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Umbruch von unten

Detlev Preuße

Umbruch von unten


Die Selbstbefreiung Mittel- und
Osteuropas und das Ende der Sowjetunion
Detlev Preuße
Sankt Augustin, Deutschland

ISBN 978-3-658-04971-3 ISBN 978-3-658-04972-0 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-04972-0

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Inhalt

Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9

Erster Teil
» What’s past is prologue « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
1 Polen in der Nachkriegszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
2 Die frühen sechziger Jahre in Polen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
3 Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR . . . . . . . . . . . 42

Zweiter Teil
Vor Helsinki . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
1 » 1968 « und die Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
2 Die » baltische Frage « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
3 Menschenrechte und politische Dissidenz
in der Sowjetunion vor 1975 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
4 Im » Westen « Neues . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94

Dritter Teil
» Helsinki « und die Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
1 Neue Hoffnung im alten Rahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
2 Polen nach » Helsinki « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
3 Die UdSSR nach » Helsinki « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
4 Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « . . . . . . . . . . 126
5 Der Papst aus Polen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
6 Sprachenpolitik in der UdSSR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
7 Die Herausforderung durch das sowjetische Imperium . . . . . . . . . . 162
6 Inhalt

Vierter Teil
Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
1 Peking – Teheran – Mekka – Kabul – Moskau – Danzig . . . . . . . . . . . 167
2 Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa . . . . . . 175
3 Die kommunistische Militärdiktatur – Ende oder Anfang
einer Zivilgesellschaft ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
4 Kriegsrecht in Polen – Westliche Reaktionen, östliche Aktionen . . . . . . 208
5 Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West . . . . . . . . . . . . . . 217
6 Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung,
Strategiewechsel der USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226
7 Mitteleuropa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238

Fünfter Teil
Gorbatschow unter anderem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247

Sechster Teil
Die atomare Zäsur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
1 Tschornobyl und Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
2 Protest jenseits von Tschornobyl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
3 Nationale Formierungen – 1987 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291

Siebenter Teil
1988 – » Vorfrühling « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
1 Das Erwachen Mittelosteuropas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
2 Nationale Frühlingsluft im Baltikum, nationaler Sturm
im Südkaukasus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
3 Der neue Anlauf der Solidarność . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354
4 Die » baltische Frage « wurde neu aufgerollt – Volksfronten . . . . . . . . 363
5 Annäherung in Polen, Differenzierung im Baltikum . . . . . . . . . . . . 382
6 Autonomie – Souveränität – Unabhängigkeit . . . . . . . . . . . . . . . 405

Achter Teil
1989 – » annus mirabilis « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419
1 Bewegung in Polen und Ungarn – Erstarrung in der ČSSR und DDR . . . . 419
2 Okrągły Stół: Die Mutter der Runden Tische . . . . . . . . . . . . . . . . 431
3 Wahlen in der Sowjetunion, Demonstrationen in China,
Entscheidung in Ungarn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 446
4 Debatten in Moskau, Demonstrationen und Massaker in Peking,
die » Abwahl des Jahrhunderts « in Warschau . . . . . . . . . . . . . . . 465
5 Ungarn auf dem Weg nach Westen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 478
6 Die Ausreisewelle. Die Delegitimation des DDR-
und des ČSSR-Regimes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486
Inhalt 7

7 Der drohende Zerfall des inneren und äußeren Imperiums


der Sowjetunion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 502
8 Die Demonstrationswelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 507
9 Die Gründungswelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 513
10 Das DDR-Regime wurde abgefeiert – Die » Wende « . . . . . . . . . . . . 529
11 Der 9. November 1989 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 547
12 ČSSR – Die Revolution der Nicht-Normalisierten . . . . . . . . . . . . . . 556
13 Programme, Runde Tische, Gipfel – Suche nach neuen Wegen
in Europa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 572
14 Bulgarien, Rumänien – Revolutionen besonderer Art . . . . . . . . . . . 586

Neunter Teil
1990 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597
1 Gewalt im Kaukasus, Reisediplomatie in Europa
und die » deutsche Frage « . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 597
2 Die Republiken hatten die Wahl – Litauen entschied sich,
das Imperium zerfiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 616
3 Die Wahl der DDR, die Sowjetführung kümmerte sich
um die Republiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 624
4 Litauen und der » Zwei-plus-Vier «-Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . 637
5 Ein Deutschland – Ein Bündnis ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645
6 Der XXVIII. Parteitag der KPdSU – Das Treffen im Kaukasus –
Die Ukraine . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 656
7 Die Ruhestörung der internationalen Politik
und die Fortsetzung der Souveränitätsparade in der UdSSR . . . . . . . . 664
8 Die Vollendung der Einheit Deutschlands
und der Auflösungsprozess der UdSSR . . . . . . . . . . . . . . . . . . 670

Zehnter Teil
1991 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 687
1 Das Imperium schlug zu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 687
2 Das Referendum ohne Referenz – Die Agonie der Union . . . . . . . . . . 696
3 Der Selbstmord des Regimes, der Zerfall der Union,
Gorbatschows Abtritt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 709

Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 727
Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 803
Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 831
Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 837
Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 859
Chronologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 881
Einführung

Im Oktober 1989 schien die bipolare Welt des Ost-West-Konfliktes für die Mehrheit der
Westdeutschen noch insofern intakt, als sie die Teilung Deutschlands und damit auch
die Teilung Europas für unüberwindlich hielt. Die Bundesbürger wurden durch die Er-
eignisse in der DDR völlig überrascht. Dieses galt gleichfalls für die professionellen Ana-
lytiker und die politischen Eliten der Bundesrepublik. Der DDR-Oppositionelle Ehrhart
Neubert beschrieb in seinem Buch » Die Geschichte der Jahre 1989/90 « die damalige Si-
tuation mit zutreffendem Sarkasmus: » Die westdeutsche politische Klasse saß im Ok-
tober an den Fernsehapparaten. Niemand hatte mit dieser Entwicklung in der DDR ge-
rechnet. « [1]
Ilko-Sascha Kowalczuk ist in dem Buch » Endspiel – Die Geschichte der Revolu-
tion von 1989 in der DDR « in der kritischen Bewertung damaliger Haltungen noch ein-
deutiger, zumal er auch die Zählebigkeit politischer Mythen thematisierte. Kowalczuk
schrieb: » Im Frühsommer 1989 glaubten die meisten bundesdeutschen Kommentato-
ren und Intellektuellen, dass die DDR › trotz alledem ‹ stabil sei, obwohl die politische
Legitimation des Regimes nun häufiger in Frage gestellt wurde. Kaum jemand, und
schon gar nicht in den meinungsbildenden Foren, hinterfragte das kommunistische
Macht- und Herrschaftsprinzip. Gorbatschow legitimierte es auch im Westen auf eine
neue Weise, die bis heute fortwirkt. Kanzler Kohl, Außenminister Genscher und viele
andere sprechen noch immer von ihm, als wäre er jemals demokratisch legitimiert ge-
wesen. « [2]
Das Wahrnehmungsvermögen für sich abzeichnende Veränderungen in der Mitte
und im Osten Europas war bei vielen Westdeutschen durch die jahrzehntelange Teilung
des Kontinents blockiert. Aufgrund ihrer Kenntnis des kruden DDR-Regimes und der
Erfahrungen mit der offensiven Politik der UdSSR, war ihnen klar, dass eine Änderung
der politischen Strukturen in der Mitte Europas zwar gewünscht, nicht jedoch erwartet
werden konnte.
Mangelnde Vorstellungskraft hinsichtlich der Möglichkeiten von Veränderungen
war jedoch kein exklusiv westdeutsches Phänomen. Ludwig Mehlhorn, früherer Dissi-

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10 Einführung

dent und Mitgründer der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, hat dies gleichermaßen für
die Oppositionsbewegung in der DDR festgestellt: » Niemand vermochte sich den Zu-
sammenbruch des Kommunismus so vorzustellen, wie er dann tatsächlich eintrat. Die
Erosion der geistigen Ausstrahlung des Marxismus-Leninismus war überdeutlich, der
wirtschaftliche Niedergang nahm seinen Lauf, und die Umweltkatastrophe war sichtbar
genug. Eine Epoche war in ihr Endstadium getreten. Aber die beinahe kampflose Preis-
gabe des Machtmonopols der SED lag außerhalb unseres Vorstellungsvermögens, weil
wir uns nicht vorstellen konnten, dass die Sowjetunion – auch unter Gorbatschow – ihre
Hegemonie über Ost- und Mitteleuropa ohne Krieg beenden würde. « [3]
Bei vielen Bundesbürgern und auch bei einer großen Zahl bundesdeutscher Politiker
war sogar der Wunsch nach Überwindung der Spaltung verdrängt. Für sie war die Tei-
lung Deutschlands die Garantie für Stabilität und Frieden in Europa.
Nachfolgend nenne ich zwei exemplarische Fehleinschätzungen und Irrtümer west-
deutscher Politiker. [4] Es sind speziell ausgewählte Beispiele, die zeitlich besonders nahe
an den eindrucksvollen Ereignissen des Herbstes 1989 liegen:
Im Mai 1989 bezeichnete Klaus Bölling, langjähriger Regierungssprecher der sozial-
liberalen Koalition und 1981/1982 Ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland
in der DDR, im Reichstagsgebäude auf einer Veranstaltung anlässlich des 40. Jahrestages
der Verkündung des Grundgesetzes den Bezug auf das Vereinigungsgebot der Präambel
des Grundgesetzes als » Wiedervereinigungsphraseologie «. [5] In dem Artikel » Deutsche
Einheit ? Deutsche Zweiheit ! « der Wochenzeitung Die Zeit wiederholte er am 2. Juni
seine Aufforderung, das Gebot nach Vollendung der deutschen Einheit aus der Präam-
bel des Grundgesetzes zu streichen.
Noch im Juli 1989 äußerte der SPD-Politiker und damalige EKD-Kirchentagspräsi-
dent Erhard Eppler beim » STATT-Kirchentag « in der Lukasgemeinde in Leipzig, aus-
gerechnet in Leipzig: » Die Mauer gehört zur Statik des europäischen Hauses «. [6] Von
besonderer Bedeutung für die Einschätzung der Rede Epplers ist ein Hinweis auf die
Teilnehmerschaft jener Veranstaltung. Der » STATT-Kirchentag « hatte ungefähr 2 500
Teilnehmer. Unter den Teilnehmern befanden sich 1 000 Oppositionelle, die aus allen
Teilen der DDR kamen.
Neben der in der öffentlichen Meinung vorherrschenden Einstellung zur » deutschen
Frage « gab es zumal bei CDU und CSU Akteure, die am Ziel der Einheit Deutschlands
festhielten. Aber auch sie wurden von den Ereignissen überrascht, wie noch 2011 Janusz
Sawczuk in seiner Genese der deutschen Einheit darstellte. [7]
Auch in Polen wurde ein Ausbrechen aus den Strukturen der sowjetischen Vorherr-
schaft für unrealistisch gehalten. – Diese Fehleinschätzung ist besonders gewichtig, da
der nach den Vereinbarungen des Warschauer Runden Tisches ab Sommer 1989 sich er-
eignende Umbruch in Polen auch für die Entwicklung der anderen Staaten Mitteleuro-
pas höchst bedeutsam war. – So schrieb der Historiker und Publizist Andrzej Micewski
Ende 1987 in der Wochenzeitung Die Zeit, dass der Westen sein Land nicht zwingen
könne, gesellschaftlichen Pluralismus zuzulassen » weil der Verlust Polens für die UdSSR
auch den Verlust der DDR und ganz Osteuropas bedeuten würde. « [8]
Dies war gängige Meinung fast aller Kommentatoren, auch in Westeuropa. Es ist zu-
Einführung 11

zugestehen, dass der These eine hohe Plausibilität zukam. Die These hat sich letztlich
auch als zutreffend erwiesen.
Aus räumlicher Distanz betrachtet wurden die Ereignisse und Prozesse, die zur Be-
endigung der Teilung Europas führten, von einigen Analytikern offenbar deutlich früher
wahrgenommen. Allan E. Goodman schilderte in seinem Buch » A Brief History of the
Future «, wie er bei einem Workshop an der School of Foreign Service der Georgetown
University Anfang Oktober 1989 vor » scholars from West Germany « – es waren Sti-
pendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung – mit seiner Prognose des bis zum Ende des
Jahrhunderts erfolgenden Falls der Berliner Mauer und der Vereinigung Deutschlands
auf ungläubiges Erstaunen stieß. [9] Auch mir, Leiter jener Stipendiatengruppe, wurde
die ganze Dramatik des revolutionären Wandels dann erst am Abend des 9. November
1989 etwas klarer. Aber selbst an diesem unvergesslichen Abend war mir und sicherlich
der großen Mehrheit der Deutschen nicht vorstellbar, was dann 1990 und 1991 tatsäch-
lich geschah.
Trotz einer distanzbedingt besseren Übersicht von Vorgängen in Europa verbleibt
auch bei amerikanischen Politologen die Überraschung über Dimension, Geschwindig-
keit und Form der Veränderungen. Mark Kramer brachte dies zum Ausdruck in seinen
2003, 2004 und 2005 im Journal of Cold War Studies publizierten Beiträgen » The Col-
lapse of East European Communism and the Repercussions within the Soviet Union «.
Kramer schrieb: » Never before has rapid social change of this magnitude occurred with
so little violence. The peaceful collapse of Communism in Eastern Europe seemed im-
plausible until it actually happened. « [10]
Die folgende Darstellung ist der Versuch, mit zeitlicher Distanz von mehr als zwan-
zig Jahren die Vorgänge zu ordnen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Mit diesem Bei-
trag sollen auch Fragen für weitergehende Forschungen aufgeworfen werden. Diese
Arbeiten sind aus meiner Sicht dringend erforderlich, denn trotz der mittlerweile un-
übersehbaren Fülle an Literatur zum Umbruch der europäischen Politik, zur Transfor-
mation ehemals sozialistischer Systeme und zum Auseinanderbrechen der UdSSR, blie-
ben viele Fragen unbeantwortet oder wurden nur unzureichend aufgearbeitet. Diverse
Zusammenhänge sind meines Wissens bislang allenfalls ansatzweise thematisiert und
analysiert worden.
Einige Fragen sollen einleitend hervorgehoben werden:

• Wie konnte die Entwicklung zur Veränderung, wie konnte der Prozess des Aufbre-
chens der Diktaturen Mitteleuropas fast gleichzeitig und mit dieser Durchschlags-
kraft entstehen ?
• Weshalb räumte die sowjetische Politik fast widerstandslos Positionen, die Grund-
lage der Dominanz der UdSSR in Mittel- und Osteuropa und somit Basis ihrer Posi-
tion als globaler Akteur waren ?
• Warum erfolgte die Zustimmung der UdSSR zur deutschen Einheit und zur Integra-
tion Deutschlands in das westliche Bündnis wider Erwartungen vieler Akteure so
schnell und faktisch widerstandslos ?
• Warum erfolgten die Umbrüche trotz ihrer Dimension fast ausnahmslos friedlich ?
12 Einführung

Ähnliche Fragen waren für den amerikanischen Politologen Renée de Nevers Ausgangs-
punkt seiner 2003 erschienenen Studie » Comrades no More: the Seeds of Change in
Eastern Europe «. Seine vergleichende Untersuchung des Umbruchs in den mittel- und
osteuropäischen Staaten fokussiert jedoch sehr einseitig die Intentionen und Handlun-
gen der Regimes und nur am Rande die von gesellschaftlichen Gruppen und regimeun-
abhängigen Akteuren. Andererseits gehen seine Fragestellungen zu den Ursachen der
Umbrüche völlig angemessen von der Diffusion und Interaktion internationaler und
nationaler Faktoren aus. » The changes that occurred in Eastern Europe in 1989 can only
be fully understood by examining the interaction of international influences and dome-
stic factors. « [11]
Die Frage zur Position der UdSSR hinsichtlich der Wiedervereinigung und der
Transformation in den anderen mittel- und südosteuropäischen Staaten stellte Jacques
Lévesque in seiner 1997 erschienenen Studie » The Enigma of 1989: The USSR and the
Liberation of Eastern Europe «. [12] » Das Rätsel von 1989 « versuchte er durch Analyse
der Konzeption und Politik Gorbatschows zu lösen. Bezogen auf Gorbatschows Reform-
projekt fragte Lévesque: » How could a political undertaking produce results that were
so manifestly contrary to its architects’ objectives and interests, without these architects
themselves using their full range of powers to end the process ? « [13]
Obwohl Lévesque feststellte, dass die Außenpolitik Gorbatschows weitgehend eine
Ableitung der innenpolitischen Situation war [14], wird von ihm die hochdynamische
Entwicklung der Nationalitätenfrage in der Sowjetunion nur am Rande erwähnt.
Wir müssen zudem problematisieren, warum gerade die für viele externe Beobachter
so stabil wirkende DDR innerhalb kürzester Zeit kollabierte. Es waren insbesondere Po-
litiker und Publizisten aus der Bundesrepublik, die von einer unumstößlichen Stabilität
der DDR ausgingen. Auch war für viele Analytiker die Stabilität der DDR Teil der Stabi-
lität Mittel- und Osteuropas, Resultat der von der angeblich in sich stabilen Sowjetunion
dauerhaft bestimmten Nachkriegsordnung des Halbkontinents.
Der Entwicklung in der DDR im Verlauf der Jahre 1989 und 1990 wird auch in die-
ser Arbeit starke Beachtung geschenkt; sie wird jedoch nicht so sehr in den Mittelpunkt
gestellt wie in Kowalczuks Publikation » Endspiel «. Kowalczuk möchte mit seinem Buch
vorrangig genau dieses soeben erwähnte » Paradoxon erklären: Die scheinbare Stabilität
und angebliche Ruhe in der DDR bis 1989 und dann das hohe Tempo des Staats- und
Systemzerfalls innerhalb weniger Wochen. « Er wollte zwar zugleich » den Zusammen-
hang, der die deutsche und europäische Einigung erst möglich machte, (nämlich, D. P.)
den gesellschaftlichen Aufbruch in den Ostblockländern « [15] darstellen, blieb diesbe-
züglich dann jedoch eher bei Bemerkungen am Rande.
Auch Wolfgang Schuller verwies in seiner gekonnt erzählten Darstellung » Die deut-
sche Revolution 1989 « auf den » osteuropäischen Kontext « der Volkserhebung und der
Vereinigung Deutschlands und auf die besondere Bedeutung, die die Entwicklung in
der Sowjetunion für Deutschland hatte. » Die Revolution in der DDR war auch durch
äußere Faktoren bedingt, vor allem durch ihr Verhältnis zur UdSSR und zu den ande-
ren osteuropäischen Staaten. Richtig ist, dass sie nur deshalb stattfinden konnte, weil
die Sowjetunion nicht eingriff, jedoch ist dieses nur irreführend. Dass sie nicht ein-
Einführung 13

griff, hatte seine Gründe, die denen entsprachen, aus denen der Umsturz in der DDR
geschah. Seit geraumer Zeit fand in der UdSSR eine Entwicklung statt, die es ihr in zu-
nehmendem Maße erschwerte, ihr Herrschaftssystem im Inneren aufrechtzuerhalten,
geschweige denn die Herrschaft über die ehemaligen Satellitenstaaten in der bisherigen
Weise auszuüben. Sie war selbst labil und musste sich um ihre eigene innere Entwick-
lung sorgen. «  [16] Auf diesen » osteuropäischen Kontext « geht Schuller jedoch nur am
Rande ein. Der besondere Wert seiner Darstellung liegt in der Fokussierung auf die Ak-
teure der » deutschen Revolution « und auf ihre Motive.
Nicht nur für die Zeit bis 1990 galt Hubertus Knabes in jenem Jahr getroffene Fest-
stellung, wonach » die DDR- und Osteuropaforschung die kritischen Organisationen,
Gruppierungen und Einzelpersonen in den Staaten des Warschauer Pakts wegen ihrer
marginalisierten Stellung im politischen System … als weitgehend irrelevante Größe be-
trachtete. « [17]
Leider kann man sich nicht ganz des Eindruckes erwehren, dass Knabes Diktum
auch weiterhin auf einige deutsche Zeithistoriker zutrifft. Karsten Timmer stellte 2000
in seiner Dissertation » Vom Aufbruch zum Umbruch: Die Bürgerbewegung in der DDR
1989 « bezüglich politologischer Arbeiten fest, dass » sich das Interesse primär auf die po-
litischen Prozesse der deutschen Vereinigung, auf ihre innere Dynamik und ihre inter-
nationalen Rahmenbedingungen (richtet). Dem Protest, der diese Entwicklung erst er-
möglichte, widmen die Studien meist jedoch nur kursorische Bemerkungen. « [18]
In vielen Untersuchungen und Monographien, zumal in Politiker-Autobiographien,
wird die Bedeutung der Dissidenten und der oppositionellen Gruppierungen in Mittel-
europa für die Entwicklungen zwar erwähnt, aber selten besonders hervorgehoben und
ausführlicher behandelt.
Hierfür zwei besonders krasse Beispiele: Im Band 19 der populären Reihe » Die große
Chronik Weltgeschichte « mit dem Titel » Das Ende des Ost-West-Konfliktes « kommen
die osteuropäischen » Helsinki Gruppen « und die polnische Gruppe KOR nicht vor, so
als gehörten sie nicht zu den Bewegern von Politik. [19]
In der weitgespannten Publikation » Deutschland in Europa 1750 bis 2007 « von Wolf
D. Gruner, für die – allein schon aufgrund des Titels – im Zusammenhang mit der Dar-
stellung der Wiedervereinigung eine Analyse der Entwicklung in den anderen mittel-
europäischen Staaten zwingend gewesen wäre, finden diese parallel verlaufenden Um-
brüche kaum statt. Hinsichtlich der Helsinki-Schlussakte von 1975 war Gruner auch
Ende 2008 noch der Meinung, dass sich ihre Langzeitwirkung auf die friedliche Re-
volution in Osteuropa der späten achtziger Jahre nicht abschließend bewerten lässt. Er
machte allerdings auch gar nicht erst den Versuch einer mindestens vorläufigen Bewer-
tung. [20] Hierfür hätte er z. B. auf Peter Schlotters 1999 veröffentlichte Habilitations-
schrift » Die KSZE im Ost-West-Konflikt « zurückgreifen können oder auf die detaillierte
Studie von William Korey » The Promises We Keep. Human Rights, the Helsinki Process,
and American Foreign Policy «. [21] Nunmehr kann auch auf die 2011 erschienene Studie
von Sarah B. Snyder » Human Rights Activism and the End of the Cold War – A Trans-
national History of the Helsinki Network « verwiesen werden. Snyder resümierte ihre
Arbeit: » My work suggests the Helsinki process was one factor that shaped Gorbachev’s
14 Einführung

thinking about human rights, self-determination, and nonviolence, all of which con-
tributed to the demise of communism in Eastern Europe and the collapse of the Soviet
Union. « [22]
Die in Mittel- und Osteuropa geführten intellektuellen Debatten zu den Konzeptio-
nen einer friedlichen Revolution finden in der Literatur gleichfalls wenig Beachtung. In
ihrer Studie zu den Beiträgen mitteleuropäischer Dissidenten zur politischen Philoso-
phie des Umbruchs in Europa stellte Barbara J. Falk fest, dass die Reaktion des » professi-
onal mainstream « der westeuropäischen und nordamerikanischen » political thinkers …
had been minimal. « [23]
Die Rolle der Unabhängigkeitsbewegungen in den Republiken der Sowjetunion wird
in der Literatur häufig ebenfalls völlig außer Acht gelassen. Hat diese Missachtung in
Deutschland ihre Ursache vielleicht in dem Sachverhalt, dass aufgrund unserer Ge-
schichte und unserer historischen Belastungen dem Thema » Nation « eine zu geringe
Bedeutung beigemessen wird ? Dieses erklärte viele Missverständnisse, die in Deutsch-
land auch heute noch in Bezug auf mittel- und osteuropäische Staaten bestehen.
Starke Beachtung finden die Nationalbewegungen in der 2009 vorgelegten detailrei-
chen und atmosphärisch sehr dichten Darstellung » Russland 1989. Der Untergang des
sowjetischen Imperiums « von Helmut Altrichter. [24] Der Nachteil der brillanten Erzäh-
lung ist, dass sie erst 1988 einsetzt und die Entwicklung von informellen Strukturen da-
durch von der Vorgeschichte weitgehend abgeschnitten und z. T. unverständlich bleibt.
Eine Analyse von Querverbindungen und gegenseitigen Beeinflussungen fehlt. Auch ist
die relativ ausführliche Darstellung der parallelen Vorgänge in den mittel- und südost-
europäischen Staaten etwas zusammenhanglos angefügt.
Die umfangreiche Studie » Nationalist Mobilization and the Collapse of the Soviet
State « von Mark R. Beissinger, in der außerordentlich detailliert der Beitrag der Na-
tionalbewegungen zur Desintegration der Sowjetunion analysiert wurde, unterschätzt
wiederum andererseits den Beitrag, den die Umbrüche in den mittel- und südosteuro-
päischen Staaten zu eben dieser Entwicklung geleistet haben. Beissinger verkennt die
Bedeutung eigenständiger Entwicklungen in den Staaten des sowjetischen Herrschafts-
bereichs, wenn er die nationalen Revolten in der UdSSR zur Ursache der Umbrüche in
Mittel- und Südosteuropa macht. » By fall 1989 the nationalist revolt against the Soviet
State had flowed over to the Soviet Union’s East European satellites, toppling commu-
nist regimes with astounding speed and asserting the national sovereignty of these states
vis-à-vis the Soviet empire. « [25] Es bleibt das Verdienst der Arbeit Beissingers, das von
kaum einem Analytiker zuvor erwartete Auseinanderbrechen des sowjetischen Impe-
riums auf den wesentlichen Faktor, die Nationalitätenfrage, zu beziehen. Beissinger un-
terstrich, dass das Unvorhergesehene Realität wurde: » Ironically, though few thought it
possible only a few years before it happened, the prevailing view of Soviet disintegration
today is that the breakup was inevitable. « [26]
Bis zu der bereits zitierten Studie Mark Kramers war der Einfluss, den die Verän-
derungen in Mitteleuropa, insbesondere der Systemwechsel in Polen, auf die Entwick-
lung in der Sowjetunion hatten, kaum Gegenstand von Analysen. » By contrast, almost
nothing has been written about the impact of the changes in Eastern Europe on the So-
Einführung 15

viet Union itself and about the way those changes contributed to the Soviet collapse. « [27]
Für die zeitgeschichtliche Forschung in Deutschland gilt meines Erachtens dieses Ver-
dikt auch heute noch.
Nicht nur in Deutschland wird die Rolle politischer Repräsentanten überhöht, be-
sonders die Michail Gorbatschows. [28] Gegenüber Gorbatschow geschieht dies bei uns
möglicherweise aus Gründen treuherziger Dankbarkeit für die erlangte Einheit. Die ein-
seitige Fokussierung auf die formalen Strukturen war in Wissenschaft und Politik eta-
bliert, hatte Folgen für die wissenschaftliche und politische Analyse und generierte in
der politischen Realität erhebliche Anpassungsprobleme. In der Bundesrepublik war,
zumal bei den politischen Eliten, vor allem in den siebziger und achtziger Jahren eine
fast uneingeschränkte Fixierung auf die Regierenden und auf die legalen Strukturen der
Staaten des » Ostblocks « klar erkennbar. Bei vielen Zeithistorikern ist die einseitige Kon-
zentration noch heute feststellbar. Das Handeln der » Staatsmänner « blieb bislang der
zentrale Gegenstand von Darstellungen zur Geschichte des Umbruchs in Europa.
Andreas Rödder beginnt das erste Kapitel seiner Geschichte der Wiedervereinigung
» Deutschland einig Vaterland « mit dem biblisch anmutenden und an Arnulf Barings
Buch » Im Anfang war Adenauer. Die Entstehung der Kanzlerdemokratie « erinnern-
den Diktum » Am Anfang war Gorbatschow «. Er setzte fort: » Seine Politik setzte einen
ungeplanten Prozess in Gang, der binnen weniger Jahre in den Zusammenbruch des
sowjetischen Imperiums führte und der die deutsche Wiedervereinigung erst möglich
machte. « [29]
Die Bedeutung Gorbatschows ähnlich hervorhebend stellte James Franklin Brown
in seiner im Juni 1990 abgeschlossenen und damit sehr frühen Analyse » Surge to Free-
dom  – The End of Communist Rule in Eastern Europe « zur Revolution in Mittelost-
europa fest: » It could not have happened without Gorbachev. Yet it was more by his
example, even his neglect, than his exertions. « [30] Brown schränkte in Bezug auf Mit-
telosteuropa die Bedeutung der Rolle Gorbatschows selbst ein: » The revolution in East
European policy, therefore, came about not through planning but through improvisa-
tion, making the best of a situation that increasingly got out of hand. Systemic change
became system overthrow; increased autonomy became virtual independence. « [31]
Für Andreas Wirsching, der in seiner 2012 vorgelegten Arbeit » Der Preis der Frei-
heit. Geschichte Europas in unserer Zeit « immerhin die » Selbstbefreiung des östlichen
Teils Europas « konstatierte, war » Moskaus « Infragestellung lang tradierter Gewißheiten
der kommunistischen Welt Ausgangspunkt der Entwicklung. Es war für ihn der » große
Beweger « Gorbatschow, der durch die von ihm angeblich betriebene » Liberalisierung «
den Anstoß zum Wandel gab, und der den Lauf der Geschichte wie keine andere Ein-
zelperson seit dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte. Es resultierte ein Wandel, die der
» Zauberlehrling « Gorbatschow dann allerdings nicht mehr kontrollieren konnte. [32]
Die Antinomie von » Selbstbefreiung « und » Liberalisierung « wird bei Wirsching nicht
thematisiert.
Andere Historiker fragten, wie Mary Elise Sarotte, » ob die Vereinigung Deutschlands
ein › Nebeneffekt ‹ der Entscheidungen Gorbatschows war oder ein eigenständiges Mo-
ment, das zum Ende des Kalten Krieges und zum Zerfall der Sowjetunion beitrug. « [33]
16 Einführung

Die umgekehrte Frage, ob nicht der mehrjährige Prozess des nicht durch Gorbatschow
angestoßenen oder gar intendierten Zerfalls der Sowjetunion Grundbedingung des Um-
bruchs in der DDR und eine der besonders wichtigen Voraussetzungen der schnellen
Vereinigung Deutschlands war, wird offenbar nicht gestellt.
Zu Gorbatschow wurde nur selten hervorgehoben, wie von Ehrhart Neubert, » dass
er auch selbst getrieben und ein Produkt der Krise war. […] Schließlich hat er nichts ge-
währt, was nicht zu dem Versuch gehörte, sein zerfallendes Imperium zu stabilisieren «.
[34] Ich möchte Neubert zustimmen. Der nachfolgende Text dieser Publikation bietet
hierfür ausreichend Belege: Gerade Gorbatschow war zunehmend ein Getriebener und
nur zu Beginn seiner Amtszeit als Generalsekretär des ZK der KPdSU ein Impulsgeber
des Wandels.
Es ist schon erstaunlich, dass auch Leonid Luks in seinem 2005 erschienenen Aufsatz
mit dem Titel » Osteuropäische Dissidenten- und Protestbewegungen von 1956 – 1989
als » Vorboten « der friedlichen Revolutionen 1989 – 91 « die Ursache des Wandels dann
» eher « in der Politik Gorbatschows sieht, auch wenn er den Leistungen der Dissidenten
und der Protestbewegungen zuvor ausführlich Referenz erwies und ihnen als Erfolg zu-
schrieb, die politische Kultur ihrer Länder verändert zu haben. » Einen Systemwechsel
konnten sie allerdings nicht herbeiführen. Dafür reichten ihre Kräfte nicht aus. […] So
ereignete sich die Auflösung der kommunistischen Regime im Ostblock nicht in erster
Linie unter dem Druck von unten, sondern sie war eher die Folge eines neuen außenpoli-
tischen Konzepts der sowjetischen Führung. « [35] Dieses Position beziehende wenn auch
letztlich immer noch vorsichtige Resümee des Eichstätter Historikers ist meines Erach-
tens dem Manko geschuldet, im Aufsatz nicht auf die Bedeutung und die historischen
Hintergründe der nationalen Bewegungen in der Sowjetunion eingegangen zu sein.
Ein Getriebener war Gorbatschow auch aus einer völlig anderen Forschungsperspek-
tive: Gordon M. Hahn stellte in seiner Studie » Russia’s Revolution from Above – Reform,
Transition, and Revolution in the Fall of the Soviet Communist Regime « die Entste-
hung konkurrierender horizontaler Strukturen in der KPdSU, insbesondere die Bildung
formalisierter Parteiflügel und die Entstehung der Russischen Kommunistischen Par-
tei (RRK), sowie die Konkurrenz zwischen Gorbatschow und Jelzin und die sich ent-
wickelnde Polarisierung zwischen den administrativen Strukturen der Sowjetunion und
der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) in den Mittelpunkt.
Die Nationalbewegungen und die historischen Bezüge ihrer Forderungen kommen bei
Hahn nur am Rande vor, ein singuläres Ereignis wie » Tschornobyl « wird nur beiläu-
fig erwähnt.
Auch die vorliegende Arbeit kann keine abschließende Antwort auf die Frage nach
der Kausalität geben. Die Darstellung erhebt keinesfalls den Anspruch, ein verbind-
liches Deutungsmuster zu erstellen. Sie offeriert vielmehr einen zusätzlichen Ansatz,
einen weiteren Beitrag zur Erarbeitung einer Gesamtperspektive mit dem Anspruch, zu
weiterer Reflexion anzuregen. Letztlich war es wohl ein Bündel an Faktoren, das ursäch-
lich für den Umbruch war. Diese Feststellung darf jedoch nicht als Resignation verstan-
den werden. Mit vorliegender Arbeit soll mindestens der Versuch unternommen wer-
den, dieses Bündel aufzuschnüren.
Einführung 17

Die Intention dieses Ansatzes kann anknüpfen an eine Aussage des Historikers
Konrad H. Jarausch. Jarausch schrieb 1999 über den Stand der Forschung zur Krise des
Kommunismus und zur Auflösung der DDR: » Der Prozeß des Umbruchs von 1989/90
ist so komplex, daß zwar viele der vorgelegten Deutungen einen wichtigen Teilaspekt
beleuchten, aber erst ihre Integration in ein(e) Gesamtperspektive es möglich machen
wird, sie gegeneinander abzuwägen und ihren jeweiligen Stellenwert bestimmen. « [36]
Im gleichen Band wies Martin Sabrow den Versuch als unzureichend zurück, die
drei nachgenannten Faktoren einzeln oder auch zusammen für den Zusammenbruch
der DDR verantwortlich zu machen. » Den Verlust der blockpolitischen Bestandsgaran-
tie, den volkswirtschaftlichen Bankrott und die politische Gegnerschaft «. [37] Die Mas-
senproteste und informellen Gruppierungen und Bewegungen bleiben bei Sabrow weit-
gehend ausgeblendet.
Für unseren Ansatz ist eine sehr kurz greifende Folgerung Sabrows bedeutsam und
wird daher an dieser Stelle erwähnt. Er schrieb: » Den Zusammenbruch der ostdeut-
schen Diktatur mit dem Ende des sowjetischen Imperiums erklären zu wollen, führt
also an den Tatsachen vorbei. « Sabrow verwies darauf, dass man die DDR nicht mit
» blockpolitischen Deutungsmuster « zu einem » Okkupationsgebilde « oder » Satelli-
tenstaat « ohne eigene Souveränität reduzieren darf. Er ergänzte, hier der Argumenta-
tion Wilfried Loths im gleichen Band folgend, dass sich die Sowjetunion spätestens am
10. Dezember 1981 von der Breschnew-Doktrin verabschiedet hatte, als das Politbüro
des ZK der KPdSU ein militärisches Eingreifen in Polen ablehnte » und mit Andropow
die Stärkung der Sowjetunion ohne Rücksicht auf das Schicksal ihres sozialistischen
Staatengürtels als neue Hauptlinie definierte. « [38] Vielleicht etwas überpointiert kon-
statiere ich: Diese Begründung wäre 1989 sicherlich für Erich Honecker, Milouš Jakeš
und andere Hardliner in den Führungen der mitteleuropäischen kommunistischen Par-
teien nachvollziehbar gewesen, denn sie hatten 1981 ein militärisches Eingreifen in Po-
len gefordert und haben die Entscheidung des Politbüros als Abweichen von der » in-
ternationalistischen Pflicht « gesehen. Zudem waren sie 1989 von Gorbatschow direkt
informiert worden, dass die sowjetische Führung nicht mehr bereit war, ihre Regime
militärisch zu stützen. Für die Bevölkerungen der Länder jedoch, auch für die Oppo-
sitionellen, war noch im Sommer 1989 unklar, ob es nicht doch zur » Chinesischen Lö-
sung « bzw. zu einem militärischen Eingreifen des Regimes bei Unterstützung durch
die Sowjetunion kommen würde. Auch bei gesellschaftlichen Akteuren in Mitteleuropa
löste die von Loth und anderen Zeithistorikern für diesen Zeitpunkt für obsolet erklärte
Breschnew-Doktrin noch Furcht und Vorsicht aus. Sie entfaltete demnach weiterhin po-
litisch Wirkung.
Dem Resümee von Detlef Nakath, Gero Neugebauer und Gerd-Rüdiger Stephan in
der Quellenedition » Im Kreml brennt noch Licht «, die in den zentralen Aussagen für
viele Publikationen zum Umbruch in Europa repräsentativ ist, wird in der vorliegenden
Arbeit ebenfalls nur zum Teil gefolgt. Die Herausgeber schlossen ihren einleitenden Text
mit den bemerkenswerten Sätzen: » Die › Diktatur des Proletariats ‹ ostdeutscher Prägung
brach zusammen, wie das gesamte nach dem zweiten Weltkrieg in Osteuropa von der
Sowjetunion geschaffene und dominierte Herrschaftssystem zusammenfiel. Die allge-
18 Einführung

meine Systemkrise wurde am Ende der achtziger Jahre deutlich. Zum Scheitern trug ein
ineffektives und innovationsträges Wirtschaftssystem, mangelnde politische Demokra-
tie und die nicht vorhandene Bereitschaft zur Durchsetzung individueller Menschen-
rechte bei. […] Eine bis zu den Ereignissen in Polen 1981 übliche Praxis der Drohung
bzw. Realisierung militärischer Mittel entfiel nach dem Machtantritt Gorbatschows. Der
entscheidende Impuls dabei ging vom › neuen Denken ‹, der seit 1985 unter Gorbatschow
veränderten außenpolitischen Strategie der Sowjetunion aus. « [39]
Ilko-Sascha Kowalczuk kam bei einem Vortrag am 31. Januar 2007 mit Bezug auf die
DDR zu einem vorläufigen Fazit, dessen Zitierung wieder auf den Kern unseres Anlie-
gens führen soll. » Nicht dieses oder jenes Einzelereignis, sondern ein Bündel aus inne-
ren und äußeren Faktoren hat eine historische Situation reifen lassen, die […] Ende der
Achtzigerjahre Millionen Bürgerinnen und Bürger, die dem System und ihrer eigenen
Unfreiheit überdrüssig waren, erwachen ließ. Wir erlebten 1989 eine Bürgerrevolution,
die von den Mächtigen und Herrschenden nur begleitet werden konnte, der sie mehr
nachrannten, als dass sie steuernd eingreifen konnten. Die handelnden Akteure saßen
weder in den Regierungspalästen Ost- noch West-Berlins, weder in Bonn, Washington
noch in Moskau, die Akteure dieser Revolution waren Menschen auf den Straßen und
Plätzen in Ost-Berlin und Leipzig, in Plauen und Schwerin, in Prag und Warschau, in
Bukarest und Tallinn, in Budapest und Sofia, in Riga und Vilnius. « [40]
Kowalczuk weist indirekt darauf hin: Auf den Straßen und Plätzen Mittel- und Ost-
europas, dem » Ring « in Leipzig und dem Alexanderplatz in Berlin, dem Wenzelsplatz
und dem Letná in Prag, dem Vingis Park in Riga, dem Platz vor dem Parlament in Vil-
nius, dem Manege-Platz in Moskau, am Zizernakaberd in Jerewan, dem Denkmal für
die Opfer des Genozids an den Armeniern, auf dem Platz vor der Ivan Franko Univer-
sität in Lwiw, auf dem Lauluväljak bei Tallinn und an vielen anderen Orten kamen vor
1989, 1989 und bis 1991 häufig Hunderttausende zusammen. Diese Akteure gilt es beson-
ders zu beachten. Ohne diese friedlich demonstrierenden Massen – häufig angesichts
geballter Milizgewalt und aufgefahrener Panzer – hätten die Oppositionellen und die
für nationale Unabhängigkeit eintretenden Aktivisten der Volksfrontbewegungen keine
Durchsetzungskraft gehabt. Es ist zudem überaus beachtlich, in welcher atemberaubend
schnellen Folge diese Massenmanifestationen stattfanden, z. T. am gleichen Tag in meh-
reren Metropolen. In der vorliegenden Arbeit wird die enorme Dichte dieser Ereignisse
Gegenstand der Darstellung sein.
Nicht immer wurden diese Massenversammlungen von Vertretern oppositioneller
Gruppen oder Nationalbewegungen geführt. Dennoch muss gerade diesen Gruppen
und Bewegungen große Beachtung geschenkt werden, strukturierten sie doch zumeist
den weiteren politischen Prozess. Helmut Fehr untersuchte in Fallstudien Bürgerbewe-
gungen in Polen und der DDR, publiziert in » Unabhängige Öffentlichkeit und soziale
Bewegungen « den Beitrag, den einzelne zivilgesellschaftliche Gruppen als kollektive
Akteure für den Umbruch geleistet haben. Er geht davon aus, » daß es sich 1989 in Polen,
in der DDR und in der Tschechoslowakei um Prozesse der kollektiven Massenmobilisie-
rung handelt, die angebbare Vorbedingungen, Trägergruppen und revolutionäre Ergeb-
nisse aufweisen. Bürgerbewegungen und soziale Bewegungen in Polen, in der Tschecho-
Einführung 19

slowakei und in der DDR können als diejenigen kollektiven Akteure aufgefasst werden,
die während der revolutionären Situation 1980 und 1988/89 in Polen und im Sommer
und Herbst 1989 in der DDR, der Tschechoslowakei und Polen gestaltend in den Prozeß
des sozialen Wandels eingegriffen haben. « [41]
Die zitierten Untersuchungen zur Rolle der Bürgerbewegungen und soziale Bewe-
gungen in der DDR, Polen und in der Tschechoslowakei von Helmut Fehr wurden er-
gänzt und erweitert um eine Analyse von Padraic Kenney, der sich ausschließlich den
» neuen sozialen Bewegungen « zuwandte. Kenneys Publikation » A Carnival of Revolu-
tion « ergänzte Fehrs Betrachtung um eine Konzentration auf die Anfang bis Mitte der
achtziger Jahre entstandenen Graswurzel-Bewegungen, die sich in Mitteleuropa schlag-
artig verbreiteten, mit ihren neuen Aktionsformen einen » Carnival of anticommunist
opposition « produzierten und die bestehenden Dissidenten- und Oppositionsgruppen
ihrerseits zum Handeln zwangen. [42]
Die Gesamtheit der informellen Gruppen bzw. » independendent political move-
ments « in der Sowjetunion hatte der 1992 erschienene Sammelband von Geoffrey A.
Hosking, Jonathan Aves, Peter J. S. Duncan, » The Road to Post-Communism: Indepen-
dent Political Movements in the Soviet Union, 1985 – 1991 «, im Blick. Die Autoren halten
schon im Vorwort fest, dass obwohl die » Glasnost « und die Kooperation reformwilliger
Angehöriger der Nomenklatura die Entstehungsbedingungen der informellen Gruppen
verbesserten und ihr Aufblühen beförderten, » it is still the case that the new political
agenda, the expansion of democratic and civil rights and the assertion of republican so-
vereignty and independence, was initiated from below and that the final result was the
collapse of the USSR. « [43] Der Sammelband präsentiert leider nur sehr begrenzte Aus-
schnitte des Spektrums der Akteure und ihrer gegenseitigen Beziehungen.
Es ist die zentrale These auch meiner Darstellung, dass Dissidenten, Oppositions-
gruppen, alternative Gruppen und nationale Bewegungen in vielfältiger Hinsicht wich-
tige, wenn nicht sogar die entscheidenden Akteure waren. Die Entstehung von » Zivil-
gesellschaften «, d. h. von gesellschaftlichen Strukturen, die die Basis einer freiheitlichen
Alternative zu den diktatorischen bis totalitären Regimes in Mittel- und Osteuropa bil-
deten, war Voraussetzung für den Prozessverlauf von der Bipolarität, dem Systemgegen-
satz in Europa, zur Einheit des Kontinents.
Dem Resümee Jan Pauers in dem 2008 vorgelegten Sammelband » Prager Früh-
ling «, demzufolge es eine Geschichtsmystifikation ist, » die Nachkriegsgeschichte in
Osteuropa nur als den Kampf zwischen Demokraten und Kommunisten darzustellen «,
kann andererseits auch zugestimmt werden. Diese Zustimmung soll hier jedoch etwas
eingeschränkt werden. Pauer schreibt: » Die demokratischen Eliten wurden in Ostmit-
teleuropa im Zweiten Weltkrieg zerrieben. Ihre Schwäche war nach seinem Ende evi-
dent. Es ist auch eine Geschichte der millionenfach ausgeübten Anpassungen an die
sozialen Pathologien des Alltags, der unwürdigen Kompromisse und der Flucht ins Pri-
vate. Der Kommunismus war immer auch ein Besatzungsregime, ein imperiales Vor-
feld der Sowjetunion. Es ist kein Zufall, daß das Ende des Kommunismus erst nach dem
Zerfall desselben in Moskau möglich wurde. Diese Feststellung mindert in keiner Weise
die Leistung der demokratischen Opposition in Osteuropa. Sie trug im gewaltigen Maß
20 Einführung

dazu bei, daß unter den kommunistischen Eliten – besonders in Moskau – die Einsicht
von der Perspektivlosigkeit des eigenen Systems die Oberhand gewann. « [44]
In der vorliegenden Publikation wird der Versuch vorgenommen – und dies begrün-
det die oben erwähnte Einschränkung der These Pauers – zu belegen, dass es durch-
aus eigenständige Entwicklungen zur Herausbildung wirksamer zivilgesellschaftlicher
Strukturen in Mittel- und Osteuropa gab, die einen wesentlich größeren Beitrag zum
Umbruch leisteten, als im obigen Zitat deutlich wird.
Dieser Prozess begann wirkungsmächtig in Polen. Die Hervorhebung der Vorrei-
terrolle Polens bei der Entwicklung einer › société civile ‹ [45] ist eines der zentralen An-
liegen dieser Publikation. Die Tatsache, dass in Polen mit der Solidarność erstmals eine
organisierte Massenbewegung unabhängige Strukturen etablieren konnte und von der
kommunistischen Regierung offen als Verhandlungspartner akzeptiert werden musste,
ist Begründung genug für die vom polnischen Historiker Jerzy Holzer getroffene Fest-
stellung: » Der Zerfall des kommunistischen Systems begann in Polen «. [46]
Ohne diesen Prozess des Zerfalls sowjetisch geprägter Herrschaftsstrukturen hätte
es wohl kaum zur Revolution in der DDR kommen können. Es ist daher nicht nach-
vollziehbar, dass der ehemalige Bürgerrechtler Ehrhart Neubert in dem in Zusammen-
arbeit mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur 2008 herausgegebe-
nen Buch » Unsere Revolution – Die Geschichte der Jahre 1989/90 « eine Darstellung der
Entwicklung in der DDR vorlegt, in welcher der Name Lech Wałęsa nicht einmal auf-
taucht. Auch Neubert ist indes klar, dass die DDR keine Insel in der Weite des Ozeans
war. Er verweist auf die parallelen » Revolutionen der Freiheit « in Ostmitteleuropa, un-
terläßt jedoch weitere Hinweise auf diejenigen europäischen Zusammenhänge, die mei-
nes Erachtens für ein Verständnis des Zustandekommens der Einheit Deutschlands un-
verzichtbar sind.
Bei der Gewichtung von Akteuren der Umbrüche in der DDR und in den anderen
Ländern Mittel- und Osteuropas ist Neubert eindeutig. Er hebt hervor, dass der » eigent-
liche Beweger « der Revolution in der DDR das Volk war, » der große Lümmel, der von
dem spannenden und auch trickreichen diplomatischen Machtpoker nicht viel verstand.
Kohl hat durch seine Politik immer wieder Fakten geschaffen, die alles beschleunigten.
Aber er und andere Politiker konnten dies nur, weil der Freiheitswille der ostmittel-
europäischen Völker zum unabweisbaren Gegenstand der internationalen Politik wurde.
[…] Die ostmitteleuropäischen Völker waren nicht erst seit 1989 der Freiheit zugeneigt,
sie waren es schon sehr lange. Manche Politiker misstrauten dieser Dynamik aber. « [47]
Für das Schicksal der DDR war sicherlich nicht allein die Entwicklung in Polen von
Gewicht. Polen kommt zumindest jedoch eine besonders hervorzuhebende Bedeutung
zu. Angesichts der Bedeutung Polens für den Umbruch in Europa kann es geradezu als
eine List der Geschichte gelten, dass erstmals in Polen Andersdenkende als » Dissiden-
ten « bezeichnet wurden. [48]
In der VR Polen, in der ČSSR und in der Sowjetunion haben sich die vom Westen
als Dissidenten benannten Intellektuellen zumeist als » Andersdenkende « bezeichnet.
» Anderes Denken ist ein Begriff, der nur in einer äußerst uniformen Gesellschaft ent-
stehen konnte, welche die › monolithische Einheit ‹ politischen Denkens ihrer Bürger un-
Einführung 21

terstellt. « [49] In der VR Ungarn war der Begriff » Andersdenker « gebräuchlich, der Be-
griff Dissident nicht. [50]
Marion Brandt ging in ihrer Habilitationsschrift » Für eure und unsere Freiheit ? « in
der Begründung der Vorreiterrolle Polens noch einen Schritt weiter: Die in den siebzi-
ger Jahren von Polen demonstrierte Fähigkeit zur Herausbildung einer sich selbst or-
ganisierenden Gesellschaft sah sie als Ausdruck eines politischen Selbstverständnisses,
das seit der Zeit der » Rzeczpospolita «, der polnischen Adelsrepublik, über die Teilungs-
zeit und über die Besatzungszeit des Zweiten Weltkrieges tradiert wurde. [51] Die Pa-
role » Für eure und unsere Freiheit « wählte Marion Brandt für ihre Publikation, da » für
viele Akteure und Sympathisanten … die Solidarność-Revolution in Polen 1980/81 eben-
falls in der Tradition des nationalen Unabhängigkeitskampfes aus der Zeit des Vormärz «
stand. « [52] Die vom polnischen Historiker Joachim Lelewel1 stammende Parole, auf Pol-
nisch » Za naszą i waszą wolność « und auf Russisch » За ва́шу и на́шу свобо́ду «, wurde
erstmals während des polnisch-litauischen Novemberaufstandes von 1830/31 auf Ban-
nern verwendet.
Einschränkend ist zu dem von mir gewählten Ansatz allerdings Folgendes anzumer-
ken: Sowohl vor dem » historischen Bündnis « von Arbeitern und Intellektuellen in Po-
len im Jahr 1980 als auch nach der Erklärung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 gilt
durchgängig das Diktum des ungarischen Ex-Andersdenkers, Historikers und Schrift-
stellers György Dalos: » Die Oppositionseliten in Ostmitteleuropa bleiben bis auf ein
paar historische Momente […] kontinuierlich isoliert. Sowohl in Bukarest, Prag und
Ost-Berlin als auch in Budapest galten die Regimegegner in den » maßgebenden « Krei-
sen als » Spinner «. [53]
Diese » Spinner « sollten jedoch Wirkung haben. In seiner Einführung zu » Wechsel-
wirkungen Ost-West « schrieb Hans-Joachim Veen: » Dissidenten sind Minderheiten-
vertreter schlechthin: 1978 höhnte die offizielle sowjetische Propaganda: › Sie vertreten
in der UdSSR niemanden außer sich selbst, diese 30 Mann von 260 Millionen ‹. (UdSSR,
100 Fragen und Antworten, Moskau 1978, S. 114.) Die Agitprop-Genossen hatten ganz
unbewusst das Wesen und die Kraft der Dissidenten begriffen: › Sie vertreten niemanden
außer sich selbst. ‹ Das sollte reichlich zehn Jahre später die Sowjetunion von der Land-
karte tilgen ! « [54]
Die Bezeichnung » Dissident « wird in meiner Darstellung aus Gründen des allgemei-
nen Verständnisses benutzt. Es ist jedoch erforderlich, zu erwähnen, dass es sich in ers-
ter Linie um eine Fremdbezeichnung handelt, die, wie Václav Havel 1978 feststellte, » von
der westlichen Journalistik ausgewählt und als Bezeichnung eines Phänomens allgemein
akzeptiert « wurde. [55] Havel selbst benutzt den Begriff » Dissident « nur zögerlich. » Ers-
tens ist diese Bezeichnung schon etymologisch fragwürdig: › Dissident ‹ bedeutet näm-
lich […] › Abtrünniger ‹ – die › Dissidenten ‹ fühlen sich aber nicht als Abtrünnige, als

1 Joachim Lelewel: 22. März 1786 – 29. Mai 1861. Der Historiker Lelewel war Professor an der Kaiserlichen
Universität Wilna (Vilnius) von 1815 bis 1824. Er wurde aufgrund seines Eintretens für die Unabhängig-
keit Polens und für die Freiheit von der Regierung des Zarenreichs seines Amtes enthoben. Der präch-
tigste Saal der Bibliothek der » Vilniaus Universitetas « trägt seinen Namen.
22 Einführung

Treulose, weil sie nämlich niemanden untreu geworden sind, eher umgekehrt: Sie sind
sich selbst mehr treu geworden. Falls sich manche doch von irgendetwas abgewandt ha-
ben, dann nur davon, was in ihrem Leben falsch oder entfremdet war, also von dem › Le-
ben in der Lüge ‹. « [56]
Mit Blick auf Polen kam Helga Hirsch zu einer gleichgerichteten Bewertung. In ih-
rer Untersuchung der » Bewegungen für Demokratie und Unabhängigkeit in Polen
1976 – 1980 « konstatierte sie, dass » die Opposition der 70-er Jahre nicht die Abweichung,
sondern die Norm gesellschaftlichen Denkens in Fragen der Ethik, im Verhaltenskodex,
in der Beurteilung der eigenen Geschichte (repräsentierte). Die Opposition war nicht
nur organisatorisch mit der Gesellschaft verbunden, sie repräsentierte auch ideologisch
deren unterschiedliche Strömungen. « [57]
Das Heft 2-3/Februar-März 2009 der Zeitschrift Osteuropa mit dem Titel » Freiheit
im Blick: 1989 und der Aufbruch in Europa « kommt meiner Intention, die Rolle der Dis-
sidenten und Oppositionsgruppen in das Zentrum der Analyse zu stellen, in Teilen sehr
nahe, dennoch bleiben auch bei diesem Sammelband schon aufgrund der Kürze der Bei-
träge erhebliche Lücken, die der weiteren Bearbeitung harren. [58]
Nachfolgender Schilderung liegt zudem eine weitere Zielsetzung zugrunde: Die Ver-
netzungen und Kooperationen zwischen Dissidenten und zwischen Oppositionsgrup-
pen in Mittel- und Osteuropa sind bislang kaum erarbeitet worden. Zur Erhellung die-
ser Zusammenhänge will ich einen Beitrag leisten. Dargestellt werden zudem die in
Deutschland fast nicht zur Kenntnis genommenen Vernetzungen zwischen nationalen
Bewegungen der einzelnen Sowjetrepubliken. Bei der Analyse heutiger Massenerhebun-
gen und Revolutionen, wie 2011 in Ägypten und Tunesien, wird der Vernetzung über In-
ternet und Mobiltelefon eine hohe Bedeutung zugemessen. Trotz des Fehlens vergleich-
barer technischer Möglichkeiten im ausgewählten Untersuchungszeitraum waren die
Vernetzungsmöglichkeiten vielfältig, insbesondere bei den Nationalbewegungen in der
Sowjetunion. Die Aktionen dieser Massenbewegungen hatten einen entscheidenden,
vielleicht den wichtigsten Anteil am Zusammenbruch der Sowjetunion. Insofern muss
die oben zitierte Bemerkung Veens meines Erachtens ergänzt werden. Allein die Dis-
sidenten hätten in der UdSSR nicht die Wirkung erzielen, sie hätten nicht das Ausein-
anderbrechen der Union und den Zerfall des sowjetischen Systems erreichen können.
Die mit dieser Arbeit vorgelegte ausführliche Darlegung der Entwicklung der sehr
bald zu Unabhängigkeitsbewegungen mutierenden nationalen Bewegungen in den So-
wjetrepubliken ist zum Verständnis der Entwicklung der UdSSR unverzichtbar. Ansons-
ten landet man, wie Andreas Rödder, bei dem Versuch, die Reaktion der Sowjetführung
auf die Ereignisse in Mittel- und Osteuropa zu verstehen, erneut bei Gorbatschow. Für
Rödder » war das eigentliche Mirakel des Jahres 1989 « Gorbatschows Verzicht auf den
Einsatz von Gewalt gegen die Entwicklungen in den mittelosteuropäischen Bruderstaa-
ten. [59] Die Erklärung bleibt bei ihm nebulös: Die Dynamik der von der » Reformpoli-
tik entfesselten Kräfte […] wurde in Moskau lange Zeit überhaupt nicht erkannt, und
nur so erklärt sich auch, dass die Frage einer deutschen Wiedervereinigung in den ent-
scheidenden Wochen um die Jahreswende 1989/90 im Kreml kaum grundsätzlich dis-
kutiert wurde. « [60]
Einführung 23

Bei Rödder kommen die Namen Landsbergis, Tschornowil oder Ter-Petrosjan al-
lerdings erst gar nicht vor, um nur wenige wichtige Akteure aus den Sowjetrepubliken
zu nennen, die durch ihr Handeln den Aktionsradius der sowjetischen Führung spä-
testens ab 1989 immer mehr beschränkten. Die Namen Dienstbier und Skubiszewski
kommen in seinem Text ebenfalls nicht vor, ein Versäumnis, das besonders in Anbe-
tracht der frühen Anstöße Dienstbiers zur Diskussion der deutschen Einheit befremd-
lich wirkt.
Die hier erfolgende ausführliche Darstellung der nationalen Bewegungen, speziell
der Volksfrontbewegungen in den baltischen Republiken, ist aus meiner Sicht auch eine
Frage nachholender Korrektheit. Die Bedeutung einer ausführlichen Behandlung dieses
Themenfeldes wurde von der damaligen lettischen Außenministerin Sandra Kalniete bei
ihrer Rede zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am 24. März 2004 deutlich: » Über
50 Jahre lang ist die Geschichte Europas geschrieben worden, ohne daß wir daran teil-
nehmen konnten. « [61]
Sie, die Volksfront-Bewegungen, beriefen sich ebenfalls auf die bereits oben er-
wähnte Parole » Za naszą i waszą wolność «. Die russische Übersetzung dieser Parole,
» За ва́шу и на́шу свобо́ду « hatten bereits am 25. August 1968 acht Sowjetbürger am
Lobnoye mesto auf dem Roten Platz in Moskau auf einem Banner geführt, als sie gegen
die Okkupation der ČSSR demonstrierten. Cécile Vaissié hat aus Respekt vor dem Mut
der Demonstranten die Parole als Titel für ihre Darstellung des Kampfes der russischen
Dissidenten übernommen. [62] Diese frühen Aktivitäten von Dissidenten in der Sowjet-
union bildeten den Hintergrund der Herausbildung zivilgesellschaftlicher Strukturen
auch in Mitteleuropa. Der bereits in den siebziger Jahren als Student oppositionell ak-
tive Kazimierz Wóycicki wies darauf hin, wie wichtig es den polnischen Oppositionel-
len war zu erfahren, » dass im Zentrum des Systems (gemeint ist die UdSSR, D. P.) solche
Dissidenten möglich waren. « Er verweist gleichfalls auf die Bedeutung der gegenseiti-
gen Wahrnehmung der oppositionellen Gruppen in Mitteleuropa: » Und das ist schon
eine Art und Weise, wie wir diese Geschichte der Oppositions- und Freiheitsbewegun-
gen im Ostblock vielleicht schreiben sollten: Nicht isoliert voneinander, sondern unter
Hinweis auf die gemeinsamen strukturellen Beziehungsgeflechte und wechselseitigen
Beeinflussungen. « [63]
Auch der von Bernd Florath 2011 herausgegebene Sammelband » Das Revolutionsjahr
1989. Die demokratische Revolution in Osteuropa als transnationale Zäsur «, der ein Re-
sultat einer 2009 veranstalteten wissenschaftlichen Konferenz des Bundesbeauftragten
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR war, verweist auf
diese Beziehungsgeflechte: » Keine Umwälzung glich der anderen. Doch alle griffen in-
einander. « [64] Die zumeist nur Ausschnitte des Gesamtbildes analysierenden Beiträge
des Sammelbandes können jedoch auf dieses Ineinandergreifen von Ereignissen ver-
ständlicherweise nur wenig Licht werfen.
Die von Wóycicki geforderte Form der Zusammenführung soll in vorliegender Ar-
beit versucht werden. Es ist ein Unterfangen, das auch aus Respekt vor der morali-
schen Orientierung und Haltung der Dissidenten und der politischen Leistung der Bür-
ger- und Menschenrechtsgruppen sowie der nationalen Bewegungen erforderlich ist.
24 Einführung

Die Dissidenten und Oppositionellen haben einen unschätzbaren Beitrag zur Identität
Europas erbracht. Dieser Beitrag darf zumal im Westen des Kontinents, insbesondere
von den Westdeutschen, nicht vergessen werden.
Zu begründen ist, warum gerade in Polen die Freiheitsbewegung so schnell und
so umfassend Fuß fassen konnte. Zum Verständnis hierfür sind zusätzlich einige An-
merkungen zur Bedeutung der katholischen Kirche und zur Rolle kirchennaher gesell-
schaftlicher Strukturen in Polen nach 1945 erforderlich. Der Unterschied von Polen zu
den anderen Staaten Mittel- und Südosteuropas ist deutlich: In diesen Staaten war es
den Kommunisten durch die Sowjetisierung gelungen, die » Gesellschaften weitgehend
zu atomisieren und alle eigenständigen Institutionen, die sich der staatlichen Bevor-
mundung zu entziehen suchten, zu zerschlagen. « [65]
In den Untergrund verdrängt wurden auch die Strukturen der Römisch-Katholi-
schen Kirche in Litauen und in der Tschechoslowakei. In der Ukraine wurde die Grie-
chisch-Katholische Kirche, die seit dem 19. Jahrhundert als die » nationale Kirche « der
Ukrainer galt, von den Kommunisten verboten. In Polen hingegen scheiterte nach an-
fänglichen Erfolgen der Versuch, die Kirche ähnlich der Russisch-Orthodoxen Kirche
in der Sowjetunion zu unterwandern und ihr die institutionelle Basis zu entziehen. Hier
bot die katholische Kirche mit der Ausnahme der Jahre 1953 bis 1956 das schützende
Dach für Aktivitäten außerhalb der unmittelbaren Kontrolle des Regimes. » Die katho-
lische Kirche Polens bildete insoweit im Grunde die einzige Ausnahme im gesamten
Machtbereich Moskaus. « [66]
Mein ursprüngliches Vorhaben, die Darstellung mit 1975, dem Jahr der Konferenz für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki, zu beginnen, wird aus
den oben dargestellten Gründen nicht eingehalten. Es werden zum Teil ausführlichere
Ergänzungen vorgenommen mit Verweisen auf die Nachkriegsgeschichte Polens, mit
Rückblick auf die Dissidentenbewegung in der Sowjetunion und vermittels der Berück-
sichtigung von Reaktionen auf die gewaltsame Beendigung des Prager Frühlings durch
die Okkupation der ČSSR 1968.
Nicht dargestellt wird die Geschichte des nationalen Widerstands gegen die sowjeti-
sche Besatzung in den baltischen Republiken und im westlichen Teil der Ukraine nach
1944/45. Nicht dargestellt werden z. B. die illegalen Jugendgruppen in der Estnischen
SSR während der sechziger Jahre. [67] Es sei hier lediglich der Hinweis angebracht, dass
der Widerstandskampf in der Westukraine mit ursächlich ist für die Spaltung der Erin-
nerungskultur des Landes und als » eines der zentralen Schlachtfelder der beiden großen
politischen Lager von Postkommunisten und Nationalliberalen « bis in die aktuellen po-
litischen Auseinandersetzungen hinein wirkt. [68] Ebenfalls nicht dargestellt werden die
z. T. bis Mitte der fünfziger Jahre andauernden Widerstandskämpfe gegen die kommu-
nistische Herrschaft in Polen, der militärische Kampf der Haiducii Muscelului in Rumä-
nien und der Gorjani (» Waldmenschen «) in Bulgarien.
Nicht eingegangen wird auf die am 3. Mai 1953 beginnenden Arbeiterunruhen im
bulgarischen Plowdiw und in Chaskowo und auf vergleichbare Streiks im rumäni-
schen Brașov. Nicht eingegangen wird zudem auf frühe dissidentische Gruppierungen
in Südosteuropa. Auch die aus rumänischer und deutscher Perspektive interessante Ak-
Einführung 25

tionsgruppe Banat, eine Anfang der siebziger Jahre aktive Gruppe rumäniendeutscher
Schriftsteller, wird nicht bearbeitet.
Der Widerstandskampf im Baltikum, dessen Ursache die Beziehungen Estlands,
Lettlands und Litauens zur Russischen Föderation bis heute belastet, ist als historischer
Hintergrund unserer Darstellung allerdings mit zu bedenken. Die sogenannte » balti-
sche Frage «, zumal der sich in den achtziger Jahren entwickelnde Protest gegen die Fol-
gen des sogenannten Hitler-Stalin-Paktes, kann bei unserer Darstellung nicht ausge-
klammert werden. Sie ist von überragender Bedeutung für den Untersuchungszeitraum.
Wenn gilt, dass der Zerfall des kommunistischen Systems in Polen begann, dann gilt
auch, dass der Zerfall der Sowjetunion in den baltischen Republiken begann. Hierbei ist
an erster Stelle Litauen zu nennen.
Beide Prozesse, der Epochenwechsel in Polen und die Loslösung Litauens, Lettlands
und Estlands von Russland, gehören zu den entscheidenden Faktoren, die zur Auf-
hebung der Teilung Europas führten. Es ist dabei nicht ohne Hintersinn, dass die So-
wjetunion, das neuzeitliche Imperium Russlands, letztlich an den Nachfolgestaaten der
» Rzeczpospolita «, der polnisch litauischen Adelsrepublik, scheiterte.
Vielleicht ist dies auch der wahre Beweggrund für die Entscheidung der russischen
Regierung, für den im Jahr 2004 als Staatsfeiertag abgeschafften » Tag der Oktoberre-
volution « ab 2005 den 4. November zum » Tag der Einheit des russischen Volkes « zu
erklären und als staatlichen Feiertag einzuführen. Der Feiertag bezieht sich auf den
4. November 1612. An jenem Tag verkündete der Rurikidenfürst Dmitri Poscharski den
Bewohnern Moskaus den unter seiner Führung und der Führung des Nischni Nowgo-
roder Kaufmanns Kusma Minin erreichten militärischen Sieg und die dadurch bewirkte
Befreiung Moskaus von dem polnisch-litauischen Okkupationsheer unter dem Groß-
hetman Litauens, Jonas Karolis Chodkevičius, polnisch: Jan Karol Chodkiewicz. (Es war
schon sehr spektakulär, 2007 auf der offiziellen Webseite des russischen Präsidenten
Bilder zu sehen, die zeigten, wie Präsident Putin gemeinsam mit attraktiven jungen Da-
men der » Molodaja Gwardija «, deutsch: Junge Garde, der Jugendorganisation der Partei
» Einiges Russland «, am 4. November rote Nelken am Denkmal für Minin und Poschar-
ski auf dem Roten Platz niederlegte.)
Weitgehend außerhalb meiner Darstellung müssen schon aus Gründen der Arbeits-
ökonomie die Aufstände und Volkserhebungen gegen die kommunistische Herrschaft
in den fünfziger und sechziger Jahren bleiben: Der Pilsener Aufstand vom 1. bis 6. Juni
1953 und der Volksaufstand in der DDR vom 17. und 18. Juni 1953, die heftigen antiso-
wjetischen Unruhen und das Massaker an Demonstranten in Tiflis am 9. und 10. März
1956, der Posener Arbeiteraufstand 1956, der Ungarische Volksaufstand 1956 und der
Studentenaufstand im rumänischen Timișoara Ende Oktober 1956, die Märzunruhen in
Polen 1968, der Dezemberaufstand 1970 in Polen sowie der Prager Frühling 1968. Diese
Ereignisse können nur erwähnt werden. Für die Akteure, für die Machtinhaber wie für
die Dissidenten, die Oppositionellen und die Repräsentanten nationaler Minderheiten,
blieben sie die Folie ihres Handelns.
Wegen der großen Bedeutung der Niederschlagung des Prager Frühlings für die
Überlegungen und Verhaltensweisen der Dissidenten und Oppositionellen des Untersu-
26 Einführung

chungszeitraums, wird den Ereignissen von 1968 dann doch eine besondere Beachtung
zuteil. Die Erfahrungen der Dissidenten und Oppositionellen mit den Machtapparaten
und deren brutalen Reaktionen auf die traditionellen Protestformen führten schließlich
zur Idee der » sich selbst beschränkenden Revolution «, der Revolution auf Samtpfoten,
die gewaltlos der Gewalt trotzte.
Die Darstellung kann nicht mit dem 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Ein-
heit, abschließen, auch nicht mit dem KSZE-Gipfel und der » Charta von Paris für ein
neues Europa « vom 21. November 1990, dem von vielen Westeuropäern erklärten Ende
des Kalten Krieges. Denn zumindest für die baltischen Republiken war die Nachkriegs-
zeit 1990 noch nicht beendet, das » Zeitalter der Demokratie, des Friedens und der Ein-
heit « nicht erreicht. – Insoweit irrte Marion Brandt, die schrieb, dass für Osteuropa das
Jahr 1989 das Ende des Zweiten Weltkrieges bedeutete. [69] Die vorliegende Darstellung
bricht mit dem 25. Dezember 1991 ab, dem Rücktritt Gorbatschows, dem symbolischen
Ende der Sowjetunion, des » unfreiwilligen Experiments «. – Jenes zum 31. Dezember
1991 verkündete Ende der Sowjetunion, von welcher in Moskau tagenden Institution
auch immer dekretiert, es war schlicht ohne Nachrichtenwert.
Die vorliegende Studie ist eher eine kommentierte Chronik und keine auf eigenem
Quellenstudium fußende Darstellung eines Historikers. Sie profitiert, wie die Historio-
grafie insgesamt, vom Quellenstudium anderer und von Erinnerungen und Aufzeich-
nungen der Akteure. Es wird bewusst durchgängig auf eine Monografien vorbehaltene
vertiefende Analyse verzichtet, und die Kenntnis von Sachverhalten und Zusammen-
hängen muss vorausgesetzt werden, um den Umfang der Darstellung im Rahmen zu
halten. Einige Reden und Dokumente, die als Schlüsseldokumente bezeichnet werden
können, werden ausführlich zitiert.
Nur Ausschnitte präsentieren kann diese Arbeit auch bei der Darstellung von » west-
lichen « Reaktionen auf Dissidenten, auf Oppositionsbewegungen und nationale Bewe-
gungen. Die Darstellung dieser Reaktionen soll deutlich machen, wie tief die Teilung Eu-
ropas bis zum Umbruch war. Es war nicht nur eine weltpolitische Teilung, sondern auch
eine tiefgehende mentale Trennung, die in Teilaspekten auch heute noch verbreitet ist.
Bis für das Jahr 1987 habe ich angestrebt, den Text stärker thematisch, respektive
nach Ländern geordnet zu gliedern und Handlungsabläufe und in direkter Verbindung
stehende Ereignisse zusammenhängend darzustellen. Für 1988 und für die Folgejahre
wird zumeist auf eine derartige Gliederung verzichtet. Die gewählte chronologische
Darstellung soll die für das Jahr 1988 und für die Folgejahre festgestellte rasant zuneh-
mende Dichte von Ereignissen und Handlungen hervorheben sowie die wechselseitigen
Effekte von Dissidenz, Massenprotest, Demonstrationen, Gruppen- und Organisations-
gründungen in den mittelosteuropäischen Staaten und in den Republiken der Sowjet-
union verdeutlichen. Obwohl es für den Leser eine Zumutung ist, weil bei dem hier an-
gebotenen zeithistorischen Mosaik viele Details und auch nähere Erläuterungen häufig
fehlen, Einordnungen und Perzeptionen der Akteure und der Analytiker zumeist über
Zitationen erfolgen, halte ich diese Form für angemessen. Sie ist nach meinem Dafür-
halten sogar erforderlich, will man die außergewöhnliche Fülle folgenreicher politischer
und das sowjetische System herausfordernder Fakten erfassen.
Einführung 27

Nachfolgend einige Anmerkungen, die das Verständnis des Textes erleichtern sol-
len: Informationen zu Personen werden zumeist bei deren erster Nennung gegeben. Bei
Dissidenten, aber auch bei einigen Politikern und Diplomaten werden die wichtigs-
ten Lebensdaten in eigens hierfür eingefügten Fußnoten angegeben, durchgängig nach
dem gregorianischen Kalender. Die Datenangabe erfolgt in vielen Fällen schon aus Re-
spekt vor dem Mut der Akteure. Viele von ihnen verdienten in ihren Heimatländern ein
Denkmal, nur wenigen wurde es bislang gewährt. Ich vermute mit Bedauern, dass der
Mehrzahl dies wohl auch weiterhin verwehrt bleiben wird. Ich habe zumeist darauf ver-
zichtet, bei den biografischen Angaben in den Fußnoten jene Daten und Ereignisse auf-
zunehmen, die für die Zeit bis 1991 im Text Erwähnung finden.
Die besondere Beachtung, die die Dissidenten und Oppositionellen in dieser Dar-
stellung finden, bedeutet nicht, dass sie im Sinne einer Heiligenverehrung überhöht
werden sollen. Auch sie sind selbstverständlich nicht ohne Fehl und Tadel. Um nur drei
Beispiele zu erwähnen: In Polen, Ungarn und Tschechien werden seit längerer Zeit hef-
tige Debatten zum Verhalten der späteren Präsidenten Lech Wałęsa und Árpád Göncz
sowie zu Milan Kundera während der Zeit ihrer Oppositionstätigkeit geführt. Mir sind
die Diskussionen durchaus bekannt. Dennoch gilt: Das mindestens zeitweilige Eintreten
von Oppositionellen, Dissidenten und Andersdenkenden für Freiheit und Demokratie
erhält in ihren Heimatländern zumeist zu wenig Beachtung.
Bei einigen Akteuren werden auch Informationen zur aktuellen politischen Tätigkeit
gegeben. Auch dies ist nicht nur Chronistenpflicht. Nicht alle derjenigen, die vor 1989
nicht bereits mit Gewalt zum Schweigen gebracht wurden, sind nach der Transforma-
tion ihrer Länder aus dem öffentlichen Leben verschwunden. In einigen mittelosteuro-
päischen Staaten ist die Zahl der auch heute noch politisch einflussreichen ehemaligen
Dissidenten und Oppositionellen groß. Ein über die Zeit des Umbruchs hinausreichen-
des herausragendes Engagement gibt uns Hinweise zum politischen Potential der Dissi-
denten und Oppositionellen.
Die Konzentration auf die mittelost- und osteuropäischen Dissidenten und Oppo-
sitionellen erfolgt auch als Reaktion darauf, dass viele von ihnen für die Westeuropäer
weitgehend aus dem Blickfeld verschwunden, mittlerweile auch von den Bürgern der
mittelost- und osteuropäischen Staaten zum Teil vergessen sind und häufig von Teilen
der neuen politischen Eliten ignoriert oder sogar angefeindet werden. Bei den West-
europäern ist dies Teil einer traditionell nur unwilligen Wahrnehmung des » Ostens «.
» Die Konstruktion › Osteuropas ‹, welche von der französischen und deutschsprachigen
Aufklärung […] unternommen wurde, wirkt immer noch in den Köpfen fort «, auch
wenn ihr Gegenstand nach dem Verschwinden des sowjetischen Blocks » realhistorisch
passé « ist, wie José M. Faraldo in der Einleitung zur 2008 erschienenen Publikation mit
dem Titel » Europa im Ostblock « feststellte. [70]
Die unwillige Wahrnehmung des Ostens ist vielleicht auch Folge eines spezifischen
Provinzialismus, wie dies Andrzej Stasiuk 2004 bei einem Interview für das Maga-
zin Der Spiegel zum Ausdruck brachte: » Mir scheint, dass – wenn es um das Über-
schreiten von Barrieren geht – der Osten immer kosmopolitischer und der Westen
eher provinziell war. Seit der Entdeckung Amerikas interessiert sich der Westen doch
28 Einführung

nur noch für sich selbst. Schon Metternich hat gesagt, dass östlich von Wien Asien
anfängt. « [71]
Vorliegender Überblick soll nicht allein auf die bipolare atlantische Welt, auf Europa,
die Sowjetunion und Nordamerika begrenzt werden. Jenseits dieser bipolaren Welt er-
eigneten sich gleichfalls Umgestaltungen mit weltpolitischen Wirkungen. Es sind da-
her zusätzlich einige herausragende Veränderungen und fundamentale Umbrüche zu-
meist ganz anderer Art zu berücksichtigen, die ihrerseits auf das primäre Objekt unserer
Darstellung, nämlich auf Europa, wirkten und noch wirken. Ich habe die Texte zu die-
sen Ereignissen in grau hinterlegten Kästen gesetzt, um sie in der Präsentation von den
Ereignissen der » bipolaren Welt « abzugrenzen. Die Rahmen werden dann nach oben
und unten durchbrochen, wenn diese Begebenheiten unmittelbare Zusammenhänge mit
Vorgängen in der bipolaren Welt hatten. Mir ist bewusst, dass durch diese Formatie-
rung der Lesefluss gehemmt wird. Der Leser wird von Europa abgelenkt. Dies geschieht
mit Absicht. Ich möchte mit dieser Form der Präsentation deutlich machen, wie immer
wieder die Öffentlichkeit und die politischen Akteure auch gerade in Westeuropa und
in Nordamerika in Beschlag genommen wurden durch Entwicklungen in der Welt jen-
seits der Bipolarität. Diese Ablenkung wurde insbesondere 1979 und schlaglichtartig am
4. Juni 1989 deutlich. Hierüber wird zu berichten sein.
Die Bipolarität hatte vorrangig Geltung für die europäisch-atlantische Welt, aller-
dings mit Auswirkungen auf die Dritte Welt. Die globale Dominanz der Bipolarität war
bereits mit der Spaltung des kommunistischen Lagers ab 1960, dem Zeitpunkt des of-
fensichtlichen Zerwürfnisses der Volksrepublik China mit der UdSSR, eingeschränkt.
China wurde ab Ende der sechziger Jahre dann auch von den USA als ein regionales
Schwergewicht wahrgenommen. Mit der Aufnahme politischer Beziehungen zur Volks-
republik versprach sich die Nixon-Administration nicht nur einen Weg zum Disengage-
ment in Vietnam, sondern zugleich eine Mäßigung der Sowjetunion. [72]
Zu erwähnen sind insbesondere die Umbrüche in der islamischen Welt des Nahen
und des Mittleren Ostens, die 1979 die Schlagzeilen der Weltpresse beherrschten. Diese
Umbrüche und Revolutionen hatten in den achtziger Jahren insbesondere Auswirkun-
gen auf die Sowjetunion. Die Sowjetunion verursachte dann selbst im Dezember des
Jahres 1979 mit dem Einmarsch in Afghanistan eine Weitung ihrer bereits bestehenden
gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Probleme.
Auf den Inhalt dieser Arbeit bezogen bleibt als vorläufiges Resümee zum Ende der
Einleitung folgende Feststellung: Die mittel- und osteuropäischen Dissidenten, Oppo-
sitionsgruppen und Nationalbewegungen trugen erheblich zum Kollabieren des an sei-
nen eigenen Widersprüchen krankenden sowjetischen Systems bei. Den August-Putsch
1991 als » Selbstmord « der UdSSR zu bezeichnen, wie dies Lewon Ter-Petrosjan tat, der
damalige Vorsitzende des Obersten Sowjets der Armenischen SSR, erscheint mir nicht
stimmig: Der Selbstmord des sowjetischen Systems begann lange vor dem dilettanti-
schen Putsch vom August 1991.
Als letzte auf die Intention dieser Arbeit bezogene Bemerkung der Einleitung bleibt
die erneute Hervorhebung, dass es mein Ziel ist, einem bislang zu wenig beachteten
europäischen zeithistorischen Narrativ Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, ohne die-
Einführung 29

ses als einzig mögliches und legitimes Deutungsmuster des dargestellten Umbruchpro-
zesses zu begreifen. [73]
Zum Abschluss der Einleitung sind noch einige Bemerkungen zu Begrifflichkeiten,
zur Transkription und Transliteration von Namen sowie zum Gebrauch deutsch- oder
fremdsprachiger Ortsbezeichnungen erforderlich.
Die vorliegende Studie zieht den Begriff » Umbruch « den Begriffen » Revolution «
oder » Wende « für die Beschreibung der Vorgänge um das Jahr 1989 vor. Ich verweise
hierbei auf den Titel einer Veranstaltung renommierter Institutionen aus dem Jahr 1991.
Die Ranke-Gesellschaft und das Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und interna-
tionale Studien (BIOst) nannten das Leipziger Symposium, das den » Veränderungen in
den Staaten jenseits des ehemaligen Eisernen Vorhangs seit Anfang der achtziger Jahre
gewidmet war «, » Umbruch in Osteuropa «. [74]
Wie Winfried Steffani und andere bereits feststellten, ist der Begriff » Wende « unan-
gebracht, da er dem Umfang der Veränderungen nicht gerecht wird, ohne Konturen ist
und verharmlosend wirkt. Dadurch, dass Egon Krenz bei seiner Wahl zum Generalse-
kretär des ZK der SED am 18. Oktober 1989 den bis dahin in der innenpolitischen Dis-
kussion der Bundesrepublik für 1982 verwendeten Begriff als Stichwort für das Bemü-
hen der SED nutzte, in der DDR wieder » die politische und ideologische Offensive « zu
erlangen, ist er auch für analytische Zwecke vollends unbrauchbar geworden. [75]
Der Begriff Revolution, so wie er bei Charles Tilly interpretiert wird, käme unseren
Intentionen deutlich näher: Tilly schreibt: » Doch wenn wir andererseits jede plötzliche,
weitreichende, vom Volk erzwungene Veränderung des Herrschaftssystems in einem
Lande als Revolution bezeichnen wollen, dann haben in jenem Jahre die meisten ost-
europäischen Länder Revolutionen erlebt. « [76]
Da für mein Anliegen eine Begrifflichkeit erforderlich ist, die nicht nur die Verände-
rungen innerhalb der Gesellschaften und von politischen Systemen beschreibt, sondern
zugleich den Wandel der außenpolitischen Strukturen Europas erfasst, ziehe ich den
Begriff » Umbruch « vor. Weitergehende theoretische Erörterungen überlasse ich gerne
anderen.
Zum Thema Transkription und Transliteration von Namen: In meinem Text be-
nutze ich die in Deutschland allgemein gebräuchlichste Form. Ich habe mich hierbei
bewusst soweit wie möglich an » Wikipedia « orientiert. Dies ermöglicht dem Leser, sehr
schnell zu weiteren Informationen über Personen zu gelangen. – Der teilweise beste-
hende akademische Hochmut gegenüber dieser Internet-Enzyklopädie ist völlig unan-
gebracht. – Bei Zitaten belasse ich die Schreibweise in der vom jeweiligen Autor ge-
wählten Form.
Fremdsprachige Ortbezeichnungen werden zum Teil übernommen, an anderen Stel-
len des Textes benutze ich die deutschsprachigen Ortsbezeichnungen. Ich unterlasse be-
wusst eine Systematik. Dieses gilt auch für die Namen von Städten der ehemaligen deut-
schen Ostgebiete.
Die Namen dissidentischer Vereinigungen, oppositioneller Gruppierungen und neu-
gegründeter oppositioneller Parteien in Mittel- und Osteuropa und in den zentralasia-
tischen Republiken der UdSSR werden im Text kursiv hervorgehoben. Gleichfalls kur-
30 Einführung

siv hervorgehoben werden die Namen von Publikationsorganen und längere Zitate
aus Reden.
Wichtige Texte aus Dokumenten, Texte von Dissidenten und Oppositionellen sowie
von mir für bedeutsam gehaltene Zitate aus Reden von Politikern werden im Text ein-
gerückt.
Englisch- und französischsprachige Zitate belasse ich zumeist im Originaltext. Wenn
erforderlich, dann werden deutschsprachige Anmerkungen zu den Texten gegeben, um
Zusammenhänge deutlich zu machen. Einige Male habe ich, man möge mir diese Frei-
mut nachsehen, auch die kyrillische Schreibweise von Gruppen und Sachverhalten ein-
gefügt.
Zum Schluss der Einleitung ist zu danken. Mir besonders wichtig ist der Dank an Sti-
pendiatinnen und Stipendiaten der Konrad-Adenauer-Stiftung aus Ländern Mittel- und
Osteuropas, die mir Hinweise gegeben haben oder Texte aus mir nicht direkt zugäng-
lichen Sprachen übersetzten. Die Gespräche mit ihnen thematisierten häufig die Zeitge-
schichte ihrer Heimatländer und vermittelten mir wertvolle Informationen und Anre-
gungen. Besonders hilfsbereit waren insbesondere auch die Kolleginnen und Kollegen
der Bibliothek der Konrad-Adenauer-Stiftung. Meine Wünsche nach Literatur wurden
immer schnell und umfassend erfüllt.
Mein besonderer Dank gilt meinem Studienfreund und Mitstreiter bei vielen Ge-
legenheiten Prof. Dr. Joachim Detjen, der mir mit vielen Anregungen und Hinweisen
zum Manuskript ein unersetzbarer Helfer war. Mein Dank gilt gleichfalls Prof. Dr. Jerzy
Maćków. Die langjährige Bekanntschaft mit ihm war ein Auslöser für diese Arbeit. Auch
ihm verdanke ich viele Anregungen und die fachlich kritische Durchsicht des Manu-
skripts. Herr Prof. Dr. Hans-Joachim Veen hat das Manuskript dankenswerterweise
ebenfalls kritisch durchgesehen. Sein Rat, die Arbeit um ein detailliertes Sachregister
und um eine zusammenfassende Chronologie zu ergänzen, war überaus hilfreich.
Die vorliegende Arbeit hätte ohne die kritischen Einwände, Korrekturen und Anre-
gungen der drei Wissenschaftler nicht in der vorliegenden Form vorgelegt werden kön-
nen. Letztlich zeichne selbstverständlich ich für die Arbeit verantwortlich.
Erster Teil
» What’s past is prologue «

1 Polen in der Nachkriegszeit

Der historische Rückblick beginnt mit Polen. Hierfür drei knappe Begründungen:

• In keinem anderen Land Mitteleuropas hatte seit den fünfziger Jahren die Oppo-
sition gegen das sowjetisierte politische System eine derart starke gesellschaftliche
Basis. [1] Diese Besonderheit war auch Folge der einzigartigen historischen Erfah-
rung der polnischen Gesellschaft, die sich, so die Interpretation des Historikers und
ehemaligen Dissidenten Władysław Bartoszewski1, » vom Ende des 18. Jahrhunderts
mit kurzer Atempause während der Zwischenkriegszeit im anhaltenden, permanen-
ten Verteidigungszustand (befand), was natürlich prägend für die Mentalität sein
mußte. « [2]
• Entstehung und Erfolgsgeschichte der Massenbewegung Solidarność waren nicht nur
für Polen, sondern auch für die anderen mittel- und osteuropäischen Staaten von
herausragender Bedeutung. Dies ist selbstverständlich darzustellen. Es ist auch er-
forderlich, nach zeitgeschichtlichen Gründen dafür zu suchen, dass in Polen eine
derartige Massenbewegung entstehen konnte.
• Polen bietet für meine Betrachtung zudem insofern eine Besonderheit, als zumal aus
der Retrospektive feststellbar ist, wie stark die personelle Kontinuität oppositionellen
Verhaltens seit den fünfziger Jahren gerade in diesem Land war. Dies ist ein zusätz-
licher Grund, die Darstellung mit Polen zu beginnen. Anhand der im Text gegebe-
nen knappen biografischen Daten oppositioneller Akteure wird diese Kontinuität
nachvollziehbar sein.

1 Władysław Bartoszewski: geb. am 19. Februar 1922. Bartoszewski war während der deutschen Besetzung
Aktivist der Untergrundorganisation » Żegota «, die sich für die Rettung polnischer Juden einsetzte. Er
war kurzzeitig 1995 sowie von Juni 2000 bis Oktober 2001 Außenminister.

D. Preuße, Umbruch von unten, DOI 10.1007/978-3-658-04972-0_2,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
32 Erster Teil: » What’s past is prologue «

Zwei Monate nach dem 18. Januar 1945, dem Tag der Befreiung der Stadt von der deut-
schen Besatzung durch die sowjetische Armee, erschien am 24. März 1945 in Krakau
unter der Förderung des bereits zu Lebzeiten hochgeachteten Erzbischofs Fürst Adam
Stefan Sapieha2 die erste Ausgabe des Tygodnik Powszechny, deutsch: Allgemeine Wo-
chenzeitung. [3]
Der Tygodnik blieb bis 1989 die einzige legale nichtkommunistische Zeitung des ge-
samten » Ostblocks «. Andere 1945 gegründete bzw. wiedererstandene nicht-kommunis-
tische Zeitungen, wie der ebenfalls katholische Tygodnik Warszawski und die Gazeta
Ludova, wurden schon Ende der vierziger Jahre unterdrückt. Der Tygodnik Powszechny
wurde neben der bereits am 21. August 1944 auf Initiative der Polska Partia Robotnicza
(PPR), der (kommunistischen) Polnischen Arbeiterpartei, wieder eröffneten Katolicki
Uniwersytet Lubelski (KUL), der Katholischen Universität Lublin, der bis 1989 einzi-
gen privaten Universität im kommunistischen Machtbereich, zu einer Plattform katho-
lischer Intellektueller.
Es bildeten sich daher in Polen noch vor Beginn der Sowjetisierung Strukturen vom
Staat relativ unabhängiger gesellschaftlicher Kommunikation. Die kommunistische
Führung duldete diese Strukturen im kontrollierbaren Umfang, da sie sich von ihnen
eine gewisse Mäßigung der katholischen Mehrheit des Landes versprach. Jahrzehnte
später wurden diese Strukturen in Ergänzung weiterer sozialer Formationen zu Nuklei
der sich emanzipierenden Gesellschaft. Auch die katholische Kirche und Institutionen
wie die KUL waren jedoch letztlich kein sicherer Hort unabhängiger Kommunikation,
wie noch 2006 der Fall des Priesters und Professors der Uniwersytet Kardynała Stefana
Wyszyńskiego Michał Czajkowski und 2007 der Fall des Erzbischofs Stanisław Wielgus
beispielhaft zeigten, die beide für den polnischen Geheimdienst gearbeitet hatten. Hin-
weise, dass ein weiterer hochrangiger Repräsentant des Episkopats Zuträger des Ge-
heimdienstes gewesen sein soll, sind meines Wissens bislang noch nicht abschließend
entkräftet worden. [4]
Aufgrund der Weigerung der Redaktion des Tygodnik, einen Nachruf auf den am
5. März 1953 verstorbenen Josef Stalin abzudrucken, wurde die Zeitung 1953 der Redak-
tion entzogen. Sie wurde der 1947 gegründeten pro-kommunistischen Vereinigung PAX
übereignet, die bis 1956 die Zeitung herausgab. Bis 1961 hatte sie eine vom Staat limitierte
Auflage von 50 000, von 1961 bis 1980 von noch 40 000 Exemplaren.
Zum Motto des Tygodnik Powszechny wurde: » Lieber schweigen als lügen « [5], d. h.
eher auf einen Beitrag zu verzichten, als einen Sachverhalt unwahr darstellen zu müssen.
Diese moralische Orientierung wird uns in abgewandelten Umschreibungen bei den
Dissidenten in der Sowjetunion, der Tschechoslowakei, Ungarns und der DDR häufiger
begegnen. Sie war auch bei dem in Litauen – zu jener Zeit zum russischen Zarenreich
gehörend – geborenen polnischen Dichter Czesław Miłosz3 leitend.
Miłosz verfasste aufgrund seiner mit Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus

2 Adam Stefan Sapieha: 14. Mai 1967 – 23. Juli 1951. Fürst Sapieha wurde im Februar 1946 Kardinal. Er
weihte am 1. November 1946 Karol Józef Wojtyła zum Priester.
3 Czesław Miłosz: 30. Juni 1911 – 14. August 2004.
Polen in der Nachkriegszeit 33

gemachten Erfahrungen den 1953 zuerst in englischer Sprache erschienenen Essayband


» The Captive Mind «. Zur deutschen Ausgabe von 1954 mit dem Titel » Verführtes Den-
ken « schrieb Karl Jaspers in seinem Vorwort: » Dieses Buch ist schließlich wie eine Frage
an den modernen Menschen, der leer geworden ist (soweit das wahr ist) und sich in
einen Glauben stürzt, der den Terror rechtloser Vernichtung zur Folge hat und sich der
Versklavung des Geistes als Instrument bedient. Miłosz’ Buch ist […] eine beschwö-
rende Warnung vor dem Glauben, der in der Praxis die wunderliche Gestalt der Bewäh-
rung durch die Lüge, der Wahrheit durch die Lüge hat, die Gestalt der die Substanz des
Menschen verbrennenden Dialektik. « [6]
Der Kampf gegen die Lüge, deren Funktion es war, die kommunistische Illusion und
die imperialen Ambitionen der Sowjetunion gegen Angriffe und Kritik zu immunisie-
ren, war das zentrale Anliegen der Dissidenz. Der Kampf traf den zentralen Webfeh-
ler des Sowjetsystems. Der ukrainische Schriftsteller und Kritiker Mykola Rjabtschuk
hob 2005 in einem Essay genau diesen entscheidenden Webfehler hervor und unter-
strich damit, ohne dies jedoch zu erwähnen, die Bedeutung des Kampfes der Dissiden-
ten: » Weder Raketen noch Panzer, noch die Prawda konnten die Sowjetunion vor dem
Zusammenbruch retten. Das System der rigiden Zensur und der totalen ideologischen
Indoktrination hatte trotz seiner relativen Effizienz einen wesentlichen (und fatalen)
Mangel. Es sah sich gezwungen, die Informationsflüsse zu filtern, einzuschränken und
sogar zu fälschen, wodurch es die notwendige Rückkoppelung zwischen einzelnen Insti-
tutionen des Staates und verschiedenen Segmenten der Gesellschaft zerstörte. Indem der
Staat durch ideologische Dogmen das Verhalten seiner Untertanen rigoros reglemen-
tierte, engte er die natürliche Initiative der Menschen, ihre wirtschaftlichen, kulturellen
und gesellschaftlichen Aktivitäten ein. In letzter Konsequenz führte dies dazu, daß die
sowjetische Gesellschaftsordnung nicht wettbewerbsfähig war und nach und nach le-
bensunfähig wurde. « [7]
Auch in Polen endete der Stalinismus 1956. Nikita Chruschtschows » Geheimrede «
am 25. Februar auf dem XX. Parteitag der KPdSU war Ausgangspunkt der Entstalinisie-
rung in Polen. [8] Der Repräsentant des polnischen Stalinismus, der Generalsekretär des
ZK der Polska Zjednoczona Partia Robotnicza (PZPR), deutsch: Polnische Vereinigte
Arbeiterpartei (PVAP), Bolesław Bierut, erkrankte während des Parteitages und verstarb
am 12. März 1956 in Moskau.
In ganz Polen fanden im Frühjahr und Frühsommer 1956 von der Partei organisierte
Versammlungen und in zunehmender Zahl spontane Demonstrationen statt, auf denen
die Rede Chruschtschows verlesen und diskutiert wurde. Auf Anordnung des ZK war
die Rede in hoher Auflage vervielfältigt und der Partei zur » internen Verwendung « zur
Verfügung gestellt worden. In einem ersten Schritt der Entstalinisierung erließ der Sejm
am 27. April eine Amnestie für etwa 35 000 Inhaftierte, darunter um die 4 500 politi-
schen Häftlinge.
Auch in der ČSSR, vor allem in Prag und Bratislava (Pressburg), fanden im Mai von
Studenten organisierte Demonstrationen statt, auf denen eine Einschränkung der Zen-
sur und die Beendigung der elektrotechnischen Störung, jamming, ausländischer Sen-
der gefordert wurde.
34 Erster Teil: » What’s past is prologue «

In Posen entstand am 28. Juni aus anfänglich friedlichen Protesten gegen die un-
zumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen ein Massenaufstand gegen das kommu-
nistische Regime und gegen die Vormacht Sowjetunion. Es gab bei der Vorbereitung
der Demonstrationen Ansätze von Organisierung und Koordination zwischen Arbei-
tergruppen der Posener Großbetriebe.
» Auf dem Protestmarsch der Arbeiter in Richtung Stadtzentrum und während der
großen Versammlung auf dem damaligen Stalinplatz – heute Mickiewicz-Platz – wur-
den folgende Parolen skandiert oder auf Transparenten getragen: › Wir wollen Freiheit ! ‹ –
› Weg mit der Diktatur ! ‹ – › Wir wollen freie Wahlen unter UN-Kontrolle ! ‹ – › Weg mit
der Partei ! ‹ – › Weg mit den kommunistischen Regierungen ! ‹ – › Es lebe Stanisław
Mikołajczyk ! ‹4 – › Wir wollen Gott ! ‹ – › Wir fordern Religionsunterricht in den Schu-
len ! ‹. Man rief: › Weg mit den Russen ! ‹ – › Weg mit den Moskowitern ! ‹ – › Weg mit den
17 Jahren Gefangenschaft ! ‹. « [9]
Der Aufstand wurde von zwei Panzerdivisionen mit mehr als 10 000 Soldaten und
über 400 Panzern und gepanzerten Fahrzeugen blutig niedergeschlagen.
Bewirkt durch den Kurswechsel der KPdSU sowie angesichts der tiefen gesellschaft-
lichen und wirtschaftlichen Krise Polens und mit der Erfahrung des » Poznański Czer-
wiec «, deutsch: Posener Juni, versuchte die regierende kommunistische Partei eine neue
Grundlage für ihre Politik zu finden. Die Wahl von Władysław Gomułka zum Ersten Se-
kretär des ZK sollte hierfür der sichtbare Ausdruck sein. Sein politischer Sturz 1948 und
die Inhaftierung von 1951 bis 1954 unter Bierut hatten Gomułka ein enormes Ansehen
bei der Bevölkerung verschafft.
Die vom Ersten Sekretär des ZK der PZPR Edward Ochab initiierte Entscheidung
des 8. ZK-Plenums vom 19. Oktober, den in der UdSSR als » Nationalkommunisten « auf
Ablehnung stoßenden Władysław Gomułka zum Ersten Sekretär zu nominieren, fand
gegen den erklärten Willen der sowjetischen Führung statt. Gomułkas Widerstand ge-
gen die Drohungen der am gleichen Tag nach Warschau angereisten sowjetischen Füh-
rung mit Nikita Chruschtschow, dem Ersten Sekretär des ZK der KPdSU, Anastas Miko-
jan, Nikolai Bulganin, Wjatscheslaw Molotow, Lasar Kaganowitsch und Marschall Iwan
Konew, dem Oberkommandierenden der Streitkräfte des Warschauer Paktes, schweißte
die polnische Nation zusammen.
Die Führung der PZPR erreichte bei den Verhandlungen im Warschauer Pałac Bel-
wederski, Palast Belvedere, von der sowjetischen Führung erhebliche Konzessionen,
trotz der bereits seit dem Vortag in Richtung Warschau rollenden zwei sowjetischen
Panzerdivisionen und der in die Danziger-Bucht einlaufenden sowjetischen Kriegs-
schiffe unter Führung des Kreuzers Shdanow.
Es ist möglich, dass einer der Gründe, warum die sowjetische Führung von einer
militärischen Intervention absah, Mao Tse-tungs Mitteilung an Chruschtschow vom

4 Stanisław Mikołajczyk: 18. Juli 1901 – 13. Dezember 1966. Seit 1921 Mitglied und seit 1937 Vorsitzender
der Polskie Stronnictwo Ludowe (PSL), Polnische Bauernpartei, 1943 Premierminister der Exilregierung
in London und von 1944 bis zu seiner Flucht Vize-Premier der Koalitionsregierung Polens.
Polen in der Nachkriegszeit 35

20. Oktober war, dass die KP-Chinas ein militärisches Eingreifen der Sowjetunion öf-
fentlich verurteilen würde. [10]
Gomułkas einstimmige Wahl zum Ersten Sekretär des ZK der PZPR am 21. Oktober
war keineswegs das Ende der gesellschaftlichen Unruhe.
Die ab dem 19. Oktober in den Städten der Volksrepublik ursprünglich von der PZPR
angeregten Massenversammlungen veränderten zusehends ihren Charakter und die
Zielrichtung: Aus Versammlungen zur Unterstützung der neuen Parteiführung wurden
mehr und mehr Versammlungen, bei denen Protest gegen die Stationierung sowjeti-
scher Truppen in Polen und gegen die Dominanz sowjetischer Offiziere in der polni-
schen Armee laut wurden. Bei den Massendemonstrationen, an denen in einigen Städ-
ten Zehntausende teilnahmen, wurde u. a. die Freilassung des 1953 inhaftierten Primas
der Katholischen Kirche Polens Stefan Kardinal Wyszyński gefordert. – Dieser wurde
am 26. Oktober dann tatsächlich freigelassen. – Bei einigen Massenversammlungen
wurde sogar die Forderung nach Rückkehr von Wilno (Vilnius, Wilna) und Lwów (Lwiw,
Lemberg) zu Polen erhoben. Während und nach der militärischen Niederschlagung des
Volksaufstandes in Ungarn nahmen die antisowjetischen Proteste an Heftigkeit zu. Bis
in den Dezember hielten die Proteste an.
Den Massendemonstrationen, die Paweł Machcewicz in seiner Studie » Rebellious
Satellite – Poland 1956 « als Ausdruck sozialer Bewegungen in das Zentrum der Ana-
lyse stellt, fehlte es sowohl an Struktur als auch an einem gemeinsamen Programm. Die
Bewegungen waren für kurze Zeit lediglich vereint in ihrer Ablehnung des Stalinismus,
der Sowjetisierung und Russifizierung, und im Protest gegen die Unterdrückung der ka-
tholischen Kirche. Diese Erfahrung mangelnden dauerhaften Erfolges unorganisierter
Massenproteste sollte für die Zukunft Ausgangspunkt konzeptioneller Überlegungen bei
Oppositionellen in Polen werden.
Gomułka erlangte durch seinen Erfolg bei den Verhandlungen mit der sowjetischen
Führung kurzzeitig ein Renommee, das auch in andere Staaten des sowjetischen Blocks
ausstrahlte. Mit dieser innenpolitischen Stärkung unternahm Gomułka den aus seiner
Sicht dringend notwendigen Versuch, die gesellschaftliche Basis für seine Herrschaft zu
verbreitern. So bot die PZPR der Gruppe der katholischen Intellektuellen, der bedeu-
tendsten parteifernen gesellschaftlichen Gruppierung, einige eng begrenzte politische
Mitwirkungsmöglichkeiten an. Für diese Konzession des Regimes hatte die Gruppe die
vorgegebenen Grundlagen des politischen Systems der Volksrepublik zu akzeptieren.
» Als Preis für ihre Integration ins öffentliche Leben verzichteten sie von vornherein
darauf, als politische Opposition aufzutreten, und akzeptierten die realpolitischen Ge-
gebenheiten: das Bündnis mit der Sowjetunion. « [11]
Grundlage für die Bereitschaft dieser als » Neopositivisten « bezeichneten Gruppe,
mit der kommunistischen Regierung zu kooperieren, war der Optimismus ihrer füh-
renden Repräsentanten, dass unter Anerkennung der realpolitischen Gegebenheiten mit
der sich reformierenden Partei eine begrenzte Zusammenarbeit möglich sei.
Leonid Luks schrieb 1987 über diese Selbstbeschränkung der Intellektuellengruppe:
» Es waren Einsichten, die im Wesentlichen bis heute das Verhalten der Katholiken be-
stimmen. Vielleicht am präzisesten wurden sie in der ersten Nummer des neuentstande-
36 Erster Teil: » What’s past is prologue «

nen Tygodnik Powszechny (25. 12. 1956) durch seine bedeutendsten politischen Publizis-
ten, Stefan Kisielewski5 und Stanisław Stomma6, formuliert. Man müsse davon ausgehen,
so die Autoren, dass Polen für unabsehbare Zeit unter sowjetischer Hegemonie bleiben
werde. Ein Ausbruch aus dem Ostblock sei unter gegebenen Umständen eine Utopie.
Auch mit der Vorherrschaft der kommunistischen Partei müsse sich die polnische Ge-
sellschaft abfinden. « [12] In seinem Buch » Katholizismus und politische Macht « zitierte
Luks zum Beleg der Illusionen der » Neopositivisten « einen Artikel Stommas aus dem
Tygodnik Powszechny vom 10. März 1957, in dem dieser » von einer erneuerten Partei, die
an die Seite des Volkes übergetreten sei « schrieb. [13]
Infolge dieser seitens der PZPR an einer Systemstabilisierung orientierten sehr be-
grenzten Öffnung des » Polnischen Oktober « von 1956 wurden Mitarbeiter des Tygodnik
Powszechny zu Initiatoren der Gründung von insgesamt fünf Kluby Inteligencji Kato-
lickiej (KIK), deutsch: Klubs der Katholischen Intelligenz, die den Katholiken vom Re-
gime zugestanden wurden. KIKs wurden am 23. Oktober 1956 in Warschau und nach-
folgend in Posen, Thorn, Breslau und in Krakau gegründet, in Krakau unter Leitung des
Historikers und Publizisten Antoni Gołubiew7.
Eine weitere Konzession Gomułkas war die Zulassung einer kleinen regimeunab-
hängigen katholischen Abgeordnetengruppe im nationalen Parlament, dem Sejm. Die
Gruppe führte den Namen Znak, deutsch: Zeichen. [14] Sie hatte in der Zeit von 1957 bis
1976 zwischen fünf und elf bei insgesamt 459 Abgeordneten im Sejm, womit sie » die ka-
tholische Mehrheit des Landes nur symbolisch repräsentierte. « [15] Die Gruppe Znak
symbolisierte den Versuch kirchennaher Kreise, im Dialog mit der politischen Macht
diese zu dauerhaften Konzessionen zu bewegen und für die Bürger Freiheitsräume zu
eröffnen. Als Vorleistung akzeptierte Znak die Systemgrundlagen der Volksrepublik,
d. h. die » führende Rolle « der PZPR und die Zugehörigkeit Polens zum Sowjetblock.
Die Hoffnung auf die Reform- und Kompromißfähigkeit der Partei sollte trotz häufi-
ger Demonstration regimeeigener Brutalität erst 1976 vollständig der Realität erliegen.
Der in Wilna, dem heutigen Vilnius, geborene Stanisław Stomma war von 1957 bis
1976 Mitglied und Sprecher der Abgeordnetengruppe Znak. Stomma, » Nestor der pol-
nisch-deutschen Aussöhnung « [16], wird dem Leser an mehreren Stellen dieser Darstel-
lung begegnen.
Von 1957 bis 1965 war der Publizist Stefan Kisielewski Mitglied der Abgeordneten-
gruppe.
Von 1961 bis 1971 war auch Tadeusz Mazowiecki8 Abgeordneter von Znak. Mazo-
wiecki hat 1958 zusammen mit zwei weiteren ehemaligen Mitgliedern der katholischen

5 Stefan Kisielewski: 7. März 1911 – 27. September 1991. Kisielewski war Dichter und Komponist.
6 Stanisław Stomma: 18. Januar 1908 (in Wilna) – 21. Juli 2005. Stomma hat an der Uniwersytet Stefana
Batorego in Wilno (heute: Vilnius) Jura studiert. Er war Studienkollege von Czesław Miłosz. Von 1989
bis 1991 war er Mitglied des Senats.
7 Antoni Gołubiew: 25. Februar 1907 (in Wilna) – 27. Juni 1979. Gołubiew hatte 1931 in Wilno die Schrift-
stellergruppe Żagary mitgegründet, der auch Czesław Miłosz angehörte.
8 Tadeusz Mazowiecki: 18. April 1927 – 28. Oktober 2013. Mazowiecki war von 1989 bis 1990 Ministerprä-
sident. 1991 – 1994 Vorsitzender der Partei Unia Demokratycza und nach Zusammenschluß mit der KLD
Polen in der Nachkriegszeit 37

Laienorganisation » PAX «, nämlich mit dem Juristen Janusz Zabłocki9 und Wojciech
Wieczorek10, die Zeitschrift Więź, deutsch: Bund oder Bindung, gegründet. [17] Die Zeit-
schrift » trat für einen sozial engagierten Katholizismus und für einen Dialog mit den
Marxisten ein. Das › realpolitische ‹ Programm Stommas und Kisielewskis bezeichnete
sie als › politischen Minimalismus ‹. « [18]
Obwohl die katholischen Gruppen sehr klein und die Auflagen der von ihnen he-
rausgegebenen Zeitungen und Zeitschriften sehr niedrig waren, wird ihr Einfluss
hoch eingeschätzt. Leonid Luks verwendete zu ihrer Bezeichnung den vom Soziolo-
gen Tadeusz Szawiel eingeführten Begriff » grupy etosowe «, Ethos-Gruppen. » Es handelt
sich dabei um kleine, innerlich recht homogene Gruppen, die aufgrund ihrer intellek-
tuellen Potenz und ihrer moralischen Integrität, die sie wiederholt unter Beweis stellten,
eine außerordentliche Ausstrahlungskraft besitzen. Ihr Einfluss steht zu ihrer Mitglie-
derzahl in keinem Verhältnis. Eine solche Ethos-Gruppe sollte z. B. nach 1976 das Komi-
tee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) darstellen. « [19]
Infolge der Ereignisse von 1956 erhielten nicht allein Intellektuelle mit kirchlicher
Bindung einen gewissen Bewegungsspielraum: Es entstand nach dem Polnischen Okto-
ber eine größere Zahl weiterer unabhängiger Intellektuellenklubs. Auch dem bekanntes-
ten Intellektuellenzirkel, dem 1955 gegründeten linkssozialistischen Klub Krzywego Koła,
deutsch: Klub des krummen Kreises, unter Vorsitz von Jan Józef Lipski11 [20], wurde für
eine kurze Zeit mehr Freiraum zugebilligt. Unter den Mitgliedern waren auch einzelne
Mitglieder der PZPR sowie einige, die vor 1948 der PPS angehört hatten. Insofern stand
der Klub in der Tradition der Polska Partia Socjalistyczna, der Polnischen Sozialisti-
schen Partei.
Mitglieder des Zirkels waren u. a. der Historiker Władysław Bartoszewski, der An-
walt Ludwik Cohn12, der international renommierte marxistische Philosoph Leszek
Kołakowski13, der Historiker, Pädagoge und Funktionär des Kommunistischen Ju-
gendverbandes » Związek Młodzieży Polskiej « (ZMP) Jacek Kuroń14, der bedeutende

Vorsitzender der neugegründeten Unia Wolności (UW), deutsch: Freiheitsunion. Von 1992 bis 1995 war
er Sonderbeauftragter der UN-Menschenrechtskommission.
9 Janusz Zabłocki: 18. Februar 1926 – 13. März 2014. Zabłocki war von 1965 bis 1980 Sejm-Abgeordne-
ter der Gruppe Znak und von 1980 bis 1985 Abgeordneter für » Polski Związek Katolicko-Społeczny «
(PZKS), Polnischer Katholischer Sozialverband. Er hatte bereits Ende der sechziger Jahre nationalisti-
sche Positionen vertreten, die von der Mehrheit der Znak-Gruppe entschieden abgelehnt wurden.
10 Wojciech Wieczorek: 5. Oktober 1928 – 7. August 2012. Wieczorek war von Juli bis Oktober 1990 Bot-
schafter der Republik Polen in der DDR und bis November 1991 Leiter der polnischen Vertretung in
Berlin.
11 Jan Józef Lipski: 26. Mai 1926 – 10. September 1991. Lipski war ab 1989 Senator.
12 Ludwik Cohn: 23. Juni 1902 – 14. Dezember 1981.
13 Leszek Kołakowski: 23. Oktober 1927 – 17. Juli 2009.
14 Jacek Kuroń: 3. März 1934 – 17. Juni 2004. Kuroń war bis zu ihrer Auflösung 1956 führender Funktionär
des Związku Młodzieży Polskiej (ZMP), des staatlichen Jugendverbandes. 1956 gründete er die Pfadfin-
dergruppe » Walterowcy «, die 1961 verboten wurde. Adam Michnik war ein » Walterianer «. Kuroń war
nach dem Umbruch Abgeordneter im Sejm von 1989 bis 2001. Er war Arbeitsminister von 1989 bis 1990
und 1992/1993.
38 Erster Teil: » What’s past is prologue «

Wirtschaftswissenschaftler und Sozialist Edward Lipiński15, der Publizist Aleksander


Małachowski16, der Schüler Adam Michnik17, der Historiker Karol Modzelewski18, der
Jurist und Journalist Jan Olszewski19, der Dichter und Schriftsteller Antoni Słonimski20,
die Rechtsanwältin Aniela Zofia Steinsbergowa21, der Soziologe Jan Strzelecki22 und
Andrzej Wielowieyski23, der gleichzeitig Mitglied des Warschauer KIK war. Auch Jerzy
Urban24 war Mitglied im Klub. Der Klub wurde 1962 von Gomułka aufgelöst.
Bewegung war auch in der Kulturpolitik feststellbar: Adam Michnik bemerkte dazu
2008: » Die polnische Kultur, die Universitäten, Theater und Kinos erhielten damals sehr
breite Autonomie. […] Das brennende Budapest nach dem Einmarsch der russischen
Armee 1956 hat dann aber auch gezeigt, wo die Grenzen dieser Reformen liegen. « [21]
Eine der bedeutenden Neuerungen in der Kultur war die Gründung des Kabaretts
Piwnica pod baranami im Keller des Adelspalastes » Zu den Widdern « am Krakauer
Rynek Główny. Der Gründer, der heute legendäre und verehrte Piotr Skrzynecki25 ge-
hörte für vierzig Jahre zu den prägenden Personen einer für die Freiheit eintretenden
politischen Kunst in Polen.
Die nach der » Geheimrede « entstandene gesellschaftliche Unruhe in Polen wurde in
Ungarn und in der ČSSR aufmerksam wahrgenommen, zumal der » Posener Aufstand «
und der » Polnische Oktober « stießen auf große Beachtung. So berichtete Anfang Juli
1956 ein Memorandum der tschechischen Státní bezpečnost (StB), deutsch: Staatssicher-
heit, über eine große Zahl von Arbeitern in den grenznahen tschechischen Gebieten, die
» die von imperialistischen Agenten in Posen begangenen Provokationen von ganzem
Herzen begrüßten. « [22] Noch mehr Besorgnis bei Partei und Geheimdienst lösten Mel-
dungen über die Wirkung der Posener Ereignisse auf die polnische Minderheit in der
mährisch-schlesischen Region um Ostrava aus.

