Sie sind auf Seite 1von 56

INHALT

LENIN
UND DIE
AVANTGARDEPARTEI

Kautskyanertum und die


Ursprünge der russischen Sozialdemokratie 3
Bolschewismus kontra Menschewismus:
Die Spaltung von 1903 9
Die Revolution von 1905 17
Partei, Fraktion und „Freiheit der Kritik" 22
In Verteidigung des demokratischen Zentralismus 27
Der Kampf gegen die Boykottisten 30
Die endgültige Spaltung mit den Menschewiki 36
Der Kommunistischen Internationale entgegen 44
Bibliographie 54

Übersetzung von Lenin and the Vanguard Party,


von der Spartacist League/U.S. herausgegeben als
Spartacist-Broschüre, New York 1978

Herausgegeben von der Presserechtlich verantwortlich: B. Fiedler, 10365 Berlin


SPARTAKIST-ARBEITERPARTEI DEUTSCHLANDS Erscheint im Verlag Avantgarde GmbH
Internationale Kommunistische Liga Postfach 5 55, 10127 Berlin
(Vierte Internationalisten), Berlin, Februar 1997 Gedruckt in einem gewerkschaftlich organisierten Betrieb
KAUTSKYANERTUM
UND DIE URSPRÜNGE
DER RUSSISCHEN
SOZIALDEMOKRATIE

Vor kurzem haben zwei Gruppen, die zu den größten der Broschüre Rosa Luxemburg aus dem Jahre 1959, wo es heißt:
britischen „extremen Linken" zählen, die International „Für Marxisten in den fortgeschrittenen Industrieländern
Marxist Group (IMG) und die International Socialists (nun- kann Lenins ursprüngliche Position viel weniger als Richt-
mehr die Socialist Workers Party: SWP/IS), sich daran- linie dienen als die Rosa Luxemburgs." Diese dreiste Be-
gemacht, die Geschichte der Bolschewiki umzuschreiben. hauptung wurde aus der zweiten Auflage (1968) gestrichen,
Die Absicht dieser Gruppen ist es, das Prinzip der demo- aber Cliffs Position blieb im wesentlichen die gleiche.
kratisch-zentralistischen Avantgardepartei zu leugnen bzw. Cliffs Anhänger passen sich jedoch immer der neuesten
zu vernebeln, indem sie auf die von den Bolschewiki in der Mode an, und im Gegensatz zu den 50er und 60er Jahren ist
Zeit vor 1914 beibehaltenen Elemente der klassischen So- „harter" Bolschewismus jetzt bei jungen Linken „in". Dem-
zialdemokratie sowie auf Lenins taktische Manöver gegen- entsprechend hat Cliff neulich eine scheinbar wohlwollende
über den Menschewiki hinweisen. Lenin-Biographie geschrieben, von der jetzt zwei von drei
Die IMG, britische Sektion des pseudotrotzkistischen geplanten Bänden erschienen sind. In diesem Werk stellt
Vereinigten Sekretariats, hat das bemerkenswerte Kunst- Cliff nach seinem Ebenbild Lenin als nationalbornierten,
stück fertiggebracht, Lenin als Versöhnler hinzustellen, dem arbeitertümelnden Eklektiker hin. Seine Hauptbotschaft ist:
Einheit das Allerwichtigste war; und zwar verweisen sie auf Es gibt keine leninistischen Prinzipien oder auch nur Nor-
die Tatsache, daß bis zum Jahre 1912 die Bolschewiki und men in der Organisationsfrage:
Menschewiki formal Fraktionen einer einheitlichen Russi- „Lenins Haltung gegenüber Organisationsformen war
schen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAPR) wa- immer historisch konkret, daher ihre Stärke. Niemals hat
ren. Ziel dieses Revisionismus ist es, ein großangelegtes er sich auf abstrakte, dogmatische Organisationssche-
Manöver der IMG zwecks Herstellung einer breiten Einheit mata eingelassen; statt dessen war er immer bereit, die
der britischen Linken zu rechtfertigen. Die Linie der IMG Organisationsstruktur der Partei zu ändern entsprechend
ist: „Die politischen Differenzen, die Lenin und Trotzki für der Entwicklung des Klassenkampfes.
vereinbar mit einer einheitlichen Organisation hielten, wa- Organisation ist der Politik untergeordnet. Das heißt
ren erheblich größer als diejenigen, die heute die revolu- nicht, daß sie keinen unabhängigen Einfluß auf die Poli-
tionären Linken in Britannien trennen" (Red Weekly, 11. No- tik hat. Aber sie wird der konkreten Tagespolitik unter-
vember 1976). Für eine eingehende Behandlung des geordnet, und das muß so sein. Wie Lenin immer wieder
Revisionismus und des schäbigen taktischen Ziels der IMG sagte, ist die Wahrheit immer konkret. Und das gilt auch
siehe „IMG Turns Lenin into a Menshevik" [IMG verwan- für die Organisationsformen, die man braucht, um die
delt Lenin in einen Menschewiken], Workers Vanguard, Zei- konkreten Aufgaben anzugehen." (Hervorhebung im
tung der Spartacist League/U.S., Nr. 164,1. Juli 1977. Original)
Der anspruchsvollste Versuch, die Geschichte der Bol- Mit anderen Worten: Was immer gerade funktioniert, tu es.
schewiki umzuschreiben, stammt von Tony Cliff, dem Authentische Leninisten erkennen dagegen, daß die Prin-
langjährigen Chef der arbeitertümelnden/reformistischen zipien, die durch die ersten vier Weltkongresse der Kom-
SWP/IS. Heute kultiviert seine Tendenz eine „linke" Fas- munistischen Internationale verkörpert werden, Vorrang
sade und stolziert sogar manchmal mit Bildern von Lenin haben vor der Praxis der Bolschewiki vor 1914. Darüber
und Trotzki herum. Diese Gruppe hat jedoch schon lange hinaus hat Trotzki beim Aufbau der Vierten Internationale
ihren 4. August hinter sich, sie weigerte sich nämlich 1950 die während des revolutionären Aufruhrs 1917-23 in rudi-
unter dem Druck der fanatisch antikommunistischen öffent- mentärer Form entwickelten leninistischen Konzeptionen
lichen Meinung, Nordkorea gegen den US-Imperialismus zu systematisiert und vertieft. Die Evolution des Bol-
verteidigen, und brach darüber mit der trotzkistischen Be- schewismus von 1903 bis 1917 zu leugnen heißt, die prinzi-
wegung. Doch erdreistet sich gerade dieser ganz und gar pienfeste Opposition des Leninismus gegen das Kautsky-
schamlose CIA-„Sozialist", uns jetzt darüber zu belehren, anertum wegzuwischen. An die Praxis der Bolschewiki vor
was Lenin in Was tun? eigentlich sagen wollte. 1914 gegen den demokratischen Zentralismus von Trotzkis
In der Vergangenheit hat Cliff auf explizit antileninisti- Vierter Internationale zu appellieren ist gleichbedeutend
scher Basis mit Menschewismus gehandelt, so z.B. in seiner damit, Lenins „demokratische Diktatur des Proletariats
und der Bauernschaft" gegen Trotzkis „permanente Revo- Kautsky behauptete, daß sich revolutionäre Sozialdemokra-
lution" zu zitieren. ten selbst mit nichtmarxistischen Reformisten vereinigen
und sogar als Genossen zusammenarbeiten könnten. So ar-
Die kautskyanische Partei der Gesamtklasse beitete die Führung der deutschen Sozialdemokratie (SPD)
Der erste Band von Cliffs Biographie mit dem Untertitel mehrmals mit dem offen reformistischen, eklektischen
„Aufbau der Partei" endet 1914. Dieses Werk erwähnt Kau- Sozialisten Jean Jaures aus Frankreich eng zusammen.
tsky ganze zwei Mal und die Zweite Internationale über- Die Führung der SPD war auf die disziplinierte Einheit
haupt nicht! Eine solch unglaubliche Unterlassung ist ihrer Partei, die sie als Hauptquelle ihrer Stärke sah, äußerst
Grund genug, den Anspruch von Cliffs Werk, eine seriöse stolz. Bebel/Kautsky spielten eine entscheidende Rolle bei
Untersuchung von Lenins Position zur Parteifrage zu sein, der Wiedervereinigung der französischen Sozialisten 1905,
kurzerhand zurückzuweisen. wo die Spaltung zwischen der von Jules Guesde geführten
Von August Bebeis Angebot 1905, die Spaltung zwischen marxistischen Parti Socialiste de France und der reformi-
den Bolschewiki und Menschewiki zu schlichten, bis zur stischen Parti Socialiste Francis von Jaures rückgängig
„Vereinigungskonferenz", die das Internationale Sozialisti- gemacht wurde.
sche Büro am Vorabend des Ersten Weltkrieges arrangierte, Während der Kampagne zur Wiedervereinigung der
spielte die Führung der Internationale eine bedeutende Franzosen nahm die Internationale die Doktrin „eine Klas-
Rolle im internen Leben der SDAPR. Insbesondere die Ele- se, eine Partei" auf dem Amsterdamer Kongreß 1904 als Re-
mente, die für Einheit waren, vor allem Luxemburg und solution an:
Trotzki, versuchten durch die deutsch-zentrierte Internatio- „Um der Arbeiterklasse ihre volle Kraft in dem Kampf
gegen den Kapitalismus zu verleihen, ist es unerläßlich,
daß es in jedem Lande gegenüber den bürgerlichen Par-
teien nur eine sozialistische Partei gebe, wie es nur ein
Proletariat gibt. Darum haben alle Genossen und alle so-
zialistischen Organisationen die gebieterische Pflicht,
sich mit aller Kraft zu bemühen, diese Einheitlichkeit der
Partei auf Grund der von den Internationalen Kon-
gressen bestimmten Prinzipien herbeizuführen, diese
Einheitlichkeit, die notwendig ist im Interesse des Prole-
tariats, dem gegenüber sie für die verhängnisvollen Fol-
gen der Fortdauer von Spaltungen verantwortlich sind."
(Internationaler Sozialisten-Kongreß zu Amsterdam
[Berlin, 1904], Hervorhebung im Original)
Vor dem Ersten Weltkrieg hat Lenin dieses Prinzip nie in
Frage gestellt und sogar gelegentlich bekräftigt. Als die Bol-
schewiki 1909 die ultralinken Otsowisten (die „Ultima-
tisten") ausschlössen, rechtfertigte Lenin dies damit, daß er
die Exklusivität einer Fraktion der Inklusivität einer sozial-
demokratischen Partei entgegenstellte.
„Der Bolschewismus ist bei uns als bolschewistische Frak-
tion der Partei vertreten. Die Fraktion ist aber nicht die
Partei. Die Partei kann eine ganze Skala von Schattie-
rungen umschließen, von denen die extremsten sogar
einander schroff widersprechen können. In der deut-
schen Partei haben wir neben dem ausgeprägt revolu-
tionären Flügel Kautskys den erzrevisionistischen Flügel
Bernsteins." („Mitteilung über eine Beratung der erwei-
Workers Hammer terten Redaktion des ,Proletari'", Juli 1909, Hervorhe-
Tony Cliff bung im Original)
In der Praxis strebte Lenin in Rußland den Aufbau einer
nale das zu erreichen, was sie innerhalb der russischen disziplinierten, programmatisch homogenen revolutionären
Bewegung nicht erreichen konnten. Avantgarde an. Bis zum Ersten Weltkrieg hat er aber mit
Lenin war revolutionärer Sozialdemokrat, und wie Cliff dem Prinzip der kautskyanischen Doktrin der „Partei der
selber in seinem zweiten Band bemerkt, war Kautsky „der Gesamtklasse" nicht gebrochen. Die Lösung dieses dialekti-
einzige lebende sozialistische Führer, den Lenin verehrte". schen Widerspruchs war eins der wichtigen Elemente, die
(Das ist eigentlich eine Übertreibung: Als Kautsky 1905 die den Leninismus als welthistorische Lehre hervorbrachte, als
Menschewiki unterstützte, hat Lenin ihn scharf kritisiert.) den Marxismus unserer Epoche.
Ein Verständnis von Lenins Position zur Parteifrage muß
daher mit der orthodoxen kautskyanischen Position begin- Kautskys Analyse des Opportunismus
nen; dies war die Doktrin von der „Partei der Gesamtklasse" Die kautskyanische Doktrin von der inklusiven Partei
oder „eine Klasse — eine Partei". Kautskys „Partei der Ge- beruhte auf einer besonderen historisch-soziologischen Op-
samtklasse" bedeutete nicht die Rekrutierung des gesamten portunismus-Theorie. Opportunistische Tendenzen, so wur-
Proletariats zur Partei. Ihm war es ja klar, daß die politi- de argumentiert, seien ein Überbleibsel der kleinbürger-
schen Aktivisten innerhalb der Arbeiterklasse eine Minder- lichen Demokratie, die hauptsächlich von der Intelligenz
heit, eine Elite, sein würden. Kein Sozialdemokrat leugnete, getragen wurde und durch die wirtschaftliche und ideologi-
daß man, um Mitglied zu sein, einen gewissen Grad an so- sche Rückständigkeit bzw. die Unreife der arbeitenden
zialistischem Bewußtsein, Aktivismus und Disziplin aufwei- Massen bedingt war. Das Wachstum des Proletariats und
sen mußte. Die kautskyanische Auffassung bedeutete in seiner Organisation würde schließlich die revolutionäre So-
Wirklichkeit, daß alle Tendenzen, die sich für sozialistisch zialdemokratie stärken. Daher konnte Kautsky eine Strö-
hielten, in einer einheitlichen Partei organisiert sein sollten. mung wie den Jauresismus als eine Art unvermeidlichen
Übergang von der radikalen Demokratie zum revolu-
tionären Marxismus tolerieren.
Kautskys Identifizierung des Opportunismus mit
vormarxistischen Tendenzen läßt sich aus der Ge-
schichte der europäischen Linken in den Jahrzehnten
nach den Revolutionen von 1848 erklären. Die Haupt-
tendenzen gegen den Marxismus (z.B. Proudhonis-
mus, Lassalleanismus, Bakunismus) spiegelten alle
das Bestreben der Handwerkerklasse wider, ihren Ab-
stieg in das Industrieproletariat zu verhindern. Marx/
Engels verstanden, daß der utopische Handwerker-
sozialismus nicht einfach durch Propaganda und Agi-
tation besiegt werden konnte, sondern daß dafür die
tatsächliche Entwicklung der kapitalistischen Gesell-
schaft nötig war. In der Zweiten Internationale war es
allgemein anerkannt, daß der Marxismus solche
primitivistischen Tendenzen wie den Lassalleanismus
in Deutschland und den Proudhonismus in Frankreich
in erster Linie durch die Verwandlung der städtischen
Handwerkerklassen in ein modernes Proletariat über-
wunden hat. Dieser Prozeß, durch den der Marxismus Dietz Verlag
den Lassalleanismus, Proudhonismus, Bakunismus Paul Axelrod August Bebel
usw. überwand, wurde für Kautsky beispielhaft für den
Kampf gegen den Opportunismus überhaupt. Das Wachstum des Proletariats, der Gewerkschaften usw.
