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Soziologische Aufklärung

Author(s): Niklas Luhmann


Source: Soziale Welt, 18. Jahrg., H. 2/3 (1967), pp. 97-123
Published by: Nomos Verlagsgesellschaft mbH
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40876851
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Soziologische
Aufklärung*)
Von Niklas L u h m a n n
I. Abklärungder Aufklärung
SoziologischeAufklärung - das Themalebtvon einerinnerenSpannung.Man
findetzuweilen,daß SoziologieihremWesenund ihrerZielsetzungnachals Auf-
klärunggekennzeichnet wird. Mannheim1)hattesozialwissenschaftliche Planung
als Fortsetzung der Aufklärung begriffen. Dahrendorf2)etikettiert die amerika-
nischeSoziologieals „angewandteAufklärung". Gehlen*)siehtin der sozialen
Wirklichkeit SpurenderAufklärung, die nachdemVerlustihrerPrämissen gleich-
samblindweiterläuft. Schelsky4) hat versucht, Zustimmung und Distanzzur Auf-
klärungin einemWort,„Gegenaufklärung", einzufangen. Bei all demistbezeich-
nend,daß die Grenzendes Aufklärungsgedankens gesehen,aber die Kostender
Aufklärung nichtwirklichgegengerechnet werden.Eher distanziert man sichals
Soziologevon den Prinzipienund demspezifischen Ethosder Aufklärung.
Die Formulierung soziologischer Aufklärung hat demnachetwasGewagtes,Ein-
Nichtselbstverständliches.
seitiges, Sie ziehtetwaszusammen, was zunächstals eine
historischeDifferenzbewußtist. Wir sind es gewohnt,die Unternehmungen des
denkenden Menschentums, die wirmitAufklärung und mitSoziologiebezeichnen,
verschiedenen Epochenzuzuordnen.UnterAufklärung verstehen wir das Streben,
die menschlichen Verhältnisse freivon allen Bindungenan Traditionund Vor-
urteilaus der Vernunft neu zu konstruieren - Bemühungen, die im 18. Jahr-
hundertihrenHöhepunkthattenund danachrascheinerskeptischen Abwertung
verfielen.Die Soziologieweisenwir dem 19. und dem 20. Jahrhundert zu. Sie
rühmtsichihrerpositivenWissenschaftlichkeit und suchtihrenHalt wenigerin
unwandelbaren Gesetzeneinerallgemein-menschlichen Vernunftals in feststell-
baren Faktenund sozialen Verhaltensbedingungen. Damit kann die Soziologie
sichnachdem Verebbendes aufklärerischen Optimismus behauptenals eineskep-
tischeWissenschaft, die ihre Forschungen nach methodologischen Regelnvoran-
treibt,die aber kaumzu vollerVerantwortung fürdie FolgenihreseigenenTuns
aufgerufen werdenkann.
Die Trennung, die TheseeinesNacheinanders von Aufklärung und Soziologie,
magsichauf das Faktumeinerso durchlebten und bewußtgewordenen Geschichte
berufen.Die Aufklärung in jenemepochengebundenen Sinne hat der Soziologie
thematisch nichtvorgearbeitet. Die Soziologiehat sichnichtals unmittelbare Fort-
setzungaufklärerischer Impulsebegriffen und begreift sichauchheutenurselten
so. Abersindwiran dieseSelbstauslegungen gebunden?
♦) Ausarbeitung der Antrittsvorlesung,die der Verfasseram 25. 1. 1967 an der Rechts-
und StaatswissenschaftlichenFakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in
Münster gehalten hat.
*) Karl Mannheim : Mensch und Gesellschaftim Zeitalter des Umbaus. Dt. Übers,
der engl. Ausgabe. Darmstadt 1^58, S. 46 f. Vgl. auch Jürgen Habermas:
„VerwissenschaftlichtePolitik und öffentlicheMeinung". In: Humanität und politische
Verantwortung.Erlenbach-Zürichund Stuttgart1964. S. 54-73.
*) Ralf Dahrendorf: Die angewandte Aufklärung. Gesellschaftund Soziologie in
Amerika. München 1963.
•) Arnold Gehlen : Die Seele im technischenZeitalter. Sozialpsychologische Pro-
bleme in der industriellenGesellschaft.2. Aufl. Hamburg 1*957.insb. S. 75 if
4) Helmut Schelsky : Soziologie der Sexualität.
Hamburg 1955, S. 8. Vgl. auch
die Erläuterungen von Helmut Schelsky: „Verdunkelung oder Gegenaufklä-
rung in der Soziologie der Sexualität" Psyche 10 (1956). S. 867-855 (8'54 f.).
7 Soziale Welt

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Das aufklärerische Ethos ist im 19. Jahrhundert mit harterPlötzlichkeit ab-


gerissen.Dieser Abbruchhat wederZeit gelassen,nochGelegenheit gebotenfür
eine Abklärungder Aufklärung. Es bleibtein gutTeil Pragmatismus und Wissen-
schaftsvertrauen,es bleibt vor allem die Menschlichkeit des sozialreformerischen
Willens,aberdieserWilleorientiert sichan den Folgeproblemen derneuenSozial-
ordnung,begreiftsichvon ihr her und findetdarin keineBasis füreine eben-
bürtigeAuseinandersetzung mitder alteuropäischen Traditionder politisch-gesell-
schaftlichenPhilosophie oder auch nur mit der Aufklärung. FädenderKontinuität,
die gewiß aufgespürt werdenkönnen,werdenin neue Mustereingewobenund
eignensichnichtdazu, Soziologieund Aufklärung in ihremVerhältnis zueinander
zu bestimmen. WederderSoziologienochderAufklärung würdemangerecht wer-
den könnenmit dem Nachweissoziologischer Vorahnungen in der Aufklärungs-
zeit oderaufklärerischer Spätzündungen in derSoziologie.
Man brauchtden Traditionsbruch an der Wendevom 18. zum 19. Jahrhundert
nichtzu leugnenund kann dochdie Fragestellen,ob und in welchemSinnedie
Soziologieheuteaufklärerische Züge trägt.Gewißteiltsie wederdie unmittelbaren
Denkvoraussetzungen noch die erkenntnismäßigen oder gar die ethischen Ziel-
vorstellungen der Aufklärungszeit. Vor allem zwei zentralePrämissender Ver-
nunftaufklärung sindder Soziologieverdächtig geworden:Die gleicheBeteiligung
allerMenschen an einergemeinsamen Vernunft, die sie ohneweitereinstitutionelle
Vermittlung besitzen,und der erfolgssichere Optimismus in bezug auf die Her-
stellbarkeitrichtigerZustände.Daß dereinzelneMenschdurchReflexionauf seine
eigeneVernünftigkeit allen Menschen Gemeinsames findenund Konsens,ja Wahr-
heiterreichen könne,wirdSoziologennichteinleuchten, und ebensowenig wirdes
die Meinungtun,daß dieseReflexionunddiesesGemeinsame die Formpraktischer
Herstellungsregeln annähmen,die, einmal entdeckt, von jedermannangewandt
werdenkönnten.In beidenHinsichten liegtheuteweit größereKomplexitätzu-
tage: Das Bewußtsein sozial bedingter Verschiedenheiten der „Weltanschauungen"
hat sichfestgesetzt,das Bewußtsein derkomplizierten, kausalenund wertmäßigen
Verflechtungen allen Handelns hat sich beträchtlich verschärft. Das trenntdie
Soziologievon der „naiven"Aufklärung altenStils.
Und dochscheint es, daß wirwederjenenVersuchderVernunftaufklärung noch
die Grundlagenprobleme der heutigenSoziologie voll verstehenund daß wir
erstrechtnichtdas Ausmaßdes Brucheszwischenihnenbeurteilen können,wenn
wir davon ausgehen,daß es sichum heterogene, unvergleichbare, unvereinbare
Geisteshaltungen handele.Es gibt eine Reihe von sehr zentralenTheoriemerk-
malenund Forschungseinstellungen in der Soziologie,die untereinemerweiterten
der
Begriff Aufklärung interpretiert werdenkönnen,und diesererweiterte Begriff
der Aufklärung läßt wiederum bessererkennen, was mitdemgeschichtlich zurück-
liegendenVersuchder Vernunftaufklärung eigentlich verfolgtwurdeund warum
dieserVersuchscheitern mußte.
Was wir vermissenund versäumtglauben - die Abklärungder Aufklä-
rung- fkönnenwir in der Soziologieentdecken. Soziologieistnichtangewandte,
sondernabgeklärteAufklärung; sie ist der Versuch, derAufklärung ihreGrenzen
zu gewinnen.
IL Soziologieals Aufklarung
An vier Stellentrittein aufklärerischer Gnindzugder Soziologiebesonders
deutlichhervor:In dem Versuch,menschliches Handeln durchinkongruente Per-
spektivenzu erklären,im Problemder Latenz, in dem Obergangvon Faktor-

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theorienzu Systemtheorienund in den eigentümlichenSchwierigkeitender funk-


tionalen Methode. Diese vier Aspekte sollen zunächst nacheinandererörtertwer-
den. Ihr innererZusammenhanglegt eine bestimmteDeutung des Aufklärungs-
gedankens nahe, nämlich die Deutung als Erweiterungdes menschlichenVermö-
gens,die Komplexität der Welt zu erfassenund zu reduzieren.
1. InkongruentePerspektiven
Für alle Bemühungenum Erkenntnisdes Handelns, die sich in der abendländi-
schen Tradition unter dem Titel „Praktische Philosophie" angesammelthatten,
war die Absicht bezeichnend gewesen, dem Handelnden sein richtigesHandeln
vorzustellen.Die Homogenität der Perspektivendes Denkenden und des Han-
delnden wurde wie die GemeinsamkeitihrerWelt und ihrerVernunftals selbst-
verständlichvorausgesetzt.Die Wissenschaftwurde als ratgebendeWissenschaftge-
sehen; sie sollte dem Handelnden seine wahren Zwecke erläutern,ihm die richti-
gen Mittel zeigen, ihm dazu verhelfen,in die rechteGrundverfassung(Tugend)
eines gut Handelnden zu gelangen. Die Wissenschaftkonnte und sollte daher
nichtprinzipiell anders denken, als sie es vom Handelnden selbst erwartete,und
sie mußte sich deshalb den eigentümlichenBeschränkungendes Handlungshori-
zontes fügen; ihre Vorstellungenmußten zu Rezepten werden können, ihr Sinn
im Handeln nachvollziehbarsein. Sie erlebte diese Beschränkungenals gegebenes
Wesen ihres Gegenstandes.
Davon - und nicht etwa von Werturteilenschlechthin- hat die Soziologie
sich freigemacht.Zunächst geschiehtdies, indem sie eine im 19. Jahrhundertauf-
kommende verfremdendeErkenntnistechnik aufnimmtund sich zu eigen macht.
Der Sinn des Handelns wird jetzt nichtmehr durch Versenkungin sein Wesen,
sein telos, seinen eigenen Charakter geklärt, sondern ganz im Gegenteil durch
Anlegung eines diskrepanten,unangemessenen,fremdartigenMaßstabes, wofür
Kenneth Burke die treffendeFormel „perspectiveby incongruity"prägt5): Marx
leitet das Denken aus nichtmitintendierten ökonomischenLebensbedingungenab,
Freud aus libidinösen Trieben; Carlyle und Nietzsche verwenden eine unheilige
Symbolik zum Ausdruck religiöser Verzweiflung; Spengler vergleichthistorisch
entfernteKulturen als „gleichzeitig"; im französischenund im russischenRoman
werden die Ehe als Institutionan der Liebe und die Religion am Verbrechenge-
messen; Bergsonund VaihingererläuternAbstraktionendurchBeziehung auf den
Zeitfluß und als Verdeckungvon Widersprüchen;auch die verfremdendenKunst-
technikendes 20. Jahrhundertskönnten genannt werden. - All das hat Erfolg,
und zwar nicht nur populären Erfolg, sondern Erkenntniserfolg, wenngleichin
einem Sinne, der erkenntnistheoretisch nichtnachkonstruiert
werden konnte. An-
scheinendführtnichtnur Annäherungan den Gegenstand,sondernauch Distanz-
nahme zum Erkennen, und zwar zu Erkenntnissen,deren Fruchtbarkeitgerade
auf der Umweghaftigkeitder Methode beruht.
Die Soziologie schwimmtein gutesStück mit dieser Strömung,nimmteinen kri-
tischen,entlarvendenZug an, kriechthinter die offiziellen Fassaden, untersucht
Nebenabsichtenund diskreditiertDarstellungen. Bei diesem Geschäft der Ent-
Täuschungentdecktsie, daß die soziale Determinationsehr viel weiter reicht,als
man gemeinhinangenommenhatte und als insbesondereder Handelnde selbst
wahrhaben will. Soziale Determinationsitzt schon in den Wahrnehmungenund
Bedürfnissen,in den Mythen, in den Selbstmordfrequenzenund im Konsum, in
der Sprache selbst und erst rechtin den Selbstverständlichkeitender öffentlichen

6) Vgl. KennethBurke : Permanenceand Change.New York 19*5,S. 95 ff.


