kann bis über 30 % Trocken-
substanz in der festen Phase enthalten)
Besonderheiten • Zusatzoptionen wie beispielsweise Oszillatoren können die Entwässerung effektiver machen
• vollautomatischer Betrieb möglich
Bauformen • freistehendes Aggregat
• Installation vor der Biogasanlage bei Anlagen mit sehr geringer Verweilzeit möglich; damit Einsparungen bei der
Rührwerksauslegung und Vermeidung von feststoffbedingten Havarien, Sink- und Schwimmschichten möglich
• Installation nach der Fermentation, um Anmaischwasser zurückzuführen und Rührwerke im Gärrückstandslager
einzusparen
Wartung • gut zugängliches Aggregat, Wartung ohne Gesamtprozessunterbrechung möglich

Bei sehr hohen Fermentern über 10 m Höhe kann der statische zesses oder im schlimmsten Fall zum Erliegen des Prozesses
Druck ausreichen, um Sand, Kalk und Schlamm auszutragen. führen. Die Ursachen für Temperaturschwankungen können
vielschichtig sein:
Fest-Flüssig-Trennung • Zufuhr von Frischsubstrat,
Mit der Erhöhung der Anteile an stapelfähigen Substraten in der • Temperaturschichten- oder Temperaturzonenbildung auf-
Biogasgewinnung muss mehr Augenmerk auf die Herkunft der grund unzureichender Wärmedämmung, ineffektiver oder
Anmaischflüssigkeit und die Kapazität des Gärrückstandslagers falsch dimensionierter Heizung, unzureichender Durch-
geworfen werden. Das Lager ist häufig für die anfallende Gülle mischung,
geplant, kann aber zusätzliche Substrate nach der Vergärung • Lage der Heizungen,
nicht mehr aufnehmen. Für diesen Fall kann der Einsatz einer • extreme Außentemperaturen im Sommer und Winter, sowie
Fest-Flüssig-Trennung wirtschaftlich und technologisch sinnvoll • Ausfall von Aggregaten.
sein. Das Presswasser kann als Anmaischwasser oder auch als Zur Bereitstellung der benötigten Prozesstemperaturen und
Flüssigdünger verwendet werden und die feste Fraktion ist in zum Ausgleich von Wärmeverlusten muss das Substrat erwärmt
wenig Volumen lagerfähig oder kann kompostiert werden. werden, was durch externe oder durch in den Fermenter inte­
Zur Fest-Flüssig-Trennung können Siebbandpressen, Zentri- grierte Wärmeübertrager bzw. Heizungen geschehen kann.
fugen oder Schrauben- bzw. Schneckenseparatoren verwendet Im Fermenter integrierte Heizungen erwärmen das Gärsub-
werden. Aufgrund des vorwiegenden Einsatzes von Schnecken- strat im Fermenter. Tabelle 3.32 vermittelt eine Übersicht der
separatoren werden deren Kennwerte in Tabelle 3.29 vorge- eingesetzten Technologien, Abbildung 3.38 zeigt Beispiele.
stellt. Einen Schnitt und ein Anwendungsbeispiel eines Separa- Externe Wärmeübertrager erwärmen das Gärsubstrat vor
tors zeigt Abbildung 3.37. dem Eintrag in den Fermenter, wodurch es bereits vorgewärmt
in den Fermenter gelangt. So können Temperaturschwankun-
3.2.2.5 Beheizung und Wärmedämmung gen bei der Substrateinbringung vermieden werden. Bei Einsatz
Wärmedämmung des Fermenters von externen Wärmeübertragern muss entweder eine kontinu-
Um Wärmeverluste zu verringern, müssen die Fermenter zu- ierliche Substratumwälzung durch den Wärmeübertrager reali-
sätzlich mit Wärmedämmmaterial versehen werden. Zur Wär- siert werden oder es kann auf eine zusätzliche interne Heizung
medämmung können handelsübliche Materialen verwendet im Fermenter nicht verzichtet werden, um eine konstante Fer-
werden, die je nach Einsatzbereich (Bodennähe usw.) unter- mentertemperatur aufrechtzuerhalten. Eigenschaften externer
schiedliche Eigenschaften haben sollten (vergleiche Tabelle Wärmeübertrager können Tabelle 3.33 entnommen werden.
3.30). Eine Übersicht der Parameter kann Tabelle 3.31 entnom-
men werden, die Beispiele für Dämmstoffe enthält. Zum Schutz 3.2.3 Lagerung des vergorenen Substrates
vor Witterungseinflüssen wird das Dämmmaterial mit Trapez- 3.2.3.1 Flüssige Gärrückstände
blechen oder Holz verkleidet. Grundsätzlich kann die Lagerung in Erdbecken und in zylindri-
schen oder rechteckigen Behältern (Hoch- und Tiefbehälter)
Fermenterheizung erfolgen. I. d. R. werden stehende Rundbehälter aus Beton und
Um einen optimalen Vergärungsprozess sicherzustellen, muss Edelstahl/Stahl-Emaille angewendet. Diese sind im Grundauf-
eine gleichmäßige Temperatur im Fermenter vorherrschen. bau mit stehenden Rührkesselfermentern vergleichbar (vgl. Ka-
Hierbei ist nicht die Einhaltung der vorgegebenen Temperatur pitel 3.2.2.1 Fermenterbauformen). Sie können mit einem Rühr-
auf ein zehntel Grad genau ausschlaggebend, sondern dass werk ausgestattet sein, um vor der Entnahme den Gärrückstand
Temperaturschwankungen gering gehalten werden. Das betrifft zu homogenisieren. Eingesetzt werden können fest installierte
sowohl zeitliche Temperaturschwankungen als auch die Tem- Rührwerke (z. B. Tauchmotorrührwerk) oder über eine Zapfwel-
peraturverteilung in verschiedenen Fermenterbereichen [3-3]. le angetriebene Seiten-, Gelenk- oder Schlepperrührwerke. Des
Starke Schwankungen und die Über- bzw. Unterschreitung be- Weiteren sollten Lagerbehälter mit einer Abdeckung versehen
stimmter Temperaturwerte können zur Hemmung des Gärpro- werden (gas- oder nicht gasdicht). Beide Varianten haben den

52
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.30: Kennwerte von Dämmstoffen [3-12], [3-13]

Kennwerte • Material im Fermenter oder unter der Erdoberfläche: geschlossenporige Stoffe wie PU-Hartschaum und Schaum-
glas, die ein Eindringen von Feuchtigkeit verhindern
• Material über der Erdoberfläche: Mineralwolle, Mineralfasermatten, Hartschaummatten, Extruderschaum, Styro-
dur, Kunstschaumstoffe, Polystyrol
• Materialstärke: 5-10 cm werden verwendet, unter 6 cm ist die Dämmwirkung aber gering; die Praxiswerte basie-
ren eher auf Erfahrungen als auf Berechnungen; in der Literatur wird von Dämmstärken bis 20 cm berichtet
3
• U-Werte liegen im Bereich von 0,03-0,05 W/(m2 · K)
• Belastbarkeit des Dämmstoffes im Bodenbereich muss die gesamte voll gefüllte Fermenterlast tragen können
Bauformen • die Wärmedämmung kann innen- oder außenliegend eingebaut werden, wobei generell keiner dieser Varianten
der Vorzug gegeben werden kann
Besonderheiten • alle Dämmmaterialen sollen nagerfest sein

Tab. 3.31: Kennwerte von Dämmstoffen – Beispiele

Dämmstoff Wärmeleitfähigkeit [W/m · K] Anwendungstyp


Mineralfaser-Dämmstoffe (ca. 20-40 kg/m ) 3
0,030–0,040 WV, WL, W, WD
Perlite-Dämmplatten (150-210 kg/m ) 3
0,045–0,055 W,WD,WS
Polystyrol-Partikelschaum EPS (15 kg/m3 < Rohdichte) 0,030–0,040 W
Polystyrol-Partikelschaum EPS (20 kg/m < Rohdichte)
3
0,020–0,040 W, WD
Polystyrol-Extruderschaum XPS (25 kg/m < Rohdichte)
3
0,030–0,040 WD, W
Polyurethan-Hartschaum PUR (30 kg/m < Rohdichte)
3
0,020–0,035 WD, W, WS
Schaumglas 0,040–0,060 W, WD, WDS, WDH
Anwendungstypen: WV mit Beanspruchung auf Abreiß- und Scherfestigkeit;WL, W ohne Beanspruchung auf Druck; WD mit Beanspruchung auf Druck; WS Dämm-
stoffe für Sondereinsatzgebiete; WDH erhöhte Belastbarkeit unter Druck verteilenden Böden; WDS erhöhte Belastbarkeit für Sondereinsatzgebiete

Tab. 3.32: Kennwerte und Einsatzparameter von integrierten Heizungen; [3-1], [3-12]

Kennwerte • Material: bei Verlegung im Gärraum oder als Rühraggregat Edelstahlrohre, PVC oder PEOC (Kunststoffe müssen
aufgrund der geringeren Wärmeleitung eng verlegt werden), bei Verlegung im Beton übliche Fußbodenheizungs-
leitungen
Eignung • Wandheizungen: alle Betonfermentertypen
• Fußbodenheizung: alle stehenden Fermenter
• innenliegende Heizung: alle Fermentertypen, aber eher bei stehenden zu finden
• mit Rühraggregaten verbundene Heizungen: alle Fermentertypen, aber eher bei liegenden zu finden
Vorteile ++ im Fermenter liegende und mit Rührwerken verbundene Heizungen haben eine gute Wärmeübertragung
++ Fußboden- und Wandheizungen führen nicht zu Ablagerungen
++ in Rühraggregaten integrierte Heizungen erreichen sehr viel Material zur Erwärmung
Nachteile -- Wirkung von Fußbodenheizungen kann durch Sinkschichtenbildung stark vermindert sein
-- Heizungen im Fermenterraum können zu Ablagerungen führen, daher sollten sie mit einem Abstand zur Wand
verlegt werden
Besonderheiten • Heizrohre müssen entlüftet werden können, dazu werden sie von unten nach oben durchströmt
• im Beton verlegte Heizleitungen verursachen Wärmespannungen
• je nach Fermentergröße in zwei oder mehr Heizkreisen verlegt
• Heizeinrichtungen dürfen andere Aggregate nicht behindern (z. B. Räumer)
• für thermophilen Betrieb sind in der Wand oder im Boden liegende Heizungen ungeeignet
Bauformen • Fußbodenheizungen
• in der Wand liegende Heizungen (bei Stahlfermentern auch an der Außenwand möglich)
• vor der Wand angebrachte Heizungen
• in die Rühraggregate integrierte oder mit ihnen kombinierte Heizung
Wartung • Heizungen sollten zur Gewährleistung der Wärmeübertragung regelmäßig gereinigt werden
• im Fermenter oder im Bauwerk integrierte Heizungen sind sehr schlecht oder gar nicht zugänglich
• Sicherheitsvorschriften bei Arbeiten im Fermenter müssen beachtet werden

53
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.38: Edelstahlheizrohre im Fermenter verlegt (innenliegend) (links); Einbau von Heizschläuchen in die Fermenterwand (Mitte, rechts) [Biogas Nord
GmbH (links, Mitte); PlanET Biogastechnik GmbH (rechts)]

Vorteil der Reduzierung von Geruchsemissionen sowie der 3.2.3.2 Feste Gärrückstände
Minderung von Nährstoffverlusten während der Lagerung. Gas- Feste Gärrückstände fallen bei der Feststofffermentation und
dichte Abdeckungen z. B. Foliendächer (vgl. Kapitel 3.2.4.1 In- auch als separierter Bestandteil des Gärproduktes der Nassfer-
tegrierte Speicher) bieten darüber hinaus die Möglichkeit der mentation an. Je nach Verwendungszweck werden sie auf befes-
Nutzung des Restgaspotenzials, des Gärrückstandes sowie der tigten Plätzen unter freiem Himmel oder in Hallen, sowie in offe-
Vermeidung klimarelevanter Emissionen (vgl. Kapitel 3.2.5) und nen, z. T. mobilen Behältnissen und Containern gelagert. Meist
können als zusätzlicher Gasspeicherraum genutzt werden. Die erfolgt die Lagerung in Haufwerken auf flüssigkeitsdichten Be-
vorbeschriebene Sinnhaftigkeit einer gasdichten Abdeckung lägen aus Beton oder Asphalt und ähnelt der Festmistlagerung.
des Gärrückstandslagers wird mit dem EEG 2012 auch rechtlich Teilweise werden auch leere Fahrsilos als Lagerfläche genutzt.
umgesetzt. Alle ab 2012 neu errichteten Gärrückstandslager Abtropfende Flüssigkeiten, Presswasser oder eingetragenes Re-
müssen danach technisch gasdicht abgedeckt sein (vgl. Kapitel genwasser müssen gesammelt und in die Biogasanlage zurück-
7). Dieses war auch bereits Standard nach dem EEG 2009 für geführt werden. Der Eintrag von Niederschlägen kann durch zu-
alle gemäß BImSchG genehmigten Anlagen. sätzliche Planen oder feste Überdachungen minimiert werden.
Erdbecken sind meist rechteckige, in den Boden eingelasse- Container aus Stahl werden vornehmlich beim Abpressen
ne und mit Kunststofffolie ausgekleidete Lager. Der größte Teil der Festfraktion aus dem flüssigen Gärrückstand verwendet.
dieser Becken ist nach oben offen, nur wenige Becken sind mit Diese werden bspw. unter den Separator (vgl. Abbildung 3.37)
einer Folie zur Emissionsminderung abgedeckt. gestellt und nach vollständiger Befüllung gewechselt. Auch hier
Die Größe der Gärrückstandslager wird maßgeblich durch sollte der Eintrag von Niederschlägen durch die Abdeckung
den optimalen Zeitpunkt der Gärrückstandausbringung auf die des Behälters mittels einer Plane verhindert werden. Alternativ
zu düngenden Flächen bestimmt. In diesem Zusammenhang können die Fest-Flüssig-Trennung und die Lagerung der festen
wird auf die Düngeverordnung und Kapitel 10 Ausbringung des Fraktion auch in einer Halle untergebracht sein. Bei einer Hal-
Gärrückstandes verwiesen. I. d. R. sind Gärrückstandslager mit lenaufstellung kann bei Bedarf die Abluft gesammelt und zur
einer Speicherkapazität von mindestens 180 Tagen ausgelegt. Vermeidung von Ammoniak- und Geruchsemissionen über eine
Abluftreinigungsanlage (z. B. Wäscher und/oder Biofilter) ge-
führt werden.

Tab. 3.33: Kennwerte und Einsatzparameter von externen Wärmeübertragern; [3-3], [3-12]

Kennwerte • Material: in der Regel Edelstahl


• Durchsatzleistungen orientieren sich an der Anlagenkapazität und der Prozesstemperatur
• Rohrdurchmesser entsprechen den üblichen Substratleitungen in Biogasanlagen
Eignung • alle Fermentertypen, häufiger Einsatz in Pfropfenstromfermentern
Vorteile ++ es kann eine sehr gute Wärmeübertragung gewährleistet werden
++ Frischmaterial führt nicht zum Temperaturschock im Fermenter
++ es wird das gesamte Materialvolumen durch die Heizung erreicht
++ externe Wärmeübertrager können leicht gereinigt und gewartet werden
++ gute Regelbarkeit der Temperatur
Nachteile -- unter Umständen ist eine zusätzliche Fermenterheizung vorzusehen
-- der externe Wärmeübertrager stellt ein zusätzliches Aggregat dar, das mit Zusatzkosten verbunden ist
Besonderheiten • Wärmeübertrager müssen entlüftet werden können, dazu werden sie von unten nach oben durchströmt
• für thermophilen Prozessbetrieb gut geeignet
Bauformen • Spiral- oder Doppelrohrwärmeübertrager
Wartung • sehr gute Zugänglichkeit für Wartung und Reinigung

54
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

3.2.4 Speicherung des gewonnenen Biogases tet sein, um eine unzulässig hohe Änderung des Innendrucks
Das Biogas fällt in schwankender Menge und z. T. mit Leis- im Speicher zu verhindern. Die Überwachung der Überdrucksi-
tungsspitzen an. Aus diesem Grund und wegen der weitestge- cherungen hinsichtlich der Häufigkeit des Auslösens gewinnt
hend konstanten Nutzungsmenge muss es in dafür geeigneten zunehmend an Bedeutung, um die Höhe betriebsbedingter
Speichern zwischengelagert werden. Die Gasspeicher müssen Emissionen aus dieser Sicherheitseinrichtung zu senken (vgl.
gasdicht, druckfest, medien-, UV-, temperatur- und witterungs- Kapitel 5.6.4). Weitere Sicherheitsanforderungen und -vor-
beständig sein. Vor Inbetriebnahme sind die Gasspeicher auf schriften für Gasspeicher sind u. a. in den „Sicherheitsregeln 3
ihre Dichtigkeit zu prüfen. Aus Sicherheitsgründen müssen für landwirtschaftliche Biogasanlagen“ [3-18] enthalten. Die
Gasspeicher mit Über- und Unterdrucksicherungen ausgestat- Speicher sollten so ausgelegt sein, dass ca. eine viertel Ta-

Tab. 3.34: Kennwerte und Einsatzparameter von Folienhauben, Daten z. T. aus [3-3]

Kennwerte • Gasspeichervolumen bis 4.000 m3 lieferbar


• Überdruck: 5–100 mbar
• Foliendurchlässigkeit: es muss mit 1–5 ‰ Biogasverlust am Tag gerechnet werden
• Materialien: Butylkautschuk, Polyethylen-Polypropylen-Gemisch, EPDM-Kautschuk
Eignung • für alle Biogasanlagen mit stehendem Fermenter und Nachgärer mit möglichst großen Durchmessern
Vorteile ++ kein zusätzliches Gebäude notwendig
++ kein zusätzlicher Platz notwendig
Nachteile -- die aktuelle Methankonzentration im Gasraum des Fermenters kann aufgrund der starken Gasvermischung im
großen Gasraum nicht gemessen werden und kann daher die Aktivität der Mikroorganismen nicht widerspiegeln
-- Wärmedämmung zum Gasraum ist ohne zusätzliches Dach nur gering
-- ohne zusätzliches Dach windempfindlich
Besonderheiten • Wärmedämmung durch Doppelfolie mit Lufteinblasung (Tragluftdach) möglich
• Rührwerke können nicht auf der Fermenterdecke montiert werden
Bauformen • Folie als Dach über dem Fermenter
• Folie unter einem Tragluftdach
• Folie unter einem festen Dach auf einem höher gezogenen Fermenter
• freiliegendes und fixiertes Folienkissen
• eingehaustes Folienkissen in Extragebäude oder Tank
• Folienkissen auf einer Zwischendecke über dem Fermenter
• Foliensack, hängend in einem Gebäude (z. B. ungenutzte Scheune)
• Folienspeicher unter Tragluftdach
Wartung • weitestgehend wartungsfrei

Tab. 3.35: Kennwerte und Einsatzparameter von externen Biogasspeichern, Daten z. T. aus [3-3]

Kennwerte • Gasspeichervolumen bis 2.000 m3 lieferbar (darüber hinaus als Sonderanfertigungen nach Kundenwunsch)
• Überdruck: 0,5–30 mbar
• Foliendurchlässigkeit: es muss mit 1–5 ‰ Biogasverlust am Tag gerechnet werden
• Materialien: PVC (nicht sehr langlebig), Butylkautschuk, Polyethylen-Polypropylen-Gemisch
Eignung • für alle Biogasanlagen
Vorteile ++ Methankonzentration des aktuell gebildeten Biogases kann im Gasraum des Fermenters gemessen werden
(aufgrund der geringen Gasmenge ist dort die Vermischung klein) und spiegelt die Aktivität der Mikroorganismen
wider
Nachteile -- ggfs. zusätzlicher Platzbedarf
-- ggfs. zusätzliches Gebäude
Besonderheiten • durch Auflegen von Gewichten kann der Druck zur Beschickung des BHKW erhöht werden
• Bei Unterbringung in Gebäuden muss auf eine sehr gute Luftzufuhr zum Gebäude geachtet werden um explosi-
onsfähige Gemische zu vermeiden
• in Abhängigkeit vom Füllstand kann die Motorleistung des BHKW angepasst werden
Bauformen • freiliegendes und fixiertes Folienkissen
• eingehaustes Folienkissen in Extragebäude oder Tank
• Folienkissen auf einer Zwischendecke über dem Fermenter
• Foliensack, hängend in einem Gebäude (z. B. ungenutzte Scheune)
• Folienspeicher unter Tragluftdach
Wartung • weitestgehend wartungsfrei

55
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.39: Unterkonstruktion eines Tragluftdaches (links); Biogasanlage mit Tragluftdächern [MT-Energie GmbH]

Abb. 3.40: Externe Folienspeicher [ATB]

gesproduktion Biogas gespeichert werden kann, empfohlen Weit verbreitet sind Tragluftdächer, bei welchen als Witte-
wird häufig ein Volumen von ein bis zwei Tagesproduktionen. rungsschutz eine zweite Folie über die eigentliche Speicherfolie
Unterschieden werden kann zwischen Nieder-, Mittel- und gelegt wird. In den Zwischenraum der beiden Folien wird über
Hochdruckspeichern. ein Gebläse Luft eingeblasen. Die obere Folie ist so immer im
Am gebräuchlichsten sind Niederdruckspeicher mit einem straffen, gespannten Zustand, während die untere Folie sich der
Überdruckbereich von 0,5 bis 30 mbar. Niederdruckspeicher zu speichernden Biogasmenge anpassen kann. Der Gasdruck
bestehen aus Folien, die den Sicherheitsanforderungen gerecht wird bei diesem System weitgehend stabil gehalten.
werden müssen. Folienspeicher werden als Gashauben auf dem
Fermenter (integrierte Speicher) oder als externe Gasspeicher
installiert. Detaillierte Ausführungen erfolgen unter 3.2.4.1 und
3.2.4.2.
Mittel- und Hochdruckspeicher speichern das Biogas bei
Betriebsdrücken zwischen 5 und 250 bar in Stahldruckbehäl-
tern und -flaschen [3-1]. Sie sind sehr betriebs- und kostenauf-
wändig. Bei Druckspeichern bis 10 bar muss mit einem Ener-
giebedarf bis zu 0,22 kWh/m3 und bei Hochdruckspeichern mit
200–300 bar mit ca. 0,31 kWh/m3 gerechnet werden [3-3].
Deshalb kommen sie bei landwirtschaftlichen Biogasanlagen
praktisch nicht zum Einsatz.

3.2.4.1 Integrierte Speicher


Wird der Fermenter selbst bzw. der Nachgärbehälter oder das
Gärrückstandslager als Gasspeicher verwendet, kommen soge-
nannte Folienhauben zum Einsatz. Die Folie wird gasdicht an
der Oberkante des Behälters angebracht. Im Behälter wird ein
Traggestell eingebaut, auf dem die Folie bei leerem Gasspeicher
aufliegen kann. Je nach Füllstand des Gasspeichers dehnt sich
die Folie aus. Kennwerte können Tabelle 3.34 entnommen wer- Abb. 3.41: Beispiel für freistehenden Doppelmembranspeicher
den, Beispiele werden in Abbildung 3.39 gezeigt. [Schüsseler, FNR]

56
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Tab. 3.36: Kennwerte und Einsatzparameter von Notfackeln

Kennwerte • Volumenströme bis 3.000 m3/h möglich


• Verbrennungstemperatur 800–1.200 °C
• Material: Stahl oder Edelstahl
Eignung • für alle Biogasanlagen
Besonderheiten • mit offener oder verdeckter Verbrennung möglich 3
• mit isolierter Brennkammer auch Einhaltung der Vorgaben nach TA Luft möglich, wobei dies bei Notfackeln nicht
zwingend vorgeschrieben ist
• mit Naturzug oder Gebläse verfügbar
• Sicherheitshinweise, insbesondere in Bezug auf den Abstand zum nächsten Gebäude sind zu beachten
• Druckerhöhung des Biogases vor der Brennerdüse notwendig
Bauformen • Einzelaggregat auf eigenem kleinen Betonfundament im Handbetrieb oder automatisierbar
Wartung • weitestgehend wartungsfrei

3.2.4.2 Externe Speicher


Externe Niederdruckspeicher können in Form von Folienkissen
ausgeführt werden. Die Folienkissen werden zum Schutz vor
Witterungseinflüssen in geeigneten Gebäuden untergebracht
oder mit einer zweiten Folie versehen (Abbildung 3.40). Einen
bildlichen Eindruck externer Gasspeicher vermittelt Abbildung
3.41. Die Spezifikationen von externen Gasspeichern sind in
Tabelle 3.35 dargestellt.

3.2.4.3 Notfackel
Für den Fall, dass die Gasspeicher kein zusätzliches Biogas
mehr aufnehmen können und/oder das Gas z. B. aufgrund von
Wartungsarbeiten oder extrem schlechter Qualität nicht verwer-
tet werden kann, muss der nicht nutzbare Teil schadlos entsorgt
werden. Die Vorgaben zur Betriebsgenehmigung werden hier Abb. 3.42: Notfackel einer Biogasanlage [Riesel, FNR]
bundeslandspezifisch unterschiedlich gehandhabt, wobei ab
Gasströmen von 20 m3/h die Installation einer Verwertungs-
alternative zum BHKW vorgeschrieben ist. Entsprechend der enthalten. Unter Klimaschutzgesichtspunkten sind vor allem die
technischen Vorgaben im EEG 2012 (§ 6 Abs. 4 Nr. 2) müssen Me­thanemissionen problematisch. Diese treten insbesondere
ab 2014 alle Biogasanlagen mit zusätzlichen Gasverbrauchs­ bei Betrieb in Richtung eines neutralen pH-Wertes auf, das heißt
einrichtungen ausgerüstet sein. Dieses kann eine stationäre bei der Nutzung von puffernden Substraten wie zum Beispiel
Notfackel, ein Gasbrenner oder auch ein Reserve-BHKW sein. Wirtschaftsdüngern oder Gärrückstandrezirkulate. Es kann eine
Kennwerte von Notfackeln, die im Biogasbereich eingesetzt erhöhte Explosions- (CH4, H2) und Erstickungsgefahr (CO2, H2S)
werden, zeigt Tabelle 3.36. Ein Beispiel zeigt Abbildung 3.42; auftreten. Vor allem angrenzende Gebäude sowie Pumpenräume
der Stand der Technik zum sicheren Betrieb von Fackelanlagen müssen mit ausreichender Zwangsbelüftung und gegebenen-
wird in Kapitel 3.2.5 beschrieben. falls mit Warneinrichtungen versehen sein. Dies gilt besonders,
wenn sie durch nicht gasdichte Armaturen mit dem Hydrolyse-
3.2.5 Maßnahmen zur Emissionsminderung behälter verbunden sind. Bei Hydrolysebehältern selbst ist das
3.2.5.1 Substrataufbereitung und Beschickungssysteme Risiko gefährlicher Konzentrationen der genannten Gase beson-
Generell besteht insbesondere bei der offenen bzw. nicht gas- ders hoch bei weitgehend geschlossener, aber nicht gasdich-
dichten Ausführung von Anlagenteilen sowie einem offenen ter Ausführung oder bei einem diskontinuierlichen Betrieb von
Handling von Wirtschaftsdüngern sowie bei der Rezirkulation Rührwerken. Dieses kann zur plötzlichen Freisetzung von Gasen
von Gärrückständen außerhalb gasdicht geschlossener Anla- führen. Wirtschaftliche Verluste entstehen durch Veratmung
genbereiche ein erhöhtes Emissionspotenzial, dass zusätzlich (CO2 und Wärme) sowie durch Verlust brennbarer Gase (CH4,
durch eine ungünstige Betriebsweise noch erhöht werden kann. H2). Geruchsemissionen können durch verschiedene organische
Stoffe, v. a. Fettsäuren, außerdem durch die bereits genannten
Offene Hydrolysestufen, Vorgruben und Anmaischbehälter Spurengase H2S und NH3 hervorgerufen werden [3-22]. Es kann
Offen ausgeführte Hydrolysestufen sind hinsichtlich des Im- derzeit nicht abgeschätzt werden, unter welchen Bedingungen
missionsschutzes kritisch zu bewerten. Im Hydrolysegas sind (z. B. die Verweilzeit in der Hydrolyse, Lufteintrag oder Pufferung
neben dem Hauptbestandteil Kohlendioxid (CO2) in der Regel durch Rezirkulat bzw. Gülle) mögliche Vorteile die o.g. Nachtei-
auch relevante Mengen Wasserstoff (H2) und Methan (CH4)so- le überwiegen. Zu nennen sind der von Herstellern postulierte
wie in Spuren Ammoniak (NH3) und Schwefelwasserstoff (H2S) Aufschluss von Substraten sowie die auch mit solchen Anla-

57
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

genkonfigurationen mögliche Verbesserung der gleichmäßigen 250–2.000 cm3/(m2⋅d⋅bar) [3-21], [3-23], abhängig von der
Betriebsführung der Methanisierungsstufe (durch gleichmäßige Art der Folie (z. B. EPDM- oder Gewebefolie), der Gastempera-
Temperierung und pH-Wert des Inputmaterials sowie gleichmä- tur, dem Differenzdruck sowie der Dicke und Dehnung der Folie.
ßige Fütterung mit angemaischtem Substrat ohne enthaltene Daraus resultieren ca. 0,1–0,5 % Methanverlust (vgl. Tab. 3.34)
Luftblasen). Die Bedeutung von Anlagen mit einer Hydrolysestu- in Bezug auf das tägliche Speichervolumen. Die Dichtheit sollte
fe dürfte allerdings gering sein. So wurde bei der DBFZ-Betreiber- regelmäßig überprüft werden, hierzu kann die DVGW 469 A4
befragung 2013 für das Bezugsjahr 2012 nur bei 14 Anlagen angewendet werden. Emissionsquellen aus dem Betrieb der
(ca. 1,4 % der ausgewerteten Fragebögen) eine Hydrolysestufe Fermenter (diffuse Leckagen, Über-/Unterdrucksicherungen)
angegeben. werden unter Kap. 5.6.4.5 erläutert.
In Vorgruben und Anmaischbehältern werden üblicherwei-
se flüssige Wirtschaftsdünger bzw. Rezirkulat mit Feststoffen Batch-Betrieb
vermengt und homogenisiert. Während der dafür notwendigen Im Vergleich zu kontinuierlichen, volldurchmischten Ver-
Durchmischung werden besonders bei Einsatz von Rezirkulat gärungsverfahren entstehen im Batch-Betrieb tendenziell hö-
gewöhnlich erhöhte Mengen an Methanemissionen freige- here Emissionen. Dies ist insbesondere auf die Betriebsweise
setzt [3-24]. Zur visuellen Kontrolle von Störstoffen (vor allem einer solchen Anlage zurückzuführen. Vor dem Öffnen der
bei Abfall­anlagen), kann die Nutzung von Vorgruben und An- Fermenter muss aus Gründen des Explosionsschutzes der Me­
maischbehältern als Eintragssystem sinnvoll sein. Dann sollte thangehalt auf max. 20 % der unteren Explosionsgrenze (ca.
die Anmaischung aber möglichst ohne Rezirkulat erfolgen, weil 0,9 Vol.-%) eingestellt werden. Dies geschieht üblicherweise
sowohl durch die Umwälzung gelöstes Methan freigesetzt wird durch eine Belüftung, weil dabei im Gegensatz zur technisch
als auch in der Vorgrube mikrobiologisch neues Methan gebil- viel schwierigeren Spülung mit BHKW-Abgasen in einem Schritt
det und freigesetzt wird. eine Atmosphäre erreicht wird, die eine Erstickungsgefahr beim
Öffnen der Fermenter verhindert. Zudem bilden sich nach Ein-
Feststoffbeschickung bringung einer neuen Substratcharge durch die einsetzende
Bei der Feststoffbeschickung können, abhängig vom Substrat, Vergärung zunächst große Mengen an Schwachgas, die, sofern
Gerüche aus offenen Vorlagebehältern entweichen. Zur Vermei- keiner Behandlung zugeführt, in erheblichen klimarelevanten
dung eignen sich bei Einsatz von geruchsintensiven Substraten Emissionen münden. Im Sinne einer emissionsarmen Betriebs-
(z. B. Geflügelmist) Abdecksysteme, die während der Befüllung weise sind diese Gasmengen generell mit im Gassystem zu fas-
geöffnet werden können. Wichtig sind eine versiegelte, leicht zu sen. Über ein geeignetes Gasmanagement sind diese Schwach-
reinigende Standfläche, eine gute Zugänglichkeit und ein Was- gase einer passenden Verbrennungseinrichtung (im Regelfall
seranschluss. Dieser ermöglicht nach dem notwendigen regel- das BHKW) zuzuführen. Ein weiteres Problem besteht darin,
mäßigen Leerfahren des Behälters die leichtere Reinigung toter dass das gebildete Methan nicht überall genügend ausgasen
Ecken. Üblicherweise werden die Feststoffe über Eintragsschne- kann und sich in einigen Bereichen nesterartig im Substratsta-
cken eingebracht, die in einem Rohr laufen, das in die Gärflüs- pel sammelt. Nach der Entnahme führt das zu Methanemissio-
sigkeit eintaucht. Bei zu niedrigen Füllständen kann über das nen. Daher sollte eine gute Durchmischung mit Strukturmaterial
Eintragssystem unbemerkt Biogas entweichen. Daher ist stets angestrebt werden. Gegebenenfalls können auch Luftstöße zur
auf einen hinreichenden Füllstand im Fermenter zu achten. Auflockerung des Gärmaterials beitragen.
Gerade die Feststoffbeschickung und Substratlagerung ge-
hören zu den lärmintensiven Bereichen einer Biogasanlage. Bei 3.2.5.3 Gärrückstandslagerung
der Anordnung sollte daher auf die Lage in Bezug zu Anwoh- Gärrückstandslagerung im kontinuierlichen Betrieb
nern, geräuschabsorbierenden Gebäuden und Landschaftsele- Emissionen aus der Gärrückstandslagerung entstehen vor al-
menten sowie auf die Windrichtung geachtet werden. Die Be- lem bei offenen bzw. nicht gasdicht abgedeckten Endlagern
rücksichtigung eines Lärmgutachtens ist bei größeren Anlagen (vgl. Kap. 10.2). Die aus den Lagern entweichenden Methane-
in der Nähe von Wohngebieten angeraten, meist auch Voraus- missionen können im Mittel bis zu 3,5 % der Methanproduk-
setzung in Genehmigungsverfahren. tion betragen [3-24]. Aus der Vergärung von stickstoffreichen
Substraten (z. B. Hühnertrockenkot) können zudem sehr hohe
3.2.5.2 Fermenter und Biogasspeicher Ammoniakemissionen resultieren. In Abhängigkeit der gewähl-
Kontinuierlicher Betrieb ten Verfahrenstechnik sowie dem Substrateinsatz empfiehlt
Fermentations- und Nachgärbehälter sowie die zugehörigen die VDI 3475 Blatt 4 bestimmte Mindestverweilzeiten. Sofern
bzw. externen Biogasspeicher müssen aus Prozess- und Sicher- eine Einhaltung dieser Aufenthaltszeiten nicht erreicht wird, ist
heitsgründen gasdicht ausgeführt sein. Relevante Emissionen eine gasdichte Abdeckung zu befürworten. Reine Gülleanlagen
in diesen Bereichen sind nur bei Konstruktions- bzw. Ferti- benötigen prinzipiell keine gasdichte Gärrückstandslagerabde-
gungsfehlern, alters- oder witterungsbedingten Schäden, bei ckung, da die Vergärungsstufe eine emissionsmindernde Funk-
fehlerhafter Betriebsweise oder mangelnder Wartung und Kont- tion im Vergleich zur konventionellen Güllelagerung einnimmt.
rolle zu erwarten (siehe Kap. 5.6.4). Lediglich die Gasspeicher- Ebenso wird es nach EEG 2012 für die Güllekleinanlagen prak-
folien haben eine geringe Gasdurchlässigkeit, die nach den Vor- tiziert. Biogasanlagen, die NawaRo bzw. NawaRo-Gemische
gaben der Technischen Information 4 der landwirtschaftlichen einsetzen, sollten generell über eine gasdichte Lagerung ver-
Berufsgenossenschaften weniger als 1.000 cm3/(m2⋅d⋅bar) fügen. Neuanlagen haben nach EEG 2012 150 Tage Verweil-
betragen muss. Sie bewegen sich in der Praxis im Bereich von zeit im gasdichten System einzuhalten. Für Altanlagen ist eine

58
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Mindestverweilzeit im Fermenter von mehr als 110 Tagen emp- 3.2.5.4 Gärrückstandaufbereitung
fohlen oder maximale Restgasemissionen von 1 % müssen Separation
technisch gewährleistet sein (Bestimmung über Batch-Tests Durch die Separation und getrennte Ausbringung von festen
bei einer Verweilzeit von 60 Tagen und einer Temperatur von und flüssigen Gärrückständen ist eine Halbierung der NH3-Emis-
20 °C), um auf eine gasdichte Lagerung verzichten zu können, sionen bei der Ausbringung möglich [3-24]. Allerdings können
ansonsten sind 150 Tage im gasdichten System vorzusehen bei der Separation und bei den Folgeschritten auch Emissionen
[3-30]. Für gasdicht abgedeckte Gärrückstandslager hingegen entstehen. Die Gesamt-N-Gehalte der Feststoffe aus dem Se- 3
sind i. d. R. keine Emissionen nachweisbar, ausgenommen der parationsprozess liegen für NawaRo-Anlagen im Mittel bei ca.
Gasdiffusion durch die Folien sowie diffuse Leckagen. Gemäß 6,5 kg N/t, wovon ca. 40 % als Ammoniumstickstoff (NH4-N)
dem Stand der Technik müssen bei Neuanlagen nach EEG vorliegen [3-27]. Dadurch kommt es bei der Separation zu
2012 die Gärrückstandslager gasdicht mit Einbindung in die NH3-Emissionen und bei der Lagerung bzw. Nachkompostie-
Gasstrecke ausgerüstet werden, so lange nicht ausschließlich rung des separierten Gärrückstandes vor allem zu Methan- und
Gülle vergoren wird. ggf. auch zu NH3-und Lachgasemissionen. Die beste Mög-
lichkeit zur Verminderung von Ammoniakemissionen bei der
Gärrückstandslagerung im Batch-Betrieb Separierung ist die eingehauste Aufstellung und die Behand-
Problematisch wirkt sich insbesondere die offene Lagerung lung der Abluft über saure Wäsche. Der Ammoniak steht dann
des ausgefaulten Substrats nach dem Chargen-Wechsel aus. als flüssiger N-Dünger zur Verfügung. Wirtschaftlich wird eine
Die Restgasemissionen können erheblich sein, teilweise wur- solche Konfiguration nur bei Abfallanlagen mit Annahmehal-
den während der Lagerung (z. T. mehrere Tage) bis zu 11 % der le oder bei Anlagen mit Gärrückstandtrocknung möglich sein
durchschnittlichen Methanproduktion einer Anlage nachge- (Mitbehandlung der Abluft mit den übrigen zu behandelnden
wiesen [3-24]. Der richtige Umgang mit dem Gärrückstand ist Abluftströmen). Mindestens sollte zur Vermeidung der Ammoni-
damit ein weiterer wesentlicher Bestandteil zur Emissionsmin- akemissionen bei der Separation diese in einem schattigen und
derung bei Batch-Betrieb. Generell soll eine möglichst schnelle windgeschützten Bereich aufgestellt sein. Dies gilt auch für die
Aerobisierung der Gärrückstände angestrebt werden, um die weitere Lagerung des Gärrückstandes. Ammoniak­emissionen
Bildung von Methanemissionen zu vermeiden. Eine Nachkom- bei der Lagerung werden außerdem durch geringe Ammoni-
postierung der Gärrückstände ist hinsichtlich der möglichen umgehalte im festen Gärrückstand vermieden. Wenn im Betrieb
NH3-Verluste beim Umsetzen der Gärrückstände problema- insgesamt eine Schwefeldüngung vorgesehen ist, kann dieser
tisch. Auch Lachgas­ emissionen können auftreten. Eine ge- Schwefel auch zum festen Gärrückstand gegeben werden und
eignete technische Lösung steht für diesen Anwendungsfall so gleichzeitig Ammoniakverluste vermindern.
und Maßstab jedoch noch nicht zur Verfügung. Wichtig für die Lachgasemissionen lassen sich zumindest in gewissem Um-
Nachkompostierung ist die Einhaltung der guten fachlichen fang minimieren, indem der Gärrückstand nur kurz gelagert und
Praxis. Unter Klimaschutzgesichtspunkten besteht die beste zügig zur Düngung verwendet wird. Ebenfalls kann das C/N-Ver-
Option vorerst in einer direkten, möglichst schnellen und fach- hältnis durch die Zugabe C-reicher Materialien, wie Grünschnitt,
gerechten Ausbringung der Gärrückstände, verbunden mit di- Hackschnitzel oder Stroh erweitert werden. Auch über einen
rekter Einarbeitung. hohen Separationsgrad wird prinzipiell durch höhere Flüssig-

Einsatz von Gärrückstandseparation

Anlagengröße

> 1.000 kWel n = 94

501 bis 1.000 kWel

151 bis 500 kWel

71 bis 150 kWel

≤ 70 kWel

0 20 40 60
Anzahl der Nennungen (n)

Abb. 3.43: Einsatz von Gärrückstandseparation in Abhängigkeit zur Anlagengröße [DBFZ]

59
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

keitsabscheidegrade auch mehr Ammonium abgeschieden und fackeln ist aufgrund der sehr hohen Verbrennungstemperatu-
dadurch das C/N-Verhältnis des verbleibenden, trockeneren ren von einem sehr niedrigen Emissionsgrad auszugehen. Mit
Gärrückstandes erweitert. § 66 EEG 2012 ist für alle Neu- und Bestandsanlagen ab dem
Eine gute Belüftung bei vorgesehener längerer Lagerung 01.01.2014 die Forderung einer sekundären Gasverbrauchs­
(z. B. über die Beimischung von Strukturmaterial wie z. B. einrichtung verbunden. Im Regelfall wird dazu eine Notfackel
Grünschnitt) vermindert nach der eintretenden Nitrifizierung die genutzt, dieses kann aber auch durch ein sekundäres BHKW
folgende Denitrifizierung, bei der meist der größere Umfang an oder einen Gaskessel realisiert werden.
Lachgas entsteht. Dies kann insgesamt zu einer Verminderung
der Lachgasemissionen führen, ist jedoch nicht untersucht. Eine
verbesserte Belüftung der Mieten bei notwendiger Lagerung 3.3 Biogas-Kleinanlagen
sorgt auf jeden Fall für geringere Methanemissionen.
3.3.1 Ziele und Rahmenbedingungen
Gärrückstandtrocknung Mit der 2012-Novellierung des Erneuerbar-Energien-Gesetz
Beim Einsatz von Gärrückstandtrocknungen (vgl. 10.4.1.3) ent- (EEG) wurde eine Sondervergütung für kleine Biogasanlagen bis
stehen verfahrensbedingt hohe Staub-, Geruchs- und NH3-Emis- 75 kW installierte elektrische Leistung, die vornehmlich Gülle
sionen, daher können diese Anlagen aus Sicht des Immissions- vergären, eingeführt. Ziel der besonders hohen Vergütung für
schutzes i. d. R. nicht ohne eine entsprechende Abluftreinigung Kleinanlagen zur dezentralen Wirtschaftsdüngervergärung ist
betrieben werden. Den wichtigsten Bestandteil stellt dabei die die verstärkte Erschließung dieses Potenzials, von dem bislang
Nutzung eines sauren Wäschers zur Reduktion der Ammoniak- in Deutschland erst etwa ein Viertel zur Biogasgewinnung ge-
gehalte dar. Idealerweise kann dieser noch durch Staub- und nutzt wird. Nicht zuletzt soll damit auch eine Reduzierung der
Biofilter zu einem 3-stufigen Abluftreinigungssystem ergänzt klimarelevanten Methanemissionen erreicht werden, die an-
werden. Für solarunterstütze Trocknersysteme konnten bei- sonsten bei der Güllelagerung entstehen.
spielsweise Emissionen von 25,9 gNH /kgTM für unbehandelten
3

Gärrückstand und 7,75 gNH /kgTM für separierten Gärrückstand


3
3.3.1.1 Strukturelle Rahmenbedingungen
nachgewiesen werden [3-26]. Wirtschaftsdünger, vor allem Gülle, sind wegen des hohen Was-
sergehaltes sowie der eher geringen spezifischen Gasausbeute
3.2.5.5 Fackelanforderungen und der daraus resultierenden geringen Energiedichte wenig
Die Hersteller geben für Nieder- bis Mitteltemperaturfackeln üb- transportwürdig. Die Nutzung dieser Potenziale erfordert daher
licherweise eine Verbrennungseffizienz von 99 bis 99,9 % an. kostengünstige und einfach zu betreibende Anlagen im klei-
Das Abfackeln von Biogas soll im Jahresverlauf 50 h/a gemäß nen Leistungsbereich. Bei reiner Güllevergärung entsprechen
VDI 3475 Blatt 4 nicht übersteigen [3-30]. Die so behandelten 100 Großvieheinheiten (GV) in etwa 15 kW Biogasleistung
Mengen sind also relativ gering. Daher sind keine weitergehen- (abhängig von Tierkategorie, Fütterung, Leistung, Weidegang,
den gesetzlichen Anforderungen bezüglich zulässiger Emis- Einstreu etc.). Sehr viele zukunftsfähige Betriebe erweitern im
sionen aus Gasfackeln gefordert. Üblicherweise verwendete Rahmen des Strukturwandels ihre Viehbestände auf 150–300
Notfackeln benötigen je nach Anbieter einen Methangehalt im GV. Wenn diese Güllemengen samt Futterresten wirtschaftlich
Bereich von 25–70 %, so dass vom Normalbetrieb abweichen- erschlossen werden sollen, müssen die Biogasanlagen niedrige
de Zustände, wie etwa der Ausfall des BHKW oder das Abfackeln Investitionskosten aufweisen und mit wenig Aufwand robust zu
von Gasüberschüssen sicher geführt werden können. betreiben sein.
Für eine ständige Betriebsbereitschaft sind Gasfackeln regel-
mäßig zu warten und zu kontrollieren, inklusive der zugehörigen 3.3.1.2 Technische Rahmenbedingungen
Dokumentation im Betriebstagebuch [3-30]. Die allgemeinen Gülle ist hydraulisch recht einfach zu beherrschen. Daher
technischen Anforderungen sind gemäß [3-29] nach den Emp- können bei hohen Gülleanteilen auch relativ problemlos hy-
fehlungen der BG-Regel 127 und des Sachverständigenkreises draulisch herausfordernde Substrate wie Gras oder Festmist
(SVK) Biogas zu richten und beinhalten im Wesentlichen folgen- integriert werden. Die Mischtechnik sollte dabei für die Anforde-
de Forderungen: rungen des Substratgemisches geeignet sein. Bei der Auswahl
• Flammenüberwachung, der Technik ist zu berücksichtigen, dass je nach Haltungsverfah-
• automatischer Betrieb, ren und Tierart, Einstreu und längere Faserkomponenten (z. B.
• automatisches Schließen des Sicherheitsventil bei Aus- Stroh oder Futterreste) zu Verstopfungen, Sink- oder Schwimm-
lösung der Flammenüberwachung, schichten führen können, wenn die Fermenter enge, unzugäng-
• Saugdrucküberwachung bei Installation mit Verdichter, da- liche Einbauten aufweisen.
mit Gasspeicherraum nicht in den Unterdruckbereich fällt, Auch prozesskinetisch ist Gülle ein sehr einfaches Substrat.
• Brennmuffel bzw. sicherheitstechnische Verschalung, Es ist sehr gut gepuffert und erlaubt von der Hydrolysegeschwin-
• installierte Flammendurchschlagsicherung und digkeit eine gute Abstimmung der verschiedenen Stoffwechsel-
• ausreichende Explosionsfestigkeit der Ausführungen und schritte des Prozesses. Reinigungs- und Desinfektionsmittel,
Rohrleitungen (PN 6) [3-29]. besonders auch Klauenbäder, die im Stallbereich eingesetzt
Mit den angeführten Anforderungen sind ein sicherer Fackelbe- werden und mit der Gülle vergärt werden sollen, müssen aller-
trieb und damit eine zuverlässige Verbrennung des Biogases im dings auf ihre Prozessverträglichkeit geprüft werden.
Störungsfall gewährleistet. Beim Einsatz von Hochtemperatur-

60
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Abb. 3.44: Kleine Hofanlagen zur Güllevergärung [agriKomp GmbH]