Die Deutung des Reformismus als historische Verzöge- stärkte für Kautsky die objektiv revolutionären Kräfte in der
rung bzw. Zurückentwicklung erklärt Kautskys begrenzte Gesellschaft. Die Sozialdemokratie müßte also geduldig
Ziele in dem „Revisionismusstreit" mit Bernstein. Er zog und pädagogisch an die rückständigen Arbeiter herangehen,
eine scharfe Linie zwischen den naiven, vormarxistischen obwohl auch Kautsky erkannte, daß sich das Klassenbe-
Reformisten wie Jaures und den bewußten Revisionisten. In wußtsein während einer revolutionären Krise sprunghaft
einem Brief vom 23. Mai 1902 an Victor Adler verteidigte entwickeln könnte.
Kautsky die Führung der belgischen Sozialisten gegen den Kein Vorkriegssozialdemokrat, Luxemburg teilweise aus-
Vorwurf des Revisionismus mit der Begründung, sie seien genommen, führte die Hauptquelle des Reformismus auf
sowieso nie Marxisten gewesen und hätten auch nie so den Konservatismus der gesellschaftlich privilegierten Büro-
getan, als ob: kratie zurück, die durch das Wachstum und die Stärke der
„Ich stehe ihnen vollkommen unbefangen gegenüber, das Arbeiterbewegung, der sozialdemokratischen Parteien und
Gerede von ihrem Revisionismus läßt mich kalt. Sie ha- ihrer angeschlossenen Gewerkschaften erzeugt worden war.
ben nichts zu revidieren, denn sie haben keine Theorie.
Über den eklektischen Vulgärsozialismus, auf den der Lenins soziologische Analyse
Revisionismus den Marxismus herabbringen will, sind sie des Menschewismus
noch gar nicht hinausgekommen. Proudhon, Schäffle, Lenin betrachtete, Kautskys Methodologie folgend, den
Marx, das ist ihnen alles eins, das war seit jeher so, sie Menschewismus als eine Ausdehnung des kleinbürgerlichen
haben theoretisch keine Rückschritte gemacht, ich habe Radikalismus des 19. Jahrhunderts in die Arbeiterbewegung
ihnen darin nichts vorzuwerfen." (Victor Adler, Brief- hinein. Weil er die Menschewiki für eine „intellektualisti-
wechsel mit August Bebel und Karl Kautsky ..., herausge- sche" Tendenz hielt, die im gewissen Sinne außerhalb der
geben von Friedrich Adler [Wien, 1954]) Arbeiterbewegung stand, konnte er die Spaltung von ihnen
Kautskys Ziel im „Revisionismusstreit" war nicht, die Zwei- durchführen, ohne die Existenz von zwei konkurrierenden
te Internationale von reformistischen Tendenzen oder selbst sozialdemokratischen Parteien zu postulieren — die eine
Praktiken zu säubern, sondern die ideologische Integrität revolutionär, die andere reformistisch. Lenin war überzeugt,
des marxistischen Lagers zu erhalten. Sollte dies gelingen, daß die zunehmende sozialdemokratische Organisierung
so Kautsky, würde die Entwicklung des Klassenkampfes des russischen Proletariats den Sieg des Bolschewismus
schließlich den Sieg der revolutionären Sozialdemokratie garantierte.
sicherstellen. Lenin betrachtete die Gruppierung um Martow 1903 als
Die Schwäche der revolutionären Sozialdemokratie führ- Ausdruck der Gesinnungen und Werte der alten, ungebun-
te Kautsky auf die Rückständigkeit des Proletariats zurück, denen, individualistischen revolutionären Intelligenz, als
die entweder eine fortgesetzte Identifizierung mit dem eine Rebellion des Zirkelwesens gegen den Aufbau einer
Kleinbürgertum oder einen Mangel an Vertrauen in die wirklichen Arbeiterpartei:
Stärke der Arbeiterbewegung ausdrückte: „Und doch betrachten wir diese Krankheit der Partei als
„Zum großen Teil dem Kleinbürgertum und Klein- eine Wachstumskrankheit. Die Wurzel der Krise sehen
bauernstand entsprossen, tragen viele Proletarier noch wir im Übergang von der Zirkelform des Lebens der So-
lange dessen Eierschalen mit sich herum; sie fühlen sich zialdemokratie zu Parteiformen, den Kern ihres inneren
nicht als Proletarier, sondern als möchte-gern Besitzen- Kampfes im Konflikt zwischen Zirkelwesen und Partei-
de... Wieder andere sind schon weiter gekommen, erken- prinzip. Und deshalb kann unsere Partei erst, nachdem
nen bereits die Notwendigkeit, den ihnen gegenüber- sie diese Krankheit überwunden hat, eine wirkliche Partei
stehenden Kapitalisten zu bekämpfen, fühlen sich aber werden...
immer noch nicht sicher und stark genug, dem ganzen Als Hauptkader der Opposition dienten schließlich über-
kapitalistischen System den Krieg zu erklären. Sie suchen haupt alle jene Elemente unserer Partei, die vorwiegend
Hilfe bei bürgerlichen Parteien und Regierungen." (Karl der Intelligenz angehörten. Im Vergleich zum Proletariat
Kautsky, Der Weg zur Macht, Frankfurt/M., 1972, 1. Auf- ist die Intelligenz stets individualistischer, schon kraft der
lage 1909) Grundbedingungen ihres Lebens und ihrer Arbeit, die
dazirkeln, deren Ziel es war, eine dünne Schicht fortge-
schrittener Arbeiter zu schulen. Mitte der 1890er Jahre
wandten sich die marxistischen Propagandazirkel der
Massenagitation zu und intervenierten in eine große
Streikwelle hinein. Diese Wende war zum Teil vom jü-
dischen Bund inspiriert. Ethnische Solidarität ermög-
lichte es der jüdischen marxistischen Intelligenz, jüdi-
sche Arbeiter zu erreichen und zu organisieren, bevor
es der russischen Sozialdemokratie insgesamt gelang.
Zum Teil wegen der Inhaftierung der erfahreneren
marxistischen Führer (z.B. Lenin, Martow) degene-
rierte die Wende zur Massenagitation rapide zum Re-
formismus. Diese Tendenz, die von ihrem Gegner Ple-
chanow Ökonomismus getauft wurde, beschränkte ihre
Agitation auf elementare gewerkschaftliche Forderun-
gen und unterstützte ansonsten passiv die Bemühun-
gen des bürgerlichen Liberalismus, den zaristischen
Dietz Verlag
Absolutismus zu reformieren. Was die internationale
Delegierte des Amsterdamer Kongresses der Zweiten Inter- Sozialdemokratie betrifft, so standen die Ökonomisten
nationale, 1904 dem orthodoxen Marxismus feindlich gegenüber und
hatten daher lose Verbindungen mit Bernsteins Rich-
ihr nicht unmittelbar eine weitgehende Zusammen- tung in Deutschland und dem Possibilismus in Frankreich.
fassung der Kräfte gestatten und somit keine unmittel- Ende der 1890er Jahre war der Ökonomismus unter den
bare Erziehung durch organisierte gemeinsame Arbeit russischen Sozialdemokraten die vorherrschende Tendenz.
geben. Daher fällt es den intellektuellen Elementen 1900 ging die zweite Generation von russischen Marxi-
schwerer, sich der Disziplin des Parteilebens anzupassen, sten (Lenin, Martow) mit der Gründergeneration (Plecha-
und diejenigen von ihnen, die außerstande sind, mit die- now, Axelrod, Sassulitsch) zusammen, um die russische
ser Aufgabe fertig zu werden, entrollen natürlich das Sozialdemokratie zu ihren revolutionären Traditionen zu-
Banner des Aufstands gegen die notwendigen organisa- rückzuführen, verkörpert im ursprünglichen Programm der
torischen Beschränkungen..." („An die Partei", August Gruppe Befreiung der Arbeit. Die revolutionäre marxi-
1904, Hervorhebung im Original) stische Tendenz war um die Zeitung Iskra organisiert. Lenin
Genauso analysierte Lenin das menschewistische Liqui- war der Organisator der Iskra-Gruppe. Er leitete die Kader
datorentum (Widerstand gegen eine illegale Partei) in der in Rußland, deren Aufgabe es war, die lokalen sozialdemo-
Periode zwischen 1908 und 1912 als Gegensatz zwischen kratischen Komitees zu gewinnen oder notfalls zu spalten.
Intellektuellen und Proletariat: Mit der Iskra gab es zum ersten Mal eine organisatorische
„Aus der Illegalität flüchtete vor allem und in erster Linie Zentrale für eine russische sozialdemokratische Partei.
die bürgerliche Intelligenz, die der konterrevolutionären In ihren Polemiken gegen Lenins erfolgreiche Spaltungs-
Stimmung erlegen war, jene .Mitläufer' der sozialdemo- taktik wiesen die Ökonomisten darauf hin, daß die deutsche
kratischen Arbeiterbewegung, die sich auch bei uns wie Zentrale nicht versuchte, die Bernsteinianer auszuschlie-
in Europa an der Befreierrolle des Proletariats ... in der ßen. Für einen Ausschluß der Opportunisten aus der sozial-
bürgerlichen Revolution begeistert hatten. Es ist be- demokratischen Partei argumentierte Lenin nicht prinzi-
kannt, wie viele Marxisten die illegale Arbeit nach 1905 piell, in gewissem Sinne konnte er es auch nicht. Statt dessen
verlassen haben und in allerlei legalen Intellektuellen- rechtfertigte er seine Spaltungstaktik mit einer Reihe von
nestchen untergekrochen sind." („Wie W Sassulitsch das Argumenten, die auf den Besonderheiten der russischen
Liquidatorentum erledigt", September 1913) Parteisituation beruhten. Noch bis zum Ersten Weltkrieg
Lenins soziologische Analyse des Menschewismus traf sollte sich Lenin auf die eine oder andere Besonderheit der
soweit zu. Die Gruppierung um Martow 1903 verkörperte russischen Verhältnisse berufen, um den Aufbau einer pro-
tatsächlich teilweise die Gewohnheiten der alten revolutio- grammatisch homogenen, revolutionären Avantgarde zu
nären Intelligenz; man denke dabei an Wera Sassulitsch. rechtfertigen.
Das menschewistische Liquidatorentum stellte ja zum Teil Was waren Lenins Argumente für den Aufbau der
eine Flucht der Intelligenz aus der SDAPR in Richtung SDAPR ohne und gegen die Ökonomisten? Die deutsche
bürgerliche Respektabilität während einer Periode der Partei besaß starke revolutionäre Traditionen und eine
Reaktion dar. Doch der Menschewismus war nicht in erster Führung mit Autorität. Die russische Partei existierte nur im
Linie eine außerhalb der Arbeiterbewegung stehende Keim und konnte sehr leicht zum Opfer des Opportunismus
Tendenz. Die russischen Menschewiki nahmen den Refor- werden. Die deutsche Führung Bebel/Kautsky war revolu-
mismus der Arbeiterbewegung in der Zweiten Internationa- tionär, die Anhänger Bernsteins nur eine kleine Minderheit;
le insgesamt vorweg, darunter besonders in deren Mas- im Gegensatz dazu waren die Ökonomisten in der russi-
senparteien. Erst während des Ersten Weltkrieges, in den schen Sozialdemokratie zeitweilig die vorherrschende
Studien zum Imperialismus, ortete Lenin die Quelle des Tendenz. Die deutschen „Revisionisten" akzeptierten die
sozialdemokratischen Opportunismus innerhalb der Arbei- Parteidisziplin, die russischen Ökonomisten waren unfähig,
terbewegung — in einer auf der Oberschicht der Arbeiter- die Parteidisziplin zu akzeptieren. Und sowieso existierte
klasse beruhenden Arbeiterbürokratie. die SDAPR nicht als zentralisierte Organisation. Diese
Argumente werden in Was tun? (1902) vorgebracht:
Der Iskrismus „Die Hauptsache jedoch ist, daß die Positionen der Op-
Der organisierte russische Marxismus entstand 1883, als portunisten in ihrem Verhältnis zu den revolutionären
Plechanow mit der vorherrschenden populistischen Strö- Sozialdemokraten in Deutschland und in Rußland dia-
mung brach, um die winzige Exilgruppe Befreiung der metral entgegengesetzt sind. In Deutschland sind be-
Arbeit zu bilden. Ende der 1880er, Anfang der 1890er Jahre kanntlich die revolutionären Sozialdemokraten für die
bestand der Marxismus in Rußland aus lokalen Propagan- Aufrechterhaltung dessen, was ist: für das alte Programm
und für die Taktik, die alle kennen... Die ,Kritiker' aber revolutionäre Intellektuelle gebracht wird, daß politisches
wollen Änderungen vornehmen, und da diese Kritiker Klassenbewußtsein nicht einfach durch die Kämpfe des Pro-
nur eine verschwindende Minderheit sind und ihre revi- letariats um die Verbesserung seiner Lage entsteht. Hier
sionistischen Bestrebungen sehr schüchtern hervortre- sind Cliffs alberne Bemerkungen zu dieser Frage:
ten, so kann man die Beweggründe verstehen, die die „Ohne Zweifel überbetont diese Formulierung den Un-
Mehrheit veranlassen, sich auf eine kühle Ablehnung der terschied zwischen Spontaneität und Bewußtsein. Denn
,Neuerungen' zu beschränken. Bei uns in Rußland hinge- eine völlige Trennung zwischen Spontaneität und Be-
gen sind es die Kritiker und Ökonomisten, die für die wußtsein ist tatsächlich mechanisch und undialektisch.
