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ISTVÁN BÓNA

ISTVÁN BÓNA DAS HUNNEN- REICH CORVINA

DAS HUNNEN- REICH

CORVINA

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort Der Sturm des Jahres 376 Bekanntschaft mit Rom 7 Die Eigentümlichkeiten der Bestattung und
Vorwort
Der Sturm des Jahres 376
Bekanntschaft mit Rom
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Die Eigentümlichkeiten der Bestattung und der
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Tracht zur Hunnenzeit
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Die Hunnen. Glaube und Irrglaube vom Altertum
bis zur Gegenwart
Die „nomadische Armut". Über den wirtschaftli-
chen Hintergrund der hunnischen Lebensweise
Die Großmacht - die Zeit von Ruga und Bleda .
Attila gelangt an die Macht
Attila
Schleier und Fibeln. Über die alanisclie und ger-
manische Frauentracht zur Hunnenzeit
153
Bogen und Pfeil der Hunnen
Waffen des Nahkampfes
Sattel und Pferdegeschirr der Hunnen
Drei Totenopfer in Ungarn
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175
36
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46
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Bestattung der niedrigeren Würdenträger des
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Hunnenreiches
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Der in Wolken gehüllte Berggipfel
Eine sonderbare Bilanz: Unterdrücker und Unter-
drückte - Römer und Barbaren - Götter und
Heilige
Eudoxius
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Der Fund von Nagyszéksós
Totenopfer und Fürstengräber
Die Zikaden
187
189
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Siedlungsgeschichte des Karpatenbeckens zur
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Hunnenzeit
100
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Der Kaufmann von Viminacium
Onegesius/Hunigis
Orestes
Die beiden fränkischen Herzöge.
Attilas persönlicher Charme
Legende und Wirklichkeit
Was uns von den Hunnen erhalten blieb. Die Er-
gebnisse der Archäologie
Die hunnischen Kupferkessel
Die Diademe der vornehmen hunnischen Frauen
Das Siedlungsgebiet der Hunnen
104
200
Attilas Bestattung
106
203
Das Ende
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207
Die Söhne Attilas
117
208
Zeittafel
132
210
Ereignisse
Verzeichnis der Abkürzungen
132
212
213
Literatur
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216
Erläuterungen zu den Abbildungen
Erläuterungen zu den Tafeln
140
234
147
267

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Vorwort

Das vorliegende Buch ist das Ergebnis meiner mehr als drei Jahrzehnte dauernden Forschun- gen. Mein erster Versuch, die archäologischen Denkmäler der Hunnen zu behandeln, ist mehr als fünfunddreißig Jahre alt. Aber auch der vor- liegende Text und die Ergebnisse haben sich im Laufe von zwanzig Jahren allmählich geformt. Eingehender befasse ich mich mit der Geschichte der Hunnen seit etwa einem Vierteljahrhundert. Einiges ist auch bereits im Druck erschienen, doch ist dies alles mit dieser ausführlicheren und revidierten Darstellung nicht zu vergleichen. Mein Ziel war, die die Hunnen betreffenden schriftlichen und archäologischen Quellen mit- einander in Einklang zu bringen und zu verbin- den, soweit dies überhaupt möglich ist. In die- sem Werk wird kein Geschehnis erwähnt, das im Gegensatz zur Zeugenaussage der Bodenfunde stünde. Aber auch umgekehrt wird kein archäo- logischer Fund erörtert, der sich nicht in das sich allmählich entfaltende, wirklichkeitsnähere hi- storische Bild einfügen ließe. Ich habe den so typischen Vermutungen und Hypothesen der bisherigen Hunnenforschung radikal ein Ende bereitet und schreibe über nichts, das nicht durch zeitgenössische Schriftquellen nachgewiesen oder durch die archäologische Hinterlassenschaft be- legt wäre. Das Buch enthält daher keine neuen oder gar allerneuesten Hypothesen über die Hun- nen, sondern stellt den Versuch dar, die uns der- zeit bekannten Fakten zusammenzufassen. Zwischen der für uns unverzichtbaren frühe- ren Forschungstätigkeit und meiner eigenen Auffassung bzw. Methode versuchte ich zwei Unterschiede nachdrücklich zu betonen. Bei der Skizzierung des historischen Bildes über die Hunnen stützte ich mich durchweg auf jenen

Priscus von Panium, der sich bei den Hunnen aufgehalten, Attila und seine Würdenträger, aber auch die hunnischen Krieger persönlich gekannt hatte. Ich kehrte also jenem geltenden Hunnenbild den Rücken, mit dem sich Ammia- nus Marcellinus hervorgetan hatte - allerdings in seinem behaglichen Haus in Rom, wo er zu seinem Glück niemals Hunnen zu Gesicht be- kommen hatte. Der zweite wesentliche methodi- sche Unterschied liegt im Beruf des Verfassers begründet, der als praktizierender Archäologe nicht gezwungen war, die Zeugnisse der archäo- logischen Funde außer acht zu lassen, welche selbst die ausgezeichnetsten Historiker für un- überschaubar oder aber geradezu für wider- sprüchlich gehalten haben. Und ich war auch nicht gezwungen, archäologische Theorien und Ergebnisse kritiklos zu übernehmen, weil ich die wichtigsten Funde und die einschlägige Fachlite- ratur selbst kenne. Die Archäologie der Hunnen war bisher über- wiegend Teil der europäischen Archäologie, en- dete im Osten an der Wolga und im nördlichen Vorgelände des Kaukasus. In diesem Buch ver- suche ich, die Archäologie der Hunnen dank einiger neuer oder gerade sehr alter, in beiden Fällen jedoch zumeist an mehr oder weniger unzugänglichen Stellen publizierter Funde bis nach Asien zurückzuverfolgen. Die Arbeit wei- tet daher die Grenzen der Archäologie der Hun- nenzeit bis zum Ob und zum Tien-schan-Gebir- ge aus. Diese Ausweitung bereitete auch dem Verfasser einige Überraschungen, es stellte sich nämlich heraus, daß fast alle wesentlichen Ele- mente der materiellen und geistigen Kultur der Hunnen schon vor ihrem Eintreffen in Europa ausgebildet waren.

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Dieses Buch ist für all jene bestimmt, die sich für die Geschichte und das Leben der Hunnen interessieren. Ich war daher bestrebt, die histori- sche, besonders aber die archäologische Fach- sprache nach Möglichkeit zu meiden. Nach lan- gen Überlegungen wei auch zahlreichen Kämp- fen mit dem in mir wohnenden Fachmann erach- tete ich es für richtiger, den Haupttext nicht mit Anmerkungen und Hinweisen auf Fachliteratur und Quellenangaben zu belasten. Der Interes- sierte findet die Museumsnachweise und Fachli- teratur über die archäologischen Funde in den Bild- und Tafellegenden. Bei diesen den Histori- kern schwer zugänglichen Einzelheiten trachtete ich nach Vollständigkeit und enthielt mich auch nicht der Kritik. Bezüglich aller übrigen Fragen und Daten bietet die Bibliographie ausführliche, fallweise vielleicht auch zu eingehende Angaben, hal doch der Verfasser nicht mit der Meinung und den Ergebnissen anderer, sondern mit den Primärquellen gearbeitet. Wo längere Texte antiker Autoren zitiert wer- den, wird immer angegeben, woher sie stammen. Ich glaube aber nicht, daß es den Leser stört oder daß die Glaubwürdigkeit des Textes leidet, wenn in Klammern oder in einer Anmerkung der Hinweis, wie Buch V, Kapitel 4, oder Buch IV, Kapitel 5, fehlt. Bei den von Chronisten oder Kirchenvätern stammenden kurzen Zitaten wur-

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de manchmal von einer Quellenangabe abgese- hen; doch handelt es sich dabei um Einzelfälle, die für den Leser bedeutungslos sind. Außerdem gibt es heule vielleicht nur noch einige hundert Forscher, die bezüglich der Hunnen mit Origi- nalquellen arbeiten, und sie wissen genau, woher diese oder jene Textstelle stammt. Ich bin mir dessen bewußt, daß das im folgen- den gezeichnete Bild der Hunnen und der durch sie hervorgerufenen Ereignisse für jene teils vor- teilhafter, teils unvorteilhafter ist als das bisheri- ge. Es ist wahrscheinlich ungewohnt, daß sich die Mosaiksteine der verschiedensten Quellen nach jahrzehntelangen Überlegungen anders zu- sammenfügen als bisher. Besonders sei an die Beurteilung des Verhältnisses von Bleda und Attila gedacht. Manche Angaben ließen sich erst jetzt zu einem Bild zusammensetzen oder sind gerade dabei, ein solches zu ergeben; die For- schung, vor allem die archäologische, wird näm- lich nie abgeschlossen sein. Bei den archäologischen Fundorte n werden an erster Stelle immer jene Namen genannt, un- ter denen sie Eingang in die wissenschaftliche Fachliteratur gefunden haben, an zweiter Stelle jeweils die möglichst neuesten, offiziellen Orts- namen.

Intercisa - Dunaújváros März 1991

Der Sturm des Jahres 376

ut turbo montibus celsis gleich dem Wirbelwind aus den hohen Bergen (Ammianus Marcellinus 31, 3, 8)

Das Erscheinen der da hinjagenden hunnischen Reiter in Europa wird nicht durch heutige Vor- stellungen mit dem von den hohen Bergen her- abbrausenden, immer ärger und immer rascher werdenden Wirbelsturm verglichen, der Ver- gleich stammt von einem zeitgenössischen Rö- mer. Gegen Ende des Sommers 376 n. Chr. begann sich die Nachricht zu verbreiten, in den weiten Ebenen zwischen den Karpaten und der Wolga hätten sich fürchterliche Ereignisse zugetragen. Ein vorher höchstens dem Ruf nach bekannter Feind hätte starke Völker unterjocht und das Ostgotische Reich Ermanarichs gestürzt. Ruf und Name des Feindes waren ihm selbst kaum zuvorgekommen Athanarich, der König der seit der Eroberung Daziens (nach der Mitte der 270er Jahre) sich auf dem Gebiet des heutigen Rumänien nieder- gelassenen „Waldgoten" (terwingisch-Terwin- ger) oder „weisen, tapferen" (Wesu-Wisi-) Go- ten, beschloß sich zu verteidigen. Er faßte diesen Beschluß trotz der Kenntnis von der Nieder- lage seiner „Flachland-" (greuthungischen- Greuthungen), „ruhmreichen, glänzenden", aber zugleich „Ost-" (austro-ostro-) gotischen Brüder und ihres großmächtigen Königs Erma- narich. Athanarich war offenbar davon über- zeugt, er und sein Volk wären aus härterem Holz als ihre östlichen Brüder geschnitzt. Es waren noch keine sieben Jahre verstrichen, seitdem die unter Athanarichs Führung stehenden Goten dem Heer der östlichen Hälfte des Römischen Reiches und dessen Kaiser selbst Jahre hindurch erfolgreich Widerstand geleistet hatten. Athana- rich demütigte im Jahr 369 Kaiser Valens per- sönlich, indem er diesen zwang, mit ihm in der

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Mitte der Donau, die ihre Länder voneinander trennte, auf einem Schiff zu verhandeln. Athanarich zog mit dem Heer der Wisigoten eilig an die Ostgrenze seines Landes, an das steile Ufer des Dnjestr (Danaister/Danastius), vor und bezog dort Abwehrstellung. Das Lager wurde mit Wagen und Graben gründlich befestigt. Atha- narich glaubte sich in Sicherheit, war er doch nicht allein durch den Fluß geschützt, sondern auch durch eine starke Vorhut, die er gute 30 Kilometer vor dem Fluß aufgestellt halte. Er erwartete also wohl vorbereitet den unbekann- ten Feind und befürchtete keine Überraschung. So vergingen einige Tage, bis in einem dunsti- gen Morgengrauen Pfeile, einem Hagel gleich, das Lager überschütteten. In der Ferne - für die Goten außer Schußweite - kreisten, auf sonder- baren kleinen Pferden sitzend, disziplinierte Rei- tertruppen und schossen auf ein Kommando- wort in einer den Goten unbekannten Sprache gleichzeitig ihre Pfeile auf die sich erschrocken aufrichtenden Goten los. Bei Sonnentaufgang gab es nur noch Tote im Lager. Die Überle- benden waren ausgebrochen und hatten sich zer- streut. Der überwiegende Teil floh nach Süden, Athanarich und sein demoralisiertes Gefolge nach Westen, in Richtung Karpaten. Was sich am Ulfer des Dnjestr zugetragen hat- te, wiederholte sich beim ersten Zusammentref- fen der Streitkräfte des Ostens und Westens noch vielfach Die Hunnen hatten sich mit der gotischen Vorhut gar nicht abgegeben, sondern diese vorsichtig und unbemerkt umgangen. In einer mondhellen Nacht setzten sie über der. Fluß, von dem ihre sich schwerfällig bewegen- den Gegner meinten, er könne nur unter größten Schwierigkeiten überquert werden.

1. Von den Hunnen blieb uns keine zeitgenössische Darstel- lung erhalten. Eine gute Vorstellung von

1. Von den Hunnen blieb uns keine zeitgenössische Darstel- lung erhalten. Eine gute Vorstellung von dem noma- dischen Bogenschützen mit spitzer Mütze, auf einem klei- nen Pferd mit großem Kopf sitzend, vermittelt uns ein in- nerasiatischer Bronzeguß

Am frühen Morgen des 11. April 1241 wurde das ungarische Heer am westlichen Ufer des Hochwasser führenden Sajó-Flusses in seinem Lager von den mongolischen Reitern des Batu Khan und seines Bruders Schiban sowie des welterobernden Feldherrn Sübe'etej fast auf die gleiche Art und Weise überrascht. Die Urväter der schwerbewaffneten Krieger des ungarischen Königs Béla IV. waren jedoch zu noch größeren Leistungen fähig. In der Nacht vom 4. zum 5. Juli 907 überquerten sie in der Nähe der Burg von Braslav (Brazalauspurc-Preßburg-Bratisla- va) zu Pferde die Donau, um dem im Lager ruhenden, von Herzog Luitpold und Erzbischof Thietmar geführten bayerischen Heer den ewi- gen Schlaf zu bringen. Acht Jahre davor, am 24. September 899, hatten sie die bestürzten lom- bardischen Soldaten Berengars I. überrascht, indem sie am hellichten Tage die Brenta gegen die Strömung kommend durchschwammen. Betrachten wir die Schlacht am Dnjestr auf- grund ähnlicher Erfahrungen der orientalischen Kampfweise, scheinen die Hunnen einen ernsten taktischen Fehler begangen zu haben, indem sie nur die gotische Vorhut ausgekundschaftet,

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Athanarichs Lager hingegen nicht erkundet hat- ten. Das Lager der Goten hat sich offenbar in der Nähe einer großen Waldung befunden; nur so war es Athanarich und seinem Heer möglich, der völligen Vernichtung zu entgehen. Die in den Wald flüchtenden Goten konnten, all ihre Habe zurücklassend, ihr Leben retten, genauso wie auch Béla IV. sein Entkommen aus der Schlacht am Sajó-Fluß dem Umstand verdankte, daß es seinem Gefolge gelungen war, sich bis zu den Wäldern durchzuschlagen. Der Krieg der Goten und Athanarichs war jedoch noch keineswegs beendet. Der diesmal ungenügend informierte römische Zeitgenosse meinte, die Hunnen hätten die Goten, „unter der Last der Beute fast zusammenbrechend", laufen lassen; er kannte die orientalische Kriegspraxis noch nicht: den besiegten Feind bis zur totalen Zerrüttung und Erschöpfung verfolgen. Der wahrheitsgetreuere Verlauf der Ereignisse ist vermutlich in der Kirchengeschichte des Soso- menos aus dem 5. Jahrhundert überliefert: „Die Hunnen griffen die Goten bei der ersten Gele- genheit nur ein wenig an, schlugen sie aber spä- ter in einer Schlacht mit großen Kräften und eroberten ihr ganzes Land." Zosimos, der ihre Neue Geschichte bis 410 verfaßte, war dahinge- hend informiert, daß die Hunnen noch mehr- mals Blutbäder veranstalteten, die ihr Pfeilregen sowie ihre blitzschnellen Reiterangriffe verur- sachten, wodurch die verzweifelten „Skythen (Goten), die am Ufer der Ister wohnten", ge- zwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen. Während also Athanarich und sein militäri- sches Gefolge in den Bergen und Wäldern Sie- benbürgens herumirrten, „verheerten" die Hun- nen die von Alavivus und Fritigern geführten Wisigoten, die sie dann „besiegten und vertrie- ben". Die demoralisierten, geschlagenen Trup- pen flüchteten an das Ufer der unteren Donau und boten dem Reich im Falle der Erlaubnis zur Überfahrt über den Strom ihren militäri- schen Dienst an. Noch nie im Laufe ihrer Ge- schichte waren sie kleiner und demütiger; wenn dies nicht so gewesen wäre, hätte ihnen selbst die kurzsichtige oströmische Regierung keine Zu- flucht gewährt. Sie hatte Mitleid mit ihnen und bewilligte ihnen die Überfahrt pro misericordia, d. h. aus Mitleid. An wie Lämmer zitternden, einstigen Löwen herrschte zu jener Zeit auch sonst kein Mangel, es war offensichtlich, daß sie alle sehr verängstigt

waren. Kaum hatten die noch vor kurzem so stolzen Wisigoten mit Kähnen, Schiffen und Fähren mit Mühe und Not. einander niedertre- tend und ins Wasser stoßend, das jenseitige Ufer erreicht, erschien bereits der „legitime" Thron- folger der Ostrogoten, der Knabe Viderich, an der unteren Donau und flehte um Einlaß. Seine königlichen „Ahnen" und sein Vater waren un- ter den Schlägen der Hunnen gefallen. Viderich und sein zahlreiches, aus müden, erschöpften Steppenreitern bestehendes Gefolge waren je- doch den Römern unerwünscht, von ihren wil- den Truppenführern, dem Ostrogoten Alatheus und dem Alanen Safrax, erwarteten sie nicht viel Gutes. Die gehetzten, an die Donau gedrängten greuthungischen und alanischen Reiter nutzten schließlich doch jenen Augenblick, als die römi- sche Flotte den einen Stromabschnitt gerade unbewacht ließ, und setzten auf in Eile zusam- mengebastelten Flößen über die untere Donau. Noch einige Jahre, und auch der große Athana- rich war gezwungen, aus Siebenbürgen zu flie- hen. Am Ende des Jahres 380 fuhr er mit dem kleinen Rest seines Gefolges über die Donau und eilte nach Konstantinopel, um sich vor dem Nachfolger Valens', dem Kaiser Theodo- sius I., persönlich zu demütigen. So irgendwie begannen die Goten das Oströmische Reich zu überfluten Der die Fäden bewegende hunnische Mario- nettenspieler blieb jedoch vorläufig unsichtbar. Nur durch die Flüchtlinge erfuhr, richtiger ahnte man, was eigentlich vor sich gegangen war. In einem Winter der 370er Jahre setzte das „unbe- kannte" oder „kaum bekannte" Volk der Hun- nen über die Wolga. Sofort griffen sie das in der Gegend zwischen Wolga, Don und dem Kauka- sus lebende iranische Hirtenvolk der Alanen an. Die Alanen waren berühmte berittene Krieger, mit langen Lanzen, Schwertern, aber kläglichen Bögen ausgerüstet. Sie waren Reiter, aber keine berittenen Bogenschützen. Früher hieß es von ihnen, daß „sie die Knechtschaft nicht kennen, da sie alle adligen Blutes sind". Bis dahin mag es so gewesen sein, danach jedoch nicht mehr:

Die Alanen erlitten eine Niederlage. Ihre zer- sprengten Gruppen flohen nach Westen, und in den folgenden Jahrzehnten gab es kaum ein eu- ropäisches Ereignis, an dem sie nicht beteiligt gewesen wären. Ihre eine ernstzunehmende mili- tärische Macht darstellenden Gruppen schlossen sich den auf den Balkan geflüchteten Goten (die-

se Alanen tauchten nicht viel später in Panno- nien auf) und später den Wandalen an, mit de- nen sie dann bis nach Karthago flohen und das „Königreich der Wandalen und Alanen" grün- deten. Auch in Gallien fanden bedeutende Kräf- te Zuflucht, deren Nachfahren 451 das Mittel- treffen des weströmisch-wisigotischen Heeres ge- gen Attila bildeten. Der größte Teil der Alanen schloß sich jedoch den Siegern an, sie wurden das erste europäische „Hilfsvolk" der Hunnen. Hunnen und Alanen fielen bereits gemeinsam in das Reich von Ermanarich ein. Das über- schwengliche Selbstbewußtsein der späten goti- schen Chronik scheute sich nicht, den auch nach den zeitgenössischen römischen Quellen „kriege- rischen und gefürchteten" (H)Ermanarich mit Alexander dem Großen zu vergleichen. Die Er- innerung zählt in seinem ostrogotischen Reich siebzehn unterworfene Völker auf: Germanen (z. B. Heruler, Skiren), Iranier, Slawen und fin- nisch-ugrische Völker; sein Reich dürfte also tatsächlich mächtig gewesen sein. Allerdings nur so lange, bis es die Heere des hunnischen Groß- königs Balamber noch nicht angegriffen hatten.

1.-8. Siehe Farbtafeln I—VIII

9. Ein als Würdeabzeichen dienender Goldring, Szilágysomlyó

angegriffen hatten. 1.-8. Siehe Farbtafeln I—VIII 9. Ein als Würdeabzeichen dienender Goldring, Szilágysomlyó 11 9 .

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9.

Dann stürzte es jedoch - ohne Übertreibung - einem Kartenhaus gleich zusammen. Man weiß nicht, was sich genau zugetragen hat. sicher ist nur, daß sich die erschütternde Begebenheit für Jahrhunderte in die Erinnerung der germani- schen Völker eingenistet und in den Sagen wei- tergelebt hat, einst wird man auch auf Island den Tod „Jörmunrekks" besingen. Die gotische Her- manarich-Sage trachtete selbstverständlich, den guten Ruf ihres Helden zu wahren, indem sie innere Streitigkeiten und Blutrache mit ins Spiel brachte. Nackte Tatsache ist jedoch das, wovon die römischen Zeitgenossen Kenntnis erhalten haben: Den der Schlacht und seines Heeres ver- lustig gewordenen König „erschütterte die Kraft des plötzlich aufgekommenen Sturmwindes", und da er sein Volk nicht zu schützen vermocht hatte, „machte er seinem Leben eigenhändig ein Ende". Kurze Zeit später fiel auch der Nachfol-

10. s. Farbtafel IX

11. Grab eines Mannes mit künstlich deformiertem Schädel während der Freilegung, Soponya

deformiertem Schädel während der Freilegung, Soponya ger Ermanarichs, Vithimir, im Kampf gegen die Hunnen und

ger Ermanarichs, Vithimir, im Kampf gegen die Hunnen und Alanen. (Seinem minderjährigen Sohn Viderich begegneten wir bereits an der unteren Donau in der Gruppe, die von den Rö- mern Zuflucht erbat.) Nach diesen zwei Niederlagen unterwarf sich die ostrogotische Königsfamilie, das stolze Ge- schlecht der Atrialer, den Hunnen nicht nur be- dingungslos, sondern wenn nötig, diente sie ih- nen auch untereinander wetteifernd. Als Herzog Vinitharius aus dem Geschlecht der Amaler (sein Name bedeutet „veneth-vend = Wenden/ Slawensieger" und ist vielleicht mit Vithimir identisch) versuchte, sich des hunnischen Jochs zu entledigen, fand er sich nicht allein Balamber gegenüber, sondern auch seinem treuen ostrogo- tischen Waffenbruder Ge(n)simund aus dem Amaler-Geschlecht. In der Schlacht am süd- ukrainischen Erak-Fluß (der heute nicht mehr identifizierbar ist) überraschten die Hunnen - offenbar auch diesmal in Anwendung der sich auf einen Fluß stützenden orientalischen Kampfweise - Vinitharius, der ein wahrlich eh- renvolles Ende fand: Balambers Pfeil bohrte sich in seine Stirn. Die bei den Hunnen verkehrenden oder die Hunnen persönlich kennenden zeitgenössischen Römer wußten sehr wohl, daß eines der Geheim- nisse der hunnischen Siege in den „vorzüglichen Bogenschützen ihrer Könige" lag: „Sie sind mit gekrümmten Bogen und Pfeilen bewaffnet, ihre Hand trifft mit erschreckender Genauigkeit ins Ziel, in ihrer bösen Kriegswut verfehlen sie das Ziel niemals, ihre Schüsse bringen den sicheren Tod" (Abb. 1-7). Ein Beweis hierfür ist Vinitha- rius. Auf die Ostrogoten warteten acht bittere Jahr- zehnte der Knechtschaft: „Sie mußten den Wunsch ihres Herrn erfüllen, selbst wenn er be- fahl, Verwandte zu töten." Und sie erfüllten ihn auch. Ein Nachfolger des den Hunnen dienen- den Ermanarich, Hunimund (schon sein Name bedeutet „Schützling der Hunnen"), nahm an der Niederwerfung der nördlich von Pannonien lebenden Sweben-Quaden teil, sein Neffe Van- dalarius zeichnete sich, wie bereits sein Name ( = Wandalensieger) verrät, mit der Vertreibung der Wandalen aus, schließlich ließ der Nachfol- ger Hunimunds, Thorismu(n)d, gelegentlich der Unterwerfung der im Karpatenbecken lebenden Gepiden sein Leben. („Es heißt, sein Pferd sei gestürzt" - womit die gotische Chronik auch in

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2. Knochenversteifungen von den beiden Enden und vom Griff eines hunnischen Reflexbogens diesem Fall die

2. Knochenversteifungen von den beiden Enden und vom Griff eines hunnischen Reflexbogens

diesem Fall die Todesursache eines Gotenherr- schers verschönte.) Mit dem Tod Thorismu(n)ds starb der herrschende Zweig der Amaler-Dyna- stie aus, für Herzöge der Seitenlinien aber hatten die Hunnen keinen Bedarf. Die gotische Chro- nik verhüllt dies wie folgt: „Als er [nämlich Tho- rismu(n)d] starb, betrauerten ihn die Ostrogoten so sehr, daß sie vierzig Jahre lang keinen neuen König auf den Thron hoben, damit sein Anden- ken auf ihren Lippen ewig lebe."

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Das Geheimnis der raschen Erfolge Balam- bers und seiner Hunnen beurteilten die zeitge- nössischen römischen Augenzeugen eindeutig. Niemals noch begegnete die antike Welt einer so einmaligen Harmonie zwischen Reiter und Pferd. Sie saßen auf ihren Rössen, „als ob sie angenagelt wären", „als ob sie zusammenge- schmiedet wären", „als ob sie zusammenge- wachsen wären", und schließlich der poetische Superlativ: „Selbst Kentauren sind nicht enger mit ihren Pferden zusammengewachsen als sie." Die in den Augen der Römer „häßlichen und ausdauernden" Pferde - eine zu unglaublichen

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3. Grab eines mit Bogen und Köcher bestatteten hunnischen oder hunnenzeitlichen orientalischen Kriegen aus Aktöbe

Leistungen fähige Steppenrasse - fanden sogar unter dem Schnee Futter. Da sie über reichlich Ersatzpferde verfügten, konnten die Hunnen ih- re ermüdeten Pferde immer mit ausgeruhten wechseln. Eine zeitgenössische Quelle hielt es geradezu für Zauberei, daß sie fähig waren, zwei, drei Pferde auf einmal zu führen, und sollten sie selbst müde geworden sein, ihre „unheilbringen- den" Pferde waren immer frisch. Die hunnische Reiterei war demnach keine saisonale Waffen- gattung, sie war vielmehr sowohl im Winter wie auch im Sommer kampffähig, eine Tatsache, die nach den Völkern Osteuropas bald auch die Römer erfahren sollten. Die hunnischen Reiter stammten von Pferdehirten ab, die von Kindheit

12. s. Farbtafel X

13. Silberschnalle mit Zellenornamentik aus dem Grab- fund von Regöly

an auf Pferden lebten, hoch zu Roß verhandel- ten, aßen, tranke n und schliefen. Hin halbes Jahrhundert nach ihrem Erscheinen in Europa verhandelten Bleda und Attila hoch zu Roß mit den bestürzten oströmischen Gesandten. Das Geheimnis der Einheit von Pferd und Reiter, das die Römer anfangs nicht zu lösen imstande waren, das jedoch aufgrund archäolo- gischer Funde jener Zeit klar zutage tritt, war der Sattel mit vorne und hinten hochgezogenem Sattelkopf, der einen bequemen und festen Sitz gewährleistete. Hunnenfürsten ließen nicht wie nicht wenige der Gotenkönige ihr Leben, in- dem sie vom Pferd stürzten. Die so reiten kön- nen wie die Hunnen, „tauchen dort auf, wo man sie am wenigsten erwartet, ihre Geschwindigkeit geht ihrem Ruf voran". Die Attribute, die in dieser Hinsicht in der Antike den Hunnen zuge- schrieben worden sind, können nicht mehr ge- steigert werden: Sie sind in „Geschwindigkeit unübertreffbar", sie dringen „mit verblüffender Geschwindigkeit" vor „wie der Wirbelwind aus den hohen Bergen", sie sind so „maßlos ge- schwind, daß sie, ehe man sie bemerkt, schon das

Wirbelwind aus den hohen Bergen", sie sind so „maßlos ge- schwind, daß sie, ehe man sie

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Lager stürmen". Das heißt, sie überraschten ihre Gegner fast immer. Sie griffen nicht in großer Zahl, sondern mit kleineren. 500 - 1000 Mann starken Truppen gleichzeitig aus mehreren Richtungen an Den Kampf begannen sie aus der Ferne mit einem dichten und erschreckend genauen Pfeilhagel. Man kann getrost sagen: Damit versetzten sie ihren Feinden den Todesstoß, deren Angst die klare Sicht verdunkelte und sie ins Verderben trieb. Die Abwehr des aus der Ferne kommen- den Todes war nämlich nicht anders möglich, als in den Schußbereich der Pfeile zu kommen, das heißt verblendet auf die Hunnen loszustürmen. Diese machten auf die Attacke ihrer Feinde kehrt und stoben auseinander, als ob sie die Flucht ergreifen wollten. Flucht vortäuschend lockten sie den Feind in einen Hinterhalt, in die Nahe ihrer wartenden Kameraden. Ein ander- mal stürzten sich die Hunnen aus dem Hinter- halt auf das Lager des in einem Siegestaumel sich zur Verfolgung aufmachenden feindlichen Heeres. Wenn die Hunnen den verfolgenden Feind durcheinandergebracht halten, reihten sie sich blitzschnell wieder in Schlachtordnung ein, machten kehrt und schlugen aus mehreren Richtungen einem Schmiedehammer gleich zu. In solchen Fällen metzelten sie den zusammen- gedrängten Feind mit ihren über einen Meter langen Schwertern nieder. Die gleiche Taktik verfolgten 500 Jahre später die in Mitteleuropa erschienenen Ungarn: die byzantinischen und westlichen Zeitgenossen, die deren Taktik beschrieben, halten nicht allein aus den Werken antiker Autoren ihre Inspirationen geschöpft. Es wäre jedoch ein Irrtum anzunehmen, daß es sich um eine „nomadische' 4 Taktik handle, die auch alle östlichen Reitervölker anwandten. Wohl kannten die Awaren Bajans sehr gut die Kampfweise leichter Bogenschützen, im Ent- scheidungskampf aber „walzten" sie, das heißt, sie errangen den Endsieg durch den stürmischen Angriff ihrer gepanzerten Reiterei, die mit ge-

4. Bestattung eines hunnischen Kriegers aus Mittelasien mit Resten eines Bogens mit Knochenversteifung aus Sewakino

mit Resten eines Bogens mit Knochenversteifung aus Sewakino 14. Goldene Armreifen aus Regöly streckten Lanzen

14. Goldene Armreifen aus Regöly

streckten Lanzen daherbrauste. Was die hunni- sche Strategie betrifft, können wir die treffendste Parallele 800 Jahre später bei den Mongolen beobachten: Die Grundelemente dieser Strate- gie waren die durch weite Gebiete umfassende und genau ausgeführten Zangenbewegungen er- zwungene Entscheidungsschlacht, der zwecks Liquidierung der Widerstandszentren unerbitt- lich angewandte Terror: die Einäscherung von Städten und Dörfern, das Niedermetzeln von Männern, Frauen, Säuglingen und Greisen. Dies verfolgten sie so lange, bis der Widerstand endgültig gebrochen war und sich die Besiegten bedingungslos ergeben hatten.

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Bekanntschaft mit Rom

Nach dem großen Sturm des Jahres 376 ver- schwanden die Hunnen für etwa zwei Jahrzehnte aus dem unmittelbaren Gesichtskreis der Rö- mer. „Nachdem sie die Verwüstung, die sie selbst verursachten, eingeleitet haben", befaßten sie sich mit der Organisation ihres osteuropäi- schen Reiches und ließen die antike Welt in Ruhe. Vielleicht gerieten sie auch in der Zeit der seit 376 das Innere des Römischen Reiches ver- wüstenden blutigen Kämpfe mit den Goten und Alanen ein wenig in Vergessenheit. Nicht so die Hunnen, die die Geschehnisse im Reich wach- sam verfolgten. Zum ersten Angriff entschieden sie sich - wie Hieronymus gewahrte und klag- te -, als sie vom Bürgerkrieg der beiden Reichs- hälften erfuhren. Theodosius I. zog die Truppen aus den Ostprovinzen ab, er nahm sogar die am Südufer der unteren Donau angesiedelten und zur Bewachung der mösischen Grenzen ver- pflichteten Wisigoten mit und zog mit seinem Heer über die Alpen gegen den italischen Gegen- kaiser Eugenius (394). So blieben die Grenzen im Osten und an der unteren Donau unbewacht. Diese günstige Gelegenheit nutzten die Hunnen Anfang 395, um sich den Römern in Erinnerung zu bringen. Die Hunnen griffen - ihrer bereits bekannten Strategie entsprechend - das Reich aus zwei verschiedenen Richtungen an. Zuerst drangen sie über die zugefrorene untere Donau in die Ebene von Mösien ein, von wo aus sie bis zu den Alpen Streifzüge unternahmen. Kurz danach überquerten sie den Kaukasus und fielen in Kleinasien und Syrien ein. Aus dem verheeren- den Angriff der „Wölfe" schöpfte die schon fast erlahmte römische Verteidigung dennoch eine sonderbare Hoffnung. Noch mehr als die Römer

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erschraken nämlich die Illyrien, Mösien und Thrakien verwüstenden und brandschatzenden gotischen Kampfscharen und Kriegsführer, de- nen die vor zwanzig Jahren empfundene Angst noch in den Knochen steckte. Alarich I. und seine Truppen, die Theodosius I. auf seinen itali- schen Feldzug als Hilfskräfte begleitet halten, kehrten auf die Kunde vom Angriff der Hunnen in größter Eile in ihre Quartiere in Mösien an der unteren Donau zurück, brachen samt ihren Fa- milien noch vor Winterende auf und flüchteten auf den Balkan, in das Innere des Reiches. Die Umgebung von Konstantinopel verwü- steten seit 399 Scharen des aufrührerischen goti- schen Söldnerführers Gaina, die zusammen mit den meuternden Truppen des sich König der Ostrogoten nennenden Tribigild(us) auf beiden Seiten des Bosporus einen blutigen Krieg mit den Römern (aber auch gegeneinander) führten. Die römische Verteidigung war gegenüber dem starken barbarischen Heer fast hilflos. Im Som- mer 400 eroberte Gaina sogar Konstantinopel und übte eine wahre Schreckensherrschaft aus:

Er plünderte die Banken und ließ den kaiserli- chen Palast in Flammen aufgehen. Als leiden- schaftlicher Arianer trachtete er, für seine An- hänger eine christliche Kirche einzunehmen. Das sollte ihm zum Verhängnis werden. Das empörte Volk der Hauptstadt erschlug in Stra- ßenkämpfen die eine Hälfte seines Heeres, wor- auf die andere entsetzt aus der Stadt floh. Gaina und seine arg mitgenommenen Scharen wurden sogar aus dem Reich gedrängt; sie flohen durch Thrakien an das nördliche Ufer der unteren Do- nau, in die „alte Heimat" zurück. Hier sollte sich Gainas Schicksal erfüllen. In der grimmigen De- zemberkälte erwartete er keinen Angriff, er

kannte die Hunnen nicht. Diese überraschten, umzingelten und desorganisierten sein Heer und metzelten es nieder. Der Hunnenfürst Uldin (Ul- dis, Huldin) schickte den Kopf des Gaina als Neujahrsgeschenk (3. Januar 401) nach Kon- stantinopel. wo man sich keine erfreulichere Neujahrsbotschaft vorstellen konnte als die über den Tod des Räuberhauptmanns, der zwei Jahre hindurch so viel Unheil angerichtet hatte. Kaiser Arcadius drückte seinen Dank mit reichlichen Geschenken aus und ging mit dem so erfolgrei- chen Feind der Feinde des Reiches ein offenes Bündnis ein. Die Größe des Sieges verkündete die zu seinem Andenken - nach dem Vorbild der Trajanssäule - errichtete prächtige Arcadius- säule (Abb. 8). Nur eben den Endsieg erran- gen diesmal nicht der den Triumphzug führen- de Kaiser und die Römer. Dem Wisigotenkönig Alarich I., der in den ßalkanprovinzen maßlose Verwüstungen ange- richtet und den „römischen General" gespielt hatte, wurde auf die Kunde vom Sturz des Gaina

15. Aus Goldblech gepreßte Schleierbesätze aus dem Grabfund von Regöly

der Boden unter seinen Füßen wieder zu heiß. Schon im Jahre 401 „brach er" in Italien ein, tatsächlich floh er hinter die Julischen Alpen. Ein Teil seines Heeres bestand damals noch aus den „Helden" der Schlacht am Dnjestr, die wahr- scheinlich ahnten, was ihrer harren würde, sollten sie von den Hunnen eingeholt werden. Der itali- sche „Feldzug" mißlang diesmal. Der weströmi- sche Feldherr Stilicho besiegte die Wisigoten mit Hilfe der alanischen und hunnischen Reitertrup- pen von Pannonien sowie aus Rätien als Söldner verdingten Wandalen zweimal, vertrieb sodann Alarich, der sich 402 - kaum zufällig - in das Gebiet zwischen Pannonien und Dalmalien, in den Schutz der Dinarischen Alpen, zurückzog. Inzwischen brach auch im Karpatenbecken eine allgemeine Panik aus. Die hunnische Beiß- zange setzte sich mit unbarmherziger Sicherheit in Bewegung. Aus der Gegend der unteren Do- nau brach Uldin ein, woraufhin Tausende von Sarmaten auf römisches Reichsgebiet flüchteten. Wirkliche Furcht verursachte jedoch die obere Zangenbacke, die von den Ostkarpaten bis zu den Kleinen Karpaten „biß". Vorne griffen die ostrogotischen „Knechte" der Hunnen die Wan-

bis zu den Kleinen Karpaten „biß". Vorne griffen die ostrogotischen „Knechte" der Hunnen die Wan- 19

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16. 16. Trinkbecher aus Glas mit blauer Noppenauflage, Regöly dalen, Sweben-Quaden und Gepiden an. hinten aber

16. Trinkbecher aus Glas mit blauer Noppenauflage, Regöly

dalen, Sweben-Quaden und Gepiden an. hinten aber bewegten sich überall hunnische Reiter. Das Ergebnis war eine in der Weltgeschichte bis dahin unbekannte Panik. Das Weströmische Reich wurde von wahren Menschenströmen überflutet. Die Flucht begann der im Karpaten- becken ansässige Zweig der Wandalen unter der Führung der später das karthagische Königreich gründenden Hasding-Dynastie im Bündnis mit den sich ihnen anschließenden größeren Alanen- und kleineren Gepiden-Gruppen. Sie hatte der ärgste Schock erfaßt, sie ruhten in ihrer Flucht nicht eher, als bis das Meer sie von Europa trennte. Auf ihren Spuren flohen die Sweben- Quaden und der andere Zweig der Wandalen unter Führung der Siling-Dynastie: Mit den aus Pannonien und Norikum mitgerissenen Freibeu- tern zogen sie zwischen 401 und 405 durch das Donautal dem Rhein zu. Zur gleichen Zeit sam- melte ein gewisser Radagais die jenseits der Do- nau verbliebenen Goten, Sarmaten und anderen ,,Barbaren" um sich, mit denen er über die Al- penpässe in Italien einfiel. Der gegenüber dem neuerlichen, unerwarteten Schlag unvorbereitete Stilicho bat Uldin um Hilfe und versprach den Hunnen Geld und Kriegsbeute. Und das Wun- der wiederholte sich. Stilicho und Uldin holten

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die Scharen des Radagais in Mittelitalien ein, umzingelten und vernichteten sie im August 406. Auf dem Forum in Rom wurde die Quadriga mit der Bronzestatue diesmal den ,,siegreichen Kai- sern" aufgestellt, die Siegesaufschrift dagegen bekam Stilicho Italien war zum zweiten Mal gereitet, es muß- te dies jedoch teuer bezahlen: Nach dem Abzug der gegen Alarich und dann gegen Radagais nach Italien abkommandierten rheinischen Truppen blieb der Strom unbewacht. Am 31. Dezember 406 setzte das aus Wandalen. Alanen und Sweben bestehende Heer über den Rhein und überflutete das ungeschützte Gallien. ,,Ganz Gallien qualmte wie ein einziger Tolenscheiter- haufen" - die „große Völkerwanderung" hatte begonnen. Vor dem „romfreundlichen" Palastaufstand im August 408. der dem von Barbaren abstam- menden Stilicho ein Ende bereitete, brauchte man von Alarich nichts zu befürchten. Der Wisi- gotenkönig diente in diesen Jahren „freiwillig" - und natürlich für eine schöne Summe Geld - der Sache Westroms. Setzte sich Alarich in Be- wegung, genügte es, ihn mit Uldin und seinen anrückenden Reitern zu schrecken, und er hielt sofort still. Entsprach eine derartige Nachricht auch nicht immer der Wahrheit, möglich war sie immer. Die weströmische Regierung baute näm- lich immer engere Freundschafts- und Bündnis- beziehungen zu den Hunnen aus. Unterpfand dieses Bündnisses war der als Geisel (und zu- gleich als Gesandter) zu den Hunnen geschickte „Gardekadett", der aus Durostorum (heute Sili- stra) gebürtige Aetius, der von den Hunnen un- ter anderem das Reiten und den Umgang mit Pfeil und Bogen ausgezeichnet erlernte. Das weströmisch-hunnische Bündnis blieb bis 450 erhalten und verlängerte das Bestehen des tod- kranken Reichsteiles um ein Menschenalter. Nur in den Wochen nach der Ermordung Sti- lichos und in den hierauf folgenden zwei ent- scheidenden Jahren versagte die auf die Hunnen gesetzte Hoffnung. Als er von dem Tod des Ar- cadius (1. Mai 408) und davon erfuhr, daß des- sen siebenjähriger Sohn den Thron bestiegen

5. Im Fund von Kysyl-Adyr im Süduralgebiet sind die Vor- bilder der wichtigsten mitteleuropäischen hunnischen Funde zusammen zu sehen: der knochenversteifte Rellex- bogen, die Pfeilspitzen, das Schwert, die Gürtelverzie- rungen, der Lockenring und der Kupferkessel

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7. Die von einem Reflexbogen abgeschossenen dreischneidi- gen Kampfpfeilspitzen aus Eisen waren größer und schwe-

7. Die von einem Reflexbogen abgeschossenen dreischneidi- gen Kampfpfeilspitzen aus Eisen waren größer und schwe- rer als die Pfeilspitzen früherer Zeiten

hatte, griff Uldin 408 das Oströmische Reich an. Zuerst eroberte er das Gebiet von der Mündung des Olt-Flusses bis zum Eisernen Tor und äscherte die Brückenkopffestungen sowie die burgartigen kleinen Flottenstützpunkte am Nordufer der unteren Donau ein (von Osten nach Westen: Sucidava/Celei, Desa, Hinova, Drobeta/Turnu Severin, Dierna/Orsova, Gor- nea - alle wurden niedergebrannt) dann setzte er über den Fluß. Die skirischen Hilfstruppen Ul- dins (die ostgermanischen Skiren waren schon seit 381 Waffenbrüder der Hunnen) eroberten durch List die eine Schlüsselstellung einnehmen- de Befestigung Castra Martis (Kula) in Mösien Der oströmische Befehlshaber trachtete den Streit mit Uldin auf friedliche Weise zu schlicht- en. Dieser war selbst ebenfalls bestrebt, den Frieden und das Bündnis zu erhalten, allerdings auf ungewöhnliche Weise: Er forderte eine jähr- liche Unterstützung in Gold für die Erhaltung des Friedens und die Räumung der Befestigung. Dem Hunnenfürsten dürften die vielen Erfolge zu Kopf gestiegen sein: Indem er auf die aufge- hende Sonne wies, prahlte er, daß es ihm ein leich- tes wäre, alles Land zu erobern, auf das die Sonne schien, wenn er nur wollte. Was in Anbetracht

6. Die neue Rekonstruktion eines gespannten, asymmetri- schen Reflexbogens erfolgte aufgrund der Bogenüberreste von Wien-Simmering und dem Grabfund ton Minfeng in Turkestan

der tatsächlichen Kräfte, über die der Heerführer Uldin verfügte, selbstgefällige Großtuerei war. Der Erpressungsversuch mißlang, die Oströ- mer eroberten Castra Martis zurück und fügten nicht nur den Skiren schwere Verluste zu, son- dern warfen Uldin selbst auf das Nordufer der unteren Donau zurück (409). Kurz darauf bes- serten sie die Befestigungen am Südufer der un- teren Donau aus, und im Frühjahr 412 sicherten sie durch die Aufstellung der neuen Donauflotte und die Wiederherstellung der alten Schiffe die Verteidigung der Flußgrenze. Der erste organi- sierte hunnische Angriff war dennoch von welt- geschichtlicher Bedeutung für das Oströmische Kaiserreich. Die Regierung des Kaisers Theo- dosius II. (408-450), der während der Käm- pfe noch als Kind den Thron bestiegen hatte, ordnete sofort die Errichtung einer neuen Mauer zum Schutz der Hauptstadt an Diese bis 413 erbaute „theodosianische" - oder nach ihrem Ausführer im Konsularrang auch ,,anthemi- sche" - Mauer beschützte Konstantinopel/ Byzanz über lausend Jahre lang Während all dieser Ereignisse im Oströmi- schen Reich war aber auch Alanen nicht untätig geblieben: Im Oktober 408 erreichte er im Pro- menadenmarsch Rom und brandschatzte es. Im nächsten Jahr folgte ihm sein Schwager Atha- wulf (Athaulfus) zusammen mit gotischen Kräf- ten, die sich in den vorangegangenen Jahren in Nordpannonien verbogen hatten. Kaiser Ho- norius, der sich unter den Schutz der vom östli- chen Hauptführer Anthemius geschickten oströ- mischen Truppen begeben und nach Ravenna zurückgezogen hatte, vermochte sein Ansehen

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17. 17. Falkenköpfiger Krug mit Gußhenkelaus dem Grab- fund von Regöly für kurze Zeit nur mit

17. Falkenköpfiger Krug mit Gußhenkelaus dem Grab- fund von Regöly

für kurze Zeit nur mit der - falschen - Nachricht zu wahren, zehntausend hunnische Reiter seien zu seiner Hilfe bereits unterwegs. Nachdem sich diese Nachricht als unwahr erwiesen hatte, folg- te ein weltgeschichtliches Ereignis: Roms Ein- nahme und Plünderung im Jahre 410. Alarich und seine Goten konnten ruhig „arbeiten", führ- ten doch Uldin und seine Hunnen Krieg mit dem Oströmischen Reich. Der oströmischen Regie- rung gelang es erst 412, mit dem hunnischen Großkönig Kharaton einen Waffenstillstand zu schließen. Das Bündnis und die Freundschaft zwischen den Hunnen und dem östlichen Teil des Römischen Reiches kamen jedoch nie wieder zustande.

