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Ein Buch der FNN Bibliothek

http://www.diestimmedeutschlands.nationales-
netz.com/cms/nnforum/forumdisplay.php?f=100
Bizarre Felsformationen im ewigen Eis: Die zentralen Drygalskiberge in Neu-Schwabenland

Sie kennen die deutsche Geschichte in- und auswendig? Wußten Sie auch, daß das Deut-
sche Reich 1938/39 mit einer spektakulären Expedition völkerrechtliche Ansprüche auf
600.000 Quadratkilometer Antarktis anmeldete? Nur NS-Propaganda? Keineswegs: Am
5. August 1952 pochte das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland im amtlichen
„Bundesanzeiger” auf den Anspruch Deutschlands auf 84 deutsche Namen für Gebiete, Ber-
ge, Höhenzüge und Gebirge „im Gebiet Neu-Schwabenland”. Mit Katapultflugzeugen der
Lufthansa — abgeschossen von dem Expeditionsschiff „Schwabenland” — hatten Mitglieder
der 82köpfigen deutschen Expedition im Januar und Februar 1939 unter ständiger Lebens-
gefahr ein riesiges Gebiet der Antarktis überflogen, fotografiert und kartiert, das zuvor noch
kein menschliches Auge gesehen hatte. Aus unendlichen weißen Flächen tauchten dabei
plötzlich 4.000 Meter hohe Gebirge, zugefrorene Süßwasserseen und eine gewaltige Oase
auf, die in spektakulären Fotos festgehalten wurden. Eine Entdecker-Großtat! Hunderte von
Stahlpfeilen mit Hakenkreuzfahnen wurden rund um das Gebiet aus der Luft abgeworfen, um
die völkerrechtlichen Ansprüche des Reiches zu bekräftigen.
Nach 1945 schossen Spekulationen ins Kraut: Hatten sich deutsche U-Boote nach Neu-
Schwabenland abgesetzt? Lebte Hitler noch und hatte sich dort in Sicherheit gebracht? Hat-
ten die Deutschen am Südpol Basen für Geheimwaffen gebaut? Hatten gar die immer häufi-
ger auftauchenden Berichte über UFO-Sichtungen etwas mit deutschen Wunderwaffen zu
tun? Ende 1946 brach — vielleicht auch deshalb? — eine gewaltige US-Armada mit Kriegsschif-
fen, einem U-Boot, einem Flugzeugträger und 4.000 Marinesoldaten unter Admiral Richard
Evelyn Byrd in die Antarktis auf. Hatte diese „Operation Highjump” militärischen Charakter?
Geriet sie zum Desaster? Diente die Operation wirklich nur Forschungszwecken, wie behaup-
tet wurde, oder gab es doch einen militärischen Hintergrund? Weshalb ereigneten sich
spektakuläre Unfälle mit Todesfolge?
Dieses spannende Sachbuch geht allen bohrenden Fragen um Neu-Schwabenland
hartnäckig nach und dokumentiert u.a. ein Gespräch mit dem einzigen noch lebenden Teil-
nehmer der Expedition von 1938/39. Rund 100, oft farbige, Fotos lassen uns die Entdeckung
miterleben und entführen uns in eine Region des Südpolargebietes, von deren Existenz
die meisten Deutschen nicht einmal eine Ahnung haben, geschweige denn ihren Namen
kennen: Neu-Schwabenland!
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Vorwort
i m Indiendienst eingesetzt worden war, an die
Deutsche Lufthansa (DLH) verkauft.
Was wollte die Deutsche Lufthansa mit einem
Frachtschiff?
Meine Recherchen ergaben, daß die DLH das
Schiff für die Verwendung als Flugzeugstütz-
punkt im transatlantischen Luftverkehr er-
Einem Geheimnis auf der Spur worben hatte und daß es für diesen Zweck bei
der Deutschen Schiffs- und Maschinenbau-
Von Neu-Schwabenland, Hitlers letzter ge- AG, Weserwerk, in Bremen, bis zum 15. Au-
heimgehaltener Kolonie in der Antarktis, erfuhr gust 1934 umgebaut worden war. Die In-
ich zum ersten Mal im Sommer 1960. dienststellung als Katapultschiff der Deut-
Konteradmiral Conrad Engelhardt, der die schen Lufthansa erfolgte unter dem neuen Na-
i m Auftrag der Bundesregierung an der men „Schwabenland”.
Ostakademie in Lüneburg gebildete „For- Das Motorschiff „Schwabenland”, 8.188
schungsstelle Ostsee”, der ich als ehrenamtli- Bruttoregistertonnen, 142,7 Meter lang, 18,4
cher Mitarbeiter angehörte, leitete, hatte mir Meter breit, mit zwei Dieselmotoren je 1.800
die Aufgabe übertragen, alle Handelsschiffe zu P5 und Doppelschrauben ausgestattet, die ei-
ermitteln, die 1944 / 45 Flüchtlinge aus Ost- ne Höchstgeschwindigkeit von zwölf Knoten
preußen, Westpreußen, Danzig und Pommern ermöglichten, wurde im Auftrag der DLH
über die Ostsee gerettet hatten. Hierzu gehör- zunächst von Kapitän A. Lipa geführt. Dieser
ten auch Schiffe der Reederei Deutsche Dampf- wurde am 13. Mai 1935 von Kapitän Alfred
schiffahrtsgesellschaft (DDG) „Hansa” in Bre- Kottas abgelöst.
men, so zum Beispiel die Frachter „Moltke- Bei meinen weiteren Recherchen brachte ich
fels”, „Neidenfels”, „Stolzenfels” und vermut- in Erfahrung, daß M/S „Schwabenland ” 1938
lich auch der Frachter „Schwarzenfels”. Doch nochmals umgebaut und danach als Expediti-
beim letztgenannten irrte ich mich. Bereits im onsschiff für eine mehrmonatige, vor der brei-
Februar 1934 hatte die DDG „Hansa” den ten Öffentlichkeit geheimgehaltene Antarktis-
Frachter „Schwarzenfels ”, der 1925 bei den expedition zum Einsatz gekommen war. Nun
Deutschen Werken in Kiel gebaut und danach war mein Interesse an dem Schicksal dieses
VORWORT

Schiffes vollends geweckt. Ich ahnte damals dings, daß der Legendenbildung um Neu-
nicht, daß mich meine weiteren Nachfor- Schwabenland offensichtlich keine Grenzen
schungen über 40 Jahre lang beschäftigen soll- gesetzt sind und Vermutungen, die nicht be-
ten. weisbar oder nachweislich falsch sind, zu Fak-
Erst aus dem 1942 im Auftrag der Deutschen ten gemacht werden. Wer heute im Internet
Forschungsgemeinschaft herausgegebenen Be- unter „Neu-Schwabenland” sucht, erhält eine
richt von Alfred Ritscher, Kapitän der Handels- Fülle von Informationen, von denen viele nur
marine und Oberregierungsrat beim Oberkom- Halbwahrheiten enthalten oder gänzlich er-
mando der Kriegsmarine, dessen Beschaffung funden sind.
für mich nicht einfach war, erfuhr ich Einzel- So ist von Verschwörungen die Rede, von der
heiten über die mit M/S „Schwabenland” im Thule-Gesellschaft, von deutschen Untersee-
antarktischen Sommer 1938 / 39 durchgeführte booten, die sich bei Kriegsende 1945 massen-
Expedition. Er war dem Reichsmarschall Her- weise nach Südamerika abgesetzt hätten, von
mann Göring gewidmet und trug den Titel Wis- U-Boot-Stützpunkten in Neu-Schwabenland,
senschaftliche und fliegerische Ergebnisse der Deut- von UFOs, die möglicherweise dort stationiert
schen Antarktischen Expedition 1938/39. Die Tat- seien, von einem Zwangsflug des amerikania
sache, daß diese Expedition zur Inbesitznahme schen Admirals Richard Evelyn Byrd in die
von Neu-Schwabenland führte, einem Südpo- „hohle Erde” (den Verlauf eines weiteren am
largebiet in der Größe Deutschlands in den Nordpol soll er in einem „Tagebuch” veröffent-
Grenzen von 1937, veranlaßte mich dazu, alle licht haben), von einem Versuch der Amerika-
irgend erhältlichen Informationen über die so- ner, mit einem Flugzeugträger, mehreren Schif-
wohl von der Reichsregierung als auch in der fen und Flugzeugen sowie 4.000 Soldaten
Nachkriegszeit von der Bundesregierung vor- 1946 / 47 Neu-Schwabenland zu erobern, der
enthaltenen Fakten in bezug auf Neu-Schwa- kläglich gescheitert sei, und schließlich von ei-
benland zusammenzutragen. Dazu gehörten nem amerikanischen Atombombenabwurf über
auch Berichte über die wirtschaftliche und stra- Neu-Schwabenland.
tegische Bedeutung der Antarktis. Zunächst Solche Informationen auf ihren Wahrheitsge-
war es mühevoll und zeitraubend, verläßliche halt zu überprüfen, erforderte jahrelange Re-
Informationen zu erhalten, doch nach und nach cherchen, als deren Ergebnis diese erste umfas-
verdichtete sich das Bild. sende deutsche Dokumentation über Hitlers
Eine völlig neue Dimension erreichte die letztes Geheimnis, das 1938 / 39 in Besitz ge-
Neu-Schwabenland-Forschung mit der Ein- nommene Neu-Schwabenland in der Antarktis,
führung des Internet. Dabei zeigte sich aller- entstand. Die Dokumentation ist ein wichtiges
Kapitel der Geschichte des Dritten Reiches und
der deutschen Geschichte überhaupt, nicht zu-
letzt aber auch der Antarktisforschung, für die
deutsche Wissenschaftler bei der Antarktisex-
pedition 1938 / 39 mit dem Katapultschiff der
Deutschen Lufthansa M/S „Schwabenland”
Hervorragendes geleistet haben, was bis heute
unbekannt ist oder wissentlich verschwiegen
wird.
November 2004, Heinz Schön

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Einleitung
einem Eismantel überzogen ist, der durch-
schnittlich 2.000 Meter dick ist, an manchen
Stellen sogar bis zu 4.000 Meter.
Auf der Antarktis liegen 90 Prozent des Weltei-
ses. Es ist ausgerechnet worden, daß das Gewicht
der insgesamt 24 Kubikkilometer Eis die Erd-
oberfläche der Antarktis um 500 bis 1.000 Meter
Die Antarktis, der friedlichste Teil unserer Erde absinken ließ. Mit einer Durchschnittshöhe von
etwa 1.500 Meter über dem Meeresspiegel ist die
Der Kontinent Antarktis ist das kälteste, Antarktis der höchste Kontinent der Erde.
trockenste, sturmreichste, unzugänglichste und Sollte die gewaltige Eismasse, aus welchen
lebensfeindlichste Gebiet der Erde. Die glän- Gründen auch immer, schmelzen, würde der
zende Eiswüste am Ende der Welt ist aber auch Wasserspiegel der Meere um 60 bis 70 Meter
als waffenfreies Gebiet der friedlichste Teil un- steigen. Die Folge: Mehr als die Hälfte der be-
serer Erde. Die Träume der Menschheit vom siedelten Welt würde überschwemmt werden.
Weltfrieden sind hier Wirklichkeit. Neueste Berechnungen haben ergeben, daß
Das Gebiet der Antarktis umfaßt einschließlich die Eismasse in der Antarktis um über 1.000
einiger vorgelagerter Inseln eine Fläche von 14,1 Kubikmeter jährlich zunimmt, was die Be-
Millionen Quadratkilometern. Die wichtigsten fürchtung hervorgerufen hat, daß sich die Erde
Inselgruppen sind Südgeorgien, Südsandwich, einer neuen Eiszeit nähert. Nur etwa 320.000
Südorkney und Südshetland, die sämtlich in bri- Quadratkilometer der auf ca. 14 Millionen Qua-
tischem Besitz sind. Mit Ausnahme der Wal- dratkilometer geschätzten Antarktisoberfläche
fangstation Grytviken auf Südgeorgien (600 bis sind eisfrei.
1.200 Einwohner) sind sie ebenso unbewohnt Der antarktische Kontinent befindet sich 3.000
wie das gesamte Südpolargebiet, in dem die Be- bis 4.000 Kilometer von Südafrika, Australien
satzungen der wissenschaftlichen Beobachtungs- und Neuseeland entfernt, dagegen von der
und Forschungsstationen die ganze Bevölkerung Südspitze Südamerikas nur 1.000 Kilometer.
darstellen. Mit Ausnahme der Antarktischen Halbinsel
Der Erdteil Antarktis scheint jüngsten For- (Grahamland) gegenüber Südamerika befindet
schungen zufolge kein zusammenhängender sich der gesamte Kontinent innerhalb des süd-
Kontinent zu sein, wie man bisher annahm, lichen Polarkreises. Es herrschen hier Tempera-
sondern am Rand, vor allem im Bereich der Fal- turen bis zu 90 Grad unter Null, selbst im ark-
tenantarktis zwischen Grahamland und Ross- tischen Sommer steigen die Temperaturen ganz
meer, in eine Reihe mehr oder weniger großer selten über 0 Grad. Häufig sind Stürme, die
Inseln zu zerfallen. Diese sind teilweise gebir- nicht selten eine Windgeschwindigkeit von 320
gig, bis zu 5.140 Meter hoch, und von einer Kilometer pro Stunde erreichen.
großen Inlandeismasse überzogen, in der Wed- 80 bis 600 Millimeter Niederschläge jährlich
dell- und Rossmeer große Buchten bilden. fallen meist im Sommer als Schnee. Nur einzel-
Das genaue Ausmaß der Fläche der Antarktis ne Gipfel, schmale Küstenstreifen und Inseln
liegt noch nicht genau fest, da sie fast völlig von sind eisfrei.
EINLEITUNG

In der Antarktis wächst außer Moosen und sein wird, wird die Erschließung der Antarktis
Flechten fast nichts, obwohl sich fast 70 Prozent beginnen.
des Süßwassers der Welt hier befinden, bedeckt Abbauwürdig könnte in absehbarer Zeit be-
mit einer Eiskappe. Landtiere fehlen in der Ant- reits das Öl vor der Küste sein. Geologische Da-
arktis fast völlig, dagegen gibt es Pinguine und ten lassen große Sedimentbecken im Kontinen-
Meeressäuger, wie Robben und Wale, in großer talschelf unter dem Eis erwarten, jedoch wären
Zahl. Die wirtschaftliche Bedeutung der Ant- die Förderkosten noch sehr hoch.
arktis liegt zum großen Teil im Walfang. Die Frage, wer die Antarktis entdeckte, ist
Doch ist der Walfang nicht der eigentliche nicht zu beantworten.
Grund für die Tatsache, daß viele Länder daran Vor mehr als 200 Jahren, von 1772 bis 1775, um-
interessiert sind, bei einer Aufteilung des Kon- segelte Kapitän James Cook den antarktischen
tinents, die eines Tages stattfinden wird, nicht Kontinent, sichtete jedoch nicht die Landmasse.
leer auszugehen. Der Engländer Edward Bransfield, ein Rob-
Unter der gewaltigen Eisdecke, aber auch im benfänger, sichtete als erster die Nordspitze des
Meer vor den Küsten, werden märchenhafte Grahamlands, eines Teils des antarktischen
Bodenschätze vermutet, die auf ihre Ent- Festlandes. 1820 folgte die Inbesitznahme von
deckung warten und Riesengewinne verspre- Grahamland, auch Antarktische Halbinsel ge
chen, große Ölfelder wie im Iran oder so reiche nannt, durch Großbritannien.
Edelmetallvorkommen wie in Südafrika. Im selben Jahr sichtete der amerikanische
Welche Vorstellungen einige Länder von den Robbenfänger Nathaniel B. Palmer den antark-
unter dem Eis verborgenen Schätzen haben, tischen Kontinent.
geht aus einer Äußerung des früheren malaysi- Eine französische Expedition unter Kapitän J.
schen Ministerpräsidenten Dr. Mahathir Moha- Dumont d'Urville führte 1839/40 zur Ent-
med hervor, der erklärte: " Eines Tages ent- deckung von Adaeland und zu dessen Besitz-
decken wir womöglich, daß der Südpol aus pu- nahme für Frankreich.
rem Gold ist, und für uns fällt nichts davon ab."' 1839 bis 1843 umfuhr der Engländer Sir James
Malaysia stellte schon zu Beginn der 1980er Jah- Clark Ross den Kontinent. Er kartographierte
re die Forderung, die Antarktis zum " gemeinsa- etwa 800 Kilometer der Küste von Victorialand,
men Erbe der Menschheit" zu erklären. entdeckte das nach ihm benannte Rossmeer
Daß unter dem Eis der Antarktis tatsächlich Bo- und die Ross-Insel und nahm beide für Groß-
denschätze auf ihre Entdeckung warten, davon britannien in Besitz.
sind alle Länder überzeugt, die sich ihren Anteil Doch es gibt auch andere Entdeckeran-
an der Antarktis sichern wollen, und die Frage, sprüche. Ein amerikanischer Robbenjäger soll
wie diese aus dem Eismantel geborgen werden als erster seinen Fuß auf das Eis gesetzt haben,
könnten, wird seit Jahren lebhaft diskutiert. Franzosen hißten die erste Flagge, Norweger
Tatsache ist, daß man in der Antarktis bisher erreichten als erste den Südpol und überstan-
noch nichts von nennenswertem kommerziel- den erstmalig einen arktischen Winter. Ameri-
len Wert gefunden hat. Selbst wenn die Vor- kaner schickten das erste Flugzeug, Briten
hersagen von großen Reichtümern wahr wer- überquerten als erste den Kontinent, und das
den sollten, wäre ihre Erschließung unvor- erste Antarktiskind kam 1978 in einer argenti-
stellbar schwierig und die Kosten immens. nischen Forschungsstation zur Welt.
Wenn jedoch die entsprechende Technik ent- Die Antarktisforschung geht weiter. Weitere
wickelt und praktisch anwendbar geworden Entdeckungen und Überraschungen sind sicher.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND --
Geheimauftrag
für Alfred Ritscher
Göring plant Expedition in die Antarktis Deutsche Entdeckerfahrten in die Antarktis

Mit großer Sorge nahm die deutsche Reichsre- Um sich sachkundig zu machen, forderte
gierung in Berlin die Bemühungen anderer Göring zunächst einen Bericht über die bisheri-
Staaten zur Kenntnis, sich mittels Expeditionen gen deutschen Aktivitäten in der Antarktis an,
und Einrichtung von Forschungsstationen Teil- der ihm wenige Tage später vorlag.
gebiete der Antarktis durch Inbesitznahme zu Eduard Dallmann, 1830 in Blumenthal bei
sichern. Besonders eingehend wurden die Akti- Bremen geboren, 1845 Schiffsjunge, bestand sei-
vitäten europäischer Länder in dem herrenlo- ne nautischen Prüfungen auf der Seefahrtschu-
sen Kontinent beobachtet. Hierzu zählten vor le Bremen 1850 und 1855 und wurde Steuer-
allem Großbritannien, Frankreich, Norwegen mann auf dem Bremer Südsee-Walfangschiff
und Rußland. „ Otaheite”. Von 1860 bis 1864 fuhr Dallmann
Hermann Göring brachte in seiner Eigen- als Kapitän das oldenburgische Walfangschiff
schaft als Beauftragter für den Vierjahresplan " Planet".
zum Jahresbeginn 1938 das Thema " Die Ant- Am 17. August 1866 landete Dallmann als er-
arktis und Deutschland" auf die Tagesord- ster auf Wrangel-Land. Von 1866 bis 1872 fuhr
nung einer Besprechung mit Adolf Hitler. Es er als Kapitän auf der für Hackfeld auf der
ging dabei um die " Ernährung der deutschen Werft von Bosse in Bremen-Burg gebauten Wal-
Bevölkerung im Kriegsfall". Der Hinweis fängerbark " Graf Bismarck". 1873 / 74 ging Ka-
Görings, daß man den Walfang in der Antark- pitän Dallmann mit dem Segeldampfschiff
tis durch eine deutsche Expedition nicht nur " Grönland" für die Polarschiffahrtsgesellschaft
sicherstellen, sondern ausbauen müsse, fand Hamburg auf Fangfahrt in die Antarktis. Bei
nicht nur die Zustimmung des Reichskanz- dieser Fahrt gelang es ihm, die Küste von Gra-
lers, sondern auch einer Reihe von Ministeri- hamland entlangzufahren und so einen Teil der
en und Institutionen, für die nicht der Walfang Westküste der Antarktischen Halbinsel zu be-
und die Erschließung neuer Walfanggebiete in fahren. Dallmann fand auch den Einstich zwi-
der Antarktis, sondern ganz andere Gründe schen der Antwerpen-Insel und dem Konti-
für eine Antarktisexpedition ausschlaggebend nent, den er Bismarck-Straße taufte. Eduard
waren. Dallmanns großer Verdienst ist der von ihm er-
Die Sicherung des deutschen Anteils an den brachte Beweis, daß hinter den vorgelagerten
Bodenschätzen, die unter dem Eis und im Mee- Inseln der eigentliche Kontinent Antarktis liegt.
resboden an der Küste vermutet wurden, dar- Dallmann, ein ausgezeichneter Kapitän und
unter 01, sowie die strategische Bedeutung der hervorragender Navigator und Kartograph,
Antarktis für einen eventuellen Seekrieg, waren wurde zum deutschen Antarktispionier.
den Militärs und den Polarforschern außeror- Bis zum Ende des Jahrhunderts fanden keine
dentlich wichtige Aufgaben einer deutschen großen deutschen Antarktisexpeditionen mehr
Südpolarexpedition. statt, doch einige wichtige Ereignisse standen
Nachdem Hitler Göring grünes Licht für sein im Zusammenhang mit dem weißen Kontinent.
Vorhaben gegeben hatte, eine deutsche Antark- 1874 suchte Kapitän von Reibnitz mit der " Ar-
tisexpedition vorzubereiten und noch im Jahr kona" einen geeigneten Standort für die Beob-
1938 zu beginnen, liefen die Vorarbeiten, für die achtung des Venus-Durchgangs im südlichen
sich der Reichsminister einen handverlesenen indischen Ozean, während 1874 / 75 die " Gazel-
Mitarbeiterstab gesichert hatte, an. le"-Expedition unter Kapitän Baron von Schlei-

8
GEHEIMAUFTRAG FÜR ALFRED RITSCHER

nitz ozeanographische Forschungen in den drei sommer und Herbst des Jahres 1901 stattfinden
südlichen Ozeanen durchführte. sollten.
Im Auftrag der Hamburgischen Dampfschiff- Die Beratungen und der Beschluß über das
fahrtsgesellschaft fuhr Kapitän Carl Anton Lar- Aktionsprogramm war der Initiative von Georg
sen 1888 und 1893 mit dem norwe gischen Wal- von Neumayer, Vorsitzender der Deutschen
f änger „Jason” die Seymaur-Inseln an sowie die Kommission für Südpolarforschung und Mit-
Ostküste der Antarktischen Halbinsel. Er sah glied der Internationalen Polarkommission, zu
dabei als erster die Rückseite der Halbinsel. verdanken, der vehement die „antarktische
Unter Leitung von Professor Karl Chun Untätigkeit” angeprangert hatte.
brachte eine 1898 / 99 durchgeführte Tiefsee-Ex- Georg von Neumayer, 1826 in der Pfalz gebo-
pedition mit dem Schiff „Valdia” wichtige Er- ren, international anerkannter Wissenschaftler
kenntnisse von den Kerguelen-Inseln bis zum auf den Gebieten Nautik, Magnetik, Meteorolo-
Enderby-Land. gie, Hydrographie und Astronomie und Grün-
der der Deutschen Seewarte in Hamburg, sah
die Erforschung der Südpolargebiete als sein
Gegen „antarktische Untätigkeit” Lebensziel und unterstützte sie daher sowohl
durch seine einflußreiche Stellung als auch
Neue Impulse für die Antarktisforschung durch wissenschaftliche Arbeiten, was ihm den
brachte der Internationale Geographen-Kon- Ruf als „Vater der deutschen Südpolarfor-
greß, der 1899 in Berlin stattfand. Das vom Kon- schung” einbrachte. Aufgrund seiner hervorra-
greß beschlossene Aktionsprogramm veranlaß- genden wissenschaftlichen Arbeiten ehrte die
te drei Länder - Schweden, England und Bayerische Krone Georg von Neumayer im Jahr
Deutschland — zu Expeditionen, die im Spät - 1900 mit dem persönlichen Adel.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Neumayer, wie Alexander von Humboldt Dem Einfallsreichtum der Seglerbesatzung


Anhänger des erdmagnetischen Phänomens, und ihres Kapitäns war es zu verdanken, daß
zog aus Beobachtungen der Eisbewegung und dieses Mitte März 1903 gelang. Bereits im vor-
Meeresströmung den Schluß, daß man vom In- ausgegangenen antarktischen Sommer hatten
dischen Ozean aus über die Kerguelen tief nach die Männer auf Geheiß von Drygalski das Eis
Süden vorstoßen könne. östlich des Küsten- von ihrem Schiff bis zum nächsten Stück offe-
streifens, im Gebiet zwischen 50° und 100° Ost, nen Wassers mit Asche bestreut. Die Asche ab-
vermutete er eine tief nach Süden ragende Mee- sorbierte genügend Sonnenwärme, um einen
resbucht. nahezu zwei Meter breiten Kanal aufzuschmel-
zen, an dem entlang sich das Eis spaltete. So ge-
lang es, den Segler vom Eismantel zu befreien
Die Drygalski-Expedition 1901—1903 und die Heimfahrt anzutreten.
Enttäuscht zeigte sich Drygalski nach seiner
Am 18. Juli 1901 bestellte der deutsche Kaiser Rückkehr darüber, daß der Kaiser zwischen-
Wilhelm II. den 1865 in Königsberg geborenen, zeitlich das Interesse an der Expedition verlo-
an der Universität Berlin lehrenden Professor ren hatte; offensichtlich hatte er gehofft, Dry-
für Geographie und Geophysik Erich von galski würde bis zum Südpol vorstoßen, was
Drygalski zum Leiter einer wissenschaftlichen acht Jahre später, 1911, erst dem Norweger
Antarktisexpedition. Die deutsche Reichsregie- Roald Amundsen gelang.
rung bewilligte für die Expedition 1,5 Millionen Die Auswertung aller während der Drygal-
Reichsmark, von denen ein eigenes Schiff, der ski-Expedition aufgezeichneten Forschungser-
Segler „Gauss”, gebaut wurde. gebnisse dauerte 16 Jahre und füllte 20 Bände
Nach einer von Georg von Neumayer ausge- und zwei Atlanten. 1906 erhielt Erich von
arbeiteten Route für die Expedition 1901 fuhr Drygalski eine Professur an der Münchner Uni-
Drygalski entlang dem 90. östlichen Längen- versität und wurde 1921 /22 deren Rektor und
grad Kurs nach Süden. Er wollte feststellen, ob Vorsitzender der Geographischen Gesellschaft.
zwischen der von den Polarforschern Wilkesy Nach Drygalski wurde ein Fjord der Insel Süd-
und Kemp gesichteten Küste tatsächlich Land georgien benannt.
lag.
Als Drygalski Ende Februar 1902 mit seinem
Segler „Gauss” die Antarktis bei 92° Ost er- Filchner mit der „Deutschland” in der Antarktis
reichte, sah er vor sich ein weites, eisbedecktes
Land. Zu Ehren seines Auftraggebers, dem Mit dem Auslaufen des aus Norwegen stam-
deutschen Kaiser, gab er diesem Land den Na- menden Polarschiffes „Deutschland” aus dem
men Kaiser-Wilhelm-Land. Zuvor, am 21. Fe- Hamburger Hafen begann am 3. Mai 1911 die
bruar 1902, hatte er die nach ihm benannten nächste deutsche Antarktisexpedition. Leiter
Drygalski-Inseln in der Ostantarktis entdeckt. dieses Südpol-Unternehmens war der 34jährige
Völlig unerwartet hatte sich Drygalskis Schiff, in München geborene Kürassieroffizier und Geo-
der Segler „Gauss” festgefahren, er wurde vom physiker Wilhelm Filchner. Filchner hatte ein
Eis eingeschlossen. Diese ungewollte Zwangs- Jahr zuvor eine Spitzbergen-Expedition gelei-
pause, die einige Probleme aufwarf, wurde zu tet, die der Vorbereitung seiner Expedition
Forschungsarbeiten genutzt. Man fuhr über die 1911 /12 diente. Mit dieser zweiten deutschen
Eisschollen nach Süden, fand einen erloschenen Antarktisexpedition verfolgte er das kochge-
Vulkan, den man Gaussberg taufte, sammelte steckte Ziel, über die Erreichung des Südpols
Gesteins- und Lavaproben, nahm Eismessun- hinaus als erster die Antarktis zu durchqueren,
gen vor und förderte Kleintiere zutage. um festzustellen, ob sie einen oder zwei Konti-
Drygalski führte die Luftvermessung in der nente bildet.
Antarktis ein. Über eine Seilwinde und einen Filchner konzentrierte seine Arbeit zunächst
Anker wurde ein Fesselballon auf 500 Meter auf die Erforschung des südlich vom Wed-
Höhe gebracht und die Umgebung fotogra- dellmeer gelegenen Gebietes. Er wollte fest-
phisch aufgenommen. stellen, ob die Vermutung anderer Polarfor-
Anfang März 1903 wurde die Lage auf dem scher richtig war, nach der sich die großen
Segler immer kritischer, da die Kohlenvorräte Einbuchtungen des südlichen Ross- und Wed-
verbraucht waren und die Besatzung bereits ge- dellmeers nach Süden hin fortsetzten, sich trä-
zwungen war, die tranreichen Körper von Pin- fen und so einen Durchstich bildeten, der die
guinen als Brennmaterial zu verwenden. Es West- von der Ostantarktis in Form eines
wurde höchste Zeit, daß die „Gauss” aus der großen, eisbedeckten Meeresarmes voneinan-
Eisfalle freikam. der trennten.

10
GEHEIMAUFTRAG FÜR ALFRED RITSCHER

Erschwert wurde die Arbeit der Filchner-Ex- und keine weitere Expedition durchgeführt
pedition von Beginn an durch Eisbarrieren, die worden war.

sein Forschungsschiff „Deutschland eineng- Als Beauftragter für den Vierjahresplan wuß-
ten. In der Umklammerung einer Eisscholle lag te Göring, wie wichtig der Walfang in der Ant-
das Schiff eine Woche fest. Erst Ende Januar arktis für Deutschland war und wie notwendig
1912 erreichte Filchner den antarktischen Kon- es erschien, diesen sicherzustellen und neue
tinent in Coats-Land. Der Küstenlinie nach We- Fanggebiete zu erschließen. Für ihn schien es
sten folgend entdeckte die „Deutschland” bei höchste Zeit, eine große Expedition in die Ant-
35° West überraschend das Gegenstück zur arktis zu entsenden.
Ross-Barriere. Es gelang Filchner, dieser Linie Am 9. Mai 1938 wurde ihm ein von Mitarbei-
noch weitere etwa 350 Kilometer zu folgen. Da- tern seines Ministeriums ausgearbeiteter Plan
nach machte Packeis die Weiterfahrt unmög- für eine Antarktisexpedition, die im antarkti-
lich. Etwa 600 Quadratkilo- schen Sommer 1938 / 39 durch-
meter Tafeleis, das sich bei geführt werden sollte, vorge-
stürmischem Wetter plötzlich legt. Er billigte ihn und beauf-
selbständig gemacht hatte, tragte Staatsrat Helmut Wohl-
verhinderte in dieser östlichen that, Ministerialdirektor z.b.V.
Ecke des Schelfs den Aufbau (zur besonderen Verwendung),
einer deutschen Forschungs- mit der Vorbereitung der Expe-
station. Filchner versuchte dition und stattete ihn mit allen
dieses gefährliche Gebiet mit Vollmachten aus.
seinem Schiff sofort zu ver- Der Ministerialbeamte hatte
lassen, was jedoch mißlang. für diesen bedeutenden logisti-
Am 10. März 1912 saß die schen Großauftrag nur sechs
„Deutschland” erneut fest. Monate Zeit, da Göring den Be-
Neun Monate lang trieb das ginn der Expedition, das Aus-
Schiff mit seiner Besatzung laufen des Expeditionsschiffes,
über das Weddellmeer, erst im auf Sonnabend, den 17. Dezem-
November 1912, als der ant- ber 1938, festgelegt hatte.
arktische Sommer begonnen Organisierte die Vorbereitung: Am Tag des Auftragsemp-
hatte, kam es wieder frei. Staatsrat Helmut Wohlthat fangs hatte der Ministerialdi-
Von dem ursprünglichen Ex- rektor zum Beispiel weder ein
peditionsprogramm konnte nur ein Bruchteil Schiff mit einem Kapitän noch einen Expediti-
realisiert werden. Hierzu gehörten das Errei- onsleiter. Auch war ihm noch kein Polarfor-
chen der Südostspitze im Weddellmeer, die Be- scher und Wissenschaftler bekannt, der für die
nennung der Prinzregent-Luitpold-Küste, die Expedition, die große Anforderungen an die
ersten exakten Messungen von der großräumi- Qualifikation und die Gesundheit stellte, geeig-
gen Drift des Packeises und die Entdeckung net erschien. Unter normalen Umständen hät-
des heute nach dem Polarforscher benannten ten für die Vorbereitung der Expedition zwei
Filchner-Schelfeises. Jahre Zeit zur Verfügung stehen müssen.
Nicht nur während des Ersten Weltkrieges, Nach dem 9. Mai wurde auf Initiative und oft
auch in den Jahren danach ruhte die Antarktis- unter der Leitung von Wohlthat fast pausenlos
forschung — und dies nicht nur in Deutschland. getagt, in den verschiedenen Ministerien wur-
den Ressortbesprechungen durchgeführt, es
wurde telefoniert und geschrieben und alles ge-
Erste Vorbereitungen tan, um in der kurzen zur Verfügung stehenden
für die dritte deutsche Antarktisexpedition Zeit die große Antarktisexpedition optimal vor-
zubereiten.
Mit Interesse hatte Göring zur Kenntnis ge- Ministerialdirektor z.b.V. Wohlthat richtete
nommen, daß Deutschland bisher nur zwei of- sich bei seinen Vorbereitungen nach dem mit
fizielle Antarktisexpeditionen mit unterschied- seinem Dienstherrn, Hermann Göring, abge-
lichem Erfolg durchgeführt hatte und daß deut- sprochenen Konzept, das detailliert die Aufga-
sche Polarforscher und Wissenschaftler auch an ben der Expedition enthielt. Danach war es das
ausländischen Antarktisunternehmen beteiligt Ziel, durch einen Erkundungsvorstoß in die
gewesen waren. Er hatte aber auch zur Kennt- antarktischen Gewässer und in das Innere des
nis nehmen müssen, daß seit der Filchner-Ex- antarktischen Kontinents, Deutschland ein Mit-
pedition vor 25 Jahren keine deutschen For- bestimmungsrecht und seinen gebührenden
scher mehr in der Antarktis gewesen waren Anteil bei der kommenden Aufteilung der Ant-

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

arktis unter den Großmächten zu sichern und Die eigentliche Atlantiküberquerung begann
damit die Voraussetzungen für das unge- in Bathurst / British Gambia. Das einzige für
schmälerte Recht des Deutschen Reiches auf diese enorm weite Etappe geeignete Flugzeug
ungestörte Ausübung eines für seine 80 Millio- war das Dornier-Wal-Flugboot, allerdings
nen Menschen lebenswichtigen Walfangs zu konnte auch dieses den Atlantik nicht nonstop
schaffen. Die wissenschaftlichen Forschungen überqueren. Die Auftankung im Flug, die die
der Expedition sollten an die Forschungen von Deutsche Lufthansa erprobte, bereitete unter
Erich von Drygalski (1901-1903) und Wilhelm den damaligen Bedingungen nicht allzu große
Filchner (1911-1913) anknüpfen. Schwierigkeiten.
Dementsprechend waren die Aufgaben auf die Eine Lösung brachte hier das als „schwim-
einzelnen Wissenschaftsgebiete wie folgt verteilt: mende Insel” bezeichnete Flugzeugstützpunkt-
• Geographie: Gewinnung einer Landkarte des schiff, das mit Hilfe eines Schleppsegels und
Küstengebietes im Arbeitsabschnitt durch fo- eines Krans ein gelandetes Wasserflugzeug
togrammetrische Vermessung aus der Luft. (Flugboot) aufnehmen, betanken und anschlie-
• Meteorologie: Wetterberatung der Flugzeuge ßend mit Hilfe eines Katapults wieder starten
und Erforschung der höheren Schichten der konnte
Atmosphäre mittels Radiosonden. Das erste Schiff, das von der Deutschen Luft-
• Ozeanographie: Reliefaufnahmen des Mee- hansa zu einem solchen Flugzeugstützpunkt-
resbodens mittels Echolotungen, Oberflä- schiff umgebaut wurde, war der 1905 gebaute
chenbeobachtungen mit dem Sund-Schöpfer. Dampfer „Westfalen” der Reederei Norddeut-
Temperaturmessungen, Durchführung hy- scher Lloyd Bremen (NDL), der, ausgerüstet
drographischer Serien, Erkundung der Eis- mit einem Schleppsegel und einer Heinkel-
verhältnisse. Großflugzeugschleuderanlage, im Auftrag der
• Biologie: Beobachtungen über Vorkommen DLH seinen Dienst aufnahm.
von Walen, Robben, Vögeln, Planktonfänge Nach der „Westfalen” übernahm die Deut-
und Sammlung von Erfahrungen über die sche Lufthansa 1934 von der Deutschen
Nahrungsauswahl und Nahrungsaufnahme Dampfschiffahrtsgesellschaft „Hansa” Bremen
von Walkrebsen. das Motorschiff „Schwarzenfels”, ließ es zum
• Nautik: Erprobung nautischer Geräte und Ta- Flugzeugstützpunktschiff umbauen und setzte
bellen, Kimmtiefenmessungen; Nachprüfung es unter dem neuen Namen „Schwabenland” in
von Angaben in den deutschem Seekarten: Fahrt. Zwei weitere Flugzeugstützpunktschiff-
Herstellung von Küstenansichten für See- Neubauten folgten mit „Ostmark” und „Frie-
handbücher. senland”.
Um diese Vielzahl wichtiger Aufgaben in den In den Jahren 1934 bis 1937 absolvierten die
wenigen Monaten des antarktischen Sommers Lufthansa-Flugzeuge 309 Flüge im Südatlantik-
bewältigen zu können, sah der Staatsrat vor, auf Flugdienst. Sie legten dabei 2.420.416 Flugkilo-
die bisherige umständliche und zeitraubende meter zurück.
Praxis der Polarforschung mit Hunden und Für die vom Reichsluftfahrtministerium Ber-
Schlitten zu verzichten und an ihrer Stelle, ins- lin 1938 geplante Antarktisexpedition konnte es
besondere für die Inlanderkundung, ein neu- keinen besseren Partner geben als die Deutsche
zeitliches Hilfsmittel der Wissenschaft und Lufthansa, die sich bereits im ersten Gespräch
Technik einzusetzen: das Flugzeug. bereit erklärte, sich an der Expedition zu betei-
ligen und diese partnerschaftlich zu unterstüt-
zen. Die DLH bot die idealen Voraussetzungen
Die Deutsche Lufthansa als Partner für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit. Sie
verfügte über jahrelange Erfahrungen auf dem
Der Deutschen Lufthansa war es 1934, 17 Jahre Gebiet des Uberseeflugs sowie über eine her-
nach der ersten Atlantiküberquerung mit einem vorragende technische und kaufmännische Or-
Flugzeug durch Lindbergh, als erster Luftfahrt- ganisation, zudem besaß sie vier schwimmende
gesellschaft der Welt gelungen, Amerika und Flugzeugstützpunkte mit je zwei Dornier-Walen
Europa auf dem Luftweg miteinander zu ver- (Wasserflugzeugen) und einem ausgezeichnet
binden. geschulten und flugerfahrenem Personal.
Der erste planmäßige Transozeanflug der Die DLH erklärte sich sofort bereit, ihren
Deutschen Lufthansa erfolgte über die Route Dampfer „Westfalen”, der als Flugzeugstütz-
Berlin - Stuttgart - Sevilla - Bathurst - Natal punkt seinen Dienst zwischen Bathurst und
nach Rio de Janeiro und Buenos Aires. Die Natal versah, zur Verfügung zu stellen. Dafür
11.369 Kilometer lange Strecke wurde in fünf sollte das Schiff nach Rio de Janeiro verlegt
Tagen zurückgelegt. werden, dort eine Eisverstärkung erhalten und

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Mit Alfred Ritscher war die ideale Person für die Leitung Streckenführung des deutschen Luftpostdienstes Deutsch-
der Expedition gefunden. In dem 60jährigen Regierungsrat land — Südamerika 1934 Hier hatten sich die Dornier-
” ”
im Oberkommando der Kriegsmarine verbanden sich Kom- Wal-Flugboote „Passat und „Koreas der DLH Anfang der
petenzen als Schiffskapitän, Flugkapitän und Polarforscher. 1930erJahre auf vielen Atlantiküberquerungen bewährt.
Ein Zehn- Tonnen-Dornier- Wal auf der Schleuderanlage des Flugzeugstützpunktschiffes „Friesenland " der Deutschen Lufthansa (DLH)
1934 setzte die DLH für den Luftpostdienst nach Südamerika ihren ersten schwim- Als einziges Schleuderschiff der DL H
menden Flugzeugstützpunkt ein — den Dampfer „ Westfalen `. Dieser Kran der Berliner Firma
Hier wurden die Flugboote nach vorne geschleudert. bis zu einer Schräglage d e

Von der Deutschen Dampfsschiffahrts-Gesellschaft „Hansa " Bremen übernahm die Süd Der planmäßige Luftpostdienst nach
DLH das Motorschiff ,,Schwarzenfels ". Nach seinem Umbau zum Flugzeugstütz- 1934 eröffnet. Ein Brief bis 5 Gramm koste
punkt erhielt es den Namen „Schwabenland ". Luftpostlinie waren das Berliner Postamt Ctind

Staatssekretär Erhard Milch, Ministerialrat Dr. Heinz Orlovius, Hier wird das Seeflugzeug Blohmc
Freiherr Günther von Gablenz und andere beobachten am 17. August 1934 in von dem Flugzeugstützpu n
Hamburg das Landemanöver eines Flugbootes der „Schwabenland ". per Katapult gest
erhielt die „ Westfalen " einen Drehkran. Das Motorschi » Friesenland" war ein
Becker konnte Lasten von 15 Tonnen von der DLH in Auftrag gegebener
Schiffes von 15 Grad heben. Flugzeugstützpunktschiff- Neubau.

m erika wurde von der DLH am 3. Februar In Bathurst/British Gambia in Westafrika begann die eigentliche
stete 1,75 Reichsmark. Sammelstellen für diese Atlantiküberquerung. Hier ist die Niederlassung der DLH
und das Postamt 9 in Stuttgart. an der westafrikanischen Küste im Jahr 1935 zu sehen.

& Vo ß Ha 139 „Nordmeer ” Deutlich zu erkennen ist, daß die Flugboote


ktschiff» Schwabenland” aus nach hinten katapultiert wurden,
artet (um 1937). was den umklappbaren Kran notwendig machte.
Die Flugzeugstützpunktschiffe der DLH gewährleisteten in den 1930er Jahren einen reibungslosen transatlantischen Postverkehr.
Oben links: Dornier-Wal-Flugboot „ Taifun” auf der Schleuderanlage der » Friesenland`: Oben rechts: Bedienanlage für die
Katapultanlage der„ Westfalen ". Unten: Das Seeflugzeug Blohm & Voß Ha 139 „Nordmeer” am Kran der „Schwabenland”
GEHEIMAUFTRAG FÜR ALFRED RITSCHER

sachgemäß ausgerüstet werden. Dies hoffte Mast, bestand 1903 auf der Seefahrtschule in
man bis Ende November 1938 zu schaffen. Bremen das Patent als Steuermann auf großer
Als Frachtdampfer 1905 / 06 im Auftrag des Fahrt und 1907 auf der Seefahrtschule Altona
Norddeutschen Lloyd Bremen auf der Werft das Kapitänspatent. Anschließend fuhr er vier
J.C. Tecklenborg in Wesermünde gebaut und im Jahre bei der Hamburg-Amerika-Linie und der
Nordamerikadienst eingesetzt, wurde der Hamburg-Süd.
Dampfer „Westfalen” von der Deutschen Luft- Mittlerweile ein erfahrener und erfolgreicher
hansa 1932 gechartert, ein Jahr später angekauft Schiffsführer, bot ihm 1912 das Reichsmarine-
und danach bei der Deutschen Schiff- und Ma- amt eine Stelle an dem neu geschaffenen See-
schinenbau AG (Deschimag) Bremen zum handbuchwerk an, die er annahm. Dort lernte
Flugsicherungsschiff umgebaut. er den Polarforscher Schröder-Stranz kennen,
Am 3. Mai 1933 verließ die „Westfalen” den der für den Sommer 1912 eine wissenschaftli-
Kieler Hafen zur ersten Erprobungsfahrt. Die che Expedition entlang der „Nordöstlichen
zweite Versuchsreihe begann unter Leitung des Durchfahrt” plante und probehalber eine
Flugleiters der Deutschen Lufthansa. Freiherr Durchquerung des Nordostlandes von Spitz-
von Buddenbrock am 6. Oktober 1933, Kapitän bergen. Die Expedition hatte das Ziel der Er-
des Schiffes war A. Dettmering. Nach diesen probung von Menschen und Material im Eis.
beiden erfolgreich verlaufenen Erprobungs- Ritscher nahm das Angebot von Schröder-
fahrten nahm die „Westfalen” im Februar 1934 Stranz an, das Expeditionsschiff „Herzog
ihren Dienst als Flugzeugstützpunkt im Südat- Ernst” als Kapitän zu führen und die Leitung
lantik auf. der Aeronautischen Abteilung, das heißt der
Um das relativ alte Schiff auf seine Verwend- Erkundung mittels Flugzeug, zu übernehmen,
barkeit bei der geplanten Antarktisexpedition wofür er zuvor aber noch das Patent als Flug-
zu überprüfen, hatte Staatsrat Wohlthat, in des- zeugführer erwerben mußte. Dies gelang ihm,
sen Händen die Federführung des „Unterneh- obwohl er beim Prüfungsflug aufgrund eines
mens Antarktis” lag, Marinebaurat a.D. Kaye Bruchs des Höhenleitwerks abstürzte und nicht
nach Rio de Janeiro geschickt. Kaye war gleich- unerheblich verletzt wurde.
zeitig Sachverständiger des Germanischen Die Expedition war vom Pech verfolgt, die be-
Lloyd und Betreuer der vier Katapultschiffe der absichtigte Ostumrundung von Spitzbergen er-
Deutschen Lufthansa. wies sich als unmöglich. Das Schiff fuhr entlang
der Westküste und in nördlicher Richtung wei-
ter bis jenseits des Nordkaps von Nordostland.
Schiffs- und Flugkapitän Alfred Ritscher Trotz eines plötzlichen Wetterumschlags, der
das Polareis an die Nordküste heranpreßte, ge-
Eine der wichtigsten und zugleich schwierig- lang es Kapitän Ritscher, sein Schiff aus dieser
sten Aufgaben für Staatsrat Wohlthat war zwei- bedrohlichen Lage bis zur Sorgebucht zurück-
fellos die Suche nach einem geeigneten Südpol- zuführen und auf Strand zu setzen. Die Besat-
Expeditionsleiter. zung war dem Hungertod preisgegeben, wenn
Dieser sollte Polarerfahrung haben, Flugka- nicht rasch Hilfe kam; man hatte nur mit einem
pitän sein und möglichst auch noch Handels- Sommerunternehmen gerechnet und war dem-
schiffskapitän. Um diese Aufgabe zu lösen und entsprechend mit weniger Proviant ausgerü-
einen entsprechend geeigneten Mann zu fin- stet.
den, kam der Staatsrat auf eine Empfehlung Ohne zu zögern, machte sich einen Tag später,
von Konteradmiral Dr. Conrad zurück, der in am 20. Dezember 1912, Kapitän Ritscher bei
der Tat einen Mann kannte, der diese Voraus- über 30 Grad Kälte auf den Weg, um für die
setzungen erfüllte und der zur Zeit als Regie- hungernde Besatzung seines Expeditionsschif-
rungsrat in der Nautischen Abteilung des Ober- fes Hilfe zu holen. Begleitet von seinem Expe-
kommandos der Kriegsmarine tätig war und ditionshund Bella bewältigte er in sieben Tagen
für die ihm zugedachte Aufgabe sicherlich ab- die 210 Kilometer bis zur nächsten Siedlung,
kömmlich sein würde. der Kohlenstadt Longyearbyen in der Advent-
Es handelte sich um Alfred Ritscher. bucht im Eisfjord. In diesem brach er kurz vor
Alfred Ritscher, als Sohn eines Arztes am 23. der Ankunft noch ein, was ihm Erfrierungen
Mai 1879 in Bad Lauterberg im Harz geboren, einbrachte und ihn den halben rechten Fuß ko-
verließ mit der Obersekundarreife das Gymna- stete.
sium, mit dem Ziel, zur See zu fahren und Ka- Dieser Alleinmarsch bei arktischer Kälte,
pitän zu werden. 1897 machte er seine erste Rei- Schneesturm und Dunkelheit war eine einma-
se als Schiffsjunge auf dem Bremer Vollschiff lige Energieleistung von Alfred Ritscher, der
„Emlie”. Fünfeinhalb Jahre fuhr er vor dem keine Polarkleidung besaß und vorher noch nie

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

auf Skiern gestanden hatte. An Lebensmitteln der ihm gut bekannte Konteradmiral Dr. Con-
standen ihm nur einige Kilogramm Graupen rad vom Oberkommando der Kriegsmarine in
und etwas getrocknetes Rentierfleisch zur Ver- Berlin. Dieser teilte ihm unter Schweigepflicht
fügung. mit, daß die Regierung eine wissenschaftliche
Am Ziel vollkommen erschöpft angelangt, Expedition in die Antarktis entsenden würde,
konnte er drahtlos den Verlauf der Expedition deren Gesamtleitung ihm angetragen werden
nach Hause melden und die dringend benötig- solle, wenn er bereit wäre, sie zu übernehmen.
te Rettung der auf dem Expeditionsschiff Da die Angelegenheit sehr eilte, solle er am 1.
zurückgelassenen Besatzungsmitglieder veran- August zu einer ersten Information bei ihm in
lassen; sie wurde sofort vorgenommen. Berlin persönlich vorsprechen.
Nach Rückkehr von der mißglückten Nord- Bereits zwei Stunden später sandte Ritscher
polar-Expedition kehrte Ritscher in sein Ar- ein Eiltelegramm an den Admiral nach Berlin,
beitsgebiet beim Reichsmarineamt zurück. das nur die knappe Mitteilung enthielt: „Selbst-
Während des Ersten Weltkrieges war Ritscher verständlich bereit - 1. August zur Stelle!”
Reserveoffizier der Kaiserlichen Marine in See- Was den Kapitän und Regierungsrat beim
fliegerstellungen, zuletzt Kommandeur der Oberkommando der Kriegsmarine Alfred Rit-
Marine-Landflieger. Nach dem Krieg kehrte er scher in Berlin erwartete, „als ich am 1. August,
in das Reichsmarineamt zurück. Vorüberge- zunächst als von höherer Stelle noch unbe-
hend wechselte er zur Deutschen Lufthansa, bei stätigter Leiter der geplanten Unternehmung,
der er die Abteilung Flugnavigation leitete. versuchte, mir von dem Stand der Angelegen-
1933 kehrte er in seine Tätigkeit beim Reichs- heit ein Bild zu machen”, beschreibt er in seinen
marineamt zurück und zwar zuletzt Regie- Erinnerungen: „Einen Büroraum im Bereich ih-
rungsrat im Oberkommando der Kriegsmarine. rer Atlantikflugbetriebsleitung stellte mir die
Lufthansa zur Verfügung, und ich durfte auch
der vielbeschäftigten Sekretärin des Abtei-
Ein Auftrag unter Schweigepflicht lungsleiters - wenn sie Zeit hatte - Briefe dik-
tieren! Sekretärinnen waren knapp damals; ver-
Der fast 60 Jahre alte Kapitän Alfred Ritscher geblich suchte ich nach einer Schreibhilfe,
verbrachte im Juli 1938 seinen 14tägigen Ur- während gleichzeitig die vorbereitenden Arbei-
laub, wie fast in jedem Jahr im Harz, dort, wo er ten auf allen Gebieten in größter Eile in Angriff
geboren und aufgewachsen war. Er hatte sich in genommen werden mußten. Es galt, mit den
einer Pension im Siebertal eingemietet und ge- Sachbearbeitern bei den beteiligten Ministerien,
noß die Ruhe, die er im Großstadtgetriebe Ber- Behörden und Instituten Fühlung aufzuneh-
lins so vermißte. men, den Schiffsweg festzulegen, den Plan für
Das Kalenderblatt zeigte den 26. Juli 1938. Ein die nautischen und wissenschaftlichen Aufga-
herrlicher Sommertag hatte begonnen. Ritscher ben zu umreißen, die nötigen Geräte dafür zu
war Frühaufsteher. Er saß zusammen mit ande- bestellen und die Aufgaben im einzelnen
ren Pensionsgästen am Frühstückstisch im Gar- durchzuberaten. Ferner waren Lieferanten aus-
ten des Hauses, nicht ahnend, daß dieser Tag ei- findig zu machen für die Kleiderausrüstung
ne bedeutende Wende in seinem Leben vorsah. der Schiffsbesatzung, für die Polarausrüstung
Plötzlich eilte die Wirtin aus dem Haus und des fliegenden Personals an Flug- und Marsch-
rief ihm zu: „Ein Telefongespräch für Sie, Herr kleidung, für Schlitten, Skier, Kochgeräte, Zelte
Kapitän.” u. dgl. und Preise dafür einzuholen, Abwurf-
„Wer will denn so früh etwas von mir?!” mur- pfeile für den später noch zu nennenden Zweck
melte Ritscher vor sich hin, als er zum Telefon herstellen zu lassen und an geeeigneter Stelle
ging. auszuprobieren, Gewehre und Munition zu be-
Es war nur das Postamt im nahen Braunlage. schaffen, eine geeignete Bücherei zusammen-
Pflichtbewußt teilte ihm ein Beamter mit, daß zustellen und vor allem das Wichtigste, das für
ein Haufen postlagernder Briefe für ihn auf Ab- die fotogrammetrische Vermessung des antark-
holung warte, darunter sei ein Brief aus Berlin, tischen Inlandes bestimmte Lichtbildgerät zu
der den Anschein mache, als ob er Wichtiges bekommen und es in die Flugzeuge einzubau-
enthalte. en. Darüber hinaus mußte das gesamte andere
Durch diese Mitteilung neugierig geworden, Lichtbild-, Kinofilmgerät und -material zusam-
machte sich Ritscher gleich nach dem Früh- mengestellt und besorgt werden; es durfte nicht
stück mit seinem DKW-Wägelchen auf den vergessen werden, dem Norddeutschen Lloyd,
Weg nach Braunlage. Der Brief, den er sofort dem die Bewirtschaftung des Schiffes oblag,
unter vielen anderen herausfand, war in der Tat Fingerzeige bezüglich der Zusammenstellung
wichtig, sehr wichtig sogar. Der Absender war einer geeigneten Lebensmittel- und Apothe-

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GEHEIMAUFTRAG FÜR ALFRED RITSCHER

kenausrüstung für die über 80 Mann starke als Expeditionsschiff umgebaut werden sollte,
Schiffsbesatzung zu geben, Pemmikan als Not- dagegen ausgesprochen. Er kannte das Schiff
proviant für Landungsabteilungen vom Aus- aus seiner Zeit bei der Lufthansa und wußte um
lande zu beschaffen, wissenschaftliche Geräte dessen Zustand. Mit Recht fürchtete er, daß die
aus allen Teilen des Reiches und sogar aus dem dringend notwendigen Reparaturen und die
Auslande zusammenzusuchen; das alles so bil- umfangreichen Umbauten in einem so fernen
lig, so gut und so schnell wie möglich. Denn Land nicht gewissenhaft überwacht werden
vom spätesten Ausreisetermin, dem 15. De- könnten und daß die termingerechte Fertigstel-
zember 1938, trennten uns nur noch gute drei lung so kaum zu garantieren sei. „Am allerwe-
Monate. Vorläufig war aber noch kein Pfennig nigsten”, so schreibt Ritscher in seinen Erinne-
Geld in der Kasse, so daß alle Bestellungen im- rungen, „wäre die [...] mit allen Mitteln ange-
mer wieder bis zur äußersten Grenze der Lie- strebte und bis zuletzt in Deutschland in weitem
fertermine hinausgeschoben werden mußten. Maße gelungene Geheimhaltung der Unterneh-
Hinderlich war die im Augenblick politisch mung in Rio de Janeiro durchführbar gewesen." 3
bewegte Zeit - es ging um die Wiedervereini- Der Verzicht darauf, das Katapultschiff
gung Sudetendeutschlands mit dem Reich -, in „Westfalen” unter diesen Bedingungen und
der Kriegs- und Luftfahrtministerium mit eige- Umständen unter Zeitdruck in Rio de Janeiro
nen Aufgaben vollauf beschäftigt waren."' reparieren und umbauen zu lassen, war für den
Ministerialdirektor z.b.V. Wohlthat, den verant-
wortlichen Beamten des Reichsluftfahrtmini-
Hiobsbotschaft aus Brasilien steriums für die Antarktisexpedition in Berlin,
ebenso überzeugend wie für den Direktor der
Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug Ende Deutschen Lufthansa, Freiherr von Gablenz,
August in Berlin die Funknachricht von Mari- der sofort nach Bekanntwerden des Ausfalls
nebaurat Kaye aus Rio de Janeiro ein: „Das Ka- der „Westfalen” den Flugzeugstützpunkt
tapultschiff ,Westfalen' der Deutschen Lufthan- „Schwabenland” als Expeditionsschiff vor-
sa steht für die Antarktisexpedition nicht zur schlug. Dieser Vorschlag wurde von Alfred Rit-
Verfügung!” scher, der auch dieses Schiff kannte, besonders
Die Begründung: Die 1905 gebaute „Westfa- lebhaft begrüßt.
len” stand nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Es wäre unverantwortlich gewesen, auch nur
Der für Reparatur und Umbau des desolaten, einen Tag Zeit zu verlieren. Daher wurde im
33 Jahre alten, zum Katapultschiff umgebauten Reichsluftfahrtministerium und in der Atlan-
Frachters zum Antarktisexpeditionsschiff erfor- tikflug-Betriebsleitung der Deutschen Lufthan-
derliche Zeitraum ließ eine termingerechte Fer- sa Einverständnis darüber erzielt, das Motor-
tigstellung unmöglich erscheinen. schiff „Schabenland” nach seinem letzten Kata-
Ritscher hatte sich, als er Anfang August in pultschuß für den Nordatlantik-Flugdienst am
Berlin seine neue Aufgabe übernahm und erfah- 20. Oktober vom Hafen Horta auf den Azoren
ren hatte, daß die „Westfalen” in Rio de Janeiro nach Hamburg zu überführen.

Diese Rißzeichnung zeigt das Expeditionsschiff ,,Schwabenland” im Längsschnitt sowie seine oberen Decks.

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

das Anbordnehmen der Flugboote auch bei


MIS „Schwabenland” wird Expeditionsschifff stark bewegter See möglich machte. Die Hebe-
kraft des Krans betrug zwölf Tonnen, die
Das Motorschiff „Schwabenland” hieß ur- Prüflast 15 Tonnen. Der Kran sollte auch bei ei-
sprünglich „Schwarzenfels”. Es wurde im Auf- nem größeren Neigungswinkel noch arbeiten
trag der Deutschen Dampfschiff ahrtsgesell- können. Die auf den Kran montierten Schein-
schaft „Hansa” Bremen von der AG Deutsche werfer, ein AEG-Fabrikat, hatten 60 Millionen
Werke in Kiel gebaut und nach seiner Fertig- Hefnerkerzen (HK) Lichtstärke.
stellung im Indiendienst eingesetzt. Da das Motorschiff „Schwabenland” mit zwei
1934 kaufte die Deutsche Lufthansa den Dieselmotoren, einfach wirkenden Viertaktmo-
Frachter, um ihn nach entsprechendem Umbau toren von insgesamt 3.600 PS Leistung, aus-
im transatlantischen Luftverkehr einzusetzen. gerüstet war, erübrigte sich der Einbau einer
Der Umbau zum Katapultschiff erfolgte inner- besonderen Dieselanlage zur Lieferung der für
halb weniger Monate bei der Deutschen Schiffs- die Flugzeugschleuder notwendigen Preßluft.
und Maschinenbau-AG Weserwerk in Bremen. Diese wurde den Motoren entnommen und
Am 17. August 1934 wurde das Schiff von der zunächst auf 60 atü zusammengedrückt. Ein
Deutschen Lufthansa unter dem neuen Namen Zusatzkompressor verdichtete sie auf 160 atü
„Schwabenland” in Bremerhaven an der Co- und leitete sie der Preßluftkammer der Schleu-
lumbuskaje des Norddeutschen Lloyd Bremen deranlage zu.
in Dienst gestellt. Zugegen war unter anderem Ebenso konnte vom Einbau einer besonderen
Staatssekretär Erhard Milch, der eigens mit sei- Kühlanlage abgesehen werden, da das Schiff
ner Ju 52/3 nach Bremerhaven geflogen war. bereits für den Indiendienst mit einer gut funk-
Anschließend gab die DLH der Presse Gele- tionierenden Kühlanlage versehen worden war.
genheit, M/S „Schwabenland” mit all seinen In Zusammenarbeit mit einer Berliner Boots-
Einrichtungen zu besichtigen und einen Schleu- werft war für die besonderen Zwecke eines
derstart mitzuerleben. schwimmenden Flugzeugstützpunktes ein Mo-
Was man an Erkenntnissen und Erfahrungen torboot entwickelt worden, das die Flugboote
beim ersten Katapultschiff der DLH, der " West- nötigenfalls bei dem Landemanöver auf hoher
falen", gesammelt hatte, war nun bei dem zwei- See unterstützen konnte.
ten, von vornherein für den Tropendienst ge- Wie schon beim Dampfer „Westfalen” war es
bauten Flugzeugstützpunkt M/S „Schwaben- Aufgabe des Motorschiffs „Schwabenland”,
land” berücksichtigt. Zum Unterschied ge- den Flugsicherungsdienst sowie die hierfür
genüber der Anlage auf der „Westfalen” hatte benötigte Wetterberatung und den Peildienst
man die Flugzeugschleuder bei der „Schwa- zu übernehmen. Die Funkausrüstung der
benland” auf dem Achterdeck angeordnet. Die „Schwabenland” entsprach daher in etwa der
Flugzeuge wurden also nach hinten abgeschos- der „Westfalen”. Hier hatte die Funkausrü-
sen. Der Anfang der Flugzeugschleuder war als stung den hochgestellten Anforderungen in
um 360 Grad schwenkbare Drehscheibe ausge- vollkommen zufriedenstellender Weise ent-
bildet, so daß ein Teil der Schleuderanlage sprochen. Dabei fanden die Erfahrungen, die
selbst für die Verschiebung der Flugboote an bisher während des Betriebs auf der Süd-
Bord auf den seitlich angebrachten Abstellbah- flugstrecke mit der Funkausrüstung gesammelt
nen mit herangezogen werden konnte. Es war worden waren, weitgehend Berücksichtigung.
mit der eingebauten Anlage möglich, drei Flug- Die Funkstation wurde wiederum von der
zeuge vom Typ des Dornier-Wal gleichzeitig an „Debeg” gemietet. Die Auswahl der Geräte war
Deck zu haben und jedes beliebig auf die die gleiche wie auf der „Westfalen”. Die Anla-
Schleuderbahn zum Abschuß aufzusetzen und ge wurde diesmal besonders zweckmäßig an-
abzuschießen. geordnet, wozu ein ursprünglich auf M/S
Das Anbordnehmen der Flugboote wurde bei „Schwabenland” vorhandener Funkraum be-
der „Schwabenland” dadurch erleichtert, daß trächtlich erweitert wurde, um Funkraum,
das Motorschiff am Heck offen war und das Brücke und Navigationsraum möglichst nahe
Landsegel nicht vom obersten Deck, sondern beieinander zu haben. Der Peilempfänger, der
von dem darunterliegenden Hauptdeck aus be- sich bisher auf der Brücke befand, wurde we-
dient wurde. Die Krananlage wurde am Heck, gen der günstigen Anordnung der Räume im
dicht neben dem Ende der Schleuderanlage an- Funkraum untergebracht, von wo aus eine di-
geordnet; sein Ausleger war umlegbar, damit er rekte Verbindung zum Navigationsraum be-
beim Abschießen der Flugboote nicht hinder- stand.
lich war. Darüber hinaus war er mit einer be- Die Verwendung eines Motorschiffs wie der
sonderen Vorrichtung versehen worden, die „Schwabenland” als schwimmender Flugzeug-

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GEHEIMAUFTRAG FÜR ALFRED RITSCHER

stützpunkt war für die Deutsche Lufthansa hin- faßte. Zudem befand sich eine Sonderausrü-
sichtlich der Betriebskosten von besonderem stung für den Fall einer Notlandung an Bord.
Vorteil. Unter Umständen lag das Schiff länge- Die Besatzung jedes Flugbootes bestand aus
re Zeit still, es mußte aber auch schnell seeklar vier Mann: dem Flugzeugführer, dem Flug-
gemacht werden können. Ein Dampfer muß für zeugmechaniker, dem Flugfunker und einem
diesen Zweck dauernd unter Dampf liegen, weiteren Besatzungsmitglied.
während ein Motorschiff in sehr kurzer Zeit oh- Der Flugzeugstützpunkt M/S „Schwaben-
ne weitere Vorbereitungen fahrbereit ist. land” hatte nach seiner Indienststellung mit sei-
In jedem Fall war das technisch besser ausge- nen zwei Flugbooten in den ersten zweieinhalb
stattete Motorschiff „Schwabenland” für den Jahren, vom 15. August 1934 bis Februar 1937,
Einsatz als Katapultschiff dem Dampfer " West- insgesamt 180 Katapultabschüsse getätigt. Das
falen" vorzuziehen, so daß die Entscheidung Schiff war abwechselnd in Bathurst und Fer-
für M/S „Schwabenland” nur zu begrüßen nando de Noronha stationiert gewesen, mit
war. Ausnahme von August bis Oktober 1936. In
An Bord des M/S „Schwabenland” befanden dieser Zeit war eine Serie von Probeflügen über
sich zwei Flugboote des bewährten Zehn-Ton- den Nordatlantik durchgeführt worden.
nen-Dornier-Wal-Typs, der für den Südatlantik- Als Stationen dienten dem Katapultschiff
Postverkehr der DLH entwickelt worden war „Schwabenland” die Häfen Porta Delgada auf
und diesen Dienst 1933 zwischen der Westküste den portugiesischen Azoren, Port Washington
von Nordafrika und der Ostküste von Südame- bei New York, Port Sydney in Kanada und Ber-
rika mit beachtlichem Erfolg versehen hatte. muda. Im Transozeandienst nach Südamerika
Das eine Flugboot vom Typ D-AGAT hatte den wurden als Stationen für die afrikanische Seite
Namen „Boreas”, das andere war vom Typ D- Bathurst an der Gambenmündung und für
ALOX und hieß „Passat”. „Boreas” war seit Südamerika die ihm vorgelagerte Insel Fernan-
September 1934 im Südatlantikverkehr einge- do de Noronha gewählt.
setzt, „Passat” seit Juli 1934, beide hatten schon Bei der Indienststellung wurde M/S „Schwa-
viele Atlantiküberquerungen hinter sich. benland” von Kapitän A. Lipa geführt, den die
Während „Boreas” alle Flüge ohne Zwischen- Deutsche Dampfschiffahrtsgesellschaft „Han-
fall absolviert hatte, war „Passat” weniger sa” Bremen gestellt hatte. Ihm folgte am 13. Mai
glücklich gewesen. Im Dezember 1936 mußte 1935 Kapitän Alfred Kottas von der Deutschen
das Flugboot etwa 400 Kilometer vor der afri- Lufthansa.
kanischen Küste nach Verlust des hinteren Pro- Da M/S „Schwabenland” auf seinen Statio-
pellers auf offener See notlanden. Nach 24stün- nen fast nur auf sich selbst angewiesen war,
digem Treiben wurde es von dem auf funktele- hatte die Deutsche Lufthansa dafür gesorgt,
graphischem Weg herbeigerufenen Flugzeug- daß auch ein Arzt an Bord war. Daß dies not-
stützpunkt der DLH „Ostmark” an Bord ge- wendig war, erwies sich erstmalig am 29. De-
nommen, nach erfolgter Ausbesserung nahm es zember 1934 bei einer Blinddarmentzündung
seinen Dienst im Luftverkehr über dem Südat- des Küchenjungen, der operiert werden konn-
lantik wieder auf. te und in kürzester Zeit wieder dienstfähig war.
Beide Flugboote waren mit je zwei BMW- Vor der Indienststellung hatte man auf M/S
VIU-Motoren von je 630 PS Leistung und „Schwabenland” für die fliegenden Besatzun-
Schwarz-Mantelpropellern ausgerüstet. Sie hat- gen und das Werkstattpersonal neue Wohn-
ten eine Doppelsteuereinrichtung und zweifa- und Aufenthaltsräume geschaffen, ein großes
che volle Instrumentierung für Nacht- und Schwimmbad eingebaut und Turn- und Sport-
Blindflug. An Treibstoff konnte jedes Flugboot geräte angeschafft. Ein Tonfilmvorführapparat
4.720 Liter fassen, die bei einer Geschwindig- und die täglich erscheinende Oceanpresse bo-
keit von 150 bis 170 km /h eine Reichweite von ten an Bord die Möglichkeit der Unterhaltung
16 Flugstunden oder von etwa 2.500 bis 2.800 und Information sowie Abwechslung in der
Kilometern gewährleisteten. Das Rüstgewicht Freizeit.
der Maschinen betrug für den „Passat” 6.318 Im Dienst der Deutschen Lufthansa legte
Kilogramm, für den „Boreas” 6.336 Kilogramm; M/ S „Schwabenland” bis zum Herbst 1938 ins-
darin war die Funkanlage und die Seeausrü- gesamt 73.766 Seemeilen zurück, es wurde
stung enthalten, die je ein Viermannschlauch- zweimal gedockt, und zwar am 21. Juni 1935 in
boot mit Paddeln, einem Treibanker mit Leinen, Rio de Janeiro und am 12. August 1936 in Bre-
eine Treibankerrückholleine, einen Wirbel- men. Die Aufenthalte in Deutschland wäh-
schäkel, zwei Wurfleinen, ein Beil, einen Werk- rend der Zeit vom 1. Juli bis 15. August 1936
zeugkasten für Reparaturen während des Flu- und 1. November bis 15. November 1936 wur-
ges sowie eine reichhaltige Bordapotheke um- den zu Reparaturen und Umbauten genutzt.