Aspekte wie vorhandene Viehhaltungskapazität bzw. ver- Jahr 2012. Diese Vergütungsklasse unterliegt einer Degression
fügbare Güllemengen müssen bei der Planung ebenso berück- von 2,0 % (§ 20, Abs. 2, Nr. 5). Das bedeutet, dass Neuanlagen
sichtigt werden, wie die geringere Ausbeute an Strom beim mit Inbetriebnahme in den kommenden Jahren folgende Vergü-
Einsatz nachwachsender Rohstoffe (bis zu 20 % auf Masseba- tung erhalten (vgl. Kap. 7.3 und 7.5):
sis erlaubt). Diese geringere Ausbeute resultiert vor allem auf • 2013: 24,50 ct/kWh
Grund der verminderten elektrischen Wirkungsgrade von klei- • 2014: 24,01 ct/kWh
neren BHKW, die maximal 35 % erreichen, Große Aggregate • 2015: 23,53 ct/kWh
können währenddessen bis zu 44 % erreichen. Die Stromer- Bedingungen für den Erhalt dieser Sondervergütung sind, dass
zeugung aus Energiepflanzen liegt dadurch um ca. 20 % unter • zur Erzeugung des Biogases in dem jeweiligen Kalenderjahr
der Verwertung der gleichen Substrate in größeren Anlagen. durchschnittlich ein Anteil von Gülle im Sinne der Nummern
Ob dies durch eine bessere Wärmeverwertung ausgeglichen 9 (Pferdemist) und 11 bis 15 (Rinderfestmist, Rindergülle,
werden kann, muss für jedes Projekt mit Einsatz von Energie- Schafmist, Ziegenmist, Schweinefestmist, Schweinegülle)
pflanzen im Einzelfall geprüft werden. Für die Verwertung we- der Anlage 3 zur Biomasseverordnung von mindestens 80
nig transportwürdiger Substrate, wie z. B. Gülle, gilt dies nicht, Masseprozent eingesetzt wird;
da deren Nutzung durch die dezentralen kleinen Anlagen erst • die installierte Leistung am Standort der Biogaserzeugungs-
möglich wird. anlage insgesamt höchstens 75 Kilowatt beträgt und
Bei reiner Güllevergärung ist auch die Wärmebilanz der • die Stromerzeugung am Standort der Biogaserzeugungsan-
Anlagen im Winter unter Umständen ein kritischer Punkt. Sie lage erfolgt, d. h. es ist kein Satelliten-BHKW möglich.
sollte daher unbedingt berechnet werden. Dabei muss geprüft Weiterhin besteht nach § 27 Absatz 5 die Pflicht zur Nach-
werden, ob die Wärme auch bei längeren Kälteperioden zur weisführung, welche Biomasse eingesetzt wird, mittels eines
Versorgung der Anlage und des externen Wärmebedarfes aus- Einsatzstoff-Tagebuchs. Wenn außer Gülle im Sinne des § 2,
reicht. Die externe Wärmenutzung ersetzt in diesem Bereich Satz 1, Nummer 4 des Düngegesetzes („Gülle: Wirtschaftsdün-
meist direkt einen teuren Brennstoff für Stall- oder Wohnhaus- ger aus tierischen Ausscheidungen, auch mit geringen Mengen
beheizung, ist also sehr wichtig für die Wirtschaftlichkeit und Einstreu oder Futterresten oder Zugabe von Wasser, dessen Tro-
Ökobilanz der Anlagen. Gegebenenfalls ist eine Isolierung des ckensubstanzgehalt 15 vom Hundert nicht übersteigt“) weitere
Fermenterdaches notwendig (bei Rührkesseln meist isoliertes Substrate eingesetzt werden, muss außerdem eine Verweilzeit
Betondach statt Tragluftdach). Zu berücksichtigen sind auch von mindestens 150 Tagen im gasdichten System eingehalten
Raumbelastung und Verweilzeit, die unter Umständen auf werden. In der Regel muss dann das Gärrückstandslager gas-
Grund des Kostendrucks bei kleinen Anlagen, insbesondere bei dicht abgedeckt werden.
Containeranlagen oder anderen Fertiganlagenkonzepten kri-
tisch werden können. Bei günstigen Bedingungen (ideal ist ein 3.3.2 Angebotene Technologien
gleichzeitiger Bau von BGA und Güllelager) lässt sich der große Aus Anbietersicht wird das Segment sehr unterschiedlich be-
Lagerungsbedarf für Gülle wegen der begrenzten Ausbringzei- wertet. Viele Hersteller messen der Kategorie der güllebasierten
ten gut mit langen Verweilzeiten im Nachgärlager einer Biogas- Kleinanlagen keine oder wenig Bedeutung bei. Andere Her-
anlage kombinieren. steller sehen gute Voraussetzungen, das Segment erfolgreich
zu bedienen. Ein wichtiges Argument, sich mit den Konzepten
3.3.1.3 Gesetzliche Rahmenbedingungen güllebasierter Kleinanlagen näher zu beschäftigen, sind die
Im EEG 2012 wurden besondere Anreize für güllebasierte Klein- Exportmärkte, was auch von verschiedenen Herstellern explizit
anlagen bis zu einer installierten elektrischen Leistung von genannt wird. Weltweit gibt es sehr viele Tierhaltungsstandorte
75 kW unter bestimmten Bedingungen gesetzt (§ 27b). Die in entsprechender Größe. Da es in anderen Ländern oft keine
über 20 Jahre (plus Inbetriebnahmejahr) garantierte Vergütung besondere Vergütung für Energiepflanzen gibt, können kosten­
betrug 25,0 Cent pro Kilowattstunde bei Inbetriebnahme im effiziente und betriebssichere Anlagen im kleineren Leistungs-

61
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 3.45: Güllevergärungsanlage, Güllezuführung über Pumpe aus Vorgrube [DBFZ]

bereich daher besondere Bedeutung für den wachsenden Ex- dabei die Anforderungen an die Verweilzeit im gasdichten
port von Biogastechnik aus Deutschland erhalten. System (3.3.1).
Der Markt zeigt eine erhebliche Breite an unterschiedlichen Unterschiede bei diesen Anlagenkonzepten bestehen vor
technischen Lösungen. Diese reichen von für den Standort allem in der Substratzuführung, in der Behälterabdeckung (hier
maßgeschneiderten Konzepten unter weitestgehender Nutzung besteht ein enger Zusammenhang zur Gasspeicherung) und im
vorhandener Einrichtungen (z. B. Güllelager und -pumpen, Ge- Bereich der Rührtechnik. Es kommen alle möglichen Kombina-
bäude zum Einbau von BHKW oder Einbindung des BGA-Baus tionen in der Praxis vor, die in den Abbildungen 3.45 bis 3.49
in ein Stallneubaukonzept) bis zu verschiedenen Spezialkon- dargestellten Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollstän-
zepten, deren wesentliche Teile komplett im Werk vorgefertigt digkeit. Zur Vereinfachung wurden bei den Abbildungen die
werden. Teilweise wurden vorhandene Konzepte speziell für Substratzuführungsvarianten weggelassen.
diese Anlagenklasse optimiert und vor allem unter Kostenge-
sichtspunkten vereinfacht. Substratzuführung
Der Betrachtung von Schnittstellen bzw. Eigenleistungen Die Substratzuführung erfolgt bei reinen Gülleanlagen üblicher-
muss bei den Angeboten Beachtung geschenkt werden. Un- weise mit einer Pumpe; soweit nur geringe Anteile an Feststof-
ter Hinzuziehung eines neutralen Beraters (z. B. der Landwirt- fen zugeführt werden, erfolgt deren Zugabe häufig über die Vor-
schaftskammern) ist eine Angebotsprüfung hinsichtlich der grube. Feststoffe wie Futterreste, Mist und NawaRo in größeren
Gesamtinvestitionen inklusive der bauseits zu erbringenden Mengen werden meist mit der Kombination aus Vorlagebehälter
Leistungen mit Überprüfung der Wirtschaftlichkeit empfehlens- und Schnecken oder auch mit Rachentrichterpumpen zugeführt.
wert. Auch ist die technische Eignung des angebotenen Ver- Teilweise wird als Kosubstrat Getreidekorn verwendet, dass
fahrens unter Einbeziehung der konkret verfügbaren Substrate in einem Getreidesilo gelagert wird und voll automatisch zuge-
zu prüfen. Nach Möglichkeit sollten dazu Referenzanlagen be- führt werden kann. Die Rührtechnik kann bei der Substratkombi-
sichtigt werden. Bei der technischen Bewertung von Angebo- nation Gülle + Getreidekorn recht einfach gestaltet sein. Wegen
ten müssen u. a. Aspekte wie Verweilzeit, Raumbelastung und der geringen Flächenproduktivität von Getreidekorn, noch dazu
Substratflexibilität berücksichtigt werden. Der vorgeschriebene in Verbindung mit den geringeren elektrischen Wirkungsgraden
Anteil von mindestens 80 % tierischer Wirtschaftsdünger (siehe von kleinen Anlagen ist die Nutzung von Getreide hinsichtlich
Kap. 3.3.1) besteht bei den Kleinanlagen weitgehend aus Gül- einer effizienten Biomasse- und Flächennutzung jedoch kritisch
le, da entsprechend große Tierhaltungsanlagen meist auf Flüs- zu sehen.
sigmistbasis arbeiten. Dies hat den großen Vorteil, dass neben
dem hohen Gülleanteil relativ problemlos hydraulisch heraus- Behälterabdeckung
fordernde Substrate, wie strohreicher Mist oder Grassilage mit Auch im Segment der Kleinanlagen werden die meisten Behäl-
vergoren werden können. ter gasdicht mit Membranen (Tragluftdächer oder einschalige
Gasspeichermembranen) abgedeckt. Im Vergleich zu größeren
3.3.2.1 Rührkesselanlagen Anlagen ist in der 75 kW-Klasse jedoch der Anteil zweischaliger
Rührkesselfermenter sind im Bereich der 75 kW-Klasse be- Dächer (meist Tragluftdächer) geringer. Dafür sind die Anteile
sonders weit verbreitet. Sie werden von vielen Herstellern einschaliger Gasspeicher und fester Betondächer deutlich hö-
angeboten. Meist sind es die von den jeweiligen Anlagenbau- her. Der Einsatz einschaliger Gasspeicherdächer dient vor allem
ern und Planern angebotenen üblichen Anlagenkonzepte in der Kostenreduktion, hat aber auch technische Gründe: bei
vereinfachter Ausführung. Dabei werden soweit wie möglich kleinen Behältern ist der Segeleffekt bei Wind und nicht straff
vorhandene Elemente genutzt. Als Vorgrube dient häufig der gefülltem Gasspeicher weniger ausgeprägt, es kann also kaum
Gülle-Sammelschacht des vorhandenen Stalls, auch die dort zu Schäden kommen. Betondächer sind auf kleineren Behältern
üblicherweise vorhandene Pumpe wird meist in das Konzept konstruktions- und kostenseitig einfacher zu installieren als auf
eingebunden. Soweit möglich, werden auch vorhandene Gül- großen Behältern. Bei letzteren sind neben einer geeigneten
lelager als Gärrückstandslager verwendet. Zu beachten sind Mittelstütze ggf. weitere statische Elemente erforderlich. Beton-

62
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

dächer dienen teilweise der Einbindung von Axialrührwerken.


Vor allem wird dadurch die Möglichkeit zur Wärmeisolierung
der Behälter verbessert. Anlagen mit ausschließlicher Gül-
levergärung lagern die vergorene Gülle häufig offen, meist in
vorhandenen Behältern. Wenn weder auf dem Fermenter, noch
auf dem Gärrückstandslager ein ausreichender Gasspeicher in-
stalliert ist, muss mit externem Gasspeicher gearbeitet werden. 3
Dies gilt nicht nur für Rührkessel, sondern in noch höherem
Maße auch für die übrigen Fermentertypen.
Bei offener Lagerung von vergorener Gülle müssen auch die
erhöhten Ammoniakemissionen beachtet werden. Eine Minde-
rung ist durch eine Abdeckung möglich, z. B. mit schwimmen- Abb. 3.46: Fermenter mit axialem Rührwerk auf Betondecke [DBFZ]
den Polygonen aus Kunststoff, in gewissem Maße auch durch
Beschattung und Windschutz (Bäume). Bei Nutzung vorhan-
dener Güllelager ist die gasdichte Abdeckung häufig wegen
fehlender technischer Eignung oder je nach Genehmigungsbe-
hörde wegen Verlust des Bestandsschutzes (z. B. fehlende Leck­
erkennungsdrainage) unverhältnismäßig. Beim Neubau von Be-
hältern stehen die Mehrkosten für eine gasdichte Abdeckung
hingegen in einem vernünftigen Verhältnis zu den eingesparten
Emissionen, zu höheren Erträgen durch Nutzung des Restgas-
potenziales und zu einer besseren Auslastung des BHKW auf-
grund des höheren Gasspeichervolumens. Neugebaute Behäl-
ter sollten daher in jedem Fall gasdicht ausgeführt sein.

Rührtechnik
Ebenso wie bei größeren Anlagen werden auch bei den Klein- Abb. 3.47: Ringsystem mit innen liegendem Fermenter, außen liegen-
anlagen verschiedene Rührwerksausführungen eingesetzt. dem Gärrückstandslager [DBFZ]
Neben Tauchmotorrührwerken werden seitlich schräg oder
horizontal eingebundene Rührwerke mit Wellendurchführung Besonderheiten
und außenliegendem Motor verwendet. Bei Betondächern In der Kleinanlagenklasse werden zwei Besonderheiten bei
werden außerdem mittig oder seitlich angeordnete Axialrühr- Rührkesselfermentern angeboten:
werke eingesetzt (siehe Abb. 3.46). Die Länge der Wellen, die • ein Selbstbausatz aus Holzdauben, der vorgefertigt angelie-
Größe der Rührflügel und die Umdrehungsgeschwindigkeiten fert und durch umfangreiche Eigenleistung mit Hilfe eines
variieren ebenso wie bei größeren Anlagen (vgl. Kapitel 3.2.2). Richtmonteurs des Anlagenbauers aufgestellt wird, sowie
Auch hier gilt selbstverständlich der Zusammenhang zwischen • ein Anlagentyp mit 2 Betonringen, bei dem im inneren Ring
der Umdrehungsgeschwindigkeit und der Flügel- bzw. Paddel- der Fermenter und im äußeren Ring das Gärrückstandslager
größe. Je größer die Flügel- bzw. Paddel sind, umso langsamer untergebracht ist (Abb. 3.47).
müssen sie gedreht werden. Üblicherweise werden kurzflügeli- Im Kleinanlagenbereich werden auch Anlagen mit vorgelager-
ge Rührwerke mit hohen Umdrehungsgeschwindigkeiten im In- ter Hydrolyse angeboten. Wird diese Hydrolyse nicht gasdicht
tervallbetrieb, langflügelige Rührwerke dagegen kontinuierlich ausgeführt, treten erhöhte Emissionen auf (vgl. Kap. 3.2.5 und
arbeitend eingesetzt. 5.6.4). Eine solche Ausführung sollte also unterbleiben. Es
muss außerdem berücksichtigt werden, dass Gülle ein sehr gut
gepuffertes Substrat mit pH-Werten im neutralen bzw. schwach

Abb. 3.48: Horizontaler Fermenter mit BHKW und weiterer Technik im Container [DBFZ]

63
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

sauren Bereich ist. Bei den hohen Gülleanteilen der Kleinanla- lichkeit zu den vertikalen Strömungskanälen sind auch hier je
genklasse sind die mit einer separaten Hydrolyse normalerwei- nach Substratcharakter zu prüfen.
se beabsichtigten niedrigen pH-Werte also kaum erreichbar.
3.3.2.4 Weitere Kleinanlagenkonzepte
3.3.2.2 Horizontale Fermenter Ein Verfahren mit Einschubschacht für die festen Substrate und
Horizontale Fermenter mit liegendem Paddelrührwerk werden Beregnungstechnik ermöglicht bei hohen Gülleanteilen selek-
im Kleinanlagenbereich sowohl – wie bei großen Anlagen üb- tive Verweilzeiten für den Feststoffanteil und die gute Beherr-
lich – als frei aufgestellte Fermenter angeboten, als auch inte- schung höherer Anteile fester Substrate wenn der Wirtschafts-
griert in 40 Fuß-Container (Abb. 3.48). Teilweise ist dabei die düngeranteil zu großen Teilen aus Festmist besteht. Hierbei
komplette Anlagentechnik in einem Container untergebracht, werden die dünnflüssigen Substrate aus dem unteren Fermen-
also ein entsprechend kleiner Fermenter, das BHKW und die terraum abgezogen und anschließend zur Beregnung der Fer-
weitere Anlagentechnik. Die Gasspeicherung erfolgt optional in menteroberfläche mit frequenzgesteuerter Pumpe eingesetzt.
einem gasdicht abgedeckten Gärrückstandslager oder in einem Als Verfahren mit geringer verschleißanfälliger Technik im
externen Gasspeicher. Die Verweilzeit in einem solchen Fer- Fermenter und besonderer Eignung für hohe Gülleanteile wird
menter sollte kritisch geprüft werden. auch im Kleinanlagenbereich das Pfefferkornprinzip angeboten.
Dabei wird durch die Schließung von Ventilen in einer Kammer
3.3.2.3 Kompaktanlagen (Turm- oder Container) der beiden Ringe ein höherer Gasdruck erzeugt. So entsteht ein
Von mehreren Herstellern werden Kompaktanlagen angeboten, Niveauunterschied des Substrates. Bei Erreichung eines be-
deren Kernelement jeweils ein oder zwei Türme mit jeweils un- stimmten Druckunterschiedes wird das Gasventil automatisch
terschiedlicher Ausgestaltung sind (Abb. 3.49 und 3.50). Alle geöffnet, es erfolgt ein Druckausgleich. Das Substrat strömt aus
Varianten werden als Hochlastverfahren angeboten. Die Subs- der Kammer mit höherem Niveau über Mischklappen in die an-
tratdurchmischung erfolgt jeweils hydraulisch mittels Pumpe. dere Kammer und wird ohne externe Energie durchmischt.
Verfahrenselemente wie integrierte Hydrolysezone, Oberflä-
chenvergrößerung, selektive Verweilzeit und Biomasserückfüh-
rung sollen in diesen Anlagen eine hohe Leistungsdichte er-
möglichen. Je nach Substrat (z. B. Futterreste, Einstreu oder Gras
als Kosubstrat) und örtlichen Bedingungen (z. B. notwendiger
Neubau Güllelagerung) müssen die technische Eignung sowie
die Vorteile der jeweiligen Technologie, möglichst unter Hin-
zuziehung eines neutralen Beraters und mehrerer Referenzen,
gründlich geprüft werden.
Die im Container fertig angelieferten Horizontalfermenter
mit Paddelrührwerk sind oben bereits behandelt, werden daher
hier nicht nochmal aufgeführt.
Ein Fermentertyp, der in 40 Fuß-Container eingebaut ist, be-
inhaltet einen vertikalen, schlaufenförmigen Pfropfenstrom. Der
Propfenstromcharakter kann so sehr gut sichergestellt werden.
Der Umgang mit Sink- und Schwimmschichten bzw. die Zugäng- Abb. 3.50: Kleinanlage mit Kompaktfermenter (Turm) [4Biogas]

Abb. 3.49: Kompaktfermenter (Turm) mit hydraulischer Durchmischung [DBFZ]

64
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

Zur sicheren Beherrschung möglicher Schwimmdecken wer- G 1030 Anforderungen an die Qualifikation und die Organisati-
den von einem Anbieter zusätzlich ein bis zwei schwach dimen- on von Betreibern von Anlagen zur Erzeugung, Fortleitung, Auf-
sionierte Paddelrührwerke in der äußeren Kammer eingebaut. bereitung, Konditionierung oder Einspeisung von Biogas
Zur Vergärung des in dieser Anlagenklasse möglichen Fest-
mistes würden sich prinzipiell auch verschiedene Garagen- bzw. VDE- und VDI-Richtlinien:
Containerverfahren mit Perkolation eignen. Es muss aber be- VDE 0165 Teil 1/ EN 60 079-14 Elektrische Betriebsmittel für
zweifelt werden, ob diese Verfahren unter ökonomischen Be- gasexplosionsgefährdete Bereiche – Teil 14: Elektrische Anla- 3
dingungen die dann notwendige Verweilzeit von 150 Tagen im gen in explosionsgefährdeten Bereichen (ausgenommen Gru-
gasdichten System sicherstellen können. Daher wird hier auf die benbau)
entsprechende Darstellung verzichtet. VDE 0170/0171 Elektrische Betriebsmittel für explosionsge-
fährdete Bereiche
VDE 0185-305-1 Blitzschutz
3.4 Relevante technische und Arbeits- VDI-Richtlinie 3475 Blatt 4 Emissionsminderung – Biogasanla-
schutzregelwerke gen in der Landwirtschaft – Vergärung von Energiepflanzen und
Wirtschaftsdünger
Neben den gesetzlichen Vorschriften zu Anlagen- und Arbeits- VDI-Richtlinie 4631 Gütekriterien für Biogasanlagen
sicherheit sowie zum Umweltschutz existiert eine Reihe von VDI/VDE-Richtlinie 2180 Blatt 1–6 Sicherung von Anlagen der
Regelwerken, die sich mit technischen Anforderungen an Bio- Verfahrenstechnik mit Mitteln der Prozessleittechnik (PLT)
gasanlagen beschäftigen. Nachfolgend werden einige Wichtige
beispielhaft genannt: Staatliche Regeln:
TRBS 1111 Gefährdungsbeurteilung und sicherheitstechnische
Grundsätze von Sicherheitsgutachtern: Bewertung
SVK Biogas – Grundsätze für die Sicherheit von Biogasanlagen TRBS 1201 Teil 1 und 2 Prüfungen von Arbeitsmitteln und über-
wachungsbedürftigen Anlagen
Regeln der Berufsgenossenschaften: TRBS 1203 Befähigte Personen
BG Technische Information 4 Sicherheitsregeln für Biogas­ TRBS 2152 Teil 1–4 Gefährliche explosionsfähige Atmosphäre
anlagen TRBS 2153 Vermeidung von Zündgefahren infolge elektrostati-
BG-Regel 104 Explosionsschutz-Regeln scher Aufladungen
BG-Regel 117 Arbeiten in Behältern, Silos und engen Räumen TRBA 214 Abfallbehandlungsanlagen einschließlich Sortieran-
BG-Regel 127 Arbeit auf und in Deponien lagen in der Abfallwirtschaft für Biogasanlagen in denen Abfall
verwertet wird
DIN-Normen: TRBA 230 Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit biologischen
DIN 11622-2 Gärfuttersilos und Güllebehälter Arbeitsstoffen in der Land- und Forstwirtschaft und bei ver-
DIN 1045 Tragwerke aus Beton, Stahlbeton und Spannbeton gleichbaren Tätigkeiten
DIN EN 14015 Auslegung und Herstellung standortgefertigter, TRBA 500 Allgemeine Hygienemaßnahmen: Mindestanforde-
oberirdischer, stehender, zylindrischer, geschweißter Flachbo- rungen
den-Stahltanks für die Lagerung von Flüssigkeiten bei Umge- TRGS 554 Abgase von Dieselmotoren
bungstemperatur und höheren Temperaturen
DIN 18800 Stahlbauten Im Kapitel 5.5 Betriebssicherheit werden ausführliche Infor-
DIN 4102 Brandverhalten von Baustoffen und Bauteilen mationen zu weiteren sicherheitstechnischen Anforderungen
DIN 0100 Teil 705 Errichten von Niederspannungsanlagen an den Betrieb von Biogasanlagen gegeben. Im Speziellen
DIN EN 13463 Nicht-elektrische Geräte für den Einsatz in explo- werden dort Sicherheitsregeln bezüglich der bestehenden
sionsgefährdeten Bereichen Vergiftungs- und Erstickungs- sowie der Brand- und Explosi-
onsgefahr erläutert.
DVGW-Arbeitsblätter:
G 262 Nutzung von Gasen aus regenerativen Quellen in der öf-
fentlichen Gasversorgung
VP 265 ff Anlagen für die Aufbereitung und Einspeisung von Bio-
gas in Erdgasnetze
G 415 Leitfaden für Planung, Bau und Betrieb von Biogaslei­
tungen
G 462 Teil 1 und 2 Errichtung von Gasleitungen bis 4 bar (bzw.
4–16 bar) Betriebsdruck
G 469 Druckprüfverfahren für Leitungen und Anlagen der Gas-
versorgung
G 600 Technische Regeln für Gas-Installationen DVGW-TRGI
2008

65
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

3.5 Literaturverzeichnis [3-9] Wilfert, R.; Schattauer, A.: Biogasgewinnung und -nutzung
– Eine technische, ökologische und ökonomische Analyse;
[3-1] Schulz, H.; Eder, B.: Biogas-Praxis: Grundlagen, Planung, An- DBU Projekt 15071; Zwischenbericht; Institut für Energetik
lagenbau, Beispiel, 2. überarbeitete Auflage, Ökobuch Verlag, und Umwelt gGmbH Leipzig, Bundesforschungsanstalt für
Staufen bei Freiburg, 1996, 2001, 2006 Landwirtschaft (FAL); Braunschweig, Dezember 2002
[3-2] Weiland, P.; Rieger, Ch.: Wissenschaftliches Messprogramm [3-10] Zement-Merkblatt Landwirtschaft LB 3: Beton für landwirt-
zur Bewertung von Biogasanlagen im Landwirtschaftlichen schaftliche Bauvorhaben, Bauberatung Zement
Bereich; (FNR-FKZ: 00NR179); 3. Zwischenbericht; Institut für [3-11] Zement-Merkblatt Landwirtschaft LB 13: Dichte Behälter für
Technologie und Systemtechnik/Bundesforschungsanstalt für die Landwirtschaft, Bauberatung Zement
Landwirtschaft (FAL); Braunschweig; 2001 [3-12] Gers-Grapperhaus, C.: Die richtige Technik für ihre Biogasan-
[3-3] Jäkel, K.: Managementunterlage „Landwirtschaftliche Biogas­ lage, Biogas Strom aus Gülle und Biomasse, top agrar Fach-
erzeugung und -verwertung“, Sächsische Landesanstalt für buch, Landwirtschaftsverlag GmbH, Münster-Hiltrup, 2002
Landwirtschaft, 1998 / 2002 [3-13] Zement-Merkblatt Landwirtschaft LB 14: Beton für Behälter in
[3-4] Neubarth, J.; Kaltschmitt, M.: Regenerative Energien in Biogasanlagen, Bauberatung Zement
Österreich – Systemtechnik, Potenziale, Wirtschaftlichkeit, [3-14] Kretzschmar, F.; Markert, H. (2002): Qualitätssicherung bei
Umweltaspekte; Wien, 2000 Stahlbeton-Fermentern; in: Biogasjournal Nr. 1/2002
[3-5] Hoffmann, M.: Trockenfermentation in der Landwirtschaft – [3-15] Kaltschmitt, M.; Hartmann, H.; Hofbauer, H.: Energie aus
Entwicklung und Stand, Biogas – Energieträger der Zukunft, Biomasse – Grundlagen, Techniken und Verfahren; Springer
VDI-Berichte 1751, Tagung Leipzig 11 und 12. März 2003 Verlag Berlin, Heidelberg, New York, 2. neu bearbeitete und
[3-6] Aschmann, V.; Mitterleitner, H.: Trockenvergären: Es geht auch erweiterte Auflage 2009
ohne Gülle, Biogas Strom aus Gülle und Biomasse, top agrar [3-16] Gesprächsnotiz Dr. Balssen (ITT Flygt Water Wastewater Treat-
Fachbuch, Landwirtschaftsverlag GmbH, Münster-Hiltrup, ment); September 2009
2002 [3-17] Postel, J.; Jung, U.; Fischer, E.; Scholwin, F.; Stand der Technik
[3-7] Beratungsempfehlungen Biogas, Verband der Landwirt- beim Bau und Betrieb von Biogasanlagen – Bestandsaufnah-
schaftskammern e. V., VLK-Beratungsempfehlungen 2002 me 2008, Umweltbundesamt (Hrsg.); online verfügbar unter
[3-8] Block, K.: Feststoffe direkt in den Fermenter, Landwirtschaftli- www.umweltbundesamt.de/uba-info-medien/
ches Wochenblatt, S. 33–35, 27/2002 mysql_medien.php?anfrage=Kennummer&Suchwort=3873
[3-18] Bundesverband der landwirtschaftlichen Berufsgenossen-
schaften (Hrgb.); Technische Information 4 – Sicherheitsregeln
für Biogasanlagen; Kassel; 10/2008; online verfügbar unter
www.svlfg.de/30-praevention/prv051-fachinformationen/
prv0501-allgemein/08_biogasanlagen/info0095.pdf

Abb. 3.51: Landwirtschaftlicher Betrieb mit Gülle-Kleinanlage [agriKomp GmbH]

66
Anlagentechnik zur Biogasbereitstellung

[3-19] Oechsner H.; Lemmer A.: Was kann die Hydrolyse bei der [3-29] Vaßen, P. 2012: Informationen zu Erfordernis und Betrieb von
Biogasvergärung leisten?; VDI-Gesellschaft Energietechnik: Gasfackeln.
BIOGAS 2009. Energieträger der Zukunft.; VDI-Berichte, Band [3-30] VDI, Kommission Reinhaltung der Luft 2010: VDI 3475 Blatt 4
2057; VDI-Verlag, Düsseldorf, 2009 – Emissionsminderung, Biogasanlagen in der Landwirtschaft,
[3-20] Bayerisches Landesamt für Umwelt (Hrsg.): Biogashandbuch Vergärung von Energiepflanzen und Wirtschaftsdünger. VDI/
Bayern – Materialienband, Kapitel 1.5., Stand 2007, Augs- DIN-Handbuch Reinhaltung der Luft. Düsseldorf: Beuth-Verlag
burg. GmbH, 2010. Band 3: Emissionsminderung II. 3
[3-21] Büeler, E. 2011: CH4-Emissionen bei EPDM-Gasspeichern [3-31] [11] Möller, K. und Stinner, W. 2009: Effects of different
und deren wirtschaftlichen und ökologischen Folgen. Schluss- manuring systems with and without biogasdigestion on soil
bericht. Hrsg.: BFE – Bundesamt für Energie. Bern, Schweiz. mineral nitrogen content and on gaseousnitrogen losses
[Online] Zugriff am: 13.09.2012 www.bfe.admin.ch/php/ (ammonia, nitrous oxides). In: Europ. J. Agronomy 30. Seite
includes/container/enet/flex_enet_an zeige.php?lang=de& 1-16. doi:10.1016/j.eja.2008.06.003.
publication=10578&height=400&width=60
[3-22] Effenberger, M., Kissel, R., Marin-Pérez, C., Beck, J., Friedrich,
F. 2010: Empfehlungen zu Verfahren der Hydrolyse in der
Praxis. Hrsg.: Biogas Forum Bayern.[Online] Zugriff am,
08.11.2012, www.biogas-forum-bayern.de/publikationen/
Empfehlungen_zu_Verfahren_der_Hydrolyse_in_der_Praxis.
pdf
[3-23] Johann, J., Konrad, A. 2010: Biogasspeichermembranen:
Wie gasdurchlässig sind Foliendächer? Hrsg.: DLG e. V.
Testzentrum Technik und Betriebsmittel. [Online] Zugriff am:
13.09.2012 www.dlg.org/aktuell_landwirtschaft.html?detail/
dlg.org/1/1/3076
[3-24] Liebetrau, J., Daniel-Gromke, J. Oehmichen, K., Weiland, P.,
Friehe, J., Clemens, J., Haferman, C. 2011: Emissionsanalyse
und Quantifizierung von Stoffflüssen durch Biogasanlagen im
Hinblick auf die ökologische Bewertung der landwirtschaftli-
chen Biogasgewinnung und Inventarisierung der deutschen
Landwirtschaft. Endbericht. Hrsg.: FNR. Gülzow.
[3-25] Stinner, W. (2011): Auswirkungen der Biogaserzeugung in
einem ökologischen Marktfruchtbetrieb auf Ertragsbildung
und Umweltparameter; Diss. Univ. Gießen; ISBN: 978-3-
89574-761-8
[3-26] Maurer, C., Müller, J. 2012: Ammonia (NH3) emissions during
drying of untreated and dewatered biogas digestate in a
hybrid waste-heat/solar dryer. Engineering in Life Sciences.
12 [3]: 321 -326. DOI: 10.1002/elsc.201100113
[3-27] Möller, K., Schulz, R., Müller, T., Deupmann, H., Vogel, A.
2009: Mit Gärresten richtig düngen – Aktuelle Informationen
für Berater. Hrsg.: Universität Hohenheim – Institut für
Pflanzenernährung. [Online] Zugriff am: 06.11.2012 https://
plantnutrition.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/
plantnutrition/Duengung_mit_Bodenchemie/Leitfaden-Bera-
ter09092009.pdf
[3-28] Postel, J., Liebetrau, J., Clemens, J., Hafermann, C., Weiland,
P., Friehe, J: Emissionsreduzierung von Biogasanlagen durch
Anwendung des Standes der Technik, Internationale Bio- und
Deponiegas Fachtagung „Synergien nutzen und voneinander
lernen IV”4. / 5. V. 2010

67
4
Beschreibung
­ausgewählter Substrate

In diesem Kapitel sollen ausgewählte Substrate näher betrach- te müssen alternative Verwertungs- und Behandlungswege für
tet werden. Es wird sowohl auf die Herkunft der Substrate als die anfallende Gülle bzw. den anfallenden Festmist gefunden
auch auf deren wichtigste Eigenschaften wie Trockensubstanz werden. Auch aus Sicht des Klimaschutzes ist eine energetische
(TS), organische Trockensubstanz (oTS), Nährstoffe (N, P, K) Nutzung der Wirtschaftsdünger notwendig, um eine deutliche
oder vorhandene organische Schadstoffe eingegangen. Außer- Reduktion von Lageremissionen zu erreichen. Die wichtigsten
dem werden Aussagen über die zu erwartenden Gaserträge und Stoffdaten von Wirtschaftsdüngern lassen sich aus Tabelle 4.1
die Gasqualität sowie die Handhabung der Substrate getroffen. entnehmen.
Da es nicht möglich ist, die gesamte Bandbreite der potenziell Der Biogasertrag von Rindergülle liegt mit 20–30 Nm3 je t
verfügbaren Substrate zu beschreiben, erhebt dieses Kapitel Substrat geringfügig unter dem der Schweinegülle (vgl. Tabelle
keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Auch unterliegen die hier 4.2). Zudem weist das Gas aus Rindergülle im Vergleich zu dem
dargestellten Substrate jährlichen Qualitätsschwankungen, aus Schweinegülle einen deutlich niedrigeren durchschnitt-
weshalb die in diesem Kapitel aufgeführten Stoffdaten und lichen Methangehalt auf, und somit eine geringere Methan-
Gaserträge keine absoluten Werte darstellen. Es wird vielmehr ausbeute. Dies ist auf die unterschiedliche Zusammensetzung
sowohl eine Spannbreite als auch ein Mittelwert der jeweiligen der Wirtschaftsdünger zurückzuführen. Rindergülle enthält
Parameter dargestellt. überwiegend Kohlenhydrate und Schweinegülle mehrheitlich
Die Angaben zu den Biogas- bzw. Methanerträgen erfol- Proteine, welche die höheren Methangehalte bewirken [4-3]. In
gen jeweils in Normkubikmetern (Nm3). Da das Gasvolumen erster Linie ist der Biogasertrag auf die Gehalte an organischer
von Temperatur und Luftdruck abhängt (ideales Gasgesetz), Trockensubstanz zurückzuführen. Findet, wie es in der Praxis oft
schafft die Normierung des Volumens Vergleichbarkeit unter- der Fall ist, eine Verdünnung der flüssigen Wirtschaftsdünger
schiedlicher Betriebsbedingungen. Die normierte Gasmenge statt (z. B. durch Stall- oder Melkstandreinigung), so können die
bezieht sich auf eine Temperatur von 0 °C und einen Luftdruck tatsächlichen Stoffdaten und Biogaserträge deutlich von den in
von 1.013 mbar. Darüber hinaus kann auf diese Weise dem Tabelle 4.2 dargestellten Werten abweichen.
Methananteil des Biogases ein exakter Heizwert zugeordnet Der Einsatz von Rinder- und Schweinegülle in Biogasanla-
werden, dieser beträgt für Methan 9,97 kWh/Nm3. Durch den gen ist aufgrund ihrer Pumpfähigkeit und einfachen Lagerung
Heizwert kann wiederum auf die Energieproduktion geschlos- in Güllebehältern problemlos möglich. Sie lassen sich darüber
sen werden, was für verschiedene innerbetriebliche Vergleichs- hinaus auf Grund ihres relativ niedrigen Trockensubstanzgehal-
rechnungen erforderlich sein kann. tes gut mit anderen Substraten (Kosubstrate) kombinieren. Die
Einbringung von Festmist erfordert dagegen einen deutlich hö-
heren technischen Aufwand. Aufgrund seiner zähen Konsistenz
4.1 Substrate aus der Landwirtschaft lässt sich Festmist nicht von jeder am Markt verfügbaren Fest-
stoffeinbringtechnik verarbeiten.
4.1.1 Wirtschaftsdünger
Nimmt man die Statistiken über die Nutztierhaltung in Deutsch- 4.1.2 Nachwachsende Rohstoffe
land als Grundlage, so ergibt sich gerade in der Rinder- und Den nachwachsenden Rohstoffen kommt in Zusammenhang
Schweinehaltung ein enormes Potenzial für eine energetische mit der Stromerzeugung aus Biogas seit der ersten Novellie-
Nutzung in Biogasanlagen. Insbesondere durch die wachsen- rung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2004
den Betriebsgrößen in der Tierhaltung und die gestiegenen eine besondere Bedeutung zu. In den meisten der seit diesem
Umweltanforderungen an die weitere Nutzung der Exkremen- Zeitpunkt neu entstandenen Biogasanlagen werden nachwach-

68
Beschreibung ausgewählter Substrate

Tab. 4.1: Nährstoffgehalte von Wirtschaftsdüngern (nach [4-1], verändert)

TS oTS N NH4 P2O5 K2O


Substrat
[%] [% TS] [% TS]
Rindergülle Δ 6–11 75–82 2,6–6,7 1–4 0,5–3,3 5,5–10
Ø 10 80 3,5 n.a. 1,7 6,3
Schweinegülle Δ 4–7 75–86 6–18 3–17 2–10 3–7,5
Ø 6 80 3,6 n.a. 2,5 2,4 4
Rindermist Δ 20–25 68–76 1,1–3,4 0,22–2 1–1,5 2–5
Ø 25 80 4,0 n.a. 3,2 8,8
Geflügelmist Ø 40 75 18,4 n.a. 14,3 13,5
Δ: Bereich der Messwerte; Ø: Mittelwert

Tab. 4.2: Gasertrag und Methanausbeute von Zur Ernte wird die ganze Maispflanze gehäckselt und in Fahr-
Wirtschaftsdüngern (nach [4-2], verändert) siloanlagen eingelagert. Dabei sollte der Trockensubstanzge-
halt nicht niedriger als 28 % TS und nicht höher als 36 % TS
Biogas­ Methan­ Methan- sein. Ist der TS-Gehalt kleiner als 28 % TS, ist mit einem erheb-
ertrag ertrag ausbeute
Substrat lichen Sickerwasseraustritt, verbunden mit erheblichen Ener-
[Nm3/t [Nm3/t [Nm3/t gieverlusten, zu rechnen. Ist der TS-Gehalt größer als 36 % TS,
Substrat] Substrat] oTS] weist die Silage einen hohen Ligninanteil und somit geringere
Rindergülle Δ 20–30 11–19 110–275 Abbaubarkeit auf. Darüber hinaus kann die Silage nicht mehr
Ø 25 14 210 optimal verdichtet werden, was wiederum die Silierqualität und
Schweinegülle Δ 20–35 12–21 180–360 somit die Lagerstabilität negativ beeinflusst. Nach der Einlage-
Ø 28 17 250
rung in das Silo werden die zerkleinerten Pflanzenbestandteile
verdichtet (z. B. durch Radlader, Ackerschlepper) und mit einer
Rindermist Δ 60–120 33–36 130–330
Folie luftdicht verschlossen. Nach einer Silierungsphase von ca.
Ø 80 44 250
12 Wochen kann die Silage in der Biogasanlage verwendet wer-
Geflügelmist Δ 130–270 70–140 200–360 den. Die Stoffdaten und durchschnittlichen Biogaserträge sind
Ø 140 90 280 am Ende dieses Kapitels dargestellt.
Δ: Bereich der Messwerte; Ø: Mittelwert Neben der Ganzpflanzennutzung als Silomais hat die aus-
schließliche Kolbennutzung in der Praxis eine gewisse Be-
deutung. Durch andere Ernteverfahren und -zeitpunkte sind
sende Rohstoffe eingesetzt. Im folgenden Kapitel werden eine Lieschkolbenschrot (LKS), Corn-Cob-Mix (CCM) und Körnermais
Auswahl der am häufigsten eingesetzten nachwachsenden gängige Varianten. LKS und CCM werden in der Regel nach der
Rohstoffe näher beschrieben und Angaben zu deren Stoffeigen- Ernte einsiliert. Körnermais kann entweder nass siliert, geschro-
schaften und Biogaserträgen gemacht. tet und siliert oder getrocknet werden. Die Energiedichte der ge-
Bei der Anbauentscheidung sollte nicht ausschließlich der nannten Substrate ist gegenüber Maissilage deutlich erhöht, al-
höchste Ertrag einer Einzelkultur im Vordergrund stehen, son- lerdings sind die flächenbezogenen Energieerträge, durch den
dern nach Möglichkeit eine integrierte Betrachtung über die Verbleib der Restpflanze auf dem Feld, geringer. Aufgrund der
gesamte Fruchtfolge erfolgen. Durch die Einbeziehung von z. B. starken Zunahme des Maisanbaus in den letzten Jahren, wurde
arbeitswirtschaftlichen Aspekten und Nachhaltigkeitskriterien mit dem EEG 2012 der Einsatz von Mais und Getreidekorn in
alternativer Bewirtschaftungsverfahren, kann eine ganzheitli- Biogasanlagen auf 60 Masse% begrenzt.
che Optimierung des Anbaus von nachwachsenden Rohstoffen
erfolgen. 4.1.2.2 Getreide-Ganzpflanzensilage (GPS)
Für die Erzeugung von Getreide-Ganzpflanzensilage eignen sich
4.1.2.1 Mais nahezu alle Getreidearten sowie deren Mischungen, sofern die
Mais ist das Substrat, welches am häufigsten in landwirtschaft- Abreife zeitlich zusammen erfolgt. Abhängig von den Standort-
lichen Biogasanlagen eingesetzt wird [4-4]. Er eignet sich be- eigenschaften sollte die Getreideart für den Anbau favorisiert
sonders gut aufgrund hoher Energieerträge je Hektar und guter werden, welche erfahrungsgemäß den höchsten Trockenmas-
Vergärungseignung für die Verwendung in Biogasanlagen. Die seertrag realisieren kann. Für die meisten Standorte wird dieses
Ernteerträge sind stark von den Standort- und Umweltbedin- durch Roggen und Triticale erreicht [4-5]. Das Ernteverfahren ist
gungen abhängig und können sich von 35 t Frischmasse (FM) identisch mit dem vom Mais, auch bei Getreide-GPS wird der
auf sandigen bis mehr als 65 t FM/ha auf Hochertragsstand- Bestand vom Halm gehäckselt und einsiliert. Die Ernte sollte,
orten bewegen. Im Mittel liegt der Ertrag bei etwa 45 t FM/ha. abhängig vom Nutzungssystem, zum Zeitpunkt der höchsten
Mais ist eine vergleichsweise anspruchslose Kultur und eignet Trockenmasseerträge erfolgen (Einkultursystem). Dieses ist bei
sich deshalb für nahezu jeden Standort. den meisten Getreidearten zum Ende der Milchreife/Beginn der

69
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Teigreife [4-7]. Bei Getreide-GPS sind abhängig von Standort 4.1.2.4 Getreidekörner
und Jahr Trockenmasseerträge von 7,5 bis annährend 15 t TS/ Getreidekörner eignen sich als Ergänzung des Substratangebo-
ha zu erzielen, das entspricht bei 35 % TS einem Frischmasseer- tes besonders gut für den Einsatz in Biogasanlagen. Aufgrund
trag von 22 bis 43 t Frischmasse/ha [4-6]. ihrer sehr hohen Biogaserträge und schnellen Abbaubarkeit
Die Erzeugung von Grünroggensilage ist ein in der Praxis sind sie insbesondere zur Feinsteuerung der Biogaserzeugung
weit verbreitetes Verfahren. Dabei wird der Roggen, deutlich geeignet. Dabei ist die Art des Getreides unwesentlich. Um ei-
früher als bei GPS, im absetzigen Ernteverfahren einsiliert. Das nen schnellen Aufschluss zu gewährleisten ist es wichtig, dass
bedeutet, er wird zunächst gemäht und anschließend 1 bis 2 die Getreidekörner vor der Dosierung zerkleinert werden (z. B.
Tage angewelkt, gehäckselt und einsiliert. Unmittelbar nach der Schroten, Quetschen). Die Einsatzbeschränkung gemäß EEG
Ernte wird dem Grünroggen in der Regel eine Folgefrucht zur 2012 ist zu beachten (vgl. Kapitel 4.1.2.1).
Energieerzeugung nachgestellt (Zweikultursystem). Aufgrund
des hohen Wasserverbrauchs eignet sich dieses Verfahren nicht 4.1.2.5 Rüben
für jeden Standort. Darüber hinaus kann es bei zu geringen Auf Grund ihres hohen Massewachstums eignet sich die Rübe
TS-Gehalten des Erntegutes zu Schwierigkeiten bei der Silie- (Futter- oder Zuckerrübe) gut zum Anbau als nachwachsender
rung kommen (z. B. Sickersaftaustritt, Befahrbarkeit des Silos). Rohstoff. Besonders die Zuckerrübe hat in einigen Regionen tra-
Die Stoffdaten von Getreide-GPS sowie dessen Gaserträge sind ditionell eine hohe Anbaubedeutung. Aufgrund von marktregu-
am Ende dieses Kapitels dargestellt. latorischen Maßnahmen müssen vermehrt Rübenmengen zur
Zuckerproduktion reduziert werden. Da der Anbau von Zucker-
4.1.2.3 Grassilage rüben ein bekanntes Produktionsverfahren darstellt und diverse
Der Anbau und die Ernte von Gras bzw. die Nutzung von Grassi- pflanzenbauliche Vorteile mit sich bringt, wird zunehmend der
lage ist wie auch beim Mais gut mechanisierbar. Die Ernte von Focus auf die Biogasnutzung gelegt.
Grassilage wird im absetzigen Verfahren durchgeführt, wobei Die Rübe stellt spezielle Ansprüche an Boden und Klima. Um
die Aufnahme des angewelkten Grases mit einem Kurzschnittla- hohe Erträge realisieren zu können, braucht sie ein eher mil-
dewagen oder mit einem Häcksler erfolgen kann. Aufgrund der des Klima und tiefgründige humose Böden. Die Möglichkeit der
besseren Zerkleinerungsleistung ist bei Grassilage für die Bio- Feldberegnung kann auf leichten Standorten erheblich zur Er-
gasnutzung die Häckslervariante zu bevorzugen. tragssicherung beitragen. Die Erträge sind abhängig von Stand-
Grassilage kann von einer ein- oder mehrjährigen Ackernut- ortvoraussetzungen und Umweltbedingungen und bewegen
zung oder von Dauergrünlandflächen erzeugt werden. Abhän- sich bei der Zuckerrübe durchschnittlich um 50–60 t FM/ha.
gig vom Standort, den Umweltbedingungen sowie der Intensität Bei den Erträgen der Futterrüben ergeben sich zusätzlich noch
der Grünlandnutzung schwanken die Erträge sehr stark. Je nach Sortenunterschiede, so liegt der Ertrag von Masserüben bei ca.
Witterung und Klimabedingungen sind bei intensiver Nutzung 90 t FM/ha und der der Gehaltsrüben bei ungefähr 60–70 t FM/
drei bis fünf Ernten im Jahr möglich. In diesem Zusammenhang ha [4-8]. Bei den Erträgen der Blattmasse ergeben sich eben-
sind zum einen die hohen Mechanisierungskosten und zum an- falls sortenspezifische Unterschiede. So liegt die Relation von
deren mögliche hohe Stickstofffrachten, welche zu Problemen Rübenmasse zu Blattmasse bei der Zuckerrübe bei 1:0,8 und
bei der Vergärung führen können, zu beachten. Allerdings kann die der Gehaltsrübe bei 1:0,5. Die Massenrübe hat auf Grund
Grassilage auch von extensiv genutzten Naturschutzflächen ge- ihres hohen Massewachstums „nur“ eine Rübe-Blatt-Relation
erntet werden, wobei hier aufgrund hoher Ligninanteile geringe von 1:0,3-0,4 [4-8]. Die Stoffdaten und Gaserträge von Zucker-
Gasausbeuten realisiert werden. Durch die Vielzahl der unter- rüben sind in Tabelle 4.3 und 4.4 dargestellt.
schiedlichen Erzeugungsmöglichkeiten von Grassilage sind Bei der Biogasnutzung von Zuckerrüben treten zwei grund-
Schwankungsbreiten in den Stoffdaten und Biogaserträgen weit sätzliche Schwierigkeiten auf. Zum einen muss die Rübe von
über den in Tabelle 4.3 und Tabelle 4.4 dargestellten Werten in anhaftender Erde befreit werden, die sich bei einem Eintrag in
der Literatur zu finden. den Fermenter am Boden absetzt und den Gärraum verkleinert.
Es sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass Hierzu sind inzwischen erste maschinelle Nass- und Trocken-
bei der Erzeugung von Grassilage für Biogasanlagen die Ver- reinigungsverfahren für die Praxis erhältlich. Zum anderen ge-
daulichkeit bzw. Abbaubarkeit im Vordergrund stehen sollte. staltet sich die Lagerung aufgrund der niedrigen Trockenmas-
Deshalb ist darauf zu achten, dass die Trockensubstanzgehalte segehalte der Rüben als schwierig. In diesem Zusammenhang
nach Möglichkeit nicht oberhalb von 35 % TS liegen. Bei zu ho- wird in der Praxis eine Silierung von Rübenbrei im Hochbehälter
hen TS-Gehalten steigen die Lignin- und Faseranteile, wodurch oder Folienerdbecken (Lagune) bzw. ganzer oder zerkleiner-
der Abbaugrad und somit die Methanausbeute bezogen auf ter Rüben im Folienschlauch und Fahrsilo durchgeführt. Auch
die organische Trockenmasse deutlich sinken. Diese Grassilage Mischsilagen mit Silomais, LKS, CCM oder Stroh sind in der Pra-
lässt sich zwar in den Prozess einbringen, kann aber durch die xis anzutreffen [4-20]. Die Winterung von Rüben und Verfahren
hohen Trockenmassegehalte und teilweise langfasrige Beschaf- zu dessen Nutzung befinden sich in der Erprobung.
fenheit prozesstechnische Probleme verursachen (z. B. rasches
Bilden von Schwimmschichten, Umwickeln von Rührwerksflü-
geln).