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Moral. Beim Aufklären dieses sozialen Kontextes, der allen Sinn trägt, verliert
der Sinn selbst seinen kompakten, undurchsichtigen, substantiellenund insofern
wahrheitsfähigen Charakter als etwas, das so ist und nichtanders. Hinter so viel
Aufklärungwird ein noch verborgenesProblem spürbar, die soziale Kontingenz
der Welt. Große Theorie ist jetzt nur noch möglichals Vorschlagzur Lösung dieses
Problems - nicht mehr als eine immer mehr entlarvende Aufklärung,sondern
als Durchblickauf Grenzen der Aufklärung,als Abklärung der Aufklärung.
Bezeichnenderweisebeginnt die Soziologie genau mit solchen ersten Begren-
zungsversuchenihren Weg als eine theoretischeigenständige Wissenschaft,die
nicht mehr auf ökonomische,psychologischeoder universalhistorische Ausgangs-
annahmen zurückgreift. Soziologie konstituiertsich durchdie Art, wie sie der ab-
rutschenden,universellwerdendenEntlarvungsaufklärung einen Gegenhalt bietet,
letztlichdurch die Art, wie sie der unfaßlichenKomplexität einer sozial kontin-
genten Welt entgegenarbeitet.Dafür stehen als Denkmittel zunächst nur ein
subjektivistischeroder ein objektivistischerReduktionismuszur Verfügungund
einander unversöhnlichgegenüber:Max Weber hält entschiedenam subjektiv ge-
meintenSinn des Handelns als dem einzig gegebenenFaktum fest und versucht,
von ihm aus Idealtypen sozialer Gebilde zu konstruierenund mit ihrerHilfe groß
angelegtevergleichendeForschungzu treiben.Emile Durkheimverdecktdie soziale
Kontingenz durch seine These von der objektiven Dinghaftigkeitsozialer Reali-
täten. Beide PositionenerhaltenihrenRang durchdas Problem,das sie bearbeiten,
ohne es zu nennen, und ihre Unzulänglichkeitbesteht darin, daß ihr Problem
nichtihre Theorie wird.
2. Latente Funktionen
Andere Gedankenentwicklungenmachen das Problem der Inkongruenz von
wissenschaftlicherAufklärungund naiver Handlungsorientierungzum Thema, in-
dem sie es durchdie Unterscheidungvon bewußtenund unbewußtenSinnbeziehun-
gen umdefinierenund nichtbewußteKomponenteneines Handlungszusammenhan-
ges mitverwenden,um das Handeln inkongruentzu deuten oder gar zu erklären.
Natürlich hatte man immergewußt, daß der Menschnichtallwissend ist. Die An-
nahme aber, daß ein Abdunkeln gewisser Aspekte, gewisser Ursachen oder ge-
wisser Folgen des Handelns dessen Sinn mitbestimmt, ist neu. Sie kann ihre volle
Tragweite erst nachdem
entfalten, der Glaube, daß das Sein selbst dem Handeln-
den wesentlicheund unwesentlicheAspekte zeige und ihn, wenn er nur aufpaßt,
sachlich richtigorientiere,verlorengegangenist und daß es nun allein am Han-
delnden liegt,die Komplexität zu reduzieren.
Die Problematik dieser Reduktion bringtder Begriffder Latenz, der aus der
Psychoanalysestammt,zum Ausdruck6). Er meint nicht nur die reine Faktizität
des Außerachtlassens,sondern besagt, daß menschlichesHandeln sich Teilaspekte

•) Die einflußreichstenFormulierungenund die Einführungdieses Freudsdien Begriffs


in die Soziologie sind Robert K. M e r t o n zu danken. Vgl.: „The Unanticipated
Consequences of Purposive Social Action". American Sociological Review 1 (1936),
S. 894-904; ders.: Social Theory and Social Structure. 2. Aufl. Glencoe, 111.,
1957, insb. S. 60 ff.; ders.: tySocialProblems and Sociological Theory". In: Robert
K. M e r t o n / Robert A. N i s b e t (Hrsg.): Contemporary Social Problems. An
Introduction to the Sociology of Deviant Behavior and Social Disorganization. New
York-Burlingame 1961, S. 697-- 737 (70S ff.). Für andere Fassungen ähnlicher Ge-
danken siehe Arnold Gehlen : „Nicbtbewußte kulturanthropologische Kategorien"
Zeitschrift
fürphilosophische 4 (1950), S. 321- 346; Marion J. Levy :
Forschung
The Structureof Society.PrincetonN. J. 1<95>2,
S. 83 ff.; DorothyEmmet:
Function, Purpose and Powers. London 1958, S. 83 ff.

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seiner sozialen Wirklichkeitverdeckenmüsse,um Orientierbarkeitund Motivier-


barkeit nichtzu verlieren.Eine gewisse Ignoranz, eine VerdrängungmancherIn-
formationensei ein notwendigerSelbstschutzpersonalerund sozialer Handlungs-
systeme,ohne den sie nichtin der Lage wären, ihre eigene Identitätund ihre inte-
grierendeStrukturin einer höchst komplexen, fluktuierendenUmwelt konstant
zu halten7). Es geht also nicht um das Übersehen unwichtiger,sondern um das
VerdrängenwichtigerAspekte der Handlungswelt.
Aus dieser Einsicht,daß Verdrängungenhandlungsnotwendigsind, zieht indes
niemand die Konsequenz, die gesellschaftlichen Tabus unberührtzu lassen und alle
Forschungeneinzustellen,die auf latente Funktionenund Strukturenübergreifen.
Im Gegenteil: Der aufklärerischeImpuls überwiegt.Unter den verändertenDenk-
voraussetzungenhat sich jedoch seine Zielrichtunggewandelt. Nicht mehr Beleh-
rung und Ermahnung,nicht mehr die Ausbreitungvon Tugend und Vernunft,
sondern die Entlarvung und Diskreditierungoffizieller Fassaden, herrschender
Moralen und dargestellterSelbstüberzeugungenwird zum dominantenMotiv. Im
Vollzug dieses Selbstverständnisseskümmertdie Soziologie sich mit besonderer
Liebe um die „anrüchigen"und verdrängtenAspekte der sozialen Wirklichkeit,
um „soziale Probleme" und „abweichendesVerhalten", um „informale" statt um
„formale" Organisation, um die Herstellungsweisesozialer Darstellungen usw.
und suchtin all dem funktionallatentenSinn.
So deutlichdiese Tendenz heute gesehen wird8), so ungeklärtist ihre Verant-
wortbarkeit9).Mit den Hoffnungender Psychoanalyse,allein schon das Bewußt-
machenund Bereden bisherlatenterProbleme würde heilende Effektehaben, wird
man sich kaum. begnügen können, obwohl Versucheder Übertragungdieses Ge-
dankens auf soziale Systeme nicht fehlen10). Wenn Latenzbedürfnissewirklich
systemstrukturell bedingt sind, wird ein bloßes Aufdeckendes Verborgenennicht
helfen - es sei denn, daß es gelingt,die Funktion der Latenz anderweit zu er-
füllen.Die Wissenschaftwird den Handelnden über die fürihn latentenProbleme
und Strukturen,über unbewußte „Gründe" seines Handelns, daher nur aufklären
dürfen,wenn sie deren Funktionszusammenhang kennt,wenn sie darüber hinaus
auch weiß, welche Funktion die Latenz selbst für den Handelnden erfüllt,und
wenn sie funktional-äquivalenteAlternativendafür anbieten kann. Auch insofern
ist die Abklärungder Aufklärungdas Programmder Soziologie.

7) Siehe dazu besondersWilbertE. Moore / Melvin M. T u mi n : „Some Social


Functionsof Ignorance".AmericanSociologicalReview Î4 (1949), S. 787-795;
Louis Schneider: „The Role of the Category of Ignorance in Sociological
Theory. An ExploratoryStatement".AmericanSociological Review 27 (1962) h
S. 492-50*.
8) Vgl. z. B. Peter L. Berger: Invitation to Sociology. Garden City N. Y. 1963,
S. 25 ff.,mit zahlreichenBeispielen
•) Die Frage danach wird verschiedentlichgestellt, aber nicht beantwortet - so von
M e r t o n , a a. O. (1957), S. 5)1, 70; von Alvin W. Gouldner: „Organizational
Analysis". In: Robert K. M e r t o n / Leonard B r o o m / Leonard S. Cottrell,
Jr. (Hrsg.): Sociology Today. New York 1959, S. 400-42« (407 ff.); von Peter M.
B 1 a u / W. Richard Scott: Formal Organizations. A Comparative Approach. San
Francisco 1962, S. î%, Anm. 3'. Es scheint, daß der Latenzbegriff ausreicht, um
dieses Problem zu formoilieren, nichtaber, um es zu lösen.
i0) In dieser Richtung haben sich besonders die Forschungsinteressendes Tavistock
Institute, London, entfaltet. Sehr bezeichnend Elliot Jaques: The Changing
Culture of a Factory. London 1951. Vgl. fernerCyril So fer: The Organization
From Within. A Comparative Study of Social Institutions Based on a Socio-
therapeuticApproach. London 1961; und W. R. B i o n : Experiences in Groups and
OtherPapers.London-NewYork 1961.

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zu Systemtheorien
3. Von Faktortheorien
Solche VorbedingungenverantwortbarerAufklärungwird man nur auf Um-
wegen erfüllenkönnen, nämlich durch Besinnungauf die Art von soziologischer
Theorie, die dafür erforderlichist. Will man die Theorieentwicklungder Sozio-
logie vom 19. Jahrhundertbis zur Gegenwartin einerknappen Formel zusammen-
pressen,so kann man von einem Übergehenvon Faktortheorienzu Systemtheorien
sprechen11).
Faktortheorien- das sind Versuche,die Entstehungund die je besonderen
Eigentümlichkeitensozialer Gebilde auf bestimmteeinzelne Ursachen zurückzu-
führen,zum Beispiel auf ökonomischeBedürfnisseund die sie befriedigendenPro-
duktionsweisen,auf psychologischeTriebe wie Kampftrieb oder Nachahmungs-
trieb, auf Rassendifferenzen,klimatischeVerhältnisseoder biologische Auslese-
vorgänge. Diese Versuchesind, das kann man heute mit Sicherheitsagen, geschei-
tert an ihrenallzu stark vereinfachtenErklärungsbegriffen.Zwar kann man heute
weniger denn je ausschließen,daß selbst hochkomplexeSystemeaufgrundziemlich
einfacherelementarerProzesse aufgebaut und erhaltenwerden - die Kybernetik
bemüht sich um den Nachweis solcher Vorgänge - , aber das werden,dann Ab-
straktionenvöllig anderer Art sein, zum Beispiel Selektionsregelnund -mechanis-
men,nichtaber allein wirksame,inhaltlichbestimmteUrsachen.
Systemtheorienhaben im Vergleich zu Faktortheorienein sehr viel größeres
Potential für Komplexität. Sie begreifensoziale Gebilde jeder Art - Familien,
Produktionsbetriebe,Geselligkeitsvereine,Staaten, Marktwirtschaften,Kirchen,
Gesellschaften- als sehr komplexe Handlungssysteme,die eine Vielzahl von
Problemen lösen müssen, wenn sie sich in ihrer Umwelt erhalten wollen. Über
diese Probleme und über die funktionalenLeistungen,die sie lösen oder doch
lösen könnten,über die Folgeprobleme,die „Kosten" solcherLeistungenund die
darauf bezogenen sekundärenLeistungen,kann man Feststellungentreffen,ohne
vorher genau geklärt zu haben, aus welchen Einzelursachen ein System kausal
entstandenist. Man kann über die Funktionund Strukturder Sprache - Sprache
ist ein System aus Worthandlungen- Aussagen machen,ohne zu wissen, welche
Ursachen zur Entstehungvon Sprache geführthaben. Sehr viele soziale Mechanis-
men, zum Beispiel Geld oder legitimepolitischeMacht oder positivesRecht,setzen
so hochentwickelte Sozialsystemevoraus, daß es praktischunmöglichist, ihre Kau-
salgeschichteaufzuklären, geschweigedenn auf notwendigeGesetze zurückzufüh-
ren. Eine Entwirrungder Kausalbeziehungen scheitertim übrigen auch an ihrer
zirkulären Interdependenz.Alle systemerhaltenden Ursachen werden als Dauer-
ursachen benötigt,und solche Dauerursachen können ihre eigene Dauer nur be-
sitzen, wenn das Systemerhaltenbleibt, so daß in ihrerUrsächlichkeitdie zu be-
wirkende Wirkungschon vorausgesetztist.
Faktortheorienund strengkausalgesetzlicheMethodologie würden die soziologi-
sche Forschung in ihrem Fassungsvermögenfür Komplexität in unerträglicher
Weise beschneiden.Mit diesem Instrumentarium könntedie Soziologie nichteinmal
das Alltagsverständnisvon Situationen und Handlungszusammenhängenin seiner
unklaren,aber vielschichtigen Komplexität erreichen,geschweigedenn übertreffen.
Sie bliebe den Handelnden selbst glatt unterlegen.Von sinnvoller Aufklärung
könnte unter diesen Umständen keine Rede sein. Der Bedarf für ein analytisches

n) Als eine zusammenfassende,in der systemtheoretisdien Konzeption inzwisdhenaber


überholte Darstellung dieser Entwicklung vgl. Talcott Parsons: The Structure
of Social Action. Glencoe, 111.,1937.

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Instrumentarium, das sehr komplexenGegenständengerechtwerden kann, scheint


die Triebfederzu sein,welche die Umorientierungvon Faktortheorienauf System-
theorienherbeigeführt hat.
Diese Umorientierung hat den aufklärerischenStil der Soziologieauf bessere,
tragfähigere Grundlagengestellt.Die Faktortheorien hatten,auf den Verfallder
altenHandlungswahrheiten unmittelbar das Aufklären
reagierend, beschränktauf
den Nachweisder „eigentlichen" Ursachendes Handelns.Sie diskreditieren damit
die Sinnstrukturen, auf die hin der Handelndesich selbstversteht, als bloßen
„Überbau",als „Ideologie",als „Rationalisierung" oder„Sublimierung" nichtein-
gestehbarer Motive,kurzals produzierte Scheinweltohneontologisches Eigenrecht.
Die Systemtheorien stoßenzu einerneuartigen Konzeptionder Latenzund damit
auchzu einemneuartigen Stil von Aufklärung vor. Sie deckennichtlatenteUr-
sachen,sondernlatenteFunktionen und Strukturen auf.Auchdas bleibteineskep-
tischeKritikdes Handelns,aber sie entlarvtdie Vorstellungen des Handelnden
nichtals einetrickreicheScheinwelt,als bloße Verschönerung unedlerMotive,son-
dern als unvollständige Selektion,als allzu drastischeund grobeVereinfachung
einersehrviel komplizierteren sozialen Wirklichkeit.Die Selbstdarstellungder
handelnden Systemewirdnichtmehrrücksichtslos zu Fall gebracht,abersie wird
auf innereWidersprüche, auf mitspielende Gesichtspunkte, auf andereMöglich-
keitenhingewiesen. Die Wissenschaft legtdemHandelndennunnichtmehrnahe,
sichals Vollzugsorgan eineseinzigenbeschämenden Grundmotivs zu begreifen,
sie
fordert ihmim Gegenteileinesehrviel komplexere Handlungssicht ab, wohl wis-
send,daß er sie nichtleistenkann.NichtDiskreditierung, sondernÜberforderung
wirdjetztzumProblemderAufklärung.
Damit ist für die Abklärungder Aufklärung etwas Entscheidendes erreicht,
nämlicheine Problemformulierung, die der Aufklärung ihreGrenzenweistund
sie auffordert,
dieseGrenzenin ihreTheorieeinzuarbeiten.
4. Funktionale Methode
Dieser Zug zu gesteigerter,vielleichtübermäßiger Komplexitätder soziologi-
schenSystemkonzeption läßt sichauch an einemanderenaktuellenDiskussions-
punktablesen,an den Erörterungen um Sinn und Eigenartder funktionalen
Methode.
Die Kritikdes soziologischenFunktionalismus gehtzumeistvon den methodo-
logischenPositionendes Neupositivismus aus und versuchtzu zeigen,daß eine
Funktionentwedereine Kausalbeziehung im üblichenSinnebzw. eine statistische
Korrelationsei - oder eine nichtnachprüfbare und daher„sinnlose"Unterstel-
lung12).Hauptangriffspunkt ist die Unklarheitdes Gegenstandes,auf den funk-
tionale Aussagenüblicherweise bezogen werden: Die Formeln„Bestandeines
Sozialsystems",„Survival",„Erhaltungsbedingungen", so wirdeingewendet,ließen
sichnichtausreichend präzisieren, es sei denn durchwissenschaftlich
untragbare
lf) Vgl. z. B. Ernest Nagel: Logic Without Metaphysics. Glencoe, HL, 1956, S. 247 ff.;
der s.: The Structureof Science. New York 1961, S. 401 ff., 520 ff.; Carl Hem -
pel: „The Logic of Functional Analysis'". In: Llewellyn Gross (Hrsg.): Sym-
posion on Sociological Theory. Evanston, 111.- White Plains, N. Y., 1959, S. 271
bis 307; Kingsley Davis: „The Myth of Functional Analysis as a Method
Special
in Sociologyand Anthropology". AmericanSociologicalReview 24 (1959), S. 757
bis 772; Gosta C a r 1s s o n : „Reflectionson Functionalism".
Acta Sociologica5
(19621), S. 201-224; Gustav Bergmann : „Purpose, Function, Scientific Explana-
tion",Aera Sociologica5 (1962), S. 225-238.