21
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Muster dieser Pfeile wurden von der Erpro- aber die Bereitstellung von 104 Schweißern,
bungsstelle der Luftwaffe in Travemünde auf Brennern, Stemmern, Kessel- und Kupfer-
verschiedenen Flughäfen in zahlreichen Versu- schmieden, Drehern und Schiffbauern von an-
chen ausprobiert; sie machten in Form, Aus- deren Werften sowie die Übernahme eines Teils
stattung, Gewicht und Farbanstrich mehrere der Maschinenreparatur durch die Deutschen
Entwicklungsstadien durch. Die endgültige Werke Kiel.
Ausführung wurde auf dem Pasterzen-Glet- Mit dieser Entscheidung setzte sich der Werft-
scher im Großglocknergebiet erprobt, also in ei- direktor wagemutig über alle Bedenken und
nem Gelände, das ähnliche Anforderungen an Zweifel hinweg, den vollständigen Umbau des
die Pfeile stellte, wie sie in der Antarktis zu er- Schiffes bis zum 15. Dezember des Jahres zu ga-
warten waren. Es zeigte sich, daß sie in einer rantieren. Ritscher war froh, auch dieses
Abwurfhöhe von 500 Metern über Grund bis 35 schwierige Problem gelöst zu haben. Die Zeit
Zentimeter in das Firneis eindrangen und dabei drängte. Die Endphase der Vorbereitung der
zum Teil gar nicht, zum Teil wenig oder stärker dritten deutschen Antarktisexpedition hatte be-
deformiert wurden. gonnen.
Die Arbeiter in den Dornier-Metallbau-Werk- Obwohl diese an die erste Expedition von
stätten in Friedrichshafen, die die Pfeile her- Drygalski (1901-1903) und die zweite von
stellten, hatten keine Ahnung von deren Ver- Filchner (1911-1913) anschließen sollte, unter-
wendungszweck. schied sie sich von diesen grundsätzlich in zwei
wesentlichen Punkten. Die ersten beiden Ant-
arktisexpeditionen hatten das alleinige Ziel ge-
Neue Aufgabe für MIS „Schwabenland” habt, Teile der Antarktis zu erforschen. Die Vor-
bereitung und Durchführung der Expeditionen
Am 28. Oktober 1938 würde, von Horta auf den war öffentlich erfolgt, nichts wurde der Bevöl-
Azoren kommend, M/S „Schwabenland” in kerung verheimlicht, auch nicht die Erfolge
Hamburg eintreffen, und noch am selben Tag und Mißerfolge. Im nationalistischen Deutsch-
sollte mit dem Umbau des Schiffes, für den die land, in einer Zeit zunehmender internationaler
Pläne bereits vorlagen, begonnen werden. Doch Spannungen, war das anders. Dafür gab es po-
welche Werft würde diesen Auftrag in der Kür- litische Zwänge und notwendige, vor allem
ze der zur Verfügung stehenden Zeit überneh- außenpolitisch begründete Rücksichtnahmen.
men können? Nicht nur die weitere Erforschung eines Teilge-
Alfred Ritscher konnte es kaum glauben: Eine biets der Antarktis stand im Vordergrund, son-
Werft nach der anderen, mit denen er persön- dern die Inbesitznahme der überflogenen und
lich verhandelte, lehnte ab. Ob die Weser AG in durch deutsche Hakenkreuzflaggen abgegrenz-
Bremen, die Werft von Blohm & Voß in Ham- ten Gebiete. All dies geschah unter strengster
burg, die Howaldtswerke Deutsche Werft in Geheimhaltung. Ob auch militärstrategische
Kiel, Seebeck und noch eine Reihe anderer - je- Absichten mit der Expedition verbunden wa-
den Tag das gleiche. ren, darf angenommen werden, da sowohl das
Schließlich stieß Ritscher bei der Deutschen Oberkommando der Kriegsmarine als auch das
Werft in Hamburg auf Interesse. Einer Bespre- Reichsluftfahrtministerium bei der Vorberei-
chung im kleineren Kreis schloß sich die näch- tung wie auch personell bei der Durchführung
ste an. Alle Fragen und Probleme in schiffbau- der Expedition beteiligt waren.
licher und maschinenbaulicher Hinsicht wur-
den besprochen. Einer der schwierigsten Punk-
te war die Beschaffung der notwendigen Fach- Expeditionsbüro verlegt
arbeiter. Alle Beteiligten gaben sich Mühe, ei- von Berlin nach Hamburg
nen gangbaren Weg für die Übernahme des
Auftrags zu finden. An den Verhandlungen, die Da die Ankunft des M/S „Schwabenland” in
Diplomingenieur Trost, Referent im Reichs- Hamburg für den 28. Oktober vereinbart war
wirtschaftsministerium, leitete, nahmen Ober- und feststand, daß der Umbau des Schiffes in
ingenieur Schneider, der Leiter der Nautisch- Hamburg erfolgen würde, war die Verlegung
Technischen Abteilung des Norddeutschen des Expeditionsbüros von Berlin nach Ham-
Lloyd, Marinebaurat a.D. Kaye und andere burg erforderlich.
Sachverständige teil. Mitte Oktober 1938 hatte sich bei Ritscher in
Am Ende aller Gespräche erklärte sich der Di- Berlin ein mit besten Empfehlungen ausgestat-
rektor Dr. Scholz bereit, daß die Deutsche Werft teter junger Wissenschaftler gemeldet, der an-
in Hamburg den Auftrag als Generalunterneh- bot, dem Expeditionsleiter zuzuarbeiten. Da
merin annehmen würde. Bedingung dafür sei Ritscher zu dieser Zeit die Arbeit über den Kopf

24
VOR DER DRITTEN DEUTSCHEN ANTARKTISEXPEDITION

zu wachsen drohte, stellte er diesen jungen Unter der persönlichen Leitung von Konter-
Mann, Dr. Herbert Todt, am 20. Oktober als admiral Dr. Conrad wurde gemeinsam das Ar-
Mitarbeiter ein. Dr. Todt führte sich in wenigen beitsprogramm des Geophysikers, des Ozeano-
Tagen als umsichtiger, zielbewußter und fleißi- graphen und der Meteorologen erarbeitet. Die
ger Mitarbeiter hervorragend ein, so daß Rit- Wissenschaftler und das Expeditionsschiff wur-
scher ihn mit gutem Gewissen nach Hamburg den mit den nötigen Instrumenten und Geräten
schicken konnte mit dem Auftrag, dort ein Ex- ausgestattet.
peditionsbüro einzurichten und eine gewandte Gemeinsam mit dem Oberkommando der
Schreibkraft zu suchen. Luftfahrt, das an den Arbeiten zur weiträumi-
Bereits wenige Tage später konnte der Umzug gen Wetterforschung in gleichem Maße wie das
des Büros nach Hamburg erfolgen, wo neue Oberkommando der Kriegsmarine interessiert
Räume im Glockengießerwall zur Verfügung war, wurden vom Marineobservatorium und
standen und die Arbeit in vollem Umfang unter vom Reichsamt für Wetterdienst Meteorologen
weit besseren personellen und räumlichen Vor- und ihre Assistenten sowie umfangreiches Ma-
aussetzungen fortgeführt und zu Ende ge- terial für die Radiosondenaufstiege zur Verfü-
bracht werden konnte. gung gestellt und die zweckmäßigen Einrich-
Das Büro hatte in den nächsten Tagen und tungen der Arbeitsplätze dafür an Bord ge-
Wochen alle Hände voll zu tun. Es mußte für schafft. Darüber hinaus hatte das Oberkom-
die Bestellung der ausgewählten unzähligen mando der Luftfahrt die vielseitige Ausstattung
Ausrüstungsgegenstände und deren frist- der Flugzeuge mit Bordgeräten sowie die Be-
gemäße Anlieferung und Aufbewahrung sor- schaffung der Spezial-Kleiderausrüstung für
gen, die termingerechte Lieferung der Polarbe- die Flugzeugbesatzungen übernommen.
kleidung für die Schiffsbesatzung veranlassen, Das Reichsministerium für Ernährung und
die Literatur für die Schiffsbücherei nach einer Landwirtschaft bearbeitete durch das ihm un-
vorliegenden Liste auswählen sowie dafür sor- terstellte Institut für Walforschung in Hamburg
gen, daß die Schußwaffen, die Munition und die biologischen Aufgaben des wissenschaftli-
die Pelzbekleidung geliefert wurden. Für all chen Arbeitsprogramms. Der Leiter des Insti-
dies mußten Sammellager eingerichtet werden, tuts, Dr. Peters, der mehrere Fahrten als Walfang-
und zur gegebenen Zeit war für den Transport inspektor auf deutschen Walfangschiffen un-
zu dem Expeditionsschiff zu sorgen. ternommen hatte, gab wertvolle Hinweise in be-
Das war bei weitem noch nicht alles. Eine zug auf die in der Antarktis zu erwartenden me-
ganz wichtige Aufgabe war es, die Verträge mit teorologischen, klimatischen und nautischen
den wissenschaftlichen Expeditionsteilneh- Verhältnisse und die Hauptfanggebiete der
mern abzuschließen. deutschen Walfänger im atlantischen Sektor der
Ein beträchtliches Maß der notwendigen Vor- Antarktis. Er übernahm darüber hinaus die Auf-
arbeiten hatte Staatsrat Wohlthat dem Reichs- gabe, die zweckdienliche wissenschaftliche Aus-
minister Hermann Göring übertragen, der die rüstung der von ihm als Biologen der Expediti-
Federführung und Gesamtverantwortung für on vorgesehenen Fahrtteilnehmer zu besorgen.
die Antarktisexpedition an mehrere beteiligte Dem Reichswirtschaftsministerium war die
Ministerien, Behörden, Institute, Privatgesell- Aufgabe übertragen worden, die Verhandlun-
schaften und Firmen delegierte, so daß damit gen mit Werften für den Umbau des Katapult-
die Arbeit auf viele Schultern verteilt wurde. schiffes M/S „Schwabenland” zum Expediti-
Das war auch notwendig, um Verzögerungen onsschiff zu leiten und den Umbau selbst zu ei-
zu vermeiden. Alle waren verpflichtet, sich ge- nem annehmbaren Ergebnis zu führen.
nau an den vorgegebenen Zeitplan zu halten. Die Deutsche Seewarte Hamburg setzte sich
Allen voran hatte die Nautisch-Wissenschaft- ebenso wie das Marine-Observatorium in Wil-
liche Abteilung des Oberkommandos der helmshaven, das Reichsamt für Wetterdienst
Kriegsmarine und der dieser unterstellten wis- und das Institut für Meereskunde in Berlin für
senschaftlichen Institute, die Deutsche Seewar- die Beschaffung der Geräte für die Meteorolo-
te, Abteilung Nautik und Hydrographie, in gen, den Geophysiker und den Ozeanographen
Hamburg und das Marine-Observatorium in ein. Der Ozeanograph erhielt im Institut für
Wilhelmshaven, die Erledigung wichtiger Auf- Meereskunde zudem wertvolle Anregungen
gaben übernommen. Deren auf eigenen großen für seine Expeditionsaufgaben.
wissenschaftlichen Forschungsreisen im Atlan- Der Norddeutsche Lloyd Bremen stellte nicht
tischen Ozean gesammelten Erfahrungen stell- nur eine mustergültige Besatzung aus seinen ei-
ten die Durchführung des wissenschaftlichen genen Personalbeständen für das Schiff, er
Teils der Antarktisexpedition auf eine sichere sorgte auch für eine ausgezeichnete sach-
Grundlage. gemäße Lebensmittelausrüstung für die 82

25
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Mann starke Gesamtbesatzung des M/S Vorsteven mußte ein Schuh bis wenigstens ein
„Schwabenland”. Meter über der Tiefladelinie aufgesetzt werden.
Die Deutsche Lufthansa stellte außer dem Ex- Die Stärke der Platten im Vorschiff und im Be-
peditionsschiff M/S „Schwabenland” und den reich des Motorraums sollte 25 Millimeter, da-
beiden Flugzeugen ihre kaufmännische Orga- zwischen gestuft 22 Millimeter, hinten 20 Milli-
nisation, ihre Atlantikflug-Betriebsleitung und meter, betragen.
ihre Technische Leitung zur Verfügung. Sie Hinzu kam der Einbau einer Tankbeheizung
wählte das Flugzeug- und Startpersonal aus, für die Seeventile und sämtliche Bodentanks so-
leitete den Umbau der Flugzeuge, ermittelte wie für die Vor- und Hinterpiek, um ein Einfrie-
den geeigneten Treibstoff für die Flugzeuge ren des Frischwasservorrats zu verhindern, so-
und beschaffte diesen. wie der Einbau eines Heizkessels mit etwa 125
Die Hansa-Luftbild GmbH stattete das Expe- Quadratmeter Heizfläche in einer Nische der
ditionsschiff aus seinen Beständen mit Reihen- Hochtanks an der Vorderkante des Motorraumes
meßbildgeräten für die Vermessungsaufgaben anstelle des vorhandenen, aber zu kleinen Heiz-
aus, sorgte für die Zusammensetzung der Luft- kessels oberhalb der vorhandenen Tieftanks.
fotoausrüstung und für die Justierung der Luft- Für die zusätzliche Aufnahme von 600 Ton-
bildgeräte in den Flugzeugen und stellte für die nen Betriebsstoff mußte der Laderaum III zum
Expedition erfahrene und tüchtige Luftbildner Tieftank ausgebaut werden. Auch waren zu-
zur Verfügung. sätzliche Frischwassertanks notwendig.
Das Schanzkleid zwischen dem mittleren
Aufbau und dem Achterdeck mußte auf volle
Vom Katapultschiff zum Expeditionsschifff Deckhöhe gebracht werden, weiterhin ging es
um den Einbau von Eisstringern im Bereich des
Pünktlich wie vereinbart traf M/S „Schwaben- Vorschiffs und von Rahmenspanten oder geeig-
land” in der Nacht vom 27. zum 28. Oktober neten Verstärkungen zur Stützung der Außen-
1938 in Hamburg ein. Das Schiff wurde sofort haut des Schiffes im Bereich des Motoren-
an die Pfähle verholt, um vor Beginn des Um- raums, zudem von eisernen Lukendeckeln im
baus die Heizöltanks zu entleeren und zu ent- Bereich der Laderäume I, II, IV und V.
gasen. Am 1. November wurde das Schiff ein- Ferner waren teilweise die Trockenproviant-
gedockt. räume und Kühlräume verlegt und erweitert
Danach ergoß sich ein Heer von Ingenieuren worden, zur Aufnahme von zwei zusätzlichen
und Arbeitern über Deck, Laderäume und Ma- Echoloten und der Fahrtmeßanlage mußte bei-
schine des penibel geschrubbten und gestriche- derseits des Kiels an der Achterkante der Luke
nen Schiffes mit seinen weißen, gelben und I ein Schacht eingebaut werden, die Bronzepro-
braunen Aufbauten und verwandelten es im peller waren durch Propeller aus Stahlguß zu
Handumdrehen in eine riesige mehrstöckige ersetzen, und am Fockmast mußte über dem
Baustelle, auf die neugierige Zuschauer keinen vorhandenen Krähennest eine Ausgucktonne
Zutritt hatten. Es wurde in Tag-, Nacht- und angebracht werden.
Sonntagsschichten rund um die Uhr gearbeitet, Das Umbauprogramm des Schiffes stützte
denn der Abliefertermin für die Probefahrt am sich, soweit es die Belange der Fahrt in den Eis-
15. Dezember 1938 pünktlich um 8 Uhr war in regionen betraf, auf die Angaben von Kapitän
greifbare Nähe gerückt. Otto Kraul, der seine Erfahrungen in 20jähriger
Das Umbauprogramm für M/S „Schwaben- Eismeerfahrt in der Arktis und Antarktis als
land” war gewaltig. Das Schiff war von der Walfänger und Walfangleiter gesammelt hatte
Deutschen Lufthansa bisher fast nur in tropi- und für die dritte Antarktisexpedition als Eis-
schen Gewässern eingesetzt worden. Ziel der Ex- lotse gewonnen werden konnte.
peditionsreise waren aber die kältesten und stür- Anders war es beim Umbau und der Neuein-
mischsten Gewässer der Erde mit überwiegend richtung von zusätzlichen Kabinen. Die Deut-
hohem Seegang. Die weiter südlich gelegenen sche Lufthansa hatte bereits die Wohneinrich-
antarktischen Gewässer, die das Schiff befahren tungen weitgehend vorgenommen, um den Ka-
würde, stellten, bedingt durch die Eisgefahr, pitän, die sieben Offiziere des Decks und Ma-
noch höhere Anforderungen an die Baufestigkeit schinenpersonals sowie die Flugzeugführer,
des Schiffskörpers und seiner Außenhaut. Flugzeugbesatzungen und Startmannschaften
Deshalb war vor allem der Einbau eines Eis- in behaglichen Kabinen unterzubringen. Die
schutzgürtels in ganzer Länge des Schiffes von Mannschaften wohnten zumeist in Dreierkabi-
60 Zentimeter über der Tiefladelinie bis 60 Zen- nen; für sie gab es eine behagliche Messe unter
timeter unter der Leichtladelinie, der etwa zwei der Back, für die Flugzeugbesatzungen und das
Plattengänge umfaßte, notwendig. Auf dem Startpersonal eine Messe mittschiffs.

28
VOR DER DRITTEN DEUTSCHEN ANTARKTISEXPEDITION

Innerhalb des Kajütenaufbaus befanden sich ner fünf lichtstarke Nachtgläser, einen Entfer-
außer dem Salon die Kabinen und die Messe nungsmesser mit Zweimeterbasis und einen Li-
für die Schiffsoffiziere, die Kabinen der Flug- bellensextanten zur Verfügung gestellt, so daß
zeugführer und des Lotsen sowie eine Doppel- auch in diesem Bereich M/S „Schwabenland”
kabine für Direktionsmitglieder der Deutschen bestens ausgerüstet war.
Lufthansa, die gelegentlich dienstliche Fahrten Zur Ausrüstung des Schiffes gehörte auch ein
mit dem Schiff gemacht hatten. Scheinwerfer mit einer Leistung von 60 Millio-
Doch das reichte bei weitem nicht aus, um alle nen HK, der seinen Platz auf dem Peildeck
Expeditionsteilnehmer, vor allem die Wissen- oberhalb der Brücke hatte.
schaftler, unterzubringen. Deshalb mußten zu- Das Motorboot zur Unterstützung bei den
sätzlich neun Einzel- und Doppelkabinen einge- Wasserungen auf hoher See bedeutete eine we-
richtet sowie Arbeitsräume für die Wissenschaft- sentliche Ergänzung der bereits vorhandenen
ler und außerdem je ein Laboratorium für den Rettungsboote. Es hatte seinen Platz auf dem
Biologen und den Ozeanographen eingebaut Achterdeck neben dem Kran, neben einem für
werden. Immerhin waren an der Expedition 82 die Expeditionszwecke aus den Beständen des
Männer beteiligt, fast die doppelte Zahl, die beim Norddeutschen Lloyd geliehenen Motorboot
Bau des Schiffes ursprünglich vorgesehen war. stärkerer Bauart, das gleichzeitig als Rettungs-
Die während des Umbaus noch geäußerten boot dienen sollte; es war für diesen Zweck mit
speziellen Wünsche der Schiffsleitung und ein- Funktelegraphie ausgestattet.
zelner Expeditionsmitglieder auf Verbesserung Da M/S „Schwabenland” als Flugzeugstütz-
von Einrichtungen und Anlagen ihrer Arbeits- punkt keine Ladung gefahren hatte, war es zur
plätze wurden, soweit möglich, erfüllt. Erzielung einer günstigen Trimmlage mit 3.500
Die Funkanlage des M/S „Schwabenland” Tonnen Sand- und Steinballast versehen, der in
konnte sich bereits während des Einsatzes als den Unterräumen und im Zwischendeck ver-
Katapultschiff der DLH mit der der größten teilt war. Für die Fahrt im Eismeer mußte zum
deutschen Passagierschiffe messen. Für den Schutz der beiden Schrauben ein möglichst
Einsatz als Expeditionsschiff wurde zusätzlich großer Tiefgang erzielt werden. Um dies zu er-
eine Funktelefonanlage installiert, die dem reichen, wäre eine Vermehrung des Ballastes
Funkspruchverkehr bis auf 600 Kilometer Ent- möglich gewesen. Der Leiter der Deutschen
fernung genügte. Wie sich später herausstellte, Werft Dr. Scholz hatte eine bessere Idee. Er hat-
war bei guten atmosphärischen Verhältnissen te vorgeschlagen, die höhere Belastung mit ei-
gelegentlich bis auf 1.000 Kilometer eine ein- ner Vergrößerung der Sicherheit des Schiffes ge-
wandfreie Verständigung möglich. gen Sinkgefahr zu verbinden, in dem man die
Die gesamte Funkanlage einschließlich des leeren Unterräume des Schiffes mit leeren
Funkpeilers war in einem an das Kartenhaus Sicken-Fässern auffüllte. Das Problem bestand
anschließenden Raum auf dem Brückendeck darin, in so kurzer Zeit mehrere 1.000 dieser
besonders zweckmäßig untergebracht. Der das Fässer zu beschaffen. Es wurde dadurch gelöst,
Peilgerät bedienende Funkoffizier stand also in daß sich die Mannesmann-Stahlblech-AG zur
unmittelbarer Fühlung mit dem wachhabenden Anfertigung und rechtzeitiger Lieferung von
Offizier auf der Kommandobrücke. 23.000 Fässern bereit erklärte, 18.500 davon ver-
Im Kartenhaus besaß M/S „Schwabenland” schwanden in den riesigen Unterräumen des
eine Anschütz-Kreisekompaß-Anlage und eine Schiffes, sachgemäß auf Faschinenholz ver-
Atlas-Echoanlage mit Anzeigegerät. staut. Uber ihnen wurde das Zwischendeck
Die Nautisch-Technische Abteilung des Ober- wasserdicht verschweißt, und die Luken wur-
kommandos der Kriegsmarine hatte für die Ex- den mit Eisendeckeln verschraubt. Rechnerisch
pedition in großzügiger Weise eine HSVA- mußte diese Faßladung das Schiff noch eine
Fahrtmeßanlage zur Verfügung gestellt und für Zeitlang schwimmfähig halten, selbst wenn
die mittschiffs untergebrachte Lotsenzentrale zwei der Unterräume bei der Fahrt durch das
eine Universal-Echoanlage sowie ein Atlas-Tief- Eis leckgestoßen würden.
lot. Die Fahrtmeßanlage hatte zwei Anzeigen- Die Mitnahme von 1.785 Tonnen Treibstoff für
geräte, eines davon war auf der Brücke, das an- die Schiffsmaschinen war durch den zusätzli-
dere, mit einem Meilenzähler gekuppelt, war chen Einbau eines fast 600 Tonnen fassenden
im Kartenhaus untergebracht worden. Tanks sichergestellt. Sie garantierte dem Schiff
Die Betreuung all dieser elektrischen Geräte einen Aktionsradius von 24.000 Seemeilen und
übernahm der 1. Elektriker Herbert Bruns von machte eine Nachbunkerung auf der Rückreise
den Atlas-Werken Bremen. unnötig. Der Rest dieses Betriebsstoffes wurde
Für den Brückendienst hatte die gleiche Stel- erst einen Tag nach der Probefahrt an Bord ge-
le des Oberkommandos der Kriegsmarine fer- nommen.

29
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Wissenschaftler und Besatzung vollständig Amerikanischer Polarforscher Byrd als Berater

Ende Oktober bestand Klarheit darüber, welche Die gesamte Schiffsbesatzung, die vom Nord-
Wissenschaftler während der Antarktisexpediti- deutschen Lloyd Bremen für die dritte Antark-
on an Bord des M/ S „Schwabenland” arbeiten tisexpedition nominiert worden war, und alle
würden. Nach und nach stellten sie sich bei dem daran beteiligten Wissenschaftler trafen sich
Expeditionsleiter Kapitän Alfred Ritscher vor. zum ersten Mal in der ersten Novemberwoche
Den Anfang machte Dr. Ernst Herrmann, der im Lichtspielhaus „Urania” in Hamburg. Expe-
als Geograph vom Reichsminister für Volkser- ditionsleiter Ritscher hatte sie zur Teilnahme an
ziehung ausgewählt worden war. Ihm folgten einer besonderen Veranstaltung gebeten, und
der 1. Meteorologe der Deutschen Seewarte alle hatten sich eingefunden.
Hamburg, Dr. Herbert Regula, und Heinz Lan- Ritscher hatte den 50jährigen, in Winchester
ge vom Reichsamt für Wetterdienst Berlin als 2. (Virginia) geborenen amerikanischen Polarfor-
Meteorologe. Als Ozeanograph machte sich scher Richard Evelyn Byrd eingeladen, seinen
Karl-Heinz Paulsen mit Alfred Ritscher be- Antarktisfilm zu zeigen, und den Zuschauern
kannt, es folgten Leo Gburek als Geophysiker danach Gelegenheit gegeben, Fragen zu stellen.
vom Erdmagnetischen Institut Leipzig und Stu- Byrd war zweifelsfrei einer der profiliertesten
dienreferendar Erich Barkley als Biologe von und erfahrensten internationalen Polarforscher,
der Reichsstelle für Fischerei, Institut für Wal- der sich das Fliegen in den Polargebieten zur
forschung Hamburg. Ganz zuletzt erschienen Lebensaufgabe gemacht hatte.
die beiden technischen Assistenten, der Me- Byrd trat sehr früh in die Militärschule von
teorologe Walter Krüger vom Reichsamt für Virginia und anschließend in die Schiffsakade-
Wetterdienst Berlin und Wilhelm Gockel vom mie ein, wo er 1912 sein Diplom erhielt.
Marineobservatorium Wilhelmshaven. Während des Ersten Weltkrieges, den er als Ma-
Die beiden Flugkapitäne Rudolf Mayr, Führer rineoffizier erlebte, befehligte er die amerikani-
des Dornier-Wal-Flugbootes „Passat”, und Ri- schen Seestreitkräfte in den kanadischen Ge-
chardheinrich Schirmacher, Führer des Dornier- wässern. 1921, inzwischen zum Konteradmiral
Wal-Flugbootes „Boreas”, sowie die Besatzungs- aufgestiegen, verabschiedete er sich in den Ru-
mitglieder der beiden Flugzeuge, die Flugzeug- hestand, um sich voll und ganz den polaren
mechaniker Franz Preuschoff und Kurt Loese- Forschungen, ganz besonders der Fliegerei in
ner, die Flugfunker Herbert Ruhnke und Erich und über die Polargebiete, zu widmen.
Gruber sowie die beiden Luftbildner, die im Auf- Bei der McMillan-Expedition nach Grönland
trag der Hansa-Luftbild GmbH an der Expediti- im Jahre 1925 sammelte der damals 37jährige
on teilnahmen, Max Bundermann und Siegfried erste Erkenntnisse und Erfahrungen als Polar-
Sauter, hatten schon vorher die Bekanntschaft forscher; von Etha aus wagte er Flüge in das
mit Kapitän Ritscher gemacht. Alle wichtigen Gebiet der Arktis. Gemeinsam mit Floyd Ben-
Stellen des wissenschaftlichen Stabes und des flie- net überflog Byrd am 9. Mai 1926 von Ny-Ale-
genden Personals waren somit besetzt. sund auf Spitzbergen aus den Nordpol, er be-
Auch der Kapitän des Expeditionsschiffes wältigte die 2.600 Kilometer lange Strecke in
M/S „Schwabenland”, Alfred Kottas, der Ka- 15,5 Stunden. Seinen ersten Transatlantikflug
pitän Ritscher aus dessen Lufthansa-Zeit kannte, von New York nach Frankfurt am Main unter-
stellte seine Offiziere dem Expeditionsleiter vor: nahm Byrd vom 29. Juni bis 1. Juli 1927.
Herbert Amelang als 1. Offizier, Karl-Heinz Röb- Seine Expeditionstätigkeit in der Antarktis be-
ke als 2. Offizier, Hans Werner Viereck als 3. Of- gann er 1928 mit zwei Schiffen, drei Flugzeugen
fizier, Vincenz Grisar als 4. Offizier, Schiffsfunk- und 41 Begleitern. Er erreichte auf dieser Expe-
leiter Erich Harmsen, Schiffsfunkoffizier Kurt dition im Dezember 1928 die Walbucht am
Bojahr, Schiffsfunkoffizier Ludwig Müllmer- Ross-Schelfeis, wo er mit seinen Begleitern die
stadt, Leitender Ingenieur Karl Uhlig, 2. Inge- Station „Little America” errichtete. 1928 / 29
nieur Robert Schulz, 3. Ingenieur Henry Maas, 4. überwinterte Byrd allein in der Antarktis.
Ingenieur Edgar Gäng, 4. Ingenieur Hans Niel- Am 28./29. November 1929 überflog er mit
sen und Elektro-Ingenieur Herbert Bruns. drei Begleitern den Südpol in 18,5 Stunden.
Sonderstellungen unter den Offizieren hatten 1930 kehrt er nach Amerika zurück.
der Eislotse, Handelsschiffskapitän Otto Kraul In den Jahren 1933 bis 1936 war Byrd zum
vom Oberkommando der Kriegsmarine, einer der zweitenmal in der Antarktis. Er wurde von 56
wichtigsten Männer der Expedition neben Expe- Team-Mitgliedern begleitet, sein Basislager war
ditionsleiter Kapitän Ritscher, und der vom NDL wiederum „Little America”. Fast sieben Mona-
Bremen entsandte Schiffsarzt Dr. Josef Bludau. te, vom 22. März 1934 bis 14. Oktober 1934 leb-

30
VOR DER DRITTEN DEUTSCHEN ANTARKTISEXPEDITION

te Byrd allein in einer kleinen Wetterbeobach-


tungsstation in der Antarktis in etwa 200 Kilo-
metern Entfernung zum Hauptlager.
Sowohl der Film als auch die Ausführungen
von Byrd und die Ratschläge, die er aufgrund
seiner langjährigen Erfahrungen dem Expedi-
tionsleiter, den Wissenschaftlern und nicht zu-
letzt den Flugzeugführern der bevorstehenden
dritten deutschen Antarktisexpedition mit auf
den Weg gab, bestätigten den internationalen
Ruf, der diesem Antarktisexperten vorausging.
Die Presse war zu der. Veranstaltung im „Ura-
nia"-Lichtspielhaus in Hamburg nicht eingela-
den, und es wurde auch mit keiner Zeile dar- So wurde im Funkraum des
über berichtet. Das Vorhaben blieb geheim. Motorschiffes „Schwabenland"gearbeitet.

Die letzte Phase der Vorbereitung

Mitte November 1938 hatte für Kapitän Rit-


scher die letzte Phase der Expedition begon-
nen. Hierüber schreibt er in seinem Bericht:
„Die letzten Sorgen hinsichtlich der Vorberei-
tung der Reise waren nicht die geringsten. Es
galt, noch die Verträge mit dem engeren Kreis
der Expeditionsteilnehmer aufzusetzen, soweit
uns die Deutsche Lufthansa für ihr Personal
nicht schon diese Arbeit durch ihre kaufmän-
nische Leitung abgenommen hatte, ferner die Die beiden Flugboote des Flugzeugstützpunktschiffes
Versicherung der 82 Fahrtteilnehmer gegen al- „Schwabenland „Boreas ” (oben) und „Passat ” (unten)
le etwaigen gesundheitlichen Schädigungen in
die verschiedensten Versicherungsarten gegen
Unfall, Invalidität, Krankheit, Krankheitsbe-
handlung im Auslande, Effekten- und Geräte-
versicherung in die Wege zu leiten, um sie ge-
gen alle denkbaren Zufälle zu schützen; auch
eine hochbemessene Lebensversicherung wur-
de für jeden Fahrtteilnehmer abgeschlossen.
Den ganzen Versicherungskomplex übernahm
die Delvag (Deutsche Luftversicherungs-Akti-
engesellschaft) unter ihrem immer hilfsberei-
ten Leiter Dr. Döhring.
Die Gehälter der Fahrtteilnehmer waren auf
der Grundlage der tariflichen Normalsätze um
die Hälfte als Polarzulage erhöht worden. Die-
se Regelung, die nicht nur erlaubte, besonders
bewährte Kräfte an allen, auch den einfacheren
Stellen einzusetzen, sondern ihren verstärkten
Einsatz auch entsprechend zu entgelten, hatte
zur Folge, daß in Verbindung mit der reichli-
chen und vorzüglichen, auf 2,- RM. je Kopf
und Tag festgesetzten Verpflegung eine ausge-
zeichnete, willfährige und einsatzfreudige Be-
satzung zusammengestellt werden konnte, die
auf der Reise nie versagt hat.
Die Unterstellung der in ihren Gruppen
selbständigen Leiter der einzelnen Dienstzwei- Und so sah der Arbeitsbereich der Flugkapitäne aus:
ge unter die Expeditionsleitung war durch eine Führerstand eines Dornier- Wals

31
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

besondere Dienstanweisung des Beauftragten den; für den gedachten Zweck war das beste
für den Vierjahresplan geregelt worden. Ernste gerade gut genug; an mengenmäßigem Einkauf
Schwierigkeiten sind in dieser Hinsicht dann konnte dann tunlichst gespart werden.
auch nicht aufgetreten. Von der für den Fall et- Für Gewehre, Munition und Buntf ilmbeschaf -
waiger schwerwiegender Meinungsverschie- fung für die Bordaufnahmen sorgte Dr. Herr-
denheiten vorgesehenen protokollarischen Fest- mann, der auf diesem Gebiet schon über Erfah-
legung der ausschließlichen Verantwortlichkeit rungen verfügte. Er tätigte auch den Einkauf der
des Expeditionsleiters für von ihm angeordnete im Laufe der vergangenen Wochen ausgewähl-
Entscheidungen brauchte nie Gebrauch ge- ten Bücher für die Expeditionsbücherei zusam-
macht zu werden. Die Verhältnisse lagen hier ja men mit dem in der einschlägigen Polarliteratur
auch insofern günstig, als ich selbst über eigene bewanderten Büroleiter Dr. Todt und bereicher-
Erfahrungen in der Schiffsführung sowie als te sie durch Stiftungen eigener Erzeugnisse sei-
früherer Flugzeugführer und Kommandeur ner schriftstellerischen Begabung.
größerer Fliegerverbände und als Expeditions- In den Sammellagern in Travemünde, im
leiter in der Eismeerfahrt verfügte. Auch hatte Büro am Glockengießerwall [in Hamburg] und
ich mir in langjähriger Beschäftigung mit den im Schuppen der Deutschen Werft häuften sich
einzelnen Wissenschaftszweigen einen Gesamt- allmählich die wertvollen Ausrüstungen zu
überblick über die hier in Betracht kommenden großen Stapeln. Da es an Bord noch an ver-
wissenschaftlichen Aufgaben verschafft. schließbaren Stauräumen fehlte, weil innen und
Eine Woche vor der Ausreise war noch immer außen noch bis zur letzten Stunde am Schiff ge-
die Frage ungeklärt, unter welcher Flagge die arbeitet wurde, mußte die Anbordnahme dieser
Expedition fahren sollte, für die die Bezeich- Güter immer wieder, schließlich bis zum Tage
nung ,Deutsche Antarktische Expedition vor der Ausreise hinausgeschoben werden. Am
1938 /39' nach dem Muster vorangegangener 14. Dezember waren alle Vorbereitungen abge-
deutscher Expeditionen festgesetzt worden schlossen. Das Schiff wurde an die Imperator-
war. Es stellte sich nämlich heraus, daß weder Pfähle im Waltershofer-Hafen verholt und lag
die Deutsche Lufthansa AG., noch der Nord- dort, nachdem auch schon eins der Flugboote
deutsche Lloyd, noch die Kaiser-Wilhelm-Ge- an Bord genommen und seemäßig verzurrt
sellschaft sich in der Lage sahen, als Reeder für war, bereit für die auf den 15. Dezember 8 Uhr
die Unternehmung aufzutreten. Schließlich morgens angesetzte Werk-Probefahrt."'
wurde zur Trägerin der Expedition die Deut- Die Deutsche Werft hatte damit ihre Termin-
sche Forschungsgesellschaft E.B., Berlin, be- zusage eingehalten. Auf der Werft selbst waren
stellt. Da sie über eine Hausflagge nicht verfüg- nur noch einige wenige Restarbeiten zu erledi-
te, fuhr die Expedition unter ihrer eigenen, von gen. Der Umbau des M/S „Schwabenland”
mir entworfenen Flagge, die die Farben der zum antarktistüchtigen Expeditionsschiff hatte
See- und Luftfahrt in sich vereinigte; ihr blaues rund eine Million Reichsmark verschlungen,
Mittelfeld war oben und unten mit je einem ein Drittel des gesamten Expeditionsetats.
breiten gelben Randstreifen eingefaßt.
Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest,
das in den Seetörn fiel, wurden noch in der Wo- Die Probe fahrt
che vor der Ausreise getroffen. Ein Teil der Wis-
senschaftler unterzog sich unter Mitwirkung des Für Kapitän Alfred Ritscher war der 15. De-
Expeditionsbüros dieser Aufgabe. Mit Geschick zember 1938 ein großer Tag. An der Reling sei-
und Verständnis wurden gute und zweckmäßi- nes Expeditionsschiffes M/S „Schwabenland”
ge Geschenke ausgewählt; die zufriedenen, stehend, beobachtete er morgens um 8 Uhr, wie
vergnügten Gesichter der Beschenkten bewiesen die letzten Werftarbeiter, Maler, Zimmerleute,
später, wie gut die Wahl getroffen war. Schweißer, Meister und Ingenieure über das
Flugkapitän Mayr fiel die Aufgabe zu, bei Backbordfallreep das Schiff verließen und aus
dem bekannten Sporthaus Schuster in Mün- den Motorbarkassen die Probefahrtgäste über
chen die schon für die Flugzeugbesatzungen in das Steuerbordfallreep an Bord stiegen.
Aussicht genommene Polar-Sonderausrüstung Ein sonniger Vormittag war der winterlich
zu besichtigen, gegebenenfalls unter eigener kühlen Nacht gefolgt, und Ritscher hatte den
Verantwortlichkeit zu ergänzen und für ihre Eindruck, daß dieses klare Wetter auch zur fest-
pünktliche, maßgerechte Anfertigung und An- lichen Einstimmung der Fahrgäste beitrug.
lieferung zu sorgen. Den Grundsätzen der Ex- Das Elbufer hatte sein Winterkleid angezo-
peditionsleitung entsprechend war auch in die- gen, als sich das Expeditionsschiff M/S
sem Punkte bei aller selbstverständlichen „Schwabenland” in Bewegung setzte und lang-
Zurückhaltung nicht engherzig verfahren wor- sam der Helgoländer Bucht zusteuerte.

32
VOR DER DRITTEN DEUTSCHEN ANTARKTISEXPEDITION

Die noch etwas besorgt dreinblickenden Ge- Labskausessen, in der Seemannssprache „Ze-
sichter einiger Mitglieder des Probefahrt-Kom- ment” genannt, die Gäste noch einmal im Ge-
mandos der Deutschen Werft hellten sich nach meinschaftsraum.
und nach auf. Es zeigte sich, daß beide gründ- Um 18 Uhr endete die Probefahrt in Cuxha-
lich überholten Maschinen mit den neuen ven. Das Schiff fuhr anschließend weiter elb-
Stahlpropellern in allen Fahrtstufen einwand- aufwärts und machte abschließend an den Im-
frei liefen, was den Erfolg des in Tag-, Nacht- perator-Pfählen fest, um für den nächsten Mor-
und Sonntagsschichten bis an die Grenze der gen zur Ubernahme der letzten Ausrüstungen
Belastbarkeit geleisteten Arbeitseinsatzes be- und des zweiten Flugzeugs bereitzuliegen.
stätigte. Zu Beanstandungen gab es keinen An- Die meisten Gäste fuhren mit der Bahn nach
laß. Hamburg, um sich danach auf dem Haupt-
Die Probefahrtgäste, die sich als Vertreter von bahnhof zu verabschieden. Einzelne Gruppen
Ministerien, Behörden, Instituten und Gesell- nutzten die Gelegenheit, die Probefahrt mit
schaften dienstlich an Bord befanden, hatten M/S „Schwabenland” mit einem wärmenden
während der Fahrt die Gelegenheit, sich die für Trunk zu begießen.
die Arbeiten der Wissenschaftler geschaffenen
Arbeitsplätze, Einrichtungen und Anlagen an-
zusehen und erklären zu lassen, die Wissen- „Alle Besucher von Bord - wir laufen aus!”
schaftler um Auskünfte zu bitten und Ratschlä-
ge zu erteilen. Der vorletzte Tag, Freitag, der 16. Dezember 1938,
Staatsrat Wohlthat, der prominenteste Fahr- war noch einmal mit den restlichen Arbeiten, der
gast an Bord, versammelte die Wissenschaftler, Ubernahme der letzten Ausrüstungsgegenstän-
die Flugzeugbesatzungen und die Schiffslei- de aus den Sammellagern, der Betriebsstoffüber-
tung im Salon, um die Gelegenheit zu nutzen, nahme für die Flugzeuge und der Anbordnahme
letztmalig vor Beginn der Expedition deren des zweiten Flugzeugs voll ausgefüllt.
Wichtigkeit zu betonen. Dabei wies er noch Damit waren alle Vorbereitungen für die Ab-
einmal auf die für die Expedition getroffenen reise beendet, Ritscher konnte aufatmen: Der
organisatorischen Bestimmungen hin, die das Termin war eingehalten worden.
Dienstverhältnis an Bord regelten, aber auch Am Vormittag des Abreisetages, Sonnabend,
auf die Gemeinsamkeit der Interessen aller Ex- dem 17. Dezember 1938, war noch einmal
peditionsteilnehmer und die einheitliche Zu- Hochbetrieb an Bord. Dafür sorgten noch eini-
sammenfassung unter der Expeditionsleitung. ge Besucher, Angehörige von Expeditionsmit-
Bevor Staatsrat Wohlthat den Fahrtteilneh- gliedern, die mit Barkassen zum Schiff gebracht
mern auch im Namen seines Dienstherrn, Her- worden waren, sowie der Hamburger Polizei-
mann Göring, zum Abschied eine glückliche präsident Christiansen mit seiner Begleitung.
Fahrt wünschte, vergaß er nicht, auf die große Dr. Todt, der Leiter des Expeditionsbüros,
nationale Bedeutung der Expedition für das na- brachte noch die wichtigste Post für Alfred Rit-
tionalsozialistische Deutschland hinzuweisen. scher sowie die wichtige Expeditionskasse an
Im Gemeinschaftsraum wurde an langen Ti- Bord. Die Sekretärin, die ihm folgte, erledigte
schen ein deftiges Eintopf-Mittagessen serviert, an Bord die letzten Telegramme und legte Rit-
zu dem alle Teilnehmer der Probefahrt eingela- scher die letzten Briefe zur Unterschrift vor.
den waren. Es wurden launige Tischreden ge- Währenddessen drängten sich die Dampfleich-
halten und heitere Gespräche geführt. ter um das Schiff, um 49.000 Liter Treibstoff für
Zwischen Mittagessen und Kaffeetafel fanden die Flugzeuge überzupumpen.
unter Leitung von Staatsrat Wohlthat abschlie- Um 15 Uhr ertönte aus allen Schiffslautspre-
ßende Besprechungen mit Vertretern der Mini- chern des M/S „Schwabenland” das unüber-
sterien, Behörden und Institutionen statt. hörbare Kommando von der Brücke: „Alle Be-
Einige Fahrtteilnehmer hatten es sich nicht sucher von Bord - wir laufen aus!”
nehmen lassen, die Fahrt des Schiffes elbab- Als letzter Gast verließ Vizeadmiral Wolff, der
wärts trotz der winterlichen Kühle auf dem Admiral der Kriegsmarinedienststelle Ham-
Promenadendeck oder auf der Brücke zu erle- burg, das Schiff. Er hatte dem Expeditionsleiter
ben und waren auch nicht bereit, ihre Posten Kapitän Alfred Ritscher und dem Kapitän des
bei der allmählich zunehmenden Kühle aufzu- M/S „Schwabenland” Alfred Kottas die herz-
geben. Auch an diese „Passagiere” wurde ge- lichsten Grüße des Oberbefehlshabers der
dacht, sie wurden mit Kaffee, Likören und Kriegsmarine, Generaladmiral Raeder, über-
Rauchwerk versorgt. mittelt. Er wünschte dem Schiff eine glückliche
Als der Abend hereingebrochen war und das Fahrt und der Besatzung gutes Gelingen bei ih-
Ende der Probefahrt näher rückte, vereinte ein rer Antarktisexpedition.

33
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Von Hamburg
bis ans Ende der Welt
ander einige kurze Kommandos durch den
Die Ausfahrt Brückenraum. Wenig später löst sich das von ei-
nem Schlepper gezogene Schiff vom Kai des
Auf der Kommandobrücke des M / S „Schwa- Hamburger Hafens.
benland” steht Kapitän Alfred Kottas. Er blickt Für den Kapitän und das Schiff, aber auch für
auf das Kalenderblatt. Es zeigt Sonnabend, den den neben dem Kapitän stehenden Alfred Rit-
17. Dezember 1938. Dann blickt er auf die Uhr: scher, den Expeditionsleiter, ist dies ein histori-
12 Uhr und 33 Minuten. Danach hallen nachein- scher Augenblick: In dieser Minute beginnt die
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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

dritte große deutsche Antarktisexpedition. Ein „Elbe I”. Einige Besatzungsmitglieder genießen
Schiff macht sich auf den Weg bis ans Ende der auf dem Oberdeck die Sonne und die Seeluft.
Welt; und die Welt nimmt keine Notiz davon. Bei kalter Luft über relativ warmen Wasser hat
Keine Kapelle spielt. Statt einer großen, zum sich starker „Seerauch” gebildet, eine nicht allzu
Abschied winkenden Menschenschar steht nur häufige Erscheinung.
ein kleines Häuflein winkender Menschen auf Am späten Nachmittag verschwindet die Son-
dem Kai, Angehörige der Besatzung und ande- ne, Schneegestöber beginnt. Es ist 4 bis 5 Grad
rer Fahrtteilnehmer. Angehörige des Kapitäns unter Null, ein leichter Vorgeschmack auf das
sind nicht darunter; er hat keine Frau und keine Reiseziel. Einige verlangen nach ihrer Kleider-
Familie. Sein „Zuhause” ist seit einigen Jahren ausrüstung, andere schließen sich an, als das
sein Schiff, seine M/S „Schwabenland”. Er ist Wetter nicht besser wird. Zu scherzhaften Be-
stolz darauf, sie in die Antarktis fahren zu dür- merkungen veranlassen die Pelzmützen, die
fen, einem ihm noch unbekannten Kontinent. fast alle zum ersten Mal tragen.
Der Tag hat mit hellem Sonnenschein vom Als es an Deck ungemütlicher wird, geht es
wolkenlosen blauen Himmel begonnen. Die unter Deck. Jeder, der es bisher versäumt hat,
Sonne scheint noch immer, während langsam versucht in seiner Kabine Ordnung zu schaffen.
die Silhouette des Hamburger Hafens, die Das ist für manchen eine Beschäftigung, die ei-
Werftanlagen, die hohen Bauten und die nige Stunden dauert und nur vom Abendessen
Kirchtürme verschwinden. unterbrochen wird.
Die Blicke des Kapitäns sind jetzt auf das son- Der Expeditionsleiter Ritscher hat den Sonn-
nenbeschienene Elbufer gerichtet, als das Schiff tagnachmittag für ein langes Gespräch mit Ka-
flußabwärts gleitet. Der Zeiger der großen Uhr pitän Kottas und dem Eislotsen Kraul genutzt.
auf der Kommandobrücke rückt von Minute zu Es drehte sich um die Frage: Was wird uns in
Minute, von Stunde zu Stunde, weiter. der Antarktis erwarten?
Um 20.30 Uhr blinkt das Leuchtfeuer „Alten Am dritten Tag der Reise herrscht Hochbe-
Liebe” bei Cuxhaven auf. Der Kapitän empfin- trieb an Luke II, hinter der es total überfüllt ist
det es als stillen Abschiedsgruß. Im Dunkel der und wo die gesamte Ausrüstung lagert: Boots-
sternklaren Winternacht bahnt sich M/S ausrüstungen und Manilaleinen, Bierkisten,
„Schwabenland” seinen Weg. Das Thermometer Fässer mit Hartbrot, Kisten mit Fallschirmen,
ist auf 18 Grad unter Null gefallen. Kleiderausrüstungen, dazwischen Koffer und
Mehrere Fahrtteilnehmer haben sich im Salon vieles andere, durcheinander und übereinander
um den Eislotsen Otto Kraul geschart, der sich gestapelt, von Ordnung keine Spur. Bei An-
als lustiger Erzähler entpuppt und die Müdig- bordnahme hatte es an Zeit, Licht und Raum ge-
keit verscheucht, die einige nach den Anstren- fehlt, von vornherein alles zu ordnen und rich-
gungen der letzten Tage befallen hat. tig zu verstauen. Das muß jetzt nachgeholt wer-
Gegen 23 Uhr löst sich die Runde auf. Die den und ist in einigen Stunden nicht zu schaf-
Männer verlassen den Salon, um sich in ihre Ka- fen, es wird einige Tage dauern.
binen zu begeben. Dort herrscht ein heilloses Das Schiff macht inzwischen gute Fahrt. Ka-
Durcheinander. Die Anbordnahme der persön- pitän Kottas ist zufrieden, wie auch sein 1.Offi-
lichen Sachen hatte in aller Eile geschehen müs- zier Amelang, der sich ebenfalls auf der Brücke
sen. Keiner hatte Zeit gefunden, auszupacken befindet. Es gibt etwas zu sehen an diesem
und einzuräumen. So befindet sich fast noch al- Nachmittag: Aus der sonnenbeschienenen eng-
les in Koffern und Kisten, über die man steigen lischen Kalksteinküste ist aus dem Nebel Dover
muß, um seine Koje zu erreichen. Morgen ist aufgetaucht. Für Kottas und Amelang ist dies
auch noch ein Tag zum Aufklaren, Verstauen nichts Neues, sie haben diesen Blick bei frühe-
und Einordnen. ren Fahrten mit anderen Schiffen schon oft vor
An diesem ersten Abend an Bord in der schon sich gehabt, doch in der Nachmittagssonne ist
angebrochenen Nacht heißt es erst einmal schla- der Anblick besonders schön.
fen, nichts weiter als schlafen. Wie erwartet dauern die Ordnungsarbeiten in
Luke II doch einige Tage, bis Material und Gerä-
te an die Arbeitsgruppen verteilt sind.
Statt Sonne Schneegestöber Gründlich und fieberhaft und trotzdem er-
folglos ist nach einer Kiste mit Pelzkleidung, ei-
Der nächste Tag, ein Sonntag, beginnt wieder nem Zelt und einem Schlitten gesucht worden,
mit Sonnenschein. Es herrscht Ostwind 6 bis 7, die der bekannte Luftschiffkapitän Dr. Eckner
Seegang 5. In den Mittagsstunden befindet sich Ritscher zur Verfügung gestellt hat. Dann stellt
M/S „Schwabenland” mitten in der Nordsee, sich heraus, daß diese großherzige Spende erst
etwa 132 Seemeilen westlich von Feuerschiff am Abfahrtstag in Hamburg eingetroffen ist

36
VON HAMBURG BIS ANS ENDE DER WELT

und sich keine Zeit und Gelegenheit mehr ge- sind diese an den Donnerstagen und Sonn- und
boten hat, die Gegenstände in den Hafen und an Feiertagen im Rahmen des vorgesehenen Ver-
Bord des Schiffes zu befördern. pflegungssatzes besonders reichhaltig. Wer Ge-
burtstag hat, wird durch den Bäcker und Kon-
ditor Gottfried Thole mit einem Gedicht der
Der Bordalltag Konditorenzunft erfreut. So vergehen die Tage
wie im Flug. Und jeder Tag bringt die Expediti-
Das Leben an Bord kommt schon bald nach der onsteilnehmer dem Ziel näher.
Ausreise von Hamburg in geregelte Bahnen. Al-
les läuft nach Plan.
Der Tag beginnt für die wachfreien — aller- Die Arbeit der Wissenschaftler beginnt
dings nicht zahlreichen — Sportler um 6 Uhr mit
der Morgengymnastik an Oberdeck, deren Lei- Die nächsten Tage bringen kräftigen Schiebe-
tung die Meteorologen übernommen haben. wind. Bei Windstärke 7 liegt das Schiff noch be-
Hieran schließt sich das Frühstück an, das zwi- merkenswert ruhig. Das ist gut für die „Unbe-
schen 7.30 und 8.30 Uhr serviert wird. An- fahrenen” an Bord, die sich langsam an die Be-
schließend geht jeder seiner Arbeit nach. wegungen des Schiffes gewöhnen können, ohne
Um 12 Uhr wird das Mittagessen aufgetragen. sofort von der quälenden Seekrankheit befallen
Während die verschiedenen Messen über die zu werden.
nötigen Tischplätze verfügen, hat der Salon nur Am 20. Dezember morgens um 6 Uhr 30 pas-
elf Plätze für die 14 dort zuständigen Expediti- siert M/S „Schwabenland” Ushant am West-
onsteilnehmer. Da man so das Mittag- wie auch ausgang des englischen Kanals. Danach steuert
das Abendessen in zwei Schichten hätte einneh- das Schiff in schneller Fahrt südwärts. Es ist
men müssen, mußte eine andere Lösung gefun- nicht mehr so kalt. Der Einfluß des Golfstroms
den werden. Der Vorschlag der Flugzeugführer, mildert die Temperatur. Die Pelzmützen ver-
die beiden Hauptmahlzeiten in der geräumigen schwinden und weichen mehr und mehr der
Kabine des Flugzeugführers Schirmacher ein- Tropenkleidung.
zunehmen, wobei stets ein weiteres Salonmit- Schon weit vor dem Erreichen von Ushant ha-
glied zugegen sein konnte, wurde angenommen ben die Meteorologen Dr. Herbert Regula und
und damit das Problem einvernehmlich gelöst. Heinz Lange unter Mithilfe ihrer Assistenten
Die Schirmacher-Kabine lag dicht neben dem mit ihrer planmäßigen Arbeit begonnen:
Salon, so daß die gleichzeitige Versorgung für Höhenwind- und Temperaturmessungen sowie
die Stewards keine Schwierigkeiten bereitete. aerologische Messungen. Die täglich ein- bis
Ein kurzes, an das Mittagessen anschließende dreimal stattfindenden Radiosondenaufstiege
Kaffeestündchen wird gemeinsam im Salon ab- nehmen die Meteorologen und ihre Assistenten
gehalten, es bietet immer eine günstige Gele- voll in Anspruch. Dabei leistet auch der Geo-
genheit zur Erörterung der vielseitigen Fragen physiker Leo Gburek wertvolle Hilfe.
des täglichen Arbeitsprogramms und der vor- Der erste Radiosondenaufstieg ist für alle
aussichtlichen Weiterentwicklung der wissen- Fahrtteilnehmer ein besonders sehenswertes Er-
schaftlichen und fliegerischen Arbeiten. eignis, das man sich nicht entgehen läßt. Dicht
Vesperstunde ist von 15.30 bis 16.30 Uhr. Die umstehen sie die Luke V. Dem Lukenschacht
Zeit bis zum Abendessen um 18 Uhr füllen die entsteigt nach einer Weile der vom Durchmesser
laufenden Arbeiten sowie die zweimal pro Wo- her eineinhalb Meter dicke Ballon mit der Ra-
che stattfindenden Vortrags- und Informations- diosonde. Trotz der Windgeschwindigkeit von
veranstaltungen. 50 km / h, in der der Ballon erst einige hundert
Nach der Abendmahlzeit treffen sich die Meter fast waagerecht abtreibt, bevor er an
Schach- und Skatfreunde zu Spielen, die oft bis Höhe gewinnt, erfolgt der Start problemlos. Der
23 Uhr dauern, obwohl pünktlich um 22 Uhr die Geograph, Dr. Herrmann, der in aller Eile seine
Versorgung mit Getränken eingestellt wird. Kinokamera geholt hat, um den ersten Aufstieg
Wöchentlich einmal finden Gemeinschafts- des Ballons zu filmen, kommt zu spät an Deck,
abende statt, an denen sich die wachfreien Fahrt- er bittet um Wiederholung. Einer der umste-
teilnehmer zu einem kameradschaftlichen Bei- henden Zuschauer begibt sich in die Luke, um
sammensein ohne Programm zusammenfinden. diese zu veranlassen. Es dauert und dauert.
Für eine bekömmliche, ausgezeichnete Spei- Nichts geschieht. In der feuchtkalten Luft wird
senfolge und Zubereitung aller Mahlzeiten es ungemütlich. Dr. Herrmann bittet die Umste-
sorgt, unter der fachmännischen Beratung von henden auszuhalten; er braucht sie für seine
Schiffsarzt Dr. Josef Bludau, der 1. Koch Otto Filmaufnahmen und bietet den Ausharrenden
Sieland mit seinen Gehilfen. Wie auf See üblich, eine Runde Grog. Da bewegt sich etwas im

37
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Schacht der Luke V, ein Ruf ertönte: „Achtung - denen ihre Sicherheit bei den Flügen und etwai-
der Ballon kommt!” Jetzt heißt es aufpassen, die gen Notlandungen im Eis der antarktischen Kü-
Filmkamera surrt, und aus der Luke schaukelt, stengewässer oder, was wahrscheinlich noch
vom Gelächter der Zuschauer begleitet, ein klei- schlimmer sein würde, auf dem Kontinent
ner bunter Kinderballon vorbei an dem ver- selbst, abhängt. Die Besatzungen der zwei Flug-
blüfften Gesicht des Geographen, der Spaß ver- zeuge sind von allen Fahrtteilnehmern auch die-
steht. Aus der versprochenen Runde Grog wer- jenigen, die den größten Gefahren ausgesetzt
den schließlich zwei. sind und von denen ganz entscheidend der Er-
Der Geograph ist ein Fachmann auf seinem folg der gesamten Expedition abhängt. Die Vor-
Gebiet, für das für ihn an Bord zunächst wenig bereitungen auf ihre Einsätze in der Antarktis
zu tun ist. Zudem ist Dr. Herrmann ein Organi- müssen deshalb um so gründlicher erfolgen.
sationstalent, er ist einsatzfreudig, hilfsbereit Die Geräte und Materialien, die in der Vorbe-
und will sich nützlich machen. Er organisiert reitungszeit in Hamburg beschafft worden sind,
den Lotdienst, verwaltet als Assistent des Expe- hat man bereits aus Luke II ans Tageslicht be-
ditionsleiters das gesamte Expeditionsgut, lernt fördert.
den 3. Schiffsoffizier Hans Werner Viereck bei In der Abenddämmerung und nachts bei ster-
seinen Kimmtiefen-Messungen und betreut das nenklarem Himmel üben sich die Flugzeugbe-
expeditionseigene Lichtbildmaterial, da er gera- satzungen in der Handhabung der Libellen-
de auf dem Gebiet der Farbfilm-Lichtbildnerei sextanten. Diese für die astronomische Ortsbe-
über große Erfahrungen, die er auf eigenen stimmung aus dem Flugzeug entwickelten
Spitzbergen-Expeditionen gesammelt hat, ver- Geräte unterscheiden sich von den an Bord der
fügt. Schiffe gebräuchlichen Sextanten durch den
Der Ozeanograph Paulsen hatte mit seinen Einbau einer Libelle im Blickfeld, die den Beob-
Oberflächenmessungen bereits vor der portu- achter von der Benutzung des natürlichen Hori-
giesischen Küste begonnen; der Geophysiker zonts freimachen, denn wenn dieser in starkem
hatte frühzeitig Strahlenmessungen und Kern- Dunst liegt, wird die Winkelmessung zwischen
zählungen vorgenommen, wobei ihm die Gestirn und Horizont fehlerhaft.
geräumigen Decks des M/S „Schwabenland” Zur Vorbereitung ihrer Einsätze haben sich die
mit seinen windgeschützten Ecken beste Beob- Flugzeugführer mit ihren Besatzungen mit den
achtungsplätze boten. verschiedenen Geräten vertraut zu machen, vor
Nicht zu beneiden, was das Maß an Arbeit be- allen den Reihenmeßbildgeräten, System RKM
trifft, ist der Biologe Barkley. Er hat die umfang- C/5 der Firma Zeiß-Aerotopograph, die Einzel-
reichsten Vorarbeiten aller Wissenschaftler an bilder im Format 18 x 18 Zentimeter mit 60 Pro-
Bord zu erledigen, um seine zahlreichen Fang- zent Überlappung liefern. Insgesamt sind für
geräte bis zum Eintreffen im Arbeitsgebiet in- beide Geräte zusammen 60 Filmspulen zu je 60
stand zu setzen und sein Laboratorium für die Meter Filmlänge mitgenommen worden.
Aufnahmen der seltenen Fänge, die er zu ma- Die Geräte sind im Postraum hinter dem ihn
chen gedenkt, einzurichten. vom Treibstoffraum trennenden Schott unterge-
Alle Wissenschaftler nutzen den langen Törn, bracht, je eines auf jeder Seite mit einer Neigung
um alle notwendigen Vorarbeiten vor dem Ein- von 20 Grad gegen den Horizont, so daß sie aus
treffen des Schiffes im Forschungsgebiet der 3.000 Meter über Grund nach jeder Seite des
Antarktis gewissenhaft zu erledigen. Flugzeugs hin ein Gelände von bis zu 25 Kilo-
meter seitlichem Abstand vollkommen klar, bis
50 Kilometer seitlichem Abstand noch ein-
Was tun die Flieger, wenn sie nicht fliegen? wandfrei erfassen und die Bilder sogar bis in 100
Kilometer seitlichem Abstand vom Flugzeug
Auch die beiden Flugzeugführer, Flugkapitän noch eine gute Deutung der Geländeform mit
Rudolf Mayr und Flugkapitän Richardheinrich Sicherheit erwarten lassen.
Schirmacher sind mit ihren Besatzungen nicht Am 21. Dezember, drei Tage vor Weihnachten,
untätig, sich auf ihren Einsatz in der Antarktis wird es merklich wärmer. Heute fährt M/S
vorzubereiten. Von ihrem erfolgreichen Einsatz „Schwabenland” an Kap Finisterre, der spani-
hängt zu einem großen Teil der Erfolg der ge- schen Küste vorbei. Wohl die meisten der 82
samten Expedition ab. Menschen, die sich an Bord des Expeditions-
Die acht Männer, wozu die zwei Flugzeug- schiffes befinden, wissen oder ahnen, daß einige
führer, zwei Flugzeugmechaniker, zwei Flug- hundert Kilometer landeinwärts ein erbitterter
funker und zwei Luftbildner zählen, müssen Bürgerkrieg tobt, täglich Menschen sterben, und
sich nicht nur um die Ausrüstung ihrer beiden nicht nur Soldaten, auch Frauen und Kinder,
Flugzeuge mit all ihren Dingen kümmern, von daß Bomben fallen, jahrhundertealte Baudenk-

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VON HAMBURG BIS ANS ENDE DER WELT

mäler in Schutt und Asche sinken — und daß an Um 18.30 Uhr wird die Feier im Gemein-
diesem Bürgerkrieg auch deutsche Soldaten schaftsraum fortgesetzt. Mit Einfallsreichtum
und Flugzeuge beteiligt sind, Freiwillige der und Geschick ist der Raum in einen Festsaal ver-
deutschen „Legion Condor”, deren Oberbe- wandelt worden. In der Mitte des Raumes sind
fehlshaber Generalfeldmarschall Hermann Gö- die mit Tannengrün geschmückten Tische und
ring ist. Bänke aufgestellt. An der Backbordseite stehen
Auch auf M/S „Schwabenland” stehen zwei zwei frische Tannenbäume mit strahlendem
Flugzeuge, aber sie sind unbewaffnet und die- Lichterschmuck. Zwei etwas abseits stehende
nen der wissenschaftlichen Forschung in einem Tische sind mit einem blütenweißen Tischtuch
Kontinent, der noch nie einen Krieg erlebt hat verdeckt, die numerierten Geschenkpäckchen
und ein Kontinent des Friedens ist. verbergend.
Die vier Wände des Raumes zieren Reichs-
flaggen, die hauseigene Expeditionsflagge und
Weihnachten an Bord dicht an dicht bunte Signalflaggen. Die Elektri-
ker und die Fotografen haben für zusätzliche
Zwei Tage vor Weihnachten, am Abend des 22. Lichtquellen an den Ecken des Raumes gesorgt.
Dezember um 23 Uhr, passiert M/S „Schwa- Es gibt auch eine kleine Bordkapelle; sie ist in ei-
benland” Kap Vinzent an der portugiesischen ner Nische an der Steuerbordseite plaziert. Auf
Küste. Wer sich von seinen Verpflichtungen und jedem Tischplatz stehen drei silberhalsige Fla-
Aufgaben an Bord freimachen kann, beteiligt schen Bill-Bräu-Bier, eine Spende der Expediti-
sich zu dieser späten Stunde an den Vorberei- onsleitung.
tungen für das Weihnachtsfest. Das Programm In einer kurzen Ansprache erläutert Expediti-
steht schon seit einigen Tagen fest. Auch die be- onsleiter Alfred Ritscher Zweck und Ziel des
reits in Hamburg eingekauften Geschenke sind Unternehmens, die den vollen Einsatz aller
bereitgelegt. Eine Geldsammlung an Bord er- Kräfte und die kameradschaftliche Zusammen-
möglicht einen weiteren Geschenkkauf aus den arbeit aller zur Sicherung des Erfolgs erfordert.
Beständen des Schiffes. Abschließend wünscht er allen Fahrtteilneh-
Am folgenden Tag, dem 23. Dezember, nähert mern einen glücklichen Verlauf ihrer Arbeit und
sich das Schiff der afrikanischen Küste. Es wer- viel Erfolg für die Erledigung ihrer Aufgaben
den einige Echolotungen zur Probe und zu Ver- bei der Expedition sowie ein frohes Fest.
gleichsmessungen gemacht. Für Reihenmessun- Um 20 Uhr wird das Fest unerwartet unter-
gen liegt kein Grund vor, da keine nennenswer- brochen. Aus den Lautsprechern ertönt die
ten neuen Ergebnisse zu erwarten sind. Weihnachtsansprache des Führerstellvertreters
Der Anbruch des Weihnachtstages gibt den Rudolf Heß. Doch die atmosphärischen Störun-
Meteorologen einen besonderen Grund zu fei- gen sind so groß, daß die Ubertragung abgebro-
ern: Trotz Windstärke 6 bis 7 ist ihnen ein be- chen werden muß. Der 2. Offizier Karl-Heinz
sonders guter Radiosondenaufstieg gelungen. Röbke bringt als ehrenamtlicher politischer Lei-
Die Meteorologen, die untätige Zuschauer nicht ter der „Schwabenland” diesen Teil der Feier
lieben, sind froh, daß sich im Tagesverlauf die mit einem „Sieg Heil” auf den Führer und das
Zahl der Zuschauer merklich verringert hat, sie Reich zum Abschluß.
hoffen, daß sie für die erreichte Gipfelhöhe von Es folgt die Verlosung der Weihnachtsge-
30.000 Meter den ausgesetzten internationalen schenke, die für manchen eine Überraschung
Preis erringen werden. Das wäre für sie das bietet. Viel Beifall erntet die kleine Bordkapelle,
schönste Geschenk an diesem Weihnachtstag. die mit ihren dargebotenen Volks- und Weih-
Kapitän Kottas stellt am Nachmittag alle ent- nachtsliedern wesentlich zu der festlich-frohen
behrlichen Mannschaftsmitglieder zur festli- Stimmung fern der Heimat beiträgt. Die Kapel-
chen Ausschmückung des mittschiffs auf dem le besteht aus einem Geiger, einem Zitherspieler,
Hauptdeck unter den Oberdecksbauten gelege- einem Akkordeonspieler und einem Flötisten.
nen Gemeinschaftsraums zur Verfügung. Über- Seit Beginn der Reise haben sie in ihrer Freizeit
all ist festtagsmäßig Reinschiff gemacht. oft für dieses Fest geübt.
Um 17.30 Uhr beginnt die Feier, aus räumli- Im weiteren Verlauf des Abends folgen Erzäh-
chen Gründen zunächst getrennt in den einzel- lungen aus der Seefahrt, in Nacht und Eis, wo-
nen Messen, mit einem Festtagsessen. Es gibt bei der Eislotse Kraul mit seiner gekonnt hu-
Spargel mit Schinken, nicht abgezählt nach Stan- morvollen Art, Geschichten zu erzählen, mit
gen und Scheiben. Jeder kann essen, soviel er dem stärksten Applaus bedacht wird.
mag und vertragen kann. Das gilt übrigens für Je weiter der Uhrzeiger vorrückt, je mehr die
alle Tage der Reise für alle 82 Fahrtteilnehmer. Stimmung wächst, desto mehr Vortragstalente
Auch sind die Mahlzeiten in allen Messen gleich. werden entdeckt. Das Repertoire des Katapult-

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

führers Wilhelm Hartmann ist fast unerschöpf- die Hitze gelegentlich drückend, und schon die
lich, und der Matrose Emil Brandt entpuppt sich leichteste Kleidung wird als unbequem emp-
als Naturtalent. funden. Die Freizeit wird jetzt in Liegestühlen
Kurz nach Mitternacht verlassen die ersten und Hängematten an Deck verbracht. Die
fast unbemerkt die gelungene Feier. Einige be- Nächte aber bringen Kühle und ermöglichen ei-
geben sich an Oberdeck, schauen in den ster- nen erfrischenden Schlaf.
nenklaren Himmel, denken an die Heimat, von Am 29. Dezember nähert sich M/S „Schwa-
der sie an diesem Weihnachtsabend mehr als benland” dem Balmen-Gürtel. Der Passat
3.500 Kilometer entfernt sind, an die Familie, an schläft ganz ein, und wie eine große ölige Fläche
liebe wertvolle Menschen in ihrem Leben, um liegt das Meer, in das das Schiff eine Furche
über Entfernung und Zeit hinweg Zwiesprache pflügt. Übermorgen ist Silvester, kein winterli-
mit ihnen zu halten. cher, sondern ein warmer Tag zum Ausklang
Andere ziehen sich in ihre Kabinen zurück, des Jahres 1938. Die Silvesterfeier wird mit der
wollen mit ihren Gedanken allein sein, packen Aquatortaufe zusammenfallen, zwei Feste auf
Geschenke aus, die sie beim Abschied aus Ham- einmal erwarten die 82 Fahrtteilnehmer auf der
burg in die Hand gedrückt bekommen haben. „Schwabenland”. Die Vorfreude ist groß.
Erst gegen 2 Uhr morgens verlassen die Letz- Plötzlich, am Nachmittag des 31. Dezember,
ten den festlich geschmückten Gemeinschafts- ein überraschender Stopp. Eine unangenehme
raum, in dem ihnen an diesem Weihnachts- Überraschung. Von 16.55 Uhr bis 19.20 Uhr
abend einige Stunden der Freude geschenkt kann das Schiff wegen Luftdüsenverstopfung
wurden. an einem Motor die Fahrt nicht fortsetzen. Auch
die Kühlwasserrohrbrüche, die vor einigen Ta-
gen aufgetreten sind, wollen kein Ende nehmen.
Äquatortaufe am Silvestertag Die tägliche Marschleistung ist von 275 Seemei-
len inzwischen auf 261 am 30. Dezember und
In den ersten Morgenstunden des 1. Weih- auf 233 Seemeilen am 31. Dezember gesunken.
nachtsfeiertages, am 25. Dezember 1938, pas- Es muß erwartet werden, daß sie am nächsten
siert M/S „Schwabenland” die nördlichste der Tag noch weiter zurückgeht. Das ist zwar uner-
Kanarischen Inseln, Lanzerote, und um 7 Uhr freulich, doch soll dies die festliche Stimmung
morgens liegt Las Palmas querab an Steuerbord bei Aquatortaufe und Silvesterfeier nicht min-
im Passatdunst. Die Lufttemperatur ist inzwi- dern.
schen stark angestiegen. Kapitän Alfred Kottas hat für 14 Uhr Rein-
Das Schiff fährt im Nordost-Passat. Der Wind schiff befohlen. Danach gibt er den Weg für
mit Stärke 5 bis 6 und leichtem Druck schiebt „Neptun” und seinen „Stab” frei zu einem
M/S „Schwabenland” südwärts. Die Fahrt geht Rundgang durch das Schiff; er beginnt pflicht-
dicht entlang der afrikanischen Küste auf gera- gemäß mit der Anbordmeldung beim Kapitän,
dem Kurs weiter, an Kap Berde vorbei, mit der bei dem auch die ersten Empfangsschnäpse von
Absicht, auf 15° West den Aquator zu kreuzen. „Neptun” persönlich abgeholt werden. Sein
Aus dem Passatdunst heraus taucht gegen „Stab” vergewissert sich dann, daß alle Täuflin-
Mittag an Backbord voraus die afrikanische Kü- ge zur Stelle sind und sich nicht in dunkle Ecken
ste bei Cap Corvoeiro auf. Sie ist eintönig und oder ihre Kabinen verdrückt haben.
öde: Sandstrand und dahinter Sanddünen, so- Dann geht auf dem Vordeck der Zauber los;
weit das Auge reicht. Gegen die hier und da alle Beteiligten sind voller Ausgelassenheit. Ka-
vorgelagerten Klippen rollt die atlantische Dü- tapultführer Wilhelm Hartmann spielt als Pa-
nung mit ganzer Macht an. Dann wandelt sich stor der Meeresgemeinde „Aquator” dabei die
der Sandstrand zu einer felsigen Steilküste, die Hauptrolle; seine für die Lachmuskeln der
bis Cap Blanco reicht. Es werden einige Probe- Zuhörer und die Gemüter der Täuflinge berech-
lotungen mit dem Echolot gemacht und mit den neten Ansprachen und Ermahnungen sind un-
Kartenangaben verglichen; sie stimmen überein. übertrefflich. Die Ermahnungen legt den Täuf-
Am 27. Dezember begegnet M /S „Schwaben- lingen nahe, innerlich und äußerlich gesäubert
land” dem deutschen heimkehrenden Dampfer von der nördlichen in die südliche Meereshälf-
„Wangoni” der Woermann-Linie: ein Flaggen- te hinüberzuwechseln, wobei „Neptun” seine
gruß wird ausgetauscht. Meeresgeister bereitstellt. Die Täuflinge hätten
Leider flaut der Passat weiter ab, aber der lieber auf diese Hilfeleistung verzichtet, doch
Strom hilft dem Schiff vorwärts, so daß die täg- sind sie in der Minderzahl und müssen die Hil-
liche Marschleistung noch immer um 275 See- fe annehmen, ob sie wollten oder nicht. Das
meilen aufweist. Da jetzt Fahrt und Rücken- Gaudium, daß die Aquatortaufe hervorruft, ist
wind die gleiche Geschwindigkeit haben, wird nicht zu überbieten.

40
Der erste Eindruck im südlichen Eismeer: Dieser 1.500 m lange Tafeleisberg ragt 40 m aus dem
die Insel Bouvet Wasser heraus und hat einen Tiefgang von 300 m.

In dem glasklaren Wasser ist das Eis bis weit Vom Schelfeisrand steigt das Land
unter die Oberfläche zu erkennen. erst allmählich zur Südpol-Hochfläche an.

Verwitterte Tafeleisberge in zerklüftetem Treibeisfeld vom Vorjahr. Alle Fotos auf dieser Seite stammen aus dem fahr 1939.

