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Probematura

 Wähle zwei der folgenden Themen aus.


 Du solltest für deren Bearbeitung nicht mehr als 3,5 - 4 Stunden
brauchen.
 Erstelle für jeden Text eine Gliederung.
 Nimm dir Zeit für eine genaue Korrektur deiner Texte. (3x durchlesen:
Inhalt, Stil, Rechtschreibung)
 Beobachte dich beim Schreiben selber:
- Wofür brauchst du am meisten Zeit?
- Was bereitet dir besondere Schwierigkeiten?
- Wo hast du noch Informationsdefizite?
Thema 1: Kommentar

Verfassen Sie einen Kommentar zum Thema Jugendkriminalität, in dem Sie Ihre
Meinung zum Ausdruck bringen. Der folgende Zeitungsartikel und die Grafiken können
als Argumentationshilfe dienen.

1. Wählen Sie für Ihren Kommentar einen passenden Einstieg.


2. Formulieren Sie klar Ihre Meinung und begründen Sie Ihre Haltung durch mindestens drei
ausgebaute Argumente. Führen Sie zur Illustration auch Beispiele aus dem eigenen
Erfahrungsbereich an.
3. Schließen Sie Ihre Argumentation mit einem Fazit ab und finden Sie einen wirkungsvollen
Schluss.

VN, Mittwoch 8. November 2006

Mehr Kinder geraten auf die schiefe Bahn


Jugendkriminalität ist wachsendes Problem -
schon 13-Jährige als Bandenmitglieder
KARINA TOLL
karina.toll@vn.vol.at, 872/501-212

Schwarzach (VN) "Polizei schnappt Bande", Sicherheitsdirektor EImar Marent, "seit 1989 ist
"Jugendbande in Höchst begeht siebzig die Jugendkriminalität in Vorarlberg um 50
Straftaten", "Bande trieb monatelang ihr Prozent gestiegen, allerdings hat auch die
Unwesen" sind nur einige der Schlagzeilen der Gesamtkriminalität im vergleichbaren Ausmaß
letzten Zeit, die ein Bild der Jugendkriminalität zugenommen. Jugendtypische Delikte sind vor
im Ländle zeichnen. allem Sachbeschädigungen und Diebstähle, die
Erst vor kurzem flog eine 13-köpfige immer mehr zum Problem werden, die
Jugendbande in Rankweil auf, die monatelang Gewaltbereitschaft steigt, die Jugendkriminalität
mit Vandalismusaktionen die Gemeinde ist eben auch ein Spiegel der Gesellschaft."
terrorisierte, in Höchst wurde vor zwei Wochen Beim kürzlich aufgeklärten Fall in Rankweil fällt
bei zwei 16- und 17-jährigen Einbrechern ein auf: Die Straftäter sind zum Teil erst 13 Jahre alt.
ganzes Waffenarsenal entdeckt. Im Juli forschten Sieht man sich die Zahlen über angezeigte
Höchster Polizisten eine Jugendgang aus, deren Straftaten bei den Körperverletzungs- und
dreißig Mitglieder teilweise erst 13 und 14 Jahre Eigentumsdelikte an, faJlt auf, dass zwar in der
alt sind. Die Delikte, die den Burschen zur Last Altersgruppe der Jugendlichen zwischen 14 bis
gelegt werden, lesen sich wie ein Auszug aus 18 Jahre die meisten Straftaten begangen
dem Strafgesetzbuch: Einbrüche, Diebstähle, werden, aber gleichzeitig immer mehr Kinder
Sachbeschädigung, Verstöße gegen das unter 14 Jahren zu Tätern werden. Die
Jugendschutzgesetz usw. Für viele Vorarlberger Strafanzeigen gegen Kinder stiegen im Bereich
stellt sich die Frage: Wird die Jugend in dieser Deliktsgruppen seit 2001 bis 2004 um
Vorarlberg immer rabiater und krimineller? jeweils etwa 50 Prozent.
Sucht nach Luxus
Anstieg um die Hälfte
"Aus dem Bauch heraus muss man diese Frage
sicherlich mit ,Ja' beantworten", sagt
Für Josef Köck, Leiter des Vereins "Neustart" in mit jugendlichen Vandalen. "Vielen Jugendlichen
Bregenz, ein Anzeichen, dass Kinder aus ihren fehlt leider das Unrechtsbewusstsein", so Köck
zum Teil weiter. Von verschärften Strafen hält der
kaputten Familienstrukturen ausbrechen und sich diplomierte Sozialarbeiter wenig, viel wirksamer
neue Kreise suchen, in denen sie anerkannt sei es, die Jugendlichen mit den Auswirkungen
werden, oftmals kriminelle. "Die Sucht nach ihrer Taten zu konfrontieren. Als gutes Beispiel
Statussymbolen spielt natürlich auch eine große dafür nennt er den Fall der Koblacher
Rolle. Handy; Markenklamotten, ein Motorrad - "Bombenbauer". Sechs Jugendliche hatten mit
all das ist ja für Jugendliche nur schwer einer selbstgebastelten Rohrbombe im Juni
finanzierbar, also sucht man sich andere vergangenen Jahres einen drei Meter tiefen
Möglichkeiten, an diese Dinge Krater in ein Grundstück gesprengt. "Die
heranzukommen", schildert Köck. Burschen mussten das Grundstück eigenhändig
wieder in den Originalzustand versetzen, so
Bombenbauer etwas bleibt viel länger in Erinnerung als jede
Demzufolge sinkt die Achtung vor fremdem andere Strafe. "
Eigentum, die Polizei hat immer mehr Probleme
Thema 2: Gesprächsanalyse

