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Міністерство освіти та науки України

Чорноморський державний університет

ім. Петра Могили

Т.І. Вакуленко

Kurzgeschichten für analytisches


Lesen

Навчальний посібник з аналітичного читання

для студентів факультету іноземної філології

Миколаїв 2009
Вакуленко Тетяна Іванівна. Kurzgeschichten für analytisches Lesen (Оповідання
дла аналітичного читання). Навчальний посібник з аналітичного читання для
студентів факультету іноземної філології

Рецензенти:

Д-р філологічних наук, проф. A.M. Науменко (Миколаїв)

Канд. філологічних наук, проф. П.І. Осипов (Миколаїв)

Канд. філологічних наук, проф. Н.М. Філіпова (Миколаїв)

Видавництво МДГУ ім. П. Могили

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Inhalt
Inhalt 3
Vorwort 5
Hinweise zur Arbeit an den Kurzgeschichten 6
Kapitel 1. Liebe und Rache
Gabriele Wohmann. Imitation 13
Hans Bender. In der Gondel 19
Max von der Grün. Masken 27
Siegfried Lenz. Eine Liebesgeschichte 37
Margarete Neumann. Der weiße Fiat 43
Su Winter. Die grüne Vase 50
Heinrich von Kleist. Das Bettelweib von Locarno 56
Kapitel 2. Menschlichkeit und Güte
Barbara Honigmann. Eine Postkarte für Herrn Altenkirch 63
Susanne Kilian. Marion guckt aus dem Fenster 72
Ilse Aichinger. Das Fenster-Theater 77
Siegfried Lenz. Dier Nacht im Hotel 82
Wolfgang Borchert. Nachts schlafen die ratten doch 90
Peter Hacks. Aus „Geschichten mit Henriette“ 96
Heinrich Böll. Unberechenbare Gäste 100
Wolfgang Borchert. Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels 109
Kapitel 3. Schicksale
Alfred Polgar. Geschichte ohne Moral 121
Erich Kästner. Ein reizender Abend 127
Herbert Malecha. Die Probe 131
Heinz Risse. Der Diebstahl 137
Heinrich Böll. Suchanzeigen 149

3
Kapitel 4. Sonderlinge
Paul Maar. Die Erfindungsmaschine 155
Peter Bichsel. Der Mann mit dem Gedächtnis 161
Paul Maar. Der Mann, der nie zu spät kam 166
Peter Bichsel. Ein Tisch ist ein Tisch 171
Wolf Biermann. Das Märchen vom kleinen Herrn Moritz, der eine Glatze
kriegte 177
Wolfgang Hildesheimer. Eine größere Anschaffung 183
Hermann Hesse. Ein Mensch mit Namen Ziegler 190
Kurt Kusenberg. Mal was anders 200
Kapitel 5. Krieg
Wolfgang Borchert. Die Küchenuhr 207
Wolfgang Borchert. Die drei dunklen Könige 213
Wolfgang Borchert. An diesem Dienstag 219
Heinrich Böll. Mein Onkel Fred 225
Wolfgang Altendorf. Die Bombengeschichte 232
Kapitel 6. Gegen Vorurteile
H. C. Artmann. Keine Menschenfresser, bitte! 241
Heinrich Böll. Du fährst zu oft nach Heidelberg 246
Alev Tekinay. Ali Stern 258
Kurt Kusenberg. Ein verächtlicher Blick 268
Erich Kästner. Die Schildbürger bauen ein Rathaus 274
Bertolt Brecht. Wenn Haifische Menschen wären 281
Heinrich Böll. Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral 288
Anhang 1. Über die Autoren 295
Anhang 2. Stilmittel (Rhetorische Figuren) 309

Anhang 3. Quellenverzeichnis 324

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Vorwort

Die vorliegende Ausgabe ist eine Sammlung von Kurzgeschichten der


deutsprachigen Autoren, ein Lehrbuch in der Sprachpraxis/analytisches Lesen für
Studenten der 2.-4. Studienjahre des Studienfaches Deutsch an den Universitäten. Die
Anwendung dieser Textsammlung im Sprachunterricht wird dem Lehrer helfen, die
Studenten der höheren Trimester auf die Staatsprüfung in der Sprachpraxis
vorzubereiten.
Das Buch besteht aus einem kurzen theoretischen Teil, dem Hauptteil und dem
Anhang. Im theoretischen Teil werden manche Richtlinien angegeben, die bei der
Aanalyse eines literarischen Textes unentbehrlich sind. Der Hauptteil besteht aus den
Texten und Übungen zu ihnen, nach deren Bearbeitung das Ziel des Unterrichtes
erreicht wird: Bekanntschaft mit den Werken der deutschen, österreichichen und
Schweizer Schriftsteller, Erweiterung des Grundwortschatzes sowie Anfänge der
linguostilistischen Textanalyse. Im Anhang zum Buch werden knappe Informationen
über die Schriftsteller und auch Definitionen von gebräuchlichsten Stilmitteln
angegeben.

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Hinweise zur Arbeit an den Kurzgeschichten

Entwicklung

Die Textgattung sowie der Begriff der Kurzgeschichte entstanden als "short
stories" Anfang des 20. Jahrhunderts im Bereich der angloamerikanischen Literatur
und setzten sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland durch. Die
Kurzgeschichte ist eine besondere, moderne literarische Form der Kurzprosa, deren
Hauptmerkmal in der starken Komprimierung des Inhaltes besteht. Der Begriff der
Kurzgeschichte hat sich mit der Zeit zu einer allgemeinen Bezeichnung für Kurzprosa
ausgeweitet. Von der Kurzgeschichte abzugrenzen ist die Novelle, die in ihrer Länge
auch 30 Seiten deutlich überschreiten kann. Sie zeichnet sich außerdem dadurch aus,
dass sie viel strukturierter als die Kurzgeschichte ist.

In Deutschland entstanden besonders in der Nachkriegszeit bedeutende


Kurzgeschichten. Die ersten und damit ältesten in deutescher Sprache stammen aber
von Heinrich von Kleist und E.T.A. Hoffmann und wurden bereits zu Beginn des 19.
Jahrhunderts verfasst und veröffentlicht. Diese Form der Ausdrucksweise deutscher
Autoren kam mit der Zeit des Nachnaturalismus von 1920 – 1930 erneut richtig in die
Mode. Nach 1945 wurde die Kurzgeschichte als eigenständige, literarisch
hochstehende Form der Kurzprosa anerkannt. Deutsche Vertreter sind zum Beispiel:
Wolfgang Borchert, Heinrich Böll, Hans Bender, Ilse Aichinger, Gabriele Wohmann
und viele mehr. Ab Mitte der 60er Jahre hat diese literarische Gattung einen Teil ihrer
Bedeutung verloren.

Es gibt keine einheitlichen Merkmale von Kurzgeschichten. "Kurzgeschichte" als


Begriff ist nicht strikt definiert. Trotzdem lassen sich einige Merkmale finden, die vor
allem für die deutsche Kurzgeschichte von 1945–1955 kennzeichnend sind: Die
Geschichte soll in einem Leseakt gelesen werden können. Handlung und Konflikt
können sich völlig in einen Menschen verlagern, so dass diese innere Handlung

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bedeutsamer ist als das rein äußere sichtbare Geschehen (Wechselwirkung). Trotzdem
lassen sich einige Merkmale finden, welche aber nicht immer auftreten müssen:

- Geringer Umfang
- Keine Einleitung (bzw. sehr kurze Einleitung)
- Überraschender Einstieg
- Offener Schluss oder eine Pointe
- Konfliktreiche Situation
- Ein oder zwei Hauptpersonen stehen im Mittelpunkt (es gibt jedoch auch
Kurzgeschichten mit deutlich mehr Hauptpersonen)
- Ein entscheidender Einschnitt aus dem Leben der handelnden Person wird erzählt
- Chronologisches Erzählen
- Einsträngige Handlung
- Wenig Handlung
- Metaphern und Leitmotive weisen den Leser auf wichtige Gesichtspunkte der
Geschichte hin
- Der Höhepunkt/Wendepunkt ereignet sich am Ende der Geschichte
- Themen sind Probleme der Zeit
- Die Figuren sind Menschen, die nicht herausragen (Alltagsmenschen)
- Ort und Zeit wird sehr flüchtig beschrieben
- Der Handlungszeitraum ist unkomprimiert

Aufbau der Kurzgeschichte

Idealerweise besteht eine Kurzgeschichte aus den 4 Elementen:


1. 1. Auftakt
2. 2. Aufbau des Problems bzw. der Spannung
3. 3. ein behemmter ausführlich erklärter Moment
4. 4. Lösung

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Lösung muss in dem Moment nicht Lösung des Problems bedeuten. Ein Scheitern
der Hauptfigur wird in diesem Zusammenhang auch als "Lösung" angesehen. Die
Erzählperspektive ist oft die des Ich-Erzählers (Rückschau, chronologische
Anordnung) mit eingeschränktem Wissen für den Leser. Er erfährt oft nicht mehr
(sogar weniger) als der Ich-Erzähler zum Zeitpunkt des Geschehens weiß. Moderne
Kurzgeschichten haben oft einen Er-Erzähler, der weit hinter die Hauptfigur(en)
zurücktritt. Er ist häufig nur noch in verbindenden Zwischentexten nachweisbar (z.B.:
"...sagte er"). Manchmal erzählt der Autor direkt aus dem Bewusstsein einer oder
mehrerer Personen (innerer Monolog). Oder er verhält sich wie ein völlig neutraler
Beobachter, ohne die Gedanken und Gefühle seiner Figuren preiszugeben (wie eine
neutral filmende Kamera), indem er ausschließlich äußere Vorgänge abschildert.
Absicht/Wirkung letzterer Erzählhaltung ist, dass der Leser gezwungen wird, den Text
sehr intensiv zu lesen, vieles an inneren Vorgängen zu erkennen, die Gedanken,
Gefühle und Reaktionen, welche sich aus den äußeren Hinweisen ableiten, zu
verstehen. So können auch Charakterzüge erfasst werden. Aktives, mitdenkendes
Lesen wird erforderlich. Dadurch fühlt sich der Leser den Figuren viel näher und die
ganze Geschichte wird viel intensiver.
Ein wesentliches Element der Kurzgeschichte ist natürlich die Kürze. Gemeint ist
damit nicht nur der mengenmäßige Seiten- bzw. Zeilenumfang, sondern auch der
qualitative Umfang. Das heißt, es gibt in einer Kurzgeschichte meist nur einen
Spannungsbogen und nur einen Handlungsrahmen. Die Kurzgeschichte handelt in
einem kurzen klar umrissenen Zeitumfang und arbeitet mit einer nur geringen Anzahl
an Orten und Personen. Sie wird dadurch sehr überschaubar.
Typisch für eine Kurzgeschichte ist der unvermittelte (direkte) Anfang der
Geschichte sowie der offene Schluss. Alternativ zum offenen Schluss kann eine Pointe
am Ende des Textes stehen. Durch diese Offenheit wird viel Platz für die Fantasie des
Lesers gelassen.
Kurzgeschichten sind inhaltlich sehr auf alltägliche Situationen bezogen. Auch die
Sprache ist dahingehend angepasst (Alltagssprache). Mittelpunkt der Kurzgeschichte
ist meist kein Held, sondern eine Person des Alltags oder gar ein "Anti-Held", dessen
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Schwächen, Probleme oder Sichtweisen in der Kurzgeschichte knapp kontrastiert
werden. Die Einordnung in ein herkömmliches normales Weltbild fällt weg. Durch die
Alltagsbezogenheit der Kurzgeschichte kann sich der Leser sehr gut auf die Geschichte
einstellen.
Die geringe Länge der Kurzgeschichte zwingt den Leser zu einer doch recht
einseitigen Ansicht der Geschehnisse. Aus diesem Grund werden sprachlich einzelne
Wörter und Leitmotive ganz gezielt in mehrdeutigen Konstruktionen und
Wiederholung eingesetzt. Dadurch kann sich in den Gedanken des Lesers die
Geschichte in verschiedene Richtungen entwickeln und sie wirkt dadurch immer
wieder überraschend. Die Kurzgeschichte ist meist sachlich nüchtern und knapp. Sie ist
sehr bildhaft, realitätsnah und wird nicht isolierend, sondern funktional geschrieben.

Wenn wir in den Deutschstunden eine Kurzgeschichte lesen und analysieren

Um einen Text verstehen zu können, muss man auch untersuchen, wo und wann
der Text spielt. In deutschen Texten muss man sich meistens klarmachen, ob der Text
in dem vereinten Deutschland spielt oder es sich um einen Text aus der DDR, aus der
Bundesrepublik oder vielleicht aus einem anderen Land handelt. Zeit und Ort sind oft
wichtig, weil sie uns Informationen über den Hintergrund der Personen geben. Zeit
und Milieu sind wichtige Faktoren in der Bildung der Persönlichkeit und können
deshalb zu einem besseren Verständnis von Handlungen und Gedanken beitragen.

Charakteristik der (Haupt)personen

Meistens gibt es in Geschichten eine oder vielleicht ein paar Personen, die
wichtiger als alle anderen sind. Die Nebenpersonen sind oft nur insofern wichtig, als
sie die Handlungen und Gedanken der Hauptpersonen beeinflussen. Wenn man eine
Person charakterisiert, beschreibt man sie anhand von ihren Gedanken, ihren
Gefühlen, ihren Handlungen (was sie sagt und tut). Das Aussehen der Personen ist nur
wichtig, wenn es etwas über ihren Charakter aussagt.

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Gesichtswinkel/Erzählperspektive

Wenn man von der Erzählperspektive spricht, denkt man daran, aus welcher
Perspektive und mit wessen Augen die Geschichte erzählt wird. Manchmal wird die
Geschichte aus der Perspektive eines Ich-Erzählers gesehen, manchmal aus der
Perspektive einer anderen Person im Text. Es ist wichtig, sich über die Erzählper-
spektive Gedanken zu machen, denn sie beeinflusst die Weise, in der die Geschichte
erzählt wird. Oft lohnt es sich, die Erzählung aus einer anderen Perspektive zu
betrachten als der des Erzählers.

Themen

Das Hauptthema eines Textes ist das, wovon der Text übergeordnet handelt, das,
was zur Debatte gestellt wird. Oft handelt es sich um Begriffe wie z.B. Liebe, Angst,
Einsamkeit, Rassismus etc. In einem Text kann es neben einem Hauptthema auch
andere Themen geben, die dann eine kleinere Rolle im Text spielen. Nicht alles, was
erwähnt wird, ist aber ein Thema.
 Erzählsituation (Ich-Erzähler, Er-Erzähler, auktoriale, personale, neutrale
Erzählsituation)
 Inhalt (Fabel, Geschehen, Thema)

 Zeit (Erzählzeit, erzählte Zeit, zeitdehnend, zeitraffend, zeitdeckend, chro-


nologisches Erzählen, Rückblenden, Vorausdeutungen nicht chronologisch)

 Gestaltung der Personen (direkte Charakterisierung, indirekte,


Selbstcharakterisierung, Fremdcharakterisierung)

 Darbietungsformen des Erzählens (direkte/indirekte Rede, erlebte Rede, innerer


Monolog, Bewusstseinsstrommethode)

 Ortsgestaltung, Schauplatz

 Sprache und Stil (Semantische Ebene: Wortwahl, Leitmotive, Symbole,


Metaphern, Vergleiche u.a.m.) Syntaktische Ebene: Satzbau, Modus und Tempus.
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Stilistische Ebene: Wortwahl, ironisch-sarkastisch, sachlicher Stil, d.h. Erzählhaltung,
Sprachschicht, z.B.: Umgangssprache, elaboriert od. restringiert.)

Gattungsspezifische Merkmale (Kurzgeschichte, Erzählung, Parabel, Fabel,


Novelle, Roman, Ballade.)
 Kontext ( Biographie des Autors, Zeitgeschichte, kulturgeschichtlicher
Hintergrund, Literaturepoche, Strömungen ...)
 Autor – Text – Bezug (historischer Hintergrund, Einflüsse, Stellenwert im
Gesamtwerk, für welches Publikum geschrieben, aus welcher Schicht ...)

 Text – Leser – Bezug (zeitgenössische Rezeption, Aussage noch gültig ...)

 Einbeziehen aller Aspekte in die Interpretation des Textes (passen Aussage und
Form für mich zusammen)

 Persönlicher Eindruck vor und nach dem intensiven Lesen: Wertung

 Aussage des Textes für mich nachvollziehbar oder nicht?

 Charakteristische Merkmale einer Kurzgeschichte:

a) Meist personaler Erzähler, Bericht aus der Distanz, in einigen Texten aber auch
Ich-Erzähler, z. B. bei Wolfgang Hildesheimers Kurzgeschichte „Ich schreibe kein
Buch über Kafka“ oder auktoriale Erzählperspektive wie in Günter Bruno Fuchs' „Ein
Baumeister hat Hunger“
b) Keine oder nur sehr kurze Einleitung (Exposition); sofortiger Einstieg in die
Handlung, etwa durch Einführen der noch unbekannten Personen durch Pronomina.
c) Techniken der Verdichtung durch Aussparungen, Andeutungen, Metaphern und
Symbole.
d) Chronologisches Erzählen hauptsächlich im Präteritum, teilweise Simultanität
durch innere Monologe, Einblendungen

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e) Die erzählte Zeit beträgt meist nur wenige Minuten oder Stunden, häufig wird
das Geschehen auf wenige Augenblicke, eine exemplarische Situation, ein Bild oder
eine Momentaufnahme reduziert.
f) Lakonischer Sprachstil, Alltagssprache, teilweise Verwendung von Dialekt oder
Umgangssprache, Dialekt oder Jargon.
g) Doppelbödigkeit, Mehrdeutigkeit: das geschilderte Alltagsereignis verweist auf
komplexere Probleme, die oft über Metaphern und Leitmotive zu erschließen sind.
h) Offener Schluss oder eine Pointe: der offene Schluss „zwingt“ den Leser
förmlich dazu, über das Geschehen nachzudenken, denn es bleiben noch Fragen übrig
– der Leser muss zwischen den Zeilen lesen.
i) Vermeiden von Wertungen, Deutungen, Lösungen.

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KAPITEL 1. LIEBE UND RACHE

Gabriele Wohmann
Imitation
A
Sie betraten die Bar, und sanft leitete er sie an einen intimen Nischentisch. Seine
Augen waren zärtlich und roh, besitzergreifend. Sie atmete schwer, im glänzenden
Blick lagen Unsicherheit und Hoffnung.
- You are terribly sweet, sagte er leise.
Sie schüttelte den Kopf, lächelte. Er beteuerte es ihr, umschloss mit einer Hand
ihre gefalteten kleinen Finger, fragte, ob sie tanzen wolle.
Sie tanzten, dicht aneinandergedrängt und immer noch zu weit voneinander
entfernt. Schwere, süße Betäubung. Die Musik, sein Atem, ihr Parfüm, Augen, Hände,
Wärme. Ein Rausch.
Er verging nicht. Im Taxi brachte er sie nach Haus. Sie wohnte allein. Darf ich? O
nein. Nur eine Tasse Kaffee. Bitte!
Er durfte. Zärtlicher großer Mann, seine erregende, wunderbare Liebe.
Herzklopfen, sanft, sanft kam er zu ihr, ein paar Tränen, die nur die Augen füllten und
nicht die Wangen hinunterliefen, ihre Hingabe, dem Zuschauer versprochen in der
Glut eines Augenaufschlags, in der Verschmelzung ihrer Lippen.

- Noch was trinken?


- Ja, wär' nicht schlecht.

13
Sie betraten die Bar, und missmutig bahnte er sich einen Weg durch die Tische,
fand keinen guten Platz. Sie hinter ihm her.
Unsympathisch muss er wirken mit seinem finsteren Gesicht, den unvergnügten
Lippen.
Er bestellte das billigste Getränk, fand es immer noch zu teuer.
- Hübscher Film, sagte sie.
- Na, reichlich dick aufgetragen, brummte er.
- Was willst du, Kitsch ist's immer.
Beleidigt saß sie, betrachtete mit geringschätziger Wehmut die Tanzpaare.
- Blöd, bei der Hitze zu tanzen, sagte sie traurig.
Er sah auf, fixierte eine aparte kleine Mulattin, schlank und drahtig und halb nackt
in den Armen ihres Partners.
- Kommt drauf an, sagte er.
Schwere, bittere Enttäuschung. Die Musik, sein festgenagelter Blick, dass man
nicht geliebt wurde, dass man nicht liebte. Hitze. Eine schwache, leise bohrende Qual.
Sie verging nicht. Verstimmt tappten sie durch die dunklen Straßen.

Grundwortschatz

- Die Betäubung; die Enttäuschung; die Glut; der Rausch; die Verschmelzung; die
Wehmut;
- aufsehen; beleidigen; beteuern, tappen;
- apart; drahtig; festgenagelt; geringschätzig; sanft; roh; verstimmt; zärtlich;
- den Weg bahnen; es kommt darauf an.

Wortschatzaufgaben

1. Machen Sie eine Liste von sechs bis acht Adjektiven oder Partizipien aus dem Text
(es gibt mindestens zehn solche Wörter!) Beispiele:
glänzend = Partizip Präsens (Partizip I)
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beleidigt = Partizip Perfekt (Partizip II)
2. Schreiben Sie kurze Beispielsätze mit fünf Adjektiven oder Partizipien, die Sie für
den aktiven Sprachgebrauch lernen wollen. Beispiele:
Sie hat glänzende Noten bekommen. Er machte ein beleidigtes Gesicht. Wir konnten
uns nur das billigste Hotelzimmer leisten.
3. Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie
im Text sechs bis acht Adjektive, die positive oder negative Stimmungen oder
Haltungen beschreiben und die Sie für den aktiven Sprachgebrauch lernen wollen.
Bilden Sie kurze Wortverbindungen (Adjektiv + Substantiv) mit diesen Adjektiven.
Beispiele:
- mit sanfter Stimme; ein zärtlicher Mensch.

Leseverstehen

1. Das Protagonistenpaar sieht diesen Film, betritt nach dem Film ebenfalls eine Bar.
Er ist für sie eine schwere Enttäuschung und sie betrachtet mit Wehmut die tanzenden
Paare, welche zur Musik tanzen.
2. Suchen Sie im ersten Teil Ausdrücke oder Sätze, die Ihrer Meinung nach die
Stimmung des ersten Teils am besten beschreiben. Tun Sie dasselbe für den zweiten
Teil.
3. Wie und warum sind die Stimmung und die Beziehung zwischen diesen beiden
Menschen im zweiten Teil anders als im ersten Teil?
4. Warum heißt der Text „Imitation“ und welche Textstellen weisen darauf hin?
Z. B.: Die Imitation wird bei folgenden Textstellen ersichtlich:
1. Teil und 2. Teil: Sie betraten die Bar und....; schwere...; die Musik
Danach werden die zwei verschiedenen Teile mit klaren Gegensätzen weitergeführt:
1. Teil: er leitete sie sanft 2. Teil: sie hinter ihm her
1. Teil: intimer Nischentisch 2.Teil: er fand keinen guten Platz
1. Teil: sein Augen waren zärtlich und roh, besitzergreifend..
2.Teil: mit seinem finsteren Gesicht, den unvergnügten Lippen.
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1. Teil: er fragte, ob sie tanzen wolle
2. Teil: mit geringschätziger Wehmut betrachtete sie die Tanzpaare
1. Teil: Schwere, süsse Betäubung. Die Musik, sein Atem, ihr Parfüm, Augen, Hände,
Wärme. Ein Rausch.
2. Teil: Schwere, bittere Enttäuschung, Die Musik, sein festgenagelter Blick (an der
Mulattin),dass man nicht geliebt wurde, dass man nicht liebte. Hitze. Eine schwache,
leise bohrende Qual.
1. Teil: Verschmelzung der Lippen.
2. Teil: Verstimmt tappten sie durch die Strassen.
Im nicht realen Leben der Kinowelt betritt ein Pärchen eine Bar. Sie ist schwer in ihn
verliebt und sie tanzen eng umschlungen zur Musik.
Setzen Sie diese Liste fort.

Mit eigenen Worten

Erklären Sie die folgenden Stellen im Text, indem Sie von den Gedanken und
Absichten der Hauptpersonen erzählen. Beispiel:
Sie betraten die Bar, und sanft leitete er sie an einen intimen Nischentisch.
Er wollte mit ihr allein etwas trinken. Er wollte sie besser kennen lernen.
1. You are terribly sweet, sagte er leise.
2. Er verging nicht. Im Taxi brachte er sie nach Haus. Sie wohnte allein. Darf ich?
O nein. Nur eine Tasse Kaffee. Bitte!
3. Er durfte.
4. Hübscher Film, sagte sie.
- Na, reichlich dick aufgetragen, brummte er.
- Was willst du, Kitsch ist's immer.

Diskussion

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1. Diskutieren Sie darüber, inwiefern der zweite Teil dieser Geschichte eine
„Imitation" ist. Durch welche Wörter und sprachlichen Mittel kontrastiert die Autorin
die beiden Teile der Geschichte?
2. Warum sagt „er" auf englisch: „You are terribly sweet"?
3. Am Ende „tappten sie durch die dunklen Straßen". Wie könnte es Ihrer Meinung
nach weitergehen?
4. Gefällt Ihnen diese Geschichte? Warum (nicht)? Finden Sie die Geschichte
glaubwürdig? Warum (nicht)? Begründen Sie Ihre Meinung.

Aufsatzthemen

1. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie Ihre Rezension im Kurs vor.
2. Wählen Sie: Brief oder Darstellung
a) Persönlicher Brief
Planen. Schreiben Sie an eine Bekannte/Freundin oder einen Bekannten/Freund:
- Laden Sie sie/ihn für das kommende Wochenende ein.
- Berichten Sie über einen Liebesfilm; geben Sie kurz den Inhalt wieder.
- Äußern Sie einen Vorschlag, was Sie vor oder nach dem Film noch gemeinsam
unternehmen könnten.
Überarbeiten. Bringen Sie Ihren Brief zur nächsten Stunde mit und „schicken“
(geben) Sie ihn dort einem Studenten/einer Studentin, der/die eine Antwort oder mit
einem Gegenvorschlag schreibt.
b) Darstellung
Planen. Stellen Sie in ca. 250 Wörtern „Ihren“ Film dar - nicht unbedingt Ihren
Lieblingsfilm, es kann auch ein wichtiger Flimklassiker oder ein erfolgreicher
aktueller Film über die Liebe sein. Vielleicht können Sie sogar über einen Film
schreiben, den Sie gar nicht gesehen oder gehört haben. Gehen Sie in Ihrem Text so
vor:
- Geben Sie die Geschichte, die der Film erzählt, knapp wieder.

17
- Gehen Sie darauf ein, ob man den Film (für wen?) empfehlen kann und ob bzw.
warum der Film (k)ein Erfolg war, ist oder wird.
Überarbeiten. Lassen Sie Ihren Text von einer anderen Person wiedererzählen oder
auf einer simulierten „Pressekonferenz“ präsentieren. Ist Ihre Liebesgeschichte so
verstanden worden, wie Sie es gemeint haben?
Diese Kurzgeschichte zeigt in einem 1. Teil ein glückliches Paar in einer irrealen
Scheinwelt und in einem 2. Teil ein unglückliches Paar in einer realen Welt, dass für
kurze Zeit diese irreale Scheinwelt genossen hatte. Bei beiden wird deutlich, wie sehr
sie sich in die Scheinwelt hineinversetzt hatten und wie hart es ist, die Realität danach
dann wieder zu akzeptieren. Die Unzufriedenheit wird einem bewusster, je mehr
Zufriedenheit man vorgespielt bekommt.

18
Hans Bender
In der Gondel

Der Gondoliere schwieg und ruderte, bis wir mitten im Canal Grande waren, unter
vielen anderen Gondeln, schaukelnd in den Wellen des Vaporettos, das zur Ca'd'Oro
hinüberpflügte.
Vor dem Rialto erklärte er die Brücke: Sie sei an Stelle einer früheren Holzbrücke
von Antonio da Ponte erbaut, bestehe aus einem einzigen Bogen, und jeder Pfeiler
ruhe auf sechstausend Pfählen.
Als ich Marlen übersetzte, wusste er, dass sie kein Italienisch verstand.
„Ich habe Sie gleich wiedererkannt, als Sie uns ansprachen", sagte ich.
„Ich auch. Fünf Jahre sind es her - und dieses ist der Palazzo Bembo, ein gotischer
Bau des 15. Jahrhunderts von großem ornamentalem Reichtum!"
Marlen konnte sich an den Spitzbögen nicht sattsehen.
„Es war der schönste Sommer Venedigs. Hat es einen Tag geregnet damals?"
„Nein, nie hat es geregnet."
„Dieser Sommer ist kalt. Immerfort Regen, der die Fremden vertreibt."
„Was sagt er jetzt?" fragte Marlen.
„Er spricht vom Wetter. Er ist unzufrieden mit dem Wetter."
„Sind Sie verheiratet?" fragte er.
„Ja."
„Und zur Hochzeitsreise in Venedig?"
„Nein, es ist nicht die Hochzeitsreise. Die war vor drei Jahren schon."
„Was sagt er jetzt?" fragte Marien.
„Der Gondoliere meint, wir wären Hochzeitsreisende."
„Er ist kein Psychologe", sagte Marlen. „Er soll lieber erklären. Ich hätte den
Baedeker einstecken sollen."

19
„Wozu?"
„Ich will wissen, wie die Paläste heißen."
„Du wirst sie doch wieder vergessen."
Er zeigte und erklärte: „Palazzo Dandolo, Palazzo Loredan, Palazzo Farsetti,
Palazzo Grimani. "
Ich glaube, er vergaß nicht einen.
„Sie heißen Enrico?"
Ja."
Da fiel auch mir sein Name wieder ein, gerade im richtigen Moment. „Und Sie
heißen Francesco!"
„Mamma mia! Sie wissen es noch!" „Ein schöner Sommer damals - "
„Palazzo Papadopoli, Palazzo della Madonetta, Palazzo Bernado, Palazzo Corner-
Spinelli!"
„Die Namen brauchst du mir nicht zu übersetzen, die verstehe ich von allein; aber
was sagt er dazwischen?"
„Er erzählt von anderen, die er früher gerudert hat."
„Interessiert dich das?"
„Ich kann ihm nicht verbieten zu erzählen."
„Hat er nicht gesagt, er wird singen?"
„Meine Frau wünscht, dass Sie singen, Francesco!" „Eine strenge Frau", sagte er.
„Ihre Freundin lachte immerfort. Nie hatte ich ein Mädchen in der Gondel, das so viel
lachte! Sie konnte über alles lachen, und die Palazzi haben sie einen Dreck
interessiert."
Er sang „O sole mio".
Die Gondolieri in den Venedig-Filmen haben strahlendere Tenöre. Sie singen in
ein Mikrophon, und die Ateliers haben eine bessere Akustik als der Canal Grande.
„Hoffentlich hört er bald auf", sagte Marlen.
„Du hast es dir doch gewünscht."
„Ein Caruso ist er nicht."

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Francesco hatte verstanden. Er sagte: „Ihrer Freundin damals hat meine Stimme
gefallen, weil sie glücklich war, weil ihr die Welt überhaupt gefallen hat. Und dir,
Enrico, hat sie auch gefallen."
„Mir gefällt deine Stimme auch heute."
„Weißt du noch, wie eifersüchtig du warst?"
„Ich, eifersüchtig?"
„Nun, sie sprach besser italienisch als du. Sie sagte so witzige Dinge, die du gar
nicht alle verstehen konntest. Ihre Mutter war Italienerin."
„Aus Messina war ihre Mutter. Ihr Vater Franzose."
„Du wolltest ins Wasser springen", sagte Francesco. Ich erinnerte mich. Ich spielte
den Eifersüchtigen, weil sie allzu verliebt zu Francesco hinaufblickte, sich allzu gern
mit ihm unterhielt. Sie schürte das Feuer. So war ich. Ich sagte, ich ersäufe mich,
wenn du nicht augenblicklich geradeaus siehst und mich umarmst, wie man sich in
Gondeln zu umarmen hat. Ich sprang auf den Sitz, und sie hielt mich fest, umarmte
mich.
„Was macht er jetzt?" fragte Marlen.
Ich drehte mich um und sah, wie Francesco das Ruder ins Wasser so stellte, zu
beweisen, dass die Lagune nicht tiefer als fünfzig Zentimeter war.
Nichts hatte Francesco vergessen! Alles holte er aus der Erinnerung!
„Er will uns zeigen, wie seicht die Lagune ist."
„Warum zeigt er das?"
„Wir sollen sehen, in der Lagune kann sich nicht einmal ein Nichtschwimmer
ertränken."
„Willst du dich ertränken?"
„Nein", sagte ich. „Mir ist zu kalt dazu."
„Vor fünf Jahren wollte sich einmal einer ertränken", sagte Francesco und lachte.
„Gehört das auch zur Gondelfahrt?" fragte Marlen.
„Francesco ist besonders aufmerksam"
„Und wird alle Aufmerksamkeiten auf die Rechnung setzen!"
„Warum bist du so böse auf ihn?"
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„Er spricht mir zuviel."
Damals hatte Francesco die dreitausend Lire, die wir vor der Fahrt vereinbart

hatten, abgelehnt.
Ein Märchen aus Venedig könnte so anfangen: Es war einmal ein Gondoliere, der
ruderte ein Liebespaar durch den Canal Grande und die Mäanderwindungen der vielen
kleinen Kanäle. Er hatte seine Gondel mit Lampions behängt, er sang „O sole mio", er
ruderte zwei Stunden und wies die dreitausend Lire, die ihm der junge Mann zahlen
wollte, zurück, weil dessen Freundin so hübsch war und wie ein Glockenspiel lachen
konnte. Ja, zuletzt ruderte er die beiden zu einer Osteria, in die sonst keine Touristen
hinkamen, lud sie ein, die halbe Nacht Chianti mit ihm zu trinken, zu lachen, zu
tanzen.
„Warum bist du so schweigsam auf einmal?" fragte Marlen.
„Ich?"
„Auch dein Gondoliere scheint zu schlafen."
„Meine Frau wünscht, dass du ihr sagst, wie die Palazzi rechts und links heißen."
Francesco erklärte mit gewohntem Pathos: „Links sehen Sie den Campo und die
Chiesa San Samuele mit dem typisch venezianisch-byzantinischen Glockenturm aus
dem 12. Jahrhundert. Der Palazzo Grassi folgt, ein besonders schöner Bau, im Innern
mit berühmten Deckengemälden Alessandro Longhis geschmückt ."
Während ich übersetzte, sagte Francesco: „Warum bist du nicht mit ihr gekommen,
einen Ring am Finger?"
„Und der Palast dort rechts?"
Diesmal war ich dankbar für Marlens Einwurf .
„Meine Frau will wissen, wie der Palazzo dort heißt."
„Es ist der Palazzo Rezzonico, ein Werk Longhenas."
Wir waren nun fast am Ende des Kanals. Es war dunkel geworden, dunkler durch
Regenwolken, die vom Westen heraufzogen. Die Kuppel von Santa Maria della
Salute strahlten Scheinwerfer an.
„Steigen wir am Markusplatz aus?" fragte Marlen.
22
„Wenn du willst -"
„Ich friere, und es sieht aus, als regne es gleich."

„Hier hielten wir damals lange, weißt du noch Enrico?"


„Ich weiß."
„Alle Liebespaare halten hier an, die Kuppel von Santa Maria della Salute zu
betrachten. Auch Noёlly wollte, dass -"
Francesco biss sich auf die Zunge, weil ihm der Name, den wir bisher vermieden
hatten, entfallen war.
„Noёlly -"
„Wer ist Noёlly?" fragte Marlen.
„Noёlly: Es ist der Name eines Mädchens -"
„Welches Mädchens?"
„Seiner Frau vielleicht", sagte ich schlagfertig,
„Noёlly e mia moglie", sagte Francesco.
„Nein, das ist nicht wahr!"
„Es ist wahr. - Sie ist ein Jahr später wiedergekommen. Allein."
„Was sagt der grässliche Mensch?"
„Von seiner Frau erzählt er."
„Immer erzählt er Dinge, die uns nichts angehen. - Sind wir nicht bald da?"
„Bald, Marlen."

Grundwortschatz

- die Brücke; der Einwurf; das Holz; die Osteria; der Pfeiler; der Pfahl; der
Reichtum; das Ruder; der Scheinwerfer; der Spitzbogen;
- ablehnen; aufhören; bestehen aus Dat.; beweisen; einfallen; einstecken; sich
ersäufen; sich ertränken; rudern; schaukeln; schweigen; schüren; pflügen;
vereinbaren, vermeiden; vertreiben;
- eifersüchtig; gewohnt; grässlich; schlagfertig; seicht; witzig;
23
- es geht mich nichts an; einen Dreck interessieren; das Feuer schüren.

Wortschatzaufgaben

l. Mit welchen Personen im Text assoziieren sie folgende Wörter und Ausdrücke?
Machen Sie mit diesen Wörtern Aussagen über die Geschichte. Sie sollen nicht Wort
für Wort wiederholen, was im Text steht, sondern Ihre eigenen Sätze bilden.
- mit Pathos; sich an etwas sattsehen; einstecken; streng (sein); ablehnen;
wiedererkennen; vereinbaren; betrachten; eifersüchtig (sein); umarmen.
2. Suchen Sie sechs Substantive im Text, die mit der Stadt Venedig zu tun haben.
3. Lernen Sie diese Wörter.

Leseverstehen

Suchen Sie im Text mindestens sieben Unterschiede zwischen dieser Gondelfahrt und
der Gondelfahrt vor fünf Jahren. Beschreiben Sie diese Unterschiede mit Ihren
eigenen Worten. Beispiel:
Damals war das Wetter wunderschön. Jetzt ist es kalt, und es regnet jeden Tag.

Mit eigenen Worten

Kommentieren Sie jede Stelle mit Ihren eigenen Worten. Erklären Sie, wer mit wem
spricht.
1. Da fiel auch mir sein Name wieder ein, gerade im richtigen Moment. „Und Sie
heißen Francesco!“
2. „Eine strenge Frau“, sagte er. „Ihre Freundin lachte immerfort. Nie hatte ich ein
Mädchen in der Gondel, das so viel lachte! Sie konnte über alles lachen, und die
Palazzi haben sie einen Dreck interessiert.“
3. „Er will uns zeigen, wie seicht die Lagune ist.“
24
„Warum zeigt er das?“
„Wir sollen sehen, in der Lagune kann sich nicht einmal ein Nichtschwimmer
ertränken.“
„Willst du dich ertränken?“
„Nein“, sagte ich. „Mir ist zu kalt dazu.“
4. „Was sagt der grässliche Mensch?“
„Von seiner Frau erzählt er.“
„Immer erzählt er Dinge, die uns nichts angehen.“
5. Ich sagte, ich ersäufe mich, wenn du nicht augenblicklich geradeaus siehst und
mich umarmst, wie man sich in Gondeln zu umarmen hat.
6. Während ich übersetzte, sagte Francesco: „Warum bist du nicht mit ihr
gekommen, einen Ring am Finger?"
„Und der Palast dort rechts?"
Diesmal war ich dankbar für Marlens Einwurf.
7. „Francesco ist besonders aufmerksam."
„Und wird alle Aufmerksamkeiten auf die Rechnung setzen!"

Diskussion

1. Die starke Wirkung dieser Geschichte liegt zum Teil darin, dass Marlen nicht
versteht, worüber (und über wen) der Gondelfahrer Francesco und Enrico (Heinrich)
sich eigentlich unterhalten. Manchmal sagt und meint Marlen etwas, was im Kontext
des Gesprächs zwischen Francesco und dem Erzähler eine andere, sogar ironische
Bedeutung haben kann. Suchen Sie mindestens drei solche Stellen und erklären Sie
sie.
2. Vergleichen Sie die beiden Frauen. Zum Beispiel, die eine Frau ist „streng",
während die andere damals „witzige Dinge" sagte. Erklären Sie, wie jede dieser
beiden Frauen Venedig erlebt. Finden Sie es wichtig, dass sie aus verschiedenen
Ländern stammen? Erzählen Sie, ob eine dieser Frauen Ihnen besser gefällt und wenn
ja, dann warum.
25
3. Kommentieren Sie:
„Mir ist zu kalt dazu" (der Erzähler zu Marlen).
4. Beschreiben Sie die Stimmung des Erzählers auf der zweiten Gondelfahrt. Ist er
glücklich verheiratet? Wäre er mit Noёlly glücklicher gewesen?
5. Finden Sie Francescos Benehmen glaubhaft? Warum erinnert er den Erzähler
immer wieder an die Gondelfahrt vor fünf Jahren? Er hätte doch schweigen können.
Ist Noёlly wirklich Francescos Frau geworden? Ändert es etwas an der Geschichte,
wenn Francesco hier lügt?
6. Erzählen Sie, was Sie in Venedig sehen und tun würden. Wenn Sie nichts von
Venedig wissen, dann sollten Sie ein Buch darüber aus der Bibliothek holen und sich
über diese Stadt informieren.

Aufsatzthemen

1. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie Ihre Rezension im Kurs vor.
2. Sie sind Marlen und erzählen einer Freundin in einem Brief von der Gondelfahrt.
3. Berichten Sie über eine Fahrt (mit dem Auto, Schiff, Flugzeug, mit der Gondel
usw.), die Sie einmal gemacht haben.

26
Max von der Grün

Versteckt hinter Masken stellt von der Grün zwei Menschen dar, die nicht zueinander
kommen, da keiner wagt, vor dem anderen das wahre Gesicht zu zeigen. Es ist ihnen
unmöglich, voreinander ihr wahres Leben zu bejahen.

Masken

Sie fielen sich unsanft auf dem Bahnsteig 3a des Kölner Hauptbahnhofs in die
Arme und riefen gleichzeitig: Du?! Es war ein heißer Julivormittag, und Renate wollte
in den D-Zug nach Amsterdam über Aachen, Erich verließ diesen Zug, der von
Hamburg kam. Menschen drängten aus den Wagen auf den Bahnsteig, Menschen vom
Bahnsteig in die Wagen, die beiden aber standen in dem Gewühl, spürten weder Püffe
noch Rempeleien und hörten auch nicht, dass Vorübergehende sich beschwerten, weil
sie ausgerechnet vor den Treppen standen und viele dadurch gezwungen wurden, um
sie herumzugehen. Sie hörten auch nicht, dass der Zug nach Aachen abfahrbereit war,
und es störte Renate nicht, dass er wenige Sekunden später aus der Halle fuhr.
Die beiden standen stumm, jeder forschte im Gesicht des anderen. Endlich nahm
der Mann die Frau am Arm und führte sie die Treppen hinunter, durch die Sperre, und
in einem Cafe in der Nähe des Doms tranken sie Tee.
„Nun erzähle, Renate. Wie geht es dir. Mein Gott, als ich dich so plötzlich sah ...
du ... ich war richtig erschrocken. Es ist so lange her, aber als du auf dem Bahnsteig
fast auf mich gefallen bist..."
„Nein", lachte sie, „du auf mich."
„Da war es mir, als hätte ich dich gestern zum letzten Male gesehen, so nah warst
du mir. Und dabei ist es so lange her..."
„Ja", sagte sie. „Fünfzehn Jahre."

27
„Fünfzehn Jahre? Wie du das so genau weißt. Fünfzehn Jahre, das ist ja eine
Ewigkeit. Erzähle, was machst du jetzt? Bist du verheiratet? Hast du Kinder? Wo
fährst du hin?"...
„Langsam Erich, langsam, du bist noch genau so ungeduldig wie vor fünfzehn
Jahren. Nein, verheiratet bin ich nicht, die Arbeit, weißt du. Wenn man es zu etwas
bringen will, weißt du, da hat man eben keine Zeit für Männer."
„Und was ist das für Arbeit, die dich von den Männern fernhält?"
Er lachte sie an, sie aber sah aus dem Fenster auf die Tauben. „Ich bin jetzt Leiterin
eines Textilversandhauses hier in Köln, du kannst dir denken, dass man da von
morgens bis abends zu tun hat und ..."
„Donnerwetter!" rief er und klopfte mehrmals mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Donnerwetter! Ich gratuliere."
„Ach", sagte sie und sah ihn an. Sie war rot geworden.
„Du hast es ja weit gebracht, Donnerwetter, alle Achtung. Und jetzt? Fährst du in
Urlaub?"
„Ja, vier Wochen nach Holland. Ich habe es nötig, bin ganz durchgedreht. Und du,
Erich, was machst du? Erzähle. Du siehst gesund aus."
Schade, dachte er, wenn sie nicht so eine Bombenstellung hätte, ich würde sie jetzt
fragen, ob sie mich noch haben will. Aber so? Nein, das geht nicht, sie würde mich
auslachen, wie damals.
„Ich?" sagte er gedehnt, und brannte sich eine neue Zigarette an. „Ich ... ich ... Ach
weißt du, ich habe ein bisschen Glück gehabt. Habe hier in Köln zu tun. Habe
umgesattelt, bin seit vier Jahren Einkaufsleiter einer Hamburger Werft, na ja, so was
Besonderes ist das nun wieder auch nicht."
„Oh", sagte sie und sah ihn starr an und ihr Blick streifte seine großen Hände, aber
sie fand keinen Ring. Sie erinnerte sich, dass sie vor fünfzehn Jahren nach einem
kleinen Streit auseinandergelaufen waren, ohne sich bis heute wiederzusehen. Er hatte
ihr damals nicht genügt! Der schmalverdienende und immer ölverschmierte Schlosser.
Er sollte es erst zu etwas bringen, hatte sie ihm damals nachgerufen, vielleicht könne

28
man später wieder darüber sprechen. So gedankenlos jung waren sie damals. Ach ja,
die Worte waren im Streit gefallen und trotzdem nicht böse gemeint. Beide aber
fanden danach keine Brücke mehr zueinander. Sie wollten und wollten doch nicht.
Und nun? Nun hatte er es zu etwas gebracht.
„Dann haben wir ja beide Glück gehabt", sagte sie und dachte, dass er immer noch
gut aussieht. Gewiss, er war älter geworden, aber das steht ihm gut. Schade, wenn er
nicht so eine Bombenstellung hätte, ich würde ihn fragen, ja, ich ihn, ob er noch an
den dummen Streit von damals denkt und ob er mich noch haben will. Ja, ich würde
ihn fragen. Aber jetzt?
„Jetzt habe ich dir einen halben Tag deines Urlaubs gestohlen", sagte er und wagte
nicht, sie anzusehen.
„Aber Erich, das ist doch nicht so wichtig, ich fahre mit dem Zug um fünfzehn
Uhr. Aber ich, ich halte dich bestimmt auf, du hast gewiss einen Termin hier."
„Mach dir keine Sorgen, ich werde vom Hotel abgeholt. Weißt du, meinen Wagen
lasse ich immer zu Hause, wenn ich längere Strecken fahren muss. Bei dem Verkehr
heute, da kommt man nur durchgedreht an."
„Ja", sagte sie. „Ganz recht, das mache ich auch immer so." Sie sah ihm nun direkt
ins Gesicht und fragte: „Du bist nicht verheiratet? Oder lässt du Frau und Ring zu
Hause?" Sie lachte etwas zu laut für dieses vornehme Lokal.
„Weißt du", antwortete er, „das hat seine Schwierigkeiten. Die ich haben will, sind
nicht zu haben oder nicht mehr, und die mich haben wollen, sind nicht der Rede wert.
Zeit müsste man eben haben. Zum Suchen, meine ich. Zeit müsste man haben." Jetzt
müsste ich ihr sagen, dass ich sie noch immer liebe, dass es nie eine andere Frau für
mich gegeben hat, dass ich sie all die Jahre nicht vergessen konnte. Wieviel?
Fünfzehn Jahre? Eine lange Zeit. Mein Gott, welch eine lange Zeit. Und jetzt? Ich
kann sie doch nicht mehr fragen, vorbei, jetzt wo sie so eine Stellung hat. Nun ist es
zu spät, sie würde mich auslachen, ich kenne ihr Lachen, ich habe es im Ohr gehabt,
all die Jahre. Fünfzehn? Kaum zu glauben.
„Wem sagst du das?" Sie lächelte. „Entweder die Arbeit oder das andere", echote
er.
29
Jetzt müsste ich ihm eigentlich sagen, dass er der einzige Mann ist, dem ich blind
folgen würde, wenn er mich darum bäte, dass ich jeden Mann, der mir begegnete,
sofort mit ihm verglich. Ich sollte ihm das sagen. Aber jetzt? Jetzt hat er eine
Bombenstellung, und er würde mich nur auslachen, nicht laut, er würde sagen, dass ...
ach ... es ist alles so sinnlos geworden.
Sie aßen in demselben Lokal zu Mittag und tranken anschließend jeder zwei
Kognaks. Sie erzählten sich Geschichten aus ihren Kindertagen und später aus ihren
Schultagen. Dann sprachen sie über ihr Berufsleben, und sie bekamen Respekt
voreinander, als sie erfuhren, wie schwer es der andere gehabt hatte bei seinem
Aufstieg.
„Jaja", sagte sie; „genau wie bei mir", sagte er.
„Aber jetzt haben wir es geschafft", sagte er laut und rauchte hastig.
„Ja", nickte sie. „Jetzt haben wir es geschafft." Hastig trank sie ihr Glas leer.
Sie hat schon ein paar Krähenfältchen, dachte er. Aber die stehen ihr nicht einmal
schlecht.
Noch einmal bestellte er zwei Schalen Kognak, und sie lachten viel und laut.
Er kann immer noch so herrlich lachen, genau wie früher, als er alle Menschen einfing
mit seiner ansteckenden Heiterkeit. Um seinen Mund sind zwei steile Falten, trotzdem
sieht er wie ein Junge aus, er wird immer wie ein Junge aussehen, und die zwei steilen
Falten stehen ihm nicht einmal schlecht. Vielleicht ist er jetzt ein richtiger Mann, aber
nein, er wird immer ein Junge bleiben.
Kurz vor drei brachte er sie zum Bahnhof.
„Ich brauche den Amsterdamer Zug nicht zu nehmen", sagte sie. „Ich fahre bis
Aachen und steige dort um. Ich wollte sowieso schon lange einmal das Rathaus
besichtigen."
Wieder standen sie auf dem Bahnsteig und sahen aneinander vorbei. Mit leeren
Worten versuchten sie die Augen des andern einzufangen, und wenn sich dann doch
ihre Blicke trafen, erschraken sie und musterten die Bögen der Halle.
Wenn ich jetzt ein Wort sagen würde, dachte er, dann ...

30
„Ich muss jetzt einsteigen", sagte sie. „Es war schön, dich wieder einmal zu sehen.
Und dann so unverhofft..."
Ja, das war es. Er half ihr beim Einsteigen und fragte nach ihrem Gepäck.
„Als Reisegepäck aufgegeben."
„Natürlich, das ist bequemer", sagte er.
Wenn er jetzt ein Wort sagen würde, dachte sie, ich stiege sofort wieder aus, sofort.
Sie reichte ihm aus einem Abteil erster Klasse die Hand. „Auf Wiedersehen,
Erich ... und weiterhin ... viel Glück."
Wie schön sie immer noch ist. Warum nur sagt sie kein Wort. „Danke, Renate.
Hoffentlich hast du schönes Wetter."
„Ach, das ist nicht so wichtig, Hauptsache ist das Faulenzen, das kann man auch
bei Regen."
Der Zug ruckte an. Sie winkten nicht, sie sahen sich nur in die Augen, solange dies
möglich war.
Als der Zug aus der Halle gefahren war, ging Renate in einen Wagen zweiter
Klasse und setzte sich dort an ein Fenster. Sie weinte hinter einer ausgebreiteten
Illustrierten.
Wie dumm von mir, ich hätte ihm sagen sollen, dass ich immer noch die kleine
Verkäuferin bin. Ja, in einem anderen Laden, mit zweihundert Mark mehr als früher,
aber ich verkaufe immer noch Herrenoberhemden, wie früher, und Socken und
Unterwäsche. Alles für den Herrn. Ich hätte ihm das sagen sollen. Aber dann hätte er
mich ausgelacht, jetzt, wo er ein Herr geworden ist. Nein, das ging doch nicht. Aber
ich hätte wenigstens nach seiner Adresse fragen sollen. Wie dumm von mir, ich war
aufgeregt wie ein kleines Mädchen, und ich habe gelogen, wie ein kleines Mädchen,
das imponieren will. Wie dumm von mir.
Erich verließ den Bahnhof und fuhr mit der Straßenbahn nach Ostheim auf eine
Großbaustelle.
Dort meldete er sich beim Bauführer.
„Ich bin der neue Kranführer."

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„Na, sind Sie endlich da? Mensch, wir haben schon gestern auf Sie gewartet. Also
dann, der Polier zeigt Ihnen Ihre Bude, dort drüben in den Baracken. Komfortabel ist
es nicht, aber warmes Wasser haben wir trotzdem. Also dann, morgen früh, pünktlich
sieben Uhr."
Ein Schnellzug fuhr Richtung Deutz. Ob der auch nach Aachen fährt? Ich hätte ihr
sagen sollen, dass ich jetzt Kranführer bin. Ach, Blödsinn, sie hätte mich nur
ausgelacht, sie kann so verletzend lachen. Nein, das ging nicht, jetzt, wo sie eine
Dame geworden ist und eine Bombenstellung hat.

Grundwortschatz

- das Abteil; der Aufstieg; der Bahnsteig; die Ewigkeit; die Falte; das Gewühl; die
Heiterkeit; die Krähenfältchen; der Pilier; der Puff; die Rempelei; die Schale; die
Strecke; die Sperre; die Taube; das Versandhaus;
- anrucken; anstecken; auffallen; sich beschweren; drängen; dehnen; forschen;
nicken; spüren; stehlen; umsatteln; vergleichen; verschmieren; wagen; zwingen;
- anschließend; ausgerechnet; durchgedreht; gewiss; ölverschmiert; starr; steil;
stumm; ungeduldig;
- der Rede wert sein; durchgedreht sein; die flache Hand; etwas im Ohr haben; j-n
am Arm nehmen; sich (Dat.) eine Zigarette brennen; kaum zu glauben.

Wortschatzaufgaben

1. Füllen Sie die Lücken aus! (..... : eine Endung ; _________: eine Präposition)
An einem heißen Junivormittag begegnete Erich zufällig am Kölner Bahnhof sein...
ehemaligen Freundin Renate. Plötzlich kam ihm die Vergangenheit wieder in den
Sinn. Er erinnerte sich _______ ihr gemeinsames Leben in einer kleinen Wohnung bei
Mainz. Damals war er Schlosser und hatte manchmal den Eindruck, dass Renate sich
sein....... Berufes schämte. Sie konnte sich nicht ________ seine ölverschmierten

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Arbeitsanzüge gewöhnen. Oft zweifelte er ________ ihrer Liebe _______ ihm. Eines
Tages wollte er wissen, ob sie ihn liebte, aber er bekam keine Antwort _______ seine
Frage. Er litt sehr __________ dieser Situation. Renate wurde jeden Tag
unzufriedener und regte sich _________ jede Kleinigkeit auf. Sie beschwerte sich
________ seinen langen Arbeitstag und wunderte sich ___________ seine Müdigkeit.
Aber was Wunder, dass er sich nach einem anstrengenden Arbeitstag ___________
Ruhe sehnte? Dazu kam, dass Renate ihre Freundin Beate _______ ihren Freund
beneidete, der einen gutbezahlten Job hatte. Sie verglich andauernd Erich ________
Beates Freund und träumte __________ einem reichen Freund, der ihr schöne
Geschenken machen würde. Erich wurde immer trauriger und dachte __________
eine Trennung. Als sie eines Tages unverschämt _________ ihn schimpfte, beschloss
er, sie zu verlassen. Danach hatte er weder __________ ihr gesucht noch gefragt und
während fünfzehn Jahre hatte er nichts ____________ ihr gehört. Aber in den letzten
Jahren hatte er immer öfter________ sie gedacht. Was war __________ ihr
geworden? Hatte sie einen Freund, ________ den sie stolz war? Er hatte
__________ein eventuelles Wiedersehen nachgedacht und jetzt stand sie da!

Leseverstehen

1. Lesen Sie den ersten Absatz und stellen Sie Hypothesen auf!

- Vielleicht.....; Wahrscheinlich......; Es ist möglich,dass .....; Möglicherweise....; Wir


können vermuten, dass .....; Vermutlich .....; Es kann sein, es könnte sein,dass .....; Wir
können uns vorstellen,dass .......
2. Lesen Sie weitere 2-3 Absätze und lösen Sie folgende Aufgaben!
- In welchem Satz erfahren wir, welche Beziehung Erich und Renate hatten und was
passiert ist ?
- Fassen sie die damalige Situation kurz zusammen: Wer, wann, was, warum?
Benutzen Sie dabei die in der Aufgabe 1 angegebenen Elemente!

33
a) Vor fünfzehn Jahren (Erich/ Renate/das Liebespaar)
b) Zu dieser Zeit/ damals (Erich/ Schlosser/ sein/ dieser Beruf/ aber/seine Freundin/
nicht gefallen/ oft/ streiten/deswegen)
c) Eines Tages/ heftig streiten/so...dass/ sich trennen
d) Seit dieser Zeit .... 
3. Wer sagt was? Wer denkt was?
Erich: sagt/fragt - dabei denkt
Renate: sagt/fragt - dabei denkt
4. Was erfahren wir über die Situation der beiden Personen heute?
5. Lesen Sie den Text bis zum Ende. Wir erfahren jetzt:

a. Wahrheit und Lüge


Erich glaubt, dass Renate .... (Lüge); Aber in der Tat.... (Wahrheit)
Renate glaubt, dass Renate ... (Lüge); Aber in der Tat ..... (Wahrheit)
b. Was denkt Renate? Was denkt Erich? Beispiel:
Renate denkt: mich auslachen. Er hätte mich ausgelacht.
Erich denkt: mich für einen Versager halten. Sie hätte mich für einen Versager
gehalten.
Mich für dumm halten; sich über mich lustig machen; über mich spotten; mich
verachten; ein Rachengefühl empfinden.
Renate denkt: ein Kraftfahrer nicht genügen; mich auf keinen Fall heiraten; usw...

Textinterpretation

1. Interpretieren Sie: Renates Reaktion - „ ... sie war rot geworden...“


Renates Blick: „... ihr Blick streifte seine großen Hände, aber sie fand keinen Ring.“
Erichs Gedanke: „... ob sie mich noch haben will.“
2. Erich träumt: „Wenn sie nicht so eine Bombenstellug hätte, würde ich sie jetzt

34
fragen, ob sie mich noch haben will.“
„Wir heiraten; ein Haus bauen; eine Familie gründen; Kinder erziehen; die verlo-
rene Zeit nachholen; am Wochenende ins Kino gehen oder aufs Land fahren können:
gemeinsame Pläne schmieden; eine gemeinsame Zukunft planen; das Leben/ schön
sein...; glücklich sein; viel Spaß habe.
3. Erich denkt: „Aber es ist leider nur ein Traum. Sie würde mich nur auslachen...“
- Leider....; Es tut mir leid, dass ...., zu+Inf.; Ich bedauere, ...., zu+Inf.; Ich bereue,
..., zu + Inf.; Bedauerlicherweise ....; Schade, dass ....; Wenn ich + Konj. I Vergangen-
heit.
a) Ich verdiene nicht genug Geld
b) Sie liebt mich nicht mehr
c) Ich habe überhaupt keine Chance bei ihr
d) Sie will einen gut situierten Ehemann
e) Sie findet mich nicht gut genug für sie
f) Sie hat keine Lust, mich zu heiraten
g) Ich bin zu schüchtern, um ihr meine Liebe zu erklären
h) Ich habe Angst, lächerlich zu sein/ mich zu blamieren
4. „Aber ich bin doch Einkaufsleiter geworden. Warum traue ich mich nicht? Warum
wage ich es nicht, ihr meine Liebe zu erklären ?“

Obwohl/( obschon/ obgleich) ...Trotz+G. ...Trotzdem/ doch,/ jedoch, ... zwar, aber ...
a) Ich bin Einkaufsleiter geworden. Ich verdiene noch nicht genug Geld.
b) Ich bin ihr immer noch unterlegen.
c) Ich habe meine gesellschaftliche Position verbessert.
d) Sie würde mich heute noch verachten. Ich bin im Beruf aufgestiegen.
e) Ich habe alle Gründe, stolz auf mich zu sein. Ich bin zu schüchtern.
f) Ich habe kein Selbstvertrauen.
g) Ich bin kein Versager.

35
Diskussion

1. An welchen Stellen wird besonders deutlich, dass Renate und Erich „Masken“
tragen?
1. An welchen Stellen sieht der Leser die Masken schon beinahe fallen? Warum
kommt es dann aber doch nicht dazu?
2. Was wird hier alles hinter Masken versteckt?
3. Welche Mittel setzt der Autor ein, um den beiden vor dem Leser die Maske
abzunehmen? Was unterscheidet ihn von einem Beobachter?
4. Was kann Menschen veranlassen, sich voreinander zu verstecken?
5. Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen Masken das Zusammenleben
erleichtern oder überhaupt erst möglich machen?
6. Setzen Sie den Gedanken fort: „ Ich setze eine Maske auf, wenn…“, „Ich lege
meine Maske ab, wenn…“

Aufsatzthemen

1. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann Ihre Rezension im Kurs vor.
2. Formulieren Sie Ihre Einstellung/Meinung zu folgenden Aussagen der deutschen
Jugendlichen über die Erzählung von Max von der Grün „Masken“:
a) „Die Geschichte will dazu hinführen, zu entdecken, wie sehr wir vom
gesellschaftlich-sozialen Zwang abhängig sind.“
b) „Diese Kurzgeschichte soll uns zeigen, dass Lügen nicht zum gewünschten
Ergebnis führt. Lügen sollte immer die letzte Möglichkeit sein, um sich vor etwas zu
schützen. In Fällen wie diesen ist Lügen völlig verkehrt, weil es genau zum Gegenteil
geführt hat was Erich und Renate wollten.“

36
Siegfried Lenz

Eine Liebesgeschichte

Joseph Waldemar Gritzan, ein großer, schweigsamer Holzfäller, wurde


heimgesucht von der Liebe. Und zwar hatte er nicht bloß so ein mageres Pfeilchen im
Rücken sitzen, sondern, gleichsam seiner Branche angemessen, eine ausgewachsene
Rundaxt. Empfangen hatte er diese Axt in dem Augenblick, als er Katharina Knack,
ein ausnehmend gesundes rosiges Mädchen, beim Spülen der Wäsche zu Gesicht
bekam. Sie hatte auf ihren ansehnlichen Knien am Flüsschen gelegen, den Körper
gebeugt, ein paar Härchen im roten Gesicht, während ihre beträchlichen Arme herrlich
mit der Wäsche hantierten. In diesem Augenblick, wie gesagt, ging Joseph Gritzan
vorbei, und ehe er sich's versah, hatte er auch schon die Wunde im Rücken.
Demgemäß ging er nicht in den Wald, sondern fand sich, etwa um fünf Uhr
morgens, beim Pfarrer von Suleyken ein, trommelte den Mann Gottes aus seinem Bett
und sagte: "Mir ist es", sagte er, "Herr Pastor, in den Sinn gekommen zu heiraten.
Deshalb möchte ich bitten um einen Taufschein."
Der Pastor, aus mildem Traum geschreckt, besah sich den Joseph Gritzan ziemlich
ungnädig und sagte: "Mein Sohn, wenn dich die Liebe schon nicht schlafen lässt, dann
nimm zumindest Rücksicht auf andere Menschen. Komm später wieder, nach dem
Frühstück. Aber wenn du Zeit hast, kannst du mir ein bisschen den Garten umgraben.
Der Spaten steht im Stall."
Der Holzfäller sah einmal rasch zum Stall hinüber und sprach: „Wenn der Garten
umgegraben ist, darf ich dann bitten um den Taufschein?"
"Es wird alles genehmigt wie eh und je", sagte der Pfarrer und empfahl sich.
Joseph Gritzan, beglückt über solche Auskunft, begann dergestalt den Spaten zu
gebrauchen, dass der Garten schon nach kurzer Zeit umgegraben war. Dann zog er,
nach Rücksprache mit dem Pfarrer, den Schweinen Drahtringe durch die Nasen,
melkte die Kuh, erntete zwei Johannisbeerbüsche ab, schlachtete eine Gans und

37
hackte einen Berg Brennholz. Als er sich gerade daranmachte, den Schuppen
auszubessern, rief der Pfarrer ihn zu sich, füllte den Taufschein und übergab ihn mit
sanften Ermahnungen Joseph Waldemar Gritzan. Na, der faltete das Dokument mit
umständlicher Sorgfalt zusammen, wickelte es in eine Seite des Masuren-Kalenders
und verwahrte es irgendwo in der weitläufigen Gegend seiner Brust. Bedankte sich
natürlich, wie man erwartet hat, und machte sich auf zur Stelle am Flüsschen, wo die
liebliche Axt Amors ihn getroffen hatte.
Katharina Knack, sie wusste noch nichts von seinem Zustand, und ebensowenig
wusste sie, was alles er bereits in die heimlichen Wege geleitet hatte. Sie kniete
singend am Flüsschen, walkte und knetete die Wäsche und erlaubte sich in kurzen
Pausen, ihr gesundes Gesicht zu betrachten, was im Flüsschen möglich war.
Joseph umfing die rosige Gestalt - mit den Blicken, versteht sich -, rang ziemlich
nach Luft, schluckte und würgte ein Weilchen, und nachdem er sich ausgeschluckt
hatte, ging er an die Klattkä, das ist: ein Steg, heran. Er hatte sich heftig und lange
überlegt, welche Worte er sprechen sollte, und als er jetzt neben ihr stand, sprach er
so: „Rutsch zur Seite."
Das war, ohne Zweifel, ein unmissverständlicher Satz. Katharina machte ihm denn
auch schnell Platz auf der Klattkä, und er setzte sich, ohne ein weiteres Wort, neben
sie. Sie saßen so - wie lange mag es gewesen sein? - ein halbes Stündchen vielleicht
und schwiegen sich gehörig einander heran. Sie betrachteten das Flüsschen, das
jenseitige Waldufer, sahen zu, wie kleine Gringel in den Grund stießen und kleine
Schlammwolken emporrissen, und zuweilen verfolgten sie auch das Treiben der
Enten. Plötzlich aber sprach Joseph Gritzan: „Bald sind die Erdbeeren soweit. Und
schon gar nicht zu reden von den Blaubeeren im Wald." Das Mädchen, unvorbereitet
auf seine Rede, schrak zusammen und antwortete: „Ja."
So, und jetzt saßen sie stumm wie Hühner nebeneinander, äugten über die Wiese,
äugten zum Wald hinüber, guckten manchmal auch in die Sonne oder kratzten sich am
Fuß oder am Hals.

38
Dann, nach angemessener Weile, erfolgte wieder etwas Ungewöhnliches: Joseph
Gritzan langte in die Tasche, zog etwas Eingewickeltes heraus und sprach zu dem
Mädchen Katharina Knack: „Willst", sprach er, „Lakritz?"
Sie nickte, und der Holzfäller wickelte zwei Lakritzstangen aus, gab ihr eine und
sah zu, wie sie aß und lutschte. Es schien ihr gut zu schmecken. Sie wurde übermütig -
wenn auch nicht so, dass sie zu reden begonnen hätte -, ließ ihre Beine ins Wasser
baumeln, machte kleine Wellen und sah hin und wieder in sein Gesicht. Er zog sich
nicht die Schuhe aus.
Soweit nahm alles einen ordnungsgemäßen Verlauf. Aber auf einmal - wie es zu
gehen pflegt in solchen Lagen - rief die alte Guschke, trat vors Häuschen und rief:
„Katinka, wo bleibt die Wäsch'!" Worauf das Mädchen verdattert aufsprang, den
Eimer anfasste und mir nichts, dir nichts, als ob die Lakritzstange gar nichts gewesen
wäre, verschwinden wollte. Doch, Gott sei Dank, hatte Joseph Gritzan das weitläufige
Gelände seiner Brust bereits durchforscht, hatte auch schon den Taufschein zur Hand,
packte ihn sorgfältig aus und winkte das Mädchen noch einmal zu sich heran,
„Kannst", sprach er, „lesen?"
Sie nickte hastig.
Er reichte ihr den Taufschein und erhob sich. Er beobachtete, während sie las, ihr
Gesicht und zitterte am ganzen Körper.
„Katinka!" schrie die alte Guschke, „Katinka, haben die Enten die Wäsch'
gefressen?!"
„Lies zu Ende", sagte der Holzfäller drohend. Er versperrte ihr, weiß Gott, schon
den Weg, dieser Mensch.
Katharina Knack vertiefte sich immer mehr in den Taufschein, vergass Welt und
Wäsche und stand da, sagen wir mal: wie ein träumendes Kälbchen, so stand sie da.
„Die Wäsch', die Wäsch'", keifte die alte Guschke von neuem.
„Lies zu Ende", drohte Joseph Gritzan, und er war so erregt, dass er sich nicht
einmal wunderte über seine Geschwätzigkeit.
Plötzlich schoss die alte Guschke zwischen den Stachelbeeren hervor, ein

39
geschwindes, üppiges Weib, schoss hervor und heran, trat ganz dicht neben Katharina
Knack und rief: „Die Wäsch', Katinka!" Und mit einem tatarischen Blick auf den
Holzfäller: „Hier geht vor die Wäsch', Cholera!"
O Wunder der Liebe, insbesondere der masurischen, das Mädchen, das träumende,
rosige, hob seinen Kopf, zeigte der alten Guschke den Taufschein und sprach: „Es
ist", sprach es, „besiegelt und beschlossen. Was für ein schöner Taufschein! Ich werde
heiraten." Die alte Guschke, sie war zuerst wie vor den Kopf getreten, aber dann
lachte sie und sprach: „Nein, nein", sprach sie, „was die Wäsch' alles mit sich bringt!
Beim Einweichen haben wir noch nichts gewusst. Und beim Plätten ist es schon
soweit."
Währenddessen hatte Joseph Gritzan wiederum etwas aus seiner Tasche gezogen,
hielt es dem Mädchen hin und sagte: „Willst noch Lakritz?"

Worterklärungen

Masuren: Landschaft im südlichen Ostpreußen, heute Polen


Pfeilchen: Anspielung auf den römischen Liebesgott Amor; in Bildern mit Pfeil und
Bogen dargestellt; vom Pfeil getroffen = verliebt

Grundwortschatz

- Die Auskunft; die Axt; der Eimer; die Ermahnung; die Gnade; der Holzfäller; die
Johannisbeere; der Pfeil; der Spaten; die Stachelbeere; der Steg; der Taufschein;
die Wunde; der Zweifel; der Zustand;
- abernten; drohen; sich einfinden; sich empfehlen; hacken; hantieren; heimsuchen;
kneten; lutschen; melken; schatzen; schlachten; sich versehen; verwahren; walken;
- ansehnlich; beträchtlich; üppig; verdatteret; weitläufig;
- Rücksicht auf Akk. nehmen; nach Rücksprache mit Dat.; mir nichts, dir nichts; zu
Gesicht bekommen; ringen nach Dat.; sich Dat. überlegen.

40
Textverstehen

1. Im ersten Absatz ist die Rede von “beträchtlichen Armen”. Was ist damit gemeint?
Kreuzen Sie die richtige Antwort an.
O betrachtenswerte Arme O beachtenswerte Arme O kräftige Arme
2. Im achten Absatz ist die Rede von einem “unmissverständlichen Satz”. Was ist
damit gemeint? Kreuzen Sie die richtige Antwort an.
O ein eindeutiger Satz O ein verwirrender Satz O ein schwer verständlicher Satz
3. Was bedeutet der Ausdruck “verdattert” im zwölften Absatz? Kreuzen Sie die
richtige Antwort an.
O betrübt O verwirrt O entsetzt
4. Wieso steht am Anfang des Textes “von der Liebe heimgesucht”? Erklären Sie
dies, und ersetzen Sie den Ausdruck durch ein Synonym (= bedeutungsgleicher
Ausdruck).
5. Wo spielt die Geschichte? Welche Hinweise finden Sie im Text? ( kein ganzer Satz
gefordert!)
6. Erklären Sie die Bedeutung des zweiten Satzes mittels eigener Worte.
7. Nennen Sie je ein bedeutungsgleiches Wort zu “demgemäß” beziehungsweise
“dergestalt”
demgemäß:
dergestalt:
8. Die ersten Worte, die Joseph Gritzan zur Katinka sagt, lauten: “Rutsch‘ zur Seite.”
Warum spricht der Holzfäller in diesem Ton mit seiner Angebeteten?
9. Als Joseph Gritzan von Erdbeeren und Blaubeeren spricht, erschrickt das Mädchen?
Warum erschrickt es?
10. Im neunten Absatz taucht das Verb “äugten” zweimal auf. Ersetzen Sie es durch
zwei verschiedene Verben. (kein ganzer Satz gefordert!)
11. Wieso wird Katharina Knack übermütig, als sie Lakritz bekommt?
12. Wieso zieht sich Joseph Gritzan nicht die Schuhe aus?
13. Was bedeutet “das weitläufige Gelände seiner Brust”
41
14. Welche Bedeutung hat der Taufschein in der Erzählung?
15. Wie reagiert Katharina Knack auf den Taufschein?
16. Warum zittert Gritzan am ganzen Körper?
17. Warum lässt sich Katinka auf diese Heirat ein?
18. Wie erklären Sie sich den Gesinnungswandel der alten Guschke am Schluss der
Geschichte?
19. Erklären Sie folgenden Satz, den die alte Guschke am Schluss der Geschichte
spricht: “Was die Wäsch’ alles mit sich bringt. Beim Einweichen haben wir noch
nichts gewusst. Und beim Plätten ist es schon soweit.”
20. Mit welcher Absicht bietet Joseph Gritzan Katharina Knack am Schluss nochmals
Lakritz an?
21. Nennen Sie fünf Eigenschaften, die Gritzan beschreiben. (kein ganzer Satz
gefordert, Aufzählung genügt!)

Diskussion

1. Die Geschichte spielt in den Masuren. Lenz hat einige Züge des Dialekts seiner
Heimat übernommen. Welche erkennen Sie im Text?
2. Die Geschichte ist auch eine liebesvolle Karikatur der Masuren. Welche Züge
wollte der Autor wohl durch Übertreibung hervorheben, besonders betonen?
3. Vergleichen Sie den Text mit denen von G. Wohmann („Imitation“), H. Bander
(„In der Gondel“) und M. von der Grün („Masken). Haben diese Texte etwas
Gemeinsames?
2. Zeigen Sie an einigen Stellen, auf welche Weise der Autor die Personen
charakterisiert! Äußern Sie Ihre Meinung diesbezüglich.

Aufsatzthemen
1. Welche Vorstellung von dem Paar weckt der Autor?
2. Untersuchen Sie den ersten Absatz genauer: Wie kommt die Komik zustande?

42
Margarete Neumann
Der weiße Fiat

Das ist eine merkwürdige und ungewöhnliche Geschichte. Sie hat sich zugetragen
in unserer Stadt, die gerade klein genug ist, dass einer den anderen vom Ansehn kennt,
zu groß aber, damit zu den Gesichtern auch der Name sich einstellt oder gar die
Lebensgeschichte.
In der Bezirkszeitung, im Lokalteil, der für unsere Stadt eingelegt wird, stand eine
Annonce: „Verkaufe Fiat, gut erhalten, zweihundertfünfzig Mark." Nach einigen
Tagen erschien die Anzeige wieder und am Wochenende wurde sie zum drittenmal
abgedruckt.
Gregor S. arbeitet seit einiger Zeit als Redakteur in unserer Stadt. Er ist ein
freundlicher junger Mann, überall beliebt wegen seiner freimütigen, gewinnenden Art,
seiner aufrichtigen Höflichkeit und Anteilnahme.
Und er ist immer ganz dort, wo er eben ist, nur bei diesen Menschen. Es scheint
dann, er habe alle anderen, die ihm gestern noch nahestanden, vollends vergessen.
Jemand, der eine fortdauernde Freundschaft mit ihm wollte, müsste ihn sich ständig
aufs neue mit dem Lasso einfangen.
Dieser Gregor S. las die Annonce dreimal. Zuerst dachte er wie alle anderen an
einen Druckfehler. Sie haben die Nullen vergessen. Beim zweiten Mal: Das ist ja
eigenartig. Sie können doch nicht wieder verdruckt haben. Er telefonierte mit der
Anzeigenabteilung und erfuhr, dass es so richtig sei. Dann ist es, sagte er sich,
höchstens ein Unfallwagen. Als aber der Text noch einmal erschien, beschloss er, der
Angelegenheit nachzugehen.
Nicht, dass er etwa ernstlich geglaubt hätte, er könne für solches Spottgeld ein
Auto erwerben. Oder, vielleicht, saß solche Hoffnung als winziges Fünkchen am
Grund seiner Neugierde, die ihn trieb, nachzuforschen, was es mit dieser
merkwürdigen Sache auf sich habe.

43
Er notierte die Adresse und setzte sich in den Bus, um das Vorstadtviertel zu
erreichen.
Eine ältliche Frau öffnete, nicht dick, eher drall, trotz ihrer Jahre. Die grauen Haare
hatte sie zu Rouladen gerollt um den Kopf gelegt. Sie sprach rasch und bestimmt, ihre
Schnurrbarthärchen zitterten. An den Händen trug sie mehrere Ringe. Der Hitze
halber war sie nur mit einer buntbedruckten Kittelschürze bekleidet, die sie ständig
über den Knien zusammenhielt. „Gewiss“, sagte sie, „sind Sie gekommen, um sich
den Wagen anzusehen.“
Das Fünkchen auf dem Grund seiner Neugierde brannte. Die Frau hatte Wagen
gesagt.
Sie trat zu ihm in den Flur. Es war so ein Wohnblock mit schmalen Terazzo-
treppen, die natürlich von den Bewohnern spiegelblank gebohnert werden, so dass der
Besucher den drohenden Sturz kaum abzuwenden vermag.
Er ließ der Frau den Vortritt. Sie lief behende die Stufen hinab, ohne sich am
Geländer zu halten.
Die Garage lag in der zweiten Querstraße hinter den Wohnblöcken.
„Bitte", sagte die Frau, während sie aufschloss. Gregor traute sich keinen Schritt
näher. Dort stand der Fiat, weiß und glänzend.
„Vielleicht verstehen Sie sich darauf" sagte die Frau, „er hat erst zehntausend
herunter. Sie können sich überzeugen. Mein Mann hat ihn im Winter gekauft. Vorher
hatte er einen Wartburg"
Gregor S. nickte.
„Möchten Sie nicht einmal um den Block fahren?" fragte die Frau. Sie nahm den
Zündschlüssel aus ihrer Kitteltasche.
„Es ist ein schöner Wagen", sagte der junge Mann. „Aber es hat keinen Zweck, ich
kann ihn nicht bezahlen."
„Wieso?" fragte die Frau. „Ich habe doch genau annonciert. Er kostet
zweihundertfünfzig. Und die Garage, wenn Sie wollen, vermiete ich Ihnen zu fünfzig
Mark im Monat. Das ist doch kulant."

44
„Zweihundertfünfzig Mark? Er ist hundertmal soviel wert!"
„Wollen Sie ihn nun kaufen, oder wollen Sie nicht?" sagte die Frau ungeduldig.
Sie hatte die Tür schon aufgemacht und setzte sich auf den Platz neben dem
Fahrer. „Ich habe nämlich keine Erlaubnis, mein Mann, als er noch lebte, wollte es
nicht."
Gregor S. holte tief Luft und stieg ein. Der Motor sprang wunderbar an, der Wagen
glitt sachte auf die Straße, über die Kreuzung und reihte sich ein in den Strom des
Nachmittagsverkehrs auf dem Großen Ring.
„Entschuldigen Sie", sagte Gregor, „ich verstehe noch nicht. Sie wollen diesen
Wagen wirklich für zweihundertfünfzig Mark verkaufen?"
„Das sage ich doch." Die Frau hielt noch immer die bunte Schürze über ihren
Knien zusammen.
Er fuhr aus der Stadt. Sie schwebten vorbei an Gärten mit roten, blauen, violetten
Blüten.
„Wir müssen zurück“, sagte die Frau. „Ich habe Suppe auf dem Herd.“
„Schade“, sagte der junge Mann, „dann muss ich also wenden.“
„Sie können“, sagte die Frau, „den Wagen gleich mitnehmen, wenn er Ihnen so gut
gefällt. Aber Sie müssen den Kaufvertrag vorher unterschreiben. Das ist wichtig."
Gregor nickte unsicher. Gleich würde sich der Pferdefuß an der Sache zeigen.
Aber er war jetzt schon bereit, sich auf allerlei Unbedachtsamkeit einzulassen. Der
Gedanke, dieses Wunderding könnte ihm wirklich zufallen, machte ihm Herzklopfen,
fast Schwindel.
„Sie wundern sich bestimmt", sagte die Frau. „Dabei ist es ganz einfach. Mein
Mann, wissen Sie, ......