Aufrechterhaltung dessen eintreten, was ist: die .Kritiker' Wie wir sehen werden, hat dies Lenin später zugegeben.
wollen, daß man sie auch weiterhin als Marxisten be- Reine Spontaneität gibt es im Leben nicht...
trachte und ihnen die ,Freiheit der Kritik' gewähre, von Die Logik der mechanischen Nebeneinanderstellung von
der sie in jeder Weise Gebrauch machten (denn irgendei- Spontaneität und Bewußtsein war die völlige Trennung
ne Parte/bindung haben sie eigentlich nie anerkannt; der Partei von den tatsächlichen Elementen der Führung
außerdem besaßen wir gar kein allgemein anerkanntes der Arbeiterklasse, die bereits im Kampf entstanden wa-
Parteiorgan, das die Freiheit der Kritik, sei es auch nur ren. Man nahm an, die Partei habe Antworten auf all die
durch einen Ratschlag, hätte .beschränken' können)..." Fragen, die der spontane Kampf aufwerfen könnte. Die
(Hervorhebung im Original) Blindheit der Vielen, die im Kampf stehen, ist die Kehr-
Wie allgemein anerkannt, war Lenins Was tun? von 1902 seite der Allwissenheit der Wenigen." (Hervorhebung im
die maßgebliche Darstellung des Iskrismus. Trotz seiner Original)
geheuchelten Sympathie für Lenin ist Cliff viel zu sehr Es ist wichtig, Lenins Erklärung vollständig zu zitieren,
Arbeitertümler und Menschewik, um Was tun? akzeptieren um zu verstehen, was sie besagt und was nicht:
zu können. Ja, ein Hauptziel seiner Biographie ist die Argu- „Wir haben gesagt, daß die Arbeiter ein sozialdemo-
mentation, daß die Polemik von 1902 eine übertriebene, ein- kratisches Bewußtsein gar nicht haben konnten. Dieses
seitige Darstellung sei, die Lenin später im wesentlichen konnte ihnen nur von außen gebracht werden. Die Ge-
abgelehnt habe. schichte aller Länder zeugt davon, daß die Arbeiterklasse
Zunächst vulgarisiert Cliff Lenins Position und polemi- ausschließlich aus eigener Kraft nur ein trade-unionisti-
siert dann gegen seinen selbstgeschaffenen Pappkameraden: sches Bewußtsein hervorzubringen vermag, d.h. die
„Im allgemeinen ist Marx die Trennung zwischen öko- Überzeugung von der Notwendigkeit, sich in Verbänden
nomischem und politischem Kampf fremd. Eine ökono- zusammenzuschließen, einen Kampf gegen die Unter-
mische Forderung, wenn sie nur einen Sektor betrifft, nehmer zu führen, der Regierung diese oder jene für die
wird bei Marx als .ökonomisch' definiert. Sollte aber die- Arbeiter notwendigen Gesetze abzutrotzen u.a.m. Die
selbe Forderung an den Staat gerichtet werden, wird sie Lehre des Sozialismus ist hingegen aus den philosophi-
.politisch'... In vielen Fällen gehen aus ökonomischen schen, historischen und ökonomischen Theorien hervor-
(partiellen) Kämpfen keine politischen (klassenweiten) gegangen, die von den gebildeten Vertretern der besit-
Kämpfe hervor, aber es gibt keine Chinesische Mauer zenden Klassen, der Intelligenz, ausgearbeitet wurden.
zwischen den beiden, und viele ökonomische Kämpfe Auch die Begründer des modernen wissenschaftlichen
schwappen doch in politische über." (Hervorhebung im Sozialismus, Marx und Engels, gehörten ihrer sozialen
Original) Stellung nach der bürgerlichen Intelligenz an. Ebenso
Lenin hat die Ökonomisten nicht wegen Gleichgültigkeit entstand auch in Rußland die theoretische Lehre der
gegenüber der Regierungspolitik angegriffen. Die russi- Sozialdemokratie ganz unabhängig von dem spontanen
schen Ökonomisten agitierten für vom Staat initiierte Wirt- Anwachsen der Arbeiterbewegung, entstand als natürli-
schaftsreformen und setzten sich für demokratische Rechte ches und unvermeidliches Ergebnis der ideologischen
ein, besonders für das Recht, sich zu organisieren. Mit die- Entwicklung der revolutionären sozialistischen Intelli-
sem Ziel unterstützten sie passiv die Liberalen. In Was tun? genz." (Hervorhebung im Original)
greift Lenin das politische Programm der Ökonomisten an, Dies ist keine programmatische Erklärung, sondern eine
wie es in der Parole „dem eigentlichen ökonomischen historische Analyse mit Implikationen für die Organisa-
Kampf politischen Charakter zu verleihen" zusammenge- tionsfrage. Die sozialistische Bewegung entstand vor der
faßt war:
„,Dem eigentlichen ökonomischen Kampf politischen
Charakter' verleihen heißt folglich die Durchsetzung der-
selben gewerkschaftlichen Forderungen, derselben ge- KONTAKTADRESSEN
werkschaftlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen
durch gesetzgebende und administrative Maßnahmen'
... anstreben. Das eben tun alle gewerkschaftlichen Berlin
Arbeiterverbände und haben es stets getan... SpAD, c/o Verlag Avantgarde
So verbirgt sich hinter der pompösen Phrase ,dem eigent- Postfach 5 55, 10127 Berlin
lichen ökonomischen Kampf politischen Charakter ver- Telefon: (0 30) 443 94 00
leihen', die schrecklich' tiefgründig und revolutionär
klingt, eigentlich nur das traditionelle Bestreben, die so-
zialdemokratische Politik zu einer trade-unionistischen Halle
Politik zu degradieren!" SpAD, Postfach 2011 31, 06012 Halle
Für Lenin bestand politisches Klassenbewußtsein oder so- Telefon: (0345) 2 02 90 55
zialistisches Bewußtsein darin, daß das Proletariat die Not-
wendigkeit erkennt, die herrschende Klasse zu werden und
die Gesellschaft auf sozialistischen Grundlagen wiederauf- Hamburg
zubauen. Alles darunter ist trade-unionistisches Bewußtsein. SpAD, c/o Verlag Avantgarde
Wie alle heutigen Arbeitertümler und Sozialdemokraten Postfach 11 02 31, 20402 Hamburg
muß Cliff Lenins berühmte Erklärung angreifen, daß Telefon: (040) 32 3644
sozialistisches Bewußtsein den Arbeitern von außen durch
stische Nationalismus mit sozia-
listischer Färbung (z.B. Peronis-
mus, Nasserismus) die charak-
teristische Form der Vorherr-
schaft bürgerlicher Ideologie
über die arbeitenden Massen.
Im Rußland des Jahres 1902
konnte eine kleine, homogene
marxistische Avantgarde, zu-
sammengesetzt aus deklassier-
ten Intellektuellen und einer
dünnen Schicht fortgeschritte-
ner Arbeiter, die Masse der Ar-
beiter vom polizeilichen Trade-
Unionismus und der orthodoxen
Kirche losreißen. Heute ist ei-
ne internationale trotzkistische
Avantgarde erforderlich, die im
Anfangsstadium notwendiger-
weise aus deklassierten Intellek-
tuellen und relativ wenigen fort-
geschrittenen Arbeitern zusam-
mengesetzt ist, um die Arbeiter-
klasse weltweit von der Vorherr-
schaft des sozialdemokratischen
und stalinistischen Reformis-
mus und des populistischen
Dietz Verlag Nationalismus zu befreien.
W.l. Lenin mit Mitgliedern des St. Petersburger Kampfbundes zur Befreiung der Was tun? kann nicht als die
Arbeiterklasse definitive leninistische Erklä-
rung zur Parteifrage betrachtet
Entwicklung der ökonomischen Massenorganisationen des werden, aber in einem Sinn, der Cliff entgegengesetzt ist.
Industrieproletariats. Sie entstand aus bürgerlich-demokra- Trotz ihrer kantigen Formulierungen geht die Polemik von
tischen revolutionären Strömungen (die vom Blanquismus 1902 nicht über den Rahmen der orthodoxen Sozialdemo-
repräsentierte Tradition Babeufs in Frankreich und der kratie vor 1914 hinaus. Hätte dieses Werk einen radikalen
Bund der Gerechten in Deutschland). Außer in Britannien Bruch mit der Sozialdemokratie dargestellt, hätten Plecha-
entstanden die frühesten Gewerkschaften über die Um- now, Martow usw. es nie unterstützt. Erst nach der Spaltung
wandlung des alten Zunftsystems der Handwerker des Han- 1903 entdeckten Martow, Axelrod und andere Führer der
delskapitalismus. Menschewiki in Was tun? angebliche substitutionalistische
So beruhte in der deutschen Revolution von 1848 Ste- und blanquistische Vorstellungen. Lenins unnachgiebige
phan Borns gewerkschaftliche Massenbewegung, die Arbei- Haltung in der Praxis gegenüber dem Opportunismus, dem
terverbrüderung, größtenteils auf der traditionellen Zunft- cliquistischen Zirkelwesen und allen Hindernissen zum Auf-
struktur. Die Führer der embryonalen Gewerkschaften bau einer revolutionären SDAPR verursachte die Spaltung
waren in der Regel die traditionellen Respektspersonen der mit den Menschewiki, und nicht so sehr die in Was tun?
plebejischen Gemeinde. Methodisten-Pfarrer wie der radi- ausgedrückten Ideen. Wenn Was tun? allzu leninistisch für
kale Tory J.R. Stephens spielten Anfang des W.Jahr- Cliffs Geschmack ist, dann deshalb, weil seine Feindseligkeit
hunderts eine bedeutende Führungsrolle in der britischen gegenüber dem Bolschewismus so groß ist, daß er sogar den
Arbeiterbewegung. Katholische Priester spielten eine ähn- Lenin ablehnen muß, der noch ein revolutionärer Sozial-
liche Rolle in den ersten französischen Gewerkschaften, bei- demokrat war. In Wirklichkeit ist das Werk von 1902 eine
spielsweise unter den aufständischen Seidenarbeitern von Vorwegnahme — und keine voll entwickelte Darlegung —
Lyon. In den meisten Ländern entstand eine sozialistische des Kommunismus nach 1917.
Arbeiterbewegung durch den politischen Sieg der revolu- In linken Kreisen ist es üblich, Was tun? als die definitive
tionären Intelligenz über die traditionalistischen Führer der leninistische Erklärung zur Parteifrage zu betrachten. So
frühen Arbeiterorganisationen. Als Lenin Was tun? schrieb, konzentriert sich der amerikanische Shachtman-Anhänger
waren die ökonomischen Massenorganisationen der russi- Bruce Landau in seiner kritischen Besprechung von Cliffs
schen Arbeiterklasse die von der Polizei geführten Gewerk- Lenin-Biographie (Revolutionary Marxist Papers Nr. 8) auf
schaften (Anhänger von Subatow), deren prominentester die Iskra-Periode. Diese enge Begrenzung rechtfertigt er mit
Führer der Priester Gapon war. einem Trotzki-Zitat über Lenins Entwicklung:
Lenin war ein Dialektiker, der verstand, daß das Bewußt- „... weil Lenin gerade während jener wenigen Jahre
sein und die Führung der Arbeiterklasse historisch qualitati- Lenin wurde. Das heißt nicht, daß er nicht mehr gewach-
ve Änderungen erfahren. Mit der wichtigen Ausnahme der sen sei: Im Gegenteil, er ist gewachsen sowohl vor als
Vereinigten Staaten ist der gewerkschaftliche Ökonomismus nach dem Oktober. Dabei handelt es sich aber schon um
(verbunden mit bürgerlich-liberalen Illusionen und religiö- ein mehr organisches Wachsen." (Über Lenin. Material für
sem Obskurantismus) nicht mehr die vorherrschende Ideolo- einen Biographen, Berlin 1933 [1924])
gie des Weltproletariats. In den fortgeschrittenen kapitalisti- Trotzki bezieht sich hier auf die Entwicklung von Lenins
schen Ländern kettet gerade der sozialistische Reformismus, politischer Persönlichkeit, nicht auf seine Ideen und ihren
dessen Träger die sozialdemokratischen und stalinistischen programmatischen Ausdruck. Die entscheidende Periode
Arbeiterbürokratien sind, die Arbeiterklasse an die bürgerli- für die Entwicklung von Lenins kommunistischer Lehre war
che Ordnung. In den rückständigen Ländern ist der populi- 1914 bis 1917, nicht 1900 bis 1903.
BOLSCHEWISMUS
KONTRA
MENSCHEWISMUS
DIE SPALTUNG
VON 1903

Der II. Parteitag der Russischen Sozialdemokratischen Ar- „Weichen" zeigte sich vom Beginn des Parteitags an in einer
beiterpartei (SDAPR), abgehalten im Juli/August 1903 zu- Reihe von kleineren Auseinandersetzungen. Wie bekannt,
erst in Brüssel und dann in London, sollte der Höhepunkt entlud sich diese Spannung über den ersten Absatz des
des iskristischen Projekts sein, eine zentralisierte Partei auf Parteistatuts, der die Mitgliedschaft definierte. Martows
der Grundlage eines umfassenden Programms zu schaffen. Entwurf definierte ein Parteimitglied als jemanden, der der
(Teilweise wegen der Repression hat der formale Grün- Partei „unter der Leitung einer ihrer Organisationen re-
dungsparteitag der SDAPR 1898 den Charakter der russi- gelmäßig persönlichen Beistand leistet". Lenins Mit-
schen Sozialdemokratie als einer Bewegung örtlicher Propa- gliedschaftskriterium war, daß man die Partei „durch die
gandazirkel nicht geändert.) Die Ökonomisten wurden vom persönliche Betätigung in einer der Parteiorganisationen
Parteitag nicht ausgeschlossen, aber es wurde arrangiert, unterstützt".
daß die Iskristen eine entscheidende Mehrheit haben wür- Lenins engere Definition der Mitgliedschaft war sowohl
den. Die Iskra-Gruppe stellte rund zwei Drittel der 46 Dele- durch den allgemeinen Wunsch motiviert, Opportunisten
gierten des II. Parteitags. Vom restlichen Drittel waren etwa auszuschließen (die die Härten und Gefahren der vollen or-
die Hälfte Anti-Iskristen. Zu diesen gehörten ein paar pro- ganisatorischen Teilnahme wahrscheinlich weniger akzep-
minente Ökonomisten (Martynow, Akimow) und der halb- tieren würden), als auch durch den Wunsch, die Dilettanten
nationalistische Bund, der den Anspruch erhob, der einzige loszuwerden, die zur russischen Sozialdemokratie gerade
Vertreter des jüdischen Proletariats zu sein, und eine fö- wegen des losen Zirkelwesens hingezogen worden waren.
deralistische Partei forderte. Interessanterweise war es Plechanow, der den antioppor-
In der ersten Phase des Parteitags setzte eine solide iskri- tunistischen Aspekt einer engeren Partei betonte, während
stische Mehrheit ihre Linie durch. Die iskristische Gruppe, Lenin mehr die praktischen, zeitbedingten Überlegungen
darunter künftige Menschewiki, nahm einstimmig ein Pro- hervorhob. Hier der Kern von Plechanows Argument:
gramm an, das Elemente enthielt, die später ganz typisch für „Vor einem Beitritt zu der Organisation werden viele In-
Leninismus waren. So enthielt der Abschnitt „Über den ge- tellektuelle Angst haben, die durch und durch von bürger-
werkschaftlichen Kampf" die folgende Passage: lichem Individualismus durchdrungen sind. Aber das ist
„... sofern dieser Kampf sich in Isolierung vom politi- gerade gut. Diese bürgerlichen Individualisten sind ge-
schen Kampf des Proletariats entwickelt, der von der wöhnlich auch Vertreter jeder Art von Opportunismus.