Ideales Flugwetter vor der Schelfeisküste Mitternachtsstimmung im antarktischen Hochsommer


MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Zur Silvesterfeier sind die „Täuflinge” jedoch dort rings um den Erdball fegen und durch ihre
wieder in bester Form und halten sich an den große Beständigkeit die See zu hoher Dünung
Erfrischungen, die angeboten werden, schadlos. aufpeitschen.
Die Bordkapelle sorgt mit flotter Musik dafür, Alfred Ritscher liegt als Expeditionsleiter viel
daß auch dieses Fest in bester Stimmung ver- daran, das Interesse der Fahrtteilnehmer an den
läuft. Man ist ausgelassen, und der Silve- Expeditionsaufgaben nicht nur wach zu halten,
sterabend verläuft in bester Harmonie. sondern tatkräftig zu fördern. Um dies zu errei-
chen, richtet er eine Vortragsreihe ein, die in je-
der Woche ein bis zwei Vorträge aus allen Ar-
MIS „Schwabenland” beits- und Aufgabengebieten vorsieht. Nach sei-
mit geringerer Marschleistung nem Vortragsplan soll der Schiffsarzt Dr. Bludau
über Hygiene, Vorbeugung gegen Frostschäden
Bereits vor Weihnachten hatten Kapitän Kottas und deren Behandlung, über erste Hilfe bei Un-
und den Leitenden Ingenieur Uhlig die wieder- glücksfällen usw. sprechen, der Eislotse Kraul
holten Kühlwasserrohrbrüche, besonders an über die Handhabung von Booten in Treib- und
der Backbordmaschine des Schiffes, Sorge berei- Packeis, die Wissenschaftler über ihre Arbeits-
tet. Die aufgetretenen Schäden konnten zwar gebiete und die Hilfestellung der ihnen zuge-
mit Bordmitteln behoben werden, doch zwan- teilten Besatzungsmitglieder, auf die sie dabei
gen sie die Schiffsleitung jedes Mal dazu, die angewiesen sind, die Katapultführer und Flug-
Fahrt des Schiffes für mehrere Stunden zu ver- zeugführer über Abschuß und Wiederaufnah-
langsamen. In Anbetracht der vorgerückten Jah- me der Flugboote und die dabei erforderliche
reszeit und der Zeitvorgaben für das Erreichen Unterstützung durch eine geschickte Führung
des Expeditionszieles ist jede Verzögerung un- des dabei immer bereitzuhaltenden Motorboo-
angenehm. Am bedenklichsten ist die Tatsache, tes, der Werkmeister der Startmannschaft Her-
daß die Ursache der Schäden in der außeror- bert Bolle über Einrichtung und Arbeitsweise
dentlich starken Vibration des gesamten Back- der Flugzeugschleuder. Erfreulicherweise wer-
bordmaschinenblocks liegt, die natürlich nicht den alle Vorträge von den „Freiwächtern” sehr
beseitigt werden kann. Ein Ausweg wird durch gut besucht, Zeichen dafür, daß das Vortrags-
eine elastische Verbindung des Motors mit dem programm das Interesse der Fahrtteilnehmer
Kühlwasserrohr gefunden, die sich zu be- findet.
währen scheint. Jedenfalls treten die Schäden
danach seltener auf.
Der am Nachmittag des 31. Dezember 1938 Loten ist angesagt
aufgetretene Schaden an einer Maschine, der die
Herabsetzung der Marschleistung des Schiffes Vom Äquator, der planmäßig auf 15° West ge-
zur Folge hatte, ist erheblicher als erwartet. Am kreuzt wird, wird der Kurs auf die Insel Ascen-
ersten Tag des neuen Jahres in den Mittagstun- sion gesetzt. Von dort soll unter ständigem Lo-
den ergibt eine Ortsbestimmung eine Gesamt- ten längs dem zentralen Teil der Südatlanti-
leistung von 238 Seemeilen in den letzten 24 schen Schwelle gefahren werden, um die dort
Stunden. Der Leitende Ingenieur fühlt sich zu lückenhaften Messungen zu vervollständigen.
Unrecht so schuldbeladen, und er zieht es vor, Im Lotdienst an Bord des M/S „Schwaben-
sich auf einige Zeit, so gut das an Bord eines land” wechseln sich die Wissenschaftler und der
Schiffes überhaupt möglich ist, unsichtbar zu 1. Elektriker ab; von Bovet bis zur Schelfeisküste
machen, um unsachgemäßer Kritik aus dem springen auch die Flugzeugführer einige Male
Weg zu gehen. Er will sich nicht zum „Sünden- ein.
bock” abstempeln lassen, denn alles, was mit Die Südatlantische Schwelle ist der Teil der At-
vorhandenen Mitteln zur Abstellung des Scha- lantischen Schwelle, der, am Äquator durch die
dens getan werden konnte, ist auf seine Veran- Romancho-Rinne von der Nordatlantischen
lassung hin geschehen. Schwelle getrennt, bis etwa 55° Süd läuft, wo er
Kapitän Kottas als verantwortlicher Schiffs- dann unter dem Namen Atlantisch-Indische
führer kann nichts weiter tun, als sich mit der Schwelle seine Fortsetzung in östlicher Rich-
geringeren Marschleistung des Schiffes abzufin- tung findet. Die Südatlantische Schwelle trennt
den und zu hoffen, daß die „Rauhen Vierziger” das Angola- und das Kap-Becken auf der afri-
weit unten im Süden das Schiff nicht noch mehr kanischen Seite von dem Brasilianischen und
aufhalten werden. Der Name kennzeichnet den dem Argentinischen Becken auf der amerikani-
Meeresraum zwischen dem 40. und 55. Grad schen Seite des Südatlantischen Ozeans.
südlicher Breite. In ihm toben gewaltige West- Während die Becken Meerestiefen bis zu 6.000
stürme, die, durch Landmassen ungehindert, Meter aufweisen, steigt die Schwelle von 4.000

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VON HAMBURG BIS ANS ENDE DER WELT

Meter an einzelnen Stellen bis über die Mee- nicht befriedigend, so daß ein weiterer Versuch
resoberfläche auf und gipfelt in den Inseln As- auf einen späteren Tag verschoben wird. Zweck
cension (860 Meter) und Tristan da Cunha (2.320 der Verbindung ist es, einen Treffpunkt zu ver-
Meter) mit ihren Nebeninseln. Dazwischen rei- abreden, um „Wickinger” die für ihn mitge-
chen andere Spitzen der Schwelle bis in die brachten Funkröhren übergeben zu können.
Höhe von 2.500 Meter unter Wasser. Die neue Ausgucktonne oben am Fockmast,
Der Lotdienst auf M/S „Schwabenland” läuft 20 Meter über Deck, muß abmontiert und auf
halbstündlich, an interessanten Stellen, wo ein die Sahling gesetzt werden. Dort ist sie für einen
schnelles Absinken oder Ansteigen der Wasser- gewandten und geübten Turner in leichter Be-
tiefen festgestellt wird, wird die Reihe auf kleidung mit Sicherheit noch erreichbar. Für die
Zehn-, Fünf- und Zweiminutenabstände ver- Körpermaße des Eislotsen Kraul, für den die
dichtet. Dadurch gelingt es, die Kenntnis des Ausgucktonne zum stundenlangen Aufenthalt
Bodenreliefs längs dieser Schwelle nicht unbe- in dicker Winterkleidung gedacht war, ist sie
trächtlich zu ergänzen. viel zu klein geraten.

Passieren der Insel Ascension Tristan da Cunha — die einsamste Insel der Welt

Am 2. Januar 1939 wird Ascension passiert. Die In den Abendstunden des 9. Januar kommt die
kleine Insel hat nur 150 Bewohner. Es sind meist kleine Vulkaninsel Tristan da Cunha in Sicht.
Arbeiter, Angestellte und Beamte der englischen Die meisten Inseln des südlichen Ozeans sind
Kabelstation, die sich auf der Insel befindet; sie von tüchtigen portugiesischen Seefahrern An-
führen ein sehr einsames Leben. Nur sehr selten fang des 16. Jahrhunderts entdeckt worden. As-
stellt ein Schiff die Verbindung zwischen ihnen cension, Ferando Noronha, Trinidad, St. Helena,
und der Außenwelt her. Da M/S „Schwaben- Gough und auch Tristan da Cunha. Mit weni-
land” erst in tiefer Abenddämmerung dicht an gen Ausnahmen sind diese Inseln in britischem
der Insel vorbeiläuft, ist ein Besuch der Insel, Besitz, Trinidad ist brasilianisch.
der sicher interessant geworden wäre, nicht Die Insel hat folgende Geschichte: 1506 soll sie
möglich, zumal das Schiff in großer Eile ist und von dem portugiesischen Admiral Tristan da
ein Aufenthalt im Hafen zuviel Zeit gekostet Cunha entdeckt worden sein, dann fanden die
hätte. Holländer 1643 sie von neuem, denn die Kennt-
Durch einen weiteren Kühlwasserrohrbruch nis ihrer Existenz war längst verloren gegangen.
verzögert sich die Fahrt des M/S „Schwaben- 1767 kamen die Franzosen und 1790 amerikani-
land” erneut. Die elastische Verbindung, die schen Pelztierjäger. Nach so vielen Besuchen so
dies verhindern sollte, hat doch nicht den ge- vieler Nationen hielt es England für notwendig,
wünschten Erfolg. Fast alle zwei Tage neue die Insel 1806 kurzerhand zu annektieren, sie
Brüche, was jeweils zu weiterer Fahrtminde- setzten eine Garnison Soldaten, 50 Europäer
rung führt. Der Leitende Ingenieur hat eine und 50 Hottentotten ab. Die Garnison wurde
neue Idee, er läßt eine Trompete des Motors mit später wieder aufgelöst. Nur einer blieb, der
einer vier Millimeter weiten Bohrung versehen. Schotte William Glass. Er ließ seine Frau nach-
Hoffentlich hilft dieses Experiment. Die fort- kommen, setzte 16 Kinder in die Welt und ist
währenden Fahrtverzögerungen fangen an un- der Stammvater der heutigen Bevölkerung dort.
erträglich zu werden. Mehr oder weniger gescheiterte Seefahrer sie-
Der 6. Januar 1939 bringt eine Abwechslung. delten sich hier an. Die Frauen holte man sich
Bootsmanöver ist angesagt. Das gilt für alle von der nahe gelegenen Insel St. Helena. Ein be-
Mann an Bord, nicht nur für die Besatzungsmit- freundeter Walfänger besorgte dieses Geschäft,
glieder des Norddeutschen Lloyd. Mit umge- wie Berichte besagen. Er brachte die Frauen
legten Schwimmwesten nimmt jeder seinen nach Tristan da Cunha und stellte sie dort am
Platz in den Rettungsbooten ein. Keiner fällt ins Strand auf. Die Junggesellen kamen und kno-
Wasser. Jeder hofft, daß der geprobte „Ernstfall” belten, und so kamen die Frauen „unter die
auf M/S „Schwabenland” nie eintritt. Haube”.
Endlich gelingt zum ersten Male der Versuch Auf der etwa 115 Quadratkilometer großen In-
der Funkstation des MS „Schwabenland”, mit sel Tristan da Cunha leben 128 Menschen, die
Kapitän Kirchheiß, dem Führer der Walkocherei Kartoffel- und Obstbau und etwas Viehzucht
„Wickinger” und ihrer Fangflotte, in funktelefo- betreiben und die unter der Regierung ihres
nische Verbindung zu treten, obwohl der Ab- Schulmeisters ein kümmerliches Leben führen.
stand zwischen beiden Schiffen noch über 1.500 Hier passiert nichts. Die Insel hat noch nicht ein-
Seemeilen beträgt. Die Verständigung ist jedoch mal eine Kabelverbindung mit der Außenwelt

43
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

und nur selten läuft ein Schiff die Insel an und Als bei der abschließenden Erörterung der
bringt Lebensmittel und Bedarfsgegenstände. notwendigen Flugsicherheit von einem Flug-
Manchmal kommt eine Walkocherei, die im zeugmechaniker gefragt wird, was geschähe,
Schutz der Insel ihre Fangboote mit Treibstoff wenn ein Flugzeug 500 Kilometer vom Eisrand
versorgt. entfernt notlanden müßte, sagt Ritscher: „Seien
Im Abstand von 1,5 Seemeilen fährt M / S Sie sicher - ich hol Sie da raus!” Er sagt diesen
„Schwabenland” an der Insel vorbei. Inselbe- Satz in einem Tonfall, der letzte Zweifel besei-
wohner scheinen das bemerkt zu haben. In den tigt. Jeder hat nach diesen Worten das unbe-
Häusern werden Lichter angesteckt. Ein Licht dingte Zutrauen, im Fall eines Unglücks nicht
geht häufiger an und aus, offensichtlich scheint je- i m Stich gelassen zu werden.
mand zu morsen. Die Bordfunker versuchen zu
antworten; sie funken auf allen möglichen Wellen
und als keine Antwort kommt, morsen sie mit der „Anker klar zum Fallen”
Lampe auf englisch, französisch, portugiesisch
und deutsch. Doch es kommt keine Antwort. Am frühen Abend kommt die unbewohnte Insel
Die Fahrt geht weiter. Tristan da Cunha, die Gough in Sicht, deren oberer Teil sich ab etwa
einsamste Insel der Welt, kommt außer Sicht. 400 Meter Höhe unter einer Wolkenhaube be-
Am Morgen des 10. Januar 1939 umsegeln zum findet, die Nord- und Ostseite sind jedoch klar
ersten Mal große Albatrosse die „Schwaben- genug, um eine Annäherung des Schiffes an die
land”, die in Westdünung bei auffrischendem klippenreiche Ostseite bis auf gut drei Seemei-
Nordwind so stark rollt, daß man zum ersten Mal len versuchen zu können.
während der Reise die Schlingerleisten an den Ti- Gerade im Augenblick der größten Annähe-
schen befestigen muß, um Kaffeekannen, Tassen rung an die klippenreiche Ostküste versagt der
und anderes Geschirr festzuhalten. elektrische Strom und damit die Steuerablage
des Schiffes. Auf alle Fälle wird, da das Schiff
schräg auf die Klippen zutreibt, jetzt sofort als
Erfolgsgewißheit einziges und letztes Rettungsmittel zur Verhin-
derung eines Unglücks der Anker „klar zum
Nach dem Frühstück findet unter Leitung von Fallen” befohlen. Aber ehe es zum Ä ußersten
Alfred Ritscher eine Besprechung statt, an der kommt, ist der Reservedynamo angesprungen;
die Schiffsleitung, die Wissenschaftler, die Flug- die Steuerung funktioniert wieder, und in ei-
besatzungen und die Katapultführer teilneh- nem scharfen Bogen kann das Schiff den dro-
men. Der Expeditionsleiter liest den vollständi- henden Klippen ausweichen. Was wäre gesche-
gen Organisationsplan vor, der das gesamte Ar- hen, wenn? Nicht auszudenken!
beitsprogramm an der Eiskante enthält. Wenn Die Insel Gough lädt nicht gerade zu unfrei-
sich nur ein Teil davon realisieren läßt, bringt willigen Siedlungsversuchen ein, sie ist ein
die Expedition beachtliche Ergebnisse mit nach trostloser Vulkanfelsen mit einigen grünen Mat-
Hause. Das Ziel ist hochgesteckt, aber erreich- ten zwischen dem braunroten Gestein. Hier und
bar. Viele der Anwesenden wären sicher froh, da ist an einigen geschützten Stellen kümmerli-
schon alles hinter sich zu haben, denn die An- ches Buschholz zu sehen.
forderungen im ewigen Eis der Antarktis sind Das einzige, was diese öde Insel offensichtlich
groß. Jeder ist gefordert. Jeder ist aber auch stolz besitzt, ist die Vogelwelt, die in vielen Arten die
darauf, zu dem Erfolg der Expedition mit einer Insel mit ihrem Umfeld belebt. Vor allem Alba-
eigenen Leistung beitragen zu können. trosse und Seeschwalben scheinen hier zu Hau-
Ritscher glaubt fest an den Erfolg. Diese Ge- se zu sein. Pinguine führen in dichter Nähe des
wißheit überträgt sich auf alle, die ihm zuhören. M / S „Schwabenland” scharenweise ihre Tauch-
Jedes Wort ist genau bedacht, jeder Vorschlag ei- kunststücke vor.
ner fliegerischen Erkundung fußt auf einem zu- Wenig später fegen die ersten Regenschauer
vor wohl abgewogenen Für und Wider. Die über das Wasser. Mit zunehmender Dunkelheit
Dreifacherfahrung Ritschers — er ist Handels- entschwindet bald diese letzte menschenleere
schiffskapitän, Flugkapitän und Polarforscher Insel auf dem Weg vor dem Erreichen der ant-
mit jahrzehntelanger Praxis - macht ihn zum arktischen Gewässer den Blicken.
idealen Experten für diese Expedition. Aller-
dings wird nur dann alles planmäßig verlaufen,
wenn sich jedes Expeditionsmitglied, vom Lei- Wie ist die Eislage?
ter herab bis zum Schiffsjungen, in jedem Au-
genblick für die gesamte Expedition verant- Mit Kurs auf Bouvet setzt die „Schwabenland”
wortlich fühlt. ihre Reise fort, dem Reiseziel immer näher kom-

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VON HAMBURG BIS ANS ENDE DER WELT

mend. Da die vorgerückte Jahreszeit zu jedem Während das Schiff seinen Abstand zur Ant-
nur erdenklichen Mittel der Zeit- und Weg- arktis Tag für Tag verringert, sind die Wissen-
einsparung zwingt, liegt die Frage nahe, warum schaftler und die Flugzeugführer mit ihrem
Ritscher nicht unmittelbar auf die West- oder Personal vollauf mit den Vorbereitungen der
Ostgrenze des Arbeitsabschnitts zusteuern läßt. ersten Arbeit nach der Ankunft am Ziel be-
Er hat dafür triftige Gründe. schäftigt. Der Biologe hat nach dem Kreuzen
Im allgemeinen reicht ein mehrere 100 See- des 31. Grades südlicher Breite bereits mit sei-
meilen breiter Treib- und Packeisgürtel vom nen Planktonfängen begonnen. Für die Navi-
Weddellmeer ostnordostwärts über Bouvet hin- gation der Flugzeuge hat der Geograph ein
aus. Seine Ausdehnung in der Breite und nach Kartennetz in Merkatorprojektion im Maßstab
Osten hin ist abhängig von dem Eisvorkommen 1 : 1 250.000 entworfen. Hiervon erhält jeder
des vergangenen Winters in den antarktischen Flugzeugführer eine Ausfertigung, während
Gewässern überhaupt. In eisreichen Sommern ein Exemplar zur Verfolgung des Flugweges
kann er noch bis 10° und 20° östlicher Länge rei- anhand der Flugfunkmeldungen als Arbeits-
chen, in eisarmen Zeiten weicht er oft weit nach karte an Bord des Schiffes dienen soll. Die
Westen zurück und ist dann mit fortschreiten- Flugzeuge sind fertig überholt, die Lebensmit-
der Jahreszeit oft nur durch breite Waken in Ein- telvorräte als eiserner Bestand in je Zweimann-
zelfelder aufgeteilt, die ein eisverstärktes Schiff portionen für einen Monat und die Notausrü-
mit der nötigen Vorsicht durchfahren kann, um stung für etwaige Notlandungen auf See oder
südlich von etwa 62° bis 65° Süd ein Gebiet im Inland in den Maschinen zweckmäßig ver-
eisärmeren Wassers zu erreichen. staut, so daß sogleich nach Eintreffen im Ar-
Gespeist wird der Treibeisgürtel sowohl durch beitsgebiet der Probeabschuß und der Probe-
das von Süden herangetriebene einjährige Win- flug verbunden mit Probeaufnahmen der Rei-
tereis als auch durch aus dem Weddellmeer her- henbildner erfolgen kann.
andrängende Eismassen, die sich dort in Jahren
angestaut und unter dem ständigen Druck des
Zuzugs aus dem Osten längs der Schelfeisküste Eisberge in Sicht
übereinander geschichtet und getürmt haben.
Deshalb findet man in dem Treib- und Packeis- Von Tag zu Tag ist es merklich kühler geworden.
gürtel viel mehrjähriges, aus Brocken bestehen- Wollsachen ersetzen die leichtere Kleidung.
des Packeis, das oft mit mächtigen Eisbergen Auch die Heizung wird wieder in Gang ge-
durchsetzt ist und dem man deshalb weit aus- bracht.
weicht. In den nächsten Tagen bleibt M/S „Schwa-
Da die diesjährige Eislage weder Kapitän Kot- benland” von dem üblichen stürmischen Wetter
tas noch Expeditionsleiter Ritscher und auch der „Rauhen Vierziger” wider Erwarten ver-
nicht dem Eislotsen Kraul bekannt ist, würde schont. Doch immer dichter werdender Nebel
die Gefahr bestehen, daß das Schiff bei geradem und bald auch Schneetreiben zwingen die
Kurs verfrüht auf den Eisgürtel treffen könnte. Schiffsleitung am 14. Januar 1939 wegen der Ge-
In diesem Fall wäre das Schiff gezwungen, längs fahr eines möglichen unverhofften Zusammen-
der Eiskante weit nach Osten auszuholen, bis ei- stoßes mit einem Eisberg zu verlangsamter
ne Möglichkeit für einen Durchschlupf nach Sü- Fahrt, in der Nacht sogar zum Treiben ohne Ma-
den gefunden wäre. Den dadurch entstehenden schinenkraft.
Zeitverlust will die Schiffsleitung in jedem Fall Erst gegen Morgen des 15. Januar klart es wie-
vermeiden, sie will kurz vor dem Ziel jedes Ri- der auf. Dem wachhabenden 3. Offizier gelingt
siko von M/ S „Schwabenland” fernhalten. eine gute Ortsbestimmung, nach der das Schiff
Bei Bouvet ist dagegen jetzt um diese Jahres- noch etwa 30 Seemeilen von der Insel Bouvet
zeit damit zu rechnen, daß das Schiff ohne entfernt ist.
Schwierigkeiten südwärts an das Eis herange- Mittags taucht die Vulkaninsel Bouvet unter
führt werden kann und eine Durchbruchstelle ihrer zweihundert Meter dicken Eisdecke als
gefunden wird. Das Insichtlaufen der Insel bie- rechtes Eingangstor zur Antarktis aus dem Ne-
tet zudem den Vorteil, daß dadurch vor dem bel auf. Ihr südlicher Teil, gegen dessen zerris-
Eintritt in die Antarktis noch einmal ein genau- sene Steilhänge die Brandung mit lautem Getö-
er Abgangsort gewonnen wird. se anrollt, liegt im grellen Sonnenschein, der sel-
Die bisherige Schönwetterfahrt ist zu Ende. ten sichtbare höhere nördliche Teil unter einer
Ein untrügliches Zeichen dafür ist die hohe dichten Nebelkappe. Dicht unter der Südküste
Westdünung bei Gough. Die „Schwabenland” der Insel treibt ein einzelner Eisberg, der seiner
muß sich jetzt auf die „Rauhen Vierziger” vor- Form nach von Gletscherbrüchen der Insel
bereiten. stammt. Es ist der erste Eisberg, den die Expe-

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

ditionsteilnehmer der „Schwabenland” sehen, Um 17 Uhr legt der Geograph Dr. Ernst Herr-
doch sicher nicht der letzte. mann als „Schwabenland"-Postbote mit dem
Von Bouvet besonders begeistert ist Kapitän schiffseigenen Motorboot ab und liefert wenig
Kottas. Er ist zumeist in den Tropen und in später die Post und die Funkröhren auf dem
warmen Ländern gefahren und hat Eis nie ge- Tanker ab, nicht ohne dem Kapitän und der
liebt. Er hat es nie verstanden, warum sich Leu- Mannschaft eine „Gute Fahrt in die Heimat” zu
te ausgerechnet mit Steigeisen und Seilen auf wünschen.
Gletschern erholen wollen, wo es doch so schö- Als er wieder an Bord kommt, hat Dr. Herr-
ne warme Plätzchen auf der Erde gibt. Jetzt, mann noch etwas mit. Sieland, der 1. Koch, hat-
nachdem er Bouvet gesehen hat, das einen ge- te den Funkern aufgetragen, bei ihrem Telefonat
waltigen Eindruck auf ihn macht, beginnt er mit „Wickinger” ein Walfilet zu bestellen. Die-
das Eis zu lieben. Er wird noch Berge davon se- sen Wunsch hat „Anna Knudsen” gern erfüllt.
hen. Noch am Abend wird das Fleisch in der Bord-
M/S „Schwabenland” setzt seine Fahrt fort, küche zubereitet, danach erst zaghaft, doch neu-
um die geeignetste Durchbruchstelle durch den gierig, dann aber mit großem Genuß verspeist.
zu erwartenden Packeisgürtel nach der Schelf-
eisküste hin zu finden. Die Zahl der Eisberge,
denen die „Schwabenland” aus dem Weg geht, Drei Kapitäne und ein Schifff
vermehren sich zusehends, am Morgen waren
es 26, am Nachmittag 53, darunter einige große Die Nacht zum 18. Januar 1939 ist so hell, daß
und gefährliche, deren Ausmaße auf einen Kilo- voraus bis an den Horizont die Wasserfläche
meter Länge und etwa 20 Meter Höhe geschätzt noch klar zu sehen ist. Die Lufttemperatur liegt
werden. Es sind zumeist Tafeleisberge. Einige knapp über dem Gefrierpunkt, obwohl schon
lassen auf die Herkunft aus westlicheren Ge- fast der südliche Polarkreis erreicht ist. Den
genden schließen, wahrscheinlich aus dem äußeren Packeisgürtel müßte das Expeditions-
Weddellmeer. Vom Packeisgürtel ist noch nichts schiff längst hinter sich haben, doch seltsamer-
zu sehen. weise ist weder Treibeis noch Packeis zu sehen.
Es fehlen auch noch alle Anzeichen für die Nähe
des inneren Packeisgürtels.
Die Heimatpost geht ab Auch der Schneesturmvogel, ein schnee-
weißer schnittiger Luftsegler, der am Morgen
Wiederholt haben die Funker der „Schwaben- am Schiff vorbeigeflogen war, brachte keine
land” versucht, funktelefonische Verbindung Klarheit. Von diesem Vogel sagt man, er würde
mit der deutschen Walkocherei „Wickinger” sich höchstens 80 bis 100 Seemeilen von der
aufzunehmen, um endlich die Funkröhren los- Packeisgrenze entfernen. Doch seit seinem Er-
zuwerden, die aus Hamburg mitgebracht wur- scheinen hatte die „Schwabenland” bereits weit
den und die für die Walkocherei bestimmt sind. mehr als 100 Seemeilen zurückgelegt, ohne daß
Am 14. Januar war abgesprochen worden, daß der helle Reflex des Eises am Wolkenhimmel,
der Tanker „Anna Knudsen”, der „Wickinger” den man Eisblink nennt, zu erkennen gewesen
mit Treibstoff versorgt, die Röhren am 17. Janu- wäre.
ar in Empfang nehmen soll. Sogar der genaue Da die Eisberge merklich abgenommen haben
Zeitpunkt und der Treffpunkt sind vereinbart und die Eislage günstig ist, kann das Expediti-
worden. onsschiff ohne Gefahr mit voller Kraft weiter-
Nach den Vorausberechnungen von Kurs und laufen. Der Kurs führt über den östlichen Teil
Geschwindigkeit des Expeditionsschiffes und der Maud-Bank auf 65° Süd, wo Tiefen von
des Tankers sollen beide Schiffe am Nachmittag 2.000 Meter gelotet werden. Die geringsten Tie-
um 15.30 Uhr auf etwa 63° Süd, 3,5° Ost zusam- fen von bis etwa 1.200 Meter liegen 30 bis 40 See-
mentreffen. meilen westlicher.
Und tatsächlich, es klappt. Um 15.30 Uhr sich- Auf einem Eisberg, der von Bord des M/S
tet Alfred Kottas „Anna Knudsen” backbord „Schwabenland” gesichtet wird, hocken große
voraus. Der Tanker kommt schnell näher. Der Scharen von Pinguinen. In ihrer Mitte, alle über-
„Schwabenland"-Kapitän hat noch eine andere ragend, ein stattlicher Kaiserpinguin.
Vereinbarung getroffen: „Anna Knudsen” soll Inzwischen ist der 18. Januar vorüber und der
die Briefe und Karten mitnehmen, die von den 19. bereits drei Stunden alt. Expeditionsleiter
Expeditionsmitgliedern in den letzten Tagen ge- Kapitän Ritscher treibt die Unruhe aus seiner
schrieben wurden. Das ist die erste Post von Koje. Er begibt sich auf die Kommandobrücke
dem fast erreichten „Ende der Welt” nach zu Schiffsführer Kapitän Kottas. Auch der Eis-
Deutschland. lotse Kapitän Kraul befindet sich bereits seit ei-

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VON HAMBURG BIS ANS ENDE DER WELT

ner Weile dort; ihn hat die Unruhe ebenfalls ge- sich unabsehbar fortsetzende Eiswand, die kein
packt. Ende zu haben scheint.
Nach der Norvegia-Karte, die die drei Kapitä- Ist M/S „Schwabenland” am Ziel? Kann mor-
ne mit dem Patent für „Große Fahrt” gemein- gen die Arbeit beginnen? Oder heute noch?
sam einsehen, muß in der Gegend, in der sich
das Schiff jetzt befindet, die Schelfeisküste lie-
gen. Die letzte Mittagsposition am Vortag, dem Am Ziel: Der erste Probeflug
18. Januar, war 66° 8' Süd gewesen. Seitdem ist
das Schiff schon wieder zwölf Stunden mit vol- Expeditionsleiter Ritscher entscheidet, noch
ler Kraft gefahren. heute mit der Arbeit, mit einem Probeflug, zu
Die Ungeduld bei den drei Kapitänen beginnen. Im Laufe des Tages sind beide Flug-
wächst. Nach einer kurzen Beratung erfolgt ei- zeuge abschußklar gemacht worden.
ne Kursänderung von Süd nach fast West. Den ersten Probeflug, der der Erprobung aller
Man will sehen, wie weit das Schiff auf dieser Instrumente und Bordgeräte und der Eiserkun-
bisher kaum je vorher erreichten Breite von 69° dung dient, wird von „Boreas” vorgenommen.
Süd in den undurchdringlichen Westen vor- Es herrscht so etwas wie eine Generalproben-
stoßen kann. stimmung, als der Abschuß des Flugzeugs an
Dort im Westen liegt das Weddellmeer, das Bord der „Schwabenland” vorgenommen wird.
bisher nur ein einziger Mensch eisfrei gesehen Flugkapitän Richardheinrich Schirmacher
hat, der Entdecker Weddell, dem es 1823 ge- klettert ins Flugzeug, Flugzeugmechaniker Kurt
lang, bis 75° 30' Süd vorzudringen. Nach ihm Loesener, Funker Erich Gruber und Lichtbildner
ist es trotz eifrigster Versuche noch nieman- Siegfried Sauter folgen. Die Türen werden ge-
dem gelungen, dieses fürchterlichste aller schlossen.
Meere zu befahren. Dafür sind mehrere Schif- „Boreas” ist startbereit. Am Katapult steht der
fe bekannt, die hier von Eisschollen zer- Werkmeister der Startmannschaft Herbert Bolle.
quetscht und zerschlagen wurden, so zum Bei- Er wartet auf das Aufleuchten des Signallämp-
spiel Otto Nordenskjölds „Antarktic” (1903) chens, das vom Flugzeugführer eingeschaltet
und Shackletons „Enduranca” (1915). Dage- wird. Als es aufflammt, legt er den Hebel um.
gen konnten sich Filchners „Deutschland” Im nächsten Augenblick rast „Boreas” die Gleit-
(1911) und das englische Expeditionsschiff bahn hinaus. Der Abschuß ist gelungen.
„Discovery II” (1932) in größter Not retten. Es ist ein bemerkenswerter historischer Au-
Doch bis zum Weddellmeer will die „Schwa- genblick: Das erste deutsche Flugzeug über der
benland” nicht. Antarktis!
Um 4.30 Uhr morgens zeigt ein niedriger grell- Gegen 17.30 Uhr kehrt „Boreas” von seinem
weißer Dunststreifen am Horizont steuerbord einstündigen Probeflug zurück. Auch die An-
voraus die Packeisgrenze an. Der Expeditions- bordnahme des Flugzeugs klappt tadellos.
leiter ist erleichtert. Er läßt sofort den Kurs auf Doch der Flugzeugführer bringt eine überra-
70° Süd, 5° West ändern, um nun an die West- schende und aufregende Neuigkeit mit.
grenze des vorgesehenen Arbeitsgebietes zu ge- Der Eisrand, an dem das Expeditionsschiff sei-
langen. Die Mittagsbeobachtung ergibt den nen Liegeplatz hat, gehört nicht zu der Schelf-
Schiffsort 69° 9' Süd, 0° 6' West. Jetzt ist auch eisküste. Diese ist vom Schiff noch durch eine et-
voraus schon der weiße Horizontstreifen in wa 50 Kilometer breite, mit Packeis, das sich un-
Sicht. absehbar weit nordwärts und westwärts er-
Zwei Stunden später befindet sich M/S streckt, durchsetzte Wasserfläche getrennt. Eine
„Schwabenland” vor der Packeisgrenze, die sich breite gewundene Wake bietet jedoch die Mög-
von hier aus unabsehbar weit nordwärts hin- lichkeit, das Schiff weiter nach Westen zu verle-
zieht, während nach Süden hin eine Ansamm- gen.
lung von Tafeleisbergen die dichte Nähe der Expeditionsleiter Ritscher und der Eislotse
Schelfeisküste anzeigt. Kraul halten eine Verlegung des Schiffes weiter
Der Ruf „Eis voraus!” auf und unter Deck des nach Westen für einen Vorteil und bei windstil-
Expeditionsschiffes hat viele veranlaßt, sich an lem Wetter für verantwortbar; sie lassen das
Oberdeck zu begeben. Offiziere stehen auf dem Schiff in die Wake einsteuern. Bei vorsichtiger
Peildeck, Wissenschaftler und andere auf der Fahrt in der sommerhellen Nacht kann das
Brücke, und auch das Oberdeck ist voller Schau- Schiff bis zu der Position 69° 14' Süd, 4° 30' West
lustiger, die über das seit langem gefürchtete vordringen. Dort aber gebietet das dicht ge-
und zugleich ersehnte Eis staunen. Es ist faszi- schlossene Packeis Halt.
nierend, was hier zu sehen ist: eine höher und Jetzt erst ist M / S „Schwabenland” am Ziel sei-
höher werdende, nach rechts und nach links ner Reise.

49
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Die Entdeckung von


Neu-Schwabenland
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

Flugzeuge sollen es „entdecken”, deutsche


Die Flugboote sind gerüstet Flugzeuge: „Boreas” und „Passat”, stationiert
auf dem schwimmenden Flugzeugstützpunkt
19. Januar 1939. Alfred Ritscher blickt während „Schwabenland” der Deutschen Lufthansa.
des Abendessens an Bord der „Schwabenland” Der Expeditionsleiter bittet zunächst Flugka-
i mmer wieder auf seine Uhr. Für 19 Uhr hat er pitän Schirmacher, Pilot des Flugbootes „Boreas”,
die beiden Flugkapitäne Mayr und Schirmacher um einen Bericht über den vor wenigen Stunden
und den Eislotsen Kraul zu einer Besprechung erfolgten einstündigen Probeflug von 16.22 Uhr
gebeten. bis 17.22 Uhr. In diesem vermerkt Schirmacher:
Kurz nach dem vereinbarten Zeitpunkt treffen „Es erwies sich [...] als notwendig, die gesamte
sich die vier Männer, die vor der wichtigsten Ausrüstung anders zu verteilen, da die Maschine
Phase der Expedition stehen, der Entdeckung durch den achteren Fotoeinbau doch recht
eines Teilgebietes der Antarktis, nach Vorausbe- schwanzlastig geworden war. Des weiteren muß-
rechnungen etwa so groß wie das Deutsche ten die Kühler weiter abgedeckt werden." 5
Reich. Dieses Gebiet hat bisher noch kein Der Flugkapitän weist darauf hin, daß das
Mensch gesehen, es gehört niemandem, es ist Rüstgewicht des Zehn-Tonnen-Wales „Boreas”
herrenloses, mit Eis bedecktes Land. Niemand 6.336 Kilogramm beträgt. Im Rüstgewicht ent-
weiß, was sich unter diesem Eis verbirgt. halten ist die Seeausrüstung, bestehend aus ei-
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

nem Treibanker, der Treibankerleine, der Was kann die Flugbootbesatzung bei einer
Treibankerrückholleine, einem Wirbelschäkel, Notlandung tun, wie kann sie überleben?
zwei Wurfleinen, einem Schlauchboot, einem Bei einer Wasserlandung könnte sie mit dem
Beil, einem Werkzeugkasten für Reparaturen Motorboot der „Schwabenland” abgeholt werden.
während des Fluges und einer Bordapotheke. Bei einer Notlandung landeinwärts, einem
Hinzu kommt zusätzliches Gewicht, das sich Bruch der Maschine oder wenn das Flugboot in
ergibt aus Brennstoff für 15 Stunden, 4.200 Liter, Flammen aufgeht, müßte über Funk der Start
Reservewasser, navigatorische Ausrüstung, Fo- des zweiten Flugbootes angefordert werden,
togeräte, 50 Abwurfpfeile und zehn Abwurf- um die Suche aufzunehmen. Diese wird da-
flaggen, vier Mann Besatzung in Polarkleidung durch erleichtert, daß die Flugboote den vorge-
und die Polarausrüstung im Falle einer Notlan- schriebenen Kurs einhalten und jede Kursän-
dung. Das Fluggewicht des Flugbootes „Bo- derung mit genauer Zeitangabe der „Schwa-
reas” beträgt insgesamt 4.180 Kilogramm. benland” per Funk melden, damit der Expedi-
Die navigatorische Ausrüstung des Flugboo- tionsleiter jederzeit weiß, wo sich das Flugboot
tes besteht aus einem Sextanten, einem Abtrift- befindet.
messer, einem Sonnenkompaß, einem Sonnen- Wird der Einsatz des zweiten Flugbootes not-
stift, einem Fernglas, einer nautischen Tafel, ei- wendig, dann fliegt es mit dem gleichen Kurs
ner Karte 1 : 250.000, einem Logbuch, einem wie das erste, ändert die Richtung nach den an-
Zirkel, einem Dreieck, einem Bleistift und ei- gegebenen Minuten und kann durch Vergleich
nem Radiergummi. der verschiedenen Geländeformen Richtung
Die Bekleidung der Besatzung während des und Ziel noch genauer festlegen.
Fluges setzt sich wie folgt zusammen: wollenes Sowohl „Boreas” als auch „Passat” sind mit ei-
Unterzeug, lange Skihose, Leinenhemd, Pull- ner Lebensmittel-Notausrüstung versehen. Der
over, Wollsocken, Pelzschuhe, Pelzhandschuhe, Notproviant für vier Wochen ist in tägliche Ra-
Lederpelzkappe. Als Überanzug nimmt der tionen aufgeteilt, die für je zwei Mann in Leinen-
Flugbootkapitän und auch der Funker die See- beuteln verpackt sind. Jeder Leinenbeutel enthält
hundskombination, die Mechaniker und Foto- 255 Gramm Pemmikan, 250 Gramm Schwarz-
grafen die Pelzlederkombination, die Mechani- brot,115 Gramm Zucker, 56 Gramm Hafermehl,
ker und Fotografen ihre Seehundkombination 50 Gramm Schokolade, 50 Gramm Erbswurst, 40
mit der Ausrüstung mit. Außerdem trägt jeder Gramm Speck, 15 Gramm Tee, 25 Gramm Butter,
Mann der Besatzung eine Schwimmweste. 20 Gramm Trockenmilch, 15 Gramm Kakao, 20
Beide Flugboote sind auch für eine Notlan- Gramm Gewürze und zwölf Zigaretten.
dung gerüstet. Folgende Notausrüstungsge- Nach dem mehrstündigen Gespräch ist Expe-
genstände befinden sich an Bord jeder Maschi- ditionsleiter Ritscher beruhigter als zuvor. Er
ne: zwei Zweimannzelte, vier Schlafsäcke mit hat sich davon überzeugen lassen, daß alles
Gummimatratzen, ein Schlitten mit Abdeckpla- Menschenmögliche für die Sicherheit der Flug-
ne und 20 Meter Zugseil, vier paar Skier, ein zeugbesatzungen getan worden ist. Zwingend
Eispickel, zwei Primuskocher mit zwei Ersatz- notwendig ist es, daß sich die Flugzeugführer
brennern und Zusatzgeräte, ein Liter Brennspi- und Besatzungen an die Vorgaben für jeden
ritus, zehn Liter Petroleum, ein Gewehr mit Flug und ständige Funkverbindung mit dem
Zielfernrohr, Gewehrputzzeug, 100 Schuß Expeditionsleiter auf der „Schwabenland ” hal-
Schrot, 50 Schuß Kugel, zwei Kanister Leucht- ten. Es ist vereinbart, daß jeweils nur ein Flug-
munition grün-weiß-rot, eine transportable zeug startet, und erst wenn dieses sich auf dem
Kurzwellenstation, eine Notapotheke, vier be- Rückflug befindet oder schon gelandet ist, das
packte Rucksäcke. zweite Flugzeug Starterlaubnis erhält.
Jeder Rucksack beinhaltet: ein Messer, einen Als der Expeditionsleiter die beiden Flug-
Nähbeutel, eine Schneeschaufel, in Eßbesteck, zeugführer und den Eislotsen Kraul verab-
ein zehn Meter lange Leine, eine Ersatzskibin- schiedet, blickt er noch einmal auf seine Uhr:
dung, ein Päckchen Makrobiotik, Skiwachs, ein „Vielen Dank für das Gespräch - in vier Stun-
Paar Seehundfelle, ein Paar Schneereifen, ein den sehen wir uns wieder!”
Paar Gamaschen, zwei Paar Skihandschuhe, ei-
ne lange Wollunterhose, ein Wollunterhemd,
ein Trinkbecher und eine Zahnbürste. „Boreas” startet zum ersten Fernflug
Eingehend wird vom Expeditionsleiter noch
einmal das Thema Notlandung angesprochen. Mitternacht ist vorüber. Der 20. Januar 1939 hat
Bei den geplanten Fernflügen wird mit einer begonnen. Seit einigen Stunden bemüht sich
Flugdauer von bis zu neun, zehn Stunden ge- der 1. Meteorologe, Dr. Herbert Regula, für die
rechnet. nächsten 24 Stunden um verläßliche Wetterda-

52
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

ten, die über seine eigenen Beobachtungen hin- Ein weiteres Mal erlebt der Flugzeugstütz-
ausgehen. Täglich um 20 Uhr übermittelt der punkt M / S „Schwabenland” auf seiner Antark-
Sender Quickborn Wetterdaten für die Walfän- tischen Expedition ein historisches Ereignis:
ger, die Dr. Regula regelmäßig abhört. Mit dem geglückten Abschuß des Flugbootes
Um 3 Uhr hat Regula alle Daten zusammen, „Boreas” beginnt am 20. Januar 1939 um 4.40
er sagt für die nächsten 15 Stunden sehr schö- Uhr morgens das wissenschaftliche Hauptpro-
nes Wetter voraus. Diese Wettervoraussage ist gramm der Expedition, die Erkundung des ant-
für den Flugkapitän und die Besatzung des arktischen Sektors zwischen 10° West und 20°
Flugbootes „Boreas” die erste erfreuliche Nach- Ost in einem Gebiet, das nie zuvor von Flug-
richt des noch frühen Tages. Die Besatzung, zeugen überflogen wurde und das noch nie ein
Flugkapitän Richardheinrich Schirmacher, Mensch gesehen, geschweige denn betreten
Flugzeugmechaniker Kurt Loesener, Funker hat.
Erich Gruber und Luftbildner Siegfried Sauter Der Flug erfolgt nach einem zuvor exakt aus-
sind bereits seit 2 Uhr dabei, ihr Flugzeug für gearbeiteten Plan. Ritscher schrieb darüber in
den ersten Fernflug zu betanken und für den seinem Expeditionsbericht: „Der Flugweg mit
Start vorzubereiten. den zu steuernden Kursen, Umkehrpunkten
Um 4 Uhr morgens steht die Sonne hoch am und Entfernungen war im Organisationsplan
Himmel, denn auf 69° Süd, dem Liegeplatz des genau vorgeschrieben; Abweichungen davon
M/S „Schwabenland”, scheint Ende Januar die durften nur wenn die angetroffenen Verhältnis-
Mitternachtssonne am glasblauen wolkenlosen se dazu zwangen auf eigene Verantwortung
Himmel. Es ist zwar antarktischer Sommer, aber des Flugzeugführers vorgenommen werden.
dennoch ist es empfindlich kalt. Die beiden „Sa- Vorgesehen war, vom Schiff aus 880 km recht-
lon"-Stewards, Wilhelm Malyska und Rudolf weisend Süd zu steuern, dann 30 km rechtwei-
Stawiki, die auch schon auf den Beinen sind, stel- send Ost und dann den Rückweg mit rechtwei-
len an Oberdeck heißen Kaffee auf den Tisch. send Nordkurs parallel zum Hinflug zu neh-
Flugkapitän Schirmacher mit seiner dicken men. Diese zu umfliegenden Rechtecke sollten
Pelzkleidung blickt, während er den dampfen- eins an das andere ostwärts mit je 50 km Ab-
den Kaffee genießt, um sich. Tatsächlich, das stand voneinander anschließen. Der Anord-
Wetter kann für seinen ersten Fernflug über et- nung lag die Reichweite der Flugzeuge und die
wa neun Stunden nicht besser sein. Uber der der Reihenmeßbildkammern zugrunde. Auf je-
Eislandschaft wölbt sich der wolkenlose Him- dem Flug konnte theoretisch unter günstigsten
mel. Kein Luftzug ist hier inmitten der Eisland- Umständen aus einer Flughöhe von 3.000 m
schaft zu spüren. Da und dort liegen einige über Grund ein Gelände von rund 200.000 qkm
Robben träge auf den Eisschollen, sie lassen aufgenommen werden. Natürlich war ich mir
sich durch die Anwesenheit des Schiffes nicht darüber klar, daß die Spitzenleistung nicht er-
stören und auch später nicht durch das Don- reicht werden könnte, weil mit einem Anstieg
nern der Flugzeugmotoren. des Geländes im Innern bis auf 4.000 m gerech-
Als sich alle Besatzungsmitglieder an Bord net werden mußte und die Steigleistung der
des „Boreas” befinden, befiehlt Expeditionslei- Flugzeuge kaum 4.000 m übersteigen würde.
ter Alfred Ritscher um 4.38 Uhr den Abschuß Aber bei bescheidener Schätzung konnte jeder
des Flugbootes. Flug wohl wenigstens etwa 65.000 qkm im
Die Motoren heulen auf, lassen wieder nach, Lichtbild erfassen. Jeder Punkt der umflogenen
heulen erneut auf, dann rast auch schon das elf Rechtecke würde so mindestens zweimal, viele
Tonnen schwere Flugboot die Gleitbahn ent- dreimal und nur das Randgebiet jenseits der
lang, hebt mustergültig ab und saust in die freie Südgrenzen der Rechtecke sowie der Westgren-
Luft. Nach einer „Ehrenrunde” um M/S ze jenseits des westlichsten und der Ostgrenze
„Schwabenland” braust das Flugboot auf sei- jenseits des östlichsten Rechtecks einmal mit
nem Flug polwärts. den sich um 60 % überlappenden Aufnahmen
Die an Bord der „Schwabenland” Zurückblei- gedeckt werden. Das sicherte die Grundlage für
benden sehen dem Flugboot teils mit Sorge, eine fotogrammetrische Vermessung unter Ver-
teils auch mit einer Spur von Neid, jeder aber zicht auf eine unnötige größte Genauigkeit, die
mit höchster Spannung nach. Noch nie haben nur auf dem Wege der Triangulation zu errei-
Menschenaugen gesehen, was weit hinter dem chen gewesen wäre; eine solche hätte aber zur
Eis dieser antarktischen Küste und hinter den Voraussetzung gehabt, daß nach ihrer geogra-
Gipfeln der eisüberzogenen Gebirgszüge ver- phischen Lage genau bekannte Geländepunkte
borgen ist. Die vier Männer an Bord des „Bo- in genügender Zahl zur Verfügung standen.
reas” werden die ersten Menschen sein, die das Für unsere Vermessungsflüge hatten wir indes-
bisher Verborgene zu Gesicht bekommen. sen als einzige Bezugspunkte nur die Abschuß-
":fl,Re,e

g des Abschusses eines Flugbootes durch das technische Personal


Vorbereitung So sah die Ausrüstun

Beimeis
Abschuß ist die Flugbootbesatzung einem heftigen Druck ausgesetzt. Nach dem Wassern: Mit,,Boreas " am Schelf

Glücklich wieder am Flugbootmutterschiff gewassert Flugboot„Boreas " mit Expeditionsleiter Expeditionsleiterk


fiir einen Fotoflug aus. Die Krananlage der „Schwabenland” muß vor dem Start des Flugbootes umgelegt werden.

and Die Besatzung setzt ihren Fuß an „Land". Flugkapitän Mayr, Flugmechaniker Preuschoff und Flugfunker Ruhnke auf dem Eis

cher wirdfür die Anbordnahme vorbereitet. Der umklappbare Kran hebt das Flugboot zum nächsten Start auf die Katapultanlage Katapultanlage.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

positionen der Flugzeuge, die Angaben ihrer Flugboot in der Nähe des Schiffes wassert, wird
barometrischen Höhenmesser und die verän- ihm ein festlicher Empfang bereitet. Die ganze
derliche Flugzeuggeschwindigkeit."' Besatzung steht am Heck der „Schwabenland”
Während des Fluges steht „Boreas” in ständi- und sieht zu, wie das Flugzeug aufgenommen
gem Funkkontakt mit dem Schiff, alle 15 Minu- wird. Katapultführer Wilhelm Hartmann steht
ten läuft auf der „Schwabenland” eine Meldung am Kran und hebt den elf Tonnen schweren
über Position und Vorkommnisse ein. Alfred „Boreas” mühelos aus dem Wasser. Für alle, die
Ritscher studiert diese Meldungen sehr genau; zuschauen, ein großer Augenblick.
sie zeigen, daß vor den Augen der „Boreas"-Be- Als die Flugbesatzung ausgestiegen ist, wird
satzung ein geographisch außerordentlich inter- sie sofort umringt: „Was habt ihr alles gese-
essantes Gebiet liegt. Bis etwa 50 Kilometer hen?” - „Wie war's?” - „Ist es kalt dort?” So
landeinwärts reicht ebenes Schelfeis, dann folgt schwirren die Fragen über Deck und übertönen
allmählich ansteigendes blau-grün-weißes die schnurrenden Filmkameras, die den histori-
Firneis mit zumeist glatter Oberfläche, auf dem schen Augenblick der Rückkehr des Flugbootes
die im Winter darüber hinweggebrausten Stür- „Boreas” vom ersten Fernflug am 19. Januar
me nur eine dünne harte Schneeschicht zurück- 1939 im Bild festhalten.
gelassen haben. Aus dem Firneis ragen erst ver- Dann die Hiobsbotschaft des Lichtbildners
einzelt, dann häufiger, hohe zackige oder nied- Siegfried Sauter über den Ausfall der Reihen-
rigere rundlich abgeschliffene Nunatakker, wei- bildkamera. Gründe dafür weiß er nicht. Seine
ter landein Berge mit messerscharfen zerhack- Vermutung: Die Welle ist gebrochen. Da keine
ten Rücken und spitzgipflige Gebirge auf. Süd- Ersatzkamera vorhanden ist, muß schnellstens
lich von ihnen erhebt sich hinter einer stellen- repariert werden. Der Werkmeister Herbert Bol-
weise zutage tretenden schroffen, felsigen Steil- le, der technische Assistent Walter Krüger, der
wand in sanfter Wölbung das über 4.000 Meter Luftbildner Max Bundermann von der „Passat”
hoch ansteigende Inlandeis, das sich westlich und Siegfried Sauter beheben in Nachtarbeit
von dem Gebirgskomplex fast ohne Unterbre- den Schaden und machen die Kamera wieder
chung durch felsige Gebilde ziemlich gleich- flott; sie funktioniert von da an während der
mäßig zum Schelfeis hin senkt. Nach Osten weiteren Flüge des „Boreas” einwandfrei.
aber, durch ein zweites Gletscherbecken von
den überflogenen Gebirgen getrennt, verliert
sich eine 60 bis 100 Kilometer breite Kette von MIS „Schwabenland” in der Eisfalle
nordsüdlaufenden Bergstöcken und Gebirgs-
massiven in unabsehbarer Ferne. Während sich das Flugboot „Boreas” noch auf
600 Kilometer südlich von der „Schwaben- dem Rückflug befindet, gerät M / S „Schwaben-
land” muß „Boreas” umkehren. Auf dem Rück- land” in eine äußerst bedrohliche Lage. Die Eis-
flug, der wie angeordnet um 11 Uhr angetreten lage um das Schiff herum hat sich sehr rasch
wird, bemerkt der Lichtbildner plötzlich, daß verändert. Zunehmender stürmischer Wind
das Steuerbordmeßgerät ausgefallen ist. Die und der Strom haben das Eis und die Wake, in
Mission wird abgebrochen und Kurs auf M/ S der sich das Schiff befindet, so zusammenge-
„Schwabenland” genommen. schoben, daß die Gefahr besteht, vom Eis zer-
Während des Uberfliegens bekommen auffal- drückt zu werden. Von der Kommandobrücke
lende Berge und Gipfel sofort ihrer Form ent- der „Schwabenland” ist kein offenes Wasser
sprechende Namen wie „Kugel”, „Kegel”, mehr zu erkennen. Das Wasser der Wake ist of-
„Matterhorn”, „Klotz”, „Hasenrücken”, „Napf- fensichtlich gänzlich mit Eis gefüllt. Sollte sich
kuchen”, „Teufelswand” und dergleichen. Die- dies bestätigen, wäre das Schiff verloren. Das
se Angaben werden in die vorbereitete Arbeits- zurückgekehrte Flugboot „Boreas” meldet aber,
karte an Bord des Schiffes eingetragen und da- daß eine gewundene Wake vielleicht noch ei-
durch nicht nur ein ungefähres Kartenbild ge- nen Ausweg nach Osten möglich macht.
wonnen, sondern auch für den Fall einer Not- Alfred Ritscher gibt dem um 13.10 Uhr von
landung des Flugzeugs ein wertvolles Hilfs- „Schwabenland” zu einem Probeflug abge-
mittel zu seiner sicheren Wiederauffindung schossenen Flugboot „Passat” über Funk die
durch das Reserveflugzeug und damit zur Ret- Anweisung, die Eislage zu erkunden und fest-
tung seiner Besatzung oder schlimmstenfalls zu zustellen, ob und wie sich das Schiff aus der
ihrer Versorgung mit Material und Lebensmit- Eisumklammerung befreien könnte.
teln geschaffen. Flugkapitän Rudolf Mayr und seine Besat-
Nach einer Flugzeit von acht Stunden und 57 zung lösen diese Aufgabe hervorragend. In im-
Minuten erreicht „Boreas” um 13.35 Uhr den mer wiederholten Anflügen fliegt „Passat” vor
Flugzeugstützpunkt „Schwabenland”. Als das der „Schwabenland” her, entlang einer schma-

56
Ein Kaiserpinguin ist gefangen worden
und wird mit an Bord des „Boreas " genommen.

Flugkapitän Rudolf Mayr pflanzt mit seinem Mechaniker


Franz Preuschoff und seinem Funker Herbert Ruhnke die
Reichsflagge zum Zeichen der völkerrechtlichen Inbesitz-
nahme Neu-Schwabenlands in der Westbucht auf.

Bis zu vier Meter dick ist die Eisplatte des Schelfeises, an


deren Kante der „Passat ” als erstes deutsches Flugzeug in ei-
nem Eisfjord wassert.

Nur an wenigen Stellen ist die Schelfeiskante niedriggenug,


Auf Tuchfühlung mit einem „Eingeborenen "— um „Land ” betreten zu können. Meist steigt ein über
der Flugzeugmechaniker Franz Preuschofff' 30 Meter hoher Steilhang aus dem Meer auf
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

len, nur von oben erkennbaren eisfreien Was- phischen Station: Eine Lotung mit Grundprobe
serstraße, die sich mit vielen Windungen in öst- ergibt 2.000 Meter. Der Biologe nutzt die Zeit
licher und südöstlicher Richtung durch das für Planktonfänge mit dem Brutnetz, und auch
Packeis windet, und lotst so auf einem etwa 20 sonst sind verschiedene Aktivitäten an Bord zu
Seemeilen langen Wasserweg das gefährdete beobachten.
Schiff aus der Eisfalle, in der es steckt. Dieser 20- Auf der Brücke wird die nächste Abschußpo-
Meilen-Fahrweg stellt an das seemännische sition ostwärts auf 68° 43' Süd, 2° 53' West vor-
Können von Kapitän Kottas und seinen Deckof- verlegt, und um 23 Uhr erreicht das Schiff die
fizieren hohe Anforderungen. Immer wieder neue Abschußposition.
wird das Schiff von kräftigen Stößen erschüttert, Den Abschuß des nächsten Flugbootes hat
die von tief gehenden Eisbrocken hervorgerufen Ritscher für den nächsten Morgen, den 21. Ja-
werden. Die eisverstärkte „Schwabenland” nuar, um 4.56 Uhr vorgesehen; zum Einsatz soll
kommt aber ohne Beschädigungen davon. zunächst das Flugboot „Passat” mit Flugka-
Der Vorfall beweist auch die richtige Beurtei- pitän Rudolf Mayr und den Besatzungsmitglie-
lung der Eisverhältnisse durch den Eislotsen dern Franz Preuschoff, Herbert Ruhnke und
Kraul. Waken, offene Wasserstraßen durch das Max Bundermann kommen.
Packeis, werden künftig nicht mehr genutzt.
Über die Gefahr, die das Eis der Antarktis für
die „Schwabenland” bedeutete, berichtet Rit- „Passat” wird zum Fernflug abgeschossen
scher: „Die Durchfahrt durch das mit Eisbergen
und schweren Brocken durchsetzte Packeisfeld Am 21. Januar um 4.56 Uhr wird wie geplant
hätten wir bei auffrischendem Winde mit unse- „Passat” mit seiner Stammbesatzung von der
rem eisernen Schiff nur mit einem erheblichen Packeisgrenze, etwa 100 Kilometer nördlich
Risiko erzwingen können. [...] Denn ein Eisfeld vom Schelfeisrand, zum Fernflug abgeschos-
von vielen hundert Kilometern Ausdehnung sen.
nach allen Seiten ist in dauernder Bewegung, Nach dem gelungenen Katapultschuß wird
aber nicht als einheitliches Ganzes, da es aus im starken Steilflug geflogen. Das mit 10.700 Ki-
dicken und dünnen Schollen, aus Brockeneis logramm stark überladene Flugboot steigt sehr
und Eisbergen verschiedenster Größe besteht schlecht.
und die Bewegung dieser Einzelbestandteile je Als bald nach dem Abflug über Land die
nach ihrem Tiefgang durch den Unterstrom oder Temperatur um 14 Grad fällt, bemerkt Flugka-
den Oberflächenstrom oder den Wind bestimmt pitän Mayr, daß die Trimmvorrichtung des
wird. Eisberge, die mehrere hundert Meter Tief- Flugbootes immer schwerer zu bedienen ist.
gang haben können, da 5 /6 bis 6 /7 ihrer Masse un- Die Trimmvorrichtung dient zur Regelung der
ter Wasser liegt, stemmen sich deshalb oft der Gewichtsverteilung entsprechend dem Treib-
Bewegung des Scholleneises mit der Geschwin- stoffverbrauch und wird vom Führersitz aus
digkeit des Oberflächenstromes plus der des mittels Handrad betätigt. Ihr Ausfall muß
Unterstromes entgegen, stauen es vor sich auf durch ständigen - und da die Lufttemperatur
und schieben und türmen es nun mit elementa- schließlich bis auf minus 24 Grad fällt - weiter
rer Gewalt zu Hümpeln und Pyramiden mit den vermehrten Druck auf das Tiefensteuer aus-
bizarrsten Formen übereinander. Diese Gebilde geglichen werden, was auf Dauer zu einem
mit ihren zackigen Fundamenten und weit unter starken Kräfteverbrauch des Flugzeugführers
Wasser vorspringenden Spornen lösen sich führt.
dann wieder von den Eisbergen, durchsetzen Die Schwierigkeiten, die „Passat” per Funk an
das Pack- und Treibeis und überdauern oft mehr „Schwabenland ” meldet, lösen bei Ritscher Be-
als einen Winter; die zusammengepackten Mas- sorgnis aus. Eine Meldung jagt die andere:
sen sind härter als Granit und bedeuten für jedes „Motoren meckern, Außenthermometer schei-
Schiff den Tod, das zwischen sie gerät und sich nen nicht richtig anzuzeigen, da sich die Tem-
ihrer alles zermalmenden Gewalt nicht rechtzei- peratur überhaupt nicht verändert, Außentem-
tig entziehen kann. Wir begnügten uns also peratur muß mindestens 30 Grad minus sein.”
künftig damit, unsere ,Schwabenland' nur so Die nächste Meldung: „Stark böig. Maschine
dicht wie möglich an die äußere Packeisgrenze kaum noch zu halten.”
heranzulegen und paßten gut auf, daß wir den Ritschers Besorgnis steigt. Er weiß, was es be-
Rücken immer eisfrei behielten. deuten würde, wenn die Maschine auf dem Eis
Auch die Wissenschaftler sind am 20. Januar notlanden müßte. Der Expeditionsleiter ordnet an,
nicht untätig. So erledigt der Ozeanograph die sofort „Boreas” startklar zu machen, um erforder-
Reihenmessungen für Temperatur und Salzge- lichenfalls „Passat” zu Hilfe kommen zu können,
halt des Seewassers auf der ersten hydrogra- sollte sie irgendwo auf dem Eis aufsetzen.

58
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

An Bord des „Passat” befinden sich über 60 härteter Schneedecke steigt dahinter erst all-
Fallschirme, mit denen im Notfall Proviant, mählich, dann steiler an; [...] im Süden zeich-
Werkzeug, Heizmaterial und andere zusätzliche nen sich ,Matterhorn', ,Klotz', ,Pyramide' und
Ausrüstungsgegenstände abgeworfen werden die noch höheren Gebirgsstöcke dahinter unter
könnten. Fraglich wäre allerdings, ob überhaupt der Wolkendecke klar ab; sie reichen, wenn
eine Chance bestünde, die Flugzeugbesatzung auch nur einige hundert Meter über dem
noch in diesem Sommer bergen zu können. Firneis, doch bis in 2.000 und 3.000 m über Mee-
Während das Schlimmste befürchtet wird, reshöhe; nach Westen wölbt sich Eishochland,
kommt von „Passat” die Meldung: „12.17 Uhr, ansteigend nach Süden, allmählich abfallend
Trimmung bei minus 14 Grad Celsius wieder nach Norden; dort keine Berge oder Nunataker;
okay.” Sicht unter den Wolken noch schätzungsweise
Nach einer Flugdauer von neun Stunden und 150-200 km. Umfliegen rückkehrend in 40-50
zwölf Minuten erfolgt um 14.06 Uhr die Lan- m Abstand ,Kugel' und ,Kegel', zuckerhutför-
dung des Flugbootes „Passat” an der „Schwa- mige, abgerundete basaltähnliche Felsen aus
benland”. rötlich braunem Gestein, mit stäbchen- oder
Den dramatischen Minuten auf „Passat” wid- kästchenartigem Aufbau; dann Kurs Nord in
mete Flugkapitän Mayr am Ende seines schriftli- 5-10 m Höhe über dem Firneis, das in langen,
chen Flugberichts nur wenige Zeilen: „Durch die dünenartigen Wellen mit Ost-West laufenden
große Kälte fielen bei etwa -15° C beide Bario- Kämmen liegt, bis an fjordähnliche Bucht auf 5°
meter aus. Bei -17° C ließ sich die Trimmvor- W; diese schneidet etwa 25 km südwärts in das
richtung des Flugbootes nicht mehr bewegen Schelfeis ein. Am Innenende, etwa 1 km land-
und war erst wieder bei -7° C voll zu gebrau- ein, Pressungen, Falten, Brüche im Schelfeis,
chen. Durch das Ausfallen der Trimmvorrich- das also wohl auf Land oder Klippen ruht.
tung wurde das Fliegen kolossal erschwert." 8 Zahlreiche Robben am Innenende der Bucht,
Als sich das Flugboot mitsamt seiner Besat- wo die Eiskante nur etwa 1 m hoch ist, Pingui-
zung wieder an Bord der „Schwabenland” be- ne in Scharen, die sich beim Nahen des Flug-
findet, atmet Ritscher auf: „Das ist noch einmal zeugs auf den Bauch rutschend in Sicherheit zu
gut gegangen”, kommentiert er die Schreckmi- bringen suchen; Fjord anscheinend gute Lan-
nuten. dungsstelle, muß auf nächstem Sonderflug un-
tersucht werden, ebenso Westbucht auf 4° W,
die ebenfalls niedrigen Schelfeisrand hat;
Alfred Ritscher an Bord des „Boreas” Grund wohl auch die Landnähe. [.. . ]
Um den ganzen Eindruck des' Fluges nieder-
Am 22. Januar tritt Wetterverschlechterung ein, zuschreiben, war natürlich die Zeit viel zu kurz,
die den Voraussagen der Meteorologen zufolge besonders da sich der Flug so niedrig über dem
einige Tage anhalten wird. Der Vormittagsflug Boden in scheinbar rasendem Tempo vollzog;
des „Passat” mit Start um 6.29 Uhr und Rückkehr doch ist er mir [...] in unauslöschlicher Erinne-
um 13.47 Uhr, der also sieben Stunden und 18 rung geblieben.
Minuten dauerte, hat bereits darunter gelitten. Der Grund für die auf dem Rückflug einge-
Bevor sich das Wetter weiter verschlechtert, haltene niedrige Flughöhe war, die Firneis-
entschließt sich der Expeditionsleiter zu einem fläche auf Landemöglichkeiten zu prüfen, weil
Mitflug in dem Flugboot „Boreas”, das um ich beabsichtigte, an zwei Stellen möglichst
13.36 Uhr abgeschossen wird und nach drei weit im Süden des Arbeitsabschnittes nach Ab-
Stunden und 42 Minuten an der „Schwaben- schluß der Vermessungsarbeiten eine Landung
land” landet. Für Ritscher muß der Luftbildner vorzunehmen, dort die deutsche Flagge als
Sauter bei diesem Flug pausieren. Symbol der Besitzergreifung zu heißen und ei-
Ritscher schildert diesen Flug wie folgt: „Um ne entsprechende Urkunde zu hinterlegen, fer-
mir selbst einen Überblick über den bisher er- ner um die Landeverhältnisse ganz allgemein
kundeten Geländeabschnitt zu verschaffen, ehe auch für andere Flugzeugtypen auf späteren
die Wetterverschlechterung ihn vereiteln wür- Unternehmungen übersehen zu können.” 9
de, startete ich am Nachmittage dieses Tages Als sich das Flugboot „Boreas” wieder an
mit ,Boreas' zu einem Sonderfluge über die Ber- Bord der „Schwabenland” befindet, steigt als
ge. [...] Kurs von 69° S, 0° 29' W auf ,Kugel' und erster Alfred Ritscher aus. Er kommt mit Begei-
,Kegel'; kreuzen die Küste der Schelfeiszunge sterung zurück, zum einen wegen der Land-
auf 0° 45' W, dann den Scheitel der mit Packeis schaft, die er gesehen hat, zum anderen des-
gefüllten Bucht an ihrer Westseite; 50 km land- halb, weil er als alter Kriegsflieger seit Jahren
ein liegt offenbar die Innengrenze des Schelf ei- wieder einmal einen Steuerknüppel zwischen
sen; blau-grün-weißes Firneis mit dünner, ver- die Finger bekommen hat.

59
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Die Zwischenbilanz, die der Expeditionslei-


Keine Ruhepause für die Wissenschaftler ter Alfred Ritscher am Abend des 22. Januar
über die erste Flugperiode zieht, schließt mit
Wenngleich in diesen Tagen, seit dem 19. Janu- folgendem Ergebnis: Bei den bisherigen
ar, die Flüge von „Passat” und „Boreas” beson- Einsätzen der Flugboote „Boreas” und „Pas-
dere Aufmerksamkeit und Interesse finden, be- sat” vom Flugzeugstützpunktschiff „Schwa-
deutet dies nicht, daß die Wissenschaftler an benland” sind rund 250.000 Quadratkilometer
Bord der „Schwabenland” untätig sind. Im Ge- erkundet worden, davon rund 140.000 Qua-
genteil, besonders wenn die Flugzeuge in der dratkilometer zusammenhängend, die teilwei-
Luft sind, können sie ihren Aufgaben nachge- se sogar mit mehrfacher Uberlappung im
hen. Expeditionsleiter Ritscher sorgt immer Lichtbild aufgenommen wurden. Die Flugwe-
dafür, daß es keinen „Leerlauf” gibt. ge sind in Abständen von 20 bis 30 Kilometern
Der Biologe Erich Barkley, der Geophysiker mit den Abwurfpfeilen abgesteckt worden,
Leo Gburek und der Geograph Dr. Ernst Herr- von denen die an den Umkehrpunkten abge-
mann nutzen die Zeit, um mit dem Motorboot worfenen mit der deutschen Reichsflagge ver-
an das Packeis heranzufahren und dort wissen- sehen sind.
schaftliche Arbeiten durchzuführen. Das Ergebnis der bisherigen Flüge wird am
Dr. Herrmann und Leo Gburek, die sich Abend des 22. Januar mit dem zweiten, all-
schon mehrmals auf Spitzbergen begegnet sind, wöchentlich fälligen Funktelegramm dem Be-
freuen sich, endlich wieder einmal einen Fuß auftragten für den Vierjahresplan Hermann
aufs Eis setzen zu können. Gburek will eine ma- Göring nach Berlin übermittelt. Der Wortlaut
gnetische Messung vornehmen, das Gerät wird wird bei der Abendbesprechung an Bord der
aufgebaut, das schwere Stativ steht eisern fest. „Schwabenland” bekanntgegeben.
Doch eine Ablesung ist unmöglich, die Ma- Aufgrund der veränderten Situation und
gnetnadel tanzt hin und her. Die Eisscholle, auf der Wetterlage, die den Ausfall mehrerer
der das Gerät steht, ist nicht so solide gebaut Flugtage wahrscheinlich macht, trifft der Ex-
wie das Stativ, mit jeder Dünung gerät sie ins peditionsleiter am Abend des 22. Januar eine
Schaukeln. Der Biologe hat mehr Glück, er er- wichtige Entscheidung. Das eingetretene
beutet einige Vögel für seine Sammlung. Insge- schlechte Wetter begrenzt die Möglichkeiten
samt verläuft diese Exkursion also nicht völlig des Einsatzes der beiden Flugboote „Boreas”
befriedigend. und „Passat” sowie die damit verbundenen
Unbefriedigend fällt an Bord der „Schwaben- luftfotografischen Arbeiten. Dies erfordert ei-
land” auch der Versuch von Werkmeister Bolle ne grundlegende Anderung in der Führung
aus, die Trimmschwierigkeiten am Flugboot der Flugwege. Sie hat zum Ziel, eine Ver-
„Passat” zu beheben. Trotz aller Bemühungen schwendung von kostbarer Zeit und Filmma-
gelingt es ihm nicht, eine Besserung zu erzielen. terial zu vermeiden und sich bei den noch
So wird eine Notlösung gefunden: Zur Entla- ausstehenden Aufgaben auf das Wichtigste zu
stung der Tiefensteuerung muß der Lichtbild- konzentrieren.
ner nach Beendigung seiner Luftaufnahmen In der für die Expedition sehr ungünstigen
mit dem 190 Kilogramm schweren Reihenmeß- Wetterlage macht das Packeis der „Schwaben-
bildgerät seinen Arbeitsplatz hinter dem Flug- land” keine größeren Schwierigkeiten mehr,
zeugschwerpunkt verlassen und sich damit denn je mehr das Schiff ostwärts verlegt, de-
nach vorn in den Treibstoffraum begeben. sto schmaler wird der Packeisgürtel vor der
Schelfeisküste; an manchen Stellen reicht er
nur bis 30 oder 40 Seemeilen nördlich von ihr.
Erste Flugperiode abgeschlossen Dieser Abstand kann von den Flugzeugen be-
quem überbrückt werden, so daß für das
Die Wetterverschlechterung bringt mehr Wol- Schiff kein Grund besteht, in den Packeisgür-
ken über Land und See, Schnee- und Graupel- tel hineinzufahren. Daß dies für das Schiff
schauer bei nördlichen und östlichen Winden, tödlich enden kann, hatte der 20. Januar ge-
verbunden mit mittelstarker Dünung. Der für zeigt.
den 23. Januar um 5 Uhr angesetzte Flug wird Das schlechte Wetter hat auch Auswirkungen
verschoben, dann ganz abgesagt. Die Fortset- auf den Liegeplatz des Schiffes. In der Zeit vom
zung fotografischer Arbeiten ist nicht möglich. 22. bis 24. Januar treibt die „Schwabenland” mit
Für die Flugzeuge besteht erhöhte Vereisungs- dem losen Treibeis in 40 Stunden wieder so na-
gefahr in der Luft, erhöhtes Bruchrisiko bei der he an das Packeis heran, daß nachts die Teil-
Wasserung und der Wiederaufnahme mit dem strecke bis zur Abschußposition für den näch-
Kran. sten Flug zurückgefahren werden muß.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

störungsfreie Verlauf des Katapultabschusses


Schlechtwetterperiode und Wartezeit und der Wiederaufnahme der Flugzeuge sind
wesentliche Voraussetzungen für den Gesamt-
Für die Durchführung der Flüge von „Boreas” erfolg der Expedition. Der Ausgleich für diese
und „Passat” spielt das Wetter die wichtigste enorme Leistung ist die größere Muße auf der
Rolle. Nur bei gutem Wetter, bei entweder wol- Hin- und Rückreise.
kenlosem oder zumindest bedecktem Himmel, Außer den Flugbesatzungen hoffen auch die
kann geflogen werden. Diese Erfahrung des Wissenschaftler auf günstigeres Wetter. Zu ih-
Eislotsen Otto Kraul, von der er den Flugka- nen gehört Dr. Ernst Herrmann, der Geograph.
pitänen bereits auf der Hinreise Mitteilung ge- Er schreibt über diese Wartezeit: „Zunächst tre-
macht hatte, findet ihre Bestätigung in den in ten wir auf der Stelle. Das Wetter bleibt mies. An
der Antarktis vorgefundenen Wetterverhältnis- Flüge nicht zu denken. Die einzige Abwechs-
sen. Ablandiger Wind, also Südost- und Süd- lung bietet das Essen. Frühstück 1 /29 Uhr, Mittag
westwind, deuten immer auf gute Wetterbe- 12 Uhr, Kaf f ee1 / 2 4 Uhr, Abendbrot 6 Uhr. -
dingungen für die Flüge hin, bei östlichen und Wie schützen wir uns gegen Skorbut? Man ent-
nördlichen Winden muß mit Wetterverschlech- sinne sich, daß zahllose frühere Polar-Expeditio-
terung gerechnet werden, mit Schneeschauern nen an dieser scheußlichen Krankheit zugrunde
und der Gefahr der Vereisung der Flugzeuge. gingen. Skorbut ist eine Mangelkrankheit, Vita-
Über die Dauer des schlechten Wetters, das in min C fehlt. In der modernen Schiffsküche sind
der Nacht vom 22. zum 23. Januar begonnen die Kühlräume groß genug, daß jetzt beliebige
und zur Einstellung des Flugbetriebs geführt Mengen von Frischgemüse mitgenommen wer-
hatte, können weder der 1. Meteorologe Dr. Re- den können. Auch die täglichen frischen Kartof-
gula noch der erfahrene Eislotse Kraul, auch feln sind ein gutes Gegengewicht. Der alte James
keine externe Wetterstation Auskunft geben. Cook, von dem die Zeitgenossen rühmten, daß
Zeitweise sind kleine Ansätze einer Wetterver- er es als einziger Schiffskapitän verstand, seine
besserung erkennbar, sie bleiben aber schwache Mannschaft stets vollzählig und gesund wieder
Hoffnungsschimmer, da keine grundlegende nach Haus zu bringen, pfropfte das halbe Schiff
Wetterbesserung eintritt. Also ist Warten ange- mit Sauerkohl voll. [ ... ]
sagt - Dauer unbestimmt. Und wir? Wir haben Frischfleisch und Frisch-
Den Startmannschaften unter Leitung von gemüse in Kühlräumen, sogar etwas Obst.
Werkmeister Bolle und Katapultführer Hart- Auch die modernen Gemüsekonserven sind so
mann kommt die Flugruhe sehr gelegen. An eingekocht, daß die Vitamine größtenteils er-
den ersten drei Flugtagen waren sie bis zu 18 halten bleiben. Außerdem nehmen wir reines
Stunden am Tag im Einsatz und finden nun C-Vitamin in Pillenform mit [...]
endlich Zeit, Wartungsarbeiten an den Flugzeu- Auch unsere tägliche Kost auf dem Schiff
gen nachzuholen. Insgesamt ist die Arbeitslei- stellt sich auf ,Anti-Skorbut' um. Auf dem Tisch
stung, die von der Startmannschaft erwartet erscheinen Zwiebeln, fein geschnitten, als Zutat
wird, gewaltig. Die Vorbereitung für jeden Ka- zu Fleisch, Fisch, Salat, Butterbrot, Wurst und
tapultabschuß auf M/S „Schwabenland” dauert Schweizer Käse. "10
mindestens eine Stunde. Ist der Abschuß gelun-
gen, muß das zweite Flugzeug aus dem soge-
nannten „Versaufloch ” herausgekurbelt und auf Endlich wieder Sonnenschein
das Katapult übergeführt werden, ein Arbeits-
gang von gut vier Stunden. Inzwischen sind die Am 28. Januar scheint sich die lang erwartete
Vorbereitungen für die Wiederaufnahme des Wetterbesserung endlich einzustellen.
Fernflugzeugs zu treffen. Sodann erfolgt der Ka- Ab 9 Uhr vormittags fährt die „Schwaben-
tapultabschuß für den Sonderflug. Wenn das land” südost- und ostwärts entlang der Pack-
Fernflugzeug zurückkommt, wird es mit dem eisgrenze zum nächsten Abschußort 69° 46'
Kran an Bord gehievt, in das „Versaufloch” hin- Süd, 1° 13' Ost, der am Abend erreicht wird. Es
abgekurbelt und verzurrt. Nach Rückkehr der ist der südlichste Ort, bis zu dem in dieser Ge-
Maschine vom Sonderflug wird auch diese an gend je ein Schiff vorgedrungen ist.
Bord gehievt, als Fernflugzeug auf das Katapult Alfred Ritscher berichtet: „Die Fernsicht war
gesetzt und für den Start am frühen nächsten unter der Wolkendecke außerordentlich gut,
Morgen vorbereitet. Das ist das Arbeitspro- merkwürdig tot aber die Luft, das Eis und das
gramm der Startmannschaft für einen Tag. Wasser; abgesehen von wenigen Vögeln war
Während der Flugperiode muß jeder Mann kaum eine Spur von Tierleben zu sehen, weder
der Startmannschaft mit drei bis vier Stunden Robben noch Wale, noch Pinguine tauchten auf,
Schlaf auskommen, mehr ist nicht drin. Der soweit der Blick von Bord aus reichte.