Nun, was glauben Sie? Wie könnte eine solche Geschichte weitergehen? Setzen Sie
sich in einer Gruppe mit zwei anderen Personen zusammen. Schreiben Sie in einem
Abschnitt (etwa zehn Sätze), wie sich die Geschichte Ihrer Meinung nach
weiterentwickeln könnte. Bitte nicht in die Geschichte schauen! Dann lesen alle
Gruppen vor, was sie geschrieben haben.
45
Lesen Sie die Geschichte jetzt genau. Achten Sie darauf, ob die Geschichte so
weitergeht, wie Sie gedacht haben.
... hatte noch eine andere. Fünfzehn Jahre lang, immer dieselbe. Zuerst hat er's mir
verschwiegen. Aber dann bin ich dahintergekommen." Sie wandte ihm ihr teigiges
graues Gesicht zu. „Als ich es wusste, ist er zweimal die Woche über Nacht
weggeblieben. Ich hab nichts gesagt. Es hatte doch keinen Zweck."
„Er war Ofensetzer, hatte schön was beiseite gelegt. Als er in Rente ging, war er
schon krank. Im Krankenhaus wollte er dann sein Testament machen, damit meins
gesichert ist, das Haus und das Sparkassenbuch. Und der Erlös vom Verkauf des
Autos, der sollte für sie sein. Er hat mir alles gezeigt im Testament. Und ich hab's
gleich gesehen. Ich meine, wo die Gelegenheit ist, ihr eins auszuwischen. Ich hatte so
lange gewartet, fünfzehn Jahre ... So ist das, junger Mann, verschenken kann ich den
Fiat nicht. Es heißt: verkaufen.
Aber wie teuer, das steht nicht dabei."
Sie strich die Strähne zurück, die ihr in die Stirn gefallen war, sie hatte dabei die
Schürze vergessen. Ihre Knie, das bemerkte er mit einer Art schmerzhaftem Schreck,
der ihm zugleich peinlich war, sahen viel jünger aus als ihr graues, schlaffes Gesicht.
„Sie kaufen also?" fragte die Frau.
„Natürlich", antwortete Gregor rasch. Er dachte, dass er es schnell hinter sich
bringen müsste.

Grundwortschatz

- Die Anteilnahme; der Bezirk; der Erlös; das Geländer; die Kittelschürze; der
Kaufvertrag; die Neugierde; der Ofensetzer; der Pferdefuß; der Schwindel; die
Strähne; das Testament;
- anspringen; beiseitelegen; dahinterkommen; sich auf etw. einlassen; sich
überzeugen; sich zutragen;
- aufrichtig; drall; rasch; kulant; sachte; schlaff;

46
- der Angelegenheit nachgehen; j-m vom Aussehen kennen; j-m den Votritt lassen;
Luft holen; j-m eins auswischen.

Wortschatzaufgaben

1. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und bilden Sie Sätze mit
diesen Wörtern:
a) sich ereignen, passieren; b) j-m nachgehen; c) schnell; leise, leicht, sanft; d)
etspannt, locker, nicht straff.
2. Schreiben Sie zehn Präfixverben aus dem Text heraus, die Sie vorher nicht gekannt
haben, die Sie sich aber jetzt für den aktiven Gebrauch merken wollen. Sehreiben Sie
Sätze mit diesen Verben.
3. Verwenden Sie jedes Adjektiv attributiv mit einem passenden Substantiv. Sie
dürfen auch Substantive benutzen, die nicht hier angegeben sind. Beispiele:
schmal: Sie hatte ein schmales Gesicht.
ständig: Die Studenten haben ständigen Ärger mit dem Fach „Geschichte der
Weltliteratur.“
merkwürdig die Bitte
ungewöhnlich der Druck
beliebt die Entdeckung
aufrichtig die Meinung
fortdauernd die Nachricht
ständig der Herr
winzig die Situation
ältlich die Karriere
glänzend die Politikerin
peinlich das Zimmer

47
Leseverstehen

1. a. Teilen Sie die Geschichte in vier bis fünf Abschnitte, so dass jeder Teil eine
Phase der Handlung enthält.
b. Schreiben Sie eine Überschrift für jeden Teil.
c. Schreiben Sie Stichworte zu jedem Teil. Beispiel:
Gregor/Redakteur eine Annonce lesen /Fiat zu verkaufen nur 250 Mark! /glauben,
dass es ein Druckfehler ist. usw.
2. Partner- oder Gruppenarbeit: Bilden Sie Vierergruppen. Erzählen Sie einander
innerhalb der Gruppe je einen Abschnitt der Geschichte. Verwenden Sie Ihre
Stichworte dabei.

Mit eigenen Worten

1. Suchen Sie fünf bis sieben Sätze oder Stellen im Text, die Sie sprachlich schwierig
finden. Formulieren Sie sie mit Ihren eigenen Worten.
2. Lesen Sie im Kurs die Sätze oder Stellen vor, die Sie ausgesucht haben. Die
anderen StentInnen sollen den Inhalt des Gehörten mit ihren eigenen Worten
schriftlich oder mündlich wiedergeben, ohne dabei den Text zu Hilfe zu nehmen.
Vergleichen Sie Ihre Formulierungen mit denen Iher Kommilitonen.

Diskussion

1. Autoren der DDR sahen eine wichtige Aufgabe der Literatur darin, positive und
negative Bilder des menschlichen Verhaltens in der sozialistischen Gesellschaft zu
schildern. Beurteilen Sie das Verhalten der Frau vor und nach dem Tod ihres Mannes.
Diskutieren Sie darüber, wie diese Frau ihr Leben die letzten fünfzehn Jahre vielleicht
anders hätte führen können.

48
2. Sittliche Werte und Moralvorstellungen spielen in dieser Geschichte eine
entscheidende Rolle. Gregor S., so wird es erzählt, arbeitet fleißig und ist überall
beliebt wegen seiner freimütigen, gewinnenden Art, seiner aufrichtigen Höflichkeit
und Anteilnahme. Als Redakteur der Bezirkszeitung trägt er gewisse Verantwortung.
Beurteilen Sie Gregors Verhalten vom moralischen und juristischen Standpunkt aus:
hat er richtig gehandelt? Gibt es für Gregor andere Möglichkeiten, ethisch zu handeln?
Welche Vorurteile spielen hier eine Rolle?
3. Besprechen Sie, wie die Ehefrau beschrieben wird und was die Autorin dadurch
andeuten will. Achten Sie dabei besonders darauf, was für eine Rolle die
„Kittelschürze" und die „Knie“ dieser Frau in der Geschichte spielen.
4. Erklären Sie den letzten Satz der Geschichte. Was muss er „schnell hinter sich
bringen" und warum?
5. Was würden Sie als betrogene(r) Ehepartner(in) in einer ähnlichen Situation tun?
Begründen Sie Ihre Antwort.
6. Wie hätten Sie an Gregors Stelle gehandelt? Begründen Sie Ihre Antwort.

Aufsatzthemen

1. Die Frau hat das Auto jetzt verkauft und schickt das Geld an „die andere".
Schreiben Sie den Brief, den sie dem Geld beilegt.
2. Man sagt auf deutsch: „Rache ist süß" Sind Sie damit einverstanden? Begründen
Sie Ihren Standpunkt mit ein paar Beispielen.
3. Nehmen Sie zu folgender Behauptung Stellung: „Das Automobil ist das wahre
Glück der Menschen“.
4. Was denken Sie über Rache?

49
Su Winter
Die grüne Vase

Sie lagen im Gras unter den Bäumen, der Sommer hatte begonnen. Sie sah hinauf
zu den Blättern, in denen die Sonnenstrahlen spielten. „Phantastisch, dieses grüne
Laubdach“, sagte sie, „diese wundervolle Farbe.“
Er sah sie an. „Nicht nur schön“, antwortete er dann, „sondern überaus wichtig.
Blattgrün absorbiert beispielsweise radioaktive Starahlen aus der Luft. Das
biologische System der Bäume schützt uns vor schädlichen Strahlungen aus dem
Weltraum, um nur einen der vielen Dienste zu nennen, die uns die Bäume täglich
leisten.“
Er war Biologe.
„Das wollte ich in diesem Augenblick nicht unbedingt wissen“, entgegnete sie,
„die Schönheit wollte ich nachempfinden, die der Bäume, der Farben, des
Augenblicks.“
„Wenn du aus der Sicht deines Berufes sprichst, musst du schon gestatten, dass ich
aus der Sicht meines Berufes ergänze.“
„Es war nicht mein Beruf. Nur mein Empfinden.“
„Das ist bei dir doch alles eins, oder? Und bei mir eben auch. Du bist ein Träumer.
Ich bin Wissenschaftler.“
Sie war Künstlerin. Versponnen und phantasiebegabt. Er war Wissenschaftler.
Voller Logik und sachlicher Nüchternheit. Sie lebten in zwei sehr verschiedenen
Welten und hatten doch die des anderen bewundern gelernt, ohne sie je ganz begreifen
zu können.
„Auch in diesem Augenblick brauchst du den Schutz vor der Strahlung“, sagte er.
„Wenigstens in diesem Augenblick solltest du die Schönheit der Welt sehen“, sagte
sie.

50
B
Ein Jahr später lernte er eine junge Dozentin kennen, die in seinem Fach an der
Universität las. Sie verstanden sich sofort, waren sich verwandt von der ersten
Sekunde an.
Plötzlich faszinierte ihn die Welt der Künstlerin nicht mehr. Sie war zu weit weg
von ihm. Er wollte in seine Richtung gehen. Mit dieser Frau konnte er es ganz und
war nicht einsam bei seiner Suche.
Er fand die Worte nicht, seinen Abschied rechtzeitig zu erklären. So kam das Ende
heimlich und böse, und sie erfuhr davon zunächst nur durch ihr sensibles Gespür. Als
sie, misstrauisch geworden, auf seine Wege zu achten begann, sah sie, dass es längst
zu Ende war. Und es traf sie ohne Vorwarnung. Aus allen Himmeln fiel sie auf die
Steine.
Es war wieder Sommer. Sie ging noch einmal zu jenen Bäumen, und auf dem Weg
dorthin schien es ihr, als sei er noch neben ihr wie damals. Sie legte sich in den
Schatten und sah in das grüne Blätterdach hinauf. Erst in diesem Augenblick erkannte
sie, dass er für sie endgültig verloren war. Hier nun, in dieser Sekunde begriff sie es
ganz. Und spürte unbeschreiblichen Hass. „Ich werde ihn umbringen“, sagte sie,
maßlos in ihrer Wut.
Unwillkürlich dachte sie wieder an jenes Gespräch vor einem Jahr. „Grün
absorbiert radioaktive Strahlungen aus der Sonne. Und das biologische System der
Bäume macht sie unschädlich“, hatte er gesagt. Wie gleichgültig war das nun.Wie
unwichtig, ob sie getroffen wurde von schädlicher Strahlung oder nicht. Er war nicht
mehr da. Was interessierte sie da noch ein Weiterleben in solcher Einsamkeit, die ihr
nun geblieben war.
„Ich werde ihn umbringen“, sagte sie wieder und spürte, dass dies das einzige Ziel
wurde, das ihrem Leben noch Sinn zu geben vermochte. Sie erschrack vor sich selbst,
weil sie erkannte, dass es ihr bitter ernst war.
Dann dachte sie wieder an das Gespräch, an die Worte, die er im Schatten der
Bäume gesagt hatte. Die Erinnerung war das letzte, das sie mit ihm verband.

51
Ihn hatte immer das Wesen der Dinge interessiert. Nicht die Farbe allein, die für
sie bereits wichtig gewesen war an allem.
Sie begann nun, suchend noch, seine Gedankengänge nachzuvollziehen mit dem
unbestimmten Wunsch, eine Sekunde lang Forscher zu sein, um etwas
herauszufinden, das ihm zu entdecken nicht gelungen war und das sie gegen ihn
richten konnte, ohne dass er es bemerken würde: Sie sah in das Laub hinauf, in dem
die Sonnenstrahlen spielten und ließ sich gefangennehmen von den flimmernden
Lichtern und dem verwirrenden Hell und Dunkel der Farbe. Nach langer Zeit erhob
sie sich. „Ich werde dich umbringen“, sagte sie noch einmal kalt.
Wenig später begann sie eine große Vase zu bauen. All ihre verlorenen Träume,
ihre ganze Liebe legte sie in die Form, und diese wurde unter ihren Händen zu einem
Kunstwerk. Sie überzog gewölbte Oberfläche mit einem feinen Ornamen, dessen
Zentren winzigen Parabelspiegeln glichen. Aus der Skala all ihrer Farben griff sie
dann nur eine einzige heraus, ein klares, dunkles Grün. Malte diese Farbe auf die
Form und brannte sie ein.

Sein Zimmer lag nach Süden. Auf den kleinenTeetisch, mitten in die Sonne, stellte
sie die große, schöne Vase. Die bauchige Form und das strahlende Grün gaben dem
Raum einen neuen, eigenartigen Reiz.
„Zum Abschied“, sagte sie.
Er küsste sie. Es rührte ihn, dass sie so großmütig sein konnte. Sie ist ein
bewundernswerter Mensch, dachte er.
Er wird sterben, dachte sie.
Die grüne Vase stand auf dem Tisch und spiegelte die Sonnenstrahlen wider, die
reichlich in das Zimmer fielen. Die sachlichen Möbel, die er sich ausgesucht hatte,
verloren sich neben eigenartigen Form, die den Raum beherrschte und den Blick
bannte.

52
„Ein außergewöhnlich schönes Stück“, sagte er, „wie kannst du es mir nur einfach
schenken!“
„Die Idee kam mir unter den Bäumen“, sagte sie, „ich bin ein letztes Mal dort
hingegengen. Es war so schön in jenem Sommer. Und die Vase soll zur Erinnerung
sein.“
„Verzeih mir“, sagte er.
Sie lächelte.
„Tu mir noch einen Gefallen“, bat sie, „die blauen Übergardinen verderben jetzt
das Gesamtbild. Bitte besorge dir grüne, am besten genau in der Farbe der Vase. Es
würde ihre Wirkung noch unterstreichen.“
Er ahnte nichts von dem Doppelsinn des Satzes und versprach es, da ihm die
blauen Gardinen sofort selbst nicht mehr gefielen. In der Woche darauf hängte er
grüne Vorhänge an die Fenster. Wenn die Sonne zu stark schien, zog er die Gardinen
zu. Durch den Stoff gedämpft, fiel moosfarbenes Licht in den Raum und fing sich in
der Vase, die gespenstisch zu schimmern begann. Das feine plastische Ornament fing
das fließende Licht ein und gab es als dünne, helle Strahlen zurück, seltsame Zeichen
auf die Wand malend. Wenn er an seinem Arbeitsplatz saß, fielen diese Lichter auf
ihn selbst und hüllten ihn ein wie in ein zartgewebtes, grünseidenes Spinnennetz.
Manchmal blendeten ihn die Strahlen sekundenlang. Dann sah er von seinen Büchern
auf und betrachtete das eigenartige Gefäß auf dem Teetisch, von dem aus das Licht in
den Raum strahlte. Sah auf die ebenmäßige Form und das feinsinnige, in der Sonne
wie tausend kleine Spiegel leuchtende Muster. Die grüne Vase fesselte seinen Blick
für lange Zeit, und ohne er das hätte begründen können, verursachte sie ihm mit ihren
Lichtern und Dunkelheiten Unruhe und zuweilen eine Angst, die ihn trieb, das Gefäß
fortzunehmen aus seinem Blickfeld. Manchmal schien es ihm, als nähme er
Spannungen wahr, die aus der grünen Form auf ihn übergingen, aber er fand diese
seltsamen Regungen lächerlich und beugte sich dann wieder über seine Arbeit.
Flüchtig dachte er daran, dass das Kunstwerk etwas von der Unergründlichkeit seiner
Schöpferin hatte. Er erinnerte sich an die Künstlerin und ihre seltsamen Phantasien,

53
die er nie ganz begriffen hatte. Und dann dachte er an die Frau, die er liebte, und
vergaß darüber alles und war glücklich und vertiefte sich wieder in seine Arbeit.
Kurze Zeit darauf heiratete er. Und sein Glück war vollkommen. An die Künstlerin
dachte er mit ein wenig Rührung und Dankbarkeit zurück.
Zwei Jahre später begann es, dass er sich müde fühlte, sooft er an seinem
Schreibtisch saß. Er war häufig abgespannt und leicht gereizt. Schlißlich bekam er
Kopfschmerzen in nie gekannter Stärke, die tagelang anhielten. Appetitlosigkeit stellte
sich ein, und er nahm ab. Er schob das auf überarbeitung und griff manchmal zu
schmerstillenden Tabletten. Als er schließlich zum Artzt ging, war es längst zu spät.
Die Metastasen des Tumors hatten bereits seinen ganzen Körper befallen.

Die Künstlerin hatte sich nicht verrechnet: das Grün, das nicht an das biologische
System der Bäume gekettet war, hatte zwar ebenso wie diese alle Strahlung aus der
Luft gesogen, um sie dann jedoch unverändert und gebündelt zurück zu schleudern
auf den, der sich in ihrem Bereich befand.
Und sie kam zu seiner Beerdigung und gab seiner verzweifelten Frau die Hand.
„Wie lieb, dass Sie gekommen sind“, sagte sie unter Tränen, „er hat so oft und so gut
von Ihnen gesprochen. Sie hatten ihm diese wunderbare grüne Vase geschenkt.
Wollen Sie sie als Andenken zurücknehmen?“
„Nein“, antwortete sie, „behalten Sie die Vase. Ich hatte sie damals ihm geschenk,
und jetzt gehört sie Ihnen!“

Grundwortschatz

- Das Laub; der Strahl; der Weltraum; die Nüchternheit; die Vorwarnung; der Hass;
die Wut; das Wesen; der Forscher; die Wirkung; der Stoff; das Gespenst; das
Zeichen; die Seide; die Spinne; das Netz; das Gefäß; die Spannung; die Beerdigung;

54
- schützen; empfinden; gestatten; leisten; begreifen; umbringen; erschrecken;
nachvollziehen; entdecken; gelingen; flimmern; gefangen nehmen; sich erheben;
gleichen; rühren; verderben; sich (Dat.) besorgen; versprechen; ahnen; dämpfen;
einhüllen; weben; fesseln; ketten; verursachen, wahrnehmen; sich einstellen;
abnehmen; sich verrechnen; saugen; schleudern;
- schädlich; versponnen; einsam; heimlich; misstrauisch; endgültig; unwillkürlich;
gleichgültig; bitter; vollkommen; schmerzstillend;
- aus der Sicht; in seine Richtung gehen; aus allen Himmeln auf die Steine fallen;
von Strahlen betroffen sein; einen Gefallen tun.

Wortschatzaufgaben

1. Suchen Sie fünf bis sieben Sätze oder Stellen im Text, die Sie sprachlich schwierig
finden. Schreiben Sie diese Stellen mit Ihren eigenen Worten anders.
2. Lesen Sie im Kurs die Sätze oder Stellen vor, die Sie ausgesucht haben. Die
anderen Studenten sollen den Inhalt des Gehörten mit ihren eigenen Worten schriftlich
oder mündlich wiedergeben, ohne dabei den Text zu Hilfe zu nehmen. Vergleichen
Sie Ihre Formulierungen mit denen Iher Kommilitonen.
3. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und Ausdrücken:
a) die Gründe verstehen, warum es so ist; b) etwas finden, das bisher unbekannt war;
c) aus einer sitzenden oder liegenden Stellung aufstehen; d) ohne Kontakt mit zu
anderen Menschen; e) beim Rechnen einen Fehler machen; f) nicht gewollt, nicht
bewusst; g) von kurzer Dauer und nicht sehr intensiv; h) sich denken oder vorstellen
können, wie etwas gewesen ist; i) etwas systematisch und mit wissenschaftlichen
Methoden untersuchen, um darüber ein bestimmtes Wissen zu bekommen; j) töten.

Leseverstehen

1. Schreiben Sie für jeden Teil der Kurzgeschichte je fünf bis sieben Sätze, die Sie

55
zum Zusammenfassen des Inhalts für nötig halten.
2. Besprechen Sie in der Gruppe was die folgenden Dinge bedeuten und was die
Autorin damit ausdrücken will:
- grüne Blätter der Bäume;
- Wissenschaftler und Künstlerin;
- aus allen Himmeln auf die Erde fallen;
- unbeschreiblicher Hass;
- das Wesen der Dinge;
- verlorene Träume;
- ein Geschenk zum Abschied;
- Doppelsinn;
3. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

56
Für selbstständige Analyse

Heinrich von Kleist


Das Bettelweib von Locarno

Am Fuße der Alpen, bei Locarno im oberen Italien, befand sich ein altes, einem
Marchese gehöriges Schloss, das man jetzt, wenn man vom St. Gotthard kommt, in
Schutt und Trümmern liegen sieht: ein Schloss mit hohen und weitläufigen Zimmern,
in deren einem einst, auf Stroh, das man ihr unterschüttete, eine alte kranke Frau, die
sich bettelnd vor der Tür eingefunden hatte, von der Hausfrau aus Mitleiden gebettet
worden war. Der Marchese, der, bei der Rückkehr von der Jagd, zufällig in das
Zimmer trat, wo er seine Büchse abzusetzen pflegte, befahl der Frau unwillig, aus
dem Winkel, in welchem sie lag, aufzustehen, und sich hinter den Ofen zu verfügen.
Die Frau, da sie sich erhob, glitschte mit der Krücke auf dem glatten Boden aus, und
beschädigte sich, auf eine gefährliche Weise, das Kreuz; dergestalt, dass sie zwar noch
mit unsäglicher Mühe aufstand und quer, wie es vorgeschrieben war, über das Zimmer
ging, hinter dem Ofen aber, unter Stöhnen und Ächzen, niedersank und verschied.
Mehrere Jahre nachher, da der Marchese, durch Krieg und Misswachs, in
bedenkliche Vermögensumstände geraten war, fand sich ein florentinischer Ritter bei
ihm ein, der das Schloss, seiner schönen Lage wegen, von ihm kaufen wollte. Der
Marchese, dem viel an dem Handel gelegen war, gab seiner Frau auf, den Fremden in
dem obenerwähnten, leerstehenden Zimmer, das sehr schön und prächtig eingerichtet
war, unterzubringen. Aber wie betreten war das Ehepaar, als der Ritter mitten in der
Nacht, verstört und bleich, zu ihnen herunter kam, hoch und teuer versichernd, dass es
in dem Zimmer spuke, indem etwas, das dem Blick unsichtbar gewesen, mit einem
Geräusch, als ob es auf Stroh gelegen, im Zimmerwinkel aufgestanden, mit
vernehmlichen Schritten, langsam und gebrechlich, quer über das Zimmer gegangen,
und hinter dem Ofen, unter Stöhnen und Ächzen, niedergesunken sei.

57
Der Marchese erschrocken, er wusste selbst nicht recht warum, lachte den Ritter
mit erkünstelter Heiterkeit aus, und sagte, er wolle sogleich aufstehen, und die Nacht
zu seiner Beruhigung, mit ihm in dem Zimmer zubringen. Doch der Ritter bat um die
Gefälligkeit, ihm zu erlauben, dass er auf einem Lehnstuhl, in seinem Schlafzimmer
übernachte, und als der Morgen kam, ließ er anspannen, empfahl sich und reiste ab.
Dieser Vorfall, der außerordentliches Aufsehen machte, schreckte auf eine dem
Marchese höchst unangenehme Weise, mehrere Käufer ab; dergestalt, dass, da sich
unter seinem eigenen Hausgesinde, befremdend und unbegreiflich, das Gerücht erhob,
dass es in dem Zimmer, zur Mitternachtsstunde, umgehe, er, um es mit einem
entscheidenden Verfahren niederzuschlagen, beschloss, die Sache in der nächsten
Nacht selbst zu untersuchen. Demnach ließ er, beim Einbruch der Dömmerung, sein
Bett in dem besagten Zimmer aufschlagen, und erharrte, ohne zu schlafen, die
Mitternacht. Aber wie erschüttert war er, als er in der Tat, mit dem Schlage der
Geisterstunde, das unbegreifliche Geräusch wahrnahm; es war, als ob ein Mensch sich
von Stroh, das unter ihm knisterte, erhob, quer über das Zimmer ging, und hinter dem
Ofen, unter Geseufz und Geröchel niedersank. Die Marquise, am andern Morgen, da
er herunter kam, fragte ihn, wie die Untersuchung abgelaufen; und da er sich, mit
scheuen und Ungewissen Blicken, umsah, und, nachdem er die Tür verriegelt,
versicherte, dass es mit dem Spuk seine Richtigkeit habe: so erschrak sie, wie sie in
ihrem Leben nicht getan, und bat ihn, bevor er die Sache verlauten ließe, sie noch
einmal, in ihrer Gesellschaft, einer kaltblütigen Prüfung zu unterwerfen. Sie hörten
aber, samt einem treuen Bedienten, den sie mitgenommen hatten, in der Tat, in der
nächsten Nacht, dasselbe unbegreifliche, gespensterartige Geräusch; und nur der
dringende Wunsch, das Schloss, es koste was es wolle, los zu werden, vermochte sie,
das Entsetzen, das sie ergriff, in Gegenwart ihres Dieners zu unterdrücken, und dem
Vorfall irgend eine gleichgültige und zufällige Ursache, die sich entdecken lassen
müsse, unterzuschieben. Am Abend des dritten Tages, da beide, um der Sache auf den
Grund zu kommen, mit Herzklopfen wieder die Treppe zu dem Fremdenzimmer
bestiegen, fand sich zufällig der Haushund, den man von der Kette losgelassen hatte,

58
vor der Tür desselben ein; dergestalt, dass beide, ohne sich bestimmt zu erklären,
vielleicht in der unwillkürlichen Absicht, ausser sich selbst noch etwas Drittes,
Lebendiges, bei sich zu haben, den Hund mit sich in das Zimmer nahmen. Das
Ehepaar, zwei Lichter auf dem Tisch, die Marquise unausgezogen, der Marchese
Degen und Pistolen, die er aus dem Schrank genommen, neben sich, setzen sich,
gegen elf Uhr, jeder auf sein Bett; und während sie sich mit Gesprächen, so gut sie
vermögen, zu unterhalten suchen, legt sich der Hund, Kopf und Beine zusammen
gekauert, in der Mitte des Zimmers nieder und schläft ein. Drauf, in dem Augenblick
der Mitternacht, lässt sich das entsetzliche Geräusch wieder hören; jemand, den kein
Mensch mit Augen sehen kann, hebt sich, auf Krücken, im Zimmerwinkel empor;
man hört das Stroh, das unter ihm rauscht; und mit dem ersten Schritt: tapp! tapp!
erwacht der Hund, hebt sich plötzlich, die Ohren spitzend, vom Boden empor, und
knurrend und bellend, grad als ob ein Mensch auf ihn eingeschritten käme, rückwärts
gegen den Ofen weicht er aus. Bei diesem Augenblick stürzt die Marquise, mit
sträubenden Haaren, aus dem Zimmer; und während der Marquis, der den Degen
ergriffen: wer da? ruft, und da ihm niemand antwortet, gleich einem Rasenden, nach
allen Richtungen die Luft durchhaut, lässt sie anspannen, entschlossen,
augenblicklich, nach der Stadt abzufahren. Aber ehe sie noch einige Sachen
zusammengepackt und aus dem Tore herausgerasselt, sieht sie schon das Schloss
ringsum in Flammen aufgehen. Der Marchese, von Entsetzen überreizt, hatte eine
Kerze genommen, und dasselbe, überall mit Holz getäfelt, wie es war, an allen vier
Ecken, müde seines Lebens, angesteckt. Vergebens schickte sie Leute hinein, den
Unglücklichen zu retten; er war auf die elendiglichste Weise bereits umgekommen,
und noch jetzt liegen, von den Landleuten zusammengetragen, seine weißen Gebeine
in dem Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte
aufstehen heißen.

Erläuterungen

der Marchese [mar´ke:zә] italienischer Adelstitel zwischen Graf und Herzog;


59
entspricht dem deutschen „Markgraf“
weitläufig großräumig, großzügig angelegt(Gebäude, Garten)
verscheiden (gehob.) sterben
sich verfügen (an einen Ort) sich begeben, gehen
die Büchse das Jagdgewehr
getarnt verdeckt, verschleiert
prägnant genau, kurz und zutreffend
die Geballtheit die Verdichtung
das Kreuz Teil des Rückens um das Kreuzbein;
der Misswachs schlechtes Wachstum (von Früchten)
spuken jmd. spukt, geht als Geist um
sich empfehlen (geh.) sich verabschieden
unterschieben heimlich zuschieben, an die falsche Stelle bringen,
vertauschen;
das Fremdenzimmer das Gastzimmer
jmdn. etwas heißen jmandem etwas befehlen, zu etwas auffordern
täfeln (eine Wand, die Zimmerdecke) mit Holztafeln verkleiden
etw. schreckt jmdn. (von etw.) ab etw. hindert jmdn. an seiner Absicht
(das Bett) aufschlagen erharren (geh.) etwas meist für kurze Zeit errichten

Grundwortschatz

- Die Vermögensumstände;
- ausweichen, ausglitschen; betteln; sich einfinden; kauern; knistern; spuken;
verriegeln;
- betreten (Adv.); gebrechlich; verstört; unwillig;;
- hoch und teuer; in Schutt und Asche liegen; mit unsäglicher Mühe aufstehen; unter
Stöhnen und Ächzen; um eine Gefälligkeit bitten; einer Sache auf den Gdrund
gehen/kommen; den Hund von der Kette loslassen;

60
Leseverstehen

1.1. Antworten Sie auf folgende Fragen zum Text:


a) Warum ist es für den Autor so wichtig, genau den Handlungsort anzugeben, wo das
Bettelweib Unterkunft gefunden hat?
b) Was wollte der Marchese von dem Bettelweib?
c) Wie starb das Bettelweib?
d) Was bewog den Marchese, sein Schloss zu verkaufen?
e) Wo wollte der Marchese den Ritter unterbringen? Warum dort?
f) Was geschah um Mitternacht im Zimmer des Ritters?
g) Wie war die Reaktion des Ritters auf das Mitternachtserlebnis im Fremden-
zimmer?
h) Welche Folgen hatte der Vorfall für den Marchese?
i) Welchen Entschluss fasste die Marquise nach der Untersuchung, die ihr Mann
vorgenommen hatte?
j) Wie reagierte der Hund am Abend des dritten Tages auf das mitternächtliche
Spuken?
k) Was unternimmt die Marquise unter dem Eindruck des Erlebten?
l) Welches Ende nahm der Vorfall für den Marchese? Was geschieht mit dem
Schloss?
m) Überlegen Sie dazu: Woher kommen die Geräusche?
n) Findet der Marchese die Lösung? Was geschieht mit dem Schloss?
1.2. Übersetzen Sie den Text von der Stelle "Am Abend des dritten Tages [...]" bis
zum Ende der Novelle in die Muttersprache.
1.3. Bestimmen Sie den Gegenstand des Textes.
1.4. Erstellen Sie eine Gliederung.
1.5. Geben Sie den Inhalt des Textes (die Fabel) wieder.
1.6. Bestimmen Sie den Grundgedanken des Textes.
2. Sprechen Sie anhand des Textes über die Einstellung des Autors zum Dargestellten.
Beachten Sie dabei die Definition des Genres "Novelle" von J. W. Goethe als "sich
61
ereignete unerhörte Begebenheit". Weisen Sie nach, dass die Palette der Töne vom
geheimnisvollen, beunruhigten, erregten, verzweifelten bis zum orakelhaften Ton dem
Wesen dieser Novelle entspricht.
3. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

Aufsatztemen

1. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann diese Rezension im Kurs vor.
2. Formulieren Sie Ihre Einstellung zu folgenden Äußerungen der deutschen Schüler
über die Erzählung von Heinrich von Kleist „Das Bettelweib von Locarno“:
- „Mir erscheint es plausibel anzunehmen, dass Kleist den Leser auf mehreren Ebenen
ansprechen möchte: Erstens will er uns mit einer spannenden Spukgeschichte
unterhalten, dann will er einen aufmerksamen Leser durch Ungereimtheiten im Text
zum Stutzen, Nachfragen und Nachforschen veranlassen.“
- „Kleist möchte uns zum ‚Detektiv Leser’ entwickelen und durch präzise Analysen
der Denk- und Handlungsweise der Hauptperson zu einer möglichen – einleuchtenden
- ‚Lösung’ kommen lassen,“

Diskussion

1. Welche der letzeten drei Erzählungen hat Ihnen am besten gefallen? Warum?
2. Was verbindet diese Erzählungen thematisch?
3. Wie meinen Sie, mit welchen Worten könnte man das Thema der Kurzgeschichten
bezeichnen?

62
KAPITEL 2. MENSCHLICHKEIT UND GÜTE

Barbara Honigmann
Eine Postkarte für Herrn Altenkirch

Als ich nach Brandenburg kam als Dramaturg ans Theater, fragte man mich am
ersten Tag, ob ich ein Leerzimmer oder ein möbliertes Zimmer haben wollte... Ein
Zimmer, das zu einer Wohnung gehört, die Wohnung gehört einer Familie, und wer
immer diese Menschen sein werden, werde ich ihnen dankbar sein, wenn ich die
Wärme ihrer Wohnung mit ihnen teilen kann.
Ich zog zu Herrn Altenkirch in die Hauptstraße 7. Er wohnte im Hinterhof, das
Haus war nur klein, und die Wohnung war warm. Herr Altenkirch heizte jeden
Morgen die Öfen der drei Zimmer: seine „Stube“, sein Schlafzimmer und das
Zimmer, das er vermietete.
Herr Altenkirch war alt und sehr dünn, und wenn er ausging, setzte er den Hut auf,
wie die Männer seiner Generation es zu tun pflegten. Ich glaube, er lebte schon lange
allein dort, ich habe nie erlebt, dass er Besuch bekam, und ein Telefon hatte er auch
nicht. Er sagte bei unserem ersten Gespräch zu mir: „Morgens, nach dem Aufstehen,
wollen wir immer zusammen frühstücken und uns unterhalten. Da habe ich ein
bisschen Gesellschaft.“
So taten wir es auch. Beim Frühstück, dass er immer schon vorbereitet hatte, wenn
ich aus meinem Zimmer kam, unterhielten wir uns, und da zeigte er mir auch sein
Fotoalbum, in das er neben Familienbildern auch Bilder von Künstlern des Theaters
eingeklebt hatte. Zwei von ihnen hatten vor mir bei ihm zur Untermiete gewohnt, eine
Schauspielerin und ein Musiker. Der Musiker war lange sein Untermieter gewesen,
und später, als er schon nicht mehr in Brandenburg war, hat er von Reisen
Ansichtskarten geschickt, die Herr Altenkirch alle aufgehoben und in das Album
eingeklebt hatte. Und als wir sie uns ansahen, dachte ich: Später werde ich auch

63
solche Ansichtskarten an Herrn Altenkirch schreiben, ich werde ihm damit eine
Freude machen, denn er ist doch einsam.
Einmal, als ich vom Theater nach Hause kam. Merkte ich, dass Herr Altenkirch in
der Zwischenzeit meine Schuhe geputzt hatte, ich sagte ihm, dass er das um Gottes
willen nicht tun soll, ich könne doch meine Schuhe sehr gut selber putzen. Aber er bat
mich, ihn zu lassen, es macht ihm Spaß, er hat doch nichts zu tun den ganzen Tag, und
er kann auch nicht so lange schlafen und ist jeden Morgen schon ganz früh wach,
schließlich komme ich doch immer so spät in der Nacht von den Proben nach Hause.
Da soll ich ihm ruhig meine Schuhe einfach draußen stehen lassen, er putzt sie dann
gleich morgens vor dem Frühstück und ich kann sie schon anziehen, wenn ich wieder
ins Theater gehe. Es war mir so unangenehm, mir von ihm, einem alten Mann, die
Schuhe putzen zu lassen, er wollte es aber unbedingt, und so ließ ich es so geschehen,
da es ihm Freude machte und er so stolz war auf die glänzenden Schuhe. Nie wieder
in meinem Leben habe ich glänzende Schuhe gehabt.
Manchmal, wenn ich nachmittags zwischen den Proben nach Hause kam, saß Herr
Altenkirch in seiner „Stube" im Sessel und guckte aus dem Fenster, die Tür zum Flur
ließ er immer auf, so dass er mich gleich sah, wenn ich die Wohnungstür aufschloss,
und er bat mich dann hereinzukommen, und ich erzählte vom Theater, und wir
blätterten zusammen in alten Illustrierten, die da wohl schon sehr lange rumlagen.
Manchmal hatte er auch ein Paket aus dem Westen gekriegt, und das packte er dann
mit mir zusammen aus und gab mir von den Schokoladenriegeln ab und kochte noch
extra einen Nachmittagskaffee.
Aber ich war nur ein kurzes Jahr in Brandenburg, schon vor dem Ende der
Spielzeit ging ich vom Theater dort wieder weg. Es hatte viel Krach gegeben, einen
Prozess sogar. Wir waren eine Gruppe, Schauspieler, Regisseur und Dramaturg, die
alles anders wollte und der Anführer der Gruppe War nun verurteilt worden zu gehen.
Da gingen wir alle mit, aus Solidarität. Nachher allerdings stand jeder für sich allein
da, hatte nichts, fand nichts und musste schließlich ein Engagement annehmen, das
sich bot, wo es auch sei und was es auch sei. Der Anführer der Gruppe zog sich ganz
zurück und lebt, soviel ich weiß, heute als Holzfäller im Walde.
64
Ich zog also wieder weg von Herrn Altenkirch. Ich packte meine Sachen, die ich in
seiner Wohnung ausgebreitet hatte, wieder ein, nahm meine Kunstpostkarten von der
Wand und verabschiedete mich von ihm. Er nahm seinen Hut und brachte mich noch
bis zur Ecke, hinter der die Straße zum Bahnhof führt. An der Ecke blieb er stehen,
und ich ging weiter. Ich drehte mich oft um, der kleine Herr Altenkirch winkte mit
dem Hut, bis ich endgültig in den Bahnhof einging. Und da dachte ich wieder: Ich
werde ihm ab und zu eine Postkarte schicken, wenn ich irgendwo unterwegs bin, ein
Ansichtskarte, einfach einen Gruß:
An Herrn Altenkirch
18 Brandenburg/Havel
Hauptstarße 7

Lieber Herr Altenkirch,


ganz herzliche Grüße aus … sendet Ihnen Ihre ...

Inzwischen sind so viele Jahre vergangen. Herr Altenkirch wird jetzt bestimmt
schon tot sein, und ich habe diese Postkarte nie geschrieben, ich weiß nicht warum,
Einfach weil … weil … und weil …
Aber ich muss mir jetzt immer vorstellen, wie Herr Altenkirch zu der Stunde, wenn
der Briefträger kam, hinunterging und in seinen Kasten schaute, in dem so selten
etwas lag, und wie er hofft, einmal vielleicht von mir eine Ansichtskarte darin zu
finden, aber sie nie fand, und wie dann sicher mit der Zeit die Hoffnung langsam
schwand, aber die Enttäuschung sicher blieb.
Und jetzt tut es mir weh. Bitte, verzeihen Sie mir, Herr Altenkirch.

Grundwortschatz

- Der Briefträger; der Briefkasten; die Illustrierte; der Kasten; der Künstler; die
Probe; der Schauspieler;

65
- aufkleben; aufschließen; einpacken; gucken; mieten; sich verabschieden von Dat.;
vermieten; verzeihen;
- ab und zu; allerdings; endgültig; unbedingt.

Wortschatzarbeit

1. Ergänzen Sie mit den Wörtern aus dem Text folgende Sätze!
In Brandenburg gibt es ein bekanntes Theater, an dem während der Spielzeit viele
____________ und ________________ ein Gastengagement haben. Oft __________
diese Leute Zimmer in der Stadt. Ein Jahr lang ______________ Herr Altenkirch eins
von seinen kleinen Zimmern an eine Dramaturgin vom Theater. Jeden Morgen
frühstücken sie zusammen und _______________ manchmal sein Fotoalbum __.
Herr Altenkirch hat nicht nur Familienfotos in seinem Album, sondern auch
Ansichtskarten, die er darin ______________. Bis spät in die Nacht hat die Mieterin
im Theater _____________, aber __________________ kommt sie auch am Tage für
ein paar Stunden in die Wohnung zurück. Herr Altenkirch mag sehr, wenn sie die Tür
____________________ und Zeit für ihn hat. Manchmal sehen sie sich alte
_____________________ an. Er will auch _______Ihre Schuhe putzen, obwohl die
Mieterin das nicht gern sieht. Eines Tages, lange vor dem Ende der Spielzeit, erzählt
die Mieterin über einen Krach im Theater. Kurz danach ______________ sie ihre
Sachen wieder _______. Sie muss ___ von ihm _____________ und verspricht, ihm
zu schreiben. Herr Altenkirch bringt sie zum Bahnhof und winkt mit dem Hut, bis sie
____________ nicht mehr zu sehen ist. Nach dem Abschied wartet er jeden Tag auf
einen ________ von ihr, aber er hat nie eine Karte von seiner Mieterin erhalten. Sein
____________________bleibt leer. Als die Erzählerin sich an Herrn Altenkirch
erinnert, wird sie traurig und sie bittet ihn, ihr für ihr Schweigen zu
_________________.
2. Verwandte Wörter. Ergänzen Sie die Sätze mit den Wörtern:
die Miete; mieten; der Mieter/die Mieterin; vermieten; der Vermieter/die Vermieterin
a. Ein alter Mann _____________ oft ein Zimmer an die Schauspieler.
66
b. Junge Schauspieler ________________ gern ein Zimmer bei ihm. Denn
___________ ist nicht sehr hoch, und angehende Schauspieler verdienen wie bekannt
sehr wenig.
c. Der alte Mann freut sich, _______________ im Hause zu haben, denn er ist so
einsam.
d. Als ______________ ist der alte Mann freundlich und nett.
3. Adjektive mit dem Suffix –lich. Suchen Sie diese Adjektive im Text heraus und
dann übersetzen Sie sie in die Muttersprache.
4. Grammatik im Kontext. Vergangenheitsformen des Verbs.
Die Autorin beschreibt Ereignisse in der Vergangenheit und gebraucht dabei
hauptsächlich das Präteritum (Imperfekt). Wir finden aber auch andere Zeitformen des
Verbs. Lesen Sie den letzten Teil der Geschichte noch einmal. Beantworten Sie
folgende Fragen zu Form und Funktion der Zeitformen im Text.
a. Suchen Sie vier Verben im Präteritum. Führen Sie ihre Infinitivformen an. Sind die
Verben stark oder schwach?
b. Finden Sie im Text ein Beispiel im Plusquamperfekt. Ist das Verb schwach oder
stark? Warum gebraucht die Autorin diese Zeitform?
c. Finden Sie zwei andere Zeitformen (außer Präteritum und Plusquamperfekt) im
letzten Teil des Textes. Erklären Sie ihre Form und Funktion.
5. Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie
im Text Wörter, die für Sie neu waren und die Sie für den aktiven Sprachgebrauch
lernen wollen. Bilden Sie kurze Sätze mit diesen Vokabeln.

Leseverstehen

A. Fragen zum Inhalt

1. Wie sieht Herr Altenkirch aus? Beschreiben Sie ihn.


2. Wo wohnt Herr Altenkirch? Beschreiben Sie seine Wohnung.

67
3. Wir können die Einsamkeit des alten Mannes begreifen und sie fühlen. Führen Sie
Beispiele an.
4. Wie verlief das gemeinsame Frühstück von Herrn Altenkirch und der Erzählerin?
5. Im Familienalbum von Herrn Altenkirch sind nicht nur Fotos, sonder auch
Ansichtskarten eingeklebt. Welche Rolle spielen sie in seinem Leben?
6. Warum putzt Herr Altenkirch die Schuhe seiner Mieterin? Wie reagiert sie darauf?
Warum?
7. Was macht Herr Altenkirch, wenn er ein Paket bekommt? Inwiefern ist das für
ihn typisch? Warum erwähnt die Erzählerin, dass Pakete aus dem Westen kommen?
8. Warum verlässt die Erzählerin Brandenburg? Welche Probleme hat es im Theater
gegeben?
9. Was zeugt davon, dass der Abschied von der Mieterin Herrn Altenkirch so sehr
schwer fällt?
10. Was verspricht sich die Erz?hlerin beim Abschied von Herrn Altenkirch?
11. Welche Gefühle empfindet die Erzählerin nach vielen Jahren?

B. Rollenspiel

1. Spielen Sie in der Gruppe das Wiedersehen von Herrn Altenkirch und seiner
ehemaligen Mieterin nach zehn Jahren.
2. Sie sind Briefträger und treffen Herrn Altenkirch eines Tages vor seinem
Briefkasten. Worüber beklagt sich der alte Mann und wie tröstet ihn Briefträger?

Mit eigenen Worten

1. Mit welchen Worten zeigt die Autorin die Einsamkeit von Herrn Altenkirch? Wie
sieht er aus? Wie verbringt er seine Zeit? Wie sieht seine Wohnung aus?
2. Was macht Herr Altenkirch für seine Mieterin? Was macht sie für ihn?
3. Kommunikation ist mehr als das gesprochene Wort. Wie wird das in der
Kurzgeschichte gezeigt?
68
4. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

Aufsatzthemen (Briefe schreiben)

1. Tips zum Schreiben: Bevor man zu schreiben beginnt, sollte man sich zuerst über
bestimmte Dinge im Klaren sein: Warum schreibe ich? Was ist der Zweck, was will
ich erreichen? Dann sollte man sich den Empfänger des Briefes vorstellen: Wer ist es
und wie wird er auf meinen Brief reagieren? Was will er wissen? Was weiß er schon?
Was ist für ihn wichtig?
Wenn man also schreiben will, muss man seinen Stil anpassen – und zwar
anpassen an den Empfänger und an den Anlass des Schreibens. Es ist klar, dass man
an seine Großmutter anders schreibt als an das Finanzamt, dass eine Beschwerde in
einem anderen Stil verfasst ist als ein Glückwunsch. Deswegen kann man nicht von
dem Stil in Briefen reden – es gibt viele. Für fast jeden Anlass wählt man bewusst
oder unbewusst eine andere Art zu schreiben, einen anderen Stil.
Wie soll man es nun machen? Soll man schreiebn, wie man spricht, oder sprechen
wie, man schreibt? Dafür gibt es keine Faustregel, aber fest steht, dass ein Brief in
lockerem Ton oft besser ankommt als ein Brief in gedrechseltem Deustch.
Festzustellen ist: Nicht ein einzelnes Wort entscheidet über den Stil und den Ton
eines Briefes,sondern der Gesamteindruck. Der Stil wird von vielen Faktoren
bestimmt, z. B. Von der Wortwahl, vom Satzbau, vom Textaufbau, am stärkesten aber
vom Schreiber und vom Adressaten. Es kommt also darauf an, wer schreibt und an
wen er schreibt. Deshalb: Bewusst und mit Bedacht schreiben, das ist die wichtigste
Stilregel.
Dass man sich klar und genau ausdrücken sollte, ist eine Forderung, die
selbstverständlich ist und immer gilt. Suchen Sie nicht nach irgendwelchen Floskeln,
sondern bleiben Sie lieber bei Ihren eigenen Worten, und versuchen Sie, eine
möglichst unverkrampfte, aber doch eine einwandfreie Sprache zu gebrauchen.
69
2. Schreiben Sie einen Brief, den „sie" am nächsten Tag an „ihn“ schreibt oder „er" an
„sie".
3. Schreiben Sie einen Brief, den „sie" am nächsten Tag an „ihn“ schreibt oder „er" an
„sie"
Fulda, den 30. August 20 . . .
Liebe (Bertha)/Lieber (Bert),
ich glaube, ich möchte (nicht mehr) mit Dir immer zusammen sein. Wie Du Dir ja
denken kannst. . . usw.
Dein (Klaus)/ Deine (Claudia)
Beachten Sie: alle Personalpronomen und Possesivpronomen in der 2. Person
Singular und Plural schreibt man groß (Du, Dich, Dir, Dein; Ihr, Euch, Euer), die
Regel gilt aber nicht für die E-Mails und SMS-Mitteilungen.
3. Schreiben Sie einen Brief, den „sie" am nächsten Tag an „ihn“ schreibt oder „er" an
„sie".
4. Wo lernen Sie neue Menschen kennen? Was machen Sie, wenn Sie zum ersten Mal
mit einer neuen Bekanntschaft gehen?
5. Jemand gefällt Ihnen, und Sie möchten diese Person besser kennen lernen.
Schreiben Sie ihm/ihr und laden Sie ihn/sie ein, mit Ihnen auszugehen (z.B. einen
Ausflug machen, ins Kino oder zu einer Party gehen usw.) oder bedanken Sie sich bei
dieser Person für die Einladung.

a) Nikolajew, den 29. März 2009


Sehr geehrter Herr Joseph,

am Freitag, den 2. Juli 2009 heiratet unsere Tochter. Wir als Brauteltern möchten Sie
ganz persönlich zur Feier einladen, denn Sie haben viele Jahre als Freund des
Hauses den Lebensweg unserer Tochter begleitet. Bitte machen Sie uns die Freude
und nehmen Sie jetzt an ihrer Hochzeit teil.

Tina und Hans Zimmermann


70
b) Nikolajew, den 17. Juni 2009
Liebe Frau Hoffmann

für Ihre freundliche Einladung danken wir Ihnen und nehmen sie gern an. Beim
letzten Mal hat es uns so gut gefallen, dass wir noch heute gerne an den Abend
zurückdenken.
Nochmals herzlichen Dank und auf bald!
Nadja und Norbert Schulz

c) Hallo Peter,

ich denke oft an dich. Träumst du immer noch jede Nacht von deinen Prüfungen? Ich
hoffe, du bist zufrieden mit dem Ergebnis und ärgerst dich nicht mehr über deinen
Professor.
Gestern habe ich lange mit Anna gesprochen. Ich habe mich mit ihr am
Samstagabend verabredet. Wir gehen eine Kleinigkeit essen. Möchtest du
mitkommen? Du hast dich in letzter Zeit kaum um deine Freundinnen gekümmert.
Auch Sandra hat sich über dich beschwert. Also, komm mit! Bitte!
Ich warte auf deine Antwort und freue mich auf dich!

Jana

Diskussion

1. Kennen Sie alte Menschen? Wie ist ihr Leben? Sind sie damit zufrieden, was sie
haben? Sind sie aktiv oder fühlen sie sich einsam und verlassen?
2. Manche alten Leute sind einsam. An wem oder woran liegt das? Diskutieren Sie
darüber im Kurs. Wie ist Ihre Meinung diesbezüglich?

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Susanne Kilian

Marion guckt aus dem Fenster

Marion sitzt direkt unter dem Fenster an ihrem Tisch und macht Hausaufgaben. Es
ist so die Zeit: nach dem Mittagessen, ab zwei bis ungefähr vier, halb fünf, je
nachdem.

Manchmal guckt Marion durchs Fenster in den trüben, grauen Oktobernachmittag.


Und ab drei Uhr guckt sie immer öfter hoch, rüber zu dem Balkon vom Altersheim.
Der liegt genau in ihrem Blickfeld. Die bunten Blumenkästen haben sie längst
reingebracht. Der Balkon ist leer und glänzt dunkel vor Feuchtigkeit. Das ist jetzt
schon der zweite Tag, wo sie nicht kommt. Sie - das ist die alte Frau aus dem Heim
drüben. Marion nennt sie heimlich für sich „die Vogelalte“. Jeden Nachmittag im
Herbst und Winter füttert sie die Vögel. Das läuft Tag für Tag gleich ab: Irgendwann
zwischen drei und vier, immer zwischen drei und vier, nie früher und nie später, geht
drüben die Balkontür auf. Eine dicke, alte Frau, auf zwei Stöcke gestützt - sie hat
jedesmal Schwierigkeiten, entweder mit den Stöcken oder mit der Türklinke -,
watschelt auf den Balkon. An ihrem unförmigen, dicken Körper hängen, krumm und
nach innen gebogen, die Beine, als würden sie sich biegen unter dem Gewicht.
Watscheln ist eigentlich ein lustiges Wort, aber Marion fällt kein anderes ein, das so
genau den Gang der Frau beschreiben könnte. Aber es sieht nicht lustig aus, wie sie
geht. Kein bisschen. Eher sehr beschwerlich.

Zuerst läuft die Frau auf dem Balkon hin und her. Langsam. Ganz langsam. Wie
das Pendel einer riesigen Uhr. Hin-tick, nach links; her-tack, nach rechts. Nach einer
Weile bleibt sie stehen. Direkt am Geländer. Sie hängt ihre beiden Stöcke daran und
stützt sich darauf, hält sich fest und lässt sich vor, zurück, vor, zurück schaukeln.
Dann lehnt sie nur noch vorn mit dem Bauch gegen das Geländer, lässt es los und
kramt mit den Händen in ihren Manteltaschen.

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Marion hat sie noch nie in einem anderen Mantel gesehen: schwarz, oben ein
kleiner Pelzkragen, mit drei riesigen, glänzenden Knöpfen zugeknöpft. Und so
altmodisch! Und nie hat Marion sie etwas anderes aus der Tasche rausholen sehn als
die rote Plastiktüte. Sachte wird sie aufgewickelt. Ein Stück Brot kommt zum
Vorschein. Stückchen für Stückchen wird es mit zittrigen, runzligen Händen
zerkrümelt und fliegt in eine aufgeregt flatternde, nickende, pickende
Vogelversammlung. Tauben und Spatzen zanken sich um das Brot. Und die Alte hört
mittendrin auf und schaut ihnen zu. Dann verteilt sie sehr langsam und bedächtig die
letzten Krümel. Das rote Plastiksäckchcn wird zurückgesteckt. Jetzt läuft alles wieder
genauso ab wie vorher, nur so, als liefe nun der Film rückwärts: Die Alte steckt den
Beutel ein. Schaukelt vor, zurück am Geländer. Nimmt die Stöcke wieder. Läuft hin,
her, hin. Und geht vom Balkon, wobei sie wieder Schwierigkeiten mit der Tür hat.

Und heute ist sie nicht da! Marion schaut nicht jeden Tag so genau nach ihr. Bloß
wenn sie Langeweile hat, guckt sie ihr die ganze Zeit zu. Dann überlegt sie, ob die
Frau wohl Kinder hat? Und wie viele? Wo die wohl wohnen? Ob sie überhaupt
verheiratet war? Sicher war sie früher mal nicht so dick. Und vielleicht ein sehr
schönes junges Mädchen. Bestimmt war sie mal so alt wie Marion, zehn. Und ein
winziges Baby war sie auch mal. Jetzt ist sie dick und alt und ganz allein da auf dem
Balkon.

Marion kann sich richtig vorstellen, wie sie beim Frühstück ihr Brot in das
Plastiksäckchcn schiebt. Bestimmt verstohlen und heimlich. Und wahrscheinlich
lächelt sie ein bisschen dabei, weil sie daran denkt, wie sich am Nachmittag die Vögel
drum streiten werden.

Vielleicht ist sie bloß krank. In einer Woche oder zwei, drei Wochen - bei alten
Leuten dauert das ja immer länger, denkt Marion -, da wird sie wieder drüben stehen.
Aber vier Wochen vergehen, sechs, acht.

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Früher hat Marion nicht jeden Tag auf die Frau gewartet. Sie hat einfach nur
gesehen, wie sie drüben stand, so, wie sie einen Bus oder einen Zug sehen würde, der
an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit täglich eine Stunde steht.

Jetzt wartet Marion. Die Alte fehlt ihr. Sie hatte sich an ihren Anblick, an ihr
Dasein gewöhnt. Und die Alte hatte zu ihrer Umgebung gehört, ohne dass sie es
richtig gemerkt hatte.

Nach einem Vierteljahr wartete Marion nicht mehr. Die Frau war nicht krank
gewesen. Sie war gestorben. Hinter den Fensterscheiben drüben im Altersheim hatte
Marion schon eine Neue gesehen. Zwischen den andern, die sie wie die Vogelalte nur
vom Ansehen kannte. Die Neue fiel durch ihr schneeweißes Haar besonders auf.

Marion würde die Vogelalte nie mehr sehen. Da erst fiel ihr ein, dass sie nicht mal
wusste, wie die Frau geheißen hat. Keinen Namen wusste sie. Nie hatte sie ein Wort
mit ihr gesprochen. Noch nicht mal zugewinkt hatte sie ihr. Dabei war es ihr jetzt, als
wäre etwas, was sie sehr liebhatte, fortgegangen.
Sie dachte, die Frau mit den schneeweißen Haaren wird auch sterben. Sie sind alle
bis zum Tod da drüben. Keine geht einfach so weg. Und immer kommen andere nach.
Es war das erste Mai, dass sie zum Altersheim rüberguckte und so was dachte.

Grundwortschatz

- der Beutel; das Geländer; das Pendel; der Pelzkragen; die Taube; die Tüte; der
Spatz; die Umgebung; der Krümel;
- ablaufen; flattern;füttern; kramen; nicken; schieben; sich stützen; watscheln;
picken; sich zanken um Akk.; zerkrümeln;
- beschwerlich; sachte; ungefähr; je nachdem;
- j-n vom Ansehen kennen; zum Vorschein kommen; im Blickfeld.

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Leseverstehen

I. Lesen Sie den Text „Marion guckt aus dem Fenster“ sorgfältig durch und
bearbeiten Sie dann die folgenden Aufgaben. Bei Nummer 5 können Sie a oder b
wählen.
1. Fassen Sie den Text zusammen.
2. Charakterisieren Sie mit eigenen Worten die „Vogelalte“ aus Marions Sicht.
3. Beschreiben Sie die Wortwahl und den Satzbau und gehen Sie dabei auf die
beabsichtigte Wirkung ein.
4. Welche Absichten könnte die Verfasserin Ihrer Meinung nach mit dem Text
verfolgen?
5. a) Erörtern Sie, wie Sie persönlich dazu beitragen können, die Beziehung zu
älteren Menschen zu verbessern.

oder

b) Schreiben Sie die Geschichte „Marion guckt aus dem Fenster“ inhaltlich
passend weiter - auch Sprache und Stil der hier vorliegenden Geschichte sollten
möglichst beibehalten werden.
II. Weitere Kombinationsmöglichkeiten bei den weiterführenden Fragestellungen zu
diesem Text:
a) Welche Meinung haben Sie zur Aussage „Gerade die Situation älterer Menschen ist
in unserer Gesellschaft als schwierig zu bezeichnen“?

oder

b) In einem Brief an eine gute Freundin schildert Marion ihre Überlegungen und
Zweifel, ob sie zur „Vogelalten“ hätte Kontakt aufnehmen sollen. Wie könnte dieser
Brief aussehen?

75
a) Schreiben Sie der Autorin in einem Brief, warum Ihnen der Text gefallen hat (bzw.
nicht gefallen hat).

oder

b) Auch die alte Frau hat Marion des Öfteren beobachtet und sich Gedanken über sie
gemacht. Verfassen Sie eine kurze Geschichte, in der die Frau ihre Eindrücke von
dem Mädchen schildert.
III. Mögliche Gliederungen zum Textgebundenen Aufsatz (Beispiele)
Beispiel 1:
A. Einleitung: Basisinformationen zum Text
B. Hauptteil
I. Texterschließung
1. Inhalt: Gedanken einer Jugendlichen über eine alte Frau
a) Beschreibung der früheren Beobachtungen
b) Gedanken über das möglichen Leben der Frau
c) Sorgen um die Frau
d) Frustration über den Tod und die verpassten Gelegenheiten, die Frau kennen zu
lernen
2. Charakterisierung der alten Frau aus Sicht der Erzählerin
3. Wortwahl und Satzbau
a) Wortwahl: geprägt von persönlichen Eindrücken
b) Satzbau: auffallend einfacher Satzbau mit einigen Frage- und Ausrufesätzen
4. mögliche Absichten
a) Darstellung der monotonen Alltagssituation mancher älterer Menschen
b) Darstellung einer anonymen Gesellschaft
c) Anregung zum Nachdenken
II. Weiterführende Aufgabe: Fortführung der Geschichte
C. Schluss: Der Generationenkonflikt – in meiner Familie ist dies kein Problem

76
Ilse Aichinger

Das Fenster-Theater

Die Frau lehnte am Fenster und sah hinüber. Der Wind trieb in leichten Stößen
vom Fluss herauf und brachte nichts Neues. Die Frau hatte den starren Blick
neugieriger Leute, die unersättlich sind. Es hatte ihr noch niemand den Gefallen getan,
vor ihrem Haus niedergefahren zu werden. Außerdem wohnte sie im vorletzten Stock,
die Straße lag zu tief unten. Der Lärm rauschte nur mehr leicht herauf. Alles lag zu
tief unten. Als sie sich eben vom Fenster abwenden wollte, bemerkte sie, dass der Alte
gegenüber Licht angedreht hatte. Da es noch ganz hell war, blieb dieses Licht für sich
und machte den merkwürdigen Eindruck, den aufflammende Straßenlaternen unter der
Sonne machen. Als hätte einer an seinen Fenstern die Kerzen angesteckt, noch ehe die
Prozession die Kirche verlassen hat. Die Frau blieb am Fenster.

Der Alte öffnete und nickte herüber. Meint er mich? dachte die Frau. Die Wohnung
über ihr stand leer, und unterhalb lag eine Werkstatt, die um diese Zeit schon
geschlossen war. Sie bewegte leicht den Kopf. Der Alte nickte wieder. Er griff sich an
die Stirne, entdeckte, dass er keinen Hut aufhatte, und verschwand im Innern des
Zimmers.

Gleich darauf kam er in Hut und Mantel wieder. Er zog den Hut und lächelte. Dann
nahm er ein weißes Tuch aus der Tasche und begann zu winken. Erst leicht und dann
immer eifriger. Er hing über die Brüstung, dass man Angst bekam, er würde
vornüberfallen. Die Frau trat einen Schritt zurück, aber das schien ihn nur zu
bestärken. Er ließ das Tuch fallen, löste seinen Schal vom Hals - einen großen bunten
Schal - und ließ ihn aus dem Fenster wehen. Dazu lächelte er. Und als sie noch einen
weiteren Schritt zurücktrat, warf er den Hut mit einer heftigen Bewegung ab und wand
den Schal wie einen Turban um seinen Kopf. Dann kreuzte er die Arme über der Brust
und verneigte sich. Sooft er aufsah, kniff er das linke Auge zu, als herrsche zwischen

77
ihnen ein geheimes Einverständnis. Das bereitete ihr solange Vergnügen, bis sie
plötzlich nur mehr seine Beine in dünnen, geflickten Samthosen in die Luft ragen sah.
Er stand auf dem Kopf. Als sein Gesicht gerötet, erhitzt und freundlich wieder
auftauchte, hatte sie schon die Polizei verständigt.

Und während er, in ein Leintuch gehüllt, abwechselnd an beiden Fenstern erschien,
unterschied sie schon drei Gassen weiter über dem Geklingel der Straßenbahnen und
dem gedämpften Lärm der Stadt das Hupen des Überfallautos. Denn ihre Erklärung
hatte nicht sehr klar und ihre Stimme erregt geklungen. Der alte Mann lachte jetzt, so
dass sich sein Gesicht in tiefe Falten legte, streifte dann mit einer vagen Gebärde
darüber, wurde ernst, schien das Lachen eine Sekunde lang in der hohlen Hand zu
halten und warf es dann hinüber. Erst als der Wagen schon um die Ecke bog, gelang
es der Frau, sich von seinem Anblick loszureißen.

Sie kam atemlos unten an. Eine Menschenmenge hatte sich um den Polizeiwagen
gesammelt. Die Polizisten waren abgesprungen, und die Menge kam hinter ihnen und
der Frau her. Sobald man die Leute zu verscheuchen suchte, erklärten sie einstimmig,
in diesem Hause zu wohnen. Einige davon kamen bis zum letzten Stock mit. Von den
Stufen beobachteten sie, wie die Männer, nachdem ihr Klopfen vergeblich blieb und
die Glocke allem Anschein nach nicht funktionierte die Tür aufbrachen. Sie arbeiteten
schnell und mit einer Sicherheit, von der jeder Einbrecher lernen konnte. Auch in dem
Vorraum, dessen Fenster auf den Hof sahen, zögerten sie nicht eine Sekunde. Zwei
von ihnen zogen die Stiefel aus und schlichen um die Ecke. Es war inzwischen finster
geworden. Sie stießen an einen Kleiderständer, gewahrten den Lichtschein am Ende
des schmalen Ganges und gingen ihm nach. Die Frau schlich hinter ihnen her.

Als die Tür aufflog, stand der alte Mann mit dem Rücken zu ihnen gewandt noch
immer am Fenster. Er hielt ein großes weißes Kissen auf dem Kopf, das er immer
wieder abnahm, als bedeutete er jemandem, dass er schlafen wolle. Den Teppich, den
er vom Boden genommen hatte, trug er um die Schultern, da er schwerhörig war,

78
wandte er sich auch nicht um, als die Männer schon knapp hinter ihm standen und die
Frau über ihn hinweg in ihr eigenes finsteres Fenster sah.

Die Werkstatt unterhalb war, wie sie angenommen hatte, geschlossen. Aber in die
Wohnung oberhalb musste eine neue Partei eingezogen sein. An eines der
erleuchteten Fenster war ein Gitterbett geschoben, in dem aufrecht ein kleiner Knabe
stand. Auch er trug sein Kissen auf dem Kopf und die Bettdecke um die Schultern. Er
sprang und winkte herüber und krähte vor Jubel. Er lachte, strich mit der Hand über
das Gesicht, wurde ernst und schien das Lachen eine Sekunde in der hohlen Hand zu
halten. Dann warf er es mit aller Kraft den Wachleuten ins Gesicht.

Grundwortschatz

- Die Brüstung; der Einbrecher; die Gebärde; das Gitterbett; die Jubel; das Kissen;
die Laterne; das Vergnügen;
- annehmen; aufbrechen; aufflammen; auffliegen; aufhaben; auftauchen; erleuchten;
gewahren; hupen; hüllen; krähen; lehnen; losreißen; ragen; rauschen; schieben;
schleichen; treiben; sich vergnügen; wehen; zögern; zukneifen;
- eifrig; erhitzt; gedämpft; geflickt; geheim; hohl; knapp, schwerhörig; starr,
vergeblich;
- allem Anschein nach; j-m den Gefallen tun; um die Ecke biegen; die Kerzen
anstecken.

Leseverstehen

1. Wie verstehen Sie die Überschrift?


2. Welche Beziehung besteht zwischen den Hauptpersonen der Erzählung? Erstellen
Sie eine Skizze der Figurenkonstellation etwa nach folgendem Muster:
die Frau ___________Beziehung______________der Mann

79
(Eigenschaften) (Eigenschaften)
Welche Rolle spielt das Kind in dieser Beziehung? Berücksichtigen Sie auch das
Zeitmotiv.
3. Beschreiben Sie den Handlungsaufbau. Zeichnen Sie die Spannungskurve, auf der
Sie die wichtigsten Ereignisse eintragen. Wo liegt der Höhepunkt der Handlung?
4. Wie ist der zeitliche Ablauf der Handlung gegliedert? Wo wird sie verlangsamt und
wo gerafft? Untersuchen Sie das Verhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit.
5. Welche Bedeutung hat im Text die Topologie (Räume, Ort, höhere Umgebung,
usw.)? Achten Sie auch auf die Erzählperspektive.
6. Sie haben an diesem Beispiel eine Kurzgeschichte untersucht. Fassen Sie die
Merkmale zusammen, an denen man die Kurzgeschichte erkennt.

Erzählstrukturen

1. Aus welcher Perspektive wird die Handlung erzählt?

2. Welcher verschiedenen Darbietungsformen des Erzählers können Sie feststellen?

Texterfassung

1. Teilen Sie die Geschichte in Sinnabschnitte/Erzählschritte ein.

2. Orientieren Sie sich zunächst an der vom Text vorgegebenen typografischen


Gestalt, indem Sie den Inhalt der von der Autorin gemachten Absätze wiedergeben.

3. Welche Begründungen gibt es für die von der Verfasserin vorgenommene


Absatzgestaltung?

4. Nehmen Sie eine eigenständige Gliederung des Textes nach Sinnabschnitten vor.

5. In welchem Raum, an welchen Orten spielt sich das Geschehen ab?

6. Geben Sie den Text in Form einer Inhaltsangabe wieder.

80
Interpretationsansätze

1. Untersuchen Sie das Verhalten der Frau: Wie verhält sie sich?
2. Welche Motive für ihr Verhalten lassen sich dem Text entnehmen?
3. Untersuchen Sie das Verhalten des Mannes: Wie verhält er sich?
4. Inwiefern zeigt die Autorin mit der Figur des Mannes eine realisierbare
Handlungsalternative zu dem Alltagsverhalten und der Alltagslage der Frau auf?
5. Inwiefern wird die Destruktion eines Vorurteils unmittelbare Leseerfahrung?
6. Halten Sie die dargestellte Problematik für zeitgemäß?
7. Worauf lässt sich Ihrer Ansicht nach die Aussage der Geschichte übertragen?
8. Zeigt die Verfasserin im Verhalten ihrer Figuren Handlungsalternativen auf, um aus
der Isolation herauszukommen?
9. Sammeln Sie sprachliche Beobachtungen unter folgenden Gesichtspunkten: Welche
sprachlichen Merkmale zeigt der Text im Hinblick auf Satzbau und Wortwahl?
10. Inwiefern spiegeln sich die Aussagen des Textes in Satzbau und Wortwahl
wieder?
11. Welche rhetorischen Mittel werden zur Gestaltung der Aussage des Textes
eingesetzt?
12. Was bedeutet in diesem Zusammenhang der Titel der Geschichte?

Aufsatzthemen

1. Verfassen Sie einen Zeitungsbericht, der das Geschehen aus Sicht eines
zugrunde liegenden Polizeiberichts wiedergibt.
2. Verfassen Sie ein Drehbuch für die Verfilmung der Kurzgeschichte.
3. Verfassen Sie einen inneren Monolog, in dem Sie die Gedanken
niederschreiben, die die alte Frau während des Geschehens hat.
4. Charakterisieren Sie eine der beiden Figuren (alter Mann oder alte Frau),
indem Sie sie in Ich-Form vorstellen.

81
Siegfried Lenz

Die Nacht im Hotel

Der Nachtportier strich mit seinen abgebissenen Fingerkuppen über eine Kladde,
hob bedauernd die Schultern und drehte seinen Körper zur linken Seite, wobei sich der
Stoff seiner Uniform gefährlich unter dem Arm spannte.

„Das ist die einzige Möglichkeit", sagte er. „Zu so später Stunde werden Sie
nirgendwo ein Einzelzimmer bekommen. Es steht Ihnen natürlich frei, in anderen
Hotels nachzufragen. Aber ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass wir, wenn Sie
ergebnislos zurückkommen, nicht mehr in der Lage sein werden, Ihnen zu dienen.
Denn das freie Bett in dem Doppelzimmer, das Sie - ich weiß nicht aus welchen
Gründen - nicht nehmen wollen, wird dann auch einen Müden gefunden haben.

„Gut", sagte Schwamm, „ich werde das Bett nehmen. Nur, wie Sie vielleicht
verstehen werden, möchte ich wissen, mit wem ich das Zimmer zu teilen habe; nicht
aus Vorsicht, gewiss nicht, denn ich habe nichts zu fürchten. Ist mein Partner - Leute,
mit denen man eine Nacht verbringt, könnte man doch fast Partner nennen - schon
da?"

„Ja, er ist da und schläft."


„Er schläft", wiederholte Schwamm, ließ sich die Anmeldeformulare geben, füllte
sie aus und reichte sie dem Nachtportier zurück; dann ging er hinauf.

Unwillkürlich verlangsamte Schwamm, als er die Zimmertür mit der ihm genannten
Zahl erblickte, seine Schritte, hielt den Atem an, in der Hoffnung, Geräusche, die der
Fremde verursachen könnte, zu hören, und beugte sich dann zum Schlüsselloch hinab.
Das Zimmer war dunkel. In diesem Augenblick hörte er jemanden die Treppe
heraufkommen, und jetzt musste er handeln. Er konnte fortgehen, selbstverständlich,
und so tun, als ob er sich im Korridor geirrt habe. Eine andere Möglichkeit bestand

82
darin, in das Zimmer zu treten, in welches er rechtmäßig eingewiesen worden war und
in dessen einem Bett bereits ein Mann schlief.

Schwamm drückte die Klinke herab. Er schloss die Tür wieder und tastete mit
flacher Hand nach dem Lichtschalter. Da hielt er plötzlich inne: neben ihm - und er
schloss sofort, dass da die Betten stehen müssten - sagte jemand mit einer dunklen,
aber auch energischen Stimme:

„Halt! Bitte machen Sie kein Licht. Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie
das Zimmer dunkel ließen."

„Haben Sie auf mich gewartet?" fragte Schwamm erschrocken; doch er erhielt
keine Antwort. Statt dessen sagte der Fremde:

„Stolpern Sie nicht über meine Krücken, und seien Sie vorsichtig, dass Sie nicht
über meinen Koffer fallen, der ungefähr in der Mitte des Zimmers steht. Ich werde Sie
sicher zu Ihrem Bett dirigieren: Gehen Sie drei Schritte an der Wand entlang, und
dann wenden Sie sich nach links, und wenn Sie wiederum drei Schritte getan haben,
werden Sie den Bettpfosten berühren können."

Schwamm gehorchte: er erreichte sein Bett, entkleidete sich und schlüpfte unter die
Decke. Er hörte die Atemzüge des anderen und spürte, dass er vorerst nicht würde
einschlafen können.

„Übrigens", sagte er zögernd nach einer Weile, „mein Name ist Schwamm."
„So", sagte der andere.
„Ja."
„Sind Sie zu einem Kongress hierhergekommen?"
„Nein. Und Sie?"
„Nein."
„Geschäftlich?"
„Nein, das kann man nicht sagen."

83
„Wahrscheinlich habe ich den merkwürdigsten Grund, den je ein Mensch hatte,
umin die Stadt zu fahren", sagte Schwamm. Auf dem nahen Bahnhof rangierte ein
Zug. Die Erde zitterte, und die Betten, in denen die Männer lagen, vibrierten.

„Wollen Sie in der Stadt Selbstmord begehen?" fragte der andere.


„Nein", sagte Schwamm, „sehe ich so aus?"
„Ich weiß nicht, wie Sie aussehen", sagte der andere, „es ist dunkel."
Schwamm erklärte mit banger Fröhlichkeit in der Stimme:
„Gott bewahre, nein. Ich habe einen Sohn, Herr... (der andere nannte nicht seinen
Namen), einen kleinen Lausejungen, und seinetwegen bin ich hierhergefahren."

„Ist er im Krankenhaus?"
„Wieso denn? Er ist gesund, ein wenig bleich zwar, das mag sein, aber sonst sehr
gesund. Ich wollte Ihnen sagen, warum ich hier bin, hier bei Ihnen, in diesem Zimmer.
Wie ich schon sagte, hängt das mit meinem Jungen zusammen. Er ist äußerst sensibel,
mimosenhaft, er reagiert bereits, wenn ein Schatten auf ihn fällt."

„Also ist er doch im Krankenhaus."


„Nein", rief Schwamm, „ich sagte schon, dass er gesund ist, in jeder Hinsicht. Aber
er ist gefährdet, dieser kleine Bengel hat eine Glasseele, und darum ist er bedroht."

„Warum begeht er nicht Selbstmord?" fragte der andere.


„Aber hören Sie, ein Kind wie er, ungereift, in solch einem Alter! Warum sagen
Sie das? Nein, mein Junge ist aus folgendem Grunde gefährdet: Jeden Morgen, wenn
er zur Schule geht - er geht übrigens immer allein dorthin -, jeden Morgen muss er vor
einer Schranke stehenbleiben und warten, bis der Frühzug vorbei ist. Er steht dann da,
der kleine Kerl, und winkt, winkt heftig und freundlich und verzweifelt."

„Ja und?"
„Dann", sagte Schwamm, „dann geht er in die Schule, und wenn er nach Hause
kommt, ist er verstört und benommen, und manchmal heult er auch. Er ist nicht

84
imstande, seine Schularbeiten zu machen, er mag nicht spielen und nicht reden: das
geht schon seit Monaten so, jeden lieben Tag. Der Junge geht mir kaputt dabei!"

„Was veranlasst ihn denn zu solchem Verhalten?"


„Sehen Sie", sagte Schwamm, „das ist merkwürdig: Der Junge winkt, und - wie
ertraurig sieht - es winkt ihm keiner der Reisenden zurück. Und das nimmt er sich so
zu Herzen, dass wir - meine Frau und ich - die größten Befürchtungen haben. Er
winkt, und keiner winkt zurück; man kann die Reisenden natürlich nicht dazu
zwingen, und es wäre absurd und lächerlich, eine diesbezügliche Vorschrift zu
erlassen, aber..."

„Und Sie, Herr Schwamm, wollen nun das Elend Ihres Jungen aufsaugen,
indemSie morgen den Frühzug nehmen, um dem Kleinen zu winken?"

„Ja", sagte Schwamm, „ja."


„Mich", sagte der Fremde, „gehen Kinder nichts an. Ich hasse sie und weiche ihnen
aus, denn ihretwegen habe ich - wenn man's genau nimmt - meine Frau verloren. Sie
starb bei der ersten Geburt."

„Das tut mir leid", sagte Schwamm und stützte sich im Bett auf. Eine angenehme
Wärme floss durch seinen Körper; er spürte, dass er jetzt würde einschlafen können.

Der andere fragte: „Sie fahren nach Kurzbach, nicht wahr?"


„Ja."
„Und Ihnen kommen keine Bedenken bei Ihrem Vorhaben? Offener gesagt: Sie
schämen sich nicht, Ihren Jungen zu betrügen? Denn, was Sie vorhaben, Sie müssen
es zugeben, ist doch ein glatter Betrug, eine Hintergehung."

Schwamm sagte aufgebracht: „Was erlauben Sie sich, ich bitte Sie, wie kommen
Sie dazu!" Er ließ sich fallen, zog die Decke über den Kopf, lag eine Weile überlegend
da und schlief dann ein.

85
Als er am nächsten Morgen erwachte, stellte er fest, dass er allein im Zimmer war.
Er blickte auf die Uhr und erschrak: bis zum Morgenzug blieben ihm noch fünf
Minuten, es war ausgeschlossen, dass er ihn noch erreichte.

Am Nachmittag - er konnte es sich nicht leisten, noch eine Nacht in der Stadt zu
bleiben - kam er niedergeschlagen und enttäuscht zu Hause an.

Sein Junge öffnete ihm die Tür, glücklich, außer sich vor Freude. Er warf sich ihm
entgegen und hämmerte mit den Fäusten gegen seinen Schenkel und rief:

„Einer hat gewinkt, einer hat ganz lange gewinkt."


„Mit einer Krücke?" fragte Schwamm.
„Ja, mit einem Stock. Und zuletzt hat er sein Taschentuch an den Stock gebunden
und es so lange aus dem Fenster gehalten, bis ich es nicht mehr sehen konnte."

