‘Die Musik als Klangrede’
Barockmusik und
Rhetorik
Was ist Rhetorik?
• Rhetorik = Redekunst
• Rhetorische Reden sollten Zuhörer von einer
Aussage überzeugen oder zu einer
bestimmten Handlung bewegen
• Rhetorik überzeugt jemanden, indem es ihn
emotional bewegt
• Eloquenz, Gestik, Hyperbel, Ironie, Humor,
Metapher etc. Werden benutzt
Geschichte der Rhetorik
• Praktische Lehrbücher und
systematische Methoden von
Rhetorik beginnen in der
griechischen Antike.
• Männliche Vollbürger dürften
politische und rechtliche Fragen
mitentscheiden, und die Rhetorik
spielte eine große und wichtige Rolle
• Aristotle, Cicero und Quintillian
schrieben wichtiger Bücher über
Rhetorik
• In die 15. und 16. Jahrhunderte war
Rhetorik und andere alt-griechische
und römische Idealen wieder populär,
und beeinflusste die Bildungssystem
Teile von einer Rhetorische
Rede
• Inventio; Argumente und Ideen finden/erfinden
• Dispositio; die Argument zu Strukturieren
• Elocutio; die sprachliche Gestaltung, Stil, Wortwahl, Satzbau, Pausen etc.
• Memoria; auswendig lernen, um frei zu sein bei der Rede
• Pronuntiato; öffentlicher Vortrag, bei
dem stimmliche, mimische und gestischeMittel eingesetzt werden,
sowohl verbal, als auch nonverbal kommuniziert wird
• Und am Ende soll es den Publikum emotional bewegen (movere)
• Die glaubten an Affekten, die jeder Mensch besitzt, und durch externe Impulse
stimuliert werden können
Die Affektenlehre
• Rhetorik oder Musik kann
Emotionen/Affekten ausdrücken
und die Gemütsbewegungen beim
Hörer vorrufen
• Rene Descartes (1596 - 1650)
beschrieb “Lebensgeister” die wie
Gas sind, und von externe Impulse
in unsere Körper erweckt werden,
um “Leidenschaften” vorzurufen
• Johann Mattheson (1681 - 1764)
beschreibt die folgende Affekte:
Begierde, Traurigkeit, Liebe,
Freude, Stolz, Demuth, Geduld,
Zorn, Eifer, Rache, Wut, Grimm,
Eifersucht, Hoffnung
Komponist Vortragende Musiker
Inventio Pronuntiato
Dispositio Memoria
Elocutio Elocutio
Prima und seconda pratica
• In den 15. und 16. Jahrhunderten, war die Musik meistens Vokalpolyphonie: Palestrina, Josquin des Prez,
Johannes Ockeghem etc
• Es gab strenge Stimmführungsregeln über Dissonanzen
• Im Mittelpunkt stand weniger das vertonte Wort, sondern die Komplexität der Musik
• In der 16ten Jahrhundert wurde dieses Prinzip umgekehrt, Musikern haben angefangen den Text
auszudrücken und zu repräsentieren
• Einstimmige Melodien mit basso continuo Begleitung
• Komponisten fingen an, Texte zu repräsentieren durch Musik, aber wurde auch weitergeführt aus
Instrumentalmusik (ohne Worte)
• Instrumentalisten sollten die menschliche Stimme imitieren
• Im Laufe des 17. Jahrhunderts etablierte sich der neue Stil in ganz Europa, und setzte damit auch eine
neue Einstellung zur Musik durch
• Im Mittelpunkt stand nicht mehr eine gelehrte Abstraktion, sondern - übermittelt durch den
verständlichen Text - der Mensch mit seinen unterschiedlichen Emotionen
• Die Geburt von Barockmusik
"Prima pratica bezeichnet die Kompositionsart,
welche die Vollkommenheit der Harmonie
["armonia" = die alten Tonsatzregeln] anstrebt, die
hier nicht Dienerin, sondern Herrin der Rede
["oratione" = die Sprachbezogenheit der Musik] ist.
Seconda pratica benennt dagegen jene
Kompositionsart, die sich auf die Vollkommenheit
der Melodie konzentriert und die Rede zur Herrin
über die Harmonie bestimmt."
Giulio Cesare Monteverdi - 1607, Scherzi Musicali
Rhetorik in der Musik
Wer nicht sprechen kann, der kann noch viel weniger singen; wer nicht singen
kann, der kann auch nicht spielen.