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teleologisdieWerturteile18).Man k^.nn diese Einwendungenauch auf eine andere


Formel bringen:Die Bezugseinheitder funktionalenAnalyse sei viel zu komplex,
enthalte zu viele Möglichkeiten,als daß sie unmittelbarGegenstand wissenschaft-
licherFeststellungensein könne.
So gefaßt,beleuchtetdie Kritik zugleichdie Vorzüge, ja die eigentlichen„laten-
ten Funktionen" des Funktionalismus.Die genanntenSchwierigkeitensind Aus-
druck eines Strebensnach Berücksichtigung größererKomplexität in den Sachver-
halten. Dieses Streben erscheintin allen wesentlichenEinzelaspekten der funktio-
nalen Analyse und muß so als ihr charakteristischesMerkmal gelten. Es zeigt sich
in der Radikalität des Umdenkens von Beständen in Leistungsbedürfnisse, von
Evidenzen in Probleme; in der Abstraktiondes Systembegriffs, den sie als theore-
tischenGrundbegriffvoraussetzt,und in der Systemrelativitätaller funktionalen
Bestimmungen,die nur vollständig sind, wenn zugleich angegeben wird, auf
welches System sich eine funktionaleLeistung bezieht; fernerin der Ausdehnung
der Forschungvon manifestenauf latente, von funktionalenauf dysfunktionale
Aspekte und schließlichin dem zentralenGedanken der funktionalenÄquivalenz,
der ausdrückt,daß ein und dieselbe Funktion auf mehrereverschiedenartige, ge-
geneinanderaustauschbareWeisen erfülltwerden kann.
Der Funktionalismusmacht sich, von der Philosophie seit langem dazu ange-
regt14),auf den Weg, alle Substanzen in Funktionenaufzulösenund alles, was ist,
mit anderen Möglichkeitenzu vergleichen.Die Welt wird dadurch projiziert als
ein Horizont anderer Möglichkeitenvon äußerster Komplexität. Sozialsysteme,
die in der Welt bestehenwollen, müssenselbstnochbeträchtliche Eigenkomplexität
aufweisen,um sich erhalten zu können. Sie müssenStrukturenbilden, die wider-
spruchsvollenAnforderungengenügenkönnen,die eine starkeInnendifferenzierung
ermöglichenund zugleich durch hohe Unbestimmtheites dem System erlauben,
viele verschiedeneZustände anzunehmen.Der Funktionalismussuchteinen grund-
begriffliehen Bezugsrahmen,mit dem er diesen Anforderungenäußerster Kom-
plexität gerechtwerden kann. Die Problematisierungdes Systembestandeshat
diesen Sinn. Aber kann die so erfaßte Komplexität auch verarbeitetwerden?

III. Erfassungund Reduktion von Komplexität


1. Prinzip und Schrankender Aufklärung
Die Frage, wie übermäßig komplexe Informationsbeständeverarbeitetwerden
können, bezeichnet das noch verborgene Problem der Aufklärung. Die Inkon-
gruenz der soziologischenInterpretationim Verhältniszum Handeln, die notwen-
dige Latenz mancher Strukturenund Funktionen, der Obergang von Faktor-
theorienzu Systemtheorienund die Methodenschwächeder funktionalenAnalyse
- das alles sind nur einzelne
Aspekte dieses einen Problems der Komplexität,
der Überfülle des Möglichen,sind nur einzelne Stufen zu seiner Aufdeckungund
Entfaltung.
Die Wissenschaft,speziell die Soziologie, sieht sich durch ihr Streben nach grö-
ßerer Komplexität in eine wachsende Distanz zum Handeln gerückt.Sie vermag

u) Als Beispiel für diese verbreiteteKritik siehe George C. H o m a n s : Theorie der


sozialen Gruppe. Dt. Obers. Köln-Opladen I960, S. 295 ff.; ders.: „Contemporary
Theory in Sociology". In: Robert E. L. F a ris (Hrsg.): Handbook of Modern
Sociology. Chicago 1964, S. 951^-977 (%3 ff.).
u) Vgl. dazu Ernst Cassirer: Substanzbegriffund Funktionsbegriff.Untersuchun-
gen über die Grundfragender Erkenntniskritik.Berlin 1910, und nouestensHeinrich
R o mb a c h : Substanz,System,Struktur.
2 Bde. Freiburg-München
1965/66.

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SoziologischeAufklärung 105

das Handeln als Begriff,als Forschungsgegenstand, als objektiven Verlauf von


Ereignissenin der Welt, als „behavior" festzuhalten.Aber das Handeln ist dar-
über hinaus eine vom Handelnden selbst ergriffeneMöglichkeit.Selbst ergreifen
kann der Handelnde nur, was er sich bewußt machen,was er in den engen Hori-
zont seines intentionalenBewußtseins einbringenund dort aktuell erleben kann.
Die Komplexität der Welt, die unheimlicheVielzahl der Möglichkeiten,muß
daher reduziert werden auf ein sinnhaft erlebbares Format. Das geschiehtim
Ablauf der Zeit von selbst,denn alles, was in die Vergangenheitentschwindet, ver-
liert die Eigenschaft,auch anders sein zu können.Das Problem der Aufklärungist
die Frage, wie dies geschieht.
Ein bloßes Sammeln und Speichern richtigerInformationen,ein geradliniges
Fortschreitenim Erwerb von immer mehr Wissen, löst das Problem der Auf-
klärung nicht. Zuviel Wissen klärt nicht mehr auf, sondern verliert sich in der
Ferne des vorhandenen,aber nicht gewußten Wissens. Gegenüber einer Aufklä-
rungsutopie,die ihre Grenzen nicht sah, meldeten diese Grenzen sich, ohne sich
selbst und ihre Funktion zu kennen: als Vorliebe für das Vergangene und für
Bildung, für das Irrationale, für das Geheimnis des Lebens, für das Gewachsene
und nicht Gemachte,für die Kraft des Entscheidensoder für die Paradoxie als
Prinzip. Die Vernunftaufklärung fordertedie Romantik heraus. Was unvereinbar
schien,wird aber vereinbar,sobald man die Grenzen der Aufklärungerkenntund
als Teil ihrerselbstbegreift.Die Komplexität der Welt muß nichtnur vorstellend
erfaßt,sondern auch dem Erleben und dem Handeln nahegebracht,also reduziert
werden. Eine Steigerungder in der Welt erfaßbarenMöglichkeitenwird sinnlos,
wenn nichtzugleich entsprechendwirkungsvolleMechanismender Reduktion von
Komplexität entwickeltwerden.
2. Soziale Komplexität
An diesem Dilemma der Aufklärungsich zu beteiligen,hat die Soziologie be-
sonderen Anlaß. Denn mit dem Fortschreitender Aufklärung in ihren beiden
Aspekten,der Erfassungund der Reduktion von Komplexität, kann die Sozial-
dimensionimmerwenigervernachlässigtwerden. Ja, sie scheintsichzunehmendals
die kritischeVariable zu erweisen,von der aller weitererFortschrittabhängt. Die
Soziologie wird, wenn sie sichals Teil einer weltaufklärendenWirklichkeitswissen-
schaftbegreifenwill, das Problem der sozialen Komplexität in den Mittelpunkt
rückenmüssen.
Dabei ist nichtnur an die klassische,auf das Handeln bezogene Thematik der
politischenPhilosophie gedacht,an Bedrohung durch andere und Angewiesenheit
auf andere, also an die alten Problemformelnmetus et indigentia,oder an die
alten Zweckfomelnpax et iustitia. Vielmehr steht das Problem, daß der andere
Mensch ein anderes Ich und deshalb prinzipiell unberechenbarist, heute sehr viel
radikaler vor Augen15). Es ist schon die Frage, ob der andere überhauptdasselbe

15) In der Soziologie wird diesem Problem der „anderen Möglichkeiten" zumindest für
den Bereich der Verhaltenserwartungenvon Parsons grundsätzlicheBedeutung bei-
gelegt. Parsons sieht in dem Problem der „double contingency" aller Interaktionen
den Grund dafür, daß alle Sozialsysteme eine normative Strukturbilden müssen,um
die Komplementarität der Verhaltenserwartungensicherzustellen. Siehe Talco«
Parsons : The Social System. Glencoe, 111.,195U1,S. 10 f., 36 ff.; Talcott Par-
sons/ Edward A. S h i 1 s (Hrsg.): Toward a General Theory of Action. Cambridge,
Mass., 195Î, S. 16. Auch in der neueren Organisationstheorierüda das Problem der
„rationalen Unbestimmtheit"aller Situationen, an denen mehrereMenschen beteiligt
sind, oder allgemeiner: das Problem der Überforderungdes Mensdien durch Kom-

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106 Niklas Luhmann

erlebt wie ich, dieselbenDinge sieht,dieselbenWerte schätzt,im selben Zeitrhyth-


mus lebt, dieselbe Geschichtemit sich führt.Die Soziologie wird hier auf eine
transzendentale Theorie der intersubjektivenKonstitution von Sinn zurück-
greifen müssen, wenn sie eine Vorstellung von der sozialen Komplexität, dem
BezugsproblemihrerfunktionalenAnalysen,gewinnenwill 16).
Die ontologischeMetaphysikwar - aus Gründen, die hier nichterörtertwer-
den können - im Rahmen ihrer Denkvoraussetzunggebunden gewesen, die so-
ziale Dimension allen sinnhaftenErlebens und Handelns zu unterschätzen - sie
teils in Wahrheitsfragenund Methodenprobleme, teils in Fragen der rechten
ethisch-politischen Ordnung des Handelns aufzulösen. Bis in die Zeit der Ver-
nunftaufklärunghinein verstelltesie den Zugang zur vollen Problematikder So-
zialdimension durch die These von der Gleichverteilungder menschlichenVer-
nunft: alle Menschen hätten an der Vernunftin zwar unterschiedlichem Maße,
aber in gleicherWeise teiln). Somit hielt man sich für befugt,ja für genötigt,die
eigene Vernunftzu gebrauchen,um das wahre Seiende zu finden,in dem alles
Erleben übereinkommt.Besondersder neuzeitlichenBewußtseinsmetaphysik schien
Zustimmungentbehrlich,wo evidente Wahrheitdie Vernunftüberzeugte18).Dar-
an hatte sich die Vernunftaufklärung gehalten und die eigentümlicheProblema-

plexität,zunehmendins Rampenlidit.Siehe z. B. HerbertA. Simon: Das Ver-


waltungshandeln. Eine Untersuchungüber Entscheidungsvorgängein Behörden und
privaten Unternehmen.Dt. Übers. Stuttgart 1955; ders.: Models of Man. Social
and Rational. Mathematical Essays on Rational Human Behavior in a Social Setting.
New York-London 1957; Jacob Marschak : „Towards an Economic Theory of
Organization and Information". In: Robert M. T h r a 1 1 /Clyde H. Coombs/
Robert L. D a v i s (Hrsg.): Decision Processes. New York-London 1954, S. 187-220;
Gérard G ä f g e n : Theorie der wirtschaftlichenEntscheidung.Untersuchungenzur
Logik und ökonomischenBedeutung des rationalen Handelns. Tübingen 1963, insb.
S. 176 ff., und zu den spieltheoretischen
GrundlagenJohn von Neumann/
Oskar Morgenstern : Spieltheorie und wirtschaftlichesVerhalten. Dt. Obers.
Würzburg 19*61,insb. S. 9 ff. Auch in diesem Forschungsbereichverdichtetsich die
Vorstellung,daß soziale Komplexität zunächst durchSystemstrukturen reduziertwer-
den muß, bevor rational gehandelt werden kann.
ie) Wesentliche Grundlagen dafür sind namentlich im Alterswerk Edmund Husserls
gelegt, wenngleich nicht vollendet worden. Siehe insb. Edmund Huserl : Ideen
zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Bd. II.
Husserliana Bd. IV. Den Haag, S. l<90 ff.; ders., C artesianisehe Meditationen.
Husserliana Bd. I. Den Haag 19'3O,S. 1^5 ff.; ders.: Die Krisis der europäischen
Wissenschaftenund die transzendentale Phänomenologie. Husserliana Bd. VI. Den
Haag 1954; S. 185 ff., S. 415 ff., und passim. Zu all dem unter Heranziehung des
Nachlasses auch René Toulemont : L'essence de la société selon Husserl. Paris
1962. Vgl. ferner Alfred Schütz: „Das Problem der transzendentalen Inter-
subjektivität bei Husserl". Philosophische Rundschau 5 (1957), S. &1-- 1C7 mit kriti-
schen Bemerkungen,und ders.: Collected Papers. 3 Bde. Den Haag 1<96>2-1966,
mit weiter- und auf die Soziologie hinführendenÜberlegungen. Außerdem etwa
Maurice Merleau-Ponty: Phénoménologie de la perception. Paris 1945,
S. 398 ff.; Herman Zeltner: „Das Ich und die anderen: Husserls Beitrag zur
Grundlegung der Sozialphilosophie". Zeitschrift für philosophische Forschung 13
(1'959), S. 288- 315; Remy C. K w a n t : Phenomenologyof Social Existence. Pitts-
burgh, Pa. - Louvain 1965; Michael Theunissen: Der Andere. Studien zur
Sozialontologie der Gegenwart. Berlin 1965.
17) Siehe statt anderer Belege die einleitenden Ausführungenvon Descartes : Dis-
cours de la méthode. Oeuvres et Lettres. Bibliothèque de la Pléiade. Paris 1952,
S. 126.
*•) Vgl. die III. Regel bei Descartes: Règles pour la direction de Vespritra. a. O.,
S. 42.

