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Lebenswelt

Der wichtigste Pfeiler der Brücke, die von der Phänomenologie


zur Anthropologie führt, ist für Blumenberg die Theorie der Le­
benswelt. Diese Funktion vermag sie zu übernehmen, weil sie, aus­
gehend von der Struktur des Bewusstseins, einen Zustand zu be­
schreiben sucht, der identisch ist mit dem, den verlassen zu haben
unser Menschsein ausmacht. Die Lebenswelt ist eine Welt ohne
Erwartungen und ohne Enttäuschungen. Für die, die in ihr leben,
ist alles völlig selbstverständlich, und alles ist selbstverständlich da.
In einem solchen Zustand gibt es keine Begriffe, denn sie wären
Instrumente, sich auf Abwesendes zu beziehen; und es gibt keine
Logik, denn ihr wichtigstes Werkzeug, die verneinende Aussage,
diente der Verarbeitung von Enttäuschungen, und die logischen
Modalformen – ›möglich‹, ›wirklich‹, ›notwendig‹ – hätten die
Aufgabe, alles, was ist, nach Graden der Zuverlässigkeit und Un­
zuverlässigkeit zu sortieren. Daran besteht in der Lebenswelt kein
Bedarf. Mit Edmund Husserl nennt Blumenberg diese begriffslose
und logikfreie Welt »vorprädikativ« (ThL 23 f., 112), »prälogisch«
(ThL 120) und »prämodal« (ThL 16, 123).
In dieser Lebenswelt kann es kein Wissen von ihr geben. Die
»konstruktive Beschreibung« (ThL 35) einer solchen Welt ist nur
möglich durch die, die aus ihr herausgetreten sind und sich da­
durch überhaupt erst die Mittel zu solcher Beschreibung verschafft
haben. Indem die Theorie der Lebenswelt einen wesentlichen Zug
der Anthropogenese darstellt, wird sie selbst zu einem Teil einer
phänomenologischen Anthropologie. Wenn Blumenberg seiner
eigenen »Phänomenologischen Anthropologie« den Titel Beschrei-
bung des Menschen gibt, so auch, um deutlich zu machen, dass es
darin um beides in einem geht: den Menschen zu beschreiben und
zugleich darzutun, dass es der Mensch ist, der, die Lebenswelt hin­
ter sich, diese phänomenologischen Beschreibungen zustande zu
bringen in der Lage ist. Dies mag man für trivial halten, von den
Voraussetzungen der Phänomenologie Husserls her ist es nahezu
unbegreiflich, denn nicht der Mensch und das spezifisch mensch­
liche Bewusstsein, sondern das reine Bewusstsein überhaupt ist ihr
Thema. Die »Beschreibung des Menschen« in ihrer doppelten Be­
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deutung begreiflich zu machen und in eins damit zu klären, wie
theoretische Einstellung und phänomenologische Theorie über­
haupt möglich sind, ist der Sinn von Blumenbergs Auseinander­
setzung mit Husserl.

Bezugsrahmen, Kontexte
»Zunächst und vor allem ist Lebenswelt ein transzendentaler Begriff«
(ThL 79). Das bedeutet, dass das, was dieser Begriff bezeichnet, in
den Kontext einer Philosophie gehört, die a priori untersucht, wie
Bewusstsein und Wirklichkeit, Erkenntnis und Welt in sich verfasst
und miteinander verbunden sind. Was zunächst und vor allem auf
diese Weise zu verstehen ist, schließt spätere und andere Formen
nicht aus: »Denn selbstverständlich gibt es empirische Lebenswel­
ten« (LuW 53): Aber das sind eben »erst sekundäre Sachverhalte«
(ThL 79), die man ohne den primären, nämlich transzendentalen,
gar nicht angemessen zu begreifen vermag. Diese Rang- und Er­
kenntnisfolge zu verkennen nennt Blumenberg das »Lebenswelt­
mißverständnis« (LuW 7-68). Dass er sich vorgenommen hat, es
aufzuklären und den systematischen Ort der Lebenswelt-Thematik
in der transzendentalen Phänomenologie wieder zu verdeutlichen,
macht die Schwierigkeit seines Unternehmens verständlich.
Das ist indes erst die Außenseite seiner Theorie der Lebenswelt.
