Sie sind auf Seite 1von 1

Mittwoch, 19. April 2017

Kultur

9

Kleine Sühne für ein grosses Sakrileg

Risch Ein Bildstock an der Hauptstrasse fällt durch sein Äusseres auf. Er soll einst wegen einer Untat errichtet worden sein, die so gottlos ist, dass man andernorts ganze Kirchen für vergleichbare Vergehen gebaut hat.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Fährt man von Buonas nach Risch, erspäht man linkerhand auf Höhe des Zebrastreifens kurz vor dem Rischer Dorfeingang ei­ nen Bildstock – neueren Datums, möchte man meinen. Doch steht das Helgenhäuschen in seiner heutigen Form hier bereits seit 1902. In besagtem Jahr wurde da­

Form hier bereits seit 1902. In besagtem Jahr wurde da­ Hingeschaut mit wohl ein ähnlicher Vorgänger­

Hingeschaut

mit wohl ein ähnlicher Vorgänger­ bau ersetzt, der bereits Mitte des 19. Jahrhunderts an derselben Stelle auf den ehemaligen Sigris­ tenpfründen stand. 2001 wurde der Bildstock mit markantem, ge­ ziegltem Satteldach renoviert. Als der marode Dispersionsanstrich entfernt wurde, stellte man Reste der ursprünglichen Bemalung fest, worauf man dem Bildstöck­ lein seine originale Erscheinung in Rot­ und Gelbtönen zurückge­ ben konnte. Deshalb schaut es noch immer respektive wieder aus wie neu.

Durch die auffällige Farbge­ bung und vor allem durch seine Form hebt sich der unter Denk­ malschutz stehende Rischer Bildstock von den meisten ande­ ren seiner Art ab. Er fällt allein wegen seiner markanten Putz­ quader auf und auch wegen des dominanten Gesimses mit Hohl­ kehle, welches den Sockel vom

dominanten Gesimses mit Hohl­ kehle, welches den Sockel vom Der St.-Verena-Bildstock an der Rischerstrasse ist um

Der St.-Verena-Bildstock an der Rischerstrasse ist um 2001 farblich in seinen Originalzustand von 1902 zurückversetzt worden. Das Helgenhäus-

chen soll an einen Hostienraub erinnern.

Bild: Stefan Kaiser (Risch, 18. April 2017)

Oberbau klar trennt. Das Gewöl­ be der Rundnische ist blau gehal­ ten mit goldenen Sternen, wie man es in zahlreichen Loretoka­ pellen findet – es symbolisiert das Himmelsfirmament. Die Heili­ genbüste zeigt die Rischer Kir­ chenpatronin Verena, welcher somit auch der Bildstock geweiht ist. Es ist eine Kopie des spätgo­

tischen Originals, das sich heute in der Sammlung der Kirchge­ meinde Risch befindet.

So viel zum Bauwerk selbst, welches allein aufgrund seiner Erscheinung bemerkenswert ist. Interessant aber ist auch der Grund, warum der Bildstock er­ richtet worden ist: als Sühne für

den Raub einer Hostie – so ist es zumindest überliefert. Wer der Dieb oder die Diebin war, ist nir­ gends nachzulesen. Heute mag der «Durchschnittsgläubige» oder Kirchenferne sich fragen, warum man so ein Getue macht wegen einer entwendeten Obla­ te und deswegen gleich eine Wegkapelle hinstellt. So etwas

galt/gilt als Gottlosigkeit sonder­ gleichen, als Kapitalverbrechen an einem Heiligtum. Unter die­ sem Aspekt ist der Rischer Bild­ stock ein vergleichsweise be­ scheidenes Sühnemal. Nach einem Hostienraub in Ettiswil LU Mitte 15. Jahrhundert wurde ei­ gens deswegen eine grosse Ka­ pelle errichtet und ein Bilderzyk­

lus angefertigt, der an das unge­ heuerliche Verbrechen erinnert. Auch wenn der eigentliche An­ lass zum Bau der Kapelle die wundersame Wiederauffindung der Hostie war, wird jedoch deut­ lich, was ein solches Vorkomm­ nis für Gläubige bedeutete – die Kapelle wurde zu einem vielbe­ suchten Wallfahrtsort!

Ähnliches trug sich einige Jahre später in Lungern OW zu. Drei Schelme brachen in der al­ ten Pfarrkirche den Tabernakel auf, flohen mit den Hostien und warfen sie auf offenem Gelände weg. Es entsprang dort alsbald eine Quelle, über der eine Süh­ nekapelle errichtet wurde. Einer der Übeltäter wurde gefasst und endete am Galgen. Eine fast identische Geschichte kennt man aus der deutschen Stadt Es­ sen. Dort, wo die Diebe die Hos­ tien wegwarfen, stand ein Strauch. Dieser wurde dann zum Wallfahrtsort, und natürlich wurde da ebenfalls ein Gottes­ haus hingebaut. Seither gedenkt man im Bistum Essen jährlich dieses Ereignisses.

Angesichts dieser Beispiele von Hostienraub wird deutlich, als was für ein Sakrileg dies ange­ sehen wurde. So ist die Errich­ tung eines einfachen Bildstockes wie in Risch ein geradezu be­ scheidenes Sühnezeichen. Ob der Täter oder die Täterin auch am Galgen geendet hat für das Verbrechen am Leibe Christi?

Hinweis Mit «Hingeschaut!» gehen wir De- tails mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

Alles schräg mit Sergio Sardella

Alles schräg mit Sergio Sardella Sergio Sardella. Bild: PD Zug Der nächste «Schräge

Sergio Sardella.