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Soziologische
Aufklärung 107

tiksozialerKomplexität, daß manderÜbereinstimmung imErlebenund Handeln


mitanderenMenschen nie sicherseinkann,damitverharmlost.
Rückblickend läßt sichin der Vernunftmetaphysik eine Abwehrhaltung erken-
nen, die das Problemder sozialen Komplexität,der unbegrenzten Möglichkeit
andererMeinungen, schonahnt,es aber nochdurchRückzugauf sichereGrund-
zu
lagen umgehen sucht. Auchdie positivenWissenschaften, die in jenerZeit ihren
Siegeszugbeginnen, haltensichstrengan das Prinzipder intersubjektiv zwingen-
den Gewißheit,die garantiert werdensoll durchRückgangauf extremeinfache
Wahrnehmungen und nachvollziehbare Operationendes Denkensund Experimen-
tierens.Und nichtzuletztdientedie konfessionelle Neutralisierung des Staatesals
bürokratisch-militärischer Maschineoderals Vernunftherrschaft demgleichen Ziel:
soziale Sicherheit von demBodenunbezweifelbarer Vernunftnotwendigkeiten aus
zu gewinnen.
Indes,dieserBodenistschmal.So fruchtbar sichdieseReduktionfürdie Natur-
wissenschaften erwies,so wenigkonntesie der Komplexitätder sozialen Welt
gerecht werden.In ihremGegenstandsfeld konntedie Soziologiedie Verschieden-
heitdersubjektiven Standpunkte, derZweckeund Werte,derselektiven Perspek-
tivenund sogarder Wahrnehmungsmöglichkeiten nichtignorieren; sie hättesonst
ihr Objekt verloren.Aber sie versuchte zunächst,wenigstens fürsichselbstdie
Reduktionauf das intersubjektiv zwingend Gewisse durchzuführen, und sprach
ihremunmittelbaren Gegenstand,dem menschlichen Handeln, jede Wahrheits-
fähigkeit ab. In diesemSinneversteht sie sichselbstals positiveWissenschaft. Die
wachsende Entfremdung zwischenwissenschaftlicher Analyseund Eigenperspektive
des Handelns,von der unsereUntersuchungen ausgingen, war die Folge.
Diese Inkongruenz ist unvermeidbar, wenndie Wissenschaft mehrKomplexität
zu erfassensucht,als im Handeln aktualisiert werdenkann. Aber die Art,wie
dieseDiskrepanzbegriffen wird,magreformbedürftig sein.Eine scharfe Entgegen-
setzungvon „objektiver"Wissenschaft und „subjektivem" Handeln, von wert-
neutraler Sachlichkeit und wertgebundenem Engagement, bietetwenigMöglichkei-
tenderVermittlung. Die Wissenschaft ziehtsichmitsolchenDichotomien auf eine
Gegenposition zurück,aus der sie sichnichtmehrals Aufklärung begreifen kann.
Allenfallswird sie, innerlich unbeteiligt,dem Handelndenanheimgeben können,
von ihrenErkenntnissen nachMaßgabeseinerWertprämissen Gebrauchzu machen.
Je schärferjene Diskrepanzals Problem,als ProblemderReduktionvon Kom-
plexität,insBewußtsein tritt,destomehrdrängtsichein Auswegauf,das Problem
selbstzur Theoriezu erklären.Das kannnatürlich nichtheißen,die Wissenschaft
sei durchden Zweck ihrerAnwendung, durchihrepraktische Brauchbarkeit, zu
lenkenund zu begrenzen. Die Verwertbarkeit der Wissenschaft ist nur ein Son-
derfalleinerviel allgemeineren Problemlage, die mitder Formel„Erfassung und
Reduktionvon Komplexität"begriffen werdenkann.Die Welt ist äußerstkom-
plex, die aktuelleAufmerksamkeitsspanne intentionalen Erlebensund Handelns
demgegenüber sehrgering.Das ist die Kluft,die es durchKonstitution von Sinn
zu überbrücken gilt.Aufklärung istdergeschichtliche Prozeß,dersichbemüht, die
Möglichkeiten derWeltdemErlebenund Handelnals Sinnzugänglich zu machen.
3. Problemals Theorie
Wie kannein ProblemabereineTheoriesein?Ein Problemvermittelt keineun-
bezweifelbare Wahrheit. Ein ProblemistkeinAxiom.Der Sachverhalt, den unsere
Problemformel anvisiert - nämlichdie Welt- , würdeeine auch
Axiomatisierung
gar nichtzulassen.Alle Axiomatiksetztja voraus,daß die Komplexitätdurch

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108 Niklas Luhmann

einige wenige Axiome schoneingefangenund reduziertist. Sie kann in dem durch


Axiome reguliertenAussagensystemnichtmehr gesteigert,sondern nur noch ent-
faltet werden. Das Problem, das wir uns stellen,wird so als schon gelöst behan-
delt. Eine Theorie, die sich Erfassungund Reduktion von Komplexität zum Ziel
setzt, muß sich als nichtaxiomatisierbar
erkennen,muß daher aus der Sprache der
Axiome und ihrerKonsequenzen in die Sprache der Problemeund ihrerLösungen
übersetzt und in ihren Aussageformenund Erkenntniszielenentsprechendum-
strukturiertwerden.

WichtigeVorarbeitenfür eine solcheUmstellungsind bereitsgeleistet,vor allem


in den Ansätzen zu einer Methodologie der funktionalenAnalyse und zu einer
Theorie des sozialen Handlungssystems.Diese Grundlagen berechtigenuns, mit
einigem Optimismus von soziologischerAufklärungzu sprechen,und sie ermög-
lichen es, in einigen Konturen die Schwierigkeiteneines solchen Unternehmens
bereitszu erkennen.Allerdingsbedarf es noch einer wesentlichenUmorientierung,
soll der aufklärerischeGrundzug dieser vorliegendenBemühungenerkennbarwer-
den: Die funktionaleAnalyse muß von ihrenBindungenan kausalgesetzlicheVor-
stellungenbefreitund als vergleichendeMethode entfaltetwerden,und die struk-
turell-funktionaleTheorie muß zu einer funktional-strukturellen Theorie ausge-
baut werden, damit sie auf das Problem der Komplexität bezogen werden kann
und unter diesem Blickpunktnach der Funktionvon Systemenund Strukturenzu
fragen lernt. Beide Umdeutungensind durch die Diskussionen und Forschungen
der letzten Jahre so weit vorbereitet,daß sie sehr nahe liegen. Erst ihr Vollzug
vermag jedoch zu erhellen,welchen Erkenntnisgewinnwir der funktionalenSy-
stemtheorieverdanken.
Die Erkenntnisse,die durch funktionale Analysen vermitteltwerden, lagen
eigentlichnie in der Sinnrichtungder Kausalrelation, in der sicherenPrognose be-
stimmterWirkungenoder in der sicherenErklärung von Zuständen aus einfachen
Ursachen, sondern, parallel dazu, in Vergleichsmöglichkeiten19). Konkrete Situ-
ationen sind unvergleichbar.Vom Problem einer vorgestelltenWirkungher wer-
den dagegen als Folge einer AbstraktionverschiedeneMöglichkeitender Bewir-
kung vergleichbar.Sie erscheinenals funktionaläquivalent. Ob die Wirkungunter
theoretischem oder unter praktischemInteresseals Bezugsproblemausgesuchtwor-
den war, berührtdie Gültigkeit des Vergleichesnicht. So kann die theoretisch-
vergleichendeProblemanalyse das Handeln mit Substitutionsmöglichkeiten aus-
statten und ihm dadurch eine Sicherheitbieten, die nicht auf der Verläßlichkeit
Seins, sondern auf der Verfügbarkeitanderer Möglichkeitenberuht.
festgestellten
Während im Methodischendie Erforschungeinfacher,zweigliedrigerKausal-
relationen oder statistischerKorrelationen erweitertwerden muß zu einem Ver-
gleich mehrerer,bahnt sich in der Theorie ein Übergehenvon Systemtheorien, die
nur die Innenordnungdes Systems betrachten,zu System/Umwelt-Theorien an.
Die ontologischeSystemkonzeption,die Systemeals Ganzheiten definierte,welche
aus Teilen bestehen,und damit die Aufmerksamkeit nach innen lenkte,wird mehr
und mehr durcheine funktionaleSystemtheorieersetzt,die Systemeals komplexe
Identitäten begreift,die in einer übermäßig komplexen, unübersichtlichen, fluk-
tuierendenUmwelt sich selbst als höherwertigeOrdnung erhalten können. Erst

10) Vgl. dazu näher Niklas Luhmann: „Funktion und Kausalität". Kölner Zeitsdirift
für Soziologie und Sozialpsychologie 1'4 (1962), S. 617*- 644; ders.: „Funktionale
Methode und Systemtheorie".Soziale Welt 15 (1964), S. 1-25.

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Soziologische Aufklärung 109

wenn dieser Übergang konsequent vollzogen ist20), kann man die Systemtheorie
von der Voraussetzung einer je schon bestimmten,strukturellvorgezeichneten
Innenordnunglösen und die Funktionder Systembildungüberhaupterkennen:Sie
bestehtin der Erfassungund Reduktion von Weltkomplexität.
4. Systemeals Medium der Aufklärung
Systeme vermittelnzwischen der äußersten, unbestimmtenKomplexität der
Welt und dem engen Sinnpotentialdes jeweils aktuellen Erlebens und Handelns.
Sie sind das Medium der Aufklärung.
Die Systembildungerfolgtdurch Stabilisierungeiner Grenze zwischen System
und Umwelt, innerhalb derer eine höherwertigeOrdnung mit weniger Möglich-
keiten (also mit reduzierterKomplexität) invariant gehalten werden kann. Diese
Innenordnungmit ihren Erhaltungsbedingungen dient als Grundlage eines selek-
tiven, vereinfachten,aber bewährbaren Umweltentwurfs,der Anhaltspunktefür
sinnvolles und praktischdurchführbares Handeln erschließt.So verwandelt sich
die unbestimmteKomplexität der Welt in genauer spezifizierbareProbleme der
Selbsterhaltung,verschiebtsozusagen die Weltproblematikteilweise von außen
nach innen, wo sie mit zielgenaueren Methoden der Informationsverarbeitung
besser zu lösen ist.
Die Art, wie das geschieht,bestimmtdas Niveau der Aufklärung- beim
per-
sönlichen (durch eine „Persönlichkeit"strukturierten)Aktionssystemebenso wie
beim Sozialsystem.Die Eigenkomplexitätdes Systemsmuß in einem angemessenen
Verhältniszur Komplexität der Umwelt stehen21).Je komplexerein Systemselbst
strukturiert ist und je mehr Zustände es demzufolgeannehmenkann, desto kom-
plexer kann auch seine Welt sein, desto umweltadäquater,desto sinnvoller,desto
aufgeklärterkann es existieren,erleben und handeln, desto weltgemäßerist seine
Subjektivität.
Dieser Gewinn an reduzierbarerKomplexität wird dadurch erreicht,daß die
Selektivität des menschlichenVerhaltens durch Systembildung
gesteigertwird.
Durch Systemekönnenmehrere,entwedernacheinanderoder
gleichzeitigablaufen-
de Akte der Informationsverarbeitung einander so zugeordnet werden, daß die
Selektionsleistung des einen Aktes die der anderen verstärktund umgekehrt.Teder

*°) Parsons' Systemtheoriesteht, um ein wichtigesBeispiel zu nennen, auf der Grenze


dieser beiden Konzeptionen, hat aber mehr als andere dazu
beigetragen,den Über-
gang als notwendig zu erweisen. Sie bezeichnet Systeme als „grenzerhaltend" und
verwendet die Innen/Außen-Differenzan zentraler Stelle zur Definition der
grund-
legenden Systemprobleme.Andererseits ist sie noch strukturell-funktionale Theorie
(obwohl Parsons sich auch von diesem Gedanken zu lösen beginnt) und kann sich
die Umwelt nicht als äußerst komplexe Welt, sondern nur als umfassendes
mit übergeordnetenNormen, also als schon reduzierte Komplexität, vorstellen System
Siehe
als skizzenhafte Überblicke: Talco« Parsons: „General Theory in Sociology"
In: Robert K.Mcrton/ Leonard Broom/ Leonard S. C o 1 1 r e 1 1 , Jr (Hrse )•
Sociology Today. New York 1959, S. 3-38, und d ers.: „Die jüngsten Entwicklun-
gen in der Struktur eil-funktionalen Theorie". Kölner Zeitschriftfür Soziologie und
Sozialpsycholoeie 16 (1964"), S. 30-49.
) In diesem Sinne sprichtW. Ross A s h b y : An Introduction to Cybernetics.London
1956, S. 206 îf.t von der „requisite variety" eines Systems. Eine Ausarbeitung dieses
Verhältnisses findet sich auch bei O. J. Harvey/ Harold M. Schroder:
„Cognitive Aspects of Self and Motivation", für psychischeSysteme,und bei Harold
M. Schroder / O. J. Harvey: „Conceptual Organization and Group Struc-
ture", für soziale Systeme. Beides in: O. J. Harvey (Hrsg.): Motivation and
Social Interaction. Cognitive Determinants. New York 1963, S. 95-133 bzw.
134 -loo.