Grundwortschatz

- Die Befürchtung; der Schatten; die Faust; der Schenkel; die Schulter; die Krücke;
das Verhalten; der Lausejunge; der Lichtschalter;
- abbeissen; angehen Akk.; ausweichen Dat; blicken auf Akk.; reichen; sich
schämen; stolpern; berühren; streichen; sich beugen; sich entkleiden; frei stehen
Dat.; vorhaben; feststellen; wenden; fürchten; heulen; winken; zittern; sich Dat.
leisten; zugeben;
- angenehm; merkwürdig; bleich; niedergeschlagen; gefährlich; vorsichtig;
selbstverständlich; ausgeschlossen; nirgendwo; übrigens; ungefähr; gewiss; zwar;
- außer sich sein; Selbstmord begehen; das mag sein; in der Lage sein; Was erlauben
Sie sich?; in der Hoffnung; Wie kommen Sie dazu? zusammenhängen mit Dat.; Licht
machen; nach einer Weile.

Wortschatzarbeit

86
1. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und Wortgruppen:
- Der Lausbub; die Nummer; sich ausziehen; bekommen; weinen; sich täuschen;
froh; das kommt (gar) nicht in Frage; einschalten; natürlich.
2. Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie
im Text Wörter, die für Sie neu waren und die Sie für den aktiven Sprachgebrauch
lernen wollen. Bilden Sie kurze Sätze mit diesen Vokabeln.
3. Ergänzen Sie folgende Sätze:
a) Der Vater verbrachte_________________________________. b) Der Portier sagte
ihm, es sei ________________________. c) Schwamm wollte im Hotel __________.
d) Bevor er auf sein Zimmer ging,____________________.
e) Der Fremde sagte ihm: “________________________ !” f) Als er im Zimmer war,
____________________________. g) Der andere wollte ______________________.
h) Er kam __________________________. in die Stadt. i) _____________________
des Jungen ist merkwürdig. j) “______________________________ ,” antwortete er.
k) Die Frau des Fremden __________________________.l) Eigentlich wollte
Schwamm seinen Jungen ___________.m) Oft kam der Junge ___________________
nach Hause. n) Der Fremde winkte ihm _______________________. o) Schwamms
Sohn war ___________________________.
4. Richtig oder falsch?
- Der Nachtportier will Selbstmord begehen.
- Der Portier biss gerne an den Fingerkuppen.
- Schwamm wollte einen Partner für sein Zimmer haben.
- Bevor Schwamm ins Zimmer trat, schaute er durchs Schlüsselloch.
- Schwamm wollte im Zimmer Licht machen.
- Schwamm stolperte über einen Koffer.
- Der andere Mann war zu einem Kongress in die Stadt gekommen.
- Schwamms Sohn war im Krankenhaus.
- Schwamm war besorgt um die Gesundheit seines Sohnes.
- Der Fremde sagte, Schwamm sollte seinen Sohn betrügen.

87
Textverstehen

I. Antworten Sie auf die nächsten 4 Fragen zum Text:


1) Warum hebt der Portier bedauernd die Schultern?
a) Der Nachtportier hob bedauernd die Schultern, weil er kein freies Zimmer mehr
hatte.
b) Der Nachtportier hob bedauernd die Schultern, weil er keine andere Möglichkeit
hatte, als dem Gast ein Doppelzimmer zu bieten.
c) Der Portier hebt bedauernd die Schultern, weil es im Hotel kein Einzelzimmer gibt.
d) Er hebt bedauernd die Schultern, weil es im Hotel kein leeres Einzelzimmer gibt.
e) Der Nachtportier hebt die Schultern, weil er dem Gast nicht dienen kann.
2) Was für eine Unterkunft hat der Gast (Herr Schwamm) verlangt?
a) Herr Schwamm hat ein Zimmer mit einem Bett verlangt.
b) Der Gast hat ein Bett im Einzelzimmer verlangt.
d) Herr Schamm hat für seine Unterkunft ein Einzelzimmer verlangt.
3) Ist es unangenehm, das Hotelzimmer mit einem Fremden teilen zu müssen?
a) Wir meinen, dass es sehr unangenehm ist, mit einem Fremden ein Zimmer zu
teilen.
(b) Ich meine, dass es sehr unangenehm ist, das Hotelzimmer mit einem Fremden
teilen zu müssen.
d) Es ist unangenehm, mit einem Fremden das Hotelzimmer zu teilen, aber wenn es
keine freien Zimmer und Bette gibt, kann man so schlafen, nur wenn man sich dabei
nicht geniert.
4) Was hätten Sie an Herrn Schwamms Stelle getan? Hätten Sie das Zimmer
genommen?
a) Ich hätte das Zimmer genommen
b) Ich hätte auch so wie Herr Schwamm getan.
c) An Herrn Schwamms Stelle würde ich das Bett nehmen, wenn mein Partner ein
Mädchen wäre.
d) Wenn es keine andere Mäglichkeit gäbe, hätte ich das Zimmer genommen.
88
II. 1. Erklären Sie die Situation und das Verhalten des Kindes! Sie können bei der
Bearbeitung folgende Punkte berücksichtigen:
- Warum winkt das Kind den Reisenden zu ?
- Warum ist es traurig, dass niemand zurückwinkt ?
- Was bedeutet der Ausdruck “Glasseele” ?
2. Erklären Sie die Situation und das Verhalten des Fremden! Sie können bei der
Bearbeitung folgende Punkte berücksichtigen:
- Er ist ein Mann mit Krücken. Was bedeutet dies ?
- Warum spricht er zweimal von Selbstmord ?
3. Was bedeutet es, wenn er an Stelle des Vaters dem Sohn zuwinkt ?

Mit eigenen Worten

1. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.
2. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann Ihre Rezension im Kurs vor.

Diskussion

1. Was haben Sie beim Lesen - nach etwa den ersten Seiten - erwartet?
2. Wie hat der Autor diese Erwartungen geweckt?
3. Unter welchen Bedingungen kommen Schwamm und der Fremde in Kontakt?
4. Wie entwickelt sich das Gespräch?
5. Glauben Sie ebenso wie der Fremde, dass Schwamm seinen Sohn betrogen hat?
6. Hat der Fremde den Jungen betrogen?

89
Wolfgang Borchert
Nachts schlafen die Ratten doch

Das hohle Fenster in der vereinsamten Mauer gähnte blaurot voll früher
Abendsonne. Staubgewölke flimmerte zwischen den steilgereckten Schornsteinresten.
Die Schuttwüste döste. Er hatte die Augen zu. Mit einmal wurde es noch dunkler. Er
merkte, dass jemand gekommen war und nun vor ihm stand, dunkel, leise. Jetzt haben
sie mich! dachte er.
Aber als er ein bisschen blinzelte, sah er nur zwei etwas ärmlich behoste Beine.
Die standen ziemlich krumm vor ihm, dass er zwischen ihnen hindurchsehen konnte.
Er riskierte ein kleines Geblinzel an den Hosenbeinen hoch und erkannte einen älteren
Mann. Der hatte ein Messer und einen Korb in der Hand. Und etwas Erde an den
Fingerspitzen. Du schläfst hier wohl, was? fragte der Mann und sah von oben auf das
Haargestrüpp herunter. Jürgen blinzelte zwischen den Beinen des Mannes hindurch in
die Sonne und sagte: Nein, ich schlafe nicht. Ich muss hier aufpassen. Der Mann
nickte: So, dafür hast du wohl den großen Stock da? Ja, antwortete Jürgen mutig und
hielt den Stock fest. Worauf passt du denn auf? Das kann ich nicht sagen. Er hielt die
Hände fest um den Stock. Wohl auf Geld, was? Der Mann setzte den Korb ab und
wischte das Messer an seinen Hosenbeinen hin und her. Nein, auf Geld überhaupt
nicht, sagte Jürgen verächtlich. Auf ganz etwas anderes. Na, was denn? Ich kann es
nicht sagen. Was anderes eben. Na, denn nicht. Dann sage ich dir natürlich auch nicht,
was ich hier im Korb habe.
Der Mann stieß mit dem Fuß an den Korb und klappte das Messer zu. Pah, kann
mir denken, was in dem Korb ist, meinte Jürgen geringschätzig, Kaninchenfutter.
Donnerwetter, ja! sagte der Mann verwundert, bist ja ein fixer Kerl. Wie alt bist du
denn? Neun. Oha, denk mal an, neun also. Dann weißt du ja auch, wie viel drei mal
neun sind, wie? Klar, sagte Jürgen, und um Zeit zu gewinnen, sagte er noch: Das ist ja
ganz leicht. Und er sah durch die Beine des Mannes hindurch. Dreimal neun, nicht?
fragte er noch einmal, siebenundzwanzig. Das wusste ich gleich. Stimmt, sagte der

90
Mann, und genau soviel Kaninchen habe ich. Jürgen machte einen runden Mund:
Siebenundzwanzig? Du kannst sie sehen. Viele sind noch ganz jung. Willst du? Ich
kann doch nicht. Ich muss doch aufpassen, sagte Jürgen unsicher. Immerzu? Fragte
der Mann, nachts auch? Nachts auch. Immerzu. Immer. Jürgen sah an den krummen
Beinen hoch. Seit Sonnabend schon, flüsterte er. Aber gehst du denn gar nicht nach
Hause? Du musst doch essen. Jürgen hob einen Stein hoch. Da lag ein halbes Brot und
eine Blechschachtel. Du rauchst? fragte der Mann, hast du denn eine Pfeife? Jürgen
fasste seinen Stock fest an und sagte zaghaft: Ich drehe. Pfeife mag ich nicht. Schade,
der Mann bückte sich zu seinem Korb, die Kaninchen hättest du ruhig mal ansehen
können. Vor allem die Jungen. Vielleicht hättest du dir eines ausgesucht. Aber du
kannst hier ja nicht weg. Nein, sagte Jürgen traurig, nein, nein. Der Mann nahm den
Korb hoch und richtete sich auf. Na ja, wenn du hier bleiben musst - schade. Und er
drehte sich um. Wenn du mich nicht verrätst, sagte Jürgen da schnell, es ist wegen den
Ratten. Die krummen Beine kamen einen Schritt zurück: Wegen den Ratten? Ja, die
essen doch von Toten. Von Menschen. Da leben sie doch von. Wer sagt das? Unser
Lehrer. Und du passt nun auf die Ratten auf? fragte der Mann. Auf die doch nicht!
Und dann sagte er ganz leise: Mein Bruder, der liegt nämlich da unten. Da. Jürgen
zeigte mit dem Stock auf die zusammengesackten Mauern. Unser Haus kriegte eine
Bombe. Mit einmal war das Licht weg im Keller. Und er auch. Wir haben noch
gerufen. Er war viel kleiner als ich. Erst vier. Er muss hier ja noch sein. Er ist doch
viel kleiner als ich. Der Mann sah von oben auf das Haargestrüpp. Aber dann sagte er
plötzlich: Ja, hat euer Lehrer euch denn nicht gesagt, dass die Ratten nachts schlafen?
Nein, flüsterte Jürgen und sah mit einmal ganz müde aus, das hat er nicht gesagt. Na,
sagte der Mann, das ist aber ein Lehrer, wenn er das nicht mal weiß. Nachts schlafen
die Ratten doch. Nachts kannst du ruhig nach Hause gehen. Nachts schlafen sie
immer. Wenn es dunkel wird, schon. Jürgen machte mit seinem Stock kleine Kuhlen
in den Schutt. Lauter kleine Betten sind das, dachte er, alles kleine Betten. Da sagte
der Mann (und seine krummen Beine waren ganz unruhig dabei): Weißt du was? Jetzt

91
füttere ich schnell meine Kaninchen und wenn es dunkel wird, hole ich dich ab.
Vielleicht kann ich eins mitbringen. Ein kleines oder, was meinst du? Jürgen machte
kleine Kuhlen in den Schutt. Lauter kleine Kaninchen. Weiße, graue, weißgraue. Ich
weiß nicht, sagte er leise und sah auf die krummen Beine, wenn sie wirklich nachts
schlafen. Der Mann stieg über die Mauerreste weg auf die Straße. Natürlich, sagte er
von da, euer Lehrer soll einpacken, wenn er das nicht mal weiß. Da stand Jürgen auf
und fragte: Wenn ich eins kriegen kann? Ein weißses vielleicht? Ich will mal
versuchen, rief der Mann schon im Weggehen, aber du musst hier solange warten. Ich
gehe dann mit dir nach Hause, weißt du? Ich muss deinem Vater doch sagen, wie so
ein Kaninchenstall gebaut wird. Denn das müsst ihr ja wissen. Ja, rief Jürgen, ich
warte. Ich muss ja noch aufpassen, bis es dunkel wird. Ich warte bestimmt. Und er
rief: Wir haben auch noch Bretter zu Hause. Kistenbretter, rief er. Aber das hörte der
Mann schon nicht mehr. Er lief mit seinen krummen Beinen auf die Sonne zu. Die war
schon rot vom Abend, und Jürgen konnte sehen, wie sie durch die Beine hindurch
schien, so krumm waren sie. Und der Korb schwenkte aufgeregt hin und her.
Kaninchenfutter war da drin. Grünes Kaninchenfutter, das war etwas grau vom Schutt.

Grundwortschatz

- Der Schornstein; der Schutt; die Wüste; das Gestrüpp; die Kuhle; die Pfeife; das
Brett;
- sich aufrichten; blinzeln; dösen; flimmern; gähnen; kriegen; schwenken; verraten;
versuchen; zusammensacken; zuklappen;
- geringschätzig; steil; vereinsamt; verächtlich; zaghaft.

Leseverstehen

1. Erzählen Sie die Geschichte nach. (Was macht der Junge in dem zerbombten Haus?
Warum ist er misstrauisch? Warum "lügt" der alte Mann? Wie gewinnt er das
Vertrauen des Kindes?)

92
2. Was motiviert den Jungen, auf den toten Bruder aufzupassen? Warum möchte der
alte Mann ihn davon abbringen?
3. Gibt es eine Pointe? Eine Moral?

Mit eigenen Worten

Vervollständigen Sie die Nacherzählung (indirekte Rede):


Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein Junge sitzt in den Ruinen eines zerstörten Hauses.
Auf einmal steht ein krummbeiniger, älterer Mann vor ihm und fragt, ___________.
Der Junge antwortet,___________________________________________________.
Der Mann erzählt von seinen Kaninchen und bietet dem Neunjährigen an, sie ihm zu
zeigen. Der Junge würde gerne, muss aber aufpassen. Als der Mann sich zum Gehen
wendet, verrät der Junge doch noch sein Geheimnis:
___________________________.
"Nachts schlafen die Ratten doch", sagt der Mann, der Junge könne
also____________.

Textinterpretation

Bevor Sie mit der Textinterpretation beginnen, klären Sie die Grundzüge der
Textsorte: die Geschichte setzt mitten in eine laufenden Handlung ein und bietet
keinen Abschluss, also keine Lösung des Problems. Es handelt sich um einen kurzen
Lebensausschnitt weniger Personen. Die Personen bleiben “charakterlos”, bzw.
anonym. In der Kurzgeschichte geht es nicht um Personen, sondern um ein Problem.

Interpretieren Sie den Text anhand folgender Aufgaben, die Ihnen die Analyse

erleichtern sollen. Dabei müssen Sie nicht unbedingt auf jeden Punkt eingehen.

Interpretieren Sie den Text anhand folgender Aufgaben


93
(dabei müssen Sie nicht unbedingt auf jeden Punkt eingehen)

1. Welche Rolle spielen Epiteta in der Kurzgeschichte? Was für die Epiteta sind das?
2. Wie entwickelt sich die Handlung? Wann geschieht die Veränderung der Statik zu
Dynamik? Wie viele Teile kann man im Text aussondern?
3. Bestimmen Sie die Funktion der Wiederholungen in der Kurzgeschichte, z. B.
„krumme Beine“.
4. Erklären Sie die Funktion der Pronomina im Text.
5. Verfassen Sie eine kurze Inhaltsangabe der Kurzgeschichte.
6. Beschreiben Sie den Aufbau der Handlung unter besonderer Berücksichtigung des
Anfangs und des Schlusses.
7. Beschreiben Sie das Verhältnis von erzählter Zeit zu Erzählzeit.
8. In welchem Milieu spielt die Kurzgeschichte, welche Menschen werden
dargestellt? 9. Wie werden die Figuren charakterisiert?
10. Beschreiben Sie die Beziehung der beiden Hauptfiguren zueinander.
11. Charakterisieren Sie die Sprache des Erzählers und der Figuren.
12. Gibt es im Text Dingsymbole? Wenn ja, wofür stehen sie?
13. Welche Wirkung hat die Kurzgeschichte auf den Leser? Welche Wirkung hat die
Kurzgeschichte auf Sie?
14. Die Kurzgeschichte ist unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs erschienen.
Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen der Kurzgeschichte und der Zeit ihrer
Entstehung?

Diskussion

1. Wie könnte man den jungen Leuten Mut machen, einen neuen Anfang zu wagen.
2. Wie kann aus dem jungenMannein hoffnungsvoller Mann werden, wenn seine
frühere Generation alles versaut hat.
3. Besprechen Sie im Kurs das Problem „Folgen des Krieges“ anhand folgender
Stichpunkte:

94
a) - der Junge übernimmt Verantwortung

- der Mann will ihn aus der Situation herausholen, indem er dem Jungen sagt, dass

die Ratten nachts schlafen und indem er ihm ein Kaninchen schenkt.

- der Junge hat wieder Hoffnung (Grünes Kaninchenfutter)

- die Umgebung wird wieder lebendig (der Korb schwenkte aufgeregt hin und her)

- Für den Jungen hat das Leben wieder begonnen und einen Sinn bekommen.

b) Lebenswille, Mut soll angeregt werden, Blick in die Zukunft


- Die ältere Generation muss dafür sorgen, der jüngeren Generation wieder einen
Lebenswillen zu geben.
c) Der Text soll den Leser dazu anregen, Lösungsmöglichkeiten zu finden, und der
jüngeren Generation wieder Mut machen
- Jede Generation ist mitverantwortlich (“Mitschuld”)

95
Peter Hacks
Aus „Geschichten mit Henriette“

Die ganze Sache begann damit, dass Henriette, die sich eines Nachmittags am
Ufer der Schwarze erging, auf einen alten Hut trat, der da im Wegstaub lag. ,,Hol
mich dieser und jener", sagte der Hut; ,,anstatt auf mir herumzutrampeln wie ein
Rindvieh, könntest du mir lieber sagen, ob du nicht meinen Herrn gesehen hast."
– ,,Weiß nicht", antwortete Henriette. ,,Woran erkennt man ihn?" ,,Daran, dass
ermich nicht aufhat", sagte der Hut. Henriette betrachtete den Hut genau. Er war
ein sehr verwitterter, sehr schmutziger Männerhut und hatte zwei Löcher, oder
vielleicht auch ein Loch, das eben hinein und hinaus ging. ,,Genaugenommen",
sagte Henriette, ,,habe ich überhaupt nur Leute gesehen, die dich nicht aufhatten,
was schließlich ganz natürlich ist, da du ja hier liegst." - ,,Recht klug dumm
dahergeredet", sagte der Hut; ,,nur mein Herr sieht so aus, dass man merkt, dass ich
aut ihm fehle. Er hat mich verloren, und seit zwei Tagen such ich ihn." - ,,Suchen
ist gut", sagte Henriette; ,,du liegst doch bloß rum." - ,,Such du mal anders", sagte
der Hut, ,,wenn du, hol mich dieser und jener, keine Beine hast, um dich
fortzubewegen." - ,,Da kann ich dir helfen", sagte Henriette. Sie nahm den Hut und
schmiss ihn eintach in die Schwarze. ,,Zieh los", sagte sie, ,,sieh dich um."

Der Hut trieb auf den sanften Wellen langsam stromab. Gerade, als er ihren
Augen entschwunden war, kam ein sehr alter Mann des Wegs, von dem sie, ohne
zu wissen weshalb, gleich den Eindruck hatte, dass ihm eben dieser Hut fehle. ,,Hol
mich dieser und jener", sagte der alte Mann, ,,hast du nicht meinen Hut gesehen?"
– ,,Was wollen Sie schon mit dem?" sagte Henriette leichthin, ,,der hat ja ein
Loch." – ,,Eben", sagte der alte Mann. ,,Das Loch haben mir die verdammten
Polizisten reingeschossen; denn ich besitze diesen Hut seit vierzig Jahren, und erist
mir das liebste aut Erden." Dann unterbrach er sich und sagte: ,,Woher weißt du,
dass er ein Loch hat?" - ,,Ich habe ihn gesehen", sagte Henriette verlegen. ,,Hol
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mich dieser und jener", sagte der alte Mann mit glücklichem Gesicht; ,,wo denn?"
– ,,Er schwamm im Fluss vorbei", sagte Henriette; ,,ich glaube nicht, dass Sie ihn
noch einholen." - ,,So?" sagte der alten Mann bekümmert. ,,Ja, dann ist er wohl
weg." Und mehr für sich setzte er hinzu: ,,Dann bin ich nun wohl ganz allein."

Henriette war es gar nicht behaglich zumute. Der alte Mann sah
soniedergeschlagen aus. Und well sie ja selbst an dem Unglück ihr Teil Schuld
hatte, drehte sie nervös an der Perlenkette, die sie besaß und immer trug. Da trat
eine weibliche Person hinter einem Gebusch am Flussrand hervor, hinter dem, wie
Henriette genau wusste, eben noch niemand gewesen war. Sie hatte braune, kurze
Locken und sagte zu Henriette: ,,Kennst du mich nicht mehr?" Henriette bemerkte,
dass vom Saum ihres ganz trockenen Kleides unaufhörhch Wasser zur Erde tropfte,
so dass sie schon in einer richtigen Pfütze stand. ,,Natürlich“, sagte Henriette, ,,Sie
sind die Nixe." - ,,So ist es", sagte Gisellis; ,,was kann ich für dich tun?" - ,,Ach",
bat Henriette, ,,könnten Sie nicht den Hut vou meinem Freund aus dem Fluss
holen; er ist hier heruntergeschwommen." - ,,Schwerlich“, sagte Gisellis. ,,Bei
jener Weide endet mein Revier und beginnt das des Herrn Nöckl, und da ich
unglückheherweise mit ihm verheiratet bin, möchte ich nichts mit ihm zu tun
haben." Sie überlegte eine Weile.

,,Die einzige Lösung", fuhr sie fort, ,,wäre, den Fluss rückwärts laufen zu
lassen. Dann würde der Hut ja wieder hier vorbeikommen." - ,,Geht denn das?“ rief
Henriette aufgeregt. ,,Das ist eine Kleinigkeit", sagte die Nixe. ,,Man muss bloß
machen, dass der Regen von der Erde zum Himmel steigt, dass die Bäche bergan
fließen, dass das Wasser vom Fluss in die Bäche läuft und vom Meer in den Fluss;
wie gesagt, eine ganze Kleinigkeit. Aber es geschähe natürlich auf deinen Wunsch.
Und wenn ich dir diesen Wunsch erfülle, musst du mir deine Perlenkette geben, mit
der du mich ja gerufen hast." – „Was?" sagte Henriette entsetzt, ,,meine Perlenkette
für einen alten Hut?" Die Nixe zuckte mit den Achseln. ,,So sind die
Bedingungen", sagte sie. Henriette blickre zu Boden. Dann blickte sie auf den alten
97
Mann, der still dastand und vor Hoffnungslosigkeit ganz klein geworden war. Dann
band sie lang-sam die Kette vom Hals und gab sie der Nixe. Die Nixe nahm die
Kette und spazierte langsam in den Fluss hinein, in dem sie, als sie bis zu einer
tieferen Stelle gekommen war, vollständig verschwand.

An derselben Stelle bildete sich bald darauf ein Strudel und wurde mächtiger
und dehnte sich bis zu den Ufern aus. Alle Wasser der Schwarze kreisten in einer
wirbelnden Bahn. Als sie sich aber endlich beruhigt hatten, entdeckten Henriette
und der alte Mann, dass der Fluss rückwärts floss. Es dauerte gar nicht lange, da
trieb schon der Hut, hinter der Weide vorbei, auf sie zu. ,,Hol mich dieser und
jener", schrie der alte Mann, ,,da bist du ja, du verkommener Ausreißer." - ,,Hol
mich dieser und jener", schimpfte der Hut zurück, ,,krieg mich mal gefälligst hier
raus." – ,,Schrei dir keine Schwielen in den Hals", schrie der alte Mann. Er stieg ins
Wasser und angelte heftig mit seinem Stock. ,,Passen Sie auf", warnte
Henriette; ,,Sie machen sich ja die Hosen nass." - ,,Was die redet", sagte der alte
Mann zu seinem Hut, den er fest gegen die Brust gepresst hielt. ,,Die war ja noch
gar nicht auf der Welt, wie wir schon zusammen die verdammte Polente verprügelt
haben."

Grundwortschatz

- Der Ausreißer; das Gebüsch; die Pfütze; das Rindvieh; der Saum; das Revier;
der Strudel; die Schwiele; die Weide;
- sich ausdehnen; sich ergehen; sich fortbewegen; schmeißen; trampeln;wirbeln;
warnen;
- behaglich; bloß; entsetzt; gefälligst; genaugenommen; leichthin; unaufhörlich;
schwerlichverwittert; verdammt; verlegen; verkommen;
- des Weges kommen; den Eindruck haben; auf Erden; auf den Wunsch; jmdem

98
zumute sein (auch: zu Mute).
Wortschatzübungen

Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und Wortgruppen:


a) im Freien hin und her gehen und die frische Luft genießen, einen Spaziergang
machen; b) verschwinden, dem Blick verloren gehen; c) beherrschen, sein Eigen
nennen, haben; d) hinzufügen; e) ohne aufzuhören, ohne Unterlass, fortdauernd,
fortwährend; f) das geht mich an, das gehört zu meiner Arbeit, daran bin ich
beteiligt; g) über etwas nachdenken, sich etwas ausdenken, sich über etwas
Gedanken machen.

Textverstehen

1. Wo hat Henriette den alten Hut gefunden?


2. Auf welche Weise hat der Hut ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt?
3. Wie hat Henriette dem alten Hut geholfen?
4. Warum war der Alte bekümmert?
5. Wie sah Gisellis aus?

Diskussion

1. Diskutieren Sie über den Gedanken eines Kritikers zu Peter Hacks’


Märchengeschichten von Henriette: „Sie sind irgendwo zwischen Traum und
Wirklichkeit angesiedelt und von einer verblüffenden Zeitlosigkeit.“

2. Formulieren Sie Ihre Meinung über den Gedanken des Autors, dem Vorwort zu den
Märchengeschichten von Henriette entnommen: „Nichts ist verwirrender als das
normale, alltägliche Leben.“
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3. Was würden Sie für eine wildfremde Person opfern, um ihr zu helfen?

Heinrich Böll
Unberechenbare Gäste

Ich habe nichts gegen Tiere, im Gegenteil: ich mag sie, und ich liebe es, abends das
Fell unseres Hundes zu kraulen, während die Katze auf meinem Schoß sitzt. Es macht
mir Spaß, den Kindern zuzusehen, die in der Wohnzimmerecke die Schildkröte
füttern. Sogar das kleine Nilpferd, das wir in unserer Badewanne halten, ist mir ans
Herz gewachsen, und die Kaninchen, die in unserer Wohnung frei herumlaufen, regen
mich schon lange nicht mehr auf. Außerdem bin ich gewohnt, abends unerwarteten
Besuch vorzufinden: ein piepsendes Küken oder einen herrenlosen Hund, dem meine
Frau Unterkunft gewährt hat. Denn meine Frau ist eine gute Frau, sie weist niemanden
von der Tür, weder Mensch noch Tier, und schon lange ist dem Abendgebet unserer
Kinder die Floskel angehängt: Herr, schicke uns Bettler und Tiere.

Schlimmer ist schon, dass meine Frau auch Vertretern und Hausierern gegenüber
keinen Widerstand kennt, und so häufen sich bei uns Dinge, die ich für überflüssig
halte: Seife, Rasierklingen, Bürsten und Stopfwolle, und in Schubladen liegen
Dokumente herum, die mich beunruhigen: Versicherungs- und Kaufverträge
verschiedener Art. Meine Söhne sind in einer Ausbildungs-, meine Töchter in einer
Aussteuerversicherung, doch können wir sie bis zur Hochzeit oder bis zur Ablegung
des zweiten Staatsexamens weder mit Stopfwolle noch mit Seife füttern, und selbst
Rasierklingen sind nur in Ausnahmefällen dem menschlichen Organismus zuträglich.
So wird man begreifen, dass ich hin und wieder Anfälle leichter Ungeduld zeige,
obwohl ich im allgemeinen als ruhiger Mensch bekannt bin. Oft ertappe ich mich
dabei, dass ich neidisch die Kaninchen betrachte, die es sich unter dem Tisch
gemütlich machen und seelenruhig an Mohrrüben herumknabbern, und der stupide
Blick des Nilpferds, das in unserer Badewanne die Schlammbildung beschleunigt,
veranlasst mich, ihm manchmal die Zunge herauszustrecken. Auch die Schildkröte,
die stoisch an Salatblättern herumfrisst, ahnt nicht im geringsten, welche Sorgen mein
100
Herz bewegen: die Sehnsucht nach einem frisch duftenden Kaffee, nach Tabak, Brot
und Eiern und der wohligen Wärme, die der Schnaps in den Kehlen sorgenbeladener
Menschen hervorruft. Mein einziger Trost ist dann Bello, unser Hund, der vor Hunger
gähnt wie ich. Kommen dann noch unerwartete Gäste: Zeitgenossen, die unrasiert sind
wie ich, oder Mütter mit Babies, die mit heißer Milch getränkt, mit aufgeweichtem
Zwieback gespeist werden, so muss ich an mich halten, um meine Ruhe zu bewahren.
Aber ich bewahre sie, weil sie fast mein einziger Besitz geblieben ist.

Es kommen Tage, wo der bloße Anblick frischgekochter, gelber Kartoffeln mir das
Wasser in den Mund treibt; denn schon lange - dies gebe ich nur zögernd und mit
heftigem Erröten zu - schon lange verdient unsere Küche die Bezeichnung bürgerlich
nicht mehr. Von Tieren und von menschlichen Gästen umgeben, nehmen wir nur hin
und wieder, stehend, eine improvisierte Mahlzeit ein.

Zum Glück ist meiner Frau nun für längere Zeit der Ankauf von unnützen Dingen
unmöglich gemacht, denn wir besitzen kein Bargeld mehr, meine Gehälter sind auf
unbestimmte Zeit gepfändet, und ich selbst bin gezwungen, in einer Verkleidung, die
mich unkenntlich macht, in fernen Vororten Rasierklingen, Seife und Knöpfe in den
Abendstunden weit unter Preis zu verkaufen; denn unsere Lage ist bedenklich
geworden. Immerhin besitzen wir einige Zentner Seife, Tausende von Rasierklingen,
Knöpfe jeglichen Sortiments, und ich taumele gegen Mitternacht heim, suche Geld
aus meinen Taschen zusammen: meine Kinder, meine Tiere, meine Frau umstehen
mich mit glänzenden Augen, denn ich habe meistens unterwegs eingekauft: Brot,
Äpfel, Fett, Kaffee und Kartoffeln, eine Speise übrigens, nach der Kinder wie Tiere
heftig verlangen, und zu nächtlicher Stunde vereinigen wir uns in einem fröhlichen
Mahl: zufriedene Tiere, zufriedene Kinder umgeben mich, meine Frau lächelt mir zu,
und wir lassen die Tür unseres Wohnzimmers dann offenstehen, damit das Nilpferd
sich nicht ausgeschlossen fühlt, und sein fröhliches Grunzen tönt aus dem
Badezimmer zu uns herüber. Meistens gesteht mir dann meine Frau, dass sie in der
Vorratskammer noch einen zusätzlichen Gast versteckt hält, den man mir erst zeigt,
wenn meine Nerven durch eine Mahlzeit gestärkt sind: schüchterne, unrasierte
101
Männer nehmen dann händereibend am Tisch Platz, Frauen drücken sich zwischen
unsere Kinder auf die Sitzbank, Milch wird für schreiende Babies erhitzt. Auf diese
Weise lerne ich dann auch Tiere kennen, die mir ungeläufig waren: Möwen, Füchse
und Schweine, und einmal war es ein kleines Dromedar.

„Ist es nicht süß?“ fragte meine Frau, und ich sagte notgedrungen, ja, es sei süß,
und beobachtete beunruhigt das unermüdliche Mampfen dieses pantoffelfarbenen
Tieres, das uns aus schiefergrauen Augen anblickte. Zum Glück blieb das Dromedar
nur eine Woche, und meine Geschäfte gingen gut: die Qualität meiner Ware, meine
herabgesetzten Preise hatten sich rundgesprochen, und ich konnte hin und wieder
sogar Schnürsenkel verkaufen und Bürsten, Artikel, die sonst nicht sehr gefragt sind.
So erlebten wir eine gewisse Scheinblüte, und meine Frau - in völliger Verkennung
der ökonomischen Fakten - brachte einen Spruch auf, der mich beunruhigte: „Wir sind
auf dem aufsteigenden Ast. Ich jedoch sah unsere Seifenvorräte schwinden, die
Rasierklingen abnehmen, und nicht einmal der Vorrat an Bürsten und Stopfwolle war
mehr erheblich.

Gerade zu diesem Zeitpunkt, wo eine seelische Stärkung mir wohlgetan hätte,


machte sich eines Abends, während wir friedlich beisammen saßen, eine
Erschütterung unseres Hauses bemerkbar, die der eines mittleren Erdbebens glich: die
Bilder wackelten, der Tisch bebte, und ein Kranz gebratener Blutwurst rollte von
meinem Teller. Ich wollte aufspringen, mich nach der Ursache umsehen, als ich
unterdrücktes Lachen auf den Mienen meiner Kinder bemerkte. „Was geht hier vor
sich?“ schrie ich, und zum erstenmal in meinem abwechslungsreichen Leben war ich
wirklich außer Fassung.

„Walter“, sagte meine Frau leise und legte die Gabel hin, „es ist ja nur Wollo.“ Sie
begann zu weinen, und gegen ihre Tränen bin ich machtlos; denn sie hat mir sieben
Kinder geschenkt. „Wer ist Wollo?“ fragte ich müde, und in diesem Augenblick
wurde das Haus wieder durch ein Beben erschüttert. „Wollo“, sagte meine jüngste
Tochter, „ist der Elefant, den wir jetzt im Keller haben.“ Ich muss gestehen, dass ich

102
verwirrt war, und man wird meine Verwirrung verstehen. Das größte Tier, das wir
beherbergt hatten, war das Dromedar gewesen, und ich fand einen Elefanten zu groß
für unsere Wohnung, denn wir sind der Segnungen des sozialen Wohnungsbaus noch
nicht teilhaftig geworden.

Meine Frau und meine Kinder, nicht im geringsten so verwirrt wie ich, gaben
Auskunft: von einem bankrotten Zirkusunternehmen war das Tier bei uns
sichergestellt worden. Die Rutsche hinunter, auf der wir sonst unsere Kohlen
befördern, war es mühelos in den Keller gelangt. „Er rollte sich zusammen wie eine
Kugel“, sagte mein ältester Sohn, „wirklich ein intelligentes Tier.“ Ich zweifelte nicht
daran, fand mich mit Wollos Anwesenheit ab und wurde unter Triumph in den Keller
geleitet. Das Tier war nicht übermäßig groß, wackelte mit den Ohren und schien sich
bei uns wohlzufühlen, zumal ein Ballen Heu zu seiner Verfügung stand. „Ist er nicht
süß?“ fragte meine Frau, aber ich weigerte mich, das zu bejahen. Süß schien mir nicht
die passende Vokabel zu sein. Überhaupt war die Familie offenbar enttäuscht über den
geringen Grad meiner Begeisterung, und meine Frau sagte, als wir den Keller
verließen: „Du bist gemein, willst du denn, dass es unter den Hammer kommt?“

„Was heißt hier Hammer“, sagte ich, „und was heißt gemein, es ist übrigens
strafbar, Teile einer Konkursmasse zu verbergen.“ „Das ist mir gleich“, sagte meine
Frau, „dem Tier darf nichts geschehen.“

Mitten in der Nacht weckte uns der Zirkusbesitzer, ein schüchterner dunkelhaariger
Mann, und fragte, ob wir nicht noch Platz für ein Tier hätten. „Es ist meine ganze
Habe, mein letzter Besitz. Nur für eine Nacht. Wie geht es übrigens dem Elefanten?“

„Gut“, sagte meine Frau, „nur seine Verdauung macht mir Kummer.“

„Das gibt sich“, sagte der Zirkusbesitzer, „es ist nur die Umstellung. Die Tiere sind
so sensibel. Wie ist es - nehmen Sie die Katze noch - für eine Nacht?“ Er sah mich an,
und meine Frau stieß mich in die Seite und sagte: „Sei doch nicht so hart.“

103
„Hart“, sagte ich, „nein, hart will ich nicht sein. Meinetwegen leg die Katze in die
Küche.“

„Ich hab sie draußen im Wagen“, sagte der Mann.

Ich überließ die Unterbringung der Katze meiner Frau und kroch ins Bett zurück.
Meine Frau sah ein wenig blass aus, als sie ins Bett kam, und ich hatte den Eindruck,
sie zitterte ein wenig.

„Ist dir kalt?“ fragte ich.

„Ja“, sagte sie, „mich fröstelt's so komisch.“ „Das ist nur Müdigkeit.“
„Vielleicht ja“, sagte meine Frau, aber sie sah mich dabei so merkwürdig an. Wir
schliefen ruhig, nur sah ich im Traum immer den merkwürdigen Blick meiner Frau
auf mich gerichtet, und unter einem seltsamen Zwang erwachte ich früher als
gewöhnlich. Ich beschloss, mich einmal zu rasieren.

Unter unserem Küchentisch lag ein mittelgroßer Löwe: er schlief ganz ruhig, nur
sein Schwanz bewegte sich ein wenig, und es verursachte ein Geräusch, wie wenn
jemand mit einem sehr leichten Ball spielt.

Ich seifte mich vorsichtig ein und versuchte, kein Geräusch zu machen, aber als ich
mein Gesicht nach rechts drehte, um meine linke Wange zu rasieren, sah ich, dass der
Löwe die Augen offenhielt und mir zublickte. „Sie sehen tatsächlich wie Katzen aus“,
dachte ich. Was der Löwe dachte, ist mir unbekannt: er beobachtete mich weiter, und
ich rasierte mich, ohne mich zu schneiden, muss aber hinzufügen, dass es ein
merkwürdiges Gefühl ist, sich in Gegenwart eines Löwen zu rasieren. Meine
Erfahrungen im Umgang mit Raubtieren waren minimal, und ich beschränkte mich
darauf, den Löwen scharf anzublicken, trocknete mich ab und ging ins Schlafzimmer
zurück. Meine Frau war schon wach, sie wollte gerade etwas sagen, aber ich schnitt
ihr das Wort ab und rief: „Wozu da noch sprechen!“ Meine Frau fing an zu weinen,
und ich legte meine Hand auf ihren Kopf und sagte: »Es ist immerhin ungewöhnlich,
das wirst du zugeben.“

104
„Was ist nicht ungewöhnlich?“, sagte meine Frau, und darauf wusste ich keine
Antwort. Inzwischen waren die Kaninchen erwacht, die Kinder lärmten im
Badezimmer, das Nilpferd - es hieß Gottlieb - trompetete schon, Bello räkelte sich,
nur die Schildkröte schlief noch - sie schläft übrigens fast immer. Ich ließ die
Kaninchen in die Küche, wo ihre Futterkiste unter dem Schrank steht: die Kaninchen
beschnupperten den Löwen, der Löwe die Kaninchen, und meine Kinder - unbefangen
und den Umgang mit Tieren gewöhnt, wie sie sind - waren längst auch in die Küche
gekommen. Mir schien fast, als lächle der Löwe: mein drittjüngster Sohn hatte sofort
einen Namen für ihn: Bombilus. Dabei blieb es.

Einige Tage später wurden Elefant und Löwe abgeholt. Ich muss gestehen, dass ich
den Elefanten ohne Bedauern schwinden sah; ich fand ihn albern, während der ruhige,
freundliche Ernst des Löwen mein Herz gewonnen hatte, so dass Bombilus' Weggang
mich schmerzte. Ich hatte mich so an ihn gewöhnt: er war eigentlich das erste Tier,
das meine volle Sympathie genoss. Er war von unendlicher Geduld den Kindern
gegenüber, innige Freundschaft verband ihn mit den Kaninchen, und wir hatten ihn
daran gewöhnt, sich mit Blutwurst zu begnügen, einem Nahrungsmittel, das ja nur
scheinbar eine Fleischspeise ist.

Es tat mir so weh, als Bombilus ging, während Wollos Verschwinden mir eine
Erleichterung bedeutete. Ich sagte es meiner Frau, während wir beobachteten, wie der
Zirkusmann die Tiere verlud. „Oh“, sagte meine Frau, „du kannst hart sein.“ „Findest
du?“ sagte ich. „Ja, manchmal kannst du es sein.“ Aber ich bin nicht sicher, dass sie
recht hat.

Grundwortschatz

- der Anfall; der Ast; die Aussteuerung; das Erdbeben; das Fell; die Floskel; der
Hausierer; das Heu;die Rasierklinge; die Rutsche; die Segnung; die Sehnsucht; der
Schlamm; der Schnürsenkel; der Schoß; die Stopfwolle; die Versicherung; der
105
Vertrag; die Verdauung; der Vorrat; die Unterbringung; die Ursache; die
Verkennung; die Ursache; der Zwieback;
- sich abfinden mit Dat.; aufbringen; befördern, beherbergen; beschleunigen;
beschränken auf Akk; grunzen; kraulen; mapfen; pfänden; schwinden, sicherstellen,
taumeln; sich räckeln; sich reiben; veranlassen; verursachen, verbergen;
- verwirrt; zuträglich; stupid; schüchtern.

Wortschatzarbeit

1. Machen Sie eine Liste von allen Verben aus dem Text, die das Benehmen der Tiere
charakterisieren, bilden sie danach Sätze mit diesen Verben. Beispiele:
... das Nilpferd trompetete. Laut und fröhlich trompetete der Elefant im Zoo, als er
den herankommenden Wächter gesehn hatte.
2. Bilden Sie Partizipien von den neuen Verben, die Sie für den aktiven
Sprachgebrauch lernen müssen, schreiben Sie dann kurze Wortverbindungen.
Beispiele:
wackeln: der wackelnde Zah; taumeln: taumelnde Schritte; sicherstellen:
sichergestellte Zukunft.
3. Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie
im Text Substantive, die Sie für den aktiven Sprachgebrauch lernen wollen. Bilden
Sie kurze Wortverbindungen (Adjektiv + Substantiv) mit diesen Substantiven.
Beispiele:
im unterzeichneten Vertrag; mit der scharfen Rasierklinge; ein dickes Fell haben.
4. Drücken Sie die folgenden Wortgruppen und Wortverbindungan aus der Geschichte
mit Ihren eigenen Worten aus. Diese Aufgabe können Sie auch mit Partnern oder in
kleinen Gruppen machen.
- j-m Unterkunft gewähren; den Widerstand kennen; etwas treibt ihm Wasser in den
Mund; außer Fassung sein; unter den Hammer kommen; j-m das Wort abschneiden;

106
j-s Sympathie genießen; im Gegenteil; Auskunft geben; im Allgemeinen; nicht im
Geringsten; zur Verfügung stehen; ohne Bedenken; ans Herz wachsen; unter dem
Zwang.
5. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern:
Zusammen, beisammen; eine Zeit lang genau betrachten; zweifelnd; das Eigentum;
vermuten; längere Zeit nachdenklich od. genussvoll ansehen, anschauen, beobachten;
aus der Fassung; ablehnen etwas zu tun.

Leseverstehen

1. a. Teilen Sie die Geschichte in fünf bis sechs Abschnitte, so dass jeder Teil eine
Phase der Handlung enthält.
b. Schreiben Sie eine Überschrift für jeden Teil.
c. Schreiben Sie Stichworte zu jedem Teil. Beispiel:
das Fell des Hundes kraueln / die Katze auf dem Schoß / die Kinder füttern die
Schildkröten / das Nilpferd in der Badewanne usw.
2. Partner- oder Gruppenarbeit: Bilden Sie Vierergruppen. Erzählen Sie einander
innerhalb der Gruppe je einen Abschnitt der Geschichte. Verwenden Sie Ihre
Stichworte dabei.

Diuskussion

1. Bölls Erzählung „Unberechenbare Gäste“ aus dem Jahre 1954 gehört zu den am
häufigsten wiederabgedruckten Texten des Autors. Es geht um die Ich-Erzählung, in
der der Erzähler von seinem eigenen traurigen Schicksal berichtet. Der Erzähler ist
hier das Opfer der von ihm selbst mitverschuldetetn Umstände. Besprechen Sie im
Kurs diese Umstände. Welche Ratschläge würden Sie dem Haupthelden geben?

2. Der Erzähler ist hier zugleich Miterlebender und Leidtragender des Geschehens und

107
eignet sich besonders gut zum Berichterstatter. So verleiht er den teilweise grotesken

Vorgängen eine gewisse Glaubwürdigkeit, auch wenn er Vorgänge nur in der


subjektiven Perspektive des Ich-Erzählers wiedergibt. Diskutieren Sie mit den
Studenten über dieselben Vorgänge, aber aus der Sicht

- seiner Kinder;
- seiner Frau;
- seiner Nachbarn;
- seiner zahlreichen Gäste (Mütter mit schreienden Babys, unrasierten Männer usw.);
- der geretteten Tiere selbst.

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Für selbstständige Analyse

Wolfgang Borchert
Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels

Dabei war mein Onkel natürlich kein Gastwirt. Aber er kannte einen Kellner.
Dieser Kellner verfolgte meinen Onkel so intensiv mit seiner Treue und mit seiner
Verehrung, dass wir immer sagten: Das ist sein Kellner. Oder: Ach so, sein Kellner.
Als sie sich kennenlernten, mein Onkel und der Kellner, war ich dabei. Ich war
damals gerade so groß, dass ich die Nase auf den Tisch legen konnte. Das durfte ich
aber nur, wenn sie sauber war. Und immer konnte sie natürlich nicht sauber sein.
Meine Mutter war auch nicht viel älter. Etwas älter war sie wohl, aber wir waren beide
noch so jung, dass wir uns ganz entsetzlich schämten, als der Onkel und der Kellner
sich kennenlernten. Ja, meine Mutter und ich, wir waren dabei.
Mein Onkel natürlich auch, ebenso wie der Kellner, denn die beiden sollten sich ja
kennenlernen und auf sie kam es an. Meine Mutter und ich waren nur als Statisten
dabei und hinterher haben wir es bitter verwünscht, dass wir dabei waren, denn wir
mussten uns wirklich sehr schämen, als die Bekanntschaft der beiden begann. Es kam
dabei nämlich zu allerhand erschrecklichen Szenen mit Beschimpfung, Beschwerden,
Gelächter und Geschrei. Und beinahe hätte es sogar eine Schlägerei gegeben. Dass
mein Onkel einen Zungenfehler hatte, wäre beinahe der Anlass zu dieser Schlägerei
geworden. Aber dass er einbeinig war, hat die Schlägerei dann schließlich doch
verhindert.

109
Wir saßen also, wir drei, mein Onkel, meine Mutter und ich, an einem sonnigen
Sommertag nachmittags in einem großen prächtigen bunten Gartenlokal. Um uns
herum saßen noch ungefähr zwei- bis dreihundert andere Leute, die auch alle
schwitzten. Hunde saßen unter den schattigen Tischen und Bienen saßen auf den
Kuchentellern. Oder kreisten um die Limonadengläser der Kinder. Es war so warm
und so voll, dass die Kellner alle ganz beleidigte Gesichter hatten, als ob das alles nur
stattfände aus Schikane. Endlich kam auch einer an unseren Tisch.
Mein Onkel hatte, wie ich schon sagte, einen Zungenfehler. Nicht bedeutend, aber
immerhin deutlich genug. Er konnte kein s sprechen. Auch kein z oder tz. Er brachte
das einfach nicht fertig. Immer wenn in einem Wort so ein harter s-Laut auftauchte,
dann machte er ein weiches feuchtwässeriges sch daraus. Und dabei schob er die
Lippen weit vor, dass sein Mund entfernte Ähnlichkeit mit einem Hühnerpopo bekam.
Der Kellner stand also an unserem Tisch und wedelte mit seinem Taschentuch die
Kuchenkrümel unserer Vorgänger von der Decke. (Erst viele Jahre später erfuhr ich,
dass es nicht sein Taschentuch, sondern eine Art Serviette gewesen sein muss.) Er
wedelte also damit und fragte kurzatmig und nervös:
„Bitte schehr? Schie wünschen?"
Mein Onkel, der keine alkoholarmen Getränke schätzte, sagte gewohnheitsmäßig:
„Alscho: Schwei Aschbach und für den Jungen Schelter oder Brausche. Oder
wasch haben Schie schonscht?"
Der Kellner war sehr blass. Und dabei war es Hochsommer und er war doch
Kellner in einem Gartenlokal. Aber vielleicht war er überarbeitet. Und plötzlich
merkte ich, dass mein Onkel unter seiner blanken braunen Haut auch blass wurde.
Nämlich als der Kellner die Bestellung der Sicherheit wegen wiederholte: „Schehr
wohl. Schwei Aschbach. Eine Brausche. Bitte schehr“.
Mein Onkel sah meine Mutter mit hochgezogenen Brauen an, als ob er etwas
Dringendes von ihr wollte. Aber er wollte sich nur vergewissern, ob er noch auf dieser
Welt sei. Dann sagte er mit einer Stimme, die an fernen Geschützdonner erinnerte:
„Schagen Schie mal, schind Schie wahnschinnig? Schie? Schie machen schich
über mein Lischpeln luschtig? Wasch?"
110
Der Kellner stand da und dann fing es an, an ihm zu zittern. Seine Hände zitterten.
Seine Augendeckel. Seine Knie. Vor allem aber zitterte seine Stimme. Sie zitterte vor
Schmerz und Wut und Fassungslosigkeit, als er sich jetzt Mühe gab, auch etwas
geschützdonnerähnlich zu antworten:
„Esch ischt schamlosch von Schie, schich über mich schu amüschieren, taktlosch
ischt dasch bitte schehr."
Nun zitterte alles an ihm. Seine Jackenzipfel. Seine pomadenverklebten Haar-
strähnen. Seine Nasenflügel und seine sparsame Unterlippe. An meinem Onkel zitterte
nichts. Ich sah ihn ganz genau an: Absolut nichts. Ich bewundere meinen Onkel. Aber
als der Kellner ihn schamlos nannte, da stand mein Onkel doch wenigstens auf. Das
heißt, er stand eigentlich gar nicht auf. Das wäre ihm mit seinem einen Bein viel zu
umständlich und beschwerlich gewesen. Er blieb sitzen und stand dabei doch auf.
Innerlich stand er auf. Und das genügte auch vollkommen. Der Kellner fühlte dieses
innerliche Aufstehen meines Onkels wie einen Angriff und er wich zwei kurze zittrige
unsichere Schritte zurück. Feindselig standen sie sich gegenüber. Obgleich mein
Onkel saß. Wenn er wirklich aufgestanden wäre, hätte sich sehr wahrscheinlich der
Kellner hingesetzt. Mein Onkel konnte es sich auch leisten, sitzen zu bleiben, denn er
war noch im Sitzen ebenso groß wie der Kellner und ihre Köpfe waren auf gleicher
Höhe.
So standen sie nun und sahen sich an. Beide mit einer zu kurzen Zunge, beide mit
demselben Fehler. Aber jeder mit einem völlig anderen Schicksal.
Klein, verbittert, verarbeitet, zerfahren, fahrig, farblos, verängstigt, unterdrückt: der
Kellner. Der kleine Kellner. Ein richtiger Kellner: Verdrossen, stereotyp höflich,
geruchlos, ohne Gesicht, numeriert, verwaschen und trotzdem leicht schmuddelig. Ein
kleiner Kellner. Zigarettenfingrig, servil, steril, glatt, gut gekämmt, blaurasiert,
gelbgeärgert, mit leerer Hose hinten und dicken Taschen an der Seite, schiefen
Absätzen und chronisch verschwitztem Kragen - der kleine Kellner.
Und mein Onkel? Ach, mein Onkel! Breit, braun, brummend, basskehlig, laut,
lachend, lebendig, reich, riesig, ruhig, sicher, satt, saftig - mein Onkel!

111
Der kleine Kellner und mein großer Onkel. Verschieden wie ein Karrengaul vom
Zeppelin. Aber beide kurzzungig. Beide mit demselben Fehler. Beide mit einem
feuchten wässerigen weichen sch. Aber der Kellner ausgestoßen, getreten von seinem
Zungenschicksal, bockig, eingeschüchtert, enttäuscht, einsam, bissig.
Und klein, ganz klein geworden. Tausendmal am Tag verspottet, an jedem Tisch
belächelt, belacht, bemitleidet, begrinst, beschrien. Tausendmal an jedem Tag im
Gartenlokal an jedem Tisch einen Zentimeter in sich hineingekrochen, geduckt,
geschrumpft. Tausendmal am Tag bei jeder Bestellung an jedem Tisch, bei jedem
„bitte schehr" kleiner, immer kleiner geworden. Die Zunge, gigantischer unförmiger
Fleischlappen, die viel zu kurze Zunge, formlose zyklopische Fleischmasse, plumper
unfähiger roter Muskelklumpen, diese Zunge hatte ihn zum Pygmäen erdrückt:
kleiner, kleiner Kellner!
Und mein Onkel! Mit einer zu kurzen Zunge, aber: als hätte er sie nicht. Mein
Onkel, selbst am lautesten lachend, wenn über ihn gelacht wurde. Mein Onkel,
einbeinig, kolossal, slickzungig. Aber Apoll in jedem Zentimeter Körper und jedem
Seelenatom. Autofahrer, Frauenfahrer, Herrenfahrer, Rennfahrer. Mein Onkel, Säufer,
Sänger, Gewaltmensch, Witzereißer, Zotenflüsterer, Verführer, kurzzungiger
sprühender, sprudelnder, spuckender Anbeter von Frauen und Kognak. Mein Onkel,
saufender Sieger, prothesenknarrend, breitgrinsend, mit viel zu kurzer Zunge, aber: als
hätte er sie nicht!
So standen sie sich gegenüber. Mordbereit, todwund der eine, lachfertig, randvoll
mit Gelächtereruptionen der andere. Ringsherum sechs- bis siebenhundert Augen und
Ohren, Spazierläufer, Kaffeetrinker, Kuchenschleckerer, die den Auftritt mehr
genossen als Bier und Brause und Bienenstich. Ach, und mittendrin meine Mutter und
ich. Rotköpfig, schamhaft, tief in die Wäsche verkrochen. Und unsere Leiden waren
erst am Anfang.
„Schuchen Schie schofort den Wirt, Schie aggreschiver Schpatz, Schie. Ich will
Schie lehren, Gäschte schu inschultieren."
Mein Onkel sprach jetzt absichtlich so laut, dass den sechs- bis siebenhundert
Ohren kein Wort entging. Der Asbach regte ihn in angenehmer Weise an. Er grinste
112
vor Wonne über sein großes gutmütiges breites braunes Gesicht. Helle salzige Perlen
kamen aus der Stirn und trudelten abwärts über die massiven Backenknochen. Aber
der Kellner hielt alles an ihm für Bosheit, für Gemeinheit, für Beleidigung und
Provokation. Er stand mit faltigen hohlen leise wehenden Wangen da und rührte sich
nicht von der Stelle.
„Haben Schie Schand in den Gehörgängen? Schuchen Schie den Beschitscher,
Schie beschoffener Schpaschvogel. Losch, oder haben Schie die Hosche voll, Schie
mischgeschtalteter Schwerg?"
Da fasste der kleine kleine Pygmäe, der kleine slickzungige Kellner, sich ein
großmütiges, gewaltiges, für uns alle und für ihn selbst überraschendes Herz. Er trat
ganz nah an unsern Tisch, wedelte mit seinem Taschentuch über unsere Teller und
knickte zu einer korrekten Kellnerverbeugung zusammen. Mit einer kleinen
männlichen und entschlossen leisen Stimme, mit überwältigender zittender
Höflichkeit sagte er: „Bitte schehr!" und setzte sich klein, kühn und kaltblütig auf den
vierten freien Stuhl an unserem Tisch. Kaltblütig natürlich nur markiert. Denn in
seinem tapferen kleinen Kellnerherzen flackerte die empörte Flamme der verachteten
gescheuchten missgestalteten Kreatur. Er hatte auch nicht den Mut, meinen Onkel
anzusehen. Er setzte sich nur so klein und sachlich hin und ich glaube, dass höchstens
ein Achtel seines Gesässes den Stuhl berührte. (Wenn er überhaupt mehr als ein
Achtel besaß - vor lauter Bescheidenheit.) Er saß, sah vor sich hin auf die
kaffeeübertropfte grauweiße Decke, zog seine dicke Brieftasche hervor und legte sie
immerhin einigermaßen männlich auf den Tisch. Eine halbe Sekunde riskierte er einen
kurzen Aufblick, ob er wohl zu weit gegangen sei mit dem Aufbumsen der Tasche,
dann, als er sah, dass der Berg, mein Onkel nämlich, in seiner Trägheit verharrte,
öffnete er die Tasche und nahm ein Stück pappartiges zusammengeknifftes Papier
heraus, dessen Falten das typische Gelb eines oftbenutzten Stück Papiers aufwiesen.
Er klappte es wichtig auseinander, verkniff sich jeden Ausdruck von Beleidigtsein
oder Rechthaberei und legte sachlich seinen kurzen abgenutzten Finger auf eine
bestimmte Stelle des Stück Papiers. Dazu sagte er leise, eine Spur heiser und mit
großen Atempausen:
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„Bitte schehr. Wenn Schie schehen wollen. Schtellen Schie höflichscht schelbscht

fescht. Mein Pasch. In Parisch geweschen. Barschelona. Oschnabrück, bitte schehr.


Allesch ausch meinem Pasch schu erschehen. Und hier: Beschondere Kennscheichen:
Narbe am linken Knie. (Vom Fußballspiel.) Und hier, und hier? Wasch ischt hier?
Hier, bitte schehr: Schprachfehler scheit Geburt. Bitte schehr. Wie Schie schelbscht
schehen!"
Das Leben war zu rabenmütterlich mit ihm umgegangen, als dass er jetzt den Mut
gehabt hätte, seinen Triumph auszukosten und meinen Onkel herausfordernd
anzusehen. Nein, er sah still und klein vor sich auf seinen vorgestreckten Finger und
den bewiesenen Geburtsfehler und wartete geduldig auf den Bass meines Onkels.
Es dauerte lange, bis der kam. Und als er dann kam, war es so unerwartet, was er
sagte, dass ich, vor Schreck einen Schluckauf bekam. Mein Onkel ergriff plötzlich mit
seinen klobigen viereckigen Tatmenschenhänden die kleinen flatterigen Pfoten des
Kellners und sagte mit der vitalen wütendkräftigen Gutmütigkeit und der tierhaft
warmen Weichheit, die als primärer Wesenszug aller Riesen gilt: "Armesch kleinesch
Luder! Schind schie schon scheit deiner Geburt hinter dir her und hetschen?“
Der Kellner schluckte. Dann nickte er. Nickte sechs-, siebenmal. Erlöst. Stolz.
Befriedigt. Geborgen. Sprechen konnte er nicht. Er begriff nichts. Verstand und
Sprache waren erstickt von zwei dicken Tränen. Sehen konnte er auch nicht, denn die
zwei dicken Tränen schoben sich vor seine Pupillen wie zwei undurchsichtige
allesversöhnende Vorhänge. Er begriff nichts. Aber sein Herz empfing diese Welle
des Mitgefühls wie eine Wüste, die tausend Jahre auf einen Ozean gewartet hatte. Bis
an sein Lebensende hätte er sich so überschwemmen lassen können! Bis an seinen
Tod hätte er seine kleinen Hände in den Pranken meines Onkels verstecken mögen!
Bis in die Ewigkeit hätte er das hören können, dieses: Armesch kleinesch Luder!
Aber meinem Onkel dauerte das alles schon zu lange. Er war Autofahrer. Auch
wenn er im Lokal saß. Er ließ seine Stimme wie eine Artilleriesalve über das
Gartenlokal hinwegdröhnen und donnerte irgendeinen erschrockenen Kellner an:

114
„Schie, Herr Ober! Acht Aschbach! Aber losch, schag ich Ihnen! Wasch? Nicht
Ihr Revier? Bringen Schie schofort acht Aschbach oder tun Schie dasch nicht,

wasch?"
Der fremde Kellner sah eingeschüchtert und verblüfft auf meinen Onkel. Dann auf
seinen Kollegen. Er hätte ihm gern von den Augen abgesehen (durch ein Zwinkern
oder so), was das alles zu bedeuten hätte. Aber der kleine Kellner konnte seinen
Kollegen kaum erkennen, so weit weg war er von allem, was Kellner, Kuchenteller,
Kaffeetasse und Kollege hieß, weit weit weg davon.
Dann standen acht Asbach auf dem Tisch. Vier Gläser davon musste der fremde
Kellner gleich wieder mitnehmen, sie waren leer, ehe er einmal geatmet hatte.
„Laschen Schie dasch da nochmal vollaufen!" befahl mein Onke! und wählte in den
Innentaschen seiner Jacke. Dann pfiff er eine Parabel durch die Luft und legte nun
seinerseits seine dicke Brieftasche neben die seines neuen Freundes. Er fummelte
endlich eine zerknickte Karte heraus und legte seinen Mittelfinger, der die Maße eines
Kinderarms hatte, auf einen bestimmten Teil der Karte.
„Schiehscht du, dummesch Häschchen, hier schtehtsch: Beinamputiert und
Unterkieferschusch. Kriegschverletschung." Und während er das sagte, zeigte er mit
der anderen Hand auf eine Narbe, die sich unterm Kinn versteckt hielt.
„Die Öösch haben mir einfach ein Schtück von der Schungenschpitsche
abgeschoschen. In Frankreich damalsch."
Der Kellner nickte.
„Noch bösche?" fragte mein Onkel.
Der Kellner schüttelte schnell den Kopf hin und her, als wollte er etwas ganz
Unmögliches abwehren.
„Ich dachte nur schuerscht, Schie wollten mich utschen."
Erschüttert über seinen Irrtum in der Menschenkenntnis wackelte er mit dem
Kopf immer wieder von links nach rechts und wieder zurück.
Und nun schien es mit einmal, als ob er alle Tragik seines Schicksals damit
abgeschüttelt hätte. Die beiden Tränen, die sich nun in den Hohlheiten seines
115
Gesichtes verliefen, nahmen alle Qual seines bisherigen verspotteten Daseins mit.
Sein neuer Lebensabschnitt, den er an der Riesentatze meines Onkels betrat, begann
mit einem kleinen aufstoßenden Lacher, einem Gelächterchen, zage, scheu, aber von
einem unverkennbaren Asbachgestank begleitet.
Und mein Onkel, dieser Onkel, der sich auf einem Bein, mit zerschossener Zunge
und einem bärigen bassstimmigen Humor durch das Leben lachte, dieser mein Onkel
war nun so unglaublich selig, dass er endlich, endlich lachen konnte. Er war schon
bronzefarben angelaufen, dass ich fürchtete, er müsse jede Minute platzen. Und sein
Lachen lachte los, unbändig, explodierte, polterte, juchte, gongte, gurgelte - lachte los,
als ob er ein Riesensaurier wäre, dem diese Urweltlaute entrölpsten. Das erste kleine
neuprobierte Menschlachen des Kellners, des neuen kleinen Kellnermenschen, war
dagegen wie das schüttere Gehästel eines erkälteten Ziegenbabys. Ich griff angstvoll
nach der Hand meiner Mutter. Nicht dass ich Angst vor meinem Onkel gehabt hätte,
aber ich hatte doch eine tiefe tierische Angstwitterung vor den acht Asbachs, die in
meinem Onkel brodelten. Die Hand meiner Mutter war eiskalt. Alles Blut hatte ihren
Körper verlassen, um den Kopf zu einem grellen plakatenen Symbol der
Schamhaftigkeit und des bürgerlichen Anstandes zu machen. Keine Vierländer
Tomate konnte ein röteres Rot ausstrahlen. Meine Mutter leuchtete. Klatschmohn war
blass gegen sie. Ich rutschte tief von meinem Stuhl unter den Tisch. Siebenhundert
Augen waren rund und riesig um uns herum. Oh, wie wir uns schämten, meine Mutter
und ich.
Der kleine Kellner, der unter dem heißen Alkoholatem meines Onkels ein neuer
Mensch geworden war, schien den ersten Teil seines neuen Lebens gleich mit einer
ganzen Ziegenmeckerlachepoche beginnen zu wollen. Er mühte, bühte, gnuckte und
gnickerte wie eine ganze Lämmerherde auf einmal. Und als die beiden Männer nun
noch vier zusätzliche Asbachs über ihre kurzen Zungen schütteten, wurden aus den
Lämmern, aus den rosigen dünnstimmigen zarten schüchternen kleinen
Kellnerlämmern, ganz gewaltige hölzern meckernde steinalte weißbärtige
blechscheppernde blödblökende Böcke.

116
Diese Verwandlung vom kleinen giftigen tauben verkniffenen Bitterling zum
andauernd, fortdauernd meckernden schenkelschlagenden geckernden blechern
blökenden Ziegenbockmenschen war selbst meinem Onkel etwas ungewöhnlich. Sein
Lachen vergluckerte langsam wie ein absaufender Felsen. Er wischte sich mit dem
Ärmel die Tränen aus dem braunen breiten Gesicht und glotzte mit asbachblanken
sturerstaunten Augen auf den unter Lachstößen bebenden weiß-bejackten
Kellnerzwerg. Um uns herum feixten siebenhundert Gesichter.Siebenhundert Augen
glaubten, dass sie nicht richtig sahen. Siebenhundert Zwerchfelle schmerzten. Die, die
am weitesten ab saßen, standen erregt auf, um sich ja nichts entgehen zu lassen. Es
war, als ob der Kellner sich vorgenommen hatte, fortan als ein riesenhafter boshaft
bähender Bock sein Leben fortzusetzen. Neuerdings, nachdem er wie aufgezogen
einige Minuten in seinem eigenen Gelächter untergegangen war, neuerdings bemühte
er sich erfolgreich, zwischen den Lachsalven, die wie ein blechernes
Maschinengewehrfeuer aus seinem runden Mund perlten, kurze schrille Schreie
auszustoßen. Es gelang ihm, so viel Luft zwischen dem Gelächter einzusparen, dass er
nun diese Schreie in die Luft wiehern konnte.
„Schischyphusch!" schrie er und patschte sich gegen die nasse Stirn. „Schischy-
phusch! Schiiischyyyphuuusch!" Er hielt sich mit beiden Händen an der Tischplatte
fest und wieherte: „Schischyphusch!" Als er fast zwei dutzendmal gewiehert hatte,
dieses „Schischyphusch" aus voller Kehle gewiehert hatte, wurde meinem Onkel das
Schischyphuschen zuviel. Er zerknitterte dem unaufhörlich wiehernden Kellner mit
einem einzigen Griff das gestärkte Hemd, schlug mit der anderen Faust auf den Tisch,
dass zwölf leere Gläser an zu springen fingen, und donnerte ihn an: „Schlusch!
Schlusch, schag ich jetscht. Wasch scholl dasch mit dieschem blödschinnigen
schaudummen Schischyphusch? Schlusch jetscht, verschtehscht du!" Der Griff und
der gedonnerte Bass meines Onkels machten aus dem schischyphuschschreienden
Ziegenbock im selben Augenblick wieder den kleinen lispelnden armseligen Kellner.
Er stand auf. Er stand auf, als ob es der größte Irrtum seines Lebens gewesen wäre,
dass er sich hingesetzt hatte. Er fuhr sich mit dem Serviettentuch durch das Gesicht
und räumte Lachtränen, Schweißtropfen, Asbach und Gelächter wie etwas hinweg,
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das fluchwürdig und frevelhaft war. Er war aber so betrunken, dass er alles für einen
Traum hielt, die Pöbelei am Anfang, das Mitleid und die Freundschaft meines Onkels.
Er wusste nicht: Hab ich nun eben Schischyphusch geschrien? Oder nicht? Hab ich
schechsch Aschbach gekippt, ich der Kellner dieschesch Lokalsch, mitten unter den
Gäschten? Ich? Er war unsicher. Und für alle Fälle machte er eine abgehackte kleine
Verbeugung und flüsterte: „Verscheihung!" Und dann verbeugte er sich noch einmal:
„Verscheihung. Ja, verscheihen Schie dasch Schischyphuschgeschrei. Bitte schehr.
Verscheihen der Herr, wenn ich schu laut war, aber der Aschbach, Schie wischen ja
schelbscht, wenn man nichtsch gegeschen hat, auf leeren Magen. Bitte schehr darum.
Schischyphusch war nämlich mein Schpitschname. Ja, in der Schule schon. Die
gansche Klasche nannte mich scho. Schie wischen wohl, Schischyphusch, dasch war
der Mann in der Hölle, diesche alte Schage, wischen Schie, der Mann im Hadesch, der
arme Schünder, der einen groschen Felschen auf einen rieschigen Berg raufschieben
schollte, eh, muschte, ja, dasch war der Schischyphusch, wischen Schie wohl. In der
Schule muschte ich dasch immer schagen, immer diesen Schischyphusch. Und allesch
hat dann gepuschtet vor Lachen, können Schie schich denken, werter Herr. Allesch
hat dann gelacht, wischen Schie, schintemalen ich doch die schu kursche
Schungenschpitsche beschitsche. Scho kam esch, dasch ich schpäter überall
Schischyphusch geheischen wurde und gehänschelt wurde, schehen Schie. Und dasch,
verscheihen, kam mir beim Aschbach nun scho insch Gedächtnisch, alsch ich scho
geschrien habe, verschtehen. Verscheihen Schie, ich bitte schehr, verscheihen Schie,
wenn ich Schie beläschtigt haben schollte, bitte schehr.“
Er verstummte. Seine Serviette war indessen unzählige Male von einer Hand in die
andere gewandert. Dann sah er auf meinen Onkel.
Jetzt war der es, der still am Tisch saß und vor sich auf die Tischdecke sah. Er
wagte nicht, den Kellner anzusehen. Mein Onkel, mein bärischer bulliger riesiger
Onkel wagte nicht, aufzusehen und den Blick dieses kleinen verlegenen Kellners zu
erwidern. Und die beiden dicken Tränen, die saßen nun in seinen Augen. Aber das sah
keiner außer mir. Und ich sah es auch nur, weil ich so klein war, dass ich ihm von
unten her ins Gesicht sehen konnte. Er schob dem still abwartenden Kellner einen
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mächtigen Geldschein hin, winkte ungeduldig ab, als der ihm zurückgeben wollte, und
stand auf, ohne jemanden anzusehen. Der Kellner brachte noch zaghaft den Satz an:
„Die Aschbach wollte ich wohl gern beschahlt haben, bitte schehr.“
Dabei hatte er den Schein schon in seine Tasche gesteckt, als erwarte er keine
Antwort und keinen Einspruch. Es hatte auch keiner den Satz gehört und seine
Großzügigkeit fiel lautlos auf den harten Kies des Gartenlokals und wurde da später
gleichgültig zertreten. Mein Onkel nahm seinen Stock, wir standen auf, meine Mutter
stützte meinen Onkel und wir gingen langsam auf die Straße zu. Keiner von uns
dreien sah auf den Kellner. Meine Mutter und ich nicht, weil wir uns schämten. Mein
Onkel nicht, weil er die beiden Tränen in den Augen sitzen hatte. Vielleicht schämte
er sich auch, dieser Onkel. Langsam kamen wir auf den Ausgang zu, der Stock meines
Onkels knirschte hässich auf dem Gartenkies und das war das einzige Geräusch im
Augenblick, denn die drei- bis vierhundert Gesichter an den Tischen waren stumm
und glotzäugig auf unseren Abgang konzentriert.
Und plötzlich tat mir der kleine Kellner leid. Als wir am Ausgang des Gartens um
die Ecke biegen wollten, sah ich mich schnell noch einmal nach ihm um. Er stand
noch immer an unserem Tisch. Sein weißes Serviettentuch hing bis auf die Erde. Er
schien mir noch viel viel kleiner geworden zu sein. So klein stand er da und ich liebte
ihn plötzlich, als ich ihn so verlassen hinter uns herblicken sah, so klein, so grau, so
leer, so hoffnungslos, so arm, so kalt und so grenzenlos allein! Ach, wie klein! Er tat
mir so unendlich leid, dass ich meinen Onkel an die Hand tippte, aufgeregt, und leise
sagte: „Ich glaube, jetzt weint er.“'
Mein Onkel blieb stehen. Er sah mich an und ich konnte die beiden dicken Tropfen
in seinen Augen ganz deutlich erkennen. Noch einmal sagte ich, ohne genau zu
verstehen, warum ich es eigentlich tat: „Oh, er weint. Kuck mal, er weint.“
Da ließ mein Onkel den Arm meiner Mutter los, humpelte schnell und schwer zwei
Schritte zurück, riss seinen Krückstock wie ein Schwert hoch und stach damit in den
Himmel und brüllte mit der ganzen großartigen Kraft seines gewaltigen Körpers und
seiner Kehle:

119
„Schischyphusch! Schischyphusch! Hörscht du? Auf Wiederschehen, alter
Schischyphusch! Bisch nächschten Schonntag, dummesch Luder! Wiederschehen!"
Die beiden dicken Tränen wurden von den Falten, die sich jetzt über sein gutes
braunes Gesicht zogen, zu nichts zerdrückt. Es waren Lachfalten, und er hatte das
ganze Gesicht voll davon. Noch einmal fegte er mit seinem Krückstock über den
Himmel, als wollte er die Sonne herunterraken, und noch einmal donnerte er sein
Riesenlachen über die Tische des Gartenlokals hin: „Schischyphusch!
Schischyphusch!"
Und Schischyphusch, der kleine graue arme Kellner, wachte aus seinem Tod auf,
hob seine Serviette und fuhr damit auf und ab wie ein wildgewordener Fensterputzer.
Er wischte die ganze graue Welt, alle Gartenlokale der Welt, alle Kellner und alle
Zungenfehler der Welt mit seinem Winken endgültig und für immer weg aus seinem
Leben. Und er schrie schrill und überglücklich zurück, wobei er sich auf die Zehen
stellte und ohne sein Fensterputzen zu unterbrechen: „Ich verschtehe! Bitte schehr!
Am Schonntag! Ja, Wiederschehen! Am Schonntag, bitte schehr!''
Dann bogen wir um die Ecke. Mein Onkel griff wieder nach dem Arm meiner
Mutter und sagte leise: „Ich weisch, esch war schicher entschetschlich für euch. Aber
wasch schollte ich andersch tun, schag schelbscht. Scho'n dummer Hasche. Läuft nun
schein ganschesch Leben mit scho einem garschtigen Schungenfehler herum.
Armesch Luder dasch!"

Die vorliegende Geschichte ist aber lustig. Als Vorlage und Held diente Borchert sein
Onkel Hans, den er verehrte, der einen Sprachfehler hatte, im 1. Weltkrieg ein Bein
verlor, mit seinem Vermögen spekulierte und später in Hamburg eine Kneipe kaufte.
Die Erzählung durchlebt Höhen und Tiefen: Wut, peinliche Berührtheit, Scham,
Traurigkeit, Hoffnungslosigkeit, Mitgefühl, Warmherzigkeit, Nächstenliebe – alles in
einer wunderschönen Sprache geschrieben.

120
3. Wie meinen Sie, haben die Erzählungen von B. Honigmann, P. Hachs, W. Borchert,
H. Böll, K. Marti, S. Lenz, S. Killian und I. Aichinger etwas Gemeinsames? Wie
würden Sie das Thema dieser Kurzgeschichten bezeichnen?

KAPITEL 3. Schicksale

Alfred Polgar

Vor dem Lesen

1. Es gibt viele Personen in dieser Geschichte. Bevor Sie den Text genau lesen,
machen Sie eine Liste der handelnden Personen.
2. Leopold erzählt seiner Familie, dass er mit dem Bus zum Fußballspiel fährt. Der
Bus stürzt in einen Graben, und alle Insaßen werden verletzt. Lesen Sie den Text,
achten Sie dabei darauf, wie die handelnden Personen (und auch der Hund) auf die
Nachricht vom Busunfall reagieren. Jede Person in der Geschichte hat einen
bestimmten moralischen Standpunkt. Notieren Sie sich beim Lesen, welche Person
welchen Standpunkt hat.
3. Die Erzählung heißt „Geschichte ohne Moral“. Das Wort Moral hat mehr als nur
eine Bedeutung. Welche Bedeutungen könnte das Wort „Moral“ im Titel haben?

Geschichte ohne Moral

Sonntag, drei Uhr nachmittags, sagte der Gymnasiast Leopold, jetzt müsse er fort,
denn der Autobus zum Fußballmatsch fahre punkt drei Uhr fünfzehn von seinem
Standplatz ab.
„Und deine Schularbeiten für morgen?“ fragte die Mutter.
„Die mache ich am Abend“
Tante Alwine meinte, es sei schade ums Geld für die Autofahrt, so ein junger
121
Mensch könne zu Fuß gehen.
Es wurde Abend, und Leopold war noch nicht zu Hause. Und dann kam die
Nachricht, dass der planmäßig um drei Uhr fünfzehn von seinem Standplatz
abgegangene Autobus in einen Graben gestützt und sämtliche Insaßen schwer verletzt
seien.
Die Mutter, aus der Ohnmacht erwacht, klagte sich immerzu an, sie hätte Leopold
nie und nimmer erlauben dürfen, seine Schularbeiten erst am Abend zu machen. Jetzt
büße sie um ihre elterliche Schwäche.
Der Vater verfluchte das Fußballspiel und den Götzen Sport überhaupt.
Tante Alwine schrie: „Könnte er nicht zu Fuß gehen können wie tausend andere
Jungen?“
Ihr Mann schüttelte bedeutsam den Kopf: „Heute ist der dritte August, der
Sterbetag unseres seligen Großvaters. Daran hätte man denken müssen.“
Die Großmutter mütterlicherseits sprach zu sich selbst: „Kürzlich bin ich ihm auf
die Lüge gekommen. Ich ermahnte ihn: „Wer lügt, sündigt, und wer sündigt, wird
bestraft.“ Da hat er mich ins Gesicht gelacht.
Das Mädchen für alles sagte dem Kohlenmann: „Na, sehen Sie? Wie ich Ihnen
erzählt habe, dass mir heute früh zwei Nonnen begegnet sind, da haben Sie sich über
mich lustig gemacht!“
Hernach ging das Mädchen für alles hinunter zu den Portiersleuten, um mit ihnen
den traurigen Fall zu bereden. „Ja“, sagte sie, „am Ersten wollten sie aufs Land fahren.
Aber weil die Schneiderin mit den Kleidern der Gnädigen nicht fertig war, sind sie
noch dageblieben. Wegen der dummen Fetzen.“
Die Portiersfrau meinte: „Am Sonntag sollten Kinder und Eltern zusammenblei-
ben ... Aber bei den besseren Leuten gibt’s kein Familienleben mehr.“
Emma, das eine der beiden Fräulein vom Konditor im Nebenhaus, machte sich
bittere Vorwürfe wegen ihrer Prüderie. Hätte sie dem armen jungen Mann nicht nein

122
gesagt, dann wäre er heute Nachmittag mit ihr gewesen und nicht beim Fußball.
Bobby, der Dobermann, dachte: „Gestern hat er mit einen Tritt gegeben. In der
ersten Wut wollte ich ihn ins Bein beißen. Leider, leider hab ich es nicht getan. Sonst
wäre es ihm heute kaum möglich gewesen, zum Fußballmatsch zu gehen.“
Spätabends kam, vergnügt, Leopold nach Hause. Das mit dem Fußballmatsch hatte

er nur vorgeschwindelt. In Wirklichkeit war er mit Rosa, dem anderen Fräulein vom
Konditor nebenan, auf einer Landpartie gewesen, die, schien es, einen zufrieden
stellenden Verlauf genommen hatte.
Die Mutter umarmte ihren Sohn in hemmungsloser Rührung.
Der Vater gab ihm ein paar Ohrfeigen.
Die Großmutter mütterlicherseits faltete die Hände und betete stumm: „Lieber
Gott, ich danke Dir, dass er wieder gelogen hat.“

Grundwortschatz

- Die Gnädige; der Graben; die Nonne; die Ohnmacht; die Ohrfeige; die Prüderie;
die Rührung;

- sich anklagen; bereden; büßen um Akk.; ermahnen; falten; lügen; schade um Akk.
sein; sündigen; schütteln; verfluchen; verletzen; vorschwindeln;

- hemmungslos; hernach; kürzlich; selig; stumm;

- j-m auf die Lüge kommen; j-m einen Tritt geben; einen zufrieden stellenden Verlauf
nehmen; j-m Vorwürfe machen.

