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Ein letztes §0'ort. Die Tatsache, daß ich nicht den Versuch unternehmen
r. Die Beendigung der Analyse narzißtischer
konnte, meine Methoden, Funde und Formulierungen mit denen ande-
rer Forscher zu vergleichen, die das Selbst von verschiedenen Stand- Persönlichkeitsstörungen
punkten aus und mit Hilfe verschiedener Methodologien untersucht
ri
haben - und daher ihre Funde auch in Begriffen anderer theoretischer Die Frage, ob bei der Beendigung einer Analyse die analytische Aufgabe
Systeme forrriulien.haben -, bedeutet nicht, daß ich der Meinung bin, erfüllt worden oder die Beendigung verfrüht ist, tritt unter den verschie-
solche Vergleiche sollten nicht unternommen werden. Um solche ge- densten Umständen an den Analytiker heran. Außerdem gibt es noch
Iehrten Studien jedoch mit Erfolg durchzuführen, muß zuerst einige eine Reihe spezifischer Probleme in Verbindung mit der Beendigung der
Zeit vergangen sein. Eine gewisse Distanz, ein gewisses Maß an lJnvor- Analyse narzißtischer Persönlichkeitsstörungen. Die Komplexität des
eingenommenheit sind also nötig, ehe ein gut unterrichteter Kritiker der Themas der Beendigung wird noch vergrößen durch die Tatsache, daß
verschiedenen Betrachtungsweisen des Selbst in der Lage sein wird, ihre die Ansichten'eines Analytikers über viele Bereiche von Theorie und
relativen Verdienste einzuschätzen und sie miteinander in Beziehung zu Praxis sein Urteil hinsichtlich der Frage beeinflussen, wie er eine Ana-
setzen. lyse von idealer Vollständigkeit definieren und welchen Grad von Annä-
herung an dieses Ideal er in der Realität erwarten soll. Das Thema der
Beendigung ist daher ein vreites Feld. In der vorliegenden Studie werde
ich viele Aspekte des Problems außer acht lassen und mich auf den
Versuch beschränken, gewisse theoretische Fragen zu beleuchten. Ich
gehe diesen W'eg, weil ich glaube, daß eine Veränderung unserer tradi-
tionellen theoretischen Haltung uns in die Lage versetzen wird, die
Gültigkeit gewisser Beendigungen zu erkennen, uns die Erkenntnis ei-
möglichen wird, daß weitere Analyse nicht angezeigt war' daß der Pa-
tient keine Flucht in die Gesundheit angetreten hatte - wogegen eine auf
der Basis der traditionellen Theorien vorgenommene Einschätzung der
Persönlichkeit des Patienten uns vielleicht zur entgegengesetzten An-
sicht führen würde..
Das Schlüsselproblem betrifft den Bereich des Kerns der Psychopatho-
logie. Bezüglich der strukturellen Neurosen haben wir gelernt, unsere
Erwartungen in Begriffen der vollstdndigen Analyse des Ödipuskom-
plexes des Patienten zu formulieren, das heißt, wir erwarten,. daß der
Patient seine weiterbestehende hoffnungslose (und störende) sexuelle
Liebe und seinen weiterbestehenden hoffnungslosen (und störenden)
rivalisierenden Haß gegenüber den großen Imagines seiner Kindheit
erkannt hat und daß er durch die Kraft dieser Erkenntnis fähig gewor-
den ist, sich aus den emotionalen Verstrickungen seiner Kindheit zu
lösen und sich in Zuneigung oder Zorn den Objekten der gegenwdrti-
gen Realität zuzuwenden. rüir verstehen natürlich, um nun Freuds Me-'
tapher anzuwenden (r9r7b, S. +zl, 474), daß die entscheidenden
Schlachten der Analyse der ödipalen Psychopathologie nicht notwendi- I

gerweise direkt im Zentrum des Ödipuskomplexes selbst ausgefochten


werden; doch was immer Inhalt und psychischer Schauplatz der takti- rung des Selbst, indem sie die Schwäche an einem Pol des Selbst durch
schen Gefechte gewesen sein mögen, am Ende ist es die relative Freiheit die Stärkung des anderen Pols ausgleicht. Sehr haufig wird eine Schwä-
von den Objekrrieb-Verwicklungen der ödipalen Phase, die als Maß- che im Bereich von Exhibitionismus und Ehrgeiz kompensiert durch die
stab für den Erfolg oder Mißerfolg der Analyse dient. Selbstachtung, die das Verfolgen von Idealen verschafft; der umgekehrte
'§üenn
wir uns jedoch den narzißtischen Persönlichkeitsstörungen zu- Fall kann jedoch auch vorkommen.
