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KaiserZeit VölKerwanderungsZeit

apensen

ein „Fürstengrab“ der langobarden

rechte Seite: Freilegung eines als Urne verwendeten römischen Bronzekessels (Foto: D. Alsdorf, Lkr. Stade))

links: Ausgrabung der Kreisarchäologie auf dem Gräberfeld Apensen (Foto: Lkr. Stade)

rechts: Frauenkopfattasche des Bronzeeimers aus dem “Fürstengrab”. Herausragendes Beispiel des römischen Kunsthandwerks (Foto: Nieders. Landesamt für Denkmalpflege)

M it einem Paukenschlag trat 1927 das auch überregional bekannte „Fürsten- grab“ bei Apensen in die Öffentlichkeit. Willi Wegewitz publizierte ein durch

Zufall entdecktes Brandgrab, das so reich mit Sil- ber- und Bronzebeigaben ausgestattet war, dass es gleich in die erste Liga der Beisetzungen aus den ersten beiden Jahrhunderten nach Christus aufstieg. Vergleichbare so genannte "Fürstengrä- ber" sind vereinzelt weiter elbeaufwärts, in Meck- lenburg bis Pommern, Sachsen-Anhalt und entlang der jütländischen Ostküste verbreitet, wo sie als he- rausragende Bestattungen einer kriegerischen Elite gelten. Fast ein halbes Jahrhundert blieb dieses Ensemble ein Einzelfund, bis im Jahr 1971 Dietrich

dieses Ensemble ein Einzelfund, bis im Jahr 1971 Dietrich Alsdorf weitere als Urnen verwendete römische

Alsdorf weitere als Urnen verwendete römische Bronzegefäße entdeckte. Daraufhin wurde dieser Platz durch die damalige Bezirksarchäologie näher untersucht, aber erst seit 1999 hat die Archäologi- sche Denkmalpflege des Landkreises Stade in meh- reren Ausgrabungskampagnen die Kenntnis über das Brandgräberfeld und dessen Umfeld wesentlich erweitert. An erster Stelle des Bemerkenswerten steht die große Zahl von Bronzegefäßen, die im Bereich des Römischen Reiches hergestellt und dann in Apen- sen als Leichenbrandbehälter vergraben wurden. Von der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrhun- derts bis in die Zeit wenig vor 100 n. Chr. dau- erte dieser Zustrom römischer Eimer, Kannen und

Chr. dau- erte dieser Zustrom römischer Eimer, Kannen und Daniel Nösler Kessel auf die Stader Geest

Daniel Nösler

Kessel auf die Stader Geest an; jedenfalls, soweit wir das anhand der Gräber verfolgen können. Im Römischen Reich hatten sich stark spezialisierte Werkstätten für bronzene Gefäße entwickelt, zu deren Produktpalette bestimmte Formen gehörten. Dadurch ließ sich rekonstruieren, dass die Apenser Behälter überwiegend in Südgallien und Süditalien hergestellt wurden. Stellvertretend für die zahllosen anderen Bestat- tungen soll hier besonders auf das zur Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. niedergelegte „Fürstengrab“ eingegangen werden (siehe S. 95). Der Leichen- brandbehälter ist ein bronzener Eimer aus Kam- panien, der insbesondere durch die beiden Frauenkopfattaschen besticht. Er belegt, dass die Langobarden durchaus die römische Trinkkultur zu schätzen wussten, denn seine eigentliche Be- stimmung war der Transport von mit Kräutern ver- setztem Wein an die Speisetafel. Er war Teil einer Garnitur aus römischer Provenienz, zu der auch zwei bronzene Kellen- und Siebpaare gehörten. Man schöpfte mit der Kelle den Wein aus dem Eimer und goss ihn durch das Sieb, in dem die Gewürze zurückblieben. Serviert wurde der Wein dann in silbernen Trinkbechern, von denen sich im Prunk- grab ebenfalls zwei Exemplare fanden. Die meisten

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der Wein dann in silbernen Trinkbechern, von denen sich im Prunk- grab ebenfalls zwei Exemplare fanden.
der Wein dann in silbernen Trinkbechern, von denen sich im Prunk- grab ebenfalls zwei Exemplare fanden.