Wortschatzaufgaben

123
1. Dieser Text enthält einige Verben mündlicher Äußerung. Finden Sie diejenigen, die
Folgendes ausdrücken:
nicht die Wahrheit sagen; sich die Schuld geben; zu Gott sprechen; über etwas
diskutieren; jemandem eine Warnung geben; heftig über etwas schimpfen; eine
Meinung äußern.

2. Bilden Sie Sätze. Wenn sie nicht mit der Geschichte übereinstimmen, ändern Sie
sie.
a. der Fahrplan, abfahren, Punkt vier Uhr, der Bus, nach, sollen.
b. ein Autobusunglück, bekommen, von, die Familie, Nachricht.
c. das Unglück, der Vater, sich anklagen, wegen.
d. in der Stadt, Emma, ein Konditor, arbeiten, bei.
e. Wut, der Junge, auf, der Hund, haben.
f. ins Bein, der Junge, er, beißen.
g. kommen, traurig, Leopold, nach Hause.
h. sich machen, er, Vorwürfe, er, lügen, kürzlich, weil.
i. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und Wortgruppen:
- Lustig; fröhlich; Fahrzeiten der Verkehrsmittel; die Mitteilung; umhalsen,
umfassen;
zu Gott sprechen; die Vorhaltung; eine Fahrt beginnen; schweigend, wortlos; laut
rufen; hinfallen; über jemanden lachen; die Unwahrheit; sehr nah, im nächsten Haus;
bezahlen, zahlen; besprechen.
3. Wortbildung: Bilden Sie Adjektive mit dem Suffix –sam:
a. Tante Alwina spart sich das Geld für Notzeiten auf. Sie ist wirklich ____________.
b. Große Bedeutung hat die Erziehung der Kinder in der Familie. Diese __________.
Frage muss radikal gestellt werden.
c. Tante Alwine rät Leopold, nicht mit dem Bus zu fahren. Sie hält es nicht für _____.
d. Zu Fuß dauert es zu lange zum Fußballspiel. Leopold findet das zu ____________.
e. Das Mädchen für alles hat vor Allem große Furcht. Sie ist sehr _______________.
f. Die Worte der Großmutter wirken auf Leopold wenig. Sie sind also nicht ________.
124
g. Bei Familiengesprächen schweigt Leopold. Die anderen Familienangehörigen sind
aber nicht so _______________.

Leseverstehen

Vieles, was die Personen in der Geschichte sagen oder denken, ist naiv,
selbstgerecht oder moralisierend. Wer sagt oder denkt folgendes? Suchen Sie die
genauen Worte im Text. Emma, die Großmutter, das Mädchen für alles, die Mutter,
die Portiersfrau, Tante Alwine, der Vater, der Onkel. Ein junger Mann soll zu Fuß
gehen. Eine Busfahrt ist hinausgeworfenes Geld.
1. Man soll die Schularbeit nicht erst am Abend machen.
2. Das Unglück überrascht mich nicht, denn mir sind heute früh zwei Nonnen
begegnet.
3. Das Unglück hängt damit zusammen, dass heute der Sterbetag unseres Großvaters
ist.
4. Das Unglück wäre nicht passiert, wenn die Familie nicht zu Hause geblieben wäre
– und das nur wegen der neuen Kleider.
5. Wer sündigt, wird bestraft.
6. Die besseren Leute haben keinen Familiensinn mehr.
7. Hätte ich dem jungen Mann nicht nein gesagt, wäre er nicht mit dem Bus zum
Fußballspiel gefahren.
8. Ich bin dankbar, dass er wieder gelogen hat.

Mit eigenen Worten

Oft erzählt Einer, was die andere Person gesagt hat, benutzt aber dabei nicht genau
dieselben Worte. So schreibt der Autor in der Geschichte: Sonntag, drei Uhr nachmit-
tags, sagte der Gymnasiast Leopold, jetzt müsse er fort... Diese Art Wiedergabe heißt
„indirekte Rede“. In der indirekten Rede steht das Verb oft im Konjunktiv, entweder

125
im Konjunktiv I oder im Konjunktiv II. In der „Geschichte ohne Moral wird nur
Konjunktiv I gebraucht.
Lesen Sie die „Geschichte ohne Moral“ noch einmal. Schreiben Sie die Sätze
heraus, die in der indirekten Rede stehen. Unterstreichen Sie die Konjunktionsformen
und übersetzen Sie diese Sätze in die Muttersprache.
Erzählen Sie, was in der Geschichte passiert. Zuerst machen Sie eine Wortliste, die
Sie zum Nacherzählen benutzen können. Machen Sie mindestens zwanzig kurze In-
haltsaussagen über diese Geschichte. Eine chronologische Reihenfolge ist hier nicht
wichtig.
Diskussion

1. Warum ist diese Geschichte „ohne Moral“?

2. Warum hat Leopold gelogen?


3. Aus dem Text wissen wir, wie Mutter, Vater und Großmutter auf Leopolds Lüge
reagiert haben. Wie werden die anderen handelnden Personen wohl darauf reagieren?
4. Sind Sie der Meinung, dass man in gewissen Situationen lügen darf. Warum
(nicht)?

Aufsatzthemen.

Lesen Sie den Text „Geschichte ohne Moral“ noch einmal. Schreiben Sie dann Ihre
kurzen Überlegungen zu folgenden Punkten:
1. Warum ist diese Geschichte „ohne Moral“?
2. Was halten Sie von den Worten der Portiersfrau: „Am Sonntag sollten Kinder und
Eltern zusammenbleiben … Aber bei den besseren Leuten gibt’s kein Familienleben
mehr.“?
3. Warum hat Leopold gelogen? (Denken Sie an die unterschiede zwischen Leopolds
Familie und den anderen Figuren in der Geschichte.)
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4. Aus dem Text erfahren wir, wie Mutter, Vater und Großmutter auf Leopolds Lüge
reagieren. Wie würden die anderen Personen in der Geschichte reagieren?
5. Was bedeutet Ihrer Meinung nach „die elterliche Schwäche“?
6. Welche Person in dieser Geschichte ist Ihnen am sympathischsten? Welche
unsympathisch? Warum?
7. Sind Sie der Meinung, dass man in gewissen Situationen lügen darf? Warum
(nicht)?

Erich Kästner
Ein reizender Abend

Einladungen sind eine schreckliche Sache. Für die Gäste. Der Gastgeber weiß
immerhin, wer ins Haus und was auf den Tisch kommen wird. Ihm ist, im Gegensatz
zu mir, bekannt, dass Frau Ruckteschel, meine Nachbarin zur Linken, taub ist, aber zu
eitel, die kleine Schwäche zuzugeben. Und was es bedeuten soll, wenn seine
Gemahlin, in vorgerückter Stunde, mit Frau Sendeweins Frühjahrshut ins Zimmertritt
und flötet: "Ein entzückendes Hütchen, meine Liebe! Setzen Sie's doch einmalauf,
damit wir sehen, wie es Sie kleidet", also, was das bedeuten soll, weiß auch nur der
Gastgeber. Die Gäste können es höchstens ahnen. Und aufbrechen.

Ach, wie schön ist es, von niemandem eingeladen, durch die abendlichen
Geschäftsstraßen zu schlendern, irgendwo eine Schweinshaxe und ein wenig Bier zu
verzehren und, allenfalls, mit einem fremden Menschen über den neuen Benzinpreis
zu plaudern! Aber Einladungen? Nein. Dafür ist das Leben zu kurz.

Nehmen wir beispielsweise die Einladung bei Burmeesters. Vor drei Wochen.
Entzückende Leute. Gebildet, weltoffen, hausmusikalisch, nichts gegen
Burmeesters.Und wir wussten, wer außer uns käme. Thorn, der Verleger, mit seiner
Frau, also alte Bekannte. Wir waren pünktlich. Der Martini war so trocken, wie ein
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Getränk nur sein kann. Thorn erzählte ein paar Witze, weder zu alt noch zu neu,
hübsch abgehangen. Lottchen sah mich an, als wollte sie sagen: „Was hast du
eigentlich gegen Einladungen?“ Ja. Und dann flog die Tür auf. Ein Hund trat ein. Er
musste sich bücken. So groß war er. Eine dänische Dogge, wie wir erfuhren. Lottchen
dachte: „Die Freunde meiner Freunde sind auch meine Freunde“, und wollte das Tier
streicheln. Es schnappte zu. Wie ein Vorhängeschloss. Zum Glück ein wenig ungenau.
"Vorsicht!" sagte der Hausherr. "Ja nicht streicheln! Doktor Riemer hätte es neulich
ums Haar einen Daumen gekostet. Der Hund ist auf den Mann dressiert." Frau
Thorn,die auf dem Sofa saß, meinte zwinkernd: "Aber doch nicht auf die Frau." Sie
schien hierbei, etwas vorlaut, eine Handbewegung gemacht zu haben, dennschon
sprang die Dogge, elegant wie ein Hannoveraner Dressurpferd, mit einem einzigen
Satze quer durchs Zimmer und landete auf Frau Thorn und dem Sofa, dass beide in
allen Nähten krachten. Herr und Frau Burmeester eilten zu Hilfe, zerrten ihren
Liebling ächzend in die Zimmermitte und zankten zärtlich mit ihm. Anschließend
legte der Gastgeber das liebe Tier an eine kurze, aus Stahlringen gefügte Kette. Wir
atmeten vorsichtig auf.

Dann hieß es, es sei serviert. Wir schritten, in gemessenem Abstand, hinter dem
Hunde, der Herrn Burmeester an der Kette hatte, ins Nebenzimmer. Die Suppe verlief
ungetrübt. Denn der Hausherr aß keine. Als die Koteletts mit dem Blumenkohl in
holländischer Soße auf den Tisch kamen, wurde das anders. Man kann kein
Kalbskotelett essen, während man eine dänische Dogge hält. "Keine Angst", sagte
Herr Burmeester. "Das Tier ist schläfrig und wirdsich gleich zusammenrollen. Nur
eins, bitte, - keine heftigen Bewegungen!" Wir aßen wie die Mäuschen. Mit
angelegten Ohren. Wagten kaum zu kauen. Hielten die Ellenbogen eng an den Körper
gewinkelt. Doch das Tier war noch gar nicht müde! Es beschnüffelte uns hinterrücks.
Sehr langsam. Sehr gründlich. Dann blieb es neben mir stehen und legte seine
feuchtfröhliche Schnauze in meinen Blumenkohl. Burmeesters lachten herzlich, riefen
nach einem frischen Teller, und ich fragte, wo man sich die Hände waschen könne.

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Als ich ein paar Minuten später, aus dem Waschraum ins Speisezimmer zurück
wollte, knurrte es im Korridor. Es knurrte sehr. Mit einem solchen Knurren pflegen
sich sonst größere Erdbeben anzukündigen. Ich blieb also im Waschraum und
betrachtete Burmeesters Toiletteartikel. Als ich, nach weiteren zehn Minuten, die Tür
von neuem aufklinken wollte, knurrte es wieder. Noch bedrohlicher als das erstemal.
Nun schön. Ich blieb. Kämmte mich. Probierte, wie ich mit Linksscheitel aussähe. Mit
Rechtsscheitel. Bürstete mir einen Hauch Brillantine ins Haar. Nach einer halben
Stunde klopfte Herr Burmeester an die Tür und fragte, ob mir nicht gut sei. "Doch,
doch, aber Ihr Hündchen lässt mich nicht raus!" rief ich leise. Herr Burmeester lachte
sein frisches, offenes Männerlachen. Dann sagte er, "Auf diese Tür ist das Tier
besonders scharf. Wegen der Einbrecher. Einbrecher bevorzugen bekanntlich die
Waschräume zum Einsteigen. Warum, weiß kein Mensch, aber es ist so.
Komm,Cäsar!" Cäsar kam nicht. Nicht um Verrecken. Stattdessen kam Frau
Burmeester. Und Lottchen. Und das Ehepaar Thorn. "Sie Armer!" rief Frau Thorn.
"Der Obstsalat war himmlisch!" "Soll ich Ihnen den neuesten Witz erzählen?" fragte
Thorn. Er schien, nun sich der Hund auf mich konzentriert hatte, bei bester Laune.
Und ich? Ich gab nicht einmal eine Antwort. Sondern begann ein Sonett zu dichten.
Einen Bleistift habe ich immer bei mir. Papier war auch da.

Zwischendurch teilte mir Herr Burmeester mit, er wolle den Hundedresseur anrufen.
Irgendwann klopfte er und sagte, der Mann sei leider im Krankenhaus. Ob er später
noch einmal geklopft hat, weiß ich nicht. Ich kletterte durch das leider etwas schmale
und hochgelegene Fenster, sprang in den Garten, verstauchte mir den linken Fuß und
humpelte heimwärts. Bis ich ein Taxi fand. Geld hatte ich bei mir. Aber keine
Schlüssel. Hätte ich vorher gewusst, was käme, hätte ich, als ich in den Waschraum
ging, den Mantel angezogen. So saß ich schließlich, restlos verbittert, auf unserer
Gartenmauer und holte mir einen Schnupfen. Als Lottchen mit meinem Hut, Schirm
und Mantel angefahren kam, musterte sie mich ein wenig besorgt und erstaunt.
"Nanu", meinte sie. "Seit wann hast du denn einen Scheitel?" Wie gesagt.
Einladungen sind eine schreckliche Sache. Ich humple heute noch.

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Grundwortschatz

- die Gemahlin; der Ellbogen (der Ellenbogen); der Verleger; der Scheitel; die
Schnauze;
- auffliegen; zuschnappen; zwinkern; aufbrechen; bevorzugen; beschnüffeln; sich
bücken; knurren; ankündigen; verrecken; verstauchen; humpeln; ahnen; zerren;
verzehren; zanken; schlendern;wagen; zwinkern;
- eitel; vorgerückt; entzückend;abgehangen; vorlaut;
- in allen Nähten krachen; j-dem ums Haar kosten; scharf auf Akk. sein; pflegen+
zu + Infinitiv; nicht um Verrecken; sich Dat. einen Schnupfen (Husten, Schnupfen,
Grippe) holen< die Tür aufklinken.

Wortschatzaufgaben

Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern:

- Vorziehen, hinken; sterben; j-n gegen seinen Willen, etwas mit großer Kraft ziehen;
streiten; j-n tadeln (Kinder); gestehen; die Ehefrau, die Gattin; etwas steht j-m;
vermuten; gemütlich, mit Zeit und Ruhe spazieren gehen; ein Tier beißt plötzlich nach
j-m oder etwas; wegen vieler Enttäuschungen unzufrieden und unfreundlich sein;
reizend, sehr hübsch; das lange Maul mancher Tiere; plötzlich, mit viel Kraft; ein
sehr starkes Verlangen nach j-m haben.

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Herbert Malecha
Die Probe

Redluff sah, das Quietschen der Bremsen noch in den Ohren, das ärgerliche
Gesicht des Fahrers. Mit zwei taumeligen Schritten war er wieder auf dem Gehweg.
"Hat es Ihnen was gemacht?" "Nein, nein, schon gut. Danke", sagte er.

Eine Welle von Schwäche stieg von seinen Knien auf, wurde fast zur Übelkeit. Das
hätte ihm gerade gefehlt, angefahren auf der Straße liegen, und dann die Polizei. Er
durfte jetzt nicht schwach werden, nur weiterlaufen, unauffällig weiterlaufen zwischen
den vielen auf der hellen Straße. Seit drei Monaten war er zum erstenmal wieder in
der Stadt, zum erstenmal wieder unter so vielen Menschen. Er musste einmal wieder
raus, wieder Kontakt aufnehmen mit dem Leben, überhaupt raus aus allem. Ein Schiff
musste sich finden lassen, möglichst noch, bevor es Winter wurde. Seine Hand fuhr
leicht über die linke Brustseite seines Jacketts, er spürte den Pass, der in der
Innentasche steckte; gute Arbeit war dieser Pass, er hatte auch nicht schlecht dafür
bezahlt.

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Die Autos auf der Straße waren zu einer langen Kette aufgefahren. Und wieder
Menschen, Menschen, ein Strom Gesichter, Sprechen und hundertfache Schritte.
Redluff fuhr mit der Hand an seinen Kragen. An seinem Hals merkte er, dass seine
Finger kalt und schweißig waren.

Wovor hab ich denn eigentlich Angst, wer soll mich denn schon erkennen in dieser
Menge, sagte er sich. Aber er spürte nur zu genau, dass er in ihr nicht eintauchen
konnte, dass er wie ein Kork auf dem Wasser tanzte. Ihn fror plötzlich. Nichts wie
verdammte Einbildung, sagte er sich wieder. Vor drei Monaten war das ja noch
anders, da stand sein Name schwarz auf rotem Papier auf jeder Anschlagsäule zu
lesen, Jens Redluff; nur gut, dass das Foto so schlecht war. Der Name stand damals
fett in den Schlagzeilen der Blätter, wurde dann klein und kleiner, auch das
Fragezeichen dahinter verschwand bald ganz.

Redluff war jetzt in eine Seitenstraße abgebogen, der Menschenstrom wurde


dünner. Hier war es dunkler. Er konnte den Kragen öffnen und die Krawatte
nachlassen. Der Wind wehte vom Hafen her. Ihn fröstelte. Ein breites Lichtband fiel
quer vor ihm über die Straße, jemand kam aus dem kleinen Lokal, mit ihm ein Dunst
nach Bier, Qualm und Essen. Redluff ging hinein. Die kleine Kneipe war fast leer, ein
paar Soldaten saßen herum, grelle Damen in ihrer Gesellschaft. Ein Musikautomat
begann aus der Ecke zu hämmern. Hinter der Theke lehnte ein dicker Bursche mit
bloßen Armen. Er schaute nur flüchtig auf. "Cognac, doppelt", sagte Redluff zu dem
Kellner. Er merkte, dass er seinen Hut noch in der Hand hielt, und legte ihn auf den
leeren Stuhl neben sich. Er steckte sich eine Zigarette an. Schön warm war es hier, er
streckte seine Füße lang aus. Gut saß es sich hier. Der Dicke hinter der Theke drehte
jetzt seinen Kopf nach der Tür. Draußen fiel eine Wagentür schlagend zu. Gleich
darauf kamen zwei Männer herein, klein der eine davon. Er blieb in der Mitte stehen,
der andere, im langen Ledermantel, steuerte auf den Nachbartisch zu. Keiner von
beiden nahm seinen Hut ab. Redluff versuchte hinüberzuschielen, es durchfuhr ihn. Er

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sah, wie der Große sich über den Tisch beugte, kurz etwas Blinkendes in der Hand
hielt. Die Musik hatte ausgesetzt. "What's he want?" hörte er den Neger vom
Nebentisch sagen. "What's he want?" Das Mädchen kramte eine bunte Karte aus ihrer
Handtasche. "What's he want?" sagte der Neger. Der Mann war schon zum nächsten
Tisch gegangen. Redluff klammerte sich mit der einen Hand an die Tischkante. Er
sah, wie die Fingernägel sich entfärbten. Der rauchige Raum schien ganz leicht zu
schwanken, ganz leicht. Der Große hatte seine Runde beendet und ging auf den
anderen zu, der immer noch mitten im Raum stand, die Hände in den Manteltaschen.
Redluff sah, wie er zu dem Großen etwas sagte. Er konnte es nicht verstehen. Dann
kam er geradewegs auf ihn zu.

"Sie entschuldigen", sagte er. "Ihren Ausweis, bitte!" Redluff schaute erst gar nicht
auf das runde Metall in seiner Hand. Er drückte seine Zigarette aus und war plötzlich
völlig ruhig. Er wusste es selbst nicht, was ihn mit einmal so ruhig machte, aber seine
Hand, die in die Innentasche seines Jacketts fuhr, fühlte den Stoff nicht, den sie
berührte, sie war wie von Holz. Der Mann blätterte langsam in dem Pass, hob ihn
besser in das Licht. Der Mann gab ihm den Pass zurück. "Danke, Herr Wolters", sagte
er. Aus seiner unnatürlichen Ruhe heraus hörte Redluff sich selber sprechen. "Das hat
man gern, so kontrolliert werden wie -" er zögerte etwas, "ein Verbrecher!" Er hatte
doch gar nicht so laut gesprochen. "Man sieht manchmal jemand ähnlich", sagte der
Mann, grinste, als hätte er einen feinen Witz gemacht. "Feuer?" Er fingerte eine halbe
Zigarre aus der Manteltasche. Redluff schob seine Hand mit dem brennenden
Streichholz längs der Tischkante ihm entgegen. Die beiden gingen.

Redluff lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er hätte jubeln können. Das war es, das
war die Probe, und er hatte sie bestanden. Triumphierend setzte der Musikautomat
wieder ein. "He, Sie vergessen Ihren Hut", sagte der Dicke hinter der Theke. Draußen
atmete er tief, am liebsten hätte er gesungen.

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Langsam kam er wieder in belebtere Straßen, die Lichter nahmen zu, die Läden,
die Leuchtzeichen an den Wänden. Aus einem Kino kamen Menschen, sie lachten und
schwatzten, er mitten unter ihnen. Es tat ihm wohl, wenn sie ihn streiften. "Hans",
hörte er eine Frauenstimme hinter sich, jemand fasste seinen Arm. "Tut mir leid",
sagte er und lächelte in das enttäuschte Gesicht. Verdammt hübsch, sagte er zu sich.
Zeitungsverkäufer riefen die Abendausgaben aus. Hinter einer großen
Spiegelglasscheibe sah er undeutlich tanzende Paare: Ewig hätte er so gehen können,
so wie jetzt. Er gehörte wieder dazu, er hatte den Schritt der vielen, es machte ihm
keine Mühe mehr.

Um die Kassen vor dem Einlass drängten sich Menschen. Stand dort nicht das
Mädchen von vorhin? Redluff stellte sich hinter sie in die Reihe. Sie wandte den
Kopf, er spürte einen Hauch von Parfüm. Dicht hinter ihr zwängte er sich durch den
Einlass. Er hörte ein Gewirr von Hunderten von Stimmen. Ein paar Polizisten suchten
etwas Ordnung in das Gedränge zu bringen. Ein Mann in einer Art Portiersuniform
nahm ihm seine Einlasskarte ab. "Der, der!" rief er auf einmal und deutete aufgeregt
hinter ihm her. Gesichter wandten sich, jemand im schwarzen Anzug kam auf ihn zu,
ein blitzendes Ding in der Hand.

Scheinwerferlicht übergoss ihn. Jemand drückte ihm einen Riesenblumenstrauß in


die Hände. Zwei strahlend lächelnde Mädchen hakten ihn rechts und links unter,
Fotoblitze zuckten. Und zu allem dröhnte eine geölte Stimme: "Ich darf Ihnen im
Namen der Direktion von ganzem Herzen gratulieren, Sie sind der hunderttausendste
Besucher der Ausstellung!"

Redluff stand wie betäubt. "Und jetzt sagen Sie uns Ihren werten Namen".
"Redluff, Jens Redluff", sagte er, ehe er wusste, was er sagte, und schon hatten es die
Lautsprecher dröhnend bis in den letzten Winkel der riesigen Halle getragen. Die
Polizisten, die eben noch die applaudierende Menge zurückgehalten hatten, kamen auf
ihn zu.
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Grundtwortschatz
- die Anschlagsäule; die Bremse; der Dunst; die Einbildung; das Gewirr; der Kork;
der Kragen; die Säule; der Scheinwerfer; die Schlagzeile; der Strom; die Übelkeit;

- aussetzen; dröhnen; eintauchen; fingieren; frieren Akk.; frösteln Akk.; grinsen;


hämmern; sich klammern an Akk.; kramen; quietschen; schielen; schwatzen; streifen;
unterhaken; zucken; auf Akk. Zukommen; zusteuern auf Akk.;

- betäubt; bloß; dünn; flüchtig; grell; taumelig; schweißrig; unauffällig; verdammt;

- in die Straße abbiegen; die Krawatte nachlassen; die Tür fällt zu.

Leseverstehen

1. Was erfährt man über die Person Jens Redluff?

2. Welche Orte sucht die Hauptfigur in der Geschichte auf?

3. Was erfährt man über die verschiedenen Räume, an denen die Handlung der

Geschichte spielt?

4. Wie verhält sich die Hauptfigur an den verschiedenen Orten des Geschehens?

5. Wie endet die Geschichte?

Fragen zur Textinterpretation

1. Wie erlebt Redluff sein erstes Zurückkehren in die Öffentlichkeit auf der Straße?
2. Weshalb vermeidet er jeden körperlichen Kontakt mit den anderen Passanten?
3. Welche äußeren Zeichen spiegeln die innere Unruhe der Hauptfigur wieder?
4. Was ändert sich bei seinem Betreten der Kneipe?
5. Wie kommt es, dass Redluff bei der "Probe" im Lokal so "cool" bleibt?
6. Welche Gefühle hat Redluff, als er wieder auf die Straße kommt? Welche "neuen"
Verhaltensweisen werden sichtbar?

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7. Welche Bedeutung hat sein Interesse an dem Mädchen, hinter dem er sich an der
Kasse der Ausstellung anstellt?
8. Welche sinnlichen Erfahrungen dominieren im letzten Abschnitt und welche
Auswirkungen haben sie auf das Verhalten der Hauptfigur?

Zur Textanalyse

1. Aus welcher Perspektive wird die Geschichte erzählt?

2. Welche Darbietungsformen des Erzählens werden verwendet?

3. Wie setzt der Autor/Erzähler die Wortwahl ein, um die Erfahrungen Redluffs zu

vergegenwärtigen (Adjektive, Verben)?

4. Welche Rolle spielt der Satzbau (Satzarten), um die Empfindungen der Hauptfigur 

zu verdeutlichen?

5. Lassen sich die verwendeten Bilder und Metapher einem gemeinsamen Bezugsfeld

zuordnen?

Aufsatztehmen

1. Erstellen Sie ein Fahndungsplakat, wie es in der Geschichte beschrieben worden ist.

2. Schreiben Sie einen Tagebucheintrag des Protagonisten (a oder b):

a) kurz vor der Kontrolle in dem Lokal

b) nachdem er seinen wahren Namen in der Ausstellung genannt hat

3. Schreiben Sie die Geschichte weiter. Der Schwerpunkt soll im eigenen, kreativen

Produzieren und Handeln mit und durch den Text liegen.

4. Erstellen Sie eine stichwortartige Analyse der Kurzgeschichte (Erzählperspektive,

Gattung, stilistische Mittel, Erzählzeit, erzählte Zeit, Redeformen,…)

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Heinz Risse

Der Diebstahl

Das Mädchen öffnete die Tür; ein fremder Herr stand davor und zog den Hut.
Ausländer, dachte das Mädchen, der Schnitt des Anzugs, hierzulande trug man sich
anders, und erst der Schlips, bunt wie ein Kolibri. Dabei war es ein älterer Herr, seine
Haare waren schon grau, nicht nur an den Schläfen.

„Sie wünschen?" fragte das Mädchen.

„Herr Nissing?" erwiderte der Fremde. „Ich möchte Herrn Nissing sprechen. Er
wohnt doch hier, nicht wahr?" Dabei machte er eine Handbewegung, die über die
Hauswand zum Gartentor zurücklief - es ist nämlich kein Schild hier, mochte sie
bedeuten.

„Ja", sagte das Mädchen, „Herr Nissing wohnt hier. Aber sie können ihn nicht
sprechen."

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„Ich kann ihn nicht sprechen?" fragte der Herr; er machte ein bestürztes Gesicht.
„Herr Nissing ist doch nicht tot? Er wird verreist sein, wie?"

Das Mädchen lächelte verlegen. „Nein", erwiderte sie. „Herr Nissing ist auch
nicht verreist. Er badet gerade."

„Aber", rief der fremde Herr mit fast fröhlicher Stimme, „aber das ändert ja alles.
Ich werde warten, bis er sein Bad beendet haben wird. In sein Büro werde ich mich
setzen, es ist doch gleich hier rechts die erste Tür, nicht wahr, mein kleines Fräulein?"

Der Herr betrat den Flur, das Mädchen wich ein wenig zur Seite. „Sie scheinen das
Haus gut zu kennen?" sagte sie.

„Gut?" erwiderte der Herr. „Ausgezeichnet. . . sagen Sie ausgezeichnet - ich war
dabei, als es von Herrn Nissings Vater gebaut wurde. Sie dürften zu jener Zeit noch
nicht bei den Menschen gewesen sein . . ."

„Nein", sagte das Mädchen, „ich war damals noch nicht geboren."

„Interessant", antwortete der Herr und öffnete die Tür zu dem Büro. „Ja ... und nun
gehen Sie an Ihre Arbeit - Sie werden doch zu arbeiten haben, wie? Meinen Hut
hängen Sie bitte an die Garderobe, ja?"

Das Mädchen nahm den Hut: „Es wird vielleicht einige Zeit dauern", sagte sie, „bis
Herr Nissing herunterkommen wird. Er ist erst vor wenigen Minuten ins Badezimmer
gegangen."

„Einige Zeit?" rief der Herr und hob wie ein Betender die Arme. „Was ist das:
einige Zeit? Wie wenig mag das sein, mein Kind? Und wenn es Stunden wären oder
Tage ... ich habe Herrn Nissing seit mehr als dreißig Jahren nicht gesehen - vor
dreiunddreißig Jahren und vier Monaten sahen wir uns zum letzten Male, wenn Sie
Wert auf eine historisch einwandfreie Darstellung legen."

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

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„So lange ist das her?" fragte sie. „Ich werde Ihren Hut fortbringen." Sie schloss
die Tür hinter sich und ging.

Der fremde Herr betrachtete das Zimmer, in dem er sich befand: alles beim Alten,
stillgesetzte Zeit. Der Stich an der Wand, der Bücherschrank, der Schreibtisch, auch
der Sessel davor, nur die Lederhaut jetzt ein wenig schäbig geworden - sonderbar für
den Fremden, zu denken, dass dies jahraus, jahrein da gestanden hatte, behütet,
abgestaubt, während mit ihm Fangball gespielt worden war, hier, drüben, sonstwo.
Und wenn die Angst vor dem Sturz einmal wich - denn erst in Jahren war aus dem
ärmlichen Auswanderer ein Herr geworden, so blieb das Schuldgefühl nach der bösen
Tat. Nicht nach der bösen Tat. Nach der schäbigen Tat.

Der Herr sah den Schreibtisch an, die mittlere Schublade, damals war die Rosette
lose gewesen, sie hatte geklappert, als er den Schlüssel umdrehte, inzwischen war sie
festgeschraubt worden. Aber der Schlüssel steckte auch heute, steckte - auch - heute ...
hundert Jahre sind vor dir wie ein Tag, aber was bedeutet das schon für die Ereignisse,
die diesen Tag ausfüllen? Der Herr hatte den Schlüssel in der Hand gehalten, das war
nun dreiunddreißig Jahre und vier Monate her, sonderbar, wie die Dinge sich
wiederholen, ohne dass einer sie rufen müsste, der Herr fand plötzlich, dass er den
Schlüssel wiederum in der Hand hielt und im Schloss drehte, aber heute wollte er
doch nichts tun, was nach Heimlichkeit verlangte, nur alles gestehen. Offen und klar.
Ein Wort: peccavi.

Aber vielleicht sollte das gar nicht sein, der Herr zog an dem Schlüssel, und die
Schublade folgte, der Inhalt war musterhaft geordnet, links lagen ein paar schwarzge-
bundene Kontobücher, nach der Mitte zu Bankauszüge und Scheckbücher, rechts
aber... rechts lag das Geld, ein Haufen Banknoten, säuberlich gebündelt, man brauchte
nur hineinzugreifen, alles wie damals, ob Nissing es überhaupt gezählt hatte, war
zweifelhaft. Der fremde Herr hatte gestehen wollen, nun bot sich der leichtere Weg
an, was sind schon dreiunddreißig Jahre und vier Monate? Weniger als ein Tag: am
Morgen nimmt man Geld aus einer Lade, und am Mittag legt man es wieder hinein,

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das Geld ist nie fortgewesen, Zauberkunststück der Seele. Der Herr griff in die Tasche
und zog ein Bündel Noten hervor, mit hastiger Hand blätterte er, bis er drei Tausender
gefunden hatte, das Anfangskapital, dachte er, vermehrt um die Zinsen. Er steckte den
Rest wieder ein, aber die drei Tausender legte er nicht sogleich zu dem Bündel in die
Schublade, so leicht, dachte er, kann es nicht sein, eine schäbige Tat zu sühnen; ich
wollte doch gestehen. Erst die plötzlichen Schritte im Flur zwangen ihn, sich zu
entscheiden - er legte die Scheine unter das Notenbündel und schob die Lade zu.

Sogleich danach betrat Nissing das Zimmer, er erkannte den Gast auf den ersten
Blick - „du bist es?" fragte er, „ich freue mich aufrichtig; wie lange haben wir uns
nicht gesehen, du lebst im Ausland, hast es zu etwas gebracht, man sieht es dir an, ich
sprach auch einmal mit jemandem, der dich getroffen hat, er ist, glaube ich, in deiner
Fabrik gewesen, vor fünf oder sechs Jahren war das. Aber du hast mir nie eine Zeile
geschrieben . . ."

„Du hattest eine schwere Zeit, wie? Aber nun bist du ja wohl drüber weg? Du wirst
länger bleiben, ein paar Wochen, ja? Natürlich bist du mein Gast, es ist Platz genug
im Haus."

„Verzeih“, erwiderte der Besucher, „ich muss morgen weiter, das Schiff geht am
Abend. Früher hatte ich Zeit, heute habe ich Geld, beides zugleich zu besitzen sind
wir nicht geschaffen. Ich wollte dich auch nur wiedersehen, missversteh' mich nicht,
für mich würde ein Beisammensein von fünf Minuten ausreichen. Ich wünschte dich
um Verzeihung zu bitten.“

Herr Nissing lachte.


„Du mich um Verzeihung bitten", rief er, „aber nein, du bist ja sonderbar. Weil du
nicht geschrieben hast, wie? Aber das war doch völlig unnötig, davon hat unsere
Freundschaft nie abgehangen."

Er lachte schallend und schlug dem Gast auf die Schulter. „Komm ins
Wohnzimmer", sagte er, „wir wollen eine Flasche Wein trinken."

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Ein Anlauf, dachte der Fremde, aber ich wage nicht zu springen. Sie gingen
hinüber.
„Du bist verheiratet?" fragte der Gast.
„Ich war es", erwiderte Nissing. „Meine Frau ist gestorben. Vor zehn Jahren. Zwei
Jahre nach deiner Abreise hatte ich sie geheiratet. Und du?"

„Ich lebe allein. Du hast Kinder?"


„Ja. Einen Sohn. Er ist zweiundzwanzig."
„So, zweiundzwanzig? Ein hoffnungsvolles Alter."
„Ja, hoffnungsvoll."
Der Gast schwieg einen Augenblick. „Du sagst das", erwiderte er, „als ob
duskeptisch wärest in Bezug auf die Hoffnungen ... verzeih' mir, aber ich glaubte,
einen Unterton zu hören, vielleicht irre ich mich."

„Nein, du irrst dich nicht. Aber ich könnte dir nichts Bestimmtes darüber sagen,
noch nicht, vielleicht später. Es hängt alles von der Probe ab - ob er sie besteht,
begreifst du? Ich stelle ihn auf die Probe."

„Ja. Auf was für eine Probe?"


Nissing wich zurück. „Ich weiß nicht", sagte er, „ob ich davon sprechen soll, jetzt
schon, vielleicht sollte ich das Ergebnis abwarten." Er betrachtete den Gast zweifelnd.
„Aber andererseits", murmelte er, „was ist verloren? Schließlich sind wir gute
Freunde, nicht wahr?"

„Ja, gute Freunde", erwiderte der Gast; die gefühlvollen Worte Nissings machten
ihn verlegen.“
„Erinnerst du dich", fragte Nissing plötzlich, „dass ich vor vielen Jahren einmal
bestohlen worden bin? Der Betrag war nicht allzu hoch, tausend oder zwölfhundert
Kronen, wenn ich mich recht erinnere, nur war es damals für mich ziemlich viel Geld,
der größte Teil des Honorars für meine erste Erfindung, ich hatte es im Schreibtisch

141
meines Vaters verwahrt, der kurz zuvor gestorben war - doch nein, du kannst davon
nichts wissen, ich glaube, du warst damals schon ausgewandert.“

Trockene Kehle, dachte der Gast. „Du hattest das Geld im Schreibtisch verwahrt",
fragte er, „und ihn nicht abgeschlossen?"
„Nein, nicht abgeschlossen."
„Und das Geld wurde gestohlen?"
„Nicht alles. Etwa die Hälfte. Den Rest ließ der Dieb liegen."
„Du hattest keinen Verdacht?"
„Doch, natürlich. Ich hatte damals eine Haushälterin, nach meiner Vermutung die
einzige Person, die den Diebstahl ausgeführt haben konnte. Ich entließ sie.“

„Du nanntest ihr den Grund?"


„Nein. Ich hielt es für zwecklos; sicherlich hätte sie geleugnet, und ich konnte ihr
nichts beweisen."

„Was geschah dann?"


„Nichts. Ich bin ein wenig misstrauisch geworden, damals. Zwar lasse ich dann
und wann noch Geld liegen, aber ich zähle es ab und beobachte die, die in seine Nähe
kommen. So stelle ich sie auf die Probe."

„Auch deinen Sohn?"


„Ja."
„Wo verwahrst du das Geld, mit dem du ihn in Versuchung zu führen wünschest?"
„Im Schreibtisch auf meinem Büro."
„Du hast die Nummern der Scheine notiert, die dort liegen?"
„Nein."
„Aber den Betrag hast du aufgeschrieben?"
„Wozu? Ich kenne ihn auswendig."
Der Gast zuckte die Achseln.
„Mit einer Zahl irrt man sich leicht", sagte er.
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Sie hörten, dass die Haustür geöffnet wurde. „Das ist er", sagte Nissing. „Er hat
mir schon heute mittag angekündigt, dass er den Abend mit Freunden verbringen
werde, und ich habe die Frage offen gelassen, ob ich nicht ins Theater gehen würde.
Das Mädchen habe ich soeben fortgeschickt; er wird glauben, dass ich nicht im Haus
bin." Die Schritte von der Haustür her entfernten sich die Treppe hinauf.

„Er wird sich umziehen", sagte Nissing.

„Findest du nicht", fragte der Gast, „dass dieser Argwohn gegen deinen Sohn etwas
Schreckliches ist? Hast du wenigstens einen Grund für deinen Verdacht?" Nissing
neigte sich zu dem Gast hinüber.

„Einen?" fragte er. „Drei, vier oder fünf, seinen Aufwand, seine Schulden, du wirst
mir ersparen, sie alle aufzuzählen. Aber heute will ich wissen, ob ich ihm misstrauen
muss oder nicht."

Sie saßen und tranken, ohne zu sprechen; nach einiger Zeit hörte man Schritte die
Treppe herabkommen, eine Tür klappte. „Er ist ins Büro gegangen", sagte Nissing,
der Gast nickte.

Zwei oder drei Minuten folgten, die mit einer kaum noch erträglichen Spannung
belastet waren, dann klappte die Tür wieder - Stille.

„Man müsste es ihm sagen, bevor er geht", flüsterte der Gast, „dies ist ja
furchtbar." Er machte Miene, sich zu erheben.

„Was willst du?" fragte Nissing. „Bleib sitzen, ich bitte dich; es ist ohnehin bereits
alles entschieden."

„Du bist sicher, dass nicht das Mädchen . . . ?" „Völlig sicher."

Die Haustür schlug zu, Nissing erhob sich sofort. „Zwei Minuten", sagte er. Der
Gast nickte, ich hätte gestehen sollen, aber wem? Dem. Dem Fallensteller.
Unmöglich. Er sank in seinem Sessel zusammen.

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Es dauerte fast zehn Minuten, bis Nissing zurückkehrte. „Sonderbar", sagte er,
„wirklich sonderbar."

„Was ist sonderbar?"


„Es stimmt nicht. Das Geld stimmt nicht.“
„Er hat also gestohlen?"
„Nein", sagte Nissing, und er schrie nun beinahe, „nein, er hat nicht gestohlen ...
oder ich habe mich geirrt .... was weiß ich? Es stimmt nicht, vielleicht hätte ich die
Summe doch aufschreiben sollen . . ."

„Was ist denn nun?" fragte der Gast.


„Es sind", rief Nissing, „es sind mehr Kronen im Schreibtisch, als ich hineingelegt
habe. Ich habe das Bündel fünfmal gezählt und fand jedesmal das gleiche Ergebnis,
hier jedenfalls irre ich mich nicht es liegen um genau tausend Kronen mehr im
Schreibtisch, als nach meiner Erinnerung dort liegen müssten."

„Du hast also doch", sagte der Gast, „die Summe nicht richtig behalten, die du
hineingelegt hast"; er konnte nicht verhindern, dass er zitterte. Tausend Kronen zuviel
sind zweitausend Kronen zuwenig, Rechenkunststück der Seele.

Nissing stützte den Kopf in die Hände.


„Ja", murmelte er, „es kann nicht anders sein, nicht wahr? Wie käme mein Sohn
dazu, tausend Kronen in meinen Schreibtisch zu legen? Er besitzt sie ja nicht einmal.
Wenn er sie besäße, müsste er sie gestohlen haben."

„Ja. Er wird sie gestohlen haben."


„Was sagst du?"
„Nichts."
Sie schwiegen, schließlich aßen sie etwas zu Abend und sprachen von anderen
Dingen. Ich müsste gestehen, dachte der Gast, aber nicht hier, wie furchtbar ist das
alles, einen Hund kann man auf die Probe stellen oder eine Brücke, aber an den

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Menschen zerbricht doch alles, Schuld überall, ein Sumpf von Schuld, da reitet keiner
aufrechten Hauptes.

„Ich bin müde", sagte er schließlich; Nissing brachte ihn ins Gastzimmer.
„Gute Nacht und auf morgen."
„Ja. Gute Nacht."
Der Gast ging nicht zu Bett, sondern setzte sich in einen Sessel und starrte die
Wand an, zweitausend Kronen gestohlen und die Probe bestanden: aber das war wohl
nicht schlimmer als tausend Kronen gestohlen und eine Unschuldige vertrieben.
Schlimmer? Sicherlich war es besser, mein Geld ist gut angelegt, dachte er mit
ironischem Gesicht, ein schlechter Mensch wurde von einem Verdacht gerettet, der
ihm auf den Leib geschnitten ist, das ist eine goldene Kapitalanlage. Aber dies war
schließlich nicht alles, was nun? Es gab eine große Zahl von Möglichkeiten, doch
scheiterten die meisten daran, dass keiner einem Menschen glaubt, der im gleichen
Atemzug mit der Bezichtigung eines jungen Menschen zugeben muss, dreiunddreißig
Jahre und vier Monate zuvor eine schäbige Tat ausgeführt und sie so lange
verschwiegen zu haben - nein, dem glaubt keiner. Der Gast konnte auch auf die
Heimkehr des jungen Mannes warten und ihm sagen, er möge die Tat eingestehen, der
Gast konnte dem jungen Mann erklären, dass er um die gestohlenen zweitausend
Kronen wisse, aber war es nicht sehr wahrscheinlich, dass der junge Mann die
Achseln zucken und sich zu Bett legen würde? Sehr wahr-scheinlich war das; nicht in
jedem Alter erkennt der Mensch eine Schuld an, die nicht bewiesen wird, und das
Gewissen ist nicht immer der Kläger, der den Richter herbeiruft.

Es war vier Uhr morgens, und um die Bäume vor dem Fenster begann es hell zu
werden, als der Gast sich an den Tisch setzte und einen Brief begann: Es sei ihm
plötzlich eingefallen, schrieb er dem Freunde, dass er noch einen Besuch in der
Hafenstadt auszuführen habe, der nicht möglich sei, wenn er nicht sogleich abreise; er
bitte, seinen überstürzten und abschiedlosen Aufbruch zu entschuldigen. Was den
Sohn angehe: ob Nissing nicht bereit sei, ihn in sein, des Gastes, Werk zu schicken?
Zu irgendeiner harten Arbeit, für die er sich eigne. Auch habe ja er, der Gast, wie der
145
Freund wisse, keine Erben. „Die im Verdacht stehen, zu stehlen", schrieb er, „sind den
Dieben ähnlich, und ich weiß aus Erfahrung, wie ihnen zumute ist." Er dachte einen
Augenblick daran, die Worte „aus Erfahrung" zu streichen, aber dann fand er, dass aus
ihnen sehr Verschiedenes herausgelesen werden konnte, er ließ sie stehen. „Man kann
sie heilen", schrieb er weiter, „indem man ihnen vertraut. Man darf sie nicht auf die
Probe stellen; denn die bestehen sie nicht. Aber als blind ausgewählte Erben sind sie
jeder guten Tat fähig." Geständnis, dachte er, Geständnis und Rechtfertigung.

Er ließ den Brief auf dem Tisch liegen und schlich auf Strümpfen die Treppe
hinab; erst vor dem Haus zog er die Schuhe wieder an. Eine Amsel sang, und der Tau
lag auf den Blumen des Gartens. An der Pforte wandte er sich um und blickte zurück;
es schien ihm, dass im Schlafzimmer des Freundes noch Licht brannte, aber es war
durchaus möglich, dass der Widerschein der aufgehenden Sonne im Fenster ihn
täuschte.

Grundwortschatz

- Der Schnitt; die Achsel; der Schlips; die Schläfe; bestürzt; verlegen sein; weichen;
einwandfrei; der Stich; schäbig; klappern; der Bankauszug; das Kunstsück; sühnen;
aufrichtig; das Beisammensein; der Anlauf; verwahren; leugnen; die Achsel; der
Argwohn; der Aufwand; der Fallensteller; scheitern; die Bezichtung; der Aufbruch; die
Rechtfertigung; die Amsel; der Zins; die Rechtfertigung;

- an die Arbeit gehen; Wert auf Akk. legen; beim Alten sein; auf den ersten Blick; in Bezug
auf Akk.; j-n/etwas auf die Probe stellen; in Versuchung führen; einen Verdacht haben;
nen Besuch ausführen; im Verdacht stehen; j-m zumute sein /auch: zu Mute sein.

Wortschatzaufgaben

1. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und Wortgruppen:

146
a. Den Mut zu etwas haben, riskieren; b. so, dass es laut klingt; c. nicht richtig
hören, was j-d gesagt oder gewollt hat; d. j-n, etwas genau ansehen; e. über etwas
materielles verfügen, haben; f. eilg und unruhig; g. zugeben; h. fordern; i. der Gang,
der Korridor; j. in freudiger und lebhafter Stimmung; k. die Krawatte; l. antworten;
m. den Blick starr auf j-n/etwas richten; n. j-m kündigen; o. wieder an j-n /etwas
denken; p. argwöhnisch; q. verdächtigen; r. ängstlich und unsicher; s. unsicher.
2. Übersetzen Sie ins Ukrainische von den Worten „Erinnerst du dich“, fragte
Nissing ...“ bis „ Auch deinen Sohn?“. „Ja.“

Leseverstehen

1. Richtig oder falsch? Schreiben Sie, ob der Satz richtig oder falsch ist und belegen
Sie Ihre Antwort mit einem Zitat aus dem Text.
Beispiel: Er hat seinen Freund seit 40 Jahren nicht gesehen.
Falsch: „ … einen alten Freund, den er seit 30 Jahren nicht gesehen hat“
- Als Nissing den Gast erblickte, konnte er sich nicht sofort an ihn erinnern.
- Der Gast hat seine Heimatstadt nie verlassen.
- Damals hatte Nissing geglaubt, dass sein Freund das Geld gestohlen hatte.
- Der Gast meint, dass man nicht zu selbstsicher sein darf.
- Nissing wird den Abend im Theater verbringen.
- Nissing erklärt, warum er seinem Sohn nicht vertraut.
- Beim Abendessen versuchen Nissing und sein Gast an etwas anderes zu denken.
- Der Gast verlässt leise und heimlich das Haus.
2. Schreiben Sie die Sätze ab und ergänzen Sie sie mit mit der richtigen Summe:
0 - 1000 - 1200 - 2000 - 3000
- Der Gast hat vor dreißig Jahren ... Kronen gestohlen.
- Der Gast gibt ... Kronen zurück.
- Das Dienstmädchen hat ... Kronen gestohlen.

147
- Der Junge hat ... Kronen gestohlen.
- In der Schublade sind ... Kronen zuviel.

Aufsatzthemen

1. Obwohl aus seinem Schreibtisch schon Geld gestohlen wurde, lässt Nissing

Geldscheine in einer offenen Schublade liegen. Aus welchem Grund? (etwa 30

Wörter)
2. „Ich wollte doch gestehen.“ Was ist aus diesem Vorhaben geworden? Wie lässt sich
das erklären? (etwa 60 Wörter)
3. Schreiben Sie den Brief, den der Gast in der Nacht auf dem Tisch lässt. (etwa 100
Wörter)
5. Wählen Sie eines der folgenden Themen. (etwa 120 Wörter)
- Jeder Mensch hat das Recht auf eine zweite Chance. Wie stehen Sie dazu?
Argumentieren Sie.
- Meinen Sie auch, dass 22 ein hoffnungsvolles Alter ist?
Argumentieren Sie.

148
Für selbstständige Analyse

Heinrich Böll
Suchanzeigen

Ich suche ein Mädchen, zehn Jahre alt, wahrscheinlich blass, dunkelhaarig, mit
sehr großen, zur Melancholie neigenden dunklen Augen. Ich habe Grund zu der
Annahme, dass sie schön ist. Ich kenne ihr Geburtsdatum, den Geburtsort, die Orte
ihrer Kindheit und Jugend: Düren, Heisberg, wahrscheinlich Palenberg, Aachen. Ich
suche das Mädchen in einem bestimmten Jahr, im Jahr 1887. Sie ist unterwegs auf der
Landstraße zwischen Düren und Golzheim, ob nach Golzheim gehend oder von
Golzheim kommend, weiß ich nicht. Wenn sie nach Golzheim geht, trägt sie eine
leere Waschschüssel; wenn sie von Golzheim kommt, trägt sie eine Waschschüssel
voll Rübenkraut. Die Entfernung Düren - Golzheim beträgt sieben Kilometer, der
Gesamtweg des Mädchens also vierzehn Kilometer. Ich weiß nicht, wie lange ein

149
zehnjähriges Mädchen braucht, um diese Strecke zurückzulegen, auf einer Straße, von
der ich nicht weiß, ob sie damals schon baumlos war. Wollen wir mindestens drei,
höchstens sechs Stunden zubilligen? Wollen wir ihr ebenfalls zubilligen, dass sie hin
und wieder die leere und die volle Schüssel absetzen muss, um ihre Arme zu
entlasten? Ich weiß nicht, wieviel Pfund Rübenkraut sie da bei Verwandten oder
Bekannten abholte, weiß nicht, ob das Rübenkraut geschenkt oder nur verbilligt war.
Drei Stunden? Vier oder sechs? Acht Pfund, zehn oder sieben? Ich weiß nicht. Ich
weiß auch nicht, wieviel Geld bei dieser Aktion gespart wurde. Zehn Pfennige?
Dreißig oder nur sieben? Ich weiß nicht. Das Mädchen ist unterwegs, und ich suche
es. Sie heißt Maria und wurde ein paar Jahrzehnte später meine Mutter. Das ist
uninteressant, über meine Mutter weiß ich einiges, über das Mädchen nichts.
Fünfundachtzig Jahre später fahre ich oft durch Golzheim, vor Golzheim schnell,
durch Golzheim manchmal schneller als zulässig, hinter Golzheim wieder relativ
schnell. Mit dem Auto. Nehmen wir an, ich fahre hundert. Ich brauche für die sieben
Kilometer drei, vier, höchstens sechs Minuten; es kommt darauf an, wieviel
landwirtschaftliche Fahrzeuge gerade unterwegs sind, wie ich sie überholen kann, wie
der Gegenverkehr ist. Mehr als sechs Minuten brauche ich keinesfalls. Fähre ich die
ganze Zeit, die das Mädchen unterwegs ist, mit dem Auto so weiter, so wäre ich in
drei Stunden ungefähr in Darmstadt, in sechs irgendwo zwischen Augsburg und
München, während das Mädchen immer noch unterwegs ist. Und wie oft ging das
Mädchen diesen Weg? Einmal? Mehrere Male, jedes Jahr wieder? Wie hießen die
Leute, bei denen sie das Rübenkraut holte, um sieben oder dreißig Pfennige zu
sparen?
Ich weiß das alles nicht. Sieht das Müdchen fünfundachtzig Jahre später auf dieser
selben Landstraße Autos fahren, und in einem dieser Autos einen ihrer Söhne? Sieht
sie mich? Ich sehe sie nicht, obwohl ich immer wieder nach ihr Ausschau halte. Ich
weiß nichts von ihr, jedenfalls nicht viel. Sie hat eine strenge Mutter, fünf Schwestern,
zwei Brüder, einen, gelinde gesagt, leichtsinnigen Vater, der, gelinde gesagt, gern
einen trinkt. Was kostet ein Glas Bier, was kostet ein Cognak? Gewiss mehr, als das
zehnjährige Mädchen durch den drei- bis sechsstündigen Gang mit der leeren und der
150
vollen Waschschüssel spart. Ich würde so gern mit ihr sprechen, versuchen, sie
auszufragen, herauszubekommen, was sie sich denkt. Ich kenne von zwei, drei Fotos
das bittere, säuerliche Gesicht der Mutter des Mädchens. Ich weiß ein paar Anekdoten
über sie. Sie war das klassische betrogene Mündel des Schauerromans, wurde um
Grundstücke, Häuser, nach einer anderen Anekdotenversion um eine Brauerei
betrogen. Man sieht dem bitteren Gesicht noch an, dass sie einmal schön war. Das
klassische Mündel mit klassischem Gesicht. Katholisch mit stark jansenistischer
Einfärbung. Freudlos, puritanisch, kirchgängerisch, verbittert.
Ich würde so gern mit dem Mädchen auf der Landstraße sprechen. Nicht mit
meiner Mutter, mit ihr habe ich oft gesprochen, aber nie mit dem zehnjährigen
Mädchen. Was denkt sie, was fühlt sie, was weiß sie, was gesteht sie sich ein, was
verbirgt sie vor sich und den anderen? Was denkt sie über ihren, gelinde gesagt,
leichtsinnigen Vater, der innerhalb von zwei Minuten mehr vertrinkt, als sie bei
diesem Drei- oder Sechsstundenmarsch „verdient" oder nur erspart. Fünfundachtzig
Jahre später würde ich gern die Chronologie auseinandernehmen,
durcheinanderbringen, um mich mit dem Mädchen zu unterhalten. Ich würde sie
mitnehmen, aber vielleicht bleibt sie lieber auf der Landstraße, als zu ihrer bitteren,
säuerlichen Mutter zurückzugehen, die sparen muss, weil da einer verschwendet? Da
gab's viel zu erzählen über die fünf Schwestern und die zwei Brüder, über den, gelinde
gesagt, leichtfertigen, verwöhnten Vater, über die aufrechterhaltene Fassade, über
zusammenbrechende Fassaden. Das ist uninteressant für mich. Ich suche das kleine
Mädchen, das viel später meine Mutter sein wird.
Was ich mir denken, was ich mir vorstellen, was ich kombinieren, sogar
recherchieren könnte, ist mir langweilig, weil ich weiß, wie's gemacht wird. Gut.
Schlecht. Nicht so schlecht. Nicht so gut. Mit einer ziemlichen, mit einer gewissen,
mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zutreffend. Ein bisschen interpoliert, so oder
so. Literatur. Die suche ich nicht, ich suche ein zehnjähriges Mädchen, von dem ich
nichts weiß. Ich fahre fünfundachtzig Jahre später über dieselbe Landstraße und sehe
sie nicht, höre sie nicht, weiß nichts von ihr. Ich kann mir viel vorstellen, fast alles,
aber - wie schon gesagt - das interessiert mich nicht. Ich suche ein zehnjähriges
151
Mädchen, blass, mit dunklen, zur Melancholie neigenden Augen, die
überraschenderweise voller Humor sind.
Ich suche nicht ihre Erinnerung, nicht die Erinnerung an sie, ich suche sie selbst.
Ich suche einen wahrscheinlich rothaarigen mageren, sommersprossigen
zehnjährigen Jungen, der im Jahr 1880 morgens von der Schwanenkampstraße in
Essen aus zur Schule geht. Er heißt Victor und wird viele Jahre später mein Vater
sein. Über meinen Vater weiß ich einiges, über diesen zehnjährigen Jungen weiß ich
nichts. Ich weiß ein paar Anekdoten, ich kenne einige seiner Erinnerungen und
Erinnerungen anderer an ihn, aber ihn selbst kenne ich nicht. Ich würde so gern die
Chronologie zerstören, ihn für ein paar Minuten lebend vor mir haben, bevor seine
konventionellen und seine unkonventionellen Erinnerungen in den Kreislauf der
Anekdotenkonvention geraten. Ich möchte seine Tafel oder seine Hefte sehen, seine
Brote, sein Taschentuch, möchte sehen, ob er damals schon eine Brille trug. Es ist
einiges überliefert, in einigen Variationen verbürgt, es ließe sich viel recherchieren,
kombinieren, interpretieren, vorstellen und mit einer ziemlichen oder gewissen oder
gar bestimmten Wahrscheinlichkeit ließe sich ein Genrebild erstellen von dem
wahrscheinlich rothaarigen mageren Jungen, der da an der Mauer der Kruppschen
Fabrik entlang zur Schule geht. Details genug, aber ich will nicht die Erinnerungen
des Jungen und nicht die Erinnerungen anderer an ihn, ich will ihn selbst, ihm ins
Auge blicken, sein Taschentuch, seine Hefte oder seine Tafel sehen. Der Junge heißt
Victor, ist im Jahre 1880 zehn Jahre alt und wird später einmal mein Vater sein.
Ich suche mich selbst, zehnjährig, mit dem Fahrrad zur Schule unterwegs. Nicht
meine Erinnerung, nicht, was andere zu erinnern glauben. Meine Frau suche ich,
zehnjährig, meine Kinder, Freunde, Geschwister. Ich möchte die verfluchte
Chronologie zerstören, die eine 1923, die andere 1935 oder 1917 sehen, auf dem
Schulweg, auf der Straße spielend, in der Kirche, im Beichtstuhl. Ich möchte die
Beichten all dieser Zehnjährigen mithören; ich kann mir viel vorstellen, fast alles: den
einen zehnjährig auf einem Trümmergrundstück 1957, den anderen zehnjährig 1958
auf dem Schulhof eines Gymnasiums, einen anderen 1960 zehnjährig in einem Park.
Es wird viel erzählt, viele erinnern sich an vieles, es gibt da Fotos, verschiedene
152
Perspektiven, Interpretationen, Milieudetails, alles vorhanden, Schulzeugnisse,
Wehrpässe, Gebetbücher, Kinderzeichnungen, Briefe, sogar Tagebuchblätter; es ließe
sich alles verwenden, ergänzen, vorstellen mit ziemlicher, annähernder, mit an
Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Ich möchte mehr, ich möchte das Feuchte
in ihren Augen sehen, ihnen die Hand vor den Mund halten, um ihren Atem zu spüren,
das Brot sehen, in das die einen, den Apfel, in den die anderen beißen, 1930 oder
1935; den Ball in der Hand, die Kreidestriche auf dem Pflaster; die Musterung auf der
Waschschüssel, in der Maria das Rübenkraut trug, und die Schuhe des wahrscheinlich
rothaarigen zehnjährigen mageren, sommersprossigen Jungen, der Victor hieß. Ich
will nicht das Unvergängliche, das Gegenwärtige will ich, das vergangen ist. Nicht
das Erzählte, nicht einmal das Wahre und schon gar nicht das Ewige. Ich will die
Gegenwart des Vergangenen. Einsteigen und aussteigen, wo ich möchte. Das
Sprungseil vom Leipziger Platz und die Brote, die in der Machabäerstraße auf dem
Schulhof gegessen wurden; Kreidestriche auf dem Trottoir der Teutoburger Straße,
Sögemehl auf dem Hof des Hauses an der Schwanenkampstraße; das Bier, das auf
dem Pflaster der Pletzergergasse verschüttet wurde, im Krug geholt, damit der Alte
einmal zu Hause blieb; die Klicker aus der Kreuzmacherstraße. Den Apfel, in den ein
Mädchen 1940 biss, oder den anderen, den ein anderes Mädchen 1935 pflückte. Nicht
als Andenken, nicht als Anekdotenvehikel, nicht als Vitrinenfetisch, nein, weil es da
war, nicht mehr ist und nie mehr sein wird. Ich will das Haar, das vom Haupt gefallen
ist.

Worterklärungen:

das Genrebild - Bild aus dem Alltagsleben, Darstellung typischer Personen,


Ereignisse, Zustände;
interpolieren - hier: nachtrüglich Dinge einander angleichen, „interpretieren",
in Zusammenhang bringen;
jansenistisch - von Jansenismus, einer Reformbewegung im Katholizismus
des 17. und 18. Jahrhunderts vor allem in Frankreich, die auf
153
religiöse Verinnerlichung zielte;
der Klicker - (landschaftlich) Ton- oder Steinkügelchen zum Spielen;
die Konvention - Übereinkunft, Herkommen, Brauch;
die Melancholie - Schwermut;
die Milieudetails - Einzelheiten aus der Umwelt
der Mündel: - Kind oder Jugendlicher unter Vormundschaft oder in Pflegschaft
recherchieren: - nachforschen, ermitteln
der Wehrpass - Urkunde eines Wehrpflichtigen über erfolgte Musterung und
abgeleisteten Wehrdinst
der Beichtstuhl - dreiteiliges Holzgehäuse mit einem Mittelteil für den Beichtvater
und zwei abgeteilten, mit einem Gitter zum Sprechen versehenen
Seitenteilen für den Beichtenden.

Grundwortschatz
- Die Annahme; der Beichtstuhl; die Brauerei; die Entfernung; die Gewissheit; der
Kreislauf; das (der) Mündel; die Musterung; das Pflaster; das Rübenkraut; die
Schüssel; Mehl; das Sprungseil; die Trümmer, das Vehikel;
- ansehen Dat.; aufrechterhalten; beichten; betragen; sich eingestehen; entlasten;
neigen zu Dat.; überholen; überliefern; verbergen; verbilligen; verbürgen;
verschwenden; verschütten; zubilligen;
- blass; gelinde; sommersprossig; unterwegs; verflucht; verwöhnt; zulässig;
- Ausschau nach Dat. Halten; gelinde gesagt; eine Strecke zurücklegen.

Diskussion

1. Böll nennt seinen Text „Suchanzeigen". Was sucht der Erzähler?


2. Was will er sich ganz genau vergegenwärtigen?
3. Am Ende des Textes verwendet Böll eigene Wortbildungen: Anekdotenvehikel,
Vitrinenfetisch. Wie können Sie klären, was er damit meint?

154
4. Was lässt sich aus dem Text über die Beziehung des Erzählers zu seinen Eitern
erschließen?
5. „Ich will das Haar, das vom Haupt gefallen ist." Wie sieht der Erzähler selbst
seinen Versuch, die Vergangenheit zurückzuholen?
6. Böll hat den Text veröffentlicht. Will er damit etwas beim Leser bewirken? Wie
könnte ein Leser den Text nutzen?

KAPITEL 4. SONDERLINGE

Paul Maar
Vor dem Lesen

Informationssuche. Überfliegen Sie schnell diese Geschichte. Suchen Sie ergänzende


Information für die folgenden Sätze.
1. In dieser Geschichte handelt es sich um einen Professor, der . . .
2. Seine Frau sagte ihm, er sollte . . .
3. Elefanten sind Pflanzenfresser und . . .
4. Die Denkmaschine war frech und sagte dem Professor, dass . . .
5. Die Erfindungsmaschine . . .
Lesen Sie die Geschichte aufmerksam, nachdem Sie die Informationssuche gemacht
haben.

155
Die Erfindungsmaschine

Eines Morgens sagte Professor Monogrohm (der berühmte Erfinder der


fünfeckigen Kugel, der Frühstücksmaschine und des trinkbaren
Superhaarwuchsmittels) vor dem Frühstück zu seiner Frau: „Es ist höchste Zeit, dass
ich wieder einmal eine meiner berühmten Erfindungen mache. Aber mir fällt nicht ein,
was ich erfinden soll."
„Das hast du schon oft gesagt", meinte seine Frau. „Erfinde doch irgendeine
neuartige Maschine!"
„Das hast du auch schon oft vorgeschlagen", sagte er. „Aber mir fällt eben keine
ein. Alle Maschinen sind schon erfunden. Ich denke und denke, aber. . ."
„Du denkst und denkst?" unterbrach ihn seine Frau. „Warum tust du das? Warum
baust du keine Maschine, die dir das abnimm?"
„Richtig! Großartig! Höchstbestens!" rief er. „Das ist eine geniale Idee. Schade,

dass sie nicht von mir ist. Ich erfinde eine Denkmaschine!"
Damit zog er seinen weißen Erfindermantel an, ging in die Erfinderwerkstatt, setzte
sich an seinen Erfindertisch und begann die Denkmaschine zu erfinden. Er baute sechs
Wochen, dann war die Maschine fertig. Stolz schob er sie ins Wohnzimmer und führte
sie seiner Frau vor. Oben war eine alte Schreibmaschine eingebaut. In die spannte er
einen Bogen Papier ein und tippte die erste Frage:
WIEVIEL IST SIEBEN UND ZWÖLF?
Kaum war die Frage ausgeschrieben, tippte die Maschine auch schon ihre Antwort.
Neugierig zog der Professor das Papier heraus und las seiner Frau die Antwort vor:
ALBERNE FRAGE! NATÜRLICH NEUNZEHN.
„Die Maschine ist ganz schön hochmütig", stellte der Professor leicht verärgert
fest. „Ich muss ihr wohl eine schwierigere Frage stellen."
Er dachte einige Zeit nach, dann tippte er:

156
WENN DREI ELEFANTEN AN ZWEI TAGEN SIEBEN PFUND FLEISCH
FRESSEN, WIEVIEL PFUND FLEISCH FRESSEN DANN NEUN ELEFANTEN
AN FÜNF TAGEN?
Wieder brauchte die Maschine keine zwanzig Sekunden, dann hatte sie schon ihre
Antwort geschrieben. Professor Monogrohm zog das Papier heraus und las vor:
ELEFANTEN SIND PFLANZENFRESSER UND FRESSEN ÜBERHAUPT
KEIN FLEISCH, ALTER TROTTEL!
„Die Maschine ist nicht hochmütig, sie ist frech", sagte der Professor. „Jetzt werde
ich ihr eine Frage stellen, an der sie ordentlich zu kauen hat."
Damit spannte er ein neues Papier ein und schrieb:
WAS SOLL PROFESSOR MONOGROHM ERFINDEN?
Kaum war die Frage ausgeschrieben, tippte die Maschine schon die Antwort. Die
beiden zogen das Papier heraus und lasen gemeinsam:
PROFESSOR MONOGROHM IST ERFINDER! PROFESSOR MONOGROHM
WEISS NICHT, WAS ER ERFINDEN SOLL! DARAUS FOLGT: PROFESSOR
MONOGROHM SOLL EINE ERFINDUNGSMASCHINE ERFINDEN, DIE
AUFSCHREIBT, WAS ER ERFINDEN SOLL!
„Wenn die Maschine manchmal auch ausgesprochen frech ist: Denken kann sie!"
freute sich der Professor. „Genau das ist es, was ich jetzt erfinden werde. Eine
Erfindunssmaschine, die Erfindungen erfindet!"
Wieder zog er seinen weißen Erfindermantel an und ging in die Erfinderwerkstatt,
um die Erfindungsmaschine zu bauen.
Gestern ist die Maschine fertig geworden. Alle vierundfünfzig Minuten schreibt sie
einen neuen Erfindungsvorschlag auf und spuckt ihn aus. Und Professor Mono-grohm
braucht sich nur in seine Erfindungswerkstatt zu setzen und das zu bauen, was die
Maschine ausgedacht hat. Denn das Schwierigste beim Erfinden ist nicht das Erfinden
selber. Viel schwieriger ist es, sich Sachen auszudenken, die bis jetzt noch keiner
erfunden hat.
Dies sind die ersten Erfindungsvorschläge, die die Maschine ausgespuckt hat:
1. Spazierstock mit Kilometerzähler
157
2. Hut, der sich automatisch vom Kopf hebt, wenn sein Besitzer „Guten Tag" sagt
3. Brille mit Scheibenwischer
4. Viereckige Äpfel (weil sie sich besser in Kisten verpacken lassen als runde)
5. Spinat mit Schokoladengeschmack
6. Gardine, die ohne Wind wehen kann (für Kriminalfilme)
7. Mechanische Großmutter, die auf Knopfdruck Märchen erzählt
8. Jacke, die sich allein zuknöpft
9. Pantoffeln mit eingebauter Heizung
10. Unverwüstliche Rauchzeichen aus Metall für Indianer
11. Runde Hausecken (damit es weniger weh tut, wenn man sich stößt)
12. Automatischer Mantelkragen, der sich bei starkem Wind hochklappt
13. Wanderstiefel für Wanderdünen
(leicht gekürzt)

Grundtwortschatz

- Der Trottel; der Stiefel; der Scheibenwischer; die Werkstatt;


- einfallen; vorschlagen; tippen; schieben; ausspucken; vorführen;
- neugierig; hochmütig; frech; albern; unverwüstlich;
- einen Bogen Papier einspannen.

Wortschatzaufgaben

1. Suchen Sie sechs Adjektive aus dem Text, die menschliche Reaktionen oder
Urteile ausdrücken. Bilden Sie Wortverbindungen mit diesen Vokabeln, aber
verwenden Sie keine Substantive aus der Geschichte. Beispiel:
- genial - mit genialer Phantasie
2. Erstellen Sie eine Liste aller Verben im Text mit trennbaren und untrennbaren
Präfixen (es gibt sicher mehr als fünfzehn!). Welche dieser Verben haben Sie beim
Lesen nicht erkannt, weil sie für Sie neu waren? Lesen Sie jemandem im Kurs diese

158
neuen Verben vor. Er/sie soll mit diesen Verben Aussagen über die Geschichte
machen.

Leseverstehen

1. Erzählen Sie jemandem, was in der Geschichte passiert. Benutzen Sie dabei das
folgende Erzählschema. Nehmen Sie den Text nicht zu Hilfe.
- Eines Morgens ; höchste Zeit; Erfindung; nichts einfallen;
- Frau, vorschlagen; Maschine; die geniale Idee;
- anziehen; Werkstatt; bauen; nach sechs Wochen; vorführen;
- Bogen einspannen; tippen; Wieviel. . .; Wenn drei Elefanten ...
- meinen; sehr frech; eine Frage stellen, die...; Was soll. . .;
- Maschine; alle vierundfünfzig Minuten; Vorschlag ausspucken.
2. Drücken Sie die Vorschläge, die die Maschine ausgespuckt hat, auf ukrainisch aus.

Mit eigenen Worten

Drücken Sie die folgenden Sätze aus dem Text anders aus. Beachten Sie: Man muss
den Gedanken mit anderen Worten äußern, ohne den Kontext zu erläutern.
l. „Das hast du auch schon oft vorgeschlagen", sagte er. „Aber mir fällt eben keine
ein."
2. „Du denkst und denkst?" . . . „Warum tust du das? Warum baust du keine
Maschine, die dir das abnimmt?"
3. „Jetzt werde ich ihr eine Frage stellen, an der sie ordentlich zu kauen hat."

Diskussion

159
1.1. Schlagen Sie Professor Monogrohm mindestens fünf weitere Erfindungen vor.
Wenn Sie wollen, schreiben Sie Ihre Vorschläge zuerst auf ukrainisch. Übersetzen Sie
sie dann mit Hilfe Ihres Lehrers ins Deutsche.
1.2. Lesen Sie Ihre Vorschläge in der Deutschstunde vor. Wer hat den lustigsten, den
teuersten, den billigsten, den größten, den praktischsten oder unpraktischsten, den
besten oder den dümmsten Vorschlag?
2.1. Schreiben Sie eine chronologische Liste der Ihrer Meinung nach acht wichtigsten
Erfindungen in der Geschichte der Menschheit.
2.2. Lesen Sie Ihre Liste im Unterricht vor.
3. Stellen Sie eine Liste von acht wichtigen Erfindungen und Entdeckungen
zusammen, ohne die unser Leben unmöglich oder ganz anders wäre. Berichten Sie
kurz darüber, was wäre, wenn es jede dieser Erfindungen nicht gäbe.
4. Führen Sie durch Pantomime eine Erfindung vor. Die anderen in der Gruppe
versuchen, Ihre Erfindung zu erraten.

Aufsatzthemen

1. Sie sind Erfinder und haben eine ganz tolle Erfindung gemacht. Jetzt wollen Sie
diese Erfindung verkaufen. Schreiben Sie, warum diese Erfindung so fabelhaft ist.
2. Beschreiben Sie die beste Erfindung, die es noch nicht gibt, und was man damit
machen könnte.
3. Berichten Sie, welche der Erfindungen Sie für die beste, für die hervorragendste
für die wichtigste in der Geschichte der Menschheit halten und warum. Bgründen Sie
Ihre Meinung.

Tips zum Schreiben:

160
Benutzen Sie in Ihrem Aufsatz folgende Redemittel : Ich glaube, (dass, ...). Ich bin
der Meinung, (dass, ... ). Meiner Meinung/meiner Ansicht nach . . .. Vielleicht . . .. Ich
finde, (dass, ... ). Ich halte das (ihn/sie) für ... . Gewiss ... . Natürlich ... .
Selbstverständlich.... . Sicher.... . Unbedingt ... . Vor allem.... . Zweifellos/ohne
Zweifel ... .

Peter Bichsel
Der Mann mit dem Gedächtnis

Ich kannte einen Mann, der wusste den ganzen Fahrplan auswendig, denn das
einzige, was ihm Freude machte, waren Eisenbahnen, und er verbrachte seine Zeit auf
dem Bahnhof, schaute, wie die Züge ankamen und wie sie wegfuhren. Er bestaunte
die Wagen, die Kraft der Lokomotiven, die Größe der Räder, bestaunte die
aufspringenden Kondukteure und den Bahnhofsvorstand.
Er kannte jeden Zug, wusste, woher er kam, wohin er ging, wann er irgendwo
ankommen wird und welche Züge von da wieder abfahren und wann diese ankommen
werden.

161
Er wusste die Nummern der Züge, er wusste, an welchen Tagen sie fahren, ob sie
einen Speisewagen haben, ob sie die Anschlüsse abwarten oder nicht. Er wusste,
welche Züge Postwagen führen und wieviel eine Fahrkarte nach Frauenfeld, nach
Olten, nach Niederbipp oder irgendwohin kostet.
Er ging in keine Wirtschaft, ging nicht ms Kino, nicht spazieren, er besaß kein
Fahrrad, kein Radio, kein Fernsehen, las keine Zeitungen, keine Bücher, und wenn er
Briefe bekommen hätte, hätte er auch diese nicht gelesen. Dazu fehlte ihm die Zeit,
denn er verbrachte seine Tage im Bahnhot, und nur wenn der Fahrplan wechselte, im
Mai und im Oktober, sah man ihn einige Wochen nicht mehr. Dann saß er zu Hause
an seinem Tisch und lernte auswendig, las den neuen Fahrplan von der ersten bis zur
letzten Seite, merkte sich die Änderungen und freute sich über sie.
Es kam auch vor, dass ihn jemand nach einer Abfahrtszeit fragte. Dann strahlte er
übers ganze Gesicht und wollte genau wissen, wohin die Reise gehe, und wer ihn
fragte, verpasste die Abfahrtszeit bestimmt, denn er ließ den Frager nicht mehr los,
gab sich nicht damit zufrieden, die Zeit zu nennen, er nannte gleich die Nummer des
Zuges, die Anzahl der Wagen, die möglichen Anschlüsse, die Fahrzeiten; erklärte,
dass man mit diesem Zug nach Paris fahren könne, wo man umsteigen müsse und
wann man ankäme, und er begriff nicht, dass das die Leute nicht interessierte. Wenn
ihn aber jemand stehenließ und weiterging, bevor er sein ganzes Wissen erzählt hatte,
wurde er böse, beschimpfte die Leute und rief ihnen nach: „Sie haben keine Ahnung
von Eisenbahnen!“
Er selbst bestieg nie einen Zug.
Das hätte auch keinen Sinn, sagte er, denn er wisse ja zum voraus, wann der Zug
ankomme.
“Nur Leute mit schlechtem Gedächtnis fahren Eisenbahn“, sagte er, „denn wenn
sie ein gutes Gedächtnis hätten, könnten sie sich doch wie ich die Abfahrts- und
Ankunftszeit merken, und sie müssten nicht fahren, um die Zeit zu erleben.“
Ich versuchte, es ihm zu erklären, ich sagte: „Es gibt aber Leute, die freuen sieh
über die Fahrt, die fahren gern Eisenbahn und schauen zum Fenster hinaus und
schauen, wo sie vorbeikommen.“
162
Da wurde er böse, denn er glaubte, ich wolle ihn auslachen, und er sagte: „Auch
das steht im Fahrplan, sie kommen an Lurerbach vorbei und an Deitigen, an Wangen,
Niederbipp, Önsingen, Oberbuchsiren, Egerkingen und Hägendorf.“
„Vielleicht müssen die Leute mit der Bahn fahren, weil sie irgendwohin wollen“,
sagte ich.
„Auch das kann nicht wahr sein“, sagte er, „denn fast alle kommen irgend einmal
zurück, und es gibt sogar Leute, die steigen jeden Morgen hier ein und kommen jeden
Abend zurück – so ein schlechtes Gedächtnis haben sie.“
Und er begann, die Leute auf dem Bahnhof zu beschimpfen. Er rief ihnen nach:
„Ihr Idioten, ihr habt kein Gedächtnis.“ Er rief ihnen nach: „An Hägendorf werdet ihr
vorbeikommen“, und er glaubte, er verderbe ihnen damit den Spaß.
Er rief: „Sie Dummkopf, Sie sind schon gestern gefahren.“ Und als die Leute nur
lachten, begann er sie von den Trittbrettern zu reißen und beschwor sie, ja nicht mit
dem Zug zu fahren.
„Ich kann Ihnen alles erklären“, schrie er, „Sie kommen um 4 Uhr 17 an Hägendorf
vorbei, ich weiß es genau, und Sie werden es sehen, Sie verbrauchen Ihr Geld für
nichts, im Fahrplan steht alles.“
Bereits versuchte er, die Leute zu verprügeln.
„Wer nicht hören will, muss fühlen“, rief er.
Da blieb dem Bahnhofsvorstand nichts anderes übrig, als dem Mann zu sagen, dass
er ihm den Bahnhof verbieten müsse, wenn er sich nicht anständig aufführe. Und der
Mann erschrak, weil er ohne Bahnhof nicht leben konnte, und er sagte kein Wort
mehr, saß den ganzen Tag auf der Bank, sah die Züge ankommen und die Züge
wegfahren, und nur hie und da flüsterte er einige Zahlen vor sich hin, und er schaute
den Leuten nach und konnte sie nicht begreifen.
Hier wäre die Geschichte eigentlich zu Ende.
Aber viele Jahre später wurde im Bahnhof ein Auskunftsbüro eröffnet. Dort saß ein
Beamter in Uniform hinter dem Schalter, und er wusste auf alle Fragen über die Bahn
eine Antwort. Das glaubte der Mann mit dem Gedächtnis nicht, und er ging jeden Tag

163
ins neue Auskunftsbüro und fragte etwas sehr Kompliziertes, um den Beamten zu
prüfen.
Er fragte: „Welche Zugnummer hat der Zug, der um 16 Uhr 24 an den Sonntagen
im Sommer in Lübeck ankommt?“
Der Beamte schlug ein Buch auf und nannte die Zahl.
Er fragte: „Wann bin ich in Moskau, wenn ich hier mit dem Zug um 6 Uhr 59
abfahre?“, und der Beamte sagte es ihm.
Da ging der Mann mit dem Gedächtnis nach Hause, verbrannte seine Fahrpläne
und vergass alles, was er wusste.
Am andern Tag aber fragte er den Beamten: „Wie viele Stufen hat die Treppe vor
dem Bahnhof?“, und der Beamte sagte: „Ich weiß es nicht.“
Jetzt rannte der Mann durch den ganzen Bahnhof, machte Luftsprünge vor Freude
und rief: „Er weiß es nicht, er weiß es nicht.“
Und er ging hin und zählte die Stufen der Bahnhoftreppe und prügte sich die Zahl
in sein Gedächtnis ein, in dem jetzt keine Abfahrtszeiten mehr waren.
Dann sah man ihn nie mehr im Bahnhof.
Er ging jetzt in der Stadt von Haus zu Haus und zählte die Treppenstufen und
merkte sie sich, und er wusste jetzt Zahlen, die in keinem Buch der Welt stehen.
Als er aber die Zahl der Treppenstufen in der ganzen Stadt kannte, kam er auf den
Bahnhof, ging an den Bahnschalter, kaufte sich eine Fahrkarte und stieg zum ersten
Mal in seinem Leben in einen Zug, um in eine andere Stadt zu fahren und auch dort
die Treppenstufen zu zählen, und dann weiterzufahren, um die Treppenstufen in der
ganzen Welt zu zählen, um etwas zu wissen, was niemand weiß und was kein Beamter
in Büchern nachlesen kann.