.… das auch ohne Worte, in der blossen Instrumental Musik allemal und den
einer reden Melodie, die Absicht auf eine Vorstellung der regierenden Gemüths-
Regung Gerichtet sein müsse, so das die Instrumente, mittels des Klanges,
gleichsam einen redenden und verständlichen Vortrag machen.
Weil nun die Instrumental-Musik nichts anders ist, als eine Tonsprache oder
Klangrede, so muß sie ihre eigentliche Absicht allemal auf eine gewisse
Gemüths-Bewegung richten, welche zu erregen, der Ausdruck in der Intervallen,
die gescheite Abteilung der Sätze, die gemessene Fortschreitung und so weiter.
Johannes Mattheson (1681 -1764), Der Vollkommene Kapellmeister (1739)
A very great affinity, nearness, naturalness or
sameness betwixt Language and Musick. That
Musick is a language, and has its significations, as
words have, (if not more strongly)…
Thomas Mace (1613 - 1706), Musick’s Monument (1676)
Von einem Redner wird, was den Vortrag anbelanget, erfordert, dass er eine laute, klare und
reine Stimme, und eine deutliche und vollkommen reine Aussprache habe, das er nicht
einige Buchstaben mit einander verwechsele, oder gar verschlucke, das er sich auf eine
angenehme Mannigfaltigkeit in der Stimme und Sprache befleißige, dass er die
Einförmigkeit in der Rede vermeide, vielmehr den Ton in Silben und Wörtern bald laut bald
leise, bald geschwind bald langsam hören lasse, dass er folglich den einigen Wörtern die
einen Ausdruck erfordern die Stimme erhebe, den andern hingegen wieder mäßige, das es
jeden Affekt mit einer verschiedenen, dem Affekte gemässen Stimme ausdrucke, und das
er sich überhaupt nach dem Orte, wo er redet, nach den Zuhörern, die er vor sich hat, und
nach dem Innhalte der Reden die er vorträgt, richte.
Johann Joachim Quantz (1697 - 1773), Versuch einer Anweisung die Flöte traversiere zu
spielen (1752)
Der Affekt
bestimmt alles
Was für ein Affekt wir
ausdrücken möchten,
entscheidet natürlich
vieles über unsere
Interpretation
Quantz über das Erkennen des herrschenden Affekts
Ich will einige Kennzeichen angeben, aus denen zusammen genommen, man, wo nicht allezeit, doch meistenteils
wird abnehmen können, was für ein Affekt herrsche, und wie folglich der Vortrag beschaffen sehn, ob er
schmeichelnd, traurig, zärtlich, luftig, frech, ernsthaft, und so weiter, sein müsse. Man kann dieses erkennen: 1)
aus den Tonarten, ob solche hart oder weich sind. Die harte Tonart wird gemeiniglich zu Ausdrückung des
Schmeichelnden, Traurigen, und Zärtlichen gebrauchet. 2) Die Leidenschaft erkennen: aus den vorkommenden
Intervallen, ob solche nahe oder entfernt liegen, und ob die Noten geschleift oder gestoßen werden sollen. Durch
die geschleiften und nahe an einander liegenden Intervalle wird das Schmeichelnde, Traurige, und Zärtliche, durch
die kurz gestoßenen, oder in entfernten Sprüngen bestehenden Noten, wird das lustige und Freche ausgedrücket.
Punktierte und anhaltende Noten drücken das ernsthafte und Pathetische, die Untermischung langer Noten, als
halber und ganzer Takte, unter die geschwinden, aber, das Prächtige und Erhabene aus. 3) Kann man die
Leidenschaften abnehmen: aus den Dissonanzen. Diese tun nicht alle einerlei, sonder immer eine von der ander
verschiedene Wirkungen. 4) Anzeige des herrschenden Hauptaffekts ist endlich das zu Anfange eines jeden
Stückes befindliche Wort, als: Allegro, Presto, Andante, etc etc.
“The Weapons of Rhetoric”
• Artikulation
• Tempo
• Rubato
• Dynamik
• Phrasierung
• Rhythmus und Tanz
• Verzierungen
• Harmonie und Intervalle
Artikulation
Wie lassen wir das
Instrument sprechen?