15 Edward Lipiński: 18. Oktober 1888 – 13. Juli 1986.


16 Aleksander Małachowski: 23. November 1924 – 26. Januar 2004. Małachowski war Abgeordneter im
Sejm von 1989 bis 2004.
17 Adam Michnik: geb. am 17. Oktober 1946. Michnik war von 1989 bis 1991 Abgeordneter im Sejm. Er war
1989 Mitgründer und ist Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, der nunmehr auflagenstärksten Tages-
zeitung Polens.
18 Karol Modzelewski: geb. am 23. November 1937. Modzelewski war von 1989 bis 1991 Senator.
19 Jan Olszewski: geb. am 20. August 1930; Olszewski war von 1991 bis 2005 Abgeordneter im Sejm.
1991/1992 war er Ministerpräsident.
20 Antoni Słonimski: 15. November 1895 – 4. Juli 1976. Słonimski war von 1956 bis 1959 Vorsitzender des
Polnischen Schriftstellerverbandes.
21 Zofia Steinsbergowa: 29. Juni 1886 – 22. Dezember 1988.
22 Jan Strzelecki: 4. Juli 1919 – 11. Juli 1988. Er starb an den Folgen eines nicht aufgeklärten Überfalls.
23 Andrzej Wielowieyski: geb. am 16. Dezember 1927. Wielowieyski war Mitglied des Senats der I. und der
IV. Kadenz. Er war Abgeordneter des Sejms in der II. und III. Kadenz und Abgeordneter des Europa-
parlaments von 2008 bis 2009.
24 Jerzy Urban: geb. am 3. August 1933. Urban war von August 1981 bis April 1989 Regierungssprecher Ge-
neral Jaruzelskis. Er gründete 1990 die wöchentlich erscheinende Satirezeitschrift Nie, deutsch: Nein,
deren Eigentümer und Chefredakteur er nach wie vor ist.
25 Piotr Skrzynecki: 12. September 1930 – 27. April 1997.
Polen in der Nachkriegszeit 39

In Ungarn hatten am 12. Juli 1956 mehr als 10 000 Arbeiter der Mátyás-Rákosi-Stahl-
werke in Budapest die Arbeit niedergelegt und einen Demonstrationszug organisiert.
Auslöser der Herbstereignisse in Ungarn war eine zuerst verbotene, dann doch ge-
nehmigte studentische Solidaritätsdemonstration für die Reformen in Polen zuerst vor
dem Denkmal für den polnischen General Józef Bem und dann vor dem Budapester
Parlament am 23. Oktober. Die Aktion wurde von breiten Bevölkerungsschichten getra-
gen. Die auf ungefähr 200 000 Teilnehmer angewachsene Demonstration erhob die For-
derung an die eigene Führung, es den Polen auf dem Weg eigenständigeren Handelns
gleichzutun. [23] – Am Abend kam es zu ersten Schießereien mit Todesopfern vor dem
Rundfunkgebäude und zum Sturz des Stalin-Monuments im Városliget, deutsch: Stadt-
wäldchen, von Budapest. – Umgekehrt kam es dann an den folgenden Tagen in Polen zu
Solidaritätsdemonstrationen und Hilfsaktionen für Ungarn.
Auch die PZPR-Führung ließ am 28. Oktober in einem in Polen und in Ungarn pu-
blizierten Aufruf Kritik am Eingreifen sowjetischer Militärverbände in die am 23. Ok-
tober in Budapest ausgebrochenen Kämpfe erkennen. Die polnischen Kommunisten er-
klärten sich mit der Regierung Imre Nagys solidarisch. [24] In einem weiteren Appell
wandte sich die Führung der PZPR noch am 1. November 1956 gegen eine Intervention
von außen, obwohl zuvor Gomułka in Brest von Chruschtschow über die bereits am
Vortag beschlossene Militärintervention informiert worden war.
Die dramatische Entwicklung in Ungarn führte zu heftigen Reaktionen auch in Ru-
mänien, insbesondere bei der ungarischen und auch bei der deutschen Minderheit
des Landes. In Timişoara begannen am 30. Oktober Studentendemonstrationen, die
sich auch auf Bukarest, Cluj und Iaşi ausweiteten. Aus Protesten gegen soziale Miss-
stände an den Universitäten wurden gegen das kommunistische Regime gerichtete
Demonstrationen. Einheiten der Armee und der Geheimpolizei, des Departamentul
Securității Statului (Securitate), unterdrückten gewaltsam die Demonstrationen. Es gab
mehr als 2 000 Festnahmen.
Es würde zu weit führen, die dramatischen und letztlich tragischen Ereignisse des
Ungarischen Volksaufstandes nachzuzeichnen, die am frühen Morgen des 4. Novem-
ber mit der massiven sowjetischen Militärintervention eskalierten und bis zum 10. No-
vember andauerten, dem Tag der Niederschlagung des letzten Widerstands. Für uns ist
es von Bedeutung festzuhalten, wie sehr die Entwicklungen in den Staaten Mittel- und
Osteuropas in Interaktion traten, insbesondere die Proteste. Die Ereignisse in der Volks-
republik Polen wurden nicht nur in der ČSSR und in Ungarn, sondern auch in den an-
deren Staaten Mittel- und Osteuropas aufmerksam wahrgenommen, sogar in der VR
China. Wolfgang Templin schrieb: » Es war die Zeit, in welcher der russische Lyriker
und spätere Literaturnobelpreisträger Jossif Brodski Polnisch lernte, um den dortigen
Veränderungen näher zu sein. « [25] Templin wies auch darauf hin, dass » die Nachrich-
ten von der Resonanz der ungarischen und polnischen Ereignisse in der Sowjetunion
selbst « den Ausschlag für die Entscheidung Moskaus gaben, in Ungarn 1956 militärisch
zu intervenieren. [26]
Die sowjetische Führung befürchtete ein Überschwappen der Entwicklungen auf das
eigene Land. Dieses ist ein eindeutiges Beispiel für folgende These: Bereits für 1956 gilt,
40 Erster Teil: » What’s past is prologue «

dass zum Verständnis der Entwicklungen in den Staaten Mittel- und Osteuropas die
wechselseitige Wahrnehmung und gegenseitige Beeinflussung ein gewichtiger Faktor ist.
Die These bezieht sich nicht allein auf die Interdependenzen intellektueller Zirkel.
In der Wahrnehmung der Bürger Mittel- und Osteuropas überdeckten die Ereignisse
in Ungarn die Vorgänge in Polen. Im Westen dominierten die Nachrichten über die Nie-
derschlagung des Volksaufstandes in Ungarn und die Nachrichten über die gleichzeitige
Suez-Krise. Im Schatten dieser Ereignisse fand der Polnische Oktober relativ wenig Be-
achtung. – Aber auch der verzweifelte Hilferuf im Telex des Direktors der Ungarischen
Nachrichten Agentur (MTI) » Wir sterben für Ungarn und für Europa « verhallte schnell.

2 Die frühen sechziger Jahre in Polen

Im folgenden Text werden für die sechziger Jahre einige Momente der weiteren Ent-
wicklung der Dissidenz in Polen skizziert.
Mitarbeiter des Tygodnik, Mitglieder der KIKs und ehemalige Mitglieder des bereits
1962 verbotenen Klubs des krummen Kreises gehörten am 14. März 1964 mit zu List 34,
deutsch: Brief der 34, einer Gruppe von 34 Intellektuellen, die in ihrer Petition an den
Staatsrat das Recht auf öffentliche Kritik, auf freie Diskussion und auf sachliche Infor-
mation forderten.
Mit dem Initiator der Aktion, Antoni Słonimski, und mit Jerzy Andrzejewski26 wa-
ren berühmte Schriftsteller und Dichter unter den Unterzeichnern. Andrzejewskis Be-
teiligung an der Petition war von besonderer Bedeutung. Der Autor der 1948 verfassten
und 1958 von Andrzej Wajda verfilmten Novelle » Asche und Diamant « war von 1950 bis
1957 Mitglied der PZPR.
Es beteiligten sich mit Maria Dąbrowska27, Paweł Jasienica28, Zofia Kossak-Szczucka29
und Jerzy Zagórski30 Schriftsteller, die sich bereits zur Zeit der Zweiten Republik oder
während der deutschen Besetzung in herausragender Weise für die Menschenrechte ein-
gesetzt hatten, und Intellektuelle wie der Mediävist Aleksander Gieysztor31, die führende
Positionen bei der Armia Krajowa, der polnischen Untergrundarmee, hatten. – List 34
ist ein bedeutsames Beispiel für die Tradition des polnischen Widerstands gegen Un-
rechtsregime.

26 Jerzy Andrzejewski: 19. August 1909 – 19. April 1983. Andrzejewski gab zusammen mit Czesław Miłosz
während der deutschen Besetzung 1940 in Warschau den ersten illegalen Gedichtband heraus. Er war
bis 1956 Fürsprecher des » sozialistischen Realismus « und ist 1957 aus der PZPR ausgetreten.
27 Maria Dąbrowska: 6. Oktober 1889 – 19. Mai 1965.
28 Paweł Jasienica (Geburtsname: Leon Lech Beynar): 10. November 1909 – 19. August 1970. 1962 letzter
Präsident vom Klub Krzywego Koła. Seine Beerdigung war eine Manifestation der Dissidenz.
29 Zofia Kossak-Szczucka: 10. August 1889 – 9. April 1968. Sie war während der deutschen Besetzung Or-
ganisatorin der Untergrundorganisation » Żegota «, die sich für die Rettung polnischer Juden einsetzte.
30 Jerzy Zagórski: 3. Dezember 1907 – 5. August 1984. Zagórski war ebenfalls Mitglied von » Żegota « Er hat-
te 1931 in Wilna die Schriftstellergruppe » Żagary « mit gegründet.
31 Aleksander Gieysztor: 17. Juli 1916 – 9. Februar 1999. Gieysztor wurde 1986 Mitglied des Konsultativrates
beim Staatspräsidenten und war 1989 Teilnehmer am Runden Tisch.
Die frühen sechziger Jahre in Polen 41

Die Unterschriftenaktion wurde von Jan Józef Lipski organisiert. [27] Die heraus-
ragende Bedeutung von List 34 war, dass zum ersten Mal prononciert katholische In-
tellektuelle, Stefan Kisielewski und der Chefredakteur des Tygodnik Powszechny Jerzy
Turowicz32, und Intellektuelle, deren politische Herkunft die Polska Partia Socjalistyczna
(PPS) war, deutsch: Polnische Sozialistische Partei, bzw. ehemalige Mitglieder der PZPR
zu einer gemeinsamen Aktion zusammenfanden. [28]
1965 wurde die Gruppe Ruch, deutsch: Bewegung, gegründet, eine vornehmlich in
Łódź aktive Untergrundorganisation für nationale Unabhängigkeit. Gründer der Gruppe
waren u. a. Andrzej Czuma33, Benedykt Czuma34, Stefan Niesiołowski35 der Journalistik-
student Emil Morgiewicz36 und Marian Gołębiewski37, ein ehemaliger Offizier der Ar-
mia Krajowa, deutsch: Heimatarmee, und » Cichociemni «, Fallschirmjäger der polni-
schen Exilarmee, die im Zeiten Weltkrieg auf der Seite der Westalliierten kämpfte.
Am 20. Juni 1970 wurde die Gruppe in einer Verhaftungswelle vom Staatssicherheits-
dienst SB (Służba Bezpieczeństwa) zerschlagen. [29]
Es wäre ein Versäumnis, würde an dieser Stelle nicht auf den bahnbrechenden Brief
der am II. Vatikanischen Konzil teilnehmenden polnischen Bischöfe an die Deutsche
Bischofskonferenz vom 18. November 1965 hingewiesen. Dieses vom Weihbischof von
Breslau Bolesław Kominek38 verfasste Gesprächsangebot, nur zwanzig Jahre nach Kriegs-
ende, enthielt den nicht nur vom kommunistischen Regime, sondern auch von großen
Teilen der polnischen Gesellschaft erbittert angefeindeten Satz: » Wir, die Bischöfe Po-
lens, strecken unsere Hände zu Ihnen, den Bischöfen Deutschlands, wir gewähren Ver-
gebung und bitten um Vergebung «.
Ausdrücklich erwähnte der Brief nicht nur die Leiden der Polen während des Krie-
ges und der deutschen Besetzung, sondern auch » das Leid der Millionen von Flüchtlin-
gen und vertriebenen Deutschen «. Der Brief dokumentierte die Gesprächsbereitschaft
des polnischen Episkopats und entsprach zugleich der Verständigungsbereitschaft vieler

32 Jerzy Turowicz: 10. Dezember 1912 – 27. Januar 1999. Turowicz wurde zu einem engen Vertrauten von
Karol Wojtyła, ab 1964 Erzbischof von Krakau und von 1978 bis 2005 Papst Johannes Paul II.
33 Andrzej Czuma: geb. am 7. Dezember 1938. A. Czuma erhielt 1971 eine Strafe von 7 Jahren Haft. Wohl
aufgrund der Fürsprache von Edward Lipiński bei Gierek wurde er 1974 zusammen mit der restlichen
Führung von Ruch freigelassen. Vom 12. Dezember 1981 bis zum 23. Dezember 1982 wurde Czuma in
Internierungslagern gefangen gehalten Er war von Januar bis Oktober 2009 Justizminister in der Regie-
rung von Donald Tusk.
34 Benedykt Czuma: geb. am 27. Januar 1941. B. Czuma erhielt 1971 eine Strafe von 6 Jahren Haft.
35 Stefan Niesiołowski: geb. am 4. Februar 1944; Niesiołowski erhielt 1971 eine Strafe von 7 Jahren Haft. Er
wurde 1975 amnestiert. Von 1989 bis 1993 und von 1997 bis 2001 war er und seit 2007 ist er Mitglied des
Sejms. 2005 bis 2007 war er Senator. Von 2007 bis 2011 war er Vize-Marschall des Sejms.
36 Emil Morgiewicz: geb. am 25. Juli 1940. Morgiewicz lebte von 1983 bis 1990 in der Bundesrepublik
Deutschland und arbeitete 1987 bis 1989 für Radio Free Europe.
37 Marian Gołębiewski: 16. April 1911 – 18. Oktober 1996. Gołębiewski wurde für seinen anti-kommunisti-
schen Kampf 1946 zum Tode verurteilt. Nach Umwandlung der Todesstrafe in eine lebenslange Haft war
er bis 1956 inhaftiert. Aufgrund einer Amnestie kam er am 21. Juni 1956 frei. Er erhielt 1971 eine Strafe
von 4 1/2 Jahren Haft.
38 Bolesław Kominek: 23. Dezember 1903 – 10. März 1974. Kominek war von 1946 bis 1951 Administrator
der Erzdiözese Breslau. Er wurde 1972 zum Erzbischof von Wrocław und 1973 zum Kardinal ernannt.
42 Erster Teil: » What’s past is prologue «

katholischer Laien, insbesondere führender Mitglieder der Klubs der Katholischen Intel-
ligenz (KIK). Er wurde zu einer wichtigen Grundlage der Arbeit dieser Gruppen. » Vor
diesem Hintergrund interessierte man sich in Polen für die christlichen Kreise (auch für
die protestantischen Kreise, D. P.), die in Deutschland den Dialog suchten und prakti-
zierten, wie Pax Christi, die Aktion Sühnezeichen oder das Maximilian-Kolbe-Werk. « [30]
Angefeindet wurde der Brief in Polen auch von Teilen der revisionistischen Linken.
Selbst Adam Michnik meinte, sich an der Verurteilung des Gesprächsangebots der pol-
nischen Bischöfe beteiligen zu müssen.
Es ist allerdings auch daran zu erinnern, dass dieses Angebot zum Dialog bei den
deutschen Amtsbrüdern zuerst eine eher bedächtig abwägende Resonanz fand. In der
Antwort der Deutschen Bischofskonferenz vom 5. Dezember 1965 lautet der zentrale
Satz: » Furchtbares ist von Deutschen und im Namen des deutschen Volkes dem polni-
schen Volke angetan worden. Wir wissen, dass wir die Folgen des Krieges tragen müs-
sen, die auch für unser Land schwer sind. « Gleichwohl wurden konstruktive Ansätze für
einen politischen Dialog allenfalls in Andeutungen deutlich.
Die Darstellung wäre unvollständig, würde an dieser Stelle nicht zugleich an die sei-
nerzeit in der Bundesrepublik sehr umstrittene sogenannte » Ostdenkschrift « der EKD
(Evangelische Kirche in Deutschland) vom 1. Oktober 1965 erinnert. Sie trug den Ti-
tel » Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen öst-
lichen Nachbarn «. Die Denkschrift war vor allem ein Plädoyer für die Versöhnung
mit den östlichen Nachbarn Deutschlands, insbesondere für die Versöhnung mit Po-
len. Der spätere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, zu jener Zeit Präsident des
Evangelischen Kirchentages, war mitverantwortlich für das Zustandekommen dieser
Denkschrift.

3 Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR

» Opposition und Dissens hat es in der Sowjetunion immer gegeben. Ende der zwanzi-
ger Jahre verschwanden zwar die oppositionellen Strömungen im Untergrund, wurden
aber immer wieder stellen- oder sogar streckenweise sichtbar, bis auf den heutigen Tag «,
schrieb der Mitarbeiter des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale
Studien Heinz Brahm 1978. [31] Ich möchte es damit bei der Vorgeschichte des uns in-
teressierenden Zeitabschnitts bewenden lassen.
Einige Autoren beurteilen Nikita Chruschtschows » Geheimrede « auf dem 20. Partei-
tag der KPdSU als Anbahnung der Entwicklung, die zum 1989 bis 1991 erfolgenden Sys-
temwechsel in den Staaten Mittelost- und Osteuropas führte. Mindestens folgte aus der
Kritik am Stalinismus die Entstehung organisierter Dissidenz. Diesen Zusammenhang
beschrieb auch Leonid Luks: » Die posthume Entzauberung Stalins, die auf diesem Par-
teikongreß erfolgte, löste einen eigendynamischen Prozess aus, der, trotz zaghafter Res-
taurationsversuche, allmählich der Kontrolle der kommunistischen Machthaber entglitt.
Zu einer der wichtigsten Folgen dieses eigendynamischen Prozesses gehörte die Entste-
hung von Bürgerrechts- und Protestbewegungen unterschiedlichster Art. « [32]
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 43

Leonid Luks hat darauf hingewiesen, dass, beginnend in der Sowjetunion, ab Ende
der sechziger Jahre in Mittel- und Osteuropa ein Umbruch stattfand, » der die Machtha-
ber vor schwer lösbare Probleme stellen sollte. Es bildete sich dort allmählich eine neue
Wertehierarchie heraus, die in ein Konkurrenzverhältnis mit der bis dahin herrschenden
Werteordnung trat. Ihr auffallendes Merkmal bestand darin, daß sie den für die kom-
munistischen Staaten charakteristischen Primat des Politischen in Frage stellte. « [33] Im
Kampf um die Menschen- und Bürgerrechte gingen die entstehenden Gruppierungen
vom Primat der Ethik aus. Die Revision auch der Taktik im Kampf gegen die bestehen-
den Verhältnisse fand zunächst in der Sowjetunion statt, » ausgerechnet in dem Land,
in dem die Partei die wichtigsten Lebensbereiche beinahe lückenlos kontrollierte. Aber
ausgerechnet deshalb fühlten sich die sowjetischen Systemkritiker sehr früh gezwun-
gen, sich anderer Methoden zu bedienen als ihre Gesinnungsgenossen in den Nachbar-
ländern. « [34]
In dieser Arbeit kann auf diese Begründungen lediglich hingewiesen werden. Es ist
auch nicht das Ziel, eine umfangreiche Darstellung der sowjetischen oder auch nur der
sowjetrussischen Dissidenz zu präsentieren. Mittlerweile liegt hierzu eine umfangreiche
Literatur vor. Von diesen Veröffentlichungen möchte ich die umfangreiche und detail-
lierte Monographie von Ludmilla Alexeyeva [deutsche Transkription: Alexejewa], der
Mitgründerin der Moskauer Helsinki Gruppe (MHG), besonders hervorheben. Diese im
US-Exil Alexejewas entstandene Publikation wurde aufgrund ihrer Authentizität und
ihres Detailreichtums bei vielen wissenschaftlichen Arbeiten offenbar als Quelle be-
nutzt. [35] Auf eine deutschsprachige Studie möchte ich zusätzlich hinweisen: Zur Bezie-
hung zwischen sowjetrussischer Intelligenz und Dissens von 1917 bis 1985 hat Dietrich
Beyrau 1993 eine größere Arbeit mit dem Titel » Intelligenz und Dissens. Die russischen
Bildungsschichten in der Sowjetunion 1917 bis 1985 « vorgelegt. [36]
In dieser Darstellung sollen nur wenige Aspekte der Geschichte der sowjetischen
Dissidentenbewegung Erwähnung finden. Es werden Vorgänge thematisiert und Per-
sonen genannt, die nach Ansicht des Verfassers sowohl für die Sowjetunion als auch
für die Entwicklung in den anderen sozialistischen Staaten von beispielhafter Bedeu-
tung waren bzw. im Westen auf Resonanz stießen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass viele
Personen und Gruppen ungenannt bleiben, obwohl es geboten und fair wäre, sie zu er-
wähnen.
Wie in der Volksrepublik Polen, waren es auch in der Sowjetunion zumeist Schrift-
steller und Wissenschaftler, die den Kern der entstehenden Dissidentenbewegung bil-
deten. [37] Initiativ im Kampf für Menschenrechte wurden zudem Repräsentanten na-
tionaler Minderheiten, insbesondere Angehörige derjenigen Ethnien, die in den Jahren
1943 und 1944 zu Opfern der mit größter Grausamkeit durchgeführten Massendeporta-
tionen geworden waren. Hierzu zählte auch die deutsche Minderheit, die sogenannten
Russlanddeutschen, insbesondere zählten hierzu die Krimtataren.
Die Krimtataren waren offenbar die aktivste und am besten organisierte Volksgruppe.
Bereits 1956 organisierten die am 18./19. Mai 1944 kollektiv in die Usbekische SSR de-
portierten Krimtataren sowie Repräsentanten der nach dem 15. November 1944 kollek-
tiv von der Georgischen SSR nach Zentralasien verschleppten Mescheten erste Protest-
44 Erster Teil: » What’s past is prologue «

aktionen in Moskau. Während andere 1944/45 deportierte Volksgruppen rehabilitiert


wurden und ihnen die Rückkehr in die angestammte Heimat erlaubt wurde, erhielten
die Deutschen und die Tataren lediglich einige kulturpolitische Zugeständnisse, wie das
Recht zum Druck eigener Zeitungen. Selbstverständlich unterlagen auch diese Zeitun-
gen der Zensur. Die Rehabilitation der Deutschen erfolgte erst am 29. August 1964. Die-
ses war jedoch keineswegs verbunden mit der Aussicht auf Wiedergründung einer eige-
nen autonomen Republik, ASSR, an der Wolga.
Bei den Krimtataren begann eine Entwicklung, die zwar im September 1967 zur Re-
habilitation und Gründung der Nationalbewegung der Krimtataren, der Natsyonalnovo
Dvijenya Krimskij Tatar (NDKT) führte, ihnen aber erst 1989 das Recht auf Rückkehr auf
die Krim eröffnete. [38]
Der Versuch von etwa 12 000 Krimtatarenfamilien, 1968 auf die Krim zurückzukeh-
ren, wurde von der Regierung vereitelt. Fast alle Familien mussten gezwungenermaßen
nach Mittelasien zurückkehren. Der Rücktransport im Konvoi durch die nordkaukasi-
schen Gebiete, d. h. durch Gebiete von Ethnien, die 1944 ebenfalls deportiert worden
waren, wurde zu einer » Kampagne « für das Anliegen der Krimtataren. Die nordkauka-
sischen Völker begegneten den Krimtataren mit großer Sympathie und solidarisierten
sich mit ihnen. [39]
Die Krimtataren waren die erste Gruppe, die den Samisdat nutzte, um Dokumen-
tationen und Petitionen zu verbreiten. [40] Die Publikation INFORMATSIIA: biulleten’
krymskikh tatar erschien ab 1965 und wurde zum Vorbild weiterer Samisdat-Veröffent-
lichungen.
Es gab in der Sowjetunion eine größere Anzahl weiterer Ethnokonflikte. Auf eine be-
sonders konfliktträchtige Region soll bereits an dieser Stelle hingewiesen werden: Mit
Blick auf den bis heute ungelösten Konflikt um Nagorno-Karabakh ist interessant, dass
bereits 1965/1966 in der NKAO, der Nagorno-Karabakh Autonomen Oblast, eine Peti-
tion mit angeblich 45 000 Unterschriften für die Herauslösung aus der Aserbaidscha-
nischen SSR organisiert wurde. Dieser Konflikt zwischen Armeniern und Aseris sollte
Ende der achtziger Jahre zu einem der heikelsten Probleme der Moskauer Zentralregie-
rung werden. Der weit in die Vergangenheit zurückreichende Streit war und ist für die
gesamte Kaukasusregion von herausragender Brisanz.
Auf dem Platz vor der Oper in Jerewan, der Hauptstadt der Armenischen SSR, hatte
es am 24. April 1965 eine von der KP Armeniens organisierte Massendemonstration von
mehreren Zehntausend Bürgern gegeben. Es wurde des 50. Jahrestages des Beginns der
Verfolgung von Armeniern im Osmanischen Reich gedacht. Am 24. April 1915 began-
nen mit der Inhaftierung armenischer Intellektueller in Konstantinopel jene Repres-
sionen, die in den Jahren 1915 bis 1917 zur » Aghet «, deutsch: Katastrophe, führten, dem
von Franz Werfel in seinem Roman » Die vierzig Tage des Musa Dagh « eindrucksvoll
beschriebenen Völkermord an den Armeniern. Die Gedenkveranstaltung mutierte zu
einer nationalistischen Kundgebung, der Angriffe auf die aserbaidschanische Minder-
heit folgten. Wichtigste Folge dieser Manifestation in Jerewan war, dass die nationale
Frage erneut thematisiert wurde. Es gelang der Kommunistischen Partei Armeniens
nach 1965 nicht mehr, diese Frage aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 45

So entstand am 24. April (!) 1966 die illegale Azgayin miacyal kusakcutyun, Ver-
einigte Nationale Partei, die nach der Verhaftung der Gründer, des Malers Haykaz
Chatchatryan39 und der Studenten Stepan Zatikyan40 und Shahen Harutiunian [Shagen
Arutyunyan]41 von dem Architekturstudenten Paruyr Hayrikyan42 geführt wurde.
Hayrikyan wurde am 29. März 1969 verhaftet und 1970 zu vier Jahren Arbeitslager in
Mordwinien verurteilt. Er war von 1974 bis 1984 erneut inhaftiert und musste danach bis
Anfang 1987 in Verbannung leben. [41]
In den sechziger und siebziger Jahren entwickelte sich ein » armenisch-aserbaidscha-
nischer Historikerstreit « zur Frage der der historischen Besiedlung des Süd-Kaukasus
und zur Legitimität von Gebietsansprüchen. [42] Zudem wurden 1964, 1967 und erneut
im Jahr 1977 Sammelpetitionen an die Sowjetführung gesandt.
Eine weitere nationale Frage war bereits in den sechziger Jahren für die Sowjetunion
von Gewicht. Der Anspruch der Krimtataren auf Rückkehr in ihre angestammte Hei-
mat. Die Krimtataren erhielten bereits sehr früh Unterstützung von prominenten russi-
schen Intellektuellen, so bereits seit 1956 von dem Schriftsteller und » Altkommunisten «
Alexej Kosterin43. [43]
Ab 1967 Jahre wurden sie dann auch von dem aus der Ukraine stammenden Ge-
neralmajor Pjotr Grigorjewitsch Grigorenko44 protegiert. General Grigorenko hielt am
17. März 1968 im Restaurant des Hotels » Altai « in Moskau anlässlich des 72. Geburtsta-
ges seines Freundes Alexej Kosterin vor einer Gruppe von zirka 250 Repräsentanten der
Krimtataren eine Rede, die noch heute auf den Webseiten der krimtatarischen National-
bewegung zitiert wird. [44]

» Mit welcher Begründung wird Ihr Volk benachteiligt ? Artikel 123 der sowjetischen Verfassung
lautet: › Direkte oder indirekte Einschränkung der bürgerlichen Rechte wegen rassischer oder na-
tionaler Zugehörigkeit […] wird durch das Gesetz bestraft. ‹ Das Gesetz ist auf Ihrer Seite (lan-
ger Applaus). Trotzdem werden Ihre Rechte mit Füßen getreten. […] Sie wenden sich an die

39 Haykaz Chatchatryan [Khachatryan]: 11. Dezember 1920 – 27. September 1987.


40 Stepan Zatikyan: 20. Juni 1946 – 31. Januar 1979. Zatikyan wurde unter dem Vorwurf der Mittäterschaft
am Bombenanschlag auf die Moskauer Metro vom 8. Januar 1977 zum Tode verurteilt und mit zwei wei-
teren verurteilten Armeniern am 31. Januar 1979 hingerichtet. Die Beteiligung von Zatikyan am Attentat
wurde von Sacharow und anderen Dissidenten angezweifelt.
41 Shahen Harutiunian [Shagen Bagratovich Arutyunyan]: geb. am 3. Juli 1937. Harutiunian wurde am
18. Januar 1978 zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt. Er lebt in Los Angeles.
42 Paruyr Hayrikyan [Ajrikjan]: geb. am 5. Juli 1949. Hayrikyan wurde 1988 zwangsexiliert und ihm wur-
de die Staatsbürgerschaft aberkannt. Diese Entscheidung wurde 1990 auf Druck von US-Politikern
zurückgenommen. Er war 1990 – 1999 Abgeordneter und 1998 – 2002 Vorsitzender der Menschenrechts-
kommission Armeniens. Am 31. Januar 2013 wurde ein Attentat auf ihn verübt, als er für die Präsident-
schaftswahlen kandidierte.
43 Alexej Kosterin: 17. März 1896 – 10. November 1968. Kosterin, Mitglied der kommunistischen Partei seit
1916 (sic !) bis zu seinem Ausschluss 1968 nach seiner Kritik an der Besetzung der ČSSR. Er hatte zur
Zeit Stalins insgesamt 17 Jahre in Straflagern verbracht.
44 Pjotr Grigorjewitsch Grigorenko [transkribiert aus dem Ukrainischen: Petro Hrihorovich Hryhoren-
ko]: 16. Oktober 1907 – 21. Februar 1987. Während einer ärztlichen Behandlung in den USA wurde im
1977 die Staatsbürgerschaft der Sowjetunion entzogen. Er starb im Exil in den USA.
46 Erster Teil: » What’s past is prologue «

Parteiführung und an die Regierung mit untertänigen schriftlichen Bitten. […] Um die Rea-
lisierung eines Rechtes, das man unveräußerlich besitzt, kann man nicht bitten, man muss sie
fordern ! «

Im Restaurant des » Altai « wurde entschieden, am 21. April, dem Geburtstag Lenins,
eine Massendemonstration durchzuführen. An diesem Tag demonstrierten über 10 000
Krimtataren im usbekischen Tschirtschik für die Rückkehr auf die Krim und die Wie-
dererrichtung der Autonomen Krim-Republik. Weitere Demonstrationen fanden am
17. und 18. Mai, dem 24. Jahrestag der Deportationen von der Krim, in Moskau statt. Be-
reits die Krimtataren nutzten, wie die Armenier, bestimmte Jahrestage, um für ihre Ak-
tionen größere Aufmerksamkeit zu erreichen. Die nationalen Bewegungen in den west-
lichen Sowjetrepubliken nutzten dann Ende der achtziger Jahre diese Praxis in Form der
sogenannten » Kalenderdemonstrationen « extensiv.
Grigorenko hatte 1963 den Versuch unternommen, eine Vereinigung zur Wieder-
herstellung des wahren Leninismus zu begründen. Seine Wende vom konspirativ zum
offen agierenden Dissidenten veranschaulicht ein Zitat aus dem Jahr 1970: » Unser frü-
heres Herangehen war ein typisches bolschewistisches: Die Schaffung einer streng kon-
spirativen illegalen Organisation […] Jetzt aber gibt es keine Organisation, keine Pam-
phlete, sondern offene unverhüllte Angriffe auf die offenkundige Tyrannei, Falschheit
und Heuchelei, Angriffe auf die Entstellung der Wahrheit. Vordem hieß es, das damalige
Regime beseitigen und zum Ausgangspunkt Lenins zurückzukehren. […] Heute voll-
zieht sich der Kampf um die Demokratisierung des Lebens unserer Gesellschaft offen
und im Rahmen des Gesetzes «. [45]
Pjotr Grigorenko wurde in den siebziger Jahren zu einer zentralen Figur der Dis-
sidenten-bewegung. Er war 1976 Mitgründer der Moskauer Helsinki Gruppe (MHG)
und danach auch Mitgründer der Ukrainischen Helsinki-Gruppe. Nach mehrfacher Haft
in psychiatrischen Gefängnissen und Verbannung wurde Grigorenko nach seiner am
30. November 1977 erfolgten Ausreise in die USA von der Sowjetunion ausgebürgert.
General Grigorenko war zu jener Zeit eher eine Ausnahmeerscheinung. In den fünf-
ziger und frühen sechziger Jahren wurde die Dissidenz in der UdSSR in erster Linie
von Schriftstellern getragen. Aber auch Künstler und Musiker gehörten zur Dissidenz.
Der Dissident Andrej Amalrik45 hat diese Bewegung daher » Kultur-Opposition « ge-
nannt. [46]
Schriftsteller, Künstler und Musiker sind in besonderer Weise auch auf internatio-
nale Resonanz angewiesen. Ich interessiere mich aus diesem Grund für die Reaktion von
Intellektuellen im » Westen « auf Regungen der » Intelligenzija « in Osteuropa. Es soll da-
her bereits an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass die Kultur-Opposition bei vielen
Intellektuellen in Westeuropa, zumal bei Linksintellektuellen, eine nur sehr begrenzte
Anteilnahme fand. Gegenbeispiele, wie Heinrich Böll in der Bundesrepublik, der sich
in den siebziger Jahren auch in seiner Funktion als Präsident des Internationalen P.E.N.

45 Andrej A. Amalrik: 12. Mai 1938 – 12. November 1980. Amalrik starb in Spanien bei einem Autounfall auf
der Fahrt zur KSZE-Folgekonferenz in Madrid.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 47

nicht nur für Alexander Solschenizyn stark einsetzte, stellten eher Ausnahmen dar. Viele
westliche Intellektuelle verfielen hingegen der Faszination der kommunistischen Ideo-
logie. Der Bonner Politikwissenschaftler und Zeithistoriker Karl Dietrich Bracher hat
für das (west)deutsche Publikum in seinem Buch » Zeit der Ideologien « die Verfüh-
rungskraft und die Wirkung totalitärer Ideologien, insbesondere auch die der kom-
munistischen Ideologie, auf Intellektuelle erläutert und hierbei auch auf den Essay des
französischen Philosophen Julien Benda › La trahison des clercs ‹ von 1927, deutsch: Der
Verrat der Intellektuellen, verwiesen. [47] Nach dem Bankrott des Sowjetkommunismus
in Europa hat dann 1996 der französische Historiker François Furet mit seinem Werk
» Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert « die bemerkenswer-
teste Studie zum » Verrat der Intellektuellen « vorgelegt. [48] Während viele westliche In-
tellektuelle der sowjetischen Kultur-Opposition mit Sympathie begegneten, so war bei
ihnen – mindestens bei den linksliberalen Intellektuellen – Verständnis für die nationa-
len Bewegungen in der Sowjetunion nicht oder kaum vorhanden.
Wie bereits hervorgehoben, bezeichneten sich die sowjetischen Dissidenten zumeist
als » Andersdenkende «. Damit war die Haltung verbunden, sich befreit vom Zwang der
Partei offen zu artikulieren. » In diesem Sinne wurde anderes Denken und seine öffent-
liche Manifestation zum Kennzeichen des Dissenses. Erst in der Auseinandersetzung
mit staatlichen Repressalien konstituierte er sich als Bürgerrechts- und später als Men-
schenrechts-Bewegung. « [49]
Alexander Ginsburg46 publizierte 1959 Syntaksis, eine der ersten russischen Samisdat-
Zeitschriften. Ginsburg wurde erstmals 1960 verhaftet und zu zwei Jahren Arbeitslager
verurteilt. Eine erneute Verhaftung erfolgte 1964 aufgrund des Besitzes » antisowjetischer
Literatur «. Auf die Frage nach dem Motiv für sein Handeln soll er später gesagt ha-
ben, dass er einfach nur die Zensur satt gehabt habe. Der DDR-Oppositionelle Ludwig
Mehlhorn kommentierte: » Dieses Beispiel bestätigt erneut, dass jedes nichtkonforme
oder widerständige Verhalten in der Diktatur zunächst eine Reaktion eines einzelnen
Menschen ist, der sich von einem bestimmten Aspekt der Wirklichkeit dieser Diktatur
existentiell herausgefordert sieht. Zensur verletzt die Menschenwürde, also muss man
darauf reagieren. Ginsburg hat ein Beispiel gegeben und wurde für viele nach ihm zum
Vorbild, ohne dass dies ursprünglich in seiner Absicht gelegen hätte. « [50]
Alexander Ginsburg war an der Gründung mehrerer Menschenrechtsgruppen betei-
ligt. Er gab 1966 im Samisdat das Weißbuch zum Prozess gegen Sinjawskij und Daniel
heraus. Im Januar 1967 wurde er verhaftet und im Januar 1968 zu fünf Jahren Lagerhaft
verurteilt. Nach mehreren weiteren Inhaftierungen wurde er 1979 ausgewiesen. Er ging
in die USA ins Exil.
Die literarische Verarbeitung der sowjetischen Geschichte beschäftigte Wassili Sem-
jonowitsch Grossman47, der bis Anfang der fünfziger Jahre ein regimetreuer Autor war.
Sein Hauptwerk, der Roman » Leben und Schicksal «, wurde nicht zur Veröffentlichung

46 Alexander Ginsburg: 21. November 1936 – 19. Juli 2002 in Paris. Nach mehreren Inhaftierungen wurde
er 1979 ausgewiesen. Er ging in die USA ins Exil.
47 Wassili Semjonowitsch Grossman: 12. Dezember 1905 – 14. August 1964.
48 Erster Teil: » What’s past is prologue «

freigegeben. Das KGB beschlagnahmte die Manuskripte, die Durchschläge, Notizbücher,


die maschinengeschriebenen Kopien und sogar die Schreibmaschinenbänder.
In einem Brief an den Ersten Sekretär des ZK der KPdSU Nikita Sergejewitsch
Chruschtschow schrieb Grossman: » Meine physische Freiheit hat keinen Sinn, wenn
sich das Buch, für das ich mein Leben gegeben habe, im Gefängnis befindet […] Ich
bitte um Freiheit für mein Buch. « [51] » Freiheit « war auch eines der zentralen Themen
seines Romans » Leben und Schicksal «:

» Der natürliche Freiheitsdrang des Menschen ist unauslöschlich; man kann ihn unterdrü-
cken, doch ausmerzen kann man ihn nicht. Der Totalitarismus kann nicht auf Gewalt ver-
zichten. Verzichtet er auf Gewalt, so bedeutet das seinen Untergang. Immerwährender, nie
endender, offener oder getarnter Terror ist die Basis des Totalitarismus. Freiwillig verzich-
tet der Mensch nicht auf Freiheit. In dieser Erkenntnis leuchtet ein Licht für unsere Zeit, ein
Licht für die Zukunft. « [52]

» Leben und Schicksal « und » Alles fließt «, die beiden letzten Romane Grossmans, konn-
ten in der Sowjetunion erst Ende der achtziger Jahre publiziert werden.
Weitere von den Vorgaben der offiziellen Kulturpolitik abweichende Schriftsteller,
wie Michail Nariza48, wurden Anfang der sechziger Jahre zu Lagerhaft verurteilt oder ka-
men in psychiatrische Gefängnisse. Nariza traf dort auf General Pjotr Grigorenko sowie
auf Alexander S. Jessenin-Wolpin und Wladimir Bukowski. Er traf auf Dissidenten, die
im weiteren Text noch mehrfach Erwähnung finden werden.
Der erste große Schriftstellerprozess in der UdSSR wurde gegen den Dichter Iossif
Brodskij49 geführt. Am 29. November 1963 war in der Zeitung Vecerni Leningrad ein Ar-
tikel erschienen, in dem Brodskij als » Literaturdrohne « und » Parasit « bezeichnet wurde.
Er wurde am 13. März 1964 wegen angeblicher » Schmarotzerei « zu fünf Jahren Verban-
nung verurteilt und am 4. Juni 1972 unter Aberkennung seiner sowjetischen Staatsbür-
gerschaft ausgewiesen. Er erhielt 1977 die Staatsbürgerschaft der USA. Joseph Brodsky
bekam 1987 den Nobelpreis für Literatur.
Der Entmachtung Nikita Chruschtschows und der Wahl Leonid Breschnews zum
Ersten Sekretär des ZK der KPdSU am 14. Oktober 1964 folgte sehr bald eine » Re-Stali-
nisierung «. Die Verfolgung kritischer Intellektueller nahm erneut deutlich zu. Vladislav
Zubok hat dies in seiner Studie der russischen Intelligenzija mit dem Titel » Zhivago’s
children: The Last Russian Intelligentsia « dargestellt. » The cohort of leaders who came
to power in Khrushchev’s wake believed that his spasmodic attacks on Stalin had destab-
ilized the Soviet regime, jeopardized Soviet control over Eastern Europe, and divided
the world communist movement. « [53] Der Prozess gegen Brodskij war faktisch nur Pro-
log im Krieg gegen die kritische Intelligenz.

48 Michail Nariza: 7. November 1909 – 7. Februar 1993. Nariza veröffentliche unter dem Pseudonym Nari-
mow in der Zeitschrift Grani Nr. 48, Frankfurt a. M. 1960, den Roman » Das ungesungene Lied «; dritte
Verhaftung am 13. Oktober 1961.
49 Iossif Brodskij [Joseph Brodsky]: 24. Mai 1940 – 28. Januar 1996.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 49

Die strafrechtliche Verfolgung der Schriftsteller Andreij Sinjawskij50 und Julij Da-
niel51 hatte noch größere Wirkung im Prozess der Entstehung einer sich politisch arti-
kulierenden Dissidenz. Das » Vergehen « von Sinjawskij bestand in der Publizierung li-
terarischer Texte in der in Paris erscheinenden polnischen Exilzeitschrift Kultura. [54]
Daniel hatte ebenfalls unter Pseudonym im Westen veröffentlicht. Auf die Beschuldi-
gungen der Anklage antwortete Sinjawskij wie folgt: » Ich bin anders. Doch ich bin kein
Feind […]. (Aber) in dieser hochgradig aufgeladenen, phantastischen Atmosphäre kann
jeder Mensch, der › anders ‹ ist, zum Feind erklärt werden. « [55]
Nach den Verhaftungen von Sinjawskij und Daniel am 8. September bzw. 12. Sep-
tember 1965 organisierte der Mathematiker und Dichter Alexander S. Jessenin-Wolpin52
am Jahrestag der Verfassung von 1936 (sic !), am 5. Dezember 1965, um 18 Uhr auf dem
Moskauer Puschkin-Platz eine Demonstration. Einige Teilnehmer waren Mitglieder der
illegalen literarischen Gruppe SMOG. Es war die erste nicht-offizielle öffentliche De-
monstration in der Sowjetunion nach einer Demonstration der trotzkistischen Oppo-
sition gegen Stalin vom 7. November 1927 während der Feierlichkeiten zum 10. Jahres-
tag der Oktoberrevolution. – Der 7. November war zugleich der Geburtstag von Leo
Trotzki. – » In diesen Minuten versammelten sich vor dem Puškin-Denkmal in der Mos-
kauer Innenstadt einige Dutzend Menschen, um ihr » mitting glasnosti « (Treffen der
Glasnost) abzuhalten, zu dem sie in den Tagen zuvor auf handgefertigten Flugblättern
aufgerufen hatten. « [56] Auf einem Banner der Demonstranten stand » Achtet die sowje-
tische Verfassung, das Grundgesetz der UdSSR «. Es wurde für Sinjawskij und Daniel ein
öffentliches Gerichtsverfahren gefordert. So stand auf einem weiteren Transparent: » Wir
fordern Glasnost im Prozess Daniel – Sinjawskij «. [57] Zweiundzwanzig Demonstranten
wurden von der Miliz für kurze Zeit festgenommen.
Jessenin-Wolpin, so Amalrik, » begriff als erster, daß eine wirkungsvolle Methode
der Opposition in der Forderung bestehen könne, daß die Staatsmacht ihre eigenen
Gesetze befolgen möge «, schrieb Andrej Amalrik in » Aufzeichnungen eines Revolutio-
närs «. [58]
Die Verurteilung von Sinjawskij und Daniel zu Lagerhaft in Lager Nr. 11, Mordwi-
nische SSR, erfolgte am 14. Februar 1966. » Die Verhandlung war insofern sensationell,
als sich zum ersten Mal seit rund vier Jahrzehnten die Angeklagten als » nicht schul-
dig « erklärten. Stattdessen forderten sie › Achtung vor der Freiheit des Schaffens und der
Freiheit des Gewissens […]. Sinjavskij und Danièl’ haben die widerwärtige Tradition
von Reue und Bekenntnis gebrochen ‹. [59] Sehr hoffnungsvoll fuhr Cornelia Gersten-
maier 1971 in ihrem Buch » Die Stimme der Stummen « fort: » Die Namen Danièl’ und

50 Andreij D. Sinjawskij: 8. Oktober 1925 – 25. Februar 1997 im französischen Exil.


51 Julij M. Daniel: 15. November 1925 – 30. Dezember 1988.
52 Alexander S. Jessenin-Wolpin: geboren am 12. Mai 1924. Er ist Sohn des Dichters Sergei Jessenin und
der Schauspielerin Sinaida Reich, die 1939 vom NKWD ermordet wurde. Sein Stiefvater, der berühmte
Theaterregisseur Wsewolod Meyerhold, wurde 1940 hingerichtet. Jessenin-Wolpin wurde erstmals 1949
wegen als » anti-sowjetisch « eingestufter Gedichte in ein psychiatrisches Gefängnis verbracht. Er emi-
grierte 1972 und lebt seitdem in den USA.
50 Erster Teil: » What’s past is prologue «

Sinjavskij bezeichnen den vielleicht wichtigsten Markstein in der Geschichte der › De-
mokratischen Bewegung ‹ und damit den Beginn einer Wende in der jüngsten Ge-
schichte Rußlands. « [60]
Gegen die Verurteilung der beiden Schriftsteller richteten sich 22 offene Briefe. Es
protestierten allein 60 Mitglieder des Schriftstellerverbandes der UdSSR gegen den
Prozess. Auch die Elite der sowjetischen Atomforschung unterzeichnete Petitionen an
Breschnew: Igor Tamm53, Pjotr Kapiza54 und Andrej Sacharow55.
Für Heinz Brahm hatte der Protest gegen das Verfahren der beiden Dichter eine neue
Qualität: » Der Nonkonformismus der Intelligenzija, der sich bislang mehr im Literari-
schen geäußert hatte, schlug ins Politische um. Man begann zu erkennen, daß die Frei-
heit der Kunst untrennbar mit der politischen Freiheit verbunden war. « [61]
Die Verurteilung der beiden Schriftsteller führte nicht nur bei russischen Intellektu-
ellen zum Protest. So schrieb der Ukrainer Wjatscheslaw Tschornowil56, damals Redak-
teur der parteioffiziellen Komsomol-Zeitung Junge Garde, einen offenen Protestbrief.
Wie im weiteren Text dargestellt, wurde Tschornowil zu einem der wichtigsten Akteure
der Menschenrechts- und, am Ende der achtziger Jahre, der Unabhängigkeitsbewegung
in der Ukrainischen SSR.
Die Inhaftierung so bekannter Dissidenten wie Sinjawskij und Daniel in bestimmten
Lagern bzw. Gefängnissen hatte noch eine weitere Wirkung. Der Historiker und Men-
schenrechtsaktivist Alexander Daniel schrieb in seiner Kurzdarstellung der Menschen-
rechtsbewegung in Russland: » Zugleich hatte sich das Regime mit seinem Bestreben
verkalkuliert, alle » politischen « Häftlinge an bestimmten Orten zu konzentrieren (da-
mals waren dies das berüchtigte » Arbeits- und Besserungslager Dubrawlag in Mordo-
wien sowie das Gefängnis in Wladimir), um sie so weitgehend wie möglich von den
anderen Strafgefangenen zu isolieren. […] Und als sich hier nun Sinjawskij, Daniel,
Ginsburg und später noch etliche andere Vertreter der Moskauer Intelligenzija hinter
Stacheldraht wiederfanden, erfuhren die sowjetischen Bürger und später auch die ganze
Welt nicht nur von den vielen politischen Gefangenen in der UdSSR, deren Existenz das
Regime sorgfältig zu verbergen suchte, sondern von den sozialen, politischen, religiösen
und nationalen Problemen, derentwegen die Häftlinge ins Lager gebracht wurden. « [62]
Sinjawskij und Daniel trafen im Lager nicht nur Angehörige der Moskauer Intelligen-
zija, sondern auch andere politische Häftlinge und Glaubensverfolgte aus den baltischen
Republiken. Sie trafen auch Anatoli Marchenko57, der erstmals 1958 inhaftiert worden

53 Igor Jewgenjewitsch Tamm: 8. Juli 1995 – 12. April 1971. Tamm erhielt 1958 den Physik-Nobelpreis.
54 Pjotr Leonidowitsch Kapiza: 8. Juli 1894 – 8. April 1984. Kapiza erhielt 1978 den Physik-Nobelpreis.
55 Andrei Dmitrijewitsch Sacharow: 21. Mai 1921 – 14. Dezember 1989. Sacharow war 1953 als 32jähriger
Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften geworden. Er war das jüngste Mitglied in der
Geschichte der Akademie. Er wurde 1989 zum Volksdeputierten gewählt.
56 Wjatscheslaw Tschornowil: 24. Dezember 1937 – 25. März 1999. Zu seinen diversen Inhaftierungen siehe
Seite 58 Tschornowil starb bei einem bislang unaufgeklärten Autounfall.
57 Anatoli » Tolja « Marchenko: 23. Januar 1938 – 8. Dezember 1986. Marchenko war ab 1958 fünfmal inhaf-
tiert und verbrachte insgesamt 20 Jahre in Haft, in Arbeitslagern oder in sibirischer Verbannung.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 51

war, und den Ukrainer Sviatoslav Karavansky58, der bereits von 1945 bis 1960 inhaftiert
gewesen war.
1965 regte sich in der Russisch-Orthodoxen Kirche Protest gegen die staatlichen Be-
hinderungen kirchlicher Arbeit und gegen die protestlose Anpassung und Anlehnung
der kirchlichen Hierarchie an die Partei. Die Priester Nikolai Eschliman59 und Gleb
Jakunin60 wandten sich am 25. November 1965 mit vierzigseitigen offenen Briefen an den
Patriarchen Alexius I. und an den Vorsitzenden des Präsidiums des Obersten Sowjets
der UdSSR Anastas Mikojan. Sie forderten den Patriarchen auf, der Unterdrückungspo-
litik entgegenzutreten. » Mit einem einzigen Patriarchenwort könnten Sie diese Gesetz-
losigkeit abstellen ! Tun Sie das ! « [63] Der Brief war von dem Kirchenhistoriker Anatolij
Levitin-Krasnov61 vorbereitet worden.
Ein weiterer russischer Schriftsteller ist hervorzuheben: Der 1939 geborene Jurij
Galanskow62. Galanskow wurde aufgrund seines im Samisdat-Magazin Phoenix veröf-
fentlichten Protests gegen die Inhaftierung von Sinjavskij und Daniel am 19. Januar 1967
verhaftet und am 8. Januar 1968 verurteilt. Galanskow, Autor des Poems » Das menschli-
che Manifest «, geschrieben 1960, publiziert im von ihm selbst herausgegebenen Phoenix,
starb 1972 mit nur 33 Jahren in Mordwinien in Lagerhaft. Er gehört zu den heute weithin
vergessenen Andersdenkenden. Ein durch eine Exilzeitschrift übermitteltes Zitat bedarf
der Erwähnung. Galanskow schrieb 1967:

» Ihr könnt die Schlacht gewinnen, aber das ist ganz gleich, diesen Krieg werdet ihr verlieren.
Den Krieg für die Demokratie in Rußland. Den Krieg der schon begonnen hat und in dem
die Gerechtigkeit unweigerlich siegen wird «. [64]

Alexander I. Solschenizyn63 war nicht der Initiator informeller Gruppenbildungen in


der UdSSR, er gehörte keinem Dissidentenkreis an. Seine Literatur, sein Charisma
und seine Lebens- und Leidensgeschichte mit langjähriger Lagerhaft und Verbannung
machten ihn gleichwohl zum herausragenden Dissidenten unter den russischen Schrift-
stellern. Zusätzliches Gewicht erhielt sein Kampf gegen das totalitäre Imperium auf-

58 Sviatoslav Josyfovych Karavansky, geb. am 24. Dezember 1920. Karavansky hat ab 1945 insgesamt 31 Jah-
re (sic !) in Lagern und Gefängnissen verbracht.
59 Nikolai Eschliman: 10. August 1929 – 3. Juni 1985. Esliman wurde nach weiteren Protestschreiben am
13. Mai 1966 vom Priesteramt suspendiert.
60 Gleb Jakunin: geb. am 4. März 1934. Jakunin wurde zusammen mit anderen Dissidenten am 1. Novem-
ber 1979 verhaftet und 1980 verurteilt. Nach Haft in Perm 37 und Verbannung in Jakutien wurde ihm
erst im März 1987 erlaubt, nach Moskau zurückzukehren. 1990 wurde er Abgeordneter im Obersten So-
wjet der RSFSR. Aufgrund seiner Aufdeckung der Tätigkeit des Patriarchen Alexei II. für den KGB wur-
de er 1993 von der Russisch Orthodoxen Kirche gebannt. Von 1990 bis 1999 war Jakunin Abgeordneter
des russischen Parlaments.
61 Anatolij Levitin-Krasnov: 21. September 1915 – 4. April 1991. Er war 1934, von 1949 bis 1956, 1969 und von
1970 bis 1973 inhaftiert. 1974 ging er ins Schweizer Exil.
62 Jurij T. Galanskow: 19. Juni 1939 – 4. November 1972. Galanskow war Mitglied der illegalen literarischen
Gruppe SMOG.
63 Alexander I. Solschenizyn: 11. Dezember 1918 – 3. August 2008.
52 Erster Teil: » What’s past is prologue «

grund des durch den Nobelpreis erreichten internationalen Bekanntheitsgrads. Seine


Lagererzählung » Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch « wurde im November 1962
von der Zeitschrift Nowy Mir veröffentlicht. 1970 erhielt Solschenizyn den Nobelpreis
für Literatur. Am 28. Dezember 1973 wurde in Paris » Der Archipel GULag « veröffent-
licht. Das Buch hatte nicht nur bei den Lesern in der Sowjetunion eine gewaltige Wir-
kung; es hatte auch im Westen aufklärende Wirkung. » Gulag Archipelago played an
enormous role in drawing international attention to political repression in the Soviet
Union and to the living conditions of political prisoners. « [65] In Frankreich bewirkte
die Lektüre des Werkes bei einigen marxistischen Intellektuellen die Revision ihrer Ein-
stellung zum Kommunismus, zur KP Frankreichs und zur Sowjetunion. Für Solscheni-
zyn folgte am 12. Februar 1974 die Verhaftung und am 14. Februar 1974 die Ausweisung
aus der Sowjetunion.
Sein Brief an die sowjetische Führung vom 5. September 1973 wurde mit der Er-
gänzung » Lebt nicht mit der Lüge « zum offenen Brief vom 12. Februar 1974. [66] Ralph
Dutli kommentierte 2008 in seinem Nachruf auf Solschenizyn diesen einen Satz tref-
fend: » Der Imperativ […] klang wie ein Signal für ganz Osteuropa. « [67]
In seiner Nobelpreis-Rede schrieb Solschenizyn, den Zusammenhang zwischen Ge-
walt und Lüge kommentierend:

» Gewalt kann nur durch Lüge verschwiegen und Lüge nur durch Gewalt beibehalten werden
[…] ist die Lüge erst einmal zerstreut, wird die Nacktheit der Gewalt in ihrer ganzen Wider-
wärtigkeit enthüllt, und dann wird die Gewalt, hinfällig geworden, in sich zusammenstürzen. «

Solschenizyn griff damit Zusammenhänge auf, die bereits in der » Literatur der gro-
ßen Renegaten, von Ignazio Silone bis Manès Sperber, von Czesław Miłosz bis Arthur
Koestler « thematisiert wurden. [68] In dem soeben zitierten Nachruf hebt Dutli die Wir-
kung Solschenizyns auf die Dissidenten anderer Staaten Mittel- und Osteuropas her-
vor: » Sein geistiger Anteil am Einsturz des sowjetischen Totalitarismus und damit an
den Umwälzungen in Osteuropa darf nicht zu klein veranschlagt werden. Auch in den
ehemaligen Satellitenstaaten wurde er unter Dissidenten früh als ein Hoffnung säender
Ermutiger aufgenommen, und die Staatssicherheitsorgane hatten allen Grund, das von
Solschenizyn gegebene › schlechte Beispiel ‹ zu fürchten. «
Die nachfolgend genannten Schriftsteller Wladimow und Amalrik sind sowohl auf-
grund des Wirkens in ihrer Heimat als auch aufgrund der fortgesetzten Aktivität im Exil
von großer Bedeutung.
Georgi Wladimow64 war Redakteur der bedeutenden russischen Literaturzeitschrift
Nowy Mir und trug entscheidend dazu bei, dass Solschenizyns Lagererzählung » Ein Tag
im Leben des Iwan Denissowitsch « 1962 von der Zeitschrift veröffentlicht wurde. Er war
1977 Leiter der sowjetischen Sektion von Amnesty International. 1983 emigrierte Wladi-

64 Georgi Wladimow: 19. Februar 1931 – 19. Oktober 2003. Wladimow starb völlig verarmt im Exil in
Frankfurt a. M.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 53

mow nach Deutschland und wurde – wie viele russische Intellektuelle – von der Sowjet-
union ausgebürgert. [69] – Es sollte bis Januar 1989 dauern, dass Wladimows Arbeiten in
der Sowjetunion wieder publiziert werden durften.
Andrej A. Amalrik: 1969 erschien bei der Alexander-Herzen-Stiftung in Amsterdam
auf Russisch Amalriks Buch mit dem Titel » Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erle-
ben ? « Am 21. Mai 1970 erfolgte die Verhaftung, im November 1970 die Verurteilung zu
Lagerhaft in Magadan und am 15. Juli 1976 die erzwungene Emigration. Natan Sharansky,
1976 unter dem Namen Anatoli Schtscharanski Mitbegründer der MHG, schrieb 2004
über Amalrik: » Amalrik […] explained that any state forced to devote so much of its
energies to physically and psychologically controlling millions of its own subjects could
not survive indefinitely. « [70]
Amalrik war wichtig für die Dissidenz in der Sowjetunion, da er derjenige war, der
die ersten Kontakte zum » Westen « herstellte. » Until 1969 he was practically the only
› specialist ‹ in this area. Through him passed most of the human rights documents-
transcripts of trials, as well as political and artistic literature. « [71] Es war ihm ebenfalls
zu verdanken, dass 1968 Sacharows » Memorandum « in den Westen gelangen und dort
publiziert werden konnte.
Aufgrund seines hohen Bekanntheitsgrades in den USA trug Amalriks Verurteilung
mit dazu bei, dass dort, anders als in Westeuropa, die Détente-Politik kritischer be-
trachtet und die Verhältnisse und die Entwicklungen in der Sowjetunion aufmerksa-
mer beobachtet wurden. Am 19. Juli 1973 veröffentlichten elf Intellektuelle, unter ihnen
die Schriftsteller Arthur Miller und John Updike, als Committee in Defense of Andrei
Amalrik in The New York Review of Books einen Aufruf zur Freilassung von Amalrik. [72]
Unter den Initiatoren war auch der Vorsitzende der Association of American Publishers
und Präsident des Verlages Random House, Robert L. Bernstein65. Bernstein gründete
1975 das International Freedom to Publish Committee und war 1978 Mitgründer der Or-
ganisation Helsinki Watch. Das International Freedom to Publish Committee setzte sich
auch für die Freilassung von Wladimir Bukowski ein.
Schon als Schüler hatte Wladimir Bukowski66 Konflikte mit der Sowjetmacht. Auf-
grund des Versuchs, das 1957 von Milovan Đilas67 veröffentlichte Buch » The New Class:
An Analysis of the Communist System «, deutscher Titel: Die neue Klasse, zu verviel-
fältigen, wurde er 1963 in eine Spezialklinik für Psychiatrie, Spetspsykhbolnytsy (SPH),
in Leningrad zwangsverbracht. Nach Entlassung im Februar 1965 setzte er seine oppo-
sitionelle Tätigkeit fort und wurde von Ende 1965 bis Juli 1966 erneut zur psychiatri-
schen Behandlung eingewiesen. Zitat aus einem KGB-Dokument: » Nach der Freilas-
sung […] stellte BUKOWSKI seine gesellschaftsfeindliche Tätigkeit nicht ein, sondern

65 Robert L. Bernstein: geb. am 5. Januar 1923.


66 Wladimir Bukowski: geb. am 30. Dezember 1942.
67 Milovan Đilas [Milovan Djilas]: 12. Juni 1911 – 20. April 1995. Đilas war bis 1954 Mitglied im Politbüro
des ZK der KP Jugoslawiens (ab 1952 » Bund der Kommunisten Jugoslawiens «) und potentieller Nach-
folger Titos. Er wurde zum politischen Gegner Titos und Kritiker des kommunistischen Systems.
54 Erster Teil: » What’s past is prologue «

organisierte am 22. Januar 1967 mit einer Gruppe von Personen auf dem Puschkin-Platz
einen provokatorischen Menschenauflauf zur Unterstützung der Inhaftierten Ginsburg,
Galanskow u. a. « [73] Hierfür wurde er zu drei Jahren Lager verurteilt. Nach seiner Haft-
entlassung machte Bukowski international publik, in welchem Umfang die Psychiatrie
in der Sowjetunion gegen Dissidenten missbraucht wurde. [74]
Im März 1971 erneut verhaftet, wurde Bukowski am 5. Januar 1972 zu sieben Jah-
ren Freiheitsstrafe und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Nach anhaltenden Protes-
ten im Westen, hierzu zählten auch Solidaritätsdemonstrationen in der Bundesrepublik,
tauschte ihn die Regierung am 18. Dezember 1976 gegen den Führer der chilenischen
Kommunisten, Luis Corvalán, aus.
In seinem Buch » Abrechnung mit Moskau « thematisierte Bukowski die ethische
Orientierung der Dissidenten:

» Es war unmöglich, einer bestimmten Sorte von Leuten zu erklären, daß die Tatsache, daß
sich unsere Bewegung auf Recht und Gesetz berief, keine Mimikry, kein taktisches Ma-
növer war, sondern Verzicht auf Gewalt und Untergrundtätigkeit bedeutete und unserer
Grundhaltung entsprach. […] Verstand denn nicht schon in den sechziger Jahren jeder, daß
Gewalt nicht zu einem Rechtsstaat führt und Untergrundarbeit nicht zu einer freien Gesell-
schaft ? « […]

» Selbstverständlich erwartete niemand, daß die Sowjetunion durch die Prozesse gegen uns,
durch den Samisdat oder die winzigen, rein symbolischen Demonstrationen zusammenbrä-
che. Und natürlich hat auch keiner eine › Verbesserung ‹ des Regimes erwartet. Das Paradox
bestand gerade darin, daß unsere Bewegung, die einen so großen politischen Einfluß ausüb-
te, eigentlich keinen politischen, sondern einen sittlich-moralischen Charakter hatte. Was
uns im Grunde stimulierte, war nicht der Wunsch, das System zu verändern, sondern der, an
seinen Verbrechen nicht beteiligt zu sein. […] Alexander Galitsch (68, D. P.) drückt es folgen-
dermaßen aus: › Das Schweigen, das Schweigen, das Schweigen – Reiht ein dich in der Mör-
der Reigen ‹. « [75]

Die Hoffnung, durch Persönlichkeitsbildung einen Wandel der Verhältnisse zu errei-


chen, war auch bei Andrej Amalrik Grund und Ausgangspunkt seiner dissidentischen
Aktivitäten. Im Vorwort seiner » Aufzeichnungen eines Revolutionärs « stellte er die rhe-
torisch gemeinte Frage: » Läßt sich indessen mit Bestimmtheit sagen, daß die Krise des
Marxismus durch die Wandlung der › Person ‹ als bloßem Element eines › Systems ‹ zur
Persönlichkeit gelöst wird ? « [76]
Die heutige Wahrnehmung von Bukowski und Solschenizyn ist stark geprägt durch
die politischen Einlassungen beider nach dem Ende der Sowjetunion. Diese Äußerun-
gen können nicht die Bedeutung der beiden Dissidenten mindern, die sie für die Zeit-

68 Alexander » Sascha « Galitsch (Geburtsname: Alexander Aronovitsch Ginsburg): 19. Dezember 1918 –
15. Dezember 1977. Russischer Chansonsänger. Er starb im Pariser Exil bei einem Autounfall.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 55

genossen hatten und die ihnen hinsichtlich ihrer Wirkung im Westen zukommt. Es ist
hervorzuheben, dass viele spätere politische Einlassungen » Andersdenkender « nur vor
dem Hintergrund ihrer Leidensgeschichte und ihrer Kenntnis des Leids anderer Opfer
der Sowjetdiktatur zu verstehen sind.
In der Sowjetunion waren nicht allein Moskau und Leningrad Zentren intellektuel-
ler Dissidenz. Es darf nicht übersehen werden, dass in den sechziger Jahren zumal in der
Ukrainischen SSR die oppositionelle Intelligenz stark präsent war. Besondere Erwäh-
nung verdient die informelle Intellektuellengruppe der sogenannten Schestidesjatniki,
deutsch: Sechziger. Zu dieser Gruppe gehörten u. a. die Lyrikerin Lina Kostenko69, der
Schriftsteller Wassyl S. Stus70, der Dichter Wassyl Symonenko71 sowie die Schriftsteller
Ivan Drach72 und Ivan Dzjuba73.
Es waren zumeist jüngere Intellektuelle, die 1959/1960 den Kloob Tvorchoyi Molodi,
deutsch: Klub für kreative junge Menschen, gründeten. Dieser Klub junger Intellektuel-
ler war der Ursprung der im Nachhinein so genannten Intellektuellengruppe Schestides-
jatniki. Der Klub wurde von Leonid (Les) Stepanovych Tanyuk74 geleitet. Zu den führen-
den Mitgliedern zählten Ivan Drach, Yury Badzio75, Vasyl Stus, Yevhen Sverstyuk76, Ivan
Svitlychny77 Wassyl Symonenko, Wjatscheslaw Tschornowil, die renommierte Malerin
Alla Horska78 und Leonid Plyushch79.

69 Lina Kostenko: geb. am 19. März 1930. Von 1963 bis 1977 hatte Lina Kostenko in der UdSSR Publika-
tionsverbot. Ihre Lyrik wurde während dieser Zeit im Samvydav (ukrainisches Synonym für Samisdat)
sowie in Literaturzeitschriften in der ČSSR und in Polen publiziert.
70 Wassyl S. Stus: 8. Januar 1938 – 4. September 1985. Zum Schicksal von Stus siehe Seite 54.
71 Wassyl Symonenko: 8. Januar 1935 – 14. Dezember 1963. Symonenko starb an Verletzungen, die ihm » un-
bekannte Personen « zugefügt hatten.
72 Ivan Drach: geb. am 17. Oktober 1936. Drach war 1990 – 2006 Abgeordneter der Werchowna Rada.
73 Ivan Dzjuba: geb. am 26. Juli 1931. Dzjuba hielt am 29. September (!) 1966 in Babyn Jar eine Gedenkrede.
Er wurde 1973 zu fünf Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Nach einem » Schuldbe-
kenntnis « wurde er 1974 freigelassen. Er war von 1992 bis 1994 Kulturminister der Ukraine.
74 Leonid (Les) Stepanovych Tanyuk: geb. am 8. Juli 1938. Tanyuk wurde 1990 Abgeordneter in der
Werchowna Rada. Bis 2007 war er Abgeordneter der Partei Nasha Ukraina.
75 Yury Badzio: geb. am 25. April 1936. Badzio wurde von März 1980 bis 1986 im Lager Nr. ZhKh-385/3-5
in Mordwinien inhaftiert. Bis Dezember 1988 (sic !) lebte er in Verbannung in Jakutien.
76 Yevhen Sverstyuk: geb. am 13. Dezember 1928. Sverstyuk war von 1972 bis 1983 in Lagerhaft als politi-
scher Gefangener. Er wurde 1993 Präsident des Ukrainischen PEN-Clubs.
77 Ivan Svitlychny: 20. September 1929 – 25. Oktober 1992. Svitlychny wurde 1972 zu sieben Jahren Ar-
beitslager und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Die Haft verbrachte er im Lager Perm 35, VS-389/35,
Vsekhsviatskaia.
78 Alla Oleksandrivna Horska: 18. September 1929 – 28. November 1970. Horska wurde unter bis heute
nicht eindeutig geklärten Umständen ermordet.
79 Leonid Plyushch: geb. am 26. April 1939. Plyushch wurde 1972 inhaftiert und 1973 in ein psychiatri-
sches Gefängnis eingewiesen. Dort blieb er bis 1976. Nach internationalen Protesten gegen seine In-
haftierung – auch nach Protesten der Parteiführer der französischen und italienischen KPs – wurde er
im Januar 1976 gegen seinen Willen exiliert und lebt seitdem in Frankreich. Er wurde Auslands-Reprä-
sentant der UHG. Siehe seine Autobiographie: Leonid Plyushch, Na karnavali istoriyi-Suchasnist, 1978,
englisch: Leonid Plyushch, History’s Carnival, London 1979.
56 Erster Teil: » What’s past is prologue «

In den Folgejahren wurden auch regionale Klubs für kreative junge Menschen gegrün-
det. In Lwiw, deutsch: Lemberg; polnisch: Lwów, gehörten die Brüder Mykhailo Horyn80
und Bohdan Horyn81 zu den Initiatoren der Klubgründung.
Im Jahr 1962 bildete der Klub eine Kommission, der Tanyuk, Symonenko und Alla
Horska angehörten, um Ermittlungen über die Massengräber bei Bykivnia am Stadt-
rand von Kiew anzustellen. Die drei genannten Mitglieder fanden heraus, dass es sich
bei den Beigesetzten um Opfer des » Großen Terrors « der Stalinzeit handelte. Die Be-
hörden wurden hierüber informiert und um Aufklärung gebeten. Kurze Zeit nach Mel-
dung wurde Symonenko von » unbekannten Personen « zusammengeschlagen. Er starb
im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Les Tanyuk wurde nach Moskau versetzt.
Der Klub wurde 1964 von den Behörden geschlossen. Alla Oleksandrivna Horska
wurde zusammen mit ihrem Schwiegervater 1970 ermordet. Es ist wahrscheinlich, dass
beide zu Opfern des KGB wurden.
Auf Anregung von Petro Schelest, seit 23. Juni 1963 Erster Sekretär der KPU, erarbei-
tete Ivan Dzjuba eine Studie, die dieser Ende 1965 mit dem Titel » Internacionalizm čy
rusyfikacija ? «, deutsch: Internationalismus oder Russifizierung ?, Schelest und Wladimir
[eigentlich Wolodymyr] Wassiljewitsch Schtscherbitzki, dem Vorsitzenden des Minis-
terrats der Ukrainischen SSR, vorlegte. Die Studie wurde im Samvydav (ukrainisches Sy-
nonym des russischen Samisdat) publiziert und avancierte zum » Manifest « der Gruppe
Schestidesjatniki.
Die der Gruppe zuzurechnenden Intellektuellen » demonstrierten gegen das ideolo-
gische Diktat des › Sozialistischen Realismus ‹ und gegen die Russifizierung des öffent-
lichen Lebens. […] Ein erster Schlag wurde […] (der Gruppe, D. P.) im August und
September 1965 versetzt, als 21 Aktivisten verhaftet wurden. « [77] Verhaftet wurde am
1.  September auch der Historiker und Publizist Valentyn Moroz82, dessen in Haft ge-
schriebene Reportage über den GULag, » Reportazh iz zapovednika imeni Beriya «, nach
der englischsprachigen Veröffentlichung 1974 unter dem Titel » Report from the Beria
Reserve « auch international Beachtung fand.

80 Mykhailo Horyn: 17. Juni 1930 – 13. Januar 2013. M. Horyn war von 1965 bis 1971 in Mordwinien im La-
ger. Von 1982 bis 1986 war er inhaftiert in Lager Nr. VS -389/36-1, » Perm-36 «, in Kutschino. Er wurde
freigelassen am 2. Juli 1987. Von 1990 bis 1994 war er Abgeordneter der Werchowna Rada.
81 Bohdan Horyn: geb. am 10. Februar 1936. Horyn war von 1965 bis 1968 inhaftiert. Von 1990 bis 1998 war
er Abgeordneter der Werchowna Rada.
82 Valentyn Moroz: geb. am 15. April 1936. Moroz wurde zu vierjähriger Zwangsarbeit im Lager No. ZhKh-
385-17-A in Mordwinien verurteilt. Er verfasste über das Lagersystem einen Report: » Reportazh iz za-
povednika imeni Beriya « (» Reportage aus Berias Reservat «), der aus dem Lager geschmuggelt und im
Samvydav publiziert wurde. Tschornowil sandte den Report an alle Abgeordnete der Werchowna Rada.
Bei einem zweiten Prozeß wurde er 1970 zu einer langjährigen Gefängnisstrafe, zu Lagerhaft und Ver-
bannung verurteilt. Nach internationalen Protesten wurde er im April 1979 zusammen mit A. Ginsburg,
G. Vins, M. Dymshyts und E. Kuznetsov gegen sowjetische Spione ausgetauscht. Er wurde freier Mitar-
beiter bei RFE/RL. Seit 1997 lebt er in Lwiw.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 57

Nach diesem Schlag erhielt die Gruppe im Schriftstellerverband Unterstützung


durch den berühmten Schriftsteller Viktor Nekrassow83, der zu dem Zeitpunkt noch
Mitglied der KPU war. – Nekrassow hatte 1947, wohl allein aufgrund der Entscheidung
Stalins, den » Stalinpreis « für Literatur erhalten. – Nekrassow trat auch aktiv für die Be-
lange der Krimtataren ein. Sein Engagement hatte Folgen: Er wurde 1973 aus der KPdSU
ausgeschlossen. Die letzten Jahre seines Verbleibs in Kiew bis zur Emigration 1974 fris-
tete er unter erbärmlichen Umständen.
Der ukrainische Mathematiker Leonid Plyushch organisierte ab Ende der sechziger
Jahre bis zu seiner Verhaftung 1972 den Austausch von Informationen zwischen der uk-
rainischen Dissidenz und russischen Dissidenten in Moskau.
Besonders tragisch ist das Schicksal von Wassyl Stus. Er verbrachte insgesamt
23 Jahre in Straflagern bzw. in Verbannung. Stus starb 1985 in Kutschino, im Lager VS-
389/36-1 (Perm 36) in Isolationshaft. Diese erst 1980 eingerichtete Sektion des » beson-
deren Regimes « von Perm 36 war das berüchtigte Lager für die » Wiederholungstäter der
besonders gefährlichen Staatskriminellen «, womit Menschenrechtsaktivisten und Akti-
visten nationaler Bewegungen gemeint waren.
Der Dichter gehörte in den sechziger Jahren zu den Exponenten einer ukrainischen
kulturellen Autonomie und beteiligte sich in den siebziger Jahren an der Gründung ver-
schiedener Menschenrechtsgruppen. Heinrich Böll schlug ihn 1985 für den Literaturno-
belpreis vor.
Stus sollte nicht der einzige ukrainische Dissident sein, der noch Mitte der achtziger
Jahre Opfer des GULags wurde. [78]
Der intellektuelle Protest der sechziger Jahre bekam zusätzliches Gewicht, da die
politische Führung der Ukrainischen SSR unter Petro Schelest kulturpolitisch, insbe-
sondere hinsichtlich der Sprachenpolitik, ähnliche Auffassungen vertrat. Schelest ging
Anfang der siebziger Jahre in seiner Positionierung gegenüber der Moskauer Führung
so weit, offen den Zentralismus der sowjetischen Planwirtschaft zu kritisieren und
mehr wirtschaftliche Autonomie für die Ukraine zu fordern. Diese nicht nur aus Mos-
kauer Perspektive nationalistisch geprägten Positionen wurden in der Zentrale als Ge-
fahr für den Zusammenhalt der Sowjetunion wahrgenommen, zumal zur gleichen Zeit
in der Armenischen SSR und der Georgischen SSR ähnliche Bestrebungen feststellbar
waren.
Schelests Ansichten waren Grund seines politischen Sturzes am 19. Mai 1972. An die-
sem Tag wurde er als Erster Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine durch
den Breschnew-Vertrauten Schtscherbitzki abgelöst. Die Position als Mitglied im Polit-
büro des ZK der KPdSU [79], die er seit 1964 innehatte, verlor Schelest am 27. April 1973. –
Die Ersetzung Wassil Mschawanadses, des Ersten Sekretärs der Georgischen Kommu-

83 Viktor Nekrassow: 17. Juni 1911 – 3. September 1987. Nekrassow forderte 1959 als erster Schriftsteller der
UdSSR ein Denkmal für Babyn Jar. Zum 25. Jahrestag des Massenmords an den Juden Kiews in Babyn
Jar hielt er 1966 eine öffentliche Gedenkrede. Hierfür wurde er von den Behörden massiv drangsaliert.
Nekrassow wurde 1972 aus der KPU ausgeschlossen und emigrierte 1974 nach Frankreich. In Paris ar-
beitete der als Redakteur der Emigrantenzeitschrift Kontinent.
58 Erster Teil: » What’s past is prologue «

nistischen Partei, durch Eduard Schewardnadse am 28. September 1972 war dann jedoch
eher die Strafe für die von Mschawanadse zu verantwortende, fast nicht vorstellbare
Korruption in der Republik.
Parallel zu Schelests Bestrebungen entwickelten sich in der Gesellschaft neue Akti-
vitätsformen der ukrainischen Dissidenz. Im Samvydav erschien im Januar 1970 erst-
mals das anonyme Informationsbulletin Ukrainsky vestnyk, deutsch: Ukrainischer Bote.
Gründer war Wjatscheslaw Tschornowil. Bis 1975 erschienen von verschiedenen Her-
ausgebern weitere acht Ausgaben.
Tschornowil hatte bereits zuvor eine Sammlung von Dokumenten erstellt, die das
Vorgehen der sowjetischen Justiz gegen Dissidenten beschrieben. Die Dokumentation
erschien 1967 als Buch: » Lykho z Rozumu «, deutsch: Verstand schafft Leiden, auch un-
ter dem Titel » The Chornovil Papers « bekannt. [80] Tschornowil wurde erstmals im Juli
1966 inhaftiert. Weitere Inhaftierungen bzw. Verbannungen folgten: Von 1967 bis 1969,
1972 bis 1983 und letztmals noch im Jahr 1989. Von 1973 bis 1978 war er im mordwini-
schen Speziallager Nr. ZhKh-385/17-A inhaftiert, in dem er namhafte Dissidenten auch
anderer Sowjetrepubliken traf, u. a. den Armenier Paruyr Hayrikyan und den russisch-
nationalistischen Dissidenten Wladimir Ossipow84.
Gerhard Simon resümierte 1986 zur Geschichte der ukrainischen Dissidenz der
sechziger Jahre: » Obgleich die Opposition nicht ohne Sympathisanten in der Parteifüh-
rung, im Schriftstellerverband, in der Akademie der Wissenschaften und in manchen
Hochschulen war, blieb ihre zahlenmäßige und soziale Basis doch schwach. So konnte
der KGB in der größten Einzelaktion gegen politische Oppositionelle seit Stalin, die im
Januar 1972 begann, die literarische nationale Opposition weitgehend zerschlagen: min-
destens 70 ukrainische Dissidenten wurden 1972/73 verhaftet oder verurteilt. « [81]
Der Kampf gegen die ukrainische Dissidenz, der auch die Unterdrückung von Be-
strebungen zur Erlangung kultureller Autonomie der Ukraine zum Ziel hatte, war nur
Teil der für die Ukraine besonders repressiven Nationalitätenpolitik Moskaus. Andreas
Kappeler wies darauf hin, dass im Unterschied zur flexibleren Nationalitätenpolitik in
den anderen Republiken » man in der Ukraine schon seit 1972 zu einer repressiven Linie
über(ging). Wie schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert und in der Zwischenkriegs-
zeit betrachtete das russisch dominierte Zentrum auch diesmal nationale Bestrebungen
in der Ukraine als besonders gefährlich und ging mit besonderer Schärfe gegen sie vor. «
Kappeler ergänzte: » Wie damals folgte nach einiger Zeit die gesamtsowjetische Politik
der gegenüber der Ukraine eingeschlagenen Richtung. In der zweiten Hälfte der siebzi-
ger Jahre und zu Beginn der achtziger Jahre verstärkten sich überall die Russifizierungs-
tendenzen. « [82]

84 Wladimir Ossipow: geb. am 9. August 1938. Ossipow wurde 1961 zu sieben Jahren Arbeitslager verur-
teilt. Während der Haft bekehrte er sich zum Christentum. Nach Herausgabe der Samisdat-Zeitschrift
Wetsche von Januar 1971 bis Dezember 1973 und der Zeitschrift Zemlya wurde Ossipow am 28. Novem-
ber 1974 verhaftet und am 26. September 1975 zu acht Jahren Lagerhaft mit » strengem Regime « verur-
teilt. Am 17. Dezember 1988 gründete er die Partei Christliche Vaterländische Union.
Dissidenz und früher nationaler Protest in der UdSSR 59

Auch in der Belarussischen SSR hat es Ansätze von Gruppenbildungen der » Sech-
ziger-Jahre-Generation « gegeben. Der Kulturhistoriker und Philologe Adam Maldsis85
und der Philologe und Pädagoge Bronislaw Rzhevskii86 gehörten zu diesen informellen
Verbindungen Intellektueller. Rzhevski richtete » Briefe an weißrussische Zeitungen und
verfasste Eingaben an Behörden und Parteiführer. Darin beschwerte er sich über die so-
wjetische Nationalitätenpolitik und die administrativen Beschränkungen der weißrus-
sischen Sprache. « [83]
Mit Blick auf die Zusammenarbeit der Unabhängigkeitsbewegungen in den Repu-
bliken der UdSSR Ende der achtziger Jahre ist es erforderlich, auf die frühen Formen der
Dissidenz insbesondere in den baltischen Republiken, hinzuweisen. Dies gebietet der
Respekt, den viele für ihren aufopfernden Mut verdienen.
Zu diesen » frühen « Dissidenten gehörte der Este Enn Tarto87, der erstmals von 1956
bis 1960 in den GULag geschickt wurde, nachdem er gegen den sowjetischen Militär-
einsatz in Ungarn protestiert hatte. Tartos Haltung, offen gegenüber anderen Staaten die
sowjetische Politik zu kritisieren, ist kein Einzelfall. Sie findet sich bei fast allen Dissi-
denten und sollte auch für die Einstellung der Aktivisten in den Volksfronten der acht-
ziger Jahre stilbildend sein.
In diesem Zusammenhang möchte ich an das Schicksal des Dichters Enn Uibo88 er-
innern, der 1965 im Lager Dubrawlag in Jawas, Subowo Poljanskij Rajon, Mordwinische
ASSR, starb. Uibo hatte ebenfalls öffentlich gegen die Niederschlagung des Volksauf-
standes in Ungarn protestiert und war 1957 zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt worden.
In der Lettischen SSR wurde die international renommierte Schriftstellerin Vizma
Belševica89 aufgrund ihrer in subtiler Form die Russifizierungspolitik kritisierenden
Dichtung aus dem Schriftstellerverband der Lettischen SSR entfernt und erhielt Anfang
der siebziger Jahre ein mehrjähriges Publikationsverbot. Sie hatte zudem Ivan Dzjubas
Studie » Internacionalizm čy rusyfikacija ? « verteidigt. Offensichtlich wurde die repu-
blikübergreifende Solidarisierung von Schriftstellern und anderen Intellektuellen im
Kampf für ihre jeweilige Nationalsprache als höchst gefährlich eingestuft.

85 Adam I. Maldsis [Mal’dzis]: geb. am 7. August 1932. Er wurde 1991 Präsident der International Associa-
tion for Belarusian Studies (IABS) und Direktor des Francišak Skaryna National Scientific and Educa-
tional Center. In dieser Position blieb er bis 1998.
86 Bronislaw Andrejewitsch Rzhevskii: 1905 – 1980. Er war von 1957 bis 1961 im Lager Zh 385/7-11 in der
Mordwinischen ASSR inhaftiert.
87 Enn Tarto: geb. am 25. September 1938. Tarto war für » antisowjetische Aktivitäten « erneut von 1962 bis
1967 und von 1983 bis 1988 inhaftiert. Als Organisator von Demonstrationen gegen die » sowjetische Ok-
kupation « sprach Tarto 1989 mit dem Oberbefehlshaber der sowjetischen Garnison in Tartu, General-
major Dschochar Dudajew, Protestaktionen ab. (Zu Dudajew siehe S. 715 ff.) Tarto war von 1992 bis
2003 Mitglied des Riigikogu, des estnischen Parlaments.
88 Enn Uibo: 25. Oktober 1912 – 31. August 1965. Uibo war bereits wegen seiner Zugehörigkeit zu den
» Waldbrüdern «, der militärischen Widerstandsbewegung gegen die sowjetische Besetzung, von 1945
bis 1954 in einem Lager in Norilsk inhaftiert.
89 Vizma Belševica: 31. Mai 1931 – 6. August 2005. Ihr Sohn Klāvs Elsbergs starb 1987 bei einem mysteriö-
sen Unfall. Es wurden Vermutungen laut, dass es sich um einen politischen Mord handelte.
60 Erster Teil: » What’s past is prologue «

Auch im Südkaukasus und in Zentralasien kam es in den fünfziger bzw. sechziger


Jahren bei jugendlichen Intellektuellen zu frühen Formen des nationalen Aufbegehrens.
In der Georgischen SSR existierte Mitte der fünfziger Jahre eine oppositionelle Ju-
gendgruppe, die Gorgasaliani, in der die beiden wichtigsten Dissidenten der siebziger
und achtziger Jahre, nämlich Merab Kostawa90 und Swiad Gamsachurdia91, bereits als
Schüler aktiv gewesen sein sollen.
Mit der Namensgebung nahm die Gruppe in national-romantischer Manier Bezug
auf Wachtang I. Gorgassali, König des kaukasischen Iberien im fünften nachchristlichen
Jahrhundert und Gründer von Tiflis.
Die Gruppe wurde wohl 1957 vom KGB zerschlagen. [84]
Unter kasachischen Studenten entstand an der Moskauer Lomonossow-Universität
1963 auf Initiative des Orientalistik-Studenten Murat Auesow92 eine Kulturvereinigung
mit dem Namen Zhas Tulpar, deutsch: Junges Kampfpferd, eine zumeist aus Studen-
ten bestehende Formation, mit der diese versuchten, » ihren Protest gegen die Margi-
nalisierung und Diskreditierung der kazachischen Sprache und Literatur öffentlich zu
formulieren. Die Aktivisten legten alternative Vorschläge zur Reform der sowjetischen
Nationalitäten-, Kultur- und Bildungspolitik vor und reichten sie bei höherstehenden
politischen Instanzen ein. « [85]
Der Soziologe Sovetkazy Akataev93 wurde einer der Anführer von Zhas Tulpar. Ein
weiterer wichtiger Aktivist war der Bevölkerungswissenschaftler Maqash Tatimov94.
Es entstanden Gruppen der Bewegung Zhas Tulpar in den kasachischen Städten
Alma-Ata, Karaganda, Pawlodar, Semipalatinsk und Schymkent, sowie in Kiew, Lenin-
grad, Odessa, Riga und in anderen Städten der Sowjetunion.
Die Gruppen wurden bereits 1966 verboten.

90 Merab Kostawa: 26. Mai 1939 – 13. Oktober 1989.


91 Swiad Gamsachurdia: 31. März 1939 – 31. Dezember 1993.
92 Murat Auesow: geb. am 1. Januar 1943. Auesow ist Sohn des 1961 verstorbenen » Nationaldichters «
Muchtar Auesow. Murat Auesow wurde 1990 in den Obersten Sowjet Kasachstans gewählt. Er war von
1992 bis 1995 Botschafter Kasachstans in der VR China. Er gründete 1996 die Bewegung » Azamat «, die
sich 1999 zur Partei umwandelte.
93 Sovetkazy Akataev [Savetqazy Aqatay]: geb. am 11. Oktober 1938.
94 Maqash Tatimov [Maqash Baĭghaliūly Tătīmov]: geb. am 30. April 1940.
Zweiter Teil
Vor Helsinki

1 » 1968 « und die Folgen

1968 war das Jahr der Studentenbewegung in der Bundesrepublik Deutschland wie in
Italien, der Märzunruhen in Polen und der Maiunruhen in Frankreich. 1968 war ein
Schicksalsjahr für die ČSSR und wurde zugleich zum Geburtsjahr der Dissidentenbe-
wegung in der Sowjetunion.
Am 11. Januar 1968, dem dritten Tag des Prozesses gegen Alexander Ginsburg, Jurij
Galanskow, den Dichter Alexej Dobrowolskij1 und die Sekretärin der Samisdat-Zeit-
schrift Phoenix Wera Laschkowa2, übergaben Larisa Bogoraz3 und Pawel Litwinow4 vor
dem Gericht westlichen Korrespondenten » Obrashchenie k mirovoi obshchestven-
nosti «, den Appell an die Weltöffentlichkeit, der am selben Abend von der BBC in die
Sowjetunion ausgestrahlt wurde. In diesem Appell listeten sie die Rechtsverstöße der so-
wjetischen Justiz im Verfahren auf. Der Text endete mit dem Aufruf an die sowjetische
und an die internationale Öffentlichkeit:

» Wir wenden uns an alle, die ein lebendiges Gewissen und genügend Mut haben. Fordert öf-
fentlich die Verurteilung dieses schändlichen Prozesses und die Bestrafung der Schuldigen !

1 Alexej A. Dobrowolskij: 13. Oktober 1938 – 19. Mai 2013. Dobrowolskij war von 1958 bis 1963 in Lager-
haft. Im März.1964 wurde er erneut festgenommen und bis 1965 in einer Gefängnispsychiatrie inhaf-
tiert. Im März 1966 wurde er wegen seiner Proteste gegen eine Rehabilitierung Stalins verhaftet und
1967 wieder für geisteskrank erklärt. In dem Prozeß vom Juni 1968 bekannte er sich schuldig, sagte ge-
gen Galanskow aus und wurde zu zwei Jahren strengem Arbeitslager verurteilt, 1969 entlassen. Er war
ab 1987 bei der nationalistischen und antisemitischen Bewegung Pamjat aktiv.
2 Wera I. Laschkowa: geb. am 18. Juni 1944. Laschkowa wurde zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt
und am 17. Januar 1968 entlassen.
3 Larisa Bogoraz: 8. August 1929 – 6. April 2004. Ihr Vater wurde 1936 wegen » trotzkistischer Aktivitäten «
inhaftiert.
4 Pawel Litwinow: geb. 6. Juli 1940. Der Großvater Pawel Litwinows, Maxim Litwinow, war von 1930 bis
1939 Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten. Litwinow emigrierte 1974 in die USA nachdem
er mehrere Jahre in Haft verbracht hatte:

D. Preuße, Umbruch von unten, DOI 10.1007/978-3-658-04972-0_3,


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62 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Fordert die Befreiung der Verurteilten aus der Haft ! Fordert Wiederaufnahme der Verfahren
unter strenger Beobachtung aller Rechtsnormen und in Anwesenheit internationaler Beob-
achter ! «

Mitunterzeichner des Briefes war der Philosoph Grigory Pomerants5, der bereits Ende
der fünfziger Jahre in Moskau geheime Seminare zu philosophischen, kulturellen, his-
torischen, politischen und ökonomischen Fragen gehalten hatte und mit seinen ab 1962
im Samisdat veröffentlichten Artikeln meinungsprägend in liberalen Dissidentenkrei-
sen war.
Zum ersten Mal appellierten Sowjetbürger ans Ausland. Die Wirkung in der Sowjet-
union war viel größer als dies bei einem totalitären Regime erwartet werden konnte.
Wie Pjotr Grigorenko darstellte, erreichten hunderte Protestbriefe aus vielen Teilen der
Union die beiden Verfasser des Aufrufs trotz der auf diese Briefe prompt folgenden Re-
pressionen des Staates. Lapidar vermerkte Grigorenko in seinen Erinnerungen: » Es war
eine Bewegung in Gang gekommen, die nicht aufzuhalten war. Die Machthaber tobten –
neue Verhaftungen, neue Prozesse und neue Proteste. Repressionen gehörten zu unse-
rem Alltag, und die Bewegung wuchs. « [1]
Am 17. März hielt Pjotr Grigorenko die bereits erwähnte und in Teilen zitierte Rede
vor den Krimtataren im Altai-Restaurant in Moskau. Sein Protest gegen die Okkupation
der ČSSR und sein Engagement für die Krimtataren waren die Begründung für die Ver-
haftung am 7. Mai 1969. Grigorenko mußte drei Jahre in Zwangspsychiatrie in Tschern-
jachowsk (Insterburg) im Oblast Kaliningrad, dem früheren Ostpreußen, verbringen. Er
kam erst im Jahr 1974 wieder frei.
Am 30. April 1968 erschien die erste Ausgabe der Chronika tekuščich sobytij, deutsch:
Chronik der laufenden Ereignisse. Das vordringliche Bestreben dieser Samisdat-Zei-
tung war, über Menschenrechtsverletzungen in der Sowjetunion zu informieren. Bereits
in der ersten Ausgabe nahm sich Chronika des Kampfes der Krimtataren an. Ludmilla
Alexejewa hob hervor, dass die Krimtataren über eine mehr als zehnjährige Erfahrung
im Kampf um Menschenrechte verfügten. Sie zitierte die Initiatorin und erste Heraus-
geberin der Chronika, Natalia Gorbanewskaja6: » Perhaps it was the contact with the
Crimean Tartar movement that stimulated the appearance of what was later called
the Chronicle of Current Events. « [2]
Am 28. Februar 1969 thematisierte Chronika in ihrer sechsten Ausgabe erstmals
die Lage der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion und berichtete über die wach-

5 Grigory Pomerants: 13. März 1918 in Wilno – 16. Februar 2013. Pomerants war von 1949 bis 1953 wegen
» anti-sowjetischer Agitation « inhaftiert.
6 Natalia Gorbanewskaja: 26. Mai 1936 – 29. November 2013. Natalia Gorbanewskaja war von Dezember
1969 bis Februar 1972 in Gefängnispsychiatrie in Kasan. Von 1975 bis zu ihrem Tod lebte sie im Exil in
Paris. Joan Baez widmete ihr den Song » Natalia «, 1976 veröffentlicht in dem Live-Album » From Every
Stage «. Es war Gorbanewskaja, die am 25. August 1968 das Banner mit der Aufschrift » За вашу и нашу
свободу « (» Für unsere und eure Freiheit «) in einem Kinderwagen versteckt auf den Roten Platz in
Moskau brachte, um mit sieben anderen Bürgern gegen die militärische Gewaltaktion des Warschauer
Paktes in der ČSSR zu protestieren. Sie erhielt 2005 die polnische Staatsbürgerschaft.
» 1968 « und die Folgen 63

sende zionistische Bewegung. Sie berichtete zudem über die Gerichtsverhandlungen ge-
gen den Kiewer Ingenieur Boris Kochubiyevsky7. Kochubiyevsky hatte sich nach dem
» Sechstagekrieg « 1967 energisch für das Gedenken an die jüdischen Opfer von Babyn
Jar eingesetzt und öffentlich gegen die massive antiisraelische und antizionistische Kam-
pagne der Partei Stellung bezogen. Es wurden in der Chronika auch Texte aus anderen
sozialistischen Staaten publiziert. » Relativ verbreitet waren um 1968 auch Übersetzun-
gen aus der tschechoslowakischen Publizistik. « [3] So machte Chronika der russischspra-
chigen Leserschaft in der Sowjetunion z. B. das Manifest der » 2 000 Worte « von Ludvík
Vaculík bekannt.
Im » Ostblock « hatten sich 1968 nicht nur in der Sowjetunion erste Boten eines po-
litischen Frühlings und in der ČSSR Zeichen eines politischen Aufbruchs gezeigt. Von
diesen Entwicklungen erlangten allerdings im » Westen « primär die Vorgänge in Prag
große Publizität.
Zeitgleich mit dem Prager Frühling kam es in der Volksrepublik Polen zu dem von
Studenten und Intellektuellen getragenen später sogenannten » Marzec 1968 «, den
Märzunruhen. Auf diese landesweiten Proteste muss nachfolgend ebenso eingegangen
werden, wie im weiteren Text auf den » Grudzień 1970 «, Dezemberaufstand 1970, auch
Ostseeküstenaufstand genannt. Diese Ereignisse gewannen insoweit Bedeutung für den
Mitte der siebziger Jahre einsetzenden Prozess der Entwicklung oppositioneller Struktu-
ren, als die Erfahrung der Spaltung von Protestpotentialen bei den systemkritischen Tei-
len der Gesellschaft zur Einstellungsänderung führte. Die Erfahrung war, dass 1968 die
Studenten und Intellektuellen ohne Unterstützung nichtakademischer Bevölkerungs-
kreise und dann 1970 der blutig niedergeschlagene Protest der Arbeiter ohne Unterstüt-
zung der Intelligenz blieben. Die Erfahrung des von den Regierenden aus Gründen der
Machtstabilisierung provozierten » divide et impera « wurde zur Folie veränderter Stra-
tegien und Verhaltensweisen dissidentischer und oppositioneller Akteure.
Der Ausgangspunkt der Märzunruhen war am 8. März 1968 die durch Einheiten
der Ochotnicza Rezerwa Milicji Obywatelskiej (ORMO), deutsch: Freiwillige Reserve
der Bürgermiliz, brutal beendete Solidaritätsdemonstration für die von der Universi-
tät verwiesenen Adam Michnik und Henryk Szlajfer8. In einigen Universitätsstädten
wurde bis zum 15. März 1968 demonstriert. Auslöser der Proteste und Demonstrationen
war die im Januar von der Regierung verfügte Absetzung von Kazimierz Dejmeks9 Neu-
inszenierung des Theaterstücks » Dziady «, deutsch: Totenfeier, des polnischen National-
dichters Adam Mickiewicz. – Immerhin wurde das Drama schon von den Zeitgenossen
Mickiewiczs als Aufruf zum Widerstand gegen die damaligen Besatzungsmächte, insbe-
sondere gegen Russland, d. h. als ein politisches Werk, verstanden. – Michnik gehörte
mit der von ihm geleiteten Studentengruppe Komandosi zu den Initiatoren der Proteste.

7 Boris Kochubiyevsky: geb. 1936. Sein Vater, ein Major der Roten Armee, war 1941 in Babyn Jar ermor-
det worden. Kochubiyevsky emigrierte 1971 nach Israel und nahm den Namen Baruch Asha an.
8 Henryk Szlajfer: geb. 1947. Szlajfer war von 1993 bis 2008 Abteilungsleiter im Außenministerium Polens
und anschließend Botschafter bei der OSZE und anderen internationalen Organisationen in Wien.
9 Kazimierz Dejmek: 17. April 1924 – 31. Dezember 2002. Dejmek war von 1962 bis 1968 Intendant des Na-
tionaltheaters in Warschau. Er war von 1993 bis 1996 Kulturminister der Republik Polen.
64 Zweiter Teil: Vor Helsinki

In Petitionen protestierten allein in Warschau 3 145 und in Breslau 1 098 Personen ge-
gen die Absetzung des Stückes. » Żądamy prawdy « und sogar » Żądamy prawdy i demo-
kracji «, deutsch: » Wir fordern die Wahrheit und die Demokratie «, wurde auf Bannern
geschrieben.
Aleksander Smolar10, 1968 führender Teilnehmer der Demonstrationen, 1974 Grün-
der und bis 1990 Chefredakteur der zuerst in Schweden dann in London herausgegebe-
nen Emigrantenzeitschrift Aneks, deutete die polnische 68er-Bewegung als Vorzeichen
der demokratischen Opposition der siebziger und achtziger Jahre.

» Am 30. Januar 1968, bei der Abschlussvorstellung von Mickiewiczs Dziady […], skandier-
ten wir Modzelewskis Parole: » Unabhängigkeit ohne Zensur «. Zum ersten Mal entstand, fast
zufällig, eine antipolitische Sprache als Instrument zum Kampf gegen das Regime. In ih-
rem Protest gegen die Zensur, ihrer Forderung nach Meinungsfreiheit und ihrem Eintre-
ten für die Repressalien ausgesetzten Freunde beriefen sich die Studenten auf das Recht, auf
die Verfassung. Die Sprache der Grundrechte und -freiheiten wurde schnell zu einem wich-
tigen Kampfinstrument der entstehenden demokratischen Opposition. Ihr Ziel war nicht, ja,
konnte es nicht sein, die Macht zu erlangen und die bestehende Ordnung zu stürzen, sondern
sie zu beschränken, die Diktatur an die Kandare zu nehmen. « [4]

Die demonstrierenden Studenten waren bei ihrem Protest durch die Ereignisse in Prag
ermutigt worden. Dort hatte am 5. Januar 1968 Alexander Dubček11 Antonín Novotný
als Ersten Sekretär der KSČ (Komunistická strana Československa), deutsch: Kommu-
nistische Partei der Tschechoslowakei, abgelöst. Dubček hatte bereits ab 1963 als Erster
Sekretär der slowakischen KP, der Komunistická strana Slovenska (KSS), eine größere
Offenheit für Reformen unter Beweis gestellt. Er war der erste Slowake in der Position
des Ersten Sekretärs der KSČ.
Ähnliche Erwartungen, innerhalb der PZPR Partner für politische Reformen zu fin-
den, waren vor der gewaltsamen Niederschlagung der Demonstrationen wohl auch
eines der Motive der Mitglieder des Warschauer Schriftstellerverbandes, die mit einer
Resolution gegen die Absetzung des Stückes von Adam Mickiewicz protestiert hatten.
Das brutale Vorgehen der Staatsorgane gegen die Demonstranten und die nachfolgende
antisemitische Kampagne der Regierung verwiesen die Hoffnungen in das Reich der Il-
lusionen.
Wie auch für den Philosophieprofessor Leszek Kołakowski, zu jener Zeit noch über-
zeugter Marxist, der aufgrund seines Engagements für die oppositionellen Studenten
Lehrverbot erhielt und in den » Westen « ging, waren die Ereignisse des Frühjahrs 1968
die Begründung für den definitiven Bruch vieler polnischer Intellektueller mit der kom-

10 Aleksander Smolar: geb. am 10. Dezember 1940. A. Smolar ist der Sohn von Hersh Smolar, 1941 kom-
munistischer Partisanenführer im Minsker Ghetto. A. Smolar war bis zu den Märzereignissen 1968 As-
sistent an der Warschauer Universität. Nach längerer Inhaftierung emigrierte er 1971 nach Frankreich.
Er war 1989/1990 politischer Berater von Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und 1992/1993 Berater
von Ministerpräsidentin Hanna Suchocka.
11 Alexander Dubček: 27. November 1921 – 7. November 1992.
» 1968 « und die Folgen 65

munistischen Partei; mindestens waren sie die Begründung für den Verlust des Glau-
bens an einen Erfolg des Revisionismus. [5] » March 1968, despite all prosecutions and
repressions, finally liberated Polish culture from ties with the Communist system and its
ideology. There was nothing left to › revise ‹ anymore and nobody was ready to expect any
improvement from one or another party faction. « [6]
Zu den » revisionistischen « Intellektuellen, die mit der Partei bereits vor 1968 gebro-
chen hatten, gehörten die beiden Dozenten der Warschauer Universität Jacek Kuroń
und Karol Modzelewski, die nach ihrem » List otwarty do partii «, deutsch: Offener Brief
an die Partei, vom 27. November 1964 aus der PZPR ausgeschlossen worden waren und
mehrjährige Gefängnisstrafen erhielten. Aufgrund ihres Engagements an der Seite der
protestierenden Studenten gerieten Kuroń und Modzelewski sowie der Ökonom Antoni
Zambrowski12 im März 1968 erneut in den Fokus der Sicherheitsorgane und der Justiz.
Zambrowski wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt, Kuroń und Modzelewski wurden für
dreieinhalb Jahre inhaftiert.
Auch der Soziologe Zygmunt Bauman13, bis Anfang der sechziger Jahre ein Vorden-
ker der PZPR, hatte im Januar 1968 mit der Partei gebrochen. Er verlor infolge der März-
ereignisse seinen Lehrstuhl an der Universität Warschau. Der nicht praktizierende Jude
emigrierte angesichts der antisemitischen Kampagne des Regimes nach Israel. Sein wis-
senschaftliches Werk war und blieb insbesondere für viele Intellektuelle in Mitteleuropa
von großer Bedeutung.
Die staatliche Repression der Proteste und die von Innenminister Mieczysław
Moczar initiierte antisemitische Kampagne der Regierung wurden Gegenstand einer In-
terpellation der Znak-Abgeordneten im Sejm. Der Znak-Mitgründer und Abgeordnete
Jerzy Zawieyski14 protestierte öffentlich gegen die Kampagne. Diese Solidaritätsaktion
war zugleich ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Verständigung von Teilen der katho-
lischen Intelligenz und denjenigen sozialistischen Intellektuellen, die im fundamentalen
Gegensatz zur PZPR standen. Für einen Teil der polnischen » 68-er Generation «, ins-
besondere für Warschauer Studierende, wurden die KIKs zu Orten der Begegnung mit
der katholischen Intelligenz. Helga Hirsch beschrieb, wie die beiden bislang getrennten
» Milieus « nach den Erfahrungen von 1968 aufeinanderzugingen. [7]
Es ist allerdings zu konstatieren, dass nur wenige Repräsentanten der katholischen
Intelligenz sich mit den fast ausschließlich von linken Intellektuellen getragenen Protes-
ten solidarisierten. Der Episkopat schwieg zu den antisemitischen Attacken von PZPR
und Regierung, die dazu führten, dass bis Ende 1969 Zehntausende Polen jüdischen
Glaubens das Land verlassen hatten. [8] Seitens der katholischen Intelligenz vollzog der

12 Antoni Zambrowski: geb. am 27. Januar 1934. Sohn von Roman Zambrowski, des ehemaligen Mitglieds
des Politbüros im ZK der PZPR. Antoni Zambrowski engagierte sich ab 1976 bei KOR und ab 1980 bei
Solidarność und war journalistisch tätig.
13 Zygmunt Bauman: geb. am 19. November 1925. Baumann war von 1945 bis 1953 Offizier des Geheim-
dienstes. 1971 erhielt er eine Professur an der Universität Leeds. Er lebt seitdem in England.
14 Jerzy Zawieyski: 2. Oktober 1902 – 18. Juni 1969. Zawieyski war Schriftsteller. Er gehörte zu den Heraus-
gebern des Tygodnik Powszechny und war der erste Präsident des KIK in Warschau.
66 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Historiker und Publizist Bohdan Cywiński15, Chefredakteur der Zeitschrift Znak, mit
seinem 1971 veröffentlichten Buch » Rodowody niepokornych «, deutsch: Herkunft der
Aufbegehrenden, die Wende zur Kooperation mit den oppositionellen linken Laizis-
ten. » Mit großer Anerkennung schrieb Cywiński über die radikale atheistische Linke
des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ihr Kampf für soziale Gerechtigkeit und mensch-
liche Würde habe für alle Polen Vorteile gebracht. Was für den Autor vor allem zählte,
war nicht das atheistische Bekenntnis dieser Rebellen, sondern deren Freiheitsdrang. « [9]
Von überragender Bedeutung für die Folgezeit wurden 1968 jedoch die Ereignisse in
der ČSSR. Wie bereits angemerkt, wird die Historie des Prager Frühlings hier nicht de-
tailliert dargestellt. Aspekte der Vorgeschichte sollen jedoch erwähnt werden. [10]
Zum Vorlauf zählt der IV. Kongress des Tschechoslowakischen Schriftstellerverban-
des (SČSS), der vom 27. bis 29. Juni 1967 im Prager Eisenbahner-Kulturhaus, heute: Na-
tionalhaus Vinohrady, stattfand. Auf ihm kritisierten Václav Havel16, Ivan Klíma17, Pavel
Kohout18, Milan Kundera19, Antonín Liehm20, Ludvík Vaculík21 und der marxistische
Philosoph Karel Kosik22 in deutlicher Art das Regime. Vaculík ging in seiner Rede so
weit, die führende Rolle der KP und damit den ideologischen Kern ihres Herrschafts-
anspruchs anzugreifen. Eduard Goldstücker23 hingegen anerkannte den Führungsan-
spruch der KSČ.
Kohout verlas den » Offenen Brief an den Sowjetischen Schriftstellerkongreß « von
Alexander Solschenizyn vom 16. Mai 1967, mit dem dieser gegen die Unterdrückung der
geistigen Freiheit und gegen die Verfolgung von Schriftstellern in der Sowjetunion pro-
testierte.
Das Regime reagierte gezielt: Vaculík, Klíma und Liehm wurden im August 1967
aus der KSČ ausgeschlossen. Im September verbot der Erste Sekretär der KSČ Antonín
Novotný dem SČSS, weiterhin Literární noviny, bis dato die Verbandszeitschrift, heraus-
zugeben.
Im März 1968 gab der im Januar neugewählte Vorsitzende des Verbandes Eduard
Goldstücker anstatt der nunmehr vom Kultur- und Informationsministerium editier-
ten Literární noviny die Wochenzeitung Literární Listy heraus. In wenigen Monaten er-
reichte die neue Zeitschrift eine Auflage von 400 000 Exemplaren. Die Auflagenhöhe
war Ergebnis des wachsenden Interesses eines breiten Publikums an politischen Fragen.

15 Bohdan Cywiński: geb. am 19. Juli 1939.


16 Václav Havel: 5. Oktober 1936 – 18. Dezember 2011. Havel war von 1989 bis 1992 Präsident der Tschecho-
slowakei, von 1992 bis 2003 Präsident der Tschechischen Republik.
17 Ivan Klíma: geb. am 14. September 1931.
18 Pavel Kohout: geb. am 20. Juli 1928. Wurde 1979 ausgebürgert und österreichischer Staatsbürger.
19 Milan Kundera: geb. am 1. April 1929. Kundera lebt seit 1975 in Frankreich.
20 Antonín Jaroslav Liehm: geb. am 2. März 1924. Liehm flüchtete 1969 nach Frankreich. 1984 gründete er
in Paris die Kulturzeitschrift Lettre International, die zu einer wichtigen Institution des grenzübergrei-
fenden Kulturdialogs wurde.
21 Ludvík Vaculík: geb. am 23. Juli 1926.
22 Karel Kosik: 26. Juni 1926 – 21. Februar 2003. Kosik wurde 1968 Mitglied im ZK der KSČ.
23 Eduard Goldstücker: 30. Mai 1913 – 23. Oktober 2000. Goldstücker war 1950/1951 Botschafter der Tsche-
choslowakei in Israel. Er war von 1951 bis 1955 inhaftiert. 1968 war er Germanistikprofessor.
» 1968 « und die Folgen 67

Die Literární Listy wandten sich in Artikeln auch den Vorgängen im benachbarten Po-
len zu. Insbesondere der Artikel des Philosophen und Polonisten Jiří Lederer24 » Polsko
těchto týdnů «, deutsch: Polen in den nächsten Wochen, über die Märzdemonstrationen
in Warschau, im April abgedruckt in der 10. Ausgabe der Zeitung, unterstrich die von
tschechischen Intellektuellen 1968 den demonstrierenden polnischen Studenten und
den diese unterstützenden Professoren entgegenbrachte Sympathie.
Im Frühjahr 1968 entstanden mehrere unabhängige Gruppierungen, die jedoch
aufgrund ihrer Zusammensetzung nicht geeignet waren, zur Basis zivilgesellschaft-
licher Strukturen zu werden. Am 31. März wurde der Klub bývalých politických vězňů
(K-231), Verein ehemaliger politischer Gefangener, gegründet. K-231 hatte im August
bereits 100 000 Mitglieder. Am 5. April gründeten Intellektuelle den liberalen Klub
angažovaných nestraníků (KAN), Klub der engagierten Parteilosen. Der Arzt Jan
Štěpánek25 und der Philosoph Rudolf Battĕk26 gehörten zu den Initiatoren der Grün-
dung. Václav Havel schloss sich der Gruppe ebenfalls an. Am 7. April 1968 traf sich
ein Vorbereitungsausschuss zur Gründung der Slovenská organizácia na ochranu práv
ludskych a národnych (SONOP), Slowakische Organisation für den Schutz der Men-
schenrechte und der nationalen Rechte, unter Leitung des slowakischen Philosophen
Emil Vidra27. Die Teilnehmer waren zumeist ehemalige politische Häftlinge, die, wie
Vidra, bereits dem K-231 angehörten.
Die Vorgänge in der ČSSR strahlten auch auf die benachbarten Länder der WVO aus,
auch auf die DDR. Das Tschechoslowakische Kulturzentrum am Bahnhof Friedrich-
straße in Ost-Berlin wurde zu einer wichtigen Informationsquelle für Andersdenkende
in der DDR. Ende Mai musste der Postvertrieb der deutschsprachigen Prager Volkszei-
tung auf Anordnung der DDR-Führung eingestellt werden.
Der Erste Sekretär des ZK der SED Walter Ulbricht und der Erste Sekretär des ZK
der PZPR Władysław Gomułka gehörten bereits früh zu den Befürwortern eines militä-
rischen Eingreifens. Die Furcht vor einer Ausbreitung der Entwicklung auch auf Polen
war für die dortige Führung der Grund für eine Verschärfung der Grenzkontrollen an
der polnisch-tschechoslowakischen Grenze.
Zu erwähnen ist, dass sich, bedingt durch die Aufhebung der Zensur am 26. Juni
1968, in der ČSSR eine kritische Öffentlichkeit bildete. Die in der Gesellschaft weit ver-
breitete Hoffnung auf einen dauerhaften Erfolg der Reformkommunisten innerhalb der
KSČ verhinderte jedoch die Entwicklung alternativer Strukturen, die zum Ausgangs-

24 Jiří Lederer: 15. Juli 1922 – 12. Oktober 1983. Lederer hatte in Krakau studiert und war mit einer Polin ver-
heiratet. Er war 1976 Mitinitiator von Charta 77. Er wurde im Januar 1977 verhaftet, im Januar 1980 aus
der Haft entlassen und mit seiner Familie in die Bundesrepublik abgeschoben. Die Konrad-Adenauer-
Stiftung gab ihm einen Forschungsauftrag für das Projekt » Menschenrechte in Osteuropa «.
25 Jan Štěpánek: 14. Juni 1937 – 6. Juni 2013. Štěpánek emigrierte im September 1968 in die Schweiz.
26 Rudolf Battĕk: 2. November 1924 – 17. März 2013. Battěk wurde am 25. September 1969 nach Aufhebung
seiner Immunität inhaftiert. Nach seiner Freilassung durfte der Philosoph nur noch als Pförtner ar-
beiten. Er war 1969/1970, 1971 bis 1974 und von Februar 1980 bis Oktober 1985 inhaftiert. Er war Erst-
unterzeichner und 1980 Sprecher der Charta 77. Er war ab 30. Januar 1990 bis 1992 Abgeordneter der
Föderalversammlung.
27 Emil Vidra: 20. Dezember 1930 – 8. März 2004.
68 Zweiter Teil: Vor Helsinki

punkt eines entwicklungsfähigen Pluralismus hätten werden können. Oldrich Tůma


schrieb: » Sogar während der liberalsten Phase im Frühling 1968 entstand keine oppo-
sitionelle Gruppe mit einem eigenen, klar formulierten Programm, das das Potential
gehabt hätte, Dubčeks Kapitulation zu überleben. Die gewaltige soziale Energie wurde
durch die Unterstützung von Leuten verschwendet, die unfähig oder unwillig waren, sie
zu nutzen. « [11]
Nur einen Tag nach der Aufhebung der Zensur wiederholte Ludvík Vaculík seine auf
dem Schriftstellerkongress geäußerte Kritik im Manifest » Dva tisíce slov «, Manifest der
» 2 000 Worte «. [12] Er veröffentlichte am 27. Juni 1968 dieses von ihm verfasste und von
68 Arbeitern, Angestellten und Intellektuellen unterschriebene Manifest in der 18. Aus-
gabe der Literární Listy. Das Manifest wurde auch in den Zeitungen Práce, Mladá fronta
and Zemĕdĕlské noviny veröffentlicht und erreichte eine große Leserschaft. Es kritisierte
scharf die Komunistická strana Československa (KSČ), deutsch: die Kommunistische
Partei der Tschechoslowakei, stellte ihre politische Vormachtstellung in Frage und for-
derte eine umfassende » Demokratisierung «. Im Juli schlossen sich weitere Personen
der Initiative an, unter ihnen mit Pavel Kohout und Milan Kundera auch international
bekannte Schriftsteller aus der ČSSR. Das Manifest, das auch außerhalb der ČSSR, auch
in der Sowjetunion, schnell Verbreitung fand, benutzte » Brežnev als Art › Emser De-
pesche ‹, um den Druck auf die Reformer zu erhöhen «. [13] Es kann aufgrund seiner sehr
politischen Aussagen jedoch nur bedingt als Vorläufer der Charta 77 gelten.
Mit Vaculíks Manifest begann in der ČSSR eine Reihe öffentlicher Briefe namhafter
Intellektueller, die auch nach 1977 immer wieder Impulse für den gesellschaftlichen Dis-
kurs gaben. Ludvík Vaculík wurde 1977 einer der Erstunterzeichner der Charta 77. Pavel
Kohout war Mitverfasser.
In der Nacht vom 20. zum 21. August 1968 marschierte eine erste Staffel von Truppen
der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens in einer Stärke von 250 000 Mann in
die ČSSR ein und besetze das Land. Insgesamt waren an der Okkupation mit dem Code-
namen » Donau «, 350 000 bis 400 000 sowjetische Soldaten und 70 000 bis 80 000 Sol-
daten aus Polen, Bulgarien und Ungarn beteiligt. Die Verbände verfügten über 5 000
Panzer und Schützenpanzer. Aus der DDR nahm lediglich eine kleine Verbindungsein-
heit direkt teil.
Am Vormittag des 21. August wurden führende Angehörige des Reformflügels der
KSČ von sowjetischen Einheiten im Gebäude des ZK der KSČ festgenommen und am
Nachmittag über Legnica, Polen, in die Ukrainische SSR deportiert. Deportiert wurden
Alexander Dubček, Parlamentspräsident Josef Smrkovský28, der Vorsitzende des ZK der
Nationalen Front František Kriegel29, der Sekretär des ZK der KSČ Josef Špaček30, Minis-
terpräsident Oldřich Černík31 und der Erste Sekretär der Prager KSČ Bohumil Šimon32.