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18. s. Farbtafel XI

19. Schwertortband und Schwertverzierungen aus Lébény

kamen jedoch nie wieder zustande. 24 18. s. Farbtafel XI 19. Schwertortband und Schwertverzierungen aus Lébény

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Die Hunnen. Glaube und Irrglaube vom Altertum bis zur Gegenwart

Die Nachrichten über die Herkunft, das Leben, die äußere Erscheinung und die Taten der Hun- nen überlieferten uns überwiegend jene Zeitge- nossen, die nahezu acht Jahrzehnte hindurch auf der Seite der Unterlegenen standen, zu Boden geworfen, erniedrigt, ausgeplündert und ihres Selbstbewußtseins beraubt. Es ist daher unmög- lich, von ihnen eine wahrheitsgetreue Berichter- stattung oder objektive Meinung zu erwarten. Ihr voreingenommenes Urteil hat sich Jahrhun- derte hindurch vererbt und st förmlich zum „Gemeingut" geworden. Solar ge es auf der Welt nationale Geschichtsschreibung geben wird, wird den Hunnen und vor allem dem Gallien und Italien angreifenden Attila keine Gnade zu- teil : Sie sind und bleiben die v eltgeschichtlichen Repräsentanten „östlicher Barbarei". Zumin- dest in den Geschichtsbüchern und dem jeweili- gen politischen Jargon. Tatsache ist, daß die geographische und histo- rische Literatur der Antike über die Herkunft der Hunnen nichts Genaues wußte. Für die spät- antike Welt erschienen sie erstmals in der Ge- gend der Wolga, des Don und im Kaukasusge- biet. Über das Woher und Wie gab es nur völlig absurde Ideen. Allerdings ist die bei dem Goten Jordanes nebenbei und kurz beschriebene Sage vom Wunderhirsch wahrscheinlich der Auszug einer hunnischen Herkunftssage, der aber be- stenfalls religionsgeschichtliche Bedeutung zu- kommen kann. Heute wissen wir bereits etwas mehr. Mit Hilfe der archäologischen und histori- schen Quellen können wir ihre Spur bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. nach Mittelasien zurück- verfolgen. Im Zusammenhang mit der Lebensweise der Hunnen wiederholte die spätantike Historiogra-

phie die tausendjährigen Märchen der Geogra- phie des Altertums. Die Anwendung von Topoi war nämlich Pflichtsache, kein auf sein Ansehen bedachter Autor der Antike konnte schreiben, ohne sich mit seiner „klassischen" literarischen

20. Krug aus dem Grab von Lébény. Römisches Erzeugnis aus Pannonien

mit seiner „klassischen" literarischen 20. Krug aus dem Grab von Lébény. Römisches Erzeugnis aus Pannonien 25

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Bildung zu brüsten. Ammianus Marcellinus, ein hervorragend gebildeter Offizier hohen Ranges, konnte die Feinde und

Bildung zu brüsten. Ammianus Marcellinus, ein hervorragend gebildeter Offizier hohen Ranges, konnte die Feinde und Nachbarn des Reiches wiederholt persönlich kennenlernen, kein ande- rer beschrieb genauer und vor allem objektiver die Volks- und Herrschaftsverhältnisse der Donaugegend und der Schwarzmeerküste im 4. Jahrhundert. Sobald er jedoch nicht mehr über zeitgenössische Ereignisse schrieb, sondern die angeführten Gegenden, die er andernorts wohl den damaligen Tatsachen entsprechend geschildert hatte, allgemein charakterisierte, scheute er nicht davor zurück, diese mit den tausend Jahre zuvor entstandenen märchenhaf- ten und ungeheuerlichen Gestalten des Herodot zu bevölkern: mit den Amazonen, Menschen- fressern, Milchessern und schwarz Bemantelten oder mit den vor nahezu tausend Jahren aus- gestorbenen Agathyrsen, Massageten, Gelonen und Neuren. Bei der Charakterisierung der Hun- nen in der antiken ethnographischen Literatur ist stets diese Duplizität zu finden: Die zeitgenössi- schen Tatsachen verschmelzen fast unentwirrbar mit der von Strabon bis Herodot, ja sogar bis Homer zurückreichenden Ethnographie und dem Weltbild eines fiktiven „Nordens": Je kälter es irgendwo ist, desto barbarischer sind dort die Menschen. Ammianus Marcellinus hatte niemals Hunnen gesehen, sondern nur von den durch sie verursachten Ereignissen gehört. Ihre Beschrei- bung entnahm er seinen geliebten Büchern - diese war bis in die Gegenwart in den Schulen Unter- richtsstoff über die Hunnen. Die Unmöglichkeit solcher Aussagen wie die folgenden ist offensichtlich: Die Hunnen brau- chen kein Feuer, da sie warmes und gekochtes Essen nicht kennen; sie essen Wurzeln und rohes Fleisch, letzteres nur zwischen ihren Schenkeln und dem Pferderücken etwas aufgewärmt; sie leben wie die wilden Tiere, können bestenfalls jagen oder nicht einmal dies, sie essen, was sie gerade erbeuten. Mit der streng geregelten Lebensweise der Großviehhaltung und des weidenwechselnden Hirtenlebens vermochte die antike Welt nie ins reine zu kommen. In ihren Augen waren die Großviehhalter der eurasischen Grassteppen

8. Triumphsäule des oströmischen Kaisers Arcadius in Konstantinopel. Die heute nur noch von Stieben be- kannten Relieh der Marmorsäule stellen aller Wahrschein- lichkeit nach auch Uldins Hunnen dar

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ewige Heimatlose, die dauernd herumzogen, Häusern aus dem Weg gingen, ja sich sogar fürchteten, ein Haus zu betreten, aus Angst, das Dach könnte über ihnen einstürzen, sie hatten nicht einmal eine Rohrhütte usw. Die Augen der Autoren der Antike hefteten sich mit der Kraft einer Zwangsvorstellung an die beim Herumzie- hen benutzten Wagen (auf denen die Hunnen ihre Zelte und Jurten beförderten) und waren der Meinung, die Frauen würden diese ebenso nicht verlassen wie die Männer nicht vom Pferd stiegen, da sie nämlich gar nicht gehen konnten, ihre verkümmerten, krumm-kurzen Beine wären zum Gehen ungeeignet. Wer so primitiv war, dem konnte man alle Wildheit und Grausamkeit, welche die späte orientalische und mediterrane Phantasie zusam- mengetragen halte, zumuten: Sie töteten ihre greisen Eltern, schlitzten die Lippen der Säuglin- ge mit Messern auf, damit diese Schmerz zu ertragen lernten, stählten ihre Pfeile im Saft ge-

21. Spätrömischer Beinkamin aus dem Grab eines barbarischen Vornehmen, Lébény

kochter Embryonen, die sie aus schwangeren Frauen herausschnitten, ihre Spezialitäten wa- ren Kinderfleisch und Frauenblut. Es ist richtig, daß die gutgesinnte moderne Geschichtsschreibung dies alles mit einer Hand- bewegung abtut, um so übler ist es hingegen, daß sie jene nie existierende Gesellschaft, die Ammianus Marcellinus gerade auf diese vor- menschlichen Menschen zugeschnitten hat, für bare Münze nimmt, wonach diese die Herrschaft von Königen (Stammeshäuptlingen) nicht ge- kannt hätten, ihnen niemand befohlen habe, höchstens im Kriegsfall gelegentliche militäri- sche Anführer. Was ihr geistiges Niveau betrifft, sollen sie keine Religion, nicht einmal Aberglau- ben gekannt haben. Daraus entstand die nicht minder verblüffende moderne Bewertung der auf dem „Niveau paläolithischer Horden" oder „auf der niedrigsten Stufe des Hirtenlebens" stehen- den kleinen hunnischen Gruppen, die ihren un- verdienten Sieg über die Goten ihren primitiven Pfeilen und ihrem erschreckenden Äußeren zu verdanken hatten. „Natürlich" wurden sie von den Goten zivilisiert und in die Höhe gehoben.

Äußeren zu verdanken hatten. „Natürlich" wurden sie von den Goten zivilisiert und in die Höhe gehoben.

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bis diese ihrer überdrüssig wurden und sie ver- jagten. Ammianus Marcellinus vereinfachte das Leben der Hunnen sogar so weit, daß er die aus der Haut von Mäusen zusammengeflickte oder

9. Die bärtigen Männergesichter sind sarmatisch-alanischer Herkunft aus der Gegend des Schwarzen Meeres und wur- den ab Besätze auf hunnischen bzw. hunnenzeitlichen Pferdegeschirren und Kleidungsstücken verwendet. Gleichzeitig zeigen sie eine gute Wiedergabe der hunnen- zeitlichen Gesichtszüge

aus allem Leinen genähte Kleidung als zerlumpt beschrieb, ja sogar ihre gefürchteten Kriegspfei- le mit Knochenspitzen bestückte. Demgegen- über benutzten die Jäger der Taiga und Steppe die feinen Pfeilspitzen aus Knochen nur für die Jagd auf Vögel und kleine Pelztiere, um an ihrem Gefieder oder Pelz keinen Schaden anzurichten. Die Knochenpfeilspitze ist ein Gradmesser für die Objektivität der Autoren. Die gleichzeitig mit den Hunnen in Ost- und Mitteleuropa ver- breiteten, vorzüglich geschmiedeten eisernen

Autoren. Die gleichzeitig mit den Hunnen in Ost- und Mitteleuropa ver- breiteten, vorzüglich geschmiedeten eisernen 28

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Pfeilspitzen (Abb. 7) - sie sind uns aus den da- maligen hunnischen Grabfunden, ja sogar in die Rückenwirbel (z. B. Wien-Leopoldau, Csongrád - Werböczistraße, Grab 6), in den Bauch (Trais- mauer) der Gegner der Hunnen oder in das Schienbein einer hunnischen Frau (Melitopol) eingebohrt, wohl bekannt! verhalten sich zu den Knochenpfeilspitzen der Urwelt des Am- mianus Marcellinus ungefähr so wie die tatsäch- liche hunnische Gesellschaft zu der von ihm gezeichneten. Die hunnische Gesellschaft war nämlich vom Augenblick ihres Erscheinens in Europa an gut aufgegliedert und organisiert, an ihrer Spitze standen Großkönige und selbsttätige Militärführer. Aus den archäologischen Funden und den Aufzeichnungen von Zeitgenossen er- steht vor uns das Bild einer Macht mittelasiatisch- persischer Kultur, die den sassanidisch-iranischen Prunk und die Etikette liebte und für die die be- wußte Aufbautätigkeit eines Reiches ebenfalls kennzeichnend war. Die strenge militärische Ord- nung zeigte sich auch in ihrer Erscheinung. Es ist kein Zufall, daß der die Hunnen zum ersten Mal persönlich kennenlernende Claudius Claudianus die von römischen Offizieren so begehrten Prunk- gürtel der Hunnen besang. Was im Lichte der Tatsachen von der „klassi- schen" Charakterisierung des Ammianus Mar- cellinus übrigbleibt, ist nichts anderes als die uralten äußeren Merkmale der Steppenvölker:

ihre in den Steppen noch heute bekannte und benutzte krumme Mütze mit hoch- und run- terklappbarem Rand, ihre Lederstiefel mit wei- cher Sohle und ihr im Vergleich zu den Römern ungewöhnlich breitschultriger Wuchs. Übrigens kann auch die Beschreibung ihres Äußeren von zwei Seiten betrachtet werden. Real ist die allge- meine Wahrnehmung der Zeitgenossen, wonach die Mehrzahl der hunnischen Männer einen niedrigen Wuchs, einen verhältnismäßig großen Kopf, dicken Hals, breite Schultern, eine ge- wölbte Brust, einen stämmigen Rumpf und kur- ze Beine gehabt hat. Die Beurteilung dieser Kör- pergestalt war schon damals Geschmackssache. Die kleine Gestalt der Hunnen dürfte die klein- wüchsigen, wohlgebauten Römer kaum befrem- det haben, sie schätzten höchstens deren Unter- setztheit gering und sprachen von Holzklötzen oder Bären. Sidonius Apollinaris hielt die Hun- nen geradezu für schön, er meinte, sie muteten auf Pferden sitzend sogar hochgewachsen an. Für den gotischen Chronisten, der die Goten,

an. Für den gotischen Chronisten, der die Goten, 22. Spätrömisches Trinkglas aus Lébény deren

22. Spätrömisches Trinkglas aus Lébény

deren „hopfenstangenartiger" Wuchs die Römer zum Lächeln reizte, als „Schönheitsideal" ansah, glich ein „kleiner, häßlicher, armseliger" Hunne keinem Menschen, zumindest keinem gotischen. Authentische Grabfunde weisen leider einst- weilen kaum auf einen solchen untersetzten Menschentyp hin (Abb. 9). Gräberfelder der Awaren und der Altungarn bieten uns hinge- gen solche zu Hunderten und Tausenden, in den Gebieten zwischen dem Karpatenbecken und der Mongolei leben heute sogar Millionen Men- schen dieser Statur. Was die antiken Autoren bestimmt in außerordentlichem Maße übertrie- ben haben, ist die fast einheitliche Schilderung der mongolischen Gesichtszüge der Hunnen. Derartige Feststellungen treffen auch jene, die aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung die Hun- nen ganz anders gesehen haben. So viel mag von derartigen Schilderungen noch akzeptabel sein, daß ihre von Sonne und Wind gegerbte Ge- sichtshaut dunkler war als die der in Gruben- häusern. Wäldern und auf Rodungen lebenden blonden, hellhäutigen Goten Archäologische Schädelfunde sprechen dafür, daß es unter den Hunnen charakteristische mongoloide Typen tatsächlich gegeben hat, deren plötzliches und wiederholtes Auftauchen für das an das europi- de Schönheitsideal gewohnte Auge erschreckend gewesen sein mag. Ihr Gesicht fanden sie „form-

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los", ihre winzigen Augen, die aus in weitem Abstand voneinander gelegenen, tiefen Augen- höhlen funkelten,

los", ihre winzigen Augen, die aus in weitem Abstand voneinander gelegenen, tiefen Augen- höhlen funkelten, bezeichneten sie als glänzende Punkte, von ihrer Nase meinten sie, sie hebe sich aus ihrem flachen Gesicht kaum hervor. Am unglaubwürdigsten scheint jedoch, daß die Män- ner mit mongolischen Gesichtszügen keinen Bart hatten. Auch dies wurde ihrer Grausam- keit zugeschrieben, da man meinte, sie hätten das Gesicht der kleinen Kinder kreuz und quer zerschnitten, um durch die Narben den Bart- wuchs zu verhindern. Diese von Ammianus Marcellinus über Hieronymus und Sidonius Apollinaris bis Jordanes gleichlautende Klügelei bezeugt jedoch nicht etwa die Grausamkeit der Hunnen, sondern vielmehr die kaum weniger humane Phantasie von Römern und Goten. Nach unseren derzeitigen Kenntnissen ist es kaum wahrscheinlich, daß der Anteil mongoloi- der Typen unter den Hunnen mehr als 20-25 Prozent betragen hat, obwohl eine Prüfung des prozentuellen Anteils an den in authentisch frei- gelegten Gräbern gefundenen Schädeln noch aussteht. Das Übergewicht europider Typen in den vielen hundert Gräbern aus der ersten Hälf- te des (. Jahrtausends n. Chr., die in dem zwi- schen dem Altai und der nördlichen Mongolei gelegenen Tuwa freigelegt worden sind, ist noch so frappant, daß mit der hunnischen Bewegung kaum eine größere Anzahl Mongoloider nach Europa gelangt sein kann; gerade nur so viele, daß ihr ungewohntes Aussehen die Europäer verdutzt hat. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß jener Teil der Charakterisierung Attilas von Jordanes, in dem er die äußere Erscheinung des Großkönigs wiedergibt (niedriger Wuchs, breite Brust, großer Kopf, kleine Augen, schütterer, graumelierter Bart, stumpfe platte Nase, häßli- che Gesichtsfarbe), nichts anderes als das Pro- dukt einer hundert Jahre späteren, schriftstelle- rischen Phantasie ist, daß Jordanes die „mongo- loid-hunnische" Schilderung der tatsächlichen Zeitgenossen auf Attila als Repräsentanten par excellence seines Volkes übertragen hat. Sonder- bar ist hingegen das Schweigen der zeitgenössi- schen Literatur über die im Zusammenhang mit der hunnisch-alanischen Bewegung weil verbrei- tete artifizielle Schädeldeformation; Sie wird erst von Sidonius Apollinaris nach dem Zusammen- bruch des Hunnenreiches in Verbindung mit nach Gallien verschlagenen Hunnen erwähnt. Er irrt sich aber gründlich, wenn er meint, die

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10. Funde tus dem bisher am östlichsten gelegenen und bekannten hunnischen Fürstengrab der Völker -

10. Funde tus dem bisher am östlichsten gelegenen und bekannten hunnischen Fürstengrab der Völker- wanderungszeit in Tugoswonowo

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hunnischen Müller hallen den Kopf der Neuge- borenen zu dem Zweck umwickeil, um die Na- sen plattzudrücken, und der sich nach hinten erhebende, spitze Schädel sei nur eine Folge die- ser Maßnahme gewesen. Die Mode des defor- mierten, „erhöhten" Kopfes hatten die meisten ostgermanischen Völker übernommen und in breitem Kreise angewandt, besonders bei den Mädchen und Frauen war dies beliebt und „mo- disch". Nach dem Sturz der Hunnen kamen die Germanen jedoch von diesem Brauch ab und sprachen auch nicht mehr davon Laut Jordanes erinnert die Sprache der Hun- nen kaum an die von Menschen, das heißt an die gotische, griechische und lateinische Sprache. Die zeitgenössischen Römer hatten allerdings von der - ihnen meist nur als Geschrei bekann-

23. Römischer und barbarischer Krug mit Glätt- verzierung. Gjör und Dör

ten - Sprache der Goten auch keine bessere Meinung als Jordanes von den fremd klingenden Stimmen der Hunnen. Von Priscus erfahren wir immerhin, daß die Militärführer der Germanen in den 440er Jahren bereits mit großem Eifer „skythisch". das heißt hunnisch, redeten, wie auch die hunnischen Hauptleute, so auch Attila selbst. Gotisch konnten. Von der hunnischen Sprache wurde leider nichts, besser gesagt nichts sicher Hunnisches, überliefert, erhallen Nielsen uns nur zahlreiche Eigennamen. Diese auch nur so, wie sie die Goten, Römer und Griechen ver- standen hallen bzw. wie diese fähig waren, sie wiederzugeben und niederzuschreiben. Ein ansehnlicher Teil der Namen weist auf eine (Verbindungen mit dem Altbulgarischen und dem Mongolischen zeigende) Turksprache hin, auch wenn dies nicht immer sofort augenfäl- lig ist. Der Name des hunnischen Großkönigs der 420er Jahre wird beispielweise in fünf- bis

sofort augenfäl- lig ist. Der Name des hunnischen Großkönigs der 420er Jahre wird beispielweise in fünf-

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sechserlei Formen geschrieben. Ursprünglich lautete er Ruga, jedoch mit dem für die Turk- sprachen kennzeichnenden, kaum hörbaren Kehllaut G (nach der wissenschaftlichen lin- guistischen Schreibweise Ruγa, im modernen Türkisch Ruga). Die meisten Zeitgenossen latei­ nischer oder griechischer Muttersprache hörten diesen G-Laut nicht und schrieben seinen Na­ men Roa(s). Rua(s), Rua. Mit stummem G blieb er auch für die Nordgermanen erhallen: R Hroar, mit der aus dem Gotischen übernomme­ nen Diminutiv- oder Koseform Roila. Seine ostgermanischen Untertanen hingegen lernten, den Kehllaut G auszusprechen ja sie versahen den Namen des Großkönigs sogar nach goti­ scher Sitte mit dem diminutiven Kose-Suffix Ru­ gila - Rugachen (vgl. Wulfila - Wölfchen, Totila = Papachen - sein ursprünglicher Name war ebenfalls eine Koseform: Baduila usw.) Ebenso gaben sie seinem noch größeren Nach­ folger in Ehrerbietung und aus Furcht den Ko­ senamen Attila (ata = sowohl in den Turkspra­ chen wie auch im Gotischen. Vater), das heißt Väterchen. Daraus folgt, daß der große Herr­ scher diesen Namen kaum in die Wiege mitbe­ kommen hat. Aus der gotischen Koseform kann man auf manches schließen, nur nicht darauf, die beiden hunnischen Großkönige wären Goten oder Halbgoten gewesen Attila war der Sohn des Mundschuk (alttürkisch: Munčuq = Perle, Schmuck oder Fahne) und der Neffe von Ruga und Oktar/Uptar (alttürkisch: Öktär = Kräftig. Brav. Mächtig). Sein Onkel väterlicherseits hieß Oibarsius (alttürkisch: Aybars = Mondpanther oder Oybárs = Dunkler Panther). Der uns eben­ falls authentisch überlieferte Name seiner Gal­ lin, der Fürstin Erekan/Arykan (alttürkisch:

Ariqan = Schöne Fürstin, Keine Fürstin) dürfte in der Sprache der Ost- und Nordgermanen zu Kreka oder Kerka, im Griechischen aber zu Rekam einstellt worden sein, das änderi aber an der turkvölkischen Abstammung des Namens und seiner Trägerin kaum etwas, da eine andere Variante, Kräkän, auf alttürkisch Ehefrau. Her­ rin bedeutet. Ihre Sohne Ernak, Irnäk (alttür­ kisch: H/Ernäk = Held, Wahrer Mensch). El­ lak/Ilek (alttürkisch: Elläg) und Dengi(t)zik/ Dintzik (alttürkisch: Meeresähnlicher, dem Himmel Ähnelnder, anderen Darlegungen zu­ folge Meeres-[Süd-]Wind) trugen ebenfalls Turk­ namen. Der letztere, konsequent in der längeren oder kürzeren Form erhallen gebliebene Name

der längeren oder kürzeren Form erhallen gebliebene Name 24. Krug mit menschlichem Antlitz aus Dunaszekcső dos

24. Krug mit menschlichem Antlitz aus Dunaszekcső

dos „wilden Herzogs" ist ein noch schlagenderer Beweis für die oben erörterte phonetische Ge­ setzmäßigkeit als der Name Rugas. Turknamen sind mit ziemlicher Sicherheit fol­ gende aus der führenden hunnischen Schicht bzw. aus dem Fürstenhaus: Kharaton/Karaton (alttürkisch: Qaráton = Schwarzbekleideter). Uldin/Uldis (alttürkisch: Öldin = Glücklicher). B/Vasik (alttürkisch: Bársig = Pantherähnli­ cher oder Basїg = Gouverneur), Kursik (alttür­ kisch: Kürsig = Braver, Edler oder Quršig = Gürteltragender). Eskam (alttürkisch: Großer Pfarrer), Atakam (alttürkisch. Vater-Pfarrer). Emnetzur (alttürkisch: Emnečür), Ultzindur (alllürkisch: Öltinčür), Kelkal (alttürkisch Qїlgїl = Fester Charakter). Auch die Erklärung der Namen Balamber/Balamur und Esla (alttür- kisch: Éslä = Großer Alter) dürfte in diese Richtung weisen Allerdings gibt es auch aus dem Gotischen erklärbare hunnische Namen wie Berich(us) (= Berig/Verika). wobei in die- sem Fall ein türkisch klingender Berik/Verik

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11. Reliefdarstellung eines weströmischen Feldherrn aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts auf einem Consular-
11. Reliefdarstellung eines weströmischen Feldherrn aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts auf einem Consular-

11. Reliefdarstellung eines weströmischen Feldherrn aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts auf einem Consular- diptychon aus Elfenbein. Das mit Edelsteinen besetzte Prunkschwert, von einem vornehmen Man an einem

iranisch-innerasiatischen Waffengürtel getragen, ist unter den zeitgenössischen Darstellungen einmalig und verrät orientalische, vermutlich hunnische, Ver- bindungen

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(altttürkisch: Starker) ebenso gut vorstellbar wä- re. Ungewiß ist bloß der Name des uns in der Form Bleda/Blidas überlieferten Großkönigs, der übrigens auch in der für die späten Großkö- nige kennzeichnenden Diminutivform Blaed(i)la vorkommt Neueren Erklärungen zufolge ist ur- sprünglich die alttürkische Form Bildä/Blidä = Weiser Herrscher. In Kenntnis all dieser Fakten bedarf der populär gewordene und große Irrtum einzelner moderner Forscher einer Richtigstel- lung: Sie verwechseln wegen einiger mongoloide Züge aufweisender Schädel die mongoloide Großrasse mit der mongolischen Sprache und machen aus den Hunnen ,,richtige" Mongolen. Ohne Schwierigkeit kann festgestellt werden, daß die Machthaber des Hunnenreiches von des- sen Entstehung bis zu seiner Vernichtung (469) Turknamen trugen und demnach auch hunni- scher Herkunft waren.

dieses

kann seit dem Zeitpunkt der Überquerung der

Die

Kontinuität

Fürstengeschlechtes

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Wolga verfolgt werden. Sein erster Repräsen- tant. Balamber, war nicht allein Feldherr, son- dern offenbar auch Großkönig, dem die Hunnen und ihre ostgermanischen Vasallen gleicherma- ßen gehorchten. Den niedrigeren Rang des im 5. Jahrhundert tätigen Uldin, aber auch des Donat(us) erkann- ten auch die Oströmer, wußten aber, daß im Hintergrund der Großkönig, der Phylarch. Kha- raton existierte. Großkönig Ruga war bereits Verbündeter und Freund Roms, seine Würde übertraf die seines Bruders und Unterfühl was keinen Augenblick angezweifelt wurde. Noch einige Jahre, und die ost- und weströmi- schen Kaiser sollten sich darum sorgen, wie sie- dle Gefahr. Attila beirachte sich als gleichrangig mit ihnen, abwehren könnten Sie fürchteten, im Falle eines Sieges Attilas über den persischen Großkönig, den die römischen Kaiser stets als gleichrangig anerkannt hatten, dessen Rang auch Attila zugestehen zu müssen.

Die „nomadische Armut" Über den wirtschaftlichen Hintergrund der hunnischen Lebensweise

Die in der Vorstellung des Ammianus Marcelli- nus lebenden hunnischen Wilden spielten in der Mißdeutung des tatsächlichen Lebens der Hun- nen mindestens eine ebenso große Rolle wie die skizzenhaften, oberflächlichen Folgerungen der Wirtschaftsgeschichte über die „nomadische" Lebensweise der neuzeitlichen Kirgisen und Mongolen. Von Priscus, der dem Leben der „Barbaren" wenig Interesse entgegenbrachte, kann bei der Beseitigung der Unklarheiten keine Hilfe erwartet werden, schon gar nicht von den übrigen Schriftquellen von nur wenigen Zei- len oder späterer Herkunft. Sie berichten über Heere, Kriegsverwüstungen, kämpfende hunni- sche Truppen, also über Vorgänge, die kaum Einblick in die Verhältnisse des hunnischen Hin- terlandes gewähren. Und da meist selbst objekti- ve Historiker die früher kaum bekannten oder falsch interpretierten archäologischen Funde in ihre Untersuchungen selten einbezogen, ent- stand, gestützt auf den als Hauptquelle ange- sehenen Ammianus Marcellinus, ein falsches Bild, das im wesentlichen auch heute noch als allgemeingültig angesehen wird. Diejenigen, die Ammianus Marcellinus zum Ausgangspunkt nehmen, kommen immer zu dem Ergebnis wandernder, viehhaltend-weiden- der, gelegentlich auch jagender Hunnen. Ent- sprechend den „Nomaden" des bereits erwähn- ten kirgisischen Beispiels als unabänderliches Schicksal einer Hirtengesellschaft entstand das wissenschaftlich verbrämte Urteil über die auf einer niederen Stufe der Entwicklung steckenge- bliebenen oder gar einer Weiterentwicklung un- fähigen Steppennomaden. Auf den immer und unter allen Umständen als niedrig erachteten Produktionsertrag des Hirtentums beruft sich

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jene Meinung, wonach es den Hunnen nur durch Einführung einer „parasitären", „ausbeuten- den" Lebensweise gelungen sei, ihre ursprüngli- che Wirtschaftsgrundlage auf ein Niveau zu he- ben, das ihre erfolgreichen Eroberungen ermög- lichte. Da der Nomade außerstande ist. Nah- rungsüberschüsse zu produzieren - verkündet die Theorie-, seien auch die Hunnen so lange zu Eroberungen unfähig gewesen, geschweige denn ein Reich zu organisieren, bis sie zu einem derar- tigen Nahrungsmittelüberfluß gelangten. Gera- de die moderne Geschichtsschreibung geriet also zu dem Schluß, daß sich die Hunnen - mit Aus- nahme ihres Könnens im Bogenschießen - auf nichts verstanden, hätten, bis sie sich den „Le- bensmittelüberfluß" der Goten - gemäß den rö- mischen Quellen aus dem 4. bis 5. Jahrhundert litten gerade die Goten unter chronischem Ge- treidemangel ! - angeeignet hätten. Andere Au- toren begründeten die hunnischen Erfolge auch mit dem Nahrungsüberschuß und den Produk- tionskräften der Slawen und „Romanisierten", also der um die Steppen herum lebenden, ange- siedelten Agrarvölker. Ohne Ausbeutung dieser Ackerbauern hätten die Hunnen angeblich nicht bestehen können, auch zu einer Differenzierung ihrer Gesellschaft wäre es nicht gekommen. Par- allel zu dieser Anschauung steht die zu oben Gesagtem von vornherein widersprüchliche An- schuldigung: Die wilden Hunnen verwüsteten Dörfer und Produktionsmittel der friedlichen Ackerbauern, den Rest schröpften sie in einem solchen Ausmaß, daß schließlich der Verfall der Agrarwirtschaft zum Niedergang der Hunnen führte. Mit einem Wort: Unterjochte Agrar- bauern und Stadtbewohner unterhielten die Hunnen und erzeugten deren sämtliche Habe.

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Den Archäologen waren diese Gedankengän- ge, die sich großer Popularität erfreuten, schon immer verdächtig. Die Hunnen mußten ja auch östlich der Wolga, in Mittelasien, ja sogar in ihrer Urheimat östlich des Tien-schan-Gebirges, in Innerasien, von irgendetwas leben. Und zwar gar nicht so schlecht und keineswegs innerhalb einer „ungegliederten" Gesellschaft, wenn wir an die großartigen Gräber der asiatischen Für- sten aus der Saka-Hunnenzeit und an die der asiatischen Hüte aus der frühen Hunnen/eil (Tu- goswonowo. Abb. 10; Kanattas, Abb. 18; Kara- Agatsch, Schadrinsk) denken und auch die rei- chen Bestattungen der bewaffneten Schichten berücksichtigen. Es ist offensichtlich, daß die Historiker Funde und Ergebnisse der Archäolo- gie außer acht ließen. Nicht allein diese, sondern sogar auch die aus den Quellen bekannten Hun- nen, die sie bald mit den Jägern der Urzeit, bald mit dem Hirtenvolk des späten Neolithikums verwechseln, bald mit der hunnischen Aristokra- tie der 440er Jahre charakterisieren. Mit jenen Vornehmen, die, wie die eine Witwe des Groß- königs Bleda, gerne von den Oströmern solche bei den Hunnen raren Luxusartikel wie Purpur, rotes Saffianleder, phönizische Datteln und indi- schen Pfeffer sowie andere Gewürze entgegen- nahmen, von dem als Geschenk erhaltenen Gold- und Silbergeschirr, den Seidengewändern sowie indischen Perlen und Edelsteinen gar nicht zu reden. Es gibt in Eurasien kein nennenswertes hunni- sches oder hunnenzeitliches Grab und Totenop- fer, das nicht reich, ja fast schon überreich mit Fleischspeisen und Getränken für den Schmaus des Toten im Jenseits ausgestattet wäre. In Ka- nattas, in der Gegend des Balchasch-Sees, wurde im Grab einer Mutter und zweier Kleinkinder eine wahrlich verblüffende Menge an Pferde-, Rind- und Schaffleisch gefunden, die selbst ein homerisches Mahl in den Schatten stellte. Und dies ist keineswegs ein Einzelfall. Wenn wir die hunnischen Grabfunde vom Ob über Mittel- asien und die ukrainischen Steppen bis Panno- nien überblicken, erstaunt uns der Reichtum an Fleischbeigaben, vor allem an Schaffleisch. Nicht allein in den Gräbern der Vornehmen des Reiches findet man Fleisch; jedermann bekam in ausreichender Menge Fleisch als Wegzehrung ins Jenseits mit, und offensichtlich mangelte es auch im diesseitigen Leben nicht daran. Während des Festmahles Attilas im Herbst

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nicht daran. Während des Festmahles Attilas im Herbst 37 25. Fibel aus dem Fund von Rábapordány

25. Fibel aus dem Fund von Rábapordány

449 - wir kommen auf dieses später noch zu- rück - folgte ein Fleischgericht dem anderen, und die Grabfunde beweisen, daß Fleischgenuß keineswegs ein Privileg der herrschenden Elite war. Die großviehhaltenden Hirten, die mit Fleischspeisen und vielleicht ähnlich den Mon- golen auch mit getrocknetem Fleisch reichlich versorgt waren, litten wohl kaum einen Man- gel an aus Milch hergestellten Getränken und Speisen, darunter verschiedenen konservierten Milchprodukten. Es ist Ansichtssache, ob die Hunnen - aufgrund theoretischer Überlegun- gen nachträglich zum Genuß von Bohnen und Erbsen oder von aus grob gemahlenem Gersten- mehl gebackenen Fladen gezwungen waren, nur um zu Eroberungen fähig zu sein Den Hunnen schmeckten solche Speisen wohl kaum. Von den

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26. 26. Silberner Eidring mit Anhängern, Rábapordány mongolischen Heeren wissen wir, daß sie sich aus dem

26. Silberner Eidring mit Anhängern, Rábapordány

mongolischen Heeren wissen wir, daß sie sich aus dem milgetriebenen Viehbestand verpflegten und sich schwerlich zum Gemüseessen herbei- ließen. In der Besorgung von frischem Fleisch und zur Konservierung vorgesehenen Fleischspeisen spielte die Jagd eine herausragende Rolle, die auch von den Zeitgenossen der Hunnen gewür- digt wurde. Bei der Verpflegung des Heeres war es die Jagd der Großkönige. Letztere war bei den Mongolen und aller Wahrscheinlichkeit nach auch schon bei den Hunnen zugleich eine Krieg- sübung. Im Frühherbst 449 fielen Priscus die zur Donau befohlenen zahlreichen Fährboote auf, die der Gesandtschaft den raschen Flußüber- gang erleichterten. Priscus bemerkt zwar iro- nisch, daß sie nicht ihr zu Ehren in Bereitschaft gehalten wurden, sondern weil Attila die Donau passieren und in dem bis Naissus geräumten römischen Gebiet jagen wollte. Priscus meinte auch, daß diese „Jagd" eigentlich als Kriegsvor- bereitung gegolten hätte, wenn sie nicht beide infolge der rasch veränderten politischen Lage weggeblieben wären. Am Reichtum des hunnischen Viehbestandes kann aufgrund der Quellen nicht gezweifelt wer-

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den. In wessen Besitz in den 440er Jahren die großen Herden und Gestüte auch waren (die Familien der Krieger besaßen ebenfalls Vieh), kann es kein Zufall sein, daß die zur Zeit der Skythen üblichen Pferde- und Reiterbestattun- gen nach einer Pause von vielen Jahrhunderten gerade zur Hunnenzeit in den Steppen wieder auflebten. Als die Gesandtschaft des Maximinus und Priscus nach der Überquerung der Donau erstmals mit Attila zusammentraf, schenkte der Großkönig trotz seines gespielten Zornes den Oströmern Rinder (und auch frisch gefangene Fische), offensichtlich aus der seinem Gefolge nachgetriebenen Herde. Der wichtigste Export- artikel des Hunnenreiches war bald verbotener- weise - wie im Sinne der 448 mit Anatolius und 449 mit Maximinus geschlossenen Vereinbarung -, bald erlaubterweise wie fast immer: das Reit- pferd. So wird sich der oströmische Dolmetscher Vigila später vor Attila wegen der bei ihm gefun- denen zu vielen Goldmünzen mit der Begrün- dung entschuldigen, unter anderem Reitpferde und Lasttiere gekauft haben zu wollen. Im Hun- nenreich bestand wahrscheinlich auch ein „staatlicher" Pferdewechsel, wie dies später bei den Mongolen der Fall war. Die Beschwerde von Maximinus und Priscus, man habe ihnen die als „Geschenk" überlassenen Pferde am Fluß Istros (Donau) wieder abgenommen, dürfte auf dieses System hinweisen. Der große Viehbestand versorgte die Hunnen nicht nur mit Fleisch und Milch, sondern auch mit Leder, Wolle und Knochen. Der in Rom die Toga tragende Ammianus Marcellinus konnte die hunnische Lederbekleidung geringschätzen, die verbündeten Germanen taten dies wohl kaum. So schrieb Eugippius aufgrund der Erin- nerungen seiner Vorfahren, daß Prinz der Torki- ling-Dynastie, Odoaker, Sohn des Skirenkönigs Edika, eines ehemaligen Vasallen Attilas, „in armselige Felle gekleidet" um Segen und Unter- stützung bittend vor den heiligen Severin trat. Die Hunnen erzeugten aus dem Fell ihrer Tiere Stiefel, Köcher und Pferdezaumzeug, aus der Wolle ihrer Schafe Filzzelte, Mäntel und viel- leicht auch Teppiche. Der Fußboden des Pala- stes der Arykan, der Hauptgemahlin Attilas, war mit Teppichen ausgelegt, auf denen man nach dem Überraschung widerspiegelnden Be-

12. Bei den östlichen Hunnen verbreitete zweischneidige Schwerter und Dolche persischen Typs

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13. Darstellung von Aspar und Plinta auf der Silberschüssel ton Orbetello richt des Priscus „gehen

13. Darstellung von Aspar und Plinta auf der Silberschüssel ton Orbetello

richt des Priscus „gehen konnte". In diesem Fall sind natürlich auch Perserteppiche nicht auszu- schließen. Die aus Knochen geschnitzten Pfeilspitzen dienten, wie oben erwähnt, zur Jagd auf Pelztie- re und Vögel. Schlagender Beweis hierfür ist das aus der frühen Eroberungszeit stammende Grab von Tugoswonowo, in welchem sich im Köcher des Verstorbenen als Zeugen seiner Jagdleiden- schaft neben dreißig Pfeilen mit Eisenspitzen auch zwei solche mit Knochenspitzen fanden. Zu Beginn des Jahres 450 beschenkte Attila zwei vornehme oströmische Herren, Nomus und Anatolius, mit wertvollen Pelzen, mit solchen, „wie sie die Hunnenkönige tragen". Pelz wurde auch von den in den Waldgebieten Osteuropas lebenden Völkern als Steuer eingenommen, wie dies schon früher, aber auch später üblich war. Langst bekannt ist, daß im Gebiet des Oberlau- fes der Kama, in Werchni Konez, sowie in der Gegend von Perm hunnische Kupferkessel ge- funden worden sind, die ebenso wie die Grab- funde von Musljumowo, Schadrinsk und an- derswo die hunnische Anwesenheit inmitten der Pelzregion beweisen. Zur Zeit Attilas bewirteten die Vornehmen, so auch die erste Gemahlin des Großkönigs und die Hauptfrau des Großwesirs, ihre Gäste mit Wein. Wir wissen nicht, ob es sich um pannonische (syrmische), kaukasische Weine, solche von der Krim oder um oströmische aus den thrakischen Provinzen handelte, doch ist dies auch nicht wesentlich. Wir haben jedoch keinen Grund an- zunehmen, daß Wein das Privileg der königli- chen Familie gewesen sei, das gemeine Volk aber

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königli- chen Familie gewesen sei, das gemeine Volk aber 40 mit dem Medoss (Honigwein) und dem

mit dem Medoss (Honigwein) und dem Kamon (wäßriger, gegorener Hirsesaft) habe vorlieb- nehmen müssen, also mit jenen Getränken, wel- che armselige Dorfbewohner den durch das Ba- nal ziehenden oströmischen Gesandten vorsetz- ten. Das übliche Getränk der Hunnen war offen- bar die bei sämtlichen Turkvölkern vorhandene saure Milch. Am liebsten hatten sie aber offen- sichtlich ein aus Stutenmilch gegorenes Getränk - aber nicht im Herbst 449, als Priscus bei den Hunnen war. Anhand der bisherigen archäologischen Funde kann festgestellt werden, daß sich die Hunnen auf eine Vielzahl von Handwerken verstanden, an- ders hätten sie ja auch nicht bestehen können. Ihre meisterhaft, ja kunstvoll ausgeführten Bögen vermochten die europäischen Völker nicht nach- zumachen; sie waren Meisterwerke ihrer Bogen- macher (Abb. 2-6). Ihre Sattlermeister erzeugten als erste die sich mit dem Hunnenzug verbreiten- den Holz-Leder-Sättel (Abb. 23-24), ihre Rie- menschneider das Zaumzeug der Pferde. Ihre Schmiede hämmerten die eisernen Trensen, die vor dem Erscheinen der Hunnen überhaupt nicht oder kaum bekannten rhombischen, dreiflügligen eisernen Kampfpfeilspitzen, die Speerspitzen, die Langschwerter und Kampfmesser. Ihre Kennt- nisse hatten sie genauso bereits in Mittelasien wie später in Europa verwertet, fanden sich doch ihre nicht selten 100-120 cm langen Schwerter, die in der Antike in diesem Ausmaß unbekannt gewesen waren, zuerst in ihren Gräbern in der Gegend des Altai- und Tien-schan-Gebirges (z. B. Tugoswonowo, Kara-Bulak, Kök-Bel, Tör- ken). Bemerkenswert ist, daß die Prunkschwer- ter der Vornehmen - auf deren Bestellung - zumeist durch fremde Goldschmiede mit Mon- tierungen versehen wurden, erst durch persisch-

sogdische, dann durch griechisch-pontische (die entweder von dort herstammten oder unter de- ren Einfluß arbeiteten) (Abb. 12). Die hunni- schen Schwerter „verhallen" sich also gerade umgekehrt wie die aus dem Karolingerreich nach Norden gelieferten Schwertklingen, die zu- meist von wikingischen Goldschmieden mon- tiert worden waren. Diese Tatsache spricht für das handwerkliche Können der hunnischen Schmiede. In der Holzbearbeitung und Holz- schnitzerei erreichten die Völker der nördlichen Mongolei und der Region um den Balchaschsee bereits während der Saka-Hunnen-(Taschtik-) Epoche ihren Höhepunkt. In Kenntnis der aus Balken meisterhaft zusammengefügten gewalti- gen Grabkammern (es sind förmlich Häuser!) der Kurgane von Pasirik, Baschadar, Tüekta, Ujbat, Tepsa, Nojon-ul (Noin Ula), ebenso wie der ostkasachstanischen von Alatau-Besschatir,

27. Aus Goldblech gepreßter Halsschmuck aus Rába- pordány

Tschilikti-Goldener Kurgan sowie Essik- Kurgan und deren erstaunlich geschnitzten Or- namenten erscheint die allgemeine europäische Meinung, welche die von Priscus bewunderten hunnischen Holzpaläste - vor allem jene Attilas als Werke gotischer oder geradezu slawi- scher (?) Holzschnitzer hinzustellen versucht, wenig durchdacht. Die geschnitzten Holzgefäße - Kessel, Schüsseln, Platten und Schalen - sind in den Grabkammern Innerasiens aus dem 5.-1. Jahrhundert v. Chr. und dem 1.-5. Jahrhundert n. Chr. etwas Alltägliches: Sie wurden wohl kaum von fremden Ackerbauern angefertigt, war doch Holz im Überfluß vorhanden, und die Hirten waren schon immer Meister, ja Künstler der Holz- und Beinschnitzerei. Keramik ist seit dem Neolithikum Gemeingut aller Völker des Altertums, wir wissen von kei- nen Völkern, die sie nicht gekannt und benutzt hätten. Sic ist zumeist Produkt ortsansässiger Töpfer für jedermann, der sie kaufen wollte. Die im Karpatenbecken in den Hunnen- und hun-

ortsansässiger Töpfer für jedermann, der sie kaufen wollte. Die im Karpatenbecken in den Hunnen- und hun-

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14. Vorläufer und Parallelen zu den aus Ungarn stammen- den hunnischen Kesseln aus (1) Kysyl-Adyr im Ural- gebiet, (2) Soka im mittleren Wolgagebiet, (3) Ilabas im Nordkaukasus, (4) Iwanowka im Donezgebiet, (5) Schestatschi am Dnjestr, (6) Benešov im Quellgebiet der Oder, (7) Ionesti in Muntenien, (8) Desa im Gebiet der unteren Donau

nenzeitlichen Gräbern häufig vorkommenden Krüge sind spätrömische oder unter dem Einfluß der späten Antike entstandene barbarische Erzeug- nisse. Sie dienten zur Aufnahme von Getränken und als Totenopfer. Getrunken wurde bei den Hunnen wie bei allen anderen aus Holz-, Ton- und Glasbechern. Spätantike Trinkgläser wurden nicht allein in den Gräbern der Vornehmen neben dem Krug deponiert, sondern auch in denen der Mittel- schicht, im Osten (z. B. Kara-Agatsch, Nowaja Majatschka-Schtscherbala[jal-Tal und Radensk) orientalische (syrische oder sogdische) Gläser mit Fadenauflagen-Dekor oder grüne, geschliffene Gläser. Auf die hunnischen Siedlungen in Asien, ihre Dörfer, ihren Ackerbau und ihr Handwerk (vgl. z. B. die wichtigen Funde des in der Gegend des Baikalsees freigelegten befestigten Dorfes Iwol- ga) lohnt es sich nicht ausführlich einzugehen, da die in Mitteleuropa eindringenden hunni- schen Streitkräfte ihr diesbezügliches Wissen und Können kaum in Anwendung bringen konnten. Sichtbare Beweise der hunnischen Metallbear- beitungstechnik sind die gegossenen Kupfer- und Bronzekessel, die überall zu finden sind, wo Hunnen hinkamen (Abb. 14). Allerdings verrät ihre Form und Gußtechnik chinesischen Einfluß des 2. bis 4. Jahrhunderts, ebenso wie ihre Me- tallspiegel, deren unmittelbare Vorbilder, die chinesischen Prunkspiegel, in den hunnischen Gräbern bis zur Wolga in beträchtlicher Zahl zu finden sind. Die Kupfer- und Bronzegießerei selbst, der Guß künstlerisch ausgeführter Waf- fen und Kessel, war bei den Völkern Innerasiens schon seit der späten Bronzezeit allgemein be- kannt und verbreitet. Form, und Technik der chinesischen Luxusartikel in den Gräbern wei- sen darauf hin, daß wir die Hunnen nicht für ein aus dem Nebel aufgetauchtes Volk halten dür- fen, nur deshalb, weil sich die Römer über ihre Herkunft völlig im unklaren waren. Wer sonst als die Hunnen hätte die Kessel herstellen kön- nen, waren doch deren Formvarianten vor dem Erscheinen der Hunnen in Europa unbekannt (Abb. 16). Die sogdisch-persischen Ein-

doch deren Formvarianten vor dem Erscheinen der Hunnen in Europa unbekannt (Abb. 16). Die sogdisch-persischen Ein-

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28. Bernsteinperlen aus dem Fund von Rábapordány

29. s. Farbtafel XII

flüsse, die stärker als selbst die innerasiatischen Wurzeln und bereits in den sog. „fürstlichen" Trachten der Hunnen am Ende des 4. Jahrhun- derts zu erkennen waren (Tugoswonowo, Kara- Agatsch, Schadrinsk, Turajewo usw.), werden anhand der archäologischen Funde weiter unten behandelt werden. Hier nur so viel, daß die Hun- nen vor ihrer Ankunft in Europa in der Nach- barschaft anderer Hochkulturen gelebt hatten und von diesen beeinflußt worden waren. Davon wußte Ammianus Marcellinus allerdings nichts, auch seine Epigonen schenkten dem kaum Be- achtung. Die hier skizzierten wirtschaftlichen Grundla- gen der hunnischen Gesellschaft werden noch im Zusammenhang mit den archäologischen Fun- den behandelt, allerdings nur kurz, weil die Fun- de zur Rekonstruktion der Gesellschaftsord- nung der Hunnen in Europa noch immer zu spärlich sind. Aus dem Gesagten geht klar her-

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vor, daß die Ansicht des Ammianus Marcellinus von einer paläolithisch-neolithischen Horde der Märchenwelt des Altertums angehört, daß der zur Zeit Attilas erreichte Höhepunkt hingegen das Ergebnis eines Aufschwungs lokaler Prä- gung ist. Die archäologischen Funde, einschließ- lich der besten, weiter unten noch zu bespre- chenden, reichen leider zur Zeit noch nicht aus, um die Entwicklungsphasen der hunnischen Ge- sellschaft während der acht Jahrzehnte von 375 bis 455 genau zu verfolgen. Doch hoffen wir, dies bald nachholen zu können. Die historisch überlieferte Polygamie eines Bleda. Attila und Onegesius ist nur für diese Mächtigsten nachgewiesen; doch der Vorrang der jeweils ersten oder Hauptgemahlin (Abb. 21) wurde sogar von diesen vollblütigen Großherren anerkannt. Die Vielweiberei war also durchaus kein ausschließlich hunnisches Phänomen, das man heute verurteilen muß, sondern bloß eine legalisierte Variante der Polygamie der herr- schenden Schicht, wie sie ja auch bei allen Ge- sellschaften des Altertums festgestellt werden kann.

Die Großmacht - die Zeit von Ruga und Bleda

Nach den Ereignissen des Jahrzehnts um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert verschwan- den die Hunnen wieder von der Donaugrenze. Bis dahin hatten bloß Aktionen einiger nach Westen vorgeschobener Kampftruppen den Rö- mern zu schaffen gemacht. Aus der Nachricht, daß die von dem oströmischen Olympiodorus geführte Gesandtschaft den Großkönig Khara- ton im Jahre 412 nach Überquerung des Meeres irgendwo in der Gegend des Tanais/Don er- reicht habe, geht hervor, daß die hunnische Machtpolitik damals noch eurasischen Charak- ter aufgewiesen hat. Nur wenige Quellen berich-

15. Frühe irdene Nachahmungen der asiatisch-hunnischen Kupferkessel

ten über den Krieg, den die Hunnen zwischen 415 und 420 gegen die Perser geführt haben. Dabei dürfte er keineswegs erfolg- oder nutzlos gewesen sein, was die unter den hunnischen ar- chäologischen Funden häufigen Erzeugnisse sas- sanidischer Goldschmiedekunst, besonders aber die im hunnischen Siedlungsraum im Karpaten- becken gefundenen sassanidischen, kuschani- schen, baktrischen, ja sogar indischen Gold- münzen beweisen. Diese Funde sind schlagende Beweise dafür, daß die in die Donaugegend ein- gedrungenen Hunnen mit jenen identisch waren, die kurz zuvor in Mittelasien gekämpft hatten. Erst als sie in ihrem alten und neuen Reich Ord- nung geschafft hatten, wandten sie sich erneut gen Westen.

hatten. Erst als sie in ihrem alten und neuen Reich Ord- nung geschafft hatten, wandten sie

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30. Solidus des weströmischen Kaisers Valentinia- nus III., eines Zeitgenossen von Ruga, Bleda und Attila

31. Die sogenannte Siegesprägung Valentinianus' III. aus dem Schatz von Szikáncs

32. Bildnis der Honoria Augusta auf einem Solidus

33. s. Farbtafel XIII

Als sie 422 wieder an der unteren Donau er- schienen, traten sie sofort feindselig gegenüber dem Oströmischen Reich auf. Großkönig Ruga nutzte die Abwesenheit römischer Streitkräfte aus und brach verheerend in Thrakien ein. Da wir von keinem anderen erfolgreichen oströmi- schen Krieg zu Lebzeiten Rugas wissen, gelang es Ruga offenbar in dem diese Feindseligkeiten beendenden Friedensschluß als erstem hunni- schen Großkönig, von der oströmischen Regie- rung einen jährlichen Tribut von 350 Pfund Gold ( = 25 200 Solidi, ein Goldpfund entspricht 0,327 kg) zu erhallen. (Es ist am besten, sich des zeitgenössischen Ausdrucks Tribut zu bedienen, denn was vom hunnischen Standpunkt aus als Steuer galt, war nach byzantinischem Begriff bestenfalls eine Unterstützung - und beides ist richtig.) Damit begann der Strom oströmischen Goldes in das Hunnenreich zu Hießen (424), mit dem das in den archäologischen Funden so glanzvoll seinen Niederschlag findende „goldene Zeitalter" begann. Die Stelle Ostroms in der Geschichte der Hun- nen nahm im folgenden Jahrzehnt Westrom ein. Als der Sohn Theodosius' ,,des Großen", Kaiser Honorius, gestorben war (15. August 423), sa- hen die militärischen Befehlshaber Italiens, ja selbst der römische Senat die Zeit für gekom- men, der Herrschaft des Hauses Theodosius und der damit einhergehenden, bedrückenden Be- vormundung durch die östliche Reichshälfte ein Ende zu bereiten. In Rom wurde ein italischer Vornehmer, der Senator Iohannes, zum Kaiser ausgerufen (20. November 423). Dieser übertrug die Hofmeislerwürde (cura palatii) dem Kom- mandanten des Hofregiments (comes domesti- corum), Aetius, einem begabten Offizier, der in der Zeit um 410 als Reichsgeisel unter den Hunnen gelebt hatte. Als daraufhin die Tochter Theodosius' I., die Augusta Galla Placidia, mit tatkräftiger Unterstützung ihres

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die Tochter Theodosius' I., die Augusta Galla Placidia, mit tatkräftiger Unterstützung ihres 47 30. 31. 32.

