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1986

freyermuth.com

Mord
Reprint im Kloster
Szenen einer 46 Millionen Mark teuren Filmproduktion:
Umberto Ecos Bestseller Der Name der Rose lieferte die
Vorlage, Bernd Eichinger war der Produzent, Jean-Jacques
Annaud der Regisseur, Sean Connery der Star. Gedreht
wurde im Kloster Ebersbach und in Roms Cinecittà.
Ein Drehbuch-Bericht Weiter>

Von Gundolf S. Freyermuth

vol. 2008.08 inhalt info mord im kloster 1/62 Ë


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Inhalt

1. Aussen / Nacht - Das Kloster in den Bergen über Rom ................3


2. Innen / Tag - Restaurant „Il Paradiso“ bei Cinecittà ................. 12
3. Innen / Nacht - Lobby des Münchner Hotel Vierjahreszeiten ..... 15
4. Innen / Tag - Büro im Kloster Ebersbach ............................... 18
5. Aussen/ Dämmerung - Kloster in den Bergen über Rom ........... 23
6. Innen / Tag - Skriptorium des Kloster Ebersbach ..................... 27
7. Aussen / Tag – Das Kloster in den Bergen über Rom ................. 28
8. Innen / Nacht - Film-Kantine in den Hügeln über Rom ............. 37
9. Innen / Nacht - Bar des Hotel Savoy in Rom .......................... 41
1o. Innen/Tag - Hotelsuite mit Dachgarten in Rom...................... 46
11. Innen / Tag - Restaurant „Il Paradiso“ bei Cinecittà ............... 51
12. Innen / Nacht - Lobby des Münchner Hotel Vierjahreszeiten .... 56
13. Innen / Tag - Klosterschenke in Ebersbach .......................... 59
Impressum ....................................................................... 62

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1
Kapitel
Aussen / Nacht - Das Kloster in den Bergen über Rom

Ein Personenwagen quält sich durch Schlamm und Schotter, Schlag-


löcher und Pfützen. Rechts des Weges die Konturen von Weinstök-
ken, links eine dunkle Strauch- und Graslandschaft. Dann, hinter
der Bergkuppe, angestrahlt von Zehntausenden Watt, eine neue,
eine alte Welt:

In der tiefen Senke liegt eine Benedektiner-Abtei des 14. Jahr-


hunderts, komplett mit Kirche und Pferdestall, mit Dormitorium
und Friedhof, mit Badehaus und Aedificium, einem fast fensterlo-
sen, 30 Meter hohen Bibliotheks-Turm.

REPORTER (OFF)
Das Kloster in der Einöde ist ein ökonomischer
und ästhetischer Wahnsinn, eine millionenschwere
Architektur-Attrappe aus Hartplastik und
Beton - sichtbares Gegenstück zur Mittelalter-
Besessenheit seiner Schöpfer.

Der Wagen hält, der REPORTER steigt aus.

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REPORTER
Am Anfang der langen Reihe von Kloster-Fans stand
ein Professor für Zeichentheorie aus Bologna,
der sich nach 30 Jahren wissenschaftlicher
Beschäftigung mit Mittelalterlichem endlich den
lang gehegten Wunsch erfüllte, einen Mönch zu
vergiften.

DIE KAMERA FÄHRT ÜBER DIE SZENERIE: In der Schlammwüste vor den
Klostermauern lodern drei Scheiterhaufen: An Pfähle gefesselt har-
ren ein BAUERNMÄDCHEN und ZWEI MÖNCHE ihrer Verbrennung als Ket-
zer. Dunkle Trostlosigkeit liegt über der Landschaft aus struppi-
gen Sträuchern und blattlosen Bäumen.

REPORTER (OFF)
Ein Mord gab den anderen, und 1981 erschien
Umberto Ecos erster Roman Der Name der
Rose, eine ungewöhnlich spannende Mixtur
aus mittelalterlicher Geistes- und moderner
Kriminalgeschichte. Allemal so clever wie
Sherlock Holmes das Geheimnis um den Hund

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von Baskerville löst, klärt Ecos Held, der


detektivische Mönch William von Baskerville, die
mysteriöse Mordserie in einem norditalienischen
Kloster des Jahres 1327. Während Mönch William
für den Sieg der Rationalität über den (Aber-)
Glauben kämpft, gibt sich sein Watson-Gehilfe,
der Novize Adso von Melk, verbotenen Gefühlen zu
einem schönen Bauernmädchen hin.

Vor den drei Verurteilten auf den Scheiterhaufen taucht auf:


seine böse Eminenz, der GROSSINQUISITOR BERNARDO GUI alias F.
Murray Abraham. Um ihn herum stehen seine Henkershelfer, dahinter
die Mönche des Klosters.

REPORTER (OFF)
Wenn dann der brutale Großinquisitor Bernardo
Gui das Mädchen der Hexerei und der Morde
anklagt, wird die Handlung zum Wettrennen um
Leben, Liebe und Tod. Die Auflösung des Mord-
Rätsels, mehr sei nicht verraten, hängt mit der
theologischen Frage zusammen, ob die Komödie

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und das Lachen, ein fröhliches Leben überhaupt,


gottgefällig oder des Teufels sind.

In einigem Abstand wogt, gespenstisch beleuchtet vom Flackern der


Fackeln, die klumpige Masse der verlumpten, schlammverdreckten
Dorfbewohner, scheue, fremdartige Gesichter. Gestalten, wie aus
einem Film, der nach dem Atomkrieg spielt.

REPORTER (OFF)
Der nächste, den die Liebe zum Mittelalter
erfasste, war Regisseur Jean-Jacques Annaud. Auf
dem Flug in die Karibik las er 1983 eine kleine,
nichtssagende Notiz über die französische
Ausgabe von Ecos Erstlingswerk - und witterte
sofort eine Gelegenheit. Bald gehörten ihm die
Filmrechte.

Regisseur JEAN-JACQUES ANNAUD, in Lebensrettungs-Weste und grünem


Pullover, läuft zwischen Schauspielern und Technikern hin und her.
Den 200 Statisten - sie stammen aus abgelegenen süditalienischen
Dörfern - ist die Arbeit für den Film fremd. Sie sind unsicher,
reden laut oder lachen, so dass immer wieder Aufnahmen verdor-

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ben sind. Mit vier Kameras, die diese Massenszene zugleich filmen,
kämpft Annaud gegen die Tücken von Technik und Personal.