70
Beschreibung ausgewählter Substrate

Tab. 4.3: Stoffdaten ausgewählter nachwach- bieten sich aufgrund ihrer stofflichen Eigenschaften und bei
sender Rohstoffe (nach [4-1], verändert) geeigneten Standortvoraussetzungen besonders gut für eine
Biogasnutzung an. Dabei ist zu beachten, dass diese Stoffe
TS oTS N P2O5 K2O Abfalleigenschaften aufweisen bzw. im Anhang 1 der Bioab-
Substrat fallverordnung (BioAbfV) genannt werden (vgl. Kapitel 7.3.3.1).
[%] [% TS] [% TS]
Folglich muss die Biogasanlage entsprechend genehmigt sein
Mais­
Δ 28–35 85–98 2,3–3,3 1,5–1,9 4,2–7,8 und die Anforderungen der BioAbfV hinsichtlich Vorbehand-
silage
lung sowie Verwertung der Gärrückstände erfüllen (vgl. Kapitel
Ø 33 95 2,8 1,8 4,3
Getrei-
7.7.2.3). Bei der Betrachtung der tabellarischen Zusammenfas- 4
Δ 30–35 92–98 4,0 3,25 n. a. sungen ist grundsätzlich zu beachten, dass die beschriebenen
de-GPS
Eigenschaften der Substrate in der Praxis stark schwanken und
Ø 33 95 4,4 2,8 6,9 über die hier dargestellten Spannen hinaus abweichen kön-
Grassi- nen. Dieses ist grundsätzlich auf die Produktionsverfahren der
Δ 25–50 70–95 3,5–6,9 1,8–3,7 6,9–19,8
lage Hauptprodukte (z. B. unterschiedliche Verfahren, Geräteeinstel-
Ø 35 90 4,0 2,2 8,9 lungen, erforderliche Produktqualität, Vorbehandlungen, etc.)
Getrei- sowie schwankender Qualitäten der Rohstoffe zurückzuführen.
Ø 87 97 12,5 7,2 5,7
dekörner Auch die Schwermetallgehalte können stark variieren [4-11].
Zucker-
Ø 23 90 1,8 0,8 2,2
rüben 4.2.1 Bierherstellung
Futter­ Bei der Produktion von Bier fallen verschiedene Nebenprodukte
Ø 16 90 n .a. n. a. n .a.
rüben an, von denen Treber mit 75 % den Hauptanteil ausmacht. Je
Δ: Bereich der Messwerte; Ø: Mittelwert Hektoliter Bier fallen ca. 19,2 kg Treber, 2,4 kg Hefe und Gelä-
ger, 1,8 kg Heißtrub, 0,6 kg Kühltrub, 0,5 kg Kieselgurschlamm
Tab. 4.4: Biogaserträge ausgewählter nach- und 0,1 kg Malzstaub an [4-12].
wachsender Rohstoffe (nach [4-2],[4-6],[4-9],[4-10] In diesem Kapitel wird nur der Treber näher betrachtet, da
verändert) er die mengenmäßig größte Fraktion darstellt. Dennoch sind
die übrigen Fraktionen bis auf den Kieselgurschlamm ebenso
Biogas­ Methan­ Methan- gut für eine Verwendung in Biogasanlagen geeignet. Allerdings
ertrag ertrag ausbeute ist derzeit nur ein Teil der anfallenden Mengen auch tatsächlich
Substrat
[Nm3/t [Nm3/t [Nm3/t nutzbar, da die anfallenden Nebenprodukte auch anderweitig,
Substrat] Substrat] oTS] z. B. in der Lebensmittelindustrie (Bierhefe) oder als Tierfutter
Maissilage Δ 170–230 89–120 234–364 (Treber, Malzstaub) eingesetzt werden. Stoffdaten und Gaser-
Ø 200 106 340 träge sind in Kapitel 4.4 zusammengefasst.
Getreide GPS Δ 170–220 90–120 290–350 Die Lagerung und die Handhabung sind relativ unproblema-
tisch. Allerdings treten bei offener Lagerung relativ schnell be-
Ø 190 105 329
achtliche Energieverluste und Schimmelpilzbefall auf, weswe-
Getreidekörner Ø 620 320 380
gen in einem solchen Fall eine Silierung durchgeführt werden
Grassilage Δ 170–200 93–109 300–338 sollte.
Ø 180 98 310
Zuckerrüben Δ 120–140 65–76 340–372 4.2.2 Alkoholgewinnung
Ø 130 72 350 Schlempen entstehen als Nebenprodukt bei der Alkoholher-
Futterrüben Δ 75–100 40–54 332–364 stellung aus Getreide, Rüben, Kartoffeln oder Obst. Bei der Al-
Ø 90 50 350 koholerzeugung fällt je Liter Alkohol etwa die 12-fache Menge
Schlempe an, welche derzeit nach Trocknung hauptsächlich
Δ: Bereich der Messwerte; Ø: Mittelwert
als Viehfutter oder als Düngemittel eingesetzt wird [4-12]. Die
Nutzung von frischen Schlempen ist aufgrund der niedrigen Tro-
ckenmassegehalte und damit geringen Transportwürdigkeit in
4.2 Substrate aus der weiterverarbeitenden den meisten Fällen nur bedingt möglich. In diesem Zusammen-
Agroindustrie hang sei auf die Möglichkeiten hingewiesen, welche sich durch
die Nutzung von Biogas in Zusammenhang mit der Alkohol-
In diesem Kapitel werden ausgewählte Substrate der verar- herstellung ergeben. Durch die Vergärung der Schlempen wird
beitenden Agrarindustrie dargestellt. Dabei handelt es sich Biogas erzeugt. Dieses kann wiederum in einem BHKW genutzt
ausschließlich um Stoffe bzw. Koppelprodukte, welche bei der werden, um die für die Alkoholherzeugung benötigte Prozesse-
Verarbeitung von Pflanzen bzw. Pflanzenbestandteilen anfallen. nergie in Form von Strom und Wärme bereitzustellen. Dadurch
Die beschriebenen Stoffe stellen einen beispielhaften Auszug wird eine Kaskadennutzung der nachwachsenden Rohstoffe
aus der Anlage 1 der Biomasseverordnung 2012 dar. Hierbei ermöglicht, was eine nachhaltige und ressourceneffiziente Al-
handelt es sich um Einsatzstoffe, für die keine einsatzstoffbe- ternative zu den bisher genutzten Verfahren der Schlempever-
zogene Vergütung entsprechend EEG 2012 gezahlt wird. Sie wertung darstellt.

71
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Angaben zu Stoffdaten sind in Tabelle 4.6 und zu Gaserträ- Tab. 4.5: Auswahl von Standard-Methanerträgen
gen in Tabelle 4.7 in Kapitel 4.4 dargestellt. rein pflanzlicher Nebenprodukte gemäSS Anlage 1
der Biomasseverordnung 2012
4.2.3 Biodieselproduktion
Nebenprodukte aus der Biodieselproduktion sind Rapspressku- Standard Ener-
chen und Rohglycerin. Beide Stoffe eignen sich aufgrund ihrer gieertrag
BiomasseV,
als hoch einzustufenden Gasausbeute (Tabelle 4.6) als Kosub- Rein pflanzliches Nebenprodukt
Anlage 1 (zu
strate für landwirtschaftliche Biogasanlagen. Die Höhe der Ga- § 2a Absatz 2)
sausbeute bei Rapspresskuchen wird entscheidend von dessen [Nm3 CH4/t FM]
Restölgehalt bestimmt, welcher wiederum von den Einstellun- Biertreber (frisch oder abgepresst) 61
gen der Ölpressen und den Ölgehalten der Rohstoffe beein-
Gemüseabputz 26
flusst wird. Aus diesem Grund sind in der Praxis durchaus Un-
terschiede in der Gasausbeute verschiedener Rapspresskuchen Gemüse (aussortiert) 40
zu verzeichnen. Bei der Herstellung von einer Tonne Biodiesel Getreide (Ausputz) 254
entstehen etwa 2,2 t Rapspresskuchen und 200 kg Glycerin Getreideschlempe aus der Alkoholproduktion 18
[4-13]. Allerdings ist der Einsatz von diesen Nebenprodukten Getreidestaub 172
der Biodieselproduktion nicht problemlos möglich und sollte im Glycerin 421
Vorfeld genauestens geprüft werden. Das ist darin begründet, Heil- und Gewürzpflanzen (aussortiert) 58
dass bei der Vergärung von Rapspresskuchen sehr hohe Ge-
Kartoffeln (aussortiert) 92
halte von Schwefelwasserstoff (H2S) im Biogas gebildet werden
Kartoffeln (gemust, mittlerer Stärkegehalt; nicht
[4-14]. Dieses ist auf die hohen Protein- und Schwefelgehalte 66
oder nicht mehr zum Verzehr geeignet)
des Rapskuchens zurückzuführen. Bei Rohglycerin ist als prob-
Kartoffelfruchtwasser aus der Stärkeproduktion 11
lematisch anzusehen, dass dieses teilweise mehr als 20 Gew.%
Methanol enthält, welches sich in hohen Konzentrationen hem- Kartoffelprozesswasser aus der Stärkeproduktion 3
mend auf die methanogenen Bakterien auswirkt [4-15]. Aus Kartoffelpülpe aus der Stärkeproduktion 61
diesem Grund sollte Glycerin nur in niedrigen Dosierungen dem Kartoffelschalen 66
Prozess zugeführt werden. Kartoffelschlempe aus der Alkoholproduktion 17
Untersuchungen zur Kofermentation von Rohglycerin mit Melasse aus der Rübenzuckerherstellung 166
nachwachsenden Rohstoffen und Wirtschaftsdüngern haben Obst- und Traubentrester (frisch, unbehandelt) 49
gezeigt, dass der Zusatz von Glycerin in einem Massenanteil
Rapsextraktionsschrot 274
von maximal 6 % eine deutliche Kofermentationswirkung verur-
Rapskuchen 317
sacht [4-15]. Das bedeutet, es wurde durch die Mischung deut-
lich mehr Methan produziert, als eigentlich anteilig durch die Schnittblumen (aussortiert) 55
Einzelsubstrate zu erwarten wäre. Die gleichen Untersuchungen Zuckerrübenpresskuchen aus der Zuckerpro-
64
haben ebenfalls deutlich gemacht, dass ab einer Glycerinzu- duktion
satzmenge von mehr als 8 % keine positive Kofermentations- Zuckerrübenschnitzel 64
wirkung mehr vorhanden ist bzw. sogar mit einer Hemmung der
Methanbildung zu rechnen ist. Zusammenfassend lässt sich
festhalten, dass die Nebenprodukte aus der Biodieselproduk- Eine Möglichkeit ist die Verwertung in Biogasanlagen, da
tion sich gut als Kosubstrate eigenen, der Einsatz allerdings nur es sich bei den Nebenprodukten um gut vergärbare Substrate
zu geringen Anteilen zu empfehlen ist. handelt. Die stofflichen Eigenschaften sind in den Tabellen 4.6
und 4.7 dargestellt.
4.2.4 Kartoffelverarbeitung (Stärkeherstellung) Besondere Anforderungen an Hygienemaßnahmen oder die La-
Bei der Stärkeherstellung aus Kartoffeln fällt neben organisch be- gerung bestehen nicht, es sollte jedoch beachtet werden, dass
lasteten Abwässern auch sogenannte Kartoffelpülpe als Neben- Frucht- und Prozesswasser bei Lagerung in Vorratsbehältern für
produkt an. Diese besteht hauptsächlich aus Schalen, Zellwän- den Gärprozess wieder erwärmt werden muss, was zusätzliche
den und nicht aufgeschlossenen Stärkezellen, welche nach der Energie benötigt.
Stärkegewinnung übrigbleiben. Je Tonne verarbeiteter Kartoffeln
fallen ungefähr 240 kg Pülpe sowie 760 Liter Kartoffelfruchtwas- 4.2.5 Zuckergewinnung
ser und 400–600 Liter sogenanntes Prozesswasser [4-16] an. Bei der Verarbeitung von Zuckerrüben zur Herstellung von Kris-
Derzeit wird ein Teil der Pülpe als Viehfutter an Landwirte tallzucker fallen verschiedene Nebenprodukte an, die haupt-
abgegeben und der größte Teil des Fruchtwassers als Dünger sächlich als Viehfutter verwendet werden. Dies sind zum Einen
auf die Felder ausgebracht. Da aber die Verfütterung nur einen sogenannte Nass-Schnitzel, die nach dem Zerkleinern der Rü-
kleinen Teil der anfallenden Menge ausmacht und das Ausbrin- ben und der anschließenden Extraktion des Zuckers anfallen,
gen des Fruchtwassers zu einer Überdüngung der Flächen und und zum Anderen die Melasse, die nach Abtrennen der Zucker-
zur Versalzung des Grundwassers führen kann, sind mittelfristig kristalle aus dem eingedickten Zuckersirup verbleibt. Ein Teil
Verwertungsalternativen notwendig. der Schnitzel wird durch Einmischen von Melasse und durch Ab-
pressen des enthaltenen Wassers zu Melasseschnitzel weiter-

72
Beschreibung ausgewählter Substrate

verarbeitet und ebenfalls als Tierfutter eingesetzt [4-17, 4-18]. Je Hektoliter Wein bzw. Fruchtsaft fallen ca. 25 kg Trester und je
Die Melasse wird neben der Verwendung als Tierfutter auch als Hektoliter Fruchtnektar rund 10 kg Trester an [4-12]. Die wich-
Rohstoff in Hefefabriken oder Brennereien eingesetzt. Zwar ist tigsten Stoffdaten sind in den Tabellen 4.6 und 4.7 aufgeführt.
dadurch die verfügbare Menge stark eingeschränkt, jedoch stel- Fremd- oder Störstoffe sind auf Grund des vorhergehenden
len Rübenschnitzel und Melasse auf Grund des Restzuckerge- Produktionsprozesses nicht zu erwarten, auch ist eine Hygieni-
haltes ein gut geeignetes Kosubstrat für die Biogasproduktion sierung nicht notwendig. Bei längerer Lagerung ist eine Silie-
dar (vgl. Anhang 4.8, Tabelle 4.9). rung der Substrate notwendig.
Besondere hygienische Anforderungen an Lagerung und
Verwendung bestehen derzeit nicht. Die Pressschnitzel wer- 4
den zur längeren Haltbarkeit einsiliert, was entweder als Ein- 4.3 Einsatzstoffe gemäß Anlage 1 Biomas-
zelsubstrat in Folienschläuchen oder als Mischsubstrat mit z. B. severordnung
Maissilage erfolgen kann. Melasse wird in entsprechenden Vor-
ratsbehältern gelagert. Dies ist auch vor dem Hintergrund der Im Folgenden werden die Einsatzstoffe, die keinen Anspruch
saisonalen Verfügbarkeit der Zuckerrüben bzw. der Nebenpro- auf eine einsatzstoffbezogene Vergütung begründen (gemäß
dukte (September bis Dezember) notwendig, wenn eine ganz- Biomasseverordnung 2012, Anlage 1) mit den gesetzlich fest-
jährige Verfügbarkeit von Pressschnitzeln und Melasse sicher- gelegten Standard-Methanerträgen dargestellt (vgl. Kapitel
gestellt werden soll. 7.3.3.2), siehe Tabelle 4.5.
Als problematisch ist grundsätzlich festzustellen, dass in der
4.2.6 Nebenprodukte der Obstverarbeitung Gesetzesgrundlage nur sehr grobe Angaben zu den Stoffeigen-
Bei der Verarbeitung von Trauben und Obst zu Wein und Frucht- schaften der Nebenprodukte gemacht werden. Da die Gasaus-
saft fallen Trester als Nebenprodukte an. Diese werden wegen beute beeinflussenden Stoffeigenschaften der Nebenprodukte
ihrer noch hohen Gehalte an Zucker bevorzugt als Rohstoff für (insbesondere: Trockensubstanz- und Restölgehalt) in der Pra-
die Alkoholherstellung genutzt. Aber auch als Viehfutter oder als xis sehr breit streuen (vgl. Kapitel 4.2), sind erhebliche Abwei-
Grundstoff für die Pektinherstellung finden Trester Verwendung. chungen der tatsächlich erzielbaren zu den gesetzlich festge-

Tab. 4.7: Biogaserträge ausgewählter Substrate


Tab. 4.6: Stoffdaten ausgewählter rein pflanzli- aus der Agroindustrie (nach [4-1], [4-2], [4-12],
cher Nebenprodukte (nach [4-1], [4-2], [4-12], [4-17]) [4-15] verändert)

TS oTS N P2O5 K2O Biogas­ Methan­ Methan-


Substrat ertrag ertrag ausbeute
[%] [% TS] [% TS] Substrat
[Nm3/t [Nm3/t [Nm3/t
Biertreber Δ 20–25 70–80 4–5 1,5 n. a. Substrat] Substrat] oTS]
Ø 22,5 75 4,5 1,5 n. a. Biertreber Δ 105–130 62–112 295–443
Getreide- Ø 118 70 313
Δ 6–8 83–88 6–10 3,6–6 n. a.
schlempe
Getreideschlempe Δ 30–50 18–35 258–420
Ø 6 94 8 4,8 n. a.
Ø 39 22 385
Kartoffel-
Δ 6–7 85–95 5–13 0,9 n. a. Kartoffelschlempe Δ 26–42 12–24 240–420
schlempe
Ø 6 85 9 0,73 n. a. Ø 34 18 362
Obstschlempe Δ 2–3 ca. 95 n. a. 0,73 n. a. Obstschlempe Δ 10–20 6–12 180–390
Ø 2,5 95 n. a. 0,73 n. a. Ø 15 9 285
Rohglycerin [4-1] 100 90 n. a. n. a. n. a. Rohglycerin Δ 240–260 140–155 170–200
[4-15] 47 70 n. a. n. a. n. a. Ø 250 147 185
Raps­kuchen 92 87 n. a. n. a. n. a. Raps­kuchen Ø 660 317 396
Kartoffelpülpe Ø ca. 13 90 0,5–1 0,1–0,2 1,8 Kartoffelpülpe Δ 70–90 44–50 358–413
Zuckerrüben- Ø 80 47 336
Δ 22–26 95 n. a. n. a. n. a.
schnitzel Zuckerrübenschnitzel Δ 60–75 44–54 181–254
Ø 24 95 n. a. n. a. n. a. Ø 68 49 218
Melasse Δ 80–90 85–90 1,5 0,3 n. a. Melasse Δ 290–340 210–247 261–355
Ø 85 87,5 1,5 0,3 n. a. Ø 315 229 308
Apfel­trester Δ 25–45 85–90 1,1 1,4 n. a. Apfel­trester Δ 145–150 98–101 446–459
Ø 35 87,5 1,1 1,4 n. a. Ø 148 100 453
Rebentrester Δ 40–50 80–90 1,5–3 3,7–7,8 n. a. Rebentrester Δ 250–270 169–182 432–466
Ø 45 85 2,3 5,8 n. a. Ø 260 176 448

Δ: Bereich der Messwerte; Ø: Mittelwert Δ: Bereich der Messwerte; Ø: Mittelwert

73
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 4.8: Stoffeigenschaften von Grünschnitt ([4-12], [4-19])

TS oTS N P2O5 Biogas­ertrag Methan­ertrag Methanausbeute


Substrat [Nm3/t [Nm3/t [Nm3/t
[%] [% TS] [% TS]
Substrat] Substrat] oTS]
Grünschnitt 12 87 2,5 4 175 105 369

legten Gasausbeuten möglich. Dadurch kommt es zwangsläufig 4.6 Landschaftspflegematerial


zu einer Über- bzw. Unterbewertung der aus den zugelassenen
rein pflanzlichen Nebenprodukten erzielten Biogaserträge. Als Landschaftspflegematerial (einschließlich Landschaftspfle-
gegras) gelten alle Materialien, die bei Maßnahmen anfallen,
die vorrangig und überwiegend den Zielen des Naturschutzes
4.4 Stoffdaten und Gaserträge der Einsatz- und der Landschaftpflege im Sinne des Bundesnaturschutzge-
stoffe gemäß Anlage 1 Biomassever­ setzes dienen und nicht gezielt angebaut wurden. Marktfrüchte,
ordnung Grünschnitt, auch Straßenbegleitgrün oder von Abstandsflä-
chen von Industrie- und Gewerbegebieten sowie Flughafen-
In den Tabellen 4.6 und 4.7 sind Stoffdaten und Gaserträge grünland zählen nicht dazu. Als Landschaftspflegegras gilt nur
ausgewählter Substrate aus Kapitel 4.2 dargestellt. Es werden, Grünschnitt von maximal zweischürigem Grünland [4-21]. Auf-
falls verfügbar, sowohl eine Spanne als auch ein Mittelwert der grund der Tatsache, dass die Pflege von Naturschutzflächen
verschiedenen Parameter aufgeführt. Aufgrund der teilweise er- meist nur einmal jährlich erfolgen kann, weist dieses Material
heblichen Spannbreite sowohl bei den Stoffdaten als auch bei überwiegend hohe Trockenmasse- und Ligningehalte auf. Das
den Gaserträgen wird deutlich, dass die „Substratqualität“ in ist wiederum mit verminderten Gaserträgen und einer schlech-
der Praxis sehr breit streut und von vielen Faktoren seitens der ten Siliereignung verbunden. Darüber hinaus setzt der Einsatz
Herstellung beeinflusst wird. Die hier aufgeführten Daten sol- der beschriebenen Stoffe ganz bestimmte Techniken bzw. Ver-
len als Orientierung dienen mit dem Hinweis, dass in der Praxis fahren zur Verarbeitung voraus, die derzeit entweder sehr kos-
erzielbare Ergebnisse teilweise deutlich nach oben oder unten tenintensiv oder noch nicht Stand der Technik sind.
abweichen können. Landschaftspflegematerial ist nach EEG 2012 der Einsatz-
stoffvergütungsklasse II zugeordnet und wird bis zu einer Anla-
gengröße von 5 MWel mit 8 Cent/kWhel vergütet.
4.5 Grün- und Rasenschnitt

Durch die kommunale Pflege von Parkflächen und begrünten 4.7 Literaturverzeichnis
Straßenrändern fallen große Mengen an Grün- und Rasen-
schnitt an. Da dieses Material aber nur saisonal anfällt, muss [4-1] Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft
es für eine ganzjährige Bereitstellung als Biogas-Substrat siliert (KTBL): Faustzahlen Biogas; Darmstadt, 2007
werden. Dies ist aber wegen des weit verstreuten Aufkommens [4-2] Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft
nur bedingt sinnvoll, will man zu hohe Transportkosten vermei- (KTBL): Faustzahlen Biogas; 2. Aufl., Darmstadt, 2009
den. Sind die anfallenden Mengen sehr gering und zeitlich ver- [4-3] Weiland, P.: Grundlagen der Methangärung – Biologie und
zögert, so kann die Zugabe auch im frischen Zustand erfolgen. Substrate; VDI-Berichte, Nr. 1620 „Biogas als regenerative
Diese Zugabe sollte allerdings äußerst vorsichtig geschehen, da Energie – Stand und Perspektiven“; S. 19–32; VDI-Verlag
sich die Bakterien erst auf die neue Substratqualität einstellen 2001
müssen und bei zu großen Mengen Prozessstörungen nicht [4-4] Weiland, P. et al.: Bundesweite Evaluierung neuartiger
ausgeschlossen sind. Einige wichtige Stoffdaten sowie die Bio- Biomasse-Biogasanlagen; 16. Symposium Bioenergie- Fest-
gasausbeute und den Methangehalt zeigt die Tabelle 4.8. In der brennstoffe, Biokraftstoffe, Biogas; Bad Staffelstein 2007,
Regel wird Grün- und Rasenschnitt nicht der Biogaserzeugung, S.236–241
sondern vielmehr der Kompostierung zugeführt. [4-5] Weiland, P.: Stand und Perspektiven der Biogasnutzung und
Das Handling ist bis auf die angesprochenen logistischen -erzeugung in Deutschland; Gülzower Fachgespräche, Band
Schwierigkeiten bei der Silierung unproblematisch. Eventuell 15: Energetische Nutzung von Biogas: „Stand der Technik und
muss das Material vor Einbringen in die Biogasanlage von Stör- Optimierungspotenzial“; S. 8–27; Weimar 2000
stoffen, wie Ästen oder Steinen, befreit werden. Grünschnitt aus [4-6] Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V.: Standortange-
der privaten und öffentlichen Garten- und Parkpflege ist als Ein- passte Anbausysteme für Energiepflanzen; Gülzow, 2008
satzstoff zur Biogaserzeugung ebenfalls der Anlage 1 Biomas- [4-7] Karpenstein-Machan, M.: Energiepflanzenbau für Biogasanla-
seV zugeordnet. genbetreiber, DLG Verlag; Frankfurt/M., 2005
[4-8] Dörfler, H. (Hrsg.): Der praktische Landwirt; 4. Aufl.; BLV Verl.-
Ges., München; 1990

74
Beschreibung ausgewählter Substrate

[4-9] Hassan, E.: Untersuchungen zur Vergärung von Futterrübensi- [4-16] Umweltbericht; Emsland-Stärke; Download vom 16.09.2002;
lage; BLE-Projekt Az. 99UM031; Abschlußbericht; Bundesfor- www.emsland-staerke.de/d/umwelt.htm
schungsanstalt für Landwirtschaft (FAL), Braunschweig; 2001 [4-17] Schnitzel und Melasse – Daten, Fakten, Vorschriften; Verein
[4-10] Schattauer, A.: Untersuchungen zur Biomethanisierung von der Zuckerindustrie; Landwirtschaftsverlag Münster-Hiltrup,
Zuckerrüben; Masterarbeit angefertigt im Institut für Tech- 1996
nologie und Biosystemtechnik; Bundesforschungsanstalt für [4-18] Konzept zur Qualität und Produktsicherheit für Futtermittel
Landwirtschaft (FAL); Braunschweig; 2002 aus der Zuckerrübenverarbeitung; Broschüre; 2. Aufl.; Verein
[4-11] Bischoff, M.: Erkenntnisse beim Einsatz von Zusatz- und Hilfs- der Zuckerindustrie; 2003
stoffen sowie Spurenelementen in Biogasanlagen; VDI Berich- [4-19] KTBL Arbeitspapier 249 – Kofermentation; Kuratorium 4
te, Nr. 2057; „Biogas 2009 – Energieträger der Zukunft“; VDI für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft – KTBL;
Verlag, Düsseldorf 2009, S.111–123 Darmstadt 1998
[4-12] Wilfert, R.; Schattauer, A.: Biogasgewinnung und -nutzung [4-20] KWS Saat AG: In der Rübe liegt die Kraft – auf dem Feld und
– Eine technische, ökonomische und ökologische Analyse; im Fermenter; Einbeck, 2012
DBU-Projekt, 1. Zwischenbericht; Institut für Energetik und [4-21] Verordnung über die Erzeugung von Strom aus Biomasse
Umwelt GmbH, Leipzig; Bundesforschungsanstalt für Land- (Biomasseverordnung) vom 21.6.2001 (BGBl. I S. 1234),
wirtschaft (FAL), Braunschweig; 2002 die zuletzt durch Artikel 5, Absatz 10 des Gesetzes vom
[4-13] Anonymus: Die Herstellung von Biodiesel; innovas news; 24.2.2012 (BGBl. I S. 212) geändert worden ist
Anwendungsbeispiel Biogas 3/98; München, 1998
[4-14] Wesolowski, S.; Ferchau, E.; Trimis, D.: Untersuchung und Be-
wertung organischer Stoffe aus landwirtschaftlichen Betrieben
zur Erzeugung von Biogas in Co- und Monofermentationspro-
zessen; Schriftenreihe des Landesamtes für Umwelt, Landwirt-
schaft und Geologie Heft 18/2009; Dresden, 2009
[4-15] Amon, T.; Kryvoruchko, V.; Amon, B.; Schreiner, M.: Untersu-
chungen zur Wirkung von Rohglycerin aus der Biodieseler-
zeugung als leistungssteigerndes Zusatzmittel zur Biogaser-
zeugung aus Silomais, Körnermais, Rapspresskuchen und
Schweinegülle; Universität für Bodenkultur Wien, Department
für Nachhaltige Agrarsysteme; Wien, 2004

Abb. 4.1: Energiepflanzenmix [LWK Niedersachsen/Carsten Rieckmann]

75
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

4.8 Anhang

Tab. 4.9: Übersicht über die Substrateigenschaften

Biogas­ertrag Methan­ertrag Methanaus-


TS oTS Na P2O5 K2O5
beute
Substrat
[Nm3/t [Nm3/t [Nm3/t
[%] [% TS] [% TS]
Substrat] Substrat] oTS]
Wirtschaftsdünger
Rindergülle 10 80 3,5 1,7 6,3 25 14 210
Schweinegülle 6 80 3,6 2,5 2,4 28 17 250
Rindermist 25 80 5,6 3,2 8,8 80 44 250
Geflügelmist 40 75 18,4 14,3 13,5 140 90 280
Pferdekot ohne
28 75 n. a. n. a. n. a. 63 35 165
Stroh
Nachwachsende Rohstoffe
Maissilage 33 95 2,8 1,8 4,3 200 106 340
Getreide-GPS 33 95 4,4 2,8 6,9 190 105 329
Grünroggensilage 25 90 150 79 324
Getreidekörner 87 97 12,5 7,2 5,7 620 329 389
Grassilage 35 90 4,0 2,2 8,9 180 98 310
Zuckerrüben 23 90 1,8 0,8 2,2 130 72 350
Futterrüben 16 90 n. a. n. a. n. a. 90 50 350
Sonnenblumen-
25 90 n. a. n. a. n. a. 120 68 298
silage
Sudangras 27 91 n. a. n. a. n. a. 128 70 286
Zuckerhirse 22 91 n. a. n. a. n. a. 108 58 291
b
Grünroggen 25 88 n. a. n. a. n. a. 130 70 319
Substrate der verarbeitenden Industrie
Biertreber 23 75 4,5 1,5 0,3 118 70 313
Getreideschlempe 6 94 8,0 4,8 0,6 39 22 385
Kartoffelschlempe 6 85 9,0 0,7 4,0 34 18 362
Obstschlempe 2,5 95 n. a. 0,7 n. a. 15 9 285
c
Rohglycerin n. a. n. a. n. a. n. a. n. a. 250 147 185
Rapspresskuchen 92 87 52,4 24,8 16,4 660 317 396
Kartoffelpülpe 13 90 0,8 0,2 6,6 80 47 336
Z-Pressschnitzel 24 95 n. a. n. a. n. a. 68 49 218
Melasse 85 88 1,5 0,3 n. a. 315 229 308
Apfeltrester 35 88 1,1 1,4 1,9 148 100 453
Rebentrester 45 85 2,3 5,8 n. a. 260 176 448
Grün- und Rasenschnitt
Grünschnitt 12 87,5 2,5 4,0 n. a. 175 105 369
a
N-Gehalte im Gärrückstand ohne Berücksichtigung von Lagerverlusten
b
angewelkt
c
in der Praxis stark variierende Ergebnisse, abhängig vom Verfahren der Biodieselherstellung

76
5
Betrieb von
­Biogasanlagen

Die Wirtschaftlichkeit einer richtig geplanten Biogasanlage wird hier erreicht, wenn sich der stationäre Betriebszustand einge-
von der Verfügbarkeit und Auslastung des Gesamtprozesses stellt hat. Im stationären Zustand sind Änderungen der Prozess-
bestimmt. Die Funktionalität und Betriebssicherheit der einge- größen gleich null und die prozessspezifischen, maximalen Um-
setzten Technik sowie eine konstant hohe Abbauleistung des satzraten werden erzielt [5-26].
biologischen Prozesses sind dabei bestimmende Faktoren.
Da der Betrieb von technischen Anlagen unvermeidbaren V dS
------ = Q in  S o – Q out  S + V  rs = 0
Störungen unterliegt, müssen geeignete Instrumente zur Hand dt
sein, diese Störungen zu detektieren, den Fehler zu identifi- Gleichung 5.1: Stationärer Betriebszustand (Q: Volumenstrom (l · d -1)
zieren und zu beheben. Die Prozesskontrolle geschieht dabei (Input, Output), V: Reaktionsvolumen (l), rs: Reaktionsrate g · (d · l)-1,
So: Konzentration Substrat Zulauf (g · l -1), S: Konzentration Substrat
immer in Interaktion mit dem Personal, wobei der Grad der Au-
Ablauf (g · l -1))
tomatisierung sehr unterschiedlich sein kann. Die Vorteile der
Automatisierung von Überwachungs- und Regelalgorithmen lie-
gen in der permanenten Verfügbarkeit und dem Erreichen einer Größen wie die Raumbelastung, Verweildauer, der erreichba-
gewissen Unabhängigkeit vom Fachpersonal. Die Fernübertra- re Abbaugrad und die Gasproduktionsrate sind daher durch
gung von Daten entkoppelt zudem Anwesenheit von Personal die Dimensionierung der Anlage und das eingesetzte Substrat
auf der Anlage und Prozessüberwachung. Die Nachteile einer vorgegeben. Durch den Anlagenbetreiber muss gewährleistet
umfangreichen Automatisierung liegen in den entstehenden werden, dass diese Größen soweit wie möglich konstant gehal-
Mehrkosten. Da diese Vor- und Nachteile je nach Anlagenspe- ten werden. Der stationäre Zustand ist praktisch jedoch nicht
zifikationen unterschiedlich zu wichten sind, kann nicht von ei- erreichbar, da es unvermeidbar zu Störungen kommt (z. B. Ver-
ner standardisierten messtechnischen Ausstattung für Biogas­ änderungen der Substrateigenschaften, Störungen wie Ausfall
anlagen ausgegangen werden. Die verwendeten Instrumente von Pumpen, Eintrag von Desinfektionsmitteln etc.). Diese Stö-
müssen den jeweiligen spezifischen Bedingungen angepasst rungen führen zu Abweichungen vom Sollzustand, die erkannt
werden. werden müssen, damit die Ursache identifiziert und behoben
Im Folgenden werden zuerst die Messgrößen betrachtet, die werden kann.
zur Beobachtung des biologischen Prozesses dienen können. Diese Abweichung vom stationären Zustand kann direkt mit-
Die Ausführungen beziehen sich auf Nassvergärungsanla- tels einer Bilanzierung der Stoffflüsse detektiert werden. In der
gen. Auf abweichende Besonderheiten bei Boxenfermentern praktischen Anwendung stellt jedoch eine präzise Messung der
wird jeweils hingewiesen. stofflichen Zusammensetzung des In- und Outputs und in vielen
Fällen schon die Messung der tatsächlich eingefahrenen Sub-
stratmenge und produzierten Gasmenge ein Problem dar, so
5.1 Kenndaten zur Überwachung des biolo- dass eine exakte, geschlossene Massenbilanzierung nicht mit
gischen Prozesses vertretbarem Aufwand realisierbar ist. Aus diesem Grund wird
auf vielen Anlagen mit angepassten Teillösungen gearbeitet,
Die Überwachung und Regelung des biologischen Prozesses die nicht immer ausreichend sind, um einen stabilen Prozess
stellt eine Herausforderung dar. Das Prozessziel des anaeroben zu gewährleisten.
Abbaus im landwirtschaftlichen Bereich ist im Normalfall eine Im Folgenden werden die dafür zur Verfügung stehenden
konstante Methanproduktionsrate. Der am häufigsten einge- und gebräuchlichsten Messgrößen zur Beurteilung des biologi-
setzte Verfahrenstyp ist der (semi-)kontinuierlich betriebene schen Prozesses vorgestellt.
volldurchmischte Rührkesselreaktor (engl. CSTR: Continuous
Stirred Tank Reactor). Eine konstante Methanproduktion wird

77
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

5.1.1 Biogasproduktionsrate stratzusammensetzung geändert wurde, kann die Ursache in


Das gebildete Biogas ist als Stoffwechselprodukt und Zielgröße einer gegenüber der Methanbildung verstärkten Säurebildung
eine wichtige Messgröße. Die Biogasproduktionsrate stellt die liegen. Das Gleichgewicht der Massenströme im Abbauprozess
produzierte Gasmenge pro Zeiteinheit (z. B. d-1) dar und dient ist dann gestört. Die Ursache kann eine Schwankung in der In-
bei bekannter Beschickungsmenge und Substratzusammenset- putmenge oder eine Hemmung der methanogenen Population
zung als Basis für die Berechnung der spezifischen Biogaspro- sein.
duktion (substrat- und volumenspezifisch). Die Messung der Kohlendioxid wird wie Methan mit Infrarotsensoren oder
Biogasproduktionsrate ist für die Bilanzierung der Stoffwech- Wärmeleitfähigkeitssensoren gemessen.
selvorgänge und zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit der
methanogenen Population unumgänglich. 5.1.2.3 Sauerstoff
Bei der Installation von Geräten zur Erfassung von gasförmi- Sauerstoff sollte im Biogas nur dann nachweisbar sein, wenn er
gen Durchflüssen ist die Positionierung der Sensoren zu beach- zur biologischen Entschwefelung zugegeben wird. Dann kann
ten. Wenn der Prozesszustand einzelner Fermenter beobachtet die Sauerstoffmessung zur Einstellung des zur Entschwefelung
werden soll, muss deren Gasproduktionsrate auch separat notwendigen Sauerstoffgehaltes dienen. Sauerstoff kann mit
erfasst werden. Bei Foliendächern ist für die Berechnung der elektrochemischen Sensoren und paramagnetischen Sensoren
Gasproduktionsrate das Speichervolumen zu berücksichtigen, gemessen werden.
welches durch die Erfassung von Füllstand (z. B. Seilzug-Weg-
aufnehmer), Innendruck und Temperatur im Gasraum gesche- 5.1.2.4 Schwefelwasserstoff
hen kann. Sensoren im Gasraum müssen den Anforderungen Die Hersteller von Blockheizkraftwerken geben Grenzwerte für
des Explosionsschutzes genügen und sollten beständig gegen- die Konzentration an Schwefelwasserstoff an, da dessen Oxi-
über Korrosion und der hohen Feuchte sein. Da die Foliendä- dationsprodukte stark korrosive Eigenschaften aufweisen. Die
cher auch zur Speicherung von Biogas dienen, ist die Messung Messung dient daher in erster Linie zum Schutz des BHKWs.
von Gasproduktionsrate und verfügbarem Speichervolumen für Zu Beeinflussungen der methanogenen Archaeen durch
die Steuerung der BHKW-Leistung von großer Bedeutung. hohe Schwefelwasserstoffkonzentrationen kommt es erst bei
Bei der Messung von Gasdurchflüssen in Rohrleitungen ist Konzentrationen im Prozentbereich (ca. 20.000 ppm), was bei
zu beachten, dass die vom Hersteller vorgegebenen Einlaufstre- landwirtschaftlichen Biogasanlagen selten auftritt. Schwefel-
cken zur Herstellung laminarer Strömungen gewährleistet sind. wasserstoff wird mit elektrochemischen Sensoren gemessen.
Messgeräte mit beweglichen Teilen im Biogasstrom sind anfäl-
lig für Störungen aufgrund der Verunreinigungen, die im Bio- 5.1.2.5 Wasserstoff
gasstrom mitgeführt werden. Geräte die auf dem thermischen Wasserstoff ist ein wichtiges Zwischenprodukt im Methan-
und dem Fluidistor-Messprinzip beruhen sowie Wirbel-Durch- bildungsprozess, welches vorrangig in der Säurebildung und
flussmesser werden in der Biogasbranche angewendet. Essigsäurebildung freigesetzt wird, bevor es zu Methan umge-
wandelt wird. Es hat mehrere Versuche gegeben, die Wasser-
5.1.2 Gaszusammensetzung stoffkonzentration im Biogas zur Detektierung von Prozessstö-
Die Zusammensetzung des Biogases kann zur Beurteilung ver- rungen zu verwenden. Dabei ist vor allem von Bedeutung, dass
schiedener Sachverhalte dienen. Die einzelnen Komponenten die Essigsäurebildung aus höherkettigen Fettsäuren und die
und deren Bedeutung für den Prozess sind im Folgenden kurz Verwertung von Wasserstoff zu Methan theoretisch nur in einem
erläutert. engen Konzentrationsbereich gemeinsam ablaufen können. Die
Eignung dieses Parameters ist umstritten, da die Zuordnung von
5.1.2.1 Methan Wasserstoffkonzentration im Biogas und Störung nicht immer
Der Anteil an Methan im Biogas dient zur Bewertung des Zu- eindeutig gelingt. Die Wasserstoffkonzentration im Biogas kann
standes der methanogenen Biozönose. In Zusammenhang einfach mittels elektrochemischer Sensoren gemessen werden.
mit der Gasproduktionsrate kann die Methanproduktionsrate Die Eignung des Wasserstoffpartialdruckes im Gärsubstrat als
errechnet werden – sinkt diese trotz konstanter Beschickung Regelparameter wurde bisher wenig untersucht.
deutlich ab, so ist von einer Hemmung der methanogenen Ar- Die meisten Hersteller von Gasanalysegeräten im Biogas-
chaeen auszugehen. Für die Bewertung der Methanproduktivi- bereich bieten modulare Geräte an, wobei der Nutzer Art der
tät sind Messstellen in den einzelnen Fermentern vorzusehen. Sensoren und Anzahl der Messstellen wählen kann. Bei den
Methankonzentrationen werden in der Biogastechnologie mit elektrochemischen Sensoren ist zu beachten, dass diese sich
Infrarotsensoren oder Wärmeleitfähigkeitssensoren gemessen. „verbrauchen“ und eine stärkere Drift als z. B. die Infrarotsenso-
Für das Blockheizkraftwerk ist von Bedeutung, dass der Gehalt ren aufweisen. Auf eine regelmäßige Kalibrierung der Sensoren
an Methan im Gas nicht unter 40–45 % sinkt, da die Motoren muss geachtet werden.
das Biogas dann nicht mehr verwerten können.
5.1.3 Temperatur
5.1.2.2 Kohlendioxid Generell erhöht sich die Reaktionsgeschwindigkeit mit steigen-
Kohlendioxid wird in der Phase der Hydrolyse/Säurebildung den Temperaturen. Biologische Prozesse weisen jedoch hin-
sowie bei der Methanbildung gebildet. Es löst sich in Wasser sichtlich der Temperatur Optima auf, da organische Strukturen
und bildet so den wichtigen Hydrogencarbonatpuffer. Sinkt das (z. B. Proteine) bei steigenden Temperaturen instabil werden
Methan/Kohlendioxidverhältnis im Biogas, ohne das die Sub- können und ihre Funktionalität verlieren. Für die technische An-

78
Betrieb von Biogasanlagen

wendung anaerober Prozesse unterscheidet man im Wesentli- hat den Vorteil, dass, wenn durch günstige Schieberanordung
chen zwei Temperaturbereiche: mehrere Beschickungsstrecken durch eine Rohrleitung geleitet
• mesophiler Bereich ca. 37 bis 43 °C, werden können, mit einem Messgerät mehrere Beschickungs-
• thermophiler Bereich ca. 50 bis 60 °C. strecken überwacht werden können.
Da bei der anaeroben Fermentation kaum Wärme (von einigen
NawaRo-Anlagen abgesehen) entsteht, muss das Substrat auf 5.1.5 Substratcharakterisierung
Gärtemperatur aufgeheizt werden. Dabei ist wichtig, dass die Neben der Menge des zugeführten Substrates muss die Kon-
Temperatur konstant gehalten wird. Vor allem der thermophile zentration und Zusammensetzung des Substrates für eine Mas-
Prozess reagiert empfindlich auf Temperaturschwankungen. senbilanz bekannt sein.
In einigen Fällen wiesen Anlagen, die Maissilage verwen- Für die Konzentration werden Summenparameter wie Tro-
den, eine Erwärmung auf, die eine Kühlung erforderlich machen ckensubstanzgehalt (TS) und organischer Trockensubstanzge-
kann. halt (oTS) verwendet. Für flüssige Substrate kann auch der che- 5
Die zur Messungen der Temperatur verwendeten Fühler soll- mische Sauerstoffbedarf (CSB) verwendet werden, außerdem
ten in unterschiedlichen Höhen installiert werden, damit kön- findet auch der Total Organic Carbon (TOC) hin und wieder An-
nen Schichtungen und mangelnde Durchmischung festgestellt wendung. Praktisch relevant sind nur die beiden erstgenannten.
werden. Es ist zudem darauf zu achten, dass die Sensoren nicht Als erster Schritt zur Bestimmung der abbaubaren Anteile
in Totzonen oder zu nah an den Temperierungseinrichtungen im Substrat dient die Bestimmung des Wassergehaltes oder
installiert werden. Für die Messung der Temperatur sind Wider- Trockensubstanzgehaltes. Dazu wird eine Probe bei 105 °C im
standssensoren (z. B. Pt 1000 oder Pt 100) oder Thermoele- Labor bis zur Gewichtskonstanz getrocknet. Es gibt mittlerwei-
mente geeignet. le auch Sensorenneuentwicklungen auf Basis von Mikrowellen
und Nahinfrarot, die dies online am Prozess bestimmen.
5.1.4 Inputmenge und Füllstände Einen Anhaltspunkt für die Beurteilung der Abbaubarkeit er-
Für eine Bilanzierung der Abbauprozesse ist eine präzise Mes- hält man durch die Bestimmung des Anteiles an organischen
sung der zugegebenen Substratmenge unbedingt notwendig. Bestandteilen an der Trockensubstanz. Die organische Trocken-
Da neben dem Eintrag von flüssigen Substraten auch Feststoffe substanz ist ein Summenparameter, den man durch Verglühen
in die Fermenter eingebracht werden, kommen verschiedene der getrockneten Probe bei 550 °C erhält. Der Masseverlust,
Messsysteme zum Einsatz. auch Glühverlust genannt, wird als organische Trockensubs-
Feststoffe werden am besten gewogen, dies geschieht tanz bezeichnet. Dieser Wert ist ein Summenparameter, der
mittels Radladerwaagen oder Wägeeinrichtungen an den Ein- allerdings nichts zur Abbaubarkeit oder der zu erwartenden
tragssystemen. Letztere sind dabei genauer und einfacher in Biogasproduktion der getesteten Substanz aussagt. Es gibt in
automatisierte Prozessteuerungen integrierbar. Für die Wäge- der Literatur Richtwerte, mit deren Hilfe bei Kenntnis des Subs-
einrichtungen werden Drucksensoren verwendet, die „schwe- trates und des oTS Gehaltes die zu erwartende Gasproduktion
bende“ Behälter voraussetzen. Verschmutzungen im Bereich abgeschätzt werden kann. Bei der Trocknung der Probe werden
dieser Sensoren müssen daher ebenso vermieden werden, wie flüchtige Stoffe (z. B. wasserdampfflüchtige Säuren) ausgetrie-
ein Nachfüllen der Vorlagebehälter während der Beschickung. ben, die dann nicht mehr im Analyseergebnis enthalten sind.
Für die flüssigen Substrate können an Rohrleitungen Durch- Vor allem bei versäuerten Substraten (z. B. Silagen) kann es so
flussmesseinrichtungen verwendet werden oder bei dem Vor- zu erheblichen Fehlern bei der Abschätzung des Gaspotenzials
handensein von Vorgruben kann das zugegebene Volumen kommen. Daher wurde von Weissbach eine Korrektur entwi-
auch mittels Füllstandsmessgeräten ermittelt werden. ckelt, mit der die flüchtigen Stoffe Berücksichtigung finden. Al-
Füllstände (auch für die Fermenter) können mittels Druck- lerdings ist dieses Verfahren auch deutlich aufwendiger [5-18].
sensoren (hydrostatischer Druck im Fermenter) oder Ab- Beim Verglühen der Probe bleibt der Glührückstand zurück, der
standsmessungen zur Oberfläche mittels Ultraschall oder den Anteil an inerten Inhaltsstoffen im Substrat repräsentiert.
Radar bestimmt werden. Bei der Wahl der Sensoren sollte auf Bei Substraten, die große Mengen an Sand enthalten, kann
Korrosionsbeständigkeit und Unempfindlichkeit gegenüber mittels des Glührückstandes der Anteil von Sand abgeschätzt
Verschmutzungen geachtet werden, zumal die Wartung im Fer- werden, in Kombination mit einer Siebung ergänzend die Korn-
menter sehr aufwändig ist. Bei der Wahl und Anordnung der größenverteilung des Sandes [5-19]. Der Sandgehalt ist wegen
Sensoren ist zu beachten, dass es durch besondere Betriebs- der abrasiven Eigenschaften und der Ablagerung im Fermenter
zustände wie Ablagerungen am Fermenterboden (z. B. Sand), bei einigen Substraten (z. B. Geflügelkot) von Bedeutung.
Schaumbildung, Schwefelablagerungen im Gasraum etc. nicht Eine weitere Präzisierung der Substratcharakterisierung
zu Beeinträchtigungen der Messungen kommt. Außerdem ist kann durch die Klassifizierung der Substratbestandteile nach
der Explosionsschutz zu gewährleisten. Weender (Rohfaser, Rohprotein, Rohfett und stickstofffreie Ex-
Für die Durchflussmesseinrichtungen haben sich Geräte be- traktstoffe, die in Kombination mit Verdaulichkeitsquotienten
währt, die ohne bewegliche Teile im Messmedium auskommen. die Eignung organischer Stoffe als Futter beschreiben, siehe
Es werden hauptsächlich induktive und kapazitive Sensoren auch 2.3.4.1) oder die Einteilung nach van Soest (Hemicellu-
eingesetzt, vereinzelt kommen Ultraschall und Wärmeleitfähig- lose, Cellulose und Lignin) erreicht werden. Diese Bestandteile
keitssensoren zum Einsatz. Je nach Verfahren ist auf eine aus- bestimmen die Art der gebildeten Zwischenprodukte. Bei plötz-
reichende Einlaufstrecke vor den Sensoren zur Herstellung la- lichen Substratumstellungen kann es daher zu Anreicherungen
minarer Strömungen im Rohr zu achten. Die Durchflussmessung von Zwischenprodukten kommen, die nicht abgebaut werden