28 Josef Smrkovský: 26. Februar 1911 – 14. Januar 1974.


29 František Kriegel: 10. April 1908 – 3. Dezember 1979.
30 Josef Špaček: 7. August 1927 – 11. Juli 2004. Špaček trat 1989 der Vereinigung Obroda bei. Er wurde 1990
in die Föderalversammlung gewählt, der er bis 1992 angehörte.
31 Oldřich Černík: 27. Oktober 1921 – 19. Oktober 1994.
32 Bohumil Šimon: 2. Oktober 1920 – 21. November 2003.
» 1968 « und die Folgen 69

Das von Ladislav Bielik gemachte Foto des slowakischen Installateurs Emil Gallo,
der sich am 21. August mit entblößter Brust auf dem Šafárikovo námestie in Bratislava
schreiend vor das Geschütz eines Panzers stellte, gehört in Europa zum kollektiven Ge-
dächtnis einer Generation. Die Panzer walzten nicht nur die Hoffnungen der Bürger der
ČSSR nieder. Auch bei der russischen Intelligenzija, » Zhivago’s Children «, wie Vladis-
lav Zubok titelte, hatte der Prager Frühling Hoffnungen geweckt. » In May 1968 intellec-
tual activists in Moscow were focusing on the Prague spring, rather than on the Western
protest movements. « [14]
Die Entscheidung zum militärischen Eingreifen in der ČSSR erfolgte folglich auch
aufgrund von Befürchtungen der Führungen der angrenzenden sozialistischen » Bru-
derstaaten «, dass die Reformbewegung auf ihre Länder überschwappen könnte. Daher
zählten der Erste Sekretär des ZK der SED Walter Ulbricht, der Erste Sekretär des ZK der
PZPR Władysław Gomułka und Petro Schelest, Erster Sekretär der KP der Ukraine und
Mitglied im KPdSU-Politbüro, zu den entschiedenen Befürwortern einer militärischen
Intervention. Schelest wähnte ein Übergreifen der » tschechoslowakischen Infektion «
auf die Westukraine, insbesondere auf die Karpato-Ukraine, die Oblast Transkarpatien.
[15] Dieser Teil der Ukrainischen SSR hatte von 1920 bis 1938 zur Tschechoslowakei ge-
hört. Bis zum Vertrag von Trianon 1920 und von 1938 bis 1944 war die Karpato-Ukraine
Teil Ungarns. Hintergrund seiner Furcht waren Autonomiebestrebungen, die sich beim
ungarischen Teil der Bevölkerung in der Oblast Ende der sechziger Jahre regten.
Die Beteiligung von Verbänden der Nationalen Volksarmee (NVA) an der Okku-
pation wurde nach heutigem Kenntnisstand letztlich nur durch den Widerspruch je-
ner Gruppe innerhalb der KSČ verhindert, die eine Intervention der Warschauer Pakt-
Staaten befürwortete. Die ZK- Sekretäre Vasiľ Biľak und Alois Indra wandten sich direkt
an Breschnew, um zu erwirken, dass keine Truppenverbände der DDR am Einsatz der
WVO teilnahmen. [16] Auch für diese » Hardliner « war es offenbar unvorstellbar, dass
23 Jahre nach Kriegsende erneut deutsche Truppen die Tschechoslowakei besetzen. Zu-
sammen mit Drahomír Kolder, Antonín Kapek und Oldřich Švestka gehörten beide zu
den fünf Anti-Reformern der KSČ-Führung, die den an Breschnew gerichteten » Einla-
dungsbrief « zur Intervention in der ČSSR verfasst hatten, den Biľak am 3. August 1968
in Bratislava heimlich Petro Schelest übergab, auf einer Toilette (sic !).
In der europäischen Erinnerung steht das Jahr 1968 in besonderer Weise für den
Versuch, in der ČSSR einen » Sozialismus mit menschlichem Antlitz « (Eduard Gold-
stücker) zu schaffen. Die Erinnerung schließt zugleich die Niederschlagung dieses Ver-
suchs durch den Einmarsch der Truppen der Warschauer Vertragsorganisation (WVO)
ein. Die so genannte Breschnew-Doktrin von der begrenzten Souveränität der sozia-
listischen Länder, die als Begründung für das völkerrechtswidrige Vorgehen der WVO
formuliert wurde, blieb zwei Jahrzehnte der Albtraum aller oppositionellen Bewegun-
gen in den Staaten der sowjetisch bestimmten Welt. Es war den Oppositionellen immer
bewusst, dass der interventionistische Internationalismus auch der Herrschaftsabsiche-
rung der kommunistischen Parteien ihrer Staaten diente.
Insbesondere für die ČSSR hatte diese » zweite(r) militärische Okkupation des Lan-
des innerhalb von 30 Jahren « traumatische Folgen. Es war tatsächlich die größte Mi-
70 Zweiter Teil: Vor Helsinki

litäraktion im Nachkriegseuropa. [17] Traumatisierend wirkte auch das Verhalten der


politischen Führung um Dubček, die ihre Möglichkeiten zur Mobilisierung der Bevöl-
kerung nicht nutzte. Jan Pauer schrieb 2008: » Nur wenigen ist heute noch gegenwärtig,
dass im Herbst 1968 fast eine Million Metallarbeiter entschlossen waren, zu einem poli-
tischen Generalstreik aufzurufen […] Wäre die Front gegen die schleichende Restaura-
tion nicht von den Reformern selbst demobilisiert worden, hätte die spätere machtvolle
Bewegung der › Solidarność ‹ möglicherweise ihren historischen Vorläufer gehabt. « [18]
Für die Mehrheit der reformsozialistischen Intellektuellen in der ČSSR, in Polen und
in Ungarn, auch in der Sowjetunion, war endgültig der Glaube zerstört worden, die
kommunistische Partei selbst könne zum Initiator und Träger grundlegender Refor-
men des Systems werden. Die Erfahrung mit den Ereignissen von 1968 führte bei eini-
gen von ihnen zu Überlegungen, die fürderhin Grundlage alternativer politischer Stra-
tegien wurden.
Die gewaltsame Unterdrückung der Reformbewegung des Prager Frühlings ist daher
für Mittel- und Osteuropa von herausragender Bedeutung, da durch die Reaktion des
Systems auch den zuvor linkssozialistisch orientierten Dissidenten deutlich wurde, wie
dies Adam Michnik 2008 in einer Gesprächsrunde in Berlin hervorhob, » dass man den
Kommunismus nicht reformieren kann, sondern man sich dagegen wehren muss. […]
Alles was danach geschah – die verschiedenen Formen der Selbstverteidigung gegen
den Kommunismus, die verschiedenen Arten des Aufbaus der Zivilgesellschaft, welche
eigene Freiheitsbereiche, unabhängig vom Staat, errichtet hat – war eine Lehre aus die-
sen […] Ereignissen. « Michnik fährt im Gespräch mit dem Hinweis fort, dass die Dissi-
denz Mittel- und Osteuropas als Reaktion auf den » Internationalismus « Breschnews mit
dem Aufbau eines eigenen Internationalismus, d. h. mit der gegenseitigen Vernetzung
und solidarischen Kooperation, begann. [19]
Es ist zu ergänzen, dass sich in Polen aus Protest gegen die sowjetische Intervention
in größerer Zahl Intellektuelle von der kommunistischen Partei abwandten. So trat u. a.
der Mediävist Bronisław Geremek33 aus der PZPR aus. Geremek war zu jener Zeit lei-
tender Mitarbeiter der Polska Akademia Nauk (PAN), deutsch: Polnische Akademie der
Wissenschaften.
Jerzy Andrzejewski schrieb einen Brief an Eduard Goldstücker, in dem er seinen
Protest über die Okkupation und seine Scham über die polnische Beteiligung zum Aus-
druckt brachte.
Proteste gab es auch in der Sowjetunion. Bereits am 22. August protestierte der welt-
bekannte Dichter Jewgeni Jewtuschenko34. Seine Prominenz schützte ihn vor politischer
Verfolgung.

33 Bronisław Geremek: 6. März 1932 – 13. Juli 2008. Geremek war von 1989 bis 2001 Abgeordneter im Sejm
und von 1997 bis 2000 polnischer Außenminister.
34 Jewgeni Alexandrowitsch Jewtuschenko: geb. am 18. Juli 1932. Jewtuschenko protestierte – zusammen
mit der Dichterin Anna Achmatowa – bereits gegen den Brodsky-Prozeß. Er war 1989 bis 1991 Abge-
ordneter des Volksdeputiertenkongresses.
» 1968 « und die Folgen 71

Die eindrucksvollste Demonstration der Solidarität mit den Bürgern der ČSSR fand
dann vor dem Moskauer Kreml statt. Natalia Gorbanewskaja, die Herausgeberin von
Chronika tekuščich sobytij, demonstrierte zusammen mit sieben weiteren Dissiden-
ten am 25. August auf dem Roten Platz gegen den Gewaltakt der UdSSR. Konstantin
Babitski35, Tatiana Baeva36, Larisa Bogoraz [20], Vadim Delauny [Delone]37, Vladimir
Dremliuga38, Viktor Fainberg39 und Pawel Litwinow waren die weiteren Helden vom
Roten Platz. [21] Sie demonstrierten mit dem Banner » За вашу и нашу свободу «, dem
Synonym des polnischen » Za naszą i waszą wolność «, am Lobnoye mesto, jenem erst-
malig 1534 errichteten markanten runden Steinpodest, von dem 1612 der Rurikiden-
fürst Dmitri Michailowitsch Poscharski den Bürgern Moskaus die Befreiung von dem
polnisch-litauischen Okkupationsheer unter dem Großhetman Litauens Jonas Karolis
Chodkevičius, polnisch: Jan Karol Chodkiewicz, verkündete. [22]
Der leitende Mitarbeiter von Memorial, Alexander Daniel, hat 2008 in einem Auf-
satz die Wirkung der Prager Ereignisse auf die systemkritische Intelligenz der Sowjet-
union dargestellt. » Die verhängnisvolle Nacht vom 20. auf den 21. August, die dem Pra-
ger Frühling ein Ende setzte, war für mehrere Generationen sowjetischer Intellektueller
ein gewaltiger psychischer Schlag. « [23] Wie oben schon anhand des Zitats von Zubok
festgestellt wurde: Für viele russische Intellektuelle war der Prager Frühling Modell einer
erhofften Entwicklung des eigenen Staates.
Innerhalb der Sowjetunion gab es insbesondere in der Ukrainischen SSR Proteste
gegen die militärische Besetzung der ČSSR. Die dortige besondere Aufmerksamkeit für
die ČSSR hatte ihre Begründung in der Zwischenkriegszeit, als Prag ein bedeutendes
Zentrum der ukrainischen Emigration war. Zudem hatte die für die ukrainische Min-
derheit der Ostslowakei erstellte und inoffiziell auch in der Ukrainischen SSR verbrei-
teten Kulturzeitschrift Duklja [Dukla] in der » Tauwetterperiode « der Chruschtschow-
Ära Texte oppositioneller ukrainischer Autoren abgedruckt, wodurch bereits zu jener
Zeit eine Verbindung zwischen den oppositionellen Kreisen beider Gesellschaften fun-
diert worden war.
Nach Mykola Rjabtschuk boten die Ausgaben der Zweimonatszeitschrift 1968 nicht
nur einen Überblick über die zeitgenössische tschechische und slowakische Literatur,
sondern » wichtiger noch, über die aktuelle Politik in der Tschechoslowakei. Sie enthiel-
ten alle wichtigen Dokumente des Prager Frühlings in ukrainischer Übersetzung. Sie
belegten eindeutig, dass es keine » Konterrevolution « gab, wie die sowjetische Propa-

35 Konstantin Babitski: 15. Mai 1929 – 1993. Babitski heiratete die Dissidentin Tatiana Velikanova.
36 Tatiana Baeva: geb. 7. Februar 1947.
37 Vadim Delauny [Delone]: 22. Dezember 1947 – 13. Juni 1983. Delone hatte relativ engen Kontakt zu
Andrej Sacharow. Nach mehrjähriger Haftstrafe und Haftstrafe seiner Frau Irina Belogorodskaya, einer
Aktivistin der Chronik der laufenden Ereignisse, emigrierten beide 1975 und lebten in Frankreich.
38 Vladimir Dremliuga: geb. am 19. Januar 1940.
39 Viktor Fainberg: geb. am 26. November 1931. Fainberg verbrachte vier Jahre im Psychiatrischen Spezial-
Gefängnis Leningrads. Er emigrierte 1974. In der Emigration engagierte er sich im Kampf gegen den
Missbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion bei » Campaign Against Psychiatric Abuses « (CAPA).
72 Zweiter Teil: Vor Helsinki

ganda behauptete, vielmehr einen ehrlichen (und, wie ich später begriff, ziemlich nai-
ven) Versuch, einen » Sozialismus mit menschlichem Antlitz « aufzubauen. « [24]
Es ist zu erwähnen, dass es auch in der DDR vielförmige Proteste gegen die Okku-
pation der ČSSR gab. Zum Beispiel wurde auf eine Bahnhofswand die Losung » ČSSR
1938 = 1968 – Freiheit für ČSSR « geschrieben. Es kam auch zu Demonstrationen. Nicht
nur in Moskau wurde am 25. August demonstriert, sondern gleichfalls in Ost-Berlin.
Vor der Botschaft der UdSSR, d. h. auf der Straße Unter den Linden, fand, ebenfalls am
25. August, eine Schweigekundgebung von zirka 60 Personen statt, die Toni Krahl40, der
spätere Popsänger der Gruppe City, initiiert hatte. Krahl wurde inhaftiert. [25] Die Söhne
Robert Havemanns, Frank und Florian, wurden aufgrund ihrer Proteste gegen die Mili-
tärintervention ebenfalls verurteilt.
» Das MdI (Ministerium des Innern, D. P.) zählte bis zum 29. August 1968 1 742
Straftatbestände, die mit dem Einmarsch in direkter Verbindung standen. « [26] Als
Straftatbestände wurden Protestversammlungen, Flugblattaktionen, die Verbreitung so-
genannter Hetzlosungen und anderes mehr bezeichnet. Nach einer Statistik der Gene-
ralstaatsanwaltschaft der DDR wurden bis Oktober 1968 insgesamt 1 189 Personen straf-
rechtlich für Akte des Protestes belangt.
Für einige Intellektuelle in der DDR war die Erfahrung der militärischen Unterdrü-
ckung der Reformbewegung in der ČSSR prägend für ihr politisches Engagement. Der
Dichter Jürgen Fuchs41 gehörte hierzu. Fuchs hatte sich bereits vor 1968 für tschechi-
sche Literatur interessiert und erlebte im heimatlichen Reichenbach an der böhmischen
Grenze das Eindringen von Militärverbänden in den Nachbarstaat direkt mit. » Ähnlich
wie für viele seiner Altersgenossen in der DDR war der Prager Frühling und mehr noch
dessen Niederschlagung für ihn die Initialzündung politischen Denkens. « [27]
Ilko-Sascha Kowalczuk wies darauf hin, dass es andererseits prominente Intellektu-
elle gab, die öffentlich die Okkupation rechtfertigten. » Die Schriftstellerin Christa Wolf
zum Beispiel verkündete Anfang September 1968, daß die Widersprüche unseres Jahr-
hunderts nur vom Sozialismus gelöst werden könnten und die sozialistische CSSR nur
in enger Zusammenarbeit mit Moskau eine Überlebenschance hätte. « [28]
Eduard Genov42, Aleksandar Dimitroff43 und Valentin Radev44, Geschichtsstudenten
der St.-Kliment-Ohridski-Universität, protestierten in Bulgarien gegen die Okkupation.
Sie wurden am 29. Oktober verhaftet und am 6. Januar 1969 zu mehrjährigen Haftstra-
fen verurteilt.
Am 8. September 1968 verbrannte sich der polnische Anwalt und ehemalige Sol-
dat der Armia Krajowa, deutsch: Heimatarmee, der polnischen Untergrundarmee wäh-

40 Toni Krahl: geb. am 3. Oktober 1949. Krahl gab im Herbst 1989 in Ost-Berlin Solidaritäts-Konzerte für
die Opfer staatlicher Gewalt.
41 Jürgen Fuchs: 19. Dezember 1950 – 9. Mai 1999.
42 Eduard Genov: 1. Juli 1946 – 16. Dezember 2009. Genov emigrierte 1988 in die USA.
43 Aleksandar Dimitroff: geb. am 17. November 1947. Dimitroff war 1989 aktiv am Umbruch in Bulgarien
beteiligt und wurde kommunalpolitisch aktiv.
44 Valentin Radev: geb. 1948.
» 1968 « und die Folgen 73

rend des Zweiten Weltkriegs, Ryszard Siwiec45 im Dziesięciolecia Stadion in Warschau


aus Protest gegen den Einmarsch. Kurz nach der Selbstverbrennung sprach Władysław
Gomułka in eben jenem Stadion aus Anlass des Allpolnischen Erntefestes auch über die
Okkupation: » Wenn der Feind Dynamit unter unser Haus – unter die Gemeinschaft
der sozialistischen Länder – legt, ist es unsere patriotische, nationale und internatio-
nale Verpflichtung, dies mit den Mitteln zu bekämpfen, die dafür notwendig sind. « [29]
In gleicher Absicht verbrannte sich am 16. Januar 1969 auf dem Prager Wenzels-
platz der zwanzigjährige Student Jan Palach46. Er starb drei Tage später an seinen Ver-
letzungen. Bei Bekanntwerden seines Todes versammelten sich auf dem Wenzelsplatz
geschätzte 200 000 Menschen. Die Menge bewegte sich zum Platz vor der Philosophi-
schen Fakultät der Karls-Universität, dem Rudolfinum und der Akademie für Kunst, Ar-
chitektur und Design, dem » Platz der Roten Armee «, um diesen durch Auswechseln der
Schilder in » Náměstí Jana Palacha «, » Jan-Palach-Platz «, umzubenennen. Der Schilder-
austausch wurde von den Behörden sofort rückgängig gemacht. (Die offizielle Umbe-
nennung des Platzes in Náměstí Jana Palacha erfolgte erst nach der sogenannten » Sam-
tenen Revolution « 1989.)
Am 25. Februar verbrannte sich der achtzehnjährige Jan Zajíc47 auf dem Wenzels-
platz. Am 4. April, Karfreitag, führte mit gleicher Motivation Evžen Plocek48, Werkzeug-
macher und KSČ-Mitglied, auf dem Marktplatz seiner Heimatstadt Jihlava eine Selbst-
verbrennung durch, an deren Folgen er wenige Tage später starb.
Zu Protesten gegen die Okkupation der ČSSR und zu Bekundungen des Unabhän-
gigkeitswillens kam es 1968 in der Estnischen SSR. Aus einem KGB-Bericht geht her-
vor, dass es bei einer offiziellen Kundgebung zum » Internationalen Studententag « am
19. Oktober 1968 in Tallinn und Tartu zu subtilen Protesten und Bekundungen des na-
tionalen Unabhängigkeitswillens kam. Auf Spruchbändern und Plakaten stand z. B. sehr
hintersinnig » Yankees, verzieht euch hinter den Peipus-See ! «, » Russen, auf den Mond ! «,
» Freiheit den kleinen Völkern ! « [30] Für die folgenden zwei Jahrzehnte blieben in Est-
land Demonstrationen zum » Internationalen Studententag « verboten.
Am 13. April 1969 unternahm der lettische Mathematikstudent Ilja (Elijahu) Rips49
vor dem Freiheitsdenkmal in Riga einen Selbstverbrennungsversuch aus Protest gegen
den Einmarsch in die ČSSR. Er trug ein Plakat mit der Aufschrift: » Freiheit für die
Tschechoslowakei «. [31]
Warum stelle ich diese verzweifelten Proteste Einzelner dar ? Sind nicht andere Ereig-
nisse von viel größerer Bedeutung ? Diese Fragen sind berechtigt, denn das Opfer dieser
Menschen hat den Umbruch Ende der achtziger Jahre sicherlich nicht bewirkt. Ich be-
absichtige nicht, Heroisierung zu betreiben. Ich möchte jedoch an die besondere Wahr-
nehmung und an die Perspektive von Mittel- und Osteuropäern erinnern. Die Selbst-

45 Ryszard Siwiec: 7. März 1909 – 12. September 1968.


46 Jan Palach: 11. August 1948 – 19. Januar 1969.
47 Jan Zajíc: 3. Juli 1950 – 25. Februar 1969.
48 Evžen Plocek: 29. Oktober 1929 – 9. April 1969.
49 Ilja (Elijahu) Rips: geb. am 12. Dezember 1948. Rips emigrierte 1971 nach Israel, wo er als Mathematik-
professor tätig ist.
74 Zweiter Teil: Vor Helsinki

verbrennungen, insbesondere die Palachs, wurden in den unter sowjetischer Herrschaft


stehenden Staaten für viele Bürger zu Symbolen für die Unmenschlichkeit des Regimes.
Diese Symbolik wurde dann erneut Anfang 1989 aktualisiert, als es aus Anlass des zwan-
zigsten Jahrestages der Selbstverbrennung Jan Palachs an mehreren Tagen zu Gedenk-
und Protestversammlungen auf dem Prager Wenzelsplatz kam.
Es ist nicht nur aus dem Blickwinkel der Mittel- und Osteuropäer markant, wie sehr
im Jahr 1968 die Objekte des politischen Protests in West und Ost differierten. Michnik
hat dies 2008 bei einem Interview herausgestellt: » Für meine Altersgenossen im Westen
war der Hauptbezugspunkt der Vietnamkrieg. Für uns war es die Tschechoslowakei. Das
ist ein prinzipieller Unterschied. Wir haben für die Freiheit gekämpft. Die Studenten im
Westen hingegen kämpften gegen den Kapitalismus. […] Es gab sicher auch Ähnlichkei-
ten zwischen unseren Studentenrevolten. Mental und emotional. Nur führte der Protest
in Polen niemals zur Barbarei, zur Vernichtung von Bibliotheken wie in Berkeley oder
zum Terrorismus wie in Deutschland. … Mich schmerzte vor allem die fehlende Sen-
sibilität für die Prozesse der Demokratisierung in Mittel- und Osteuropa. Nicht einmal
nach der Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei gab es im
Westen eine große antisowjetische Demonstration. Das war für mich unglaublich bit-
ter. « [32] In ähnlicher Form verglich Aleksander Smolar im bereits oben zitierten Aufsatz
die » 68er « des Westens mit den 68ern in Polen. [33]
Ein deutscher Beteiligter aus der Zeit der Studentenbewegung, Wulf Schönbohm,
von 1967 bis 1968 Bundesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten
(RCDS), bestätigte Michniks Kritik: » Die Kommilitonen in den osteuropäischen, kom-
munistischen Staaten haben ihren SDS-Genossen damals zu Recht bittere Vorwürfe ge-
macht, dass sie 1968 keinen flammenden Protest organisiert haben gegen die brutale mi-
litärische Niederschlagung des Prager Versuchs, einen » Sozialismus mit menschlichen
Antlitz « zu schaffen. Der Protest gegen den Vietnamkrieg der USA war wichtiger. « [34]
Schönbohm hätte ergänzen können, dass die bornierte Weltsicht des Sozialistischen
Deutschen Studentenbundes (SDS) auch am Beispiel Leszek Kołakowski demonstrierbar
ist: Es waren schließlich SDS-Mitglieder, die 1970 an der Goethe-Universität Frankfurt
am Main zusammen mit marxistischen Hochschuldozenten die von Jürgen Habermas
unterstützte Kandidatur Kołakowskis als Lehrstuhlnachfolger des am 6. August 1969
verstorbenen Soziologen Theodor W. Adorno hintertrieben. Die Genossen des SDS sa-
hen es als ihre revolutionäre Pflicht an, zu verhindern, dass ein » marxistischer Renegat «
auf den Lehrstuhl gelangt.
Noch eindeutiger wurde Ralf Dahrendorf in seiner Kritik an den hiesigen 68ern:
» Das Europas 1968er den Namen Maos auf ihrem Schilde trugen, ist weder nachvoll-
ziehbar noch verzeihlich. […] Der Name Dubček hätte der Freiheit verpflichteten De-
monstranten besser gestanden als der fernöstlicher oder lateinamerikanischer Todes-
schwadroneure. Es ist im Grunde kaum fassbar, dass die Aktivisten der Pariser und
Berliner und Turiner › Kulturrevolution ‹ zumindest objektiv auf der Seite derer standen,
deren Panzer die Freiheitsbewegung in der Tschechoslowakei niederwalzten. « [35]
Christoph Kleßmann plädierte 2008 im Heft » 1968 « der Zeitschrift Osteuropa für
eine Historisierung des Jahres 1968 und der diversen Bewegungen des Aufbegehrens
» 1968 « und die Folgen 75

gegen vorgegebene Strukturen und Normen in der westlichen und in der östlichen Welt.
Zugleich stellte er fest, dass es auch nach vierzig Jahre an Untersuchungen zur gegensei-
tigen Perzeption mangelte. » Es gibt zweifellos Gemeinsamkeiten, aber die Unterschiede
sind viel gravierender. Wie wechselseitige Perzeptionen der Akteure in West und Ost
aussahen, ist noch kaum genauer untersucht worden, obwohl damit ein wichtiger Zu-
sammenhang angesprochen ist. Wieweit stimulierten sich Protest- und Reformbewe-
gungen in Ost und West wechselseitig ? Oder aber: Wieweit waren sie deutlich vonein-
ander getrennt, in welchem Ausmaß waren sie politisch und regional mehr oder minder
eigenständige Phänomene, die ihre Schubkraft aus spezifischen, nationalen Bedingun-
gen und unterschiedlichen Systemen bezogen ? « [36]
Die zumeist ideologisch aber auch durch Stereotype bedingte Differenz der Wahr-
nehmung von Ereignissen durch westeuropäische Intellektuelle zur Wahrnehmung der
Intellektuellen Mittel- und Osteuropas sollte sich wiederholen. Wir kommen nicht um-
hin, auf diesen Sachverhalt noch mehrfach eingehen zu müssen. Die Darstellung der Re-
aktionen von Teilen der Intelligenz des Westens auf die Freiheits- und Unabhängigkeits-
bewegungen im östlichen Teil des Kontinents kann wahrlich kein Ruhmesblatt für das
Urteilsvermögen und für die Moral vieler westlicher Intellektueller sein.
Gleichzeitig wirkte der » Westen « für die Jugend in Mittel- und Osteuropa auch bei-
spielgebend. Die westliche Hippiebewegung der sechziger und frühen siebziger Jahre
hatte Auswirkungen in Polen und sogar in der UdSSR. » Es war die weltumspannende
Botschaft von Gewaltlosigkeit und Freiheit, die von Lemberg bis Wladiwostok eine
ganze Generation erreichte. In den Lemberger Kellercafés der siebziger Jahre konnte
man sowjetische Blumenkinder aus dem Baltikum, Transkaukasien und Zentralruss-
lands finden. […] Das aufrührerische Lemberg als westlicher Vorposten des Riesen-
reichs war ein Magnet, ähnlich wie Vilnius, Riga und Tallinn. […] Alik (Olisevych) und
viele seiner Freunde […] wurden zu Beteiligten in den nationalen Unabhängigkeitsbe-
wegungen ihrer Länder, ohne dass das Band der Freiheitssehnsucht zwischen ihnen zer-
riss. « [37]50 Die Hippies in den Zentren des Sowjetimperiums bildeten Ende der siebziger
Jahre und in den achtziger Jahren ein als Sistema benanntes Netzwerk.
Kehren wir zurück zu den Folgen der Okkupation der ČSSR: Wie reagierten tsche-
chische und slowakische Dissidenten auf die Okkupation ihres Landes ? Frühe Versu-
che der Gründung oppositioneller Strukturen in der ČSSR begannen bereits 1968. Petr
Uhl51 gründete im Dezember 1968 Hnutí revoluční mládeže, deutsch: Bewegung der re-
volutionären Jugend, eine trotzkistische Untergrundgruppierung, die etwa 20 Personen
umfasste. Mitglied der Gruppe war auch die aus West-Berlin stammende und dem SDS
verbundene Studentin Sibylle Plogstedt. Der Agrarwissenschaftler Ivan Dejmal52 schloss
sich 1970 der Bewegung an.

50 Oleh (Alik) Olisevych: geb. am 10. September 1958.


51 Petr Uhl: geb. am 8. Oktober 1941. Uhl war von 1969 bis 1973 und von 1979 bis 1984 inhaftiert. Er war
Erstunterzeichner der Charta 77.
52 Ivan Dejmal: 17. Oktober 1946 – 6. Februar 2008. Dejmal war zwischen 1970 und 1976 zweimal für ins-
gesamt vier Jahre inhaftiert. Erstunterzeichner der Charta 77. Er war 1991/1992 Umweltminister.
76 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Einige prominente Dissidenten versuchten, mit dem Gewicht ihres öffentlichen An-
sehens auf die politische Führung einzuwirken. Václav Havel schrieb einen Brief an
Alexander Dubcek, der vom 6. August 1969 datiert, in dem er diesen bat, sich nicht da-
für einspannen zu lassen, die Okkupation zu rechtfertigen. » In der Hoffnung, daß Sie
– und Sie als einziger haben dazu die Möglichkeit – dem tschechoslowakischen Versuch
das einzige erhalten, was offenbar noch zu erhalten ist: die Selbstachtung. « [38]
Zum Jahrestag der Okkupation, am 21. August 1969, richteten Rudolf Battěk, Abge-
ordneter der Tschechischen Nationalversammlung, Václav Havel, Schach-Großmeister
Ludĕk Pachman53, Ludvík Vaculík, der Jurist Michal Lakatoš54, der Historiker Jan Tesař55
und andere ein » Zehn-Punkte-Manifest « an die zentralen Staatsorgane und an das ZK
der KSČ.
Am Jahrestag der Okkupation, der als » Den hanby «, deutsch: Tag der Schande, be-
zeichnet wurde, kam es in mehreren Städten der ČSSR zu Demonstrationen. In Prag
protestierten mehr als 100 000 Bürger. Beim Einsatz tschechoslowakischer (sic !) Ar-
meeeinheiten mit 300 Panzern und der Volksmiliz starben fünf Menschen. Dutzende
Protestierende wurden zum Teil schwer verletzt, mehrere Hundert Demonstranten ver-
haftet. Ohne vorherige Debatte verabschiedete das Präsidium der Nationalversamm-
lung unter Vorsitz Alexander Dubčeks am 22. August die Anordnung Nr. 99/1969, mit
der » Tausende Menschen ohne Gerichtsurteil ins Gefängnis gesteckt, aus der Arbeit ge-
worfen und vom Studium relegiert wurden. « [39] Mit diesem Sondergesetz begann in der
ČSSR die eigentliche Phase der » normalizace «, deutsch: Normalisierung, die zu der bis
1989 andauernden Erstarrung der Gesellschaft führte.
Wie soeben notiert, begann die » Normalisierung « unter Mitwirkung Dubčeks. Die
vielerorts betriebene Idealisierung Dubčeks und seiner Rolle während der Zeit des Pra-
ger Frühlings und der Okkupation ist daher ausdrücklich zu relativieren.
Die anfängliche gesellschaftliche Reaktion auf die » normalizace « des Regimes kann
hier nicht dargestellt werden. Nur so viel: Václav Havel unternahm 1975 erneut den Ver-
such, auf die politische Führung der ČSSR einzuwirken. Mindestens wollte er seinem
Protest gegen die » normalizace « erkennbar Ausdruck verleihen. Er schrieb einen vom
8. April datierenden Essay in Form eines offenen Briefes an den Generalsekretär der KSČ
und künftigen Staatspräsidenten Gustáv Husák, » Otevrený dopis Gustávu Husákovi «.
Der in Svědectví, einer Exilzeitschrift für Politik und Kultur, abgedruckte Essay analy-
sierte die politische und kulturelle Erstarrung in der ČSSR und appellierte an Husák, den
Weg der » Konsolidierung «, Havels Umschreibung von » normalizace «, zu verlassen. [40]
Der Prager Frühling und seine militärische Niederschlagung blieben für die mittel-
und osteuropäische Opposition prägend. Ludwig Mehlhorn fasste dies aus der Rück-
schau wie folgt zusammen: » Der Mythos des › Prager Frühlings ‹ blieb in den siebzi-

53 Ludĕk Pachman: 11. Mai 1924 – 6. März 2003 in Passau. Pachman konnte nach längerer Haft ab 1969 im
Jahre 1972 in die Bundesrepublik Deutschland ausreisen.
54 Michal Lakatoš: geb. am 19. November 1925. Lakatoš war Mitarbeiter am Ústav státu a práva, deutsch:
Institut für Staat und Recht, in Prag. Er hatte ab 1966 theoretische Studien zur Frage des Aufbaus zivil-
gesellschaftlicher Strukturen publiziert. 1977 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Charta 77.
55 Jan Tesař: geb. am 2. Juni 1933. Tesař war Erstunterzeichner der Charta 77.
» 1968 « und die Folgen 77

ger, vielleicht sogar in den achtziger Jahren lebendig. Mit der militärischen Intervention
der Warschauer-Pakt-Staaten und der nachfolgenden › Normalisierung ‹ war jedoch die
Möglichkeit eines › demokratischen Sozialismus ‹ historisch erledigt, sofern man dar-
unter ein System der Machtausübung versteht, das auf der führenden Rolle einer Partei
beruht […]. Der Prager Reformversuch lehrte zweierlei – erstens, daß die Sowjetunion
ihre Hegemonie in Mittel- und Osteuropa nach wie vor mit Gewalt durchzusetzen bereit
ist (mit stillschweigender Zustimmung des Westens, der die politische Spaltung Euro-
pas hingenommen hat), wenn sie ideologisch und politisch ihre Führungsrolle bedroht
sieht; und zweitens, daß das politische Subjekt von Veränderungen künftig nicht mehr
die Partei sein kann, diese vielmehr von einer sich selbst organisierenden Gesellschaft
getragen werden müssen. « [41] Es ist nicht eindeutig klar, inwieweit hier bei Mehlhorn
nicht sehr stark Einschätzungen und Wertungen aus der Retrospektive zu Wort kom-
men. Er ist allerdings gleichzeitig zu berücksichtigen, dass er als Mitarbeiter der Aktion
Sühnezeichen ab Mitte der siebziger Jahre über seine Kontakte zu polnischen Intellektu-
ellenkreisen frühzeitig mit den dort diskutierten Überlegungen vertraut wurde.
1968 ist auch das Jahr des ersten » Polenseminars «, das die ostdeutsche Sektion der
» Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. « auf Initiative ihres Gründers Präses Lothar
Kreyssig56 und des katholischen Sozialpädagogen Günter Särchen57 durchführte. Ab 1985
wurden diese deutsch-polnischen Begegnungsseminare nach der 1972 verstorbenen Re-
dakteurin des Tygodnik Powszechny » Anna-Morawska-Seminare « benannt.
Günter Särchen, seit 1958 Abteilungsleiter im Bischöflichen Amt Magdeburg, hatte
bereits seit diesem Jahr Kontakt zum Znak-Abgeordneten Stanisław Stomma und orga-
nisierte ab 1965 ökumenisch zusammengesetzte Pilgerfahrten der Aktion Sühnezeichen
nach Polen. [42] Er ermöglichte mit diesen Reisen kleinen Gruppen aus der DDR wich-
tige Kontakte zu Polen. Wie Konrad Weiß58, der 1965 mit der ersten Gruppe der Ak-
tion Sühnezeichen nach Polen gefahren war, und Ludwig Mehlhorn59, der erstmals 1970
mit der Aktion Sühnezeichen nach Polen, nach Święta Lipka (Heiligelinde), reiste, ge-
hörte im Herbst 1989 eine größere Anzahl der Teilnehmer dieser deutsch-polnischen
Begegnungen zu den Aktivisten der Bürgerrechtsgruppen in der DDR. [43] Särchen schuf
durch seine Zusammenarbeit mit den KIKs Kontakte zu führenden Vertretern der ka-
tholischen Intelligenz, u. a. zu Stomma und Mazowiecki, zur Krakauer Publizistin und
Redakteurin von Więź Anna Morawska60, zum Redakteur des Tygodnik Powszechny

56 Lothar Kreyssig: 30. Oktober 1898 – 5. Juli 1976. Der Jurist Kreyssig war 1965 Präses der Evangelischen
Kirche der altpreußischen Union.
57 Günter Särchen: 14. Dezember 1927 – 18. Juli 2004.
58 Konrad Weiß: geb. am 17. Februar 1942. Weiß war ab 1969 als Regisseur bei der DEFA (Deutsche Film
AG) tätig. Er war von 1990 bis 1994 Bundestagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen.
59 Ludwig Mehlhorn: 5. Januar 1950 – 3. Mai 2011. Mehlhorn übersetzte für den ostdeutschen Samisdat
Texte u. a. von Jan Strzelecki, Jan Józef Lipski und Czesław Miłosz. Er war seit 1992 Studienleiter der
Evangelischen Akademie Berlin.
60 Anna Morawska: 24. Januar 1922 – 19. August 1972. Sie war aktiv in der ökumenischen Bewegung und
1968 Teilnehmerin der 4. Vollversammlung des ÖRK in Uppsala. Ihre 1970 erschienene Bonhoeffer-
Biografie » Dietrich Bonhoeffer. Chrześcijanin w Trzeciej Rzeszy « war für die Verständigung der unter-
schiedlichen Gruppen der polnische Opposition von großer Bedeutung.
78 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Mieczysław Pszon61, zu Wojciech Wieczorek, der auf Mazowiecki folgend von 1981 bis
1989 Chefredakteur von Więź wurde, und zum Publizisten Kazimierz Wóycicki62.
Die Begegnungen mit Polen hatten für einige Freiwillige der Aktion Sühnezeichen
auch deshalb Bedeutung, da diese eine ihnen zuvor ungewohnte Position bezüglich der
nationalen Frage kennen lernten. Die bei fast allen ostdeutschen Andersdenkenden fest-
stellbare kritische, zumeist ablehnende Einstellung gegenüber einer Wiedervereinigung
wurde von polnischen Gesprächspartnern hinterfragt. Weiß beschreibt dies in seiner
Biografie zu Lothar Kreyssig. » Gerade die Polen, für die ein ausgeprägtes Nationalbe-
wußtsein eine entscheidende Kraftquelle in der Zeit der Unterdrückung gewesen war,
erwarteten […] ein Zusammengehen der Deutschen. Ihre stetige Anfrage wurde für
manchen Freiwilligen (der Aktion Sühnezeichen, D. P.) zum Anlaß, die deutsche Zwei-
staatlichkeit nicht mehr mit der Selbstverständlichkeit hinzunehmen, an die sich die
Mehrheit der Deutschen in Ost und West gewöhnt hatte. « [44]
Dies war für das DDR-Regime sehr bald ein zusätzlicher Grund, die Kontakte zwi-
schen den Leitern und Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen und polnischen Anders-
denkenden nach Möglichkeit einzuschränken oder ganz zu unterbinden.
Zur Vervollständigung ist zu ergänzen, dass Ostdeutsche selbstverständlich auch
außerhalb von Aktivitäten der Aktion Sühnezeichen Kontakte zu Vertretern der Oppo-
sition in Polen aufbauten.
Wichtige Referenzpunkte des beginnenden deutsch-polnischen Dialogs waren die
bereits oben erwähnte » Ostdenkschrift « der EKD vom 1. Oktober 1965 und der Brief der
polnischen Bischöfe an die deutschen Amtsbrüder vom 18. November 1965, der den be-
deutsamen Satz enthielt » Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung «.
Durch Einführung des visafreien Reiseverkehrs zwischen der DDR und Polen zum
1. Januar 1972 wurde es leichter, derartige Kontakte aufzubauen. Diese Erleichterung
galt allerdings lediglich bis zum 30. Oktober 1980, da die DDR nach Gründung der
Solidarność den visafreien Reiseverkehr nach Polen aussetzte.
Das Jahr 1968 ist für die Geschichte der sowjetischen Dissidenz deshalb besonders
wichtig, weil Andrej Sacharow das » Memorandum. Gedanken über Fortschritt, fried-
liche Koexistenz und geistige Freiheit « publizierte. [45] Als Eingangszitat wählte er:

» Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. «
Johann Wolfgang von Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, 5. Akt.

61 Mieczysław Pszon: 23. Dezember 1915 – 5. Oktober 1995. Mazowiecki ernannte ihn zum Deutschlandbe-
auftragten der Regierung. Pszon bereitete den Polen-Besuch des Bundeskanzlers im November 1989 vor
und war Gesprächspartner Teltschiks bei den deutsch-polnischen Verhandlungen.
62 Kazimierz Wóycicki: geb. am 22. August 1949. Wóycicki wurde beim Kriegsrecht interniert. 1983 – 1985
studierte er mit einem Stipendium der KAAD und danach der Konrad-Adenauer-Stiftung in der Bun-
desrepublik. Nach Rückkehr nach Polen wurde er 1988 für das Bürgerkomitee beim Vorsitzenden von
NSZZ Solidarność zuständig für internationale Kontakte. Er war von 1990 bis 1993 Chefredakteur der
Warschauer Tageszeitung Życie Warszawy, Von 1996 bis 1999 war er Direktor des Polnischen Instituts in
Düsseldorf und von 2000 bis 2004 in Leipzig. Er war von 2004 bis 2008 Direktor der Abteilung Stettin
des Instituts für Nationales Gedenken (IPN).
» 1968 « und die Folgen 79

Es ist von Bedeutung, in welchem internationalen und insbesondere zeitlichen Kontext


das Memorandum entstand. Sacharow schrieb den Text unmittelbar vor der Okkupa-
tion der ČSSR. » Sakharov finished his Thoughts at the end of June 1968. He wrote them
in the atmosphere of the › Prague Spring ‹, sharing the hopes of his fellow citizens in the
possibility of democratic transformations in the USSR in the coming years, and charac-
terizing his view as › deeply socialist ‹. « [46]
Das Memorandum war nicht der erste Protest eines namhaften Wissenschaftlers in
der Sowjetunion [47], es war jedoch nicht zuletzt aufgrund des internationalen Renom-
mees seines Autors und aufgrund seiner internationalen Verbreitung außerordentlich
wirkungsmächtig. Diese Wirkung wurde zusätzlich durch das enorme Ansehen gestei-
gert, welches in der UdSSR die Naturwissenschaftler seit den Erfolgen in der Raumfahrt
genossen, insbesondere nach dem Start des Erdsatelliten Sputnik 1957 – dem » Sputnik-
Schock « des Westens – und dem Raumflug Juri Gagarins 1961. Mitglieder der Akademie
der Wissenschaften galten geradezu als unantastbar, um nicht den eher anderweitig ver-
orteten Begriff » sakrosankt « zu benutzen. Sacharows Memorandum hat in Osteuropa
wie im » Westen « großen Eindruck gemacht.
Mit dem Engagement des bedeutenden und hoch dekorierten Kernphysikers – Sa-
charow war Stalin- und Leninpreisträger – bekamen die sowjetischen » Andersdenken-
den « – als solchen und nicht als Dissidenten bezeichnete sich Sacharow – Zulauf von
einem der Nomenklatura nahestehenden Experten. Sacharow hatte aufgrund seiner
Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften direkten Zugang auch zu höchsten
Parteiführern und verfügte international über ein großes Ansehen. Die Zahl der auch im
Internet einsehbaren Aktenstücke des KGB über Sacharow dokumentiert die Bedeutung,
die seiner Tätigkeit auch von der sowjetischen Führung zugemessen wurde. Sacharow
engagierte sich für politische Häftlinge und für die Rechte unterdrückter Völker, insbe-
sondere setzte er sich für die Rechte der Krimtataren, der Mescheten und auch der Russ-
landdeutschen ein. [48]
Für Bujak, Michnik und für viele weitere Dissidenten war Sacharow das Vorbild, das,
so Michnik etwas hymnisch, » uns alle gelehrt (hat), daß die Menschenrechte die Grund-
feste der zivilisierten Welt sind, und daß die Bereitschaft, für sie zu kämpfen, ein ele-
mentarer Prüfstein für die menschliche Qualität eines jeden von uns ist. Die große an-
titotalitäre Revolution, die die Menschenrechte auf ihre Fahnen geschrieben hatte und
unsere west- und östlichen Nachbarn im Lauffeuer erfasste, nahm ihren Ausgang bei
Andrej Sacharow. « [49]
Andrej Sacharow erhielt 1975 den Friedensnobelpreis. Der Titel seiner von Jelena
Bonner63, seiner Frau, gehaltenen Dankesrede bei der Preisverleihung lautete » Frieden,
Fortschritt, Menschenrechte «. Bereits im ersten Satz hob er die untrennbare Verbindung

63 Jelena Georgijewna Bonner: 15. Februar 1923 – 18. Juni 2011. Der Stiefvater von Bonner, Gework Alicha-
now, war führender armenischer Kommunist und Mitglied des Exekutivkomitees der Komintern. Er
wurde 1937 im Rahmen der » Großen Säuberung « hingerichtet. Die Mutter kam in ein GULag-Lager.
Aufgrund der Funktion ihres Stiefvaters in der Komintern wuchs Jelena Bonner im Moskauer Gäste-
haus der Komintern, im Hotel Lux, auf. Bonner gehörte seit den frühen sechziger Jahren zur Dissidenz.
Sie heiratete 1971 Andrej Sacharow.
80 Zweiter Teil: Vor Helsinki

dieser drei Prinzipien hervor. » Peace, progress, human rights – these three goals are in-
solubly linked to one another: it is impossible to achieve one of these goals if the other
two are ignored. « [50] Indirekt knüpfte er damit an die Schlussakte von Helsinki an, die
diesen Zusammenhang zwischen Frieden und Menschenrechten ebenfalls beinhaltete.

Es muss als tragisch bezeichnet werden, dass es in Polen trotz der für ganz Mitteleuropa
schrecklichen Erfahrung der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings be-
reits 1970 zu einem massiven militärischen Übergriff des Regimes kam. Diese Inter-
vention erfolgte erneut bei gesellschaftlichen Unruhen größeren Ausmaßes. Wenige
Tage nach Unterzeichnung des » Warschauer Vertrages « zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der Volksrepublik Polen und dem Kniefall von Bundeskanzler Willy
Brandt64 am 7. Dezember 1970 vor dem Denkmal für die Helden des jüdischen Ghetto-
Aufstandes von 1943 in Warschau, kam es vom 14. bis 22. Dezember in Danzig, Gdin-
gen, Elbing und Stettin zu Streiks und Demonstrationen und in weiteren Städten zu
Massenprotesten gegen die am 11. Dezember vom Politbüro des PZPR beschlossenen
drastischen Preiserhöhungen bei Grundnahrungsmitteln. In den Küstenstädten erfolgte
am 16. Dezember ein massiver Einsatz von Militär und Miliz, bei dem wahrscheinlich
mehr als 70 Demonstranten getötet wurden. Am Einsatz der Armee waren 550 Panzer,
750 gepanzerte Fahrzeuge und mehr als 25 000 Soldaten beteiligt. [51] General Wojciech
Jaruzelski65 war der für den Einsatz verantwortliche Verteidigungsminister.
Der blutige Militäreinsatz in Stettin und in Danzig, dort direkt vor Tor 2 der Lenin-
Werft, wurde für das nächste Jahrzehnt zum Trauma der polnischen Gesellschaft. Im
Verständnis großer Teile der Gesellschaft hatte die politische Führung des Landes erneut
politisch und insbesondere moralisch versagt.
Ein Ergebnis des » Grudzień 1970 «, deutsch: Dezember 1970, auch » Aufstand an
der Ostseeküste « genannt, war am 19. Dezember 1970 der erzwungene Rücktritt von
Władysław Gomułka als Erster Sekretär des ZK der PZPR. Nachfolger wurde Edward
Gierek66. Die Ereignisse 1970 waren nicht nur ein Schock für die Gesellschaft, sondern
vermittelten auch eine wichtige Erkenntnis: Die Arbeiterschaft stellte allein schon auf-
grund der spontan zu mobilisierenden Anzahl eine Macht dar. Trotz fehlender nationa-
ler Struktur und Führung und auch ohne gemeinsame Strategie bewirkte diese Macht
den Rücktritt Gomułkas.
Ein Einlenken der Partei in der Sache, d. h. die Rücknahme der Preiserhöhungen, er-
folgte erst am 15. Februar 1971 nach erneuten Streiks auf der Stettiner Werft vom 22. bis
25. Januar und nach dem massiven Streik der Textilarbeiterinnen in Łódź vom 12. bis
15. Februar. Bei dem Streik in 32 Betrieben der Łódźer Textilindustrie befanden sich ins-
gesamt 55 000 Beschäftigte im Ausstand.
Für die Zukunft war wichtig, dass 1970 in Danzig einige Arbeiter derjenigen Werft
einen relativ hohen regionalen Bekanntheitsgrad als Streikführer erlangten, die 1980

64 Willy Brandt: 18. Dezember 1913 – 8. Oktober 1992.


65 Wojciech Witold Jaruzelski: geb. am 6. Juli 1923.
66 Edward Gierek: 6. Januar 1913 – 29. Juli 2001.
Die » baltische Frage « 81

zum Ausgangspunkt einer nationalen Streikwelle wurde. Zu diesen Streikführern zähl-


ten Anna Walentynowicz67 und Lech Wałęsa68. Auch der Elektrotechniker Andrzej
Gwiazda69, 1970 Assistent an der Technischen Universität Danzig, war am Streik füh-
rend beteiligt. In Bezug auf Stettin galt dies bei Marian Jurczyk70.

2 Die » baltische Frage «

Die baltischen Republiken konnten neben Russland, d. h. der Russischen Sozialisti-


schen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR), als einzige Sowjetrepubliken auf eine län-
gere Phase staatlicher Souveränität in der Neuzeit zurückblicken. Estland, Lettland und
Litauen waren zudem zur Zeit ihrer Souveränität von 1921 bis zur sowjetischen Beset-
zung und Annexion 1940 Mitglieder des Völkerbundes. – Darüber hinaus bezogen sich
die Litauer auf eine jahrhundertelange Bedeutung ihres Landes als europäischer Groß-
macht. Ein für Litauer wie für Russen bedeutender Faktor dabei war und ist, dass das
Großfürstentum Litauen und das Großfürstentum Moskau in Nachfolge der Kiewer Rus
Konkurrenten um die Vorherrschaft in Osteuropa waren. – Im Bewusstsein vieler Es-
ten, Letten und Litauer blieb die Inkorporation ihrer Staaten in die UdSSR ein völker-
rechtswidriger Akt, der verbunden war mit grauenhaften Massendeportationen großer
Bevölkerungsteile, einer oktroyierten Sowjetisierung und zunehmender Russifizierung.
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, kann in dieser Arbeit nicht auf den zivilen
und militärischen Widerstand in den baltischen Republiken gegen die Annexion und
Sowjetisierung in den vierziger und frühen fünfziger Jahren eingegangen werden. Es
wird jedoch insbesondere für die Zeit nach 1986 darzustellen sein, welche enorme Be-
deutung und Sprengkraft die » baltische Frage « für die Sowjetunion bekommen sollte.
Bereits 1969 gab es offenbar Versuche, die Aktivitäten informeller Gruppen in den
baltischen Republiken zu koordinieren. Es erschien ein anonymes » Programm der De-
mokraten Russlands, der Ukraine und der Baltischen Länder «, in dem das Selbstbestim-
mungsrecht der Völker der UdSSR eingefordert und insbesondere die » baltische Frage «
thematisiert wurde. Die Autoren verwiesen darauf, dass die Demokratisierung der gan-
zen sowjetischen Gesellschaft Voraussetzung der nationalen Befreiung sei, denn » natio-
nal liberty comes only through civil liberty. « [52]
In keiner anderen Republik der UdSSR » hat sich die Ablehnung der Sowjetmacht
und der russischen Fremdherrschaft so offen artikuliert und eine so breite Massenba-
sis gefunden wie in Litauen. « [53] Diese Feststellung von Gerhard Simon ist nur vor dem
Hintergrund der litauischen Geschichte seit der ersten Okkupation durch die UdSSR

67 Anna Walentynowicz: 13. August 1927 – 10. April 2010. Sie starb beim Flugzeugabsturz bei Smolensk.
68 Lech Wałęsa: geb. am 29. September 1943. Wałęsa war vom 22. Dezember 1990 bis zum 22. Dezember
1995 Präsident der Republik Polen.
69 Andrzej Gwiazda: geb. am 14. April 1935.
70 Marian Jurczyk: geb. am 16. Oktober 1935. Jurczyk war von 1997 bis 2000 Senator. Er soll nach Unter-
suchungen des Lustrationsgerichts seit den frühen siebziger Jahren mit dem Geheimdienst » Służba
Bezpieczeństwa (SB) « zusammengearbeitet haben.
82 Zweiter Teil: Vor Helsinki

1940 verständlich. Von Beginn der Sowjetherrschaft an war die Unterdrückung jeglicher
Eigenständigkeit dieser historischen Nation besonders hart. In Abwandlung des Stalin
zugeschriebenen Satzes » die Hitler kommen und gehen, aber die Völker bleiben « wurde
zu Czesław Miłosz einmal von einem » hohen Würdenträger der Zentrale « der folgende
Satz gesagt: » Es wird ein Litauen geben, aber keine Litauer. « [54]
In der Litauischen SSR fand Opposition gegen das sowjetische Regime ihren Aus-
gangspunkt in der nationalen Frage und ihre Basis vor allem bei der Abwehr der bru-
talen Unterdrückung der katholischen Kirche. So entstand 1968 Jahre eine kirchliche
» Widerstands- und Protestbewegung gegen die Verletzung der Menschenrechte und der
Religionsfreiheit, die […] zu einer breiten Solidarisierung und Unterstützung in allen
sozialen Schichten der Bevölkerung führte und innerhalb weniger Jahre beständig an
Umfang und Intensität zunahm. « [55]
Vardys verdeutlichte in seiner Darstellung, dass der Ruf nach Religionsfreiheit im
unmittelbaren Zusammenhang mit der Frage der Menschenrechte stand. » Discrimina-
tion against religion was an issue that united people of different social and educatio-
nal backgrounds and produced popular support for a constitutional opposition to the
authorities and their laws. In Russia, the dissidents could find this only among intellec-
tuals, in Lithuania the participation of common people was massive. Since the demand
of rights for religion was based on the broad constitutional demand of freedom for eve-
ryone, religious dissent served as a rallying point for people and groups with kindred
grievances. « [56]
Martin Jungraithmayr wies in der hier zitierten zeithistorischen Monographie über
das Verhältnis von Staat und Kirche in Litauen auf den Vorbildcharakter hin, den die
russischen Dissidenten und die Bürgerrechtsbewegung auch für die kirchliche Protest-
bewegung in der Litauischen SSR hatten. Zugleich hob er die Gründe hervor, die be-
stimmend dafür waren, dass die litauische Bewegung von Beginn an einer besonders
starken Unterdrückung ausgesetzt war: » Zeitpunkt, Ausdrucksformen und Argumen-
tationsweise des Widerstandes in Litauen wären […] nicht denkbar gewesen ohne die
wenige Jahre zuvor aufgebrochene Bürgerrechtsbewegung in Rußland. […] Weil die
Protestbewegung in der litauischen Kirche neben dem kirchlichen auch von einem na-
tionalen antirussischen Element mitbestimmt war, rief sie einerseits das starke Echo aus
weiten Kreisen der Bevölkerung, andererseits aber auch die besondere Beunruhigung
der sowjetischen Behörden hervor. « [57]
Bereits 1968 richteten litauische Priester Petitionen an den Vorsitzenden des Minis-
terrats der UdSSR Alexei N. Kossygin. » Als Vorbild dienten ihnen ähnliche Schreiben
von orthodoxen Priestern seit Anfang der 60er Jahre. […] In den Jahren 1968 bis 1972
verfaßten die Priester und Gläubigen insgesamt mindestens fünfzehn an sowjetische Be-
hörden gerichtete Protestschreiben und Bittschriften, die im Westen bekannt wurden. «
[58] Die Protestschreiben verfassenden Priester wurden häufig unmittelbar nach einer
Protestaktion Opfer von Maßnahmen des KGB.
In einer für Breschnew bestimmten Petition, dem » Memorandum der römisch-ka-
tholischen Litauer «, wurden im Dezember 1971 und Januar 1972 trotz massiver Behin-
derungen durch die Behörden insgesamt 17 054 Unterschriften für die Freilassung des
Die » baltische Frage « 83

seit 1961 inhaftierten Julijonas Steponavičius71, Weihbischof von Panevezys, und des seit
1963 unter Hausarrest stehenden Weihbischofs von Kaišiadorys Vincentas Sladkevičius72,
organisiert. Das Memorandum erwähnte auch die Inhaftierung der Priester Juozas
Zdebskis73 und Prosperas Bubnys74, die für die religiöse Unterweisung von Kindern
zu Haftstrafen verurteilt worden waren. Die Petition wurde durch die Lehrerin, » ge-
heime « Nonne und Aktivistin der Protestbewegung Nijolė Sadūnaitė75 außer Landes
gebracht und über den Generalsekretär der Vereinten Nationen Kurt Waldheim auch
der Weltöffentlichkeit zur Kenntnis gegeben. Letztendlich gelangte die Petition nach
Oxford. Sie entging somit dem ansonsten bei Petitionen üblichen Verschwinden in
einem KGB-Archiv.
Es ist zu ergänzen, dass auch die Gläubigen der Ukrainischen Griechisch-Katholi-
schen Kirche ab Anfang der siebziger Jahre in Massenpetitionen an die Regierung in
Moskau für die Religionsfreiheit eintraten und die Legalisierung ihrer Kirche forderten.
Mit Datum 19. März 1972, dem Hochfest des Hl. Joseph, wurde im Gemeinde-
haus von Simnas die erste Ausgabe von Lietuvos Katalikų Bažnyčios Kronika gedruckt,
deutsch: Chronik der Litauischen Katholischen Kirche. Die letzte Ausgabe, Ausgabe
Nr. 81, wurde mit Datum 19. März 1989 publiziert. » Die Chronik war eine anonyme Pu-
blikation, die die Verletzung der Rechte von Gläubigen anprangerte. Sie entstand nach
dem Vorbild der russischen Chronik der laufenden Ereignisse, Chronika tekuščich so-
bytij, und es waren auch russische Dissidenten, die halfen, sie in den Westen zu brin-
gen. « [59] Bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1983 war der Priester Sigitas Tamkevičius SJ76
verantwortlicher Redakteur der Chronik, die mit Billigung von Bischof Sladkevičius er-
schien. Nach Tamkevičius Verhaftung wurde der 1982 im Geheimen zum Priester ge-
weihte Jonas Boruta SJ77 Chefredakteur. Die Chronik erschien auch in russischer Spra-
che, um eine größere Verbreitung in der Sowjetunion zu erreichen.
In der ersten Ausgabe der Kronika wurde u. a. über Prozesse gegen Priester berichtet,
unter ihnen Juozas Zdebskis, die dafür verurteilt wurden, Kinder religiös unterrichtet
bzw. einen Kranken besucht zu haben. Berichtet wurde auch über die jahrelange politi-
sche Verfolgung des Priesters Antanas Šeškevičius.78

71 Julijonas Steponavičius: 18. Oktober 1911 – 18. Juni 1991.


72 Vincentas Sladkevičius: 20. August 1920 – 28. Mai 2000.
73 Juozas Zdebskis: 10. Mai 1929 – 5. Februar 1986.
74 Prosperas Bubnys: 25. Juni 1918 – 5. August 2012. Bubnys wurde 1945 in ein Arbeitslager in der Komi
ASSR deportiert. Er konnte erst 1954 nach Litauen zurückkehren.
75 Nijolė Sadūnaitė: geb. am 22. Juli 1938.
76 Sigitas Tamkevičius: geb. am 7. November 1937. Tamkevičius wurde am 6. Mai 1983 zu sechs Jahren
Lagerhaft und vier Jahren Verbannung verurteilt. Er verbrachte fünf Jahre in den Lagern Perm 37, 36
und 35 und konnte erst im November 1988 aus Sibirien nach Litauen zurückkehren. 1996 wurde er zum
Erzbischof von Kaunas geweiht. Er ist Vorsitzender der Litauischen Bischofskonferenz.
77 Jonas Boruta: geb. am 11. Oktober 1944. Boruta wurde 1997 Weihbischof im Erzbistum Vilnius und für
drei Jahre zugleich Generalsekretär der Litauischen Bischofskonferenz. 2002 wurde er Bischof des Bis-
tums Telšiai.
78 Antanas Šeškevičius: 4. April 1914 – 25. Januar 2002.
84 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Wie erwähnt blieb in Litauen neben der Frage der Religionsfreiheit die » nationale
Frage « das bestimmende Thema oppositionellen Verhaltens. Am 14. Mai 1972, acht Tage
bevor am 22. Mai Richard Nixon als erster US-Präsident zu einem Staatsbesuch in der
Sowjetunion eintraf, verbrannte sich Romas Kalanta79 in Kaunas vor dem » Kauno mu-
zikinis teatras «, deutsch: Kaunas Musiktheater, jenem Gebäude, in dem 1940 ein Schein-
parlament für den Anschluss Litauens an die UdSSR stimmte. Am 18. Mai, dem Tag
seiner Beerdigung, zogen Tausende Jugendliche durch Kaunas und riefen: » Freiheit,
Freiheit für Litauen ! « » Nieder mit der Sowjetunion «. Es kam zu gewalttätigen Ausein-
andersetzungen mit der Miliz, wobei mindestens ein Milizionär getötet worden sein
soll. Einheiten des KGB stellten am 19. Mai die » Ordnung « wieder her. Fünfhundert De-
monstranten wurden festgenommen.
Im Sommer 1972 töteten sich weitere zehn Litauer auf die gleiche Weise wie Romas
Kalanta. » Das Ziel solcher Selbstaufopferungen war es, die Aufmerksamkeit der inter-
nationalen Staatengemeinschaft auf die Unterdrückung des litauischen Volkes zu len-
ken. « [60]
Nicht allein in der Litauischen SSR artikulierte sich Protest gegen die sowjetische
Herrschaft: Im Oktober 1972 verfassten Mitglieder der 1970 von Kalju Mätik80 gegrün-
deten Gruppe Eesti Rahvusrinne (ERR), Estnische Nationale Front, zusammen mit Mit-
gliedern der 1972 von Mati Kiirend81 und Artem Juskevitš82 gegründeten Gruppe Eesti
Demokraatlik Liikumine (EDL), Estnische Demokratische Bewegung, ein gemeinsames
Memorandum an die Vereinten Nationen. Die Endfassung der Denkschrift erstellte der
Redakteur des Lexikonwerks » Enzyklopädie Sowjet-Estlands « Tunne Kelam83. Im Me-
morandum verurteilten die Verfasser die fortdauernde Okkupation, bezogen Stellung
gegen die » Russifizierung « und forderten die Unabhängigkeit Estlands. [61] Nachdem
das Memorandum 1974 veröffentlicht wurde, erhielten die Autoren Artem Juskevitš,
Mati Kiirend, Kalju Mätik, der Arzt Arvo-Gunnar Varato84 und der 1933 in der estni-
schen Stadt Narva geborene Russe Sergei Soldatov85, Dozent an der Technischen Uni-
versität Tallinn, langjährige Haftstrafen.
In der Lettischen SSR verfassten 1972 siebzehn ehemalige bzw. aktive Mitglieder der
KP um Eduards Berklavs86 einen offenen Brief, der auch außerhalb der Sowjetunion be-
kannt wurde. Berklavs war ein ehemaliger kommunistischer Spitzenpolitiker. Er war
1959 aufgrund seines Widerstands gegen die Russifizierung als stellvertretender Vorsit-

79 Romas Kalanta: 22. Februar 1953 – 14. Mai 1972.


80 Kalju Mätik: geb. am 16. September 1932. Mätik war Professor an der Technischen Universität Tallinn.
81 Mati Kiirend: geb. am 30. September 1939.
82 Artem Juskevitš: 2. Februar 1931 – 27. Januar 1982.
83 Tunne Kelam: geb. am 10. Juli 1936. Kelam wurde 1992 Abgeordneter des Riigikogu. 1992 – 2003 war er
stellvertretender Parlamentspräsident. Seit 2004 ist er Abgeordneter im Europäischen Parlament.
84 Arvo-Gunnar Varato: geb. 1932.
85 Sergei Soldatov: 24. Juni 1933 – 24. Januar 2003. Soldatov war von 1975 bis 1981 in einem mordwinischen
Arbeitslager inhaftiert. 1981 wurde er des Landes verwiesen und arbeitete als Journalist in der Bundes-
republik Deutschland im estnisch-sprachigen Programm bei Radio Liberty.
86 Eduards Berklavs: 15. Juni 1914 – 25. November 2004.
Menschenrechte und politische Dissidenz in der Sowjetunion vor 1975 85

zender des Ministerrats der Lettischen SSR von Chruschtschow aller Ämter enthoben
und verbannt worden.
Am 17. Juni 1975 wurde Nijolė Sadūnaitė zu drei Jahren Gefängnis in Mordwinien
und drei Jahren Verbannung in Bogutchany, Krasnojarsk, für ihre Tätigkeit bei der Kro-
nika verurteilt. Nach ihrer Freilassung tauchte sie für fünf Jahre in Vilnius unter, um
weiterhin für die Zeitung zu arbeiten.
Die » baltische Frage « blieb auch nach dem Verständnis westlicher Regierungen of-
fen. Die Regierung der USA hielt selbst nach Bestätigung der Schlussakte von Helsinki
an der Auffassung fest, dass die Inkorporation der baltischen Staaten in die Sowjetunion
völkerrechtswidrig war.
Max Kampelman87, Leiter der US-Delegation, bezeichnete am 3. März 1982 auf der
Madrider KSZE-Folgekonferenz die Aneignung der baltischen Staaten als imperialisti-
schen Akt.

» I am well aware that the Soviet Union calls itself a › socialist ‹ state and that by definition, its
definition, it can never be guilty of imperialism, regardless of what it may do. There is an Ame-
rican saying: › If it walks like a duck, talks like a duck, and looks like a duck – it’s a duck. ‹ Some
may wish to call the duck a goose or a chicken, Mr. Chairman. But it’s still a duck. The acts of
aggression against the three Baltic states were acts of imperialism. « [62]

3 Menschenrechte und politische Dissidenz


in der Sowjetunion vor 1975

Der Kampf um die Freiheit der Religionsausübung in Litauen hatte zwar einen direk-
ten Bezug zur » baltischen Frage « und damit eine nationale Prägung, war jedoch vor-
rangig ein Kampf um Glaubensfreiheit und damit um Menschenrechte. Obwohl sich
die Aktivisten der Lietuvos Katalikų Bažnyčios Kronika noch nicht expressis verbis als
» Menschenrechtsgruppe « verstanden, ist meines Erachtens daher gleichwohl der Zu-
sammenhang mit der Entstehung und Geschichte der Menschenrechtsgruppen in der
UdSSR herzustellen, zumal sich diese von Beginn an für die Freiheit der Religionsaus-
übung einsetzten.
Erstmals wurden in der Sowjetunion im Jahr 1969 Menschenrechtsgruppen gegrün-
det. Die Neuerung war auch eine konzeptionelle: Sie bestand darin, dass diese Gruppen
konspirative Arbeit ablehnten und offen arbeiteten.
Als erste derartige Gruppe wandte sich am 20. Mai die Initiativgruppe zur Verteidi-
gung der Menschenrechte in der UdSSR an die Öffentlichkeit. Anlass der Gründung wa-
ren massive Repressionen gegen General Piotr Grigorenko und den Historiker Iwan

87 Max Kampelman: 7. November 1920 – 25. Januar 2013. Botschafter Kampelman war von 1985 bis 1989 Lei-
ter der US-Delegation bei den Genfer Abrüstungsverhandlungen und 1990 Leiter der US-Delegation
bei dem Kopenhagener KSZE-Folgetreffen.
86 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Jachimowitsch88, dem Vorsitzenden der Kolchose Kraslav, Krāslava, in der Lettischen


SSR. Grigorenko und Jachimovicz hatten am 28. Februar 1969 in einem offenen Brief
gegen die Okkupation der ČSSR protestiert. Anfang Mai waren sie in Gefängnispsychia-
trien verbracht worden.
Pjotr Jakir 89 und Viktor Krasin90, die Gründer der Initiativgruppe, wandten sich mit
einem Brief an die Vereinten Nationen, in dem sie Menschenrechtsverletzungen in der
Sowjetunion anklagten. Sie wiesen insbesondere auf den Missbrauch der Psychiatrie hin
und forderten die UN-Menschenrechtskommission auf, zu untersuchen » an especially
inhuman form of persecution: the confinement of normal people in psychiatric hospi-
tals on the basis of their political beliefs. « [63] Die Initiativgruppe war in der UdSSR die
erste informelle Gruppe, die eine Pressekonferenz ausrichten wollte. Diese sollte von
dem Historiker Piotr Jakir, von Wladimir Bukowski und Andrej Amalrik durchgeführt
werden. Das KGB verhinderte die Veranstaltung.
Die Initiativgruppe war, wie alle späteren Menschenrechtsgruppen in der UdSSR, ein
kleiner Kreis von nur fünfzehn Mitgliedern. Die Gruppe repräsentierte ein Spektrum
mannigfacher Anliegen. Ihr gehörten an Natalia Gorbanewskaja, der ehemalige Major
Genrykh Altunian91 aus Charkiw, der Ukrainer Leonid Plyushch, der seit einiger Zeit
Kontakte zwischen ukrainischen und russischen Dissidenten aufbaute, das Mitglied der
Nationalbewegung der Krimtataren (NDKT) Mustafa Jemilev92, der Dichter und Aktivist
bei Chronik der laufenden Ereignisse Anatoly Yakobson93, der Mathematiker Alexander
Lavut94, der orthodoxe Kirchenaktivist Anatolij Levitin-Krasnov und der Biologe Sergei
Kowaljow95.
Levitin-Krasnov hatte sich seit Beginn der sechziger Jahre für verfolgte Gläubige und
andere » Andersdenkende « eingesetzt. Kowaljow hatte 1956 mit anderen Bürgern auf

88 Iwan Jachimowitsch [Ivan Yahimovich]: geb. 1931.


89 Piotr Jakir: 20. Januar 1923 – 14. November 1982. Jakir wurde 1937 als Sohn des auf Befehl Stalins hinge-
richteten Generals und Mitglieds im ZK der KPdSU Iona Jakir als 14 jähriger verurteilt und für 18 Jah-
re in Gefängnissen und Lagerhaft gehalten. Am 21. Juni 1972 wurde Jakir erneut verhaftet. Jakir beugte
sich 1973 dem massiven Druck des KGB und bekannte sich schuldig.
90 Viktor Krasin: geb. 4. August 1929. Krasin war von 1949 bis 1954 in Lagerhaft. Er wurde Ende 1969 er-
neut inhaftiert. Krasin beugte sich 1973 dem Druck des KGB und bekannte sich schuldig Er emigrierte
1975 in die USA und arbeitete für Radio Liberty. Von 1991 bis 2003 lebte er wieder in Rußland. 2003 zog
er erneut in die USA.
91 Genrykh Altunian: 24. November 1933 – 30. Juni 2005. Er verbrachte mehrere Jahre in Speziallagern des
GULags. Nach Freilassung am 9. März 1987 gründete er in Charkiw eine Regionalgruppe von Memorial
und später eine Gruppe von Ruch. Er war 1990 – 1994 Abgeordneter in der Werchowna Rada.
92 Mustafa Abdülcemil Kirimoglu [Qırımoğlu] Jemilev [Dzhemilev, Cemilev]: geb. am 13. November 1943.
Jemilev ist seit 1998 Vorsitzender des Qırımtatar Milliy Meclisi, des Mejlis der Krimtataren, und seit
1998 Mitglied der Werchowna Rada, des ukrainischen Parlaments.
93 Anatoly Yakobson: 30. April 1935 – 28. September 1978. Yakobson wurde gezwungen 1973 nach Israel zu
emigrieren. Er beging Selbstmord.
94 Alexander Lavut: 4. Juli 1929 – 23. Juni 2013. Lavut war von 1980 bis 1986 in Lagerhaft.
95 Sergei A. Kowaljow: geb. am 2. März 1930. Kowaljow war von 1989 bis 1991 Abgeordneter im Volksde-
putiertenkongress und von 1993 bis 1996 Vorsitzender der Menschenrechtskommission im Kabinett des
russischen Präsidenten Jelzin. 2009 erhielt er gemeinsam mit Ljudmila Alexejewa und Oleg Orlow für
Memorial den » Sacharow-Preis « des Europäischen Parlaments.
Menschenrechte und politische Dissidenz in der Sowjetunion vor 1975 87

dem Puschkin-Platz gegen die Militärintervention in Ungarn protestiert und sich der
Dissidentenbewegung angeschlossen. Er wurde 1974 als Nachfolger Anatoly Yakobsons
Herausgeber der Chronik der laufenden Ereignisse. Am 27. Dezember 1974 wurde er auf-
grund seiner Hilfe bei der Verbreitung der Chronik der Litauischen Katholischen Kirche
inhaftiert und am 12. Dezember 1975 in Vilnius wegen » antisowjetischer Aktivitäten und
Propaganda « zu sieben Jahren Arbeitslager (Kutschino) und anschließender Verban-
nung verurteilt. Er durfte erst 1987 nach Moskau zurückkehren. [64]
Die Aktivisten der Initiativgruppe Gorbanewskaja, Plyushch, Wladimir Borisow96
aus Leningrad und Jurij Malzew97 wurden bereits 1969 bzw. Anfang der siebziger Jahre
zwangsweise in sogenannte » Psikhushkas « verbracht, dem Innenministerium unterste-
hende Spezialkliniken für Psychiatrie (Spetspsykhbolnytsy, SPH).
Das erste Dokument dieser Gruppe nahm sich der Frage der nationalen Bewegun-
gen in der Ukraine und den baltischen Republiken, der Krimtataren, der Gruppen für
Religionsfreiheit und der Refuseniks an. – » Refuseniks « ist eine Bezeichnung für dieje-
nigen jüdischen Bürger der Sowjetunion, die den Staat dauerhaft verlassen wollten und
deren Ausreiseanträge abgelehnt worden waren. – Aber selbst in der Initiativgruppe zur
Verteidigung der Menschenrechte in der UdSSR bestand bei einzelnen Mitgliedern offen-
bar Unverständnis hinsichtlich des Anliegens nationaler Bewegungen. Leonid Plyushch
berichtete in seiner Autobiographie über ein russisches Mitglied, das darauf bestand,
dass Russen, Ukrainer und Belarussen eine Nation seien. Andere hätten mit Verweis
auf die Dominanz von Ukrainern im ZK der KPdSU die nationale Unterdrückung von
Ukrainern in Abrede gestellt. [65]
Am 4. November 1970 gründeten Andrej Sacharow, der Physiker Waleri N. Tscha-
lidse98 und Andrei Tverdokhlebov99 das Komitee für Menschenrechte. Das Themenspek-
trum der ersten Dokumente des Komitees war fast identisch mit dem Themenspektrum
der Initiativgruppe. In einem Appell vom 4. April 1971 an den 5. Weltkongress der World
Psychiatric Association vom 28. November bis 4. Dezember 1971 in Mexiko-Stadt for-
derte das Komitee für Menschenrechte die Befassung des Weltkongresses mit dem Miss-
brauch der Psychiatrie für politische Zwecke in der Sowjetunion. Als wichtigster Be-
leg diente eine wissenschaftliche Analyse des klinischen Assessments des Moskauer

96 Wladimir E. Borisow: geb. 7. Juli 1943. Borisow war im Januar/Februar 1978 Mitgründer der unabhän-
gigen Gewerkschaft SMOT (Free Inter-Professional Association of Workers). Nach Inhaftierung wurde
er im Juni 1980 gezwungen, die Sowjetunion zu verlassen. Er emigrierte 1980 in die USA.
97 Jurij Malzew: geb. am 19. Juli 1932. Maltsev emigrierte 1974 nach Italien. 1976 veröffentlichte er eine For-
schungsarbeit über Samisdat-Literatur. Deutsche Übersetzung: Jurij Malzew, Freie russische Literatur,
Frankfurt a. M. 1981.
98 Waleri Nikolajewitsch Tschalidse: geb. 1938. Tschalidse wurde 1972 während einer Vortragsreise in
den USA von der UdSSR ausgebürgert. In New York gründete er den Verlag Khronika Press und gab
russischsprachige Literatur sowie Samisdat-Publikationen heraus, wie die Chronika tekuščich sobytij,
deutsch: Chronik der laufenden Ereignisse.
99 Andrei Tverdokhlebov: 30. September 1940 – 3. Dezember 2011. Tverdokhlebov wurde 1975 zu fünf Jah-
ren Verbannung in Jakutien verurteilt. Er war bei der Verurteilung Sekretär der Moskauer Gruppe von
Amnesty International. Er emigrierte 1980 in die USA.
88 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Serbski-Institutes von General Grigorenko, mit der dieser für geisteskrank erklärt wor-
den war. Die Analyse war von dem ukrainischen Psychiater und Dissidenten Semyon
Gluzman100 erstellt worden. Gluzman war der erste sowjetische Psychiater, der sich ge-
gen den Missbrauch der Psychiatrie wandte.
Gesellschaftlicher Antisemitismus und politischer » Antizionismus « – hinsichtlich
der fürchterlichen Auswirkungen der mit diesen Begriffen beschriebenen Sachverhalte
ist diese Unterscheidung relativ irrelevant – führten für sowjetische Juden nach dem
» Sechstagekrieg « 1967 zu einem stark steigende Auswanderungsdruck, der auch nach
dem » Jom-Kippur-Krieg « 1973 noch vorhanden war. Anders als in der VR Polen 1968
wurde den Auswanderungswilligen von den Behörden zumeist jedoch der gesetzlich er-
forderliche Antrag abgelehnt.
Der Bewegung auswanderungswilliger Juden der UdSSR ging die Bewusstwerdung
der eigenen Identität voraus. Diese Identitätsbildung wurde durch den 1958 erschiene-
nen Roman » Exodus « von Leon Uris, der im Samisdat verbreitet wurde, und durch die
Veröffentlichung des Poems » Babij Jar « des jungen Dichters Jewgeni Jewtuschenko am
19. September 1961 in der Literaturnaja Gazeta befördert. Auch der Prozess gegen Adolf
Eichmann in Jerusalem 1961 trug zu dieser Identitätsbildung bei. Viele » Sowjetbürger «
wurden sich bei Gegenüberstellung mit der Geschichte der Shoah erstmals ihrer jüdi-
schen Herkunft bewusst und waren bereit, sich gegen den im Lande verbreiteten Anti-
semitismus zur Wehr zu setzen. [66]
Bis Frühjahr 1969 hatten sich in den großstädtischen Zentren der Sowjetunion Grup-
pen auswanderungswilliger Juden organisiert. » Zeichen organisierter Aktivität waren
in Moskau, Leningrad, Kiev, Riga, Georgien und Litauen zu erkennen, in Odessa und
Charkov gab es funktionierende Gruppen und Führungspersonen mit Verbindungen
zur Bewegung in anderen Städten. In Kišinev, Černovtsy und weiteren Städten mit ho-
hem jüdischen Bevölkerungsanteil war die Unruhe unter den Juden ebenfalls spürbar,
und auch in Sverdlovsk und Novosibirsk gab es erste Anzeichen einer jüdischen Be-
wegung. « [67]
Die einzelnen Gruppen bildeten Anfang August 1969 ein gemeinsames Komitee,
All-Unions Koordinierungskomitee, das u. a. beriet, eine Samisdat-Zeitung herauszuge-
ben. Es entstanden mehrere eigenständige Samisdat-Zeitungen sowjetischer Juden: Im
Februar 1970 erschien in Riga Iton, deutsch: Zeitung. Herausgeber war Yosef Mende-
levich101.
Mendelevich versuchte am 15. Juni 1970 mit fünfzehn anderen Refuseniks, Anführer
waren der ehemalige Kampfpilot Mark Dymschitz102 und der Dissident Eduard Kusne-

100 Semyon Fishelevich Gluzman: geb. am 30. September 1946. Er wurde am 19. Oktober 1972 zu sieben Jah-
ren Lagerhaft (VS-389/36 und ab 1979: VS-389/37) und zu drei Jahren Verbannung verurteilt.
101 Yosef Mendelevich: geb. am 3. August 1947. Mendelevich, international bekannt als ein » Prisoner of
Zion «, wurde nach elf Jahren 1981 aus der Lagerhaft entlassen und konnte am 18. Februar 1981 nach Is-
rael ausreisen.
102 Mark Dymschitz: geb. am 10. Mai 1927. Er wurde 1970 zum Tode verurteilt. Nach neun Jahren Haft wur-
de er 1979 freigelassen und emigrierte nach Israel.
Menschenrechte und politische Dissidenz in der Sowjetunion vor 1975 89

zow103, auf dem Smolny Flugplatz von Leningrad eine Antonow AN-2 zu kapern, um
damit nach Schweden zu fliegen. Von dort aus wollte die Gruppe nach Israel reisen. Sie
wurde jedoch am Flughafen vom KGB festgenommen und zu Lagerhaft verurteilt.
Im April des gleichen Jahres wurde in Moskau im Samisdat das erste Exemplar von
Ischod (Exodus) publiziert, einer Zeitschrift, von der bis Februar 1971 vier Ausgaben er-
schienen sind. Jeweils auf der ersten Seite war der 2. Absatz von Artikel 13 der » Allge-
meinen Erklärung der Menschenrechte « vom 10. Dezember 1948 abgedruckt:

» Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land
zurückzukehren. «

Refuseniks organisierten öffentliche Proteste. Einige werden nachfolgend beispielhaft


genannt: Am 24. Februar 1971 betraten 24 Refuseniks den Empfangsraum des Präsi-
diums des Obersten Sowjets im Kreml, um einem Mitglied des Präsidiums eine Un-
terschriftenliste zu übergeben, die einen Protest gegen die Diskriminierung von An-
tragsstellern enthielt. Erst nachdem ihnen versprochen wurde, dass sie am 1. März zu
einem Gespräch empfangen werden könnten, verließen sie das Gebäude. Vergleichbare
Aktionen fanden nachfolgend häufiger statt, so am 10. und am 11. März, bei dem die
139 Teilnehmer einen Hungerstreik androhten, und am 4. Mai. Am 22. Juni 1971 veran-
stalteten in Moskau 30 Refuseniks aus den baltischen Republiken einen Hungerstreik.
Ein weiterer Hungerstreik von Refuseniks fand einen Monat später in Tiflis statt. Im
August demonstrierten 300 Refuseniks vor dem Gebäude des ZK der KP Georgiens;
etwa 100 erzwangen sich den Zutritt zum Gebäude und führten ein Gespräch mit dem
Innenminister. Am 10. Januar 1973 demonstrierten Refuseniks für ihre Ausreise nach Is-
rael in Moskau vor dem sowjetischen Innenministerium. [68]
Parallel zur beschriebenen Entwicklung jüdischen Bewusstseins in der Sowjetunion
und zur Entstehung der Bewegung der Refuseniks organisierten Juden in den USA So-
lidaritätskomitees für die Juden der UdSSR. Der 1926 in Hamburg geborene britische
Historiker Yaakov (Jacob) Birnbaum104 gründete am 27. April 1964 mit ungefähr 200 Stu-
denten in Raum 301 von » Philosophy Hall « der Columbia University in New York mit
Student Struggle for Soviet Jewry die erste Organisation, die sich für die sowjetischen Ju-
den einsetzte. Glenn Richter105 und Dennis Prager106 gehörten später zu den führenden
Studenten der Gründungsgruppe.

103 Eduard Kusnezow: geb. am 29. Januar 1939. War aufgrund dissidentischer Aktivitäten von 1961 bis 1968
in Lagerhaft. Er wurde 1970 zum Tode verurteilt, 1979 gegen sowjetische Spione ausgetauscht und emi-
grierte nach Israel. Er arbeite 1983 bis 1990 an leitender Stelle für Radio Liberty.
104 Yaakov (Jacob) Birnbaum: 10. Dezember 1926 in Hamburg – 9. April 2014. Der Vater, Solomon Birn-
baum, hatte von 1922 bis 1933 an der Universität Hamburg den ersten Lehrauftrag für Jiddisch an einer
westeuropäischen Universität.
105 Glenn Richter: geb. 1945.
106 Dennis Prager: geb. am 2. August 1948. Prager ist seit längerer Zeit einer der führenden konservativen
Journalisten in den USA.
90 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Neben weiteren Organisationen und Komitees, die sich für die sowjetischen Juden,
d. h. für die Refuseniks und die sogenannten » Prisoners of Zion «, einsetzten, entstand
1967 das Academic Committee for Soviet Jewry, dem der bedeutende und einflußreiche
Politologe und Begründer der » Realistischen Theorie « der internationalen Politik Hans
Joachim Morgenthau107 bis zu seinem Tod 1980 vorstand.
Ab 1972 organisierte Malcolm Hoenlein108, ehemaliges Mitglied der Studentengruppe,
in New York » Solidarity Sunday «, Demonstrationen, an denen in den achtziger Jahren
zumeist über 100 000, 1986 und 1987 über 200 000 Menschen teilnahmen. » Solidarity
Sunday « fand bis 1987 jährlich statt. Diese Demonstrationen waren eine von vielen Ak-
tionsformen, mit denen sich Bürger der USA für die Belange der drangsalierten sowje-
tischen Juden einsetzten.
Andrej Amalrik hob in » Aufzeichnungen eines Revolutionärs « den Einfluss der » Jü-
dischen Auswanderungsbewegung « hervor. Dieser » übertraf […] bei weitem den der
Demokratischen Bewegung […] Die Demokratische Bewegung hatte mehrere Krisen
durchgemacht und viele Teilnehmer verloren. Es gab in der ganzen Welt niemanden, der
daran interessiert gewesen wäre, uns zu unterstützen, während hinter der jüdischen Be-
wegung Israel stand, die Zionisten der ganzen Welt und, was die Hauptsache war, einige
Millionen amerikanischer Wähler und infolgedessen auch der Kongress und die Regie-
rungsbürokratie der USA. Außerdem war es für den Westen auch leichter – ungeachtet
dessen, ob es sich nun um Juden handelte oder nicht – die Idee der Emigration zu un-
terstützen als Veränderungen innerhalb der UdSSR. « [69]
Die Emigrationsbewegungen trugen, wenn auch nur mittelbar, dann doch zur Stär-
kung der Menschenrechtsbewegung bei. Zumal es sich bei ihnen um Massenbewegun-
gen handelte, deren Aktivitäten international auf erhebliche Resonanz stießen. Min-
destens für einen Teil der Aktivisten und für Teilnehmer von Solidaritätsaktionen für
die » Soviet Jewry « waren diese Manifestationen auch gemeint als strategisch wichtiges
Element im Kampf für allgemeine Menschenrechte in der sowjetischen Welt. Diese US-
Bürger waren demnach eine Lobby für die Freiheit aller Bürger der Staaten im sowjeti-
schen Machtbereich.
Für die sowjetische Führung hingegen war die jüdische Auswanderungsbewegung
ein gefährlicher Präzedenzfall. Ein Zurückweichen gegenüber Forderungen dieser
Gruppe drohte die erzwungene angebliche Einheit des » Sowjetvolkes « zu untergraben.
Bestrebungen anderer Nationalitäten, es den Juden gleichzutun, waren dann nur noch
eine Frage der Zeit, zumal die Aktivitäten der Krimtataren, der Mescheten und auch der
Russlanddeutschen bereits in die gleiche Richtung wiesen.
Die Jahrestage der bedeutendsten Ereignisse der Shoah während des Zweiten Welt-
krieges wurden von jüdischen Bürgern der Sowjetunion bereits in den sechziger Jahren
zum Anlass genommen, um auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Ab 1968 fanden

107 Hans Joachim Morgenthau: 17. Februar 1904 in Coburg – 19. Juli 1980.
108 Malcolm Hoenlein: geb. am 1. Februar 1944. Hoenlein wurde 1986 Executive Vice Chairman der » Con-
ference of Presidents of Major American Jewish Organizations «.
Menschenrechte und politische Dissidenz in der Sowjetunion vor 1975 91

in Babyn Jar jeweils am 29. September, dem Jahrestag des Massenmords der Einsatz-
gruppen des Sicherheitsdienstes und der Wehrmacht an den Kiewer Juden, inoffizielle
Gedenkveranstaltungen statt. Teilnehmer waren zumeist Refuseniks. Die Behörden ver-
suchten unter Einsatz ihrer Macht, diese Veranstaltungen zu verhindern.
Ähnliche Versammlungen zum Gedenken an die Opfer der Shoah gab es seit 1963
jeweils am 29. November auch im Wald von Rumbula (Rumbali) bei Riga, wo man der
Ermordung der Juden des Rigaer Ghettos gedachte. – Die Ermordung der 38 000 Rigaer
Juden fand statt am 29./30. November und am 8./9. Dezember 1941. – 1969 sollen an der
Veranstaltung bereits 3 000 Menschen teilgenommen haben. Weitere Veranstaltungen
gab es in Paneriai, polnisch: Ponary, bei Vilnius, wo man der Ermordung von 70 000
Juden der Wilno-Region, polnisch: Wileńszczyzna, sowie im » 9. Fort « bei Kaunas, wo
man der dort Ende Oktober 1941 ermordeten Juden des Ghettos von Kaunas, gelegen im
Stadtteil Vilijampolė mit der berühmten Slabodka Jeschiwa, gedachte.
Am 9. Mai 1975, dem in der Sowjetunion alljährlich gefeierten » Siegestag «, sprach
der hochdekorierte Oberst im Ruhestand und Refusenik Jefim Davidowitsch109 an der
» Jama « auf dem Gelände des ehemaligen Minsker Ghettos vor ungefähr 500 Teilneh-
mern bei einer Gedenkveranstaltung für die während der deutschen Besetzung ermor-
deten Juden. Davidowitsch wollte mit seiner Rede auch ein Zeichen gegen den wachsen-
den Antisemitismus in der Sowjetunion setzen. In der Jama steht seit 1946 ein von
Überlebenden der Shoah errichteter Obelisk aus schwarzem Marmor. Es war das ein-
zige Denkmal der Sowjetunion mit einer Inschrift auf Jiddisch. Davidowitsch wurde für
diese Aktion am 16. Mai zum einfachen Soldaten degradiert, und es wurde ihm die Pen-
sion gestrichen.
Als Davidowitsch am 24. April 1976 mit nur 52 Jahren nach mehreren Herzinfark-
ten verstarb, übernahm am 9. Mai 1976 der Oberst der Sowjetischen Luftstreitkräfte im
Ruhestand und Refusenik Lev Ovsishcher [Lev Ovsiščer]110 die Aufgabe, der ermorde-
ten Juden mit einer Ansprache zu gedenken. 1977 beteiligten sich 200 Refuseniks an der
Gedenkveranstaltung, 1979 waren es schon zirka 3 000. [70]
Die Refuseniks bemühten sich für ihr Anliegen nicht nur in der Sowjetunion, son-
dern auch international um Aufmerksamkeit. Hierbei erhielten sie Unterstützung aus
den USA. Am 30. Juni 1975, wenige Wochen vor Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte,
trafen sich siebzehn Refuseniks, unter ihnen das ehemalige Mitglied der Sowjetischen
Akademie der Wissenschaften, der international renommierte Kybernetiker Alexander
Lerner111, Jefim Davidowitsch, die Aktivistin Ida Nudel112, Lev Ovsishcher, der Sino-

109 Jefim Davidowitsch [Yefim Davydovich, Efim Aronovič Davidovič]: 2. Mai 1924 – 24. April 1976.
110 Lev Ovsishcher [Lev Ovsiščer]: 19. November 1919 – 21. Juli 2007. Ovsishcher bekam im Herbst 1987 die
Erlaubnis, in die USA zu emigrieren. Seine Frau Nadeschda erlebte die Erfüllung ihres Ausreisewun-
sches nicht mehr, sie war am 12. Januar 1983 64-jährig an Herzversagen gestorben.
111 Alexander Lerner: 7. September 1913 – 6. April 2004. Lerner verlor 1971 bei Antragsstellung zur Ausreise
die Mitgliedschaft in der Akademie. Er erhielt am 27. Januar 1988 die Ausreisegenehmigung.
112 Ida Nudel: geb. am 27. April 1931. Nudel hatte 1970 den Ausreiseantrag gestellt. Sie wurde 1978 für vier
Jahre verbannt. Die Erlaubnis, nach Israel zu emigrieren erhielt sie am 2. Oktober 1987.
92 Zweiter Teil: Vor Helsinki

loge Vitalij Rubin113 und Anatoli Schtscharanski114, mit vierzehn Senatoren in der Suite
des New Yorker Senators Jacob Javits im Hotel Rossija in Moskau. Leiter der amerika-
nischen Delegation waren der ehemalige US-Vizepräsident und demokratische Präsi-
dentschaftskandidat von 1968, der damalige Führer der Demokraten im Senat Hubert H.
Humphrey, und der Führer der Republikaner im Senat Hugh Scott.
Die Zusammenkunft ist ein Beleg für die auf die USA bezogene Feststellung Peter
Schlotters, dass » über die osteuropäischen Einwanderer und Emigranten – in einer
Teilöffentlichkeit eine Sensibilität für die gesellschaftlich-politische Lage in der Sowjet-
union und Osteuropa vorhanden war, die auf die amerikanische KSZE-Politik wirkte. «
[71] Schlotter ist um eine weitere Feststellung zu ergänzen: Diese Einwanderergruppen
hatten bereits lange vor 1975 bestens organisierte und hoch angesehene Vereinigungen
hervorgebracht, die zum Teil über eine langjährige Erfahrung in der Menschenrechts-
arbeit verfügten.
In der Ukrainischen SSR wurde Anfang der siebziger Jahre die Verfolgung von Dis-
sidenten in massiver Weise fortgesetzt. Nachdem die sowjetischen Behörden in der
Ukrainischen SSR bereits 1965 in einer ersten Welle gegen Angehörige der systemkriti-
schen Intelligenz und Vertreter einer kulturellen Autonomie der Ukraine vorgegangen
waren, insbesondere gegen Aktivisten des Klubs für kreative junge Menschen, und diese
zu Lagerhaft verurteilten, begann am 12. Januar 1972 eine zweite Welle systematischer
Verfolgung. Bis Mitte 1973 wurden über 100 Personen verhaftet. Die bekannten Sches-
tidesjatniki erhielten zumeist Strafen in der Höhe von sieben Jahren Arbeitslager unter
strengem Regime in Mordwinien oder in der Region Perm und zusätzlich fünf Jahren
Verbannung. Unter ihnen Wjatscheslaw Tschornowil, Ivan Hel, Vasyl Stus und Yevhen
Sverstyuk. Leonid Plyushch und andere Dissidenten, die jegliche Aussage vor Gericht
verweigerten, wurden in Spezialkliniken für Psychiatrie eingeliefert. Von dieser zweiten
Welle der Repression war fast die gesamte nach 1965 in Freiheit verbliebene systemkriti-
sche Intelligenz der Ukraine betroffen.
Auf die besondere Situation und die besonderen Anliegen der ukrainischen im Un-
terschied zu den russischen Dissidenten eingehend schrieb Leonid Plyushch 1977: » The
only question is whether the KGB will succeed in embittering the Ukrainian patriots to
the extent that they will become chauvinists. « Er ergänzt aus der Sicht von 1977: » The
samizdat that has come out since 1972 reveals such a tendency. On the whole, however,
the Ukrainian patriots have remained democrats while increasing their political acti-
vism. « [72]

113 Vitalij Rubin: 14. September 1923 – 18. Oktober 1981. Rubin starb bei einem unaufgeklärten Autounfall in
Israel.
114 Anatoli Schtscharanski: geb. am 20. Januar 1948. Schtscharanski gehörte seit 1973 der Alija-Bewegung an,
der Bewegung der Juden in der Sowjetunion, die nach Israel auswandern wollten. Er wurde 1977 verhaf-
tet und 1978 zu 13 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Er verbrachte mehrere Jahre Gefängnishaft
in Tschistopol und Lagerhaft in Perm 35. Nach seiner Freilassung 1986 emigrierte er nach Israel. Von
1996 bis 2005 hatte er unter seinem neuen Namen Natan Scharanski [Sharansky] mehrere Ministerpos-
ten inne. Zeitweilig war er stellvertretender Ministerpräsident Israels.
Menschenrechte und politische Dissidenz in der Sowjetunion vor 1975 93

Am 6. Oktober 1973 meldeten Menschenrechtsaktivisten die Gründung einer sow-


jetischen Sektion von Amnesty International offiziell an. Unter den Gründungsmitglie-
dern waren Larisa Bogoraz, Sergei Kowaljow, der Kernphysiker Juri F. Orlow115, der Ky-
bernetiker Valentin F. Turchin116, Georgi Wladimow und der Schriftsteller Wladimir
N. Woinowitsch117. Mitglied der Gruppe wurde 1973 auch der ukrainische Schriftsteller
Mykola Rudenko. Sekretär der Gruppe war bis zu seiner Verhaftung 1975 Andrei Tver-
dokhlebov. Die sowjetische Sektion von AI bestand bis 1983.
Im Frühjahr 1974 gründeten Merab Kostawa und Swiad Gamsachurdia in der Geor-
gischen SSR die Initiativgruppe zum Schutz der Menschenrechte. Der Historiker Wiktor
Rzchiladse118, wie Kostawa leitender Mitarbeiter des georgischen Kultusministeriums,
gehörte ebenfalls zu den Gründern.
Der Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen wurde auch von den Opfern po-
litischer Verfolgung in Lagern des GULags artikuliert: Am 30. Oktober 1974 begann
ein Hungerstreik der Häftlinge in den mordwinischen Lagern, in den Lagern der Re-
gion Perm und im Gefängnis von Wladimir. Der 30. Oktober wurde von den Häftlingen
zum » Tag des politischen Häftlings « erklärt und seitdem bis 1987 jährlich begangen. [73]
Der Anstoß für diese Aktion kam von dem Astrophysiker, Journalisten und Dissidenten
Cronid Lubarsky119, der am 30. Oktober 1972 zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt
wurde, die er in mordwinischen Lagern und im Gefängnis von Wladimir verbrachte.
Anne Applebaum schrieb in » Der Gulag « summierend: » In den siebziger Jahren
wurden Hungerstreiks, Arbeitsniederlegungen und andere Protestaktionen in Mordo-
wien und Perm zu einer ständigen Erscheinung. « [74]
Es ist darauf hinzuweisen, dass es in Lagern auch zuvor Aufstände sogar von mehr-
wöchiger Dauer gegeben hatte, so direkt nach Stalins Tod 1953 in Norilsk, Workuta, und
Kengir.
In der Belarussischen SSR wurde 1975 von dem Historiker Mikola Ermalovič120 die
Samisdat-Publikation mit dem Titel » Gespräch über alles, was Angst macht « erstmals
herausgegeben. Bis Ende 1976 erschienen 38 Ausgaben. [75]

115 Juri F. Orlow: geb. am 13. August 1924. Orlow wurde am 4. Juli 1977 verhaftet und 1978 zu sieben Jahren
Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Er wurde 1986 im Austausch mit einem sowjeti-
schen Spion in die USA entlassen und ausgebürgert.
116 Valentin F. Turchin: 14. Februar 1931 – 7. April 2010. Turchin wurde am 4. Juli 1977 verhaftet und 1978
zwangsexiliert. Er lebte seitdem in den USA.
117 Wladimir N. Woinowitsch: geb. am 26. September 1932. Er organisierte, dass Filme mit den von Sa-
charow erstellten Fotos des Manuskripts von Wassili Grossmans Roman » Leben und Schicksal « in
den Westen gelangten und das Werk publiziert werden konnte. Woinowitsch wurde im Dezember 1980
zwangsexiliert und 1981 ausgebürgert. Er lebt seitdem in München. Er arbeitete für Radio Liberty.
118 Wiktor Rzchiladse [in der deutschsprachigen Literatur z. T. auch Rcchiladze geschrieben, so bei Jürgen
Gerber]: geb. am 10. März 1941.
119 Cronid Lubarsky [engl.: Kronid Lyubarsky]: 4. April 1934 – 23. Mai 1996. Lubarsky wurde 1977 ins Exil
gezwungen und ihm wurde die Staatsbürgerschaft aberkannt. Er lebte bis 1991 in München, wo er das
Bulletin Vesti iz SSSR, Neuigkeiten aus der UdSSR, gründete, das bis 1991 vierzehntägig erschien. Nach
Rückkehr in seine Heimat war er von 1993 bis 1996 der Leiter der Moskauer Helsinki Gruppe (MHG).
120 Mikola Ermalovič: 29. April 1921 – 5. März 2000.
94 Zweiter Teil: Vor Helsinki

Noch vor Abschluss der KSZE gelangte die Menschenrechtslage in der Sowjetunion
in die Medien westlicher Staaten. In einem Op-ed-Artikel der New York Times vom
9. November 1974 stellte die seinerzeitige Amnesty International-Aktivistin Jeri Laber121
den » Fall « von Valentyn Moroz und seine Haft im Gefängnis von Wladimir dar, un-
ter dem Titel » The › Wire Skeleton ‹ of Vladimir Prison «. Es war, wie Laber schrieb, die
erste Thematisierung der Menschenrechtsfrage auf der » op-ed-page « einer Zeitung in
den USA. [76]

4 Im » Westen « Neues

Die siebziger Jahre sind nicht nur eine Zeit beginnender Umbrüche in Mittel- und Ost-
europa. In einigen südeuropäischen Staaten kam es zum Regimewechsel. Diktaturen
wandelten sich zu Demokratien.
Mit der » Revolução dos Cravos «, deutsch: Nelkenrevolution, gegen das Regime
von Ministerpräsident Marcello Caetano am 25. April 1974 wurde in Portugal eine Ent-
wicklung möglich, die am 27. Juni 1976 mit der Wahl von General António dos Santos
Ramalho Eanes zum Präsidenten die Rückkehr des Landes zur parlamentarischen De-
mokratie abschloss.
Am 23. Juli 1974 kollabierte in Griechenland das durch Putsch am 21. April 1967 an
die Macht gelangte » Regime der Obristen «. Das Land kehrte unter der Führung des aus
dem Pariser Exil zurückgekehrten ehemaligen Ministerpräsidenten Konstantinos Kara-
manlis zur Demokratie zurück. Karamanlis wurde bereits am Tag seiner Rückkehr, am
24. Juli 1974, zum neuen Regierungschef gewählt.
Nach dem Tod des Diktators General Francisco Franco am 20. November 1975 be-
gann in Spanien unter König Juan Carlos I. der Übergang zur parlamentarischen Demo-
kratie. Am 29. Dezember 1978 trat die in einer Volksabstimmung am 6. Dezember 1978
angenommene demokratische Verfassung in Kraft.
Die Wirkung dieser Entwicklungen auf die Staaten des sowjetischen Machtbereichs
ist schwer einzuschätzen. Mindestens kann jedoch vermutet werden, dass die Attrakti-
vität der westlichen Demokratien größer wurde. Es ist feststellbar, dass der friedliche
Verlauf der Systemwechsel in Westeuropa von mittelosteuropäischen Dissidenten zur
Kenntnis genommen wurde. So bezieht sich Adam Michnik bei seinen Überlegungen
für eine Demokratisierung des politischen Systems der Volksrepublik Polen ausdrück-
lich auf den friedlichen Wandel in Spanien.

» Wenn ich ein Vorbild für den polnischen Weg suchen sollte, so wäre es der spanische Weg:
In einer gemeinsamen Anstrengung aller offenen Kräfte innerhalb der Macht und innerhalb

121 Jeri Laber: geb. am 19. Mai 1931. Sie war 1978 bis 1995 Executive Director von Helsinki Watch (ab 1988:
Human Rights Watch). Aufgrund ihrer Tätigkeit, insbesondere bei » Fact Finding Missions «, war sie
eine der wichtigsten westlichen Ansprechpartner für Dissidenten im sowjetischen Machtbereich.
Im » Westen « Neues 95

der Opposition hat es die Gesellschaft verstanden, das Land aus einer verhassten und repres-
siven Diktatur hinaus- und zu demokratischen Formen hinzuführen. « [77]

Feststellbar ist auch, dass mit dem Systemwechsel südeuropäischer Staaten ein Prozess
einsetzte, der 1981 in die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft (EG) um Grie-
chenland und 1986 um Spanien und Portugal mündete. Die Attraktivität der westlichen
Integrationsstrukturen wurde damit gestärkt und strahlte auf Mittel- und Osteuropa aus.

Jenseits der bipolaren Welt, in der » Dritten Welt «, ereigneten sich politische Umbrüche
und Veränderungen der Struktur der Beziehungen der Staaten zueinander, die teilweise
erhebliche Rückwirkungen auf die bipolare Welt hatten.
Zhou Enlai, chinesischer Premierminister seit 1949, starb am 8. Januar 1976.
Am 4. April 1976 wurde eine friedliche Gedenkdemonstration für Zhou Enlai von Polizei
und Militär gewaltsam aufgelöst (» Tian’anmen – Zwischenfall «).
Deng Xiao-ping verlor im Frühjahr 1976 alle Ämter.
Zu den bedeutenden Faktoren sind auch schwere Katastrophen und Naturkatastrophen
zu zählen, wie das schwere Erdbeben im chinesischen Tangyan am 27. Juli 1976, bei dem
angeblich mehr als 650 000 Opfer zu beklagen waren.
Wenige Wochen später, am 9. September 1976, starb Mao Tse-tung.
Am 23. Juli 1977 wurde Deng Xiao-ping erneut in seine alten Ämter eingesetzt.
Ab dem 24. März 1978 wurden nach der Annexion durch Nord-Vietnam die in Süd-
Vietnam lebenden Chinesen enteignet und als Agenten Pekings bezeichnet. Es kam zur
Flucht Hunderttausender Chinesen und Vietnamesen, die als » Boatpeople « z. T. in Europa
und insbesondere in den USA Aufnahme fanden.
Die OPEC erhöhte am 17. Dezember 1978 den Preis für Rohöl um 10 %. Die Erhöhung hat-
te die zweite Ölkrise nach 1973/74 zur Folge.
Am 1. Januar 1979 nahmen die USA und die VR China offiziell diplomatische Beziehun-
gen auf Botschafterebene auf.
Dritter Teil
» Helsinki « und die Folgen

1 Neue Hoffnung im alten Rahmen

Mit der Unterzeichnung der » Schlussakte « durch alle 35 Teilnehmerstaaten endete am


1. August 1975 in Helsinki die am 3. Juli 1973 ebenfalls in Helsinki mit einem Außenminis-
tertreffen eröffnete Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) [1]
Es ist festzuhalten, dass die Schlussakte kein völkerrechtlicher Vertrag mit bindenden
Verpflichtungen der Unterzeichnerstaaten ist, wie die UN-Zivilakte von 1966 (» Interna-
tionaler Pakt über bürgerliche und politische Rechte «). Der Schlussakte wurde gleich-
wohl große Bedeutung zugemessen. In der Bundesrepublik Deutschland wurde sie als
» Verhaltenskodex « von hohem » moralisch-politischem Rang « verstanden. [2] Gerhard
Wettig schrieb 1975: » Politische Symbolik und publizistisches Gewicht der Konferenz-
phase, Veröffentlichung des Wortlautes der Schlussakte in regierungs- und parteioffi-
ziellen Zeitungen – auch und gerade in Osteuropa – und die Vereinbarung von Folge-
konferenzen zur Überprüfung und Fortsetzung des KSZE-Prozesses geben aber gerade
der Schlußakte von Helsinki […] eine politische Bindungswirkung und Dynamik, die
die vieler herkömmlicher multilateraler Verträge übersteigt. « [3]
Für eine detailliertere Bewertung der KSZE und der Schlussakte ist hier jedoch nicht
der Ort. Der Streit über die Bedeutung des KSZE-Prozesses für die internationale Politik,
insbesondere über die Bedeutung für die Entwicklung der Beziehungen zwischen den
Blöcken, soll hier ebenfalls nicht geklärt werden. Dieser Streit war zunächst einmal Aus-
druck der Ambivalenz, die einer Vielzahl derartiger internationaler Abkommen inne-
wohnt. Ausgangspunkt des Streits war insbesondere die unterschiedliche Sichtweise des
Ergebnisses von Helsinki. Für den Westen war das Dokument der Grundstein für fried-
lichen Systemwandel bei langfristig abzusichernder Stabilität der zwischenstaatlichen
Beziehungen in Europa. Für die Sowjetunion hingegen war die Bestätigung des territo-
rialen Status quo von Interesse, d. h. die Bestätigung der Übereinkunft von Jalta. Es war
vorrangiges Ziel der Sowjetunion, mit der Schlussakte den machtpolitischen Anspruch
in Europa zu legitimieren und langfristig zu sichern.