REPORTER
Annaud ist Spezialist für die Rekonstruktion
ferner Epochen. Sein Oscar-prämierter Film
Am Anfang war das Feuer zeigt das Leben
in der Steinzeit so realistisch, dass er im
französischen Geschichtsunterricht vorgeführt
wird - als wär’s eine Wochenschau von damals.

ANNAUD (IN DIE KAMERA)


Einen Film zu machen, ist nicht wie Herumbumsen,
das ist wie Heiraten. Da gehen Jahre eines
Lebens drauf.

Mittelalterliche Dörfler und Mönchen waten, mit nackten Füßen in


Riemensandalen, bis weit über die Knöchel im eiskalten Schlamm.

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REPORTER (OFF)
Was Herumbumsen im Filmgeschäft heißt, weiß
Annaud genau. Als Twen war der 42jährige einer
der fünf höchstbezahlten Werbefilmer der Welt,
für seine über 500 Spots kassierte er alle
Preise, die es in dieser Branche gibt.

Die KAMERA erfasst einen Mann in Cowboystiefeln, Jeans und Krem-


penhut: Executive Producer THOMAS SCHÜLY. Der Reporter tritt zu
ihm.

REPORTER
Guten Tag, Herr Schüly. Sie haben einst das
Geld für die Filme Ihres Freundes Fassbinder
aufgetrieben. Jetzt riskieren Sie hier einen
Haufen Geld - 15 Millionen Dollar.

Thomas Schüly macht eine wegwerfende Handbewegung, der man an-


sieht, dass er sich durchaus Größeres vorstellen kann.

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SCHÜLY
In den USA wäre das eine Billig-Produktion. Für
Europa sind wir natürlich ‘ne große Sache.

REPORTER
Warum wollten die Amerikaner die Filmrechte
nicht?

AUFNAHMELEITER
Quiet, Silenzio, Ruhe.

SCHÜLY
(flüsternd) Weil die einfach viel zu blöd sind,
die haben ja gar nicht gemerkt, was sie da
hätten haben können.

ANNAUD
Roll.

Die Anordnung des Regisseurs wird über Walkie-Talkie weitergege-


ben. Im Hintergrund fängt der gigantische Bibliotheks-Turm Feuer.

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Aus den winzigen Fenstern in dreißig Meter Höhe fliegen Fetzen


brennenden Papiers.

Die Mönche entdecken das Feuer, laufen schreiend den Weg hinun-
ter zum Kloster. Der Großinquisitor und seine Henker sehen sich
plötzlich allein mit der Masse der Dörfler, die leise und traurig
vor sich hinsingen.

Gui alias F. Murray Abraham will zu den Scheiterhaufen stürmen.


Doch seine Stiefel stecken unverrückbar im Schlamm.

Abraham stockt unmerklich, schaltet dann schnell: Die Kamera er-


fasst ihn nur bis zur Körpermitte, also schlüpft er aus den Stie-
feln und spielt in Strümpfen weiter.

ABRAHAM
(zu seinen Henkershelfern) Verbrennt die Hexe,
verbrennt die Hexe!

Die Dorfbewohner, Verwandte und Freunde des Mädchens, nehmen eine


drohende Haltung ein. Ihr Trauergesang geht in Schreien über. Ei-
ner der Zerlumpten hebt einen schweren Stein auf.

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DORFBEWOHNER
Steinigt sie, steinigt sie ...

Die Menge stürmt auf den Großinquisitor zu, will ihn angreifen.
Abraham dreht sich um - und bricht in Lachen aus: Der Schlamm ist
gespickt mit Dutzenden von linken und rechten Schuhen, eine Pa-
rade von Stiefelschäften. Und hinter ihnen liegt majestätisch das
Kloster, von einem elektrischen Mond erleuchtet.

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2
Kapitel
Innen / Tag - Restaurant „Il Paradiso“ bei Cinecittà

Hinter der Fensterfront fällt schwerer Regen. Der Gastraum ist


halb leer. An einem Ecktisch sitzen der Reporter und Jean-Jacques
Annaud, ein quirliger, dünner, hochaufgeschossener Mann mit lan-
gen, schwarz-grauen Lockenhaaren.

REPORTER
Bevor Sie das Kloster in die römische Einöde
gebaut haben, sind Sie monatelang vergebens
durch Europa gereist auf der Suche nach einem
geeigneten Drehort. Heißt das, dass Ihr Kloster
nach Hollywood-Manier jetzt bigger than life
ist, eine Filmkulisse, die es in Wirklichkeit
nie gegeben hat?

ANNAUD
Nein, nur dass es heute so etwas nicht mehr
gibt. Viele Kloster sind Ruinen, andere wurden
im Laufe der Zeit modernisiert und sehen nicht
mehr aus wie im 14. Jahrhundert.

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Ein Kellner bringt zwei Teller mit Pasta, von denen in der Kühle
des Raumes heißer Dampf aufsteigt.

ANNAUD
Aber bevor wir Millionen für eine Kulisse
ausgaben, mussten wir absolut sicher sein, dass
so ein Bau nirgends existierte. Damit nicht
eines Tages irgend jemand auftaucht, vielleicht
ein netter Journalist aus der Türkei, sich unser
teures Kloster anguckt und sagt: Ja, klar, genau
wie das bei mir um die Ecke.

REPORTER
Wie war es mit den Vorbildern, die Eco für sein
Buch-Kloster hatte?

ANNAUD
Die hat er mir gezeigt. Er ist mit mir durch
Norditalien gefahren, was sehr witzig war.
Denn wo wir hinkamen, ist er immer gleich in
Begeisterung ausgebrochen: Ja, genau das ist

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es, genau das Richtige für dich! Die modernen


Anbauten hat er schlicht übersehen. Als
Romancier kann man das natürlich. Die lässt man
beim Schreiben einfach weg.

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3
Kapitel
Innen / Nacht - Lobby des Münchner Hotel Vierjahreszeiten

Schicke Menschen Münchner Machart in gepflegtem Ambiente. An ei-


nem Ecktisch sitzen der Reporter und UMBERTO ECO, ein bärtiger
Mittfünfziger, umgeben von zerwühlten Zeitungen. Eco wirkt ebenso
seriös wie wild - ein Boheme-Professor, der von dem Erfolg seines
philosophischen Thrillers ein wenig überrascht wurde.