Deren Innenseite ist die Ausarbeitung eines Begriffs von Lebens­
welt, wie es ihn in der Phänomenologie immer schon hätte geben
müssen, aber faktisch nicht gegeben hat. »Das ›Lebensweltmißver­
ständnis‹ ist nicht nur eine Sache der anderen und der Späteren,
[…] es ist konstitutiv für die Entstehungsbedingungen von Begriff
und Thematik, für Husserls eigene Schwierigkeiten« (LuW 17).
Um den Anfang von Theorie und phänomenologischer Philoso­
phie nicht voluntaristischer Unerklärbarkeit zu überlassen, sondern
rational einsichtig zu machen, hätte Husserl zeigen müssen, wie die
Lebenswelt »als ihre immanente Konsequenz aus sich heraus« zu
so etwas führt wie theoretische Einstellung, Begriffe, Logik, Wis­
senschaft. »Dies allerdings wäre die Lösung gewesen, die Husserl
auf Grund seiner genetischen Logik hätte finden können und müs­
sen. Er hat sie aus Furcht vor einem Anthropologismus verfehlt«
(ThL 76 f.).
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Es ist für Blumenbergs Umgang mit Husserl signifikant, dass er,
wo immer es geht, an dessen Selbstkritik anschließt, sie aufnimmt
und weiterführt. Schon Husserls Einführung der Lebenswelt-
Thematik (in den 1920er Jahren) steht für Blumenberg »in einem
selbstkritischen Zusammenhang« (ThL 128). So geht es Blumen­
berg insgesamt um die Fortsetzung des Prozesses der »autochtho­
nen Selbstverdeutlichung« der Phänomenologie (LuW 30 Anm. 12)
über das von Husserl Geleistete hinaus. Denn »wie jede andere
Hauptgestalt aus der Geschichte der Philosophie ist auch Husserl
nicht die Reindarstellung der immanenten Möglichkeiten des von
ihm begründeten und geformten Denkens« (LuW 33). In Sachen
Lebenswelt führt das zu dem Vorhaben, »den immanent-systema­
tischen Sollwert von ›Lebenswelt‹« zu eruieren (LuW 17). Nicht
zufällig führt Blumenberg in seine Texte eine ›ideale‹ Figur namens
»der Phänomenologe« ein. Das ist weder Husserl noch Blumen­
berg, sondern, über beide hinaus, die Verkörperung des »Sollwerts«
dessen, der die Phänomenologie zur »Reindarstellung« ihrer Mög­
lichkeiten führen würde. Der phänomenologisch beschreibende
Autor Blumenberg stellt sich uns nicht als isolierter Urheber neuer
Einsichten dar, sondern als verbundener, wenn nicht gar verpflich­
teter Fortsetzer eines Werkes, das andere angefangen und wieder
andere weiterzuführen haben.
Ein Problem, das sich Husserl durch seine Methode der phä­
nomenologischen Reduktion eingehandelt hat, bringt ihn – und
Blumenberg – in ein Konkurrenzverhältnis zu Martin Heidegger.
Reduktion bedeutet: Absehen von der Existenz der Dinge und
der Welt, um ihre Essenz, ihr Wesen, zu Gesicht zu bekommen.
Aber das war leichter gesagt als getan. Denn wer der Reduktions­
vorschrift genügen wollte, musste verstanden haben, was das ist,
wovon abzusehen war: Existenz. Die Bedeutung des Wortes ›ist‹
zu klären ist Sache der Logik. Heidegger hatte mit der ›Seinsfra­
ge‹ dieses Thema aufgenommen und Existenz als Seinsweise des
Daseins bestimmt. Nach Blumenberg entsprach Heideggers »Frage
nach dem ›Sinn von Sein‹ der in der Phänomenologie fälligen Frage
nach dem ›Wesen der Existenz‹« (LuW 46). So gerät Husserl mit
seinem Unternehmen, alle Fragen der Logik mit dem Anfang bei
der Lebenswelt zu beantworten, auch in der Thematik der Existenz
in eine »Rivalität« (LuW 52) mit Heideggers Existenzphilosophie.
»Die Existenz ermöglicht zu verstehen, was ›Existenz‹ bedeutet.
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[…] Das war es, was mit ›Lebenswelt‹ aufzuholen war, […] um
nicht einer Phänomenologie Raum gegen die Phänomenologie zu
lassen« (LuW 20 f., 41). Das ist es, was auch Blumenberg mit ›sei­
ner‹ Lebenswelt tut.