D. Preuße, Umbruch von unten, DOI 10.1007/978-3-658-04972-0_4,


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98 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Besonders deutlich wird diese Ambivalenz bei Lektüre der » Erinnerungen « Pjotr
Grigorenkos. Der Generalmajor a. D. und Mitgründer der Moskauer Helsinki Gruppe
beurteilt das Ergebnis der Helsinki-Konferenz wie folgt: » Was hat die Sowjetunion auf
der Helsinki-Konferenz erreicht ? Die Bestätigung ihres Rechts, während des Krieges
eroberte Territorien zu behalten und auf ihnen Truppen beliebiger Stärke und Grup-
pierung zu stationieren. […] Jetzt braucht die Sowjetunion […] keinen Friedensver-
trag mehr, sie wird auch nie mehr darüber sprechen, denn es gibt ja die Helsinki-
Schlußakte. Und was hat Helsinki dem Westen gebracht ? Fast nichts. Alles blieb wie
vor Helsinki. Deutschland bleibt geteilt. Polen, die Tschechoslowakei, Estland, Lett-
land, Litauen, Bjelorußland, Moldavien, die Ukraine bleiben okkupiert. « [3] Dieses » fast
nichts « war letztlich dann auf indirektem Weg über die Menschenrechtsfrage doch fol-
genreich.
Da die Gegenthese nicht überprüft werden kann, dass Menschenrechtsgruppen im
Machtbereich der Sowjetunion auch ohne die Helsinki-Konferenz und Schlussakte ent-
standen wären, bleibt die im Folgenden an Beispielen festgemachte These von der Be-
deutung der KSZE für die weitere Entwicklung des Kampfes für die Menschen- und
Bürgerrechte letztlich ebenfalls unbeweisbar.
Ebenfalls kritisch ließ sich bereits am 17. Juni 1975 eine anonyme Gruppe estnischer
und lettischer Bürger in einem Brief an alle an der KSZE teilnehmenden Regierungen
zu den Ergebnissen der Konferenz ein. Sie appellierten an die westlichen Demokratien,
eine kritische Analyse der Menschenrechtssituation in der UdSSR vorzunehmen, und
plädierten für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten. [4]
Ein ähnlicher Brief wurde im September 1975 an baltische Exilorganisationen ver-
sandt. Der Brief war angeblich von sechs Gruppen verfasst: ERR (Estnische Nationale
Front), EDL (Estnische Demokratische Bewegung), Lettische Unabhängigkeitsbewegung,
Lettische Christliche Demokraten, Lettisches Demokratisches Jugend-Komitee und Litau-
ische National-Demokratische Bewegung. [5]
Die grundlegend skeptische bzw. ablehnende Einstellung gegenüber der KSZE von
Bürgern der baltischen Republiken basierte auch auf dem Sachverhalt, dass der Vor-
schlag zur Einberufung einer europäischen Sicherheitskonferenz erstmals 1954 vom da-
maligen Außenminister Wjatscheslaw Molotow gemacht worden war. Ausgerechnet
Molotow !
Für die Bürger in Mittel- und Osteuropa wurde bedeutsam, dass im dritten Teil der
» Schlussakte « mit dem Titel: » Grundsätze der Zusammenarbeit im humanitären und
anderen Bereichen « alle Unterzeichnerstaaten, d. h. auch ihre Regierungen, Verpflich-
tungen eingingen, die einzufordern für ihr politisches System gefährlich werden konnte.
» Nach der von der Schlußakte vorgesehenen Publizierung des KSZE-Vertrages in allen
Unterzeichnerstaaten sahen sich die Menschen im Ostblock über Nacht im Besitz eines
von ihren Regierungen unterzeichneten Dokumentes, in dem grundlegende Menschen-
rechte garantiert wurden. « [6] Die Vereinbarungen von Helsinki wurden in allen Un-
terzeichnerstaaten veröffentlicht, in der Sowjetunion am 2. August in der Prawda, dem
Zentralorgan des ZK der KPdSU, sowie in der Iswestija, der Zeitung des Präsidiums des
Obersten Sowjets, in der DDR in der Ausgabe vom 2./3. August des SED-Zentralorgans
Neue Hoffnung im alten Rahmen 99

Neues Deutschland, die eine Auflage von über zwei Millionen Exemplaren erreichte.
Folglich stand die Schlussakte auch den Bürgern Mittel- und Osteuropas als » legal « zu-
gängliches Dokument zur Verfügung.
Ludmilla Alexejewa erfasste aufgrund ihrer Erfahrungen in der sowjetischen Men-
schenrechtsbewegung die Bedeutung der Schlussakte noch präziser. Die Veröffent-
lichung der Schlussakte hatte den Bürgern die Erkenntnis ermöglicht, dass die eigene
Regierung in Bezug auf die Einhaltung der Menschenrechte internationale Verpflich-
tungen eingegangen war: » Soviet citizens, reading the text of the Final Act in the papers,
were stunned by the humanitarian articles, it was the first they had heard of any kind of
international obligations in the human rights field of their government. « [7]
John J. Maresca, Mitglied der US-Delegation in Helsinki, ist darin zuzustimmen, dass
es relativ gleichgültig war, was in die Schlussakte aufgenommen wurde. » Das – wahr-
scheinlich einzige – was zählte, war, dass es überhaupt eine Schlussakte gab und dass sie
irgendeine im Konsens getroffene Vereinbarung über Menschenrechte und eine › frei-
ere Bewegung ‹ von Menschen und Ideen darzustellen schien. Wie wir in den folgenden
Monaten und Jahren feststellten, hätten die Dissidenten in der UdSSR und in Osteuropa
sich auch auf jedes andere KSZE-Dokument als Grundlage für ihre Bewegung gestützt.
Und schließlich waren es die Dissidentenbewegung und die Sehnsüchte der einfachen
Leute, die das kommunistische System zu Fall brachten. […] Als der Kalte Krieg dem
Ende zuneigte, erkannten wir, dass die Schlussakte eine neue Dynamik erzeugt hatte,
eine Dynamik, die auf einem neuen universellen Wertesystem beruhte «. [8]
Ein tieferes Verständnis für die Bedeutung und für die möglichen Folgen dieses Teils
der Helsinki-Schlussakte war auch bei den Regierenden in den mittel- und osteuropä-
ischen Staaten zum Zeitpunkt des Abschlusses nicht gegeben. Zu genau dieser Folge-
rung kam in der sich in Auflösung befindenden DDR im Dezember 1989 eine Kommis-
sion beim Parteivorstand der SED. Die Kommission vermerkte: » Nicht begriffen wurde,
daß sich nach der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki die DDR in Fragen der
Menschenrechte, der Reisemöglichkeiten und der Transparenz auf neue Bedingungen
einzustellen hatte. « [9]
Anja Hanisch beschrieb in ihrer Monografie » Die DDR im KSZE-Prozess 1972 – 1985 «
die Wahrnehmung der Regime der DDR und der UdSSR von der Reaktion der Bevöl-
kerungen auf die Helsinki-Schlussakte. » Die Parteiführungen sowohl in Ost-Berlin als
auch in Moskau kamen nach der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki nicht
umhin festzustellen, dass die Bürger der osteuropäischen Staaten ihre Hoffnungen – in
unterschiedlicher Art und Weise – auf dieses Dokument setzten. « [10]
Eine durch die KSZE angeregte Problematisierung der fehlenden Freizügigkeit in
der DDR war bereits vor Abschluss der Konferenz vom Ministerium für Staatssicher-
heit befürchtet worden. Die Zahl der dann mit Bezug auf die Helsinki-Schlussakte ge-
stellten Ausreiseanträge hat selbst das MfS überrascht. » Obwohl die HA XX (Haupt-
abteilung  XX des MfS, die für die Bearbeitung oppositioneller Gruppen zuständig war,
D. P.) […] schon sehr früh auf die möglichen innenpolitischen Folgen der KSZE hinwies,
scheint sie die Ausmaße der Ausreisebewegung und die Zahl der Bürger, die größere
Reisefreiheit einforderten, nicht antizipiert zu haben. « [11]
100 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Das erste Prominenz erlangende Beispiel der die Staatsführung der DDR überra-
schenden Entwicklung war der Fall des Riesaer Arztes Karl-Heinz Nitschke1. Nitschke,
der bereits in den sechziger Jahren nach einem Fluchtversuch zwei Jahre inhaftiert ge-
wesen war, stellte am 18. August 1975 unter Berufung auf Helsinki einen Ausreiseantrag
und beantragte die Ausbürgerung aus der DDR-Staatsbürgerschaft. Am 10. Juli 1976 ver-
fasste er eine von ihm und von 32 weiteren Personen unterzeichnete Petition, die an den
DDR-Staatsrat, die Vereinten Nationen und an weitere internationale Organisationen
gerichtet war. Die Unterzeichner forderten die Achtung des in dem völkerrechtlich bin-
denden » Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte vom 16. Dezem-
ber 1966 « zugesicherten Rechts auf freie Wahl des Wohn- und Arbeitsortes und Reise-
freiheit. Das Recht war in der Schlussakte von Helsinki bestätigt worden. Die DDR hatte
den Pakt 1973 unterschrieben und ratifiziert und das Inkrafttreten des Paktes am 1. März
1976 im Gesetzblatt der DDR bekanntgegeben.
Versuche von DDR-Bürgern, über die Flucht in die Ständige Vertretung der Bundes-
republik in Ost-Berlin oder über bundesdeutsche Botschaften in den RGW-Staaten in
die Freiheit zu gelangen sind seit 1976 häufiger aufgetreten, ohne dass alle Fälle öffent-
lich wurden. [12]
Andere Wissenschaftler gehen in ihrer Beurteilung hinsichtlich der direkten Auswir-
kungen der KSZE auf die Gesellschaften Mittel- und Osteuropas deutlich über die Fest-
stellungen von Anja Hanisch hinaus.
Nicht geteilt wird hier die 2005 von Wolfgang Schmale vorgetragene Auffassung,
» dass der nach 1989 in Gang gesetzte EG- bzw. EU-Integrationsprozess bezüglich
Ost(mittel)europa im Grunde genommen mit dem KSZE-Prozess schon einsetzte. «
Schmale fährt in seinem Beitrag stark überzeichnend fort: » Nicht nur aus der Rück-
schau ist ersichtlich, wie dicht die Kommunikationsnetze geknüpft wurden, und zwar
sowohl auf der politischen, staatlich-institutionellen wie zivilgesellschaftlichen Ebene. «
[13] Schmales Feststellung zeigt mangelndes Verständnis für die nach 1975 in Mittel-
Osteuropa erforderlichen Kämpfe zur Durchsetzung der in der Schlussakte zugesagten
Rechte und läßt Diskrepanzen zwischen der » zivilgesellschaftlichen Ebene « der Länder
Mittel-Osteuropas und westeuropäischen NGOs außer Acht; von massiven Kommuni-
kationsbarrieren zwischen westeuropäischen Regierungen einerseits und Oppositions-
gruppen und Dissidenten im » Osten « andererseits ganz zu schweigen. – Wir werden
diesen Diskrepanzen bis 1989/1990 noch häufiger begegnen.
Für Westeuropa hatte der KSZE-Prozess infolge der Schlussakte eine nachhaltige
Wirkung: Die bis dahin dominierende einseitige Fixierung auf die an Friedenserhaltung
orientierte Entspannungspolitik und auf die bei vielen Akteuren damit einhergehende
Vernachlässigung der Frage nach der Durchsetzung von Bürgerrechten im Besonde-
ren und Menschenrechten im Allgemeinen geriet zunehmend in Rechtfertigungszwang.
Dieser Wandel, der nicht bei allen politischen Eliten Westeuropas gleichermaßen ver-

1 Karl-Heinz Nitschke: 7. März 1930 – 24. Oktober 1984. Nitschke wurde am 31. August 1976 inhaftiert und
erst am 26. August 1978 nach Freikauf durch die Bundesrepublik aus der Haft entlassen.
Neue Hoffnung im alten Rahmen 101

lief, wurde bei den » Andersdenkenden « in Mittelosteuropa zur Kenntnis genommen


und kommentiert.
Václav Havel brachte diese Veränderung bei seiner Erasmuspreis-Rede am 13. No-
vember 1986 zum Ausdruck:

» Anfang der siebziger Jahre waren bei uns einige Dutzend politischer Gefangener eingesperrt.
Über die wußte man in der Welt schon gut Bescheid, doch viele Solidaritätserklärungen mit ih-
nen gab es nicht (zum Teil aus dem tragisch verfehlten Verständnis der Entspannungspolitik als
ingrimmiges Schweigen zur Willkür der anderen Seite). Als ich mit meinen Freunden Ende der
siebziger Jahre eingesperrt wurde, erhob sich in der Welt schon fast ein Chor der Solidarität; bis
zu meinem Tode werde ich dafür gerührt und dankbar sein. « [14]

Neben dem KSZE-Abkommen war es vor allem für die sowjetischen Menschenrechts-
aktivisten eine bedeutsame Begebenheit, als im Oktober 1975 Andrei Sacharov der Frie-
densnobelpreis zugesprochen wurde. » Beide Ereignisse ermutigten die sowjetische Bür-
gerrechtlerInnen, entsprechende Menschenrechtskommissionen einzusetzen. « [15]
Die Schlussakte diente bereits zwei Wochen nach Beendigung der Helsinki-Konfe-
renz als Referenzdokument. Am 16. August 1975, vor einem Staatsbesuch Breschnews in
den USA, beriefen sich in einem offenen » Appell an die Bürger der USA, an den ame-
rikanischen Kongress, an den Präsidenten der USA, Gerald Ford « die russischen Dissi-
denten Larisa Bogoraz und Anatoli Marchenko auf Helsinki [16], als sie die Amnestie für
politische Häftlinge forderten. Der Appell wurde von 27 Personen unterstützt, darunter
fast alle späteren Mitgründer der Moskauer Helsinki Gruppe.
Die Schlussakte diente von nun an auch bei den Gründungserklärungen von
Menschen- und Bürgerrechtsgruppen in Mittel- und Osteuropa als Referenzdoku-
ment. Dieses trifft auch bei der Charta 77 zu, wie nachfolgendes Zitat aus dem Grün-
dungsdokument der Charta 77 belegt: » Am 13. 10. 1976 wurden in der Sammlung der
Gesetze der Tschechoslowakei (Nr. 120) der › Internationale Pakt über bürgerliche und
politische Rechte ‹ sowie der › Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kul-
turelle Rechte ‹ veröffentlicht, beide im Jahre 1968 im Namen unserer Republik un-
terzeichnet, im Jahre 1975 in Helsinki bestätigt und bei uns am 23. 3. 1976 in Kraft ge-
setzt. « [17]
Der Dissident, Mitgründer von Charta 77 und spätere tschechoslowakische Außen-
minister Jiří Dienstbier2 hat die herausragende Bedeutung der KSZE für die mitteleuro-
päische Dissidenz hervorgehoben: » Ohne den Helsinki-Prozeß kann man sich kaum die
Entstehung des polnischen KOR, der Solidarność und des ambitionierten Programms
der Erneuerung des Bürgerbewußtseins in Polen vorstellen, […] Auch die Entwicklung
der ungarischen Wirtschaftsreform, […] oder die Entwicklung der innerdeutschen Be-
ziehungen ist in dieser Form nur im Klima von Helsinki möglich. « [18]

2 Jiří Dienstbier: 20. April 1937 – 8. Januar 2011. Dienstbier war 1979 und 1985 Sprecher von Charta 77. Er
war von Dezember 1989 bis 1992 Außenminister. Ab 2008 war er Senator.
102 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Jeri Laber, 1978 Mitgründerin von Helsinki Watch – die Organisation nannte sich
1988 in Human Rights Watch um – schrieb 2002 in ihrer Autobiographie: » There is his-
torical irony in the Helsinki agreement, that no one could have predicted at the time.
Seen as a means of consolidating Soviet control, it would eventually become a vehicle
for ending it «. [19]
In Westeuropa, insbesondere in der Bundesrepublik, wurde » Helsinki « primär als
Garantie für die internationale Stabilität und als Fortschreibung der Entspannungspo-
litik in Europa begrüßt oder, so von den Unionsparteien, abgelehnt. – Zur Ehrenret-
tung von CDU und CSU ist hier festzustellen, dass die von der KSZE vorgenommene
Festschreibung der europäischen Nachkriegsordnung tatsächlich nicht im Interesse
aller Nationen Europas sein konnte und war: Die Esten, Letten und Litauer wurden
nicht um ihre Zustimmung für jene Bestandsgarantie der Nachkriegsordnung gefragt,
die die UdSSR faktisch erhielt. Faktisch legitimierte die Schlussakte die völkerrechts-
widrige Besetzung und Annexion ihrer Staaten, wie sie auch die Annexion Westkare-
liens mit Wyborg, der Karpato-Ukraine, der Westukraine, des Territoriums des heutigen
Moldawiens und des westlichen Teils von Belarus legitimierte ! Diese Bestätigung der
sowjetischen Eroberungen wurde im Westen kaum wahrgenommen bzw. verstanden.
Gleichzeitig haben jedoch sicherlich auch nicht allzu viele Politiker der Bundesrepublik
darüber nachgedacht, welche Folgen der KSZE-Prozess für die mittel- und osteuropä-
ische Dissidenz haben würde. [20]
In den USA war die Détente bereits vor » Helsinki « zunehmend kritisch betrachtet
worden. [21] So beschloss der US-Senat am 13. Dezember 1974, die Gewährung der Meist-
begünstigung im Handel mit der UdSSR an eine Liberalisierung der sowjetischen Aus-
wanderungspraxis zu knüpfen. Der Gesetzeszusatz zielte auf die Erleichterung der Aus-
wanderung sowjetischer Juden und Angehöriger anderer religiöser Minderheiten. Das
Amendment zum Handelsgesetz war eine Initiative des Senators Henry » Scoop « Jackson
(Demokratische Partei) und des Abgeordneten Charles Vanik (Republikanische Partei)
und von dem Mitarbeiter Jacksons, Richard Perle, ausgearbeitet worden. Die US-Regie-
rung hielt zu diesem Zeitpunkt noch an der Détente fest, obgleich Präsident Gerald Ford
im Januar 1975 das Handelsgesetz mit dem » Jackson-Vanik-Amendment « unterschrieb.
Das » Jackson-Vanik-Amendment « war im Senat durch ein weiteres Amendment auf
Initiative von Senator Adlai E. Stevenson III deutlich verschärft worden. Dieser » rider «
begrenzte das Kreditvolumen für den Handel mit der Sowjetunion auf 300 Millionen
US-Dollar für vier Jahre. Damit war dem Handelsgesetz jegliche Anreizfunktion ge-
nommen.
Dies ist offenbar einer der Gründe für die nach 1973 stark fallenden Auswanderungs-
zahlen. Bekamen 1973 noch 34 933 Juden die Genehmigung zur Ausreise aus der UdSSR,
sank die Zahl 1974 auf 20 694 und 1975 auf 13 451. Nach einem erneuten starken Anstieg
in den Jahren 1978 (28 993) und 1979 (51 547), d. h. vor und nach Unterzeichnung des
SALT II Vertrages am 18.Juni 1979 in Wien und vor den Olympischen Spielen 1980 in
Moskau, sank die Zahl bis 1986 auf unter 1 000 Personen. [22]
Neue Hoffnung im alten Rahmen 103

Aus Furcht, die Détente zu gefährden, weigerte sich Präsident Ford auf Anraten Kis-
singers im Sommer 1975, Solschenizyn im Weißen Haus zu empfangen. – Solscheni-
zyn hatte am 30. Juni 1975 vor der American Federation of Labor – Congress of Indus-
trial Organizations (AFL/CIO), dem Dachverband der US-Gewerkschaften, eine Rede
zur Menschenrechtslage in der UdSSR gehalten. – Der US-Kongress hingegen verlieh
Solschenizyn die Ehrenbürgerschaft der USA.
Die » realistische « Außenpolitik der US-Administration stand bereits seit länge-
rer Zeit in der öffentlichen Kritik. Insbesondere einflussreiche linksliberale Schriftstel-
ler und Publizisten setzten sich seit 1973 stark für die verfolgten Schriftsteller der mit-
tel- und osteuropäischen kulturellen Opposition ein und forderten eine sich stärker an
den Menschenrechten orientierende Außenpolitik. Die Wende der US-Administration
zu einer prononcierten Menschenrechtspolitik vollzog dann der neu gewählte Präsi-
dent Jimmy Carter, dessen Nationaler Sicherheitsberater der aus Polen stammende Po-
litologe Zbigniew Brzeziński3 wurde. Carter kündigte den Politikwechsel in seiner von
Brzeziński mitverfassten Inaugurationsrede am 20. Januar 1977 an:

» Our commitment to human rights must be absolute. […] Because we are free we can never be
indifferent to the fate of freedom elsewhere. Our moral sense dictates a clearcut preference for
these societies which share with us an abiding respect for individual human rights. We do not
seek to intimidate, but it is clear that a world which others can dominate with impunity would
be inhospitable to decency and a threat to the well-being of all people. «

Folgenreicher als der o. a. » Appell an die Bürger der USA, an den amerikanischen Kon-
gress, an den Präsidenten der USA, Gerald Ford « von Bogoraz und Marchenko war der
Besuch von 19 Mitgliedern des US-Kongresses in der Sowjetunion Ende August 1975.
Während des Aufenthalts traf Millicent Fenwick4, Frauenrechtlerin, Bürgerrechtsaktivis-
tin und republikanische Abgeordnete aus New Jersey, Juri Orlow und Valentin Turchin,
die Gründer der Amnesty-International Gruppe in Moskau, sowie den international be-
kannten jüdischen Physiker und Refusenik Weniamin Lewitsch5.
Das Gespräch war bei Fenwick und bei Orlow der Auslöser, über Möglichkeiten
nachzudenken, wie die Inspektion der Einhaltung bzw. der Umsetzung von in Helsinki
erzielten Übereinkünften bei Menschenrechtsfragen organisiert werden könnte. » It
made Orlov think, perhaps for the first time, about monitoring the Helsinki Accords,
and it planted a seed that would later become the Moscow Helsinki Watch (Moskauer
Helsinki Gruppe (MHG), D. P.). As for Fenwick, she returned to Washington determi-
ned to establish a congressional body that would enforce Helsinki. « [23]
Fenwick initiierte am 9. September 1975 mit House Resolution 9466 im Repräsen-
tantenhaus die Bildung der » US-Commission on Security and Cooperation in Europe «.

3 Zbigniew Brzeziński: geb. am 28. März 1928. Brzeziński war Nationaler Sicherheitsberater von 1979 bis
1981.
4 Millicent Hammond Fenwick: 25. Februar 1910 – 16. September 1992.
5 Weniamin Lewitsch: 30. März 1917 – 19. Januar 1987.
104 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Clifford Case6, republikanischer Senator aus New Jersey, startete am 17. November mit
Senate Bill 2679 eine gleichgerichtete Initiative im Senat. Case gewann elf » Cospon-
sors « für die Bill, unter ihnen die prominenten Senatoren Hubert Humphrey und Henry
Jackson.
Für die Durchschlagskraft der Kampagne war die breite gesellschaftliche Unterstüt-
zung von Wichtigkeit. Fenwick und Case erhielten Unterstützung nicht nur von Seiten
jüdischer Organisationen, insbesondere von der National Conference on Soviet Jewry,
und der Federation of American Scientists, » but Polish, Hungarian and Czechoslovak
émigré organizations also endorsed the Fenwick bill. So, too, did the Baltic American
Committee, comprising citizens of Lithuanian, Latvian, and Estonian origin. « [24] Für
das Ziel der Abgeordneten zahlte sich aus, dass aufgrund der Heterogenität der US-Ge-
sellschaft für die Situation ethnischer und religiöser Minderheiten in der Sowjetunion
genügend öffentliche Aufmerksamkeit generierbar und über Verbände und Lobbys
Druck auf den Kongress organisierbar war.
Die Gesetzesinitiative wurde nach Zustimmung beider Häuser des Kongresses am
3. Juni 1976 durch Unterschrift Präsident Fords unter Public Law No. 94-304 rechtskräf-
tig. Kein anderer Unterzeichnerstaat der Schlussakte richtete eine derartige Kommission
für das Monitoring der Ergebnisse der KSZE-Konferenz von Helsinki ein.
Wie William Korey7 in seiner Darstellung des Helsinki-Prozesses mit dem Titel » The
Promises We Keep « einleitend feststellte, begannen die USA die Konferenz ohne En-
thusiasmus, eher passiv. Im Verlauf des Helsinki-Prozesses, nach 1975, wurde die US-
Außenpolitik zunehmend aktiv, » it moved into an active leadership role centering on
the dynamic human rights elements of Helsinki, focusing dramatic public attention
upon them and thereby allowing them to exert their maximum influence. « [25] Hierzu
trug die Commission on Security and Cooperation in Europe wesentlich bei.
Die auch als » U. S. Helsinki Commission « bezeichnete Institution war Ende der sieb-
ziger und in den achtziger Jahren ein wichtiger Ansprechpartner für die sich in Ost-
europa bildenden Helsinki-Komitees und auch für das 1979 gegründete U. S. Helsinki-
Watch Committee. » Die osteuropäischen Menschenrechtsgruppierungen hatten somit
einen Transferkanal in das für gesellschaftliche Initiativen besonders offene amerikani-
sche politische System – und über diese in die amerikanische KSZE-Politik. « [26]
Der sich bereits vor der Wahl Jimmy Carters andeutende Politikwechsel der USA,
der etappenweise Abschied von Henry Kissinger Détente-Politik, hatte erhebliche Aus-
wirkungen auf die Beziehungen der USA zur Sowjetunion. Giorgi Arbatow8, von 1967
bis Mitte der neunziger Jahre Leiter des Instituts für Amerika- und Kanadastudien der
Sowjetischen Akademie der Wissenschaften und außenpolitischer Berater aller KPdSU-
Generalsekretäre von Breschnew bis Gorbatschow, bestätigt die Wirkung, die die Men-

6 Clifford P. Case: 16. April 1904 – 5. März 1982.


7 William Korey: 16. Juni 1922 – 26. August 2009. Korey wurde 1960 erster Direktor des B’nai B’rith-Büros
bei den UN. Von 1977 bis 1986 war er Direktor des B’nai B’rith’s Department of International Policy Re-
search. Er war der wichtigste Lobbyist von B’nai B’rith, der größten jüdischen Menschenrechtsorgani-
sation mit heute zirka 500 000 Mitgliedern weltweit.
8 Georgi Arbatow: 19. Mai 1923 – 1. Oktober 2010.
Neue Hoffnung im alten Rahmen 105

schenrechtspolitik der USA auf Moskau hatte. » US-Kongreßabgeordnete und Teile der
amerikanischen Medien brachten uns in die Defensive, indem sie die Menschenrechts-
Argumentation benutzten, um politischen Druck auszuüben. (Wir hatten ihnen dazu
natürlich reichlich Gelegenheit gegeben; die ganze Streitfrage wurde allmählich ein be-
deutendes Hindernis in den sowjetisch-amerikanischen Beziehungen.) « [27]
Die Berechtigung der Kritik an der Détente und der Skepsis an » Helsinki « fand ihre
Bestätigung im Verhalten der Sowjetunion. Am 23. Juni 1975 war durch Beschluss des
Obersten Sowjets das Dekret » Über religiöse Vereinigungen « vom 8. April 1929 des All-
russischen Zentralexekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare bestätigt wor-
den. In den dreißiger Jahren war die fast vollständige Vernichtung der Kirchen und
Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion Folge dieses Dekrets. Der Beschluss des
Obersten Sowjets von 1975 ließ befürchten, dass die gegen Kirchen und Religionsge-
meinschaften gerichtete Unterdrückungspolitik verschärft werden würde.
Kowaljow, der Nestor der sowjetischen Menschenrechtsbewegung, wurde am 12. De-
zember 1975 in Vilnius zu sieben Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung verur-
teilt. Es wurde ihm u. a. die Verbreitung der Chronik der Litauischen Katholischen Kirche
zur Last gelegt. Aus Sicht der sowjetischen Führung war gerade diese Unterstützung
über Republikgrenzen hinweg außerordentlich problematisch und gefährdete den Zu-
sammenhalt der Union.
Beobachter des Prozesses waren u. a. der Menschenrechtsaktivist Juri Orlow, der est-
nische Biologe Mart-Olav Niklus9, der bereits 1958 aufgrund seines Engagements für
den Umweltschutz zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt worden war, und Andrej Sacha-
row. Sacharow war am 10. Dezember 1975 in Vilnius, während Jelena Bonner, mit der er
in zweiter Ehe verheiratet war, für ihn in Oslo den Friedensnobelpreis entgegennahm.
Der litauische Schriftsteller, Übersetzer und Dissident Tomas Venclova10 berichtete,
dass Sacharow während des Aufenthalts in Vilnius die Gründung einer litauischen Hel-
sinki-Gruppe anregte. [28] Sacharow wohnte während des Aufenthalts bei dem mit ihm
befreundeten Physiker Eitanas Finkelšteinas11, der im folgenden Jahr Mitgründer der Li-
tauischen Helsinki-Gruppe wurde. Wie Ludmilla Alexejewa bestätigte, führte der Auf-
enthalt von Orlow und Sacharow in Vilnius zu freundschaftlichen Kontakten zwischen
den Menschenrechtsaktivisten in Moskau und denen in Vilnius. [29]
Trotz des Helsinki-Prozesses wurde in der Sowjetunion die Praxis der Abgrenzungs-
politik und der Unterdrückung widerständigen Verhaltens verschärft. Dieses gilt auch
für die Staaten Mittelosteuropas, insbesondere für die DDR. [30]

9 Mart-Olav Niklus: geb. am 22. September 1934. Niklus war von 1958 bis 1966, 1976 und von 1980 bis 1988
inhaftiert. Er war von 1992 bis 1995 Abgeordneter im Riigikogu.
10 Tomas Venclova: geb. 11. September 1937. Vater von Tomas Venvlova war Antanas Venclova, Schriftstel-
ler, erster Kultusminister der Litauischen SSR, Dichter der Hymne der Litauischen SSR, Stalinpreisträ-
ger (1952) und Vorsitzender des Schriftstellerverbandes. Tomas Venclova hatte bereits in den sechziger
und frühen siebziger Jahren Kontakt zu Iossif Brodskij, als dieser sich mehrfach in Vilnius aufhielt.
Venclova erhielt 1977 ein Ausreisevisum für die USA und wurde ausgebürgert. In den USA freundete er
sich mit Czesław Miłosz an und intensivierte den Kontakt zu Brodskij.
11 Eitanas Finkelšteinas [Eitan Finkelshtein, Finkelstein]: geb. 1942. Finkelstein lebt seit 1989 in München.
106 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

2 Polen nach » Helsinki «

Die Ermutigung, die von » Helsinki « für die Menschenrechts- und Bürgerrechtsaktivis-
ten ausging, wurde auch in der Volksrepublik Polen umgehend in Aktion umgesetzt.
Am 23. Oktober 1975 unterstrich Stanisław Stomma, der Sprecher der Abgeordneten-
gruppe Znak, in der Debatte des Sejms zur Helsinki-Konferenz die Bedeutung des so-
genannten » Dritten Korbes «, d. h. jenes Teils der Schlussakte, das die » Grundsätze der
Zusammenarbeit in humanitären und anderen Bereichen « regelte.
Zum Beschleuniger der weiteren Entwicklung einer polnischen Oppositionsbewe-
gung wurde dann jedoch – wieder einmal ungewollt – die herrschende Partei, die zur
Festschreibung ihrer Position eine Verfassungsnovelle einbrachte.
Der 5. Dezember 1975 wurde als » Tag der Geburt dieser neuen Phase der polnischen
oppositionellen Bewegung « bezeichnet. [31] An diesem Tag wurde eine Protesterklärung
gegen die beabsichtigte Verfassungsänderung, mit der die » führende Rolle der Partei «
sowie die Fixierung des Bündnisses mit der UdSSR erreicht werden sollte, veröffentlicht.
Mit diesem Vorhaben verabschiedete sich die Partei von dem 1971 mit der Kirche und
den kirchennahen Intellektuellengruppen ausgehandelten Kompromiss.
Aufgrund eines Versehens enthielt die Protesterklärung lediglich die Unterschrif-
ten von 59 Intellektuellen, obwohl tatsächlich 66 unterschrieben hatten. Mehrere Unter-
zeichner der Protesterklärung List 59 waren bereits 1964 bei List 34 beteiligt. In der Er-
klärung beriefen sie sich expressis verbis auf » Helsinki «: » Die Anerkennung der auf der
Konferenz von Helsinki bestätigten Freiheiten gewinnt heute internationale Bedeutung;
dort, wo es keine Freiheit gibt, existieren weder Friede noch Sicherheit. « [32]
Unterzeichnerin war auch die bereits Mitte der sechziger Jahre bekannte Lyrikerin
Wisława Szymborska12. Einige Unterzeichner, wie der Dichter und Übersetzer Ryszard
Krynicki13, erhielten für mehrere Jahre Druckverbot.
Der Historiker Christian Domnitz ist hinsichtlich einer frühen positiven Rezep-
tion der Schlussakte in Polen eher zurückhaltend, wobei er sowohl List 59 wie auch die
Gründung von KOR nicht zur Kenntnis nimmt und schreibt, dass die » Schlussakte von
Helsinki […] zum Zeitpunkt ihrer Unterzeichnung in Polen eher als ein außenpoliti-
sches Propagandamanöver der Kommunistischen Parteien verstanden wurde. Es waren
die Gestalter der tschechoslowakischen Charta 77, die zuerst die Chancen entdeckten,
die sich aus den in der Schlussakte fixierten Menschen- und Bürgerrechtsvereinbarun-
gen ergaben. « [33]
Bei der Abstimmung im Sejm am 10. Februar 1976 stimmte der Znak-Abgeordnete
Stanisław Stomma als einziger nicht für die Verfassungsänderung, sondern enthielt

12 Wisława Szymborska: 2. Juli 1923 – 1. Februar 2012. Wisława Szymborska, bis Mitte der fünfziger Jahre
Anhängerin des Regimes, gehörte der PZPR formell bis 1966 an. Sie hat ab Ende der fünfziger Jahre in
der Exilzeitschrift Kultura veröffentlicht. Sie erhielt 1996 den Literaturnobelpreis.
13 Ryszard Krynicki: geb. am 28. Juni 1943 in einem Außenlager von Mauthausen in St. Valentin, Nieder-
österreich. Krynicki erhielt 2000 den » Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur
im Ausland « der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Polen nach » Helsinki « 107

sich.  [34] Hierfür erhielt Stomma nicht die ausdrückliche Beipflichtung durch Primas
Stefan Kardinal Wyszyński. Bereits vor der Stimmabgabe war er zudem von Edward
Gierek, dem Ersten Sekretär des ZK der PZPR, unter Druck gesetzt worden, für die Ver-
fassungsänderung zu stimmen oder aber an der Abstimmung nicht teilzunehmen. Er
verzichtete noch im gleichen Monat auf sein Abgeordnetenmandat. Auch für den » Re-
alisten « Stomma war der nach den Systemkrisen von 1956 und 1970 unternommene
Versuch der Kirche, bei Anerkennung der zentralen Systemkonditionen mittels katholi-
scher Intellektuellenzirkel einen Dialog mit dem Regime aufrechtzuerhalten, gescheitert.
Am 3. Mai 1976, dem Jahrestag der ersten polnischen Verfassung von 1791, wurde
die strikt konspirativ arbeitende Untergrundorganisation Polskie Porozumienie Niepod-
ległościowe (PPN), Polnische Verständigung für Unabhängigkeit, gegründet, die sich in
Memoranden auch zu Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen äußerte. Nach Fehr
gehörte zu den Schwerpunkten der Gruppe » das Bestreben, universelle Normen der po-
litischen Beteiligung und Maßstäbe für eine tolerante, pluralistische Gesellschaft in Po-
len zu etablieren. Die Ziele […] knüpften ferner an die Vorstellung der Zugehörigkeit
Polens zur mitteleuropäischen Kultur an. […] Nationalistische Leitbilder wurden hin-
gegen abgelehnt. « [35]
Gründer der Gruppe war der Literaturhistoriker Zdzisław Najder14, Mitglied der
Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN). Weiteres prominentes Mitglied war
Jan Olszewski, der 1956 dem Klub Krzywego Koła angehört hatte. Zu den Gründern ge-
hörten der Altphilologe und Kommandant der » Kedyw « (Kierownictwo Dywersji Ko-
mendy Głównej Armii Krajowej), einer Spezialeinheit der Armia Krajowa (AK) für Sa-
botage und Diversion während des Warschauer Aufstandes 1944, Józef Roman Rybicki15,
der Historiker Jerzy Holzer16, der Publizist Andrzej Kijowski17, der Architekt Czesław
Bielecki18, der Journalist und KIK-Aktivist Jan Zarański19, der Kunsthistoriker Wojciech
Włodarczyk20 und der Redakteur des Tygodnik Powszechny Jan Józef Szczepański21, der
wie auch Olszewski und Rybicki 1975 List 59 unterzeichnet hatte. Tadeusz Mazowiecki
kooperierte mit PPN.

14 Zdzisław Najder: geb. am 31. Oktober 1930. Najder blieb nach Ausrufung des Kriegsrechts in England
und war 1982 – 1987 Direktor des Polnischen Programms von Radio Free Europe. Er wurde im Mai 1983
von einem Militärtribunal in Abwesenheit zum Tode verurteilt und verlor 1985 die polnische Staatsbür-
gerschaft. Nach Aufhebung des Urteils 1990 und Rückkehr nach Polen diente er in hohen Ämtern, u. a.
in der Präsidialkanzlei während der Präsidentschaft von Lech Wałęsa.
15 Józef Roman Rybicki: 18. Dezember 1901 – 9. Mai 1986. Rybicki war Signatar von List 59 und Gründungs-
mitglied von KOR.
16 Jerzy Holzer: geb. am 24. August 1930. Holzer leitete von 1990 bis 2006 die Abteilung für Deutschland-
forschung am Institut für politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN).
17 Andrzej Kijowski: 29. November 1928 – 29. Juni 1985.
18 Czesław Bielecki: geb. am 3. Mai 1948. Bielecki war von 1997 bis 2001 Abgeordneter der Partei Akcja
Wyborcza Solidarność (AWS) im Sejm.
19 Jan Zarański: 19. Juli 1919 – 8. September 1985. Zarański war Angehöriger der Armia Krajowa und Teil-
nehmer am Warschauer Aufstand 1944.
20 Wojciech Włodarczyk: geb. am 5. Juli 1949. Włodarczyk war von 1997 bis 2001 Abgeordneter im Sejm.
21 Jan Józef Szczepański: 12. Januar 1919 – 20. Februar 2003.
108 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Die Gruppe kommunizierte mit dem Ausland über ein Vertrauensmännergremium


im Exil lebender Polen, dem Leszek Kołakowski in Großbritannien, der Historiker Jerzy
Jan Lerski22 in den USA und der Schriftsteller Gustaw Herling-Grudziński23 in Italien
angehörten.
Władysław Bartoszewski, Generalsekretär des polnischen P.E.N. seit 1972, seit Ende
1977 oder ab Anfang 1978 Mitglied im Redaktionsteam von PPN, schrieb, dass Kijowski
der Verfasser des Memorandums » Polen und Deutschland « war, in dem PPN bereits im
Mai 1978 den Zusammenhang thematisierte, der aus mehreren Gründen insbesondere
für die deutsch-polnischen Beziehungen von herausragender Bedeutung war. Najder
hingegen gab sich selbst, Bartoszewski und Zarański als Autoren des Papiers an. [36]
Holzer hatte nach meiner Kenntnis an der Erstellung des Textes ebenfalls mitgewirkt. In
dem Text vom Mai 1978 heißt es:

» Eine der Folgen der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Polens wird die Öffnung neuer
Möglichkeiten für die Wiedervereinigung Deutschlands sein. Es gibt Leute, die daraus ein
Argument gegen die polnischen Unabhängigkeitsbestrebungen schmieden. Wir teilen diese
ihre Meinung nicht. «

Zwei Jahre später wurden Najder, Kijowski, und Bartoszewski in einem weiteren Papier
zu den polnisch-deutschen Beziehungen noch deutlicher:

» Wir sehen voraus, daß die Grenze, die heute Deutschland in zwei ungleiche Teile trennt, ver-
schwinden wird. Wir sind der Meinung, daß die Verteidigung der heutigen Teilung Deutsch-
lands gleichbedeutend ist mit der Verteidigung der Teilung Europas in zwei Einflußbereiche,
somit auch mit der Verteidigung unserer Abhängigkeit von der UdSSR. Wenn wir uns von
dieser Abhängigkeit befreien, wenn wir die Möglichkeit einer freien Zusammenarbeit mit
dem ganzen sich vereinigenden Europa gewinnen wollen, dann müssen wir für die Vereini-
gung des ganzen Deutschland oder für einen Zusammenschluß beider deutschen Staaten auf
föderativer Ebene sein. «

Beide Beiträge wurden 1984 erneut abgedruckt in einer den deutsch-polnischen Bezie-
hungen gewidmeten deutschsprachigen Sondernummer der von 1947 bis 2000 in Paris
herausgegebenen polnischen Exilzeitschrift Kultura. [37]
Bereits an dieser Stelle soll die herausragende Bedeutung der Kultura hervorgeho-
ben werden. Gründer, Herausgeber, Chefredakteur und Ideengeber war der 1906 in
Mińsk geborene Jerzy Giedroyć24, Nachkomme einer aus Litauen stammenden Fürs-

22 Lerzy Lerski: 22. Januar 1917 in Lemberg – 16. September 1992 in San Fransisco.
23 Gustaw Herling-Grudziński: 20. Mai 1919 – 4. Juli 2000. Herling-Grudziński hatte 1947 in Italien zu-
sammen mit Jerzy Giedroyć die Zeitschrift Kultura gegründet. 1951 veröffentlichte er » A World Apart:
Imprisonment in a Soviet Labor Camp during World War II «, einen Bericht über seine Haftzeit im so-
wjetischen GULag.
24 Jerzy Giedroyć: 27. Juli 1906 – 14. September 2000 in Maisons-Laffitte bei Paris.
Polen nach » Helsinki « 109

tenfamilie des Namens Giedraitis. – Es fällt auf, dass mit Stomma, Kuroń und Giedroyć
drei für die Entwicklung der polnischen Opposition maßgebliche Intellektuelle aus Ge-
bieten stammten, die heute zu den nördlichen bzw. östlichen Anrainerstaaten Polens
gehören.
» Giedroyć’ Ziel war es von Anfang an, nach dem Vorbild von Alexander Herzens
russischer Exilzeitschrift des 19. Jahrhunderts Kolokol, deutsch: Die Glocke, ein Blatt
herauszubringen, das sich nicht im Emigrantenghetto einschloss, sondern im ständigen
Kontakt mit der Heimat blieb und Einfluss auf die Entwicklung an der Weichsel nahm.
[…] Die Redaktion der Kultura sprach sich schon in den frühen 1950er Jahren für die
Versöhnung mit den Deutschen sowie den östlichen Nachbarn Polens aus […] «. [38]
Giedroyć war zudem im Beirat der seit 1974 vom Ullstein/Propyläen Verlag, Axel
Springer-Konzern, herausgegebenen osteuropäischen Emigrantenzeitschrift Kontinent.
Chefredakteur des Magazins war der russische Schriftsteller Wladimir Maximow.25
Giedroyć engagierte sich in gleicher Funktion für die ukrainische Vierteljahresschrift
Widnowa, deutsch: Erneuerung, die ab 1984 von seinem Freund Bohdan Osadczuk26,
herausgegeben wurde. Auch half er 1974 Aleksander Smolar bei der Finanzierung
der ersten Ausgaben der in London erscheinenden polnischsprachigen Vierteljahres-
schrift Aneks.
Insbesondere durch die Mitarbeit der beiden international bedeutenden Schrift-
steller Czesław Miłosz, Literaturnobelpreisträger 1980, und Witold Gombrowicz 27 er-
langte die Kultura ein überragendes Renommee als Zeitschrift. Vermittels der Kultura
und mit der historischen Fachzeitschrift Zeszyty Historyczne (Historische Hefte), die ab
1962 ebenfalls von dem von ihm gegründeten Instytut Literacki herausgegebenen wurde,
hatte Giedroyć großen, inspirierenden Einfluss auf die innerpolnische Diskussion.
Giedroyć knüpfte auch Beziehungen zu Intellektuellen in der Sowjetunion. Im Ge-
spräch mit Leonid Luks soll Giedroyć davon gesprochen haben, dass ihm eine Art » In-
ternationale der Unterdrückten « vorschwebe. [39] Die Verständigung mit Russland, ins-
besondere aber mit Litauen, der Ukraine und Belarus, für deren Unabhängigkeit er
eintrat, war eines seiner zentralen Anliegen. Die Kontakte polnischer Oppositioneller
mit Dissidentenkreisen in den Sowjetrepubliken waren zum Teil die Frucht seiner Ak-
tivitäten.
Das folgenreichste Ereignis der Oppositionsgeschichte Polens war im Jahr 1976 je-
doch nicht die Gründung der Untergrundgruppe PPN. 1976 kam es zur erneuten Pro-
testbewegung in Polen: Nach drastischen Preiserhöhungen, die dem Parlament am
24. Juni vom Ministerpräsidenten Piotr Jaroszewicz vorgeschlagen wurden und die für
einige Grundnahrungsmittel bis zu 100 % betrugen, kam es am 25. Juni in vielen pol-

25 Wladimir Maximow [geb. Lew Samsonow]: 9. Dezember 1932 (andere Angaben: 27. November 1930) –
26. März 1995. Maximow war 1975 aus der UdSSR ausgebürgert worden und lebte bis 1990 in Paris. 1990
erhielt er erneut die sowjetische Staatsbürgerschaft.
26 Bohdan Osadczuk (Pseudonym: Alexander Korab): 1. August 1920 – 19. Oktober 2011. Korab lebte ab
1941 in Berlin.
27 Witold Gombrowicz: 4. August 1904 – 25. Juli 1969.
110 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

nischen Industriestädten zu Streiks. In Radom, im Warschauer Stadtteil Ursus und in


Plock blieben die Demonstrationen nicht auf die Areale der Großbetriebe beschränkt,
sondern verlagerten sich auf die Straßen. Einer der Streikführer im Traktorenwerk
Ursus war Zbigniew Bujak28, der in den achtziger Jahren zu einem der wichtigsten Füh-
rer der Solidarność wurde.
Die Demonstrationen eskalierten zu schweren Unruhen, die teilweise vom Regime
provoziert und auch organisiert waren, um einen Vorwand für das Eingreifen von Si-
cherheitsorganen zu geben. In Radom und im Warschauer Stadtteil Ursus beendeten
Einheiten der ZOMO (Zmotoryzowane Odwody Milicji Obywatelskiej, deutsch: Mo-
torisierte Reserven der Bürgermiliz) die Demonstrationen mit äußerster Härte. Nach
zweiwöchigen Protesten wurden 2 500 Teilnehmer inhaftiert. Viele Teilnehmer der Pro-
testaktionen wurden zu teilweise mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
Die 1971 von Edward Gierek der Arbeiterschaft gegebenen Versprechungen waren
erneut gebrochen und die Proteste gegen diese Politik brutal unterdrückt worden. » Die
Kluft zwischen Macht und Moral erreichte ungewöhnliche Tiefe und sollte im Grunde
zum wichtigsten Kennzeichen der 1976 begonnenen Dauerkrise im Lande werden. « [40]
Durch die erneuten Repressionsmaßnahmen diskreditierte sich die PZPR selbst. In den
Augen der großen Mehrheit der Bevölkerung hatte sie nunmehr jeglichen moralischen
Kredit verloren. Zusätzlich war ihr damit künftig die Legitimation genommen, mit gro-
ßer Härte gegen oppositionelle Aktivitäten vorgehen zu können.
Diese Situation eines gezwungenerweise » schüchternen Regimes « sollte für das Ent-
stehen oppositioneller Gruppen in den Folgejahren von Bedeutung sein. Dieses kon-
statierte bereits Leonid Luks, der auch auf die Abhängigkeit des Regimes vom äußeren
Image hinwies: » Die gänzliche Zerschlagung der Opposition […] wäre wohl ohne Rück-
kehr zu stalinistischen Terrormethoden kaum möglich gewesen. Eine solche Restaura-
tion kam aber für das Regime […] nicht in Frage, denn sie hätte auch für die Partei un-
absehbare Folgen haben können. Abgesehen davon war das Regime nun so stark von
den westlichen Krediten abhängig, daß ihm sehr viel daran lag, sein liberales Image im
Westen nicht zu gefährden. « [41]
Noch während und unmittelbar nach Niederschlagung der Proteste verfassten In-
tellektuelle und Studenten Solidaritätserklärungen. Eine erste Erklärung, List 14, wurde
bereits am 25. Juni von 14 Intelektuellen und bekannten Anwälten, Ludwik Cohn, Jan
Olszewski, Władysław Siła-Nowicki29 und Stanisław Szczuka30, unterschrieben, eine wei-

28 Zbigniew Bujak: geb. am 29. November 1954. Bujak war von 1991 bis 1997 Mitglied des Sejms.
29 Władysław Siła-Nowicki: 22. Juni 1913 – 25. Februar 1994. Er war bei der Armia Krajowa bei der Spe-
zialeinheit » Kedyw «. Er war während der Besatzungszeit und bis 1948 Mitglied der 1937 von Wojciech
Korfanty gegründeten christlich-demokratischen » Stronnictwo Pracy «, Arbeitspartei. Er war 1989
Mitglied des Runden Tisches. Er wurde Präsident der am 3. September 1990 wiedergegründeten
Chrześcijańsko-Demokratyczne Stronnictwo Pracy (ChDSP), Christlich-Demokratischen Arbeits-
partei.
30 Stanisław Szczuka: 25. November 1928 – 20. April 2011. Szczuka hat sich ab 1956 für Opfer stalinistischen
Unrechts eingesetzt und ab 1968 Oppositionelle verteidigt.
Polen nach » Helsinki « 111

tere von 15 Personen. List 15 wurde auch von dem berühmten Lyriker Zbigniew Herbert31
und dem Schriftsteller Andrzej Szczypiorski32 unterzeichnet.
Jacek Kuroń wandte sich am 18. Juli brieflich an Enrico Berlinguer, den Generalse-
kretär des Partito Comunista Italiano (PCI), mit der Bitte, für eine Amnestie der verur-
teilten Arbeiter einzutreten. Am 28. Juli plädierte Jerzy Andrzejewski in einem offenen
Brief für eine Amnestie der Verurteilten. In einem weiteren Brief von Ende Juli appel-
lierten mit gleicher Intention dreizehn Intellektuelle an westeuropäische Intellektuelle
und an Schriftsteller in den USA: » Verlangt die Freiheit für die Teilnehmer am Arbei-
terprotest in Polen ! « [42]
Am 20. August unterzeichneten neun Aktivisten der KIKs einen Protestbrief an
den Staatsratsvorsitzenden Henryk Jabłoński. Aus diesen und weiteren Initiativen, aus
Gruppen, die heimlich finanzielle Hilfe für die Inhaftierten und ihre Angehörigen orga-
nisierten, ging im September die Gründung eines Solidaritätskomitees hervor.
Mit einem » Appell an die Gesellschaft und die Macht in der Volksrepublik Polen « trat
das am 23. September 1976 in der Warschauer Wohnung des ehemaligen PPS-Politikers
und Wirtschaftswissenschaftlers Edward Lipiński gegründete Komitet Obróny Robotni-
ków (KOR), deutsch: Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, an die Öffentlichkeit. Die
Anregung zur Gründung des Komitees stammte von Kuroń und Antoni Macierewicz33.
Neben Kuroń und Macierewicz waren an der Gründung beteiligt Jerzy Andrzejewski,
der Jurist Ludwik Cohn, Edward Lipiński, Jan Józef Lipski, der Dichter und Literaturwis-
senschaftler Stanisław Barańczak34, der Biochemiker Piotr Naimski35, der Anwalt Antoni
Pajdak36, Józef Roman Rybicki, die Anwältin Aniela Steinsbergowa37, der Geschichtspro-

31 Zbigniew Herbert: 29. Oktober 1924 in Lwów – 28. Juli 1998. Herbert hatte sich 1971 für die Freilassung
der inhaftierten Mitglieder der Untergrundgruppe Ruch eingesetzt und 1976 List 59 unterschrieben. Die
sehr stark ethisch geprägten Dichtungen und Essays Herberts waren während der Zeit der Solidarność
außerordentlich populär. Herbert unterstützte Solidarność öffentlich auch während der Zeit des Kriegs-
rechts.
32 Andrzej Szczypiorski: 3. Februar 1928 – 16. Mai 2000. Über den auch in Deutschland sehr bekannten
Autoren wurde 2006 bekannt, dass er seit 1955 mit dem polnischen Staatssicherheitsdienst SB zusam-
mengearbeitet hat.
33 Antoni Macierewicz: geb. 3. August 1948. Macierewicz war 1989 Mitgründer der katholisch-nationalen
Partei Zjednoczenie Chrześcijańsko-Narodowe (ZChN), Vereinte Christliche Volkspartei. Er ist Mit-
glied des Sejms seit 1989. Er war Innenminister in der Regierung von Jan Olszewski (1991 – 1992) und
Vize-Verteidigungsminister in der Regierung von Jarosław Kaczyński. Er ist Vorsitzender der rechtskle-
rikalen Partei » Ruch Katolicko-Narodowy «.
34 Stanisław Barańczak: geb. am 13. November 1946. Barańczak publizierte 1973 einen beachteten Aufsatz
über Dietrich Bonhoeffer. Er lebt seit 1981 in den USA und erhielt einen Lehrstuhl an der Harvard Uni-
versity. Er übersetzte u. a. Werke von Ossip Mandelstam und Joseph Brodsky ins Polnische.
35 Piotr Naimski: geb. am 2. Februar 1951. Hatte nach 1989 mehrfach hohe Staatsämter inne. Er war von
1999 bis 2001 Berater von Ministerpräsident Jerzy Buzek.
36 Antoni Pajdak: 7. Dezember 1894 – 20. März 1988. Pajdak war 1944 Minister im Landesrat der Nationa-
len Einheit. Er war 1945 von den Sowjets mit den anderen Mitgliedern der Untergrundregierung Po-
lens nach Moskau entführt worden. Er konnte erst 1955 nach mehrjähriger Inhaftierung in Moskau und
Wladimir und Verbannung in Sibirien nach Polen zurückkehren.
37 Aniela Steinsbergowa: 27. Juni 1896 – 22. Dezember 1988.
112 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

fessor Adam Szczypiorski38, der Priester Jan Zieja39 und der Journalist und KIK-Mitglied
Wojciech Ziembiński40. (Cohn, Lipiński, Lipski, Pajdak, Steinsbergowa und Szczypior-
ski waren vor 1948 Mitglieder der Polska Partia Socjalistyczna (PPS), deutsch: Polnische
Sozialistische Partei, die 1948 mit der kommunistischen PPR zur PZPR zwangsverei-
nigt wurde.)
Andrzejewski hatte bereits List 34 unterschrieben. Lipiński hatte List 34 und List 59
unterschrieben. [43] Barańczak, Cohn, Kuroń, Lipski, Pajdak, Rybicki, Steinsbergowa,
Szczypiorski, Zieja und Ziembiński hatten List 59 unterzeichnet. Mitglied von KOR
wurde auch Marek Edelman41, der einzige überlebende Kommandeur des Warschauer
Ghetto-Aufstandes von 1943. Bei KOR engagierten sich auch die beiden jungen Juristen
Jarosław Kaczyński42 und Lech Kaczyński43.
Adam Michnik wurde vorerst von der Arbeit des Komitees ausgeschlossen, um seine
geplante Reise nach Frankreich nicht zu gefährden. » It was thought that once in the
West Michnik would be useful in publicizing the work of the Polish opposition move-
ment «. [44] Er reiste im November 1976 auf Einladung von Jean Paul Sartre nach Paris.
Erst bei Rückkehr am 1. Mai 1977 wurde er auch formell Mitglied des KOR.
Die Gründer von KOR verstanden das Komitee zum Zeitpunkt seiner Gründung be-
wusst nicht als politische Organisation. Im Zentrum der Tätigkeit von KOR stand die
konkrete Hilfe der vom Regime drangsalierten Arbeiter. Nur durch den ideellen und
materiellen Beistand konnte die Distanz zwischen Arbeiterschaft und Intellektuellen
überbrückt und das Misstrauen der Arbeiter gegenüber befürchteter Bevormundung
und Instrumentalisierung abgebaut werden. Das Engagement von KOR knüpfte an ver-
gleichbare Aktivitäten an, die mehrere seiner Mitgründer bereits zuvor aus Solidarität
mit politisch Verfolgten an den Tag gelegt hatten. So wurden beispielsweise Inhaftierte
und ihre Familien von Ruch unterstützt. Jacek Kuroń hat dies in » Glaube und Schuld «
beschrieben. [45] Die internationale Öffentlichkeit erreichte KOR u. a. durch Publizierung
seiner Bulletins, ab September 1976 des Biuletyn Informacyjny » KOR « und ab Septem-
ber 1977 des Biuletyn Informacyjny KSS » KOR «, in der in London erscheinenden Exil-
zeitschrift Aneks. Leitender Redakteur war der KUL-Absolvent Seweryn Blumsztajn44.

38 Adam Szczypiorski: 10. Oktober 1895 – 3. August 1979.


39 Jan Zieja: 1. März 1897 – 19. Oktober 1991.
40 Wojciech Ziembiński: 22. März 1925 – 13. Januar 2001.
41 Marek Edelman: 1. Januar 1919 oder 1. Januar 1922 – 2. Oktober 2009. Edelman war von 1989 bis 1993 Ab-
geordneter im Sejm.
42 Jarosław Kaczyński: geb. am 18. Juni 1949. J. Kaczyński war Senator von 1989 bis 1991. Von 1991 bis 1993
war er und seit 1997 ist er Abgeordneter im Sejm. Er war von Juli 2006 bis November 2007 Ministerprä-
sident Polens.
43 Lech Kaczyński: 18. Juni 1949 – 10. April 2010. L. Kaczyński war 1980/81 juristischer Berater von Lech
Wałęsa. Er war Senator von 1989 bis 1991. Von 1991 bis 1993 und von 2001 bis 2005 war er Abgeordneter
im Sejm. Er war von 2005 bis zum Flugzeugabsturz bei Smolensk Staatspräsident Polens. Er wurde zu-
sammen mit seiner Frau Maria Kaczyńska in der Gruft der Wawel-Kathedrale beigesetzt.
44 Seweryn Blumsztajn: geb. am 2. Mai 1946. War als Jugendlicher Mitglied der von Kuroń geleiteten
Jugendgruppe » Walterowcy «, als Schüler Mitglied eines von Michnik gegründeten sozialistischen
Jugendklubs, war als Mitglied der von Michnik geleiteten Studentengruppe Komandosi Mitorganisator
der Studentendemonstrationen 1968 und wurde anschließend inhaftiert.
Polen nach » Helsinki « 113

Kurońs nach Erfahrung von » 1968 « gewonnene Überzeugung, dass gesellschaftlicher


Wandel nur durch individuelle Bewusstseinsänderung im Rahmen staatsunabhängiger
gesellschaftlicher Strukturen möglich sei, wurde zur ideellen Basis der Arbeit von KOR.
KOR beschränkte das Tätigkeitsfeld somit ganz bewusst und wurde zum Ausgangspunkt
einer » Gegengesellschaft «. Es ist jedoch festzuhalten, dass Kuroń im November 1976
in den in Le Monde und 1977 in der Londoner Exilzeitschrift Aneks veröffentlichten
» Myśli o programie działania « (Ideen zu einem Aktionsprogramm) nicht nur die Vor-
stellung von der Parallelgesellschaft entwickelte, sondern sich auch auf außenpolitische
Fragen einließ. Nach Kuroń war im Sowjetimperium bei allen gesellschaftspolitischen
Überlegungen immer die Reaktion des großen Bruders zu bedenken, zumal in Polen.
» Wir müssen danach streben, einen Status ähnlich den Finnlands zu erreichen: eine
parlamentarische Demokratie mit einer eingegrenzten Unabhängigkeit auf dem Gebiet
der Außen- und Innenpolitik da, wo sie unmittelbar die Interessen der Sowjetunion
berührt. « [46]
Wie festgestellt wurde, entstammten die meisten Aktivisten von KOR als ehemalige
Marxisten dem » linken « Spektrum. Barbara J. Falk zieht daraus eine sehr einseitige Fol-
gerung: » The seeds of political opposition in Poland in the 1970s and 1980s were sown
on the Left […]. There were elements of Catholic fundamentalism and Polish nationa-
lism, to be sure, but the general critique grew from disappointed revisionism and the
pre-war traditions of Polish socialism. « [47] Die seit 1945 bestehenden Ansätze gesell-
schaftlicher Parallelstrukturen im Umfeld der katholischen Kirche werden von ihr mei-
nes Erachtens zu gering geschätzt. Diese Ansätze gesellschaftlicher Formierung waren
eine Voraussetzung dafür, dass Initiativen wie KOR Breitenwirkung entfalten konnten.
Der von Barbara Falk getroffenen Einschätzung der Bedeutung von KOR stimme ich
hingegen zu: » The collective experience of KOR was critical to the formation of Soli-
darity, and was an important role model in both Czechoslovakia and Hungary. « [48]
Im » Westen «, insbesondere in der Bundesrepublik, wurde von politischen Akteuren
und in Medien geargwöhnt, dass die Aktivitäten oppositioneller Strukturen in Staaten
Mittel- und Osteuropas die » Entspannungspolitik « konterkarieren und zur Belastung
der politischen Stabilität in Europa werden könnten. Besonders erschreckend ist, dass
diese Meinung von vielen Intellektuellen geteilt und öffentlich unterstützt wurde. Leszek
Kołakowski und Adam Michnik gaben am 16. März 1977 auf einer Pressekonferenz in
Köln diesbezüglich eine Erklärung ab:

» Es ist uns wohlbekannt, daß der neuerliche Aufschwung der oppositionellen Aktivität in Ost-
europa bei vielen Leuten im Westen die Angst erweckt, diese Aktivität könne zu einer explosiven
Lage in einem Land oder in mehreren Ländern und eventuell zur Destabilisierung der gan-
zen europäischen Ordnung führen. Solange sich aber die Bevölkerung dessen bewußt ist, daß
sie demokratischer Institutionen und der Garantie der Bürgerrechte beraubt und in ein System
hineingezwängt ist, in dem Machtausübung an keine Verantwortung gebunden ist, kann diese
Ordnung nicht stabil bleiben und die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit von Explosionen nicht
ausgeschlossen werden. Nicht die Existenz der Opposition ist Quelle von Spannung und Desta-
bilisierung. Im Gegenteil: Je weniger die Regierung als legitim und vertrauenswürdig gilt, desto
114 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

weniger wird sie fähig sein, spontane Ausbrüche, die durch verschiedene zufällige und unvor-
hersehbare Umstände verursacht werden können, zu kontrollieren. Je mehr repräsentative In-
stitutionen existieren, die das eigentliche Vertrauen der Bevölkerung genießen, desto geringer
wird die Wahrscheinlichkeit von Explosionen, die sogar zur sowjetischen Intervention führen
können. « [49]

Leszek Kołakowski wurde im April 1977 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
zugesprochen.
Es ist zu ergänzen, dass mit dem ab Januar 1977 im Samisdat erscheinenden Litera-
turmagazin Zapis, deutsch: Aufzeichnung, eine nicht nur für die Literatur und Lite-
raturkritik höchst bedeutsame unabhängige Zeitschrift erschien. Herausgeber waren
Jerzy Andrzejewski und Jacek Bocheński45. Die Schriftsteller Stanisław Barańczak und
Kazimierz Brandys46 gehörten zu den Redakteuren der ersten Ausgaben.

3 Die UdSSR nach » Helsinki «

» Helsinki « hatte insbesondere für die Sowjetunion Folgen. Mit Unterzeichnung der
Schlussakte durch die Regierung waren sowohl die Menschenrechtssituation als auch
die Nationalitätenproblematik in der UdSSR keine ausschließlich innenpolitischen An-
gelegenheiten mehr.
Diese Entwicklung des internationalen Rechts wurde vom sowjetischen Regime
nicht anerkannt und von westlichen Regierungen und einigen internationalen Organi-
sationen nicht in der gebührenden Art und Weise berücksichtigt.
Die 5. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), » Weltkir-
chenrat «, vom 23. November bis 10. Dezember 1975 war Anlass eines Briefes des Pries-
ters Gleb Jakunin und des Physikers Lew Regelson47 an den Generalsekretär des ÖRK
Philip Potter. Die Autoren baten die Delegierten der Vollversammlung um Befassung
mit der Lage der Kirchen und Glaubensgemeinschaften in der Sowjetunion. » Als Bei-
spiele › religiöser Verfolgung in der UdSSR ‹ nannten sie: 1) Schließung von 10 000 or-
thodoxen Kirchen in der Zeit von 1959 bis 1965; 2) Zerstörung der orthodoxen Kirche
in Zhitomir im August 1975; 3) Psychiatrische Zwangsbehandlung von Dissidenten (z. B.
General Grigorenko und Mathematiker Leonid Plyushch); 4) Verhaftung von Verteidi-
gern von Gläubigen wie Sergej Kowaljew und Andrej Twerdoklebow; 5) Verurteilung
von Ausreisewilligen, die Anträge gestellt hatten, zur Zwangsarbeit; 6) Beschlagnahme
von Bibeldruckereien und Bibeln. « [50]

45 Jacek Bocheński: geb. am 29. Juli 1926 in Lwów. Bocheński gehörte in den achtziger Jahren zu den füh-
renden oppositionellen Schriftstellern. Er war von 1997 bis 1999 Präsident des polnischen P.E.N.
46 Kazimierz Brandys: 27. Oktober 1916 – 11. März 2000.
47 Lew Regelson: geb. am 30. Juli 1939. 1977 gab YMCA-Press Paris Regelsons Buch » The Tragedy of the
Russian Church. 1917 – 1945 « heraus. Regelson wurde 1980 für neun Monate im Lefortowo-Gefängnis
inhaftiert.
Die UdSSR nach » Helsinki « 115

Eine ausführliche Diskussion der Frage der Religionsfreiheit in der Sowjetunion


wurde von Potter und anderen führenden Repräsentanten des ÖRK verhindert. Der Ent-
wurf der Abschlußerklärung der Vollversammlung enthielt zu dieser Frage nur einen be-
langlosen Satz: » Die Vollversammlung hat auf die Debatte über die angebliche Verwei-
gerung der Religionsfreiheit in der UdSSR beträchtliche Zeit verwandt. « [51] Es gelang
Delegierten in der Schlussdiskussion, diesen Satz um die Forderung an den Generalse-
kretär zu ergänzen, in den KSZE-Staaten mit den Mitgliedskirchen des ÖRK Beratungen
über die Religionsfreiheit zu führen und auf der nächsten Zentralausschusssitzung des
ÖRK einen Bericht hierzu vorzulegen.
Am 12. Mai 1976 bildete sich Московская Хельсинкская группа, die Moskauer Hel-
sinki Gruppe (MHG). Gründer war der Kernphysiker Juri Orlow, der bereits bei der
Moskauer Amnesty International Gruppe aktiv geworden war. Mitglieder der MHG wa-
ren Ljudmila Alexejewa48, der Historiker und Ökonom Mikhail Bernshtam49, Jelena
Bonner, Alexander Ginsburg, Pjotr Grigorenko, Alexander Korchak50, Malva Landa51,
Anatoli Marchenko, Vitalij Rubin, für den aufgrund seiner Ausreise nach Israel kurz
nach der Gründung ein weiterer international bekannter Refusenik, Wladimir Slepak52,
nachrückte, und der Refusenik Anatoli Schtscharanski. [52] Insgesamt hatte die MHG bis
zu ihrer Selbstauflösung 1982 nur 21 Mitglieder. Schtscharanski hatte nach eigener und
nach Darstellung Amalriks die Anregung zur Gründung gegeben. [53] Amalrik selbst
hatte trotz seiner Freundschaft mit Orlow und anderen Mitgliedern der MHG aufgrund
seiner sich abzeichnenden Auswanderung aus der Sowjetunion an der Gründung nicht
teilgenommen.
Ludmilla Alexejewa wies in ihrer Darstellung der Geschichte der MHG auf die Be-
deutung der Kooperation zwischen Menschenrechtsaktivisten und Aktivisten der jü-
dischen Refuseniks hin. » The Helsinki Watch groups were the first human rights as-
sociations to include both human rights activists and Jewish activists. « [54] Alexejewa
schilderte auch das Engagement Anatoli Schtscharanskis für die emigrationswilligen
Russlanddeutschen. » Anatoly Shcharansky spent a great deal of time working on Ger-
man emigration […] (He) introduced the German refuseniks to Western correspon-
dents at a press conference organized for this purpose. « [55]
Trotz ihres Engagements für Minderheiten war es der MHG nicht möglich, für die
Vielzahl nationaler Belange in der UdSSR einzutreten. Die Menschenrechtsaktivisten in
einigen nicht-russischen Republiken gingen davon aus, dass ihre russischen Mitstreiter

48 Ljudmila Alexejewa (engl. Ludmilla Alexeyeva): geb. am 20. Juli 1927. Alexejewa hatte am 5. Dezember
1965 an der Demonstration am Puschkin-Denkmal teilgenommen. Sie emigrierte am 22. Februar 1977
in die USA und kehrte 1993 nach Russland zurück. Sie ist seit 1996 Vorsitzende der MHG.
49 Mikhail Bernshtam: geb. 1940. Emigrierte bereits im September 1976 in die USA. Er wurde Research
Fellow der Hoover Institution/Stanford University.
50 Alexander Korchak: geb. 1922. Physiker und Soziologe. Korchak veröffentlichte 1995, 2002 und 2008 Bü-
cher über den Totalitarismus.
51 Malva Landa: geb. 14. August 1918. Landa war seit 1971 in der Menschenrechtsbewegung aktiv. Sie wur-
de am 26. März 1980 für fünf Jahre verbannt.
52 Wladimir Slepak: geb. am 29. Oktober 1927. Slepak durfte nach Verbannung in Sibirien von 1978 bis 1982
im Jahr 1987 zusammen mit seiner Frau Masha, geborene Rashkovsky, nach Israel ausreisen.
116 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

in Moskau nicht einfühlsam genug für die besonderen nationalen Anliegen ihrer Repu-
bliken sein würden. Dies war eine Motivation für die Gründung eigenständiger Grup-
pen in den Republiken.
Die Sensibilität hinsichtlich der nationalen Struktur der Sowjetunion fehlte auch im
Westen. Noch 1993 bezeichnete Barthold C. Witte, der Leiter der Kulturabteilung des
Auswärtigen Amtes von 1983 bis 1991, in einer Publikation des Instituts für Friedensfor-
schung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg die Helsinki-Komitees in der
UdSSR als » Russian Helsinki Committees «. [56]
Besonders ausgeprägt war meiner Einschätzung nach die Furcht vor einer Verein-
nahmung durch die Moskauer Aktivisten bei den Gründern der ukrainischen Gruppe,
die zu Recht nicht als » Kleinrussen « zum Anhängsel degradiert werden wollten. Der
1976 zwangsweise exilierte ukrainische Dissident und Menschenrechtsaktivist Leonid
Plyushch benutzte zur Beschreibung der Situation der Menschenrechte in der Ukraini-
schen SSR bei einem Hearing des US-House of Representatives zum Thema » Politischer
Missbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion « ein Argument, welches bei Gründung
der Ukrainischen Helsinki-Gruppe durchaus von Gewicht gewesen sein wird: » Most of
the people who are labeled as bourgeois nationalists [in the Ukraine] are only deman-
ding that their culture be permitted to develop freely. In this instance I am more Catho-
lic than the Pope himself, because I believe that the development of Ukrainian culture is
utopian within the framework of the Soviet Union. Therefore, I am for secession of the
Ukraine from the Soviet Union […]. « [57]
Mit Datum 20. Juni 1976 wurde eine von 28 sowjetischen Dissidenten unterzeich-
nete Petition an das Präsidium des Obersten Sowjets mit Kopie an den Ökumenischen
Rat der Kirchen (ÖRK), » Weltkirchenrat «, gesandt. Die Petition, die für eine grundle-
gende Veränderung der sowjetischen Religionspolitik eintrat, hatten Angehörige von
sechs christlichen Konfessionen unterschrieben. Einer der acht litauischen Unterzeich-
ner war Viktoras Petkus.53
Am 9. November wurde die Gründung der Ukraїns’ka Hel’sins’ka Hrupa (Ukraini-
sche Helsinki-Gruppe, UHG) bei einer Pressekonferenz in der Wohnung Sacharows
in Moskau bekanntgegeben. Mit dieser Ortswahl für die Präsentation war gesichert,
dass westliche Korrespondenten direkt informiert werden konnten. In Kiew wäre dies
nicht möglich gewesen, da westliche Korrespondenten in Kiew nicht ansässig sein durf-
ten. Gründer der UHG war der Schriftsteller Mykola Rudenko54. [58] Mitgründer wa-

53 Viktoras Petkus: 22. Oktober 1930 – 1. Mai 2012. Petkus war von 1947 bis 1953 in Wladimir und von 1957
bis 1965 in Workuta und Irkutsk in Lagern inhaftiert. 1977 erneut verhaftet wurde er von 1978 bis 1988 in
Tschistopol und Perm 36 inhaftiert. Er gründete 1990 die Partei Krikščionių demokratų sąjungą (KDS),
deutsch: Christdemokratische Union.
54 Mykola Rudenko: 12. Dezember 1920 – 1. April 2004. Rudenko war von 1947 bis 1950 Sekretär der Ukra-
inischen Schriftsteller Union. Er wurde 1977 zu sieben Jahren Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung
verurteilt. Die Lagerzeit verbrachte er anfangs in den Mordwinischen Lagern No. ZhKh-385/19 und
No. ZhKh-385/3 und ab 1981 im Lager VS-389/36 in Kutschino, Region Perm. 1987 konnte Rudenko die
Sowjetunion verlassen. Rudenko arbeitete für Radio Liberty und Voice of America. Er wurde der Reprä-
sentant der UHG im Ausland.
Die UdSSR nach » Helsinki « 117

ren die Juristen Levko Lukianenko55, der 1959 – noch als KPU-Mitglied – in der West-
ukraine eine Gruppe des Namens Ukrainska Robitnycho-Selyanska Spilka, Ukrainische
Arbeiter- und Bauern-Union, gegründet hatte, und Ivan Kandyba56, der zusammen mit
Lukianenko an der Gründung dieser Gruppe beteiligt war. Gründungsmitglieder der
Ukrainischen Helsinki-Gruppe waren ferner der bereits bei der Gründung der MHG be-
teiligte General Grigorenko, der Science Fiction-Schriftsteller Oleksandr (Oles) Pavlo-
vych Berdnyk57, der Verlagsangestellte Mykola Ivanovych Matusevych58, die Chemikerin
Oksana Yakivna Meshko59, die Mikrobiologin Nina Strokata-Karavanska60, der Lehrer
Oleksa Tykhy61 und der Elektroingenieur Myroslav Marynovych62.
Rudenko betonte Anfang 1977 in einem Brief an einen Korrespondenzpartner in den
USA die Eigenständigkeit der UHG und hob hervor, dass die UHG keine Unterorgani-
sation der MHG sei. » It is incorrect [to say], that our Group is a section of the Moscow
one. We collaborate with the Muscovites; they are actively supporting us; for they are
genuine democrats. But from the [very] beginning we have decided not to enter into a
relationship of subordination, because we have that, which is not understood by every
Russian. « [59]
1979 wurde Wassyl Stus Mitglied der UHG, als er kurzzeitig in Freiheit war. Andere
Dissidenten traten der UHG während ihrer Haftzeiten in Gefängnissen und Lagern bzw.
während ihrer Verbannung bei. So, um die prominentesten zu nennen, Wjatscheslaw

55 Levko Lukianenko: geb. am 24. August 1928. Lukianenko war von 1961 bis 1976 und von 1977 bis 1987 in
Mordwinischen Lagern bzw. zuletzt in Perm-36 inhaftiert und lebte von 1987 bis Anfang 1989 in Ver-
bannung. Er war 1990 – 1992, 1995 – 1998 und 2002 – 2007 Abgeordneter der Werchowna Rada.
56 Ivan Kandyba: 7. Juni 1930 – 8. November 2002. Kandyba wurde erst am 9. März 1989 in die Freiheit ent-
lassen, nachdem er insgesamt 22 Jahre in Lagern und Gefängnissen verbracht hatte.
57 Oleksandr (Oles) Pavlovych Berdnyk: 25. Dezember 1927 – 18. März 2003. Berdnyk war von 1949 bis 1956
inhaftiert und erneut ab 6. März 1979. Er wurde am 14. März 1984 durch Dekret der Werchowna Rada
begnadigt und freigelassen. Am 17. Mai 1984 widerrief er in der Literaturna Ukrajina sein früheres En-
gagement.
58 Mykola Ivanovych Matusevych: 19. Juli 1947. Matusevych wurde am 24. April 1977 verhaftet und 1978 zu
sieben Jahren Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Er kam erst 1988 wieder frei.
59 Oksana Yakivna Meshko: 30. Januar 1905 – 2. Januar 1991. Meshko war von 1947 bis 1955 im GULag. Sie
wurde 1980, als 75jährige (sic !), für 75 Tage in eine Psychiatrie zwangseingeliefert. Im Jahr 1981 wurde
sie zu sechs Monaten Haft und fünf Jahren Verbannung verurteilt.
60 Nina Strokata-Karavanska: 31. Januar 1926 – 2. August 1998 in Baltimore, USA. Strokowa wurde auf-
grund ihrer 1966 geschlossenen Bekanntschaft mit Larisa Bogoraz zu einer wichtigen Kontaktperson zu
Menschenrechtsaktivisten in Moskau. Sie war ab 1968 Repräsentantin der » Chronika tekuščich sobytij «
in der Ukraine. Sie beteiligte sich an der Gründung der UHG direkt nach Entlassung aus einer vierjäh-
rigen Haft im Frauenlager Nr. ZhKh-385/3, Barashevo, Tengushevsk Distrikt, Mordwinien. Am 30. No-
vember 1979 emigrierte sie mit Ihrem Mann in die USA. Ihr Mann Sviatoslav Josyfovych Karavansky
hatte ab 1945 insgesamt 31 Jahre (sic !) in Lagern und Gefängnissen verbracht.
61 Oleksa Tykhy: 27. Januar 1927 – 6. Mai 1984. Tykhy war inhaftiert von 1957 bis 1964, aufgrund seines Pro-
testes gegen den sowjetischen Militäreinsatz in Ungarn, und von 1977 bis zu seinem Tod.
62 Myroslav Marynovych: geb. am 4. Januar 1947. Marynovych wurde am 23. April 1977 verhaftet und wur-
de 1978 zu sieben Jahren Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Er kam erst 1987 frei. Er
wurde 2012 Vize-Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität in Lviv.
118 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Tschornowil, Oksana Popovich63, Bohdan Rebryk64, die Dichterin Irina Senik65, die Ma-
lerin Stefania Schabatura66, Jurij Schuchewytsch67, der Sohn des Oberbefehlshabers der
Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) Roman Schuchewytsch, und Danylo Shumuk68.
Die UHG hatte insgesamt 33 Mitglieder.
In einer Erklärung der UHG vom 6. Dezember 1976, die schon aufgrund des bes-
seren Zugangs zur internationalen Presse von der MHG in Moskau verbreitet wurde,
stellte sie den Zusammenhang der Menschenrechte mit der Frage der nationalen Selbst-
bestimmung her: » Der Kampf um die Menschenrechte wird nicht aufhören, solange
diese Rechte nicht zur alltäglichen Norm des gesellschaftlichen Lebens werden. […] Es
geht vor allen Dingen um die nationale Frage. Im Laufe von Jahrzehnten wurde dem
Ukrainer eingetrichtert, daß es für ihn keinerlei nationale Frage gebe, daß nur die er-
klärten Feinde der Sowjetmacht imstande seien, an eine Trennung der Ukraine von
Rußland zu denken. « [60]
Sehr kritisch beurteilte Ludmilla Alexejewa die aus ihrer Sicht zu einseitige Orientie-
rung der UHG an der » nationalen Frage «. » The Ukrainian Helsinki Group […] narro-
wed its range of activities to the defense of only one right – the right of equality on the
basis of nationality. « [61]
Am 25. November trat die Lietuvos Helsinkio Grupé (LHG), deutsch: Litauische Hel-
sinki-Gruppe, mit einem Manifest an die Öffentlichkeit. Die Pressekonferenz zur Grün-
dung der Gruppe fand in der Moskauer Wohnung Juri Orlows statt, des Vorsitzenden
der MHG. Gründer waren der Literaturwissenschaftler Viktoras Petkus, Tomas Venclova,
gegenwärtig einer der bedeutendsten litauischsprachigen Schriftsteller [62], der Pries-
ter Karolis Garuckas69, die Dichterin Ona Lukauskaitė-Poškienė70 und der Refusenik
Eitanas Finkelšteinas, ein mit Sacharow befreundeter Physiker. [63] 1979 rückte für den
verstorbenen Karolis Garuckas der Priester Bronius Laurinavičius71 nach. Laurinavičius
wurde am 24. November 1981 in Vilnius von Unbekannten vor einen fahrenden LKW ge-
stoßen, überfahren und getötet; ein Unglück, » das in Litauen dem Geheimdienst KGB
zugeschrieben wurde. « [64]

63 Oksana Zenonivna Popovich: 2. Februar 1926 – 23. Mai 2004. Popovich war vom 1944 bis 1954 und
– trotz schwerer Behinderung – von 1974 bis zum 2. Oktober 1987 in Haft bzw. in Verbannung.
64 Bohdan Vasylyovych Rebryk: geb. am 30. Juli 1938. Rebryk war von 1967 bis 1970 und von 1974 bis 1984
inhaftiert.
65 Irina Mykhailivna Senik: 8. Juni 1926 – 25. Oktober 2009. Senik war von 1945 bis 1968 und erneut von
1972 bis 1983 inhaftiert bzw. im inneren Exil. Sie verbrachte insgesamt 34 Jahre in Unfreiheit.
66 Stefania Mykhailivna Schabatura: geb. am 5. November 1938. Sie war von 1972 bis 1979 inhaftiert.
67 Jurij Schuchewytsch: 28. März 1933. Schuchewytsch war von 1948 bis 1968 und von 1972 bis Januar 1988
im Gefängnis. Seit 1998 ist er führend tätig in einer rechtsextremistischen Splitterpartei.
68 Danylo Lavrentiyovych Shumuk: 30. Dezember 1914 – 21. Mai 2004. Shumuk war Häftling in polnischen
Gefängnissen, deutschen Kriegsgefangenenlagern und im sowjetischen GULag für insgesamt 42 Jahre.
Er kam am 4. Januar 1987 frei und emigrierte nach Kanada.
69 Karolis Garuckas: 1. Mai 1908 – 5. April 1979.
70 Ona Lukauskaitė-Poškienė: 29. Januar 1906 – 4. Dezember 1983. Aufgrund eines Briefes an den Papst, in
dem sie über die Situation in Litauen berichtete, war sie am 17. März 1946 zusammen mit dem Dichter
Kazys Boruta verhaftet worden und von 1948 bis 1955 in Lagerhaft in Workuta.
71 Bronius Laurinavičius: 16. Juli 1913 – 24. November 1981.
Die UdSSR nach » Helsinki « 119

Im Gründungsstatement der Lietuvos Helsinkio Grupé wurde neben der Beobach-


tung der Menschenrechtssituation als Hauptaufgabe zugleich der » nationalen Frage « Li-
tauens Beachtung geschenkt: » We hope, that the participant states of the Helsinki Con-
ference will consider that the contemporary status of Lithuania was established as a
result of the entrance of Soviet troops onto her territory on June 15, 1940, and will pay
special attention to the observance of humanitarian rights in Lithuania. «
In dem Dokument Nr. 1 publizierte die Gruppe die Situation der beiden Bischöfe
Julijonas Steponavičius und Vincentas Sladkevičius, die von der Sowjetregierung
aus ihren Ämtern entfernt und in die Verbannung geschickt worden waren. Bischof
Steponavičius sollte seine Ämter erst am 28. Dezember 1988 wieder übernehmen kön-
nen, nach 27 Jahren Haft, Verbannung und Hausarrest. In weiteren Dokumenten setzte
sich die LHG für die estnischen Dissidenten Mart-Olav Niklus, Erik Udam72 und Enn
Tarto ein. Diese wiederum forderten den ihnen aus gemeinsamer Lagerhaft bekannten
Petkus auf, sich mit der LHG für die Belange aller Balten einzusetzen, mindestens bis zur
Gründung eigenständiger estnischer und lettischer Helsinki-Gruppen. [65]
1977 erarbeitete die LHG eine Dokumentation für das Belgrader KSZE-Nachfolge-
treffen, die über Sacharow an westliche Journalisten gelangte. Die Dokumentation
wurde vom Journalistik-Studenten Audronius Ažubalis73 zu Sacharow nach Moskau ge-
bracht.
Am 30. Dezember 1976 gründete der orthodoxe Priester Gleb Jakunin zusam-
men mit dem Laien Viktor Kapitanchuk74 und dem Mönch Varsonofi (Khaibulin)75
Христианский Комитет защиты прав верующих в СССР, deutsch: Christliches Ko-
mitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR. Die Gruppe, die für die
Rechte der Gläubigen aller christlichen Religionsgemeinschaften eintrat, insbesondere
auch für die Rechte der litauischen Katholiken, stand im bewußten Gegensatz zur Kir-
chenhierarchie. [66] Das Christliche Komitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen in
der UdSSR arbeitete eng mit der MHG zusammen und nutzte deren Möglichkeiten, um
Verbindungen zu den anderen religiösen Menschenrechtsgruppen herzustellen. Auch
zum litauischen Komitee der Katholiken zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen wur-
den nach dessen Gründung im Jahr 1978 Kontakte aufgenommen. [67]
Es soll hier nur knapp vermerkt werden, dass die protestantischen Freikirchen mit
der Gruppe Initiativniki um den langjährigen Vorsitzenden des All-Unionrats der Evan-

72 Erik Udam: 10. Juli 1938 – 6. Februar 1990.


73 Audronius Ažubalis: geb. am 17. Januar 1958. Ažubalis war 1989/1990 Korrespondent der Sąjūdis-
Zeitung Atgimimas. Er war 1990 bis 1992 Pressesprecher des Vorsitzenden des Obersten Rates (Vytau-
tas Landsbergis). Von 1996 bis 2000 war er und seit 2004 ist er Abgeordneter im Seimas. Von Februar
2010 bis Dezember 2012 war er Außenminister Litauens.
74 Viktor Kapitanchuk: geb. am 21. Februar 1945. Kapitanchuk wurde am 9. Oktober 1980 zu fünf Jahren
Gefängnishaft verurteilt.
75 Varsonofi [weltlicher Name: Boris Khaibulin]: geb. am 21. Februar 1937. Er war Mitarbeiter der Samis-
dat-Zeitung Wetsche von Wladimir Ossipow. Am 17. November 2011 setzten Unbekannte das Haus des
Abtes Varnosofi in der Diözese Wladimir in Brand.
120 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

geliumschristen-Baptisten Gennadi Krjutschkow76 und um den Baptisten-Prediger


Georgi Vins77 in Kiew, die Pfingstbewegung und die Siebenten-Tags-Adventisten we-
sentlich früher komplexe Strukturen des passiven Widerstands und Protests entwickelt
hatten. Die Baptisten, die schon Ende der fünfziger Jahre in großer Zahl Verfolgung er-
litten, wurden » zur größten Einzelgruppe von Dissidenten hinter Stacheldraht. « [68] Die
religiösen Dissidentengruppen unterhielten zum Teil engen Kontakt zu den nicht reli-
giös gebundenen Menschenrechtsgruppen der UdSSR. [69]
Am 11. Mai 1977 gründeten Siebenten-Tags-Adventisten die Group for the Legal
Struggle and Investigation of Facts about the Persecution of Believers in the USSR of the
All-Union Church of the Faithful and Free Seventh-Day Believers in the USSR.
Wenn in diesem Buch dem religiösen Protest und Widerstand in der UdSSR nicht
breiterer Raum gewidmet wird, dann ist dies die Folge der Literaturlage. In der west-
lichen Literatur wird den primär politisch motivierten Gruppen, insbesondere den
Menschenrechtsgruppen, mehr Interesse gewidmet. Dies stellte auch Nicolai N. Petro
in » The Rebirth of Russian Democracy « fest: » Although political and human rights ap-
peals became far better known in the West, by the mid-1970s it was religious samizdat
alone that accounted for more than half of all underground publications. By the end of
the 1970s religious dissidents of all faiths numbered roughly fifty thousand as compared
with ten thousand human rights and civil rights dissidents. « [70]
Am 5. Januar 1977 wurde mit Hilfe der MHG die Arbeitskommission zur Untersu-
chung des Missbrauchs der Psychiatrie zu politischen Zwecken gegründet. Der Psychiater
Anatolij Korjagin78 war die treibende Kraft der Gruppe. Alexander Podrabinek79 trug
durch seine Recherchen und Publikationen wesentlich zur Information der westlichen
Öffentlichkeit über den Missbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion bei.
Am 14. Januar 1977 wurde in Tiflis eine Georgische Helsinki Gruppe mit sieben Mit-
gliedern gegründet. Vorsitzender wurde Swiad Gamsachurdia. Merab Kostawa arbeitete
mit der Gruppe zusammen, ohne Mitglied zu werden. Zur Gruppe gehörten auch die
Brüder und Refuseniks Grigori Goldstein80 und Isai Goldstein81. Die Georgische Helsinki

76 Gennadi Krjutschkow: 20. Oktober 1926 – 15. Juli 2007. Er wurde am 16. Mai 1966 gemeinsam mit
Georgi Vins nach einem Massengebet vor dem ZK-Gebäude in Moskau verhaftet und zu drei Jahren
Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung lebte er bis 1990 im Untergrund.
77 Georgi Vins: 4. August 1928 – 11. Januar 1998. Peter Vins, der Vater von Georgi Vins, war 1936 exekutiert
worden. Georgi Vins, Generalsekretär des 1965 gegründeten Rats, wurde 1966 zu drei Jahren Haft ver-
urteilt. 1974 wurde er erneut verhaftet und 1975 zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Aufgrund mas-
siver internationaler Proteste und des Einsatzes von US-Präsident Carter wurde er 1979 freigelassen,
zwangsexiliert und ausgebürgert.
78 Anatolij Korjagin: geb. am 15. September 1938. Korjagin wurde am 13. Februar 1981 inhaftiert und nach
langjährigen internationalen Protesten, auch von westdeutschen Ärzten, am 19. Februar 1987 aus dem
GULag-Tschistopol entlassen. Er durfte am 24. April 1987 ausreisen und emigrierte in die Schweiz.
79 Alexander Podrabinek: geb. am 8. August 1953. Podrabinek war von 1978 bis 1984 in Verbannung und
Lagerhaft. Er wurde verurteilt für sein Buch über den Missbrauch der Psychiatrie, das 1980 in den USA
unter dem Titel » Punitive Medicine « veröffentlicht wurde. Seit 2000 ist Podrabinek Chefredakteur der
Nachrichtenagentur Prima News.
80 Grigori Abramowitsch Goldstein: geb. 1931.
81 Isai Abramowitsch Goldstein: geb. 1938.
Die UdSSR nach » Helsinki « 121

Gruppe konnte aufgrund der sehr bald nach ihrer Gründung erfolgten Zerschlagung
durch das KGB nur ein Dokument veröffentlichen: Es war ein Protest gegen die Entlas-
sung Rzchiladses aus seiner Berufsposition am 9. März 1977, der aufgrund des Artikels
über die Mescheten verfügt worden war. [71]
Swiad Gamsachurdia wurde von 1977 bis 1979 nach Dagestan verbannt, Merab
Kostawa bis 1987 nach Sibirien. Der Kunsthistoriker Wiktor Rzchiladse, der auch bei
dieser Gruppengründung beteiligt war, wurde im Januar 1978 inhaftiert. Rzchiladse
hatte sich bereits 1976 um Kontakte zu den Mescheten in der Kabardino-Balkarischen
ASSR bemüht und in Tiflis einer Delegation der Mescheten Kontakte zu anderen ge-
orgischen Intellektuellen vermittelt. Er hatte zudem im Dezember 1976 in der zweiten
Ausgabe der georgischen Samisdat-Zeitschrift sarkatvelos moambe einen ausführlichen
Artikel mit dem Titel » Ein Verbrechen an der georgischen Nation. Die Tragödie der Me-
scheten « publiziert. [72]
Eduard Schewardnadse, zu jener Zeit Erster Sekretär des ZK der Georgischen KP,
kommentierte im Juni 1977 den Kampf gegen die Dissidenten wie folgt: » Der Kampf mit
allen negativen Erscheinungen und mit den so genannten › Dissidenten ‹ muß verschärft
werden […] Nicht im Verhältnis zu ihnen wird bei uns die Demokratie verletzt «. [73]
Bereits im Februar 1977 waren Gründungsmitglieder der MHG inhaftiert worden,
Ginsburg am 3. Februar und Orlow am 10. Februar. Es folgen weitere Unterdrückungs-
maßnahmen gegen Dissidenten: Verurteilungen zu Lagerhaft, Verbannungen sowie
Einweisungen in Spezialkliniken für Psychiatrie, die sogenannten Spetspsykhbolnytsy
(SPH). Orlow wurde 1978 wegen » antisowjetischer Propaganda und Agitation « zu sie-
ben Jahren Arbeitslager und fünf Jahren Verbannung verurteilt. 1986 durfte er im Aus-
tausch gegen einen russischen Spion in die USA reisen. Die UdSSR entzog ihm die
Staatsbürgerschaft.
Auch Schtscharanski wurde am 15. März 1977 inhaftiert. » His arrest was accompanied
by a mudslinging anti-Semitic campaign in the press. « [74] Er wurde nach sechszehnmo-
natiger Haft im KGB-Gefängnis Lefortowo am 14. Juli 1978 aufgrund des Vorwurfs der
Spionage, Art. 64 Strafgesetzbuch der RSFSR, und des Vorwurfs » antisowjetischer Agi-
tation und Propaganda «, Art. 70 Strafgesetzbuch der RSFSR, zu dreizehnjähriger Haft
verurteilt und ins Gefängnis von Vladimir untergebracht. Am 8. Oktober 1978 wurde
er mit allen anderen » politischen « Häftlingen in das Gefängnis » für besonders gefähr-
liche Staatsverbrecher « in Tschistopol, Tatarstan, überstellt. Schtscharanski wurde mit
Viktoras Petkus auf eine Zelle gelegt. Zellennachbarn waren die Refuseniks Yosef Men-
delevich und der Initiator der versuchten Flugzeugkaperung von 1970, Hillel Butman.82
Verhaftung und Verurteilung des aufgrund seiner Aktivitäten als Refusenik und bei
der MHG international außerordentlich bekannten Schtscharanski führten zu einer
beispiellosen Welle von Protesten und Solidaritätsaktionen, insbesondere in den USA.
Beispiellos war insbesondere die Solidarität der Wissenschaftskollegen: » By the end of
1978, twenty-four hundred American scientists – including thirteen Nobel laureates

82 Hillel Butman: geb. 1932. Butman wurde 1979 vor dem Gipfeltreffen von Carter und Breschnew zusam-
men mit vier weiteren Refuseniks gegen Sowjetspione ausgetauscht.
122 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

as well as researchers representing the leading scientific institutions – had joined to a


› statement of conscience ‹, pledging to avoid all cooperation with the Soviet Union until
Orlov and Shcharansky were freed. « [75]
Tykhy und Rudenko, die Gründer der Ukrainischen Helsinki-Gruppe, wurden am
4. und 5. Februar 1977 inhaftiert. Tykhy wurde zu zehn Jahren Lagerhaft, die er im Lager
ZhKh-385/1 in Mordowien und im Lager VS-389/36-1 (Perm 36) verbrachte, und zu fünf
Jahren Verbannung verurteilt. Rudenko erhielt sieben Jahren Lagerhaft und fünf Jahren
Verbannung im Altai. Die Lagerhaft verbrachte er in den Lagern ZhKh-385/19, ZhKh-
385/3 und VS-389/36.
Am 1. April 1977 wurde in der Moskauer Wohnung von Pjotr Grigorenko die Grün-
dung der Armenischen Helsinki-Gruppe bekanntgegeben. Gründer waren der aus Na-
gorno-Karabakh gebürtige Ökonom Eduard Bagratovich Harutiunian83, der seit meh-
reren Jahren im Kontakt zu Sacharow stand. – Bei einem Moskau Aufenthalt, anlässlich
seines Versuchs, die sowjetische Staatsbürgerschaft abzulegen und bei der Deutschen
Botschaft um Asyl zu ersuchen, hatte er zudem die Bekanntschaft mit den MHG-Grün-
dern Ljudmila Alexejewa und Juri Orlow gemacht. – Weitere Gründungsmitglieder wa-
ren der Theologe Robert Nazaryan84 und der Student Samuel Ossian. Später schlossen
sich der jüngere Bruder von Eduard Harutiunian, Shahen Harutiunian, 1966 Mitgründer
der Untergrundpartei Vereinigte Nationale Partei, und der Metallarbeiter Hambardzum
Khlghatyan85 an. Die Gruppe widmete sich ebenfalls der » nationalen Frage «. Sie for-
derte unter Punkt 7 des Gründungsmanifests die Wiedervereinigung der Armenischen
SSR mit den Exklaven Nachitshewan und Nagorno-Karabakh. [76]
Bereits am 23. Dezember 1977 wurden Shahen Harutiunian und Nazaryan inhaftiert,
was nach kurzer Zeit zum Erliegen der Aktivitäten der Gruppe führte. Nazaryan erhielt
eine fünfjährige, und Harutiunian eine dreijährige Haftstrafe. Am 8. Februar 1978 er-
schien die siebte und letzte Dokumentation der Armenischen Helsinki-Gruppe. Eduard
Harutiunian wurde am 13. Juli 1979 verhaftet und am 10. März 1980 zu zweieinhalb Jah-
ren Lagerhaft verurteilt.
Auch unter belarussischen Intellektuellen regte sich 1976/1977 Kritik am Sowjetsys-
tem. Mit einem Appell » Brief an einen russischen Freund « wandte sich der Literatur-
wissenschaftler und Historiker Aljaksej Kaŭka86 an die russische Intelligenz, um auf das
Selbstbestimmungsrecht der Belarussen sowie auf das Recht auf die eigene Sprache hin-
zuweisen. [77] Der » Brief « wurde auch in Polen verbreitet.
Nicht nur die Aktivisten von Menschenrechtsgruppen unterlagen zunehmender Ver-
folgung durch das KGB. Der 1973 nach 25 Jahren Lagerhaft freigelassene Litauer Balys

83 Eduard Bagratovich Harutiunian [Arutyunyan]: 1926 – 5. Dezember 1984. Er wurde nach seiner Freilas-
sung Anfang 1982 am 10. November 1982 erneut inhaftiert, bereits schwer krebskrank. Zuletzt war er in
der Region Magadan in Haft. Erst zwölf Tage vor seinem Tod durfte er die Haft verlassen.
84 Robert Nazaryan: geb. am 7. August 1948. Nazaryan wurde am 1. Dezember 1978 verurteilt.
85 Hambardzum Khlghatyan: geb. am 12. Oktober 1927. Khlghatyan war 1949 zu 15 Jahren Haft wegen an-
geblicher Landesflucht verurteilt worden. Er durfte im Juni 1979 emigrieren und reiste in die USA.
86 Aljaksej Kaŭka: geb. am 20. September 1937.
Die UdSSR nach » Helsinki « 123

Gajauskas87 wurde am 14. April 1977 zu zehn Jahren verschärfter Lagerhaft verurteilt, die
er im Speziallager für » Wiederholungstäter « VS-389/36-1 (Perm 36) in Kutschino und in
Mordwinien in Zhkh 385/1-8 verbringen musste. Ihm wurde vorgeworfen, Material über
die nationale Bewegung der Nachkriegszeit gesammelt zu haben. Gajauskas hatte wäh-
rend der ersten Haftzeit vielfältige Kontakte zu russischen Dissidenten und zu Dissiden-
ten anderer Nationalitäten aufgebaut und mehrere Sprachen erlernt. Diese Kontakte ak-
tivierte er nach seiner ersten Entlassung. Er übersetzte zudem Alexander Solschenizyns
» Archipel Gulag « ins Litauische.
Opfer von Repressalien wurden insbesondere Aktivisten nationaler Bewegungen
und Refuseniks. Nach einem Bericht der International Herald Tribune vom 15./16. Okto-
ber 1977 befanden sich im Herbst 1977 mindestens 21 Refuseniks in Lagern oder in der
Verbannung. Fast alle der in den siebziger Jahren führenden Aktivisten der Refuseniks
waren bis Mitte der achtziger Jahre inhaftiert, verbannt oder exiliert.
Neben Menschenrechtsgruppen und jüdischen Refuseniks beriefen sich auf » Hel-
sinki « auch Russlanddeutsche, deren Ausreiseanträge, wie die der jüdischen Antrags-
steller, zumeist abgelehnt wurden. Am 8. März 1977 veranstalteten zehn Deutsche aus
der Tadschikischen SSR und aus der Kasachischen SSR eine Demonstration auf dem
Roten Platz in Moskau. Es war dies die erste Demonstration nach dem 25. August 1968
auf dem Platz vor dem Kreml ! Auf Plakaten forderten sie » Erfüllung der Beschlüsse von
Helsinki «. [78]
Ich habe nicht untersucht, auf welche Resonanz die Aktionen der Russlanddeutschen
in der Bundesrepublik stießen und wie sie von den politischen Gremien in Bonn wahr-
genommen wurden. Hierzu wäre eine Analyse der Berichte der Moskauer Botschaft in-
teressant.
Andrej Sacharow versuchte, seine internationale Reputation bei direkten Kontaktauf-
nahmen mit westlichen Botschaften einzusetzen. Beispielsweise übergab er am 30. Sep-
tember 1977 nach telefonischer Vorankündigung in der Botschaft der Bundesrepublik
Deutschland einen an die KSZE-Staaten gerichteten Appell. Der Friedensnobelpreisträ-
ger appellierte hierin an die westlichen Demokratien, sich bei der KSZE-Folgekonferenz
in Belgrad, die am 4. Oktober eröffnet wurde, entschieden für die inhaftierten Men-
schenrechtsaktivisten einzusetzen.

» Wir erleben heute einen Moment der Geschichte, da die entschlossene Aufrechterhaltung
der Prinzipien der Überzeugungsfreiheit, der Offenheit der Gesellschaft und der Menschen-
rechte eine absolute Notwendigkeit ist. Die Alternative wäre Kapitulation vor dem Totali-
tarismus, der Verlust aller Werte der Freiheit, der politische, wirtschaftliche und sittliche
Niedergang. « [79]

Sacharow war aufgrund seiner Reputation und der Kontakte zu westlichen Diplomaten
und Journalisten auch für die nichtrussischen Menschenrechtsgruppen und die Russ-

87 Balys Gajauskas: geb. am 24. Februar 1926. Gajauskas war von 1990 bis 1992 Abgeordneter im Obersten
Rat, und von 1992 bis 1996 im Seimas.
124 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

landdeutschen ein wichtiger Mittler. Dieses war bereits feststellbar am Beispiel der ihm
von der Lietuvos Helsinkio Grupé (LHG) überbrachten Dokumentation für das Belgrader
KSZE-Folgetreffen.
Die Moskauer Helsinki-Gruppe sandte 26 Dokumentationen an die Teilnehmerstaa-
ten der Belgrader Folgekonferenz. Ab der Belgrader KSZE-Folgekonferenz waren die
mittel- und osteuropäischen Menschenrechtsgruppen bei allen folgenden KSZE-Treffen
für die westlichen NGO’s bzw. westlichen Delegationen authentische und damit uner-
setzbare Berichterstatter über die Situation in ihren Staaten. Sie riskierten damit ande-
rerseits, in ihren Staaten als Zuträger und » Spionageorganisationen « des Westens de-
nunziert und verfolgt zu werden.
Auf der am 4. Oktober eröffneten Belgrader KSZE-Folgekonferenz stellten die Spre-
cher der US-Delegation » die Menschenrechtsverletzungen in Osteuropa in den Mittel-
punkt ihrer KSZE-Bilanz und erklärten eine Änderung dieser Praktiken zur entschei-
denden Frage für den Erfolg der Konferenz. « [80]
Der seit langem für die Menschenrechte, insbesondere für die Rechte der sowjeti-
schen Juden engagierte Jurist Arthur Goldberg88, Leiter der US-Delegation, themati-
sierte am 18. Oktober die Menschenrechtsumsetzung im Ostteil Europas. Er kritisierte
den Prozess gegen Signatare der Charta 77. Unter Nennung von Namen Verfolgter fo-
kussierte er die Menschenrechtslage in der Sowjetunion und sprach dabei auch die Si-
tuation der sowjetischen Juden an. Es war die erste unter Namensnennung erfolgende
Solidarisierung mit politisch Verfolgten durch einen Diplomaten bei einer internatio-
nalen Konferenz.

» How long – after trying quiet diplomacy – could you sit here and not make a statement on a fa-
mily reunification case in which the person loses his job because he asks for a visa then is arres-
ted as a parasite for not having a job ? « [81]

Mit dieser Äußerung bezog sich Goldberg auf den Kasus vom Elektronik-Ingenieur und
» Prisoner of Zion « Yosef Begun89, der 1977 nur deshalb verhaftet worden war, da er He-
bräisch lehrte. Begun wurde wegen » Schmarotzertums « zu zwei Jahren Verbannung
verurteilt.

88 Arthur Goldberg: 8. August 1908 – 19. Januar 1990. Goldberg war 1961/1962 US-Secretary of Labour,
Richter am Supreme Court 1962 – 1965, US-Ambassador to the U. N. 1965 – 1968, Präsident des American
Jewish Committee (AJC) 1968 – 1970. Er regte 1963 die Gründung der American Jewish Conference on
Soviet Jewry (AJCSJ) an. Er wurde von Carter aufgrund der starken Unterstützung durch Sicherheits-
berater Brzeziński ernannt.
89 Yosef Begun: geb. 9. Juli 1932. Begun war bereits im Mai 1974 für drei Jahre verbannt worden, wegen
» Verletzung der Niederlassungsregeln «. Im November 1982 wurde er ein drittes Mal verhaftet und am
14. Oktober 1983 wegen » anti-sowjetischer Agitation « zu sieben Jahren Lager » mit strengem Regime «
und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Erst am 20. Februar 1987 wurde er aufgrund jahrelanger inter-
nationaler Proteste aus dem Gefängnis Tschistopol freigelassen. Er erhielt im September 1987 das Vi-
sum für die Ausreise aus der Sowjetunion.
Die UdSSR nach » Helsinki « 125

Goldberg äußerte sich in dieser Form trotz anderslautender Vorabsprachen der


NATO-Staaten und stieß folglich auf deutliche Kritik, insbesondere auch beim Leiter
der Delegation der Bundesrepublik Deutschland, Botschafter Per Fischer.
Es war Arthur Goldberg, der nach Abschluss der Belgrader Konferenz in einem
Gespräch mit Robert L. Bernstein diesem die Idee nahebrachte, in den USA eine Hel-
sinki-Gruppe zu gründen. Faktisch löste seine Anregung den Impuls zur Gründung von
Helsinki Watch aus. Goldberg setzte sich zudem für die finanzielle Unterstützung der
Gruppe durch die Ford Foundation ein.
Wie unsensibel westliche Menschenrechtsaktivisten agieren konnten, demonstrierte
1977 der irische Friedensnobelpreisträger und Gründer von Amnesty International Seán
MacBride, als er den 1949 vom Präsidium des Obersten Sowjets gestifteten » Lenin-Frie-
denspreis « (bis 1955: Internationaler Stalin-Preis für die Festigung des Friedens zwi-
schen den Völkern) annahm. Es war für MacBride offenbar ohne Bedeutung, dass im
Jahr seiner Auszeichnung in der Sowjetunion Menschenrechtsaktivisten in großer Zahl
drangsaliert, inhaftiert und verbannt wurden.
Im » Westen « war es Ende der siebziger Jahre schwierig, insbesondere bei linkslibe-
ralen Intellektuellen Verständnis für die Menschenrechtsproblematik im sowjetischen
Machtbereich zu erreichen. Jeri Laber stellte dies auch für die Wahrnehmung der So-
wjetunion in den USA fest. » There was a misguided perception among some American
liberals that anyone who was actively anti-Soviet had to be reactionary. « [82]
Es ist an dieser Stelle erneut hervorzuheben, dass für die Sowjetunion in den siebzi-
ger Jahren neben der Frage der Menschenrechte auch die Nationalitätenproblematik vi-
rulent blieb. Die Nationalitätenfrage war zudem – mindestens aus Sicht vieler Aktivisten
in der Sowjetunion – Teil der Menschenrechtsthematik. Die Gründungsaufrufe der Hel-
sinki-Gruppen in Georgien und Armenien dokumentieren den Zusammenhang und
seine besondere Bedeutung. Der besondere Rang der Nationalitätenfrage wurde insbe-
sondere beim Konflikt zwischen Armeniern und Aseris um Nagorno-Karabakh deut-
lich. Die Nagorno-Karabakh Autonome Oblast (NKAO) repräsentierte in ausgeprägter
Form die Absurditäten sowjetischer Nationalitätenpolitik. Eine Absurdität war, dass im
Rahmen der Hierarchie von Föderationssubjekten die Autonomie einer Nationalität ab-
hängig sein konnte vom Wohlwollen der Titularnation der übergeordneten Republik.
Hierbei ist mit zu bedenken, dass diese Hierarchisierung von der sowjetischen Füh-
rung – nicht nur zu Zeiten Stalins – zur Bewirkung dauerhafter Konflikte bewusst in-
strumentalisiert wurde.
Im Zusammenhang mit der von der KPdSU-Führung inszenierten Diskussion zur
neuen sowjetischen Verfassung publizierte das Präsidium des Obersten Sowjets der
UdSSR am 23. November 1977 eine Reihe von offenen Briefen, in denen Armenier, an-
geblich Arbeiter, auf die Lage ihrer Landsleute in der Nagorno-Karabakh Autonomen
Oblast (NKAO) hinwiesen und um Abhilfe baten. In einigen Briefen wurde der An-
schluss des Gebietes an die Armenische SSR gefordert. » It is necessary that Karabagh
(Artsakh in Armenian) be joined with Soviet Armenia so that everything will have been
done properly. « [83]
126 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Nicht nur die Menschenrechts- und die Nationalitätenfrage wurden in den siebziger
Jahren virulent, sondern auch die Frage der Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
von Arbeitern. Am 1. Februar 1978 wandte sich die im Januar 1978 vom Bergbauinge-
nieur Wolodymyr Klebanov90 aus Donezk und vom Mathematiker Mark Morosow91 ge-
gründete unabhängige Freie Gewerkschaft von Arbeitern der Sowjetunion an die Inter-
national Confederation of Free Trade Unions (ICFTU) in Brüssel und beantragte die
Mitgliedschaft.
Bereits 1977 hatte es massive Verfolgungen von Arbeitern gegeben, die mit Klebanov
Proteste verfaßt und verbreitet hatten. Klebanov wurde nach mehreren Festnahmen und
Verhören in 1977 am 7. Februar 1978 verhaftet und in die Donezker Psychiatrische Kli-
nik verbracht.
Trotz dieser Repressionen unternahmen andere Aktivisten einen zweiten Versuch
zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft. Am 28. Oktober 1978 wurde auf einer
Pressekonferenz in der Wohnung von Mark Morosow die Gründung der SMOT, Svo-
bodnoe Mezhprofessionalnoe Obiedinenie Trudiashiksia, deutsch: Freie Branchenüber-
greifende Vereinigung von Arbeitern, bekanntgegeben. Mehrere Gründungsmitglieder,
unter ihnen Mark Morosow, der Geologe Vladimir Skvirsky92 und Walerija Nowod-
worskaja93, wurden kurze Zeit später inhaftiert.