REPORTER
Sie sind so fröhlich. Haben Sie keine Angst,
dass Ihr Buch bei der Verfilmung allzu sehr
verstümmelt wird?

ECO
Ach, der Annaud hat sich Jahre damit
auseinandergesetzt, er hat sich durch eine
ganze Bibliothek von Fachbüchern gelesen. Mit
demselben Arbeitsaufwand hätte er Professor für
mittelalterliche Philologie an der Sorbonne
werden können. Die Chancen stehen also gut, dass
er keinen Film wie Excalibur drehen wird ...

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REPORTER
Ist der ungeheure Aufwand an “echtem”
Mittelalter nicht übertrieben?

ECO
Die Authentizität der Dinge im Film ist das
Gegenstück zu den theologischen Diskussionen
im Roman. Genauso wie ich eine Collage aus
Texten hergestellt habe, macht Annaud eine
Collage aus realen Objekten. Sein Werk wird also
mittelalterlicher werden als meins.

REPORTER
Warum diese Liebe zum Mittelalter?

ECO
Das Mittelalter ist der Ursprung Europas.
Deshalb verhalten wir uns dieser Zeit gegenüber
ganz anders als etwa gegenüber der Antike. Die
ist vergangen, die können wir konservieren und
restaurieren - in den Gebäuden des Mittelalters

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aber leben wir noch, im wörtlichen wie im


übertragenen Sinne. All die komplexen Probleme,
mit denen wir uns heute herumplagen, sind
damals entstanden, das moderne Banksystem und
die Idee der Demokratie, die Universitäten wie
die Gewerkschaften, die Nationalstaaten mit
ihren Armeen ebenso wie der Klassenkampf. Das
Mittelalter hat für uns niemals aufgehört.

Die KAMERA FÄHRT ZURÜCK. Eco und der Reporter verschwinden hinter
den schicken Menschen, die die Lobby bevölkern.

REPORTER (OFF)
Um die Visionen der Welten-Bauer Eco und Annaud
auf die Leinwand zu bringen, bedurfte es
eines weiteren, eines dritten Besessenen. Der
deutsche Produzent Bernd Eichinger hat, mit viel
amerikanischem Geld, dafür gesorgt, dass das
Film-Kloster in den Bergen über Rom steht. Und
er fand das echte Gemäuer für die Innenaufnahmen
- im hessischen Ebersbach.

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4
Kapitel
Innen / Tag - Büro im Kloster Ebersbach

Hinter den Fenstern fällt dichter Schnee. Der improvisierte Ar-


beitsraum atmet die Atmosphäre absoluter Vorläufigkeit. Die Ein-
richtung ist im Mischmasch-Stil gehalten. Die beiden Schreibtische
und die kleine Sitzecke erinnern an die Zeit, als das Kloster noch
als Gefängnis und Irrenanstalt diente. Dazwischen Ikea-Regale.
Über dem rissigen Putz sind neue Elektroleitungen verlegt worden.

Unrasiert und übernächtigt sitzt der 36jährige Produzent BERND


EICHINGER in hellen Jeans und - Schnee egal - Turnschuhen an sei-
nem Schreibtisch. Aus einem Plastikbecher schlürft er seinen Mor-
gen-Tee.

REPORTER
Als wir nach den Dreharbeiten zur Unendlichen
Geschichte zuletzt miteinander sprachen, wollten
Sie sich eine Weile ausruhen. War wohl nichts?

EICHINGER
Nee.

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REPORTER
Statt dessen scheinen Sie die Beststeller-Liste
zu verfilmen. Nach Ende nun Eco.

EICHINGER
Sieht so aus. Stimmt aber nicht. Ich habe
Ecos Roman sofort gelesen, als er auf Deutsch
rauskam. Da war das noch ein unbekanntes Buch.

REPORTER
Und was gefiel Ihnen daran so sehr?

EICHINGER
Die Authentizität, mit der das Mittelalter
wiedergegeben wird. Eco erzählt aus dem Denken
des Mittelalters heraus. Das ist das Spannende
...

Eichinger fängt den ungläubigen Blick des Reporters auf.

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EICHINGER
Also, ich geb’ mal ein Beispiel. Wenn ich
einen Film machen würde über Schwarze, die zum
ersten Mal Weiße sehen, dann würde ich immer
bei den Schwarzen anfangen und den Zuschauer in
ihren Lebensstil reinziehen. Und wenn dann die
Weißen kommen, empfindet der Zuschauer mit den
Schwarzen, was für ‘ne merkwürdige Erscheinung
diese Weißen sind. So ähnlich ging mir das mit
Ecos Roman. Ich schaue nicht als aufgeklärter
Mensch auf’s Mittelalter, ich sehe alles mit den
Augen der Leute, die damals lebten.

Das Telefon klingelt, Eichinger nimmt den Hörer ab. Das Fernge-
spräch des Turnschuh-Tycoons überlappt mit der Stimme des Repor-
ters.

REPORTER (OFF)
Als Bernd Eichinger die Rechte an Ecos Roman
kaufen wollte, waren sie schon vergeben. Doch

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Annauds französischer Produzent bekam das Geld


nicht zusammen ...

EICHINGER
(ins Telefon) Dann sind wir drei Millionen
short ...

REPORTER (OFF)
... und Eichinger bot an, sich zu beteiligen.

EICHINGER
(ins Telefon) Eben. Ich will ‘ne Million haben.

Er hängt auf und spricht wieder in die Kamera.

EICHINGER
Ich flog damals nach Paris, und die Franzosen
fingen an, mir ihre Probleme zu erklären. Ich
hab’ gleich gemerkt, das Projekt ist total
verknackst, das klappt mit denen nie und nimmer.
Also habe ich gesagt: Wie viel hat es Euch bis

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jetzt gekostet? Und dann habe ich denen ihr


Geld gegeben und gesagt: So, das ist jetzt mein
Projekt. Und die haben Jean-Jacques Annaud
angerufen, und als der zugestimmt hat, war’s
geschehen.

Die KAMERA FÄHRT ZURÜCK, aus dem Raum, in den Schnee, aus den
Konturen des Klosters.

