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M A S T E R T H E S I S 2 0 2 0

LOU
L I B R I S O F U B I Q U I T Y

FELIX SPANGENBERG

PROF. JOHANNES KÜHN | PROF. VERENA VON BECKERATH | NIKLAS FANELSA


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Zunächst: es ist ein Abhängigkeitsverhältnis.

Das Sprechen über eine Peripherie ist ohne das (in)direkte Sprechen über ein dazugehöriges Zentrum Zwei Paradoxe formen sich in der Peripherie.
nicht möglich, da die Existenz des Einen die Existenz des Anderen erst ermöglicht. „Without center, no Die unmittelbare physische Distanz zwischen den einzelnen Gebäuden wird konstant aufgehoben.
periphery.“ (Koolhaas) Nicht nur untereinander (durch Zeichen), sondern auf nationaler, gar globaler Ebene; durch Kommuni-
Der subjektive, identifikatorische Raum beginnt im Zentrum. Von hier aus wird Ordnung geschaffen, kation. Hierbei wird die reale Besiedelung der Erde nichtig, vielmehr steht die Aufhebung der räumli-
von hier aus wird gedacht. Es ist der Ort in dem sich Sinn und Bedeutung finden. chen Tiefe im Vordergrund. Paul Virilio nennt dies dromosphorische Verschmutzung. Die Fassaden der
Boxen spielen in diesem Kontext eine interessante Rolle, denn sie vermitteln kaum zwischen innen und
» An diesem ausgezeichneten Ort sammeln und verdichten sich sämtliche Werte der Zivilisation: die außen, nehmen sich ihrer Rolle als Trennung zwischen den Realtäten des Interiors und des Exteriors
Spiritualität (mit den Kirchen), die Macht (mit den Büros), das Geld (mit den Banken), die Ware (mit den dennoch an. Und doch scheint es als wären auch diese Fassaden eine Illusion, da sich hinter ihnen eine
Kaufhäusern), die Sprache (mit den Agoren: den Cafés und Promenaden): ins Zentrum heißt die soziale Welt verbirgt, die von der gleichen Größe ist, wie die Äußere. Die Grenzen verschwimmen.
›Wahrheit‹ treffen, heißt an der großartigen Fülle der ›Realität‹ teilhaben. « (Roland Barthes)
Zugleich führt der technologische Fortschritt zur konstanten Aussortierung obsoleter Elemente. Zwar
Dieser Umstand führt jedoch zu der Last der ständigen und endlosen Bewahrung von Sinn und Be- besitzen Industriegebiete, wie zuvor erwähnt, die Kapazitäten um die Elemente moderner Gesellschaf-
deutung. Um seinen erkennbaren und stabilen Charakter zu erhalten, muss es sich beharrlich erneuern, ten zu absorbieren, allerdings - und dies ist ein entscheidendes Merkmal unserer Zeit - generiert
denn nur hierdurch - durch stetes Verändern und Transformieren - kann es sich gegenüber den akze- der rasante technologische Fortschritt per definition kontinuierlich Elemente, die nicht mehr auf dem
lerierten Prozessen unserer Zeit (seien es strukturelle, soziale, wirtschaftliche, etc. Prozesse) anpassen. aktuellen Stand der Entwicklung sind, was wiederum zu einer Austauschbarkeit der Gebäude führt,
Und doch ist das Zentrum einer Stadt nie fixiert, weil die Stadt nicht unbeweglich bleibt. In seiner begünstigt durch deren kostengünstige und einfache Bauweise.
Erscheinung muss das Zentrum jedoch exakt dies tun: fixiert, unbeweglich sein. Es verkommt, um es In gewisser Weise wird so die Gegenwart aufgehoben, nur die Vergangenheit (ein wenig) und die Zu-
drastisch zu formulieren, zu einer Illusion, übersät mit sanierten historischen Fassaden, durchströmt kunft (vor allem) existieren: „the Generic City accommodates both the primordial and the futuristic - in
von unzähligen Touristen. Die Stadt wird zum Museum. fact, only these two.“ wie Koolhaas schreibt.
Kapazitäten, versorgungstechnische Architekturen in sich aufzunehmen, gibt es kaum. In der Konse-
quenz muss sich das Zentrum ausdehnen, die Dichte nimmt ab, die Ordnung verliert sich, das städtische In seiner urbanen Form in Europa einzigartig, bietet Brüssel die Möglichkeit einen Entwurf in einem
Gebiet fragmentiert, der Maßtab ändert sich. Gebiet zu intervenieren, welches alle Charakteristika einer städtischen Peripherie aufweist, jedoch in
Einzig hier, an den peripheren Ausläufern der Stadt, findet sich der Raum, um die Vielfältigkeiten und unmittelbarer Nähe zum Zentrum liegt: die Kanalzone. Der breite Industriestreifen, der die belgische
Komplexitäten moderner Gesellschaften zu absorbieren und zugleich abzubilden, eben weil sich der Hauptstadt von Norden nach Süden, entlang des namengebenden Kanals, durchzieht, ist seit jeher ein
Rand weitestgehend geschichtslos zeigt und funktional organisiert. Die Peripherie ist der Raum des wichtiger Bestandteil der Brüsseler Produktion. Wenngleich der Bereich in den vergangenen Jahrzehn-
Handels, des Konsums, des Transports, der Kommunikation. Es gibt Platz. Ausreichend. Es besteht eine ten an Bedeutung verlor, treten gegenwärtig verstärkte Bemühungen auf die Zone zu revitalisieren;
Distanz zwischen den Objekten. Manuel de Sola Morales nennt diese - die Variablen der Distanz und durch Industrie. Die Stadt Brüssel hat erkannt, dass industrielle Produktion sich nicht zu weit aus der
Trennung - die eigentlichen Protagonisten des Randes und erkennt darin das Pendant zum dichten Gesellschaft entfernen darf, vielmehr muss sie im steten Bewusstsein der Bevölkerung bleiben. Um
Stadtkern. Die Peripherie ist so verstanden der Ort der Unruhe. dieses Bewusstsein zu fördern, bedarf es allerdings keiner monofunktionellen Nutzung aus „reiner“
Industrie, sondern einen hybriden Typus - Industrie gemischt mit Urbanen Programmen. (Vgl. Brussels
Productive City)