4 Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki «

Gesellschaftliche Unruhe gab es in der DDR in den frühen siebziger Jahren insbe-
sondere im kirchlichen und im kulturellen Bereich. Die Selbstverbrennung von Pfar-
rer Oskar Brüsewitz94 in Zeitz am 18. August 1976, der 1978 zwei unterschiedlich mo-
tivierte Selbstverbrennungen evangelischer Pfarrer folgten, nämlich von Rolf Günther
und Gerhard Fischer, verdeutlichte die Zuspitzung des Konfliktes zwischen dem Staat,
sprich: SED, und den Kirchen in der DDR.
Wolf Biermann, der am 12. September 1976 nach elf Jahren Auftrittsverbot in der
DDR sein erstes Konzert – in einer Kirche – gab, wurde am 16. November nach einem
Konzert in Köln auf Beschluss des SED-Politbüros ausgebürgert. Die Ausbürgerung war
von der SED von langer Hand vorbereitet worden. Dies erklärt auch die Genehmigung
der Reise in die Bundesrepublik. Zwölf bekannte Schriftsteller schrieben daraufhin

90 Wolodymyr Oleksandrovych Klebanov: geb. am 14. Juni 1932. Klebanov war bereits von 1968 bis 1973
und 1977 in psychiatrischen Kliniken inhaftiert. Er war ab 7. Februar 1978 bis zu seiner Entlassung Ende
1987 in psychiatrischen Kliniken und Lagern inhaftiert. Der Oberste Gerichtshof der Ukrainischen SSR
rehabilitierte ihn am 26. August 1988.
91 Mark Morosow: 24. Dezember 1931 – 3. August 1986. Morosow starb in Tschistopol an einem Herzinfarkt
bei Verbüßung einer Strafe von acht Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung.
92 Vladimir Skvirsky: 1930 – 1993.
93 Walerija Nowodworskaja: geb. am 17. Mai 1950. Nowodworskaja wurde erstmals 1969 im Alter von
18 Jahren inhaftiert und 1970 in eine psychiatrische Spezialanstalt gebracht. Sie hatte eine illegale Stu-
dentengruppe gegründet und auf Flugblättern gegen die Okkupation der ČSSR protestiert.
94 Oskar Brüsewitz: 30. Mai 1929 – 22. August 1976.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 127

mit Datum 17. November einen offenen Protestbrief. Zu den Unterzeichnern gehörten
Christa Wolf 95, Stefan Heym96, Stephan Hermlin, Heiner Müller, Volker Braun, Gerhard
Wolf, Erich Arendt, Jurek Becker97, Sarah Kirsch, Rolf Schneider, Franz Fühmann und
Günter Kunert. Die Auflehnung gegen die Ausbürgerung Biermanns griff trotz hefti-
ger staatlicher Reaktionen weit über den ursprünglichen Protest der zwölf Schriftstel-
ler hinaus. Der Protesterklärung schlossen sich nämlich 100 weitere Intellektuelle und
Künstler an. Marion Brandt zitierte Biermann, der gesagt hatte, diese Bewegung sei in
der DDR größer gewesen als der Protest gegen die Okkupation der ČSSR. [84] Am 19. No-
vember wurde der Dichter Jürgen Fuchs als erster Protestierer verhaftet. Fuchs wurde
nach neunmonatiger Untersuchungshaft im Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen am
26. August 1977 nach West-Berlin abgeschoben.
Von West-Berlin aus versuchte er in den achtziger Jahren für Oppositionelle in der
DDR Kontakte zur Charta 77 und zur Solidarność herzustellen. Er wurde für viele infor-
melle Gruppen in der DDR zur wichtigsten Kontaktperson in Westdeutschland.
Zum Verständnis der gleichzeitigen Situation der » Andersdenkenden « in der ČSSR
ist eine knappe Rückschau erforderlich. Die Unterdrückung jeglicher Dissidenz in der
ČSSR hatte während der » normalizace «, deutsch: Normalisierung, d. h. nach der militä-
rischen Niederschlagung des Prager Frühlings und der bis Ende 1969 erfolgten » Säube-
rung « der KSČ ein Ausmaß angenommen, das in Timothy Garton Ashs Beschreibung
zwar angemessen makaber aber nach meiner Meinung dann doch fast ein wenig zu hei-
ter klingt:
» Philosophen, Rechtsanwälte und Journalisten wurden Maurer, Kellner und Büroan-
gestellte. Sie traten den bereits existierenden Klub der Verdammten bei – jenen Chris-
ten und Nicht-Kommunisten, deren Degradierung mit der kommunistischen Macht-
übernahme 1948 begonnen hatte. Dieser Fensterputzer dort: seine Dissertation schrieb
er über Wittgenstein. Frage den Kellner nach Kafka: vor seinem eigenen Prozeß hielt er
Vorlesungen über den Prozeß. Ja, der Nachtportier liest Aristoteles. Deine Kohlen wer-
den dir von einem ordinierten Priester der Böhmischen Brüder geliefert. Küsse den Ring
des Milchmanns: er ist dein Bischof. « [85] Der letzte Hinweis bezog sich auf den 1950 im
Geheimen zum Bischof von Hradec Králové (Königgrätz) geweihten Karel Otčenášek98,
der sich zeitweilig sein Geld als Milchmann verdienen musste. – Als deutlich weni-
ger fröhlich stellen sich die Schicksale Andersdenkender dar, wenn man die Berichte
Betroffener staatlicher Drangsalierungen liest. Besonders brutal war die Terrorisierung
von Frauen. Man lese beispielsweise die Schilderungen der Sängerin Marta Kubišová99
und Darstellungen anderer Frauen von Charta 77. [86]

95 Christa Wolf: 18. März 1929 – 1. Dezember 2011.


96 Stefan Heym: 10. April 1913 – 16. Dezember 2001. Heym war 1994/1995 Bundestagsabgeordneter. Er hat-
te als Parteiloser auf der Liste der PDS kandidiert.
97 Jurek Becker: 30. September 1937 (in LódŽ) – 14. März 1997. Becker das einzige Mitglied des Schriftstel-
lerverbandes das 1977 gegen den Ausschluss von Reiner Kunze protestierte.
98 Karel Otčenášek: 13. April 1920 – 23. Mai 2011. Otčenášek verbrachte die Jahre von 1951 bis 1962 in Inter-
nierungslagern und Haftanstalten. Papst Johannes Paul II. verlieh ihm 1998 den Titel Erzbischof.
99 Marta Kubišová: geb. am 1. November 1942. Sie war Erstunterzeichnerin und vom 21. September 1977
bis zum 6. November 1978 die dritte Sprecherin der Charta 77.
128 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Um den tatsächlichen Umfang der » Säuberungen « innerhalb der KSČ zu begrei-


fen, ist daran zu erinnern, dass ein Drittel der Mitglieder hiervon betroffen war. » Es
entstand eine › Partei der Ausgeschlossenen ‹ mit einer halben Million Mitglieder. […]
Danach wurden auch die Gewerkschaften und alle Berufs- und Interessenverbände ge-
säubert. Fast alle Intellektuellen – Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler, Journalisten,
Lehrer, Richter, aber auch Offiziere –, die sich weigerten, ihre Überzeugung zu verleug-
nen, wurden mit Berufsverbot belegt, degradiert und zu subalternen oder manuellen
Berufen gezwungen. « [87]
Für das Verständnis der Ereignisse des Jahres 1989 in der ČSSR ist es hilfreich, darauf
hinzuweisen, dass Milouš Jakeš100, im Umbruchsjahr 1989 Generalsekretär des ZK der
KSČ, von 1968 bis 1977 Vorsitzender der Zentralen Kontroll- und Revisionskommission
der KSČ und damit einer der für die » Säuberungen « Hauptverantwortlichen war. Zu er-
wähnen ist noch, dass die » normalizace « in den beiden Landesteilen der ČSSR unter-
schiedlich verlief. Gustáv Husák, der ab April 1969 Generalsekretär des ZK der KSČ war,
gab im staatsrechtlichen Bereich den slowakischen Interessen eindeutig Vorrang, wo-
rauf der Historiker Milan Otáhal101 1992 hinwies. » Die scheinbare Verwirklichung der
slowakischen nationalen Interessen beeinflusste die Entstehung und die Möglichkeiten
der Opposition auf eine ungünstige Weise, denn die meisten Slowaken fanden sich eben
deswegen mit dem Husák-Regime ab. « [88]
Für die Literatur der ČSSR hatte die » normalizace « » katastrophale Folgen. « Nach Ivo
Bock erhielten » insgesamt 350 bis 400 Autoren, das sind ungefähr zwei Drittel der Mit-
glieder des alten Schriftstellerverbandes, nach 1968/69 Publikationsverbot. […] Etwa 90
von ihnen gingen ins Exil. « [89]
Trotz massiver Unterdrückung formierte sich nach » Helsinki « Protest im » sozia-
listischen Lager «, vor allem intellektueller Widerspruch. Ein Aufbegehren von Intel-
lektuellen war insbesondere in der ČSSR feststellbar. Am 1. Januar 1977 trat in Prag mit
Charta 77 eine neue Form des gesellschaftlichen Widerstands an die Öffentlichkeit. Die
Verhaftung des Schriftstellers Ivan Martin Jirous102, des Initiators der 1968 gegründe-
ten Rockband » The Plastic People of the Universe «, und die gleichzeitige Verhaftung
von Mitgliedern dieser Gruppe Ende des Jahres 1976 waren Auslöser für die Gründung
der Charta 77. [90] Die juristische Verteidigung der Rockband übernahm der während
der » normalizace « im Jahr 1970 aus dem Amt als Richter am Obersten Gerichtshof ent-
fernte Otakar Motejl.103

100 Miloš Jakeš: geb. am 12. August 1922. Jakeš wurde am 17. Dezember 1987 Nachfolger von Gustáv Husák
im Amt des Generalsekretärs des ZK der KSČ. Er mußte am 24. November 1989 von diesem Amt zu-
rücktreten.
101 Milan Otáhal: geb. am 9. Juni 1928. Otáhal hatte von 1969 bis 1989 Berufsverbot. Er war Erstunterzeich-
ner der Charta 77.
102 Ivan Martin Jirous (Pseudonym: » Magor «): 23. September 1944 – 10. November 2011. Signatar der Char-
ta 77.
103 Otakar Motejl: 10. September 1932 – 9. Mai 2010. Motejl war bis 1989 Verteidiger mehrerer Dissidenten
bei Prozessen. Von 1990 bis 1992 war er Präsident des Obersten Gerichts der ČSFR und bis 1998 Präsi-
dent des Obersten Gerichts der Tschechischen Republik.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 129

Charta 77 begriff sich weder als Opposition, noch » als Dissidentengruppe, sondern
als Bürgerinitiative […] Im Hinblick auf diese ideellen Grundlagen und die Betonung
von Kommunikationsfreiheiten war die Charta 77 mit dem polnischen KOR vergleich-
bar, zu dem enge persönliche und politische Austauschbeziehungen entwickelt wur-
den «. [91]
In dem in der Prager Wohnung des Schriftstellers Ivan Klíma verfassten und am 1. Ja-
nuar 1977 veröffentlichten Manifest nahmen die Signatare der Charta 77 explizit Bezug
auf die Helsinki-Schlussakte und formulierten u. a. wie folgt:

» Charta 77 ist keine Organisation, hat keine Statuten, keine ständigen Organe und keine or-
ganisatorisch bedingte Mitgliedschaft. Ihr gehört jeder an, der ihrer Idee zustimmt, an ih-
rer Idee teilnimmt und sie unterstützt. Charta 77 ist keine Basis für oppositionelle politische
Tätigkeit. Sie will dem Gemeininteresse dienen wie viele ähnliche Bürgerinteressen in ver-
schiedenen Ländern des Westens und des Ostens. Sie will also nicht eigene Programme po-
litischer oder gesellschaftlicher Reformen oder Veränderungen aufstellen, sondern in ihrem
Wirkungsbereich einen konstruktiven Dialog mit der politischen und staatlichen Macht füh-
ren, insbesondere dadurch, daß sie auf verschiedene konkrete Fälle von Verletzung der Men-
schen- und Bürgerrechte hinweist «. [92]

Obwohl sich Charta 77 als » unpolitisch « bezeichnete, wurde sie von den Herrschenden
als Angriff auf ihr Regime begriffen und ihre Unterzeichner wurden einer beispiello-
sen Verfolgungskampagne ausgesetzt. In einem Artikel der Rudé Pravó, des Zentralor-
gans der KSČ, wurde die Charta am 12. Januar 1977 wie folgt verunglimpft: » Es han-
delt sich um eine staatsfeindliche, antisozialistische, volksfeindliche und demagogische
Schmähschrift, die die Tschechoslowakische Sozialistische Republik und die revolutio-
nären Errungenschaften des Volkes auf grobe und verlogene Weise verleumdet « und
» auf Bestellung antikommunistischer und zionistischer Zentralen « entstanden sei. « [93]
Die Charta 77 stand mit ihrer selbstgewählten Position einer » unpolitischen Politik « in
der Tradition der politischen Philosophie und des idealistischen Demokratieverständ-
nisses des Staatsgründers Tomáš Garrigue Masaryk. [94]
Das Manifest hatte anfangs 242 Signatare. [95] Erste Sprecher waren der ehemalige
Außenminister Jiří Hájek104, Václav Havel und Jan Patočka105. Mitgründer war auch
Ludvík Vaculík, der Initiator des » Manifests der 2 000 Worte «. Es unterzeichneten der
Schriftsteller Pavel Kohout, der Historiker Karel Bartošek106 und der Dichter Jaroslav
Seifert107. Seifert war der KSČ im Gründungsjahr 1921 beigetreten und wurde bereits
1929 ausgeschlossen. Er hatte zwischen 1950 und 1954 sowie 1970 und 1979 Publikations-
verbot. Jaroslav Seifert erhielt 1984 den Nobelpreis für Literatur. [96]

104 Jiří Hájek: 6. Juli 1913 – 22. Oktober 1993. Jiří Hájek war 1977 und 1979 Sprecher der Charta 77.
105 Jan Patočka: 1. Juni 1907 – 13. März 1977.
106 Karel Bartošek: 30. Juni 1930 – 9. Juli 2004. Bartošek emigrierte 1982 nach Paris.
107 Jaroslav Seifert: 23. September 1901 – 10. Januar 1986.
130 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Unterzeichner war auch der Schriftsteller Jiří Gruša108, der 1978 ins Exil ging, vom
Regime ausgebürgert wurde und in seiner Wahlheimat, der Bundesrepublik Deutsch-
land, zu einem Multiplikator der Philosophie der Charta 77 im Ausland wurde.
Der Protest der Charta 77 war eine Manifestation mehrheitlich sozialistischer und
linksliberaler tschechischer Intellektueller. Von den 242 Erstunterzeichnern hatten
100 der KSČ angehört, mehrere waren bis 1968/1969 führende Mitglieder der kom-
munistischen Partei, so u. a. Milan Hübl109, Rektor der Parteihochschule 1968/1969,
Jaroslav Šabata110, Sekretär des Regionalkomitees der südmährischen KSČ in Brno
(Brünn), Zdenĕk Mlynář111, Sekretär des ZK der KSČ und Mitglied des Parteivorstan-
des, und František Kriegel, 1968 Mitglied des Parteipräsidiums der KSČ. Kriegel war
am 21. August 1968 zusammen mit den anderen Mitgliedern des Reformflügels der KSČ
verhaftet und nach Moskau deportiert worden. Von den Verhandlungen mit der so-
wjetischen Führung wurde er von dieser ausgeschlossen. Er war im Übrigen der einzige
Repräsentant der Partei, der am 26. August 1968 die Unterzeichnung des » Moskauer
Protokolls « verweigerte, der Kapitulation der Führung der ČSSR vor der Sowjetfüh-
rung. [97] Daraufhin wurden ihm vom Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR Alexei
N. Kossygin Prügel angedroht. Kossygin soll zudem gesagt haben, dass Kriegel als gali-
zischer Jude kein Recht habe, das tschechoslowakische Volk zu vertreten. [98]
Charta 77 wurde von Beginn an mitgeprägt durch bekennende Christen. So gehörten
zu den Erstunterzeichnern der Theologieprofessor Josef Zvěřina112, die Literaturhistori-
kerin Marie Rút Křížková113, der Philosoph und Pädagoge Radim Palouš114, Jan Sokol115,
dem zum Studium der Universitätszugang verweigert wurde und der als Mechaniker
und Goldschmied arbeitete, der evangelische Theologe Miloš Rejchrt116 und der Vikar,

108 Jiří Gruša: 10. November 1938 – 28. Oktober 2011. Gruša kehrte 1990 in die Tschechoslowakei zurück,
war 1991 – 1997 Botschafter in Deutschland, 1997 kurzeitig Erziehungsminister, 1998 – 2004 Botschafter
in Österreich und ab 2009 Präsident des internationalen P.E.N.-Clubs.
109 Milan Hübl: 27. Januar 1927 – 28. Oktober 1989. Hübl hatte 1969 noch die Wahl von Gustav Husák zum
Generalsekretär des ZK der KSC organisiert. Er war dann von 1972 bis 1976 inhaftiert. Von 1987 bis 1989
war er Redakteur der Samisdat-Zeitung Lidové noviny. Er arbeitete in den achtziger Jahren mit dem StB
zusammen.
110 Jaroslav Šabata: 2. November 1927 – 14. Juni 2012. Šabata war von 1971 bis 1976 und von Oktober 1978 bis
Dezember 1980 inhaftiert. Er war 1978 und 1981 Sprecher von Charta 77. 1989/1990 war er Mitglied der
Föderalversammlung und von 1990 bis 1992 Minister ohne Portefeuille in Tschechien.
111 Zdenĕk Mlynář: 22. Juni 1930 – 15. April 1997. Mlynář emigrierte Ende 1977 nach Wien.
112 Josef Zvěřina: 3. Mai 1913 – 18. August 1990. Zvěřina war 1942/1943 von der deutschen Besatzung inter-
niert worden. 1952 wurden er und andere katholische Christen zu je 22 Jahren Haft verurteilt, aus der er
erst 1965 entlassen wurde. 1989 war er Mitgründer des Bürgerforums.
113 Marie Rút Křížková: geb. am 15. Juni 1936. Křížková war 1983 Sprecherin von Charta 77.
114 Radim Palouš: geb. am 6. November 1924. Palouš war 1982, 1983 und 1986 Sprecher von Charta 77. Er
war von 1990 bis 1995 Rektor der Karls-Universität Prag.
115 Jan Sokol: geb. am 18. April 1936. Sokol durfte erst nach dem Umbruch studieren. Er wurde 2000 zum
Professor für Philosophie. Von 2000 bis 2007 war er Dekan der Fakultät für Humanwissenschaften der
Karls-Universität. Er wurde im Juni 1990 zum Abgeordneten der Föderalversammlung gewählt und war
dies bis 1992. 1998 war er kurzzeitig Erziehungsminister der Tschechischen Republik.
116 Miloš Rejchrt: geb. am 19. Oktober 1946. Rejchrt war 1980 Sprecher von Charta 77.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 131

Dichter und Übersetzer Milan Balabán117, der aufgrund eines 1974 verhängten Berufs-
verbots als Arbeiter tätig war. Häufig war eines der drei Mitglieder des jährlich gewähl-
ten Sprecherrats bekennender Christ.
Am 1. Februar 1977 unterzeichnete der bekennende Katholik und Philosoph Václav
Benda118 die Charta. Er veröffentlichte im Mai 1978 im Samisdat einen Essay über » Pa-
ralelní polis «, die parallele Polis. [99] Bendas Intention war, über den moralischen An-
satz von Charta 77 hinausgehend, das Aufzeigen politischer Gestaltungsmöglichkeiten.
Bendas Ausführungen zur Notwendigkeit des Aufbaus autonomer gesellschaftlicher
Strukturen wurden zur theoretischen Grundlage der tschechoslowakischen Dissidenz.
Benda entwickelte auch eine Perspektive für die internationale Zusammenarbeit in-
formeller Strukturen. » No less important is mutual cooperation between related trends
in other East Bloc countries. In decades past almost every country in the bloc has paid
dearly for the lack of such cooperation. […] We must immediately create a team to in-
vestigate the reasons for such inadequacies and propose specific remedies. « [100] Außer
Benda formulierten weitere Charta-Signatare Vorstellungen alternativer gesellschaft-
licher Beteiligung. So beispielsweise der protestantische Philosoph Ladislav Hejdá-
nek119, der einer der ersten Sprecher der Charta 77 wurde, der katholische Philosoph
Jiří Němec120 und auch Petr Uhl. [101] Die Übereinstimmung, aber auch die Differenzen
zu den Vorstellungen Bendas machten Milan Šimečka121, Ivan M. Jirous, Jiří Dienstbier,
Václav Havel, Ladislav Hejdánek und Jan Šimsa122 bei einer Befragung durch H. Gordon
Skilling deutlich, die 1988 in der Zeitschrift Social Research publiziert wurde. [102]
Wie Václav Benda entwickelten auch Petr Uhl und Zdeněk Mlynář Überlegungen
zu einer Internationalisierung informeller Bewegungen in den mittel- und osteuropä-
ischen Staaten.
Bereits am 6. Januar 1977 wurden Havel und weitere Unterzeichner verhaftet. [103]
Der Philosoph und Charta-Mitgründer Jan Patočka starb am 13. März 1977 in Prager
Haft. Nach einem Besuch durch Max van der Stoel, den Außenminister der Niederlande,
wurde er elf Stunden verhört. Hierbei brach er zusammen und verstarb.
» Es gibt Dinge, für die es sich zu leiden lohnt «, schrieb er kurz vor seinem Tod. [104]
Jan Patočkas 1975 im Samisdat erschienene Schrift » Kacířské eseje o filosofie dějin «,
deutsch: Ketzerische Essais zur Philosophie der Geschichte, gilt als eine der intellektu-
ellen Grundlagen der Charta. [105]

117 Milan Balabán: geb. am 3. September 1929. Seit 1995 ist er ord. Professor der Karls-Universität.
118 Václav Benda: 8. August 1946 – 2. Juni 1999. Benda war 1979 und 1984 Sprecher von Charta 77. Vom
28. Dezember 1990 bis 1992 war er Abgeordneter in der Föderalversammlung. Er war von 1996 bis zu
seinem Tod Senator.
119 Ladislav Hejdánek: geb. am 10. Mai 1927. Hejdánek wurde 1971 als Mitarbeiter der Tschechischen Aka-
demie der Wissenschaften entlassen, inhaftiert und mußte nach der Haft bis 1985 als Nachtwächter und
als Feuerwehrmann arbeiten. Er war Erstunterzeichner und 1977 – 1979 Sprecher von Charta 77.
120 Jiří Němec: 18. Oktober 1932 – 4. Oktober 2001. Němec war Erstunterzeichner von Charta 77.
121 Milan Šimečka: 6. März 1930 – 24. September 1990. Der Charta 77-Signatar Šimečka war 1981/1982 in-
haftiert. Er wurde 1990 Berater von Präsident Havel.
122 Jan Šimsa: geb. am 2. Oktober 1929. Šimsa durfte nach 1973 sein Amt als Pfarrer der Böhmischen Brü-
derkirche nicht mehr ausüben.
132 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Der Erstunterzeichner der Charta 77 und spätere tschechische Premier Petr Pithart123
fasste 2009, Patočka zitierend, die Motive der Charta-Anhänger wie folgt zusammen:
» Die Kraft zum gemeinsamen Handeln entspringt nicht einer Gefühls- oder Ideenge-
meinschaft, sondern dem Bewusstsein der Gefahr. Diese Gefahr bedroht am › Ende die
Geschichte ‹ die Gesellschaft als Ganzes. An die Stelle der Einheit der von einem höhe-
ren Ideal Überzeugten setzen die Dissidenten im Angesicht des Bösen die › Solidarität
der Erschütterten ‹ (Patočka). « [106]
Zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 gehörte der slowakische Historiker Ján
Mlynárik124. Mlynárik schrieb 1977 die 1978 unter dem Pseudonym » Danubius « in
der von Pavel Tigrid125 in Paris herausgegebenen tschechoslowakischen Exilzeitschrift
Svědectví veröffentlichten » Tézy o vysídlení československých Nemcov «, deutscher Ti-
tel: Thesen zur Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei 1945 – 1947. Seine
Thesen zur Vertreibung der Sudetendeutschen führten auch bei den Dissidenten zu er-
bitterten Kontroversen.
Die Charta 77 fand sehr schnell Anerkennung und Resonanz in den westlichen Län-
dern und bei Dissidenten in anderen Ländern des sowjetischen Machtbereichs. Der ru-
mänische Schriftsteller Paul Goma126 verfasste am 25. Januar einen offenen Brief an Pavel
Kohout, in dem er sich mit der Charta 77 solidarisierte und gegen die Inhaftierung von
Charta-Signataren protestierte. Er verband dies mit Kritik an Menschenrechtsverstößen
in Rumänien. [107]
Ebenfalls im Januar erklärten sich 43 ungarische Intellektuelle in einer von Radio
Free Europe verbreiteten Botschaft mit der Charta 77 solidarisch. Der Mitunterzeich-
ner der ungarischen Solidaritätserklärung György Dalos127 schrieb in seinem Buch über
die Entstehung der demokratischen Opposition in Ungarn über diese Handlung: » Aber
die Unterschriftenkampagne war mehr als eine grundsätzliche Geste: sie war die Kon-
stituierung der demokratischen Opposition. « [108] An anderer Stelle beschrieb Dalos die

123 Petr Pithart: geb. am 2. Januar 1941. Pithart war im September 1968 aus der KSČ ausgetreten. Er wurde
am 30. Januar 1990 Abgeordneter der Föderalversammlung. Er war vom 6. Februar 1990 bis 2. Juli 1992
tschechischer Premierminister. Von 1996 bis Oktober 2012 war er Senator und von 1996 bis 1998 und
von 2000 bis 2004 Senatspräsident.
124 Ján Mlynárik: 11. Februar 1933 – 26. März 2012. Mlynárik wurde 1981 für seine Publikation zur Vertrei-
bung inhaftiert. Nach einer internationalen Kampagne von Amnesty International wurde er 1982 frei-
gelassen. Er durfte in die Bundesrepublik Deutschland emigrieren. Er kommentierte für Radio Free
Europe, BBC-Worldservice und Deutsche Welle.
125 Pavel Tigrid, geb. als Pavel Schönfeld: 17. Oktober 1917 – 31. August 2003. Tigrid lebte von 1939 bis 1946
im Londoner Exil. Nach Machtübernahme der KP in Prag floh er 1948 nach Westdeutschland und leb-
te von 1952 bis 1960 in den USA. Die nach dem Vorbild der Kultura entstandene Zeitschrift Svědectví
gab er ab 1956 in New York und ab 1960 in Paris heraus. Er war von 1990 bis 1994 im Umfeld von Václav
Havel wirksam und von 1994 bis 1996 Kulturminister der Tschechischen Republik.
126 Paul Goma: geb. am 2. Oktober 1935. Der Vater des in Bessarabien geborenen Paul Goma war 1940 von
den Sowjets nach Sibirien deportiert worden. Paul Goma wurde 1956 aufgrund seines Protestes gegen
die sowjetische Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn verhaftet und zu sieben Jahren Haft
und Zwangsarbeitslager verurteilt.
127 György Dalos: geb. am 23. September 1943. Dalos war 1984/1985 Stipendiat des Berliner DAAD-Künst-
lerprogramms. Er wurde Mitarbeiter der » Forschungsstelle Osteuropa « an der Universität Bremen.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 133

auf den Brief folgenden Aktionen der ungarischen Opposition. » Dieser Unterschriften-
sammlung folgten Aktivitäten nach polnischem Muster: Ausbau der » zweiten Öffent-
lichkeit « über Samisdat, » fliegende Universitäten « und Petitionen an die Behörden bei
Verletzungen der Menschenrechte. « [109]
» Es gibt keine gesellschaftliche Reform ohne moralisches Erwachen « formulierte der
ungarische Autor György Konrád128 und unterstrich damit den Primat des Ethischen
der anti-totalitären Opposition in den mittelosteuropäischen Staaten nach 1968. [110]
Die Betonung des Primats der Ethik hatte in Ungarn wie in den anderen realsozialisti-
schen Staaten eine eminent politische Wirkung, da sie den dem Primat des Politischen
verpflichteten und auf historische Lüge und Täuschung fundierten Staatssozialismus
prinzipiell in Frage stellte. Für die ungarischen Dissidenten, wie für die Dissidenten in
der ČSSR und in Polen, stand die ethische Fundierung ihrer Tätigkeit im Vordergrund.
Diese Haltung war schon bei Wladimir Bukowski festzustellen.
Am 12. Februar 1977 wurde ein von 62 Bürgern der Sowjetunion unterschriebener
Solidaritätsbrief für Charta 77 bekannt.
In der DDR wurde von einigen Pfarrern der Versuch unternommen, im kirchlichen
Rahmen Strukturen zu schaffen, die ein Monitoring der Ergebnisse der KSZE-Schluss-
akte von Helsinki zum Ziel haben sollten.
Der Schraplauer evangelische Pfarrer Wolfram Nierth129 und der in Osterhausen-Sit-
tichenbach wirkende katholische Priester Dieter Tautz130 initiierten einen Text mit dem
Titel » Friede und Gerechtigkeit heute «, der am 29. April 1977 im Pfarrhaus der Querfur-
ter Erlöserkirche von evangelischen und katholischen Christen unterzeichnet wurde. In
der Literatur wird der Text als » Querfurter Papier « bezeichnet. Den Autoren des Textes
lagen die wichtigsten Dokumente zur Gründung der Charta 77 und auch Dokumente
über KOR vor. Der Theologiestudent Lothar Tautz131, Gründer der Naumburger Men-
schenrechtsgruppe Freiheit und Sozialismus, organisierte mit dem Text eine Unterschrif-
tenaktion.
Der Pfarrer Hans-Jochen Tschiche132 stellte im Herbst 1977 an die vom 3. bis 5. No-
vember in Erfurt stattfindende 3. Tagung der VIII. Synode der Kirchenprovinz Sachsen
einen Antrag auf Einrichtung einer kirchlichen Monitoring-Gruppe.
Beide Initiativen wurden letztlich durch Druck des MfS auf die Kirchenleitungen un-
terbunden.

128 György Konrád: geb. am 2. April 1933. Konrád war 1977/1978 als Stipendiat des DAAD in der Bundes-
republik Deutschland. Er war von 1990 bis 1993 Präsident der internationalen Schriftstellervereinigung
P.E.N. Von 1997 bis 2003 war er Präsident der Akademie der Künste in Berlin-Brandenburg.
129 Wolfram Nierth: 2. Dezember 1932 – 2. Juni 1996. Nierth übersiedelte 1986 in die Bundesrepublik.
130 Dieter Tautz: 25. Juli 1934 – 3. Dezember 2009. Tautz hatte sich seit Ende der sechziger Jahre für die Ak-
tion Sühnezeichen und für die Ökumene engagiert.
131 Lothar Tautz: geb. am 15. April 1950. Tautz hatte auf Bundesebene ab 1990 und ab 1997 in Sachsen-An-
halt leitende politische Ämter inne. 1997/1998 war er SPD-Landesgeschäftsführer.
132 Hans-Jochen Tschiche: geb. am 10. November 1929. Tschiche trat Ende der sechziger Jahre offen gegen
die Okkupation der ČSSR auf. Er wurde im März 1990 für das Neue Forum in die Volkskammer ge-
wählt. Er war von 1990 bis 1998 Fraktionsvorsitzender der Partei Bündnis 90/Die Grünen im Landtag
von Sachsen-Anhalt.
134 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Eine Reaktion auf Charta 77 und die sich ausbreitende Solidarisierung in der » so-
zialistischen Staatengemeinschaft « erfolgte auch bei den Parteiführungen der Staaten
des sowjetischen Blocks. Auf einer Tagung am 2. und 3. März vereinbarten die für Ideo-
logie und Propaganda zuständigen ZK-Sekretäre der kommunistischen Parteien eine
gemeinsame und härtere Vorgehensweise gegen Dissidenten und oppositionelle Perso-
nenkreise.
Leonid Luks verwies wie der bereits zitierte Wóycicki auf diesen Prozess des von-
einander Lernens und auf die Vorbildfunktion hinsichtlich der Wertebasis widerstän-
digen Verhaltens: » Neben dem Samizdat verdankt der osteuropäische Dissens den so-
wjetischen Regimekritikern die Konzeption der Bürgerrechtsbewegung. […] Da der
Kampf um Menschenrechte innerhalb der bestehenden Strukturen nicht möglich war,
mußten die sowjetischen Bürgerrechtler ihre eigenen organisatorischen Strukturen ent-
wickeln. […] Dem Primat des Politischen haben sie den Primat des Ethischen bzw. ein
neues Politikverständnis entgegengesetzt. « [111]
Der Hinweis des polnischen Soziologen Edmund Wnuk-Lipiński, dass sich gerade in
Polen die » ethische Bürgergesellschaft « als » außerordentlich wirksames Instrument der
gesellschaftlichen Emanzipation gegenüber dem kommunistischen Regime « erwiesen
habe, ist sachlich richtig, solange er nicht als eine Sonderstellung Polens bzw. als die Al-
leinstellung der Bedeutung der katholischen Kirche Polens als Ursache verstanden wird.
[112] Eine zu starke Hervorhebung der Rolle der katholischen Kirche verkennt einerseits
zu leicht die nachgewiesenen Verstrickungen kirchlicher Würdenträger mit dem Re-
gime und unterschätzt andererseits die herausragenden Beiträge laizistischer Kreise am
Umbruch in Polen.
Von den Erfahrungen polnischer Oppositioneller wiederum profitierten ab Mitte der
siebziger Jahre auch Dissidenten in der DDR. Ludwig Mehlhorn hob hervor: So » hat
mich der Kontakt mit meinen polnischen Freunden Mitte der 70er Jahre sehr geprägt.
Ich habe die entstehende polnische Opposition von 74/75 an wahrgenommen und von
dort aus entscheidende Anstöße erhalten. « [113] Mehlhorn stellte aber zugleich fest, dass
es » einen substantiellen Dialog […] zwischen der polnischen und der DDR-Opposition
nicht gab. « [114]
Hierfür fehlte es in der DDR auch Ende der siebziger Jahre noch an entsprechenden
Strukturen. Die » Kulturopposition « von Intellektuellenkreisen und einzelne sozialethi-
sche Basisgruppen verstanden sich im Gegensatz zu einigen Dissidentengruppen in Po-
len und in der ČSSR, nicht als System-Opposition. [115] Die DDR-Opposition wies zu-
dem erhebliche strukturelle Defizite auf. Stephan Bickhardt133, der 1980 mit der Aktion
Sühnezeichen zu einer Begegnung mit Mitgliedern der Klubs der katholischen Intelli-
genz in Breslau und Krakau erstmalig nach Polen gereist war, wies bei einem Zeitzeu-
gengespräch 2001 auf einen zusätzlichen Grund für die relative Schwäche der DDR-Op-
position hin: » Ein weiterer Grund ist selbstverständlich die intellektuelle Ausdünnung

133 Stephan Bickhardt: geb. am 3. September 1959. Bickhardt gehörte ab Mitte der achtziger Jahre zur kirch-
lichen Friedensbewegung. Er war 1989 Gründungsmitglied der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 135

der DDR durch die Fluchtbewegung in den fünfziger Jahren. Es gab bei uns keine bür-
gerliche Schicht wie in Polen, Ungarn oder der CSSR. « [116]
Beim Zeitzeugengespräch ergänzte Gerd Poppe134: » Ich sehe durchaus, daß sich in
der DDR Hoffnungen auf Reformen viel länger erhielten als in den anderen Ländern, wo
sie spätestens nach 1968, also nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag
verloren gegangen sind. Die Zweifel an der Reformierbarkeit des Systems führten dort
schließlich zur Stärkung der Opposition. « [117] Gerd Poppe hatte bereits in den siebziger
Jahren Kontakte zu führenden Dissidenten in der ČSSR, so 1978 zu Petr Uhl.
Ein erster Kontakt von DDR-Dissidenten zur ungarischen Dissidenz kam bei einer
DDR-Reise von György Dalos im Jahre 1973 zustande. Dalos lernte in Jena u. a. Jürgen
Fuchs kennen. Der ungarische Dissident, Historiker und Schriftsteller reiste häufig in
die DDR. Er unterhielt zu mehreren ostdeutschen Schriftstellern Beziehungen und
vermittelte ab Mitte der siebziger Jahre kontinuierliche Kontakte zwischen Oppositio-
nellen in der DDR und der ungarischen Dissidenz. Reinhard Weißhuhn135 berichtete
über weitere Begegnungen: » Vermittelt über diese Kontakte kam es auch zum ersten
Treffen zwischen mir und Dalos 1975 in Budapest. Bei dieser Gelegenheit machte ich
auch die Bekanntschaft mit Haraszti (Miklós Haraszti136, D. P.), Kis (János Kis137, D. P.),
Bence (György Bence138, D. P.) und Petri (György Petri139, D. P.). In den folgenden Jah-
ren machte ich wiederholt Reisen nach Budapest und lernte im Laufe der Zeit die meis-
ten der aktiven Angehörigen der demokratischen Opposition kennen. « [118] Ferner
schrieb Weißhuhn, dass das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (MfS) und die
ungarische Geheimpolizei ab 1978 kooperierten, um die Aktivitäten der Dissidenten zu
überwachen.
Für die auch noch Ende der siebziger Jahre und in den achtziger Jahren fortdau-
ernde Bindung von Intellektuellen in der DDR an der Vorstellung der Reformfähigkeit
des kommunistischen Systems war der Philosoph Rudolf Bahro140 ein Beispiel. Bahro
hatte ab 1972 am Manuskript für ein Buch gearbeitet, das eine sozialistische Alternative
zum Realsozialismus der DDR aufzeigen sollte. Am 22. August 1977 veröffentlichte Der

134 Gerd Poppe: geb. am 25. März 1941. Poppe war von 1990 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages
für die Partei Bündnis 90/Die Grünen. Von 1998 bis 2003 war er Beauftragter der Bundesregierung für
Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe.
135 Reinhard Weißhuhn: geb. am 4. April 1951. Weißhuhn war 1982 Erstunterzeichner des » Berliner Ap-
pells «. Er übersetzte in den achtziger Jahren ungarische Samisdat-Publikationen.
136 Miklós Haraszti: geb. am 2. Januar 1945. Haraszti war 1973 unter dem Vorwurf des Trotzkismus aus
der MSZMP ausgeschlossen worden. Er war 1977/1978 als Stipendiat des DAAD in der Bundesrepublik
Deutschland. Er war von 2004 bis 2010 Medienbeauftragter der OSZE in Europa.
137 János Kis: geb. am 17. September 1943. Kis ist Professor für Politologie.
138 György Bence: 8. Dezember 1941 – 28. Oktober 2006. Er erhielt 1982 ein Stipendium von Soros für einen
Forschungsaufenthalt in New York.
139 György Petri: 22. Dezember 1943 – 16. Juli 2000.
140 Rudolf Bahro: 18. November 1935 – 5. Dezember 1997. Bahro wurde im Oktober 1979 amnestiert und in
die Bundesrepublik abgeschoben. Er engagierte sich in der Bundesrepublik bei der neugegründeten
Partei Die Grünen. Es würde zu weit führen, die verschlungenen Wege des folgenden politischen und
wissenschaftlichen Engagements Bahros nachzuzeichnen.
136 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Spiegel einen Auszug aus dem im September des Jahres in der Bundesrepublik bei der
Europäischen Verlagsanstalt erscheinenden Buch » Die Alternative. Zur Kritik des real
existierenden Sozialismus « und ein Interview mit Bahro. Bahro wurde am folgenden
Tag verhaftet und am 30. Juni 1978 zu achtjährigem Freiheitsentzug verurteilt. Die Ver-
haftung und Verurteilung Bahros löste in der DDR Proteste aus. Es entstanden zudem
sogenannte Bahro-Lesekreise, die sich mit dem Buch » Die Alternative « beschäftigten.
Zur Einschätzung legaler Aktionsfelder oppositionellen Verhaltens in der DDR ist
zu erwähnen, dass nach » Helsinki « die Strafverfolgung bei widerständigem Verhalten
durch gezielte Kriminalisierung noch verschärft wurde. » So schnitt die SED […] das po-
litische Strafrecht auf mögliche Versuche von DDR-Bürgern zu, festgelegte Rechte und
auch Rechtsmittel internationaler Organisationen wahrzunehmen. […] Das 3. Straf-
rechtsänderungsgesetz aus dem Jahr 1979 faßte den § 219 StGB » Ungesetzliche Verbin-
dungsaufnahme « derart, daß es zur Kriminalisierung jedes Versuches herhalten konnte,
internationale Organisationen um Hilfe oder Beistand zu bitten. « [119]
Es waren in der ČSSR nach » Helsinki « nicht nur Intellektuelle, die dem Regime wir-
kungsvoll widerstanden. Parallel zur Entstehung der Charta formierte sich öffentlicher
Protest aus den Reihen der verfolgten und teilweise in den Untergrund gedrängten ka-
tholischen Kirche, insbesondere in Mähren und in der Slowakei. Tomáš Halík141, ein
1978 in Erfurt (sic !) insgeheim zum Priester ordinierter Soziologe und Religionsphi-
losoph, charakterisierte die Situation der katholischen Kirche in der ČSSR folgender-
maßen: » Wohl nirgendwo sonst im ganzen sowjetischen Block – mit Ausnahme Al-
baniens  – war die Religion so drastisch aus dem öffentlichen Raum wie in der ČSSR
verdrängt worden. Der sowjetische Kommunismus hatte die Tschechoslowakei offenbar
als Terrain für das Experiment einer totalen Atheisierung der Gesellschaft ausgewählt –
und zwar deshalb, weil dafür günstige historisch-gesellschaftliche Voraussetzungen be-
standen. « [120]
Zur Situation der katholischen Kirche in der ČSSR ist der Hinweis auf diese durch
staatlichen Zwang bedingte Untergrundkirche, die » ecclesia silentii «, erforderlich:
Durch vermutlich bereits 1948 vom Vatikan erteilte Dispense vom geltenden Kirchen-
recht wurden ab 1949 in der Tschechoslowakei und aus Gründen der besseren Tarnung
auch in Polen und in der DDR (sic !) geheim tschechische und slowakische Priester und
Bischöfe geweiht. Von 1967 bis 1989 wurde von bereits geheim ordinierten Bischöfen
eine größere Zahl weiterer Bischöfe und eine Vielzahl Priester – einige von ihnen waren
verheiratet – im » Untergrund « geweiht. [121] In der Slowakei waren oppositionelle Be-
strebungen vielleicht deshalb fast ausschließlich religiös begründet und es entwickelte
sich keine größere bürgerrechtliche Opposition, da hier die » politischen Säuberungen
und die Repression nach 1968 […] schwächer ausfielen als im tschechischen Landes-
teil. « [122] Primäre Objekte kommunistischer Repressionspolitik in der Slowakei blieben
die katholische Kirche und die für Religionsfreiheit eintretenden Gläubigen.

141 Tomáš Halík: geb. am 1. Juni 1948. Der Soziologe Halík hatte im Untergrund Theologie studiert, war in
den achtziger Jahren im Untergrund aktiv und Mitarbeiter von František Kardinal Tomášek. Er war von
1990 bis1993 Generalsekretär der tschechischen Bischofskonferenz. Er ist Professor für Soziologie.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 137

Zipser Geistliche begannen 1973 mit der Herausgabe einer philosophisch-theologi-


schen Untergrundzeitschrift mit dem Namen Orientácia. [123]
Die auch nach » Helsinki « fortgesetzte staatliche Unterdrückung kirchlichen Lebens
in der ČSSR wurde dann nach 1975 ursächlich für die Gründung einer großen Anzahl
informeller Gruppierungen und diverser Netzwerke von Gläubigen, insbesondere in der
Slowakei, und wurde zudem Gegenstand öffentlich wirkender Protestaktionen.
Herausragend ist das Beispiel des Kleinlandwirts Augustin Navrátil142. Er forderte
mit Berufung auf die Schlussakte von Helsinki Religionsfreiheit und wurde daraufhin
zwangsweise in den zu Beginn der fünfziger Jahre vom Staatssicherheitsdienst einge-
richteten » Pavilon Č. 17 « des Krankenhauses für Psychiatrie im Prager Stadtteil Bohnice
verbracht. Die Diagnose lautete » paranoia querulans «. Aufgrund internationaler Pro-
teste musste er wieder freigelassen werden. Navrátil wurde, wie noch darzustellen sein
wird, in den Jahren 1987 und 1988 zu einem überaus erfolgreichen Initiator und Organi-
sator von Protestaktionen beim Kampf um Religionsfreiheit.
Die internationale Beachtung, die Repressionsmaßnahmen der kommunistischen
Regime fanden, war zu einem großen Teil der Arbeit von Radio Free Europe/Radio Li-
berty zu verdanken. Gleichzeitig erreichten es die Sendungen von RFL/RL, dass die Dis-
sidenten, Protest- und Menschenrechtsbewegungen mit ihren Aufrufen, Protesten und
Dokumentationen bei breiten Bevölkerungskreisen ihrer Länder hohe Aufmerksamkeit
erlangten.
Es war daher bedeutsam, dass Präsident Carter zwei Monate nach Amtsantritt, am
22. März 1977, beim Kongress Mittel für die Installierung weiterer Sendeanlagen bean-
tragte. Er deklarierte die Forderung » als Teil unseres Engagements für den freieren Aus-
tausch von Informationen und Ideen « und verortete damit die Initiative als Teil seiner
Menschenrechtspolitik. [124] Bundeskanzler Helmut Schmidt wandte sich entschieden
gegen den Ausbau der in der Bundesrepublik Deutschland installierten Sender. [125]
In Polen wurde am 25. März 1977 mit ROPCiO (Ruch Obrony Praw Człowieka i
Obywatela), deutsch: Bewegung für die Verteidigung von Menschen- und Bürgerrech-
ten, eine weitere, eher nationalistische Vereinigung gegründet. An der Gründung nah-
men ehemalige Mitglieder der Untergrundgruppe Ruch teil, nämlich Andrzej Czuma,
Marian Gołębiewski und, Stefan Niesiołowski, die 1971 zu mehrjährigen Haftstrafen ver-
urteilt worden waren. Mitgründer waren ferner der Anwalt Stefan Kaczorowski143, der
aus Protest gegen Kurońs » Gedanken zu einem Aktionsprogramm « aus dem KOR aus-
getreten war, der Brigadegeneral a. D. Mieczysław Ludwik Boruta-Spiechowicz144 und
Leszek Moczulski145, der zwei Jahre später, im September 1979, mit der Konfederacja
Polski Niepodległej (KPN) die erste unabhängige Partei gründete. Mitglied von ROPCiO

142 Augustin Navrátil: 22. Dezember 1928 – 2. Mai 2003. Navrátil war Signatar von Charta 77.
143 Stefan Kaczorowski: 18. November 1899 – 1. Januar 1988. Kaczorowski war vor 1937 Mitglied der Christ-
lich-Demokratischen Partei Polens und enger Mitarbeiter des Parteigründers Wojciech Korfanty.
144 Mieczysław Ludwik Boruta-Spiechowicz: 20. Februar – 13. Oktober 1985.
145 Leszek Moczulski: geb. 7. Juni 1930. Moczulski war von 1993 bis 1997 Abgeordneter der KPN im Sejm.
1997 wurde aufgedeckt, dass er von 1969 bis 1977 mit dem Geheimdienst Służba Bezpieczeństwa (SB)
kooperiert hatte.
138 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

wurde auch Aleksander Hall146. Mitglieder von ROPCiO gaben am 30. April die erste
Ausgabe der Samisdat-Zeitung Opinia heraus.
Als am 7. Mai der Krakauer Student und KOR-Mitarbeiter Stanisław Pyjas147 tot auf-
gefunden wurde – nach Indizien wurde er vom Staatssicherheitsdienst SB ermordet –
kam es zu Massenprotesten und an Universitäten zur Gründung von Studencki Komitet
Solidarności, SKS, Studenten Solidaritäts-Komitees. [126]
Die KOR-Aktivisten Bronisław Wildstein148, Józef Ruszar149 und Bogusław Sonik150
waren die führenden Mitglieder des am 15. Mai gegründeten SKS in Krakau. Róża
Woźniakowska151 trat dem SKS nach seiner Gründung bei und wurde 1978/1979 Spre-
cherin der Krakauer Gruppe. Zu dieser Zeit wurde auch der Soziologiestudent Jarosław
Guzy152 Mitglied. Eines der führenden Mitglieder des SKS in Warschau war der auch bei
KOR engagierte Ludwik Dorn153. Es ist überaus bemerkenswert, welche politische Kar-
riere mehrere der Gründer des SKS in der Zeit nach dem Systemwechsel 1989 machten.
Dies ist Beleg für das außerordentliche personelle Potential, das sich in den relativ klei-
nen Gruppen sammelte.
Die zunehmenden Repressionen gegen Mitglieder von KOR trugen mit dazu bei, dass
sich KOR am 29. September 1977 mit erweiterter Zielsetzung neu konstituierte und um-
benannte in KSS » KOR «, Komitet Samoobrony Społecznej KOR, deutsch: Komitee für ge-
sellschaftliche Selbstverteidigung KOR. Durch Erweiterung des Betätigungsfeldes wurde
KSS » KOR « zu einer Initiative für Bürgerrechte. Dabei übernahm KSS » KOR « bewusst
Aktionsformen der sowjetischen Menschenrechts- und Bürgerrechtsbewegung. [127]
Für diesen Aufgabenbereich hatte KOR bereits am 9. Mai ein Biuro Interwencji
» KOR «, Interventions-Büro KOR, gegründet, das ab September 1977 Biuro Interwencji
KSS » KOR « hieß. Die Leitung des Büros übernahm der bereits seit Beginn der Aktivitä-
ten von KOR in Radom engagierte Physiker und Mitarbeiter der Polska Akademia Nauk

146 Aleksander Hall: geb. am 20. Mai 1953. Hall war 1989/1990 Minister in der Regierung von Mazowiecki.
147 Stanisław Pyjas: 4. August 1953 – 7. Mai 1977.
148 Bronisław Wildstein: geb. am 11. Juni 1952. Wildstein lebte von 1980 bis Anfang der neunziger Jahre in
Frankreich, wo er u. a. für Radio Free Europe arbeitete. Er ist heute in Polen ein bekannter Journalist.
149 Józef Ruszar: geb. am 2. März 1952. Ruszar ging 1983 mit einem Stipendium des KAAD in die Bundes-
republik. Von 1984 bis 1993 arbeitete er bei Radio Free Europe.
150 Bogusław Sonik: geb. am 3. Dezember 1953. Sonik war 1981 stellvertretender Vorsitzender der NSZZ
» Solidarność der Region Małopolskie. Nach Inhaftierung während des Kriegsrechts lebte er von 1983 bis
1997 in Frankreich. Seit 1984 arbeitete er für verschiedene Fernsehanstalten, u. a. für Radio Free Europe.
Seit 2004 ist er Abgeordneter im Europaparlament.
151 Róża Woźniakowska (verheiratete Thun: vollständiger Name: Gräfin von Thun und Hohenstein): geb.
am 13. April 1954. Thun lebte von 1981 bis 1991 in der Bundesrepublik Deutschland. Sie war 1992 – 2005
Direktorin und Leiterin des Vorstands der Robert-Schuman-Stiftung in Warschau. 2005 bis 2009 war
sie Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Warschau. Sie wurde 2009 Abgeordnete
im Europaparlament.
152 Jarosław Guzy: geb. am 31. Dezember 1955. Guzy wurde 1980 Vorsitzender des unabhängigen Studen-
tenverbandes NZS. Er ging 1988 in die USA und kehrte erst 1991 nach Polen zurück.
153 Ludwik Dorn: geb. am 5. Juni 1954. Dorn war 2001 Mitbegründer der Partei » Recht und Gerechtigkeit «
(PiS). Er war 2005 – 2007 polnischer Vizepremier sowie Minister des Inneren. Er war 2007 kurzzeitig
Marschall des Sejms. Dorn ist heute unabhängiger Parlamentsabgeordneter.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 139

(PAN), Polnische Akademie der Wissenschaften, Zbigniew (» Zbyszek «) Romaszewski154.


Romaszewski wurde auch bei diesem Engagement von seiner Frau, der Physikerin Irena
Zofia Romaszewska155, stark unterstützt. Der Philologe und Journalist Stefan Starczew-
ski156 war einer der Stützen der Gruppe. Auch Jarosław Kaczyński war Mitarbeiter des
Biuro Interwencji KSS » KOR «.
Gleichzeitig wurde der Sozialfonds von KSS » KOR « gegründet. Jan Kielanowski157,
Edward Lipiński, Józef Rybicki, die Schauspielerin und Regisseurin Halina Mikołajska158,
der Historiker Wacław Zawadzki159 und Jan Zieja standen dem Fonds als Rat vor.
Die Tätigkeit von KSS » KOR « bewirkte, dass sich bei einigen Bürgern Verhaltensfor-
men änderten. Der polnische Schriftsteller Kazimierz Brandys hat dies in seinem » War-
schauer Tagebuch « literarisch treffend beschrieben: » Schon seit längerem war deutlich
geworden, daß die Bewegung zur Verteidigung der Gesellschaft […] bestimmte Eigen-
schaften der Menschen, die durch jahrelanges Schweigen verwischt und verdeckt wor-
den waren, zutage förderte. Viele, die stumm gewesen waren, redeten jetzt, und es traten
sowohl die Proselyten als auch die Skeptiker und die Indifferenten hervor. « [128]
Mit Gründung des Untergrundverlags Niezależna Oficyna Wydawnicza (NOW-a)
durch Mirosław Chojecki160, dem bald größten Verlag des sogenannten » drugi obieg «
(Zweiter Umlauf), und – ab September 1977 – der Herausgabe der Zeitung Robotnik,
deutsch: Arbeiter, erreichte KSS » KOR « sehr bald in gesellschaftlichen Bereichen Wir-
kung, die für den traditionellen Samisdat unzugänglich blieben. » › Robotnik ‹ war in
der ersten Zeit ein Organ, das nahezu ausschließlich über konkrete Mißstände im Be-
trieb […] berichtete. Nach einiger Zeit jedoch veränderte sich die Gewichtung der The-
men. Es erschien eine Reihe mit historischen Artikeln, u. a. über die Führer der PPS, den
Warschauer Aufstand, den Ribbentrop-Molotow Pakt und die Morde an polnischen Of-
fizieren in Katyn. « [129]
Von Beginn an sollte Robotnik die Arbeiter nicht nur mit unzensierten Beiträgen in-
formieren, sondern zugleich auch einen Beitrag zu ihrer Mobilisierung und Organisie-
rung leisten. Ab der zweiten Ausgabe firmierte der Mathematiker und KOR-Aktivist Jan
Lityński161 als Chefredakteur. Weitere Intellektuelle, die später bei Solidarność zu Promi-

154 Zbigniew Romaszewski: 2. Januar 1940 – 13. Februar 2014. Romaszewski war von 1989 bis 2011 Senator.
Von 2007 bis 2011 war er Vizemarschall des Senats.
155 Irena Zofia Romaszewska: geb. am 17. August 1940. Zofia Romaszewska war von 1989 bis 1994 Direkto-
rin des Interventionsbüros des Senats.
156 Stefan Starczewski: geb. am 27. Mai 1935. Er wurde 1989 Stellvertretender Kulturminister.
157 Jan Kielanowski: 16. Juni 1910 – 6. Januar 1989. Der Zoologie-Professor war Signatar von List 59, Mitglied
von KOR und aktiv bei TKN.
158 Halina Mikołajska: 22. März 1925 – 22. Juni 1989. Halina Mikołajska war die Ehefrau von Marian Bran-
dys, des Bruders von Kazimierz Brandys.
159 Wacław Zawadzki: 30. November 1889 – 28. Juli 1978. Zawadzki war Signatar von List 59.
160 Mirosław Chojecki: geb. am 1. September 1949. Chojecki war bei Einführung des Kriegsrechts in den
USA. Er kooperierte in Paris mit Jerzy Giedroyć und wurde zu einem der wichtigsten Repräsentanten
der Solidarność im Ausland.
161 Jan Lityński: geb. am 18. Januar 1946. Lityński, als Jugendlicher Mitglied der von Jacek Kuroń geleiteten
Jugendgruppe » Walterowcy «, Anfang der sechziger Jahre Mitglied eines von Adam Michnik gegrün-
140 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

nenz gelangten, zeichneten als Redakteure. Unter ihnen das KOR-Mitglied und Absol-
vent der Katholischen Universität Lublin, der Historiker Bogdan Borusewicz162, » who
had conducted intensive organizing among the workers on the coast. « [130] Ein weiterer
KIK-Aktivist, KOR-Mitglied Henryk Wujec163, war Mitgründer der Zeitung. Laut Lipski
kam Wujec zusammen mit Lityński die zentrale Rolle bei Robotnik zu. [131] Von großer
Bedeutung war auch der Beitrag der Redakteurin Helena Łuczywo164, die seit 1976 Mit-
glied bei KOR war.
Von 1977 bis Dezember 1981 erschienen insgesamt 80 Ausgaben des Robotnik.
Die Formierung von KSS » KOR « war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Eta-
blierung zivilgesellschaftlicher Strukturen in der Volksrepublik Polen. Jacek Kuroń be-
schrieb 1978 sein Konzept ziviler Selbstverwaltung (» samorząd «), zu der er KSS » KOR «
rechnete:

» Das totalitäre System zeichnet sich in erster Linie durch die Atomisierung der Gesellschaft
und die Zersetzung aller sozialen Bindungen aus. Deshalb muß sich der Kampf um die De-
mokratisierung in erster Linie […] auf die Einrichtung von selbstverwalteten, vom Staat un-
abhängigen Organisationen richten, die die Mehrheit oder zumindest einen großen Teil der
Nation erfassen. « [132]

Kuroń machte in seinem konzeptionellen Beitrag bewusst eine Anleihe bei der in polni-
schen Intellektuellenkreisen relativ breit rezipierten Analyse totalitärer Systeme durch
Hannah Arendt. Für Arendt war Grundlage der Herrschaft totalitärer Systeme die Zer-
störung aller sozialen Beziehungen und der vom Staat unkontrollierten Bindungen. [133]
Den Prozess, den das Regime der ČSSR nach der Okkupation 1968 inszenierte, be-
zeichnet Jan Pauer gleichfalls als » Atomisierung « der Gesellschaft. [134]
Michniks Vorstellungen von der Organisation gesellschaftlicher Gegenstrukturen
stimmten mit den Ideen Kurońs überein. [135] Beide gaben zusammen mit Lipski Biule-
tyn Informacyjny KOR heraus. Durch diese Tätigkeit, als Herausgeber der Vierteljah-
resschriften Zapis und Krytyka – erster Chefredakteur von Krytyka war Stefan Star-
czewski – und auch durch seine Kontakte nach Frankreich wurde Michnik zu einer der
tragenden Figuren der Organisation.
Von herausragender Bedeutung für die sich herausbildende Kooperation zwischen
linksorientierten laizistischen und katholischen Intellektuellen wurde Michniks Pu-

deten sozialistischen Jugendklubs, war Mitorganisator der Studentendemonstrationen 1968 und wurde
anschließend zu 2 ½ Jahren Haft verurteilt. Von 1989 bis 2001 war er Abgeordneter im Sejm.
162 Bogdan Borusewicz: geb. am 11. Januar 1949. Er heiratete während des Kriegsrechts und nach seinem
Abtauchen in den Untergrund Alina Pieńkowska. Borusewicz war von 1991 bis 2001 Abgeordneter im
Sejm. 1997 bis 2000 war er Innenminister. Er wurde 2005 Marschall des Senats.
163 Henryk Wujec: geb. am 25. Dezember 1940 (in offiziellen Dokumenten: 1. Januar 1941). Mitglied des KIK
in Warschau seit 1962, KOR-Mitglied seit 1976. Wujec war von 1989 bis 2001 Abgeordneter im Sejm. Er
wurde im Oktober 2010 Berater von Präsident Bronisław Komorowski.
164 Helena Łuczywo: geb. am 18. Januar 1946. Łuczywo wurde im Februar 1981 Leiterin der Agencja Praso-
wa Solidarność (AS), der Presseagentur der NSZZ Solidarność, und 1982 zusammen mit Adam Michnik
Herausgeberin des Tygodnik Mazowsze, der größten Zeitung des Untergrunds.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 141

blikation » Kościół, lewica, dialog «, die 1977 in Jerzy Giedroyćs Verlag Instytut Literacki
in Paris veröffentlicht wurde. [136] Das Vorwort schrieb der katholische Publizist Stefan
Kisielewski, der von 1957 bis 1964 für die Gruppe Znak Abgeordneter im Sejm war. Carl
Tighe schrieb 1997 über Michnik: » If there is a key personality in the history of the Po-
lish democratic opposition it is not Lech Wałęsa, but Michnik. If there is a key moment
in the history of that opposition it is not Wałęsa climbing the shipyard wall to join the
Gdańsk strike in August 1980, but 1977, when Michnik’s book Kosciól, Lewica – Dialog
(The Church, The Left – Dialogue) laid out for all to see just how the left oppositionists,
nationalists and Catholic Church could co-operate to create a life with dignity. « [137] » He
re-asserts the fundamental ideals of Judeo-Christian individualism by trying to › live in
truth ‹ regardless of what is going on around him «. [138]
Michnik baute mit seiner Schrift den an den Werten von Rechtsstaat und Demokra-
tie orientierten Linksintellektuellen die Brücke zu dem Segment der katholischen Intelli-
genz, das sich im Kampf mit dem Absolutismus der kommunistischen Herrschaft eben-
falls diesen Werten verpflichtet wußte. Seine Berufung auf das gleiche Menschenbild
ermöglichte den katholischen Intellektuellen wiederum die Kooperation mit den Laizis-
ten, ohne dass sie von retardierenden Segmenten der kirchlichen Hierarchie angreifbar
wurden. Die katholische Hierarchie stellte er vor die Frage, ob die Kirche tatsächlich für
die Freiheit nicht nur der Gläubigen, sondern für die Freiheit aller Menschen eintritt:
» Does the Church genuinely seek freedom for every human being, including believers
in other religions as well as non-believers ? « [139]
Michnik bezieht sich mit seiner Publikation direkt auf das 1971 erschienene Buch
Bohdan Cywińskis » Rodowody niepokornych «, deutsch: Herkunft der Aufbegehrenden.
» Bezug nehmend auf das einige Jahre zuvor erschienene Buch Rodowody niepokornych
[…] plädiert er nun umgekehrt für eine Öffnung des linken Flügels der polnischen In-
telligenz gegenüber dem Katholizismus. « [140]

» Die Linken müssen endlich begreifen, dass die Religion, von der sich der Autor der › Genea-
logien ‹ und die ihm nahestehenden Katholiken inspirieren lassen, kein › Opium des Volkes
ist ‹, sondern vielmehr eine Quelle fortschrittlich humanistischer Haltungen darstellt. Für uns
Übrige von der laikalen Linken stellt die Begegnung mit dem Christentum auf der Basis von
Werten wie Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit, Würde der menschlichen Person, Suche nach
Wahrheit, keine nur konjunkturbedingte Bündnisfrage dar, sondern verweist auf eine neue
Ideengemeinschaft, welche geeignet ist, den Einsatz für den demokratischen Sozialismus als
eine gemeinsame sinnvolle Sache zu betrachten. « [141]

Luks weist darauf hin, » daß das Buch Michniks zu einer Zeit erschien, als der Dialog
zwischen den unabhängigen Katholiken und der nonkonformistischen Linken bereits
in vollem Gange war. Eingeleitet […] nicht nur durch die Schrift Cywińskis, sondern
auch durch manche Initiativen der unabhängigen katholischen Presseorgane seit An-
fang der siebziger Jahre, vor allem durch die Zeitschrift Więź. « [142] Anstatt die Ausein-
andersetzung mit den » offiziellen « marxistischen Positionen der PZPR zu führen, öff-
nete sich die Zeitschrift für den Dialog mit den » heimatlos gewordenen nonkonformen
142 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Linken «.  [143] Auch der konservativere Tygodnik Powszechny gab oppositionellen sozia-
listischen Schriftstellern und Dichtern ab Beginn der siebziger Jahre die Möglichkeit zur
Publikation, so z. B. Antoni Słonimski.
Vor dem Hintergrund der Erfahrung von 1968 und von 1970, der durch die Reak-
tion der Macht bewirkten Aufgabe revisionistischer Hoffnungen in der ČSSR wie in
Polen, entwickelte Michnik die Strategie des » neuen Evolutionismus «. [144] Er habe, so
Michnik, zu akzeptieren, » daß die Umwandlungen in Polen zumindest in ihrer ersten
Phase nur im Rahmen der › Breschnew-Doktrin ‹ möglich sind. « (S. 306) Es » gibt […]
nur einen Weg, den die Dissidenten in den Ostblockländern einschlagen können: den
Weg eines unaufhörlichen Kampfes um Reformen zugunsten einer Evolution, die die
bürgerlichen Freiheiten vergrößert und die Beachtung der Menschenrechte garantiert. «
(S. 305) Und an einer anderen Stelle: » Für die Machthaber kann es keine klareren Leh-
ren geben als die, die durch den Druck der Basis geliefert werden. Das Wichtigste an
der Konzeption des neuen Evolutionismus ist die Stärkung des Bewußtseins der Arbei-
terschaft […] es sind sicherlich die Arbeiter, vor denen die Mächtigen Furcht empfin-
den. Der Druck, den diese soziale Gruppe ausübt, ist die sine qua non-Bedingung für
die Entwicklung des politischen Lebens zu einer Demokratisierung. « (S. 306 f.) Mit dem
» neuen Evolutionismus « distanzierte sich Michnik von den auf Reformen der KP zie-
lenden Revisionisten und grenzte sich ab gegenüber den » Neopositivisten « der katho-
lischen Intelligenz. In Übereinstimmung mit den strategischen Vorstellungen anderer
Akteure wurden Michniks Überlegungen zur theoretischen Grundlage der sich formie-
renden Opposition in Polen und zum Vorbild dissidentischer Bestrebungen in der ČSSR
und in Ungarn.
Erstmals präsentierte Michnik diese Vorstellungen 1976 auf einer in Paris durchge-
führten Konferenz zum 20. Jahrestag des ungarischen Volksaufstandes.

» Meiner Meinung nach ist die einzig mögliche Politik für Dissidenten in Osteuropa ein un-
ablässiger Kampf für Reformen zugunsten einer Evolution, die zu einer Ausdehnung der bür-
gerlichen Freiheiten führen und die Respektierung der Menschenrechte garantieren wird. Das
Beispiel Polen zeigt, dass anhaltender gesellschaftlicher Druck auf die Regierung nicht gerin-
ge Konzessionen hervorbringen kann. Die polnische Opposition, so könnte man sagen, hat eher
den spanischen als den portugiesischen Weg gewählt. Sie strebt eher allmähliche und partiel-
le Veränderungen an als den gewaltsamen Sturz des bestehenden Regimes. Die Grenzen dieser
partiellen Revolution werden wahrscheinlich noch auf lange Zeit durch die politische und mili-
tärische Präsenz der UdSSR in Polen festgelegt sein. « [145]

Dalos merkte an, dass » Michniks Nostalgie bezüglich des spanischen Wegs […] auch
von dem ungarischen Oppositionellen Miklós Haraszti geteilt « wurde. [146]
Michniks Vorstellungen eines » neuen Evolutionismus « waren bei KSS » KOR « nicht
unumstritten. Carl Tighe weist darauf hin, dass beispielsweise Antoni Macierewicz von
Beginn an die von Michnik intendierte begrenzte Kooperation mit reformwilligen Kräf-
ten innerhalb der PZPR ablehnte. [147]
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 143

Macierewicz, Piotr Naimski und weitere KOR-Aktivisten im Umfeld der seit Oktober
1977 erscheinenden Samisdat-Zeitschrift Glos bildeten innerhalb von KSS » KOR « sehr
bald eine innerverbandliche Opposition zur Mehrheitsgruppe um Kuroń, Michnik und
Lipski. Diese Divergenzen, Lipski bezeichnet sie in seinem Buch » KOR « als Polarisie-
rung [148], sollen hier jedoch nicht weiter behandelt werden.
Die Kongruenz zentraler Vorstellungen Kurońs und Michniks mit den Vorstellungen
des katholischen Intellektuellen Mazowiecki belegen dessen Aussagen in seinem Ab-
schlussreferat auf einem im November 1977 vom Warschauer KIK veranstalteten Men-
schenrechtsseminar:

» Nur eine Gesellschaft, die ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung im Protest und im Bewirken
einer gesellschaftlichen Infrastruktur unter Beweis stellt, nur eine Gesellschaft, die ihre Fä-
higkeit, ein Subjekt zu sein, bewahrt, kann etwas retten und etwas erkämpfen. « [149]

Mazowiecki zitiert zum Ende seines Abschlussreferats aus Zbigniew Herberts Gedicht
» Des Herrn Cogito Vermächtnis «: » Gehe aufrecht wo andere knien […] steh auf und
gehe. […] Bleibe treu und geh. « Er hätte auch Dietrich Bonhoeffer zitieren können, über
den er in der Zeitschrift Więź einen längeren Artikel verfasste und der ihm als » Orien-
tierungsfigur « diente. [150]
Helmut Fehr fasste in seiner Darstellung der Entwicklung systemalternativer Re-
formkonzepte die Vorstellungen Mazowieckis wie folgt zusammen: » Die Überlegun-
gen Mazowieckis und anderer Sprecher der demokratischen Opposition gipfelten in
zwei Annahmen, die für den politischen Diskurs über die Grundlagen der zivilen Ge-
sellschaft in Polen eine fokusbildende Bedeutung erhielten: die schrittweise Erweite-
rung von Freiheitsräumen der Bürger und der Aufbau der › Subjekthaftigkeit ‹ der Ge-
sellschaft. « [151]
Zum besseren Verständnis der Bedeutung des Gremiums, vor dem Mazowiecki sein
zitiertes Referat hielt, gehört der Hinweis, dass der Warschauer KIK zu jener Zeit gegen
1 750 Mitglieder hatte, es sich demnach nicht um eine Quantité négligeable der polni-
schen Gesellschaft handelte. Dieses wurde und wird in Westeuropa, auch in der Bun-
desrepublik, häufig übersehen. Im Westen war KSS » KOR « die bekanntere Organisation,
auch aufgrund der in den Westmedien präsenteren Führungspersonen Michnik und
Kuroń. Zur weiteren Vervollständigung möchte ich erwähnen, dass an dem KIK-Men-
schenrechtsseminar auch der Kirche völlig fernstehende Intellektuelle teilnahmen, wie
z. B. der Soziologe Jan Strzelecki.
Für die Dissidenz in der DDR waren die KIKs von großer Bedeutung. An dem Se-
minar nahmen mehrere Dissidenten aus der DDR teil. Der Teilnehmer Ludwig Mehl-
horn berichtete: » Die Basis der gegenseitigen Verständigung war die gemeinsame Über-
zeugung des Vorrangs der Menschen- und Bürgerrechte vor sonstigen politischen und
ideologischen Optionen. Sie fand ihren Ausdruck etwa in einem Menschenrechtssemi-
nar, das im Herbst 1977 in Warschau stattfand. Die Texte wurden […] auch in DDR-
Kreisen gelesen. « [152]
144 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Wolfgang Templin165, seit 1970 Mitglied der SED und von 1973 bis zu seiner vorsätz-
lichen Dekonspiration im Herbst 1975 Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums
für Staatssicherheit (MfS), der zur Zeit der Gründung von KOR in Warschau studierte
und Kontakte zu oppositionellen Kreisen in Polen fand, » war […] ebenso wie Mehlhorn
von der offenen Arbeit der Opposition in Polen beeindruckt. « [153]
KSS » KOR « widmete sich sehr bald nach Gründung internationalen Aufgaben. Am
17. Oktober 1977 wandte sich die Vereinigung an die Belgrader KSZE-Folgekonferenz,
um ihrer Forderung nach Freilassung der inhaftierten Unterzeichner der Charta 77
Nachdruck zu verleihen.
KSS » KOR « wurde auch publizistisch aktiv: Im Oktober 1977 erschien die erste Aus-
gabe der von KOR-Mitgliedern herausgegebenen Monatszeitschrift Glos (Die Stimme).
In Łodz erschien die erste Ausgabe der literarischen Vierteljahresschrift Puls. Studenten
im Umfeld von KSS » KOR « beteiligten sich ebenfalls an der Gründung von Zeitschrif-
ten. In Gdańsk (Danzig) erschien am 1. Oktober 1977 die Studentenzeitschrift Bratniak,
die von den ROPCiO-Aktivisten Aleksander Hall und Marian Piłka166 gegründet wor-
den war. Mitglied der Redaktion war auch der Danziger Geschichtsstudent Arkadiusz
Rybicki167, der bereits bei KOR mitgearbeitet hatte. In Lublin erschien die von Studen-
ten der Katholischen Universität (KUL) produzierte Samisdat-Zeitschrift Spotkania. Der
vollständige Titel lautete: Spotkania – Niezależne Pismo Młodych Katolików (Treffen –
Unabhängiges Magazin junger Katholiken). Der Historiker Janusz Krupski168 war Chef-
redakteur. In Warschau erschien gleichfalls im Oktober die überregionale Zeitschrift
Indeks, die von Mitgliedern des Studencki Komitet Solidarności (SKS) herausgegeben
wurde. Ludwik Dorn war Mitarbeiter der Redaktion.
Erstmals fand am 16. Dezember 1977 zum Jahrestag der Dezember-Ereignisse 1970
eine Gedenkfeier vor Tor 2 der Danziger Leninwerft statt. An der von KSS » KOR «,
ROPCiO und dem SKS organisierten Kundgebung nahmen annähernd 1 000 Perso-
nen teil.
Der seit Januar 1977 amtierende US-Präsident Jimmy Carter kam während der Win-
terpause der Belgrader KSZE-Konferenz im Rahmen einer Rundreise am 29. Dezember
zum Staatsbesuch nach Polen. Die unter das Motto » Relevance of Democracy « gestellte
Reise, die nach Polen in den Iran, nach Indien, Saudi-Arabien, Ägypten, Frankreich und
Belgien führte, sollte Carters Engagement für die Menschenrechtspolitik hervorheben.
Bereits in seiner Begrüßungsansprache hob er die grundlegende Bedeutung der Men-

165 Wolfgang Templin: geb. 25. November 1948. Templin war 1985 Mitgründer der Initiative für Frieden
und Menschenrechte, IFM. 1989/1990 war er für die IFM Teilnehmer am zentralen Runden Tisch. Er
wurde im Juli 2010 Leiter des Warschauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung.
166 Marian Piłka: geb. am 16. Juni 1950. Piłka war Abgeordneter im Sejm 1991 – 1993 und 1997 – 2007.
167 Arkadiusz Rybicki: 12. Januar 1953 – 10. April 2010. Rybicki war 1990/1991 Staatssekretär in der Präsi-
dialkanzlei von Lech Wałęsa, 1999 bis 2001 Vizeminister im Ministerium für Kultur und nationales
Erbe. Er war Mitglied des Sejms von 2005 bis 2010. Er starb beim Flugzeugabsturz bei Smolensk.
168 Janusz Krupski: 9. Mai 1951 – 10. April 2010. Krupski war von 2000 bis 2006 Vizepräsident des Instituts
für Nationales Gedenken (IPN). Ab 2006 leitete er das Amt für Angelegenheiten von Kriegsveteranen
und Unterdrückten Personen. Er starb beim Flugzeugabsturz bei Smolensk.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 145

schenrechte und individuellen Freiheiten hervor und machte deutlich, dass er große
Hoffnung hegte hinsichtlich einer Verbesserung der Menschen- und Bürgerrechtslage
in Polen. [154] Allein schon die Wahl Polens als Reiseziel, die wohl auf Rat seines in
Warschau gebürtigen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzeziński getroffen wurde, war ein
deutliches Signal für das Interesse der USA an der Entwicklung in Polen.
Am 11. Januar 1978 gründeten Michnik und Kuroń zusammen mit Antoni Gołubiew,
dem Gründer und ersten Präsidenten des KIK in Krakau, mit Geremek, Mazowiecki
und 53 weiteren Intellektuellen Towarzystwo Kursów Naukowych (TKN), Gesellschaft für
wissenschaftliche Kurse, auch » Fliegende Universität « genannt. TKN bot alternativ zu
den staatlich drangsalierten Universitäten wissenschaftliche Vorträge an. Es war insbe-
sondere Ziel der TKN, unzensierte Vorlesungen zur polnischen und europäischen Ge-
schichte anzubieten.
Im August 1978 kam es auch in Ungarn auf Initiative des Historikers Miklós Szabó169
zur Gründung einer allerdings nur kurzlebigen Untergrund-Universität, Hétfői Szaba-
degyetem.
Am 23. Februar 1978 gründete in Kattowitz eine Gruppe um Kazimierz Świtoń170 ein
Komitet Wolne Związki Zawodowe, Komitee Freier Gewerkschaften. Diese Gründung
orientierte sich stärker an den Zielen von ROPCiO als an den Ideen von KSS » KOR «.
Świtoń wurde 1978 im Zeitraum von Januar bis Oktober insgesamt zwölfmal inhaftiert.
Wenige Wochen nach der Gründung in Kattowitz, initiierten am 29. April 1978 in
Danzig Mitglieder von KSS » KOR « das Komitet Założycielski – Wolne Związki Zawo-
dowe Wybrzeża (KZ-WZZ), deutsch: Gründungskomitee Freier Gewerkschaften für das
Küstengebiet. Zu den ersten Mitgliedern gehörten Andrzej Gwiazda und Joanna Duda-
Gwiazda171, Krzysztof Wyszkowski172, Blazej Wyszkowski, die Krankenschwester der
Danziger Lenin-Werft Alina Pieńkowska173, Anna Walentynowicz und Lech Wałęsa. [155]
Kurze Zeit danach erfolgte die Gründung eines Gewerkschaftskomitees in Stettin.
Am 17. Januar 1980 gründeten Mitglieder von KSS » KOR « ein Komitet Helsiński, Hel-
sinki Komitee. Jeri Laber von Helsinki Watch gab in einem Gespräch mit Kuroń den An-
stoß zur Gründung. Leiter der Gruppe wurde Zbigniew Romaszewski, stellvertretender
Leiter der Jurist Jerzy Ciemniewski174. Aniela Steinsbergowa, Ludwik Cohn und Edward
Lipiński gehörten zum Führungskreis, Jarosław Kaczyński und Stefan Starczewski wa-
ren Mitglieder.
Das Helsinki Komitee erarbeitete einen von Romaszewski herausgegebenen Bericht
über Menschenrechtsverletzungen in Polen. Der Bericht wurde der ab 11. November
1980 tagenden KSZE-Folgekonferenz in Madrid zugeleitet. Romaszewski baute Kon-

169 Miklós Szabó: 6. Mai 1935 – 22. September 2000. Szabó war 1990 – 1991 Parlamentsabgeordneter.
170 Kazimierz Świtoń: geb. am 4. August 1931. Świtoń war von 1991 bis 1993 Senator.
171 Joanna Duda-Gwiazda: geb. am 11. Oktober 1939.
172 Krzysztof Wyszkowski: geb. am 10. November 1947.
173 Alina Pieńkowska: 12. Januar 1952 – 17. Oktober 2002. Alina Pieńkowska war von 1991 bis 1993 Mitglied
des Senats. Sie heirate während des Kriegsrechts im Untergrund Bogdan Borusewicz.
174 Jerzy Ciemniewski: geb. am 2. August 1939. Er war Berater am Runden Tisch, Staatssekretär von 1989
bis 1991, Sejm-Abgeordneter 1991 bis 1998 und Richter am Verfassungsgericht 1998 bis 2007.
146 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

takte zu dem 1977 gegründeten Norwegischen Helsinki Komitee und später zu dem 1982
von dem Unternehmer Gerald Nagler175 gegründeten Schwedischen Helsinki Komi-
tee auf.
Aus heutiger Sicht können die drei auf die KSZE-Konferenz in Helsinki folgenden
Jahre als eine erste Formierungsphase der polnischen Zivilgesellschaft betrachtet wer-
den. Ohne diese Entwicklung wäre die Organisation des Massenprotestes 1980, die zur
Gründung der Gewerkschaft Solidarność führte, wohl nicht möglich gewesen. Die pol-
nische Transformation begann demnach nicht erst 1980, wie dies von einigen Autoren
behauptet wird. Marion Brandt meint sogar feststellen zu können, dass man » für die
zweite Hälfte der siebziger Jahre von einer stabilen, in sich differenzierten Opposition
in Polen « sprechen kann. » Laut Paczkowski hatte sie aber dennoch › im gesamtgesell-
schaftlichen Maßstab ‹ eher › den Charakter einer Enklave ‹. Er geht von einigen hundert
im Jahr 1976 bis zu einigen tausend Personen aus, die in oder mit der Opposition tätig
waren. « [156]
Die Jahre 1978/1979 sind nicht nur für die » Andersdenkenden « in Polen eine wich-
tige Phase der Formierung von Strukturen. Wie darzustellen sein wird, stellen die Dissi-
denten der einzelnen Staaten Mitteleuropas diverse Kontakte zu Gleichgesinnten in an-
deren Ländern der Region her.
In der ČSSR wurde am 27. April 1978 von 17 Dissidenten die Gründung von Výbor na
obranu nespravedlivě stíhaných (VONS) [157] bekannt gegeben, das Komitee zur Vertei-
digung der zu Unrecht verfolgten Personen. Die Gründung erfolgte nach dem Modell
KSS » KOR «. Initiatoren waren Petr Uhl, der bereits 1969 die trotzkistische Untergrund-
organisation Hnutí revoluční mládeže gegründet hatte, und seine Frau Anna Šabatová176,
Tochter des Psychologieprofessors und Dissidenten Jaroslav Šabata. Zu den 21 Grün-
dungsmitgliedern – fast alle von ihnen Erstunterzeichner der Charta 77, wie auch Battĕk,
Otta Bednářová177, Benda, Dienstbier und Havel – gehörte auch die Juristin und ehe-
malige Vize-Außenministerin Gertruda Sekaninová-Čakrtová178. Vier Dissidenten wur-
den insgeheim Mitglieder, wie die beiden protestantischen Pfarrer Alfréd Kocáb179 und
Jakub Schwarz Trojan180.

175 Gerald Nagler: 10. Dezember 1929. Unternehmer. Nagler engagierte sich seit 1977 für sowjetische Dis-
sidenten und Refuseniks. Von 1984 bis 1992 war er Generalsekretär der Internationalen Helsinki-Föde-
ration für Menschenrechte (IHF).
176 Anna Šabatová: geb. am 23. Juni 1951. Šabatová war 1986 Sprecherin von Charta 77. Sie erhielt aufgrund
ihres Engagements für die Menschenrechte 1998 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen. Sie
war von 2001 bis 2007 Ombudsfrau des Abgeordnetenhauses der Tschechischen Republik. Sie war von
2008 bis 2013 Präsidentin des Tschechischen Helsinki Komitees.
177 Otta Bednářová: geb. am 18. Juni 1927. Bednářová war Erstunterzeichnerin der Charta 77.
178 Gertruda Sekaninová-Čakrtová: 21. Mai 1908 – 29. Dezember 1986. Sekaninová-Čakrtová überlebte
die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Groß Rosen. Sie war von 1949 bis 1957 Stellv.
Außenministerin. Zusammen mit František Kriegel, František Vodsloň und Božena Fuková stimmte sie
in der Nationalversammlung am 18. Oktober 1968 gegen den Vertrag über die Stationierung der sowje-
tischen Truppen in der ČSSR. Sie war Erstunterzeichnerin der Charta 77.
179 Alfréd Kocáb: geb. am 28. Juni 1925. Kocáb war Erstunterzeichner der Charta 77.
180 Jakub Schwarz Trojan: geb. am 13. Mai 1927. Trojan war Erstunterzeichner der Charta 77. Er war von
1990 bis 1996 Dekan der Theologischen Fakultät der Karls-Universität.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 147

Im gleichen Jahr verfasste Václav Havel den Essay » Moc bezmocných «, deutsch: Die
Macht der Machtlosen. In diesem Essay entfaltet er die der Charta 77 zugrunde lie-
gende Philosophie. Der zuerst im tschechischen Samisdat erschienene Essay wurde be-
reits 1980 in der Bundesrepublik unter dem Titel » Versuch, in der Wahrheit zu leben «
verlegt. [158] Er fand von dort seinen Weg » in den polnischen, ungarischen und ostdeut-
schen Samisdat. « [159]
In Abwandlung des ersten Satzes des » Kommunistischen Manifests « beginnt der Es-
say mit » Ein Gespenst geht um in Osteuropa, ein Gespenst, das man im Westen › Dissi-
dententum ‹ nennt. « Havel betont in seinem Essay, dass die Charta 77 » keine Opposition
ist, weil sie nicht vorhat, alternative politische Programme vorzulegen. « Gleichzeitig ist
ihm klar, dass die Ablehnung Opposition zu sein, ob aus prinzipiellen oder aus takti-
schen Gründen, nichts daran ändert, dass die Herrschenden die Charta 77 als eine sol-
che betrachten. Da die Regierung » Opposition im Grunde in allem (sieht), was sich der
totalen Manipulation entzieht und was somit das Prinzip des absoluten Anspruchs des
Systems auf den Menschen ablehnt. Wenn wir diese Definierung der › Opposition ‹ ak-
zeptieren, dann müssen wir freilich, im Einklang mit der Regierung, die Charta wirk-
lich als eine Opposition betrachten: Sie verletzt nämlich wirklich ernsthaft die Integrität
der posttotalitären Macht, die auf der Universalität des › Lebens in Lüge ‹ basiert. « [160]
Rainer Schmidt summierte in seiner ideengeschichtlichen Studie » Die Wiedergeburt der
Mitte Europas « Havels Ansatz: » Posttotalitäre Gesellschaften […] haben Politik mono-
polisiert und damit ihres eigentlichen Sinnes beraubt. […] Im ureigensten Sinne politi-
sche Ambitionen werden kriminalisiert und politisches Denken ebenso. Gleichwohl gibt
es einzelne Gruppen und Persönlichkeiten, die sich diesem » Spiel « widersetzen, die auf
die Politik, als auf ihre Lebensaufgabe, nicht verzichten wollen., die versuchen, auf diese
oder jene Art politisch unabhängig zu denken, sich zu äußern und eventuell zu organi-
sieren – um mit Havel zu sprechen, ein » Leben in Wahrheit « zu führen. […] Den Be-
griff der Wahrheit teilt Havel mit Adam Michnik und anderen ost- und ostmitteleuro-
päischen Oppositionellen. « [161]
Bei der Begründung der Notwendigkeit des Aufbaus gesellschaftlicher Strukturen,
die nicht der staatlichen Kontrolle unterliegen, bezieht sich Havel auf Václav Bendas Es-
say » Paralelní polis « und auf Ivan M. Jirous, der in der ČSSR » als erster die Konzeption
der › zweiten Kultur ‹ entwickelt und in der Praxis angewandt (hat). « [162]
Nach Michnik gehören » Havels Diagnosen der antitotalitären Opposition […] zu
den scharfsinnigsten « in der Zeit des Widerstands gegen die kommunistischen Regi-
mes. » Sein eindrücklicher Essay über die Macht der Machtlosen bot die umfassendste
Formulierung der Philosophie der Bürgerbewegung, die unter Verzicht auf Gewalt und
Haß die Bürgergesellschaft in Mitteleuropa aufbaute. « [163]
Im Mai 1978 kam es beim sogenannten » Bahro-Seminar « im Wochenendhaus von
György Konrád in Csobánka (Ungarn) zu einem Treffen von Dissidenten aus der DDR,
u. a. Gerd Poppe und der Diplom-Ingenieur Reinhard Weißhuhn, mit ungarischen Dis-
sidenten, u. a. Haraszti, Kis und Bence. Über diese Begegnung berichtete Poppe: » Die
lachten sich krank, als wir mit dem jungen Marx und dem Sozialismus mit mensch-
lichem Antlitz ankamen. « Max Thomas Mehr und Klaus Hartung kommentierten 1996:
148 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

» Diese Verspätung der politischen Theorie entsprang einer spezifischen DDR-Denk-


hemmung. Wenn es keine Zukunft im Sozialismus gab, gab es keinen Existenzgrund
mehr für den anderen deutschen Staat. Eine antisozialistische Opposition hätte das Ter-
rain, in dem sie aktiv werden wollte, sofort aufgegeben. « [164]
Die Verständigungsschwierigkeiten inhaltlicher Art zwischen informellen Gruppen
aus der DDR und aus Ungarn waren jedoch nicht typisch für die Kontakte von Dissiden-
tengruppen unterschiedlicher Nationen.
Derartige Divergenzen und unterschiedliche Perzeptionen der eigenen Rolle gab es
nicht bei mehreren Treffen von Aktivisten des » KSS « KOR und der Charta 77 an der
tschechisch-polnischen Grenze im Riesengebirge. Ein erstes Treffen fand am 6. August
1978 statt. – Neunundzwanzig Jahre zuvor, 1947, hatten sich Mitglieder der Polskie Stron-
nictwo Ludowe (PSL), der Polnischen Bauernpartei des damals bereits im Exil lebenden
Stanisław Mikołajczyk, und der Československá strana národně socialistická (ČSNS),
der Tschechoslowakischen National-Sozialistischen Partei, ebenfalls heimlich an der
Grenze getroffen, um zu beraten, wie der Stalinisierung ihrer Länder zu begegnen sei.
Anlass des Treffens 1978 war der bevorstehende zehnte Jahrestag der Okkupation der
CSSR. Hierzu wurde eine gemeinsame Erklärung formuliert. Primäres Ziel des Treffens
war, » den gegenseitigen Informationsaustausch zu organisieren und Aktionen abzuspre-
chen «. [165] Teilnehmer waren Jacek Kuroń, Adam Michnik, Jan Lityński und Antoni
Macierewicz aus Polen, der Schauspieler Jiří Bednář181, Václav Havel, die Sängerin Marta
Kubišová, durch das Lied » Modlitba pro Martu «, » Gebet für Marta «, die Ikone des Pra-
ger Frühlings, und der Filmemacher Tomáš Petřivý182 aus der ČSSR.
Bereits die erste Ausgabe der im Untergrundverlag NOW-a verlegten Samisdat-Zeit-
schrift Krytyka, bei der neben Michnik eine Reihe weiterer Mitglieder des » KSS « KOR
im Redakteurs-Komitee mitwirkten, benannte den ungarischen Dissidenten Miklós
Haraszti und Václav Havel als Mitglieder der Redaktion.
Am 18. August tritt Ruch Młodej Polski (RMP), deutsch: Bewegung Junges Polen, mit
einer » Deklaracja ideowa Ruchu Młodej Polski « an die Öffentlichkeit. Gründer sind u. a.
Aleksander Hall, Marek Jurek183 und der Philologe Jacek Bartyzel184. RMP war beteiligt
an der Entwicklung gewerkschaftlicher Strukturen an der Ostseeküste.
Bereits am 20. September fand ein zweites Treffen von Aktivisten der » KSS « KOR
und der Charta 77 im Riesengebirge mit nunmehr bereits 14 Teilnehmern statt. Bei die-
sem Treffen wurde eine Solidaritätserklärung für die Verteidiger der Menschenrechte
in Armenien, Bulgarien, Estland, Georgien, Litauen, Ungarn, in der DDR, Rumänien,
Russland und in der Ukraine verfasst. Die Erklärung hatte den Titel » Gemeinsamer

181 Jiří Bednář: 11. November 1941 – 17. November 2013. Er war Erstunterzeichner der Charta 77.
182 Tomáš Petřivý: 29. Dezember 1955 – 20.(?) Mai 1986. Petřivý wurde in seiner Wohnung ermordet auf-
gefunden.
183 Marek Jurek: geb. am 28. Juni 1960. Jurek war 1989 Mitgründer der katholisch-nationalen Partei Zjed-
noczenie Chrześcijańsko-Narodowe (ZChN). Er war von 2005 bis 2007 als Abgeordneter der PiS Mar-
schall des Sejms.
184 Jacek Bartyzel: geb. am 16. Januar 1956.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 149

Brief an die Verteidiger der Menschenrechte in Osteuropa « und trägt zwanzig Unter-
schriften. Nachfolgend ein Zitat aus der Erklärung:

» Möchten wir Euch versichern, wir sehr wir Euren tapferen menschlichen Standpunkt schät-
zen und Euren Willen, dafür zu kämpfen, daß die Menschen unserer Länder freier und
würdiger leben können, ohne Angst vor Machtmißbrauch der Mächtigen. […]. Wir den-
ken oft an die, die in den Kerkern leiden müssen, wir denken an Rudolf Bahro, V. Čornovil,
Z. Gazachurdija, A. Ginsburg, V. Moroz, Jurij Orlow, V. Pjatkus (gemeint ist Viktoras Petkus,
D. P.), A. Podrabinko (gemeint ist Alexander Podrabinek, D. P.), A. Rudenko, A. Ščaranskij,
V. Suchovič, O. Tichy und an viele andere «. [166]

Die Treffen waren der Ausgangspunkt hervorragender zwischenmenschlicher Kontakte


von Gleichgesinnten. Michnik kommentierte 2008 die Treffen mit einer wunderbaren
Anekdote: » Ich erinnere mich auch an ein Treffen mit Vaclav Havel und Jiri Dienst-
bier. Er sagte, wir müssen den Kommunismus schon deshalb niederschlagen, weil
wir keine  Lust haben, ständig in den Bergen herumzuwandern, nur um uns zu tref-
fen. « [167]
Für die tschechischen Andersdenkenden waren die Aktivitäten der polnischen Op-
positionellen von großer Bedeutung und wurden aufmerksam verfolgt. Der dann 1980
errungene Sieg der polnischen Opposition über das Regime bedeutete für die Tschechen
eine enorme Ermutigung.
Es ist hervorzuheben, dass sich KSS » KOR « bereits zu diesem frühen Zeitpunkt
der Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen in Mitteleuropa auch mit den Pro-
blemen der westlichen Republiken der Sowjetunion beschäftigte. Jerzy Holzer unter-
strich dies in seiner Gründungsgeschichte der Solidarność. Er schrieb: » Sehr wichtig
waren die internationalen Kontakte von KOR; solche bestanden zur tschechoslowa-
kischen Charta  77 und zu den ungarischen Oppositionellen. Romaszewski gelang es
auch, nach Moskau zu fahren und dort den wichtigsten Vertreter des demokratischen
Denkens in der Sowjetunion, Sacharov, zu treffen. (Am 20. und 21. Januar 1979 traf
Romaszewski Sacharow und weitere Mitglieder des Komitees für Menschenrechte, D. P.)
In den Veröffentlichungen von KOR wurde ausführlich auf die Probleme der Ukra-
ine eingegangen; auch schrieb man über die Weißrussen und die baltischen Natio-
nen. « [168]
Jan Józef Lipski schrieb in seiner profunden Darstellung der Geschichte des KOR:
» One of the continuing tasks of KSS » KOR « was to follow the fate of oppositional move-
ments in other countries of the Soviet bloc, to inform the Polish public about their ac-
tivities, and to express solidarity with them. « [169] Drei Beispiele hierfür sind besonders
erwähnenswert:

• Im Juli 1979 organisierte KSS » KOR « zur Verteidigung der inhaftierten tschechischen
und slowakischen Dissidenten von Charta 77 ein gemeinsames Statement mit be-
kannten sowjetischen Dissidenten der MHG und anderer Menschenrechtsgruppen.
Signatar war auch Andrej Sacharow.
150 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

• Im Biuletyn Informacyjny KSS » KOR « Nr. 3/37, dem Informations-Bulletin des KSS
» KOR «, wurden im gleichen Jahr offene Briefe slowakischer Dissidenten abgedruckt,
die sich für die Rechte der Gläubigen und die Religionsfreiheit einsetzten.
• Biuletyn Informacyjny KSS » KOR « Nr. 31/32 veröffentlichte einen Brief des führen-
den Mitglieds des Sozialfonds von KSS » KOR « Jan Kielanowski an den ukrainischen
politischen Häftling Valentyn Moroz, der sich zu diesem Zeitpunkt im Hungerstreik
in einem mordwinischen Speziallager befand. Kielanowski plädierte für eine soli-
darische Zusammenarbeit von Polen und Ukrainern und für die Überwindung der
tragischen Konflikte, die in der nahen Vergangenheit beide Völker entzweit hatten.

Hinsichtlich der Wirkung der vom Biuletyn Informacyjny und anderen Samisdat-
Druckschriften vermittelten Informationen ist zu berücksichtigen, dass ihre massen-
hafte Verbreitung durch westliche Sender erreicht und dadurch die Fälschungs- und
Verdrängungsversuche der vom Regime beherrschten Massenmedien unterlaufen wur-
den. Insbesondere der seit 1978 von dem namhaften Osteuropa-Analysten James Frank-
lin Brown185 geleitete Sender Radio Free Europe (RFE) spielte hierbei eine wichtige
Rolle. – Diese Funktion des Senders war in Westeuropa der Grund für kommunistische
und kommunistisch beeinflußte Gruppen, Öffentlichkeitskampagnen gegen den Sender
durchzuführen.
In Polen wurde die Verbundenheit mit gleichgerichteten Aktivitäten in anderen
Staaten des sowjetischen Machtbereichs auch durch Plakatierung von Solidaritätsadres-
sen für inhaftierte Dissidenten in der UdSSR, wie z. B. für Tschornowil, Bukowski und
Sacharow, sowie für inhaftierte Charta-Signatare zum Ausdruck gebracht. Im Ursus-
Werk in Warschau und in anderen polnischen Großbetrieben erschienen ab Ende der
siebziger Jahre derartige Plakate und Banner.
Für den 1. Oktober 1978 war auf der Schneekoppe ein drittes Treffen von KSS » KOR «
und Charta 77 geplant. Da es den Sicherheitsorganen gelang, außer Havel alle anderen
Anreisenden festzunehmen, konnte das Treffen nicht stattfinden.
Schon aus Gründen massiver staatlicher Behinderung transnationaler Begegnungen
blieben die direkten Kontakte zwischen den mittelosteuropäischen Dissidenten zumal
in den achtziger Jahren, d. h. während und nach Aufhebung des Kriegsrechts in Po-
len, eher Ausnahmeereignisse. Lipski wies auf diese Beschränkungen hin: » By the end
of 1978, all KOR members were as a rule deprived of the right to cross the borders of
› our bloc ‹, as the expression goes. « [170] Insofern ist Garton Ash zuzustimmen: » Wenn
sie denn eine gemeinsame Basis haben, so haben sie diese im großen und ganzen un-
abhängig voneinander erreicht. Und unter diesen Umständen können wir freudig da-
von überrascht sein, wieviel Gemeinsamkeiten tatsächlich existieren. « [171] Auch wenn
der direkte Kontakt und die gemeinsame Erarbeitung von Konzeptionen und Strate-
gien nur selten möglich waren, die Übereinstimmung in der Wertorientierung und die

185 James Franklin Brown: 8. März 1928 – 16. November 2009. Brown war seit 1957 Mitarbeiter von RFE.
Von 1978 bis 1984 war er Direktor.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 151

Kenntnis von den Ideen und Aktivitäten der Dissidenten und oppositionellen Gruppen
anderer Staaten war Basis für ein voneinander unabhängiges und dennoch paralleles
Handeln.
Am 21. November beschlossen führende Aktivisten von ROPCiO, unter ihnen mit
Andrzej Czuma, Marian Gołębiewski und Stefan Kaczorowski Gründer der Vereinigung,
die Beendigung der Zusammenarbeit mit Leszek Moczulski und Karol Głogowski186.
Faktisch erfolgte eine Spaltung von ROPCiO. Lediglich die von Andrzej Czuma geführte
Gruppe war fortan bereit, mit dem KSS » KOR « zu kooperieren.
Am 18. Dezember 1978 fand zum zweiten Mal vor Tor 2 der Danziger Leninwerft eine
Gedenkfeier zum Jahrestag der Dezember-Ereignisse 1970 statt. Das Gründungskomitee
Freier Gewerkschaften für das Küstengebiet (KZ-WZZ), KSS » KOR «, ROPCiO, RMP und
das SKS-Danzig organisierten die Veranstaltung, an der etwa 4 000 Personen teilnah-
men. Borusewicz und Kazimierz Szołach187, ein Mitglied des Danziger-Streikkomitees
von 1970, hielten Reden.
Mit einem von Václav Havel und Ladislav Hejdánek unterschriebenen und im De-
zember 1978 veröffentlichten Dokument der Charta 77 über Menschenrechtsverlet-
zungen gegenüber Roma (» Cikáni-Romové «) in der ČSSR errang Charta 77 auch in-
ternational starke Beachtung. Charta 77 setzte sich nicht nur für die Roma ein, die
mehrheitlich im slowakischen Landesteil lebten, sondern auch für die dort lebende
große ungarische Minderheit.
Ab 1978 gab es eine Organisation dieser Volksgruppe, die Ansprechpartner für
Charta 77 war: Angehörige der ungarischen Minderheit in der Slowakei gründeten
den Csehszlovákiai Magyar Kisebbség Jogvédő Bizottságát (CSMKJB), Ausschuss für den
Schutz der ungarischen Minderheit in der Tschechoslowakei, unter Vorsitz des Geolo-
gen Miklós Duray188, einem Signatar der Charta 77. Die CSMKJB berief sich ebenfalls auf
die Schlussakte von Helsinki.
Die Aktivitäten von Charta 77 und VONS führten beim Regime in Prag zu heftigen
Reaktionen. Am 29. Mai 1979 wurden elf Charta-Signatare und VONS-Mitglieder fest-
genommen. Der am 23. Oktober 1979 endende Prozess führte zu mehrjährigen Haftstra-
fen für fünf Aktivisten, nämlich Otta Bednářová, Václav Benda, Jiří Dienstbier, Václav
Havel und Petr Uhl.
Die Notwendigkeit, mit Dissidenten anderer Länder der » sozialistischen Staatenge-
meinschaft « zu kooperieren, zogen auch die ungarischen » Andersdenker « in Betracht.
Zu einer direkten Kontaktaufnahme zwischen polnischen und ungarischen Dissidenten
kam es dann im Frühjahr 1979. » János Kis, György Bence und György Konrád such-
ten nach und nach Mitstreiter in Polen auf. Die Ungarn übernahmen Michniks Ansatz
des evolutionären Charakters der Bürgerbewegung. « [172] Sie knüpften gleichfalls Kon-

186 Karol Głogowski: 1. Juli 1933 – 22. Oktober 2005.


187 Kazimierz Szołach: 8. April 1932 – 10. März 2009.
188 Miklós Duray: geb. am 18. Juli 1945. Er wurde am 30. Januar 1990 Mitglied der Tschechoslowakischen
Nationalversammlung. 1994 – 2010 war er Abgeordneter im Slowakischen Nationalrat.
152 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

takte zur tschechoslowakischen Dissidenz. György Bence, János Kis und János Kenedi189
wandten sich am 26. Oktober 1979 in einem offenen Brief an die Unterzeichner der
Charta 77. Sie schrieben: » Wie so viele in den Nachbarstaaten haben auch wir aus der
gewaltsamen Verhinderung des tschechoslowakischen Versuchs die Lehre gezogen, daß
Demokratie in Osteuropa nur durch den Zusammenhalt der Völker dieses Raums gebo-
ren werden kann. « [173]
1979 entstand in Ungarn eine weitere Initiative: Linksliberale gründeten Szegénye-
ket Támogató Alap (SZETA), Fonds zur Unterstützung der Armen. Führend hierbei war
die Soziologin Ottilia Solt190, die sich bei Verlust ihres Arbeitsplatzes 1981 der Redak-
tion der Samisdat-Zeitschrift Beszélő anschloss. Die Initiatoren versuchten » über die en-
gen Grenzen des eigenen Milieus hinaus in die Gesellschaft hinein zu wirken. […] Der
Fonds sammelte Geld und Kleidung und bot kostenlose Rechtsberatung an. Da Armut
zu dieser Zeit in Ungarn zu einem akuten gesellschaftlichen Problem wurde, offiziell
aber tabuisiert blieb, verhalf dieses soziale Engagement der Gruppe zu schnell wachsen-
der Popularität. « [174]
Gesellschaftlicher Protest beschränkte sich nicht allein auf Polen, die ČSSR und auf
Ungarn. Der rumänische Schriftsteller Paul Goma, der bereits 1956 an der Bukarester
Universität Proteste gegen die sowjetische Niederschlagung des Volksaufstands in Un-
garn organisiert hatte, ergriff im Januar 1977 die Initiative zu Erklärungen gegen die
Inhaftierung von Signataren der Charta 77 und verband dies mit Kritik an Menschen-
rechtsverstößen in Rumänien. Er schrieb am 25. Januar einen offenen Brief an Pavel
Kohout, in dem er sich mit den Charta-Signataren solidarisierte. Goma stellte zudem
einen Antrag auf Beitritt zur Charta 77.
Für ein Manifest, das Goma am 8. Februar zusammen mit acht anderen Intellektuel-
len an die Teilnehmerstaaten des KSZE-Folgetreffens in Belgrad richtete und an Radio
Free Europe leitete, sammelte er etwa 200 Unterschriften. In der Eingabe forderten die
Unterzeichner die Einhaltung der Menschenrechte in Rumänien. [175] In einem ebenfalls
am 8. Februar verfassten offenen Brief an den Generalsekretär der Partidul Comunist
Român (PCR) Nicolae Ceauşescu forderte er zur Solidarität auf mit den verfolgten Un-
terzeichnern der Charta 77. [176] Indirekt enthielt dieser Brief auch ein Plädoyer für die
Einhaltung der Menschenrechte in Rumänien.
In einem weiteren offenen Brief an Ceauşescu vom 1. März fordert Goma diesen auf,
die Petition ebenfalls zu unterschreiben. Er schrieb auch den mutigen Satz: » In Rumä-
nien haben nur zwei Menschen keine Angst vor der Geheimpolizei: Sie und ich. « [177]
Beide Briefe an Ceauşescu wurden von Radio Free Europe veröffentlicht.
Paul Goma wurde am 1. April verhaftet und von der Securitate gefoltert. Aufgrund
des Drucks westlicher Regierungen wurde Goma am 6. Mai aus der Haft entlassen. Am
20. November 1977 durften er und seine Familie Rumänien verlassen, um ins Exil nach
Frankreich zu gehen.

189 János Kenedi: geb. am 12. Juli 1947. Er erhielt 1981/82 ein Stipendium von Soros für einen Forschungs-
aufenthalt in New York, um die » westliche « Rezeption des Volksaufstandes von 1956 zu untersuchen.
190 Ottilia Solt: 7. Januar 1944 – 1. Februar 1997. Solt war von 1990 bis 1994 Parlamentsabgeordnete.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 153

Der mit Goma in Verbindung stehende Schriftsteller und Psychiater Ion Vianu191
protestierte 1976 in der Oktoberausgabe der Zeitschrift des rumänischen Schriftsteller-
verbandes, in Viaţa Românească, gegen den politischen Missbrauch der Psychiatrie in
Rumänien. Vianu verlor seine Professur und wurde 1977 ebenfalls exiliert. Er lebte bis
1989 in der Schweiz.
Mit Goma verbunden war auch der Schriftsteller Ion Negoiţescu192, der nicht zuletzt
aufgrund fortwährender Drangsalierung 1983 nach München übersiedelte. Vianu und
Negoiţescu trugen bis 1989 mit Beiträgen für Radio Free Europe, Deutsche Welle und die
BBC zur Berichterstattung über die innere Lage Rumäniens bei. Ein weiterer Unterstüt-
zer Gomas war der Dissident Vasile Paraschiv193, der in psychiatrische Zwangsbehand-
lung verbracht wurde.
Im gleichen Jahr kam es in Rumänien zu Massenprotesten gegen Änderungen der
Arbeitsgesetze, die eine massive Verschlechterung der Arbeitsbedingungen sowie Lohn-
und Pensionskürzungen bewirkten. Am 1. August 1977 begann in der Lupeni-Grube
im Steinkohlerevier Valea Jiului, deutsch: Schiltal, ein straff organisierter Streik, dem
sich etwa 36 000 Arbeiter des Reviers anschlossen. Die Streikführung lehnte Verhand-
lungen mit der von der Partei entsandten Delegation ab und forderte das Erscheinen
Ceauşescus. Dieser musste den Arbeitern vor Ort erhebliche Zugeständnisse machen,
um ein Ende des Streiks zu erreichen.
Am 8. September 1978 publizierte der Schriftsteller Victor Frunză194 über die Presse-
agentur Reuters einen Protestbrief an Ceauşescu. Frunză kritisierte Menschenrechtsver-
letzungen in Rumänien und den Persönlichkeitskult um den Diktator. Er wurde im Jahr
1980 ausgewiesen und lebte bis zu seinem Tod im Exil in Dänemark.
Im November 1978 soll es nach einem Bericht von Radio Free Europe in Brașov – wie
bereits in der ČSSR – zur Gründung eines Verein zur Verteidigung der zu Unrecht Ver-
folgten gekommen sein.
Fast gleichzeitig bildete eine Gruppe rumänischer Baptisten ein Bürgerkomitee zur
Verteidigung der Religions- und Gewissensfreiheit. » In der ungarischen Minderheit kur-
sierte die Untergrundzeitschrift Ellenpontok, welche sich mit einem Memorandum zur
Gewährleistung nationaler Autonomie an die KSZE in Madrid wandte. « [178]
Im Februar 1979 formierte sich auf Initiative des Arztes Ionel Cană195 und des Volks-
wirts Gheorghe Braşoveanu196 in Bukarest die Sindicatul Liber al Oamenilor Muncii din
România (S.L.O.M.R.), Freie Gewerkschaft der Arbeiter Rumäniens. Die von 20 Perso-
nen unterzeichnete Gründungserklärung wurde am 4. März über RFE verbreitet. Vasile

191 Ion Vianu: geb. am 15. April 1934. Vianu kehrte nach 1989 nach Rumänien zurück und initiierte eine Re-
form der rumänischen Psychiatrie.
192 Ion Negoiţescu: 10. August 1921 – 6. Februar 1993. Negoiţescu leistete nach seiner Übersiedelung nach
München Beiträge für Radio Free Europe, Deutsche Welle und BBC.
193 Vasile Paraschiv: 3. April 1928 – 4. Februar 2011. Paraschiv wurde zwischen 1969 und 1989 mehrfach in
psychiatrische Kliniken eingewiesen und in Gefängnissen gefoltert.
194 Victor Frunză: 8. Juni 1935 – 27. Juli 2007.
195 Ionel Cană: geb. am 2. April 1945.
196 Gheorghe Braşoveanu: 17. Juli 1915 – 9. April 2010.
154 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Paraschiv unterstützte die Initiative. Das landesweite Netzwerk wurde von der Secu-
ritate zerschlagen. Nach Unterdrückung der Bukarester Gruppe gründete der Banater
Schwabe Carl Gibson197 in Timişoara eine kurzlebige eigenständige Gruppe. [179]
Nur wenige Belege finden sich zu einer in Bulgarien im Herbst 1978 von einer illega-
len Gruppe veröffentlichten Deklaration 78. » Das erste Manifest einer bulgarischen Dis-
sidentengruppe, die sich › ARD ‹ nennt. Die anonymen Verfasser forderten Religionsfrei-
heit, Abschaffung der Pressezensur, Zulassung freier Gewerkschaften und das Recht auf
Auswanderung. « [180]
Nicht nur in den Gesellschaften Mittel- und Südosteuropas gärte es am Ende der
siebziger Jahre. Mit Datum 20. August 1977 wurde eine in Vilnius entstandene Re-
solution eines Komitees der Nationalen Bewegungen Estlands-Lettlands-Litauens be-
kannt.  [181] Der Gründer der Lietuvos Helsinkio Grupé, Viktoras Petkus, war von litau-
ischer Seite führend an dem Komitee beteiligt. Ferner waren beteiligt Ints Cālītis198 und
Viktors Kalniņš199 aus Lettland und Mart-Olav Niklus aus Estland. Eine in der Moskauer
Wohnung von Piotr Grigorenko am 24. August für ausländische Journalisten geplante
Pressekonferenz wurde vom KGB verhindert. Petkus war bereits am 23. August (!) 1977
verhaftet worden. [182]
Am 14. November 1977 wandten sich die estnischen Menschenrechtsaktivisten
Niklus, Tarto und Udam zusammen mit den Letten Juris Ziemelis200, Viktors Kalniņš,
Gunārs Rode201 und Ints Cālītis an Amnesty International, um auf die Freilassung von
Petkus hinzuwirken.
Petkus wurde am 10. Juli 1978 zu mehrjähriger Lagerhaft und Verbannung verur-
teilt. Er war ab 1979 im Gefängnis Tschistopol in einer Zelle mit Schtscharanski und ver-
brachte längere Zeit im Speziallager für » besonders gefährliche Staatskriminelle «, näm-
lich in VS-389/36-1 (Perm 36), Kutschino. Dort hatte Petkus Kontakt zu ukrainischen
Dissidenten, u. a. zu Kandyba, Tykhy, Lytvyn, Valery Marchenko, Lukianenko, Rudenko
und Stus. Zusammen mit dem im gleichen Lager inhaftierten Niklus erklärte er sich 1983
symbolisch zum Mitglied der Ukrainischen Helsinki-Gruppe. Viktoras Petkus durfte erst
am 2. November 1988 nach Litauen zurückkehren.
In den siebziger Jahren strebten Oppositionsgruppen in den baltischen Republiken
aufgrund gleicher Interessen nach einer Koordinierung ihrer Aktionen. Gerhard Simon
verwies in seiner Arbeit zur Nationalitätenpolitik der UdSSR auf diese Bestrebungen:

197 Carl Gibson: geb. am 7. März 1959.


198 Ints Cālītis: geb. am 5. März 1931. Cālītis war bereits 1949 und 1958 wegen » antisowjetischer Aktivitäten «
zu Haftstrafen verurteilt worden. Am 23. September 1983 wurde er erneut zu sechs Jahren Lagerhaft ver-
urteilt. Er wurde 1990 Mitglied im Obersten Rat der Lettischen SSR.
199 Viktors Kalniņš: geb. am 1. April 1939.
200 Juris Ziemelis: 17. Mai 1941 – 28. Dezember 1988. Ziemelis wurde 1949 mit seiner Familie nach Sibirien
deportiert. Er durfte erst 1957 nach Lettland zurückkehren. Er wurde 1960 zu 15 Jahren Lagerhaft ver-
urteilt.
201 Gunārs Rode: geb. am 8. September 1934. Rode war von 1962 bis 1977 in Haft in einem Lager in Mordo-
wien und im Gefängnis von Wladimir. Er konnte 1978 nach Schweden emigrieren. Im Exil engagierte
er sich in der lettischen Emigrantenpresse.
Neue Unruhe im sozialistischen Lager nach » Helsinki « 155

» Die Herausbildung eines baltischen Regionalbewußtseins spiegelte sich auch in ge-


meinsamen Aktionen der Oppositionsgruppen wider. Zwar verhinderte das KGB 1977
die Gründung eines gemeinsamen » Komitees der Nationalbewegungen von Estland, Lett-
land und Litauen «, aber die Zahl der Aktionen über die Nationalgrenzen hinweg nahm
zu. Sechs Gruppen, Estnische Nationale Front (ERR, D. P.), Estnische Demokratische Be-
wegung (EDL, D. P.), Unabhängigkeitsbewegung Lettlands, Demokratisches Jugendkomi-
tee Lettlands, Lettische Christliche Demokraten, Litauische National-Demokratische Be-
wegung, verfaßten im September 1975 eine gemeinsame Erklärung, in der sie den Westen
zu einer härteren Haltung gegenüber der Sowjetunion aufforderten und die Verwirk-
lichung der Grundrechte sowie die Wiederherstellung der nationalen Selbstbestimmung
im Baltikum unter UN-Aufsicht zu ihrem Programm erklärten. « [183]
In der Litauischen SSR wurde am 14. Juni 1978, dem Jahrestag der Deportationen von
1941, die Lietuvos laisvės lyga (LLL), deutsch: Litauische Freiheitsliga, gegründet, eine am
Ziel nationaler Unabhängigkeit orientierte Untergrundorganisation. Gründer waren der
Wirtschaftswissenschaftler Antanas Terleckas202 und der Arzt Algirdas Statkevičius203.
In seiner posthum erschienenen Studie » Lithuania – The Rebel Nation « bemerkt
V. Stanley Vardys, dass die Gruppe durch die langjährige Inhaftierung des Vorsitzenden
Terleckas erst wieder Ende der achtziger Jahre – in Konkurrenz zu Sąjūdis – auf sich auf-
merksam machte. [184]
Terleckas wurde am 1. November 1979 verhaftet und im September 1980 zu dreijähri-
ger Lagerhaft und fünfjähriger Verbannung verurteilt.
In der Estnischen SSR erschien 1978 erstmals die von Jüri Adams204, Arvo Pesti205
und Lagle Parek206 herausgegebene Samisdat-Zeitschrift mit dem Titel Lisandusi mõ-
tete ja uudiste vabale levikule Eestis (Ergänzungen zu der Verbreitung der Ideen und der
kostenlosen Nachrichten in Estland). Diese nach dem Vorbild der Moskauer Chronika
tekuščich sobytij konzipierte Publikation erschien bis 1987 in 25 Ausgaben.
Bis Ende der siebziger Jahre unterschied sich die Entwicklung in der Estnischen SSR
von der in Lettland und in Litauen. Ludmilla Alexejewa wies darauf hin, dass aufgrund
der relativ eigenständigen Politik Johannes Käbins, des Ersten Sekretärs des ZK der Est-
nischen Kommunistischen Partei (EKP), ein geringeres gegen Moskau gerichtetes Pro-
testpotential entstand als in den beiden anderen baltischen Republiken. [185] Dies än-
derte sich, als Parteichef Käbin am 26. Juli 1978 durch den weniger national auftretenden
Karl Vaino abgelöst wurde.

202 Antanas Terleckas: geb. am 9. Februar 1928.


203 Algirdas Statkevičius: geb. am 1. April 1923. War von 1951 bis 1956, 1970 bis 1972 und 1980 bis 1988 in La-
gerhaft. Er wurde 1988 exiliert und konnte erst 1989 nach Litauen zurückkehren.
204 Jüri Adams: geb. am 22. November 1947. Adams war von 1992 bis 2003 Abgeordneter im Riigikogu und
1994/1995 Justizminister Estlands.
205 Arvo Pesti: geb. 8. Juli 1956 – 6. September 2010.
206 Lagle Parek: geb. am 17. April 1941. Parek wurde 1949 zusammen mit ihrer Mutter nach Sibirien depor-
tiert, wo sie bis 1954 blieb.Ihr Vater war 1941 vom NKWD hingerichtet worden. 1983 bis 1987 war sie in
einem mordwinischen Arbeitslager interniert. Von 1992 bis 1993 war Lagle Parek Innenministerin.
156 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

Am 22. September 1978 versammelten sich in Tartu ungefähr 150 Studenten vor dem
Parteigebäude und demonstrieren für eine unabhängige Republik Estland.
Am 27. oder 28. September 1978 ertrank August Sabbe207 im Fluss Vöhandu bei dem
Versuch von KGB-Agenten, ihn zu verhaften. Sabbe war der letzte im Untergrund le-
bende estnische » Waldbruder « der Relvastatud Võitluse Liit (RVL), Bewaffnete Wider-
stands-Liga, der im Kampf fiel. Als » Waldbrüder « wurden die estnischen lettischen und
litauischen Kämpfer des militärischen Widerstands gegen die sowjetische Okkupation
bezeichnet.
Am 23. August 1979, dem 40. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes von 1939, traten balti-
sche Aktivisten, unter ihnen die Esten Mart-Olav Niklus [186], Enn Tarto, Endel Ratas208
und Erik Udam, die Litauer Antanas Terleckas, Petras Cidzikas209, Vytautas Bogušis210,
Julius Sasnauskas211 und Algirdas Statkevičius sowie die Letten Ints Cālītis und Juris
Ziemelis, mit einer sogenannten » Baltischen Charta « an die Öffentlichkeit. Der letti-
sche Publizist und Menschenrechtsaktivist Gunārs Astra212 hatte das Memorandum ins
Lettische übersetzt.
Die Signatare des Appells nahmen mit der Namensgebung Bezug auf Charta 77. Die
insgesamt 45 Unterzeichner aus den drei baltischen Republiken, vier aus Estland, vier
aus Lettland und 37 aus Litauen, wurden in ihrer Forderung nach der Annullierung des
» Teufelspaktes « von 1939 unterstützt von den russischen Bürgerrechtlern Andrej Sacha-
row, Viktor Nekipelov213 sowie von Mitgliedern der Moskauer Helsinki Gruppe, der Ma-
thematikerin Tatiana Velikanova214, von Malva Landa und Arina Ginsburg, der Frau des
inhaftierten Alexander Ginsburg. Der Appell wurde in der internationalen Presse publi-

207 August Sabbe: 1. September 1909 – 28. September 1978. Sabbe wurde auf dem Tartuer Raadi-Friedhof
beigesetzt. Der Lette Jānis Pīnups, 10. Mai 1925 – 15. Juni 2007, war der letzte » Waldbruder «, der sein
Versteck verließ. Sechs Monate nach Abzug der letzten russischen Truppen aus Lettland stellte er sich
1995 den Behörden.
208 Endel Ratas: 8. Dezember 1938 – 2. September 2006. Ratas war 1959 verhaftet und zu Lagerhaft verur-
teilt worden. Die Haftzeit bis Juli 1963 verbrachte er in den mordwinischen Lagern ZhKh 385/7-1, 385/3,
385/17 und 385/11.
209 Petras Cidzikas: geb. am 25. April 1944.
210 Vytautas Bogušis: geb. am 2. Januar 1959. Bogušis wurde 1992 für die Litauische Christlich-Demokrati-
sche Partei in den Seimas gewählt. Von 2004 bis 2012 war er Abgeordneter der Partei Liberalų ir centro
sąjunga (LiCS), deutsch: Liberale und Zentrumsunion.
211 Julius Sasnauskas: geb. am 18. März 1959. Ist seit 1997 Rektor der Bernhardinerkirche in Vilnius.
212 Gunārs Astra: 22. Oktober 1931 – 14. April 1988. Astra war 1961 – 1976 in Mordwinien und erneut
1983 – 1988 als » Gewissensgefangener « inhaftiert. Wenige Wochen nach seiner Entlassung starb er in
Leningrad unter ungeklärten Umständen.
213 Viktor Nekipelov: 29. September 1928 – 1. Juli 1989. Nekipelov war seit Ende der sechziger Jahre in der
Menschenrechtsbewegung aktiv. Nach Herausgabe eines Buches im Samisdat (1976) und in Engli-
scher Sprache (1980: » Institute for Fools «) über den Missbrauch der Psychiatrie für politische Zwecke
durch das Moskauer » Serbski-Wissenschaftszentrum für Sozial- und Gerichtspsychiatrie « wurde er am
13. Juni 1980 zu sieben Jahren Zwangsarbeit und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Er war Mitglied der
MHG seit November 1977. Nach Freilassung emigrierte er 1987. Er starb im Pariser Exil.
214 Tatiana Velikanova: 3. Februar 1932 – 19. September 2002. Velikanova war seit den 60er Jahren dissiden-
tisch aktiv. Sie war mit Konstantin Babitski verheiratet. Sie wurde am 1. November 1979 verhaftet und
zu vier Jahren Lagerhaft und fünf Jahren Verbannung verurteilt.
Der Papst aus Polen 157

ziert und war Grundlage der Entscheidung des Europäischen Parlaments vom 13. Januar
1983, die Forderungen des Appells zu unterstützen.
Von der sowjetischen Führung wurde derweil die Inkorporation der baltischen Staa-
ten noch klassisch imperialistisch dargestellt und bewertet. Michail Gorbatschow, seit
1979 Kandidat des Politbüros des ZK der KPdSU, reiste 1980 anlässlich des 40. Jahresta-
ges der Eingliederung Lettlands in die UdSSR, geschehen am 3. August 1940, nach Riga,
» where he delivered an ornate oration on the › Friendship of USSR Peoples – an Invalua-
ble Achievement ‹, in celebration of the fortieth anniversary of Lithuania’s annexation to
the Soviet-Union. « [187] Diese geschichtsverfälschende Interpretation durch die KPdSU
hatte noch längere Zeit Bestand.
1979 entstand an der Universität Tartu ein Klub junger, national orientierter Histori-
ker, dem unter anderen Lauri Vahtre215 und Mart Laar 216 angehörten.
Am Heiligabend 1979 kam es auf dem Tartuer Raadi-Friedhof am Grab von Julius
Kuperjanov, des 1919 infolge schwerer Schussverletzungen gestorbenen legendären Füh-
rers estnischer Partisanen gegen die Bolschewiki, erneut zu einer Demonstration für ein
unabhängiges Estland.
In Kiew kam es 1979 ebenfalls zur Bildung einer unabhängigen Studentengruppe, des
Kiewer Demokratischen Klubs, der sich mit philosophischen, politischen und histori-
schen Fragen beschäftigte. Organisator war der Journalistikstudent Serhiy V. Naboka217.