Texte
Von grundlegender Bedeutung sind der erste Teil von Lebenszeit
und Weltzeit mit dem Titel »Das Lebensweltmißverständnis« und
der dritte Teil, der die »Urstiftung« behandelt. Wie die in dem
Band Theorie der Lebenswelt aus dem Nachlass herausgegebenen
Texte zeigen, hat sich Blumenberg kontinuierlich mit dem Thema
auseinandergesetzt. Besonders hervorzuheben sind der zuerst 1963
erschienene Aufsatz »Lebenswelt und Technisierung unter Aspek­
ten der Phänomenologie«, den Blumenberg später auch in Wirk-
lichkeiten in denen wir leben aufgenommen hat (W 7-54; ThL 181-
224), sowie der zuerst auf Englisch erschienene Aufsatz »Lebenswelt
und Wirklichkeitsbegriff« aus dem Jahr 1972 (ThL 157-180). In den
anderen großen Monographien wird die Lebenswelt zumeist nicht
ausdrücklich zum Thema gemacht.

Lebenswelt als phänomenologisches Thema


Den Grund dafür, dass das Thema Lebenswelt Husserl nahelag,
sieht Blumenberg darin, dass der Begründer der Phänomenologie
– und auch er selbst – die wesentliche Form des Bewusstseins als
Intentionalität versteht. Was mit den Begriffen Leben und Welt,
aus deren Verbindung diese so folgenreiche Vokabel entstanden
ist, gemeint ist, ergibt sich für den Phänomenologen aus der An­
fangs- und Endlosigkeit des Bewusstseins. Intentionalität, in ihrer
einfachsten Gestalt, ist die Beziehung zwischen dem intentiona­
len Erlebnis (alias Bewusstseinsakt) auf der einen Seite und dem
intendierten Gegenstand auf der anderen Seite. Sie ist eine ›ori­
ginäre‹ Relation. Denn keineswegs sind Akt und Gegenstand erst
einmal für sich da, um nachträglich zusammengeführt zu werden;
vielmehr sind sie a priori miteinander verbunden. Damit geht Blu­
menberg völlig d’accord, denn auf diese Weise vermeidet die Phä­
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nomenologie von vornherein den cartesianischen Dualismus, bei
dem eine denkende Substanz (res cogitans) und eine ausgedehnte
Sache (res extensa) auf eine Weise einander gegenüberstehen, die
nicht mehr verstehen lässt, wie sie überhaupt zueinander in Bezie­
hung kommen können.
Es kommt aber noch hinzu, dass das intentionale Erlebnis kein
isoliertes Vorkommnis ist. Jedes hat ein anderes vor sich und nach
sich und ist somit Teil des gesamten »Bewußtseinsstroms«, ein­
gebettet in das prinzipiell unendliche »Bewußtseinsleben«. Diese
Gesamtheit des nacheinander Erlebten ist ein Leben, und sie ist
ein Leben. – Der in einem Bewusstseinsakt intendierte Gegenstand
ist seinerseits kein isoliertes Einzelobjekt, sondern horizonthaft
verbunden mit anderen seinesgleichen, für die das wiederum gilt,
zur Totalität namens Welt. Insofern ist der aus ›Leben‹ und ›Welt‹
gebildete Titel »Lebenswelt« für Husserl nichts anderes als die Be­
zeichnung für die Unendlichkeitsform, die Totalitätsgestalt der In­
tentionalität des Bewusstseins (cf. ThL 111-113).
Für Blumenberg »ist die Wendung zur Lebenswelt auch, wie so
vieles andere in der Phänomenologie, immanente Konsequenz ih­
res Begriffs von Bewußtsein als Intentionalität« (ThL 25). Das ist
ein Schritt mehr als die Nachzeichnung dessen, wie die Wortver­
bindung und Begriffsprägung »Lebenswelt« bei Husserl aus dem
Grundkonzept der Intentionalität entsteht.
Was begrifflich nahelag, wurde auch sachlich bedeutsam durch
Husserls Einsicht, dass das Programm der Rückführung aller Be­
griffe – auch der logisch funktionalen – ganz am Ende auf eine un­
terste anschauliche Basis von Erlebnissen kommen muss, die noch
nicht durch aktive synthetische Funktionen geformt ist. Alle inten­
tionale Aktivität vollzieht sich »auf dem Grunde einer homogenen
und störungsfreien Passivität des Bewußtseins« (ThL 72). Dieser
»Grund« ist die Lebenswelt.
