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78 Der Vokalisnms

Daß die russ. Lautfolge mit reduziertem Vokal v o r r, l


älter ist als die umgekehrte Lautfolge im Altkirchenslavi-
schen, ergibt sich nicht nur aus der halt. Vertretung mit
ir, il, sondern ist auch aus dem Slavischen zu erkennen, und
zwar an der Palatalisierung der Gutturale: aksl. erbm
'schwarz’ mit c < / c ist nur möglich, wenn lc unmittelbar
vor dem Vokal (b) stand wie in ar. cbrnb < ursl. *ehrchm
(vgl. ai. krsnäh 'schwarz’, apr. kirsnan dass.)
Einige Male hat im Baltisch-Slavisclien der Sekundärvokal
vor r, l eine «-Färbung erhalten, die in beiden Sprachzweigen
vorwiegend beim gleichen Wort auftritt neben Schwankungen in
anderen Wörtern und namentlich auch innerhalb des Baltischen
selbst, so daß man für vr, ul im Urslavischen sr, bl anzusetzen
hat: ar. rjbrlo ‘Kehle’ < ursl. *ijbrdlo, lit. gurklys ‘Kropf’, apr.
(jvrclc ‘Gurgel’, gr. ßapaöpov ‘Schlund’ (mit ß für idg. ;/y). Da
diese «-Färbung meist nach Guttural anzutreffen ist, kann für sie
wohl ein ursprünglich labiales Element des Gutturals verant­
wortlich gemacht werden, so daß der Anstoß zu der Entwicklung
in die eine oder andere Eichtling schon vom Idg. ausgegangen sein
kann.
Idg. n = ursl. bn, das dann in interkonsonantischer
Stellung zum Nasalvokal ß wurde. Idg. *mntis 'das Denken’
(ai. matih 'Gedanke, Absicht’, lat. mens, mentis, got. ga-
munds ‘Andenken’, lit. at-mintts ‘Gedächtnis’, alit. minlis
‘Gedanke’) — ursl. *mbntt> > *m$tb in aksl. patnqlb ‘Ge­
dächtnis, Erinnerung’, p. pamU'C. Dagegen in hetcrosyl-
labischcr Stellung noch als bn zu erkennen: aksl. ar. vibneti
‘meinen’.
Idg. m = ursl. bin bzw. q (wie oben). Idg. *dekmlos
‘zehnter’ (gr. Sekcvtos, got. taihunda, lit. desimtas) — ursl.
*desbtntö > *des$tö in aksl. desqtb, p. dziesiqhj.

tj) Die mit Liquiden und Nasalen gebildeten Diphthonge


§ 3<>. Außer den in §32 genannten i- und «-Diphthongen
können auch die Verbindungen mit den übrigen Sonanten
(r, l, n, in) in tautosyllabischer Stellung diphthongischen
Charakter haben, d. h. die Verbindungen er, el, cn, em und
dazu die Ablautsformen or, ol, on, om.
Die Vertretung der idg. Vokale im Urslavischen 79
Die Liquidaverbinduiigen er, el, or, ol in tautosyllabischer
Stellung können in dieser Gestalt durch Vergleichung mit
nichtslav. Sprachen nur für das Urslavische angesetzt
werden, da sie im Slavischen in der einzelsprachlichen E nt­
wicklung verändert worden sind. Um die interkonsonanti­
sche Stellung anzudeuten, hat man sich angewöhnt, für das
Slavische von den tert-, tort-, teil- und tolt-Fällen zu sprechen,
wobei t in diesen Formeln einen beliebigen Konsonanten
darstellen soll. Gelegentlich kann durch flexivische Ver­
änderungen beim gleichen Wort auch im Slavischen die
ursprüngliche Lautfolge sichtbar werden, nämlich dann,
wenn durch Wortabwandlungen die Liquidaverbindung
außerdem in heterosyllabischer Stellung erscheint.
Die Abneigung des Urslavischen gegen geschlossene
Silben (siehe hierzu §114) wird im allgemeinen als die
Ursache dafür angesehen, daß die Liquidaverbindungen
ihre ursprüngliche Gestalt nicht bewahrt haben. Diese
Tendenz wirkte ja aus der urslav. Zeit in die gemcinslav.
Zeit hinein, und das Ende ihrer Wirksamkeit ist erst zu
erkennen, als in einzelsprachlicher Zeit der Schwund der
reduzierten Vokale in schwacher Stellung eintritt (siehe § 55),
so daß aufs neue geschlossene Silben möglich werden, wo­
durch die Silbenstruktur einer grundlegenden Änderung unter­
worfen wird. Sollte die Tendenz nach Öffnung ursprünglich
geschlossener Silben auch bei den Liquidaverbindungen
gewirkt haben, so müßte diese Wirkung allenfalls als Aus­
läufer jener Tendenz angesehen werden, da die Liquida­
verbindungen nach Ausweis slav. Lehnwörter in anderen
Sprachen noch im G.—8. Jahrhundert n. Uhr. unverändert
erhalten sind. Die Umgestaltung der alten Liquidaverbin­
dungen gehört wegen der unterschiedlichen Behandlung und
ihrer Ergebnisse in die Übergangszeit vom Gemeinslavischcn
in die einzelsprachliche Periode.
Mit Ausnahme dos Ostslavisehen haben die meisten slav.
Sprachen die ursprüngliche Lautfolge Vokal + Liquida
umgestellt ( = L iq u id g m e ta th e se ), im Siidslavischen mit
zusätzlicher Dehnung des Vokals. Diese Dehnung findet
man auch im Cechischen und Slovakischen, während sie
80 Der Vokalismus