5 Der Papst aus Polen

Das wohl folgenreichste Ereignis des Jahres 1978 war am 16. Oktober die Wahl des Erz-
bischofs von Krakau Karol Józef Kardinal Wojtyła218 zum Oberhaupt der Römisch-Ka-
tholischen Kirche. Der polnische Historiker Włodzimierz Borodziej komprimierte die
Wirkung dieser Papstwahl in dem meines Erachtens unbedingt zu zitierenden Satz: » Ein
polnischer Papst war in Jalta nicht vorgesehen gewesen. « [188]
Die Wirkung auf Polen war unvergleichlich. Kazimierz Brandys, schrieb in » War-
schauer Tagebuch «: » An dem Tag, als die Wahl Karol Wojtylas zum Papst bekanntge-
geben wurde, rannten die Menschen in Warschau mit Freudenschreien durch die Stra-
ßen. « [189] Das Ereignis riss viele Menschen aus ihrer Lethargie. Die Wahl wurde von
ihnen als Befreiung empfunden. Die Nr. 43 des Tygodnik Powszechny vom 22. Oktober

215 Lauri Vahtre: geb. am 22. März 1960. Vahtre war von 1992 bis 2003 und ist seit 2007 Abgeordneter im
Riigikogu.
216 Mart Laar: geb. am 22. April 1960. Laar wurde 1992 Abgeordneter im Riigikogu und war von 1992 bis
1994 und in den Jahren 1999 bis 2002 Ministerpräsident der Republik Estland. Von April 2011 bis Mai
2012 war er Verteidigungsminister.
217 Serhiy Vadymovych Naboka: 26. April 1955 – 19. Januar 2003. Naboka war von 1981 bis 1984 inhaftiert. Er
engagierte sich Ende der achtziger Jahre für die Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche (UAOK).
1989 war er Korrespondent von Radio Liberty. Er war Mitgründer, Eigner und Leiter der Presseagentur
Respublika. Ab 1994 war er Präsident des Ukrainischen Medien-Clubs.
218 Karol Józef Wojtyła: 18. Mai 1920 – 2. April 2005.
158 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

titelte doppelsinnig » Habemus Papam ! «. Für die Mehrheit der Bürger Polens wurde
Papst Jan Paweł II zum Helden und geistigen Führer der Nation.
Bereits mit seiner Antrittspredigt am 22. Oktober mit dem Titel » Non abbiate paura ! «,
deutsch: Habt keine Angst, setzte Papst Johannes Paul II. ein Zeichen geistiger Führung.
Durch die Wahl eines » polnischen Papstes « gewann die Institution Kirche in Polen an
zusätzlicher Bedeutung und an Einfluss.
Nicht nur für Polen war die Wahl Wojtyłas von enormer Wirkung. In seiner An-
trittspredigt setzte der Papst sehr bewusst ein weiteres Zeichen, als er die Gläubigen
auch auf Litauisch grüßte. Er wandte sich damit an die Gläubigen desjenigen Landes, in
dem die Unterdrückung der katholischen Kirche durch die Kommunisten die brutals-
ten Ausmaße angenommen hatte. Die Predigt wurde zudem vom polnischen Fernsehen
übertragen und konnte damit auch in der Westukraine, in Belarus und insbesondere
in Litauen verfolgt werden. Hohen symbolischen Wert hatte zudem eine weitere Geste
des Papstes: Johannes Paul II. stiftete sein Kardinals-Pileolus, so wird das runde rotsei-
dene Scheitelkäppchen bezeichnet, der Ikone der » Muttergottes der Barmherzigkeit « im
Aušros vartai, deutsch: Tor der Morgenröte, von Vilnius.
Gerhard Simon schrieb 1982 in einem Bericht des Bundesinstituts für ostwis-
senschaftliche und internationale Studien (BIOst) zur Bedeutung der Papstwahl für
Litauen: » Die Wahl eines polnischen Papstes bedeutete für die litauischen Katholi-
ken eine moralische und politisch-diplomatische Rückenstärkung. Johannes Paul II.
hat von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, daß er die litauischen Verhältnisse
nicht  nur gut kennt, sondern daß › die eine Hälfte seines Herzens ‹ den Litauern ge-
hört. « [190]
In diesem Zusammenhang ist auch seine nachfolgend erwähnte Entscheidung zu
sehen: Am 30. Juni 1979 verkündete der Papst eine Kardinalserhebung » in pectore «.
Wie erst neun Jahre später bekannt wurde, galt diese Ernennung dem Bischof von
Kaišiadorys, Vincentas Sladkevičius, der von den Machthabern an der Ausübung seines
Amtes gehindert war.
Der Papst nahm sich auch der in den Untergrund verdrängten Ukrainischen Grie-
chisch-Katholischen Kirche an. Bereits im Monat nach der Wahl traf er sich mit dem
im römischen Exil lebenden Großerzbischof Jossyf Ivanovič Kardinal Slipyj. Jossyf
Ivanovič Slipyj war 1945 als Erzbischof von Lemberg vom NKWD nach Sibirien depor-
tiert und erst im Jahr 1963 auf Bitte des Vatikans und auf Druck von US-Präsident John
F. Kennedy von der sowjetischen Führung ins Exil entlassen worden. [191]
Das Engagement des Papstes für ihre Kirche war für die Gläubigen der Ukraini-
schen Griechisch-Katholischen Kirche eine Ermutigung mit Folgen: Ab Ende der sieb-
ziger Jahre verstärkten Sie die Bemühungen um Legalisierung ihrer Kirche. Bei Petitio-
nen an die Regierung in Moskau wurden bis zu 30 000 Unterschriften gesammelt. [192]
Auch die slowakische Untergrundkirche, die » ecclesia silentii «, fand sehr bald öffent-
lich Erwähnung durch den Papst. Am 5. November antwortete er in Assisi auf einen Zu-
ruf aus der Menge: » die schweigende Kirche schweigt nicht mehr, denn sie spricht mit
dem Mund des Papstes. « [193]
Drei Wochen nach der Papstwahl wurde am 13. November in Moskau von fünf litau-
Der Papst aus Polen 159

ischen Priestern das Tikinčiųjų teisėms ginti katalikų komitetas, deutsch: Komitee der
Katholiken zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen, gegründet. Die Gründung er-
folgte mit Absicht in Moskau, da dort die Verbindung zur russischen Menschenrechts-
bewegung und Kontakte zur ausländischen Presse gegeben waren. In den baltischen Re-
publiken waren derartige Kontakte unmöglich, da ausländische Korrespondenten dort
nicht tätig sein durften. Vorbild für die Gründung war das vom orthodoxen Priester
Gleb Jakunin Ende Dezember 1976 gegründete Christliche Komitee zur Verteidigung der
Rechte der Gläubigen in der UdSSR. [194]
Einer der Gründer von Tikinčiųjų teisėms ginti katalikų komitetas war der Priester
Alfonsas Svarinskas219. Svarinskas lebte in Haft bzw. in Verbannung von 1946 bis 1956,
von 1958 bis 1964 sowie vom 26. Januar 1983 bis zum 23. August 1988. Er kam 1988 erst
auf Druck des US-Präsidenten Ronald Reagan und von Amnesty International frei, mit
der Auflage, » die Sowjetunion auf immer zu verlassen «. Zu den Gründern gehörte der
Priester Sigitas Tamkevičius. Tamkevičius wurde am Tag nach der Verurteilung von
Svarinskas, nämlich am 7. Mai 1983, verhaftet und am 2. Dezember zu sechs Jahren Ar-
beitslager und zu vier Jahren Verbannung verurteilt. Tamkevičius verbrachte fünf Jahre
in vier sowjetischen GULags, u. a. in den Lagern Perm 37, 36 und 35, und war zusätzlich
für ein halbes Jahr verbannt. Ein weiteres Gründungsmitglied war der Priester der Ge-
meinde Prienai Juozas Zdebskis. Zdebskis hatte bereits Ende der sechziger Jahre Peti-
tionen an die sowjetische Führung verfasst. Er starb 1986 bei einem Autounfall, der mit
großer Wahrscheinlichkeit vom KGB inszeniert worden war.
Im Jahr 1979 unterschrieben auf Initiative des Komitees 148 149 Bürger » eine Petition
an Breschnew, in der die Rückgabe der 1962 in Klaipeda (Memel) erbauten und nach
Fertigstellung konfiszierten Kirche (» Regina-Pacis-Kirche «, D. P.) an die Gemeinde ver-
langt wurde. « [195] Diese für ein totalitäres System unglaublich große Zahl protestieren-
der Bürger dokumentiert den Massencharakter der kirchennahen Protestbewegung. Mit
dieser Aktion des Komitees solidarisierten sich die beiden in Verbannung lebenden Bi-
schöfe Vincentas Sladkevičius und Julijonas Steponavičius und 522 von 708 litauischen
Priestern aus allen sechs Diözesen. [196]
Auf eine Wirkung der katholischen Initiative ist hinzuweisen. Das kirchennahe Ti-
kinčiųjų teisėms ginti katalikų komitetas war, in dieser Hinsicht vergleichbar mit der
Bewegung der Refuseniks, für die Menschenrechtsgruppen in der Sowjetunion ein ge-
wichtiger Partner. Es hatte eine breite und tiefe Verankerung in der Bevölkerung, eine
Massenbasis, über die die Menschenrechtsgruppen nicht verfügten. Diese unterstüt-
zende Wirkung war insbesondere Anfang der achtziger Jahre wichtig, als fast alle be-
deutenden Aktivisten der Menschenrechtsgruppen in der Sowjetunion entweder exi-
liert, verbannt oder inhaftiert waren.
Eine Massenbasis erreichten in der Sowjetunion auch die sich in den achtziger Jah-
ren bildenden Nationalbewegungen. Für ihre Entstehung waren die Nationalitäten- und
die Sprachenpolitik der sowjetischen Führung auslösende Faktoren. Zusammen mit der

219 Alfonsas Svarinskas: geb. am 21. Januar 1925.


160 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

wieder erwachenden Erinnerung an die Exzesse der Stalinzeit waren sie zugleich Ursa-
chen der wachsenden gesellschaftlichen Unruhe.

6 Sprachenpolitik in der UdSSR

Neben der Unterdrückungspolitik gegenüber der Litauischen Katholischen Kirche gab


es weitere Faktoren, die insbesondere in Litauen und in den beiden anderen baltischen
Sowjetrepubliken die Bildung » zivilgesellschaftlicher « Gruppen und Bewegungen mit
auslösten. Hierzu sind vor allem die sowjetische Nationalitätenpolitik und insbeson-
dere die Sprachenpolitik zu zählen. Christel Baumert hat dies für die Litauische SSR
dargestellt. » Die ideologische Doktrin vom › Sowjetvolk ‹ als › einer neuen historischen
Gemeinschaft von Menschen ‹ wurde seit Ende der 60er Jahre zum zentralen Terminus
der Nationalitätentheorie und 1977 in die Präambel der neuen Verfassung aufgenom-
men. « [197]
Im Bildungsbereich wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, Russisch als
» zweite Muttersprache « [198] durchzusetzen. So wurde die russische Sprache auch in
den Kindergärten der Unionsrepubliken eingeführt, deren Einwohnerschaft mehrheit-
lich nichtrussischer Nationalität war. Für die Universitäten galt, dass ab 1975 alle Disser-
tationen in Russisch abzufassen waren. Für Litauen galt, dass seit 1974 die Sitzungen des
ZK der Lietuvos komunistų partija (LKP), der Kommunistischen Partei Litauens, nicht
mehr in litauischer, sondern in russischer Sprache protokolliert wurden. Ein Erfolg die-
ser Sprachenpolitik hätte mittel- bis langfristig ein Aufgehen der nichtrussischen Völker
in das russische Volk bewirkt.
Die sowjetische Sprachenpolitik hatte insbesondere in den baltischen Republiken
Widerstand, zumeist passiven Widerstand, zur Folge. So entstanden Anfang der sech-
ziger Jahre in Lettland, aber auch in Estland und Litauen Gruppen einer sogenannten
Baltischen Föderation. Die Vereinigung wurde 1962 vom KGB zerschlagen. Die Führer
der Gruppe, Viktors Kalniņš und Gunārs Rode, wurden zu jeweils fünfzehn Jahren La-
gerhaft verurteilt.
Erwähnenswert ist obendrein das estnische Beispiel: Die Estnische SSR war die ein-
zige Sowjetrepublik, in welcher der prozentuale Anteil der Einwohner, die bei Erhebun-
gen angaben, Russisch zu beherrschen, in den siebziger und achtziger Jahren rückläu-
fig war. » This alleged decline did not reflect the true state of affairs but was the result of
a spontaneous verbal campaign against Russification. People simply denied having any
command of the Russian language. « [199] Viele Einwohner estnischer Nationalität wei-
gerten sich, bei Befragungen durch staatliche Stellen anzugeben, dass sie über Russisch-
kenntnisse verfügten. Dies war Ausgangspunkt verstärkter Maßnahmen des Zentrums
zur Durchsetzung der russischen Sprache.
Am 28. Oktober 1980 sandten vierzig estnische Wissenschaftler, Schriftsteller und
Künstler einen offenen Brief an die Prawda, die Sovetskaya Estoniya und die estnisch-
sprachige Rahva Hääl. Der Mut der Verfasser wurde sicherlich durch die » Augustab-
kommen « in Polen bestärkt.
Sprachenpolitik in der UdSSR 161

Im » Neljakümne kiri «, dem » Brief der Vierzig «, der zwar in der sowjetischen Presse
nicht abgedruckt, dafür aber durch Samisdat und westliche Radiosender weithin be-
kannt wurde, protestierten die Verfasser gegen die Sprachenpolitik und gegen die Do-
minanz des Russischen. Unterzeichner waren u. a. der Dichter Jaan Kaplinski220, die So-
ziologin Marju Lauristin221, Tochter des ersten Premiers der Estnischen SSR, der Dichter
Paul-Eerik Rummo222, der Politologe Rein Ruutsoo223, der Schriftsteller Heino Kiik224
und der Klimatologe Andres Tarand225.
Die Herausbildung organisierter Protestformen, auch von Protesten, die zwischen
informellen Gruppen der baltischen Republiken koordiniert waren, wurde bereits oben
dargestellt. Unorganisierter Protest gegen die » Okkupationsmacht « regte sich in den
baltischen Republiken insbesondere nach größeren Sportereignissen. Beissinger weist
darauf hin, dass von insgesamt 185 Massendemonstrationen mit mehr als 100 Teilneh-
mern in der UdSSR, die er zwischen 1965 und 1986 ermittelte, alle 20 Demonstrationen
mit Forderungen nach Sezession in den drei Republiken stattfanden. Die größte ereig-
nete sich nach einem Fußballspiel am 10. Oktober 1977 in Vilnius, als nach Augenzeugen
zwischen 10 000 bis 15 000 Demonstranten durch die Stadt zogen. [200]
Die Sprachenpolitik der Union führte insbesondere in Georgien und Armenien zu
Unruhen, zumal die Verfassungen der drei südkaukasischen Republiken die jeweilige
Landessprache als Staatssprache festschrieben: » Das Ansinnen Moskaus, das Russische
als offizielle Sprache in der Verfassung der Georgischen SSR zu verankern, führte im
April 1978 (14. April, D. P.) zu Massenprotesten georgischer Studenten in Tiflis. Der da-
malige Erste Sekretär des ZK der KP Georgiens, Eduard Schewardnadse, eilte nach Mos-
kau, um dem Kreml das Vorhaben auszureden. « [201] In den drei südkaukasischen Repu-
bliken blieb die Sprache der Titularnation Staatssprache.
Die Sprachenpolitik stand in den siebziger und frühen achtziger Jahren in einem en-
gen Zusammenhang mit der Politik der » Russifizierung «. Gerhard Simon bietet hierfür
u. a. das Beispiel, dass 1980 von 150 Spitzenfunktionären des Zentralkomitees der KPdSU
lediglich drei, von den 97 Mitgliedern des Ministerrats ebenfalls nur drei und von den
150 höchsten militärischen Führern gleichfalls nur drei nichtslawischen Nationalitäten
entstammten. [202]
Ein weiteres Beispiel bietet Lettland: So waren 1985 unter den zehn Mitgliedern
des Politbüros der KP Lettlands fünf Russland-Letten, drei Russen und nur zwei eth-

220 Jaan Kaplinski: geb. am 22. Januar 1941. Kaplinski, dessen polnischer Vater nach der Deportation 1943
im GULag starb, war von 1992 bis 1993 Mitglied des Estnischen Parlaments, des Riigikogu.
221 Marju Lauristin: geb. am 7. April 1940. Lauristin war von 1992 bis 1995 und von 1999 bis 2003 Abgeord-
nete im Riigikogu. Von 1992 bis 1994 war sie Sozialministerin.
222 Paul-Eerik Rummo: geb. am 19. Januar 1942. Rummo war in den neunziger Jahren Abgeordneter der
Eesti Reformierakond, deutsch: Estnische Reformpartei, und war Minister von 1992 bis 1994 und von
2003 bis 2007. Er wurde 2011 erneut Abgeordneter im Riigikogu.
223 Rein Ruutsoo: geb. am 27. Juni 1947.
224 Heino Kiik: 14. Mai 1927 – 22. Februar 2013.
225 Andres Tarand: geb. am 11. Januar 1940. Tarand war 1990 – 1992 Abgeordneter im Obersten Rat, 1992
und 1995 – 2004 Abgeordneter im Riigikogu. 1992 – 1994 war er Umweltminister und 1994 – 1995 Minis-
terpräsident. 2004 – 2009 war er Mitglied des Europaparlaments.
162 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

nische Letten. Ähnliche Verhältnisse waren auch für die meisten anderen Republiken
bestimmend.

7 Die Herausforderung durch das sowjetische Imperium

Die außen- und militärpolitischen Ambitionen der UdSSR erreichten in den siebziger
Jahren eine neue Dimension. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre war die Sowjet-
union militärisch global präsent; in einigen Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas
erfolgte die Präsenz über die » Stellvertreter « DDR und Kuba. [203] Vor allem die Sta-
tionierung großer kubanischer Militäreinheiten in Angola 1977 und deren Eingreifen
in den angolanischen Bürgerkrieg wurde von den USA als langfristige Bedrohung west-
licher Politik betrachtet.
Gleichzeitig war eine dramatische Aufrüstung der UdSSR feststellbar. Die UdSSR er-
reichte im strategischen Bereich die Parität mit den USA und war in der Lage, ihre Do-
minanz im konventionellen Bereich auszubauen. Den USA erschien insbesondere die
Aufrüstung der maritimen Streitmacht bedrohlich. Die Dislozierung der Mittelstrecken-
raketen SS-20 wurde als Teil einer offensiven Militärstrategie wahrgenommen.
Im Nachhinein verwies Giorgi Arbatow auf die Unvernunft dieser Politik, die er un-
ter Breschnew übrigens mit vertreten hatte: » Ein anderer Fehler betraf Europa. Wir
brachten es fertig, zwei unterschiedliche, einander sogar ausschließende Strategien auf
einmal zu verfolgen. Eine davon war die Entspannung und die Schaffung eines zuverläs-
sigen kooperativen Sicherheitssystems […] Die andere war eine fieberhafte Aufrüstung,
die über unsere Möglichkeiten hinausging und jede Vernunft überstieg. Zusätzlich be-
trogen wir sowohl die Öffentlichkeit als auch unsere Partner bei den Verhandlungen in
Wien, was die wahre Größe unserer Streitkräfte anging. « [204]
Der Minister für Nationale Verteidigung der DDR Armeegeneral Heinz Hoffmann
beschrieb 1976 nicht ohne Stolz die sowjetische Sicht erfolgreicher Entspannungspolitik:
» Nicht ein gewisses › Minimum an militärischem Defensivpotential ‹ unserer Koalition,
auch kein sogenanntes › Gleichgewicht des Schreckens ‹ haben einen Zustand in den in-
ternationalen Beziehungen herbeigeführt, den die Menschheit erleichtert als Wende
vom kalten Krieg zur Entspannung empfindet. Die im zähen Kräfteringen der Nach-
kriegsjahre hart erkämpfte militärische Überlegenheit der Sowjetunion und ihrer Ver-
bündeten über die imperialistischen Hauptmächte war es, die den Frieden sicherte, die
antiimperialistischen Kräfte selbstbewußter gemacht und den weltrevolutionären Pro-
zeß vorangebracht hat. « [205]
» Rejecting nuclear war and struggling to prevent it, we, nevertheless, proceed from
the possibility of winning victory in it «, kommentierte Wadim Sagladin das doppelte
Spiel der UdSSR. [206] Sagladin war von 1975 bis 1988 Erster Stellvertretender Leiter der
Internationalen Abteilung des Sekretariats des Zentralkomitees der KPdSU.
Die europäische Diskussion wurde Ende der siebziger und Anfang der achtziger
Jahre von der Raketenfrage dominiert. Die Einführung und Dislozierung der sowje-
tischen SS-20 ab 1976 geriet für die europäischen NATO-Staaten zur Herausforderung.
Die Herausforderung durch das sowjetische Imperium 163

Durch dieses Waffensystem drohte Westeuropa die Abkoppelung vom strategischen US-
Nuklearschild. Bundeskanzler Helmut Schmidt initiierte aufgrund dieser Einschätzung
eine Diskussion über das Erfordernis von Gegenmaßnahmen der NATO. Im Ergeb-
nis der Diskussion plante die NATO für Westeuropa eine » Nachrüstung « mit 108 Per-
shing II und 464 Marschflugkörpern, Cruise Missiles. Zum » Doppelbeschluss « wurde
die Entscheidung der NATO durch das gleichzeitige Angebot, die Nachrüstung dann
nicht umzusetzen, wenn die Sowjetunion die Aufrüstung mit den SS-20 rückgängig ma-
chen würde.
Die Entscheidung, der » NATO-Doppelbeschluss «, wurde am 12. Dezember 1979 ge-
troffen. Der Beschluss war nicht nur in der Bundesrepublik äußerst kontrovers. Es for-
mierte sich ein massiver Protest in Gestalt der » Friedensbewegung «, die in der Bun-
desrepublik Deutschland auch von führenden Mitgliedern der SPD, der Partei von
Bundeskanzler Helmut Schmidt, mitgetragen wurde.
Das Thema » Nachrüstung « und damit zugleich die Frage der Beziehungen zu den
USA und zur UdSSR waren zu Beginn der achtziger Jahre in ganz Westeuropa und nicht
nur in der Bundesrepublik Deutschland die überragenden Streitpunkte. Diese Situa-
tion ist zu bedenken, wenn im folgenden Text auf Differenzen der westeuropäischen zu
den osteuropäischen Wahrnehmungen politischer Situationen und Prozesse hingewie-
sen werden muss.
In der Bundesrepublik entstanden in besonderer Weise Wahrnehmungsbesonder-
heiten bei der auf Bundesebene bis Herbst 1982 regierenden SPD, die sich mehrheitlich
sehr früh den Themen und den Deutungsmustern der Friedensbewegung öffnete. » Spä-
testens seit der Debatte um die Neutronenwaffe waren auch bei Teilen der SPD-Füh-
rung keinerlei Bedenken mehr zu erkennen, sich des gemeinschaftsstiftenden Feindbil-
des Amerika zu bedienen und über diese Schiene ein immer engeres Verhältnis zu den
Kommunisten zu suchen. « [207]
Die Kommentierung von Michael Ploetz bezieht sich auf die Diskussion in der Bun-
desrepublik nach Juni 1977, als im Zusammenhang mit der Entscheidung der US-Regie-
rung über die Produktion von Neutronenbomben SPD-Geschäftsführer Egon Bahr226
am 21.Juli 1977 in der sozialdemokratischen Wochenzeitung Vorwärts diese Waffensys-
teme als ein » Symbol der Perversion des Denkens « bezeichnete. Ploetz deutet mit der
Kommentierung zugleich an, dass die Friedensbewegung stark unter dem Einfluss der
Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) und verbündeter Organisationen und damit
unter dem Einfluss der DDR stand.
Wie die Geheimdienste und die für Kirchenfragen zuständigen Staatsämter der so-
zialistischen Staaten über die 1958 initiierte und 1961 gegründete Christliche Friedens-
konferenz (CFK) mit Sitz in Prag Einfluss auf die ökumenische Bewegung, auf den Öku-
menischen Rat der Kirchen (ÖRK) und mittelbar auch auf die von kirchlichen Gruppen
mitgetragene westliche Friedensbewegung nahmen, dokumentierte die 1999 vorgelegte
Analyse des Kirchenhistorikers Gerhard Lindemann » Sauerteig im Kreis der gesamt-
christlichen Ökumene: Das Verhältnis zwischen der Christlichen Friedenskonferenz

226 Egon Bahr: geb. am 18. März 1922. Bahr war von 1972 bis 1976 Bundesminister.
164 Dritter Teil: » Helsinki « und die Folgen

und dem Ökumenischen Rat der Kirchen «. [208] Das bei Lindemann zitierte, 1990 ge-
machte Eingeständnis des langjährigen Generalsekretärs und ab 1978 Präsidenten der
CFK, des ungarischen reformierten Bischofs Károly Tóth227, belegt die völlig einseitig an
den Interessen sowjetischer Außenpolitik orientierte Politik dieser kommunistischen
» Frontorganisation «. [209]
Auch aus Perspektive der heutigen politischen Konstellation ist sehr interessant,
dass Mitte 1979, d. h. während der heißen Phase der Debatte um den NATO-Doppel-
beschluss, die UdSSR der Bundesrepublik Deutschland die Beteiligung beim Bau einer
Großrohrpipeline für Gas aus Sibirien, für das die Ruhrgas AG Käufer sein sollte, an-
bot. – Einen ersten Hinweis auf die Möglichkeit einer industriellen Kooperation beim
Bau einer Gas-Großrohrpipeline gab der Erste Stellvertretende Vorsitzende des Minis-
terrats der UdSSR Nikolai Tichonow dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland
in Moskau Hans Georg Wieck in einem Gespräch am 1. Dezember 1978. [210]
Die offiziellen Verhandlungen über dieses » Jamal-Projekt « wurden während des am
30. Juni 1980 beginnenden Moskaubesuchs von Bundeskanzler Helmut Schmidt aufge-
nommen. Schmidt war damit der erste westliche Regierungschef, der Moskau nach der
Besetzung Afghanistans besuchte. (Das Treffen des französischen Präsidenten Valéry
Giscard d’Estaing mit Generalsekretär Breshnew am 19. Mai 1980 hatte nicht in Moskau,
sondern in Warschau stattgefunden, im Palais Wilanów.)
Beim abschließenden Gespräch der deutschen und der sowjetischen Delegation un-
terzeichneten am 1. Juli die Botschafter Hans-Georg Wieck und Wladimir Semjonow
das » Langfristige Programm über die Hauptrichtungen der Zusammenarbeit der Bun-
desrepublik Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken auf dem
Gebiet der Wirtschaft und Industrie. « Mit Blick auf die nur vierzehn Tage später begin-
nenden Olympischen Sommerspiele in Moskau, die von der Mehrheit der westlichen
Staaten – auch von der Bundesrepublik Deutschland – aufgrund der Besetzung Afgha-
nistans boykottiert wurden, bekamen die Verhandlungen und der Vertragsabschluss
eine besondere Bedeutung. Die Bundesregierung entzog sich mit ihrem Vorgehen einer
von den USA gewünschten Politik der Maßregelung der Sowjetunion. Ungewöhnlich
ist auch, dass der Moskaubesuch des Bundeskanzlers drei Monate vor den Bundestags-
wahlen am 5. Oktober stattfand. Ein Sachverhalt, den Schmidt selbst bei einem Ge-
spräch mit dem sowjetischen Botschafter Semjonow am 31. März 1980 hervorgehoben
hatte. [211]
Die Außenhandelspolitik wurde für die Sowjetunion zum Instrument, um Differen-
zen zwischen den westlichen Staaten hervorzurufen. Dieses war insbesondere in Bezug
auf die stark vom Außenhandel abhängige Bundesrepublik Deutschland ein probates
Mittel. » During the first nine months of 1980, Soviet imports from West Germany jum-
ped by 31 percent, to $3.3 billion, and imports from France rose 33 percent, to $ 1.9 bil-
lion. « William Korey verwies darauf, dass während des am 9. September 1980 begin-
nenden Vorbereitungstreffens zur Madrider KSZE-Folgekonferenz die sowjetische

227 Károly Tóth: geb. am 3. April 1931. Tóth war in den sechziger Jahren Sekretär des ÖRK, ab 1977 Bischof
und Präsident des Reformierten Weltbundes. Er gehörte dem Exekutivausschuss des ÖRK an.
Die Herausforderung durch das sowjetische Imperium 165

Delegation der Delegation der USA mit diesen Zahlen die Vergeblichkeit der amerika-
nischen Sanktionspolitik nach der Okkupation Afghanistans vorhielt. [212]
Es ist zur Beurteilung der Politik der Bundesrepublik Deutschland gegenüber der
UdSSR auch von Bedeutung, dass Botschafter Hans-Georg Wieck in den Monaten vor
dem Moskaubesuch des Bundeskanzlers mehrfach in längeren Schreiben auf die be-
drängte Lage von Dissidenten hinwies. So setzte sich Wieck u. a. dafür ein, den Schrift-
stellern Lew Kopelew228, Wladimir Woinowitsch, Georgi Wladimow und Wladimir
Nikolajewitsch Kornilow229 eine Ausreise aus der Sowjetunion und die Einreise in die
Bundesrepublik zu ermöglichen. [213] Es gibt meines Erachtens die begründete Vermu-
tung, dass bei Teilen der Bundesregierung ein derartiges Engagement nicht auf Zustim-
mung stieß. Das vorrangige Interesse war auf den Ausbau der Handelsbeziehungen zur
Sowjetunion fokussiert. Es fehlte in der Bundesrepublik Deutschland zudem ein poli-
tisch relevanter gesellschaftlicher Druck zu einer stärkeren Akzentuierung einer Men-
schenrechtspolitik.

228 Lew Kopelew: 9. April 1912 in Kiew – 18. Juni 1997 in Köln. Kopelew durfte im November 1980 die So-
wjetunion verlassen. Er wurde 1981 ausgebürgert und lebte seitdem in Köln.
229 Wladimir Nikolajewitsch Kornilow: 29. Juni 1928 – 8. Januar 2002. Kornilow war ab 1975 Mitglied der
sowjetischen Sektion von Amnesty International.
Vierter Teil
Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

1 Peking – Teheran – Mekka – Kabul – Moskau – Danzig

1979 wurde zum Jahr großer Umwälzungen in Asien. Diese Veränderungen absorbierten
einen Großteil der Aufmerksamkeit in den USA und in geringerem Maße auch der Auf-
merksamkeit in Westeuropa. Ab Dezember 1979 war die Sowjetunion durch die militäri-
sche Intervention in Afghanistan bei den zentralasiatischen Vorgängen direkt involviert.
Dieser Vorgang war aufgrund der Beteiligung der Supermacht wiederum Basis einer ver-
änderten Einschätzung der weltpolitischen Bedeutung Zentralasiens durch die USA und
ihre Verbündeten.
Im Dezember 1978 wurde auf dem Dritten Plenum des 11. Parteitages der Kommunis-
tischen Partei Chinas der Beschluss über die Politik der » Vier Modernisierungen « gefasst.
Damit setzte sich Deng Xiao-ping mit seiner Politik durch. (Der Begriff » Vier Modernisie-
rungen « wurde von Tschou En-Lai bereits 1964 geprägt.)
Am 17. Februar 1979 startete China mit dem Einmarsch von Truppen in Vietnam den so
genannten » Erziehungsfeldzug «.
Mit der Rückkehr von Ayatollah Ruhollah Musavi Chomeini aus dem Exil in Paris nach
Teheran am 1. Februar 1979 gelangte die Islamische Revolution via Fernsehen in die deut-
schen Wohnzimmer. Die Bilder vom Empfang des Ayatollah durch die jubelnden Men-
schenmassen nach Landung der Boeing 747 dokumentierten dieses singuläre Ereignis. An
Bord der Maschine befand sich zusammen mit über 100 weiteren Journalisten auch Peter
Scholl-Latour. – Hätte man etwas anderes erwarten können ?
Die Ausrufung der Islamischen Republik Iran erfolgte am 1. April.
Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde die Sicherheit des Persischen Golfs, der Straße von
Hormuz und des Golfs von Oman insbesondere von den außen- und sicherheitspoliti-
schen Analytikern in den USA in Frage gestellt. Der wichtigste Transportweg für Erdöl war
gefährdet und damit die wirtschaftliche und politische Stabilität der Industrieländer.

D. Preuße, Umbruch von unten, DOI 10.1007/978-3-658-04972-0_5,


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168 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Die Besetzung der Teheraner US-Botschaft und die Geiselnahme von 66 Botschaftsan-
gehörigen durch bewaffnete » Studenten «, die am 4. November 1979 begann und erst am
Tag der Inauguration von Ronald Reagan zum neuen US-Präsidenten beendet wurde, d. h.
am 20. Januar 1981, verdeutlichten schlagartig den Verlust des Einflusses der USA in der
Region.
Noch kurz zuvor hatte es begründete Hoffnungen auf eine friedlichere Konstellation im
Nahen Osten gegeben. Vom 19. bis 21. November 1977 besuchte der ägyptische Präsident
Muhammad Anwar as-Sadat Jerusalem und sprach am 20. November vor den Abgeord-
neten der Knesset. Es war dies ein höchst mutiger Schritt Sadats, der letztlich zum Camp
David-Abkommen führte. Am 17. September 1978 erzielten auf Vermittlung von US-Präsi-
dent Jimmy Carter Israels Ministerpräsident Menachem Begin und Sadat in Camp David
ein Abkommen, das am 26. März 1979 als Friedensabkommen unterzeichnet wurde.
Vizepräsident Saddam Hussein wurde am 16. Juli 1979 zum Präsidenten des Irak ernannt.
Mit der Besetzung der Masdsched-al-Haram, der Großen Moschee in Mekka mit der
Ka’bah durch radikale Wahabiten unter Führung von Dschuhaiman al-Utaibi1 am 20. No-
vember 1979 wurde bei einem weiteren für die globale Erdölversorgung so wichtigen
Staat deutlich, wie gering die politische Stabilität in der Region ausgeprägt war. Deut-
lich wurde dies insbesondere durch das Versagen des saudischen Herrscherhauses, mit
eigenen Truppen die Besetzung zu beenden. Erst am 4. Dezember gelang nach schwe-
ren Kämpfen unter Einsatz von Giftgas die » Räumung « der Großen Moschee. Hierfür war
jedoch die Aufbietung ausländischer Milizeinheiten, nämlich des französischen › Groupe-
ment d’Intervention de la Gendarmerie Nationale ‹, erforderlich. Dieser ungeheuerliche
Vorgang, » Ungläubige « einzusetzen, um das zentrale Heiligtum des Islam zu » befrieden «,
bedeutete für die saudische Herrscherfamilie einen gravierenden und lang anhaltenden
Ansehensverlust in der islamischen Welt. Es kann durchaus vermutet werden, dass die
feststellbare nachfolgende Radikalisierung des offiziellen Wahabismus diesen Ansehens-
und Legitimationsverlust wieder korrigieren sollte. [1]
Weltpolitisch noch dramatischer war der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afgha-
nistan am 25. Dezember 1979 und die nachfolgende mehrjährige Okkupation. Diese Er-
eignisse trugen entscheidend dazu bei, dass die Region zu einem bis auf den heutigen
Tag fortwährenden Brennpunkt der Weltpolitik wurde. Am 27. Dezember führten Einhei-
ten des KGB in Kabul einen Staatsstreich durch. Einheiten der Speznas-Sondereinheit
» ALPHA « des KGB ermordeten Hafizullah Amin, den Präsidenten der Demokratischen Re-
publik Afghanistan.

1 Dschuhaiman al-Utaibi: 16. September 1936 – 9. Januar 1980.


Peking – Teheran – Mekka – Kabul – Moskau – Danzig 169

Die Invasion in Afghanistan ist » eine klare Bedrohung des Friedens « will US-Präsident
Jimmy Carter zu Generalsekretär Leonid Breschnew telefonisch gesagt haben. [2] Ein
weiteres Zitat Carters verdeutlicht, dass für die USA durch die sowjetische Invasion die
Ära der Détente vorerst beendet war. » Diese Aktion der Sowjets hat zu einem dramati-
scheren Wandel meiner Meinung über die letztendlichen Ziele der Sowjets geführt, als
alles, was sie in meiner bisherigen Amtszeit getan haben. « [3]
Die US-Administration interpretierte die Invasion als möglichen Auftakt eines stra-
tegischen Vorstoßes der UdSSR in Richtung des Persischen Golfs. Sie sah im sowjeti-
schen Handeln eine potentielle Bedrohung des wichtigsten Transportwegs westlicher
Energieversorgung.
Am 10. Januar 1980 verhängte Präsident Carter ein Getreideembargo gegen die So-
wjetunion sowie eine Reihe weiterer Sanktionen. Die Europäische Gemeinschaft schloss
sich dem Embargo nicht an, verweigerte jedoch Zusatzlieferungen, die die sowjetischen
Importausfälle hätten kompensieren können. Tatsächlich stiegen jedoch die Importe der
UdSSR beträchtlich, insbesondere aus der Bundesrepublik und aus Frankreich. Ich habe
bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, dass die Außenhandelspolitik für die So-
wjetunion zum Instrument wurde, um zwischen den westlichen Staaten Zwistigkeiten
zu aktivieren. Die Uneinigkeit bei der Frage nach Sanktionen gab der sowjetischen Füh-
rung die Möglichkeit hierzu.
Zudem rief Carter zum Boykott der olympischen Sommerspiele in Moskau auf.
Gleichwohl kam es bei Präsident Carter noch nicht zu einem grundlegenden Wech-
sel der außenpolitischen Strategie. Dieser Wechsel erfolgte erst zwei Jahre später durch
Ronald Reagan.
Die langjährige militärische Okkupation Afghanistans wurde zu einem bedeuten-
den Konflikt zwischen der damals so genannten » Zweiten Welt «, d. h. den Staaten des
» Sowjetblocks «, und der » Dritten Welt «. Sie ist bis heute der historische Hintergrund
für den Konflikt zwischen dem » Westen « und Teilen der islamisch geprägten Welt. Ur-
sprünglich war die Militäraktion der Sowjetunion eine der herausragenden Erfahrun-
gen der Zeit im andauernden Ost-West-Konflikt.
Die Invasion hatte für die UdSSR nicht nur außenpolitische, sondern auch innen-
politische Wirkungen. Der Afghanistan Krieg trug indirekt mit dazu bei, dass Autono-
miebestrebungen in den islamisch geprägten zentralasiatischen Sowjetrepubliken einen
neuen Schwung erhielten. Für die mehrheitlich islamischen Republiken, insbesondere
für die Tadschikische SSR und die Usbekische SSR, hatte die islamische Revolution im
Iran eine noch unmittelbarere Wirkung. » The outbreak of Iran’s Islamic revolution in
1978 – 1979 put an end to a decade of relatively stable relations between the Soviet autho-
rities and Islam. But at the same time it strengthened, albeit temporarily, the resolve of
the Central Asian population […] to demand religious liberty. […] The news of the Is-
lamic revolutionary success in Iran seemed to have helped trigger a series of anti-Soviet
demonstrations and riots in Dushanbe, Alma-Ata, and other cities. « [4]
In fast allen Unionsrepubliken der Sowjetunion kam es nach der Invasion in Afgha-
nistan zu Protesten gegen die Politik der Zentrale. An dieser Stelle werden nur wenige
Beispiele genannt: Zu den ersten Protestierern gehörte Andrej Sacharow. Sein Protest
170 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

gegen die Okkupation war am 3. Januar 1980 Gegenstand einer Sitzung des Politbüros
des ZK der KPdSU. Gromyko sagte in der Sitzung: » The question of Sakharov has ceased
to be a purely domestic question. He finds an enormous number of responses abroad.
All the Anti-Soviet scum, all this rabble revolves around Sakharov. It is impossible to ig-
nore the situation any longer. « [5] Sacharow wurde aufgrund seines Protests am 22. Ja-
nuar per Dekret des Präsidiums des Obersten Sowjets nach Gorki verbannt. [6]
Gegen diese Verbannung protestierten 15 Einwohner der Estnischen SSR, unter ih-
nen Lagle Parek. Bereits am 17. Januar 1980 verfassten 21 Intellektuelle aus den baltischen
Republiken eine Deklaration gegen die Invasion in Afghanistan. Neben prominenten
Dissidenten, wie Mart-Olav Niklus, beteiligten sich auch Personen, die bis dahin nicht
zum kleinen Kreis der Dissidenz zählten. Einer der Unterzeichner war Jüri Kukk2, Che-
mieprofessor an der Universität Tartu, der erst 1978 aus der Kommunistischen Partei
Estlands ausgetreten war.
Auch in der Belarussischen SSR kam es zu Protesten: Der Professor der Minsker
Staatlichen Medizinischen Universität Ivan Nikolaevič Mirončik3 publizierte seinen
Protest gegen die Okkupation in einer von ihm erstellten Briefreihe, » Sustrecznych zak-
likach da CK KPSS «, an das ZK der KPdSU, die von 1979 bis 1982 an das Führungsgre-
mium der Partei gesandt wurde. In den Briefen sprach er sich auch für eine Demokra-
tisierung des politischen Lebens und gegen die Schließung belarussischer Schulen aus.
Mirončik wurde 1983 vom KGB festgenommen, verlor nach 35 Berufsjahren seinen Ar-
beitsplatz, wurde aus der Partei ausgeschlossen und zeitweilig in eine psychiatrische An-
stalt eingewiesen. [7]
Jüri Kukk wurde aufgrund seines Protestes im März 1980 verhaftet und zu Lager-
haft mit » strengem Regime « verurteilt. Gegen die Inhaftierung Kukks unterzeichneten
21 Bewohner Estlands und 15 Bewohner Litauens einen Protest. Er starb am 27. März
1981 nach 40 Tagen Hungerstreik im Gefängnishospital von Wologda. Zuvor war er in
einem Lager bei Murmansk inhaftiert worden. [8] Enn Tarto hielt die Grabrede.
Zu öffentlichen Protesten kam es auch in der DDR. Der Assistent an der Humboldt-
Universität zu Berlin Werner Schulz4 protestierte öffentlich gegen die Besetzung und
verlor seine Stelle.
Gesellschaftlicher Protest fand in der UdSSR auch bei anderen Gelegenheiten und in
anderen Formen seinen Ausdruck. Am 28. Juli 1980, dem Tag der Beisetzung des nicht
nur in der UdSSR, sondern auch in Polen und den anderen mittel- und osteuropäischen
Staaten außerordentlich populären Schauspielers, Dichters und Sängers Wladimir S.
Wyssozki5, kam es zu einer spontanen Demonstration von fast 200 000 Menschen vor
dem Moskauer Taganka-Theater, dessen Ensemble er angehörte. Diese bis dahin größte,
nicht offiziell organisierte Demonstration zu Sowjetzeiten entstand, obwohl Wyssozkis

2 Jüri Kukk: 1. Mai 1940 – 27. März 1981.


3 Ivan Nikolaevič Mirončik [Iwan Nikolajewitsch Mironchik]: 1927 – 1987.
4 Werner Schulz. geb. am 22. Januar 1950. War Mitgründer des Neuen Forums, Bundestagsabgeordneter
für Bündnis 90/Die Grünen 1990 – 2005 und ist seit 2009 Mitglied des Europaparlaments.
5 Wladimir S. Wyssozki: 25. Januar 1938 – 25. Juli 1980.
Peking – Teheran – Mekka – Kabul – Moskau – Danzig 171

Tod in den Medien der sowjetischen Hauptstadt nicht berichtet worden war. Die politi-
sche Führung hatte offenbar mit einer derartigen Reaktion der Bürger Moskaus gerech-
net und wollte eine Manifestation der Sympathie für den Dichter und Kritiker vermei-
den, zumal seit dem 19. Juli in Moskau die Olympischen Spiele stattfanden und daher
die internationalen Medien stark präsent waren.
Zur Bedeutung des Lyrikers soll an dieser Stelle ein Zitat von Heidrun Hamersky als
Beleg dienen: » Seine Lyrik war der Inbegriff der Revolte gegen den kommunistischen
Staat, seine Auftritte im Taganka-Theater wurden stets bejubelt. « [9] Eine ausführlichere
Darstellung der sowjetischen Dissidenz müßte an dieser Stelle auf die Bedeutung weite-
rer Lyriker und Chansonniers eingehen. Hier können lediglich zwei Namen besonders
bekannter Künstler genannt werden: Bulat Okudschawa6 und Yuliy Kim7.

Zur Darstellung bedeutender und bislang ausgeblendeter Ereignisse in Staaten Mitteleu-


ropas wende ich mich jedoch vorerst erneut dem Jahr 1979 zu.
Herausragend starken Widerhall in der internationalen und insbesondere der natio-
nalen Öffentlichkeit Polens fand 1979 die erste Reise des Papstes in sein Heimatland. Sie
wurde zum Anlass beeindruckender Manifestationen der Bürger Polens. Die Resonanz,
der massenhafte Besuch der öffentlichen Veranstaltungen, die der Papst bei seiner Pas-
toralreise vom 2. bis 10. Juni 1979 erzielte, wurde auch als eine politische Demonstration
der polnischen Bevölkerung verstanden. Insgesamt sollen schätzungsweise zehn Millio-
nen Menschen den Pontifex während der Reise gesehen haben.
Die Predigt auf dem Warschauer Siegesplatz am 2. Juni hatte deutlich politische Be-
züge und wurde von den Zuhörern als Ermutigung empfunden, für eine Veränderung
auch in Polen einzutreten. Daher wird hier ein kleiner Ausschnitt wiedergegeben:

» Heute bete ich auf diesem Siegesplatz in der Hauptstadt Polens mit euch allen im eucharisti-
schen Hochgebet, daß Christus unaufhörlich für uns ein geöffnetes Buch bleibe, das Leben für
die Zukunft verheißt. Für unser polnisches Morgen. Wir befinden uns hier am Grab des Unbe-
kannten Soldaten. In der Geschichte Polens — der alten wie der neueren — hat dieses Grab eine
besondere Bestätigung gefunden. An wie vielen Orten der Heimat ist dieser Soldat gefallen ! An
wie vielen Orten Europas und der Welt hat er durch seinen Tod bezeugt, daß es ohne ein unab-
hängiges Polen auf der Karte Europas kein gerechtes Europa geben kann ! … Und ich rufe, ich,
ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II, ich rufe aus der ganzen Tiefe die-
ses Jahrhunderts, rufe am Vorabend des Pfingstfestes: Sende aus deinen Geist ! Sende aus deinen
Geist ! Und erneuere das Angesicht der Erde ! Dieser Erde ! « [10]

Am 4. Juni versammelte sich eine riesige Menschenmenge von mehreren Hunderttau-


send Menschen unterhalb des Klosters Jasna Góra in Częstochowa, deutsch: Tschen-

6 Bulat Okudschawa: 9. Mai 1924 – 12. Juni 1997. Okudschawas Vater wurde 1937 während des » Großen
Terrors « erschossen. Seine Mutter verbrachte 18 Jahre im GULag.
7 Yuliy Kim: geb. am 23. Dezember 1936. Kims Vater wurde 1937 während des » Großen Terrors « unter
Stalin hingerichtet und seine Mutter wurde 1938 für fünf Jahre inhaftiert.
172 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

stochau, um den Papst zu erleben. Eine noch größere Menschenmenge versammelte


sich am 10. Juni bei seinem Aufenthalt in seiner ehemaligen Metropolitanstadt Krakau
auf der am Rande der Altstadt gelegenen 45 ha großen Stadtwiese » Błonia «.
Der völlig friedliche Ablauf der Massenveranstaltungen war ausnahmslos das Ergeb-
nis kirchlicher Organisation. Staatliche Organe waren hieran nicht beteiligt. Diese be-
merkenswerte Leistung ist nur zu begreifen, wenn man die Prozessionen der Jahre 1957
bis 1966 mit bedenkt. Bereits diese Veranstaltungen, die in Vorbereitung der Millenni-
umsfeiern der Christianisierung Polens durchgeführt wurden, bewiesen die Fähigkeit
der Kirche, Massen zu mobilisieren und zu organisieren. Die erprobte gesellschaftliche
Kraft zur friedlichen Selbstorganisation wurde dann ab 1980 Grundlage des Erfolges der
Solidarność.
Vor dem Hintergrund des durch Papstwahl und Pastoralreise wenn nicht hervorgeru-
fenen, so doch zumindest verstärkten gesellschaftlichen Erwachens und des Aufblühens
eines gegen die politische Bevormundung gerichteten Selbstbewusstseins von Bürgern
verwundert es daher kaum, dass es im August bereits in 23 Städten Polens Gründungs-
komitees Freier Gewerkschaften gab.
Am 1. September gründete Leszek Moczulski die Konfederacja Polski Niepodległej,
KPN, Konföderation für ein Unabhängiges Polen. KPN war die erste unabhängige Par-
tei in der VR Polen. Sie stand zu Beginn ihrer Tätigkeit den politischen Zielen von
ROPCiO nahe.
Nach Gerichtsverfahren am 22. und 23. Oktober 1979 wurden in der ČSSR sechs von
einundzwanzig VONS-Mitgliedern zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt: Petr Uhl zu
fünf, Václav Havel zu viereinhalb, Václav Benda, Otta Bednářová und Jiří Dienstbier zu
je drei Jahren. Die Psychologin Dana Němcová8, Mutter von sieben Kindern, erhielt eine
Strafe von zwei Jahren, die für fünf Jahre suspendiert wurde.
Aus Solidarität mit VONS veranstalteten 15 Mitglieder von KSS » KOR « und ROPCiO
einen Hungerstreik. Wie in Polen, so kam es auch in Ungarn zu einer Solidarisierung:
127 Intellektuelle, unter ihnen die prominenten Dissidenten Ottila Solt, János Kis und
György Bence, unterzeichneten eine Protestresolution zugunsten der Inhaftierten, die
den 25. Oktober als Datum trägt. Die Resolution wurde an János Kádár, den Generalse-
kretär der MSZMP, an die Sprecher der Charta 77 und an die internationale Presse ge-
sandt. Eine zweite Resolution, die vom 29. Oktober 1979 datiert, wurde von 185 Perso-
nen unterzeichnet. [11] Auch aus der UdSSR erhielt VONS eine Solidaritätsbekundung:
In einem offenen Brief an Charta 77 sowie KSS » KOR « rief Sacharow zum gemeinsamen
Handeln im Kampf für die Menschenrechte in Polen, in der ČSSR und in der Sowjet-
union auf. [12]

8 Dana Němcová: geb. am 14. Januar 1934. Dana Němcová war Erstunterzeichnerin und vom 2. Januar
1989 bis zum 6. Januar 1990 Sprecherin von Charta 77. Sie war vom 30. Januar 1990 bis 1992 Abgeordne-
te der Föderalversammlung der Tschechoslowakei.
Peking – Teheran – Mekka – Kabul – Moskau – Danzig 173

Das Regime in Prag setzte die Unterdrückung der Andersdenkenden fort: Am 14. Fe-
bruar 1980 wurde Rudolf Battěk inhaftiert. Ladislav Lis9, Jan Litomiský10, Petr Pospíchal11,
Jan Ruml12 und sein Vater Jiří Ruml13 wurden zu Haftstrafen verurteilt.
An dieser Stelle soll lediglich erwähnt werden, dass gleichzeitig in Polen die Repres-
sionen gegen Aktivisten des KOR, ROPCiO, RMP und andere Organisationen der Op-
position fortgesetzt wurden. Das Buch » KOR « von Jan Józef Lipski stellt diese Repres-
sionen detailliert und außerordentlich eindrucksvoll dar.
Ab November 1979 wurden in der Sowjetunion weitere Dissidenten verhaftet. In
Moskau traf dies am 1. November den Gründer des Christlichen Komitees zur Verteidi-
gung der Rechte der Gläubigen in der UdSSR, Priester Gleb Jakunin, und die Mathemati-
kerin Tatiana Velikanova, in Kiew den Dichter und Mitglied der UHG Mykola Horbal14
und in Vilnius Antanas Terleckas. Der in den USA geborene litauische Geologe Vy-
tautas Skuodis15 wurde am 9. Januar 1980 verhaftet. Er war 1979 der Litauischen Hel-
sinki-Gruppe beigetreten. Der Este Mart-Olav Niklus, der wie Terleckas die » Baltische
Charta « unterschrieben hatte, wurde am 29. April 1980 inhaftiert. Wie die beiden ande-
ren langjährigen estnischen Dissidenten Enn Tarto und Erik Udam traf auch Niklus im
Lager auf litauische Dissidenten. Ludmilla Alexejewa beschrieb, wie durch diese Kon-
takte persönliche Freundschaften über Republikgrenzen hinweg entstanden. Obwohl
Niklus, Tarto und Udam in ihrer Heimat respektiert und bewundert waren, blieben
sie anfangs dort jedoch in ihrer Unterstützung für den litauischen Widerstand Außen-
seiter [13]
Am 1. Dezember 1979 veröffentlichte die polnische Samisdat-Zeitung Robotnik in
Nr.  35 mit einer Auflage von 100 000 Exemplaren die » Karta Praw Robotniczych «,
deutsch: Charta der Rechte der Arbeiter. Diese in Zusammenarbeit mit Mitgliedern der
KIKs verfasste Charta war von 65 Personen aus allen Landesteilen unterzeichnet worden.

9 Ladislav Lis: 24. April 1926 – 18. März 2000. Erstunterzeichner und 1982 Sprecher von Charta 77. Er war
von 1990 bis 1992 Abgeordneter der Föderalversammlung der Tschechoslowakei.
10 Jan Litomiský: geb. am 19. August 1943. Litomiský war Signatar der Charta 77. Er war von 1990 bis 1996
Parlamentsabgeordneter in Tschechien.
11 Petr Pospíchal: geb. am 16. April 1960. Er war Signatar der Charta 77, war 1998 Botschafter in Bulgarien
und wurde 2003 Aufsichtsratsvorsitzender des tschechischen Rundfunks und Fernsehens.
12 Jan Ruml: geb. am 5. März 1953. Signatar von Charta 77, Gründungsmitglied von VONS. Er war von Mai
1981 bis März 1982 inhaftiert. Er war 1990 Sprecher von Charta 77. Er war von 1992 bis 1997 Innenminis-
ter der Tschechischen Republik. Von 1998 bis 2004 war er Senator.
13 Jiří Ruml: 9. Juli 1925 – 20. Februar 2004. Jiří Ruml war Erstunterzeichner und 1984 Sprecher von Char-
ta 77. Er wurde 1990 als Abgeordneter des OF in die Föderalversammlung gewählt.
14 Mykola Horbal: geb. am 10. September 1940, laut Geburtsurkunde jedoch am 6. Juni 1940. Der russini-
sche Lemke Horbal war bereits 1970 zu fünf Jahren Lagerhaft und zwei Jahren Verbannung verurteilt
worden. Er verbrachte die Haft in den Lagern No. Zh-385/19, Lesnoje (Mordwinien), und in VS-389/35,
Vsekhsviatskaia (Region Perm). Er wurde 1980 erneut zu Lagerhaft verurteilt, die er u. a. im Lager VS-
389/36, Perm 36 in Kutschino und ab Dezember 1987 erneut im Lager VS-389/35 verbrachte. Er wurde
erst am 23. August 1988 nach insgesamt 16 Jahren Lagerhaft freigelassen. Von 1994 bis 1998 war er Ab-
geordneter der Werchowna Rada.
15 Vytautas Skuodis: geb. am 21. März 1929. Skuodis wurde am 22. Dezember 1980 zu sieben Jahren Lager-
haft und fünf Jahren Verbannung verurteilt.
174 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Lipski hob in seiner Darstellung der Geschichte der KOR die Bedeutung der Charta her-
vor. Er schrieb, dass nach ihrer Veröffentlichung Arbeitergruppen an KOR-Mitglieder
und Signatare herantraten. » It was really only after the publication of the Charter that
one could speak of a network of worker’s groups, some of which had existed earlier as
distribution groups for Robotnik, while others were only now getting organized under
the influence of the Charter. « [14] Fast alle Signatare hatten ab Gründung der Solidarność
in ihr leitende Funktionen. Es ist festzuhalten, dass die Forderungen der » Karta Praw
Robotniczych « Grundlage der » 21 postulatów MKS «, der 21 Forderungen des Überbe-
trieblichen Streikkomitees in Danzig vom 17. November 1980 wurden. [15]
Am 15. Dezember begann in der Kupfermine von Polkowice nahe des niederschle-
sischen Lubin (Lüben) ein längerer Streik um Lohn- und Arbeitszeitfragen. Es war der
größte Ausstand seit 1976, noch dazu in einem für die Wirtschaft Polens äußerst wich-
tigen Industriesektor.
Am 18. Dezember 1979 fand zum Jahrestag der Dezember-Ereignisse 1970 nach 1977
und 1978 die dritte Gedenkveranstaltung vor Tor 2 der Danziger Leninwerft statt. KZ-
WZZ und RMP hatten zu der Veranstaltung aufgerufen, an der zwischen 5 000 und
7 000 Personen teilnahmen. Lech Wałęsa war einer der Redner.
Bezüglich eines anderen Ereignisses wird die Ungleichzeitigkeit der Entwicklungen
im Vergleich von West- und Osteuropa deutlich. Vom 12. bis 13. Januar 1980 fand in
Karlsruhe der Gründungskongress der Partei » Die Grünen « statt. Die Mitgliedschaft
rekrutierte sich aus der Alternativbewegung, der Anti-AKW-Bewegung, der Ökologie-,
der Friedens- und der Frauenbewegung. Die neue Gruppierung verstand sich zu Beginn
als Bündnis sozialer Bewegungen, das seinen vorrangigen Sinn im außerparlamentari-
schen Widerstand gegen die etablierten Strukturen sah. Mit » etablierten Strukturen «
waren wohlgemerkt die demokratisch legitimierten Institutionen des parlamentarischen
Systems gemeint. Sowohl in der Friedens- als auch in der Anti-AKW-Bewegung wurde
der » Widerstand « gegen parlamentarische Entscheidungen des Verfassungsstaates für
legitim gehalten. Die Begriffe Opposition und Widerstand wurden gleichgesetzt, ein
Missverständnis mit potentiell fatalen Folgen für eine parlamentarische Demokratie.
Die Partei » Die Grünen « war bei Gründung und in den ersten Jahren ihres Beste-
hens eine » Partei wider Willen « [16]. Die Grünen verstanden sich weniger als Partei, son-
dern vielmehr als » basisdemokratische « Bewegung, die die formalen und informellen
Strukturen der » etablierten « Parteien und Organisationen vermeiden wollte.
Am 11. März 1980 begannen an der Universität Priština in der autonomen jugosla-
wischen Provinz Kosovo Studentendemonstrationen, die auf weite Bevölkerungsteile
übergreifen.
Am 4. Mai 1980 starb der jugoslawische Staatspräsident Marschall Josip Broz Tito.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 175

2 Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa

Die Gründung der Partei Die Grünen in der Bundesrepublik Deutschland erfolgte zum
Zeitpunkt der Rekonstruktion der » społeczeństwo obywatelskie « in Polen, der civil so-
ciety/société civile, wie dies Adam Michnik 1981 notierte [17], einer Zivilgesellschaft, die
sich gegen einen Staat organisierte, in welchem eine Partei den durch keine rechtsstaat-
lichen Regeln kontrollierten Führungsanspruch unter Umständen mit militärischer Ge-
walt durchsetzte. Beim Vergleich dieser gesellschaftlichen Entwicklungen in der Bun-
desrepublik Deutschland und in der Volksrepublik Polen fallen einige Gemeinsamkeiten
und viele Differenzen ins Auge. Mindestens die Rahmenbedingungen der analogen ge-
sellschaftlichen Unruhe hätten jedoch kaum unterschiedlicher sein können.
Ursache der gesellschaftlichen und politischen Krise in Polen war die strukturell und
politisch bedingte tiefe wirtschaftliche Rezession bei gleichzeitig hoher Inflation von
ca. 20 % und stark steigender Auslandsverschuldung. Betroffen von der Krise waren in
erster Linie die Arbeiter und die selbstständigen Landwirte. Lipski beschrieb die Zeit
zwischen der Pastoralreise des Papstes im Juni 1979 und der Streikwelle im Juli 1980 als
» period of increasing social tensions and growing awareness that the authorities would
make concessions only when faced with strikes. « [18] Es hätte die Parteiführung warnen
sollen, dass an der Ostseeküste im Bereich der KZ-WZZ bereits ab 1979 Arbeitsniederle-
gungen nicht nur für Lohnforderungen und soziale Fragen erfolgten, sondern auch mit
politischen Begründungen. Mehrfach wurde aus Protest gegen Repressionen und Inhaf-
tierungen von Kollegen gestreikt. [19]
Auslöser für den Auftakt der entscheidenden Phase zur Entwicklung flächendecken-
der unabhängiger gewerkschaftlicher Strukturen in Polen waren Preiserhöhungen für
Fleisch- und Wurstwaren zum 1. Juli 1980. Die Antwort der Gesellschaft waren regio-
nale Streiks. » Die größte Bedeutung hatte der Generalstreik in Lublin, wo 150 Betriebe
mit 50 000 Beschäftigten bestreikt und der öffentliche Verkehr und die Eisenbahn lahm
gelegt wurden. Die Regierung nahm Verhandlungen auf und unterzeichnete am 11. Juli
eine Vereinbarung mit den » Stillstand «-Komitees (um bloß nur das bedrohlich klin-
gende Wort Streik zu vermeiden). Neben Zugeständnissen im sozialen Bereich bekamen
die Streikenden Sicherheitsgarantien und die Zusage, neue Betriebsratswahlen durch-
zuführen. Zum ersten Mal in der polnischen Nachkriegsgeschichte wurde zwischen der
Staatsgewalt und den streikenden Arbeitern eine Vereinbarung geschlossen. « [20] Über
Radio Free Europe wurden die regionalen Streikaktionen und Vereinbarungen zeitnah
im ganzen Land und auch in den Nachbarstaaten bekannt. Diese direkte und unzen-
sierte Information, die mittelbar zur Koordinierung der entstehenden Streikbewegung
beitrug, gilt es bei den folgenden Ereignissen immer mit zu bedenken.
In zwei von KSS » KOR « im Juli publizierten Erklärungen wurde die Empfehlung ge-
geben, » unabhängige Gewerkschaften « zu gründen und alle Aktionsformen zu vermei-
den, die staatlichen Organen Gelegenheit böten, Krawalle zu provozieren. [21]
Den Anlass zum Beginn des Streiks auf der Danziger Leninwerft gab die Betriebs-
leitung durch ein außergewöhnlich unsensibles Verhalten. Lipski ironisierte den Vor-
gang wie folgt: » At that time the management of the Gdańsk Shipyard had a brilliant
176 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

idea: they gave notice of dismissal to Anna Walentynowicz, a member of the costal KZ
WZZ. « [22]
Von Mitgliedern des Gründungskomitees Freier Gewerkschaften für das Küstengebiet
(KZ-WZZ) initiiert, begann am 14. August ein Streik auf der » Stocznia Gdańska im. Le-
nina «, deutsch: Danziger Leninwerft. Initiator und wichtigster Organisator des Streiks
war der Redakteur des Robotnik, Bogdan Borusewicz. Borusewicz hatte am 10. August
auch Lech Wałęsa von der Sinnhaftigkeit eines Streiks zu überzeugen vermocht.
Es folgten Solidaritätsstreiks in anderen Großbetrieben der Region. Am 15. August
trat die Belegschaft der » Stocznia im. Komuny Paryskiej «, der Werft Pariser Kommune,
in Gdynia in den Streik. Andrzej Kołodziej16 wurde Streikführer. Am 15. August un-
terbanden die Behörden fast alle Wege elektronischer Kommunikation in die Region
Danzig.
Es ist hier nicht der Ort, erneut die Geschichte der Streikbewegung detailliert dar-
zustellen. Hierzu hat insbesondere die Monographie von Jerzy Holzer den wesentlichen
Beitrag geliefert. Festzuhalten bleibt, dass die Mehrheit des Streikkomitees der Lenin-
werft, auch Lech Wałęsa, nach erfolgreichen Verhandlungen mit der Werksleitung den
Streik am 16. August für beendet erklärte. Andrzej Gwiazda und insbesondere Alina
Pieńkowska und Anna Walentynowicz konnten die Streikenden jedoch davon über-
zeugen, dass man den aus Solidarität streikenden Belegschaften anderer Betriebe nicht
in den Rücken fallen dürfe. Wałęsa zog daraufhin seine Zusage der Streikbeendigung
zurück. Pieńkowska hatte während des Streiks aufgrund ihrer Tätigkeit in der Kran-
kenstation der Werft die einzige vom Regime noch belassene Möglichkeit telefonischer
Kontakte mit der Außenwelt. Sie konnte Verbindung zu Jacek Kuroń in Warschau auf-
nehmen und war dadurch über die Situation in den anderen Regionen informiert. Der
Streik wurde als Solidaritätsstreik für andere Betriebe fortgesetzt.
Bereits am 16. August wurde im Warschauer Innenministerium ein Operations-
stab unter Leitung des Chefs des SB, General Bogusław Stachura, mit dem Codenamen
» Lato-80 « (Sommer-80) gebildet, der Planungen für eine Beendigung der Streik- und
Protestbewegung durch die Sicherheitsorgane erarbeiten sollte.
In der Nacht vom 16. auf den 17. August wurde auf der Leninwerft das Überbetrieb-
liche Streikkomitee (MKS), Międzyzakładowy Komitet Strajkowy, gegründet. Dem MKS
gehörten mit Walentynowicz, Wałęsa, Gwiazda, Kołodziej und Bogdan Lis 17 die pro-
minenten Mitglieder des Danziger Gründungskomitees Freier Gewerkschaften an. Mit-
glied war auch der Journalist Lech Bądkowski18 Das Komitee formulierte die berühmten

16 Andrzej Kołodziej: geb. am 18. November 1959. Kołodziej war Mitglied bei ROPCiO. Er wurde 1987 als
Vorsitzender der Solidarność Walcząca, Kämpfende Solidarność, inhaftiert. Im April 1988 durfte er zu-
sammen mit Kornel Morawiecki zur ärztlichen Behandlung nach Italien ausreisen. Er kehrte erst 1990
nach Polen zurück.
17 Bogdan Lis: geb. am 10. November 1952. Lis war bis zum » Kriegsrecht PZPR-Mitglied und wurde im Juli
1981 ins ZK gewählt. Er war Senator von 1989 bis 1991. 2007 wurde er als Abgeordneter der Liste » Le-
wica i Demokraci « (LiD), deutsch: Linke und Demokraten, in den Sejm gewählt.
18 Lech Bądkowski: 24. Januar 1920 – 24. Februar 1984.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 177

21 Forderungen, » 21 postulatów MKS «, die auf Holzbrettern geschrieben am Werkstor


angebracht wurden. [23]
Ein Ziel des MKS war es, die Einhaltung der von den Streikenden erfochtenen Zusa-
gen der Regierung zu überprüfen. Ein weiterer Vorsatz war, Strukturen einer zu grün-
denden Gewerkschaft aufzubauen. Die im MKS vertretene Forderung nach freien Wah-
len und Abschaffung der Zensur wurde während der nächtlichen Debatte von Bogdan
Borusewicz als unrealistisch abgelehnt und war durch die Forderung nach einem Zen-
sur-Gesetz ersetzt worden.
Am Tag darauf postierten die Streikenden der » Stocznia im. Adolfa Warskiego «,
deutsch: Stettiner Warski-Werft, ihre 36 Forderungen am Eingangstor des Betriebs. Ob-
wohl in Stettin die Verhandlungen der Streikleitung mit einer Regierungsdelegation un-
ter Führung des Vize-Premiers Kazimierz Barcikowski schon am 22. August, d. h. einen
Tag vor der Aufnahme der Verhandlungen in Danzig, aufgenommen wurden, hatten die
Ereignisse in Stettin und das Verhandlungsergebnis nicht die Publizität und die Auswir-
kung wie die Vorgänge in Danzig. Vorsitzender der Verhandlungsdelegation des Über-
betrieblichen Streikkomitees in Stettin war Marian Jurczyk, der bereits beim » Grudzień
1970 « zu den Streikführern gehört hatte.
Am 22. August kamen Tadeusz Mazowiecki und Bronisław Geremek sowie andere
bekannte Vertreter der Intelligenz nach Gdańsk mit dem Text » Apel intelektualistów «,
deutsch: Appell der Intellektuellen, der zu diesem Zeitpunkt bereits von 64 Personen
unterzeichnet worden war. Aus diesem Kreis von Intellektuellen wurde am 24. August
die » Beratergruppe « gegründet.
Zu den Experten gehörten Wissenschaftler und Mitglieder der KIKs, von KSS » KOR «,
des 1978 von dem Journalisten Stefan Bratkowski19 gegründeten offiziösen Diskussions-
forums » Doświadczenie i Przyszłość « (DiP) (Erfahrung und Zukunft) [24] bzw. auch
ehemalige Mitglieder des im Jahr 1957 verbotenen Klub Krzywego Koła. Unter ande-
ren gehörten der Beratergruppe an Tadeusz Mazowiecki (KIK), Bohdan Cywiński (KIK),
Bronisław Geremek (DiP), der international renommierte Wirtschaftswissenschaft-
ler Tadeusz Kowalik20 (KOR), der Wirtschaftswissenschaftler und Publizist Waldemar
Kuczyński21, wie Kowalik Dozent der Gesellschaft für wissenschaftliche Kurse (TKN), die
Soziologin Jadwiga Staniszkis22, Andrzej Wielowieyski (KIK), die Rechtswissenschaftler
der Universität Warschau Jerzy Stembrowicz23 und Andrzej Stelmachowski24 (KIK), so-
wie der Soziologe Jan Strzelecki (DiP).

19 Stefan Bratkowski: geb. am 22. November 1934.


20 Tadeusz Kowalik: 19. November 1926 – 30. Juli 2012.
21 Waldemar Kuczyński: geb. am 22. November 1939. Kuczyński hatte unter Ministerpräsident Mazowiecki
1990 kurzzeitig ein Ministeramt inne.
22 Jadwiga Staniszkis: geb. am 26. April 1942. Jadwiga Staniszkis war aufgrund ihrer Beteiligung an den
Studentendemonstrationen 1968 für sieben Monate inhaftiert.
23 Jerzy Stembrowicz: 26. Oktober 1919 – 8. Februar 1989.
24 Andrzej Stelmachowski: 28. Januar 1925 – 6. April 2009. Stelmachowski war 1989 bis 1981 Marschall des
Senats und 1991/1992 für kurze Zeit Minister.
178 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Michnik beschrieb 1991 die Bedeutung dieser von ihm auch als » Experten « titulier-
ten intellektuellen Bürger für die entstehende Gewerkschaftsbewegung: » Sie besaßen
keinerlei gedanklichen Entwurf von einer autonomen Gesellschaft innerhalb eines to-
talitären Staates und keinerlei Vorstellung von den Mechanismen, mit denen sie zu er-
reichen wäre. Trotzdem brauchte › Solidarność ‹ diese Leute. Gerade weil sie aus den of-
fiziellen Strukturen hervorgegangen und für die staatlichen Stellen akzeptabel waren.
Gelassener, in den amtlichen Spielregeln bewandert, waren sie geeignet, mit der Regie-
rung zu verhandeln. Da sie die Konventionen wahrten, waren sie als Partner tragbar.
Kurón und die anderen von KOR – für den Apparat die Inkarnation teuflischer Mächte –
konnten diese Rolle nicht übernehmen. « [25]
Am 23. August erkannte die Warschauer Regierung das MKS als Verhandlungspart-
ner an. Das Gremium repräsentierte zu diesem Zeitpunkt mehr als 400 Betriebe in ganz
Polen. Das MKS-Präsidium bestand aus Lech Wałęsa als Vorsitzenden, Bogdan Lis und
Andrzej Kołodziej als stellvertretenden Vorsitzenden. Der Stellvertretende Minister-
präsident Mieczysław Jagielski leitete die Regierungsdelegation, die mit dem MKS am
23. August Gespräche aufnahm.
Fast gleichzeitig, nämlich am 24. August, bestimmte die PZPR insgeheim einen Len-
kungsausschuss der sich mit der Planung von Notstandsmaßnahmen befassen sollte.
Dieser Ausschuss wurde auf Anordnung von Verteidigungsminister General Jaruzelski
am 22. Oktober 1980 durch einen militärischen Planungsausschuss für die Einführung
des Kriegsrechts ersetzt. [26]
Auf die Streikbewegung in Polen erfolgten umgehend sowohl in Moskau als auch in
Washington Reaktionen: Ab dem 19. August wurden die russischsprachigen Programme
von Voice of America, BBC und von Deutsche Welle massiv durch Radio jamming gestört.
Am 25. August setzte das ZK der KPdSU eine Kommission ein, die sich mit der Krise
in Polen befassen und das Politbüro beraten sollte. – Es war fast obligatorisch, in Kri-
senfällen derartige Kommissionen einzusetzen. So wurde vom ZK im Mai 1968 eine
hochrangige Kommission zur Beurteilung der Lage in der ČSSR einberufen. Auch die
nunmehr gebildete Kommission unter Vorsitz des ZK-Sekretärs und Mitglieds des Po-
litbüros Michail Suslow war hochrangig besetzt. Dieses spricht dafür, dass man der Ent-
wicklung in Polen höchste Aufmerksamkeit widmete. Das Gremium wurde auch aus
Furcht installiert, es könnte einen » spill-over « der polnischen Entwicklung auf andere
Staaten des Bündnisses und auf die Sowjetunion selbst geben. Der Kommission, spä-
ter als » Suslow-Kommission « bezeichnet, gehörten ferner an die Politbüromitglie-
der Außenminister Andrei Gromyko, der KGB-Vorsitzende Juri Andropow, Verteidi-
gungsminister Dmitri Ustinow und der spätere Generalsekretär der KPdSU Konstantin
Tschernenko. [27] Vier weitere Mitglieder waren nicht Mitglieder des Politbüros. Georgi
Schachnasarow25 wurde Sekretär der Kommission, die bis 1985 (sic !) bestand.
Fast zeitgleich handelte die US-Regierung: Am 27. August sandte Präsident Carter
an die britische Premierministerin Margaret Thatcher, den französischen Präsidenten
Valéry Giscard d’Estaing, Bundeskanzler Helmut Schmidt und Papst Johannes Paul II.

25 Georgi Schachnasarow: 4. Oktober 1924 – 15. Mai 2001. War 1989 – 1991 UdSSR-Volksdeputierter.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 179

einen Brief, mit dem er auf mögliche Folgen der Entwicklung in Polen hinwies und
die Angesprochenen um ihre Einschätzung bat: » Events in Poland are of such impor-
tance that I would like very much to have your personal assessment of them, and also to
share mine with you. Because these events involve a sizable country in the very center of
Europe which inevitably plays an important role in the present communist system, what
is going on in Poland could precipitate far-reaching consequences for East-West rela-
tions and even for the future of the Soviet bloc itself. « [28]
Ende August wurde auf Initiative des Nationalen Sicherheitsberaters Brzeziński und
des ebenfalls polnisch-stämmigen Außenministers Edmund Muskie eine interministe-
rielle Arbeitsgruppe zur Beobachtung der Entwicklung in Polen gebildet. Zu ergänzen
ist, dass der nordamerikanische Gewerkschaftsverband AFL/CIO unter Führung seines
Präsidenten Lane Kirkland26 Anfang Dezember 1980 entschied, die polnische Arbeiter-
bewegung finanziell und materiell zu unterstützen.
Der Konflikt zwischen Regierung und Opposition spitzte sich weiter zu, und die
politische Macht demonstrierte ihre Bereitschaft zu harten Reaktionen. Zwischen dem
28. und 30. August erhob die Staatsanwaltschaft aufgrund von Art. 276, § 1 (» Zugehö-
rigkeit zu einer kriminellen Vereinigung «) Anklage gegen vierzehn führende Mitglieder
und gegen Sympathisanten von KSS » KOR «, KPN, RMP und ROPCiO. Dieses war offen-
bar der erneute Versuch des Regimes, die streikenden Arbeiter und die sie unterstützen-
den Intellektuellen zu trennen.
Am 30. August wurde in Stettin ein Abkommen zwischen der Regierung, ver-
treten durch Politbüromitglied und Vizepremier Kazimierz Barcikowski, und dem
Międzyzakładowy komitet strajkowy w Szczecinie, deutsch: Überbetriebliches Streik-
Komitee in Stettin unter Vorsitz von Marian Jurczyk getroffen. Zur gleichen Zeit wur-
den die Verhandlungen in Danzig fortgesetzt. Das MKS forderte die Freilassung der am
28. August inhaftierten und unter Anklage gestellten Oppositionellen. » Wałęsa erklärte,
1976 hätten die Intellektuellen den Arbeitern von Radom und Ursus geholfen, jetzt sei
es an den Arbeitern, den verfolgten Intellektuellen zu helfen. « [29]
Am 31. August wurde dann in Danzig das deutlich weiterreichende Abkommen
zwischen der Regierung und dem MKS geschlossen. Im » Porozumienia sierpniowe «,
Augustabkommen, gestand die Regierung u. a. die Gründung unabhängiger Gewerk-
schaften zu und erfüllte damit eine der zentralen Forderungen des MKS. Ebenso er-
füllt wurde am 1. September die Forderung nach Freilassung der inhaftierten Aktivisten
oppositioneller Gruppierungen. Die Zeremonie der Unterzeichnung und die Anspra-
chen wurden zur Gänze im polnischen Fernsehen übertragen. Das Abkommen war
eine Sensation, nicht nur für die Menschen in Polen, sondern auch in Deutschland.
Vor Abschluss der Verhandlungen war zumal externen Beobachtern die Erfüllung der
Forderungen durch das Regime kaum vorstellbar. Noch am 22. August schrieb Ulrich
Völklein, sich auf die » 21 Forderungen « beziehend, in Die Zeit: » Unzweifelhaft ist aller-

26 Lane Kirkland: 12. März 1922 – 14. August 1999. Kirkland war von 1979 bis 1995 Präsident von AFL-CIO.
Für seine Verdienste um Solidarność erhielt er postum den höchsten polnischen Orden, den » Orden
des Weißen Adlers «.
180 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

dings, daß die polnische Parteiführung die wichtigsten dieser Forderungen nicht erfül-
len kann, will sie sich nicht selber in Frage stellen und die tragenden Stützen des Systems
unterminieren. « [30]
Am 3. September 1980 kam es auf der Grube » KWK Manifest Lipcowy « (heute: KWK
Zofiówka) in Jastrzębie-Zdrój zum Abschluss der vergleichbaren Vereinbarung und am
11. September in Dąbrowa Górnicza zum Abschluss mit dem Streikkomitee der » Huta
Katowice «.
Mit dem Abkommen von Danzig waren Regierung und das MKS Kompromisse ein-
gegangen. Die Konzessionen des MKS stießen zumal beim radikalen Flügel der Streik-
bewegung auf Kritik. Gleichwohl bleibt festzustellen, dass die PZPR eine schwere Nie-
derlage erlitten hatte. Die Partei verstieß mit dem Abkommen gegen Grundprinzipien
ihres Selbstverständnisses. » Lenin’s › immovable object ‹, the communist party, labeling
itself the avant-garde of the working class, found itself confronted by the organized re-
presentatives of the very same class. This created not only a political problem of a new
quality but also an ideological precedent. « [31] Das kommunistische Regime wurde zu
Zugeständnissen gezwungen, die bedeuteten, dass es faktisch die Kontrolle über die Ge-
sellschaft verloren hatte. Dies war nicht nur für die PZPR, sondern für alle kommunisti-
schen Parteien des sowjetischen Herrschaftsbereichs ein Menetekel.
Adam Michnik, der für die Dauer des Streiks inhaftiert war und erst am 1. Septem-
ber aus der Haft entlassen wurde, schrieb 2005 in einem Artikel für Die Zeit über das
Danziger-Abkommen:

» Das war kein Gelegenheitskompromiss, wie man ihn aus der Vergangenheit kannte – es
war die vollständige Delegalisierung des Systems der kommunistischen Diktatur. Das Sys-
tem, das sich zur Diktatur des Proletariats ausgerufen hatte, wurde durch den Massenprotest
der streikenden Arbeiter moralisch disqualifiziert. Wenn man mit dem Begriff › Revolution ‹
einen großen Umschwung bezeichnet, dem ein massenhafter gesellschaftlicher Aufruhr und
eine faktische Lähmung des Machtapparats vorausgehen, dann kann man von der › August-
revolution der Solidarność ‹ sprechen. Der August ’80 war jedoch vor allem ein Fest der pol-
nischen Demokratie: Er gab dem menschlichen Gefühl für Freiheit, Würde und Wahrheit
seinen Sinn zurück. « [32]

Verglichen mit dem » Grudzień 1970 «, dem Dezemberaufstand 1970, unterschied sich
die » Augustrevolution der Solidarność « nicht allein durch veränderte Organisationsfor-
men, sondern auch durch ihren sehr viel politischeren Charakter. » The 1980 demands
were articulated in the clear language of political rights – this was absent in 1970. Ten
years later, the strikers demanded not only credible and truthful information in the me-
dia but above all the abolition of censorship and constitutionally guaranteed freedom
of expression. Similarly, they demanded not only the democratization of existing trade
unions but the right to form new, independent unions. This difference […] indicated a
fundamental change in the political imagination and the emergence of a new political
discourse in 1980; this discourse was forged through complex interactions, involving
workers, dissident groups, and the Church. « [33]
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 181

Der Minister für Staatssicherheit der DDR und der Minister für Innere Angelegen-
heiten der VR Polen unterzeichneten am 8. September in Ergänzung der Vereinbarung
zur Zusammenarbeit beider Ministerien vom 16. Mai 1974 eine » Vorlage zum Einsatz
von Mitarbeitern des MfS in der VR Polen «. [34]
Am Tag der Unterzeichnung der neuen Vereinbarung gründete das MfS eine » Ope-
rativgruppe Warschau « (OG Warschau), die in der Warschauer DDR-Botschaft ihren
Sitz nahm und mit deutschen und polnischen IM (sic !) arbeitete.
In einem Telegramm gratulierten am 11. September zehn estnische und zehn litau-
ische Menschenrechtsaktivisten Lech Wałęsa zum Erfolg. » We congratulate you and in
your person the whole Polish nation for laying the foundation for the democratic re-
forms that are greatly needed by the whole Socialist camp. « [35]
Die Gründung der Solidarność erfolgte am 17. September, die erforderliche amtliche
Registrierung am 10. November. Der Registrierung gingen heftige Konflikte mit den
Behörden voraus. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob im Gewerkschaftsstatut
die Anerkennung der » führenden Rolle « der Partei enthalten sein müsse. Der Anwalt
Władysław Siła-Nowicki vertrat bei diesem Verfahren die Interessen der Solidarność.
Siła-Nowicki hatte gemeinsam mit Jan Olszewski und Wiesław Chrzanowski27 die Sat-
zung der Solidarność verfasst.
In wenigen Monaten wuchs die Gewerkschaft zu einer Organisation mit über
9 500 000 Mitgliedern und 40 000 bezahlten Mitarbeitern. Der Organisationsgrad ver-
deutlicht, dass Solidarność zu einer realen Macht in der Volksrepublik Polen gewor-
den war.
Die Organisation der Gesellschaft beschränkte sich nicht nur auf die gewerkschaft-
liche Interessenvertretung: Am 18./19. September konstituierte sich in der Politechnika
Warszawska (Technische Universität Warschau) bei einem Treffen von Repräsentanten
von 60 regionalen Gruppen der unabhängige Studentenverband Niezależne Zrzeszenie
Studentów (NZS). Vorsitzender wurde Jarosław Guzy, Soziologiestudent der Jagiellonen
Universität Krakau. Guzy hatte schon beim Krakauer Studencki Komitet Solidarności
(SKS) mitgearbeitet.
Der NZS wurde schnell zu einem bedeutenden Großverband, der einen erheblichen
Teil der Studentenschaft zu mobilisieren in der Lage war.
Das Regime versuchte weiterhin, die Ausbreitung oppositioneller Strukturen einzu-
schränken. Leszek Moczulski, der Vorsitzende der KPN wurde am 24. September erneut
verhaftet. Grund war ein Interview, dass er dem Magazin Der Spiegel gegeben hatte.
Die polnische Nation erlebte noch im Herbst des gleichen Jahres einen weiteren
Höhepunkt. Am 9. Oktober 1980 wurde dem im Exil in den USA lebenden polnischen
Schriftsteller Czesław Miłosz der Literaturnobelpreis zugesprochen. Miłosz, der 1911 im
damals zu Russland gehörenden Litauen als Nachkomme einer polnischen Adelsfami-

27 Wiesław Chrzanowski: 20. Dezember 1923 – 29. April 2012. Chrzanowski war von 1989 bis1994 Vorsit-
zender der von ihm gegründeten Zjednoczenie Chrześcijańsko-Narodowe (ZChN), deutsch: Christ-
lich-Nationale Vereinigung. Er war 1991 Justizminister und von 1991 bis 1993 Marschall des Sejms. Von
1997 bis 2001 war er Senator.
182 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

lie geboren wurde, trat dezidiert auch für die Freiheit der baltischen Nationen ein. Trotz
des Verbots der Publizierung seiner Arbeiten in der Volksrepublik Polen bis 1980 war
er schon vor der Preisvergabe über die Veröffentlichungen in der Exilzeitschrift Kultura
und über die Herausgabe seiner Arbeiten im » Zweiten Umlauf « durch den Untergrund-
verlag NOW-a zur » Ikone der demokratischen Opposition « (Adam Michnik) geworden.
Diese Position wurde nicht allein aber erheblich durch sein 1953 zuerst in englischer
Sprache erschienenes Buch » The Captive Mind « [36] begründet, einer Darstellung der
Verführungskraft totalitären Denkens auf Intellektuelle. Dieses Werk endet bezeichnen-
derweise mit dem Kapitel » The Lesson of the Baltics «, in der deutschen Übersetzung:
Die baltischen Völker. Seine Arbeiten konnten dann ab Beginn des Kriegsrechts 1981 bis
1989 in Polen erneut nicht » legal « erscheinen. Miłoszs Gedichte wurden während der
Auguststreiks vor den Danziger Arbeitern rezitiert. Dies verdeutlicht, welche Breiten-
wirkung der in der Emigration lebende Schriftsteller in seiner Heimat erreichte. In sei-
nem Nachruf für den am 14. August 2004 in Krakau verstorbenen Miłosz schrieb Mich-
nik: » Czesław Miłosz – author of The Captive Mind – was a teacher who helped to free
Poles’ captive minds. «
Die herrschende PZPR war keinesfalls bereit, die Macht auf Dauer zu teilen. Dies
nicht nur, weil eine Machtteilung von den kommunistischen Bruderparteien nicht ak-
zeptiert wurde und aufgrund ihres Interesses am Erhalt uneingeschränkter Macht nicht
akzeptiert werden konnte. Bereits die Forderung nach Einschränkung der » führenden
Rolle « der Partei wurde als Sakrileg betrachtet. Der Druck auf die PZPR, die Entwick-
lung wieder rückgängig zu machen, war daher ungeheuer groß. Der Druck wurde ins-
besondere von den kommunistischen Parteien der UdSSR, der DDR, Bulgariens und
der ČSSR ausgeübt, die eine Übertragung der Entwicklung auf ihre Gesellschaften be-
fürchteten.
General Jaruzelski beauftragte am 22. Oktober 1980 Generalstabschef Generalleut-
nant Florian Siwicki, die Planungen für die Einführung des Kriegsrechts zu aktuali-
sieren. Damit begannen bereits an diesem Tag Vorbereitungen für die Einführung des
Kriegsrechts. Hohe KGB-Offiziere und Militärs der Sowjetunion wurden von Beginn an
in die Arbeit der Planungsgruppe des Generalstabs einbezogen. » Der Leiter der Abtei-
lung Auslandsaufklärung des KGB, Vladimir Krjučkov (Wladimir Krjutschkow, D. P.),
der Oberkommandierende der Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Pakts Marschall
Viktor Kulikov und der sowjetische Botschafter in Polen Boris Aristov spielten als be-
vollmächtigte Vertreter des sowjetischen Politbüros und als Koordinatoren für die Pla-
nung des Kriegsrechts in Polen eine besonders wichtige Rolle. « [37]
Diese Planungen wurden dem » Westen « durch den polnischen Oberst Ryszard
Kukliński28 bekannt. Kukliński arbeitete seit der blutigen Niederschlagung des » Dezem-
beraufstandes « von 1970 für die Central Intelligence Agency (CIA) der USA. Er meinte,

28 Ryszard Jerzy Kukliński: 13. Juni 1930 – 11. Februar 2004. Kukliński setzte sich am 7. November 1981 in
den Westen ab, bevor er verhaftet werden konnte. Er wurde zusammen mit seiner Familie mit Hilfe der
US-Botschaft nach West-Berlin gebracht.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 183

die CIA am 4. Dezember 1980 über eine unmittelbar bevorstehende Militäroperation


informieren zu müssen. Die Einschätzung basierte auf einer Information durch Divi-
sionsgeneral Tadeusz Hupałowski, der an einem hochrangigen Treffen in Moskau teil-
genommen hatte. Tatsächlich waren für Dezember unter dem Codenamen » Sojus-80 «
umfangreiche Übungen sowjetischer, tschechoslowakischer und deutscher Truppen in
Polen geplant.
Die Planungen des Regimes hatten von Beginn an in Rechnung zu stellen, dass sich
das Vorgehen der Streikenden und nach Gründung der Solidarność deren Strategie
grundsätzlich unterschieden von dem Verhalten von Protestbewegungen zuvor. Es war
die Strategie der » sich selbst beschränkenden Revolution «. Diese Bezeichnung wurde
von der Soziologin Jadwiga Staniszkis kreiert. Sie gebrauchte sie für die Phase der Insti-
tutionalisierung der Solidarność, d. h. für die Zeit von September 1980 bis zu den Ereig-
nissen in Bydgoszcz im März 1981. [38]
Für die Entwicklung einer Strategie der » sich selbst beschränkenden Revolution «
waren die Erfahrungen mit den Folgen der Massenproteste und Aufstände in Polen und
den anderen Staaten des RGW (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) bis 1976 ursäch-
lich. Adam Michnik hat dies in einer Rede in der Aula der Warschauer Universität am
15. November 1980 mit Hinweis auf die Demokratisierung in Spanien nach Franco als
» spanischen Weg « bezeichnet. Michniks erklärtes Ziel war es, durch eine begrenzte
Kooperation mit den Reformkräften des alten Systems zu einem Systemwandel zu ge-
langen. [39]
Bei diesem Vortrag am 15. November, den Michnik als Referent der Towarzystwo
Kursów Naukowych (TKN), Gesellschaft für wissenschaftliche Kurse, hielt, beschrieb er
die Grenzlinie, die nach seiner Auffassung von der Opposition nicht überschritten wer-
den durfte. Hierbei verweist er explizit auf die » Erfahrungen von Budapest 1956 und
von Prag 1968 «.

» Ich glaube, daß die Grenzen durch die folgenden Elemente bestimmt sind: zuerst durch die in-
ternationale Situation, d. h. durch die Zugehörigkeit Polens zum Warschauer Pakt. Jeder Ver-
such, dies zu ändern, kann wahrscheinlich eine Intervention herbeiführen. Zweitens durch die
politische Macht in Polen. Die einzigen Bevollmächtigten und Partner, die die Sowjetunion
ernst nimmt, sind nach wie vor die Kommunisten. « [40]

Der zuletzt zitierte Satz erhellt, dass Michnik die möglichen Reaktionen der Sowjet-
union auf künftige Veränderungen in Polen zum Ausgangspunkt seiner Strategie be-
stimmt. Es war für ihn evident, dass vom Westen keine Unterstützung erwartet werden
konnte:

» Der Hilferuf des ungarischen Ministerpräsidenten Nagy und das Schweigen des Westens waren
ein beredtes Zeichen dafür, daß Jalta weiterhin akzeptiert wird und uns niemand hilft, wenn wir
uns selbst nicht helfen. […] Deswegen sollte die soziale Bewegung heute zwar versuchen, diese
Macht zu beschränken, zu kontrollieren und zu Konzessionen im Bereich demokratischer Frei-
heiten zu zwingen, aber sie darf niemals versuchen, sie zu beseitigen. « [41]
184 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Gleichfalls bedeutsam für die Haltung der Gewerkschaft wurden die am 19. Okto-
ber vom Priester und Philosophen Józef Tischner29 in einer Predigt auf dem Krakauer
Wawel vor führenden Vertretern der Solidarność entwickelten Grundlagen einer » Ethik
der Solidarität «.
Michnik blieb auch während der Zeit des Kriegsrechts und anschließend bei dieser
» minimalistischen « Strategie. In der Sondernummer der Kultura vom Herbst 1984 zu
den deutsch-polnischen Beziehungen analysierte er weitsichtig die unterschiedlichen
Annahmen über den Weg zu einer Demokratisierung und Unabhängigkeit Polens und
stellte zugleich einen Zusammenhang der Entwicklung Polens mit der Entwicklung in
Deutschland her:

» Die von der Emigration ausgearbeiteten Entwürfe setzen häufig den Zerfall des sowjeti-
schen Imperiums, bzw. seine Entwicklung in Richtung auf eine Demokratisierung des Sys-
tems voraus. Dies sind keineswegs irreale Zukunftsvisionen, es ist daher gut, daß politisch
denkende Polen Programme auch für diese Eventualität vorbereiten. Trotzdem sind diese
Visionen keineswegs selbstverständlich, und daher muß es auch alternative und minimalis-
tische Programme geben. Ich vertrete die Meinung, daß die Polen jetzt ein wirksames Pro-
gramm für den Kampf um die innere Selbständigkeit erarbeitet haben. « Mit Blick auf die zu
jener Zeit noch geführte Grenz-Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland ergänzte er:
» Wichtigste Bedingung für die Verwirklichung dieses Programms ist jedoch eine Vorausset-
zung, die als Tatsache zu gelten hat: Der Bestand der Grenze an Oder und Neiße wird nicht
in Frage gestellt. « [42]

Innerhalb der » selbstverwalteten « Gewerkschaft wurde keineswegs nur der strategische


Diskurs geführt. Die Beratung der Arbeiter beschränkte sich auch nicht nur auf den wei-
ter oben erwähnten Kreis bekannter Intellektueller. Viele junge Akademiker schlossen
sich Solidarność an und fungierten als Ratgeber. Ein Beispiel hierfür ist der Wirtschafts-
wissenschaftler Janusz Lewandowski30, der in Danzig als Berater in Wirtschaftsfra-
gen fungierte. Seine heutige Position in der Europäischen Kommission ist Beleg dafür,
dass es der Opposition in Polen gelang, künftige Führungspersonen frühzeitig an sich
zu binden.
Für die politische Entwicklung Polens in den achtziger Jahren hatten jedoch die Ent-
faltung und die anhaltende Wirkung des erwachenden gesellschaftlichen Bewusstseins
erst einmal den unmittelbareren Effekt. In einem am 4. September 2004 veröffentlich-
ten Interview mit dem Magazin Rzeczpospolita erinnerte sich die » Beraterin « Jadwiga
Staniszkis an die Ereignisse auf der Leninwerft: » Es war ein vor-politisches Moment. Die
Menschen fühlten, dass sie etwas hatten, das sie verteidigen wollten. Sie wollten, dass

29 Józef Tischner: 12. März 1931 – 28. Juni 2000. Er wurde als Philosoph der Solidarność bezeichnet.
30 Janusz Lewandowski: geb. am 13. Juni 1951. Lewandowski war Abgeordneter im Sejm 1991 – 1993,
1997 – 2001 und 2001 – 2004. Er war kurzzeitig Minister der von Bielecki und Suchocka geführten Re-
gierungen. Er wurde 2004 in das Europaparlament gewählt und ist seit 2010 Kommissar für Finanzpla-
nung und Haushalt.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 185

diese neu entdeckte Würde und die Fähigkeit, Nein zu sagen, anerkannt werden. Es ent-
stand eine Sprache des Kampfes zwischen Gut und Böse, und sie, die Arbeiter, fühlten
sich auf der Seite des Guten. « [43] Staniszkis verweist damit auf einen Zusammenhang,
der sich einem nicht erschließt, betrachtet man allein die Masse der sich an den Streiks
und anderen Protestaktionen beteiligten Personen. Die Wirkung der Entwicklung in Po-
len wurde nicht allein von der riesigen Zahl der sich in der unabhängigen Gewerkschaft
Solidarność organisierenden Menschen bestimmt. Von ebenso großer und die Zeit des
Kriegsrechts überdauernder Bedeutung war, dass diese Massen dazu aktiviert werden
konnten – sich ihrer Würde und ihres Einflusses bewusst – direkt an Aktionen zu betei-
ligen. Die Menschen machten die Erfahrung, dass ihre Entscheidungen und ihr Handeln
für die eigene Existenz Bedeutung erlangen konnte.
Grzegorz Ekiert und Jan Kubik kommentieren mit Verweis auf die Forschungen des
polnischen Soziologen Władysław Adamski diese Wirkung wie folgt: » To sum up, Polish
society experienced an unprecedented cultural and political revolution that altered all
institutional structures, political attitudes, and modes of participation. The emergence of
multidimensional, self-organized, active, and democratic civil society became the most
striking characteristic of the Solidarity period. « [44]
Es war nicht ohne Bedeutung für die Entwicklung in Polen und für die Reaktion der
» sozialistischen Bruderländer «, dass am 11. November in Madrid die II. KSZE-Folge-
konferenz eröffnet wurde. Erneut waren die Menschenrechtspraxis der Sowjetunion, vor
allem die Frage der Freizügigkeit und damit das Problem der jüdischen Emigration, im
Zentrum der Aufmerksamkeit insbesondere der US-Delegation. Zusätzlich zum Druck
durch die Entwicklung in Polen, d. h. im eigenen Bündnissystem, entfaltete sich für die
Sowjetunion in direkter Konfrontation mit den USA weiterer Druck auf internationa-
ler Ebene. Die US-Delegation konnte sich bei ihrer Kritik an der Menschenrechtslage
in Mittel- und Osteuropa auf Dokumentationen von Helsinki-Komitees, Charta 77 und
KSS » KOR « beziehen, u. a. auf 38 Dokumente der MHG. Wie bereits bei der Belgrader
Folgekonferenz trugen die Menschenrechtsgruppen Osteuropas mit ihren Dokumenta-
tionen von Menschenrechtsverstößen erheblich zur Information der westlichen Dele-
gationen und der Delegationen der neutralen und blockfreien Staaten bei, bzw. halfen
der US-Commission on Security and Cooperation in Europe deren Dokumentationen
zu erstellen.
Im Unterschied zur I. KSZE-Folgekonferenz im Belgrad war jedoch die Position
der USA zur Menschenrechtslage im sowjetischen Herrschaftsbereich auch im eigenen
Bündnis weniger durchsetzungsfähig und stieß auf Widerstand insbesondere bei der
Bundesrepublik Deutschland, die an einer Fortsetzung der Entspannungspolitik inter-
essiert war.
Schlotter nennt einen weiteren Grund der geschwächten Position der USA: » In der
US-amerikanischen Ostpolitik bildete die Thematik der Menschenrechte weiterhin ein
konstantes Argumentationsmuster – allerdings mit abnehmender Glaubwürdigkeit, und
zwar in dem Maße, wie die universalistischen Ansprüche der Carterschen Menschen-
rechtspolitik mehr und mehr den außenpolitischen Interessen der USA in der Dritten
Welt geopfert wurden. Diese Einbuße an Glaubwürdigkeit dürfte eine Ursache dafür ge-
186 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

wesen sein, daß die USA für ihre Menschenrechtspolitik während der Madrider Folge-
konferenz weniger Resonanz bei ihren Verbündeten fanden als in Belgrad. « [45]
Die europäischen Verbündeten der USA blieben reserviert, obwohl eine größere An-
zahl im westlichen Exil lebender Repräsentanten der osteuropäischen Menschenrechts-
gruppen in Madrid eine intensive Information der westlichen Delegationen und der
Öffentlichkeit betrieb. So war die Ukrainische Helsinki-Gruppe im November 1980 in
Madrid durch ihre führenden Repräsentanten im Ausland vertreten, nämlich durch
Pjotr Grigorenko, Leonid Plyushch, Nina Strokata-Karavanska und den Politologen
Volodymyr Malynkovych31.
Die bereits mehrfach erwähnte Furcht vor einem Überschwappen der Revolution in
Polen auf die sozialistische Staatenwelt Mittel- und Osteuropas war dann auch bestim-
mend für das Verhalten der politischen Führungen in den » sozialistischen Bruderstaa-
ten « Polens.
Die Entwicklung in Polen wurde von der sowjetischen Führung zunehmend als eine
Gefährdung der eigenen innenpolitischen Lage wahrgenommen. Bereits am 24. Okto-
ber 1980 bekundete das Sekretariat der KPdSU » äußerstes Entsetzen « über die Ergeb-
nisse einer Geheimdienststudie, nach der in der Sowjetunion Arbeitsunterbrechungen
und andere negative Vorfälle seit August signifikant zugenommen hatten, offensichtlich
infolge der Ereignisse in Polen. Paczkowski und Byrne kommentierten in ihrer Doku-
mentation wie folgt: » The prospect that worker unrest will destabilize the rest of the bloc,
and particularly the Soviet Union, is one of Moscow’s central concerns, throughout the
crisis. « [46]
Die 1995 von Michael Kubina und Manfred Wilke unter dem Titel » Hart und kompro-
misslos durchgreifen « vorgelegten Dokumente der SED-Führung und die von Andrzej
Paczkowski und Malcolm Byrne 2007 veröffentlichte Dokumentation zur » Polnischen
Krise 1980 – 1981 « belegen, wie intensiv die » Bruderparteien « in den RGW-Staaten ab
Spätsommer 1980 die Entwicklung in Polen verfolgten. Die Dokumente zeigen auch auf,
wie übereinstimmend die Analyse durch die Politbüros der Parteien ausfällt. Aus Sicht
der KPdSU wie aus Sicht der SED, KSČ, BKP und der Magyar Szocialista Munkáspárt,
der MSZMP, handelte es sich um konterrevolutionäre Aktivitäten, die den Sozialismus
in Polen akut gefährdeten. Eine Differenz bestand allerdings bei der Frage der Konse-
quenzen: Insbesondere Ceauşescu aber auch Kádár rieten letztlich von einem militä-
rischen Eingreifen der WVO ab, zu dem insbesondere Honecker teilweise sehr direkt
drängte. [47]
Die Einschätzung der Ereignisse in Polen als » konterrevolutionäre « Aktivitäten war
bereits am Tag der Unterzeichnung des Augustabkommens vom DDR-Botschafter in
Warschau vorgenommen worden. [48] Eine 48-seitige Analyse mit dem Titel » Die Ent-
wicklung der Volksrepublik Polen seit dem VI. Parteitag der Polnischen Vereinigten Ar-

31 Volodymyr Malynkovych [Wladimir Malinkowitsch]: geb. am 28. August 1940. Seit 1969 dissidentisch
aktiv wurde er 1978 Mitglied der UHG. Er mußte 1979 emigrieren. Bis 1992 arbeitete er in der Bundes-
republik Deutschland bei Radio Liberty. Nach Rückkehr in die Ukraine war er zeitweilig Berater von
Präsident Leonid Kutschma.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 187

beiterpartei «, die von der ZK-Abteilung Internationale Verbindungen der SED erstellt
und vom Sekretär des ZK der SED und Mitglied des Politbüros Hermann Axen Ende
September 1980 dem Politbüro vorgelegt wurde, stellt den Vergleich her zu den Vorgän-
gen 1968 in der ČSSR. [49]
Nach Einschätzung Ludwig Mehlhorns bestand jedoch keine direkte Gefahr für das
DDR-Regime. Denn: In der Bevölkerung der DDR war die Resonanz auf die Entwick-
lung in Polen » bedeutend schwächer als das teilweise euphorische Echo, das 1968 der
› Prager Frühling ‹ hervorgerufen hatte. Reale Möglichkeiten, den sprichwörtlichen › pol-
nischen Bazillus ‹ in die DDR einzuschleppen, gab es 1980/81 nicht. « [50]
Die geringere Resonanz in der DDR-Bevölkerung auf die Vorgänge in Polen war
auch Folge der in der DDR weiterhin bestehenden antipolnischen Ressentiments, die
vom SED-Regime sogar noch zusätzlich angefacht wurden. Das DDR-Regime vermu-
tete dennoch eine direkte Gefahr durch die polnische Unruhe. So verhinderte die
Staatssicherheit am 6. September die Auslieferung der deutschsprachigen Ausgabe der
Zycie Warszawy in der DDR, da in dieser Ausgabe das » Augustabkommen « abgedruckt
war. [51]
Erich Honecker ließ sich auf der Politbürositzung der SED am 30. September er-
mächtigen, die Einberufung eines Treffens der Staats- und Regierungschefs der WVO-
Staaten vorzuschlagen. » Die SED-Führung sah Gewalt offenbar als das einzige Mittel an,
mit dem der Opposition in Polen begegnet werden sollte. Nach der Zulassung der Soli-
darnosc am 10. November durch das Oberste Gericht in Warschau verstärkte sich diese
Haltung. Für Erich Honecker war es unvorstellbar, daß man die Gewerkschaft zulas-
sen konnte, obwohl sie sich geweigert hatte, die Anerkennung der führenden Rolle der
PVAP in ihr Statut aufzunehmen. « [52]
In einer Rede vor Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit wurde Minister
Erich Mielke am 2. Oktober 1980 deutlich: » Was in Polen geschieht, das ist bedeutsam
für die ganze sozialistische Gemeinschaft. Das ist auch für uns in der DDR eine Kern-
frage, eine Lebensfrage. « [53] Wie bereits dargestellt wurde, bildete das MfS im Septem-
ber eine » Operativgruppe Warschau «, die in Polen mit deutschen und polnischen IM
arbeitete.
Es ist zudem hervorzuheben, dass in den letzten Monaten des Jahres mit deutlichem
Bezug auf das seit 9. September in Madrid tagende Vorbereitungstreffen für die KSZE-
Folgekonferenz die Zahl der Ausreise-Erstanträge von DDR-Bürgern deutlich anstieg.
Diese dem MfS bekannte Entwicklung trug offenbar zu dessen Verunsicherung bei. [54]
Neben der Furcht vor einem Übergreifen des » polnischen Bazillus « und einer weite-
ren Zunahme der bereits bestehenden gesellschaftlichen Beunruhigung waren Befürch-
tungen hinsichtlich der ökonomischen Folgen der Krise Polens ein weiteres Motiv des
Handelns der DDR-Führung. Die Abhängigkeit von polnischen Rohstofflieferungen,
insbesondere bei Steinkohle, war so groß, dass aufgrund streikbedingter Lieferengpässe
erhebliche Versorgungsschwierigkeiten auftraten. Die Befürchtungen hatten einen wei-
teren Grund: Bereits ab 1980 versuchte die Sowjetunion, dem polnischen Regime durch
wirtschaftliche Hilfe Unterstützung in dessen Konflikt mit der Gesellschaft zu geben.
Bei gleichzeitigen wirtschaftlichen Problemen und Versorgungsengpässen im eigenen
188 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Land sah sich Moskau genötigt, die Handelsregeln innerhalb des RGW zu Lasten der an-
deren Mitgliedsländer zu verändern, um die Hilfe für Polen zu ermöglichen. In einem
Schreiben von Breschnew an Honecker vom 4. November 1980 wurden der DDR Kür-
zungen der Erdöllieferungen zu den fixierten Konditionen angekündigt. [55] Gleichlau-
tende Briefe erhielten auch die anderen RGW-Partnerländer.
Ab 1981 musste die DDR Zusatzlieferungen in Valuta, d. h. in frei konvertierbaren
westlichen Währungen bezahlen. Die UdSSR benötigte die Devisen für dringend erfor-
derliche Getreideimporte.
Honecker bat dann am 26. November 1980 in einem Telegramm an Breschnew um
Einberufung eines Treffens der Staats- und Regierungschefs der WVO. In dem Tele-
gramm – Mark Kramer schrieb: » Brief « – forderte Honecker indirekt einen militäri-
schen Einsatz, um der PZPR zu helfen. Er postulierte, jede Verzögerung im Handeln
gegen die » Konterrevolutionäre « würde » Tod bedeuten – den Tod des sozialistischen
Polen. « Kramer fuhr fort: » Honeckers Sicht wurde in Sofia und Prag vollkommen ge-
teilt; Živkov und Husák drängten Kania und Jaruzelski wiederholt, › sofortige Maßnah-
men ‹ zu ergreifen. « [56] Nur zwei Tage später begann die NVA mit Planungen für einen
Militäreinsatz in Polen. – Deutsche Offiziere planten 1980/1981 erneut einen Militärein-
satz in Polen ! – Die Furcht vor einem Überschwappen der als » Konterrevolution « be-
zeichneten Vorgänge führte bei der SED demzufolge zu heute kaum vorstellbaren Re-
aktionen, bis hin zum Drängen der DDR-Führung nach einem militärischen Eingreifen
und den frühen eigenen Vorbereitungen hierfür. Die Beteiligung deutscher Verbände
bei einem Militäreinsatz von Staaten des Warschauer Paktes in Polen war zu jener Zeit
die Albtraumvorstellung nicht nur polnischer Bürger. Angesichts der Abgründe der Ge-
schichte deutscher Polenpolitik sind die Planungen der DDR-Führung schlechterdings
unfassbar und ein weiterer Beweis ihres schändlichen Handelns.
Beim Treffen der Parteiführer der WVO-Staaten in Moskau am 5. Dezember 1980
verglichen Erich Honecker, János Kádár und Gustáv Husák die Lage Polens mit den Er-
eignissen in der DDR 1953, mit Ungarn 1956 und mit der ČSSR 1968. Diese Sicht wurde
durch die einleitende Analyse des Ersten Sekretärs der PZPR Stanisław Kania gestützt.
Stanisław Kania informierte die Parteichefs der anderen WVO-Staaten am 5. Dezember
1980 über Eventualplanungen für die Ausrufung des Kriegsrechts. Honecker und der
bulgarische Staatsratsvorsitzende Todor Schiwkow waren auf der Tagung die Fürspre-
cher » administrativer « Maßnahmen. Sie schlossen im Unterschied zum Generalsekretär
der MSZMP János Kádár und zum rumänischen Staatspräsidenten Nicolae Ceauşescu
ein militärisches Vorgehen der WVO nicht aus.
Grundlage der Entscheidung gegen eine Militärintervention war dann letztlich die
Furcht der sowjetischen Führung, mit einer Intervention der WVO in Polen ein militä-
risch unkalkulierbares Risiko einzugehen und zugleich die aufgrund der Intervention in
Afghanistan international bereits stark angeschlagene Glaubwürdigkeit nunmehr end-
gültig aufs Spiel zu setzen. Zudem hatte der Europäische Rat bei seiner Luxemburger Ta-
gung am 1./2. Dezember deutlich gemacht, welche Folgen eine Intervention in Polen für
die Entspannungspolitik hätte. Die EWG-Regierungschefs verwiesen im Abschlusskom-
muniqué auf das in UN-Charta und KSZE-Schlussakte verankerte Selbstbestimmungs-
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 189

recht und hoben hervor, dass seine Verletzung » schwere Folgen für die internationalen
Beziehungen in Europa und in der Welt haben « würde.
Für Dezember waren, wie schon oben erwähnt, unter dem Codenamen » Sojus-80 «
umfangreiche Übungen sowjetischer, tschechoslowakischer und deutscher Truppen
in Polen geplant. Hierfür wurde am 6. Dezember von Armeegeneral Heinz Hoffmann,
dem Minister für Nationale Verteidigung der DDR, die 9. Panzerdivision der NVA in
Marschbereitschaft befohlen. Vergleichbare Befehle erhielten die Kommandeure der
1. und 9. Panzerdivision der Tschechoslowakischen Volksarmee. » Zum Schrecken von
Honecker und Husák […] (entschied dann jedoch das Politbüro der KPdSU, D. P.), dass
keine sowjetischen oder osteuropäischen Truppen Polen betreten sollten, bis sich eine
günstigere Gelegenheit ergab. « [57] Die Operationsplanung für die Teilnahme von NVA-
Truppen an einer Intervention der WVO in Polen, konkret der » Befehl Nr. 118/80 des
Ministers für Nationale Verteidigung über die Vorbereitung und Durchführung einer
gemeinsamen Ausbildungsmaßnahme der Vereinten Streitkräfte vom 06. 12. 1980 «,
wurde erst im April 1982 außer Kraft gesetzt. [58]
Die Reaktion in den Gesellschaften der » sozialistischen Bruderstaaten « auf die Ent-
wicklung in Polen war hingegen z. T. positiv. Ohne Einschränkung zustimmend reagier-
ten die Dissidenten und oppositionellen Gruppen. Hatte doch Solidarność beispielhaft
gezeigt, welches Potential – bei entsprechender Strategie – selbstverwaltete Organisa-
tionen auch in Parteidiktaturen beinhalten können. Es war zu konstatieren, dass die in
Polen umgesetzte Strategie, innerhalb eines kommunistischen Staates mit totalitärem
Anspruch freie gesellschaftliche Assoziationen zu bilden, Strukturen selbst verantwor-
teter Mitwirkung zu schaffen, trotz aller Widerstände zu einem nicht erwarteten Erfolg
geführt hatte. Die Entwicklung in Polen beeindruckte die Menschen in den mittelost-
europäischen Staaten. Insbesondere von Teilen der ungarischen Gesellschaft wurde die
Entwicklung mit großer Sympathie verfolgt und diskutiert.
Dieser Erfolg hatte Vorbildwirkung auch für die DDR. Die Aussage von Ludwig
Mehlhorn vor der Enquête-Kommission dokumentiert dies: Für die aufmerksamen Be-
obachter » belegte der Fortgang der polnischen Ereignisse, dass die während der spä-
ten siebziger Jahre entwickelten Konzeptionen der demokratischen Opposition wirklich
funktionierten. Der Ansatz einer sich selbst beschränkenden Revolution war erfolgreich.
Die Strategie, durch Druck emanzipatorischer Bürgerbewegungen den Wiederaufbau
der enteigneten › zivilen Gesellschaft ‹ und damit soziale, kulturelle und politische Mit-
bestimmung zu erreichen, ging auf. Polen war bei der Schaffung von Parallelstrukturen
der selbstorganisierten Gesellschaft am weitesten fortgeschritten. Sie bestanden unter
dem Kriegsrecht ihre ersten Bewährungsproben. « [59]
Mehlhorn ergänzte in einer Fußnote: » Diese Einsichten mußten in der DDR auch
gegen den mainstream der politischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik gewonnen
werden, die häufig die › unverantwortliche Romantik ‹ der › Solidarnosc ‹ dem angebli-
chen › Realismus ‹ der polnischen Führung gegenüberstellte. « [60]
Für die Bürger der DDR hatte der Erfolg der Solidarność ab dem 30. Oktober 1980
insoweit negative Folgen, als der im Jahr 1972 eingeführte visafreie Reiseverkehr nach
Polen ausgesetzt wurde. Die SED fürchtete den » polnischen Bazillus «. Diese zusätz-
190 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

liche Einschränkung der Reisemöglichkeit war insbesondere für viele junge Ostdeut-
sche schmerzlich, denn für sie » war der Besuch in Polen ein Freiheitserlebnis « (Rafał
Rogulski-Pytlak). [61] Dies wurde auch von Mehlhorn hervorgehoben. [62] Die ČSSR
setzte den visafreien Grenzverkehr mit Polen am 18. November 1980 aus. Die UdSSR
schränkte den Grenzverkehr mit Polen deutlich ein. Auch in Prag und in Moskau be-
stand bei den Herrschenden Furcht vor dem » polnischen Bazillus «.
Auswirkungen der polnischen Entwicklung konnten auch auf die VR Ungarn vermu-
tet werden, zumal sich dort 76 Intellektuelle zusammenfanden, um im Samisdat einen
Sammelband im Gedenken an den im Vorjahr verstorbenen Regimegegner István Bibó32
herauszugeben. Die im September 1980 fertiggestellte Publikation wurde für die ungari-
schen Andersdenkenden zur wichtigsten Referenzliteratur.
Die Entwicklung in Polen hatte tatsächlich Auswirkungen auf die westlichen Re-
publiken der Sowjetunion. Hier konnte sich die Bevölkerung direkt über den polni-
schen Rundfunk und das polnische Fernsehen informieren und war nicht nur auf Radio
Free Europe oder andere Sender angewiesen, die unter Verdacht gestellt werden konnten,
westliche Propaganda zu verbreiten, und die elektronisch gestört wurden. Simon schil-
derte Beispiele für dieses Überschwappen von Entwicklungen über Grenzen hinweg:
» Die polnische Erneuerung und die Entstehung von › Solidarität ‹ im Sommer 1980 ha-
ben in Estland tiefe Eindrücke hinterlassen. Die Rezeption der polnischen Erneuerung
stößt in Estland nicht auf die historisch-psychologischen Barrieren, die in Resten in Li-
tauen noch bestehen. […] 10 Esten und 10 Litauer unterzeichneten am 11. September
1980 eine Erklärung, in der sie Lech Wałęsa ihre Sympathie und Unterstützung zusagten.
Anfang Oktober traten 1000 Arbeiter der Traktorenfabrik Tartu in den Streik – der erste
größere Streik in der Industrie Estlands seit 1940. « [63]
Am 22. September 1980 kam es in Tallinn zu Unruhen nach Absage eines Konzerts
der Punk-Band » Propeller « um den Sänger Prinz Peeter Volkonski.33 Von den 3 000
protestierenden Jugendlichen wurden mehrere Hundert inhaftiert. In Reaktion auf die
Repression demonstrierten am 1. und 2. Oktober in Tallinn mehrere Tausend Menschen.
Die Demonstrationen, bei denen antirussische Parolen skandiert und » Freiheit für Est-
land « gefordert wurden, beendete die Miliz erneut gewaltsam. Der bereits erwähnte
» Brief der Vierzig « vom 28. Oktober 1980, der sich vorrangig gegen die Russifizierung
wandte, richtete sich auch gegen diese Repression. [64]
Am 16. Dezember 1980 wurde auf dem Platz vor der Leninwerft in Gdańsk der Op-
fer des dort am 16. Dezember 1970 stattgefundenen Massakers gedacht. Bei der Enthül-
lung des in wenigen Wochen von den Arbeitern erbauten 41 m hohen Denkmals für die
Opfer des Aufstandes von 1970 nahmen über 100 000 Menschen teil. Bei der von Kar-
dinal Macharski zelebrierten Messe erklang zum ersten Mal das » Lacrimosa «, welches

32 István Bibó: 7. August 1911 – 10. Mai 1979. Bibó war 1945 und 1946 Abteilungsleiter im Innenministerium
und hatte 1946 gegen die Vertreibung der Ungarndeutschen protestiert. Nagy holte 1956 das führende
Mitglied der » Petőfi Párt « (Petőfi-Partei) als Staatsminister in die Regierung.
33 Prinz Peeter Volkonski: geb. am 12. September 1954. Volkonski ist der Sohn des Komponisten Fürst
Andrei Michailowitsch Wolkonski und Ur-Ur-Ur-Enkel des Generalfeldmarschalls Fürst Pjotr
Michailowitsch Wolkonski.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 191

Teil des 1984 uraufgeführten » Requiem polskie « wurde. Krzystof Penderecki34 hatte das
Stück für diesen Anlass komponiert. Die Enthüllung des Denkmals wurde gleichsam
zum Hochamt der » sich selbst beschränkenden Revolution «. Von dem im September
gegründeten Gesellschaftlichen Komitee zum Bau des Denkmals für die Opfer des Dezem-
ber 1970 war auch das Diplomatische Corps der westlichen Staaten zur Einweihung ein-
geladen worden. Die Botschaften der EG-Staaten nahmen nicht teil.
Die Furcht vor einer Übertragung des demokratischen Impulses auf westliche So-
wjetrepubliken war der Hintergrund für die harte Reaktion des KGB auf eine Flugblatt-
aktion von Mitgliedern des Kiewer Demokratischen Klubs am 11. Januar 1981. Am Vor-
abend des seit 1975 von Dissidenten begangenen » Tages des Ukrainischen Politischen
Gefangenen « wurde Serhiy Naboka mit drei weiteren Aktivisten beim Verteilen eines
Aufrufes zum Gedenken an die Opfer von Repressionen an der Kiewer U-Bahnstation
» Bolschewik-Werk « festgenommen.
Die Ereignisse in Polen und ihre Ausstrahlung auf andere Staaten des sowjetischen
Machtbereichs waren von überragender Bedeutung. Dennoch sind weitere Entwicklun-
gen in Westeuropa und in den USA für meine Fragestellungen von Bedeutung und müs-
sen erwähnt werden, zumal sie sich auf die politischen Prozesse in Mittel- und Ost-
europa auswirkten.
Mit dem Beitritt Griechenlands zur Europäischen Gemeinschaft am 1. Januar 1981
begann eine neue Phase der Erweiterung der EG. Die europäische Integration gewann
neue Attraktivität.
Mit der Inauguration von Ronald Reagan als 40. US-Präsident am 20. Januar und
der Wahl von François Mitterrand zum Präsidenten Frankreichs am 10. Mai kamen 1981
zwei die achtziger Jahre stark prägende Politiker in ihr Amt.
Mitbestimmend für die Beziehungen der USA zur Sowjetunion blieben die Entwick-
lungen in Polen. Die Führung der UdSSR hatte bei ihrer Reaktion auf die » polnische
Krise « immer auch ihre Interessen an verbesserten Beziehungen zu den USA zu berück-
sichtigen, zumal sie nach Afghanistan nur im äußersten Fall eine weitere militärische In-
tervention riskieren konnte. Für die Beziehungen zwischen den Supermächten war ne-
ben der Entwicklung in Polen, der andauernden Besetzung Afghanistans und der Frage
der Stationierung von INF-Raketen die Menschenrechtspraxis der Sowjetunion von fol-
genreicher Bedeutung.
Bei der Eröffnungssitzung des » Wissenschaftlichen Forums « der KSZE am 18. Fe-
bruar in Hamburg sprach der Leiter der US-Delegation, der Biochemiker und Präsi-
dent der United States National Academy of Sciences Philip Handler, über Wissen-
schaftsfreiheit und verurteilte die Repressionen gegen die sowjetischen Wissenschaftler
Schtscharanski, Kowaljow, Orlow, Lerner und den Mathematiker, Dissidenten und Re-
fusenik Naum Meiman35. Handler beendete seine Rede mit einem Zitat Sacharows über
die Unabdingbarkeit geistiger Freiheit.