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110 Niklas Lubmann

Akt kannsichdann auf eine Wahl zwischensehrwenigenAlternativen beschrän-


ken und dabei voraussetzen, daß an anderenStellenandereWahlenbereitsge-
troffenwordensind oder nochgetroffen werden,die diese Beschränkung recht-
fertigen- so wie die politischeWahl zwischenden Führungspersönlichkeiten
wenigerParteienentscheidet und dabei voraussetzt, daß durchinnerparteiliche
Selektionsvorgänge diesewenigensichtbaren Persönlichkeiten sichals die am wenig-
stenUnfähigen erwiesenhaben.
Im einzelnenmußzwischenzeitlicher und sozialerSelektionsverstärkung unter-
schiedenwerden.Einmalkann man Informationen schrittweise nacheinander nur
abarbeiten,wenn sichergestellt ist, daß die Regeln,nach denengearbeitetwird,
eine Zeitlangkonstantbleibenund ErgebnisseeinesSchrittes fürdie folgenden
Schrittefestgehalten werdenkönnen.Es muß also ein Systembestehen,das in
der Lage ist, eine Strukturrelativinvariantzu haltenund Informationen zu
speichern, so daß nichtbei jedemSchrittalles wiederzerfällt,immervon neuem
angefangenwerdenmuß und brauchbare Ergebnissenur als Zufallstreffer eines
einzigenSchrittes erwartetwerdenkönnen.Außerdemgibtes ein gleichzeitiges
Abarbeitenvon Komplexitätunterder Voraussetzung, daß die Perspektiven der
einzelnenMenschenaustauschbar sind und daß sichErgebnissevon Menschzu
Menschübertragen lassen.Vertrauenin die Zuverlässigkeit und Übernehmbarkeit
der Informationsverarbeitung andererMenschen istnurin sozialenSystemen mög-
lich;es setztgemeinsames Handelnvoraus- zumindest in derFormderKommu-
nikationnachbestimmten Regeln,füralle höherenFormender Komplexitätalso
in der Formvon Sprache.
Aus sehreinfachen Anfängen,in denennur sehrwenigewählendeAkte ein-
ander in dieserWeise zugeordnetsind und das PotentialfürKomplexitätent-
sprechend geringist,könnensichauf diesemWegederSystembildung höchstkom-
plexe Gebilde entwickeln, die dann zunehmendunterden Druck ihrereigenen
Komplexitätgeratenund immergrößereMühe haben,ein Verhältnissinnvoller
wechselseitiger Verstärkung zwischenihreneinzelnenAktensicherzustellen. Die
viel erörterte Innenproblematik großerSysteme- das ist die Form,in der wir
die GrenzenderAufklärung zu spürenbekommen.
Denn nur Systemekönnenals Mediender Aufklärung dienen,nichtdas frei
diskutierende Publikum22). Diese Formulierung erlaubtnochmalseinenRückblick
auf den Unterschied von Vernunftaufklärung und soziologischerAufklärung. Weil
man die Reduktionder Komplexitätnichtals angeborene menschliche Fähigkeit,
als Vernunft, voraussetzen kannund schongar nichtunterstellen kann,daß alle
Menschen an dieserFähigkeitin gleicher Weiseteilhaben, genügtdie Freigabeder
öffentlichen Diskussionnicht,um Aufklärung zu verwirklichen. Nichtschondie
Befreiung der Vernunft zu zwangloser Kommunikation klärt auf, sondernnur
eine effektive Steigerungdes menschlichen Potentialszur Erfassung und Reduk-
tionvon Komplexität.Es gehtum die Fähigkeit,viele Möglichkeiten sinngemäß
zu berücksichtigen und doch raschzu handeln,um Verhältnisse zwischensach-
licherund sozialerVielfältigkeit und Zeitknappheit, die optimiert werdenmüssen;
es gehtauch um ein Abfangendes Zeitdrucks, der sichaus zunehmenden Inter-
dependenzen ergibt23).
tf) So z. 3. die für seine Zeit typisdheAuffassungKants in seinerAbhandlung:
„Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" Zit. nadi der Ausgabeder philos.
Bibliothek.Bd. 46. Leiozie o. Ï.
tt) Zu diesemZivilisationsproblem vgl. audi NorbertE 1i a s : Über den Prozeß der
Zivilisation.Soziogenetischeund psychogenetische
Untersuchungen. Basel 1939,Bd. II,

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Aufklärung
Soziologische 111

kannangesichts
Diese Leistungssteigerung derunveränderbar Aufmerk-
geringen
samkeitsspanne menschlichenErlebensnur durchSystembildungen erfolgen,die
in einemsinnvollenZusammenhang
daß Informationsverarbeitungen
sicherstellen,
erfolgen,der ihre verstärkt.
Selektivität Erstdamit wirdein praktisch
wirksamer
Stil der Aufklärung der jedenGewinnneuerMöglichkeiten
erreicht, mitsteigen-
der Komplexitätund miteinerverstärkten Abarbeitung ihrerFolgeproblemebe-
zahlt und so erstverdient.
IV. Verwandteund konkurrierende Bemühungen
Eine Soziologie,die sichals Aufklärung begreifen und die Grenzender Auf-
klärungmitthematisieren will,hat besonderen Anlaß,die Beziehungen zu einigen
verwandten und konkurrierendenNachbarwissenschaften zu überdenken. Nimmt
man dafürdas Problemder Komplexitätund ihrerReduktionzum Leitfaden,so
tretenan nahestehenden Bemühungen besondersdie der transzendentalen Phäno-
menologie,der Kybernetik, der Rechtstheorie,der Entscheidungswissenschaften
in den Blick.Angesichts
sowiei-ieder Geschichtswissenschaft des heutigenStandes
der Theorieentwicklung wäre es verfrühtund gefährlich, die Diskussionzwischen
diesenDisziplinendurchAbgrenzungsvorschläge zu unterbinden. Eher kommtes
daraufan, Zusammenhänge aufzudecken, um die möglichen Bezugspunkte eines
sinnvollen festzustellen.
Divergierens
/. Transzendentale Phänomenologie
Wo eine transzendentale Theorieder Gesellschaft gefordert wurde24),stand
bisherdie auf Kant zurückgehende erkenntniskritische Grundlegung im Mittel-
punktderAufmerksamkeit. Wo einephänomenologische Soziologiegefordert wur-
de, gingman von älterenVorstellungen von Wesensschau aus25),hieltsichledig-
lichan die These einesunumgänglichen Subjektivismus 2Ä)oder man wandtesich
„Lebensweltanalysen" imSinnevonBeschreibungen des alltäglichenWeltverstehens
zu und verlordie transzendentale Fragestellung dabei aus den Augen27).Diese
Bedeutungsfestlegungen ermutigen nichtgerade zur Weiterverwendung der Be-
griffe phänomenologisch und transzendentalin der soziologischen Diskussion.Da-
bei stehtjedochdie entscheidende
Entdeckung, die sichin den AnalysenHusserls,
wenngleich uneingestanden,
ankündigt, nochgar nichtim Blick- nämlichdie der
intersubjektiven Konstitution
und damitder sozialenKontingenzvon Weltüber-
S. 337 f. Siehe fernerWilbert E. Moore: Man> Time, and Society. New York -
London 1963, £. 16 ff.
*4) Siehe namentlichMax Adler: Das Rätsel der Gesellschaft.Zur erkenntnis-kriti-
schen Grundlegung der Sozialwissenschaften.Wien 1936, und Helmut S c h e 1 s k y :
Ortsbestimmung der deutschen
Soziologie.Düsseldorf-Köln1959,S. 93 ff.Vgl. ferner
Horst B a i e r : „SoziologiezwischenSubjektund Objekt. Zur erkenntnistheoreti-
schenSituationder westdeutschen Soziologie".Soziale Welt 14 (1963), S. 278- 296
(291 ff.)mitweiterenHinweisen.
u) So etwa Siegfried Kracauer: Soziologie als Wissenschaft. Eine erkenntnis-
theoretischeUntersuchung.Dresden 1922.
w) Siehe dazu den Überblick bei Edward A. Tiryakian: tyExistentialPhenomeno-
logy and the Sociological Tradition". American Sociological Review 30 (1965), S. 674
bis 68».
n) Dies ist namentlichfür die amerikanischenPublikationen von Alfred Schütz bezeich-
nend, jetzt verfügbar in: Alfred Schütz: Collected Papers. 3 Bde. Den Haag
1962- 66; ferner Peter L. Berger / Thomas Luckmann: The Social Con-
struction of Reality. Garden City, N. Y., 1966, und die kritischenBemerkungen
von Hans Georg G a d a m e r : iyDie phänomenologischeBewegung". Philosophische
Rundschau 11 (1963), S. 1-45.

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haupt28). Nimmt man diese Entdeckungin ihren Konsequenzen ernst,so hinter-


geht sie alle Wissenschaften,auch die Erkenntnistheorie und auch noch den trans-
zendentalenPositivismusder Husserlsd'en Phänomenologie,sofernsie Gründe und
Sachverhaltemit intersubjektivzwingenderGewißheit festzustellensuchen.Trans-
zendentale Reflexion auf das, was ich wirklicherlebe, erweistsich dann nichtals
Weg zu letztgewissenEvidenzen, sondern als eine methodischeTechnik,alle Evi-
denzen in Probleme zu verwandeln - einschließlichsogar des Seins der Welt, das
nun als Problem äußerster unbestimmterKomplexität erscheint.Darüber hinaus
erhellt sie allgemeinsteStrukturender Welt, zum Beispiel die Differenz von Sein
und Nichtsein (Anderssein),die Zeit und die Voraussetzungeiner Mehrheit von
Ichen - Strukturen,die aus der Welt nichtweggedachtwerden können und zu-
gleich deren Komplexität als reduzierbar schematisieren.Damit arbeitet sie den
Systemtheorien,darunter der Soziologie, entgegen,ohne sie zu erreichen2*)und
ohne sie anders als durchProblemvorgabe„begründen"zu könnnen.
Systemtheorien,die diese Problemvorgabe aufnehmen und weiterbearbeiten
wollen, dürfen nicht nur strukturell-funktionale Theorien sein, die die Unter-
suchungmit den SystemproblemenbestimmtervorgegebenerStrukturenbeginnen;
sie müssenfunktional-strukturelle Theorien sein, welche die Funktionder Struktur
vorordnen,die Lösung jenes Problemsder WeltkomplexitätdurchStrukturbildung
und Umweltentwurferforschen, darin die Funktion der Systembildungsehen und
alle Systemproblemeals schon abgeleitete Probleme, als umdefinierteWeltpro-
bleme mit geringerKomplexität behandeln.
In den Bezugsrahmen einer solchen transzendental-phänomenologischen Pro-
blemforschunggefaßt, kann soziologischeAufklärung nicht mehr als Vorstellung
richtigeroder Herstellung zweckmäßiger Sachverhalte nach Maßgabe gemein-
menschlicherVernunft begriffenwerden. Ihr Sinn liegt dann, theoretischwie
praktischgesehen,in der Steigerungdes menschlichen Potentialszur Erfassungund
Reduktion von WeltkomplexitätdurchSystembildung.
2. Kybernetik
Unter den Forschungen,die sich speziell mit der Reduktion von Komplexität
befassen,ragen diejenigen hervor, die sich seit einiger Zeit unter dem Stichwort
Kybernetiksammeln.Ob deren Begriff, der Entropie,der Gleichwahrscheinlichkeit
aller Möglichkeiten,einen soziologisch sinnvollen Begriffder Komplexität her-
gibt und ob die darauf bezogene mathematischeInformationstheorie auf soziale
Systemeübernommenwerden kann - eine kybernetische Gruppentheorieund eine
kybernetischeOrganisationswissenschaft liegen in ersten Ansätzen vor - , mag
dahinstehen.Überhaupt weist das Selbstverständnisdieser neuen „Wissenschaft"
noch unausgeglicheneZüge auf. Zuweilen wird es sehr eng an das Strukturmodell

M) Am ehesten sdieint nodi Schütz diesen Befund als ein Faktum zu akzeptieren, aber
es ist natürlidi kein Faktum, das irgendwann einmal stattgefundenhat, sondern ein
Problem.
*•) Intersubjektivitätder Weltkonstitutionsagt nämlidi nidns weiter als Kongruenz der
intencionalenPerspektiven des SinnerlebensversdiiedenerSubjekte. Sie ist als soldie
nidit personifizieroar. Husserl selbst gleitet zuweilen sehr leidit von Tatbeständen
gesidierter Intersubjektivitätzur Annahme sozialer Lebensgemeinsdiaftenim Sinne
von Personalitäten höherer Ordnung über. Vgl. den materialreidien Überblidc bei
To u 1e m o n t , a. a. O. Er hat die Probleme eines Übergangs von der Intersubjek-
tivität des Erlebens zur Theorie sozialer Systeme wohl durdi deduktiven Übergang
vom Allgemeinen zum Besonderen lösen wollen und sie damit erheblidi untersdiätzt.
Ähnlidies gilt für A d 1 e r , a. a. O.

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SoziologischeAufklärung 113

des servomedianischen Regelkreisesgebunden80). Interessanter


als diese Struktur
ist jedochihreFunktion.Die Rückmeldung von Informationen überdie Wirkun-
gen des eigenenVerhaltensin das SystemerspartVoraussicht und ermöglicht es
dem System,sichauch in unvorhersehbar fluktuierenden Umweltenzu erhalten,
sofernes über ein ausreichend variierbaresReaktionspotential verfügtund Zeit
genughat,die FolgenseinerIrrtümer zu korrigieren.Neben dieserStrategieder
Absorption übermäßiger Komplexitätsind anderedenkbarund notwendig, zum
Beispiel die interneDifferenzierung in relativautonome Teilsysteme, die Hierar-
chiebildung, der Einbau von internenUnbestimmtheiten, Freiheiten und Wider-
sprüchen in das System,die Reflexivitätvon Prozessen,die sichselbstverstärken-
de Selektion31).
Stelltmandieseverschiedenen kybernetischen Mechanismen unterdemGesichts-
punktihrerFunktionfürdie Reduktionvon Komplexitätnebeneinander, dann
erhelltihr Zusammenhang und beleuchtet zugleichdie Möglichkeit einesfrucht-
barenGedankenaustausches mitderSoziologie.Damit istnichtgesagt,daß soziale
Systemeals Maschinenoder als Organismenzu begreifen seien.Die Soziologie
wirdjedochihreeigenenForschungen auf solcheMöglichkeiten des rationalenUm-
gangsmit dem unbestimmten Unbekannten hinlenkenkönnen,ohne deshalbaus
dem Auge zu verlieren,daß auch wenigerrationaleReduktionsformen, etwa
Magie, gefühlsmäßige Sozialisierungoder Freund/Feind-Schematisierungen, die
gleicheFunktionerfüllen. Ein solcherVergleich könntein denDienstsoziologischer
Aufklärung treten,wennman ihnetwa an der Frageorientiert, wie komplexder
Umweltentwurf einesSystemssein kann,das mit bestimmten Reduktionsformen
arbeitet.
3. Rationalität
Die Kompetenz,Urteile über die Rationalitätoder Richtigkeit bestimmter
Handlungenzu formulieren, überläßtdie heutigeSoziologieanderenWissenschaf-
ten, und mit Max Weberund Karl Mannheimist auch das große Thema des
abendländisch-zivilisatorischen
ProzessesderRationalisierung von den Hauptfron-
ten der Diskussionverschwunden32). Vielleichtliegtdas daran,daß wir den Be-
griffder Rationalitätnochallzusehrmit Urteilenüberdie Richtigkeit einzelner
Handlungenverknüpfen - insofernimmernoch der Ethik Die
verpflichtet.
Wiedersehen Kategoriender Zweckrationalität und der Wertrationalität33) haben
beide ganz deutlichdiesenBezug auf die Einzelhandlung, und auch die organi-
sationssoziologischeDiskussionder Diskrepanzvon Systemmodellen (Bestands-
modellen)und Rationalmodellen (Zweckmodellen)leidet unter dieser Zuord-
so) Siehe insb. Norbert Wiener: Kybernetik. Regelung und Nachridotenübertragung
im Lebewesen und in der Maschine. Dt. Übers, ¿er 2. Auf! n;i«pMnrf-'X7,Vn1<**1
S1) Vgl. W. Ross A s h b y : Design for a Brain. 2. Aufl. London 1954; d e r s.: a. a. O.
Außerdem z. B. Herbert A. Simon: „The Architectureof Complexity". Proceed-
ings of the American Philosophical Society 106 (1962), S. 467- 4^2; Herbert A.
Simon / Kenneth Kotovsky : „Human Acquisition of Concepts for Sequential
Patterns". Psychological Review 70 (1%(>), S. 534-546; Stafford Beer : Decision
and Control. The Meaning of Operational Research and Management Cybernetics.
London-New York-Sydney 1966; Niklas L u h m a n n : „Reflexive Mechanismen".
Soziale Welt 17 (1966), S. 1-23.
3t) Siehe aber den Ansatz einer kritischenBesinnung bei Dieter C 1 a e s s e n s : „Ratio-
nalität, revidiert". Kölner Zeitschriftfür Soziologie und Sozialpsychologie 17 (1965),
S. 465-476. Neu abgedrucktin: Ders.: Angst, Furchtund gesellschaftlicher Druck,'
und andere Aufsätze. Dortmund 1966. S. 116- 124.
M) Vgl. die klassischenFormulierungenin Max Weber: Wirtschaftund Gesellschaft
4. Aufl. Tübingen 1956, S. 12 f.
8 Soziale Welt