Sozialdemokratischen Partei geführt wird, führt er zur Wir müssen sie uns vom Leibe halten. Lenins Entwurf
Zersplitterung der proletarischen Kräfte und zur Unter- kann als Bollwerk gegen ihr Eindringen in die Partei die-
werfung der Arbeiterbewegung unter die Interessen der nen, und schon deshalb allein müssen alle Gegner des
besitzenden Klassen." (Robert H. McNeal, Hrsg., Resolu- Opportunismus für ihn stimmen." (Protokolle des II. Par-
tions and Documents ofthe Communist Party ofthe Soviet teitags der SDAPR, zitiert in Leopold H. Haimson, The
Union, 1974) Russian Marxists and the Origins ofBolshevism, 1955)
Hinter der scheinbar festen Front der Iskra -Gruppe exi- Lenin argumentierte mit einer etwas anderen Begründung:
stierten aber sehr beträchtliche Spannungen. Da gab es etwa „Die Wurzel des Fehlers jener, die für Martows Formu-
die potentielle Polarität zwischen Lenin und Martow, der lierung eintreten, liegt darin, daß sie ein Hauptübel unse-
stets versöhnlicher gegenüber den nicht- und anti-iskristi- res Parteilebens nicht nur ignorieren, sondern dieses Übel
schen Elementen der russischen Sozialdemokratie war. sogar sanktionieren. Dieses Übel besteht darin, daß es in
Schon vor dem Parteitag galt Martow allgemein als „wei- der Atmosphäre der fast allgemeinen politischen Un-
cher" und Lenin als „harter" Iskrist. Folglich sahen diejeni- zufriedenheit, unter Verhältnissen, die erfordern, die Ar-
gen /s/cra-Unterstützer, die eine größere Rolle für Nicht- beit völlig im Verborgenen zu leisten und den größten Teil
Iskristen in der einheitlichen Partei befürworteten, in der Tätigkeit in engen Geheimzirkeln und sogar in pri-
Martow ihren natürlichen Führer; diejenigen, die weiterhin vaten Zusammenkünften zu konzentrieren, für uns höchst
eine feste Kontrolle der Iskristen über die Partei wollten, schwierig, ja beinahe unmöglich ist, die bloßen Schwätzer
schauten auf Lenin. von den wirklich Arbeitenden zu unterscheiden. Und es
Die Spannung zwischen Lenins „Harten" und Martows dürfte sich kaum ein zweites Land finden, in dem die Ver-
mengung dieser beiden Katego- Der erste Gegenangriff der
rien so üblich wäre und soviel Menschewiki fand im Oktober
Verwirrung und Schaden stiftet 1903 bei einer Konferenz der Aus-
wie in Rußland. Nicht nur in der landsliga der russischen revolu-
Intelligenz, auch in Kreisen der tionären Sozialdemokratie statt,
Arbeiterklasse leiden wir wo sie sich eine knappe Mehrheit
furchtbar unter diesem Übel, sicherten. Als die Liga sich wei-
und die Formulierung des Gen. gerte, die Autorität der auf dem
Martow erhebt dieses Übel zum II. Parteitag gewählten Füh-
Gesetz. In dieser Formulierung rungsgremien anzuerkennen, ver-
liegt unbedingt das Bestreben, ließen die Bolschewiki den Saal.
all und jeden zum Parteimitglied Das war die endgültige Spaltung.
zu machen; Gen. Martow muß- Obwohl Plechanow die bol-
te das selber mit Vorbehalt zu- schewistische Fraktion unter-
geben — ,wenn ihr wollt, ja', stützte, schreckte er vor einer defi-
sagte er. Gerade das wollen wir nitiven Spaltung wegen einer
aber nicht! Gerade deshalb scheinbar rein organisatorischen
wenden wir uns so entschieden statt prinzipiellen Frage zurück.
gegen Martows Formulierung. Auf einer Fraktionssitzung der
Es ist besser, zehn Arbeitende Bolschewiki im November soll er
bezeichnen sich nicht als Partei- damit herausgeplatzt sein: „Auf
mitglieder (die wirklich Arbei- meine eigenen Genossen schies-
tenden jagen Titeln nicht sen — das kann ich nicht. Lieber
nach!), als daß ein Schwätzer eine Kugel in den Kopf als eine
das Recht und die Möglichkeit Spaltung" (zitiert in Samuel H.
hat, Parteimitglied zu sein. Das Baron, Plekhanov: Father ofRussi-
ist der Grundsatz, der mir un- an Marxism, 1963). Daraufhin be-
widerleglich erscheint und der nutzte er seine Autorität, um die
mich veranlaßt, gegen Martow vier Martow-Anhänger von der al-
zu kämpfen." („Zweite Rede in ten Redaktion in die neue Iskra-
der Diskussion über das Partei- Penguin Books Redaktion zu kooptieren; aus Pro-
LeoTrotzki test trat Lenin zurück.
statut", 1903)
Mit Unterstützung der Ökonomisten, Bundisten und Das rein bolschewistische Zentralkomitee, dem Lenin
Zentristen wurde Martows Formulierung angenommen. nach seinem Rücktritt von der Iskra angehörte, folgte im
Bald danach aber verließen die Ökonomisten und Bun- Jahre 1906 Plechanows Kurs. In der Meinung, seine An-
disten den Parteitag, als er sich weigerte, ihre jeweiligen or- hänger seien bei den Komiteeleuten in Rußland stärker ver-
ganisatorischen Ansprüche zu akzeptieren. Dadurch erhiel- treten als in dem eher intellektuellen Exilmilieu, trat Lenin
ten Lenins „Harte" eine knappe Mehrheit. Zur für einen neuen Parteitag ein, um seine Mehrheit wiederzu-
entscheidenden Spaltung kam es wegen der Wahl der Iskra- gewinnen und das nunmehr menschewistische Zentralorgan
Redaktion. Die alte Redaktion setzte sich aus vier „wei- Iskra zurückzuerobern. Das Zentralkomitee war gegen ei-
chen" Martow-Anhängern plus Lenin und Plechanow zu- nen neuen Parteitag, kooptierte drei Menschewiki und
sammen. Lenin schlug vor, die Redaktion auf drei zu schloß Lenin effektiv aus diesem Gremium aus.
verkleinern, mit ihm selbst und Plechanow als „harter" Ende 1904 brach Lenin völlig mit den offiziellen zentra-
Mehrheit. Dieser Vorschlag war ein hoch emotionaler len Parteigremien und gründete ein de facto bolschewisti-
Streitpunkt, da die Veteranen Axelrod und Sassulitsch aus sches Zentralkomitee unter dem Namen Büro der Komitees
sentimentalen Gründen Lieblinge der Partei waren. Als Le- der Mehrheit. Anfang 1905 gründeten die Bolschewiki ihr
nins Vorschlag angenommen wurde, weigerten sich Martows eigenes Organ, Wperjod.
Anhänger, sich an der Redaktion oder dem Zentralkomitee Die Logik des Fraktionskampfes trieb die Menschewiki
zu beteiligen. nach rechts; nach und nach kopierten sie die Politik der be-
Viele erbitterte Debatten drehten sich darum, ob Lenin siegten Ökonomisten. Martow und Plechanow schrieben
Martow über seinen Plan, die Redaktion zu verkleinern, vor selbstkritische Artikel über die alte Iskra und erklärten, sie
dem Parteitag informiert und ob Martow zugestimmt hätte seien bei ihren Angriffen auf die Ökonomisten einseitig (mit
usw. Die Vorgeschichte des Redaktionsstreits ist unklar, da anderen Worten Leninisten) gewesen. Die organische Fusi-
es auch um Privatgespräche ging. Klar ist aber, daß Lenins on der Menschewiki und Ökonomisten wurde deutlich
mangelnde Kompromißbereitschaft in dieser Frage auf die durch die Kooptierung von A. S. Martynow in die Redaktion
Abstimmung über die Mitgliedschaftskriterien zurückging. der neuen Iskra.
Es war eindeutig Lenin, der den Fraktionskampf begann. Er Die Leninisten sahen in ihrem Kampf gegen die Men-
weigerte sich, die Differenz über diese Kriterien als neben- schewiki, politisch wie organisatorisch, eine Neuauflage des
sächlichen Streit zu betrachten, sondern bestand darauf, sie Kampfes von Iskrismus kontra Ökonomismus. Einer von
zur Basis der Vertretung von Mehrheit und Minderheit in Lenins führenden Leutnants, Ljadow, instruierte Ende 1904
den leitenden Parteigremien zu machen. einen Anhänger der Bolschewiki, die Kampagne gegen den
Die Periode zwischen dem II. Parteitag und dem Ausbruch Ökonomismus erneut durchzukämpfen:
der Revolution von 1905 war durch das Zerbröckeln der leni- „Wir sollen die Partei nicht verlassen, sondern kämpfen,
nistischen „harten" Mehrheit gekennzeichnet. In dieser gan- mit ganzer Kraft... Wir müssen Rußland gewinnen [d.h.
zen Periode richtete Lenin seine politischen Energien haupt- die Komitees] trotz der Zentralkörperschaften, und wir
sächlich gegen diejenigen Anhänger der Mehrheit, die durch werden es so machen wie ehemals die Iskra. Wir müssen
eine Kapitulation vor den Menschewiki die Einheit wieder- die Arbeit der Iskra wiederholen und zur Vollendung
herstellen und damit die Beschlüsse des II. Parteitags um- bringen." (zitiert in J. L. H. Keep, The Rise of Social De-
stoßen und die bolschewistische Tendenz liquidieren wollten. mocracy in Russia, 1963)
Schon Anfang 1905 war Lenin überzeugt, daß die füh- revolutionären Organisation, Hamburg, 1970)
renden Menschewiki unverbesserliche und organisatorisch Umgekehrt haben die Stalinisten „Unsere politische Auf-
prinzipienlose Opportunisten waren, und er trat für eine gaben" dazu ausgeschlachtet zu argumentieren, daß Trotzkis
vollständige Spaltung ein. Im Gegensatz zur Politik gegen- Feindseligkeit gegenüber der Sowjetbürokratie nichts ande-
über den Ökonomisten war Lenin dagegen, den führenden res sei als ein Ausdruck von unverbesserlichem Men-
Menschewiki die Teilnahme an einem neuen Parteitag zu er- schewismus.
lauben, auf dem er eine neue bolschewistische Partei grün- Abgesehen von einem kräftigen Schuß subjektiver Feind-
den wollte: lichkeit gegenüber Lenin, motiviert durch eine sentimentale
„Man kann und soll die [menschewistischen] zentralen Zuneigung zu den Pionieren des russischen Marxismus, be-
Körperschaften einladen, aber ihre Stimmen als ent- ruht Trotzkis Polemik, wie die von Luxemburg, auf einer ul-
scheidend anerkennen, das ist, ich wiederhole es, Wahn- trakautskyanischen Konzeption der Parteifrage. Die Aufga-
sinn. Natürlich werden die zentralen Körperschaften zu ben der Partei sieht Trotzki darin, die gesamte Klasse in
unserem Parteitag sowieso nicht kommen, aber warum einem langen pädagogischen Prozeß zum sozialdemo-
sollen wir ihnen ein übriges Mal Gelegenheit geben, uns kratischen Bewußtsein zu bringen:
ins Gesicht zu spucken? Was soll das Heucheln und Ver- „Die eine [Methode] besteht in der Übernahme des Den-
steckspielen? Das ist einfach eine Schande. Wir haben kens für das Proletariat, in der politischen Substitution
die Spaltung verkündet, wir rufen zu einem Parteitag der des Proletariats, die andere in der politischen Erziehung
,Wperj od'-Anhänger, wir wollen eine Partei im Sinne des des Proletariats, seiner politischen Mobilisierung, für ei-
,Wperjod' organisieren und brechen, brechen sofort sämt- nen zweckgemäßen Druck auf den Willen aller po-
liche Beziehungen zu den Desorganisatoren ab — und da litischen Gruppen und Parteien...
redet man uns von Loyalität, tut so, als ob ein gemein- Die Partei stützt sich auf das gegebene Bewußtseinsniveau
samer Parteitag der ,Iskra' und des Wperjod' möglich des Proletariats und schaltet sich in jedes große politische
wäre." („Brief an A. A. Bogdanow und S. I. Gussew", Ereignis mit dem Bemühen ein, die Entwicklungslinie zu
11. Februar 1905, Hervorhebung im Original) den unmittelbaren Interessen des Proletariats hinzulen-
Wie von Lenin vorausgesehen, boykottierten die Men- ken und, noch wichtiger, mit dem Bemühen, dies mit ei-
schewiki den im April 1905 in London abgehaltenen ner Erhöhung des Bewußtseinsniveaus zu erreichen, um
III. [rein bolschewistischen] Parteitag und beriefen ihre ei- sich sodann auf dieses erhöhte Bewußtseinsniveau zu
gene konkurrierende Versammlung ein. stützen und es erneut für jenes zweifache Ziel einzuset-
Was stellte Leninismus 1904 dar? Vor allem ein festes zen." (Hervorhebung im Original)
Bekenntnis zur revolutionären Sozialdemokratie, besonders Trotzki wird hier stark von Axelrod beeinflußt, den er in die-
zur führenden Rolle der proletarischen Partei im Kampf ge- ser Polemik häufig zitiert und der zu dieser Zeit für einen
gen den zaristischen Absolutismus. Außerdem eine unnach- nicht von der Partei einberufenen, inklusiven „Arbeiterkon-
giebige Haltung gegenüber erwiesenen Opportunisten, wie greß" eintrat. Dies hätte die schwache, gerade flügge gewor-
den führenden Ökonomisten, und eine mißtrauische Hal- dene SDAPR faktisch liquidiert.
tung gegenüber ihrer möglichen Wandlung hin zu revolu- Den revolutionären Kampf um die Macht so lange zu
tionärer Politik. Lenin setzte sich für eine zentralisierte, dis- vertagen, bis die ganze Arbeiterklasse sozialistisches Be-
ziplinierte Partei ein und war daher ein unversöhnlicher wußtsein erlangt hat, heißt, ihn „bis zu den griechischen Ka-
Feind des für die russische sozialdemokratische Bewegung ienden" hinauszuschieben; unter dem Kapitalismus kann
typischen Zirkelwesens und Cliquismus. Abgesehen von den die Arbeiterklasse in ihrer überwiegenden Mehrheit den
Mitgliedschaftskriterien ließen sich 1904 die Differenzen Einfluß der bürgerlichen Ideologie nicht völlig überwinden.
zwischen Bolschewismus und Menschewismus nur schwer Die revolutionäre Avantgardepartei muß die Masse der ak-
als entgegengesetzte Prinzipien darstellen. Sie manifestier- tiven Arbeiter im Kampf führen, unter diesen Arbeitern
ten sich über konkrete organisatorische Fragen und erschie- wird es aber viele geben, deren sozialistische Überzeugung
nen den meisten Außenstehenden (wie Kautsky) als gradu- unvollständig, widersprüchlich und episodenhaft ist.