34 Krzysztof Penderecki: geb. am 23. November 1933.


35 Naum Meiman: 12. Mai 1911 – 31. März 2001. Meiman hatte 1971 den Ausreiseantrag gestellt. Er war seit
14. Januar 1977 Mitglied der MHG. Erst 1988 durfte er nach Israel auswandern.
192 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Die Furcht vor einer Übertragung der polnischen Entwicklung auch auf die Bela-
russische SSR beschäftigt weiterhin das Politbüro der KPdSU. In Minsk hatte sich im
Winter 1980/1981 unter dem Eindruck der Entwicklung im Nachbarland eine unabhän-
gige Studentengruppe mit der Bezeichnung Beloruskaya Maistrounya, deutsch: Belarus-
sischer Workshop, gebildet. [65]
Auf der Sitzung des KPdSU-Politbüros am 2. April 1981 berichtete der KGB-Vorsit-
zende Juri Andropow: » Die polnischen Ereignisse beeinflussen auch die Lage in den
westlichen Regionen unseres Landes. Besonders in Weißrußland hört man in vielen
Dörfern gut den polnischen Rundfunk, und auch das Fernsehen erreicht sie. Gleichzei-
tig muß man beachten, daß auch bei uns in manchen Regionen, besonders in Georgien,
spontane Demonstrationen ausbrechen. « [66]
Die am 25. August 1980 eingerichtete » Suslow-Kommission «, gab auf der Sitzung des
ZK der KPdSU am 23. April 1981 zu Protokoll, dass die PZPR die Kontrolle über die ge-
sellschaftliche Entwicklung des Landes weitgehend verloren habe. » To a significant de-
gree, the PUWP has lost control of the process under way in society. At the same time,
Solidarity has transformed itself into an organized political force, which is capable of
paralyzing the activity of party and state organs and virtually taking power into its own
hands. If the opposition is not yet ready for that, then more than anything it is due to
their concern over the possible introduction of Soviet troops and hopes of achieving
their goals without bloodshed and by means of a creeping counter-revolution. « [67] Am
gleichen Tag reiste Suslow zu einem Blitzbesuch nach Warschau.
Die Entwicklung in Polen wurde in der Sowjetunion als Begründung für härtere
Repressalien gegen oppositionelle Aktivitäten angeführt, insbesondere bei Aktivitäten,
die Republikgrenzen überschritten. » Die organisierte Zusammenarbeit der Opposi-
tionsgruppen über die nationalen Grenzen hinweg […] hat den KGB besonders alar-
miert. Am 1. Mai 1982 waren im Westen 41 litauische, 34 estnische und 16 lettische poli-
tische Häftlinge namentlich bekannt, die zu diesem Zeitpunkt wegen ihrer Mitarbeit in
nationalen Oppositionsgruppen verhaftet oder verurteilt worden waren. « [68]
Wahrscheinlich war die Furcht vor einem Überschwappen der politischen Turbu-
lenzen aus Polen für die sowjetische Führung auch ein Grund für das harte Vorgehen
gegen die Mitglieder der Ukrainischen Helsinki-Gruppe. Hauptmotiv der sowjetischen
Führung bei ihrem Vorgehen gegen ukrainische Dissidenten und nationalistische Be-
strebungen blieb die Furcht vor einer Entwicklung zu einer größeren Eigenständigkeit
der Ukrainischen SSR. Am 24. März wurde das letzte in Freiheit lebende Mitglied der
UHG, Ivan Kandyba, festgenommen. Kandyba wurde am 24. August 1981 zu zehn Jahren
Haft und fünf Jahren Verbannung verurteilt. Die Haft musste er in den Speziallagern für
die » besonders gefährlichen Staatskriminellen «, in VS-389/36-1 (Perm 36) in Kutschino
und in VS-389/35, verbringen.
Zur Ukrainischen Helsinki-Gruppe notierte der Historiker Andreas Kappeler in sei-
ner Übersichtsdarstellung der Geschichte der Ukraine knapp: » Von seinen 33 Mitglie-
dern waren 1983 21 im Straflager oder in Haft, vier in der Verbannung und fünf im Exil
im Westen. « [69]
Die Ereignisse in Polen wurden nicht nur von den kommunistischen Parteien des
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 193

» Sowjetblocks «, sondern auch von Analytikern im Westen als dramatisch eingestuft.


Der 1956 von Polen in den Westen übergewechselte Soziologe Seweryn Bialer36 schrieb
im Winter 1980/81 in Foreign Affairs: » Poland is the key country in the Soviet bloc in
terms of strategic location, military and economic potential, and size of population.
A  major lasting change there could transform, if not destroy, the Soviet Union’s East
European empire. « [70] – Bialer ging noch im Sommer 1981 nicht von einer drohenden
fundamentalen Systemkrise der Sowjetunion aus.
Der gesellschaftliche Aufbruch blieb in Polen nicht auf die Gewerkschaft beschränkt.
Überall im Land entstanden weitere Klubs der Katholischen Intelligenz (KIK), bis eine
Zahl von etwa 50 Klubs erreicht war. Die Zusammenarbeit zwischen den kirchennahen
Gruppierungen und der Gewerkschaft hatte für beide Seiten positive Effekte. Die enge
Verbindung zur Kirche wurde durch ein Treffen einer Solidarność-Delegation unter Füh-
rung von Wałęsa im Vatikan mit dem Papst am 14. Januar 1981 auch für die internatio-
nale Öffentlichkeit unterstrichen.
Einen enormen Aufschwung nahm der » Zweite Umlauf «. Das Publikationswesen der
unabhängigen Gruppierungen konnte mehr und mehr aus der Illegalität heraustreten.
» In Polen erreichen die Texte der Gegenöffentlichkeit nicht nur eine intellektuelle Elite,
sondern breitere Kreise der Bevölkerung. Damit unterscheidet sich der › Zweite Umlauf ‹
deutlich vom Samizdat in Ungarn, der CSR und der Sowjetunion. « [71] Die Breitenwir-
kung des » Zweiten Umlaufs « blieb auch nach Erklärung des Kriegsrechts am 13.  De-
zember 1981 und nach der Verdrängung der Solidarność in den Untergrund faktisch
ungebrochen. Die » führende Partei «, die PZPR, sollte das durch die Publikationen des
» Zweiten Umlaufs « verlorene Meinungsmonopol bis zum Ende des Regimes 1989 nicht
wieder erringen können.
Bereits im Frühjahr 1981 eskalierte der Konflikt zwischen dem Regime und der
Solidarność, die als Volksbewegung tatsächlich als Repräsentantin großer Teile der Ge-
sellschaft agieren konnte. In Bydgoszcz (Bromberg) kam es am 19. März zu einem ers-
ten blutigen Übergriff von Miliz und SB auf Mitglieder der Solidarność. Ein Betroffener
der Attacke war der Solidarność-Vorsitzende der Region Bydgoszcz Jan Rulewski37. Ein
weiter Betroffener war Michał Bartoszcze38, ein Repräsentant der NSZZR » Solidarność
Wiejska « (Land-Solidarität).
Der nach dem Vorfall von der Solidarność erfolgreich durchgeführte Streik durch-
kreuzte dann möglicherweise Planungen für die Erklärung des Kriegsrechts zum
31. März. Stattdessen traf die Regierung mit der Führung von Solidarność an diesem Tag
in Warschau eine Übereinkunft zur Konfliktbeilegung. Diese Übereinkunft wurde von
dem radikalen Flügel der Gewerkschaft abgelehnt. Der staatliche Übergriff verschärfte

36 Seweryn Bialer: geb. am 3. November 1926 in Berlin. Bialer war 1944 bis zur Befreiung im Januar 1945
Inhaftierter im KZ Auschwitz. Zur Zeit seines Wechsels in den Westen war Bialer Mitarbeiter der Pro-
pagandaabteilung des ZK der PZPR und Mitarbeiter der Polska Akademia Nauk (PAN), der Polnischen
Akademie der Wissenschaften.
37 Jan Rulewski: geb. am 18. April 1944. Rulewski war von 1991 bis 2001 Abgeordneter im Sejm. Er wurde
im Oktober 2007 in den Senat gewählt.
38 Michał Bartoszcze: 29. September 1913 – 11. Februar 2001.
194 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

bestehende Konflikte innerhalb der Solidarność zwischen dem eher pragmatischen Flü-
gel um Wałęsa und einem radikalen um Andrzej Gwiazda und Jan Rulewski. Der radi-
kale Flügel lehnte die Selbstbeschränkung auf gewerkschaftliche Themen ab und wollte
eine politischere Positionierung gegenüber dem Regime.
Am 3. April erschien die erste Ausgabe des Tygodnik Solidarność, der Wochenzeitung
der Gewerkschaft. Herausgeber war Tadeusz Mazowiecki. Die Zeitung hatte sehr bald
eine Auflage von 500 000 Exemplaren und wurde damit zur auflagenstärksten Wochen-
zeitung in Polen.
Obwohl es nach dem Übergriff von Bydgoszcz auch gelegentliche Phasen politischer
Entspannung gab, blieb der fundamentale Widerspruch zwischen der Solidarność und
den kommunistischen Machtstrukturen bestehen. Der Widerspruch vergrößerte sich
kontinuierlich, zumal innerhalb der Gewerkschaft zunehmend Forderungen nach einer
Ausweitung der Aktivitäten erhoben wurden. Dieses wurde bei dem Gewerkschaftskon-
gress im Herbst deutlich.
Es wäre hinsichtlich des Themas unangemessen verengend, konzentrierte man sich
bei der Darstellung der politischen Entwicklung in Europa im Jahr 1981 ausschließlich
auf die Ereignisse in der Volksrepublik Polen. Trotz der schon damals erkennbaren be-
sonderen Bedeutung der poltischen Prozesse in Polen blieben und wurden auch an-
dernorts Ereignisse von erkennbar ähnlich grundlegender Bedeutung für die Zukunft
des Kontinents.
Nicht nur in Polen war die Lage explosiv: Am 3. April wurde nach schweren Unru-
hen in der Provinzhauptstadt Priština von der Regierung Jugoslawiens der Ausnahme-
zustand über den Kosovo verhängt. Albanische Kosovaren hatten die Unabhängigkeit
der Provinz von Serbien gefordert. Der Kosovo hatte seit 1963 den Status einer autono-
men Provinz innerhalb Serbiens.

Zeitgleich mit der Zuspitzung der Auseinandersetzung zwischen Staat und Gesellschaft
in Polen, d. h. des Fundamentalkonfliktes zwischen PZPR und Solidarność, wurde West-
europa von der Friedensfrage bewegt.
Am 28. April 1980 wurde bei einer Pressekonferenz im House of Commons der
» European Nuclear Disarmament Appeal « für ein atomwaffenfreies Europa der in
Großbritannien gegründeten europaweit agierenden Friedensinitiative European Nu-
clear Disarmament (END) vorgestellt. Die Verfasser des Appells waren Berater der La-
bour Party und deren Umfeld zuzurechnende Intellektuelle um den Historiker Edward
Palmer Thompson39 und die Politologin Mary Kaldor40.
Insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland erreichte die Friedensbewegung
große Resonanz in der Bevölkerung. Diese Unterstützung war jedoch nicht allein das
Ergebnis der Arbeit unabhängiger Friedensgruppen und -initiativen, sondern auch das

39 Edward Palmer Thompson: 3. Februar 1924 – 28. August 1993. Der Marxist Thompson war bis zur Nie-
derschlagung des Volksaufstandes in Ungarn Mitglied der Communist Party of Great Britain.
40 Mary Kaldor: geb. am 16. März 1946. Kaldor ist Professorin der London School of Economics and Poli-
tical Science (LSE).
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 195

Resultat von verdeckten Aktionen der von der SED finanzierten westdeutschen Partei
Deutsche Friedens-Union (DFU). Nach Abschluss des von der DFU am 15. November
in Duisburg durchgeführten » Unionstags « wurde am 15. und 16. November auf dem
eigens hierfür vorgesehenen » Krefelder Forum « die » Krefelder Erklärung « gegen den
NATO-Doppelbeschluss veröffentlicht; dessen im Dezember 1980 entstandene Kurz-
form, den » Krefelder Appell «, unterschrieben in wenigen Monaten mehrere hundert-
tausend Bürger.
Bereits zum damaligen Zeitpunkt war deutlich, wie stark der Einfluss Ost-Berlins
auf Forum und Aufruf war. Erst Jahre später wurde offenkundig, dass das » Krefelder
Forum « und der » Krefelder Appell « sowohl organisatorisch als auch finanziell direkt
durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR beeinflusst wurden. Auf die
diesbezüglichen Forschungen von Hubertus Knabe kann an dieser Stelle lediglich hin-
gewiesen werden. In einem seine Forschungen zusammenfassenden Aufsatz schrieb er:
» In der westdeutschen Friedensbewegung der siebziger und achtziger Jahre agierte eine
Reihe von Organisationen, die ideologisch der SED nahestanden, ohne offen kommunis-
tisch aufzutreten und denen insbesondere in der Kampagne gegen den Nachrüstungsbe-
schluss der NATO eine wichtige Rolle zukam. Unterlagen aus den Herrschaftsapparaten
der SED zeigen inzwischen, auf welche Weise diese politisch und finanziell mit der DDR
verknüpft waren. « [72] Nicht alle Zeithistoriker betonen die besondere Rolle des MfS.
Von einigen Historikern wird der Einfluss des MfS auf die Friedensbewegung weitge-
hend oder sogar vollständig ausgeblendet. [73]
Um der Abhängigkeit von der aus Ost-Berlin beeinflussten bis indirekt gesteuerten
Initiative zu entgehen, starteten SPD-Mandatsträger am 9. Dezember die Unterschrif-
tensammlung für den fast wortgleichen » Bielefelder Appell «.
Zeitlich parallel zur Friedensbewegung in der Bundesrepublik entwickelte sich in der
DDR eine unabhängige kirchliche Friedensbewegung. Dies rief beim Ministerium für
Staatssicherheit sehr schnell Reaktionen hervor. Auf härteste Reaktion des MfS stießen
insbesondere Versuche von Anhängern dieser Gruppen, Kontakte zu polnischen und
tschechoslowakischen Dissidenten und Oppositionellen aufzunehmen. Matthias Do-
maschk41, Mitglied der » Jungen Gemeinde « Jena, der 1977 bei einer Reise in die ČSSR
derartige Kontakte zur Charta 77 herstellte und 1981 versuchte, bei einer Reise nach Po-
len Kontakte zu KSS » KOR « und Solidarność aufzubauen, starb am 12. April 1981 unter
bis heute ungeklärten Umständen in MfS-Haft.
In Ost-Berlin befasste sich eine konspirativ arbeitende Gruppe um Reinhard Schult42,
einem ehemaligen Bausoldaten und Mitglied im Friedenskreis der Evangelischen Stu-
dentengemeinde (ESG), mit der Entwicklung in Polen und ihren möglichen Auswirkun-
gen auf die DDR.
In der DDR befassten sich nicht nur unabhängige Friedensgruppen mit Aktivitäten
Gleichgesinnter in anderen mittelosteuropäischen Staaten. Ab 1982 wurden in der Wan-
derbühne, einer vom Herbst 1981 bis zum Herbst 1983 erscheinenden Samisdat-Halbjah-

41 Matthias Domaschk: 12. Juni 1957 – 12. April 1981.


42 Reinhard Schult: geb. am 23. September 1951. 1991 – 1995 Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus.
196 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

reszeitschrift für Literatur und Politik, Artikel zu Ereignissen in Polen und in der ČSSR
veröffentlicht. Der in West-Berlin lebende Jürgen Fuchs und der Ost-Berlin lebende
Schriftsteller Lutz Rathenow43 gehörten zu den Autoren der Zeitschrift.
Während der Feierlichkeiten zum 9. Mai (» Siegesfeier «) kam es 1981 in Minsk, der
Hauptstadt der Belarussischen SSR, zu einer von Refuseniks organisierten Gedenkver-
anstaltung für die während der deutschen Besetzung ermordeten Juden. Die Veranstal-
tung hatte 30 000 bis 40 000 Teilnehmer. [74]
Nach dem Vorbild der Solidarność ließ sich am 12. Mai 1981 die NSZZR » Solidarność
Wiejska «, Land-Solidarität, registrieren. Die Gewerkschaft der unabhängigen Landwirte
konnte erst nach monatelangen Auseinandersetzungen mit den Gerichten » legalisiert «
werden. In der KPdSU und bei den anderen » Bruderparteien « der PZPR wurde dieser
Erfolg als ein Sieg des » Kulakentums « und als Niederlage der PZPR verstanden.
Am 13. Mai 1981 erschütterte das Attentat auf Papst Johannes Paul II. die Welt. Es er-
schütterte insbesondere Polen. In Krakau versammelte sich am 17. Mai eine riesige Men-
schenmenge zur vom NZS organisierten » Biały Marsz « (Weißen Demonstration) auf
dem Rynek Główny, dem Marktplatz vor der Marienkirche, um für den Papst zu beten.
Die Messe hielt der Metropolit von Krakau, Franciszek Kardinal Macharski.
Groß war die Bestürzung in Polen dann auch beim Tod von Stefan Kardinal
Wyszyński am 28. Mai. Der Primas galt der Mehrheit der Polen aufgrund seiner uner-
schütterlichen Haltung während der Zeit der deutschen Besetzung und aufgrund seines
Widerstands gegenüber der kommunistischen Regierung, die ihn für drei Jahre inhaf-
tierte, als » die « zeitgenössische nationale Symbolgestalt. Der Verlust war groß, zumal
der vor 1978 als potentieller Nachfolger geltende Kardinal Wojtyła aufgrund seiner Wahl
zum Papst nicht mehr zur Verfügung stand. Das große Blumenkreuz, das Warschauer
Bürger im Gedenken an Kardinal Wyszyński lange Zeit auf dem Plac Zwycięstwa, Sie-
gesplatz, seit 1990 Plac Marszałka Józefa Piłsudskiego, jeden Tag neu anlegten, da die
Miliz es zumeist nachts zerstörte, demonstrierte sein Ansehen.
Das ZK der KPdSU richtete am 5. Juni an die Führung der PZPR ein Schreiben, in
dem Konsequenzen für den Fall angedroht wurden, dass die Partei nicht den Einfluss
der Solidarność zurückdränge.

Im Nahen Osten zerstörte am 7. Juni die Israel Air Force den irakischen Atomreaktor Osirak
in der » Operation Babylon «, auch als » Operation Opera « bezeichnet.
Die Atom-Technologie und damit die Möglichkeit des Einstiegs in ihre militärische Nut-
zung war dem autoritären Regime von Frankreich zugänglich gemacht worden. Entspre-
chende Kooperationsvereinbarungen hatte der spätere Präsident Jacques Chirac während
seiner Amtszeit als Premierminister (1974 – 1976) getroffen. [75]

43 Lutz Rathenow: geb. am 22. September 1952. Rathenow war ab 1986 bei IFM aktiv. Er wurde 2011 Säch-
sischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 197

Am 14. August suchten Kania und Jaruzelski Breschnew in dessen Sommerresidenz in


Oreanda, Jalta, auf. In Anwesenheit weiterer Mitglieder der sowjetischen Führung, u. a.
Gromyko und Tschernenko, trug Kania seine Absicht vor, zur Abwendung der Wirt-
schaftskrise die Mitgliedschaft im Internationalen Währungsfonds zu beantragen.
Für die DDR wurden die ökonomischen Folgen der polnischen Krise immer dra-
matischer: Wie bereits erwähnt, musste die DDR der Sowjetunion ab 1981 Zusatzliefe-
rungen von Rohöl und Erdgas in Valuta, d. h. in frei konvertierbaren westlichen Wäh-
rungen bezahlen. In einem weiteren Brief Breschnews an Honecker vom 27. August
1981 wurden zusätzliche Lieferkürzungen sowie Veränderungen der Handelsbedingun-
gen zu Lasten der DDR mitgeteilt. » Im Oktober 1981 teilte der ZK-Sekretär der KPdSU
Konstantin Russakow im persönlichen Auftrag von Leonid Breschnew dem SED-Chef
mit, daß die DDR eine Kürzung der jährlichen Erdöllieferungen um ca. zwei Millio-
nen Tonnen in Kauf nehmen müsse, da in der Sowjetunion selbst › die schwersten Zei-
ten anbrechen werden ‹. Honecker versuchte eindringlich auf die schwerwiegenden Fol-
gen einer Destabilisierung der DDR für den ganzen Ostblock hinzuweisen – jedoch
ohne Erfolg. «  [76] Die dadurch bedingten finanziellen Belastungen der DDR waren in
der Folge mit ursächlich für die der DDR drohende Zahlungsunfähigkeit, eine Situation,
die sich bis 1989/1990 kontinuierlich verschärfen sollte.
Die Schwierigkeiten der UdSSR, die RGW-Mitgliedsländer weiterhin mit billigen
Rohstoffen zu versorgen, wurden auch in den Oppositionsgruppen und Dissidenten-
kreisen dieser Länder zum Thema, so auch in Ungarn. In seiner im Frühjahr 1982 ver-
fassten Analyse, die er in der dritten Nummer der Samisdat-Zeitung Beszélő unter dem
Titel » Gedanken über die nächste Zukunft « veröffentlicht, verweist János Kis auf die Ur-
sachen dieser Entwicklung hin: » Unsere Freunde können seit neuestem nicht mehr so
viele Rohstoffe und Energieträger liefern, wie wir nötig hätten […] inzwischen begin-
nen die im europäischen Teil der Sowjetunion angesiedelten und leicht auszubeuten-
den Fundstellen zu versiegen. Die Ausbeutung hat sich stufenweise in die schwer und
nur teuer verwertbaren ostsibirischen Territorien verlagert. « Mit Blick auf die Situation
in Polen schrieb Kis: » Das letzte Wort gehört der sowjetischen Führung, die unverän-
dert die osteuropäische Einflußzone ihres Staates fest in den Händen hält – obgleich sie
dazu nicht mehr fähig ist, ihr auch noch aus den wirtschaftlichen Schwierigkeiten her-
auszuhelfen. « [77]
Auf dem IX. Parteitag der PZPR vom 14. bis 20. Juli erfolgte bei der Wahl des ZK ein
umfassender Personalwechsel. Nur 17 der 142 Vollmitglieder des alten ZK wurden er-
neut gewählt. Nach Einschätzung des ehemaligen KGB-Obersts Oleg Gordijewski, seit
1974 Doppelagent des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, bestätigte der Parteitag
die schlimmsten Befürchtungen des KGB. [78]
Der Bericht der Delegation des ZK der SED beschrieb mit Entsetzen den » Zustand
der PVAP als einer kampfunfähigen, innerlich zerrissenen, ihren marxistisch-leninisti-
schen Charakter verlierenden Partei. « [79] Mit demonstrativem Abscheu wurde berich-
tet, dass drei Mitglieder von KSS » KOR « in das ZK und ein KOR-Mitglied sogar in das
Politbüro der PZPR gewählt wurden. Tatsächlich war mit Zofia Grzyb ein Solidarność-
Mitglied in das Politbüro gewählt worden.
198 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Berichtet wird auch über die Erfolge der » Struktury poziome «, der Horizontalen
Strukturen, einer innerparteilichen Bewegung, die schon am 27. Oktober 1980 durch
eine Tagung in Thorn auf sich aufmerksam gemacht hatte und die die klassischen
bolschewistischen Strukturen des » demokratischen Zentralismus « ablehnte. Der im
August 1980 zum Parteisekretär der » Towimor « Maschinenbaufabrik in Toruń (Thorn)
gewählte Zbigniew Iwanów44 hatte diese innerparteiliche Faktion initiiert. Er wurde be-
reits im Oktober aus der Partei ausgeschlossen.
Mitte April 1981 tagten in Toruń etwa 750 Anhänger der » Horizontalen Strukturen «
aus einer größeren Zahl polnischer Wojewodschaften. Trotz des geringen Erfolges, den
die Anhänger der Gruppe um den Thorner Hochschuldozenten Wojciech Lamento-
wicz45 auf dem Parteitag verbuchen konnten, wurde die Umwandlung der PZPR von
einer marxistisch-leninistischen Partei in eine sozialdemokratische Partei im SED-Be-
richt prognostiziert und perhorresziert.
Die » Horizontalen Strukturen « wurden auch vom Politbüro der KPdSU als eine
ernste Bedrohung für die Stabilität der PZPR eingeschätzt. Zumal sie laut Jurij An-
dropow vom Ersten Sekretär Stanisław Kania unterstützt wurden. [80] Es gilt zu be-
denken, dass von kommunistischen Parteien die Infragestellung des » demokratischen
Zentralismus « immer schon als die massivste Bedrohung ihrer Aktionsfähigkeit einge-
schätzt wurde.
Mit bedingt durch zunehmende Versorgungsschwierigkeiten erreichte der innen-
politische Konflikt in der Volksrepublik Polen im Herbst 1981 eine neue Stufe der Es-
kalation. Im Sommer hatten Frauen in Großstädten Demonstrationsmärsche durch-
geführt, bei denen gegen die Versorgungslage protestiert wurde, beispielsweise am
30.  Juli in Szczecin, deutsch: Stettin. In dieser Phase zunehmender Spannungen zwi-
schen oppositioneller Gesellschaft und der Partei fand der erste landesweite Kongress
der Solidarność statt.
Vom 5. bis 10. September und vom 26. September bis 7. Oktober tagte in der » Hala
Oliva « in Danzig der erste landesweite Solidarność-Kongress. Die Fotos vom Kongress
verdeutlichen, dass es sich um die Tagung einer mit modernen Public Relations-Mitteln
arbeitenden professionalisierten Massenorganisation handelte. Es war bei der Teilneh-
merschaft jedoch auch feststellbar, dass die Organisation sich bereits weitgehend von der
Basis entfernt hatte. Nur jeder vierte Delegierte war Arbeiter. Staniszkis hat dies auf das
Delegierten-Auswahlverfahren zurückgeführt. Die Kandidaten mussten in den entsen-
denden Basiseinheiten kurze Vorstellungsreden halten. » Working-class delegates often
resigned even before competition opened. « [81] Ein weiterer Grund war das gewandelte
Selbstverständnis der Gewerkschaft.
Der Kongress beschloss ein Programm mit dem Titel » Samorządna Rzeczpospolita «,
deutsch: Selbstverwaltete Republik. Mit dem Programm wurde der Aufbau von gesell-
schaftlichen Strukturen intendiert, die nicht vom kommunistischen Nomenklatura-Sys-

44 Zbigniew Iwanów: 1. August 1948 – 30. März 1987. Iwanow emigrierte 1983 in die USA.
45 Wojciech Lamentowicz: geb. am 7. Juni 1946. Der Politologe und Jurist war 1985 Stipendiat der Alexan-
der von Humboldt-Stiftung. Er war 1993 – 1997 für die Partei Unia Pracy (UP) Sejm-Abgeordneter.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 199

tem bestimmt werden sollten. Die in dieser Arbeit bereits angeführten Überlegungen
von Kuroń und Michnik fanden Eingang in diese Programmatik, auch deren Selbstbe-
schränkungen der Strategie.

» Der Weg zur Befreiung von der Herrschaft der bürokratischen Nomenklatur sollte nicht
über den Frontalangriff auf das System führen, sondern über die Schaffung verschiedenster
Bereiche von Selbstverwaltung – lokaler und regionaler, berufsständischer, zunächst aber vor
allen gewerkschaftlicher: « [82]

Diese bewusst begrenzte, partielle Herausforderung der durch die PZPR repräsentierten
etablierten Machtstrukturen wurde ergänzt durch eine Herausforderung der etablierten
Machtstrukturen des gesamten sozialistischen Blocks:
Am 8. September verabschiedeten die 896 Delegierten » Posłania do ludzi pracy
Europy Wschodniej «, die » Botschaft an die Werktätigen Osteuropas «. » Der Vorschlag
kam vermutlich von dem KOR-Mitglied Lityński, aber er wurde u. a. von Gwiazda leb-
haft unterstützt; auf seinen Vorschlag wurde der Antrag ohne vorherige Diskussion an-
genommen, was alle prominenten Führer und Experten überraschte. « [83] Der Text der
Botschaft war von dem Juristen und ROPCiO-Mitglied Bogusław Śliwa46 und von Jan
Lityński verfaßt worden. Die Botschaft enthielt die indirekte Aufforderung an die Arbei-
ter anderer kommunistisch regierter Staaten, es den polnischen Werktätigen gleichzu-
tun und freie Gewerkschaften zu gründen. Sie wurde im gesamten sowjetischen Macht-
bereich zur Kenntnis genommen.

Botschaft an die Werktätigen Osteuropas

» Die in Gdansk zum ersten Kongress der unabhängigen, selbstverwalteten Gewerkschaft


› Solidarność ‹ versammelten Delegierten senden den Arbeitern Albaniens, Bulgariens, der
Tschechoslowakei, der DDR, Rumäniens, Ungarns und allen Völkern der Sowjetunion ihre
Grüße und versichern sie ihrer Unterstützung. Als erste unabhängige Gewerkschaft unse-
rer Nachkriegsgeschichte fühlen wir tief unser gemeinsames Schicksal. Wir versichern euch,
dass wir trotz der Lügen, die in euren Ländern verbreitet werden, eine authentische Orga-
nisation der Werktätigen sind, die zehn Millionen Anhänger umfasst und durch Arbeiter-
streiks entstanden ist. Unser Ziel ist der Kampf um die Verbesserung der Lebensbedingungen
aller Werktätigen. Wir unterstützen diejenigen unter euch, die sich entschlossen haben, den
schweren Weg des Kampfes um eine freie Gewerkschaftsbewegung zu gehen. «

Die » Botschaft « wurde von den kommunistischen Regierungen, insbesondere von der
sowjetischen Führung, als Herausforderung verstanden. Dies belegen u. a. die Proto-
kolle des Politbüros der KPdSU, die Bukowski 1991 zugänglich waren. Die Prawda be-
zeichnete den Appell in einem Artikel am 11. September als » antisozialistische und

46 Bogusław Śliwa: 6. Oktober 1944 – 23. November 1989. Śliwa wurde bei Kriegsrecht interniert und 1983
amnestiert. Er ging ins Exil nach Schweden.
200 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

antisowjetische Orgie «. » Der Aufruf der Solidarnosc traf die Länder des sowjetischen
Lagers so tief, dass man darauf nicht mit › einfachen ‹ offiziellen Stellungnahmen reagie-
ren konnte. Aus diesem Grund wurde eine große Pressekampagne nach orwellschen Stil
organisiert, die die › drastischen Versuche der Einmischung ‹ seitens der polnischen Ge-
werkschaft abwehren sollte. « [84]
Von Jerzy Holzer wird die » Botschaft « eher kritisch betrachtet, da mit ihrer Verab-
schiedung vom Gewerkschaftskongress » eine gewisse psychische Barriere überschrit-
ten worden « war. » Mehrere Redner forderten jetzt schnelle demokratische Wahlen zum
Sejm. « [85] Die auf dem Kongress am gleichen Tag erhobenen Forderungen nach demo-
kratischen Wahlen und die von der Gewerkschaft erstmals öffentlich vorgetragene Ab-
lehnung des Parteimonopols wurden von den kommunistischen Regierungen ebenso
kritisch betrachtet wie die » Botschaft an die Werktätigen Osteuropas «.
Es ist zu ergänzen, dass am Kongress auch Gäste aus den anderen Staaten des so-
wjetischen Herrschaftsbereichs teilnahmen. Ein slowakischer Gast, der Künstler Ján
Budaj47, gründete 1981 zusammen mit Martin Milan Šimečka48 die Untergrundzeitschrift
Kontakt. Kontakt war die erste nichtreligiöse Samisdat-Zeitschrift in der Slowakei. Budaj
hatte Polen ab 1979 bereits mehrfach besucht.
Während des Gewerkschaftskongresses traf am 13. September unter Leitung von Ge-
neral Jaruzelski das » Komitet Obrony Kraju « (KOK), Landesverteidigungskomitee, die
noch nicht terminierte Entscheidung, das Kriegsrecht einzuführen. Das vom KOK-Se-
kretär Generalleutnant Tadeusz Tuczapski handschriftlich erstellte Protokoll der Sitzung
ist seit 1997 publik.
Am 28. September trat Kluby Służby Niepodległości, Klub im Dienste der Unab-
hängigkeit, mit einer ersten Erklärung an die Öffentlichkeit. Unterzeichner dieser De-
klaration waren u. a. Jacek Bartyzel, Antoni Macierewicz, Alexander Hall, Bronisław
Komorowski49 und Jarosław Kaczyński. Die Gründer des Klubs entstammten zumeist
der Gruppe um die seit Oktober 1977 im » Zweiten Umlauf « erscheinende Monatszeit-
schrift Głos, deutsch: Stimme.
In den baltischen Republiken formierte sich ab Mitte 1981 eine Gruppe von Intel-
lektuellen, die für eine kernwaffenfreie Zone in Nordeuropa eintraten, zu der auch die
drei baltischen Sowjetrepubliken gehören sollten. Am 10. Oktober, am Tag der Bonner
Friedensdemonstration, wurde ein offener Brief von 13 Esten, 10 Litauern und 15 Let-
ten unterzeichnet. Zu den Unterzeichnern gehörte auch die Aktivistin der Litauischen
Helsinki-Gruppe Ona Lukauskaitė-Poškienė, die Esten Enn Tarto, Lagle Parek, Heiki
Ahonen50, Eve Pärnaste51 und Endel Ratas sowie Ints Cālītis aus Lettland. (Von den

47 Ján Budaj: geb. am 10. Februar 1952. Er war 1998 – 2002 Abgeordneter im Nationalrat der Slowakei.
48 Martin Milan Šimečka: geb. am 3. November 1957. Martin Milan Šimečka durfte nicht studieren, da sein
Vater, Milan Šimečka, die Charta 77 unterschrieben hatte.
49 Bronisław Komorowski: geb. am 4. Juni 1952. Komorowski hatte ab 1989 hohe Staatsämter inne. Er war
2000 bis 2001 Verteidigungsminister und von 2007 bis 2010 Sejm-Marschall. Er wurde am 6. August
2010 Staatspräsident der Republik Polen.
50 Heiki Ahonen: geb. am 3. September 1956. Er wurde 2003 Direktor des Okkupationsmuseums in Tallinn.
51 Eve Pärnaste: geb. am 19. Februar 1951. Pärnaste war 1992 bis 1994 Abgeordnete im Riigikogu.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 201

estnischen Unterzeichnern habe ich mehrere genannt, da diese bereits zuvor politisch
» auffällig « geworden waren oder in den achtziger Jahren zu den führenden Aktivisten
der Unabhängigkeits- und Freiheitsbewegungen zählten.) Der Brief, der an die Regie-
rungen der UdSSR, von Island, Norwegen, Dänemark, Finnland und Schweden gerich-
tet war, nahm explizit Bezug auf den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939, » which
had not been published in the USSR to this day «. [86] Der offene Brief war die erste Pri-
vatinitiative in der Sowjetunion, die einen Bezug zur internationalen Friedenbewegung
hatte. Der Brief wurde erst im Frühjahr 1982 im Westen bekannt.
Mit angeregt durch diesen offenen Brief der baltischen Dissidenten vom 10. Oktober
initiierte in Moskau der in den USA als Diplomatensohn aufgewachsene Künstler Sergei
Batovrin52 am 4. Juni 1982 die Gründung einer Group for establishing Mutual Trust be-
tween the USSR and the USA, der ersten nicht offiziellen Friedensgruppe in der UdSSR.
Wohl in Estland bildete sich im Sommer 1981 eine Untergrundbewegung, die ab De-
zember 1981 bis Februar 1982 mit Flugblättern zu einer » silent half hour « an jedem ers-
ten Arbeitstag eines Monats aufrief. Da die Flugblätter nach Bericht von Rein Taage-
pera53 auch in Vilnius und Moskau auftauchten, war es möglicherweise eine nicht nur
Esten umfassende Gruppierung.
Im Oktober 1981 regte der Wrocławer Solidarność-Aktivist Aleksander Gleichge-
wicht54 die Gründung einer Gruppe Polnisch-Tschechoslowakische Solidarität an. Zu
einer Realisierung der Idee kam es dann erst unter dem Kriegsrecht.
Fast gleichzeitig machte Waldemar » Major « Fydrych55, beginnend in Wrocław, in
mehreren polnischen Großstädten mit Aktionen und Happenings der Pomarańczowa
Alternatywa, deutsch: Orange Alternative, auf soziale Missstände aufmerksam. Im
wahrsten Sinn des Wortes blühten in Polen alternative Strukturen gesellschaftlicher
Selbstorganisation.
Parallel wurde in den Publikationen des » Zweiten Umlaufs « über die Geschichte des
Landes und über die politischen Perspektiven Polens neu nachgedacht. In den Intellek-
tuellenzirkeln, in den Klubs und auch in der Solidarność begann eine Diskussion über
die Frage der Beziehungen Polens zu den Nachbarländern, insbesondere zu den Nach-
barn Deutschland und Russland.
Jan Józef Lipski, Mitglied im Vorstand der Solidarność der Region Masowien, ver-
öffentlichte im Juni 1981 bei NOW-a den Essay » Zwei Vaterländer – Zwei Patriotismen.
Bemerkungen zum nationalen Größenwahn und zur Xenophobie der Polen «. Dieser
Beitrag hatte für die Diskussion um die deutsch-polnischen Beziehungen in den Oppo-

52 Sergei Batovrin: geb. am 14. Januar 1957. Batovrin wurde nach zwangsweiser Unterbringung in einer
psychiatrischen Klinik 1983 des Landes verwiesen und emigrierte in die USA.
53 Rein Taagepera: geb. am 28. Februar 1933. Der in Tartu geborene Politologe war 1944 emigriert und war
von 1986 bis 1988 Präsident der Association for the Advancement of Baltic Studies in den USA. Er wur-
de 1990 in den » Eesti Kongress « gewählt, war 1991 Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung
und kandidierte 1992 für das Präsidentenamt.
54 Aleksander Gleichgewicht: geb. am 2. August 1953. Gleichgewicht emigrierte 1984 nach Norwegen. Er
war von 1986 bis 1990 Sekretär des Norwegischen Helsinki-Komitees.
55 Waldemar » Major « Fydrych: geb. am 8. April 1953. » Major « ist der selbstgewählte Name Fydrychs.
202 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

sitionskreisen allergrößte Bedeutung. Lipski verknüpfte die europäische Zukunft Polens


mit dem Ende der Teilung Deutschlands.

» Eine Auflösung der DDR wäre wahrscheinlich mit einer Entspannung in ganz Europa ver-
bunden, und dies würde jene Armee (gemeint ist die Armee der UdSSR, D. P.) noch weiter
nach Osten verschieben […] Die Teilung Deutschlands ist zugleich eine Teilung Europas,
und die Berliner Mauer ist das Symbol dieser Teilung. Für ein Volk, das nach Europa zurück-
kehren will, ist das ein unheilverkündendes Symbol. «

Lipski eröffnete zugleich eine neue Sicht auf künftige polnisch-russische Beziehungen.
Zu Russland schrieb er:

» Vergessen wir nicht, daß die Befreiung ganz Osteuropas vom sowjetischen Totalitarismus
hauptsächlich von den Freiheitsbewegungen in der Sowjetunion abhängt. Das zahlenmäßig
größte und im Imperium die wichtigste Rolle spielende russische Volk ist noch weit davon
entfernt, seine demokratischen Rechte einzufordern. […] Umso größere Achtung und leben-
digere Brüderlichkeit – frei von groteskem und törichtem Überlegenheitsgefühl – sollten uns
mit den Russen verbinden, die um die Freiheit kämpfen. « [87]

Ein anderer Vordenker hinsichtlich der polnisch-deutschen Beziehungen war bereits


damals Władysław Bartoszewski. Es ist bemerkenswert, wie zielstrebig der ehemalige
Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz und Häftling der Zeit des polnischen Sta-
linismus sich für eine Verständigung zwischen Deutschland und Polen einsetzte. » Wäre
Polen für die Deutschen so zugänglich wie Österreich oder Dänemark, ein freier Staat,
eine Demokratie, dann könnte eine neue hoffnungsvolle Generation in unseren Län-
dern entstehen. Für diese kommende Generation wird das eine geschichtliche Tatsache
werden. « [88]
Lipski und Bartoszewski repräsentierten Solidarność in gewisser Weise. Es bleibt
dennoch eine Tatsache, dass Solidarność als Organisation mit Ausnahme der » Botschaft
an die Werktätigen Osteuropas « vom 8. September 1981 keine Stellungnahmen zu in-
ternationalen Fragen abgab. » Diese Selbstbeschränkung war ein taktisches Vorgehen
wegen der Bedrohung seitens der Sowjetunion. « [89] Diese bis zum Kriegsrecht gel-
tende Zurückhaltung kam auch bei der Gründungssitzung des Redaktionskollegiums
des Tygodnik Solidarność im Februar 1981 zum Ausdruck. Es wurde festgelegt, dass die
Zeitung keinen außenpolitischen Teil haben sollte. Der damalige stellvertretende Chef-
redakteur Artur Hajnicz56 schrieb 1995: » Eine außenpolitische Publizistik in Tygodnik
hätte Reibungen verursacht, die die Interessen der Gewerkschaft hätten beeinträchtigen
können. « [90]

56 Artur Hajnicz: 8. September 1920 in Lwów – 3. Mai 2007. Hajnicz war in den fünfziger Jahren Mitglied
im Klub Krzywego Koła. Der Völkerrechtler, Journalist und Experte für die deutsch-polnischen Bezie-
hungen war von 1989 bis 1995 Direktor des Zentrums für Internationale Beziehungen beim Senat.
Danzig: Der Anfang vom Ende des Staatssozialismus in Europa 203

Während in Polen die Krise kulminierte, erlebte die Bundeshauptstadt am 10. Ok-
tober die bis dahin größte Demonstration ihrer Geschichte. Die Teilnehmerzahl der
Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten, an der prominente SPD-Politiker teil-
nahmen, wie Ex-Bundeskanzler Willy Brandt und Oskar Lafontaine, und Ex-Minister
Erhard Eppler in einer Rede gegen die Politik der SPD/FDP Bundesregierung protes-
tierte, wurde auf 300 000 geschätzt.
1981 fanden auch in anderen westeuropäischen Hauptstädten Massendemonstra-
tionen gegen die NATO-Nachrüstung statt: Am 24. Oktober in London und Rom, am
25. Oktober in Brüssel und Paris und am 21. November in Amsterdam.
Auf dem IV. Plenum des ZK der PZPR, das vom 16. bis 18. Oktober tagte, wurde
Stanisław Kania als Erster Sekretär des ZK der PZPR von General Wojciech Jaruzelski
abgelöst. Faktisch wurde damit eine Machtübernahme durch das Militär eingeleitet, ein
bis dahin einmaliger Vorgang in der sozialistischen Staatenwelt, der auch als » Bonapar-
tismus « bezeichnet wurde.
Wie bereits in den schweren Krisen der Jahre 1956 und 1970 versuchte die kommunis-
tische Partei auch 1981, der polnischen Bischofskonferenz zu suggerieren, dass die Kir-
che eine Vermittlungsrolle übernehmen könne. Das Angebot an die Kirchenhierarchie
erfolgte, um die eigene Legitimität innerhalb der Gesellschaft zu erhöhen. Vom Episko-
pat war Generalsekretär Bischof Bronisław Dąbrowski57 für die Kontakte zum Regime
zuständig.
Den erneuten Versuch einer Einbindung der Kirche unternahm das Regime am
4.  November. An diesem Tag fand ein letztlich ergebnisloser Krisen-Gipfel zwischen
Lech Wałęsa, General Jaruzelski und Erzbischof Józef Kardinal Glemp statt. Es bestan-
den auch Mutmaßungen, dass das Treffen der Vorbereitung einer » Regierung der na-
tionalen Rettung « dienen sollte.
Vom 8. bis 18. November organisierten Jugendgruppen des Bundes der Evangelischen
Kirchen in der DDR die erste » Friedensdekade «. Die entstehenden kirchlichen Frie-
densgruppen wurden ab Mitte der achtziger Jahre zum Kern weiterer zuvilgesellschaft-
licher Initiativen.
Am 10. November bewarb sich die VR Polen um Mitgliedschaft im Internationalen
Währungsfonds (IWF) und in der Weltbank.
In der ČSSR wandte sich Charta 77 am 15. November 1981 in einem offenen Brief an
die politische Führung erstmals der Friedensfrage zu und bekundete ihre Verbunden-
heit mit der westlichen Friedensbewegung. Bedeutsam ist, dass die Charta-Anhänger
auf die Unteilbarkeit von Friedensfrage und Freiheitsfrage hinwiesen.
Die Korrelation von Frieden und Freiheit wurde von Charta 77 gleichermaßen am
29. März 1982 in einem offenen Brief an die westlichen Friedensbewegungen betont. In
diesem Schreiben thematisierte sie das » Münchener Abkommen « vom 30. September
1938 und erinnerte an die Folgen der » Appeasement-Politik «, bei der die westlichen De-

57 Bronisław Dąbrowski: 2. November 1917 – 25. Dezember 1995. Bronisław Dąbrowski, Träger des gleichen
Nachnamens wie sein Stellvertreter Jerzy Dąbrowski, war von 1969 bis 1993 Generalsekretär der Polni-
schen Bischofskonferenz. Er wurde 1982 Titular-Erzbischof.
204 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

mokratien sich dem Druck Hitlers » um des Friedens willen « beugten. Die Analogie bei
Betrachtung der aktuellen Situation 1982 war beabsichtigt. Charta 77 hat dann auch 1983
und 1984 in weiteren Stellungnahmen und in offenen Briefen an die westlichen Frie-
densbewegungen davor gewarnt, » Frieden um jeden Preis « schaffen zu wollen.
Die Gründung des Klubów Samorządnej Rzeczypospolitej » Wolność, Sprawiedliwość,
Niepodleglość «, deutsch: Klub der Sich Selbst Verwaltenden Republik » Freiheit, Gerech-
tigkeit, Unabhängigkeit «, von Kuroń, Michnik, Bujak, Lityński u. a. am 22. November
war ein Versuch, nach der Beendigung der Arbeit von KSS » KOR « über die Struktur der
gewerkschaftlichen Organisation hinaus eine neue Form gesellschaftlicher Mitwirkung
zu schaffen.
Obwohl sich Solidarność außenpolitisch weitgehend zurückhielt, wurden Fragen in-
ternationaler Politik berührt. Die grenzüberschreitende Ausstrahlung der Gewerkschaft
blieb unverkennbar. Diese Wirkung wurde auch in den USA vermerkt und Anlass weit-
gespannter Überlegungen der Administration. In einem geheimen Memorandum vom
4. Dezember 1981 an den CIA-Direktor William Casey verwies » Deputy Director for In-
telligence « Robert Gates58 auf diesen Aspekt: » I believe it is not going to far to say that
the successful implantation of pluralism in Poland would represent the beginning of the
end of Soviet-style totalitarianism in Eastern Europe, with extraordinary implications
for all Europe and for the USSR itself. « [91] Diese Perzeption der Entwicklung in Polen
wurde 1982 für den ins Präsidentenamt gewählten Ronald Reagan zum Fixpunkt einer
neuen außenpolitischen Strategie gegenüber Osteuropa und der Sowjetunion.
Am 7. Dezember reiste der Oberkommandierende der Vereinigten Streitkräfte der
WVO Marschall Viktor Kulikow nach Warschau. Er blieb bis zum 17. Dezember in Polen.

3 Die kommunistische Militärdiktatur –


Ende oder Anfang einer Zivilgesellschaft ?

Das Politbüro der KPdSU lehnte am 10. Dezember General Jaruzelskis Gesuch ab, durch
politische und militärische Maßnahmen der WVO, die Einführung und Durchsetzung
des Kriegsrechts in Polen zu unterstützen. Jaruzelskis Verlangen zielte offenbar vor al-
lem darauf ab, der innenpolitischen Legitimation des Kriegsrechts zu dienen. Bei einem
Beistand durch den Pakt hätte die Aktion leichter als von der Sowjetunion erzwungen
dargestellt werden können. Andropov, der 1979 bei der Entscheidung für das militäri-
sche Eingreifen in Afghanistan dieses dezidiert befürwortet hatte, sprach sich in Hin-
sicht auf Polen eindeutig gegen ein Eingreifen bzw. eine direkte Beteiligung der Sowjet-
union aus. Die Sowjetunion wollte Polen letztlich lieber verloren geben, als das Risiko
eines Einmarsches einzugehen. Der KGB-Chef ging so weit, zu sagen, dass » even if Po-
land were to be ruled by Solidarity, so be it. « [92] In diesem Zusammenhang ist erkenn-
bar, wie folgenreich die Entscheidung der Sowjetunion zur militärischen Intervention

58 Robert Gates: geb. am 25. September 1943. Gates war 1986 – 1989 Deputy Director der CIA, 1989 – 1991
Deputy des NSC, 1991 – 1993 Director der CIA und von 2006 bis Ende Juni 2011 US-Secretary of Defence.
Die kommunistische Militärdiktatur – Ende oder Anfang einer Zivilgesellschaft ? 205

in Afghanistan war. Bei den Beratungen der Suslow-Kommission machten Andropow,


Ustinov und Gromyko ihre Ablehnung einer Militäraktion in Polen deutlich. Andro-
pows und Ustinows Fehlkalkulation der für eine Okkupation Afghanistans erforderli-
chen Kapazitäten und die Unterschätzung der durch die Intervention ausgelösten inter-
nationalen Reaktionen und ihrer ökonomischen Folgen zeigten nunmehr Wirkung. [93]
Am 11. Dezember 1981 reiste Bundeskanzler Helmut Schmidt zu einem bereits seit
längerer Zeit geplanten Besuch in die DDR. – Zuvor hatte die westdeutsche Seite auf-
grund des Einmarsches sowjetischer Truppen in Afghanistan einen schon vereinbarten
Termin abgesagt. Auch der nunmehr realisierte Besuchstermin wurde von einem über-
aus dramatischen Ereignis überschattet.
Auf der Sitzung der Nationalen Kommission der Solidarność am 11. und 12. Dezem-
ber stellte die Mehrheit der Kommissionsmitglieder politische Forderungen sehr weit-
gehender Natur, u. a. forderte sie freie Wahlen. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings die
Entscheidung über die Einführung des Kriegsrechts bereits längst getroffen worden. Ar-
gumentationen des Regimes, radikale Forderungen und Aktionen der Solidarność hät-
ten die Einführung des Kriegsrechts unabwendbar gemacht, waren primär Vorwände
zur Rechtfertigung des seit langem geplanten Schlags gegen den entstehenden Pluralis-
mus. Das Regime wollte das Machtmonopol der Partei mit allen zur Verfügung stehen-
den Mitteln aufrechterhalten.
Am 12. Dezember wurde Prymasowska Rada Społeczna, Gesellschaftlicher Rat beim
Primas, geschaffen, dem führende Intellektuelle angehörten. Vorsitzender des Rates
wurde Stomma. Zu den weiteren Mitgliedern gehörten der Professor für Völkerrecht
und Mitglied an der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) Krzysztof Jan
Skubiszewski59, der Mitgründer des KIK Breslau und Rektor der Breslauer Universi-
tät Józef Łukaszewicz60, der Präsident des KIK Warschau Andrzej Święcicki61, Jerzy
Turowicz und Andrzej Wielowieyski. Der Rechtsprofessor und juristische Berater der
Solidarność Wiesław Chrzanowski und der Wirtschaftsprofessor an der PAN Witold
Trzeciakowski62 wurden Ende 1983 in den Rat berufen. Die Treffen fanden in Räumen
der Erzdiözese Warschau neben der Kathedrale in der Uliza Dziekania statt. Stomma
wurde nach dem Kriegsrecht 1984 erneut initiativ und bildete mit Mitgliedern des Rates
und weiteren katholischen Intellektuellen den Klub » Dziekania «.
Am 12. Dezember um 23.30 Uhr wurden in Polen mit der » Operation Synchroni-
zacja « erste Maßnahmen für die Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember, einem
Sonntag, eingeleitet. [94] Offensichtlich war ein Sonntag gewählt worden, damit sich nur
wenige Arbeiter in den Betrieben aufhielten und keine spontanen Werksbesetzungen
möglich waren.

59 Krzysztof Skubiszewski: 8. Oktober 1926 – 8. Februar 2010. Skubiszewski war von 1989 bis 1993 Außen-
minister der Republik Polen.
60 Józef Łukaszewicz: 26. März 1927 – 26. August 2013.
61 Andrzej Święcicki: 28. Juli 1915 – 9. Juni 2011. Święcicki war von 1972 bis 1986 Präsident des Warschauer
KIK.
62 Witold Trzeciakowski: 6. Februar 1926 – 21. Januar 2004. Trzeciakowski war Senator von 1989 bis 1991.
206 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Die Erklärung des Kriegsrechts verlas General Jaruzelski am 13. Dezember um 6 Uhr
morgens im Fernsehen.
Der Primas Erzbischof Józef Glemp63 wurde bereits am frühen Morgen von Vize-
Premier Kazimierz Barcikowski und dem Minister-Direktor des Amtes für Bekennt-
nisfragen Jerzy Kuberski über die Verhängung des Kriegsrechts informiert. » Das
Kriegsrecht […] stieß bei ihm (Primas Glemp, D. P.) und anderen Mitgliedern der ka-
tholischen Kirchenführung in Polen bis weit in das Jahr 1982 hinein, als die Solidarność
durch ein neues Gewerkschaftsgesetzt endgültig » verboten « wurde, auf gewisses Ver-
ständnis. [95]
» Stan wojenny «, das Kriegsrecht, war ein ungeheurer Einschnitt, nicht nur für Polen,
sondern für ganz Europa. Die Bilder schussbereiter Schützenpanzer in den Straßen und
vor den Toren der großen Fabrikkomplexe Warschaus und anderer Städte schockierten
nicht nur die Polen.
Die Solidarność wurde durch das Kriegsrecht in den Untergrund gedrängt. Ein Groß-
teil der Führung der Gewerkschaft und viele Berater waren bereits in der Nacht vom
12.  auf den 13. Dezember inhaftiert worden, insgesamt gegen 3 000 Personen. Barto-
szewski gehört zu den ersten Inhaftierten. Er wurde am 12. Dezember festgenommen.
Es kam auch zu mehreren Todesopfern. Einige Aktivisten der Gewerkschaft begingen
Selbstmord bei der Nachricht über die Einführung des Kriegsrechts. Ein Beispiel hierfür
ist der Journalist Jerzy Zieleński64, der sowohl bei DiP als auch bei KSS » KOR « aktiv war
und für das Biuletyn Informacyjny (KSS » KOR «), den Robotnik, die Zeitschrift Zapis und
den Tygodnik Mazowsze gearbeitet hatte.
An der Aktion zur Durchsetzung des Kriegsrechts waren annähernd 80 000 Solda-
ten mit 1 396 Panzern und etwa 2 000 gepanzerten Fahrzeugen beteiligt. [96] Bis Anfang
Januar 1982 waren fast 13 000 Anhänger der Solidarność inhaftiert worden.
Wałęsa wurde bereits am 12. November 1982 aus seiner Internierung in einem Regie-
rungshotel in Arlamów, Südostpolen, entlassen. Andere Mitglieder der Gewerkschafts-
führung, Berater oder Bürgerrechtsaktivisten waren länger in Haft bzw. wurden mehr-
fach inhaftiert. Für Wałęsa stellte sein internationaler Bekanntheitsgrad einen gewissen
Schutz dar.
Józef Glemp, der Erzbischof von Gnesen und Warschau und Primas von Polen, ap-
pellierte in einer in Ausschnitten über Radio verbreiteten Predigt an die Polen, Ruhe zu
bewahren. Indirekt lieferte der Primas eine Rechtfertigung des Kriegsrechts, indem er
die Bezeichnung vom » kleineren Übel « übernahm: » The authorities are of the opinion
that the exceptional nature of martial law is dictated by higher necessity, and that it is
the choice of a lesser evil. « [97]
Es kam am Tag der Verhängung des Kriegsrechts, dem letzten Tag des Besuchs von
Helmut Schmidts in der DDR, zu der denkwürdigen gemeinsamen Pressekonferenz mit

63 Józef Glemp: 18. Dezember 1929 – 23. Januar 2013. Erzbischof Glemp war von 1981 bis 2009 Primas von
Polen. Er wurde am 2. Februar 1983 zum Kardinal proklamiert.
64 Jerzy Zieleński: 16. Oktober 1928 – 13. Dezember 1981.
Die kommunistische Militärdiktatur – Ende oder Anfang einer Zivilgesellschaft ? 207

Erich Honecker. Auf der Pressekonferenz sagte Schmidt zum Kriegsrecht den fast direkt
kommentierenden Satz: » Herr Honecker ist genauso bestürzt gewesen wie ich, daß dies
nun notwendig war «. [98]
» Weltfrieden wichtiger als Polen. « schrieb der vormalige Bundesminister und SPD-
Bundesgeschäftsführer Egon Bahr am 24. Dezember 1981 in der sozialdemokratischen
Wochenzeitung Vorwärts zur Verhängung des Kriegsrechts. [99] Die Einsicht vom Vorzug
der Freiheit vor dem Frieden, die Karl Jaspers anlässlich der Verleihung des Friedens-
preises des Deutschen Buchhandels 1958 in der Frankfurter Paulskirche geäußert hatte,
beachtete er nicht.
Władysław Bartoszewski sollte sie dann am 5. Oktober 1986 bei seiner Rede mit dem
Titel: » Kein Frieden ohne Freiheit « zitieren, seiner Dankesrede für die Verleihung des
Preises an ihn:

» Erstens: Kein äußerer Friede ist ohne den inneren Frieden der Menschen zu halten. Zweitens:
Frieden ist allein durch Freiheit. Drittens: Freiheit ist allein durch Wahrheit. Erst die Freiheit,
dann der Friede in der Welt ! « [100]

Noch die indirekte Entschuldigung Bahrs von 1996 für seinen Artikel im Vorwärts
machte die Distanz deutlich, die er den damaligen Entwicklungen in Polen weiterhin
entgegenbrachte: » Wie oft wollten die Polen noch lernen, daß die Sowjetunion nicht
hinnehmen kann, wenn die Verbindung zu ihren zwanzig Divisionen in der DDR un-
kontrollierbar wird ? Wir trauten Solidarność nicht das Augenmaß zu, die Sehne nicht
zu überspannen. Das war ebenso falsch wie die Annahme, daß ein kommunistisch re-
giertes Land im Block nicht von unten, sondern nur von oben veränderbar sei. Polen
war und blieb die Ausnahme. « [101]
Bahr entsprach dem traditionellen Bild vieler deutscher Außenpolitiker, für die der
Kontakt zu Russland bzw. zur Sowjetunion von beherrschender Bedeutung war, bei Be-
darf auch gegen fundamentale respektive existentielle Interessen Polens.
Diese Distanz war nicht nur bei Repräsentanten der SPD vorfindbar, worauf Timothy
Garton Ash hinwies: » Denn natürlich stand die polnische Revolution von 1980 – 81 der
deutsch-deutschen Entspannung im Wege. […] Und nicht nur Genscher. Bei ihren Be-
suchen in Polen haben sowohl Hans-Jochen Vogel wie Franz Josef Strauß ihre Unter-
stützung für Jaruzelskis › Stabilisierung ‹ zum Ausdruck gebracht. « [102] » Als politische
Größe schien die Opposition (in Polen, D. P.) für viele Politiker eher ein Störfaktor der
Deutschland- und Entspannungspolitik zu sein. « [103] Es war und ist schwer fassbar, mit
wie wenig Gespür deutsche Politiker auf die Ereignisse in Polen reagierten.
Es ist zu ergänzen, dass am selbigen 13. Dezember auf Einladung des Schriftstel-
lers und Nationalpreisträgers Stephan Hermlin im Interhotel » Stadt Berlin « in Ost-Ber-
lin ein von der DDR-Führung gebilligtes zweitägiges deutsch-deutsches Schriftsteller-
treffen zur Friedensfrage stattfand, die » Berliner Begegnung zur Friedensförderung «.
Aus der Bundesrepublik nahmen u. a. teil Ingeborg Drewitz, Bernt Engelmann, Günter
Grass, Martin Gregor-Dellin, Günter Herburger, Heinar Kipphardt, Dieter Lattmann,
Luise Rinser und Peter Rühmkorf. Die » Friedensfrage « blieb die bei deutschen Schrift-
208 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

stellern dominierende Thematik. Die dramatische Entwicklung in Polen wurde von ih-
nen ausgeblendet, um den Dialog nicht zu gefährden.
Gegen die Verhängung des Kriegsrechts wurde von Solidarność bei über 250 Streiks
protestiert. Ein Generalstreik kam hingegen nicht zustande. Gegen die Proteste richte-
ten sich mehr als 50 größere Militäreinsätze. Der folgenschwerste ereignete sich in Ka-
towice: Am 15./16. Dezember wurde der Protest von Bergleuten der Zeche Wujek unter
Einsatz schwerer Schützenpanzer durch Einheiten der Zmotoryzowane Odwody Milicji
Obywatelskiej (ZOMO) gebrochen. Neun Bergleute wurden bei dieser Aktion getötet:
Józef Czekalski, Józef Giza, Joachim Gnida, Ryszard Gzik, Bogumił Kupczak, Andrzej
Pełka, Jan Stawisiński, Zbigniew Wilk, Zenon Zając. Der letzte Streik wurde erst am
28. Dezember in der Zeche Piast im Ort Bieruń beendet. Bis zu 2 000 Bergleute hatten
sich seit dem 14. Dezember am Streik in der Zeche beteiligt.
Als Bilanz ist festzuhalten, dass der Widerstand gegen das Kriegsrecht relativ rasch
zusammenbrach, trotz der durch Solidarność bewirkten gesellschaftlichen Mobilisie-
rung. Aleksander Smolar konstatierte 1987 fast resignativ, wie » erstaunlich leicht (es
war), eine viele Millionen umfassende Bewegung zu ersticken und von der öffentlichen
Szene zu verdrängen. Damit erlangte das traditionelle politische System wieder eine ge-
wisse Effizienz, wenn auch das Militär, die Polizei und Verwaltungsorgane die zerfal-
lende Partei in vielen Funktionen ersetzen mußten. « Ferner hielt er fest: » Es fällt schwer,
[…] die langfristigen Folgen des Putsches vom 13. Dezember einzuschätzen. Der Schock
war ungeheuer tief und zahlreiche Mythen, die den Polen teuer gewesen waren, wurden
zerstört: der Mythos der Einheit der Nation gegenüber der kommunistischen Staats-
macht; der Mythos der allgemeinen Bewegung in einer Zeit, da die Freiheit in Gefahr
war; der Mythos des Generalstreiks als letzte Waffe. Die Polen hatten sich nicht dem Bild
entsprechend verhalten, das sie von sich selber hatten, und auch nicht so, wie andere es
von ihnen erwarteten. « [104]
Mit Blick auf die Einschätzung der Situation Mitte der achtziger Jahre durch die
Mehrheit der Gesellschaft ergänzt er an anderer Stelle: » Der Mythos der 10 Millionen,
der Mythos des Generalstreiks machten einem immer weiter um sich greifenden Ge-
fühl der Hoffnungslosigkeit Platz. « Bei der aktiven Minderheit bewirkte das Kriegsrecht
hingegen eine » Radikalisierung: » Die Panzer in den Straßen machten selbst dem Gemä-
ßigtsten klar, daß die Hindernisse für alle Reformen in der Politik zu suchen sind und
daher auch die Lösungen in der Politik liegen müssen. Das führte zu einer Verlagerung
des Interesses von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen auf politische Fragen, von sys-
temimmanenten Perspektiven, von der Suche nach einem modus vivendi mit dem kom-
munistischen System zur totalen Ablehnung desselben. « [105]

4 Kriegsrecht in Polen – Westliche Reaktionen, östliche Aktionen

Die Verhängung des Kriegsrechts in Polen hatte auch für die internationale Politik er-
hebliche Folgen: Am 22. Dezember vertagte sich die in Madrid tagende II. KSZE-Fol-
gekonferenz auf den 9. Februar. » Es lag auf der Hand, daß die Polen-Frage zu einer
Kriegsrecht in Polen – Westliche Reaktionen, östliche Aktionen 209

schweren Belastung der Nachfolgekonferenz werden mußte, wurden doch durch das
› Kriegsrecht ‹ ziemlich alle Verpflichtungen aus der KSZE-Schlußakte verletzt. « [106]
Am 23. Dezember kündigte Präsident Reagan in einer in Radio und Fernsehen » na-
tionwide « übertragenen » Address to the Nation About Christmas and the Situation in
Poland « wirtschaftliche Sanktionen gegen die Volksrepublik Polen und gegen die So-
wjetunion an.
Auf Basis der Annahme, dass die polnische Regierung das Kriegsrecht aufgrund so-
wjetischen Drucks verhängt hatte, verkündeten die USA am 29. Dezember Sanktionen
gegen die Sowjetunion. Richard Pipes, Teilnehmer der Sitzung der Special Situation
Group des NSC, auf der über die Sanktionen beraten wurde, betonte, dass die US-Ad-
ministration damit das » Yalta syndrome « durchbrach, wonach Polen stillschweigend
zur sowjetischen Einflußsphäre gerechnet wurde. » They represented a direct challenge
to the legitimacy of the Communist bloc, which under détente had been regarded as
beyond dispute and which our European allies continued to treat in this manner. « [107]
Die Bundesregierung folgte dem Vorgehen der US-Administration nicht. Sie wollte
an der Entspannungspolitik festhalten. Peter Schweizer, Historiker an der Hoover Insti-
tution der Stanford University, bemerkte zur Haltung der Bundesregierung: » According
to U. S. State Department cables, West German officials were less concerned about mar-
tial law than about American remarks. « [108]
Dieter Bingen, der die Polenpolitik der Bonner Regierung analysiert und darge-
stellt hat, schrieb 1998: » Symbolische Politik war nicht der Deutschen Stärke, ihre poli-
tische Bedeutung wurde gerade in der polnischen Krise und gegenüber den Polen un-
terschätzt. « [109]
Die Wirkung der Sanktionen war gravierend. Daher war die in der Bundesrepublik
verbreitete Einschätzung unzutreffend, es handele sich lediglich um » symbolische Po-
litik «. Die Sanktionen führten u. a. zu einer Verweigerung neuer Kredite durch west-
liche Banken, was auch in der DDR zu einer spürbaren Verschlechterung der wirtschaft-
lichen Lage bis hin zur drohenden Zahlungsunfähigkeit führte. Die Bundesregierung
blieb nicht nur passiv bei der ablehnenden Haltung. Gegen die Intentionen der Politik
der USA gerichtet kam es am 13. Juli 1982 in Leningrad zwischen der Bundesrepublik
Deutschland und der UdSSR zum Abschluss des Kreditvertrages für das » Erdgas-Röh-
rengeschäft « mit einem Volumen von 4 Milliarden DM. Die US-Regierung protestierte
gegen diese Durchbrechung der Sanktionspolitik.
Nicht nur die Bundesregierung zeigte gegenüber Solidarność eine distanzierte Hal-
tung, sondern auch ein Teil der Presse, Der Spiegel, Stern und Die Zeit. Es gab zwar klei-
nere Demonstrationen gegen das Kriegsrecht und Solidaritätsaktionen von Schriftstel-
lern und Künstlern: Böll, Grass und aus der DDR Ausgewiesene, Becker, Biermann und
Fuchs, erklärten sich solidarisch mit Polen.
Bei gesellschaftlichen Verbänden, insbesondere bei der westdeutschen Friedensbe-
wegung, war die Reaktion verhalten, soweit diese überhaupt reagierten. » Auf der ers-
ten größeren Friedensveranstaltung nach dem 13. Dezember 1981, einer Kundgebung
der Martin-Niemöller-Stiftung in der Frankfurter Paulskirche am 17. Januar (15./16. Ja-
nuar, D. P.) 1982, klammerten die Veranstalter das Thema Polen bewusst aus. Mehrere
210 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Sprecher der Kundgebung lehnten eine Stellungnahme zum Kriegsrecht in Polen entwe-
der direkt ab oder nannten » die Polen-Krise « einen Gefahrenherd für den Weltfrieden.
Diese Argumentation, die man auch in Stellungnahmen zum Thema › Polenkrise und
Friedensbewegung ‹ in den › Blättern für deutsche und internationale Politik ‹ vom Fe-
bruar 1982 findet, erinnert sehr an die Anti-Solidarność-Propaganda der sozialistischen
Länder, und es fällt schwer, darin nicht auch ein Ergebnis von deren Einflußnahme auf
die Friedensbewegung zu sehen. « [110]
Marion Brandt dokumentierte detailliert die Haltung des westdeutschen » Verbands
deutscher Schriftsteller «, der durch seinen Vorsitzenden Bernt Engelmann eine Poli-
tik der Missachtung der polnischen Freiheitsbewegung betrieb. Hierbei wurden, wie
wohl unbewusst auch von einigen westdeutschen Medien, Desinformationen der Staats-
sicherheit der DDR eingesetzt. Heute ist bekannt, dass Engelmann Informeller Mitarbei-
ter des MfS war. Er war » IM Albers «.
Inspiriert vom Vorbild polnischer Untergrundverlage, die er vor Ort eingehend stu-
diert hatte, gründete der Jurist und Soziologe Gábor Demszky65 zusammen mit dem seit
Mitte der siebziger Jahre dissidentisch aktiven Architekten László Rajk jr.66 den unab-
hängigen Verlag AB-Független Kiadó, den ersten Untergrundverlag Ungarns.
In Ungarn erschien im Dezember 1981, d. h. fast zeitgleich mit der Ausrufung des
Kriegsrechts in Polen, erstmals Beszélő, deutsch: Sprecher, eine Samisdat-Zeitung nach
dem Vorbild der Chroniken in der UdSSR. Die Mitarbeiter der Zeitung hatten Kon-
takte zum KSS » KOR «. Gründer und Herausgeber (bis 1989) war der Philosoph János
Kis. Kis gehörte in den sechziger Jahren zum Intellektuellenkreis » Budapester Schule «
um den marxistischen Philosophen György (Georg) Lukász. Er wurde 1988 Mitgründer
der Partei » Bund Freier Demokraten « (SZDSZ). Weitere Mitarbeiter der Zeitung waren
der Schriftsteller Miklós Haraszti, der gleichfalls einer der Gründer der SZDSZ war und
die Partei 1989 am Runden Tisch vertrat, der Philologe Ferenc Kőszeg67 und die Sozio-
logen Ottilia Solt und Bálint Magyar68, ebenfalls Mitgründer der SZDSZ, der Architekt
Bálint Nagy69 und der Lyriker György Petri. Obwohl sich die informellen Gruppen der
kritischen Intelligenz in Ungarn durch die Ausrufung des Kriegsrechts in Polen nicht
mehr vorwiegend als » kulturelle Opposition « verstanden, war dies bei den Redakteuren
von Beszélő noch weitgehend der Fall. [111]
György Dalos wies darauf hin, dass die spezifischen Bedingungen der ungarischen
Gesellschaft und der Politik noch Mitte der achtziger Jahre der Grund dafür waren, dass

65 Gábor Demszky: geb. am 4. August 1952. Demszky wurde am 31. Oktober 1990 zum Oberbürgermeister
von Budapest gewählt. Er war im Amt bis 2010.
66 László Rajk jr.: geb. am 26. Januar 1949. Rajk jr. ist der Sohn des am 15. Oktober 1949 nach einem Schau-
prozeß hingerichteten ungarischen Außenministers László Rajk. László Rajk jr. war von 1990 bis 1996
Abgeordneter der SZDSZ im ungarischen Parlament.
67 Ferenc Kőszeg: geb. am 26. April 1939. Kőszeg war 1989 Gründungsvorsitzender des Ungarischen Hel-
sinki Komitees.
68 Bálint Magyar: geb. am 15. November 1952. Magyar war von 1990 bis 2010 Parlamentsabgeordneter. Er
war von 1996 bis 1998 und von 2002 bis 2006 Bildungsminister.
69 Bálint Nagy: geb. am 24. Mai 1949.
Kriegsrecht in Polen – Westliche Reaktionen, östliche Aktionen 211

keine Gruppen entstanden, die KSS » KOR « oder Charta 77 vergleichbar gewesen wä-
ren. [112] Für die sechziger Jahre galt nach Dalos, dass es » für politisierende Gruppen in
Ungarn eine Art Verhandlungsposition mit der Macht (gab). Die › Budapester Schule ‹
[…] wurde durch die Rehabilitierung von György Lukász (1967) beinahe zum offiziellen
Faktor. Die Kulturpolitik reagierte zudem recht sensibel auf die vagen Signale der Un-
zufriedenheit aus Kreisen der künstlerischen und wissenschaftlichen Elite. « Hinzu ka-
men der lang anhaltende Schock der Ereignisse von 1956 und der durch 1956 bewirkte
» brain-drain «. [113] Die ungarischen Bürgerrechtsgruppen behielten auch aufgrund die-
ser Erfahrungen ihre eher defensive Strategie bei:
Im Mai 1983 skizzierten die Redakteure von Beszélő in einem Artikel eine » gesell-
schaftliche Übereinkunft «, » um Reformen einzuleiten, die nicht die › Grundinstitutio-
nen des Systems ‹ infrage stellen mußten. « [114]
Die Mitarbeiter von Beszélő wurden umweltpolitisch aktiv und nahmen sich des Pro-
blems des von der ČSSR und Ungarn seit 1977 projektierten Staudamms bei Gabčíkovo-
Nagymáros an. Dieses Engagement sollte in der Folgezeit für die Strukturierung der Op-
position Folgen haben.
Politisch langfristig ungleich folgenreicher war dann jedoch eine weitere Initia-
tive, die fast zeitgleich entstand. An dem 1982 von den Politologen István Stumpf70 und
Tamás Fellegi71 gegründeten selbstverwalteten Kolleg Társadalomtudományi Szakkollé-
gium, deutsch: Kolleg für Sozialwissenschaften, der Lórand-Eötvos-Universität (ELTE)
in Budapest formierte sich eine Gruppe von Jurastudenten um Viktor Orbán72, László
Kövér73 und Gábor Fodor74. Padraic Kenney schrieb hierzu: » Orbán, Kövér, Fodor, and
about twenty other students participated in the Bibó College’s first summer retreat, at
Visegrad (above the Nagymaros dam site) in August 1983. Step by step, Stumpf and
Fellegi were helping to create a student community, and a movement. Their model was
Poland, and they hoped that their students would somehow learn from Polish students
the ways of independent political activity. « [115]
Das Kolleg wurde 1988 in » Bibó István Szakkollégium «, István Bibó-Kolleg, umbe-
nannt; eine Hommage an den Minister des Kabinetts von Imre Nagy, der am 6. Novem-
ber 1956 als Letzter das von sowjetischen Truppen besetzte Parlament verließ. Bibó hatte
zuvor am 4. November die letzte Erklärung der Nagy-Regierung verfasst und eigenhän-
dig den westlichen Botschaften überbracht. Er war für die intellektuelle Opposition zu

70 István Stumpf: geb. am 5. August 1957. Stumpf war 1998 bis 2002 Staatsminister im ersten Kabinett von
Orbán und wurde 2010 von Orbán zum Richter am Verfassungsgerichtshof ernannt.
71 Tamás Fellegi: geb. am 7. Januar 1956. Fellegi war von Mai 2010 bis Dezember 2011 Minister für Natio-
nale Entwicklung.
72 Viktor Orbán: geb. am 31. Mai 1963. Orbán schrieb seine Masterarbeit über die Rolle sich selbst organi-
sierender Gruppen in Polen 1980 – 1981. Orbán war von 1998 bis 2002 ungarischer Ministerpräsident. Er
wurde am 29. Mai 2010 erneut zum Ministerpräsidenten gewählt.
73 Lászlo Kövér: geb. am 29. Dezember 1959. Kövér ist seit August 2010 Präsident des ungarischen Parla-
ments.
74 Gábor Fodor: geb. am 27. September 1962. Fodor war von Oktober 1989 bis Mai 1990 Präsident des un-
garischen Parlaments. Er verließ Fidesz 1993 und trat der SZDSZ bei. 1994/1995 und 2007/2008 hatte er
Ministerämter inne.
212 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

einer Symbolfigur geworden. Die im Samisdat 1980 herausgegebene » Bibó-emlékkö-


nyv «, ein Sammelband im Gedenken an den 1979 verstorbenen Regimegegner, wurde
für die ungarischen Andersdenkenden zur wichtigsten Referenzliteratur. Die Autoren-
liste liest sich wie ein Wo’s Who der ungarischen Dissidenz.
Eine klare und eindeutige Haltung zum Kriegsrecht in Polen nahmen Dissiden-
ten aus der Sowjetunion ein. Am 4. Februar 1982 erschien in The New York Review of
Books ein offener Brief » Help the Poles « von im Exil lebenden sowjetischen Dissiden-
ten. Es unterschrieben u. a. der Dichter Wassili Aksjonow75, der bedeutende Germanist
und Übersetzer Efim Etkind76, Pjotr Grigorenko, seine Ehefrau Zinaïda Grigorenko, der
Germanist und Schriftsteller Lew Kopelew, Pawel Litwinow und Andreij Sinjawskij. [116]
Es ist hier nicht der Ort, die Maßnahmen des Kriegsrechts ausführlich darzustellen.
Nur so viel ist zum Verständnis erforderlich: Mit dem Kriegsrecht versuchte das Regime,
alle Formen freiheitlicher Kommunikation zu unterbinden, die seit 1976/1977, insbeson-
dere seit Sommer 1980, entwickelt worden waren. Zu Beginn des Kriegsrechts wurde
fast jede Form nicht-staatlicher Kommunikation ver- oder zumindest behindert. Insbe-
sondere im Pressewesen wirkte die Repression: Die Publikationen der Solidarność wa-
ren verboten. Auch die katholische Presse war von Publikationsverboten betroffen. So
durfte der Tygodnik Powszechny erst im Mai 1982 wieder erscheinen. Dadurch bekamen
die Exilzeitschriften erneut großes Gewicht für die polnische Opposition, insbesondere
Kultura und die in London herausgegebene Aneks. [117]
Bei aller Brutalität der Maßnahmen des Kriegsrechts und des auch danach weiter-
geführten autoritären Regimes, trotz der Leiden der Opfer von Repressalien und des
Rückfalls in eine entmündigte Gesellschaft, kann festgehalten werden, daß in Polen, im
Vergleich zur ČSSR nach 1968, der Weg einer » sanften Normalisierung « [118] gewählt
wurde. Anders als 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in der ČSSR waren of-
fenbar auch die Handlungsoptionen der Sowjetunion schon aufgrund der » tiefgreifen-
den Insuffizienz der eigenen Wirtschaft « deutlich eingeschränkt. » Die Alternative wäre
eine Verschlechterung der Beziehungen mit westlichen Staaten sowie eine Blockierung
der › Koexistenzpolitik ‹ mit weiteren verheerenden Folgen für die sowjetische, polnische
und die Wirtschaft aller Mitgliedstaaten des kommunistischen Blocks gewesen. « [119]
Der Einwand gegen die Bezeichnung » sanfte Normalisierung « ist berechtigt, da dies
für die Opfer wie eine Verharmlosung der Unterdrückung durch das Regime klingt.
Zu einer ähnlichen Einschätzung der Handlungsoptionen der sowjetischen Führung
kam der ungarische Politikwissenschaftler László J. Kiss bei seiner Expertise für die En-
quête Kommission: » Es wurde auch augenfällig, daß Moskau nach seinen unilateralen
bzw. › multilateralen ‹ ostmitteleuropäischen militärischen Einmischungen von 1965 und
1968 das politische Mittel der Intervention, insbesondere nach der Unterzeichnung der
Schlußakte von Helsinki, in Europa nicht mehr anwenden konnte. « [120]

75 Wassili Aksjonow: 20. August 1932 – 6. Juli 2009. Aksjonow emigrierte 1980 in die USA.
76 Efim Etkind: 26. Februar 1918 – 22. November 1999 in Potsdam. Etkind wurde 1974 in Leningrad sein
Professorentitel aberkannt und sein Lehrstuhl entzogen. Er emigrierte nach Frankreich. Siehe ders., Un-
blutige Hinrichtung. Warum ich die Sowjetunion verlassen musste, München 1978.
Kriegsrecht in Polen – Westliche Reaktionen, östliche Aktionen 213

Vom 8. auf den 9. Januar 1982 fand in Brüssel ein Treffen von geflohenen Anhängern
der Solidarność statt.
In westeuropäischen Metropolen wurden 1982 Verbindungsbüros eröffnet. Ein ers-
tes Büro unter der Leitung von Kazimierz Kunikowski wurde am 19. April in Bremen
eröffnet. Seit Ausrufung des Kriegsrechts hatte sich eine siebenköpfige Delegation der
Solidarność aus Danzig in Bremen aufgehalten. Weitere Büros wurden gegründet in
Amsterdam, London, Paris, Rom, Stockholm und in Zürich sowie ein Büro in New York.
Im August 1982 wurde ein zentrales Verbindungsbüro in Brüssel geschaffen. Bis 1991
wurde das Büro von dem Professor für Strömungsmaschinen Jerzy Milewski77 geleitet.
In Brüssel hatte Solidarność bereits vor Einführung des Kriegsrechts starke Unter-
stützung durch die World Confederation of Labour (WCL), Weltverband der Arbeitneh-
mer, deren Generalsekretär Jan Kułakowski78, ein gebürtiger Pole war.
Ab März 1982 erhielt Solidarność materielle Unterstützung aus den USA. Eine wich-
tige Rolle beim Anstoßen von Hilfsaktionen spielten der von Reagan ernannte Son-
derbotschafter Vernon Walters79 und Lane Kirkland, der Präsident des Gewerkschafts-
dachverbandes American Federation of Labor – Congress of Industrial Organizations
(AFL-CIO). Hilfslieferungen aus den USA wurden auch von der 1983 gegründeten halb-
staatlichen Gesellschaft National Endowment for Democracy (NED) finanziert, deren
Präsident seit ihrem Bestehen 1984 Carl Gershman80 ist. Die Hilfslieferungen erfolgten
zumeist auf dem Seeweg über Schweden.
Es ist an dieser Stelle auch zu erinnern, dass Polen nach Ausrufung des Kriegsrechts
erhebliche Hilfe aus der Bundesrepublik Deutschland und aus Österreich erhielt. In der
Bundesrepublik organisierten neben vielen Privatinitiativen insbesondere die Kirchen
und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) Hilfsaktionen. Das Magazin Der Spiegel
überschrieb am 7. Juni 1982 einen Beitrag zu diesen Aktionen mit dem Satz » Polen-Hilfe:
Eine echte Volksbewegung «. In Österreich engagierte sich insbesondere Erhard Busek,
Landesparteiobmann der Wiener ÖVP (Österreichische Volkspartei), für die » Polen-
hilfe «. Es wurden aus Österreich der Niezależny Samorządny Związek Zawodowy Rolni-
ków Indywidualnych » Solidarność « (Gewerkschaft der freien Bauern) in großer Anzahl
gebrauchte landwirtschaftliche Maschinen zur Verfügung gestellt. Erhebliche Hilfe für
die Solidarność leisteten auch die französischen Gewerkschaften.
Am 12. April sendete für eine Zeit von fünf Minuten erstmals der Untergrundsen-
der der Solidarność, » Radio S «. Zbigniew Romaszewski war Initiator und bis zu seiner
Entdeckung und Verhaftung am 29. August 1982 Organisator der ersten Sendungen. In

77 Jerzy Milewski: 27. März 1935 – 11. Februar 1997. Er war 1994/1995 Verteidigungsminister.
78 Jan Kułakowski: 25. August 1930 – 25. Juni 2011. Kułakowski war 1990 – 1996 Leiter der polnischen Mis-
sion bei den Europäischen Gemeinschaften, 1998 – 2001 Botschafter, 2004 – 2009 Abgeordneter der Par-
tei Unia Wolności (UW) im Europaparlament.
79 Vernon Walters: 3. Januar 1917 – 10. Februar 2002. Walters war 1989 – 1991 Botschafter der USA in Bonn
und hatte Einfluss auf die Haltung der US-Administration zur Frage der deutschen Vereinigung.
80 Carl Gershman: 20. Juli 1943. Gershman war 1968 Mitarbeiter der Forschungsabteilung von B’nai B’rith
und ab 1972 beim American Jewish Committee tätig. Er war während der ersten Amtszeit Ronald Re-
agans US-Repräsentant bei der UN-Menschenrechtskommission.
214 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

mehreren Regionen Polens konnten Untergrundstrukturen der Solidarność Radiosen-


der und sogar Fernsehsender installieren, die sich jeweils für kurze Zeit auf die offiziel-
len Programme aufschalteten. Es kann an dieser Stelle eingewandt werden, dass derar-
tige Aktionen relativ bedeutungslos waren. Andererseits sollte der ihnen zuzurechnende
hohe Symbolwert nicht übersehen werden. Diese Aktionen demonstrierten der Gesell-
schaft und dem Regime, das die Aktivitäten der Solidarność sich allenfalls zu einem ho-
hen politischen Preis würden unterdrücken lassen.
Nicht nur symbolische Bedeutung erlangten hingegen die Untergrundpresse und
der » Zweite Umlauf «. Dieser konstituierte zunehmend die eigentliche Öffentlichkeit in
der Volksrepublik. Im Kriegsrecht bewährte sich die Existenz der seit 1976 gegründe-
ten vielen Untergrundverlage. Die inoffiziellen und abseits staatlicher Zensur verbrei-
teten Publikationen sicherten die Meinungsvielfalt in Polen. Während des Kriegsrechts
entstanden weitere Untergrundverlage, die noch heute bestehende Zeitschriften erstell-
ten. Beispielsweise zählt die Danziger Zeitschrift Przegląd Polityczny heute zu den wich-
tigen politisch-philosophischen Zeitschriften Polens. Gegründet wurde Przegląd Poli-
tyczny 1983 von den Historikern Donald Tusk81 und Wojciech Duda82, beide Anhänger
der Solidarność. Von großer Bedeutung für die Meinungsbildung in Polen waren die
Sendungen von Radio Free Europe (RFE). Zdzisław Najder, der sich bei Ausrufung des
Kriegsrechts in Oxford als Gastwissenschaftler aufhielt, wurde 1982 Direktor der Polen-
Abteilung von RFE. Najder machte den Sender faktisch zu einem Organ der Opposition.
Aufgrund seiner Parteinahme für bestimmte Richtungen innerhalb der Solidarność war
er bei Mitarbeitern des Senders allerdings sehr umstritten.
Im März 1982 wurde von Mirosław Jasiński83, einem Breslauer Studenten der pol-
nischen und tschechischen Literaturwissenschaften, die Solidarność Polsko-Czecho-
Słowacka (PCSS ), Solidarita Polsko-Cesko-Slovenska/Solidarnosc Polsko-Czesko-Slo-
wacka (SPCZS), gegründet. Mitglieder von Charta 77, KSS » KOR «, und Solidarność
unterzeichneten ein Abkommen auf wechselseitige Unterstützung. » The aim […] was
exchanging information about democratic ideas in Poland and Czechoslovakia and
communist repressions against dissidents «. [121] Die führenden Mitglieder des Komi-
tees waren zugleich herausragende Personen der jeweiligen Oppositionsbewegungen ih-
rer Länder: Jaroslav Šabata, Anwalt und juristischer Berater von Charta 77 sowie von in-
formellen kirchlichen Gruppen in der Slowakei, Ján Čarnogurský84, Václav Havel, Václav

81 Donald Tusk: geb. am 22. April 1957. Tusk war von 1991 bis 1993 Abgeordneter im Sejm und von 1997 bis
2001 Senator. Seit 2001 ist er erneut Abgeordneter im Sejm. Er ist seit dem 16. November 2007 Minis-
terpräsident Polens.
82 Wojciech P. Duda: geb. am 19. November 1957. Mit Gründung des Deutsch-Polnischen Magazins DIA-
LOG wurde Duda 1987 Redakteur und ist nunmehr Chefredakteur des von der Deutsch-Polnischen Ge-
sellschaft herausgegebenen Magazins.
83 Mirosław Jasiński: geb. am 12. November 1960. Jasiński war 1980 Mitgründer des NZS. Er war von 1990
bis 1991 Botschaftsrat in Prag, 1991/1992 Wojewode in Wrocław und 2001 bis 2007 Direktor des Polni-
schen Instituts in Prag.
84 Ján Čarnogurský: geb. am 1. Januar 1944. Er war der Sohn des Journalisten und Dissidenten Pavol
Čarnogurský (22. Januar 1908 – 27. Dezember 1992). Ján Čarnogurský hatte seit 1976, als er sich eine Wo-
che in Polen aufhielt, Kontakt zum KIK. Er wurde im Dezember 1989 Vizeministerpräsident der Tsche-
Kriegsrecht in Polen – Westliche Reaktionen, östliche Aktionen 215

Malý, Petr Pospíchal, Jacek Kuroń, Zbigniew Romaszewski, Petr Uhl und dessen Frau
Anna Šabatová. Die Breslauer Akteure um Jasiński begannen sehr bald mit der Ein-
richtung eines regelmäßigen Kurierdienstes über die polnisch-tschechische Grenze, um
Publikationen des » Zweiten Umlaufs « und Literatur des tschechischen Exils über die
Grenze im Karkonosze/Krkonoše Gebirge (Riesengebirge) in die ČSSR zu schmuggeln.
Vier führende Repräsentanten der Solidarność, die sich der Inhaftierung hatten ent-
ziehen können, gründeten am 22. April 1982 die TKK, die » Tymczasowa Komisja Ko-
ordynacyjna Solidarności «, die Vorläufige Koordinierungskommission der Solidari-
tät. Mitglieder der TKK wurden Bogdan Lis für die Region Danzig, Zbigniew Bujak für
Masowien mit Warschau, Władysław Frasyniuk85 für Niederschlesien mit Breslau und
Władysław Hardek86 für Małopolska mit Krakau. Bujak wurde erst am 31. Mai 1986 ver-
haftet, als letzter im Untergrund lebender führender Repräsentant der Gewerkschaft.
Es wurden 1982 zusätzlich regionale Kommissionen der Solidarność gegründet.
Als Folge des » 13. Dezember 1981 « führte Solidarność im Frühjahr 1982 im Unter-
grund eine Strategiediskussion. » Moral oder Kampf «, hieß die zentrale Frage dieser De-
batte. Die Strategiediskussion soll hier durch drei Zitate von Protagonisten dargelegt
werden.
In seinen » Thesen über den Ausweg aus einer ausweglosen Situation « schrieb Jacek
Kuroń:

» Niemand ist imstande, die Ruhe in Polen zu sichern, solange die Besetzung (das Kriegs-
recht – L. L.) anhält […] In meiner langjährigen oppositionellen Tätigkeit habe ich bisher
immer gegen die Anwendung jeglicher Gewalt plädiert. Nun fühle ich mich verpflichtet zu
sagen, daß ich die Vorbereitung zum Sturz des Besatzungsregimes […] als das kleinste Übel
ansehe. «

Zbigniew Bujak hielt der in der Exilzeitschrift Kultura erhobenen Forderung nach einem
» Untergrundstaat « wie zur Zeit der deutschen Besatzung entgegen:

» Diejenigen, die von uns die Übernahme der konspirativen Vorbilder der Heimatarmee ver-
langen, verstehen nicht, daß das einfach unmöglich ist. «

Bogdan Borusewicz, der vom SB in seinem Danziger Versteck erst am 9. Januar 1986 ent-
deckt werden konnte, argumentierte noch entschiedener:

choslowakei. Vom 6. Mai 1991 bis 24. Juni 1992 war er Ministerpräsident der Slowakei und von 1990 bis
2000 Vorsitzender der slowakischen Partei » Kresťanskodemokratické hnutie « (KDH), deutsch: Christ-
lich-Demokratische Bewegung.
85 Władysław Frasyniuk: geb. am 25. November 1954. Frasyniuk wurde erst am 5. Oktober 1982 gefangen
genommen. Er kam nach zweimaliger Freilassung und erneuten Festnahme erst bei der allgemeinen
Amnestie 1986 frei. Frasyniuk war Abgeordneter im Sejm von 1991 – 2001.
86 Władysław Hardek: geb. am 3. Juni 1947. Hardek emigrierte 1987 in die Bundesrepublik Deutschland,
dann nach Kanada und von dort in die USA.
216 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

» Die Erinnerung an den Warschauer Aufstand von 1944 hat die TKK gelähmt, […] die Ver-
antwortung für Entscheidungen zu tragen, die Blutvergießen nach sich ziehen konnten, war
so groß, daß dies uns innerlich (beinahe) zerbrochen hat. « [122]

Der Entscheidung gegen den offenen Kampf folgte in Wrocław die Entstehung der
Gruppe Solidarność Walcząca, Kämpfende Solidarność, um Kornel Morawiecki87, die
besonders in Niederschlesien Bedeutung gewann. Zellen der Solidarność Walcząca wur-
den auch in Gdańsk, Kraków, Katowice, Łódź, Lublin, Poznań, Rzeszów, Szczecin und
Warszawa gebildet. Nach seiner Haftentlassung 1984 wurde Andrzej Kołodziej stellver-
tretender Leiter der Gruppe.
In einer Untersuchung wurde aus einer Selbstdarstellung der Gruppe von August
1982 zitiert. Dort heißt es: » Die kämpfende Solidarność ist eine offene politische Bewe-
gung «, die Autorin der Untersuchung setzte fort, » im Gegensatz zur NSZZ Solidarność,
die vor der Verhängung des Kriegsrechts jeglichen politischen Anspruch von sich ge-
wiesen hatte. Ihre Mitglieder lösten sich von dem Slogan der Selbstbeschränkung. « An-
schließend wird erneut aus der Selbstdarstellung zitiert: Die Mitglieder der Solidarność
Walcząca setzten » auf einen Kampf der kleinen Nadelstiche, einen langandauernden
Kampf, der – mit Entschlossenheit geführt – uns den Sieg bringen wird. « [123]
Patrizia Hey verwies in ihrer Untersuchung auch auf das Bemühen der Gruppe
um Spenden und materielle Hilfen aus dem westlichen Ausland: » Zudem legte die
› Solidarność Walcząca ‹ großen Wert auf die Zusammenarbeit mit demokratischen Be-
wegungen in der Sowjetunion und anderen Staaten des › real-existierenden ‹ Sozialis-
mus «, hierzu begründend zitierte Hey aus einer Erklärung der Gruppe von 1987, » weil
sie [die › Solidarność Walcząca ‹] sich bewußt ist, das [!] es gemeinsam einfacher sein
wird, sich vom Joch des Kommunismus zu befreien. « [124]
Die verständliche Zurückhaltung der Untergrundführung der Solidarność, der TKK,
war wohl auch ein Grund dafür, dass die Protestaktionen gegen das Kriegsrecht am
1. und am 3. Mai, dem Jahrestag der Verfassung von 1791, nicht ganz die von der Sys-
temopposition erhoffte Breitenwirkung erzielten.
Die Proteste wurden durch massiven Einsatz der ZOMO unterdrückt. Erneut ka-
men mehrere Protestierende ums Leben: Am 1. Mai in Kraków Ryszard Smagur und in
Wrocław Bernard Łyskawa. Am 3. Mai in Szczecin Władysław Durda und in Warszawa
Mieczysław Radomski.
Ein Kuriosum am Rande: Am 4. Mai 1982, d. h. während des Kriegsrechts, wurde
vom Sejm ein Hochschulgesetz verabschiedet, welches faktisch die Wahl einer » verfass-
ten Studentenschaft « und studentische Mitbestimmung in den universitären Gremien
zur Folge hatte. Von den neu eingeführten Mitbestimmungsmöglichkeiten machten
dann vor allem die Aktivisten des als Organisation » natürlich « verbotenen unabhängi-
gen Studentenverbandes NZS Gebrauch. [125]

87 Kornel Morawiecki: geb. am 3. Mai 1941. Morawiecki, von Beruf Physiker, wurde erst nach sechs Jahren
Untergrundtätigkeit am 9. November 1987 vom SB entdeckt und inhaftiert. Im April 1988 durfte er zu-
sammen mit Andrzej Kołodziej zur ärztlichen Behandlung nach Italien ausreisen.
Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West 217

Ich konnte mir 1984 an der Jagiellonen Universität Krakau selbst ein Bild von dieser
Situation machen: Die gewählten Repräsentanten der Studentenschaft, allesamt ehema-
lige Aktivisten des NZS, waren fast durch die Bank » hardcore « Sympathisanten der ver-
botenen Solidarność. Das Gesetz war wohl der Versuch des Regimes, » Spielwiesen « für
den Aktionismus der Intelligenz zu schaffen und zugleich Ausdruck des Bemühens, eine
erneute Spaltung zwischen Intellektuellen und Arbeitern zu bewirken.

5 Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West

Fast zeitgleich mit der Entstehung der Friedensbewegung in der Bundesrepublik hat-
ten seit 1978/79 auch in der DDR unabhängige Friedensgruppen auf sich aufmerksam
machen können. Äußerer Anlass für das Aufkommens einer größeren Zahl autonomer
Friedensinitiativen in der DDR war der Protest der Evangelischen Kirche gegen die Ein-
führung des obligatorischen Wehrkundeunterrichts an den Polytechnischen Oberschu-
len der DDR, » dem die Kirchen auf der Bundessynode 1978 eine Friedenserziehung ent-
gegensetzten […] Dieses zentral ausgearbeitete Rahmenkonzept führte innerhalb der
Gemeinden zu einer verstärkten Beschäftigung mit dem Friedensthema. […] Ohne in
dieser Form beabsichtigt gewesen zu sein, entwickelte sich aus der kirchlichen Initiative
der Friedenserziehung eine Vielzahl von zunächst unabhängig voneinander agierenden
Initiativen und Gruppen, die durch überregionale Friedensseminare, Friedenswerkstät-
ten und Friedensforen DDR-weite Kommunikationsstrukturen schufen. « [126]
Symbol dieser kirchlich basierten Friedensbewegung wurde auf Initiative des säch-
sischen Landesjugendpfarrers Harald Bretschneider88 seit der » Ersten Friedensdekade «
1980 die Bronzeskulptur des sowjetischen Star-Bildhauers Jewgeni Wutschetitsch zum
Bibelwort » Schwerter zu Pflugscharen « der Propheten Micha, Kapitel 4, Vers 3, und
Jesaja, Kapitel 2, Vers 4. Die Skulptur war 1959 offizielles Geschenk der Sowjetunion an
die Vereinten Nationen. Um die in der DDR ansonsten erforderliche Druckgenehmi-
gung zu umgehen, ließ Bretschneider das Symbol auf Textil drucken. Die Schwerter zu
Pflugscharen-Textilaufdrucke wurden von Jugendlichen als Kleidungsaufnäher genutzt.
Am 13. Februar, dem Tag des Beginns der Bombardierung Dresdens 1945, fand 1982
in der Kreuzkirche das erste » Friedensforum « der evangelischen Kirche in Sachsen statt.
An der Veranstaltung beteiligten sich mehr als 5 000 Jugendliche aus allen Bezirken der
DDR. Der Anstoß zu dem Friedensforum kam durch einen Aufruf zu einem für den
13. Februar 1982 geplanten Schweigemarsch, der im Spätherbst 1981 von einer Gruppe in
der DDR verbreitet wurde, die sich um die aus der » Jungen Gemeinde « stammende und
zur Hippie-Bewegung zählende Annette Ebischbach zusammengefunden hatte. Ebisch-
bach, verheiratete Kalex89, nennt sich seit ihrer Hochzeit, die im gleichen Jahr stattfand,
Johanna. Die Gruppe gab sich 1985 den ironisch gemeinten Namen Wolfspelz.

88 Harald Bretschneider: geb. am 30. Juli 1942. Er koordinierte im Herbst 1989 Aktivitäten Leipziger und
Dresdner Oppositionsgruppen.
89 Johanna Kalex (vormals Annette Ebischbach): geb. am 8. Juli 1964.
218 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Die unabhängige Friedensbewegung in der DDR richtete ihre Aufmerksamkeit – wie


die Friedensbewegung in der Bundesrepublik – auf die Frage der Hochrüstung der bei-
den Militärblöcke in Europa.
Bereits am 7. Juli 1981 hatte der Ost-Berliner Jugendpfarrer Rainer Eppelmann90 in
einem offenen Brief an Erich Honecker gegen den » selbstmörderischen Rüstungswett-
lauf « protestiert. Die Aktion war mit dem 1964 aus der SED ausgeschlossenen renom-
mierten Wissenschaftler Robert Havemann91 abgestimmt.
Havemann protestierte dann in einem auf den 20. September datierten offenen Brief
an Leonid Breschnew gegen die beiderseitige Aufrüstung. Er stellte zugleich die Auf-
rechterhaltung der Teilung Deutschlands in Frage:

» Die Teilung Deutschlands schuf nicht Sicherheit, sondern wurde Voraussetzung der töd-
lichsten Bedrohung, die es in Europa jemals gegeben hat. […] Es gilt, insbesondere die bei-
den Teile Deutschlands der Blockkonfrontation zu entziehen. […] 36 Jahre nach Ende des
Krieges ist es jetzt zur dringenden Notwendigkeit geworden, die Friedensverträge zu schlie-
ßen und alle Besatzungstruppen aus Deutschland abzuziehen. […] Wie wir Deutschen un-
sere nationale Frage dann lösen werden, muß man uns schon selbst überlassen und niemand
sollte sich davor mehr fürchten, als vor dem Atomkrieg. « [127]

Den Brief Havemanns, der von ihm als gesamtdeutsche Initiative verstanden wurde, un-
terzeichneten in der DDR über 200 und in der Bundesrepublik mehrere Tausend Per-
sonen.
Am 9. Februar 1982 publizierte Havemann zusammen mit Rainer Eppelmann und
dem Autor Lutz Rathenow in der Frankfurter Rundschau den » Berliner Appell: Frieden
schaffen ohne Waffen «. Im Aufruf plädieren sie dafür, ganz Europa zu einer atomwaf-
fenfreien Zone zu machen. Wie bereits im Brief Havemanns an Breschnew forderten die
Autoren, dass » die Siegermächte des 2. Weltkrieges […] endlich die Friedensverträge
mit den beiden deutschen Staaten schließen, wie es im Potsdamer Abkommen von 1945
beschlossen worden ist. Danach sollten die ehemaligen Alliierten ihre Besatzungstrup-
pen aus Deutschland abziehen. «
Am 25. Februar begannen die Autoren in Berlin mit einer Unterschriftensammlung
für diesen Aufruf. Zu den Erstunterzeichnern gehörten Gerd Poppe und Hans-Jochen
Tschiche.

90 Rainer Eppelmann: geb. am 12. Februar 1943. Eppelmann hatte seit dem 1. Juni 1979 in der Samariter-
kirche in Ost-Berlin aufgrund einer Initiative des Bluesmusikers Günter Holly Holwas » Blues-Messen «
organisiert, die bei Jugendlichen aus der ganzen DDR Zulauf fanden. Er war 1990 Mitglied der Volks-
kammer der DDR, Minister ohne Geschäftsbereich im Kabinett von Hans Modrow und dann Minister
für Abrüstung und Verteidigung im Kabinett von Lothar de Maizière. Von Dezember 1990 bis 2005 war
er Mitglied des Deutschen Bundestages. Er hatte hohe Ämter in der CDU und in der Christlich-Demo-
kratischen Arbeitnehmerschaft CDA inne.
91 Robert Havemann: 11. März 1910 – 9. April 1982. Havemann gründete während des Krieges in Berlin die
Widerstandsgruppe » Europäische Union «. Er hat ab 1946 mit dem NKWD und von 1950 bis 1963 mit
dem MfS zusammengearbeitet.
Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West 219

Am 13. Februar 1982, erneut am Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden 1945, nahmen
5 000 Jugendliche am » Forum Frieden « in der Dresdner Kreuzkirche teil. Die Veranstal-
tung war von Landesjugendpfarrer Bretschneider organisiert worden.
Im Frühjahr 1982 entstand in Berlin auf Initiative der Malerin Bärbel Bohley92, der
Kunsterzieherin Ulrike Poppe93 und der Künstlerin Irena Kukutz94 die außerkirchliche
Gruppe Frauen für den Frieden. Vorbild war das von der Theologin Eva Quistorp und
anderen Feministinnen 1979/1980 gebildete westdeutsche Netzwerk gleichen Namens.
Nicht nur in Ost-Berlin entstanden informelle Gruppen und Initiativen. Besonders
aktiv war die » oppositionelle Szene « in Jena. Im März 1983 bildete der gerade aus mehr-
monatiger Haft entlassene Roland Jahn95 zusammen mit Mitgliedern der » Jungen Ge-
meinde « eine Gruppe, die sich Friedensgemeinschaft Jena nannte. [128] Die Gruppe stand
unter der Obhut des Kreisjugendpfarrers Walter Schilling96. Pfarrer Schilling hatte be-
reits ab 1968 die » Offene sozialdiakonische Jugendarbeit « organisiert und stand unter
Überwachung durch das MfS. Er dokumentierte Menschenrechtsverletzungen und trug
sie staatlichen Stellen vor. [129] Der überzeugte Anti-Kommunist gilt als einer der wich-
tigsten Personen für die Entstehung oppositioneller Strukturen in der DDR.
Gleichzeitig wurde in der DDR von Teilnehmern der » Polen-Seminare « das Vorbild
der Solidarność auch noch während des Kriegsrechts in Polen hochgehalten. Im Herbst
1982 publizierte Günter Särchen, der Organisator der Polen-Seminare der Aktion Sühne-
zeichen, in der von ihm seit 1973 herausgegebenen Handreichung nur für den innerkirch-
lichen Gebrauch unter dem Titel » Versöhnung – Aufgabe der Kirche « Dokumente zur
Geschichte der polnischen Gewerkschaftsbewegung. Die Ausgabe hatte eine Auflage
von 1 000 Exemplaren und umfaßte 104 Seiten. Es war ein relativ einsamer Kampf gegen
das Medienmonopol der vom Regime betriebenen systematischen Verunglimpfung der
polnischen Freiheitsbewegung.
In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien verstärkten sich Tendenzen,
die Konfliktpotential in sich bargen: Am 17. März 1982 forderten albanische Kosovaren
Autonomie für Kosovo. Da Kosovo seit 1963 den Status einer » autonomen Provinz « in-
nerhalb Serbiens hatte und bei der Verfassungsänderung von 1974 weitgehende Auto-
nomierechte zugebilligt bekam, war die vollständige Autonomie, das hieß im Klartext
die Unabhängigkeit von Serbien, das Ziel dieser Forderungen. In der Sozialistischen Re-
publik Slowenien artikulierte sich ab 1982 intellektueller Protest in der neugegründeten
Zeitschrift Nova revija (Neue Revue). Die Zeitung wurde Mitte der achtziger Jahre zur
führenden Zeitschrift der demokratischen Opposition.

92 Bärbel Bohley: 24. Mai 1945 – 11. September 2010.


93 Ulrike Poppe: geb. am 26. Januar 1953. Die war Mitgründerin von Demokratie Jetzt.
94 Irena Kukutz: geb. am 20. August 1950. Ihr Vater war Major des MfS. Sie war Mitgründerin des Neuen
Forums.
95 Roland Jahn: geb. am 14. Juli 1953. Jahn wurde am 28. Januar 2011 vom Bundestag zum Nachfolger von
Marianne Birthler für das Amt des » Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdiens-
tes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik « (BStU) gewählt.
96 Walter Schilling: 28. Februar 1930 – 29. Januar 2013.
220 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Parallel zu einem NATO-Gipfel in Bonn und dem Besuch des US-Präsidenten Ronald
Reagan in der Bundesrepublik fand am 10. Juni 1982 in der Bonn-Beueler Rheinaue
eine Friedensdemonstration als sogenannte » Antigipfeldemonstration « statt, an der
Medien zufolge 400 000 Menschen teilgenommen haben sollen. In Vertretung unab-
hängiger Friedensgruppen der DDR sprach Jürgen Fuchs auf der Versammlung. Der
eingeladene Eppelmann durfte nicht ausreisen. Die Friedensbewegung war nicht nur
in Westeuropa stark. Am 12. Juni versammelte die von Randall Caroline Forsberg97 ge-
gründete » Nuclear Weapons Freeze Campaign « in New York bei der » No Nukes rally «
vom UN-Hauptgebäude zum Central Park auf dem Great Lawn annähernd eine Million
Menschen. Es war die bis dahin größte Demonstration in der Geschichte der USA. Gary
U. S. Bonds, Jackson Browne, James Taylor, Bruce Springsteen, Joan Baez, Linda Ron-
stadt und andere Stars der US-Rockmusik traten auf.
Trotz der Gleichzeitigkeit der Entstehung von Friedensbewegungen in der Bundesre-
publik Deutschland und in der DDR fand eine Vernetzung der Bewegungen nur ansatz-
weise statt. Hierfür waren zwischen den Friedensbewegungen beider Teile Deutschlands
die Divergenzen in der Zielsetzung zu unterschiedlich; teilweise waren die Interessen
sogar gegensätzlich. Dieser Ost-West-Gegensatz wurde mit den Hinweisen zu den frie-
denspolitischen Stellungnahmen von Charta 77 bereits veranschaulicht.
Neben der massiven Behinderung der unabhängigen ostdeutschen Friedensgruppen
durch das MfS waren ihr Selbstverständnis und ihre Selbstbeschränkung weitere Ursa-
chen für mangelnde Kontakte zur westdeutschen Friedensbewegung. » Wenn die Frie-
densgruppen sich auch nicht selbst als Opposition verstanden, so wurden sie vom Poli-
zei- und Sicherheitsapparat doch als oppositionell behandelt. […] Sie überlegten, wie sie
› der ungewollten Rolle des Dissidenten und Staatsfeindes ‹ entkommen könnten, ohne
ihre friedenspolitischen Absichten preiszugeben (Templin/Weißhuhn 1991: 149). « [130]
Durch die bei der gesamten mitteleuropäischen Dissidenz immer präsente Verknüp-
fung von Friedenspolitik mit der Frage des Selbstbestimmungsrechts blieb der Gegen-
satz zum Verständnis von Friedenspolitik bei der Mehrheit der westdeutschen Friedens-
bewegung und in der SPD bestehen. Dieses dokumentiert besonders deutlich ein Artikel
von Gesine Schwan in der SPD-Theoriezeitschrift Die Neue Gesellschaft aus dem Jahr
1983. Frau Schwan schrieb: » Als der ehemals tschechische, heute italienische Sozialist
Jiří Pelikán auf einer Berliner SPD-Veranstaltung Anfang Mai 1983 betonte, daß es ech-
ten Frieden ohne nationale Selbstbestimmung der Völker nicht geben könne, konterte
Egon Bahr aufgebracht, wer so rede sei ein Friedensstörer. Die Deutschen hätten um des
Friedens willen auf ihr Selbstbestimmungsrecht verzichtet und forderten deshalb von
den osteuropäischen Völkern dasselbe. « [131]
Im gleichen Heft warf Chefredakteur Hans Schumacher Frau Schwan eine falsche
Zitierung vor: » Die Bahrsche Argumentation lautet ungefähr folgendermaßen: Wenn
es richtig ist, daß der Frieden und das Überleben der Menschheit oberste Priorität ha-
ben, dann sind diesem Ziel alle anderen politischen Ziele unterzuordnen. Dies gilt auch
beispielsweise für das Ziel › Deutsche Einheit ‹. Das gilt auch für die nationale Selbstbe-

97 Randall Caroline Forsberg: 23. Juli 1943 – 19. Oktober 2007.


Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West 221

stimmung der von der Sowjetunion beherrschten osteuropäischen Völker. « [132] Selbst
bei Annahme dieser Korrektur der Bahrschen Aussage bleibt Folgendes festzuhalten:
Die Festlegung der Zielprioritäten bei Bahr entsprach einer Scheinlogik. Sie unterstellt,
dass ein friedliches Streben nach Selbstbestimmung in Konflikt zur zwischenstaatlichen
Friedenspolitik gerät. Unter Missachtung der von der KSZE postulierten Möglichkei-
ten wurde bei Teilen der SPD die Stabilisierung des Status quo zum Selbstzweck. Damit
wurde indirekt die Bewahrung der sowjetischen Herrschaft über Mittel- und Osteuropa
als erforderliche Bedingung für den » Frieden « in Europa akzeptiert.
Im Nachhinein stellte Michael Ploetz fest: » Anders als die SPD, die die Stabilisierung
des Status quo längst zum Selbstzweck ihrer Sicherheits- und Ostpolitik hatte werden
lassen, hatten viele Vertreter der unabhängigen Friedenbewegung nicht vergessen, daß
dieser Status quo, das heißt die Teilung Deutschlands und Europas, die eigentliche Ursa-
che des Ost-West-Konfliktes war. Auf den jährlichen Konventen der unabhängigen und
paneuropäischen Friedensbewegung wurde auch über die › Wiedervereinigung Europas ‹
und die › Befreiung Europas von den Supermächten ‹ diskutiert. […] Im Schulterschluß
mit osteuropäischen Bürgerrechtsgruppen wie Charta 77, KOR und Solidarność suchten
Gruppen wie das › Europäische Netzwerk für den Ost-West-Dialog ‹ nach Wegen, › wie
die negativen Vermächtnisse von Jalta und Potsdam überwunden und Ansätze für eine
gesamteuropäische Friedensbewegung gefunden werden können ‹. « [133]
An der Frage der Überwindung der » negativen Vermächtnisse von Jalta und Pots-
dam « scheiterte zumeist der Dialog zwischen der westdeutschen Friedensbewegung
und den osteuropäischen Bürgerrechtsgruppen. Ein weiterer Gegensatz bestand bei
der Frage der Menschenrechte. Hier ist eine Parallele zu der bereits erwähnten unter-
schiedlichen Orientierung der 68er von Ost- und Westeuropa festzustellen. Die Men-
schenrechtsfrage stand nur bei Teilen der Friedensbewegung der Bundesrepublik und
bei einem Teil der Partei Die Grünen im Zentrum. Für die Mehrheit verdrängte die
Friedensfrage alle anderen Themen. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Thomas Klein
schrieb: » Die Ablehnung von Rüstung, Militarisierung, politischer Verfolgung und Un-
terdrückung im Osten, insbesondere in der DDR, war für die überwiegend regimekri-
tisch eingestellte Friedensbewegung im Westen […] keineswegs selbstverständlich. « [134]
Das nachfolgende Zitat von Michnik erklärt, dass der deutsch-polnische Dialog
nicht nur bei der westdeutschen Friedensbewegung, die zum Großteil zum politisch
linken Meinungsspektrum zu rechnen war, auf Verständigungsschwierigkeiten stieß,
sondern auch bei dem Teil der Bevölkerung, der der Ostpolitik der sozialliberalen Bun-
desregierung grundsätzlich ablehnend gegenüberstand. Michniks Essaysammlung » Pol-
nischer Frieden «, dem das Zitat entnommen ist, erschien in der Bundesrepublik zudem
im » Rotbuch Verlag «. Dieses war eine sichere Garantie dafür, dass nur wenige » Bürger-
liche « das Buch seinerzeit gelesen haben werden.