REPORTER (OFF)
Das war im Januar ‘85. Ein dreiviertel Jahr
später rollten 15 Laster mit handgefertigtem
Mittelalter, mit hölzernen Stehpulten
und schweren Deckenleuchtern, mit einer
kompletten Kirchen- und einer ebenso
kompletten Küchenausrüstung, mit Badezubern
und handgeschriebenen Bibeln über den Brenner
in Richtung Taunus. Während Dutzende von
Handwerkern begannen, das Kloster Ebersbach ins
Mittelalter zurück zu hämmern ...

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5
Kapitel
Aussen/ Dämmerung - Kloster in den Bergen über Rom

Zwei dunkle Gestalten gehen übers Set, steigen ein paar Stufen
der massiven Kirchentreppe empor. Die KAMERA FÄHRT auf sie zu.

REPORTER (OFF)
... begann ein weiterer, ein vierter Besessener
in den Bergen über Rom mit dem seit einem
Vierteljahrhundert größten Filmbau in Europa:
Dante Ferretti, Schöpfer authentisch-
phantasievoller Sets für Pasolini und Fellini.

Die Kamera hat Production Designer DANTE FERRETTI und den Repor-
ter erreicht.

FERRETTI
Ich habe den Auftrag angenommen, obwohl ich
mitten in der Arbeit zu Fellinis Ginger und Fred
war. Drei Monate habe ich gleichzeitig an beiden
Filmen gearbeitet. Ein Wahnsinns-Schlauch!

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Ferretti schüttelt sich fast wohlig. Niemand käme je auf die Idee,
der gedrungene, quirlige, witzige Mann könnte etwas anderes sein
als Italiener.

FERRETTI
Im März 1985 haben wir begonnen, nur sechs
Monate hat es gedauert. So etwas ist der Traum
eines Filmarchitekten ...

Der Wind pfeift durch die Kloster-Kulissen. Die beiden Männer ge-
hen die Stufen des Kirchenportals hinunter und die leichte Anhöhe
hinauf in Richtung des Aedificiums, das furchterregend-außerirdisch
in den dunklen Himmel ragt.

FERRETTI
Alles sollte greifbar, wahr, realistisch sein.
Nur der Turm nicht. Den wollte ich irreal,
mysteriös. Er ist der wichtigste Bau des Films.
Er symbolisiert für mich die gesamte Kultur
der damaligen Welt. Aber diese Kultur war
nicht verfügbar. Niemand durfte die Bibliothek

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betreten. Der Turm verbarg alles Wissen der


Menschheit.

REPORTER
Was geschieht mit der Kulisse nach dem Ende der
Dreharbeiten?

FERRETTI
Pfuuhhh!

Seine Geste bedeutet: Was wir sehen, wird in die Luft gejagt.

FERRETTI
Es gibt kein Copyright auf Filmbauten. Wenn
wir das Kloster stehen ließen, würden hier die
Billig-Filmer drehen. Und wenn wir Pech hätten,
kämen sie damit noch vor uns in die Kinos.

REPORTER
Das Mittelalter der Star, ein gigantischer,
böse drohender Kloster-Turm der Superstar - als

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diese Dinge feststanden, fehlten nur noch die


Menschen, um die schöne alte Welt zu bevölkern.
Das Drehbuch, eine der 16 Fassungen, machte die
Runde. Und die Story vom detektivischen Mönch
landete beim erfolgreichsten Geheimagenten der
Filmgeschichte. Genauer: bei seinem Darsteller.

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6
Kapitel
Innen / Tag - Skriptorium des Kloster Ebersbach

Ein Mönch steigt eine breite Treppe empor in eine große Halle des
Gemäuers, die mit handgefertigten Stehpulten aus massivem Holz
als Skriptorium hergerichtet ist. Andere Mönche schreiben an ih-
rem Lebenswerk: eine Bibel nach der anderen.

WILLIAM VON BASKERVILLE alias Sean Connery, ein Mönch, dessen


Name ebenso wie seine detektivische Begabung an Sherlock Holmes
erinnern, schreitet in den Raum. An seiner Seite geht sein junger
Helfer ADSO VON MELK alias Christian Slater.

CONNERY
(belehrend, zu Adso von Melk) Sogar die Heiligen
haben sich der Komödie bedient ... (hebt die
Stimme in scharfem Ton) ... und wir könnten das
jetzt aufnehmen, wenn dahinten der Scheisslärm
aufhören würde!

Die KAMERA FÄHRT auf eine Gruppe erregter Statisten, die den Re-
porter umringen.

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7
Kapitel
Aussen / Tag – Das Kloster in den Bergen über Rom

Neben der plumpen Bretter-Kutsche der Inquisition qualmt ein


kleines Feuer. Den alten Steinboden aus neuem Beton bedecken in
unregelmäßigen Abständen weiße Salzflächen - Schnee der Szenen von
gestern. Der Wind trägt das Gequäke eines halben Dutzend Walkie-
Talkies durch die Luft.

REPORTER (OFF)
Vor ungefähr einem Jahr betrat Sean Connery
nach längerer Abwesenheit sein Büro in Los
Angeles - “das einzige Büro, das ich auf der
Welt unterhalte”, wie der sparsame Schotte
mit weiteren Wohnsitzen auf den Bahamas, in
französischen Nizza und im spanischen Marbella
betont. Connery fragte, ob es gute Drehbücher
zu lesen gebe. Eines der Skripts, die auf ihn
warteten, war eine frühe Fassung von Der Name
der Rose. Die Geschichte funktionierte. Connery
wollte den Film machen. Er flog nach München,
traf Bernd Eichinger, schloss einen Vertrag.

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William von Baskerville alias SEAN CONNERY, gehüllt in seine


graue Mönchskutte, doch mit schweren Plastik-Stiefeln anstelle
der Mönchs-Sandalen, verlässt die Kloster-Kulisse. In seiner Be-
gleitung ist der Reporter.

CONNERY
Gute Drehbücher sind so irre selten. Aber ich
war vorsichtig. Aus der Geschichte konnte leicht
ein schlechter Film werden - wenn man versucht
hätte, es billig zu machen oder wenn die
Substanz der Geschichte verloren gegangen wäre.

REPORTER
Was interessierte Sie an der Kloster-Story? Sind
Sie religiös?

CONNERY
Nein, nicht im geringsten. Mein Vater war
katholisch, meine Mutter protestantisch, kein
Mensch hat sich drum gekümmert. Nur weil meine
Frau es mal wissen wollte, habe ich überhaupt

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herausgefunden, dass ich protestantisch getauft


wurde.