Mattheson über Artikulation
• Die Absicht nicht auf Wörter, sondern auf deren Sinn und
Verstand richten: nicht auf bunte Worten, sondern auf
redende Klänge sehen
• Soll der Wort-Accent wohl in Acht genommen werden
• Muss man sich allemal eine gewisse Leidenschaft zum
Augenmerk setzen
C.P.E Bach über Artikulation
• Einige Personen spielen klebrig, als wenn sie Leim zwischen den Fingern hätten. Ihr Anschlag
ist zu lang, indem sie die Noten über die Zeit liegen lassen. Andere haben es verbessern
wollen, und spielen zu kurz; als wenn die Tasten glühend wären. Es tut Aber auch schlecht. Die
Mittelstrasse ist die beste; ich rede hiervon überhaupt; alle Arten des Anschlages sind zur
rechten Zeit gut.
• Die Lebhaftigkeit des Allegro wird gemeiniglich in gestossenen Noten und das zärtliche des
Adagio in getragenen und geschleiften vorgestellt. Man hat also beim Vortrage darauf zu
sehen, das diese Art und Eigenschaft des Allegro und Adagio in Obacht genommen werde,
wenn auch dieses bei den Stücken nicht angedeutet ist, und der Spieler noch nicht
hinlängliche Einsichten in den Affekt eines Stückes hat.
‘Musik als Klangrede’
Artikulation und Betonung
• Bei zweisilbige Wörter, gibt es Trochäus (trochee) und
Jambus (iamb)
• Trochäus: Betonung auf die erste Silbe = schwer - leicht
• Jambus: Betonung auf die zweite Silbe = leicht - schwer
• Leben, Reden, Tiere etc. etc.
• Gespenst, Verstand, zentral etc. etc.
Gute und schlechte Noten
• In der Barockmusik wurden Noten häufig in zweier Gruppen
gedacht, mit einer leichten Betonung auf die erste Note (wie ein
Trochäus)
• Girolamo Diruta (ca. 1554 - 1610, italienischer
Musikwissenschaftle, Organist und Komponist) nennt Noten
entweder buona oder cattiva
• Man kann mit Dynamik, oder durch eine Verlängerung eine Silbe
betonen
• Auf und Abstriche für Streichinstrumente, verschiedene Silben wie
(lere, tere, teke) für Blasinstrumente, p - i auf der Laute,
unterstützen dieser schwer-leicht Betonung
Quantz über gute und
schlechte Noten
Ich muss hierbei eine notwendige Anmerkung machen, welche die Zeit, wie lange jede Note
gehalten werden muss, betrifft. Man muss unter den Hauptnoten, welch man auch: anschlagende,
oder auch nach art der Italiener, gute Noten zu nennen pfleget, und unter den durchgehenden,
welche den einigen Ausländern schlimme heissen, einen Unterschied im Vortrage zu machen
wissen. Die Hauptnoten müssen allezeit, wo es sich tun lässt, mehr erhoben werden als die
durchgehenden. Dieser Regel zu Folge müssen die geschwindesten Noten, in einem jeden Stücke
von mäßigem Tempo, oder auch im Adagio, ungeachtet sie dem Gesichte nach einerlei Geltung
haben, dennoch ein wenig ungleich gespielt werden, so dass man die anschlagenden Noten einer
jeden Figur, nämlich die erste, dritte, fünfte, und siebente, etwas länger anhält, als die
durchgehenden, nämlich, die zweite, vierte, sechste, und achte: doch muss dieses Anhalten nicht
soviel ausmachen, als wenn Punkte dabei stünden.
Bass Aria aus BWV 47 Kantate “Wer sich selbst erhöhet der soll erniedriget werden”
Georg Phillip Telemann (1681 - 1767) - Fantasia 1 für solo Violine
Empfohlenes Lesen und
YouTube Playlist
• Johann Joachim Quantz (1697 - 1773), Versuch einer Anweisung die Flöte
traversiere zu spielen (1752)
• Johannes Mattheson (1681 -1764), Der Vollkommene Kapellmeister (1739)
• C.P.E. Bach (1714 - 1788), Versuch über die Wahre Art das Clavier zu Spielen
(1753/1762)
• Judy Tarling, The Weapons of Rhetoric (2004)
• Nikolaus Harnoncourt, Musik als Klangrede (1985)
• Peter Croton, Performing Baroque Music on the Classical Guitar (2018)
• https://www.youtube.com/playlist?
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