Bild: PD

Zug Der nächste «Schräge Mitt­ woch» steht schon bald ins Haus. Heute in einer Woche gibt es ita­ lienisches Temperament von Moderationsseite. Die auftreten­ den Künstler aller erdenklichen Sparten werden von Sergio Sar­ della im Zaum gehalten. Der Italo­Secondo aus Em­ menbronx, wie er seinen Wohn­ ort nennt, hat ein liebenswert ge­ schliffenes Mundwerk. «Mam­ mas Lieblingsmacho» nimmt Alltagssituationen aus der Ver­ gangenheit und Gegenwart, be­ ginnt bei kleinen Details und übertreibt bis ins Absurde. Schrä­ ger Mittwoch im Burgbachkeller am 26. April, 20 Uhr. (red)

Quer durch Zugs Geschichte(n)

Anlassreihe Erneut legt der Verein Zuger Stadtführungen ein reiches Saisonprogramm vor. Die Rundgänge machen die Geschichte der Stadt immer wieder fassbar.

Die Geschichte der Stadt Zug ist so reich und vielfältig, dass die Schwerpunkte für die öffentli­ chen Stadtführungen nicht aus­ zugehen drohen. Seit Jahren bie­ tet der Verein Zuger Stadtführun­ gen Rundgänge – normalerweise samstags – durch Zug an. Neben diesen regulären Füh­ rungen, die am kommenden Samstag starten und von denen einige einen besonderen Schwer­ punkt behandeln, bietet der Ver­ ein jeweils auch so genannte the­ matische Führungen an, wobei eines oder mehrere bestimmte Objekte oder ein Quartier im Fo­ kus stehen. Diese Touren finden stets an einem Montag statt.

Vom «Mont-Saint-Michel» zur einstigen Prachtstrasse

Bei der ersten der thematischen Führungen am 15. Mai geht es um das Lohri­Haus an der Neu­ gasse. Das älteste erhaltene Goldschmiedehaus Europas be­ herbergt originalgetreu herge­ richtete Empire­Räume und zeigt Kunstwerke des Schmucks aus drei Jahrhunderten. Am 19. Juni dreht sich alles um die Pfarrkirche St. Michael. Das monumentale Gotteshaus

im historistischen Baustil, der «Mont­Saint­Michel» von Zug, beherrscht die Stadtsilhouette wie kein anderes Bauwerk. Um ein Stück identitäts­ stiftende Zuger Industriege­

schichte geht es an der dritten thematischen Stadtführung am 28. August. Auf einem Rund­ gang durch die Gebäulichkeiten der V-Zug erhalten die Besucher Einblicke in die Zuger Firma

V-Zug erhalten die Besucher Einblicke in die Zuger Firma Das architektonisch bedeutende Schulhaus Athene symbolisiert

Das architektonisch bedeutende Schulhaus Athene symbolisiert den Wandel des Zuger Schulwesens. Bild: Stefan Kaiser

schlechthin – und Ausblicke auf die Entstehung eines innovati­ ven Gewerbequartiers. Dass Oberwil weit mehr ist als der Standort einer bedeuten­ den psychiatrischen Klinik, er­ fahren die Besucher am 11. Sep- tember. Das herrlich gelegene Dorf am See, welches politisch gesehen Teil der Stadt Zug ist, erzählt manch spannende Ge­ schichte. Mindestens so span­ nend wie die Geschichten um die Zuger Schulen, um die es bei der Führung am 25. September geht. Der Wandel der stadtzuge­ rischen Schulverhältnisse und die schulpolitische Entwicklung sind eindrücklich. Die sechste und letzte the­ matische Führung in dieser Sai­ son, am 16. Oktober, ist dem einstigen Prachtboulevard Zugs gewidmet. Die Achse vom heu­ tigen Bahnhof zum See, die Alpenstrasse, könnte so viel er­ zählen aus den vergangenen 100 Jahren. (fae)

Hinweis Das detaillierte Jahresprogramm für 2017, die Daten, Zeiten und Treffpunkte sind einsehbar unter www.zugerstadtfuehrungen.ch

Heldentenor Manfred Jung tot

Oper Der für seine Wagner­Rol­ len bekannte Heldentenor Man­ fred Jung ist mit 76 Jahren nach langer, schwerer Krankheit in Es­ sen gestorben. Er war in den 70er­ und 80er­Jahren Ensemb­ lemitglied der Deutschen Oper am Rhein. Der gelernte Stark­ stromelektriker war unter ande­ rem an der Carnegie Hall und der Metropolitan Opera in New York, der Wiener Staatsoper, der Mai­ länder Scala, den Salzburger Os­ terfestspielen und den Bayreu­ ther Festspielen engagiert. Er galt als einer der wenigen Tenöre, die alle Tenorpartien in Richard Wagners «Ring des Nibelungen» gesungen haben. (dpa)

Kleist-Preis geht an Ralf Rothmann

Literatur Der Berliner Ralf Roth­ mann (63) erhält den Kleist­Preis (20 000 Euro). Seine Literatur sei meisterhaft in ihren lakonischen Alltagsschilderungen, meinte die Jury. Der gelernte Maurer arbei­ tete als Fahrer, Koch und Kran­ kenpfleger. Seit den 1980er­Jah­ ren schreibt er Gedichte, Erzäh­ lungen und Romane, in denen er seine Erfahrungen im Ruhrpott und in Berlin verarbeitet. (dpa)

Verwandte Interessen