Eine laute Hupe ertönt. Die rote Warnlampe auf dem Klosterbrun-
nen in der Mitte des Hofes blinkt nicht mehr. Für heute sind die
Dreharbeiten beendet.

REPORTER
Und heute?

CONNERY
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Vor kurzem habe
ich das alte Gemäuer besichtigt, in dem mein
Gegenspieler, der Großinquisitor Bernardo Gui,
einst wirkte. Ich konnte gar nicht schnell genug
wieder rauskommen. Es ist beeindruckend, dass
ein Gebäude so lange existiert, 1200 Jahre. Aber
richtig ergreifen tut’s mich nicht.

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REPORTER
Wird William von Baskerville nächstes Jahr einen
Oscar einheimsen, den ersten für Sean Connery?

CONNERY
Niemals. Ich bezahle nämlich keinen
Presseagenten, und ohne den kriegt man keinen
Oscar.

Sean Connery und der Reporter steigen den Hang empor, hinauf zum
Nomadenlager der Film-Gesellschaft auf der windigen Anhöhe.

CONNERY
Aber ein Presseagent wäre für jeden Preis ein
viel zu hoher Preis.

REPORTER
In den meisten Ihrer Filme sieht man Sie als
Detektiv, auf der Suche nach einer Wahrheit. Hat
das etwas mit Ihn...

vol. 2008.08 inhalt info mord im kloster Á 31/62 Ë


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CONNERY
Überhaupt nicht. Das hat nichts mit mir zu tun.
Die Wahrheit zu suchen, halte ich für vollkommen
vergeblich. Auch in diesem Film ist das ja nur
eine neben anderen Ebenen ...

REPORTER
Als da wären?

CONNERY
Drei. Natürlich ist es zunächst einmal ein
Thriller. Aber genauso zeigen wir sehr viel vom
damaligen Zustand der Welt, der sich ja bis
heute nicht sonderlich geändert hat ...

REPORTER
... ?

CONNERY
Nun, zumindest in Europa.

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REPORTER
... ???

Sean Connery und der Reporter haben das Nomadenlager der Film-Ge-
sellschaft erreicht: eine Wagenburg aus Wohnmobilen, Kleinbussen
und Luxus-Limousinen, geparkt im Niemandsland zwischen dem Klo-
ster und dem stahlblauem Himmel, auf den der Wind weiße Wolken-
watte verteilt.

CONNERY
Okay, ich hab nur Spaß gemacht, natürlich ist
die Gesundheitsfürsorge heute besser. Nicht
allen Leuten fallen mehr die Zähne aus dem Mund.
Aber an den großen Spannungen hat sich kaum
etwas geändert.

REPORTER
Können Sie das ...?

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CONNERY
Also, ich glaube nicht an die EG und solche
unsinnlichen Dinge, die kein Mensch kapieren
kann. 200, 300 Millionen Europäer unter einen
Hut bringen zu wollen, das ist ein schlechter
Scherz. Bei uns ist das nicht anders als in
Afrika, Nationen sind wie Stämme. Kein Mensch
kann den Leuten ihre Nationalität wegnehmen.

REPORTER
In der Klostergesellschaft geht es aber ziemlich
kosmopolitisch zu. Sie spielen einen englischen
Mönch, ihr Schüler stammt aus Deutschland, der
Großinquisitor ist Italiener, der Bibliothekar
Spanier...

CONNERY
Ja, und alle bringen sich gegenseitig um, nicht
wahr? So richtig reizend. Damals wie heute,
wo die Bulgaren ihre Spione mit präparierten
Regenschirmen durch London schicken, damit sie

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die vergiftete Spitze irgend einem Typen an der


Bushaltestelle rein jagen. Die Methoden haben
sich ein wenig geändert, aber sonst?

REPORTER
Sie sprachen von drei Ebenen im Film, die dritte
ist?

CONNERY
Nun, die Vater-Sohn-Geschichte: William erzieht
Adso von Melk, er hilft dem Novizen, die Welt zu
verstehen.

Sean Connery geht zu seinem Trailer, öffnet die Tür und winkt dem
Reporter kurz zu. Die Kamera sucht ihm zu folgen, bis sie an die
sich schließende Tür stößt.

REPORTER (OFF)
Die Rolle des Lehrers spielte Sean Connery auch
für den Darsteller des jungen Adso. Ihn zwingt
die Handlung zu einer leidenschaftlichen Szene:

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Am nächtlichen Küchenfeuer wird der unerfahrene


Novize von einem Bauernmädchen verführt - sie
ist die “Rose”, deren Namen wir nie erfahren.

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8
Kapitel
Innen / Nacht - Film-Kantine in den Hügeln über Rom

An den Holztischen des kahlen, grell erleuchteten Raums sitzen


Techniker, Kleindarsteller und Komparsen. Fast alle haben ihr Es-
sen beendet. Allmählich leert sich die Kantine.

REPORTER (OFF)
Das liest sich vergnüglicher, als es für den
16jährigen Christian Slater zu spielen war.
Einige Abende, bevor die Szene gedreht wurde,
kam der junge Schauspieler zu Sean Connery.

SLATER
Die Liebesszene war ein schwerer Brocken für
mich. Das Seltsamste, was mir je in meinem Leben
passiert ist. Solange ich denken kann, habe ich
es gehasst, mich auszuziehen. Und jetzt sollte
ich vollkommen nackt sein, zusammen mit diesem
Mädchen!

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CHRISTIAN SLATER sitzt an einem Tisch in der äußersten Ecke, ne-


ben ihm der Reporter. Slater, Teenager aus New York, hat ein sehr
weißes, offenes Gesicht, dessen Kindlichkeit durch den kombinier-
ten Tonsur-Pagen-Schnitt noch verstärkt wird. Er zögert und grinst
unsicher.

SLATER
Also bin ich zu Sean gegangen und habe ihm
gesagt, dass ich ziemlich nervös sei. Er ist ja
ein erfahrener Schauspieler, der schon verdammt
oft mit irgendwelchen Mädchen nackt gespielt
hat. Er musste wissen, was man da macht. Und
Sean sagte: Einfach ganz ruhig atmen und alles
geschehen lassen - was immer dann passiert,
passiert eben.

REPORTER
Und?