die übrigen westslavischen Sprachen nicht kennen. Die


einfache Umstellung liegt — wie im Polnischen — auch im
Kaschubisclien vor, nur findet sich liier neben trot auch
noch die ursprüngliche unveränderte LautfoIge_ als tort und
tart, meist beim gleichen Wort als Nebenform. Ähnlich ist es
im Polabischen. Hier wurde tert zu tret (woraus auch trit) ;
telt fiel mit tolt zusammen und wurde zu tlät (geschrieben als
Hat und tlot). Für tort dagegen erscheint teilweise tart und
tort neben einmaligem tritt.
Das Ostslavisehe nimmt eine Sonderstellung ein, insofern
als es die ursprüngliche Liquidaverbindung durch E nt­
wicklung eines 2. Vokals zum sog. V o lla u t (r. p o ln o -
glasie) geführt hat, wobei außerdem — wie im Polabischen
— trtt mit tolt zusammenfiel. Es entstanden so die Laut­
gruppen: teret, torot, tolot.
Tabellarische Übersicht:
siidsl., c.,
ursl. slvk. p., sorb. kas. polab. ostsl.

tert tret tret tret tret teret


telt tlet tlet tlet tlät tolot
tort trat trot trot tart torot
tort tort
tart (tritt)
tolt tlat tlot tlot tlät tolot
Beispiele: ursl. *berza ‘Birke’ = aksl. breza, skr. breza,
p. brzoza (mit Palatalisierung des r vor e und Umwandlung
des e in o vor hartem Dental), kas. bfoza, polaln breza, osorb.
breza, c. bHza (mit sekundärer Dehnung e >• i), r. ukr.
bereza (vgl. lit. berzas, ahd. biriliha). — Ursl. *clervo ‘Baum’
— aksl. drevo, skr. drevo, dnjevo ‘Baumstamm, Schiff’, p.
drzeivo, osorb. drjewo, c. drevo, slvk. drevo, r. ukr. de'revo
(vgl. lit. dervä ‘Kienholz’).
Ursl. *melti, mcljg ‘mahlen’ = aksl. mleti, meljg, skr.
mleti, meljem, p. mied, mielq, osorb. mleti, meljem, c. mlüi,
mein, r. molöt’, meljü (vgl. lat. molö, -cre, air. melim, got. ahd.
Die Vertretung der idg. Vokale im Urslavischen 81
m ahn, lit. malü, Inf. mälti 'mahlen’). — Ursl. *melko
'Milch’ = aksl. mleko, skr. mlelco bzw. mlijeko, p. mleko,
kas. mlöuko, polab. midies, sorb. mlolco, c. mleko, r. ukr.
molokö (wohl verwandt mit lit. mal kas ‘Schluck’).
Ursl. *gordb 'S tadt’ = aksl. gradb, skr. slov. gräd, c.
hrad, p. grod, osorb. hröd, nsorb. grod, kas. gard, grod,
slovinz. gard (ON Slargard), polab. gord, r. gorod, ukr.
hörod (vgl. lit. gardas 'Hürde, Umzäunung’, ai. grhdh
‘Haus’, alb. gar§ 'Zaun’, got. garps ‘Haus’). — Ursl.
*korva ‘Kuh’ = bulg. krdva, skr. kräva, c. krdva, p. kroica,
osorb. kruwa, kroica, polab. korvö, r. ukr. korova (vgl. lit.
käme, kymr. carw ‘Hirsch’, mit Ablaut gr. Kepaös ‘gehörnt’,
lat. cervas ‘Hirsch’, ahd. hiru^ dass.). — Ursl. *morzd
‘Frost’ = aksl. mrazd, skr. mraz, c. slvk. mrdz, p. osorb.
mröz, kas. marz, polab. morz, r. moröz (vgl. alb. marü
‘Frost’).
Ursl. *soldö 'Malz’ — bulg. slad, skr. släd, c. slvk. slad,
р. osorb. slöd, polab. släd, r. ukr. sölod (vgl. lit. saldüs
‘süß’). — Ursl. *golva ‘Kopf’ = aksl. glava, skr. gldva,
с. slvk. hldva, p. glowa, osorb. hlowa, nsorb. glowa, r. golovd,
ukr. holovd (vgl. lit. galvä). — Ursl. *solma ‘Stroh’ = bulg.
sldma, skr. sldma, c. släma, p. sorb. sloma, r. ukr. solöma
(vgl. lett. sahns ‘Strohhalm’, apr. salme ‘Stroh’, ahd.
hal(a)m ‘Halm’, gr. mAapos ‘Rohr’, lat. cuhnus ‘Halm’).
Steht vor -el- ein Zischlaut c, z, s, so tritt im Ostslavischen
die Erhärtung des l nur dann ein, wenn ein harter Konsonant
folgt ( = -elo-), während vor weichem Konsonanten -el-
zu -eie- führt: ursl. *celnö ‘Glied’ > ar. Mono; ursl. *zelbö
‘Rinne’ > ar. M old > nr. zölol ( — Mol); ursl. *selmh
‘Helm’ (entlehnt aus dem Germanischen) > r. selöm.
Dagegen ursl. *Md- ‘Glatteis’ > r. dial. oMedica, ukr.
öMedb. Doch zeigt das Ostslavische auch Abweichungen,
wenn die Erhärtung nur teilweise wirksam geworden ist
oder ganz unterblieben ist. So hat das Ukrainische neben ar.
Mond die Form Men, und für ursl. *Mza ‘Drüse’ erscheint
im Russischen Mezd neben richtigerem ar. Moza und gegen­
über wr. und ukr. zaloza. In diesen Fällen kann man auch in
einigen anderen slav. Sprachen eine Erhärtung sehen, wenn
0 B r ä u e r , Einführung!
82 Der Vokalismus