68
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

Der 29. Januar brachte Flugwetter. Die Sicht stellen. Die Gebirgskette scheint also das Hoch-
war klar. Nur wenige Wolken hingen über dem eisplateau nach N hin zu begrenzen, wobei die
westlichen Horizont, die annehmen ließen, daß Verbindung mit dem tieferliegenden Eis durch
der Wind nach Westen drehen und gutes Wetter gewaltige Gletscher hergestellt wird. " 12
von einiger Beständigkeit bringen würde.' Dieser „Boreas"-Flug am Morgen des 29. Ja-
Nach der üblichen Wetterberatung durch den nuar ist einer der wichtigsten und erfolgreich-
Meteorologen wird das Flugboot „Boreas” nach sten Flüge. Er hat die Fläche des vermessenen
der neuen Flugweganordnung um 5 Uhr mor- Geländes um mindestens 70.000 Quadratkilo-
gens zum Inlandflug abgeschossen. Der von meter erweitert und gibt Auskunft über die
Schirmacher erstellte stichwortartige Flugbe- Ausdehnung der Gebirgskette, deren Ostende
richt des über neun Stunden dauernden Fern- etwa 500 Kilometer weiter östlich zu liegen
fluges hat folgenden Wortlaut: „Trotz der nie- scheint. Die Strecke des fast zehnstündigen Flu-
deren Außentemperaturen von -22° C Kühler- ges hat 1.500 Kilometer betragen.
abdeckung und Lauf der Motoren gut.
StB[Steuerbord]-Bariometer fiel aus, arbeitete
jedoch wieder [...]. FT-Verkehr war normal. „Passat” landet in einem Eisfjord
[...] Der Abschuß war gut. Maschine steigt ge-
gen ersten Flug besser, da auf Grund der zu er- „Boreas” befindet sich noch auf dem Flug, als
wartenden Flugzeit mit weniger Betriebsstoff bereits um 10 Uhr „Passat” von der „Schwa-
gestartet wurde. 06.18 Ausgangspunkt von benland” abgeschossen wird. Mit Blick auf den
Flug III laut Flugplan erreicht. 07.27 querab von Flugausfall während der Schlechtwettertage
Kegel und Kugel, kommen an Untergrenze der will der Expeditionsleiter nun keine Zeit mehr
Astra-Bewölkung, deren Durchziehen mit der verlieren.
schweren Maschine nicht möglich war, wegen Für „Passat” ist dies ein Sonderflug mit
sofortiger starker Vereisung. Unter uns einige anschließender Außenlandung in einem Eis-
Felsen, die aus dem spaltenreichen Eis hervor- fjord. Neben Flugkapitän Rudolf Mayr sind an
ragten. 08.05 erreichen NW-Ausläufer des neu- Bord der Maschine der Flugzeugmechaniker
en Ostgebirges und setzen von dort Kurs auf Franz Preuschoff und der Flugfunker Herbert
den SW-Ausläufer wegen weiterer niedriger Ruhnke. Auf die Mitnahme des Luftbildners
Bewölkung im Westen ab. 08.40 am Endpunkt Max Bundermann muß verzichtet werden, weil
des SW-Ausläufers folgen der Gebirgskette bis Alfred Ritscher angeordnet hat, daß der Geo-
09.30. Das bis dahin überflogene Gebirgsmassiv graph Dr. Ernst Herrmann mitfliegt und die
weist die Form eines Y auf. Vom Schnittpunkt Leitung dieser wichtigen Expedition über-
des NW- und SW-Ausläufers erstreckt sich klei- nimmt.
ner Südausläufer, der sich in einer großen Run- Flugkapitän Mayr hält in seinem Flugbericht
dung an die auf den ersten Flügen beobachte- unter anderem folgendes fest: „Laut Flugauf-
ten weiter südlich befindlichen Felshänge trag des Expeditionsleiters sollte eine Außen-
anschließt. Von Standort 09.30 Uhr fliegen mit landung in einem Eisfjord vorgenommen wer-
Kurs 85 dem weiteren Verlauf der Gebirgskette den. Die Lage des Eisfjords war durch die Flü-
in einem Abstand von 30 km entlang, befinden ge der Vortage auf etwa 70.00° S, 02.30° W fest-
uns 09.45 nördlich Hohenstaufen, 10.00 nörd- gelegt worden. Der Fjord entsprach, von der
lich vom Kubus. 10.18 Kurswechsel auf 175 Luft gesehen, ein günstiger Lande- und Anle-
quer über Gebirgskette, um 10.35 mit Kurs 260 geplatz für Flugzeuge zu werden und es schien
den Südrand der Gebirgskette abzufliegen. in unmittelbarer Eisnähe Land zu sein. Zwi -
11.55 erreichten das Westende der Kette und än- schen dem Fjord und dem freien Wasser war
derten Kurs auf 360° bis 12.00. Bei der anhal- ein etwa 40 sm breiter Packeisgürtel vorgela-
tend guten Wetterlage wurde von da ab mit gert. Ich studierte den Fjord lange Zeit genau
Kurs 80° die Kette in ihrer Mitte nochmals über- aus dem Flugzeug und landete erst, nachdem
flogen, um ein möglichst gutes Kartenbild zu ich vollkommen von der Möglichkeit eines
gewinnen. Am Endpunkt angelangt, war das Wiederstarts überzeugt war. Die zur Verfügung
Ende der Gebirgskette nach 0 nicht abzusehen. stehende Lande- und Startfläche im eisfreien
Mit Kurs 323 wurde von 13.15 mit abnehmen- Wasser betrug etwa 1.500 m. Um 11.42 landeten
der Höhe die ,Schwabenland` angeflogen, wo- wir in dem Fjord und konnten das Flugboot an
bei um 14.09 an StB der Schelfeisrand mit vielen einer etwa 40 cm hohen Eisdecke anlegen und
nach S vordringenden Waken passiert wurde. dann die Maschine mit Eisankern und Leinen
I m S des heute überflogenen Gebirges steigt festlegen. Die Anlegestelle war etwa 500 m breit
das Eisplateau weiterhin an auf etwa 4.000 m, in N-S-Richtung und etwa 2 km tief in W-Rich-
weitere Bergzüge südlich waren nicht festzu- tung. Nach diesen 2 km stieg das Eis langsam

69
Die von Flugkapitän RudolfMayr entdeckte Mayrkette Nach dem Organisator der
bei 72 ° 03 ' Süd, 2 ° 45' Ost (71°40'Süd, 12

Im westlichen Mühlig-Hofmann-Gebirge befindet sich diese steile Felswand.

Südliche Ausläufer (links) und Ostrand des Mühlig-Hofinann-Gebirges (rechts) Bizarre Formation:.) n
dition wurde das Wohlthatmassiv Einer der sich endlos dahinziehenden „Eisflüsse , Gletscher, die bisweilen
30' Ost) benannt. mehrere Kilometer breit sein können

Impression aus Stein: Jahrmillionen formten diesen Fels.

N amenloser Granitfinger Eis und Stein — man fühlt sich an die Anfänge der Erdgeschichte zurückversetzt.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

mit einer Steigung von 1-2 % an und ging oh- Die Eisscholle wird von wenigen nur einige
ne sichtbaren Übergang ins Schelfeis über. Die Dezimeter breiten Spalten durchzogen. Die ge-
Nord- und Südseite des Fjords wurde von etwa ringe Dicke der Scholle kommt hier deutlich
70 m hohen Hügeln (vollkommen mit Eis über- zum Ausdruck, denn die Dünung geht unter
zogen) begrenzt. Preuschoff bestieg den nördli- der Platte hinweg und verschiebt die Spalten-
chen Hügel, wurde aber durch breite Eisrisse wände vertikal gegeneinander. Eine Belastungs-
verhindert, bis an den obersten Punkt vorzu- probe der im ganzen etwa 3 bis 4 m dicken Eis-
dringen. An einem erhöhten Punkte, etwa 500 platte kann nicht durchgeführt werden.
m in südlicher Richtung landeinwärts, wo un- Es scheint mir indessen ohne Gefahr, an einer
ter der Eisdecke festes Land vermutet werden solchen Stelle ein Depot auszuladen, nur wäre
konnte, hißte ich die deutsche Flagge. Herr- zu beachten, daß die relativ dünne Eisplatte
mann machte fotografische Aufnahmen und durch die Dünung zerbrechen und durch ab-
neben der Anlegestelle des Flugbootes eine landigen Wind in Stücken fjordauswärts getrie-
Echolot-Messung. Gleich nach der Landung ben werden kann.
nahm ich drei Sonnenhöhen mit dem Libellen- Wieweit es überhaupt möglich ist, die be-
sextanten und vier Stunden später noch zwei schriebene Bucht mit einem kleinen Schiff an-
weitere, so daß die Lage des Fjords genau fest-13 zulaufen, hängt von den Treibeisverhältnissen
gelegt werden konnte: mit 69.55° S, 03.57° W." ab. Bei dreimaligem Anflug innerhalb von 10
Der Geograph Dr. Ernst Herrmann, der auf Tagen waren beide Buchten bis auf wenige
besonderen Wunsch des Expeditionsleiters an Treibeisblöcke eisfrei, vielleicht sogar während
diesem „Passat"-Flug teilnahm, berichtete dar- der ganzen Zeitspanne; aber zwei Tage später
über in teils humorvoller Weise: „Der ,Lust- war beim Fernflug VI schon so viel Eis vorhan-
flug' am Nachmittag hat eine besondere Auf- den (zum Teil durch Abbruch der Schelfeisplat-
gabe: Einige von früheren Flügen her bekann- te, an der wir vorher gewassert hatten), daß ei-
te Stellen des Schelfeisrandes sollen auf eine ne erneute Wasserung nicht mehr möglich war.
Landemöglichkeit hin untersucht werden. Die Ich hatte allerdings den Eindruck, daß das
in Frage kommenden Stellen sind etwa 25 km Treibeis nur von außen stammte und durch Eb-
tief in das Schelfeis einschneidende Buchten. be- und Flutstrom und lokale Winde herein-
Auf den Flügen I, II und Sonderflug 1 war und hinausgetrieben wurde. Trotz gelegentli-
übereinstimmend festgestellt worden, daß bei- cher Abbrüche werden die Ränder der Bucht
de Buchten in dieser Zeitspanne ihre Lage nur unbedeutend an der Treibeisbildung betei-
nicht verändert hatten und ferner auf ihrer ligt sein.
Westseite, im Gegensatz zur Umgebung, nur Mayr mißt mit einem Libellensextanten
flach abfallende Eisränder aufwiesen. Die Ver- mehrmals die Sonnenhöhe und bestimmt da-
mutung liegt nahe, daß hier Landnähe vor- durch genau die geographische Lage unseres
handen sei. [...] Landeplatzes.
Die beiden Buchten werden auftragsgemäß Soweit die Wissenschaft! Jetzt kommt die Po-
umflogen, die größere scheint zu einer Wasse- litik! Wir nehmen eine Abwurffahne und
rung günstiger, weil weniger Treibeis vorhan- stecken sie ein paar hundert Meter landein-
den ist. Nach der gut geglückten Wasserung wärts in das Eis. Das ist das äußere Zeichen,
kann der nur etwa 30 cm hohe Eisrand betreten daß wir Deutsche dieses Niemandsland betre-
werden. [...] ten haben und für Groß-Deutschland bean-
Der erwähnte Eisrand gehört dem Schelfeis- spruchen.
rand an, der einen Teil der Bucht ausfüllt. Da- Die erste deutsche Kolonie! " 14
hinter steigt auf drei Seiten ein flachhügeliges
Gelände an von - soweit die Beobachtung ge-
stattet - festem Land mit aufliegender Eisdecke. Begegnung mit Antarktisbewohnern
Die Mächtigkeit des Eises kann nicht festge-
stellt werden. Die 50 bis 70 m hohen Hügel be- Dr. Herrmann erzählt weiter: „Da kommt auch
stehen aus Gletschereis und sind durch Stau schon ein Eingeborener! Von weit her stürzt er
hochgewölbt. Etwaige Spalten werden durch heran, rennt, schlägt hin, rutscht ein Stück auf
Firn verdeckt. dem Bauch, huppt hoch, rennt weiter, fällt wie-
Die Bucht ist zum Teil mit völlig ebenem der hin, einen kleinen Hang abwärts schliddert
Schelfeis ausgefüllt, der Eisrand von den Hü- er richtig auf dem Bauch, dann mit einem Hops
geln etwa 1 bis 2 km entfernt. Eine Echolotung auf die Füße, nur weiter, gestikulierend, rufend,
mit einem Handbehmlot am Rande ergibt die weiter ... Er kommt im Frack, die weiße Hemd-
relativ geringe Wassertiefe von 435 m, die eben- brust wird immer deutlicher, nur der Schlips
falls auf Landnähe deutet. fehlt, den hat er in der Aufregung vergessen ...

72
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

Da fällt er zum drittenmal auf sein weißes Vor- Licht noch einen Tag länger, wenn durch den
hemd ... macht nichts, rutscht, springt hoch ... Kontinent auch abgeschirmt, zu sehen geblie-
bis er schließlich, ein richtiger Dreikäsehoch, ben war.
vor uns steht und uns neugierig von allen Sei-
ten beguckt ... ein Pinguin.
Wir verständigen uns, so gut es geht. Erst mit Gedenkfeier zum „Tag der Machtergreifung”
Guten Morgen! und Heil Hitler! Das macht ihm
wenig Eindruck. Dann hockt sich Ruhnke hin, Der nächste Tag, der 30. Januar, ist in Groß-
daß er so klein wird wie der Pinguin, schlägt deutschland ein „Nationaler Feiertag”, der an
mit den Armen wie mit Flügeln und tanzt um den Tag der Machtergreifung durch Adolf Hit-
ihn herum. Das gefällt ihm schon besser. Da ler vor sechs Jahren erinnert.
macht er mit. Daß er uns natürlich auch nur für Die gesamte Besatzung und alle Wissen-
eine Abart von seinesgleichen hält, ist selbst- schaftler finden sich um 10 Uhr im festlich her-
verständlich. Wie er, gehen wir ja aufrecht auf gerichteten Gemeinschaftsraum ein. Nur die
zwei Beinen, haben eine Art Flügel, mit denen Besatzung des Flugbootes „Passat” fehlt, da sie
wir in der Luft herumfuchteln können. Nur et- bereits um 9 Uhr mit ihrem Flugboot von der
was größer sind wir, und der Schnabel ist bei „Schwabenland” abgeschossen wurde.
uns noch nicht sehr entwickelt, außerdem fehlt Der 3. Offizier, Hans Werner Viereck, verliest
der schöne glänzende schwarze Frack. Das ist als Stellvertreter des 2. Offiziers, Karl-Heinz
der ganze Unterschied. Röbke, der an Bord Ortsgruppenleiter der
Bald kommen noch ein paar dazu, alles Ade- NSDAP ist, eine Rede. Alle Expeditionsteilneh-
liepinguine, die zu neugierig sind. Nach einem mer bilden übrigens die „Ortsgruppe M/S
Weilchen erscheint ein Kaiserpinguin, fast dop- Schwabenland”. Dies ist keine Besonderheit,
pelt so groß, gravitätisch, voller Würde. Er sondern war auf allen deutschen Handelsschif-
rennt nicht aufgeregt auf uns zu, er schreitet. fen zwischen 1933 und 1945 so üblich.
Das nervöse Gefuchtel seiner kleineren Ver- Am Abend um 19 Uhr versammeln sich noch
wandten berührt ihn nicht, er schreitet -näher, einmal alle Expeditionsteilnehmer im Gemein-
besieht sich eingehend die merkwürdigen Gä- schaftsraum, um die Rundfunkrede Adolf Hit-
ste, dreht sich herum und will wieder ent- lers zu hören, die wegen atmosphärischer
schreiten. Da faßt ihn Mayr an die Hand, ge- Störungen allerdings nur bruchstückhaft auf
nauer: die Flügelspitzen, und willig geht er mit M/S „Schwabenland” ankommt. Ansonsten
dem großen Onkel hierhin und dorthin. Natür- verläuft der Feiertag auf der „Schwabenland”
lich wehrt er sich beim Einsteigen in das Flug- wie ein normaler Arbeitstag, auch schon des-
zeug, aber es hilft ihm auch nichts, er muß sei- halb, weil erneut eine Wetterverschlechterung
nen Brüdern und Vettern im Laderaum Gesell- zu erwarten ist.
schaft leisten. [...] Bereits am frühen Morgen hatten Ritscher,
Auf dem Schiff ist alles über die neuen Passa- Kottas und Kraul festgestellt, daß der Strom
giere begeistert. Schnell wird ein Verschlag ge- die „Schwabenland” in den letzten Stunden
zimmert, daß die Tierchen nicht wieder aus- wieder um acht Seemeilen westwärts getrie-
reißen können. " 15 ben hat.
In der Tagesbesprechung, die am Abend des Das Flugboot „Passat”, das um 9 Uhr zu ei-
29. Januar stattfindet, lobt Alfred Ritscher den nem Fotoflug gestartet war, kehrt nach sechs
Tageseinsatz der Flugboote „Boreas” und „Pas- Stunden und 53 Minuten, um 15.53 Uhr, zum
sat” und deren Besatzungen, die nach seiner Flugzeugstützpunkt zurück. Auch bei diesem
Überzeugung „Hervorragendes” geleistet hät- Inlandflug sind die Barometer ausgefallen,
ten. auch hat die Trimmung trotz vorheriger Uber-
Auf vier Inlandflügen sind nun mehr 180.999 holung an Bord erneut versagt. Der Flugzeug-
Quadratkilometer geschlossen im Lichtbild führer hält fest, daß „Passat” künftig nur noch
aufgenommen worden. Dieses Ergebnis wird eingeschränkt eingesetzt werden könne. Instru-
dem Beauftragten für den Vierjahresplan mit mente, Motoren und Funk hätten indessen ein-
der fälligen Wochenmeldung nach Berlin über wandfrei gearbeitet.
Funk gemeldet. Noch vor der Rückkehr von „Passat” ist
Punkt Mitternacht sinkt zum ersten Mal „Boreas” um 14 Uhr zu einem Forschungsflug
während der „Schwabenland"-Expedition im gestartet. Der Auftrag besteht darin, den
Südpolarmeer am Schelfeisrand die Sonne hin- Schelfeisrand nach einer Landemöglichkeit
ter den Horizont. „Amtlich” war sie schon am abzufliegen. Von der vierköpfigen Flugboot-
Tag zuvor zum ersten Mal untergegangen, die besatzung muß auf die Mitnahme des Luft-
Strahlenbrechung hatte jedoch bewirkt, daß ihr bildners Sauter verzichtet werden, dafür wird

73
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

als Gast der Geophysiker Leo Gburek an Bord


genommen, um diesem die Möglichkeit zu Mit „Passat” auf Pinguin fang
geben, erdmagnetische Messungen am Schelf-
eisrand oder an einer großen Eisscholle vor- Der 31. Januar beginnt trübe. Entsprechend
zunehmen. dem Fortschritt der fotografische Arbeiten hat
Da sich der Schelfeisrand für das Anlegen als „Schwabenland” in der Nacht Kurs nach Osten
zu hoch erweist, setzt das Flugboot zur Lan- genommen und erreicht eineinhalb Stunden
dung in einer freien Wake an, um dort an einer nach Mitternacht die nächste Abschußposition:
Eisscholle anzulegen. Aber auch die Schollen 69° 33' Süd, 7° 12' Ost, hart an der Packeisgren-
sind für die geplanten Beobachtungen und ze, etwa 30 Seemeilen nördlich vom Schelfeis.
Messungen ungeeignet, daher wird durchge- Die merklich abnehmende Helligkeit zwingt
startet und zu den südwestlich des Schiffes be- dazu, die Abschußzeiten täglich später zu le-
obachteten Fjorden geflogen. Dort landet „Bo- gen.
reas” um 16.35 Uhr in einer großen Wake. Die Deshalb findet der Abschuß des „Boreas”
Maschine wird an der etwa 1,50 Meter hohen zum nächsten Fotoflug am 31. Januar erst um
Schelfeiskante verankert. Gburek führt seine 8.08 Uhr statt. Bedingt durch die Wetterverhält-
magnetischen Messungen durch. Beim Über- nisse kann Flugkapitän Schirmacher den ei-
schreiten des Schelfeises wird festgestellt, daß gentlichen Flugauftrag, die weiter im Osten be-
die aus der Luft für vollkommen glatt und eben findlichen Berge fotografisch zu erfassen, nicht
angesehene Schelfeisoberfläche in allen Rich- ausführen. Da nach Süden und Osten schon ei-
tungen von Rissen und Spalten durchzogen ist, ne dicke Wolkendecke auf dem Inlandeis und
die vom Schnee verweht sind und eine große dem weiter östlichen Massiv liegt, fliegt Schir-
Gefahr bilden. Bei Märschen über das Schelfeis macher nach Westen, da die Sicht noch gut ist.
erscheint es daher wichtig, die einzelnen Teil- Als sich auch dort das Wetter verschlechtert,
nehmer durch Anseilen zu sichern. Eine Lan- tritt „Boreas” den Rückflug an und landet nach
dung mit dem nur durch Kufen verstärkten neunstündigem Flug um 17.13 Uhr an der
Zehntonnenwal bedeutet daher das Eingehen „Schwabenland”.
eines großen Risikos, da die Maschine nach „Passat” war bereits um 13.57 Uhr gestartet.
dem Aufsetzen in einer der vielen Spalten ein- Der Flugauftrag: Küstenaufklärung mit Außen-
brechen könnte. landung. Flugkapitän Mayr hatte den Licht-
Um 18.55 Uhr erfolgt der Start für den Rück- bildner zurückgelassen und dafür als Gast den
flug mit Kurs 53, um 18.35 Uhr wird das Schiff Biologen Barkley an Bord genommen, um die-
erreicht. sem einen Einblick in das Tierleben an der Eis-
Gegen Ende des 30. Januar treffen sich kurz kante zu ermöglichen und um eine astronomi-
vor Mitternacht Besatzungsmitglieder und Wis- sche Ortsbestimmung zu machen.
senschaftler, Flugzeugbesatzungen und ihre Mayr fliegt zunächst ohne einen bestimmten
Helfer und alle, die sonstwie abkömmlich sind, Kurs alle Fjorde in westlicher Richtung ab, um
an Oberdeck der „Schwabenland” zu einem einen Landeplatz zu finden, doch ohne Erfolg.
einmaligen mitternächtlichen Schauspiel. Auf Als von „Boreas” die Funkmeldung eintrifft,
der Brücke stehen Ritscher, Kottas und Kraul daß alle Fjorde voll Eis seien und keine Lan-
und einige Schiffsoffiziere, und alle schauen sie demöglichkeit bestehe, geht „Passat” auf Ost-
gebannt auf das faszinierende Farbspiel des Po- kurs.
larlichts. Um 15.40 Uhr erblickt Preuschoff auf einer
Expeditionsleiter Alfred Ritscher schildert großen Scholle am Südrand des Packeises eine
dieses Erlebnis folgendermaßen: „Um Mitter- große Menge Kaiserpinguine. Zwischen Schelf-
nacht erstrahlte der Himmel in noch nie gese- eiskante und Packeis befindet sich genügend
hener Farbenpracht; der Horizont glich einem freies Wasser zum Landen und Starten.
gleißenden goldenen Band, über dem sich zar- „Passat” landet um 15.42 Uhr; das Flugboot
teste Farben von grün, rosa und blau zu einem wird mit dem Eisanker, den Preuschoff ge-
durchsichtigen Schleier verwoben, nach oben schmiedet hat, festgemacht. Flugkapitän Mayr
hin abgeschlossen durch eine alto-stratus-Wol- steigt an einer niedrigen Stelle als erster auf das
kendecke, die fast bis zum Zenith reichte und Schelfeis und pflanzt dort einen Abwurfpfeil
an der Unterseite rosig rot getupft einen war- mit der deutschen Reichsflagge ein.
men Schein
16
über das ganze Landschaftsbild Danach beginnt die vierköpfige „Passat"-Be-
goß." satzung mit dem Pinguinfang, den Mayr wie
Für alle, die als Augenzeuge dabei sind, wird folgt schildert: „Wie eine gutgeschulte Poli-
diese Mitternachtsstunde zu einem der schön- zeitruppe fegten wir vier zwischen die Pingui-
sten Erlebnisse der Expedition. ne und in 25 Minuten saßen 5 lebende Kaiser im

76
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

Wal. Es war unbedingt nötig, dies Manöver mit Ein für den 1. Februar um 14 Uhr geplanter
der größten Schnelligkeit auszuführen, da sich Flug wird verschoben, dann ganz abgesagt.
das Packeis, an dessen Kante wir lagen, dau- Auch am 2. Februar herrscht kein Flugwetter.
ernd veränderte und von der nicht gerade viel
Vertrauen erweckenden Scholle beim Überset-
zen der Pinguine ins Flugboot Stücke abbra- Vollbeschäftigung für den Biologen
chen. Da der Wind günstig von der Scholle ab-
stand, konnten wir, nachdem wir unseren Fang Erich Barkley, der Biologe an Bord der „Schwa-
erledigt hatten, das Flugboot von der Scholle benland”, hat in den letzten Tagen Gelegenhei-
wegtreiben lassen und warfen im manövrier- ten gefunden, seine Planktonfänge zu vervoll-
fähigen Abstand von der Scholle die Motoren ständigen. Seitdem die Flugboote von ihren In-
an. Um 16.22 starteten wir zum Rückflug. [...] landflügen Ladungen mit Tieren, vor allem Pin-
Um 18.00 Uhr landete D-ALOX bei M.S. guine, mitgebracht haben, gibt es für ihn täglich
,Schwabenland' . " 17 alle Hände voll zu tun. Er muß nicht nur seine
wissenschaftlichen Arbeiten programmgemäß
und ohne Abstriche erledigen, sondern darüber
Ein Eisberg kalbt hinaus auch viel Zeit für die Tierpflege aufbrin-
gen. Pinguine sind zwar zugängliche Tiere, mit
Nach Rücksprache mit den Meteorologen denen man sich sehr gut beschäftigen kann,
fürchtet Alfred Ritscher, daß der nächste Tag ei- Pinguine sind aber auch hungrig.
ne weitere Wetterverschlechterung bringt. Er ist Alfred Ritscher schildert die Bemühungen
sich auch darüber im klaren, daß in dieser für Erich Barkleys um das Wohlergehen der Tiere
die Antarktis vorgerückten Jahreszeit wohl an Bord der „Schwabenland”: „Die Pinguine
kaum noch mit einer Wiederkehr von besserem fühlten sich an Bord scheinbar sehr wohl. Um
Flugwetter zu rechnen ist. Im Gegenteil, der den Tieren Gesellschaft zu geben und sie um so
antarktische Winter scheint unmittelbar vor der sicherer nach Hause zu bringen, sollten noch so
1 Tür zu stehen. viele dazugefangen werden, wie die Futter-
Er entschließt sich deshalb in der Nacht zum vorräte es gestatten würden. Die farbenpräch-
1. Februar, Fahrt nach Osten aufzunehmen, um tigen Kaiserpinguine, stattliche Vögel, ausge-
wenigstens von Bord aus die bisherigen Erkun- streckt bis etwa 90 cm hoch und an 30–35 kg
t dungen zu ergänzen. Dichtes Schneetreiben schwer, waren mit ihren komischen Bewegun-
und viel loses Eis, das auf Packeisnähe im gen, dem watschelnden Gang und ihren unme-
Osten schließen läßt, stören die Nachtfahrt. lodischen Trompetentönen, mit denen sie so-
Weil der Eisgürtel vor der Küste sehr breit wird wohl ihren Hunger anzeigten wie ihren Dank
und die Schelfeisküste fast außer Sicht gerät, für die Fütterung abstatteten, für die ganze Zeit
muß der Kurs auf nordostwärts gesetzt wer- ihrer Gefangenschaft an Bord eine stete Quelle
den. Schließlich taucht aber auch steuerbord der Belustigung; aber viel beweglicher und be-
voraus Eis auf. Es stellt sich heraus, daß hier auf triebsamer und in ihrer Mimik possierlicher
0° eine mächtige Schelfeiszunge bis auf 69° 10' sind die Adeliepinguine, von denen sich drei in
Süd nordwärts vorspringt. Der Himmel ist im- einem unbewachten Augenblick die Freiheit
mer noch völlig bedeckt. selbst wieder nahmen. Die Frage ihrer
Dicht südlich von der „Schwabenland” wer- Ernährung löste der Biologe Barkley dadurch,
den 27 mächtige Eisberge gezählt, von denen ei- daß er ihnen gut gewässerte Salzheringe vor-
ner auf eine Länge von einem Kilometer ge- setzte, die nach kurzer Gewöhnung auch gern
schätzt wird. Ein anderer, etwa drei Kilometer genommen und gut vertragen wurden. Die Füt-
vom Schiff entfernt, kalbt am frühen Morgen terung versammelte stets einen großen Zu-
mit mächtigem Getöse, das bis in die geschlos- schauerkreis um die Tiere, in deren Mitte ihr lie-
senen Kabinen hinein zu hören ist. Zwei Buckel- bevoller Pfleger sich anfänglich sehr quälen
wale, die in dichter Nähe eine Weile lang um mußte, den Hungerstreik seiner Pfleglinge zu
das Schiff herum bummeln, lassen sich dadurch bezwingen. Schließlich konnte er sich aber ihrer
nicht stören. Ihr Auftauchen in dieser Gegend Freßlust kaum noch erwehren, so daß er sich
veranlaßt den Biologen zu der Feststellung, daß angesichts der nur zu bald geleerten Herings-
dies auf die Zunahme von Plankton und die tonnen nach anderen geeigneten Futtermitteln
Nähe der Packeisgrenze zurückzuführen sei. umtun mußte; geschabtes Rindfleisch mit ge-
Wie sich später zeigt, befindet sich M/S riebenem Hartbrot in Boulettenform und ver-
„Schwabenland” tatsächlich dicht vor der Pack- suchsweise Robbenspeck dienten dann als Er-
eisgrenze, die so fest geschlossen ist, daß sie von satz; auch die uns abgesparten Eierportionen
keinem Schiff durchstoßen werden kann. sahen wir neidvoll in den Mägen der ewig

77
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

hungrigen Tiere verschwinden. Trotzdem lieh startet das Flugboot mit 9.660 Kilogramm,
schwanden ihre rundlichen Bäuche mehr und dabei ein Brennstoffvorrat für einen Zehnstun-
mehr. Erst auf der Rückreise in Kapstadt und denflug.
Pernambuco gekaufte frische Fische gaben ih- Flugkapitän Mayr hat den Auftrag, das östli-
nen zum Teil ihre Ansehnlichkeit zurück." che und damit letzte Gebirgsmassiv des Ar-
beitsgebiets der Expedition zu erkunden; er
überfliegt die Längsachse der Schelfeiszunge
Der letzte Flug des „Passat” mit Südostkurs und erreicht das Wohlthatmas-
siv, aus dem einige 4.000 Meter hohe, zackige
Am 1. und am 2. Februar ist an einen Abschuß und spitzkegelförmige Gipfel aufragen. An
der beiden Flugboote nicht zu denken; sie blei- dessen Nordseite steuert er mit Westkurs ent-
ben an Bord der „Schwabenland”. Der Tag wird lang, dann auf der Westseite mit Südkurs und
zu Bootsfahrten an das Packeis genutzt. an der Südseite mit Ostkurs. Zuletzt will er von
Ritscher sieht in den Bootsfahrten eine gute Osten aus noch einmal mit Westkurs die Mit-
und sinnvolle Abwechslung in dem anstren- tellinie des Massivs überfliegen.
genden Flug- und Borddienst der vergangenen Doch dazu kommt es nicht mehr. In 4.150 Me-
Tage. Die Bootsfahrten finden am Nachmittag ter Höhe werden die bereits früher aufgetrete-
statt. Nicht nur das dienstfreie Flugpersonal, nen Schwierigkeiten, das schwanzlastige Flug-
auch Besatzungsmitglieder beteiligen sich dar- zeug auf ebenem Kiel zu halten, immer größer,
an. Wissenschaftler nutzen die Gelegenheit zu und während der letzten Flugstunde bedarf es
weiteren Studien, aber auch zum Fotografieren. der vereinten Körperkräfte von Mayr und Preu-
Objekte für interessante Aufnahmen gibt es ge- schoff, um durch dauerndes Drücken der
nug. Höhensteuerung den Ausfall der Trimmvor-
Die Aufsicht über die Durchführung der richtung auszugleichen. Im Fallwind kommt es
Bootsfahrten hat der Expeditionsleiter dem 1. beinahe zu einer Katastrophe. Diese kann nur
Offizier des Schiffes, Herbert Amelang, über- dadurch verhindert werden, daß der Luftbild-
tragen, dem die seemännische Besatzung der ner schleunigst seine Meßbildkammern abbaut
„Schwabenland” zur Verfügung steht. Die und mit ihnen nach vorn in den Treibstoffraum
Fahrten durch das Eis sind nicht ungefährlich, flüchtet.
sie stellen hohe Anforderungen an das seemän- Die Lufttemperatur in Flughöhe ist zu der
nische Können und die Entschlußkraft der Zeit auf schätzungsweise minus 32 Grad Celsi-
Bootsbesatzungen. us gesunken, vielleicht liegt sie noch tiefer, aber
Der 2. Februar endet mit einem Gemein- das läßt sich nicht mehr kontrollieren, weil das
schaftsabend an Bord, den der Geophysiker Außenthermometer ausgefallen ist. Barometer
Leo Gburek mit viel Talent leitet. und Staudruck funktionieren ebenfalls nicht.
In der Nacht vom 2. zum 3. Februar klart das Schon beim Erreichen der Nordkante des Ge-
Wetter überraschend auf. Es sind 6 Grad unter birges hatten die Motoren angefangen unregel-
Null. Die Windverhältnisse lassen kein gutes mäßig zu laufen.
Wetter erwarten. Dies ist in dieser Gegend nur Erst beim Rückflug, als die Temperatur nach
bei Winden aus Nordwest bis West wahr- Verlassen der großen Höhen in etwa 1.000 Me-
scheinlich. Der Wind weht aber aus entgegen- ter wieder minus sieben Grad betrug, arbeiten
gesetzten Richtungen. Dennoch ist die Sicht die Motoren, die Instrumente und die Trim-
nach Osten und Süden noch gut. Nur am west- mung wieder normal.
lichen Horizont von Südwest nach Nord türmt Die aufgetreten Schwierigkeiten an der Trim-
sich eine Wolkenbank bis zur Hälfte der Ze- mung und an den Motoren sind derart gravie-
nithöhe auf. Die See ist ruhig, nur eine leichte rend, daß unter normalen Verhältnissen an ei-
Dünung aus nördlicher Richtung ist zu spüren. nen Weiterflug nicht zu denken wäre. Da die
Der Kapitän führt um 5 Uhr morgens ein Ge- Flughöhe sehr gut ist und im Norden des Ge-
spräch mit den Meteorologen und den beiden birges überall auf dem Eis geeignetes Lande-
Flugzeugführern, um zu klären, ob bei diesen gelände zu sein scheint, das im Gleitflug zu er-
Gegebenheiten ein Einsatz der beiden Flugboo- reichen gewesen wäre, entschließt sich Flugka-
te möglich sei. Da keine Bedenken erhoben pitän Mayr trotz dieser Hindernisse zu dem
werden, entscheidet sich der Expeditionsleiter Flug um das Gebirge herum. Um 14 Uhr, nach
zunächst für den Einsatz des Flugbootes „Pas- einer Flugzeit von sechs Stunden und 41 Minu-
sat”, dessen Abschuß auf 7.19 Uhr festgelegt ten und einer Flugstrecke von ca. 1.000 Kilome-
wird. tern, landet „Passat” an der „Schwabenland”.
Das Schiff hat inzwischen die neue Abschuß- Es ist der letzte Flug dieses Bootes bei der Ex-
position 69° 5' Süd, 14° 46' Ost bezogen. Pünkt- pedition.

80
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

Packeis und schlechtes Wetter Ritscher entdeckt Seenplatte

Alfred Ritscher ist zwar enttäuscht, daß ihm Die persönlichen Aufzeichnungen Alfred Rit-
Flugkapitän Mayr gegen 13 Uhr über Funk scher über diesen Flug, bei dem eisfreie Seen
melden muß, daß das Flugboot „Passat” wegen und ein eisfreier Geländestreifen entdeckt wer-
der erneut aufgetretenen Mängel für weitere den, besagen folgendes: „12.10 Uhr kreuzen
Einsätze nicht mehr zur Verfügung steht, doch Nordrand der Schelfeiszunge auf 15° 0; der
mit den Ergebnissen des letzten „Passat"-Flu- braunrote Staub ist von oben kaum erkennbar;
ges ist er sehr zufrieden. 12.20 Uhr aus 400 m Höhe an Backbord querab
Nach den Funkmeldungen, die Ritscher im Wolkenbank, voraus an Backbord Ostmassiv in
Laufe des Vormittags von „Passat” erhalten Sicht, an Steuerbord in weiter Ferne die ersten
hat, geht er davon aus, daß trotz der aufgetre- Anzeichen des nächst westlicheren; die Sicht-
tenen Schwierigkeiten der letzte Flug des weite beträgt danach fast 300 km. Die rötlich
„Passat” einen neuen, im Lichtbild aufgenom- braunen Bergzüge des Ostmassivs gleichen von
menen Geländegewinn von etwa 70.000 Qua- weitem vielfach dreiflächigen Prismen, wie
dratkilometern gebracht hat. Darüber hinaus Baukastensteine auf einem weißen Tischtuch,
ist bei der klaren Luft nach Süden und über und sind ihrer Form nach geschlossener als die
20° Ost hinaus aufgeklärt worden, so daß da- felsigen Erhebungen weiter westlich mit ihren
mit der Auftrag der Expedition im Osten er- nadelspitzen fingerartigen oder runden Säulen,
füllt ist. Türmen und Türmchen; wenige selbständige
Doch den Expeditionsleiter bewegen am Gletscher; in nach Osten offenen Tälern viel
Vormittag des 3. Februar ganz andere Proble- Schnee, Westseiten vielfach ganz schneefrei,
me. Nach Ansicht der Meteorologen ist eine ebenso wie die höchsten Grate, Gipfel und
neue Wetterverschlechterung von längerer Steilseiten; einige Gipfel bis 4.000 m hoch über
Dauer zu erwarten, und wie die Eiserkundung Meereshöhe; 15.30 Uhr 3.700 m Flughöhe, Luft-
ergeben hat, drängen von Osten her ungeheu- temperatur etwa -30° C; unter uns auf dem
re Massen von Packeis heran, die bereits bis Firneis eine Anzahl runder Teiche überfrorenen
120 Seemeilen vor der Küste reichen und, Schmelzwassers; bei weiterer Annäherung an
westwärts vordringend, bis auf etwa 50 Kilo- Ostmassiv taucht an Steuerbord schneefreier
meter an die „Schwabenland” herangekom- Geländestreifen auf, zwischen dessen Buckeln
men sind. anscheinend eisfreie Wasserflächen liegen; muß
Der „Schwabenland” droht Gefahr. Das rückkehrend untersucht werden; vom Eistal
Schiff liegt an der Südseite einer breiten und zwischen 13° und 14° 0, aus 3.700 m Höhe, frei-
tiefen Eisbucht, in der ein längeres Verblei- er Uberblick nach Süden bis auf das über 4.000
ben angesichts der vorgerückten Jahreszeit m hohe kahle Inlandeis und nach Nordwesten
und der beobachteten Neueisbildung nicht über das Firneis des Borfeldes; Rückflug mit
mehr ratsam ist. Wenn sich draußen der Kurs auf das Teichgelände; überfliegen dieses
Packeisgürtel schließt, würde das Expediti- kreuz und quer in 50-100 m über Grund; Teiche
onsschiff in den nächsten Tagen in eine un- bis auf Grund durchsichtig, anscheinend meh-
angenehme, in eine gefährliche Lage gera- rere Meter tief ohne Eisbildung, obwohl
ten. Außenthermometer -5° C zeigt, eingebettet
Ritscher trifft noch am Vormittag des 3. Fe- zwischen knollenartigen, rundlichen Kuppen
bruar eine wichtige Entscheidung in eigener Sa- aus rotbraunem Schichtgestein; Stützpunkt für
che. Er will nicht warten, bis es soweit ist, daß spätere Landexpedition? Muß morgen noch zu-
er mit seinem Schiff vor dem aus dem Osten sammenhängend fotografiert werden; Rück-
andrängenden Eis den Rückzug antreten muß. flug dicht über das Borfeld und die Schelfeis-
Zuvor will er sich selbst noch einen Uberblick zunge; Firneis netzartig mit vielen 1-2 m tiefen
über den östlichen Teil des Expeditions-Ar- Rinnen durchzogen, die zum Teil Schmelzwas-
beitsgebietes verschaffen. ser führen. " 19
Deshalb startet er um 12.40 Uhr mit dem Am Abend findet unter Leitung des Expediti-
Flugboot „Boreas” zu einem Erkundungsflug. onsleiters die Besprechung über die Tagesereig-
An Bord befinden sich außer ihm Flugkapitän nisse und die Ergebnisse der Flüge statt. Flugka-
Schirmacher, der Flugzeugmechaniker Kurt pitän Mayr äußert sich ausführlich über die
Loesner und der Flugfunker Erich Gruber. Schwierigkeiten, die am Flugboot „Passat” auf-
Nach einer Flugstunde und sieben Minuten getreten sind, und begründet den Ausfall für
kehrt „Boreas” zurück und wassert an der weitere Fernflüge; damit wird auch der Einsatz
„Schwabenland”. des Flugbootes „Boreas” eingeschränkt, da es als

81
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Hilfsleistungsflugzeug ausfällt. Die Konsequenz:


Wie der „Passat” kann auch der „Boreas” nur
noch für Küstenflüge eingesetzt werden.
Trotz geringer Aussicht auf besseres Flugwet-
ter wird ein Start des „Boreas” für den nächsten
Morgen angesetzt, um das Teichgelände zusam-
menhängend zu fotografieren.
Die Nacht vom 3. zum 4. Februar bringt eine
weitere Wetterverschlechterung, die aber
langsamer als erwartet fortschreitet. Gegen 6
Uhr erreichen von Südosten heranziehende
Schneeschauer das Schiff. Da auch das Packeis
aus dem Osten näher kommt, läßt Ritscher Fahrt
nach Westen aufnehmen, um aus dem Nieder-
schlagsgebiet herauszukommen und eine Mög-
lichkeit für den Abschuß des Flugbootes „Bo-
reas” zu finden. Ritscher will das Teichgelände,
das etwa 150 Kilometer von der „Schwaben-
land” entfernt liegt, fotografieren lassen.
„Boreas” wird um 9.55 Uhr von „Schwaben-
land” abgeschossen. An Bord befinden sich
Flugkapitän Schirmacher, der Flugzeugmecha-
niker Loesener, der Flugfunker Gruber, die bei-
den Luftbildner Bundermann und Sauter und
als Gast Dr. Regula, der 1. Meteorologe.
Die Reihenbildkammern bleiben zurück, um
das Flugzeug zu entlasten. Zum ersten Mal fliegen
zwei Luftbildner mit, ein Zeichen dafür, daß der
Expeditionsleiter auf Aufnahmen von der Borea-
sischen Seenplatte, wie sie später genannt wird,
sehr großen Wert legt. Die Aufnahmen bei diesem
Flug werden nur mit der Siemens-Handkamera
und mit einer Kino-Buntfilmkamera gemacht.
Flugkapitän Richardheinrich Schirmacher be-
richtet über diesen wichtigen Fotoflug: „Der
Flug war angesetzt worden, um die Eisverhält-
nisse im N und 0 der Schiffsposition zu unter-
suchen sowie die am Vortage entdeckte borea-
sische Seenplatte fotografisch zu erfassen. Mit
Kurs 359° wurde vom Schiffsort bis 10.45 ge-
steuert, wobei in dem überflogenen Gebiet kei-
ne größeren Treibeismassen gesichtet wurden.
11.05 wurde Kurs 180° gesteuert, von dem je-
doch 11.38 wegen Wetterverschlechterung abge-
gangen werden mußte. 12.05 wurde die NW-
Ecke des Treibeises erreicht, wobei niedrige Be-
wölkung nur eine Flughöhe von 300 m zuließ.
Der weitere Flugweg folgte der äußeren Treibeis-
grenze, die in etwa 20 sm breitem Abstand pa-
rallel zu Schelfeisküste lag. Das Wetter war über
dem Kontinent selbst günstiger, so daß der Fo-
toauftrag ausgeführt werden konnte. 13.30 wur-
de die Seenplatte erreicht und bis 13.47 mit W-
und N-Kurs abgeflogen. 14.06 wurde der Heim-
flug angetreten, der wegen fotografischer Auf-
nahmen in niedriger Höhe durchgeführt wurde.
Auf Wunsch des Fotografen wurde die Schelf -
eisküste sowie das Treibeis niedrig abgeflogen,

84
Diese Aufnahmen des Fotografen und Filmregisseurs Franz Gebiet der Schirmacheroase: ein zerklüftetes Schneefeld
Lazi zeigen die Vielfalt der antarktischen Landschaft im (oben links), eine eisfreie Bergkuppe (oben Mitte), erdfar-
bene Hügel (oben rechts), den Rand einer Gletscherzunge sind im Hintergrund die blauen Seen zu erkennen (unten
(unten links) und einen weiten Blick auf die Oase — hier rechts).
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

um den Expeditionsfilm zu ergänzen. Die Lan- schoffschen Eisanker fest. Das Einrammen des
dung erfolgte [...] um 15.10 Uhr. "20 Eisankers wurde durch die glasharte und sprö-
Eine am gleichen Tag durchgeführte Boots- de Beschaffenheit des Eises außerordentlich er-
fahrt an das in dieser Gegend lockere Packeis schwert. Da das Eis von unserem Standort aus
galt Eisuntersuchungen. Außer dem Geophysi- gleichmäßig hügelförmig zur Höhe des norma-
ker beteiligten sich daran der 2. und der 3. Of- len Schelfeises bis etwa 25 m anstieg, nahm ich
fizier der „Schwabenland”. an, daß auch diese Stelle über Land sei, und
Am Abend des 4. Februar gibt der Expediti- hißte die deutsche Flagge. Eine astronomische
onsleiter bekannt, daß die „Schwabenland” Standortbestimmung war wegen der Wolken
Fahrt nach Westen aufnimmt, um die Eislage an nicht möglich. In der Nähe unserer Anlegestel-
der Westgrenze des Arbeitsgebiets zu erkun- le in unzugänglichem Gelände lagen riesige
den. Falls ein Vordringen westwärts nicht mög- Robben- und Pinguinenschwärme. Zwei leben-
lich sein sollte, würde man die Rückreise antre- de Kaiserpinguine konnten wir wieder an Bord
ten. Auf dem Weg dorthin sollen die beiden bringen. Der Ozeanograph Paulsen verlor beim
Flugzeuge noch einmal zu Küstenflügen einge- Ubersteigen aufs Schelf seinen Handkoffer. Um
setzt werden, und es soll die Möglichkeit zu 15.35 ließen wir die Motoren an und starteten
Bootsexkursionen bestehen. um 15.46 zum Rückflug. Um 21
16.45 landeten wir
Am gleichen Abend erklärt Expeditionsleiter bei M.S. ,Schwabenland`."
Ritscher in einer besonderen Besprechung mit Einer der Kaiserpinguine, die von der „Bo-
den beiden Flugkapitänen und den Besatzungen reas"-Besatzung mitgebracht worden war, gab
der Flugboote „Boreas” und „Passat” die ihnen dem Biologen Rätsel auf; er konnte ihn auf-
gestellte Aufgaben als beendet. Er verbindet da- grund seines Aussehens nicht in eine der be-
mit den Dank für ihre hervorragenden Leistun- kannten Arten eingruppieren. Erst später stell-
gen. Geplant sei nur noch die Durchführung ei- te sich heraus, daß er in der Mauser war.
nes Erkundungsfluges am nächsten Tag, dem 5.
Februar, um auch den beiden Wissenschaftlern
Lange und Paulsen, die bisher an keinem Flug Letzte Nacht und letzter Tag in der Antarktis
hatten teilnehmen können, Gelegenheit zur Ver-
vollständigung ihrer Arbeiten zu geben. Während das Flugboot „Boreas” noch unter-
wegs war, hatte M/S „Schwabenland” seine
Fahrt nach Westen fortgesetzt und befand sich
Die letzte deutsche Fahne wird gehißt am Abend des 5. Februar auf der Position 69°
00' Süd, 0° 00'.
Am frühen Morgen des 5. Februar verdecken Über die letzte Nacht und den letzten Tag der
tiefhängende Wolken das Inland. Der für 9 Uhr Expedition hat Alfred Ritscher folgendes nieder-
beabsichtige Sonderflug zur Erkundung der geschrieben: „Am Abend lag das Schiff [...] dicht
Küste und der Packeislage muß zunächst auf an der Packeisgrenze, die sich von dort in nord-
11.30 Uhr und dann um weitere zehn Minuten westlicher Richtung bis an den Horizont er-
verschoben werden. streckte. Angesichts dieser Eislage und der fort-
Um 11.40 Uhr wird „Boreas” mit der „Passat"- schreitenden Wetterverschlechterung entfiel die
Besatzung an Bord abgeschossen. Neben dem Möglichkeit, in absehbarer Zeit die Erkundung
Flugkapitän Mayr, dem Flugzeugmechaniker über 11 1 /2' W westwärts auszudehnen. Denn für
Preuschoff und dem Flugfunker Ruhnke befin- das Schiff war ein weiteres Vordringen in dieser
den sich der Ozeanograph Karl-Heinz Paulsen Richtung ausgeschlossen, und das voll verwend-
und der 2. Meteorologe Heinz Lange an Bord. bare Flugzeug hätte einen 1.000 km weiten An-
Flugkapitän Mayr berichtet über diesen letz- und Rückflug gehabt, wenn es, ohne in das In-
ten Flug des „Boreas” unter anderem: „Das Ziel land vorzustoßen, nur längs der Schelfeisküste
des Fluges war, im W oder 0 der großen Schelf- geflogen wäre. Im Notfalle wäre ihm dort weder
eiszunge auf 0° Länge einen günstigen auf dem Flugwege noch mit dem Schiff Hilfe zu
Außenlandeplatz zu finden und dem Ozeano- bringen gewesen. Ein Warten auf etwaiges
graphen eine Arbeitsmöglichkeit am Schelfran- Zurückweichen des Packeises nach Westen war
de zu verschaffen. [...] Um 13.37 landeten wir in dieser Jahreszeit auch nach Ansicht des Eislot-
zwischen Schelf und Packeis. An der Anle- sen aussichtslos, und für eine Wetterbesserung in
gestelle, die wir fanden, ragte das Schelf etwa der nächsten Zeit sah der Meteorologe keine An-
1,70 m aus dem Meeresspiegel heraus. Ein An- zeichen. Ich erklärte deshalb am Abend dieses
legen war nur möglich, weil z. Z. des Manövers Tages die Ausreise der Expedition für beendet
ablandiger Wind herrschte. Wir legten das und setzte die Rückreise auf 12 Uhr mittags des 6.
Flugboot wieder mit dem bewährten Preu- Februar fest. Der Vormittag sollte noch zu einer

88
DIE ENTDECKUNG VON NEU-SCHWABENLAND

Bootsexkursion an das Packeis ausgenutzt wer- planten Schnitts zu beginnen. Dieses nimmt
den, um Eis- und Deklinationsmessungen vor- dann noch mehr als die vorgegebene Zeit in
zunehmen sowie Filmstudien zu machen und Anspruch. Erst um 15.20 Uhr sind der Draht
Jagd auf Robben und Pinguine auszuüben. Der der Serienmaschine des Ozeanographen und
Standort 69° 00' Süd, 0° 00' sollte Ausgangspunkt das Fangnetz des Biologen eingehievt.
des ozeanographisch-biologisch-meteorologi- Dann erst laufen die Maschinen an, und drei
schen Schnitts längs dem Nullmeridian sein, wie lange Töne aus dem Heuler verhallen als letz-
ihn das Expeditionsprogramm vorsah. ter Abschiedsgruß der „Schwabenland”, der
An die Erklärung der Ausreisebeendigung Schiffsbesatzung und aller Expeditionsteilneh-
schloß sich eine kleine Feier in den einzelnen mer in der unendlichen Weite der Antarktis, die
Messen und Gemeinschaftsräumen an. Von ei- bei dicht bezogenem Himmel den Blicken ent-
ner regelrechten Gemeinschaftsfeier wurde in schwindet.
Anbetracht der für den frühen Morgen des
nächsten Tages angesetzten Bootsexkursion an
das Eis abgesehen. An den Beauftragten für den Neu-Schwabenland ist in Besitz genommen
Vierjahresplan ging die vierte Wochenmeldung
diesmal mit dem Gesamtergebnis der Expediti- Während M/S „Schwabenland” mit voller
onstätigkeit ab. Gleichzeitig wurde die Geneh- Kraft auf Heimatkurs gegangen ist, bereitet Al-
migung zu einem Abstecher nach Südgeorgien fred Ritscher eine abschließende Erklärung vor,
erbeten, der der weiteren Bereicherung der wis- die am nächsten Tag per Funk dem Beauftrag-
senschaftlichen Ergebnisse und Eiserfahrungen ten für den Vierjahresplan Hermann Göring
i m Hinblick auf später noch folgende Unter- übermittelt werden soll.
nehmungen dienen sollte. "22 In seinen Erinnerungen resümiert der Expedi-
Am nächsten Morgen, dem 6. Februar, wer- tionsleiter: „Die Hauptaufgabe der Expedition,
den um 5 Uhr drei Boote, die beiden Motor- die luftfotogrammetrische Vermessung des Ar-
boote und das Arbeitsboot, ausgesetzt. Wissen- beitsabschnittes zwischen 20° W und 20° 0 des
schaftler, Teile der Flugzeug- und der Schiffsbe- antarktischen Kontinents polwärts, soweit die
satzungen, insgesamt 25 Mann, werden bis an Steigfähigkeit und Reichweite der Flugzeuge ein
die Packeisgrenze gebracht. Das Wetter ist trü- Vordringen in dieser Richtung erfolgten, war er-
be, der Himmel bedeckt. Die im Laufe des Vor- füllt bis auf den Raum zwischen 11 1 /2' W und 20°
mittags zunehmende Norddünung zeigt heran- W, der wegen ungünstiger Umstände nicht hat-
nahenden Sturm an. Das Packeis ist in dieser te bearbeitet werden können. Die 11.600 Licht-
Gegend mit einigen Tafeleisbergen durchsetzt. bilder der Reihenmeßbildkammern decken ei-
Vor der Dünung und Brandung finden die nen geschlossenen Raum von mehr als 350.000
Boote wohl einigen Schutz in der Eisbucht, aber qkm; darüber hinaus ist ein Randgebiet von
die vertikale Eisbewegung ist auch dort noch mehr als 250.000 qkm nach Westen, Süden und
erheblich und erschwert die Landung. Osten durch Augenbeobachtung zuverlässig er-
Wie notwendig Otto Krauls Mahnung zur kundet worden, so daß die [. . . ] Karte ein Ge-
Vorsicht auf dem Eis war, zeigt sich, als beim samtgebiet von über 600.000 qkm Bodenfläche
Betreten der Eisschollen der Messesteward Ru- umschließt. Es hat den Namen ,Neu-Schwaben-
dolf Burghard beim Springen von einer Eis- land' erhalten. Längs aller Flugwege ist es mit
scholle auf eine andere zwischen diese fällt und den metallenen Abwurfpfeilen mit eingepreß-
zu versinken droht. Nur die Tatsache, daß er tem Hakenkreuz abgesteckt worden, von denen
angeseilt ist und daher von seinen Kameraden die an den Umkehrpunkten der Flugzeuge ab-
rasch wieder aufs Trockene gezogen werden geworfenen eine Reichsflagge trugen. [. .. ]
kann, rettet ihm das Leben. Das kurze Wasser- Durch die Erkundung und Kartierung sowie
bad hätte trotzdem zur Bildung leichter Frost- die Abgrenzung und Besitznahmehandlungen
schäden genügt, und er wird für einige Tage in in Neu-Schwabenland hat Deutschland völker-
ärztliche Behandlung gebracht. rechtlich den ersten Schritt zur Besitzergreifung
Einige Filmaufnahmen werden gedreht, vier dieses Gebietes getan. Schon jetzt darf festge-
Robben geschossen und vier Adeliepinguine stellt werden, daß das Reich durch die Tätigkeit
eingebracht. Der Geophysiker nimmt für später der Expedition ein vollgültiges Mitbestim-
an Bord anzustellende Untersuchungen Eis- mungsrecht bei der bevorstehenden Aufteilung
stücke mit. der Antarktis durch die interessierten Mächte er-
Um 12 Uhr sind alle Boote zurück an Bord langt hat. Auch für sein Recht auf Beteiligung am
und wieder eingesetzt. Der Biologe und der Walfang in den antarktischen Gewässern, der für
Ozeanograph mit ihren Helfern waren an Bord unsere Fettversorgung äußerst wertvoll ist, wird
23
geblieben, um mit den Stationsarbeiten des ge- die Expedition von größter Bedeutung sein."

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

dem beabsichtigt der Expeditionsleiter von Da der Himmel tags und nachts ganz bedeckt
Bouvet aus einen Abstecher nach Südgeorgien, ist, ist eine genaue Ortsbestimmung nicht mög-
für den er die besondere Genehmigung von lich. Behelfsmäßig muß sie nach Koppelung
Hermann Göring über Funk eingeholt hat. vorgenommen werden, die nach Schätzung
Die am 6. Februar begonnene Schlechtwetter- zurückgelegte Triftstrecke wird dann von Zeit
periode setzt sich auch in den folgenden Tagen zu Zeit in mehrstündiger Fahrt wieder aufge-
fort. Zunehmender lebhafter Ostwind sowie holt.
Seegang und erhebliche nördliche Dünung be- Am Nachmittag des folgenden Tages wird
gleiten M/S „Schwabenland”. das amerikanische Walkochereischiff „Ulys-
Am 7. Februar setzt dichtes Schneetreiben ein ses”, das eine norwegische Besatzung an Bord
und stört ganz erheblich die auf den Stationen hat, passiert. Die zu ihr gehörenden Fangboote
begonnenen Arbeiten der Wissenschaftler. So tauchen bald darauf aus dem Nebel auf.
muß der Ozeanograph wegen des zu hohen Nach einer vorübergehenden Wetterbesse-
Seegangs und der Dünung, die den Draht der rung können am 12. Februar die wissenschaft-
Serienmaschine zum Reißen zu bringen droht, lichen Arbeiten wieder aufgenommen werden,
bei 3.500 Metern erreichter Wassertiefe eilends doch bereits am 14. Februar müssen sie wegen
seine Arbeiten abbrechen. erneuter Wetterverschlechterung wiederholt
Bei der Wetterlage, die kaum Besserung er- abgebrochen werden. Sie enden mit dem Ver-
warten läßt, stellt sich rasch heraus, daß es un- lust eines Fangnetzes des Biologen mit 100 Me-
zweckmäßig ist, Ozeanograph und Biologe zu- tern Draht. Der Ozeanograph kann gerade
sammen auf der Luvseite des Vordecks arbeiten noch eine Grundprobe aus 4.200 Metern Tiefe
zu lassen; sie behindern sich dort mit ihren heraufholen, beim nächsten Versuch reißt auch
Drähten und Fanggerätschaften zwangsläufig, bei ihm der Draht, und die Probe bleibt mitsamt
und dies kann neben dem Zeit- auch einen dem einzigen Greifer auf dem Meeresgrund
Geräteverlust bedeuten. Das Problem wird da- zurück.
durch gelöst, daß die Wissenschaftler ihre Ar-
beiten nacheinander vornehmen, was allerdings
Schichten von sechs bis acht Stunden erfordert. Windstärke 11— Gefahr für die Flugzeuge

Das Wetter bleibt weiterhin schlecht. Am näch-


Eisberge im Dunkel der Nacht sten Tag treibt dicht am Schiff ein toter Finnwal
vorbei, ein Festmahl für Scharen von Vögeln.
Am B. Februar kommt Sturm aus Richtung Aus allen Richtungen kommen sie angeflogen,
Norden auf, und auch die Dünung nimmt er- schwarze Stinker, Raubmöwen, Kaptauben und
heblich zu. Am späten Nachmittag trifft eine andere; sie hocken dicht an dicht auf der aus
Funknachricht aus Berlin ein. Staatsrat Wohl- dem Wasser ragenden Körperfläche des Wals
that antwortet Alfred Ritscher auf dessen tele- oder umfliegen ihn mit lauten Gekreische, ein
graphischen Schlußbericht vom 5. Februar und fürchterliches Geräusch, das manchen an Deck
wünscht den Expeditionsteilnehmern eine gute lockt.
Heimreise nach Hamburg. Während der letzten Tage hatte der Wind eine
Am 9. Februar verhindert stürmisches Wetter Stärke von 6 bis 8, nimmt dann aber auf 10 zu.
weitere wissenschaftliche Arbeiten an Ober- Eisberge und Growler geben dem Schiff ein un-
deck von M/ S „Schwabenland”. Im Dunkel der erwünschtes Geleit.
Nacht treiben nur schattenhaft erkennbare Eis- Am 15. Februar wächst der Wind zur Sturm-
berge unterschiedlicher Größe wie unheimliche stärke 11 an, und in der Nacht zum 16. Februar
Gespenster nahe dem Schiff vorbei. Der Gefahr reißt eine besonders hohe See die beiden Pode-
von Zusammenstößen mit ihnen kann bei der ste zur Bedienung des Schleppsegels am Heck
durch Schnee- und Hagelböen noch verstärkten mitsamt ihren Geländern fort.
Sichtbehinderung nur dadurch entgangen wer- Den beiden Flugbooten an Bord der „Schwa-
den, daß sich M/S „Schwabenland” mit ge- benland” droht Gefahr. Obwohl das Schiff
stoppten Maschinen mehrere Stunden lang trei- schon am Vortag bei Windstärke 10 schwer roll-
ben läßt. An die Wachsamkeit und das seemän- te und stampfte, standen die Flugzeuge auf
nische Können von Kapitän Alfred Kottas und ihren Plätzen, von überkommenden Seen gänz-
seinen Offizieren auf der Kommandobrücke lich ungefährdet. Die anhaltenden Erschütte-
werden hohe Anforderungen gestellt. Mehr- rungen des Schiffskörpers versetzen jedoch ih-
mals wird versucht, den Gefahren mit abge- re Trag-, Leit- und Steuerflächen in dauernde
schossenen Ortungskennzeichen und Schein- Vibrationen, die befürchten lassen, daß Schar-
werfern rechtzeitig auszuweichen. niere, Nieten, Führungen der Steuerzüge und

92
ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

ähnliches ausschlagen könnten, was einen Ka- In jedem Fall möchte der Expeditionsleiter zur
tapultstart ohne gründliche Überholung un- Vervollständigung der Küstenerkennung und
möglich machen würde. Doch die gefürchtete für das Ausloten der Bank westlich von Bouvet
Beschädigung der Flugboote tritt nicht ein, sie die Insel umfahren, da es auf der Anreise hier-
überstehen den Sturm, der dem Schiff und sei- zu keine Gelegenheit gegeben hatte.
ner Mannschaft, den Flugbootbesatzungen und
Wissenschaftlern stark zusetzt.
i Gut überstehen die Pinguine die stürmische Droht eine " Expeditionspsychose'?
Seefahrt. Bei den Sonderflügen und Bootsex-
kursionen war es gelungen, insgesamt acht Kai- Auf Geheiß von Alfred Ritscher nimmt der
serpinguine und sieben Adeliepinguine zu fan- Schiffsführer, Kapitän Kottas, Kurs auf Bouvet.
gen und an Bord zu nehmen; sie fühlen sich in Zwischen Nebel- und Schneeböen gelingt es je-
dem Pferch, der ihnen im Auftrag von Kapitän doch nur, bis auf etwa zwei Seemeilen an die
Kottas von den beiden Zimmerleuten gebaut Nordküste der Insel heranzukommen. Ihr obe-
wurde, sehr wohl und tummeln sich oft in dem rer Teil von 100 bis 200 Meter Höhe und auch
4 eigens für sie angelegten Schwimmbad. Jetzt die gesamte Ostküste liegen in dichtem Dunst.
bei der stürmischen Heimreise stehen sie im Ritscher läßt deshalb von der Nordosthuk von
Windschutz einer Persenning oft dichtge- Bouvet die 300 Seemeilen westlich von ihr ge-
drängt, Kopf an Kopf, im Kreis. Sie ähneln einer legene Bank ansteuern.
Gruppe trauriger Ratsherren in dunklen Re- Zwölf Tage lang hält das schwere Wetter be-
genmänteln bei der Beratung lebenswichtiger reits an. Es macht den Aufenthalt an Bord un-
Maßnahmen. Wie erfahrene Seefahrer passen gemütlich, beinahe unerträglich. Vor allem für
sie sich den Bewegungen des Schiffes an, sich die schiffsungewohnten Wissenschaftler ist es
bald nach der einen, bald nach der anderen Sei- eine Höllenfahrt. Bei allen Mahlzeiten wirbeln
te wiegend. Tische, Stühle, Tassen, Teller und Gläser durch-
Sie können nicht ahnen, daß ihnen in den einander. In den Kabinen fallen die See- und
nächsten Tagen der „Brotkorb” höher gehängt Landkarten, Tintenfässer, Bücher, Zeitschriften,
werden muß. Die durch das anhaltend schlech- Papiere und Aufzeichnungen herab. Schubladen
te Wetter sich ständig hinauszögernde Reise- rutschen Tag und Nacht aus den Kommoden
dauer hat die Futtervorräte an gesalzenen He- und verteilen ihren Inhalt, Wäsche und andere
ringen so stark zusammenschrumpfen lassen, Habseligkeiten, auf dem Fußboden, Wasserfla-
daß der Biologe Barkley, nebenbei Pflege- und schen hüpfen aus den Regalen und zerknallen
Futtermeister für die Tiere, jeden Tag tiefer in am Boden, Waschbecken schwappen über und
die Heringstonne greifen muß, um die Freßlust gießen ihren Inhalt in die zum Gebrauch für
der Pinguine zu befriedigen. Eine Überprüfung den nächsten Morgen bereitgestellten Seestiefel.
des Heringsrestbestands ergibt schließlich, daß Im Zwischendeck führt ein in den Kabinen hin
nur noch fünf Heringe täglich für elf Pinguine und wieder für einen Augenblick zur Lüftung
vorhanden sind. Um sie einigermaßen satt und geöffnetes Bullauge zu Uberschwemmungen.
fit zu halten, muß jetzt verstärkt zu Ersatzfut- Der ursprünglich geplante Abstecher nach
termitteln gegriffen werden. Erst im nächsten Südgeorgien hätte Abwechslung und Erholung
Hafen, den das Schiff anlaufen wird, wahr- bedeutet, doch auch so rückt die Ankunft in
scheinlich Kapstadt, können Frischfische einge- Kapstadt in immer weitere Ferne.
kauft werden. Kein Wunder, daß die Stimmung an Bord auf
Das seit Tagen bestehende unfreundliche dem Nullpunkt angelangt ist. Da die Haupt-
stürmische Wetter zehrt an den Nerven der aufgaben größtenteils gelöst sind, stellt sich ei-
meisten Fahrtteilnehmer, die sich oft nicht mehr ne gewisse körperliche und seelische Anspan-
an Oberdeck wagen. In den achtstündigen dun- nung bei dem einen oder anderen ein, die sich
klen Nächten finden viele keinen Schlaf. Auch in leichter Reizbarkeit äußert. Die Gefahr
befindet sich das Schiff noch immer in akuter wächst, daß bereits kleinere Anlässe zum Streit
Gefahr. Immer wieder tauchen in Schiffsnähe führen, der je nach Temperament ausgetragen
Eisberge größerer und mittlerer Abmessungen wird. Nicht alle Menschen verfügen über ein
auf, die die Schiffsleitung dazu zwingen, die großes Maß an Selbstbeherrschung. Diese dem
Fahrt bis zum Tagesgrauen zu stoppen. Gemeinschaftsleben auf einem Schiff abträgli-
Der Rückreiseplan der „Schwabenland” ist che Entwicklung kann zu einer gefährlichen
derart durcheinander geraten, daß von der er- Spannung, zu einer Art „Expeditionspsychose”
teilten Genehmigung, einen Abstecher nach führen.
Südgeorgien zu machen, abgesehen werden Der Expeditionsleiter Alfred Ritscher, der als
muß, was Alfred Ritscher besonders bedauert. fast 60jähriger über jede Menge Lebenserfah-

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

rung verfügt, hat auch für diese Situation eine probt einen neuen Weg zur Windstärkenmes-
Lösung parat: Er animiert den Geophysiker sung dicht über der Wasseroberfläche, indem er
Gburek zu humorvollen Veranstaltungen. Gbu- einen Anemometer auf einen Rettungsring
rek findet für seine Gemeinschaftsabende an montiert und dieses Gerät an einer Leine vom
Bord des M/S „Schwabenland” auch bereitwil- Heck aus achteraus fiert. Der Anemometer ist
lige Mitglieder sowohl in der Besatzung und mit einem Zählwerk an Bord gekoppelt.
bei den Wissenschaftlern als auch unter dem Die Fahrt des M/S „Schwabenland” verlangt
Flugpersonal. Er gründet einen „Gesangsver- nachts weiterhin erhöhte Vorsicht, insbesonde-
ein”, der bis zum Ende der Reise Bestand hat, re bei schlechter Sicht, wie etwa 100 Seemeilen
und eine Theaterspielgruppe, außerdem akti- westlich von Bouvet. Dort tauchen am 20. Fe-
viert er die Bordkapelle. Heitere Vortragsaben- bruar plötzlich acht Eisberge und Growler in
de, Musikabende der Bordkapelle und die unmittelbarer Nähe vom Schiff auf. Die Gefahr
Theateraufführungen finden immer ein dank- durch das Eis ist noch nicht vorbei.
bares Publikum. Seit dem Passieren der Insel Bouvet hat es kei-
Zu einem Höhepunkt wird die Aufführung ne Möglichkeit zur astronomischen Ortsbe-
des Dramas „Der König von Salern”. Bereits am stimmung mehr gegeben. Am 21. Februar klart
Vormittag des Aufführungstages kündigt ein in das Wetter auf. Am 22. Februar sind noch eini-
Buntstift künstlerisch gestaltetes Plakat am ge vereinzelte Growler am Horizont zu sehen,
schwarzen Brett die Vorführung an. Als die ein nicht weit vom Schiff vorübertreibender
Darbietung der Theaterspielgruppe beginnt, ist Growler zeigt schon starke Verfallserscheinun-
der Gemeinschaftsraum auf der „Schwaben- gen, er ist der letzte seiner Art, der der „Schwa-
land” bis auf den letzten Platz besetzt. Zuvor benland” begegnet.
hat die Bordkapelle das Publikum musikalisch Obwohl sich die Fahrt des Schiffes in den letz-
eingestimmt. ten zwei Wochen wetterbedingt verzögert hat-
Nach Ankündigung und Einführung durch te, hoffen Ritscher und Kottas den spätesten
den „Herrn Theaterdirektor ” rollt das Drama Ankunftstermin in Kapstadt, den 6. März, ein-
ab. Es spielen: Preuschoff den König, Lange das halten zu können, wenn nicht noch Unvorher-
umworbene Schäfermädchen, Hartmann den gesehenes eintritt. Die Einhaltung des An-
anfangs geschmeichelten und bedenklichen, kunftstermins ist deshalb wichtig, weil man be-
nach Aufdeckung des Tatbestands zornerfüll- absichtigt, die Kurierpost der „Schwabenland ”
ten Brautvater und Gburek als Schmierendirek- mit dem am 24. März von Pernambuco nach
tor den Vermittler zwischen den dreien. Die mit Bathurst startenden Flugzeug der Deutschen
viel Humor und improvisierten lustigen Einfäl- Lufthansa mitzugeben.
len gewürzte Darstellung endet unter den Doch das Wetter spielt nicht mit. Mehr als
Lachsalven der begeisterten Zuschauer - und drei volle Tage, bis zum 28. Februar, wird das
selbstverständlich mit dem Mord bzw. Selbst- Schiff von heftigem Sturm, Schnee und Regen
mord der vier Mimen. begleitet. Die Unbilden des Wetters werden
Diese Art der Freizeitgestaltung, die Unter- noch schlimmer, als die „Rauhen Vierziger” er-
haltungsveranstaltungen, erweisen sich als die reicht werden, die in wahrer Gewalt, Wind, Dü-
beste Medizin gegen die drohende „Expediti- nung und Seegang aus Westen quer zum Kurs
onspsychose”. das Schiff wie toll hin und her werfen. Es ist, als
ob der Wind- und Meeresgott den der „Schwa-
benland” zugedachten Gesamtanteil an
Arbeit, Wind und Eisberge schlechtem Wetter nur für diesen Teil der Reise
aufgespart hätte.
Sowohl die Wissenschaftler als auch die Flug- Als sich das Wetter endlich beruhigt, bietet
zeugbesatzungen haben in den folgenden Ta- sich eine neue Möglichkeit der Freizeitgestal-
gen mit der Erarbeitung ihrer Berichte vollauf tung: der schon in den Segelschiffszeiten be-
zu tun. liebte Fang von Albatrossen, eine willkomme-
Alfred Ritscher beabsichtigt, den „Vorläufi- ne Abwechslung im Bordleben. Diese prächti-
gen Gesamtbericht” über den Expeditionsver- gen Vögel umsegeln das Schiff in ihrem be-
lauf mit dem nächsten von Kapstadt gehenden wundernswert eleganten Flug, doch werden
Dampfer nach Deutschland zu schicken, ein sie, sobald die „Albatros-Falle ” in die See ge-
Durchschlag soll sicherheitshalber von Per- worfen ist, leicht das Opfer ihrer Freßgier. Die-
nambuco aus mit dem Transozeanflugzeug der se Falle besteht aus einem rhombusförmigen
Deutschen Lufthansa nach Berlin abgehen. Blech mit ausgesparter Mitte und speckbeklei-
Ungeachtet dessen nehmen die Arbeiten der deten Seiten. Der Albatros hackt sich mit sei-
Wissenschaftler ihren Fortgang. Dr. Regula er- nem stark abwärts gekrümmten Schnabelober-

94
ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

Auf der Fahrt Richtung Kapstadt werden zwischen dem 20. und 22. Februar 1939
die letzten Eisberge und Growler gesichtet.

teil in dem ausgesparten Mittelstück fest und reise genommen; 25 Kilogramm befinden sich
kann mühelos und unverletzt an Bord gezogen noch an Bord. Da Alfred Ritscher befürchtet,
werden. das Schiff könnte in Kapstadt Schwierigkeiten
Einer der so gefangenen Vögel hat eine mit den Hafenbehörden bekommen, wenn sich
Spannweite von 2,87 Meter, ein noch größerer der Sprengstoff dann noch an Bord des Schiffes
hat wohl schon schlechte Erfahrungen gemacht befindet, ordnet er dessen Versenkung an.
und läßt sich nicht zum Anbeißen verlocken. Mit jeder zurückgelegten Seemeile nähert sich
Im Verhältnis zur Flügelspannweite ist der Kör- das Schiff der südafrikanischen Küste. Das hebt
per des Albatros sehr leicht, die größeren Kno- die Stimmung an Bord, fast alle erwarten Post
chen sind hohl, so daß man sie auf Segelschiffen aus der Heimat, die sie in Kapstadt vorzufin-
oft zu Pfeifenmundstücken verarbeitet. den hoffen.
Am frühen Nachmittag des 28. Februar I m Morgengrauen des 2. März kommt die
kommt noch einmal Sturm auf, doch schon am Bergkette der „Zwölf Apostel” in Sicht; sie
nächsten Tag setzt eine durchgreifende Wetter- reicht vom Westende des Tafelbergs südwärts
besserung ein. Wind und Seegang nehmen ab, bis ans Ende der Kapinsel. Beim Näherkommen
auch geht die Bewölkung zurück, um bald wär- werden der dem Tafelberg nordwestlich vorge-
merem und sonnigerem Wetter zu weichen. lagerte Gipfel Lion's Head und der 1.082 Meter
hohe, ausnahmsweise wolkenfreie Tafelberg
sichtbar.
Kapstadt begrüßt die „Schwabenland” Wenig später tauchen die ersten Dampfer auf,
die in den Hafen von Kapstadt einlaufen oder
Der Kurs der „Schwabenland” führt über die ihn verlassen. Dann kommt schon der Lotse an
Discovery-Bank, auf der das englische For- Bord, der das Schiff in den inneren Hafen
schungsschiff, dessen Namen sie trägt, als ge- manövriert. Durch Vermittlung des deutschen
ringste Wassertiefe 670 Meter gefunden hatte. Konsuls in Kapstadt stellt die Hafenbehörde
Die Lotmannschaft der „Schwabenland” ist M/ S „Schwabenland” kostenlos einen Platz am
stolz darauf, diese Messung noch um 220 Meter Kai der Fahrgastschiffe, dicht neben dem kurz
überbieten zu können, ganz plötzlich lotet sie zuvor eingelaufenen deutschen Schnelldamp-
nach Tiefen von 4.000 Metern 450 Meter als ge- fer „Pretoria” der Deutschen Afrika-Linien zur
ringste Tiefe. Verfügung. Dadurch lassen sich nach dem Fest-
Für eventuell erforderlich werdende Eis- machen die Hafenformalitäten viel leichter und
sprengungen hatte die „Schwabenland” einige schneller erledigen, als dies sonst der Fall ge-
Kilogramm Dynamit mit auf die Expeditions- wesen wäre.