wenden, haben wir es nicht länger mit den pathologischen Ergebnissen Die Begriffe defensive Struktur und kompensatorische Struktur bezie-
unbefriedigender Lösungen von Konflikten zwischen Strukturen, die im hen sich auf AnIang und Ende eines Spektrums mit breitem mittlerem
l' wesentlichen intakt sind, zu tun, sondern mit Formen psychologischer Bereich, der eine große Vielfalt von Zwischenformen umfaßt. Man trifft
Fehlfunktion, die davon herrühren, daß die zentralen Strukturen der jedoch auch mehr oder weniger reine Formen an, und die Übergangsfor-
Persönlichkeit - die Strukturen des Selbst - lückenhaft sind. Bei den men können gewöhnlich der einen oder der anderen dieser beiden
narzißtischen Persönlichkeitsstönrngen muß unsere Beschreibung des Strukturen zugeordnet werden.
Verlaufs und der Ziele der Psychoanalyse und der Bedingungen, die eine Aufgrund dieser Unterscheidung posmliere ich, daß die Endphase der
echte Beendigung charakterisieren (unter welchen Umständen wir also Analyse einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung erreicht ist, wenn
sagen können, daß die analytische Aufgabe erfüllt worden ist), begrün- wir eine von zwei spezifischen Aufgaben erfüllt haben: (r) §7enn nach
det sein au{ einer Definition der Natur und der Lokalisierung der we- der analytischen Durchdringung der defensiven Strukturen der primäre
sentlichen psychologischen Defekte und auf einer Definition ihrer Defekt im Selbst zutage gefördert und via Durcharbeitung und umwan-
Heilung. delnder Verinnerlichung genügend ausgefüllt woiden ist, so daß die
Die Kern-Psychopathologie der narzißtischen Persönlichkeitsstörungen früher unzureichenden Strukturen des Selbst nun funktionell verlißlich
(entsprechend den verdrängten ungelösten Konflikten des ödipuskom- geworden sind. (u) §7ir haben ebenfalls die Endphase in der Analyse
plexes der strukturellen Neurosen) besteht aus (t) in der Kindheit ent- einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung erreicht, wenn - nachdem
standenen Defekten in der psychologischen Struktur des Selbst und (z) der Patient kognitive und affektive Herrschaft hinsichtlich der Abwehr-
sekundären Strukturbildungen, ebenfalls in früher Kindheit entstanden, mechanismen, die den primären Defekt im Selbst umgeben, hinsichtlich
die mit dem primären Defekt auf eine von zwei ähirlichen, doch in der kompensatorischen Strukturen und hinsichtlich der Beziehungen
gewissen entscheidend wichtigen Hinsichten verschiedenen §ü'eisen ver- zwischen diesen erlangt hat - die kompensatorischen Struktaren htnktio-
bunden sind. Ich werde diese beiden Arten von sekundären Strukturen - nell verläßlich geworden sind, unabhängig von dem Bereich, in dem
indem ich sie auf der Basis ihrer Beziehung zu dem primären strukturel- dieser Erfolg errungen wurde. Diese funktionelle Rehabilitierung kann
len Defekt des Selbst unterscheide defensiae und kompensatoriscbe
- in erster Linie durch Verbesserungen im Bereich des primären Defekts
Süaktaren nennen. erreicht worden sein oder durch die Analyse der §fechselfälle der kom-
Obwohl eine De{inition der defensiven und kompensatorischen Struk- pensatorischen Strukturen (einschließlich der Heilung ihrer strukturel-
turen, die mehr als rein beschreibend und metaphorisch ist, nicht voll len Mängel durch umwandelnde Värinnerlichung) oder durch die grö-
verstanden werden kann,.ehe der Leser mit dem Konzept der bipolaren ßere Sicherheit des Patienten infolge seines Verstehens der Beziehungen
Natur des Selbst und mit der zweifachen Chance des Kindes, ein funk- zwischen primärem Defekt und kompensatorischen Strukturen oder
tionierendes Selbst aufzubauen -Themen, die später ausführlich disku- durch Erfolg in einigen dieser Bereiche oder in allen,
tiert werden -, vertraut ist, werde ich dennoch versuchen, hier eine Es ist kaum notwendig, eine Beschreibung des Begriffs defensive Struk-
Definition zu geben. Ich nenne eine Struktur defensiv, wenn ihre einzige mr zu geben, da er sich auf ein Konzept bezieht, dai jedem Analytiker
oder hauptsächliche Funktion darin besteht, den primären Defekt im nicht nur wohlbekannt ist, sondern geradezu unentbehrlich, wenn er
Selbst zu überdecken. Ich nenne eine Struktur kompensatorisch, wenn seine klinischen Eindrücke in Ubereinstimmung mit dem dynamischen
sie diesen Defekt kompensiert, statt ihn nur zu verdecken. Sie durchläuft Gesichtspunkt ordnet. Jeder Analytiker kennt die Patienten, die bei-
eine eigene Entwicklung und führt zu einer funktionellen Rehabilitie- spielsweise, o{t zum Befremden ihrer Umgebung, dazu neigen, übertrie-

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ben enthusiastisch, dramatisih und extrem intensiv auf alltägliche Ereig- Die Endpbase der Analyse des Hernt M.