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34. 34. Hunnischer Kessel aus Hőgyész im Kapos-Tal Neffen, des oströmischen Kaisers Theodosius II., im Jahre

34. Hunnischer Kessel aus Hőgyész im Kapos-Tal

Neffen, des oströmischen Kaisers Theodosius II., im Jahre 424 einen überlegenen Angriff ge­ gen Iohannes richtete, eilte Aetius persönlich zu den Hunnen um Hilfe, und zwar mit Erfolg! Ruga stellte ihm - wie es hieß um eine ansehnli­ che Menge Goldes - bedeutende Kräfte zur Ver­ fügung, jedoch zu spät. Iohannes wurde in der Zwischenzeit gefangengenommen und auf grausame Weise hingerichtet (Mai 425). Den­ noch schreckten die oströmischen Generäle da­ vor zurück, mit dem mit furchterregendem Ge­ folge drei Tage später in Italien eintreffenden Aetius den Kampf aufzunehmen. Das Regime der Galla Placidia, das im Namen ihres Sohnes, des Kindes Valentinianus III., an die Macht gelangte, einigte sich mit Aetius, bestärkte ihn im Rang eines comes (Grafen), gab ihm große Besitzungen, und um ihn zu entfernen, wurde er

zum Nachfolger seines Vaters Gaudentius , je­ doch in höherem Rang, zum Militäroberkom- mandierenden in Gallien ernannt. Der Angele­ genheit setzte die in ein Lustspiel passende Wen­ dung die Krone auf: Die Regierung der Galla Placidia war gezwungen, sich für die uner­ wünschte „Hilfe" der Hunnen mit einem Tribut erkenntlich zu zeigen. Die Hunnen waren also bereits im Jahre 425 in der Lage, sich entschei­ dend in die Innenpolitik des Reiches einzumi­ schen. Die Hunnen, die die Karriere des Aetius in Gang gebracht hatten, gelangten ungehindert nach Italien. Aus dem Grab 734 des Friedhofs der valeri­ schen Stadt Floriana kamen Solidi des Honorius (395-423) bzw. des Iohannes (423-425) zusam­ men mit einem Solidus von Theodosius II. aus dem Jahr 430, der das Zeichen VOT XXX MVLT XXXX trägt, zutage. Das Grab verweist auf einen Mann, der im Dienst der Hunnen stand, der aber auch in Italien gewesen und sodann an der Steuer des Oströmischen Reiches beteiligt war. Ein römisches Grab mit Goldmün­ zen (sogar vier zusammen!) als Grabobolu s ist nämlich in Pannonien nicht bekannt. Im Jahr 430 oder kurz danach, d. h. in der „oberen Schicht" des Friedhofs von Floriana, wurden nur noch die östlichen Besetzer, die eine Vorliebe für Gold hatten, beigesetzt (deformierter Schä­ del, begrabenes Pferd usw.), die Bestattung der römischen Einwohner war zu der Zeit schon endgültig eingestellt. Den neueren Forschungen zufolge ist mit gu­ tem Grund anzunehmen, daß die Bewohner und die Regierung von Valeria Ripensis nach 425 ausgesiedelt und aus ihnen die neue Provinz Va­ leria Media gegründet wurde, die sich südwest­ lich von Savia, am Ausläufer der Provinz Vene- tia-Hislria, östlich der Iulischen-Alpen, zwi­ schen Emona und Siscia befand und um 435 bereits erwähnt wird. Die Umsiedlung der Be­ völkerung ist die erste akzeptable Erklärung da­ für, warum allein Valeria Ripensis im pannoni­ schen Gebietskomplex keine Kontinuität in be­ zug auf die römischen Ortsnamen aufweist. Aus den strategischen Prinzipien der früheren und späteren Kriege sowie der Forderungen der Hunnen könnte man folgern, daß die Hunnen nach der Besetzung den valerischen Limes zwi­ schen Aquincum und der Draumündung liqui­ diert, die Befestigungen in Brand gesteckt und

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zerstört, also ein Grenzödland errichtet hätten. Dem war aber nicht so. Die valerischen Limes- Befestigungen, die im Verlauf der Angriffe der Sarmaten und Germanen in den Jahrhunderten davor mehrmals niedergebrannt wurden, weisen diesmal keine Spuren einer gewaltsamen Verwü-

16. In Höckricht in Schlesien kamen zusammen mit einem Bronzekessel und einer Bronzeschüssel hunnenzeitliche Schmuckstücke zutage: zellenverzierte Goldschnallen, aus Goldblech gepreßte Riemenzungen und für Schnallenbeschlagplatten ausgeschnittene, mit Edel- steinen verzierte Goldbleche

stung auf. Mauern und Innengebäude waren überall unberührt, aber leer stehengeblieben. Ihr Zerfall dauerte Jahrhunderte lang. Diese Tatsa- che allein scheint schon zu beweisen, daß die Grenzprovinz geräumt - anhand eines Vertrages - Unter die Herrschaft der hunnischen „Verbün- deten 44 gelangte. Eigene Wachstationen errichte- ten die Hunnen nur an einigen wichtigen Stellen des Donau-Limes (bespielsweise in Intercisa, das einen weiten Ausblick bot, oberhalb eines Fluß- überganges). Anhand des kaum zufälligen Zusammenfal-

Intercisa, das einen weiten Ausblick bot, oberhalb eines Fluß- überganges). Anhand des kaum zufälligen Zusammenfal- 49

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35. 35. Hunnischer Kessel mit erhalten gebliebenem Fuß- ring aus der Umgebung von Várpalota lens von

35. Hunnischer Kessel mit erhalten gebliebenem Fuß- ring aus der Umgebung von Várpalota

lens von archäologischen, numismatischen und historischen Angaben ist es heute schon mehr als wahrscheinlich, daß der einstige Sarmaten- Limes, die Donauübergänge und die Provinz Valeria Ripensis selbst Ruga und seinen Hunnen als Gegenleistung für die wirksame militärische Hilfe im Jahr 425 und in der Zeit danach „ge- schenkt" wurden. Es handelte sich dabei entwe- der um einen im voraus ausgehandelten Preis, den Johannes und sein Vertrauensmann Aetius bezahlten, oder um den Lohn für den Auszug der Hunnen aus Italien, den bereits die Regie- rung von Valentinianus III. entrichtete. Eng mit diesem Ereignis hängt der Ausbau des neuen hunnischen Machtzentrums zusam- men. Nicht allzuweit von den Grenzen der bei- den Reichshälften entfernt, am Schnittpunkt der nach den beiden Hauptstädten führenden Stra- ßen, aber doch an einer Stelle, die gut verleidigt werden konnte: im Herzen des Donaubeckens. Dieses Zentrum lag im Flußgebiet der mittleren

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Theiß, zwischen den Flüssen Körös und Maros. Hier begannen die Hunnen, den neuen königli- chen Ordu auszubauen. Wegen der Umgruppierung der hunnischen Hauptkräfte waren die Oströmer gezwungen, wirksame Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Sie besetzten die zum Weströmischen Reich ge- hörende Provinz Pannonia Secunda (Syrmien). von wo sie die in weströmischem Dienst stehen- den „barbarischen" (darunter auch hunnischen) Föderaten-Truppen vertrieben. Sie schoben also ihre Grenze bis zum batschkaer-syrmischen Do- nauabschnitt vor, der militärisch gut zu verteidi- gen war. und besetzten im Jahre 427 die den wichtigen Save-Übergang schützende Kaiser- stadt Sirmium (Sremska Mitrovica). Der weströ- mische Kaiser Valentinianus III. bestätigte erst zehn Jahre später, gelegentlich seines Besuches und seiner Trauung in Konstantinopel, diesen nicht gerade freundschaftlichen Akt (Oktober

437).

Inzwischen nützte Aetius seine hunnischen Geschäftspartner großartig aus, fast Jahr für Jahr erschienen hunnische Hilfstruppen in Gal- lien. In den Jahren 425-427 warfen sie die immer aggressiver auftretenden Wisigoten zurück, die 425 bereits die hochwichtige Großstadt Arelas (früher Arelate, heute Arles) angriffen. 428 zwangen sie die den nördlichen Teil der Provinz verheerenden ripuarischen Franken zur Treue oder vertrieben sie ans jenseitige Ufer des Rheins, um 429/430 griff Oktar/Uptar, der Bru- der und Heerführer Rugas, die am rechten Rhein- ufer lebenden Burgunden an (er starb im Laufe dieses mißlungenen Feldzuges). Wäre dies so weitergegangen, hätte Aetius mit Hilfe der Hun- nen in wenigen Jahren Nordgallien von jenen germanischen Heerscharen befreit, die zögerten, die Oberherrschaft Roms anzuerkennen. Ende 429 wurde Aetius jedoch durch die am weströmischen Hof wütenden inneren Macht- kämpfe vom Schauplatz seiner Erfolge entfernt, nach Italien befohlen und „nach oben gestürzt":

Er wurde zum Oberbefehlshaber der Armee (magister militum et utriusque militiae dux) er- nannt. Sein Gegner, der Patrizier Flavius Felix, stürzte jedoch im Laufe dieser Intrige, die Macht

36. Der bisher größte und am reichsten verzierte hunnische Kessel, Törtel

37.-38. s. Farbtafeln XIV-XV

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39. 39. GoldblechverkleidungeinerTierfigur, Árpás-Dombi- föld. Detail des Aetius, die ihm nur dem Namen nach zuge-

39. GoldblechverkleidungeinerTierfigur, Árpás-Dombi- föld. Detail

des Aetius, die ihm nur dem Namen nach zuge- dacht war, wurde im Mai 430 mit einem Schlag Wirklichkeit. Er nutzte die neuen Möglichkeiten sofort, verjagte die in das Reich eingedrungenen germanischen Juthungen und stellte die erschüt- terte Römerherrschaft nördlich der Alpen in bei- den Rätien sowie in Norikum (letzteres ist im wesentlichen das heutige Österreich) wieder her, wohin er auch im folgenden Jahr (431) seine Truppen zur Niederschlagung eines Aufstandes führte. Der Grenzschutz am Oberlauf des Rheins und der Donau war wieder gefestigt. Für die Geschichte Pannonia Primas wird es immer ein Rätsel bleiben, warum Aetius nicht auch die Neuorganisierung des Schutzes dieser Provinz vornahm: darum, weil es nichts mehr wiederher- zustellen gab. oder bloß deshalb, weil er auf dem Höhepunkt seiner neuerlichen Erfolge abermals gestürzt wurde? Im Jahre 432 erachteten nämlich Galla Placi- dia und ihre Umgebung die Zeit für gekommen, mit dem erfolgreichen, immer mehr Macht in seinen Händen vereinigenden Feldherrn endgül- tig abzurechnen. Man enthob ihn seiner Würde als Oberbefehlshaber und übertrug die Führung der Armee Bonifatius, dem dux von Afrika. Der

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zum Patricius ernannte comes Bonifatius und seine afrikanischen Truppen besiegten Aetius und die ihm treu gebliebenen Soldaten bei Ari- minium (Rimini). Aetius versuchte zuerst in Rom Hilfe zu erhalten, floh aber dann mit sei- nem Sohn nach Dalmatien und von dort über Pannoniae (also über die pannonischen Provin- zen) an den hunnischen Hof. Ruga gewährte ihm abermals Hilfe. Auch Galla Placidia und ihre Partei blieben nicht untätig, sie erbaten und er- warteten von den südgallischen Wisigoten Hilfe. Die Hunnen waren aber schneller. Sie zerspreng- ten das kaiserliche Heer, die letzten Elitekräfte Italiens, und geleiteten Aetius 433/434 bis nach Rom zurück. Der weibliche Haß der Kaiserin erwies sich auch dieses Mal nicht als politischer Meisterzug. Sie war gezwungen, Flavius Aetius endgültig nachzugeben, ihn mit der allerhöchsten Würde, dem Rang eines Patricius, zu bekleiden und ihn wieder zum militärischen Oberbefehlshaber des Weströmischen Reiches zu ernennen (434/435). Während dieser Geschehnisse starb Ruga, der zehn Jahre lang treue Verbündete und Freund des Aetius. Die Rechnung präsentierten seine Nachfolger Bleda und Attila. Aetius überließ den in Rom verhandelnden hunnischen Gesand- ten 434/435 wahrscheinlich „offiziell" die Pro- vinz Valeria und zugleich die Provinz Pannonia Prima (das heutige ungarische Transdanubien). Inzwischen entwickelten sich die weströmisch- hunnischen Beziehungen besser denn je. Aetius ließ sich am Hofe Bledas durch seinen Sohn Carpilio vertreten, er selbst setzte die Säuberung Galliens fort, als ob nichts geschehen wäre. Nachdem es ihm im Jahre 435 nicht gelungen war, der über den Rhein auf römisches Reichs- gebiet vorgedrungenen und sich dort selbständig gebärdenden Burgunden Herr zu werden, wand- te er sich wieder einmal an seine hunnischen Freunde. Deren Hilfe fiel jedoch allzu gut aus. 436 oder 437 metzelten sie das Heer der Burgun- den mit ihrem König Gundicharius (Gundahar, Gunther) fast bis zum letzten Mann, ab stirpe nieder. Die erschütternde Niederlage prägte sich auch in diesem Fall in das Gedächtnis der ger- manischen Völker ein und sollte dereinst ihren Niederschlag im Nibelungenlied finden. An- fangs war auch die Hilfe erfolgreich, die die Hunnen dem zweiten militärischen Befehlshaber von Gallien, dem Stellvertreter von Aetius, dem Heiden Litorius, gegen die Wisigoten leisteten.

17. Charakteristisch für die barbarischen Goldschmiede- arbeiten der Hannenzeit var die überreiche Oberflächen- verzierung. Form und Größe der einzelnen Kastchen- fassungen paßten sich den Edelsteinen an. (1-2) Schwertscheidenbesclhäge, (3) Schnallenbeschlag, (4) Riemendurchzüge eines Lang- oder Kurzschwertes

437 durchbricht der Angriff der hunnischen Rei- ter des Litorius den Belagerungsgürtel der Heere des Königs der Wisigoten, Theoderichs I., den dieser vor fast einem Jahr um Narbona/Narbonne gezogen hat, und befreit die Stadt. Im folgenden Jahr drängen Litorius und seine Hunnen die Wisigoten in einer Reihe von siegreichen Schlachten in ihre Hauptstadt Tolosa/Toulouse zurück. Aus dieser Lage erlöst die Wisigoten nur das persönliche Mißgeschick des Litorius, er fällt in gotische Gefangenschaft. Unter den Mauern der Stadt werden auch die Hunnen zu Leidtragenden der Niederlage des führerlos ge- bliebenen gallisch-römischen Heeres (439). Die Bilanz des 15 Jahre dauernden, sonderba- ren Dreiecks zwischen Aetius, Galla Placidia und den hunnischen Großkönigen war für das Weströmische Reich ziemlich niederschmet- ternd. Aetius, „der letzte Römer", war trotz des peinlich gewahrten Anscheins letzten Endes eine Kreatur der Hunnen, ohne die er weder an die Macht zu gelangen, noch die Macht zu erhalten vermocht hätte. Die in ihrem Selbstbewußtsein vielfach gekränkte bigotte Augusta war um nichts besser; um Aetius zu stürzen, war sie bereit, sogar mit ihren ältesten Feinden, den Wisigoten, ein Bündnis zu schließen. Die Folge ihrer Katastrophenpolitik war der Verlust Nord- afrikas. Hätte sie ihre Kräfte gegen die Wanda- len konzentriert, wäre sie mit ihnen fertiggewor- den. Statt dessen schickte sie die Truppen, die die afrikanischen Städte bis dahin mit Erfolg verteidigt hatten, gegen die Hunnen ins Ver- derben. Nachdem 439 Karthago gefallen war, konnten selbst die vereinten Kräfte der beiden Reichshälften die Wandalen nicht mehr bewälti- gen. Es scheint, Aetius' Politik war die Säube- rung und Erhaltung Galliens, deshalb hatte er früher sogar mit den Wandalen einen Waffen- stillstand geschlossen (435). Für seine bis zur endgültigen Rückkehr nach Italien im Jahre 441 im Westen errungenen Erfolge mußte er einen hohen Preis bezahlen: Br mußte auf die Donau- provinzen verzichten, seine hunnischen Gönner wurden beinahe Nachbarn Italiens.

bezahlen: Br mußte auf die Donau- provinzen verzichten, seine hunnischen Gönner wurden beinahe Nachbarn Italiens. 53

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40/1. 40/2. 40/1.-5. Silberschnallen, Zikadenfibeln und Nieten- köpfe aus Kistokaj Das Zünglein an der Waage schlug
40/1. 40/2. 40/1.-5. Silberschnallen, Zikadenfibeln und Nieten- köpfe aus Kistokaj Das Zünglein an der Waage schlug

40/1.-5. Silberschnallen, Zikadenfibeln und Nieten- köpfe aus Kistokaj

Das Zünglein an der Waage schlug eindeutig zugunsten der Hunnen aus. Die Politik des Weströmischen Reiches hing seit 425 von den militärischen Kräften der Hunnen ab, allein die- se gewannen bei dem eigenartigen Geschäft Ge- biet, Geld, Beute und Erfahrung. In diesen Jah- ren bestand nicht nur ihre Kriegskunst, sondern auch ihre politische Kunst die Prüfung. Gleichzeitig mit diesem sonderbaren weströ- misch-hunnischen Idyll rückte auch das oströ- misch-hunnische Verhältnis wieder in den Vor- dergrund der Geschichte. Das ein Jahrzehnt lan- ge neutrale Verhältnis verschlechterte sich noch zu Lebzeiten Rugas. Ostrom versuchte sich in der später von Byzanz so erfolgreich geübten Außenpolitik, im Rücken der Hunnen nach Ver- bündeten zu forschen, namentlich unter den Stämmen Amilzur, Itimar, Tonsur und Boisk. Ruga verwahrte sich mit scharfen Worten und schickte seinen Gesandten Esla nach Konstanti- nopel; er fiel zugleich auf der unteren Donau in Thrakien ein. Hierbei ereilte ihn der Tod.

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Die Nachfolge ging anscheinend vollkommen reibungslos vor sich. Im Sinne der Erbfolge wur- de der Sohn Mundschuks, Bleda, Großkönig der Hunnen. Es ist daher mehr als wahrscheinlich, daß der Vorgänger Rugas in der Würde eines Großkönigs sein Bruder Mundschuk war. Wäre dem nicht so gewesen, hätte der offizielle Titel des späteren hunnischen Großkönigs kaum Atti- la, der Sohn Mundschuks, gelautet. Außerdem hätte sich Attila durch seinen Gesandten Orestes dem auf seine Herkunft so stolzen Theodo- sius II. gegenüber kaum seiner adligen, dem Kaiser gleichrangigen Abstammung gerühmt und betont, er sei „Nachkomme" des edlen Mundschuk. Neben Bleda erschien von Anfang an sein jüngerer Bruder Attila - schon damals unter diesem Namen - als Fürst der hunnischen Gebiete im Osten und an der unleren Donau. In den späteren Quellen, die zum Großteil zur Zeit der Alleinherrschaft Attilas oder auch schon nach seinem Tode entstanden waren, ver- blaßte die zehnjährige Regierungszeit Bledas fast spurlos, wofür offenbar auch sein Nachfol- ger gesorgt hatte. Die wenigen zeitgenössischen Aufzeichnungen berichteten aber genau dar- über, daß Bleda Großkönig geworden war, Atti- la wurde überhaupt nicht oder nur an zweiter Stelle erwähnt. Bleda ließ sich im Ordu Rugas an der Theiß nieder und dürfte auch für dessen Ausbau während seiner Regierungszeit gesorgt haben. Der Ordu Attilas befand sich in der Zeit zwischen 434 und 444 irgendwo im Raum des heutigen Bukarest-Ploiesti. Aufgrund der sich entlang des Buzäu-Flusses aneinanderreihenden hunnischen Funde war der Ordu Attilas wohl eher in der Gegend des heutigen Ortes Buzäu, da der Königsitz vom Oströmischen Reich aus am kürzesten über Scythia Minor (Dobru- dscha) erreichbar war. Im Jahre 441 legte ei- ne oströmische Gesandtschaft den Weg bis Odessus (Varna) per Schiff zurück und er- reichte die Residenz Attilas von don über die untere Donau. Es ist das Verdienst Bledas, des gelassenen und heiteren neuen Großkönigs, den am Le- bensabend Rugas entfachten Streit mit Ostrom durch einen glänzenden diplomatischen Sieg ge- schlichtet zu haben. Zu den Friedensverhand- lungen kam es auf „neutralem" Gebiet, auf ei- nem Feld zwischen den prächtigen Zelten der Hunnenkönige und der gegenüber von Margus (früher Margum, heute Orašje bei Dubravica an

der Mündung des Morawa-Flusses) gelegenen römischen Gegenfestung Castra Constantia (auf byzantinisch (Constantia). Bleda und Attila ver- handelten wortwörtlich „vom hohen Roß" mit den Oströmern Plinta (Plinthas) (Abb. 13) und Epigenes, die, um ihr Ansehen zu wahren, ge- zwungen waren, gleichfalls in den Sattel zu stei- gen und in dieser für sie ungewohnten Positur zu verhandeln. Sie retteten wirklich nur den Schein, denn die hunnischen Bedingungen wurden alle akzeptiert. Im Namen des Reiches verpflichteten sie sich, mit den „barbarischen" Feinden der Hunnen zukünftig kein Bündnis zu schließen, erhöhten den jährlichen Goldtribut auf das Doppelte, auf 700 Pfund (fast 229 kg), sie nahmen zur Kennt- nis, für die von den Hunnen entkommenen oder auszulösenden Gefangenen pro Kopf acht Solidi entrichten zu müssen (auch dies ist das Doppel- te der früheren Summe), sie verpflichteten sich, einen öffentlichen Markt zu eröffnen, dessen Si- cherheit von beiden Seiten garantiert werden sollte, und schließlich - in Wirklichkeit war das

der erste Punkt des Vertrages - mußten sie alle Deserteure, die vor der hunnischen Herrschaft auf oströmisches Gebiet geflohen waren, auslie- fern. Der Friede von Margus (435) war im Grunde genommen ein Friedensdiktat, aber so geschickt abgefaßt, daß der Bogen in keinem einzigen Punkt überspannt wurde. Das Ergebnis war die Vermeidung eines Krieges. Bleda und Attila ge- wannen freie Hand, sie rechneten mit den oben- erwähnten, mit Ostrom verbündeten Stämmen ab und weiteten ihr Reich bis an die Alpen, den Rhein und das Weichselgebiet aus. Damals kam es auch zur Vernichtung der Burgunden und zur Besetzung von Pannonia Prima. Im Oktober 439 nahmen die Wandalen Kar- thago, die „Metropole" der Provincia Africa, ein, wo sie eine bedeutende Flotte erbeuteten. Im Frühling des folgenden Jahres trafen ost- und weströmische Armeen zum Schutz von Sizi- lien ein, das schon von den Wandalen angegrif- fen worden war. Kaum hatten die Perser von dieser Expedition der oströmischen Streitkräfte

Wandalen angegrif- fen worden war. Kaum hatten die Perser von dieser Expedition der oströmischen Streitkräfte 55

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40/4. 40/5. Kenntnis erlangt, griffen sie das schon seit lan- gem begehrte Armenien an. Ostrom mußte
40/4. 40/5. Kenntnis erlangt, griffen sie das schon seit lan- gem begehrte Armenien an. Ostrom mußte

Kenntnis erlangt, griffen sie das schon seit lan- gem begehrte Armenien an. Ostrom mußte das ganze noch greifbare Militär einsetzen. All dies blieb natürlich auch den Hunnen kein Geheimnis. Blitzschnell erkannte Bleda, der nicht umsonst der Neffe Rugas war, die Lage und erstürmte mit seinen Truppen die letzte, an der hunnischen Donauseite gelegene oströmi- sche Festung Castra Constantia. Garantie hin, Garantie her, er nahm die gerade dort auf dem Markt friedlich versammelten Kaufleute gefan- gen. Dies war zwar ein Casus belli, aber noch kein Krieg. Im Laufe der dem tatsächlichen Ausbruch des Krieges vorangehenden Verhand- lungen versuchte Bleda durch verschiedene Anschuldigungen, die Verantwortung von den Hunnen abzuwehren, und zwar mit Erfolg, da die Oströmer, über die unmöglichen Forderun- gen erbost, die Verhandlungen selbst abbrachen. Im Herbst 440 setzten die Truppen Bledas bei Viminacium (auf griechisch Viminakion; Kosto-

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lac) über die Donau und erstürmten und zerstör- ten die Stadt. Dann wendeten sie sich die Donau entlang gegen Westen und nahmen Margus mit Hilfe des Bischofs dieses Städtchens ein. der aus Furcht, die Seinen könnten ihn in der Hoffnung auf Frieden doch ausliefern, sich selbst ergab. Am südlichen Ufer des Stromes griffen sie weiter westwärts, in Richtung Illyricum, an. Durch Be- lagerung nahmen sie Singidunum (Belgrad) ein und schleppten seine Einwohner in Gefangen- schaft. Im darauffolgenden Jahr, 441, griff Bleda abermals im Westen an und eroberte Sirmium (Sremska Mitrovica), dessen Bewohner das gleiche Schicksal erlitten wie jene von Singi- dunum. Nach dem Fall Sirmiums eroberte Bleda von Süden her die Provinz Pannonia Secunda. In der Zwischenzeit überlegte Attila, ob er sich überhaupt einmischen sollte. Lange nach Ausbruch des Krieges veranlaßte er brieflich Verhandlungen mit der oströmischen Regierung (Frühling 441). Er erpreßte den Kaiser: „er halte sein Heer nur ungern weiter zurück", sollte der seit Kriegsbeginn ausgebliebene Tribut nicht so- fort entrichtet und erhöht werden. Seine Haupt- forderung bestand jedoch in der Auslieferung einiger hunnischer Herzöge und anderer Vor- nehmer, die er gern in seine Hände bekommen hätte. Zur Zeit der Eroberung Sirmiums kam Attila jedoch zu Bewußtsein, daß er im Falle einer weiteren Nichteinmischung zu spät käme und bei der Verteilung der Beute übergangen würde. Er brach daher die Verhandlungen mit der sich in seinem Ordu unter der Leitung des Senators (des oströmischen Konsuls des Jahres 436, einem Günstling Attilas, den er auch 449 zu den seiner würdigen Verhandlungspartnern zählte) aufhaltenden Gesandtschaft ab und wies ihre fast schon zufriedenstellenden Friedens- und Tributangebote zurück. Attila war zu der Erkenntnis gekommen, daß er allein mit Ostrom nicht fertig würde, Theodosius II. hatte nämlich seine Hauptforderung abgewiesen und war nicht bereit gewesen, die Flüchtlinge auszuliefern. Mit „seinem Heer" setzte Attila nun über die untere Donau und griff nach der Einnahme einiger klei- nerer Festungen die dichtbevölkerte Stadt Ra- tiaria (Artschar), den Schlüssel zu der unteren Donaugegend, mit Erfolg an. Die endlich verein- ten hunnischen Kräfte stürmten und eroberten mit Hilfe der in Ratiaria erbeuteten römischen Kampfmaschinen Naissus/Niš und Serdica/So-

18. Vornehme Frau mit Diadem aus Kanattas in Kasachstan. Ukrainische und ungarische Parallelen zu dem

18. Vornehme Frau mit Diadem aus Kanattas in Kasachstan. Ukrainische und ungarische Parallelen zu dem hunni- schen metallbeschlagenen Gürtel von Kanattas

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41/1. 41/1. Silberschnalle aus Szirmabesenyö fia, drangen danach in Thrakien ein und er- oberten Philippopolis/Plovdiv

41/1. Silberschnalle aus Szirmabesenyö

fia, drangen danach in Thrakien ein und er- oberten Philippopolis/Plovdiv sowie Arcadiopo- lis. Nur Hadrianopolis/Edirne und das an der Küste des Marmarameeres gelegene Heracleia/ Iregli wiesen die Angriffe ab. Der Erfolg war enorm, die hunnischen Streitkräfte bedrohten bereits Konstantinopel. Es darf jedoch nicht ver- gessen werden, daß die Hunnen ihre Erfolge gegenüber verzweifelt und ohne jegliche Hoff- nung auf Entsatz kämpfenden städtischen Mili- zen und nicht gegenüber dem oströmischen Heer errungen hatten. Doch auch dazu sollte es bald kommen. Wegen der gefährlichen Lage wurde ein beträchtlicher Teil der von den Wandalen arg mitgenommenen oströmischen Truppen aus Sizilien zurückbefohlen und unter der Führung des großen Feldherrn Aspar gegen die Hunnen eingesetzt. Aspar erlitt 442 auf dem Chersones (Halbinsel Gallipoli/Gelibolu) in der ersten offe- nen Schlacht zwischen Hunnen und Römern

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offe- nen Schlacht zwischen Hunnen und Römern 41/2-3. 41/2.-3. Silberschnallen aus Szirmabesenyö eine Niederlage.

41/2.-3. Silberschnallen aus Szirmabesenyö

eine Niederlage. Theodosius 11. und seine Regie- rung waren gezwungen, durch Aspar um Frie- den zu bitten. Die Friedensverhandlungen leitete der ehema- lige Konsul Senator Anatolius, der Oberkom- mandierende der Orient-Armee des Reiches. Der im Jahre 443 geschlossene „erste Friede des Ana- tolius" legte dem Oströmischen Reich schwer- wiegende Lasten und Verpflichtungen auf: Der jährliche Tribut wurde auf das Dreifache, auf 2100 Pfund, erhöht. Diese Summe nahmen die Hunnen als Grundlage bei der nachträglichen Auszahlung des drei Jahre lang entfallenen Tri- buts des ihrer Meinung nach „aus Verschulden der Römer" ausgebrochenen Krieges. Sie for- derten und erhielten somit 6000 Pfund Gold (1962 kg) auf einmal! Der Tarif für die Auslö- sung von Kriegsgefangenen erhöhte sich auf zwölf Solidi, und wenn die Römer diesen Betrag für die aus der Gefangenschaft Geflohenen nicht

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entrichteten, waren sie verpflichtet, die Betref- fenden zurückzuschicken. Der Friedensvertrag verpflichtete die Römer ferner zur Auslieferung der hunnischen Deserteure, aber auch dazu, De- serteuren und Flüchtlingen in Zukunft kein Asyl mehr zu gewähren. Diese Bedingungen waren, wie das die Folgen zeigen sollten, undurchführ- bar. Nur eine besondere Forderung Attilas ver- mochte Anatolius nicht zu erfüllen. Die löwen- mutigen Bewohner des an dem in die untere Donau mündenden Flusses Osima/Osm gelege- nen befestigten Städtchens Asimus oder Ase- mus/Musaliewo hatten alle Angriffe der Trup- pen Attilas zurückgeschlagen und gelegentlich

19. Hunnische Frauenbestattung mit einem Diadem auf der Stirn aus Schipowo

ihrer Ausbrüche nicht allein römische Kriegsge- fangene befreit, sondern sogar Hunnen gefan- gengenommen. Attila drohte, seine Armee nicht zurückzuziehen und den Friedensvertrag nicht

zu bekräftigen, falls Asimus nicht bestraft wür- de. Die Einwohner von Asimus seien dazu zu verpflichten, die hunnischen Gefangenen auszu- liefern und Lösegeld für die von ihnen befreiten römischen Gefangenen zu zahlen; er forderte also von Asimus noch zusätzliches Geld. Anato- lius selbst und Theodolus, der Militärkomman- dant von Thrakien, flehten die Bewohner von Asimus an - umsonst. Die Attila zurückgeschla- gen hatten, erschraken auch vor Anatolius nicht. Ihre Antwort lautete, daß sie die römischen Ge-

fangenen- selbstverständlich - schon längst frei-

gelassen, die hunnischen hingegen getötet hat- ten. Mit Ausnahme von zweien, die sie gegen

- schon längst frei- gelassen, die hunnischen hingegen getötet hat- ten. Mit Ausnahme von zweien, die

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zwei von den Hunnen verschleppte Asimunter Knaben auszutauschen geneigt wären. Nach- dem Attila eingesehen hatte,
zwei von den Hunnen verschleppte Asimunter
Knaben auszutauschen geneigt wären. Nach-
dem Attila eingesehen hatte, daß er gegen Ast-
mus nichts auszurichten imstande war - die bei-
den Asimunter Knaben konnten die Hunnen
nirgends finden -, war er gezwungen, nachzuge-
ben und sich damit zu begnügen, daß die Bewoh-
ner von Asimus die zwei hunnischen Gefange-
nen großmütig freiließen. Ein derartiger Verlust
an Ansehen konnte jedoch nicht vergessen wer-
den!
Der Krieg und der darauffolgende Friede der
Jahre 440-443 waren ein Erfolg Bledas. Ergebnis
des Sieges war die Liquidation des oströmischen
Donaulimes und des Städtesystems, das den zen-
tralen hunnischen Ordu unmittelbar bedroht
hatte. Die Goldpresse erreichte ihren Höhe-
punkt: Die Hunnen sollten aufgrund des Frie-
densvertrages von 443 bis zum Jahre 449 in den
Besitz von 20 700 Pfund Gold gelangen. Attila
vermochte diesen vertraglich zugesicherten Tri-
but um kein einziges Pfund mehr zu erhöhen, ja
in seinen letzten vier Lebensjahren verlor er die-
sen sogar ganz; und eben dieser Umstand zwang
ihn zu immer erbitterteren Kämpfen. Aber auch
das Hunnenreich erreichte fast schon seine größ-
te Ausdehnung in Europa - Attilas Kriege soll-
ten es um keinen einzigen Quadratmeter mehr
vergrößern. Das bedeutendste Ereignis war je-
doch, daß Bleda die Erfolge durch regelrechte,
von beiden Seiten sanktionierte Friedensverträ-
ge sicherte.
20. Hunnische Frau mit Diadem aus Werchneje
Pogromnoje

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Attila gelangt an die Macht

Die aufwärtsstrebende Periode der hunnischen Großmacht wurde von einem tragischen Er­ eignis unterbrochen. Attila lockte - gestützt auf sein vertrautes Gefolgt und die Waffen seiner im Hunnenreich bis dahin von der Macht ausgelas­ senen germanischen Vasallen - seinen Bruder, den Großkönig der Hunnen, in eine Falle und tötete ihn. Bledas „Volk", das heißt die hunni­ schen Elitetruppen, „zwang er, ihm zu gehör­ chen". Ein unklares Ereignis der hunnischen Ge­ schichte: Wie war es Attila gelungen, Bleda zu stürzen? Die zeitgenössischen Berichte vermer­ ken nur die Tatsache an sich, fügen aber keinen Kommentar hinzu. So viel ist jedoch gewiß, daß der „Putsch" eine Jahrzehnte zurückreichen­ de Vorgeschichte hatte. Der eigene Weg Attilas in der Politik während des Krieges der Jahre 440-442 ist mehr als auffallend. Die Anfänge dieses eigenen Weges reichen in die Zeit zurück, als Bleda und Attila an die Macht kamen. Nach Rugas Tod und dem folgenden Machtwechsel flohen zwei Herzöge der hunnischen Herrscher­ dynastie auf oströmisches Gebiet. Mama und Atakam dürften Söhne eines der Brüder Rugas, vielleicht die des Oktar - wenn nicht sogar Ru­ gas eigene Söhne - gewesen sein, die, falls etwas mit Bleda geschehen sollte, die Nachfolge Attilas gefährdet hätten. Aufgrund des Friedensvertrages von Margus lieferten die Oströmer die beiden Herzöge im Jahre 435 unmittelbar an Attila aus. Die Über­ gabe vollzog sich in der Nähe von Attilas Ordu, beim Stromübergang der unleren Donau, in Scythia Minor, der oströmischen Festung Kar- sium/Carsium (heute Hirşova - früher Harşo- va - in der Dobrudscha). Die Männer Attilas

machten mit den beiden keine Umstände und pfählten sie - auf dem flachen gegenüberliegen­ den Ufer, offenbar auf Befehl ihres Herrn - vor den Augen der Römer, die sie aus der Höhenfe­ stung beobachteten. Die Mitglieder des königli­ chen Geschlechtes flüchteten verständlicherwei­ se hierauf in noch gröberem Maße. Nach dem

42. Krug aus dem Fund von Szirmabesenyö

flüchteten verständlicherwei­ se hierauf in noch gröberem Maße. Nach dem 42. Krug aus dem Fund von

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21. Hunnische Diademe. Die ,,pilzförmigen" Aufsätze am Diadem von Stara(ja) Igren (1) sind den Henkeln

21. Hunnische Diademe. Die ,,pilzförmigen" Aufsätze am Diadem von Stara(ja) Igren (1) sind den Henkeln hunni- scher Kessel ähnlich. Das auf der Stirn eher jungen Frau mit deformiertem Schädel auf dem Berg Kertsch-Mithridates (2) gefundene, mit doppeltem Falkenkopf verzierte Diadem ist eines der bedeutendsten Exemplare dieser Art

Friedensvertrag von 443 wurden von der Bevöl- kerung Konstantinopels jene fürstlichen Ver- wandten erschlagen, deren Auslieferung Attila bereits 441 gefordert hatte, die aber jetzt dem kaiserlichen Befehl zur Heimkehr nicht nachge- kommen waren und damit den mühevoll wieder- hergestellten Frieden gefährdeten. Die gnaden- lose Verfolgung des königlichen Geschlechts der Hunnen war von Anbeginn Attilas Werk, und sie hörte eigentlich nie auf. Zwischen 443 und 445 belästigte Attila auch weiterhin mit einem Heer von Gesandten in dieser Angelegenheit den Hof in Konstantinopel. Er bereitete also syste- matisch seine Alleinherrschaft und die seiner Familie vor. Sein letztes Opfer war Großkönig Bleda, den Attila Ende 444 oder Anfang 445 eigenhändig ermordete. Es gab also keinen Zu-

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sammenstoß - die Flügel des Vogels waren sorg- fältig gestutzt worden, ehe man ihm den Hals umdrehte. Aus den Quellen der Zeit Attilas geht hervor, wer seinen Herrn bei der Machtübernahme un- terstützte; sie wurden die „Auserlesenen" (loga- des) des neuen Fürstenhofes, seine „Anhänger und Freunde" (epitedeioi). An der Spitze der „Auserlesenen", der Elite, d. h. der Hocharisto- kratie, stand ein Geschwisterpaar unbekannter Herkunft, Onegesius und Scotta(s). Ihrem Na- men nach waren sie hellenisierte Barbaren aus der Pontusgegend, die Griechisch, Lateinisch und Hunnisch gleich gut konnten. Onegesius bekleidete nach Attila die höchste Würde, er war gewissermaßen „Großwesir", der auch in seinem eigenen Gefolge gern aus der Gefangenschaft befreite Griechen und Lateiner sah. In der Nähe seines Holzpalastes ließ er sich von einem sir- miensischen Meister ein Bad erbauen, da er den gewohnten antiken Komfort nicht missen konn- te. Sein Bruder Scotla(s) prahlte damit, ein inti- mer Freund Attilas zu sein. Tatsächlich hatte ihn Attila schon im Jahre 443 nach Konstantinopel

gesandt, um die Auslieferung der geflohenen Verwandten und ,,Fürsten" zu betreiben und vertraulich abzuwickeln. Dieser Mann war der Anführer des Gefolges Attilas und vielleicht sein früherer „Großwesir" an der unteren Donau. Ein weiterer „Auserwählter" Attilas an der unte- ren Donau dürfte Berichus gewesen sein, dessen Herkunft ebenfalls unbekannt ist. Mit ihnen gleichen Ranges waren nur die Familienmitglie- der Attilas, sein Onkel Ajbars und Laudarich (Laudaricus) mit seinem „gotischen", in Wirk- lichkeit aber ostgermanischen Namen, dessen Endung rik (gotisch reiks, ausgesprochen riks = lateinisch rex, König) darauf verweist, daß er mit großer Wahrscheinlichkeit der wahre König eines mit den Hunnen verbündeten ostgermani- schen Volkes war, vielleicht der andere König der Gepiden, die bis um 500 nachweislich mehr- mals unter zwei Königen lebten. Diese zweifellos getreuen Männer wären Atti- la jedoch höchstens im offenen Kampf von Nut- zen gewesen, zu einer überraschenden Macht- übernahme waren sie ungeeignet. Das Überra- schungsmoment und militärische Übergewicht gewährleisteten die germanischen Vasallenköni- ge. Von diesen dürften zwei Männer beim An- schlag auf Bleda die Hauptrolle gespielt haben:

Edika und Ardarich.

43. Schwertscheidenverzierung, Pécs-Üszögpuszta

Edika, der Kommandant der skirischen „Hoftruppen", lagerte mit seinen Mannen ver- mutlich in der Nähe des zentralen Ordu; durch seine Bestechung sicherte Attila den Überra- schungseffekt. Edikas Rolle bei der Ermordung Bledas dürfte auch am Hof von Konstantinopel wohl bekannt gewesen sein, sonst hätte man kaum gerade ihn später mit einem Attentatsplan gegen Attila betraut. Für die mililärische Über- macht sorgte der Gepidenkönig Ardarich. Die potentielle Energie der starken, gutbewaffneten Kriegsmacht der „wilden" Gepiden, die in un- mittelbarer Nähe im Norden des Hunnenzen- trums lebten, trat schon damals zutage. „Arda- rich war der berühmteste König, der wegen sei- ner Treue zu Attila auch an dessen Beratungen teilnahm. Der mit einem scharfen Verstand ab- wägende Attila war ihm nämlich unter sämtli- chen Königen am meisten zugetan; Ardarich machten seine Treue und seine Ratschläge be- rühmt." - So lautet die Charakteristik des Jor- danes, der einen Auszug der unter Verwendung von Angaben des Zeitgenossen Priscus verfaßten gotischen Geschichte des Cassiodorus anfertig- te. Aus dem Zitat ist bloß die linkisch formu- lierte und schlecht gelungene Einfügung des Liebhabers der gotischen „Nationalgeschichte" weggelassen worden, wonach nämlich Attila auch dem Ostrogotenkönig Valamer „am mei- sten" zugetan gewesen sei. Wir verfügen über

nämlich Attila auch dem Ostrogotenkönig Valamer „am mei- sten" zugetan gewesen sei. Wir verfügen über 63

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43.

44.

44. 44. Speerspitze, Pécs-Üszögpuszta keinerlei Angaben, daß auch der Gote Valamer eine besondere Rolle am Hof

44. Speerspitze, Pécs-Üszögpuszta

keinerlei Angaben, daß auch der Gote Valamer eine besondere Rolle am Hof Attilas gespielt habe. Tatsache ist zwar, daß, von Attila „ge­ wählt", an der Spitze der Ostrogoten, die vierzig Jahre lang keinen König hatten, gerade nach 445 der nur einen Namen tragende Valamer/Valamir (was soviel bedeutet wie „von gutem Ruf") auf­ taucht, dessen Recht und Pflicht es nun sein wird, sein Volk in die Kriege Attilas zu führen. Dies sollte jedoch für die moderne deutschspra­ chige Geschichtsschreibung noch kein Grund sein, Rolle und Bedeutung von Ardarich und Valamer gleichsam zu vertauschen. Auch Arda­ rich war ein Neuling an der Spitze der Gepiden und gehörte nicht der früheren Dynastie von Fa­ stida an. Rätselhaft ist, welche Rolle die Aktion gegen Bleda bei Ardarichs unglaublich raschem Emporkommen spielte und ob er wohl schon vorher Führer der Gepiden war. Der Putsch kann also im großen und ganzen rekonstruiert werden. Ardarichs Gepiden hiel­ ten den Ordu Bledas in Schach, die Skiren Edi- kas überfielen ihn, Attila und sein Gefolge aber

führten den Anschlag aus. Die kriegsfreundli­ chen Mitglieder des hunnischen Hofes, in erster Linie der ältere Bruder von Scotta, Onegesius, dann Esla, Rugas Vertrauter, und der in der südlichen Tiefebene begüterte hunnische Groß­ herr Eskam, gingen zu Attila über. Die unter deren Führung stehenden oder die ihrer Führer soeben beraubten hunnischen Truppen wollten oder konnten sich nicht einmischen. Es schlos­ sen sich auch Römer an, unter ihnen der panno- nische Constantiolus, mit dem sich fortan Rusti- cius, der aus Moesia Prima (dem heutigen Ser­ bien) stammende, vom Kriegsgefangenen des Jahres 441 emporgestiegene Sekretär Attilas, die Kanzlei- und Dolmetschaufgaben teilte. Die we­ nigen am Leben gebliebenen Getreuen Bledas kamen während der Flucht um ; so zum Beispiel jener Würdenträger, der auf dem heutigen Ge­ biet von Hódmezővásárhely-Szikáncs ursprüng­ lich vielleicht 1440 Goldmünzen (heute sind da­ von 1439 erhalten) im Gewicht von 20 römi­ schen Pfund (gegenwärtig 6446 g) vergraben hatte. 17 Prozent des zu 97 Prozent aus den Solidi von Theodosius IL bestehenden Schatzes waren neugeprägte Solidi aus dem Jahr 443; diese gelangten zusammen mit den den Großteil des Schatzes ausmachenden früheren, aber meist nicht in Umlauf gebrachten Prägungen (offen­ bar mit dem Goldregen als Folge des Friedens­ schlusses von 443) in die Hände von Bleda und seinen Getreuen. Der Goldschatz wurde, wie dies der einzige im Fund vorkommende Solidus aus dem Jahr 443/444 oder vielleicht schon 444 beweist, zur Zeit von Bledas Sturz verborgen; vielleicht gar nicht weit vom fürstlichen Ordu Der Münzhort von Szikáncs, dieser großarti­ ge archäologische Beweis für den Attila-Putsch, wirft das Problem des Standortes der Residenz Attilas auf. Mehrere namhafte Historiker be­ streiten nämlich leidenschaftlich die Annahme, die Residenz Attilas sei mit dem Ordu Rugas und Bledas in der Theißgegend identisch gewe­ sen ; ihrer Ansicht nach haben Priscus und ande­ re oströmische Gesandte Attila n der rumäni­ schen Ebene aufgesucht. Diese irrtümliche Mei­ nung ist begründet, wohnte doch Attila, wie bereits erwähnt, vor 445 tatsächlich zwischen der unteren Donau und den südöstlichen Karpa­ ten. Außerdem ist in einer Episode des Reisebe­ richtes von Priscus tatsächlich davon die Rede, daß die Gesandten, nachdem sie Naissus (Niš) verlassen hatten, ein Stück Weges der aufgehen-

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45. 45. Pferdetrense mit eisernem Mundstück und gold - blechverkleideten Knebeln, Pecs-Üszögpuszta den Sonne

45. Pferdetrense mit eisernem Mundstück und gold- blechverkleideten Knebeln, Pecs-Üszögpuszta

den Sonne entgegenzogen. Aber nur, weil der Weg eine Wendung machte, worauf bereits Pris- cus selbst gekommen war! Denn von Niš gerade- wegs nach Bukarest zu reisen, ist am Schreib- tisch leicht möglich, tatsächlich jedoch sehr um- ständlich. Hinsichtlich der Lage von Attilas königlichem Ordu liefert gerade Priscus unzweideutige Anga- ben, von diesen kann keine einzige auf die rumä- nische Ebene bezogen werden. Nach Überque- rung der Donau zogen die Gesandten gegen „Norden" in das Innere des Landes. Unterwegs stiegen sie neben dem Dorf einer der Frauen Bledas ab. Die Frauen des ermordeten Großkö- nigs hatten demnach ihre Besitzungen und ihren Rang behalten. Mit großer Umsicht half die Königin den in Not geratenen Oslrömern, deren Lager am Seeufer in der Nacht vom Sturm zer- stört worden war. Dieser seeartige große Sumpf ist noch auf der um 1514 angefertigten Karte Ungarns des Lazarus zu finden, und zwar im heutigen Banat; später verschwindet er langsam.