95
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Kaum hat die „Schwabenland” festgemacht,


melden sich die ersten Besucher bei Ritscher. Kapstadt - Wiedersehen nach 38 Jahren
Zunächst kommt Legationssekretär Dr. Wertz
an Bord, der den Willkommensgruß des Deut- Alfred Ritscher verknüpft mit Kapstadt ganz
schen Gesandten Dr. Leitner übermittelt; er besondere Erinnerungen, über die er in seinem
übernimmt auch die Kurierpost, um diese dem Expeditionsbericht schrieb: „Es war ein herrli-
deutschen Dampfer „Ryassa” zu übergeben, cher sonniger Tag und in den Straßen viel Le-
der noch am selben Tag auslaufen soll. ben. Die Parlamentssitzungen hatten die
Danach melden sich mehrere Zeitungsrepor- führenden Männer der Union zum Teil mit
ter bei dem Expeditionsleiter. Da Ritscher eine ihren Familien hier zusammengeführt; so be-
gewisse Zurückhaltung gegenüber der Presse gegnete man in den Straßen und Parks und auf
geboten scheint, hat er für die Journalisten eine den Wegen in der Umgebung vielen Spazier-
kurze Presseerklärung über Woher und Wohin gängern und -fahrern. Die Stadt weckte in mir
vorbereitet. Doch sind diese damit nicht zufrie- Erinnerungen an die Zeit vor 38 Jahren, als ich
den, sie wollen mehr wissen. Da Ritscher zu als Matrose durch einen Zufall, den ich als
weiteren Auskünften jedoch nicht bereit ist, einen glücklichen pries und noch heute preise,
schwärmen die Presseleute aus und suchen von dem deutschen Segelschiff ,Peru' hier hat-
überall auf dem Schiff nach Besatzungsmitglie- te abmustern können. Damals war gerade der
dern, um diese zu befragen. Obwohl die Besat- Burenkrieg im Gange und das Hafengebiet we-
zung, die Wissenschaftler, die Flugkapitäne gen der herrschenden Pest gegen die Stadt ab-
und die Flugbesatzungen vor dem Einlaufen in geschlossen. Als Schiffsmann im Auslandsha-
Kapstadt darauf hingewiesen wurden, Presse- fen abmustern zu können, ist eine seltene Aus-
vertretern keine Auskünfte über die Expedition nahme, aber ich war in dieser glücklichen Lage
zu geben, halten einige von ihnen nicht dicht, und hatte einige Goldstücke in der Tasche, so
wie Ritscher den am nächsten Morgen erschei- daß ich zu Fuß, zu Wagen, zu Pferd und mit der
nenden Zeitungen entnehmen kann. Eisenbahn die Kap-Provinz durchstreifen
Die Berichterstattung ist jedoch durchaus konnte. Der Krieg gab ihr damals das Gepräge.
wohlwollend - bis auf eine Ausnahme. Die Zei- In den Straßen wimmelte es von Soldaten; Kon-
tung Cape Times äußert den völlig unbegründe- zentrationslager mit Gefangenen waren dicht
ten und abwegigen Verdacht, die beiden auf vor der Stadt eingerichtet [...]. Als mein Geld
der „Schwabenland” befindlichen Flugzeuge vertan war - das ging schneller als ich mir vor-
hätten nachts zu Spionagezwecken Kapstadt genommen hatte - lockte mich ein Plakatan-
überflogen. Es werden sogar Zeugen angeführt, schlag ,Fifty Policemen wanted'. Kurz ent-
die die deutschen Flugzeuge mit Bestimmtheit schlossen meldete ich mich für diesen ,Job' und
erkannt haben wollen. Behördlicherseits wird half als Hilfs-Policeman die Stadt vier Wochen
allerdings von dieser offensichtlichen Falsch- lang zu bewachen. In meinem Revier, einem
meldung keine Notiz genommen, und Ritscher Villenviertel am Lion's Head, war aber nichts
sieht sich daher auch nicht zu einer Gegendar- los, deshalb musterte ich auf der zur Abfahrt
stellung veranlaßt. nach Melbourne bereiten englischen Viermast-
Die „Schwabenland"-Besatzung ist nach dem bark ,Grenada' an und kehrte so Kapstadt nach
Anlegen des Schiffes vom Dienst befreit. Sie sechswöchigem Aufenthalt den Rücken. " 24
geht sofort von Bord, um sich Kapstadt anzuse- Das schrieb Ritscher in Erinnerung an seinen
hen, und der engere Kreis der Expeditionsmit- Kapstadt-Besuch 1901, als er noch Matrose auf
glieder folgt den Einladungen zu Besichtigun- einem Segelschiff war.
gen und Autofahrten durch die herrliche Um- Über seinen Besuch mit M/ 5 „Schwaben-
gebung und zu Besuchen bei den in der Stadt land” im März 1939, an den er sich ebenso gern
ansässigen Deutschen. erinnert, schreibt er: „In der Zwischenzeit hat
Die Meteorologen und der Geophysiker wer- sich die Stadt erheblich ausgedehnt, und das
den zum Besuch des englischen Observatori- burische Element scheint stark an Einfluß ge-
ums eingeladen, der sie gern folgen, andere wonnen zu haben. Schon in der Beschriftung
fahren in den Badeort Muizenberg oder bre- der Anzeigetafeln zeigt sich das, die den Text
chen nach dem Tafelberg auf. erst in burischer und dann in englischer Spra-
Alfred Ritscher stattet zunächst dem deut- che bringen. Auf freundliche Einladung der
schen Konsul und dem deutschen Gesandten Dr. Agentur führte mich eine einstündige Auto-
Leitner einen Besuch ab. Dr. Leitner ist mit sei- fahrt mit Kapitän Kottas und Dr. Herrmann
nem Stab für die Dauer der gerade stattfinden- längs dem Nordhang des Tafelberges nach dem
den Parlamentswahlen der Südafrikanischen von Cecil Rhodes angelegten Wildpark, wo Ze-
Union von Pretoria nach Kapstadt übergesiedelt. bras, Steinböcke, zahlreiche Stelzvogelarten

96
ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

und Pfaue auf weitem, baumbestandenem Ge- den Sie und Ihre Expedition mit der Erfor-
biet volle Bewegungsfreiheit genießen, dann zu schung eines großen Gebietes der Antarktis er-
der prachtvollen Schöpfung des Cecil Rhodes rungen haben, beglückwünsche ich Sie auf das
Memorial, einer Ehrung für den Mann, dessen herzlichste. Ich bin stolz auf den hervorragen-
Wirken England den reichen Besitz der heuti- den Einsatz der Flieger, auf die erfolgreiche Ar-
gen Südafrikanischen Union verdankt. Der beit der Wissenschaftler und auf die vorbildli-
Blick von der Höhe des Denkmals beherrscht che Haltung der ganzen Besatzung. Sie und Ih-
nach Norden und Nordosten die weite Niede- re Expedition haben an die große Tradition
rung, die die Tafel-Bucht umgibt, bis an die in deutscher Forschung anknüpfen können und
kobaltblauer Ferne liegenden Höhenzüge hin- eine Leistung vollbracht, die der Stellung Groß-
an. Zurück gings vorbei an der paradiesisch deutschlands in der Welt würdig ist. Göring”"
zwischen herrlichen, gepflegten Steingärten Ritscher heftet das Telegramm an das
eingebetteten Universität, zu deren Füßen sich Schwarze Brett auf der „Schwabenland” und
die Stadt ausbreitet. '
25
gibt damit den Dank an alle Expeditionsmit-
glieder weiter.

Gastfreundschaft der deutschen Kolonie


Der letzte Tag in Kapstadt
Die nächste Einladung läßt nicht lange auf sich
warten, sie kommt vom deutschen Gesandten. Bevor M/S „Schwabenland” den Hafen von
Alfred Ritscher rühmt die einmalige Gast- Kapstadt verläßt, werden noch Frischlebens-
freundschaft der in Kapstadt ansässigen Deut- mittel und Nachschub an frischen Fischen für
schen. „Am Lunch im Hause des Deutschen die Pinguine an Bord genommen. Der Auslauf-
Vereins, zu dem der deutsche Gesandte einge- termin ist von Alfred Ritscher auf 17 Uhr fest-
laden hatte, nahmen außer einer Reihe von Ex- gelegt.
peditionsmitgliedern der neuernannte und ge- Die dienstfreie Besatzung und die anderen
rade in Kapstadt eingetroffene Generalkonsul Expeditionsteilnehmer haben am Vormittag
für Deutsch-Südwest-Afrika, Dr. Lierau, Pro- noch einmal Landgang.
fessor Ogg vom Observatorium und etliche Ritscher unternimmt mit Dr. Wertz und Dr.
Herren der Deutschen Kolonie teil, und nach- Lierau eine „Besteigung” des Tafelberges auf
her hatte ich das Vergnügen, mit dem Leiter der dem mühelosen Weg mit der Drahtseilbahn,
Agentur, Herrn Spielhaus, auf seiner Farm 50 die vom Autoparkplatz abfährt und die drei
km östlich von Kapstadt einen schönen Nach- „Wanderer” in wenigen Minuten auf die Hoch-
mittag zu verleben; er fand seine Fortsetzung fläche des Gipfels befördert, der ausnahmswei-
mit einer Cocktail-Stunde auf dem Mustergut se völlig wolkenfrei ist. Der frische Südwind
eines schon Jahrzehnte in der Kapkolonie an- läßt allerdings baldige Bewölkung vermuten.
sässigen Deutschen, des Herrn Wirth, das Wenn Bewölkung aufkommt, stellt die Draht-
früher Cecil Rhodes' Privatbesitz gewesen war. seilbahn ihren Betrieb ein. Wer sich dann noch
Als besondere Seltenheit war dort, zwischen oben befindet, dem bleibt dann nur noch ein
zwei Steinpfeilern aufgehängt, die letzte Glocke mehrstündiger beschwerlicher Abstieg zu Fuß,
zu sehen, die in alter Zeit die Negersklaven zur kein großes Vergnügen, wenn man keine Zeit
Arbeit rief. Den Abend beschloß ein Besuch bei hat und nicht mit Kletterbekleidung ausgerü-
den Familien der Herren Spielhaus und Oberst stet ist. Beides fehlt Ritscher und seiner Beglei-
a. D. Küppers. So wenig wie mir hatte es den tung.
übrigen Expeditionsteilnehmern an Zerstreu- Vom Tafelberg bietet sich ein einmaliger
ung gefehlt; schlecht war nur der Geophysiker Rundblick, nach Süden über die Kap-Halbinsel
weggekommen, der den ganzen Tag im Obser- mit der False-Bay und dem Kriegshafen
vatorium hinter seinen Rechnungen gesessen Simonstown, nach Norden über die Tafel-Bucht
hatte. Einzelne Kameraden verlebten anregen- und unmittelbar zu Füßen des Berges über die
de Abendstunden auf dem monatlich einmal Stadt, die sich mit ihren Vororten noch weit
auf einem der deutschen Schnelldampfer, in nach Osten und Westen ausdehnt.
diesem Falle der ,Pretoria', stattfindenden deut- Die kahle Hochfläche des Berges ist mit wild
schen Gesellschaftsabend. Diesmal wohnte ihm durcheinander gewürfelten, losen und gewach-
auch der Außenminister der Südafrikanischen senen, vom Winde abgeschliffenen Felsblöcken
Union, Mr. Pirow, bei. " 26
besät; nach Norden und Süden fällt sie in senk-
Am nächsten Morgen erhält Ritscher von rechten Steilwänden einige hundert Meter ab.
Hermann Göring ein Telegramm mit folgen- Um 12 Uhr gibt Dr. Wertz das Zeichen zur
dem Wortlaut: „Zu dem bedeutenden Erfolg, Talfahrt. Bereits eine Stunde später ist der Gip-

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

fel des Tafelbergs unter der Wolkendecke, dem „Schwabenland” ankert im Windschutz der
„Tafeltuch”, verschwunden. Cochoeiro-Bucht, der Windschutz auf Trinidad
Zum Abschluß des Kapstadt-Aufenthalts der ist berühmt.
„Schwabenland"-Besatzung haben der deut- Zur gleichen Zeit ankert dort eine norwegi-
sche Gesandte und seine Gattin einige Expedi- sche Walkocherei, deren Fangboote einige Zeit
tionsteilnehmer zum Lunch eingeladen. Neben später eintrafen, um Betriebsstoff für ihre
Expeditionsleiter Ritscher und Eislotse Kraul Heimreise vom Mutterschiff zu übernehmen.
nehmen der Biologe Barkley, der Leitende In- Der Aufenthalt des Schiffes auf Trinidad ist
genieur Uhlig und der 4. Offizier Grisar sowie erforderlich, um dringende Außenarbeiten vor-
einige Mitglieder der deutschen Kolonie und zunehmen: den „Malern” an Bord die Gelegen-
die beiden Töchter des Gesandten an dem Es- heit zu geben, die während der Reise und dem
sen teil. Aufenthalt in der Antarktis schadhaft gewor-
Ritscher lädt diesen Kreis dann zum Nach- denen Stellen zu übermalen. Das dauert den
mittagskaffe auf M/ S „Schwabenland” ein, wo ganzen Tag.
man bis zur Abfahrt zusammensitzt und plau- An der Nordseite der Insel sieht man mit
dert. bloßem Blick verfallene Häuser, die von frühe-
Fünf Minuten vor 17 Uhr verlassen die Gäste ren brasilianischen Besatzungstruppen stam-
das Schiff, danach werden die Leinen losge- men. Jetzt sind, wie im Seehandbuch berichtet
worfen, ein Schlepper hilft beim Ablegen vom wird, nur Herden von wilden Ziegen hier und
Kai, auf dem die letzten Gäste stehen und dem Überbleibsel aus der Weltkriegszeit, als man
Schiff zuwinken. hier einige Dutzend Menschen internierte.
Dann sind die erholsamen und erlebnisrei- Während die Maler von der Schiffsbesatzung
chen Tage von Kapstadt, an die sich alle noch am Werk sind, nutzen viele dienstfreie Besat-
lange erinnern werden, vorbei. zungs- und Expeditionsmitgliedern die Gele-
genheit, ein Sonnenbad zu nehmen. Einige
vergnügen sich damit, am Kai zu angeln. Es
Auf Heimatkurs wimmelt dort von in wunderbaren Farben
schillernden Fischen, die nach dem Urteil des
Quer über den Ozean geht die Heimreise des Biologen aber giftig sind und deshalb weder
M/S „Schwabenland” mit einem Zwischen- zur Abwechslung für den Mittagstisch noch
stopp in der brasilianischen Hafenstadt Per- für die Fütterung der Pinguine an Bord tau-
nambuco. Dort soll dem am 24. März nach Ba- gen.
thurst an der afrikanischen Küste startenden Da in Pernambuco, dem nächsten Anlaufha-
Flugzeug der Deutschen Lufthansa die Kurier- fen, Landgang zu erwarten ist, hat der Bordfri-
post mitgegeben werden. seur, der 2. Koch der „Schwabenland” Fritz
In Kapstadt scheinen sich die ängstlichen Troe, gelernter Schlachter und Amateurfriseur,
Gemüter über den „Schwabenland"-Besuch seinen Haarschnitt-Stuhl aufgebaut, auf dem ei-
noch immer nicht beruhigt zu haben. Die Zei- ner nach dem anderen Platz nimmt. Er hat den
tung Cape Times fragt am Morgen nach dem ganzen Tag zu tun, so stark ist der Andrang.
Auslaufen des Schiffes noch einmal funktele-
graphisch an, ob eines der beiden Flugzeuge
nicht doch in der Nacht vor dem Einlaufen, vor Andere Länder, andere Sitten
der Ankunft Kapstadt überflogen habe. Rit-
scher antwortet: „Beide Flugzeuge seit Wochen Der Abschied von der weltverlorenen Insel mit-
außer Betrieb. Wir mißbrauchen Eure Gast- ten im Ozean fällt nicht schwer, das nächste
freundschaft nicht!” Ziel, Pernambuco, verspricht ein größeres Er-
Unbeirrt fährt M / S „Schwabenland” der Hei- lebnis zu werden.
mat entgegen. Doch es ist noch ein weiter Weg. Am 19. März verläßt die „Schwabenland”
Am 18. März taucht die schon zu Brasilien ihren Ankerplatz und nimmt Kurs auf Pernam-
gehörende Insel Trinidad auf, sie ist vulkani- buco. Am 22. März kommt die brasilianische
schen Ursprungs. Hier müssen gewaltige vul- Küste in Sicht; um 11 Uhr legt das Schiff an und
kanische Kräfte gewütet haben. Aus dem Was- ankert im Vorhafen. Nach den üblichen Forma-
ser steigen pechschwarze Lavapfropfen steil in litäten ist ab Mittag Landgang angesagt, wer
die Luft. dienstfrei hat, kann das südamerikanische Fest-
Ein Blick aus den Gläsern läßt erkennen, daß land betreten, die meisten haben dazu zum er-
die Brandung haushoch gegen die steilen Fel- sten Mal Gelegenheit.
sen schlägt. Die Landung wird sicher nicht Einige Besatzungsmitglieder besuchen das
ganz einfach sein, doch sie gelingt. M/S Flugzeugstützpunktschiff „Friesenland” der

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ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

Nach einem Zwischenstopp in der brasilianischen Hafenstadt Pernambuco


geht es mit direktem Kurs Richtung Hamburg.
Deutschen Lufthansa, das im Hafen liegt, an- Pflaster knallt, ist er ,ausgestiegen'. Von wel-
dere sehen sich die Stadt an. chen Passagieren der Schaffner eigentlich das
Dazu gehört auch der Geograph Dr. Ernst Fahrgeld fordert, ist mir schleierhaft. [...]
Herrmann. Er schreibt darüber in seinen Erin- Es gibt aber noch mehr zu sehen als Straßen-
nerungen: „Der Eindruck der Stadt ist wie der bahnen. Vor allem Menschen. Unendlich viele
einer süditalienischen oder südspanischen. Das und alle Gattungen. Außer Männlein und
gleiche bunte Treiben, nur noch etwas erregter Weiblein Weiße, Schwarze, Braune, Rote mit
und hitziger. sämtlichen Schattierungen und Mischfarben.
Wir Nordländer müssen ja grundsätzlich um- [...] Der Brasilianer soll einen sechsten Sinn
lernen. Fahren wir z. B. in Berlin oder Hamburg dafür haben, sich zwischen den reinen
in der Straßenbahn, dann haben wir das wohl- Weißen, Negern, Indianern und Mulatten und
tuende Gefühl: hier paßt jemand auf uns auf: Mestizen mit sämtlichen Zwischenstufen
der Wagenführer, daß wir nicht zu schnell fah- durchzufinden.
ren und schwindelig werden, der Schaffner, Am ,Potsdamer Platz' in Pernambuco, der
daß wir nicht von der Plattform fallen, nicht zur wichtigsten Straßenkreuzung, liegt das Caf
Unzeit aussteigen, nicht im Fahren oder ver- Lafayette, Tische und Stühle stehen weit auf
quert rum den Wagen verlassen usw. [...] den Bürgersteig hinaus. Ich setze mich an einen
Durch zahlreiche Verbotstafeln wird [.. .] auf al- Tisch, trinke einen phantastischen Kaffee, rau-
le möglichen Gefahren aufmerksam gemacht. che eine unerhörte Zigarre und staune über die-
Nicht so in Brasilien! Der Direktion der Per- ses Verkehrstempo.
nambuco-Straßenbahn ist es völlig gleichgültig, In der Mitte des Platzes steht ein Verkehrs-
auf welche Art ein Fahrgast befördert zu wer- schutzmann [...], ein Neger, der mit groß aus-
den wünscht. Sie fährt, das ist alles. Sie fährt holenden - geradezu charmanten Armbewe-
schnell, denn time is money. Sie hält sogar ge- gungen den Verkehr regelt. D. h. er gibt nur an,
legentlich, das ist schon viel. Und die Fahrgä- welche Fahrtrichtung er jetzt von sich aus vor-
ste? Sie huppen so rauf und runter, wie es ihnen schlagen möchte. Wenn es einer sehr eilig hat,
Spaß macht. In den verkehrsreichen Stunden fährt er trotzdem genau senkrecht dazu. Haupt-
sieht eine Bahn wie ein Bienenschwarm aus. sache ist nur, daß er sich dann wie ein Besesse-
Von dem Wagen sieht man nichts mehr, dafür ner durch die Wagen der anderen Richtung hin-
hängen, stehen, knien, baumeln, schweben un- durchschlängelt. Dem Schutzmann ist das ganz
gezählte männliche Wesen - nur Männer - gleich, er hat nur den Verkehr zu regeln, aber
außen an dem Wagen dran. Wenn einer losläßt nicht auf das Wohl und Wehe der Leute aufzu-
und irgendwann - aber immer glücklich - aufs passen.

99
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Da kommt ein Zeitungsjunge zu dem Schutz- die Ausfüllung des Vulkanschlots, ein riesiger
mann und gibt ihm eine Zeitung. Dieser läßt Lavapfropfen hatte sich hier festgesetzt.
jetzt Verkehr Verkehr sein, geht auf den näch- Dieser Pfropfen wurde mehr und mehr aus
sten Bürgersteig, lehnt sich gegen eine Laterne der umgebenden Asche herausmodelliert und
und liest die Zeitung. Er liest sie gründlich, von reckte sich bald wie ein ungeheurer Finger in
Seite zu Seite. [. . .] der Verkehr wickelt sich auch die Luft: So entstand auf der Insel Fernando de
ohne ihn ab. Nach etwa 20 Minuten ist er fertig, Noronha der „Finger Gottes”.
steckt das Blatt in die Tasche, geht wieder in die Schmucke Häuschen zieren diese herrliche
Mitte des Platzes [...] und schlägt mit liebens- brasilianische Insel nordöstlich der Ostspitze
würdigen Arm- und Körperbewegungen den Südamerikas, sie war einmal eine Strafkolonie.
Fahrzeugen andere Richtungen vor. " 28 Doch das ist längst vorbei.
Alfred Ritscher selbst findet keine Zeit zum Fernando de Noronha ist nur 27 Quadratkilo-
Landgang. Zunächst kommt der deutsche Kon- meter groß und hat nur etwa 1.300 Bewohner.
sul v. d. Steinen mit einem Begleiter an Bord, Einige Jahre zuvor hat sie als wichtiger Hafen
um die Kurierpost in Empfang zu nehmen, die für die Katapultschiffe der Deutschen Lufthan-
sein Begleiter sofort an Land bringt, damit sie sa, so auch des schwimmenden Flugzeugstütz-
am nächsten Morgen mit einer Do 17 in drei Ta- punktschiffes M/S „Schwabenland” große Be-
gen über den Atlantik, Lissabon, Marseille, deutung gewonnen.
Stuttgart nach Berlin gelangt. Die „Schwaben- Bewohner der Insel, die das Schiff in bester
land” wird noch drei Wochen für die Heimreise Erinnerung haben, haben die Annäherung des
nach Hamburg benötigen. Schiffes beobachtet und kommen ihm mit Boo-
Der deutsche Konsul lädt Ritscher und Kottas ten entgegen. Die Menschen in den Booten ru-
zum gemeinsamen Besuch bei Kapitän Detme- fen und winken dem auf dem Deck der
ring auf dem Flugzeugstützpunktschiff „Frie- „Schwabenland” stehenden Kapitän, seinen Of-
senland” ein, das ganz in der Nähe im Hafen fizieren und den Besatzungen der Flugboote
liegt. Es wird ein fröhlicher und unterhaltsamer „Boreas” und „Passat” zu. Der Austausch der
Abend, der erst gegen Mitternacht endet. Rit- Grüße kann nur per Distanz erfolgen. M/S
scher revanchiert sich mit einer Einladung zum „Schwabenland” kann die Grüße nur mit Tuten
Frühstück auf M/S „Schwabenland”. beantworten. Ein Anlegen und Ankern ist aus
Bevor das Schiff den Hafen verläßt, wird Zeitgründen nicht möglich, vor dem Schiff lie-
Nachschub an frischen Fischen für die Pingui- gen an diesem Tag noch etwa 100 Seemeilen,
ne, der hoffentlich bis zur Ankunft in Hamburg die zu bewältigen sind, um den genau festge-
ausreicht, an Bord genommen. Schließlich will legten Ankunftstermin in Cuxhaven nicht zu
man die Pfleglinge dort wohlbehalten abliefern. verpassen.
Die mehr als dreiwöchige Reise durch die Tro- Ritscher sitzt unterdessen in seiner Kabine
pen hat die Tiere sichtlich angegriffen. Die auf- und ist mit der Fertigstellung des Expeditions-
opfernde Pflege des Biologen hat nicht verhin- berichts beschäftigt. Die Wissenschaftler und
dern können, daß ein Kaiserpinguin und zwei die Flugzeugführer haben ihm ihre Berichte
Adeliepinguine verendet sind. übermittelt. Ritscher hat sie alle gelesen und ist
seit Tagen dabei, sie in seinen Gesamtbericht
einzufügen. Zuletzt hat er den Bericht des
Fernando de Noronha — der „Finger Gottes” Schiffskapitäns Kottas erhalten, den kürzesten
von allen. Zusätzlich hat der Expeditionsleiter
Jetzt geht es mit direktem Kurs auf Cuxhaven den Eislotsen Kraul gebeten, ihm ein Expose
und Hamburg zu. Zunächst kommt die Vulkan- über die Bedeutung des Walfangs für die
insel Fernando de Noronha in Sicht, eine wun- Ernährung in Deutschland zu schreiben. Auch
derbare Insel mit einem prachtvollen La- diesen hat er erhalten und gerade gelesen.
vapfropfen, den man den „Finger Gottes” In diesem Augenblick bringt ihm der Funkof-
nennt. fizier ein langes Telegramm. Es ist ihm aus Ber-
Als der Vulkan noch tätig war, sah er so aus lin übermittelt worden. Er liest es sehr auf-
wie ein hoher Aschenkegel, der gelegentlich merksam, denn es enthält bis ins letzte Detail
auch Lavaströme hervorbrachte. Nach dem das Begrüßungsprogramm für die Ankunft des
Aufhören der vulkanischen Tätigkeit setzte die Expeditionsschiffes M/S „Schwabenland ” in
Verwitterung ein und zerstörte den Berg. Die Cuxhaven und danach in Hamburg. Was ihm
weichen Ascheschichten und die dünnen Lava- daran nicht gefällt, ist die Tatsache, daß man
ströme wurden durch Wind und Wetter sehr auch von ihm als Expeditionsleiter eine Rede
bald fort gewaschen. Nur die harte, feste Lava- erwartet. Nun muß er sich auch darauf noch
masse blieb erhalten. Dazu gehörte vor allem vorbereiten.

10 0
ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

An Kapitän Ritscher
Leiter der „Deutschen
antarktischen Expedition”
7. III. 1939

Zu dem bedeutenden Erfolg, den Sie und Ihre Expedition

mit der Erforschung eines großen Gebietes der Antarktis

errungen haben; beglückwünsche ich Sie auf das herzlichste.

Ich bin stolz auf den hervorragenden Einsatz der Flieger,

auf die erfolgreiche Arbeit der Wissenschaftler und auf

die vorbildliche Haltung der ganzen Besatzung. Sie und

Ihre Expedition haben an die große Tradition deutscher

Forschung anknüpfen können und eine Leistung vollbracht,

die der Stellung Großdeutschlands in der Welt würdig ist.

In dem Buch Deutsche Forscher im Südpolarmeer des Geographen Dr. Ernst Herrmann ist der Wortlaut
von Hermann Görings Glückwunschtelegramm als einleitendes Grußwort abgedruckt.

Mittlerweile ist Ritscher nicht sicher, ob ihn


Hamburg wirft seine Schatten voraus nicht noch andere Überraschungen in Cuxha-
ven und in Hamburg erwarten. In Cuxhaven
Alfred Ritscher hatte erwartet, daß die Be- sollen bereits die besonderen Ehrengäste an
grüßung der Expeditionsteilnehmer am Bord der „Schwabenland” kommen; auch dabei
Abend des Ankunftstages im Hamburger No- sind Überraschungen nicht ausgeschlossen.
belhotel „Vier Jahreszeiten” von Hermann Die Arbeit, die noch vor ihm liegt, läßt Rit-
Göring als Beauftragtem für den Vierjahres- scher keine Zeit; die Fertigstellung des Expedi-
plan vorgenommen wird. Jetzt erfährt er mit tionsberichtes ist für ihn die dringendste Auf-
dem Telegramm aus Berlin, daß diese Be- gabe. Zunächst widmet er sich dem Thema
grüßung durch den Präsidenten der Deut- „Walfang”, über das ihn Otto Kraul eingehend
schen Forschungsgemeinschaft, SS-Standar- informiert hat.
tenführer Prof. Dr. Rudolf Mentzel, erfolgen Die Teilnahme Deutschlands am Walfang be-
soll. Ritscher weiß zwar, daß die Antarktisex- gann erst 1936/37. Die erste deutsche Walko-
pedition im Auftrag der dem Reichswissen- cherei „Jan Wellem” wurde unter Kapitän
schaftsministerium unterstellten Deutschen Kraul als Fangleiter in die Arktis geschickt und
Forschungsgemeinschaft erfolgt ist, doch die- schoß 920 Wale. Das war zwar ein bescheidener
se Mitteilung enttäuscht ihn und wird sicher Anfang, doch schon im folgenden Jahr waren es
auch den Kapitän und die Besatzungen der weit mehr. Trotzdem mußte Deutschland 1937
„Schwabenland"-Flugboote „Boreas” und noch etwa die Hälfte des gesamten Weltvor-
„Passat” enttäuschen. kommens kaufen, um seinen eigenen Bedarf zu

10 1
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

decken. Der Walfang mußte wesentlich erwei- dern, zum Absetzen der Flugzeuge und Boote
tert werden. Dies sollte im Südpolarmeer ge- und zu ihrer Wiederaufnahme, sowie für die
schehen. Deshalb war das Deutsche Institut für Arbeiten der Wissenschaftler, macht das Maß
Walforschung, eine Abteilung der Reichsstelle ihrer verantwortlichen Tätigkeit deutlich. Ein
für Fischerei, an der Antarktisexpedition sehr nicht geringer Teil der erzielten Gesamterfolge
interessiert. Blauwale zum Beispiel haben eine ist daher der unermüdlichen Einsatzbereit-
Speckschicht von bis zu mehr als 20 Zentimeter schaft des Kapitäns und seiner Offiziere und
Dicke, der Walspeck enthält bis zu 80 Prozent Mannschaften des Deck- und Maschinendien-
reines 01. Ein Blauwal von 24 Metern Länge lie- stes zuzuschreiben und der ebenso unermüdli-
fert im Durchschnitt 13,5 Tonnen Walöl. Die be- chen und wertvollen Beratung durch den Eis-
ste Sorte dieses Öls wurde für die Margarinefa- lotsen. " 29
brikation verwendet, die übrigen zu techni- Bei strahlendem Wetter erreicht am Morgen
schen Zwecken wie zum Beispiel Seifen, des 10. April M/S „Schwabenland” Feuerschiff
Schmieröle usw. Deutschlands Bedarf an Walöl „Elbe III” und ankert. Kapitän Kottas hat Rein-
lag mit jährlich etwa 200.000 Tonnen außeror- schiff befohlen, das Schiff wird für den Emp-
dentlich hoch. Die Sicherung weiterer Fangge- fang am nächsten Morgen in Cuxhaven land-
biete in der Antarktis für deutsche Fangflotten fein gemacht.
erschien aufgrund dieses hohen Bedarfs beson- Mit Reißnägeln heftet der Expeditionsleiter
ders wichtig. Alfred Ritscher an diesem Morgen ein Dank-
Mitternacht ist längst vorbei, als sich Ritscher und Abschiedswort an alle Expeditionsteilneh-
an diesem Abend zum Schlafen legt. ” mer:
Unbeirrt setzt M / S „Schwabenland in dieser „Kameraden!
Nacht und den folgenden Tagen seine Fahrt Die Deutsche Antarktische Expedition
fort. Jeder Tag bringt das Schiff der Heimat 1938 / 39 ist zu Ende. Eine treue Arbeitsgemein-
näher. schaft, die sich in vier Monaten gemeinsamen
Der Aquator ist längst überquert, es ist kühler Erlebens herausgebildet hat, wird dadurch
geworden. Am 29. März wird Kapverden pas- gelöst. Aber so lange sie bestand, hat sie sich in
siert. Am 1. April findet an Bord der letzte Sing- guten und in schlechten Tagen bewährt. Das
abend im Gemeinschaftsraum statt. Am näch- zeigen die Erfolge der Unternehmung, die Eu-
sten Morgen tauchen die Kanarischen Inseln re Erfolge sind und nur errungen werden konn-
auf. ten dadurch, daß einer für den anderen ein-
Am 9. April ist Ostersonntag. M/S „Schwa- stand und alle am gleichen Strang gezogen ha-
benland” ist bereits aus dem Kanal heraus. Das ben.
Wetter ist prächtig. Die Ostersonne strahlt von Als Leiter dieser treuen Arbeitsgemeinschaft
einem blauen Himmel. ist es mir eine große Freude, Euch allen, den
Einige Fahrtteilnehmer packen bereits ihre Ta- Fliegern und ihren Mitarbeitern, den Wissen-
schen und Koffer. Geräte werden in Kisten und schaftlern und den Seeleuten des Deck- und
Kästen verstaut. Es herrscht bereits Abbruch- Maschinendienstes, für Eure freudige Mitarbeit
stimmung, das Ende der Expedition naht. herzlich zu danken, und ich möchte den
Ritscher hat seinen Expeditionsbericht mit ei- Wunsch aussprechen, daß jeder von Euch allen
nem Leistungsbericht der Schiffsbesatzung er- an die nun beendete Reise immer gern und mit
gänzt: „Die Bewegungen des Schiffes waren Stolz zurückdenken möge.
während des dreiwöchigen Aufenthaltes am Für Eure künftige Tätigkeit und Euer Wohler-
Schelfeis durch die Flugtätigkeit bestimmt gehen spreche ich Euch meine besten Wünsche
worden. Für die Schiffsleitung war mit ihrem aus! Der Expeditionsleiter. " 30
Abschluß eine verantwortungs- und arbeitsrei-
che Zeit zu Ende gegangen. Sprechen die
großen Erfolge der Flieger und Wissenschaft- „Herzlich willkommen in der Heimat”
ler, deren Arbeiten auf einem bisher uner-
forschten Teil des arktischen Kontinents und in Am frühen Morgen des 11. April legt M/S
dem zugehörigen Küstengewässer viel Neues „Schwabenland” über die Toppen geflaggt an
gebracht haben, für sich, so tritt auf den ersten der Steubenhöft-Brücke in Cuxhaven an. Einige
Blick die Arbeitsleistung der Schiffsleitung ih- Angehörige der Fahrtteilnehmer stehen auf
nen gegenüber weniger in Erscheinung. Aber dem Kai und winken mit Taschentüchern, sie
die Rekordziffer von 1.126 Manövern in den haben keinen Zutritt auf das Schiff, dieser ist
antarktischen Gewässern zum Ausweichen vor nur den Ehrengästen vorbehalten.
drohenden Zusammenstößen mit gefährlichen Am 12. April 1939 treffen mit dem aus Ham-
Eisgebilden, zum Umfahren von Packeisfel- burg kommenden Frühzug die Ehrengäste ein.

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ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

Um 11 Uhr kommen sie unter Führung von Mentzel, begrüßt die Expeditionsteilnehmer im
Staatsrat Wohlthat an Bord: der Präsident der Auftrag des verhinderten Reichsministers und
Deutschen Forschungsgemeinschaft, SS-Stan- überbringt dessen Glückwunsch und Dank an
dartenführer Prof. Dr. Mentzel in Vertretung die Beteiligten. Unter allgemeinem Beifall
des Beauftragten für den Vierjahresplan Her- nennt Prof. Mentzel an erster Stelle Ministerial-
mann Göring, Konteradmiral Dr. Conrad als direktor, Staatsrat Wohlthat, als den Organisa-
Vertreter des Oberkommandos der Kriegsmari- tor und Betreuer der Fahrt, weiter Kapitän Al-
ne, Admiral Dr. Spieß, der Präsident der Deut- fred Ritscher als Expeditionsleiter, Kapitän Al-
schen Seewarte sowie Vertreter des Reichsmini- fred Kottas als Führer des Expeditionsschiffes
steriums für Erziehung und Volksbildung, des M/S „Schwabenland” und den Hamburger
Finanzministeriums, des Außenministeriums, Eislotsen der Expedition, Kapitän Otto Kraul.
weiterer Behörden und wissenschaftlicher In- Im Laufe des Abends trifft ein Telegramm des
stitutionen. NSFK-Korpsführers, General der Flieger Chri-
Es bleibt dem SS-Standartenführer Prof. Dr. stiansen ein, in dem er der Expedition, vor al-
Mentzel in seiner Eigenschaft als Präsident der lem den Flugzeugführern und den Besatzun-
Deutschen Forschungsgemeinschaft vorbehal- gen der Flugboote „Boreas” und „Passat” für
ten, in Anwesenheit aller Ehrengäste die 82 ihre ausgezeichneten Leistungen Glückwunsch
Fahrtteilnehmer der Antarktisexpedition, die und Anerkennung ausspricht.
auf dem Vorschiff angetreten sind, zu ihrer Noch am Abend trifft ein Spezialfahrzeug aus
glücklichen Heimkehr von der erfolgreichen Berlin ein, um die Pinguine und die anderen
Expedition zu beglückwünschen und in der Vögel, die M/ S „Schwabenland” von seiner Ex-
Heimat willkommen zu heißen. pedition vereinbarungsgemäß für den Zoologi-
Im Gemeinschaftsraum findet danach ein schen Garten mitgebracht hat, abzuholen und
festliches Labskausessen statt. Anschließend dorthin zu transportieren. Die Pinguine sind
trägt der Expeditionsleiter Alfred Ritscher auf übrigens die ersten Bewohner der Antarktis,
Bitten von Prof. Mentzel einen kurzen Bericht die man je unversehrt und gesund über den
vor. Schließlich setzt M/ S „Schwabenland” Aquator auf die nördliche Hälfte der Erdkugel
nach einer kurzen Führung durch das Schiff die gebracht hat.
Fahrt nach Hamburg fort und macht um 19 Uhr
im Hamburger Hafen an der Überseebrücke
fest. Adolf Hitler dankt und ehrt Alfred Ritscher
Vor der Überseebrücke ist ein Ehrensturm der
Marine-SA und des NS-Fliegerkorps angetre- Am nächsten Morgen trifft ein Telegramm aus
ten. Nach einer kurzen Begrüßung durch Sena- Berlin ein. Absender ist die Reichskanzlei,
tor von Allwörden werden die Expeditionsteil- Adressat ist Kapitän Ritscher, Leiter der Deut-
nehmer und die Ehrengäste mit bereitgestellten schen Antarktischen Expedition 1938/39. Der
Autobussen zum Rathaus gefahren. Wortlaut:
Im großen Festsaal des Rathauses heißt Bür- „Herrn Kapitän Ritscher,
germeister Vincent Krogmann im Namen des Deutsche Antarktisexpedition Hamburg.
Gauleiters und Reichsstatthalters Karl Kauf- Den Teilnehmern der Deutschen Antarkti-
mann und der Bevölkerung der Hansestadt schen Expedition 1938 / 39 danke ich für die
Hamburg die Expedition willkommen und Meldung von ihrer Rückkehr in die Heimat.
weist darauf hin, daß gerade in Hamburg, der Ich verbinde damit meine herzlichen Glück-
Heimat des deutschen Walfangs, die Anteil- wünsche zu der erfolgreichen Durchführung
nahme an der Expedition und ihren glänzen- der der Expedition
31 übertragenen Aufgaben.
den Ergebnissen besonders groß ist. Adolf Hitler"
Ritscher spricht den Dank der Expeditions- Am Nachmittag desselben Tages trifft ein
teilnehmer aus und berichtet noch einmal in ge- weiteres Telegramm aus Berlin auf M/S
raffter Form über die Expedition. „Schwabenland” in Hamburg ein, es ist an Al-
Danach folgen Forscher, Flieger und Schiffs- fred Ritscher persönlich gerichtet, Absender ist
offiziere der Expedition mit den zur Begrüßung erneut die Reichskanzlei. Der Wortlaut: „Der
nach Hamburg gekommenen Vertretern der Führer hat auf Vorschlag des Oberbefehlsha-
Reichsregierung und führenden Persönlichkei- bers der Kriegsmarine, Großadmiral Dr. h. c.
ten aus Partei, Staat und Wehrmacht Hamburgs Raeder, den Leiter der zurückgekehrten Deut-
einer Einladung des Reichsministers Rust zum schen Antarktischen Expedition 1938/39, Re-
Abendessen im Hotel „Vier Jahreszeiten”. gierungsrat Kapitän Ritscher, in Anerkennung
Der Präsident der Deutschen Forschungsge- seiner Leistung zum Oberregierungsrat beför-
meinschaft, SS-Standartenführer Prof. Dr. dert."32

103
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

schiff der Deutschen Lufthansa verwendbar ist.


Ein Empfang, der nicht stattfand Eine Generalüberholung und ein nochmaliger
Umbau scheinen auch deshalb nicht möglich,
Für den 60jährigen Kapitän Ritscher bedeutet weil alle Schiffsbauwerften in Hamburg, Bre-
die Beförderung eine besondere Ehre. Trotz- men und Kiel bis zum Jahresende 1939 und dar-
dem ist er über das geringe Echo, das die Ex- über hinaus mit Rüstungsaufträgen - beispiels-
pedition in der Offentlichkeit auslöst, ent- weise im U-Boot-Bau -, die absoluten Vorrang
täuscht. Die Rückkehr der Antarktisexpedition, haben, voll ausgelastet sind.
die mit ihren Erfolgen eine historische Leistung Die Deutsche Lufthansa muß unter diesen
für Deutschland erarbeitet hat, wird zu einem Umständen wohl oder übel abwarten, was mit
Hamburger Lokalereignis herabgestuft. Auch ihrem Katapultschiff M/S „Schwabenland”
gibt es keinen Empfang für die Expeditions- und den beiden Flugbooten „Boreas” und „Pas-
mitglieder in Berlin. sat” in Zukunft geschehen soll.
Eine Pressekonferenz, in der Ritscher über Sichergestellt sind inzwischen die mehr als
die Expedition hätte berichten können, findet 11.000 Luftaufnahmen, die von den beiden
nicht statt. Nur in wenigen, fast ausnahmslos Luftbildnern der DLH, Sauter und Bunder-
Hamburger Lokalzeitungen wird in kurzen mann, mit ihren Reihenbildkammern bei den
Beiträgen über die Expedition berichtet. Keine Flügen über Neu-Schwabenland „geschossen”
Zeitung stellt die deutsche Besitzergreifung worden waren. In Stahlkisten verpackt sind die
von Neu-Schwabenland heraus. Nur in Ne- Filme bereits einen Tag nach Ankunft der
bensätzen wird der Abwurf der Begrenzungs- „Schwabenland” in Hamburg per Flugzeug
pfeile und der deutschen Reichsflaggen er- nach Berlin-Tempelhof gebracht und dort in ei-
wähnt. nem Bunker der Deutschen Lufthansa sicher
Ritscher hatte gehofft, in einer Pressekonfe- eingelagert worden.
renz begründen zu können, warum er es für Im Mai 1939 ist Alfred Ritscher im Expediti-
richtig hält, im nächsten oder übernächsten ant- onsbüro in Hamburg mit Abwicklungsarbeiten
arktischen Sommer eine weitere Antarktisexpe- beschäftigt; er hofft, Ende des Monats nach Ber-
dition mit größeren Flugzeugen mit höherer lin zurückkehren zu können, um dort seine Ar-
Steigfähigkeit durchzuführen und einer inten- beit, jetzt als Oberregierungsrat, in der Nauti-
siven Landerkundung, die bei der zuletzt schen Abteilung des Oberkommandos der
durchgeführten Expedition nicht möglich war. Kriegsmarine wieder aufnehmen zu können.
Das alles bleibt Wunschdenken. Am Pfingstmontagnachmittag, dem 29. Mai,
Ritscher hat für die Zurückhaltung offiziel- erlebt Ritscher in Hamburg einen Empfang,
ler Stellen die Expedition betreffend zunächst den er sich bei der Heimkehr der „Schwaben-
keine Erklärung. Er ist in den ersten Tagen land” von der erfolgreichen Antarktisexpe-
nach Rückkehr der Expedition auch zu sehr dition gewünscht hätte. Begleitet von dem
mit der Nachbereitung beschäftigt, um sich Panzerschiff „Graf Spee” läuft die gesamte
auch noch um die Öffentlichkeitsarbeit zu „Kraft durch Freude"-Flotte, allen voran die
kümmern, die auch nicht in seinen Aufgaben- „Robert Ley” und die „Wilhelm Gustloff” in
bereich fällt. Hamburg ein, an Bord befinden sich die deut-
Nach und nach verabschieden sich die Wis- schen Freiwilligen der „Legion Condor”, die
senschaftler. Danach verlassen die Flugzeug- in Spanien gekämpft haben. Eine unüberseh-
führer und die Flugbesatzungen M / S „Schwa- bare Menschenmenge drängt sich an der Über-
benland”, nachdem die während der Expediti- seebrücke und jubelt den „Helden von Spani-
on entstandenen und aufgetretenen Mängel an en” zu. Der Jubel übertönt die Kapelle, die „In
den Flugzeugen genau aufgelistet worden der Heimat gibt's ein Wiedersehen” und
sind, eine Generalüberholung der beiden Flug- danach den Preußischen Grenadiermarsch
boote „Boreas” und „Passat” scheint unerläß- spielt.
lich. Als die Schiffe nebeneinander angelegt haben,
Auch das Katapultschiff M/S „Schwaben- meldet der Befehlshaber der „Legion Condor”,
land” hat bei dem fast viermonatigen Einsatz Generalmajor Wolfram Freiherr von Richthofen,
bei der Expeditionsreise gelitten. Wenn auch auf dem Kai dem Chef der deutschen Luftwaf-
gravierende Schäden nicht festzustellen sind, fe, Generalfeldmarschall Hermann Göring, die
eine Überholung des Schiffes in Hamburg ist Heimkehr des Expeditionskorps aus Spanien.
notwendig, zudem die Klärung der Frage, ob Brausender Beifall begleitet diese Zeremonie.
das Schiff nach seinem der Expedition voran- Göring ist umgeben von hohen Militärs aller
gegangenem Umbau zum Expeditionsschiff Waffengattungen und führenden Vertretern von
überhaupt noch für den Einsatz als Katapult- Staat, Partei und Hamburger Senat.

106
ZURÜCK NACH HAMBURG VIA KAPSTADT

Hoheitszeichen abgeworfen wurden. Da Nor-


Norwegen erklärt: wegen nicht dagegen einschritt, hat es die Rech-
Neu-Schwabenland gehört uns te auf Neu-Schwabenland, sofern diese über-
haupt bestanden haben sollten, verwirkt.
Nach Auflösung des Expeditionsbüros verläßt Alfred Ritscher, der erstmalig über die außen-
Kapitän Ritscher am 2. Juni Hamburg, um in politische Sachlage informiert wird, ist mehr als
Berlin seine Tätigkeit in der Nautischen Abtei- erstaunt. Für ihn ist eindeutig, daß vor der
lung des Oberkommandos der Kriegsmarine, deutschen Expedition, die er geleitet hat, kein
jetzt als Oberregierungsrat, wieder aufzuneh- anderer Staat dieses Gebiet erforscht hat und
men. Besitzansprüche erheben kann. Neu-Schwa-
Wenige Tage später lädt ihn Staatsrat Wohl- benland ist und bleibt für ihn eine deutsche
that, mit dem Ritscher während seines Ham- Entdeckung, an der nicht zu rütteln ist. Ritscher
burg-Aufenthaltes mehrfach telefoniert hatte, hofft, daß dieser begründete Standpunkt von
zu einem Gespräch ein. In diesem Gespräch er- der deutschen Reichsregierung der norwegi-
hält Ritscher eine für ihn unerwartete neue In- schen Regierung in aller Deutlichkeit übermit-
formation, die auch erklärt, warum der telt wird, und er bittet Staatsrat Wohlthat, dar-
„Schwabenland"-Expedition, gemessen an de- auf hinzuwirken.
ren Bedeutung, nur ein sehr bescheidener Emp- Wohlthat wirft in dem Gespräch die Frage
fang bereitet wurde und warum die überregio- auf, woher Norwegen die Information über die
nale Presse und der Rundfunk gar nicht dar- Absichten der „Schwabenland"-Expedition ha-
über berichteten und somit die Besitzergreifung ben könnte. Darauf kann Ritscher einen Hin-
von Neu-Schwabenland der breiten Offentlich- weis geben: Kapitän Kottas hatte bei der An-
keit verschwiegen wurde. kunft im antarktischen Gebiet beobachtet, daß
Ritscher ist erstaunt, erst jetzt in dem Ge- norwegische Walfangboote die „Schwaben-
spräch mit Staatsrat Wohlthat zu erfahren, daß land” einige Zeit begleiteten. Die Funkstation
bereits am 18. Januar 1939, also noch vor An- hatte auch Kontakt mit den Fangbooten, der
kunft des M/S „Schwabenland” im Arbeitsge- nicht sehr freundlich war. Die Norweger hatten
biet der Antarktisexpedition im Reichsaußen- angedeutet, daß die Deutschen hier nichts zu
ministerium in Berlin eine Königliche Resoluti- suchen hätten. Es soll sogar zu üblen Be-
on aus Oslo vom 14. Januar 1939 eingegangen schimpfungen gekommen sein. Ritscher, der
war, in der festgestellt wurde, daß das Königin- dies von Kapitän Kottas bei dem gemeinsamen
Maud-Land in der Antarktis von Norwegen be- Essen erfahren hatte, maß diesen Außerungen
ansprucht wird und daß die Absicht der deut- keine weitere Bedeutung bei. Nun sieht er nach
schen Antarktisexpedition, Teile dieses Gebietes dem Gespräch mit Wohlthat die Vorgänge aus
zu erforschen, illegal sei. Der norwegische Ein- anderer Sicht. Möglicherweise hatten die nor-
spruch gegen die deutschen Aktivitäten wurde wegischen Walfänger die Nachricht vom Auf-
damit begründet, daß dieses Gebiet nach meh- tauchen der „Schwabenland” im antarktischen
reren norwegischen Expeditionen von Norwe- Gebiet per Funk weitergetragen.
gen in Besitz genommen worden sei. Ritscher hofft, daß die Frage „Wem gehört
Das Reichsaußenministerium reagierte sofort. Neu-Schwabenland? ” zwischen der deutschen
Es unterrichtete den norwegischen Gesandten und der norwegischen Regierung in den näch-
in Berlin darüber, daß die deutsche Reichsre- sten Monaten noch eindeutig zugunsten
gierung die Besitzergreifung Norwegens auf Deutschlands geklärt wird. Doch umsonst. Die
dieses Gebiet zurückweist. deutsche Regierung hat jetzt aufgrund der sich
Tatsache ist, daß Norweger den Teil des Köni- verschärfenden internationalen Spannungen
gin-Maud-Landes, das nach seiner deutschen unmittelbare Probleme zu bewältigen.
Erforschung den Namen Neu-Schwabenland Am 1. September 1939 beginnt der Polenfeld-
erhielt, zu keiner Zeit erforscht und betreten ha- zug, der sich zum Zweiten Weltkrieg ausweiten
ben, dieses Teilgebiet war bis zur Entdeckung soll. Er wird auch Norwegen erfassen, dort der
durch die Antarktisexpedition 1938 / 39 „her- „Schwabenland ” das Ende bereiten, die Ant-
renloses Land”. arktisexpedition und Neu-Schwabenland in
Das Königreich Norwegen reagierte auf die Vergessenheit geraten lassen. Nach dem Unter-
Zurückweisung ihres Anspruches durch das gang Deutschlands bleibt allen, die bei der Ant-
deutsche Reichsaußenministerium nicht, auch arktisexpedition dabei waren, auch Alfred Rit-
dagegen nicht, daß in dem fraglichen Gebiet zu scher, nichts als die Erinnerung.
einem späteren Zeitpunkt, und zwar ab dem 20. Doch die Antarktis lebt weiter und wird für
Januar 1939, deutsche Reichsflaggen gesetzt viele Länder noch einiges an Begehrlichkeiten
und Begrenzungspfähle mit dem deutschen wecken.

107
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Die „Schwabenland”
i m Kriegseinsatz
Lufthansa, wird in den letzten Monaten vor
Alfred Kottas bleibt Kapitän Kriegsbeginn generalüberholt und danach am
auf der „Schwabenland” 12. Oktober 1939 der deutschen Luftwaffe unter
Generalfeldmarschall Hermann Göring als
Der Beginn des Zweiten Weltkrieges beendet Schleuderschiff zugeteilt.
die deutsche Antarktisforschung, die mit der In den ersten beiden Kriegsjahren wird das
„Schwabenland"-Expedition 1938 / 39 einen er- Schiff an der Westfront eingesetzt; es dient den
folgversprechenden Neuanfang genommen Fernaufklärungsgruppen der Marineflieger der
hatte. Luftwaffe als Schleuderschiff. Geführt wird die
Das wertvolle, für eine Million Reichsmark „Schwabenland” noch immer von Kapitän Al-
zum Expeditionsschiff umgebaute Motorschiff fred Kottas, auch die Handelsschiffsbesatzung
„Schwabenland”, Eigentum der Deutschen des Norddeutschen Lloyd befindet sich noch an
DIE „SCHWABENLAND” IM KRIEGSEINSATZ

Bord. Viele Besatzungsmitglieder denken noch schiffen, der „Westfalen”, der „Friesenland”
immer an ihre erlebnisreiche Fahrt in die Ant- und der „Ostmark”, die ebenfalls der Luftwaf-
arktis. fe zugeteilt worden sind, bei der Bekämpfung
Alfred Kottas wird in den Weihnachtsfeierta- der alliierten Geleitzüge für die Sowjetunion
gen 1940 noch eine besondere Ehrung zuteil. Er eingesetzt werden.
erhält auf M / S „Schwabenland” einen Brief der Der geplante Kanaldurchbruch ist ein großes
Deutschen Lufthansa mit folgendem Inhalt: „Es Risiko und wirft Probleme auf. Gefahr droht
ist uns eine besondere Freude, Ihnen anliegend nicht nur von alliierten Schiffen, sondern auch
mit dem Schreiben des Präsidenten der Deut- von der britischen Luftwaffe, die besonders über
schen Seewarte vom 17.12.1940 die Urkunde dem Kanal sehr aktiv ist. Über die Rückführung
über die Ihnen von Herrn Reichsminister der der „Schwabenland” vom Westeinsatz nach
Luftfahrt verliehene bronzene Seewarten-Me- Norwegen sind Kriegstagebücher der Geleit-
daille überreichen zu können. fahrzeuge erhalten geblieben, die den Kanal-
Wir beglückwünschen Sie zu dieser Aus- durchbruch schildern. Nachstehend ein Auszug:
zeichnung und übermitteln Ihnen gleichzeitig „Bei der Rückführung vom Westeinsatz ging die
unsere Grüße und Wünsche für ein frohes ,Schwabenland' in der Nacht vom 5. zum 6. Au-
Weihnachtsfest und ein erfolgreiches neues gust 1942 von Le Havre nach Boulogne. Hier
Jahr.”" wurde das Geleit 2322 zusammengestellt.
Es bestand aus der 2. R-Flottille mit zwei
Räumbooten, aus der 12. R-Flottille mit acht
Der geglückte Kanaldurchbruch Booten, aus der B. M-Flottille mit fünf Minen-
suchbooten, aus der 15. V.-Flottille mit drei Vor-
1942 wird die „Schwabenland” dringend auf postenbooten, aus der 18. V.-Flottille mit vier
dem „Kriegsschauplatz Norwegen” benötigt. Vorpostenbooten sowie den beiden Geleitschif-
Hier soll sie mit den drei anderen Schleuder- fen ,Von der Groeben' und ,Brommy'.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Am 6. August 1942 um 23.00 Uhr verließ die- den 450 Schuß der schweren und 31.000 Schuß
34 der
ses Geleit, bestehend aus insgesamt 24 Schiffen, leichten Waffen des Geleits abgegeben."
die das Geleitobjekt M/S ,Schwabenland' si- Nachdem die „Schwabenland” aus dem
chern sollten, den Hafen von Boulogne. Westraum nach Norwegen verlegt worden war,
Während des Kanaldurchbruches am 7. Au- wurde sie am 14. September 1942 nach Tromsö
gust 1942 entwickelten sich drei Gefechte mit verlegt, um den dortigen Fernaufklärern als
kleineren britischen Flotteneinheiten. schwimmender Stützpunkt zu dienen.
Nach der ab 23 Uhr 59 erfolgten Feindortung
schoß das Begleitschiff ,Von der Groeben' gegen
01.00 Uhr Leuchtgranaten. In ihrem Licht wur- Torpedotreffer, aber nicht gesunken
den erst 3, danach 6 britische Motortorpedo-
boote (MTB) erkannt und durch die Voraussi- Umgebaut wurde das Schiff, sieht man von
cherung des Geleits beschossen. Um 01.08 Uhr dem Einbau einiger leichter Flakgeschütze ab,
drehte die Voraussicherung auf Kurs 73° und nicht mehr.
eröffnete um 01.10 erneut das Feuer. Von 5 nach Am 24. März 1944 befand sich M/S „Schwa-
Steuerbord ablaufenden britischen MTB's wur- benland” vor Egersund. Hier wurde das Schiff
de ein Boot durch konzentriertes Feuer der R- von dem britischen U-Boot „Terrapin” unter
Boote in Brand geschossen. der Führung von Leutnant Martin durch Tor-
Der Findverband lief weiter nach Steuerbord pedobeschuß schwer beschädigt. In dem Ge-
ab und geriet dort in das Feuer der M- und V fechtsbericht des britischen U-Bootes „Terra-
Boote. Bei diesem Angriff wurde ein britisches pin” ist unter anderem vermerkt: „,Terrapin'
MTB vernichtet, ein weiteres versenkt. machte einen Viererfächer los gegen einen Kon-
Das zweite Gefecht fand zwischen 01.45 und voi von fünf Schiffen und fünf bis sechs Be-
01.55 Uhr statt. Nachdem backbord voraus gleitschiffen. Der Kommandant nahm an, ein
dunkle Schatten erkannt worden waren, die im Schiff mit zwei Torpedos getroffen
35 und ein wei-
Schein von Leuchtgranaten als britische MTB's teres beschädigt zu haben."
erkannt wurden, entwickelte sich ein Feuerge- Tatsächlich wurde die „Schwabenland”
fecht mit allen Räumbooten, die sich auf das schwer beschädigt, ebenso der Dampfer
Mittelboot der britischen Gruppe konzentrier- „Wörth” mit 6.256 BRT.
ten. Der Gegner erhielt zunächst schweres Feu-
er, versuchte ein Ramming und passierte in nur
5-8 sm Abstand unter Dauerfeuer von 6-800
Schuß 2-cm-Panzerbrand- und Sprenggrana-
ten. Die letzten drei Magazine waren Volltreffer
auf dem gegnerischen Boot. Danach griffen
auch die M- und V -Boote in das Feuergefecht
ein.
Ein feindlicher Torpedo, der an M/S ,Schwa-
benland' vorbeilief, wurde von M 257 gesichtet,
ein zweiter Torpedoschuß lief unter M 254
durch. M 27 erhielt bei dem Gefecht 2 Kanonen-
und 17 MG-Treffer.
Um 03.15 Uhr wurden an Backbord erneut in Die „Schwabenland ” unmittelbar nach der Torpe-
etwa 2.000 Meter Entfernung mitlaufende dierung durch das britische U-Boot „ Terrapin”
Gegnerboot festgestellt. Es kam aber nur zu ei-
nem kurzen Anlauf der britischen Boote zwi- Die Beschädigung der „Schwabenland” durch
schen 03.42 und 03.45 Uhr. Bei diesem dritten die Torpedotreffer war erheblich. Hannes
Anlauf wurde nur noch eine geringe Angriffs- Kempf, zunächst Besatzungsmitglied des in
bereitschaft der britischen Boote festgestellt. Norwegen eingesetzten Katapultschiffes „Frie-
Die einzigen Ausfälle auf deutscher Seite be- senland”, im Oktober 1943 auf dem Seeschlep-
standen in einem Schwerverletzten und fünf per „Atlas”, der dem „Kommando Schiffe und
Leichtverletzten. Als Erfolge konnten die Ver- Boote der Luftwaffe” in Kiel zugeordnet war,
senkung von fünf MTB's gemeldet werden. hat die damaligen Ereignisse miterlebt. Er be-
Der doppelte Erfolg, die geglückte Durch- richtet: „Am 24. März 1944 erhielt der Schlepper
führung der Geleitaufgabe ohne Schäden an M/S ,Atlas' die Order, sofort in den Egersund zu lau-
„Schwabenland” und die Versenkungserfolge fen und Hilfe zu leisten an der schwer beschä-
wurden mit einem sehr hohen Munitionsaufwand digten M / S ,Schwabenland'. Das Katapultschiff
in drei Nachtgefechten errungen. Insgesamt wur- fanden wir in einer Bucht an der Einfahrt zum

110
DIE „SCHWABENLAND” IM KRIEGSEINSATZ

Flekkefjord mit starker Schlagseite und Leck an treue Schiff dann schnell über das Heck in der
der Steuerbordseite mittschiffs. Die Besatzung groben See, in der Nordsee, wo sie am tiefsten
war bis auf die Schiffsführung bereits von Bord. ist. Die Mütze in der Hand stand ich noch eine
Wir versuchten, das Schiff leer zu pumpen, was Weile da. Man war seltsam verschlossen, man
uns auch mit viel Mühe gelang. Danach war heulte nicht, man betete nicht und man fluchte
M/ S ,Schwabenland' wieder schwimmfähig nicht, man setzte langsam die Mütze auf und -
und unser Auftrag erfüllt. Das Abdichten des lebte weiter. Jawohl!
Lecks und das Abschleppen des Schiffes wurde Ein neuer Lebensabschnitt mußte jetzt ange-
von einem anderen Kommando übernommen. fangen werden, das war sicher. Vorbei war das
Es gelang, das havarierte Schiff am Egersund Leben auf der schönen, weiten und grausamen
auf Strand zu setzen und später nach Oslo zu See, zerschlagen war die Heimat, Schiffahrt,
schleppen. Das nicht mehr reparable Schiff Reederei und die Flagge.
wurde ab 7. Februar 1945 als Wohnschiff im Einige Übergangsstationen für mich ins Le-
Oslofjord eingesetzt, später in Oslo-Sandvik, ben an Land waren dann: Lagerarbeiter, Tisch-
wo es das Kriegsende erlebte. lergehilfe, Holzschnitzer und Wachmann im
Hafen, nicht immer angenehm, aber immerhin
ernährend.
Das Ende: Versenkt im Skagerrak 1949 bringt mich eine grausame Rippenfell-
und Lungenentzündung von halbjähriger Dau-
Wie alle Männer der Handelsmarine, die nicht er fast um. Stark wertgemindert lerne ich lang-
der Kriegsmarine angehörten und keine Soldaten sam wieder gehen. Das Geld war fast alle,
waren, wurde der „Schwabenland"-Kapitän Al- Krankenkassen etc. zahlten nichts mehr. Da
fred Kottas interniert. Er glaubte nicht, sein nicht nimmt mich eine Kaffeefirma als Vertreter an,
mehr reparaturfähiges Schiff je wiederzusehen. für die weitläufigen, westlichen Randgebiete
Doch er sollte sich irren. Anfang Dezember 1946 von Hamburg, dort wo die reine Luft weht. Das
holte man ihn plötzlich und für ihn überraschend war mein Glück. Schwer und langsam ging es
aus dem Internierungslager, brachte ihn auf die vorwärts; aber jetzt ernährt mich meine Arbeit
bis in den letzten Winkel mit Gasmunition voll- und auf Befragen male ich es noch rosiger. Jam-
beladene „Schwabenland” und befahl ihm, sein mern finde ich blöd, und Mitleid ist irgendwie
Schiff im Skagerrak zu versenken. erniedrigend.
Wie schwer es Kapitän Kottas fiel, seine Alles wird für mich darauf ankommen, wie
„Schwabenland” auf Befehl und unter Aufsicht lange ich noch laufen und arbeiten und eventu-
der Engländer mit seiner tödlichen Fracht zu ell noch etwas ersparen kann.
versenken, schilderte er in einem noch erhalte- Das ist das erste Mal, daß ich über das Ende
nen Brief vom 17. Dezember 1952 an den Chef der ,Schwabenland' geschrieben habe. Es gab
der Deutschen Lufthansa: aber auch keine Stelle, wohin man berichten
„Sehr geehrter Herr Dr. Hädrich! oder wo man sich melden konnte ... " 36

In meinen 12 Dienstjahren bei der Deutschen Seit der Kapitän diesen Brief verfaßt hatte,
Lufthansa von Februar 1935 bis Juni 1947 waren lebte er noch fast 17 Jahre völlig zurückgezogen
auch für mich die Friedensjahre die schönsten in Hamburg-Eppendorf. Er starb im Alter von
unvergeßbaren Zeiten. 84 Jahren und wurde am 13. Juni 1969 um 12
Die ,Schwabenland' war mir, dem Junggesel- Uhr mittags auf dem Ohlsdorfer Friedhof in
len, eben alles. Sie war nicht nur mein Schiff, Hamburg beigesetzt.
nein, sie war mein Heim, meine Arbeit, mein Über seinen Tod berichtete die in Hamburg
Arbeitsfeld, auf dem ich mich austoben konnte. erscheinende Zeitung Die Welt in der Ausgabe
Und zum Schluß, am 31. Dezember 1946, vom 13. Juni 1969 auf der Lokalseite Hamburg
mußte ich ,sie' auf Order vom Feind noch ver- unter der Uberschrift „Kapitän Kottas gestor-
senken mit widerlichstem Giftgas, 7.500 Ton- ben”. In der einspaltigen, gerade mal 28zeiligen
nen ekelhaftestem Stoff, der uns manchmal in Notiz wird unter anderem erwähnt, daß M/S
Nase, Schlund und Augen spürbar war. Das „Schwabenland” unter Führung von Alfred
war schon bittere Medizin, aber sie mußte noch Kottas Kaiserpinguine für den Berliner Zoo aus
geschluckt werden. der Antarktis mitgebracht hatte. Doch über die
Während des Untergangs der ,Schwabenland' großartige Leistung der Forscher, Flugzeugfüh-
stand ich ganz für mich allein auf dem Schlep- rer und Luftbildner, die zur Besitzergreifung
per, der uns an Bord genommen hatte, meistens von Neu-Schwabenland in der Antarktis führ-
das Doppelglas vor den Augen, vielleicht um te, wird kein Wort verloren.
,ihr' irgendwie näher zu sein. Zuerst noch auf Warum? Weil die Expedition zur Zeit Dritten
ebenem Kiel, langsam vollaufend, versank das Reiches stattgefunden hatte?