etwa im Kirchenslavischen neben Ölend ‘Glied’ und -zledy


‘zahle, büße‘ auch ölanb und -zladQ Vorkommen und im
Cechischcn neben ölen und zieh auch (dial.) Ölan und zlab.
Auch im Polnischen (wie auch im Kasubischen und lSoi--
bischen) erscheinen hier czlon, zlob, zlodz und (dial.) zloze.
Die ursl. Lautfolge tort usw. wird noch in den urruss.
Lehnwörtern des Finnischen und vereinzelt auch im Balti­
schen bezeugt: vgl. fi. palttinn ‘Leinwand’ < *poltbno
(russ. später polotnö); fi. talklcuna ‘Brei von Gerste und
Hafer’ < Holköno (russ. später tolohio ‘Hafermehl’); fi.
kanla Mucken, Krätze’ < *korsta (russ. später lorosta);
fi. väräänä, vürttinä ‘Spindel < *verlern, *vertbno (russ.
später rerdenö); lett. kalps 'Knecht, Arbeiter ’ < *eholp-
(russ. später eholrjp ‘unfreier Bauer’). Auch als die Slaven
in Griechenland einwanderten (in den peloponnesischen
Ländern frühestens im 0. Jahrhundert n. d ir. bezeugt),
hatten sie noch keine Liquidametathese, wie an zahlreichen
Ortsnamen slav. Herkunft in Griechenland zu erkennen ist:
TapSaiÜKia -< *Gordbnilö, Bsp^opa < *BerZ0V0, BctATETCTi <
*Boltbce.
Den frühesten Beleg mit Liquidametathese zeigt das West-
slavischc wohl mit dem pomoranischen Fürstennamen Dragawitus
vom Jahre 781) (vgl. p. Drogo- < *Dorgo-). Zu hypothetisch ist es
jedoch, die unveränderte Lautgestalt tart, fort im Kasubischen,
Slovinzisehen und Polabischen neben den Formen mit Liqui­
dametathese mit der Annahme einer Rückentlehnung urslav.
Formen aus der Sprache der Nachbarbevölkerung (in diesem
■Falle der Deutschen) oder mit ihrem stärkeren Gebrauch durch die
deutsche Bevölkerung im zweisprachigen Gebiet zu erklären.
Ein weiteres Datum für den zeitlichen Geltungsbereich der Liqui­
dametathese wird auch mit dem Namen Karls des Großen ge­
liefert, der um 800 in der Bedeutung „König“ über das slav.
Sprachgebiet verbreitet worden sein muß und in den einzelnen
Sprachen seine lautgesetzliche Behandlung erfahren hat: ksl.
lcraljb, skr. kr?dj, r. korölb, p. kr61, c. krdl.
§37. Die Behandlung von or- und ol- im Anlaut (orl-,
oll-). Ursl. or-, ol- vor Konsonant im Anlaut ist — von
wenigen Ausnahmen im Aksi. abgesehen -— stets umgestellt
worden, doch zeigen die Einzelsprachen keine solche Vor-
