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u neues deutschland Sonnabend/Sonntag, 30. April/ 1.

Mai 2016 Gesellschaft 23


*

Das Was und das Wie


Vor 50 Jahren besuchte Rudi Dutschke seinen philosophischen Lehrer Georg Lukács.
Von Carsten Prien
an seinen Einsichten festgehalten, so dem gleichen Grund. Sie bezahlten
dass er rückblickend über seine geis- allerdings diese ideologische Spie-
tige Entwicklung sagen konnte, in ihr gelverkehrtheit zum Osten mit einer
würde es »keine anorganischen Ele- Halbierung der Vernunft. Die Haupt-
mente« geben. Den Blick auf diese strömung des westlichen Marxismus,
Kontinuität des Lebenswerkes ver- ausgenommen Karl Korsch und Ernst
stellt dabei nur Lukács’ taktische Ver- Bloch, verlor mit einem dialektischen
lagerung von explizit politischen und Naturbegriff zugleich seine materia-
revolutionstheoretischen Fragestel- listische Grundlage und die Katego-
lungen auf ästhetische und funda- rie der Totalität. Folglich verlief sie
mentalphilosophische Bereiche. So sich in nur noch psychologisierender
zog sich etwa Lukács 1928 aus der ak- Ideologiekritik. »Chvostismus und
tiven Politik zurück, nachdem die Dialektik« zeigt, dass Lukács in Wirk-
Partei harsche Kritik an seinen lichkeit zwischen den Stühlen seiner
»Blumthesen« geübt hatte. Die Poli- Feinde und denen seiner falschen
tik der »Volksfront«, die Lukács in Freunde saß: »Selbstverständlich
diesen Thesen verfochten hatte, ver- konnte die Dialektik als objektives
trat er danach unmissverständlich Entwicklungsprinzip der Gesellschaft
weiter, nur diesmal im Bereich der Li- unmöglich wirksam werden, wenn sie Dutschke hat sich
teraturtheorie mit seiner Realismus- nicht bereits als Entwicklungsprinzip wiederholt intensiv mit
auslegung. Er war seiner Zeit voraus. der Natur vor der Gesellschaft wirk-
Wenige Jahre nach den »Blumthe- sam, objektiv vorhanden gewesen Lukács als einer
sen« wurde auf dem VII. Weltkon- wäre. Daraus folgt aber weder, dass klassischen Figur des
gress der Komintern die Volksfront- die gesellschaftliche Entwicklung Linksintellektuellen
politik zur Generallinie. keine neuen, ebenfalls objektiven Be-
Ein anderes Beispiel ist seine schon wegungsformen, dialektische Mo-
auseinandergesetzt. Den
früh geäußerte hegelianische Kritik mente produzieren könnte, noch dass subjektiven Grund des
an der undialektischen »Widerspie- die dialektischen Momente in der Na- Lukácsschen »Doppel-
gelungstheorie«: Nun kritisierte er an turentwicklung ohne Vermittlung
dieser nicht mehr ihre politischen dieser neuen, gesellschaftlichen dia-
charakters« sah er in
Konsequenzen eines einseitigen Ver- lektischen Formen erkennbar wären dessen verhängnisvoller
hältnisses von Partei und Klasse, son- […] Das heißt, wir müssen begrei- »moralischer Abstrak-
dern formulierte seine Kritik da- fen, dass das Was, das Wie, das Wie- tion«, der typischen
durch, dass er seine vierbändige »Äs- weit etc. unserer Erkenntnis [der Na-
thetik« nicht aus der Widerspiege- tur] von der Entwicklungsstufe des Neigung des Intellektuel-
lung der objektiven Welt im Be- objektiven Entwicklungsprozesses len zur Idealisierung.
wusstsein heraus entfaltete, sondern der Gesellschaft bestimmt ist.« Nach ihr rechtfertigt das
aus dem mimetischen Vermögen des- Dutschke hat sich wiederholt in-
selben. tensiv mit Lukács als einer klassi-
geschichtsphilosophische