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I.

DA S WESEN I ND U S T RI EL L ER G EBI ET E
LEWIS BALTZ, SOUTH CORNER, RICCAR AMERICA COMPANY, 1974
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ROBERT VENTURI, JOHN RAUCH, BASCO, PHILADELPHIA, 1977-78

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FIGUR KANAL
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BRUSSEL-ZUID
BRÜSSEL, 1905 IMDUSTRIEZONE KANAL, 1920
(BLICK AUF ENTWURFSGEBIET)
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KANALZONE BRÜSSEL
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ED RUSCHA, EVERY BUILDING ON THE SUNSET STRIP, 1966

FA SSAD EN U ND S YM BO L E
KANALFASSADEN, COLLAGIERTE ABWICKLUNG
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KANALFASSADEN,
COLLAGIERT
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KANALFASSADEN,
COLLAGIERT
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KANALFASSADEN,
COLLAGIERT
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II.

A R C H I TEKT U R FÜ R M AS C HI NEN/
EN TF R EMD U NG VO M MENS C HEN
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Die ungeheuren Bauten der Technik, die notwendig sind, diese Städte

zum funktionieren zu bringen, haben eine latente Monumentalität

und die Aufgabe des Architekten ist es, sie zu entdecken und

hervorzubringen.

Hans Hollein, Die Zukunft der Architektur, 1965


Fritz Kahn, Industriepalast, 1926 14
PRODUKTIONSFLÄCHEN AM KANAL
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BRUSSEL-ZUID

0 200 500 1000


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PRODUKTIONSFLÄCHEN IN DER NÄHE ZUM ENTWURFSGEBIET
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MARSHALL McLUHAN, UNDERSTANDING MEDIA, 1964
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ROTATIONSDRUCKMASCHINE, 19. JAHRHUNDERT

„In bringing the ancient and medieval into fusion - or, as some

would say confusion - the printed book created a third world, the

modern world, which now encounters a new electric technology or

a new extension of man.“

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NARRATIV, SCHEMATISCHE DARSTELLUNG
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III.

LOU
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PROJEKT

„In bringing the ancient and medieval into fusion - or, as some would say confusion - the printed book
created a third world, the modern world, which now encounters a new electric technology or a new
extension of man.“
-Marshall McLuhan

Bücher, oder allgemein, das gedruckte Wort gelten seit Gutenbergs Erfindung als Initiator für die Ent-
wicklung der Modernen Welt. Als erstes Massenmedium der Geschichte, brachte das Buch Kulturen
zusammen, homogenisierte deren Sprachen und diente als eine Bildungsmaschine
(»first teaching machine« -McLuhan), als erster Überträger eines gesammelten Wissens. Dabei kam
dem gedruckten Wort die Rolle eines Vermittlers zu und noch heute, in Zeiten unaufhaltsamer Di-
gitalisierung, kann das papier-basierte Medium dieser Position gerecht werden; als Übersetzer, als
Vermittler zwischen Mensch und Maschine, zwischen Kulturen, zwischen konträrer Ansichten, um eine
geistige Distanz aufzuheben.