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SLATER
(grinst verlegen) Na, so war’s dann auch.
Wobei Jean-Jacques eine tolle Idee hatte. Jede
Aufnahme fing immer angezogen an, dann hat das
Mädchen erst sich und dann mich ausgezogen.
Wir haben also nie nackt auf dem kalten Boden
gelegen. So konnten wir einfach unseren Gefühlen
ihren Lauf lassen.

REPORTER
Haben Sie Umberto Ecos Roman gelesen?

SLATER
Oh, Gott, ja. Ich dachte, das hört nie auf. Es
ist dreitausendunddrei Seiten lang. Ich habe
einen guten Monat gebraucht, aber irgendwie
habe ich es geschafft. Es ist ja nicht so, dass
ich nicht lesen könnte. Ich lese ziemlich gut,
weshalb ich es wohl auch nie mache, denn ich
sage mir, wo ich’s kann, brauche ich es ja auch

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nicht mehr wirklich. Auf jeden Fall war das


Drehbuch dann viel angenehmer zu lesen.

Er macht eine entschuldigende Geste, steht auf, geht.

REPORTER (OFF)
Slater stammt aus einer Show-Familie. Mit fünf
Jahren stand er zum ersten Mal auf der Bühne.
Mit 9 Jahren ging der Kinderschauspieler mit
einer Musical-Produktion auf Tournee, mit 14
drehte er seinen ersten Film.

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9
Kapitel
Innen / Nacht - Bar des Hotel Savoy in Rom

Abgesessene grüne Veloursessel, die meisten von älteren Ehepaaren


oder einsamen Geschäftsreisenden im besten Alter besetzt.

REPORTER (OFF)
Seine große Liebe, die “Rose”, wird von
Valentina Vargas gespielt. Sie ist sechs Jahre
älter als ihr Partner, aber als Schauspielerin
noch unerfahrener. Es ist ihre erste große
Rolle.

In einer Ecke der Bar wartet ein schwarzlackierter Flügel auf


seinen Pianisten. An einem runden Tisch in der Mitte des Raumes
sitzt der Reporter vor einem Glas Weißwein.

REPORTER (OFF)
Die 22jährige schwarzhaarige Schönheit aus Chile
wird seit Wochen von den Fotografen der Vogues
und Playboys diverser Länder umschwärmt. Ihren
dunklen Teint und ihre ausgeprägten Gesichtszüge

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verdankt sie einer bunten Völkermischung: je


ein Viertel russisch, spanisch, französisch und
indianisch.

Durch die Tür zwischen Lobby und Bar kommt VALENTINA VARGAS. Sie
trägt eine karminrote Wolljacke, über die dichte lange Haare flie-
ßen wie schwarze Tinte. Ihre Gesichtszüge, die sich an den hohen
Backenknochen festzuhalten scheinen, sind müde, die leicht ge-
schlitzten Augen fast geschlossen.

REPORTER (OFF)
Seit sechs Jahren lebt Valentina Vargas in
Paris. Sie hat dort eine Schauspielschule
besucht, Tanz- und Gesangsunterricht genommen
und zwei Pop-Platten in Englisch und Spanisch
besungen. Sie hat gemalt und geschrieben. Nichts
ließ sich richtig an.

Der Reporter steht auf, winkt Valentina Vargas.

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REPORTER (OFF)
Als sich ihr die Chance für die erste große
Filmrolle bot, stürzte sie sich mit großem Eifer
in das Mittelalterprojekt - obwohl sie keine
feste Zusage erhalten hatte. Sie hungerte ihr
Gewicht herunter, ließ ihre Haare wachsen. Stück
für Stück verwandelte sie sich in das namenlose
Mädchen aus dem Mittelalter. Von soviel Energie
beeindruckt, gab ihr Annaud schließlich die
Rolle.

Valentina Vargas und der Reporter geben sich die Hand.

REPORTER
Miss Vargas, was faszinierte Sie so an dieser
Rolle?

Valentian Vargas leise Stimme klingt verloren.

VARGAS
Alles. Ich stamme aus einer wohlhabenden
Familie. Meine ganze Erziehung lief darauf

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hinaus, mich ordentlich und sauber zu machen.


Und dieses Mädchen ist so arm, sie ist so
dreckig und so hungrig, in jedem Sinne ...

REPORTER
Die “Rose” ist eine leidende Gestalt. Sie
muss ihren Körper bei den Mönchen gegen Brot
eintauschen - für eine moderne junge Frau nicht
gerade eine begeisternde Situation, die zur
Identifikation einlädt ...

VARGAS
Nun, vielleicht geht es mir ein bisschen wie
ihr. Nicht was Geld betrifft. Aber in der Liebe.
Ich bin sehr leidenschaftlich - wie dieses
Mädchen. Und da gibt es so viele Zwänge, mit
denen ich nur sehr schwer zurecht komme.

Valentina Vargas steht unvermittelt auf und verabschiedet sich


von dem Reporter mit einem Wangenkuss.

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VARGAS
Machen Sie mich mysteriös, ja?

Der Reporter nickt. Sie geht. Als hätte er nur darauf gewartet,
schließt der Barkeeper hinter ihr die Tür zur Lobby. Ein melancho-
lischer Pianist nimmt an dem Flügel in der Ecke Platz und beginnt
sein müdes Spiel. Es klingt wie in einem Film über alte Männer.

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10
Kapitel
Innen/Tag - Hotelsuite mit Dachgarten in Rom

Die Mittagssonne taucht den Raum in ein grelles Licht. Die Tür zur
großzügigen, grünen Terrasse steht offen. Aus der Häuserschlucht
dringt Hupen und Quietschen der Bremsen von der Via Veneto hoch.

REPORTER (OFF)
Der päpstliche Großinquisitor, dem die “Rose”
zu mysteriös ist und der das Mädchen deshalb
als Hexe verbrennen möchte, wird von einem Mann
gespielt, der Übung im Menschenverderben hat:
Für die Rolle des Salieri erhielt F. Murray
Abraham den Oscar.

Abraham, dessen Gesicht von der Tonsur wie von einem Schein des
Bösen überdacht wird, hat große Mühe stillzusitzen. Er hampelt
auf dem Sofa herum und steckt mit seiner Motorik den Reporter an,
der bald seine Fragen mit wilden Gesten begleitet.

REPORTER
Der böse Salieri war gut für Ihre Karriere ...

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ABRAHAM
Ach, ich lebe noch in demselben Haus, bin mit
derselben Frau verheiratet. Allerdings bin ich
Professor geworden.