111
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND
„OPERATION HIGHJUMP” DER US-MARINE

Die Menschen im besiegten, zerbombten, zer-


Die Hinterlassenschaft des Zweiten Weltkrieges störten, mehrfach geteilten Deutschland, in den
Trümmerstädten, den ausgebrannten Häusern,
War die Deutsche Antarktische Expedition haben im Krieg vieles, manche alles verloren.
1938 / 39 unter Alfred Ritscher selbst schon vor Jetzt stehen sie vor einer ungewissen Zukunft.
Ausbruch des Krieges kein großes Thema gewe- Die meisten der aus dem deutschen Osten in
sen - zunächst aus Gründen der Geheimhaltung, den Westen geflohenen Menschen besitzen nur
dann aus politisch-diplomatischen Erwägungen noch das, was sie auf dem Leibe tragen, sie hau-
heraus -, so denkt nach 1945 in Deutschland, aber sen in überfüllten Flüchtlingslagern, in Mas-
auch in vielen anderen Ländern der Welt nie- senquartieren oder in den Kellern halbzerstör-
mand mehr an diese großartige Unternehmung ter Häuser. Mehr als eine Million deutscher Sol-
auf dem sechsten Kontinent am Ende der Welt. daten befindet sich noch in russischer, amerika-

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e
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

nischer, britischer oder französischer Gefan- halb von Berlin an einem unbekannten Ort ein-
genschaft. Ganz zu schweigen von den Millio- geäschert. Beides war für die Amerikaner nicht
nen toten deutschen Soldaten und Zivilisten, nachprüfbar, so daß Zweifel berechtigt erschie-
die von ihren Hinterbliebenen betrauert wer- nen.
den. Die erste große Zeitschrift in den USA, die
Das ist die Hinterlassenschaft des Zweiten den Tod Adolf Hitlers in Frage stellte, war das
Weltkrieges für das Deutsche Reich, das als Ver- Magazin TIME in New York. In der Ausgabe
lierer aus dem gigantischen globalen Ringen vom 7. Mai 1945 veröffentlichte sie eine Ge-
hervorgegangen ist. Viele Deutsche erwartet schichte, die die Diskussion über die Frage von
nichts Gutes, sie fürchten Schlimmes — wehe Tod oder Leben und den möglichen Verbleib
den Besiegten! Hitlers nicht nur in den USA, sondern weltweit
Adolf Hitler und sein Reichspropagandami- anheizte.
nister Joseph Goebbels, die zwei wichtigsten Das Magazin behauptete, daß der in Berlin
Männer des Dritten Reiches, hatten sich noch von den Russen aufgefundene Leichnam Hit-
vor dem Zusammenbruch durch Freitod dem lers nicht der Führer Adolf Hitler gewesen sei,
Zugriff der Alliierten entzogen. Die anderen sondern ein Doppelgänger von ihm mit dem
Verantwortlichen des Dritten Reiches aus Par- Namen August Wilhelm Bartholdy, ein Lebens-
tei, Politik, Wehrmacht, SS, Polizei, Wirtschaft mittelhändler aus Plauen im Vogtland. Dieser
und Arzteschaft werden bei Kriegsende oder Mann solle eine verblüffende Ahnlichkeit mit
danach von den Besatzungsmächten verhaftet Adolf Hitler gehabt haben und sei für seine
und in Nürnberg, der ehemaligen „Stadt der Doppelgängerrolle intensiv geschult worden.
Reichsparteitage der NSDAP”, in 13 Prozessen Danach habe man ihn in der zweiten Aprilhälf-
wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die te 1945 nach Berlin gebracht, um ihn im hel-
Menschlichkeit, Planung und Führung eines denhaften Einsatz die Reichskanzlei verteidi-
Angriffskrieges und Mitgliedschaft in einer ver- gen zu lassen, während der richtige Adolf Hit-
brecherischen Organisation angeklagt. Am 6. ler die lange geplante Flucht ins Ausland ange-
Oktober 1945 wird die Anklage erhoben, am 20. treten habe.
November 1945 beginnt der Prozeß, und am 1. I mmer neue Versionen vom Überleben Hit-
Oktober 1946 ergehen die Urteile: zwölfmal To- lers in Berlin und seiner Flucht erschienen
desstrafe, dreimal lebenslängliche Haft und groß aufgemacht in amerikanischen Zeitun-
drei Freisprüche. Die zum Tode Verurteilten gen, stets davon ausgehend, Hitler habe den
werden am 16. Oktober 1946 hingerichtet. Krieg überlebt und ihm sei die von langer
Hand vorbereitete Flucht aus Berlin ins Aus-
land gelungen.
Amerika sucht Adolf Hitler An dieser Informationsflut zum Thema Hit-
ler-Flucht beteiligte sich auch eine chilenische
Martin Bormann, dem „Sekretär Hitlers”, wie Zeitung, die behauptete, Hitler, Eva Braun und
er sich selbst nannte, glückte nach dem Freitod einige Getreue des Führers, unter anderem
des Reichskanzlers am 1. Mai 1945 noch der auch Martin Bormann, wären am 30. April 1945
Versuch, aus dem eingeschlossenen Berlin aus- von Berlin-Tempelhof nach Tondern geflogen.
zubrechen. Somit konnte er sich der drohenden Von dort habe sie eine andere Maschine nach
Verhaftung entziehen. Er war unauffindbar und Kristiansund in Norwegen gebracht. Hier habe
galt als „verschollen”. War ihm möglicherweise bereits seit dem 24. April eine Gruppe deut-
doch noch die Flucht aus Deutschland gelun- scher U-Boote gewartet, die Hitler und seine
gen? Begleitung schließlich an Bord genommen und
Doch wo Bormann tatsächlich geblieben war, nach Südamerika gebracht hätten.
dafür interessierten sich nur wenige. Und der
Reichskanzler Adolf Hitler selbst war für die
meisten Deutschen tot. „Kommandant, Sie haben Hitler versteckt!”
Nicht aber für die Amerikaner. Sowohl die
Medien als auch die breite Öffentlichkeit in den Deutsche U-Boote, die sich angeblich in großer
USA zeigten ein ungewöhnlich großes Interes- Zahl kurz vor Kriegsende aus deutschen Häfen,
se am Schicksal Adolf Hitlers. vor allem aber von Norwegen aus, nach Süd-
Zweifel wurden laut über die Angaben der amerika abgesetzt hatten, spielten trotz Man-
Russen, die vor den Amerikanern in Berlin ge- gels an Beweisen in den Spekulationen, die US-
wesen waren, daß sie tatsächlich den toten amerikanische, argentinische und chilenische
Adolf Hitler gefunden hätten, sowie an ihrer Zeitungen über die Hitler-Flucht verbreiteten,
Aussage, sie hätten die Leiche Hitlers außer- den Schwerpunkt.

114
„OPERATION HIGHJUMP” DER US-MARINE

'
Am frühen Morgen des 17. August 1945 pas- scher Offiziere vorgeführt, einer Untersu-
siert etwas Unvorhergesehenes: Nach 66tägiger chungskommission, die eigens nach Argentini-
Unterwasserfahrt taucht das deutsche U-Boot en angereist war, um den ,mysteriösen Fall von
U 977, das mit dem Walter-Schnorchel über ei- U 977' aufzuklären. Diese Herren waren hart-
ne der neuesten Schnorchelanlagen für Lang- näckig.
zeittauchgänge verfügt, vor der argentinischen ,Sie haben Hitler versteckt! Reden Sie schon!
Küste auf. Noch außerhalb der Dreimeilenzone Wo steckt er?'
läßt der Kommandant Heinz Schaeffer durch Da ich ihnen nichts anderes sagen konnte, als
Lichtzeichen an die Signalstelle „German Sub- ich bereits den Argentiniern gegenüber erklärt
marine” absetzen. hatte, wurden sie ungeduldig; denn draußen in
Kurze Zeit später treffen das Minenräum- der Welt verursachte die Reise meines Bootes
boot „Py 10” und zwei Unterseeboote bei i mmer noch Schlagzeilen. Keine Zeitung er-
dem gestoppt liegenden deutschen U 977 ein. kannte die große Leistung einer der ersten Un-
Auf Englisch teilt man Schaeffer mit, daß ein ternasser-Langstrecken-Fahrten der Kriegsge-
Kommando an Bord kommen würde. Ein schichte an. Alle Berichte, Informationen, Re-
Motorkutter wird zu Wasser gelassen, er portagen, Spekulationen und zusammengelo-
bringt das Kommando, bestehend aus einem genen Geschichten drehten sich immer wieder
Offizier, einem Unteroffizier und mehreren um das gleiche Thema: ,Hitler-Verstecker Heinz
Matrosen, zu dem U-Boot. An Oberdeck Schaeffer'.
macht der deutsche U-Boot-Kommandant Dieser aber stand zur Wahrheit und brachte
dem argentinischen Offizier Meldung und die Herren in Harnisch, die da unbedingt an-
geleitet ihn auf den Turm. Der argentinische hand seiner Informationen den längst totgesag-
Offizier erläutert seine Aufgabe, das Boot un- ten Führer noch fangen wollten. Um mich unter
versehrt in den Hafen von Mar del Plata zu stärkeren Druck setzen zu können, veranlaßten
bringen. Schaeffer befehligt zum letzten Mal sie meine Verbringung in die USA. Meine
sein Boot U 977. Mannschaft und mein braves Boot ,U 977' folg-
Nach der Ankunft im Hafen werden Schaeffer ten nach.
und seine Besatzung als Kriegsgefangene der Ich landete in einem Lager für prominente
argentinischen Flotte auf den Kreuzer „Belgra- Kriegsgefangene in Washington, wo sich hohe
no” gebracht; sie werden dort gut unterge- deutsche militärische Persönlichkeiten befan-
bracht und verpflegt, Schaeffer erhält eine Offi- den. Wochenlang wurde mir immer und im-
zierskabine. Am Nachmittag wird Heinz mer wieder von den Amerikanern der Satz
Schaeffer dem Stützpunktkommandanten vor- entgegengeschleudert: ,Sie haben Hitler ver-
gestellt, es ist mehr eine Unterhaltung als ein steckt!' Wochenlang versuchte ich nachzuwei-
Verhör, sie wird in Englisch geführt. sen, wie unsinnig dieses ganze Gerede war.
Der argentinische Flottenchef sagt zu, die ihm Schlüssige Beweise konnte ich ebenso wenig
von Schaeffer ausgehändigten Unterlagen und vorlegen, wie man mir andererseits etwas
Dokumente weiterzugeben; er gehe davon aus, nachzuweisen vermochte. Nachdem in Wa-
daß diese schnellstens von seiner vorgesetzten shington meine Angelegenheit klargestellt
Stelle geprüft würden, was auch geschieht. war, die Behandlung war keinesfalls unkor-
Doch da passiert etwas Sensationelles, was rekt, wurde ich nach Deutschland verschifft,
die Weltpresse auf den Plan ruft. Heinz Schaef- landete aber in Antwerpen, da alle deutschen
fer berichtet darüber in seinen Erinnerungen: Häfen mit beschlagnahmten Schiffen überfüllt
„Die argentinischen Behörden überzeugten sich waren.
von der Richtigkeit meiner Angaben. Doch Hier nahmen mich die Engländer in Emp-
während diese Untersuchung schwebte, be- fang, steckten mich in ein Gefangenencamp für
gann die Zeitung ,El Dia' in Montevideo eine ,schwere Fälle' und versuchten noch einmal
verhängnisvolle Kampagne im Sinne der Be- das, was die Amerikaner zuvor vergeblich ver-
hauptung, daß Hitler an Bord meines U-Bootes sucht hatten. Auch diese Vernehmungen über-
nach Patagonien und dann in die Antarktis ge- stand ich. Nach weiteren erfolglosen Bemühun-
flohen sei. Man kann sich denken, wie diese Ge- gen, von mir zu erfahren, wo ich Hitler ver-
schichte in der ganzen Welt wirkte. Das Stich- steckt hätte, wurde ich entlassen.”'
wort aus Montevideo wurde überall aufgegrif- Heinz Schaeffer war wieder in Deutschland.
fen. Sensationsberichte überfluteten die Welt- Doch er blieb nicht lange. 1950 kehrte er seiner
presse. Ich saß indessen in Gefangenschaft und Heimat den Rücken und wanderte nach Argen-
war zum Schweigen verurteilt. tinien aus. Dort schrieb er unter dem Titel LT
Eines Tages gab es eine Überraschung. Ich 977: Geheimfahrt nach Südamerika ein auf-
wurde einer Gruppe hoher angloamerikani- schlußreiches Buch über seine Erlebnisse.

115
Oben links: Admiral Byrd (rechts) plant einen Aufklärungs- Bild unten: Das dem Konvoi der Mittelgruppe angegliederte
flug. Hinter ihm drei seiner engsten Berater (v.l. n. r.): Kapitän U-Boot „Sehnet” erwies sich als deutlicher Hemmschuh: Im
zur See G.F. Kosco und Fregattenkapitän C.M. Campbell, im Packeis des Rossmeeres stellte sich dessen Manövrierunfähigkeit
Vordergrund Kapitän zur See H.R. Horney, Byrds Stabschef. heraus, weshalb es wie hier immer wieder aus riskanter Lage
befreit werden mußte. Schließlich diente „Sehnet ” im offenen Oben rechts: Eine Douglas-Maschine startet zur Basisstation
Wasser der Scott-Insel als Wetterstation. „LittleAmerica `: Unten: US-Marinesoldaten testen in der Wal-
Oben Mitte: Sechs große Flugzeuge Douglas R4D hatte der bucht ein 16 Tonnen schweres Amphibienkettenfahrzeug, das
Flugzeugträger „Phillipine Sea " an Bord. sowohl im Wasser als auch an Land und auf Eis operieren kann.

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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

während des Krieges in Neu-Schwabenland


Hitler in Neu-Schwabenland? festgesetzt und einen militärischen Stützpunkt
errichtet haben könnten So sollen Heinz Sie-
Der amerikanische Polarforscher Richard Eve- wert und Richard Wehrend, die Teilnehmer an
lyn Byrd, der vor den Teilnehmern der Deut- der Deutschen Antarktisexpedition 1938 / 39
schen Antarktischen Expedition 1938 / 39 einen waren, berichtet haben, daß sie auch noch nach
Vortrag gehalten hatte, war nach dem Zweiten Beendigung der Expedition auf der „Schwa-
Weltkrieg zum Admiral der US-Marine aufge- benland” gedient hätten, um verschiedene Aus-
stiegen. Er sammelte alles, was über die Ant- rüstungsgegenstände in die Antarktis zu brin-
arktis und insbesondere über Neu-Schwaben- gen. Merkwürdigerweise werden Siewert und
land in den Gazetten veröffentlicht wurde. Das Wehrend in diesem Zusammenhang als „Sol-
Thema interessierte aber auch höchste Kom- daten” zitiert.
mandostellen der US-Marine. Hier hatte man Einen zweiten Hinweis gibt es angeblich von
die Vernehmungsprotokolle „U 977 - Korn- Großadmiral Karl Dönitz. Noch im Jahr 1944 soll
mandant Heinz Schaeffer” besonders aufmerk- er als Chef der U-Boot-Flotte und Oberbefehls-
sam studiert. Hatte Schaeffer tatsächlich die haber der deutschen Kriegsmarine in einer An-
Wahrheit gesagt, die volle Wahrheit? sprache vor U-Boot-Fahrern versichert haben:
Der südamerikanische Journalist Ladislao „Die deutsche U-Boot-Flotte ist stolz darauf, daß
Szabo, ein Argentinier, der sich ebenfalls inten- sie für den Führer in einem anderen Teil der Welt
siv mit dem Thema auseinandergesetzt und ein irdisches Paradies errichtet hat, eine unein-
gründlich recherchiert hatte, lenkte die Auf- nehmbare Festung.” Diese Aussage des späteren
merksamkeit der Offentlichkeit, auch die der Hitler-Nachfolgers bezogen die Amerikaner auf
USA, im Jahre 1947 auf sein Buch Hitler estd vi- Neu-Schwabenland. Dönitz erklärte nach dem
vo (Hitler lebt). In ihm geht der Autor der Fra- Krieg, er habe diese Aussage nie gemacht.
ge nach einem „neuen Berchtesgaden in der Das Zitat wurde durch den israelischen
Antarktis” nach. Dem Buch ist ein Vorwort von Schriftsteller und ehemaligen Geheimagenten
Clemente Cimorra vorangestellt, der versichert, Michael Bar-Zohar überliefert. In seinem Buch
daß die Argumente Szabos „wirklich beein- The Avengers (Die Rächer) schreibt er außer-
druckend” seien, denn nun wisse man, daß der dem: „Im März 1945 wurde dem State Depart-
„schwarze Vogel Hitler” seine Flügel über 14 ment in Washington ein ausführlicher Bericht
Millionen Quadratkilometer der weißen un- unterbreitet, in dem es hieß: ,Das Nazi-Regime
schuldigen Unendlichkeit des antarktischen hat genaue Pläne für die Verfolgung seiner
Kontinents ausgebreitet habe. Szabo behauptet, Doktrin und der Herrschaft nach dem Krieg.
daß nach der Deutschen Antarktischen Expedi- Einige dieser Pläne sind schon zur Wirkung ge-
tion 1938 /39 das Flugzeugstützpunktschiff langt.”`
„Schwabenland” auf Anordnung des späteren Die Amerikaner jedenfalls scheinen ent-
Großadmirals Karl Dönitz in der Antarktis das schlossen zu sein, der Sache auf den Grund zu
„neue Berchtesgaden” aufgebaut habe. Dorthin gehen. Ihre folgenden Schritte jedenfalls legen
sei Hitler mit seiner Frau, seinen Kindern und den Schluß nahe, daß sie davon überzeugt sind,
seinem Hofstaat - sie seien mit einem U-Boot- daß in der Antarktis eine Gefahr heranwächst,
Konvoi dorthin gebracht worden - geflüchtet. die beseitigt werden müsse. Möglicherweise
Abschließend fordert der Autor die „Großen glaubten sie sogar tatsächlich, daß Hitler sich in
Vier”, die Regierungschefs der USA, Großbri- Neu-Schwabenland aufhielt. Sollte dies der Fall
tanniens, Frankreichs und der Sowjetunion, gewesen sein, so dürften sie sich durch Szabos
auf, den versteckten deutschen Diktator sofort Veröffentlichung im nachhinein in ihrer An-
zu suchen und festzunehmen. Das sei eine Ge- nahme bestätigt gefühlt haben.
wissensaufgabe, um die Wiederkehr des Nazis-
mus zu verhindern.
Obwohl Szabos Publikation von Halbwahrhei- Mit einer US-Armada in die Antarktis
ten, Unwahrheiten und Spekulationen strotzt,
erregte sie Aufsehen in Südamerika, in den USA Bereits im Sommer 1946 laufen in den USA die
und, nachdem Presseagenturen darüber berich- Vorbereitungen für die größte Antarktisexpedi-
tet hatten, in der ganzen Welt. Hitler in Neu- tion an, die jemals durchgeführt wurde. Unter
Schwabenland?! Niemand konnte das beweisen. dem Decknamen „Operation Highjump” plant
Es gab allerings auch keinen Gegenbeweis. die US-Marine offiziell die Erprobung von
Die Amerikaner waren aber bereits zuvor auf Mannschaften und Material unter so extremen
anderen Wegen auf Aussagen gestoßen, die Bedingungen, wie sie nur in antarktischen Re-
vermuten ließen, daß sich die Deutschen gionen zu finden sind. Die Expedition hat somit

118
„OPERATION HIGHJUMP” DER US-MARINE

vorrangig militärischen Charakter. Die Ent- Die Ostgruppe unter Kapitän zur See George
deckungen und wissenschaftlichen Erkenntnis- J. Dufek besteht aus der „Brownson”, einem
se, die man sich dabei erhofft, stehen in diesem weiteren Zerstörer, dem Treibstofftanker „Cani-
Kontext. steo” und dem Flugbootmutterschiff „eine Is-
Wie wichtig den Amerikanern das bevorste- land” ebenfalls mit drei Flugbooten und drei
hende Unternehmen zu sein scheint, ist bereits Flugbootbesatzungen. Diese Gruppe beginnt
anhand der Zusammensetzung der Planungs- ihre Fahrt in San Diego und San Pedro, Kalifor-
kommission zu ersehen, der höchstrangige Of- nien, und nimmt via Marquesas-Inseln Kurs
fiziere der US-Marine angehören: der Chef der auf die Balleny-Inseln.
US-Marine, Admiral Chester W. Nimitz, Vi- Hinzu kommt ein Flugzeugträger. Es handelt
zeadmiral Forrest P. Sherman und Konteradmi- sich um die „Philippine Sea”, eines der größten
ral Roscoe F. Good. Konteradmiral H. Cruzen und modernsten Kriegsschiffe der US-Marine,
wird die Detailplanung übertragen, Marine- das erst am 29. Dezember 1946 in Norfolk aus-
staatssekretär James V. Forrestal die Feder- läuft und etwa einen Monat später zu der Mit-
führung. telgruppe dazustoßen wird. Es hat sechs Flug-
Mit dabei ist selbstverständlich Admiral Ri- zeuge, große Douglas-Eindecker vom Typ R4D,
chard Evelyn Byrd. Als einziger ranghoher Ma- sowie Hubschrauber an Bord.
rineoffizier mit Polarerfahrung wird er im Auf- An Bord der insgesamt 13 Schiffe werden sich
trag der US-Marine die „Operation Highjump” sage und schreibe 4.000 Mann befinden: Marine-
in Vertretung von Admiral Nimitz befehligen. infanteristen, Seeleute, Bordpersonal und eini-
Für Byrd ist es die fünfte von ihm persönlich ge Wissenschaftler. Letztere setzen sich neben
geleitete Polarexpedition, und es ist seine erste ein paar Zivilforschern vor allem aus Speziali-
Expedition, die, abgesehen von einigen Heeres- sten vom Heer und von der Marine zusammen,
und Zivilbeobachtern, ausschließlich unter Be- aber auch staatliche Stellen sind beteiligt wie
teiligung von Marineleuten verläuft. der Geological Survey, der Fish and Wildlife
Nach gründlichen Beratungen wird ent- Service und der Coast and Geodetic Survey. Für
schieden, wie sich die Schiffskonvois, die im alle Expeditionsmitglieder wird Proviant für
antarktischen Sommer, spätestens im Dezem- acht Monate mit auf die Reise genommen. Zu-
ber 1946, auf die Reise ins ewige Eis geschickt züglich zu den Flugzeugen, Transportmaschi-
werden sollen, zusammensetzen werden. Die nen und Fernaufklärern, sowie Hubschraubern
„Operation Highjump” wird durch den Flot- werden Planierraupen, Zugmaschinen, Gelän-
tenverband Task Force 68 ausgeführt. Flagg- defahrzeuge und sonstiges technisches Gerät
schiff und zugleich allgemeines Verbindungs- mitgeführt.
schiff ist die „Mount Olympus”, die auch die Unklarheit bestand bei den Planern der „Ope-
Mittelgruppe unter Konteradmiral Cruzen, ei- ration Highjump” anfänglich darüber, ob diese
ne der drei Einsatzgruppen, anführt. Admiral Expedition den Medien und damit der ameri-
Byrd geht am 2. Dezember 1946 an Bord dieses kanischen Offentlichkeit als „wissenschaftli-
Schiffes. Es kommen noch die Eisbrecher che” oder als „militärische” präsentiert werden
„Northwind” und die erst frisch vom Stapel solle. Die offizielle Sprachregelung deutete auf
gelaufene „Burton Island”, die bewaffneten ein „sowohl als auch” hin: „Material- und
Frachter „Yancey” und „Merrick” sowie das Mannschaftserprobung unter antarktischen Be-
U-Boot „Sennet” hinzu. Dieser Konvoi startet dingungen”.
von Norfolk, Virgina, bzw. Port Hueneme und Richard Byrd veröffentlicht im Oktober 1947
San Diego, Kalifornien, aus, fährt durch die in dem weltweit anerkannten National Geogra-
Kanalzone zur Scott-Insel und weiter zur Wal- phic Magazine einen fast 100 Seiten umfassen-
bucht. Diese gilt als eine der günstigsten An- den Bericht über die von ihm geleitete Expedi-
kerstellen der Antarktis. Von hier aus lassen tion. Unter der Überschrift „Our Navy Explores
sich Flüge bis über den Südpol hinaus unter- Antarctica” (Unsere Marine erforscht die Ant-
nehmen. arktis) schreibt er, daß sie dazu gedacht war,
Die von Kapitän zur See Charles A. Bond dem amerikanischen Volk zu demonstrieren,
kommandierte Westgruppe setzt sich zusam- daß die Marine nicht allein kriegsentscheiden-
men aus dem Zerstörer „Henderson”, dem den Charakter trage, sondern auch in Zwi-
Treibstofftanker „Cacapon” und dem Flug- schenkriegszeiten unerläßlich sei.38 Illustriert ist
bootmutterschiff „Currituck”, das drei Flug- der Beitrag mit Fotos von Schwimmpanzern,
boote mit drei Flugbootbesatzungen an Bord Kettenfahrzeugen, Bulldozern, Soldaten, Flug-
hat. Diese drei Schiffe beginnen ihre Reise in zeugen und Hubschraubern, die bei der „Ope-
Norfolk und fahren durch die Kanalzone zur ration Highjump” in der Antarktis zum Einsatz
Peter-I.-Insel. kamen.

119
Oben: Für„Gods own country" wird auf„LittleAmerica"die schinen R4D überflog Admiral Richard Byrd am 15./16 Fe-
US-Flagge gehißt. Sie wurde nie wieder heruntergeholt. Nach bruar 1947 den Südpol. Was den Motor- und Heizungsausfall
Beendigung der „ Operation Highjump " flatterte sie weiter über sowie weitere Unannehmlichkeiten an den völlig intakten Flug-
dem verlassenen Basislager. Unten: Mit zwei dieser Douglas Ma- zeugen unterwegs verursachte, blieb ungeklärt.
Oben: Jedes Flugbootmutterschiff hatte für Erkundungen der Mitte: Wertvolle Zeit ging verloren, weil sich die Eisbrecher —
Küstenbereiche und für Inlandsflüge drei Flugboote an Bord. Im hier die „Northwind” (links im Bild) — mühsam durch das
Bild das Deck der zur Ostgruppe gehörenden „eine Island`”. Packeis des Rossmeeres kämpfen mußten.

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4 N ±`

r m.

Unten: Erst Ende Januar 1947 erreicht die Mittelgruppe des „Little America `; wo ihre Basisstation errichtet wird. Am
an der .. Oteration Hi(fhiumv " beteili(ften Konvois ihr Ziel 23. Februar wird diese schließlich wieder aufgegeben.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Der Durchführungsplan für die „wissen- rierenden Gruppen sollen sich während ihrer
schaftlich-militärische” Operation sieht vor, Mission mit ihren je drei Schiffen von 90° West
daß sich die drei Einsatzgruppen wie folgt aus in östlicher bzw. von den Balleny-Inseln aus
aufteilen: Die von Admiral Byrd geleitete in westlicher Richtung an der Küste entlangbe-
Mittelgruppe soll die Scott-Insel ansteuern wegen, und zwar soweit, bis sie gemeinsam ei-
und auf dem schon während früherer Expe- nen Kreis um den Kontinent geschlossen ha-
ditionen genutzten Stützpunkt „Little Ameri- ben. Ziel und Treffpunkt ist die Gegend um den
ca” im McMurdo-Sund ein Basislager samt Nullmeridian, jenes Gebiet also, in der das Kö-
Flugfeld errichten, um von dort aus Erkun- nigin-Maud-Land zu finden ist, das Neu-
dungs- bzw. Fotovermessungsflüge in das Schwabenland beinhaltet. Kurzum, das Ziel
unbekannte Innere der Antarktis unterneh- dieser „Einkreisung eines Kontinents”, wie
men zu können. Die West- und die Ostgrup- Byrd selbst sich ausdrückt, ist
39 es, ihn „von drei
pe haben beide die Aufgabe, in ihrem jewei- Fronten her zu attackieren".
ligen Bereich die antarktische Küste zu er- Die drei Schiffe der Westgruppe treffen kurz
kunden und von den Flugbootmutterschiffen nach Weihnachten 1946 nördlich der Balleny-
aus Flüge ins Landesinnere zu unternehmen. Inseln ein, unmittelbar vor dem südlichen Po-
Sie sollen im Bereich der westantarktischen larkreis. Ein paar Tage vor Silvester sind auch
Küste und der Antarktischen Halbinsel bzw. die drei Schiffe der Ostgruppe an ihrem Ziel-
im Bereich der Küste der Ostantarktis Wetter- punkt, der Peter-I.-Insel, versammelt. Der Ein-
station errichten und die Flugoperationen satz der Mittelgruppe in der Antarktis beginnt
überwachen. einen Tag vor Neujahr.
Grob gesehen ist dies die Aufgabenstellung Um auf die Frage „wissenschaftlich oder mi-
für die „Operation Highjump”, deren Vorberei- litärisch” zurückzukommen: Bemerkenswert
tung und Organisation mit großer Eile, beinahe ist, daß die Medien bei der Planung und der
überhastet, vorangetrieben werden mußte, da Realisierung der Expedition eine nicht ganz
hierfür nur äußerst wenig Zeit zur Verfügung unbedeutende Rolle spielen. Elf Korrespon-
stand. So wurden etwa keine Testflüge mit den denten fahren mit in die Antarktis: neun Zei-
Douglas-Flugzeugen durchgeführt, obwohl es tungsreporter und zwei Rundfunkleute. Ver-
die größten waren, die je von einem Flugzeug- treten sind die drei großen internationalen
träger aus gestartet werden sollten. Dies sollte Presseagenturen Reuters, AP und UPO, mehre-
den Technikern später vor Ort noch manch re große Zeitungen und führende Rundfunk-
Kopfzerbrechen bereiten. Weshalb diese Aufge- stationen. Dieser Medienaufwand ist für eine
regtheit so kurz nach der siegreichen Beendi- rein wissenschaftliche Expedition völlig unge-
gung des Zweiten Weltkrieges? Welchen neuen wöhnlich und bestätigt, daß hinter dem mit
Krieg hatten die USA im Auge, wenn Byrd da- Kriegsschiffen, Marinesoldaten und Flugzeu-
von spricht, daß er sich und die Marine „zwi- gen durchgeführten Unternehmen tatsächlich
schen den Kriegen” sieht? mehr steckt.
Zunächst ist zur Kenntnis zu nehmen, daß Was die Amerikaner tatsächlich in der Ant-
Neu-Schwabenland in dem Bericht des Admi- arktis erreichen oder entdecken - oder sogar
rals keinerlei Erwähnung findet. Das scheint bekämpfen - wollen, darüber kann nur speku-
nur logisch, denn das von Alfred Ritscher 1939 liert werden. Muß nicht hinter diesem unge-
entdeckte Land liegt den von den drei Byrd- wöhnlich großen Aufwand von Kriegsschiffen,
Gruppen im Pazifischen Ozean angesteuerten Flugzeugen und Soldaten für eine angeblich
Inseln - der Peter-I.-Insel, der Scottinsel und „wissenschaftliche Expedition” mehr stecken
den Balleny-Inseln - genau gegenüber, auf der und welches Ziel hatten die USA in der Ant-
entgegengesetzten Seite des antarktischen Kon- arktis tatsächlich im Visier?
tinents: im Atlantisch-Indischen Südpolar-
becken in der Nähe des Weddellmeers. Zwi-
schen der Scott-Insel und Neu-Schwabenland Unvorhergesehene Zwischenfälle
beträgt die direkte Entfernung gut 4.000 Kilo-
meter, die kürzeste Entfernung ist die zur Peter- Während sich die Konvois zum Teil noch auf
I.-Insel, doch selbst das ist noch eine Strecke dem Weg in die Antarktis befinden, wird am
von reichlich 3.000 Kilometer Luftlinie - Entfer- 26. Dezember 1946 von britischer Seite be-
nungen, die mit Flugzeugen wie den mitge- kannt gegeben, daß eine britisch-norwegische
führten auch nicht annähernd zurückzulegen Expedition in den Südpolargewässern der Ba-
gewesen wären. hia Marguerite unterwegs sei und Admiral
Der Operationsplan enthält jedoch folgendes Byrd zur Unterstützung zur Verfügung stehe.
interessantes Detail: Die beiden am Rand ope- Weitere acht Nationen, darunter auch Ruß-

122
„OPERATION HIGHJUMP” DER US-MARINE

land und Kanada, sind zur gleichen Zeit satzungen im ewigen Eis zurückgelassen wer-
zwecks Klima- und Wetterstudien in der Ant- den mußten.
arktis tätig. Sind diese Länder von den Ame- Diese Angaben stimmen mit den oben ange-
rikanern vorab über den Grund ihrer „Opera- führten Daten für das Eintreffen der Konvois -
tion Highjump” und deren Ziel informiert Ende Dezember 1946 - nicht überein. Am Bei-
worden? spiel der gesamten Einsatzzeit des Flaggschiffs
In inoffiziellen Darstellungen über die Byrd- „Mount Olympus” sei die tatsächliche Dauer
Expedition ist meist unisono die Rede davon, des Aufenthalts in der Antarktis verdeutlicht.
daß der Admiral bereits drei Wochen nach Ein- Das Schiff war am 2. Dezember 1946 in Norfolk
treffen in der Antarktis den plötzlichen Ab- ausgelaufen. Es hatte am 10. Dezember die Ka-
bruch der „Operation Highjump” sowie die nalzone passiert und war am 30. Dezember na-
sofortige Rückkehr aller Schiffe in die USA be- he der Scott-Insel eingetroffen. Am 14. Januar
fiehlt. Als Zeitpunkt wird allgemein der 3. 1947 war die Ross-Eisbarriere gesichtet worden.
März 1947 angegeben. Der Abbruch nach so In der Zeit vom 22. Januar bis 6. Februar 1947
kurzer Zeit soll fast panikartig erfolgt sein, so hatte die „Mount Olympus” in der Walbucht
daß angeblich neun Flugzeuge mit ihren Be - festgemacht, und am 13. Februar war sie wie-

Flugrouten der drei Einsatzgruppen. Insgesamt sollen 64 Fotoflüge unternommen worden und dabei 70.000
Luftbilder entstanden sein. Auch das Gebiet von Neu-Schwabenland (Pfeil) wurde beflogen.

123
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

der in der Nähe der Scott-Insel. Vom 7. bis 14. stoffdämpfe erfüllten das Cockpit. Dann be-
März lag das Schiff in Wellington vor der Küste gann die Maschine zu meckern, es folgte ein
von Neuseeland, um genau einen Monat später völliger Motorausfall. Niemand konnte sagen,
wieder Heimatgewässer zu erreichen: die Ost- weshalb. Nachdem zu einem anderen Tank um-
küste der USA. Am 14. April 1947 wurde Ad- gestellt worden war, sprang der Motor wieder
miral Byrd in Washington von Marinestaatsse- an. Die Fenster beschlugen von innen und fro-
kretär Forrestal und Marine-Chef Admiral Ni- ren in wenigen Augenblicken zu, die Scheiben
mitz empfangen. mußten pausenlos mit Messern freigekratzt
Was ist hierzu bei Byrd selbst zu lesen? Der oder mit Alkohollösung freigerieben werden.
Leiter der „Operation Highjump” schreibt Ziel des Fluges war es, herauszufinden, was
rückblickend von großen Schwierigkeiten, vor sich im Gebiet auf der Südamerika zugewand-
die sich die Mittelgruppe aufgrund von Wetter- ten Seite des Südpols befindet. Byrd schreibt
unbilden und der extrem ungünstigen Eislage — darüber: „Insgesamt hatten wir an die 25.000
die mit Abstand schlechteste in diesem Jahr- Quadratkilometer des ,Landes hinter dem Pol'
hundert — gestellt sah. Es dauert bis Ende Janu- beflogen. Wie zu erwarten, wenn auch etwas
ar, bis man sich per Eisbrecher durch das stark enttäuschend zu berichten, gab es nichts Beob-
vereiste Rossmeer hindurchgearbeitet hat und achtenswertes hinter dem Pol. Nur die sich von
bis der Flugzeugträger „Philippine Sea” die einem Horizont zum anderen hinziehende
Schelfeiskante erreicht, von wo aus die Erkun- weiße Wüste. "42

dungsflüge mit den sechs R4D unternommen Gegen Mittag des nächsten Tages, nach einem
werden sollen. Auf diese Weise geht ein Gutteil mehr als zwölf Stunden andauernden Flug, ka-
des antarktischen Sommers und damit etliche men die beiden Flugzeuge nach „Little Ameri-
Wochen besten Flugwetters verloren. Auch ma- ca” zurück. Die Piloten waren erschöpft. Die
chen es die Eisverhältnisse erforderlich, das Ge- Kälte, aber auch der Sauerstoffmangel durch
biet eher als geplant wieder zu verlassen, um die beständig eingeatmeten Alkoholdämpfe
kein Risiko einzugehen und keine Schiffe zu hatten ihnen arg zugesetzt.
verlieren. Am 6. Februar anstatt wie geplant Wäre ihnen bei ihrem Vorstoß in Richtung
Mitte März wird die Flucht Richtung Norden Königin-Maud-Land „Beobachtenswertes von
angetreten, „bevor wir auch nur einen einzigen dritter Art” begegnet, Byrd würde kaum dar-
großen Flug unternommen hatten " . 40 über berichtet haben. Immerhin gibt der Ex-
Es war kalkuliert worden, daß das Gesamt- peditionsleiter offiziell zu, daß es im Verlauf
programm für die Mittelgruppe, gute Sicht für des Unternehmens Todesfälle gab. Beginnen
die Luftbilder vorausgesetzt, mit 25 Einzelflü- wir mit dem tragischsten Ereignis, das Byrd
gen zu bewältigen sein würde. Am Ende waren auch selbst erwähnt und von dem es in sei-
29 Flüge absolviert worden, von denen Byrd 17 nem Bericht heißt: „Lichtphänomen verur-
als erfolgreich und drei als teilweise erfolgreich sacht Tragödie". 43 Es spielte sich im Bereich
einstufte. Die restlichen neun brachten kein der Ostgruppe ab. Von dem Flugbootmutter-
nennenswertes Resultat; Byrd macht Schlecht- schiff „eine Island” aus wurden mit dem
wetter und technische Mißstände hierfür ver- Flugboot „George One” verschiedene Erkun-
antwortlich. dungsflüge durchgeführt. Von Beginn an war
Selbst der von dem Admiral als eine der größ- es ständig im Einsatz, jedesmal mit einer an-
ten Leistungen der „Operation Highjump” ein- deren Mannschaft. Als es am 30. Dezember
gestufte Flug über den Südpol verlief alles an- 1946 um 2.24 Uhr zu seinem dritten Rundflug
dere als reibungslos. Die US-Marine sah eine innerhalb kürzester Zeit startete, waren neun
der Hauptaufgaben der Expedition darin, bis Männer an Bord: Leutnant Ralph Paul Le-
über den Pol hinaus „ins ,Gebiet der Unzu- Blanc als Pilot, Leutnant William H. Kearns
gänglichkeit', ins große Unbekannte" 41 vorzu- als Copilot, der Navigator Ensign Maxwell
stoßen. Mit zwei Douglas-R4D verließ Byrd Lopez, die beiden Flugfunker Wendell K.
„Little America” am 15. Februar kurz nach 23 Hendersin und James H. Robbins, die Flug-
Uhr. Die Flugzeuge waren stark überladen. Um mechaniker Frederick Warren Williams und
den Pol überhaupt erreichen und sicher wieder William George Henry Warr, der Luftbildner
zum Basislager zurückkehren zu können, muß- Owen McCarty und schließlich der Kapitän
ten allein 40 Prozent mehr Treibstoff als üblich der „Pine Island”, Henry Howard Caldwell,
getankt werden; hinzu kam die schwere Aus- der als Beobachter mitflog. Das Wetter sah al-
rüstung. les andere als vielversprechend aus, als man
Unterwegs sank die Temperatur rapide. Die in südwestlicher Richtung über ansteigendes
Heizung in einem der beim Start völlig intakten Eis hinflog, erinnerte sich Kearns später. Die
Flugzeuge und der Autopilot streikten, Treib- Sicht war schlecht, und es war kein Horizont

124
„OPERATION HIGHJUMP” DER US-MARINE

mehr auszumachen. Man wußte nicht, ob es Am 18. Januar traf die „eine Island” mit dem
Nebel, Dunst oder Schnee war, durch den Zerstörer „Brownson” zusammen, der die
man steuerte. Das Glas des Cockpits fing an überlebenden Opfer der Katastrophe zur
zuzufrieren. Der Einsatz des an Bord befind- „Philippine Sea” brachte, von der aus sie
lichen Enteisers zeigte keinerlei Wirkung. zurück in die USA gelangten. Die Männer ge-
Plötzlich gleißte helles Licht auf, so als sei nasen, nur LeBlanc mußten noch auf dem
man mit dem Flugzeug in ein Wolkenloch ge- Flugzeugträger, zwei Wochen nach der Ret-
flogen, durch das mit einemmal die Sonne tung, beide Beine wegen Erfrierungen ampu-
hervorbrach. Die feinen Eiskristalle auf der tiert werden.
Scheibe verwandelten sich in Zigtausende Auf Byrds zahlreichen früheren Expeditionen
glitzernde Punkte. Was die Orientierung zu- hatte es nie auch nur einen einzigen vergleich-
sätzlich erschwerte, war die Tatsache, daß die baren Zwischenfall gegeben. Wie schon gesagt,
Bordinstrumente sich widersprechende Anga- er erwähnt die Tragödie in seinem Bericht, geht
ben lieferten. Es war höchste Zeit umzukeh- aber nicht in dieser Ausführlichkeit auf sie ein.
ren. Nachdem Kearns den etwas ermüdeten Was von ihm hinsichtlich unvorhergesehener
LeBlanc am Steuer abgelöst hatte, wurde ge- Zwischenfälle noch zu erfahren ist, betrifft nur
wendet. Da gab es plötzlich einen Ruck, der die lapidare Information über ein gebrochenes
die ganze Maschine erschütterte. Wahrschein- Bein des Biologen Jack Perkins und immer wie-
lich hatte sie an einem Berghang Bodenkon- der technische Mängel, die gerade auf Flügen
takt bekommen. Kearns zog sofort nach oben. Schwierigkeiten verursachten. Beispiel: „Bald
Was dann folgte, war eine Explosion. „Geor- gerieten wir in schlechtes Wetter mit null Sicht,
ge One” wurde in vier Stücke gerissen. und zehn Minuten später44 hatten wir ein Leck in
Drei Männer, Hendersin, Williams und Lo- der Benzinleitung."
pez, überlebten den Absturz nicht. McCarty, Ein weiteres Unglück passierte am 21. Januar
Warr, Robbins und Caldwell krochen, nachdem kurz nach der Ankunft des Frachtschiffes „Yan-
sie lange Zeit später wieder zu sich gekommen cey” am Ross-Schelf eis. Ein Schlepper hatte auf
waren, mit mehr oder weniger leichten Verlet- dem Eis eine Last zu befördern, was wegen der
zungen aus den Trümmern. Kearns, der sich Bodenbeschaffenheit Schwierigkeiten bereitete,
zum ersten Mal in seiner Fliegerlaufbahn nicht so daß einige Männer Hand anlegen mußten.
angeschnallt hatte, war aus seinem Sitz ge- Dabei geriet der erst seit sieben Monaten bei
schleudert worden und landete im Schnee. Nur der Marine dienende Vance Woodall mit dem
LeBlanc steckte noch in dem brennenden rechten Arm und dem Kopf in die Transport-
Wrack, er wurde von seinen Kameraden befreit vorrichtung, was ihm in der Folge die Wirbel-
und überlebte ebenfalls. säule zertrennte und ihn sofort tötete. Hiervon
Mit Hilfe von Nahrungsmittelresten und schreibt Byrd nichts, der Fall ereignete sich im
Überlebenspaketen, die man im Laufe der fol- Bereich der Mittelgruppe, dort, wo er auch
genden Tage zwischen den Resten des Flug- selbst stationiert war.
bootes hervorzog, richtete man sich an der Un- Auch daß hier nur einen Tag später ein für
glücksstelle ein. Die Brandwunden machten den Start vorbereiteter Hubschrauber von dem
LeBlanc derart zu schaffen, daß er ins Delirium Flugzeugträger „Philippine Sea” ins eisige Was-
fiel, das größte Problem war der Mangel an ser fällt, ist aus seiner Feder nicht zu erfahren.
Trinkwasser. Unmittelbar nachdem die Maschine abgehoben
Die Suche nach den Vermißten konnte auf- hatte, verlor der Pilot die Kontrolle über sie -
grund des schlechten Wetters erst nach eini- als Ursache wird eine plötzliche Böe angegeben
gen Tagen aufgenommen werden. Auch gab -, und der Helikopter wurde über Bord gefegt.
es Probleme, die beiden anderen Flugboote, Der Pilot konnte jedoch mit einem Rettungs-
„George Two” und „George Three”, flugfähig boot geborgen werden.
zu bekommen. Schließlich konnte gestartet Gibt es Dinge, die Byrd darüber hinaus ver-
werden, doch mußten verschiedene Testflüge schweigt? Gelegentlich liest man davon, daß
und Suchaktionen zwischen dem 5. und 9. Ja- bereits in den ersten Tagen nach der Ankunft in
nuar aufgrund diverser Widrigkeiten immer der Antarktis vier Flugzeuge samt ihren Besat-
wieder vorzeitig abgebrochen werden. Zwei zungen spurlos verschwunden sein sollen. Der
Tage später wurden die völlig entkräfteten Versuch einer Klärung, wo sie geblieben wären,
Männer endlich gefunden, etwa 20 Kilometer hätte kein Ergebnis gebracht. Und wie verhält
von einer eisfreien Wasserstelle entfernt, von es sich mit jenen neun Flugzeugen, die bei Be-
wo aus sie schließlich geborgen werden konn- endigung der US-amerikanischen Antarktis-
ten. Doch auch hier verzögerten Schneefall mission samt ihren Besatzungen im ewigen Eis
und Nebel die Rettungsaktion noch erheblich. zurückgelassen worden sein sollen?

125
Mit Amphibienfahrzeugen ging es auf eine Sechstageexpedition ins Inland. Byrd war überzeugt davon,
daß man eines Tages mit Motorkraft über Land zum Pol fahren könne.

Mit Hilfe von Stahl und Schnee wird eine Eisspalte überbrückt. „Litte America " erhält ein Flugfeld aus gepreßtem Schnee,
von hier aus werden 29 Aufklärungsflüge bis weit ins Landesinnere hinein unternommen.

Der Oberbefehlshaber der „ Operation Highjump "Admiral Byrd befand sich an Bord des Flaggschiff „Mount Olympus”

(oben). Hier wird es von Marinesoldaten mit der Achterleine festgemacht. Rechte Seite: Die bewaffneten Frachter „Merrick
(im Hintergrund) und,, Yancey" haben in der Walbucht unweit der Basisstation festgemacht und werden entladen.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

später als „ein Land von blauen und grünen


Eine „höchst erfolgreiche Expedition” Seen sowie braunen Hügeln in einer ansonsten
endlosen Weite aus Eis " .46
Tatsächlich wurde „Little America” am 23. Fe- Auf einem weiteren Flug einige Tage nach
bruar 1947 aufgegeben, und die Schiffe aller der Entdeckung wurde die Oase, die Byrd als
drei Einsatzgruppen verließen Anfang März die bei weitem wichtigste geographische Ent-
die antarktischen Gewässer. Der Polarwinter deckung der Expedition einstuft, schließlich
hatte begonnen. genauer untersucht. Drei große Seen und 20
„Die Expedition war insgesamt höchst erfolg- kleinere Wasserflächen wurden gezählt. Auf
reich”, resümiert Admiral Richard Byrd. 45 Was einem der großen Seen konnte mit dem Flug-
waren die wissenschaftlichen Errungenschaf- boot ohne weiteres gewassert werden. Für ant-
ten, die er im Anschluß an seine von der US- arktische Verhältnisse hatte er sogar relativ
Marine in Auftrag gegebene Mission zu verbu- warmes Wasser, wie sich duch Eintauchen der
chen hatte? Hand feststellen ließ. Man vermutete unterir-
Insgesamt wurden 64 Forschungsflüge dische thermische Aktivität, was jedoch nicht
durchgeführt, auf denen 70.000 Luftbildauf- nachgewiesen werden konnte. Der See war
nahmen von der Antarktischen Küste und von voller Algen von roter, blauer und grüner Far-
einzelnen Inlandregionen des Kontinents ent- be, die der Seenlandschaft ihr charakteristi-
standen sein sollen. Dieses Ergebnis wird als sches Erscheinungsbild gaben. Als man das
die größte Leistung der Expedition gewertet. Wasser vor Ort einer näheren Untersuchung
Mit einem gewissen Stolz gibt Byrd an, daß unterziehen wollte, stellte sich jedoch heraus,
während der Flüge ein Gebiet erkundet wurde, daß keine technische Vorrichtung hierfür vor-
das halb so groß ist wie das der USA. Die Auf- handen war. Sogar die Temperatur mußte ge-
zählung der Errungenschaften liest sich wie ein schätzt werden, da man nicht daran gedacht
Kapitel aus dem Guinness-Buch der Rekorde: hatte, ein Thermometer mitzunehmen. An
Tausende Kilometer Küstenlinie kartiert; neue Bord des Flugbootes fand sich aber schließlich
Inselgruppen, Halbinseln, Inseln und Seen ent- eine leere Flasche, so daß immerhin eine Probe
deckt; einige der größten Gletscher der Erde abgefüllt werden konnte. Wie sich später her-
gefunden und fotografiert; zehn neue Bergket- ausstellte, handelte es sich um Brackwasser
ten, darunter einige der höchsten der Erde, ent- mit einem relativ hohen Salzgehalt von zwei
deckt; Gebiet der Walbucht kartiert; Hunderte Dritteln des Ozeans. Hatte der See Zugang
bis dato unbekannte Berge und Bergspitzen ge- zum offenen Meer?
sichtet; mehr als 500.000 Quadratkilometer der Folgende weitere peinliche Begebenheit ist
Polkappe erforscht; eine Reihe von „Oasen”, überliefert: Bei dem Versuch, die 70.000
eisfreien Tälern mit Seen, entdeckt; und, und, während der „Operation Highjump” entstan-
und. denen Luftbildaufnahmen zu Kartierungs-
Eine der Entdeckungen soll besonders her- zwecken auszuwerten, stellte sich heraus, daß
vorgehoben werden, da sie auch von Byrd be- ein hoher Prozentsatz völlig wertlos war, da
handelt wird - erneut aber nicht in der hier vor- man vergessen hatte, Bodenkontrollpunkte an-
liegenden Ausführlichkeit. Einer der Piloten, zugeben. Ein Manko, das ein Jahr später, im
Leutnant David E. Bunger, war auf einem der Südsommer 1947/ 48, während einer wesent-
letzten von der Westgruppe durchgeführten Er- lich bescheideneren Expedition unter dem Na-
kundungsflüge in der Antarktis Anfang Febru- men „Operation Windmill” wettgemacht wer-
ar 1947 mitten im Eis auf ein riesiges eisfreies den sollte. Wurden die 70.000 unter hohem
Gebiet gestoßen. Diese Fläche, die später nach technischem Aufwand gemachten Fotos des-
ihrem Entdecker Bunger-Oase genannt wurde halb nicht an die große Glocke gehängt? Byrd
und etwa 750 Quadratkilometer mißt, ist für jedenfalls tut es nicht. Und weshalb gab es nach
polare Verhältnisse schwer zugänglich, obwohl der Rückkehr der - um einige Köpfe dezimier-
sie von der Küste nicht sehr weit entfernt liegt. ten - 4.000 Marinesoldaten weder eine offiziel-
Es ist verwunderlich, daß sie bei ihrer Größe le Pressekonferenz noch Interviews mit Admi-
nicht schon auf früheren Antarktisexpeditionen ral Byrd oder anderen Expeditionsteilnehmern?
entdeckt wurde. Entsprechend mager fiel das Presse-Echo über
Die Bunger-Oase gilt als eine der eigentüm- die größte Antarktisexpedition aller Zeiten, die
lichsten und schönsten Landschaften in der „Operation Highjump” der USA 1946 /47, auch
Antarktis. Sie ist völlig eisfrei und weist durch aus.
eine erhöhte Strahlungsbilanz des freiliegenden Übrigens: Die Westgruppe war bei ihren Er-
Gesteins im Vergleich zur Umgebung ein rela- kundungen tatsächlich wie vorgesehen bis zum
tiv mildes Mikroklima auf. Bunger beschrieb sie Nullmeridian vorgestoßen, wie die Karte der

128
„OPERATION HIGHJUMP” DER US-MARINE

Antarktis zeigt, auf der die Flugrouten einge- Einsamkeit und Hunger steht in der Tradition
tragen sind (siehe Karte S. 123). Im Bereich der der Marine beinahe ebenso hoch wie der gegen
Ostgruppe ist in diesem Bereich - also vor dem feindliche Flotten. " 49 Wo der Poet vage bleibt,
Königin-Maud-Land bzw. vor Neu-Schwaben- soll nicht willkürlich hineininterpretiert wer-
land nur ein kurzer Flug verzeichnet, weit ab- den. Und daß sich Byrd einer Rhetorik bedient,
geschlagen von den anderen von der Ostgrup- die mit der Militärsprache entlehnten Meta-
pe im Küstenbereich unternommenen Erkun- phern angereichert ist, das ist wohl seinem Be-
dungen, die sich auf Gebiete in der Nähe der ruf geschuldet.
Mittelgruppe und vor der Antarktischen Halb- Der Admiral verheimlicht indes nicht, daß er
insel beschränken. Offensichtlich hatte sie es zumindest die Arktis (Nordpol) als potentielles
nicht geschafft, in der vorgesehenen Weise mit Schlachtfeld sieht. So räsoniert er etwa sehr
der Westgruppe zusammenzutreffen. Waren deutlich: „Es ist darüber diskutiert worden, ob
auch hier Wetterkapriolen schuld? der Flugzeugträger, der eine so außerordentlich
Neben den geographischen Entdeckungen wichtige Rolle in unserem Krieg im Pazifik ge-
geht Byrd auf die Untersuchungen im Bereich spielt hat, mit der Entwicklung größerer Flug-
der Physik, Chemie, Geologie und Biologie ein. zeuge und ihrer Möglichkeit, größere Distan-
Leider sei die Arbeit der Wissenschaftler etwa zen zu bewältigen, nicht zu einer obsoleten
im Zusammenhang mit der Erforschung des Waffe geworden ist.
Erdmagnetismus, der kosmischen Strahlung Warum, so könnte man fragen, einen Träger
oder verschiedener Sonnenlichtphänomene nur nehmen statt eines Bombers, der 8.000 Meilen
sehr eingeschränkt möglich gewesen. Als am Stück schafft? Es dürfte wenige Ziele geben,
Grund gibt er Zeitmangel und Transport- die mehr als 4.000 Meilen entfernt liegen. Doch
schwierigkeiten an. muß man sich als generelle Regel stets vor Au-
Was wird zur Erprobung von Mannschaften gen halten: Je kürzer die zu fliegende Strecke,
und Material ausgesagt? Hier werden techni- desto größer die zerstörerische Fracht.” Und er
sches Gerät und neue Instrumente in den Vor- schlußfolgert: „Die kürzeste Entfernung zwi-
dergrund gerückt, die unter extremen Bedin- schen der Neuen und der Alten Welt verläuft
gungen getestet wurden: angefangen von den quer über den Arktischen Ozean und die Nord-
Eisbrechern mit 6.600 BRT und einer Leistung polarzone. Es ist vorherzusehen, daß hier eines
von 10.000 PS, die selbst in relativ starkem der großen Schlachtfelder künftiger Kriege zu
Packeis Manövrierfähigkeit bewiesen, über die finden sein wird. "50 Und insofern sei der Erfolg
Hubschrauber, die sich für die Vorauserkun- von „Operation Highjump” nicht zuletzt da-
dung der Eislage bewährten, bis hin zu eiswas- hingehend zu verstehen, daß 'die hier in der
sertauglichen Schwimmanzügen, die zum Teil Antarktis gewonnenen Erkenntnisse auch für
während des Krieges zur Rettung von Han- kriegerische Auseinandersetzungen in der Ark-
delsschiffsmannschaften eingesetzt gewesen tis von großem Nutzen sein würden.
waren oder die man in anderer Ausführung Zur Antarktis selbst äußert sich Richard Byrd
speziell für eine für Herbst 1945 geplante Inva- etwas verhaltener, indem er auf dort vermute-
sion Japans entwickelt hatte. Außerdem wurde te Naturressourcen - Kohle, 01 und Buntmetal-
von Marinesoldaten der Einsatz von Amphi- le - verweist: „Eines Tages wird es wohl mög-
bienkettenfahrzeugen getestet, die sowohl auf lich sein, das Unterste des Erdballs zu Geld zu
normalem Grund als auch auf Eis und im Was- machen.' Und an anderer Stelle schreibt er:
ser operieren können. Mit solchen 16 Tonnen „Ich empfehle dringend, daß die nächste große
schweren Fahrzeugen wurde eine Sechstagerei- Polarexpedition ein von Heer und Marine ge-
se von insgesamt 450 Kilometern unternom- meinsam durchgeführtes Projekt sein sollte.”'
men. Byrd, der dies als eines der wichtigsten Mit diesen Aussagen wird der militärische
Experimente der Expedition einstuft, ist in sei- Charakter der von Byrd kommandierten „Ope-
nem Bericht davon überzeugt, daß man früher ration Highjump” noch einmal unzweifelhaft
oder später mit Motorkraft über Land zum Pol unterstrichen. Die Hoffnung des Admirals ging
fahren wird. 47 in der Tat lange Zeit, im Grunde bis zu seinem
Abgesehen von der konkreten, sehr ausführ- Tod, dahin, daß eine noch größere, kombinier-
lichen Aufzählung der gemachten Entdeckun- te Marine /Heer-Expedition in die Antarktis
gen und sonstigen Erfolge bemerkt man Anzei- entsandt werden würde. Doch Byrds Vision
chen von Zurückhaltung: „Es gibt viele Ge- wird niemals Wirklichkeit. Eine weitere ameri-
heimnisse hinter den glitzernden Schutzwällen kanische Antarktisexpedition vergleichbaren
aus Eis und den weißgetünchten Kulissen aus Ausmaßes kommt nie zustande, nicht zu Leb-
Nebel und sturmgepeitschtem Schnee. " 48 Oder: zeiten des Admirals und auch nicht nach sei-
„Der Kampf gegen Sturm, Entfernung, Kälte, nem Tod.

129
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Nach sorgfältiger Vorbereitung startete Ende Sowohl die „Norsel"-Expedition mit norwe-
1949 das norwegisch-britisch-schwedische Ge- gischen, schwedischen und britischen Wissen-
meinschaftsunternehmen mit dem norwegi- schaftlern (1949-52) als auch das französische
schen Robbenfangschiff „Norsel” in die Ant- Antarktisunternehmen (1950-53) glaubten, die
arktis. Die Royal Air Force stellte leihweise Anwartschaft auf die erste Nachkriegsexpediti-
zwei Auster-Flugzeuge mit der dazugehörigen on in die Antarktis erheben zu können. Doch sie
Besatzung zur Verfügung. Südwestlich von irrten: Es waren russische Wissenschaftler.
Kap Norwegia, auf dem Riiser-Larsen-Schelf-
eis, das fest zu sein schien, richtete die Expedi-
tion ihr Hauptlager Maudheim ein. Hier über- Die friedliche Besetzung
winterte die 15köpfige Gruppe sechs Monate von Neu-Schwabenland
lang in einem Gefühl der Sicherheit. Nach eini-
ger Zeit stellten die Wissenschaftler jedoch fest, Nach Kriegsende entsandte die Sowjetunion ei-
daß sich das gesamte Gebiet, einschließlich ih- ne großangelegte wissenschaftliche Expedition
res Lagers, bedingt durch die Gezeiten ständig in die Antarktis, die ein besonderes Ziel auf dem
um einen Meter hob und senkte. Diese Er- sechsten Kontinent hatte: das 1938 / 39 von Al-
kenntnis zwang sie zur Einrichtung einer zwei- fred Ritscher entdeckte Neu-Schwabenland. Be-
ten Station, die mit Hilfe von drei Motorschlit- reits während der dritten deutschen Antarktis-
ten 300 Kilometer landeinwärts errichtet wurde expedition hatten sich russische Walfangschiffe
- Ausgangspunkt für verschiedene Schlittenrei- im Südpolarmeer aufgehalten und die deut-
sen, die mit dem Ziel geologischer und glet- schen Aktivitäten mit Interesse beobachtet. Sie
scherkundlicher Untersuchungen erfolgten. waren auch präsent, als 1946 / 47 die USA mit
Eisdeckenmessungen entlang eines Profils Admiral Richard Byrd, mit einem Flugzeugträ-
vom Hauptlager Maudheim zum zweiten La- ger, mehreren weiteren Schiffen und einem Heer
ger und darüber hinaus weiter nach Süden von Marinesoldaten ausgerüstet, im Gebiet der
zeigten, daß unter der Eisoberfläche ein stark Antarktis sichtbar Stärke demonstrierten. Dies
zerschnittenes Gebirgsland mit zahlreichen mag die Sowjetunion, die sich im kalten Krieg
Fjorden lag. Im Hauptlager wurde hauptsäch- mit den Amerikanern fühlte, bewogen haben,
lich auf meteorologischem Gebiet gearbeitet. sich ebenfalls in der Antarktis festzusetzen, um
Während der gesamten Expeditionszeit wur- den sechsten Kontinent nicht allein den USA zu
den Wetterkarten gezeichnet und 650 Radio- überlassen. Vielleicht hatten die Russen bei der
sondenaufstiege durchgeführt. Eroberung der Reichshauptstadt Berlin tatsäch-
Gegenüber Vorkriegsexpeditionen war die lich auch Fotos erbeutet, die bei der Deutschen
norwegisch-britisch-schwedische Antarktisex- Antarktischen Expedition 1938 / 39 angefertigt
pedition besser und moderner ausgestattet, sie worden waren, womit sich auch das besondere
verfügte auch über einen größeren „Fuhrpark” Interesse an Neu-Schwabenland erklären ließe.
an Motorschlitten. Dieses mechanisierte Trans- Mit professionellen Aktivitäten und beachtli-
portwesen barg aber auch Gefahren. Im Febru- chem personellen und materiellen Aufwand er-
ar 1951 fiel ein Motorschlitten über eine Eis- richtete die Sowjetunion 1961 in der Region der
klippe und riß drei Expeditionsmitglieder mit Schirmacheroase auf dem Schelf eis die For-
sich; sie ertranken. schungsstation „Lasarew”. Später wurde sie in
Mit zwei Flugzeugen an Bord erschien im De- die Schirmacheroase selbst umgesetzt und in
zember 1951 das Expeditionsschiff „Norsel”, um „Nowolasarewskaja” umbenannt. Die Station
die Expeditionsmitglieder abzuholen. Bevor das wurde fast ständig erweitert, und später gab
Schiff im Januar 1952 auf Heimatkurs ging, wur- man auch der Deutschen Demokratischen Re-
de das Gebiet, in dem die Expeditionsteilnehmer publik die Möglichkeit, in unmittelbarer Nähe
gearbeitet hatten, von den beiden Flugzeugen die Station „Georg Forster” einzurichten, deren
aus fotogrammetrisch aufgenommen. Versorgung die sowjetische Station „Nowolasa-
Fast zur gleichen Zeit hatte auch Frankreich rewskaja” übernahm. „Georg Forster” diente ab
den Versuch unternommen, eine Expedition in 1976 als Ausgangsbasis für umfangreiche geo-
die Antarktis zu entsenden. Der erste Versuch physikalische, glaziologische, meteorologische
1949 scheiterte jedoch. Schweres Treibeis ver- und geodätische Forschungen in der Schirma-
hinderte die Landung im Adelieland. Erst ein cheroase selbst sowie in den südlich gelegenen
Jahr später, im Februar 1950, gelang der erneu- Gebirgsketten des Wohlthatmassivs. Die Stati-
te Versuch. 1953 kehrten die letzten französi- on wurde 1996 aus Kostengründen geschlossen
schen Expeditionsmitglieder aus der Antarktis und komplett abgebaut.
zurück, sie hatten vorwiegend geophysikali- Zu den friedlichen Besetzern von Neu-
sche und meteorologische Arbeiten verrichtet. Schwabenland, insbesondere der Schirma-

132
DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND UND DIE ANTARKTIS

cheroase, gehörten nach den Russen die Süd- heißt den ursprünglichen zwölf Unterzeichner-
afrikanische Union mit der Station „Sanae” und staaten oder jenen Vertragsstaaten, denen auf-
Indien mit der Station „Dakshin Gangotri”. grund erheblicher wissenschaftlicher For-
Auch die Japaner richteten im Bereich der schungsarbeiten in der Antarktis der Konsulta-
Schirmacheroase ein temporäres Lager ein, das tivstatus zuerkannt worden ist. Hierzu gehört
„Azuka Camp”. seit März 1981 auch die Bundesrepublik
Deutschland. Mit ihrer Aufnahme in die Kon-
sultativrunde wurden die langjährigen Lei-
Der erste Rüstungsbegrenzungsvertrag stungen der deutschen Antarktisforschung, ins-
nach dem Zweiten Weltkrieg besondere die Einrichtung der ständigen For-
schungsstation „Georg von Neumayer” im Fe-
Da das Interesse von Staaten aller Erdteile an bruar 1981 in der Atka-Bucht im atlantischen
dem noch herrenlosen sechsten Kontinent von Sektor der Antarktis, gewürdigt.
Jahr zu Jahr wuchs Die Konsultativstaa-
und immer mehr ten nehmen ihre beson-
Länder Forschungs- dere Verantwortung für
stationen in der Ant- die Förderung der
arktis errichteten, Grundsätze und Ziele
unterzeichneten am des Antarktisvertrags
1. Dezember 1959, vor allem durch die Ini-
ein Jahr nach dem In- tiierung von Maßnah-
ternationalen Geo- men auf folgenden Ge-
physikalischen Jahr bieten wahr: Nutzung
1957 / 58, in Wa- der Antarktis für friedli-
shington zwölf Staa- che Zwecke, Förderung
ten, und zwar Ar- der wissenschaftlichen
gentinien, Australi- Forschung, Erleichte-
en, Belgien, Chile, rung der wissenschaftli-
Frankreich, Großbri- Von der „ Gauss ” (1901—1903) bis zur „Polarstern " chen Zusammenarbeit
tannien, Japan, Neu- (seit 1982) und zur „ Georg von Neumayer "Station zwischen den Parteien
seeland, Norwegen, (seit 1981) — 2001 wurde mit dieser Sondermarke des Antarktisvertrags
die Sowjetunion, 100 Jahren deutscher Antarktisforschung gedacht. und zwischen diesen
Südafrika und die und anderen Staaten so-
USA, den Antarktisvertrag. Nach Hinterlegung wie Erhaltung des Ökosystems der Antarktis
der Ratifikationsurkunden traten weitere 13 und des Südpolarmeers.
Staaten bei: Brasilien, Bulgarien, die Bundesre-
publik Deutschland, Dänemark, die Deutsche
Demokratische Republik, Italien, die Nieder- Keine deutschen Ansprüche
lande, Papua-Neuguinea, Peru, Polen, Rumäni- auf Neu-Schwabenland?
en, die Tschechoslowakei und Uruguay.
Zweck und Ziel des Antarktisvertrags, der am Der Bundesrepublik Deutschland war es 40
23. Juni 1961 in Kraft trat und nach den Zusatz- Jahre nach der dritten deutschen Antarktisex-
verträgen zum Schutz der antarktischen Um- pedition nicht möglich, mit ihrer neuen Ant-
welt von 1991 bis mindestens 2041 gültig ist, be- arktisforschung dort einzusetzen, wo sie 1939
steht offiziell darin, die Unversehrtheit des Ge- ihr vorläufiges Ende gefunden hatte. Dafür war
bietes südlich des 60. Breitengrades zu erhalten zu viel Zeit vergangen und das Gebiet Neu-
und es ausschließlich für friedliche Zwecke zu Schwabenland mittlerweile bereits mit For-
nutzen. Der Vertrag sichert die freie Erfor- schungsstationen anderer Länder besetzt.
schung des Gebietes zum allgemeinen Nutzen Außerdem standen noch die Ansprüche Nor-
und untersagt militärische Maßnahmen jegli- wegens im Raum, nach dessen Meinung Neu-
cher Art sowie Kernexplosionen und die Besei- Schwabenland ein Teil des Königin-Maud-Lan-
tigung radioaktiven Abfalls in der Antarktis. des ist, für das Norwegen bereits Ansprüche
Der Antarktisvertrag ist damit der erste angemeldet hatte, Ansprüche, die in den letzten
Nichtrüstungsvertrag nach dem Zweiten Welt- Vorkriegsmonaten 1939 nicht mehr hatten ge-
krieg. So gesehen hat er zugleich die erste kern- klärt werden können.
waffenfreie Zone der Welt geschaffen. Die Inbesitznahme von Neu-Schwabenland
Die verantwortliche Gestaltung des Antark- während der Deutschen Antarktischen Expedi-
tisregimes obliegt den Konsultativstaaten, das tion 1938 / 39 ist jedoch eindeutig nachweisbar