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Silberner Armreif mit Schlangen­ kopfornament und spiraligem Verstell­ mechanismus aus einem Depot (Foto: D. Alsdorf, Lkr. Stade)

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Lkr. Stade) KaiserZeit VölKerwanderungsZeit apensen Metallbeigaben gelangten nur in Bruchstücken mit ins Grab,

Metallbeigaben gelangten nur in Bruchstücken mit ins Grab, da sie zum einen zusammen mit dem Ver- storbenen auf dem Scheiterhaufen verbrannt wur- den und zum anderen brachen die Hinterbliebenen möglicherweise Teile aus den Gefäßen heraus, die dann als Stellvertreter für das Ganze standen. Ne-

ben den wertvollen römischen Objekten fanden sich ebenfalls Erzeugnisse des einheimischen Kunst- handwerks. Hierzu gehören Fragmente eines me- tallbeschlagenen Holzkästchens, zweier Trinkhörner

und besonders geformter Sporen. Die prunkvollen Beigaben kennzeichnen den Bestatteten als Ange- hörigen einer überregional bedeutenden Elite. Bislang sind mehr als 800 Brandbestattungen, da- runter 40 in römischen Metallgefäßen, ausgegraben worden. In Kooperation mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege und der Gießerei des Volkswagen-Nutzfahrzeugwerks Hannover wurde ein im Block geborgenes römisches Metallgefäß samt Inhalt in einem Computertomographen un- tersucht, in dem normalerweise Motorblöcke auf Haarrisse hin überprüft werden. Das Ergebnis war beeindruckend: Einzelne Beigaben lassen sich am Bildschirm identifizieren, von allen Seiten betrach- ten und vermessen. Die berührungslose Analyse macht die Funde visuell erlebbar und erschließt sie auch für eine wissenschaftliche Bearbeitung. Einige Bronzekessel wurden vorher als Kochgefäß ver- wendet, denn ihre Unterseite war stark verrußt. Die Nutzung als Leichenbrandbehälter – und diese Fest- stellung gilt auch für die Urnen aus Ton – ist immer eine Zweit- oder Drittverwendung. Ausschließlich als Urne wurde keines der Gefäße produziert. Es gibt Hinweise darauf, dass der Apenser Friedhof in einem lichten Hain aus größeren Bäumen angelegt worden war. In ihm sind neben den Beerdigungen auch kultische Handlungen durchgeführt worden:

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auch kultische Handlungen durchgeführt worden: 103 CT­Aufnahme eines als Urne verwen­ deten römischen

CT­Aufnahme eines als Urne verwen­ deten römischen Bronzegefäßes. Die metallischen Beigaben sind deutlich zu erkennen (Foto: F. Jeltsch, VW­ Gießerei Hannover)

Einige Lanzen und Schwerter wa- ren mit ihrer Spitze senkrecht in den Boden gerammt. Da- neben wurden dem Boden wertvolle Gegenstände anvertraut. Darunter eine aus einem Schildbuckel, Lanzenspitzen und einem silbernem Armreif zusam- mengesetzte Deponierung. Der Armschmuck ist ein bis- her einmaliges Exemplar, das tierkopfförmige Enden mit Spira- len zur stufenlosen Regulierung des Umfangs kombiniert. Durch die Kreisarchäologie sind in den letzten Jahrzehnten im Umfeld des außergewöhnli- chen Gräberfeldes gezielte Prospektionen durchge- führt worden. Dabei sind in einem Umkreis von nur 2 km zahlreiche Siedlungen und Friedhöfe von der Vorrömischen Eisenzeit bis Völkerwanderungszeit entdeckt worden. Dies berührt insbesondere Fragen nach der Besiedlungskontinuität und der Siedlungs- struktur in diesem Raum. Die Forschungen stehen erst am Anfang …

nach der Besiedlungskontinuität und der Siedlungs- struktur in diesem Raum. Die Forschungen stehen erst am Anfang