D
as Pester Donauufer, Bel- die Ehrlichkeit von Lukács’ In dem wiederentdeckten »Chvos- schen Figur des Linksintellektuellen Ideal der Partei jede
grad Rakpart 2, 5. Etage. wiederholter »Selbstkri- tismus und Dialektik« schließlich fin- auseinandergesetzt. Den subjektiven ihrer konkreten Maß-
Unter dieser Adresse öff- tik«. In seinem damals in der det sich eine Brücke zu Lukács’ Grund des Lukácsschen »Doppelcha-
nete einem, in der Zeit Zeitschrift »Der Spiegel« Spätwerk, der »Ontologie des rakters« sah er in dessen verhäng-
nahmen, und seien
nach Kriegsende bis zu seinem Tod, veröffentlichten Nachruf auf gesellschaftlichen Seins«. nisvoller »moralischer Abstraktion«, die noch so arbeiterfeind-
Georg Lukács höchstselbst die Tür, den ungarischen Philoso- Vielleicht erklärt gerade das der typischen Neigung des Intellek- lich oder widersinnig.
wenn man klingelte. Heute befindet phen heißt es: »Es ist nicht die verhaltene Aufnahme tuellen zur Idealisierung. Nach ihr
sich dort das Archiv mit dem Nach- wahr, dass Lukács das ›Ur- dieses wiederentdeckten rechtfertigt das geschichtsphiloso-
lass des ungarischen Philosophen und teil‹ der KI-Philosophen ›ak- Schlüsselwerks zur Einheit in phische Ideal der Partei jede ihrer
Wissenschaftlers. zeptierte‹. Etwas politisch ak- Lukács Denken, auch im konkreten Maßnahmen, und seien die
Vor 50 Jahren, am 3. Mai 1966, zeptieren müssen, aus einem Westen. Die »KI-Philoso- noch so arbeiterfeindlich oder wi-
klingelte, in Begleitung seiner Frisch- ethisch mitbestimmten Par- phen« hatten prompt mo- dersinnig. Die »reine Geschichtlich-
vermählten Gretchen und einiger teiverständnis heraus, wel- niert, Lukács leugne – gegen keit bei Lukács«, schreibt Dutschke,
Freunde, der noch unbekannte West- ches zweifellos zu problema- die Autorität von Friedrich »die die idealistische Subjekt-Objekt-
berliner Soziologiestudent Rudi tisieren wäre, kann nicht be- Engels – zugunsten einer ge- Identität konstituiert, führt notwen-
Dutschke: »Der Mann, der auf unser griffen werden als ein philoso- sellschaftlichen Subjekt-Ob- digerweise zur konkreten Ge-
Klingeln öffnete, war klein, hatte ein phisch-politisches Eingeständ- jekt-Dialektik die Dialektik der schichtslosigkeit, die die geschichtli-
freundliches Gesicht, eine Zigarette in nis [...] Dem Ganzen ist hinzu- Natur. Und sahen dadurch den che Sinnlichkeit […] der Klasse nicht
der Hand, weiße Haare, große Oh- zufügen eine vielleicht weniger Führungsanspruch der Partei sehen kann.«
ren, ein Hemd mit Schlips, keine Ja- bekannte Tatsache: Nach dem gefährdet, der sich mit der Ein- Lukács’ Arbeitszimmer liegt vis-à-
cke. Zu einem Gespräch kam es nicht Erscheinen der offiziellen Kritik sicht in eine eherne, naturge- vis der Freiheitsstatue auf dem Gel-
gleich, wir waren zurückhaltend und durch Deborin und Rudas schrieb setzliche Entwicklungslogik der lértberg. Das Letzte, woran er hier ar-
er wollte erst mal Kaffee trinken. Als Lukács eine umfassende Antwort Geschichte legitimierte. Die beitete, war etwas, woran es nach
Lothar und Inge die Roth-Händle auf die Vorwürfe und schickte die- westlichen Marxisten wiederum Dutschke der Linken am meisten ge-
rausholten und ihm gaben, freute er selbe nach Moskau. Die KI veröf- affirmierten Lukács’ vermeintliche bricht: an einer »materialistischen