1. Informieren Sie den Leser über die Textart, das Thema und die
Kommunikationspartner.

2. Geben Sie den Inhalt des Gesprächs in 3-4 Sätzen wieder

3. Charakterisieren Sie kurz die handelnden Personen und beschreiben Sie deren
Gesprächsverhalten (Sprachebene und -gruppe, Horizont, Stimmung,
Selbsteinschätzung bzw. -darstellung, Partnerhypothesen, Beziehungsdefinition,
Strategien, Absicht und Motive; Anteil am Gespräch, Reaktion auf Empfängersignale,
soziales Verhalten...) Belegen Sie Ihre Aussagen anhand konkreter Textstellen.

4. Beschreiben Sie die Interaktion, indem Sie u.a. die Rolle der Figuren im
kommunikativen Prozess (gleichberechtigt, untergeben, soziales Gefälle,
Beeinflussung usw.) und deren Einfluss auf die Gesprächssituation definieren.
Zeigen Sie die Kommunikationsstörungen auf. Bieten sich Lösungsmöglichkeiten an?

Kommentieren Sie auch die häufig vorkommenden nonverbalen Beiträge der


Personen, z.B. OTTO nickt, LUDWIG schaut etc.

Analysieren Sie mindestens eine Botschaft und zeigen Sie auf, welche Seite der
Nachricht wahrgenommen wurde. (4 Seiten der Nachricht > Sender, Empfänger,
Reaktion)

5. Lässt sich das im Dialog dargestellte Gesprächs- bzw. Rollenverhalten der Figuren
aktualisieren?

Hinweise zur formalen Gestaltung


o Schriftart: Arial
o Ausrichtung: Blocksatz – Silbentrennung
o Überschrift 16 pt, Text 12 pt
o Zeilenabstand 1,5
o Absätze: 6 pt vor und nach
o Seitenrand: 2,5 cm li, 4 cm re
Das Dialektstück als kritisches Volkstheater
„Mensch Meier" des Bayern Franz Xaver Kroetz ist 1977 entstanden. Das Stück hat drei
Personen, Otto und Martha, ein Ehepaar, und deren 15jährigen Sohn Ludwig, der gern spät
aufsteht und meist seinen Kassettenrecorder laufen hat. Otto und Martha waren im
Supermarkt einkaufen. Erst an der Kasse hat Martha entdeckt, dass in ihrer Geldbörse 50
Mark fehlen. Sie haben den Einkauf nicht bezahlen können und sich deswegen sehr geniert.
Die nächste (4.) Szene des 2. Aktes spielt in der Küche.
Kroetz stellt in meist kurzen Szenen kennzeichnende Situationen/Probleme aus dem Alltag
kleiner Leute in ihrer eigenen Sprache dar. Diese sollen dabei nicht beredet oder analysiert,
sondern durch die Sprache selbst dargestellt werden. Dabei wird die Verständnislosigkeit der
Menschen füreinander, ihre mangelhafte Fähigkeit, Konflikte mit Worten auszutragen, ihre
seelische Verkrüppelung und zunehmende „Verspießerung“ aufgezeigt. Die Männer drücken
sich aus Sorge um ihren Arbeitsplatz vor der Solidarität mit den Kollegen dem Arbeitgeber
gegenüber und scheitern häufig im Familienleben.
Kroetz will mit seinem literarischen Engagement den sozial Sprachlosen helfen, ihre Sprache
wiederzufinden oder zu lernen. „Menschen, die gelernt haben zu lernen, können sich
verständigen, oder, was wichtiger ist, sie können sich wehren.
Das neue Volksstück spielt häufig im Arbeitermilieu. Es ist politisch und gesellschaftskritisch
orientiert und versucht ein breites Publikum zu erreichen.