Die für Blumenberg wichtigste »Wendung der Phänomenologie«
ist die zur »genetischen Logik«, zu dem Versuch, ausgehend von der
»störungsfreien Passivität« durch einen nicht empirisch-psycho­
logischen, sondern transzendental-phänomenologischen Pro­zess die
Genese von Begrifflichkeit und Logik verständlich zu machen. An­
fangszustand für diese Genese ist die Lebenswelt. Nur in Verbindung
mit der Genetisierung der Phänomenologie lässt sich die »Einfüh­
rung der ›Lebenswelt‹ – weniger ihrem Thema als ihrer Funktion
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nach – begreifen. Genetisch konnte die Phänomenologie werden,
indem sie beschrieb, wie es zu den Phänomenen kam, die sie zu
beschreiben hatte. […] So in der Logik: Urteilsformen waren for­
malisierte Resultate von Anschauungen, Erlebnissen, Vorgängen
auf der vorprädikativen Ebene« (LuW 31).
Für Blumenbergs ›eigene‹, in seiner Sicht aber genuin phäno­
menologische Lebenswelt-Konzeption ist bedeutsam, dass er etwas
hat, was Husserl völlig abgeht – eine Vorstellung von dem, was eine
›gute Theorie‹ ausmacht: Sie muss mit möglichst wenig möglichst
viel anfangen und möglichst viel erklären können. Blumenberg will
die Lebenswelt-Theorie als eine gute Theorie. Der Anfangszustand,
aus dem heraus die theoretische Einstellung, das logisch-begriffli­
che Rüstzeug, die Wissenschaft und nicht zuletzt die Phänome­
nologie verständlich werden, muss den »Inbegriff aller denkbaren
Erschwerungen« für Theorie darstellen.
Blumenberg kennt nur genau ein Merkmal, das die Lebenswelt
auszeichnet: Selbstverständlichkeit. Es liegt sozusagen in den An­
fangsbedingungen von Blumenbergs Konzeption, dass Lebenswelt
formal und inhaltsarm sein muss. Wer meint, die Lebenswelt sei
doch viel lebendiger, munterer, quirliger, als Blumenberg sie be­
schreibt, verkennt grundsätzlich den Sinn der Theorie. Gegen
dieses »Lebensweltmißverständnis« mit seinen »neoromantischen
Konnotationen« (LuW 55) ist festzuhalten: »Die Lebenswelttheorie
dient, so ruppig sich das ausnehmen mag, nicht dem Verständnis
der Lebenswelt« (LuW 22). So ist es ganz konsequent, dass Blu­
menbergs »Theorie der Lebenswelt« weithin eine Theorie über diese
Theorie ist: wie sie gebaut sein müsste, was sie zu leisten hätte,
um ›gute Theorie‹ zu sein. Und die Inhalte der Lebenswelt? »Ihre
materiale Qualität ist kontingent.« Sie tun nichts zur Sache, sind
austauschbare Größen. Ob die Lebenswelt inhaltlich als »Paradies«
oder als »Höhle«, als »Sphäre finsterer Bewußtseinsmängel« oder
als »dumpfe Benommenheit eines Absolutismus der Wirklichkeit«
beschrieben wird (ThL 50) (→ Wirklichkeit), ist für die Phäno­
menologie so ›gleichgültig‹, wie es für die Geometrie, wenn sie die
wesentlichen Eigenschaften eines Dreiecks demonstriert, nicht da­
rauf ankommt, ob sie dies anhand eines recht-, stumpf- oder spitz­
winkligen tut.
Auch noch »die äußersten Bedingungen der Unmöglichkeit von
Philosophie zu denken« (ThL 121) hat Husserl versäumt. So hat er
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den Anfang aller Theorie voluntaristisch missverstanden: historisch
›bei den Griechen‹ als Entschluss des ›europäischen Menschen­
tums‹, nach den Gründen von allem zu fragen, und personal mit
Descartes als freie Entscheidung des einzelnen Subjekts, sich al­
ler Vorurteile zu entledigen und ganz von vorn neu anzufangen
mit dem Aufbau einer definitiven Wissenschaft. Darin besteht
Husserls »heimlicher Dezisionismus«: »Der Urentschluß zur The­
orie bedarf der Begründung und Beschreibung nicht« (ThL 73-75).