Der Entwurf stellt Infrastruktur zur Verfügung; Räume in denen sich Schriftsteller, Philosophen, Denker
unserer Zeit zusammen finden, gegenseitig austauschen, gemeinsam oder individuell schreiben kön-
nend sachbezogene Vorträge und Konferenzen stattfinden. Durch das integrierte Verlagshaus besteht
die Möglichkeit die intellektuelle Produktion direkt, durch die bereitgestellte Druckerei, in ein physi-
sches Produkt zu wandeln. Selbst unabhängige kleine Verleger können diese Räumlichkeiten nutzen
um seltene oder vergriffene Schriften erneut aufzulegen. Wichtig hierbei ist der Aspekt der Books-
on-demand. Neben dem geringen Lagerrisiko, bietet diese Verfahren die Gelegenheit der Selbstveröf-
fentlichung verbunden mit geringen Kosten und spricht ein Bedürfnis der gegenwärtigen Zeit an: das
Potential der Individualisierung, besonders auf der Ebene eines Massenmediums.
Die produzierten Bücher bzw. Schriften werden nun in eine digitale Datenbank eingespeist und durch
Online-Bestellung können diese Bücher angefordert wer- den. Bei jeder Bestellung wird eine zweite
Kopie gedruckt, welche in das physische Archive eingelagert wird, wodurch dieses weiter anwächst.
Das Thema der möglichen Erweiterung ist grundlegender Aspekt von Bauten, die sich in der Peripherie
der Stadt befinden.
Das physische Archiv, welches vollkommen automatisiert ist, dient in gewisser Weise als eine Biblio-
thek, in der Besucher zuvor das Buch bestellen und direkt vor Ort abholen können. In der Begegnungs-
stätte können sie sich nun des Lesens und Diskutieren hingeben.
Durch die Verbindung eines urbanen Programmes und eines gewerblichen Programmes vermittelt das
Projekt auch auf städtische Ebene und kann als Andockpunkt zwischen den beiden Realitäten des
Zentrums und der Peripherie dienen.

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ENSEMBLE IM UNMITTELBAREN STADTGEFÜGE
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HANS HOLLEIN, SPARKPLUG, 1964 QUAI FERNAND DEMETS, BRÜSSEL, 1969
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SYMBOL, LOU
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LAGEPLAN
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BRIDGE OVER TROUBLED WATER
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ERDGESCHOSS
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DRUCKBEREICH, LAGER, QUERSCHNITT
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DRUCKBEREICH, LAGER, BLICK VON STRASSE
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AUDITORIUM, TREPPE, QUERSCHNITT
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AUDITORIUM
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1. OBERGESCHOSS LOU

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RELATION, PASSERELLE
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ZUGANG ÜBER BRÜCKE
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ACHSE INNEN
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GCA ARCHITECTS, MANGO LOGISTIC CENTER
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VERBINDUNG, LÄNGSSCHNITT
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SCHNITT SPRINGT
AUDITORIUM + LOGISTIK + TURM

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2. OBERGESCHOSS LOU

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3. OBERGESCHOSS LOU

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ANSICHT KANAL LOU

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KONSTRUKTION STRASSENSEITIG LOU

+ 17,10 m
Dachaufbau
• Extensivsubstrat 80 mm
• Bitumendichtungsbahn, 2- lagig
• Gefälledämmung 150 - 300 mm
• Dampfsperre
• Stahltrapezblechprofil 120 mm
• IPB 300 300 x 290mm

Trägerrost
• Außenträger IPB 400 400 x 300 mm
• diagonale Augenstäbe, angeschweißt
• Innenträger IPB 300 300 x 290 mm
• Bewegliches Auflager auf Außenstütze + 12,30 m

• Dämmung, Übergang obere


Fassadenebene zu unterer Fassadenebene 200 mm

Deckenaufbau
• Bodenbelag, Holzzement 30 mm
• Abstandselemente 70 mm
• Trittschalldämmung 60 mm
• Holoribverbundstahldecke mit
Aufhängung von Haustechnik 240 mm
• Gurtplatte an innerer
Trägerkonstruktion 15 mm
• Obere Aufhängung Augenstäbe + 8,65 m

Fassade
• Sonnenschutz, textil
• Pfostenriegelverglasung, Schiebeelement
• C-Stahlprofil 400 x 120 mm
• Isokorbverbindung mit innerem Träger 200 mm
• Träger IPB 300 300 x 290 mm
• Augenstäbe

Deckenaufbau
+ 5,00 m
• Industrieestrich 80 mm
• Trennlage, Kunststofffolie 1 mm
• Trittschalldämmung 60 mm
•Holoribverbundstahldecke mit
Aufhängung von Haustechnik 240 mm
•Gurtplatte an innerer
Trägerkonstruktion 15 mm

Fußpunkt
• Außenstütze, beweglich gelagert auf Streifenfundament
• Isokorbverbindung Fundament und Bodenplatte

Bodenaufbau + 1,20 m
• Industrieestrich 80 mm
• Betonbodenplatte 300 mm
• Innendämmung 100 mm

Technikkeller
• Zementüberzug 30 mm
• Betonbodenplatte 200 mm
• Magerbeton 50 mm
- 1,20 m

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