elle und nicht prinzipielle Differenzen. In seiner wichtigsten Polemik gegen die Menschewiki aus
dieser Periode, „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück"
Trotzkis menschewistische Polemik (Mai 1904), antwortet Lenin auf die Position von Axel-
Von den zahlreichen polemischen Attacken auf Lenin rod/Trotzki kurz und bündig:
1903/04 hatte Trotzkis „Unsere politischen Aufgaben" viel „Man darf doch wirklich die Partei als Vortrupp der Ar-
weniger Bedeutung als diejenigen von Axelrod, Plechanow beiterklasse nicht mit der ganzen Klasse verwechseln.
und Luxemburg. Aber wegen Trotzkis späterer Autorität als Und gerade eine solche Verwechslung (die für unseren
großer Revolutionär haben verschiedene Reformisten und opportunistischen Ökonomismus überhaupt kennzeich-
Zentristen seine Polemik von 1904 stark in den Vordergrund nend ist) unterläuft Gen. Axelrod...
gestellt. Tony Cliff, langjähriger Chef der International Wir sind die Partei der Klasse, und deshalb muß fast die
Socialists ( j e t z t Socialist Workers Party) in Britannien, wid- gesamte Klasse (und in Kriegszeiten, in der Epoche des
mete einen ganzen Aufsatz der „Prophezeiung" Trotzkis, Bürgerkriegs, restlos die gesamte Klasse) unter der Lei-
Lenins organisatorische Konzeption würde die Partei dazu tung unserer Partei handeln, sie muß sich unserer Partei
bringen, „die arbeitenden Klassen zu substituieren" („Trots- so eng wie möglich anschließen, doch wäre es ... .Nach-
ky on Substitutionism", International Socialism, Herbst trabpolitik', wollte man glauben, daß irgendwann unter
1960: neuaufgelegt in der IS-Schriftensammlung Party and der Herrschaft des Kapitalismus fast die gesamte Klasse
Class [London, o. D.]). Insbesondere zitieren solche linken oder die gesamte Klasse imstande wäre, sich bis zu der
Sozialdemokraten, die behaupten, Trotzki habe vorausgese- Bewußtheit und der Aktivität zu erheben, auf der ihr
hen, daß Leninismus zum Stalinismus führen müsse, unwei- Vortrupp, ihre sozialdemokratische Partei, steht." (Her-
gerlich folgende Stelle: vorhebung im Original)
„In der inneren Politik der Partei führen diese Methoden Man sollte beachten, daß Lenins Formulierung über die
[Lenins], wie wir noch sehen werden, dazu, daß die Par- Beziehungen zwischen Klasse und Partei hier noch nicht
teiorganisation die Partei selbst, das ZK die Parteior- vollständig mit der kautskyanischen „Partei der Gesamt-
ganisation und schließlich ein Diktator das ZK ersetzt..." klasse" bricht, da er offensichtlich nur eine einzige auf dem
(„Unsere politische Aufgaben", Leo Trotzki, Schriften zur Proletariat basierende Partei voraussetzt.
Es ist kein Substitutionalismus für eine revolutionäre Georges Clemenceau, ein ehemaliger Blanquist.
Partei, wenn sie — durch die Gewerkschaften, Fabrikkomi- Für Lenin von 1901 bis Ende 1904, und für die Iskra-Ten-
tees, Sowjets usw. — Massen von Arbeitern führt, die keine denz als ganze, drückte sich der Opportunismus in der russi-
bewußten Sozialisten sind. Darin besteht gerade die Auf- schen Sozialdemokratie hauptsächlich im Ökonomismus aus,
gabe der revolutionären Avantgarde. Substitutionalismus einem Gemisch aus minimalistischer Gewerkschaftsagita-
ist, wenn die Avantgarde militärische Aktionen gegen die tion, passiver Anpassung an den liberalen Zarismus, organi-
Bourgeoisie ohne die Unterstützung der außerhalb der Par- satorischer Lokalborniertheit und individualistischer Funk-
tei stehenden Massen durchführt. Substitutionalismus zeigt tionsweise. Luxemburg war genauso wie Lenin gegen reinen
sich in Putschismus, Terrorismus/Guerillaismus, in „roter Trade-Unionismus, betrachtete aber offensichtlich den Öko-
Gewerkschaftspolitik" oder Versuchen einer Minderheit, ei- nomismus nicht als ernstzunehmende opportunistische Strö-
ne Generalstreikaktion durchzuführen (wie die Märzaktion mung in Rußland, nicht als ernsthaften Konkurrenten um
in Deutschland 1921). Obwohl die Menschewiki ihnen wie- den Einfluß auf die Arbeiterklasse. Was das Zirkelwesen und
derholt Blanquismus vorwarfen, ließen sich Lenins Bolsche- den anarchistischen Individualismus betraf, die Lenin für sei-
wik! nicht auf solch abenteuerliche Aktivitäten ein. Am Vor- nen Hauptfeind auf der organisatorischen Ebene hielt, so be-
abend des Ersten Weltkriegs waren die Bolschewiki zur trachtete Luxemburg diese Eigenschaften anscheinend als
Massenpartei des russischen Industrieproletariats geworden allgemeine Unkosten, die bei dem damaligen Stadium der so-
und hatten die schlecht organisierten, heterogenen Men- zialdemokratischen Bewegung in Rußland unvermeidlich
schewiki weit überholt. waren. Wenn das sozialistische Proletariat klein ist, so Lu-
Auf jeden Fall müssen diejenigen, die die antileninisti- xemburg, ist eine lockere Bewegung von örtlich begrenzten
sche Polemik des jungen Trotzki benutzen wollen, erklären, Propagandazirkeln der normale und gewissermaßen gesunde
wie sich Trotzki später selbst von seiner menschewistischen organisatorische Ausdruck der Sozialdemokratie:
und versöhnlerischen Position jener Jahre lossagte und die- „Das Problem, an dem die russische Sozialdemokratie
se kritisierte. In Mein Leben (1929) schrieb er über den Par- seit einigen Jahren arbeitet, ist eben der Übergang vom
teitag der SDAPR von 1903: Typus der zersplitterten, ganz unabhängigen Zirkel- und
„Meine Trennung von Lenin erfolgte also gleichsam auf Lokalorganisation, die der vorbereitenden [unsere Her-
,moralischem', ja sogar auf persönlichem Gebiet. Doch vorhebung], vorwiegend propagandistischen Phase der
schien es nur äußerlich so. Im Grunde hatte unser Aus- Bewegung entsprach, zur Organisation, wie sie für eine
einandergehen einen politischen Charakter, der nur auf einheitliche politische Aktion der Masse im ganzen Staa-
organisatorischem Gebiet nach außen durchbrach. te erforderlich ist. Da aber der hervorstechendste Zug
Ich zählte mich zu den Zentralisten. Aber es ist außer der unleidlich gewordenen und politisch überholten alten
Zweifel, daß ich mir in jener Periode keine klare Re- Organisationsformen die Zersplitterung und die völlige
chenschaft darüber abzugeben vermochte, welch strenger Autonomie, die Selbstherrlichkeit der Lokalorganisa-
und gebieterischer Zentralismus für eine revolutionäre tionen war, so wurde naturgemäß die Losung der neuen
Partei erforderlich sein würde, um eine Millionenmasse Phase, des vorbereiteten großen Organisationswerkes:
in den Kampf gegen die alte Gesellschaft zu führen." Zentralismus [Hervorhebung im Original]...
Eine Neuauflage von „Unsere politischen Aufgaben" hat Schon aus der Untersuchung dieses eigentlichen Inhalts
Trotzki nie autorisiert, und es wurde ausdrücklich nicht in des sozialdemokratischen Zentralismus wird klar, daß für
die russische Ausgabe seiner Werke aufgenommen, die vor einen solchen heutzutage in Rußland die erforderlichen
der stalinistischen Usurpation veröffentlicht wurden. [unsere Hervorhebung] Bedingungen noch nicht in voll-
em Maße gegeben sein können. Es sind dies nämlich: das
Hinter Luxemburgs antileninistischer Polemik Vorhandensein einer beträchtlichen Schicht im politi-
Rosa Luxemburgs „Organisationsfragen der russischen schen Kampfe bereits geschulter Proletarier und die
Sozialdemokratie", erschienen in der theoretischen SPD- Möglichkeit, ihrer Dispositionsfähigkeit durch direkte
Zeitschrift Neue Zeit und in der menschewistischen Iskra, ist Ausübung des Einflusses (auf öffentlichen Parteitagen, in
wohl die an sich bedeutendste antileninistische Polemik der Parteipresse usw.) Ausdruck zu geben.
nach der Spaltung von 1903. Sie hält Distanz zu den unmit- Letztere Bedingung kann offenbar erst mit der politi-
telbaren Streitfragen und persönlichen Anschuldigungen schen Freiheit in Rußland geschaffen werden, die erstere
der Spaltung, und sie verzichtet auf oberflächliche Ein- aber — die Heranbildung einer klassenbewußten, ur-
heitstreiberei. Luxemburgs Differenzen mit Lenin bestehen teilsfähigen Vorhut des Proletariats — ist eben erst im
sowohl auf der Ebene der Probleme, Aufgaben und Per- Werden begriffen und muß als der leitende Zweck der
spektiven der russischen Bewegung als auch auf der Ebene nächsten agitatorischen wie auch organisatorischen Ar-
des organisatorischen Charakters der Sozialdemokratie im beit betrachtet werden." (Luxemburg, „Organisations-
allgemeinen. Sowohl in bezug auf Rußland als auch allge- fragen der russischen Sozialdemokratie" in Gesammelte
mein drehen sich diese Differenzen um die Natur des Op- Werke, Bd. 1/2)
portunismus und darum, wie man ihn bekämpft. Luxemburgs Glaube an den allmählichen Übergang von ei-
Die Differenzen über den sozialdemokratischen Oppor- ner aus örtlichen Zirkeln bestehenden Bewegung zu einer
tunismus in Rußland kann man kurz wie folgt zusammen- zentralisierten, einheitlichen Partei war nicht nur dem Leni-
fassen: Vor der Revolution 1905 sah Lenin die opportu- nismus entgegengesetzt, sondern stellte sie auch logisch
nistische Hauptgefahr in der Anpassung an den zaristischen außerhalb und rechts von der gesamten Iskra-Tendenz vor
Absolutismus; Luxemburg sah sie in der Unterordnung des der Spaltung.
russischen Proletariats unter die von der Macht ausge- Die oben ausgedrückte Ansicht stimmt nicht ganz mit
schlossene revolutionäre bürgerliche Demokratie. Für Le- Luxemburgs tatsächlicher organisatorischer Praxis im polni-
nin war ein sozialdemokratischer Opportunist ein Dilettant, schen Teil des Russischen Reichs überein. Die Sozialdemo-
der schnell bereit ist, mit der zaristischen Gesellschaft per- kratie des Königreiches Polen und Litauen (SDKPiL) von
sönlich Frieden zu schließen, und vielleicht auch ein auf- Luxemburg/Jogiches war eine sehr kleine, aber hochzentra-
strebender Gewerkschaftsfunktionär. Für Luxemburg war lisierte Propagandaorganisation. Und anders als Lenins Bol-
ein sozialdemokratischer Opportunist ein bürgerlich-radika- schewiki beging Luxemburgs SDKPiL ernsthafte sektie-
ler Demagoge, der selbst nach Regierungsmacht strebte, rerische und ultralinke Fehler (siehe „Lenin vs. Luxemburg
eine russische Version des französischen Radikalen-Führers on the National Question" [Lenin kontra Luxemburg über
die nationale Frage], Workers Vanguard tisches Zentralkomitee politisch
Nr. 150, 25. März 1977). geleithammelt und gedrillt wird,
Die Erwähnung der SDKPiL erinnert dar- um so leichter wird das Spiel der
an, daß man die „Organisationsfragen der bürgerlichen Demagogen in dem
russischen Sozialdemokratie" nicht einfach renovierten Rußland sein ..."
für bare Münze nehmen kann. Luxemburgs (ebenda, unsere Hervorhebung)
polnische Sozialdemokratie bewachte ihre or- Eine zentrale Prämisse von Lu-
ganisatorische Autonomie genauso eifersüch- xemburgs antileninistischer Polemik
tig wie der Bund, wenn auch aus ganz anderer von 1904 war, daß der zaristische
Motivation heraus. Die SDKPiL schickte zwei Absolutismus bald durch die bürger-
Beobachter zum II. Parteitag der SDAPR, liche Demokratie ersetzt werden
wo sie über eine breite Autonomie innerhalb würde („Vergessen wir nicht, daß die
einer allrussischen Partei verhandelten. Lenin Revolution, an deren Vorabend wir
trat für eine zentralisierte Partei aller Sozial- in Rußland stehen, nicht eine prole-
demokraten des Russischen Reichs ein und tarische, sondern eine bürgerliche
stellte damit, wenigstens im Prinzip, die hoch Revolution ist"). Deshalb erwartete
geschätzten organisatorischen Vorrechte von sie, daß radikale parlamentarische
Luxemburgs SDKPiL in Frage. Demagogie der Hauptausdruck des
Den russischen sozialdemokratischen Op- sozialdemokratischen Opportunis-
portunismus suchte Luxemburg in genau ent- mus sein würde. Die Revolution von
gegengesetzter Richtung wie Lenin. Luxem- Dietz Verlag 1905 hat Luxemburgs Prognose
burg befürchtete, die russische sozialdemo- Julius Martow widerlegt. Die Revolution zeigte, daß
kratische Intelligenz würde eine radikal-bürgerliche Partei der bürgerliche Liberalismus völlig feige und impotent war.
hervorbringen, die sozialistische Rhetorik benutzt, und so Sie zeigte auch, daß die Sozialdemokratie die einzige kon-
die Entwicklung politischen Klassenbewußtseins im russi- sequent revolutionär-demokratische Kraft im Russischen
schen Proletariat unterdrücken. Mit dieser Prognose sah Reich war.