79
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

können, weil die entsprechende Bakterienpopulation nicht vor- Tab. 5.1: Grenzwerte für max. zulässige Säurekon-
handen ist oder kleine Wachstumsraten aufweist. Mit Hilfe der zentration
Futtermittelanalytik lässt sich auch der zu erwartende Gasertrag
genauer bestimmen als auf Basis des organischen Trockensub- Grenzwert
stanzgehaltes. Diese Analytik ist daher auch besser zur Bewer- Konzentration
Autor Verfahren, Bemerkung
Essigsäureäquivalente
tung der Qualität von Substraten geeignet.
(mg · l-1)
Die Bestimmung der Konzentration des Substrates ist für
[5-20] 200 Thermophil betriebener
eine verlässliche Massenbilanzierung eine unverzichtbare Grö-
undissozierte Säure Rührkesselreaktor mit
ße, die ergänzende Bestimmung der Zusammensetzung kann vorgeschaltetem Hydroly-
auch zur Bewertung der Substratqualität herangezogen werden. sereaktor
[5-20] 300 Thermophil betriebener
5.1.6 Bestimmung der Konzentration von organi- (adaptierte Biozönose) Rührkesselreaktor mit
schen Säuren undissozierte Säure vorgeschaltetem Hydroly-
Organische Säuren sind ein Zwischenprodukt bei der Bildung sereaktor
von Biogas. Die Säuren dissoziieren in Abhängigkeit vom pH- [5-21] 30–60 Kontinuierlich mesophil
Wert in wässriger Lösung. Die jeweiligen Anteile lassen sich wie undissozierte Säure betriebener Rührkesselre-
aktor (CSTR)
folgt berechnen:
[5-2] 80 (Hemmungszunahme Keine Angaben
pK – pH ab 20)
10 S
f = ---------------------------------- undissozierte Säure
pK S – pH
1 + 10 [5-22] 100–300 Klärschlammfaulung nor-
Gesamtsäure maler Prozesszustand
Gleichung 5.2: Berechnung des Dissoziationsfaktors nach [5-20]
(f: Dissoziationsfaktor, pKS: Negativer, dekadischer Logarithmus der [5-22] 1.000–1.500 Klärschlammfaulung
Säurekonstante, pH: pH-Wert) Gesamtsäure normal während der
Einfahrphase
[5-22] 1.500–2.000 Klärschlammfaulung
Im stationären Zustand sind die Geschwindigkeiten von Säu- Gesamtsäure Gefahr des Umkippens,
rebildung und Umwandlung gleich, so dass die Konzentration Beschickung absetzen
im Fermenter konstant ist. Kommt es zu einer verstärkten Bil- oder Alkalizugabe
dung von Säuren oder/und der Abbau ist gehemmt, reichern [5-22] 4.000 Klärschlammfaulung,
sich die gebildeten Säuren an und die Konzentration steigt an. Gesamtsäure kaum Chancen kurzfristig
Da das Bakterienwachstum entsprechend der von Monod be- zu sanieren
schriebenen Gesetze von der Substratkonzentration abhängig [5-23] < 1.000 stabile Vergärung
ist, zieht eine Erhöhung der Säurekonzentration eine erhöhte Gesamtsäure
Wachstumsgeschwindigkeit nach sich, damit stabilisiert sich
der Prozess in gewissen Grenzen selbst. Wenn jedoch die Bil-
dungsgeschwindigkeit der Säuren die Kapazität der säureab- der Essigsäure stärker ansteigen, so ist die Umwandlung dieser
bauenden Mikroorganismen dauerhaft überschreitet, steigt die Säuren in Essigsäure gehemmt. Die Umwandlung von höherket-
Konzentration weiter an. Wird dann nicht eingegriffen, akkumu- tigen Säuren zu Essigsäure ist ein endogener Prozess, der nur
lieren die Säuren bis zu dem Punkt, an dem die Pufferkapazität bei niedrigen Wasserstoffkonzentrationen abläuft, außerdem
des Gärsubstrates aufgebraucht ist und der pH-Wert absinkt. ist die Wachstumsrate dieser Mikroorganismen klein. Aufgrund
Der Säureabbau wird bei erhöhten Konzentrationen des undis- dieser ungünstigen Voraussetzungen kann dieser Teilprozess
soziierten Anteils der Säuren gehemmt – diese Wirkung wird bei zum Flaschenhals im Prozess werden. Erhöhte Propionsäure-
fallendem pH-Wert verstärkt. konzentrationen werden entsprechend nur langsam abgebaut.
Es ist schwierig, einen Grenzwert für eine maximal zulässige In einigen Veröffentlichungen wird auf das Verhältnis von Es-
Säurekonzentration im stationären Zustand festzulegen, da die sigsäure und Propionsäure als Parameter zur Beurteilung des
sich einstellende Konzentration von Faktoren wie Aufenthalts- Prozesses verwiesen, hier konnte jedoch bisher kein allgemein
zeit, verwendetes Substrat und vorhandenen hemmenden Sub- gültiges Muster nachgewiesen werden.
stanzen abhängig ist. Es gibt verschiedene Verfahren zur Bestimmung der Konzen-
Um eine Orientierung zu geben, sind in der nebenstehenden tration an organischen Säuren (bisher muss für diese Analysen
Tabelle einige Literaturwerte gelistet. eine Probe gezogen werden, die im Labor analysiert wird):
Für die Bewertung des Prozesses ist vor allem wichtig, dass • als Summenparameter (z. B. Wasserdampf-Destillation nach
die Säurekonzentration konstant bleibt. Steigt die Säurekonzen- DIN 38414-19),
tration, ist Vorsicht geboten. Für eine Prozessbewertung unter • als Spektrum (z. B. Gaschromatographie) oder
dynamischen Bedingungen, d. h. bei Änderungen von Säure- • auf Basis empirisch ermittelter Parameter aus dem Ergebnis
konzentrationen, sind Prozessmodelle notwendig. einer Titration berechnet (FOS – flüchtige organischen Säu-
Neben dem Summenparameter der Säuren kann die Konzen- ren)
tration der einzelnen Säuren zusätzliche Informationen liefern. Die Bestimmung des Summenparameters nach DIN 38414-19
Zeigt das Spektrum, dass die höherkettigen Säuren gegenüber wird aufgrund zunehmender Verbreitung des FOS-Werts kaum

80
Betrieb von Biogasanlagen

noch durchgeführt. Diese Bestimmung ist durch die notwendi- gewährleistet normalerweise einen stabilen pH-Wert. Kommt
ge Destillation der wasserdampfflüchtigen Säuren aufwendiger, es dennoch zu gravierenden Veränderungen und der pH-Wert
aber auch genauer als die Bestimmung des FOS-Wertes. bewegt sich aus dem Optimalbereich, ist das meist ein Zeichen
Die Bestimmung des Säurespektrums mittels Gaschromato- für ernsthafte Störungen und es sollte sofort gehandelt werden.
graphie (optional auch Flüssigchromatographie möglich) setzt
aufwendige Messtechnik und Erfahrung mit dem Substrat vor- 5.1.8 Konzentration an Spurenelementen
aus. Als Ergebnis liegt nicht nur die Summe der Säuren vor, es Als Spurenelemente werden Mineralstoffe bezeichnet, die in
können so auch die Konzentrationen der einzelnen Fraktionen sehr geringen Konzentrationen vorkommen. In Anlagen, die
der niedrigen Fettsäuren bestimmt werden. Dieses Verfahren ist ausschließlich mit nachwachsenden Rohstoffen (auch bei
das präziseste der genannten Methoden. Schlempe) betrieben werden, kommt es zu Prozessstörungen,
Als einfach zu bestimmender Parameter hat sich in den die durch die Zugabe von Spurenelementen aufgehoben wer-
letzten Jahren der FOS-Wert etabliert [5-24]. Der FOS-Wert wird den können. Die Störungen zeigen sich durch eine sinkende 5
meist in Kombination mit dem TAC-Wert verwendet (FOS/TAC). Gasproduktion und steigende Säurewerte. Bei Anlagen, die
Der FOS/TAC-Wert wird durch eine Titration ermittelt. Die güllebasiert betrieben werden, sind diese Phänomene nicht zu
Herkunft der Abkürzung TAC ist nicht ganz nachvollziehbar, es beobachten. Die genauen Mechanismen und die tatsächlich
werden in der Literatur verschiedene Bezeichnungen verwen- limitierenden Stoffe konnten bisher nicht identifiziert werden,
det, von denen keine wirklich sprachlich zutreffend und korrekt die Konzentrationen an Spurenelementen in den nachwachsen-
ist. Der TAC-Wert steht für den „Verbrauch A“ an 0,1 N Schwefel- den Rohstoffen liegen jedoch deutlich unter denen, die in Wirt-
säure bei der Titration einer Probe bis zum pH 5. Die verbrauch- schaftsdüngern nachgewiesen konnten [5-26].
te Säuremenge wird in eine entsprechende Karbonatkonzentra- Es werden von einigen Anbietern angepasste Spurenele-
tion umgerechnet (mg CaCO3/l). Wird dann weiter titriert bis pH mentmischungen zur Prozessoptimierung angeboten. Es gibt
4,4, kann aus dem „Säureverbrauch B“ auf die Konzentration an Hinweise, dass die Zugabe von Eisen-Ionen in Form von Ei-
organischen Säuren geschlossen werden. Die verwendeten Be- senchlorid oder Eisenhydroxid, welches oft zur Entschwefelung
rechnungsformeln für die Säurekonzentration sind empirischer verwendet wird, bereits stabilisierende Wirkung haben kann.
Natur: Dies wird darauf zurückgeführt, dass das Sulfid schwerlösliche
Metallsulfide bildet, dadurch wird die Verfügbarkeit der Spure-
Probenmenge: 20 ml (zentrifugiert) nelemente eingeschränkt. Wird das Sulfid vorrangig durch das
TAC: Verbrauch A × 250 [mg/l CaCO3] Eisen gebunden, steigt die Verfügbarkeit der anderen Metalle.
FOS: ((Verbrauch B x 1,66) - 0,15) × 500 [mg/l HAc] In der folgenden Tabelle werden Richtwerte zu den einzelnen
Elementen dargestellt.
Oft wird das Verhältnis FOS/TAC zur Prozessbewertung ver- Ein Verfahren, welches Richtwerte angibt und die Zugabe be-
wendet. Dabei ist zu beachten, dass die Analysenergebnisse schreibt wurde in [5-28] zur Patentierung angemeldet.
verschiedener Prozesse aufgrund der empirischen Natur der Bei der Zugabe von Spurenelementen ist zu beachten, dass
Formeln nicht vergleichbar sind. Der FOS/TAC-Wert sollte erfah- es sich hierbei um Schwermetalle handelt, die in hohen Konzen-
rungsgemäß nicht größer als 0,8 sein. Auch hier gibt es Aus- trationen hemmend wirken können und als Schadstoffe gelten.
nahmen und es gilt wie bei den Säuren, dass Probleme durch Die Zugabe muss in jedem Fall nach der Maßgabe soviel wie
Änderungen des Wertes erkennbar werden. Bei der Beurteilung nötig, sowenig wie möglich erfolgen.
der Ergebnisse sollte berücksichtigt werden, nach welchem Ver-
fahren die Berechnung stattgefunden hat. Tab. 5.2: Richtwerte zu Spurenelementen

5.1.7 pH-Wert Richtwerte [5-28] Richtwerte [5-27]


Biologische Prozesse sind stark vom pH-Wert abhängig. Der Element
optimale pH-Wert-Bereich für die Methanbildung liegt in einem mg/kgTS Konzentration mg/l
engen Fenster zwischen rund 7 und 7,5, wobei die Gasbildung Cobalt 0,4–10 (optimal 1,8) 0,06
auch noch unter- und oberhalb dieses Bereiches möglich ist.
Molybdän 0,05–16 (optimal 4) 0,05
Bei den einstufigen Verfahren stellt sich in der Regel automa-
tisch ein pH-Wert im optimalen Bereich ein, da die Bakterien- Nickel 4–30 (optimal 16) 0,006
gruppen ein selbstregulierendes System bilden. Beim zweis- Selen 0,05–4 (optimal 0,5) 0,008
tufigen Prozess ist der pH-Wert in der Hydrolysestufe deutlich Wolfram 0,1–30 (optimal 0,6)
niedriger, normalerweise zwischen 5 und 6,5, da die säurebil- Zink 30–400 (optimal 200)
denden Bakterien hier ihr Optimum aufweisen. Der pH-Wert Mangan 100–1500 (optimal 300) 0,005-50
wird in der methanogenen Stufe dank der Pufferkapazität des Kupfer 10–80 (optimal 40)
Mediums und der Abbauaktivitäten wieder in den neutralen Be-
Eisen 750–5000 (optimal 2400) 1–10 [5-29]
reich angehoben.
Der pH-Wert kontrolliert die Dissoziationsgleichgewichte
wichtiger Stoffwechselprodukte wie Ammoniak, organische
Säuren und Schwefelwasserstoff. Die Pufferkapazität des Me-
diums (hauptsächlich Hydrogenkarbonat und Ammonium)

81
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

5.1.9 Stickstoff, Ammonium, Ammoniak Tab. 5.3: Literaturangaben zu Hemmkonzen­


Beim Abbau von organischen Substanzen, die Stickstoff enthal- trationen von Ammoniak
ten, wird dieser zu Ammoniak (NH3) umgewandelt. Ammoniak
ist dissoziiert in Wasser, es bildet sich Ammonium. Autor Konzentration Bemerkung
Stickstoff wird für den Zellaufbau benötigt und ist somit ein [5-33] > 3000 mg · l NH4-1
Hemmwirkung
lebensnotwendiger Nährstoff. [5-32] -1
> 150 mg · l NH3 Hemmwirkung
Auf der anderen Seite konnte nachgewiesen werden, dass
[5-31] 500 mg · kg-1 NH3 stabiler Betrieb, erhöhte
hohe Konzentrationen an Ammoniak/ Ammonium im Substrat 1.200 mg · l-1 NH3 Säurekonzentrationen,
hemmende Wirkung auf die Methanbildung haben. Über die ge- Hemmwirkung
nauen Mechanismen, die zur Hemmung führen, besteht noch [5-30] < 200 mg · l-1 NH3 stabiler Betrieb
keine einheitliche Meinung, offensichtlich sind die Bakterien
[5-21] Abbau-
jedoch in der Lage, sich an erhöhte Konzentrationen zu adap- grad %
tieren. Daher ist es schwierig, klare Aussagen zu Grenzwerten 106 mg · l-1 NH3 71 stabiler Betrieb in allen
zu treffen, da die Reaktion auf erhöhte Ammoniak/Ammonium- 155 mg · l-1 NH3 62 Fällen, jedoch reduzierte
konzentrationen prozessspezifisch ist. 207 mg · l-1 NH3 61 Abbauleistung und er­höhte
Vieles deutet darauf hin, dass die hemmende Wirkung vom 257 mg · l-1 NH3 56 Säurekonzentration
undissozierten Anteil, also vom Ammoniak ausgeht, es ergibt [5-34] > 700 mg · l-1 NH3 Hemmwirkung
sich eine Abhängigkeit der hemmenden Wirkung von der vor-
handenen Konzentration, der Temperatur und dem pH-Wert.
Daraus folgt die in der Praxis bestätigte Konsequenz, dass ther- Unter der Voraussetzung von langen Anpassungszeiten
mophile Anlagen empfindlicher auf hohe Ammoniumkonzen­ (bis zu einem Jahr) können die Mikroorganismen sich an hohe
trationen reagieren als mesophile Anlagen. Der Zusammenhang Ammoniakkonzentrationen adaptieren. Untersuchungen mit
ist durch die folgende Gleichung dargestellt. Festbettreaktoren haben gezeigt, dass diese sich besser als
Rührkesselreaktoren an höhere Konzentrationen adaptieren
· können. Das lässt den Schluss zu, dass das Bakterienalter bei
der Adaption eine Rolle spielt – damit wären hohe Aufenthalts-
zeiten in Rührkesselreaktoren eine Strategie zur Beherrschung
Gleichung 5.3: Berechnung der Ammoniakkonzentration nach [5-30] der Hemmwirkung.
(cNH3 Konzentration Ammoniak (g · l-1), cNH Konzentration Ammonium Es gibt bisher keine klaren Erkenntnisse, wo die Gren-
(g · l-1), T Temperatur (°C))
zen bezüglich Ammoniakkonzentration, Raumbelastung und
Verweildauer liegen. Die Anpassung braucht Zeit und ist mit
Die Abbildung 5.1 stellt das Dissoziationsgleichgewicht und schwankenden Abbauleistungen verbunden. Dadurch ist der
eine Hemmung nach [5-2] dar. Die Absolutwerte der Hemmung Anpassungsprozess mit wirtschaftlichem Risiko verbunden.
können sicherlich nicht auf alle Prozesse übertragen werden Ammoniak/Ammonium kann mittels ionensensitiver Son-
(siehe unten), der prinzipielle Verlauf der hemmenden Wirkung den, Küvettentests oder auf herkömmliche Art und Weise durch
ist jedoch übertragbar. destillieren und Titration (DIN 38406, E5) gemessen werden.
Die Tabelle 5.3 fasst verschiedene Veröffentlichungen zum Die Verwendung von Sonden ist in der Praxis nicht verbreitet,
Thema Ammoniak/Ammoniumhemmung zusammen. Klar er- die Bestimmung nach Probenahme im Labor ist gebräuchli-
sichtlich ist dabei, dass die Werte erheblich voneinander ab- cher. Da die Grenzkonzentration prozessspezifisch ist, ist die
weichen, was unterstreicht, dass keine allgemeingültigen Aus- Ammoniakkonzentration alleine wenig aussagekräftig bezüg-
sagen zum Thema Ammoniak/Ammoniumhemmung gemacht lich des Prozesszustandes. Mit der Bestimmung des Ammo-
werden können. niumgehaltes sollte immer eine Bestimmung des pH-Wertes
[5-21] berichtet im Zusammenhang mit erhöhten Ammo- einhergehen, um den Gehalt an Ammoniak abschätzen zu kön-
niumkonzentrationen von gleichzeitig erhöhten Säurekonzen- nen. Sie kann bei auftretenden Störungen helfen, die Ursache
trationen, dieser Zusammenhang kann auch in der Praxis be- zu identifizieren.
obachtet werden. Die erhöhten Säurekonzentrationen lassen
auf eine Wachstumsrate der säureverwertenden Populationen 5.1.10 Schwimmdecken
schließen, die nahe deren Maximum liegt. Trotz dieser ungüns- Die Bildung von Schwimmdecken kann auf Anlagen mit faseri-
tigen Bedingungen ist ein stabiler Betrieb möglich, allerdings gem Substrat ein Problem darstellen. Schwimmdecken bilden
ist erhöhte Vorsicht bei Belastungsschwankungen geboten, da sich, indem faseriges Material aufschwimmt und an der Ober-
der Prozess diese nicht mehr durch eine Steigerung der Stoff- fläche durch Verfilzen eine feste Struktur bildet. Wird die Decke
wechselaktivität abfangen kann. Die Gasproduktion bleibt dann nicht durch geeignete Rührwerke aufgerührt, kann sie bis auf
unter Umständen eine Weile konstant, doch die Säuren reichern mehrere Meter Stärke anwachsen und muss dann manuell ent-
sich im Gärsubstrat an. Hohe Ammoniumkonzentrationen wir- fernt werden.
ken als Puffer und somit führen erhöhte Konzentrationen an Eine gewisse Stabilität der Oberflächenstruktur ist allerdings
organischen Säuren nicht unbedingt zu Veränderungen des auf Anlagen, die durch Zugeben von Luft im Gasraum entschwe-
pH-Wertes. feln, durchaus erwünscht. Hier dient die Oberfläche als Besie-
delungsfläche für die entschwefelnden Bakterien.

82
Betrieb von Biogasanlagen

Hemmung der Methanbildung aus Essigsäue durch Ammoniak

Dissoziationsgleichgewicht NH3/NH4-N Hemmung der Methanbildung aus Essigsäure


durch NH3
undiss. NH3 NH4-N (in %) Hemmung (in %)

100
10,0 90,0
T = 38 °C
75
1,0 99,0
50 5
0,1 99,9
25 T = 30 °C

0,01 99,9 0
6 7 8 20 40 60 80 100
pH-Wert mg/l NH3-N

Abb. 5.1: Hemmung der Methanbildung aus Essigsäure durch NH3 (nach [5-2])

Die Schwimmdeckenbehandlung stellt dann ein Optimie- kurz auf die Unterschiede von Laboranalyse und online am
rungsproblem dar, welches in den meisten Fällen vom Anlagen- Prozess installierten Sensoren eingegangen werden. Alle Ana-
betreiber durch visuelle Begutachtung durch das Sichtfenster lysen, die im Labor an Substratproben durchgeführt werden,
gelöst wird. Es gibt bisher keine Messtechnik, die die Bildung setzen eine repräsentative Probenahme voraus, dann muss die
von Schwimmdecken erfasst. Probe in ein Labor transportiert werden. Solche Analysen sind
aufwändig, verursachen hohe Kosten und die Ergebnisse sind
5.1.11 Schaumbildung zeitverzögert verfügbar. Sensoren, die direkt am Prozess mes-
Schaumbildung ist die Folge von reduzierter Oberflächenspan- sen, weisen dagegen eine wesentlich höhere Messdichte auf,
nung, die durch oberflächenaktive Substanzen hervorgerufen die Messwerte sind sofort verfügbar. Die Kosten pro Messwert
wird. Die genaue Ursache von Schaumbildung im Biogasbil- sind deutlich geringer, die Daten sind einfach in eine Prozess­
dungsprozess ist nicht bekannt. Sie tritt bei nicht optimalen Be- automation integrierbar.
dingungen (z. B. verdorbene Silage, Überlasterscheinungen in Leider sind die für eine Massenbilanzierung notwendigen
Kombination mit hoher Ammoniumkonzentration) auf. Möglich Messgrößen derzeit nicht mit Online-Sensoren erfassbar, er-
ist, dass eine Anreicherung von oberflächenaktiven Zwischen- gänzende Laboranalysen sind daher unumgänglich. Die not-
produkten oder Bakteriengruppen im Prozess kombiniert mit wendigen Größen und ihre Verfügbarkeit sind in Tabelle 5.4
einer starken Gasbildung die Ursache darstellt. zusammengefasst.
Schaum kann ein ernsthaftes Problem darstellen, wenn die Eine permanente Überwachung aller aufgeführten Größen
Gasleitungen verstopft werden und der Druck im Fermenter den ist zu aufwendig und auf manchen Anlagen auch nicht notwen-
Schaum z. B. aus den Überdrucksicherungen herausdrückt. Als dig. Es sind anlagenspezifisch Teillösungen zu finden, die den
kurzfristige Lösung sind Entschäumer hilfreich, langfristig sollte Anforderungen genügen. Die Kriterien für die Regelung und die
die Ursache identifiziert und beseitigt werden. dafür notwendige Messtechnik sind:
Messtechnisch lässt sich Schaumbildung durch die Kombi- • zulässige Prozessabweichung,
nation verschiedener Füllstandsmessgeräte erfassen. So wird • angestrebter Automatisierungsgrad und
ein Drucksensor nicht auf Schaum reagieren, während Ultra- • Prozesseigenschaften.
schallsensoren den Schaum als Veränderung der Oberfläche Die frühe Erkennung von kritischen Prozesszuständen (Säu-
detektieren. Die Differenz beider Systeme ergibt die Schaum- reanreicherung, mit folgender Hemmung und verminderter
höhe. Gasproduktion) ist eine Minimalanforderung an jede Prozess-
überwachung, damit gravierende Leistungseinbußen vermie-
5.1.12 Prozessbewertung den werden können. Darüber hinaus sollte die Überwachung
Die Prozessbewertung erfolgt durch die Auswertung und Inter- hinreichend genau sein, um eine Regelung der Gasproduktion
pretation von Messwerten, die erhoben werden. Wie bereits zu ermöglichen – die Auslastung des BHKW muss gewährleistet
festgestellt, ist dabei eine Bilanzierung der Massenströme die sein.
sicherste Methode zur Prozessbeschreibung. Praktisch ist dies Der Automatisierungsgrad ist sicherlich von der Größe der
aufgrund des damit verbundenen Aufwandes wirtschaftlich Anlage abhängig. Je größer die Anlage, je unübersichtlicher
nicht realisierbar. In der Praxis ergeben sich zudem bei der Er- werden die vielen Teilprozesse und eine Automatisierung wird
fassung der Messwerte einige Besonderheiten, daher soll hier unumgänglich. Mit fortschreitender Automatisierung wird auch

83
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 5.4: MessgröSSen und ihre Verfügbarkeit Datenerfassung und Prozessregelung die Möglichkeit, Prozess-
störungen zeitig zu erkennen und zu beheben.
Messgrößen zur Sehr einfache Lösungen wie die Dokumentation von Daten
Online verfügbar
­Massenbilanzierung in Betriebstagebüchern und die manuelle oder zeitgesteuerte
Inputzusammensetzung TS Bestimmung in Entwicklung, Regelung der Teilprozesse werden auf kleinen, güllebasierten
alle weiteren Parameter Labor­ Anlagen oft noch angewendet. Werden die Daten allerdings
analyse
nicht nachträglich in elektronischer Form erfasst, ist die Auswer-
Zwischenprodukte (organische tung und die lückenlose Dokumentation der Daten oft nicht ge-
Laboranalyse notwendig
Säuren)
geben. Die Optimierung der Prozesse wird dadurch erschwert.
Menge Output Online verfügbar Je nach den Anforderungen der Anwendung stehen unter-
Zusammensetzung Gärrückstand TS Bestimmung in Entwicklung, schiedliche Automatisierungslösungen zur Verfügung. Unter
alle weiteren Parameter Labor­
dem Begriff Automatisierung werden Steuerungs-, Regelungs-
analyse
und Visualisierungsvorgänge zusammengefasst. Voraussetzung
Gebildete Gasmenge Online verfügbar
für eine Automatisierung ist das Überwachen des Prozesses,
Zusammensetzung Biogas Online verfügbar d. h. das ständige Erfassen und Speichern der zur Verfügung
stehenden Prozessdaten.
Zur Prozesskontrolle auf Biogasanlagen werden in den meis-
eine gewisse Unabhängigkeit von Fachpersonal erreicht, Fern- ten Fällen speicherprogrammierbare Steuerungen (SPS) einge-
überwachung kann realisiert werden und menschliche Fehler setzt. Diese Geräte übernehmen prozessnah viele Aufgaben der
können reduziert werden. Automatisierung. Für Biogasanlagen sind dies alle anstehenden
Bezüglich der Prozesseigenschaften ist festzustellen, dass Steuerungsaufgaben, die zum einen die rein technischen Ab-
besonders bei Anlagen, die eine hohe Raumbelastung und/ läufe wie Pumpenlaufzeiten, Beschickungsintervalle, Rührinter-
oder niedrige Aufenthaltzeiten fahren, hemmende Substanzen valle etc. überwachen und zum anderen auch die biologischen
in hohen Konzentrationen aufweisen oder wechselnde Subst- Prozesse überwachen müssen. Dazu muss die Aufnahme aller
ratmischungen nutzen, ein erhöhtes Risiko der Überlastung des benötigten Messgrößen (z. B. Schaltzustände von Motoren,
Prozesses besteht. Dem sollte durch entsprechenden Aufwand Leistungsaufnahme, Drehzahlen, aber auch Prozessparameter
bei der Prozessüberwachung Rechnung getragen werden. wie pH-Wert, Temperaturen, Gasproduktionsraten, Gaszusam-
Eine Einschätzung des Aufwandes zur Prozessüberwachung mensetzung usw.) gewährleistet sein, sowie das entsprechende
ist im Kap. 5.3 zu finden. Schalten von Aktoren wie Ventilen, Rührwerks- und Pumpenmo-
toren ausgelöst werden. Zur Erfassung der Messgrößen werden
die am Sensor erhobenen Größen durch Wandler in Standard-
5.2 Anlagenüberwachung und signale umgewandelt, die von der SPS erfasst werden können.
­Automatisierung Die Umsetzung des Schaltens von Aktoren geschieht über
Relais, wobei die Ansteuerungen einfach zeitgesteuert sein
Zur Kontrolle von Prozessen und Anlagen stehen verschiedene können oder als Reaktion auf die eingehenden Messgrößen
Möglichkeiten zur Verfügung. Die Bandbreite der in der Praxis definiert sein können. Eine Kombination dieser Ansteuermög-
üblichen Anwendungen reicht von Betriebstagebüchern bis hin lichkeiten ist ebenfalls realisierbar. Regelungstechnisch sind
zu vollautomatisierten Datenerfassungs- und Regelungssys- bei allen SPS-Typen Standard-PID (Proportional Integral Diffe-
temen (Abb. 5.2). Bei der Entscheidung, welcher Automatisie- rential) Regler und z. T. einfache Fuzzy-Logic-Regler implemen-
rungsgrad realisiert werden soll, ist zu berücksichtigen, welche tiert. Es können jedoch auch andere Regelalgorithmen durch
Verfügbarkeit der Prozesskontrolle erreicht werden soll, inwie- eine Programmierung manuell umgesetzt werden.
fern die Anlage unabhängig von Fachpersonal betreibbar sein Eine SPS besteht aus der zentralen Baugruppe (CPU: Cen­
soll und welche Prozesseigenschaften eine Automatisierung tral Processing Unit) welche als Herzstück einen Mikrocontrol-
zwangsläufig erfordern. ler enthält. Diese Controller sind je nach Kategorie der SPS in
Mit steigender Automatisierung steigt auch die Verfügbar- ihrer Leistung unterschiedlich. Die Unterschiede liegen in der
keit der Prozesskontrolle und damit auch der Anlage. So sind Verarbeitungsgeschwindigkeit und der Redundanz der Funk-
bei hochautomatisierten Systemen auch an Wochenenden und tionen. Die Spanne reicht dabei von relativ kleinen CPUs, die
Feiertagen die Datenerfassung und ein gleichmäßiger Betrieb dementsprechend günstiger sind, bis hin zu hochverfügbaren
gewährleistet. Mit steigender Automatisierung wird der Anla- Systemen mit leistungsfähigen Controllern und entsprechender
genbetrieb auch unabhängiger von der permanenten Anwesen- Redundanz.
heit des Betriebspersonals. Hinsichtlich der Prozesseigenschaf- Bei der Auswahl einer SPS spielen Echtzeitschranken eine
ten ist festzustellen, dass mit steigender Größe der Anlagen, wichtige Rolle. Echtzeit bedeutet dabei, dass das Automatisie-
auch die Anzahl der zu überwachenden Prozessparameter rungssystem innerhalb einer vom Prozess vorgeschriebenen
steigt. Ab einer gewissen Größe wird eine Automatisierung der Zeit reagieren muss. Ist dies der Fall, so ist das Automatisie-
Abläufe unumgänglich. Bei Anlagen mit hoher Raumbelastung rungssystem echtzeitfähig. Da der Biogasprozess keine hohen
und Anlagen mit Tendenz zu Mangelerscheinungen (z. B. Spu­ Echtzeitanforderungen aufweist, werden auf Biogasanlagen
ren­elementen) oder hemmenden Substanzen ist das Risiko von meist SPS im unteren bis mittleren Preissektor favorisiert.
gravierenden Störungen erhöht. Hier bietet die automatisierte

84
Betrieb von Biogasanlagen

Abb. 5.2: Schema zur Anlagenüberwachung

Neben der CPU wird von allen Herstellern eine große Anzahl wurde. Bussysteme sind für eine dezentrale Anlagensteuerung
von Modulen zur Anschaltung an die CPU angeboten. Zu die- heutzutage unverzichtbar, sie dienen zur Kommunikation zwi-
sen Modulen gehören analoge und digitale Module zur Eingabe schen einzelnen Teilnehmern. Mit Bussystemen können alle An-
von Signalgebern und Messsonden und zur Ausgabe für diverse lagenkomponenten miteinander vernetzt werden.
Aktoren und analoger Anzeigeelemente. Für den Biogasbereich Wie auch bei der SPS stehen Bustypen mit verschieden-
können spezielle Anschaltungen für Messgeräte interessant artigem Aufbau zur Verfügung. Welche Buskommunikation
sein, die über RS 232-Schnittstellen angesteuert werden. geeignet ist, hängt wiederum vom Prozess und dessen Echt-
Zur Kommunikation werden verschiedene Kommunikations- zeitanforderungen zusammen sowie von den Eigenschaften der
controller zur Buskommunikation angeboten. Umgebung (z. B. Ex-Bereich). Ein etablierter Standard, welcher
bei vielen Anlagen eingesetzt wird, ist PROFIBUS-DP. Er ermög-
5.2.1 Bussystem licht das Überbrücken von Strecken von mehreren Kilometern.
In den letzten Jahren setzte sich die Dezentralisierung in der Viele Geräte unterstützen diese Buskommunikation, wobei im-
Automatisierungstechnik immer weiter fort, eine Entwicklung, mer häufiger die Weiterentwicklungen PROFINET und ETHERNET
die durch leistungsfähige Kommunikationstechnik ermöglicht Anwendung finden.

85
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

5.2.2 Projektierung systemen sowie anderen Applikationen aufgebaut werden,


Eine weitere Komponente der SPS ist das Programm, auf wel- ohne dass die einzelnen Teilnehmer genauere Information der
chem die ablaufende Prozesskontrolle beruht. Dieses Pro- Schnittstellen ihrer Partner benötigen, ebenso braucht die An-
gramm wird während der sogenannten Projektierung mit einer wendung keine Information über das Kommunikationsnetz des
speziellen Entwicklungsumgebung, der Projektierungssoftware Steuerungssystems. Dadurch sind herstellerunabhängige An-
entwickelt und auf der SPS implementiert. Je nach Aufgaben wendungen wie z. B. Datenerfassungen oder eine speziell ange-
an die SPS beinhaltet dieses Ablaufprogramm einfache Steu- passte Visualisierung möglich.
erungsaufgaben bis hin zu komplizierten Regelungsmechanis-
men. Um ein manuelles Eingreifen zu ermöglichen, kann ein 5.2.4 Datenerfassung
Auto- und ein Manuellbetrieb projektiert werden. Zur sicheren Datenerfassung im großtechnischen Bereich wer-
Falls Anlagenzustände eintreten, welche vom Programm der den Datenbanken verwendet. Die SPS-Hersteller bieten eigene
Steuerung nicht vorhergesehen sind, muss die Anlage manu- Datenerfassungen an, hier sind jedoch herstellerunabhängige
ell bedienbar sein. Dies können extreme Prozesszustände oder Lösungen zu bevorzugen, da diese hinsichtlich der Zugriffsmög-
Havarien wie der Ausfall von Pumpen o. ä. sein. Für große Hava- lichkeiten flexibler sind.
rien bzw. Unfälle ist eine automatische Abschaltung der Anlage Aus der Vielzahl der erfassten Daten können die zu spei-
vorzusehen. Dabei fährt die gesamte Anlage, bzw. der betref- chernden Daten ausgewählt werden. Damit wird eine Auswer-
fende Anlagenteil durch das Auslösen bestimmter Sensoren tung des Anlagenbetriebs über eine längere Zeit möglich. Es
oder eines Notaus-Tasters in einen sicheren Betriebszustand. können auch Ereignisse wie z. B. Störmeldungen gespeichert
Ebenfalls müssen Vorsichtsmassnahmen ergriffen werden, falls werden.
die Versorgungsspannung am Steuerungssystem selbst aus- Auf eine detaillierte Beschreibung der Überwachung und
fällt. Für diesen Fall bieten die Hersteller der Steuerungen unab- Regelung rein technischer Vorgänge wie Füllstände, Pumpen-
hängige Spannungsversorgungen (USV) an, um die Steuerung laufzeiten etc. soll an dieser Stelle verzichtet werden. Die Ab-
weiter mit Energie zu versorgen. Somit kann die Steuerung in stimmung und Kontrolle dieser Prozesse sind Stand der Technik
der verbleibenden Zeit die Anlage kontrolliert abschalten. Damit und stellen normalerweise kein Problem dar.
ist gewährleistet, dass die Anlage nicht in einen undefinierten
Zustand fährt. 5.2.5 Prozessregelung
Die Prozessregelung dient zur Gewährleistung des Prozess-
5.2.3 Anwendungen/Visualisierung zieles. Der Regler stellt durch Auswertung von Messdaten die
Ein weiterer Bestandteil moderner Automatisierungslösungen Abweichung zum Sollzustand fest und initiiert die notwendigen
sind PCs und Panel-Varianten mit entsprechender Visualisierung. Maßnahmen zur Rückführung auf den Sollzustand.
Diese werden über ein Bussystem miteinander verbunden und Im Gegensatz zum Steuern wird bei einer Regelung die Pro-
bilden in Summe die Automatisierungslösung. Visualisierungen zessreaktion in den Kontrollvorgang einbezogen. Reine Steue-
werden in nahezu allen Anlagen eingesetzt und sind Stand der rungen sind für den anaeroben Abbauprozess nicht geeignet,
Technik. Häufig anzutreffen sind Panels, die in verschiedenen da bei unvorhergesehenen Störungen der Kontrollmechanis-
Ausführungen angeboten werden und zur Darstellung eines klei- mus die Veränderungen im Prozess nicht registriert und so nicht
neren Teilbereichs einer Anlage verwendet werden. adäquat reagieren kann. Jede Art von Prozesskontrolle – selbst
Denkbar ist z. B. der Einsatz einer Panellösung bei der de- wenn dies durch den Betreiber vorgenommen wird – setzt Mes-
zentralen Visualisierung der Substratförderpumpe. Dabei wer- sungen voraus, die eine Beschreibung des Prozesszustandes
den im Autobetrieb vor Ort alle wichtigen Daten (z. B. Motor- hinreichend genau möglich macht, andernfalls können Prozess-
drehzahl, Motortemperatur, Fördermenge, Störungen, usw.) störungen nicht rechtzeitig detektiert werden und bei auftre-
angezeigt. Nach Umschalten in den manuellen Betrieb kann tenden Störungen kann es zu ernsthaften Leistungseinbußen
die Pumpe manuell gesteuert werden. Die Entwicklung der kommen.
Panel-Technologie geht weiter, so dass mittlerweile komplexe In der Praxis von Biogasanlagen wird die Prozessregelung
Visualisierungsaufgaben bis hin zu Steuerungsaufgaben mit Pa- in Bezug auf den biologischen Prozess in den meisten Fällen
nels gelöst werden können. vom Anlagenbetreiber durchgeführt. Der Betreiber vergleicht
Die „klassische“ Lösung der Visualisierung ist die PC-basierte die verfügbaren Messwerte mit seinen Erfahrungswerten und
Visualisierung. Sie reicht von der Darstellung einzelner Teilpro- Leistungsvorgaben, um zu einer Einschätzung des Prozesszu-
zesse bis hin zu komplexen Leitständen. Als Leitstand werden standes zu kommen. Die Wirksamkeit dieser Methode ist stark
Einrichtungen bezeichnet, in welchen alle Informationen zu- von der Verfügbarkeit und dem Wissensstand des Personals
sammenlaufen und der Prozess bzw. die Anlage durch mensch- abhängig.
liche Entscheidungen geleitet wird. Soll eine automatisierte Prozessüberwachung und -regelung
Um mittels der PC-Applikationen auf die Daten der SPS zu- aufgebaut werden, sind die Anforderungen an Messwerterfas-
greifen zu können, wurde ein Standard eingeführt, welcher die sung und Auswertung größer, da der Anlagenbetreiber als Ent-
Kommunikation zwischen Windows-Applikation und der SPS scheidungsträger nicht zur Verfügung steht und somit nur die
regelt. Der OPC-Server ist eine standardisierte Kommunikati- elektronisch verfügbaren Prozessinformationen für die Rege-
onsplattform, mit welcher eine herstellerunabhängige Kommu- lung verwendbar sind.
nikation aufgebaut werden kann. Dadurch kann ein flexibles Automatische Regelungen für die Biologie sind im großtech-
Netzwerk zwischen verschiedenen Steuerungs- und Regelungs- nischen Anwendungsfall nicht Stand der Technik. Mit einer zu-

86
Betrieb von Biogasanlagen

Tab. 5.5: Methoden für die Regelung

Regelmethoden Anwendung Bemerkungen


PID (Proportional Integ- Wenn wenige Daten verfügbar sind, kein Modell verfügbar Gute Ergebnisse, auf einfache Input-Output Strategien und
ral Differential) Regler und wenig über das Regelstreckenverhalten bekannt ist lineares Verhalten beschränkt
Physikalische, prozess­ Kenntnis der internen Prozessabläufe notwendig Exakte Parameterbestimmung notwendig, dazu sind Mess-
orientierte Modelle daten erforderlich, für nichtlineares Verhalten geeignet
Neuronale Netze Wenn kein Simulationsmodell verfügbar ist, kein Prozess- Sehr gute Ergebnisse, aber Vorsicht bei der Art des Ler-
verständnis erforderlich, große Datenmengen notwendig nens, der Controller bleibt eine black box
Fuzzy logic Geringe Datenmengen erforderlich, Expertenwissen not- Einsetzbar bei Nichtlinearitäten im Prozess und multiplen
wendig, wenn kein Simulationsmodel verfügbar ist In- und Output-Szenarien, Expertenwissen integrierbar,
einfache Handhabung 5

nehmenden Industrialisierung des Anlagenbetriebes und einer dieser einfache Algorithmus auch zur Regelung des Biogaspro-
anzustrebenden Erhöhung der Effizienz werden diese jedoch in zesses verwendet werden [5-35], [5-37].
Zukunft vermehrt Einsatz finden. Im Folgenden werden einige Grundsätzlich sind Regelungen mit allen genannten Verfah-
Möglichkeiten vorgestellt, ohne dabei zu sehr ins Detail zu ge- ren realisierbar, das ist im Labormaßstab nachgewiesen wor-
hen. Dafür sei auf die entsprechende Fachliteratur verwiesen. den. Regelungen, die auf Basis von physikalischen, prozess­
orientierten Modellen, wissensbasierten Systemen oder neuro­
5.2.5.1 Standardverfahren für die Regelung nalen Netzen entwickelt wurden, wurden jedoch bisher wenig
Für die Regelung des anaeroben Abbauprozesses haben sich im praktischen Betrieb eingesetzt.
bereits verschiedene Verfahren als geeignet erwiesen. Proble-
matisch bei der Prozessregelung sind der nichtlineare Charakter 5.2.5.2 Weitergehende Ansätze
des Prozesses und die Komplexität der ablaufenden Prozesse. Viele Anlagenbauer bieten auch betriebsbegleitende Beratung
und Analysepakete an, die eine Optimierung des biologischen
PID Regler Prozesses zum Ziel haben. Diese Leistungen werden auch von
Der Proportional-Integral-Differential Regler (PID) ist der meist- unabhängigen Firmen als Beratungsangebot und Soforthilfe
verbreitete Algorithmus bei industriellen Anwendungen von angeboten. Als eine weitere Möglichkeit wird eine direkte Pro-
feedback control. Dabei werden drei Regelmechanismen kom- zessanalyse auf Basis der Prozessdynamik angeboten („Kom-
biniert. Das Proportional Glied repräsentiert den Faktor, der die munikation mit dem Prozess“). Hier wird aufgrund der dynami-
Amplitude der Stellgrößenänderung bestimmt. Die Stellgrö- schen Antwort des Prozesses auf eine eingebrachte „Störung“
ße wird proportional zur Abweichung des Prozesses vom ge- die Leistungsfähigkeit des Prozesses bewertet.
wünschten Zustand verändert. Der dabei verwendete Faktor ist Im Internet sind auch verschiedene Foren verfügbar, in de-
der Proportionalitätsfaktor. Dieser Regler kann um einen Inte- nen Betreiber sich über Probleme austauschen. Zusätzlich wer-
gral-Bestandteil erweitert werden. Dieser Bestandteil wird not- den von einigen Organisationen Schulungen für Anlagenbetrei-
wendig, wenn es bei einer bleibenden Veränderung im System ber und Personal angeboten.
zu einer Abweichung kommt und diese durch den Proportiona-
litätsfaktor nicht ausgeglichen werden kann. Dieses Problem
wurde mittels eines zum Integral der Abweichung proportiona- 5.3 Prozesskontrolle im Anfahr- und Regel-
len Gliedes gelöst. Das differentielle Glied ist proportional zur betrieb
Steigung der Abweichung und ermöglicht eine schnelle Reak­
tion auf starke Abweichungen. 5.3.1 Regelbetrieb
Im Folgenden wird kurz dargelegt, welche Prozessparameter zur
Beurteilung der Prozessbiologie erhoben werden sollten, dabei
wird zwischen zwei verschiedenen Anlagenszenarien unter-
Gleichung 5.4: PID Regler (u Reglerausgang, u0 Basisausgang Regler, schieden, da der notwendige Aufwand vom Anlagentyp und der
e Prozessabweichung, kp Proportionalitätsfaktor, ki Faktor des Inte­gral- Betriebsweise abhängig ist. Bei der Erfassung der Daten spielt
Gliedes, kd Faktor des Differentiellen Gliedes)
es erst mal keine Rolle, ob dies online oder manuell geschieht.
Wichtig ist, dass die Daten für eine geeignete Auswertung auf-
Der PID Regler weist ein lineares, nichtdynamisches Verhalten bereitet werden.
auf. Es können keine Zusammenhänge zwischen verschiedenen Szenario 1: normale Anlage, güllebasiert, niedrige Raum-
Messgrößen abgebildet werden. belastung (kleiner 2 kg oTS/m3 · d), keine hemmenden Sub­
Der PID Regler ist ein weit verbreiteter Regeltyp, der auch auf stanzen, Konzentrationen an Säuren im Normalbetrieb kleiner
Biogasanlagen für viele Anwendungen einsetzbar ist. So kann er 2 g/l.
zur Einstellung des notwendigen Sauerstoffgehaltes im Biogas Szenario 2: Anlagen mit hoher Raumbelastung, wechseln-
zur Entschwefelung oder zur Temperaturregelung im Fermenter de Substratzusammensetzung und -qualität, evtl. hemmende
verwendet werden. Unter bestimmten Voraussetzungen kann Substanzen (z. B. Ammonium größer 3 g/l), Konzentrationen an

87
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Säuren im Normalbetrieb größer 2 g/l sowie bei Umstellungen Prozessparameter. Um in diesem Zustand den Prozess sicher
des Beschickungsregimes. auf Volllast fahren zu können, ist eine größere Messdichte not-
Anlagen mit Störungen, d. h. mit sich ändernden Prozesspa- wendig als im Normalbetrieb, da der Prozess instabil ist und
rametern, sollten mindestens mit einer Messdichte, wie in Sze- sehr viel schneller zum Umkippen neigt.
nario 2 angegeben, beprobt werden. Dynamische Prozesszu- Beim Anfahren müssen die Fermenter möglichst innerhalb
stände bergen immer das Risiko, dass der Prozess den Bereich kurzer Zeit befüllt werden, bis alle Zu- und Abläufe (Flüssigkeits-
verlässt, in dem eine Selbst-Stabilisierung möglich ist. Daher verschlüsse) mit Flüssigkeit abgedichtet sind. Während des An-
sollten auch Umstellungen des Betriebsregimes, Substratwech- fahrbetriebs ist besonders zu beachten, dass sich im Gasraum
sel, Erhöhung der Inputmenge u. ä. immer von einer wesentlich des Fermenters explosionsfähige Gasgemische bilden können.
größeren Messdichte begleitet werden. Daher muss die Befüllung zügig erfolgen. Sofern für den Anfahr-
Wenn bekannt ist, dass der Prozess betriebsbedingt poten- betrieb nicht genügend Animpfmaterial zur Verfügung steht,
ziell hemmend wirkenden Substanzen (z. B. Ammoniak) aus- sollte das Animpfmaterial mit Wasser verdünnt werden, um den
gesetzt ist, bietet sich eine ergänzende Beobachtung dieser Gasraum klein zu halten. Die Rührwerke müssen während der
Substanzen an. Damit kann die Ursache einer Störung schneller Anfahrphase abgetaucht betrieben werden, um Funkenbildung
identifiziert werden. zu vermeiden.
Wenn die Bilanzierung des Prozesses eine Reduktion der Nach der Befüllung wird der Behälterinhalt gleichmäßig tem-
Abbauleistung ergibt, ist der nächste Schritt die Ursachenana- periert, danach kann mit der Substratbeschickung begonnen
lyse. Die Ursachen von Störungen und deren Behebung werden werden.
in Kap. 5.4.1 behandelt. Die Daten sollten elektronisch erfasst Beim erstmaligen Anfahren kann die Anfahrphase durch
oder aufbereitet werden, da auf diese Weise langfristige Trends die Zugabe einer ausreichenden Menge am Abbauprozess be-
und Zusammenhänge besser sichtbar gemacht werden können. teiligter Bakterien als Impfmaterial verkürzt werden. Je größer
Die Prozessbewertung basiert bei den meisten Anlagen auf der die zugegebene Impfmenge, je kürzer die Einfahrphase. Der
Erfahrung des Anlagenbetreibers. Genauer und objektiver kann Idealfall ist daher, den anzufahrenden Fermenter komplett mit
diese Auswertung durch einen Prozessbeobachter realisiert Gärrückstand aus einer anderen Anlage zu befüllen. Je nach
werden. Prozessbeobachter werten die Daten auf Basis von Verfügbarkeit kann auch eine Mischung aus Gärrückständen
mathematischen Modellen des Prozesses aus. Vor allem bei verschiedener Anlagen, Gülle und Wasser zum Einsatz kommen.
dynamischen Prozessveränderungen wie Substratumstellungen Bei der Zugabe von Wassers ist zu beachten, dass die ursprüng-
oder Änderungen der Beschickungsmenge ist eine Bewertung liche Pufferkapazität des Systems mit einer zunehmenden
des Prozessverlaufes ohne Modell nicht möglich. Gleiches gilt Verdünnung herabgesetzt wird. Als Folge kann es bei einer zu
für Prognosen des Prozessverhaltens zur Erstellung von zukünf- schnell durchgeführten Belastungssteigerung leicht zu Prozess-
tigen Beschickungsmengen. instabilitäten kommen, wodurch die Gefahr eines „Umkippens“
Aufbauend auf die Prozessbewertung sind nur modellbasier- des Fermenters deutlich erhöht wird.
te Regelungen in der Lage, Prognosen zur Prozessentwicklung zu Der Einsatz von Gülle wirkt sich grundsätzlich positiv auf den
erstellen. Werden die Messwerte nicht in ein Modell inte­griert, Anfahrprozess aus. Der Grund hierfür liegt in einer in der Regel
sind sie allenfalls für eine statische Momentaufnahme geeignet hohen Versorgung mit Spurenelementen sowie in einer Vielzahl
und damit nicht für eine dynamische Regelung nutzbar. verschiedener Bakterienpopulationen. Vor allem Rindergülle
Für den Anlagenbetrieb gilt generell, dass das Beschickungs- enthält genügend methanogene Archaeen, so dass sich der
regime, wenn überhaupt, nur so zu ändern ist, dass die Wirkun- Prozess schnell von selbst stabilisiert. Schweinegülle ist dage-
gen nachvollzogen werden können. Das heißt, es sollte aus- gen nicht so reich an methanogenen Mikroorganismen, ist aber
schließlich ein Parameter verändert werden und alle anderen prinzipiell einsetzbar.
konstant gehalten werden. Andernfalls können die Wirkungen Nach dem Temperieren sollte gewartet werden, bis sich ein
nicht mehr den Ursachen zugeordnet werden und eine Prozes- stabiler pH-Wert im neutralen Bereich, ein Methangehalt im
soptimierung wird unmöglich. gebildeten Biogas größer 50 % und eine Konzentration kurz-
Für den Normalbetrieb sollten Monovergärungen vermieden kettiger Fettsäuren kleiner 2.000 mg/l einstellt. Dann kann mit
werden und vielfältige, aber über die Zeit möglichst gleichblei- der Beschickung begonnen werden. Die Beschickung sollte suk-
bende Substratzusammensetzung bevorzugt werden. Für eine zessive, stufenweise nach oben gefahren werden, bis Volllast
Optimierung bietet es sich an die Mischungsanteile so zu ver- erreicht ist. Nach jeder Erhöhung sollte gewartet werden, bis
ändern, dass ein optimales Verhältnis zwischen Raumbelastung sich die Prozessparameter Gasproduktionsrate, Methangehalt,
und Verweilzeit eingestellt werden kann. FOS/TAC-Wert oder Säurekonzentration und pH-Wert stabilisiert
Der biologische Prozess ist am effektivsten unter konstanten haben, dann kann eine weitere Erhöhung der Raumbelastung
Bedingungen. Die Einstellung von konstanten Beschickungs- vorgenommen werden. Der FOS/TAC-Wert weist eine begrenz-
mengen und Substratzusammensetzung mit einer hohen Ge- te Aussagekraft auf, eignet sich aber für den Einfahrbetrieb als
nauigkeit ist daher ein wichtiger Schritt zur Prozessoptimierung. Kontrollparameter zur Beurteilung der Prozessstabilität, da er
recht einfach, kostengünstig mit hoher Dichte aufgenommen
5.3.2 Anfahrprozess werden kann. Um zuverlässige Aussagen zur Prozessstabilität
Anfahrprozesse unterscheiden sich vom Normalbetrieb da- zu erhalten, sollte ergänzend gelegentlich das Säurespektrum
hingehend, dass der stationäre Zustand nicht erreicht ist. Die untersucht werden, um die Art der vorhandenen Säuren zu iden-
ablaufenden Vorgänge beinhalten eine ständige Änderung der tifizieren.