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Viel später erreichten die Gesandten in der Mitte einer „völlig baumlosen" Ebene den Ordu, in dem Onegesius neben dem königlichen Palast vorher ein mächtiges Bad hatte errichten lassen, zu dem die Steine, das Holz und der Meister aus „Pannonien", der nächstgelegenen römischen Provinz, herangeschleppt worden waren Bei diesem Ansitz kann es sich daher nur um den allen, zentralen Ordu handeln, den Aetius und sein Sohn Carpilio „über Pannoniae" erreich) hallen und zu dem Attila nach seinen westlichen Feldzügen „nach Überquerung der Donau" zu- rückgekehrt war. Die genaue Lage des Ordu kann aufgrund der Angaben des Priscus nicht bestimmt werden. Auch aus der Anzahl der Tage des zurückgeleg- ten Weges der Gesandtschaft kann nicht auf die Entfernung von der Donau geschlossen werden, die Lage kann aber auch nicht mit Hilfe jener

werden, die Lage kann aber auch nicht mit Hilfe jener 22. Die Parierstangen und Scheiden der

22. Die Parierstangen und Scheiden der Schwerter vor- nehmer hunnischer und alanischer Krieger wurden auf der Schauseite mit Goldblechen und zellengefaßten Steinen verziert; (1) Pokrowsk, (2) Dmitrowka, (3) Kisslowodsk. (4) Abrau-Dürso

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23. Metallblechbesätze vom Holzsattel der Hunnen mit hohem vorderen und hinteren Sattelbogen. Die frühe- ren,

23. Metallblechbesätze vom Holzsattel der Hunnen mit hohem vorderen und hinteren Sattelbogen. Die frühe- ren, auf technische Beobachtungen zurückgehenden (1. Pécs-Üszögpuszta) und die neuen, sich auf Crabungs- ergebnisse stützenden (2. Melitopol) Rekonstruktions- versuche stimmen überein

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Flußnamen erschlossen werden, die Priscus auf- gezeichnet hat. Diese sind nach der Donau der Reihenfolge nach: Drekon, Tigas und Tiphesas. Keiner dieser Flußnamen ist aus anderen Quel- len bekannt. Jordanes „germanisierte" 100 Jahre später einen von diesen als „Drinka", zwei hin- gegen „deutete er ura": Tisia = Tisza (Theiß) und Tibisia = Temesch. Er führte die Flüsse auch in einer anderen Reihenfolge an als Priscus, der diesen Weg tatsächlich zurückgelegt hatte. Die Residenz Attilas erreichten die oströmi- schen Gesandten nach einem als erste Etappe der Strecke geltenden, von der Donau sieben Tage dauernden Weg, dann nach Überquerung mehrerer, dem Namen nach nicht bezeichneter Flüsse am Ende eines weiteren Weges von unbe- stimmter Dauer. Gewiß ist nur, daß sie den seit

24. Pferdegräber mit Sattelbrettbeschlägen ab Belag für die Rekonstruktion hunnischer Sättel. Abrau-Dürso

Urzeiten unter dem Namen Crissos/Crisia be- kannten Körös-Fluß nicht überquerten (an des- sen jenseitigem Ufer sich auch, den archäologi- schen Funden zufolge Gepidien befand), wäh- rend sie über den seinerzeit unterhalb der heuti- gen Stadt Arad sich mehrfach verzweigenden, offenbar mit verschiedenen Namen bezeichneten Fluß Maris/Maros auch kommen konnten, ohne daß ihnen die wahre Bedeutung des Flusses auf- gefallen wäre. Etwa in der Mitte der ausgedehnten Lager- stadt auf einer Anhöhe (wahrscheinlich auf ei- nem der in der Tiefebene üblichen Siedlungshü- gel aus der Urzeit) stand der Fürstenpalast mit offener Vorhalle, ein aus Balken und gehobelten Brettern erbautes Meisterwerk. Seine mit Holz- türmen verzierte hohe Einfriedung, die einen weiten, großen Hof umschloß, wurde auch von den byzantinischen Gesandten bewundert. In der Nachbarschaft befand sich der Palast des

Hof umschloß, wurde auch von den byzantinischen Gesandten bewundert. In der Nachbarschaft befand sich der Palast

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46. Goldblechverkleidung eines Sattelbrettes, Pécs-Üszögpuszta

47. Goldblechverkleidung eines Bogenendes, Pécs-Üszögpuszta

48. Pferdegeschirrdekor, Pécs-Üszögpuszta

49. Goldblechanhänger eines Zaumzeuges, Pécs-Üszögpuszta

Onegesius, dessen Einfriedung jedoch nicht mit Türmen verziert war. Entfernter stand der einge­ friedete Aul Arykans, der Gattin Attilas, inner­ halb dem sich zwischen zahlreichen Bretterbau­ ten der aus Balken gebaute hohe, mit Holzarka­ den verzierte, turmartige Palast erhob. Der Fuß­ boden des Empfangssaales war mit weichen Teppichen ausgelegt, auf denen die im Dienst Arykans stehende Mädchenschar saß und die von den Hunnen getragenen bunten Leinen stickte. Mittelbar weisen auf den Ordu die östlich der Theiß, an leider nicht näher bekannten Stellen gefundenen orientalischen Münzen hin: Gold­ münzen des sassanidischen Großkönigs Vara- khran V. (420-438), des Kuschanschahs Kidara (425-430) und des indischen Herrschers Kuma- ragupta (414-455). Außer der „Hauptstadt" be­ saß Attila (und vor ihm Bleda) auch anderwärts Auls und Paläste, doch ist uns über diese noch weniger bekannt. Einer dürfte sich aber in Sie­ benbürgen im Tal des Maros-Flusses befunden haben, da in Szászsebes (Mühlbach, Sebeş) ein Flüchtling Goldmünzen von Varakhran V. ver­ grub, vielleicht gerade zur gleichen Zeit, als die oströmischen Solidi von Szikáncs in die Erde kamen. Der im Jahre 445 zum Großkönig gewordene Attila herrschte insgesamt nur acht Jahre lang, auf seine nur „kurze Zeit" währende Herrschaft spielt 449 auch Orestes' Schwiegervater, Romu­ lus comes, in einem Gespräch mit Priscus und Constantiolus an. Und obwohl er selbst wie auch seine Getreuen seine Herrschaft von 434 an rechneten und später auch die Oströmer, die sich schon zu jener Zeit, als Attila noch Zweitfürst war, zumeist mit ihm abgeben mußten, geneigt waren, den Beginn seiner Herrschaft bis zu die­ sem Zeitpunkt zurückzuführen, ändert das nichts an der Tatsache, daß Attila kürzere Zeit Großkönig war als jeder seiner Vorgänger. We-

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der sein Ruhm noch seine bestürzende Persön­ lichkeil berechtigen also dazu, das hunnische Zeitalter heutzutage einfach als „Attilazeit" oder „Attilas Jahrhundert" und das Hunnenreich als „Attilareich" zu bezeichnen. Attila war an die Macht gelangt, doch seine Auserwählten und Getreuen sowie die germani­ schen Vasallenkönige, die ihm dazu verholfen hatten, warteten auf ihre Belohnung, ja erwarte­ ten diese direkt. Die Machtgier der pontischen (untere Donau) Clique, der Gold-, Schatz- und Besitzhunger der germanischen Militärführer, die bisher von der Macht ausgeschlossen gewe­ sen waren, konnte nur auf eine Weise befriedigt werden: durch Raubfeldzüge und durch eine die Besiegten belastende Steuerschraube. Die germanischen Könige erkannten schon zu Beginn der Herrschaft Attilas, daß dessen maß­ lose Eitelkeit Anbiederungsversuche begünstig­ te. Durch die bewundernswerte Zusammenar­ beit einer Kuh und eines Hirtenknaben „fanden sie" für ihn das bis dahin im Boden vergrabe­ ne Schwert des Kriegsgottes (Ares, Mars). Mit Glaube und Legende halfen sie dem abergläubi­ schen Hunnenfürsten, auch selbst immer mehr an die göttliche Herkunft seiner Macht und an seine weltbeherrschende Sendung zu glauben. Die Macht mußte nicht nur verschafft, sie

50. Goldene Riemenzungen, Pécs-Üszögpuszta

Sendung zu glauben. Die Macht mußte nicht nur verschafft, sie 50. Goldene Riemenzungen, Pécs-Üszögpuszta 50.

50.

25. Elektronschale aus dem Opferfund von Nagyszéksós (Rekonstruktion) mußte auch erhalten werden, indem man die

25. Elektronschale aus dem Opferfund von Nagyszéksós (Rekonstruktion)

mußte auch erhalten werden, indem man die Getreuen immer öfter belohnte. Attila wurde daher um jeden Preis und unter jedem Vorwand Kriege beginnen, die anfangs einträglich sein und die germanische Militäraristokratie, die die Herrschaft Attilas unterstützte, wahrhaftig er- höhen und in Gold kleiden sollten. Es ist kein

Zufall, daß zur zentralen Gestalt der deutschen Heldensagen der etwas schwachsinnige, aber um so freigebigere Etzel wird, der edelmütige Freund der verschiedenen germanischen Könige und Fürsten. Allerdings nicht aller. Denn auch der Atli der Sagen ist eine zentrale Figur, jedoch grausam und goldgierig. Die Erinnerungen der „großen" und „kleinen" Verbündeten haben in den zwei verschiedenen Attilas den wahren einen Attila bewahrt.

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Attila

„Während wir uns vorbereiteten, ließ uns Attila durch Scotta(s) rufen. Wir ei ten zu seinem Zeit, das von barbarischen Leibwächtern umgeben war. Als wir eintraten, saß dort Attila auf einem hölzernen Thronsessel. Während wir etwas wei- ter, dem Thron gegenüber stehen blieben, trat Maximinus vor, begrüßte den Barbaren und überreichte ihm den Brief und die Grüße des Kaisers: der Kaiser hoffe, daß Attila und die Seinen wohlauf und gesund seien. Er antwortete, daß er den Römern das gleiche wünsche wie "

diese ihm

Nichtssagender könnte man diesen histori- schen Augenblick kaum noch beschreiben: die Begegnung Priscus' mit jenem Mann, der sich schon damals als „der Größte der Götter" pries, beziehungsweise das Zusammentreffen des nichtsahnenden Attila mit dem Geschichts- schreiber, dem er seine Unsterblichkeit verdan- ken sollte. Keiner der beiden war sich der Bedeu- tung des anderen bewußt, die Zeitgenossen, die späteren Großen der Weltgeschichte, sahen ein- ander immer als leibhaftige Menschen. Priscus war „von dem Barbaren" so wenig beeindruckt, daß er jegliche Beschreibung seiner charakteri- stischen Züge unterließ und dies auch später nicht nachholte. Dennoch findet sich in der Be- schreibung der Begegnung ein meisterhaft dar- gestelltes Detail. Attila erblickte hinter Maximi- nus und neben Priscus den Goten Vigila, den hinterlistigen oströmischen Agenten, der die Ge- sandtschaft als Dolmetscher begleitete und den auch Priscus aus tiefster Seele verachtete. Vigila war schon ein Jahr zuvor, in Begleitung des Senators Anatolius, am hunnischen Hof gewe- sen. Attila wußte, daß Vigila eben jetzt im Auf- trag des Oberministers Chrysaphius, eines Eu-

nuchen, einen Mordanschlag gegen ihn vorbe- reitete, er wußte aber auch, daß der vor ihm stehende und ihn soeben höflich begrüßende vornehme Herr sowie dessen ihm ähnlicher Se- kretär keine Ahnung von den dunklen Absich-

ten ihres Ministers hatten. Seine als nichtssagen- de Höflichkeitsfloskel anmutende Antwort war ein politischer Kunstgriff, dessen wirkliche Be- deutung selbst Priscus erst später begriff. Doch wenden wir uns dem Fortgang des Geschehens zu : „Dann wandte er sich plötzlich zu Vigila, nannte ihn ein schamloses Tier und fragte ihn, weshalb er hergekommen sei, er müßte ja die mit Anatolius geschlossene Friedensvereinbarung genau kennen, wonach er so lange keine Ge- sandtschaft empfangen werde, bis der letzte Ent-

kommene nicht ausgeliefert sei

schweife machende Antwort Vigilas „wurde At- tila noch zorniger und brüllte ganz außer sich, er würde ihn pfählen und seinen Leib den Vö- geln vorwerfen lassen, müßte er nicht die den Gesandtschalten zukommenden Rechte berück- sichtigen. Wegen seiner Unverschämtheit und seiner verwegenen Worte verdiene er nichts an- deres!" Doch dachte Attila keineswegs daran, seine Worte in die Tat umzusetzen ! Auch wenige Wochen später nicht, als er Vigila des Attentats- planes öffentlich überführt hatte. Das Ganze war ein Schauspiel, eine geheuchelte Entrüstung, aber eine so vollkommene, daß sie sowohl seine Untertanen als auch seine Freunde verwirrte und in Schrecken und Ungewißheit versetzte wie das Löwengebrüll die sich vor Schreck drücken- den und dann aus ihrem Versteck auseinander- stiebenden Huftiere. Betrachten wir die genaue Charakterisierung Attilas durch Jordanes, der diese wahrscheinlich dem in Verlust gerate-

" Auf die Um-

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51. 51. Goldblechbeschlag von der Vorderseite einer Schwertscheide, Pécs-Üszögpuszta nen Teil des Werkes von Priscus

51. Goldblechbeschlag von der Vorderseite einer Schwertscheide, Pécs-Üszögpuszta

nen Teil des Werkes von Priscus entnommen hat:

,,Ein Mann, der zur Erschütterung der Völ- ker, zum Schrecken der ganzen Well geboren wurde, vor dem sich jedermann wegen der über ihn verbreiteten schrecklichen Nachrichten fürchtete. Er ging hochmütig einher, seine Au- gen funkelten, er ließ seine stolze Macht auch durch die Bewegungen seines Körpers fühlen. Obwohl er den Kampf über alles liebte, handelte

er doch wohlüberlegt, das meiste erreichte er mit seinem Verstand. Den Flehenden gegenüber zeigte er sich mitleidig und war gnädig gegen-

Er war weise

und schlau, er griff stets in einer anderen Rich- tung an, als er drohte."

Auch Priscus nahm wahr, daß Attila Tag für Tag andere mit seiner Gunst auszeichnete, an seinem Hof herrschte eine Atmosphäre der Un- sicherheit. Beim Abschiedsabendessen saß zur Rechten Attilas nicht Ellak, der Thronfolger - den sein Vater nicht liebte -, sondern Attilas Onkel, Aybars. Attila zerschmolz förmlich vor Freundlichkeit und ließ sich während des Mahls sogar in ein Gespräch mit Maximinus ein. Zu dem zu Ehren der Gesandtschaften der beiden Römischen Reiche gegebenen Abendmahl wa- ren die Vasallenkönige jedoch nicht geladen. Mit ihnen verhandelte Attila auf andere Weise: „Die Gruppe der verschiedenen Könige und die Mili- tärführer der Völker harrten, satellites gleich,

über allen, die sich ihm ergaben

der Befehle Attilas. Es genügte, mit den Augen zu winken, und schon traten sie alle, ohne aufzu- mucken, ängstlich und zitternd vor ihn und taten alles, was er befahl." Die unmittelbaren Nach- kommen bemerkten also richtig, daß zu Lebzei- ten Attilas „sich kein einziges skythisches Volk von der Hunnenherrschaft befreien konnte". Priscus hatte noch mehrmals Gelegenheit, At- tila genauer zu beobachten: „Nachdem wir über einige Flüsse gesetzt hatten, gelangten wir zu einem ausgedehnten Dorf, in dem sich der Palast befand, von dem es hieß, er sei vorzüglicher als jeder andere Wohnsitz Attilas." Beim Eingang des Dorfes wurde Attila von jungen Mädchen begrüßt. „In breiten Reihen kamen sie ihm unter flatternden weißen Leinendraperien entgegen, die an beiden Seiten von Frauen hochgehalten und gestrafft wurden. Unter jedem Schleier nä- herten sich sieben oder noch mehr Mädchen. Es war ein förmlicher Festzug von Frauen und un- ter weißen Schleiern einherschreitenden Mäd- chen, die skythische (d. h. hunnische) Lieder sangen. Als er sich dem Haus des Onegesius näherte - der Weg führte am Palast vorbei -, trat die Frau des Onegesius mit einer Anzahl von Dienern aus dem Haus, die Speisen und Wein brachten: Das ist die höchste Ehrenbezeigung bei den Skythen. Die Frau begrüßte den König und bat ihn, von den gastfreundlich angebote- nen Speisen zu nehmen. Attila nahm, um der Frau seines ihm so nahestehenden Freundes die Ehre zu erweisen, hoch zu Roß von den Speisen, unterdessen hielten ihm die zu seinem Gefolge gehörenden Barbaren ein Silbertablett vor.

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Nachdem er auch den Wein gekostet hatte, ging er in seinen Palast, der höher war als die umlie- "

genden Häuser und auf einer Anhöhe Die Geschichte lehrt uns, der Spontaneität der beschriebenen Szene nicht allzuviel Glauben zu schenken. Der feierliche Empfang war gründlich vorbereitet, eingeübt, man könnte sagen, insze-

26. Holzschale mit Goldbeschlägen aus dem Opferfund von Nagyszéksós (Rekonstruktion) (I). Holzschale mit Elek- tronbeschlägen aus dem Opferfund ton Nagyszéksós (2)

niert, wobei es schwierig ist, Inszenierung und aufrichtige Begeisterung zu trennen. Eine Aus- nahme bildete vielleicht die Gattin Onegesius', die allerdings guten Grund hatte, Attila feierlich zu empfangen. Am gründlichsten aber beob- achtete Priscus Attila gelegentlich des ersten Festmahles : „Sobald wir in unser Zeit zurückge- kehrt waren, kam der Vater des Orestes [Tatu- lus] und sprach : Attila hat euch beide zum Essen eingeladen, das zur neunten Stunde des Tages [drei Uhr nachmittags] beginnt. Wir warteten bis

hat euch beide zum Essen eingeladen, das zur neunten Stunde des Tages [drei Uhr nachmittags] beginnt.

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27. ,,Attilas Münzen". Verschiedene nach dem Muster der Solidi von Theodosius II. geprägte Goldmünzen aus

27. ,,Attilas Münzen". Verschiedene nach dem Muster der Solidi von Theodosius II. geprägte Goldmünzen aus der Zeit nach 450 aus Érmihályfalva, Kápolnokmonostor und Bina/Bény

zum angegebenen Zeitpunkt, dann erschienen wir zwei Geladenen [nämlich Maximinus und Pris- cus] und die weströmischen Gesandten alsogleich an der Schwelle Attilas. Die Mundschenke reicht- en uns nach ortsüblicher Sitte einen Kelch, und wir mußten den König, bevor wir Platz nahmen, mit dem Kelch in der Hand begrüßen. Nachdem dies geschehen war und wir den Inhalt des Kel- ches gekostet hatten, begaben wir uns an unseren im voraus zugewiesenen Platz. Die Stühle reihten sich an den beiden Längswänden des Saales, in der Mitte [nämlich am Ende des Saales] saß Attila auf einem Sofa. Hinter ihm befand sich ein zwei- tes Sofa, dahinter aber führten einige Stufen zu Attilas Bett hinauf, das mit weißem Leinen be- deckt und mit bunten Vorhängen geschmückt war, ähnlich wie bei Griechen und Römern das Brautbett. Während des Essens waren die Plätze rechts von Attila die vornehmeren, die zweitran- gigen waren die zu seiner Linken, wo wir saßen und wo vor uns ein skythischer Edelmann na-

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mens Berichus saß. Onegesius saß rechts vom Sofa des Königs in einem Armsessel, ihm gegen- über nahmen die beiden Söhne Attilas Platz. Der älteste Sohn [Ellak] saß auf dem Sofa des Königs, aber nicht neben ihm, sondern am Rande des Sofas, und senkte seinen Blick aus Ehrfurcht vor seinem Vater zu Boden. Als alle Platz genommen hatten, trat ein Mundschenk zu Attila und reichte ihm einen vollen Holzbecher. Attila nahm ihn und trank seinem rangältesten Nachbarn zu. Der so Geehr- te erhob sich und durfte sich so lange nicht setzen, bis der König den Wein gekostet oder ausgetrunken und den Pokal dem Mundschenk zurückgegeben hatte. Alle Anwesenden begrüß- te er auf ähnliche Weise, während er selbst sitzen blieb; er nahm die Becher und kostete nach jeder Begrüßung. Jeder Gast hatte seinen Mund- schenk, der jeweils genau in dem Augenblick hervortrat, als sich der Mundschenk Attilas zu- rückzog. Nachdem er auch den folgenden Mann und der Reihe nach jeden begrüßt hatte, begrüß- te Attila, der Sitzordnung entsprechend, auch uns der Reihe nach feierlich. Als die feierliche Begrüßung der Anwesenden beendet war, ent- fernten sich die Mundschenke.

Von Attilas Tisch beginnend, reihten sich im Saal Tische für drei, vier oder mehr Personen aneinander. Von den Tischen konnte jedermann ruhig auf seinen Teller nehmen, ohne die Sitz- ordnung zu stören. Als erster trat der Diener Attilas ein, der eine Schüssel mit Fleisch brachte, während die übrigen bereitstehenden Diener Brot und sonstige Speisen auf die Tische stellten. Den übrigen Barbaren und uns wurden auf sil- bernen Schüsseln köstliche Speisen aufgetragen, für Attila gab es nichts anderes als Fleisch auf einem Holzteller. Auch in allem anderen zeigte er sich bescheiden. Seine Gäste tranken aus gol- denen und silbernen Pokalen, er benutzte einen

52. Goldene Riemenbeschläge eines Pferdegeschirrs, Pécs-Üszögpuszta

Holzbecher. Seine Kleidung war einfach, er war nur auf äußerste Reinheit bedacht. Weder das Schwert an seiner Seite noch die Riemenschnal- len seiner barbarischen Stiefel oder das Geschirr seines Pferdes waren mit Gold, Edelsteinen oder anderen Kostbarkeiten verziert wie bei den übri- gen Skythen. Als die ersten Schüsseln leer waren, erhoben wir uns alle. Niemand setzte sich, bevor er seinen Pokal auf Attila erhoben und ihn auf die Ge- sundheit des Königs geleert hatte. Nach den Trinksprüchen setzten wir uns und langten nach dem auf die Tische gestellten zweiten Gang. Nachdem wir alle gegessen hatten, standen wir abermals auf. tranken auf obige Weise Wein auf Attilas Wohl und setzten uns wieder. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde der Saal

auf. tranken auf obige Weise Wein auf Attilas Wohl und setzten uns wieder. Mit Einbruch der

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28. Aureliani/Orléans war Mitte des 5. Jahrhunderts eine die Liger/Loire-Brücke schützende Quadratburg mit Fackeln

28. Aureliani/Orléans war Mitte des 5. Jahrhunderts eine die Liger/Loire-Brücke schützende Quadratburg

mit Fackeln beleuchtet. Zwei Barbaren traten vor Attila und trugen selbstkomponierte Lieder über die Siege und Heldentaten Attilas vor. Der

Blick der Teilnehmer des Festmahls richtete sich auf die beiden Sänger, einige wurden vom Text des Gesanges erheitert, andere, die sich an ihre Kriegserlebnisse erinnerten, erschütterte das Vorgetragene, die Älteren hingegen, deren Lejb und Seele vom Alter und von den Erinnerungen bereits geschwächt waren, brachen in Tränen aus. Als der Gesang verklungen war, erschien ein Skythe, der nicht ganz bei Sinnen war, und trug allerlei Unsinn zusammen, sprach dummes und sinnloses Zeug, worauf Gelächter ausbrach.

Danach trat Zerko(n) ein

Der Schmaus

dauerte bis tief in die Nacht, da wir aber nicht so viel Wein trinken konnten, entfernten wir uns schon früher." Es ist jammerschade, daß man diesem Fest- mahl unverdienterweise nur wenig Beachtung schenkte beziehungsweise nur unwesentlichere Momente wahrnahm; die Blicke der Mehrheit

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hingen am „zusammengeraubten" Gold- und Silbergeschirr (Abb. 25-26), die der Attila- Schwärmer hingegen an der finsteren Majestät ihres Vergötterten. Doch Priscus beschrieb die- ses Mahl deswegen so eingehend, weil es ihm, einem Menschen der Antike, der an die in Or- gien übergehenden Gelage der vornehmen Rö- mer gewöhnt war, erstaunlich neuartig anmute- te. Vor allem die unerhört genaue und strenge Sitzordnung, die genau festgelegte Rang-, Wert- und Würdenordnung einer differenzierten Ge- sellschaft. Es ist ausgeschlossen, daß sich diese während der vier- bis fünfjährigen Herrschaft Attilas entwickelt hatte. Von uralter Anregung zeugt noch mehr die strenge Etikette. Sie erin- nert an die orientalischen Reiche des Altertums, an die Darstellung feierlicher Gelage auf assyri- schen, altpersischen und sassanidischen Reliefs sowie auf kuschanischen und sogdischen Fres- ken. Diese Etikette hatten die Hunnen nicht von den Goten und auch nicht von den Römern gelernt, sondern noch in Mittelasien am Hof der sassanidischen Großkönige und ihrer Vorneh- men. Die Hunnen fugten aber auch eigene Vor- stellungen hinzu. Die vornehmere rechte Seite des Hausherrn und des Raumes war bei einer Anzahl eurasischer Steppenvölker bekannt, sie ist bis zur letzten Jurte eine noch heute lebendige und verpflichtende Vorschrift. Das Zeremoniell des Eintritts durch die Tür (des Überschreitens der Schwelle) erstarrte bei den Mongolen des Dschihgis-Khan sogar zu einem lebensgefährli- chen Ritual. Das Auftreten von Sängern, Harle- kins und Zwergen war seit Jahrtausenden an Fürstenhöfen bekannt und wird dies auch noch weitere tausend Jahre hindurch bleiben. Unbe- kannt war aber, lachend und weinend zu feiern, wie das auch bei Attilas Beisetzung geschah. Am meisten überrascht in dieser Gesellschaft aber die gegenseitige Ehrerbietung, die gegensei- tig erwiesene Hochachtung. Im Gegensatz zu orientalischen Vorbildern kannte die hunnische Etikette weder das Katzbuckeln noch die Ver- neigung, den Kniefall oder gar das Auf-den- Bauch-Fallen, nicht einmal Attila forderte der- artiges. Imponierend ist, wie ungezwungen die Herren des Hunnenreiches im Zeit Attilas - wie sie sagten: „ihres Freundes" - ein und aus gin- gen; wie Onegesius, der zweite Mann im Reich, stehenden Fußes mit den Römern und den Mit- gliedern seines eigenen Gefolges verhandelte; wie die hunnischen Reiteroffiziere, die die Maxi-

minus-Delegation begleiteten, mit den vorneh- men Fremden plauderten und mit ihnen zusam- men aßen; wie die Witwe Bledas den in Not geratenen Oslrömern zu Hilfe eilte; und nicht zuletzt die trotz des zeremoniellen Empfanges anziehende, warme Atmosphäre, mit der die Ge- mahlin Attilas, Arykan, und ihre Hofdamen die den Palast der Königin aufsuchenden Römer umgaben. In der berechneten Einfachheit - Priscus er- kannte, daß es sich hierum handelte - ging Attila allen voran. Was diesem außerordentlichen Mann an sich schon einen Platz in der Ge- schichte sichern würde: Er wurde mehr als ein- mal zum Vorbild für Nachkommen ähnlichen Charakters. Seine Einfachheit wurde durch seine unfreundliche bedrückende Persönlichkeit auf- gewogen: Erinnern wir uns nur daran, wo und wie der Thronfolger des Reiches auf dem Sofa

53. Goldbeschläge eines Schwertes aus dem hunnischen Opferfund von Bátaszék

seines Vaters saß. Und kehren wir noch für einen Augenblick zum Festmahl, zum Mohren Zer- ko(n), dem Zwerg, zurück. Dieser mißgestaltete, belustigende Kerl war der größte Spaßmacher der damaligen Welt. Er gehörte dem Gefolge des oströmischen Feldherrn Aspar an und geriet im Krieg des Jahres 442 in hunnische Gefangen- schaft und an den Hof Bledas. Bleda amüsierte sich selbst in den unmöglichsten Situationen über ihn und nahm ihn sogar auf seine Feldzüge mit. Attila sträubte sich von Anfang an gegen ihn ein glänzendes Beispiel für den unter- schiedlichen Charakter der beiden Brüder. Nach Bledas Tod entledigte sich Attila seiner sofort, er schenkte ihn Aetius, der ihn wiederum an Aspar zurückschickte. Zerko(n) kehrte nun auf den Rat Edikas und zum großen Ärger Attilas an den hunnischen Hof zurück und versuchte durch seine „Kunst", von Attila seine noch von Bleda erhaltene hunnische Frau zurückzube- kommen - es erübrigt sich vielleicht zu sagen:

ergebnislos. Bei dieser Gelegenheit kauder-

hunnische Frau zurückzube- kommen - es erübrigt sich vielleicht zu sagen: ergebnislos. Bei dieser Gelegenheit kauder-

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80 welschte er in einer aus Latein, Hunnisch so- wie Gotisch vermischten Sprache unmögliches Zeug,

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welschte er in einer aus Latein, Hunnisch so- wie Gotisch vermischten Sprache unmögliches Zeug, womit er die finsteren hunnischen Kriegs- führer zum Lachen reizte. „Mit Ausnahme Attilas. Attila blieb regungs- los, sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht, er verriet seine Gefühle weder mit Worten noch mit Gesten. Erst als sein jüngster Sohn - er hieß Ernak - eintrat und vor ihm stehen blieb, mil- derten sich seine Züge. Er streichelte dem Kna- ben das Gesicht und betrachtete ihn mildherzig. Als ich mich hierüber verwundert zeigte - küm- merte sich doch Attila nicht viel um seine übri- gen Söhne und schenkte nur diesem Beach- tung -, erklärte mir mein barbarischer Tisch- nachbar auf Ausonisch (Latein), daß dies al- les wegen einer Weissagung geschehe. Die Hell- seher prophezeiten Attila nämlich, daß sein Ge- schlecht vernichtet, in diesem Knaben aber wei- terleben werde." Dies war freilich nur eine er- bärmliche Entschuldigung für die Voreingenom- menheit Attilas, die nach seinem Tod für das Hunnenreich verhängnisvoll werden sollte. Die Herrschaftsmethoden des abergläubischen Stim- mungsmenschen und großen Schauspielers er- kannte der zeitgenössische gute Beobachter nur zu klar.

29. Mit Goldblech überzogener Griff eines Schwertes mit herzförmigem Knauf mit Zellenornamentik aus Pouan, in der Nähe von Arcis-sur-Aube nordöstlich von Tricassis/Troyes, also im hunnischen Teil der schwer- wiegenden Auseinandersetzung zwischen Aetius und Attila gelegen

I.

I . I. Onyx-Fibel aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (s.Taf. 1) II. II. Fibel mit

I.

Onyx-Fibel aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (s.Taf. 1)

II.

aus dem II. Schatz von Szilágysomlyó (s.Taf. 1) II. II. Fibel mit stufenförmiger Platte aus dem

III.

Fibel mit Zellenornamentik aus Szilágysomlyó

(Taf.3)

IV. Fibelpaar aus dem II. Schatz von Szilágy- somlyó (Taf. 4)

Zellenornamentik aus Szilágysomlyó (Taf.3) IV. Fibelpaar aus dem II. Schatz von Szilágy- somlyó (Taf. 4) III.

III.

Zellenornamentik aus Szilágysomlyó (Taf.3) IV. Fibelpaar aus dem II. Schatz von Szilágy- somlyó (Taf. 4) III.

V.

V . V. Fibelpaar aus Szilágysomlyó (Taf. 5) VI. VI. Fibel mit Zellenornamentik uml Filigran- verzierung

V.

Fibelpaar aus Szilágysomlyó (Taf. 5)

VI.

V . V. Fibelpaar aus Szilágysomlyó (Taf. 5) VI. VI. Fibel mit Zellenornamentik uml Filigran- verzierung

VII.

Fine Holzschale nachahmende Goldschale, Szilágysomlyó (Taf. 7)

VII. Fine Holzschale nachahmende Goldschale, Szilágysomlyó (Taf. 7) VII.

VIII.

VIII. I X . VIII. Mit Edelsteinen flächenfüllend verzierte Fibel, Szilágysomlyó (Taf. 8) IX. Fibelpaar aus

IX.

VIII. I X . VIII. Mit Edelsteinen flächenfüllend verzierte Fibel, Szilágysomlyó (Taf. 8) IX. Fibelpaar aus

VIII.

Mit Edelsteinen flächenfüllend verzierte Fibel, Szilágysomlyó (Taf. 8)

IX.

Fibelpaar aus Gelénes (Taf. 10)

X. Mit Edelsteinen verzierte Fibel aus Regöly (Taf. 12)

X.

(Taf. 8) IX. Fibelpaar aus Gelénes (Taf. 10) X. Mit Edelsteinen verzierte Fibel aus Regöly (Taf.

XI.

XI. X I I . XIII.
XI. X I I . XIII.
XI. X I I . XIII.

XI.

Goldene Schnallen und Goldschmuck aus Lébény (Taf. 18)

XIV. Hunnisches Diadem wm Csorna (Taf. 37)

XII.

Solidus des oströmischen Kaisers Theodo- sius II., der von Uldin bis Attila Zeitenosse der Hunnen war (Taf. 29)

XIII. ,,Attilas Münze", Sárospatak-Végardo (Taf. 33)

XV.

Detail des hunnischen Diadems von Csorna (Taf. 38)

XIV.

,,Attilas Münze", Sárospatak-Végardo (Taf. 33) XV. Detail des hunnischen Diadems von Csorna (Taf. 38) XIV. XV.
,,Attilas Münze", Sárospatak-Végardo (Taf. 33) XV. Detail des hunnischen Diadems von Csorna (Taf. 38) XIV. XV.

XVI.

XVI. XVI. Schwertperle aus dem Fund von Báta- szek (Taf. 55) XVII. Goldene Schnallen und Riemenzunge

XVI. Schwertperle aus dem Fund von Báta- szek (Taf. 55)

XVII. Goldene Schnallen und Riemenzunge an dem Fund von Bátaszek (Taf. 56)

XVIII. Goldbeschlagenes Schwert aus Pannon- halma (Taf. 58)

und Riemenzunge an dem Fund von Bátaszek (Taf. 56) XVIII. Goldbeschlagenes Schwert aus Pannon- halma (Taf.
XVIII.

XIX.

Goldene Pferdegeschirrbeschläge aus dem Fund von Pannonhalma (Taf. 63)

XX.

Pferdetrense mit eisernem Mundstuck und goldblechverkleideten Knebeln aus Pannonhalma (Taf. 64)

XXI.

Almandinverzierte Goldschnalle, goldene Riemen- zungen und ein Solidus Theodosius' II. aus den hunnischen Grabern von Szekszárd (Taf. 67)

goldene Riemen- zungen und ein Solidus Theodosius' II. aus den hunnischen Grabern von Szekszárd (Taf. 67)

XX.

XX. XXI.
XX. XXI.

XXII.

XXII. XXIII.
XXII. XXIII.

XXII. Silberne Gürtelgarnitur, goldene Schwertgurt- und Stiefelriemenschnallen aus Lengyeltóti (Taf. 71)

XXIII. Goldener Halsring, Gürtel- und Stiefelriemen- schnallen aus dem Grab von Keszthely-Tégla- gyar (Ziegelei) (Taf. 74)

XXIV. Goldener Halsring und Goldschmuck, Szeged- Nagyszéksós (Taf. 78)

Keszthely-Tégla- gyar (Ziegelei) (Taf. 74) XXIV. Goldener Halsring und Goldschmuck, Szeged- Nagyszéksós (Taf. 78) XXIV.

XXV.

XXV. XXV. Die in der Gegend des Schwarzen Meeres hergestellten Zikaden aus Györköny (Taf. 92) XXVI.

XXV.

Die in der Gegend des Schwarzen Meeres hergestellten Zikaden aus Györköny (Taf. 92)

XXVI.

Goldschnallen mit Zellenorna- mentik im Ungarischen National- museum (Taf. 93)

XXVII.

Goldschnalle mit Zellenornamen- tik aus einem Frauengrab, Nagy- dorog(Taf. 102)

XVIII.

Goldener Ohrring aus dem Grab von Mezöbéreny (Taf. 103)

XXIX.

Goldene Halskette mit Granatan- hangern aus Bakodpuszta (Taf. 115)

XXX. Goldene Gurtelschnalle mit Tier- kopf, Szeged-Öthalom (Taf. 116)

XXXI. Detail der Gurtelschnalle aus Szeged-Öthalom (Taf. 117)

mit Tier- kopf, Szeged-Öthalom (Taf. 116) XXXI. Detail der Gurtelschnalle aus Szeged-Öthalom (Taf. 117) XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXVII. XXVIII. XXIX.
XXVII. XXVIII. XXIX.

XXX.

XXX. XXXI.
XXX. XXXI.

Der in Wolken gehüllte Berggipfel

Den Zeitgenossen und unmittelbaren Nachkom- men zufolge war die kurze - ihnen aber end- los dünkende - Herrschaft Attilas, des Euro- pae orbator, des „Verwaisers Europas", eine Ge- schichte von Kriegen: „Er zwang Tausende von Menschen in den Krieg." Wahr ist dagegen aber, daß er in den ersten zwei Jahren seiner Alleinherr- schaft keinen Krieg begann, zumindest nicht gegen die beiden Römischen Reiche. Allerdings hatten selbst Aetius und das weströmische Re- gime bezüglich der Friedfertigkeit Attilas kei- ne rosigen Vorstellungen. Nach dem Sturz des freundschaftlich gesinnten Bleda wurde der Ex- perte für hunnische Angelegenheiten. Carpilio, und mit ihm Cassiodorus Senator, Großvater des späteren Schriftstellers und gotenfreundli- chen Ministers, sofort zum neuen Herrn des Hunnenreiches entsandt. Attila war bereit, mit ihnen zu verhandeln, und sie konnten mit der Freudenbotschaft heimkehren, daß der Friede erhallen bleibe. Aber nicht dank der mutigen und glänzenden Rede des Cassiodorus Senator, wie sich dies sein Enkel vorstellte, sondern um den Preis großer Opfer. Die schleierhafte Angabe Priscus' von dem Boden „Pannoniens am Ufer der Saue", „von dem Gebiet, das Aetius, der Oberkommandant der Weströmer, vertragsmäßig den Barbaren überließ" - das heißt ausgesprochen Attila -, konnte sich nur auf die Provinz Pannonia Savia beziehen. Die anderen pannonischen Provinzen waren nämlich schon früher unter die Herr- schaft der Hunnen gelangt. Attila drohte mit Krieg und stellte Forderungen, also mußten die Weströmer 445/446 auch auf Savia verzichten. Nur um den Schein zu wahren, der Fiktion des Rechtes der Aufrechterhaltung der römischen

54.

Fiktion des Rechtes der Aufrechterhaltung der römischen 54. 54. Goldblechverkleidung eines Bogenendes aus dem Fund von

54. Goldblechverkleidung eines Bogenendes aus dem Fund von Bátaszék

55.-56. s. Farbtafeln XVI-XVII

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30. Grab eines alanischen Kriegers mit Schmuckbeigaben (1). Eine an der Unken Seite ihres Mannes bestattete alanische Frau (2) mit gegürtetem Langschwert und reichen Schmuckbeigaben. Abrau-Dürso

31. Pontische Fibeln und alanische Nahkampfwaffen aus Ungarn. Jászberény, Csongrád

Herrschaft zuliebe wurde der Hunnenkönig gleichzeitig zum weströmischen magister militum ernannt. Der neue Titel bedeutete gleichzeitig ein der Würde entsprechendes regelmäßiges, ho- hes Jahreseinkommen - in Wirklichkeit war es die Form des jährlichen Tributs, die das Selbst- bewußtsein der Weströmer am wenigsten ver- letzte, wie Priscus höhnisch feststellt. Die west- römische militärische Verteidigung wurde in den Alpenvorraum, nach Noricum Mediterraneum und Valeria Media mit Zentrum Poetovio (Ptuj/ Pettau) an der Drau zurückgedrängt. Orestes, der junge Aristokrat aus Savia, bot damals dem Hunnenkönig seine Dienste an und zog mit seiner Frau, der Tochter von Romulus, dem Militärkommandanten von Norikum (dux Norici), in den Ordu Attilas. Die Verbindung zu seiner Familie konnte er, natürlich mit der von Hintergedanken nicht freien Genehmigung Atti- las, weiterhin aufrechterhalten. Attila, der sich in lebhafte diplomatische Beziehungen einließ, benötigte sehr gebildete, griechisch und latei- nisch sprechende Schriftkundige. Orestes war in ihrer Reihe, zusammen mit dem italischen Se- kretär Constantius - den Attila von Aetius be- kommen hatte -, bereits der vierte, wurde aber dem Rang nach bald der erste. Diese drei, vier römischen Sekretäre verwandelten Attilas Reich noch kaum in ein „bürokratisches". Entweder zogen sich die Verhandlungen ein Jahr lang hin, oder auch die Konzessionen wa- ren nicht imstande, die Angst und Spannung zu lösen. Aus dem berühmten Brief der Briten an Aetius im Jahre 446 (gerade zur Zeit der dritten Konsulschaft des Aetius), in dem sie um Hilfe ersuchten, geht hervor, daß die weströmische Regierung nach wie vor einen Angriff Attilas befürchtete; von einer Hilfe für die Bewohner Britanniens konnte keine Rede sein. Eine uner- wartete Gelegenheit richtete jedoch Attilas Augenmerk auf Konstantinopel, Rom atmete - allzu selbstsüchtig - auf. Am 27. Januar 447, Montag früh um 2 Uhr, wurde Konstantinopel von einem gewaltigen

- allzu selbstsüchtig - auf. Am 27. Januar 447, Montag früh um 2 Uhr, wurde Konstantinopel

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32. Bei dem Grab ton Szekszárd-Palánk kann beobachtet werden, daß die Frauen nichtgermanischer Herkunft der Hunnenzeit die Fibeln zum Zusammenhalten ihrer diagonal schließenden Oberkleidung gebrauchten (1). In einem Grab von Csongrád weisen die beiden im Schulterhereich getragenen Fibeln (sowie die Kamm- beilage) auf eine weite Oberkleidung tragende, ost- germanische Frau (2)

Erdbeben erschüttert. Eine lange Strecke der theodosianischen Mauern stürzte ein, 57 Türme lagen in Trümmern, darunter auch solche, die als Getreidelager gedient hatten. Die Haupt- stadt, die auch im Zentrum große Schäden erlit- ten hatte, wurde von einer Hungersnot und von Epidemien heimgesucht. Innerhalb der Erdbe- benzone erlitten auch andere oströmische Städte schwere Schäden. Mit diesem schrecklichen Er- eignis begannen Attilas Kriegszüge, er wollte die vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit gna- denlos ausnutzen. Er warf den Friedensvertrag beiseite und überflutete sofort das Reich mit seinen Heeren, darunter erstmals mit den in den Rang von Verbündeten erhobenen germani- schen Stämmen. Damit aber beraubte er sich der Hoffnung auf einen blitzschnellen Erfolg, der früher für die Hunnen so kennzeichnend ge- wesen war. Die Kriege Attilas waren militärisch gesehen keine Kriege der Hunnen. Dem sich ungewöhnlich langsam fortbewe- genden Heer stellte sich am Fluß Utus (Vit) in Mösien die oströmische Streitmacht in den Weg. Nach einem mörderischen Kampf, in dem auch der römische Heerführer (magister militiae) Ar- negisculus ums Leben kam, zwang Attila seine Gegner zum Rückzug, vermochte sie aber nicht zu vernichten. Das römische Heer zog sich wahr- scheinlich in das von Donau und Meer geschütz- te Festungsquadrat Scythia Minor (Dobru- dscha) zurück und bedrohte im Verlauf des Krieges von der Flanke und von hinten ständig das Heer Attilas. Aus diesem Grund war Attila zu einem Umweg über Serdica (Sofia) gezwun- gen, um gegen Konstantinopel vorzurücken. Diese Verzögerung ermöglichte den Bewohnern der oströmischen Hauptstadt, die Stadtmauern in selbstaufopfernder Arbeit innerhalb von zwei Monaten (!) wiederaufzubauen, ja am Rande des Wassergrabens vor diesen sogar noch eine

57. Schwert mit Parierstange, Bátaszék

58. s. Farbtafel XVIII

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Rande des Wassergrabens vor diesen sogar noch eine 57. Schwert mit Parierstange, Bátaszék 58. s. Farbtafel

57.

33.

Trachtbestandteile und Beigäben des hunnenzeitlichen Gemeinvolkes aus einem Grab von Lewenz/Léva/Levice:

Bronzefibeln, aus Bronzedraht geflochtener Halsring mit Perlen, hörnchenförmiger Lockenring, Silberzikade und Weißmetallspiegel

aus Bronzedraht geflochtener Halsring mit Perlen, hörnchenförmiger Lockenring, Silberzikade und Weißmetallspiegel 86

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59.

dritte äußere Mauer (peribolos) aufzuziehen:

Konstantinopel war wieder uneinnehmbar ge- worden. Die vor Konstantinopel zurückgeschreckten Heere Attilas zerstörten bis zu den Thermopylen die vom Erdbeben heimgesuchten Städte; einzel- ne Quellen berichten über die Vernichtung von mehr als 70 Städten. Die Art und Weise ihrer Kriegführung hatte sich im Laufe dieses Feldzu- ges geändert. Oströmische Quellen betonen, daß die Hunnen ehedem Klöster nicht zerstört, Mönche und Nonnen nicht umgebracht, Gräber der Heiligen und Kirchenkrypten nicht aufge- brochen haben. Dies ist offensichtlich eine Idea- lisierung früherer Umstände, als die Oströmer nur unter dem Angriff kleiner, rasch bewegli- cher, disziplinierter Reitertruppen zu leiden ge- habt hatten. Es ist dennoch Tatsache, daß die Hunnen früher mehrmals in Klöster des Balkans eindrangen, so auch in das berühmte Alexan- dros-Kloster in Drizipera, doch zeigten sie kei- nerlei Interesse für die Gräber der Märtyrer und Heiligen - aus früheren Erfahrungen wußten sie wohl, daß sie außer Knochen nichts darin finden würden. 447 wurde jedoch das Land von den seit Jahrzehnten in Armut lebenden, nach Beu- te hungernden, zu allem bereiten germanischen und iranischen Freibeutern überflutet, die wüte- ten und raubten. Der Angriff erstickte dennoch rasch. Attila sah sich gezwungen, das nicht mehr zu ernährende und zu zügelnde Heer zurückzu- ziehen. Die Friedensverhandlungen zogen sich jahre- lang hin. Die immer neuen Forderungen Attilas drohten, den mit dem Patricius Anatolius ge- schlossenen Vorfrieden des Jahres 448 zunichte zu machen. Attila sandte seine „Getreuen und Auserlesenen" wieder nacheinander nach Kon- stantinopel, wohl wissend, daß ja seine schatzhungrigen Unterführer dort immer reich- lich beschenkt wurden. Vor allem verlangte er die früher ausgehandelte Geldsumme, die er 448 auch zurückbekam. Zu seinen unerfüllbaren Forderungen gehörte jedoch die vollständige Räumung eines fast 500 Kilometer breiten Strei- fens des Südufers der Donau in einer Tiefe von fünf Tagesreisen von Pannonien bis Novae (Swischtow) an der unteren Donau. Die Grenz- stadt und zugleich der Standort des illyrischen Marktes sollte nach seinen Plänen die im letzten Krieg zum zweiten Mal zerstörte Stadt Naissus sein. Denn eines Marktes bedurften die Hunnen

Stadt Naissus sein. Denn eines Marktes bedurften die Hunnen 59. Schwert mit Parierstange, Pannonhalma auch zukünftig

59. Schwert mit Parierstange, Pannonhalma

auch zukünftig dringend, konnten sie doch ihr Vieh, ihre tierischen Produkte, ihre Sklaven nur auf einem Markt gegen Getreide, gewerbliche und Luxuserzeugnisse eintauschen. (Der Sohn Attilas, Dengi[t]zik, wird 469 dadurch zu Fall kommen, daß er die Oströmer mit Waffengewalt zur Eröffnung eines Marktes an der unteren Donau zwingen will.) Der hunnische Großkönig wollte nördlich von Naissus, auf dem Gebiet der einst blühenden Provinz Mösien, eine Grenzöde errichten. In dieser verzweifelten Lage beschloß Chrysaphius, der „demokratische" Minister der Friedenspartei, durch Bestechung des Skirenkö- nigs Edika Attila ermorden zu lassen. Genau zu der Zeit, als der ungeschickte Altentatsplan aus- geführt werden sollte, befand sich Priscus als Sekretär des Gesandten Maximinus im Ordu Attilas (Herbst 449). Priscus stammle aus dem an der Küste des Marmarameeres gelegenen Städtchen Panion, aus der Provinz „Europa", und dieses „Europäertum" paßt sehr gut zu sei- nem Wesen. Zu dieser Zeit war er aber eben noch

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60.