Doch gerade eine solche Begründung und Beschreibung dessen,
wie es angefangen hat mit dem Denken und der Theorie, hätte eine
Phänomenologie der Lebenswelt zustande bringen müssen, wenn
sie ihrem Programm nur konsequent genug gefolgt wäre. Blumen­
bergs Theorie der Lebenswelt ist der Versuch, diese Inkonsequenz
zu vermeiden.

Der Ausgang aus der Lebenswelt


Als Prototyp einer – für das Theorieformat – ›guten‹ Beschreibung
dient Blumenberg der Naturzustand bei Thomas Hobbes. Nicht
dass der status naturalis selbst ein Beispiel für eine Lebenswelt wäre!
Nur wegen der Art, wie er konstruiert wird, eignet er sich als Sche­
ma oder formales Vorbild dafür, wie eine Lebenswelttheorie auszu­
sehen hätte. Entscheidend für Blumenberg ist: Hobbes bietet »eine
Theorie, die einen Folgezustand aus der immanenten Unhaltbar­
keit des Vorzustandes erklärt«. Der Übergang in den status civilis
geschieht mit einsehbarer Notwendigkeit aus einem »Zustand der
rationalen Unhaltbarkeit« (ThL 39 f.).
In seinen Versuchen, dieser Form von Theorie gerecht zu wer­
den, ist Blumenberg, wie er selbst sieht, nicht so recht erfolgreich.
Denn während der staatsrechtliche Naturzustand in sich unhaltbar
ist, benötigt die Lebenswelt einen von außen kommenden Auslö­
ser, der zu ihrer Destruktion führt. Das Ideal wäre gewesen: »Die
Lebenswelt ist der status naturalis des theoretischen Bewußtseins,
solange es dieses noch nicht ist. Es muß gezeigt werden können,
daß dieser Status aus sich selbst keinen Bestand haben kann und
daß seine Unbeständigkeit auftritt als Ansatz von oder zu Theo­
rie« (ThL 54). An dieses Ideal kann Blumenbergs »konstruktive Be­
schreibung« sich nur annähern. Diese Annäherung besteht in der
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Verkleinerung dessen, was nicht entbehrt werden kann: Wenigstens
das muss zu leisten sein: Minimierung der Zusatzannahmen, »Ein­
schränkung des theoretischen Fremdbedarfs auf die kleinstmögli­
che Menge« (ThL 127).
Für Blumenberg ist die Lebenswelt – metaphorisch natürlich –
eine Innenwelt, die etwas um sich hat. Es ist eine Innenwelt, in
welcher man nicht weiß, dass sie eine solche ist, in der also das
Außen nicht gedacht werden kann. Das macht die Bestimmung
ihrer Grenze so schwierig. Denn ›von innen‹ hat sie keine Gren­
zen. Sie ›von außen‹ zu sehen setzt aber voraus, sie bereits verlassen
zu haben und auf sie als auf das Zurückliegende zurückblicken zu
können. Blumenbergs Ausführungen machen in ihrer Zirkularität
schön deutlich, wie schwierig die deskriptive Lage ist: »›Lebens­
welt‹ ist zwar ein Grenzbegriff, aber die durch ihn zu bestimmende
Lebenswelt hat selbst keine Grenzen. Sie bekommt Grenzen erst,
wenn sie und indem sie überschritten werden« (ThL 84).
»In einer Welt dieser Art gab es nicht den geringsten Anlaß, auf
Mittel zu sinnen, um Abwesendes anwesend zu machen: Magie,
Bilder, Symbole, Namen, Begriffe« (LuW 35). Was nottut, um ver­
stehen zu können, wie es kommt, dass wir all diese Mittel ausgebil­
det haben, ist ein Ereignis am »Rand der Lebenswelt«: Es tritt etwas
Ungewöhnliches, Unbekanntes, Unheimliches, Furchterregendes
auf, formal gesprochen: ein »störender Faktor«. Doch was er gewe­
sen sein könnte, »werden wir nie wissen« (ThL 127 f., 153). Und wir
brauchen es auch nicht zu wissen. Denn dieser externe Faktor hat
nur Auslöserfunktion: Er zerstört die Lebenswelt nicht, sondern
veranlasst ihre Selbstzerstörung. Wie dieser externe Auslöser die
interne »Autodestruktion« auslöst, bleibt bei Blumenberg ebenso
undeutlich wie das Verhältnis dieser Selbstzerstörung zu dem Vor­
gang, dass die, die bislang in der Lebenswelt gelebt haben, nachher
nicht mehr darin sind. »Sie zerstört sich selbst und vertreibt der­
art aus sich ihren Endoparasiten« (ThL 49). Das »derart« bedeutet
nicht einfach Identität des Vorgangs, sondern scheint eine Abfolge
zu implizieren. Das würde bedeuten, dass die »Autodestruktion der
Lebenswelt […] die Voraussetzung für das Herausgeschleudert­
werden oder das Herausgehen aus ihr ist« (ThL 103). Auch dieser
Übergang bleibt in der Schwebe: Er ist weder aktiv noch passiv,
weder eine Handlung kraft Entscheidung noch ein kontingentes
Widerfahrnis.