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114 Niklas Luhmann

nung34).GeradedieseDiskussionlehrtjedoch,in welcheSackgassedie Auffassung


der Rationalitätals Handlungsrationalität führt.Daß danebenin der Soziologie
ein lebhaftesInteressefürdie heimliche Rationalitätdes scheinbarIrrationalen,
fürlatenteFunktionen usw.aufkeimt, diesenEindruckderUnzulänglich-
bestätigt
keit.Die Soziologiewird Handlungsrationalität in Systemrationalitätumdenken
und auf ihrenSystembegriff beziehenmüssen.Als rationalwürdedanachjedes
sinnkonstituierendeErlebenund jedesHandelnzu geltenhaben,sofernes zur Lö-
sung von Systemproblemen und damitzur Erhaltungreduktiver Strukturen in
eineräußerstkomplexenWeltbeiträgt.
Als Systemrationalität
ist Rationalitätsystemrelativ, damitzugleichgeschicht-
lichund sachlichan konstituierte Strukturen der Erlebnisverarbeitunggebunden.
Das ist, vom ontologischen Standpunktaus, das Bedenkliche. Gerade diesesBe-
denkensagtjedochWesentliches aus überSinn,Zielrichtung und inhärente Schran-
ken der Aufklärung. Andersals die Vernunftaufklärung will die soziologische
Aufklärungnicht mehr feststehende, intersubjektiv gewisse Vernunftwahr-
heitensuchenund daraus alles weitereableiten.Das würde ihr Potentialfür
Komplexitäta prioribeschränken. Sie nimmtdas auchin der Vernunftaufklärung
wirksameMotiv des Hersteilens85) ernsterals diese selbst.WirksameAufklä-
rung kann nur durch Systembildunggeleistet,Rationalität in der Welt
nur durch Aufbau und Stabilisierungumfassenderer, komplexererSysteme
vorangetrieben werden. Anders würde man zu Weltvorstellungen ausgrei-
fen,derenKomplexitätunbestimmt und unbestimmbar bliebe.Damit würdeman
gegendas inhärente Grundgesetz derAufklärung verstoßen:daß die Erfassungder
Weltkomplexität mitden Möglichkeiten ihrerReduktionabgestimmt und dadurch
begrenztwerdenmuß. Währenddie Vernunftaufklärung sich an apriorischen
Schranken, an einerobjektivenOrdnungdes subjektiven Welterlebens orientierte,
siehtdie soziologische
Aufklärung sichauf inhärente Schranken, auf Grenzenihrer
eigenenLeistungsfähigkeitverwiesen.
4. Rechtstheorie
Mindestens seitdemEnde der alteuropäischen praktischenPhilosophieund dem
Zusammenbruch der Vernunftaufklärungsinddie Bemühungen um die Rationali-
tät und um die normativeRichtigkeit des Handelnsauseinandergetreten und ha-
ben sichauf verschiedeneDisziplinenverteilt.Rationalitätwirdim Schwerpunkt
als durchWirtschaftlichkeitsüberlegungen Zweckrationalität
korrigierte gesehen;
die Urteileübernormative Richtigkeitdes HandelnsbleibendagegeneinerWert-

u) Vgl. hierzu etwa Alvin W. Gouldner: „Organizacional Analysis''. In: Robert


K. Merton / Leonard Broom / Leonard S. Cottrell, Jr. (Hrsg.): Sociology
Today. New York 19591, S. 400-428, oder Amitai Etzioni : „Two Approaches
Science
to OrganizationalAnalysis.A Critiqueand a Suggestion".Administrative
Quarterly 5 (1960), S. 257-278; ders.: Modern Organizations. Englewood Cliffs,
N. J., 19*64,S. 16 ff. Eine ähnliche Zweiteilung findet man in der Kleingruppen-
theorie, die Aufgabenorientierungund Bestandsorientierungbzw. instrumentelleund
expressive Orientierung unterscheidet,wobei die Bestandserhaltung als Sache der
gefühlsmäßig-expressiven, also nichtrationalenGruppenkräfteangesehen wird. Siehe
grundlegend vor allem Robert F. Bales: Interaction Process Analysis. A Method
for the Study of Small Groups. Cambridge, Mass., 1951, und als eine spätere Dar-
stellung z. B. John W. Thibaut / Harold H. K e 1 1 e y : The Social Psychology
of Groups. New York 1959, insb. S. 274 ff.
M) Siehe dazu Ernst Cassirer: Die Philosophie der Aufklärung. Tübingen 1932,
S. 15 ff., und bes. Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno: Dialektik der
Aufklärung.PhilosophischeFragmente.Amsterdam 1*947,S. 14 ff.

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Aufklärung
Soziologische 115

ethiksowie der praktischallein bedeutsamen Rechtswissenschaft überlassen,die


sichauf die Auslegungdes positivenRechtskonzentriert hat. Diese Trennungist*
außerhalbder Soziologievollzogenworden.Sie scheintihre Gründezu haben,
aber die Selbstverständlichkeit der Scheidung - zusammenmitderTatsache,daß
sie zu einerVerteilungder Handlungswissenschaft auf verschiedene Disziplinen
geführt hat - verhindert, daß die FragenachihrenGründengestelltwird.
Die Trennungmag im Bereichder Entscheidungswissenschaften, auf den wir
gleichzu sprechen kommen,sinnvollsein36).Für die soziologische Systemtheorie
ist sie nichtvon vornherein verbindlich.Sie wirdversuchen müssen,eine Theorie
der Systemrationalität mit einersystemstrukturellen Rechtstheorie zu verbinden.
Hierzu fehlenin der Rechtswissenschaft selbstnahezualle Vorarbeiten87). Das
Rechtsdenken istaus Gründen,die wirhiernichtnäheruntersuchen können,unter
die Fachprämissen der Ethikgeratenund nichtetwa als Strukturtheorie der Ge-
sellschaft Bestandteil unsererTraditiongeworden.Es findetin der unzerlegbaren
Einheitdes Begriffs der Rechtsnorm, des an den Handelndenadressierten rechtli-
chenSollens,seineSchranken38). Eine Soziologiedes Rechtswird dieseSchranke
durchbrechen und nach der FunktiondieserSollsymbolik fragenmüssen.Damit
sprengtsie jede Art von strukturellen Prämissenund transzendiert zugleichdas
üblicheFragennachderBegründung des Rechts,das sichauf der Grundlageeines
einheitlichen Sollbegriffs um die Ableitungder bekanntenund gebräuchlichen
Rechtsnormen aus höherrangigem Recht,letztlichaus eineroder einigenwenigen
Grundnormen bemüht.
Währenddiesenaturrechtliche oder formal-hierarchische Rechtstheorie das Pro-
blemderKomplexität unterschätzt- sie könntesonstnichtversuchen, alles Recht
durcheinigeGrundnormen zu legitimieren,also auf den Sinnzu beschränken, der
von diesenGrundnormen aus konstruierbar ist- , führteinesoziologische system-
strukturelle Rechtstheorie geradeaufdiesesProblemhin.Die FragenachderFunk-
tion der Rechtsnorm - nichteinzelnerRechtsnormen, sondernder rechtlichen
Normierung schlechthin - läßt sich ausarbeitenim Rahmeneiner funktional-
strukturellen Theoriedes Sozialsystems. Sie mündetin der Fragenachder Funk-
tionvon Strukturen und stößtdamitauf das Problemder Reduktion(vonKom-
plexität.Die Funktiondes Rechtswäresomitzu begreifen als bindendeundsank-
tionierteReduktionsozialer Komplexitätim Bereichder zwischenmenschlichen
Verhaltenserwartungen.

) Manches spricht dafür, sie auf den Gegensatz von Zweckprogrammenund Kondi-
tionalprogrammendes Entscheidensund diesen auf das Input/Output-Modellzuriiek-
LU a n n : »Lob der R^ine«.
w n5S'
S e ZUi nà,,Cr ?ÌklaS h,mund Verwaltungsardiiv
(1*64), î>. Î--33; der s.: Recht Automation in der öffentlichenVerwal-
tung. Eine verwaltungswissenschaftliche Untersuchung.Berlin 1966 S *s ÇÇ
Santl Romano- L'ordinamento Pisa
giuridico.
191», ¥
f<£* ?*n xTUSnJ
2. Auf »h"JcJ>lldct
Neudruck Florenz 1962. Romano der gibt auch sonst vertretenen in-
stitutionellen Rechtstheorieeine Fassung, die das Recht mit der Struktureines
Sozialsystems identifiziert,die aber zu seiner Zeit noch keine Möglichkeithattejeden
sich
an eme soziologische Theorie des
Sozialsystems anzulehnen, und sich deshalb
sah, eine Charakterisierungals Soziologie ausdrücklichzurückzuweisen.Als genötigt
seltenen Ansatz zu einer systemstrukturellen weiteren
Normtheorie vgl. Jay M. Jackson •'
ofNorms«.
In: TheDynamics
of Instructional
ÍSy
So s i£iΣ°ïia
HTk
ín for
the
ociety ofEducation-
Study Groups.'
chi4o
M) WeIzel: An den Grertzendes Rechts.Die Frage der
A1"6/™ ne£eS,tenA
Rechtsgeltung. ?T
Koln-Opladen 1966. S. 26 ff. *

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116 Niklas Luhmann

Währenddie Vernunftaufklärung nocheinmalversucht hatte,das Rechtals Na-


turrecht - wennauchnur in der subjektiven FormeinesVernunftsrechts - zu
begründen, obliegt es der soziologischen Aufklärung, eine Theoriedes positiven
Rechtszu liefern.Das positiveRechtkannnichtlängerals einzigübriggebliebene
untersteStufeeinerHierarchievon Rechtsquellen und Rechtsmaterien begriffen
werden,nachdemder Überbaupraktisch weggefallen ist. Positivierungmachtdie
Geltungdes Rechtsprinzipiellvon Entscheidungen abhängig.Das bedeutetzweier-
lei: EinmalwirdRechtdamitals herstellbar und änderbarbegriffen. Die Rechts-
geltunghängtnichtmehrdavon ab, daß Normenals immerschongeltendund
ewig geltenddargestellt werdenkönnen.Eine neue Dimensionder Komplexität,
die zeitlicheVariierbarkeit, wird hinzugewonnen, und das erweitert den Bereich
möglicher Verhaltensnormierung insUnermeßliche. Zum anderenhängtdieRechts-
geltungnun von einemplanmäßigvollzogenen,sozial kontrollierbaren Entschei-
dungsvorgang ab. Die Reduktion der auf
Möglichkeiten geltenden Sinn wird nicht
mehrals Bestandteil derNaturvorausgesetzt, sie wirdorganisiert und dannexpli-
zit geleistet.
Die Positivierung des Rechtsist mithineine wesentliche Komponentedes uni-
versellenzivilisatorischenProzessesderAufklärung, nämlicheineprinzipielle Um-
stellungdes Rechtsauf gesteigerte Komplexität, auf weitreichendere Erfassung und
wirkungsvollere ReduktionsozialerKomplexität. Unterwelchengesellschaftlichen
Voraussetzungen eine solcheUmstellung möglichist und trotzihreroffensichtli-
chenGefahrenin einersehrkomplexen, starkdifferenzierten Sozialordnungsta-
bilisiertwerdenkann- das sindFragen,die letztlich nurvon einersoziologischen
Theoriebeantwortet werdenkönnen30).
5. Entscheidungswissenschaften
Parallelund komplementär zu den Bemühungen, Psychologie und Soziologiezu
TheorienkomplexerSystemeumzuformen, findetman seit dem 19. Jahrhundert
eine zweiteGedankenbewegung von säkularemRang,das weltweite, alle Hand-
lungswissenschaften übergreifende, ja selbstin Politikund Poetik,Religionund
Philosophie,Mathematikund Maschinentheorie hineinreichende Interessefürdas
Entscheiden. Die schillernde VielfaltdiesesInteresses, das vom ästhetischen Genuß
des Augenblicks und demekstatischen Tanz irrationaler Kräfteübereinenpolitisch
gepfefferten Dezisionismus bis zu den mathematisch-statistischen Theoriender In-
formationsverarbeitung reicht,brauchthiernurangedeutet zu werden.Gemeinsam
ist diesemInteresseeins: der erwachteSinn fürdie Überforderung des Menschen
durchdie Welt.Daraus ergibtsichein zunehmend bewußtesBedürfnis für- seien
es gewaltsame,seien es rationalausgeklügelte - Prozesseder Reduktionvon
Komplexität.
Wennman Aufklärung in dem hiervertretenen weitenSinneversteht, gehört
der bewußteEntscheidungsvorgang als eine wesentliche Komponente in all seinen
Ausformungen mit dazu. Gesteigerte Komplexitätder Weltvorstellung erfordert
wirkungsvollere, und das heißtzunächstproblembewußte, Mechanismen der Re-
duktion.Im engerenBereichder wissenschaftlichen Forschung stelltsich dann die
Frage nach dem Verhältnisvon Systemtheorien und Entscheidungstheorien, spe-
ziell nachdemVerhältnis der Soziologiezu den wirtschaftswissenschaftlichen und
den rechtswissenschaftlichen und
Entscheidungsmodellen -Strategien. An eine inte-

'•) Näher hierzu Niklas Luhmann: „Gesellschaftlicheund Politische Bedingungen


des Rechtsstaats". In: Studien über Redit und Verwaltung. Köln-Berlin-Bonn-Mün-
chen 1967, S. 81-102.