REPORTER (OFF)
Als Lehrer am Brooklyn College bemüht
sich Abraham, den eigenen Schul-Abschluss
nachzuholen, während er selbst die Kunst
des Straßentheaters unterrichtet. Denn seit
16 Jahren spielt Abraham in einer Gruppe,
die Slumbewohner darüber aufklärt, wie sie
öffentliche Gelder zur Sanierung ihrer
verfallenen Wohnungen erhalten können.

REPORTER
Engagiertes Straßentheater und Reagan-
Begeisterung, wie geht das zusammen?

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ABRAHAM
Ich ein Ronald-Reagan-Fan? Wie kommen Sie auf
diesen Quatsch? Ich kann seine Politik nicht
ausstehen. Der Mann war mal ein Kollege,
ein Schauspieler, und jetzt kürzt er die
Kulturausgaben und steckt alles in die verdammte
Rüstung!

REPORTER
In der Frankfurter Allgemeinen steht, Sie seien
ein “glühender Vertreter eines harten Reagan-
Kurses”. Und: “Es schickt sich glücklich, dass
Ecos Roman ein Ost-West-Märchen vom Schlage
‘Rambo’ nicht einmal im Keim in sich trägt.”

ABRAHAM
Irre. Mann, so was liebe ich. Das muss ich
meinen Freunden erzählen - wenn ich nach dem
Artikel noch welche habe. Aber genau deshalb
geben viele Schauspieler keine Interviews
mehr. Denn Ihre Kollegen lieben es, einen

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misszuverstehen oder sich eben schlicht etwas


auszudenken.

REPORTER
(bemüht, das Thema zu wechseln) Das ist Ihr
erster Film seit dem Erfolg in Amadeus. Warum
ausgerechnet jetzt ein mittelalt ...

ABRAHAM
Weil der Film ein sehr aktuelles Thema im
historischen Gewand behandelt. Bernardo Gui
repräsentiert für mich den Missbrauch der Macht
durch religiöse Führer, wie wir es in der
gegenwärtigen Politik immer wieder erleben. Die
Hexenverbrennung ist ja eine sehr ernste Szene,
allein diese beiden von der Folter verstümmelten
Mönche, die unter fürchterlichem Leiden sterben!
Und ich stürme also zu dem Scheiterhaufen und
rufe: Verbrennt die Hexe, verbrennt die Hexe.

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Beim Sprechen krümmt Abrahams die Finger, ballt die Faust sugge-
stiv vor seinem Gesicht mit der Mönchstonsur und den glattrasier-
ten Schläfen. In seiner Mimik ahnt man die Nähe des Grausigen zum
Grotesken.

REPORTER
Khomeini, Ghaddafi - die moderne Inquisition?

ABRAHAM
Zuallererst denke ich bei Inquisition und
Machtmissbrauch mal an den Papst.

REPORTER
Der hat doch keine Macht mehr?

ABRAHAM
Na, dafür missbraucht er sie ganz gut.

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11
Kapitel
Innen / Tag - Restaurant „Il Paradiso“ bei Cinecittà

Das Restaurant hat sich fast geleert. Jean-Jacques Annaud ver-


speist sein Dessert.

ANNAUD
Tja, der Vatikan hat uns plötzlich verboten,
in den Katakomben zu drehen. Weil Ecos Buch
gotteslästerlich sei und nie hätte geschrieben
werden dürfen. Nun müssen wir diese Kulisse in
kurzer Zeit nachbauen.

REPORTER
Es wird doch Katakomben geben, die nicht dem
Vatikan gehören?

ANNAUD
Wenn Sie jemanden in Rom treffen, der eine
kleine Privatkatakombe hat, rufen Sie mich an,
ruhig mitten in der Nacht. Aber egal, wir bauen
uns eben eigene Katakomben. Die Kirche wird uns

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nicht hindern, den Film zu drehen. Was hat der


Vatikan davon? Ein paar Feinde mehr.

REPORTER
Ich glaube, die wenigsten Menschen verstehen
genau, was ein Regisseur so treibt. Was halten
Sie für Ihre wichtigste Tugend, gerade bei
diesem Film?

ANNAUD
Geduld und Sturheit. Ich muss dafür sorgen,
dass keine faulen Kompromisse gemacht werden.
Niemand, der einen fertigen Film sieht, bedenkt
ja, in wie hohem Maße die äußeren Umstände
wichtig waren, die gerade zufällig an einem
Drehtag herrschten. Da sagt man mir übers
Walkie-Talkie, die Kamera sei kaputt, die
Make-up-Leute so gut wie im Streik, weil es
in ihren Räumen so kalt ist, das Gebiss eines
Schauspielers hat jemand geklaut, tausend
Sachen. Also, wenn ich jetzt warte, bis alles

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perfekt ist, dann bedeutet das, dass 160,


200 Leute ein paar Stunden herumstehen. Das
ist teuer. Da wird der Produzent nervös und
drängelt. Weil - in seinem Kopf macht das
natürlich klick-klick: die Geldmaschine. Der
sagt dann: das Gebiss sieht man doch gar nicht,
dreh einfach. Aber ich darf das nicht tun. Denn
die wichtigste Aufgabe eines Regisseurs ist es,
die Bilder zu beschützen.

REPORTER
Sie haben Ecos Kloster nachgebaut, Sie haben es
mit Menschen bevölkert, die aus den Gemälden
eines Breughel oder Bosch herabgestiegen sein
könnten. Aber die Filmhandlung haben Sie - im
Vergleich zu Ecos Roman - kräftig modernisiert.

ANNAUD
Nein, das stimmt nicht. Nennen Sie mir ein
Beispiel!

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REPORTER
Die Rolle Bernardo Guis wurde ausgebaut, damit
der Held William auch einen richtig bösen
Gegenspieler hat. Sie haben am Ende eine
Parallelhandlung konstruiert, den berühmten
Kino-Wettlauf gegen die Zeit, ein beliebtes
Spannungselement seit Stummfilmtagen. Und Sie
haben die Liebesgeschichte zwischen Adso und dem
Mädchen, die im Buch eine Nebenrolle spielt, in
bester Hollywood-Manier vergrößert.

ANNAUD
Die Liebesgeschichte haben wir nicht ausgebaut.
Alles außer der Schlussszene steht schon bei
Eco. Aber wir mussten andere Elemente des Buches
weglassen, der Film hätte sonst 20 Stunden
gedauert. Da haben sich die Proportionen ein
wenig verschoben.