Grundwortschatz

- Der Vorstand; der Anschluss; die Wirtschaft; die Ahnung; das Trittbrett; der
Schalter; die Auskunft; der Beamte;

164
- besitzen; sich merken; vorkommen; verpassen; beschimpfen; beschwören;
verbrauchen; verprügeln; übrigbleiben; flüstern; einprägen;
- anständig; hie und da; Luftsprünge machen;

Leseverstehen

1. Was bereitet dem Mann Freude? (die Zuggäste/die Bahnhofschalter/ die Fahrpläne)
2. Wieso geht der Mann nie ins Kino? (Weil er kein Geld hat/ weil er immer auf
Reisen ist/ weil er weder Zeit noch Lust dazu hat)
3. Was lernt der Mann auswendig? (Die Zugabfahrten und –ankünfte/Zeitungsartikel/
Wirtschaftsmeldungen)
4. Was macht der Mann zwei Monate pro Jahr? (er studiert den neuen Fahrplan/ er isst
am Bahnhof/ er wartet zu Hause auf Besuch)
5. Was fehlt dem Mann sicher nicht? (das Gedächtnis/ die Zugangebote/ die Freunde).
6. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

Mit eigenen Worten

1. Suchen Sie fünf bis sieben Sätze oder Stellen im Text, die Sie sprachlich schwierig
finden. Schreiben Sie diese Stellen mit Ihren eigenen Worten anders.
2. Lesen Sie im Kurs die Sätze oder Stellen vor, die Sie ausgesucht haben. Die
anderen Studenten sollen den Inhalt des Gehörten mit ihren eigenen Worten schriftlich
oder mündlich wiedergeben, ohne dabei den Text zu Hilfe zu nehmen. Vergleichen
Sie Ihre Formulierungen mit denen Iher Kommilitonen.

Aufsatzthemen

1. Fassen Sie die Geschichte in zwanzig bis fünfundzwanzig Sätzen zusammen.


165
2. Schreiben Sie über die Bedeutung der Geschichte. Was will Peter Bichsel durch
den Menschen mit außergewöhnlichen Gedächtniseigenschaften zum Ausdruck
bringen?
3. Schreiben Sie über Rolle der Talente und Begabungen. Erläutern Sie Ihre Argumen
te mit Beispielen.

Paul Maar
Der Mann, der nie zu spät kam

Ich will von einem Mann erzählen, der immer sehr pünktlich war. Er hieß Wilfried
Kalk und war noch nie in seinem Leben zu spät gekommen. Nie zu spät in den
Kindergarten, nie zu spät zur Schule, nie zu spät zur Arbeit, nie zu spät zum Zug. Der
Mann war sehr stolz darauf.
Schon als Kind war Wilfried regelmäßig eine halbe Stunde vor dem
Weckerklingeln aufgewacht. Wenn seine Mutter hereinkam, um ihn zu wecken, saß er

166
angezogen in seinem Zimmer und sagte: "Guten Morgen, Mama. Wir müssen uns
beeilen."
Jeden Werktag, wenn der Hausmeister in der Frühe gähnend über den Schulhof
schlurfte, um das große Schultor aufzuschließen, stand Wilfried bereits davor.
Andere Kinder spielten nach der Schule Fußball und schauten sich auf dem
Heimweg die Schaufenster an. Das tat Wilfried nie. Er rannte sofort nach Hause, um
nicht zu spät zum Essen zu kommen.
Später arbeitete Wilfried in einem großen Büro in der Nachbarstadt. Er musste mit
dem Zug zur Arbeit fahren. Trotzdem kam er nie zu spät. Er nahm den frühesten Zug
und stand immer zwanzig Minuten vor der Abfahrt auf dem richtigen Bahnsteig.
Kein Arbeitskollege konnte sich erinnern, dass er jemals ins Büro gekommen wäre
und Wilfried Kalk nicht an seinem Schreibtisch gesessen hätte. Der Chef stellte ihn
gern als gutes Beispiel hin.
Die Pünktlichkeit von Herrn Kalk, die lobe ich mir," sagte er. "Da könnte sich
mancher hier eine Scheibe abschneiden."
Deswegen sagten die Arbeitskollegen oft zu Wilfried: "Könntest du nicht
wenigstens einmal zu spät kommen? Nur ein einziges Mal!"
Aber Wilfried schüttelte den Kopf und sagte: "Ich sehe nicht ein, welchen Vorteil
es bringen soll, zu spät zu kommen. Ich bin mein ganzes Leben lang pünktlich
gewesen."
Wilfried verabredete sich nie mit anderen und ging nie zu einer Versammlung.
"Das alles sind Gelegenheiten, bei denen man zu spät kommen könnte," erklärte er.
"Und Gefahren soll man meiden."
Einmal glaubte ein Arbeitskollege, er habe Wilfried bei einer Unpünktlichkeit
ertappt. Er saß im Kino und schaute sich die Sieben-Uhr-Vorstellung an. Da kam
Wilfried während des Films herein und tastete sich im Dunkeln durch die Reihe.
"Hallo, Wilfried! Du kommst ja zu spät," sagte der Arbeitskollege verwundert. Aber
Wilfried schüttelte unwillig den Kopf und sagte: "Unsinn! Ich bin nur etwas früher
gekommen, um rechtzeitig zur Neun-Uhr-Vorstellung hier zu sein."

167
Ins Kino ging Wilfried sowieso sehr selten. Lieber saß er zu Hause im Sessel und
studierte den Fahrplan. Er kannte nicht nur alle Ankunfts- und Abfahrtszeiten
auswendig, sondern auch die Nummer der Züge und den richtigen Bahnsteig.
Als Wilfried fünfundzwanzig Jahre lang nie zu spät zur Arbeit gekommen war,
veranstaltete der Chef ihm zu Ehren nach Dienstschluss eine Feier. Er öffnete eine
Flasche Sekt und überreichte Wilfried eine Urkunde. Es war das erste Mal, dass
Wilfried Alkohol trank. Schon nach einem Glas begann er zu singen. Nach dem
zweiten Glas fing er an zu schwanken, und als der Chef ihm ein drittes Glas
eingegossen hatte, mussten zwei Arbeitskollegen den völlig betrunkenen Wilfried
heim- und ins Bett bringen.
Am nächsten Morgen wachte er nicht wie üblich eine halbe Stunde vor dem
Weckerklingeln auf. Als der Wecker längst geläutet hatte, schlief er immer noch tief.
Er erwachte erst, als ihm die Sonne ins Gesicht schien. Entsetzt sprang er aus dem
Bett, hastete zum Bahnhof. Die Bahnhofsuhr zeigte 9 Uhr 15. Viertel nach neun, und
er saß noch nicht hinter seinem Schreibtisch! Was würden die Kollegen sagen? Was
der Chef! "Herr Kalk, Sie kommen zu spät, nachdem wir Ihnen erst gestern eine
Urkunde überreicht haben?!"
Kopflos rannte er den Bahnsteig entlang. In seiner Hast stolperte er über einen
abgestellten Koffer, kam zu nahe an die Bahnsteigkante, trat ins Leere und stürzte
hinunter auf die Schienen.
Noch während des Sturzes wusste er: Alles ist aus. Dies ist der Bahnsteig vier,
folglich fährt hier in diesem Augenblick der 9-Uhr-16-Zug ein, Zugnummer 1072,
planmäßige Weiterfahrt 9 Uhr 21. Ich bin tot!
Er wartete eine Weile, aber nichts geschah. Und da er offensichtlich immer noch
lebte, stand er verdattert auf, kletterte auf den Bahnsteig zurück und suchte einen
Bahnbeamten.
Als er ihn gefunden hatte, fragte er atemlos: "Der 9-Uhr-16! Was ist mit dem 9-
Uhr-16-Zug?"
„Der hat sieben Minuten Verspätung,“ sagte der Beamte im Vorbeigehen.
"Verspätung," wiederholte Wilfried und nickte begreifend.
168
An diesem Tag ging Wilfried überhaupt nicht ins Büro. Am nächsten Morgen kam
er erst um zehn Uhr und am übernächsten um halb zwölf.
"Sind Sie krank, Herr Kalk?" fragte der Chef erstaunt.
"Nein," sagte Wilfried. "Ich habe inzwischen nur festgestellt, dass Verspätungen
manchmal recht nützlich sein können."

Grundwortschatz

- der Bahnsteig; der Vorteil; die Gefahr; die Urkunde; die Schiene;
- stolpern; stürzen; schlurfen; rennen; hasten; einsehen; sich verabreden; meiden;
veranstalten; ertappen; überreichen;
- üblich; verdattert; offensichtlich; entsetzt;
- in der Frühe; auf dem Heimweg; jmandem zu Ehren; im Vorbeigehen; eine Scheibe
abschneiden.

Wortschatzarbeit

1. Ergänzen Sie folgende Sätze:

Es war einmal ein Mann, der nie zu __ __ __ __ kam. Schon im __ __ __ __ __ __ __

__ __ __ __ war er immer __ __ __ __ __ __ __ __ __. Auch zur Schule und zur __ __

__ __ __ __ kam er nie zu spät. Er arbeitete in einem Büro in der __ __ __ __ __ __ __

_ __ __ __ __ und fuhr mit dem __ __ __. __ __ __ __ __ __ __ _kam er nie zu spät.


Er nahm immer den __ __ __ __ __ __ __ __ __ Zug und stand schon lange vor der __
__ __ __ __ __ __ am richtigen __ __ __ __ __ __ __ __ _ Sein Chef stellte ihn immer
als gutes __ __ __ __ __ __ __ __ dar. Seine __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __
wünschten sich, er sollte einmal zu spät kommen. Doch Wilfried Kalk wollte sein
ganzes __ __ __ __ __ immer pünktlich kommen. Er mied alle __ __ __ __ __ __ ___
__ __ __ __ __ , bei denen man zu spät kommen konnte. Keiner konnte ihn bei einer
169
___ __ __ __ __ __ __ __ _ __ __ __ __ __ __ ertappen. Er __ __ __ __ __ __ __ __ _
nie mit anderen und ging nie ins__ __ __ __ . Sein Hobby: Er kannte den __ __ __ __
__ __ __ __ auswendig. Als Wilfried __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ _____
Jahre lang nie zu spät gekommen war, gab es nach __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __
eine große __ __ __ __ __ und der Chef überreichte ihm eine Urkunde. Es wurde eine
Flasche __ __ __ __ geöffnet. Wilfried trank das erste Mal in seinem Leben __ __ __
_ __ __. Nach dem dritten Glas war er völlig __ __ __ __ __ __ __ __ __. Zwei __ __
_ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ brachten ihn ins Bett. Am nächsten Morgen
wachte er vom __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ __ nicht auf. __ __ __ __ __ _
_ __ __ sprang er auf, als ihm die Sonne ins __ __ __ __ __ __ _ schien. Er rannte den
__ __ __ __ __ __ __ __ __ entlang, __ __ __ __ __ __ __ __ und stürzte auf die__
__ __ __ __ __. Er wusste nicht, dass der Zug __ __ __ __ __ __ __ __ __ _hatte, und
dachte, er sei tot. Doch der 9-Uhr-16-Zug hatte sieben __ __ __ __ __ __ Verspätung.
Wilfried kletterte wieder auf den __ __ __ __ __ __ __ __ __ und suchte den __ __ __
__ __ __ __ __ __ __ . So erfuhr er von der Verspätung.
2. Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie
im Text Wörter, die für Sie neu waren und die Sie für den aktiven Sprachgebrauch
lernen wollen. Bilden Sie kurze Sätze mit diesen Vokabeln.

Leseverstehen

1. Geben Sie mindestens drei Beispiele für die Pünktlichkeit von Herrn Kalk.

2. Was glaubte ein Arbeitskollege einmal?

3. Was machte Wilfried Kalk in seiner Freizeit?

4. Warum kam er doch eines Tages zu spät?

5. Was geschah am Bahnhof?

6. Was hat Wilfried Kalk gelernt?

170
Diskussion

Besprechen Sie den Gedanken eines deutschen Schülers über den Mann, der nie zu
spät kam und das deutsche Sprichwort.
- Regeln sind da, um zu helfen. Aber man muss sich Ihnen nicht sklavisch
unterordnen. Manchmal ist ein Regelbruch ganz nett.
- Wer der Arbeit zusieht, wird davon nicht müde.

Mit eigenen Worten

1. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.
2. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann Ihre Rezension im Kurs vor.

Peter Bichsel
Ein Tisch ist ein Tisch

Ich will von einem alten Mann erzählen, von einem Mann, der kein Wort mehr
sagt, ein müdes Gesicht hat, zu müd zum Lächeln und zu müd, um böse zu sein. Er
wohnt in einer kleinen Stadt, am Ende der Straße oder nahe der Kreuzung. Es lohnt
sich fast nicht, ihn zu beschreiben, kaum etwas unterscheidet ihn von andern. Er trägt
einen grauen Hut, graue Hosen, einen grauen Rock und im Winter den langen, grauen
Mantel, und er hat einen dünnen Hals, dessen Haut trocken und runzelig ist, die
weißen Hemdkragen sind ihm viel zu weit.

171
Im obersten Stock des Hauses hat er sein Zimmer, vielleicht war er verheiratet und
hatte Kinder, vielleicht wohnte er früher in einer andern Stadt. Bestimmt war er
einmal ein Kind, aber das war zu einer Zeit, wo die Kinder wie Erwachsene
angezogen waren. Man sieht sie so im Fotoalbum der Großmutter. In seinem Zimmer
sind zwei Stühle, ein Tisch, ein Teppich, ein Bett und ein Schrank. Auf einem kleinen
Tisch steht ein Wecker, daneben liegen alte Zeitungen und das Fotoalbum, an der
Wand hängen ein Spiegel und ein Bild. Der alte Mann machte morgens einen
Spaziergang und nachmittags einen Spaziergang, sprach ein paar Worte mit seinem
Nachbarn, und abends saß er an seinem Tisch. Das änderte sich nie, auch sonntags
war das so. Und wenn der Mann am Tisch saß, hörte er den Wecker ticken, immer den
Wecker ticken. Dann gab es einmal einen besonderen Tag, einen Tag mit Sonne, nicht
zu heiß, nicht zu kalt, mit Vogelgezwitscher, mit freundlichen Leuten, mit Kindern,
die spielten - und so das Besondere war, dass das alles dem Mann plötzlich gefiel. Er
lächelte.
"Jetzt wird sich alles ändern", dachte er. Er öffnete den obersten Hemdknopf, nahm
den Hut in die Hand, beschleunigte seinen Gang, wippte sogar beim Gehen in den
Knien und freute sich. Er kam in seine Straße, nickte den Kindern zu, ging vor sein
Haus, stieg die Treppe hoch, nahm die Schlüssel aus der Tasche und schloss sein
Zimmer auf. Aber im Zimmer war alles gleich, ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett. Und
wie er sich hinsetzte, hörte er wieder das Ticken, und alle Freude war vorbei, denn
nichts hatte sich geändert. Und den Mann überkam eine große Wut.
Er sah im Spiegel sein Gesicht rot anlaufen, sah, wie er die Augen zukniff; dann
verkrampfte er seine Hände zu Fäusten, hob sie und schlug mit ihnen auf die
Tischplatte, erst nur einen Schlag, dann noch einen, und dann begann er auf den Tisch
zu trommeln und schrie dazu immer wieder: "Es muss sich ändern, es muss sich
ändern!" Und er hörte den Wecker nicht mehr. Dann begannen seine Hände zu
schmerzen, seine Stimme versagte, dann hörte er den Wecker wieder, und nichts
änderte sich.
"Immer derselbe Tisch", sagte der Mann, "dieselben Stühle, das Bett, das Bild.
Und dem Tisch sage ich Tisch, dem Bild sage ich Bild, das Bett heißt Bett, und den
172
Stuhl nennt man Stuhl. Warum denn eigentlich?" Die Franzosen sagen dem Bett "li",
dem Tisch "tabl", nennen das Bild "tablo", und den Stuhl "schäs", und sie verstehen
sich. Und die Chinesen verstehen sich auch.
"Weshalb heißt das Bett nicht Bild?", dachte der Mann und lächelte, dann lachte er,
lachte, bis die Nachbarn an die Wand klopften und "Ruhe" riefen. "Jetzt ändert es
sich", rief er, und er sagte von nun an dein Bett "Bild".
"Ich bin müde, ich will ins Bild", sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild
liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl
"Wecker". Er stand also auf, zog sich an, setzte sich auf den Wecker und stützte die
Arme auf den Tisch. Aber der Tisch hieß jetzt nicht mehr Tisch, er hieß jetzt Teppich.
Am Morgen verließ also der Mann das Bild, zog sich an, setzte sich an den Teppich
auf den Wecker und überlegte, wem er wie sagen könnte.
Dem Bett sagte er Bild.
Dem Tisch sagte er Teppich.
Dem Stuhl sagte er Wecker.
Der Zeitung sagte er Bett.
Dem Spiegel sagte er Stuhl.
Dem Wecker sagte er Fotoalbum.
Dem Schrank sagte er Zeitung.
Dem Teppich sagte er Schrank.
Dem Bild sagte er Tisch.
Und dem Fotoalbum sagte er Spiegel.
Also:
Am Morgen blieb der alte Mann lange im Bild liegen, um neun läutete das
Fotoalbum, der Mann stand auf und stellte sich auf den Schrank, damit er nicht an die
Füße fror, dann nahm er seine Kleider aus der Zeitung, zog sich an, schaute in den
Stuhl an der Wand, setzte sich dann auf den Wecker an den Teppich und blätterte den
Spiegel durch, bis er den Tisch seiner Mutter fand.

173
Der Mann fand das lustig, und er übte den ganzen Tag und prägte sich die neuen
Wörter ein. Jetzt wurde alles umbenannt: Er war jetzt kein Mann mehr, sondern ein
Fuß, und der Fuß war ein Morgen und der Morgen ein Mann.
Jetzt könnt ihr die Geschichte selbst weiterschreiben. Und dann könnt ihr, so wie
es der Mann machte, auch die anderen Wörter austauschen: läuten heißt stellen,
frieren heißt schauen, liegen heißt läuten, stehen heißt frieren, stellen heißt blättern.
Sodass es dann heißt:
Am Mann blieb der alte Fuß lange im Bild läuten, um neun stellte das Fotoalbum,
der Fuß fror auf und blätterte sich auf den Schrank, damit er nicht an die Morgen
schaute.
Der alte Mann kaufte sich blaue Schulhefte und schrieb sie mit den neuen Wörtern
voll, und er hatte viel zu tun damit, und man sah ihn nur noch selten auf der Straße.
Dann lernte er für alle Dinge die neuen Bezeichnungen und vergaß dabei mehr und
mehr die richtigen. Er hatte jetzt eine neue Sprache, die ihm ganz allei gehörte. Hie
und da träumte er schon in der neuen Sprache, und dann übersetzte er die Lieder aus
seiner Schulzeit in seine Sprache, und er sang sie leise vor sich hin.
Aber bald fiel ihm auch das übersetzen schwer, er hatte seine alte Sprache fast
vergessen, und er musste die richtigen Wörter in seinen blauen Heften suchen. Und es
machte ihm Angst, mit den Leuten zu sprechen. Er musste lange nachdenken, wie die
Leute zu den Dingen sagen.
Seinem Bild sagen die Leute Bett.
Seinem Teppich sagen die Leute Tisch.
Seinem Bett sagen die Leute Zeitung.
Seinem Stuhl sagen die Leute Spiegel.
Seinem Fotoalbum sagen die Leute Wecker.
Seiner Zeitung sagen die Leute Schrank.
Seinem Schrank sagen die Leute Teppich.
Seinem Tisch sagen die Leute Bild.
Seinem Spiegel sagen die Leute Fotoalbum.

174
Und es kam so weit, dass der Mann lachen musste, wenn er Leute reden hörte. Er
musste lachen, wenn er hörte, wie jemand sagte:
"Sie morgen auch zum Fußballspiel?" Oder wenn jemand sagte: "Jetzt regnet es
schon zwei Monate lang."
Oder wenn jemand sagte: "Ich habe einen Onkel in Amerika."
Er musste lachen, weil er all das nicht verstand.
Aber eine lustige Geschichte ist das nicht. Sie hat traurig angefangen und hört
traurig auf. Der alte Mann im grauen Mantel konnte die Leute nicht mehr verstehen,
das war nicht so schlimm.
Viel schlimmer war, sie konnten ihn nicht mehr verstehen. Und deshalb sagte er
nichts mehr.
Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüßte nicht einmal mehr.

Grundwortschatz

- das Gezwitscher;
- beschleunigen; wippen; anlaufen; zukneifen; verkrampfen; versagen; überlegen;
stützen; sich einprägen; schwerfallen; aufhüren;
- runzelig;
- hie und da; die Wut überkommt j-n; es lohnt sich (nicht).

Leseverstehen

1. Was hat der alte Mann mit der Sprache gemacht und warum hat er es getan?
2. Was fehlt dem alten Mann für ein besseres, glückliches Leben?
3. Was hat der alte Mann weiter gemacht und wie ist es ihm ergangen?
4. Hat bei einem "happy end" der alte Mann einfach nur Glück gehabt oder hat er sich
selbst angestrengt und haben auch andere für ihn etwas unternommen?
5. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
175
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

Gruppenarbeit

1. Schreiben Sie einen kleinen Text aus vier Sätzen über den Tagesablauf zu Hause
oder an der Universität! Vertauschen Sie dann die Namenwörter (und die Zeitwörter)
untereinander und schreiben Sie den Text mit den vertauschten Wörtern (15 Minuten
Arbeitszeit).
2. Gedanken zum Ausgang der Geschichte in der Gruppe anhand der Leitfragen
- In welcher Lage ist der alte Mann jetzt?
- Warum/wie ist er in diese Lage gekommen?
- Was fehlt ihm für ein besseres/glücklicheres Leben?
3. Rekonstruktion des ursprünglichen Textes: jede Gruppe bereitet einen Text, den
die anderen Studenten rekonstruieren müssen. Beispiel:
Mann = Morgen; Mann = Fuß; Bild = Bett; Fotoalbum = Wecker; Schrank =
Teppich; Morgen = Fuß; läuten = liegen; stellen = läuten; frieren = stehen; blättern
= stellen; schauen = frieren
4. Wer dazukommt, kann auch die Zeitwörter vertauschen.

Aufsatzthemen (Sinnerschließung)

1. Beschreiben Sie Ihre ersten Eindrücke über den Inhalt, speziell den Umgang des
alten Mannes mit der Sprache.
2. Schreiben Sie einen kleinen Text aus vier bis fünf Sätzen (Alltagsszene zu Hause)
mit vertauschten Namenwörtern (und Zeitwörtern).
3. Schreiben Sie eine Fortsetzung der Geschichte mit gutem Ende! (10 Minuten
Arbeitszeit)
176
4. Präsentation einzelner Texte und Gedankenaustausch über das jeweilige "happy
end"

Diskussion

1. Die auf sozialer Konvention beruhende gemeinsame Sprache als conditio humana.
2. Der Mensch als soziales Wesen ist notwendig auf sprachliche Interaktion ange-
wiesen. Wir brauchen die Gemeinschaft und dazu brauchen wir die gemeinsame
Sprache. Und um beides - müssen wir uns auch bemühen.

Wolf Biermann

Vor dem Lesen. Lesen und berichten (Gruppenarbeit)

1. Bilden Sie zunächst Dreiergruppen. Jeder in dieser Gruppe liest je einen Abschnitt
dieses Märchens (entweder A, B oder C) durch. Benutzen Sie dabei das Wörterbuch.
Schreiben Sie beim Lesen Stichworte und machen Sie Notizen zum Nacherzählen des
Gelesenen (15 Minuten).
177
2. Erzählen Sie den anderen in Ihrer Dreiergruppe kurz den Inhalt Ihres Teils nach.
Für drei Berichte hat die Gruppe etwa 15 Minuten.
3. Erzählen Sie in einer größeren Gruppe das ganze Märchen noch einmal nach (15
Minuten).
Lesen Sie die Geschichte genau, nachdem Sie die Gruppenaufgabe gemacht haben.

Das Märchen vom kleinen Herrn Moritz, der eine Glatze kriegte

Es war einmal ein kleiner älterer Herr, der hieß Herr Moritz, und hatte sehr große
Schuhe und einen schwarzen Mantel dazu und einen langen schwarzen
Regenschirmstock, und damit ging er oft spazieren,
Als nun der lange Winter kam, der längste Winter auf der Welt in Berlin, da
wurden die Menschen allmählich böse.
Die Autofahrer schimpften, weil die Straßen so glatt waren, dass die Autos
ausrutschten. Die Verkehrspolizisten schimpften, weil sie immer auf der kalten Straße
rumstehen mussten. Die Verkäuferinnen schimpften, weil ihre Verkaufsläden so kalt
waren. Die Männer von der Müllabfuhr schimpften, weil der Schnee gar nicht alle
wurde. Der Milchmann schimpfte, weil ihm die Milch in den Milchkannen zu Eis
gefror. Die Kinder schimpften, weil ihnen die Ohren ganz rot gefroren waren, und die
Hunde bellten vor Wut über die Kälte schon gar nicht mehr, sondern zitterten nur
noch und klapperten mit den Zähnen vor Kälte, und das sah auch sehr böse aus.
An einem solchen kalten Schneetag ging Herr Moritz mit seinem blauen Hut
spazieren, und er dachte: „Wie böse die Menschen alle sind, es wird höchste Zeit, dass
wieder Sommer wird und Blumen wachsen."

178
Und als er so durch die schimpfenden Leute in der Markthalle ging, wuchsen ganz
schnell und ganz viel Krokusse, Tulpen und Maiglöckchen und Rosen und Nelken,
auch Löwenzahn und Margeriten. Er merkte es aber erst gar nicht, und dabei war
schon längst sein Hut vom Kopf hochgegangen, weil die Blumen immer mehr
wurden und auch immer länger.
Da blieb vor ihm eine Frau stehn und sagte: „Oh, Ihnen wachsen aber schöne
Blumen auf dem Kopf!" „Mir Blumen auf dem Kopf!" sagte Herr Moritz, „so was gibt
es gar nicht!"
„Doch! Schauen Sie hier in das Schaufenster, Sie können sich darin spiegeln. Darf
ich eine Blume abpflücken?"
Und Herr Moritz sah im Schaufensterspiegelbild, dass wirklich Blumen auf seinem
Kopf wuchsen, bunte und große, vielerlei Art, und er sagte: „Aber bitte, wenn Sie eine
wollen . . ."
„Ich möchte gerne eine kleine Rose", sagte die Frau und pflückte sich eine.
„Und ich eine Nelke für meinen Bruder", sagte ein kleines Mädchen, und Herr Moritz
bückte sich", damit das Mädchen ihm auf den Kopf langen konnte. Er brauchte sich
aber nicht sehr tief zu bücken, denn er war etwas kleiner als andere Männer. Und viele
Leute kamen und brachen sich Blumen vom Kopf des kleinen Herrn Moritz, und es tat
ihm nicht weh, und die Blumen wuchsen immer gleich nach, und es kribbelte so
schön am Kopf, als ob ihn jemand freundlich streichelte, und Herr Moritz war froh,
dass er den Leuten mitten im kalten Winter Blumen geben konnte. Immer mehr
Menschen kamen zusammen und lachten und wunderten sich und brachen sich
Blumen vom Kopf des kleinen Herrn Moritz, und keiner, der eine Blume erwischt
hatte, sagte an diesem Tag noch ein böses Wort.

Aber da kam auf einmal auch der Polizist Max Kunkel. Max Kunkel so war schon
seit zehn Jahren in der Markthalle als Markthallenpolizist tätig, aber so was hatte er
noch nicht gesehn! Mann mit Blumen auf dem Kopf! Er drängelte sich durch die
179
vielen lauten Menschen, und als er vor dem kleinen Herrn Moritz stand, schrie er:
„Wo gibt's denn so was! Blumen auf dem Kopf, mein Herr! Zeigen Sie doch mal bitte
sofort ihren Personalausweis!"
Und der kleine Herr Moritz suchte und suchte und sagte verzweifelt: „Ich habe ihn
doch immer bei mir gehabt, ich habe ihn doch in der Tasche gehabt!"
Und je mehr er suchte, um so mehr verschwanden die Blumen auf seinem Kopf.
„Aha", sagte der Polizist Max Kunkel, „Blumen auf dem Kopf haben Sie, aber
keinen Ausweis in der Tasche!"
Und Herr Moritz suchte immer ängstlicher seinen Ausweis und war ganz rot vor
Verlegenheit, und je mehr er suchte - auch im Jackenfutter-, um so mehr schrumpften
die Blumen zusammen, und der Hut ging allmählich wieder runter auf den Kopf! In
seiner Verzweiflung nahm Herr Moritz seinen Hut ab, und siehe da, unter dem Hut lag
in der abgegriffenen Gummihülle der Personalausweis. Aber was noch!? Die Haare
waren alle weg! Kein Haar mehr auf dem Kopf hatte der kleine Herr Moritz. Er strich
sich verlegen über den kahlen Kopf und setzte dann schnell den Hut drauf.
„Na, da ist ja der Ausweis", sagte der Polizist Max Kunkel freundlich, „und
Blumen haben Sie ja wohl auch nicht mehr auf dem Kopf, wie?!"
„Nein . . .", sagte Herr Moritz und steckte schnell seinen Ausweis ein und lief, so
schnell man auf den glatten Straßen laufen konnte, nach Hause. Dort stand er lange
vor dem Spiegel und sagte zu sich: „Jetzt hast du eine Glatze, Herr Moritz!"

Grundwortschatz

- Die Glatze; die Müllabfuhr; die Kanne; die Nelke; der Löwenzahn; das
Schaufenster, die Verlegenheit; die Verzweiflung;
- schimpfen; ausrutschen; bellen; klappern; abpflücken; sich bücken; langen auf
Akk.; kribbeln; streicheln; streichen; erwischen; tätig sein; sich drängeln;
verschwinden; zusammenschrumpfen;
- auf einmal; verzweifelt; abgegriffen; allmählich; kahl.
180
Wortschatzaufgaben

1. Welche Substantive aus dem Text passen zu den folgenden Sätzen? Vergessen Sie
die Artikel nicht. Beispiel:
Der Müll wird weggebracht. Das ist die Müllabfuhr.
a. Man wird im Regen nicht nass.
b. Das sieht man im Spiegel.
c. Dort stellen Geschäfte ihre Waren aus.
d. Du kannst damit beweisen, wer du bist.
e. Die Gastgeberin wird sich bestimmt darüber freuen.
2. Beschreiben Sie Situationen, wann Sie Folgendes tun.
a. schimpfen
b. zittern
c. sich wundern
d. spazierengehen
e. vor Verlegenheit rot werden
3. Finden Sie Synonyme zu folgenden Wörtern und bilden Sie mit ihnen Sätze:
auf einmal; Blumen brechen; abgegriffen; zusammenschrumpfen; jucken, kitzelnt;
tätig sein.
Herr Moritz

Leseverstehen
A. Beantworten Sie folgende Fragen zum Text

1. Die Geschichte trägt den Titel: Das Märchen vom kleinen Herrn Moritz, der eine
Glatze kriegte. Was ist in dieser Geschichte so wie in einem Märchen?
2. Wo und in welcher Jahreszeit spielt die Geschichte?
3. Wie verhalten sich in diesem Text die Menschen in der geschilderten Jahreszeit?
4. Was wünscht sich Herr Moritz auf seinem Spaziergang?
181
5. Herr Moritz verhält sich nicht wie die anderen Menschen. Was macht er anders?
6. Wie ändert sich das Verhalten der Menschen, die sich bei Herrn Moritz eine Blume
pflücken durften?
7. Was stört den Polizisten an Herrn Moritz und warum verlangt er seinen
Personalausweis?
8. Warum verschwinden plötzlich alle Blumen vom Kopf des Herrn Moritz?
9. Der Polizist ist gegen Ende von Textabschnitt C freundlich zu Herrn Moritz.
Warum?
10. Was denkt Herr Moritz zu Hause vor dem Spiegel?

B. Schriftlicher Ausdruck

1. Schreiben Sie für jeden Teil der Geschichte je vier Sätze, die Sie zum
Zusammenfassen des Inhalts für nötig halten. Besprechen Sie, was die folgenden
Personen, Dinge und Situationen eigentlich bedeuten und was der Autor damit
andeuten will.
a. Herr Moritz
b. der längste Winter auf der Welt (in Berlin!)
c. Blumen im Winter
d. Max Kunkel
e. der Personalausweis
f. die Glatze
2. Leben Herr Moritz und Max Kunkel in West-Berlin oder Ost-Berlin? Begründen
Sie Ihre Antwort.
3. Setzen Sie die folgenden Aussagen fort:
a. Für mich sind Blumen . . .
b. Menschen mit einem Glatzkopf sind . . .
c. Meiner Meinung nach sind Polizisten . . .

Zur Textanalyse
182
1. Zu welchem Genre gehört dieser Test? Nennen Sie typische Merkmale. Warum
greift der Autor zu diesem Genre? Welche Abweichungen von diesem Genre finden
Sie?
2. Wie viele Teile und welche Räume kann man in diesem Text aussondern?
3. Welche Rolle spielt hier die Farbtechnik?
4. Welche Darstellungsart spielt hier eine besondere Rolle?
5. Wie verstehen Sie den Terminus „Aus – der – Rolle – fallen“?

Aufsatzthemen

1. Fassen Sie den Text zusammen, gebrauchen Sie dabei Sätze aus der Aufgabe zum
Leseverstehen.
2. Erzählen Sie, wie die Haare auf dem Kopf von Herrn Moritz wieder zu wachsen
begannen.
3. Da die Frau von Herrn Moritz gegen Blumen allergisch ist, möchte er ihr lieber
nicht erzählen, was mit ihm wirklich passiert ist. Welche andere Erklärung für den
Verlust seiner Haare gibt es, die ihm seine Frau vielleicht glauben wird?

Wolfgang Hildesheimer

Vor dem Lesen

Sie sollen den ganzen Text zuerst ohne Wörterbuch schnell lesen. Lesen Sie bitte
so schnell wie möglich, aber nicht länger als zehn Minuten! Wenn Sie ein Wort, einen
Satzteil oder sogar einen ganzen Satz nicht verstehen, lesen Sie einfach weiter! Wenn

183
Sie zu Ende gelesen haben, decken Sie den Text zu und ergänzen Sie die folgenden
Sätze.
Ein Mann gewöhnlichen Aussehens wollte . . .
Der Erzähler verstand wenig . . . und wollte wissen, . . .
Der Mann zeigte ihm . . .
Schon in derselben Nacht . . .
In die Garage . . .
Bald darauf kam der Vetter des Erzählers . . .
Der Vetter war ein Mensch, der . . .
Der Vetter hatte ein Geschenk mitgebracht, nämlich . . .
Der Vetter beschloss, . . .
Als er in die Garage kam,. . .
Der Vetter kam zurück und fragte den Erzähler,. . .
Weil der Vetter sich beim Erzähler nicht mehr wohl fühlte,. . .
Ein paar Tage später las der Erzähler in der Zeitung, dass. . .
Das nächste Mal wollte der Mann gewöhnlichen Aussehens . . .
Aber der Erzähler . . .
Vergleichen Sie Ihre Sätze jetzt mit denen anderer Studenten im Kurs. Lesen Sie
die Geschichte genau, nachdem Sie die Aufgabe nach dem ersten Lesen gemacht
haben.

Eine größere Anschaffung

Eines Abends saß ich im Dorfwirtshaus vor (genauer gesagt, hinter) einem Glas
Bier, als ein Mann gewönlichen Aussehens sich neben mich setzte und mich mit
vertraulicher Stimme fragte, ob ich eine Lokomotive kaufen wolle.
Nun ist es zwar ziemlich leicht, mir etwas zu verkaufen, denn ich kann schlecht nein
sagen, aber bei einer größeren Anschaffung dieser Art schien mir doch Vorsicht am
Platze. Obgleich ich wenig von Lokomotiven verstehe, erkundigte ich mich nach Typ
184
und Bauart, um bei dem Mann den Anschein zu erwecken, als habe er es hier mit
einem Experten zu tun, der nicht gewillt sei, die Katz im Sack zu kaufen, wie man so
schön sagt. Er gab bereitwillig Auskunft und zeigte mir Ansichten, die die
Lokomotive von vorn und von den Seiten darstellten. Sie sah gut aus, und ich bestellte
sie, nachdem wir uns vorher über den Preis geeinigt hatten, unter Rücksichtnahme auf
die Tatsache, dass es sich um einen second-hand-Artikel handelte.
Schon in derselben Nacht wurde sie gebracht. Vielleicht hätte ich daraus entnehmen
sollen, dass der Lieferung eine anrüchige Tat zugrunde lag, aber ich kam nun einmal
nicht auf die Idee. Ins Haus konnte ich die Lokomotive nicht nehmen, es wäre
zusammengebrochen, und so musste sie in die Garage gebracht werden, ohnehin der
angemessene Platz für Fahrzeuge. Natürlich ging sie nur halb hinein. Hoch genug war
die Garage, denn ich hatte früher einmal meinen Fesselballon darin untergebracht,
aber er war geplatzt. Für die Gartengeräte war immer noch Platz
Bald darauf besuchte mich mein Vetter. Er ist ein Mensch, der, jeglicher Spekulation
und Gefühlsäußerung abhold, nur die nackten Tatsachen gelten lässt. Nichts erstaunt
ihn, er weiß alles, bevor man es ihm erzählt, weiß es besser und kann alles erklären.
Kurz, ein unausstehlicher Mensch. Nach der Begrüßung fing ich an: „Diese herrlichen
Herbstdäfte..." - „Welkendes Kartoffelkraut", sagte er. Fürs erste steckte ich es auf
und schenkte mir von dem Kognak ein, den er mitgebracht hatte. Er schmeckte nach
Seife und ich gab dieser Empfindung Ausdruck. Er sagte, der Kognak habe, wie ich
auf dem Etikett ersehen könne, auf den Weltausstellungen in Lüttich und Barcelona
große Preise erhalten, sei daher gut. Nachdem wir schweigend mehrere Kognaks
getrunken hatten beschloss er, bei mir zu übernachten und ging den Wagen einstellen.
Einige Minuten darauf kam er zurück und sagte mit leiser, leicht zitternder Stimme,
dass in meiner Garage eine große Schnellzugslokomotive stünde. „Ich weiß", sagte ich
ruhig und nippte von meinem Kognak, „ich habe sie mir vor kurzem angeschafft." Auf
seine zaghafte Frage, ob ich öfters damit fahre, sagte ich nein, nicht oft, nur neulich
nachts hätte ich eine benachbarte Bäuerin, die ein freudiges Ereignis erwartete, in die
Stadt, ins Krankenhaus gefahren.Sie hätte noch in derselben Nacht Zwillingen das
Leben geschenkt, aber das habe wohl mit der nächtlichen Lokomotivfahrt nichts zu
185
tun. Übrigens war das alles erlogen, aber bei solchen Gelegenheiten kann ich oft
diesen Versuchungen nicht widerstehen. Ob er es geglaubt hat, weiß ich nicht, er
nahm es schweigend zur Kenntnis, und es war offensichtlich, dass er sich bei mir
nicht mehr wohl fühlte. Er wurde einsilbig, trank noch ein Glas Kognak und
verabschiedete sich. Ich habe ihn nicht mehr gesehen.
Als kurz darauf die Meldung durch die Tageszeitungen ging, dass den französischen
Staatsbahnen eine Lokomotive abhanden gekommen sei (sie sei eines Nachts vom
Erdboden - genauer gesagt vom Rangierbahnhof - verschwunden gewesen) wurde mir
natürlich klar, dass ich das Opfer einer unlauteren Transaktion geworden war. Deshalb
begegnete ich auch dem Verkäufer, als ich ihn kurz darauf im Dorfgasthaus sah, mit
zurückhaltender Kühle. Bei dieser Gelegenheit wollte er mir einen Kran verkaufen,
aber ich wollte mich in ein Geschäft mit ihm nicht mehr einlassen, und außerdem, was
soll ich mit einem Kran?

Grundwortschatz

- Das Wirtshaus; die Vorsicht; der Anschein; die Auskunft; die Ausicht; die
Lieferung; die Versuchung; die Meldung; das Opfer;
- anschaffen; sich erkundigen nach Dat.; sich einigen über Akk.; entnehmen;
unterbringen; gelten; schmecken nach Dat.; nippen; erlügen; abhandenkommen; sich
einlassen in Akk.;
- anrüchig; vertraulich; unausstehlich; zaghaft; offensichtlich; unlauter;
- unter Rücksichtnahmen; es handelt sich um Akk.; zu Grunde liegen; j-m/etw. abhold
sein; zur Kenntnis nehmen; mit Dat. zu tun haben.

Wortschatzaufgaben

1. Unterstreichen Sie in der Geschichte alle adverbialen Zeitausdrücke (z. B.: eines
Abends, kurz darauf u.s.w.). Ersetzen Sie dann jeden dieser Ausdrücke im Text
durch eine synonyme Wendung. Beispiel:
186
Eines Abends saß ich . . .
An einem Abend saß ich . . .
2. In der Geschichte gibt es einige idiomatische Wendungen, die aus einem
Substantiv (mit oder ohne Präposition) und einem bestimmten Verb bestehen. Suchen
Sie fünf bis sieben Wendungen solcher Art im Text. Bilden Sie Sätze damit. Beispiel:
ein freudiges Ereignis erwarten
Meine beste Freundin erwartet Ende des Jahres ein freudiges Ereignis.

Leseverstehen

Bestimmen Sie, ob die folgenden Aussagen (1) richtig, (2) falsch oder (3) nicht im
Text vorhanden sind. Korrigieren Sie die falschen Aussagen. Beispiel:
Der Vetter mochte Kartoffelkraut nicht.
Falsch: Der Vetter meinte, der Herbst rieche nach welkendem Kartoffelkraut.
oder: Er sagte, die Herbstdüfte kämen von dem welkenden Kartoffelkraut.
1. Die Nachbarin des Erzählers hat zwei Kinder zur Welt gebracht.
2. Der Erzähler ließ die Lokomotive neben seinem Fesselballon in der Garage
unterbringen.
3. Der Vetter des Erzählers war Mensch ohne Phantasie.
4. Der Verkäufer der Lokomotive hatte sie vom Rangierbahnhof gestohlen.
5. Der vom Vetter mitgebrachte Kognak hatte mehrere Preise gewonnen.
6. Der Vetter hatte die Absicht, beim Erzähler zu übernachten.
7. Der Erzähler war Eisenbahnexperte, aber niemand sollte es wissen.
8. Da die Lokomotive schon gebraucht war, wollte der Erzähler keinen zu hohen
Preis dafür bezahlen.
9. Der Erzähler kaufte den Kran nicht, weil der Verkäufer zuviel Geld dafür wollte.

Mit eigenen Worten

187
Es gehört zum humorvollen Ton dieser Geschichte, dass der Erzähler sich
manchmal recht schwierig, gehoben und abstrakt ausdrückt. Diese Diskrepanz
zwischen dem Geschehen (das, was er erzählt) und der gehobenen Sprache des
Erzählers (wie er erzählt) ist ein wichtiger Aspekt seines Stils und seines Humors.
Vereinfachen Sie und kürzen Sie die folgenden „gehobenen" Stellen soweit wie
möglich. Beispiel:
Sie sah gut aus, und ich bestellte sie, nachdem wir uns vorher über den Preis
geeinigt hatten, unter Rücksichtnahme auf die Tatsache, dass es sich um einen second-
hand-Artikel handelte.
Sie sah gut aus. Wir machten einen Preis aus, und ich kaufte sie, obwohl sie
gebraucht war.
1. Obgleich ich wenig von Lokomotiven verstehe, erkundigte ich mich nach Typ und
Bauart, um bei dem Mann den Anschein zu erwecken, als habe er es hier mit einem
Experten zu tun, der nicht gewillt sei, die Katz im Sack zu kaufen . . .
2. Er gab bereitwillig Auskunft und zeigte mir Ansichten, die die Lokomotive . . .
darstellten.
3. Vielleicht hätte ich daraus entnehmen sollen, dass der Lieferung eine anrüchige Tat
zugrunde lag, aber ich kam nun einmal nicht auf die Idee.
4. Er ist ein Mensch, der, jeglicher Spekulation und Gefühlsäußerung abhold, nur die
nackten Tatsachen gelten lässt.
5. Er schmeckte nach Seife, und ich gab dieser Empfindung Ausdruck.
6. Sie hatte noch in derselben Nacht Zwillingen das Leben geschenkt. . .
7. Ob er es geglaubt hat, weiß ich nicht, er nahm es schweigend zur Kenntnis, und es
war offensichtlich, dass er sich bei mir nicht mehr wohl fühlte.
8. Als kurz darauf die Meldung durch die Tageszeitungen ging, dass den
französischen Staatsbahnen eine Lokomotive abhanden gekommen sei ... wurde mir
natürlich klar, dass ich das Opfer einer unlauteren Transaktion geworden war.
9. Bei dieser Gelegenheit wollte er mir einen Kran verkaufen, aber ich wollte mich in
ein Geschäft mit ihm nicht mehr einlassen . . .

188
Diskussion

1. Die Ereignisse in dieser Geschichte sind sehr ungewöhnlich. Wie und mit welcher
Logik erzählt der Mann davon? Diskutieren Sie, was der Autor damit zum Ausdruck
bringen will.
2. Führen Sie mögliche Gründe an, warum er sich einen Fesselballon angeschafft
hatte. Je lustiger und unglaublich der Grund, desto besser!
3. (Kleingruppenarbeit). Stellen Sie mit andern StudentInnen eine Liste von den zehn
wichtigsten Dingen zusammen, die wir uns im Laufe unseres Lebens anschaffen.
Welche sind unnötig? Welche braucht man unbedingt? Ordnen Sie diese Dinge ihrer
Wichtigkeit nach.
Es gibt viele sehr reiche Menschen auf der Welt (Rocksänger, Filmschauspieler,
Basketballspieler, Firmen- und Bankenbesitzer, Unternehmer, Kinder reicher Familien
usw.), die sich oft „größere Anschaffungen" machen. Nennen Sie ein paar Beispiele.
Was halten Sie davon?
Versuchen Sie, andere Studenten zur Anschaffung eines Krans, einer
Schnellzugslokomotive, eines Fesselballons oder eines anderen ungewöhnlichen und
großen Gegenstands zu überreden. Ihr(e) Partner(in) soll versuchen, jedes Ihrer
Argumente durch ein Gegenargument zu entkräften.

Aufsatzthemen

1. Sie sind der Vetter und schreiben nach einem Besuch beim Erzähler einen Brief an
ihn oder an seine Freundin oder an die Eltern des Erzählers. Vergessen Sie nicht, was
für ein Mensch der Vetter ist.
2. Schreiben Sie von einer besonderen „größeren Anschaffung" in Ihrem Leben oder
im Leben Ihrer Familie. Wie kam man zu der Entscheidung, diese Anschaffung zu

189
machen? Wie machte man die Anschaffung? Welche Folgen hat manche unnötige
oder nützliche Anschaffung?
3. Schreiben Sie eine kurze Anekdote mit dem Titel „Eine größere Anschaffung“.
Gebrauchen Sie dabei Adverbiale Zeitbestimmungen: anfangs; damals; eines
Morgens/Tages/Abends; einmal; einst; neulich/vor kurzem; auf einmal/plötzlich; bald
darauf; kurz darauf; da/dann; danach; inzwischen/unterdessen; später; anschließend;
seitdem/seither; am Ende; endlich; zum Schluss; letzten Endes.

Hermann Hesse
Vor dem Lesen: Mitlesen-Mitteilen

Bilden Sie drei Gruppen. Jede Gruppe liest einen Teil der Erzählung und stellt ein
Erzählschema zusammen. Dann berichtet jede Gruppe über ihren Teil des Textes.
Lesen Sie die Geschichte aufmerksam, nachdem Sie die Gruppenaufgabe gemacht
haben.
190
Ein Mensch mit Namen Ziegler

Einst wohnte in der Brauergasse ein junger Herr mit Namen Ziegler. Er gehörte zu
denen, die uns jeden Tag und immer wieder auf der Straße begegnen und deren
Gesicht wir uns nie recht merken können, weil sie alle miteinander dasselbe Gesicht
haben: ein Kollektivgesicht.
Ziegler war alles und tat alles, was solche Leute immer sind und tun. Er war nicht
unbegabt, aber auch nicht begabt, er liebte Geld und Vergnügen, zog sich gern hübsch
an und war ebenso feige wie die meisten Menschen: sein Leben und Tun wurde
weniger durch Triebe und Bestrebungen regiert als durch Verbote, durch die Furcht
vor Strafen. Dabei hatte er manche honette Züge und war überhaupt alles in allem ein
erfreulich normaler Mensch, dem seine eigene Person sehr lieb und wichtig war. Er
hielt sich, wie jeder Mensch, für eine Persönlichkeit, während er nur ein Exemplar
war, und sah in sich, in seinem Schicksal den Mittelpunkt der Welt, wie jeder Mensch
es tut. Zweifel lagen ihm fern, und wenn Tatsachen seiner Weltanschauung
widersprachen, schloss er missbilligend die Augen.
Als moderner Mensch hatte er außer vor dem Geld noch vor einer zweiten Macht
unbegrenzte Hochachtung: vor der Wissenschaft. Er hätte nicht zu sagen gewusst, was
eigentlich Wissenschaft sei, er dachte dabei an etwas wie Statistik und auch ein wenig
an Bakteriologie, und es war ihm wohl bekannt, wieviel Geld und Ehre der Staat für
die Wissenschaft übrig habe. Besonders respektierte er die Krebsforschung, denn sein
Vater war an Krebs gestorben, und Ziegler nahm an, die inzwischen so hoch
entwickelte Wissenschaft werde nicht zulassen, dass ihm einst dasselbe geschähe.
Äußerlich zeichnete sich Ziegler durch das Bestreben aus, sich etwas über seine
Mittel zu kleiden, stets im Einklang mit der Mode des Jahres. Denn die Moden des
Quartals und des Monats, welche seine Mittel allzu sehr überstiegen hätten, verachtete

191
er als dumme Afferei. Er hielt viel auf Charakter und trug keine Scheu, unter
seinesgleichen und an sichern Orten über Vorgesetzte und Regierungen zu schimpfen.
Ich verweile wohl zu lange bei dieser Schilderung. Aber Ziegler war wirklich ein
reizender junger Mensch, und wir haben viel an ihm verloren. Denn er fand ein frühes
und seltsames Ende, allen seinen Plänen und berechtigten Hoffnungen zuwider.
Bald nachdem er in unsre Stadt gekommen war, beschloss er einst, sich einen
vergnügten Sonntag zu machen. Er hatte noch keinen rechten Anschluss gefunden und
war aus Unentschiedenheit noch keinem Verein beigetreten. Vielleicht war dies sein
Unglück. Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.
So war er darauf angewiesen, sich um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu
kümmern, die er denn gewissenhaft erfragte. Und nach reiflicher Überlegung
entschied er sich für das historische Museum und den zoologischen Garten. Das
Museum war an Sonntagvormittagen unentgeltlich, der Zoologische nachmittags zu
ermäßigten Preisen zu besichtigen.

In seinem neuen Straßenanzug mit Tuchknöpfen, den er sehr liebte, ging Ziegler
am Sonntag ins historische Museum. Er nahm so seinen dünnen, eleganten
Spazierstock mit, einen vierkantigen, rotlackierten Stock, der ihm Haltung und Glanz
verlieh, der ihm aber zu seinem tiefsten Missvergnügen vor dem Eintritt in die Säle
vom Türsteher abgenommen wurde.
In den hohen Räumen war vielerlei zu sehen, und der fromme Besucher pries im
Herzen die allmächtige Wissenschaft, die auch hier ihre verdienstvolle Zuverlässigkeit
erwies, wie Ziegler aus den sorgfältigen Aufschriften an den Schaukästen schloss.
Alter Kram, wie rostige Torschlüssel, zerbrochene grünspanige Halsketten und
dergleichen, gewann durch diese Aufschriften ein erstaunliches Interesse. Es war
wunderbar, um was alles diese Wissenschaft sich kümmerte, wie sie alles beherrschte,
alles zu bezeichnen wusste - o nein, gewiss würde sie schon bald den Krebs
abschaffen und vielleicht das Sterben überhaupt.
192
Im zweiten Saale fand er einen Glasschrank, dessen Scheibe so vorzüglich
spiegelte, dass er in einer stillen Minute seinen Anzug, Frisur und Kragen, Hosenfalte
und Krawattensitz kontrollieren konnte. Froh aufatmend schritt er weiter und würdigte
einige Erzeugnisse alter Holzschnitzer seiner Aufmerksamkeit. Tüchtige Kerle, wenn
auch reichlich naiv, dachte er wohlwollend. Und auch eine alte Standuhr mit
elfenbeinernen, beim Stundenschlag Menuett tanzenden Figürchen betrachtete und
billigte er geduldig. Dann begann die Sache ihn etwas zu langweilen, er gähnte und
zog häufig seine Taschenuhr, die er wohl zeigen dürfte, sie war schwer golden und ein
Erbstück von seinem Vater.
Es blieb ihm, wie er bedauernd sah, noch viel Zeit bis zum Mittagessen übrig, und
so trat er in einen andern Raum, der seine Neugierde wieder zu fesseln vermochte. Er
enthielt Gegenstände des mittelalterlichen Aberglaubens, Zauberbücher, Amulette,
Hexenstaat und in einer Ecke eine ganze alchimistische Werkstatt mit Esse, Mörsern,
bauchigen Gläsern, dürren Schweinsblasen, Blasbälgen und so weiter. Diese Ecke war
durch ein wollenes Seil abgetrennt, eine Tafel verbot das Berühren der Gegenstände.
Man liest ja aber solche Tafeln nie sehr genau, und Ziegler war ganz allein im Raum.
So streckte er unbedenklich den Arm über das Seil hinweg und betastete einige der
komischen Sachen. Von diesem Mittelalter und seinem drolligen Aberglauben hatte er
schon gehört und gelesen; es war ihm unbegreiflich, wie Leute sich damals mit so
kindischem Zeug befassen konnten, und dass man den ganzen Hexenschwindel und
all das Zeug nicht einfach verbot. Hingegen die Alchimie mochte immerhin
entschuldigt werden können, da aus ihr die so nützliche Chemie hervorgegangen war.
Mein Gott, wenn man so daran dachte, dass diese Goldmachertiegel und all der
dumme Zauberkram vielleicht doch notwendig gewesen waren, weil es sonst heute
kein Aspirin und keine Gasbomben gäbe!
Achtlos nahm er ein kleines dunkles Kügelchen, etwas wie eine Arzneipille, in die
Hand, ein vertrocknetes Ding ohne Gewicht, drehte es zwischen den Fingern und
wollte es eben wieder hinlegen, als er Schritte hinter sich hörte. Er wandte sich um,
ein Besucher war eingetreten. Es genierte Ziegler, dass er das Kügelchen in der Hand

193
hatte, denn er hatte die Verbotstafel natürlich doch gelesen. Darum schloss er die
Hand, steckte sie in die Tasche und ging hinaus.
Erst auf der Straße fiel ihm die Pille wieder ein. Er zog sie heraus und dachte sie
wegzuwerfen, vorher aber führte er sie an die Nase und roch daran. Das Ding hatte
einen schwachen, harzartisen Geruch, der ihm Spaß machte, so dass er das Kügelchen
wieder einsteckte.
Er ging nun ins Restaurant, bestellte sich Essen, schnüffelte in einigen Zeitungen,
fingerte an seiner Krawatte und warf den Gästen teils hochmütige Blicke zu, je
nachdem sie gekleidet waren. Als aber das Essen eine Weile auf sich warten ließ, zog
Herr Ziegler seine aus Versehen gestohlene Alchimistenpille hervor und roch an ihr.
Dann kratzte er sie mit dem Zeigefingernagel, und endlich folgte er naiv einem
kindlichen Gelüste und führte das Ding zum Mund; es löste sich im Mund rasch auf,
ohne unangenehm zu schmecken, so dass er es mit einem Schluck Bier hinabspülte.
Gleich darauf kam auch sein Essen.

Um zwei Uhr sprang der junge Mann vom Straßenbahnwagen, betrat den Vorhof
des zoologischen Gartens und nahm eine Sonntagskarte.
Freundlich lächelnd ging er ins Affenhaus und fasste vor dem großen Küfig der
Schimpansen Stand. Der große Affe blinzelte ihn an, nickte ihm gutmütig zu und
sprach mit tiefer Stimme die Worte: „Wie geht's, Bruderherz?"
Angewidert und wunderlich erschrocken wandte sich der Besucher schnell hinweg
und hörte im Fortgehen den Affen hinter sich her schimpfen: „Auch noch stolz ist der
Kerl! Plattfuß, dummer!"
Rasch trat Ziegler zu den Meerkatzen hinüber. Die tanzten ausgelassen und
schrien: „Gib Zucker her, Kamerad!" und als er keinen Zucker hatte, wurden sie bös,
ahmten ihn nach, nannten ihn Hungerleider und bleckten die Zähne gegen ihn. Das
ertrug er nicht; bestürzt und verwirrt floh er hinaus und lenkte seine Schritte zu den
Hirschen und Rehen, von denen er ein hübscheres Betragen erwartete.
194
Ein großer herrlicher Elch stand nahe beim Gitter und blickte den Besucher an. Da
erschrak Ziegler bis ins Herz. Denn seit er die alte Zauberpille geschluckt hatte,
verstand er die Sprache der Tiere. Und der Elch sprach mit seinen Augen, zwei großen
braunen Augen. Sein stiller Blick redete Hoheit, Ergebung und Trauer, und gegen den
Besucher drückte er eine überlegen ernste Verachtung aus, eine furchtbare
Verachtung. Für diesen stillen, majestätischen Blick, so las Ziegler, war er samt Hut
und Stock, Uhr und Sonntagsanzug nichts als ein Geschmeiß, ein lächerliches und
widerliches Vieh.
Vom Elch entfloh Ziegler zum Steinbock, von da zu den Gemsen, zum Lama, zum
Gnu, zu den Wildsäuen und Bären. Insultiert wurde er von diesen allen nicht, aber er
wurde von allen verachtet. Er hörte ihnen zu und erfuhr aus ihren Gesprächen, wie sie
über die Menschen dachten. Es war schrecklich, wie sie über sie dachten. Namentlich
wunderten sie sich darüber, dass ausgerechnet diese hässlichen, stinkenden,
würdelosen Zweibeiner in ihren geckenhaften Verkleidungen frei umherlaufen
durften.
Er hörte einen Puma mit seinem Jungen reden, ein Gespräch voll Würde und
sachlicher Weisheit, wie man es unter Menschen selten hört. Er hörte einen schönen
Panther sich kurz und gemessen in aristokratischen Ausdrücken über das Pack der
Sonntagsbesucher äußern. Er sah dem blonden Löwen ins Auge und erfuhr, wie weit
und wunderbar die wilde Welt ist, wo es keine Käfige und keine Menschen gibt. Er
sah einen Turmfalken trüb und stolz in erstarrter Schwermut auf dem toten Ast sitzen
und sah die Höher ihre Gefangenschaft mit Anstand, Achselzucken und Humor
ertragen.
Benommen und aus allen seinen Denkgewohnheiten gerissen, wandte sich Ziegler
in seiner Verzweiflung den Menschen wieder zu. Er suchte ein Auge, das seine Not
und Angst verstünde, er lauschte auf Gespräche, um irgend etwas Tröstliches,
Verständliches, Wohltuendes zu hören, er beachtete die Gebürden der vielen Gäste,
um auch bei ihnen irgendwo Würde, Natur, Adel, stille Überlegenheit zu finden.
Aber er wurde enttäuscht. Er hörte die Stimmen und Worte, sah die Bewegungen,
Gebürden und Blicke, und da er jetzt alles wie durch ein Tierauge sah, fand er nichts
195
als eine entartete, sich verstellende, lügende, unschöne Gesellschaft tierähnlicher
Wesen, die von allen Tierarten ein geckenhaftes Gemisch zu sein schienen.
Verzweifelt irrte Ziegler umher, sich seiner selbst unbündig schämend. Das
vierkantige Stöcklein hatte er längst ins Gebüsch geworfen, die Handschuhe
hinterdrein. Aber als er jetzt seinen Hut von sich warf, die Stiefel auszog, die
Krawatte abriss, und schluchzend sich an das Gitter des Elchstalls drückte, ward er
unter großem Aufsehen festgenommen und in ein Irrenhaus gebracht.

Grundwortschatz

- Das Vergnügen; der Trieb; die Bestrebung; das Verbot; die Weltanschauung; die
Hochachtung; der Vorgesetzte; die Unentschiedenheit; das Elfenbein; das Erbstück;
das Aberglauben; die Schwermut; der Schwindel; der Kram; die Ergebung; die
Hoheit; das Harz; das Betragen; die Esse; der Mörser; der Blasbalgen; das Vieh;
der Käfig; das Geschmeiß; der Platt fuß; die Gebärde;
- abschaffen; j-n (etwas) halten für Akk.; halten auf Akk.; zweifeln; widersprechen;
sterben an Dat.; annehmen; sich auszeichnen durch Akk.; verachten; beitreten Dat.;
angewiesen sein auf Akk.; sich für Akk. entscheiden; verleihen; verweisen; billigen;
bedauern; fesseln; verweilen; genieren; schnüffeln; blecken; schluchzen;
- feige; honett; unentgeltlich; ermäßigt; fromm; vorzüglich; missbilligend; übrig;
drollig; gutmütig; bestürtzt; namentlich; benommen; verwirrt; geckenhaft; rasch;
ausgelassen;
- im Einklang; alles in allem sein; j-n/etw. seiner Aufmerksamkeit würdigen; dem
Gelüste folgen.

Wortschatzaufgaben

1. Welche Artikel haben folgende Wörter? Welche dieser Dinge spielen in Ihrem
Leben eine wichtige Rolle? Begründen Sie Ihre Aussagen. Beispiel:
das Verbot (-e)
196
Verbote spielen in meinem Leben eine wichtige Rolle. Es gibt Vieles, was ich nicht tun
darf. Darunter sind ...
die Furcht; das Verbot; das Schicksal; die Weltanschauung; die Macht; die
Wissenschaft; die Mode; der Charakter; der Glanz; die Verzweiflung; die
Gesellschaft; der Vorgesetzte; der Verein; der Humor.
2. Lernen Sie die Namen aller Tiere in dieser Geschichte. Schreiben Sie einen Satz
über jedes dieser Tiere. Beispiele:
Schimpansen klettern gern in Bäumen. Der Elch lebt in nördlichen Ländern.
3. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern und Wortgruppen:
a) Die Anstrengungen, die man macht, um etwas zu erreichen; b) das Los; c) j-d, der
in einer Firma, beim Militär, in einem Amt einen höheren Rang hat und bestimmt,
was andere Personen machen müssen; d) herausragen, besser sein als andere; e)
etwas positiv beurteilen und es deshalb zulassen, akzeptieren; f) imitieren; g)
konzentriert zuhören, horchen; h) beseitigen; i) loben; j) ohne Mut, ängstlich; k)
hervorragend, ausgezeichnet; l) von etwas Schlimmem erschreckt, erschüttert; m)
schnell; n) talentiert; o) stef, unbeweglich; p) immer, jedes Mal; q) in Harmonie; r)
ein Tier zeigt die Zähne als Ausdruck der Aggression oder Angst.

Leseverstehen

Sammeln Sie allein oder in Gruppen Informationen zu jedem der folgenden Themen
aus der Geschichte. Teilen Sie anderen Studenten diese Informationen mit.
1. Der Charakter Zieglers. 2. Die moderne Wissenschaft. 3. Das Mittelalter. 4. Die
Welt der Tiere.

Mit eigenen Worten

Drücken Sie folgende Wortgruppen anders aus.


1. Er gehörte zu denen ...
197
2. Zweifel lagen ihm fern, und wenn Tatsachen seiner Weltanschauung
widersprachen, schloss er missbilligend die Augen.
3. . . . , die inzwischen so hoch entwickelte Wissenschaft werde nicht zulassen, dass
ihm einst dasselbe geschähe.
4. Denn die Moden des Quartals und des Monats, welche seine Mittel allzu sehr
überstiegen hätten, verachtete er als dumme Afferei.
5. Er hatte noch keinen rechten Anschluss gefunden . . .
6. So war er darauf angewiesen, sich um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu
kümmern, die er denn gewissenhaft erfragte.
7. Das Museum . . . war unentgeltlich, der Zoologische ... zu ermäßigten Preisen zu
besichtigen.
8. ... er ... würdigte einige Erzeugnisse alter Holzschnitzer seiner Aufmerksamkeit.
9. . . ., und so trat er in einen andern Raum, der seine Neugierde wieder zu fesseln
vermochte.
10. Als aber das Essen eine Weile auf sich warten ließ . . .
11. ... (er) fasste vor dem großen Käfig der Schimpansen Stand.
12. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

Diskussion

1. Beschreiben Sie Ziegler als Vertreter eines modernen Menschen. Wie lebt er?
Welche Dinge schätzt er am meisten? Was verachtet er? Welche Dinge spielen in
seinem Leben keine Rolle?
2. Diskutieren Sie über die symbolische Bedeutung von Kleidung in dieser
Erzählung.
3. Besprechen Sie das Für und Wider der modernen wissenschaftlichen Forschung in
unserem Zeitalter. Achten Sie dabei auf die Stelle im Text: „weil es sonst heute kein
Aspirin und keine Gasbomben gäbe“
198
4. Inwiefern kann man diese Erzählung als Märchen bezeichnen? Denken Sie dabei
auch an das „Märchen vom kleinen Herrn Moritz" von Wolf Biermann.
5. Wir leben heutzutage in einem technischen Zeitalter großer wissenschaftlicher
Entdeckungen und Erfindungen. Diskutieren Sie, inwiefern es in einer solchen Welt
für das übernatürliche oder das Wunderbare noch Platz gibt. Glauben Sie an
übernatürliche Phänomene? Lehnen Sie solche Phänomene grundsätzlich ab?
6. Vergleichen Sie die Beschreibung der Tiere in dieser Geschichte mit der Situation
des Panthers im folgenden Gedicht. Was will der Autor des Gedichtes durch den
Panther zum Ausdruck bringen?

Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe


so mild geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,


der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille


sich lautlos auf-. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.
Reiner Maria Rilke

Aufsatzthemen
199
1. Fassen Sie die Geschichte in zwanzig bis fünfundzwanzig Sätzen zusammen.
2. Schreiben Sie über die Bedeutung der Geschichte. Was will Hesse durch den
Menschen Ziegler und das ungewöhnliche Geschehen zum Ausdruck bringen?
3. Schreiben Sie über Aufgaben und Gefahren der Wissenschaft in unserer Zeit.
Belegen Sie Ihre Argumente anhand von Beispielen.

Kurt Kusenberg
Mal was anders
A

Es war eine sehr steife Familie. Vielleicht lag es daran, dass sie sich gleichsam
vorschriftsmäßig zusammensetzte: ein Mann, eine Frau, ein Sohn, eine Tochter - ach,
Unsinn, daran lag es nicht, sondern das Steife steckte ihnen im Blut. Sie lächelten
fein, aber sie lachten nie; sie benahmen sich wie bei Hofe und kannten kein derbes
Wort. Hätte einer von ihnen gerölpst, so wären sicherlich die anderen ohnmächtig
niedergesunken

200
Abgezirkelt verging ihnen der Tag. Beim Mittagessen betraten sie ganz kurz vor
zwölf den Speisesaal, jeder durch eine andere Tür, und stellten sich hinter ihren
Stühlen auf. Zwischen dem sechsten und dem siebten Schlag der Uhr nahmen sie
Platz. Der Tisch war überaus vornehm gedeckt. über der weißen Spitzendecke lag, um
diese zu schonen, eine Glasplatte, und bei jedem Gedeck standen drei geschliffene
Gläser, obwohl nie Wein getrunken wurde, nur Wasser. Die Mutter trug beim Essen
einen Hut auf dem Kopf. Dem Vater traten ein wenig die Augen hervor, weil sein
hoher, steifer Kragen ihn würgte, doch daran hatte er sich gewöhnt. Jeden von ihnen
drückte irgend etwas, und irgend etwas war zu eng oder zu hart; sie mochten es eben
nicht bequem haben.
Das Folgende aber begab sich nicht beim Mittagessen, sondern beim Abendbrot.
Draußen, vor den Fenstern, spürte man den Mai; im Speisesaal spürte man ihn nicht.
Kurz vor acht Uhr betraten sie den Raum und stellten sich hinter ihre Stühle, um
zwischen dem vierten und fünften Schlag Platz zu nehmen. Doch was war das? Der
Sohn stand nicht hinter seinem Stuhl, er war unpünktlich - er fehlte. Jetzt schlug die
Uhr. Man setzte sich. Der Diener brachte die Suppenschüssel. Eisige Luft umwehte
den Tisch, aber niemand sprach ein Wort, die Mahlzeiten wurden schweigend
eingenommen.
Sollte man es glauben? Noch immer war der Sohn nicnt erschienen! Der Vater und
die Mutter tauschten einen Blick und schüttelten den Kopf. Als die Tochter das sah,
bangte ihr für den Bruder. Stumm löffelten die drei ihre Suppe.
Und jetzt, wahrhaftig, jetzt trat er durch die Tür, der achtzehnjährige Sohn, als sei
nichts vorgefallen. Niemand schaute zu ihm hin, keiner bemerkte seine seltsame,
gewitternde Miene. Was bedeutete sie - Aufruhr oder Spott? Im nächsten Augenblick
beugte sich der Sohn nieder, setzte die Handflächen auf den Boden, schnellte die
Beine hoch und stand kopfunten. So, in dieser würdelosen Stellung, marschierte er auf
den Tisch zu.
Wo und wann er es gelernt hatte, auf den Händen zu gehen, blieb unerfindlich. Es
änderte auch nichts an dem unglaublichen Vorgang. Die drei am Tisch hörten auf, ihre
Suppe zu löffeln, und starrten den Jüngling an; er musste den Verstand verloren
201
haben! Ja, so schien es - und doch wieder nicht, denn als der junge Mann bei seinem
Stuhl angelangt war, ließ er sich wieder auf die Füße fallen, nahm Platz und aß von
der Suppe.
Eigentlich - wir sagten es schon - wurde bei Tisch nicht gesprochen, aber als der
Diener abgeräumt und das Hauptgericht gebracht hatte, tat der Vater seinen Mund auf
und fragte: „Was soll das?"
Der Sohn zuckte die Achseln, lachte trotzig und sprach: „Mal was andres!"

Es waren nur drei Worte, aber sie fuhren wie ein Donnerschlag auf die übrigen
nieder. Der Vater, die Mutter und die Tochter blickten ganz betäubt, und selbst wenn
es erlaubt gewesen wäre, bei Tisch zu sprechen, hätte keiner ein Wort hervorgebracht.
Mal was andres! Schlimmeres konnte nicht ausgesprochen werden in einem
Hause, welches so streng das Herkommen einhielt, denn es ging ja gerade darum, dass
nichts sich änderte, dass alles genau so getan wurde, wie man es festgelegt hatte. Und
dann die grobe, fast unflätige Ausdrucksweise! „Einmal etwas anderes" hieß das in
einem Kreise, der sich einer sorgfältigen Sprache befließ.
Man aß und trank Wasser, mehr Wasser als sonst, aus verhaltener Erregung. Der
Sohn tat, als merke er von alledem nichts.
Der Vater blickte auf den Tisch nieder. Wie es in ihm aussah, ließ sich denken -
das heißt: genau wusste man es selbstverständlich nicht, denn das Innere eines
Menschen ist sehr geheim und bisweilen überraschend. Wer zum Beispiel hätte das
erwartet, was jetzt geschah?
Es begann damit, dass der Vater, obwohl er mit dem Essen fertig war, die Gabel in
den Mund steckte und sie mit den Zähnen festhielt. Dann nahm er eines der
geschliffenen Gläser und stellte es vorsichtig auf den Gabelgriff. Die Gabel schwankte
ein wenig, doch das Glas blieb stehen. Sechs starre Augen verfolgten des Vaters
Treiben. Der nahm jetzt ein zweites Glas und versuchte, es auf das erste zu setzen.

202
Fast wäre es ihm gelungen, aber eben nur fast, und so stürzten beide Gläser auf den
Tisch und zersprangen.
Verlegen, aber durchaus nicht betreten, schaute der Vater in die Runde. Er hörte
die Frage hinter den stummen Lippen und gab eine Erklärung ab. „Mal was andres!"
sagte er.
Zum erstenmal an diesem Tisch begab es sich, dass die Mutter und die Tochter
einen Blick wechselten. Was er ausdrückte, war schwer zu sagen, - sicherlich ein
Einverständnis - aber welcher Art? Vielleicht war es auch kein Einverständnis, denn
was die Tochter nun beging, konnte unmöglich der Mutter recht sein.
Das junge Ding - mehr als fünfzehn Jahre zählte es nicht - hob plötzlich die Hände
zum Kopf und löste die aufgebundenen Haare, dass sie über die Schultern fluteten.
Nicht genug damit, nahm das Mädchen ein Messer und schnitt sich vom Hals zur
Brust die Bluse auf: es kam ein schöner Ausschnitt zustande - schön, weil er von den
Brüsten etwas sehen ließ. „Mal was andres!" sprach die Tochter.
Jetzt blickten alle die Mutter an. Was würde sie sagen, was würde sie tun! Nichts
sagte sie, doch sie tat etwas. Sie griff nach der Glasplatte, die auf dem Tisch lag, und
hob sie empor. Hei, wie glitt und stürzte da alles herunter, Schüsseln, Teller, Gläser,
wie zerschellten sie lustig am Boden! Die Mutter jedenfalls fand es lustig, und als sie
laut lachte, lachten die drei mit. „Mal was andres!" rief die Mutter, von Heiterkeit
geschüttelt, und schlug sich auf die Schenkel. „Mal was andres!" johlten die anderen.
Von nun an war kein Halten mehr. Wir können nicht aufzählen, was die
übermütigen alles anstellten; nur einiges sei berichtet. Sie sprangen über die Stühle,
beschmierten die Bilder an der Wand mit Senf und rollten sich in den Teppich ein. Sie
spielten Haschen, wobei viele Gegenstände zerbrachen, tanzten wild auf dem Tisch
herum, und als der Diener das Dessert brachte, rissen sie ihm das Tablett aus der Hand
und warfen es durch die Fensterscheiben. Die hereinströmende Mailuft machte sie
vollends toll: sie schrien laut und schlugen Purzelbäume. Anfangs war der Diener sehr
erschrocken; dann aber stürzte er sich in das närrische Treiben.

C
203
Gegen neun Uhr, als es zu dunkeln begann, erscholl draußen plötzlich Musik. Alle
liefen ans Fenster und blickten hinaus. Da stand eine kleine Gruppe von Schaustellern,
die ankündigen wollten, dass am nächsten Abend eine Vorstellung stattfinde. Die
Gaukler waren offensichtlich eine Familie: Vater, Mutter, Sohn und Tochter, genau
wie die Familie im Fenster. Welch hübscher Zufall!
„Heda!" rief der Vater im Fenster dem Vater auf der Straße zu, als das Musikstück
geendet hatte. „Wollt Ihr nicht mit uns tauschen?" Und da der Andere nicht sogleich
begriff: „Ich meine, wollt Ihr dieses Haus haben samt allem, was darin ist, und uns
dafür Eure Habe überlassen? Es ist mir ernst damit - uns zieht es auf die Straße, in die
Ferne."
Die Schauspieler berieten sich und meinten dann, man müsse den Fall aushandeln.
„Ja, kommt nur herauf!" rief der Vater im Fenster. Misstrauisch betraten die Gaukler
das vornehme Haus, schüchtern schoben sie sich in den Speisesaal. Doch als man
ihnen kräftig die Hand schüttelte und nachdrücklich erklärte, das Anerbieten sei
wirklich ernst gemeint, fassten sie allgemach Vertrauen.
Nun wurden sie rasch einig, die beiden Familien. Im Nu wechselten sie die Kleider
und das Dasein. Ein wenig drollig sahen die feinen Leute ja in dem verwe-genen
Aufputz aus; doch waren sie glückich. Nur der Diener weinte, denn er wäre gerne
mitgezogen, aber er musste unbedingt zurückbleiben, damit der Tausch vollkommen
sei und es den Hausbesitzern nicht an Bedienung mangle.
„Mal was andres!" bettelte er und warf sich sogar auf die Knie, doch es half ihm
nichts.
„Wir lassen dir vier neue Gesichter zurück", sprach der Hausherr im Fortgehen.
„Das ist Abwechslung genug."
„Mal was andres!" sangen die neuen Schausteller im Chor, als sie auf der
nächtlichen Straße fortzogen, und winkten denen im Fenster. Der Sohn blies die
Trompete ganz leidlich, die Tochter spielte hübsch auf der Ziehharmonika und der
Vater zupfte besessen seine Gitarre. Nur die Mutter wusste mit der großen Trommel
noch nicht so richtig umzugehen.
204
Grundwortschatz

- Die Schüssel; der Aufruhr; der Schenkel; der Gaukler; der Zufall; der Aufputz;
Steif;
- sich benehmen; rülpsen; würgen; sich gewöhnen an Akk.; sich begeben; jem-m
bangen für Akk.; vorfallen; schnellen; anstarren; angelangen (anlangen); begehen;
zustandekommen; aushandeln;unflätig; mangeln an Akk.; verwegen; betteln; johlen;
anstellen; erschallen;
- geheim; heda; vornehm; schüchtern; drollig;
- es liegt an Dat.; Haschen spielen; Purzelbaum schlagen; im Nu.