Luxemburg die wahrscheinlichste Quelle des Opportu- Während der Revolution verdammte Luxemburg die
nismus (d. h. Anpassung an die Bourgeoisie) nicht im Men- Menschewiki dafür, daß sie hinter den konstitutionellen
schewismus, sondern in Lenins Zentralismus. Daß Lenin auf Monarchisten (den Kadetten) hinterherkrochen, und sie
der führenden Rolle der Sozialdemokratie im Kampf gegen näherte sich den Bolschewiki an. In bezug auf die führende
den Absolutismus und auf der führenden Rolle der Berufs- Rolle der proletarischen Partei in der antizaristischen Re-
revolutionäre in der Partei bestand, schien Luxemburg (und volution stimmte die SDKPiL von Luxemburg/Jogiches mit
nicht nur ihr) typisch für eine bürgerlich-radikale Partei. Lenin überein und ging 1906 ein Bündnis mit den Bol-
Tatsächlich war es in menschewistischen Kreisen dieser schewiki ein; das Bündnis dauerte bis 1912 und gab Lenin
Zeit üblich, den Leninisten vorzuwerfen, bürgerliche Radi- die Führung der formal einheitlichen SDAPR. Auf dem
kale im sozialdemokratischen Gewand zu sein. Der füh- V Parteitag der SDAPR 1907 verteidigte Luxemburg die
rende Menschewik Potressow zum Beispiel verglich die Bol- Enge und Unnachgiebigkeit der Bolschewiki, wenn auch mit
schewiki mit den Radikalen von Clemenceau. Luxemburg „weichen" Vorbehalten:
sah in Lenins „Jakobinertum" den unbewußten Wunsch von „Ihr, Genossen des rechten Flügels, beklagt Euch sehr
bürgerlich-radikalen Intellektuellen, ihre Arbeiterbasis zu über die Enge, die Intoleranz, über eine gewisse Mecha-
unterdrücken, nachdem sie den Zarismus gestürzt und die nistik in den Auffassungen der sogenannten Genossen
Macht ergriffen hätten. Sie trat für eine breite, lockere sozi- Bolschewiki... Und wir sind mit Euch in dieser Hinsicht
aldemokratische Bewegung ein, um radikal-bürgerliche ganz einverstanden (Beifall.) ...
Demagogen wie Clemenceau, den Ex-Blanquisten, im Aber wißt Ihr, Genossen, woraus alle diese unange-
Zaum zu halten: nehmen Züge entstehen? Für einen Menschen, dem die
„Eben vom Standpunkt der Befürchtungen Lenins vor innerparteilichen Verhältnisse in anderen Ländern be-
den gefährlichen Einflüssen der Intelligenz auf die pro- kannt sind, sind dies sehr bekannte Züge: Es ist das typi-
letarische Bewegung bildet seine eigene Organisations- sche geistige Antlitz jener Richtung des Sozialismus, die
auffassung die größte Gefahr für die russische Sozial- gegen eine andere, ebenfalls starke Richtung das Prinzip
demokratie. der selbständigen Klassenpolitik des Proletariats vertei-
Tatsächlich liefert nichts eine noch junge Arbeiterbewe- digen muß. (Beifall.)
gung den Herrschaftsgelüsten der Akademiker so leicht Unbeugsamkeit ist die Form, die die sozialdemokratische
und so sicher aus wie die Einzwängung der Bewegung in Taktik auf dem einen Pol unweigerlich annimmt, wenn sie
den Panzer eines bürokratischen Zentralismus ... sich auf dem anderen Pol in eine formlose Gallerte ver-
Vergessen wir nicht, daß die Revolution, an deren Vor- wandelt, die unter dem Druck der Ereignisse in alle Rich-
abend wir in Rußland stehen, nicht eine proletarische, tungen auseinandergeht. (Beifall der Bolschewiki und
sondern eine bürgerliche Revolution ist, die die ganze eines Teils des Zentrums.)" (Gesammelte Werke, Bd. 2)
Szenerie des sozialdemokratischen Kampfes stark ver- Liberale und Sozialdemokraten haben alle Hinweise auf
ändern wird. Alsdann wird sich auch die russische Intel- Luxemburgs enges Bündnis mit den Bolschewiki zwischen
ligenz recht bald mit stark ausgeprägtem bürgerlichem 1905 und 1912 und noch einmal zwischen dem Ausbruch des
Klasseninhalt füllen. Ist heute die Sozialdemokratie die Ersten Weltkriegs und ihrer Ermordung während des
einzige Führerin der russischen Arbeitermasse, so wird Spartakusaufstandes 1919 systematisch unterdrückt. Ihre
am Morgen nach der Revolution das Bürgertum und in Polemik von 1904 haben sie jedoch im Dienste des Anti-
erster Reihe seine Intelligenz naturgemäß die Masse zum kommunismus voll ausgeschlachtet. So brachte die weit-
Piedestal seiner parlamentarischen Herrschaft formen verbreitete Schriftenreihe „Ann Arbor Paperbacks for the
wollen. Je weniger nun in der gegenwärtigen Kampf- Study of Communism and Marxism" eine Neuauflage der
periode die Selbstbetätigung, die freie Initiative, der „Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie" her-
politische Sinn der aufgewecktesten Schicht der Arbei- aus unter dem verleumderischen Titel Leninism or Marxism ?
terschaft entfesselt, je mehr sie durch ein sozialdemokra- [Leninismus oder Marxismus?].
Nicht weniger schädlich sind die Bemühungen vieler Kerntruppen in der Sozialdemokratie den Ton angeben
linker Reformisten und Zentristen, die die leninistische de- und klar genug sind, die deklassierten und kleinbürgerli-
mokratisch-zentralistische Avantgardepartei nur für rück- chen Mitläufer ins revolutionäre Schlepptau zu nehmen.
ständige Länder gültig erklären, während sie sich gleich- In diesem Falle ist auch eine strengere Durchführung des
zeitig in bezug auf die fortgeschrittenen kapitalistischen zentralisüschen Gedankens im Organisationsstatut und die
Länder mit der antibolschewistischen Polemik Luxemburgs straffere Paragraphierung der Parteidisziplin als ein Damm
von 1904 solidarisieren. Wir haben schon bemerkt, daß ge- gegen die opportunistische Strömung sehr zweckmäßig.
nau dies die Position des reformistischen Arbeitertümlers Das Organisationsstatut kann unter diesen Umständen
Tony Cliff war, bevor der „harte" Leninismus in den 60er zweifellos als eine Handhabe im Kampfe mit dem Oppor-
Jahren unter radikalen Jugendlichen in Mode kam. tunismus dienen, wie es der französischen revolutionären
Von einem offenen Revisionisten wie Cliff war zu erwar- Sozialdemokratie tatsächlich gegen den Ansturm des
ten, daß er sich mit Luxemburg gegen Lenin solidarisieren jauresistischen Mischmasches gedient hat und wie auch ei-
würde. Nicht zu erwarten war, daß eine vorgeblich orthodox ne Revision des deutschen Parteistatuts in diesem Sinne
trotzkistische (d. h. leninistische) Organisation in bezug auf jetzt eine Notwendigkeit geworden ist." {Gesammelte Wer-
die fortgeschrittenen Länder die „luxemburgistische" Linie ke, Bd. 1/2, unsere Hervorhebung)
annehmen würde. Genau das tut aber die französische Or- Luxemburgs Drängen auf größere Zentralisierung in der
ganisation Communiste Internationaliste (OCI). In der Ein- SPD war auf dem von den Radikalen dominierten Jenaer
leitung zu einer populären französischen Ausgabe von Was Kongreß (1905) erfolgreich, wo eine wirklich zentralistische
tun? tut OCI-Führer Jean-Jacques Marie Lenins Eintreten Organisationsstruktur beschlossen wurde. Zum ersten Mal
für eine demokratisch-zentralistische Avantgarde damit ab, mußten sich die Funktionäre der Grundeinheiten der Partei
es handle sich um eine Eigentümlichkeit Rußlands Anfang vor dem Parteivorstand verantworten. Später wurde natür-
des 20. Jahrhunderts. Und er behauptet, Luxemburgs Posi- lich dieser berühmte zentralisierte Apparat der SPD einge-
tion von 1904 sei zweckmäßig für ein fortgeschrittenes Land setzt, um die von Rosa Luxemburg geführte revolutionäre
mit einer hochentwickelten Arbeiterbewegung: Linke zu unterdrücken.
„Die zentralistische Starrheit von Was tun? ist mit den be- Der Kern der Differenzen zwischen Luxemburg und
sonderen Merkmalen des russischen Proletariats ver- Lenin 1904 wie auch später war nicht der Grad der Zentrali-
bunden, d.h. eines im Entstehen begriffenen Proletari- sierung, sondern der Charakter des Opportunismus und wie
ats, das erst kürzlich das flache Land verlassen hatte, man ihn bekämpfen könnte. Die Zentralismus- und Diszi-
durchdrungen von Charakterzügen des Mittelalters, plinsfrage erhält erst in diesem Zusammenhang ihre Be-
ohne Bildung, niedergedrückt durch Lebensbedingungen deutung.
wie die des französischen oder englischen Proletariats Luxemburgs antileninistische Polemik 1904 wurde stark
Anfang des 19. Jahrhunderts... bedingt durch ihre Frustration über ihren Scheinsieg über
Die Rolle der revolutionären Intelligenz als Faktor der den bernsteinschen Revisionismus. Der Revisionismus wur-
Organisation und des Bewußtseins, wie sie von Lenin de von der SPD formell verworfen, die Opportunisten än-
beschrieben wurde, entspricht daher der relativen Rück- derten ihre Taktik, und die politische Tätigkeit der Partei
ständigkeit eines Proletariats, dem alle Formen gewerk- lief im wesentlichen unverändert weiter, im Geiste der passi-
schaftlicher oder politischer Organisation gesetzlich vor- ven Erwartung. Kurz nachdem Luxemburg „Organisations-
enthalten wurden. fragen der russischen Sozialdemokratie" schrieb, beschrieb
Der Konflikt zwischen Lenin und Luxemburg erscheint sie in einem Brief an die niederländische linke Sozialistin
daher — wenn man ihre persönlichen Eigenschaften Henriette Roland-Holst (1. Dezember 1904) ihre Desillusio-
beiseite läßt — als Ausdruck des enormen Unterschieds, nierung über interne Fraktionskämpfe im allgemeinen:
das ein Proletariat, das unter den ungebildetsten Europas „Der Opportunismus ist überhaupt eine Sumpfpflanze,
war, vom deutschen Proletariat trennte, damals das mäch- die sich in stehendem Wasser der Bewegung rasch und
tigste und politisch energischste und reifste der Welt... üppig entwickelt; bei forschem starkem Strom verküm-
Wenn der Kampf um die sozialistische Revolution sei- mert sie von selbst. Hier in Deutschland ist ein Vor-
nem Wesen nach international ist, so hängen doch seine wärtskommen direkt ein dringendes, brennendes Be-
unmittelbaren Formen wie auch die Methoden, ihn zu dürfnis! Und das empfinden die wenigsten. Die einen
führen, von zahlreichen Faktoren ab, darunter die natio- verzetteln sich im kleinen Geplänkel mit den Opportuni-
nalen Bedingungen, unter denen jede Partei ihre Reife sten, die andern glauben, daß das automatische, mecha-
erreicht." (Einleitung zu Que faire?, Paris 1966) nische Anwachsen an Zahl (bei den Wahlen und in den
Der Standpunkt, den J.-J. Marie hier Luxemburg zu- Organisationen) schon an sich vorwärts kommen heißt!"
schreibt, ist derart diametral entgegengesetzt zu ihrer tat- (zitiert in Henriette Roland-Holst van der Schalk, Rosa
sächlichen Position, daß es einem schwer fällt zu glauben, Luxemburg. Ihr Leben und Wirken, Zürich 1937)
daß er „Organisationsfragen der russischen Sozialdemo- Luxemburgs Überzeugung, daß ein Aufschwung militan-
kratie" jemals gelesen hat. Wie wir gesehen haben, basierte ter Klassenkämpfe die opportunistischen Kräfte in der SPD
Luxemburgs Opposition zum leninistischen Zentralismus auf natürlichem Weg vertreiben würde, erwies sich als
für Rußland gerade auf der t/nrerentwicklung der proletari- grundfalsch. 1905 und wieder 1910 wurde die aufsteigende
schen Bewegung. 1904 war Luxemburg für Zentralisierung Massenagitation gegen das Dreiklassenwahlrecht auf Ini-
und Disziplin in der deutschen Partei, gerade weil die revi- tiative der Gewerkschaftsbürokratie effektiv unterdrückt.
sionistische Rechte formell eine Minderheit war. Und das 1910 weigerte sich sogar Die Neue Zeit — Kautsky war Chef-
wird in „Organisationsfragen der russischen Sozialdemo- redakteur —, Luxemburgs Artikel zu veröffentlichen, in
kratie" ausdrücklich gesagt: dem sie für einen Generalstreik eintrat.
„Es kommt nur darauf an, daß [die Sozialdemokratie] die Am Schluß der „Organisationsfragen" entwickelt Luxem-
Gegenwartsschmerzen dieser bunten Schar von Mit- burg eine Theorie über die Unvermeidlichkeit des Opportu-
läufern nachhaltig den Endzielen der Arbeiterklasse zu nismus und sogar über opportunistische Phasen in einer
unterordnen, den nichtproletarischen Oppositionsgeist sozialdemokratischen Partei. Versuche, die Partei durch in-
der revolutionären proletarischen Aktion einzugliedern terne organisatorische Maßnahmen vor dem Opportunismus
... versteht. Letzteres ist aber nur möglich, wo, wie bis jetzt zu bewahren, würden, behauptet sie, die Partei schließlich in
in Deutschland, bereits kräftige, geschulte proletarische eine Sekte verwandeln. Hierin liegt Luxemburgs grund-
legende Differenz zu Lenin im Jahre 1904 und
danach:
„Die Vereinigung der großen Volksmasse
mit einem über die ganze bestehende Ord-
nung hinausgehenden Ziele, des alltäg-
lichen Kampfes mit der revolutionären
Umwälzung, das ist der dialektische Wider-
spruch der sozialdemokratischen Be-
wegung, die sich auch folgerichtig auf dem
ganzen Entwicklungsgang zwischen den
beiden Klippen: zwischen dem Preisgeben
des Massencharakters und dem Aufgeben
des Endziels, zwischen dem Rückfall in die
Sekte und dem Umfall in die bürgerliche
Reformbewegung, vorwärtsarbeiten muß.