MARTHA weint.
OTTO starrt seinen Sohn an.
OTTO: Des muaßt biassn!
MARTHA schallt.
OTTO nickt.
MARTHA: Was glaubst, wie mir blamiert warn. Schrecklich.
OTTO nickt: Das tust du deinen Eltern an. Gibt ihm eine Ohrfeige.
LUDWIG steckt ein, starrt vor sich hin, reagiert nicht.
Otto unmotiviert: Eine Antwort will ich. Wo hast es versteckt, die fünfzig Mark, wost gstohln
hast?
LUDWIG schaut, sagt nichts.
MARTHA: Gibs zurück, was man gstohln hat, muß man zurückgebn, sonst macht man es
noch schlimmer.
LUDWIG schaut.
OTTO: Und das will mein Sohn sein, da hab ich eine andere Vorstellung, was mein Sohn is.
LUDWIG schaut, reagiert nicht.
OTTO: Das werdn mir gleich habn, den „Täter überführn"! Springt auf und rennt ins
Wohnzimmer, geht zur Bettcouch, wirft sie auf, schmeißt alles durcheinander, sucht, findet
nichts, kommt zurück. Gib die fünfzig Mark zurück, sonst gibt es ein Unglück. MARTHA:
Otto!
OTTO: Das is eine Bestie, dein Sohn, wenn einem die Augn aufgehn. Nickt. Das is klar, dass
den keiner nimmt, weil man es ihm ansieht. Die Personalleiter ham die gschulten Blick, die
sehn es gleich: Das is ein Dieb, der Herr! Jetzt zähl ich bis drei, dann liegt der
Fünfzigmarkschein auf dem Tisch. Eins, zwei, drei. Schaut.
LUDWIG reagiert nicht.
OTTO springt wieder auf, rennt ins Wohnzimmer, reißt an Ludwigs Schublade, wirft sie
heraus, kramt alles durcheinander, zerreißt die Plakate, sucht, findet nichts, kommt zurück,
schaut seinen Sohn an.
MARTHA: Gib die fünfzig Mark zurück, Ludwig, und tu den Papa nicht reizn.
LUDWIG schaut.
OTTO: Hörst ned, was die Mama sagt? - Er hört nicht. Verstockt. Aber ohne mich. Mit dir
werd ich immer noch fertig, wenn es sein muß.
LUDWIG schaut.
MARTHA weint.
OTTO: Leg das Geld auf den Tisch, wo du es hast.
LUDWIG schaut und reagiert nicht.
OTTO schaut: Hosn runter.
LUDWIG schaut.
OTTO: Hosn runter, hab ich gsagt, oder muß ich nachhelfen. Pause.
LUDWIG reagiert nicht, dann zieht er seine Jeans aus.
OTTO packt sie sofort und durchsucht sie, er findet nichts: Weiter gehs!
LUDWIG schaut, dann zieht er seine Lederjacke aus.
OTTO durchsucht sie, findet nichts.
LUDWIG schaut.
OTTO wild: Gib die fünfzig Mark her, bring mich ned zum Äußersten, das sag ich dir.
Schreit. Gib mein Geld zurück.
LUDWIG schaut.
OTTO: Wo hast es versteckt, sag es freiwillig.
LUDWIG schwelgt.
OTTO: Weiter ausziehn, der Herr! Tempo, das is ein Befehl.