» Der polnisch-deutsche Dialog ist wichtig, hängt doch unter Umständen von ihm das Schick-
sal der europäischen Demokratie ab. Doch ein Dialog worüber ? Nicht über die polnische
Westgrenze. […] Gegenstand des Dialogs sollte das Schicksal der europäischen Demokratie
sein. Wie kann man sich vor einer totalitären Bedrohung schützen ? Wie Wege zur Demokra-
222 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

tie suchen ? Wie klares Denken und ein empfindsames Gewissen bewahren ? […] Das zwei-
te Thema ist der Dialog über den Frieden. […] Bedingung eines auf Dialog und Kompromiß
gegründeten Friedens zwischen den Völkern ist die Respektierung der Menschenrechte in je-
dem Winkel des Erdballs. […] wir, die Gefangenen in totalitären Systemen, wissen nur allzu
gut, daß der abstrakte Humanismus den Kern der europäischen Demokratie ausmacht. « [135]

Ebenso klar formulierte Havel sein Verständnis vom Frieden, womit er bei dem Großteil
der westdeutschen Friedensbewegung jedoch auf Verständnislosigkeit und offene Ab-
lehnung stieß: » Die Anerkennung der Menschenrechte ist die grundlegende Bedingung
und die einzige wirkliche Garantie des wahren Friedens. « [136]
Die Divergenzen West-Ost bestanden nicht nur bei der Friedensfrage. Donald Tusk
schilderte in einem Gespräch mit der FAZ ein Treffen mit Günter Grass während des
Kriegsrechts. » Für uns, die Liberalen in der Opposition, ist das Treffen dann aber ein
wenig enttäuschend verlaufen. Vor allem hat uns überrascht, was Grass dann später, in
den neunziger Jahren darüber erzählte. […] › Ich erinnere mich an ein Treffen mit einer
Gruppe extremer Nationalisten ‹. Dabei gehörten wir alle, die damals dabei waren – etwa
der spätere Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki (98, D. P.) oder Wojciech Duda, der
Chefredakteur des › Przegląd Polityczny ‹ zur Spitze der Liberalen im Untergrund. […]
(Uns) störte […] vor allem, dass er uns weismachen wollte, die Solidarność sei so etwas
wie die Bewegung der Sandinistas in Nicaragua. […] Außerdem fanden wir es empö-
rend zu hören, dass die Vereinigten Staaten genauso gefährlich seien wie die Sowjet-
union. Unsere antisowjetische Haltung bewertete Grass von oben, er deutete sie ganz
platt als provinziellen, polnischen Antirussizismus. « [137]
Tusk hätte ergänzen können, dass diese Einstellung in der Bundesrepublik Deutsch-
land auch bei führenden Politikern und Diplomaten gängig war und z. T. bis heute in
Deutschland Meinungen zum Verhältnis von Polen und Russland prägt.
Es ist anzumerken, dass auch in Westeuropa, insbesondere in Frankreich, die Frie-
densbewegung der Bundesrepublik mit großer Skepsis wahrgenommen wurde. Für viele
französische Politiker waren die Abwendung großer Teile der westdeutschen Bevölke-
rung von der NATO und Äußerungen von führenden Politikern der SPD Schritte auf
dem Weg hin zum Neutralismus. [138] » Das Ablehnen des NATO-Doppelbeschlusses in
breiten Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung, das Aufkommen der Friedensbewe-
gung in Deutschland und die Fortschritte in den innerdeutschen Beziehungen – trotz
erneuter Spannungen im Ost-West-Kontext – ließen in Frankreich zunehmend die
Sorge vor einem deutschen › Nationalneutralismus ‹ und › Nationalpazifismus ‹ aufkom-
men. Vor allem die gesamtdeutsche Dimension der Friedensbewegung gab Anlaß zur
Sorge vor einem Abdriften der Bundesrepublik. « [139]
Das Jahr 1982 wurde in mehrfacher Hinsicht wichtig für die Beziehungen der beiden
Blöcke: Am 30. Mai wurde Spanien 16. NATO-Mitgliedsstaat. Am 29. Juni begannen in

98 Jan Krzysztof Bielecki: geb. am 3. Mai 1951. Bielecki war ab 1980 wirtschaftspolitischer Berater der
Solidarność. Er war Abgeordneter im Sejm 1989 – 1993. Als Nachfolger von Tadeusz Mazowiecki war er
1991 Ministerpräsident. Von 1992 bis 1993 war er Minister für Europäische Integration.
Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West 223

Genf die Verhandlungen über die Reduzierung strategischer Waffensysteme, die 1991
mit dem Strategic Arms Reduction Treaty (START I) zum Abschluss kamen.
Mit Wirkung zum 1. Juli 1982 wurde die Volksrepublik Ungarn nach Rumänien
(1972) als zweites Land des » Ostblocks « Mitglied im Internationalen Währungsfonds
(IWF). Ungarn war im RGW das Land mit der höchsten Pro-Kopf-Verschuldung – ge-
folgt von der DDR. Es stand 1982 vor der Zahlungsunfähigkeit und war dringend auf
Überbrückungskredite angewiesen. Gegen den Beitritt gab es insbesondere in Moskau
erhebliche Bedenken und massive – auch geheimdienstliche – Versuche, ihn zu verhin-
dern. László J. Kiss mutmaßte: » Es wäre nicht überraschend, daß Ostberlin und Moskau
in dem ungarischen Schritt die Einschränkung der Souveränität des sozialistischen Un-
garns und demgemäß seine Unterordnung unter die von den USA und der BRD geführ-
ten Finanzwelt sahen. « [140]
Am 15. Juli 1982 begann in der DDR die Aufstellung sowjetischer SS-21 » Scarab « Bo-
den-Boden-Raketen. (Einige Autoren nennen das Jahr 1981.) Bei der damaligen Version
der SS-21, der Scarab-B, handelte es sich um eine mobile Gefechtsfeldwaffe mit einer
Reichweite von bis zu 120 km. Sie konnte mit einem nuklearen Gefechtskopf ausgerüs-
tet werden.
Aus Anlass des zweiten Jahrestages der Unterzeichnung des » Augustabkommens «
organisierten am 31. August 1982 Untergrundgrundstrukturen der Solidarność, regio-
nale Streikkomitees und in Niederschlesien Gruppen der Solidarność Walcząca (Kämp-
fende Solidarność) in 66 Städten Polens Massenproteste gegen den Kriegszustand. Bei
der äußerst brutalen Niederschlagung der Demonstrationen durch Miliz- und ZOMO-
Einheiten wurden sechs Demonstranten tödlich verletzt. In Gdańsk Piotr Sadowski, in
Kielce Stanisław Rak, in Legnica Kazimierz Michalczyk, in Lubin Michał Adamowicz,
Mieczysław Poźniak und Andrzej Trajkowski.
Ab Montag, dem 13. September 1982, fanden in der Leipziger Nikolaikirche unter
Leitung von Pfarrer Christian Führer99 wöchentliche » Friedensgebete « statt. Die Idee
hierfür stammte von Christoph Wonneberger100, der bereits 1982 während seines Pfarr-
dienstes an der Dresdner Dreikönigskirche erste » Friedensgebete « gestaltete. Nach
Übernahme der Pfarrstelle der Lukasgemeinde in Leipzig koordinierte er ab 1986 die
» Friedensgebete « in St. Nikolai.
Wonneberger wies nach 1989 darauf hin, dass er in Prag Zeuge des Einmarsches der
Truppen des Warschauer Paktes gewesen war und nach diesem erschreckenden Erlebnis
Kontakte nicht nur zu tschechoslowakischen, sondern auch zu polnischen Schriftstel-
lern und Studenten gesucht hatte. Das Vorbild und die Erfahrung der Solidarność bekam
für sein widerständiges Wirken und seinen Beitrag bei der Entstehung der unabhängi-
gen Friedensbewegung in der DDR große Bedeutung. [141]
In Ungarn gründete Ferenc Kőszegi101 im September eine unabhängige Friedens-
gruppe, Dialógus Békecsoport, deutsch: Friedensgruppe Dialogus.

99 Christian Führer: geb. am 5. März 1943. Er war von 1980 bis 2008 Pfarrer an der Nikolaikirche.
100 Christoph Wonneberger: geb. am 5. März 1944.
101 Ferenc Kőszegi: geb. am 16. Dezember 1957. Kőszegi war seit 1980 Agent des Innenministeriums.
224 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Auslöser der Gründung war eine Flugblattaktion in Budapest während des » Friedens-
marsches 1982 « von Moskau nach Wien. Die den Marsch unterstützenden » westlichen «
Friedensgruppen fokussierten ihre Kritik allein auf die » westliche « Militärpolitik. Der
Architekt und Dissident László Rajk jr. und Miklós Haraszti hatten auf Flugblättern die
Teilnehmer des Marsches auf die besondere Perspektive der unabhängigen mitteleuro-
päischen Friedensinitiativen aufmerksam gemacht. Sie verwiesen auf die Beteiligung
Ungarns an der militärischen Niederschlagung des Prager Frühlings und auf Drangsa-
lierungen von Militärdienstverweigerern in Ungarn. » Wir bitten Sie, werden Sie nicht
zum Werkzeug eines Missbrauchs im Namen des Friedens. Vergessen Sie nicht: Es gibt
keinen Frieden ohne Freiheit ! « [142] Teilnehmer dieser Aktion wurden verhaftet.
Dialógus Békecsoport versuchte, durch Kooperation mit dem offiziellen Országos
Béketanács (OBT), dem Nationalen Friedensrat, Einfluss auf die friedenspolitische Dis-
kussion zu erlangen. Kőszegi hob hervor, dass die Gruppe keine Opposition sein wolle.
Nach dem Austritt Kőszegis, der in den Nationalen Friedensrat OBT wechselte und
dort eine Funktion übernahm, folgte der Beginn des Auflösungsprozesses der Dialógus
Békecsoport. Bereits im Februar 1984 löste sich die Gruppe aufgrund zunehmenden po-
litischen Drucks durch das Regime und nach den oben angedeuteten inneren Zerwürf-
nissen endgültig auf.
In der Bundesrepublik Deutschland erfolgte ein Regierungswechsel, der auch
außenpolitisch außerordentlich folgenreich war. Der Bruch der SPD/FDP-Koalition
am 17. September, der primär aufgrund der Differenzen zwischen SPD und FDP zur
Wirtschafts- und Finanzpolitik aber auch aufgrund des fehlenden Rückhalts von Bun-
deskanzler Schmidt seitens der eigenen Partei in der Frage der NATO-Nachrüstung
entstand, öffnete den Weg für eine neue Regierungskonstellation. Der Zerfall der im
Oktober 1969 gebildeten » sozialliberalen « Koalition hatte sich bereits seit längerer Zeit
abgezeichnet.
Am 1. Oktober 1982 wählte der Bundestag mit der neuen Mehrheit aus CDU/CSU
und FDP im konstruktiven Mißtrauensvotum den ehemaligen Ministerpräsidenten von
Rheinland Pfalz und Bundesvorsitzenden der CDU Helmut Kohl102 zum Bundeskanzler.
Außenminister wurde der FDP-Bundesvorsitzende Hans-Dietrich Genscher.
Da die neue Regierung eine zusätzliche Legitimation, auch eine Legitimation in der
Nachrüstungsfrage erreichen wollte, wurde über die Vertrauensfrage des Kanzlers, die
gezielt herbeigeführt scheiterte, die vorzeitige Neuwahl des Bundestages erwirkt. Die
Bundestagswahl fand am 6. März 1983 statt.
Am 8. Oktober 1982 wurde die Solidarność durch ein neues Gewerkschaftsgesetz end-
gültig verboten. Die TKK rief aus Protest gegen das Verbot und das Kriegsrecht für den
10. November zum Generalstreik auf.
Der christliche Demokrat und Mitglied von Solidarita Polsko-Cesko-Slovenska/So-
lidarność Polsko-Czesko-Slowacka « (SPCZS), Polish Czech-Slovak Solidarity (PCSS) Ján
Čarnogurský initiierte 1982 zusammen mit dem als » General der Geheimkirche « be-

102 Helmut Kohl: geb. am 3. April 1930. Bundeskanzler vom 1. Oktober 1982 bis 27. Oktober 1998.
Frieden ohne Freiheit ? – Divergenzen Ost-West 225

zeichneten Priester Vladimír Jukl103 und mit František Mikloško104 im slowakischen Teil
der ČSSR die Herausgabe der Untergrundzeitschrift Náboženstvo a súčasnost, deutsch:
Religion und Gegenwart, eine zweite slowakische Samisdatschrift des christlichen Dis-
senses nach Orientácia. [143]
Bereits 1981 erschien die erste Untergrundzeitschrift des slowakischen bürgerrecht-
lichen Dissenses, die Publikation Kontakt.
Es ist hervorzuheben, dass die slowakischen Oppositionellen über Repräsentanten
der im slowakischen Teil der ČSSR lebenden ungarischen Minderheit mit » Andersden-
kenden « in Ungarn und ihrer Literatur in Kontakt kamen. Der Dichter Sándor Csoóri105
war nach dem Tod von Gyula Illyés106 im Jahr 1983 der geistigen Führer der Strömung
der » Populisten « in Ungarn und direkter Ansprechpartner der slowakischen Opposi-
tionellen. Die Solidarität wirkte wechselseitig: VONS und Charta 77 setzten sich ein
für die Freilassung des im Februar 1983 verurteilten Vorsitzenden der Csehszlovákiai
Magyar Kisebbség Jogvédő Bizottságát (CSMKJB) (Legal Aid Association of Hungarian
Minority in Czechoslovakia) Miklós Duray. Duray trat nach seiner Freilassung 1983 der
Charta 77 bei.

Ab April 1982 wurde die Weltöffentlichkeit durch Ereignisse in Beschlag genommen, die
keinen direkten Zusammenhang mit den Entwicklungen in Europa hatten: Im Südatlan-
tik wurden am 2. April die vom Vereinigten Königreich verwalteten Falklands (Falkland-In-
seln; spanisch: Malvinas) durch argentinische Militäreinheiten besetzt.
Es war die Absicht des argentinischen Diktators General Leopoldo Fortunato Galtieri,
durch diese Militäraktion nationale Emotionen zur Stabilisierung des Regimes zu wecken.
Britische Truppen begannen am 21. Mai mit der Rückeroberung. Die Militäroperation wur-
de im 14. Juni abgeschlossen.
Als Ergebnis des israelisch-ägyptischen Friedensabkommens vom 26. März 1979 erfolg-
te am 25. April 1982 die Rückgabe der Sinai-Halbinsel von Israel an Ägypten.
Am 6. Juni marschierten israelische Truppen in den Libanon ein. Am 21. August erzwang
Israel durch Belagerung Beiruts den Abzug von 12 000 PLO -Kämpfern aus dem Liba-
non. Beginnend am 16. September kam es in Beirut zu einem Massaker der libanesischen
Falange in den Palästinenserlagern Sabra und Chatila. Israelische Truppen, die die Lager
umstellt hatten, unterbanden die Aktion nicht.

103 Vladimir Jukl: 19. April 1925 – 1. Mai 2012. Der Geheimpriester Jukl war 1968 nach mehr als dreizehn-
jähriger Haft in Bratislava zusammen mit dem Arzt Silvester Krčméry Initiator und Gründer der ersten
Studentengruppen der Untergrundkirche. Jukl war in den neunziger Jahren Geschäftsführender Sekre-
tär der Slowakischen Bischofskonferenz.
104 František Mikloško: geb. am 2. Juni 1947. Mikloško hatte 1975 in Warschau studiert und seit dieser Zeit
Kontakt zu KIK. Er war von 1990 bis 1992 der erste Vorsitzende des Slowakischen Nationalrats. 1992 bis
2010 war er Abgeordneter der KDH im Parlament der Slowakischen Republik.
105 Sándor Csoóri: geb. am 3. Februar 1930.
106 Gyula Illyés: 2. November 1902 – 15. April 1983.
226 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

6 Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung,
Strategiewechsel der USA

In der Sowjetunion wurde die Arbeit der Dissidenten und Menschenrechtsgruppen von
den Behörden zunehmend behindert. Am 30. Juni 1982 erschien die letzte Ausgabe der
Chronika tekuščich sobytij (Chronik der laufenden Ereignisse). Am 6. September 1982
löste sich die Moskauer Helsinki Gruppe selbst auf. Der Druck auf die wenigen noch in
Freiheit lebenden Mitglieder war zu groß geworden. Von den sich noch in der UdSSR
aufhaltenden Mitgliedern lebten in Freiheit lediglich Jelena Bonner, die Anwältin Sofia
Kalistratova107 und der Mathematiker und Refusenik Naum Meiman. Dietrich Beyrau
kommentierte das schon in den siebziger Jahren bestehende Dilemma der Menschen-
rechtsaktivisten wie folgt: » Wie Sacharow so sah sich die gesamte Bewegung für partielle
Reformen und die Verteidigung der Menschenrechte (welche die Artikulationsfreiheit
notwendig einschloß) dem Dilemma ausgesetzt, auf eine Bewegung zur Selbstverteidi-
gung reduziert zu werden. « [144]
Nicolai N. Petro summierte die Defizite der Menschenrechtsbewegung wie folgt:
» First the movement had far too narrow a base of support. Although other strata of so-
ciety supported the human rights activists as individuals, its backbone and core leader-
ship remained the scientific and literary intelligentsia. […] Second, the lack of organi-
zational structure among groups led to a more rapid disintegration of the organizations
than would otherwise have been the case. […] A third weakness was the almost exclu-
sive focus on garnering Western support. This orientation implied a pro-Western, liberal
sentiment which alienated many nationalists and traditionalists and was easily exploited
by the regime to portray the human rights activists as traitors. « [145] Hier bezog sich
Petro allerdings ausschließlich auf den russischen Nationalismus, die engen Beziehun-
gen der Menschenrechtsgruppen zu den nichtrussischen nationalen Bewegungen über-
sah er in seiner Argumentation. Petro wies nach dem hier zitierten Resümee zur Men-
schenrechtsbewegung darauf hin, dass von Oppositionellen in der Sowjetunion ab Ende
der siebziger Jahre, ab Herbst 1980 auch mit direktem Verweis auf die Entstehung der
Solidarność in Polen, Überlegungen zum Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen ange-
stellt wurden. Diese dokumentierten Überlegungen zielten zudem auf eine Weitung der
Themenbereiche oppositioneller Aktivitäten über die Menschenrechtsfrage hinaus. [146]
Die Zerschlagung der Menschenrechtsgruppen durch das KGB war indes nicht das
Ende der Aktivitäten von Menschenrechtsaktivisten und Oppositionellen in der Sowjet-
union, wie bereits am folgenden Tag deutlich wurde. Am 9. September wurde im west-
ukrainischen Galizien das Initiativkomitee zur Verteidigung der Rechte der Gläubigen
der Kirche in der Ukraine gebildet. Hierbei war die im Untergrund bzw. im Exil beste-
hende Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche gemeint. Die Gruppe gab ab 1984 ein
Samvydav-Journal heraus, Khronika Ukrainskoyi Katolytskoyi Tserkvi (Chronik der Ka-

107 Sofia Kalistratova: 6. September 1907 – 5. Dezember 1989. Kalistratova und Dina Kaminskaja waren
1965/1966 Anwältinnen von Andreij Sinjawskij und Julij Daniel.
Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung, Strategiewechsel der USA 227

tholischen Kirche in der Ukraine), von der bis 1988 33 Ausgaben publiziert wurden. [147]
Die Chronik setzte sich nicht nur für die Rechte der Ukrainisch Griechisch-Katholi-
schen Kirche ein, sondern auch für die Rechte der anderen christlichen Glaubensge-
meinschaften.
Gründer der Gruppe und Herausgeber der ersten Ausgaben des Journals war Iosyf
Terelya108. In der ersten Ausgabe der Khronika griff er wie viele » Andersdenkende « vor
und nach ihm das Thema » Wahrheit « auf: » Wir sind nicht berechtigt, einem vergäng-
lichen Frieden mit dem Kommunismus zuliebe die Wahrheit zu opfern. « [148]
Terelya war bereits vor 1982 langjährig in Spezialkliniken für Psychiatrie und in La-
gern inhaftiert gewesen und wurde aufgrund seines Engagements für das Initiativko-
mitee schon am 24. Dezember 1982 festgenommen und im Januar 1983 erneut in eine
psychiatrische Anstalt zwangseingeliefert. Bei seiner Verurteilung am 20. August 1985
wurde er zu Zwangsarbeit im Lager für die » besonders gefährlichen Staatskriminellen «
Perm 36 bei Kutschino, VS-389/36-1, verurteilt. Nachfolger als Leiter der Gruppe war ab
1. März 1984 Vasyl Kobryn. Kobryn wurde im November 1984 verhaftet und am 22. März
1985 zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt.
Auf der von Jeri Laber organisierten » International Citizens Helsinki Watch Confe-
rence « im Bellagio Center der Rockefeller Foundation am italienischen Lago di Como
gründeten auf Sacharows Anregung im September 1982 Menschenrechtsaktivisten west-
licher Helsinki-Komitees gemeinsam mit in der Emigration lebenden Repräsentanten
von Dissidentengruppen des sowjetischen Machtbereiches die Internationale Helsinki-
Föderation für Menschenrechte (IHF). Mirosław Chojecki, der Gründer des Untergrund-
verlags NOW-a, vertrat die polnische Opposition, György Bence war aus Ungarn an-
gereist. Der Investor und Philanthrop George Soros nahm als Beobachter teil. Es war
Ziel der IHF, die Arbeit der osteuropäischen Helsinki-Komitees zu unterstützen. Sarah
B. Snyder bewertete die Leistung der IHF in ihrer Studie » Human Rights Activism and
the End of the Cold War « folgendermaßen: » It strengthened and formalized diffuse Hel-
sinki monitoring activities, thereby heightened their effectiveness. « [149]
Am 30. Oktober 1982 wurde nach insgesamt 35 Jahren Gefängnishaft, Lagerhaft
und Exil der litauische Lehrer und katholische Aktivist Petras Paulaitis109 freigelassen. –
Dieser knappe Hinweis auf das Schicksal des politischen Häftlings, » Prisoner of Con-
science «, Pauleitis soll beispielhaft die Brutalität der Innenpolitik der sowjetischen Füh-
rung verdeutlichen.
Am 9. November 1982 wurde auf einer Pressekonferenz am Rande der Madrider
KSZE-Folgekonferenz die Gründung der IHF öffentlich bekanntgegeben. Die führende
Rolle des Verbandes übernahm aufgrund eines Vorschlags des österreichischen Bundes-

108 Iosyf Terelya [Josip Terelja]: 27. Oktober 1943 – 16. März 2009. Nach seiner Entlassung am 22. Februar
1987 aus der Gefangenschaft emigrierte er und lebte ab 1988 in Toronto, Kanada.
109 Petras Paulaitis: 29. Juni 1904 – 19. Februar 1986. Paulaitis wurde am 12. April 1947 verhaftet, 1948 zu
25 Jahren Haft verurteilt. Er kam nach einer Amnestie 1956 für wenige Monate frei, bevor er erneut zu
25 Jahren Haft verurteilt wurde.
228 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

kanzlers Bruno Kreisky Karl Johannes Prinz zu Schwarzenberg110, der dann 1984 Präsi-
dent der IHF wurde.
Im Oktober 1982 richteten estnische Aktivisten einen offenen Brief an die Bürger
Finnlands, in dem sie forderten, dass Finnland sich nicht an einem geplanten Indus-
trieprojekt nahe Tallinn beteiligen möge, da dieses erhebliche Umweltprobleme auf-
werfe. Die Aktion war wohl 1983 der Anlass mehrerer Verhaftungen, u. a. von Lagle
Parek, und der erneuten Verhaftung von Enn Tarto. Tarto wurde am 18. April 1984
mit dem Vorwurf antisowjetischer Agitation und Propaganda aufgrund seiner Unter-
schrift unter die » Baltische Charta « vom 23. August 1979, den offenen » Brief zur Er-
richtung einer kernwaffenfreien Zone in Nordost-Europa « vom 10. Oktober 1981 und
den » Brief an die Bürger Finnlands « zu zehn Jahren Gefängnis und fünf Jahren Ver-
bannung verurteilt.
Am 10. November 1982 starb der Generalsekretär des ZK der KPdSU Leonid Iljitsch
Breschnew. Die politische Stagnation der mehr als achtzehn Jahre währenden » Bresch-
new-Ära « war damit jedoch keineswegs überwunden. Jurij Andropow, Vorsitzender des
KGB, wurde am 12. November zum Generalsekretär des ZK der KPdSU gewählt. Auch
aufgrund der frühzeitigen Erkrankung Andropow sollte sich die Stagnationsphase bis
1985 fortsetzen. Die Repression dissidentischen und oppositionellen Verhaltens nahm
unter Andropow sogar zu.
Der für den 10. November 1982 von der TKK der Solidarność ausgerufene Gene-
ralstreik wurde ein Misserfolg. Er erzielte nur geringe Resonanz in der Bevölkerung
Polens.
Am 31. Januar 1983 erschien in Litauen die letzte Publikation der 1978 gegründe-
ten Gruppe Tikinčiųjų teisėms ginti katalikų komitetas (Katholisches Komitee für die
Verteidigung der Rechte der Gläubigen), nachdem Alfonsas Svarinskas und Sigitas
Tamkevičius inhaftiert worden waren. [150] Die Verhaftungen von Svarinskas und Tam-
kevičius am 26. Januar und 7. Mai 1983 führten zu Massenprotesten in der Bevölkerung.
Mehr als 130 000 Litauer verlangten in Petitionen ihre Freilassung.
Jungraithmayr schrieb in seiner Monographie, dass sich durch den Wechsel von
Breschnew auf Andropow » die Lage der römisch-katholischen Kirche Litauens wesent-
lich verschlechtert (hat). […] Andropow ging in die Geschichte als erster Politbüro-
Vorsitzender ein, der aktive Christen zur Zwangsbehandlung in psychiatrische Anstal-
ten einliefern ließ. « [151] Diese Beurteilung kontrastiert scharf zu der in Deutschland
vorherrschenden Einschätzung in der Publizistik, wonach Andropow als Förderer
Gorbatschows und Wegbereiter der Politik der Perestrojka und Glasnost beurteilt wird.
Sein Wirken als Botschafter der UdSSR in Budapest während des Volksaufstands 1956
und als Vorsitzender des KGB von 1967 bis 1982 treten bei dieser Beurteilung in den Hin-
tergrund.

110 Karl Johannes Prinz zu Schwarzenberg: geb. am 10. Dezember 1937. Schwarzenberg war vom 9. Januar
2007 bis 8. Mai 2009 Außenminister der Tschechischen Republik. Im Juni 2009 wurde er Vorsitzender
der neugegründeten Partei TOP 09. Er war erneut Außenminister vom 13. Juli 2010 bis zum 10. Juli 2013.
Im Januar 2013 kandidierte er gegen Miloš Zeman um das Amt des Staatspräsidenten.
Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung, Strategiewechsel der USA 229

Die Litauische Helsinki-Gruppe hörte mit dem 4. Dezember 1983 auf zu bestehen. An
diesem Tag starb die Mitgründerin Ona Lukauskaitė-Poškienė im Alter von 76 Jahren.
Eitanas Finkelšteinas, ebenfalls Gründungsmitglied, emigrierte nach Israel.
Nach der Selbstauflösung der MHG und der Unterdrückung der Helsinki-Gruppen
in der Georgischen SSR, der Armenischen SSR und der Ukrainischen SSR schien die Be-
wegung für Menschen- und Bürgerrechte in der Sowjetunion und in den Staaten der so-
wjetisch dominierten Welt an ihr Ende gekommen zu sein. Die wenigen Akteure dieser
seit ihrer Entstehung sehr kleinen Bewegung – die Ausnahme bildete das Beispiel Po-
len – waren zumeist verfolgt, inhaftiert, verbannt, zwangsweise abgeschoben und ins
Exil gedrängt oder vom Regime ermordet worden.
Rege blieben hingegen die nationalen Bestrebungen in einzelnen Sowjetrepubli-
ken. Dies gilt insbesondere für Georgien. 1983 richteten georgische Historiker, Philoso-
phen und Schriftsteller eine Petition an die sowjetische Parteiführung und Regierung,
in der sie auf die Unterdrückung der Ingiloer, der georgischstämmigen Bevölkerung im
Saingili-Gebiet der Aserbaidschanischen SSR hinwiesen. Unter den Petenten war auch
der spätere Gründer und Vorsitzende der » Volksfront « Nodar Natadze111. [152]
Nationale Bestrebungen in den Sowjetrepubliken fanden Anfang der achtziger Jahre
ihre Rechtfertigung in literarischen Texten des kirgisischen Schriftstellers Tschingis
Aitmatow112. Aitmatow, der als Leninpreisträger und Mitglied im Obersten Sowjet der
UdSSR zu den Etablierten zählte, hatte 1981 in seinem Roman » Ein Tag länger als das
Leben « die Verleugnung der politischen und kulturellen Geschichte der Nationen wäh-
rend der Sowjetzeit beklagt und mit dem Begriff » Mankurtismus « gekennzeichnet. » Ein
Volk – im (kirgisischen Nationalepos, D. P.) » Manas « die Mankurt – verliert seine Frei-
heit mit seinem historischen Gedächtnis. « [153] Aitmatows Darstellung wurde in mehre-
ren Republiken sehr populär. In der Lettischen SSR wurde der Roman 1984 Grundlage
eines Bühnenstücks.
Die Nationalitätenfrage der Sowjetunion, insbesondere der » ethnische Nationalis-
mus «, war von Teilen der westlichen Wissenschaft bereits in den siebziger Jahren zum
Thema gemacht worden. Gerhard Simon analysierte diese Veränderung und die ihr zu-
grundeliegenden Entwicklungen in den Sowjetrepubliken in seinem Aufsatz » Nationa-
lismus in der Sowjetunion « in dem 1982 von Heinrich August Winkler herausgegebe-
nen Sonderheft 8 » Nationalismus in der Welt von heute « der Zeitschrift Geschichte und
Gesellschaft. Simons Quintessenz war: » Lösung oder Nicht-Lösung von Nationalitäten-
problemen ist zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunft, vielleicht sogar für den
Fortbestand der Sowjetgesellschaft geworden. « [154]
Ich möchte keinesfalls behaupten, dass in der oben beschriebenen Situation zu-
nehmender politischer Erstarrung in Mittel- und Osteuropa der Wechsel, nämlich das
Aufbrechen dieser Erstarrung, allein oder auch nur maßgeblich durch eine sich verän-
dernde Haltung der USA bewirkt wurde. Es ist jedoch zu konstatieren, dass die US-Ad-

111 Nodar Natadze: geb. am 27. Mai 1929. Natadze war von 1990 bis 1995 Parlamentsabgeordneter.
112 Tschingis Aitmatow: 12. Dezember 1928 – 10. Juni 2008. Er wurde 1989 Abgeordneter im UdSSR-Volks-
deputiertenkongress. Ab 1990 war er für die UdSSR und danach für Kirgisien als Diplomat tätig.
230 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

ministration unter Ronald Reagan einen grundlegenden Wechsel der politischen Strate-
gie gegenüber Osteuropa, insbesondere gegenüber der Sowjetunion, vollzog. Es ist eine
meines Erachtens noch offene Frage, wie groß der Beitrag dieses Strategiewechsels zum
Systemwechsel in Mittel- und Osteuropa letztlich war.
Für den 11. Mai 1982 ließ Präsident Reagan im Weißen Haus ein Treffen mit promi-
nenten sowjetischen Emigranten organisieren. Eingeladen waren Ljudmila Alexejewa,
der Physiker und ehemalige Refusenik Mark Azbel113, Waleri Tschalidse, Pjotr Grigo-
renko, Pawel Litwinow, die Krim-Tatarin Aishe Seitmuratova114, Andreij Sinjawskij und
Georgi Vins. [155]
Am 8. Juni 1982 hielt Reagan in der Royal Gallery im Palace of Westminster seine
» Evil Empire-Speech «, in der er die Sowjetunion als » Reich des Bösen « darstellte und
einen » Kreuzzug für die Freiheit « ankündigte:

» The objective I propose is quite simple to state: to foster the infrastructure of democracy, the sys-
tem of a free press, unions, political parties, universities, which allows a people to choose their
own way to develop their own culture, to reconcile their own differences through peaceful means.
[…] Let us now begin a major effort to secure the best – a crusade for freedom that will engage
the faith and fortitude of the next generation. For the sake of peace and justice, let us move to-
ward a world in which all people are at last free to determine their own destiny. « [156]

Die Reaktion von Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit war eindeutig. Reagan hatte
sich in den Augen vieler Kritiker definitiv als unverbesserlicher Antikommunist und
» Kalter Krieger «, ja, sogar als » Kriegstreiber « offenbart.
Der Vollzug des Strategiewechsels der US-Administration gegenüber Osteuropa
wurde am 2. September 1982 mit der National Security Decision Directive NSDD-54:
» U. S. Policy Toward Eastern Europe « auch statutarisch fixiert:

» The primary long-term U. S. goal in Eastern Europe is to facilitate its eventual reintegration
into the European community of nations. Western influence in the region admittedly is lim-
ited by Moscow’s willingness to use force against developments which threaten what it per-
ceives as its vital interest in the region. The United States […] can have an important impact
on the region, provided, it continues to differentiate in its policies toward the Soviet Union
and the Warsaw Pact countries of Eastern Europe […] so as to encourage diversity through
political and economic policies tailored to individual countries. «

Am 18. Oktober 1982 fand die Eröffnung einer vom State Department zusammen mit
dem American-Enterprise-Institute veranstalteten Konferenz zum Thema » Demokrati-

113 Mark Jakowlewitsch Azbel: geb. am 12. Juni 1932. Azbel hatte 1972 seinen ersten Ausreiseantrag gestellt
und durfte 1977 mit seiner Familie emigrieren. Er erhielt eine Professur an der Universität Tel Aviv.
114 Aishe Seitmuratova [Ayşe Seitmuratova]: geb. am 11. Februar 1937. Seitmuratova wurde als Siebenjäh-
rige mit ihrer Familie in die kasachische Wüste deportiert. Nach zwei Gefängnisaufenthalten in Lefor-
towo (1967 und 1971) und nach Lagerhaft in Moldawien 1978 war sie zwangsexiliert worden und in die
USA ausgewandert. Sie konnte erst 1990 in die Sowjetunion zurückkehren.
Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung, Strategiewechsel der USA 231

sierung in kommunistischen Ländern « statt. In seiner Eröffnungsrede kündigte der seit


Februar des Jahres amtierende Außenminister George Shultz115 an, dass die USA Bür-
gerrechtsbewegungen in kommunistisch regierten Staaten künftig direkt unterstützen
würden. Dies wich von Carters Menschenrechtspolitik ab, die eine direkte Einmischung
in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten vermieden hatte. Shultz gab ferner be-
kannt, dass die Administration ein Modernisierungsprogramm für US-Radiostationen
in Höhe von einer Milliarde Dollar auflegen würde, um den politischen Effekt von Ra-
diosendungen nach Osteuropa zu erhöhen. [157]
Die vorliegenden Untersuchungen bestätigen, dass westliche Radiosender bereits
1982/1983 in Mittelost- und Südosteuropa ein großes Publikum erreichten, insbesondere
bei den jüngeren, gut ausgebildeten städtischen Schichten. » According to surveys from
1982 and 1983, Western radio was listened to at least once a week by 68 percent of Poles,
64 percent of Romanians, 58 percent of Hungarians, 37 percent of Czechs, and 33 per-
cent of Bulgarians. « [158]
In Westeuropa wurde diese Wendung der US-Politik kaum zur Kenntnis genom-
men. Allenfalls die verstärkte Agitation gegen RFE und andere nach Osteuropa sen-
dende Rundfunkanstalten durch sozialistische und kommunistische Gruppierungen
markierte die Entwicklung. Friedbert Pflüger kommentierte die mangelnde Resonanz
in Westeuropa wie folgt: » Die Tatsache, daß diese Wendung in der amerikanischen und
europäischen Presse kaum zur Kenntnis genommen wurde, läßt sich nur damit erklären,
daß im Herbst 1982 andere internationale Fragen, vor allem die Auseinandersetzungen
über die Stationierung von Mittelstreckenraketen in Europa, im Mittelpunkt des öffent-
lichen Interesses standen. « [159]
Der Strategiewechsel wurde am 17. Januar 1983 mit der National Security Decision
Directive NSDD-75: » U. S. Relations with the USSR «, komplettiert. Die NSDD-75 löste
NSC-68 vom 14. April 1950 ab. Zielsetzung der Direktive war es, einen Wechsel des po-
litischen Verhaltens der UdSSR zu erreichen. Langfristiges Ziel war ein fundamentaler
Wandel des politischen Systems der Sowjetunion. Verfasser der Direktive war Richard
Pipes, vormalig Direktor des Russian Research Center der Harvard University und Spe-
zialist für Russische und Sowjetische Geschichte. Pipes verwies in seinen Memoiren auf
die zentrale Aussage der Direktive. [160]

» To promote, within the narrow limits available to us, the process of change in the Soviet
Union toward a more pluralistic political and economic system in which the power of the
privileged elite is gradually reduced. The U. S. recognizes that Soviet aggressiveness has deep
roots in the internal system, and that relations with the USSR should therefore take into ac-
count whether or not they help to strengthen the system and its capacity to engage in ag-
gression. «

115 George P. Shultz: geb. am 13. Dezember 1920. Shultz war von Februar 1982 bis Januar 1989 Außenminis-
ter der USA.
232 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Zum Verständnis von Richard Pipes ist es dienlich zu erwähnen, womit der am 11. Juli
1923 im polnischen Cieszyn geborene und in Warschau aufgewachsene Historiker Russ-
lands und der Sowjetunion das erste Kapitel seiner Memoiren beginnt: » On Thursday,
August 24, 1939, the Polish-Jewish daily Nasz Przegląd (Our Review), which we read
regularly, carried on the front page the startling news that the two archenemies, Nazi
Germany and the Soviet Union, had signed a nonaggression treaty. « [161] Die Bedeu-
tung und die Folgen, die der Hitler-Stalin-Pakt und die Konferenz von Jalta für die ost-
europäischen Nationen hatten, waren Pipes nicht nur als Historiker selbstverständlich
geläufig, sondern aus eigener Erfahrung bewusst. Ihm war zudem aus Erfahrung und
aufgrund seiner Forschungen die Vergleichbarkeit der totalitären Strukturen und der
Politik der zwei » Erzfeinde « eine Selbstverständlichkeit. Sicherlich sollte die Bedeutung
einzelner Berater und politischer Akteure nicht überschätzt werden. Dies gilt zumal für
Pipes, der noch 1983 aus dem Amt schied. Nachfolger wurde der Berufsdiplomat Jack F.
Matlock, Jr.116, der bei seiner Berufung in den NSC Botschafter der USA in der ČSSR war.
Selbst wenn man unterstellen kann und sollte, dass außenpolitische Strategien zu-
meist lediglich Reaktionen auf sich verändernde äußere Konstellationen sind: Dieser
Strategiewechsel war von Bedeutung. Die USA offerierten den mittel- und osteuropä-
ischen Akteuren Handlungsanreize respektive definierten Beschränkungen und tru-
gen dadurch zur Gestaltung von Handlungsräumen von Oppositionellen und Regie-
renden bei.
Der Politikwechsel unter Präsident Ronald Reagan betraf auch die Sicherheitspoli-
tik der USA. Am 23. März 1983 kündigte Präsident Reagan das Programm zur Entwick-
lung eines boden- und weltraumgestützten Raketenabwehrsystems an, die » Strategic
Defense Initiative « (SDI). Die Wirkung dieser Ankündigung auf die sowjetische Füh-
rung darf meiner Überzeugung nach nicht unterschätzt werden. Allein die Tatsache,
dass sich die USA zutrauten, ein derartiges Programm technologisch und finanziell im-
plementieren zu können, muss in Moskau einen Schock ausgelöst und den sowjetischen
Politikern und Militärs die technologische und wirtschaftliche Überlegenheit der USA
in ihrer ganzen Dramatik vor Augen geführt haben.
Diese Perzeption wurde noch 2006 in einem Interview deutlich, welches die Frank-
furter Allgemeine Sonntagszeitung mit General Wojciech Jaruzelski führte. Auf die Frage
von Konrad Schuller: » Wer war noch entscheidend für den Sturz des Kommunismus ? «
antwortete Jaruzelski: » Ganz entscheidend war Ronald Reagan. Seine Rüstungspolitik
hat die Sowjetunion in die Knie gezwungen. Schließlich ist dann Gorbatschow auf die
Bühne getreten. « [162]
In Europa, zumal in der Bundesrepublik Deutschland, war auch zu Beginn des Jah-
res 1983 die » Nachrüstungsdebatte « das beherrschende Thema. Vor dem Hintergrund
dieser Situation kam es während des Bundestagswahlkampfes zu einem spektakulären
Auftritt des französischen Präsidenten François Mitterrand im Deutschen Bundestag.
Aus Anlass des 20. Jahrestages der Unterzeichnung des » Élysée-Vertrages «, des deutsch-
französischen Freundschaftsvertrages, hielt Präsident Mitterrand in der letzten Plenar-

116 Jack F. Matlock, Jr.: geb. am 1. Oktober 1929.


Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung, Strategiewechsel der USA 233

sitzung des 9. Deutschen Bundestages am 20. Januar 1983 eine Rede, in der er für die
NATO-Nachrüstung plädierte, sich damit – obwohl selbst Sozialist – eindeutig gegen
die Mehrheit der SPD-Fraktion stellte und faktisch für den Kurs Helmut Kohls eintrat.
Inwieweit die Rede Mitterrands Kohl im Wahlkampf genutzt hat, ist hier ohne Belang.
Sie hat ihm zumindest nicht geschadet. Nach gewonnener Bundestagswahl wurde er am
29. März vom Parlament erneut zum Bundeskanzler gewählt.
Motiv dieser » Intervention « Mitterrands war die bereits zitierte Furcht der französi-
schen Politik vor einem » Nationalneutralismus « der Bundesrepublik Deutschland. Für
diese Sorge gab es durchaus Anlass: So wurde in der Bundesrepublik während der De-
batte um die Nachrüstung erneut die Idee einer Herauslösung des europäischen Zen-
trums aus den Blöcken diskutiert. Faktisch wurde von der westdeutschen Friedensbe-
wegung die Neutralisierung Deutschlands gefordert. Wolf D. Gruner weist in seiner
Publikation » Deutschland in Europa 1750 bis 2007 « ausführlich auf diese über die Frie-
densbewegung weit hinausgreifende Debatte hin. [163]
Zur gleichen Zeit begann sich die unabhängige Friedensbewegung in der DDR zu
formieren. Vom 5. bis 6. März 1983 war es in den Räumen der Evangelischen Kirchenge-
meinde Berlin-Oberschöneweide unter dem Motto » Konkret für den Frieden « (im fol-
genden Text » Frieden konkret «) zu einem ersten Treffen von 130 Mitgliedern kirchlicher
Friedensgruppen aus allen Teilen der DDR gekommen. Die Initiative hierzu kam von
Pfarrer Hans-Jochen Tschiche, dem damaligen Leiter der Evangelischen Akademie in
Magdeburg. Seine Anregungen, die Arbeit der Basisgruppen stärker zu vernetzen und
auch » außerkirchliche Organisationsformen « zu wählen, fanden bei den Vertretern der
Basisgruppen allerdings nur begrenzte Zustimmung. [164]
In der Wahrnehmung politischer Prioritäten und Wertsetzungen wurden zu jener
Zeit zunehmend Differenzen zwischen west- und mittelosteuropäischen Friedensinitia-
tiven deutlich. Jaroslav Šabata, Aktivist von Charta 77, versuchte im April 1983 in einem
Brief an den END-Gründer Edward Palmer Thompson diesen davon zu überzeugen,
dass Menschenrechtsfrage und Friedensfrage untrennbar miteinander verbunden sind.
» This is how for the first time the hitherto taboo subject of German unification had ap-
peared as a discussion item in the non-governmental East-West dialogue; and it was to
stay there until the collapse of the Wall. « [165]
Am 12. Mai 1983 demonstrierten Mitglieder der Partei Die Grünen, darunter Petra
Kelly und drei weitere Mitglieder des Bundestages, auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz
mit dem Transparent » Schwerter zu Pflugscharen «. Anlass war die vom 9. bis 14. Mai
in West-Berlin stattfindende Convention der END (European Nuclear Disarmament), zu
der 44 Angehörige der unabhängigen DDR-Friedensbewegung eingeladen worden wa-
ren, jedoch nicht teilnehmen konnten. Reinhard Weißhuhn vermerkte lakonisch in sei-
nem Bericht für die Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages: » Natürlich durf-
ten sie nicht ausreisen. « [166]
Die Solidaritätsaktion von Kelly und anderer Führungsmitglieder der » Grünen «
für die ostdeutsche Friedensbewegung war in der Partei außerordentlich umstritten
und stieß beim deutschlandpolitischen Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Dirk
Schneider, auf heftige Kritik und führte zu Gegenaktionen. Nach Öffnung der Archive
234 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

des MfS wurde belegbar, dass Schneider Inoffizieller Mitarbeiter des MfS war und als
» IM Ludwig « geführt wurde. Der Umstand, dass außer einigen Mitgliedern der Partei
Die Grünen keine andere poltische Organisation der Bundesrepublik sich mit den ost-
deutschen Aktivisten der Friedensbewegung solidarisierte, hätte schon zum Zeitpunkt
der Ereignisse bedenklich stimmen müssen.
Auf einer Demonstration der Friedensgemeinschaft Jena wurden am 19. Mai Banner
mit der Aufschrift » Schwerter zu Pflugscharen « mitgeführt.
Am 8. Juni erfolgte die zwangsweise Ausbürgerung von Roland Jahn, einem Mit-
glied der Friedensgemeinschaft Jena. Neben Jürgen Fuchs wurde Jahn zur wichtigsten
Kontaktperson der DDR-Friedensbewegung in West-Berlin. Auch versuchte Jahn von
West-Berlin aus, für die Friedensbewegung und später dann für die Bürgerrechtsbewe-
gung Kontakte zu den Friedens- und Menschenrechtsgruppen in Polen, der ČSSR und
Ungarn herzustellen.
Am 24. Juni kamen mehr als 6 000 Jugendliche zu der von Pfarrer Eppelmann orga-
nisierten Blues-Messe mit dem hintersinnigen Motto » Wir Protestanten « in die Berli-
ner Erlöserkirche.
Vom 21. bis 26. Juni 1983 fand in Prag die » Weltversammlung für Frieden und Le-
ben, gegen den Atomkrieg « des insgeheim vom KGB gesteuerten World Peace Coun-
cil (WPC), deutsch: Weltfriedensrat, statt. An dem Kongress mit 2 635 Teilnehmern aus
132 Ländern durften aus den WVO-Staaten ausschließlich Delegierte regimeabhängiger
Organisationen teilnehmen.
Zur allgemeinen Überraschung erschien auf dem Kongress František Kardinal
Tomášek117. Er hielt eine Ansprache, in der er die Unteilbarkeit von Frieden und Freiheit
hervorhob und für die Religionsfreiheit eintrat. Anlässlich der Veranstaltung demons-
trierten einige Hundert » Informelle « unter dem Banner » Frieden und Freiheit «. Die
Versammlung wurde von der Staatssicherheit (StB) unter Anwendung brutaler Gewalt
beendet. Deutsche Kongressteilnehmer der Partei » Die Grünen « verließen nach den
Übergriffen des StB den Kongress und reisten ab.
Zum Verständnis der Vehemenz der Diskussion über die » Friedenspolitik « in Europa
ist ein international seinerzeit sehr stark beachtetes Ereignis in Ostasien vom 1. Septem-
ber bedeutsam: An diesem Tag schoss die sowjetische Flugabwehr irrtümlich die ko-
reanische Linienmaschine Korean Airlines KAL 007 auf dem Weg von New York nach
Seoul westlich der Insel Sachalin ab. Alle 269 Insassen wurden getötet. Dieses Ereignis
hatte atmosphärische Auswirkungen auch auf die Madrider KSZE-Folgekonferenz.
Am 1. September, in der DDR » Weltfriedenstag «, versuchten in Ost-Berlin Oppo-
sitionelle, unter ihnen Rainer Eppelmann, zwischen den Botschaften der USA und der
UdSSR eine Menschenkette zu bilden. Die Manifestation wurde durch Sicherheitskräfte
gewaltsam beendet. Teilnehmer wurden inhaftiert.

117 František Tomášek: 30. Juni 1899 – 4. August 1992. Tomášek wurde 1949 geheim zum Weihbischof ge-
weiht, war von 1951 bis 1954 in einem Internierungslager für Priester inhaftiert, wurde 1976 Kardinal » in
pectore «, am 30. Dezember 1977 Erzbischof von Prag und offiziell Kardinal.
Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung, Strategiewechsel der USA 235

Am 9. September 1983 wurde in Madrid das II. KSZE-Folgetreffen mit der Unter-
zeichnung eines Abschlussdokuments beendet. Das Bedeutsame am Folgetreffen war,
dass trotz der Vielzahl an Konflikten zwischen den » Blöcken «, insbesondere angesichts
der Debatte um die Stationierung von INF-Raketen, die Konferenz abgeschlossen und
ein Abschlussdokument erstellt werden konnte.
Am Rande der Feiern zum 500. Geburtstag des Reformators Martin Luther organi-
sierte der Friedenskreis um Pfarrer Friedrich Schorlemmer118 am Abend des 24. Sep-
tember 1983 im » Lutherhof « in Wittenberg vor zirka 2 000 Menschen eine inoffizielle
Veranstaltung, bei der Kunstschmied Stefan Nau aus einem Schwert eine Pflugschar
schmiedete. Aufgrund der Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters von Berlin
und designierten Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in Wittenberg und in An-
betracht der Präsenz vieler internationaler Gäste und Journalisten blieb die Aktion von
der Staatssicherheit ungestört. [167]
Die Unterdrückung der DDR-Friedensbewegung wurde am 12. Dezember mit Inhaf-
tierung von Bärbel Bohley, Ulrike Poppe, Irena Kukutz und Jutta Seidel119 von der Ini-
tiative Frauen für den Frieden fortgesetzt. Bohley und Poppe wurden erst im Januar 1984
aus der Haft entlassen. Vor dem Hintergrund fortgesetzter staatlicher Übergriffe auf
Mitglieder der unabhängigen Friedensbewegung ist deren Einstufung durch den Sozio-
logen Detlef Pollack, der sich hierbei auch auf Wolfgang Templin und Reinhard Weiß-
huhn beruft, nur mit Zögern zuzustimmen: » Gleichwohl wird man die › Friedensbewe-
gung ‹ der DDR nicht als die Formierung einer politischen Opposition ansehen können,
dazu waren die Ziele dieser › Bewegung ‹ zu unbestimmt und ihre Organisationsform zu
diffus. Viele wollten gar nicht selber in die Politik eingreifen, sondern verstanden ihr
politisches Engagement als einen Protest gegen Politik schlechthin. « Pollack konzediert
dann auch: » Wenn die Friedensgruppen sich auch nicht selbst als Opposition verstan-
den, so wurden sie vom Polizei- und Sicherheitsapparat doch als oppositionell behan-
delt. « [168] In Ergänzung zu Pollack ist festzuhalten, dass diese Gruppen, wie auch die
später gegründeten Umwelt- und Bürgerrechtsgruppen, die Funktion oppositioneller
Gruppen mindestens zum Teil erfüllten. Diese Funktion wuchs ihnen zu, obwohl mehr-
heitlich die Mitglieder dieser Gruppen und Bewegungen, häufig aus taktischen Grün-
den und aus Gründen des Selbstschutzes, davon Abstand nahmen, als Oppositionelle
verstanden zu werden. [169]
Obwohl sich die ungarische Friedensgruppe Dialógus Békecsoport unter der Lei-
tung von Ferenc Köszeg nicht als Dissidentengruppe verstand und versuchte, mit dem
staatlichen Friedensrat zu kooperieren, beschloss das Politbüro des ZK der MSZMP am
29. März 1983, die Gruppe aufzulösen. Der Beschluss wurde dann Ende des gleichen Jah-
res umgesetzt.
Am 16. Juni 1983 trat der Papst seine » Zweite Pilgerreise « nach Polen an. In einer lan-
desweit im Fernsehen übertragenen Rede an General Jaruzelski im Pałac Belwederski,
Belvedere, in Warschau, dem Amtssitz der polnischen Präsidenten vor dem Zweiten

118 Friedrich Schorlemmer: geb. am 16. Mai 1944.


119 Jutta Seidel: 27. Oktober 1950. Jutta Seidel war 1989 Mitgründerin des Neuen Forums.
236 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Weltkrieg, sagte er am 17. Juni 1983: Polen habe ein Recht auf » seinen berechtigten Platz
unter den Nationen Europas zwischen Ost und West «.
Die » Ermutigungen « des Papstes an die Adresse der polnischen Nation wurden in
der Bundesrepublik Deutschland zum Teil sehr abfällig kommentiert. Es waren nicht
nur westdeutsche Politiker, die es an Takt und Augenmaß fehlen ließen, wenn Einschät-
zungen der politischen Entwicklung Polens gefordert waren. Auch in wichtigen west-
deutschen Medien waren stereotype Charakterisierungen der innenpolitischen Situa-
tion Polens vorherrschend. Noch nach über dreißig Jahren ist es zutiefst erschreckend
zu lesen, was Rudolf Augstein, der Herausgeber von Der Spiegel, in einem Artikel mit
dem Titel » Von der Vision zur Division « schrieb. Es ist außerdem lehrreich, wie Jan
Józef Lipski diesen Artikel Augsteins in einem offenen Brief vom 30. Januar 1984 kom-
mentierte. [170]
Aufgrund des Drucks des Vatikans kam es am letzten Tag der Pilgerreise, am 23. Juni,
in Zakopane zu einem Treffen des Papstes mit Lech Wałęsa.
Am 22. Juli 1983 wurde der Kriegszustand förmlich beendet. Dieses war dem Papst
während des Besuches zugesagt worden. Allerdings waren mittlerweile viele Verordnun-
gen des Kriegsrechts in Gesetzesform » legalisiert « worden. Die Solidarność blieb verbo-
ten; viele Mitglieder der Gewerkschaft blieben in Haft bzw. wurden weiterhin verfolgt.
So wurde beispielsweise der Breslauer Universitätsdozent und Dichter Lothar
Herbst120, der von 1983 bis 1987 die Untergrundzeitschrift Obecność, deutsch: Gegenwart,
herausgab, zwischen dem Beginn des Kriegsrechts und 1987 mehrfach inhaftiert. Nach-
dem westdeutsche Zeitungen seine Situation dargestellt hatten, der Internationale P.E.N.
mehrfach protestiert hatte und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU
Bundestagsfraktion, Volker Rühe, sich bei Gesprächen in Polen für ihn einsetzt hatte,
wurde Herbst aus der Haft entlassen, um sich in Lübeck in eine dringende augenärzt-
liche Behandlung begeben zu können.
Lech Wałęsa erhielt am 10. Dezember 1983 den Friedensnobelpreis. Von Radio Polska
wurde die Verleihung als » antipolnische Aktion « bezeichnet. – Dieses sah die Mehrheit
der Polen selbstverständlich anders.

Im Verhältnis der beiden deutschen Staaten zueinander wurde auch nach der Wahl
der von CDU/CSU geführten Bundesregierung die so genannte Politik der » Norma-
lisierung « fortgeführt. Ich weise auf die Problematik dieses Begriffes hin. Dieses ma-
che ich nicht nur, weil in der ČSSR nach 1968 die » Ausschaltung « der Reformer und
Kritiker des Regimes als » normalizace « bezeichnet wurde. Mit » Normalisierung « der
Beziehungen zwischen Staaten wurde und wird zumeist eine Anerkennung angeb-
licher Realitäten durch einen Staat, dem dieses als Zugeständnis abverlangt wird, be-
zeichnet. So auch im Verhältnis der beiden deutschen Staaten. Die DDR verstand un-
ter » Normalisierung « der Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland vorrangig
die Anerkennung der sogenannten » Geraer Forderungen « Honeckers vom 13. Okto-

120 Lothar Herbst: 27. Juli 1940 – 27. April 2000. Herbst war von 1990 bis 2000 Chefredakteur von Polskie
Radio Wrocław. Eine Gedenktafel in der ul. Odrzańska 17 in Wrocław ehrt Lothar Herbst.
Menschenrechtsbewegung, Friedensbewegung, Strategiewechsel der USA 237

ber 1980. Diese bezogen sich auf den Verlauf der Elbgrenze, sie beinhalteten die Forde-
rung nach Schließung der kurz nach Bau der Berliner Mauer eingerichteten » Zentralen
Beweismittel- und Dokumentationsstelle der Landesjustizverwaltungen « in Salzgitter,
der Erfassungsstelle für Gewaltverbrechen der DDR, sowie nach Respektierung der
DDR-Staatsbürgerschaft und nach Umwandlung der Ständigen Vertretungen der Bun-
desrepublik Deutschland und der DDR in Botschaften. Kern war die Anerkennung der
Zweistaatlichkeit Deutschlands.
In der Bundesrepublik erkannten Die Grünen, wohl unter Einfluss des deutschland-
politischen Sprechers der Bundestagsfraktion Dirk Schneider, und Teile der SPD – Bahr
ab 1984 – die » Geraer Forderungen « an.
Aus Sicht der Bundesregierung war » Normalisierung « die Überwindung der durch
die Teilung verursachten menschlichen Zumutungen für die Bürger der beiden Staaten.
Mit einer » Politik der kleinen Schritte « sollten die Teilungsfolgen mindestens gemildert
werden. Hierzu zählte auch eine Beseitigung der ab 1970 am innerdeutschen Grenzzaun
montierten etwa 60 000 Selbstschussanlagen des Typs SM-70 (Splitterminen). Als Hebel
zum Erreichen dieses Ziels nutzte die Bundesregierung zunehmend finanzielle Anreize.
Die Vergabe zinsgünstiger Kredite war aufgrund der drohenden Zahlungsunfähigkeit
der DDR hierbei ein besonders wirksames Instrument.
Die von Helmut Kohl geführte Bundesregierung vereinbarte auf Vermittlung des
bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß mit der Führung der DDR bereits
am 24. Juli 1983 einen ersten umfangreichen Kredit an die DDR. Offenbar im Gegenzug
kündigte der Generalsekretär des ZK der SED, Erich Honecker, am 5. Oktober im öster-
reichischen Fernsehen den Abbau der rund 60 000 Selbstschussanlagen an der Grenze
der DDR bis Ende 1984 an. Die DDR war allerdings hierzu auch aufgrund der am 2. De-
zember 1983 in Kraft getretenen UNO-Konvention, der » Konvention über Verbote und
Beschränkungen der Anwendung bestimmter konventioneller Waffen, die übermäßig
verletzen oder unterschiedslos wirken können «, verpflichtet. Der Abbau der letzten
Selbstschussanlagen erfolgte dann am 30. November 1984.
Die Politik der » Normalisierung « war auch aus Sicht der Bundesregierung ambiva-
lent: Einerseits wurden, insbesondere durch finanzielle Anreize, im begrenzten Umfang
menschliche Erleichterungen erreicht, andererseits wurde das Regime der DDR gestützt
und, wie heute gut begründet dargestellt werden kann, dessen Existenz verlängert. Diese
Ambivalenz war nicht nur Ausgangspunkt westdeutscher Kritik an der Politik der Bun-
desregierungen, sondern zunehmend auch Ansatzpunkt für Kritik bei ostdeutschen Op-
positionellen.
Am 5. Oktober 1983 sandte Honecker einen Brief an Bundeskanzler Kohl, in dem er
diesen bat, seine Haltung zur Nachrüstungsfrage zu überdenken. Kohl antwortete mit
Briefen am 24. Oktober und am 14. Dezember 1983. Der Versuch Honeckers, ein Ein-
lenken der Bundesregierung in der Nachrüstungsfrage zu erreichen, scheiterte. Es ist zu
vermuten, dass Honeckers Aktion primär auf die öffentliche Wirkung in der Bundesre-
publik abzielte.
Am 22. Oktober demonstrierten in Bonn, Berlin, Hamburg, Stuttgart und Ulm insge-
samt mehr als eine Million Menschen gegen den NATO-Doppelbeschluss. Am 23. Okto-
238 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

ber demonstrierten in Brüssel Hunderttausende und am 29. Oktober in Den Haag rund
500 000 Menschen gegen die Nachrüstung.
Zum Verständnis der politischen Stimmung in Westeuropa erwähne ich, dass in
der Bundesrepublik Deutschland nicht nur Teile der Bevölkerung und Politiker, son-
dern auch wichtige Politikberater, z. B. vom Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und
internationale Studien (BIOst), eine militärische Reaktion der UdSSR bei Vollzug der
westlichen Nachrüstung nicht ausschlossen.
Parallel zur Demonstration in Den Haag organisieren Anhänger der bereits aufgelös-
ten ungarischen Friedensgruppe Dialógus Békecsoport eine Solidaritätsdemonstration
vor der Botschaft der Niederlande.
Am 22. November 1983 stimmte der Deutsche Bundestag mit seiner Mehrheit dem
NATO-Doppelbeschluss zu, womit die Stationierung der INF-Raketen (Intermediate
Range Nuclear Forces) begann.
Trotz der parlamentarischen Entscheidung setzte auch in der Bundesrepublik
Deutschland die Friedensbewegung ihren » Widerstand « gegen die Dislozierung der
Pershing II fort. Der innenpolitische Konflikt sollte erst Dezember 1987 mit Abschluss
des INF-Vertrages zwischen den USA und der Sowjetunion weitgehend abebben.
Für die Entwicklung der Beziehungen zwischen der DDR und der Sowjetunion
wurde bedeutsam, dass die ab 1982 betriebene Dislozierung neuer atomarer sowjetischer
Gefechtsfeldwaffen in der DDR von Erich Honecker Ende November 1983 relativ offen
kritisiert wurde. » Kein osteuropäischer Staatschef, mit Ausnahme Ceausescus, äußerte
jemals direkte öffentliche Kritik an den Stationierungen. « [171]
Die Haltung Honeckers wurde von der sowjetischen Führung als Distanzierung zum
Bündnis und als Annäherung der DDR an die Bundesrepublik wahrgenommen und
kritisch verstanden. Die Differenz zwischen den Positionen in der Stationierungsfrage
wurde zu einer weiteren Belastung, der für die DDR-Führung existentiell wichtigen Be-
ziehungen zur Sowjetunion.

7 Mitteleuropa

1984 wurde für den politischen Diskurs der mitteleuropäischen oppositionellen Intelli-
genz zu einem Jahr von besonderer Bedeutung.
Der bereits 1983 in der wenig verbreiteten linksliberalen Pariser Zeitschrift Le débat
erschienene Essay › Un occident kidnappé ou la tragédie de l’Europe centrale ‹ des im
französischen Exil lebenden Milan Kundera wurde im April 1984 im auflagenstarken
Magazin The New York Review of Books publiziert. Die Publikation startete die » Mittel-
europadebatte « der Achtzigerjahre. » Noch im gleichen Jahr erschienen weitere Schlüs-
seltexte, wie György Konráds » Antipolitik « und Adam Michniks » Letters from the
Gdansk Prison «. Als westliche Reaktion folgten Timothy Garton Ashs Aufsatz » Does
Central Europe Still Exist ? « […] In seinem klassischen Text » Die Mitte liegt ostwärts «
forderte Karl Schlögel die deutsche Öffentlichkeit auf, unvoreingenommen über die
deutsche Rolle in Ostmitteleuropa nachzudenken. « [172]
Mitteleuropa 239

Mit seinem Beitrag durchbrach Kundera die simplifizierende, unhistorische und hin-
sichtlich des » Ostens « häufig pejorativ gemeinte Unterteilung Europas in West und Ost.
Er delegitimierte mit seinem Beitrag den imperialen Übergriff der Sowjetunion auf Mit-
teleuropa und griff zugleich Denkvorstellungen im Westen an, die sich mit der » Ord-
nung von Jalta « abgefunden hatten und die zugleich die Aufrechterhaltung der Stabi-
lität der Blöcke als singuläre Voraussetzung für den Frieden in Europa betrachteten.
» So konstruiert er ein Mitteleuropa, das, obwohl es hinter dem Eisernen Vorhang liegt,
ein integraler Bestandteil des Kontinents sei. […] Seine Polemik attackiert die mental
map des Westens, der sich bequem mit der Ordnung von › Jalta ‹ – der zentralen Meta-
pher für den westlichen Verrat an Ostmitteleuropa – arrangiert habe. Ein Europa, so
Kundera, das seine Mitte an ein fremdes Imperium verrate, habe seine eigenen Werte
verloren. « [173]
Die Argumentation Konráds ist der Darlegung Kunderas vergleichbar. Auch er
lehnte die » Ordnung von Jalta « ab. » In keinem einzigen Land Ost-Mitteleuropas hatte
die Bevölkerungsmehrheit nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Willen bekundet, lieber
zur sowjetischen als zur westlichen Einflußsphäre gehören zu wollen. Wo es Wahlen
gab, wo sich der Volkswille artikulieren durfte, dort stimmte die Mehrheit der Bevölke-
rung für die Demokratie westlichen Typs. « [174] Gegen Schluss des Essays » Osteuropa
in der Zwangsjacke von Jalta « kam er dann zum Kern seiner Kritik am Bestehenden. Er
schrieb: » Sowohl die Führungsrolle der Partei a priori als auch unsere Bündnistreue zur
Sowjetunion a priori sind etwas Unnatürliches. Um diese Lage aufrechtzuerhalten, sind
Gewalt, Lüge und Angst erforderlich. « [175]
Konrád knüpfte zugleich an Michniks Evolutionismus an. Auch er verwies auf Spa-
nien, Portugal und auf Griechenland als Beispiele für friedlichen Wandel. Als » Rezept «
für Ungarn postulierte er: » Durch langsam heranreifende soziale Neuordnung Neuord-
nung der politischen Strukturen. « [176] Sein Begriff » Antipolitik « meinte eine sittliche
Einstellung und praktische Orientierung, die von einer apolitischen Haltung deutlich zu
unterscheiden ist. Denn » Antipolitik ist das Politisieren von Menschen, die keine Poli-
tiker werden und keinen Anteil an der Macht übernehmen wollen. Antipolitik betreibt
das Zustandekommen von unabhängigen Instanzen gegenüber der politischen Macht,
Antipolitik ist eine Gegenmacht, die nicht an die Macht kommen kann und das auch
nicht will. Die Antipolitik besitzt auch so schon und bereits jetzt Macht, nämlich auf-
grund ihres moralisch-kulturellen Gewichts. « [177]
Die entstehende Mitteleuropadebatte trug zur Intensivierung der Vernetzung zwi-
schen Oppositionellen in Polen, Ungarn und der ČSSR bei. Sie führte zudem bei eini-
gen westlichen Intellektuellen zur stärkeren Wahrnehmung dieser Gruppen. Jan C.
Behrends und Friederike Kind gehen 2005 in ihrem Beitrag » Vom Untergrund in den
Westen « so weit, der transnationalen Mitteleuropadebatte die Qualität einer neuen Stra-
tegie der Opposition gegen das sowjetische Imperium zuzusprechen: » Dabei musste es,
das war den Protagonisten klar, mittelfristig um einen möglichst weitgehenden roll back
des sowjetischen Einflusses gehen. « [178]
Eine Vernetzung von Friedensgruppen in West- und Osteuropa (Mitteleuropa ?)
wurde bei der vom 17. bis 21. Juli 1984 in Perugia durchgeführten III. Convention der
240 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

END (European Nuclear Disarmament) initiiert. An Kontakten mit osteuropäischen re-


gimeunabhängigen Friedensaktivisten und Dissidenten interessierte Angehörige der
END gründeten das Europäische Netzwerk für den Ost-West-Dialog. Der Gründung ging
ein heftiger Widerstand derjenigen END-Angehörigen voraus, die es – häufig aus ideo-
logischen Gründen – vorzogen, mit den offiziellen Friedensorganisationen der kommu-
nistischen Staaten zu kooperieren.
Mitteleuropa machte 1984 durch spektakuläre Aktionen von Bürgern auf sich auf-
merksam. Nach Einzelfällen in den Vorjahren kam es 1984 zu einem Ansturm von DDR-
Flüchtlingen auf westliche Botschaften. Am 20. Januar flüchteten sechs DDR-Bürger in
die Ost-Berliner US-Botschaft und erreichten am 22. Januar die Ausreise nach West-
Berlin. Wenige Tage später erreichten zwölf DDR-Bürger, die in die Ständige Vertre-
tung der Bundesrepublik geflüchtet waren, ihre Ausreise nach West-Berlin. Im März
flüchteten DDR-Bürger in die Botschaft der Bundesrepublik in Prag. Ende Juni flüchte-
ten 55 Bürger, deren Ausreiseanträge abgelehnt worden waren, in die Ständige Vertre-
tung. Im Oktober hielten sich Flüchtlinge zum Teil über Wochen und Monate in den
Botschaften westlicher Staaten in Prag, Warschau, Budapest und Bukarest auf. Erst am
15. Januar 1985 kehren die Botschaftsflüchtlinge von Prag in die DDR zurück, nachdem
sie die Zusicherung für eine Ausreise aus der DDR erhalten hatten.
1984 hatten 350 DDR-Bürger in der Prager Botschaft der Bundesrepublik Zuflucht
gesucht. Insgesamt versuchten im Jahr 1984 607 Personen durch » Besetzung « westlicher
Botschaften, die Ausreise in die Bundesrepublik zu erwirken. [179]
Die DDR hatte am 25. Juli 1984 von der Bundesregierung die Zusicherung für einen
zweiten Milliardenkredit erhalten.
Am 27. Januar 1984 formierte sich um den ungarischen Biologen János Vargha121 eine
Gruppe von Journalisten und Naturwissenschaftler, die in ihrer Kritik am Donau-Stau-
dammprojekt bei Gabčíkovo-Nagymáros vereint waren. Vargha hatte bereits seit 1981 in
Artikeln vor den Risiken des tschechoslowakisch-ungarischen Projektes gewarnt. [180]
Die Gruppe bezeichnete sich als Duna Kör (Donaukreis). Duna Kör gehörte zu den ers-
ten unabhängigen Umweltgruppen im sowjetischen Machtbereich.
Am 9. Februar 1984 verstarb Andropov. Am 13. Februar wurde der 72-jährige und
bei Amtsantritt bereits schwerkranke Konstantin Tschernenko Generalsekretär des ZK
der KPdSU. Tschernenkos Wahl wurde nicht nur im Westen als Ausdruck völliger Un-
beweglichkeit des Sowjetsystems wahrgenommen. Die Stagnation der Breschnew-Ära
nahm ihre Fortsetzung.
Das zweite Treffen » Frieden konkret « der Friedensgruppen in der DDR fand am
3.  und 4. März 1984 in Eisenach statt. Organisator des Treffens war der evangelische
Theologe Heiko Lietz122 aus Güstrow, der auch die folgenden Treffen mit organisierte.

121 János Vargha: geb. 1949. Vargha erhielt 1985 den Right Livelihood Award (Alternativer Nobelpreis) für
Duna Kör.
122 Heiko Lietz: geb. am 4. Oktober 1943. Lietz war von 1970 bis zu seinem Amtsverzicht 1980 Gemeinde-
pfarrer in Güstrow. Er war 1989/1990 Vertreter des Neuen Forums am zentralen Runden Tisch. Nach
1991 war er führend tätig im Bündnis 90 ab 1993 im Bündnis 90/Die Grünen.
Mitteleuropa 241

In der Sowjetunion wurden Dissidenten weiterhin Opfer des GULag-Systems. Hier-


für nenne ich einige prominente Beispiele: Der Lehrer und Mitbegründer der Ukra-
inischen Helsinki-Gruppe Oleksa (Oleskiy Ivanovych) Tykhy starb am 6. Mai 1984 im
Alter von 57 Jahren im Gefängnishospital des Lagers des » besonderen Regimes « VS-
389/36-1 (Perm 36), in Kutschino. Tykhy war das erste Mal bereits 1957 inhaftiert wor-
den. Der Grund war sein Protest gegen die Niederschlagung des ungarischen Volksauf-
standes. Der Dichter und Mitglied der Ukrainischen Helsinki-Gruppe Yury Tymonovych
Lytvyn123 starb am 5. September 1984 nach insgesamt mehr als 20 Jahren Gefangenschaft
im GULag im Lager VS-389/36-1 (Perm 36), Kutschino. Ein weiteres Mitglied der Men-
schenrechtsgruppe, der Journalist und Übersetzer Valery Marchenko124, starb am 7. Ok-
tober 1984 im Gefängnishospital von Leningrad nach schweren Misshandlungen wäh-
rend seiner Haft im Lager VS-389/36-1 (Perm 36).
In Bulgarien wurde am 15. März 1984 der der Jura-Dozent Janko Jankov125 festge-
nommen, nachdem ihn der politische Sekretär der US-Botschaft privat aufgesucht hatte.
Jankov hatte seit Ende der siebziger Jahre Dokumente über bulgarische Menschenrechts-
verstöße gesammelt und die Dokumentationen westlichen Botschaften und Delegatio-
nen der Madrider KSZE-Konferenz zur Verfügung gestellt. Zusammen mit seinem Bru-
der Kamen Jankov, der nach seinen Angaben vom Komitee für Staatssicherheit (KDS)
ermordet worden sein soll, gründete er im Untergrund eine oppositionelle Gruppe.
1984 wurde die bereits Mitte der vierziger Jahre von den Kommunisten begonnene
» Bulgarisierung «, d. h. die Zwangsassimilation der türkischen Minderheit Bulgariens,
nach dem 1983 beschlossenen Regierungsprogramm » Wiedergeburt « intensiviert. Beim
Umtausch der Ausweise wurden die türkischen Namen slawisiert. Den rund 900 000
Angehörigen der türkischen Minderheit wurde der öffentliche Gebrauch der türkischen
Sprache verboten und die Ausübung der islamischen Religion wurde mit teilweise bru-
talen Mitteln eingeschränkt.
Die Politik der Regierung stieß auf den entschiedenen Widerstand der türkischen
Minderheit und auf den Widerstand der Pomaken, der muslimischen Minderheit bul-
garischer Ethnie. Der Erfahrungshintergrund für die Reaktion der Pomaken waren
die Zwangsumsiedlungen Ende der vierziger Jahre, bei denen sie massenhaft ihr ange-
stammtes Siedlungsgebiet an der bulgarisch-türkischen Grenze verlassen mußten. Es
kam 1984 und 1985 auch zu Sprengstoffanschlägen. Am 27. Dezember 1984 demonstrier-
ten tausende ethnische Türken in den südbulgarischen Ortschaften Momtchilgrad und
Benkonvski. Am 13. September 1984 war der ethnische Türke Avni Veliev126 aufgrund
seiner gegen das bulgarische Regime gerichteten Aktivitäten verhaftet worden. Veliev
blieb bis zum 29. Dezember 1988 in Haft.

123 Yury Tymonovych Lytvyn: 26. November 1934 – 5. September 1984. Lytvyn war von 1953 bis 1955 inhaf-
tiert, aufgrund der Teilnahme an » nationalistischen Aktionen « von 1955 bis 1964, erneut von 1974 bis
1977 und nach seinem Beitritt zur UHG ab 6. August 1979.
124 Valery Marchenko: 16. September 1947 – 7. Oktober 1984.
125 Janko Jankov [Ianko Iankov]: geb. am 13. August 1944.
126 Avni Veliev [Avni Veli Özgürer]: geb. am 21. Mai 1949.
242 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

Ab Mitte der achtziger Jahre befand sich Bulgarien in einer tiefen Wirtschaftskrise.
Der ökonomische Niedergang war mit verursacht durch die zunehmende Reduzierung
sowjetischer Rohöllieferungen ab 1980. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Bulgarien den
Großteil seiner Einnahmen an konvertibler Währung durch den Verkauf raffinierter Öl-
produkte ins westliche Ausland erwirtschaftet. Die Reduktion sowjetischer Rohölex-
porte führte, wie oben bereits festgestellt, zu einer Belastung der Beziehungen zwischen
der UdSSR und der DDR und war auch eine Ursache der Entfremdung Bulgariens zur
UdSSR. Diese Entfremdung sollte sich durch Gegensätze zwischen Gorbatschow und
Schiwkow noch vergrößern. 1989 erreichte die Isolation Bulgariens dann ihren Höhe-
punkt, als die Politik der Zwangsassimilation zu Vertreibungen, Flucht und zu einer
Massenauswanderung von mehreren Hunderttausend Bulgaren türkischer Nationali-
tät führte.
In Polen bildete Stomma 1984 mit anderen Angehörigen des im Dezember 1981 ein-
gerichteten » Gesellschaftlichen Rates beim Primas « und zusammen mit weiteren Intel-
lektuellen, unter ihnen Alexander Hall von RMP (Ruch Młodej Polski, Bewegung Junges
Polen), einen Gesprächskreis namens » Dziekania «, benannt nach der Straße, in der die
Zusammenkünfte in einem Gebäude der Erzdiözese Warschau stattfanden.
1985 wurde der Gesprächskreis als Klub Myśli Politycznej » Dziekania « formell ge-
gründet. Es war der erste derartige Klub, der eine Registrierung beantragte und 1988
auch erhielt. Neben ehemaligen Mitgliedern von Znak, Mitgliedern von RMP und Be-
teiligten in anderen, kleineren Gesprächskreisen wurden auch ehemalige Mitglieder der
regimenahen katholischen Organisation PAX kooptiert. Diese hatten bei PAX jedoch
zur innerverbandlichen Opposition gezählt. Weihbischof Jerzy Dąbrowski127, der stell-
vertretende Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz, war Beauftragter des
Primas für die Verbindung des Episkopats zum Klub. Dziekania gründete in mehr als
fünfundzwanzig Städten lokale Gruppierungen.
Helmut Fehr beschreibt ausführlich, dass es sich bei Dziekania um einen » Gruppen-
verband « handelte, der auf der Existenz zuvor bereits tätiger Klubs und Vereinigungen
basierte und » politisch und organisatorisch unabhängig von der Untergrund-Solidar-
nosc agierte «. [181] » Dziekania bildet so in organisatorischer und inhaltlicher Hinsicht
ein interorganisatorisches Netzwerk für neu begründete Austauschbeziehungen the-
matischen, persönlichen und politischen Typs zwischen Milieus des liberal-katholi-
schen, nationalen und christlich-liberalen Spektrums und Gruppierungen, die sich mit
Solidarność auf der betrieblichen Ebene verbunden fühlten oder sich als Personenzir-
kel zur gesellschaftlichen Opposition zählten, ohne sich aber mit dem bekannten politi-
schen Spektrum zu identifizieren «. [182]
Mehrheitlich waren die Angehörigen des Klubs von Beginn an daran interessiert,
Dialogebenen zu reformorientierten Teilen der Staatsführung aufzubauen. Konspirative

127 Jerzy Dąbrowski: 26. April 1931 – 14. Februar 1991. Am 8. Januar 2007 berichtete ein Mitarbeiter des In-
stituts für Nationales Gedenken (IPN) in der Zeitung Wprost, daß Dąbrowski als IM » Ignacy « dem SB
während des Zweiten Vatikanischen Konzils Berichte von Sitzungen der Polnischen Bischofskonferenz
habe zukommen lassen.
Mitteleuropa 243

Strukturen wurden daher abgelehnt. » Die Zurückweisung von konspirativen Aktions-


formen für das Binnenmilieu des neu gegründeten Klubs und die Wahl des › offenen ‹
Diskussionsstils als Medium der politischen Reflexion – diese Rahmenbedingungen
der Tätigkeit – waren typisch für die Anfangsphase von Dziekania, ein Entwicklungs-
abschnitt, in dem unter Stommas persönlichen Einfluß auch noch die Rolle eines infor-
mellen Diskussionszirkels beibehalten wurde. « [183]
Dies war typisch für den Stil Stommas. Er sagte mir bei einem Gespräch im Foyer des
Hotels » Europejski « am 17. Oktober 1984, dass er mit seinen Gesprächspartnern, auch
mit Gesprächspartnern der PZPR, wie Mieczysław Rakowski, am liebsten in aller Öf-
fentlichkeit zusammentreffe. Er habe seine politische Haltung nicht zu verbergen.
Wie Fehr hervorhebt, machten Angehörige von Dziekania der Regierung bereits zu
einem sehr frühen Zeitpunkt Angebote für einen Dialog, als dies in großen Teilen der
Opposition noch auf strikte Ablehnung stieß. [184]
Neben Stomma, der Präsident des Klubs wurde, und Hall gehörten dem Diskus-
sionskreis weitere prominente Oppositionelle an, von denen einige ihrerseits unter-
schiedliche Gruppen und Klubs repräsentierten: Mirosław Dzielski128, der Gründer der
Krakowskie Towarzystwo Przemyslowe (Krakauer Industrie Gesellschaft), Vizepräsident
des Klubs, der Journalist Sławomir Siwek129, Przemysław Hniedziewicz130 von PAX, der
Philosophieprofessor Marcin Król131, der bereits bei List 59 Signatar war und bei PPN
mitwirkte, und der Mitgründer von KOR Antoni Macierewicz. Macierewicz verließ je-
doch sehr bald mit anderen Anhängern der Gruppe Głos den Klub aufgrund konzep-
tioneller Differenzen. Mitglieder des Klubs waren auch der Professor für Völkerrecht
Krzysztof Skubiszewski und der Germanist Janusz Reiter132. Beide trugen im Klub ins-
besondere zu Fragen der polnisch-deutschen Beziehungen bei.
Im Juni 1984 bildete sich in Polen die Federacja Młodzieży Walczącej (FMW), deutsch:
Bund kämpfender Jugend. FMW wurde primär von Schülern und Studenten gebildet
und kooperierte eng mit der Solidarność Walcząca, der Kämpfenden Solidarität. Die
Gruppe hatte zirka 1 000 Mitglieder. 1988 wurde Krzysztof Kwiatkowski133 Mitglied die-
ser Gruppe.
Am 19. Oktober wurde Jerzy Popiełuszko134, Priester der Warschauer Stanisław-
Kostka-Kirche, von Offizieren des Geheimdienstes SB entführt und ermordet. Es gibt
Vermutungen, dass es sich um eine gezielte Provokation von Teilen des Sicherheitsappa-

128 Mirosław Dzielski: 14. November 1941 – 15. Oktober 1989.


129 Sławomir Siwek: geb. am 11. Oktober 1950. Siwek war von 1991 bis 1993 Abgeordneter im Sejm.
130 Przemysław Hniedziewicz: geb. am 19. November 1943. Hniedziewicz war von 1991 bis 1993 Abgeordne-
ter im Sejm.
131 Marcin Król: geb. am 19. Mai 1944.
132 Janusz Reiter: geb. am 6. August 1952. Reiter war von 1990 bis 1995 Botschafter in Deutschland und von
2005 bis 2007 in den USA.
133 Krzysztof Kwiatkowski: geb. am 14. Mai 1971. Kwiatkowski war vom 13. Oktober 2009 bis zu den Parla-
mentswahlen 2011 Nachfolger von Andrzej Czuma als Justizminister.
134 Jerzy Popiełuszko: 23. September 1947 – 19. Oktober 1984.
244 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

rates handelte, die sich nicht nur gegen die Kirche, sondern auch gegen die Parteifüh-
rung richtete. Es soll auch Hinweise auf Verbindungen zur sowjetischen Führung geben.
Popiełuszko war durch seine politischen Messen, in der er für die Ziele der
Solidarność eintrat, und vor allem aufgrund seiner häufig von Radio Free Europe über-
tragenen Predigten in ganz Polen bekannt. Er war der vom Regime bestgehasste Priester.
Von den Geistlichen, die auch gegen den Rat und die Weisung der Bischöfe offen für die
Solidarność eintraten, war er der mit Abstand populärste. Seine Distanz zu Popiełuszko
machte der Primas von Polen Józef Kardinal Glemp am 27. November 1985 in einem In-
terview mit dem italienischen Wochenmagazin Famiglia Cristiana deutlich: » Diejeni-
gen, die Pater Popiełuszko manipulierten, waren keine Männer der Kirche. Sie machten
ihn zum Kaplan oppositioneller Gruppen, denen er sich sehr verbunden fühlte. Er war
ein Opfer im wahrsten Sinne des Wortes. « [185]
Nur Tage vor dem Mord, am 16. Oktober 1984, hatte ich bei einem Vortrag von
Aleksander Merker135, damaliger stellvertretender Direktor des staatlichen » Amtes für
Bekenntnisfragen «, im Pałac Koniecpolskich anhören müssen, dass Popiełuszko als
» Feind « des Staates bezeichnet wurde. In ähnlicher Weise hatte sich Regierungsspre-
cher Jerzy Urban unter dem Pseudonym Jan Rem am 19. September in einer Zeitungs-
kolumne, betitelt » Seanse nienawiści «, deutsch: Sessionen des Hasses, geäußert.
An der Beisetzung Popiełuszkos am 3. November nahmen rund 250 000 Menschen
teil. Sein Grab auf dem Friedhof seiner Kirche im Stadtteil Żoliborz wurde zu einer Art
nationaler Wallfahrtsstätte, der auch ausländische Politiker ihre Reverenz erwiesen.
Im November 1984 kam es zu einem gemeinsamen Aufruf gegen die Stationierung
atomar einsatzfähiger SS-21 Kurzstreckenraketen in der DDR und in der ČSSR von
16 Angehörigen kirchlicher Friedensgruppen in der DDR und von 15 Unterzeichnern der
Charta 77. Unterzeichner waren, um wenigstens einige zu nennen, Bärbel Bohley, Katja
Havemann136, Heiko Lietz, Ulrike Poppe und Gerd Poppe sowie Václav Havel, Jaroslav
Šabata, Petr Uhl, Jiří Dienstbier und Anna Marvanová137.
Zu dem vom 8. bis 10. Februar 1985 vom Europäischen Netzwerk für den Ost-West-
Dialog in West-Berlin organisierten Kongress » Frieden im geteilten Europa – 40 Jahre
nach Jalta « konnten nur wenige Aktivisten mittel- und osteuropäischer Friedensinitia-
tiven anreisen. Mitglieder von Friedensinitiativen in der DDR hatten keine Möglichkeit,
die Veranstaltung zu besuchen. Es gelang jedoch Teilnehmern der Konferenz, sich mit
Oppositionellen in Ost-Berlin zu treffen. Hierzu gehörten Mitglieder der Charta 77 und
der Solidarność.
In einem Beitrag zur Konferenz behandelte der tschechische Emigrant Jiří Pelikán138
die Divergenzen im Verständnis von Friedenspolitik zwischen den mittel- und osteuro-

135 Aleksander Merker: 9. November 1924 – 15. Juli 2012. Merker, Jurist, war Mitglied der PZPR.
136 Katja Havemann: geb. am 30. November 1947. Witwe Robert Havemanns.
137 Anna Marvanová: 18. März 1928 – 24. November 1992. Marvanová war Erstunterzeichnerin und 1982
und 1983 Sprecherin von Charta 77.
138 Jiří Pelikán: 7. Februar 1923 – 26. Juni 1999. Pelikán war 1968 Direktor des Tschechoslowakischen Fern-
sehens. Er mußte 1969 die ČSSR verlassen und ging nach Rom ins Exil. In Rom gab er von 1971 bis 1990
die Zeitschrift Listy heraus, die zur wichtigsten tschechoslowakischen Exilzeitschrift wurde.
Mitteleuropa 245

päischen Oppositionsgruppen und den westeuropäischen Regierungen. Pelikán sagte:


Die » Entspannung, wie sie heute von gewissen Regierungen und Staatsmännern, aber
auch von westlichen Geschäftsleuten vertreten wird […], blockiert den Wunsch der Völ-
ker in Osteuropa nach Selbständigkeit und Freiheit, schürt die internationale Spannung,
anstatt zum Frieden beizutragen. Die Verfechter dieser Auffassung stützen ihre Politik
lediglich auf die Beziehungen mit Regierungen und lassen die Bevölkerung, die sich
mit der Regierung nicht identifizieren kann, völlig aus dem Spiel. Folglich sehen sie in
Volksbewegungen wie dem › polnischen Sommer ‹ und dem › Prager Frühling ‹ Destabi-
lisierungsfaktoren. « [186]
US-Präsident Reagan proklamierte im Jahr 1985 den 16. Februar, den Jahrestag der
Unabhängigkeitserklärung 1918, zum » Tag der Unabhängigkeit Litauens «. [187]
Eine für den 28. Februar von Wałęsa und der Solidarność-Führung angedrohte lan-
desweite Arbeitsniederlegung gegen Preiserhöhungen wurde in der vorausgehenden
Nacht abgesagt, da die Regierung die Mehrzahl der von ihr angekündigten Preiserhö-
hungen wieder zurücknahm. Es wäre nach 1982 die erste größere von Solidarność vor-
bereitete Streikaktion gewesen.
Vom 1. bis 3. März fand in Schwerin das dritte Treffen des Netzwerks kirchlicher Ak-
tivisten » Frieden konkret « statt.
Im März 1985 wurde die Georgische Helsinki-Gruppe neu gegründet. Sie bestand al-
lerdings nur wenige Wochen. Ihre Mitglieder wurden bald nach Gründung verhaftet
und zu mehrjährigen Lagerstrafen verurteilt. [188] Jürgen Gerber verwies darauf, dass die
Mehrzahl der georgischen Dissidenten vorrangig an der nationalen Frage und kaum an
Fragen der Menschen- und Bürgerrechte interessiert war. » Sie waren vielmehr Oppo-
sitionelle, die die Sowjetunion als staatliches und gesellschaftliches Modell rigoros ab-
lehnten und ihre Nation als Opfer des russischen Expansionismus sahen. Ihr Zukunfts-
entwurf beruhte deshalb in erster Linie auf der Erlangung staatlicher Eigenständigkeit
und auf einem national-integrativen Kulturverständnis, das in der Bewahrung der ge-
orgischen Sprache und der Erneuerung der georgischen Kirche seine wichtigsten Pfei-
ler sah. « [189]

Die DDR erreichte 1985 ein höheres Niveau der » Normalisierung « in den Beziehungen
zu westeuropäischen Staaten, d. h., sie erlangte als Subjekt des Völkerrechts zunehmend
auch politische und diplomatische Beachtung. Mit Geoffrey Howe besuchte am 8. Ap-
ril erstmals ein britischer Außenminister die DDR. Vom 23. bis 24. April absolvierte
Honecker zum ersten Mal einen Staatsbesuch in einem NATO-Mitgliedsstaat, in Italien.
Am 10. Juni besuchte als erster Regierungschef der » Westmächte « der französische Pre-
mierminister Laurent Fabius die DDR.
Im Artikel » DDR und Westmächte: Aufwertung mit Abstrichen « schrieb Joachim
Nawrocki am 28. Juni 1985 in Die Zeit: » Der Staatsratsvorsitzende und SED-General-
sekretär Honecker ließ sich in letzter Zeit […] von dem Kanadier Trudeau […], dem
Schweden Palme, dem Griechen Papandreou, dem Finnen Koivisto, den Österreichern
Kirchschläger und Sinowatz und dem Italiener Craxi besuchen. Bei seinem Gegenbe-
such in Rom traf Honecker gleich auch Papst Johannes Paul II. – alles Pluspunkte der
246 Vierter Teil: Umbrüche in Asien – Aufbruch in Europa

DDR-Bilanz. Am wichtigsten waren aber für die DDR die Besuche des britischen Außen-
ministers Sir Geoffrey Howe […] und des französischen Premierministers Laurent
Fabius […]. Hier kamen Repräsentanten der Schutzmächte West-Berlins in die – nach
Ostberliner Lesart – » Hauptstadt der DDR «, um die sie bisher ebenso wie deutsche
Bundeskanzler aus Statusgründen stets einen Bogen gemacht hatten. Nach Auffassung
der Westmächte ist ganz Berlin nach wie vor Vier-Mächte-Stadt mit einem entmilitari-
sierten Status; Ost-Berlin ist darum kein integraler Bestandteil der DDR. […] Gleich-
wohl wird durch die Besuchsdiplomatie Ost-Berlin fraglos als faktische Hauptstadt der
DDR immer weiter aufgewertet, und die Bundesregierung wie der Berliner Senat achten
sorgfältig darauf, daß wenigstens den engsten Verbündeten dabei kein Schnitzer unter-
läuft. So wurde beim Besuch von Premierminister Fabius registriert, daß dieser beim
festlichen Abendessen auf die » Rechtslage « hinwies, » deren Beibehaltung Frankreich
eine große Bedeutung beimißt «, und auch die » Verpflichtung mit seinen Alliierten « er-
wähnte. Aber daß an der Ostberliner Festtafel DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoff-
mann in voller Generalsuniform saß, wurde im Westen als peinliche Protokollpanne
empfunden.
Londons Außenminister Howe hatte bei seinem Besuch im April keinen Statusvor-
behalt wie Fabius gemacht. Er hat aber immerhin die » Einhaltung der gesamten Schluß-
akte « von Helsinki angemahnt: » Einen einzigen Aspekt zu vernachlässigen, hieße dem
ganzen schaden «; insbesondere nannte Howe Freizügigkeiten im Reiseverkehr.
Die peniblen Amerikaner sind über die Unterlassungen ihrer britischen und fran-
zösischen Kollegen nicht sonderlich glücklich. Da sind auf diplomatischen Empfängen
deutlich kritische Untertöne zu hören. «
Die wachsende Beachtung, die Verbündete der Bundesrepublik Deutschland der
DDR entgegenbrachten, hatte Wirkungen auf die Einstellungen der westdeutschen Be-
völkerung zur DDR. Die Eigenständigkeit des zweiten deutschen Staates wurde für im-
mer mehr Bundesbürger zur Selbstverständlichkeit. Dies galt auch für Angehörige der
politischen Eliten.
Fünfter Teil
Gorbatschow unter anderem

Am 10. März 1985 starb Konstantin Ustinowitsch Tschernenko 73-jährig nach nur drei-
zehnmonatiger Amtszeit als Generalsekretär des ZK der KPdSU. Einen Tag später, am
11. März, wurde Michail S. Gorbatschow1 zum Generalsekretär des ZK der KPdSU ge-
wählt. Zum Nachfolger Tschernenkos wurde damit jenes Politbüromitglied bestimmt,
das bereits zuvor faktisch die Amtsgeschäfte geführt hatte, da der Amtsinhaber auf-
grund seiner Krankheit dazu nicht mehr fähig war.
Es war ein bemerkenswertes Zusammentreffen bedeutsamer Ereignisse: Am Tag
der Wahl von Gorbatschow zum Generalsekretär des ZK der KPdSU veröffentlichte
Charta 77 den » Pražská výzva « (Prager Aufruf), den » Aufruf zur Überwindung der Tei-
lung Europas «, der an die für Juli 1985 geplante Amsterdamer END-Convention gerich-
tet war. Die Mitglieder des Sprecherrates von Charta 77, Jiří Dienstbier, die Dichterin
Eva Kantůrková2 und die Übersetzerin Petruška Šustrová3, zeichneten als Autoren. [1]
Jaroslav Šabata gehörte zu den Verfassern. Der Aufruf beginnt mit dem Hinweis auf die
unheilvolle Wirkung der in Jalta vereinbarten Teilung Europas:

» Vierzig Jahre hat es auf europäischem Boden keinen Krieg gegeben. Trotzdem ist Europa
kein Erdteil des Friedens. Ganz im Gegenteil: als die hauptsächliche Reibungsfläche zweier
Machtblöcke ist es ein Ort ständiger Spannung, von der Bedrohung für die ganze Welt aus-
geht. Die Ursache für diese unheilvolle Rolle ist die Teilung. Unsere gemeinsame Hoffnung
besteht in ihrer Überwindung. «

Der Aufruf verdeutlicht, dass mindestens in Teilen der mitteleuropäischen Dissidenz


auch über die Frage einer Einigung Deutschlands, die sogenannte » deutsche Frage «,
nachgedacht wurde.

1 Michail S. Gorbatschow: geb. am 2. März 1931.


2 Eva Kantůrková: geb. am 11. Mai 1930. Kantůrková war Signatarin und 1985 Sprecherin von Charta 77.
Sie war 1981/1982 inhaftiert. Sie war von 1990 bis 1992 Abgeordnete im Tschechischen Nationalrat.
3 Petruška Šustrová: geb. am 18. Mai 1947. Šustrová war Erstunterzeichnerin und 1985 Sprecherin von
Charta 77. Sie ist seit 2008 Senatorin der Tschechischen Republik.

D. Preuße, Umbruch von unten, DOI 10.1007/978-3-658-04972-0_6,


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014
248 Fünfter Teil: Gorbatschow unter anderem

» Wir können auch einigen bisherigen Tabus nicht mehr ausweichen. Eines davon ist die Tei-
lung Deutschlands. Wenn man in der Perspektive der europäischen Einigung niemanden
das Recht auf Selbstverwirklichung streitig machen kann, dann gilt das auch für die Deut-
schen. […] Gestehen wir den Deutschen also offen das Recht zu, sich frei zu entscheiden, ob
und in welchen Formen sie die Vereinigung ihrer beiden Staaten in ihren jetzigen Grenzen
wünschen. «

Der Mut der Verfasser des Aufrufs wird dem Leser erst bei Vergegenwärtigung der da-
maligen Drohkulisse der kommunistischen Regierung in Prag bewusst. Die Regierung
perhorreszierte derartige Ansichten aufgrund der angeblichen Gefahr eines bundes-
deutschen » Revanchismus «. Die Dissidenten unternahmen mit dem Aufruf den Ver-
such, der westeuropäischen Friedensbewegung die mittelosteuropäische Sichtweise der
Friedensfrage nahe zu bringen. West-Ost Divergenzen der Sichtweise sowie ideologi-
sche Blockaden bei der Mehrzahl westeuropäischer Friedengruppen behinderten bzw.
verhinderten eine breitere Perzeption der Initiative in Westeuropa.
Der Appell muss trotzdem als Schlüsseldokument der europa- und deutschlandpoli-
tischen Diskussion der Dissidenten und Oppositionellen in Mitteleuropa gelten. Mehl-
horn wies richtigerweise darauf hin, dass Charta 77 damit ein bei DDR-Dissidenten und
bei großen Teilen der westdeutschen Öffentlichkeit tabuisiertes Thema aufgriff. Denn
seit längerem » […] galt der Status quo der Teilung in beiden deutschen Staaten als un-
veränderlich. Im Osten wurde er trotz des Leidensdrucks resignativ hingenommen, und
im Westen war er trotz der Rhetorik zu bestimmten Feiertagen gesellschaftlich akzep-
tiert. Auch der Vollzug der Teilung durch die Mauer wurde in beiden Teilen Deutsch-
lands als Folge des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen betrachtet. […] Rechts-
fertigungsideologie für den bestehenden Zustand […]. Weil der Status quo der Teilung
den europäischen Frieden garantiert. […] Im Zuge der Entspannungspolitik wurden
solche Auffassungen weithin als unangreifbares Dogma verinnerlicht. « [2]
Anlässlich der Beerdigung Tschernenkos kam es zu einer ersten Begegnung von
Vizepräsident George H. W. Bush und Außenminister Shultz mit Gorbatschow. Bei dem
Meinungsaustausch antwortete Gorbatschow auf Einlassungen der amerikanischen Ge-
sprächspartner, dass für ihn die Menschenrechtsthematik kein adäquater Gegenstand
bilateraler Gespräche sei. [3]
Am 11. April starb der albanische Diktator Enver Hoxha. Hoxha war 1941 Gründer
und seit 1943 Erster Sekretär des ZK der Partia Komuniste e Shqipërisë, deutsch: Kom-
munistische Partei Albaniens, seit 1948 Partia e Punës e Shqipërisë (PPSh), deutsch:
Partei der Arbeit Albaniens. Er hatte das Land in brutalster stalinistischer Manier be-
herrscht und international isoliert. Albanien war der einzige europäische Staat, der nicht
am KSZE-Prozess teilnahm. Der am 13. April vom 11. Plenum des ZK der PPSh gewählte
Nachfolger Ramiz Alia4 betrieb eine vorsichtige außenpolitische Öffnung. Bei einer
Rede anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung des Landes, am 29. November 1984,

4 Ramiz Alia: 18. Oktober 1925 – 7. Oktober 2011. Alia war bis zum 4. Mai 1991 Erster Sekretär der PPSh,
vom 30. April 1991 bis zum 9. April 1992 war er Staatspräsident.
Fünfter Teil: Gorbatschow unter anderem 249

hatte er erklärt: » Albanien sei ein europäisches Land und als solches lebhaft an allem in-
teressiert, was auf diesem Kontinent geschehe. « [4]
Am 14. April 1985 wurde in Krakau mit Wolność i Pokój (WiP), deutsch: Freiheit und
Frieden, eine polnische Variante der Friedensbewegung gegründet. Die Voranstellung
von » Freiheit « im Namen war bei dieser Organisation Programm. Weitere Gruppen
entstanden in anderen Großstädten, in Warschau, Breslau, Danzig, Kattowitz, Stettin,
Posen und auch in Bromberg, Oppeln und Gorzów Wielkopolski (Landsberg an der
Warthe). Mehrheitlich waren die Gründer Studierende und junge Akademiker, von de-
nen einige zuvor zur Führungsschicht des 1981 verbotenen unabhängigen Studentenver-
bandes NZS gehörten, wie Jan Rojek5. Aus der neunzehn Namen umfassenden Liste der
Krakauer Gründer fallen mit Bogdan Klich6 und Jan Maria Rokita7 zwei Namen auf, die
für die Politik Polens in den neunziger Jahren und auch aktuell von großer Bedeutung
sind. Der Name » Wolność i Pokój « war ein Vorschlag Rokitas. Aktivist bei WiP wurde
auch der heute bedeutende Schriftsteller Andrzej Stasiuk8.
Mit Jacek Kuroń, Jan Józef Lipski und Janusz Onyszkiewicz9 kooperierten in den
Folgejahren Personen mit WiP, die bereits zur Führungsschicht von KSS » KOR « und
Solidarność gehörten. » WiP konnte eine Lücke füllen, die Solidarnosc als Gewerkschaft
in der breiten Öffentlichkeit nicht vertreten konnte. « [5] Zumal die Massenorganisation
Solidarność nicht legal arbeiten konnte und WiP aufgrund der Struktur der Mitglied-
schaft kreativer und flexibler war.
WIP war eine derjenigen neuen sozialen Bewegungen in Mittelosteuropa, die mit
ihren unkonventionellen Aktionsformen eine Mobilisierung größerer Bevölkerungs-
gruppen erzielten. » For the most part, neither dissident leaders nor reform communists
sought to mobilize society (in strikes or demonstrations); the new movements, in con-
trast, brought the carnival in town. They created the framework, and the language, of
the revolution. « [6]
WiP war überaus erfolgreich: Die Gruppe erreichte 1988 die Einführung eines Zivil-
dienstes und die Streichung der Militärausbildung an den Hochschulen. WiP war von
Beginn an auch umweltpolitisch aktiv. Die im November 1986 gestarteten und von dem
Ingenieur Radosław Gawlik10 organisierten Aktionen der Gruppe gegen die niederschle-
sische Metallhütte Siechnice führten nach Jahren des Protestes tatsächlich zur Schlie-
ßung der Hütte, die die Belastung des Breslauer Trinkwassers mit Schwermetallen ver-
ursacht hatte.

5 Jan Rojek: 17. März 1962 – 16. Juli 2011. Rojek war seit 2010 Direktor beim Sender TVP Kraków.
6 Bogdan Klich: geb. am 8. Mai 1960. Klich war von 2001 bis 2004 Abgeordneter im Sejm, von 2004 bis
2007 im Europaparlament. Er war von November 2007 bis Juli 2011 Verteidigungsminister.
7 Jan Maria Rokita: geb. am 18. Juli 1959. Rokita war von 1989 bis 2007 Abgeordneter im Sejm.
8 Andrzej Stasiuk: geb. am 25. September 1960.
9 Janusz Onyszkiewicz: geb. am 18. Dezember 1937. Onyszkiewicz war 1980 Sprecher der Gewerkschaft
Solidarność. Er war Sprecher der Solidarność-Gruppe am Runden Tisch 1989, Abgeordneter im Sejm
1989 – 2001, ab April 1990 stellvertretender Verteidigungsminister und von 1992 bis 1993 sowie von 1997
bis 2000 Verteidigungsminister. Er war 2004 – 2009 Abgeordneter und Vizepräsident des Europaparla-
ments.
10 Radosław Gawlik: geb. am 23. August 1957. Er war Abgeordneter im Sejm von 1997 bis 2001.
250 Fünfter Teil: Gorbatschow unter anderem

Die Gruppe war auch bemüht, Kontakte zu Personen und Gruppen im Ausland auf-
zubauen, insbesondere zu Personen in der Westukraine und auch zur Friedensbewe-
gung in der DDR. » WiP gehörte auch zum Netzwerk für den Ost-West-Dialog (das ist
das Europäische Netzwerk für den Ost-West-Dialog, D. P.), war Unterstützer der » Pol-
nisch-Tschechoslowakischen und Polnisch-Ungarischen Solidarität «. [7]
Die Zusammenarbeit zwischen polnischen und tschechischen Oppositioneller war
bereits 1985 intensiv. Federführend hierbei war die Solidarita Polsko-Cesko-Slovenska/
Solidarnosc Polsko-Czesko-Slowacka (PCSS-SPCZS). Es wurden z. B. tschechische Samis-
dat-Publikationen in polnischen Untergrundverlagen gedruckt und von polnischen Ak-
tivisten über die Grenze gebracht. Hierfür war zwischen Warschau und Brno über die
Tatry (Tatra-Gebirge) ein weiterer Kurierweg eingerichtet worden, der den Weg über
das Riesengebirge ergänzte. Der Erfolg dieser Aktionen wurde zum Vorbild eines weite-
ren Kurierweges. Initiiert wurde dieses Vorhaben von dem seit 1969 im Londoner Exil
lebenden Tschechen Jan Kavan11, der dort die Palach Press Agency gegründet hatte, die
für die Verbreitung von Publikationen der Charta 77 sehr wichtig wurde. Kavan brachte
ukrainische Emigranten mit der Breslauer PCSS-Gruppe in Kontakt, die 1985 mit ihren
tschechischen und slowakischen Partnern einen Kurierdienst für Untergrundliteratur
und geistliche Schriften über die slowakisch-ukrainische Grenze aufbauten.
Die zunehmenden Kontakte zwischen Oppositionellen und Dissidenten mittel-
europäischer Staaten waren ab Mitte der achtziger Jahre Gegenstand verstärkter Ko-
operationen der Staatssicherheitsdienste dieser Staaten. Die » Internationalisierung der
Opposition « war, wie Tomáš Vilímek feststellte, für die Zusammenarbeit der internatio-
nalen Abteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR und des Státní
bezpečnost (StB) der ČSSR [8] Anlass der Koordination ihrer Tätigkeiten.
Die Repression gegen die Opposition wurde 1985 auch in Polen fortgesetzt. Offiziell
soll es im Oktober in Polen 363 politische Häftlinge gegeben haben, » in Wirklichkeit wa-
ren es mehr. « [9]
Sieben Angehörige kirchlicher Friedensgruppen in der DDR versuchten am 19. so-
wie 20. April 1985, wohl auf Anregung von Roland Jahn, mit Charta-Signataren in Prag
direkten Kontakt aufzunehmen. Sie wollten ein Koordinationsgespräch auf Basis des
» Prager Aufrufs « führen, eine gemeinsame Erklärung zum 40. Jahrestag des Endes
des Zweiten Weltkrieges und eine gemeinsame Position zur 4. Internationalen Konfe-
renz für atomare Abrüstung in Europa in Amsterdam erarbeiten. « Der Versuch schei-
terte: Das MfS unterband die Reise nach Prag. [10]
Am 26. April, kurz vor dem 30. Jahrestag der Gründung der Warschauer Vertrags-
organisation (WVO), war in Warschau auf einem Treffen der Parteichefs der Mitglied-
staaten der Vertrag um 20 Jahre verlängert worden. Westliche Analytiker beurteilten die
WVO als langfristig stabil.

11 Jan Kavan: geb. am 17. Oktober 1946. Kavan war 1990 – 1992 Mitglied der Föderalversammlung,
1996 – 2000 Mitglied des tschechischen Senats und 2000 – 2006 Mitglied des Abgeordnetenhauses. 1998
bis 2002 war er Außenminister und 2002 bis 2003 Präsident der UN-Generalversammlung.
Fünfter Teil: Gorbatschow unter anderem 251

Am 29. April fand in Ost-Berlin erstmals das Treffen der sogenannten » Ost-West
Gruppe « statt. Die Gruppe, u. a. Bickhardt, Bohley, Martin Böttger12, Werner Fischer13,
Ralf Hirsch14, Mehlhorn, Gerd Poppe, Schult, Templin und Wolfram Tschiche15, erar-
beitete ein Positionspapier zum » Prager Aufruf « und einen offenen Brief » Initiative für
Blockfreiheit in Europa «, der einem offenen Brief ähnlichen Inhalts westdeutscher Frie-
densgruppen entsprach.
Vom 8. Juni datierte die Antwort von zwanzig DDR-Oppositionellen zum » Prager
Aufruf «, zu denen auch Pastor Rainer Eppelmann gehörte, mit dem Titel » … die KSZE-
Schlußakte stärker als Instrument nutzen … «, die im August 1985 in der von Petr Uhl
und Anna Šabatová herausgegebenen Samisdat-Publikation Infoch (Abkürzung für: In-
formace o Chartě 77), Jahrgang VIII (1985), Nr. 8, S. 10 – 12, als » Dopis 20 občanů NDR
signatářûm Pražské výzvy « abgedruckt wurde. In der Antwort verwiesen die Autoren
formelhaft darauf, dass die vorhandenen Vorbehalte in Europa gegenüber einer deut-
schen Wiedervereinigung diese nur im Rahmen eines gesamteuropäischen Vertrags-
werks denkbar mache. Ansonsten bezogen sie sich insbesondere auf Aussagen des » Ber-
liner Appells « von 1982.
Templins Bemerkung über das erst 1991 in einem Verlag erschienene Buch Dienst-
biers mit dem » Aufruf zur Überwindung der Teilung Europas « wirft ein bezeichnen-
des Licht auf informelle Denkverbote jener Zeit in der Bundesrepublik. » Er (Dienst-
bier, D. P.) schrieb in den achtziger Jahren ein Buch mit dem ironisch gemeinten Titel
› Träumen von Europa ‹. Es konnte nur im Samisdat erscheinen […]. Westliche Verlage
lehnten damals die Publizierung ab. Für die Verantwortlichen in den Verlagen war die
Überwindung der Teilung Europas und die damit verbundene Vereinigung Deutsch-
lands eine zu unrealistische Vorstellung. Erst 1991 wurde das Buch auch in Deutschland
herausgegeben. « [11] Im Vorwort zur deutschen Ausgabe schrieb Dienstbier: » Die offi-
ziellen Gründe oder Vorwände waren unterschiedlich: Europa interessiert niemanden,
es interessieren nur Gorbatschow und Rußland. Ein amerikanischer Verlagsrezensent
bemängelte sogar die Übersetzung als sexistisch; den männlichen Feministen störte, daß
Menschheit als › mankind ‹ übersetzt worden war, während der feministische Newspeak
nur › humankind ‹ zulässt. … Die Überwindung der Blöcke, die Vereinigung Europas,
die Vereinigung Deutschlands, ein demokratisches politisches System in der Osthälfte
Europas ? Lächerliche Visionen dissidentischer Träumer ! « [12]
Fast noch erstaunlicher als der » Prager Aufruf « war die Reaktion der 1983/1984
in mehreren polnischen Städten gebildeten Gruppierung Komitet Oporu Społecznego
(KOS), Komitee für Sozialen Widerstand. In einem Brief der Gruppe wird nicht nur das

12 Martin Böttger: geb. am 14. Mai 1947. Böttger war Mitgründer von Initiative für Frieden und Menschen-
rechte (IFM) und dem Neuen Forum. Er war von 1990 bis 1994 Mitglied des Sächsischen Landtags und
von 2001 bis 2010 Leiter der Chemnitzer Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des
Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.
13 Werner Fischer: geb. am 29. März 1950.
14 Ralf Hirsch: geb. am 25. Juli 1960.
15 Wolfram Tschiche: geb. am 18. April 1950. Tschiche war das Abitur verwehrt worden, weil er 1968 gegen
die militärische Intervention in der ČSSR protestiert hatte.
252 Fünfter Teil: Gorbatschow unter anderem

Selbstbestimmungsrecht der Deutschen unterstützt, sondern es wird kritisiert, dass die


Charta-Signatare versäumten, auch auf das Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten
europäischen Völker der UdSSR hinzuweisen, der Belarussen, Esten, Letten, Litauer und
Ukrainer.
Die österreichische Zeitung Der Standard erinnerte in dem Artikel » Schweigen statt
Gedenken « am 28. August 2009 zum 70. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrie-
ges an die Neuorientierung der Ostmitteleuropäer in den achtziger Jahren: » Auch die
Ostmitteleuropäer haben mit der Zeit begriffen, dass sie sich nur von der Bevormun-
dung durch die Sowjetunion befreien können, wenn sie die historischen Altlasten mit
den westlichen Nachbarn, allen voran Deutschland, aufarbeiten. Das betraf die Polen
ebenso wie die Tschechen. Europa war für Deutsche und Franzosen, aber auch für Polen,
Tschechen oder Ungarn eine normgebende Instanz, es erlaubte ihnen, über den eigenen
Schatten zu springen, den Nachbarn neu zu entdecken und sich selber historisch neu zu
definieren. « [13]
Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll im April 2003 zum Thema:
» 15 Jahre SED-SPD Dialogpapier « zitierte Templin Kazimierz Brandys. Brandys konsta-
tierte den Gegensatz zwischen der westlichen und der östlichen Perzeption des geteil-
ten Europa:

» Wie ist es möglich, dass sie nicht sehen, dass unser Schicksal ihnen immer näher rückt.
Ihre Philosophen, Gelehrten und Künstler, woran denken sie eigentlich, wenn sie eine Kar-
te des geteilten Europas sehen, fällt ihnen irgendetwas ein, haben sie den Ansatz einer Idee
von einem gemeinsamen Leben West- und Mitteleuropas ? Die sowjetischen Panzerkorps, die
Mitteleuropa an Bug und Elbe einschließen, ist es das, was die westlichen Philosophen heu-
te ernst nehmen ? «

Templin fährt fort: » Im gleichen Text, Ende 1980, spricht Brandys davon, dass den West-
lern der Zukunftsinstinkt abhanden gekommen sei und prophezeit: » Ich könnte ihnen
schwören, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben werden «. Templin: » Für den Dialog
der Dissidenten bedeutete dies, den Weg nach Europa gemeinsam zu gehen, die Auf-
hebung der deutsche Teilung als Moment der Aufhebung der europäischen Teilung zu
verstehen. « [14]
In den westlichen Sowjetrepubliken Ukraine und Belarus deutete sich 1985 ein Wan-
del in der Literatur- und Theaterszene an, der f