Die Vertretung der idg. Vokale im Urslavischcn 83
sehiedenheit wie bei inlautendem -or-, -ol-. Die Ver­
schiedenheit in der Behandlung des anlautenden ort-, olt-
stimmt mit einer Intonationsverschiedenheit überein, so daß
man darin die Ursache für die verschiedene Entwicklung
sehen kann. Bei ursprünglich steigender Intonation (Akut)
ist ort-, ölt- in allen slav. Sprachen zu rat-, lat- umgestellt
und gedehnt worden:
ursl. *6rdlo ‘Pflug1 (vgl. lit. drlclas < *drtla- zu lit. drti
‘pflügen’, lat. untre, got. urjan dass.) = aksl. r. ralo, skr.
ralo, ]). sorb. radlo, c. rddlo (der alte Steigton ist hier am
lit. ' und am skr. " zu erkennen); ursl. *örmq, anno ‘Schulter,
Arm’ (vgl. lat. armus ‘Oberarm, Schulterblatt’, got. anns)
= aksl. rinno ‘Arm’; skr. nbne, ar. rdnio, ramja ‘Schulter’,
p. rami$, c. rume\ ursl. *ölnb, ölni ‘Hirschkuh’ (vgl. apr.
alne, lit. dlne dass.) — ksl. lani, skr. laue, r. lanb, p. lani,
lania, c. lieft. Daneben im Altkirchenslavischcn auch alönli
‘Hirsch’.
Bei ursprünglich geschleifter Intonation (Zirkumflex) ist
oft-, oll- nur im Siidslavischen in gleicher Weise wie bei
steigender Intonation verändert worden, nämlich zu rat-,
lat-, während es im Ost- und Westslavischen zu rot-, lot-
olme Dehnung verändert wurde:
ursl. *olkölb■‘Ellenbogen’ (vgl. lit. altarne dass.) = aksl.
lukbtb, skr. latent, dagegen ar. lolcbtb, p. lohiec, osorb. lohe, c.
lohet. Von der westslav. Vertretung weicht hier nur das
Mittelslovakische ab und stimmt mit dem Siidslavischen
überein: mslvk. laket’ gegenüber sonstigem slvk. lohet’. —
Ursl. *oph5 ‘Sklave, Knecht’, *ofbota ‘Arbeit, Knechtschaft’
(vgl. got. arhaips ‘Bedrängnis, Not’, ahd. ar(a)heü ‘Arbeit,
Mühsal, Not’) = aksl. rabö, rabota, skr. rdbüi ‘fröhnen’,
rdbota ‘Erohndienst, Arbeit’, dagegen ar. robb ‘Diener,
Sklave’, ar. robota ‘Arbeit, Knechtschaft’ (r. ruh, rabota
aus dem Ksl.), p. c. robota. Doch findet sich im Aksl. auch
robb und robota (Codex Suprasl.). — Ursl. *oldi ‘Boot’
(vgl. lit. aldijä, Akk. aldijq, nonveg. olda ‘Trog’) - aksl.
ladii, skr. lada, dagegen ar. loihja, lodbka, p. lödz, c. lod’.
Im Altkirchenslavischcn daneben auch ulödii (Codex
Suprasl.).
6*
84 Der Vokalismus