nisse zu reagieren, und die analog dazu ihre Beziehung zum Analytiker
romantisieren und sexualisieren und gelegentlich den Eindruck einir Herr M., der als Autor in einer von ihm als auskömmlich, aber einen-
ganz often wieder eingesetzten Entfaltung ödipaler Leidenschaften er- gend bepchriebenen Stellung arbeitete, kam in die Analyse, als er Anfang
wecken (vgl. Kohut, r97z,S. 369-172; deutsch ry73,522-521). Bei F:il- dreißig war und ihn seine Frau nach sechs Jahren Ehe verlassen hatte'.
len von narzißtischer Persönlichkeitsstörung ist es nicht schwer, die Scheinbar wollte er sich in Analyse begeben, um herauszufinden, inwie-
defensive Natur - eine Pseudovitalität - der offenkundigen Erregung ru fern er wohl zum Scheitern seiner Ehe beigetragen hätte. Die Tatsache
erkennen. Dahinter liegen geringe Selbstachtung und Depression - ein war jedoch nicht zu bezweifeln, daß seine Motivation für die Therapie
tiefes Gefühl der Verlassenheit, Wenlosigkeit und Zurückweisung, ein nicht in erster Linie ein Vunsch nach intellektuellem Wissen war: Er
ständiger Hunger nach l(/'iderhall, ein Verlangen nach Bestätigung. Alles suchte Hilfe, weil er unter einer ernsten Störung seines Selbstwertge-
in allem muß die erregte Hypervitalität des Patienten als Versuch ver- fühls und einem tiefen Geiühl innerer Leere litt, einer Manifestation
standen werden, durch Selbststimulierung einem Gefühl von innerem seines primären strukrurellen Defekrs - chronische Schwäche seines
Abgestorbensein und Depression entgegenzuwirken. AIs Kinder hatten Selbst mit einer gewissen Neigung zu temporärer Fragmentierungdieser
diese Patienten einen Mangel an emotionalem §[iderhall empfunden und Struktur. Seine Apathie und sein Mangel an Initiarive gaben ihm das
versucht, ihre Einsamkeit und Depression durch erotische und Größen- Geftlhl, "nur halb lebendig" zu sein, und er versuchte, dieses Gefühl
Phantasien zu überwinden. Das erwachsene Verhalten und das erwach- innerer Leere mit Hilfe intensiv besetzter Phantasien, vor allem sexueller
sene Phantasieleben dieser Patienten ist gewöhnlich kein exaktes Abbild Phantasien mit stark sadistischem Einschlag, zu überwinden. Diese
der ursprünglichen Abwehr in der Kindheit, weil im Verlauf einer erreg- Phantasien sadistischer Kontrolle über Frauen (sie zu fesseln) hatte ir
ten, übertrieben enthusiastischen und hyperidealistischen. Adoleszenz auch gelegentlich ausagien. Er hatte dies mit seiner Frau geran, die sein
ohne bedeutungsvolle zwischenmenschliche Bindungen die Kindheits- Verhalten als "krankhaft" betrachtete. (Theoretisch formuliert, handelte
phantasien häufig durch eine intensive Hingabe an romantisiefte kultu- es sich bei diesen Phantasien und Handlungen um Versuche, mit Hilfe
relle - ästhetische, religiöse, politische etc. - Ziele verändert werden. Die defensiver Strukturen einen primären Defekt zu überdeclren.) Von
romantischen Ideale jedoch treten nicht in den Hintergrund, wenn das größter Vichtigkeit in der Organisation seiner Persönlichkeit und ent-
Individuum das Erwachsenenalter erreicht, was der normalerweise zu schdidender Bedeumng beim Verlau{ der Analyse waren vage ausge-
erwartende Verlauf wäre; es findet keine ausreichende Integration mit drückte Klagen über eine Blockierung beim Schreiben. Seine Arbeit als