60. Goldblechverkleidung des unteren Bogenendes aus dem Opferfund von Pannonhalma

61. Goldblechverkleidung des Bogengriffes aus Pannonhalma

62. Goldblechverkleidung des oberen Bogenendes aus dem Fund von Pannonhalma

63.-64. s. Farbtafeln XIX-XX

ein Anlänger. Die Gesandtschaft vermochte nichts zu erreichen, weil sie Attila nicht für vornehm genug erachtete - worin sie auch recht hatte. Nach der Enthüllung des Attentats- planes wandte sich Attila direkt an Theodosius II. und forderte die Auslieferung des Chrysa- phius, aber eine Großmacht konnte doch ihren Ministerpräsidenten (magister officium) nicht ausliefern. Die bis zum Bersten gespannte Lage fand eine komödienhafte Lösung. Bereits gelegentlich des Gesandtschaftsbesuches Maximinus' hatte Pris- cus etwas bemerkt. Der wohlgezielte Wutaus- bruch Attilas traf die zum „Freund" des Aetius delegierten, eingebildeten weströmischen Ge- sandten wie eine kalte Dusche, machte er doch die Frage von Krieg oder Frieden von einem so unmöglichen Wunsch abhängig wie - später - dem der Auslieferung des Chrysaphius. Der Fall hatte sich noch 441 zugetragen. Zur Zeit der Belagerung Sirmiums gelang es dem Bischof der Stadt - unter geheimer Mitwirkung des aus Gallien stammenden Sekretärs Bledas. Constantius - die sakralen Gefäße der Kirche durch den Belagerungsgürtel zu retten. Constan- tius, ein Mann von zweifelhaftem Charakter, nahm später gelegentlich einer offiziellen Reise nach Italien die goldenen Kelche mit sich und verpfändete sie in einem Bankhaus der Stadt Rom, weil er sich in finanziellen Schwierigkeiten befand. Constantius wurde später wegen Verrats auf Befehl Bledas und Attilas gepfählt; die An- gelegenheit verlor sich jedoch im Dunkel der Geschichte. Auf irgendeine Weise erhielt Attila jetzt doch Kenntnis von den einstigen Machen- schaften des Constantius und forderte von den weströmischen Gesandten donnernd die Auslie- ferung des „ihm gestohlenen" Schatzes oder des an der Sache völlig unschuldigen „Diebes", des Bankiers oder Bankagenten Silvanus, der dem Kaiserhaus nahestand. Dies geschah zur auf-

der dem Kaiserhaus nahestand. Dies geschah zur auf- richtigen Schadenfreude der Oströmer, hatte doch die

richtigen Schadenfreude der Oströmer, hatte doch die hunnenfreundliche weströmische Re- gierung in den Kriegen der vierziger Jahre kei- nen Finger zur Hilfe der Oströmer gerührt. Konstantinopel verstand diese Wendung glänzend auszunützen und schickte auf aus- drücklichen Wunsch Attilas den nicht lange zu- vor (447) zur Würde eines Patriziers erhobenen Anatolius, derzeit schon Kommandant der kai- serlichen Garde (magister militum praesentalis), sowie den einstigen Wirtschaftsminister, den für seine Freigebigkeit berühmten Exconsul und Pa- trizier Nomus, als Gesandte. Nomus' politisches Bekenntnis war, daß in heiklen Fällen nicht mit dem Gold des Staates gespart werden dürfe. Kaum hatten sie die Donau überquert, begegne- ten sie Allila, der aus Aufmerksamkeit gegen- über seinen hochrangigen Gästen ihnen bis zum Fluß Drekon entgegengereist war. Die oströmi- schen Gesandten erhielten hier alles: Attila ver- zichtete in einem feierlichen Friedensvertrag auf seine territorialen Ansprüche, gab das Verspre- chen, den Kaiser wegen der Flüchtlinge nicht mehr zu belästigen, gab Vigila um einen Spott-

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61.

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61. 62. preis von 50 Pfund Gold frei, entließ eine Anzahl römischer Gefangener ohne Lösegeld, überhäuf-

preis von 50 Pfund Gold frei, entließ eine Anzahl römischer Gefangener ohne Lösegeld, überhäuf- te Anatolius und Nomus mit Geschenken, Pfer- den und wertvollen Pelzen und vergaß sogar, den jährlichen Tribut zu erhöhen! All dies be- weist, daß Attila inzwischen die Kräfteverhält- nisse der beiden Reichshälften gründlich erwo- gen hatte und zu der Einsicht gelangt war, daß die Kräfte des oströmischen Reiches vorerst un- erschöpflich waren, er hütete sich also vor einem neuerlichen Zusammenstoß. Der Friedensvertrag harrte nur noch der Rati- fizierung, als Theodosius II., der auf der Jagd vom Pferd gestürzt war, am 28. Juli 450 seinen Verletzungen erlag. Der am 25. August auf den Thron gesetzte alte Soldat Marcianus war ein Mann der „blauen" Partei der Senatoren und Aristokraten, jener Partei und Schicht, die für den Frieden keine einzige Goldmünze zu zahlen hereit war. Chrysaphius, der der „grünen" Partei angehörende Minister des Theodosius, wurde (statt von Attila) von dem neuen Kaiser hinge- richtet, der die Zahlung des den Hunnen seit einem Vierteljahrhundert entrichteten Tributs

Hunnen seit einem Vierteljahrhundert entrichteten Tributs sofort einstellte. Attilas Gesandten ließ er in

sofort einstellte. Attilas Gesandten ließ er in soldatischer Kürze mitteilen: Wenn sie Frieden hielten, würden sie eventuell Geschenke bekom- men, andernfalls sollte der Krieg entscheiden. Alle Erfolge von Ruga und Bleda wurden zu- nichte, das Oströmische Reich bereitete sich auf die Abrechnung vor. Attila aber war hilflos, da er sich immer mehr in die weströmischen Angelegenheiten verstrick- te: zuletzt in den Fall Honoria. Honoria war augusta, also Mitkaiserin, wurde aber von ihrem Bruder Valentinianus III. im Interesse der Ein- heit der Macht gewaltsam zu jungfräulichem Leben gezwungen. Wie aus den 449 ausgebro- chenen Skandalen bekannt ist, mit mäßigem Er- folg. Aus diesem Grund schickte die kaiserliche Familie Honoria nach Konstantinopel und be- legte sie dort mit Palastarrest (449). Die gedemü- tigte Kaisertochter wandte sich im Frühjahr 450 im geheimen an Allila um Hilfe und sandte ihm einen Ring. Attila nahm das Angebot ernst und forderte als „Mitgift" den - seiner Meinung nach - Honoria zustehenden Teil des Weströmischen Reiches. Gallien, für seine „Braut". Bevor noch

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der selbst an unmögliche Friedensanträge glau- bende Vetter im Osten. Theodosius II., diese Forderung eventuell angenommen oder unter- stützt hätte, führte man Honoria rasch nach Hause an den im Februar 450 nach Rom gezoge- nen Kaiserhof. verheiratete sie zum Schein und ließ sie für immer verschwinden. Attila hingegen drohte mit Krieg und forderte immer heftiger, die kaiserlichen Rechte seines Schützlings in Eh- ren zu halten. Dies wurde von Valentinianus III. natürlich entschieden zurückgewiesen. Attila aber halle vom Herbst 450 an keine andere Wahl als den Krieg gegen das Weströmische Reich. Schon das entfallene oströmische Gold konnte durch nichts ersetzt werden, obendrein wurde die Zahlung des weströmischen Tributs einge- stellt. Ein ewiges Zeugnis der inneren Zahlungs-

65. Aus dem Grabfund vonLewenz/Levice/Lévasind die Metallbeschläge der Sattelbretter zusammen mit der Einrahmung und den Pferdegeschirr- beschlägen erhalten geblieben

34.

Vom Eindringen östlicher, hunnischer, alanischer und germanischer Volkselemente in das Karpatenbecken zeugen die vorher unbekannten (A) Kurzschwerter, (B) Krüge mit Gußhenkel, (C) Bronzeschnallen, (D) kerbschnittverzierten Bronzefibeln, (E) Zikaden und (F) hörnchenförmigen Lockenringe

Schwierigkeiten und gleichzeitig der Wahrung des Scheins bilden jene Solidi, die nach dem Muster der Münzen von Theodosius II. aller Wahrscheinlichkeit nach auf Attilas Befehl ge- prägt worden waren. Wenn man von der Ver- breitung von „Attilas Münzen" ausgeht, kann man darauf schließen, daß der Zweck war, die unmittelbar nördlich des hunnischen Zentrums wohnenden germanischen Verbündeten durch pünktliche Überweisung der Zahlungen zu beru- higen und zur Zeit der Vorbereitung auf den gallischen Feldzug zu begeistern (Abb. 17). Es begann eine lebhafte diplomatische Tätig- keit sowohl von römischer wie auch von hunni- scher Seite zwecks Spaltung der fränkischen

diplomatische Tätig- keit sowohl von römischer wie auch von hunni- scher Seite zwecks Spaltung der fränkischen

65.

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Kräfte in Gallien sowie zur Gewinnung bezie­ hungsweise Irreführung der Wisigoten. Im Hin­ tergrund dieser hunnischen Aktion in Gallien kann eine eigenwillige Person vermutet werden:

Eudoxius, ein früherer Arzt, der zum Anführer eines Volksaufstandes geworden war, der ein­ stige Führer der machtfeindlichen Bagauden (Bauernaufständischen) der Loire-Gegend, war 448 an den Hof Attilas geflohen. Dieser „böse" Mann spielte vermutlich eine bedeutende Rolle in der Gestaltung der neuen Politik Attilas, die auf die Erwerbung Galliens abgezielt war. und noch mehr in der Bestimmung der eigentümli­ chen Angriffsrichtung Attilas im gallischen Feldzug. Eudoxius dürfte überhaupt an dem plötzlichen politischen Stimmungswechsel Atti­ las gegen das Weströmische Reich bestimmend beteiligt gewesen sein, den Priscus im Herbst 449 noch nicht ganz begriff.

Attilas

hatten nur wenig Erfolg, sowohl die römischen

Die diplomatischen

Vorbereitungen

66. Die Bronzetrense mit eisernem Mundstück aus dem Waffengrab von Keszthely ist ein osteuropäisches Erzeugnis

35. Im Donaugebiet als Unika gellende Bronze- und Silber­ fibeln kaukasischer Herkunft: 1-3 Óbuda (Altofen)- Aquincum, 4 und 6 Kisslowodsk, 5 Nordkaukasusgebiet, 7 Szőny/Brígetio, 8 Pilismarót, 9 Maikop, 10 Pécs/Sopia­ nae, 11 Tschegem, 12 Keszthely, 13 Bajtal-Tschapkan, 14 Karlsburg/Alba Iulia, 15 Gilatsch, 16 Schapkino (d. h. 1-3 und 7-8, 10, 12 Pannonien, 14 Dazien, 4-6, 9, 11, 13, 15-16 Nordkaukasus)

wie auch die germanischen Führer des Weströ­ mischen Reiches durchschauten meist seine Ab­ sichten. Die Unentschlossenen sollte die Art und Weise der Kriegführung von Attila in das feind­ liche Lager bringen: Die barbarischen Massen kannten keine Verbündeten oder Freunde. Anfang 451 führte Attila eine noch nie dage­ wesene Zahl von Kriegern der verbündeten Völ­ ker gegen Gallien. Der überwiegende Teil seines Heeres bestand aus Germanen: außer dem „un­ zählbaren" Heer der Gepiden aus den Streitkräf­ ten der Ostrogoten, Rugier, Skiren, Sweben, Alamannen, Heruler, Thüringer sowie Kräften der hunnenfreundlichen Burgunder und Fran­ ken. Attila war zum Einsatz der germanischen Heere genötigt, weil er seine mobilsten hunni­ schen Reitertruppen zur gleichen Zeit zur Unter-

der germanischen Heere genötigt, weil er seine mobilsten hunni­ schen Reitertruppen zur gleichen Zeit zur Unter-

66.

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Stützung der gegen die Perser rebellierenden Ar- menier einsetzte. Das hunnische Reiterheer ver- mochte jedoch nicht, die persischen Grenzsper- ren der kaukasischen Pässe zu durchbrechen und konnte die katastrophale Niederlage Arme- niens am 26. Mai 451 in der tragischen Schlacht auf dem Feld Avrair nicht verhindern. Im galli- schen Feldzug konnten die einsetzbaren hunni- schen Reiter das träge Heer bestenfalls begleiten, von der herkömmlichen hunnischen Taktik und Strategie konnte also keine Rede sein. Attilas Heer, das am 7. April bereits die ausge- brannten Ruinen von Divodurum-Mettis/Metz hinter sich gelassen hatte, zerstörte unterwegs Städte. Kirchen und Klöster. Es zog geradewegs gegen Südwesten bis Aureliani/Orléans und be- gann die Besetzung der die Steinbrücke der Loire schützenden, rundherum mit runden Tür- men befestigten Stadt. Die Brücke war von ent- scheidender Bedeutung, wer sie besaß, hatte frei-

67. s. Farbtafel XXI

68. Edelsteinverzierte Gürtel-, Schwertriemen- Stiefelschnallen aus dem Grab von Murga

und

Schwertriemen- Stiefelschnallen aus dem Grab von Murga und en Zugang zum Land der Wisigoten (Abb. 28).

en Zugang zum Land der Wisigoten (Abb. 28). Die spätrömische befestigte Stadt Aureliani am Brückenkopf war zwar bedeutend, aber nicht größer und stärker als die in Ausdehnung und Grundriß sehr ähnliche innerpannonische befe- stigte Stadt Iovia (Heténypuszta). Eine lang an- dauernde Belagerung konnte sie also auch so nicht aushalten, obwohl die gallische Stadt noch eine zahlreiche Bevölkerung und viele Verteidi- ger hatte. Hier stand Attila plötzlich einem aus vielen Völkern angeworbenen Entsatzheer ge- genüber. Den größeren Teil dieses gegen Attila ziehenden gallischen Heeres machten die Wisi- goten Theoderichs I. aus, während im ,,römi- schen" Heer des Aetius sämtliche barbarischen Völker Galliens vereint waren: Alanen, Burgun- der, Franken, Kämpfer der sarmatischen genti- les (Stammes-)Dörfer, Sachsen sowie die barba- rischen Soldatensiedler, die laeti. Attila zog sich vor dem Gegner langsam zurück, vermutlich suchte er ein zur Schlacht geeignetes Gelände - seine Wahrsager hatten ihm nämlich aus in Glut geworfenen tierischen Schulterblättern eine Nie- derlage prophezeit. Gemäß den uns erhalten gebliebenen zeitge- nössischen Berichten, darunter sämtlichen galli- schen Quellen, stießen die beiden Heere in der Ebene (campana). welche die Ortschaft Maurica oder Mauriacum umgab und fünf römische Mei- len (etwa 7,5 km) westlich der antiken Stadt Trecas/Tricassis/Tricassina (Troyes) gelegen war, aufeinander, und hier fand die pugna Mau- riacensum (Schlacht von Mauriacum) - wie sie im Gesetzbuch eines der Hauptbeteiligten, der Burgunder, bezeichnet wird - statt. Die Gegner trafen also auf den Feldern des Campus Mauria- cus oder des Mauriacum campanum zusammen, im weiteren geographischen Sinn am Südrand der Campania (Champagne) genannten Ebene, am linken Ufer der Seine und nicht auf den durch spätere und von nichtgallischen Auto- ren überlieferten Feldern von „Catalaunum" (Chälons-sur-Marne). Auf den Zeitpunkt der Schlacht kann aus den auf diesem Gebiet verläß- lich scheinenden Angaben der Legende des heili- gen Anianus (Vita Aniani) geschlossen werden:

Aureliani wurde am 14. Juni von der Belagerung Attilas befreit. Mit dem Rückzug auf einer Strecke von etwa 180-200 km und den Vorberei- tungen vergingen mindestens zwei Wochen, zur Schlacht kann es daher frühestens in den letzten Tagen des Monats Juni gekommen sein. Das

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36. Die sich dem Denkmälerbestand der ukrainischen Tschernjachow-Kultur des 4. Jahrhunderts anschließen- den

36. Die sich dem Denkmälerbestand der ukrainischen Tschernjachow-Kultur des 4. Jahrhunderts anschließen- den ostgermanischen Grab- und Siedlungs funde sind uns in immer größerer Zahl in den Tälern der Flüsse Hernád, Bodrog und der oberen Theiß bekannt

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Gebiet um den fünften Meilenstein vor Tricassis (Troyes) war vermutlich nur der Schauplatz ei- nes heftigen Zusammenstoßes, der sich entlang der Hauptverkehrslinie Aureliani-Tricassis im

37. Die mit Schuppenmastern verzierten Silberbleche waren Ortbänder und Scheidenbeschläge von Dolchen öst- licher Herkunft, die Tragbänder mit gezacktem Rand stammen von alanischen oder hunnischen Langschwer- tern und Dolchen

Schutz des Stromübergangs der Seine abspielte. Der Kampf in der Ebene wogte in nordnord- westlicher Richtung. In der Nähe des 18 km nordwestlich von Tricassis (Troyes) ebenfalls am linken Seineufer gelegenen antiken Städtchens Brolium ermordeten nämlich die Krieger eines germanischen Vasallenkönigs Attilas in der ner- vösen Stimmung vor oder nach der Schlacht den Presbyter Maximianus und dessen Gelahrten,

Attilas in der ner- vösen Stimmung vor oder nach der Schlacht den Presbyter Maximianus und dessen

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die im Auftrag des heiligen Lupus, des Bischofs von Tricassis. vor den König treten wollten. Dies bedeutet, daß der rechte Flügel der Hunnen offenbar den bei Brolium befindlichen anderen wichtigen Seineübergang verteidigte oder sich nach der Schlacht von dort in Richtung Pouan- Sur-Aube zurückzog. Brolium trägt seit dem frü- hen Mittelalter den Namen seines Märtyrers der Hunnenzeit (Saint Mesmin). Die Geschehnisse werden unterschiedlich in den Legenden um den heiligen „Memorius" wiedergegeben, der unter diesem Namen niemals existiert hat. Die Anzahl der Krieger, die auf 30 000 bis 50 000 Mann angenommen werden kann, wird von den fernen und späten Chroniken in einer für das Mittelalter kennzeichnenden Weise - mit Zehn multipliziert, obwohl die reale Schätzung an sich schon recht hoch für die Verhältnisse des Zeitalters der Spätantike ist. Die von drei Uhr nachmittags bis zur Abend- dämmerung dauernde Metzelei brachte und konnte auch keinen Sieger hervorbringen, nur Besiegte, und zwar zu Tausenden. Die überwie- gend mit römischen Waffen ausgerüsteten Bar- baren des Aetius konnten im Nahkampf doch die Oberhand gewinnen, sie drängten die schlechter ausgerüsteten Barbaren Attilas all- mählich zurück. Attila zog sich bei Einbruch der Dunkelheit in sein Lager zurück und ließ für den Fall, daß der Feind einbrechen sollte, aus Holz- sätteln - angeblich - einen Scheiterhaufen er- richten. Er wollte lieber bei lebendigem Leibe verbrennen als in die Hände seiner Feinde gera- ten. Er bewertete demnach den bisherigen Ver- lauf der Auseinandersetzungen nicht optimi- stisch. Das wisigotisch-römische Heer wagte jedoch wegen des dichten Pfeilhagels der Hunnen - zu Attilas Glück waren auch Hunnen hier! - nicht, das Lager zu stürmen, und zog sich nach Ein- bruch der Dunkelheit in sein eigenes Lager zu- rück. Auch Aetius „verbrachte die Nacht unter dem Schutz der Schilde". In der Nähe des Hun- nenlagers oder des Schlachtfeldes wurde erst vor kurzem ein Bruchstück eines hunnischen Opfer- kessels gefunden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser mit der Bestattung des in der Schlacht gefallenen Laudarich, des Verwandten Attilas, zusammenhängt. Auch die Wisigoten suchten nach ihrem gefal- lenen König und nahmen ihn mit (der von sei- nem Pferd gerissene Theoderich I. wurde von

(der von sei- nem Pferd gerissene Theoderich I. wurde von 69. Krug mit Clättverzierung, eine „barbarische"

69. Krug mit Clättverzierung, eine „barbarische" Variante spätantiker Krüge, Murga

den Ostrogoten ermordet), seine Söhne mit dem Thronfolger Thorismud, der in der Schlacht eine Kopfwunde bekommen hatte, an der Spitze, eil- ten heim, um sich ihre Herrschaft zu sichern. Die anderen Verbündeten zerstreuten sich. Aetius hätte mit seinen unbedeutenden Streitkräften die Verfolgung des eine Zeitlang noch in seinem Lager verbleibenden, dann sich langsam zurück- ziehenden Attila, dem Lupus, Bischof von Tricas- is, den Weg bis zum Rhein wies, kaum aufneh- men können. Übrigens gab er sich dem Irrglau- ben hin, er könne die Hilfe seines einstigen Freundes gegen die machthungrigen Wisigoten - und vielleicht einmal auch gegen seinen eige- nen Kaiser - noch benötigen. Er irrte sich. Aber auch Attila war im Irrtum, als er nach seiner Heimkehr aus Gallien wieder versuchte, die Oströmer zu erpressen: Entweder bekomme er seinen früheren Tribut wieder oder er werde Krieg führen. In seinem Zorn ließ er die oströmi- sche Gesandtschaft, die unter der Leitung des Militäroberkommandierenden Apollonius über

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die Donau zu ihm gekommen war, nicht vor. Er forderte von ihr unter Todesandrohung nur die Geschenke des Kaisers - Geschenke ohne Ver- handlung verweigerte jedoch Apollonius rund- weg. Erreicht wurde somit nichts. Attila aber war wegen des bedrückenden Goldmangels abermals gezwungen, das geringeren Wider- stand leistende Weströmische Reich anzugrei- fen. Im Spätfrühling des Jahres 452 zogen Attila und sein Heer durch Pannonien und überschrit- ten die von Aetius nur wenig geschützten Ge-

birgspässe der Julischen Alpen. Nach einer har- ten dreimonatigen Belagerung „eroberten und zerstörten" sie die vom Meer, von Flüssen und Sümpfen geschützte, durch Gewalt noch niemals eingenommene Stadt Aquileia, die dem Rang nach neuntgrößte Stadt des Gesamtreiches. Von hier setzten sie ihren Weg über Concordia-Alti-

num-Patavia/Padua-Vicentia/Vicenza-Verona-

Brexia/Brescia-Bergamus/Bergamo und Medio-

70. Pferdetrense mit eisernem Mundstück undSilber- knebel aus Lengyeltóti

lanum/Mailand bis Ticinum/Pavia fort. Die Städte, die ihnen das Tor nicht freiwillig öffne- ten, gingen in Flammen auf. Die meisten erga- ben sich also lieber. In dieser verzweifelten Lage wandten sich Kaiser Valentinianus III. und seine in Rom resi- dierende Regierung in Ermangelung einer besse- ren Idee oder Lösung der erprobten Praktik der Oströmer zu. Unter der Führung des Avienus, des Konsuls des Jahres 450, schickten sie Trigetius, den Präfekten der Ewigen Stadt, und Leo I. (den Großen), den Bischof von Rom. den Papst, als Delegierte zu Attila. Ihre Hoffnung setzten sie offensichtlich in Trigetius, dem es 435 in der Stadt Hippo Regius gelungen war, mit dem dia- bolischen König der Wandalen. Geiserich, über- einzukommen. Die vornehme und glänzende Gesandtschaft traf mit Attila am Mincio-Fluß zusammen: Sie bat um Waffenstillstand und er- hielt ihn auch. Der Papst schloß hinsichtlich der verschleppten Gefangenen ein günstiges Ab- kommen - sicher nicht gratis oder billig. Danach verließ Attila Italien und zog sich hinter die Donau zurück. Der Waffenstillstand am Mincio

oder billig. Danach verließ Attila Italien und zog sich hinter die Donau zurück. Der Waffenstillstand am

70.

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bot einen günstigen Vorwand zum Rückzug. Bei der Belagerung Aquileias hatte nämlich das Heer schwere Verluste erlitten, dann brach infol- ge der unbeerdigten Toten in der Sommerhitze eine Epidemie in Norditalien aus, die auch auf die Streitkräfte übergriff. Die Menschenmassen grasten, Heuschrecken gleich, alles ab, man konnte sie nicht verköstigen. Dennoch war dies nicht die Hauptursache für den Rückzug. Wäh- rend Attila und sein Heer Norditalien verwüste- ten, setzten oströmische Truppen über die Do- nau und besiegten das hunnische Grenzschutz- heer in Attilas eigenem Land. Kaiser Marcianus entlastete das Weströmische Reich und fiel ge- nau zum richtigen Zeitpunkt Attila in den Rük- ken, ja er schickte Aetius sogar Hilfstruppen. Attila und sein Reich gerieten in einen Zweifron- tenkrieg, der das hunnische Zentrum in der Do- naugegend früher oder später mit der sicheren Vernichtung bedrohte. Attila, bis zum Äußersten erbittert und jetzt schon fast verzweifelt, warf die Wiederherstel- lung des theodosianischen Tributs in die Waag- schale zwischen Krieg und Frieden (vgl. Abb. 75) und bereitete sich auf einen Vergel- tungsfeldzug gegen Marcianus vor. Dazu kam es jedoch nicht mehr: Im Frühjahr 453 starb Attila während einer neuerlichen Hochzeitsnacht ver- mutlich im Schlaf an Blutsturz. Nach einer schö- nen Sage des Altertums „erschien dem Kaiser Marcianus, den der grimmige Gegner beunru- higt hatte, in derselben Nacht eine Gottheit und zeigte ihm den zerbrochenen Bogen Attilas. Die Waffe, von der dieses Volk so viel hielt."

38. Das größerenteils erhalten aufgefundene Männergrab von Lébény ermöglichte einen Einblick in die vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten hunnenzeitlicher Goldschnal- len. Je nach Form und Größe waren sie an Gürtel-, Schwert- und Stiefelriemen befestigt

hunnenzeitlicher Goldschnal- len. Je nach Form und Größe waren sie an Gürtel-, Schwert- und Stiefelriemen befestigt

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Eine sonderbare Bilanz:

Unterdrücker und Unterdrückte Römer und Barbaren - Götter und Heilige

Eudoxius

Die Gallische Chronik berichtet im Jahre 448:

„Eudoxius. Doktor der Medizin, ein böser, aber in den Wissenschaften überaus bewanderter, gebildeter Mann, der sich zu jener Zeit dem Ba- cauden-Aufstand angeschlossen hatte, flüchtete (jetzt) zu den Hunnen."

71. s. Farbtafel XXII

72. Krug aus dem Grab von Lengyeltóti

71. s. Farbtafel XXII 72. Krug aus dem Grab von Lengyeltóti Wenn man von dem in

Wenn man von dem in der „offiziellen" Chro- nik obligaten Attribut „böser" absieht, so er- hält man das Porträt eines überaus hervorra- genden Mannes: Der „intellektuelle" Führer der gallischen Bagauden kann kein alltäglicher Mensch gewesen sein. Die gegen die zentrale Macht Roms und die senatorische Aristokratie Galliens gerichteten Bagauden-Aufstände blick- ten damals bereits auf eine blutige Vergangen- heiT von anderthalb Jahrhunderten zurück. Der kaum ein Jahrzehnt vorher unterdrückte und damals von Tibatto geführte Aufstand brach unter der Führung des Eudoxius wieder aus. Von den entlang des mittleren Laufes der Liger/ Loire entfachten Kämpfen ist nur so viel be- kannt, daß ein junger Offizier des Aetius, der spätere weströmische Kaiser Maiorianus, zwi- schen 446 und 448 die Stadt Turonium/Tours gegen die angreifenden Bagauden verteidigt hat. Wir wissen jedoch nicht, wie und wann der Auf- stand zusammengebrochen ist (ob er überhaupt im Jahre 448 zusammengebrochen ist?). Wir werden bloß über die überraschende Folge un- terrichtet: Der Führer floh zu Attila. Über die Ursachen der Bagauden-Aufstände in Gallien zwischen 435 und 448 erzählt ein Zeitgenosse, der in Treveri/Trier geborene Pres- byter Salvian(us) von Massilia/Marseille.

39. Die Verbreitung der zur Tracht der militärischen Aristo- kratie gehörenden edelsteinverzierten, kreisförmigen oder schwach ovalen Schnallenbeschläge zeugt in ein- drucksvoller Weise davon, dali die tatsächliche Beset- zung auf Pannonien und seiner nächsten Umgebung lastete. Allein der reichste und alle Schnullentypen um- fassende Fund von Nagyszéksós weist auf das hunnische Zentrum in der Theißgegend

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73/1. 73/1.-5. Funde aus dem Grab eines vornehmen jungen Hunnen, Budapest-Zugló „Über die Bacauden, die von

73/1.-5. Funde aus dem Grab eines vornehmen jungen Hunnen, Budapest-Zugló

„Über die Bacauden, die von verruchten, grausamen Richtern ausgeraubt, gepeinigt und unterdrückt wurden, sagt man mir nun, daß sie durch den Verlust der römischen Freiheitsrechte gleichzeitig auch die mit dem römischen Namen verbundene Ehre verspielt hätten. Ihr Unglück wird ihnen als eigene Sünde angerechnet, selbst ihre unglückselige Bezeichnung wird ihnen vor- geworfen, obwohl wir diese für sie erfunden ha- ben. Wir nennen sie Rebellen und erklären sie für ruchlose Übeltäter, obwohl wir sie selbst gezwungen haben, Verbrecher zu werden. Denn was sonst hat die Bacaudenunruhen ins Leben gerufen, wenn nicht die Ungerechtigkeit der Unsrigen, wenn nicht die Ehrlosigkeit der Rich- ter, schließlich verurteilten sie sie zur Einziehung ihres Vermögens und machten dies zu ihrer eige- nen Beute sowie jene, die das Amt der Steuerein- treibung zu einem gewinnsüchtigen Geschäft ge- macht haben und sie unter dem Titel der Steuer- bemessung zu ihrer eigenen Beute machten. Die die ihnen Anvertrauten nicht geleitet, sondern grausamen Bestien gleich aufgefressen haben,

und nicht nur zwecks Beschaffung von Beute, wie dies gewöhnliche Räuber zu tun pflegten,

sondern sie schwelgten in ihrer Zerfleischung

und in ihrem Blut

Ausweg gab, „waren sie gezwungen, wenigstens ihr nacktes Leben zu retten, da sie einsahen, daß die Freiheit für sie für immer verloren war. Was sonst geschieht heute, wenn nicht das gleiche, was früher geschehen war: Wer bisher kein Ba- caude war, ist jetzt gezwungen, einer zu wer- den."

Die Bagauden versuchten also zumindest ihr nacktes Leben zu retten, aber was geschah mit den anderen (?): „Die Armen werden ausgeplün- dert, die Witwen jammern, die Waisen werden unterdrückt. So sehr, daß viele und keineswegs nur jene niedriger Herkunft, sondern gut ausge- bildete, geschulte Menschen zum Feind fliehen, sie wollen nicht den Qualen der staatlichen Ver-

folgung erliegen. Bei den Barbaren suchen sie die römische Menschlichkeit, da sie bei den Römern die barbarische Unmenschlichkeit zu erdulden

Sie ertragen also lieber

unter den Barbaren die fremde Lebensweise als die unter den Römern wütende Ungerechtigkeit. Deshalb wandern sie rundum entweder zu den Goten oder zu den Bacauden oder anderswohin, wo Barbaren herrschen. Sie bereuen niemals, daß sie umgesiedelt sind, da es besser ist, unter dem Schein der Gefangenschaft in Freiheit zu leben als unter dem Anschein der Freiheit gefan- gen zu sein." Bestürzende Worte und ein erschütterndes Krankheitsbild, eine mutige Anklageschrift, die sich noch lange fortsetzt. Kein Wunder, daß der fromme und gottesfürchtige Presbyter bei den Mächtigen seiner Zeit nicht beliebt war, und er ist es vielleicht noch weniger bei heutigen Histo- rikern der „römischen" oder „gallo-römischen" Sache. Die Angelegenheit der Bagauden gilt - genau wie in den Augen der Reichs- und galli- schen Aristokratie - auch heute als ein „rom- feindlicher", „antirömischer Paroxysmus" (Tob- suchtsanfall), die unglücklichen Bagauden gel- ten als „Verräter", Salvian selbst als verblende- ter Moralist. Diese Historiker versuchen die Sa- che der Bagauden genauso wenig zu verstehen wie jene, die die verzweifelte Notwehr der an die Peripherie der Gesellschaft gedrängten Men- schen als eine „Klassenkampf-Bewegung" von selbstbewußten Aufständischen hinstellen. Es lohnt sich eher, Salvian zu glauben, der

" Da es keinen anderen

außerstande waren

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auch eine Erklärung für die in der Gallischen Chronik enthaltene Nachricht gibt. Salvian macht kein Geheimnis aus den auslösenden Faktoren des Bagauden-Aufstandes und ver- heimlicht nicht, daß auch die „Intelligenz" mit ihnen sympathisierte. Mit den Bagauden und mit den Barbaren, wobei, wenn man zwischen den Zeilen liest, sogar der Schatten der von den Barbaren geleiteten Großmacht in Erscheinung tritt. Haben also tatsächlich die Barbaren die persönliche Freiheit vertreten? Eine viele Jahr- hunderte zurück oder vorwärts führende Frage, die schwerlich mit einem Ja oder Nein zu beant- worten ist. Dem spätrömischen, aus den despoti- schen hellenistischen Reichen entstandenen, bürokratisch und zentralistisch organisierten Staatsmechanismus war nicht mehr zu helfen:

Er konnte nur noch die Herrschaft einer kleinen aristokratischen Schicht und der Soldateska mit rücksichtslosen Mitteln sichern. Die für die Herrschenden und die Untergebenen gleicher- maßen verpflichtenden persönlichen Rechte - der Vorfahre der europäischen Freiheit - garan-

tierte trotz aller Widersprüchlichkeit die barba- rische Seite. Dies erkannten die Bagauden und ihr Führer Eudoxius, der kaum zufällig zu den Hunnen und zu Attila geflohen war. Dies wird noch von der legendären Biogra- phie des Aureliani/Orléans verteidigenden Bi- schofs Anianus/Saint Aignan, der Vita Aniani. die vor dem 6. Jahrhundert überhaupt noch nicht existierte, übertroffen. Immerhin berichtet die Vita Aniani aufgrund lokaler Überlieferun- gen, jedoch mit den damaligen politischen Ver- hältnissen sehr gut übereinstimmend, daß die Verteidiger der Stadt - trotz des Protestes des Anianus - schon tagelang mit dem Beauftragten Attilas, einem Bischof, wahrscheinlich Lupus von Tricassis, über die Kapitulationsbedingun- gen verhandelt hatten und noch bevor die Ent- satztruppen des Aetius und Theoderich einge- troffen waren, „an jenem Tag die Tore öffneten, durch die die hunnische Vorhut in die Stadt eindrang". Der Verfasser der Legende will auch wissen, daß sich die Offiziere der Hunnen an- schickten, die Stadt zu plündern - die bewegliche

will auch wissen, daß sich die Offiziere der Hunnen an- schickten, die Stadt zu plündern -

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7 3 / 3 . 7 3 / 4 . 73/5. Habe ließen sie schon auf

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7 3 / 3 . 7 3 / 4 . 73/5. Habe ließen sie schon auf

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7 3 / 3 . 7 3 / 4 . 73/5. Habe ließen sie schon auf

Habe ließen sie schon auf die Wagen aufladen - und ihre Bewohner zusammen mit ihrem Hab und Gut mitzunehmen, als sie von den Entsatz- truppen überrascht wurden. Mit einem Wort:

„Sie belagerten und nahmen die Stadt und plün- derten und zerstörten sie dennoch nicht." Dies wird auch durch einen kurzen und bündigen Satz in einem Brief bestätigt, den der gallische Zeitgenosse Sidonius Apollinaris, Bischof von Clermont, dem Bischof von Aureliani, Prosper, schrieb: „Aurelianensis urbis obsidio, oppugna- tio, inruptio nec direptio." Dem eilig abziehen- den Heer Attilas schlossen sich aus den Reihen der Verteidiger die Gegner des Anianus an, „die freiwillig, von selbst zu den Barbaren übergelau- fen sind, da sie seinen Gebeten [wortwörtlich:

Weissagungen] nicht trauten". Es dürfte sich bei ihnen offenbar um jene bagaudischen Gefange- nen gehandelt haben, die - nach der Biographie von Comes Agrippinus, der die Verteidigung der Stadt organisierte -, auf Bitte und Vorschlag des Anianus auf freien Fuß gesetzt worden waren. Es blieben aber noch immer gerade genug Fein- de der römischen Ordnung in der Stadt, weil Anianus nur „durch sein persönliches Eingreifen die Niedermetzelung der Widerstandskämpfer verhindern konnte, namentlich jener, die vom Zorn des plötzlich eindringenden [Entsatz-] Hee- res bedrängt wurden". Gab es also in der Stadt selbst nicht genug Feinde, die die Tore hätten öffnen können? Standen die Dinge wohl nur im Westteil des Reiches so? Lesen wir wieder den Priscus von Panium.

Der Kaufmann von Viminacium

„Als ich mit den die Geschenke schleppenden Dienern das Haus des Onegesius erreichte, wa- ren die Tore noch geschlossen; ich mußte also geduldig warten, bis jemand herauskam und mich anmeldete. Eine Weile spazierte ich vorder Pfahlmauer, die das Haus umgab, als ein Mann heraustrat. Seiner skythischen Kleidung nach hielt ich ihn für einen Barbaren, doch er begrüß- te mich mit dem griechischen Chaire [Heil]. Es überraschte mich sehr, daß ein Skythe griechisch sprach. Da die Skythen ein Gemisch von aus verschiedenen Ländern zusammengescharten

Völkern sind, pflegen sie außer in ihrer barbari- schen Sprache, dem Hunnischen und dem Goti- schen, wenn sie mit Römern zusammentreffen, ausonisch [lateinisch] zu sprechen; in helleni- scher Sprache kann man sich kaum mit jeman- dem verständigen, höchstens mit Kriegsgefange-

die an ihrer zerfetzten Kleidung und

ihrem schmutzigen Haar leicht zu erkennen sind. Dieser Mann hingegen schien ein wohlgeklei- deter Skythe zu sein, sein Haar war auf skythi- sche Art geschoren. Ich erwiderte seinen Gruß und fragte ihn, wer er sei, wie er in dieses fremde Land gekommen und wie es möglich sei, daß er auf skythische Art lebte. Als Antwort fragte er mich, warum ich dies alles wissen möchte. Ich

antwortete ihm, meine Neugierde sei durch sei- nen hellenischen Gruß ausgelöst worden. Er lachte und begann dann zu erzählen. Er sei tat- sächlich gebürtiger Grieche, dereinst Kaufmann in Mösien, in der am lster gelegenen Stadt Vimi-

nen

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nakion [Viminacium, Kostolac] war. Er lebte

dort längere Zeit und heiratete sehr reich. Als die Stadt in die Hände der Barbaren geriet, verlor er seine gesamte Habe, er selbst gelangte bei der Verteilung der Beule - wegen seines einstigen

Später kämpfte er

mutig gegen die Römer und die Akat[z]iren, und als er seine Kriegsbeute dem Gesetz der Skythen entsprechend seinem Herrn übergab, schenkte ihm dieser seine Freiheit. Er heiratete eine bar- barische Frau und hat Kinder. Im übrigen ist er ständiger Gast am Tisch des Onegesius, und dieses Leben gefällt ihm viel besser als das frühe- re. Bei den Skythen ist nämlich das Leben, wenn der Krieg zu Ende ist, bequem, leicht und sorg- los, während bei den Römern der Krieg den Menschen im Nu zugrunde richtet. Hauptsäch- lich deshalb, weil sie hinsichtlich ihrer Sicherheit auf die Hilfe anderer hoffen müssen; ihre Tyran- nen gestatten es ihnen nämlich nicht, Waffen zu

Reichtums - zu Onegesius

40. Cloisonnierte Goldschnallen mit kreisförmigen and ova- len Beschlägen aus hunnischen Funden in der Ukraine, im Kaukasus und von den Steppen der Krim

tragen [um sich damit selbst zu verteidigen] Noch ärger als die Schrecken des Krieges sind jedoch die Verhältnisse im Frieden infolge der hohen Steuern und aller Greuel, die man seitens der Schurken erdulden muß, gelten doch die Gesetze bei weitem nicht in gleicher Art für jedermann. Wenn ein Reicher das Gesetz ver- letzt, muß er deswegen keine Strafe befürchten, wenn dies aber ein Armer oder Unwissender tut, dann muß er mit Sicherheit auf die Strenge des Gesetzes gefaßt sein und wird - vorausgesetzt, daß er nicht schon beim Verhör sein Leben las- sen muß - durch die sich lange hinziehende Pro- zeßführung aufgerieben und inzwischen seines Geldes beraubt. Das größte Übel ist jedoch, daß man die Gerechtigkeit mit Geld erkaufen muß. Keiner bekommt recht, sei ihm eine noch so große Rechtswidrigkeil widerfahren, solange er den Richter und die Häscher nicht mit einer guten Summe Geldes schmiert." Die langatmige historische, rechtliche und gesellschaftspolitische Entgegnung des Priscus wirkt kaum überzeugend, sie macht den Ein- druck, als ob er selbst dem zustimme, was er aus

Entgegnung des Priscus wirkt kaum überzeugend, sie macht den Ein- druck, als ob er selbst dem

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dem Munde des Kaufmannes aus Viminacium gehört hat. Seine Erörterung gipfelt in einer Lehrfabel: „Die Gesetze sind für jedermann ver- pflichtend, und jedermann, selbst der Kaiser, muß sie befolgen, und es ist nicht wahr, worüber du dich beklagst, daß die Reichen gegenüber den Armen ungestraft gewalttätig handeln dürfen

die Gesetze gelten für die Armen genauso wie für "

Zuletzt geht Priscus abermals zu

weit: „Die Römer behandeln sogar ihre Sklaven besser [nämlich als die Hunnen], sie gehen mit ihnen wie ein Vater oder Lehrmeister um und sind darauf bedacht, daß ihnen keine Rechts- widrigkeit widerfahre, sie streben das Gute an

und beschützen sie wie ihre eigenen Kinder vor "

mag sein, daß die römi-

schen Gesetze ausgezeichnet sind, offenbar ist auch die römische Staatsordnung gut, nur küm- mern sich jene, die an der Macht sind, schon lange nicht mehr um ihre Vorfahren." Priscus, wenn auch anscheinend mit unsiche- ren Worten, wozu er guten Grund hatte, läßt den Kaufmann von Viminacium fast wortwört- lich die Klagen des Salvian wiederholen. Zwei- fellos gab es Menschen, die ihre persönliche Si- cherheit und ihre Freiheit eher bei den Barbaren

die Reichen

dem Bösen „Er antwortete:

41. Die Einheit der hunnenzeitlichen Tracht beweisen die vom Kaukasus bis zur Seine in gleicher Form ver- breiteten, am Gürtel zu befestigenden ösenringe und Rundschnallen

als im Imperium gewährleistet sahen. Schon zur Zeit des Feldzuges nach Vorderasien im Jahre 395 stellten die orientalischen Zeitgenossen kon- sterniert fest, daß sich viele den Hunnen ange- schlossen hatten.

Onegesius/Hunigis

Der Großwesir des Hunnenreiches war nicht hunnischer Abstammung. Dies gestand er selbst, als er im Zelt der oströmischen Gesandten mit Maximinus und Priscus griechisch - aller Wahr- scheinlichkeit nach in seiner Muttersprache! - plauderte. Er bemerkte, und das nicht nur so nebenbei, daß er seine unter den Hunnen ver- brachte Jugend nicht leugnen könne. Demnach geriet er schon in jungen Jahren unter die Hun- nen und wurde ein überzeugter Hunne - ein Jahrtausend später sollten die Großwesire des Osmanischen Reiches fast ausnahmslos den glei- chen Weg gehen. Wir wissen, daß Onegesius auch gut lateinisch gesprochen hat, der schla- gendste Beweis seiner griechisch-römischen Her- kunft ist jedoch das antike Bad, das er sich in der Nähe seines Palastes hat errichten lassen. Um 440 zählte Onegesius zu den Hauptleuten Bledas. Darüber besitzen wir durch die vorhin zitierte Erzählung des Kaufmannes von Vimina- cium Kenntnis. Viminacium wurde nämlich durch Bleda erobert, unter den vornehmen und reichen Gefangenen trafen nach dem Großkönig

Viminacium wurde nämlich durch Bleda erobert, unter den vornehmen und reichen Gefangenen trafen nach dem Großkönig

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75/1-3. 74. s. Farbtafel XXIII 75/1-2. Vergoldete Bronzeschnallen aus dem Grab von Gencsapáti 75/3. Haarpinzette,
75/1-3. 74. s. Farbtafel XXIII 75/1-2. Vergoldete Bronzeschnallen aus dem Grab von Gencsapáti 75/3. Haarpinzette,

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75/1-2. Vergoldete Bronzeschnallen aus dem Grab von Gencsapáti

Vergoldete Bronzeschnallen aus dem Grab von Gencsapáti 75/3. Haarpinzette, Gencsapáti seine Hauptleute ihre Wahl,

75/3. Haarpinzette, Gencsapáti

seine Hauptleute ihre Wahl, und unser Mann fiel schon damals Onegesius zu. Da im Jahre 441 auch Sirmium unter die Herrschaft Bledas ge- langte, ist der Zeitpunkt gegeben, nach dem sich nicht viel später Onegesius durch einen in Sir- mium gefangengenommenen Baumeister im zen- tralen Ordu der Hunnen ein Bad bauen ließ. Wenn er solches tun konnte, muß in der Nähe auch sein Palast gestanden haben. Folglich muß Onegesius ab den 440er Jahren Großwesir Ble- das, also des westlichen Flügels des Hunnenrei- ches gewesen sein. Daß seiner Stellung auch der Sturz Bledas keinen Abbruch tat, ist damit zu erklären, daß sein Bruder Skotta(s) der Vertrau- te Attilas war; wir begegnen ihm bereits in den Jahren 441 und 443 an der Seite Attilas. Onege- sius ging gelegentlich des Attila-Putsches nicht

nur zum neuen Großkönig über, er behielt auch seine Macht und Würde, was für eine besondere Anpassungsfähigkeit spricht. Seine Begabung als Feldherr und Diplomat erhob ihn an die Seite der Dynastie. Denken wir nur an das Fest- mahl, bei dem sein Armstuhl gegenüber den beiden jüngeren Söhnen Attilas, aber an einem vornehmeren Platz, nämlich zur Rechten Atti- las, stand. Die Wertschätzung seiner Fähigkei- ten zeugt auch vom staatsmännischen Weitblick Attilas. Das alles wußte man natürlich auch in Kon-

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stantinopel, wo man seine Umgangsformen, sei- nen Verstand, seine Flexibilität und freilich auch den Umstand, daß man mit ihm griechisch ver- handeln konnte, hoch einschätzte. Sie rechneten mit ihm und wollten ihn gerne für sich gewinnen. Während im Hintergrund der schmutzige Atten- tatsplan des Chrysaphius seinen Lauf nahm, wies der Kaiser persönlich Maximinus und Pris- cus an, alles zu unternehmen, um Onegesius zu umgarnen. Zu diesem Zweck sandte ihm der Kaiser eine ungewöhnliche Menge an Geschen- ken, vor allem Gold in einer solchen Fülle, daß Priscus bei der Übergabe von einer Schar Träger begleitet wurde. Schon daraus geht die Absicht der Bestechung klar hervor. Noch offensichtli- cher wurde diese, als Onegesius, um sich für die Geschenke zu bedanken, in das Zelt des Maxi- minus ging und dort mit den beiden oströmi- schen Herren alleinblieb. Maximinus wollte Onegesius bei seiner Eitelkeit packen und schmeichelte ihm deshalb folgendermaßen: Es wäre an der Zeit, daß Onegesius bei den Men-

42. Goldene Ohrgehänge mit Anhängsel aus einem öster- reichischen und einem dagestanischen Grabfund. Untersiebenbrunn (1) und Iragi (2)

dagestanischen Grabfund. Untersiebenbrunn (1) und Iragi (2) schen zu großem Ruhm und hoher Ehre gelang- te.

schen zu großem Ruhm und hoher Ehre gelang- te. Dies könnte er erreichen, indem er zum Kai- ser ginge und durch seine Weisheit in strittigen Fragen Ordnung schaffte und zwischen den Rö- mern und den Hunnen Frieden stiftete. Seine Sendung wäre nicht allein für beide Völker von Nutzen, sie würde auch seinem eigenen Haus zahllose Wohltaten einbringen, er selbst und sei- ne Kinder aber würden für ewige Zeiten die Freundschaft des Kaisers und seiner Familie gewinnen. Dieses durchschaubare Angebot kam dem Großwesir verdächtig vor. Er fragte daher Ma- ximinus, mit welchen Taten er das Wohlwollen des Kaisers gewinnen sollte, und wie er sich eigentlich die persönlichen Verhandlungen mit ihm vorstellte. Maximinus erwiderte, daß One- gesius beim Betreten römischen Gebietes und im Falle des Ebnens der Schwierigkeiten die Gunst des Kaisers erfahren würde, vor allem wenn er die Verhandlungen so einleitete, daß sie die Sa- che des Friedens förderten. So lautete der mit Friedensphrasen gespickte, tugendhafte Text des Priscus. Aus der Antwort des Onegesius geht jedoch hervor, daß sich Maximinus noch viel weiter vorgewagt hate. Onegesius erwiderte nämlich, daß er dem Kai- ser und seinen Ratgebern nur das sagen könnte, was Attila wünschte. „Oder glauben die Römer ernsthaft, daß sie mich dazu bewegen könnten, meinen Herrn zu verraten, meine unter den Sky- then verbrachte Jugend zu verleugnen, meine Frauen und Kinder zu vergessen? Glauben sie wirklich, daß die Abhängigkeit von Attila für mich nicht günstiger ist als der Reichtum unter den Römern?" Diesem einmaligen Zeugnis barbarischen Selbstbewußtseins fügte Onegesius noch ver- söhnlich hinzu: Es wäre auch für die Römer um vieles nutzbringender, wenn er hier in seinem Lande bliebe. Hier könnte er nämlich seinen Herrn mäßigen, falls sich dieser wegen irgendet- was über die Römer empörte. Wenn er hingegen zu ihnen ginge, wäre er dem Verdacht ausge- setzt, die Sache Attilas zu verraten. Onegesius half tatsächlich. Einem Talleyrand gleich begann er zu erkennen, wohin die sangui- nischen Ausbrüche seines Herrn führten. Zum Verräter wurde er jedoch nicht, denn Attilas Sache war für ihn gleichbedeutend mit der Sache der Hunnen. Offenbar war er es, der Attila den Rat gab, sich nicht in einen Zweifrontenkrieg zu

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76. 76. Hunnischer Gräberschmuck des gemeinen Volkes, Tamási-Adorjánpuszta verwickeln, teilte er doch den oströmischen

76. Hunnischer Gräberschmuck des gemeinen Volkes, Tamási-Adorjánpuszta

verwickeln, teilte er doch den oströmischen Ge- sandten die Entscheidung seines Herrn mit, mit vornehmen Beauftragten im Range von Kon- suln verhandeln zu wollen. Seine sprachliche und diplomatische Gewandtheit spielte später wahrscheinlich eine bedeutende Rolle dabei, daß die Verhandlungen mit Anatolius und Nomus tatsächlich zu einem Erfolg führten. Inzwischen wurde er jedoch keinen Augenblick wankend. Er wies das Angebot des Priscus (in Wirklichkeil

das des Kaisers) kategorisch zurück, wegen der Einladung der beiden Senatoren selbst nach Konstantinopel zu kommen. Die Verhandlun- gen würden hunnischerseits Orestes und Esla initiieren. Onegesius war offensichtlich Vermittler zwi- schen Attila und dessen ältestem Sohn, dem Thronfolger Ellak. Im Frühjahr 449 setzte er diesen als König der Akat(z)iren ein, ließ ihn jedoch nicht dort, sondern brachte ihn unter dem Vorwand eines gebrochenen Armes in die Residenz des Hunnenreiches zurück. So saßen sie nicht nur während des mehrmals erwähnten

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77/1. 77/1. Bronzeschnallen mit Vogelkopf von der hunnen- zeitlichen Kleidung des gemeinen Volkes, Mözs- Palánk

77/1. Bronzeschnallen mit Vogelkopf von der hunnen- zeitlichen Kleidung des gemeinen Volkes, Mözs- Palánk

Festmahls nebeneinander, sondern auch im ent- scheidenden Augenblick, beim Tode Attilas, be- fand sich der Prinz im Ordu und konnte so, vermutlich mit der Unterstützung des Onegesius, die Macht übernehmen. Onegesius diente also aus Überzeugung dem Hunnischen Reich, und wir müssen uns im klaren sein, daß er wohl nicht der einzige war, der so handelte und fühlte. Namentlich begegnen wir Onegesius zuletzt in Gallien am Rhein, das ist der einzige Fall, daß sein Name in einer weströmischen lateinischen Quelle vorkommt. Der Biograph des Bischofs Lupus von Tricassis erwähnt ihn unter dem Na- men Hunigasius als Attilas „Dolmetscher", of- fenbar weil er die Worte Attilas dem Bischof ins Lateinische übersetzt hat. Die Schreibart von Priscus konnte doch die zeitgenössische griechi-

sche Widergabe einer Hunigis[ios] lautenden Originalform sein; siehe Onoulf = Hunwalf. Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annah- me, daß diese Namensform der tatsächlichen eher entsprach als jene, die uns Priscus als Gast am Tische des Onegesius überliefert hat.