Für anlantendes e r te it- fehlen sichere Beispiele.


Der Prozeß dieser Änlautsmetatliese vollzog sich in der
Übergangszeit vom Gcmeinslavischcn zur einzelsprachlichen
Entwicklung. Dabei ist dieser Prozeß offenbar nicht mehr
überall voll und einheitlich zur Auswirkung gekommen, da
die Metathesenneigung anscheinend auf siidslav. (bulg.)
Gebiet im Abklingen begriffen war. Deswegen zeigt das
Altkirchenslavisclie neben ladvi 'Boot’ und lakati ‘hungern’
auch unverändertes alodii und al(ö)kati, wenn nicht hier mit
Konservierung urslav. Lautgestalt in nichtslav. Umgebung
und späterer Kückentlehnung auf balkanischem Misch­
gebiet zu rechnen ist. Fine Unterbrechung des Prozesses
(Fehlen der Dehnung) könnte in aksl. robb, robota neben
rahb, rabota vorliegen mit gleichen Spuren auch im Serbi­
schen: rbb neben rdbiti, wenn nicht Entlohnung aus dem
Ksl. anzunehmen ist.
Die Übereinstimmung des Mittelslovakischen (mit rat-, lat-)
mit dem Siidslavischen beruht wohl auf Parallelentwicklung, die
infolge der Nachbarschaft dieser Dialekte im Urslavischen ent­
standen und eingeleitet worden sein kann.
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§38. Die N a sa lv e rb iiid u n g e n . Die Lautfolgen en, em
führten in tautosyllabischer Stellung im An- und Inlaut
Die Vertretung der idg. Vokale im Urslavischen 85
im Urslavischen zum Nasalvokal £, die Lautfolgen on, om —
wozu wegen des Zusammenfalls von idg. o und a im Slavi-
schcn auch an, am gestellt werden können — führten in
tautosyllabischer Stellung zum Nasalvokal q. Für die Stellung
im Auslaut gelten z. T. Sonderbedingungen. Beide Nasal­
vokale sind in der etymologisch ihnen zukommenden
Stellung am deutlichsten nur im Altkirchenslavischen
bewahrt. Das Polnische hat zwar auch noch bis heute die
Nasalvokale bewahrt, jedoch vielfach in nach innerpoln.
Bedingungen erfolgtem Qualitätswechsel. Die übrigen slav.
Sprachen zeigen seit Beginn des Schrifttums keine Nasal-
vokale mehr, sondern entnasalierte Vokale unterschied­
licher Beschaffenheit.
Beispiele für ursl. Nasalvokale (mit ursprünglichem
en oder ein): ursl. *svqtb 'heilig’ > aksl. svelb, p. swiqly <
idg. *kuento- (vgl. lit. sventas, ai. ved. sväntdh 'gedeihend’,
av. spsnla- 'heilig’). — Ursl. *p%td ‘fünfter’ > aksl. p%to
< idg. *penkto- (vgl. lit. penklas, gr. tteutttos, lat. quintus,
got. fimfta). Mit ursprünglichem n oder m: ursl. *m$so
‘Fleisch’ >• aksl. m%so, p. mi%so -< idg. *menso- oder *memso-
(vgl. apr. mensä, ai. mäthsdm, got. mimz).
Mit ursprünglichem on oder om: ursl. *pgtb ‘Weg, Bahn,
Reise’ > aksl. pQtb, p. pqc < idg. *pont(h)is, *pont{li)os
(vgl. ai. panthäh ‘Weg’, lat. pom, pontis 'Brücke, Steg’, gr.
ttövtos ‘Meerespfad, Meer’). — Ursl. *bergtb ‘sie nehmen’ >
aksl. bergtb, p. biurq < idg. *bheronti (vgl. ai. bhäranti, gr.
dor. (pepovTi, lat. ferunt). — Ursl. *zqb5 ‘Zahn’ > aksl.
zgbö, p. sah < idg. *gombhos (vgl. lit. zarnbas 'spitzer Gegen­
stand’, ai. jdmbhah 'Zahn, Rachen’, gr. yopepos ‘Pflock’,
yopupios 'Backenzahn’, alid. kamb ‘Kamm’).
Da idg. a und o im Slavischcn zusammengefallen sind,
ist auch für die Verbindungen an, am im Slavischcn das
gleiche Ergebnis q zu verzeichnen: ursl. *QZhkd 'eng, schmal’
> aksl. QZdkö, ]). wqzki (mit sekundärem w-Norscldag) <
idg. *angu- (vgl. ai. amhüs, armen, anjulc, lat. angustus, got.
aggwus, lit. anJcstas).
Über das Problem der Entstehung von ursl. Nasalvokalen
auch aus anderen Verbindungen (wie idg. in, im, un, um) sieho
86 Der Vokalismus
§ 45. Mit diesen beiden Nasalvokalen g und g wurde der gegen­
über dem Idg. schon so fühlbar vereinfachte Vokalbestand des
Urslavischen wiederum erweitert.