den Zielen der erwachsenen Persönlichkeit statt: Die dramatischen, in- Autor, die einen wesentlichen Beirrag zur Verbesserung seines Selbst-
tensiven, exhibitionistischen Aspekte der Persönlichkeit werden nicht. wenge{ühls hätte leisten sollen, wurde von einem Knäuel miteinander
sicher mit reifer Produktivität legien; und die erorisierren, erregt ver- verbundener Störungen behindert. Ich werde mich hier auf zwei davon
folgten Aktivitäten des erwachsenen Lebens sind noch immer nur einen konzentrieren. Die erste war in der Tat eine Manifestation des primären
Schritt von der darunterliegenden Depression entiernt. strukrurellen Defekts von Flerrn M.; sie war generisch verbunden mit
Nachdem ich kurz den vertrauten und einfachen Bereich der Rolle illu- dem Mißlingen der Selbstob.jekt-Funktion seiner Mutter als Spiegel für
striert habe, die die defensioen Strakturenbei den narzißtischen Persön- den gesunden Exhibitionismus des Kindes. Die zweite war eine Mani-
lichkeitsstörungen spielen, werde ich jetzt klinisches Material vorlegen, festation eines Defekts in den kompensatorischen Strukturen des Patien-
um die weniger vertraute und auch komplexere Rolle zu erhellen, die die rcn; sie hing genetisch mit dem Versagen der Selbstobjekt-Funktion
hompensatorischez psychischen Strukturen bei diesen Störungen seines Vaters als idealisierte Imago zusammen.

spielen.
Die genetische Matrix des primären Defekts - verkümmerte Enrwick-
iung der grandios-exhibitionistischen Aspekte des Selbst - war ungenü-
r Her M. wu in Analyse bei einer in der Ausbildung befindlichen Analyrikerin unter der
Konrolle des Aütors (vgl. Kohut r97r, S. rz8-r:9, deutsch 1973, S. r 54-r I 5 ).

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gendes Spiegeln von seiten der Mutter. §(ienn die Mutter von Patienten Mutter vergewissert, verhindert es die traumatische 'Wirkung dessen,
mit einer derartigen Störung noch am Leben ist, ist es häufig möglich, passiv und unerwartet von ihrer Gleichgültigkeit überwältigt zu werden
sich während der Analyse ihres Mangels an Empathie oder ihrer mangel-
in einem Augenblick, in dem es aufs äußerste verwundbar ist, nämlich
haften empathischen Reaktionen aus erster Hand zu vergewissern, da
wenn es von ihr eine positive Spiegelung erwaftet). Der wichtigste
der Patient, der durch die Dynamik des Zusammenspiels von Reaktio-
Schluß, den man wohl aus diesem Verhalten ziehen sollte, ist, daß es
nen in einer Spiegelübertragung hellhörig geworden ist für die Tatsache,
darauf hinweist, daß der Knabe noch nicht alle Hoffnung auf eine ver-
daß sein Selbst durch mangelnde oder ungleichmäßige Empathie ver-
ständnisvolle Einstellung der Mutter ihm gegenüber aufgegeben hatte -
wundbar ist, und begonnen hat, die genetisch entscheidenden Umsrände
ein Schluß, der sich mit der diagnostischen Kategorie der Psychopatho-
seiner frühen Jahre zu rekonstruieren, siöh nicht nur an parhogene Mo-
logie des Patienten gut verträgt (nämlich einer narzißtischen Persön-
mente aus seiner Kindheit erinnern wird, sondern auch die mangelhafte
lichkeitsstörung, keiner Borderline-Organisation)' Die Empathie der
Empathie seiner Mutter ihm selbst oder anderen, vor allem Kindern -