Wortschatzaufgaben

l. Verwenden Sie jedes Verb idiomatisch mit einem passenden Wort oder Ausdruck
aus der zweiten Spalte. Beispiel: tauschen
Die Kinder tauschten heimlich Blicke.

a. nehmen (1) eine Erklärung


b. einnehmen (2) Vertrauen
c. zucken (3) einen Purzelbaum
d. schlagen (4) den Kopf
e. abgeben (5) die Augen
f. hervortreten (6) einen Blick
g. schütteln (7) Platz
h. wechseln (8) die Mahlzeit(en)
i. fassen (9) die Achseln
2. Die folgenden Verben aus der Geschichte drücken menschliche Tätigkeiten sehr
präzise aus. Wählen Sie aus der Liste etwa zehn Verben, die Sie für besonders

205
brauchbar halten und für den aktiven Sprachgebrauch lernen möchten. Bilden Sie
Sätze mit diesen Verben:
anblicken; greifen nach (Dat.); ankündigen; johlen; anstarren; lösen; sich aufstellen;
rülpsen; sich beraten; stecken; blicken auf (Akk.); schwanken; sich (nieder) beugen;
stürzen; fallen lassen; sich stürzen; fortziehen; tauschen; (empor) heben; winken.
3. Mal was andres! Bilden Sie fünf Situationen, in denen Sie mitteilen, was Sie
einmal anders machen möchten. Lesen Sie sie im Unterricht vor. Beispiel:
Im dritten (vierten, fünften....) Trimester habe ich keine Minute frei. Ich muss jeden
Tag den Unterricht besuchen, der oft nichts mit meinem künftigen Beruf zu tun hat,
nachmittags im Lesesaal an den Referaten arbeiten, die niemand liest und nachts
meine Hausaufgaben machen. Mein Traum wäre, mich nur mit meinem Lieblingsfach
– und das ist Deutsch – zu beschäftigen und mich samstags und sonntags mal richtig
ausschlafen zu können.

Leseverstehen

Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit anderen
Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres Erzählschemas, aber
mit Ihren eigenen Worten, nach.
Mit eigenen Worten

Drücken Sie die folgenden Auszüge aus der Geschichte mit Ihren Worten anders aus.
Diese Aufgabe können Sie auch mit Partnern oder in kleinen Gruppen machen.
1. Das Folgende aber begab sich ..(bis)..schweigend eingenommen. (Teil A)
2. Wo und wann er es gelernt hatte..(bis).. aß von der Suppe. (Teil A)
3. Zum ersten Mal an diesem Tisch..(bis).. unmöglich der Mutter recht sein.(Teil B)
4. Nun wurden Sie rasch einig ... (bis)... nicht an Bedienung mangle. (Teil C)

Diskussion

206
1. Diskutieren Sie, was den Sohn vielleicht dazu bewegt hat, sich auf einmal ganz
anders zu benehmen.
2. Was halten Sie von dem Entschluss der Familie, Schausteller zu werden?
3. Halten Sie es für möglich, dass Menschen ihr Leben plötzlich ändern? Warum?
Warum nicht? Hatten Sie selbst schon einmal Lust, aus einer Routine
herauszubrechen und mal was andres zu tun? Erzählen Sie davon.
4. Nennen Sie zwei oder drei Beispiele, wo bekannte oder berühmte Personen ihr
Leben auf einmal geändert haben. Erzählen Sie, warum sie das getan haben.
5. Diese Geschichte enthält einige groteske und fast absurde Aspekte. Zeigen Sie das
an einigen Beispielen aus dem Text.

Aufsatzthemen

1. Sie sind Dienstmädchen und schreiben einer Bekannten von dem merkwürdigen
Abend in dieser Familie.
2. Schreiben Sie eine kurze Geschichte, in der der Hauptcharakter „mal was andres"
tut.
3. Wie sehen Sie sich und Ihr jetziges Leben? Schreiben Sie sechs bis acht Sätze.
Würden Sie gern „mal was andres" tun? Schreiben Sie sechs bis acht weitere Sätze.
KAPITEL 5. KRIEG

Wolfgang Borchert
Die Küchenuhr

Sie sahen ihn schon von weitem auf sich zukommen, denn er fiel auf. Er hatte ein
ganz altes Gesicht, aber wie er ging, daran sah man, dass er erst zwanzig war. Er
setzte sich mit seinem alten Gesicht zu ihnen auf die Bank. Und dann zeigte er ihnen,
was er in der Hand trug.

207
Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der
Bank in der Sonne saßen. Ja, ich habe sie noch gefunden. Sie ist übriggeblieben.

Er hielt eine runde tellerweiße Küchenuhr vor sich hin und tupfte mit dem Finger
die blaugemalten Zahlen ab.
Sie hat weiter keinen Wert, meinte er entschuldigend, das weiß ich auch. Und sie
ist auch nicht so besonders schön. Sie ist nur wie ein Teller, so mit weißem Lack.
Aber die blauen Zahlen sehen doch ganz hübsch aus, finde ich. Die Zeiger sind
natürlich nur aus Blech. Und nun gehen sie auch nicht mehr. Nein. Innerlich ist sie
kaputt, das steht fest. Aber sie sieht noch aus wie immer. Auch wenn sie jetzt nicht
mehr geht.
Er machte mit der Fingerspitze einen vorsichtigen Kreis auf dem Rand der
Telleruhr entlang. Und er sagte leise: Und sie ist übriggeblieben.

C
Die auf der Bank in der Sonne saßen, sahen ihn nicht an. Einer sah auf seine
Schuhe, und die Frau sah in ihren Kinderwagen. Dann sagte jemand:
Sie haben wohl alles verloren?
Ja, ja, sagte er freudig, denken Sie, aber auch alles! Nur sie hier, sie ist übrig. Und
er hob die Uhr wieder hoch, als ob die anderen sie noch nicht kannten.
Aber sie geht doch nicht mehr, sagte die Frau.
Nein, nein, das nicht. Kaputt ist sie, das weiß ich wohl Aber sonst ist sie doch noch
ganz wie immer: weiß und blau. Und wieder zeigte er ihnen seine Uhr. Und was das
Schönste ist, fuhr er aufgeregt fort, das habe ich Ihnen ja noch überhaupt nicht erzählt.
Das Schönste kommt nämlich noch: Denken Sie mal, sie ist um halb drei
stehengeblieben. Ausgerechnet um halb drei, denken Sie mal.

208
Dann wurde Ihr Haus sicher um halb drei getroffen, sagte der Mann und schob
wichtig die Unterlippe vor. Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe
runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck.
Er sah seine Uhr an und schüttelte überlegen den Kopf. Nein, lieber Herr, nein, da
irren Sie sich. Das hat mit den Bomben nichts zu tun. Sie müssen nicht immer von den
Bomben reden. Nein. Um halb drei war ganz etwas anderes, das wissen Sie nur nicht.
Das ist nämlich der Witz, dass sie gerade um halb drei stehengeblieben ist. Und nicht
um Viertel nach vier oder um sieben. Um halb drei kam ich nämlich immer nach huse.
Nachts, meine ich. Fast immer um halb drei. Das ist ja gerade der Witz.

Er sah die anderen an, aber die hatten ihre Augen von ihm weggenommen. Er fand
sie nicht. Da nickte er seiner Uhr zu: Dann hatte ich natürlich Hunger, nicht wahr?
Und ich ging immer gleich in die Küche. Da war es dann fast immer halb drei. Und
dann, dann kam nämlich meine Mutter. Ich konnte noch so leise die Tür aufmachen,
sie hat mich immer gehört. Und wenn ich in der dunklen Küche etwas zu essen suchte,
ging plötzlich das Licht an. Dann stand sie in ihrer Wolljacke und mit einem roten
Schal um. Und barfuß. Immer barfuß. Und dabei war unsere Küche gekachelt. Und sie
machte ihre Augen ganz klein, weil ihr das Licht so hell war. Denn sie hatte ja schon
geschlafen. Es war ja Nacht.

So spät wieder, sagte sie dann. Mehr sagte sie nie. Nur: so spät wieder. Und dann
machte sie mir das Abendbrot warm und sah zu, wie ich aß. Dabei scheuerte sie
immer die Füße aneinander, weil die Kacheln so kalt waren. Schuhe zog sie nachts nie
an. Und sie saß so lange bei mir, bis ich satt war. Und dann hörte ich sie noch die
Teller wegsetzen, wenn ich in meinem Zimmer schon das Licht ausgemacht hatte.
Jede Nacht war es so. Und meistens immer um halb drei. Das war ganz
selbstverständlich, fand ich, dass sie mir nachts um halb drei in der Küche das Essen
209
machte. Ich fand das ganz selbstverständlich. Sie tat das ja immer. Und sie hat nie
mehr gesagt, als: So spät wieder. Aber das sagte sie jedesmal. Und ich dachte, das
könnte nie aufhören. Es war mir so selbstverständlich. Das alles. Es war doch immer
so gewesen.

Einen Atemzug lang war es ganz still auf der Bank. Dann sagte er leise: Und jetzt?
Er sah die anderen an. Aber er fand sie nicht.Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue
runde Gesicht: Jetzt, jetzt weiß ich, dass es das Paradies war. Das richtige Paradies.
Auf der Bank war es ganz still. Dann fragte die Frau: Und Ihre Familie?
Er lächelte ihr verlegen an: Ach, Sie meinen meine Eltern? Ja, die sind auch mit
weg. Alles ist weg. Alles, stellen Sie sich vor. Alles weg.
Er lächelte verlegen von einem zum anderen. Aber sie sahen ihn nicht an.
Da hob er wieder die Uhr hoch, und er lachte. Er lachte: Nur sie hier. Sie ist übrig.
Und das Schönste ist ja, dass sie ausgerechnet um halb drei stehengeblieben ist.
Ausgerechnet um halb drei.
Dann sagte er nichts mehr. Aber er hatte ein ganz altes Gesicht. Und der Mann, der
neben ihm saß, sah auf seine Schuhe. Aber er sah seine Schuhe nicht. Er dachte
immerzu an das Wort Paradies.

Wortschatzaufgaben

1. Im Gespräch verwendet man oft Modalpartikel und gewisse Adverbien, um einer


Aussage oder einer Meinung besonderen Ausdruck zu verleihen. Solche Wörter
intensivieren oder nuancieren eine Aussage. Unterstreichen Sie im Text folgende
Wörter.
ausgerechnet; ja; wohl; mal; doch; überhaupt (nicht); nämlich; ganz; nur; gerade.
Lesen Sie diese Stellen einmal mit diesen Wörtern und einmal ohne sie. Hören Sie den
Unterschied?

210
2. Was sagen oder fragen Sie in diesen Situationen? Verwenden Sie Vokabeln und
Ausdrücke aus der Liste.
a. Sie haben viel gegessen und wollen nichts mehr.
b. Was Sie gesagt haben, stimmt nicht.
c. Ihr Freund will spazieren gehen, aber Sie wissen, dass die Wege vereist und
deswegen sehr gefährlich sind.
d. Die Leute neben Ihnen in der Unversitätsbibliothek reden dauernd, während Sie zu
lesen versuchen.
e. Sie möchten wissen, ob die Professorin den Termin für die nächste Deutschprüfung
schon festgelegt hat.
aufhören (zu tun); sich irren; auffallen; satt sein; feststehen; vorsichtig sein;
fortfahren.

Leseverstehen

1. Wieso ist es ein Witz, dass die Uhr gerade um halb drei stehengeblieben ist?
2. Was meinen Sie zu dem Satz: „Da sagte er der Uhr leise ins weißblaue, runde
Gesicht: „Jetzt, jetzt weiß ich, dass es das Paradies war. Das richtige Paradies.“
3. Suchen Sie im Text den wesentlichen Widerspruch in der äußeren Erscheinung der
Hauptfigur. Was wollte der Auitor dadurch unterstreichen?
4. Antworten auf folgende Fragen finden Sie „zwischen den Zeilen“:
a. Wo spielt die Handlung dieser Erzählung?
b. Die Zeit der Handlung: Jahr, Jahreszeit, Monat. Welche Wörter und Sätze weisen
darauf indirekt hin?
c. Was meinen Sie, warum sehen die Leute auf der Bank den Jungen nicht an?
d. Warum kam er immer so spät nach Hause?
e. Warum hatte er ein ganz altes Gesicht?

Mit eigenen Worten

211
1. Suchen Sie im Text vier Stellen mit jeweils zwei bis vier Sätzen, in denen
Gespräche geführt werden. Lesen Sie diese Stellen im Kurs laut vor. Die anderen
Studenten sollen den Zusammenhang erklären (Wer spricht? Mit wem? Worüber?),
ohne den Text zu Hilfe zu nehmen.
Beispiel: -
Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen.
- Das spricht der Mann auf der Bank. Er eklärt dem jungen Mann, warum seine
Küchenuher stehengeblieben ist. Er meint, dass das vom Druck der Bomben kommt.
2. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.

Dikussion

1. Versuchen Sie, durch drei Fragen über jede der folgenden Personen Informationen
zu bekommen, die nicht im Text stehen.
- der Mann, der an das Wort „Paradies" dachte;
- die Frau mit dem Kinderwagen;
- der junge Mann mit der Küchenuhr;
- die Mutter.
2. Antworten Sie auf die Fragen anderer Studenten.
3. Der junge Mann erzählt, was „halb drei" für ihn symbolisch bedeutet. Nämlich
was? Was bedeutet es, dass eine kaputte Uhr übriggeblieben ist und nicht ein Spiegel
oder ein Radio?
4. Überlegen Sie, was in der Geschichte Symbolcharakter haben könnte. Führen Sie
mindestens drei Beispiele an. Was wollte der Autor durch diese Symbole zum
Ausdruck bringen?
5. Suchen Sie Wörter und Wendungen, die sich im Text wiederholen. Besprechen
Sie, was der Schriftsteller durch solche Wiederholungen ausdrücken wollte.

212
6. Welche Wörter und Sätze deuten darauf hin, dass der junge Mann im Moment
unter Schock steht und auf die Realität nicht adäquat reagiert?
7. Besprechen Sie, was das Wort „Paradies" für den jungen Mann und für den älteren
Mann auf der Bank bedeutete.

Aufsatzthemen

1. Fassen Sie die Handlung der Geschichte kurz zusammen. Schreiben Sie dann einen
weiteren Abschnitt über die Bedeutung der Geschichte.
2. Beschreiben Sie einen Gegenstand und erklären Sie, warum dieser Gegenstand für
Sie besondere Bedeutung hat.
3. Erinnern Sie sich an ein besonders schönes Erlebnis oder an eine schöne Zeit aus
Ihrer Jugend! Erzählen Sie davon und auch von Ihren Gefühlen dabei.
4. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann Ihre Rezension im Kurs vor.

Wolfgang Borchert
Die drei dunklen Könige

Er tappte durch die dunkle Vorstadt. Die Häuser standen abgebrochen gegen den
Himmel. Der Mond fehlte und das Pflaster war erschrocken über den späten Schritt.
Dann fand er eine alte Planke. Da trat er mit dem Fuß gegen, bis eine Latte morsch
aufseufzte und losbrach. Das Holz roch mürbe und süß. Durch die dunkle Vorstadt
tappte er zurück. Sterne waren nicht da.
Als er die Tür aufmachte (sie weinte dabei, die Tür), sahen ihm die blassblauen
Augen seiner Frau entgegen. Sie kamen aus einem müden Gesicht. Ihr Atem hing
weiß im Zimmer, so kalt war es. Er beugte sein knochiges Knie und brach das Holz.
Das Holz seufzte. Dann roch es mürbe und süß ringsum.. Er hielt sich ein Stück davon
213
unter die Nase. Riecht beinahe wie Kuchen, lachte er leise. Nicht, sagten die Augen
der Frau, nicht lachen. Er schläft.
Der Mann legte das süße mürbe Holz in den kleinen Blechofen. Da glomm es auf
und warf eine Handvoll warmes Licht durch das Zimmer: Die fiel hell auf ein
winziges rundes Gesicht und blieb einen Augenblick. Das Gesicht war erst eine
Stunde alt, aber es hatte schon alles, was dazugehört: Ohren, Nase, Mund und Augen.
Die Augen mussten groß sein, das konnte man sehen, obgleich sie zu waren. Aber der
Mund war offen und es pustete leise daraus. Nase und Ohren waren rot. Er lebt, dachte
die Mutter. Und das kleine Gesicht schlief.
Da sind noch Haferflocken, sagte der Mann. Ja, antwortete die Frau, das ist gut. Es
ist kalt. Der Mann nahm noch von dem süßen weichen Holz. Nun hat sie ihr Kind
gekriegt und muss frieren, dachte er. Aber er hatte keinen,dem er dafür die Fäuste ins
Gesicht schlagen konnte. Als er die Ofentür aufmachte, fiel wieder eine Handvoll
Licht über das schlafende Gesicht. Die Frau sagte leise: Guck, wie ein Heiligenschein,
siehst du? Heiligenschein! dachte er und er hatte keinen, dem er die Fäuste ms Gesicht
schlagen konnte.
Dann waren welche an der Tür. Wir sahen das Licht, sagten sie, vom Fenster. Wir
wollen uns zehn Minuten hinsetzen. Aber wir haben ein Kind, sagte der Mann zu
ihnen. Da sagten sie nichts weiter, aber sie kamen doch ins Zimmer, stießen Nebel aus
den Nasen und hoben die Füße hoch. Wir sind ganz leise, flüsterten sie und hoben die
Füße hoch. Dann fiel das Licht auf sie.
Drei waren es. In drei alten Uniformen. Einer hatte einen Pappkarton, einer einen
Sack. Und der dritte hatte keine Hände. Erfroren, sagte er, und hielt die Stümpfe hoch.
Dann drehte er dem Mann die Manteltasche hin. Tabak war darin und dünnes Papier,
sie drehten Zigaretten. Aber die Frau sagte: Nicht, das Kind.
Da gingen die vier vor die Tür und ihre Zigaretten waren vier Punkte in der Nacht.
Der eine hatte dicke umwickelte Füße. Er nahm ein Stück Holz aus seinem Sack. Ein
Esel, sagte er, ich habe sieben Monate daran geschnitzt. Für das Kind. Das sagte er
und gab es dem Mann. Was ist mit den Füßen? fragte der Mann. Wasser, sagte der
Eselschnitzer, vom Hunger. Und der andere, der dritte? fragte der Mann und befühlte
214
im Dunkeln den Esel. Der dritte zitterte in seiner Uniform: Oh, nichts, wisperte er, das
sind nur die Nerven. Man hat eben zuviel Angst gehabt. Dann traten sie die Zigaretten
aus und gingen wieder hinein.
Sie hoben die Füße hoch und sahen auf das kleine schlafende Gesicht. Der
Zitternde nahm aus seinem Pappkarton zwei gelbe Bonbons und sagte dazu: Für die
Frau sind die.
Die Frau machte die blassen blauen Augen weit auf, als sie die drei Dunklen über
das Kind gebeugt sah. Sie fürchtete sich. Aber da stemmte das Kind seine Beine
gegen ihre Brust und schrie so kräftig, dass die drei Dunklen die Füße aufhoben und
zur Tür schlichen. Hier nickten sie nochmal, dann stiegen sie in die Nacht hinein.
Der Mann sah ihnen nach. Sonderbare Heilige, sagte er zu seiner Frau. Dann
machte er die Tür zu. Schöne Heilige sind das, brummte er und sah nach den
Haferflocken. Aber er hatte kein Gesicht für seine Fäuste.
Aber das Kind hat geschrien, flüsterte die Frau, ganz stark hat es geschrien. Da
sind sie gegangen. Guck mal, wie lebendig es ist, sagte sie stolz. Das Gesicht machte
den Mund auf und schrie.
Weint er? fragte der Mann.
Nein, ich glaube, er lacht, antwortete die Frau.
Beinahe wie Kuchen, sagte der Mann und roch an dem Holz, wie Kuchen. Ganz
süß.
Heute ist ja auch Weihnachten, sagte die Frau.
Ja, Weihnachten, brummte er und vom Ofen her fiel eine Handvoll Licht hell auf
das kleine schlafende Gesicht.

Grundwortschatz

- das Pflaster; die Planke; die Latte; die Handvoll; der Hafer; die Haferflocken; die
Faust; der Heiligenschein; der Stumpf; der Esel; der Pappkarton; das Blech;
- tappen; abgebrochen; erschrocken sein über Akk.; seufzen; beugen; aufglimmen;
pusten; kriegen; schnitzen; schleichen; wispern; stemmen; brummen;
215
- morsch; mürbe; beinahe; winzig.

Leseverstehen

1. Kreuzen Sie die richtige Aussage an!


a) Der Mann war ausgegangen, weil er am späten Abend noch Lust hatte, ein paar
Schritte im Freien zu machen.
Der Mann war ausgegangen, weil er etwas suchen wollte, was er brauchte.
Das Licht des Mondes hat dem Mann geholfen, sich in der Dunkelheit zu orientieren.
b) Die Frau war krank und müde wegen der grossen Kälte im Haus.
Die Frau hat ihrem Mann gesagt, er solle nicht so viel Lärm machen.
Die Frau hat soeben eine schwierige Geburt gehabt.
c) Das Kind hatte eine rote Nase und rote Ohren, weil es Fieber hatte.
Trotz der Kälte ging es dem kleinen Kind gut.
Der Mann war unzufrieden und hätte am liebsten Frau und Kind geschlagen.
c) Die drei Besucher waren unfreundlich und zeigten keinen Respekt für die
schwierige Situation der Familie.
Die drei Männer traten ins Zimmer ein, weil sie selber in Not waren und Hilfe
brauchten.
Die Frau hat die fremden Besucher nicht akzeptiert, weil sie an ihr Kind dachte.
d) Jeder der drei Soldaten hatte eine Verletzung oder Krankheit.
Nur zwei der drei Soldaten waren verletzt oder krank.
Die Soldaten machten Geschenke, weil es ihnen eigentlich besser ging als der Familie,
die sie besuchten.
e) Zwei von den drei Geschenken waren für das Kind.
Die Männer haben nur zwei Geschenke gemacht.
Mann, Frau und Kind: alle haben ein Geschenk bekommen.
f) Die drei Männer gingen, weil sie verstanden hatten, dass ihr Besuch die Familie
nur noch gestört hätte.
Die drei Männer verliessen die Familie, weil die Frau sie wegschickte.
216
Die Soldaten gingen, weil der Mann mit ihnen böse war und sich aggressiv benahm.
g) Die Mutter war sehr besorgt, weil das Kind schrie.
Der Mann fand die drei Besucher merkwürdig und wusste nicht recht, wie er über sie
denken soll.
Der Mann und die Frau wollten nachher Kuchen essen, weil es Weihnachten war.

Zur Gliederung des Textes:

A) Kurze Inhaltsangabe der Kurzgeschichte "Die drei dunklen Könige" von Wolfgang
Borchert
B) Erschließung der Kurzgeschichte
1. Formale Gestaltung
                1.1 Sinnabschnitte
                1.2. Erzählperspektiven
2. Inhaltliche Gestaltung
                2.1 Charakterisierung der Personen
                2.2 Analyse der Gesprächsverläufe
3. Sprachliche Gestaltung
                3.1 Stilmittel
                3.2 Wortwahl
4. Kennzeichen einer Kurzgeschichte
5. Aussageabsicht
C) Persönliche Stellungnahme

Diskussion

a) Wolfgang Borchert hat diese Kurzgeschichte 1946 geschrieben. Welche Hinweise


gibt der Text über die damalige Situation (soziale, wirtschaftliche, …) in
Deutschland? (geben Sie etwa 4 Informationen aus dem Text und diskutieren Sie
darüber.)

217
b) Besprechen Sie die Bedeutung des Titels: „Die drei dunklen Könige“. Warum hat
Borchert diesen Titel gewählt, und was wollte er mit dem Adjektiv „dunkel“
ausdrücken?
c) Hat die Situation der Familie sich mit dem Besuch der drei Soldaten geändert? Sind
der Mann und die Frau am Schluss noch genauso wie am Anfang, bevor die drei
Männer erschienen sind? Gibt der Text Signale, ob sich etwas verändert hat?
Begründen Sie Ihre Meinung!

Aufsatzthemen

Wählen Sie einen der folgenden 3 Schreibanlässe (a, b oder c) und schreiben Sie einen
Text von mindestens 200 Wörtern:
a) Vergleichen Sie die Kurzgeschichte mit der Weihnachtsgeschichte, die wir aus der
Bibel kennen:
Welche Parallelen bestehen zur Weihnachtsgeschichte von Bethlehem? Und welche
Unterschiede kann man erkennen? Hat Borcherts Erzählung auch einen religiösen
(moralischen) Sinn? Oder ist sie nur ein historisches Dokument?
oder
b) Weihnachten und Geschenke
Weihnachten und Geschenke: Diese zwei „Dinge“ gehören offenbar zusammen. Gibt
die Kurzerzählung von Borchert eine Idee, was gute (geeignete) Geschenke sind?
Wann ist ein Geschenk wirklich wertvoll? Wie soll man Weihnachten feiern, so dass
das Fest einen wahren Sinn bekommt?
oder
Thema : „Nun hat sie ihr Kind gekriegt und muss frieren“
c) Ein Kind zu bekommen ist für eine Frau, in bestimmten Situationen, nicht immer
nur ein glückliches Ereignis. Beschreiben Sie, unabhängig vom Text von Wolfgang
Borchert, mit welchen Schwierigkeiten eine Frau (Familie) heute durch die Geburt
eines Kindes konfrontiert sein kann.
- Warum ist es in unserer Gesellschaft für eine junge Mutter manchmal „kalt“?
218
- Sind wir eine kinderfreundliche Gesellschaft?
- Wie könnte man jungen Müttern (oder Familien) in Schwierigkeiten helfen?
- Kann (soll) der Staat mehr für die Familien tun? Mit welchen Maßnahmen?

Wolfgang Borchert
An diesem Dienstag

Die Woche hat einen Dienstag.


Das Jahr ein halbes Hundert.
Der Krieg hat viele Dienstage.

An diesem Dienstag übten sie in der Schule die großen Buchstaben. Die Lehrerin
hatte eine Brille mit dicken Gläsern. Die hatten keinen Rand. Sie waren so dick, dass
die Augen ganz leise aussahen.
Zweiundvierzig Mädchen saßen vor der schwarzen Tafel und schrieben mit großen
Buchstaben:
DER ALTE FTITZ HATTE EINEN TRINKBECHER AUS BLECH. DIE
DICKE BERTE SCHOSS BIS PARIS. IM KRIEG SIND ALLE VÄTER
SOLDAT.

219
Ulla kam mit der Zungenspitze bis an die Nase. Da stieß die Lehrerin sie an. Du
hast Krieg mit ch geschrieben, Ulla. Krieg wird mit g geschrieben. G wie Grube. Wie
oft habe ich das schon gesagt. Die Lehrerin nahm ein Buch und machte einen Haken
hinter Ullas Namen. Zu morgen schreibst du den Satz zehnmal ab, schön sauber,
verstehst du? Ja, sagte Ulla und dachte: Die mit ihrer Brille.
Auf dem Schulhof fraßen die Nebelkrähen das weggeworfene Brot.

An diesem Dienstag
wurde Leutnant Ehlers zum Bataillonskommandeur befohlen.
Sie müssen den roten Schal abnehmen, Herr Ehlers.
Herr Major?
Doch, Ehlers. In der Zweiten ist sowas nicht beliebt.
Ich komme in die zweite Kompanie? Ja, und die lieben sowas nicht. Da kommen
Sie nicht mit durch. Die Zweite ist an das Korrekte gewöhnt. Mit dem roten Schal
lässt die Kompanie Sie glatt stehen. Hauptmann Hesse trug sowas nicht.
Ist Hesse verwundet?
Nee, er hat sich krank gemeldet. Fühlte sich nicht gut, sagte er. Seit er Hauptmann
ist, ist er ein bisschen flau geworden, der Hesse. Versteh ich nicht. War sonst immer
so korrekt. Na ja, Ehlers, sehen Sie zu, dass Sie mit der Kompanie fertig werden.
Hesse hat die Leute gut erzogen. Und den Schal nehmen Sie ab, klar?
Türlich, Herr Major.
Und passen Sie auf, dass die Leute mit den Zigaretten vorsichtig sind. Da muss ja
jedem anständigen Scharfschützen der Zeigefinger jucken, wenn er diese Glüh-
würmchen herumschwirren sieht. Vorige Woche hatten wir fünf Kopfschüsse. Also
passen Sie ein bisschen auf, ja?
Jawohl, Herr Major.
Auf dem Wege zur zweiten Kompanie nahm Leutnant Ehlers den roten Schal ab.
Er steckte eine Zigarette an. Kompanieführer Ehlers, sagte er laut.
Da schoss es.

220
An diesem Dienstag
sagte Herr Hansen zu Fräulein Severin:
Wir müssen dem Hesse auch mal wieder was schicken, Severinchen. Was zu
rauchen, was zu knabbern. Ein bisschen Literatur. Ein Paar Handschuhe oder sowas.
Die Jungens haben einen verdammt schlechten Winter draußen. Ich kenne das.Vielen
Dank.
Hölderlin vielleicht, Herr Hansen?
Unsinn, Severinchen, Unsinn. Nein, ruhig ein bisschen freundlicher. Wilhelm
Busch oder so. Hesse war doch mehr für das Leichte. Lacht doch gern, das wissen so
Sie doch. Mein Gott, Severinchen, was kann dieser Hesse lachen!
Ja. das kann er, sagte Fräulein Severin.

An diesem Dienstag
trugen sie Hauptmann Hesse auf einer Bahre in die Entlausungsanstalt. An der Tür
war ein Schild:
OB GENERAL, OB GRENADIER
DIE HAARE BLEIBEN HIER.
Es wurde geschoren. Der Sanitäter hatte lange dünne Finger. Wie Spinnenbeine.
An den Knöcheln waren sie etwas gerötet. Sie rieben ihn mit etwas ab. Das roch nach
Apotheke. Dann fühlten die Spinnenbeine nach seinem Puls und schrieben in ein
dickes Buch: Temperatur 41,6. Puls 116. Ohne Besinnung. Fleckfieberverdacht.
Der Sanitäter machte das dicke Buch zu. Seuchenlazarett Smolensk stand da drauf.
Und darunter: Vierzehnhundert Betten.
Diese Träger nahmen die Bahre hoch. Auf der Treppe pendelte sein Kopf aus den
Decken heraus und immer hin und her bei jeder Stufe. Und kurzgeschoren. Und dabei
hatte er immer über die Russen gelacht. Der eine Träger hatte Schnupfen.

An diesem Dienstag
klingelte Frau Hesse bei ihrer Nachbarin. Als die Tür aufging, wedelte sie mit dem
Brief. Er ist Hauptmann geworden. Hauptmann und Kompaniechef, schreibt er. Und
221
sie haben über 40 Grad Kälte. Neun Tage hat der Brief gedauert. An Frau Hauptmann
Hesse hat er oben drauf geschrieben.
Sie hielt den Brief hoch. Aber die Nachbarin sah nicht hin. 40 Grad Kälte, sagte
sie, die armen Jungs. 40 Grad Kälte.

An diesem Dienstag
fragte der Oberfeldarzt den Chefarzt des Seuchenlazarettes Smolensk: Wieviel sind es
jeden Tag?
Ein halbes Dutzend.
Scheußlich, sagte der Oberfeldarzt.
Ja, scheußlich, sagte der Chefarzt,
Dabei sahen sie sich nicht an.

An diesem Dienstag
spielten sie die Zauberflöte. Frau Hesse hatte sich die Lippen rot gemacht.

An diesem Dienstag
schrieb Schwester Elisabeth an ihre Eltern: Ohne Gott hält man das gar nicht durch.
Aber als der Unterarzt kam, stand sie auf. Er ging so krumm, als trüge er ganz
Russland durch den Saal.
Soll ich ihm noch was geben? fragte die Schwester.
Nein, sagte der Unterarzt. Er sagte das so leise, als ob er sich schämte.
Dann trugen sie Hauptmann Hesse hinaus. Draußen polterte es. Die bumsen immer
so. Warum können sie die Toten nicht langsam hinlegen. Jedesmal lassen sie sie so
auf die Erde bumsen. Das sagte einer. Und sein Nachbar sang leise:
Zicke zacke juppheidi
Schneidig ist die Infanterie.
Der Unterarzt ging von Bett zu Bett. Jeden Tag. Tag und Nacht. Tagelang. Nächte
durch. Krumm ging er. Er trug ganz Russland durch den Saal. Draußen stolperten

222
zwei Krankenträger mit einer leeren Bahre davon. Nummer 4, sagte der eine. Er hatte
Schnupfen.

An diesem Dienstag
saß Ulla abends und malte in ihr Schreibheft mit großen Buchstaben: IM KRIEG
SIND ALLE VÄTER SOLDAT. IM KRIEG SIND ALLE VÄTER SOLDAT.
Zehnmal schrieb sie das. Mit großen Buchstaben. Und Krieg mit G. Wie Grube.

Grundwortschatz

- Der Rand; das Blech; die Grube; der Haken; die Krähe; die Kompanie; der Wurm;
der Scharfschütze; die Bahre; die Anstalt; die Laus; die Spinne; die Besinnung; das
Fleckfieber; die Seuche;
- fertig sein mit Dat.; befehlen; jucken; schwirren; aufpassen; gewöhnt sein an Akk.;
verwunden; sich melden; scheren; knabbern; pendeln; wedeln; zaubern; poltern,
stolpern;
- flau; anständig; scheußlich; krumm;
- eine Zigarette anstecken.

Wortschatzarbeit

Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie im
Text Wörter, die für Sie neu waren und die Sie für den aktiven Sprachgebrauch lernen
wollen. Bilden Sie kurze Sätze mit diesen Vokabeln.

 Leseverstehen

1. Warum heißt die Geschichte „An diesem Dienstag“?


2. Wie viele Abschnitte werden erzählt?
3. Geben Sie eine kurze Inhaltsangabe in Form eines Mindmaps!
223
4. Ordnen Sie jedem Abschnitt ein Wort zu:
Ablehnung, Abscheu, Abstumpfung, Ahnungslosigkeit, Anpassung, Bejahung,
Betroffenheit, Gewöhnung, Gleichgültigkeit, Routine, Sachlichkeit, Verdrängung,
Verharmlosung, Verlegenheit, Verzweiflung ...
5 Suchen Sie aus jedem Abschnitt die Wörter heraus, welche eindeutig der Kriegszeit
zuzuordnen sind!
6. Der Oberfeldarzt fragt: „Wie viel sind es jeden Tag?“ Was meint er damit?
7. Die Schwester sagt: "Er ging so krumm, als trüge er ganz Russland durch den Saal."
Wie ist das   zu verstehen?"
8. Welche Ironie ist mit der Beförderung des Herrn Hesse zum Hauptmann
verbunden?
9. Welche Ironie ist mit dem Satz „Und dabei hatte er immer über die Russen
gelacht.“ verbunden?

Mit eigenen Worten

1. Suchen Sie fünf bis sieben Sätze oder Stellen im Text, die Sie sprachlich schwierig
finden. Schreiben Sie diese Stellen mit Ihren eigenen Worten anders.
2. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.
3. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann Ihre Rezension im Kurs vor.

Aufsatzthemen

1. Stellen Sie sich vor, Ulla würde am selben Abend vom Tod ihres Vaters erfahren.
Schreiben Sie einen Tagebucheintrag, den Ulla an diesem Abend entwirft!
2. Wie nimmt Wolfgang Borchert in seinen Frontgeschichten Krieg, Soldatsein und
Töten wahr?
3. Was halten Sie von Wolfgang Borchert und seiner Arbeit?
224
4. Welchen Eindruck macht Borcherts Sprachgebrauch, sein Stil auf Sie?
5. Was hat in den Geschichten von W. Borchert Symbolcharakter? Was wollte der
Autor durch diese Symbole zum Ausdruck bringen?

Heinrich Böll
Mein Onkel Fred

Mein Onkel Fred ist der einzige Mensch, der mir die Erinnerung an die Jahre nach
1945 erträglich macht. Er kam an einem Sommernachmittag aus dem Kriege heim,
schmucklos gekleidet, als einzigen Besitz eine Blechbüchse an einer Schnur um den
Hals tragend sowie beschwert durch das unerhebliche Gewicht einiger Kippen, die er
sorgfältig in einer kleinen Dose aufbewahrte.
Er umarmte meine Mutter, küsste meine Schwester und mich, murmelte die Worte
„Brot, Schlaf, Tabak" und rollte sich auf unser Familiensofa, und so entsinne ich mich
seiner als eines Menschen, der bedeutend länger war als unser Sofa, ein Umstand, der
ihn zwang, seine Beine entweder anzuwinkeln oder sie einfach überhängen zu lassen.
Beide Möglichkeiten veranlassten ihn, sich wütend über das Geschlecht unserer
Großeltern auszulassen, dem wir die Anschaffung dieses wertvollen Möbelstückes
verdankten. Er nannte diese biedere Generation muffig und pyknisch, verachtete ihren

225
Geschmack für jenes säuerliche Rosa des Stoffes, mit dem das Sofa überzogen war,
fühlte sich aber keineswegs gehindert, einem sehr ausgiebigen Schlaf zu frönen.
Ich selbst übte damals eine undankbare Funktion in unserer unbescholtenen
Familie aus: ich war vierzehn Jahre alt und das einzige Bindeglied zu jener
denkwürdigen Institution, die wir Schwarzmarkt nannten. Mein Vater war gefallen,
meine Mutter bezog eine winzige Pension, und so bestand meine Aufgabe darin, fast
täglich kleinere Teile unseres geretteten Besitzes zu verscheuern oder sie gegen Brot,
Kohle und Tabak zu tauschen. Die Kohle war damals Anlass zu erheblichen
Verletzungen des Eigentumsbegriffes, die man heute mit dem harten Wort Diebstahl
bezeichnen muss. So ging ich fast täglich zum Diebstahl oder Verscheuern aus, und
meine Mutter, obwohl ihr die Notwendigkeit solch anrüchigen Tuns einleuchtete, sah
mich morgens nur mit Tränen in den Augen meinen komplizierten Pflichten
entgegengehen. So hatte ich die Aufgabe, ein Kopfkissen zu Brot, eine Sammeltasse
zu Grieß oder drei Bände Gustav Freytag zu fünfzig Gramm Kaffee zu machen,
Aufgaben, denen ich zwar mit sportlichem Eifer, aber nicht ganz ohne Erbitterung und
Angst oblag. Denn die Wertbegriffe - so nannten es die Erwachsenen damals - waren
erheblich verschoben, und ich kam hin und wieder unberechtigterweise in den
Verdacht der Unehrlichkeit, weil der Wert eines zu verscheuernden Objektes
keineswegs dem entsprach, den meine Mutter für angemessen hielt. Es war schon eine
bittere Aufgabe, als Vermittler zwischen zwei Wertwelten zu stehen, die sich
inzwischen angeglichen zu haben scheinen.
Onkel Freds Ankunft weckte in uns allen die Erwartung starker männlicher Hilfe.
Aber zunächst enttäuschte er uns. Schon vom ersten Tage an erfüllte mich sein
Appetit mit großer Sorge, und als ich diese meiner Mutter ohne Zögern mitteilte, bat
sie mich, ihn erst einmal „zu sich kommen zu lassen". Es dauerte fast acht Wochen,
ehe er zu sich kam. Trotz aller Flüche über das unzulängliche Sofa schlief er dort recht
gut, verbrachte den Tag dösend oder indem er uns mit leidender Stimme erklärte,
welche Stellung er im Schlaf bevorzuge.
Ich glaube, es war die Stellung eines Sprinters vor dem Start, die er damals allen
anderen vorzog. Er liebte es, nach dem Essen auf dem Rücken liegend, mit
226
angezogenen Beinen, ein großes Stück Brot genussvoll in sich hineinzubröckeln, dann
eine Zigarette zu drehen und dem Abendessen entgegenzuschlafen. Er war sehr groß
und blass und hatte am Kinn eine kranzförmige Narbe, die seinem Gesicht etwas von
einem angeschlagenen Marmordenkmal gab. Obwohl mich sein Appetit und sein
Schlafbedürfnis weiterhin beunruhigten, mochte ich ihn sehr gern. Er war der einzige,
mit dem ich wenigstens über den Schwarzmarkt theoretisieren konnte, ohne Streit zu
bekommen. Offenbar war er über das Zerwürfnis zwischen den beiden Wertwelten
informiert.
Unserem Drängen, vom Kriege zu erzählen, gab er nie nach: er behauptete, es
lohne sich nicht. Er beschränkte sich darauf, uns hin und wieder von seiner Musterung
zu berichten, die offenbar überwiegend darin bestanden hatte, dass ein uni-formierter
Mensch Onkel Fred mit heftiger Stimme aufgefordert hatte, in ein Reagenzglas zu
urinieren, eine Aufforderung, der Onkel Fred nicht gleich hatte nachkommen können,
womit seine militärische Laufbahn von vornherein unter einem ungünstigen Zeichen
stand.
Er behauptete, dass das lebhafte Interesse des Deutschen Reiches für seinen Urin
ihn mit erheblichem Misstrauen erfüllt habe, mit einem Misstrauen, das er in sechs
Jahren Krieg bedenklich bestätigt fand.
Er war früher Buchhalter gewesen, und als die ersten vier Wochen auf unserem
Sofa vorüber waren, forderte meine Mutter ihn mit schwesterlicher Sanftmut auf, sich
nach seiner alten Firma zu erkundigen - er gab diese Aufforderung behutsam an mich
weiter, aber alles, was ich ermitteln konnte, war ein absoluter Trümmerhaufen von
zirka acht Meter Höhe, den ich nach einstündiger mühsamer Pilgerschaft in einem
zerstörten Stadtteil auffand. Onkel Fred war über das Ergebnis meiner Ermittlung sehr
beruhigt.
Er lehnte sich zurück, drehte sich eine Zigarette, nickte meiner Mutter
triumphierend zu und bat sie, seine Habseligkeiten herauszusuchen. In einer Ecke
unseres Schlafraumes fand sich eine sorgfaltig vernagelte Kiste, die wir unter großer
Spannung mit Hammer und Zange öffneten; es kamen heraus: zwanzig Romane
mittleren Umfangs und mittlerer Qualität, eine goldene Taschenuhr, verstaubt aber
227
unbeschädigt, zwei Paar Hosenträger, einige Notizbücher, das Diplom der
Handelskammer und ein Sparkassenbuch über zwölfhundert Mark. Das Sparkas-
senbuch wurde mir zum Abholen des Geldes, alles andere zum Verscheuern
übergeben, einschließlich des Diploms von der Handelskammer, das aber keinen
Abnehmer fand, weil Onkel Freds Name mit schwarzer Tusche geschrieben war. So
waren wir vier Wochen jegliche Sorge um Brot, Tabak und Kohlen los, ein Umstand,
den ich sehr erleichternd fand, zumal alle Schulen wieder einladend ihre Tore öffneten
und ich aufgefordert wurde, meine Bildung zu vervollständigen. Noch heute, wo
meine Bildung längst komplett ist, bewahre ich den Suppen, die es damals gab, eine
zärtliche Erinnerung, vor allem, weil man fast kampflos zu dieser zusätzlichen
Mahlzeit kam, die dem gesamten Bildungswesen eine erfreuliche zeitgemäße Note
gab.
Aber das Ereignis in dieser Zeit war die Tatsache, dass Onkel Fred gut acht
Wochen nach seiner erfreulichen Heimkehr die Initiative ergriff.
Er erhob sich an einem Spätsommertag morgens von seinem Sofa, rasierte sich so
umständlich, dass wir erschraken, verlangte saubere Wäsche, lieh sich mein Fahrrad
und verschwand.
Seine späte Heimkehr stand unter dem Zeichen großen Lärms und eines heftigen
Weingeruchs: der Weingeruch entströmte dem Munde meines Onkels, der Lärm
rührte von einem halben Dutzend Zinkeimern, die er mit einem großen Seil
zusammengebunden hatte. Unsere Verwirrung legte sich erst, als wir erfuhren, dass er
entschlossen sei, den Blumenhandel in unserer arg zerstörten Stadt zum Leben zu
erwecken. Meine Mutter, voller Misstrauen gegen die neue Wertwelt, verwarf den
Plan und behauptete, für Blumen bestehe kein Bedürfnis. Aber sie täuschte sich.
Es war ein denkwürdiger Morgen, als wir Onkel Fred halfen, die frischgefüllten
Eimer an die Straßenbahnhaltestelle zu bringen, wo er sein Geschäft startete. Und ich
habe den Anblick der gelben und roten Tulpen, der feuchten Nelken noch heute im
Gedächtnis und werde nie vergessen, wie schön er aussah, als er inmitten der grauen
Gestalten und der Trümmerhaufen stand und mit schallender Stimme anfing zu
rufen: ,,Blumen ohne!“ Über die Entwicklung seines Geschäftes brauche ich nichts zu
228
sagen: sie war kometenhaft. Schon nach vier Wochen war er Besitzer von drei
Dutzend Zinkeimern, Inhaber zweier Filialen, und einen Monat später war er
Steuerzahler. Die ganze Stadt schien mir verändert: an vielen Ecken tauchten nun
Blumenstände auf, der Bedarf war nicht zu decken; immer mehr Zinkeimer wurden
angeschafft, Bretterbuden errichtet und Karren zusammengezimmert.
Jedenfalls waren wir nicht nur dauernd mit frischen Blumen, sondern auch mit
Brot und Kohlen versehen, und ich konnte meine Vermittlertätigkeit niederlegen, eine
Tatsache, die viel zu meiner moralischen Festigung beigetragen hat. Onkel Fred ist
längst ein gemachter Mann: seine Filialen blühen immer noch, er hat ein Auto, und
ich bin als sein Erbe vorgesehen und habe den Auftrag, Volkswirtschaft zu studieren,
um die steuerliche Betreuung des Unternehmens schon vor Antritt der Erbschaft

übernehmen zu können.
Wenn ich ihn heute sehe, einen massigen Menschen am Steuer seines rotlackierten
Wagens, kommt es mir merkwürdig vor, dass es wirklich eine Zeit in meinem Leben
gab, in der mir sein Appetit schlaflose Nächte bereitete.

Grundwortschatz

- Die Ankunft; die Blechbüchse; das Gewicht; der Band; das Brett; das Bindeglied;
das Dutzend; der Eifer; der Eigentumsbegriff; das Ereignis; der Fluch; der Grieß;
die Habseligkeit; der Hammer; das Kinn; die Kippe; die Musterung; die Laufbahn;
die Narbe; die Pilgerschaft; der Umfang; das Unternehmen; der Urin; die
Verletzung; der Vermittler; die Zange; das Zerwürfnis; das Zögern; der Umstand;
das Gewicht;
- angleichen; anwinkeln; auslassen; ausüben; einleuchten; sich entsinnen G; sich
erkundigen nach Dat.; frönen; nachgehen; obliegen; veranlassen; versehen;
verachten; bevorzugen; vorziehen; verscheuern; zwingen;
- ausgiebig; anrüchig; behutsam; erträglich; genussvoll; mühsam; muffig; pyknisch;

229
- eine Pension beziehen; in den Verdacht kommen; die Initiative ergreifen; etw./j-n
zum Leben erwecken; es kommt mir vor; es lohnt sich (nicht).

Wortschatzarbeit

1. Suchen Sie fünf bis sieben Sätze oder Stellen im Text, die Sie sprachlich schwierig
finden. Schreiben Sie diese Stellen mit Ihren eigenen Worten anders.
2. Lesen Sie im Kurs die Sätze oder Stellen vor, die Sie ausgesucht haben. Die
anderen Studenten sollen den Inhalt des Gehörten mit ihren eigenen Worten schriftlich
oder mündlich wiedergeben, ohne dabei den Text zu Hilfe zu nehmen. Vergleichen
Sie Ihre Formulierungen mit denen Iher Kommilitonen.
3. Vokabeln lernt man oft besser in kurzen Ausdrücken oder im Kontext. Suchen Sie
im Text Wörter, die für Sie neu waren und die Sie für den aktiven Sprachgebrauch

lernen wollen. Bilden Sie kurze Sätze mit diesen Vokabeln.

Leseverstehen

1. Was besaß Onkel Fred, als er aus dem Krieg heimkam?


2. Welche Aufgaben hatte der Erzähler in der Familie?
3. Warum war die Familie von Onkel Fred enttäuscht?
4. Was erzählte Onkel Fred vom Krieg und von seiner Musterung?
5. Welche Sachen waren in Onkel Freds Kiste?
6. Warum konnte er das Diplom der Handelskammer nicht loswerden?
7. Wann fing Onkel Fred zu arbeiten an?
8. Worin bestand seine Arbeit?
9. Wie ging es mit dem Blumengeschäft?

Textverstehen

230
1. Was erfahren wir von den Lebensbedingungen nach 1945? (2 Informationen)
2. Welche Informationen erhalten wir über die familiäre Situation des Erzählers? (2
Informationen)
3. Der Erzähler ,,übte damals eine undankbare Funktion aus“. Womit beschäftigte er
sich?
4. Die Mutter des Erzählers betrachtete die Tätigkeit ihres Sohnes mit Tränen in den
Augen, obwohl ihr ,,die Notwendigkeit solch anrüchigen Tuns einleuchtete“. Das
bedeutet, dass sie:
a. das Verhalten des Sohnes für tadelnswert hielt.
b. dieses ,,anrüchige Tun“ gern akzeptierte.
c. wusste, das die Familie ohne dieses ,,anrüchige Tun“ nicht überleben würde.
d. diese Notwendigkeit ausnutzte.
5. Onkel Fred enttäuschte anfangs die Familie. Wie reagierte auf sein Verhalten
a. der Erzähler?
b. seine Mutter?
6. Onkel Fred konnte sich bei seiner alten Firma nicht melden, denn .....
7. Wie reagierte er darauf, dass er keinen Arbeitsplatz hatte?
8. Warum betrachtete die Mutter die Pläne von Onkel Fred skeptisch?
9. Was für einen Einfluss hatte das Geschäft von Onkel Fred auf
a. die bisherige Tätigkeit des Erzählers?
b. die Lebensbedingungen der Familie?
c. das zukünftige Leben des Erzählers?
10. Wie würden Sie die Tatsache erklären,dass der Blumenhandel in dieser traurigen
Zeit zu einem Erfolg wurde?

Diskussion

- Der Erzähler „übte damals eine undankbare Funktion aus“. Womit beschäftigte er
sich? Warum musste er das machen? Wodurch ist die Rolle des Schwarzmarktes in
den Nachkriegsjahren bedingt?
231
- Wie würden Sie die Tatsache erklären, dass der Blumenhandel in dieser traurigen
Zeit zu einem Erfolg wurde?

Für selbstständige Analyse

Wolfgang Altendorf
Die Bombengeschichte

Der Feuerwerker hatte die Bombe entschärft. Er winkte uns, und der Herr
Bürgermeister winkte mir, und wir traten nun an das Ungetüm heran. Es lag da in
seinem Erdloch, dickbäuchig und verrostet. Die Arbeiter vom Baugeschäft legten die
Ketten des Flaschenzuges um die Bombe.
„Das ist der Zünder", sagte der Feuerwerker. Er erklärte ihn uns. Aber wir
verstanden nicht viel davon. Wir sahen auf die Bombe, die nun schwebend aus dem
Loch herauskam und zum Lastwagen geschwenkt wurde. Dem Feuerwerker stand der
Schweiß auf der Stirn. Kleine Silberperlen, die nun im Luftzug wegtrockneten. „War
nicht weiter gefährlich", sagte er. Der Bürgermeister lud ihn für den Abend an unseren
Stammtisch in den Ratskeller ein. „Es wird uns eine Ehre sein", sagte er zu dem

232
Feuerwerker, „Sie heute abend dort begrüßen zu dürfen." Ich lächelte dazu
gewinnend.
An diesem Abend war unsere Stammtischrunde zum erstenmal wieder vollzählig:
der Bürgermeister, der Stadtinspektor, der Apotheker, der Arzt, der Volksschulrektor,
der Notar und Rechtsanwalt und ich, der Verleger der Heimatzeitung. Wir warteten
auf den Feuerwerker, und der Herr Bürgermeister erklärte den Herren die
Wirkungsweise eines Bombenzünders.
Endlich kam der Feuerwerker herein. Wir erhoben uns alle von unseren Plätzen,
und der Herr Bürgermeister ging ihm entgegen. Er führte ihn zu unserem Tisch und
stellte uns der Reihe nach vor. Da wir uns schon kannten, lachten wir uns an und
nickten uns zu. Der Herr Bürgermeister winkte dem Wirt. „Was wollen Sie trinken?"
fragte er unseren Gast. Er bestellte sich ein Glas Bier.
Wir warteten, bis das Bier gebracht wurde. „Na, denn Prost!" sagte der Herr
Bürgermeister, und wir hielten mit. Aber wir tranken alle Wein. Hier bei uns trinkt
man abends am Stammtisch Wein oder Schorle. Der Feuerwerker trank das Bier zur
Hälfte leer, griff dann ein weißes Taschentuch aus seiner Rocktasche und wischte sich
die Lippen. „He!" rief der Apotheker. „Ein Glück, dass wir das gefährliche Ding los
sind." Wir stimmten ihm lebhaft zu. Denn seit kein Zweifel mehr daran bestanden
hatte, dass unterhalb der Brücke ein Blindgänger steckte, war das Leben in unserer
Stadt unsicher geworden.
„War unsere Bombe nun eigentlich ein schwieriger oder ein Normalfall?" fragte
der Arzt.
„Es war ein schwieriger Normalfall", antwortete der Feuerwerker und trank sein
Bier aus. Alle lachten.
„Sicher hatten Sie schon ganz andere Fäälle, wie?" fragte der Herr Bürgermeister.
„Ich hatte einen Fall", antwortete der Feuerwerker, „den ich nie in meinem Leben
vergessen werde!"
Wir blickten uns bedeutungsvoll an. Nun hatten wir den Mann also schon so weit,
wie wir es uns erhofft hatten. Ich staunte etwas. Er hatte mir nicht den Eindruck eines
Schwätzers gemacht.
233
„Ah", machte der Volksschulrektor. „Das ist interessant. Was war denn das für ein
Fall?"
Natürlich würde der Feuerwerker jetzt verstummen. Aber der Rektor war von
Berufs wegen direkte Fragen gewohnt, und man musste Nachsicht mit ihm haben.
Jedoch ich täuschte mich. „Ja, wissen Sie", sagte der Feuerwerker, „das war so ... Sie
werden bald merken, warum ich Ihnen die Ortschaft nicht nenne, in der sich alles
zutrug." Unsere Mienen drückten aus, dass es uns darauf nicht ankam.
„Es war kurz vor Schluss des Krieges", fuhr der Feuerwerker fort, „das heißt kurz
vor Schluss des Krieges für diese Ortschaft. Sie liegt an der belgischen Grenze. Dort
hatte der Krieg etwas früher aufgehört. Aber er war damals noch nicht vorbei, und ich
erhielt eines Tages von meiner Dienststelle den Auftrag, hier einen Blindgänger zu
entschärfen. Ich dachte mir natürlich nichts weiter dabei, packte meine Sachen und
fuhr los. Die Aufforderung hatte zudem nicht so dringlich geklungen. Anscheinend
handelte es sich um einen harmlosen Fall. Es kam damals auch vor, dass wir wegen
eines Benzinkanisters alarmiert wurden, die ja stromlinienförmig waren und wie
Bomben aussahen. Ich meldete mich beim Bürgermeister der Ortschaft. „ist die
Bombe freigegraben?“ fragte ich. „Ja, sie liegt frei“, antwortete er, ,mitten auf dem
Kirchplatz.“
Er führte mich hin. Die Bombe lag fast genau in der Mitte des Kirchplatzes. Das
war ein kleiner Platz direkt vor der Kirche. Man hatte sie mittels vier Eisenstangen
und einer Feuerwehrleine abgesperrt.
„Wer hat die Bombe hier hingelegt?“ fragte ich den Bürgermeister. Die Frage war
durchaus berechtigt. Die Bombe lag auf dem Pflaster, ohne irgendwelche Spuren
hinterlassen zu haben. Auf dem Rücken allerdings war sie etwas eingedrückt.
„Wer die da hingelegt hat?“ fragte der Bürgermeister und lachte. „Die Amis, Wer
sonst?“
Ich besah mir die Bombe genauer. Sie gefiel mir nicht. Natürlich, das Leitwerk war
verbogen und teilweise sogar abgeschlagen. Aber das Kopfsteinpflaster des
Kirchplatzes wies keinerlei Beschädigung auf. „Wie ist das möglich?“ fragte ich. „Sie

234
liegt doch ganz so da, als habe sie irgend jemand von einem Lkw abgeladen und hier
hingelegt.“
„Nun, wir haben sie rauschen gehört“ sagte der Bürgermeister. „Vergangenen
Montag. Es hat ganz mächtig gerauscht. Kurz vor der Entwarnung. Die hatte wohl
einer von den Burschen übriggehabt. Und er wollte sie nicht mehr mit nach Hause
nehmen.“
„Herrgott!“ rief ich. „Sie wiegt eine Tonne und hat folglich hier oben auf dem
Pflaster nichts zu suchen. Sie hat mindestens drei Meter in der Erde zu stecken.
Begreifen Sie das nicht?“
Der Bürgermeister kratzte sich am Hinterkopf. „Natürlich begreife ich das“,
antwortete er.
„Ist sie denn irgendwo abgebremst worden?“
„Davon ist uns nichts bekannt. Eine halbe Stunde nach der Entwarnung haben wir
sie hier liegen sehen.“
Ich stieg über die Absperrung und kniete neben der Bombe. Sie gefiel mir wirklich
nicht. Sie lag da wie eine Klappmausefalle. Ich wusste, wenn ich sie nur mit dem
Schraubenschlüssel berührte, würde sie springen. Man kann so etwas natürlich nicht
sehen. Aber man spürt es, wenn man sich längere Zeit mit so was beschäftigt.
„Wir müssen sprengen“, sagte ich zu dem Bürgermeister.
„Hat sie denn einen Zeitzünder?“ fragte der Bürgermeister. Das fragt man mich
übrigens jedesmal, wenn ich eine Bombe entschärfen soll. „Wenn sie einen Zeitzünder
hätte“, antwortete ich, und ich antworte das jedesmal auf eine solche Frage, „sähe es
hier bereits ganz anders aus. Sie müssen die Häuser räumen lassen in dreihundert
Meter Umkreis. Dann werde ich die Bombe genauer untersuchen!“
Das macht ja unseren Beruf so gefährlich. Nicht das Entschärfen. Nicht die Bombe
oder die Mine. Das Misstrauen. Auch der Bürgermeister sah mich misstrauisch an. Ich
wusste genau, was er in diesem Augenblick dachte. „Der hat
Angst“, dachte er. „Der will die Bombe nur deshalb sprengen, weil er Angst vor ihr
hat“ Also musste ich die Bombe genau untersuchen. Obwohl ich wusste, dass sie so
oder so gesprengt werden musste und dass jede Hantierung an ihr nicht nur mein
235
Leben, sondern auch mancherlei anderes kosten konnte, musste ich sie genau
untersuchen.
Während die Häuser geräumt wurden, suchte ich die nähere Umgebung ab.
Irgendwo musste die Bombe ja in ihrem Fall abgebremst worden sein. Ich fand einige
Kratzer auf dem Pflaster. Aber ich blieb doch so klug wie vorher. Das machte mir die
Bombe noch unheimlicher. Kein Baum, keine umgeknickte Telegrafenstange, auch
kein Dach, das sie durchschlagen hatte.
Hätte sie doch wenigstens die kleinste Mulde in das Pflaster gedrückt, wäre sie mir
eine vertraute Bombe gewesen. Ich wurde nervös. Es war lächerlich. Ich dachte:
Dieser Bombe da ist alles zuzutrauen, jede Hinterhältigkeit. Jede Schweinerei. Sie
wird springen und mich in tausend Stücke reißen. Aber untersuchen musste ich sie.
Untersuchen und anschließend meinen genauen Bericht machen, wenn mir dazu noch
die Gelegenheit blieb. Denn wenn man sprengen will, muss man das vorher melden
und auch begründen. Und es besteht immer die Möglichkeit, dass ein zweiter
Feuerwerker meinen Bericht dann an Ort und Stelle nachzuprüfen hat. Das ist das
Misstrauen. Es hat schon manch einem das Leben gekostet.
Ich ließ also abdämmen, soweit das möglich war. Dann buddelte ich mir mein
Loch. Das mache ich immer selber. Unmittelbar neben der Bombe und so, dass, wenn
sie springt, die Sprengwirkung über das Loch hinweggeht. Manchmal hat man Glück
und merkt es rechtzeitig, dass sie springen will. Manchmal kann man dann noch im
Deckungsloch verschwinden. Und es gibt welche, die kamen dann auch mit heilen
Knochen davon. Ich hab's selbst noch nicht erlebt.
Nachdem alle Häuser geräumt worden waren, stieg ich in mein Deckungsloch und
machte mich an die Arbeit. Bald war alles klar. Ein kleiner Schlag nur mit dem
Schlüssel auf den Zündkopf, und sie würde springen. Ich gab meinen Bericht
telefonisch durch. Es dauerte lange, bis ich die Verbindung mit meiner Dienststelle
hatte. Ich erhielt sofort die Genehmigung zur Sprengung.
Wenn man eine Bombe gut abdämmt, kann eigentlich nicht viel bei so einer
Sprengung passieren. Man muss die Sprengwirkung von einem gewissen Abstand her
abzufangen versuchen, den Gasen eine gewisse Ausbreitungsmöglichkeit lassen, so
236
dass die unmittelbare Sprengkraft sich selbst auffrisst. Bei einer gut abgedämmten
Bombe geschieht bei so einer Sprengung gar nichts. Hier flogen einige
Fensterscheiben ein. Das war ganz einfach nicht zu verhindern. Aber ich glaube, man
hätte sie nicht besser sprengen können. Trotzdem ließ die Bombe mich nicht los. Ich
musste unbedingt dahinterkommen, was sie in ihrem Fall abgebremst hatte. Da kam
mir ein Anruf meiner Dienststelle gelegen. Ich wurde beauftragt, in der Ortschaft zu
bleiben, da die Pioniere die Gegend nach weiteren Blindgängern absuchten. Ich sollte
dann gleich zur Verfügung sein.
Nun beschäftigte ich mich also damit, Quadratmeter um Quadratmeter des
Kirchplatzes abzusuchen. Ich ging allen möglichen Kratzern auf dem
Kopfsteinpflaster nach und kam schließlich bis vor die Tür des Kirchturms. Plötzlich
kam ein etwas verwachsener, hinkender Mann auf mich zu. „Ich weiß, was Sie
suchen“, sagte er.
„Nun, was denn?“ fragte ich.
„Jch erzähle Ihnen alles“, fuhr er fort, „wenn Sie mir versprechen, den Mund zu
halten. Ich muss mit einem Menschen darüber sprechen. Und Sie sind nicht von hier.
Vielleicht gehen Sie morgen schon wieder weg. Werden Sie Ihren Mund halten?“
Ich dachte zuerst, er sei verrückt. Ich vermutete in ihm den Dorftrottel und schielte
zu den Häusern hin, ob dort nicht einer in seiner Tür stünde und über mich lachte.
Aber der kleine bucklige Mann fuhr fort: „Jch hatte von Sonntag auf Montag
Fliegerwache oben auf dem Kirchturm. Ich wurde ja nicht eingezogen“, sagte er und
hob seine verwachsene Schulter etwas.
„Ah? Ja, und?“ fragte ich.
„Am besten“, sagte er, „wir gehen mal nach oben. Jetzt kann ich's nämlich wieder.
Drei Tage lang hatte ich das Zittern in den Knien. Nun hab' ich's überstanden.“
Wir gingen die breite Wendeltreppe hinauf. „Es sind hundertdreiundsechzig
Stufen“, sagte der Bucklige. Im Glockenstuhl hingen sogar noch die Glocken. Man
hatte sie nicht zur Metallsammlung abgegeben.“ Wir traten auf den offenen Balkon
hinaus. „Sehen Sie“, sagte der Bucklige, „da!“ überall, an der Brüstung und auf dem
Boden, befanden sich Splitterungen. Eine größere Mulde im Boden des Balkons hatte
237
wohl diese Splitterungen in dem Mauerwerk verursacht. „Die Bombe“, sagte der
Bucklige. Und dann erzählte er mir diese Geschichte ...
Der Wirt brachte dem Feuerwerker ein frisches Glas Bier.
„Das war nun eine tolle Geschichte", fuhr der Feuerwerker fort. “Der Bucklige
hatte also seine Fliegerwache in der Nacht vom Sonntag auf Montag hier oben auf
dem Kirchturm. Er löste sich mit noch einem Krüppel zweistundenweise ab. Seine
letzte Wache begann um drei Uhr morgens. Der Alarm dauerte fast die ganze Nacht
hindurch an. Um halb vier meldete der Drahtfunk den Rückflug der Bomberverbände.
Sie donnerten staffelweise über den kleinen Ort hinweg nach Nordwest. Plötzlich kam
nun das Rauschen auf. Der Bucklige trat in den Turm zurück. Er hatte Angst und ging
einige Schritte die Stufen hinab. Ein fürchterlicher Luftdruck habe ihn gegen das
Geländer gepresst, ihm den Atem benommen und fast die Besinnung geraubt. Ein
schwarzer Eisenkoloss sei in der Balkontür erschienen, wirbelnd und drehend. Er habe
sofort begriffen, dass das eine Bombe war. Seine Beine seien ihm vor Schreck
weggesackt. Er sei in die Knie gesunken. Die Bombe habe nun ihre wirbelnden
Drehungen beendet und sei dann langsam auf die Treppe zugerollt. Sie habe sich nach
vorn geneigt und sei Stufe für Stufe abwärts gepoltert. Erst jetzt habe sich seine
Erstarrung gelöst. In fliegender Hast versuchte der Bucklige nun vor der Bombe nach
unten zu kommen. Hinter ihm dröhnte und polterte es. Stufe für Stufe plumpste die
Bombe, sich immer mehr beschleunigend, die Kirchturmtreppe hinab! Wumm!
wumm! wumm! wumm! Er drohte wahnsinnig zu werden vor Angst und nahm drei,
vier Stufen auf einmal. Schon sah er den rettenden Ausgang vor sich, als ihm die
Beine unterm Leib weggerissen wurden.
Dann rollte sie nach draußen, übers Pflaster hinweg, bis zur Mitte des Kirchplatzes,
und blieb dort liegen.
Der Bucklige aber lag auf der letzten Treppenstufe, zitternd vor Furcht, hellwach
und seine Lage überdenkend. Er hatte seinen Posten verlassen. Keine zehn Pferde aber
würden ihn wieder auf diesen Turm hinaufbringen. So griff er sein Taschenmesser aus
der Rocktasche und zerschnitt das Telefonkabel, das zum Gel?nder hinaufführte. Eine
halbe Stunde später kam der Bürgermeister mit dem Elektriker. „Ah, ich weiß“, sagte
238
der Bürgermeister, „das Telefonkabel ist irgendwo defekt! Sie wollten's mir melden,
wie?“ Der Bucklige nickte. „Sie können übrigens unten bleiben. Die Ablösung kommt
gleich. Passen Sie auf. Mitten auf dem Kirchplatz liegt ein Blindgänger.“
Das erzählte mir der Bucklige. Es wäre mir lieber gewesen, er hätte es mir vor der
Sprengung erzählt. Ich sagte zu ihm: „ln einer Woche kommen die Amis, dann
können Sie diese Geschichte jedem erzählen, dem Sie sie erzählen wollen. Es passiert
Ihnen dann nichts mehr.“ Aber der Bucklige winkte ab. „Im Grunde genommen ändert
sich gar nichts“, sagte er. „Und in fünf oder zehn Jahren, da wird man auf mich deuten
und sagen: „Das ist der, der im Krieg ein Telefonkabel durchgeschnitten hat.“ Nein,
Sie müssen mir versprechen, dass Sie, wenn Sie diese Geschichte jemandem
weitererzählen, wenigstens unser Dorf nicht nennen -„Na, und das habe ich ja auch
nicht getan", sagte der Feuerwerker.
„Hm“ , sagte der Apotheker, „wirklich, eine tolle Geschichte. Ja, mit
Fliegerbomben kann man die merkwürdigsten Dinge erleben!"
Und nun ging es los. Jeder wusste eine Bombengeschichte. Die meisten stammten
aus dem ersten Weltkrieg. Dem einen war eine Bombe vors Bett gerollt, dem anderen
hatte sie den Frühstuckstisch durchschlagen. Wir kamen in eine prächtige Stimmung.
Der Feuerwerker saß dabei, trank sein Bier, schwieg und hörte aufmerksam zu. Dann
sagte er, er sei nun müde, verabschiedete sich von den Herren, und da mein Tag auch
schon um fünf Uhr morgens beginnt und da wir einen gemeinsamen Weg hatten,
begleitete ich ihn zu seinem Hotel. Unterwegs kam ich auf seine Geschichte zurück,
ich fragte ihn: „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Ihre interessante Geschichte in
meiner Zeitung abdrucke, gegen Honorar natürlich? Ich glaube, ich habe sie mir in
allen Einzelheiten gemerkt.“
„Ich habe durchaus nichts dagegen", sagte der Feuerwerker. „Aber Sie sollen auch
die Pointe dazu haben.“
„Welche Pointe?" fragte ich ihn.
„Ja", sagte der Feuerwerker, „diese Geschichte ist nämlich gelogen, ich habe sie
erfunden.“
Ich holte tief Luft. „Weshalb haben Sie sie dann erzählt?"
239
„Ah", sagte er, „diese Geschichte erzähle ich jedesmal, wenn ich zu einem
Stammtisch geladen werde. Man will von mir hören, wie das so ist, wenn man vor
einer Bombe liegt und den Schlüssel ansetzt. Sie wollen von mir das Gruseln lernen.
Hab' ich recht?" Ich musste es ihm bestätigen. „Und das soll Abend für Abend so
gehen. Vielleicht bis in die Nacht hinein. Ah, ich hab's durchexerziert. Aber Ihnen will
ich es sagen! Jedesmal, wenn ich den Schlüssel ansetze, habe ich nichts weiter als
Angst. Und deshalb kann ich davon am Stammtisch nichts erzählen. Aus diesem
Grunde erzähle ich den Herren meine Bombengeschichte.“
„Trotzdem werde ich sie drucken", sagte ich zu ihm.
„Aber ich sage Ihnen doch, sie ist erlogen."
„Macht nichts", antwortete ich. „Wie bei allen erfundenen Geschichten, so ist
auch diese, dort nämlich, wo es darauf ankommt, wahr. Sie wissen es vielleicht
nicht. Aber Sie haben uns mehr von sich erzählt heute abend, als Sie vielleicht
ahnen."
Er schwieg. Und da wir vor seinem Hotel angekommen waren, verabschiedeten wir
uns. Sein Händedruck war fest und hart, die Schwielen seiner Hände rauh und sehr
vertrauenerweckend.

Diskussion

1. Was vereinigt diese vier Texte, was haben sie Gemeinsames?


2. Ordnen Sie die Texte chronologisch, begründen Sie Ihre Reihenfolge.
3. Was hat in den Geschichten von W. Borchert Symbolcharakter? Was wollte der
Autor durch diese Symbole zum Ausdruck bringen?

240
KAPITEL 6. GEGEN VORURTEILE

H. C. Artmann
Keine Menschenfresser, bitte!

Frau Amtsrat Reißfleisch wollte einen Untermieter aufnehmen und hatte zu diesem
Behuf tags vorher die Studentenschaft angerufen. Vornehmes Gassenkabinett, elektri-
sches Licht, Bett, Pendeluhr, Schreibtisch, Universitätsnähe usw. Für nur 900
Schilling, ab sofort beziehbar . . . Nun aber, an diesem Nachmittag, war sie doch ein
wenig bedrückt, da sie fürchtete, man möchte ihr einen dunkelhäutigen Herrn
zuschicken. Und das wäre besonders peinlich vor den Nachbarn und so weiter und so
weiter. Vielleicht wären auch Kannibalen und Mädchenhändler unter ihnen, wie man
ja nur zu häufig im Lesezirkel erfahren kann . . .
Frau Amtsrat Reißfleisch und ihre Freundin Adele saßen diesen Nachmittag bei

241
Kaffee und Mohnstrudel und warteten die kommenden Dinge etwas nervös ab. „Am
liebsten", sagte Frau Amtsrat, „wär mir halt so ein solider Amerikaner, der was alle
Ersten pinktlich seinen Zins zahlen tut und nicht schnarcht. . ."
„Ganz recht, liebe Melanie", sagte Adele, „die Ameriganer sein die solidesten und
Geld haben tuns auch. Auf keinen Fall darfst du dir ein Arawer, Perser oder gar ein
Dürken nehmen. Die haben uns schon viermal belagert. . ."
Die Klingel der Wohnungstür schrillte scharf und kriegerisch. Frau Amtsrat Reiß-
fleisch richtete sich würdig auf, ging ins Vorzimmer, das zugleich als Besenkammerl
diente, und öffnete einen Spalt die Türe.
„Ich komm wegen Kabinett. Ist noch frei, bittschen? Mein Name ist Berislav
Stojanović . . ."
„Sind Sie der Ameriganer, den was ich das Zimmer versprochen hab?" fragte die
Frau Amtsrat durch den Türspalt. „Amerikaner?" meinte Stojanovic verfremdet . . .
„Dut mir leid", sagte Frau Amtsrat kurz, „aber das Zimmer is schon so an ein
Ameriganer vergeben!" Die Türe schlug kurz vor der Adlernase des langen Kroaten
zu.
„Wer war's denn?" fragte Adele. Aber bevor Frau Amtsrat Reißfleisch noch eine
Antwort erstatten konnte, klingelte es abermals.
„Ich komme wegen Zimmer. Ist das Zimmer noch frei, bitte? Mein Name ist
Wassilis Liolakis . . ."
„Sind Sie der Ameriganer, den was ich das Zimmer versprochen hab?" fragte Frau
Amtsrat mit der gleichen diplomatischen Schläue wie vorher.
„Ich bin aus Ioannina und das is in Griechenland und...." Die Tür krachte ins
Schloss.
„Lauter Tschuschen! " sagte Frau Amtsrat zu ihrer Freundin Adele und wollte seuf-
zend in ein Stück Mohnstrudel beißen, als es abermals, nun aber sanft und bescheiden
klingelte. Frau Amtsrat war jedoch schon gewitzigt und sah dieses Mal nur durch das

242
Guckloch auf den Gang hinaus. Draußen stand ein gutaussehender Inder mit pech-
schwarzem Vollbart und Turban, und in seinen dunklen Augen lag eine tiefe Traurig-
keit. Er wusste wohl schon, dass er dieses billige Kabinett mit Gassenaussicht niemals
bekommen würde.
„Wer war's denn?" fragte Adele mit klopfendem Herzen. Sie hatte keine Tür gehen
gehört. Es musste was Schreckliches draußen gestanden haben.Frau Amtsrat seufzte
jetzt wirklich, biss in das angefangene Stück Mohnstrudel und meinte pikiert: Jetzt
schicken s' einem sogar schon Mentschenfresser in d' Wohnung. Ich werd' mich bei
der Vermittlung gehörig beschwern!"
Nach einer Weile ging im Vorzimmer alias Besenkammer das Telefon. Frau
Amtsrat Reißfleisch sprach eine Weile. Dann kam sie strahlend und zufrieden zu
Adele zurück, die ihrerseits ein neues Stück Mohnstrudel begonnen hatte und kaute.
„Wer war's denn, Melanie?" fragte Adele.
„Gott sei Dank", sagte Frau Amtsrat, „das nette Fräulein Elfi von der Studenten-
vermittlung hat angerufen. In einer halben Stunde kommt ein ameriganischer Herr
wegen dem Zimmer. Und stell dir vor: James Eisenhover heißt er! Ich hab natirlich
fest zugesagt. Der griegt das Zimmer und kein anderer, so wahr ich die Frau Amtsrat
Melanie Reißfleisch geborene Krauthaupt bin!"
Nach einer exakten halben Stunde läutete es an der Wohnungstür. Sanft,
bescheiden, nicht ohne einer gewissen Distinktion. Frau Amtsrat erhob sich mit einem
bärenzuckersüßen Lächeln und öffnete weit und einladend die Tür ... Ein freundliches
„Grissgooot!" erstarb in ihrer amtsrätlichen Kehle. „My name is Eisenhover", sagte
der dezent gekleidete Gentleman und trat ein. Aus seinem kohlschwarzen Gesicht
blitzte ein tadelloses, freundliches Gebiss . . .
„Ich kommen wegen das Zimmö . . .", sagte er.

Grundwortschatz

243
- Das Amt; der Amtsrat; der Behuf; der Besen; das Gebiss, die Kehle; der Mohn; die
Pendeluhr; die Schläue; der Spalt; der Untermieter; die Vermittlung;
- sich aufrichten; sich beschweren bei Dat; erfahren; schnarchen; schrillen,
- beziehbar; gehörig; pechschwarz; peinlich; pikiert; vornehm; würdig;
- ins Schloss fallen (krachen).

Wortschatzaufgaben

1. Suchen Sie alle Adjektive im Text, die Folgendes ausdrücken:


a. positive Eindrücke oder Gefühle: z.B. solid
b. negative Eindrücke oder Gefühle: z.B. peinlich
Bilden Sie Aussagen mit diesen Adjektiven. Verwenden Sie einige dieser Adjektive in
attributiver Stellung (d.h., vor einem Substantiv).

Beispiel:
Es ist für mich immer peinlich, wenn ich meine Aufgabe nicht gemacht habe.
oder attribittiv: Es ist für mich immer eine peinliche Situation, wenn ich meine
Aufgabe nicht gemacht habe.
2. Bilden Sie mit den folgenden Präfixverben Sätze im Präteritum oder im
Perfekt, die mit der Geschichte nichts zu tun haben.
erfahren; sich beschweren; sich (Dat.) vorstellen; sich aufrichten; zusagen;
abwarten.

Leseverstehen

l. Suchen Sie Wörter oder Ausdrücke im Text, die die Vorurteile von Frau Amtsrat
Reißfleisch - man achte auf den Namen der Frau! - gegen Ausländer zeigen.

244
Beispiel:
dunkelhäutig, Tschuschen usw.
2. Welche Vorstellungen haben Frau Amtsrat Reißfleisch und ihre Freundin Adele
von Amerikanern?

Mit eigenen Worten

Drücken Sie die folgenden Dialektsätze auf hochdeutsch aus.


1. „. . .die Ameriganer sein die solidesten und Geld haben tuns auch."
2. „. . . ein solider Amerikaner, der was alle Ersten pinktlich seinen Zins zahlen tut
und nicht schnarcht..."
3. „Sind Sie der Ameriganer, den was ich das Zimmer versprochen hab?"
Suchen Sie drei bis vier weitere Stellen dieser Art in der Geschichte, Schreiben Sie
diese Stellen auch um.

Diskussion

1. Was für Vorurteile gibt es in Ihrem Land gegen andere Menschentypen und
soziale Gruppen? Halten Sie solche Vorurteile für berechtigt?
2. Haben Sie erlebt, dass andere Menschen gegen Sie Vorurteile hatten? Ist Ihnen
Ähnliches schon untergekommen? Erzählen Sie davon.
3. Eine Geschichte zum Lachen! - Eine Geschichte zum Lachen?
4. Analysieren Sie das "Kaffeetratscherl" der alten Damen: Was hat H. C. Artmann in
diese "gemütliche Wiener Milieustudie" verpackt? Ist sie übertrieben?
5. Eine "Nestbeschmutzung"? Eine Ansammlung von Klischees? Oder klingt
manches vertraut?
6. Sprechen Sie anhand des Textes über die Einstellung des Autors zum

245
Dargestellten. Beachten Sie dabei den Titel, Besonderheiten des literarischen Genres
„Satire“ und den Ton des Textes.

Aufsatzthemen

1. Wie geht es weiter? Schreiben Sie eine Fortsetzung der Geschichte „Keine
Menschenfresser, bitte!".
2. Kennen Sie jemanden, der einmal Schwierigkeiten hatte, ein Zimmer oder eine
Wohnung zu bekommen, weil andere Leute Vorurteile gegen ihn/sie hatten? Erzählen
Sie davon.
3. Gibt es Vorurteile, die Sie besonders stören? Erzählen Sie von solchen Vorurteilen.
Welche Argumente haben Sie gegen diese Vorurteile?

Heinrich Böll

Vor dem Lesen

Aus der Geschichte der Erzählung: Die berufliche Karriere des in jeder Hinsicht
mustergültigen Helden wäre unaufhaltsam, wenn er nicht einen Makel hätte. Er fährt
zu oft nach Heidelberg und betreut dort an der Uni Exil-Chilenen. Der plot basiert auf
Mitteilungen des Heidelberger Grafikers Klaus Staeck, dem Böll die Geschichte
gewidmet hat.