LUDWIG beginnt plötzlich zu weinen, die Tränen rinnen ihm vollkommen unkontrolliert
über die Wangen, zugleich zieht er sich weiter aus, am Ende steht er nackt da.
OTTO steht starr, schaut, er kann nichts mehr tun, er starrt seinen Sohn an, wie der so dasteht,
von den fünfzig Mark ist trotzdem keine Spur.
Große Pause.
OTTO plötzlich leicht, wie entschuldigend: Vor die Eltern braucht man sich nicht geniern,
weil sie einen schon als kleinen Bubn gsehn ham. Nickt.
Pause.
MARTHA verdeckt ihr Gesicht, sie will Ludwig nicht nackt sehen.
So
OTTO: Hast einen Stolz, weilst schlau bist und gibst es nicht preis, das Geheimnis. Nickt. Das
kennt man!
Kleine Pause.
Aus dir wird nie was, das garantier ich dir, da kannst Gift drauf nehmen. Ich kenn die Welt,
solche wie dich könnens nicht brauchen, das is sicher wie das Amen in der Kirchn. Mir bist du
nicht nach.
LUDWIG schaut seinen Vater an, ruhig und weinend: Lieber tot, als so wie du.
OTTO reißt es fast, er schaut seinen Sohn an, zu Martha: Hast des ghört?
MARTHA: Was? Weint.
Große Pause.
OTTO: Des hab ich mir denkt, genau. Er schaut noch, dann geht er plötzlich in sich gekehrt,
unsicher schauend in sein Kämmerlein ab.
Große Pause.
MARTHA: Zieh dir was an, tust dich ja erkältn.
LUDWIG rafft schnell seine Sachen zusammen, geht aus der Küche, zieht sich im
Wohnzimmer wieder an.
MARTHA vor sieh hin: So schlimm is das auch ned, da gibts noch viel Schlimmeres. Nickt
sich Mut zu.
LUDWIG hat sich wieder angezogen, dann räumt er seine Sachen wieder ein, trauert um die
zerrissenen Plakate etc. Dann nimmt er seine Reisetasche und packt einiges ein, was er
braucht und was ihm lieb ist, auch aus dem Bad nimmt er seine Sachen weg. Nun hat er
seinen Ranzen gepackt, er kommt zurück in die Küche.
MARTHA schaut.
LUDWIG nimmt unter einem Stoß Tassen in der Kredenz in der Küche die fünfzig Mark
heraus.
MARTHA schaut: Paß auf, dass dir nix passiert, und komm bald wieder.
LUDWIG nickt, steckt die fünfzig Mark ein und geht aus der Wohnung.
MARTHA schaut ihm nach.
Sehr große Pause.
OTTO kommt aus seinem Kämmerlein in die Küche: Is er weg?
MARTHA nickt.
Pause.
OTTO setzt sich linkisch an den Tisch, schaut Martha an. Große Pause.
MARTHA sehr ruhig: Otto, das verzeih ich dir nie.
OTTO schaut: Warum?
Große Pause.
Thema 3: Rezension
Schreiben Sie eine Rezension und berücksichtigen Sie dabei die folgenden Punkte:

1. Wählen Sie einen schlagkräftigen Titel.


2. Gestalten Sie eine interessante Einleitung, die zum Lesen animiert.
3. Informieren Sie kurz über den Autor und die Rahmenbedingungen des
Textes.
4. Geben Sie den Inhalt der Kurzgeschichte wieder.
5. Besprechen Sie die wichtigsten formalen Elemente des Textes, v.a.
den Stil.
6. Formulieren Sie die Kernbotschaft und bewerten sie den Text.

Die Fremde
von Irina Wartenpfuhl

Es wird hell. Wie lange sie wohl schon wach liegt? Sie streicht sich das Haar aus dem Gesicht, fremd
fühlt es sich an, irgendwie leblos und stumpf, dabei hat sie es doch gerade erst frisch tönen lassen.
Leise steht sie auf, er soll nicht wach werden. Auf Zehenspitzen geht sie durch den Flur in die Küche,
an den geschlossenen Türen der leeren, nur mit Möbeln gefüllten Räume vorbei. Stille durchzieht das
Haus wie dichter Nebel. Sie friert.

Die gleichen Verrichtungen wie jeden Morgen: Sie dreht die Heizung hoch, stellt die Kaffeemaschine
an, deckt den Frühstückstisch für zwei Personen. Holt die Zeitung aus dem Hausflur und setzt sich auf
den blassgrünen Küchenstuhl, um einen Blick auf die Schlagzeilen zu werfen, während sie auf den
Kaffee wartet. "Jedes siebte Paar in Deutschland ungewollt kinderlos", liest sie in einer kleinen
Meldung auf der ersten Seite. Sie seufzt und lässt den Blick aus dem Fenster wandern. Der Tag
verdrängt die Nacht. Die Umrisse des Neubaugebietes mit seinen einheitlichen Häusern, Vorgärten
und Zäunen erscheinen weißlich in der Tagesdämmerung. "Bonjour Tristesse", murmelt sie, "hat mal
jemand geschrieben und nicht mich damit gemeint."

Der Kaffee läuft zu langsam durch. "Ich muss die Maschine wieder entkalken", denkt sie. Vielleicht
wäre es auch an der Zeit, endlich mal eine neue zu kaufen, diese ist ja uralt. Er hat schon oft gesagt,
dass er jetzt endlich mal ein neues Gerät haben will, am liebsten so eins, das auch Cappuccino und
Espresso macht, aber sie hängt an dieser alten, roten Kaffeemaschine, einem Souvenir aus einem
anderen Leben. Gemeinsam mit Hannah hat sie die Kaffeemaschine damals gekauft, für ihre WG in
Schwabing. Die Kaffeemaschine war - neben den ausgefallenen Hüten, für die sie beide in dieser Zeit
eine Leidenschaft pflegten - das wahrscheinlich teuerste Stück in der ganzen Wohnung.

Hannah. Sie müsste sie anrufen, es gibt keinen Grund beleidigt zu sein, schließlich hatten sie sich
einmal versprochen, sich gegenseitig immer die Wahrheit zu sagen. "Ich komm nicht mehr zu dir
durch, Beate, du bist mir fremd geworden", hat die Freundin beim letzten Treffen gesagt, "du bist für
mich wie ein Buch mit sieben Siegeln." Früher in Schwabing verstanden sie sich ohne Worte, "eine
wahre Symbiose", hatte ein Freund einmal gesagt. Beate lächelt bei der Erinnerung. Nächtelang
haben sie damals diskutiert über Simone de Beauvoir und Sartre, über Männerbekanntschaften, über
Hut- und Modetrends. So oft ihr beschränktes Budget es zuließ, waren sie ins Theater, in die Kneipe
oder tanzen gegangen. Einmal in den Semesterferien sind sie nach Italien getrampt, bis in die Nähe
von Rom. In San Felice haben sie wild am Strand gecampt. Nachts lagen sie am Strand und malten
sich aus, was später einmal sein würde. "Wir werden die Welt bereisen, spannende Jobs haben, die
uns Erfolg, Erfüllung und Geld bringen und irgendwann finden wir die einzig wahre große Liebe,
heiraten und bekommen ein paar perfekte Kinder. Gemeinsam mit unseren Männern und Kindern
wohnen wir zusammen in einer alten Villa in Grünwald und abends trinken wir teuren Rotwein", hatte
Hannah damals gesagt, halb im Spaß, halb ernst.

Heute würde sie Hannah anrufen, ganz bestimmt. Und vielleicht würde sie ihr sagen, was sie letztes
Mal nicht fertig gebracht hatte: "Ich weiß, Hannah, ich bin mir selber fremd geworden. Irgendwo auf
dem Weg habe ich mich verloren, aber ich weiß nicht, wann und wo. Ich würde gerne nach mir
suchen, aber ich weiß nicht, wo ich suchen soll. Ein Buch mit sieben Siegeln, sagst du? Das klingt
nach Geheimnis und Leben, aber bei mir ist...Nichts." Jetzt war es noch zu früh um anzurufen, aber
gleich, wenn er weg war, würde sie zum Hörer greifen. Hannah, die beste Freundin, denn das war sie,
das war sie wirklich, würde sie verstehen und ihr zur Seite stehen bei Entscheidungen, die sie treffen
und tragen musste.