Orestes

Es ist uns nicht bekannt, aus welcher spätanti- ken Gesellschaftsschicht Onegesius und Skot- ta(s) stammten, doch gehen wir kaum fehl, sie in einem der das „Reich erhaltenden" Stände zu suchen. Nach dem „intellektuellen" Eudoxius und dem „bürgerlichen" Kaufmann aus Vimina- cium wenden wir uns nun einem echten „Aristo- kraten" - „einem sehr klugen Menschen" (Pro- kopios) - zu, der sich in den Dienst der hunni- schen Sache stellte und unerschütterlich an ihrer Seite ausharrte.

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Orestes aus Savia (und sein jüngerer Bruder Paulus, der am Hofe Attilas noch keine Rolle spielte) entstammte der provinzialert Gutsbesit- zerschicht. Die Familie kam, dem Namen des Vaters Tatulus nach zu schließen, aus Noricum mediterraneum. Die junge Frau des Orestes stammte auch aus Poetovio, das damals zu Nori- kum gehörte, aus einer nicht minder vornehmen Familie. Ihr Vater, Romulus comes, war nach Priscus ein erfahrener Diplomat. Das Gut des Tatulus lag irgendwo an der Grenze von Savia und Norikum. Die Besitzer wurden sich im Jah- re 445 oder 446 eines Tages bewußt, daß sie dank dem italischen Regime zu Untertanen Attilas geworden waren. Es widerfuhr ihnen nichts Bö- ses, sie wurden weder von ihrem Gut vertrieben noch von den jenseits der Grenze wohnenden Familienmitgliedern abgeschnitten. Wir wissen nicht, ob sich Orestes, der gebildete, gut grie- chisch sprechende ältere Sohn, Attila freiwillig oder auf Befehl anschloß; das ist auch nicht wichtig. Die Familie erachtete die Lage Atti- las für stabil; Priscus legte einen Kommentar in den Mund des Schwiegervaters Romulus dar- über, welch unerhörtes Glück Attila gehabt ha- be, durch dieses sei seine Macht so gewaltig geworden, wie dies vor ihm keinem einzigen skythischen oder anderen Herrscher innerhalb so kurzer Zeit gelungen war. Attila herrschte bereits über ganz Skythien und zwang die Rö- mer zur Entrichtung eines Tributs. Jetzt zerbre- che er sich gerade darüber den Kopf, sein Reich auszudehnen, deshalb rüste er gegen die Perser. Und sobald er auch die Perser besiegt habe - dies fügte bereits sein pannonischer Gesprächspart- ner Constantiolus hinzu -, werde er sich nicht mehr mit dem Titel magister militum (bei Pris- cus: strategos) begnügen, sondern für sich einen dem Kaiser gleichen Rang fordern. „Wenn er zornig ist, pflegt er jetzt schon zu sagen, beim Kaiser seien auch die Feldherren Diener, wäh- rend seine eigenen Hauptleute dem Kaiser der Römer ebenbürtig sind!" Orestes begegnen wir zum ersten Mal im Som- mer 449 in Konstantinopel, wo er zusammen mit dem Skiren Edika als Gesandter weilte. Es ist sehr beachtenswert, daß der intelligente und ge- bildete Kaiser Theodosius ebensowenig ver- suchte, den geborenen römischen Aristokraten zu umgarnen, wie der mit allen Wassern gewa- schene Eunuch und Hauptminister Chrysa- phius. Beide konzentrierten ihre Überredungs-

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Chrysa- phius. Beide konzentrierten ihre Überredungs- 111 77/2. Bronzeschnalle mit Vogelkopf. Mözs-Palánk 78. s.

77/2. Bronzeschnalle mit Vogelkopf. Mözs-Palánk

78. s. Farbtafel XXIV

und Bestechungskünste mit vollem Erfolg auf Edika. Sie begingen jedoch einen Fehler, den sie einfach begehen mußten: Sie verhandelten mit Edika im geheimen, hinter dem Rücken des Ore- stes. Als sie meinten, Edika sei zum Anschlag auf Attila bereit, machten sie einen Fehler nach dem anderen. Die Honoratioren des kaiserlichen Ho- fes luden Edika fast ostentativ der Reihe nach zum Abendessen ein und überhäuften ihn mit Geschenken. Orestes hätte blind sein müssen, hätte er die Absicht nicht durchschaut. Dieser Fehlgriff seiner Herren unterlief hingegen Maxi- minus mit seinen guten Manieren nicht. Er lud in Serdica zusammen mit Edika auch Orestes zum Mahl ein und beschenkte anschließend bei- de mit Seidengewändern und indischen Edelstei-

43. Ein vorhunnenzeitlicher Innerasiatischer Grabfund zeigt gut die fast nen. Kokel vollständige Ausrüstung der

43. Ein vorhunnenzeitlicher Innerasiatischer Grabfund zeigt

gut die fast nen. Kokel

vollständige

Ausrüstung der späteren Hun-

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nen. Orestes wartete den Fortgang Edikas ab. rief Maximinus zur Seite und lobte ihn dafür, „daß er nicht den gleichen Fehler begangen ha- be, den die Höflinge des kaiserlichen Palastes begangen hatten". Maximinus und Priscus be- griffen die Worte des Orestes nicht, sie glaubten, er sei gekränkt, weil ihn die kaiserlichen Ratge- ber bei den Einladungen und der Verteilung der Geschenke übergangen hatten. Orestes war je- doch keineswegs gekränkt, mit seinen rätselhaf- ten Worten wollte er Maximinus nur auf fei- ne Art zu verstehen geben, daß er die Absicht durchschaut hatte, aber auch von dessen Un-

79. Schwert- oder Zaumzeugbeschläge aus Szeged- Nagyszéksós

schuld wußte. Maximinus, von dem wir bereits erwähnten, daß er in den Attentatsplan des Chrysaphius nicht eingeweiht gewesen war, miß- verstand Orestes und bat tags darauf Vigila um eine Erklärung. Der selbstgefällige Gote gab der Angelegenheil endgültig eine falsche Deutung. Er nahm an, Orestes sei bei Attila bloß Diener und Sekretär, Edika hingegen Feldherr und ho- her Würdenträger, der weit über Orestes stand; sollte er also ruhig lamentieren! Obendrein gab Vigila die ganze Geschichte in gotischer Sprache an Edika weiter und verstand nicht, warum die- ser plötzlich so zornig wurde. Edika wußte wohl, daß er nicht über Orestes stand und daß in Attilas Augen beide gleichran- gig waren. Durch die Worte Vigilas wurde ihm

über Orestes stand und daß in Attilas Augen beide gleichran- gig waren. Durch die Worte Vigilas

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plötzlich klar, daß Orestes ihn durchschaut hatte und dahintergekommen war. daß ihn die Oströ- mer mit Erfolg umgarnt halten. Von diesem Augenblick an war Edika in den Händen des Orestes, der Attila melden konnte, daß Edika unter seiner (Orestes') Umgehung insgeheim mit dem Kaiser und dessen Minister verhandelt hat- te. Und diese Anschuldigung konnte er auch durch die zu Edikas Ehren veranstalteten Gelage und die Geschenke beweisen. Aus Angst war er nun gezwungen, den Attentatsplan von Chry- saphius und Vigila vor Attila aufzudecken, obwohl diesen in Wirklichkeit Orestes vereitelt hatte! Erst als die Oströmer hunnisches Gebiet be- traten, stellte sich heraus, daß Orestes zu den Würdenträgern des Reiches gehörte. Mit der Gesandtschaft unter der Leitung des Maximinus verhandelten in Attilas Namen zuerst Scotta(s) und Orestes. Dessen Vater und Schwiegervater waren gerade zur Residenz Attilas unterwegs, um Orestes und seine Frau zu besuchen, die das allerhöchste Vertrauen genossen. Zu dem be-

80. Riemenzungen mit Zikadenflügeln, Szeged- Nagyszéksós

80. Riemenzungen mit Zikadenflügeln, Szeged- Nagyszéksós rühmten Mahl ließ Orestes die oströmische Ge- sandtschaft

rühmten Mahl ließ Orestes die oströmische Ge- sandtschaft durch seinen Vater einladen, so, als ob er den zwischen ihnen bestehenden Rangun- lerschied demonstrieren wollte. Für die Aufdeckung des Attentatsplanes des Chrysaphius wurde Orestes von Attila selbst ausgezeichnet. Nach dem Geständnis Vigilas führte Orestes die Genugtuung fordernde Ge- sandtschaft nach Konstantinopel an. Er erschien mit Vigilas leerem Geldsack vor dem Kaiser, Esla begleitete die Szene durch das Aufsagen eines einstudierten Textes. Wir wissen nicht, ob Orestes am gallischen Feldzug teilgenommen hat. Bekannt ist hinge- gen, daß 452 „der pannonische Orestes, als Attila nach Italien kam, sich ihm angeschlossen hat und sein Sekretär (notarius) war". Mit einem Wort, er schreckte nicht vor einem Feldzug ge- gen Italien zurück. Nach dem Tod Attilas zog sich Orestes offen- bar auf seine Besitzung zurück. Möglicherweise mußte er sich in den folgenden Jahren sogar verborgen halten, weil er zur Zeit des Valentinia- nus III., des Aetius, des von einem gallischen Senator zum Kaiser gewordenen Avitus und des von einem einstigen Offizier des Aetius zum weströmischen Kaiser aufgestiegenen Maioria- nus höchstwahrscheinlich als „Verräter" galt. Nach 461 aber herrschte über dem, was vom Weströmischen Reich übriggeblieben war, ein an die Politik seiner Vorgänger nicht mehr ge- bundener italischer Kaiser und anschließend ein barbarischer Militärkommandant. Für sie war Orestes kein Verbrecher mehr, so daß seiner politischen und militärischen Karriere in Italien kein Hindernis mehr im Wege stand. Es ist kaum Zufall, daß er gerade während des gegenseitigen Kampfes des von Konstantinopel Italien aufge- zwungenen Kaisers oströmischer Herkunft, An- themius, und dessen Gegenspielers Olybrius, in seiner Laufbahn immer höher stieg. Als lachen- der Dritter erlangte er den höchsten militäri- schen Rang (472). Um die Macht wirklich in die Hand nehmen zu können, mußte er erst seinen Rivalen, den südgallischen Patrizier Ecdicius, stürzen. Ecdicius war der Sohn von Eparchius Avitus. dem agilsten Gegner Attilas im Jahre 451, Hauptorganisator des römisch-barbari- schen Widerstandes in Gallien. Avitus war 455 von den römischen und wisigotischen Kräften Galliens zum weströmischen Kaiser proklamiert worden, und seine wisigotischen Truppen er-

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44. Grab eines hunnenzeitlichen Kriegers mit zerbrochenem Bogen aus Kysylkajnartöbe oberten Ende 455 vorübergehend einen

44. Grab eines hunnenzeitlichen Kriegers mit zerbrochenem Bogen aus Kysylkajnartöbe

oberten Ende 455 vorübergehend einen Teil des hunnischen Pannonien zurück. Infolgedessen waren Avitus und sein Sohn sowie Orestes und seine Familie Feinde. Bei der Entstehung der sich in den 470er Jahren immer mehr aufeinan- der stützenden oströmisch-gallisch-römischen „Achse" war Ecdicius zuerst Patrizier des An-

themius oströmischer Herkunft, dann zu Beginn der Herrschaft von Iulius Nepos (Herbst 474) der Oberbefehlshaber all jener Militäreinheiten, die vom Weströmischen Reich verblieben waren. Nachdem Orestes mit Hilfe der donaugermani- schen Truppen, einst Vasallen der Hunnen, Ec- dicius entfernt hatte, vertrieb er. der Oberbe- fehlshaber und Patrizier der weströmischen Ar- mee, Ende August 475 die letzte oströmische Kreatur, Iulius Nepos. Doch nicht er selbst be-

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45. Mit gespanntem Bogen bestatteter hunnischer oder orientalischer Krieger der Hunnenzeit aus Žamantogaj Korymy

stieg den Thron, sondern sein Sohn Romulus, der den Namen des Großvaters aus Poetovio trug, wurde letzter weströmischer Kaiser. Das Römertum des einstigen Sekretärs At- tilas getraute sich zu jener Zeit in Italien wohl kaum jemand anzuzweifeln, obwohl Orestes seinen konstanlinopel- und gallien- feindlichen Grundsätzen, die er am Hofe sei- nes barbarischen Herrn vertreten hatte, treu blieb. Nur der ältere Sohn seines einstigen barbarischen Rivalen Edika brachte dieser Einstellung keinerlei Achtung entgegen; er forderte für seine Soldaten, die Orestes zur Macht verholfen hatten, Geld und Land und für sich selbst die Macht. Es war dies kein anderer als Odoaker. der zu der Zeit, als Ore- stes im Dienst der Hunnen stand, etwas über

81. Goldschmuck, in den Zellen Steineinlagen, Szeged- Nagyszéksós

zwanzig Jahre alt war und am Hofe Attilas erzogen worden war.

Die beiden fränkischen Herzöge

Der italische Chronist übertrieb vermutlich, als er für das Jahr 451 schrieb, Attila hätte viele tausend Mann in den Krieg „gezwungen". Die verbündeten antirömischen Armeen wurden tat- sächlich auf Befehl Attilas einberufen und in Marsch gesetzt, doch ist es mehr als unwahr- scheinlich, daß man irgendeines der Völker zur Teilnahme an den Feldzügen gegen Gallien und Italien hätte zwingen müssen. Zu einer Zeit, als Attila überhaupt noch nicht geboren bzw. noch ein kleines Kind war, überfluteten die Heere der Wisigoten, Wandalen, Sweben und Alanen bei- de Teile des Reiches - zwar aus Angst vor den Hunnen, aber ohne von ihnen verfolgt zu wer- den - und eigneten sich weite Gebiete Afrikas, Hispaniens und Galliens an. Die Hunnen hatten mit der gewaltsam durchgeführten Ansiedlung fränkischer und burgundischer Gruppen west-

an. Die Hunnen hatten mit der gewaltsam durchgeführten Ansiedlung fränkischer und burgundischer Gruppen west- 117 81.

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82. 82. Trensenzierbeschlag, stark vergrößert, Szeged- Nagyszéksós lich des Rheins überhaupt nichts zu tun. Wie wir

82. Trensenzierbeschlag, stark vergrößert, Szeged- Nagyszéksós

lich des Rheins überhaupt nichts zu tun. Wie wir bereits gesehen haben, versuchte sie Aetius zur Zeit Rugas und Bledas geradezu mit hunnischen Waffen zu vertreiben und zu maßregeln - mit mehr oder weniger Erfolg. Bis zur Zeit Attilas stützten sich die Hunnen gar nicht oder nur gelegentlich auf die Kräfte besiegter barbari- scher Völker, der Feldzug „der verbündeten Völker" war eine Neuerung Attilas. Es ist jedoch wenig glaubhaft, daß diese kampflüsternen und beutegierigen Völker nicht gerne gegen Kon- stantinopel, Aureliani oder Mediolanum gezo- gen wären. Man kann sich auch nur schwer vorstellen, womit Attila beispielsweise die Thü- ringer zu einem Kriegszug gegen Gallien hätte zwingen können; es war sicher ein leichtes, sie dazu zu überreden. Offen bleibt hingegen, ob sich der Großkönig nur die Beutegier dieser Völker zunutze machte oder ob auch andere Beweggründe in Frage kommen könnten. Doch sei sofort festgestellt, daß mit Ausnahme der Thüringer alle Völker und Volksteile, die zur Zeit Attilas im Bündnis mit den Hunnen das Reich von außen angegrif- fen haben, zwei Jahrzehnte später im Inneren des Reiches anzutreffen sind (Ostrogoten, Ski- ren. Sweben, Gruppen der Heruler), noch später auch Überreste der Rugier und Heruler, und zwischen 473 und 504 sowie 536 und 551 beset- zen auch die Gepiden beträchtliche Teile der

oströmischen Grenzgebiete. Ganz davon abge- sehen, daß der Zug der germanischen Stämme und Völker nach Süden sogar ein Jahrhundert nach dem Zerfall des Hunnenreiches noch nicht aufgehört hat. genügt es, auf die über Pannonien nach Italien ziehenden Langobarden und Sach- sen zu verweisen. Es ist bekannt, daß die Fran- ken erst in den Jahrzehnten nach dem Zerfall des Hunnenreiches ihre Herrschaft nach Gallien ausdehnten, zur selben Zeit erfolgte die angel- sächsische Invasion Britanniens. Die Allgemein- geschichte macht gerne die Hunnen und vor allem Attila für Geschehnisse verantwortlich, die auch ohne sie passierten, ja die gerade die typisch hunnische Grenzschutzorganisation bis zum Tode Attilas und bis zur Auflösung des Hunnenreiches verhinderte: Zwischen 408 und 456 vermochte sich kein einziges ostgermani- sches Volk dem hunnischen Bündnis zu entzie- hen und auf römischem Gebiet anzusiedeln. Was den gallischen Feldzug Attilas betrifft, lassen die oströmischen und ostrogotischen Ge- schichtsschreiber vermuten, der stets dämonisch dargestellte Wandalenkönig Geiserich hätte sei- ne Hand und sein Gold mit im Spiel gehabt - wahrscheinlich aber völlig grundlos. Attila wur- de durch seine eigene Politik in den Krieg getrie- ben. Doch wie verhielten sich zu alledem die daran Beteiligten? Diese Frage ist nicht leicht zu beant- worten, weil, abgesehen von Priscus, alle zeitge- nössischen Quellen und auch die des späteren Frühmittelalters den Hunnen gegenüber feind- lich eingestellt waren, infolgedessen auch die Mehrzahl der modernen Kommentare. Dabei sind die Widersprüche bisweilen sehr kraß. Der Chronist der Ostrogoten beklagt sich dem Schein nach hundert Jahre nach dem Sturz der Hunnen, in welch mörderischen „Bruderkampf" Attila die beiden gotischen Völker getrieben hat- te. Gleichzeitig bewahrt er mit brennender Sorge und unbändigem Stolz den Namen und Ruhm des Andag(is), Sohn des Andela aus dem ostro- gotischen Geschlecht der Amaler, der in der Schlacht bei Mauriacum den vom Pferd stürzen- den König der Wisigoten, Theoderich I., mit dem Speer niedergestochen hat. Auch beim Er- zählen vom Heldentod Ellaks, des Sohnes Atti- las, fällt er aus der Rolle; die Ostrogoten waren damals noch die Verbündeten Ellaks. Aus den auf Priscus zurückgehenden Stellen der goti- schen Chronik scheint es auch zweifelhaft, ob

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Attila überhaupt wegen der Wisigoten nach Gal- lien gezogen ist, zwischen den beiden Völkern kann es keinen ernsten Grund zur Auseinander- setzung gegeben haben. Angeblich ersuchte Atti-

46. Funde aus dem Grab eines Militärführers. Fedorovka

la in einem Brief Theoderich bloß, sich vom Bündnis mit den Römern loszusagen und erin- nerte an den von den Römern, nämlich von Litorius, dem Feldherrn des Aetius, erst kürzlich gegen die Wisigoten geführten Krieg. Theode- rich war sich indessen bewußt, daß er - ob er

Aetius, erst kürzlich gegen die Wisigoten geführten Krieg. Theode- rich war sich indessen bewußt, daß er

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47.-48. Funde von Pécs-Üszögpuszta zur Zeit der Frei- legung: Langschwert mit Parierstange und Schei- denbeschlägen, Beschlagbleche ron Bögen und

Köchern, Pfeilspitzen, Sattelbeschläge, Zier- beschläge einer Kopfbedeckung oder eines Köchers

ron Bögen und Köchern, Pfeilspitzen, Sattelbeschläge, Zier- beschläge einer Kopfbedeckung oder eines Köchers 120

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wollte oder nicht - zur Verteidigung seines Lan- des gezwungen sein würde. Deshalb brach er vor den um Hilfe bittenden Gesandten des Valenti- nianus III. voller Bitterkeit aus: „Römer, euer Wunsch hat sich erfüllt, ihr habt Attila auch zu

49. Die östlichen Vorläufer der hunnischen Trensen mit Seitenstange im Unigebiet. Mertwje Soli

unserem Feind gemacht!" Es war also keines- wegs Begeisterung, was Theoderich zum Ver- teidiger Galliens und der „römischen Sache" machte, sondern einfach notwendige Selbstver- teidigung. Auch andere gallische Verbündete der Römer zeigten wenig Lust, für den Schutz der senatori- schen Güter und der Bischofsstädte zu kämpfen.

der Römer zeigten wenig Lust, für den Schutz der senatori- schen Güter und der Bischofsstädte zu

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83. 83. Beschläge mit Zellenornamenuk aus Szeged-Nagy- széksós Sangiban, König der nördlich der Loire statio- nierten

83. Beschläge mit Zellenornamenuk aus Szeged-Nagy- széksós

Sangiban, König der nördlich der Loire statio- nierten Alanen, ließ Attila angeblich ausrichten, er würde zu ihm übergehen und ihm die Stadt Aureliani in die Hände spielen. War das wirklich geschehen, wäre das der Grund, warum Attila nach dieser Stadt eilte. Doch üblicherweise ver- gißt man zu fragen, was denn Sangiban und seine Alanen - zumindest anfangs auf die an- dere Seite gelockt hatte. Die Ostrogoten und Wisigoten lebten seit dem

3. Jahrhundert getrennt. Von einem „Bruder- zwist" zu sprechen, dramatisiert bloß die Tatsa-

che, daß sich beide Völker zur Zeit Attilas feind- lich gegenüberstanden. Viel abstechender ist das Verhalten der Burgunder und Franken, die auf beiden Seiten kämpften. Gerade die außerhalb des Reiches lebenden Burgunder hätten seil dem Feldzug Uptars Zeit gehabt, sich eine schlechte

Meinung über die Hunnen zu bilden

Die

Verteilung der Franken auf beide Seiten ist so verblüffend, daß sogar die hervorragendsten modernen Historiker darüber mit halben Sätzen hinweggehen, während die Anhänger der ,,gallo-

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50. Goldblecbverkleidung des oberen Bogenendes aus Bátaszék römischen" Richtung sie gefälscht

50.

Goldblecbverkleidung

des oberen Bogenendes aus

Bátaszék

römischen" Richtung sie gefälscht interpretie- ren. Unsere Hauptquelle ist auch in diesem Fall Priscus: „Für den Feldzug gegen die Franken dienten Attila der Tod ihres Königs und der sich daraus ergebene Zwist seiner beiden Söhne um die Macht als Vorwand. Der ältere Sohn trachte- te, Attila als Bundesgenossen zu gewinnen, der jüngere hingegen Aetius. Ich sah diesen Knaben, als ich Gesandter in Rom war: ein junges Bürschchen, auf dessen Kinn noch kein Bart- flaum zu sehen war, sein langes, blondes Haar fiel auf seine Schultern herab. Aetius nahm ihn an Kindes Statt an und beschenkte ihn, wie auch der Kaiser, reichlich. Bevor er ihn entließ, schloß er Freundschaft und ein Bündnis mit ihm." So weit der Bericht vom Herbst 450, der einen riesi- gen Schönheitsfehler besitzt: Priscus hat die Na- men des verstorbenen Königs und seiner beiden Söhne nicht niedergeschrieben und bietet damit die Möglichkeit für endloses Rätselraten. Im übrigen ist der Bericht klar und eindeutig. Offenbar lehnte sich der jüngere Bruder, vermut- lich auf Zureden des Aetius, gegen den älteren und demnach zweifellos legitimen Nachfolger auf. Nicht der ältere ist geflohen, sondern der jüngere, der ältere blieb an der Spitze seines Volkes daheim. Der junge Herzog wurde in Rom gegen seinen Bruder aufgehetzt, der sich aus Überzeugung oder gezwungenermaßen an Attila um Hilfe wandte. (Die Quellen werden nur von wenigen objektiv angeführt. Es gibt auch eine moderne historische Arbeit, die den Fall umgekehrt interpretiert. Danach wäre der „treue und rechtmäßige" Sohn daheim geblieben und der „Verräter" zu Attila geflohen. Andere wiederum bezeichnen die Franken des älteren Bruders als Rebellenclan, und wir werden gleich

sehen, warum

Die Geschichtsschreibung versucht seit Jahr- hunderten verzweifelt, den in Rom eine Rolle spielenden Herzog, der als loyaler Verbündeter des Reiches an der Seite des Aetius gegen Attila kämpfte, mit Merowech, dem namengebenden Ahnen der Merowinger, zu identifizieren. Könn- te man sich den Ahnen der heiligen Merowinger- Dynastie an einem anderen Ort und auf einer anderen Seile vorstellen? Wir sind es gezwungen zu tun. Der kleine blonde Herzog, der in Rom gesehen worden ist, verschwindet nämlich; man hört nie mehr wieder etwas über ihn. Aus der einzigen zeitgenössischen westlichen Quelle, die

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über die Taten der loyalen Franken im Jahre 451 kurz und prägnant berichtet, geht klar hervor, daß die Hilfstruppen der mit den Römern ver- bündeten Franken von Heerführern (duces) be- fehligt worden sind, da die romfreundlichen Rheinfranken gerade keinen König gehabt ha- ben; weder einen alten König (der gestorben war) noch einen kleinen, jungen. Trotz dieser Tatsachen setzen sich seriöse Forscher auch neuerdings mit abenteuerlichen Lösungsvor- schlägen für den „Ruhm" der Merowinger ein Demnach wäre Merowech in der Schlacht von Mauriacum bei der Verteidigung des Vaterlan-

84. Goldschnallen aus Szeged-Nagyszéksós

des gefallen, die Begegnung des Priscus mit dem „verwaisten" kleinen Herzog in Rom im Herbst des Jahres 450 datiert man hingegen um ein Jahr später. Jedoch ist dies nicht möglich. Es ist allgemein bekannt, daß die fast dreihun- dert Jahre lang regierende Dynastie der Mero- winger von Chlodowech/Clovis, dem siegreichen Bezwinger Galliens, gegründet wurde. Seinen Vater, den Ende 481 oder Anfang 482 verstorbe- nen Childerich I., kennen wir ebensogut wie seine Mutter, die thüringische Prinzessin Basina. Merowech kann also nur ein Ahne des Chlo- dowech und Childerich sein Großvater oder Vater gewesen sein, sonst hätte sich die Dy- nastie nicht nach ihm benannt. Von Childe-

sein Großvater oder Vater gewesen sein, sonst hätte sich die Dy- nastie nicht nach ihm benannt.

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51. Funde aus einem Männergrab ton Kertsch-Glinischtsche

rich I. ist uns bekannt, daß er frühestens nach 458, mit Sicherheit aber erst ab 463 mit seinen fränkischen Kriegern in Gallien erschienen ist, und zwar an der Seite des „Königs der Römer". Aegidius, im Kampf gegen die Wisigoten! Wo sich Childerich vorher aufgehalten hat. davon berichten die unklaren, aber doch eindeutigen Angaben der fränkischen Chroniken. Die soge- nannte Fredegar-Chronik will wissen, daß sich die Gattin Merowechs - wohl offensichtlich sei- ne Witwe - und sein Sohn Childerich in „hunni- scher Gefangenschaft" befunden haben. Sie schweigt sich jedoch darüber aus. wie die beiden dorthin gekommen und wann sie zurückgekehrt sind. Gregor von Tours berichtet hingegen trotz aller Beschönigungen doch das Wesentliche. Je- ner Childerich, „der über das fränkische Volk herrschte", floh auf einmal nach Thüringen und hielt sich dort bei König Bysin acht Jahre lang verborgen. Nachdem er aus Thüringen zurück- gekehrt war, gelang es ihm, sein Königreich „wiederherzustellen". Aus Thüringen brachte er seine Gattin, Basina, die Mutter des Chlodo- wech/Clovis, mit. Wenn wir von der naiven, ja einfältigen Erklärung des Bischofs Gregor abse- hen, warum Childerich nach Thüringen fliehen mußte (als junger König stellte er den Mädchen zuviel nach, deshalb vertrieben ihn seine sitten- strengen fränkischen Untertanen), und auch die schöne Geschichte seiner Rückkehr außer acht lassen, bleibt die nackte Tatsache: Merowechs Sohn Childerich war König der Franken, war jedoch zur Zeit der Hunnen gezwungen, zusam- men mit seiner Mutter zu fliehen. Er erhielt bei den mit den Hunnen verbündeten Thüringern, die im gallischen Feldzug auf hunnischer Seite gekämpft hatten, Zuflucht und hielt sich so lan- ge bei ihnen verborgen, bis eine Ruckkehr mög- lich war. Dazu bot sich zum ersten Mal nach dem Sturz des gallischen Kaisers Eparchius Avi- tus (17. Oktober 456) Gelegenheit, doch scheint es wahrscheinlicher, daß die Rückkehr erst nach dem Fortgang nach Italien (457) oder dem Sturz des einstigen gallischen Waffenbruders von Ae- tius, des Kaisers Maiorianus (2. August 461) erfolgte, also zu einer Zeit, als sich die in die Selbstverteidigung gedrängten Römer Nordgal- liens endgültig von der weströmischen Zentral- macht getrennt haben. Childerichs thüringisches Abenteuer halten

getrennt haben. Childerichs thüringisches Abenteuer halten 85. Vergrößerung einer Goldschnalle, Szeged- Nagyszéksós

85. Vergrößerung einer Goldschnalle, Szeged- Nagyszéksós

die meisten Historiker für ein romantisches Märchen, in seinen Einzelheiten stimmt das auch. Man kann sich allerdings schwerlich vor- stellen, daß die Witwe Chlodowechs/Clovis', die langlebige Chlotilda (+555), und von ihren Söh- nen die Könige Chlotachar I (+56l) und Childe- bert I. (+558) - alles Zeitgenossen des 538 gebo- renen Gregorius Turonensis - nicht wußten, wer ihre Schwiegermutter und Großmutter war:

Basina stammte aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Thoring-Dynastie. Das Ergebnis ist einfach und eindeutig. Chil- derich, der ältere und legitime Sohn Merowechs. war König der Rheinfranken und wurde infolge des Aulslandes seines jüngeren Bruders unbe- kannten Namens oder aus eigenem Entschluß Verbündeter Attilas und kämpfte in der Schlacht bei Mauriacum zusammen mit den Franken des rechten Rheintales an der Seite Attilas gegen die Wisigoten.

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86. 86. Goldene Riemenzunge mit Zellenornamentik, Szeged-Nagyszéksós Für die Frage, ob sich Childerich freiwillig oder

86. Goldene Riemenzunge mit Zellenornamentik, Szeged-Nagyszéksós

Für die Frage, ob sich Childerich freiwillig oder aber unter Zwang auf die Seite Attilas stell­ te, mag als einmalige und unparteiische Zeugen­ aussage das am 27. Mai 1653 auf der Saint- Brice-Terrasse in Tournai (Doornik) gefundene, leider zerstörte Grab des Königs gelten. Über die Person des Bestatteten und dessen Rang gab es keinen Augenblick einen Zweifel. Der Siegel­ ring mit der Inschrift CHILDIRICI REGIS und in dessen Mitte mit dem Brustbild des langhaari­ gen Königs mit der Lanze als Herrscherinsignie, das beim Kopf des Toten befindliche fränkische Wurfbeil (francisca) und die neben den Sarg gelegte fränkische Lanze bestätigen sowohl die Herkunft des Toten wie auch dessen Identität. Ein von den Römern übernommener Toten­

brauch waren die Silber- und Goldmünzen in einem Beutel, die ein kleines Vermögen darstell­ ten. Von den Goldmünzen würden die Solidi des Basiliscus (475-476) und des Zeno (476-491 zum zweiten Mal Kaiser) vermutlich auch dann auf die Person des Childerich verweisen, wenn der Siegelring mit der Inschrift dem König nicht mit ins Grab gegeben worden wäre. Diese Gewißheit über seine Identität halte der 481 oder Anfang 482 verstorbene und in seiner früheren Residenz Turnacum begrabene Childe­ rich nur allzu nötig, wirken doch die anderen Beigaben für das Gebiet südlich des Rheins viel­ leicht noch fremdartiger als die Grabfunde von Pouan. Das Grab könnte man ohne sonderliche Schwierigkeit auf die Begräbnisstätte der Gepi- denkönige, der Ardarikingen in Apahida, über­ tragen, sind doch fast sämtliche Goldbeigaben mit den Waffen und Trachtbestandteilen der Königs- und Fürstengräber der Donaugerma- nen verwandt (Apahida I—III, Blučina. Komá- rom-Ószőny, Schatz von Someşeni/Szamosfal- va). An hunnischem „Erbe" übertrifft das Chil- derich-Grab sogar die Königsgräber der Gepi­ den, die sich im Reichtum und im Land der Hunnen teilten. Der im Grab gefundene Pferdeschädel (wie auch Bein und Huf?) bilden die Überreste des von den orientalischen Völkern übernomme­ nen Pferdeopfers; und auch das Pferdegeschirr (von dem das Fragment einer edelsteinverzierten Trense und eine - oder mehrere? - Riemenzun­ ge(n) mit Schuppenzellenwerk bekannt sind) ist orientalischen, hunnischen Ursprungs. Die Pa­ rallelen zu der Goldzellenverzierung der im Grab zerfallenen Bernstein- oder Kalkstein- scheibe, die einst vom Schwert herunterhing, lassen sich bis nach Mittelasien verfolgen. Von ebenfalls östlichen, hunnischen Einflüssen zeu­ gen der mit zellenverzierten Goldzikaden verse­ hene Mantel (?) und die auf „Apahidaer Art" mit Zellen verzierten Taschen verschlüsse, deren beide Enden - als erstes Vorkommen im Westen -in Form von Raubvogelköpfen gearbeitet sind. Schließlich vertritt ein Teil der Goldschnallen mit dickem ovalem Ring, zellenverziertem run­ dem bzw. quadratischem Beschlag und zellenver- ziertem Dorn - offensichtlich Schwertriemen-, Gürtel- und besonders Stiefelriemenschnallen - einen Typ aus der Hunnenzeit. Sie gehörten dem

52. Funde von Nowogrigorewka

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König und eventuell der Königin Basina - im Grab sind nämlich ein größerer und ein kleinerer Schädel gefunden worden; einige Schmuckstük- ke wie z. B. eine Kristallkugel, der kleine Gold- armreif, die Goldnadel sowie eine der beiden unterschiedlichen Serien von kleineren bzw. grö- ßeren Zikaden weisen möglicherweise auf eine Frau hin. Der andere Teil der Goldschnallen, vor allem die größeren, reicher verzierten Stük- ke, ähnelt den edelsteinbelegten Schnallen der thüringischen und alamannischen Fürsten sowie der Gepidenkönige aus der gleichen Zeit. Ein schmuckvolleres, größeres Pendent der antiken Goldfibel mit Zwiebelknopf von Childerich ist im Königsgrab I von Apahida gefunden worden, und die Stierkopfverzierung aus dem Childerich- Grab ist ebenfalls mit den gepidischen Stierkopf- ringen und den stierkopfverzierten Fibeln ver- wandt. Tracht und Rüstung des Königs Childerich zeigen den orientalischen Prunk der Auserlese- nen des Hunnenreiches und seiner Vasallenköni- ge. Ein Teil der Waffen und Schmuckstücke war vermutlich ein persönliches Geschenk Attilas, anderes stammte vielleicht von König Bysin, wieder andere sind natürlich gallisch-fränkische Erzeugnisse. Worin die Bestattung von der der hunnischen Großen abweicht, ist sie mit jenen Ardarichs, des einstigen Lieblings Attilas, und seiner Nachkommen verwandt. Es sind hier wie dort Insignien der damals allgemein und auch von den Römern anerkannten Würde (römische Goldfibeln) und der Souveränität (beschriftete Goldringe und Fingerringe ohne Namen). Childerich wird von der Geschichtsschreibung unserer Tage schlecht bewertet. Als Hauptver- dienst läßt sie gellen, daß er der Vater des Chlo- dowech war - wenn man diesen heidnischen Kondottiere überhaupt erwähnt. Wie anders sah ihn das Jahrhundert, in dem sein Grab freigelegt wurde! Die Reliquien von Tournai wurden 1656 nach Wien gebracht und ab 1662 in der kaiserli- chen Schatzkammer verwahrt. Doch sollten sie dort nicht lange bleiben. Im Jahre 1664, nach der Schlacht bei St. Gotthard an der Raab, verlang- te der französische Gesandte in Wien im Namen Ludwigs XIV. als Entgelt für die tatkräftige französische Hilfe von Kaiser Leopold I. „den Grabschatz von Merowechs Sohn" und erhielt

53. Hunnisches Prunkschwert, Schnallen und Riemenzungen aus Jakuszowice

Prunkschwert, Schnallen und Riemenzungen aus Jakuszowice 87. Vogelkopfförmiges Zierstück, Szeged-Nagyszéksós ihn

87. Vogelkopfförmiges Zierstück, Szeged-Nagyszéksós

ihn auch. Childerich wurde noch lange so ge- nannt, erst im vorigen Jahrhundert wurde er zum „Vater des Clovis". Das „römische" Heer des Aetius, die südgalli- schen Wisigoten und die romfreundlichen Fran- ken verteidiglen von vornherein Unterschiedli- ches und vermochten sich gegenseitig nicht ge- nug zu verdächtigen. Aetius stellte daher seine Schlachtordnung in erster Linie nach dem Ge- sichtspunkt her, wie er ein Auseinanderlaufen seiner Verbündeten verhindern könnte. Es ist also kein Zufall, wenn Jordanes, Priscus folgend, vor der Schlacht bei Mauriacum Attila folgende Worte in den Mund legte: „Verachtet das ver- einte Gesindel unterschiedlicher Herkunft, es ist ein Zeichen der Angst, wenn sich jemand von seinen Verbündeten verteidigen läßt." Das glei- che läßt er auch den Kaufmann von Viminacium sagen. Noch sonderbarer ist, daß die Quelle ge- rade Attila seine Gegner als kunterbunten Hau- fen bezeichnen läßt. Meinte der Verfasser, die Streitmacht Attilas sei einheitlicher gewesen ? Vermutlich ja. und er wird schon gewußt haben, warum . Wir sind nicht und können auch nicht darüber im klaren sein, wie die in Gallien und dann in Italien aufeinanderstoßenden „barbarischen" und „römischen" Heere und Heerführer fühlten und was sie dachten. Bloß eines ist gewiß: Sie waren nicht von den Ideen des 19. und 20. Jahr-

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hunderts durchdrungen. Noch schwieriger ist es, sich vorzustellen, die an der Seite Attilas Stehen- den oder zu ihm Übergelaufenen seien von kei- nerlei Gefühlen bewegt gewesen, und nur die offizielle „römische" Seite habe eine „Ideologie" gehabt, und nur diese sei „gerecht" gewesen. Es ist ratsam. Tatsachen als Tatsachen zu behan- deln.

Attilas persönlicher Charme

So düster der hunnische Großkönig bei dem denkwürdigen Festmahl auch erscheinen mochte, verfügte er doch über eine persönliche Ausstrah- lung, wie sie uns in ähnlicher Art nur von ganz großen „Welteroberern" berichtet wird. Als Be- weis seien zwei von Priscus überlieferte Begeben- heiten herausgegriffen. „Zusammen mit den Barbaren setzten wir un- sere Reise fort und kamen nach Serdica/Sofia. Diese Stadt können Reisende mit leichtem Ge- päck von Konstantinopel aus innerhalb von drei- zehn Tagen erreichen. Wir machten dort Rast und waren der Meinung, daß es gut wäre, Edika und die in seiner Begleitung befindlichen Barba- ren zum Abendessen einzuladen. Von den Ein- heimischen beschafften wir uns Schafe und Rindfleisch und bereiteten die Speisen zu. Wäh- rend des Mahles, als die Barbaren auf Attila, wir aber auf den Kaiser die Gläser erhoben, ließ Vigila die Bemerkung fallen, man dürfe doch einen Gott nicht mit einem Menschen verglei- chen, wobei er Attila für einen Menschen, Theo- dosius hingegen für einen Gott hielt. Die Hun- nen ergriff ein maßloser Zorn, und sie begannen uns zu beschimpfen. Wir gaben dem Gespräch

" Aus dieser Szene geht

rasch eine Wendung

klar hervor, daß hinsichtlich des „Byzantinis- mus" keine Partei hinter der anderen zurück- stand. Ihren eigenen Herrscher hielten, dem da- maligen Brauch entsprechend, beide für einen Gott, auch die Hunnen, zur großen Empörung des vom Goten zum Neophyten gewordenen. Dies bedeutet, daß beide Seiten dies auch glaub- ten und bekannten. Nicht allein die Vornehmen, sondern auch das einfache Volk. „Um die neunte Stunde des Tages [drei Uhr nachmittags] erreichten wir die Zelte Attilas; sie waren recht zahlreich. Als wir begannen, unser Zell auf einer Anhöhe aufzuschlagen, verboten uns dies die begleitenden Barbaren, Attilas Zell

stand nämlich in der Ebene. Wir schlugen also unser Zelt dort auf, wo es die Skythen wollten. Edika, Orestes, Scotta[s] und andere, die bei den "

Hunnen als vornehm galten, kamen dahin

Also nicht die bekannten Würdenträger unter- sagten den Römern die Aufstellung ihres Zel- tes hoch über dem Attilas, sondern die be- gleitenden, gemeinen Hunnen. Welchen ande- ren Grund hätten sie dazu gehabt als ihre Verehrung für Attila? Attilas Name und Ruf mag bis zu den großen westlichen Feldzügen bei den Weströmern, die mit den Hunnen jahrzehntelang verbündet wa- ren und in Freundschaft mit ihnen lebten, nicht schlecht geklungen haben, nicht einmal in höch- sten Kreisen. Friede und Entfernung ließen ihn in den Augen vieler Menschen zum romanti- schen Helden werden, zu einem mächtigen, mu- tigen und großzügigen Herrscher. Der „unver- ständliche" Fall der Honoria wird - ganz gleich, wie man ihn heute auszulegen versucht - gerade ohne die Anerkennung des Gegenpols, also Atti- las, wirklich unverständlich. Für die ihres Lieb- sten auf drastische Weise beraubte, um ihren Anteil gebrachte, in ihrer Freiheit begrenzte, kurz: aus politischen Gründen in ihrer Men- schenwürde geschändete Augusta war Attila die einzige und letzte Hoffnung.