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Wichtiger aber als das deskriptive Management der räumlichen
und zeitlichen Metaphorik von Grenze und Übergang ist der sach­
liche Ertrag: Tödlich wäre es, wenn »das Subjekt die Grenzüber­
schreitung nicht zu bewältigen vermag, ohne sich zum Mineral zu
verhärten« (LuW 59). Diese letale Erstarrung an der Grenze wird
vermieden, indem das Subjekt zum Zwecke dieser Vermeidung
gerade hier das Mittel der Negation originär erzeugt und fortan
darüber verfügt. Erleben und überleben zu können, dass etwas
›nicht so‹ ist: Das heißt, die Lebenswelt lebend verlassen zu ha­
ben. Das ist der Kern der Lebenswelttheorie Blumenbergs. Was die
Detailbeschreibungen angeht, scheint er ganz darauf zu vertrau­
en, dass Husserl in seiner genetischen Phänomenologie alles, was
für die Entstehung von Negation aus dem passiven Erleben heraus
erforderlich ist, schon hinreichend genau dargestellt hat (in den
»Analysen zur passiven Synthesis« von 1924). In den Folgen geht
er aber weit über Husserl hinaus. Denn alle wesentlichen Über­
gänge des Lebens sind für Blumenberg Nachgestalten dieses ersten
Übergangs; besonders anschaulich vorgeführt hat er das im ersten
Teil der Höhlenausgänge, wo es insgesamt um »das Überleben der
Übergänge« (H 20) geht (→ Höhle).

Alltägliche Lebenswelt
Lebenswelt situiert Blumenberg an drei ›Orten‹, die sich alle durch
eine Relation zur Geschichte definieren: »prähistorische, subhis­
torische und posthistorische Lebenswelt« (LuW 65). Es gibt einen
Fortbestand dessen, was doch schon hinter uns liegt. Der Grund
dafür ist ein doppelter, nämlich »daß die Destruktion der Lebens­
welt niemals vollendet« und »ihre Restruktion gegenläufig ständig
in Gang befindlich« ist (LuW 63 f.). Selbstverständlichkeit ist nicht
restlos verloren, und sie stellt sich immer wieder neu ein. So ist
eine »final-posthistorische« Lebenswelt denkbar, in der alles wieder
so selbstverständlich geworden wäre, wie es ehedem gewesen sein
muss.
Ungleich wichtiger aber ist die »alltäglich-subhistorische Le­
benswelt« (LuW 65). Sie zu würdigen ist ein Zug gegen Heidegger.
Denn dieser hatte mit dem Gegensatz von Eigentlichkeit und All­
täglichkeit Letztere in eine zwielichtige Position gebracht. So Blu­
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menberg gereizt über Heideggers »Alltäglichkeit«: »Inmitten eines
von hochgestochenen Vokabeln angeschwollenen Jargons reüssierte
diese Prägung von ausgesprochener Biederkeit.« Wegen der Nähe
zu Husserls Vokabular sieht er hier die Gefahr, »daß die Lebenswelt
in ihrem kulturkritischen Gebrauch zu einer Wunschwelt degene­
riert« (ThL 37 f.).
»Die Lebenswelt ist nicht identisch mit der Alltagswelt; aber die
Alltagswelt ist eine Lebenswelt« (ThL 55). Das »Lebensweltmißver­
ständnis« besteht gerade auch darin, die bunte Mannigfaltigkeit
dessen, was tagein, tagaus um uns herum geschieht, mit der Le­
benswelt insgesamt gleichzusetzen. »Das Erzmißverständnis«, das
der Verwechslung von Alltag und Lebenswelt zugrunde liegt, ist
eines zugunsten der materialen Fülle, des Reichtums an Inhalten.