Mutter, so könnte man verrnuten, fehlte nicht gdnzlich - sie war eher
beispielsweise ihren Enkeln - gegenüber, beobachtet. Im Falle des
mangelhaft als flach; als er sich verletzte, hatte sie doch zumindest rea-
Hertn M. war diese direkte Informationsquelle nicht verfügbar, da die
giert -, rnd gelegentlicb bestätigte sie das Gefühl des Kindes, einer
Mutter des Patienten gestorben war, als dieser zwölf war. Gewisse
Beachtung wert zu sein, und damit die Realität seines Selbst'
Übertragungsphänomene jedoch und auch Kindheitserinnerungen zeig-
Ein ErgeÜnis der Unfähigkeit seiner Mutter, sich au{ das Kind einzustel-
ten an, daß er die Reaktionen seiner Mutter ihm gegenüber als ungenü-
len und mit angemessener empathischer Resonanz zu reagieren, war eine
gend und mangelhaft erlebt hatte. Er erinnerte sich, wie er bei vielen
spezifische Fehlentwicklung im exhibitionistischen Sektor seiner Per-
Anlässen während seiner Kindheir versuchr hatte, sie unerwarret anzu-
sönlichkeit: Er entwickelte nicht genügend sublimatorische Strükuren
sehen, damit sie keine Zeithätte, die Tatsache, daß sie in Virklichkeit
im Sektor seines Exhibitionismus' weil aufgrund der Unzulänglichkeit
ihm gegenüber gleichgültig war, durch einen gespielt freundlichen und
der primären Spiegelungsreaktionen der Mutter kein angemessenes Fun:
interessierten Gesichtsausdruck zu überdecken. Er irinnerte sich auch
dament hatte errichtet werden können, von dem aus ihre strukturbilden-
an eine bestimmte Gelegenheit, bei der er sich verletzt hatte und etwas
den, zunehmend selektiven sekundären Reakdonen (die optimal zuneh-
Blut von seiner Verletzung auf die Kleidung seines Bruders gekommen
mende Frustration seiner Bedürfnisse durch die Mutter) fortschreiten
war. Daraufhin hatte seine Mutter, ohne zu bemerken, daß er es war und
konnten; daher blieb er auf archaische Forrhen des Exhibidonismus
nicht sein Bruder, der Angst und Schmerzen hatte, seinen pruder in aller
fixien; da archaischer Exhibitionismus im erwachsenen Leben keine
Eile ins Krankenhaus gefahren und ihn zurückgelassen.
angemessene Befriedigung finden kann, entwickelte der Patient brüchige
Hinsichtlich der ersten Erinnerung harrt eine allgemeine Frage von
defensive Strukturen vom Typ des "Alles oder Nichtso - enffireder un-
größter Komplexität der sicheren Beantwonung - nämlich die, warum
terdrückte er seinen Exhibitionismus zum Schaden gesunder Formen
das Kind wiederholt und aktiv versuchte, dieselbe Erkenntnis, die es
von Selbsrwertgefühl und Freude an sich und seiner Leistung, oder sein
fürchtete, selbst herbeizuführen (so wie wir immer wieder einen vrehen
Exhibitionismus brach durch in hektischer Aktivität und wilden sexuali-
Zahn berühren, um festzustellen, ob er noch schmerzt - nur um heraus-
sierten Phantasien (gelegentlich in tatsächliches Verhalten umgesetzt),
zufinden, daß er das natürlich üt). Das psychologische Aroma dieser
bei denen das spiegelnde Selbstobjekt (immer eine Frau) unter seiner
Erinnerungen (ein angswolles und doch hoffendes Verlangen im emo-
absoluten, sadistisch verstärkten Kontrolle war, eine Sklavin, die ihm in
tionalen Zustand des Kindes) scheint die Erklärung auszuschließen, daß
allem gefügig sein mußte.