sich, lachte, und wir konnten uns ein fentlichte diesen erneuten Diskus- Abkehr von einer Naturdialektik aus Ethik«. Sie blieb unvollendet.
wenig entkrampfen.« sionsbeitrag nicht, womit Lukács,
Dutschke hatte Lukács zuvor ei- wenn er weiterhin Mitglied der KPU
nen langen Brief geschickt und die- sein wollte, ihn auch nicht publizie-
sem einen noch längeren Fragenka- ren konnte. Dieses Dokument u.a.m.
talog angehängt. Ihn interessierten verbrannten infolge eines Feuers in
die Fraktionskämpfe innerhalb der KP der Wohnung von Lukács in Wien in
Ungarns in den 1920er Jahren. Lu- den zwanziger Jahren. Wenn es nicht
kács reagierte mit höflicher Reser- schon seit langem in Moskau ver-
viertheit auf Dutschkes Begeisterung brannt worden ist, was eigentlich
für »Geschichte und Klassenbe- nicht anzunehmen ist, weil Lukács die
wusstsein« und seine anderen frühen uns heute noch hemmende Periode
marxistischen Schriften. Was er der Deformation des Sozialismus
Dutschke und den anderen Besu- überlebte, so wird vielleicht ein zu-
chern zu diesen »Jugendsünden« sag- künftiger Historiker nach dem welt-
te, fand ein Jahr später Eingang in das weiten Sieg des emanzipierenden und
berühmte Vorwort zur Luchterhand- nicht hemmenden Sozialismus dieses
Ausgabe dieser bedeutenden Essay- Dokument und viele andere mehr
sammlung, die bei ihrem ersten Er- studieren können.«
scheinen zum Gründungsdokument Tatsächlich entdeckte Laszlo Illes
des »westlichen Marxismus« gewor- Mitte der 1990er Jahre diese »um-
den war. fassende Antwort« Lukács' auf die
Nach dem Besuch bei dem Philo- Idealismus-Vorwürfe der »KI-Philo-
sophen schrieb Dutschke in sein Ta- sophen« (Komintern-Philosophen) in
gebuch: »Die 20er Jahre, die für uns den Moskauer Archiven. Lukács ge-
dazu dienen sollten, mit der Gegen- lingt es darin nicht nur, die Anwürfe
wart zurande zu kommen, waren für der Deborin, Rudas et al. zu entkräf-
Lukács voll abgeschlossene Perio- ten, er dreht gleich auch noch den
den.« Spieß um und entlarvt die »meta-
Doch durch Dutschke sprach nicht physische Denkweise« in der stali-
nur das Jugendgewissen zu einem al- nistischen Philosophie seiner Ver-
ternden Revolutionär. Hier war je- leumder. Dutschke hatte also Recht
mand, der den »Doppelcharakter« behalten, und dennoch wird bis heu-
von Lukács’ gesamtem Werk zu- te weder die unter dem Titel »Chvos-
nächst erahnte, in seiner Dissertation tismus und Dialektik« veröffentlichte
sieben Jahre später schließlich gänz- Replik in der Lukács-Rezeption ge-
lich durchschaute: »Lukács hat sich bührlich berücksichtigt noch Dutsch-
seit seinem Eintritt in die KPU konti- kes aufschlussreiche These vom
nuierlich als Marxist in der Theorie, »Doppelcharakter« auch auf das
Leninist in der Praxis verstanden. Al- Spätwerk angewandt, obwohl damit Einer von 1000 tollen Tricks zur
le Wendungen, besonders auch die doch auch der alte Lukács für den Gesprächsanbahnung: Als Lukács
theoretischen Rückzugsgefechte von »westlichen Marxismus« zurückge- von seinen Gästen eine Schachtel
›Geschichte und Klassenbewusstsein‹ wonnen werden könnte. Als »Leni- Roth-Händle überreicht wurde,
sind unter diesem widersprüchlichen nist in der Praxis« hat sich Lukács stets »freute er sich, lachte, und wir
Doppelcharakter zu verstehen.« der Parteidisziplin gebeugt, als »Mar- konnten uns entkrampfen«.
Dutschke beargwöhnte daher auch xist in der Theorie« hat er beharrlich Fotos: akg/AP (o.), dpa/MTI György Lajos (u.)