Diese Erzählung handelt von einem jungen Mann – sein Name bleibt uns
unbekannt! -, der mit dem Abendgymnasium gerade fertig geworden ist und auf eine
Lehrstelle hofft. Sonntag abend sitzt er auf seinem Bett und schaut „im Rückblick"
auf den gerade verbrachten Tag zurück. Am nächsten Morgen muss er zu einem

246
Gespräch bei Herrn Kronsorgeler erscheinen, einem wichtigen Beamten im
Kulturamt, der die Entscheidung trifft, wer eine Lehrstelle bekommt. Der junge Mann
hat seine Prüfungen gut bestanden, und Herr Kronsorgeler, der ihn schon kennt, ist
ihm freundlich gesinnt. Es gibt nur ein einziges Problem: er fährt zu oft nach
Heidelberg.

Achten Sie beim Lesen auf Folgendes:


1. Was „er“ als erstes am Sonntag morgen gemacht hatte;
2. wo er nachher gefrühstückt hatte;
3. wen er später besucht hatte;
4. wohin er nach diesem Besuch gefahren war;
5. was er als allerletztes tat, bevor er Sonntag abend ins Bett gegangen war;
6. wie das Gespräch mit Herrn Kronsorgeler am nächsten Morgen verlaufen war.

Du fährst zu oft nach Heidelberg

Abends, als er im Schlafanzug auf der Bettkante saß, auf die Zwölf-Uhr-
Nachrichten wartete und noch eine Zigarette rauchte, versuchte er im Rückblick den
Punkt zu finden, an dem ihm dieser schöne Sonntag weggerutscht war. Der Morgen
war sonnig gewesen, frisch, maikühl noch im Juni, und doch war die Wärme, die
gegen Mittag kommen würde, schon spürbar. Licht und Temperatur erinnerten an
vergangene Trainigstage, an denen er zwischen sechs und acht, vor der Arbeit,
trainiert hatte.

Eineinhalbstunden lang war er Rad gefahren am Morgen, auf Nebenwegen


zwischen den Vororten, zwischen Schräbergärten und Industriegelände, an grünen
Feldern, Lauben, Gärten, am großen Friedhof vorbei bis zu den Waldrändern hin, die
schon weit jenseits der Stadtgrenze lagen; auf asphaltierten Strecken hatte er Tempo
gegeben, Beschleunigung, Geschwindigkeit getestet, Spurts eingelegt und gefunden,
dass er immer noch gut in Form war und vielleicht doch wieder einen Start bei den

247
Amateuren riskieren konnte; in den Beinen die Freude übers bestandene Examen und
der Vorsatz, wieder regelmäßig zu trainieren. Beruf, Abendgymnasium,
Geldverdienen, Studium - er hatte wenig dran tun können in den vergangenen drei
Jahren; er würde nur einen neuen Schlitten brauchen; kein Problem, wenn er morgen
mit Kronsorgeler zurechtkam, und es bestand kein Zweifel, dass er mit Kronsorgeler
zurechtkommen würde.

Nach dem Training Gymnastik auf dem Teppichboden in seiner Bude, Dusche,
frische Wäsche, und dann war er mit dem Auto zum Frühstück zu den Eltern
hinausgefahren: Kaffee und Toast, Butter, frische Eier und Honig auf der Terrasse, die
Vater ans Häuschen angebaut hatte; die hübsche Jalousie - ein Geschenk von Karl,
und im wärmer werdenden Morgen der beruhigende, stereotype Spruch der Eltern:
„Nun hast du's ja fast geschafft; nun hast du's ja bald geschafft." Die Mutter hatte
„bald", der Vater „fast" gesagt, und immer wieder der wohlige Rückgriff auf die
Angst der vergangenen Jahre,die sie einander nicht vorgeworfen, die sie miteinander
geteilt hatten: über den Amateurbezirksmeister und Elektriker zum gestern
bestandenen Examen, überstandene Angst, die anfing, Veteranenstolz zu werden; und
immer wieder wollten sie von ihm wissen, was dies oder jenes auf spanisch hieß:
Mohrrübe und Auto, Himmelskönigin, Biene und Fleiß, Frühstück, Abendbrot und
Abendrot, und wie glücklich sie waren, als er auch zum Essen blieb und sie zur
Examensfeier am Dienstag in seine Bude einlud: Vater fuhrweg, um zum Nachtisch
Eis zu holen, und er nahm auch noch den Kaffee, obwohl er eine Stunde später bei
Carolas Eltern wieder würde Kaffee trinken müssen; sogar einen Kirsch nahm er und
plauderte mit ihnen über seinen Bruder Karl, die Schwägerin Hilda, Elke und Klaus,
die beiden Kinder, von denen sie einmütig glaubten, sie würden verwöhnt - mit all
dem Hosen- und Fransen- und Rekorderkram, und immer wieder dazwischen die
wohligen Seufzer: „Nun hast du's ja bald, nun hast du's ja fast geschafft." Diese „fast",
diese „bald" hatten ihn unruhig gemacht. Er hatte es geschafft! Blieb nur noch die
Unterredung mit Kronsorgeler, der ihm von Anfang an freundlich gesinnt gewesen

248
war. Er hatte doch an der Volkshochschule mit seinen Spanisch-, am spanischen
Abendgymnasium mit seinen Deutschkursen, Erfolg gehabt.

Später half er dem Vater beim Autowaschen, der Mutter beim Unkrautjäten, und
als er sich verabschiedete, holte sie noch Mohrrüben, Blattspinat und einen Beutel
Kirschen in Frischhaltepackungen aus ihrem Tiefkühler, packte es ihm in eine
Kühltasche und zwang ihn, zu warten, bis sie für Carolas Mutter Tulpen aus dem
Garten geholt hatte; inzwischen prüfte der Vater die Bereifung, ließ sich den
heruntergekurbelte Fenster und fragte: „Fährst du immer noch so oft nach Heidelberg
- und über die Autobahn?" Das sollte so klingen, als gelte die Frage der
Leistungsfähigkeit seines alten, ziemlich klapprigen Autos, das zweimal-, manchmal
dreimal in der Woche diese insgesamt achtzig Kilometer schaffen musste.

„Heidelberg? Ja, da fahr' ich noch zwei-, dreimal die Woche hin - es wird noch
eine Weile dauern, bis ich mir einen Mercedes leisten kann."

„Ach, ja, Mercedes", sagte der Vater, „da ist doch dieser Mensch von der
Regierung, Kultur, glaube ich, der hat mir gestern wieder seinen Mercedes zur
Inspektion gebracht. Will nur von mir bedient werden. Wie heißt er doch noch?"

„Kronsorgeler?"
„Ja, der. Ein sehr netter Mensch - ich würde ihn sogar ohne Ironie vornehm
nennen."

Dann kam die Mutter mit dem Blumenstrauß und sagte: „Grüß Carola von uns, und
die Herrschaften natürlich. Wir sehen uns ja am Dienstag." Der Vater trat, kurz bevor
er startete, noch einmal näher und sagte: „Fahr nicht zu oft nach Heidelberg - mit
dieser Karre!"

Carola war noch nicht da, als er zu Schulte-Bebrungs kam. Sie hatte angerufen und
ließ ausrichten, dass sie mit ihren Berichten noch nicht fertig war, sich aber beeilen
würde; man sollte mit dem Kaffee schon anfangen.

249
Die Terrasse war größer, die Jalousie, wenn auch verblasst, großzügiger, eleganter
das Ganze, und sogar in der kaum merklichen Verkommenheit der Gartenmöbel, dem
Gras, das zwischen den Fugen der roten Fliesen wuchs, war etwas, das ihn ebenso
reizte wie manches Gerede bei Studentendemonstrationen; solches und Kleidung, das
waren ärgerliche Gegenstände zwischen Carola und ihm, die ihm immer vorwarf, zu
korrekt, zu bürgerlich gekleidet zu sein. Er sprach mit Carolas Mutter über
Gemüsegärten, mit ihrem Vater über Radsport, fand den Kaffee schlechter als zu
Hause und versuchte, seine Nervosität nicht zu Gereiztheit werden zu lassen. Es
waren doch wirklich nette, progressive Leute, die ihn völlig vorurteilslos, sogar
offiziell, per Verlobungsanzeige akzeptiert hatten; inzwischen mochte er sie
regelrecht, auch Carolas Mutter, deren häufiges „entzückend" ihm anfangs auf die
Nerven gegangen war.

Schließlich bat ihn Dr. Schulte-Bebrung - ein bisschen verlegen, wie ihm schien –
in die Garage und führte ihm sein neu erworbenes Fahrrad vor, mit dem er morgens
regelmäßig ein „paar Runden" drehte, um den Park, den Alten Friedhof herum; ein
Prachtschlitten von einem Rad; er lobte es begeistert, ganz ohne Neid, bestieg es zu
einer Probefahrt rund um den Garten, erklärte Schulte-Bebrung die Beinmuskelarbeit
(er erinnerte sich, dass die alten Herren im Verein immer Krämpfe bekommen
hatten!), und als er wieder abgestiegen war und das Rad in der Garage an die Wand
lehnte, fragte Schulte-Bebrung ihn: „Was denkst du, wie lange würde ich mit diesem
Prachtschlitten, wie du ihn nennst, brauchen, um von hier nach -sagen wir Heidelberg
zu fahren?" Es klang wie zufällig, harmlos, zumal Schulte-Bebrung fortfuhr: „Ich
habe nämlich in Heidelberg studiert, hab' auch damals ein Rad gehabt, und von dort
bis hier habe ich damals - noch bei jugendlichen Kräften - zweieinhalb Stunden
gebraucht." Er lächelte wirklich ohne Hintergedanken, sprach von Ampeln,
Stauungen, dem Autoverkehr, den es damals so nicht gegeben habe; mit dem Auto,
das habe er schon ausprobiert, brauche er ins Büro fünfunddreißig, mit dem Rad nur
dreißig Minuten. „Und wie lange brauchst du mit dem Auto nach Heidelberg?" „Eine
halbe Stunde."

250
Dass er das Auto erwähnte, nahm der Nennung Heidelbergs ein bisschen das
Zufäl-lige, aber dann kam gerade Carola, und sie war nett wie immer, hübsch wie
immer, ein bisschen zerzaust, und man sah ihr an, dass sie tatsächlich todmüde war,
und er wusste eben nicht, als er jetzt auf der Bettkante saß, eine zweite Zigarette noch
unangezündet in der Hand, er wusste eben nicht, ob seine Nervosität schon Gereiztheit
gewesen, von ihm auf sie übergesprungen war oder ob sie nervös und gereizt gewesen
war - und es von ihr auf ihn übergesprungen war. Sie küsste ihn natürlich, flüsterte
ihm aber zu, dass sie heute nicht mit ihm gehen würde. Dann sprachen sie über
Kronsorgeler, der ihn so sehr gelobt hatte, sprachen über Planstellen, die Grenzen des
Regierungsbezirks, über Rad-fahren, Tennis, Spanisch, und ob er ei Drei bekommen.
Als er eingeladen wurde, zum Abendessen zu bleiben, schützte er Müdigkeit und
Arbeit vor, und niemand hatte ihn besonders gedrängt, doch zu bleiben; rasch wurde
es auf der Terrasse wieder kühl; er half, Stühle und Geschirr ins Haus tragen, und als
Carola ihn zum Auto brachte, hatte sie ihn überraschend heftig geküsst, ihn umarmt,
sich an ihn gelehnt und gesagt: „Du weißt, dass ich dich sehr, sehr gern habe, und ich
weiß, dass du ein prima Kerl bist, du hast nur einen kleinen Fehler: Du fährst zu oft
nach Heidelberg." Sie war rasch ins Haus gelaufen, hatte gewinkt, gelächelt,
Kusshände geworfen, und er konnte noch im Rückspiegel sehen, wie sie immer noch
da stand und heftig winkte.

Es konnte doch nicht Eifersucht sein. Sie wusste doch, dass er dort zu Diego und
Teresa fuhr, ihnen beim Übersetzen von Anträgen half, beim Ausfüllen von
Formularen und Fragebögen; dass er Gesuche aufsetzte, ins reine tippte; für die
Ausländerpolizei, das Sozialamt, die Gewerkschaft, die Universität, das Arbeitsamt;
dass es um Schul- und Kindergartenplätze ging, Stipendien, Zuschüsse, Kleider,
Erholungsheime; sie wusste doch, was er in Heidelberg machte, war ein paar Mal
mitgefahren, hatte eifrig getippt und eine erstaunliche Kenntnis von Amtsdeutsch
bewiesen; ein paarmal hatte sie sogar Teresa mit ins Kino und ins Cafe genommen
und von ihrem Vater Geld für einen Chilenen Fonds bekommen.

251
Er war statt nach Hause nach Heidelberg gefahren, hatte Diego und Teresa nicht
angetroffen, auch Raoul nicht, Diegos Freund; war auf der Rückfahrt in eine Auto-
schlange geraten, gegen neun bei seinem Bruder Karl vorbeigefahren, der ihm Bier
aus dem Eisschrank holte, während Hilde ihm Spiegeleier briet; sie sahen gemeinsam
im Fernsehen eine Reportage über die Tour de Suisse, bei der Eddy Merckx keine
gute Figur machte, und als er wegging, hatte Hilde ihm einen Papiersack voll
abgelegter Kinderkleider gegeben für „diesen spirrigen netten Chilenen und seine
Frau".

Nun kamen endlich die Nachrichten, die er mit halbem Ohr nur hörte: Er dachte an
die Mohrrüben, den Spinat und die Kirschen, die er noch ins Tiefkühlfach
packenmusste; er zündete die zweite Zigarette doch an: Irgendwo - war es Irland? -
waren Wahlen gewesen: Erdrutsch; irgendeiner - war es wirklich der
Bundespräsident? - hatte irgendwas sehr Positives über Krawatten gesagt; irgendeiner
ließ irgendwas demen -tieren; die Kurse stiegen; Idi Amin blieb verschwunden.

Er rauchte die zweite Zigarette nicht zu Ende, drückte sie in einem halb
leergegessenen Yoghurtbecher aus; er war wirklich todmüde und schlief bald ein,
obwohl das Wort Heidelberg in seinem Kopf rumorte.

Er frühstückte frugal: nur Brot und Milch, räumte auf, duschte und zog sich
sorgfältig an; als er die Krawatte umband, dachte er an den Bundespräsidenten - oder
war's der Bundeskanzler gewesen? Eine Viertelstunde vor der Zeit saß er auf der Bank
vor Kronsorgelers Vorzimmer, neben ihm saß ein Dicker, der modisch und salopp
gekleidet war; er kannte ihn von den Pädagogikvorlesungen her, seinen Namen wusste
er nicht. Der Dicke flüsterte ihm zu: „Ich bin Kommunist, du auch?" „Nein", sagte er,
„nein, wirklich nicht - nimm‘ s mir nicht übel."

Der Dicke blieb nicht lange bei Kronsorgeler, machte, als er herauskam eine Geste,
die wohl „aus" bedeuten sollte. Dann wurde er von der Sekretärin hineingebeten; sie
war nett, nicht mehr ganz so jung, hatte ihn immer freundlich behandelt - es
überraschte ihn, dass sie ihm einen aufmunternden Stubs gab, er hatte sie für zu
252
spröde, für so etwas gehalten. Kronsorgeler empfing ihn freundlich; er war nett,
konservativ, aber nett; objektiv; nicht alt, höchstens Anfang vierzig.
Radsportanhänger, hatte ihn sehr gefördert, und sie sprachen erst über die Tour de
Suisse; ob Merckx geblufft habe, um bei der Tour de France unterschätzt zu werden,
oder ob er wirklich abgesunken sei; Kronsorgeler meinte, Merckx habe geblufft; er
nicht, er meinte, Merckx sei wohl wirklich fast am Ende, gewisse
Erschöpfungsmerkmale könne man nicht bluffen. Dann über die Prüfung; dass sie
lange überlegt hätten, ob sie ihm doch eine Eins geben könnten; es sei an der
Philosophie gescheitert; aber sonst: die vorzügliche Arbeit an der VHS, am
Abendgymnasium; keinerlei Teilnahme an Demonstrationen, nur gäbe es –
Kronsorgeler lächeltewirklich liebenswürdig - einen einzigen, einen kleinen Fehler.

„Ja, ich weiß", sagte er, „ich fahre zu oft nach Heidelberg.“ Kronsorgeler wurde
fast rot, jedenfalls war seine Verlegenheit deutlich; er war ein zartfühlender,
zurückhaltender Mensch, fast schüchtern, Direktheiten lagen ihm nicht.

„Woher wissen Sie?" „Ich höre es von allen Seiten. Wohin ich auch komme, mit
wem ich auch spreche. Mein Vater, Carola, deren Vater, ich höre nur immer:
Heidelberg. Deutlich höre ich's, und ich frage mich: Wenn ich die Zeitansage anrufe
oder die Bahnhofs - Auskunft, ob ich nicht hören werde: Heidelberg."

Einen Augenblick lang sah es so aus, als ob Kronsorgeler aufstehen und ihm
beruhigend die Hände auf die Schulter legen würde, erhoben hatte er sie schon, senkte
die Hände wieder, legte sie flach auf seinen Schreibtisch und sagte: „Ich kann Ihnen
nicht sagen, wie peinlich mir das ist. Ich habe Ihren Weg, einen schweren Weg, mit
Sympathie verfolgt - aber es liegt da ein Bericht über diesen Chilenen vor, der nicht
sehr günstig ist. Ich darf diesen Bericht nicht ignorieren, ich darf nicht. Ich habe nicht
nur Vorschriften, auch Anweisungen, ich habe nicht nur Richtlinien, ich bekomme
auch telefonische Ratschläge. Ihr Freund - ich nehme an, er ist Ihr Freund?"

„Ja."
„Sie haben jetzt einige Wochen lang viel freie Zeit. Was werden Sie tun?"
253
„Ich werde viel trainieren - wieder Radfahren, und ich werde oft nach Heidelberg
fahren."

„Mit dem Rad?"


„Nein, mit dem Auto."
Kronsorgeler seufzte. Es war offensichtlich, dass er litt, echt litt. Als er ihm die
Hand gab, flüsterte er: „Fahren Sie nicht nach Heidelberg, mehr kann ich nicht sagen."
Dann lächelte er und sagte: „Denken Sie an Eddy Merckx."

Schon als er die Tür hinter sich schloss und durchs Vorzimmer ging, dachte er an
Alternativen: Übersetzer, Dolmetscher, Reiseleiter, Spanischkorrespondent bei einer
Maklerfirma. Um Profi zu werden, war er zu alt, und Elektriker gab's inzwischen
genug. Er hatte vergessen, sich von der Sekretärin zu verabschieden, ging noch einmal
zurück und winkte ihr zu.

Grundwortschatz

- Der Schräbergarten; die Laube; die Strecke; die Beschleunigung; der Schlitten; die
Verkommenheit; der Spurt; der Spruch; die Schwägerin; der Kram; die Erschöpfung;
das Unkraut; die Bereifung; die Karre; die Fuge; die Fliese; die Verlobung; der
Krampf; die Ampel; der Stau; der Becher; der Erdrutsch; der Zuschuss; die Franse;
die Gewerkschft; das Gesuch; der Antrag; die Eifersucht; das Spiegelei;
- wegrutschen; zurechtkommen; vorwerfen; verwöhnen; übelnehmen; jäten; bluffen;
(herunter)kurbeln; ausrichten; absteigen; vorschützen; rumoren; übelnehmen;
- einmütig; klapprig; vornehm; vorurteillos; verlegen; regelrecht; zufällig; zerzaust;
spirrig; frugal; salopp; spröde; peinlich;
- j-m einen Stubs geben; Kenntnisse beweisen; ins reine tippen (schreiben);
Kusshände werfen; j-m auf die Nerven gehen; j-m gesinnt sein; gut in Form sein.

254
Wortschatzaufgaben

l. Sammeln Sie aus der Geschichte für jede der folgenden Kategorien fünf bis sieben
Wörter oder Ausdrücke, die Sie sich für den aktiven Sprachgebrauch merken wollen.
Studium: das Abendgymnasium, -ien; usw.
Radfahren: Tempo geben; usw.
Amt und Verwaltung: Formulare ausfüllen usw.
(Vor)stadt und Landschaft: der Schräbergarten usw.
Auto/Autofahren: die Ampel, -n usw.
2. Bilden Sie Sätze mit folgenden Wortgruppen und Ausdrücken:
Tempo geben; eine gute Figur machen; jmdm./etwas übelnehmen; (etwas) ausrichten
lassen; etwas schaffen; sich (Dat.) etwas leisten; etwas vorschützen; jmdm. auf die
Nerven gehen.
3. Finden Sie Synonyme zu folgenden Wörtern und Wortgruppen:
a. feste Absicht, Vorhaben; b. eine Besprechung, Verhandlung; c. die Vorschrift, die
Anweisung; d. fortsetzen, weitermachen; e. etwas kaufen, anschaffen; g. Schriftliche
Bitte, Eingabe; h. schnell; i. unangenehm, Verlegenheit bereitend; beschämend (Lage,
Frage); j. ausgezeichnet; ganz besonders gut; k. fFinanzieller Beitrag, zusätzliche
Zahlung; l. stark, wild, ungestüm, gewaltig.

Leseverstehen

1. Sammeln Sie möglichst viele Informationen über den jungen Mann aus der
Geschichte „Du fährst zu oft nach Heidelberg“.
a. Beruf
b. Sportleistung
c. Bekanntschaften

255
d. Arbeit
Teilen Sie im Unterricht diese Informationen mit.
2. Notieren Sie wichtige Informationen über andere Figuren in der Geschichte. Wo
sind diese Informationen im Text zu finden?

a. Vater und Mutter


b. Verlobte
c. Eltern der Verlobten
d. Karl und Hilde
e. Diego, Teresa und Raoul
f. Kronsorgeler
3. Aus welcher Perspektive wird diese Geschichte erzählt? Warum erfahren wir den
Namen des jungen Mannes nicht?

4. „Du fährst zu oft nach Heidelberg“ – das sind die Vorwürfe der Eltern des
Studenten, die an mehreren Stellen im Text auftreten auftreten. Aber welche
Bedeutung haben sie eigentlich? Warum halten andere Leute seine regelmäßige
Fahrten nach Heidelberg für ein Problem?

5. Warum besucht er so oft die Chilenen? Was tut er für sie?


6. Welche Stellen im Text machen es deutlich, dass er kein Radikaler ist?
5. Aus welchem sozialen Milieu kommt die Familie des jungen Mannes? Aus
welcher Familie kommt seine Verlobte? Warum ist das in dieser Geschichte wichtig?
7. Vor welcher Wahl steht er am Ende der Erzählung? Was würden Sie an seiner
Stelle machen?
8. Welche Bedeutung sehen Sie in der Tatsache, dass er am Ende noch einmal
zurückgeht, um sich von der Sekretärin zu verabschieden?
9. Welche Handlungsmöglichkeiten hat Kornsorgeler? Finden Sie ihn sympathisch?
Warum (nicht)?
10. Welche Bedeutung haben die Motive Eddy Merckx und das Radfahren? Was
256
meint Kronsorgeler damit, wenn er sagt: „Denken Sie an Eddy Merckx? "

Mit eigenen Worten

Kreuzen Sie fünf Stellen im Text an, wo Sie sprachlich oder inhaltlich etwas nicht
verstehen. Lesen Sie diese Stellen vor. Andere Studenten im Kurs sollen versuchen,
diese Stellen zu erklären, indem sie sie anders ausdrücken.

Diskussion

A. Sie sind Kronsorgeler und haben jetzt die frage zu klären, bekommt der junge
Mann die Stelle oder nicht? Begründen sie Ihre Entscheidung, denn Sie müssen diese
Entscheidung vor anderen Kollegen in der Firma rechtferigen. Schließlich haben Sie
auch an Ihre Karriere zu denken!

B. Als leidenschaftlicher Radfahrer und sozial Engagierter haben Sie – der Protagonist
– reines Gewissen. Erzählen Sie: wofür haben Sie sich am Ende entschieden, und
warum? Begründen Sie Ihren Entschluss und erklären Sie, warum diese Entscheidung
die richtigere/integere moralisch passende war. Integrieren Sie in Ihre Begründunf
wesentliche Episoden aus Ihrem Leben und berichten Sie, welches frühe Geschehen
Sie am meisten beeinflusst hat.

Aufsatzthemen

1. Sie sind Kronsorgeler. Wollen Sie nun dem jungen Mann eine Stelle geben oder
nicht? Begründen Sie schriftlich Ihre Antwort. Lesen Sie Ihren Bericht im Kurs vor.
2. Schreiben Sie über politische Kritik in Bölls Erzählung „Du fährst zu oft nach
Heidelberg".

257
3. Der deutsche Student verfehlt also knapp seine Karrierechancen im öffentlichen
Dienst, weil er Heidelberger Chilenen häufig beim Übersetzen von Anträgen, beim
Ausfüllen von Formularen und Fragebögen hilft, und damit - unzutreffenderweise -
als Kommunist in Verruf gerät. Wäre so etwas in der Ukraine möglich? Was denken
Sie über den Einfluss politischer Ansichten auf den Karrierechancen. Schreiben Sie
einen Bericht darüber.

Türken in Deutschland: Sie sind Bergarbeiter, Müllmänner,


Putzfrauen. Deutsche Staatsbürger sind sie nicht. Seit vierzig Jahren
leben sie unter uns - in ihrer eigenen Welt. Erst seit ihre Häuser
brennen, nehmen wir sie wahr.

Frankfurter Allgemeiner vom 29.03. 2007

Vor dem Lesen

Türken in Deutschland

258
In den 60er, 70er und 80er Jahren kamen viele Türken (und auch Griechen,
Jugoslawen, Italiener usw.) als „Gastarbeiter" nach Deutschland. Die meisten
bekamen Arbeit in Fabriken, im Bauwesen und im Dienstleistungssektor. Viele
Gastarbeiter, vor allem türkische Familien, sind geblieben, und heute wohnen fast 2
Millionen Türken in Deutschland. Für manche Türken ist das Leben in Deutschland
recht problematisch. Die Sprache ist anders, die Kultur ist anders, die Mentalität ist
anders, ja sogar das Wetter ist anders. Der Türke in folgender Geschichte musste in
Deutschland Deutsch lernen, bevor er arbeiten durfte. Seine Deutschlehrerin erzählt
uns über ihn.

Lesen Sie die Geschichte aufmerksam. Achten Sie beim Lesen darauf, wie der
Türke Ali sein Gastland sieht. Was tut er, um sich in die deutsche Gesellschaft und
Kultur zu integrieren?

Alev Tekinay

Ali Stern

„Frau Lehrerin, meine Lehrerin", ruft jemand in der überfüllten U-Bahn, während
ich versuche, mich irgendwo festzuhalten. Ich schaue mich um und sehe einen jungen
Mann, der mir freundlich zulächelt. Ich muss ihn kennen, er kommt mir irgendwie
bekannt vor. Die U-Bahn rast durch dunkle Irrgänge, die Luft ist stickig, die
Gesichter sind neurotisch. Aber dieses Gesicht, das freundlich lächelt. . . Dieselben
nachtschwarzen Augen, die aber nicht wie damals leuchten, die jetzt rote Ränder
haben. Das ist doch Ali, Ali Stern.

Nein, das ist nicht möglich, denke ich. Ali war ein Kind, verspielt, träumerisch,
heiter und fröhlich. Aber dieser junge Mann, der mich begrüßt, ist viel älter als Ali.
Sein Gesichtsausdruck ist ernst und verantwortungsvoll.

259
Ali war ein Schüler, der Deutsch lernte. Aber dieser junge Mann ist ein Arbeiter, er
trägt einen blauen Arbeitskittel und hält einen Apparat in der Hand, eine
Bohrmaschine, glaube ich.

Was ist das?


Das ist ein Schraubstock.
Hol den Hammer, bring die Feile.
Das ist eine Bohrmaschine. Wie funktioniert die?
Mit beiden Händen festhalten. Stecker rein. Auf den Knopf dürücken. Nicht
„dürücken", Ali, „drücken". Sprich mir nach, Ali.

Bereits die ersten Stunden damals im Intensivkurs. Und damals wusste Ali nicht,
was eine Bohrmaschine ist. Jetzt hält er sie aber in der Hand und drückt sie fest an die
Brust im Menschengewühl der U-Bahn. Und der U-Bahnfahrer ruft in sein
Mikrophon: Nächster Halt Marienplatz. Einstieg bitte, Bahnsteig Mitte.

„Kennen Sie mich nicht mehr, meine Lehrerin?" fragt Ali enttäuscht.

„Ach ja, jetzt erkenne ich dich, Ali. Aber du bist so -, so, wie soll so ich sagen, du
bist so verändert, Ali. Obwohl es nicht so lange her ist. Der Deutschkurs damals,
wann war das?"

„Vor einem Jahr, meine Lehrerin. Im letzten Sommer."


„Ja, ja, Ali."
„Ich hab Sie gleich erkannt. Sie haben sich gar nicht verändert."
Ali spricht Deutsch mit mir. Fast akzentfrei. Recht hat er auch, mit mir Deutsch zu
sprechen, denn damals im Intensivkurs sprach ich mit ihm nur Deutsch. Es war ja
Vorschrift. Das tue ich gewöhnlich mit allen meinen neuen Schülern. Jetzt besteht
aber kein Grund mehr dafür. Alis Deutschkurs ist schon längst vorbei. Vorschriften
gibt es jetzt nicht mehr. Deshalb versuche ich, mit ihm in unserer Muttersprache zu
reden. Ich finde es unnatürlich, wenn zwei Türken miteinander Deutsch reden. Aber

260
Ali ist trotzig. Er gibt nicht nach. Die Fragen, die ich ihm auf türkisch stelle,
beantwortet er auf deutsch.

„Hast du deine Muttersprache verlernt, Ali?" frage ich. Er lächelt schüchtern. Eine
Reihe nikotingelber Zähne. Damals rauchte Ali nicht.

„Na ja, wissen Sie", murmelt er, „verlernt habe ich sie natürlich nicht. Aber
türkische Wörter fallen mir manchmal nicht ein. Außerdem bin ich der Meinung, dass
man die Sprache des Landes sprechen so muss, in dem man lebt."

Ali hat Ansichten. Damals schon war er ein Integrationsfanatiker. Das muss man
ihm lassen. Die Ausländerfeindlichkeit, über die sich die anderen Schüler so aufregten
berührte Ali kaum. Er schimpfte nie mit den Gastgebern. „Das ist ihr Land", sagte er,
„man muss sich nach ihren Bestimmungen richten."

Vielleicht war Ali der friedlichste Schüler, den ich je gehabt habe.
„Und was machst du jetzt, Ali?"
„Ich bin Arbeiter!"
„Gefällt es dir noch hier?"
„Ja, das heißt – ich meine nur, damals im Deutschkurs war’s doch viel schöner.
Damals im Deutschkurs ... Ali war erst vor einigen Wochen nach Deutschland
gekommen und konnte kein Wort Deutsch, als der Intensivkurs begann. Im Fall wie
viele andere, dieser Ali, der nichts anderes im Kopf hatte als so schnell wie möglich
Gastarbeiter zu werden. Ein werdender Gast also, wenn alles klappte mit der
Aufenthalts- und Arbeitererlaubnis. Ein junger Türke in den Fußstapfen seines Vaters.

Ali war damals siebzehn Jahre alt. Wir hatten den neuen Intensivkurs in zwei
Gruppen geteilt, weil wir homogene Klassen haben wollten: Anfänger mit wenig
Deutschkenntnissen und die Anfänger mit Nullkenntnissen. Die letzteren bekam ich
natürlich. Manchmal habe ich`s satt, bei jedem Intensivkurs bei Adam und Eva
anfangen zu müssen, das deutsche Alphabet, die deutsche Aussprache, die deutsche
Orthographie.

261
Aber ich bin eben eine Türkin, und für die Schulleitung liegt der Gedanke nahe,
dass ich die schwere deutsche Grammatik meinen jungen Landsleuten mit
Nullkenntnissen vergleichend und besser erklären kann als die deutschen Kollegen.

Ali wurde damals meiner Klasse zugeteilt. Er war ein braver und aufmerksamer
Schüler.

Damals im Intensivkurs ... Mai, Juni, Juli. Die Hälfte vom August.
Dreieinhalbmonate lang. Tag für Tag. Auch an Wochenenden. Unterricht unter der
Woche, kulturelle Veranstaltungen am Wochenende. Sommer in München. Tropisch
heiß und nass, kalt und hässlich zugleich.

Jeden Tag eine Portion deutsche Grammatik und an den Wochenenden eine
Portion deutsche Kultur. Deutsches Museum, das Stadtmuseum, das Jugendtheater,
das BMW-Museum ...

Die Mädchen (im damaligen Intensivkurs waren`s nur drei) saßen eng
nebeneinanderund weit entfernt von den Buben. Emine trug stets ein Kopftuch, die
anderen zwei nicht.Sabiha hatte immer ein rotes Gesicht. Sie weinte viel. Heimweh
oder Schwierigkeiten mit den Eltern? Ich bin nie dahinter gekommen, weil sie zu
schüchtern war und – im Gegensatz zu meinen Schülerinnen von anderen
Intensivkursen – mir niemals ihr Herz ausgeschüttet hat. Meral war ein modernes
Mädchen. Sie war auch viel begabter als die anderen Mädchen in Bezug auf das
Thema „Anpassung“, aber am wenigsten begabt für die deutsche Aussprache.
Manchmal dauerte es Minuten, bis sie „Hausaufgaben“ oder „Bügeleisen“ sagen
konnte.

Die Schwierigkeit der deutschen Grammatik hatte die anfängliche Begeisterung


der Mädchen vertrieben. Auch die Buben hatten ihr anfängliches Interesse verloren.
Nur Ali nicht.

Und irgendwann tauchte das Wort „Stern" auf, in der siebten Lektion, glaube ich,
als ich ihnen die Bezeichnungen für Himmelskörper und Naturerscheinungen

262
beibrachte. Und Ali sagte: „Stern, das heißt also Yildiz wie mein Familienname.
Einen schönen Namen habe ich. Ali Stern."

Er taufte sich um. Von Yildiz in Stern. Von dem Tag an unterschrieb er die
Übungen und Klassenarbeiten mit dem neuen Namen: Ali Stern. (Ich hab noch diese
Übungsblätter und Schularbeiten irgendwo in einer Mappe.) Und „Ali Stern"
antwortete er stolz, wenn man ihn fragte: Wie heißt du?

„Nächster Halt Sendlinger Torplatz", ruft der U-Bahnfahrer in seinMikrophon, und


ich zucke zusammen, weil ich in die Erinnerungen an den damaligen Intensivkurs
versunken war.

Nun kann man etwas freier atmen. Die Hälfte der Fahrgäste ist ausgestiegen. Es
sind sogar Sitzplätze frei geworden. Und wir setzen uns.

„Hast du etwas von den anderen gehört?" frage ich Ali.„Sabiha weint immernoch",
erzählt er, „und Emine ist in die Türkei zurückgegangen, weil ihre Eltern sie mit
einem Landsmann verheiraten wollen. Meral ist - na ja. Sie kann nun die deutsche
Aussprache etwas besser und lebt wie eine Deutsche. Reden wir lieber nicht über sie."

„Und die Jungs?" möchte ich wissen. „Adnan zum Beispiel, oder Omer und
Metin?"

„Adnan putzt die Toiletten am Stachus", berichtet Ali, „Omer arbeitet auf einer
Baustelle. Metin ist in die Türkei zurückgekehrt. Er will das Abitur nachholen. Und
dann studieren. Was für ein verrückter Traum!"

„Und du, Ali? Du bist mit deiner Arbeit nicht zufrieden, hab ich den Eindruck."
„Das habe ich nicht gesagt. Aber -"
„Wo arbeitest du?"
„In einer Fabrik. Aber dort gibt es viel Gift, wissen Sie. Und meine Augen, die tun
so weh."

„Warst du nicht beim Arzt?"

263
„Doch. Ich bin ja nun versichert."
„Etwas stimmt bei dir nicht, Ali."
„Es ist so, ich - nun - ach, ist ja auch nicht so wichtig."
Ein achtzehnjähriger alter Mann steht vor mir, zusammengeschrumpft, schmale
Schultern, nikotingelbe Zähne, ernst, sorgsam, reif, zu reif für sein Alter.

„Nächster Halt: Goetheplatz", ertönt es wieder im U-Bahnabteil.


„Ich muss hier aussteigen", meldet Ali, „ich muss zum Betrieb. Ich hab die
Bohrmaschine reparieren lassen. Nun muss ich sie zurückbringen. Man wartet schon
auf mich. Schön, dass ich Sie gesehen habe. Ich verdanke Ihnen viel. Auf
Wiedersehen, meine Lehrerin."

„Wiedersehen, Ali Stern", flüstere ich nachdenklich.Als er diesen Namen hört, hält
er inne, dreht sich um, während die U-Bahntüren aufgehen.

„Ali Stern. So nennen mich die deutschen Kollegen im Betrieb. Ich habe einen
deutschen Namen!"

Er versucht zu lächeln. Krampfhaft. Sein achtzehn Jahre altes Gesicht zieht sich in
Falten. Dann steigt er aus. Die Türen werden geschlossen. Die U-Bahn fährt weiter.
Ohne Ali Stern. Aber ich rede weiter mit Ali. Ich sage ihm jetzt alles, was ich ihm
während der kurzen Begegnung in der überfüllten U-Bahn nicht sagen konnte:

Selbst wenn ich wollte, könnte ich mich nicht so verändern wie du, Ali. Denn ich
sitze ja nicht täglich acht Stunden am Fließband wie du, ich atme auch weniger Gift
als du, nur Kreidestaub, von Abgasen abgesehen. Zugegeben, auch meine Arbeit ist
schwer. Oft habe ich einen trockenen Hals nach acht Stunden Unterricht, und hab
meistens keine Kraft mehr, den Mund aufzumachen. Manchmal tun auch mir die
Knochen weh, als ob ich Steine geschleppt hätte wie Omer auf der Baustelle. Aber ich
bin glücklich, denn ich habe euch. Und ich bin traurig wegen euch. Ihr kommt zu mir,
um Deutsch zu lernen. Und ihr geht von mir, um Gastarbeiter zu werden. Das ist euer
Wunsch, ich weiß. Euch zuliebe spiele ich mit. Und am Anfang seid ihr noch Kinder,

264
jung, verspielt, träumerisch und fröhlich. Ich gebe euch die deutsche Grammatik, ihr
gebt mir eure Jugend und Hoffnungen. Ihr verdankt mir viel, ich verdanke euch mehr.

Ihr macht Wandlungen durch, aber ich bleibe gleich, an der Tafel, am
Tageslichtprojektor, und wiederhole dieselben Sätze wie ein Automat: Ist das eine
Rohrzange? Nein, das ist keine Rohrzange, das ist ein Hammer (der Hammer, deshalb
ein, die Rohrzange, deshalb eine und keine) .. . Leb wohl, Ali Stern.

Es ist für mich ein schmerzhaftes Gefühl, meinen ehemaligen Schülern zu


begegnen.

Grundtwortschatz

- das Abgas; der Anfänger; das Bügeleisen; die Bezeichnung; die Bohrzange; die
Erlaubnis; die Feile; die Fußstapfe; das Gift; das Gewühl; der Hammer; das
Heimweh; die Landsleute; der Schraubstock; die Wandlung;

- beibringen; dahinterkommen; einfallen; innehalten; nachgeben; rasen; schimpfen;


sich richten nach Dat.; sich umtaufen; verlernen; vertreiben; versichert sein; j-m
zulächeln; zusammenschrumpfen;

- enttäuscht; krampfhaft; stickig;


- j-m sein Herz ausschütten; in Bezug auf Akk.; j-m zuliebe; der Gedanke kiegt nahe
für Akk.; in die Erinnerungen versinken.

Wortschatzaufgaben

1. Dieser Text enthält eine Anzahl recht brauchbarer Substantive, die aus zwei oder
mehreren Wörtern zusammengesetzt sind. (Es gibt sogar ein Wort mit zweiun-
dzwanzig Buchstaben!) Ein solches Wort bezeichnet man als ein Kompositum,
265
Pl. Komposita. Suchen Sie aus dem Text acht bis zehn solche Wörter. Vergleichen
Sie Ihre Wörter mit denen anderer Personen im Kurs.Bilden Sie mit einem Teil jeder
Ihrer Wörter neue Komposita. Vergessen Sie nicht, dass der Artikel vom letzten Wort
im Kompositum bestimmend ist.
Beispiel: die Bohrmaschine - die Nähmaschine oder: die Bohrstelle
2. Die folgenden Adjektive kommen im Text vor. Welche von ihnen beschreiben Ali
Stern während des Intensivkurses? Welche beschreiben ihn später als Arbeiter?
im Intensivkurs als Arbeiter
aufmerksam ____________ ___________
brav _____________ ___________
ernst _____________ ___________
freundlich ______________ ___________
friedlich ______________ ___________
fröhlich ______________ ___________
heiter ______________ _____
reif ______________ __________
sorgsam ______________ __________
träumerisch ______________ __________

Leseverstehen

1. Suchen Sie Stellen im Text, die zeigen, dass Ali Stern sich seit seinem Intensivkurs
in Deutsch verändert hat.
2. Machen Sie eine Liste der türkischen Kursteilnehmer im Intensivkurs. Schreiben
Sie eine kurze Charakterisierung für jede dieser Figuren. Erzählen Sie, was aus
ihnen geworden ist.
3. Suchen Sie Sätze, in denen die Lehrerin ihre Gefühle nach der Begegnung mit Ali
zum
266
Ausdruck bringt. Welche Adjektive verwendet sie?

Mit eigenen Worten

Erklären Sie den Kontext und die Bedeutung der Sätze.


Beispiel:
Er taufte sich um. Von Yildiz in Stern. Von dem Tag an unterschrieb er die Übungen
und Klassenarbeiten mit dem neuen Namen.
Yildiz heißt Stern auf türkisch. Ali Yildiz wollte einen dentschen
Namen haben und nannte sich jetzt Ali Stern.
1. Damals schon war er ein Integrationsfanatiker. Das muss man ihm lassen. Die
Ausländerfeindlichkeit, über die sich die anderen Schüler so aufregten, berührte ihn
kaum. Er schimpfte nie mit den Gastgebern. „Das ist ihr Land", sagte er, „man muss
sich nach ihren Bestimmungen richten“
2. Was ist das?
- Hol den Hammer, bring die Feile.
- Das ist eine Bohrmaschine, Wie funktioniert die?
- Mit beiden Händen festhalten. Stecker rein. Auf den Knopf dürücken. Nicht
„dürücken", „drücken". Sprich mir nach, Ali.
3. Ich sitze ja nicht täglich acht Stunden am Fließband wie du. Ich atme auch
weniger Gift als du, nur Kreidestaub, von Abgasen abgesehen. Zugegeben, auch
meine Arbeit ist schwer.
4. Manchmal habe ich's satt, bei jedem Intensivkurs bei Adam und Eva anfangen zu
müssen.
5. „Hast du deine Muttersprache verlernt?"

Diskussion

267
1. Warum schreibt die Autorin am Ende, es sei für sie ein schmerzhaftes Gefühl, ihren
ehemaligen Schülern zu begegnen?
2. Auf welche Weise kontrastiert die Erzählerin die türkische und die deutsche Welt?
3. Mit welchen Problemen und kulturellen Unterschieden wären Sie konfrontiert,
wenn Sie so einen Sprachkurs in Deutschland besucht hätten?
Berichten Sie darüber.

Aufsatzthemen

1. Ali möchte jetzt länger in Deutschland bleiben, aber er braucht eine verlängerte
Aufenthaltserlaubnis. Er bittet Sie um ein Empfehlungsschreiben.
2. Zur Zeit wandern sehr viele Ausländer aus anderen Völkergruppen in die
Vereinigten Staaten ein. Kennen Sie vielleicht solche Leute persönlich oder vom
Hörensagen? Können Sie von den Erlebnissen und/oder Problemen dieser Menschen
erzählen?
3. Stellen Sie sich vor, Ihre Eltern ziehen für zwei Jahre nach Deutschland oder
Österreich und nehmen Sie mit. Sie möchten sich völlig in das Leben und die Kultur
Ihres Gastlandes integrieren. Wie machen Sie das?

Kurt Kusenberg

Ein verächtlicher Blick

268
Das Telefon summte, der Polizeipräsident nahm den Hörer auf. „Ja?"

„Hier spricht Wachtmeister Kerzig. Soeben hat ein Passant mich verächtlich
angeschaut."

„Vielleicht irren Sie", gab der Polizeipräsident zu bedenken. „Fast jeder, der einem
Polizisten begegnet, hat ein schlechtes Gewissen und blickt an ihm vorbei. Das nimmt
sich dann wie Geringschätzung aus."

„Nein", sprach der Wachtmeister. „So war es nicht. Er hat mich verächtlich
gemustert, von der Mütze bis zu den Stiefeln."

„Warum haben Sie ihn nicht verhaftet?"


„Ich war zu bestürzt. Als ich die Kränkung erkannte, war der Mann verschwunden."
„Würden Sie ihn wiedererkennen?"
„Gewiss. Er trägt einen roten Bart."
„Wie fühlen Sie sich?"
„Ziemlich elend."
„Halten Sie durch, ich lasse Sie ablösen."
Der Polizeipräsident schaltete das Mikrofon ein. Er entsandte einen Krankenwagen
in Kerzigs Revier und ordnete an, dass man alle rotbärtigen Bürger verhaftete.

Die Funkstreifen waren gerade im Einsatz, als der Befehl sie erreichte. Zwei von
ihnen probierten aus, welcher Wagen der schnellere sei, zwei andere feierten in einer
Kneipe den Geburtstag des Wirtes, drei halfen einem Kameraden beim Umzug, und
die übrigen machten Einkäufe. Kaum aber hatten sie vernommen, um was es ging,
preschten sie mit ihren Wagen in den Kern der Stadt.

Sie riegelten Straßen ab, eine um die andere, und kämmten sie durch. Sie liefen in
die Geschäfte, in die Gaststätten, in die Häuser, und wo sie einen Rotbart aufspürten,

269
zerrten sie ihn fort. Oberall stockte der Verkehr. Das Geheul der Sirenen erschreckte
die Bevölkerung, und es liefen Gerüchte um, die Hetzjagd gelte einem Massenmörder.

Wenige Stunden nach Beginn des Kesseltreibens war die Beute ansehnlich;
achtundfünfzig rotbärtige Männer hatte man ins Polizeipräsidium gebracht. Auf zwei
Krankenwärter gestützt, schritt Wachtmeister Kerzig die Verdächtigen ab, doch den
Täter erkannte er nicht wieder. Der Polizeipräsident schob es auf Kerzigs Zustand und
befahl, dass man die Häftlinge verhöre. „Wenn sie", meinte er, „in dieser Sache
unschuldig sind, haben sie bestimmt etwas anderes auf dem Kerbholz. Verhöre sind
immer ergiebig."

Ja, das waren sie wohl, jedenfalls in jener Stadt. Man glaube jedoch nicht, dass die
Verhörten misshandelt wurden; so grob ging es nicht zu, die Methoden waren feiner.
Seit langer Zeit hatte die Geheimpolizei durch unauffälliges Befragen der Verwandten
und Feinde jedes Bürgers eine Kartei angelegt, aus der man erfuhr, was ihm besonders
widerstand: das Rattern von Stemmbohrern, grelles Licht, Karbolgeruch, nordische
Volkslieder, der Anblick enthäuteter Ratten, schlüpfrige Witze, Hundegebell,
Berührung mit Fliegenleim, und so fort. Gründlich angewandt, taten die Mittel meist
ihre Wirkung: sie entpressten den Befragten Geständnisse, echte und falsche, wie es
gerade kam, und die Polizei frohlockte. Solches stand nun den achtundfünfzig
Männern bevor.

Der Mann, dem die Jagd galt, befand sich längst wieder in seiner Wohnung. Als
die Polizisten bei ihm läuteten, hörte er es nicht, weil er Wasser in die Badewanne
strömen ließ. Wohl aber hörte er, nachdem das Bad bereitet war, den Postboten
klingeln und empfing von ihm ein Telegramm. Die Nachricht war erfreulich, man bot
ihm einen guten Posten im Ausland an - freilich unter der Bedingung, dass er sofort
abreise.

„Gut", sagte der Mann. „Gut. Jetzt sind zwei Dinge zu tun: der Bart muss
verschwinden, denn ich bin ihn leid, und ein Pass muss her, denn ich habe keinen."

270
Er nahm sein Bad, genüsslich, und kleidete sich wieder an. Dem Festtag zu Ehren
wählte er eine besonders hübsche Krawatte. Er ließ sich durchs Telefon sagen, zu
welcher Stunde er auf ein Flugzeug rechnen könne. Er verließ das Haus, durchschritt
einige Straßen, in die wieder Ruhe eingekehrt war, und trat bei einem Friseur ein. Als
dieser sein Werk verrichtet hatte, begab der Mann sich ins Polizeipräsidium, denn nur
dort, das wusste er, war in sehr kurzer Frist ein Pass zu erlangen.

Hier ist nachzuholen, dass der Mann den Polizisten in der Tat geringschätzig
angeschaut hatte - deshalb nämlich, weil Kerzig seinem Vetter Egon ungemein glich.
Für diesen Vetter, der nichts taugte und ihm Geld schuldete, empfand der Mann
Verachtung, und die war nun, als er Kerzig gewahrte, ungewollt in seinen Blick
hineingeraten. Kerzig hatte also richtig beobachtet, gegen seine Meldung konnte man
nichts einwenden. So einfach, wie der Mann es gewähnt, ließ sich die Sache mit dem
Pass nicht an. Es half ihm nichts, dass er mancherlei Papiere bei sich führte, dass er
das Telegramm vorwies: die vermessene Hast des Unternehmens erschreckte den
Passbeamten.

„Ein Pass", erklärte er, „ist ein wichtiges Dokument. Ihn auszufertigen, verlangt
Zeit."
Der Mann nickte. „So mag es in der Regel sein. Aber jede Regel hat Ausnahmen."
„Ich kann den Fall nicht entscheiden", sagte der Beamte. „Das kann nur der
Polizeipräsident."
„Dann soll er es tun."
Der Beamte kramte die Papiere zusammen und erhob sich. „Kommen Sie mit",
sprach er. „Wir gehen den kürzesten Weg - durch die Amtszimmer."

Sie durchquerten drei oder vier Räume, in denen lauter rotbärtige Männer saßen.
„Drollig", dachte der Mann. „Ich wusste nicht, dass es ihrer so viele gibt. Und nun
gehöre ich nicht mehr dazu."

Wie so mancher Despot, gab der Polizeipräsident sich gern weltmännisch.


Nachdem der Beamte ihn unterrichtet hatte, entließ er ihn und hieß den Besucher Platz
271
nehmen. Diesem fiel es nicht leicht, ein Lächeln aufzubringen, denn der
Polizeipräsident ähnelte seinem Vetter Artur, den er gleichfalls nicht mochte. Doch
die Muskeln, die ein Lächeln bewirken, taten brav ihre Pflicht - es ging ja um den
Pass.

„Kleine Beamte", sprach der Polizeipräsident, „sind ängstlich und meiden jede
Entscheidung. Selbstverständlich bekommen Sie den Pass, sofort, auf der Stelle. Ihre
Berufung nach Istanbul ist eine Ehre für unsere Stadt. Ich gratuliere." Er drückte einen
Stempel in den Pass und unterschrieb.

Lässig, als sei es ein beliebiges Heftchen, reichte er seinem Besucher das
Dokument. „Sie tragen da", sprach er, „eine besonders hübsche Krawatte. Ein
Stadtplan - nicht wahr?"

„Ja", erwiderte der Mann. „Es ist der Stadtplan von Istanbul."
„Reizender Einfall. Und nun" - der Polizeipräsident stand auf und reichte dem
Mann die Hand - „wünsche ich Ihnen eine gute Reise." Er geleitete den Besucher zur
Tür, winkte ihm freundlich nach und begab sich in die Räume, wo man die Häftlinge
vernahm.

Ihre Pein zu kürzen, hatten die Bedauernswerten manches Delikt eingestanden, nur
jenes nicht, dessen man sie bezichtigte. „Weitermachen!" befahl der Polizeipräsident
und ging zum Mittagessen.

Bei seiner Rückkehr fand er eine Meldung vor. Ein Friseur hatte ausgesagt, er
habe am Vormittag einen Kunden auf dessen Wunsch seines roten Bartes entledigt.
Den Mann selbst könne er nicht beschreiben, doch erinnere er sich eines auffälligen
Kleidungsstückes: einer Krawatte mit einem Stadtplan.

„Ich Esel!" schrie der Polizeipräsident. Er eilte die Treppe hinunter, zwei Stufen
mit jedem Satz. Im Hof stand wartend sein Wagen. „Zum Flugplatz!" rief er dem
Fahrer zu und warf sich auf den Rücksitz.

272
Der Fahrer tat, was er vermochte. Er überfuhr zwei Hunde, zwei Tauben und eine
Katze, er schrammte eine Straßenbahn, beschädigte einen Handwagen mit Altpapier
und erschreckte Hunderte von Passanten. Als er sein Ziel erreichte, erhob sich weit
draußen, auf die Sekunde pünktlich, das Flugzeug nach Istanbul von der Rollbahn.

Grundwortschatz

- Die Beute, das Delikt; die Funkstreife; das Geheul; die Geringschätzung; das
Geständnis; die Hetzjagd; der Kessel, die Kränkung; der Passant; die Pein; das
Revier; der Stiefel;

- abriegeln; ähneln Dat.; sich (gut) anlassen; ausfertigen; sich (gut, schlecht)
ausnehmen; sich begeben; bezicht(ig)en; einwenden; erlangen; frohlocken; geleiten;
gleichen Dat.; misshandeln; preschen; rattern; schrammen; summen; verrichten;
wähnen; zerren;

- ansehnlich; bestürzt über Akk. sein; drollig; elend; ergiebig; gewiss, grell, lässig;
übrig;

- j-m zu bedenken geben; sich geben heißen; im Einsatz sein; der Verkehr stockt; es
geht (läuft) ein Gerücht um, dass ...; etwas auf dem Kerbholz haben.

Leseverstehen

Beantworten Sie folgende Fragen. Antworten Sie in Ihren eigenen Worten und achten

Sie auf einen gepflegten Ausdruck.

1.Wie erfüllen die Polizisten ihre Aufgabe vor dem Einsatzbefehl des

Polizeipräsidenten ?

2. Welches Bild der Bürokratie erhalten wir in dieser Geschichte ?


273
3. Zeigen Sie die Ironie des Satzes: " Wir gehen den kürzesten Weg... "

4. Analysieren Sie das Verhalten des Polizeipräsidenten.

5. Zeigen Sie präzise:

a) wie die ganze Geschichte anfängt;

b) welches Element jeweils die Strategie der Polizei durchkreuzt und bewirkt, dass

der Schuldige schließlich entkommt.

6. Was will uns Kusenberg mit dieser Geschichte zeigen ?

Diskussion

1. Kommentieren Sie im Kurs verzerrtes Porträt eines Überwachungsstaates:


Unangemessenheit der Reaktion des polizeipräsidenten auf die Klage des
Wachtmeisters - Übertreibung – Abweichung von der Wirklichkeit:

a. übertreibendes Reagieren des Wachtmeisters auf den „verächtlichen Blick“ des


Rotbärtigen.

b. übertreibende Maßnahmen des Polizeipräsidenten, die Fahndung und die


Verhaftung von 58 Rotbärtigen.

3. Besprechen Sie im Kurs die These: „Der Unsinn gehört dem Sinn zu; er ist seine
Kehrseite. In den Gefilden des Sinns herrscht strenge Hierarchie, im Reich des
Unsinns fröhliche Anarchie, auch gibt es dort keine Standesunterschiede: gleiche
Kappen, gleiche Brüder.“ Wie bezieht sich diese These auf die Geschichte von Kurt
Kusenberg?

Erich Kästner

Vor dem Lesen

274
Erich Kästner erzählt in seinem Buch die Geschichte der Schildbürger für Kinder
nach. Im Mittelalter gab es einmal eine Stadt, die Schilda hieß. Deshalb nannte man
deren Bewohner auch die Schildbürger. Das waren sehr merkwürdige Leute. Denn
alles, was sie machten, war verkehrt. Und alles, was man ihnen sagte, nahmen sie
wörtlich. Das brachte manche Kaufleute, die durch Schilda kamen, in Verzweiflung,
andere hingegen lachten sich über die Dummheiten der Schildbürger kaputt. Diese
bauten zum Beispiel ein dreieckiges Rathaus ohne Fenster. Damit sie jedoch im
Rathaus auch etwas sehen konnten, schaufelten sie den Sonnenschein in Eimer und
Fässer und trugen ihn wie Wasser hinein. Als das Salz knapp wurde, wollten die
Schildbürger auf ihrem Acker Salz aussäen. Doch statt Salzkraut wuchsen dort nur
Brennnesseln. Ein anderes Mal veranstalteten die Schildbürger einen Wettstreit, um
den neuen Bürgermeister zu wählen. Derjenige, der am besten reimen konnte, sollte
Bürgermeister werden. Eines Tages gaben die Schildbürger jedoch ihre Stadt auf und
wanderten in alle Himmelsrichtungen aus, um sich in anderen Städten niederzulassen.
Heute leben dort noch die Urenkel und die Ururenkel der Schildbürger.

Die Schildbürger bauen ein Rathaus

Der Plan, das neue Rathaus nicht viereckig, sondern dreieckig zu bauen, stammte
vom Schweinehirten. Er hatte, wie schon gesagt, den Schiefen Turm von Pisa erbaut,
der mittlerweile eine Sehenswürdigkeit geworden war, und erklärte stolz: „Ein
dreieckiges Rathaus ist noch viel sehenswerter als ein schiefer Turm. Deshalb wird
Schilda noch viel berühmter werden als Pisa!“ Die anderen hörten das mit großem
Behagen. Denn auch die Dummen werden gerne berühmt. Das war im Mittelalter
nicht anders als heute.
So gingen also die Schildbürger schon am nächsten Tag morgens um sieben an die
Arbeit. Und sechs Wochen später hatten sie die drei Mauern aufgebaut. In der dem
Marktplatz zugekehrten Breitseite war ein großes Tor ausgespart worden. Und es
fehlte nur noch das Dach. Nun, auch das Dach kam bald zustande, und am Sonntag
darauf fand die feierliche Einweihung des neuen Rathauses statt. Sämtliche

275
Einwohner erschienen in ihren Sonntagskleidern und begaben sich, mit dem
Schweinehirten an der Spitze, in das weißgekalkte, dreieckige Gebäude. Doch sie
waren noch nicht an der Treppe, da purzelten sie auch schon durcheinander, stolperten
über fremde Füße, traten irgendwem auf die Hand, stießen mit den Köpfen zusammen
und schimpften wie die Rohrspatzen. Die drin waren, wollten wieder heraus. Die
draußen standen, wollten unbedingt hinein. Es gab ein fürchterliches Gedränge!
Endlich landeten sie alle, wenn auch zerschunden und mit Beulen und blauen Flecken,
wieder im Freien, blickten einander ratlos an und fragten aufgeregt: „Was war denn
eigentlich los?“ Da kratzte sich der Schuster hinter den Ohren und sagte: „In unserem
Rathaus ist es finster!“ - „Stimmt!“ riefen die andern. Als aber der Bäcker fragte:
„Und woran liegt das?“, wußten sie lange keine Antwort. Bis der Schneider
schüchtern sagte: „ Ich glaube, ich habe es.“ – „Nun?“ – „In unserem neuen Rathaus ,“
fuhr der Schneider bedächtig fort, „Ist kein Licht!“ Da sperrten sie Mund und Nase
auf und nickten zwanzigmal. Der Schneider hatte recht. Im Rathaus war es finster,
weil kein Licht drin war!
Am Abend trafen sie sich beim Ochsenwirt, tranken eins und beratschlagten, wie
man Licht ins Rathaus hineinschaffen könne. Es wurde eine ganze Reihe Vorschläge
gemacht. Doch sie gefielen ihnen nicht besonders. Erst nach dem fünften Glas
Braunbier fiel dem Hufschmied das Richtige ein. „Das Licht ist ein Element wie das
Wasser“, sagte er nachdenklich. „Und da man das Wasser in Eimern ins Haus tragen
kann, sollten wir es mit dem Licht genauso machen!“ – „Hurra!“ riefen sie alle. „Das
ist die Lösung!“ Am nächsten Tag hättet ihr auf dem Marktplatz sein müssen! Das
heißt, ihr hättet gar keinen Platz gefunden. Überall standen Schildbürger mit
Schaufeln, Spaten, Besen und Mistgabeln und schaufelten den Sonnenschein in Eimer
und Kessel, Kannen, Töpfen, Fässer und Waschkörbe. Andere hielten große, leere
Kartoffelsäcke ins Sonnenlicht, banden dann die Säcke geschwind mit Stricken zu und
schleppten sie ins Rathaus. Dort banden sie die Säcke auf, schütteten das Licht ins
Dunkel und rannten wieder auf den Markt hinaus, wo sie die leeren Säcke von neuem
aufhielten und die Eimer und Fässer und Körbe wieder voll schaufelten. Ein besonders
Schlauer hatte eine Mausefalle aufgestellt und fing das Licht in der Falle. So trieben
276
sie es bis zum Sonnenuntergang. Dann wischten sie sich den Schweiß von der Stirn
und traten gespannt durch das Rathaustor. Sie hielten den Atem an. Sie sperrten die
Augen auf. Aber im Rathaus war es genauso dunkel wie am Tag zuvor. Da ließen sie
die Köpfe hängen und stolperten wieder ins Freie.
Wie sie so auf dem Marktplatz herumstanden, kam ein Landstreicher des Weges
und fragte, wo es denn fehle. Sie erzählten ihm ihr Missgeschick und dass sie nicht ein
noch aus wüssten. Er merkte, dass es mit ihrer Gescheitheit nicht weit her sein konnte,
und sagte: „Kein Wunder, dass es in eurem Rathaus finster ist! Ihr müsst das Dach
abdecken!“ Sie waren sehr verblüfft. Und der Schweinehirt meinte: „Wenn dein Rat
gut sein sollte, darfst du bei uns in Schilda bleiben, solange du willst.“ – „Jawohl“,
fügte der Ochsenwirt hinzu, „und essen und trinken darfst du bei mir umsonst!“ Da
rieb sich der Landstreicher die Hände, ging ins Wirtshaus und bestellte eine
Kalbshaxe mit Kartoffelsalat und eine Kanne Bier.
Tags darauf deckten die Schildbürger das Rathausdach ab, und – o Wunder! – mit
einem Male war es im Rathaus sonnenhell! Jetzt konnten sie endlich ihre
Ratssitzungen abhalten, Schreibarbeiten erledigen, Gemeindewiesen verpachten,
Steuern einkassieren und alles übrige besorgen, was während der Finsternis im
Rathaus liegengeblieben war. Da es damals Sommer war und ein trockener Sommer
obendrein, störte es nicht weiter, dass sie kein Dach überm Kopf hatten. Und der
Landstreicher lebte auf ihre Kosten im Gasthaus, tafelte mittags und abends, was das
Zeug hielt, und kriegte einen Bauch.
Das ging lange Zeit gut. Bis im Herbst graue Wolken am Himmel heraufzogen und
ein Platzregen einsetzte. Es hagelte sogar. Und die Schildbürger, die gerade in ihrem
Rathaus ohne Dach saßen, wurden bis auf die Haut nass. Dem Hufschmied sauste ein
Hagelkorn, groß wie ein Taubenei, aufs Nasenbein. Der Sturm riss fast allen die Hüte
vom Kopf. Und sie rannten durchnässt nach Hause, legten sich ins Bett, tranken
heißen Fliedertee und niesten.
Als sie am nächsten Tag mit warmen Tüchern um den Hals und mit roten,
geschwollenen Nasen zum Ochsenwirt kamen, um den Landstreicher zu fragen, was
sie nun tun sollten, war er verschwunden. Da sie nun niemanden hatten, der ihnen
277
hätte helfen können, versuchten sie es noch ein paar Wochen mit dem Rathaus ohne
Dach.
Als es dann aber gar zu schneien begann und sie wie die Schneemänner am
Rathaustisch hockten, meinte der Schweinehirt: „Liebe Mitschildbürger, so geht es
nicht weiter. Ich beantrage, dass wir, mindestens für die nasse Jahreszeit, das Dach
wieder in Ordnung bringen.“ Sein Antrag wurde von allen, die sich erkältet hatten
angenommen. Es waren die meisten. Und so deckten sie den Dachstuhl, wie vorher,
mit Ziegeln.
Nun war es im Rathaus freilich wieder stockfinster. Doch diesmal wussten sich die
Schildbürger zu helfen. Sie steckten sich einen brennenden Holzspan an den Hut. Und
wenn es auch nicht sehr hell war, so konnten sie einander doch wenigstens ungefähr
erkennen. Leider begannen die Späne nach einer Viertelstunde zu flackern. Nach einer
halben Stunde roch es nach angebrannten Hüten. Und schon saßen die Männer, wie
vor Monaten, im Dunkeln. Es war sehr still geworden. Sie schwiegen vor lauter
Erbitterung. Plötzlich rief der Schuster aufgeregt: „Da! Ein Lichtstrahl!“ Tatsächlich!
Die Mauer hatte einen Riss bekommen, und durch ihn tanzte ein Streifen Sonnenlicht!
Wie gebannte starrten sie auf den goldenen Gruß von draußen. „O wir Esel!“ brüllte
da der Schweinehirt. „Wir haben ja die Fenster vergessen!“ Dabei sprang er auf, fiel
im Dunkeln über die Beine des Schmiedes und schlug sich an der Tischkante drei
Zähne aus.
So war es. Sie hatten tatsächlich die Fenster vergessen! Sie stürzten nach Hause,
holten Spitzhacken, Winkelmaß und Wasserwaage, und noch am Abend waren die
ersten Fenster fix und fertig. So wurden die Schildbürger zwar nicht wegen ihres
dreieckigen Rathauses, sondern vielmehr wegen ihrer vergessenen Fenster berühmt.
Es dauerte nicht lange, so kamen auch schon die ersten Reisenden nach Schilda,
bestaunten die Einwohner, übernachteten und ließen überhaupt ein gutes Stück Geld
in der Stadt. „Seht ihr“, sagte der Ochsenwirt zu seinen Freunden, „als wir gescheit
waren, mussten wir das Geld in der Fremde verdienen. Jetzt, da wir dumm geworden
sind, bringt man es uns ins Haus!“

278
Texterläuterungen

- der Schweinehirt(e): jemand, der eine Herde von Schweinen (auf der Weide)
bewacht;
- die Einweihung: feierliche Zeremonie zur Eröffnung eines neuen Gebäudes;
- das Gedränge: ein Durcheinander von vielen Menschen / Tieren auf engem Raum –
Gewühl;
- landen: (hier) an die genannte Stelle kommen, ohne dass dies so geplant war -
irgendwohin gelangen;
- im Freien: nicht in einem Gebäude, sondern draußen;
- der Hufschmied: ein Schmied, der Pferde mit Hufeisen beschlägt;
- schaufeln: etwas mit einer Schaufel, in den hohlen Händen o.Ä. irgendwohin
bewegen;
- schleppen: etwas Schweres mit viel Mühe (irgendwohin) tragen;
- der Landstreicher: jemand, der keine Wohnung hat und von einem Ort zum anderen
geht - Vagabund, Bettler;
- abdecken: (hier) das Dach eines Gebäudes entfernen;
- der Dachstuhl: eine Konstruktion aus Balken o.Ä., an der die (Dach)Ziegel befestigt
werden;
- der Holzspan: ein kleines, dünnes Holzstäbchen;
- gescheit: mit viel Verstand, Intelligenz – klug.

Grundwortschatz

- die Beule; das Behagen; die Schaufel, der Spaten; der Kessel; das Fass; der Strick;
die Falle; der Landstreicher, das Missgeschick; die Gescheitheit; der Dachstuhl; der
Span; die Winkelmaß; der Spaz;
- sich begeben; purzeln; stolpern; zerschunden; aufsperren; beratschlagen;
einfallen; verpachten; einsetzen; hageln; beantragen; tafeln; niesen; hocken; brüllen;
- stockfinster; schlau; schief; mittlerweile; verblüfft;
279
- an etwas (Akk.) gehen; des Weges kommen; zustande kommen; fix und fertig sein,
einnen Riss bekommen; bis auf die Haut nass werden; was das Zeug hält.

Wortschatzarbeit

1. Finden Sie im Text Synonyme zu folgenden Wörtern:


irgendwohin gehen; aufmachen; beginnen; mit aller Kraft; beraten; die Schnur;
essen; dunkel; auf eine Idee kommen; ohne Rat, keinen Rat wissend; scheu, ängstlich;
schnell, flink, rasch; laut schreien, heftig, laut heulen; überrascht.
2. Finden Sie in Ihrer Muttersprache Äquivalente zu folgenden Wortverbindungen
und stehenden Wortgruppen und bilden Sie mit ihnen Sätze oder kurze Situationen:
a) sich (Dat.) die Hände reiben; b) Wie Rohrspatzen schimpfen; c) sich hinter den
Ohren kratzen; d) Mund und Nase sperren; e) den Schweiß von der Stirn wischen;
f) den Atem anhalten; g) Fix und fertig sein.
3. Schreiben Sie aus dem Text alle Berufe der Schidbürger und Werkzeuge, mit
denen Sie gearbeitet haben. Bilden Sie mit diesen Wörtern Sätze oder kurze
Situationen.

Leseverstehen

1. Wer von den Schildbürgern erkennt, was eigentlich im Rathaus fehlt?


2. Der Hufschmied hat eine zündende Idee. Lesen Sie nach und notieren Sie die
Zeilen! Ist die Idee erfolgreich? Finden Sie Argumente!
3. Wie erkennen die Schildbürger, dass sie die Fenster vergessen haben?
4. Haben die Schildbürger ihr Ziel erreicht und sind berühmt geworden?
5. Kennen Sie noch weitere Schildbürgergeschichten? Erzählen Sie sie im Kurs!
6. Wissen Sie, um welche Textgattung es sich handelt?
7. Malen Sie im Unterricht ein Bild des dreieckigen Rathauses von Schilda!

Mit eigenen Worten


280
1. Suchen Sie fünf bis sieben Sätze oder Stellen im Text, die Sie sprachlich schwierig
finden. Schreiben Sie diese Stellen mit Ihren eigenen Worten anders. Lesen Sie im
Kurs die Sätze oder Stellen vor, die Sie ausgesucht haben. Die anderen Studenten
sollen den Inhalt des Gehörten mit ihren eigenen Worten schriftlich oder mündlich
wiedergeben, ohne dabei den Text zu Hilfe zu nehmen. Vergleichen Sie Ihre
Formulierungen mit denen Iher Kommilitonen.
3. Machen Sie ein ausführliches Erzählschema der Geschichte. Arbeiten Sie mit
anderen Studenten zusammen. Erzählen Sie die Geschichte anhand Ihres
Erzählschemas, aber mit Ihren eigenen Worten, nach.
4. Rezensieren Sie diese Geschichte. Lesen Sie dann Ihre Rezension im Kurs vor.

Diskussion

1. Kleine Baufehler passieren überall! Was würden Sie oder Ihre Eltern an Ihrer
Wohnung ändern, wenn Sie sie neu für sich bauen würden!
2. Diskutieren Sie über den Text „Die Schildbürger bauen ein Rathaus“ anhand
folgender Tipps:
- Rathaus: ist dreieckig; Tor zum Marktplatz; Dach; kein Licht
- Schweinehirt: kann eigentlich nur Schweine hüten; hat keine Kenntnisse in Bezug
auf Architektur
- Bürger von Schilda: möchten ein Rathaus, als Verwaltungsgebäude und für
Beratungen; werden berühmt auf Grund ihrer Dummheit
- Hufschmied und Landstreicher: durch Zufall entdecken die Schildbürger ihre
vergessenen Fenster; hätten sie gleich einen Architekten als Planer genommen,
wären die Baufehler nicht geschehen!

Bertolt Brecht

Wenn die Haifische Menschen wären


281
„Wenn die Haifische Menschen wären", fragte Herrn K. die kleine Tochter seiner
Wirtin „wären sie dann netter zu den kleinen Fischen?" „Sicher", sagte er. „Wenn die
Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische gewaltige
Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch Tierzeug.
Sie würden sorgen, dass die Kästen immer frisches Wasser hätten, und sie würden
überhaupt allerhand sanitäre Maßnahmen treffen. Wenn zum Beispiel ein Fischlein
sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm sogleich ein Verband gemacht,
damit es den Haifischen nicht wegstärbe vor der Zeit. Damit die Fischlein nicht
trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste; denn lustige Fischlein
schmecken besser als trübsinnige. Es gäbe natürlich auch Schulen in den großen
Kästen. In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der
Haifische schwimmt. Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit sie die
großen Haifische, die faul irgendwo liegen, finden könnten. Die Hauptsache wäre
natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein. Sie würden unterrichtet werden,
dass es das Größte und Schönste sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und
dass sie alle an die Haifische glauben müssten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden
für eine schöne Zukunft sorgen. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese
Zukunft nur gesichert sei, wenn sie Gehorsam lernten. Vor allen niedrigen,
materialistischen, egoistischen und marxistischen Neigungen müssten sich die
Fischlein hüten und es sofort den Haifischen melden, wenn eines von ihnen solche
Neigungen verriete. Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie natürlich auch
untereinander Kriege führen, um fremde Aschkästen und fremde Fischlein zu erobern.
Die Kriege würden sie von ihren eigenen Fischlein führen lassen. Sie würden die
Fischlein lehren, dass so zwischen ihnen und den Fischlein der anderen Haifische ein
riesiger Unterschied bestehe. Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich
stumm, aber sie schweigen in ganz verschiedenen Sprachen und können einander
daher unmöglich verstehen. Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein,
feindliche, in anderer Sprache schweigende Fischlein tötete, würden sie einen kleinen
Orden aus Seetang anheften und den Titel Held verleihen. Wenn die Haifische
282
Menschen wären, gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst. Es gäbe schöne Bilder,
auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre Rachen als reine
Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln lässt, dargestellt wären. Die Theater auf
dem Meeresgrund würden zeigen, wie heldenmütige Fischlein begeistert in die
Haifischrachen schwimmen, und die Musik wäre so schön, dass die Fischlein unter
ihren Klängen, die Kapelle voran, träumerisch und in allerangenehmste Gedanken
eingelullt; in die Haifischrachen strömten. Auch eine Religion gäbe es da, wenn die
Haifische Menschen wären. Sie würde lehren, dass die Fischlein erst im Bauch der
Haifische richtig zu leben begännen. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die
Haifische Menschen wären, dass alle Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind. Einige von
ihnen würden Ämter bekommen und über die anderen gesetzt werden. Die ein wenig
größeren dürften sogar die kleineren auffressen. Das wäre für die Haifische nur
angenehm, da sie dann selber öfter größere Brocken zu fressen bekämen. Und die
größeren, Posten habenden Fischlein würden für die Ordnung unter den Fischlein
sorgen, Lehrer, Offiziere, Ingenieure im Kastenbau usw. werden. Kurz, es gäbe
überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen wären."

Erläuterungen zum Text

das Tierzeug - abschätzend für alle Tiere;


verraten - hier: etw. erkennen lassen;
der Kasten - übertr. Bedeutung: Haus, Wagen, Schiff;
der Seetang - das Seegras;
der Lustgarten - hübsch angelegter Garten zum Spazierengehen;
sich tummeln - umherlaufen und spielen, sich lebhaft bewegen (besonders von
Kindern): übertr. Bedeutung (umg.): sich beeilen;
einlullen - in den Schlaf singen.

Grundwortschatz
283
- Der Rachen; die Flosse; der Gehorsam; der Haifisch; der Kasten; die Neigung; der
Lustgarten; die Nahrun; der Seetang;

- anheften; sich aufopfern (für erw.); sich vor etw. hüten;sich tummeln; verkünden;
verraten;

- trübsinnig;
- sanitäre Maßnahmen treffen; einen Verband machen; ein Amt bekommen; über
jmdn. gesetzt werden; unmöglich+ Inf. eines Verbs (z. B zu verstehen; den Titel
verleihen.

Aufgabenstellungen zum Inhalt des Textes

l. l. Beantworten Sie folgende Fragen zum Text:


a) Warum verwendet Bertolt Brecht die Figur des Herrn K.?
b) Was hätten Menschen, wenn sie Haifische wären, für die Fischlein gebaut und zu
welchem Zweck?
c) Warum würden sie von Zeit zu Zeit große Wasserfeste organisieren?
d) Welche Aufgaben hätte die Schule?
e) Unter welchen Bedingungen hätten Fischlein eine schöne Zukunft?
f) Was würden Haifische, wenn sie Menschen wären, im Kriegsfall die kleinen
Fischlein lehren?
g) Warum würden die Fischlein von verschiedenen Haifischen einander nicht
verstehen?
h) Welche Rolle sollte die Malerei im Erziehungsprozess der Fischlein spielen?
i) Welche Rolle käme dem Theater und der Musik zu?
j) Was sollte die Religion lehren?
k) Wie stünde es um die Gleichheit der Fischlein, wenn die Haifische Menschen
wären?
284
l) Welche Bedeutung hat die Kultur unter solchen Bedingungen?

1.2. Übersetzen Sie den Text von der Stelle "Wenn die Haifische Menschen wären,
gäbe es bei ihnen natürlich auch eine Kunst (...)" bis zum Ende der
Kalendergeschichte in Ihre Muttersprache.
l.3. Bestimmen Sie den Gegenstand des Textes
1.4. Erstellen Sie eine Gliederung zum Text.
1.5. Geben Sie den Inhalt des Textes wieder.
1.6. Erklären Sie das Anliegen dieses Textes.
2.4. Sprechen Sie über die Stilmittel und erklären Sie ihre Funktion im Text:
2.4.1. Bestimmen Sie, welche der folgenden Sätze ironisch und welche sarkastisch
sind. Welche konkreten Stilmittel erzeugen den Sarkasmus und die Ironie im Text
stilgefärbte, wertende Lexik, Antonyme. Wiederholung, Absonderung, Vergleich,
Oxymoron, Doppelsinn). Erklären Sie die Funktion des Sarkasmus und der Ironie im
Text.
a) Wenn die Haifische Menschen wären, würden sie im Meer für die kleinen Fische
gewaltige Kästen bauen lassen, mit allerhand Nahrung drin, sowohl Pflanzen als auch
Tierzeug.
b) Wenn zum Beispiel ein Fischlein sich die Flosse verletzen würde, dann würde ihm
sogleich ein Verband gemacht, damit es den Haitischen nicht wegstürbe vor der Zeit.
c) Damit die Fischlein nicht trübsinnig würden, gäbe es ab und zu große Wasserfeste:
denn lustige Fischlein schmecken besser als trübsinnige.
d) In diesen Schulen würden die Fischlein lernen, wie man in den Rachen der
Haifische schwimmt.
e) Sie würden zum Beispiel Geographie brauchen, damit sie die großen Haifische, die
faul irgendwo liegen, finden könnten.

285
f) Sie würden unterrichtet werden, dass es das Größte und das Schönste sei, wenn ein
Fischlein sich freudig aufopfert, und dass sie alle an die Haifische glauben müssten,
vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft sorgen.

g) Die Fischlein, würden sie verkünden, sind bekanntlich stumm, aber sie schweigen
in ganz verschiedenen Sprachen und können einander daher unmöglich verstehen.
h) Jedem Fischlein, das im Krieg ein paar andere Fischlein, feindliche, in anderer
Sprache schweigende Fischlein tötete, würden sie einen kleinen Orden aus Seetang
anheilen und den Titel Held verleihen.
i) Es gäbe schöne Bilder, auf denen die Zähne der Haifische in prächtigen Farben, ihre
Rachen als reine Lustgärten, in denen es sich prächtig tummeln lässt, dargestellt
wären
j) Auch eine Religion gäbe es da, wenn die Haifische Menschen wären. Sie würde
lehren, dass die Fischlein erst im Bauch der Haifische richtig zu leben begännen.
k) Kurz, es gäbe überhaupt erst eine Kultur im Meer, wenn die Haifische Menschen
wären."
2.5. Sprechen Sie anhand des Textes über die Einstellung des Autors zum
Dargestellten. Warum beginnt er in naivem Ton und geht zu naiv-ironischem und
naiv-sarkastischem Ton über?