133
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

und unbestritten. Dennoch erklären heute offi- In seinem Schreiben vom 20. Januar 2004 wie-
zielle Stellen in der Bundesrepublik Deutsch- derholt das Auswärtige Amt seine Feststellung:
land, das Deutsche Reich habe in der Antarktis „Konkrete Gebietsansprüche hatte auch das
keine Gebietsansprüche erhoben. Das Auswär- Deutsche Reich nie gestellt” und bemerkt hierzu:
tige Amt erklärte auf eine entsprechende An- „Durch den Antarktisvertrag von 1959, der im
frage in einem Schreiben vom 20. Januar 2004 Jahre 1979 von Deutschland ratifiziert wurde,55ist
an den Autor: „Das frühere Deutsche Reich hat die Frage von Gebietsansprüchen überholt."
Gebietsansprüche in der Antarktis nicht erho- Obwohl in der deutschen Nachkriegsliteratur
ben, und zwar auch nicht in bezug auf das von im Grunde ausgeblendet, nimmt interessanter-
der deutschen Antarktisexpedition 1938 / 39 weise gerade eine Publikation der DDR von
entdeckte Gebiet Neu-Schwabenland. Einer 1957 Bezug zu dem Thema Entdeckung und In-
norwegischen Erklärung vom 14. Januar 1939, besitznahme von, wie es hier heißt, „Schwa-
mit der ein größeres Gebiet in der Antarktis un- benland” durch die Ritscher-Expedition
ter Einbeziehung von Neu-Schwabenland in 1938 /39. Das unter dem Titel Schwingen über
Anspruch genommen wurde, hat die deutsche Nacht und Eis herausgekommene Buch, das sich
Reichsregierung am 23. Januar 1939 widerspro- mit der Geschichte der Erforschung der beiden
chen und sich bezüglich des Gebietes Neu- Pole beschäftigt und die einzelnen Expeditio-
Schwabenland die volle Handlungsfreiheit vor- nen in jeweils einem Kapitel vorstellt, widmet
behalten, die sich aus den Grundsätzen des sich auf immerhin 16 Seiten auch der dritten
Völkerrechts ergibt. deutschen Antarktisexpedition. Zudem doku-
Konkrete Ansprüche auf das fragliche Gebiet mentieren drei Fotos das damalige Geschehen.
hat das Deutsche Reich allerdings weder da- Beachtenswert ist der Tenor des mit „Flugboot
mals noch später erhoben. Die Bundesregie- über dem Schelf eis” überschriebenen Kapitels.
rung hat lediglich im Jahre 1952 das auf der Tat- Bleibt erwartungsgemäß einerseits der Bezug zu
sache der Entdeckung gestützte Recht zur geo- einem Hitler-Deutschland vollkommen ausge-
graphischen Namensgebung für Neu-Schwa- blendet, so wird andererseits mit keiner Silbe er-
benland ausgeübt.' wähnt, daß ein anderes Land als Deutschland
Dieser Feststellung des Auswärtigen Amtes Anspruch auf die knapp 20 Jahre zuvor erkunde-
steht folgende Rechtsauffassung gegenüber: ten 600.000 Quadratkilometer antarktisches Eis
„Zeitgleich mit dem Aufenthalt der deutschen auch nur angemeldet hat. Zweifel an den beste-
Expeditionsgruppe in Neu-Schwabenland be- henden deutschen Besitzverhältnissen kommen
anspruchte Norwegen das Königin-Maud- bei der Lektüre gar nicht erst auf, wenn es etwa
Land, also den Teil der Antarktis, in dem auch heißt: „Da stehen sie nun auf einem Gebiet des
Neu-Schwabenland liegt, durch eine königliche sechsten Kontinents, das bis dahin noch kein
Resolution vom 14.01.1939 für sich. Das Mensch betreten hat."56 Oder: „Auf sieben Foto-
Reichsaußenministerium unterrichtete darauf- flügen mit einer Gesamtlänge von zehntausend
hin am 23.01.1939 den norwegischen Gesand- Kilometern wurden nicht weniger als 350.000
ten in Berlin, daß die deutsche Regierung diese Quadratkilometer unbekannten Gebietes um den
Besitzergreifung nicht anerkennen könne und Greenwich-Meridian zwischen dem Königin-
sich ,bezüglich des Gebietes die volle Hand- Maud- und dem Prinzessin-Astrid-Land karto-
lungsfreiheit vorbehalte, die sich aus den graphisch erfaßt und über mehr als 600.000 Qua-
Grundsätzen des Völkerrechts ergibt'. dratkilometer [. . .] vermessen, der Küstenstreifen
Norwegen führte als Beleg für seine Rechte zwischen 11° 30' westlicher und 20° östlicher Län-
auf das Königin-Maud-Land dessen Ent- ge." 57 Am deutlichsten wird die Bildunterschrift
deckung und Erforschung an. Entdeckung und zu dem Foto, welches das Flugboot „Boreas”
Erforschung eines Gebietes sichern dem Ent- zeigt: „Der Dornier-Wal der Ritscher-Expedition
deckerstaat aber nicht für immer, sondern nur wassert am Eisrand der Antarktis und nimmt das
für einen kurzen Zeitraum die Erwerbsrechte ,Schwabenland' in Besitz (1939)." 58
zu. Ein Staat kann demnach jeden Versuch ei-
nes anderen Staates, entdecktes Land zu ver-
einnahmen, abwehren. Macht er dies nicht, ver- Die deutschen Namen in der Antarktis
fällt der Gebietsanspruch des Entdeckerstaates.
Da Norwegen nicht gegen das Ausbringen In nüchtern-sachlicher Weise widmet sich etliche
deutscher Hoheitszeichen auf dem von ihm be- Jahre später — 1986 — auch eine vom Verlag des
anspruchten Gebiet eingeschritten war, hat es Instituts für Angewandte Geodäsie in Frankfurt
die Entdeckungen und Erforschungen abgelei- am Main herausgegebene bundesdeutsche Ver-
teten Rechte für Neu-Schwabenland nach dem öffentlichung dem Thema. In der speziell der
Völkerrecht verwirkt.”' Deutschen Antarktischen Expedition 1938/39

136
1995/96organisierte die Bundesanstalt für Geowissenschaf- birges, teilweise das südlich angrenzende Wegenerinlandeis
ten und Rohstoffe, Hannover, die GeoMaud-Expedition zur und die Schirmacheroase. Oben: Zeltlager nördlich der Pe-
geowissenschaftlichen Erforschung des Gebietes zwischen 6° termannketten im Schein des Vollmonds. Unten: Basislager
und 8 ° Ost. Hierzu zählten die Gebirgszüge des Wohlthat- der Expedition in der Schirmacheroase unweit der russischen
massivs, die östlichsten Ausläufer des Mühlig-Hofmann-Ge- Station „Nowolasarewskaja `:
Oben links: Die Station „ Georg Forster ” in der Schirmacheroase pedition 1993 in der Schirmacheroase. Solche großen Container-
wurde ab 1976 von der DDR betrieben. 1996 wurde sie von der schlitten werden von Raupenschleppern gezogen. Unten links: Mit
BRD abgebaut. Oben Mitte: Ein majestätischerAnblick: Kaiser- dem deutschen Eisbrecher „Polarstern `; hier vor der Station „ Ge-
pinguine mit Küken. Oben rechts: Während einer deutschen Ex- org von Neumayer ; wurden zahlreiche Expeditionen in die Po-
larzonen unternommen. Unten rechts: 1981 errichtete die BRD Anfang der 1990er Jahre mußte sie aufgrund von Eisbewegung
it die Forschungsstation „ Georg von Neumayer " und schuf damit die und Schneelast aufgegeben werden, zehn Kilometer vom ur-
Voraussetzung zur Aufnahme in die Konsultativrunde der An- sprünglichen Standort entfernt wurde sie im März 1992 wieder-
tarktisvertragsstaaten. Das Foto zeigt die Station im Jahr 1989. errichtet.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

gewidmeten Schrift Kartographische Arbeiten und 1.500.000” - der Ritscher-Expedition mit vielen
deutsche Namengebung in Neuschwabenland, Ant- Fehlern behaftet. Dies hing mit den Navigations-
arktis von Karsten Brunk wird zunächst ein schwierigkeiten, dem Versagen von Funkpeilun-
Überblick über die bisherigen kartographischen gen in größerer Entfernung von dem Flugzeug-
Arbeiten sowie die deutsche und ausländische stützpunktschiff „Schwabenland” und dem häu-
Namengebung in Neu-Schwabenland gegeben. figen Ausfall der Geschwindigkeits- und Höhen-
Sodann geht es um die kartographische Erfas- messer zusammen, aber auch damit, daß die
sung des unter Alfred Ritscher erstmals erkun- Windabdrift nur geschätzt werden konnte. Zu
deten Gebietes und um die Rekonstruktion der berücksichtigen ist außerdem, daß den Karto-
Flugwege seiner Expedition. Schließlich wird ei- graphen zur Auswertung der Luftbilder und zur
ne Neubearbeitung des deutschen Namengutes Herstellung einer mehrfarbigen Expeditionskar-
in Neu-Schwabenland vorgenommen. te im Zeitraum Mai / Juni 1939 nur sechs Wochen
Dem Textteil ist ein Fototeil angefügt, in dem zur Verfügung standen. Zur Aufdeckung der
erstmals insgesamt 100 Schrägluftbilder abge- Fehler war nunmehr die Rekonstruktion der
druckt sind, die zwischen dem 21. und 31. Janu- Flugwege, aber auch die Kenntnis des entspre-
ar 1939 von den beiden Flugbooten „Passat” und chenden Luftbildmaterials unabdingbar.
„Boreas” aus über dem westlichen und mittleren Im Dezember 1982 tauchten über 600 Papier-
Neu-Schwabenland gemacht worden sind. In ei- kontaktabzüge der seit Kriegsende verschollen
nem ausführlichen Anhang schließlich wird eine geltenden insgesamt 11.600 Schrägluftbilder
Liste der Namenversionen gegeben, die einen auf. Mit Hilfe dieser, nahezu alle eisfreien Teile
historischen Überblick über die Entwicklung der und große Bereiche der Schelfeisfront zeigen-
Daten des deutschsprachigen Namengutes er- den Aufnahmen konnte die Arbeit beginnen.
möglicht. Dabei werden Angaben gemacht zu Nicht zuletzt anhand der Beschriftung auf eini-
Höhe, Zweitnamen, Begründung und Datum gen der Luftbilder war es möglich, die Flugwe-
der Entdeckung bzw. Namenvergabe. ge nachzuvollziehen und die richtigen Bezie-
Die Arbeit geht von der Bestandsaufnahme hungen zwischen den Flugpolygonen und den
des deutschen Namengutes in der Antarktis aufgenommenen Objekten in der alten und in
aus, die vor allem die Erfassung der vor 1945 den neuen Karten herzustellen. So konnten die
vergebenen Namen zum Gegenstand hatte. meisten mit deutschen Namen belegten Objek-
Aus den Originalquellen, das heißt den Expe- te in den neueren norwegischen Übersichtskar-
ditionsberichten und -karten, konnten insge- ten identifiziert sowie die aktuellen Koordina-
samt 427 im Zeitraum zwischen 1873 / 74 und ten bestimmt werden.
1938 /39 vergebene Namen ermittelt werden. Was ergibt sich hieraus nun für die Namen-
Davon entfallen 96 Benennungen auf die Deut- situation im Gebiet Neu-Schwabenland heute?
sche Antarktische Expedition 1938 / 39 unter Al- Die im August 1939 erschienene „Übersichtsta-
fred Ritscher. fel von dem Arbeitsgebiet der Deutschen Ant-
Wie es heißt, seien aufgrund unzureichender arktischen Expedition 1938-39. Neu Schwaben-
Qualität der älteren Antarktiskarten im Laufe land 1 : 5.000.000” war zugleich auch die erste
der Jahrzehnte Lageverschiebungen und zum Veröffentlichung von 66 deutschen Benennun-
Teil auch erhebliche Identifizierungsschwierig- gen für in der Karte dargestellte geographische
keiten von mit Namen belegten Objekten zu Objekte. Diese waren von Alfred Ritscher be-
verzeichnen. Dies hätte zur Folge, daß noch in reits auf der Rückreise der Expedition aufgeli-
älteren Karten enthaltene Namen in den Neu- stet worden. Im Hinblick auf die Verwendung
ausgaben fehlten. Auch in den mittleren und in der Übersichtstafel wurden die Vorschläge
westlichen Gegenden von Neu-Schwabenland dem Beauftragten für die Antarktisexpedition,
würden solche Identifizierungsprobleme auf- Staatsrat Helmut Wohlthat, zur Bestätigung
treten, was unter anderem in den bisher durch- vorgelegt und von diesem bestätigt. Die zweite
geführten Korrekturversuchen der Expediti- Ausgabe der Karte von 1942 enthält neben eini-
onskarte von 1939 bzw. 1942 zum Ausdruck gen geänderten Höhenwerten noch zwei weite-
komme. Mangels von Identifizierungshilfen re Namen. Zudem weist Ritscher als Herausge-
seien diese Versuche recht unbefriedigend aus- ber auf mögliche Lageänderungen im „östli-
gefallen, was schließlich zu dem fast völligen chen Teil der Gebirgskette” hin, was später
Fehlen der deutschen Namen in den aktuellen durch die fotogrammetrische Auswertung der
norwegischen Übersichtskarten dieser Gebiete auf dem siebten Fotoflug gemachten Reihen-
geführt habe. bildaufnahmen bestätigt werden konnte. Er-
So sei auch die durch die Auswertung der fo- gebnisse, die in Folgeveröffentlichungen zu-
togrammetrischen Vermessungsflüge entstande- nächst unberücksichtigt blieben, da sie sich
ne Expeditionskarte - „Neu-Schwabenland 1 : stets auf die unkorrigierte Erstauflage stützten.

140
DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND UND DIE ANTARKTIS

Deutscherseits vorgenommene Nachkriegs- dere Nationen haben später geographischen


korrekturen, die unter anderem von Ritscher Objekten in diesem von den Deutschen erkun-
bearbeitet wurden, beschränkten sich aufgrund deten Gebiet Bezeichnungen gegeben. Von ei-
nicht verfügbarer Luftbilder auf Teilgebiete. Im niger Bedeutung ist in diesem Zusammenhang
August 1950 konnte der damalige Expeditions- die Tatsache, daß das amerikanische Namen-
leiter auf der Geodätischen Woche in Köln so- buch für die Antarktis noch bis zu seiner 2.,
wie im Juni 1951 auf der Jubiläumstagung des überarbeiteten Ausgabe mit Stand vom Januar
Archivs für Polarforschung in Kiel eine überar- 1956 die für Neu-Schwabenland existierenden
beitete Fassung präsentieren. Diese Überarbei- geographischen Namen den bis dahin erschie-
tung war insofern von Bedeutung, als sie die nenen deutschen Karten entnahm. Gegenüber
Grundlage für die von Ritscher 1952 zusam- der 1. Ausgabe vom Mai 1947 waren allerdings
mengestellten geographischen Positionen bil- mehrere deutsche Namen im westlichen Neu-
dete, eine Liste, die schließlich im Bundesanzei- Schwabenland gestrichen worden, weil diese
ger vom 5. August 1952 „amtlich bestätigt” nicht mit den neueren Kartierungen der nor-
wurde. In dieser schon am 12. Juli erfolgten wegisch-britisch-schwedischen Antarktisexpe-
„Bekanntmachung über die Bestätigung der bei dition 1949-52 übereinstimmten. Ab der 3. Aus-
der Entdeckung von ,Neu-Schwabenland' im gabe (Juni 1969) sind fast ausschließlich norwe-
Atlantischen Sektor der Antarktis durch die gische Benennungen verzeichnet.
Deutsche Antarktische Expedition 1938 / 39 er- Ihren kartographischen Niederschlag fanden
folgten Benennungen geographischer Begriffe” diese Namensentscheidungen in den verschie-
sind außerdem Begründungen für die vergebe- denen Ausgaben von Antarktiskarten der
nen Namen, 84 an der Zahl, zu finden. American Geographical Society (AGS) „Antarc-
Die Folgejahre bringen ständig Neubearbei- tica 1 : 5.000.000”. Während die Karte von 1962
tungen auch von Einzelregionen, wie des noch die gleiche Situation zeigt wie die Über-
Wohlthatmassivs oder der Küstengebiete, und sicht von Kosack von 1954, das heißt auch die
die Einfügung von Neu-Schwabenland in eine entsprechenden deutschen Namen in diesem
Arbeitskarte der gesamten Antarktis; die deut- Gebiet übernimmt, fehlen in einem weiteren
schen Vorlagen wurden im wesentlichen un- Kartenwerk der AGS von 1962 im Maßstab 1:
verändert übernommen. Hin und wieder wur- 3.000.000 sowie in der nächsten Ausgabe der
den, neuen Erkenntnissen zufolge, leichte Ver- „Antarctica” von 1965 im westlichen Teil von
schiebungen, Maßstabsverkleinerungen und Neu-Schwabenland die deutschen Namen.
Drehungen vorgenommen. Aufgrund verschie- Statt dessen wurden die norwegischen Namen
dener nach wie vor bestehender Unsicherheiten berücksichtigt. Ahnlich gestaltete sich die Si-
der Identifizierung blieb die Zuordnung einiger tuation in der Folgezeit auch bezüglich des Be-
deutscher Namen unsicher. reiches des Mühlig-Hofmann-Gebirges und der
Ab 1954 erschien die von H. P. Kosack bear- östlich bis zum Wohlthatmassiv anschließen-
beitete „Karte der Antarktis, 1 : 4.000.000” in den Gebirge, der 1958 /59 von den Norwegern
vier Blättern, die den Stand von 1953 wieder- im Luftbild festgehalten wurde.
gibt. Diese Fassung beinhaltete ebenfalls wie- Die unterlassene Übernahme der deutschen
der Änderungen bei der Zuordnung der deut- Namen in die norwegische Kartenserie „Dron-
schen Namen zu den dargestellten geographi- ning Maud Land” hängt mit den schon ge-
schen Objekten vor allem im Gebiet zwischen nannten Identifizierungsschwierigkeiten zu-
Ritscherhochland und Wohlthatmassiv, wenn- sammen. Die des Wohlthatmassivs und des Ge-
gleich die in den Übersichtskarten der Expedi- bietes bis zum Ostrand des Mühlig-Hofmann-
tion von 1938 / 39 selbst enthaltenen Mängel Gebirges sind jedoch fast lückenlos übernom-
auch hier wieder nicht bereinigt wurden. men worden. In diesem Gebirge selbst wie auch
Diese Antarktiskarte stellt die letzte deutsche im Westteil Neu-Schwabenlands hat man deut-
Bearbeitung einer Karte im Gebiet von Neu- sche Namen jedoch kaum benutzt. Allerdings
Schwabenland mit dem nahezu vollständigen kommen Ubersetzungen vor. Beispielsweise
deutschen Namengut dar. Lediglich 1957 er- wird ein Teil der Seilkopf berge in den norwegi-
schien noch eine verkleinerte Ausgabe im Maß- schen Karten als „Seilkopffjella” bezeichnet.
stab 1 : 7.500.000 mit Stand vom Mai 1956, im Größere Bemühungen bei der Verwendung
Bereich Neu-Schwabenland sind hier jedoch der deutschen Namen in Neu-Schwabenland
keine Änderungen mehr erfolgt. sind interessanterweise im sowjetischen Karten-
So also die - deutscherseits bisher nicht revi- werk zu erkennen. Mehrere Karten sind auf Be-
dierte - kartographische Situation der deut- fliegungen des Wohlthatmassivs und Umge-
schen geographischen Namen im Bereich Neu- bung im Südsommer 1959 / 60 sowie ein Jahr
Schwabenland in der Antarktis. Aber auch an- darauf im östlichen und mittleren Neu-Schwa-

141
r.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

benland hin entstanden. In einigen, zwischen die Bundesrepublik Deutschland den Konsulta-
1966 und 1972 erschienen russischen Karten sind tivstatus an, der die internationale Zusammen-
die deutschen Namen fast vollständig berück- arbeit in der Südpolarregion regelt. Mit diesen
sichtigt worden. Allerdings erscheint in man- Entscheidungen stellte die Bundesregierung die
chen Fällen die richtige Zuordnung fraglich. Weichen für die neue deutsche Antarktisfor-
Weitere Karten, die das deutschen Namengut schung, um bei der Erforschung des sechsten
in Neu-Schwabenland weitgehend berücksichti- Kontinents aktiv mitwirken zu können.
gen, waren die 1957 veröffentlichte Karte „Ant- Am 5. Februar 1979 schließlich wurde die
arctica 1 : 7.000.000” des National Geographic Ma- Bundesrepublik Deutschland einfaches Mit-
gazine und die Karte „Antarctique 1 : 5.000.000” glied des Antarktisvertrags, der Beschluß zur
des Institut Geographique National von 1969. Aufnahme Deutschlands in die Konsultativ-
Mit dem Erscheinen des sowjetischen und runde der Antarktisvertragsstaaten erfolgte
norwegischen Kartenmaterials lag gegen Ende einstimmig am 3. März 1981.
der 1960er Jahre das heute gültige Kartenbild Die Bundesregierung war sich von vornher-
Neu-Schwabenlands fast vollständig vor. Teils ein bewußt, daß die Antarktisforschung ein teu-
differierende Bezeichnungen zwischen russi- res Unternehmen werden würde, nicht nur we-
schen und norwegischen Karten konnten aller- gen der riesigen Entfernung von 14.000 Kilo-
dings nicht ausgeschlossen werden. Am stärk- metern. Daß die Bundesregierung trotz knap-
sten durchgesetzt haben sich mittlerweile die per Staatsfinanzen die Aktivierung der Antark-
norwegischen Benennungen, was stark mit der tisforschung einleitete, hat mehrere gute Grün-
Orientierung an der 3. Ausgabe des amerikani- de: Zum einen ist Deutschland ein rohstoffar-
schen Namenbuches für die Antarktis von 1969 mes Land und darauf angewiesen, an eventuell
zusammenhängt. Die 4. Ausgabe von 1981 be- vorkommenden antarktischen Ressourcen zu
stätigt diese Namenentscheidungen noch ein- 59 partizipieren. Zum anderen ist Deutschland ei-
mal, die schließlich so beibehalten wurden. ne traditionsreiche Wissenschafts- und Kultur-
nation und hat naturgemäß ein ausgeprägtes
Interesse an der Erforschung eines noch weit-
Die neue deutsche Antarktisforschung gehend unerschlossenen Kontinents oder Oze-
ans. Nicht zuletzt blickt Deutschland hinsicht-
Spät, doch nicht zu spät, erkannte die Bundes- lich der Antarktisforschung auf eine eigene Tra-
regierung die Wichtigkeit, sich an der Erfor- dition zurück, hat also auch ein historisch be-
schung der Antarktis aktiv zu beteiligen und gründetes Interesse und will daher an eigene
sich den Antarktisvertragspartnern anzu- Erfahrungen anknüpfen.
schließen, um bei einer späteren Rohstoffnut- Mit der Aufnahme in die Konsultativrunde
zung in der Antarktis ein entscheidendes Wort gehört die Bundesrepublik Deutschland zu den
mitreden zu können. Der deutsche Wiederein- Staaten, die im Gegensatz zu den „einfachen”
stieg in die Antarktisforschung vollzog sich in Mitgliedsländern das Antarktisregime verant-
mehreren Etappen. wortlich gestalten können. Dafür hat die Bun-
Bereits 1975 schickte die Bundesrepublik desrepublik Deutschland die Verpflichtung
Deutschland ihre erste Krill-Forschungsexpedi- übernommen, eine kontinuierliche Forschungs-
tion unter Beteiligung der Bundesforschungs- tätigkeit in der Antarktis vorzunehmen, insbe-
anstalt für Fischerei und des Instituts für Mee- sondere eine eigene ganzjährig besetzte For-
reskunde der Universität Kiel in die Antarktis. schungsstation als Basis wissenschaftlicher Ar-
Im Winter 1977 / 78 folgte die zweite Expedition beit aufzubauen und zu betreiben.
in Sachen Krill, gleichzeitig führte die Bundes- Am 12. Dezember 1979 verabschiedete die
anstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Bundesregierung ein Antarktisprogramm, das
(BGR) seegeophysikalische Forschungsarbeiten den Verpflichtungen aus dem Antarktisvertrag
im südlichen Weddelmeer durch. entsprach. Neben dem Aufbau einer Winter-
Währenddessen beschloß die Bundesregie- und Sommerstation und dem Bau eines Polar-
rung am 18. Januar 1978 den deutschen Beitritt forschungs- und Versorgungsschiffes wurde die
zum Antarktisvertrag. Im Mai 1978 wurde die Gründung eines Polarforschungsinstituts in der
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die Bundesrepublik vorgesehen. Für die Realisie-
für die Polarforschung eine Kommission gebil- rung des Programms bis 1983 wurden rund 300
det hatte, in das Scientific Committee an Antar- Millionen DM bereitgestellt. An der Programm-
tic Research (SCAR, Internationales Komitee für erarbeitung waren nicht nur die zuständigen
Antarktisforschung), ein Gremium von wissen- Bundesministerien, sondern darüber hinaus
schaftlichen Beratern für die Vertragsgemein- auch Bundesforschungsanstalten, Universitäts-
schaft, aufgenommen. Im Oktober 1978 strebte institute, Institute der Max-Planck-Gesellschaft

144
DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND UND DIE ANTARKTIS

sowie der Industrie beteiligt, zwischenzeitlich die Betriebskosten pro Tag betragen 33.500 Eu-
erklärten mehr als 200 deutsche Wissenschaftler ro. Das Schiff hat maximal 44 Besatzungsmit-
ihr Interesse an der Antarktisforschung. glieder und kann bis zu 70 Wissenschaftler an
Bord nehmen. Seit der Indienststellung haben
6.700 Wissenschaftler aus 35 Nationen an Expe-
Vom Unternehmen „Eiswarte” bis zum ditionen mit „Polarstern” teilgenommen.
Forschungsschiff „Polarstern” Eines der herausragenden Ereignisse des Jah-
res 1980 war zweifellos die Errichtung des Al-
Die Realisierung der Planungen für die neue fred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeres-
deutsche Antarktisforschung machte zügig forschung (AWI), das sich als „nationale Kon-
Fortschritte. Im antarktischen Sommer 1979 / 80 taktstelle für Anfragen zu Aktivitäten, wissen-
lief unter Leitung des Geophysikers Heinz schaftlichen Beobachtungen und Ergebnissen
Kohnen das Schiff „Polarsirkel” in die Antark- in der Antarktis” versteht. Es ist eine Stiftung
tis mit dem Auftrag, einen geeigneten Standort des öffentlichen Rechts und wurde benannt
für die erste deutsche Antarktisstation zu er- nach dem Geophysiker und Polarforscher Al-
kunden, deren Errichtung als eine der Bedin- fred Wegener (1880-1930). Die Stiftung AWI
gungen für die Unterzeichnung des Antarktis- hatte 1998 einen Etat von mehr als 135 Millio-
vertrags galt. Man entschied sich zunächst für nen DM und beschäftigte 680 Mitarbeiterinnen
einen Standort im Filchner-Schelfeis. Als die und Mitarbeiter.
Baumannschaft des ebenfalls von Heinz Koh- Anfang der 90er Jahre zwangen Eisbewegung
nen geleiteten Unternehmens „Eiswarte” und Schneelast zu einem Neubau der For-
1980 / 81 diesen Standort wegen ungünstiger schungsstation „Georg von Neumayer”. Im
Eisverhältnisse jedoch nicht erreichen konnte, März 1992 wurde, etwa zehn Kilometer vom
wich man zu einem Ersatzstandort im Ekström- ursprünglichen Standort entfernt, die neue Sta-
Schelfeis aus. Hier wurde am 3. März 1981 die tion fertiggestellt. Das Forschungs- und Meß-
deutsche „Georg von Neumayer"-Station als programm der Station wurde seitdem ständig
wissenschaftliches Observatorium für Geophy- erweitert und schließt auch die Erfassung des
sik, Meteorologie und Luftchemie sowie als lo- atmosphärischen Ozons mit ein.
gistische Basis für Sommerexpeditionen einge- Am 9. Januar 1999 lief die „Polarstern” mit 43
weiht. Der Namensgeber der Station, Georg Besatzungsmitgliedern und 43 Wissenschaft-
von Neumayer (1826-1909), war ein bedeuten- lern von Kapstadt zur 16. Antarktisexpedition
der Förderer der Polarforschung. aus. Neben verschiedenen Forschungspro-
Im Juli 1980 erteilte die Bundesregierung den grammen hatte diese Reise das Ziel, die auf ei-
Bauauftrag für das eisbrechende Polarfor- nem Eisberg driftende deutsche Filchner-Stati-
schungsschiff „Polarstern”, das bei den Ho- on zu bergen. Im Oktober 1998 war vom Filch-
waldtswerken-Deutsche Werft in Kiel und bei ner-Schelfeis die Eisinsel A-38 abgebrochen, die
der Werft Nobiskrug in Rendsburg gebaut und schnell in mehrere Teile, darunter die Eisberge
am 9. Dezember 1982 in Bremerhaven vom da- A-38A und A-38B, zerfiel. Auf dem 2.980 Qua-
maligen Forschungsminister Dr. Heinz Riesen- dratkilometer großen Eisberg A-38B befand
huber seiner Bestimmung übergeben wurde. sich die Filchner-Sommerstation des Alfred-
Entworfen nach Versuchen in den Eistanks der Wegener-Instituts, sie mußte abgebaut und mit
Hamburger Schiffsbau-Versuchsanstalt, gebaut der „Polarstern” abtransportiert werden.
auf den Howaldtswerken-Deutsche Werft und Die Arbeiten gestalteten sich schwierig. Erst
ausgestattet auf der Werft Nobiskrug, galt es am 7. Februar 1999 konnten die ersten 20 Ton-
bei seiner Indienststellung als das modernste nen Material von der „Polarstern” übernom-
Polarforschungsschiff der Welt. Von diesem Ruf men werden. Am 11. Februar war die Beladung
hat das Schiff bis heute nichts eingebüßt, nach der „Polarstern” mit 120 Tonnen Stationsmate-
dem es in den letzten Jahren grundlegende rial und 50 Tonnen Transportgerät abgeschlos-
Uberholungsarbeiten erlebt hat: Seit seiner In- sen. Von der Filchner-Station blieb nur noch die
dienststellung hat „Polarstern” bis Dezember im Schnee versunkene Unterkonstruktion aus
2002 insgesamt 37 Expeditionen abgeschlossen, Stahl zurück.
19 in die Antarktis, 18 in die Arktis. Bis zum 7. Die Antarktisforschung der Bundesrepublik
September 2002 hat das Forschungsschiff eine Deutschland genießt heute ein hohes internatio-
Million Seemeilen zurückgelegt. nales Ansehen, das allerdings nicht für umsonst
Der Bau des 118 Meter langen und 25 Meter erworben wurde. Nach Auskunft des Bundes-
breiten Schiffes, das einen Tiefgang von 11,21 ministeriums für Bildung und Forschung belie-
Meter hat und eine Höchstgeschwindigkeit von fen sich die Gesamtkosten allein in den Jahren
16 Knoten erreicht, kostete 100 Millionen Euro, 1994 bis 2003 auf 590 Millionen Euro.

145
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

tionsverbreitung durch das Internet Vorschub. tel des Decks einnahm. An Oberdeck war kein
Doch blieb alles, was auf den dortigen Seiten Stauraum vorhanden, auch nicht unter Deck.
verbreitet wird, bisher unwidersprochen. Die Die Fahrzeit von Hamburg nach Neu-Schwa-
heute für die Antarktisforschung zuständigen benland betrug im antarktischen Winter (März
wissenschaftlichen Institute wie auch die für bis Oktober) etwa fünf bis sechs Wochen, ein
die Finanzierung der Polarforschung zuständi- Anlegen des Schiffes an der Eiskante und Aus-
gen Ministerien sehen sich zu Stellungnahmen laden von Fracht war völlig unmöglich. Meines
gegen die im Internet verbreiteten Informatio- Wissens hat die ,Schwabenland' nach Rückkehr
nen bisher nicht veranlaßt. Nach Gründen hier- von der Antarktisexpedition Hamburg bis
für sucht man vergebens. Kriegsbeginn nicht mehr verlassen! " 60
Welche Geschichten, die nie offiziell zu erfah- Und während des Krieges? Mit welchen Auf-
ren waren, machten über die letzten Jahrzehn- gaben wurde das Schiff nach der Expedition
te aber hinter vorgehaltener Hand allmählich tatsächlich noch betraut?
die Runde? Eine der Legenden, die sich um das Es ist zu vermuten, daß Alfred Kottas, der
deutsche Land in der Antarktis rankt, berührt weiterhin als Kapitän auf der „Schwabenland”
die Frage, ob M / S „Schwabenland” Baumateri- diente, zusätzliche Törns nach Neu-Schwaben-
al nach Neu-Schwabenland gebracht haben land wohl abgelehnt hätte, zumal im antarkti-
könnte. Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, schen Winter (April bis Oktober) und mit einem
sollen die beiden „Soldaten” Heinz Siewert und überholungsbedürftigen Schiff. Die Deutsche
Richard Wehrend, beide Teilnehmer der Deut- Lufthansa, nach wie vor Eigentümer des Schif-
schen Antarktischen Expedition 1938 /39, be- fes, würde den Einwänden stattgegeben haben.
richtet haben, daß sie auch noch nach Beendi- Und schließlich: Hatte die vorausgegangene
gung der Expedition, und zwar ab Frühjahr Expedition nicht gezeigt, daß es in Neu-Schwa-
1939, weiterhin auf der „Schwabenland” ge- benland gar keine Möglichkeit gab, mit einem
dient hätten. Ihr Schiff sei im vierteljährigen großen Schiff anzulegen und Ausrüstungsge-
Rhythmus zwischen dem Heimathafen Ham- genstände, Bergbaueinrichtungen oder sogar
burg und Neu-Schwabenland pausenlos hin eine „riesige Fräse” an Land zu bringen?
und her gependelt, um Ausrüstungsgegenstän- Aber Kottas mußte eine solche fiktive Ableh-
de und ganze Bergbaueinrichtungen in die Ant- nung gar nicht vornehmen, denn die Weiter-
arktis zu befördern. Dazu hätten auch Gleisan- verwendung der „Schwabenland” ist lückenlos
lagen und Loren und sogar eine riesige Fräse geklärt, wie wir im Kapitel „Die / Schwaben-
gehört, um Tunnelsysteme in das Eis bohren zu land' im Kriegseinsatz” gesehen haben.
können.
Heinz Siewert - ein Soldat? In zeitgenössi-
schen Publikationen wird er als Ingenieur-Assi- Antarktisstützpunkt 211
stent auf der „Schwabenland” bezeichnet, er
gehörte der Handelsmarinebesatzung an, sein In verschiedenen Quellen wird verbreitet,
Arbeitgeber war der Norddeutsche Lloyd in Deutschland habe bereits in den Jahren 1940 / 41
Bremen. Und Richard Wehrend? Für ihn trifft weitere geheime Expeditionen in die Antarktis
im Grunde dasselbe zu, auch er gehörte zur unternommen. Als Anlegepunkte, so die Ver-
NDL-Handelsschiffsbesatzung und war an mutung, könnten zwei oder drei Markierungs-
Bord als 1. Zimmermann tätig. buchten nordwestlich des Mühlig-Hofmann-
Sowohl dem Schiffseigner, der Deutschen Gebirges am Nordrand von Neu-Schwaben-
Lufthansa, als auch der für die Personalgestel- land gedient haben. Diese seien von Expediti-
lung zuständigen Reederei, dem Norddeut- onsleiter Alfred Ritscher 1939 als Anlandebuch-
schen Lloyd Bremen, zufolge war M / S „Schwa- ten markiert worden. 1942 / 43 sei daraufhin mit
benland” nach seiner Rückkehr von der Ant- dem Bau des deutschen Antarktisstützpunkts
arktisexpedition dringend überholungsbedürf- 211 unter dem Eis begonnen worden. Die Ein-
tig, und das Schiff hat bis zum Kriegsbeginn richtungen für die Basis habe man mit Hilfe
keine Fahrten mehr durchgeführt. von Transport-U-Booten herangeschafft. Dafür
Wäre die „Schwabenland” als Transportschiff seien deutsche U-Boot-Kommandanten einge-
für Baumaterial nutzbar gewesen? Bezüglich setzt worden, die im Laufe des Krieges bei der
dieser Frage erklärt der Expeditionsteilnehmer Versorgung der Nordstützpunkte ausgezeich-
Siegfried Sauter: " M/S ,Schwabenland' war ein nete Erfahrungen gesammelt hatten. In über 20
alter Kasten und nach dem Umbau zum Kata- dokumentierten Unternehmen entlang der
pultschiff der Lufthansa für Materialtransporte Arktis habe sich dies gezeigt, wobei deutsche
völlig ungeeignet. Auf dem Achterschiff befand U-Boote zum Teil unter extremen Bedingungen
sich die Katapultanlage, die mehr als zwei Drit- Personen und Material entlang der nördlich-

14 8
HITLER AM SÜDPOL – „SURFEN” IN NEU-SCHWABENLAND

sten Forschungsstationen entladen und versor- in Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay
gen mußten. bedeutende Ländereien zu erwerben, und bis
Als Bestätigung für den Bau des Antarktis- heute sollen sich in Argentinien Flächen von
stützpunktes 211 wird die schon zitierte, der Größe Bayerns in deutschem Eigentum be-
Großadmiral Dönitz zugeschriebene Aussage finden. Auch hatte der argentinische Präsident
herangezogen: „Die deutsche U-Boot-Flotte ist Juan Domingo Peron während des Krieges In-
stolz darauf, daß sie für den Führer in einem teresse am Erwerb deutscher Technologie be-
anderen Teil der Welt ein irdisches Paradies er- kundet.
richtet hat, eine uneinnehmbare Festung.” Wie wahrscheinlich ist also eine unterirdische
Verfügte die deutsche U-Boot-Waffe über- Basis in der Antarktis? Eine entsprechende Hy-
haupt über besondere Transport-U-Boote? Oder pothese war übrigens interessanterweise erst-
waren die im Zweiten Weltkrieg eingesetzten mals von dem chilenischen Schriftsteller und
deutschen U-Boote selbst zum Transport von Philosophen Miguel Serrano, der als Begründer
Baumaterial zum Bunkerbau geeignet? Die offi- des „esoterischen Hitlerismus” gilt, aufgestellt
zielle Quellenlage sagt: nein! Weshalb wohl und in Umlauf gebracht worden. Ihm ging es
auch kein einziges deutsches U-Boot Baumate- vor allem um eine Mystifizierung der Person
rial in die Antarktis gebracht haben und in Neu- Adolf Hitlers, in dem er die Inkarnation schick-
Schwabenland angelandet sein kann. salhafter Mächte sah. Doch vielleicht lenkte Ser-
Auf die Frage, ob es theoretisch überhaupt rano, der 1947/48 selbst die Antarktis bereist
möglich gewesen wäre, in Neu-Schwabenland hatte, mit seiner These um die Absetzung
unter dem Eis U-Boot-Bunker zu bauen, meint reichsdeutscher Prominenter auch bewußt vom
der Expeditionsteilnehmer Siegfried Sauter: „Es wirklichen Standort der „uneinnehmbaren Fe-
ist unmöglich, Bunker unter dem Eis zu bauen, stung” ab? Dann wäre „Antarktisstützpunkt
auch keine U-Boot-Bunker. Das Material müß- 211” nur ein halbes Ammenmärchen.
te mit Schiffen nach Neu-Schwabenland ge-
bracht worden sein. Mit normalen Frachtschif-
fen ohne Spezialausrüstung war dies über- Warmwasser-Tiefseestraße
haupt nicht möglich, es wären Eisbrecher not-
wendig gewesen. Die Schiffe stoßen zunächst Verschiedenen Quellen zufolge hatten die
auf Schelfeis, dann auf Randeis, das bis zu 100 während der Deutschen Antarktischen Expediti-
Meter hoch ist, oft noch höher. Das Eis schiebt on 1938 / 39 von M/S „Schwabenland” vorge-
sich im antarktischen Winter nach außen und nommenen Echolotmessungen sowie umfang-
bricht dann nach einiger Zeit ab. Einen Bunker reiche Forschungen mit U-Booten ergeben, daß
in das Eis oder unter das Eis zu bauen, ist tech- ein unterseeischer Graben von Neu-Schwaben-
nisch unmöglich, denn das Eis bewegt sich und land bis zum gegenüberliegenden Rand des
treibt nach außen. U-Boote könnten da über- Kontinents verläuft. Man habe damals heraus-
haupt nicht hineinfahren! " 61 Die Faktenlage gefunden, daß der Graben vulkanischen Ur-
scheint also auch hier eindeutig. sprungs sei. Als die deutschen Forscher ihm
Zudem scheint fraglich, ob ein Mensch rein folgten, sollen sie warme Seen, Höhlen, Glet-
psychisch imstande wäre, dauerhaft ohne seine scherspalten und Eistunnel entdeckt haben. An
natürliche Umwelt zu überleben, etwa ohne anderer Stelle heißt es, im Rahmen der Material-
Sonnenlicht auszukommen, von der Frage der transporte nach Neu-Schwabenland sei eine U-
Versorgung mit Lebensmitteln noch gar nicht Boot-fähige Warmwasser-Tiefseestraße entdeckt
zu reden. Wie steht es also um die führende Na- worden, die sich hervorragend benutzen ließ.
tionalsozialisten, Politiker, Militärs, Wissen- Nicht uninteressant in diesem Zusammen-
schaftler, die in hervorragend organisierten Ab- hang ist die Tatsache, daß der deutsche For-
setzbewegungen während und nach dem Krieg scher Wilhelm Filchner 1911 vor der Frage
nebst ihren Familien in großer Zahl in diverse stand, ob es sich beim Weddellmeer um eine
Rückzugsgebiete verbracht worden sein sollen? Bucht wie die Walbucht des Rossmeeres, auch
Ein Telegramm Martin Bormanns vom 22. Rossbucht, handelt oder ob beide Buchten
April 1945, das in seinem Büro im Führerbun- nichts weiter seien als die Enden eines riesigen
ker gefunden wurde und seine Unterschrift Kanals, eines Meeresarms, der die Antarktis in
trug, könnte Aufschluß geben. Es lautete: zwei Hälften teilt. Könnte man diesen eisbe-
„Stimme dem Vorschlag einer Absetzung in die deckten Meeresarm in günstigen Monaten viel-
südliche Zone über den Ozean zu.” Damit kann leicht sogar befahren?
sowohl Neu-Schwabenland als auch Südameri- Ein Problem, auf das übrigens auch Admiral
ka gemeint gewesen sein. Angeblich soll es der Richard Byrd während der von ihm geleiteten
Reichsregierung noch vor 1939 gelungen sein, „Operation-Highjump” 1946 / 47 stieß, es aber

149
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

in der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit alle Unterlagen sämtlicher Kommandobehör-
nicht lösen konnte. Auf zahlreichen Flügen von den, Stäbe, Flottillen und U-Boote nach dem
der Basisstation „Little America” aus wurde Zweiten Weltkrieg in die Hände der Alliierten,
versucht, hinter das Geheimnis der großen vor allem an Großbritannien, fielen und sich
Bergkette zu kommen, die quer zwischen Ross- zum größten Teil noch immer dort befinden.
und Weddellmeer verläuft und an einer signifi- Doch auch ohne Kenntnis dieser Unterlagen
kanten Stelle eine Aussparung - eine Art „Sat- scheint gewiß, daß mehr als 100 deutsche U-
tel” - aufweist: eine Ebene, über die Byrd sin- Boote zwar offiziell ausliefen, aber nirgendwo
nierte, ob es sich um eine Schelfeisfläche oder ankamen. Sie wurden weder als versenkt noch
um schneebedeckte Landmasse handelte. Auf- als in Feindeshand gefallen gemeldet. In keiner
grund seiner Beobachtungen schloß auch Byrd diesbezüglichen Statistik tauchen sie auf, sie
nicht aus, daß sich am Fuße der Welt62 statt eines bleiben wie vom Ozean verschluckt. Das gleiche
Kontinents zwei befinden könnten. betrifft eine große Anzahl anerkannter Ingeni-
Was also ist dran an der Vermutung, daß quer eure, Wissenschaftler, Mediziner und Techniker
unter dem antarktischen Kontinent eine Warm- des Dritten Reiches, die kaum alle den Alliierten
wasser-Tiefseestraße verläuft? Wie oft im Leben in die Hände gefallen und dort auf Nimmer-
haben unglaubliche Geschichten manchmal ein wiedersehen verschwunden sein dürften.
Körnchen Wahrheit. Und so gibt es tatsächlich Ist der Inhalt der folgenden Internet-Meldung
in der Antarktis warme Quellen, allerdings auf ein reines Phantasieprodukt? Ihr zufolge heißt
der Neu-Schwabenland gegenüberliegenden es, ein letzter Konvoi von U-Booten mit Mate-
Seite, mehrere tausend Kilometer weit entfernt. rial und Blaupausen habe Ende April 1945
deutsche Häfen mit Bestimmungsziel Antarktis
und/oder Andenstützpunkt verlassen. Unter
Deutsche U-Boote verschwunden ihnen seien auch die U-Boote U 530 und U 977
gewesen, die am 26. April 1945 vollbeladen aus
Gelegentlich ist davon die Rede, bei Kriegsende der Kieler Förde ausgelaufen seien. Dies sei der
1945 seien deutsche Unterseeboote verschwun- letzte Versuch gewesen, sich dem Zugriff der
den: Über 100 bis heute vermißte reichsdeut- Alliierten zu entziehen. Dem Konvoi soll im At-
sche U-Boote - gegen Kriegsende sollen sie sich lantik mit seinen Groß-U-Booten ein bis heute
nach Südamerika, in die Antarktis, aber auch verschwiegener Seesieg über alliierte Seestreit-
nach Nordamerika und in die Arktis abgesetzt kräfte gelungen sein.
haben. Sie seien mit dem sogenannten Walter- Weiter heißt es, daß einzelne U-Boot-Besat-
Schnorchel, einem Hochleistungsschnorchel für zungen, die nicht im „Antarktisstützpunkt 211”
Unterseefahrten, ausgerüstet gewesen, der es bleiben wollten oder aus verschiedenen Grün-
ihnen technisch möglichte, praktisch die ganze den nicht aufgenommen werden konnten, nach
Strecke über zu tauchen und somit unerkannt Beendigung ihrer Mission nach Südamerika
zu bleiben. (Argentinien) weitergezogen seien und dort
Die statistischen Angaben über den Einsatz den argentinischen Behörden ihre völlig leer-
der deutschen U-Boote im Zweiten Weltkrieg le- geräumten Boote übergeben hätten, darunter
gen die Vermutung nahe, daß eine größere An- auch U 977 unter dem Kommando von Heinz
zahl vor der Kapitulation entkommen sein Schaeffer. Zudem wird eine Ubersicht veröf-
könnte. Daß die Geschichte der deutschen fentlicht, die die Nummern der über 100 ver- 63
Kriegsmarine zur Zeit des Zweiten Weltkrieges schwundenen deutschen U-Boote auflistet.
heute zu den am besten dokumentierten Gebie- Tatsache ist, daß die deutsche Marine bei
ten der Militärgeschichte gehört, ist das Ver- Kriegsbeginn 1939 über keine Transport-U-Boo-
dienst von Karl Dönitz. Zu Ende des Zweiten te verfügte. Auch gab es keine U-Boote, die oh-
Weltkrieges gab der Großadmiral, in der festen ne Zwischenversorgung bis in die Antarktis
Überzeugung, die deutsche Marine habe ehren- hätten fahren können. Die größten vorhande-
voll gekämpft und nichts zu verbergen, den Be- nen U-Boote gehörten zum Typ IX, von denen
fehl, keinerlei Kriegstagebücher, weder der See- am 1. September 1939 insgesamt fünf (U 37-U
kriegsleitung noch der U-Boot-Führung, zu ver- 41) einsatzbereit waren. Sie liefen am 20. Au-
nichten. Nur diesem Befehl ist es zu verdanken, gust 1939 aus Positionen westlich der Iberi-
daß heute alle Tagebücher der Marine den histo- schen Halbinsel aus und kehrten mit Ausnah-
rischen Forschungen zur Verfügung stehen. me von U 39, das versenkt wurde, zwischen
Daß man hierzulande noch nicht so viel über dem 15. und 18. September 1939 zurück.
eine Flucht reichsdeutscher U-Boot-Besatzungen Wie aber sah es bei Kriegsende aus? Nach offi-
während und nach dem Krieg gehört hat, könn- ziellen Angaben sind nur zwei U-Boote nach der
te wiederum damit zusammenhängen, daß fast Kapitulation entgegen den gegebenen Befehlen

15 0
., DER SPIEGL”, Donnerstsg. 30. März 1950 33

Der Spiegel Nr. 13/1950 zitiert in seinem Bericht über läßt." Die abenteuerlichsten Versionen über den Verbleib des

UFOs die spanische Zeitung Madrid mit den Worten: " Hit- deutschen Reichskanzlers und sein " letztes Bataillon " kursie-

ler ist mit einer Gruppe Wissenschaftler in die Himalaja-Ber- ren bis heute im Internet und beflügeln auch die Phantasien

ge entkommen, von wo aus er die fliegenden Untertassen los- bezüglich Neu-Schwabenland.


MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

nach Argentinien gefahren: Das erste war U 530 mehr reparabler Schäden außer Dienst gestellt.
unter Oberleutnant z.S. Werwuth. Es lief am 10. Insgesamt elf U-Boote dienten in den Streit-
Juli 1945 in Mar del Plata ein, wurde US-Beute, kräften fremder Länder oder wurden während
nach den USA überführt, dort zu Tests verwen- des Krieges in ausländischen Häfen interniert.
det und am 20. November 1947 per Torpedo Nach der Kapitulation wurden 153 Boote in bri-
durch das US-U-Boot „Toro” etwa 40 Seemeilen tische oder andere alliierte Häfen überführt.
nordöstlich von Kap Cod versenkt. Das zweite Aus diesen verschiedenen, sich teilweise wi-
war U 977 unter Oberleutnant zur See Schaeffer, dersprechenden Aussagen läßt sich zumindest
das am 17. August 1945 in Mar del Plata einlief, ableiten, daß es tatsächlich möglich gewesen
am 25. August 1945 zur Überführung in die USA wäre, U-Boote mit einer geheimen Mission als
auslief, US-Kriegsbeute wurde und am 13. No- verschollen, selbstversenkt oder verunfallt zu
vember 1946 durch Torpedo des US-U-Bootes führen. Dönitz gibt in seinen eigenen Büchern
„Atule” vor Kap Cod versenkt wurde. jedoch keinen einzigen Hinweis auf eine Abset-
Die bereits erwähnte veröffentlichte Liste der zung deutscher U-Boote. Dabei ist allerdings zu
verschwundenen U-Boote enthält nur Zwei- beachten, daß er seine Bücher nach zehnjähriger
mann-U-Boote (U 2111 bis U 2113 und U 2251 Haft unter vollkommen geänderten politischen
bis U 2294). Es handelt sich um Zweimann-U- und gesellschaftlichen Bedingungen verfaßte.
Boote vom Typ „Hecht”, die bei drei Knoten Bleibt also die Frage, ob jemals ein deutsches
Geschwindigkeit einen Fahrbereich von 45 bis U-Boot in der Antarktis gewesen ist. Da sich die
78 Seemeilen hatten. Die Boote U 5034 bis U Angaben über vorhandene und verschwunde-
5037, U 5051 und U 5052 bis U 6300 gehörten al- ne deutsche U-Boote widersprechen, wird sie
le zum Typ „Seehund”, ebenfalls einem Zwei- wohl noch offen bleiben müssen. Die doku-
mann-U-Boot-Typ, der bei sieben Knoten einen mentierten Probleme, die Admiral Byrd mit
Fahrbereich von 300 Seemeilen hatte. dem einzigen bei der „Operation Highjump”
Es wird kein Zweifel darüber bestehen, daß mitgeführten amerikanischen U-Boot hatte,
diese Boote nie die Antarktis erreicht haben kön- sprechen eher dagegen.
nen. Auch hätten mit ihnen nie deutsche U-Boot-
Basen oder sonstige Stützpunkte in der Antark-
tis errichtet werden können, weder während des Hitlers Flucht ins ewige Eis
Krieges noch bei oder nach Kriegsende.
Was die Anzahl der vorhandenen deutschen Mit einem der reichsdeutschen U-Boote, die zwar
U-Boote am Ende des Zweiten Weltkrieges be- ausgelaufen sind, aber nirgends ankamen, weder
trifft, so liefert die Nachkriegsliteratur durch- versenkt noch irgendwo Beute der Alliierten
aus widersprüchliche Angaben. Michael Salew- wurden, soll dem deutschen Reichskanzler Adolf
ski nennt in seinem dreibändigen Werk Die Hitler noch rechtzeitig die Flucht geglückt sein.
deutsche Seekriegsleitung 1935–1945 für Februar Diese Geschichte, von der in der Hauptsache
1945 eine Zahl von 551 einsatzfähigen U-Boo- zwei Versionen kursieren, klingt zu phantastisch,
ten. Der französische Marinehistoriker Leonce als daß man ihr ohne weiteres Glauben schenken
Peillard wiederum kommt in seinem Buch Ge- könnte. Schauen wir uns an, wie hier historische
schichte des U-Boot-Krieges 1939 bis 1945 auf ins- Tatsachen mit Mythen verwoben werden.
gesamt 404 U-Boote, die im Frühjahr 1945 noch Die erste Version hebt auf den angeblichen
einsatzfähig waren. Dönitz selbst nennt in sei- Antarktisstützpunkt 211 ab: Adolf Hitler, von
nen Erinnerungen Zehn Jahre und zwanzig Tage dem allgemein angenommen wird, daß er sich
für den Zeitraum von 1943 bis 1945 eine Anzahl am 30. April 1945 im Führerbunker der Reichs-
von 595 neu produzierten U-Booten. Seinen kanzlei in Berlin zusammen mit seiner Frau,
Angaben zufolge umfaßte die deutsche Marine Eva Braun, das Leben genommen hat, soll in
während der Zeit von 1939 bis zum B. Mai 1945 Wirklichkeit über Italien aus Deutschland ge-
insgesamt 1.170 Boote, von denen 863 zum flohen sein und dann bis zu seinem Tod in Neu-
Fronteinsatz kamen und eine oder mehrere Schwabenland, in einer unterirdischen Stadt im
Feindfahrten unternahmen. Dabei gingen 630 Antarktisstützpunkt 211, gelebt haben. Neben
Boote verloren. Im Heimatgebiet beliefen sich seiner kurz zuvor angetraute Ehefrau begleite-
die Verluste durch Feindeinwirkung auf 81 ten ihn weitere hochrangige Nationalsozialsten
Boote. Weitere 42 Boote gingen durch Unfälle auf der Flucht.
verloren. Bei der Räumung von Stütz punkten Man ist allerdings verblüfft, daß die Vorberei-
sowie zu Ende des Krieges wurden 251 Boote tungen für den Bau dieses allerletzten Ver-
durch die eigenen Besatzungen gesprengt oder steckes bereits 1938 /39 mit Hilfe der deutschen
versenkt. Weitere 38 U-Boote wurden während Antarktisexpedition begonnen worden sein sol-
des Krieges wegen Überalterung oder nicht len. Zu diesem Zeitpunkt war Hitler innenpoli-

152
HITLER AM SÜDPOL – „SURFEN” IN NEU-SCHWABENLAND

tisch auf der Höhe seiner Macht. Wenig später


dominierte er auch außenpolitisch fast den
ganzen europäischen Kontinent militärisch.
Wozu hätte er in einer solchen Situation an die
Schaffung eines letzten Fluchtpunktes denken
sollen?
Die zweite Version bezieht sich auf die bereits
erwähnte geheimnisumwobene Fernfahrt von
U 977 unter dem Kommando von Heinz
Schaeffer nach Argentinien. Zur Erinnerung sei-
en hier noch einmal in Kürze die wichtigsten
Fakten wiedergegeben: Am 17. August 1945
läuft U 977 nach 66tägiger Unterwasserfahrt in
den argentinischen Hafen Mar del Plata ein.
Kommandant und Besatzung gelten als Kriegs-
gefangene der argentinischen Marine, das U-
Boot wird gründlich durchsucht. Wonach sucht
man? Nach Indizien, die den Verdacht erhärten
würden, Hitler sei zusammen mit seiner Frau,
Martin Bormann und anderen NS-Größen nach
Argentinien geflohen und habe sich von dort
nach Neu-Schwabenland abgesetzt.
In sensationellen Pressemeldungen wird tat-
sächlich davon ausgegangen, U 977 habe Hitler
an Bord gehabt und nach Patagonien gebracht,
von wo er weiter nach Neu-Schwabenland ge-
flohen sei. Daraufhin erscheint einen Tag später Beispiel aus dem Internet: Angeblicher unterseeischer
eine eiligst aus den USA angereiste angloame- Warmwassergraben unter dem antarktischen Konti-
rikanische Offiziersdelegation, eine Untersu- nent, der sich als U-Boot-Straße nutzen läßt.
chungskommission, die Schaeffer hochnotpein-
lich befragt. Ihr Verhör leitet sie mit den Worten
ein: „Sie haben Hitler versteckt! Reden Sie
schon! Wo steckt er?”
Schaeffer, der fließend Englisch und Franzö-
sisch spricht, versucht die Kommission davon
zu überzeugen, daß außer der Besatzung keine
andere Person an Bord seines U-Bootes gewe-
sen sei. Die einzeln verhörten Besatzungsmit-
glieder bestätigen dies.
Die Kommissionsmitglieder glauben weder
Schaeffer noch seiner U-Boot-Besatzung und
lassen alle Mann in die USA bringen. Schaeffer
landet in einem Lager für prominente Kriegsge-
fangene in Washington, wo die Verhöre fortge-
setzt werden. Als auch dies kein anderes Ergeb-
nis bringt, schiebt man den Kommandanten
von U 977 nach Deutschland ab, wo ihn die
Engländer in Haft nehmen und weiter verhören
- mit demselben Erfolg. Nach seiner Entlassung
kehrt der „Hitler-Verstecker” Deutschland
schließlich den Rücken - von seiner Heimat ent-
täuscht, wie es heißt - und wandert nach Ar-
gentinien aus.
Weshalb gerade wieder nach Argentinien,
dorthin, wo er sich, seine Mannschaft und sein
U-Boot in die Hände des Feindes gab? Waren
Hitler und Bormann vielleicht doch nach Süd-
amerika gelangt? Hatte es Schaeffer nur ver -

153
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

standen, standhaft zu bleiben? Oder gefiel ebenfalls in die Hände der Alliierten fielen.
Schaeffer einfach das argentinische Klima gut? Wen nimmt es Wunder, wenn sich daraus un-
In jedem Fall bleibt die Frage bestehen, wes- gehemmte Spekulationen entwickeln: Nutzten
halb man sich auf seiten der Sieger noch so lan- die Alliierten diese Erfindung selbst? Handelt
ge nach Kriegsende nach dem Verbleib der Per- es sich bei den angeblich immer wieder gesich-
son Adolf Hitlers interessierte, obwohl sein teten UFOs in Wirklichkeit um irdisches Flug-
Selbstmord durch viele Zeugen dokumentiert gerät aus dieser Quelle?
ist? Wenn man bedenkt, daß selbst eine Persön- Im Zusammenhang mit Neu-Schwabenland
lichkeit wie General Reinhard Gehlen als Chef erhalten solche Theorien weitere Nahrung:
des deuschen Bundesnachrichtendienstes noch Wenn Hitler in Neu-Schwabenland überlebt
Jahrzehnte nach Kriegsende Martin Bormann hat, warum dann nicht gleich unter Mitnahme
lebend in Südamerika wähnte, dann sollte auch deutscher Flugkreisel - dramatisch „Reichs-
jeder andere das Recht auf uneingeschränkte flugscheiben” genannt? Und wem die Idee des
Spekulationen haben. Uberlebens Hitlers 1945 gefällt, der wird auch
gerne daran glauben, daß es sich bei UFOs um
„Hitlers letztes Bataillon” handelt, das auf sei-
Flugscheiben im Endkampf ner Basis in Neu-Schwabenland auf den Befehl
zur letzten Offensive wartet ...
Wiederum das Internet ist es, das unter ande- Und nicht zu vergessen jene, die das Innere
rem US-Autoren eine Plattform bietet, zu ver- der Erde als Heimathafen der etwa seit 1953
breiten, die „Antarctica German Base 211” mit weltweit beobachteten „fliegenden Untertas-
der Hauptstadt Neu-Berlin sei die eigentliche sen” betrachten: die „hohle Erde”. Dieser Theo-
Supermacht der Welt. Von hier aus gäbe es ei- rie zufolge käme es auf Neu-Schwabenland gar
nen regen Pendelverkehr zu ihren Ablegern nicht an. Denn Neu-Schwabenland sei, so der
und Kolonien auf dem „German Moon” sowie ehemalige SS-Angehörige Wilhelm Landig
anderen Planeten und Planetoiden - und zwar kurz vor seinem Tod in einem Interview, 1961
mittels Flugscheiben, den sogenannten UFOs. „geschlossen” worden. (Eine Information, die
Auch hier darf vermutet werden, daß die Ta- anderen Interpretationen zufolge wiederum als
buisierung aller Erfindungen und Entdeckun- bloßes Ablenkungsmanöver zu lesen ist.) Man
gen in Deutschland während der Zeit des Drit- müsse sozusagen über den Tellerrand hinaus-
ten Reiches die Ursache für Spekulationen die- schauen, denn der Südpol sei die Einflug-
ser Art ist. Wer kann schon verstehen, daß die schneise zum „Erdinnenkontinent Agarthi”,
Deutsche Antarktische Expedition 1938 /39 in wo die Reichsdeutschen bzw. deren „letztes Ba-
fast jeder populären Darstellung über die Er- taillon” ein komplettes neues Deutsches Reich
forschung der Antarktis fehlt? Als Reaktion aufgebaut hätten. Solche Theorien erinnern ver-
darauf sind mißtrauische Zeitgenossen bereit, blüffend an alten Sagenstoff, so z.B. den Mythos
jede noch so abenteuerliche Theorie über die vom schlafenden Kaiser Barbarossa, der im
Gründe des Totschweigens der Expedition und Kyffhäuser auf seine Rückkehr wartet.
des entdeckten Neu-Schwabenland zu glauben. In abgewandelten Versionen heißt es, riesige
Nicht anders verhält es sich mit dem Thema der Thermalhöhlen unter dicken Gletscherpanzern,
Flugscheiben. Vieles spricht dafür, daß zu der von denen die größte 30 Meilen lang sei, wür-
breiten Palette von Fluggeräten, die während den das gigantische Neu-Berlin beherbergen.
des Dritten Reiches erfunden und erprobt wur- Dieses läge in einer Grünzone inmitten einer
den - darunter Düsenflugzeuge, Hubschrau- großen Thermalseenplatte, wo sogar Elche leb-
ber, Nur-Flügler, Raketen - auch Flugkreisel ten. Und hier stünden auch riesige Fabriken zur
gehörten. Zeitzeugen wollen mehrere Testflüge Herstellung von „Wunderwaffen”.
auf dem Gebiet des Reichsprotektorats Böhmen Ein letztes Moment sei im Zusammenhang
und Mähren gesehen haben. Verschiedene mit der Frage nach der (irdischen) Existenz
deutsche Zeitungen und Illustrierte berichteten von UFOs angemerkt: Es grassiert die Mei-
in den 50er Jahren darüber. nung, die allerorten mehr und mehr beobach-
Und genauso, wie beim Beginn der US-ame- teten Kornkreise hätten unmittelbar mit ihnen
rikanischen und sowjetischen bemannten zu tun. Sie seien Botschaften des „letzten Ba-
Raumfahrt der Offentlichkeit gegenüber ver- taillons” an die gesamte Menschheit, sich auf
schwiegen wurde, daß es sich um die Fortent- ihr Eingreifen vorzubereiten, um der sich im-
wicklungen deutscher Projekte aus Deutsch- mer schneller drehenden Spirale von Materia-
lands Raketenschmiede Peenemünde handelte, lismus und Gewalt Einhalt zu gebieten. Die
so wird man davon ausgehen dürfen, daß die Bewohner Neu-Schwabenlands bzw. von des-
deutschen Forschungen über Flugkreisel 1945 sen Ablegern als ethisch-moralisch erleuchte-

154
HITLER AM SÜDPOL — „SURFEN” IN NEU-SCHWABENLAND

te Friedensritter? Sind sie jene „himmlischen eindeutig festlegt: „Kernexplosionen und die Be-
Heerscharen” der Apokalypse, die uralten seitigung radioaktiven Abfalls sind in der Ant-
Prophezeiungen der Menschheitskulturen zu- arktis verboten.” So in der gültigen Fassung vom
folge jetzt kurz bevorsteht? 5. August 2003.
Zu dieser Zeit tobte bereits der dritte Irakkrieg,
zu dessen Beginn die USA in Neu-Schwaben-
Atombomben über Neu-Schwabenland land erneut eine Atombombe gezündet haben
sollen, diesmal unterirdisch. Das Seismogramm
Im Jahr vor der Unterzeichnung des Antarktis- der amerikanischen Südpolstation weist angeb-
vertrags sollen die Vereinigten Staaten von lich am 20. März 2003 um 17.15 Uhr einen eng-
Amerika drei Atomwaffen in der Antarktis ge- begrenzten intensiven Ausschlag auf. Die Inten-
zündet haben: am 27. und 30. August sowie am sität deutet auf die Detonation eines 20 bis 50 Ki-
8. September 1958. Aber nicht irgendwo in der lotonnen starken nuklearen Bunkerbrechers hin.
Antarktis, sondern bemerkenswerterweise ge- Einen Tag darauf versuchten die USA mit ihrem
rade über dem Gebiet von Neu-Schwabenland, Arsenal an MOAB-Bomben in Neu-Schwaben-
der zweiten Hälfte des Deutschen Reiches. land einzudringen, was das Seismogramm vom
Vorausgegangen war einer nicht verifizierba- 21. März mit einer erheblichen Erschütterungs-
ren Darstellung nach folgendes: 1947 sei Ri- welle gegen 20:20 Uhr dokumentiert. Eine
chard Byrd zusammen mit seinem Bordmecha- MOAB-Bombe enthält über neun Tonnen
niker und seinem Kopiloten auf einem Flug in Sprengstoff und ist in der Lage, alles im Umkreis
einer DC 3 von Flugscheiben (UFOs) zur Lan- von mehr als 1.500 Metern zu vernichten.
dung gezwungen worden. Hierbei könnte es Doch in welchem Zusammenhang stehen die
sich um jenen Flug gehandelt haben, in dessen Antarktis und der Irakkrieg? In der Politik und
Folge der Admiral schließlich das Unternehmen damit in der Weltgeschichte gibt es keine Zufäl-
„Operation Highjump” urplötzlich abblies. le. Daher wird behauptet, daß der Irakkrieg un-
Während des Aufenthalts bei den „großen, ter anderem inszeniert worden sei, um die letz-
blonden Wesen mit den blauen Augen” sei er te Invasion Neu-Schwabenlands, ein restloses
von diesen vor den Folgen eines Einsatzes ober- Vernichten des alten Kriegsgegners Deutsches
irdischer Atombomben gewarnt worden. Reich, im Schatten medienwirksamer Ereignisse
Nach seiner Rückkehr von einem Reporter be- zu bewerkstelligen! Immerhin sollen noch am
fragt, sei es zu Byrds Aussage über die bevorste- selben Tag drei US-Bomber beim Eindringen in
hende Bedrohung der USA mit Hochgeschwin- den irakischen Luftraum spurlos verschwun-
digkeitsflugzeugen, die in der Lage seien, binnen den sein. Hierbei handelte es' sich um einen
kurzem von einem zun anderen Pol zu fliegen, zwei Milliarden Dollar teuren Stealth-Bomber
gekommen. Die USA müßten sich gegen diese B2 „Spirit” und zwei je 250 Millionen Dollar teu-
Art von Bedrohung aus der Polarregion schüt- re Stealth-Bomber F117 A „Nighthawk”. Ein Ra-
zen, fügte der Admiral angeblich hinzu. Schließ- cheakt der „Reichsflugscheiben”?
lich mußte sich Byrd einem scharfen Kreuzver- Übrigens: Was das sogenannte Ozonloch über
hör durch die US-Navy unterziehen. In diesem der Antarktis betrifft, das 2003 fast die dreifache
habe er seiner Meinung darüber Ausdruck gege- Größe Europas erreicht hat und das größte der
ben, daß man die Antarktis zum Atombomben- Erdatmosphäre ist, so könnte es durch oben be-
testgebiet machen solle, wobei er Bezug auf den schriebene Kernexplosionen hervorgerufen
dort stationierten Feind genommen haben soll. worden sein, wie verschiedene Seiten mut-
Weiteren Theorien zufolge sollen die USA auch maßen. Ein diametral entgegengesetzter An-
im September 1979 sowie am 5. März 1986 in der satz geht davon aus, daß auch die Ozonloch-
Antarktis Atomtests durchgeführt haben, erneut Theorie eine Erfindung zu Ablenkungs-
in Neu-Schwabenland, dem nach offizieller Les- zwecken darstellt. Das gebetsmühlenartige Be-
art norwegischen Sektor des sechsten Kontinents, schwören einer Gefahr, die angeblich von ei-
ohne daß norwegische Protestnoten bekannt ge- nem Loch in der Ozonschicht über dem Südpol
worden wären. Und über den Köpfen der sowje- ausgehe, diene demnach in Wirklichkeit dazu,
tischen Forschungsstation in der Schirmacheroa- Gelder für ganz andere Dinge zusammenzu-
se - mitten im kalten Krieg. Wie das? Dies wäre klauben. Zum Beispiel für die militärische Ob-
ein eklatanter Verstoß gegen die im Antarktisver- servierung gewisser Gebiete in der Antarktis?
trag festgehaltenen Regelungen gewesen, die un- Wer sich ein paar Stunden höchsten Unter-
ter anderem besagen, daß die Errichtung von Mi- haltungswertes gönnen und sich dabei zugleich
litärbasen und der Einsatz von Waffen, wie etwa ein bißchen gruseln möchte, der sollte es kei-
Kernwaffenversuche, sowie die Lagerung von nesfalls versäumen, einmal im Internet durch
Atommüll untersagt ist. In Artikel V, Absatz 1 ist Neu-Schwabenland zu „surfen”.