88
Betrieb von Biogasanlagen

Tab. 5.6: Messprogramm für Biogasanlagen zur Überwachung des biologischen Prozesses (Normalbetrieb)

Größen zur Prozessbewertung Einheit Anlagenszenario 1 Anlagenszenario 2


Inputmenge m 3
täglich täglich
Inputzusammensetzung kg TS/m3 ; kg oTS/m3 monatlich wöchentlich
Temperatur °C täglich täglich
Zwischenprodukte (organische Säuren) g/l monatlich wöchentlich
Menge Output m3 täglich täglich
Zusammensetzung Gärrückstand kg TS/m ; kg oTS/m
3 3
monatlich wöchentlich
Gebildete Gasmenge m3 täglich täglich
Zusammensetzung Biogas Vol % Methan, Kohlendioxid, 5
täglich täglich
Schwefelwasserstoff, optional Sauerstoff
pH-Wert -lg H30+ monatlich wöchentlich
Zusätzliche Messungen
Ammoniumkonzentration, g/l
monatlich wöchentlich
Gesamtstickstoff g/kg
Spurenelemente g/l nach Bedarf nach Bedarf
Spezifische Gasproduktion l/kg oTS monatlich wöchentlich
Raumbelastung kg oTS/m3 · d monatlich wöchentlich
Verweildauer d monatlich wöchentlich
Spezifische Gasproduktionsrate m /m · d
3 3
monatlich wöchentlich

Normalerweise folgt einer Belastungssteigerung ein kurz- einzustellen, damit die Bakterien sich sofort an den Endzustand
fristig ansteigender FOS/TAC-Wert. Unter Umständen geht die adaptieren können, da sonst für jede Erhöhung eine neue Adap-
Gasproduktion sogar leicht zurück. Je nach Höhe der Steigerung tion erforderlich ist. Die Endkonzentration kann schnell erreicht
kann dieser Effekt mehr oder weniger deutlich in Erscheinung werden, indem von Anfang an die Substratmischung beschickt
treten. Bei dann gleichbleibender Beschickung sollte sich der wird, die auch im Endzustand eingesetzt werden soll.
FOS/TAC-Wert wieder stabilisieren und die Gasproduktion auf Bei Anlagen, die ausschließlich mit NawaRo’s betrieben und
einem zum Input passendem Niveau einpendeln. Erst dann soll- mit Gülle angefahren werden, treten Mangelerscheinungen be-
te mit einer weiteren Belastungssteigerung fortgefahren wer- züglich der Spurenelemente erst nach ca. 6–12 Monaten auf.
den. Fällt bei konstanter Beschickung die Gasproduktion über Daher muss besonders bei diesen Anlagen auch nach erfolg-
einen gewissen Zeitraum ab, bei zusätzlich gestiegenem FOS/ reichem Anfahren der Prozess aufmerksam beobachtet werden.
TAC-Wert, so liegt bereits eine Prozessstörung vor. In diesem In jedem Fall ist daher während des ersten Betriebsjahres ein
Fall sollte keine weitere Belastungssteigerung durchgeführt höherer Aufwand an Prozessbeobachtung zu realisieren.
werden und unter Umständen, je nach Entwicklung des FOS/
TAC-Werts, sogar die Inputmenge reduziert werden.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass folgende As- Beschickungsregime beim Anfahren
pekte sich deutlich positiv auf den Anfahrbetrieb auswirken:
• Verwendung von frischer Rindergülle bzw. aktivem Impf- Volllast (in %)
schlamm von gut funktionierenden Biogasanlagen, Stationärer Zustand*
• Abgestimmtes, dichtes Messprogramm der biologischen Pa- 100
rameter (siehe Tab. 5.6),
• Kontinuität in Substratzufuhr und -qualität, 80
• Störungsfreier Anlagenbetrieb.
Wenn die Volllastbeschickung erreicht ist, liegt noch kein stati- 60
onärer Zustand vor. Dieser Zustand wird erst nach einem Zeit-
raum erreicht, der ca. der dreifachen Aufenthaltszeit entspricht.
40
Besondere Maßnahmen sind bei zu erwartenden hohen Konzen-
trationen an Ammoniak erforderlich. Der Prozess braucht dann
20
gegebenenfalls lange Adaptionsphasen, die mehrere Monate
bis zu einem Jahr dauern können. Dies spielt bis hin zur Planung
0
der Finanzierung eine große Rolle. Hier ist es in jedem Falle an-
Zeit
zuraten, Gärrückstand aus einer Anlage zu verwenden, die be-
* nach ca. dreifacher Aufenthaltszeit erreicht
reits ähnliche Substrate benutzt. Es ist zu überlegen, die ange-
strebte Endkonzentration an Ammonium so schnell wie möglich Abb. 5.3: Beschickungsregime beim Anfahren

89
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Bei Festoffvergärungsanlagen nach dem Garagenverfahren, von der Höhe der Gasproduktion abhingen. Von Beginn an
die mit Energiepflanzen oder Landschaftspflegematerial betrie- wurden vergleichsweise hohe Raumbelastungen gewählt und
ben werden, ist zu empfehlen, ausgegorenes Material aus be- die Zeit zwischen den Substratstößen wurde zunehmend ver-
stehenden Anlagen für das Anfahren zu verwenden. Gülle ist für ringert. Der Vorteil dieser Anfahrstrategie liegt darin, dass der
das Anfahren einer Feststoffvergärung nicht geeignet, da diese Volllastbetrieb in der Regel schneller erreicht werden kann,
aufgrund der Schwebstoffe in den Perkolatdüsen der Boxen- als bei einer kontinuierlichen Steigerung in kleinen Schritten.
fermenter zu Verstopfungen führen können. Stattdessen sollte Als Entscheidungsparameter für eine weitere Belastungsstei-
mit klarem Wasser als Perkolationsflüssigkeit und mit befüllten gerung diente hierbei zum einen die Entwicklung des FOS/
Boxenfermentern angefangen werden, vorzugsweise sind diese TAC-Quotienten bei gleichzeitiger Beobachtung der Entwick-
mit ausgegorenem Material befüllt. lung der Fettsäurekonzentrationen sowie der Gasproduktion
Im Folgenden wird beispielhaft der Anfahrbetrieb einer Bio- des Fermenters.
gasanlage mit drei Fermentern von je 4.000 m3 Arbeitsvolumen Die Raumbelastung und der FOS/TAC-Wert während des An-
beschrieben. Es werden unterschiedliche Anfahrstrategien bis fahrbetriebes von Fermenter 1 wird in Abbildung 5.4 grafisch
zum Erreichen des regulären Anlagenbetriebs erläutert. veranschaulicht. Es wird deutlich, dass die stoßweise durch-
geführten Belastungsschübe zu erheblichen Prozessstörungen
Fermenter 1 Mischung Gärrückstand aus zwei Anlagen (je 20 führten. Bereits nach den ersten vergleichsweise niedrigen Be-
%), Rindergülle (10 %), Wasser (50 %), Trocken- lastungsstößen ist eine Verdopplung der FOS/TAC-Werte zu er-
substanzgehalt von ca. 1,5 % FM, Befüllung und kennen. Der Grund für die starken Schwankungen liegt in dem
Temperierung nahm eine Zeit von etwa 25 Tagen sehr hohen Wasseranteil des Systems und der damit verbun-
in Anspruch denen niedrigen Pufferkapazität. Letzteres führt zu der Beob-
Fermenter 2 Mischung von Gärrückständen von 3 verschie- achtung, dass der pH-Wert sehr schnell auf jede Substratzufuhr
denen Anlagen (ca. 44 %), Rindergülle (6 %), reagiert. Normalerweise ist der pH-Wert ein extrem träger Para-
Gärrückstand aus Fermenter 1 (50 %)
meter, an dem im Praxisbetrieb nahezu keine Änderungen fest-
Fermenter 3 Komplettbefüllung mit Gärrückständen aus Fermen- stellbar sind. Aufgrund der aufgetretenen Instabilitäten wurde
ter 1 und 2
die Anfahrstrategie ab dem 32. Betriebstag auf eine kontinuierli-
che Substratzufuhr umgestellt. Durch eine langsame aber stetige
Fermenter 1: Nach dem Erreichen der Betriebstemperatur von Steigerung der Inputmengen gelang es, die Raumbelastung bis
37 °C wurde mit der ersten Feststoffdosierung begonnen. Als zum 110. Betriebstag auf durchschnittlich 2,6 kg oTS/(m3 · d) zu
Substrat kam ausschließlich Maissilage zum Einsatz. erhöhen. Die Anfahrstrategie der Stoßbelastung kann unter den
Bei der in diesem Beispiel gewählten Anfahrstrategie er- richtigen Voraussetzungen, wie hohe Impfschlammaktivität und
folgte zunächst eine schubweise Zugabe relativ großer Sub­ intensive Prozesskontrolle, zu einer schnelleren Erreichung des
stratmengen, mit Wartezeiten zwischen den Dosierungen, die Volllastbetriebes führen. In dem gezeigten Beispiel hat sich die-

Raumbelastung und FOS/TAC-Wert von Fermenter 1 im Anfahrbetrieb

Raumbelastung (in kg oTM/[m3 • d]) FOS/TAC

3,0
1,00
2,5

2,0 0,75

1,5
0,50

1,0
0,25
0,5

0 0
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 Tag

Raumbelastung FOS/TAC

Abb. 5.4: Verlauf Anfahrphase Fermenter 1

90
Betrieb von Biogasanlagen

se Strategie, bedingt durch niedrige Pufferkapazität infolge des konnte der Fermenter schnell und kontrolliert auf Volllast gefah-
hohen Wassergehalts als nicht geeignet herausgestellt. ren werden.
Die Befüllung von Fermenter 2 erfolgte parallel zum Anfahr- Der Anfahrbetrieb von Fermenter 3 wird in Abbildung 5.6
betrieb des ersten Fermenters. grafisch veranschaulicht. Hier gelang es innerhalb von 30 Tagen
Den Anfahrbetrieb von Fermenter 2 veranschaulicht Abbil- die Raumbelastung auf 2,1 kg oTS/(m3 · d) zu steigern, bei kon-
dung 5.5. Bis zum 50. Betriebstag wurde die Raumbelastung stanten FOS/TAC-Werten. Die Erstbefüllung mit Gärrückstand
auf ca. 2,1 kg oTS/(m3 · d) gesteigert, bei tendenziell steigen- erlaubt eine schnelle Steigerung auf Volllast. Die erhöhten FOS/
den FOS/TAC-Werten. Trotz des steigenden FOS/TAC-Wertes TAC-Werte waren bereits im Gärrückstand vorhanden.

Raumbelastung und FOS/TAC-Wert von Fermenter 2 im Anfahrbetrieb


5
Raumbelastung (in kg oTM/[m3 • d]) FOS/TAC

3,0
1,00
2,5

2,0 0,75

1,5
0,50

1,0
0,25
0,5

0 0
0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 Tag

Raumbelastung FOS/TAC

Abb. 5.5: Verlauf Anfahrphase Fermenter 2

Raumbelastung und FOS/TAC-Wert von Fermenter 3 im Anfahrbetrieb

Raumbelastung (in kg oTM/[m3 • d]) FOS/TAC

3,0
1,00
2,5

2,0 0,75

1,5
0,50

1,0
0,25
0,5

0 0
0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24 26 28 30 Tag

Raumbelastung FOS/TAC

Abb. 5.6: Verlauf Anfahrphase Fermenter 3

91
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Die unterschiedlichen Erstbefüllungen zeigen deutliche Aus- 5.4 Störungsmanagement


wirkungen auf die Prozessstabilität und Geschwindigkeit bei der
Steigerung auf Volllast. Es ist ersichtlich, dass je höher der An- 5.4.1 Ursachen von Prozessstörungen
teil an Gärrückstand ist und je besser die Mikroorganismen an Man spricht von Prozessstörungen, wenn der anaerobe Abbau in
die Substrateigenschaften adaptiert sind, desto schneller und der Biogasanlage negativ beeinflusst ist und somit suboptimal
stabiler lässt sich der Fermenter anfahren. abläuft. Dadurch werden die eingesetzten Substrate nur unzu-
Im Folgenden sei noch ein typischer Verlauf zu einer Hem- reichend abgebaut. Prozessstörungen, unabhängig von deren
mung aufgrund Spurenelementemangel dargestellt. Nach er- Ausmaß, wirken sich folglich immer negativ auf die Wirtschaft-
folgreichem Anfahren konnte die Anlage zwischen Tag 60 und lichkeit der Biogasanlage aus. Aus diesem Grund müssen Pro-
Tag 120 stabil betrieben werden. Mit andauerndem Betrieb zessstörungen möglichst schnell erkannt und behoben werden.
wird jedoch das Animpfmaterial (Gärrückstände und Gülle) aus- Prozessstörungen treten auf, wenn die Milieubedingungen
gewaschen und die dem Substrat (Maissilage) entsprechenden der Bakterien bzw. einzelner Bakteriengruppen nicht optimal
Konzentrationen stellen sich ein. In diesem Falle enthält das sind. Je nachdem wie ausgeprägt die Beeinflussung ist bzw. in
Substrat nicht genügend Spurenelemente, dass führt zu einem welchem Zeitraum sich die Milieubedingungen zum Negativen
Mangel, der sich in gehemmter Methanbildung äußert. Als Fol- verändert haben, zeigt sich die Prozessstörung mehr oder weni-
ge dieser Hemmung können die gebildeten Säuren nicht mehr ger schnell. In den meisten Fällen deuten sich Prozessstörungen
abgebaut werden und nach ca. 120 Tagen Betrieb steigen die durch einen kontinuierlichen Anstieg der Fettsäurekonzentratio-
FOS/TAC-Werte bei stabilem Betrieb und später trotz reduzier- nen an. Dieses Verhalten tritt unabhängig von der Ursache auf,
ter Raumbelastung an (siehe Abbildung 5.7). Die Ursachen was darin begründet ist, dass die essigsäurebildenden und met-
und mögliche Gegenmaßnahmen sind ausführlicher in Kapitel hanbildenden Bakterien empfindlicher auf Milieuschwankungen
5.4.2 dargestellt. Wenn in dieser Phase nicht eingegriffen wird, reagieren als die anderen Bakteriengruppen. Ohne Eingriffe
kommt es unweigerlich zum „Umkippen“ des Fermenters. Es sei stellt sich der typische Verlauf einer Prozessstörung wie folgt dar:
nochmals darauf hingewiesen, dass das Besondere an dieser • Anstieg der Fettsäurekonzentrationen:
Prozessstörung ist, dass sie in Abhängigkeit vom Animpfmate- zunächst Essig- und Propionsäure, bei anhaltender Prozess-
rial und der Betriebsführung erst nach einigen Monaten Betrieb belastung auch i-Buttersäure und i-Valeriansäure,
auftritt. • kontinuierlicher Anstieg des FOS/TAC-Verhältnisses (parallel
Fettsäureanstieg),
• Verminderung des Methangehaltes,
• Verminderung des Gasertrages bei konstanter Fütterung,
• Absinken des pH-Wertes, Versäuerung des Prozesses und
• völliger Zusammenbruch der Gasproduktion.
Mögliche Ursachen für Prozessstörungen wie Mangelerschei-
nungen (Spurenelemente), Temperaturschwankungen, hem-

Raumbelastung und FOS/TAC-Wert von Fermenter 1 unter Spurenelementemangel

Raumbelastung (in kg oTM/[m3 • d]) FOS/TAC

3,0
1,00
2,5

2,0 0,75

1,5
0,50

1,0
0,25
0,5

0 0
0 25 50 75 100 125 150 175 200 Tag

Raumbelastung FOS/TAC

Abb. 5.7: Verlauf Anfahrphase Fermenter 1 unter Spurenelementemangel

92
Betrieb von Biogasanlagen

mende Substanzen (Ammoniak, Desinfektionsmittel, Schwefel- Vor allem beim Anfahrbetrieb und beim Wechsel von Substrat
wasserstoff), Fehler bei der Beschickung und Überlastung des während des Regelbetriebes werden die meisten Fehler bei der
Prozesses werden im Folgenden beschrieben. Für den erfolg- Substratzugabe gemacht. Aus diesem Grund muss der Prozess
reichen Anlagenbetrieb ist es sehr wichtig, Prozessstörungen in in diesen Phasen besonders intensiv beobachtet werden. Da-
einem möglichst frühen Stadium zu erkennen (vgl. Kapitel 5.1). rüber hinaus ist eine Intensivierung der begleitenden Prozess­
Nur so können die Ursachen rechtzeitig identifiziert und besei- analytik empfehlenswert. Bei einigen Substraten treten auch
tigt werden und der wirtschaftliche Schaden wird minimiert. chargenweise erhebliche Schwankungen bei der Zusammen-
Die Problematik des Spurenelementmangels und der Am- setzung auf, die dann zu ungewollten Schwankungen in der
moniakhemmung wurden in den Kapiteln 5.1.8 und 5.1.9 be- Raumbelastung führen.
handelt.
Im praktischen Betrieb von Biogasanlagen kann es viele Ur- 5.4.2 Handhabung von Prozessstörungen
sachen für den Abfall der Prozesstemperatur geben. Der Hei- Wie bereits erwähnt, kann eine Prozessstörung nur nachhaltig 5
zung des Fermenters kommt gerade bei den gemäßigten Tem- beseitigt werden, sofern die Ursache erkannt und eliminiert ist.
peraturen in Deutschland eine zentrale Bedeutung zu und bei Allerdings gibt es einige steuerungstechnische Maßnahmen,
einem Ausfall kann die Gärtemperatur relativ schnell um meh- mit denen eine (kurzfristige) Entspannung der Situation erreicht
rere Grad abfallen. Dabei muss nicht unbedingt die Heizung an werden kann. Im Folgenden werden zum einen grundsätzliche
sich defekt sein, was das folgende Szenario zeigt. Maßnahmen der Prozessstabilisierung genannt und deren Ef-
Durch Ausfall des BHKW fehlt nach einiger Zeit die nötige Ab- fekte beschrieben. Der Erfolg dieser Maßnahmen hängt grund-
wärme für die Fermenterheizung. Der Temperaturabfall hemmt sätzlich von dem Grad der Prozessstörung ab, d. h. in welchem
die Aktivität der Methanbakterien, da sie nur in einem engen Ausmaß die Mikroorganismen bereits negativ beeinträchtigt
Temperaturfenster überleben [5-1]. Die Bakterien der Hydrolyse sind. Darüber hinaus muss der Prozess während der Durch-
und Acidogenese sind in dieser Hinsicht weniger spezialisiert führung der Maßnahmen sowie während der anschließenden
und können auch bei einem Temperaturabfall zunächst überle- Erholungsphase genauestens beobachtet werden. Dadurch
ben. Dadurch kommt es aber zu einer Anreicherung der Säuren können Erfolg/Misserfolg erkannt und ggf. weitere Maßnahmen
im Fermenter, vor allem wenn die Substratzufuhr nicht rechtzei- eingeleitet werden. Anschließend werden Möglichkeiten zur Be-
tig gedrosselt oder ausgesetzt wird. seitigung der Prozessstörungen analog der im vorangegangen
In einem solchen Fall kommt zu der schon vorhandenen Kapitel beschriebenen Ursachen aufgezeigt.
Temperaturhemmung auch noch ein Abfall des pH-Wertes mit
einer Versäuerung des gesamten Fermenterinhalts. 5.4.2.1 Maßnahmen zur Prozessstabilisierung
Aber auch die Zugabe großer Mengen nicht vorgewärmten Reduktion der Inputmenge
Substrates oder eine ungenügende Beheizung des Fermenters, Durch die Reduktion der Inputmenge (bei sonst gleicher Subs-
z. B. durch Ausfall der Temperatursensoren, können einen Ab- tratzusammensetzung) wird die Raumbelastung herabgesetzt.
fall der Fermentertemperatur zur Folge haben. Entscheidend für Dieses schafft eine effektive Entspannung des Prozesses. Ab-
einen stabilen Prozess ist nicht die absolute Temperatur, son- hängig vom Grad der Verminderung der Substratzugabe steigt
dern ein konstantes Temperaturniveau. Vollzieht sich ein Tem- im Folgenden spürbar der Methangehalt des Biogases. Das ist
peraturwechsel innerhalb kurzer Zeit (nach oben oder unten), ein Hinweis auf den Abbau der sich bis dahin angereicherten
so ist meist mit einer Beeinträchtigung des Abbaus zu rechnen. Fettsäuren, wobei Essigsäure sehr schnell und Propionsäure
Deswegen ist eine regelmäßige Kontrolle der Gärtemperatur sehr langsam abgebaut wird. Bei zu hohen Konzentrationen der
von großer Wichtigkeit für einen erfolgreichen Anlagenbetrieb. Propionsäure ist es möglich, dass diese nicht mehr abgebaut
Wie bereits in Kapitel 5.1.3 erläutert, kann es beim Einsatz wird. Dann müssen andere Maßnahmen zur Prozessentlastung
bestimmter Substrate zu einer Erhöhung der Prozesstempera- durchgeführt werden.
tur kommen. Dabei „läuft“ die Temperatur vom mesophilen in Bleibt die Gasproduktion nach Reduktion der Inputmenge
den thermophilen Temperaturbereich, ohne dass zusätzliche konstant, so ist dieses ein Hinweis auf einen deutlich überfüt-
Heizenergie aufgewendet werden muss. Bei unsachgemäßer terten Fermenter. Die Inputmengen sollten erst nach Kontrolle
Betriebsführung kann es beim Übergang vom meso- zum ther- der Fettsäurekonzentrationen und spürbarer Reduktion der
mophilen Temperaturbereich im schlimmsten Fall zum vollstän- Gasproduktion wieder leicht erhöht werden.
digen Erliegen des Prozesses kommen.
Die Betriebsbedingungen einer Biogasanlage sind so kons- Materialrückführung/Rezirkulation
tant wie möglich zu halten. Dies gilt für die Milieubedingungen Die Rezirkulation bedeutet die Rückführung von Material aus
im Reaktor gleichermaßen wie für Beschaffenheit und Dosierung einem nachgelagerten Behälter (Nachgärer, Gärrückstandsla-
der Substrate. Fehler bei der Substratzugabe liegen vor, wenn: ger) in den Fermenter. Durch das Umpumpen, soweit verfah-
• über einen langen Zeitraum zu viel Substrat dosiert wird, renstechnisch machbar, werden im Wesentlichen zwei positive
• Substrat zu unregelmäßig zugeführt wird, Effekte erreicht. Zum einen findet eine Verdünnung statt, d. h.
• ein schneller Wechsel von Substraten unterschiedlicher Zu- abhängig von der Dauer des Rezirkulierens wird die „Schad-
sammensetzung erfolgt oder stoffkonzentration“ im Fermenter reduziert. Darüber hinaus
• nach einer „Fütterungspause“ (z. B. aufgrund technischer werden dem Fermenter „ausgehungerte“ Bakterien zugeführt,
Störungen) zu viel Substrat zugeführt wird. die sich wiederum effektiv am Abbau beteiligen können.

93
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Dieses Verfahren empfiehlt sich vor allem für mehrstufige schwierig zu realisieren. Durch die Zugabe von kaltem Wasser
Anlagen. Bei einstufigen Anlagen sollte diese Vorgehensweise kann ebenfalls ein Kühleffekt erreicht werden, was allerdings
nur bei gasdichten Gärrückstandbehältern und auch da nur gleichermaßen äußerst vorsichtig erfolgen muss. Wird die Um-
in Notfällen angewendet werden. Bei der Materialrückführung stellung der Prozesstemperatur vom mesophilen in den ther-
muss die Temperatur des Rezirkulats beachtet und ggf. durch mophilen Bereich angestrebt, so ist eine gezielte biologische
zusätzliches Heizen ein konstantes Temperaturniveau im Fer- Betreuung im Übergangszeitraum erforderlich. Die Mikroorga-
menter sichergestellt werden. nismen müssen sich erst an das höhere Temperaturniveau ad-
aptieren bzw. neu bilden. In diesem Zeitraum ist der Prozess
Veränderung der Inputzusammensetzung äußerst instabil und darf auf keinen Fall durch eine übermäßige
Die Veränderung der Inputzusammensetzung kann in mehr- Substratzugabe zum „Umkippen“ gebracht werden.
facher Hinsicht den Prozess stabilisieren. Zum einen kann die
Veränderung der Mischung durch das Ersetzen/Weglassen von 5.4.2.4 Maßnahmen bei einer Ammoniakhemmung
energiereichen Bestandteilen (z. B. Körnergetreide) die Raum- Maßnahmen zur Minderung einer Ammoniakhemmung erfor-
belastung verringern und somit zu einer Entlastung führen. Zum dern grundsätzliche Eingriffe in den Anlagenbetrieb. In der Regel
anderen kann durch die Ergänzung der Inputzusammensetzung kommen Ammoniakhemmungen beim Einsatz von proteinrei-
mit flüssigen oder festen Wirtschaftsdüngern (z. B. Rindergülle), chen Inputstoffen vor. Liegt nachweislich eine Ammoniakhem-
wenn diese sonst nicht eingesetzt werden, das zusätzliche An- mung vor, muss entweder die Temperatur abgesenkt oder die
gebot an Spurenelementen und anderen Bakteriengruppen ei- Inputzusammensetzung verändert werden. Die Änderung der
nen deutlich positiven Effekt hervorrufen. Einen gleichermaßen Inputzusammensetzung sollte eine Senkung der Stickstofffracht
positiven Effekt kann die Zugabe von Gärsubstrat einer anderen zur Folge haben. Damit kann die Konzentration an hemmendem
Biogasanlage bewirken. In Hinblick auf eine Monovergärung Ammoniak im Fermenter langfristig reduziert werden. Sollte die
von nachwachsenden Rohstoffen ist anzumerken, dass die Hin- Versäuerung bereits weit fortgeschritten sein, bietet sich ein
zunahme einer weiteren Substratkomponente sich normaler- Austausch von Gärrückstand aus einem nachgeschaltetem Fer-
weise positiv auf die Prozessstabilität auswirkt. menter an, um die Säurekonzentration kurzfristig zu senken.
Beides sollte langsam unter intensiver Prozessüberwachung
5.4.2.2 Mangel an Spurenelementen erfolgen. Eine Senkung des pH-Wertes zur Reduktion des un-
In der Regel kann ein Mangel an Spurenelementen durch die dissozierten Ammoniakanteils ist langfristig äußerst schwierig
Zugabe von Wirtschaftsdüngern (Rinder-, Schweinegülle, Rin- durchzuführen und deshalb nicht zu empfehlen.
der-, Schweinemist) ausgeglichen werden. Sind diese Substra-
te für den Anlagenbetreiber nicht ausreichend verfügbar oder 5.4.2.5 Maßnahmen bei einer Schwefelwasserstoff­
können aus verschiedenen Gründen nicht eingesetzt werden, hemmung
sind am Markt verschiedene Anbieter von Spurenelementaddi- Schwefelwasserstoffhemmungen kommen bei landwirtschaftli-
tiven vorhanden. In der Regel handelt es sich dabei um kom- chen Biogasanlagen äußerst selten vor. Eine Schwefelwasser-
plexe Mischungen. Da es sich bei Spurenelementen jedoch um stoffhemmung ist immer substratbedingt, d. h. auf hohe Schwe-
Schwermetalle handelt, welche bei übermäßiger Dosierung felgehalte der Inputstoffe zurückzuführen. Zum einen werden
zum einen hemmend auf den Prozess wirken können [5-16] bei landwirtschaftlichen Biogasanlagen überwiegend Inputstof-
und sich zum anderen auf den landwirtschaftlichen Flächen fe mit vergleichsweise niedrigen Schwefelgehalten eingesetzt.
anreichern, müssen dessen Frachten möglichst gering gehal- Zum anderen müssen die H2S-Gehalte im Gas aufgrund deren
ten werden [5-17]. Es sollten nach Möglichkeit nur die Spu- negativer Auswirkungen auf die Gasverwertung in jedem Fall
renelemente zudosiert werden, welche tatsächlich im Mangel reduziert werden. Folgende Maßnahmen zur Beseitigung einer
vorliegen. Hier kann eine Spurenelementanalyse des Fermen- Schwefelwasserstoffhemmung können eingeleitet werden:
termaterials und der Inputstoffe hilfreiche Informationen lie- • Zugabe von Eisensalzen zur Sulfidfällung,
fern. Allerdings handelt es sich dabei um eine aufwendige und • Anteil schwefelhaltiger Inputstoffe reduzieren bzw.
kostspielige Analytik. • Verdünnung mit Wasser.
Um die Effizienz der Spurenelementzugabe zu erhöhen, Eine Anhebung des pH-Wertes durch Puffersubstanzen kann
können dem Prozess vor der Dosierung Eisensalze zur chemi- kurzfristig die Toxizität des H2S vermindern, sollte jedoch lang-
schen Entschwefelung zugegeben werden (vgl. Kapitel 2.2.4). fristig nicht durchgeführt werden.
Dadurch kann ein Großteil des gelösten Schwefelwasserstoffs
ausgefällt werden und die Bioverfügbarkeit der Spurenelemen- 5.4.3 Handhabung von technischen Störungen
te verbessert sich. Es sollten grundsätzlich die Herstelleremp- und Problemen
fehlungen beachtet und eingehalten werden. Aufgrund der großen Unterschiede hinsichtlich der Bauart und
technischen Ausrüstungen von landwirtschaftlichen Biogasan-
5.4.2.3 Maßnahmen bei Temperaturhemmungen lagen kann an dieser Stelle keine generelle Handlungsemp-
Liegt eine Temperaturhemmung bedingt durch die Selbsterwär- fehlung zur Beseitigung von technischen Störungen gegeben
mung des Prozesses vor, so gibt es zwei Möglichkeiten. Ent- werden. Es sei jedoch auf die Betriebsanleitung der Biogasan-
weder wird der Prozess gekühlt oder eine Umstellung der Pro- lage verwiesen, die in der Regel Handlungsempfehlungen und
zesstemperatur vollzogen. Die Kühlung ist teilweise technisch Maßnahmen zur Beseitigung von Störungen einzelner Anlagen-
durch das vorhandene Heizungssystem möglich, jedoch meist komponenten enthält.

94
Betrieb von Biogasanlagen

Bei technischen Störungen und Problemen ist es von ent- scher Art (z. B. Quetschgefahr durch Antriebe). Über den Sicher-
scheidender Bedeutung, dass diese rechtzeitig erkannt und heitsaspekt hinaus ist zu beachten, dass austretendes Biogas
beseitigt werden. Hierzu ist ein automatisiertes Alarmsystem auch eine Geruchsbelastung und eine klimarelevante Emission
zwingend erforderlich. Im Prozessleitsystem wird der Betriebs- darstellt (vergleiche Kapitel 3.2.5 und 5.6.4).
status der wesentlichen Anlagenkomponenten erfasst und Der Arbeitgeber bzw. Biogasanlagenbetreiber ist verpflich-
überwacht. Liegt eine technische Störung vor, so erfolgt eine tet, die mit der Biogasanlage in Zusammenhang stehenden
Alarmmeldung im System, die wiederum per Telefonanruf oder Gefährdungen zu ermitteln, zu bewerten und, falls erforderlich,
SMS an den Anlagenbetreiber/das Betriebspersonal weiterge- entsprechende Maßnahmen zu treffen. Die „Sicherheitsregeln
geben werden kann. Durch dieses Verfahren kann schnell auf für Biogasanlagen“ des Bundesverbandes der landwirtschaft-
Störungen reagiert werden. Um längere Betriebsbeeinträchti- lichen Berufsgenossenschaften [5-6] geben in diesem Zusam-
gungen zu verhindern ist es wichtig, dass der Anlagenbetreiber menhang eine kompakte Zusammenfassung der wesentlichen
ausgewählte Ersatz-/Verschleißteile ständig vorrätig hat. So sicherheitsrelevanten Aspekte für Biogasanlagen wieder. Hier 5
können Reparatur- und Ausfallzeiten reduziert werden. Darüber werden die Sicherheitsvorschriften im Sinne der Durchfüh-
hinaus sollte dem Anlagenbetreiber bei Notfällen möglichst je- rungsanweisung zu § 1 der Unfallverhütungsvorschrift, „Arbeits-
derzeit ein zuverlässiges Serviceteam zur Seite stehen. Dieses stätten, bauliche Anlagen und Einrichtungen“ (VSG 2.1) [5-9]
wird üblicherweise direkt vom Anlagenhersteller oder externen der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften, erläutert und
Fachwerkstätten angeboten. Um das Risiko von technischen konkretisiert. Zusätzlich werden Hinweise auf zu beachtende
Störungen zu minimieren, sind regelmäßige Kontrollen sowie Regelwerke gegeben.
die Einhaltung von Wartungsintervallen durch den Anlagenbe- Dieses Kapitel soll einen Überblick über die potenziellen
treiber sicherzustellen. Gefahren während des Betriebes einer Biogasanlage vermitteln
und dahingehend sensibilisieren. Die Grundlage für Gefähr-
dungsbeurteilungen und die damit verbundenen sicherheit-
5.5 Betriebssicherheit stechnischen Aspekte des Anlagenbetriebes müssen jeweils
die gültigen Fassungen der genannten Vorschriften [5-6], [5-8],
5.5.1 Arbeits- und Anlagenschutz [5-9], [5-10] darstellen.
Biogas ist ein Gasgemisch und besteht aus Methan (50–75
Vol.-%), Kohlendioxid (20–50 Vol.-%), Schwefelwasserstoff 5.5.1.1 Explosions- und Brandgefahr
(0,01–0,4 Vol.-%) sowie weiteren Spurengasen [5-1], [5-6]. Die Wie im vorigen Abschnitt bereits erwähnt, kann Biogas in Ver-
Eigenschaften von Biogas werden anderen Gasen in Tabelle 5.7 bindung mit Luft unter bestimmten Bedingungen ein explosi-
gegenübergestellt. In Tabelle 5.8 werden die Eigenschaften der onsfähiges Gasgemisch bilden. Die Explosionsbereiche von
einzelnen Biogaskomponenten zusammengefasst. Biogas und dessen Einzelkomponenten sind in Tabelle 5.7 und
In bestimmten Konzentrationen kann Biogas in Verbindung Tabelle 5.8 dargestellt. Bei der Beurteilung möglicher Gefahren
mit Luftsauerstoff eine explosionsfähige Atmosphäre bilden, oder der Einrichtung von Gaswarnanlagen ist zu berücksichti-
weswegen bei der Errichtung und beim Betrieb einer Biogas- gen, dass sich je nach Zustand des Biogases (Methan-/Koh-
anlage besondere Sicherheitsvorschriften im Bereich des An- lendioxidgehalt, Temperatur, Druck, Feuchte) die Explosions-
lagenschutzes beachtet werden müssen. Weiterhin bestehen grenzen verschieben können [5-39]. Es ist zu beachten, dass
Gefahren z. B. der Erstickung oder Vergiftung sowie mechani- oberhalb der Grenzen zwar keine Explosionsgefahr besteht,

Tab. 5.7: Eigenschaften von Gasen [5-6]

Biogas Erdgas Propan Methan Wasserstoff


Heizwert kWh/m 3
6 10 26 10 3
Dichte kg/m3 1,2 0,7 2,01 0,72 0,09
Dichteverhältnis zu Luft 0,9 0,54 1,51 0,55 0,07
Zündtemperatur °C 700 650 470 600 585
Explosionsbereich Vol.-% 6–22 4,4–15 1,7–10,9 4,4–16,5 4–77

Tab. 5.8: Eigenschaften von Biogaskomponenten [5-6], [5-7], [5-8]

CH4 CO2 H2S CO H


Dichte kWh/m 3
0,72 1,98 1,54 1,25 0,09
Dichteverhältnis zu Luft 0,55 1,53 1,19 0,97 0,07
Zündtemperatur °C 600 – 270 605 585
Explosionsbereich Vol.-% 4,4–16,5 – 4,3–45,5 10,9–75,6 4–77
AGW (MAK-Wert) ppm n. a. 5.000 10 30 n. a.

95
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

aber dennoch können durch offenes Feuer, Schaltfunken elek­ beschränkt. Insbesondere in der tierhaltenden Landwirtschaft
trischer Geräte oder auch Blitzschlag Brände ausgelöst werden. ist es in der Vergangenheit immer wieder zu teilweise tödlichen
Beim Betrieb von Biogasanlagen muss daher insbesondere in Unfällen im Zusammenhang mit biogenen Gasen gekommen
der näheren Umgebung von Gärbehältern und Gasspeichern (z. B. Güllekeller, Futtersilos etc.).
mit der Entstehung von explosionsfähigen Gas-Luft-Gemischen Liegt Biogas in genügend hohen Konzentrationen vor, kann
sowie mit erhöhter Brandgefahr gerechnet werden. Abhängig es beim Einatmen zu Vergiftungs- oder Erstickungserscheinun-
von der Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer explosionsfä- gen bis hin zum Tod führen. Insbesondere der enthaltene Anteil
higen Atmosphäre werden die verschiedenen Anlagenberei- an Schwefelwasserstoff (H2S) in nicht entschwefeltem Biogas
che durch die „BGR 104 – Explosionsschutz-Regeln“ bzw. die wirkt schon in geringen Konzentrationen stark toxisch (siehe
„TRBS 2152 – Gefährliche explosionsartige Atmosphäre” in Tabelle 5.9).
sogenannte „Explosionsgefährdete Bereiche“ (Ex-Zonen) ein- Darüber hinaus kann es insbesondere in geschlossenen oder
geteilt [5-10], in denen entsprechende Kennzeichnungs-, Vor- tiefer gelegenen Räumen zu Erstickungen durch Verdrängen des
sorge- und Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden müssen. Sauerstoffs durch Biogas kommen. Zwar ist Biogas mit einer re-
lativen Dichte (D) von ca. 1,2 kg pro m3 leichter als Luft, jedoch
Zone 0 neigt es zur Entmischung. Dabei sammelt sich das schwerere
In Bereichen der Zone 0 tritt eine explosionsfähige Atmosphä- Kohlendioxid (D = 1,98 kg/m3) im Bodenbereich an, während
re ständig, über lange Zeiträume oder zeitlich überwiegend auf das leichtere Methan (D = 0,72 kg/m3) nach oben steigt.
[5-6], [5-10]. Solche Bereiche sind jedoch im Normalfall bei Aus diesen Gründen muss in geschlossenen Räumen, z. B.
Biogasanlagen nicht zu finden. Auch der/die Gärbehälter stel- umbaute Gasspeicher, jederzeit für eine ausreichende Belüf-
len keinen solchen Bereich dar. tung gesorgt werden. Darüber hinaus muss bei Arbeiten in po-
tenziellen Gefahrenbereichen (Fermenter, Wartungsschächte,
Zone 1 Gaslager etc.) die persönliche Schutzausrüstung (z. B. Gaswarn-
Die Zone 1 beschreibt Bereiche, in denen sich bei Normalbetrieb geräte, Atemschutz usw.) getragen werden.
gelegentlich eine explosionsfähige Atmosphäre bilden kann.
Dies sind Bereiche in der näheren Umgebung von Einstiegs­ 5.5.1.3 Wartung- und Instandhaltung
öffnungen des Gasspeichers oder auf der gasführenden Seite Bei den Wartungsständen von Rühr-, Pump- und Spüleinrich-
des Gärbehälters sowie in der Nähe von Abblaseinrichtungen, tungen ist zu beachten, dass diese grundsätzlich über Flur an-
Überdrucksicherungen oder Gasfackeln [5-6]. Um diese Berei- zuordnen sind [5-6]. Ist dieses nicht möglich, so ist eine fest
che sind im Umkreis von 1 m (bei freier Lüftung) die Sicherheits- installierte Zwangslüftung vorzusehen, um der Erstickungs- und
maßnahmen der Zone 1 zu realisieren. D. h., in diesem Bereich Vergiftungsgefahr bei möglichem Gasaustritt entgegenzuwirken.
dürfen nur Betriebsmittel und Exgeschützte Geräte mit einer
entsprechenden Zulassung für Zone 0 und 1 verwendet werden. 5.5.1.4 Umgang mit Chemikalien
In geschlossenen Räumen sind betriebsbedingte Freisetzungen Es kommen verschiedene Chemikalien auf Biogasanlagen zum
von Biogas grundsätzlich zu vermeiden. Sind diese jedoch mög- Einsatz. Am häufigsten werden diese in Form verschiedener
lich, erweitert sich Zone 1 auf den gesamten Raum [5-6]. Eisensalze zur chemischen Entschwefelung, als Zusatzstoff zur
Stabilisierung des pH-Wertes, als komplexe Spurenelement-
Zone 2 oder Enzymmischung zur Prozessoptimierung eingesetzt. Die
In diesen Bereichen ist im Normalfall nicht damit zu rechnen, genannten Additive sind sowohl in flüssiger als auch fester
dass explosionsfähige Gas-Luft-Gemische auftreten. Kommt Form (Pulver) erhältlich. Da diese Produkte in der Regel gifti-
dies aber dennoch vor, so kann man davon ausgehen, dass dies ge und ätzende Eigenschaften aufweisen, sind die Produktin-
nur selten der Fall und nicht von zeitlich langer Dauer ist (z. B. formationen vor dem Einsatz zur Kenntnis zu nehmen und den
bei Servicearbeiten oder im Störungsfall) [5-6], [5-10]. Angaben des Herstellers in Hinblick auf Dosierung und Anwen-
Dies betrifft z. B. Einstiegsöffnungen sowie das Innere des dung (z. B. Staubmaske, säurefeste Handschuhe etc.) unbedingt
Fermenters und bei Gasspeichern die nähere Umgebung der Folge zu leisten. Der Einsatz von Chemikalien ist grundsätzlich
Be- und Entlüftungsöffnungen. In den betreffenden Bereichen auf das erforderliche Mindestmaß zu reduzieren.
müssen im Umkreis von 1 bis 3 m die Maßnahmen der Zone 2
umgesetzt werden [5-10]. 5.5.1.5 Sonstige potenzielle Unfallgefahren
In den explosionsgefährdeten Bereichen (Zone 0–2) müs- Neben den bisher beschriebenen Gefahrenquellen bestehen
sen Maßnahmen gemäß BGR 104, Abschnitt E2 zur Vermei- weitere Unfallquellen, z. B. Absturzgefahr an Leitern oder Hin-
dung von Zündquellen getroffen werden [5-10]. Zündquellen einstürzen in Befüllöffnungen (Feststoffdosierer, Einspültrichter,
können beispielsweise heiße Oberflächen (Turbolader), offene Wartungsschächte etc.). Hier ist sicherzustellen, dass ein Hin-
Flammen oder auch mechanisch und elektrisch erzeugte Fun- einstürzen durch Abdeckungen (Klappen, Roste) bzw. ausrei-
ken sein. Zusätzlich sind solche Bereiche mit den entsprechen- chende Bauhöhe (> 1,8 m) verhindert wird [5-6]. Zudem stellen
den Warn- und Hinweisschildern zu versehen. bewegte Anlagenteile (Rührwellen, Schnecken etc.) weitere Ge-
fahrenquellen dar, welche durch entsprechende Hinweisschil-
5.5.1.2 Vergiftungs- und Erstickungsgefahr der deutlich zu kennzeichnen sind.
Die Freisetzung von Biogasen ist bekanntlich ein natürlicher Im Bereich der Blockheizkraftwerke kann es durch unsach-
Prozess und deswegen nicht ausschließlich auf Biogasanlagen gemäße Bedienung oder durch Defekte zu tödlichen Strom-

96
Betrieb von Biogasanlagen

Tab. 5.9: Toxische Wirkung von Schwefelwasser- der Bioabfallverordnung unterliegen, wird eine Hygienisierung
stoff [5-7] erforderlich. Dabei sind eine Mindesttemperatur von 55 °C so-
wie eine hydraulische Verweilzeit im Reaktor von mindestens
Konzentration 20 Tagen zu gewährleisten.
Wirkung
(in der Luft)
0,03–0,15 ppm Wahrnehmungsschwelle (Geruch von 5.5.2.2 Luftreinhaltung
faulen Eiern) Beim Betrieb von Biogasanlagen sind diverse Anforderungen
15–75 ppm Reizung der Augen und der Atemwege, zur Luftreinhaltung zu beachten. Dabei handelt es sich vor al-
Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, lem um Anforderungen bezüglich Geruchs-, Schadstoff- und
Bewusstlosigkeit
Staubemissionen [5-12] (vgl. Kapitel 3.2.5 und 5.6.4). Die
150–300 ppm Lähmung der Geruchsnerven übergeordneten Rechtsgrundlagen bildet das Bundesimmissi-
(0,015–0,03 %)
onsschutzgesetz (BImSchG) und dessen Durchführungsbestim- 5
> 375 ppm (0,038 %) Tod durch Vergiftung (nach mehreren mungen sowie die technische Anleitung zur Reinhaltung der
Stunden)
Luft (TA Luft). Das Ziel des Gesetzes ist, die Umwelt vor schäd-
> 750 ppm (0,075 %) Bewusstlosigkeit und Tod durch Atemstill-
lichen Umweltwirkungen zu schützen sowie deren Entstehung
stand innerhalb 30–60 min.
vorzubeugen. Diese Rechtsvorschrift findet im Rahmen des
ab 1.000 ppm (0,1 %) schneller Tod durch Atemlähmung inner-
Genehmigungsverfahrens u. a. bei Biogasanlagen mit einer Ge-
halb weniger Minuten
samtfeuerungsleistung von 1 MW oder mehr oder bei Anlagen
zur Behandlung von Bioabfällen Anwendung (vgl. Kapitel 7.3).

schlägen kommen, da hier elektrische Energie mit Spannungen 5.5.2.3 Gewässerschutz


von mehreren hundert Volt und Stromstärken im dreistelligen Beim Betrieb von Biogasanlagen sollen schädliche Auswirkun-
Amperebereich erzeugt wird. Dieselbe Gefahr geht auch von gen auf die Umwelt möglichst vermieden werden. In Bezug auf
Rührwerken, Pumpen, Zuführeinrichtungen etc. aus, da hier den Gewässerschutz bedeutet dieses ganz allgemein, dass die
ebenfalls mit hohen elektrischen Leistungen gearbeitet wird. Biogasanlage baulich so gestaltet werden muss, dass es zu
Weiterhin besteht durch die Heiz- bzw. Kühlsysteme (Motor- keinen Verunreinigungen von Oberflächengewässern sowie
kühler, Fermenterheizung, Wärmetauscher etc.) einer Biogasan- des Grundwassers kommt. Die rechtlichen Regelungen können
lage Verbrühungsgefahr im Fall von Störungen. Dies trifft auch länderspezifisch voneinander abweichen, da die speziellen An-
auf Teile der BHKW bzw. evtl. vorhandener Notsysteme (z. B. forderungen des Gewässerschutzes u. a. von den natürlichen
Gasfackel) zu. Standortgegebenheiten (z. B. Wasserschutzgebiet) abhängen
Um Unfälle dieser Art zu vermeiden, müssen an den entspre- und einer behördlichen Einzelprüfung unterliegen.
chenden Anlagenteilen gut sichtbare Warnhinweise angebracht Die auf landwirtschaftlichen Biogasanlagen überwiegend
und das Betriebspersonal dementsprechend eingewiesen sein. vorkommenden Stoffe wie Gülle, Jauche und Silagesickersaft
werden in die Wassergefährdungsklasse 1 (schwach wasser-
5.5.2 Umweltschutz gefährdend) eingestuft, nachwachsende Rohstoffe erhalten die
5.5.2.1 Hygienisierungsanforderungen gleiche Einschätzung [5-14]. Folglich müssen Verunreinigungen
Das Ziel der Hygienisierung ist es, mögliche im Substrat vorhan- von Grund- und Oberflächenwasser durch die genannten Stof-
dene Keime und Krankheitserreger unwirksam zu machen und fe entlang der gesamten Verfahrenskette vermieden werden.
damit eine aus seuchen- und phytohygienischer Sicht Unbe- Für die Praxis bedeutet das, dass alle Lagerplätze, Lager- und
denklichkeit herzustellen. Diese wird erforderlich, sobald neben Fermentationsbehälter sowie die verbindenden Rohr- und
landwirtschaftlichen Roh- und Reststoffen biogene Abfallstoffe Pumpleitungen flüssigkeitsdicht und in zugelassener Bauweise
weiterer Wirtschaftszweige eingesetzt werden. ausgeführt sein müssen. Ein besonderes Augenmerk ist auf die
Als relevante Rechtsgrundlagen sind in diesem Zusammen- Silageplätze zu legen, da hier bei ungünstigen Erntebedingun-
hang die EG-Verordnung Nr. 1069/2009 sowie die Bioabfall- gen und sehr hohen Verdichtungsdrücken erhebliche Mengen
verordnung zu nennen [5-13]. Die EG-Verordnung beinhaltet Silagesickersaft auftreten können. Es besteht die Verpflichtung,
Hygienevorschriften für den Umgang mit nicht für den mensch- die austretenden Gär- und Sickersäfte gesondert zu sammeln
lichen Verzehr bestimmten tierischen Nebenprodukten [5-11]. und zu verwerten. Da diese in der Regel erhebliche Mengen Or-
In Biogasanlagen können nach behördlicher Zulassung Materi- ganik enthalten empfiehlt sich deren Zuführung in die Gärbe-
al der Kategorie 2 nach Dampfdrucksterilisation (Zerkleinerung hälter (vgl. Kap. 5.6.4.1).
< 55 mm, 133 °C bei 3 bar Druck für mind. 20 Minuten [5-12]), Um nicht unnötig große Mengen von unbelastetem Wasser,
Gülle, Magen- und Darminhalt ohne Vorbehandlung sowie Ma- vor allem nach erheblichen Niederschlagsereignissen, dem
terial der Kategorie 3 (z. B. Schlachtabfälle) nach Hygienisierung Prozess zuzuführen, ist eine Trennung von verschmutztem und
(Erhitzung auf mind. 70 °C für mindestens 1 Stunde) eingesetzt unbelastetem Wasser sinnvoll. Dieses kann durch getrennte
werden. Die genannte Verordnung findet bei landwirtschaft- Entwässerungssysteme realisiert werden, welche über zwei Lei-
lichen Biogasanlagen jedoch kaum Anwendung. Werden als tungssysteme und manuelles Umstellen unbelastetes Wasser
tierische Nebenprodukte ausschließlich Küchen- und Speiseab- dem Vorfluter sowie verschmutztes Wasser und Sickersäfte der
fälle eingesetzt, so kommt die genannte Verordnung nicht zur Biogasanlage zuführen [5-15].
Anwendung. Werden Stoffe eingesetzt, welche den Regelungen