REPORTER
In Richtung Unterhaltung ...

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ANNAUD
Sicher, aber der Film bietet Entertainment mit
einem Plus. Denn die intellektuelle Aussage
ist dieselbe geblieben. Wie die Menschen damals
befinden wir uns in einer Zwischenzeit, einer
Periode des Übergangs von einer alten Welt zu
einer neuen Ordnung. Der alte Glaube, der so
lange die Menschen einte, ist zerfallen - damals
die Religion, heute der Fortschrittsglaube.
Im 13. Jahrhundert ging es aufwärts. Aber im
14. Jahrhundert änderte sich das Klima, es kam
zu Missernten. Arbeitslosigkeit und Inflation
breiteten sich aus, und die Leute sagten: Wir
haben doch zu diesem Gott gebetet, an ihn
geglaubt, und nun das! Vielleicht ist er nicht
auf unserer Seite? Vielleicht ist er auch
gar nicht so mächtig? Vielleicht sollten wir
uns lieber mit dem Teufel anfreunden, zu ihm
beten? Und so kam es zum großen Zweifel, zu
den Häresien und zur Gegenwehr der Kirche, zur
Inquisition.

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12
Kapitel
Innen / Nacht - Lobby des Münchner Hotel Vierjahreszeiten

Ein Kellner serviert Umberto Eco einen Whisky on the rocks.

REPORTER
Wohl niemand kann heute noch einen 007-Thriller
lesen, ohne Sean Connery oder Roger Moore vorm
geistigen Auge zu haben. Haben Sie Angst, dass
die Verfilmung die Art und Weise beeinflußt, wie
Ihr Roman gelesen und verstanden wird?

Eco schüttelt nachdenklich sein Glas. In das Klirren der Eiswür-


fel hinein spricht er.

ECO
Die Gefahr besteht. Deshalb habe ich in den
ersten Jahren nach der Veröffentlichung auch
sechsmal Nein gesagt, zu so renommierten
Regisseuren wie Marco Ferreri und Michelangelo
Antonioni. Aber jetzt hat das Buch genügend Zeit

vol. 2008.08 inhalt info mord im kloster Á 56/62 Ë


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gehabt. Es hat sein Publikum gefunden, drei


Millionen Leser.

REPORTER
Zehnmal mehr Menschen werden den Film sehen ...

ECO
Machen wir uns nichts vor, von denen hätte eh
kaum einer das Buch in die Hand genommen. Und
wenn, ich selbst habe viele Bücher erst gelesen,
nachdem ich ihre Verfilmung gesehen habe. Das
hat mir nicht geschadet, und das hat den Büchern
nicht geschadet.

REPORTER
Wurde Ihr Buch in der Bearbeitung sehr
verändert?

ECO
Ich beobachte mit Vergnügen den Kampf zwischen
dem Roman und der Phantasie des Regisseurs.

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Er muss etwas auslassen, das eine oder


andere verlieren, dafür aber auch Neues
hinzugewinnen. Es ist klar, dass er nicht
allen Teilen des Buches Rechnung tragen kann.
Das ist bei Interpretationen so, auch bei
wissenschaftlichen. Deshalb wollte ich nicht das
Drehbuch schreiben. Man kann nicht sein eigenes
Werk interpretieren.

REPORTER
Also, die Veränderungen stören Sie nicht?

ECO
Nun, man muss sich schon was einfallen lassen,
um 30, 40 Seiten philosophischer Diskussionen in
ein, zwei Bilder zu packen. Und Veränderung muss
ja nicht heißen, dass etwas schlechter wird...
Ich warte ab, bis ich den Film sehe.

Er steht auf.

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13
Kapitel
Innen / Tag - Klosterschenke in Ebersbach

Die Gaststube ist leer. Bernd Eichinger und der Reporter treten
ein und setzen sich an einen Ecktisch.

REPORTER
Haben Sie mit Eco über die Veränderungen an
seinem Buch gesprochen?

EICHINGER
Ja.

REPORTER
Gab es Ärger, wie bei der Unendlichen
Geschichte?

EICHINGER
Bis jetzt keine Spur. Ich glaube, Eco hat da
eine etwas gesündere Einstellung als etwa der
Michael Ende. Eco versteht, dass ein Film
einen anderen Rhythmus haben muss als ein

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Roman. Mit einem Buch kann man sich wochenlang


beschäftigen. Aber wenn im Kino das Licht
ausgeht, dann dürfen Sie die Leute zwei Stunden
lang nicht mehr loslassen. Bumm, bumm. Sonst ist
es aus.

REPORTER
Also viel Action, nach dem Motto: Das Kino ist
ein primitiver Ort?

EICHINGER
Nein, gerade nicht. Es geht nicht um Krawall.
Der ermüdet nur. Sondern um Rhythmus. Sie müssen
erzählen können. Denn eins ist mal klar - das
Simple hat keineswegs den großen Erfolg. Aus
normalen Unterhaltungsromanen lassen sich nur
kleine Filme machen. Weil in den Dingern nichts
Gescheites drinsteht. Für einen großen Film
brauchen Sie mehr, etwas Besonderes, sonst
werden Sie die Leute nie von der Glotze weg- und
ins Kino rein locken.

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REPORTER
Wie viele Zuschauer müssen denn kommen, damit es
sich für Sie gelohnt hat?

EICHINGER
Mindestens 25 Millionen. Und so was schaffen Sie
nur mit einem richtigen Film-Ereignis.

Er lächelt wie ein Schuljunge beim Monopoly, der noch nicht weiß,
ob der nächste Wurf ihn ruinieren oder retten wird.

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Impressum
einem Creative Commons
Namensnennung-Keine DRUCKGESCHICHTE
kommerzielle Nutzung- „Mord im Kloster“. Reportage-Drehbuch über die Verfilmung von Umberto Ecos Der Name
Keine Bearbeitung 2.0 der Rose. In: STERN, 39/1986, S. 44-64.
Deutschland Lizenzvertrag
Nachdrucke in Italien, Frankreich und Spanien.
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California 94105, USA. Gundolf S. Freyermuth ist Professor für Angewandte Medienwissenschaften an der ifs
Internationale Filmschule Köln (www.filmschule.de). Weitere Angaben finden sich auf
www.freyermuth.com.

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