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Soziologische Aufklärung 117

grative Verschmelzungvon Systemtheorienund Entscheidungstheorien


ist zwar
nichtzu denken.Es giltvielmehrgeradeumgekehrt, die unterschiedlichen grund-
begrifflichenBezugsrahmen und die Stilverschiedenheit der Argumentation beider
Theoriearten und auszubauen40),
beizubehalten dochso, daß dieseDifferenzierung
eine gemeinsame Aufklärungsarbeitermöglicht und die gemeinsame Leistungstei-
gert.
Die Systemtheorien könntenihrenSchwerpunkt findenin der Analysekom-
plexerempirischer Systemebzw. Systemtypen im Hinblickauf ihreBestandspro-
bleme,auf funktionale und funktionaläquivalenteLeistungen, die zur Lösung
dieserProblemebeitragenkönnten,auf die dysfunktionalen FolgensolcherLei-
stungenim Hinblickauf andereSystembedürfnisse, die dann sekundäreSystem-
problemebilden,die ihrerseitsfunktionale Leistungen erfordern usw. - kurz:sie
hätteneinekomplexeStruktur von konditionalmiteinander verbundenen Proble-
menund Problemlösungsmöglichkeiten zu klären,die auf permanente Systempro-
blemeund letztlichauf die Komplexitätder Weltzurückgeht, also nie zum Ver-
schwinden gebracht werden kann - es sei denn durch Aufgabe des Systems.
Für die Entscheidungstheorienistein andererProblembegriff bezeichnend, näm-
lichder des Problemsals einerAufgabeder Informationsverarbeitung, fürdie es
richtige Lösungengibt,die, wenngefunden, das Problembeseitigen. Die Proble-
matikdes Problemsist hiereine schonreduzierte, sie liegtnurnochin der Un-
kenntnis derrichtigen
Lösung41).Um aus Systemtheorien in Entscheidungstheorien
zu gelangen,ist es also nötig,die Problemsprache zu wechseln, aus der einenin
die anderezu übersetzen. Wenndie Systemtheorie ein Einzelproblem genügend
vorgeklärthat, muß es durchein Entscheidungsprogramm in ein entscheidbares
Problemumformuliert werden,fürdas dann mitHilfe bereitzustellender Regeln
der Informationsverarbeitung die richtigeLösunggefunden werdenkann.Im Un-
terschied zu den Systemtheoriensetzendie Entscheidungstheorien Zwecke,Normen
odersonstwieschonreduzierte Komplexitätvoraus.
Es liegtauf der Hand, daß Systemtheorien und Entscheidungstheorien sichauf
dieseWeisewechselseitig entlasten könnten.Nochgibtes kaumAnzeichen füreine
sichanbahnendeKooperationdieserDisziplinen42). WennAufklärung zum Pro-

*°) Hierzu auch Niklas L u h m a n n : Grundrechteals Institution.Ein Beitrag zur poli-


tischenSoziologie. Berlin 1965, insb. S. 201 ff.
41) Streng genommen kennen die Entscheidungstheoriendeshalb überhaupt keinen eige-
nen Problembegriff.Sie würden nämlich in sirh selbst widerspruchsvoll werden,
wenn sie zugleich das ungelöste Problem und die Problemlösung formulierenwollten.
Vgl. dazu auch E. A. Singer: Experience and Reflection. Philadelphia 1959, und
Maynard W. Shelly / Glenn L. Bryan: „Judgments and the Language of
Decisions". In: Dies. (Hrsg.): Human Judgments and Optimality. New York-
London-Sydney 1964, S. 3- 36 (23 f.). Es ist aber nicht zu verkennen, daß neben
wirklich oder vermeintlichstreng logisch konstruiertenEntscheidungskalkülensich
mit zunehmendem Erfolg behavioristischeEntscheidungstheorienentfalten, die das
Entscheidenals konkretes,zeitbrauchendesmenschlichesVerhalten bei der Lösung von
Problemen untersuchen.Siehe etwa Herbert A. Simon: The New Science of
Management Decision. New York I960. Diese Theorien können, weil sie von Zeit-
unterschiedenausgehen, den Begriffeines lösbaren, aber noch nichtgelösten Problems
bilden.
**) Die an sich treffendeUnterscheidungvon Marktsoziologie und Entscheidungslogik,
mit der Hans Albert: yyMarktsoziologieund Entscheidungslogik,Objektbereich
und Problemstellung der theoretischenNationalökonomie". Zeitschriftfür die ge-
samte Staatswissenschaft 114 (1958), S. 269 - 296; vgl. auch ders.: „National-
ökonomie als Soziologie. Zur sozialwissenschaftlichen .
Integrationsproblematik"
Kyklos 13 (1960), S. 1-43, die Methoden-und Gegenstandsdiskussion
der Wirt-

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118 Niklas L uhmann

grammwerdensoll,wirdmanauchhierdemProblemderinterdisziplinären
Kon-
mehrAufmerksamkeit
taktfähigkeit schenken
müssen.
6. Geschichte
Währendwir mitden ProblemenderRationalität, des Rechtsund der richtigen
Entscheidung nochbei Gegenständen weilten,die der Vernunftaufklärung nahe-
standenund von ihr gepflegtwurden,kommenwir jetzt zu einemThema,das
sich in der abendländischen Denkgeschiehte gegenden Rationalismusder Ver-
nunftaufklärung durchsetzenmußte.In bezugauf das Problemder Geschichte ist
eineAbklärungderAufklärung vielleicht
am dringlichsten, und dazu isteineKlä-
rungdes Verhältnisses von RationalitätundGeschichte erforderlich.
JeneEpoche,der wir Begriff und Programm der Aufklärung verdanken, hatte
sichbewußtvon derGeschichte Sie wolltesie derVergangenheit
losgesagt43). über-
lassen,sie als erledigtbetrachten.Im ausdrücklichen Zurückweisen der Geschichte
und im Neubeginnenwollen, aber auchin den übrigenDenkvoraussetzungen auf-
klärerischen Strebensmeldetsichein geschichtsfreierRationalismus zu Wort:Frei-
heitheißtFreiheitvon den FesselnderVergangenheit, von zu engenRäumenund
Gassen und ihrenzahllosen,unvernünftig verwinkelten Besonderheiten. Gleich-
heitheißtEinebnender Unterschiede, die „nur" geschichtlichund nichtin Natur
und Vernunft begründetsind. In ihrerGeschichtsfeindlichkeit,
und nur so, kon-
vergieren Freiheitund Gleichheit. Dazu trägtweiterbei,daß man sichprimäran
Handlungenund nichtan Handlungssystemen orientiert.Der pragmatische Zug
einesDenkens,das seinenGegenstandim Vorstellenund Herstellenbegreift und
Systemenur als Regulative,nichtals Institutionen, anerkennt, weist in die Zu-
kunft,währendein Systemdenken nichtübersehen kann,daß derAufbauvon Sy-
stemenZeit kostet,und daß in Systemstrukturen Geschichte gegenwärtig ist und
immererneutals Handlungsgrundlage aktiviertwird.Nichtzuletzthängtdamit,
krafteinerallgemeinen Regelder Reduktionvon Komplexität, auchdie Prämisse
gleichverteilter menschlicherVernunftzusammen:Wer Traditionverwirft, muß
Konsensherstellen, wer seineVereinfachungen nichtin der Zeitdimension legiti-
miert,mußsie in derSozialdimension Um die Geschichte
legitimieren. abstoßenzu
können,mußtedie Aufklärungeine intersubjektiv gültigeVernunftmetaphysik
postulieren unddas ProblemderKomplexität dorthinverlagern.
Dort ließ es sichabernichthalten,geschweige dennbewältigen. In derDenkge-
schichte, die der Aufklärungszeit folgt,kannmanTendenzeneinesÜbergangsvon
bewußtseinsmetaphysischen zu geschichtsmetaphysischen Grundlagenkonzeptionen
feststellen.Sie erreicheneinenerstenGipfelin demVersuchHegels,Geschichte als
Geschichte des selbstbewußt werdendenGeistesdarzustellen.Die Absichteiner
Synthesevon Bewußtseinund Geschichte hat jedochden Angelpunkt jenerWen-
dung, das latenteProblemder sozialen Komplexität,im verborgenen gelassen.
Schaftswissenschaftenzu klären sucht,ist mehr auf Trennung als auf Verbindung hin
konzipiert. Immerhinmag sie, wenn man Soziologie nicht,wie Albert, rein empirisch-
kausal, sondern systemtheoretischversteht, dazu anregen, das unüberbrückbare
Schisma von empirisch-erklärenden und rational-normierendenHandlungswissenschaf-
ten zu ersetzen durch die stärker auf Kooperation
angelegte Trennung von System-
theorien und Entscheidunestheorien.
tt) Daß diese Geschichtsfeindlichkeit
mit ihrerFrontstellunggegen das überlieferteWissen
w^d von Gerhart Schmidt: Aufklärung und
S/7 à -f^k indlxi5hkLeit
Die wa[>
c ff Y/ i Ne^eZründung des Wissensdurch Descartes. Tübingen 1565,
r i j St Sicherist' daß der Bildungsgedanke
eraus?esten11î- deswegennach dem
Ende der Vernunftaufklärungneu formuliert
werdenmußte.

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Soziologische
Aufklärung 119

In den Wandlungen des Versuchs von EdmundHusserl,die Philosophieals trans-


zendentalePhänomenologie neu zu begründen, trittdieseQuelle der Problematik
bereitsdeutlicherhervor.Von den Grundlageneinertranszendentalen „Egologie"
aus war das Problemder Intersubjektivität der Konstitution von Weltund Sinn
nichtzu lösen- wenngleich Husserlselbstauf diesenGedankennie ausdrücklich
verzichtethat44).An dessenStelleschiebtsichim Alterswerk Husserlsals Gewiß-
heitssicherungzunehmenddie abendländische Geschichte: die Faktizitätdes ge-
meinsamenAufbruchs der Menschheit zu theoretischer Forschung45). Auch hier
bleibtjedochoffen,wie reinfaktische Geschichteals zielgebenderGrundrationalen
Philosophierens in Anspruchgenommen werdenkann,und vor allem,wie Ge-
schichtedie Intersubjektivität
des Welterlebens begründen kann.
In dembegrenzteren Fachhorizont derSoziologiezeichnensichdeutlichere Mög-
lichkeitenab, Geschichteals Theoriekomponente zu berücksichtigen,weil hierdas
allgemeine Problemder Intersubjektivität durchdie Theoriedes sozialenSystems
eine prägnantere Fassung erhält.Zwar hatte der moderneFunktionalismus zu-
nächstmiteinemdeutlichantihistorischen, antievolutionären Affekteingesetzt und
sichstrukturellorientiert.
Die gesellschaftskritischenebensowie die empiristischen
Tendenzenmanchersoziologischer Forschungsansätze haben das ungeschichtliche
Denkenverstärkt. So giltüberwiegend die Soziologieals eineungeschichtlichden-
kende,ja traditionsfeindlicheWissenschaft46).Es wäre jedochvoreilig,die Sozio-
logieim Hinblickauf dieseungeschichtliche Orientierung als Fortführung aufklä-
rerischerTendenzenzu begreifen, also im Negativendas Gemeinsame zu sehen.
Vielmehrgelangtdie soziologische Aufklärung über die Vernunftaufklärung ge-
radedurcheinenTheorieansatz hinaus,derin derLage ist,Geschichte einzubeziehen.
BereitsEmile Durkheimund die von ihm ausgehendefranzösische Ethnologie
hattenden Menschen und seinesoziale Welt aus den geschichtlichen und elemen-
tarenProzessenzu erkennen versucht,die aufgebauthaben,was gegenwärtig be-
steht47).Auchin der funktionalistischen Organisationssoziologie gibtes guteBei-
spielefürdie Berücksichtigung von Systemgeschichte in dem Sinne,daß Systeme
sichdurchKleinarbeitung der Folgeprobleme ihrerStrukturkonkretisieren und
dadurcheine Komplexitätund Lebensfähigkeit gewinnen,die sich nur schwer
wiederumauflösenund im ganzendurchandereLösungenersetzenläßt48).

44) Vgl. die Literaturhinweiseoben Anm. 16.


**) Vgl. hierzu auch Hermann L ü b b e : „Husserl und die europäische Krise". Kant-
Studien 49 (1957-58), S. 225-237; Hubert Hohl: Lebenswelt und Geschichte.
Grundzügeder SpätphilosophieE. Husserls.Freiburg-München 1962; Hans B 1u -
m e n b e r g : „Lebensweltund Technisierung unterAspektender Phänomenologie".
Sguardisu la FilosofiaContemporanea. Heft 21, Turin1963.
46) Diesen Sachverhalt schildertnichtohne einenbedauerndenSeitenblick auf das Ver-
sagengeradeder deutschen SoziologieEdward S h i 1s : „The Callingof Sociology".
In: Talcott P a r s o n s /Edward S h i 1s /Kaspar D. N a e g e 1e /JesseR. Pitts
(Hrsg.): Theoriesof Society.Foundationsof ModernSociologicalTheory.Glencoe,
111.,1%1, Bd. II, S. 1405-144« (1424 ff.). Ein neuererSammelband,WernerJ.
Cahnman / Alvin Boskoff (Hrsg.): Sociology and History. Theory and
Research.New York 1964,bestätigt nur,daß die vorherrschende
Orientierung an der
Geschichte vorbeigeht.
47) „C'est seulementpar l'analyse historiquequ'on peut se rendrecomptede quoi
Phommeest formé;car c'est seulementau coursde l'histoirequ'il s'est formé",be-
merkt Emile Durkheim : „Le dualisme de la nature humaine et ses conditions
sociales".Scientia15 (1914), S. 206-221 (206). Vgl. außerdemRobertN. B e 11a h :
„Durkheimand History".AmericanSociologicalReview24 (1959), S. 447-461.
**) Sehr typischfür diese BetrachtungsweisePhilip S e 1z n i c k : TVA and the Grass
Roots. Berkeley-Los Angeles 1949; ders.: Leadership in Administration. A Socio-