b) B e so n d e rh e ite n des V o k alism u s im U rs la v i­


sch en u n d G em einslaw ischen und e n tw ic k lu n g s ­
g e s c h ic h tlic h e B em erk u n g en
a) Die urslavischen Kurzvokale
§ 39. U rsl. e. Die Aussprache des e. wird für das Baltisch-
Slavisehe als sehr offen und einem ä nahekommend an­
genommen. Für das ältere Slavisch kann man die offene
breite Aussprache noch in frühen Lehnwörtern erkennen,
so z. B. aus dem Romanischen. Roman, offenes g (ii) wird
durch slav. e wiedergegeben, während roman. enges ge­
schlossenes e durch slav. b wiedergegeben wird: roman.
Venelicu > slav. *Vbnetbc-, vgl. skr. Vneci > Mied, Gen.
Mletdhä ‘Venedig1; lat. bzw. roman. acetum 'Essig1 > slav.
oebtö. Auch die Wiedergabe älterer russ. (urruss.) Lehn­
wörter im Finnischen zeigt mit fi. ä für slav. e die breite
Aussprache: fi. pätsi <C ar. pecb 'Ofen1, fi. mättää ‘schütten1
< ar. metati ‘werfen1.
Ein e in der Stellung vor ie. ( — eie) wurde im Urslavischen
an das i angeglichen und zu b umgewandelt — -b j e idg.
*lreies ‘drei1 (ai. träyah, gr. Tpeis, lat. tres) = aksl. ar.
tibje; idg. *ghosteies NP1. ‘Gäste’ (lat. hostes < *kasteien)
— aksl. gostbje. Beim Verbum: idg. *vei-e-ti ‘windet1 (ai.
vai/ati ‘flicht, webt1, lit. vejü 1. Fers. Sg.) = aksl. vbjetö, ar.
vbjetb, wonach dann wohl im ganzen Präs, b verallgemeinert
wurde: E Sg. vbjg usw.
Ein Wandel von e > b liegt bei den wenigen Verben mit
auslautendem Guttural im Imperativ vor, wo eher der
palatalisierte Guttural das. vorausgehende e heller gefärbt
haben wird, als daß hier Reduktionsstufe nach dem Vorbild
des Ablauts anzunehmen ist: Imper. aksl. n c i ‘sage’ zu
rekg, pbei ‘backe1 zu pekg, tbci ‘lauf1 zu leig. Zu aksl. zb(d)zi
‘brenne1 ist dagegen im ganzen Indikativ Präs. Doppelheit
des Vokalismus vorhanden: zegg neben zbtjg usw., in den