97
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Darüber hinaus muss den Schnittstellen der einzelnen Ver-


fahrensstufen besondere Beachtung geschenkt werden. Hierzu Technik
zählen vor allem die Substratannahme (Feststoffe und Flüssig-
»» Verfahrensablauf »» Verfügbarkeit
keiten) sowie die Abgabe von Gärrückständen an die Trans- »» Auslastung
»» Prozesskontrolle
port-/Ausbringungsfahrzeuge. Ein ungewollter Materialaustritt Opti­
»» Effizienz
(z. B. Überlauf- bzw. Restmengen) ist zu vermeiden bzw. das mierung
Auffangen von verschmutztem Wasser aus diesen Bereichen Umweltschutz Ökonomie
muss gewährleistet sein.
Darüber hinaus müssen die Aufstellungsplätze der BHKW, »» THG-Emissionen »» Investitionskosten
sowie die Lagerung von Frisch-, Alt- und ggf. Zündöl entspre- »» Geruchsemissionen »» Betriebskosten
»» Lärmemissionen »» Einnahmen
chend der gültigen Vorschriften gestaltet werden. Mögliche
Leckagen von beispielsweise Getriebe- und Motorenöl müssen
erkannt und beseitigt werden können [5-14]. Abb. 5.8: Möglichkeiten der Optimierung

5.5.2.4 Lärmschutz
Bei den Lärmquellen von Biogasanlagen handelt es sich über- schen) Rahmenbedingen zu erreichende Gesamtoptimum an-
wiegend um Verkehrslärm. Die Häufigkeit und Intensität des streben. Ändern sich die Rahmenbedingungen, ist zu prüfen,
Lärmaufkommens hängt entscheidend vom Anlagenkonzept ob die bisherigen Zielgrößen beibehalten werden können oder
sowie den eingesetzten Inputstoffen ab. Beim Großteil der angepasst werden müssen.
landwirtschaftlichen Biogasanlagen entsteht Verkehrslärm in Die Optimierung setzt voraus, dass Ist- und Soll-Zustand
Zusammenhang mit der Substrateinbringung (Transport-, La- definiert sind. Die Definition des Ist-Zustandes geschieht durch
ger-/Dosiersystem) nahezu täglich für einen Zeitraum von 1–2 die Erfassung geeigneter Daten im Anlagenbetrieb. Wenn z. B.
Stunden. Bei der Ernte bzw. Einlagerung der Substrate sowie der Eigenenergiebedarf der Anlage reduziert werden soll, ist
dem Abtransport der Gärrückstände ist mit einem erhöhtem zu untersuchen, welche Komponenten zum Energieverbrauch
Verkehrs- und somit auch Lärmaufkommen zu rechnen. beitragen und welche Energiemengen verbraucht werden. Der
Weitere lärmintensive Maschinen, z. B. in Zusammenhang Soll-Zustand kann anhand der Planungsdaten, von vergleichba-
mit der Gasverwertung in einem BHKW, sind in der Regel in ren Leistungsdaten der eingesetzten Technologien, von Publi-
räumlich abgeschlossenen, schallgedämmten Bereichen aufge- kationen zum Stand der Technik, Aussagen anderer Betreiber
stellt. Rechtsgrundlage für Lärmimmissionen bildet die techni- (z. B. Foren, Expertengespräche etc.) oder angefertigten Gut-
sche Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA-Lärm) in ihrer gül- achten definiert werden.
tigen Fassung. Nach der Definition von Ist- und Soll-Zustand folgt die Defi-
nition konkreter Zielwerte, die Umsetzung von Maßnahmen zur
Erreichung dieser Zielwerte und die anschließende Validierung
5.6 Hinweise zur Anlagenoptimierung der Maßnahmen bezüglich der Zielwerterreichung und mögli-
cher Effekte auf andere Bereiche.
Das Ziel einer Optimierung besteht darin, den Ist-Zustand eines Vor allem im Bereich der Erfassung und Dokumentation re-
Prozesses hinsichtlich einer bestimmten Eigenschaft durch ge- levanter Prozessdaten gibt es auf vielen Anlagen Defizite, so
zielte Variation von Einflussfaktoren so zu verändern, dass ein dass oft eine qualifizierte Analyse der Ist-Situation nicht mög-
definierter Soll-Zustand (das Optimum) erreicht wird. lich ist. Daraus folgt auch, dass Daten zur Generierung von Ver-
Generell kann der Betrieb einer Biogasanlage in den Berei- gleichswerten nur in begrenztem Umfang verfügbar sind. Eine
chen Technik, Ökonomie und Auswirkungen auf die Umwelt op- umfangreiche Sammlung von prozessrelevanten Daten ist im
timiert werden (Abb. 5.8). Dabei können diese Bereiche nicht Rahmen der Bundes-Messprogramme [5-38] realisiert worden,
unabhängig voneinander optimiert werden, vielmehr beeinflus- außerdem veröffentlicht das KTBL Kenndaten zum Betrieb von
sen sich diese gegenseitig. Bei der Lösung eines Optimierungs- Biogasanlagen.
problems ist zudem nicht davon auszugehen, dass es eine ein- In der VDI Richtlinie 4631 „Gütekriterien für Biogasanlagen“
zelne Lösung geben wird, vielmehr ist zu erwarten, dass es eine sind die wesentlichen Kenngrößen zur Bewertung des Prozes-
Schar unterschiedlicher Lösungen gibt. ses aufgeführt. Hier stehen auch umfangreiche Checklisten zur
Die verschiedenen möglichen Lösungen können dann un- Verfügung, die für die Datenerfassung von Nutzen sind.
ter Zugrundelegung von Bewertungsmaßstäben miteinander Im Folgenden sollen einige ausgewählte Parameter gelistet
verglichen werden. Zur Bewertung können z. B. die Kosten, der werden, die zur Bewertung und folgenden Optimierung der Bio-
Gas­ertrag oder die Minimierung der Umweltauswirkungen ver- gasanlage herangezogen werden können.
wendet werden. Entsprechend einer übergeordneten Zielset- Für den Betrieb gilt generell, dass die Betriebsbedingungen
zung müssen die Bewertungsmassstäbe dann gewichtet wer- so konstant wie möglich zu halten sind. Nur so kann überhaupt
den, um eine abschließende Beurteilung und Entscheidung für ein sinnvoller Ist-Zustand definiert werden. Findet auf der Anla-
eine Maßnahme zu ermöglichen. ge eine konzeptionelle Umstellung statt, müssen die Prozess-
In der Praxis sollte jeder verantwortungsvolle Biogasanla- ziele entsprechend angepasst werden.
genbetreiber das unter den gegebenen (auch anlagenspezifi-

98
Betrieb von Biogasanlagen

5.6.1 Technische Optimierung • Methanverluste (z. B. diffuse Emissionen durch Leckagen


Die Optimierung der technischen Abläufe in einer Biogasanlage oder Über-/Unterdrucksicherungen),
zielt auf die hohe Verfügbarkeit der Technologie, d. h. auf eine • Arbeitsaufwand für Anlagenbetrieb und Störungsbeseiti-
Minimierung von Ausfallzeiten und eine reibungslose Prozess- gung, Stillstandzeiten,
führung ab. • Eigenenergieverbrauch:
Dieses Ziel hat natürlich auch indirekte Auswirkungen auf -- regelmäßige Erfassung von Zählerständen (Energiever-
die Ökonomie der Anlagen, da die Anlage nur mit hoher Aus- brauch, Laufzeiten),
lastung ihre Planungsleistung erfüllen kann, auf der anderen -- klare Abgrenzung der Stromverbraucher (z. B. Rührwerke,
Seite verursacht ein hoher technologischer Aufwand auch hohe Eintragssystem, BHKW, …),
Kosten, die entsprechende Kosten-Nutzen-Analyse sollte im -- Rührsysteme, Rührerlaufzeiten und Rührintensität den
Rahmen der ökonomischen Optimierung durchgeführt werden. Bedingungen anpassen,
Zur Einschätzung der Verfügbarkeit der Gesamtanlage bie- -- keine unnötigen Mengen pumpen, 5
ten sich generell die Erfassung und Dokumentation der Be- -- effiziente und verbrauchsarme Substrataufbereitungs-
triebsstunden sowie der Volllaststunden an. Wenn zusätzlich und Einbringtechniken verwenden.
die Ausfallzeiten und zugeordnet die Ursachen der Störungen • Wärmenutzungskonzept.
sowie die Arbeitszeiten und der finanzielle Aufwand für die Be- Generell ist bei Biogasanlagen zu berücksichtigen, dass das
hebung dokumentiert werden, können die Schwachstellen im „System Biogasanlage“ aus einer Vielzahl von Einzelkompo-
Prozess identifiziert werden. nenten besteht, welche aufeinander abgestimmt sein müssen.
Die Verfügbarkeit von technischen Einrichtungen kann ganz Bereits in der Planungsphase ist daher zu berücksichtigen, dass
allgemein durch folgende Maßnahmen erhöht werden: die Kette als Ganzes funktionieren muss – die Anschaffung von
• Wartungsintervalle einhalten, funktionierenden Einzelkomponenten ergibt nicht zwangsläufig
• vorausschauende Wartung, eine funktionierende Biogasanlage.
• Installation von Messtechnik zur Detektierung von Störungen, In der Praxis ist häufig zu beobachten, dass innerhalb der
• Vorratshaltung wichtiger Ersatzteile, Verfahrenskette ein „Flaschenhals“ vorliegt, der die Leistung
• schnell verfügbarer Service vom Hersteller oder regionalen und damit die Wirtschaftlichkeit der nachgeordneten Anlagen­
Werkstätten, elemente begrenzt. Vielfach erreicht z. B. die Gaserzeugungs-
• redundante Ausführung für kritische Komponenten und leistung nicht die Kapazität des BHKW, jedoch könnte z. B. durch
• Einsatz verschleißarmer Technologien und Werkstoffe. eine veränderte Substratmischung oder durch bessere Auslas-
Die Funktionalität der Technik ist Voraussetzung für einen stabilen tung der 2. Fermenterstufe die benötigte Gasproduktionsleis-
Abbauprozess. Wenn es zu Ausfallzeiten bei Beschickung oder tung erreicht werden.
Durchmischung kommt, ist der biologische Prozess direkt betrof- Daher sind neben der Bilanzierung von Energieflüssen auch
fen. Im Hinblick auf die Optimierung der Biologie sei auf Kapitel 2 Stoffstrombilanzen ein geeigneter Weg, Defizite im Anlagenbe-
sowie entsprechende Abschnitte dieses Kapitels verwiesen. trieb aufzudecken.

5.6.2 Analyse der Effizienz der Gesamtanlage 5.6.3 Ökonomische Optimierung


(Substratausnutzung auf Basis von Energie- Die ökonomische Optimierung zielt auf die Reduktion der Kos-
flüssen) ten und Steigerung der Erträge ab. Die ökonomische Optimie-
Wenn eine hohe Auslastung der Technologie gegeben ist, kann rung kann wie die technische Optimierung auf alle Teilprozesse
unter Umständen die Effizienz erhöht werden, indem der Ener- angewendet werden. Auch hier gilt, dass in einem ersten Schritt
giebedarf der Anlage und eventuelle Verluste an Energie unter- die maßgeblichen Verursacher von Kosten identifiziert werden,
sucht und möglicherweise reduziert werden. Hier bietet es sich um dann entsprechend diese Kosten senken zu können.
an, eine Gesamtbetrachtung der Anlage zu veranlassen, um die Als Basis für eine erste Orientierung der gesamten Anlagen-
wesentlichen Energieflüsse und Schwachstellen zu identifizie- leistung können spezifische Größen wie Stromgestehungskos-
ren. Folgende Teilbereiche sind dabei zu berücksichtigen: ten (z. B. in €/kWh) oder spezifische Investitionskosten (in €/
• Substratbereitstellung (Menge, Qualität des Substrates, kWel.) dienen. Für diese gibt es vergleichende Untersuchungen
Qualität der Silierung, Substrateintrag), (z. B. Bundesmessprogramm, [5-38]), so dass eine Einordnung
• Silierverluste (Qualität der Silierung, Vorschub, Größe der der Gesamtökonomie der Anlage möglich ist. Für eine detail-
Anschnittflächen, Sickerwasser), lierte Untersuchung bieten sich die Analyse und der Vergleich
• Prozessbiologie (Beschickungsintervalle, erreichter Abbau- folgender ökonomischer Daten an:
grad, spezifische Biogasmenge und Zusammensetzung, • Betriebskosten:
Stabilität der Anlage, Substratzusammensetzung, Säurekon- -- Personalkosten
zentrationen), -- Wartungskosten
• Gasverwertung (Wirkungsgrad BHKW (elektrisch und ther- -- Kosten für Reparaturen
misch), Methanschlupf, Motoreneinstellungen, Wartungsin- -- Kosten für Energie
tervalle), -- Instandhaltungskosten
• Gärrückstand (Restgaspotenzial des Gärrückstandes, Ver- • Investitionskosten (Abschreibung), Tilgung, Zins,
wertung des Gärrückstandes), • Substratkosten (verbunden mit Substratqualität und Sub­
stratmengen),

99
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

• Einnahmen für produzierte Elektrizität und Wärme oder Roh- en eingebaut werden. So kann dort die nach unten sickernde
gas, Feuchtigkeit aufgesaugt werden. Außerdem wird trockeneres
• Einnahmen für Substrate, und damit sperrigeres Material in diesem Bereich besser ver-
• Einnahmen für Gärrückstände/Dünger. dichtet, was zur Minimierung von Veratmungsverlusten beiträgt.
Gegebenenfalls kann bei niedrigen TS-Gehalten des Erntegutes
5.6.4 Minimierung der Umweltauswirkungen zu Beginn der Silierung eine ausreichende Lage gehäckselten
Die Minimierung der Umweltauswirkungen zielt auf eine Redu- Strohs als Unterlage eingebaut werden, und, soweit die Prozess-
zierung von Schadstofffreisetzungen in Luft, Wasser und Boden kette nicht gestört wird, zusätzlich als Zwischenlagen.
ab. Aus ökologischer und klimapolitischer Sicht richtet sich der Das Niederschlagswasser auf den verschmutzten Bereichen
Fokus zunehmend auf die Emission von Luftschadstoffen. der Silo- und Fahrfläche enthält Silagepartikel, organische Säu-
ren und andere Verschmutzungen. Es muss daher wegen der
5.6.4.1 Substratlagerung sauerstoffzehrenden und eutrophierenden Wirkungen am Ein-
Der Bereich der Substratlagerung und Einbringung, inklusive tritt in Gewässer gehindert und fachgerecht behandelt werden
der beim Betrieb verschmutzten zugehörigen befestigten Fahr- (z. B. durch Ausbringung aufs Feld). Die Menge an behand-
flächen, kann Emissionen in Form von Lärm, Gerüchen und lungsbedürftigem Niederschlagswasser und damit die Kosten
Gewässerverschmutzungen (v. a. durch Silagesickersaft und ver- für Lagerung, Ausbringung und ggf. Behandlung können durch
schmutztes Niederschlagswasser) verursachen. Zur Minimierung getrennte Ableitung minimiert werden. Dazu sind z. B. doppelte
tragen vielfältige planerische, bauliche und organisatorische Kanalisierungen verfügbar, bei denen das Niederschlagswasser
Maßnahmen bei. Planerisch sind geruchs- und lärmintensive Be- durch Umsteckmöglichkeiten in den Einläufen entweder der
reiche zunächst unter Berücksichtigung von Hauptwindrichtung Leitung für behandlungsbedürftiges Abwasser oder derjenigen
und Objekten (z. B. Gebäude, Landschaftselemente, Vegetation), für unproblematisches Niederschlagswasser zugeleitet wird.
die die Ausbreitung von Geruchs- und Lärmemissionen behin- Die Zuleitung des Wassers zu den verschiedenen Einläufen er-
dern, von sensiblen Bereichen abgewandt zu planen. Durch Aus- folgt dabei durch zielgerichtete Gefälleprofilierung, hilfsweise
wahl lärmarmer Bauteile (z. B. Motoren) und ggf. durch Einhau- für Teilbereiche durch Sandsackbarrieren. Organisatorische Vo-
sung kann eine weitere Verminderung erreicht werden. Aspekte raussetzung ist, dass die Gesamtfläche jeweils umgehend von
wie Einhausung bzw. Abdeckung gelten ebenso für Geruchse- Verschmutzungen gereinigt wird. Auf diese Weise werden, wie
missionen. Auch bei der Betriebsorganisation sind Emissionsar- oben bereits dargestellt, gleichzeitig Geruchsemissionen und
ten und -zeiten entsprechend zu berücksichtigen. Verderb vermieden.
Viele Maßnahmen zur Verminderung von Geruchsemissionen Zur Vermeidung von gewässergefährdenden Emissionen bei
im Bereich des Substratmanagements vermindern gleichzeitig Störfällen sind Auffangvorrichtungen für Gärsubstrat sinnvoll
Verluste, v. a. durch Veratmung. Zu nennen sind insbesondere: (z. B. Erdwall aus bindigem Material). Notwendig sind diese,
• die Vermeidung der Zwischenlagerung lockerer Silage, wenn im Bereich der Anlage Gewässer oder Gräben, die in Ge-
• die Beachtung möglichst kleiner und kompakter Anschnitt- wässer drainieren, verlaufen.
flächen,
• die möglichst schneidende oder fräsende Entnahme der 5.6.4.2 Gasverwertung durch BHKW
Silage an Stelle der Entnahme durch nur greifende Geräte Die zulässigen Gasemissionen aus dem BHKW werden durch
oder gar einfache Gabeln bzw. Radladerschaufeln (ansons- die Vorgaben der TA-Luft bestimmt. Dabei sind die Schadgase
ten wird bei der Entnahme der Silostock aufgelockert und es Stickoxide, Schwefeloxide, Kohlenmonoxid (NOx, SOx, CO) und
werden somit Zersetzungsprozesse eingeleitet), Formaldehyd zu berücksichtigen. Der Methanschlupf unterliegt
• die umgehende Verwertung lockerer Silagereste und die Rei- keinem bindenden Emissionsgrenzwert. Geeignete motorische
nigung der Lagerflächen wirken sowohl Geruchsemissionen Einstellungen sowie regelmäßige und fachkundige Wartung des
als auch der Verbreitung von Schimmel und Fäulnis auf dem BHKW können den Verschleiß sowie die Emissionswerte (vor
übrigen Silostock entgegen. allem NOx, SOx und CO) enorm verbessern. Inzwischen stehen
Die Siloanlage mit fachgerecht angelegtem Gefälle muss inklusi- auch Standardgeräte zur automatischen NOx-Reduktion wäh-
ve der Fugen säurefest und dicht ausgeführt sein, damit auftre- rend des BHKW-Betriebes zur Verfügung. Insbesondere ein
tender Sickersaft sicher in den dafür geeigneten Auffangbehälter Teillastverhalten des BHKW unterhalb von 80 % der Volllast ist
eingeleitet wird (siehe WHG, JGS-Anlagenverordnung und Ent- im Sinne der Emissionsminderung zu vermeiden, weil in diesem
wurf der VAUwS). Dieser Behälter muss regelmäßig bei entste- Teillastbereich Methan- und Formaldehydemissionen sprung-
hendem Sickersaft geleert werden. Es muss sichergestellt sein, haft ansteigen können sowie geringere Wirkungsgrade erzielt
dass der Behälter nicht durch eintretendes Niederschlagswasser werden. Der klimaschädliche Methanschlupf lässt sich generell
unkontrolliert überlaufen kann und so verschmutztes Wasser nur durch eine nachfolgende Abgasnachbehandlung mittels
austritt. Durch fachgerechte Silierung kann das Entstehen von Si- thermischer Oxidation vollständig beseitigen. Formaldehyd­
lagesickersaft verhindert oder minimiert werden. Generell gilt: je emissionen können mit handelsüblichen Oxidationskatalysato-
höher der Silostock und je niedriger der Trockensubstanzgehalt ren nahezu komplett entfernt werden [5-40].
der Silage, umso höher ist der zu erwartende Sickersaftanfall. Je
höher also die Silage geschichtet werden soll, umso höher muss 5.6.4.3 Gasaufbereitung über CO2-Abtrennung
zur Vermeidung von Sickersaftanfall auch der Trockensubstanz- Der inzwischen durch die aktuelle Gasnetzzugangsverordnung
gehalt sein. Im unteren Bereich sollten dabei trockenere Parti- (GasNZV, gültig seit 01.05.12) geforderte, maximale Methan-

100
Betrieb von Biogasanlagen

schlupf von 0,2 % (bezogen auf das produzierte Methanvo- nik erfolgt eine Nutzung auf Biogasanlagen normalerweise durch
lumen) aus der Aufbereitung von Biogas zu Biomethan kann Fachfirmen. Eine durch das Sächsische Landesministerium für
durch Anwendung des Standes der Technik mühelos einge- Umwelt und Landwirtschaft in Auftrag gegebene Untersuchung
halten werden, d. h. im Regelfall durch Nutzung einer Aufberei- zur Detektion von Gasleckagen mit Hilfe von solchen bildgeben-
tungstechnologie mit geringem Schlupf (z. B. Aminwäsche) oder den Messverfahren zeigt die Effektivität dieser Technologie. Auf
durch eine anschließende Nachverbrennung. Dies ist bereits 8 von 10 untersuchten Anlagen konnten insgesamt 22 Lecka-
während der Planung zu berücksichtigen. gen festgestellt werden [5-45]. Um die gasproduzierende Anlage
sinnvoll zu überwachen, ist die Kombination beider Kontrollmaß-
5.6.4.4 Beschickungssysteme nahmen die effektivste Lösung. Da diffuse Emissionen aus dem
Zur Vermeidung von klimarelevanten Emissionen sowie von Ge- Anlagenbetrieb unter Umständen nur temporär je nach Betriebs-
ruchsemissionen, die aus der Einbringung der Substrate in den und Umgebungsbedingungen auftreten, ist beispielsweise eine
Fermenter resultieren, können geschlossene Substratvorlagen wiederkehrende Begehung der Anlage mit bildgebenden Mess- 5
und Transportsysteme beitragen. Für das Anmaischen von Sub­ verfahren im 2-Jahres-Rhythmus sowie regelmäßige Kontrollen
straten kann ein den Flüssigkeits- und Feststoffvorlagebehältern durch den Betreiber mit herkömmlicher Sensorik an markanten
nachgeschalteter und an das Gassystem angeschlossener Be- Stellen im Wochen- oder Monatsturnus am sinnvollsten. Eine
hälter zum Anmischen der Substratfraktionen genutzt werden. entsprechende Dokumentation im Betriebstagebuch ist vorzu-
Damit kann ein auf den Fermentationsprozess konditioniertes nehmen. Abbildung 5.9 zeigt die visualisierte Methanfreisetzung
Substratgemisch erstellt und mittels Pumpen in den Fermenter im Dachbereich und an einer Sichtluke eines Biogasfermenters.
befördert werden. Statt des geschlossenen Mischbehälters wer- Auf Basis der wiederkehrenden Dichtigkeitsprüfungen ist
den oftmals auch Trichter- oder Rachentrichterpumpen genutzt. bei aufgefundenen Leckagen eine Beurteilung bzw. Abwägung
Diese sorgen, im Zusammenspiel mit einer weiteren Pumpe, zwischen der Sicherheitsgefährdung, den Emissionen, dem
ggf. nach vorherigem Zerkleinern, für das Einbringen der Fest- Wartungsaufwand und dem möglichen wirtschaftlichen Scha-
stofffraktion in den Flüssigkeitsstrom. Hydrolysestufen sollten den durch Gasverlust notwendig. Dazu könnte z. B. eine Bewer-
im Sinne der Emissionsminderung und der Anlagensicherheit tungsmatrix nach dem Vorbild des Arbeitskreises „Qualitätssi-
nur in gasdichter Form betrieben werden (vgl. Kap. 3.2.5). Es cherung durch Methanemissionsmessung an Biogasanlagen“
empfiehlt sich, das Hydrolysegas mit in das Gassystem der verwendet werden, die Konzentration, Erreichbarkeit der Leck-
Biogasanlage einzuleiten. Dieses erfolgt beispielsweise durch age, mögliche Zündquellen sowie Schadens- und Emissions-
Einpressung des Gases in das Gärgemisch oder durch die di- potenziale berücksichtigt [5-41]. Auf einer solchen Basis kann
rekte Zuführung in den Biogasspeicher. Die direkte Zufuhr des eine Einschätzung erfolgen, in welchen Zeiträumen Handlungs-
Hydrolysegases in den Ansaugluftstrom des BHKW ist zu ver- bedarf für fachgerechte Reparaturen bzw. Wartungen seitens
meiden, da dadurch Motorschäden entstehen können. Ebenso des Betreibers oder Herstellers besteht. Typische Schwachstel-
wenig empfehlenswert ist es, das Gas über einen Biofilter abzu- len wie die Seildurchführungen der Rührwerke können auch un-
leiten, da hierbei keine genügende Betriebssicherheit gegeben abhängig von Kontrollmessungen durch regelmäßiges Einfetten
ist. Zudem ist dann die im Hydrolysegas enthaltene sowie nutz- emissionsarm betrieben werden.
bare Energie (CH4 und H2) verloren [5-42]. Prinzipiell besteht zwischen der Sicherheit einer Anlage und
den Emissionen aus dem Anlagenbetrieb ein Zusammenhang.
5.6.4.5 Fermentation Eine Anlage, auf der wirksame Vorkehrungen im Sinne des pri-
Diffuse Emissionen aufgrund von Leckagen nehmen nach Praxis- mären Explosionsschutzes vorzufinden sind, birgt in der Regel
erhebungen quantitativ eine eher untergeordnete Rolle ein. Den- auch eine geringere Emissionsgefahr. Daher müssen die gän-
noch können bei unsachgemäßem Betrieb bzw. unzureichenden gigen technischen Regelwerke (z. B. VDI 3475 Blatt 4, TRBS
Kontroll- und Wartungsmaßnahmen hohe Emissionen aus Lecka­ 2152) konsequent bei der Planung neuer Anlagen, aber auch
gen resultieren. Emissionsminderungsmaßnahmen basieren da- zur Verbesserung von Bestandsanlagen, umgesetzt werden.
her in erster Linie auf regelmäßigen Kontrollen, bei denen gezielt
nach Leckagen gesucht wird. Gemäß dem Stand der Technik 5.6.4.6 Gärrückstandslagerung
stehen hierzu einige Möglichkeiten zur Verfügung. Mittels ein- Im Sinne der Emissionsminderung besteht die effektivste Min-
facher, ex-geschützter Methansensoren, die akustische Signale derungsmaßnahme in der gasdichten Abdeckung des Gär-
bzw. Konzentrationsanzeigen liefern, können typische Leckstel- rückstandslagers. Für den Bau von Neuanlagen kann diese For-
len regelmäßig untersucht werden, z. B. Seildurchführungen, derung problemlos während der Planung berücksichtigt werden.
Schaugläser oder Foliendachübergänge. Diese Begehungen Ebenso können auch für den Anlagenbestand die Emissionen
können eigenständig durch den Betreiber ausgeführt werden. durch Nachrüstung einer gasdichten Abdeckung gesenkt wer-
Die Schwierigkeit der Durchführung wird im Wesentlichen durch den. Die flächendeckende Umsetzung dieser Variante birgt indes
die Erreichbarkeit der Prüfstellen bestimmt. Fermenter, die einige Probleme. So sind v. a. alte Gärrückstand- bzw. Güllelager
bspw. im Dachbereich nicht durch Gerüste begehbar sind, kön- oder Lagunen nachträglich vergleichsweise schwierig abzude-
nen mit handelsüblichen Sensoren nur schwer im Bereich der cken, da z. B.
Dachfolienübergänge untersucht werden. Die messtechnisch • die Statik nicht für eine Abdeckung geeignet ist,
sicherste Erkennung ist durch Infrarotgaskameras gegeben, die • das Gärrückstandslager für eine Einbindung in die Gasstre-
eine visuelle Darstellung der Leckagen ermöglichen. Aufgrund cke zu weit entfernt ist, oder
der Kosten und der nicht ganz trivialen Anwendung dieser Tech- • Explosionsschutzabstände unterschritten werden könnten.

101
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 5.9: Detektion von Methanleckagen an Fermentern mittels bildgebender Infrarotmessverfahren


(Austretendes Gas wird auf dem Bildschirm der Gaskamera als dunkle Rauchfahne dargestellt. Leckagen können so in Echtzeit aufgespürt und als
Filmsequenz oder digitales Bild archiviert werden. [Systemtechnik Weser-Ems])

Eine Schwierigkeit bei der Nachrüstung bestehender Güllebe- entschieden werden. Als Richtwert für die maximal zulässigen
hälter kann nach Brancheninformationen auch in der Geneh- Emissionen aus der offenen Gärrückstandslagerung können
migungspraxis liegen. Viele bestehende Güllelager erfüllen die Empfehlungen der VDI 3475 Blatt 4 herangezogen werden,
nicht die heutigen genehmigungsrechtlichen Anforderungen an welche max. 1,5 % diffuse Restmethanemission in Bezug auf
Gärrückstandslager aus Sicht des Grundwasserschutzes (§ 19g die stündlich in der Biogasanlage gebildete Biogasmenge vor-
Abs. 2 und 3 WHG sowie der JGS-Anlagenverordnung), weil sie sieht. Bei Neuanlagen nach dem EEG 2012 müssen mindestens
z. B. nicht über eine Leckerkennungsdrainage verfügen. Als ge- 150 Tage Verweilzeit im gasdichten System vorgehalten wer-
nehmigte Anlage haben sie allerdings für die weitere Verwen- den, soweit es sich nicht um eine reine Güllevergärung handelt
dung Bestandsschutz. Es gibt daher Genehmigungsbehörden, (Erneuerbare-Energien-Gesetz – EEG, § 6 (4)).
die anerkennen, dass mit der Nachrüstung der entsprechenden
Behälter mit einer gasdichten Abdeckung keine Erhöhung des 5.6.4.7 Gärrückstandaufbereitung
Risikos von Emissionen ins Grundwasser verbunden ist, dass Hinsichtlich der Gärrückstandseparation ist auf eine möglichst
diese Maßnahme jedoch die gasförmigen Emissionen des Be- kurze, offene Lagerung der abgetrennten Feststoffe zu achten,
hälters vermindert und diese bauliche Änderung daher geneh- um die Stickstoffemissionen (vor allem NH3) zu verringern. Sind
migen. Andere Behörden stehen auf dem Standpunkt, dass die längere Lagerperioden unvermeidlich, sollten die Festbestand-
Nachrüstung eines Güllebehälters mit einer gasdichten Abde- teile durch Planen bzw. emissionsmindernde Folien abgedeckt
ckung eine so wesentliche Umnutzung darstellt, dass der ge- werden [5-43]. Es sei hier auf Kap. 3.2.5 verwiesen.
samte Behälter anschließend dem heutigen Stand der Technik Gärrückstandtrocknungen sind im Sinne der Emissionsmin-
entsprechen muss (vgl. Kapitel 7.4). derung immer eingehaust mit geeigneter Abluftführung zwecks
Sofern eine gasdichte Abdeckung nicht oder nur mit un- Behandlung zu betreiben. Für die Vermeidung von Stickstoff­
verhältnismäßig hohen Kosten und Aufwand möglich ist, kann emissionen in Form von NH3 und N2O sowie Gerüchen ist
die Emissionsminderung bei bestehenden Anlagen auch über eine Abluftführung in Verbindung mit einem sauren Wäscher
eine effizientere bzw. optimierte Vergärung erreicht werden. In und gegebenenfalls zusätzlich einem Biofilter zu installieren.
diesem Zusammenhang ist u. a. die Verweilzeit zu berücksichti- Staub­emissionen können durch passende Staubfilter reduziert
gen bzw. gegebenenfalls heraufzusetzen, um einen möglichst werden.
vollständigen Substratabbau durch die biologischen Prozes-
se im Fermenter zu erreichen. Alternativ können auch höhere 5.6.4.8 Gasproduktion und -speicherung
Vergärungstemperaturen (thermophile Betriebsweise) oder Diffuse Emissionen aufgrund ungünstiger Betriebsweise kön-
Substrataufschlussverfahren zu einer effizienteren Vergärung nen auch auf Anlagen, die weitgehend dem Stand der Technik
beitragen. Welche Verfahren bzw. Änderungen im Betrieb zum entsprechen, auftreten. Problematisch ist eine ungleichmäßi-
Einsatz kommen, muss im Einzelfall auf Grundlage der Anla- ge Gasproduktion oder Gasfreisetzung, die zeitweise über der
genkonfiguration unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit meist kontinuierlichen Gasabnahme der primären Gasverwer-

102
Betrieb von Biogasanlagen

tungseinrichtung (meist BHKW) liegt. Bedingt wird eine solche des resultierenden wirtschaftlichen und ökologischen Scha-
schwankende Gasproduktion oder Gasfreisetzung v. a. durch dens sowie der Häufigkeit des Auftretens explosionsfähiger At-
ungleichmäßige Fütterung, Fütterung größerer Mengen in wei- mosphäre. Daraus können Rückschlüsse für mögliche Gegen-
ten Intervallen und durch intervallartigen Rührwerksbetrieb. In maßnahmen gezogen werden. Durch die Dokumentation der
diesem Zusammenhang sind kleinere Substratdosen in Verbin- Ansprechhäufigkeiten und der zugehörigen Betriebszustände
dung mit kurzen Fütterungsintervallen vorteilhaft für eine kon­ ließe sich auch ein Nachweis führen, inwieweit die Über-/Un-
stante Gasproduktion. Ebenso ist der Füllstand des Gasspei- terdrucksicherungen unzulässig im Normalbetrieb ansprechen
chers zu beachten. Ist dieser weitgehend gefüllt und es kommt und damit ihrem Charakter als Sicherheitseinrichtung zur Ver-
zu zusätzlicher Gasproduktion durch Rühren (Freisetzung von meidung gefährdender Über-/Unterdrucksituationen nicht ge-
Gas, welches vorher in dem viskosen Gärsubstrat gebunden recht werden.
war), oder Sonneneinstrahlung auf das Behälterdach (Gaser-
wärmung und kurzfristige Ausdehnung), kommt es zum Ein- 5.6.4.9 Neue Anforderungen durch Flexibilisierung und 5
greifen der sekundären Gasverbrauchseinrichtung (in der Regel Direktvermarktung
eine Fackel) bzw. der Über- und Unterdrucksicherung. In jedem Direktvermarktung und Flexibilisierung nach § 33 des EEG
Fall bedeutet dies einen Energieverlust und damit eine gerin- 2012 stellen neue Anforderungen an das Management der
gere Vermeidung von CO2-Emissionen. Soweit Biogas über die Gasspeicher im Sinne des Immissions- und Ex-Schutzes. Die
Überdrucksicherung abgeblasen wird, kommen die klimawirk­ notwendigen energiewirtschaftlichen Anforderungen, an die die
samen Methanemissionen (Faktor 25 gegenüber CO2) sowie Biogasbranche mit den dort festgelegten Instrumenten heran-
die geruchsintensiven Emissionen, v. a. NH3, H2S und verschie- geführt wird, erfordern eine Gasverwertung entsprechend dem
dene Fettsäuren, hinzu. Strombedarf. Daraus resultiert ein höherer Umfang der notwen-
Treten charakteristische Abweichungen vom Regelbetrieb digen Gasspeicherung. Die verfügbaren Gasspeichervolumina
auf (z. B. durch Ausfall eines BHKW’s), bei denen das vorhan- sind jedoch begrenzt und auch die Nachrüstung zusätzlichen
dene Gasspeichervolumen nicht ausreicht, um die Überschuss­ Gasspeichervolumens ist aus wirtschaftlichen, technischen und
produktion von Biogas aufzufangen, ist das Vorhalten sekun- sicherheitstechnischen (Störfall-Verordnung – 12. BImSchV)
därer Gasverwertungseinrichtungen ein wichtiger Faktor zur Aspekten eingeschränkt. Von daher ist davon auszugehen, dass
Vermeidung von Treibhausgasemissionen. Unabhängig davon, die Anlagen, die nach § 33 EEG 2012 operieren, häufiger im
ob dafür eine Gasfackel, ein Gaskessel o. ä. verwendet wird, Bereich der vollen Ausschöpfung des Gasspeichervolumens
sollte das Aggregat in Abhängigkeit des Gasspeicher- bzw. Be- operieren. Die oben dargelegte Empfehlung, mit Füllständen
triebsdrucks automatisch anlaufen. Dabei ist ein Druckniveau zu im Bereich von 30–50 % des max. Gasspeichervolumens zu
wählen, welches unterhalb des Ansprechdrucks der Über-/Un- operieren, um einen ausreichenden Puffer gegen witterungs-
terdrucksicherung liegt. Es muss in jedem Fall ein ausreichen- bedingte Ausdehnungen des Gasvolumens oder schwankende
des Druckfenster zwischen dem normalen Betriebsdruck der Gasproduktion bzw. -freisetzung zu haben, kann bei dieser Be-
primären Gasverbrauchseinrichtung (meist BHKW oder Aufbe- triebsweise also kaum eingehalten werden.
reitung), der sekundären Gasverbrauchseinrichtung (meist Fa- Für einen emissionsarmen Betrieb bei schwankender Gas-
ckel) und dem Ansprechdruck der Über-/Unterdrucksicherung produktion oder -freisetzung sowie bei entsprechenden Wit-
bestehen. Wegen der teils engen statischen Grenzen und dem terungsbedingungen ist daher die Nutzung geeigneter Rege-
notwendigen Druckgefälle bei Anlagen mit mehreren verbunde- lungskonzepte der Gasspeicher sowie der Substratzufuhr und
nen Behältern bedarf dies einer sorgfältigen Planung. Zur Ver- -durchmischung sowie der primären bzw. sekundären Gasver-
meidung unerwünschter Emissionen aus diesen Sicherungen brauchseinrichtungen notwendig. Kann ein gleichbleibendes
müssen im Betrieb verschiedene Aspekte betrachtet werden. oder vorausschauend bedarfsorientiertes Fütterungsregime
Es ist wichtig, regelmäßige Kontroll- und Wartungsintervalle in nicht sichergestellt werden, so kann ein erweitertes Gasspei-
den Betriebsablauf einzuplanen, um unkontrolliertes Austreten chervolumen Schwankungen in der Gasproduktion auffangen.
von Biogas zu verhindern, bspw. aufgrund zu geringer Sperr- Empfehlenswert sind dann wieder Füllstände im Bereich von
flüssigkeitsstände. Während Kälteperioden ist ein Gefrieren der 30–50 % des max. Gasspeichervolumens. Alternativ zu einem
Sperrflüssigkeit durch Zusatz von Frostschutzmittel oder durch erweiterten Gasspeichervolumen könnte im Prinzip über die
eine elektrische, ex-geschützte Beheizung zu vermeiden. Die Gasfüllstandsmessung auch eine füllstandsbasierte Motoren-
Menge der aus Überdrucksicherungen ausgestoßenen Emissi- regelung einen schwankenden Gasertrag ausgleichen. Diese
onen wird ganz entscheidend durch die Betriebsweise geprägt. Regelung hat allerdings erhebliche Nachteile. Sie erfordert
Eine Anlage, die permanent an der Leistungsgrenze und dabei einen Teillast- oder einen Mehrmotorenbetrieb, bei welchem
immer mit hohem Füllstand des Gasspeichers operiert, erhöht die Maschinen je nach Gasentwicklung zu- bzw. abgeschaltet
die Wahrscheinlichkeit von betriebsbedingtem Ansprechen der werden können [5-44]. Die unter „Gasverwertung durch BHKW“
Über-/Unterdrucksicherung im Vergleich zu einer Biogasanlage dargestellten Aspekte zum Motorbetrieb unter Teillast sind zu
mit einem abgestimmten Gasmanagement. berücksichtigen. Ein Mehrmotorenbetrieb bedingte höhere In-
Die Aus- bzw. Nachrüstung ex-geschützter Sensorik zur vestitionen und, aufgrund des häufigeren An- und Abfahren,
Erfassung der Auslösehäufigkeit der Über-/Unterdrucksiche- einen höheren Verschleiß der Aggregate. Außerdem liefe eine
rungen kann dem Betreiber Informationen für das Ansprech- solche Betriebsweise den zunehmenden Anforderungen an die
verhalten der Sicherheitseinrichtung unter bestimmten Be- Biogastechnologie nach planbarer Energieerzeugung zuwider.
triebsbedingungen geben. Dies ermöglicht eine Abschätzung

103
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

5.7 Literaturverzeichnis [5-18] Weißbach, F.; Strubelt, C.: Die Korrektur des Trockensub­
stanzgehaltes von Maissilagen als Substrat für Biogasanlagen.
[5-1] Kloss, R.: Planung von Biogasanlagen, Oldenbourg Verlag Landtechnik 63 (2008), H. 2. S. 82-83
München, Wien, 1986 [5-19] Kranert, M.: Untersuchungen zu Mineralgehalten in Bioabfäl-
[5-2] Kroiss, H.: Anaerobe Abwasserreinigung, Wiener Mitteilungen len und Gärrückständen in Müll und Abfall Ausgabe 11/2002
Bd. 62, Technische Universität Wien, 1985 S. 612-617
[5-3] Weiland, P.: Grundlagen der Methangärung – Biologie und [5-20] Tippe, H. (1999): Prozessoptimierung und Entwicklung
Substrate, VDI-Berichte, Nr. 1620 „Biogas als regenerative von Regelungsstrategien für die zweistufige thermophile
Energie – Stand und Perspektiven“, S. 19–32, VDI-Verlag Methanisierung ligno-zellulosehaltiger Feststoffsuspensionen,
2001 Dissertation an der TU Berlin, Fachbereich 15, Lebensmittel-
[5-4] Resch, C.; Wörl, A.; Braun, R.; Kirchmayr, R.: Die Wege der wissenschaften und Biotechnologie
Spurenelemente in 100 % NAWARO Biogasanlagen, 16. Sym- [5-21] Kroeker, E. J.; Schulte, D. D. (1979): Anaerobic treatment
posium Bioenergie-Festbrennstoffe, Flüssigkraftstoffe, Biogas, process stability in Journal water pollution control Federation
Kloster Banz, Bad Staffelstein, 2007 Washington D.C., 51 p. 719-728
[5-5] Kaltschmitt, M.; Hartmann, H.: Energie aus Biomasse – [5-22] Bischofberger, W.; Böhnke, B.; Seyfried, C. F.; Dichtl, N.; Rosen-
Grundlagen, Techniken und Verfahren, Springer Verlag Berlin, winkel, K.H. (2005): Anaerobtechnik, Springer-Verlag Berlin
Heidelberg, New York, 2001 Heidelberg New York
[5-6] Technische Information 4, Sicherheitsregeln für Biogasanla- [5-23] Braun, R. (1984): Biogas-Methangärung organischer Abfall-
gen, Bundesverband der landw. Berufsgenossenschaften e. V., stoffe, 1. Aufl. Springer-Verlag, Wien, New York
Kassel, 2008 [5-24] Buchauer; K.: A comparison of two simple titration procedures
[5-7] Falbe, J. et al. (Hrsg): Römpp Chemie Lexikon, Georg Thieme to determine volatile fatty acids in influents to waste-water
Verlag, 9. Auflage: Stuttgart, 1992 and sludge treatment processes; Water SA Vol. 24 No 1;
[5-8] Arbeitsplatzgrenzwerte (TRGS 900), Bundesanstalt für Januar 1998
Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Download vom 30.06.09; [5-25] Rieger, C. und Weiland, P. (2006): Prozessstörungen frühzeitig
www.baua.de/nn_5846/de/Themen-von-A-Z/ erkennen, in Biogas Journal 4/06, S. 18-20
Gefahrstoffe/TRGS/TRGS-900__content.html?__nnn=true [5-26] Braha, A. (1988): Bioverfahren in der Abwassertechnik: Erstel-
[5-9] Arbeitsstätten, bauliche Anlagen und Einrichtungen (VSG 2.1), lung reaktionskinetischer Modelle mittels Labor-Bioreaktoren
Bundesverband der landwirtschaftlichen Berufsgenossen- und Scaling-up in der biologischen Abwasserreinigung. Udo
schaften, Download vom 30.06.09, Pfriemer Buchverlag in der Bauverlag GmbH, Berlin und
www.lsv.de/lsv_all_neu/uv/3_vorschriften/vsg21.pdf Wiesbaden
[5-10] BGR 104 – Explosionsschutz-Regeln, Sammlung technischer [5-27] Sahm, H.: Biologie der Methanbildung, Chemie-Ingenieur
Regeln für das Vermeiden der Gefahren durch explosions- Technik 53, Nr. 11 (1981)
fähige Atmosphäre mit Beispielsammlung zur Einteilung [5-28] Europäische Patentanmeldung Patentblatt 2008/49, Anmel-
explosionsgefährdeter Bereiche in Zonen, Carl Heymanns denummer 08004314.4. Oechsner, Hans et al. 2008
Verlag, Köln, 2009 [5-29] Mudrack und Kunst: Biologie der Abwasserreinigung. Spek­
[5-11] Verordnung (EG) Nr. 1069 des Europäischen Parlaments und trum Verlag 2003
des Rates, Brüssel 2009 [5-30] Dornak, C.; (2000): Möglichkeiten der Optimierung bestehen-
[5-12] Görsch, U.; Helm, M.: Biogasanlagen-Planung, Errichtung und der Biogasanlagen am Beispiel Plauen/Zobes. In Anaerobe
Betrieb von landwirtschaftlichen und industriellen Biogasanla- biologischen Abfallbehandlung, Tagungsband der Fachtagung
gen, Eugen Ulmer Verlag, 2. Auflage, Stuttgart 2007 21-22.2.2000, Beiträge zur Abfallwirtschaft Band 12, Schrif-
[5-13] Verordnung über Verwertung von Bioabfällen auf landwirt- tenreihe des Institutes für Abfallwirtschaft und Altlasten der
schaftlich, forstwirtschaftlich und gärtnerisch genutzten TU Dresden
Böden (Bioabfallverordnung – BioAbfV), 1998 [5-31] Resch, C.; Kirchmayer, R.; Grasmug, M.; Smeets, W.; Braun, R.
[5-14] „Errichtung und Betrieb von Biogasanlagen-Anforderungen (2005): Optimised anaerobic treatment of houshold sorted
für den Gewässerschutz“, Anlagenbezogener Gewässerschutz biodegradable waste and slaugtherhous waste under high
Band 14; Niedersächsisches Umweltministerium, Hannover, organic load and nitrogen concentration in half technical
2007 scale. In conference proceedings of 4 th International sympo-
[5-15] Verhülsdonk, C.; Geringhausen, H.: Cleveres Drainage-System sium of anaerobic digestion of solid waste 31.8.05-2.9.05,
für Fahrsilos, top agrar Nr. 6/2009 Kopenhagen
[5-16] Seyfried, C. F. et al.: Anaerobe Verfahren zur Behandlung [5-32] Mc Carty, P. L.; McKinney (1961): Salt toxiticy in anaerobic di-
von Industrieabwässern. Korrespondenz Abwasser 37, gestion Journal water pollution control Federation Washington
S. 1247–1251, 1990 D.C. 33, 399
[5-17] Bischoff, M.: Erkenntnisse beim Einsatz von Zusatz- und [5-33] Mc Carty, P. L. (1964): Anaerobic waste treatment Funda-
Hilfsstoffen sowie Spurenelementen in Biogasanlagen, VDI mentals-Part 3, Toxic material and their controls, Pub. Works
Berichte, Nr. 2057, „Biogas 2009- Energieträger der Zukunft“; Nov., 91
VDI Verlag, Düsseldorf 2009, S.111–123

104
Betrieb von Biogasanlagen

[5-34] Angelidaki, I.; Ahring, B.K. (1994): Anaerobic thermophilic


digestion of manure at different ammonia loads: effect of tem-
perature, Wat Res 28, 727–731
[5-35] Liebetrau, J.: Regelungsverfahren für die anaerobe Behand-
lung von organischen Abfällen, Rhombos Verlag, 2008
[5-36] Holubar, P.; Zani, L.; Hager, M.; Fröschl, W.; Radak, Z.; Braun,
R. (2003): Start up and recovery of a biogas reactor using
a hierarchical network based control tool, J. Chem. Technol.
Biotechnol., 78, 847–854
[5-37] Heinzle, E.; Dunn, I. J.; Ryhiner, G. B. (1993): Modelling and
control for Anaerobic Wastewater treatment, Advances in
Biochemical Engineering Biotechnology, Vol 48, Springer 5
Verlag, 1993
[5-38] Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e. V. (Hrsg.): Bio-
gas-Messprogramm II, Gülzow, 2009
[5-39] Schröder, V. (2011): Forschungsergebnisse der BAM zu den
Explosionsgrenzen von Biogas, Kolloquium Stand der Sicher-
heitstechnik bei Biogasanlagen, LFULG Sachsen, Dresden,
[Online] Zugriff am 25.11.2011, Link: www.umwelt.sachsen.
de/umwelt/download/Schroede.pdf
[5-40] Aschmann, V.; Effenberger, M.; Ebertsch, G. (2009): Voraus-
setzungen für einen emissionsarmen Betrieb biogasbetriebe-
ner BHKW, Hrsg.: Biogas Forum Bayern, (Online) Zugriff am:
27.07.2012, www.biogas-forum-bayern.de/publikationen/
Voraussetzungen_fur_einen_emissionsarmen _Betrieb_bio-
gasbetriebener_BHKW_06122011.pdf
[5-41] Clemens, J.; Kohne, S.; Neitzel, S.; Schreier, W. (2011): Verluste
durch Methanemissionen an Biogasanlagen – Qualitiätssi-
cherung bei der Erkennung: Gasmengen, Konzentrationen,
Bewertung, (Online) Zugriff am: 22.03.2012 www.syswe.de/
fileadmin/user_upload/10_Downloads/ Richtlinien_Biogasu-
eberpruefung.pdf
[5-42] Effenberger, M., Kissel, R., Marin-Pérez, C., Beck, J., Friedrich, F.
(2010): Empfehlungen zu Verfahren der Hydrolyse in der
Praxis. Hrsg.: Biogas Forum Bayern, (Online) Zugriff am:
08.11.2012, www.biogas-forum-bayern.de/publikationen/
Empfehlungen_zu_Verfahren_der_Hydrolyse_in_der_Praxis.
pdf
[5-43] Möller, K.; Schulz, R.; Müller, T.; Deupmann, H.; Vogel, A.
(2009): Mit Gärresten richtig düngen – Aktuelle Informatio-
nen für Berater. Hrsg.: Universität Hohenheim – Institut für
Pflanzenernährung, (Online) Zugriff am: 06.11.2012 https://
plantnutrition.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/
plantnutrition/Duengung_mit_Bodenchemie/Leitfaden-Bera-
ter09092009.pdf
[5-44] Postel, J.; Liebetrau, J.; Clemens, J.; Hafermann, C.; Weiland, P.;
Friehe, J: Emissionsreduzierung von Biogasanlagen durch
Anwendung des Standes der Technik, Internationale Bio- und
Deponiegas-Fachtagung „Synergien nutzen und voneinander
lernen IV”, 4. / 5. V. 2010
[5-45] Schreier, W. (2011): Untersuchung ausgewählter Biogasanla-
gen hinsichtlich Gasleckagen an den Fermentern, Nachgärern,
abgedeckten Gärrestlagern und Rohrleitungen. Hrsg.: Säch-
sisches Landesministerium für Umwelt und Landwirtschaft,
Dresden

105
6
Gasaufbereitung und
­Verwertungsmöglichkeiten

Die aktuelle Biogasnutzung in Deutschland zeichnet sich durch 6.1 Gasreinigung und Gasaufbereitung
die dezentrale Verstromung des Rohgases am Entstehungs-
ort aus. Dabei werden überwiegend Verbrennungsmotoren Rohbiogas ist wasserdampfgesättigt und beinhaltet neben Me­
genutzt, die einen Generator zur Stromerzeugung antreiben. than (CH4) und Kohlendioxid (CO2) u. a. auch nicht unerhebliche
Weiterhin besteht die Möglichkeit, Biogas in Mikrogasturbinen, Mengen von Schwefelwasserstoff (H2S).
Brennstoffzellen und Stirlingmotoren zu nutzen. Auch diese Schwefelwasserstoff ist toxisch und riecht unangenehm
Techniken dienen in erster Linie dazu, das gewonnene Biogas nach faulen Eiern. In Verbindung von Schwefelwasserstoff und
zu verstromen, sind bislang jedoch kaum realisiert worden. Eine dem im Biogas enthaltenen Wasserdampf kommt es zur Schwe-
weitere Nutzungsmöglichkeit besteht in der alleinigen thermi- felsäurebildung. Die Säuren greifen die zur Verwertung des Bio-
schen Nutzung in dafür geeigneten Brennern bzw. Heizkesseln. gases verwendeten Motoren sowie vor- und nachgeschaltete
Daneben hat sich in den letzten Jahren die Option der Bio- Bauteile (Gasleitung, Abgasleitung usw.) an. Auch führen die
gasaufbereitung mit anschließender Einspeisung in das Erd- Schwefelkomponenten zu verringerter Leistung der nachge-
gasnetz zunehmend etabliert. Ende 2012 gab es bereits 113 schalteten Reinigungsstufen (CO2-Entfernung).
Anlagen, die das aufbereitete Biomethan in das Erdgasnetz ein- Aus diesen Gründen wird bei landwirtschaftlichen Biogas-
speisen [6-9]. Zahlreiche weitere Projekte werden in den nächs- anlagen normalerweise eine Entschwefelung und Trocknung
ten Jahren realisiert werden. Zu erwähnen sind hier die ambiti- des gewonnenen Biogases durchgeführt. In Abhängigkeit der
onierten Ziele der Bundesregierung, die vorsehen, bis zum Jahr im Biogas enthaltenen Begleitstoffe oder der verwendeten Nut-
2020 jährlich sechs Milliarden Kubikmeter Erdgas durch Biogas zungstechnologie (z. B. Substitution von Erdgas) kann es aller-
zu substituieren. Alternativ zur Netzeinspeisung ist auch eine dings notwendig sein, eine weiterreichende Gasaufbereitung
direkte Kraftstoffnutzung des Biomethans möglich, welche in durchzuführen. Die Hersteller der BHKW stellen Mindestanfor-
Deutschland bislang jedoch nur in geringem Umfang realisiert derungen an die Eigenschaften der eingesetzten Brenngase.
wurde. Dies gilt auch bei der Verwendung von Biogas. Die Brenngasei-
Die direkte Nutzung des gewonnenen Rohgases ist wegen genschaften sollten eingehalten werden, um erhöhte Wartungs-
verschiedener im Gas vorhandener biogasspezifischer Inhalts- intervalle oder eine Schädigung der Motoren zu vermeiden.
stoffe wie z. B. Schwefelwasserstoff in der Regel nicht möglich.
Das Biogas wird aus diesem Grund unterschiedlichen Reini- 6.1.1 Entschwefelung
gungsstufen unterzogen, die in verschiedenen Kombinationen Bei der Entschwefelung kommen unterschiedliche Verfahren
als Voraussetzung für die Nutzungsmöglichkeiten am Anfang zum Einsatz. Differenziert werden kann zwischen biologischen,
dieses Kapitels betrachtet werden. chemischen und physikalischen Entschwefelungsverfahren
bzw. nach dem Anwendungsfall zwischen Grob- und Feinent-
schwefelung. Das angewendete Verfahren, bzw. die Kombi-
nation von Verfahren richtet sich nach dem anschließenden
Nutzungspfad. Eine vergleichende Übersicht der betrachteten
Verfahren ist in Tabelle 6.1 dargestellt.