Legende und Wirklichkeit

Den gallischen und italischen Feldzügen Attilas verdankt die Kirche zahlreiche schöne, in den späteren Jahrhunderten des frühen Mittelalters entstandene Legenden. Vom Beginn des späten

Mittelalters an boten diese Legenden den Künst-

lern reichlich Stoff für spektakuläre Arbeiten. Das Kölner Martyrium der heiligen Ursula und der in ihrer Begleitung befindlichen elftausend Jungfrauen war ein genauso dankbares Thema wie die mörderische Schlacht der Hunnen mit den aus ihren Gräbern auferstandenen Römern. Höhepunkt ist aber die heroisch erhabene Ge- stalt des Papstes Leo der Große, als er sich vor den Mauern Roms stolz der „Geißel Gottes" stellte, die vor der Erscheinung der Apostel Pe- trus und Paulus erschrocken war. Diesen heute bekannten und benutzten Ausdruck (flagellum Dei) hat in Wirklichkeit Augustin auf Alarich und seine Goten angewendet, als sie 410 Rom zerstörten. Erst Jahrhunderte später wurde er

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88. 88. Scheibenbeschlag mit Zellenornamentik von einer Schale, Szeged-Nagyszéksós auf Attila angewendet, der in der

88. Scheibenbeschlag mit Zellenornamentik von einer Schale, Szeged-Nagyszéksós

auf Attila angewendet, der in der antiken Welt niemals so genannt worden war! Stimmung ver- mochten diese Legenden also gewiß zu machen, Geschichte dafür um so weniger. Der andere Verteidiger neben dem in der Le- gende negativ dargestellten, Aureliani/Orléans wirklich verteidigenden Agrippinus magister militum war im Range eines Bischofs der heilige Anianus, der im Laufe der Jahrhunderte zu einem genauso übermenschlichen Wundertäter und Hellseher wird wie der Beschützer der Stadt Rom, Papst Leo der Große, der in Wirklichkeit zwei Jahre nach dem Tod Attilas vor den Wan- dalenkönig Geiserich trat und um Gnade und Schonung für die Ewige Stadt bat. Um so lehrreicher ist eine, authentische Ele- mente enthaltende Biographie des Bischofs Lu- pus von Trecas-Tricassis (Troyes). Tatsache ist, daß es dem Bischof gelungen war, die wehrlose Stadt, die zur Zeit der Schlacht bei Mauriacum

den Hunnen als Hauptquartier diente, am An- fang und am Ende des Kriegszuges, also zwei- mal, zu schützen - der Legende nach wurde auf Attilas Befehl nicht mal ein Huhn mitgenom- men! Auf Attilas Bitte, vielleicht auch aus Dank- barkeit, aber keinesfalls als „Geisel" - dies wird nirgends erwähnt -, begleitete Lupus das hunni- sche Heer erst bis Aureliani, dann beim Rückzug bis an den Rhein. Man könnte sagen, er verding- te sich als Führer Attilas. Am Rhein entließ ihn Attila nicht nur in Frieden, sondern ersuchte ihn auch durch Onegesius („Hunigasius"). für ihn zu beten. Nach der ältesten Version der Biographie waren die Bewohner von Tricassis - oder viel- leicht eher Aetius - vom sonderbaren Dienst des Bischofs nicht gerade angetan, weil er diesen - ihrer Meinung nach in verdächtiger Weise - lebend überstanden hatte. Er mußte mehr als zwei Jahre im Exil verbringen, ehe er in seine Stadt heimkehren durfte. Aetius wurde am 20. September 454 von Valentinia- nus III. ermordet

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Was uns von den Hunnen erhalten blieb. Die Ergebnisse der Archäologie

In die Vorstellungswelt Europas, vor allem aber Ungarns, prägte sich im wahrsten Sinne des Wortes jenes Bild, das ihr die Illustrationen der Geschichtsbücher und historischen Romane vom vorigen Jahrhundert bis in unsere Gegen- wart sowie die romantische und nationale Ma- lerei von den Hunnen vorzeichneten, unaus- löschlich ein: unter den Planen unförmiger Och- sengespanne neugierig hervorguckende Frauen- und Kindergesichter, Schaf- und Pferdeherden treibende, unbändige Hirten zu Pferde, mit Goldschmuck behängte Krieger in Pantherfellen (oder auch wilde Räuber mit schwarzem Ge- sicht), Attilas Festmahl mit dem auf dem Thron sitzenden majestätisch strengen Großkönig und so weiter. Ihre Kleidung und Ausrüstung schei- nen aus der Requisitenkammer eines Theaters hervorgeholt zu sein. Und wenn schon die Streit- macht aus fünfhunderttausend Mann bestand, wie dies die „weisen" Chronisten schreiben, wie groß mag dann erst das Hunnenvolk gewesen sein? Auch die noch in Kinderschuhen steckende Archäologie hatte dieses Bild vor Augen gehabt. Sie suchte eine Unmenge von Menschen, unzäh- lige Gräber und Funde. Und sie fand sie auch. Sie fand den Nachlaß der „unzähligen turani- sehen Völker", der das Karpatenbecken förm- lich „bedeckte". Erst ein halbes Jahrhundert später stellte sich heraus, daß sie die Friedhöfe und die Ornamentik der in den Gräbern gefun- denen Gegenstände, die zweifellos in den östli- chen Steppen wurzelte, den Hunnen zugeschrie- ben hatte, obwohl sie aus Dorfsiedlungen des awarischen Reiches aus dem 7.-9. Jahrhundert stammten. Im ersten Drittel unseres Jahrhunderts gelang

es, Schritt für Schritt den Irrtum zu korrigieren und aufgrund einiger miteinander verwandter Funde aus der Wolga-, Dnjepr- und Donauge- gend jenes archäologische Erbe zu entdecken, das hinsichtlich Zeit, Raum und Charakter tat- sächlich mit den Hunnen in Zusammenhang ge- bracht werden kann. Und noch mehr, anhand einheitlicher Bestimmung von Herkunft und Zeit der hunnischen Kupferkessel konnte der bedeutende Repräsentant ihrer archäologischen Hinterlassenschaft bis nach Inner- und Ostasien zurückverfolgt werden. Dank zahlreicher Neufunde beschreitet die Archäologie nun seit drei Jahrzehnten statt irre- führender Nebenpfade endlich den richtigen Weg. Im Gebiet zwischen Ostkasachstan und Moldawien (Moldauische Republik) gelang es bisher, je fünfundzwanzig freigelegte Bestattun- gen reicher Männer und Frauen in die Zeit der Hunnenherrschaft zu datieren und ihre archäo- logische Einheit und Zusammengehörigkeit nachzuweisen. Aus den Donauländern zwischen der Donaumündung und den Alpen kennen wir bislang ungefähr je zehn sehr ähnlich ausgestat- tete Fundkomplexe. Anhand dieser ungefähr 70 eindeutig bestimmbaren Grabinventare läßt sich etwa die doppelte Anzahl fragmentarisch oder unvollständig ans Tageslicht gekommener, in Museen aufbewahrter Funde archäologisch ein- reihen. Die archäologische Sammel- und For- schungstätigkeit von rund 150 Jahren kann je- dermann davon überzeugen, daß es aus der Hunnenzeit - und innerhalb dieser von den Hunnen - keine andere oder andersartige Hin- terlassenschaft gibt und auch in Zukunft wohl kaum geben wird. Und gerade diese Überreste bestärken uns in der Überzeugung, daß es nicht

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nur möglich, sondern sogar erforderlich ist, die historischen Quellen im Lichte des archäologi- schen Materials zu überprüfen. Heute ist es bereits offensichtlich, daß uns überwiegend von solchen Personen eine archäo- logische Hinterlassenschaft erhalten geblieben ist, die an der Spitze der Hunnenbewegung ge- standen, das Reich ausgebaut und beherrscht haben, also von Mitgliedern der obersten und mittleren Gesellschaftsschicht. Die ost- und in- nerasiatischen Wurzeln der materiellen und gei- stigen Kultur dieser Schicht können heute erst in Spuren erfaßt werden, um so auffallender sind ihre mittelasiatische Entfaltung und Wandlung. Diese „nomadische" Aristokratie und dieser Adel stellen nicht unbedingt eine ethnische Einheit dar, so wie auch das Gefolge und die militärische Elite Kharatons und Attilas es nicht waren. Dennoch handelt es sich im Hunnenreich in der Mehrzahl um die Großen und Militarführer ori- entalischer Herkunft und in hunnischer Tracht, die unabhängig von ihrer Abstammung die Hunnen und ihr Reich bis zu deren Untergang repräsentierten. Das „gemeine Volk" und das „Heer" hinterließen - nach der mittelasiatischen Ausgangsbasis - kaum noch archäologische Spuren, nur vereinzelte oder aus wenigen Gräbern bestehende, zumeist ausgeraubte Be- stattungen. Die archäologischen Funde machten deutlich, daß die hunnischen Bewegungen und das Hun- nenreich noch am ehesten im Vergleich mit der Geschichte und den Denkmälern der mongoli- schen Feldzüge und Eroberungen im Europa des 13. Jahrhunderts verständlich sind. An der Spit- ze der später Goldene Horde genannten euro- päischen Mongolen standen einige Mitglieder des Herrscherhauses, mongolische Vornehme und militärische Anführer. Sie lebten zu einer anderen Zeit, und das archäologische Erbe be- sitzt anderen Charakter, ist ärmlicher und auch geringer als die Hinterlassenschaft der hunni- schen Aristokratie. In dieser Hinsicht können keine Vergleiche angestellt werden. Was die Khane und Feldherren der Goldenen Horde je- doch zielbewußt bewegten, war ein sich dauernd änderndes, kleiner und wieder größer werdendes Heer aus jungen und starken Männern. Es ist archäologisch genau so wenig faßbar wie jedes andere mobile Heer des Altertums oder des Mit- telalters. In seinen Spuren jedoch ist es um so besser sichtbar. In Osteuropa verweisen nieder-

ist es um so besser sichtbar. In Osteuropa verweisen nieder- 54. Die Goldblechverkleidung von Jakuszowice folgt

54. Die Goldblechverkleidung von Jakuszowice folgt genau der Form and Struktur hunnischer Reflexbögen

gebrannte, für immer verlassene Städte und Siedlungen, im Karpatenbecken Hunderte ein- geäscherter Dörfer und Burgen auf seinen Weg und seine Existenz. In der Kiewer Rus ebenso wie in Ungarn bezeugen zahlreiche verborgene und von ihren Eigentümern nie hervorgenom-

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mene Geld- und Schmuckschätze die Vernich­ tung von Gütern und Menschen. Mit ähnlichen Spuren konnten auch die hunnischen Heere prahlen: Wo sie erschienen waren, hinterließen sie eine „Brandschicht". In der Zeit zwischen 376 und 381 verweisen in der heutigen rumänischen Ebene verlassene Dörfer und Friedhöfe auf die Flucht der Wisigoten und auf das Erscheinen der Hunnen. Verschreckte Goten vergruben im heu­ tigen Siebenbürgen ihr Geld, Gold und ihren Schmuck, so in Gyergyó-Tekerőpatak/Vălea- Strimba, Kraszna/Crasna, Szászföldvár/ Marienburg/Feldoiara, Borszek/Borsec. Auch sie hatten nie mehr Gelegenheit, die Schätze zu heben. Auch auf die Niederwerfung der Gepiden und den Untergang der alten Gepiden-Aristokratie weist ein Schatzhorizont hin. Die römischen Goldmünzen des I. Schatzes von Szilágysomlyó/ Şimleu-Silvaniei gesellen sich zu der einmali­ gen Schmuckserie des II. Schatzes vom selben Fundort Mit dem ersten stimmt in Zeit und Charakter der Goldmünzen- und Goldketten­ hort von Ormód/Brestow überein, während das Pendant des letzteren ein mit Edelsteinen ge­ schmücktes, goldenes Fibelpaar einer gepidi­ schen Vornehmen aus Gelénes ist. Die in diesen Horten vergrabenen Gegenstände wurden im 4. Jahrhundert oder spätestens zu Beginn des 5. Jahrhunderts angefertigt. Die Schätze selbst wurden im Gepidenland im 5. Jahrhundert ver­ graben, ihre Besitzer waren geflohen oder ge­ storben. Die Flucht der im Laufe der hunnischen Be­ wegung aufgestörten Völker Osteuropas, na­ mentlich der an der unteren Donau, kann nicht allein mit Hilfe der schriftlichen Quellen verfolgt werden. Die noch aus dem 4. Jahrhundert stam­ menden Elemente der sich über die Ukraine, die Moldau, Siebenbürgen und die Rumänische Tiefebene (Walachei), ausdehnenden Tschern- jachow-Marosszentanna/„Sîntana de Mureş"- Kultur (z. B. kleine Blechfibeln aus Bronze oder Silber) erscheinen am Ende des 4. und zu Beginn des 5. Jahrhunderts ohne irgendwelche Vorläu­ fer in Pannonien und im unteren Theißtal (Abb. 36, Taf. 98-99). Die edelsteingeschmückten Goldfibeln des Szilágysomlyó-Typs der adligen Frauen ostgermanisch-alanischer Herkunft sind auch westlich von Gepidien, in Pannonien (Rá­ bapordány, Regöly), in dessen Nachbarschaft (Untersiebenbrunn in Niederösterreich), ja sogar

in der entfernten Normandie (Moult-Argence „Airan") aus Gräbern und verborgenen Schät­ zen der Vornehmen zum Vorschein gekommen. Zur Zeit kann noch nicht entschieden werden, wer derartige Fibeln getragen hat: in mit golde­ nen Füttern besetzte, iranisch-pontische Schleier gekleidete Germaninnen oder ostgermanische Fibeln verwendende alanische Männer wie auch Frauen. Aufgrund gewisser archäologischer Funde ist es nämlich sehr wahrscheinlich, daß sich den ostgermanischen Flüchtlingen fast über­ all Alanen angeschlossen haben, wie dies ja auch aus historischen Quellen bekannt ist. Die Vermi­ schung von verschiedenen Schmuckgegenständen und Trachtstücken ist im pannonischen Raum vom Erscheinen der ersten Flüchtlinge aus dem Osten im Jahre 378 bis zum Ende der tatsächli­ chen Hunnenherrschaft zu beobachten und ge­ sellt sich entsprechend der Vielfalt der zeitgenössi­ schen Völker und Religionen zu den verschieden­ sten Bestattungen. Fast schien bereits der Ver­ such zu gelingen, die wichtigeren Funde nach Jahrzehnten zu gliedern sowie bestimmten Volks­ gruppen zuzuschreiben und in die Ausstattung der in römischem Dienst stehenden alanisch- hunnisch-ostrogotischen „Föderaten" vor 430 einerseits und in solche der in hunnischem Dienst stehenden hunnisch-alanisch-ostgermanischen „Feinde" nach 430 andererseits zu trennen. Der­ artigen Auslegungsversuche der wenigen Funde können aber kaum anders angesehen werden als mehr oder weniger gute Hypothesen. Die Denkmäler des sich seit etwa 400 immer intensiver gestaltenden römisch-barbarischen Zusammenlebens verbreiteten sich bald auch auf ehemals nicht zum Reich gehörenden Nachbar­ gebiete. Die in der pannonischen Provinz erhal­ ten gebliebenen Handwerkszweige wie Töpferei, Bronzebearbeitung, Goldschmiedekunst und Glaserei stellten sich in den Dienst der „Barba­ ren" (Abb. 65-66). Ihre eigenartigen Erzeugnisse werden nicht nur in Pannonien, sondern auch in den Nachbargebieten gefunden, der Großteil des Karpatenbeckens ist also mit ethnisch und zeitlich unbestimmbaren römisch-barbarischen Handwerksprodukten übersät worden. Mit den alanischen, hunnischen und ostger­ manischen Flüchtlingen begannen sich auch einige orientalische Modeartikel zu verbreiten. So zum Beispiel die runden, an der Rückseite mit erhabenen geometrischen Siegen verzierten Weißmetallspiegel mit Öhr (Taf. 97), die ostasia-

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tisch-chinesischen Ursprungs sind. Ein derarti- ger Weißmetallspiegel galt als „Modeartikel" und zugleich als rituelle Grabbeigabe schon vor dem Eintreiffen der Hunnen, er blieb es während der gesamten Hunnenherrschaft und auch noch Jahrzehnte danach. Obwohl sich diese Spiegel unabhängig von einem bestimmten Volk ver- breitet haben, steht dennoch im Hintergrund ihrer Verbreitung der Hunnensturm. In diesem Sinn ist, wie davon auch andere Beispiele zeu- gen, die hunnische Bewegung in ihrer Auswir- kung auch archäologisch zu fassen.

89. Elektronpokal mit Ringfuß, Szeged-Nagyszéksós

Im Laufe der Bewegung werden aber auch die Hunnen selbst sichtbar - wenn auch nicht allzu leicht. Häufig besteht nur ein geringer Unter- schied zwischen den zu Eroberern gewordenen Flüchtlingen und den eigentlichen Eroberern, die die Flucht verursachten und die kleineren Er- oberer alsbald verschlungen haben. Nicht allein das archäologische Material, sondern auch die Schriftquellen jener Zeit sprechen dafür. Die archäologischen Denkmäler der Hunnen werden immer, besser bekannt. Zweifler könnten dennoch behaupten, daß es sich bei den hundert oder etwas mehr Funden um keine echte archäo- logische Hinterlassenschaft handle, die auf ei-

bei den hundert oder etwas mehr Funden um keine echte archäo- logische Hinterlassenschaft handle, die auf

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90.

90. 90. Bruchstück einer Elektronschale aus Szeged- Nagyszéksós nem Gebiet von fast 5 000 000 km

90. Bruchstück einer Elektronschale aus Szeged- Nagyszéksós

nem Gebiet von fast 5 000 000 km 2 verstreut

ist und nicht einmal aus derselben Zeit, sondern aus einem Zeitraum von einem dreiviertel oder aber einem ganzen Jahrhundert stammt. Auf

entfällt damit ein einziger Fund,

wenn wir mit einer Zeitspanne von drei Genera- tionen rechnen, sogar auf 150 000 km 2 . Kann man darauf überhaupt etwas bauen? Gewiß! In der modernen Archäologie, namentlich jener der bewegten Jahrhunderte der Völkerwanderung, ist nicht die Anzahl der Funde, sondern deren Qualität entscheidend: die Zusammenhänge frü- her unbekannter, neuer Phänomene. Die Funde, die mit der hunnischen Bewegung in Zusammen- hang gebracht werden können, bilden von Ost nach West derzeit bereits geradezu eine Kette,

50 000 km 2

allerdings eine, die aus ungleichen Gliedern be- steht (s. Karte). Die Fundorte sind in Wirklich- keit nicht über eine Entfernung von 5000 bis 6000 km verstreut (voneinander viele hundert Kilometer entfernt verstreute hunnische Funde sind uns nur östlich der Wolga, in der großen Ebene zwischen Ural und Ob bekannt, z. B. Tugoswonowo, Kanattas, Kysyl-Adyr. Muslju- mowo, Mertwije Soli, Fedorowka, Schipowo - Abb. 5, 10, 18-19, 46, 49), sondern verdichten und gruppieren sich in den auch historisch be- kannten hunnischen Siedlungs- und strategi- schen Zentren. Eine Serie namhafter hunnischer Funde kam auf dem beiderseits des bekannte- sten Wolgaüberganges gelegenen Gebiet von Sa- ratow und dem südlich daran angrenzenden Ge- biet von Wolgograd ans Tageslicht (z. B. Wladi- mirowskoje, Marxstadt, Pokrowsk mit mehre- ren Fundstellen [Abb. 22], Beresowka, Seelman/

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Rownoje, Kurnajewka, Werchneje Pogromnoje, Nishnjaja Dobrinka), in der mittleren Gegend des Nordkaukasus (Sdwishenskoje, Kudeneto- wo, Selenokumsk, Chasawjurt, Bylym Osruko- wo, Naltschik-Wolnij Aul, Kumbulta, Werch- naja Rutcha, Galajty), nahe des Kaspisees in Dagestan (Kischpek, Utamisch, Iragi - Abb. 42, 70, 71), auf dem sich vom Unterlauf des Dnjepr bis zum Eingang zur Halbinsel Krim erstrecken­ den Gebiet von Dnjepropetrowsk, Saporoshje und Cherson (Igren, Nowo-Iwanowka, Makar- tet bei Tokmak, Osipenko, Melitopol, Dmitr- owka, Nowogrigorewka, Aleschki bei Zjuru- pinsk sowie in der Nähe der letzteren Ku- tschuguri und Saga, Schtscherbata-Tal bei No- wa[ja] Majatschka, Radensk, Kapulowka bei Nikopol - Abb. 21-23, 52, 58), auf der Halbinsel Krim, vor allem in deren Steppenregionen (Kertsch mit mehreren Fundstellen, Marfowka, Beljaus, Feodossija mit zwei Fundstellen, Kalin- ino bei Krassnogwardeiskoje, Tschikarenko - Abb. 51, 59-60), zwischen südlichem Bug und dem Pruth (Antonowka, Tiligul, Olbia), am Ufer des Dnjestr und des Pruth in der östlichen und westlichen Moldau (Conceşti, Buhăeni, Mă- riţea, Schestatschi [Abb. 14] in der Nähe von Resina), im Buzäu-Tal, das die südöstlichen Karpaten mit dem Donauknie in der Dobru- dscha verbindet, zugleich aber auch abriegelt (Bălteni, Gherăseni, Sudiţi, Cilnău), in Oltenien (Desa, Hinova, Hotarăni, Celei-Sucidava, Coşo­ venu de Jos). Die einzelnen Fundgruppen liegen im allgemeinen auf einem Gebiet, das kleiner oder höchstens ebenso groß ist wie das heutige Ungarn. Verstehen kann man diese Fundgrup­ pen jedoch nur in ihrer Einheit. Es gibt keine besonderen hunnischen Funde oder eine eigene hunnische Archäologie in Ungarn, auf der Krim oder in der Wolgagegend. Die Eigenart der hun­

nischen Ausrüstung und des hunnischen Bestat­ tungsritus besteht gerade darin, daß man über sie nur unter gleichzeitiger Berücksichtigung sämtlicher Funde Entscheidendes aussagen kann. Ja noch mehr, zu ihrer Interpretation ist es unumgänglich erforderlich, auch die hunnen­ zeitliche Schicht der großen alanischen Gräber­ felder im Gebiet des Nordkaukasus zu berück­ sichtigen (Pjatigorsskaja, Majkop, Gilatsch Kisslowodsk-Lermontow-Fels, Mokraja-Balka, Bajtal-Tschapkan, Chabas, Abrau-Dürso bei Noworossijsk, usw. - Abb. 22, 24, 35, 57), da wichtigere Elemente der hunnischen Tracht und Pferdegeschirre oft nur mit Hilfe der alanischen Katakomben und anderer Körperbestattungen verstanden werden können. Die hunnischen Funde des Karpatenbeckens stammen aus einer kaum längeren Zeitspanne als einer einzigen Generation; sie stellen weniger eine Aufeinanderfolge als ein Nebeneinander dar; nicht schlechter als die archäologischen Denkmäler der ersten Generation des Awaren- tums, der frühesten Awaren. Die früheste awari­ sche Ausstattung, Siedlung und Sitte erinnern überhaupt sehr an den archäologischen Nachlaß der Hunnen im Karpatenbecken, was kaum ein Zufall ist. Einige wenige „Fürstengräber", Ein­ zelgräber von Rang, Grabgruppen von Fami- lien-unterkünften („aul") sowie die dazugehöri­ gen Totenopfer spiegeln glänzend Asien und das Zeitalter des Kagan Bajan wider. Die fortlau­ fend belegten Friedhöfe der awarischen Dörfer im 7. Jahrhundert sind hingegen bereits Ergeb­ nis einer historischen Entwicklung, die die Hun­ nen wegen ihres zu kurzen Aufenthaltes im Kar­ patenbecken nicht mehr erreichen konnten. Was also Hunnen und Awaren verbindet, ist ihre asiatische oder pontische Tradition; was sie un­ terscheidet, ist die örtliche Weiterentwicklung.

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Die hunnischen Kupferkessel

Vom archäologischen Standpunkt aus betrach- tet ist von allen hunnischen Funden der bis vor kurzem bedeutendste - tatsächlich der älteste und beste - Fund im Jahre 1831 im schlesischen Jedrzychowice (damals Höckricht; die archäolo- gische Literatur kennt den Fund eher unter die- sem Namen) aus einem niedrigen Sandhügel ans Tageslicht gefordert worden (Abb. 16). Im Höckrichter Fund können nämlich alle drei für die Hunnen charakteristischen Fundtypen zu- sammen studiert werden: 1. der gut erhaltene Kupferkessel samt einer aus Bronzeblech getrie- benen Schüssel, 2. die edelsteinverzierten Gold- bleche und 3. die mit in Zellen gefaßten Edelstei- nen verzierten Goldschnallen, goldene Riemen- zungen, vergoldete Bronzeschnallen, also Zier- stücke von Gürtel, Stiefeln und vielleicht auch von Pferdegeschirr. Der in geringer Tiefe beim Ackern zutage gekommene Fundkomplex war, unseren heutigen Kenntnissen entsprechend, Teil eines Totenopfers. Einen entscheidenden Beweis dafür liefert ein vor kurzem - gleichfalls beim Ackern - zum Vorschein gekommener Fundkomplex, nämlich der von Makartet in der Ukraine (Abb. 58), wo ebenfalls zusammen mit den aus Höckricht/Jedrzychowice bekannten, mit Preßgold überzogenen Riemenzungen und anderen spezifischen hunnischen Ausrüstungen (Kleiderschmuck aus Preßgold, Trensen, Lang- schwerter, dreißüglige Pfeilspitzen) Kesselfrag- mente aus Kupfer ans Tageslicht kamen. Wir wissen leider nicht, was für Kesselfragmente.

Die hunnischen Kessel, die zum Großteil nur fragmentarisch oder in Bruchstücken erhalten sind, hatten ursprünglich zusammen mit dem Fußring eine Höhe von 35-100 cm (meist 50-60 cm) und sind ostasiatischen Ursprungs.

Die von wenigen Ausnahmen abgesehen viel kleineren, rundlichen Bronzekessel mit breiter Öffnung waren schon in den vorchristlichen Jahrhunderten häufig Grabbeigaben in sky- thisch-sakischen Kurganen Eurasiens. Es ist da- her kein Zufall, daß die hunnischen Kessel von vielen für Denkmäler der Skythenzeit gehalten worden sind. Die unmittelbaren Vorgänger der zylindrischen, im allgemeinen größeren hunni- schen Kessel sind jedoch nicht die um Jahrhun- derte älteren skythischen Kessel, sondern die in China, in der Gegend der Großen Mauer, und in der Mongolei gefundenen Kupfer- und Bron- zekessel, von denen einer gerade im Gebirge von Nojon-ul/Noin Ula aus dem fürstlichen Hügel- grab (Kurgan 6) der asiatischen „Ahnen" der Hunnen ans Tageslicht gekommen ist. Die Kes- sel wurden samt den Verzierungen und den ver- zierten Henkeln in zwei (der größte Kessel von Törtel und vielleicht auch der ähnlich große von Intercisa, Celamantia und Bennisch in vier) Ein- zelteilen in Lehmformen gegossen, die Einzeltei- le nachträglich zusammengeschweißt und der separat gegossene, zylindrische Fußring schließ- lich ebenfalls angeschweißt oder angenietet. Die- ses Verfahren sowie die eigentümlichen Verzie- rungen, die den Kesselrand einfassenden, den Gefaßkörper in senkrechte Felder teilenden, sich scharfhervorhebenden, aus einer bis drei Leisten bestehenden Rippen sind ausnahmslos Kennzei- chen chinesischer Bronzearbeiten (Abb. 14, Taf. 34-36). Diese Technik und Verzierung cha- rakterisieren jene nunmehr über zwanzig Kessel bzw. Kesselreste, die vom Ob bis Troyes - also bis zum Schlachtfeld von Mauriacum -jen e bei- den Endpunkte mit unheimlicher Genauigkeit anzeigen, zwischen denen sich die Hunnenmacht

140

entfaltete. In Kenntnis dieser Tatsachen scheint es überhaupt kein Zufall mehr zu sein, daß die Mehrzahl der Kessel in den beiden militärischen Zentren der hunnischen Großmacht in Europa, in der nördlich von der unteren Donau gelege­ nen rumänischen Ebene - besonders in der Fluß­ gegend - und aus dem Donau-Theiß-Becken, zum Vorschein gekommen ist. Der größte und prächtigste, ursprünglich rund 1 m hohe und ungefähr 40-50 kg schwere Kessel stammt aus jener Gegend, in der auch der größte hunnische Goldfund, der von Nagyszék­ sós, ans Tageslicht gekommen ist. Er wurde etwa 15-16 km vom Theißtal entfernt dort freigelegt, wo einst das Überschwemmungsgebiet die Sand­ hügel erreichte (am Fuß des Czakó-halom ge­ nannten urzeitlichen Siedlungshügels, in der Ge­ markung von Törtel - Taf. 36). Der Goldfund von Nagyszéksós kam gleichfalls an der Grenze des Überschwemmungsgebietes zu den Sandhü­ geln zum Vorschein. Und wenn der zuletzt ange­ führte Fund - wie wir noch sehen werden - den südlichen Endpunkt der verborgenen Gräber hoher hunnischer Würdenträger, die zwar in der Nähe des Theißtales gelebt haben, aber weiter davon entfernt, in den „westlichen Sandstep­ pen" bestattet worden sind, anzeigt, so stellt der Kessel von Törtel mit Gewißheit den nördlichen Endpunkt dar. Auch aufgrund der beiden größ­ ten hunnischen Funde kann auf die Lage der Ordu Rugas, Bledas und Attilas in der mittleren Theißgegend, vermutlich am östlichen Flußufer im Raum südlich der Körös und nördlich der Maros, geschlossen werden. Der in der Größe nach dem von Törtel folgende, 71 cm hohe Kes­ sel von Ioneşti verhält sich im großen ganzen so zu dem Fund des hunnischen Ordu an der Buzău wie der von Törtel zu dem aus der Theißgegend:

ein westlich vom Ordu gelegener einsamer Fund im Argeş-Tal, das von den Hunnen nicht besetzt worden war.

Die Kessel werden seil einem Jahrhundert für Opferkessel gehalten, eine Ansicht, die der ein­ stigen Wirklichkeit ziemlich nahekommt. Schon seit langem und auch neuerdings sind aus Südsi­ birien Felszeichnungen bekannt, die ähnliche Kessel darstellen, auf den Felsbildem von Kysil- Kaja zumeist in der Weise, daß neben dem Kes­ sel ein, zwei Männer stehen oder knien und der eine mit einem langen Löffel (?) in dem durch­ sichtig gemeißelten, zweihenkligen Kessel etwas umrührt. Er „kocht" etwas oder „bringt ein Op-

umrührt. Er „kocht" etwas oder „bringt ein Op- 55. Ornamente der Goldbeschläge der Bogenenden und

55.

Ornamente der Goldbeschläge der

Bogenenden

und des

Griffes aus dem Fürstenfund

von

Pannonhalma

fer dar", der jeweiligen Auslegung entsprechend. Das teure Material, die Größe und die prunkvolle Ausführung der erhalten gebliebenen hunnischen Kessel weisen jedoch - was auch immer in ihnen gerührt worden ist - nicht auf ein einfaches Mahl sondern entweder auf ein rituelles Mahl der Vornehmen oder auf einen Leichenschmaus

141

Auf den Felszeichnungen bei Bolschaja Bojars- kaja hingegen - die neuerdings ebenfalls in die Auslegungsversuche der hunnischen Kessel mit­ einbezogen werden - spielen die zahlreichen Kessel eine untergeordnete Rolle. Neben Holz­ häusern und Jurten stehen einzeln oder auch serienmäßig Kessel unterschiedlicher Größe - offensichtlich wurden sie im täglichen Leben der

56. Rekonstruktion des goldbeschlagenen Schwertes aus

dem hunnischen Opferfund

von

Bátaszék

Schwertes aus dem hunnischen Opferfund von Bátaszék Siedlung benutzt. Die in Tuwa und im Altaige­ biet

Siedlung benutzt. Die in Tuwa und im Altaige­ biet Jahrhunderte hindurch verwendeten Ton- und Holzkessel beweisen ebenfalls die Verwen­ dung dieser Art von Gefäßen in Innerasien als alltägliche Gebrauchsgegenstände (Abb. 15). Es kann also nicht mit Sicherheit behauptet wer­ den, daß auf den Felszeichnungen nur Metall­ kessel dargestellt wurden. Den jüngsten, über­ zeugenden Prüfungen gemäß sind übrigens die Felszeichnungen Darstellungen der verschiede­ nen Typen der um ein ganzes Jahrtausend vor­ her-häufig in Südsibirien und in Innerasien zur skythisch-sakischen Zeit - gebrauchten Bronze­ kessel. Es ist also sehr wahrscheinlich, daß aus den Felszeichnungen Südsibiriens keinerlei Fol­ gerungen bezüglich der hunnischen Kupferkes­ sel gezogen werden können. Nur genau bekannte Fundumstände könnten klären, welcher Kessel aus einem zerstörten La­ gerplatz stammt - ein solcher ist bisher nur das Bruchstück aus dem wallachischen (munteni- schen) Sudiţi - und welcher in der Nähe einer Begräbnisstätte zur Darbringung eines Totenop­ fers gedient hat. Als „Urne" kann keiner der Kessel gedient haben; alle bekannten Befunde schließen eine derartige Möglichkeit aus. Der heute unversehrt scheinende Törteler Kessel wurde in Wirklichkeit mit fehlerhaftem Rand, an zwei Stellen löchrigem Boden, gebrochenem Fuß ans Tageslicht gefördert. Entweder wurde er mutwillig beschädigt oder in einer Weise ver­ wendet, die schwere Schäden an ihm verur­ sachte. Als der Kessel zum Vorschein kam, wa­ ren zwei Fünftel von ihm gewaltsam zerschla­ gen, ein Henkel war abgebrochen, an seinem Boden waren verkohlte Flecken zu sehen. Der Kessel von Hőgyész aus dem Kapos-Tal wurde von einem Pflug aus geringer Tiefe gehoben (Taf. 34); er war am Boden an zwei Stellen durchlöchert, ein Henkel war abgebrochen.

Das Kesselbruchstück von Bennisch/Benešov (Abb. 14/6) wurde an einem Bergabhang gefun­ den, es war derart verbrannt, daß es schon in der ersten Beschreibung für Überrest eines „Toten­ opfers" gehalten wurde. Der nur an der einen Seite unversehrt scheinende, außen stark rußige Kessel von Ioneşti (Abb. 14/7) ist in Wirklich­ keit zertreten, zerdrückt, an den Seilen an meh­ reren Stellen durchlöchert, Rand, Henkel und Boden wurden verstümmelt, bevor man ihn ver­ grub. In allen Fällen handelt es sich um ein Zerschlagen oder eine Beschädigung aus der

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91.

91. 91. Goldschnallen aus der Umgebung von Sopron/Öden - burg 92.-93. s. Farbtafeln XXV-XXVI Hunnenzeit, was

91. Goldschnallen aus der Umgebung von Sopron/Öden- burg

92.-93. s. Farbtafeln XXV-XXVI

Hunnenzeit, was auch eine Erklärung dafür ist, warum so viele einzelne Kesselhenkel und ver­ stümmelte Kessel gefunden wurden. Es liegt na­ he, in diesem Zusammenhang an die chinesi­ schen und mittelasiatischen Metallspiegel zu denken, die zum Großteil in Stücke zerbrochen, beschädigt oder gar nur als Fragment in die Gräber gelangten (Taf. 97). Es handelt sich of­ fensichtlich um einen asiatischen Hunnen­ brauch, kamen ja auch in die Gräber von Nojon- ul (Noin Ula) nur noch halbe oder ein Drittel große chinesische Spiegelbruchstücke (Kurgan 25 und Gol-mod, Grab 25), der „Ahne" unserer Bronzekessel dagegen kann aus einem Henkel- bruchstück aus dem Kurgan 6 - also Grab -, 10 größeren oder kleineren Wandstücken und dem zylindrischen Fußring rekonstruiert werden. Auch auf dem am mittleren Lauf des Dnjestr, im moldauischen Schestatschi, beim Pflügen ge­ fundenen Kessel (Abb. 14/3) befanden sich Brandspuren. Er kam aus einer Tiefe von 80 cm zusammen mit einem aus Kupferblech gehäm­ merten Gefäß zum Vorschein, jetloch sicher nicht aus einem Grab. In noch geringerer Tiefe wurden der Kessel und die Bronzeschüssel von

Höckricht ähnlicherweise gefunden, und wahr­ scheinlich auch der Kessel von Várpalota - zu­ sammen mit einem angeblich ebenfalls aus Bron­ zeblech gehämmerten, kleineren Gefäß. Die Kesselbruchstücke von Makartet waren zusam­ men mit anderen verbrannten Opferbeigaben in einem „Einäscherungskomplex" zerstreut. Auf einen eingeäscherten Menschen hinweisende Überreste, verbrannte menschliche Knochen, wurden bisher neben den Funden nicht ermittelt. Es kann sich also nicht um Grabfunde, sondern nur um Opferreste handeln, wurden doch die rußigen Kessel - vielleicht den von Ioneşti aus­ genommen - fast immer in geringer Tiefe gefun­ den. Wäre dem nicht so, besäßen wir heute nicht schon etwa 20 Exemplare aus einer einzigen kur­ zen Periode. Dennoch stehen die Kessel in Zusammenhang mit den Bestattungen. Darauf machen uns be­ reits Gräber der Taschtik-Kultur aus der sibiri­ schen „Hunnenzeit" (1.-4. Jahrhundert n Chr.) aufmerksam, aus der kleine Bronze- und Eisen­ kessel bekannt sind, obwohl Tonkessel überwie­ gen. Unter letzteren gibt es auch solche, die Form und Verzierung der aus Bronze gegosse­ nen Kessel, also die der Vornehmen, nachah­ men. Kleine, einfachere kesseiförmige Metallge­ fäße kommen auch unter den Totenopfern euro­ päischer Hunnen vor (Melitopol-Ksyljarskaja, Selenokumsk), was als unmittelbare Fortset-

143

zung des asiatischen Brauches gewertet werden kann. Von entscheidender Bedeutung ist den­ noch jenes ,,Brandgrab", tatsächlich ein Toten­ opfer, das 1977 jenseits des Ural-Flusses in Kysyl-Adyr in einer kleinen, mit Steinplatten verschlossenen Höhle zusammen mit dem aus den europäischen Hunnenfunden wohlbekann­ ten Kupferkessel mit „Pilzhenkel" (Abb. 14/1), ferner mit Bruchstücken eines eisernen Schwer­ tes, mit Bogenresten. dreiflügligen Pfeilspitzen, Trense und Speiseopfer (Tierknochen) gefunden worden ist. Daraus geht nämlich hervor, daß die großen Kupfer- und Bronzekessel irgendwie mit den Bestattungen bzw. mit dem Totenkult zu­ sammenhängen. Mit Ausnahme jenes von Törtel stammen alle übrigen im Karpatenbecken gefundenen Kup- ferkessel aus der das hunnische Zentrum vertei­ digenden pannonischen Militärzone, wo auch die Mehrzahl der hunnischen Funde zum Vor­ schein kam. Der kleine Bruder des Törteler Kes-

94. Die geometrische Verzierung an einer Goldzikade aus Sáromberke ist verwandt mit den reichen

Pferdegeschirrverzierungen aus den Jahren um 400

reichen Pferdegeschirrverzierungen aus den Jahren um 400 sels, der (mit fehlendem Fußring ursprünglich über 60 cm

sels, der (mit fehlendem Fußring ursprünglich über 60 cm hohe) „Kapos-Taler" Kessel, wurde in der Gemarkung von Hőgyész gefunden. Am Kessel von Várpalota (Taf. 35) mit schadhafter Wand und beschädigtem Rand blieb der zylin­ drische Fußring erhalten. Auffallend häufig sind die mehr oder minder verzierten Kesselhenkel sowie Kesselhenkel- und Ränderbruchstücke. Verbrannte Henkelbruchstücke stammen aus Troyes, aus Rázova-Benešov/Raase-Bennisch in Mährisch-Schlesien, aus Hotărani in Oltenien, aus Oltenien ohne nähere Fundortangabe und aus Boşneăgu (an letzterem Fundort waren zwei große Kesselhenkel in 150 cm Tiefe „begraben", ihre Bruchflächen waren gleichmäßig patiniert, die Henkel waren demnach bereits zur Hunnen- zeit abgebrochen). Warum an den erwähnten fünf Fundstellen nur Kesselhenkel erhalten ge­ blieben sind und warum nur Kesselwandbruch- stücke von anderswo (Intercisa, Celamantia, Su- diţi-Gherăseni, Hinova), können wir ebenso nur vermuten wie die Frage, warum die Wand des Kessels von Várpalota und jene von Iwanowka in der Donezgegend in gleicher Weise gebrochen sind, warum der Kessel von Ioneşti durchlö­ chert, zerbrochen und zusammengedrückt und der Fuß des Kessels von Kysyl-Adyr abgebro­ chen und der Boden durchlöchert wurde.

Die meisten Streitfragen entbrannten wegen jener Kesselbruchstücke, die auf dem von den Hunnen verwüsteten Gebiet der spätrömischen Kastelle gefunden worden waren. Die ange­ brannte Seitenwand eines Kessels, der kaum kleiner als der Kessel von Ioneşti und ähnlich (mit drei Rippen) verziert war, konnte im Ca- strum von Intercisa (Dunaújváros) gelegent­ lich der Ausgrabungen eines spätrömischen Gebäudes geborgen werden. Ist er in dem zweifellos abgebrannten römischen Gebäude zugrunde gegangen? Wann, warum, wie und wohin sind die anderen Teile gekommen? Oder war der Kessel vielleicht der „Gefährte" jener bärtigen Menschenantlitze und menschlichen Figuren, die ebenfalls im Inneren des Kastells gefunden wurden und zu denen wirklich gute Parallelen nur von den hunnischen Funden der Wolgagegend (Pokrowsk) und der Dnjeprge- gend (Nowogrigorewka) (Abb. 9) bekannt sind? Die vermutlich zum Ausschneiden bestimmten Gesichter aus Intercisa zeugen davon, daß im Kastell Hunnen gelebt und gearbeitet haben. Das spätrömische Gebäude aber bestand schon

94.

144

95.

lange nicht mehr, als die Überreste des Opfer­ scheiterhaufens eines hunnischen Anführers in den mit Schutt vermengten Boden eingegraben wurden. Ähnlich ist die Lage in der Gegenfestung von Brigetio (Szöny), Celamantia (Leányvár) am lin­ ken Donauufer, wo in der obersten Schicht aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts ein mit drei Rippen verzierter Kessel und ein mit einer Rippe verziertes kleines Seitenbruchstück sowie eine halbrunde „pilzförmige" Randverzierung eines verbrannten Kessels gefunden wurden. In der spätrömischen Gegenfestung Sucidava/Celei an der unteren Donau wurden vier kleine Rand­ bruchstücke eines hunnischen Bronzekessels ausgegraben. Es ist kaum glaubwürdig, daß die von Uldin um 408 zerstörte Befestigung von Hunnen gegen Hunnen bis zum letzten Atemzug verteidigt worden wäre und daß sich die ver­ brannten „auseinandergesprungenen" Kessel­ bruchstücke gelegentlich der Zerstörung der Be­ festigung verstreut hätten. Die in der gleichen Schicht gefundenen Bruchstücke eines Metall­ spiegels asiatischen Typs weisen kaum auf in rö­ mischem Sold stehende Soldaten hin. Die Kessel­ bruchslücke aus Sucidava sowie die südlich von Drobeta gefundenen aus der ebenfalls 408 zer­ störten spätrömischen Kleinfestung von Hinova, am linken Ufer der unteren Donau verraten ledig­ lich so viel wie jene aus Intercisa und Celamantia:

in den eroberten und zerstörten römischen Befe­ stigungen lebten in der ersten Hälfte des 5. Jahr­ hunderts schon Hunnen mit ihren Familienmit­ gliedern und brachten dort ihre Totenopfer dar.

Die bisher aufgefundenen Kessel zeugen von deren Herstellung und Gebrauch während der gesamten Hunnenzeit überall dort, wo Hunnen hingelangten. Und zwar wurden sie in mehreren Werkstätten, aus verschiedenem Material, in unterschiedlichen Ausmaßen und zahlreichen Varianten gefertigt. Dennoch stimmt die Ver­ breitung der Kessel auffallend mit den Etappen und Schwerpunkten des Vordringens der Hun­ nen überein. Ein Kessel ostasiatischen Charak­ ters ist in Mitteleuropa allein jener von Höck- richt/Jedrzychowice, seine Verwandten finden wir im Wolgatal und Östlich davon. Verblüffend ist zudem, daß uns der größere Bruder des Kes­ sels von Kysyl-Adyr im Ural schon in Raase- Bennisch, also westlich des Quellgebietes der Oder, begegnet, der nahe Verwandte des nord­ kaukasischen Kessels von Chabas dagegen in

des nord­ kaukasischen Kessels von Chabas dagegen in 95. In einer Goldschmiedewerkstatt auf der Krim her­

95. In einer Goldschmiedewerkstatt auf der Krim her­

gestellte Zikade mit Almandineinlagen aus Csömör

Desa in Oltenien. Der größere Bruder des Kes­ sels von Iwanowka im Donezgebiet ist der von Boşneăgu an der unteren Donau und der des Kessels von Schestatschi in der Dnjestrgegend geradewegs der von Troyes. Obwohl die Kessel aus der mittleren und unteren Donaugegend im 5. Jahrhundert in verwandten Werkstätten (z. B. Desa-Ciuperceni und Törtel oder Ioneştı und wahrscheinlich Intercisa) hergestellt wurden, hängen die Kessel von Törtel und Hőgyész den­ noch eng zusammen: Nur diese beiden besitzen unter dem Rand umlaufenden „Zellendekor". (Dieses Zellen- und zusammen mit diesem ange­ wandte „Anhänger"-Motiv ist dagegen auf dem in Soka, am rechten Ufer der mittleren Wolga, gefundenen schönen, wohlerhaltenen Kessel an­ zutreffen [Abb. 14/2], letzteren Dekor verbinden die Anhängerverzierungen in Form eines Ausru­ fezeichens auf dem Kessel aus Chabas im Nord­ kaukasus [Abb. 14/3J mit denen aus dem Do­ naugebiet.) Aufgrund ihrer Eigenart handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei den Kes­ seln von Törtel und Hőgyész um Produkte hun­ nischer Werkstätten, die nach 425 nach Ungarn verlegt wurden. Zu einigen Kesseln bzw. Bruch­ stücken gibt es vorerst noch keine Parallelen (Várpalota, Hotărani, Bruchstück a-d Celei/ Sucidava), die Anzahl der Werkstätten bzw.

145

Kesseltypen war demnach weitaus größer, als wir zur Zeit rekonstruieren können. Wie wir gesehen haben, ist unter allen bisher bekannten Kesseln der größte und prächtigste der von Törtel. Die die beiden Henkel und den Rand schmückenden Halbkreisplatten mit Stiel bzw. „pilzförmigen" Platten hielten und halten heute noch viele für eine Nachahmung zeitge­ nössischer Fibeln, für „Pseudofibeln" (als „Ein­ fluß" des Modeschmuckes ostgermanischer Frauen, was in diesem Fall ein Unsinn ist), ande­ re meinen, in der Verzierung eine „Bekrönung" der zu Bestattungszwecken dienenden Kesselur­ nen zu sehen (obwohl es sich um keine „Urnen" handeln kann, die als Vorbild angesehenen, um ein Jahrtausend älteren griechischen Urnen wur­ den mit einem echten oder aus Goldfolien nach­ gebildeten Lorbeerkranz versehen). Die an­ nehmbarste Erklärung - die letzten Endes die „Bekrönung" der Kessel anders, aber dennoch erklärt - ist jene, in der Verzierung der Kessel den gleichen Ursprung wie den für die Verzie­ rung eines früher und eines neuestens gefunde­ nen hunnischen Golddiadems zu sehen (Werch- ne Jablotschnoje bei Werchne Kurmojarskaja und Stara[ja] Igrenj - Abb. 21). Im Falle der Diademe ist es mehr als wahrscheinlich, daß die „pilzförmigen" Verzierungen stilisierte Bäume, richtiger Blätter bzw. Laub nachahmen. Verzie­ rungen in Form stilisierter Blätter sind in ähnli­ cher Weise aus etwas späterer Zeit auf koreani­ schem Kopfschmuck und auf Diademen üblich. Jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, daß sowohl

den Blättern wie auch deren Anzahl irgendeine Bedeutung zukam. Am Rand und auf den Hen­ keln des Törteler Kessels sind diese in einer Anordnung von zweimal 1—4—1 zu linden. Die gleiche Anordnung ist auf dem Kessel von Sche- statschi und dem Henkel von Troyes zu finden. Die Anordnung der Verzierung der Kessel von Hőgyész und Ioneşti von 1-3-1 ist vermutlich für alle bisher gefundenen Kessel mit „Pilzver- zierung" kennzeichnend, mit Ausnahme des Kessels von Várpalota, dessen Verzierungssystem (2-?-2) zwar unbekannt ist, aber sicher anders war. Unverzierte Ränder und Henkel wurden früher nur - mit Ausnahme des Kessels von Höckricht - östlich des Dons gefunden, woraus die früheren Forscher die falsche Schlußfolge­ rung gezogen haben, daß die Henkel der Kessel nur westlich des Dons von den Hunnen in Werk­ stätten des Pontusgebietes verziert wurden. Die­ se Meinung wurde jedoch durch Kupferkessel­ funde von Chabas im Kaukasus und besonders durch den von Kysyl-Adyr grundlegend erschüt­ tert. Schon die Henkel der bereits erwähnten Tonkessel aus der Taschtik-Zeit waren häufig mit drei „Knöpfen" verziert; sie stellen nichts anderes als die Vorläufer der „Pilze" dar. Die Verwandtschaft asiatischer und europäischer Kupferkessel kann folglich kaum mehr bezwei­ felt werden.

Das Vorhandensein oder Fehlen der Verzie­ rungen dürfte eher den „Rang" der Kessel anzei­ gen als deren chronologische, werkstältenmäßi- ge oder sonstige Einordnung.

146

Die Diademe der vornehmen hunnischen Frauen

Wichtig für unsere archäologischen Überlegun­ gen sind die mit roten Edelsteinen bedeckten Goldbleche von Höckricht, vielleicht die wieder­ verwendeten Stücke eines zertrümmerten Dia­ dems, deretwegen man bei weitem nicht Grab­ beigaben von Frauenbestattungen unter den Funden vermuten darf. Die gepreßte Randver­ zierung der Bleche und deren mit Edelsteinen bedeckte Oberfläche erinnern tatsächlich an das Diadem von Csorna (Farbtaf. XIV-XV) in Un­ garn. Dieses Diadem wurde jedoch in einem Grab auf dem Kopf einer vereinzelt bestatteten Frau gefunden, und später kamen ähnliche Stirnreifen in Buhăeni in der Moldau und in Gherăseni in Muntenien zum Vorschein. Das schönste Exemplar ist das aus drei Platten zu­ sammengefügte Diadem von Kertsch (Abb. 21). das vorn in der Mitte mit zwei stilisierten Raub­ vogelköpfen (einem „Doppeladler", eigentlich einem ausgebreiteten, zweiseitig dargestellten Falkenkopf verziert ist. Durch seine Struktur und die Vogelkopfverzierung schließt sich das Kertscher Diadem schon an jenes von Schipowo (Abb. 19) jenseits der Wolga an und bildet somit ein Glied in der sich von der Obgegend bis nach Csorna erstreckenden Kette von Diademen. Übrigens wurde auch das Kertscher Diadem auf einem Skelett gefunden. Die in ähnlicher Technik und in ähnlichem Stil hergestellten Diademe von Csorna, Buhăeni. Gherăseni und Kertsch sind Arbeiten einer eigenartigen „barbarischen" Goldschmiede­ werkstatt. Die Gold- oder vergoldeten Silberrei­ fen sind mit in drei bis vier untereinanderliegen­ den Reihen dicht angeordneten roten und mit einigen andersfarbigen Edelsteinen verziert, die in Kästchenfassungen verschiedener Größe und

unregelmäßiger Form gefaßt sind, das heißt, die Fassungen sind den Steinen angepaßt. Diese Werkstätten befaßten sich jedoch auch mit der Erzeugung anderer Gegenstände: mit der von Schnallenbeschlägen ähnlichen Stils (beson­ ders schöne Exemplare sind die Schnalle von Kistokaj, eine Schnalle unbekannten Fundorts und ein Schnallenbeschlac von Nowogrigorew­ ka (Taf. 40/2. 17/3 und Farbtafel XXVI. Abb. 52) und von Schwertscheidenbeschlägen verschiedener Größe. Genau solche gibt es im Fund von Kalinino; kleinere Beschlagplatten sind die weiter unten zu erörternden Schwertbe­ schläge von Pécs-Üszögpuszta (Taf. 43, Abb. 47). Bátaszék (Taf. 59, Abb. 56) und Jakuszo­ wice (Abb. 53) sowie die als „Diadem" rekon­ struierten Bruchstücke von Budapest-Zugló, dann von Schwertriemendurchzügen (Zmaje­ vac Vörösmart in Baranja. (Abb. 17, 4) und von Pferdegeschirrzierstücken (z. B. aus den Grä­ bern von Jakuszowice und Nowogrigorewka)- alles Gegenstände künstlerischer hunnischer Goldschmiedearbeit. Das Tragen von Metalldiademen war westlich der Donmündung weder unmittelbar vor dem Erscheinen der Hunnen noch nach dem Nieder­ gang der Hunnenherrschaft Mode. Aus der Hunnenzeit selbst sind uns aber bisher Diademe bereits aus über zwanzig Frauengräbern be­ kannt. Der „Ausgang" der Diademfunde fällt fast mit dem der Bronzekessel zusammen, das zur Zeit östlichste Stück ist das prächtige Dia­ dem von Kanattas (Abb. 18) aus der Gegend zwischen Ob und Balchaschsee. Der westliche Endpunkt ist Csorna, und dies nicht zufällig. Denn nur bis dorthin reichten die geschützten Wohnstätten (Auls), wo die vornehmen Frauen

147

57. Schwert mit goldverzierter Parierstange und silbernen Scheidenbesc h lägen aus Verin Holm, Friedhof von

57. Schwert

mit

goldverzierter

Parierstange und silbernen

Scheidenbeschlägen aus Verin Holm, Friedhof von

Schapkino

des Hunnenreiches lebten und bestattet wurden. Weiler nach Westen drangen nur die Heere vor. Die Mehrzahl der acht östlich der Wolga ge- fundenen Diademe scheint aufgrund ihrer Form und ihrer technischen Eigenschaften sassani- disch-persischer Herkunft oder zumindest unter solchem Einfluß hergestellt worden zu sein. Schon im Osten waren die Diademe also Prachtstücke vornehmer hunnischer Frauen. Der Schwerpunkt der Verbreitung der Diademe in Europa weicht von dem der Kupferkessel und der Waffengräber ab. Sie wurden überwiegend (zwölf Funde) an der Nordküste des Schwarzen Meeres und auf der Krim ans Tageslicht beför- dert. Sicher nicht allein darum, weil der Großteil der europäischen Exemplare bereits in den anti- ken Städten der Krim hergestellt wurde, sondern wahrscheinlich als Beweis dafür, daß die - wohl kaum sehr große - Volksbasis der Hunnenmacht auch nach dem Vordringen Rugas nicht bis an die Theiß reichte, bot doch die Ebene zwischen Wolga und unterer Donau günstigere Wohn- stätten für die Lebensweise der Großviehhal- tung. Der eigenartig archaische Stil der bisher in der Donaugegend gefundenen Diademe ist eine bar- barische - offensichtlich hunnische - Nachah- mung iranischer Traditionen und Einflüsse. Die- se Diademe stammen also theoretisch aus der frühen Zeit der Hunnenbewegung, aus der Zeit vor Bleda und Attila, wobei natürlich fraglich bleibt, wann sie ihre Eigentümer mit ins Grab bekommen haben. In Dulceanca in der rumäni- schen Ebene wurde z. B. am Rand eines verlasse- nen gotischen Dorfes aus dem 3./4. Jahrhundert jenes Männergrab freigelegt, das ein mit Edel- steinen verziertes Blechbruchstück enthielt. Die intakten Metalldiademe wurden in Grä- bern gefunden, und, wo uns die Fundumstände bekannt sind, im allgemeinen auf Schädeln (z. B. Marfowka, Leninsk Kurgan 3. Beresowka, Ka- nattas). Selbst bei dem die Forschung eine Zeit- lang irreführenden Fund von Melitopol, wo das Diadem vor den Ausgrabungen der Überreste des Totenopfers für einen Mann gehoben wor- den war, wurde es tatsächlich in einem Grab auf einem weiblichen Schädel gefunden, der nach dem hunnischen Schönheitsideal künstlich er- höht („deformiert") war und an dessen Stirn sogar noch die Patina des Diadems erhalten war. Die anderen Beigaben (Weißmetallspiegel sarmatischen Typs, edelsteinverzierte goldene

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96. 96. Vergoldete Silberfibel aus Tiszacsege Scheibenbrosche) gehören auch zur Frauen­ tracht. Auf artifiziell

96. Vergoldete Silberfibel aus Tiszacsege

Scheibenbrosche) gehören auch zur Frauen­ tracht. Auf artifiziell deformierten Frauenschädeln wurden auch die Diademe von Schipowo. Kertsch und Gherăseni - hier mit östlichem Me­ tallspiegel und auf östliche Tracht hinweisenden Schuhschnallen - gefunden. Es ist demnach

nicht ausgeschlossen, daß auch die Frau von Csorna makrokephal war, obwohl diese beiden Erfordernisse von Schönheit und Rang keines­ wegs immer gemeinsam anzutreffen sind. Die vielen Bestattungen vornehmer Frauen sind ein schlagender Beweis dafür, daß in der hunnischen Gesellschaft das mit einem feierlichen Toten­ schmaus verbundene „Brandopfer" nur den Männern von Rang gebührte.