es sich der Zurückweisung durch seine Mutrer ausserzen wollte, um
Im Bereic\ seiner schriftstellerischen Arbeit - und es muß noch einmal
einen nasochistischen Wunsch zu befriedigen. Ich glaube auch nicht,
betont werden, daß diese Tätigkeit eigentlich den größten Beitrag zur
daß es das Gesicht seiner Murter vor allem darum ansah - passiv in aktiv
Stärkung seines erwachsenen Selbsrwertgefühls hätte leisten und das
verwandelnd -, um einige Kontrolle über eine porenriell traumatische
wichtigste Ventil für umgewandelte grandios-exhibitionistische naruiß-
Situation zu behalten (indem es sich aktiv der Gleichgültigkeit seiner
tische Spannungen durch Kreativität hätte darstellen sollen - führte der

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.t"ii5§§q{.ff:f4

strukturelle Defekt, der durch das Mißlingen der mütterlichen Spiege_ dann zu erwerben (d. h. in sein eigenes Selbst zu integrieren) - Fähigkei-
lungsfunktionen verursacht.worden war, zu Erfahrunger, ..r"hr."kJrr- ten, die anscheinend in der Persönlichkeit seines Vaters eine wichtige
der und lähmender überstimulierung. Er besaß keine ausreichenden Rolle gespielt haben und die der Vater hoch einzuschätzen schien - vor
Strukturen, um die Grandiosität .roJ d.r, Exhibitionismu, ,; il;;; allem die Geq/andtheit seines Vaters im Gebrauch von Sprache, von
'Wonen.
und zu neutralisieren, die aktiviert wurden, wenn seine phantasie mobi_ Jedenfalls war es das Mittel.des §?ortes, mit dem der Patient
Iisiert.wurde. Daher empfand er oft Spannung und Erregung, wenn er während seiner Adoleszenz und als Erwachsener auf eine zielgehemmte
schrieb, und mußte dann enrweder seine phaniasie unterdrücken _ und sozial akzeptable §7eise die Befriedigung der Abkömmlinge seiner
zum
schaden von originalität und vitalität seines produkts oder überhaupt grandiosen und exhibitionistischen Strebungen zu finden suchte. Die
- Sektoren seines Selbst jedoch, aus denen diise Strebungen hervorgingen,
zu arbeiten aufhören.
Die Hindernisse, die seiner kreativen Arbeit im riü.eg standen, waren unmodifiziert (archaisch) geblieben, weil ihre weitere Entwick-
können
jedoch nicht in erster Linie durch eine
Uberprüfung seiner Beziehung zu lung - genauer: die Entwicklung sie umgebender, modulierender, sub-
dem spiegelnden mütterlichen selbstobjekrund des daraus resultieien- stitutionsbietender Strukturen - nicht durch den Druck verläßlicher Re-
den primären strukturellen Defekts in seiner psychischen Ausrüstung aktionen - zuerst freudig akzeptierender, später zunehmend selektiver
erklärt werden, da die Fähigkeiten, die er in seiner beruflichen Aktivitäi Reaktionen - von seiten seiner Mutter aufrechterhalten worden war.
benutzte, in der Hauptsache nicht auf primären Strukturen beruhten, Es war sehr aufschlußreich für den Analytiker, Zeuge nt werden, wie
d. h. auf angeborenen, in der Matrix seiner Beziehung zu dem der Patient versuchte, einen Weg aus der emodonalen Sackgasse zu
spiegeln_
den Selbstobjekt genährten. Fdhigkeiten, sondern finden, in der die Entwicklung des narzißtischen Sektors seiner Persön-
"rrf
ko-p*rio.i-
schen Strukturen, d. h. aul Talenten, die er später.in lichkeit blockien worden war. Die berufliche Tätigkeit, die er gewfült
seiner Kindheit
erworben oder zumindest entscheidend verstärkt hatte, und zwar in hatte (sie hätte mit Kunstkritik zu tun), lieferte ihm einige ganz spezifi-
der
Matrix der Beziehung zu dem idealisierten Selbstobjekt, dem Vater. sche Mittel, die es ihm ermöglichten, seine besonderen narzißtischen
Bevor wir uns mit diesen kompensatorischen Strukturen und ihren spe_ Bedürfnisse auszudrücken. In seinen Aufsätzen, in denen er verschie-
zifischen Defekten beschäftigen, wird es hilfreich sein, eine Rekonstruk- dene künstlerische Produktionen beschrieb und kritisierte, konnte er
tion der Abfolge gewisser genetisch wichriger psychologischer Ereig_ jetzt, indem er die idealisierte Stärke seines Vaters verwendete, sein
nisse in der Kindheit des Herrn M. ,orzust"ller,. ifi. i"t U.r.its Verlangen nach einer empathischen mütterlichen Reakdon in angemes-
sagt"e,
waren die zenralen Selbst-strukturen des Herrn M. zweifellos sene §0'orte und Sätze übersetzen; selbst seine ungelösten primären
duich '§üünsche bezüglich der Textur des respönsiven Körpers seiner Mutter
den Mangel an mütterlichem sfliderhall entscheidend beeinträchtig
worden. Es ist ebenfalls sicher, daß er sich dann dem idealisiene'vate. konnte symbolischen Ausdruck finden in gewissen verbalen Beschrei-
zuwandte - dies ist eine sehr rypische psychologische Bewegung _, um bungen, die er bei der Ausübung seiner beruflichen Tätigkeit zu verfas-
sich in der Beziehung zu dem idearisierten selbstobjekt ftir d.n sen hatte.