106
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

Tab. 6.1: Verfahrensübersicht Entschwefelungsverfahren [6-31]

Energiebedarf Betriebsstoffe Reinheit DVGW


Verfahren Lufteintrag Probleme
in ppmv erfüllt?a
el. therm. Verbrauch Entsorgung
Biol. Entschwefe- Ungenaue Prozess­
++ o ++ ++ Ja 50–2.000 Nein
lung im Fermenter steuerung
Externe biol. Ungenaue Prozess­
- o + + Ja 50–100 Nein
Entschwefelung steuerung
Hoher Verfahrensauf-
Biowäscher - o - + Nein 50–100 Nein
wand
Sulfidfällung o o -- o Nein 50–500 Nein Träges Verfahren
Interne chem. Stark abnehmende
Entschwefelung
o o -- -- Ja 1–100 Nein
Reinigungswirkung 6
Hohe Entsorgungs-
Aktivkohle o o -- - Ja < 5 Ja
mengen
a
gemäß DVGW-Richtline G 260
++ besonders vorteilhaft, + vorteilhaft, o neutral, - nachteilig, -- besonders nachteilig

Tab. 6.2: Kennwerte und Einsatzparameter der biologischen Entschwefelung im Fermenter

Kennwerte • Luftzufuhr 3–6 Vol.-% der freigesetzten Biogasmenge


Eignung • alle Fermenter mit ausreichendem Gasraum über dem Fermenter
• anschließende Erdgasnetzeinspeisung nicht sinnvoll
Vorteile ++ sehr kostengünstig
++ kein Chemikalieneinsatz notwendig
++ wartungs- und störfallarme Technik
++ Schwefel fällt zurück in den Gärrückstand und kann so als Dünger ausgebracht werden
Nachteile -- keine Orientierung an der real freigesetzten Schwefelwasserstoffmenge
-- keine gezielte Optimierung des Schwefelwasserstoffabbaues möglich
-- mögliche Prozessbeeinträchtigung und Methanoxidation durch Sauerstoffeintrag
-- Tag-Nacht- und jahreszeitliche Temperaturschwankungen im Gasraum können sich ungünstig auf die Entschwefe-
lungsleistung auswirken
-- auf Schwankungen in der freigesetzten Gasmenge kann nicht reagiert werden
-- Korrosionen im Fermenter und Gefahr der Bildung von explosionsfähigen Gasgemischen
-- ungeeignet für eine Aufbereitung auf Erdgasqualität
-- Senkung des Heizwertes/Brennwertes
Besonderheiten • Aufwuchsflächen für die Schwefelbakterien sollten vorhanden sein oder zusätzlich geschaffen werden, da die
vorhandene Oberfläche meist für die Entschwefelung nicht ausreicht
• Optimierung durch Regelung der Sauerstoffzufuhr in den Reaktor und kontinuierliche Schwefelwasserstoffmes-
sung möglich
Bauformen • Kleinstkompressor oder Aquarienpumpe mit nachgeschaltetem Regelventil und Durchflussanzeige zur manuellen
Steuerung des Gasflusses
Wartung • kaum notwendig

Neben der Gaszusammensetzung spielt vor allem die Durch- 6.1.1.1 Biologische Entschwefelung im Fermenter
strömungsrate des Biogases durch die Entschwefelungsein- Die biologische Entschwefelung wird häufig im Fermenter
richtung eine wesentliche Rolle. Diese kann in Abhängigkeit durchgeführt, wobei auch nachgeschaltete Verfahren denkbar
von der Prozessführung erheblich schwanken. Besonders hohe sind. Das Bakterium Sulfobacter oxydans wandelt Schwefel-
temporäre Biogasfreisetzungsraten und damit verknüpft hohe wasserstoff in der Gegenwart von Sauerstoff in elementaren
Durchströmungsraten können nach der Beschickung des Fer- Schwefel um, welcher anschließend über den Gärrückstand
menters mit frischem Substrat und während des Betriebes der aus dem Reaktor ausgeschleust wird. Dazu benötigt es Nähr-
Rührwerke beobachtet werden. Kurzfristige Durchströmungsra- stoffe, die im ausreichenden Umfang im Fermenter vorhanden
ten von 50 % über dem Mittelwert können auftreten. Um eine sind. Die Bakterien sind omnipräsent, weswegen sie nicht zu-
zuverlässige Entschwefelung zu gewährleisten, ist es üblich, sätzlich zugeführt werden müssen. Der benötigte Sauerstoff
überdimensionierte Entschwefelungsanlagen einzusetzen bzw. wird über Einblasung von Luft, beispielsweise mittels eines
verschiedene Verfahren zu kombinieren. Kleinstkompressors (z. B. Aquariumpumpe), zur Verfügung ge-

107
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

stellt und in den Fermenter eingetragen. Für die Verbrennung


des entschwefelten Gases in Blockheizkraftwerken ist die er-
reichte Qualität meistens ausreichend. Nur bei größeren Kon-
zentrationsschwankungen im Rohgas können Durchbrüche der
Schwefelkonzentration auftreten, was negative Auswirkungen
auf das BHKW haben kann. Dagegen ist dieses Verfahren für die
Aufbereitung auf Erdgasqualität ungeeignet, da die erhöhten
Konzentrationen an Stickstoff und Sauerstoff nur schwer wieder
entfernt werden können und sich somit die Brenneigenschaften
des Gases verschlechtern. Die Eigenschaften der biologischen
Entschwefelung im Fermenter zeigt Tabelle 6.2, ein Beispiel ist
in Abbildung 6.1 dargestellt.

6.1.1.2 Biologische Entschwefelung in externen


­Reaktoren – Tropfkörperverfahren Abb. 6.1: Gasregelung für die Lufteinblasung in den Fermentergas-
Zur Vermeidung der oben genannten Nachteile kann die bio- raum [DBFZ]
logische Entschwefelung auch außerhalb des Fermenters, als
sogenanntes Tropfkörperverfahren, durchgeführt werden. Eini- 6.1.1.3 Biochemische Gaswäsche – Biowäscher
ge Firmen bieten hierfür in separaten Behältern angeordnete Im Gegensatz zum Tropfkörperverfahren und der internen
biologische Entschwefelungskolonnen an. Es besteht so die Entschwefelung, ist der Biowäscher als einziges biologisches
Möglichkeit, die für die Entschwefelung notwendigen Randbe- Verfahren für die Aufbereitung auf Erdgasqualität nutzbar. Das
dingungen wie Luft- bzw. Sauerstoffzufuhr genauer einzuhalten. zweistufige Verfahren besteht aus einer Füllkörperkolonne (Ab-
Um die Düngewirkung des vergorenen Substrats zu erhöhen, sorption des H2S mittels verdünnter Natronlauge), einem Bio-
kann der anfallende Schwefel dem vergorenen Substrat im Gär- reaktor (Regeneration der Waschlösung mit Luftsauerstoff) und
rückstandslager wieder zugeführt werden. einem Schwefelabscheider (Austrag des elementaren Schwe-
Das Tropfkörperverfahren, bei welchem der Schwefelwasser- fels) und verhindert durch die separate Regeneration einen
stoff mit Hilfe eines Waschmediums absorbiert wird (Regene- Lufteintrag in das Biogas. Zwar können sehr hohe Schwefel-
ration der Lösung durch Zumischung von Luftsauerstoff) kann frachten eliminiert werden (bis zu 30.000 mg/m3), bei ähnli-
Abbauraten von bis zu 99 % erreichen, was zu Restgaskonzent- chen Ergebnissen wie eine Tropfkörperanlage, ist diese Tech-
rationen von unter 50 ppm Schwefel führen kann [6-23]. Durch nologie jedoch aufgrund des hohen apparativen Aufwands nur
den hohen Lufteintrag von ca. 6 % ist dieses Verfahren für den für Anlagen mit hohen Gasströmen bzw. H2S-Frachten geeignet.
Einsatz zur Biomethanaufbereitung ungeeignet [6-5]. Die Eigenschaften werden in Tabelle 6.4 aufgeführt.

Tab. 6.3: Kennwerte und Einsatzparameter externer biologischer Entschwefelungsanlagen

Kennwerte • Reinigungsleistung über 99 % möglich (z. B. von 6.000 ppm auf < 50 ppm)
• Technik für alle Biogasanlagendimensionen erhältlich
Eignung • alle Biogasgewinnungssysteme
• Grobentschwefelung
• Tropfkörperkolonne für Einspeisung ungeeignet
Vorteile ++ Dimensionierung auf die real freigesetzte Schwefelwasserstoffmenge möglich
++ gezielte automatisierte Optimierung des Schwefelwasserstoffabbaues durch Nährstoff-, Luftzufuhr- und Tempera-
turmanagement möglich
++ keine Prozessbeeinträchtigung durch Sauerstoffeintrag in den Fermenter (da Lufteintrag außerhalb des Fermen-
ters stattfindet)
++ kein Chemikalieneinsatz notwendig
++ gut nachrüstbare Technologie
++ bei ausreichender Dimensionierung wirken sich kurzfristige Schwankungen in der Gasmenge nicht negativ auf die
Gasqualität aus
Nachteile -- zusätzliches, mit Kosten verbundenes Aggregat (Wärmeoptimum der Tropfkörperanlage bei 28–32 °C)
-- zusätzlicher Wartungsaufwand (Nährstoffbereitstellung)
-- Tropfkörperanlagen mit zu hohem Lufteintrag in das Biogas
Besonderheiten • externe Entschwefelungsanlagen
Bauformen • als Säulen, Kessel oder Container aus Kunststoff oder Stahl freistehend gefüllt mit Trägerkörpern, z. T. mit Rück-
spülung einer Mikroorganismenemulsion (Tropfkörperverfahren)
Wartung • z. T. sind biologische Mikroorganismenemulsionen in größeren Zeitabständen nachzufüllen oder Trägerkörper
langfristig auszutauschen

108
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

Abb. 6.2: Externe biologische Entschwefelung, links Bio-Rieselbettreaktor, rechts Biofeuchtreaktor [S&H GmbH & Co. Umweltengineering KG]

6.1.1.4 Sulfidfällung Verfahren in erster Linie für kleinere Biogasanlagen, bzw. für
Diese Form der chemischen Entschwefelung findet im Fermen- Anlagen mit einer geringen H2S-Belastung (< 500 ppm) [6-34].
ter statt. Sie dient wie die biologischen Entschwefelungsverfah-
ren zur Grobentschwefelung (H2S-Werte zischen 100 und 150 6.1.1.5 Adsorption an Aktivkohle
ppm erreichbar [6-34]). Durch die Zugabe von in Tabelle 6.5 ge- Die als Feinentschwefelungsverfahren verwendete Adsorpti-
nannten Eisenverbindungen in den Fermenter, wird der Schwe- on an Aktivkohle basiert auf der katalytischen Oxidation des
fel chemisch im Gärsubstrat gebunden, womit eine Freisetzung Schwefelwasserstoffs an der Oberfläche der eingesetzten Ak-
als Schwefelwasserstoff unterdrückt werden kann. Aufgrund der tivkohle. Zur verbesserten Reaktionsgeschwindigkeit und Erhö-
in Tabelle 6.5 aufgeführten Eigenschaften, eignet sich dieses hung der Beladungskapazitäten, ist eine Imprägnierung bzw.

Tab. 6.4: Kennwerte und Einsatzparameter externer biochemischer Gaswäschen

Kennwerte • mit Natronlauge oder Eisenhydroxid möglich


• Systeme für Gasflüsse zwischen 10 und 1.200 Nm3/h verfügbar
• in Abhängigkeit der Abstimmung von Rohgasmenge und Anlagengröße sehr hohe Reinigungsgrade oberhalb 95 %
möglich
Eignung • alle Biogasgewinnungssysteme
• Grobentschwefelung
Vorteile ++ Dimensionierung auf die real freigesetzte Schwefelwasserstoffmenge möglich
++ gezielte automatisierte Optimierung der Schwefelwasserstoffabscheidung durch Laugen- und Temperaturmanage-
ment möglich
++ keine Prozessbeeinträchtigung durch Sauerstoffeintrag
++ Vermeidung starker Korrosion an Bauteilen im Gasraum des Fermenters (im Vgl. zur internen biologischen
Entschwefelung)
Nachteile -- zusätzliches, mit Kosten verbundenes Aggregat (Natronlauge, Frischwasser)
-- es entsteht ein Chemikalienbedarf
-- zusätzlicher Eintrag von Frischwasser zur Laugenverdünnung notwendig (nicht bei Eisenhydroxid)
-- zusätzlicher Wartungsaufwand
Besonderheiten • Entsorgung der verbrauchten Lauge in Kläranlagen notwendig, aber aus chemischer Sicht unproblematisch (nur
bei Natronlauge)
• Externe Entschwefelungsanlage
Bauformen • als Säulen oder Kessel aus Kunststoff, freistehend, gefüllt mit Trägerkörpern, mit Rückspülung der Lauge
Wartung • die Chemikalien sind in größeren Zeitabständen nachzufüllen
• Eisenhydroxid lässt sich durch Belüftung mit Umgebungsluft mehrfach regenerieren, wobei die starke Wärmefrei-
setzung bis zur Entzündung führen kann

109
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Dotierung der Aktivkohlen möglich. Als Imprägniermittel kom- 6.1.2 Trocknung


men Kaliumjodid und Kaliumcarbonat in Frage. Voraussetzung Um die Gasverwertungsaggregate vor hohem Verschleiß und
für eine ausreichende Entschwefelung ist dabei das Vorhanden- Zerstörung zu schützen bzw. den Anforderungen der nachfol-
sein von Wasserdampf und Sauerstoff. Imprägnierte Aktivkoh- genden Reinigungsstufen zu genügen, muss Wasserdampf aus
len sind somit ungeeignet für die Nutzung luftfreier Gase. Durch dem Biogas entfernt werden. Die Menge Wasser bzw. Wasser-
die in jüngster Vergangenheit am Markt erschienenen dotierten dampf, die Biogas aufnehmen kann, ist von der Gastemperatur
Aktivkohlen (Kaliumpermanganat) können diese jedoch auch abhängig. Die relative Feuchte von Biogas beträgt im Fermenter
für luftfreie Biogase verwendet werden. Auch verbessert sich 100 %, das Biogas ist somit wasserdampfgesättigt. Zur Trock-
hier die Entschwefelungsleistung, da es zu keiner Blockade der nung von Biogas kommen die Kondensationstrocknung, die
Mikroporen kommt [6-34]. Adsorptionstrocknung (Kieselgel, Aktivkohle) sowie die Absorp-
tionstrocknung (Glykolwäsche) in Frage. Nachfolgend sollen
diese Verfahren kurz erläutert werden.

Tab. 6.5: Kennwerte bei der internen chemischen Entschwefelung; nach [6-12]

Kennwerte • chemische Substanzen zur Abscheidung können Eisensalze (Eisen-III-chlorid, Eisen-II-chlorid, Eisen-(II)-sulfat) in
fester oder flüssiger Form sein, es eignet sich auch Raseneisenerz
• Richtwert nach [6-19]: Zugabe von 33 g Fe pro m3 Substrat
Eignung • alle Systeme der Nassvergärung
• Grobentschwefelung
Vorteile ++ sehr gute Abscheideraten
++ kein zusätzliches Aggregat zur Entschwefelung notwendig
++ kein zusätzlicher Wartungsaufwand
++ auf die Eingangssubstratmasse bezogene Dosierung möglich
++ keine Prozessbeeinträchtigung durch Sauerstoffeintrag
++ Vermeidung starker Korrosion an Bauteilen im Gasraum des Fermenters (im Vgl. zur internen biologischen
Entschwefelung)
++ Schwankungen in der Gasfreisetzungsrate verursachen keine Qualitätseinbußen im Biogas
++ Verfahren mit nachgeschalteter Feinentschwefelung für Biogaseinspeisung geeignet
Nachteile -- Dimensionierung auf den Schwefelgehalt der Eingangssubstrate schwierig (meist Überdosierung notwendig)
-- Erhöhung der laufenden Kosten durch kontinuierlichen Chemikalienverbrauch
-- Erhöhte Investitionskosten durch umfangreichere Sicherheitseinrichtungen
Besonderheiten • die chemische Entschwefelung im Fermenter wird z. T. eingesetzt, wenn die biologische Entschwefelung im Gas-
raum des Fermenters nicht ausreicht
• durch entstehendes Eisensulfid kann die Eisenkonzentration im Boden nach der Ausbringung stark steigen
Bauformen • manuelle oder automatisierte Dosierung durch zusätzliche Kleinfördertechnik
• Einbringung als Lösung oder in Form von Presslingen und Körnern
Wartung • keine bis geringe Wartung notwendig

Tab. 6.6: Kennwerte bei der Entschwefelung mittels Aktivkohle

Kennwerte • Verwendung von imprägnierten (Kaliumjodid, Kaliumcarbonat) bzw. dotierten (Kaliumpermanganat) Aktivkohlen
Eignung • alle Biogasgewinnungssysteme
• zur Feinentschwefelung bei Beladungen von 150 bis 300 ppm
Vorteile ++ sehr gute Abscheideraten (< 4 ppm sind möglich [6-24])
++ moderate Investitionskosten
++ keine Prozessbeeinträchtigung durch Sauerstoffeintrag bei dotierter Aktivkohle
++ Vermeidung starker Korrosion an Bauteilen im Gasraum des Fermenters (im Vgl. zur internen biologischen
Entschwefelung)
++ Verfahren für Biogaseinspeisung geeignet
Nachteile -- nicht für sauerstoff- und wasserdampffreie Biogase geeignet (Ausnahme: imprägnierte Aktivkohlen)
-- hohe Betriebskosten durch aufwändige Regeneration (Dampf mit Temperaturen über 450 °C [6-4])
-- Entsorgung der Aktivkohlen
-- keine Nutzung des selektierten Schwefels möglich
Besonderheiten • die Entschwefelung mit Aktivkohle erfolgt, wenn besonders schwefelfreie Gase gewünscht werden
Bauformen • als Säulen aus Kunststoff oder Edelstahl, freistehend, gefüllt mit Aktivkohle
Wartung • regelmäßiger Austausch der Aktivkohle notwendig

110
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

6.1.2.1 Kondensationstrocknung 6.1.3 Kohlendioxidabscheidung


Das Funktionsprinzip dieses Verfahrens beruht auf dem Ab- Der Aufbereitungsschritt der Kohlendioxidabscheidung wird
scheiden von Kondensat durch das Abkühlen des Biogases in erster Linie bei nachfolgender Netzeinspeisung des Pro-
unterhalb des Taupunktes. Die Kühlung des Biogases wird duktgases benötigt. Durch die Erhöhung des Methangehaltes
häufig in der Gasleitung durchgeführt. Durch ein entsprechen- ist eine Anpassung der Brenneigenschaften an die im DVGW-Ar-
des Gefälle beim Verlegen der Gasleitung wird das Kondensat beitsblatt geforderten Werte möglich. Seit 2006 haben in
in einem, am tiefsten Punkt der Gasleitung eingebauten, Kon- Deutschland inzwischen mehr als 100 Anlagen ihren Betrieb
densatabscheider gesammelt. Wird die Gasleitung unterir- aufgenommen, die aufbereitetes Biogas in das Erdgasnetz
disch geführt, ist der Kühleffekt höher. Voraussetzung bei der einspeisen. Als Aufbereitungsverfahren kommen sowohl in
Kühlung des Biogases in der Gasleitung ist allerdings eine für Deutschland als auch im europäischen Ausland überwiegend
die Kühlung ausreichende Länge der Gasleitung. Neben dem Druckwasserwäschen, Druckwechseladsorptionsanlagen und
Wasserdampf wird durch das Kondensat ein Teil weiterer uner- chemische Wäschen zum Einsatz. Ausschlaggebend für die
wünschter Inhaltsstoffe, wie wasserlösliche Gase und Aerosole Wahl des Verfahrens sind die Gasbeschaffenheit, die erreichba-
aus dem Biogas entfernt. Die Kondensatabscheider müssen
regelmäßig entleert werden, weshalb sie gut zugänglich sein
re Produktgasqualität, die Methanverluste und letztendlich die
Aufbereitungskosten, welche je nach örtlichen Gegebenheiten
6
müssen. Das Einfrieren der Kondensatabscheider muss durch schwanken können. In Tabelle 6.7 werden die wesentlichen Ei-
frostfreien Einbau unbedingt verhindert werden. Zusätzliche genschaften der Aufbereitungsverfahren zusammengefasst und
Kälte wird durch die Übertragung von Kälte durch Kaltwasser er- in den nachfolgenden Abschnitten näher erläutert.
reicht. Nach [6-34] können mit dieser Methode Taupunkte von
3–5 °C erreicht werden, womit sich der Wasserdampfanteil auf 6.1.3.1 Druckwechseladsorption (PSA)
bis zu 0,15 Vol.-% (Ausgangsgehalt: 3,1 Vol.-%, 30 °C, Umge- Die Anwendung von Aktivkohlen, Molekularsieben (Zeolithen)
bungsdruck) reduzieren lässt. Eine vorherige Kompression kann und Kohlenstoffmolekularsieben zur physikalischen Gastren-
diese Effekte noch verbessern. Das Verfahren gilt als Stand der nung wird als Druckwechseladsorptionstechnik verstanden
Technik bei anschließender Verbrennung des Gases. Den Anfor- (PSA: Pressure Swing Adsorption). Das Verfahren gilt als
derungen der Gaseinspeisung genügt es jedoch nur bedingt, da Stand der Technik und wird vielfach angewendet. Vor allem in
die Anforderungen der DVGW-Arbeitsblätter G260 und G262 Deutschland wurden bislang viele Projekte mit dieser Technolo-
nicht erreicht werden können. Nachgeschaltete adsorptive gie realisiert. Je nach Dauer der vier Zyklen für Adsorption (d. h.
Reinigungsverfahren (Druckwechseladsorption, adsorptive Ent- Aufnahme von H2O-Dampf und CO2 bei Druck von ca. 6 bis 10
schwefelungsverfahren) können dem aber abhelfen [6-34]. Die bar), Desorption (durch Druckentspannung), Evakuierung (d. h.
Kondensationstrocknung ist für alle Volumenströme geeignet. weitere Desorption durch Spülen mit Roh- oder Produktgas)
und Druckaufbau werden für Biogasaufbereitungsanlagen vier
6.1.2.2 Adsorptionstrocknung bis sechs Adsorber parallel geschalten. Bei dieser Anlagenkon-
Deutlich bessere Trocknungsergebnisse können mit Adsorp- figuration werden CH4-Ausbeuten von ca. 97 Vol.-% erreicht.
tionsverfahren erreicht werden, welche auf der Basis von Zeo- Durch die Einführung weiterer Spülzyklen mit Roh- und/oder
lithen, Kieselgelen oder Aluminiumoxid arbeiten. Hierbei sind Produktgas sowie Teilrückführung des Abgases vor den Verdich-
Taupunkte bis zu -90 °C möglich [6-21]. Die in einem Festbett in- ter lässt sich die Methanausbeute zu Lasten der Kosten weiter
stallierten Adsorber werden wechselseitig bei Umgebungsdruck steigern. Die Standzeiten der Adsorbentien sind bei sachgemä-
und 6-10 bar betrieben und eignen sich für kleine bis mittlere ßem Gebrauch nahezu unbegrenzt, jedoch bedarf es dazu eines
Volumenströme [6-34]. Die Regeneration der Adsorbermateri- schwefelfreien und getrockneten Rohgases. Wasser, Schwefel-
alien kann entweder kalt- oder warmregeneriert erfolgen. Ge- wasserstoff und eventuell andere Minorkomponenten würden
nauere Informationen zu den Regenerationsmaßnahmen sind in sonst auf den Kohlenstoffmolekularsieben adsorbieren und die
[6-21] oder [6-34] nachlesbar. Aufgrund der erreichbaren Ergeb- PSA-Trennleistung dauerhaft beeinträchtigen bzw. gänzlich zum
nisse ist dieses Verfahren für alle Nutzungsoptionen geeignet. Erliegen bringen. Der Gesamtenergiebedarf ist im Vergleich zu
anderen Verfahren eher gering, wobei der Strombedarf, auf-
6.1.2.3 Absorptionstrocknung grund der ständigen Druckwechsel, als relativ hoch einzustufen
Aus der Erdgasaufbereitung stammt die sogenannte Glykol- ist. Von Vorteil ist auch, dass dieses Verfahren für kleine Kapazi-
wäsche, ein absorptives und damit physikalisches Verfahren, täten prädestiniert ist. Der Nachteil der PSA liegt derzeit in den
welches Biogas in einer Absorberkolonne dem Glykol bzw. vergleichsweise hohen Methanverlusten im Abluftstrom (ca.
Triethylenglykol im Gegenstrom zuführt. Dabei können sowohl 1–5 %). Dieser muss aufgrund der hohen Treibhausgaswirk-
Wasserdampf als auch höhere Kohlenwasserstoffe aus dem samkeit von Methan nachoxidiert werden (vgl. Kap. 5.6.4.3).
Rohbiogas entfernt werden. Die Regeneration erfolgt bei der
Glykolwäsche durch Erhitzen der Waschlösung auf 200 °C, 6.1.3.2 Druckwasserwäsche (DWW)
wodurch ein Verdampfen der Störstoffe erfolgt [6-36]. Als er- Die Druckwasserwäsche ist das am meisten realisierte Aufbe-
reichbare Taupunkte werden in der Literatur -100 °C angege- reitungsverfahren für Biogas in Europa (ca. 50 % aller Anlagen).
ben [6-29]. Geeignet ist dieses Verfahren aus ökonomischen Es nutzt die unterschiedlichen Löslichkeiten von CH4 und CO2
Gesichtspunkten für höhere Volumenströme (500 m3/h) [6-5], in Wasser. Vorgereinigtes Biogas (d. h. Abscheidung eventuell
womit in erster Linie die Biogaseinspeisung als anschließende aus dem Fermenter mitgerissener Wassertröpfchen bzw. Nebel
Nutzungsoption in Frage kommt. in Kiesschüttung) wird zunächst auf ca. 3 bar und in einer an-

111
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 6.7: Gegenüberstellung der Verfahren zur Methananreicherung [6-5], [6-34]

Erreichbarer
Verfahren Wirkprinzip/Charakteristika Sonstiges
CH4-Anteil
Druckwechseladsorption (PSA) Alternierende physikalische > 97 % Vielzahl realisierter Projekte, vorherige Entschweflung und
Adsorption und Desorption Trocknung notwendig, geringe Anlagenregulierbarkeit, ho-
durch Druckwechsel her Strombedarf, kein Wärmebedarf, hoher Methanschlupf,
keine Prozesschemikalien
Druckwasserwäsche (DWW) Physikalische Absorption mit > 98 % Vielzahl realisierter Projekte, erfordert keine vorgeschal-
Wasser als Lösungsmittel; tete Entschweflung und Trocknung, flexible Anpassung an
Regeneration durch Druckre- Gasvolumenstrom, hoher Strombedarf, kein Wärmebedarf,
duktion hoher Methanschlupf, keine Prozesschemikalien
Aminwäsche Chemische Absorption mittels > 99 % Vielzahl realisierter Projekte, für kleine Gasvolumenströme,
Waschlaugen (Amine), Regene- geringer Strombedarf (druckloses Verfahren), sehr hoher
ration über H2O-Dampf Wärmebedarf, minimaler Methanschlupf, hoher Waschmit-
telbedarf
Genosorb-Wäsche Analog DWW mit Genosorb > 96 % Einige Projekte realisiert, für große Anlagen wirtschaftlich
(bzw. Selexol) als Lösungsmittel empfehlenswert, erfordert keine vorgeschaltete Entschwe-
flung und Trocknung, flexible Anpassung an Gasvolumen-
strom, sehr hoher Strombedarf, geringer Wärmebedarf,
hoher Methanschlupf
Membrantrennverfahren Bei Porenmembranen Druck- > 96 % Wenige Projekte realisiert, vorherige Entschweflung und
gefälle zur Gastrennung, sonst Trocknung notwendig, sehr hoher Strombedarf, kein
Diffusionsgeschwindigkeit von Wärmebedarf, hoher Methanschlupf, keine Prozesschemi-
Gasen kalien
Kryogene Verfahren Gasverflüssigung durch > 98 % Pilotanlagenstatus, vorherige Entschweflung und Trock-
Rektifikation, Tiefentemperatur- nung notwendig, sehr hoher Strombedarf, sehr geringer
trennung Methanschlupf, keine Prozesschemikalien

schließenden Kompressorstufe auf ca. 9 bar verdichtet, bevor die Abtrennung von CO2 und H2S dienen Methyldiethanolamin
es die mit H2O beaufschlagte Absorptionskolonne (Rieselbett- (MDEA) oder auch Triethanolamin (TEA) [6-5]. Zur Wiedergewin-
reaktor) im Gegenstrom durchströmt [6-5]. In der Kolonne lösen nung des Waschmittels wird der Absorptionsstufe eine Desorp-
sich im Wasser Schwefelwasserstoff, Kohlendioxid, Ammoniak tions- bzw. Regenerationsstufe nachgeschaltet, wobei übli-
und eventuell im Rohgas enthaltene Stäube und Mikroorganis- cherweise Wasserdampf eingesetzt wird. Hieraus resultiert ein
men. Diese Stoffe werden nach anschließender Entspannung hoher Bedarf an thermischer Energie, was den großen Nachteil
des Wassers aus dem System entfernt. Eine vorgeschaltete des Verfahrens darstellt. In geschickten Wärmekonzepten liegt
Entschwefelung bzw. Trocknung ist bei diesem Verfahren nicht somit das größte Optimierungspotenzial dieser Technologie.
notwendig. Ein weiterer Vorteil des Verfahrens ist die hohe Flexi- Weiterhin ist hier der kontinuierliche Lösungsmittelverbrauch
bilität. Je nach CO2-Gehalt des Rohgases können der Druck und durch eine unvollständige Regeneration als Nachteil zu nennen.
die Temperatur aber auch der Anlagendurchsatz (40 bis 100 Dagegen besitzt die Aminwäsche den Vorteil, dass sehr hohe
% der ausgelegten Kapazität einstellbar) geregelt werden [6-5]. Produktgasqualitäten (> 99 %) bei einem sehr geringen Met-
Daneben sind auch der kontinuierliche und vollautomatische hanschlupf (< 0,1 %) erreicht werden können. Während dieses
Betrieb, die leichte Wartung, die Möglichkeit der Aufbereitung Verfahren in der Vergangenheit in Deutschland und Europa nur
eines feuchtigkeitsgesättigten Gases (möglich durch nachfol- vereinzelt eingesetzt wurde, nimmt insbesondere in Deutsch-
gende Trocknung), die praxiserprobte Zuverlässigkeit, die Koab- land die Anzahl der Aminwäsche-Aufbereitungsanlagen zu. Die
sorption von H2S und NH3 und das Absorbens Wasser (uneinge- Aminwäsche kommt bevorzugt für kleine Volumenströme und
schränkt verfügbar, ungefährlich, kostengünstig) als Pluspunkte an Standorten mit günstigen Wärmequellen zur Anwendung.
zu nennen [6-5]. Die Nachteile des Verfahrens liegen im hohen
Strombedarf und dem vergleichsweise hohen Methanschlupf 6.1.3.4 Physikalische Wäschen (Selexol, Genosorb)
(ca. 1 %), der eine Nachoxidation nach sich zieht. Ähnlich dem Funktionsprinzip der Druckwasserwäsche arbei-
tet das Genosorb-Verfahren, welches eine Weiterentwicklung
6.1.3.3 Chemische Wäschen (Amin) des Selexol-Verfahrens darstellt. Statt Wasser wird hier eine
Die Aminwäsche ist ein chemisches Absorptionsverfahren, bei Waschlösung (Genosorb) bei 7 bar mit dem Biogas in Kontakt
dem das Biogas drucklos mit einer Waschflüssigkeit in Kontakt gebracht, wobei neben Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff
gebracht wird, wobei das Kohlendioxid in das Waschmedium auch Wasser abgetrennt werden kann. Damit ist die Geno-
übertritt. Als Waschmedien finden für die CO2-Abscheidung oft sorb-Wäsche das einzige Verfahren, welches alle drei Störstoffe
Monoethanolamin (MEA) (in Niederdruckverfahren und wenn in einem Verfahrensschritt entfernen kann. Aus wirtschaftlichen
nur CO2 ausgewaschen werden soll) oder Diethanolamin (DEA) Gründen sollte jedoch ein entschwefeltes und getrocknetes
(in Hochdruckverfahren ohne Regeneration) Verwendung. Für Biogas verwendet werden. Die Regeneration der Waschlösung

112
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

Abb. 6.3: Biogasaufbereitungsanlage (Genosorb-Wäsche) in Ronnenberg [Urban, Fraunhofer UMSICHT]

erfolgt bei 50 °C durch schrittweises Entspannen und abschlie- muss es für die Einspeisung zudem nicht mehr eigens verdich-
ßendem Spülen mit Umgebungsluft. Die dabei benötigte Wär- tet werden. [6-42] Die Gasreinheit kann dabei durch die Mem-
me kann nach [6-34] mit Hilfe der Abwärmeauskopplung aus branart, die Membranoberfläche, die Strömungsgeschwindig-
der Gasverdichtung bereitgestellt werden. Als Methanschlupf keit und die Anzahl der Trennstufen eingestellt werden.
werden vom Hersteller 1 bis 2 % angegeben, welcher mit Hil-
fe einer thermischen Oxidationsstufe nachbehandelt werden 6.1.3.6 Kryogene Trennung
muss. Aus energetischer Sicht hat dieses Verfahren einen leicht Die kryogene Gasaufbereitung (d. h. Trennung von CH4 und CO2
höheren Energiebedarf als die Druckwasserwäsche bzw. die bei tiefen Temperaturen) umfasst zum einen die Rektifikation
Druckwechseladsorption [6-34]. (Gasverflüssigung), bei der flüssiges CO2 entsteht und zum an-
deren die Tieftemperaturtrennung, die ein Ausfrieren von CO2
6.1.3.5 Membranverfahren bewirkt [6-5]. Beides sind technisch sehr anspruchsvolle Ver-
Die Membrantechnik ist im Bereich der Biogasaufbereitung ein fahren, die eine vorherige Entschwefelung und Trocknung des
relativ neues Verfahren, welches sich noch im Entwicklungs- Gases erfordern. Sie sind, besonders in Bezug auf die Anwen-
stadium befindet. Es werden bereits vereinzelt Membrantrenn- dung für Biogas, nicht praxiserprobt. Als problematisch gestaltet
verfahren (Österreich, Kißlegg-Rahmhaus) eingesetzt. Verfah- sich dabei vor allem der hohe Energiebedarf. Die erreichbaren
renstechnisch bewirken Membranverfahren die Trennung von Gasqualitäten (> 99 %) und der geringe Methanverlust (< 0,1 %)
Methan und anderen Gaskomponenten durch die verschieden sprechen allerdings für eine Weiterentwicklung des Verfahrens.
großen Diffusionsgeschwindigkeiten der unterschiedlich gro-
ßen Gasmoleküle. 6.1.4 Sauerstoffentfernung
Da CO2-Moleküle kleiner sind als Methanmoleküle und sich Die Entfernung von Sauerstoff aus dem Rohbiogas kann bei der
zudem in Polymeren besser lösen, können sie die Mikropo- Einspeisung von Biomethan ins Erdgasnetz von Bedeutung sein.
ren der Membran wesentlich schneller durchwandern. An der Neben den DVGW-Regelwerken sind hier auch transnationale
Hochdruckseite der Membran sammelt sich somit das Methan Vereinbarungen zu berücksichtigen. Als Aufbereitungsverfah-
an, während Wasserdampf, Ammoniak, Schwefelwasserstoff ren haben sich die katalytische Entfernung an Palladium-Pla-
und der Großteil des CO2 das molekulare Sieb passieren. Da tin-Katalysatoren und die Chemisorption an Kupferkontakten
das methanreiche Gas an der Hochdruckseite abgezogen wird, hervorgetan. Nähere Informationen sind in [6-34] zu finden.

113
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

6.1.5 Entfernung weiterer Spurengase Einspeisestufen kommen Niederdruck- (< 0,1 bar), Mitteldruck-
Unter den Spurengasen im Biogas zählen u. a. Ammoniak, Si- (0,1 bis 1 bar) und Hochdrucknetze (ab 1 bar) in Frage. Ab 16
loxane und BTX (Benzol, Toluol, Xylol). In landwirtschaftlichen bar spricht man von Höchstdrucknetzen [6-5]. Zur Verdichtung
Biogasanlagen ist mit dem vermehrten Auftreten dieser Stoffe von Biogas werden häufig Schrauben- und Kolbenkompresso-
allerdings nicht zu rechnen. Die Belastungen liegen in der Regel ren verwendet. Zu beachten ist, dass manche Verfahren (PSA,
unterhalb den Anforderungen des DVGW-Regelwerkes [6-34], DWW) das aufbereitete Biogas bereits mit einem Betriebsdruck
wobei sie in nur wenigen Fällen überhaupt nachweisbar sind. von 5 bis 10 bar abgeben, womit je nach Netzdruck keine zu-
Hinzu kommt dass diese Stoffe in den zuvor beschriebenen Rei- sätzliche Verdichterstation von Nöten ist.
nigungsverfahren der Entschwefelung, Trocknung und Methan-
anreicherung ebenfalls mit entfernt werden.
6.2 Nutzung durch Kraft-Wärme-Kopplung
6.1.6 Aufbereitung auf Erdgasqualität
Bei der Biogaseinspeisung bedarf es nach dem Durchlaufen der Unter Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) wird die gleichzeitige Erzeu-
einzelnen Reinigungsstufen einer finalen Anpassung des auf- gung von Strom und Wärme verstanden. Je nach Gegebenhei-
bereiteten Biogases an die geforderten Erdgasqualitäten. Diese ten kann zwischen strom- und wärmegeführter Auslegung von
werden zwar durch die Eigenschaften des anliegenden Erdga- KWK- Anlagen unterschieden werden. Aufgrund der höheren
ses bestimmt, für den Biogasproduzenten ist jedoch nur die Ein- Effizienz sollte die wärmegeführte Auslegung gewählt werden.
haltung der DVGW-Arbeitsblätter G 260 und G 262 relevant. Für Fast ausschließlich werden hierzu Blockheizkraftwerke (BHKW)
die Feinanpassung ist dagegen der Netzbetreiber verantwort- mit Verbrennungsmotoren, die mit einem Generator gekoppelt
lich, womit er auch die laufenden Betriebskosten zu tragen hat sind, verwendet. Die Motoren laufen mit konstanter Drehzahl,
(weitere Informationen siehe Kapitel 7.12). Dabei sind folgende damit der direkt gekoppelte Generator elektrische Energie, die
Punkte zu beachten: kompatibel zur Netzfrequenz ist, bereitstellen kann. Zum Ge-
neratorantrieb bzw. zur Stromerzeugung können alternativ und
6.1.6.1 Odorierung perspektivisch zu den üblichen Zündstrahl- und Gas-Otto-Moto-
Da das geruchlose Biomethan auch bei Leckagen wahrgenom- ren auch Mikrogasturbinen, Stirlingmotoren oder Brennstoffzel-
men werden muss, bedarf es dem permanenten Zusatz von Ge- len eingesetzt werden.
ruchsstoffen. Überwiegend werden schwefelhaltige organische
Verbindungen wie Mercaptane oder Tetrahydrothiophen (THT) 6.2.1 Blockheizkraftwerke mit Verbrennungs­
verwendet. In den letzten Jahren ist jedoch aus ökologischen motoren
und technischen Gründen die Tendenz zu schwefelfreien Odo- Das BHKW-Modul besteht neben dem Verbrennungsmotor und
riermitteln zu erkennen. Die Zumischung kann per Einspritzung einem darauf abgestimmten Generator aus Wärmeübertrager-
oder Bypass-Anordnung erfolgen. Genaue Angaben zur Technik systemen zur Rückgewinnung der Wärmeenergie aus Abgas,
zur Kontrolle der Odorierung finden sich im DVGW-Arbeitsblatt Kühlwasser- und Schmierölkreislauf, hydraulischen Einrichtun-
G 280-1. gen zur Wärmeverteilung und elektrischen Schalt- und Steuer-
einrichtungen zur Stromverteilung und zur BHKW-Steuerung. Als
6.1.6.2 Brennwertanpassung Motor werden Gas-Otto- oder Zündstrahlmotoren eingesetzt.
Das eingespeiste Biomethan muss die gleichen Brenneigen- Letztere kamen in der Vergangenheit häufiger zum Einsatz,
schaften wie das anliegende Erdgas haben. Ein Maß dafür sind Neuanlagen werden aber in 2 von 3 Fällen mit Gas-Otto-Moto-
der Brennwert, die relative Dichte und der Wobbeindex. Diese ren bestückt. Diese werden nach dem Ottoprinzip ohne zusätz-
Werte müssen innerhalb der zulässigen Schwankungsbereiche liches Zündöl betrieben, der Unterschied liegt lediglich in der
liegen, wobei die relative Dichte vorübergehend auch über- Verdichtung. Der schematische Aufbau eines Biogas-BHKW und
schritten und der Wobbeindex unterschritten werden darf. Ge- Beispiele sind in Abbildung 6.4 und Abbildung 6.5 dargestellt.
naue Angaben dazu finden sich in den DVGW-Arbeitsblättern
G260 und G685. Eine Einstellung der Kenngrößen kann durch 6.2.1.1 Gas-Otto-Motoren
Zugabe von Luft (bei zu hohem Brennwert im Biogas) bzw. Gas-Otto-Motoren sind speziell für den Gasbetrieb entwickel-
Flüssiggas (bei zu niedrigem Brennwert im Biogas), meist ein te Motoren, die nach dem Otto-Prinzip arbeiten. Die Motoren
Propan-Butan-Gemisch, erfolgen. Begrenzt wird die Flüssiggas- werden zur Minimierung der Stickoxidemissionen als Magermo-
beimischung zum einen durch die Gefahr dessen Rückverflüs- toren mit hohem Luftüberschuss betrieben. Bei Magerbetrieb
sigung in am Netz angeschlossenen Hochdruckanwendungen kann weniger Brennstoff im Motor umgesetzt werden, was zu
(Speicher, CNG-Tankstelle) und zum anderen durch die Vorga- einer Leistungsminderung der Motoren führt. Diese wird durch
ben im DVGW-Arbeitsblatt G486. Aufgrund der Grenzen der die Aufladung der Motoren mittels Abgasturbolader ausgegli-
angewendeten mathematischen Verfahren zur Mengenumwer- chen. Gas-Otto-Motoren sind auf einen Mindestgehalt an Met-
tung sind hier die maximale Beimischmenge von Propan und han im Biogas von ca. 45 % angewiesen. Bei geringeren Met-
Butan auf 5 bzw. 1,5 Mol % begrenzt. hangehalten schalten sie ab.
Sollte kein Biogas zur Verfügung stehen, können Gas-Ot-
6.1.6.3 Druckanpassung to-Motoren auch mit anderen Gasarten wie z. B. Erdgas betrie-
Zur Einspeisung des Biomethans in die unterschiedlichen Netz­ ben werden [6-11]. Dies kann z. B. zum Anfahren der Biogasan-
ebenen ist ein Druck knapp über dem Netzdruck erforderlich. Als lage nützlich sein, um über die Motorabwärme die benötigte

114
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

Prozesswärme zur Verfügung zu stellen. Neben der Gasregel-


strecke für das Biogas muss dafür zusätzlich eine Strecke für
das Ersatzgas installiert werden.
Die wesentlichen Kenndaten von Gas-Otto-Motoren, die für
die Anwendung bei der Biogasnutzung relevant sind, werden in
Tabelle 6.8 dargestellt.