Es ist deshalb eine ganz unhistorische Illu-
sion, zu denken, die sozialdemokratische
Taktik im revolutionären Sinne könne im
voraus ein für allemal sichergestellt, die
Arbeiterbewegung könne vor opportu-
nistischen Seitensprüngen ein für allemal
bewahrt werden. Zwar liefert die Marxsche
Lehre vernichtende Waffen gegen alle
Grundtypen des opportunistischen Ge-
dankens. Da aber die sozialdemokratische
Bewegung eben eine Massenbewegung
und die ihr drohenden Klippen nicht aus
den menschlichen Köpfen, sondern aus
den gesellschaftlichen Bedingungen ent-
Dietz Verlag
springen, so können die opportunistischen
Verirrungen nicht von vornherein verhütet Rosa Luxemburg
werden, sie müssen erst, nachdem sie in der Praxis greif- Einheit intervenierten. Es ist wichtig, die Intervention von
bare Gestalt angenommen haben, durch die Bewegung Kautsky/Bebel anzusehen, wenn man überlegt, daß Lenin
selbst — allerdings mit Hilfe der vom Marxismus gelie- gegen die Opposition der führenden Denker der Zweiten
ferten Waffen — überwunden werden. Unter diesem Ge- Internationale eine programmatisch homogene revolutionä-
sichtswinkel betrachtet, erscheint der Opportunismus re Partei in Rußland aufbaute.
auch als ein Produkt der Arbeiterbewegung selbst, als ein Anfang 1904 schrieb ein Mitarbeiter Lenins, Lidin-
unvermeidliches Moment ihrer geschichtlichen Ent- Mandelstam, einen Artikel über die Spaltung zur Veröf-
wicklung." (Gesammelte Werke, Bd. 1/2) fentlichung in Kautskys Neue Zeit. Kautsky weigerte sich,
Weil halbsyndikalistische und ultralinke kommunistische ihn zu veröffentlichen, und sein Antwortbrief an Lidin (Mit-
Elemente (z. B. „Rätekommunisten") versucht haben, Rosa te Mai 1904) ist seine erste schriftliche Stellungnahme zu
Luxemburg für sich zu beanspruchen, wird oft übersehen, der Spaltung. Er hielt die Spaltung für völlig ungerecht-
daß ihre Polemik gegen Lenin über die Organisationsfrage in fertigt und zutiefst unverantwortlich. Er war auch scharf-
orthodoxen sozialdemokratischen Konzeptionen wurzelte. sinnig genug zu sehen, daß es Lenins Unnachgiebigkeit in
Die oben zitierte Passage ist ultrakautskyanisch in der Identi- der Organisationsfrage war, die die Spaltung auslöste.
fizierung der sozialdemokratischen Partei mit der gesamten „Eine große Verantwortung ruht auf der russischen
Arbeiterbewegung. Von Kautskys Standpunkt der „Partei der Sozialdemokratie. Kann sie sich nicht einigen, dann wird
Gesamtklasse" aus ist ihre Logik unanfechtbar. Nicht nur gibt sie vor der Geschichte und dem internationalen Proleta-
es einen opportunistischen Flügel in einer sozialdemokrati- riat als eine Gruppe von Politikern dastehen, die eine
schen Partei, sondern es kommen zwangsläufig auch Peri- kostbare, nie wiederkehrende Gelegenheit, den russi-
oden, in denen sich der Einfluß dieses Flügels ausbreitet. schen Absolutismus zu treffen, über persönlichen und
Ihr deutscher Aussichtspunkt ermöglichte es Luxemburg organisatorischen Schwierigkeiten versäumt hat... Lenin
zu begreifen, daß die Gründung einer leninistischen Partei aber würde die Verantwortung treffen, diesen unheil-
notwendigerweise einen Bruch bedeuten würde mit bedeu- vollen Zwist begonnen zu haben." (zitiert in Dietrich
tenden Tendenzen in der Arbeiterklasse unter Führung und Geyer, „Die russische Parteispaltung im Urteil der deut-
Einfluß der Opportunisten. Diese antisozialdemokratische schen Sozialdemokratie 1903-1905", International Review
Schlußfolgerung war für Lenin wegen des unorganisierten of Social History, 1958)
Zustands der russischen Partei nicht klar ersichtlich. Im Was die substantielle Organisationsfrage betraf, die zur
Gegensatz zu Luxemburg wurde Lenin nicht mit opportu- Spaltung führte, sah Kautsky „weder einen prinzipiellen Ge-
nistischen sozialdemokratischen Tendenzen konfrontiert, gensatz zwischen proletarischen und intellektuellen Bedürf-
die über eine Massenbasis verfügten. Er hielt die Mensche- nissen, noch zwischen Demokratie und Diktatur, sondern
wiki für eine intellektualistische Tendenz, die unfähig war, einfach eine Zweckmäßigkeitsfrage ..." (ebenda)
eine proletarische Massenbewegung aufzubauen. Kautsky schickte der Führung der Menschewiki eine
Kopie seines Antwortbriefs an Lidin, die sie mit Recht als Un-
Kautsky/Bebel greifen ein, um die Einheit terstützung für ihre Seite betrachtete. Mit der Genehmigung
wiederherzustellen des Verfassers erschien die Antwort in der neuen Iskra. In ei-
Obwohl Luxemburgs antileninistische Polemik von 1904 nem Brief an Axelrod (4. Juni 1904) vertiefte Kautsky seine
heute viel bekannter ist, hatte es damals größere Bedeutung, promenschewistische Haltung soweit, ihnen sogar Rat-
daß die zentrale SPD-Führung, Kautsky und Bebel, aktiv für schläge zu geben, wie man Lenin am besten besiegen könne:
„Aber zum großen Teil scheinen die Differenzen zwi- eingeladen werden sollten. Aber sie weigerten sich, die Leni-
schen Euch und der anderen Seite auf Mißverständnissen nisten einzuladen! Inzwischen hatte Lenin formal die
zu beruhen. Nicht zwischen Euch und Lenin, das halte Führung der SDAPR verloren und das Büro der Komitees
ich für ausgeschlossen, aber zwischen Euch und den An- der Mehrheit gegründet.
hängern Lenins in Rußland. Ich habe wenigstens Gele- Kautsky kritisierte jetzt die Führer der Menschewiki als
genheit gehabt, mit verschiedenen Anhängern Lenins, unverantwortliche Spalter. In einem Brief an Axelrod
die aus Rußland kommen, zu sprechen und keine An- (10. Januar 1905) schrieb er:
schauungen bei ihnen gefunden, die ein Zusammenar- „Daß Ihr Lenin nicht zuzieht, begreife ich nicht. Aus
beiten ... unmöglich machten. Ihre Voreingenommenheit formellen Gründen mag das gerechtfertigt sein, aber so
gegen Euch scheint vielfach nur auf falschen Informatio- formell darf man die Sache doch nicht auffassen. Vom
nen zu beruhen. Ist das so, dann müßte doch eine Eini- politischen Standpunkt scheint mir der Ausschluß
gung mit ihnen möglich sein, über Lenins Kopf hinweg, [Lenins] von der Einladung ein Fehler. Mag er formell
wenn man diese Elemente klug behandelt, ihnen entge- keine besondere Organisation repräsentieren, er hat
genkommt, sie nicht abstößt..." (ebenda) einen starken Anhang und Eure Aufgabe ist es, entweder
Und die Menschewiki versuchten tatsächlich, mit einigem ihn samt seinem Anhang zu gewinnen oder den Anhang
Erfolg, die eher versöhnlerisch eingestellten Bolschewiki zu von ihm loszulösen, ihn zu isolieren... In der jetzigen
gewinnen. Situation, die eine Zusammenfassung aller revolutio-
Als weiteres, öffentlicheres Indiz für Kautskys antilenini- nären Kräfte erfordert, wäre es meines Erachtens Eure
stische Haltung erschien Luxemburgs „Organisationsfragen Aufgabe, in der Versöhnlichkeit bis an die äußerste
der russischen Sozialdemokratie" in der Neuen Zeit, ohne Grenze zu gehen. Erweist sich dann eine Einigung [als]
daß die Zeitschrift sich irgendwie von den darin ausge- unmöglich, dann hat sich Lenin in's Unrecht gesetzt,
drückten Ansichten distanzierte. Als Lenin eine Antwort dann könnt ihr mit ganz anderer Kraft und ganz anderem
schrieb, weigerte sich Kautsky, sie zu veröffentlichen, mit Erfolg gegen ihn vorgehen als jetzt, wo Euer Conflict fast
der Begründung, die Neue Zeit sei nicht die richtige Arena, nur als ein reiner Competenzstreit erscheint..." (ebenda,
die SDAPR-Spaltung auszukämpfen. In einem Brief an Hervorhebung im Original)
Lenin (27. Oktober 1904) rechtfertigte er die Veröffentli- Nach dem Massaker am Blutsonntag im Januar 1905 ver-
chung von Luxemburgs Artikel mit der Behauptung: suchte die SPD-Führung noch einmal die russische sozial-
„Den Artikel der Rosa Luxemburg brachte ich nicht des- demokratische Bewegung zu vereinigen. Bebel bot öffent-
wegen, weil er die russischen Streitigkeiten behandelte, lich an, die Differenzen zu schlichten. Bebeis Angebot
sondern trotzdem. Ich brachte ihn, weil er die Organisati- schloß mit einer paternalistischen Schelte an die Adresse
onsfrage theoretisch behandelt und uns in Deutschland der russischen Sozialdemokratie:
diese Frage auch beschäftigt. Die russischen Streitigkei- „Die Nachrichten über diese Spaltung haben große Kon-
ten werden darin nur gestreift in einer Weise, die den fusion und merkbare Unzufriedenheit in der inter-
unkundigen Leser nicht auf sie aufmerksam macht." nationalen Sozialdemokratie erregt, und alle erwarten,
(ebenda, Hervorhebung im Original) daß nach einer freien Diskussion beide Seiten eine ge-
Kautskys letzte Behauptung ist unaufrichtig. meinsame Basis für den Kampf gegen den gemeinsamen
Kautsky riet Lenin, seine Antwort theoretischer zu ver- Feind finden." (zitiert in Olga Hess Gankin und H. H.
fassen, falls er sie im deutschen Organ gedruckt sehen woll- Fisher, The Bolsheviks and the World War, 1940)
te. Soweit wir wissen, hat Lenin nicht darauf geantwortet. Die Menschewiki, die wußten, daß Bebel ihnen politisch
Man kann annehmen, daß Lenin gerade die Einzelheiten nahestand, nahmen seinen Vorschlag bereitwillig an. Lenin
der SDAPR-Spaltung als entscheidend betrachtete und sich lehnte den Einheitsvorschlag faktisch ab. In seiner Antwort
nicht auf eine abstrakte Diskussion über Organisations- an den deutschen Parteivorsitzenden (7. Februar 1905) er-
prinzipien einlassen wollte. klärte er, daß er nicht befugt sei, das Schlichtungsangebot
Im Oktober 1904 schlug August Bebel, der verehrte Vor- anzunehmen, worüber nur ein neuer Parteitag zu entschei-
sitzende der SPD, der Führung der Menschewiki die Ein- den habe. Er fügte dann hinzu, angesichts Kautskys ein-
berufung einer Einheitskonferenz aller Gruppen vor, die am seitigen Eingreifens „wird es mich nicht überraschen, wenn
II. Parteitag der SDAPR teilgenommen hatten. Kurz danach ein Eingreifen durch Vertreter der deutschen Sozialde-
drängte die deutsche Führung auf eine viel breitere Kon- mokratie bei unseren Anhängern auf Schwierigkeiten stößt"
ferenz unter Einbeziehung auch der kleinbürgerlichen popu- (ebenda).
listischen Sozialrevolutionäre und der auf nationale Be- Der III., rein bolschewistische Parteitag im April nahm
freiung orientierten Polnischen Sozialistischen Partei. Die keine Stellung zu Bebeis Vorschlag, was auf eine Ablehnung
Führung der deutschen Sozialdemokratie befürwortete also hinauslief. Das Selbstbewußtsein der Bolschewiki und ihre
1904 einen Block, wenn nicht eine Partei, aller Oppositions- Abneigung, Vormundschaft durch die Deutschen zu akzep-
kräfte im Zarenreich links von den bürgerlichen Liberalen. tieren, spricht klar aus einer Rede des Delegierten Barsow
Die Menschewiki lehnten eine derart breite Einheit als über Bebeis Angebot:
opportunistisch ab. Dies war ein frühes Indiz dafür, daß die „... unsere deutschen Genossen stellen eine Macht dar,
Anhänger Martows nicht rechts von der SPD-Zentral- sie sind gereift durch einen unerbittlich kritischen inter-
führung standen. nen Kampf gegen alle Formen des Opportunismus auf
Kautsky glaubte, die Menschewiki seien genauso eifrig Parteitagen und anderen Treffen — und auch wir müs-
für die Wiederherstellung der Einheit wie er selber. Aber sen auf eben diese Weise reifen, um unsere große Rolle
das Eintreten der Menschewiki für die Einheit war zum Teil zu spielen, indem wir unabhängig unsere eigene Organi-
eine Pose für den ausländischen Konsum. Obwohl theore- sation zu einer Partei schmieden, nicht bloß ideologisch,
tisch einer breiten, umfassenden Partei verpflichtet, wollte sondern in Wirklichkeit... Wir müssen die aktiven Füh-
die Führung der Menschewiki nicht in der gleichen Organi- rer der gesamten proletarischen Klasse Rußlands wer-
sation wie Lenins „Harte" sein. Als Antwort auf Bebeis Vor- den, indem wir uns sogleich vereinen und organisieren
schlag stimmten sie der Einberufung einer „Einheits"- für den Kampf gegen die Selbstherrschaft und für die
konferenz zu, zu der der Bund, Luxemburgs und Jogiches' glorreiche Zukunft der Herrschaft des Sozialismus."