s""hid.n
zu entschädigen, den er in der Beziehung zu dem spiegelnden Selbstob_ Seine Tragödie war - und hier lag eine der stärksten Motivationen dafür,
jekt erlitten hatte'. Herr M. muß während s.in", Kirrdh"it
versucht
daß er Behandlung suchte -, daß es ihm nicht gelang, angemessen funk-
haben, gewisse Fähigkeiten seines vaters zunächst zu idealisieren und tionierende kompensatorische Strukturen aufzubauen, abgeleitet von
seinem belesenen, wortliebenden, sprachmächtigen Vater, weil der Va-
z Hier soll eryähnr werden, daß die Erklärung, die hinsichtlich der Hinwendung des patien-
ten A. zu seinem Vater (siehe Kohut, r97r,5,67, deutsch 1973, ter, wie zuvor die Mutter, ihn enttäuscht hatte. (Vir können jedoch aus
S.79; gegJben wurde,
unrichdg war. Auf der Grundlage meiner Edahrung mit
ihn-tichen Fillen,
der Tatsache, daß er bereits seinen Autorenberuf ausübte, als er in die
die
ich-nrch Beendigung der Analyse dcs Herrn A. zu sehen "".r"hi"i.r"n
bekm, würde ich heute annehmen, Analyse kam, schließen, daß das Versagen seines Vaters als Selbstobjekt
daß die lntensitär von Herrn A.s Idealisierung seines vaters (und
dmir die uamarische weniger schwerwiegend wa( als das Versagen seiner Mutter') Der Vater
Intensität seiner Enttäuschung durch ihn) auf seine frühere Enttäwchung
durch du spie_ konnte es sich, mit anderen \(orten, nicht gestatten, sich an der ldeali-
gelnde selb*objekt zurückzu{ühren war und nicht au{
seine Enttäuschung durch ein a.Äai-
*heres idealisienes Selbstobjekr. sierung durch seinen Sohn zu freuen, und ei begünstigte nicht durch

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empathische, teilnehmende Reaktionen;'ene optimale En§/icklung einer Besserungen im Verlauf der Psychoanalyse auf zwei §0'egen erfolgten:
idealisierenden Beziehung zu ihm, nach der sein Sohn sich sehnte und Der erste führte über Durcharbeitungsvorgänge auf dem Gebiet, das mit
die er brauchte. So wurde der Junge also wieder frustriert bei dem den ungenügenden Spiegelungsreaktionen des mütterlichen Selbstob-
Versuch, die Struktur seines Selbst zu stärken, frustriert bei dem Ver- jekts zu tun haate, d. h. durch allmähliche Integration seiner grandios-
such, einen Funktionsapparat zu errichten, der die sozial akzeptable exhibitionistischen Strebungen in seine Persönlichkeit. Violinspielen
Entfaltung und den Ausdruck des Selbst durch verläßlich verfügbare stellte ein wichtiges zeitweiliges Sicherheitsventil für die Spannungen
kreative Tätigkeiten ermöglichte. dar, die auftauchten, als dieser Sektor durchgearbeitet wurde (vgl. Ko-
Eine erfolgreiche, phasengerechte, vom väterlichen Stolz auf den Sohn hut, r97r, S. 287,'deutsch ry7r, S. J2t, über die finliche Funktion, die
ii,
genährte Verschmelzung mit (oder Zwillingsbeziehung zu) dem ideali- das Tanzen während der Analyse von Fräulein F. hatte). Der zweite
sierten Vater und die darauffolgende allmahliche oder phasengerechte \üeg führte über Durcharbeiturgsprozesse in dem Bereich, der mit der
Enttäuschung an ihm hätten vielleicht doch das Selbsrwertgefühl des emotionalen Distanz sei[es Vaters zu tun hatte, als der Patient sich
Herrn M. mittels temporärer Teilnahme an der Allmacht des idealisier_ diesem zuwenden wollte (vor allem, um an der Stärke des Vaters im
ten Selbstobjekts gesrärkt und ihm angemessene puffer-Strukrrlren und Bereich der Sprache teilzuhaben), nachdem er zu dem Schluß gekom-