6.2.1.2 Zündstrahlmotoren
Zündstrahlmotoren arbeiten nach dem Dieselprinzip. Sie sind
nicht immer speziell für den Gasbetrieb entwickelt und sind so-
mit Modifizierungen zu unterziehen. Das Biogas wird über einen
Gasmischer der Verbrennungsluft beigemischt und durch das,
über eine Einspritzanlage dem Brennraum zugeführte, Zündöl

Abb. 6.4: Schematischer Aufbau eines BHKW [ASUE]


gezündet. Die Einstellungen werden normalerweise so vorge-
nommen, dass der Zündölanteil ca. 2–5 % der zugeführten
6
Brennstoffleistung beträgt. Durch die relativ geringe Menge ein-
gespritzten Zündöls besteht wegen fehlender Kühlung der Ein-
spritzdüsen die Gefahr, dass diese verkoken [6-11] und damit
schneller verschleißen. Auch Zündstrahlmotoren werden mit
hohem Luftüberschuss betrieben. Die Lastregelung wird über
die Regelung der zugeführten Zündölmenge oder Gasmenge
realisiert.
Bei Ausfall der Biogasversorgung können die Zündstrahl-
motoren mit reinem Zündöl oder Diesel betrieben werden. Die
Umstellung auf Ersatzbrennstoffe ist problemlos möglich und
kann beim Anfahren der Biogasanlage zur Prozesswärmebereit-
stellung notwendig sein.
Als Zündöl kommen laut dem EEG nur noch regenerative
Zündöle wie Raps-Methyl-Ester oder andere anerkannte Bio-
masse in Frage. Bei der Anwendung sind jedoch die Qualitäts-
anforderungen der Motorenhersteller einzuhalten. Kennwerte
und Einsatzparameter von Zündstrahlmotoren sind Tabelle 6.9
zu entnehmen.

6.2.1.3 Schadstoffreduzierung und Abgasreinigung


Abb. 6.5: Biogas-BHKW, Komplettmodul in Kompaktbauweise mit Stationäre Verbrennungsmotoranlagen für den Einsatz mit Bio-
Notfackel [HAASE Energietechnik GmbH] gas sind vom Gesetzgeber als genehmigungsbedürftig nach

Tab. 6.8: Kennwerte und Einsatzparameter von Gas-Otto-Motoren

Kennwerte • elektrische Leistung bis > 1 MW, unter 100 kW nur selten anzutreffen
• Wirkungsgrade elektrisch 34–42 % (bei elektrischen Nennleistungen > 300 kW)
• Standzeit: ca. 60.000 Betriebsstunden
• ab ca. 45 % Methangehalt einsetzbar
Eignung • grundsätzlich alle Biogasanlagen, wirtschaftlicher Einsatz eher in größeren Anlagen
Vorteile ++ speziell für die Gasverwertung konstruiert
++ Emissionsgrenzwerte werden weitestgehend eingehalten (Grenzwertüberschreitungen jedoch bei Formal-
dehyd-Werten möglich)
++ geringer Wartungsaufwand
++ Gesamtwirkungsgrad höher als bei Zündstrahlmotoren
Nachteile -- leicht erhöhte Investitionskosten gegenüber Zündstrahlmotoren
-- höhere Kosten durch Fertigung in geringen Stückzahlen
-- geringerer elektrischer Wirkungsgrad als bei Zündstrahlmotoren im unteren Leistungsbereich
Besonderheiten • um Überhitzung bei geringem Wärmebedarf zu vermeiden, ist ein Notkühler vorzusehen
• Leistungsregelung in Abhängigkeit der Gasqualität ist möglich und empfehlenswert
Bauformen • als einzeln stehendes Aggregat in einem Gebäude oder Kompaktbauweise im Container
Wartung • siehe Kapitel Wartung

115
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Tab. 6.9: Kennwerte und Einsatzparameter von Zündstrahlmotoren

Kennwerte • 2–5 % Zündölanteil zur Verbrennung


• elektrische Leistung bis ca. 340 kW
• Standzeit: ca. 35.000 Betriebsstunden
• Wirkungsgrade elektrisch 30–44 % (Wirkungsgrade um 30 % nur bei kleinen Anlagen)
Eignung • grundsätzlich alle Biogasanlagen, wirtschaftlicher Einsatz eher in kleineren Anlagen
Vorteile ++ preisgünstiger Einsatz von Standard-Motoren
++ erhöhter elektrischer Wirkungsgrad im Vergleich zu Gas-Otto-Motoren im unteren Leistungsbereich
Nachteile -- Verkoken der Einspritzdüsen führt zu erhöhten Abgasbelastungen (NOX) und häufigeren Wartungsarbeiten
-- keine für Biogas spezifische Entwicklung der Motoren
-- Gesamtwirkungsgrad geringer als bei Gas-Otto-Motoren
-- es muss ein zusätzlicher Brennstoff (Zündöl) eingesetzt werden
-- der Schadstoffausstoß überschreitet häufig die in der TA Luft vorgegebenen Grenzwerte
-- kurze Standzeiten
Besonderheiten • um Überhitzung bei geringem Wärmebedarf zu vermeiden, ist ein Notkühler vorzusehen
• Leistungsregelung in Abhängigkeit der Gasqualität ist möglich und empfehlenswert
Bauformen • als einzeln stehendes Aggregat in einem Gebäude oder Kompaktbauweise im Container
Wartung • siehe Kapitel Wartung

Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) eingestuft, wenn wünschter Spurenstoffe im Biogas gering, ist auch die im Abgas
die Feuerungswärmeleistung 1 MW oder mehr beträgt. Die Tech- vorhandene Konzentration an deren Verbrennungsprodukten
nische Anleitung zur Reinhaltung der Luft (TA-Luft) gibt für die- gering.
sen Fall Grenzwerte vor, die eingehalten werden müssen. Liegt Zur Minimierung der Stickstoffoxidemissionen werden die
die installierte Feuerungswärmeleistung unter 1 MW, handelt Motoren im Magerbetrieb betrieben. Durch Magerbetrieb ist
es sich um eine nicht nach BImSchG genehmigungsbedürftige es möglich, die Verbrennungstemperatur abzusenken und da-
Anlage. In diesem Fall sind die in der TA-Luft vorgeschriebenen durch die Entstehung von Stickstoffoxiden zu verringern.
Werte als Erkenntnisquelle bei der Prüfung der Einhaltung der Katalysatoren kommen bei, mit Biogas betriebenen, BHKW
Betreiberpflichten heranzuziehen. Es besteht also die Pflicht, normalerweise nicht zum Einsatz. Die im Biogas enthaltenen
nach Stand der Technik unvermeidbare schädliche Umweltein- Begleitstoffe wie z. B. Schwefelwasserstoff führen zur Deaktivie-
wirkung auf ein Mindestmaß zu beschränken, was durch die Ge- rung und Zerstörung der Katalysatoren.
nehmigungsbehörden jedoch unterschiedlich gehandhabt wird Magerbetriebene Gas-Otto-Motoren halten normalerwei-
[6-32]. Die in der TA-Luft vorgegebenen Grenzwerte nehmen se die in der TA-Luft geforderten Grenzwerte problemlos ein.
eine Unterscheidung für Zündstrahl- und Gas-Otto-Motoren vor. Zündstrahlmotoren haben in der Regel schlechtere Abgaswerte
In Tabelle 6.10 sind die geforderten Grenzwerte der TA-Luft vom als Gas-Otto-Motoren. Vor allem die Stickstoffoxid-(NOX) und
30. Juli 2002 aufgeführt. Kohlenmonoxidemissionen (CO) können u. U. die in der TA-Luft
Die Bereitstellung eines gut gereinigten Brenngases kann zur festgelegten Grenzwerte überschreiten. Durch das zur Zündung
Minimierung der Schadstoffgehalte im Abgas führen. Schwefel- der Motoren verwendete Zündöl befinden sich im Abgas außer-
dioxid entsteht z. B. bei Verbrennung des im Biogas enthaltenen dem Rußpartikel [6-32], [6-7], [6-25]. Probleme gibt es nach
Schwefelwasserstoffs (H2S). Sind die Konzentrationen nicht er- neusten Erkenntnissen oftmals bei der Einhaltung der Formal-

Tab. 6.10: Emissionsgrenzwerte der TA-Luft vom 24.07.2002 für Verbrennungsmotoranlagen nach Nr. 1.4
(einschl. 1.1 u. 1.2) 4. BImSchV [6-15]

Gas-Otto-Motoren Zündstrahlmotoren

Schadstoff Einheit Feuerungswärmeleistung

< 3 MW ≥ 3 MW < 3 MW ≥ 3 MW
Kohlenmonoxid mg/m 3
1.000 650 2.000 650
a
Stickstoffoxid mg/m 3
500 500 1.000 500a
Schwefeldioxid und Schwefeltrioxid angegeben
mg/m3 350 350 350 350
als Schwefeldioxid
Gesamtstaub mg/m3 20 20 20 20
Organische Stoffe: Formaldehyd mg/m3 60 20 60 60
Dieser Grenzwert gilt auch für Magergasmotoren und andere Viertakt-Otto-Motoren, die mit Biogas betrieben werden.
a

116
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

Wirkungsgrad von Biogas-BHKW

Abb. 6.6: Elektrischer Wirkungsgrad von Biogas-BHKW [6-40]

dehyd-Emissionen [6-14]. Zur Einhaltung der Emissionswerte Wirkungsgrade. Eine Übersicht der erreichbaren Wirkungsgrade
der TA-Luft bzw. des EEG 2009 (40 mg/m3) stehen Nachoxi- gibt Abbildung 6.6.
dationssysteme bzw. Aktivkohlefilter zur Verfügung, deren An- Die elektrischen Wirkungsgrade von mit Zündstrahlmotoren
wendung sich bisher aber noch nicht durchsetzen konnte (vgl. betriebenen BHKW liegen zwischen 30 und 43 % und sind zu-
5.6.4.2 Gasverwertung durch BHKW). mindest im unteren Leistungsbereich bei gleicher elektrischer
Leistung höher als die von mit Gas-Otto-Motoren betriebenen
6.2.1.4 Generatoren BHKW. Die Wirkungsgrade von mit Gas-Otto-Motoren betrie-
Bei den in Blockheizkraftwerken verwendeten Generatoren benen BHKW liegen zwischen 34 und 40 %. Mit zunehmender
handelt es sich um Asynchron- oder Synchrongeneratoren. Der elektrischer Leistung nehmen die elektrischen Wirkungsgrade
Einsatz von Asynchrongeneratoren ist wegen des hohen Blind- sowohl bei Zündstrahl- als auch bei Gas-Otto-Motoren zu. Da
strombedarfs nur bei Aggregaten mit weniger als 100 kWel Leis- die Wirkungsgrade von den BHKW-Herstellern unter Prüfstands-
tung sinnvoll [6-26]. Bei Biogasanlagen werden daher norma- bedingungen (Dauerlauf mit Erdgas) ermittelt werden, sind die
lerweise Synchrongeneratoren verwendet. im praktischen Einsatz an der Biogasanlage erzielten Werte
meist geringer als die Herstellerangaben. Insbesondere ist zu
6.2.1.5 Elektrische Wirkungsgrade und Leistung beachten, dass in der Praxis nur in den seltensten Fällen durch-
Der Wirkungsgrad eines Blockheizkraftwerks ist ein Maß da- gängig Volllast gefahren werden kann und die Wirkungsgrade
für, wie effektiv die ihm zugeführte Energie genutzt wird. Der im Teillastbetrieb geringer als im Volllastbetrieb sind. Diese
Gesamtwirkungsgrad setzt sich aus elektrischem und ther- Abhängigkeit ist aggregatspezifisch und kann aus den techni-
mischem Wirkungsgrad zusammen und liegt im Normalfall schen Datenblättern abgeleitet werden.
zwischen 80 und 90 %. Im Optimalfall können also 90 % der Eine Vielzahl von Faktoren können den elektrischen Wir-
insgesamt zugeführten Feuerungswärmeleistung energetisch kungsgrad, die Leistungsfähigkeit sowie die Schadgasemis-
genutzt werden. sionen eines BHKW beeinflussen. Insbesondere unterliegen
Die Feuerungswärmeleistung errechnet sich nach: sowohl die Motorkomponenten, wie zum Beispiel die Zünd-
·
Q F =  v· B  Hi 
kerzen, das Motoröl, die Ventile und die Kolben als auch die
Luft-, Gas- oder Ölfilter, einem altersbedingten Verschleiß. Mit
Gleichung 6-1: QF = Feuerungswärmeleistung [kW]; vB = Biogasvolu- dem Ziel, die Lebensdauer des BHKW zu verlängern, sollten
menstrom [m³/h]; Hi = Heizwert des Biogases [kWh/m³] diese verschleißbehafteten Komponenten in regelmäßigen Zy-
klen ersetzt werden. In der Regel werden die einzuhaltenden
Als Faustzahl für Gas-Otto- und Zündstrahlmotoren kann ange- Wartungszyklen vom BHKW-Hersteller vorgegeben. Weiterhin
nommen werden, dass der elektrische und der thermische Wir- bestimmt die Einstellung des BHKW, wie beispielsweise der
kungsgrad jeweils 50 % des Gesamtwirkungsgrades betragen. Lamb­da-Wert, der Zündzeitpunkt und das Ventilspiel, maßgeb-
Der elektrische Wirkungsgrad setzt sich aus dem mechanischen lich den elektrischen Wirkungsgrad und die Leistung, aber auch
Wirkungsgrad des Motors und dem Wirkungsgrad des Genera- die Höhe der Schadgasemissionen. Die Durchführung der War-
tors zusammen und ergibt sich durch Multiplikation der beiden tung und Einstellung unterliegt dem Anlagenbetreiber in Form

117
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

von Eigenleistung oder bestehenden Wartungsverträgen mit ei- der Grenzen des eigenen Betriebes zum wirtschaftlichen Erfolg
nem Serviceteam des BHKW-Herstellers als auch durch ein vom führen. Unter Berücksichtigung der steigenden Substratkosten
Anlagenbetreiber beauftragtes Unternehmen. Allgemein lässt für NawaRo, kann der Absatz von Wärme erst zur Wirtschaftlich-
sich feststellen, dass die Einstellung des BHKW im Bereich der keit einer Anlage führen. Bereits durch die EEG-Novellen 2004
Grenzwerte der TA-Luft einen erheblichen Einfluss auf die Güte und 2009 wurde die Wärmenutzung besonders begünstigt
der Verbrennung, die elektrische Leistung und den elektrischen (KWK-Bonus), Mit den Regelungen im EEG 2012 wurde eine
Wirkungsgrad hat [6-25]. sogenannte Wärmenutzungsverpflichtung eingeführt. Hiernach
müssen alle Biogasanlagen, die nach dem 1.1.2012 in Betrieb
6.2.1.6 Wärmeauskopplung gehen und die EEG-Vergütung in Anspruch nehmen möchten, ab
Zur Nutzung der bei der Stromproduktion anfallenden Wärme dem 3. Betriebsjahr mindestens 60 % der anfallenden Wärme
ist es notwendig, eine Auskopplung über Wärmeübertrager vor- nutzen (25 % der Wärme können pauschal für die Fermenterbe-
zusehen. In einem mit Verbrennungsmotor betriebenen BHKW heizung angerechnet werden) (siehe Kap. 7).
fällt die Wärme auf unterschiedlichen Temperaturniveaus an. Wenn sich günstige Möglichkeiten für den Wärmeabsatz bie-
Die größte Wärmemenge kann über das Kühlwassersystem ten, kann auch durch bessere Fermenterdämmung oder effek-
des Verbrennungsmotors gewonnen werden. Aufgrund ihres tiveren Wärmeeintrag in den Fermenter eine Wärmeeinsparung
Temperaturniveaus kann sie zur Bereitstellung von Heiz- bzw. im Betrieb sinnvoll sein. Zu beachten ist beim Wärmeverkauf
Prozessenergie verwendet werden. Einen Heizverteiler zeigt Ab- jedoch die z. T. notwendige Kontinuität der Wärmelieferung, die
bildung 6.7. Zur Auskopplung der Wärme aus dem Kühlwasser- häufig Wartungsintervalle und Ausfallzeiten überbrücken muss.
kreislauf kommen meist Plattenwärmeübertrager zum Einsatz Potenzielle Wärmenutzer sind nahegelegene gewerbliche und
[6-12]. Die ausgekoppelte Wärme wird anschließend über ei- kommunale Einrichtungen (Gartenbaubetriebe, Fischzuchtbe-
nen Verteiler an die einzelnen Heizkreisläufe verteilt. triebe, Holztrocknung u. a.) oder Wohnhäuser. Ein besonderes
Das Temperaturniveau der Abgase beträgt ungefähr 460 bis Potenzial für die Wärmenutzung bieten Veredlungs- und Trock-
550 °C. Zum Auskoppeln der Abgaswärme kommen Abgaswär- nungsprozesse mit hohem Wärmeenergieeinsatz. Eine weitere
meübertrager aus Edelstahl, die meistens als Rohrbündelwär- Alternative stellt die Kraft- Wärme-Kälte-Kopplung dar (siehe
meübertrager ausgeführt sind, zum Einsatz [6-12]. Typischer- Kapitel 6.2.5.2).
weise eingesetzte Wärmeträger sind Dampf in verschiedenen
Druckstufen, Heißwasser und Thermoöl. 6.2.1.7 Gasregelstrecke
Im eigenen Betrieb kann der Wärmebedarf aus der Abwärme Um das Biogas effektiv nutzen zu können, stellen Gasmotoren
der BHKW recht schnell gedeckt werden. Er ist in der Regel nur Anforderungen in Bezug auf die physikalischen Eigenschaften
im Winter hoch, im Sommer dagegen muss der Notkühler die des Gases. Dies sind insbesondere der Druck, mit dem das Bio-
meiste Überschusswärme abführen, wenn keine externe Wär- gas dem Gasmotor zugeführt wird (meist 100 mbar) und ein
menutzung verfügbar ist. Neben der für die Fermenterheizung definierter Volumenstrom. Falls diese Parameter die Vorgaben
benötigten Wärme, die ca. 20 bis 40 % der gesamten anfal- nicht erfüllen können, beispielsweise wenn nicht ausreichend
lenden Wärmemenge beträgt, können zusätzlich z. B. Betriebs- Gas im Fermenter freigesetzt wird, werden die Motoren mit Teil-
oder Wohnräume beheizt werden. BHKW sind voll kompatibel last betrieben oder abgeschaltet. Um die Vorgaben sehr kons-
mit der üblichen Heiztechnik und daher leicht an den Heizkreis- tant einzuhalten und Sicherheitsanforderungen gerecht zu wer-
lauf anzuschließen. Für den Fall des Ausfalles des BHKW sollte den, wird eine Gasregelstrecke direkt vor dem BHKW installiert.
der oft bereits vorhandene Heizkessel zum Notbetrieb vorgehal- Die Gasregelstrecke sollte einschließlich der gesamten Gas-
ten werden. leitung nach den Richtlinien der Deutschen Vereinigung des
Neben anderen betriebsinternen Wärmesenken (z. B. Stallhei- Gas- und Wasserfaches e. V. (DGVW) zugelassen sein. Alle Gas-
zung, Milchkühlung) kann die externe Wärmeabgabe außerhalb leitungen müssen entweder durch gelbe Farbe oder gelbe Pfeile
kenntlich gemacht werden. Die Regelstrecke muss zwei selb-
ständig schließende Ventile (Magnetventile), ein Absperrventil
außerhalb des Aufstellraumes, eine Flammendurchschlagsiche-
rung und einen Unterdruckwächter enthalten. Sinnvoll ist es, ei-
nen Gaszähler zur Bestimmung der Gasmenge und einen Fein-
filter zum Abtrennen von Partikeln aus dem Biogas mit in die
Gasstrecke zu integrieren. Wenn notwendig, wird ein Verdichter
in die Strecke eingebaut. In Abbildung 6.8 ist ein Beispiel für
eine Gasregelstrecke zu sehen.
Von besonderer Bedeutung für Installationen der Gasleitun-
gen ist die Integration von Einrichtungen zum Kondensatablass,
da bereits geringe Kondensatmengen aufgrund der kleinen
Gasdrücke zum Verschluss der Gasleitung führen können.

6.2.1.8 Betrieb, Wartung und Aufstellräume


Die Nutzung von Biogas in BHKW setzt bestimmte Rahmen-
Abb. 6.7: Heizverteiler [MT-Energie-GmbH] bedingungen voraus, die eingehalten und beachtet werden

118
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

che Gasregelstrecke gewährleistet sein. Bei druckloser Biogas-


speicherung ist hierfür eine Gasdruckerhöhung durch entspre-
chende Gasverdichter vorzunehmen.
Eine große Rolle für den sicheren Betrieb der Motoren spielt
das Schmieröl. Durch das Schmieröl werden die im Motor ent-
stehenden Säuren neutralisiert. Ein Austausch des Schmieröls
ist infolge von Alterung, Verschmutzung und Nitrierung bzw.
der Abnahme des Neutralisationsvermögens in regelmäßigen
Abständen in Abhängigkeit von der Motorart, des Öls und der
Betriebsstundenanzahl durchzuführen. Neben regelmäßigen
Ölwechselintervallen sollte vor dem Ölwechsel eine Ölprobe
entnommen werden. Diese Ölprobe kann in einem darauf spezi-
alisierten Labor untersucht werden. Anhand der Laborergebnis-
se kann eine Aussage über die Länge der nötigen Ölwechselin-
tervalle sowie über den Verschleiß des Motors getroffen werden
6
Abb. 6.8: BHKW mit Gasregelstrecke [DBFZ] [6-11]. Oftmals werden diese Aufgaben durch Wartungsverträ-
ge abgegeben. Um die Ölwechselintervalle zu verlängern, wird
müssen. Neben dem eigentlichen Betrieb sind hierbei auch häufig die verwendete Ölmenge durch Ölwannenvergrößerun-
vorgegebene Wartungsintervalle und Anforderungen an den gen erhöht, die von vielen Herstellern angeboten werden.
Aufstellraum der BHKW-Anlage zu beachten.
Wartung
Betrieb Der Betrieb eines BHKW mit Biogas setzt voraus, dass die vor-
BHKW-Anlagen arbeiten aufgrund von verschiedenen Regel-, gegebenen Wartungsintervalle eingehalten werden. Dazu zählt
Überwachungs- und Steuerungsmaßnahmen im Normalfall auch die vorbeugende Instandhaltung wie z. B. Ölwechsel und
weitgehend vollautomatisch. Um eine Beurteilung des Betrie- Austausch von Verschleißteilen. Eine ungenügende Wartung
bes des BHKW sicherzustellen, sollten folgende Daten zur Er- und Instandhaltung kann zur Schädigung des BHKW führen und
stellung von Trends in einem Betriebstagebuch festgehalten somit erhebliche Kosten verursachen [6-11], [6-22].
werden: Jeder BHKW-Hersteller stellt einen Inspektions- und War-
• erreichte Betriebsstunden, tungsplan zur Verfügung. Anhand dieser Pläne ist zu erkennen,
• Anzahl der Starts, welche Tätigkeiten in welchen Zeitabständen zur Instandhal-
• Motorkühlwassertemperatur, tung und Pflege der Module durchgeführt werden müssen. Der
• Vor- und Rücklauftemperatur des Heizwassers, zeitliche Abstand der verschiedenen Maßnahmen ist von Fak-
• Kühlwasserdruck, toren wie dem Motortyp etc. abhängig. Durch Schulungen, die
• Öldruck, vom BHKW-Hersteller angeboten werden, besteht die Möglich-
• Abgastemperatur, keit, einige Arbeiten in Eigenregie durchzuführen [6-11].
• Abgasgegendruck, Neben den Wartungsplänen werden auch Serviceverträge
• Brennstoffverbrauch, angeboten. Vor dem Kauf des BHKW sollten die Einzelheiten
• erzeugte Leistung (thermisch und elektrisch). der Serviceverträge geklärt sein, wobei insbesondere folgende
Die Daten können in der Regel über die BHKW-Steuerung erfasst Punkte beachtet werden sollten:
und dokumentiert werden. Eine Kopplung der BHKW-Steuerung • welche Arbeiten führt der Betreiber durch,
mit den Regelkreisen der Biogasanlage sowie der Datenaus- • welche Form des Servicevertrages wird vereinbart,
tausch mit einem zentralen Leitsystem bzw. die Datenfernüber- • wer liefert die Betriebsmaterialien,
tragung per Internet, die auch die Ferndiagnose durch den Her- • welche Laufzeit hat der Vertrag,
steller ermöglicht, kann häufig realisiert werden. Eine tägliche • schließt der Vertrag eine große Revision mit ein,
Begehung und Sichtkontrolle der Anlage sollte allerdings trotz • wie werden außerplanmäßige Probleme behandelt.
aller elektronischen Überwachungen durchgeführt werden. Bei Welche Leistungen in den Servicevertrag aufgenommen wer-
BHKW mit Zündstrahlmotoren sollte neben der verbrauchten den, ist unter anderem auch davon abhängig, welche Eigen-
Gasmenge auch der Zündölverbrauch gemessen werden. leistungen vom Betreiber ausgeführt werden können. Von der
Um eine Aussage über den thermischen Wirkungsgrad Fachgemeinschaft Kraftmaschinen des VDMA wurden eine Spe-
des BHKW machen zu können, sollte neben der produzierten zifikation und ein Vertragsmuster für Wartungs- und Instand-
Strommenge auch die produzierte Wärmemenge durch Wärme- haltungsverträge entwickelt. Basierend auf dieser Spezifikation
mengenzähler gemessen werden. So ist es außerdem möglich, entstand die VDI-Richtlinie 4680 „BHKW-Grundsätze für die
eine relativ genaue Aussage über die benötigte Prozesswärme Gestaltung von Serviceverträgen“. Hier können entsprechende
oder über die von anderen an den Heizkreislauf des BHKW an- Informationen über Inhalt und Aufbau der Verträge eingeholt
geschlossenen Verbrauchern (ggfs. Ställe usw.) benötigte Wär- werden [6-2]. Gemäß VDMA können verschiedene Vertragsfor-
memenge zu treffen. men von Serviceverträgen definiert werden.
Damit die Motoren ausreichend mit Gas versorgt werden, Der Inspektionsvertrag umfasst alle Maßnahmen zur Fest-
muss ein entsprechender Fließdruck vor Eintritt in die eigentli- stellung und Beurteilung des Ist-Zustandes der zu inspizie-

119
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

Abb. 6.9: Aufbau eines BHKW in einem Gebäude bzw. BHKW-Container [Seva Energie AG]

renden Anlage. Die Vergütung kann in Form einer Pauschale Aufstellräume


geleistet werden oder wird nach Aufwand bemessen, wobei zu Blockheizkraftwerke sollten nur in dafür geeigneten Gebäu-
klären ist, ob Inspektionen einmalig oder regelmäßig stattfin- den aufgestellt werden. Zur Verringerung der Geräuschemis-
den. sionen sollten die Gebäude mit Schalldämmmaterial und die
Der Wartungsvertrag enthält erforderliche Maßnahmen BHKW-Module selbst mit einer Schallschutzhaube versehen
zur Erhaltung des Soll-Zustandes. Die durchzuführenden Tä- werden. Neben ausreichend Platz zum Durchführen von War-
tigkeiten sollten in einer Liste beschrieben werden, die durch tungsarbeiten muss auf eine ausreichende Luftversorgung ge-
Bezugnahme Vertragsbestandteil wird. Die Tätigkeiten können achtet werden, um den Luftbedarf der Motoren decken zu kön-
periodisch oder zustandsabhängig durchgeführt werden. Die nen. Hierfür kann es notwendig sein, entsprechende Zu- und
Vertragspartner können eine Vergütung nach Aufwand oder Abluftgebläse zu verwenden. Weitere detaillierte Anforderun-
als Pauschale vereinbaren. Je nach Vertragsvereinbarung kann gen an Aufstellräume von BHKW können den Sicherheitsregeln
auch das Beheben von Störungen, die nicht vom Bediener be- für landwirtschaftliche Biogasanlagen entnommen werden.
seitigt werden können, mit zu den Leistungen gehören. Für die Aufstellung im Freien werden BHKW-Module, die in
Der Instandsetzungsvertrag umfasst alle erforderlichen schallgedämmte Container eingebaut sind, angeboten. In die-
Maßnahmen zum Wiederherstellen des Soll-Zustandes. Die sen Containern sind normalerweise die Anforderungen an Auf-
durchzuführenden Tätigkeiten ergeben sich aus den Bedingun- stellräume vom BHKW-Hersteller realisiert. Ein weiterer Vorteil
gen des Einzelfalls. Die Vergütung wird normalerweise nach der Containerbauweise stellt die Komplettmontage der Anlage
Aufwand festgelegt [6-1]. beim BHKW-Hersteller mit einem anschließenden Test dar. So
Der Instandhaltungsvertrag, auch Vollwartungsvertrag ge- lassen sich die Zeiten von der Aufstellung bis zur Inbetriebnah-
nannt, umfasst Maßnahmen, die zur Erhaltung eines sicheren me auf ein bis zwei Tage reduzieren. Beispiele für die Aufstel-
Betriebs notwendig sind (Wartungs- und Reparaturarbeiten, lung von BHKW zeigt Abbildung 6.9.
Ersatzteilinstallation und Betriebsstoffe außer Brennstoff). Eine
sogenannte Generalüberholung ist aufgrund der Vertragsdau- 6.2.2 Stirlingmotoren
er (in der Regel 10 Jahre) ebenfalls enthalten. Dieser Vertrag Der Stirlingmotor gehört zu den Heißgas- oder Expansionsmo-
entspricht weitestgehend einer Garantieleistung. Die Vergütung toren. Hier wird der Kolben nicht – wie bei Verbrennungsmoto-
erfolgt meistens in Form einer Pauschale [6-1]. ren – durch die Expansion von Verbrennungsgasen aus einer
Die Standzeit von Zündstrahlmotoren beträgt durchschnitt- inneren Verbrennung bewegt, sondern durch die Ausdehnung
lich 35.000 Betriebsstunden [6-27] [6-28], was bei 8.000 Be- (Expansion) eines eingeschlossenen Gases, welches sich in-
triebsstunden im Jahr ca. 4½ Jahren entspricht. Danach ist eine folge Energie- bzw. Wärmezufuhr einer externen Energiequelle
Generalüberholung des Motors nötig, wobei meist der gesamte ausdehnt. Durch diese Entkopplung der Energie- bzw. Wärme-
Motor getauscht wird, da sich eine Generalüberholung wegen quelle von der eigentlichen Krafterzeugung im Stirlingmotor
der niedrigen Motorpreise nicht lohnt. Bei Gas-Otto-Motoren kann die benötigte Wärme aus unterschiedlichen Energiequel-
kann von einer durchschnittlichen Standzeit von 60.000 Be- len, wie z. B. einem Gasbrenner, der mit Biogas betrieben wird,
triebsstunden bzw. ca. 7½ Jahren ausgegangen werden. Da- zur Verfügung gestellt werden.
nach wird eine Generalüberholung des Motors durchgeführt. Das grundlegende Prinzip des Stirlingmotors basiert auf dem
Hier werden fast alle Teile bis auf Motorblock und Kurbelwelle Effekt, dass ein Gas bei einer Temperaturänderung eine gewis-
ausgetauscht. Nach der Generalüberholung ist eine Laufzeit in se Volumenänderungsarbeit verrichtet. Wird dieses Arbeitsgas
gleicher Höhe zu erwarten [6-2]. Die Standzeiten sind u. a. sehr zwischen einem Raum mit konstant hoher Temperatur und ei-
von der Wartung und Pflege der Motoren abhängig, weswegen nem Raum mit konstant niedriger Temperatur hin- und herbe-
sie sehr stark variieren können. wegt, ist ein kontinuierlicher Betrieb des Motors möglich. Damit
wird das Arbeitsgas im Kreislauf geführt. Das Arbeitsprinzip ist

120
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

in Abbildung 6.10 dargestellt. Aufgrund der kontinuierlichen


Verbrennung weisen Stirlingmotoren geringe Schadstoff- und
Geräuschemissionen sowie einen geringen Wartungsaufwand
auf. Sie lassen wegen der geringen Bauteilbelastungen und des
geschlossenen Gaskreislaufs geringe Wartungskosten erhoffen.
Die elektrischen Wirkungsgrade sind im Vergleich mit herkömm-
lichen Gas-Otto-Motoren geringer und liegen zwischen 24 und
28 %. Die Leistung von Stirlingmotoren ist vorrangig im Bereich
unter 100 kWel angesiedelt [6-33].
Wegen der äußeren Verbrennung werden nur geringe An-
sprüche an die Qualität des Biogases gestellt, weshalb auch
Gase mit geringen Methangehalten verwendet werden können
[6-13]. In dem Verzicht auf eine Vorreinigung des Biogases
könnte der größte Vorteil des Stirling-Motors gegenüber her-
kömmlichen Biogas-Verbrennungsmotoren liegen. Als Nachteil
Abb. 6.10: Arbeitsweise eines Stirlingmotors aus [6-13] nach [6-20]
6
ist die Trägheit bei Lastwechseln zu nennen, was bei stationä-
ren Anlagen wie Blockheizkraftanlagen jedoch weniger ins Ge-
wicht fällt als beispielsweise in Kraftfahrzeugen.
Erdgasbetriebene Stirlingmotoren sind in sehr kleinen Leis-
tungsklassen am Markt verfügbar. Um sie jedoch konkurrenz-
fähig in der Biogastechnologie einzusetzen, bedarf es noch
diverser technischer Weiterentwicklungen. Der Stirlingmotor
kann wie Zündstrahl- oder Gas-Otto-Aggregate als BHKW ein-
gesetzt werden. Derzeit gibt es jedoch erst wenige Pilotprojekte
in Deutschland.

6.2.3 Mikrogasturbinen
Als Mikrogasturbinen oder Mikroturbinen werden kleine,
schnelllaufende Gasturbinen mit niedrigen Brennkammertem-
peraturen und -drücken im unteren elektrischen Leistungsbe-
reich bis 200 kWel bezeichnet. Momentan gibt es verschiedene
Hersteller von Mikrogasturbinen in den USA und in Europa. Mi-
krogasturbinen besitzen zur Verbesserung des Wirkungsgrades Abb. 6.11: Aufbau einer Mikrogasturbine [Energietechnologie GmbH]
im Gegensatz zu „normalen“ Gasturbinen einen Rekuperator, in
dem die Verbrennungsluft vorgewärmt wird. Der Aufbau einer
Mikrogasturbine ist in Abbildung 6.11 dargestellt. zu berücksichtigen, so dass die Druckerhöhung bei bis zu 6 bar
In Gasturbinen wird Luft aus der Umgebung angesaugt und atmosphärischem Überdruck liegt. Hierzu wird der Mikrogastur-
durch einen Verdichter komprimiert. Die Luft gelangt in eine bine brennstoffseitig ein Verdichter vorgeschaltet.
Brennkammer, in der unter Zugabe von Biogas die Verbrennung Unerwünschte Begleitstoffe im Biogas (vor allem Wasser und
erfolgt. Die dabei stattfindende Temperaturerhöhung bewirkt Siloxane) können die Mikrogasturbinen schädigen, weshalb
eine Volumenausdehnung. Die heißen Gase gelangen in eine eine Gastrocknung bzw. Filterung (bei Siloxangehalten über 10
Turbine, wo sie entspannt werden. Dabei wird deutlich mehr mg/m3 CH4) durchgeführt werden muss. Eine höhere Toleranz
Leistung abgeben als für den Antrieb des Verdichters benötigt als Gas-Motoren weist die Mikrogasturbine dabei gegenüber
wird. Mit der nicht zum Verdichterantrieb benötigten Energie Schwefelgehalten auf. Mikrogasturbinen können Biogas mit
wird ein Generator zum Zweck der Stromerzeugung angetrieben. Methangehalten von 35 bis 100 % verarbeiten [6-7], [6-8].
Bei einer Drehzahl von ca. 96.000 U/min wird ein hochfre- Durch kontinuierliche Verbrennung mit Luftüberschuss
quenter Wechselstrom erzeugt, der über eine Leistungselektro- und geringen Brennkammerdrücken weisen Mikrogasturbinen
nik so bereitgestellt wird, dass er in das Stromnetz eingespeist deutlich geringere Abgasemissionen als Motoren auf. Dies
werden kann. Sollen Mikrogasturbinen für Biogas verwendet ermöglicht neue Wege der Abgasnutzung wie z. B. die direkte
werden, sind gegenüber dem Erdgasbetrieb u. a. Änderungen Futtermitteltrocknung oder CO2-Düngung von Pflanzen im Un-
an der Brennkammer und den Brennstoffdüsen erforderlich terglasanbau. Die Abwärme ist auf einem relativ hohen Tempe-
[6-8]. Die Schallemissionen der Mikrogasturbinen liegen in ei- raturniveau verfügbar und wird nur über die Abgase transpor-
nem hohen Frequenzbereich und lassen sich gut dämmen. tiert. Damit kann die anfallende Wärme kostengünstiger und
Da das Biogas in die Brennkammer der Mikrogasturbine ein- technisch einfacher genutzt werden als bei Verbrennungsmoto-
gebracht werden muss, in der ein Überdruck von mehreren bar ren [6-8], [6-38], [6-36].
herrschen kann, ist eine Gasdruckerhöhung notwendig. Neben Die Wartungsintervalle sind zumindest bei mit Erdgas betrie-
dem Brennkammerdruck sind strömungs- und massenstrombe- benen Mikrogasturbinen deutlich länger als bei Motoren. Als
dingte Druckverluste über die Gasleitung, Ventile und Brenner Wartungsintervall werden von den Herstellern 8.000 Stunden

121
Leitfaden Biogas – Von der Gewinnung zur Nutzung

angegeben, bei einer Lebensdauer von rund 80.000 Stunden.


Nach ca. 40.000 Stunden ist eine Generalüberholung mit Aus-
tausch des Heißgasteiles vorzusehen.
Ein Nachteil der Mikrogasturbinen ist der mit knapp 30 % re-
lativ geringe elektrische Wirkungsgrad. Der im Vergleich zu her-
kömmlichen Biogas-Motoren recht niedrige Wert wird jedoch
durch gutes Teillastverhalten (50–100 %) und konstante Wir-
kungsgrade zwischen den Wartungsintervallen relativiert. Die
Investitionskosten liegen, verglichen mit leistungsäquivalenten,
auf Motoren basierenden Biogas-Nutzungskonzepten, um 15
bis 20 % höher [6-38]. Es wird allerdings eine Kostensenkung
erwartet, wenn Mikrogasturbinen stärker im Markt vertreten
sind. Zurzeit werden Versuche mit biogasbetriebenen Mikrogas-
turbinen durchgeführt, die praktische Relevanz ist jedoch noch Abb. 6.12: Funktionsprinzip einer Brennstoffzelle [TI]
nicht gegeben.

6.2.4 Brennstoffzellen Am weitesten entwickelt ist die PAFC (Phosphoric Acid Fuel
Die Wirkungsweise der Brennstoffzelle unterscheidet sich Cell). Sie wird unter Verwendung von Erdgas weltweit am häu-
grundsätzlich von den herkömmlichen Arten der Energiegewin- figsten eingesetzt und ist derzeit die einzige kommerziell ver-
nung aus Biogasen. Die Umwandlung der chemischen Energie fügbare Brennstoffzelle, die in Praxistests bis zu 80.000 Be-
in Strom findet hier direkt statt. Die Brennstoffzelle garantiert triebsstunden erreicht hat [6-30]. Derzeit sind PAFC-Zellen für
hohe elektrische Wirkungsgrade von bis zu 50 % bei nahezu die Biogasnutzung verfügbar, die den Leistungsbereich von
emissionsfreier Betriebsweise. Auch im Teillastverhalten sind 100–200 kWel abdecken. Elektrische Wirkungsgrade von bis zu
gute Wirkungsgrade erreichbar. 40 % sind möglich. Die PAFC ist weniger empfindlich gegenüber
Das Funktionsprinzip der Brennstoffzelle ist mit der Umkeh- Kohlendioxid und Kohlenmonoxid.
rung der Elektrolyse des Wassers vergleichbar. Bei der Elektroly- Die MCFC (Molten Carbonate Fuel Cell) wird mit einer Kar-
se wird unter Zufuhr elektrischer Energie das Wassermolekül bonatschmelze als Elektrolyt betrieben und ist unempfindlich
in Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) aufgespaltet. In einer gegenüber Kohlenmonoxid und toleriert Kohlendioxid bis 40 %
Brennstoffzelle reagieren hingegen H2 und O2 unter Abgabe von Volumenanteil. Aufgrund ihrer Arbeitstemperatur (600–700 °C)
elektrischer Energie und Wärme zu Wasser (H2O). Sie benötigt kann die Reformierung zellintern stattfinden. Ihre Abwärme
somit für die elektrochemische Reaktion Wasserstoff und Sau- kann beispielsweise in nachgeschalteten Turbinen weiter ge-
erstoff als „Brennstoff“ [6-16]. Der Aufbau der Brennstoffzellen nutzt werden. Die MCFC-Anlagen können elektrische Wirkungs-
ist dabei prinzipiell immer gleich. Die eigentliche Zelle besteht grade von bis zu 50 % für einen Leistungsbereich von 40–300
aus zwei gasführenden Platten (Anode und Katode), die von ei- kWel erreichen und befinden sich derzeit in der Markteinführung
nem Elektrolyt getrennt werden. Als Elektrolyte können in den [6-30].
unterschiedlichen Brennstoffzellentypen verschiedene Stoffe Eine weitere Hochtemperatur-Brennstoffzelle ist die SOFC
verwendet werden. Ein Funktionsbeispiel zeigt Abbildung 6.12. (Solid Oxide Fuel Cell). Sie arbeitet bei Temperaturen zwischen
Biogas muss grundsätzlich für den Einsatz in Brennstoffzel- 600 und 1.000 °C. Sie hat hohe elektrische Wirkungsgrade (bis
len aufbereitet werden. Vor allem Schwefel muss mit den im 50 %) und auch hier kann die Reformierung von Methan zu
Kapitel 6.1.1 dargestellten Verfahren entfernt werden. Mit Hil- Wasserstoff zellintern stattfinden. Sie weist eine geringe Emp-
fe der Reformierung des Biogases wird Methan in Wasserstoff findlichkeit gegenüber Schwefel auf, was einen Vorteil bei der
überführt, wobei für die verschiedenen Brennstoffzellen-Typen Verwertung von Biogas darstellt. Die Biogasanwendung befindet
unterschiedliche Stufen durchzuführen sind, welche in [6-30] sich hier jedoch noch im Forschungs- bzw. Pilotprojektstadium.
detailliert zusammengefasst werden. Die Brennstoffzellen-Ty- Ein Einsatz ist im Kleinstbereich für Mikrobiogasnetze denkbar.
pen sind nach Art der verwendeten Elektrolyten benannt und Derzeit wird von den Herstellern die PEMFC bevorzugt, wobei
lassen sich in Nieder- (AFC, PEMFC, PAFC, DMFC) und Hochtem- diese in kleinen Leistungsbereichen mit der SOFC konkurriert
peratur-Brennstoffzellen (MCFC, SOFC) unterteilen. Welche Zelle (höhere Wirkungsgrade aber auch höhere Kosten der SOFC)
am besten für den Einsatz geeignet ist, hängt von der Art der [6-30]. Marktdominanz wird bislang jedoch durch die PAFC aus-
Wärmeverwertung und den verfügbaren Leistungsklassen ab. geübt.
Die Polymer-Elektrolyt-Membran (PEM) Brennstoffzelle stellt Für alle Brennstoffzellentypen sind die Investitionskosten
eine erfolgversprechende Möglichkeit für den Einsatz in kleinen derzeit noch sehr hoch und noch weit von motorisch betrie-
Biogasanlagen dar. Durch ihre Betriebstemperatur (80 °C) lässt benen BHKW entfernt. Laut [6-30] kostet die PEMFC zwischen
sich die Wärme direkt in ein vorhandenes Warmwassernetz ein- 4.000 und 6.000 €/kW. Zielsetzung liegt hier zwischen 1.000
speisen. Die Art des verwendeten Elektrolyts lässt eine hohe und 1.500 €/kW. Inwieweit sich die Investitionskosten nach un-
Lebensdauer der PEM erwarten, sie ist jedoch sehr empfindlich ten entwickeln und noch z. T. bestehende technische Probleme
gegenüber Verunreinigungen im Brenngas. Vor allem die Ent- vor allem bei der Nutzung von Biogas ausgeräumt werden kön-
fernung des bei der Reformierung entstehenden Kohlenmono- nen, wird in verschiedenen Pilotvorhaben untersucht.
xides wird derzeit noch als kritisch angesehen.

122
Gasaufbereitung und Verwertungsmöglichkeiten

6.2.5 Abwärmenutzung stromgeführter KWK • eine möglichst hohe Flächendichte der angeschlossenen
Regeltechnische Führungsgröße von BHKW im Erdgas/Biome­ Wohneinheiten.
than-Bereich ist in den überwiegenden Fällen der Wärmebedarf. Für die angeschlossenen Wärmeabnehmer ergeben sich die
Dies bedeutet, dass der Strom uneingeschränkt abgegeben Vorteile der Unabhängigkeit von den großen Energiemärkten,
werden kann, während das BHKW je nach Wärmebedarf betrie- damit verbunden eine hohe Versorgungssicherheit und letzt-
ben wird. Dabei sollen wärmegeführte BHKW in den meisten endlich eine Senkung der Energiekosten. Bisher wurde diese
Fällen die Grundlast des Wärmebedarfes eines Versorgungsob- Form der Wärmevermarktung in vielen Bioenergiedörfern (z. B.
jektes abdecken (70–80 % des Jahresbedarfes), während der Jühnde, Freiamt oder Wolpertshausen) realisiert. Die Leitungs-
Spitzenbedarf durch zusätzliche Kessel bereitgestellt wird. Von längen schwanken zwischen 4 und 8 km. Die Wirtschaftlichkeit
stromgeführter KWK spricht man dagegen dann, wenn die Last- von Nahwärmenetzen wird in Kapitel 8.4.3 näher beleuchtet.
kurven des BHKW aus dem Strombedarf definiert werden. Dies
kann der Fall sein, wenn keine Stromeinspeisung erfolgt oder 6.2.5.2 Kälteerzeugung
ein relativ konstanter Strombedarf vorhanden ist. Prädestiniert Eine weitere Nutzungsmöglichkeit der anfallenden Wärme aus
dafür sind große Anlagen bzw. Industriestandorte mit ausrei-
chenden Wärmesenken. Um hohe Laufzeiten erreichen zu kön-
dem Verbrennungsprozess von Biogas ist die Umwandlung
dieser Wärme in Kälte. Dies geschieht durch das sogenannte
6
nen, sollten Wärmespeicher vorhanden sein und ausschließlich Sorptionsverfahren, welches in Adsorptions- und Absorptions-
die Grundlast abgedeckt werden. Oftmals sind Anlagen mit kälteverfahren unterschieden wird. Beschrieben werden soll
einem Lastmanagement ausgestattet. Dies bedeutet, dass das aufgrund der höheren Relevanz das Absorptionsverfahren bzw.
BHKW in der Lage ist, im Bedarfsfall zwischen beiden Nutzungs- eine Absorptionskältemaschine, wie sie prinzipiell aus alten
optionen zu wechseln, was z. B. in Wohnsiedlungen oder Kran- Kühlschränken bekannt ist. Das Verfahrensprinzip wird in Abbil-
kenhäusern von Vorteil sein kann. dung 6.13 dargestellt. Ein Realisierungsbeispiel an einer Bioga-
Praktisch handelt es sich bei Biogasanlagen mit dezentraler sanlage ist in Abbildung 6.14 zu sehen.
Verstromung in der Mehrzahl der Fälle um eine stromgeführte Zur Kälteerzeugung wird ein Arbeitsstoffpaar bestehend
KWK, bei der sich die produzierte Strommenge an der maximal aus Kälte- und Lösungsmittel verwendet. Das Lösungsmittel
einspeisbaren orientiert. Diese wird nur durch die zur Verfügung absorbiert ein Kältemittel und wird anschließend wieder von
stehende Gasmenge bzw. der BHKW-Größe limitiert. Eine Über-
sicht über die Wirtschaftlichkeit möglicher Wärmenutzungskon-
zepte wird in Kapitel 8.4 dargestellt.
Als dritte, zukunftsorientierte, hier aber nicht näher beleuch-
tete Betriebsweise, kommt noch die netzgeführte Nutzung
in Frage. Dabei wird für mehrere Anlagen, von zentraler Stelle
aus, ein Leistungsniveau vorgegeben (virtuelles Kraftwerk). Die
grundsätzliche Wahl zwischen beiden Betriebsweisen erfolgt in
erster Linie nach wirtschaftlichen Aspekten.

6.2.5.1 Wärmebereitstellung/Wärmeverteilung
(­Nahwärmenetze)
Ein entscheidender Faktor für den wirtschaftlichen Betrieb ei-
ner Biogasanlage mit Vorortverstromung ist der Verkauf der bei
der Verstromung anfallenden Wärme. Vor allem im ländlichen Abb. 6.13: Funktionsschema einer Absorptionskältemaschine
Raum bietet es sich an, diese Wärme an anliegende Bewohner
zu verkaufen. Für einen flächendeckenden Verkauf könnte sich
in diesen Fällen die Installation von Nahwärmenetzen anbieten.
Dieses Netz besteht aus einem Doppelstrang isolierter Stahl
bzw. Kunststoffröhren, die das Wasser mit 90 °C (Vorlauf) und
70 °C (Rücklauf) transportieren. Die Übergabe der Wärme von
der Biogasanlage in das Netz erfolgt per Wärmeübertrager, die
einzelnen Gebäude sind mit Übergabestationen und Wärme-
mengenzählern ausgerüstet. Die Nahwärmerohre sollten über
ein Leckageerkennungssystem verfügen und ausreichend tief
verlegt werden (1 m), um Verkehrsb