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120 Niklas Luhmann

auffälligsten läßt sichaberheuteauf der umfassenden EbenederTheoriederGe-


sellschaftdas Wiederaufleben einerEvolutionstheorie beobachten, die keineim hi-
storischen oder im kausalenSinnenotwendigen Entwicklungen annimmt, sondern
mitdemGedankenvorteilhafter Problemlösungen die,
arbeitet, wenn einmal sta-
menschliches
bilisiert, Dasein so sehrentlastenund erleichtern, daß sie kaumwie-
der rückgängig zu machensind49).Wennman die Theoriedes sozialenSystems
funktional auf das ihrvorausliegende Problemder sozialenKomplexitätbezieht,
läßt sichauchklären,weshalbund in welchemSinneSystemeihreGeschichte nicht
derVergangenheit überlassenkönnen.
Systemehaben,wie gesagt,die Funktion,Weltkomplexität zu erfassenund zu
reduzieren. Dazu müssensie selbstkomplexwerden.Der AufbaukomplexerSy-
stemekostetZeit und wirdso zur Geschichte, die in Systemstrukturen vorausge-
setztist,ohne jedesmalerneutgeleistetwerdenzu müssen.GelungeneStruktur-
bildungen- derAufbauvon Statushierarchien, die Ablösungdes politischen Ver-
trauensvon Verwandtschaftsbeziehungen, die funktionale der
Differenzierung So-
zialsysteme, die Stabilisierung des Geldwesensund des positivenRechts,die Frei-
gabe der Liebe als Ehegrundoder die Institutionalisierung des Machtwechsels -
das alles sind zivilisatorischeErrungenschaften, die sichvon den elementaren so-
zialen Prozessen,die zu ihrerEinführung nötigwaren,ablösenlassenund sich
durchihre Vorteilhaftigkeit selbststabilisieren50).Man kann diese Entwicklung
mit Begriffen wie zunehmendeDifferenzierung, Generalisierung,Spezifikation
und zunehmendes ReflexivwerdensozialerMechanismen nahercharakterisieren.
Die Folgeist,daß zahlreiche Sozialsysteme, vor allemdas Sozialsystem derGe-
sellschaft,eine hoheEigenkomplexität gewinnen, die nichtmehrvon einerStelle
aus verantwortet, geschweige denn durcheine Handlungoder einenHandlungs-
plan übernommen und sinnvollabgearbeitet werdenkann.AllesHandeln,das sich
zur Erfassung und ReduktionvonKomplexität an Systemen orientiert,wirddurch
die Systemgeschichte „programmiert". Programmierung durchdie Geschichte gibt
nichtnureinenBestanderinnerter Informationen undbewährter Verhaltensregeln,
also nichtnurWissen,sonderndarüberhinausdie sehrviel wichtigere Schließung
des Horizontesder Möglichkeiten, die Sicherheit,„daß nichtsweiterlos ist" und
daß man deshalbsein Handeln ohneBedenkenaus einembegrenzten Repertoire
von Möglichkeiten auswählenkann.
Die Funktionder Geschichte ergibtsichalso nichtaus einemWertvorzug der
Tradition,einerbesonderen Verbindlichkeit des Vergangenen, sonderneinfachdar-
aus, daß das Potentialdes einfachen Handelns fürKomplexitätviel zu gering
ist und das Handelndaherauf Sinnsedimente der Vergangenheit nichtverzichten

logical Interpretation.Evanston, 111.- White Plains, N. Y., 1957. Vgl. fernerMichel


Crozier : Le phénomène bureaucratique. Paris 1963, und Samuel P. Hunting-
ton: „Political Development and Political Decay". World Politics 17 (1965),
S. 386-430.
4f) Vgl. namentlichTalcott Parsons : „Evolutionary Universah in Society". Ameri-
can Sociological Review 29 (1964), S. 339-357, und ders.: Societies. Evalutionary
and Comparative Perspectives. Englewood Cliffs, N. J., 1966». Siehe ferner S. N.
Eisenstadt: The Political Systems of Empires. London 19*63,und zur Tendenz
allgemein Kenneth E. Bock: Evolution, Function, and Change". American So-
cioloeical Review 28 Ì1963Ì. S. 229-237.
••) Vgl. dazu Arnold Gehlen: Urmenschund Spätkultur. Philosophische Ergebnisse
und Aussagen.Bonn 1956,und speziellzu den hierals zivilisatorische
Errungenschaft
bezeichneten
TatbeständenParsons, a. a. O. (in Anm.49).

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SoziologischeAufklärung 121

kann51). Es handelt sich nichtum eine Bindung an Seiendes oder an Werte, son-
dern um immanenteLeistungsschranken, die solchenBindungen vorausgehen.Die
Weltmagabsolutkontingent entstanden sein.Allesließesichdannändern- aber
nicht alles auf einmal.
Diese Überlegungen ermöglichen es, dem GrundjenerWendungvon der Sub-
jektivitätder Vernunftzur Faktizitätder Geschichte näher zu kommen:Ge-
meinsameGeschichte, handelndeVerflechtung der Systembiographien, reduziert
mehrKomplexitätals gemeinsame Vernunft.Je komplexerdie Sozialsysteme
selbstwerden,destostärkerwächstder Strukturbedarf in ihnenund damitdie
von
Abhängigkeit vergangenen Vorleistungen; desto stärker wächstaber aus dem
gleichenGrundder BedarffürrationaleTechnikender Reduktionvon Komple-
xität.Übernahmeder Geschichte im SinneeinerAnknüpfung an das fertigVor-
handeneund rationalePlanungsind funktionaläquivalente,aufeinanderange-
wieseneFormenderReduktionvon Komplexität52).
Die geschichtsfeindlicheAttitüdederVernunftaufklärung, die auf den Ursprung
zurückgehen und dannalles aus derVernunft neu konstruieren wollte,kanndem-
nachnichtbeibehalten werden.Sie war Ausdruckeinesunbekümmerten Oberge-
hensder Weltkomplexität, jenesVerkennens der inhärenten Schranken aller Auf-
klärung,die Komplexität nichtnurerfassen, sondernauchreduzieren muß.Ande-
rerseitsist eineAufklärung nachrückwärts, eineReproblematisierung derVergan-
genheitund erst rechteine Wiederholung der ganzen,bereitsgeschehenen Ge-
schichte subjektiver LeistungendurchUrsprüngeaufdeckenden Nachvollzug,wie
sie Husserlvorschwebte53), nichtSache der Soziologie.Nichtdie Vergangenheit
als solche,sonderndas, was als Geschichte aktuelleGegenwartund Zukunftsvor-
aussetzung den Soziologen.Geschichte
ist,interessiert ist fürdie Soziologieweder
ein BereichobjektiverFaktenforschung nochOrientierungsfeld fürHermeneutik,
sondernProblem-und Strukturvorgabe, also Entlastung von Komplexität.
Dieses Entlastungsverhältnis muß allerdingsim Zuge fortschreitender Aufklä-
rungbewußtwerden.Die Geschichte wird dann funktional, und also widerruf-
lich,dargestellt. Evidenzen,Selbstverständlichkeiten mitlatentenFunktionen, ver-
wandelnsichdadurchin mitdem Systemübernommene Problemlösungen, deren
funktionale Interdependenzen sichprinzipielldurchschauen lassen.Eine funktio-
nale Durchsichtigkeit der Systemeauch in den Sinnablagerungen, die jeweilsals
Strukturund nichtals Problemverwendetwerden,ist wesentlicher Bestandteil
eines Programms soziologischerAufklärung. Nur auf diese Weise läßt sich ein
Fortschritt anstreben,der der vollenKomplexitäteinesSystemsgerecht wirdda-
durch, daß er gegebene Zuständein all ihrenFunktionen ersetzt.

S1) Vgl. dazu die Ausführungenüber die Notwendigkeit,neue Wahrheitenin alte Wahr-
heiten einzuarbeiten,bei William James: Pragmatism.Meridian Books, New York
1959, S. 50 ff.
M) Diese Einsidit könnte u. a. ein Anlaß sein, die sdiematisdie Entgegensetzungvon
traditionalen und modernen Gesellsdiaftenzu überprüfen,die in der Soziologie vor- •
herrsdn und namentlidi die Beurteilung der Situation von Entwiddungsländernbe-
stimmt.Siehe neuestensMarion J. Levy, Jr.: Modernization and the Structureof
Societies. A Setting for International Affairs. 2 Bde. Princiton, N. J., 1%5, und
die berechtigteKritik von Lucian W. P y e : Politics, Personality, and Nation-
Building. BurmaysSearch for Identity. New Haven-London 1962, S. 37 f., oder von
Reinhard B e n d i x : Nation-Building and Citizenship. Studies in our Changing
Social Order. New York-London-Svdnev 1964. S. 4 ff.
M) Vgl. Edmund Husserl : Erfahrung und Urteil. Hamburg 1948, S. 48, und aus-
führlicherin: „Krisis . . .", a. a. O.

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122 Niklas Luhmunn

Die Reverenz,die derSoziologederGeschichte, das heißtderschonreduzierten


Komplexität, zu erweisenhat, laßt sichmithinin einereinzigenFormelfürdie
Praxisausdrücken: Nichtszu ändern,es sei denn,daß demzu änderndenZustand
all seineFunktionen abgetauschtwerdenkönnen.Vorstellungen dieserArtbahnen
sichin der organisationssoziologischen
Änderungstheorie an54).Auchdie ethnolo-
gischeForschungkommtdiesemGedankennahe, wenn sie unerwartete Effekte
Neuerungen
technologischer in einfachenGesellschaftendamiterklärt,daß latente
Funktionen der gegebenenOrdnungübersehen wurdenund nachEinführung der
Neuerungdann unerfüllt bleiben55).Nur wennes gelingt,die manifeste und die
latenteFunktionalität gegebenerZuständein bestimmten Systemenvollständig
zu erfassen,kann man begreifen, welcheGeschichte - und damit auch welche
- ein Systemzur ReduktionseinereigenenKomplexitätbraucht;
Geschichtssicht
und erstsolchesBegreifen ermöglichtein Urteildarüber,ob und in welchenHin-
sichtentraditionaleOrientierungendurchrationaleEntscheidungstechnikenersetzt
werdenkönnen.
V. Soziologieder Soziologie
Als Spätankömmling unterden Wissenschaften hattedie Soziologieseiteh und
je Anlaß zur Selbstbesinnung - auchdarinder Aufklärung verwandt,die im re-
flektierendenSelbstbewußtsein ihrenMotorund ihreRichtungskontrolle zu haben
glaubte.Und dochist es nichtzu einerSoziologieder Soziologiegekommen. An-
sätze zur Selbstüberprüfung habenin methoden- und erkenntniskritischenUnter-
suchungen Ausdruckgefunden und scheinen demSelbstverständnis
neuerdings, der
Soziologieals einerempirischen Wissenschaft
folgend,mehrdie Formempirischer
Untersuchungen überdie Rolle des Soziologenund die gesellschaftlichenund or-
ganisatorischenBedingungen seinesForschens,Lehrensund Ratgebensanzuneh-
men. SolcheBemühungen haben ihr gutesRecht.Auf keinemdieserWege aber
wurdeder Anschlußan das Problemder sozialenKomplexitätgewonnen, dessen
LösungendenGegenstand dersoziologischenTheorieausmachen.
Eine Soziologie,die diesesProblemzu ihrerTheorieerklärte,fändein dieser
Theoriezugleichneue Ansatzpunkte und Grundlagen
ihresSelbstverständnisses
füreine Soziologieder Soziologie.Hier wie so oft ist ein Verzichtan richtiger
Stelle der Schlüsselfürden GewinnneuerEinsichten. Eine Soziologieder Sozio-
logiekannnichtdazu dienen,der soziologischen Forschung ableitbareWahrheiten
zu liefernund sie durchGarantievon Wahrheitsbedingungen zu begründen. Das
wäre nureineWiederholung des altenVersuchs,durchReduktionder Forschungs-
felderauf wenigeeinfacheGrundbegriffe und Axiomedas Problemder Kom-
plexität zu statt
verstellen, es zu Wenn
stellen. demgegenüber die Soziologiesich
als funktionalorientierteWissenschaft kanneineAnwendung
begreift, dieserWis-

M) Eine ausdrüddidie Formulierungfindet sich z. B. bei Crozier, a. a. O., S. 387.


Audi die in der Gruppentheorie verbreitete Forderung einer „ganzheitlidien" Be-
traditungsweisebei Änderungen läuft darauf hinaus, daß die volle Komplexität des
Systems bei jeder Änderung zu berücksichtigenist. Als Beispiel aus dem Bereich der
Entscheidungstheoriesiehe namentlidi Lindbloms Strateg-iedes „disjointed incremen-
talism" (besonders ausführlichdargestellt in David Braybrooke / Charles E.
L i n d b 1 o m : A Strategy of Decision. Policy Evaluation as a Social Precess. New
York-London 1963), die ebenfalls wegen der übermäßigen Komplexität der Sozial-
ordnung beim status quo ansetzt und es lediglich für möglich hält, ihn in einzelnen
Hinsichten zu verbessern.
u) Siehe als ein typisches Beispiel Lauriston Sharp : „Steel Axes for Stone Age
Australians". In: Edward H. Spicer (Hrsg.): Human Problems in Technological
Change. A Casebook. New York 1952, S. 69-90.

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Soziologisòe Aufklärung 123

sensdiaftauf sichselbstwiederumnur funktionale Analysebedeuten,das heißt


Analyseder Soziologieals einesbesonderen Systems,das Komplexitäterfaßtund
reduziert.
Soziale Komplexitätmitsamtden Bemühungen zu ihrerErfassung und Reduk-
tion ist ein Sachverhalt, den die Soziologiein der Welt vorfindet und erforscht.
Unterstellt sie sichselbstund ihreeigeneFunktiondiesemProblem,so ordnetsie
sich damitihremGegenstandsbereich ein und verstehtsichals ein Sozialsystem
unteranderen.Andererseits ist ihrenGegenständen wederdiesesProblembewußt-
sein eigen,nochgar eine aufklärerische Tendenzauf Steigerung ihresPotentials
zur Erfassung und Reduktionvon Komplexitätohne weiteresimmanent. Selbst-
aufklärung ist den Systemen der Weltwedervon der Natur mitgegeben, nochist
sie ein Gesetznotwendiger Entwicklung.
geschichtlicher Wenndie Soziologieso-
ziale Systeme,daruntersichselbst,mit diesenfunktionalen Begriffen erforscht,
stelltsie sichdamitunterdas Postulatder Aufklärung. Alle Evidenzenwerden
durchdiesenäußerstenProblembezug problematisiert,alle Problemlösungen tre-
tenin Konkurrenz zu anderen,funktional äquivalentenMöglichkeiten. Die Sozio-
Sgie erfaßtauf dieseWeisesozialeSystemeim Hinblickauf ihreMöglichkeit, ihr
Potentialfür Erfassungund Reduktionvon Komplexitätzu steigern.In dem
Maße, als sie sichauswirkt,verbreitet sie das Bewußtseinder Aufklärung. Und
geradedarinmagmanihrenspezifischen Beitragzur Erfassung und Reduktionso-
zialer Komplexitätsehen,daß sie diesenVorgangmitkritischer Reflexivitätaus-
stattet.
Letztlichläuftdie Abklärungder Aufklärung mithinauf ein Reflexivwerden
des Aufklärens hinaus.In der Soziologiekanndie Aufklärung sichselbstaufklä-
renund sichdann als Arbeitorganisieren. Der Fortschrittvon der Vernunftauf-
klärungüber die entlarvende Aufklärung zur soziologischenAufklärung ist ein
Fortschritt im Problembewußtsein und in der Distanz der Aufklärungzu sich
selbst.Aus dem,was einstihrePrämissen waren,aus den Annahmen übergemein-
samenVernunftbesitz und absehbareZweckeder Menschheit, holtdie Aufklärung
ihreimmanenten Schranken heraus.Sie findetauf diese Weisein der Spannung
zwischenWeltentwurf und aktuellemErlebenihr inneresGesetz: daß die Kom-
plexitätder Welt nur erfaßbarist,wenn sie auch reduziertwerdenkann. Erst
diesesGesetzgibtihrdie Möglichkeit, Bedingungen und Chanceneinerwirklichen »
Aufklärung zu erkennen.

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