Entladungsmuster auf dem Sektor seiner Größenphantasien und seines men war, daß es hoffnungslos war, von der Mutter Spiegelungsreaktio-
Exhibitionismus verschafft und den Schaden wieder gutgemacht, der aus nen zu erwarten. Es ist ein Beispiel für das "Ineinanderschieben" (tele-
dem früheren psychologischen Zusammenspiel mit der unzureichend scoping) genetisch analoger Erfahrungen (siehe Kohut, t97r, S. 53-54,
spiegelnden Mutter entstanden war. Gewiß, seine kompensatorischen deutsch ry73, S. 7$, daß ein Teil der entscheidend wichtigen analyti-
Aktivitäten im Bereich der Sprache und des kreativen Schreibens waren schen Arbeit in diesem Sektor der Persönlichkeit des Patienten sich
nicht insgesamt erfolglos; und er bezog aus ihnen eine bescheidene Be- nicht auf das genetische Muster der frühen Kindheit konzentrierte, wie
friedigung. Zweifellos waren jedoch weder seine Identifikation mit den es zum ersten Mal als Resultat der frühesten Zurückweisung durch den
quasi künstlerischen Arbeiten, die er hervorbrachte, noch die Befriedi- Vater gezeichnet worden sein muß, sondern auf das analoge dynamische
gung, die er daraus bezog - direkt durch die Freude an seiner Arbeit, Muster seiner späten Präadoleszenz, das aus psychoökonomischer Sicht
indirekt durch die öffentliche Reaktion darauf -, ausreichend, um sein für die Bestimmung der charakteristischeraZige der Störung von Flerrn
narzißtisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Der Fonschritt in sei- M.s erwachsener Persönlichkeit entscheidend gewesen sein muß. Er
ner Analyse konnte tatsächlich in gewissem Maße daran gemessen wer- erinnerte sich besonders daran, daß er nach dem Tod seiner Mutter
den, wie groß die Besserungen waren, die sich nach und nach in diesem versucht hatte, die Aufmerksamkeit seines idealisierten Vaters in An-
Bereich einstellten. spruch zu nehmen, jedoch durch das mangelnde Interesse seines Vaters
'Welcher
Natur war die Krankheit der kompensatorischen Strukturen, an ihm enttäuscht worden war, vor allem durch die §Tiederheirat des
die Herr M. im Bereich der Sprache und des kreativen Schreibens aufge- Vaters, die der Patient als narzißtische Kränkung und persönliche Zu-
baut hatte? Und wie war sie zu heilen? Lassen Sie-mich die Anrworten rückweisung erlebt hatte.
au{ diese beiden miteinander verbundenen Fragen in eine gedrängte
Form bringen. Q) Zv Störung der Funktionen der kompensatorischen
Strukturen kann gesagt werden, daß Herr M. von Anfang an an einer Enoägen der Beendig*ng
Störung seiner Fähigkeit gelitten hatte, die phantasien, die in Form von Die oerbleibenden Aufgaben des Analysanden
visuellen Vorstellungen in ihm aufstiegen, in angemessene Sprache zu
übersetzen (ein College-Professor hatte etwas dunkel gesagt, er leide an Bei der Analyse der Übertragungsneurosen ist die Endphase häufig
einem Defekt der
"Logik" - vermurlich die Diagnose eines Laien für durch eine Rückkehr von strukturellen Konflikten gekennzeichnet, die
eine leichte und begrenzte,Denkstörung). (z) Zur Natur der Heilung der den Hauptinhalt der Durcharbeimng während des Hauptteils der Ana-
gestörien kompensatorischen Strukturen kann gesagt werden, daß lyse (der
"mittleren Phase") gebildet hatten. Noch einmal, so scheint es,

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