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Die Eigentümlichkeiten der Bestattung und der Tracht zur Hunnenzeit

Gelegentlich der Prüfung der Tragweise von Diademen wurde ein wichtiges archäologisches Problem der Hunnenzeit angeschnitten. Die Forschung sah nämlich einen Teil der Diadem- Grabfunde (z. B. die von Kertsch, Melitopol) bis in allerletzte Zeit für männliche Bestattungen an. Wie wir jedoch gesehen haben, wird diese Annahme durch die gründlich untersuchten Funde nicht unterstützt. Sondern wir die für Diadembruchstücke gehaltenen Schwert- und sonstigen Verzierungen von den tatsächlichen Diademen ab, so ergibt sich die Lösung auch des anderen, allerdings nur dieses Problems, von selbst. Andere Funde trüben nämlich seit Jahr- zehnten jede klare Sicht, denn der beliebte Schmuck der Hunnenzeit: Halsringe, Armrei- fen, hörnchenförmige Haarringe, gelegentlich auch Ohrgehänge, ferner an verschiedenen Stel- len der Kleidung angenähter, aus Gold gepreß- ter Schmuck und die Metallspiegel sind keine geschlechtsspezifischen Grabbeigaben. In den Gräbern vornehmer Frauen, die prächtige gol- dene Ohrgehänge und Diademe getragen haben, kommen als Beigaben oft Pferdegeschirr, ja so- gar Überreste vom Pferdeskelett vor, eine Beiga- bensitte, die bei den Frauen späterer „Noma- den", bei den frühen Awaren, fast unvorstellbar gewesen wäre. Ja, man könnte sogar behaupten, daß die in der Hunnenzeit üblichen partiellen Pferdebestattungen, wobei von den abgehäute- ten und zerlegten Pferden in das Grab nur der im Fell gelassene Schädel und die Reste der Gliedmaßen als Begleiter ins Jenseits gelangten, gerade in den Bestattungen vornehmer Frauen häufiger sind (z. B. Kara-Agatsch, Sdwishensko- je, Kurgan 36/2 Pokrowsk, Stara[ja] Igrenj, Me- litopol, Werchneje Pogromnoje [Abb. 20], Ka-

nattas, die letzteren fünf davon Diademgräber). Auch in dem in der Ziegelei von Léva/Lewenz 1904 aufgedeckten Männergrab war ein Pferde- schädel deponiert, das mitgegebene, beschlagene Pferdegeschirr sowie der Sattel lagen jedoch über dem Skelett. Der gleiche Bestattungsritus war bei den Männergräbern von Aleschki Bel- jaus und Budapest-Zugló und bei einem Frauen- grab mit Diadem von Werchneje Pogromnoje zu beobachten. Im Falle mangelhafter Funde von bereits zerstörten oder nur unzureichend unter- suchten Gräbern ist es sehr oft schwierig zu entscheiden, ob die in Frage stehenden Funde aus Frauen- oder Männergräbern stammen. Hinsichtlich der, Identifizierung hunnischer Männerbestattungen und Totenopfer sind zur Zeit die einzigen verläßlichen Wegweiser die Waffen: Schwertklinge und Schwertscheide, die Schwertperle, die wenigstens 3 bis 4 Pfeilspitzen und die Speerspitze. Aber auch in diesem, ei- gentlich klar erscheinenden Fall kann die Klei- dung im Diesseits oder auch für das Jenseits einzelner orientalischer Verbündeter der Hun- nen, namentlich die der ihren „Amazonenah- nen" nachgeratenen Alanen, zu Fehlschlüssen führen. Die Totenkleidung einzelner Alanen- gruppen ist nämlich in fast unglaublichem Maße geschlechtsunspezifisch. Bereits vor anderthalb Jahrhunderten hätte der im Dorf Porschnino nahe Maloarchangelsk gehobene reiche Grabfund Aufregung ausgelöst, wäre er nicht einige Jahre nachdem er ans Ta-

58. Hunnische Funde aus der Ukraine, die wie jene von Nagyszéksós aus der Humusschicht zutage kamen:

(1-7) Kapulowka, (8-10) Makartet, (11-15) Radensk

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geslicht gekommen war, im Herbst 1941, vom Krieg zerstört worden. Archivfotos und Anga- ben dieses Fundes wurden erst Jahrzehnte später bekannt. Der Fundkomplex besteht aus einem hunnisch-alanischen östlichen Langschwerl mit Parierstange, mit Edelsteinen verziertem golde- nem Fingerring und einem silbernen Fibelpaar mit Goldblechüberzug im Szilágysomlyó-Stil, an der Oberfläche mit Edelsteinen reich besetzter Zellendekor und Schmucksteinen in Fassungen. War es eine Männerbestattung mit Frauen- schmuck oder umgekehrt? Seitdem hat sich die Zahl der fachgerecht erschlossenen und veröf- fentlichten, ähnlich gemischt zusammengesetz- ten alanischen Grabfunde, die uns zu etwas mehr Kenntnissen verhelfen, vermehrt. Wir haben er- fahren, daß den alanischen Männern der Hun- nenzeit mit Edelsteinen verzierte Goldfibeln und große Silberplatten-Fibelpaare ebenso mit ins Grab gegeben wurden wie Perlen, Armringe, Ohrgehänge und mit Flitterschmuck versehene Kleidungsstücke; auch fehlt fast nie ein Metall- spiegel. Noch überraschender sind die Bestat- tungen einiger alanischer Frauen mit umgegür- tetem zweischneidigem Langschwert, goldbe- schlagenem Waffengürtel und Halsring, unter den Grabbeigaben befindet sich - was bei den

zeitgenössischen Germanen in den Händen von Frauen unvorstellbar war - eine Schafschere (Abb. 30). Da sowohl Frauen wie Männer Ho- sen trugen, faßten sie die Hosenbeine in ähnli- cher Weise, mit Schnallen und goldbeschlage- nen Riemen, oberhalb der Knöchel zusammen. Nach all dem erübrigt es sich fast zu erwähnen, daß sowohl Frauen wie auch Männern als Grab- beigabe Pferdegeschirr, Pferdefleisch oder ein in der Nähe der Gräber gesondert bestatteter, an- geschirrter Kampfhengst gebührte. In einigen jüngst freigelegten Alanengräbern von Abrau- Dürso ist die geschlechtsunspezifische Ausrü- stung und Beigabensitte so stark, daß sie die Geschlechtsbestimmung der Bestatteten anhand der weiblichen und männlichen Beigaben aus der Hunnenzeit auf ein Jahrhundert zurückgerech- net in Frage stellen kann, wenn wir ihre Fund- umstände nicht kennen. Es ist daher notwendig, die seit langem bekannten, großen Hunnenfunde bezüglich ihrer Zuordnung Frau oder Mann bzw. Frau und Mann immer wieder neu zu erwä- gen; ein Beispiel hierfür ist neuestens die Diskus- sion um die berühmten Untersiebenbrunner Funde. Was die Hunnen selbst betrifft, wird diese Aufgabe durch das nur für sie kennzeich- nende Bestattungsritual erleichtert.

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Schleier und Fibeln. Uber die alanische und germanische Frauentracht zur Hunnenzeit

Wen verbirgt der reiche und so verschiedene Funde umfassende Komplex von Untersieben- brunn in der Mitte des niederösterreichischen Marchfeldes? Fibeln kann und braucht man nämlich nicht zu jeder Kleidung zu tragen. Für die Frauenkleidung östlicher „Reitervölker". die sich wie die der Männer eng an den Körper anpaßte, einen hohen Kragen besaß, mit Knöp- fen und Haken zu verschließen und oft mit ei- nem Gürtel zusammengefaßt war, bestand kei- nerlei Notwendigkeit, Fibeln zu tragen. Sie fin- den sich auch tatsächlich nicht bei den Frauen der Hunnen, frühen Awaren, Bulgaren, Altun- garn, Petschenegen und Kumanen. Große Fi- beln tragende Frauen können demnach von vornherein keine Hunnen gewesen sein. Skandinavische und deutsche Forscher legten um die Jahrhundertwende genau dar, wie sich unter dem Einfluß provinzialrömischer Fibeln der germanische Fibeltyp, mit halbkreisförmi- gen und polygonalen Platten bedeckt, im Gebiet von Germania Magna entwickelt halte. Die Achsen- bzw. Spiralkonstruktion der früheren, an Sicherheitsnadeln erinnernden Fibeln wurde nun von einem halbkreisförmigen, der Nadel- halter von einem mehreckigen Blech verdeckt. Beide boten so schier unendliche Möglichkeiten zur Verzierung. Auch heute noch ist das Erbe einstiger kunsthistorischer Ableitung lebendig, nach der die einzelnen Fibelabschnitte nach menschlichen Körperteilen bezeichnet worden sind: der Teil über der Spiralkonstruktion als Kopf, der über dem Nadelhalter als Fuß, die Verbindung zwischen beiden als Hals und even- tuelle Fortsätze als Arme. Im Vergleich zu der Konstruktion der einfachen, sicherheitsnadel- ähnlichen Vorläufer eigentlich logische Bezeich-

nungen. Erst die moderne Archäologie schuf Klarheit darüber, daß die Plattenfibeln, abgese- hen von Unsicherheiten bezüglich der Anfangs- zeit ihrer Verwendung, anders getragen worden waren: in Hunderten, sorgfältig untersuchten Gräbern wurden diese Fibeln mit dem „Kopf" nach unten und dem „Fuß" nach oben gefun- den. Ebenso erwies sich jene Theorie der Ar- chäologie als unhaltbar, wonach aufgrund der Verbreitung von Fibeln mit glatter halbkreisför- miger „Kopfplatte" und mehreckiger „Fußplat- te" auch solche Teile Europas von Ost- oder Westgoten besiedelt gewesen wären, in denen zur Zeit der Erzeugung und des Gebrauches derartiger Fibeln von Goten weit und breit nichts zu sehen war. Die Rolle dieser Fibeln als ethnisches Merkmal für Goten hatte in diesem Jahrhundert ihre Ursache aber sicher nicht nur in rein archäologischen Überlegungen. Die französische Forschung des vorigen Jahr- hunderts und die skandinavische der Jahrhun- dertwende erkannten allerdings richtig, daß die Blech- und Plattenfibeln zuerst in den gotischen Gebieten Ermanarichs und Athanarichs so richtig populär geworden waren. Auch ihre Ent- wicklung läßt sich im selben geographischen Raum verfolgen: ihr Anwachsen von einem klei- nen, 5-7 cm langen Grundtyp über Varianten von 10-15 cm Länge bis zu 20-25 cm langen und noch größeren Riesenfibein, von gehämmerten Bronze- oder Silberblechen bis zu dicken, gegos- senen Silberplatten. Heute wissen wir bereits, daß diese Entwicklung nicht geradlinig verlief und keineswegs Allgemeingültigkeit besaß; sie bezieht sich in erster Linie auf die Schmuckstük- ke der Reichen und Vornehmen. Schließlich wurde bereits im vorigen Jahrhundert richtig

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festgestellt, daß die Goldschmiede der Pontusge- gend die ersten waren, die gegossene Silberfibeln unterschiedlicher Größe mit Goldblech überzo­ gen, die Goldblech in Zellen und Kästchenfas­ sungen mit Edelsteinen und Filigranverzierun­ gen versahen. Die Grundlagen dieser Theorie wurden von dem Ungarn 1. Kovács bestätigt. Als er das 1903 in Marosszentanna (Sîntana de Mureş) erschlos­ sene Gräberfeld publizierte, war er der erste, der die Hinterlassenschaft den Wisigoten zuschrieb, die im 4. Jahrhundert in Siebenbürgen gelebt hatten, und die Funde mit jenen Gräberfeldern der Umgebung von Kiew in engen Zusammen-

59.-60. Funde aus dem Grab eines vornehmen hunnischen Jünglings. Beljaus

hang brachte, die damals noch zum größten Teil unveröffentlicht waren. Damit bestimmte Ko­ vács nicht nur den archäologischen Nachlaß der Goten - und zwar gleichzeitig den der Wisigoten und den der Ostrogoten (heute: Tschernja- chow-Marosszentanna/Sinlana de Mureş- Kultur) - des späten 3. und des 4. Jahrhunderts, sondern auch die Zeit, die paarweise Tragweise an der Schulter, und das Ethnikum der als Ent­ wicklungsgrundlage dienenden, kleinen Bronze- und Silberblechfibeln (1912). Diese historisch wohl untermauerte und auch archäologisch nachgewiesene Entdeckung wurde von der Forschung der folgenden Jahrzehnte absoluti- siert. Sehr bald jedoch zeigten sich an den Mauern dieses für fest gehaltenen archäologischen Ge-

absoluti - siert. Sehr bald jedoch zeigten sich an den Mauern dieses für fest gehaltenen archäologischen

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bäudes die ersten Risse, gerade im Zusammen­ hang mit dem größten Fibelfund, nämlich dem des

bäudes die ersten Risse, gerade im Zusammen­ hang mit dem größten Fibelfund, nämlich dem des II. Schatzes von Szilágysomlyó. Schon die ersten Bearbejter erkannten, daß der erstaunlich reiche Polychromstil aus der Pontusgegend zu den IOstgermanen des Karpatenbeckens gelangt war, und zwar - unter Berücksichtigung der Goldmünzen aus verschiedenen Perioden des I. Schatzes - noch bevor die Hunnen in Europa aufgetaucht waren. Die meisterhafte letzte Bear­ beitung bestätigte unwiderruflich, daß die aus purem Gold gefertigten Fibeln des II. Schatzes bereits in den siebziger Jahren des 4. Jahrhun­ derts seit langem getragene, abgenutzte, beschä­ digte und ausgebesserte Schmuckstücke waren. Demgegenüber sind die großen, mit Goldblech überzogenen Fibeln aus gegossenem Silber,

die den Großteil des Schatzes ausmachen, solche Schmuckstücke, die erst nach den siebzi­ ger Jahren in Mode kamen und während der Hunnenzeit auch noch lange in Mode blieben. Der gesamte Komplex des II. Schatzes schließt also von vornherein den von historischer Ro­ mantik genährten „Glauben" bzw. die wissen­ schaftliche Vorstellung aus. der Schatz sei im Jahre 376 gelegentlich des Zusammenbruches des wisigotischen Stammesbundes oder späte­ stens 381 vor der Flucht des Wisigoten Athana­ richs verborgen worden. Aber auch der Fundort selbst schließt derartige Möglichkeiten aus. Szi­ lágysomlyó ist vom geographischen und histori­ schen Siebenbürgen (Ultrasilvana/Transilvania) und von der um vieles kleineren römischen Pro­ vinz Dacia Superior durch das Meszes/Meseş-

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61. In Szirmabesenyö kamen an derselben Stelle ein östliches zweischneidiges langes Langschwert Kampfmesser zutage und

61. In Szirmabesenyö kamen an derselben Stelle ein

östliches zweischneidiges

langes

Langschwert

Kampfmesser

zutage

und

ein

Gebirge getrennt. Es ist selbst heute nicht leicht zu überwinden. An der Ostseite der Gebirgskette reihten sich die römischen Limeskastelle anein- ander. Doch selbst diese Limeszone wurde von der von Ost nach West vordringenden wisigoti- schen Besiedlung Daziens niemals erreicht. Sie endete weit östlich von Szilágysomlyó, im Be- reich der 120 km entfernten Ruinen des antiken Napoca, also in der Umgebung von Klausen- burg. Ein Volk aber vergräbt seine fürsilichen Schätze kaum weit außerhalb der unwegsamen Grenzen seines Landes. Außerdem ist die Ge- gend um Szilágysomlyó durch die Flüsse Berety- tyó und Kraszna gegen Westen und Nordwesten geöffnet, in deren breiten Tälern endet die nörd- liche Tiefebene. Es ist daher kein Zufall, daß die ungarischen und rumänischen Forscher die Schatzfunde von Szilágysomlyó (Farbtaf. I VIII und Taf. 9) schon seit langem mit dem im 4. Jahrhundert in den Tälern der oberen Theiß, der Kraszna und Szamos siedelnden Volk der Gepiden in Verbindung gebracht haben. Sie blie- ben aber mit ihrer Meinung allein. Denn die mit politischen Landkarten und Begriffen neuerer und neuester Zeit arbeitende internationale For- schung hält einerseits hartnäckig an der Ansicht fest, es handle sich dabei um „siebenbürgische", „transsilvanische" bzw. „dazische" Schätze, an- dererseits vermag sie sich nicht vorzustellen, der- art reiche Schätze seien mit einem anderen Volk als dem der historisch mythisierten Goten in Verbindung zu bringen. Wenn es sich aber nicht um Wisigoten handeln kann, dann wird eben, gerade unter Berufung auf den einzigartigen Reichtum des Schatzes, eine ostrogotische Herr- schaft in „Siebenbürgen" während der Hunnen- zeit postuliert. Die vom gotischen Chronisten des 6. Jahrhunderts mißachteten und geringge- schätzten Gepiden kamen nicht in Frage, und wenn doch, dann höchstens als gotisch/gepidi- sche Alternative, die in Kenntnis der Geschichte beider Völker kaum besser ist als eine Feuer- Wasser-Alternative. Die Schriftquellen aus dem 5. Jahrhundert lehren uns demgegenüber, daß die Gepiden die wichtigsten ostgermanischen Verbündeten der Hunnen waren, später deren Besieger und die Erben ihres Landes und ih- res Reichtums.

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97/1-3. 97/1.-3. Ganze und fragmentierte Spiegel aus hunnen- zeitlichen Gräbern Eine historisch und archäologisch

97/1.-3. Ganze und fragmentierte Spiegel aus hunnen- zeitlichen Gräbern

Eine historisch und archäologisch unanfecht- bare Interpretation ist nur durch die Behand- lung beider Teile des Schatzes als Einheit mög- lich. Die Hortung des ganzen Schatzes wurde am Ende des 3. Jahrhunderts begonnen und seitdem fortlaufend durch andere Goldgegenstände ver- mehrt. An der Stelle, wo der Schatz zum Vor- schein kam, lebten zu der in Frage kommenden Zeit die Gepiden. Die Gepiden waren das einzige ostgermanische Volk, das seine Heimat im Kar- patenbecken zur Zeit der hunnischen Angriffe nicht verlassen hatte. Ihre Herrscher und Anfüh- rer wurden von dem schweren Schlag getroffen, der zur Verbergung des auch territorial zusam- menhängenden - früher schon erwähnten - „Schatzhorizontes" führte (Fibeln von Gelénes, mit Goldmünzen aus dem 4. Jahrhundert ver- zierte Halskette von Ormód/Brestow). Und ein derartiger Schlag in dieser Zeit konnte nur einen Grund haben: das Eindringen der Hunnen in das Karpatenbecken und die Unterwerfung der Gepiden um 424/425. Die Hunnen rotteten, den

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der Gepiden um 424/425. Die Hunnen rotteten, den 157 ungeschriebenen Gesetzen der Steppenreiche entsprechend, die

ungeschriebenen Gesetzen der Steppenreiche entsprechend, die sich nicht bedingungslos un- terwerfenden Fürsten- und Herrscherfamilien aus und setzten ihnen ergebene Männer über ihr neues „Hilfsvolk" ein. Wenn sich dies aber alles so verhalten hat, drängt sich berechtigterweise die Frage auf, war- um die Fibeln von Szilágysomlyó und Gelénes im Rahmen der Archäologie der Hunnen erör- tert werden. Die Antwort ist einfach: Die späten Fibeln und Schalen der Schatzfunde weisen be- reits jene Veränderungen auf, die in der Gold- schmiedekunst des Pontusgebietes und der nörd- lich davon liegenden Steppen mit der Hunnen- herrschaft begonnen haben. Die in das Land der Gepiden gezogenen oder geflohenen Gold- schmiede vermittelten laufend die zwischen 370 und 430 sich vollzogene Entwicklung im Pontus- gebiet. Ausgeschlossen ist aber auch nicht, daß sich die seit den Jahren nach 400 den Hunnen nominell unterworfene gepidische Aristokratie gewollt oder unter Zwang der neuen Mode an- zupassen begonnen hat. Der Schatz von Szilágy- somlyó ist also der schönste uns erhalten geblie- bene ostgermanische Fundkomplex aus der

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98. 98. Fibelpaar östlichen Ursprungs aus Pécs- Basamalom Hunnenzeit. Seine jüngsten Stücke vereinigen sämtliche

98. Fibelpaar östlichen Ursprungs aus Pécs- Basamalom

Hunnenzeit. Seine jüngsten Stücke vereinigen sämtliche Stilrichtungen und Kenntnisse der Goldschmiedekunst der Hunnenzeit, anhand derer alle anderen Funde aus dieser Zeit vergli­ chen werden können. Da mit der Verbergung der Schätze I—II von Szilágysomlyó weder die stilistische Entwick­ lung noch die Goldschmiedekunst einen Bruch erlitten haben, kann dieser Hortfund als Vorläu­ fer, aber auch als untrennbarer Bestandteil der Hunnenzeit im Karpatenbecken angesehen wer­ den; ohne seine Kenntnis wäre die Entwicklung und die führende Rolle, die die Goldschmiede­ kunst bei den Barbaren jener Zeit spielte, kaum verständlich. Die mit Steinen verzierten und mit Goldblech überzogenen Fibeln gehören zum charakteristischen Frauenschmuck der ostger­ manischen Aristokratie während der Hunnen­ zeit (Rábapordány, Regöly, Völc/Velţ, Untersie­ benbrunn), auch wenn die genaue Zeit ihrer Ver­ wendung und Vergrabung nur schwer zu bestim­ men ist. Einen einzigen, aber dafür um so wesentliche­ ren Gesichtspunkt in bezug auf die Fibeln ließ die skandinavisch-deutsche Forschung außer

acht bzw. streifte ihn nur: Die Fibel war seit Christi Geburt von der Wolga und dem Kauka­ sus bis zur Ungarischen Tiefebene ein organi­ scher Bestandteil der iranischen Welt, auch der Frauentracht von Sarmaten, Jazygen, Roxola- nen und Alanen. Daß die auf beiden Schultern getragenen gotischen Plattenfibeln von den grae- co-iranischen Goldschmieden des Pontusgebie- tes in den Polychromstil übertragen wurden, war für die skandinavisch-deutsche Forschung noch klar, nicht aber, daß sich diese neuen Fibeln rasch auch bei anderen ostgermanischen Völ­ kern wie auch bei den unter ihnen und in ihrer Nachbarschaft lebenden Iranern verbreiteten (Abb. 32). Sie maß diesem Umstand keine ernst- zunehmende Bedeutung bei, obwohl bereits seit der Jahrhundertwende aus alanischen Kata­ kombengräbern des Kaukasus kleine Plattenfi­ beln, ja sogar mit Goldblech überzogene und mit Steinen verzierte Varianten hunnenzeitlichen Typs bekannt waren (Kumbulta-Werchnaja Rutcha, neuerdings Gilatsch usw.). Die Frage der Herkunft der einfachen, kleinen Blechfibeln vom Typ Tschernjachow-Maros- szenlanna/Sîntana de Mureş ist bereits entschie­ den. Statt hier Einzelheiten zu erörtern, sei nur auf die entsprechende Abbildung (Abb. 35) ver­ wiesen, auf der sowohl die in den alanischen Gräbern des nördlichen Kaukasus gefundenen und hinsichtlich ihrer Form, Technik und Ver­ zierung von den gotischen Vorbildern wohl un­ terscheidbaren, kleinen Plattenfibeln als auch ihre pannonischen Pendants zu sehen sind; aus jenem Pannonien, in dem seit 380 nachweislich Alanen ansiedelten (die Alanen des Saphrax und später des Sarus) und wohin nach der Einwande­ rung der Hunnen aller Wahrscheinlichkeit nach auch neue, in hunnischem Dienst stehende alani­ sche Gruppen gelangten. Die Entdeckung dieser pannonischen Plattenfibeln zerstörte einen lang­ währenden historisch-archäologischen Irrglau­ ben, nach dem die Blech- und Plattenfibeln stets verschiedenen Gruppen von Goten zugeordnet wurden.

Anders verhält es sich mit den seit Beginn des 5. Jahrhunderts immer größer werdenden gegos­ senen Silberplattenfibeln und mit deren mit Goldblech überzogenen und mit Edelsteineinla- gen versehenen, vornehmen Varianten. Ihr Ver­ breitungsgebiet im Osten lag lange Zeit im Be­ reich der Nordküste des Schwarzen und des Asowschen Meeres, vor allem auf der Halbinsel

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Krim, wo die großen Plattenfibeln bis in das 6. Jahrhundert in Mode waren. Es halte den Anschein, daß dieses Verbreitungsgebiet iden- tisch mit jenem sei. in das im 4. Jahrhundert germanische Gruppen gelangten, wo auch noch in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts Reste von ihnen lebten und auf der Krim sogar die Hunnenherrschaft überdauerten. Obwohl mit- telgroße Plattenfibeln auf der Halbinsel Taman und sogar in der Umgebung von Maikop fall- weise auftauchten, konnte dies mit dem Einfluß der Krimgoten, eventuell auch mit deren „Vor- dringen" erklärt werden. Das heißt, die Rolle dieser Fibeln als absolutes ethnisches Merkmal blieb fast unangetastet. Die Fibeln dürfen jedoch nicht von der aus den Gräbern sich widerspiegelnden Tracht, von den Bestattungssitten und vor allem von den Fundorten selbst losgelöst behandelt werden. In diesem Zusammenhang müssen die mit Goldflit- ter bestickten Schleier genannt werden, die ei- nerseits im Zusammenhang mit Prunkfibeln völ- lig unbekannt sind (sämtliche gepidischen, swe- bischen, wisigotischen sowie nachweisbar ostro- gotischen Grab- und Schatzfunde, auch der Fund von Rábapordány), andererseits aber be- sonderer Bestandteil der Kleidung auch Fibeln tragender vornehmer Frauen sind. Umgekehrt sind aus dem mittleren Drittel des 5. Jahrhun- derts mehrere „Goldgräber" vornehmer Frauen bekannt, in denen wohl ein Goldschleier, jedoch keine Fibeln gefunden worden sind (Dunapataj- Bakodpuszta, Papkeszi, Bolschoi Kamenez Grab I, auch „Sudshaer Schatz" genannt), ein Beweis dafür, daß Schleier und Fibeln für die Kleidung von gleichrangiger Bedeutung waren. Im März 1876 wurde in Moult-Argences in der Normandie, auf dem Gutshof Valmeray, in 150 cm Tiefe neben dem Skelett einer etwa 24jährigen Frau (gleichen Alters war auch die „Fürstin" von Untersiebenbrunn, die Zeit be- günstigte kein langes Leben) ein reicher Schmuckfund freigelegt. Seil Beginn dieses Jahr- hunderts wurde er unter der falschen Bezeich- nung „Airaner Schatz" in der Archäologie be- kannt. Am bedeutendsten ist wohl das Fibelpaar mit Schmucksteineinlagen, das durch eine Gold- kette mit Ringgehänge zusammengehalten wur- de. Es ist mit den Fibelpaaren von Untersieben- brunn und Rábapordány nahe verwandt; mögli- cherweise stammen sie sogar aus ein und dersel- ben Werkstatt. Wegen der beiden Parallelen aus

dem Gebiet der mittleren Donau hielt die deut- sche Forschung die Frau aus dem Grab von Moull-Argences für eine Gotin bzw. Ostger- manin. Die französischen Bearbeiter hingegen vertraten eine davon abweichende Meinung, je- doch keinesfalls infolge irgendwelcher Aversio- nen den Goten gegenüber. Sie betonten, daß in der Gegend der Fundstelle in der Normandie niemals Goten oder andere Ostgermanen auf- tauchten, auch sei ihnen unbekannt, daß die südgallischen Wisigoten im Laufe ihrer Feldzü- ge jemals so weit nach Norden vorgedrungen wären. Hingegen sind in dem aus dem ersten Viertel des 5. Jahrhunderts stammenden römi- schen militärischen Verzeichnis, der Notitia Di- gnitatum, um die Normandie herum zahlreiche sarmatische Verbände genannt. Einzelne alani- sche Gruppen wiederum schlugen im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts ihre Lager ausge- sprochen nördlich der Loire auf. Südlich und östlich der Fundstelle von Moult-Argences gibt es heute noch Ortsnamen wie Allaines und Allones, die auf die ehemalige Anwesenheit von Ala-

99. Östliche Silberfibel, Harkány

wie Allaines und Allones, die auf die ehemalige Anwesenheit von Ala- 99. Östliche Silberfibel, Harkány 159

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100. 100. Beliebter Schmuck im 5. Jahrhundert war der mit einem polygonalen Knopf verzierte Ohrring, Regöly

100. Beliebter Schmuck im 5. Jahrhundert war der mit einem polygonalen Knopf verzierte Ohrring, Regöly

nen hinweisen. Die französischen Bearbeiter, einmal auf dem richtigen Weg, erkannten ferner, daß die anderen Schmuckstücke des Fundes sar- matisch und graeco-iranischen Typs waren: eine dicht geflochtene goldene Halskette, ein mit ei- ner Gemme versehener goldener Fingerring, eine eigentümlich geformte Haarnadel, vor allem aber die Schleierzierbleche, wie die in siebenerlei verschiedenen Formen gepreßten Goldflitter und auch die vom Schleierrand stammenden W-förmigen Goldflitter. Ihr einigermaßen zag- hafter Vorschlag, die Verstorbene von Moult- Argences sei sarmatischer oder alanischer Her- kunft gewesen, wird auch heute noch als gewagt angesehen. Möglicherweise noch weniger Beachtung als dem „Airaner Schatz" wurde einem anderen Grabfund geschenkt, obwohl er für die Chrono- logie der Trachtsitten während der Hunnenzeit fundamentale Bedeutung besitzt. Er wurde vor dem Ersten Weltkrieg im tunesischen Koudiat- Zateur, westlich von Karthago und sogar west- lich von Utica, in einem sekundär verwendeten römischen Sarkophag freigelegt. Seine Bezeich- nung als „Schatz von Karthago" ist in diesem Fall nicht nur falsch, sondern auch irreführend. Er wird für einen wandalischen Fund gehalten, obwohl die Schmuckstücke in keiner Weise an die wohlbekannte wandalische, schwerreiche Goldschmiedekunst der Hasdingen und Silingen

des 3. und 4. Jahrhunderts erinnert. Nicht dieser Meinung war der erste und zugleich letzte Bear- beiter des Fundes, Michail Rostowzew, der da- mals hervorragendste Experte für die südrussi- sche Metallkunst. Rostowzew erkannte, abgese- hen von der offensichtlich spätrömisch-früh- christlichen Halskette, nur zu gut die enge Ver- wandtschaft der Tracht der im Sarkophag ru- henden vornehmen Frau mit den Grabfunden von Kertsch (1904) und Olbia sowie mit dem eben besprochenen Fund von Valmeray (Moult- Argences). Besonders die vom Totengewand stammenden 169 Goldflitter in dreierlei Ausfüh- rung und deren Parallelen erweckten seine Auf- merksamkeit. Diese Goldflitter konnten natür- lich auch in Koudiat-Zateur nicht auf ein Kleid genäht gewesen sein, die biegsamen, dünnen Ble- che haften nur an einem dünnen Schleier. Ro- stowzew bestimmte den Fund als ein sarmati- sches oder alanisches Grab aus der Wandalen- zeit. Diese Ansicht wird von historischer Seite noch meisterhaft durch den Titel König der Wandalen und Alanen (rex Vandalorum et Ala- norum) untermauert. Was Rostowzew damals nur vermuten konn- te, ist heute vollkommen klar und für die Her- kunft bestimmend: Die Fibeln von Koudiat- Zateur, vor allem aber deren kreuzförmig ange- ordnete, fast die gesamte Oberfläche bedeckende runde Schmucksteineinlagen besitzen ihre - zum Großteil seit damals ans Tageslicht gekomme- nen - Parallelen ausschließlich im nördlichen Vorraum des Kaukasus (Kumbulta, „Nord- Kaukasus", Abrau-Dürso). Die mit dem Grabfund verbundenen histo- risch-chronologischen Möglichkeiten hat die Forschung bisher nicht genutzt. Das Grab kann keinesfalls vor der wandalischen Invasion Nord- afrikas (Mai 429) angelegt worden sein, da glücklicherweise in diesem Zusammenhang nie der Gedanke auftauchte, die schwerreiche Frau hätte zu den wisigotischen Söldnertruppen des comes Bonifatius gehört. Noch genauer: Die Be- stattung kann auch nicht vor 435 durchgeführt worden sein, denn erst zu diesem Zeitpunkt wur- de der nordwestliche Teil der Provinz Africa Proconsularis, an deren Grenze Koudiat-Zateur liegt, von dem aus der hunnischen Geschichte bekannten, später mit Attila am Fluß Mincio einen Waffenstillstand schließenden Trigetius (der sich damals durch die Lösung schwerwie- gender Probleme einen guten Ruf verschaffte) in

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einem Waffenstillstands- und Bündnisvertrag an den Wandalen Geisecrich abgetreten. Es ist am wahrscheinlichsten, daß die Schmuckstücke erst nach 439 - also nach dem Fall Karthagos - in den Sarkophag gelangten. Wegen der Erfolge Geiserichs wird leicht ver- gessen, daß der Hasdinger Herrscher sein Volk aus demselben Grund nach Afrika schiffte, der Alarich schon 410 dazu veranlaßt hatte; die Su- che nach Sicherheit. Geiserichs Volk floh 401 vor den Hunnen nach Norikum und dann nach Rätien. Auch die plötzliche Überquerung des Rheins Ende 406 mochte irgendwie mit dem Vordringen Uldins in das Donaugebiet und mit dessen Erscheinen in Italien in Zusammenhang stehen. Nach dem Rückzug der nach ihnen in Hispanien eingedrungenen Wisigoten, d. h. nach 418, hatten die Wandalen auf der Halbinsel nichts mehr zu befürchten. Sie schlugen Sweben und lokale römische Kräfte mit Leichtigkeit zu- rück oder unterwarfen sie. Was den Wandalen vermutlich abermals Furcht einjagte, war das Erscheinen der Hunnen des Aetius in Gallien. Es dürfte daher kaum Zufall sein, daß sie nach der Besiegung der südgallischen Wisigoten durch die Hunnen 425/426 zum ersten Mal versuchten, in Mauretanien Fuß zu fassen. Die Angriffe wie- derholten sich in den folgenden Jahren, die Hun- nen erschienen regelmäßig im benachbarten Gallien. Von dort aus konnten sich vor den Hunnen fliehende oder sich von ihnen lossagen- de Alanen ohne besondere Schwierigkeiten ihren Brüdern in Hispanien anschließen und mit ihnen zusammen nach Afrika segeln. Die Tochter oder Frau eines dieser Alanen dürfte die Tote von Koudiat-Zateur gewesen sein. Die Goldschnalle des Grabes von Koudiat- Zateur ist gleichen Typs wie die von Kertsch (Grabkammer vom 24. Juni 1904) und wurde offenbar in einer Werkstatt von Kertsch herge- stellt. Die runde, goldene Gürtelschnalle mit Zellenverzierung, die hunnenzeitliche Schnalle (Abb. 39), gab es unseren gegenwärtigen Kennt- nissen nach weder im Karpatenbecken vor der hunnischen Ansiedlung und Eroberung noch konnte sie vor 429 nach Nordafrika gelangt sein. Die Schnalle wurde von ihrer Eigentümerin zwischen 429 und 439 schon getragen, in Kennt- nis der damaligen Lebenserwartungen sicher nicht lange. Es ist typisch alanisch, daß eine derartige Gürtelschnalle, die bei den Hunnen nur von Männern getragen wurde, in diesem Fall

den Hunnen nur von Männern getragen wurde, in diesem Fall 62. Im Fund von Nagyszéksós kamen

62. Im Fund von Nagyszéksós kamen zahlreiche mit Schup- pen- und anderen geometrischen Mustern verzierte Goldbleche, in den meisten Fällen Schwert- und Saitel- beschläge, zutage

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63. Wegen der individuellen Stilmerkmale der Pfauenköpfe mit den roten Granat- and Glaseinlagen dürften diese

63. Wegen der individuellen Stilmerkmale der Pfauenköpfe mit den roten Granat- and Glaseinlagen dürften diese Stücke aus dem Opferfund von Nagyszéksós stammen. Die dazugehörende schwere Goldperle kennen wir aus den hunnenzeitlichen Bestattungen auf der Krim

Bestandteil eines Frauengürtels ist. Die Datie­ rung dieses so weit entfernten Grabes wirkt so­ mit bis nach Kertsch zurück und beeinflußt auch die Chronologie der Hunnenzeit. Das Frauengrab von Regöly mit artifiziell de­ formiertem, europidem Schädel enthielt eben­ falls einen mit den gleichen Goldflittern wie im ,,Airaner", „Karthager" und „Sudshaer" Schatz bestickten Schleier und ursprünglich auch eine geflochtene Halskette, beide sicher für die Tracht ebenso typisch wie das Fibelpaar (Farb- taf. X, Taf. 13-15). Die ungarische Forschung bestimmte denn auch die Tote von Regöly als vornehme Alanin. Nur die Datierung muß heute als überholt angesehen werden, Regöly und ähn­ liche Grabfunde wurden damals mit den 380 als römische „Foederati" angesiedelten Alanen (Goten, Hunnen) in Verbindung gebracht. Russische, französische und ungarische For­ scher, die sich mit dieser Frage beschäftigten, hoben etwas großzügig die jahrhundertelange Tradition von Kleidern (richtiger: Schleiern) mit Goldflitterverzierung bei den Iranern hervor. Dies trifft wohl auf die Schleiertracht an sich zu, nicht aber auf deren Goldbesätze. Denn gleich­ zeitig mit der hunnischen Bewegung erschienen völlig neuartig geformte Goldflitter, im Gegen­ satz zu der früheren Vielfalt nur wenige Typen:

W-förmige, spielfigurenartige, quadratische, rhombische, dreieckige, kreisförmige und selte-

ner auch S-förmige Bleche, von denen mit Aus­ nahme der ersten alle einen Perldraht nachah­ menden gepreßten Rand besitzen. Der Formen­ reichtum ist damit im großen und ganzen er­ schöpft, die angeführten Typen unterscheiden sich höchstens in ihrer Größe und Anzahl, even­ tuell kommen noch Doppel- und Dreifachbleche vor. All das weist darauf hin, daß diese neue Schleiertracht ausschließlich mit der hunnisch- alanischen Bewegung in Verbindung zu bringen ist und sich sicherlich nicht in einem weiteren Umkreis verbreitet hat. So übernahmen zum Beispiel die Frauen der mit den Hunnen ein Vierteljahrhundert in Symbiose lebenden Gepi­ den die Schleiertracht nicht, wohingegen die Gepiden (aber auch Sweben und Thüringer) hunnische Männertracht, Waffen und Pferdege­ schirre der nachfolgenden Zeit überlieferten (Königsgräber I—III von Apahida, der Schatz von Spmeşeni/Szamosfalva, das Fürstengrab von Blučina usf.)/Nur ein Fall und zugleich der späteste ist bekannt, daß die Frau eines aller Wahrscheinlichkeit nach germanischen Fürsten einen mit Goldflittern bestickten Schleier trug, nämlich die Tote von Dunapataj-Bakodpuszta. Sie war mit sehr viel Schmuck ausgestattet, trug jedoch keine Fibeln. Diese skirische Fürstin war entweder sarmatisch-alanischer Herkunft, oder sie bewahrte einfach die Tracht vornehmer Hunnen- oder Alanenfrauen (Taf. 111-113, Abb. 72).

Obwohl sich die ethnische Deutung des Gra­ bes von Regöly auf die bereits besprochenen Funde und Zusammenhänge stützte, konnte das Ergebnis nicht bewiesen werden. Der Schleier- schmuck der Hunnenzeit verbreitete sich näm-

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lich - dem Anschein nach - im Osten nicht über den Don und die Meerenge von Kertsch hinaus, er kam also nicht einmal so weit wie die „goti- schen" Fibeln. Es ist daher nicht verwunderlich und kaum zu kritisieren, daß mehrere Forscher auch in der vornehmen Frau von Regöly eine Ostgermanin sahen. Erst die Grabungen der vergangenen Jahre schufen eine völlig neue Ausgangsbasis. Mittel- große und große Plattenfibeln aus Silber kamen in unbestreitbar alanischen Friedhöfen der Hun- nenzeit ans Tageslicht, und zwar in einer solchen Menge und Vielfalt, daß sie die bisher vom Kar- patenbecken bis zum Don und zu der Halbinsel Kertsch bekannten Fibeln zahlenmäßig übertra- fen und sämtliche früheren Theorien und Vor- stellungen über den Haufen warfen (16 Gräber in Abrau-Dürso, Krassnodar). In zwei Gräbern wurden sie sogar zusammen mit goldblechüber- zogenen und mit Schmucksteinen verzierten Fi- beln getragen (Grab 300 und 490 von Abrau- Dürso). Der Fundort Porschnino, wo zusam- men mit einem hunnischen oder alanischen Langschwert ein mit Edelsteinen verziertes Fi- belpaar gefunden wurde, liegt auch viel weiter nördlich als das östliche Siedlungsgebiet der Go- ten, die Funde können ihnen also keineswegs zugeschrieben werden. Könnten die angeführten Funde gewissermaßen noch immer mit dem goti- schen Fundblock des Pontusgebietes in Verbin- dung gebracht werden, so ist dies für die alani- schen Grabfunde aus Dagestan am Kaspischen Meer schon nicht mehr möglich. In Iragi wurde in einem nicht allzu großen, mit Steinplatten abgedeckten Grab eine junge Frau mit fast allen Bestandteilen alanischer Tracht und Mode aus der Hunnenzeit gefunden: das mit Anhängern versehene goldene Ohrgehänge (Abb. 42), der mit figuralen und geometrischen, auch mit W-för- migen Goldflittern bestickte Schleier, ein aus Karneol-, Achat-, Bernstein-, Bergkristall-, Glas- und Gagatperlen bestehender Halsschmuck, der Gürtel mit einer Silberschnalle und mit Gold- blech überzogene und mit Schmucksteinen ver- zierte Riemenzungen, eine goldene Toilettengar- nitur, ein Weißmetallspiegel, zwei verschiedene Armringe, eine eiserne Knebeltrense, kleinere Bronzeschnallen, eine Silberschüssel und Silber- phiole, mehrere Tongefäße und zu alledem noch ein mit Goldblech überzogenes und mit Schmucksleinen verziertes Fibelpaar aus Bronze und ein unverziertes Plattenfibelpaar aus Silber.

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und ein unverziertes Plattenfibelpaar aus Silber. 101. 101. Hunnische goldene Riemenzunge aus „Buda"

101. Hunnische goldene Riemenzunge aus „Buda"

102.-103. s. Farbtafeln XXVII-XXVIII

Und von hier aus kehren wir wieder zu unse- rem Ausgangspunkt zurück, zu den beiden „fürstlichen" Grabfunden von Untersieben- brunn im norddanubischen Niederösterreich Ihre ethnische Bestimmung blieb 80 Jahre un- verändert: Mit Ausnahme der römischen Glä- ser (zu denen auch noch eine antike Haarnadel aus Silber gerechnet werden müßte) wären „sämtliche Gegenstände germanisch", ja „her- vorragende Schöpfungen der germanischen Kunst". Diezu frühe Datierung dieses Grabfun- des wirkt auch heute noch auf die wisigotische Bestimmung des Schatzes von Szilágysomlyó nach, neuerdings auch auf die Theorie der ostro- gotisch-alanischen Foederati Pannoniens. Un- tersiebenbrunn liegt jedoch außerhalb von Pan- nonien und ist keineswegs so vereinzelt und iso- liert. Es paßt vielmehr ausgezeichnet zu den ar- chäologischen Funden der Hunnenzeit in der March- und Thayagegend. Der mit den vielen hundert Goldflittern hunnenzeitlichen Typs durchwirkte Schleier dieser vornehmen, im Alter von nur 24 Jahren verstorbenen, auffallend klei- nen (150 cm) Frau und jener ihrer siebenjährigen Tochter oder Verwandten sind die bisher reich- sten und prächtigsten Vertreter dieser Tracht. Besonders auffallend ist die Beigabe von vier Fibeln in dem Frauengrab: neben dem Fibel- paar mit den Schmucksteinen zwei verschieden gearbeitete, mittelgroße Plattenfibeln aus Silber, von denen eine einwandfrei nordkaukasischen Typs ist. In germanischen Gräbern ist eine der- artige ,,Fibelanhäufung" unbekannt, um so cha-

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104/1. Goldene

Kopfschmuckplatte

aus Mezőberény

rakteristischer ist sie jedoch für die alanische Frauentracht. In Iragi, nahe des Kaspischen Meeres, ist uns das fast inventargleiche Vorbild für die Untersiebenbrunner Tracht bekannt. In Abrau-Dürso hingegen fanden sich in den Grä­ bern 353, 410, 416 und 500 je drei silberne Plat­ tenfibeln, wobei in letzterem Grab eine der Fibeln mit Goldblech überzogen und mit Schmuckstei- nen besetzt und die Frau auch mit einem massi­ ven Halsring ausgerüstet war. In Grab 300 wie­ derum fand sich neben drei silbernen Plattenfi­ beln eine Fibel mit „umgeschlagenem Fuß" wie in Koudiat-Zateur. Bemerkenswert ist auch das Mädchengrab 383 von Abrau-Dürso mit drei großen silbernen Plattenfibeln, einer Fibel mit „umgeschlagenem Fuß", zwei massiven Halsrin­ gen, einem Armring, mehreren Rundschnallen mit ovalen Beschlägen, Ovalschnallen mit recht­ eckigen Beschlägen, einem gut erhaltenen Spie­ gel, einem Glasbecher mit blauer Noppenaufla- ge, einer Toilettengarnitur und einem Ohrgehän­ ge mit massivem Polyederknopf. Also auch in diesem Grab fanden sich fast alle Trachtbe­ standteile des Untersiebenbrunner Grabes. Da­ zu kommt noch, daß die Fibeln dieses Mädchens mit einer Ringkette verbunden waren, eine Mo-

104/2. Goldene Kopfschmuck platte aus Mezőberény

de, die uns bereits bei dem Grab von Moult- Argences begegnete, aber auch noch in anderen Gräbern von Abrau-Dürso (300, 408, 410, 483, 516) vorkam. Aus zeitgleichen germanischen Grabfunden ist uns diese Sitte bis jetzt nicht bekannt. Daß die mit Anhängern versehene gol­ dene Halskette der Untersiebenbrunner Dame aus einer Werkstätte des Pontusgebietes stammt, kann aufgrund eines Parallelstückes aus der Go- spilalnaja-uliza in Kertsch und eines verwandten Stückes aus Bakodpuszta kaum bezweifelt wer­ den. Übrigens besaß die Untersiebenbrunner Dame zwei Halsketten, ein Umstand, zu dem es in dem ebenfalls nicht germanischen Fund II von Bolschoj Kamenez (Gebiet Kursk - der so­ genannte Schatz von Sudsha) eine Parallele gibt. Die geflochtenen Halsketten selbst sind hinge­ gen auch in weit im Osten gelegenen alanischen und hunnischen Gräbern (Pokrowsk-Woschod, Kysylkajnartöbe - Abb. 44) nicht selten. Genau das selbe gilt auch für das in Tierköpfen endende Armreifenpaar. Die Ohrgehänge aus Untersie­ benbrunn sind wie die aus Mezőberény anschei­ nend Einzelstücke. Mit ihren auf einem hörn- chenförmigen Ring befestigten Anhängern glei­ chen sie jedoch einerseits den östlichen Haarlok­ kenringen der Hunnenzeit, andererseits ähneln die Gehänge selbst denen aus dem Grab von Iragi, die dort keineswegs eine isolierte Stellung einnehmen, können sie doch auf gut bekannte

dem Grab von Iragi, die dort keineswegs eine isolierte Stellung einnehmen, können sie doch auf gut

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