155
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

grammiert. Allein schon deshalb, weil ver- liegende Inseln haben in den beiden Weltkrie-
schiedene Gebietsabschnitte seit Jahren von gen eine gewisse Rolle gespielt.
verschiedenen Ländern zugleich beansprucht Einer der bedeutendsten Antarktiskenner,
werden. Polarforscher- und Flieger, der amerikanische
Noch während des Zweiten Weltkrieges be- Admiral Richard Byrd, hat mehrfach auf die
anspruchten bereits sieben Länder keilförmige strategische Bedeutung der Antarktis, des
Stücke der Antarktis, die bis zum Südpol Grahamlandes und seiner umliegenden Insel-
reichten. Eine Ausnahme bildete Norwegen, gruppen hingewiesen. Er erkannte als erster,
das sich auf das Köngin-Maud-Land be- daß, wenn der Panamakanal durch Sabotage-
schränkte, dies jedoch einschließlich des von akte unschiffbar gemacht werden sollte, die
den Deutschen 1938 / 39 entdeckten Neu- USA auf den Seeweg um Kap Horn angewie-
Schwabenlands. sen wären. Das bedeute aber eine große Ge-
Australien reklamierte fast die Hälfte des ge- fahr, denn dieser Seeweg läge im Abschußbe-
samten Kontinents. Mittendrin liegt das von reich der Antarktischen Halbinsel und der
Frankreich beanspruchte Adelieland. Auf dem vorgelagerten Inseln. Von hier aus seien alle
von Neuseeland beanspruchten Gebiet steht Schiffe Artillerie- oder Raketenbeschuß ausge-
die Hauptforschungsstation der USA, und auf setzt.
der Antarktischen Halbinsel überlappen sich Es gibt aber auch noch andere strategische
die Gebietsansprüche von Großbritannien, Chi- Aspekte, auf die zum Beispiel Alphonse Max
le und Argentinien. Die Halbinsel ist deshalb so in seiner Publikation Die Antarktis: Eine geo-
wichtig, weil sie in das eisfreie Wasser nahe der strategische Studie hinweist. Er schreibt hier:
südamerikanischen Landspitze hineinreicht. „Ein weiterer strategischer Aspekt der Antark-
Auf der König-Georg-Insel vor der Spitze der tika ist, daß ihre Küste und vorgeschobenen
Antarktischen Halbinsel liegen sieben For- Inselfestungen sich vorzüglich für Untersee-
schungsstationen, darunter eine der früheren boot Schlupfwinkel eignen und daß man von
Sowjetunion. geheimen antarktischen Flugbasen aus die ge-
Diese Ansprüche einvernehmlich zu regeln, samte südliche Halbkugel kontrollieren könn-
wird zu einer der schwierigsten Aufgaben der te. Ein Zusammenwirken von Flugzeug und
Antarktisvertragsstaaten gehören. Gelingt U-Boot, beide mit antarktischen Versorgungs-
dies nicht, ist der Friede auf dem sechsten basen, könnte eine ungeahnte militärische Si-
Kontinent nicht mehr sicher. Es hat schon ge- tuation schaffen. Erst recht aber kann eine Ab-
ringere Anlässe in der Welt gegeben, Kriege zu schußrampe für interkontinentale Raketen-
führen. Man denke nur an den Falkland-Krieg waffen am Rande der Antarktika oder auf ei-
1982. ner der vorgeschobenen Inseln, für den Geg-
Die Tatsache, daß die Antarktis der einzige ner schwer erreichbar und schwer zerstörbar,
Kontinent ist, auf dem noch nie ein Krieg ge- Weltherrschaft bedeuten. All das bezieht sich
führt wurde, ist darauf zurückzuführen, daß sie nicht auf eine nicht genau definierte Zukunft,
keine ständigen Bewohner hat. Nur die die Ant- sondern könnte vielleicht schon morgen ein-
arktis umgebenden Ozeane und einige darin treten. " 64

Anmerkungen 35
Schreiben Prof. Dr. Jürgen 53
Schreiben Auswärtiges
Rohwer, Historiker, an Amt an den Autor,

' Zit. nach Dyson, S. 223 Zit. nach ebd., S. 264 den Autor, 2.12.2003 20.1.2004
2 21 36 54
Ritscher, Textteil, S. 3 f. Zit. nach ebd., S. 265 Schreiben Kottas an www.volksmacht.de/
3 22
Ebd., S. 4 f. Ebd., S. 78 f. Hädrich, DLH, 17.12.1940 schwab.htm
4 23 37 55
Ebd., S.13 ff. Ebd., S. 80 f. Schaeffer, S. 258 Schreiben Auswärtiges
5 24 38
Zit. nach ebd., S. 249 Ebd., S.108 f. Vgl. Byrd, S. 430 Amt an den Autor,
6 25 39
Ebd., S. 49 f. Ebd., S. 109 Vgl. ebd., S. 431 20.1.2004
7 26 40 56 Tilgenkamp, S. 274
Ebd., S. 54 ff. Ebd., S. 109 f. Ebd., S. 455
8 27 41 57
Zit. nach ebd., S. 252 Zit. nach ebd., S. 110 Ebd., S. 463 Ebd., S. 278
9 28 58
Ebd., S. 59 f. Herrmann, S. 152 f. 42
Ebd., S. 466 Ebd., Bildteil nach S. 304
10 29 43 59
Herrmann, S. 77 Ritscher, Textteil, S. 84, 86 Ebd., S. 501 Vgl. Brunk, S. 7 ff.
11 30 60
Ritscher, Textteil, S. 64 Zit. nach Herrmann, S. 180 44
Ebd., S. 456 Aussage Sauter gegenüber
12 31 45
Zit. nach ebd., S. 255 f. Zit. nach Frankfurter Zei- Ebd., S. 517 dem Autoren
13 46
Zit. nach ebd., S. 256 tung, 28.4.1939 Ebd., S. 498 61
Aussage Sauter gegenüber
14 32 47
Herrmann, S. 78 ff. Zit. nach Hamburger Frem - Vgl. ebd., S. 513 dem Autoren
15 48 62
Ebd., S. 81 f. denblatt, 29.4.1939 Ebd., S. 517 Vgl. Byrd, S. 487
16 33 49 63
Ritscher, Textteil, S. 69 f. Schreiben DLH an Kottas, Ebd., S. 429 Vgl. www.mental-
7
' Zit. nach ebd., S. 261 Dezember 1940 5°
Ebd., S. 453 ray. de / Mental-Ray / ge-
18 34 51
Ebd., S. 70 Jung /Wenzel /Abendroth, Ebd., S. 517 heim / zeittafel.htm
19 64
Ebd., S. 75 S. 80 ff. 52
Ebd., S. 434 Max, S. 20

158
Das von Alfred Ritscher 1939 erforschte Gebiet in der Antarktis ist in den 1950er Jahren noch im deutschen Kartenwerk

JRO-Weltatlas als „Neu-Schwabenland verzeichnet, hier sogar mit zusätzlichen Angaben zu Einzelgebieten.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Im Gespräch mit
Siegfried Sauter
Schön: Herr Sauter, Sie haben 1938/39 als Luft- Sauter: Ich lernte den „Boreas"-Kapitän Schirma-
fotograf an der deutschen Antarktisexpedition teil- cher — wie auch den „Passat"-Kapitän Mayr — be-
genommen. Wie kamen Sie zu dieser Ehre und zu reits in Travemünde bei den Probeflügen kennen.
Ihrem Beruf? Schön: Wie haben Sie die wochenlange Seereise
Sauter: Ich wurde bei der Luftwaffe als Luft- von Hamburg bis in die Antarktis überstanden?
fotograf ausgebildet und danach, 1937, von der Sauter: Es war meine erste Hochseefahrt bei
Hansa-Luftbild GmbH als Luftbildner ange- oft stürmischer See. Die „Schwabenland” war
stellt. kein modernes und komfortables Passagier-
Schön: Wann erfuhren Sie, daß Sie für die schiff, sondern ein umgebauter Frachter. Es war
Teilnahme an der deutschen Antarktisexpedition alles sehr eng, gegessen wurde in drei Messen.
1938/39 ausgewählt wurden? Schön: Wie war das Verhältnis zwischen den
Sauter: Etwa zwei Monate vorher. Ich wurde Gruppen an Bord, den Kapitänen und Offizieren, den
gefragt und habe sofort ja gesagt. Wissenschaftlern, den Flugzeugbesatzungen, dem
Schön: Haben Sie das Flugboot „Boreas ", auf dem Katapultpersonal und der Handelsschiffsbesatzung?
Sie in der Antarktis eingesetzt werden sollten, vor- Sauter: Es gab keinen Raum an Bord, in wel-
her gesehen oder erst an Bord des Katapultschiffes
fes chem alle 83 an Bord befindlichen Personen
der Deutschen Lufthansa „Schwabenland”? hätten gemeinsam essen können, 'deshalb die
Sauter: Ich habe es vorher gesehen und in Tra- Aufteilung in mehrere Messen. Das Verhältnis
vemünde mit meinem Kollegen Bundermann zwischen den verschiedenen Gruppen war
an Probeflügen teilgenommen. Es zeigte sich durchaus kameradschaftlich.
dabei, daß die Bullaugen des Flugbootes aus- Schön: War Alfred Ritscher, Handelsschiffska-
geschnitten werden mußten, damit die großen pitän, Flugkapitän und Polarforscher, damals bereits
Kameras hinten eingebaut werden konnten. 60 Jahre alt und als Regierungsrat im Oberkom-
Das Flugboot war deshalb hinten offen, und mando der Kriegsmarine tätig, ein guter Expediti-
wir Luftbildner waren damit der unbarmherzi- onsleiter und Vorgesetzter?
gen Kälte ausgesetzt. Sauter: Das kann ich uneingeschränkt mit ja
Schön: Mit welchen Kameras waren die beiden beantworten. Ritscher hatte Polarerfahrung,
Flugboote „ Boreas” und „Passat” ausgestattet? Schiffs- und Flugerfahrung; er war der wichtig-
Sauter: Die Luftbildvermessungskammern ste Mann der Expedition.
hatten die alte Größe von 18 mal 18 Zentimtern. Schön: Sie haben nicht nur Weihnachten und Sil-
Wir verwendeten Luftbild-Aqua-Topograph- vester an Bord erlebt, sondern auch die Aqua-
Filme. Man mußte sie mit der Hand wechseln. tortaufe. Waren Sie einer der Täuflinge?
Bei 20 bis 30 Grad Kälte blieb immer ein Stück Sauter: Ja. Ich wurde aber nur kurz „behan-
Haut kleben. delt”, da ich das Spektakel fotografieren sollte.
Schön: Wann gingen Sie an Bord des Katapult- Alle Täuflinge erhielten eine Urkunde, die ich
schiffes M/S „Schwabenland”? heute noch besitze.
Sauter: Kurz vor dem Auslaufen des Schiffes Schön: Waren Sie und viele Expeditionsmitglieder
im Dezember 1938. Mir wurde eine Doppelka- während der Reise in die Antarktis seekrank?
bine in Wasserhöhe zugewiesen, die ich mit Sauter: Die Schiffsbewegung, auch bei
meinem Kollegen Bundermann bewohnte. Sturm, hat mir nichts ausgemacht. Ich war ab-
Schön: Wann hatten Sie den ersten Kontakt mit solut seefest. Vom Lufthansa-Personal weiß ich,
Flugkapitän Schirmacher? daß keiner seekrank wurde.

160
IM GESPRÄCH MIT SIEGFRIED SAUTER

Schön: Am 19. Januar 1939 erreichten Sie mit M/S


„Schwabenland” die Antarktis und sahen zum
ersten Mal große Eisberge. Welchen Eindruck
machte die Antarktis auf Sie?
Sauter: Beim ersten Eisberg, den wir
bereits bei der Insel Bouvet sahen,
rannten wir an Oberdeck und sag-
ten: „Wunderbar!” Später, als der
ganze Horizont voller Eisberge war,
war der Eindruck noch schöner,
noch gewaltiger und überwältigen-
der. Manche Eisberge waren über
100 Meter hoch.
Schön: Das Flugboot „Boreas” war die
erste Maschine, die nach der Ankunft in
der Antarktis am Nachmittag des 19. Januar
1939 zum Probeflug startete. Waren Sie bei
diesem Flug an Bord des „ Boreas”?
Sauter: Ja. Wir sollten erkunden, ob
sich die „Schwabenland” an der richti-
gen Stelle befindet, von wo aus die bei-
den Flugboote an den folgenden Tagen
starten konnten. Wir stellten fest, daß
dies nicht der Fall war und daß das
Schiff weit südlicher in eisfreies Was-
ser verlegt werden mußte. Das ge-
schah unmittelbar nach Rückkehr
des „Boreas”. Zum Landen
brauchten die Flugboote eis-
freies Wasser. Am näch-
sten Morgen hatten
wir unseren Schiffs-
standort erreicht.

Siegfried Sauter 1939


mit seiner Handkamera
für Schrägaufnahmen.
Mit ihr machte er etli-
che Bilder von der
Schirmacheroase.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Schön: Die beiden Flugboote „Boreas” und „Pas- Sauter: Es war eine wissenschaftliche Expedi-
sat” wurden für Fotoflüge, Sonderflüge und Inland- tion. Man kann sie auch als Lufthansa-Expedi-
flüge eingesetzt. Die Inlandflüge, bei denen unter tion bezeichnen, denn das Schiff „Schwaben-
Umständen Notlandungen auf dem Eis erforderlich land” gehörte der Deutschen Lufthansa, ebenso
wurden, waren die gefährlichsten Flüge. Hatten Sie die beiden Flugboote „Boreas” und „Passat”,
dabei Angst? die Flugkapitäne und die Mechaniker waren
Sauter: Angst? Dafür hatten wir keine Zeit. Angestellte der Lufthansa. Die Luftbildner wa-
Ich mußte so viele Dinge tun und anschauen, ren Angestellte der Hansa-Luftbild, deren Ei-
daß mir die Zeit fehlte, Angst zu haben. Ich gentümer ebenfalls die Lufthansa war. Aller-
hatte nur das Gefühl, die grandiose Schön- dings: Die Finanzierung der Expedition erfolg-
heit der Eisfelder und der Berge, die zuvor te vom Deutschen Reich, das auch die Kosten
noch kein Mensch gesehen hatte, zu genießen. des Umbaus des M/S „Schwabenland” zum
Das war ein überwältigender positiver Ein- Expeditionsschiff übernommen hatte. Unser
druck. Auftrag war es, einen Teil der Antarktis zu ver-
Schön: Sie sahen viele Berge, die über 4.000 Meter messen. Meine Aufgabe und die meines Kolle-
hoch waren. Die stark überlasteten Flugboote konn- gen Bundermann war es, Land zu vermessen.
ten diese Höhe jedoch nicht erreichen. War das ein Wir waren Vermessungsingenieure.
Nachteil? Schön: Während des gesamten Aufenthalts in der
Sauter: Nein. Wir konnten an den Bergspitzen Antarktis waren nach Ihrer Meinung die Besatzun-
vorbeifliegen. Deswegen mußten wir immer gen der beiden Flugboote „Boreas” und „Passat” die
mit Sicht fliegen. Bis zum dritten oder vierten wichtigsten Expeditionsmitglieder?
Flug sind wir genau nach Plan geflogen. Da- Sauter: Das ist richtig. Natürlich waren auch
nach wurde auf Intervention der beiden Flug- die Wissenschaftler wichtig, nur, wir waren am
kapitäne der Flugplan geändert. wichtigsten. Ich sage Ihnen auch, warum. Wä-
Schön: Haben Sie miterlebt, wie eine deutsche re einer von uns ausgefallen, dann wäre die
Reichsflagge auf dem Eis gehißt wurde? ganze Expedition zusammengebrochen und
Sauter: Flugkapitän Mayr hat mit „Passat” hätte abgebrochen werden müssen. Außerdem
am flachen Eis geankert. Er konnte dann zu Fuß waren wir die einzigen an Bord, die bei jedem
auf das Eis gehen, um dort eine Hakenkreuz- Flug ihr Leben aufs Spiel setzten, von keinem
flagge in das Eis zu rammen und sich dann mit Wissenschaftler wurde dies erwartet.
zwei seiner Besatzungsmitglieder fotografieren Schön: Welche Gefahr für Ihr Leben sahen Sie
zu lassen. denn bei den Flügen?
Schön: Am 30. Januar 1939 war auf der „Schwa- Sauter: Die Notlandung in der' Eiswüste bei
benland” wie in Deutschland „Nationaler Feiertag” einem Inlandflug. Ich habe damals auch mit
zur Erinnerung an den Tag der Machtergreifung am Kapitän Ritscher darüber gesprochen und ihn
30. Januar 1933, die Rede von Adolf Hitler wurde gefragt, was geschieht, wenn wir sechs Flug-
übertragen. Können Sie sich daran erinnern? stunden oder weiter zum Südpol notlanden
Sauter: Nein, ganz schwach. Das war für uns müssen. „Wie wollen Sie uns in einer solchen
eine ferne Welt. Wir hatten den Kopf voll mit Situation vom Schiff aus helfen und retten?” —
der Vorbereitung des nächsten Fluges. „Wir würden Ihnen Lastenfallschirme abwer-
Schön: Erinnern Sie sich an die Rede, die der fen mit Proviant für vier Wochen!” antwortete
Ortsgruppenleiter der NSDAP auf der „ Schwaben- er. „Und die weiteren Wochen?” fragte ich.
land”, der 2. Offizier Karl-Heinz Röbke, an diesem „Sollen wir die mit Beten verbringen?” Ich ha-
Tag durch seinen Stellvertreter verlesen ließ? be Kapitän Ritscher mit meinen bohrenden Fra-
Sauter: Nein, auch daran nicht. Röbke war für gen ganz schön unter Druck gesetzt. Aber er
uns einer der Handelsschiffsoffiziere und kein wollte uns die Beruhigungspille geben: „Wir
Parteimann. Er lief auch nicht in Parteiuniform holen Sie da raus, wenn Sie notlanden!” Was
mit Hakenkreuzbinde durch das Schiff. aber, wenn wir gegen einen Berg geknallt
Schön: Gab es an Bord der „Schwabenland” eine wären? Wir hätten daran geklebt, tot oder le-
politische Schulung? bendig. Der Bordarzt Dr. Bludau hat uns er-
Sauter: Nein. Es gab nur Sachvorträge, die für zählt, wie man Beine abbindet oder absägt. Die-
alle Expeditionsmitglieder wichtig und sehr in- ses Thema Absägen wurde sehr ausführlich be-
formativ waren. handelt, denn es wurde angenommen, wenn
Schön: Welche Atmosphäre herrschte hinsichtlich wir notlanden, gibt's einen furchtbaren Crash,
des damaligen Zeitgeschehens an Bord? War es eine und wir liegen da, eingeklemmt, und müssen
rein wissenschaftliche Expedition ? Welche Rolle dann losgesägt werden, mit der Handsäge, die
spielte die Tatsache, daß diese Expedition zur Zeit zu unserem Notgepäck gehörte, und das oh-
des Dritten Reiches stattfand? ne Betäubung.

162
IM GESPRÄCH MIT SIEGFRIED SAUTER

Schön: Stellen Sie sich vor, Ende Januar/Anfang Sauter: Die Schirmacherseenplatte haben
Februar 1939, als das Wetter schlechter wurde, hät- wir erst beim siebten, dem letzten Fernflug ent-
ten Sie notlanden müssen. Sie hätten dann im ark- deckt. Ich habe sie gesehen, haargenau. Es war
tischen Sommer nicht mehr herausgeholt werden wohl eine der wichtigsten Entdeckungen an der
können. Expedition. Sie erhielt später die Bezeichnung
Sauter: In diesem Fall wären wir rettungslos Schirmacheroase, benannt nach unserem Flug-
verloren gewesen, denn man hätte uns dann kapitän, dem die Entdeckung zugeordnet wur-
erst im Herbst befreien können, doch zu diesem de.
Zeitpunkt hätte keiner mehr gelebt. Schön: War aus Ihrer persönlichen Sicht die Ant-
Schön: Gab es bei den Fernflügen besonders kriti- arktisexpedition ein Erfolg?
sche Situationen? Sauter: Aus der Sicht
Sauter: Ich erinnere der beiden Luftbildner
mich an zwei. Beim er- ein großer Erfolg mit
sten Flug waren wir 11.600 Luftaufnahmen.
noch unerfahren und Das hat niemand erwar-
wußten nicht, wie ein tet, dieses Ergebnis war
„Whiteout” aussieht. eine Sensation. Wir ha-
Aber er kam schlagartig. ben später in sechs Wo-
Wir flogen in Richtung chen eine Karte von
Südpol, als er uns er- Neu-Schwabenland fer-
reichte, alles war plötz- tiggestellt.
lich „weiß”. Der Flugka- Schön: An wen wurden
pitän sagte: „Ich sehe die 11.600 Luftaufnahmen
nichts mehr, nur noch nach der Expedition abge-
weiß!” Im selben Mo- liefert?
ment sagte ich: „Anten- Sauter: Die Fotos
ne schlägt auf.” Das be- wurden sofort nach
deutete höchste Gefahr. Rückkehr des M/S
Der Flugkapitän meister- „Schwabenland” nach
te sie: Steilkurve raus Berlin gebracht, dort
und wieder zurück. Das bei der Hansa-Luftbild
war eine der schlimm- in Berlin-Tempelhof
sten Situationen. Wahr- abgeliefert und im
scheinlich wäre die Ma- Bunker, der sich unter
schine gegen das Eis ge- dem Gebäude befand,
rast und wir alle vier Siegfried Sauter nahm als Luftbildner an der Deut- aufbewahrt.
wären weg gewesen. Da- schen Antarktischen Expedition 1938/39 teil. An Schön: Es gibt Aussa-
mit wäre die ganze Ex- Bord des Flugbootes „Boreas"nahm er ungefähr die gen, nach denen sämtliche
pedition gestorben. Mit Hälfte der insgesamt 11.600 Schrägluftbilder auf. Expeditionsfotos während
dem zweiten Flugboot des Krieges bei einem
allein hätte man die Expedition nicht fortsetzten Bombenangriff f auf Leipzig verbrannt wären.
können. Die zweite gefährliche Situation ergab Sauter: Das stimmt nicht. Die Aufnahmen
sich beim Fernflug Nummer 7, als über dem sind nie nach Leipzig gebracht worden.
Wohlthatmassiv plötzlich die Motoren aussetzten. Schön: Was ist das Schicksal dieser Aufnahmen?
Der Flugkapitän und der Mechaniker schafften es Sind sie möglicherweise im Bunker der Hansa-Luft-
trotz heftigen Gegenstemmens nicht, die Maschi- bild in Berlin verbrannt?
ne zu halten. Erst nachdem ich allen Ballast nach Sauter: Tatsache ist, daß die Filme im Bunker
vorn gebracht hatte, glückte es. Das war auch das der Hansa-Luftbild in Berlin-Tempelhof einge-
Ende unseres Fernfluges. „Jetzt nichts wie runter lagert wurden. Der Eingang zu den Bunkern
in wärmeres Gebiet”, sagte der Flugkapitän. Was wurde später zugemauert, in der Hoffnung,
heißt wärmer! Statt 30 Grad minus waren es 20, daß niemand von der Filmeinlagerung weiß.
später 10. Bei dieser Temperatur hat die Trieban- Die Russen, die bei Kriegsende das Gelände
lage wieder funktioniert, und wir sind brav nach besetzten, erfuhren es jedoch und öffneten den
Hause geflogen — „nach Hause” bedeutete auf un- Bunker, der bei einem Luftangriff beschädigt
ser Flugzeugstützpunktschiff „Schwabenland”. worden war. Da sie Kameras fanden, ist davon
Schön: Die Schirmacherseenplatte ist erst bei ei- auszugehen, daß der Bunker nicht völlig aus-
nem der letzten Flüge entdeckt worden. Wie kam es gebrannt war. Das aber behaupteten die Russen
dazu? und gaben an, daß alle Filme verbrannt seien.

163
DEUTSCHE ANTARKTISCHE BERLIN W 35, DEN 14. Juli 1 39
MATTHÄUFKIRCHIPLATZ 0
EXPEDITION 1938/39 FERNSPRECHER: 22 26 10

Herrn
Siegfried Sauter

Bundesring 30

Sehr geehrter Herr Sauter!

Die vorläufige Karte von "Neu-Schwabenland" wurde in-


zwischen fertiggestellt. Bei der Benennung der einzel-
nen Gebirgsstöcke, Berge, Kämme, Grate usw. wurden die-
jenigen Expeditionsteilnehmer berücksichtigt, deren Mit-
arbeit für die Expedition von besonderer Bedeutung war.

Das Gebiet zwischen 30 und 3 2/3 0 Ost auf 72 1/2 ° Süd


erhielt den Namen

=================================

Lit bestem Gruß und Heil Hitler!

Bis heute hat Siegfried Sauter den Brief mit dem ihm die Benennung eines Gebirges in Neu-Schwabenland mit seinem
Namen mitgeteilt wurde, aufbewahrt. Rechts: Auch die ,, Urkunde" über seine Äquatortaufe, unterzeichnet
von Expeditionsleiter Ritscher und Kapitän Kottas, ist noch in seinem Besitz.

Der Sauter-Riegel (nach heutigen Messungen 72° 10' Süd, 2 ' 45' Ost) wurde nach seinem Fotografen benannt.
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Doch nach dem Krieg sind in Berlin Bilder auf- konnten nicht landen wegen des Packeisgür-
getaucht, die von den Filmen kopiert waren. tels, der Neu-Schwabenland umgibt. Nur Eis-
Darüber hinaus hat die Witwe von Kapitän Rit- brechern wäre dies möglich gewesen oder be-
scher lange nach Kriegsende etwa 600 Fotos sonders gepanzerten Schiffen. Jede Station, in
dem Institut für angewandte Geodäsie in der Forscher überwintern, muß für ein Jahr
Frankfurt übergeben. Ich habe Zweifel daran, mit Lebensmitteln versorgt werden. Das reicht
daß alle Filme in Berlin verbrannt sind, denn sie nur für eine geringe Anzahl von Menschen.
waren alle gut verkapselt und eingeschweißt. Daß für Hitler in Neu-Schwabenland ein Bun-
Es wäre denkbar, daß einige Filme als Beute- ker gebaut wurde, ist völliger Unsinn, ebenso
stücke mitgenommen wurden, da die Russen die Behauptung, dort wären U-Boot-Bunker
an dem Ergebnis der deutschen Antarktisexpe- gebaut worden. Wer solche Gerüchte in die
dition 1938 / 39 sehr interessiert waren; sie ha- Welt setzt, hat keine Ahnung, wie es in der
ben davon immer mit größter Hochachtung ge- Antarktis aussieht, sie ist der wüsteste Konti-
sprochen, dies auch auf der Antarktistagung in nent, den es gibt. Über ihn rasen Stürme mit
Neuseeland. Aber daß sie Filme mitgenommen 200 und mehr Stundenkilometern Geschwin-
hätten, haben sie nicht zugegeben. digkeit dahin, und ein halbes Jahr lang ist
Schön: Sie halten es also für möglich, daß irgend- Nacht, völlige Nacht.
wo noch Filme existieren, vielleicht als „Beutegut”? Schön: Die während der Antarktisexpedition
Was aber könnten die Russen für ein Interesse an 1938/39 entdeckte Schirmacheroase, die auch Schir-
diesem Filmmaterial gehabt haben? macherseenplatte genannt wird, scheint von vielen
Sauter: Sofort nach dem Krieg haben die Rus- Ländern für die Errichtung von Forschungsstatio-
sen im Antarktisgebiet Neu-Schwabenland eine nen besonders bevorzugt worden zu sein. Woran
Forschungsstation aufgebaut. Warum gerade liegt das? Ist die Bezeichnung „Oase” eigentlich
dort? Sie waren die ersten, die an Ort und Stelle richtig oder handelt es sich nur um eine größere eis-
waren und die ihre Station weit vorangetrieben freie Fläche mit einigen kleineren Seen?
haben, bis zu der Schirmacheroase. Diese war Sauter: „Oase” ist für die Schirmacherseen-
für sie das Wichtigste. Waren die Russen mögli- platte eine etwas irreführende Bezeichnung.
cherweise im Besitz von Luftfotos und weiteren Unter dem Begriff Oase stellt man sich norma-
Detailinformationen über Neu-Schwabenland? lerweise einen Ort mit Palmen vor. In der Ant-
Die Russen haben der DDR genehmigt, unweit arktis gibt es keinerlei Vegetation. Die Schirma-
ihrer Station ebenfalls eine Station aufzubauen, cheroase ist eine eisfreie Zone mit einem blauen
beide haben sehr eng zusammengearbeitet. See mittendrin.
Schön: Könnten auch militärstrategische Überle- Schön: Wo liegt diese Oase, wie erreicht man sie?
gungen eine Rolle gespielt haben? Sauter: Die Schirmacheroase liegt in einem
Sauter: Mit Sicherheit nicht. Da gibt es kein ganz flachen Gebiet mit einigen kleinen Bergen,
Gras, keinen Halm, keinen Baum, keinen deren Wände sich aufheizen. Das flache Gebiet
Strauch. Nichts, nur am Rand Pinguine und reicht bis zu einer Bergkette, die mit ihren Spit-
Robben. Schon die Versorgung der For- zen etwa 3.000 Meter hoch ist. Die Oase liegt et-
schungsstationen ist nicht einfach. Alle wa eine Flugstunde von der Schelf eisgrenze
führenden Nationen haben nach Kriegsende entfernt und ist im antarktischen Sommer, der
in der Antarktis Stationen aufgebaut, die das im Januar beginnt, eisfrei. Nur diese Zeit kann
ganze Jahr über mit Forschern besetzt sind. genutzt werden für den Bau und die Einrich-
Besonders große Stationen haben die Ameri- tung von Forschungsstationen.
kaner und die Russen. Aber auch China, Ja- Schön: Welche Länder betreiben heute For-
pan, Indien, einige afrikanische Staaten und schungsstationen im Gebiet der Schirmacheroase,
vor allem die Länder Südamerikas haben die bei der Antarktisexpedition 1938/39 von Luft-
Stationen errichtet und betreiben sie, man- hansa-Kapitän Schirmacher entdeckt wurde und die
che nur im antarktischen Sommer, andere zu dem von der deutschen Expedition vermessenen
ganzjährig. Doch militärische Stationen auf- Gebiet Neu-Schwabenland gehört?
zubauen ist unmöglich. Sauter: Die größte Forschungsstation „Nowo-
Schön: Dann halten Sie es wohl auch für unmög- lasarewskaja” hat in den ersten Nachkriegsjahren
lich, daß kurz vor Kriegsbeginn und während des die Sowjetunion hier aufgebaut, fast ständig er-
Krieges Baumaterial nach Neu-Schwabenland weitert und ausgebaut, später auch der DDR ei-
transportiert wurde, um dort Bunker im Eis zu bau- nen Teil übergeben, die hier ihre eigene Station
en, Bunker für Unterkünfte und U-Boot-Bunker? aufbaute, die inzwischen aufgelöst wurde. Beide
Sauter: Alle Gerüchte und Spekulationen Stationen haben sehr eng zusammengearbeitet.
darüber, die nach dem Krieg in Umlauf ge- Darüber hinaus haben Südafrika, die Volksrepu-
bracht wurden, sind barer Unsinn. Schiffe blik China, Japan und Indien Stationen im Bereich

166
I M GESPRÄCH MIT SIEGFRIED SAUTER

Heinz Schön (links) im Gespräch mit dem einzigen


noch lebenden Expeditionsteilnehmer Siegfried Sauter
der Schirmacheroase aufgebaut. Bei meiner letz- Sauter: Von einem Protest ist mir nichts be-
ten Antarktisreise mit Franz Lazi 1989 habe ich kannt, obwohl die Norweger, was die Antarktis
mir erzählen lassen, daß in der indischen Station, betrifft, nicht gut auf uns zu sprechen sind. Nor-
die aus Zelten besteht, während des antarktischen wegische Walfänger haben uns bereits bei der
Sommers 200 Inder sitzen, Karten spielen und am Expedition 1938 / 39 ständig verfolgt, sie hatten
Ende des Sommers wieder abreisen. Funk- und Sichtkontakt mit uns. Sie wollten ge-
Schön: Wie erklären Sie sich, daß die Deutschen, nau wissen, wie viele Flugzeuge wir hatten und
als sie in den 70er Jahren die Antarktisforschung mit was wir in der Antarktis vorhatten. Ich vermu-
großem Aufwand neu begannen, nicht wieder in te, daß die norwegischen Walfänger ihre Beob-
Neu-Schwabenland angefangen haben? Warum achtungen norwegischen Regierungsstellen
wurde die deutsche Neumeyer-Station nicht in Neu- übermittelt haben, da die Norweger das zum
Schwabenland aufgebaut? Königin-Maud-Land gehörende Gebiet von
Sauter: Als die Bundesrepublik die Antarktis- Neu-Schwabenland als ihren Besitz ansahen.
forschung neu begann, hatten bereits die Russen Schön: Sind die Norweger tatsächlich vor den
in Neu-Schwabenland ihre Station aufgebaut Deutschen in Neu-Schwabenland gewesen?
und der DDR einen Teil davon als Souvenir Sauter: Als wir im Januar 1939 mit M / S „Schwa-
überlassen. Deshalb war es nicht möglich, hier benland” die Antarktis erreicht hatten, fuhren die
noch eine Station der Bundesrepublik aufzubau- norwegischen Walfangboote neben uns her wie
en. Man suchte sich deshalb für die Station der Begleithunde. Unser Eislotse, Kapitän Kraul, der
Bundesrepublik einen anderen Platz und fand fließend Norwegisch sprach, hat die Gespräche
ihn am Kap Norwegia, wo die Neumeyer-Sta- der Walfangkapitäne, die diese untereinander
tion errichtet wurde. Die Bundesrepublik wollte führten, mitgehört. Die norwegischen Kapitäne er-
in jedem Fall in der Polarforschung ein gewich- hielten Anweisung, den Küstenstreifen Namen zu
tiges Wort mitreden und dabeisein. Wir hatten in geben und auch dem dahinterliegenden Inlandeis,
der Antarktisforschung bereits beachtliche Erfol- sie haben das Gebiet nur mit dem bloßen Auge ge-
ge aufzuweisen. Wir konnten uns in der Zeit des sehen oder mit dem Fernglas, sie haben es nicht be-
kalten Krieges wohl kaum an die gleiche Stelle treten, aber tauften es zum Beispiel König-Haa-
setzen wie die Russen und die DDR. Die Neu- kon-Land. So einfach machten sich die Norweger
meyer-Station ist weit weg, sie liegt nicht im Ge- die Inbesitznahme des Königin-Maud-Landes, zu
biet von Neu-Schwabenland. dem nach norwegischer Auffassung auch Neu-
Schön: Haben die Norweger nicht protestiert, als Schwabenland gehört. Aufgrund dieser Namens-
man die bundesdeutsche Station am Kap Norwegia gebung hat die norwegische Regierung bereits
errichtete? Mitte Januar 1939 der deutschen Regierung erklärt:

167
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

„Neu-Schwabenland gehört uns.” Die deutsche gestartet. Man probierte bei dieser Expedition
Regierung hat dann ohne Zeitverzug den norwe- alles mögliche aus und demonstrierte damit
gischen Gebietsanspruch zurückgewiesen. Überlegenheit.
Schön: Welche wirtschaftlichen Interessen könn- Schön: Bei Ihrem großen Interesse an Neu-Schwa-
te 1938 das Dritte Reich an der Inbesitznahme von benland und der Antarktis wäre es kein Wunder,
Neu-Schwabenland gehabt haben? wenn Sie nach dem Krieg noch einmal auf dem eisi-
Sauter: Die Sicherung eines großen Walfang- gen Kontinent gewesen wären?
gebietes in der Antarktis stand bei den wirt- Sauter: Das war ich: 1989. Ich stellte fest, daß
schaftlichen Interessen Deutschlands sicher an sich in den 50 Jahren zwischen 1939 und 1989
erster Stelle. Des weiteren wollte sich Deutsch- in der Antarktis viel verändert hat. Am stärk-
land durch die Inbesitznahme von Neu-Schwa- sten haben die Amerikaner und die Russen
benland ein Mitspracherecht bei einer späteren Fuß gefaßt. Die Russen haben dort, das muß
Verteilung dieses herrenlosen Kontinents si- ich mit Hochachtung sagen, einige absolute
chern, zumal man unter dem Eis Bodenschätze Kältestationen besetzt, bei nahe 90 Grad mi-
und vor der antarktischen Küste Ölvorkommen nus, die jährlich neu bestückt werden müssen.
vermutet. Die Amerikaner unterhalten eine Dauersta-
Schön: Was wissen Sie über die amerikanischen tion, die fast schon eine richtige Stadt ist. Sie
Expeditionen mit Admiral Byrd vor 1938/39? Waren hatte schon 1989 einen Flugplatz. Es war kei-
die Amerikaner damals auch in Neu-Schwabenland? ne wissenschaftliche Expedition, sondern eine
Sauter: Die Amerikaner haben gute Auf- sogenannte „Society-Expedition ” mit einem
klärung geflogen, aber immer nur Einzelstreifen Lazi-Sightseeing-Schiff, die mir die Möglich-
vermessen, also keine zusammenhängenden keit bot, die Antarktis noch einmal zu sehen
Gebiete. Sie haben weite, ausgedehnte Flüge un- und zu erleben. Anlaß waren Filmaufnahmen,
ternommen und gute Aufnahmen mit hervorra- in denen mir eine besondere Rolle als Miterle-
genden Luftbildkameras gemacht. Doch richti- ber der Deutschen Antarktisexpedition
ge Vermessungen, wie wir sie bei der Antarktis- 1938 / 39 zugedacht war.
expedition 1938 / 39 vornahmen, haben die Im Film kommt Kapitän Lampe aus Olden-
Amerikaner nicht gemacht. Ihre Aufgabe sahen burg raus und begrüßt mich: „Ah, guten Tag,
sie in der Aufklärung, sie wollten genauer wis- Herr Sauter, wie war es denn in der Antarktis,
sen, welche Gebiete eisfrei und wie hoch die wie Sie damals, 1939, dort waren?” Und dann
Berge sind und wie die Beschaffenheit, aus der habe ich erzählt: „Große Wale gibt's nicht mehr,
Luft gesehen, anderer Antarktisregionen ist. Bei ganz anders als damals, als wir Neu-Schwa-
der Gesamtgröße der Antarktis konnten die benland entdeckt haben. Neu-Schwabenland
Amerikaner jedoch nur einen geringen Teil er- ist nicht fotogen. Da sehen Sie nur eine hohe
kunden. Mit ihren Erkundungsflügen haben sie Eiskante, und dann müssen Sie erst einmal
sicher eine hervorragende Arbeit geleistet. Neu- mehrere Stunden mit dem Traktor fahren, um
Schwabenland haben die Amerikaner jedoch auf die Schirmacheroase zu kommen. Aber im
nicht überflogen, es blieb „unentdecktes Land”, antarktischen Winter geht das nicht. Die deut-
bis wir Deutschen 1938 / 39 kamen. sche Neumayer-Station ist auch nur im Som-
Schön: Die Amerikaner haben 1946/47 unter Ad- mer anfahrbar, sie ist auch nicht sehr fotogen,
miral Byrd noch einmal eine großangelegte Antark- aber dort wird eine sehr gute wissenschaftliche
tisexpedition mit einem enormen militärischen Auf- Arbeit geleistet.”
wand durchgeführt. Worin sehen Sie persönlich den Schön: Hatten Sie nach dem Krieg noch Kontakt
Sinn dieser Aktion? mit Teilnehmern der Antarktisexpedition 1938/39?
Sauter: Für mich war dieses Unternehmen ei- Sauter: Ja, mit einem, mit Flugzeugführer
ne reine Prestigeaktion. Diese erschien den Mayr. Er hat in Frankfurt die Flugkapitän-Prü-
Amerikanern notwendig, da sofort nach Kriegs- fung für die neue Lufthansa gemacht und wur-
ende die Russen begannen, sich in der Antark- de danach Flugkapitän von Adenauer, der Bun-
tis breitzumachen. Die Amerikaner wollten zei- deskanzler wollte nur mit ihm fliegen. Mayr
gen, daß sie in der Antarktis präsent sind. Des- war groß und breit wie ein Doppelspind, er
halb haben sie auch als Grund für ihre Expedi- strahlte Ruhe und Sicherheit aus. Sonst habe ich
tion angegeben, sie wollten prüfen, wie Men- niemanden mehr getroffen, der bei der Antark-”
schen und Material auf antarktische Verhältnis- tisexpedition 1938 /39 mit der „Schwabenland
se und antarktische Kälte reagieren. Während dabei war. Leider ist über diese große und be-
wir bei unserer Expedition unsere Flugzeuge deutende Antarktisexpedition weder im Drit-
mit dem Katapult abschossen, starteten die ten Reich noch in den jetzt fast 60 Nachkriegs-
amerikanischen Flugzeuge vom Flugzeugträger jahren in den deutschen Medien berichtet wor-
aus. Von diesen wurden auch die Hubschrauber den — sie hätte es verdient.

168
ANHANG

Anhang
Der Antarktisvertrag
(Stand: 5. August 2003) (2) Bei der Durchführung dieses Artikels wird die Her-
stellung von Arbeitsbeziehungen auf der Grundlage der
Die Regierungen Argentiniens, Australiens, Belgiens, Chi- Zusammenarbeit mit denjenigen Sonderorganisationen der
les, der Französischen Republik, Japans, Neuseelands, Nor- Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisa-
wegens, der Südafrikanischen Union, der Union der Sozia- tionen, die auf ein wissenschaftliches oder technisches In-
listischen Sowjetrepubliken, des Vereinigten Königreichs teresse an der Antarktis haben, auf jede Weise gefördert.
Großbritanniens, Nordirland und der Vereinigten Staaten
von Amerika, Art. IV: (1) Dieser Vertrag ist nicht so auszulegen,
in der Erkenntnis, daß es im Interesse der ganzen a) als stellte er einen Verzicht einer Vertragspartei auf
Menschheit liegt, die Antarktis für alle Zeiten ausschließ- vorher geltend gemachte Rechte und Ansprüche auf Ge-
lich für friedliche Zwecke zu nutzen und nicht zum Schau- bietshoheit in der Antarktis dar;
platz oder Gegenstand internationaler Zwietracht werden b) als stellte er einen vollständigen oder teilweisen Ver-
zu lassen; zicht einer Vertragspartei auf die Grundlage eines An-
in Anerkennung der bedeutenden wissenschaftlichen spruchs auf Gebietshoheit in der Antarktis dar, die sich aus
Fortschritte, die sich aus der internationalen Zusammenar- ihrer Tätigkeit oder derjenigen ihrer Staatsangehörigkeiten
beit bei der wissenschaftlichen Forschung in der Antarktis in der Antarktis oder auf andere Weise ergeben könnte;
ergeben; c) als greife er der Haltung einer Vertragspartei hin-
überzeugt, daß die Schaffung eines festen Fundaments sichtlich ihrer Anerkennung oder Nichtanerkennung des
für die Fortsetzung und den Ausbau dieser Zusammenar- Rechts oder Anspruchs oder der Grundlage für den An-
beit auf der Grundlage der Freiheit der wissenschaftlichen spruch eines anderen Staates auf Gebietshoheit in der
Forschung in der Antarktis, wie sie während des interna- Antarktis vor.
tionalen Geophysikalischen Jahres gehandhabt wurde, den (2) Handlungen oder Tätigkeiten, die während der Gel-
Interessen der Wissenschaft und dem Fortschritt der tungsdauer dieses Vertrags vorgenommen werden, bilden
ganzen Menschheit entspricht; keine Grundlage für die Geltendmachung, Unterstützung
sowie in der Überzeugung, daß ein Vertrag, der die Nut- oder Ablehnung eines Anspruchs auf Gebietshoheit in der
zung der Antarktis für ausschließlich friedliche Zwecke Antarktis und begründen dort keine Hoheitsrechte. Solan-
und die Erhaltung der internationalen Eintracht in der Ant- ge dieser Vertrag in Kraft ist, werden keine neuen An-
arktis sichert, die in der Charta der Vereinten Nationen nie- sprüche oder Erweiterungen neuer Ansprüche auf Ge-
dergelegten Ziele und Grundsätze fördern wird — sind wie bietshoheit in der Antarktis geltend gemacht.
folgt übereingekommen:
Art. V: (1) Kernexplosionen und die Beseitigung radio-
Art. I: (1) Die Antarktis wird nur für friedliche Zwecke ge- aktiven Abfalls sind in der Antarktis verboten.
nutzt. Es werden unter anderem alle Maßnahmen militäri- (2) Werden internationale Übereinkünfte über die Nut-
scher Art wie die Einrichtung militärischer Stützpunkte und zung der Kernenergie einschließlich von Kernexplosionen
Befestigungen, die Durchführung militärischer Manöver so- und der Beseitigung radioaktiven Abfalls geschlossen, de-
wie die Erprobung von Waffen jeder Art verboten. nen alle Vertragsparteien angehören, deren Vertreter zur
(2) Dieser Vertrag steht dem Einsatz militärischen Perso- Teilnahme an den Artikel IX vorgesehenen .Tagungen be-
nals oder Materials für die wissenschaftliche Forschung rechtigt sind, so finden die durch solche Übereinkünfte
oder für sonstige friedliche Zwecke nicht entgegen. festgelegten Vorschriften in der Antarktis Anwendung.
Art. II: Die Freiheit der wissenschaftlichen Forschung in Art. VI: Dieser Vertrag gilt für das Gebiet südlich von 60°
der Antarktis und die Zusammenarbeit zu diesem Zweck, südlicher Breite einschließlich aller Eisbänke; jedoch läßt
wie sie während des Internationalen Geophysikalischen dieser Vertrag die Rechte oder die Ausübung der Rechte ei-
Jahres gehandhabt wurden, bestehen nach Maßgabe dieses nes Staates nach dem Völkerrecht in bezug auf die Hohe
Vertrags fort. See in jenem Gebiet unberührt.
Art. III: (1) Um die in Artikel II vorgesehene internatio- Art. VII: (1) Um die Ziele dieses Vertrags zu erreichen
nale Zusammenarbeit bei der wissenschaftlichen For- und die Einhaltung seiner Bestimmungen zu gewährlei-
schung in der Antarktis zu fördern, vereinbaren die Ver- sten, hat jede Vertragspartei, deren Vertreter zur Teilnahme
tragsparteien, daß, soweit möglich und durchführbar, an den in Artikel IX vorgesehenen Tagungen berechtigt
a) Informationen über Pläne für wissenschaftliche Pro- sind, das Recht, Beobachter zu ernennen, welche die im
gramme in der Antarktis ausgetauscht werden, um ein vorliegenden Artikel erwähnten Inspektionen durch-
Höchstmaß an Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit führen. Die Beobachter müssen Staatsangehörige der sie
der Unternehmungen zu ermöglichen; benennenden Vertragspartei sein. Die Namen der Beob-
b)wissenschaftliches Personal in der Antarktis zwischen achter werden jeder anderen Vertragspartei mitgeteilt, die
Expeditionen und Stationen ausgetauscht wird; das Recht hat, Beobachter zu benennen; ihre Abberufung
c)wissenschaftliche Beobachtungen und Ergebnisse aus wird ebenfalls mitgeteilt.
der Antarktis ausgetauscht und ungehindert zur Verfü- (2) Jeder nach Absatz 1 benannte Beobachter hat jederzeit
gung gestellt werden. völlig freien Zugang zu allen Gebieten der Antarktis.

169

MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

(3)Alle Gebiete der Antarktis einschließlich aller Statio- den sind, deren Vertreter zur Teilnahme an den zur Erörte-
nen, Einrichtungen und Ausrüstungen in jenen Gebieten rung dieser Maßnahmen abgehaltenen berechtigt waren.
sowie alle Schiffe und Luftfahrzeuge an Punkten zum Ab-
setzen oder Aufnehmen
jedem
von Ladung oder Personal in der
Antarktis stehen jedem nach Absatz 1 benannten Beobach-
ter jederzeit zur offen. (5) Einzelne oder al e in diesem Vertrag vorgesehenen Rechte können vom Tag des Inkraftretens des Vertrages an ausgeübt werden, gleichviel ob Maßnahmen zur Erleichterung der Ausübung solcher Rechte nach diesem Ar
(4) Jede der Vertragsparteien, die ein Recht auf Benen- tikel vorgeschlagen, erörtert oder genehmigt worden sind.
nung von Beobachtern haben, kann jederzeit Luftbeobach-
tungen über einzelne oder allen Gebieten der Antarktis Art. X: Jede Vertragspartei verpflichtet sich, geeignete, im
durchführen. Einklang mit der Charta der Vereinten Nationen stehende
(5)Jede Vertragspartei unterrichtet zu dem Zeitpunkt, zu Anstrengungen zu unternehmen, um zu verhindern, daß in
dem dieser Vertrag für sie in Kraft tritt, und danach jeweils der Antarktis eine Tätigkeit entgegen den Grundsätzen
im voraus die anderen Vertragsparteien oder Zielen dieses Vertrags aufgenommen wird.
a) über alle nach und innerhalb der Antarktis von ihren
Schiffen oder Staatsangehörigen durchgeführten Expedi- Art. XI: (1) Entsteht zwischen zwei oder mehr Vertrags-
tionen und alle in ihrem Hoheitsgebiet organisierten oder parteien eine Streitigkeit über die Auslegung oder Anwen-
von dort aus durchgeführten Expeditionen nach der Ant- dung dieses Vertrags, so konsultieren die betreffenden Ver-
arktis; tragsparteien einander, um die Streitigkeit durch Verhand-
b) über alle von ihren Staatsangehörigen besetzten Sta- lung, Untersuchung, Vermittlung, Vergleich, Schiedsver-
tionen in der Antarktis und fahren, gerichtliche Beilegung oder sonstige friedliche Mit-
c) über alles militärische Personal oder Material, das sie tel ihrer Wahl beilegen zu lassen.
unter den in Artikel I Absatz 2 vorgesehenen Bedingungen (2) Jede derartige Streitigkeit, die nicht auf diese Weise
in der Antarktis verbringen will. beigelegt werden kann, wird - jeweils mit Zustimmung al-
ler Streitparteien - dem Internationalen Gerichtshof zur
Art. VIII: (1) Um den nach Artikel 7 Absatz 1 benannten Beilegung unterbreitet; wird keine Einigkeit über die Ver-
Beobachtern und dem nach Artikel III Absatz 1 Buchstabe weisung n den Internationalen Gerichtshof erzielt, so sind
b ausgetauschten wissenschaftlichen Personal sowie den die Streitparteien nicht von der Verpflichtung befreit, sich
diese Personen begleitenden Mitarbeitern die Wahrneh- weiterhin zu bemühen, die Streitigkeit durch eines der ver-
mung ihrer Aufgaben nach diesem Vertrag zu erleichtern, schiedenen in Absatz 1 genannten friedlichen Mittel beizu-
unterstehen sie - unbeschadet der Haltung der Vertrags- legen.
parteien bezüglich der Gerichtsbarkeit über alle anderen
Personen in der Antarktis - in bezug auf alle Handlungen Art. XII: (1) a) Dieser Vertrag kann jederzeit durch ein-
oder Unterlassungen, die sie während ihres der Wahrneh- hellige Ubereinstimmung der Vertragsparteien, deren Ver-
mung ihrer Aufgaben dienenden Aufenthalts in der Ant- treter zur Teilnahme an den in Artikel IX vorgesehenen Ta-
arktis begehen, nur der Gerichtsbarkeit der Vertragspartei- gungen berechtigt sind, geändert oder ergänzt werden. Ei-
en, deren Staatsangehörige sie sind. ne solche Anderung oder Ergänzung tritt in Kraft, wenn
(2) Unbeschadet des Absatzes 1 werden bis zur Annahme die Depositarregierung von allen diesen Vertragsparteien
von Maßnahmen nach Artikel IX Absatz 1 Buchstabe e die die Anzeige erhalten hat, daß sie sie ratifiziert haben.
Vertragsparteien, die an einer Streitigkeit über die Aus- (b) Danach tritt eine solche Anderung oder Ergänzung
übung von Gerichtsbarkeit in der Antarktis beteiligt sind, für jede andere Vertragspartei in Kraft, wenn deren Ratifi-
einander umgehend konsultieren, um zu einer für alle Sei- kationsanzeige bei der Depositarregierung eingegangen ist.
ten annehmbaren Lösungen zu gelangen. Jede Vertragspartei, von der binnen zwei Jahren nach In-
krafttreten der Anderung oder Ergänzung nach Buchstabe
Art. IX: (1) Vertreter der in der Präambel genannten Ver- a keine Ratifikationsanzeige eingegangen ist, gilt mit Ab-
tragsparteien halten binnen zwei Monaten nach Inkrafttre- lauf dieser Frist dem Vertrag zurückgetreten.
ten dieses Vertrags in der Stadt Canberra und danach in an- (2) a) Eine Konferenz aller Vertragsparteien wird so bald
gemessenen Abständen und an geeigneten Orten Tagun- wie möglich abgehalten, um die Wirkungsweise dieses Ver-
gen ab, um Informationen auszutauschen, sich über Fragen trags zu überprüfen, wenn nach Ablauf von dreißig Jahren
von gemeinsamem Interesse im Zusammenhang mit der nach Inkrafttreten des Vertrags eine der Vertragsparteien,
Antarktis zu konsultieren und Maßnahmen auszuarbeiten, deren Vertreter zur Teilnahme an den in Artikel IX vorge-
zu erörtern und ihren Regierungen zu empfehlen, durch sehenen Tagungen berechtigt sind, durch eine Mitteilung
welche die Grundsätze und Ziele des Vertrags gefördert an die Depositarregierung darum ersucht.
werden, darunter Maßnahmen b) Jede Anderung oder Ergänzung dieses Vertrags, die
a) zur Nutzung der Antarktis für ausschließlich friedli- auf einer solchen Konferenz von der Mehrheit der dort ver-
che Zwecke; tretenen Vertragsparteien einschließlich einer Mehrheit
b)zur Erleichterung der wissenschaftlichen Forschung in derjenigen genehmigt worden ist, deren Vertreter zur Teil-
der Antarktis; namean den in Artikel IX vorgesehenen Tagungen be-
c) zur Erleichterung der internationalen wissenschaftli- rechtigt sind, wird von der Depositarregierung allen Ver-
chen Zusammenarbeit in der Antarktis; tragsparteien sofort nach Abschluß der Konferenz mitge-
d)zur Erleichterung der Ausübung der Inspektionsrech- teilt und tritt gemäß Absatz 1 in Kraft.
te nach Artikel VII; c)Ist eine solche Anderung oder Ergänzung nicht binnen
e) im Zusammenhang mit Fragen betreffend die Aus- zwei Jahren nach Mitteilung an alle Vertragsparteien
übung von Gerichtsbarkeit in der Antarktis;
f)zur Erhaltung und zum Schutz der lebenden Schätze in gDe-
emäßAbsatz1Buch inKrfget,sokajdVrgpteiznachAblufdesrFit
der Antarktis. positarregierung ihren Rücktritt von diesem Vertrag mit-
(2) Jede Vertragspartei, die durch Beitritt nach Artikel XIII teilen; der Rücktritt wird zwei Jahre nach Eingang der Mit-
Vertragspartei geworden ist, ist zur Benennung von Vertre- teilung bei der Depositarregierung wirksam.
tern berechtigt, die an den in Absatz 1 genannten Tagungen
teilnehmen, solange die betreffende Vertragspartei durch die Art. XIII: (1) Dieser Vertrag bedarf der Ratifikation durch
Ausführung erheblicher wissenschaftlicher Forschungsarbei- die Unterzeichnerstaaten. Er liegt für jeden Staat zum Bei-
ten in der Antarktis wie die Einrichtung einer wissenschaft- tritt auf, der Mitglied der Vereinten Nationen ist, sowie für
lichen Station oder die Entsendung einer wissenschaftlichen jeden anderen Staat, der mit Zustimmung aller Vertrags-
Ex edition ihr Interesse an der Antarktis bekundet. parteien, deren Vertreter zur Teilnahme an den in Artikel IX
3) Berichte der in Artikel VII genannten Beobachter wer- vorgesehenen Tagungen berechtigt sind, zum Beitritt ein-
den den Vertretern der Vertragsparteien übermittelt, die an geladen wird.
den in Absatz 1 genannten Tagungen teilnehmen. (2) Die Ratifikation dieses Vertrags oder der Beitritt da-
(4) Die in Absatz 1 genannten Maßnahmen werden wirk- zu wird durch jeden Staat nach Maßgabe seiner verfas-
sam, sobald sie von allen Vertragsparteien genehmigt wor- sungsrechtlichen Verfahren durchgeführt.

170
ANHANG

(3) Ratifikationsurkunden und Beitrittsurkunden werden (6) Die Depositarregierung läßt diesen Vertrag nach Arti-
bei der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika hin- kel 102 der Charta der Vereinten Nationen registrieren.
terlegt, die hiermit zur Depositarregierung bestimmt wird.
(4) Die Depositarregierung teilt allen Unterzeichnerstaa- Art. XIV: Dieser Vertrag, der in englischer, französischer,
ten und beitretenden Staaten den Tag der Hinterlegung jeder russischer und spanischer Sprache abgefaßt ist, wobei jede
Ratifikations- oder Beitrittsurkunde sowie den Tag der In- Fassung gleichermaßen verbindlich ist, wird im Archiv der
krafttretens des Vertrags und etwaiger Anderungen oder Er- Regierung Vereinigten Staaten von Amerika hinterlegt;
gänzungen desselben it. diese übermittelt den Regierungen der Unterzeichnerstaaten
(5) Nach Hinterlegung der Ratifikationsurkunden durch und beitretenden Staaten gehörig ü Abschriften.
Zu Urkund dessen haben die unterzeichneten, gehörig be-
alle Unterzeichnerstaaten tritt dieser Vertrag für jene Staaten
und für Staaten in Kraft, die Beitrittsurkunden hinterlegt ha- fugten Bevollmächtigten diesen Vertrag unterschrieben.
ben. Danach tritt der Vertrag für jeden beitretenden Staat mit Geschehen zu Washington am 1. Dezember 1959.
Hinterlegung seiner Beitrittsurkunde in Kraft. (Unterschriften)

Deutsche Antarktisexpeditionen bis 1939


1. 1873—1874 7. 1901—1903
Eduard Dallmann, Kapitän, Robbenjäger und Walfänger erste offizielle Deutsche Antarktische Expedition
Schiff: „Grönland” Prof. Dr. Erich von Drygalski, Geograph, Geophysiker
Erster Einsatz eines (Segel-)Dampfschiffes im Südpolar- Schiff: „Gauss I” unter Kapitän Hans Ruser
gebiet Erkundung des Kaiser-Wilelm-II.-Landes und Vermes-
Erkundung der Bismarckstraße, der Kaiser-Wilhelm-In- sung des Gaussberges mit erstmaligem Einsatz der ter-
seln u.a. restrischen Photogrammetrie bei einer deutschen Expe-
Auftraggeber: Polarfischereigesellschaft in Hamburg dition. Erstmals Herstellen von Luftbildern der Antark-
tis aus einem befestigten Ballon in 500 m Höhe am
2. 1874 29.3.1903.
von Reibnitz, Kapitän Karte 1 : 7.500: „Der Gaussberg”
Schiff: „Arkona” Karte 1 : 15.000: „Das Inlandeis am Gaussberg ”
Erkundung eines geeigneten Standortes für die Beob- Karte 1 : 250.000: „Das Schelfeis der Posadowsky-Bai ”
achtung eines Venus-Vorüberganges am 9. Dezember Kartenskizze: „Posadowsky-Bai mit dem Winterlager
1874. Diese erfolgte dann durch Ladislaus Weineck auf des Gauss”
den Kerguelen. Auftraggeber: Kaiser Wilhelm II., Reichsregierung, Graf
Baudissin, Graf Posadowsky
3. 1874—1876
Georg Emil Gustav Freiherr von Schleinitz, Kapitän 8. 1911—1912
zweite offizielle Deutsche Antarktische Expedition
(später Admiral)
Schiff: „Gazelle” Dr. Wilhelm Filchner,” Wissenschaftler
Ozeanographische Erkundungen und Vermessungen im Schiff: „Deutschland unter Kapitän Richard Vahsel und
Gebiet der Kerguelen Kapitän Alfred Kling
Karte 1 : 175.000: „Kerguelen-Insel, von Howe-Insel bis Erkundung des Prinzregent-Luitpold-Landes und des
Accessible-Bai ” Filchner-Schelfeises. Das Schiff wurde vom Eis einge-
schlossen und triftete 9 Monate lang durch das Weddel-
meer.
4. 1882—1883 Karte 1 : 450.000: „Prinzregent-Luitpold-Land ”
Dr. Kurt Schrader Auftraggeber: Reichsregierung, Prinzregent Luitpold
Schiffe: „Moltke ” und „Marie ” von Bayern u.a.
Teilnahme am 1. Internationalen Polarjahr
Geographische und meteorologische Messungen 9. 1925—1927
Überwinterung auf Südgeorgien Prof. Dr. Alfred Merz
Schiff: „Meteor” unter Kapitän (später Admiral) Dr. h. c.
5. 1893—1894 Spiess
Carl Anton Larsen, Kapitän, norwegischer Walfänger Ozeanische Erkundungen um die Insel Bouvet
Schiffe: „Jarson”, zusammen mit „Hertha” unter Ka- Auftraggeber: Deutsche Forschungsgemeinschaft unter
pitän Evensen Präsident Dr. F. Schmitt-Otto
Erkundungen an der Ostküste der Antarktischen Halb-
insel 10. 1928—1929
Karte 1 : 7.500.000: „Dirck Gherritz-Archipel ” (1895) Dr. Ludwig Kohl-Larsen
Auftraggeber: Dampfschiffahrtsgesellschaft „Oceana” Schiff: „Thorhammer ”
Hamburg Gletscher-Messung auf Südgeorgien
6. 1898—1899 11. 1938—1939
Prof. Dr. Carl Chun, Zoologe dritte offizielle Deutsche Antarktische Expedition
Schiff: „Valdivia” unter Kapitän Sachse und Kapitän Alfred Ritscher, Kapitän, Expeditionsleiter
Krech Schiff: „Schwabenland ” unter Kapitän Alfred Kottas 2
Ozeanographische und biologische Erkundungen zwi- Erkundung von Neu-Schwabenland (rund 600.000 km ).
schen den Kerguelen und Enderby-Land. Dabei wurde Zwischen 20.1. und 4.2.1939 wurden 11.600 Luftbilder
die Insel Bouvet wiederentdeckt. Die Kraterrand-Hö- erstellt (Schrägmeßluftbilder mit Zeiß RMK 21 /18).
henmessung ergab den Kaiser-Wilhelm-Pik als höchsten Karten 1 : 500 000, 1 : 50.000
Punkt. Auftraggeber: Reichsregierung, Deutsche Forschungs-
Auftraggeber: Reichsregierung gemeinschaft unter Präsident Prof. Dr. Rudolf Mentzel

171
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Deutsche Antarktische Expedition 1938/39


Fahrtteilnehmer
Expeditionsleiter: Kapitän Alfred Ritscher, Ingenieur-Assistent: Georg Jelschen, NDL
Regierungsrat im Ingenieur-Assistent: Heinz Siewert, NDL
Oberkomando der Elektriker: Elektro-Ingenieur Herbert
Kriegsmarine, Bruns, Atlas-Werke Bremen
Nautische Abteilung Elektriker: Karl-Heinz Bode, NDL
Kapitän des Schiffes: Kapitän Alfred Kottas, Werkmeister: Herbert Bolle, DLH
Handelsschiffskapitän, DLH - Katapultführer: Wilhelm Hartmann, DLH
Eislotse: Kapitän Otto Kraul, - Lagerhalter: Alfred Rücker, DLH
Handelsschiffskapitän, - Flugmechaniker: Franz Weiland, DLH
Oberkomando der - Flugmechaniker: Axel Mylius, DLH
Kriegsmarine - Flugmechaniker: Wilhelm Lender, DLH
Schiffsarzt: Dr. Josef Bludau, NDL Bootsmann: Willy Stein, NDL
Flugkapitän: Rudolf Mayr, 1. Zimmermann: Richard Wehrend, NDL
Führer des Dornier-Wal-Flug- 2. Zimmermann: Alfons Schäfer, NDL
bootes „Passat”, DLH Matrose: Heinz Hoek, NDL
- Flugzeug- Matrose: Jürgen Ulpts, NDL
mechaniker: Franz Preuschoff, DLH Matrose: Albert Weber, NDL
- Flugfunker: Herbert Ruhnke, DLH Matrose: Adolf Kunze, NDL
Luftbildner: Max Bundermann, Matrose: Karl Hedden, NDL
Hansa Luftbild GmbH Matrose: Eugen Klenck, NDL
Flugkapitän: Richardheinrich Schirmacher, Matrose: Fritz Jedamezyk, NDL
Führer des Dornier-Wal-Flug- Matrose: Emil Brandt, NDL
bootes „Boreas”, DLH Matrose: Kurt Ohnemüller, NDL
- Flugzeug- Leichtmatrose: Alfred Peters, NDL
mechaniker: Kurt Loesener, DLH Decksjunge: Alex Burtscheid, NDL
- Flugfunker: Erich Gruber, DLH Logisjunge: Karl-Heinz Meyer, NDL
- Luftbildner: Siegfried Sauter, Lagerhalter: Walter Brinkmann, NDL
Hansa Luftbild GmbH Motorenwärter: Dietrich Witte, NDL
1. Meteorologe: Dr. Herbert Regula, Motorenwärter: Erich Kubacki, NDL
Deutsche Seewarte Hamburg Motorenwärter: Walter Dräger, NDL
2. Meteorologe: Heinz Lange, Hilfskesselwärter: Karl 0lbrich, NDL
Studienassessor, Reichsamt Hilfskesselwärter: Georg Niemüller, NDL
für Wetterdienst Berlin Reiniger: Friedrich Mathwig, NDL
- Technischer Walter Krüger, Reiniger: Ferdinand Dunekamp, NDL
Assistent: Reichsamt für Wetterdienst Reiniger: Erwin Steinmetz, NDL
Berlin Reiniger: Herbert Callis, NDL
- Technischer Wilhelm Gockel, Backschafter: Helmut Dukatschow, NDL
Assistent: Marineobservatorium 1. Koch: Otto Sieland, NDL
Wilhelmshaven 2. Koch: Fritz Troe, NDL
Biologe: Erich Barkley, Kochsmaat
Studienreferendar, Reichsstelle und Bäcker: Gottfried Thole, NDL
für Fischerei, Institut für Kochsmaat
Walforschung Hamburg und Schlachter: Ferdinand Wolf, NDL
Geophysiker: cand. geophys. Leo Gburek, Kochsjunge: Hans Büttner, NDL
Erdmagnetisches Institut 1. Steward: Willi Reeps, NDL
Leipzig Steward: Wilhelm Malyska, NDL
Geograph: Dr. Ernst Herrmann, Steward: Rudolf Stawicki, NDL
Studienrat, Berlin Messesteward: Willi Fröhling, NDL
Ozeanograph: cand. rer. nat. Karl-Heinz Messesteward: Johann von de Logt, NDL
Paulsen, Hamburg Messesteward: Rudolf Burghard, NDL
1. Offizier: Herbert Amelang, NDL Messejunge: Rolf Oswald, NDL
2. Offizier: Karl-Heinz Röbke, NDL Messejunge: Johann Bates, NDL
3. Offizier: Hans Werner Viereck, NDL
4. Offizier: Vincenz Grisar, NDL
Schiffsfunkleiter: Erich Harmsen, DLH Expeditionsteilnehmer insgesamt: 82 Personen
Schiffsfunkoffizier: Kurt Bojahr, DLH
Schiffsfunkoffizier: Ludwig Müllmerstadt, DLH Zusammensetzung
Leitender Ingenieur: Karl Uhlig, NDL der Expeditionsteilnehmer:
2. Ingenieur: Robert Schulz, NDL Norddeutscher Lloyd 53 Personen
3. Ingenieur: Henry Maas, NDL Deutsche Lufthansa 16 Personen
4. Ingenieur: Edgar Gäng, NDL Hansa Luftbild GmbH 2 Personen
4. Ingenieur: Hans Nielsen, NDL Wissenschaftler, Spezialisten 9 Personen
Ingenieur-Assistent: Johann Frey, NDL Oberkommando der Kriegsmarine 2 Personen

172
ANHANG

Literaturverzeichnis
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MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

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174
INHALTSVERZEICHNIS

Inhaltsverzeichnis
...................................................
Vorwort: Einem Geheimnis auf der Spur . . . S. 4 „Anker klar zum Fallen ” S. 44
Wie ist die Eislage?......................................... S. 44
Einleitung: Die Antarktis, der friedlichste Eisberge in Sicht ..............................................S. 45
Teil unserer Erde ............................................. S. 6 Die Heimatpost geht ab..................................S. 48
Drei Kapitäne und ein Schiff ..........................S. 48
Am Ziel: Der erste Probeflug ......................... S. 49
Geheimauftrag fürAlfred Ritscher ..................S. 8

Göring plant Expedition in die Antarktis ...... S. 8 Die Entdeckung von Neu-Schwabenland ....... 5.50
Deutsche Entdeckerfahrten
in die Antarktis..........................................S. 8 Die Flugboote sind gerüstet ........................... S. 51
Gegen „antarktische Untätigkeit” .................. S. 9 „Boreas” startet zum ersten Fernflug ............ S. 52
Die Drygalski-Expedition 1901—1903............ S. 10 M / S „Schwabenland” in der Eisfalle ............ S. 56
Filchner mit der „Deutschland” „Passat” wird zum Fernflug abgeschossen . S. 58
in der Antarktis..........................................S. 10 Alfred Ritscher an Bord des „Boreas” ............S. 59
Erste Vorbereitungen für Keine Ruhepause für die Wissenschaftler.....S. 64
die dritte deutsche Antarktisexpedition . S. 11 Erste Flugperiode abgeschlossen ...................S. 64
Die Deutsche Lufthansa als Partner ...............S. 12 Schlechtwetterperiode und Wartezeit ........... S. 68
Schiffs- und Flugkapitän Alfred Ritscher ...... S. 17 Endlich wieder Sonnenschein ........................S. 68
Ein Auftrag unter Schweigepflicht ................ S. 18 „Passat” landet in einem Eisfjord .................. S. 69
Hiobsbotschaft aus Brasilien..........................S. 19 Begegnung mit Antarktisbewohnern ............ S. 72
M / S „Schwabenland” Gedenkfeier zum
wird Expeditionsschiff.............................. S. 20 „Tag der Machtergreifung” ....................... S. 73
Mit „Passat” auf Pinguinfang ........................S. 76
Ein Eisberg kalbt .............................................S. 77
Vor der dritten deutschen Vollbeschäftigung für den Biologen .............. S. 77
Antarktisexpedition.........................................5.22 Der letzte Flug des „Passat” ...........................S. 80
Packeis und schlechtes Wetter ....................... S. 81
Hakenkreuze für die Antarktis...................... S. 23 Ritscher entdeckt Seenplatte..........................S. 81
Neue Aufgabe für M / S „Schwabenland” ......S. 24 Die letzte deutsche Fahne wird gehißt.......... S. 88
Expeditionsbüro verlegt Letzte Nacht und letzter Tag
von Berlin nach Hamburg .........................S. 24 in der Antarktis ..........................................S. 88
Vom Katapultschiff zum Expeditionsschiff . S. 28 Neu-Schwabenland
Wissenschaftler und Besatzung vollständig S. 30 ist in Besitz genommen...............................S. 89
Amerikanischer Polarforscher
Byrd als Berater ..........................................S. 30
Die letzte Phase der Vorbereitung ..................S. 31 Zurück nach Hamburg via Kapstadt .............. 5.91
Die Probefahrt .................................................S. 32
„Alle Besucher von Bord — wir laufen aus! ” S. 33 Antarktisexpedition
erfolgreich abgeschlossen ......................... S. 91
Eisberge im Dunkel der Nacht .......................S. 92
Von Hamburg bis ans Ende der Welt ...............5.34 Windstärke 11 — Gefahr für die Flugzeuge . S. 92
Droht eine „Expeditionspsychose”? .............. S. 93
Die Ausfahrt ....................................................S. 34 Arbeit, Wind und Eisberge .............................S. 94
Statt Sonne Schneegestöber ............................S. 36 Kapstadt begrüßt die „Schwabenland”......... S. 95
Der Bordalltag .................................................S. 37 Kapstadt — Wiedersehen nach 38 Jahren ........S. 96
Die Arbeit der Wissenschaftler beginnt.........S. 37 Gastfreundschaft der deutschen Kolonie ...... S. 97
Was tun die Flieger, wenn sie nicht fliegen? S. 38 Der letzte Tag in Kapstadt ..............................S. 97
Weihnachten an Bord ......................................S. 39 Auf Heimatkurs .............................................. S. 98
Aquatortaufe am Silvestertag........................ S. 40 Andere Länder, andere Sitten ........................ S. 98
M / S „Schwabenland” Fernando de Naronha — der „Finger Gottes ” S.100
mit geringerer Marschleistung ..................S. 42 Hamburg wirft seine Schatten voraus ........... S.101
Loten ist angesagt........................................... S. 42 „Herzlich willkommen in der Heimat”......... S.102
Passieren der Insel Ascension ........................ S. 43 Adolf Hitler dankt und ehrt Alfred Ritscher . S.103
Tristan da Cunha — Ein Empfang, der nicht stattfand ................... S.106
die einsamste Insel der Welt ......................S. 43 Norwegen erklärt:
Erfolgsgewißheit .............................................S. 44 Neu-Schwabenland gehört uns ................ S.107

175
MYTHOS NEU-SCHWABENLAND

Die „Schwabenland ” im Kriegseinsatz............S. 108 Die neue deutsche Antarktisforschung ......... S.144
Vom „Unternehmen Eiswarte ” bis zum
Alfred Kottas bleibt Kapitän Forschungsschiff „Polarstern” .................. S.145
auf der „Schwabenland”........................... S.108
Der geglückte Kanaldurchbruch ....................S.109
Torpedotreffer, aber nicht gesunken.............. S.110 Hitler am Südpol —
Das Ende: Versenkt im Skagerrak ..................S.111 " surfen"in Neu-Schwabenland ...................... S.146

Baumaterial in die Antarktis .......................... S.147


„Operation Highjump” der US-Marine . . . . S. 112 Antarktisstützpunkt 211 ................................. S.148
Warmwasser-Tiefseestraße ............................. S.149
Die Hinterlassenschaft Deutsche U-Boote verschwunden ................. S.150
des Zweiten Weltkrieges ........................... S.113 Hitlers Flucht ins ewige Eis............................S.152
Amerika sucht Adolf Hitler........................... S.114 Flugscheiben im Endkampf........................... S.154
„Kommandant, Sie haben Hitler versteckt!” . S.114 Atombomben über Neu-Schwabenland ........ S.155
Hitler in Neu-Schwabenland?........................S.118
Mit einer US-Armada in die Antarktis .......... S.118 Nachwort: Zeitbombe Antarktis..................... S. 156
Unvorhergesehene Zwischenfälle..................S.122
Eine „höchst erfolgreiche Expedition” ...........S.128
Anmerkungen .................................................. S.158

Die Bundesrepublik Deutschland


Im Gespräch mit Siegfried Sauter ...................S.160
und die Antarktis ............................................. S.131

Gemeinschaftsprojekt: Norwegen - Anhang ............................................................S.169


Großbritannien - Schweden ......................S.131
Die friedliche Besetzung Der Antarktisvertrag...................................... S.169
von Neu-Schwabenland............................ S.132 Deutsche Antarktisexpeditionen bis 1939 ......S.171
Der erste Rüstungsbegrenzungsvertrag Deutsche Antarktische Expedition 1938 /39:
nach dem Zweiten Weltkrieg .................... S.133 Fahrtteilnehmer ......................................... S.172
Keine deutschen Ansprüche
auf Neu-Schwabenland?........................... S.133
Die deutschen Namen in der Antarktis ......... S.136 Literaturverzeichnis .........................................S. 173

Das Titelbild zeigt einen Berg im Wohlthatmassiv (Foto: Franz Lazi)


Seite 1: Ein Granitpfeiler im westlichen Mühlig-Hofmann-Gebirge
Seite 2 / 3: Die zentralen Drygalskiberge, rechts das Matterhorn
Seite 6 / 7: Die „Zähne des Fenriswolfes” in der westlichen Gebirgskette der Drygalskiberge
Die Fotos von Franz Lazi und Dr. Wilfried Bauer in diesem Buch stammen aus den letzten
zwanzig Jahren. Die Schwarzweiß-Aufnahmen stammen aus dem Winter 1938 /39.
Die Aufnahmen ohne Quellenangabe wurden uns freundlicherweise von Herrn Siegfried Sauter
zur Verfügung gestellt.

Ergänzende, kritische oder zustimmende Zuschriften erbeten an:

Heinz Schön • Auf dem Sepp 19 • D-32107 Bad Salzuflen


Telefon: (05222) 74 24 • Fax: (05222) 7 39 20

Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek


Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;
detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http: / / dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 3-935962-05-3
© 2004 BONUS-Verlag. Alle Rechte vorbehalten

BONUS-Verlag, Postfach 10, D-24236 Selent

Gedruckt in Österreich

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Karte 1 Beilage zum Bericht der Deutschen Antarktischen Expedition 1938'39


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