Leseverstehen

1. Formulieren Sie die Kernaussage dieser Parabel (Gleichniserzählung) und belegen


Sie sie mit den Beispielen aus dem Text.

2. Für welche der folgenden Lebensbereiche würden die Haifische etwas tun?
Führen Sie Beispiele an. Erklären Sie auch, warum die Haifische das alles tun
würden. (Gründe und Absichten können Sie mit den Konjunktionen damit, weil, und
um . . . zuerklären.)
a. die Religion; b. Gesundheit; c, Kunst; d. Politik; e. Sport. f. Militär; g. Haus- und

286
Wohnungsbau; h. Verwaltung/Beamtentum; i. Schule; j. Lebensmittelversorgung;

Mit eigenen Worten


Fischlein
Sagen Sie das anders. Bitte achten Sie darauf, dass viele Sätze im Konjunktiv sind.
Beispiel:
Die Kriege würden sie (die Haifische) von ihren eigenen Fischlein führen lassen.
Die Fischlein müssten im Krieg für die Haifische kämpfen.
1. Sie (die Haifische) würden sorgen, dass die Kästen immer frisches Wasser hätten,
und sie würden überhaupt allerhand sanitäre Maßnahmen treffen.
2. Die Hauptsache wäre natürlich die moralische Ausbildung der Fischlein.
3. Sie (die Fischlein) würden unterrichtet werden, dass es das Größte und Schönste
sei, wenn ein Fischlein sich freudig aufopfert, und dass sie alle an die Haifische
glauben müssten, vor allem, wenn sie sagten, sie würden für eine schöne Zukunft
sorgen.
4. Man würde den Fischlein beibringen, dass diese Zukunft nur gesichert sei, wenn
sie Gehorsam lernten.
5. Übrigens würde es auch aufhören, wenn die Haifische Menschen wären, dass alle
Fischlein, wie es jetzt ist, gleich sind.
6. Sie würden die Fischlein lehren, dass zwischen ihnen und den Fischlein der
anderen Haifische ein riesiger Unterschied bestehe.

Diskussion

1. Was meinen Sie über die Aussage eines deutschen Schülers über diese

Kurzgeschichte: „Der Autor hält in der Erzählung den Menschen einen Spigel vor,
indem er fragt, was wäre, wenn der raubgierige Haifisch ein Mensch wäre. Fazit: Der

287
Mensch ist schlimmer als ein Haifisch. Er ist berechnend, machtgierig; hält nichts von
sozialer Gerechtigkeit, ist rücksichtslos und kriegslüster, benutzt die Kunst, um den
Menschen falsche Realität vorzuspiegeln ...“

2. Was wissen Sie über Haifische? Welche Eigenschaften sind für diese Fische
charakteristisch? Besprechen Sie das im Kurs mit anderen Studenten.
3. Bertolt Brecht war Kommunist. Diskutieren Sie im Unterricht, ob er hier an
bestimmte Gesellschaftssysteme denkt, oder an die Menschen überhaupt. An welche
Beispiele in der Geschichte Europas oder Amerikas denkt Brecht vermutlich?
4. Halten Sie seine Meinung für richtig? Begründen Sie Ihre Antwort. Führen Sie
konkrete Beispiele von Haifischen in Ihrer Kultur an, wenn Sie glauben, dass es
solche gibt.
5. Möchten Sie lieber ein Fischlein oder ein Haifisch sein? Warum?
6. Was sollten die Fischlein Ihrer Meinung nach tun, um ihre Lage zu verstehen und
sie zu verändern? Gibt es konkrete Beispiele in unserer Welt, in denen die Fischlein
versuchten, ihr Leben zu ändern und es zu verbessern? Wie sollten sie das tun?
7. Besprechen Sie die Rolle der Religion in der Welt der Haifische. Denken Sie dabei
an das Wort von Karl Marx, Religion sei das Opium des Volkes. Was meinte Marx
wohl damit?
8. Ist Ihnen das Werk Animal Farm von George Orwells bekannt?. Wenn ja, dann
welche Parallelen finden Sie im Denken von Brecht und Orwell ?

Heinrich Böll

288
Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

In einem Hafen an einer westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter
Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt ebeneinen
neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer
Himmel, grüne See mit friedlichen, schneeweißen Wellenkämmen, schwarzes Boot,
rote Fischermütze. Klick. Noch einmal: klick, und da aller guten Dinge drei sind und
sicher sicher ist, ein drittes Mal: klick. Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt
den dösenden Fischer, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nachseiner
Zigarettenschachtel angelt. Aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm dereifrige
Tourist schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nichtgerade in
den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des
Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab.

Durch jenes kaum messbare, nienachweisbare zuviel an flinker Höflichkeit ist eine
gereizte Verlegenheit entstanden,die der Tourist - der Landessprache mächtig - durch
ein Gespräch zu überbrücken versucht. "Sie werden heute einen guten Fang
machen.“Kopfschütteln des Fischers. "Aber man hat mir gesagt, dass das Wetter
günstigist."

Kopfnicken des Fischers."Sie werden also nicht ausfahren?" Kopfschütteln des


Fischers, steigende Nervosität des Touristen. Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich
gekleidetenMenschen am Herzen, nagt an ihm die Trauer über die verpasste
Gelegenheit.

"Oh? Sie fühlen sich nicht wohl?" Endlich geht der Fischer von der
Zeichensprache zum wahrhaft gesprochenen Wort über. "Ich fühle mich großartig",
sagt er. "Ich habe mich nie besser gefühlt." Er steht auf, reckt sich, als wollte er
demonstrieren, wie athletisch er gebaut ist. "Ich fühlemich phantastisch."

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Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die
Fragenicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht: "Aber
warum fahren Sie dann nicht aus?"

Die Antwort kommt prompt und knapp.

"Weil ich heute morgen schon ausgefahren bin."

"War der Fang gut?"

"Er war sogut, dass ich nicht noch einmal ausfahren brauche, ich habe vier
Hummer in meinen Körben gehabt, fast zwei Dutzend Makrelen gefangen."

Der Fischer, endlich erwacht, taut jetzt auf und klopft dem Touristen auf die
Schulter. Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar
unangebrachter, doch rührender Kümmernis.

"Ich habe sogar für morgen und übermorgen genug!" sagte er, um des Fremden
Seele zu erleichtern.

"Rauchen Sie eine von meinen?"

"Ja, danke."

Zigaretten werden in Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Fremde setzt sich
kopfschüttelnd auf den Bootsrand, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt
beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.

"Ich will mich ja nicht in Ihre persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt er,
"aber stellen Sie sich mal vor, Sie führen heute ein zweites, ein drittes, vielleicht sogar
ein viertes Mal aus, und Sie würden drei, vier, fünf, vielleicht sogar zehn Dutzend
Makrelen fangen. tellen Sie sich das mal vor!"

Der Fischer nickt.

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"Sie würden", fährt der Tourist fort, "nicht nur heute, sondern morgen,
übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei-, dreimal, vielleicht viermal ausfahren -
wissen Sie, was geschehen würde?"

Der Fischer schüttelt den Kopf.

"Sie würden sich in spätestens einem Jahr einen Motor kaufen können, in
zweiJahren ein zweites Boot, in drei oder vier Jahren könnten Sie vielleicht einen
kleinen Kutter haben, mit zwei Booten oder dem Kutter würden Sie natürlich viel
mehr fangen - eines Tages würden Sie zwei Kutter haben, Sie würden...", die
Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, "Sie würden ein
kleines Kühlhaus bauen, vielleicht eine Räucherei, später eine Marinadenfabrik, mit
einem eigenen Hubschrauber rundfliegen, die Fischschwärme ausmachen und Ihren
Kuttern per Funk Anweisung geben, sie könnten die Lachsrechte erwerben, ein
Fischrestaurant eröffnen, den Hummer ohne Zwischenhändler direkt nach Paris
exportieren - und dann..." - wieder verschlägt die Begeisterung dem Fremden die
Sprache. Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast
verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen
Fische munter springen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung
die Sprache.

Der Fischer klopft ihm auf den Rücken wie einem Kind, das sich verschluckt hat.
"Was dann?" fragt er leise.

"Dann", sagt der Fremde mit stiller Begeisterung, "dann könnten Sie beruhigt hier
im Hafen sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Meer blicken."

„Aber das tu ich ja schon jetzt", sagt der Fischer, "ich sitze beruhigt am Hafen und
döse, nur Ihr Klicken hat mich dabei gestört."

Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Tourist nach-denklich von dannen, denn
früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr

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arbeiten zu müssen, aber es blieb keine Spur von Mitleid mit dem ärmlich gekleideten
Fischer in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

Grundtwortschatz

- Der Hummer; die Makrele; der Kutter; die Verlegenheit; ; der Neid;
- dösen; nagen; sich verschlucken; etw (mit etwas) überbrücken; etw. nagt an jmdm.;
- spröde; eilfertig; gereizt; unangebracht; flink; ; rührend;
- einen Farbfilm in den Fotoapparat legen; aller guten Dinge sind drei; etwas liegt
jmdm am Herzen; Mitleid mit jmdm. haben; sicher ist sicher (umg.).

Texterläuterungen

der Hummer - großer (Meeres-)Krebs mit kräftigen Scheren, dessen Fleisch als
Delikatesse gegessen wird
dösen - schlummern, halbwach träumen
der Wellenkamm - oberster Teil einer Welle, oft mit weißem Schaum
spröde - hier: hart, kühl
eilfertig - hier: übertrieben eifrig, dienstfertig
nachweisen - zeigen, vorweisen, beweisen
gereizte Verlegenheit - ärgerliche Unsicherheit, gereizte, verlegene Atmosphäre
nagen - wie Ratten und Mäuse fressen; hier: etw. nagt an jmdm.=etw. quält jmdn;
unangebracht - überflüssig, unnötig, unpassend, nicht wünschenswert
die Kümmernis - Sorge, Kummer, innere Not
prompt - ohne Zögern
Nachdruck verleihen - betonen
der Kutter - großes Fischerboot
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die Räucherei - Raum oder Gebäude, in dem z.B.Wurst, Schinken oder Fisch durch
Rauch haltbar gemacht wird
die Lachsrechte - das Recht, Lachsfische zu fangen
(seiner Urlaubsfreuden verlustig) - vgl. verlieren, der Verlust
sich verschlucken - irgend etwas in den Hals bekommen und dann husten müssen
von dannen ziehen (veralt.) - weggehen

Zum Inhalt des Textes

1.1. Beantworten Sie folgende Fragen zum Text:


a) Wo spielt die Geschichte?
b) Was reizt den Touristen, Fotos zu machen?
c) Wie benimmt sich der Tourist, um den Fischer, den er im Halbschlaf gestört hat,
freundlich zu stimmen?
d) Warum steigt die Nervosität des Touristen, als er erfährt, dass der Fischer auch
bei gutem Wetter nicht ausfahren wird?
e) Wieso machen die Antworten des Fischers den Touristen immer unglücklicher?
f) Wie begründet der Fischer seine Entscheidung, nicht noch einmal auszufahren?
g) Welchen Rat gibt ihm der Tourist?
h) Was ist nach Meinung des Touristen das Ziel menschlicher Tätigkeit?
i) Warum meint der Fischer, dass er dieses Ziel schon erreicht hat?
j) Wie ist die Reaktion des Touristen darauf?
1.2. Übersetzen Sie den Text von der Stelle "Durch jenes kaum messbare nie
nachweisbare Zuviel (...)" bis zu "(...) an ihm nagt die Trauer über die verpasste
Gelegenheit" in Ihre Muttersprache.
l .3. Bestimmen Sie den Gegenstand des Textes.
l .4. Erstellen Sie eine Gliederung zum Text.

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l .5. Fassen Sie den Inhalt des Textes kurz zusammen.
l .6. Bestimmen Sie die Pointe und den Grundgedanken des Textes.

Zur sprachlichen Gestaltung des Textes


2.1. Bestimmen Sie die Erzählperspektive des Textes.
2.2. Sprechen Sie zur Komposition des Textes:
2.2.1. Weisen Sie anhand von Beispielen aus dem Text die Wiedergabe räumlicher
Beziehungen im Text nach; beachten Sie dabei explizite und implizite Mittel des
Lokalfeldes.
2.2.2. Bestimmen Sie die vorherrschende Zeitform des Textes und erklären Sie ihre
Bedeutung für die Komposition.
2.2.3. Bestimmen Sie die expliziten und impliziten Mittel zur Wiedergabe der
Zeitabfolge im Text.
2.3. Sprechen Sie über die Koloritzeichnung des Textes. Versuchen Sie, die
Staatsangehörigkeit des Touristen und des Fischers zu bestimmen und begründen Sie
Ihre Aussage durch Beispiele aus dem Text.
2.4. Sprechen Sie über die Art und Funktion der Stilmittel des Textes.
2.4.1. Bestimmen Sie die Art der Epitheta und ihre Funktion im Text: ordentlich
gekleideter Mann; das idyllische Bild; friedliche schneeweiße Wellenkämme; ein
schwarzes Boot; das spröde, fast feindselige Geräusch; die eilfertige Höflichkeit;
flinke Höfichkeit; steigende Nervosität; rührende Kümmernis; der solcherlei belehrte
Tourist
2.4.2. Stellen Sie fest, durch welches Stilmittel in den folgenden Beispielen eine
heitere Ironie der Aussage entsteht. Begründen Sie die Anwendung dieses Stilmittels.
Welche Rolle spielen dabei Antithesen und Wiederholungen?
a) In einem Hafen an der westlichen Küste Europas liegt ein ärmlich gekleideter
Mann in seinem Fischerboot und döst. Ein schick angezogener Tourist legt eben einen
neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: (...)
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b) "Sie werden also nicht ausfahren?" Kopfschütteln des Fischers, steigende
Nervosität des Touristen.
c) Gewiss liegt ihm das Wohl des ärmlich gekleideten Menschen am Herzen, an
ihm nagt die Trauer über die verpasste Gelegenheit.

d) Der Gesichtsausdruck des Touristen wird immer unglücklicher, er kann die


Frage nicht mehr unterdrücken, die ihm sozusagen das Herz zu sprengen droht.: "Aber
warum fahren Sie dann nicht aus?"

e) Kopfschüttelnd, in tiefstem Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreuden schon fast


verlustig, blickt er auf die friedlich hereinrollende Flut, in der die ungefangenen
Fische munter springen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung
die Sprache. Der Fischer klopft ihm auf den Rücken wie einem Kind, das sich
verschluckt hat.
2.5. Sprechen Sie anhand des Textes über die Einstellung des Autors zum
Dargestellten. Beachten Sie dabei den Titel, Besonderheiten des literarischen Genres
„Anekdote“ und den Ton des Textes. Inwiefern gibt der muntere, heiter-ironische Ton
des Anfangs, der gutmütig-ironische Ton der Mitte, der erregt-euphorische Ton der
Annäherung zu Pointe und der ironisch-belehrende Ton des Nachspiels die
Einstellung des Auto zum Dargestellten wieder?

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ANHANG 1. Über die Autoren

Ilse Aichinger

Geboren 1921 in Wien. Ilse Aichinger ist eine österreichische Schriftstellerin. Sie gilt
als bedeutende Repräsentantin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Ilse
Aichinger und ihre Zwillingsschwester Helga Michie wurden als Töchter einers
Lehrers und einer jüdischen Ärztin in Wien geboren. Der Anschluss Österreichs
bedeutete für die Familie Verfolgung und Lebensgefahr. Ilse Aichinger lebte völlig
isoliert von der Öffentlichkeit, ein Studienplatz wurde ihr verweigert. 1945 begann Ilse
Aichinger Medizin zu studieren, brach aber nach fünf Semestern ab, um ihren teils
autobiographischen Roman Die größere Hoffnung zu schreiben. 1949/50 arbeitete sie
als Verlagslektorin, 1950/51 als Assistentin an der Hochschule in Ulm. 1951 wurde sie
erstmals zur Gruppe 47 eingeladen. 1981 zog Ilse Aichinger nach Frankfurt am Main
und 1988 nach Wien, wo sie nach einer längeren Schaffenspause Ende der 1990er
Jahre wieder zu schreiben begann. Sie gewann renommierte Literaturpreise, obwohl
ihre Veröffentlichungen immer weniger und kürzer wurden.. Ilse Aichinger lebt in
Wien, wo sie immer noch fast täglich ihr Stammcafé aufsucht (Café Demel am
Michaelerplatz).

Wolfgang Altendorf

Geboren 1921 in Mainz, gestorben 2007 in Freudenstadt, ist ein deutscher


Schriftsteller, Verleger und Maler. Als Maler veranstaltete er bis Anfang der 1990er
Jahre über zwanzig Ausstellungen. Seine Anzahl von geschaffenen Bildern wird mit
1500 angeben. Im Jahre 1971 gründete er die Altendorf-Kulturstiftung. Sein

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umfangreiches literarisches und malerisches Wirken erreichte eine Gesamtauflage von
750 000 Büchern. Er schuf mit seinen Illustrationen einen eigenen Stil, linear-
dynamischer Realismus genannt.

Hans Carl Artmann

Geboren 1921 in Wien-Breitensee, gestorben 2000 in Wien. H.C. Artmann ist ein
österreichischer Schriftsteller und Übersetzer. 1940 wurde er zur Wehrmacht
eingezogen und kämpfte im Zweiten Weltkrieg, bis er 1941 verwundet wurde. Danach
blieb er bis zum Kriegsende in einem Strafbataillon der Wehrmacht. Artmann
veröffentlichte ab 1947 literarische Texte im Hörfunk und in der Zeitschrift Neue
Wege. Seit 1952 arbeitete er in der Wiener Gruppe. Seit 1954 unternahm Artmann
ausgedehnte Reisen durch Europa, lebte 1961–1965 in Schweden, danach bis 1969 in
Berlin und ab 1972 in Salzburg. Er war Präsident und Gründungsmitglied der Grazer
Autorenversammlung, erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen, arbeitete auch als
Übersetzer, unter anderem aus dem Englischen

Hans Bender

Geboren 1919 in Mühlhausen (Kraichgau), ist ein deutscher Schriftsteller und


Herausgeber. Nach der Rückkehr aus Krieg und Gefangenschaft in Russland begann
Hans Bender seinen literarischen Weg mit dem Verfassen von Gedichten und
Kurzgeschichten sowie der Herausgabe der Literaturzeitschrift Konturen. 1954
gründete er die Zeitschrift Akzente, die schnell zu einer der bedeutendsten
Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum wurde. 1957 erhielt Bender den
Kurzgeschichtenpreis der Süddeutschen Zeitung. Hans Bender lebt in Köln.

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Peter Bichsel

Geboren 1935 in Luzern, Schweiz, ist ein Schweizer Schriftsteller, bekannt


insbesondere für seine Kurzgeschichten und Kolumnen. Peter Bichsel wuchs als Sohn
eines Handwerkers in Luzern auf. Am Lehrerseminar in Solothurn liess er sich zum
Primarlehrer ausbilden. Bis 1968 arbeitete er als Primarlehrer. Zwischen 1974 und
1981 war er als persönlicher Berater für Bundesrat Willi Ritschard tätig, mit dem er
befreundet war. Er engagierte sich für eine Schweiz ohne Armee. Die Essaysammlung
«Des Schweizers Schweiz» machte ihn 1969 zum für manche meistgehassten
Schweizer, aber Bichsel ist «ein Wenigschreiber», wie er sagt. Die Gruppe 47 nahm
ihn begeistert auf und verlieh ihm 1965 ihren Literaturpreis. Er lebt in Bellach bei
Solothurn. Peter Bichsel ist Mitglied der Akademie der Künste in Berlin und
korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in
Darmstadt.

Wolf Biermann

Geboren 1936 in Hamburg, ist ein deutscher Liedermacher und Lyriker. Sein Vater, ein
jüdischer Hamburger Werftarbeiter, wurde 1943 im KZ Auschwitz ermordet. Nach
dem Zweiten Weltkrieg trat Wolf Biermann den Jungen Pionieren bei und war eines
der wenigen Arbeiterkinder, die das Heinrich-Hertz-Gymnasium in Hamburg
besuchten. 1960 begann Biermann Gedichte und Lieder zu schreiben. 1961 gründete er
in Ost-Berlin das Berliner Arbeiter-Theater (b.a.t.). Seinen ersten Gastspielauftritt
hatte Biermann 1964. 2007 wurde Wolf Biermann zum 115. Ehrenbürger von Berlin
ernannt. Am 7. November 2008 erhielt er in einem akademischen Festakt von der
Humboldt-Universität zu Berlin die Ehrendoktorwürde, außerdem wurde ihm die
Diplomurkunde für das Fach Philosophie überreicht.

298
Heinrich Böll

Geboren 1917 in Köln, gestorben 1985 in Kreuzau-Langenbroich. Seit 1951 freier


Schriftsteller, Autor von Erzählungen, Romanen, Hörspielen und Dramen. Heinrich
Böll gilt als einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit.
Erhielt 1972 den Nobelpreis für Literatur, schrieb auch viele Essays und
Diskussionsbeiträge zu kulturellen und politischen Fragen. Wichtige Themen seiner
Dichtungen sind der Widersinn des Krieges, Heimkehrerschicksale und die
Gesellschaft der Nachkriegszeit, die er oft kritisch-satirisch darstellt. Einige seiner
Werke: „Der Zug war pünktlich" (Erzählungen, 1949), „Wo warst du, Adam?“
(Roman, 1951), „Billard um halb zehn" (Roman, 1959), „Ansichten eines Clowns"
(Roma 1963), „Gruppenbild mit Dame" (Roman, 1971).

Wolfgang Borchert

Geboren 1921 in Hamburg, gestorben 1947 in Basel war ein deutscher Schriftsteller.
Er ist einer der bekanntesten Autoren der Trümmerliteratur, jener kurzlebigen
Literaturepoche nach dem Zweiten Weltkrieg, die vom Zusammenbruch der Städte,
von Familienstrukturen und den Traumata des Krieges geprägt ist. Er starb schon
1947 mit 26 Jahren, einen Tag bevor sein bekanntes Theaterstück "Draußen vor der
Tür" uraufgeführt wurde. Wolfgang Borchert ist ein Meister der Kurzgeschichte, wie
sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland beliebt war. Er schreibt vom Krieg,
den er schmerzlich erlebt hat, und von Kriegsheimkehrern, die sich in der
ausgebombten Heimat nicht zurechtfinden.

299
Bertolt Brecht

Geboren 1898 in Augsburg, gestorben 1956 in Berlin. Bertolt Brecht wird als
einflussreichster deutscher Dramatiker und Lyriker des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Er
ist auch international für seine Werke angesehen und ausgezeichnet worden. Brecht gilt
als einer der wichtigsten deutsche Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts und als
Begründer des epischen Theaters bzw. „dialektischen Theaters“.

Von 1917 bis 1918 studierte Brecht an der Ludwig-Maximilians-Universität München


Naturwissenschaften, Medizin und Literatur. Sein Studium musste er im Jahr 1918
unterbrechen, da er in einem Augsburger Lazarett als Sanitätssoldat eingesetzt wurde.
1921 wurde er exmatrikuliert. 1921/22 war Brecht dann noch kurze Zeit an der
Philosophischen Fakultät in Berlin eingeschrieben, nahm das Studium aber nicht auf.

1924 zog Brecht ganz nach Berlin. Hier arbeitete er als Dramaturg an verschiedenen
Theatern, entwickelte sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zum überzeugten
Kommunisten und verfolgte fortan mit seinem Werk politische Ziele. Er trat aber nie in
die KPD ein. Parallel zur Entwicklung seines politischen Denkens verläuft ab 1926 die
Entwicklung des epischen Theaters. . Im Februar 1933 - einen Tag nach dem
Reichstagsbrand - verließ Brecht mit seiner Familie Berlin und flüchtete nach
Dänemark. Seine Werke wurden von den Nationalsozialisten verbrannt. Im Jahre 1939
verließ er Dänemark, lebte in der Nähe Stockholms und 1940 in Helsinki. . Im Sommer
1941 fuhr er via Moskau im Transsibirienexpress nach Wladiwostok. Von da aus fuhr
er mit dem Schiff nach Kalifornien, wo er in der Nähe von Hollywood lebte. Kurz nach
dem Krieg wurde Brecht von Freunden gedrängt, nach Deutschland zurückzukommen
und seine Stücke selbst zu inszenieren. Brecht reiste im Oktober 1948 von Zürich über
Salzburg und Prag nach Berlin. Im folgenden Herbst gründeten Bertolt Brecht und
seine Frau Helene Weigel das „Berliner Ensemble“, das sich zu einer der
bedeutendsten Experimentierbühnen Europas entwickelte.

300
Bertolt Brecht hat auch Gedichte, Erzählungen, theoretische Essays und Aufsätze
geschrieben. Seine Theorie und Praxis des "epischen Theaters" haben wesentlich zum
modernen Theater beigetragen. Umstritten ist er noch immer, unabhängig von der
hohen Qualität seiner Werke. Am 14. August 1956, im Alter von 58 Jahren, erlag
Bertolt Brecht in Berlin einem Herzinfarkt.

Max von der Grün

Geboren 1926 in Bayreuth, gestorben 2005 in Dortmund, ist ein deutscher


Schriftsteller. Im Zweiten Weltkrieg nahm er als Fallschirmjäger teil und geriet in
amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung machte er eine Lehre als
Maurer und arbeitete bis 1951 in diesem Beruf. Von 1951 bis 1954 war er als Hauer
tätig. Nach einem schweren Unfall wurde er zum Grubenlokführer ausgebildet. Diesen
Beruf übte er bis 1963 aus. 1955 begann er mit dem Schreiben. Er lebte als freier
Schriftsteller von 1963 bis zu seinem Tod am 7. April 2005 in Dortmund. In seinen
Büchern beschäftigte sich Max von der Grün mit der Arbeitswelt und aktuellen
politischen, privaten sowie auch sozialen Problemen. Er gilt deshalb als einer der
wichtigsten deutschen Vertreter der Literatur der Arbeitswelt in der Nachkriegszeit.
Von der Grün war 1961 eines der Gründungsmitglieder der "Dortmunder Gruppe 61";
von 1964 bis zu seinem Tod war er Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik
Deutschland.

Peter Hacks

Geboren 1928 in Breslau, gestorben 2003 in Groß Machnow bei Berlin. Peter Hacks
war als Dramatiker, Lyriker, Erzähler und Essayist sehr erfolgreich. Lange Zeit war
er der einzige Gegenwartsdichter, der sowohl auf den Bühnen der DDR als auch auf
denen der BRD stark präsent war. Der Erfolg seines Stückes Ein Gespräch im Hause
Stein über den abwesenden Herrn von Goethe ist auf den deutschen Bühnen des 20.
301
Jahrhunderts beispiellos. Für Kinder verfasste er Gedichte, Erzählungen,
Kinderromane und Kindermärchen. Seine Werke wurden mehrfach ausgezeichnet.
1998 erhielt er den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Hermann Hesse

Geboren 1877 in Calw, gestorben 1962 in Montagnola, Schweiz, ist ein deutsch-
schweizerischer Dichter, Schriftsteller und Freizeitmaler. Seine bekanntesten
literarischen Werke sind Der Steppenwolf, Demian, Narziß und Goldmund und Das
Glasperlenspiel, welche die Suche des Individuums nach Spiritualität außerhalb der
Gesellschaft zum Inhalt haben. Ihm wurden unter anderem 1946 der Nobelpreis für
Literatur und 1955 die Friedensklasse des Ordens „Pour le Mérite“ verliehen.

Wolfgang Hildesheimer

Geboren 1916 in Hamburg, gestorben 1991 in Poschiavo, Graubünden, Schweiz, ist ein
deutsch-jüdischer Schriftsteller und Maler. Er ist vor allem durch seine Hörspiele und
Dramen bekannt geworden. Wolfgang Hildesheimer wurde als Sohn jüdischer Eltern in
Hamburg geboren. Nach einer Schreinerlehre in Palästina, wohin seine Eltern emigriert
waren, studierte er Malerei und Bühnenbildnerei in London. 1946 begann er eine
Tätigkeit als Simultandolmetscher und Gerichtsschreiber bei den Nürnberger
Prozessen. Er arbeitete danach als Schriftsteller und war Mitglied der Gruppe 47.
Neben seinen literarischen Werken verfertigte Hildesheimer auch Collagen, die er in
mehreren Bänden sammelte

302
Barbara Honigmann

Geboren 1949 in Berlin, ist eine deutsche Schriftstellerin und Malerin. Barbara
Honigmann ist die Tochter deutsch-jüdischer Emigranten, die das Dritte Reich im
britischen Exil überlebten und 1947 nach Ost-Berlin kamen, um am Aufbau eines
neuen Deutschland mitzuhelfen. Ihr Vater Georg Honigmann stammte ursprünglich
aus Frankfurt am Main und entschied sich aufgrund seiner kommunistischen
Überzeugung zur Remigration in die sowjetische Besatzungszone. In Ost-Berlin war
er Chefredakteur der Berliner Zeitung . Im englischen Exil hatte er die Mutter
Honigmanns, die aus Wien stammende Lizzy Kohlmann kennen gelernt und
geheiratet, welche in erster Ehe mit dem Doppelagenten Kim Philby verheiratet
gewesen war. Nach ihrem Abitur studierte Honigmann ab 1967 an der Humboldt-
Universität das Fach Theaterwissenschaft. Viele Jahre arbeitete sie als Dramaturgin
und Regisseurin. Seit 1975 ist sie freie Schriftstellerin. 1984 reiste sie aus der DDR
aus. In ihrem Buch Roman von einem Kinde spricht sie von einem „dreifachen
Todessprung ohne Netz: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich,
und aus der Assimilation mitten in das Thora-Judentum hinein“. Seitdem lebt die
Autorin in Straßburg. Honigmann ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger
Autoren im Ausland. Seit 2007 ist sie korrespondierenderendes Mitglied der
Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz

Erich Kästner

Erich Kästner (1899-1974) schrieb Kinderbücher, satirische und zeitkritische Gedichte


und Romane, Kabarett-Texte, Feuilletons, Theaterstücke und Drehbücher. Seine
Bücher wurden mit vielen anderen 1933 verbrannt, Kästner selbstwurde mehrmals
von der Gestapo verhaftet. Der Georg-Büchner-Preisträger war nach dem Krieg u.a.

303
Redakteur der "Neuen Zeitung" in München, gab die Jugendzeitschrift "Pinguin"
heraus und wurde Mitglied beim Kabarett "Schaubühne". 

Susanne Kilian

Geboren 1979 in Bad Muskau, studiert seit 2007 Kulturwissenschaften und Ästhetische
Praxis an der Universität Hildesheim.

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist

Geboren 1777 in Frankfurt (Oder), gestorben 1811 am Kleinen Wannsee bei – Berlin),
ist ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker, Publizist und Patriot. Kleist stand als
„Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit jenseits der etablierten Lager“ und der
Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem für
das „historische Ritterschauspiel“ Das Käthchen von Heilbronn, seine Lustspiele Der
zerbrochne Krug und Amphitryon, das Trauerspiel Penthesilea sowie seine Novellen
Michael Kohlhaas und Die Marquise von O…

Kurt Kusenberg

Geboren 1904 in Göteborg (Schweden), gestorben 1983 in Hamburg, ist ein deutscher
Schriftsteller und Kunstkritiker. Bis heute bemerkenswert sind seine Kurzgeschichten.
Mit eher nüchterner Sprache führen sie häufig in groteske, versponnene Welten, in
denen sich Phantastik und Realität vermischen. 1948 - 1974 Veröffentlichung seiner
12 Sammlungen von „kuriosen“, „merkwürdigen“ und „seltsamen“ Geschichten.

304
Siegfried Lenz

Geboren 1926 in Lyck (Ostpreußen). Lenz wuchs in Masuren auf, war Journalist und
lebte viele Jahre als Schriftsteller in Hamburg. Schrieb vor allem erzählende Werke, in
denen er die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit kritisch darstellt, daneben auch
humorvolle Geschichten. Am bekanntesten waren seine Romane „Die Deutschstunde“
(1968) und „Das Vorbild“ (1973) sowie die Sammlung masurischer Geschichten „So
zärtlich war Suleyken“ (1965).

Pail Maar

Geboren 1937 in Schweinfurt, ist ein deutscher Kinderbuchautor, Illustrator,


Übersetzer, Drehbuch- und Theaterautor. Während der Kriegsgefangenschaft seines
Vaters zog Maar mit seiner Stiefmutter zum Stiefgroßvater in Unterfranken. Dieser
Großvater besaß dort eine Gastwirtschaft, in der er den Gästen oft Geschichten
erzählte, die er über Wochen hin immer weiter ausdehnte. Dadurch erhielt Paul Maar
ein Gefühl dafür, wie man aus einem Vorgang eine Erzählung macht. Er studierte an
der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. In den Semesterferien
arbeitete Maar als Bühnenbildner und Theaterfotograf am Theater. Nach Abschluss
seines Studiums arbeitete er als Kunsterzieher an einem Gymnasium. Zum Schreiben
kam Maar, weil sich der Intendant des Theaters darüber beklagte, dass es keine neuen
Theaterstücke für Kinder gibt. Das Ergebnis war Maars erstes Theaterstück Der König
in der Kiste. Das Stück war ein großer Erfolg und wurde sogar im Ausland gespielt.
Kinderbücher schrieb Maar erst, als er selbst Kinder hatte. Als Kunstlehrer wollte Paul
Maar sein erstes Buch selbst illustrieren, aber der Verlag stimmte dem nicht zu. Zum
Illustrieren kam er erst, nachdem das Buch sich als Erfolg herausstellte.

305
Herbert Malecha

Geboren 1927 in Ratibor, Schlesien, ist ein deutscher Gymnasialprofessor und


Schriftsteller. Er ist bekannt durch seine 1955 erschienene Kurzgeschichte Die Probe,
die als eine klassische Kurzgeschichte par excellence gilt. Sein Vater, ein Beamter,
wurde nach Berlin versetzt, wo Malecha zunächst in die Schule ging. Die Familie
kehrte noch vor 1939 nach Ratibor zurück und Herbert Malecha wurde 1943 als 15-
jähriger Luftwaffenhelfer. Im Oktober 1944 kam er in den Reichsarbeitsdienst und
wurde noch im selben Jahr Wehrmachtssoldat an der Ostfront. Nach dem Krieg führte
Malecha ein unstetes Leben, arbeitete zeitweise als Land-, Bau- und Fabrikarbeiter, als
Bibliothekar, Handelsvertreter und in anderen Berufen. Sesshaft wurde er in
Württemberg. 1947 legte er das Abitur ab und 1953 schloss sein Studium in Tübingen
ab. 1955 wurde er Studienassessor in Schwäbisch Hall. Seine bekannte Kurzgeschichte
Die Probe publizierte er 1955. 1962 erschien Moderne Lyrik - eine Anthologie für den
Schulgebrauch und Malecha wurde zum Gymnasialprofessor ernannt. Herbert Malecha
lebt heute zurückgezogen in Schwäbisch Hall.

Margarete Neumann

Geboren 1917 in Pyritz, Pommern, gestorben 2002 in Rostock, ist eine deutsche
Schriftstellerin und Lyrikerin. Neumann studierte am sozialpädagogischen Seminar in
Königsberg (Preußen) und arbeitete bis 1945 als Fürsorgerin in Heilsberg. Nach der
Flucht war sie u. a. Neubäuerin in Mecklenburg und Schweißerin in Halle (Saale). Seit
1952 lebte sie als freie Schriftstellerin in Hohen Neuendorf, seit 1961 in
Neubrandenburg. Sie galt als parteinahe Schriftstellerin und Vertreterin des
sozialistischen Realismus in der DDR. Nach der Wende lebte Neumann von 1991 bis
2001 in Sousse bzw. Hergla in Tunesien. Sie erlag am 4. März 2002 einem
Krebsleiden. Das Grab der Schriftstellerin befindet sich in Mallin.

306
Alfred Polgar

Geboren 1873 in Wien, gestorben 1955 in Zürich, eigentlich Alfred Polak. Polgar ist
österreichischer Schriftsteller, Aphoristiker, Kritiker und Übersetzer. Nach Gymnasium
und Handelsschule wurde Polgar 1895 Redakteur bei der Wiener Allgemeinen Zeitung,
später war er dort Redakteur im Ressort Feuilleton. Er schrieb das sehr erfolgreiche,
humorististische Stück Goethe. Polgar betätigte sich auch als Bearbeiter und
Übersetzer von Theaterstücken. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete er im
Kriegsarchiv, schrieb jedoch auch weiterhin für Zeitungen. In den 1920er Jahren lebte
Polgar überwiegend in Berlin. Viele Artikel von ihm erschienen in dieser Zeit im
Berliner Tageblatt und im Prager Tagblatt. 1933 emigrierte er über Prag, Wien, Zürich,
Paris, Marseille und zuletzt Lissabon in die USA. In Hollywood arbeitete er unter
anderem als Drehbuchautor für Metro-Goldwyn-Mayer. Ab 1943 lebte er in New
York, wo er die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. 1949 kehrte er nach Europa
zurück und ließ sich in Zürich nieder.

Heinz Risse

Geboren in Düsseldorf, gestorben 1989 in Solingen, ist ein deutscher Schriftsteller.Von


1915 bis 1918 nahm er als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Anschließend studierte er
an den Universitäten in Marburg, Frankfurt am Main und Heidelberg
Nationalökonomie und Philosophie. Er beendete sein Studium mit einer Promotion. Ab
1922 war Risse in der Wirtschaft tätig, zeitweise auch im Ausland. Später war er als
Wirtschaftsprüfer in Solingen ansässig. Diesen Beruf übte er auch weiter aus, nachdem
er seit Ende der Vierzigerjahre mit dem Verfassen von Romanen, Erzählungen und
Essays angefangen hatte. Heinz Risse war von 1952 bis 1962 und von 1965 bis 1984
Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. Zu seinem 90.
Geburtstag stiftete Risse einen Preis für Literaturkritik, der seinen Namen trägt.

307
Alev Tekinay

Geboren 1951 in İzmir/Türkei, ist Linguistin und Schriftstellerin. Nach dem Abitur am
deutschen Gymnasium in Istanbul siedelte sie 1971 nach München über. Hier studierte
sie Germanistik und schloss ihr Studium 1979 mit einer Promotion ab. Anschließend
arbeitete sie als Lehrerin. Seit 1983 ist Tekinay wissenschaftliche Angestellte an der
Universität Augsburg im Bereich Deutsch als Fremdsprache und Türkisch. Sie
veröffentlichte in ihrem Forschungsgebiet eine Reihe von Schriften, insbesondere
Türkischlehrbücher. Seit 1986 veröffentlicht sie auch Belletristik, in erster Linie
Erzählungen.

Su Winter

Geboren 1948 in Schwerin, ist deutsche Buchautorin und Künstlerin.


Universitätsstudium der Philosophie und Psychologie, Wechsel zur Berliner
Kunsthochschule, Diplomabschluss verweigert und erst nachträglich vom Berliner
Senat wieder zuerkannt. Seit 1975 arbeitet Su Winter als freie Künstlerin. Aus ihrerer
Hand entstanden Bleiglasfenster für einen Kindergarten, eine Kinderbibliothek und
eine Bar, architekturbezogene Keramikwandbilder, Holzplastiken und großformatige
Gemälde. Seit 1982 regelmäßige Galerie- und Literaturprojekte. Ihr erstes Buch "Der
Garten der rätselhaften Tode", das sie selbst illustrierte, wurde 1987 in einer Auflage
von 20.000 Stück veröffentlicht und sofort vergriffen. Die zahlreichen Short-Stories
von Su Winter erschienen in Anthologien und Zeitschriften, die durch ihr nicht selten
scharfzüngigen Witz und schwarzen Humor gekennzeichnen sind. Ihre Themen findet
sie vielfach im Künstlermillieu, ein Gebiet, das sie ebenso sachkundig wie
phantasievoll auzuloten vermag. Sie Iebt als unangepasster Außenseiter hauptsächlich
in Berlin und finanziert sich ihren Lebensunterhalt mit Zeitjobs, um künstlerisch nicht
in die Mühlen des Marktes geraten zu müssen.
308
Gabriele Wohmann

Geboren 1932 in Darmstadt, ist eine deutsche Schriftstellerin, stammt aus einer
protestantischen Pastorenfamilie. Als Internatsschülerin besuchte sie das
Nordseepädagogium auf der Insel Langeoog, wo sie auch ihr Abitur ablegte. Von 1951
bis 1953 studierte sie Germanistik, Romanistik, Anglistik, Musikwissenschaft und
Philosophie in Frankfurt am Main. Anschließend war sie als Lehrerin an ihrer
ehemaligen Schule auf Langeoog sowie an einer Volkshochschule und einer
Handelsschule tätig. Seit 1956 lebt sie als freie Schriftstellerin in Darmstadt. Gabriele
Wohmann ist Verfasserin von Erzählungen, Romanen, Gedichten, Hörspielen,
Fernsehspielen und Essays. Die Autorin, die sich selbst als "Graphomanin" einschätzt,
schuf seit den 1950er Jahren ein umfangreiches Werk, in dem sie anfangs - in durchaus
satirischer Form - die Problematik der herkömmlichen Paarbeziehung und
traditioneller Familienstrukturen aufzeichnet. In den 1960er Jahren hat sie an
Tagungen der Gruppe 47 teilgenommen. Ihr Werk hat inzwischen den Charakter einer
fortgesetzten Chronik des Privatlebens und der Konflikte und Beschädigungen
angenommen, die sich hinter der Fassade des Alltags meist gut situierter Figuren
verbergen. Gabriele Wohmann ist seit 1975 Mitglied der Berliner Akademie der
Künste und seit 1980 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in
Darmstadt. Von 1960 bis 1988 gehörte sie dem PEN-Zentrum der Bundesrepublik
Deutschland an.

309
ANHANG 2. Stilmittel (rhetorische Figuren)

Die Kenntnis der wichtigsten Anweisungen und Stilmittel der Rhetorik ist heute
unerlässlich für das Verständnis von Dichtung. Über ihren Wert als
Interpretationshilfen hinaus können die rhetorischen Figuren Ihre eigenen mündlichen
oder schriftlichen Darstellungen abwechslungsreich und wirkungsvoll werden lassen.
Informieren Sie sich über die folgenden rhetorischen Figuren:

- Absonderung ist ein weiterer Begriff als die Ausklammerung. Sie erfolgt auch in
dem Falle, wenn die Rahmenkonstruktion fehlt. Die abgesonderten Satzteile werden
strukturel und intonatorisch von dem übrigen Teil des Satzes abgehoben. Sie können
Vorderstellung, Nachstellung oder Zwischenstellung annehmen. Das verleiht dem Satz
und der Aussage Lebhaftigkeit, Ungezwungenheit, Dynamik und erleichtert das
Verständnis, z.B.: Dieser Mensch ist wiklich unangenehm, mit seiner ewigen Nörgelei.
Er musste sich seinen Wert beweisen, Sophies wegen. Nur der Familie zuliebe hat er
seine Leidenschaft hingeschmissen. „Ich habe heute im Konsum seine Frau getroffen
ganz in Schwarz“. (R. Brambach, „Kätterle“)

- Alliteration: ist eine literarische Stilfigur oder ein rhetorisches Schmuckelement,


bei der die betonten Stammsilben zweier oder mehrerer benachbarter Wörter den
gleichen Anfangslaut besitzen. In phonetisch geschriebenen Sprachen (wo einer Laut
nur eine Schreibweise hat), heißt dies dann auch eine Übereinstimmung der ersten
Buchstaben von zwei oder mehreren Wörtern), z.B.: in allen Büschen und Bäumen.
Donald Duck. Mit Kind und Kegel. Mit Mann und Maus. Fischers Fritze fischt frische
Fische. Frische Fische fischt Fischers Fritze. Milch macht müde Männer munter.
Mars macht mobil. Willi wills wissen
- Allusion (Anspielung): bezeichnet eine Verwendung von Ausdrücken in der
mündlichen oder schriftlichen Rede, die nicht direkt, sondern indirekt, d.h.
andeutungsweise, eine Handlung des Gesprächspartners (des Opponenten) mit einem
analogen Fall aus der Geschichte oder Literatur vergleicht, z.B.: sein Waterloo

310
erleben; Trojanisches Pferd; Gang nach Canossa; Ritter von der traurigen Gestalt;
salomonisches Urteil

- Anakoluth (Fügungsbruch): bezeichnet einen Bruch des Satzbaus oder auch


Abbruch bei einem einmal begonnenen Satz. Man fängt einen Satz an, besinnt sich neu
und fährt in einer Weise fort, die dem begonnenen Satz nicht entspricht, oder bricht ihn
auch ab. Beispielsweise kann die grammatische Beziehung der Satzglieder gestört sein,
oder ein neu hereinbrechender Gedanke stört die Folgerichtigkeit des Satzes; oft wird
einfach umgeplant. Das Anakoluth tritt insbesondere in mündlichen Äußerungen auf,
z.B.: Korf erfindet eine Mittagszeitung, welche, wenn man sie gelesen hat, ist man satt.
(Chr. Morgenstern) Hier liegt ein Anakoluth in der Formulierung „welche … ist man
satt“ vor; der Satzbau ist an dieser Stelle falsch. Ein Anakoluth ist kennzeichnend für
den mündlichen Stil der Alltagssprache. Im schriftlichen Stil gilt es als fehlerhaft oder
als charakterologischer Ausdruck. Als rhetorische Figur verleiht das Anakoluth in der
Literatur der wiedergegebenen Rede Lebhaftigkeit und Authentizität und zeigt
beispielsweise die aufgeregte Stimmung oder die (niedrige) soziale Stellung des
Sprechers an, z.B.: „Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reissend, den Zahn
schlägt sie in seine weisse Brust.“ (H. von Kleist, Penthesilea ) „Es ist zwar teurer,
und es ist klein.“

- Anadiplose ist die Wiederaufnahme des letzten Wortes (Wortgruppe) eines Satzes
am Anfang des nächsten Satzes. Es handelt sich bei der Anadiplose um eine
rhetorische Figur aus der Gruppe der Wortwiederholungen, die wie andere rhetorische
Figuren auch die Aufmerksamkeit des Zuhörers steigern und die Bedeutung des
Gesagten betonen soll, z.B.: Ha! wie will ich dann dich höhnen! / Höhnen? Gott
bewahre mich! (Schiller) Mit dem Schiffe spielen Wind und Wellen, / Wind und
Wellen spielen nicht mit seinem Herzen. (J.W. Goethe)
Siehe auch: Anapher - Epanadiplose - Epanalepse - Epanastrophe - Epipher -
Epiploke - Kyklos - Symploke

- Anapher bezeichnet die einmalige oder mehrfache Wiederholung eines Wortes oder
311
einer Wortgruppe am Anfang aufeinander folgender Verse, Strophen, Sätze oder

Satzteile. So dient sie der Strukturierung und Rhythmisierung von Texten. Die

wiederholten Einheiten werden ggf. als besonders bedeutsam hervorgehoben. , z.B.:

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, Aufgestanden unten aus Gewölben tief."

(G. Heym, Der Krieg,) "Wer soll nun die Kinder lehren und die Wissenschaft

vermehren? Wer soll nun für Lämpel leiten seines Amtes Tätigkeiten?" (W. Busch,
Max und Moritz) "Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Kursbücher, sie sind genauer."
(H.M. Enzensberger) "O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald." (J. Freiherr
von Eichendorff) Die Anapher zählt zu den einfachsten, ältesten und häufigsten
rhetorischen und poetischen Stilmitteln, sie begegnet besonders häufig in religiöser
Sprache, etwa in der Bibel. Spiegelbildliches Gegenstück zur Anapher ist die
Epipher; nahe verwandt mit beiden sind Anadiplose und Kyklos.

- Antithese (Gegensatz) bezeichnet allgemein eine Gegenbehauptung zu einer


Ausgangsbehauptung (These). Dabei werden zwei Wörter, Begriffe, Satzteile oder
Sätze einander gegenübergestellt, obwohl sie sich im Sinn widersprechen: Durch diese
Gegenüberstellung wird ein Gegensatz oder Widerspruch besonders hervorgehoben.
Mit einer Antithese kann man eine Widerlegung erreichen. Eine Antithese wird oft
mit "aber" eingeleitet. In der Literatur ist eine Antithese eine rhetorische Figur, in der
unter einem Oberbegriff in direktem Gegensatz zueinander stehenden Begriffe oder
Gedanken kombiniert werden. Dadurch können Zwiespalt, Spannung und
Zerrissenheit ausgedrückt werden, z.B.: Himmel und Hölle; Gut und Böse; Tugend
und Laster. „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“, „Ja gab es da denn:
Mörderlust und Liebeslust in einem Mann?“ (Chr. Wolf Kassandra). In der Bibel: Ihr
wisst, dass es heißt: "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Ich aber sage euch: Ihr sollt
euch überhaupt nicht gegen das böse wehren. Wenn dich einer auf die rechte Wange
schlägt, dann halt ihm auch die linke hin." Die Antithese wird hier dadurch erkennbar,
dass der Satz "gewendet" wird: "Ihr habt gehört, dass gesagt wurde... Ich aber sage

312
euch..." Jesus benutzte diese Antithesen um falsche Interpretationen der zehn Gebote
zu verhindern.
- Aposiopese (Satzabbruch) Die Aposiopese stellt eine Abart der elliptischen Sätze
dar. Sie unterscheidet sich von den Ellipsen dadurch, dass die erste aus
sprachökonomischen Gründen entsteht. Man kann sie leicht durch die sprachliche
Umgebung und Situation ergänzen. Bei der Aposiopese unterbricht der Sprecher seine
Aussage und Empfänger soll selbst die Fortsetzung erraten. Der Sprecher kann von
Aufregung, Verlegenheit, Angst, seine Rede nicht fortsetzen, z.B.: Ja, aber... – sagte
Maria fassungslos und wusste nicht weiter. Manche Aposiopesen sollen Interesse
wecken, Spannung hervorrugen, Neugier erwecken. In der schönen Literatur dient die
Aposiopese gewöhnlich als Spannungsmittel. Aposiopese ist graphisch oft durch drei
Pünktchen gekennzeichnet, z.B.: Die Mutter zum Kind nach dem Abendessen: „Wenn
du nicht sofort deinen Teller wegräumst…!“. Oder ein Angestellter beschwert sich bei
seinem Kollegen über die Anweiseung des Chefs: „Wenn der mich schon wieder ins
Lager schickt, dann…!“

- Asyndeton (Unverbundenheit): Wörter oder kurze Sätze stehen unverbunden


nebeneinander. Das Fehlen der Verbindung bewirkt eine Hervorhebung einzelner
Aussagen, z.B. Frisch, fromm, fröhlich, frei.
- Aufzählung ist das Nacheinander von gleichartigen Bezeichnungen der
Gegenstände, Handlungen, Merkmale, z.B.: „Das göttliche in unserem Geschlecht ist
also Bildung der Humanität; alle großen und guten Menschen, Gesetzgeber, Erfinder,
Philosophen, Dichter, Künstler, jeder edle Mensch in seinem Stande, bei der
Erziehung seiner Kinder, bei der Beobachtung seiner Pflichten, durch Beispiel, Werk,
Institut und Lehre hat dazu mitgeholfen.“ (J.H. Herder, Briefe)

- Abarten der Aufzählung sind Akkumulation: die aneinander gereihten


Kettenglieder; und Amplifikation: eine Anhäufigung mit Schlusszusammenfassung;
sowie Klimax (Steigerung): jedes nächste Glied der Aufzählung ist inhaltlich stärker
oder genauer als das vorhergehende, d.h. eine Reihe von Ausdrücken wird in
steigender Anordnung gebraucht, z.B.: „Er sei mein Freund, mein Engel, mein Gott“
313
(Fr. Schiller, die Räuber), „Er weint, er ist bezwungen, er ist unser!“ (Fr. Schiller, Die
Jungfrau von Orleans) „ „heute back’ ich, morgen brau’ ich, übermorgen hol’ ich der
Königin ihr Kind“ (Brüder Grimm, Märchen), „Veni, vidi, vici." - (Ich kam, sah und
siegte.) (Caesar) und Antiklimax, bei der ein Ausdruck stufenweise abgeschwächt
wird: „Um den Papst zirkulieren die Kardinäle. Und um die Kardinäle zirkulieren die
Bischöfe. Und um die Bischöfe zirkulieren die Sekretäre.“ (B.Brecht, Leben des
Galilei), „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind“ (G. Schwab, das Gewitter) Eine
besondere, meist humoristische Form der Antiklimax ist das Bathos. Es steht im
übertragenen Sinne für Niedrigkeit und Gesunkenheit. Der Begriff wird insbesondere
in der Literaturwissenschaft verwendet. In der Literatur ist ein Bathos die
Gegenüberstellung eines höheren Wertes mit einem niedrigeren. Er trägt zur
freiwilligen oder unfreiwilligen Komik eines Textes oder einer Rede bei, z.B.: „Die
Explosion zerstörte alle Häuser auf der anderen Straßenseite und meinen
Briefkasten.“

Ausklammerung - Syntax: Verschiebung einer Wortgruppe aus ihrer "normalen"


(üblichen) Position innerhalb der Satzklammer in eine Position außerhalb davon, z.B.:
„Ich habe den Jungen gesehen, der dich beinahe umgefahren hätte“ enthält die
Ausklammerung des Relativsatzes „der dich beinahe umgefahren hätte“, dessen Platz
vor dem Partizip "gesehen" ist.

- Beispiel: der Autor verweist auf einen wirklichen oder erfundenen Einzelfall, um
einen Sachverhalt, eine allgemeine Vorstellung, eine Erfahrung oder eine Lehre zu
verdeutlichen.
- Chiasmus (Überkreuzstellung): Jeweils zwei Wörter oder Satzglieder werden
einander spiegelbildlich zugeordnet, z.B.: Höflich sei er gegen Leute, die grob sind;
grob gegen Menschen, die höflich sind. Der Chiasmus heißt nach dem griechischen
Buchstaben X (Chi), in dem man eine graphische Konstruktion dieser Wortstellung
sah.
- Ellipse(Auslassung): unter Ellipsen versteht man Auslassungen bestimmter
Satzteile, vor allem wenn sie inhaltlich überflüssig sind und durch den Kontext
314
verdeutlicht werden können, d.h. die Ergänzung des abgebrochenen Satzes wird dem
Leser überlassen Alle elliptischen Sätze sind stilistisch markiert. Zwei funktionale Stile
greifen selten zur Ellipse: Stil der Wissenschaft und Stil des öffentlichen Verkehrs. Ein
elliptischer Satz entsteht infolge einer beliebigen Verkürzung des vollen Satzmodells.
Nur die Intonation, Pausen und Tonführung helfen uns den Inhalt verstehen, z.B.:
Koloquium verlegt. Hauptreferent erkrankt. Neuer Termin folgt. Interessenten bitte
benachrichtigen. Aber als wir an dem Kanal – dachte ich, wenn nicht hier, dann
nirgends ...

- Epanadiplose ist eine rhetorische Figur, die auf der Wiederholung eines Elementes
am Anfang und am Ende einer größeren Einheit beruht. Auf der Ebene eines Satzes
oder eines Absatzes, eines Verses oder einer Strophe kann das wiederholte Element ein
Wort sein. Überträgt man das Prinzip auf ein ganzes Werk (Gedicht, Roman,
Theaterstück, Film), kann das wiederholte Element beispielsweise ein Objekt, ein
Motiv oder eine Szene sein, . zB.: In dem Film Forrest Gump fungiert ein motivisch
eingesetztes Objekt als Epanadiplose, denn der Film beginnt und endet mit dem Motiv
der Feder. In dem Film Gilbert Grape fungiert eine Szene als Epanadiplose: die
Anfangsszene des Films, in der Gilbert und Arnie auf die Durchfahrt der Wohnwagen
warten, wird am Ende des Films in leicht abgewandelter Form wiederholt und schließt
so den Film ab.

- Epanalepse: ein Wort oder eine Wortgruppe wird mit Abstand wiederholt .
(Vergleich im Unterschied dazu die Geminatio.), z.B.: „Und atmete lang und atmete
tief“ (Fr. Schiller: Der Taucher)

- Epanastrophe: Das letzte Wort oder die letzten Wörter eines Satzes werden
wiederholt und an den Anfang des darauffolgenden Satzes oder Vers gestellt. Dieses
bewirkt eine Verstärkung der Klangwirkung. (auch als Anadiplose bekannt)

- Epiploke: dabei handelt es sich um eine mehrfache Anadiplose, wobei letzteres die
Wiederholung von Wörtern beschreibt, die am Satz- oder Versende stehend zu Beginn

315
des nächsten Satzes oder Verses neuerlich auftreten. Die Epiploke gehört somit zu den
Rhetorische Figuren aus der Gruppe der Wortwiederholungen, die wie andere
rhetorische Figuren auch die Aufmerksamkeit des Zuhörers steigern und die Bedeutung
des Gesagten betonen soll, z.B.: Ach war die Frau doch wunderschön, schön war sie
und auch rein, rein war sie und doch voller Mut, Mut sollt' auch in ihr sein.

- das Epitheton (Epitheta) ist jede Merkmalbestimmung eines Substantivs, durch die
der betreffende Begriff logisch-sachlich konkretisiert oder emotional eingeschätzt
wird. Man unterteilt alle Epiteta in konkretisierende und bewertende Epitheta. Mit
Hilfe konkretisierender Epitheta entsteht im Bewusstsein des Menschen die
Vorstellung von Farbe, Form, Klang, Geruch und Tastempfindung, aber auch eine
logische Schlussfolgerung auf wesentliche Merkmale und Eigenschaften, z.B.
aschblondes Haar. Bewertende Epitheta zeigen die persönlichen Beziehungen des
Senders zum Gegenstand der Darstellung, z.B unverschämte Behauptung. Außerdem
unterscheidet man stehende (blauer Himmel), unerwartete (grüner Wind),
tautologische (alter Greis) Epitheta und Lieblingsepitheta (niedlich)
- Euphemismus: das Negative eines Sachverhalts wird durch positive
Bezeichnungen verhüllt oder beschönigt, z.B.: „nuklearer Ernstfall“ statt
„Atomkrieg“, „Umsiedlung“ statt „Vertreibung“ , „Einschläferung“ statt „Tötung“,
„Kollateralschaden“ oder „Begleitschaden“ für zivile Kriegstote , „Rubensfigur“
statt „starkes Übergewicht“ , „Entsorgungspark“ statt „Mülldeponie“
Euphemistische Begriffe können wegen ihres verharmlosenden Charakters auch einen
sarkastischen Unterton haben.

- Geminatio. ist ein Begriff, mit dem die Doppelung eines Wortes zum Zweck der
Verstärkung der Wirkung benannt wird, wie in dem Beispiel "Niemals, niemals
verlass' ich dich!" Geminatio wird unter den Unterbegriff der Positionsfiguren
eingeordnet (noch genauer unter den Wortwiederholungen). Es gibt noch einige
Varianten, die durch Zwischenschaltung nicht wiederholter Satzteile entstehen, .z.B.:
"Stirb, Lysis, stirb, viel besser ist gestorben" (Chr. H. von Hofmannswaldau:
Armseliger, was hilft dich doch dein Lieben) "Komm, Seele komm, und lerne weiter
316
schauen" (Chr. H. von Hofmannswaldau: Die Welt) "Schluck, Abgrund, ach schluck
ein..." (Chr.Gryphius: Die Hölle) "Ihr lebet in der Zeit und kennt doch keine Zeit" (P.
Fleming: Gedanken über die Zeit)

- Hyperbel (Übertreibung) - ein Ausdruck oder eine Aussage wird durch


Vergrößerung oder Verkleinerung so übersteigert, dass er, wörtlich genommen, nicht
mehr zutrifft, z.B.: Das habe ich dir schon tausendmal gesagt. „Ein Schneidergesell,
ein niedlicher, kleiner junger Mensch, so dünn, dass die Sterne durchschimmern
konnten,...“ (H. Heine, Die Harzreise), „Dort sitzt ein Hund, der hat ein Paar Augen,
so groß wie Mühlräder.“ (H.Chr. Andersen, Das Feuerzeug), todmüde , ein Meer von
Tränen blitzschnell, unendlich lang, Schneckentempo, wie Sand am Meer, „Warum
schaust du also auf den Splitter im Auge deines Bruders, beachtest aber nicht den
Balken in deinem eigenen Auge?“ (Bibel).
- Inversion (Umstellung) der Wörter: die Veränderung der üblichen Wortfolge dient
der Hervorhebung eines wichtigen Wortes, z.B.: Nicht nur erforderlich aber hält man
es ...
- Ironie (im engeren Sinn): ist eine Umschreibung durch das Gegenteil, d.h. der
Autor meint das Gegenteil dessen, was seine Worte besagen. Durch die Betonung und
das Satztempo wird klar, dass die Aussage der Wirklichkeit widerspricht, z.B.: Das ist
eine schöne Beschreibung! Du siehst ja heute besonders gut aus!
Ironie (im weiteren Sinn): bedeutet hinter Ernst versteckten Spott, mit dem man das
Gegenteil von dem ausdrückt, was man meint, seine wirkliche Meinung aber
durchblicken lässt.
- Isolierung (Parzelierung, absolute Absonderung) ist solche Art der Absonderung,
bei der die ausgeklammerten Satzteile eine relative Selbständigkeit bekommen und in
der Form von getrennten Sätzen erscheinen. Man erreicht dadurch eine starke
stilistische Hervorhebung, z.B.: Es dreht sich nicht zurück, das vielzitierte Rad der
Geschichte. Das darf nicht sein, das ist niemals so gewesen. „Sie standen sich im
Hemd gegenüber. Nachts. Um halb drei. In der Küche.“ (W. Borchert, Das Brot)

317
- Kyklos ist eine rhetorische Figur aus der Gruppe der Wiederholungsfiguren. Als
Kyklos bezeichnet man die Umrahmung eines Satzes, Verses oder einer anderen
syntaktischen oder semantischen Einheit durch die Wiederholung desselben Wortes
oder des gleichen Satzgliedes. Nahe verwandt mit dem Kyklos sind die Figuren
Anapher, Epipher und Anadiplose; vgl. auch Chiasmus, z.B.: Entbehren sollst du,
sollst entbehren! (Goethe) Morgen liebe, wer niemals geliebt hat, wer schon geliebt
hat, liebe morgen (aus dem Lateinischen.) Unwissender, niederträchtiger Kerl! hast du
mir es nicht oft genug gesagt, dass ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du
dir denn aber nicht einbilden, dass die, welche im Kabinette hat sein dürfen, auch
Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender, niederträchtiger Kerl!
(G.E. Lessing)

- Litotes: ist eine Stilfigur, die sich der verneinenden Umschreibung eines
Sachverhalts – meist seines Gegenteils – bedient, um durch Untertreibung oder
Abschwächung die Hervorhebung eines Begriffs zu erreichen, z.B.: Wir haben nicht
wenig gelacht. Er war nicht gerade ein Held. Mögliche Effekte: a) Milderung :„Ich
ärgere mich darüber nicht wenig“ b) Nachträgliche Unterstreichung: „Es gab kein
Zurück mehr, nicht übel!“ c) Ironische Abwertung: „Was nicht heißen soll, er habe
vollkommen Unrecht“ d) Doppelte Verneinung zur Ausdrucksverstärkung: „nicht
ohne Witz“ für „recht witzig“, „nicht übel“ für „sehr gut“ Wie jedes rhetorische
Mittel ist die Litotes nur im Kontext zu betrachten. Nicht jedes Vorkommen einer
Verneinung („nicht gut“ für „äußerst schlecht“) ist eine Litotes.
- Lockerung besteht in Ein- und Ausklammerung. Bei der Ausklammerung wird ein
großer Spannungsbogen des Satzes durch einige kleinere Spannungsbögen ersetzt.
- Metapher (Übertragung): ein Wort wird aus den Bedeutungszusammenhängen des
vertrauten Sprachgebrauchs gelöst und in andere Zusammenhänge so eingeordnet,
dass es eine neue Bedeutung erhält, z.B.: in der Blüte des Lebens.
- Metonymie ist ein Austausch zweier Begriffe aus unterschiedlichen Sinnbereichen
aufgrund räumlicher, zeitlicher, stofflicher und logischer Beziehungen, d.h. ein Wort
wird nicht in seiner fest umrissenen Bedeutung gebraucht, sondern verweist auf einen

318
gemeinten, mit ihm verbundenen Bedeutungszusammenhang, dessen Kenntnis beim
Leser vorausgesetzt wird, z.B.: Die ganze Stadt begrüßte die Olympiasieger. Das
Weiße Haus gab gestern abend bekannt. (satt – die Regierung der USA gab gastern
abend bekannt).
- Nachtrag ist Gegenstück zur Prolepse, die Absonderung eines Substantivs oder
einer Wortgruppe in Schlussstellung, während das Pronomen oder Adverb dem
Substantiv vorangehen, z.B.: „Gestern, als ich den Keller aufräumte, fand ich ihn –
Großmutters Korb.“ (E. Strittmatter, Großmutters Korb)
- Opposition – das ist eine abgesonderte substantivische Gruppe, die sich auf ein
Substantiv oder Pronomen bezieht, die sie präzisiert, erläutert oder emotionel bewertet,
z.B. Ich gebe dir diese Blume, die erste Frählingserscheinung.

- Oxymoron ist die scheinbar widersinnige Verbindung von Gegensätzen, deren


Vereinigung dennoch wieder eine sinnvolle Ganzheit ergibt, d.h. zwei Vorstellungen
oder Begriffe, die sich widersprechen oder aussschließen, werden in eine enge
Verbindung miteinander gebracht, z.B.: dummklug, - beredtes Schweigen, - süße
Bitternis.

- Parallelismus: In aufeinanderfolgenden Sätzen werden die Satzglieder in gleicher


Weise angeordnet, z.B.: Heiß ist die Liebe, kalt ist der Schnee. Sie hören weit, sie
sehen fern. Die Nacht ist dunkel, der Tag ist hell. Ich bin schön, du bist hässlich. Ich
bin reich, du bist arm. (E. Kästner); „Denn Reden bringt Ehre, aber Reden bringt auch
Schande (Antithese) und der Mensch kommt durch seine eigene Zunge zu Fall
(Tautologie)“ (Bibel) Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht. (H. Heine, Die
schlesischen Weber)

- Parallelismus (grammatischer) ist die gleichmößige symmetrische Wiederkehr


derselben Satzstruktur, z.B.: „... ein paar Stellen waren geblieben, ein paar waren
ganz verändert.“
- Paronomasie (Wortspiel) kommt zu Stande, wenn zwei verschiedene Wörter durch
eine phonetische Änderung, durch eine Variation in der Wortbildung, durch

319
verschiedene Arten des Verschmelzens mehrerer Lexeme aufgrund gemeinsamer
Teile, durch Spiel mit den lexischen Elementen einer idiomatischen Wendung u.a.m.
irgendwie zueinander in Verbindung gesetzt werden, d. h. der Autor nutzt den
Doppelsinn eines Wortes oder den lautliche Gleichklang zweier verschiedener Wörter
pointiert aus z.B.: Wer rastet, der rostet. Komplett platt. Das Meer nicht mehr.
Klamme Klammer. Eile mit Weile Ich erwartete Rechtsspruch, aber da war
Rechtsbruch. .vom Volk der "Dichter und Denker" zu dem der "Richter und Henker"
(K. Kraus). Weiserweise verwies ich das Waisenkind ins Waisenhaus.
- Paranthese (Einschub): eine Absonderung in der Zwischenstellung, so nent man
Schaltsätze, Schaltgruppen, Schaltwörter, die mitten in den Satz eingeführt werden. Sie
werden graphisch durch Komma, Gedankenstrich oder Klammer vorne und hinten
abgegrenzt. Dabei wird die zusammengehörende Satzkonstruktion durch die
unverbundene Einschaltung eines selbständigen Gedankens unterbrochen, z.B.:
Gestern machten wir – das schöne Wetter lud geradezu dazu ein – einen langen
Spaziergang. Er kletterte heraus, gepäckbeladen, und, schau mal an, aus einem Coupe
der Polsterklasse. Bitte bestätigen Sie Ihre Teilnahme (Sie können dazu das
beiliegende Formular verwenden) spätestens bis 20. Oktober. „Es gibt Gott - es gibt
keinen Got“', das ist für mich die Wahrheit.

- Personifikation: Abstrakten Begriffen, unbelebten Erscheinungen, Tieren und


Pflanzen werden Eigenschaften oder Verhaltensweisen zugeordnet, die nur Personen
zukommen, z.B.: der Sommer stand und lehnte und sah den Schwalben zu.
- Prolepse Die Prolepse (Vorwegnahme, oder Wiederaufnahme) besteht in der
Wiederaufnahme eines in Spitzenstellung stehenden absonderten Substantivs durch ein
Pronomen oder Adverb, z.B.: Die Großmuter, sie wusste so viele Märchen zu erzählen.

Die Prolepse muss nicht unbedingt mit dem Substantiv, auf das es sich bezieht,
kongruieren. Ein Substantiv beleibigen Geschlechts kann durch das Neutrum das
wiederaufgenommen werden, z.B.: Die Nacht, das ist für dich die Ewigheit. Der
Mensch in dem Alter der Zufriedenheit, das ist ein Vieh.

320
Nachtrag bildet einen Gegensatz zur Prolepse, darunter versteht man die Absonderung
eines Substantivs oder einer Wortgruppe in Schlussstellung, während das Pronomen
oder Adverb dem Substantiv vorangeht, z.B. Es war schwarz geworden, dieses
stürmische Meer. Dem werde ich’s geben, diesem Kerl. Das Substantiv im Nachtrag
kann noch durch einen Nebensatz präzisiert werden, z.B.: Wer hatte sie vertrieben, die
Angst, die die Menschen fraß...?

- Rhetorische Frage: der Autor setzt durch eine Scheinfrage, die eine nachdrückliche
Aussage enthält, die Zustimmung des Lesers als gegeben voraus.
- Ringwiederholung ist die Wiederaufnahme des letzten Wortes (Wortgruppe) eines
satzes am Anfang des nächsten Satzes.
- Sarkasmus ist bitterer Hohn, beißender Spott, z.B.: „Es ist ein köstlicher Kontrast:
diese himmlisch stupiden Augen, dieser göttlich einfältige Mund, dieses scharfsinnige
griechische Profil, dieser geistige Tod in diesem geistlosen Leib.“ (G. Büchner,
Leonce und Lena)

- Syllepse oder Syllepsis ist eine rhetorische Figur, die auf einer Worteinsparung
beruht, vergleichbar der Ellipse. Ein einmalig verwendeter Satzteil (Subjekt, Objekt o.
ä.) oder eine grammatische Form bzw. Funktion wird in der Syllepse mehrfach in
unterschiedlichem Sinne ergänzt, so dass er auch unterschiedliche grammatische
Zusammenhänge in Bezug auf Person, Kasus und Genus erzeugt. Im Gegensatz zum
Zeugma ist hier eine semantische Unschärfe nicht beabsichtigt, sondern nur eine
syntaktische Verkürzung, y.B. Ihr sucht euren Vorteil, wir unseren. Du kannst lesen –
ich denken. In leicht abweichender, vielleicht älterer Terminologie meint Syllepse eine
Figur, wonach in einer Satzverbindung das gemeinschaftliche Verb nur einmal gesetzt
wird, obgleich dieses in seinem Sinn lediglich zu dem einen Subjekt passt, bei dem
andern aber ein verwandter oder modifizierter Begriff zu ergänzen ist, z. B. Die Augen
des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. (Psalm) Hier
wird das ausgelassene hören durch das sinnverwandte sehen vertreten. In diesem, heute
mehr dem Zeugma zugerechneten Sinne wird die Syllepse besonders gerne für
grammatisch zwar korrekte, bedeutungsmäßig aber sinnwidrige, in der Regel ironische
321
Formulierungen gebraucht. Dabei benützt man ein gemeinsames Verb, das formal
identisch, bedeutungsmäßig aber polysem ist. Im folgenden ersten Beispiel hat das
gemeinsame Verb einschlagen je eine eigentliche wie eine uneigentliche Bedeutung;
da die beiden Teilsätze aber einmal die eigentliche und einmal die uneigentliche
Interpretation des Verbs verlangen würden, stellt sich ein unlogisches, mithin
ironisches Ganzes ein. Auch im zweiten Beispiel käme dem Verb nehmen je eine
verschiedene Bedeutung zu, die aber durch die nur einmalige Setzung des Verbs nicht
mehr separat zum Ausdruck kommen kann, z.B.: Er schlug die Scheibe und den Weg
nach Hause ein. Nimm dir Zeit und nicht das Leben.

- Symploke (Complexio) seltener Completio genannt ist eine rhetorische Figur aus
der Gruppe der Wortwiederholungen und Erweiterungsfiguren. Eine Symploke
verbindet eine Anapher und eine Epipher: jeweils am Anfang und am Ende paralleler
Sätze oder Verse werden gleiche Worte wiederholt, häufig in der klassischen Rhetorik
auch beginnend mit demselben Fragepronomen, das die gleiche Antwort erhält, z.B.:
„Was ist der Toren höchstes Gut? Geld! Was verlockt selbst die Weisen? Geld!“„Alles
geben die Götter, die unendlichen, Ihren Lieblingen ganz ,Alle Freuden, die
unendlichen, Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.“ (J.W. Goethe)

- Symbol ein konkreter gegenstand wird als Träger eines allgemeinen


Sinnzusammenhanges gesetzt, z.B.: die stehengebliebene Uhr, der aus Holz
geschitzter Esel, gelbe Bonbons. (W. Borchert, Die drei dunklen Könige)

- Synästhesie: man versteht darunter die Kopplung zweier physisch getrennter


Domänen der Wahrnehmung, etwa Farbe und Temperatur („warmes Grün“), d.h.ein
Sinnesausdruck wird mit einer Bezeichnung beschrieben, die einem andern Sinn
zugeordnet ist, z.B.: Ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch. „...warmes Grün“

Hör, es klagt die Flöte wieder, –Stille, stille, lass uns lauschen!

Und die kühlen Brunnen rauschen, Holdes Bitten, mild Verlangen,

Golden wehn die Töne nieder Wie es süß zum Herzen spricht!
322
Durch die Nacht, die mich umfangen, Blickt zu mir der Töne Licht.“

( Brentano)

- Synekdoche oder pars pro toto: ein teil des Ganzen ist anstelle des ganzen
gemeint, z.B.: zwei Euro pro Kopf statt pro Person; ... „das Gesicht machte den
Mund auf und schrie.“ (W. Borchert, Die drei dunklen Könige)
- Synonymie: bedeutungsähnliche Wörter werden aneinandergereiht, um einer
Aussage mehr Gewicht beizulegen, z.B.: in Sturm und Wetter.
- Vergleich: durch wie, wieso, als-ob u.ä. wird eine Beziehung zwischen zwei
Bereichen hergestellt, zwischen denen eine Gemeinsamkeit (des tertium
comparationis) besteht, z.B.: der Wald war still wie ein Kirchhof.
- Wiederholung bezieht sich auf alle Spracheinheiten; dieselben Phoneme,
Morpheme, Wörter, Wortgruppen, Sätze können im Text mehrfach verwendet werden,
um eine gewisse Stilwirkung auszulösen. Dazu gehören der grammatische
Parallelismus, die Anapher, die Epipher, die Anadiplose, die Ringwiederholung.

- Zeugma die Wortfigur besteht darin, dass in Satzverbindungen das, den einzelnen
Sätzen gemeinschaftliche, Verb nur einmal gesetzt wird, z.B.: „Die Begierde besiegte
die Scham, die Verwegenheit die Furcht, der Wahnwitz die Vernunft.“„Der See kann
sich, der Landvogt nicht erbarmen.“ (Fr. Schiller, Wilhelm Tell) Unter Zeugma
versteht man auch diejenige Figur, die herkömmlich die Bezeichnung Syllepsis trägt.
Ein traditionelles Beispiel für eine Syllepsis ist: „Die Augen des Herrn sehen auf die
Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.“ (Psalmen) Hier deckt das Verb
„sehen“, das seinem eigentlichen Sinn nach nur zum ersten Satzglied passt, zugleich
das weggelassene sinnverwandte „hören“ ab. In modernem Sinne meint man mit dem
Begriff Zeugma oft überhaupt nur noch die Syllepsis. Herbeigeführt wird diese Figur
vielfach durch ein polysemes Verb, das zugleich zu den verschiedenen Ausdrücken in
unterschiedlicher Bedeutung zu verstehen ist. Es erscheint damit als beabsichtigtes
Wortspiel meist in der Form, dass zwei Substantive ironisch oder satirisch durch ein
Verb verbunden sind, das für den einen Fall konkrete, für den anderen übertragene

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Bedeutung hat. Typische Situationen: ein Verb kann in mehreren zusammengesetzten
Verben oder alleine auftreten („heißen“, „willkommen heißen“). Ein Zeugma dieser
Art ist der Satz „Ich heiße Heinz und Sie herzlich willkommen!“ Ein Verb kann mit
unterschiedlichen Partikeln auftreten wie in „Er trat die Tür ein und den Rückweg
an“. Ein Verb besitzt für sich alleine trotz identischer Syntax unterschiedliche
Bedeutungen wie in „Er schlug die Scheibe und den Weg nach Hause ein“. „Ich
heiße nicht nur Heinz Erhardt, sondern Sie auch herzlich willkommen.“„ich fror vor
mich hin, denn nicht nur meine Mutter, auch der Ofen war ausgegangen“ (H. Erhard,
Wieso ich Dichter wurde). „Ich habe Pappbecher und den Nachmittag frei.“(U. Eco),
„Er hob den Blick und ein Bein gen Himmel.“ (L. Sterne)

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ANHANG 3. Quellenverzeichnis

1. Іваненко С.М., Карпусь А.К. Лінгвостилістична інтерпретація тексту. Київ:


КДЛУ, 1998.
2. Ansichten. Lesebuch/Sekundarstufe I, 8. Schuljahr. – Verlag Ferdinand Kamp,
Bochum, 1992.
3. Auswahl. Lesebuch für Schulen. 7. Schuljahr. – Verlag Ferinand Kamp, Bochum
1990.
4. Begegnungen. Lesebuch für Gymnasien./Band 5. – Hermann Schroedel Verlag KG,
Hannover, 1996.
5. Deutsche Erzähler des 20. Jahrhunderts von Joseph Roth bis Hermann Burger. –
Manesse Verlag Zürich, 1994.
6. Der Kanon. Die Erzählungen und ihre Autoren. – Insel Verlag Frankfurt am Main
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7. Duden. Briefe schreiben leicht gemacht. – Dudenverlag Mannheim – Leipzig –
Wien – Zürich, 2003.
8. Erzählungen der Gegenwart III, V, VII./Hirschgraben-Lesereihe für die Schule. –
13. Aufl. – Cornelsen Verlag Berlin, 1999.
9. Fix, U., Poethe, H., Yus, G. Textlinguistik und Stilistik für Einsteiger. Ein Lehr-
und Arbeitsbuch. – Frankfurt am Main-Berlin-Bern etc., 2002.
10. Geschichte der deutschen Kinder-und Jugendliteratur. – J.B. Metzlersche
Verlagsbuchhandlung Stuttgart, 1990.
11. Kaleidoskop./Kultur, Literatur und Grammatik: - Houghton Miffin Company
Boston- New York, 1998.
12. Kompass. Ein Lesewerk./9. bis 11. Schuljahr. – Ferdinand Schöningh – Padeborn,
1995.

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13. Lesebuch, 9. Schuljahr. - Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt am Main, 1987.
14. Lesebuch 95. Ein Lehrwerk für die Schule./9. bis 11. Schuljahr. – Hermann
Schroedel Verlag KG - – 12. Aufl. – Hannover, 1998.
15. Martini, F. Deutsche Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart. –
19. Aufl. – Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1991.
16. Naumenko A.M. Linguopoetische Analyse des belletristischen Textes // Новітня
філологія. – Миколаїв: МДГУ ім. П. Могили, 2005. - № 1/21. – С. 266-285.
17. Riesel, E., Schendels, E. Deustche Stilistik. – Moskau: 1975.
18. Sprachkurs Deutsch 4. Neufassung. – Verlag M. Diesterweg und Verlag
Sauerländer, 1992.
19. Westermann Lesebuch./Band für das 9. Schuljahr. – Georg Westermann Verlag
Braunschweig, 1997

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