"Morgen, gut geschlafen?" Ein kurzes Streifen dünner Lippen auf ihrem Scheitel. "Tut mir leid, ich
schaff es nicht mehr zu frühstücken, hab verschlafen." Er nimmt sich eine Tasse aus dem Schrank,
schenkt sich Kaffee ein und trinkt hastig einige Schlucke, verbrennt sich dabei. "Au, ist der heiß.
Denkst du bitte daran, heute im Reisebüro anzurufen und zu fragen, ob man aus der Halbpension
noch eine Vollpension machen kann?" "Ja, mach ich", sagt sie. "Was hast du sonst heute so vor?",
fragt er. "Ich weiß es noch nicht, mal sehen", antwortet sie. "Na, dir wird schon was einfallen, bis heute
Abend", sagt er und geht.

Das Telefon klingelt, wer ruft denn so früh an? Beate lässt den Anrufbeantworter angehen: "Beate, ich
bin's, Hannah. Tut mir leid, dass ich so früh anrufe, aber ich wollte dir sagen, dass ich für ein paar
Tage weg muss, zu einem Kongress nach Bremen, das hat sich heute Morgen in aller Herrgottsfrühe
ergeben, ich springe für eine Kollegin ein, die krank geworden ist. Ich bin am Flughafen, wie du hörst.
Michael ist dummerweise auch die ganze Woche nicht da, er hat doch diese Fortbildung in der
Schweiz. Michaels Mutter kümmert sich um die Kinder, sie hat sich mal wieder erbarmt. Sie kommt zu
uns, so dass sie heute Mittag da ist, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Ehrlich gesagt, ruf ich
auch an, weil ich eine Attacke auf dich vorhab: Meine Schwiegereltern fahren am Donnerstag in
Urlaub und ich komm erst am Freitag aus Bremen zurück. Ich hab gedacht, ob die Kinder vielleicht
von Donnerstag auf Freitag bei euch übernachten könnten? Ich weiß, es ist kurzfristig und es ist auch
nicht schlimm, wenn's nicht geht, dann muss ich halt einen Tag früher vom Kongress weg, es ist nur,
weil da so viele wichtige Leute sind... Ich ruf dich später noch mal an. Und nächste Woche lad ich dich
zum Italiener ein, ja? Dann trinken wir eine schöne Flasche Rotwein und..." Beate zieht den Stecker
des Anrufbeantworters aus der Steckdose.

Sie geht ins Schlafzimmer. Die Luft ist abgestanden und schal, die Fenster zu. Wahllos zieht sie
Unterwäsche, ein Paar Jeans und eine Bluse aus dem Schrank und zieht sich an. Der Koffer unter
dem Bett lässt sich nur schwer hervorziehen, anscheinend klemmt er zwischen dem Bettkasten und
der Kiste mit den alten Fotos. Endlich hat sie ihn hervorgezogen, das schwere Ding. Mit einem
raschen Handgriff gibt sie den Zahlencode ein und öffnet den seit Wochen gepackten Koffer: Kleidung,
Schuhe, Kosmetik- und Wertsachen; irgendwo in der Mitte der dunkelgrüne Schlapphut aus Samt, der
heute wieder modern ist, und eine Packung Zigarillos, die sie vor einiger Zeit gekauft und schnell vor
ihm versteckt hat. Entschlossen zieht sie beides hervor. Sie nimmt einen Zigarillo aus der Schachtel
und steckt ihn in die Blusentasche. Die Schachtel wirft sie achtlos auf das Bett.

Beate öffnet die Haustür und tritt hinaus, den Samtschlapphut in der einen, den Koffer in der anderen
Hand. Menschenleer liegt die Straße vor ihr.
Über die Autorin:

Irina Wartenpfuhl ist 31 Jahre alt, Halb-Zypriotin, und im Ruhrgebiet aufgewachsen. In Münster und Manchester hat sie Anglistik,
Germanistik und Romanistik studiert, lebt aber mittlerweile mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Mainz. Obwohl sie im Rahmen ihrer Arbeit
bei der Stiftung Lesen viel schreibt, ist sie auf dem Terrain des literarischen Schreibens ein Neuling.
Thema 4: Rede

Verfassen Sie eine Rede zum Thema Mobbing am Arbeitsplatz

1. Sie sind Personalvertreter einer größeren Firma und halten eine Rede vor
dem Firmenleiter und dem gesamten Vorstand zu diesem brisanten
Thema.