Selbst in der Phänomenologie liegt dieses Missverständnis nahe,
wenn gedacht wird, »das Formale als das ›nur‹ solche verstoße ge­
gen den Urschrei der phänomenologischen Empörung: Zu den
Sachen!« (LuW 25) Die Lebenswelt hat aber wesentlich diesen for­
malen, funktionalen Charakter; sie zu thematisieren erfordert, »alle
Bezüge auf spezifische Dinglichkeiten und kulturelle Ausstattun­
gen abzuschalten« (LuW 65). Die Folge ist äußerste »Dürftigkeit«:
»Kataloge von ausgezeichnetem Inventar der ›Lebenswelt‹ kann es
also nicht geben« (LuW 25, 68); sie ist »eine Welt, in der alles ge­
lingt, weil alles nicht sehr viel ist« (ThL 126).
Gleichwohl gibt es die »alltäglich-subhistorische Lebenswelt«;
sie ist »unter uns (das ›unter‹ im doppelten Sinn)« (LuW 25). ›All­
täglichkeit‹ kann eben auch eine Weise der Regelung des Lebens
bedeuten, die völlig dicht und selbstverständlich ist. So zu leben
heißt dann, »weiterer Regelungen nicht zu bedürfen, keine Ent­
scheidungen ausstehen zu haben. Regelungsunbedürftigkeit muß
als Kennzeichen der prototypischen Lebenswelt […] angesehen
werden« (LuW 64; Hervorhebung M. S.). Was in der phänomeno­
logischen Sozialphilosophie und in den phänomenologisch inspi­
rierten Sozialwissenschaften als »Alltagsleben« oder »everyday life«
analysiert wird – etwa bei Alfred Schütz oder Erving Goffman, die
Blumenberg aber nie erwähnt –, zielt gleichsam auf den Grenzwert,
der philosophisch von Belang ist. »Daher ist es keinesfalls abwegig,
›Alltäglichkeit‹ als fortgeführte, mitgeführte, unterlaufende Le­
bensweltlichkeit zu beschreiben« (LuW 64). Und obgleich die Le­
benswelt, die für den Phänomenologen bedeutsam ist, Geschichte
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wesentlich ausschließt – sie eben nur ›vor‹, ›unter‹ oder ›nach‹ sich
hat –, nähert sich die ›Alltagsgeschichte‹ der Lebenswelt in dem
Maße, wie die Wandlungen in dieser Geschichte dem Bewusstsein
der Individuen und Generationen gleichermaßen entzogen sind.
Unser Alltagshandeln ist indes nicht allein durch unreflektierte
Handlungsabläufe bestimmt, sondern von technischen Prozessen
durchsetzt und getragen. Nun gewinnt aber die »jeder Besinnung
und jedes Zögerns unbedürftige Auslösung von Funktionen« selbst
lebensweltlichen Charakter. Diese Einsicht bewahrt die Phäno­
menologie davor, das »gefällige Gegenspiel von Lebenswelt und
technischer Welt« mitzumachen (LuW 64). Diese Entgegensetzung
verkennt den Beitrag, den die Technisierung – unbeschadet ihres
Beitrags zur Destruktion von Lebenswelt – zur Wiederherstellung
und Anreicherung von Lebenswelt erbringt (→ Technik). Das
›unbedachte‹ Ingangsetzen und ›automatische‹ Ablaufen techni­
scher Prozesse lässt ein stets wachsendes Segment der technischen
Welt selbstverständlich werden. Technisierung ist ein Prozess, wel­
cher die »Tendenz auf finale Lebensweltlichkeit« nicht nur betreibt,
sondern auch beschleunigt (LuW 64).

Literatur
Barbara Merker, »Bedürfnis nach Bedeutsamkeit. Zwischen Lebenswelt
und Absolutismus der Wirklichkeit«, in: Franz Josef Wetz, Hermann
Timm (Hg.), Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumen-
berg, Frankfurt/M. 1999, S. 68-98.
Philipp Stoellger, Metapher und Lebenswelt. Hans Blumenbergs Metapho-
rologie als Lebenswelthermeneutik und ihr religionsphänomenologischer
Horizont, Tübingen 2000.
 Manfred Sommer

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