• Finden Sie eine passende Überschrift.


• Neben einer ansprechenden Einleitung informieren Sie die Zuhörer allgemein
über Mobbing und die möglichen Folgen für einen Betrieb. (Ist-Zustand)
• Formulieren Sie dann einen Soll-Zustand
• Beschreiben Sie, wie dieses Ziel erreicht werden könnte. Listen Sie nicht nur
Schlagworte auf, sondern bauen Sie Ihre Lösungsvorschläge aus. (Wege vom Ist-
zum Soll-Zustand)
• Bringen Sie Ihre Forderungen zum Schluss noch einmal klar auf den Punkt
(Fazit) und formulieren Sie einen entsprechenden Appell.
• Der Text soll auch stilistisch als Rede erkennbar sein (rhetorisch-stilistische
Mittel kennzeichnen).

2. Sie halten als


Personalvertreter einer größeren Firma eine Rede vor der
versammelten Belegschaft (Arbeiter, Angestellte) eine Rede über
Mobbing am Arbeitsplatz.

• Finden Sie eine passende Überschrift.


• Neben einer ansprechenden Einleitung informieren Sie die Zuhörer allgemein
über Mobbing und die möglichen Folgen. (Ist-Zustand)
• Formulieren Sie dann einen Soll-Zustand.
• Beschreiben Sie, wie dieses Ziel erreicht werden könnte. Bieten Sie konkrete,
umsetzbare Lösungsvorschläge. (Wege vom Ist- zum Soll-Zustand)
• Bringen Sie Ihr Anliegen zum Schluss noch einmal klar auf den Punkt (Fazit) und
formulieren Sie einen entsprechenden Appell.
• Der Text soll auch stilistisch als Rede erkennbar sein (rhetorisch-stilistische
Mittel kennzeichnen).
Beilagen:
Was ist Mobbing?
Mobbing (aus dem Englischen „to mob“ = anpöbeln, schikanieren) bedeutet, dass eine
Person oder eine Gruppe am Arbeitsplatz von gleichgestellten, vorgesetzten oder
untergebenen Mitarbeitenden schikaniert, belästigt, beleidigt, ausgegrenzt oder mit
kränkenden Arbeitsaufgaben bedacht wird. Die „gemobbten“ Personen fühlen sich mit der
Zeit unterlegen. Bei allgemeiner Unzufriedenheit der Mitarbeitenden tritt Mobbing häufiger
auf.
Der Zeitfaktor spielt insofern ein Rolle, als man per Definition nur dann von Mobbing spricht,
wenn Mobbing-Handlungen systematisch, häufig und wiederholt auftreten (z. B. mindestens
einmal pro Woche) und sich über einen längeren Zeitraum erstrecken (mindestens ein
halbes Jahr).
Einmalige Vorfälle sind also kein Mobbing. Auch kann man nicht von Mobbing sprechen,
wenn zwei etwa gleich starke Parteien in Konflikt geraten. (Klaus Schiller-Stutz)

lic. iur. Walter Amelia, Zürich:


„In der juristischen Terminologie gibt es den Begriff «Mobbing» nicht. Es besteht aber
gemäss OR Art. 328 und ARG Art. 6 eine Pflicht seitens des Arbeitgebers, die Persönlichkeit
seiner Angestellten am Arbeitsplatz zu schützen. Ein Bundesgerichtsentscheid vom Oktober
1998 besagt, dass eine Führungsperson, bzw. letztlich der Arbeitgeber diese Pflicht
verletzen, wenn sie Mobbing nicht verhindern.“

Jodok Kraft, Betriebswirtschafter:


"Die durch Mobbing verursachten betriebswirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Kosten sind hoch. Allein für den Betrieb ergeben sich Kosten durch Fehlzeiten,
Fluktuation, Minderleistung des Betroffenen. Exakte Kostenrechnungen gibt es
bislang noch nicht.
In einer schwedischen Untersuchung wurde festgestellt, dass 60% der
"freiwilligen" Austritte aus dem Unternehmen mit Unbehagen oder
Schikane am Arbeitsplatz begründet werden.
27% der Befragten einer norwegischen Studie gaben an, dass Mobbing am
Arbeitsplatz ihre Effektivität reduziert.
Eine Untersuchung in Deutschland fand heraus, dass von Mobbing
Betroffene zuerst mit erhöhter Leistung reagierten, dann aber, als sie die
Sinnlosigkeit ihres Bemühens einsahen, zu Minderleistung, Arbeit auf
Anweisung usw. überging. Dies erfüllt alle Merkmale der "inneren
Kündigung".
Neben den betrieblichen Kosten entstehen auch der Gesellschaft hohe
Kosten durch Heilbehandlungen, Rehabilitationskuren,
Dauerarbeitslosigkeit oder Frühverrentung.“

Esther Lauper, Mitarbeiterin am Institut für Neues Lernen (www.mobbing-info.at):


„In einem guten Arbeitsklima hat Mobbing keine Chance. Einerseits wirken sich faire und transparente
Strukturen positiv aus, andrerseits ist aber auch das Engagement der vorgesetzten Person und der
Mitarbeitenden selber nötig. Jede und jeder trägt Mitverantwortung für ein gutes Arbeitsklima und
kann Wesentliches dazu beitragen.“
Mobbing und
andere
psychosoziale
Spannungen
am
Arbeitsplatz
Quelle:
Ministerium für Wirtschaft, Direktion für Arbeit, Bereich Arbeitsbedingungen, Wien, Oktober 2002
Population: 3 220
Untersuchungsmethode: telefonische Interviews auf der Grundlage eines Fragebogens
Ergebnis: 245 Personen (7,6%) erfüllen die gängigen wissenschaftlichen Mobbingkriterien; Anteil der
Personen mit ausländischer Nationalität 10,5%, Doppelbürger 12,1%, Österreichischer Bürger 6,9%

Peter Meier. Niemand ist immun gegen Mobbing. In: KMU-Magazin Nr. 12, Dezember/Januar
2004/2005, S.66-68:

Gründe für Mobbing

Für eine Repräsentativstudie wurden Mobbingbetroffene nach den Motiven befragt, die
nach ihrer Einschätzung zu Mobbing geführt haben. Hier die Antworten:

Ich wurde gemobbt, weil ich ... bzw. wegen... (Mehrfachnennungen waren möglich)
... unerwünschte Kritik geäußert habe (60,1 %)
... als Konkurrenz empfunden wurde (58,9 %)
... der/die Mobber neidisch auf mich war/waren (39,4%)
... es Spannungen zwischen mir und meinem Vorgesetzten gab (39,4%)
... meiner starken Leistungsfähigkeit (37,3 %)
... ein Sündenbock gesucht wurde (29,1 %)
... meines Arbeitsstils (28,5%)
... der/die Mobber meinen Arbeitsbereich an sich ziehen wollte/wollten (24,8 %)
... meiner angeblich unzureichenden Leistungen (23,3 %)
... neu in die Abteilung/Gruppe gekomen bin (22,1%)
... meines persönlichen Lebensstils (17,7%)
... ein Mann bzw. eine Frau bin (12,5 %)
... meines Aussehens (9,1 %)
... meiner Nationalität (3,8 %)
... meiner sexuellen Orientierung (2,3%)
... Sonstige Motive (28,2 %)
Ich weiss nicht, weshalb ausgerechnet ich gemobbt wurde (7,9 %)

Mobbingfolgen (Mehrfachnennungen waren möglich, nur abgeschlossene


Fälle):

o Krankheit wegen Mobbings (43,9%)


o Krankheitsdauer mehr als 6 Wochen (20,1%)
o Freiwilliger Arbeitsplatzwechsel im Betrieb (30,8 %)
o Eigene Kündigung (22,5%)
o Kündigung durch den Arbeitgeber (14,8%)
o Arbeitslosigkeit (11,4%)
o Erwerbsunfähigkeit oder Frührente (6,9%)
o Zwangsweise Versetzung (5,6%)