SDKPiL und einige kleinere sozialdemokratische Gruppen (ebenda)
DIE REVOLUTION
VON 1905

Rußlands Niederlagen im Krieg mit Japan 1904 lösten eine Diese Politik der passiven Erwartung und des Nachtrabens
Welle liberal-bürgerlicher Opposition gegen die zaristische hinter den Liberalen wurde in Form einer Resolution auf der
Selbstherrschaft aus. Diese bedeutende Veränderung in der April-Konferenz der Menschewiki angenommen:
politischen Szene Rußlands vertiefte die Differenzen zwi- „Unter diesen Umständen muß die Sozialdemokratie
schen Menschewismus und Bolschewismus. Da die Mensche- danach streben, während des ganzen Verlaufs der Revo-
wiki den Liberalen die führende Rolle in der kommenden lution eine solche Stellung zu behaupten, die ihr am be-
antizaristischen Revolution zuschrieben, wollten sie durch ei- sten die Möglichkeit sichert, die Revolution vorwärtszu-
ne Milderung ihrer Kritik die liberale Opposition ermutigen. treiben, ihr im Kampfe gegen die inkonsequente und
Diese versöhnliche Einstellung gegenüber den Liberalen eigennützige Politik der bürgerlichen Parteien nicht die
markierte einen weiteren Rückschritt auf demselben Weg, Hände bindet und sie davor bewahrt, in der bürgerlichen
den die Ökonomisten gegangen waren; damit beschränkten Demokratie aufzugehen.
sie die sozialdemokratische Partei darauf, die sektoralen Deshalb darf sich die Sozialdemokratie nicht das Ziel
Interessen des russischen Proletariats zu verteidigen. setzen, durch Bildung einer provisorischen Regierung
Lenin griff dieses Versöhnlertum gegenüber den Libera- die Macht zu ergreifen oder die Macht in einer solchen
len in seinem Artikel „Die Semstwokampagne und der Plan zu teilen, sie muß vielmehr die Partei der äußersten
der Jskra'" vom November 1904 scharf an und eröffnete da- revolutionären Opposition bleiben." (Zitiert in „Zwei
mit eine neue, verschärfte Phase im Konflikt zwischen Bol- Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen
schewiki und Menschewiki. (Die Semstwos waren lokale Re- Revolution")
gierungsgremien, durch die die Liberalen den Zarismus Dieser Konzeption der Menschewiki stellte Lenin „die
reformieren wollten.) Der Kern von Lenins Polemik ist: revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und
„Die bürgerliche Demokratie ist ihrer Natur nach nicht der Bauernschaft" entgegen, eine Konzeption, auf die er am
imstande, diesen Forderungen nachzukommen, sie ist da- ausführlichsten in seiner Broschüre „Zwei Taktiken der So-
her ihrer Natur nach zu Unentschlossenheit und Halb- zialdemokratie in der demokratischen Revolution" vom Juli
schlächtigkeit verurteilt. Die Sozialdemokraten stoßen 1905 eingeht. Lenin ging davon aus, daß die russische Bour-
durch ihre Kritik dieser Halbschlächtigkeit die Liberalen geoisie unfähig war, die historischen Aufgaben der bürger-
ständig vorwärts, ziehen immer mehr Proletarier und lich-demokratischen Revolution durchzuführen. Er war
Halbproletarier, zum Teil auch Kleinbürger, von der libe- aber davon überzeugt, daß aus einer auf die Bauernschaft
ralen Demokratie auf die Seite der proletarischen Demo- gestützten radikalen populistischen Bewegung eine revolu-
kratie herüber... tionär-demokratische Massenpartei entstehen könne und
Die bürgerliche Opposition ist ja deshalb nur eine bür- werde. (Bezeichnenderweise hielt Lenin die Sozialrevolu-
gerliche und nur eine Opposition, weil sie nicht selber tionäre nicht für eine solche Partei. Er betrachtete sie als ei-
kämpft und kein eigenes Programm hat, das sie vorbe- ne „Intellektuellengruppe", die noch am Terrorismus hing.)
haltlos verficht, weil sie zwischen den beiden kämpfen- Das Bündnis zwischen der bäuerlichen revolutionär-demo-
den Lagern (der Regierung und dem revolutionären Pro- kratischen und der proletarischen sozialdemokratischen
letariat mit seinem wenig zahlreichen intellektuellen Partei, einschließlich der Koalition in einer „provisorischen
Anhang) steht und das Ergebnis des Kampfes auf ihr revolutionären Regierung", würde den Absolutismus stür-
Konto verbucht." zen und ein radikal-demokratisches Programm durchführen
Diese Differenz über die Rolle der liberalen Bourgeoisie — das „Minimalprogramm der Russischen Sozialdemokra-
in der antizaristischen Revolution war die Hauptfrage auf tischen Arbeiterpartei (SDAPR). Der operative Kern von
den konkurrierenden Versammlungen der Menschewiki und Lenins Strategie wurde auf dem rein bolschewistischen III.
der Bolschewiki im April 1905. Aus der Prämisse der Men- Parteitag der SDAPR angenommen:
schewiki, die liberale bürgerliche Partei müsse mit dem Sturz „...je nach dem Kräfteverhältnis und den anderen Fak-
des Absolutismus an die Macht kommen, folgte ihre Posi- toren, die im voraus nicht genau bestimmt werden kön-
tion, daß die sozialdemokratische Partei, egal wie stark sie nen, ist die Teilnahme von Bevollmächtigten unserer Par-
sei, die zaristische Regierung militärisch nicht stürzen solle. tei an der provisorischen revolutionären Regierung zu
„... die allgemeine Tendenz [...], die Bedeutung
der Elemente der Bewußtheit im proletarischen
Kampf herabzusetzen und sie den Elementen der
Spontaneität unterzuordnen... In taktischen Fra-
gen zeigen sie [die Menschewiki] das Bestreben
das Ausmaß der Parteiarbeit einzuengen, indem
sie sich dagegen aussprechen, daß die Taktik der
Partei gegenüber den bürgerlich-liberalen Partei-
en völlig unabhängig ist, daß die Übernahme der
organisierenden Rolle im Volksaufstand durch
unsere Partei möglich und wünschenswert ist und
daß unsere Partei unter bestimmten Bedingun-
gen an einer provisorischen demokratisch-revolu-
tionären Regierung teilnimmt." (Zitiert in „Zwei
Taktiken...")
Bekanntlich trabten nicht alle führenden Men-
schewiki von 1903 im Jahre 1905 den Liberalen nach.
Im Laufe des Jahres 1904 entwickelte der junge
Trotzki in bezug auf Rußland die Theorie der „per-
manenten Revolution". Aufgrund der ungleichmäßi-
gen Entwicklung Rußlands würde sich keine revolu-
tionäre bürgerlich-demokratische Kraft entwickeln,
Dietz Verlag
die den Absolutismus stürzen würde, auch keine
Blutsonntag, 9. Januar 1905: Arbeiter marschieren zum Winter- bäuerliche radikale populistische Partei. Die proleta-
palais, um Zar Nikolaus II. eine Petition zu übergeben. Ohne rische Partei wäre bei der Durchführung der anti-
Warnung schießt die Garde in die Menge, tötet 300 und ver- absolutistischen Revolution gezwungen, die Staats-
wundet 3000 macht zu ergreifen und auch die ersten Ansätze der
Vergesellschaftung durchzuführen. Wenn die russi-
dem Zweck zulässig, alle konterrevolutionären An- sche proletarische Revolution sich nicht auf das fortgeschrit-
schläge schonungslos zu bekämpfen und die selbständi- tene kapitalistische Europa ausweitete, würde der rückstän-
gen Interessen der Arbeiterklasse zu wahren ..." (zitiert dige Arbeiterstaat zwangsläufig durch die imperialistische
in „Zwei Taktiken...") Reaktion gestürzt. Mit der Position der „permanenten
Als Lenin seine Konzeption der „revolutionär-demokra- Revolution" stand Trotzki in der Frage der revolutionären
tischen Diktatur" entwickelte, ging es ihm in erster Linie um Strategie links von den Leninisten, aber er blieb, abgesehen
die Motivierung einer militärisch und politisch aktiven Rolle von einem historischen Augenblick 1905, eine isolierte Figur
der russischen Sozialdemokratie in der Revolution. Über in der russischen Vorkriegssozialdemokratie.
das künftige Schicksal der „revolutionär-demokratischen
Diktatur" äußerte sich Lenin absichtlich vage; es ist klar, Revolution und Massenrekrutierung
daß er sie nicht für eine stabile Form der Klassenherrschaft Die Differenzen mit den Menschewiki über den Charak-
hielt. In „Zwei Taktiken..." bekräftigt er: ter der russischen Revolution schwächten die Versöhnler
„Die revolutionär-demokratische Diktatur des Proleta- unter den Bolschewiki, die für eine Wiedervereinigung der
riats und der Bauernschaft ist zweifellos nur eine vor- SDAPR waren, ließen sie aber nicht völlig verschwinden.
übergehende, zeitweilige Aufgabe der Sozialisten, aber Doch der revolutionäre Aufschwung rief neue Trennlinien
es ist geradezu reaktionär, diese Aufgabe in der Epoche im bolschewistischen Lager hervor, und diesmal bezog Lenin
der demokratischen Revolution zu ignorieren." eine für ihn ungewohnte Position in der Organisationsfrage.
Die künftige Entwicklung der russischen Gesellschaft ab Im Zuge der Massenradikalisierung, besonders nach dem
der „revolutionär-demokratischen Diktatur" würde vom Blutsonntag am 9. Januar 1905, waren Zehntausende mili-
Kräfteverhältnis der Klassen nicht nur in Rußland, sondern tanter junger Arbeiter bereit, in eine revolutionäre soziali-
in ganz Europa bestimmt werden. Lenins Formulierung ist stische Partei einzutreten, sich den Bolschewiki anzuschlie-
daher eine algebraische Konzeption. Träfe der revolutionär- ßen. Viele bolschewistische „Komiteeleute" (die Kader, die
ste Fall ein, würde sie in Richtung von Trotzkis „perma- unter den schwierigen Bedingungen der Klandestinität
nenter Revolution" tendieren: eine radikal-demokratische gefestigte sozialdemokratische Zellen aufgebaut hatten)
Revolution in Rußland ist der Funke für die proletarische sträubten sich jedoch gegen eine radikale Änderung des
Revolution in Europa, was unmittelbar die sozialistische Charakters und der Funktionsweise ihrer Organisation, weil
Revolution in Rußland ermöglicht. Bei einem Sieg der Re- sie an das kleine Untergrundnetz gewöhnt waren. Sie waren
aktion wird die „revolutionär-demokratische Diktatur" zu gegen eine Politik der Massenrekrutierung und bestanden
einer revolutionären Episode, etwas Ähnliches wie die Dik- darauf, an einer längeren Periode der Anleitung als Vorbe-
tatur der Jakobiner 1793 oder die Pariser Kommune 1871, dingung für die Mitgliedschaft festzuhalten.
und ermöglicht die Stabilisierung einer normalen bürger- Lenin bekämpfte unnachgiebig diesen Apparatkonserva-
lich-demokratischen Herrschaft. tismus und wollte die Bolschewiki von einer agitatorischen
Anfang 1905 war die Frage der politischen Dynamik der Organisation in eine proletarische Massenpartei verwan-
Revolution zum Hauptstreitpunkt zwischen Bolschewismus deln. Schon im Februar 1905 drückte Lenin in dem Artikel
und Menschewismus geworden anstelle der engen Organisa- „Neue Aufgaben und neue Kräfte" seine Sorge darüber aus,
tionsfrage. Die Kritik an den Menschewiki, die auf dem Par- daß die Radikalisierung der Massen bei weitem das Wachs-
teitag der Bolschewiki im April 1905 angenommen wurde, tum der bolschewistischen Organisation übertreffe:
erwähnte tatsächlich noch nicht einmal die Frage, die die ur- „Man muß den Bestand aller Parteiorganisationen und
sprüngliche Spaltung ausgelöst hatte. Statt dessen verurteil- aller der Partei nahestehenden Organisationen stark
te sie die Menschewiki wegen ihres Ökonomismus und ihrer erweitern, um mit dem hundertfach stärker gewordenen
Nachtrabpolitik gegenüber den Liberalen: Strom der revolutionären Energie des Volkes auch nur
einigermaßen Schritt halten zu können. Das bedeutet den Sowjets. Der äußerst wichtige Sowjet (Rat) der Arbei-
selbstverständlich nicht, daß man die ständige Ausbil- terdeputierten in St. Petersburg entstand im Oktober 1905
dung und systematische Unterweisung in den Erkennt- als zentralisiertes Generalstreikkomitee. Die Menschewiki
nissen des Marxismus zurücktreten lassen soll. Gewiß begrüßten die Gewerkschaften und die Sowjets gerade we-
nicht; man darf aber nicht vergessen, daß jetzt von viel gen ihres lockeren, politisch heterogenen Charakters, doch
größerer Bedeutung für die Ausbildung und Unter- ein Teil der bolschewistischen Führung mißtraute solchen
weisung die Kampfhandlungen selbst sind, die die Un- Organisationen als Konkurrenten zur Partei.
ausgebildeten eben in unserem, ganz in unserem Sinne So verfaßte das bolschewistische Zentralkomitee in Ruß-
unterrichten. Man darf nicht vergessen, daß unsere Dok- land im Oktober 1905 (Lenin war noch im Exil) einen „Brief
trinäre' Treue zum Marxismus jetzt dadurch bekräftigt an alle Parteiorganisationen", worin stand:
wird, daß der Gang der revolutionären Ereignisse überall „Jede derartige Organisation entspricht einem bestimm-
der Masse Anschauungsunterricht erteilt und daß alle diese ten Stadium in der politischen Entwicklung des Proleta-
Unterrichtsstunden gerade unser Dogma bestätigen... riats; wenn sie aber außerhalb der Sozialdemokratie
Notwendig ist es, kühner, schneller und in breiterem Um- steht, läuft sie objektiv Gefahr, das Proletariat auf einem
fang junge Kämpfer für alle, auch für die letzten unserer politisch primitiven Niveau zu halten und es dadurch den
Organisationen zu werben. Zu diesem Zweck ist es not- bürgerlichen Parteien unterzuordnen." (zitiert in Tony
wendig, ohne eine Minute zu verlieren, Hunderte neuer Cliff, Lenin, Bd. I: Building the Party, 1975)
Organisationen zu gründen. Jawohl, Hunderte, das ist Die anfängliche sektiererische Haltung der Bolschewiki
keine Übertreibung, und erwidert mir nicht, es sei jetzt gegenüber den Sowjets erlaubte es den Menschewiki, darin
,zu spät', sich mit einer solch umfangreichen Organisa- das politische Vakuum zu füllen und dadurch eine führende
tionsarbeit zu befassen. Nein, es ist niemals zu spät, sich Rolle zu spielen. So wurde Trotzki 1905 als Führer des
zu organisieren. Die Freiheit, die wir gesetzlich erringen, Petersburger Sowjets zum prominentesten revolutionären
und die Freiheit, deren wir uns ohne Gesetz bemäch- Sozialisten.
tigen, müssen wir dazu ausnutzen, die verschiedenen Genauso wie Lenin für eine Politik der Massenrekrutie-
Parteiorganisationen zu vervielfachen und alle, bis zur rung kämpfte, intervenierte er, um die Haltung des sektie-
letzten, zu stärken." (Hervorhebung im Original) rerischen Abstentionismus gegenüber den Sowjets zu kor-
Der Konflikt zwischen Lenins Politik der Massenrekru- rigieren. In einem Brief an die bolschewistische Presse,
tierung und den konservativen Komiteeleuten war eine der „Unsere Aufgaben und der Sowjet der Arbeiterdeputierten"
hitzigsten Streitfragen auf dem Parteitag der Bolschewiki im (November 1905), schrieb er:
April 1905. Lenins Antrag dazu wurde sogar von einer knap- „... Sowjet der Arbeiterdeputierten oder Partei? Mir
pen Mehrheit abgelehnt. Dieser Antrag ruft die Bolschewiki scheint, man darf die Frage nicht so stellen, die Antwort
dazu auf, muß unbedingt lauten: Sowohl Sowjet der Arbeiterdepu-
„... mit allen Kräften die Verbindung dieser Partei mit tierten als auch Partei. Die Frage — eine äußerst wichtige
der Masse der Arbeiterklasse zu festigen, immer breitere Frage — besteht lediglich darin, wie die Aufgaben des
Schichten von Proletariern und Halbproletariern zum Sowjets und die Aufgaben der Sozialdemokratischen
vollen sozialdemokratischen Bewußtsein emporzuheben, Arbeiterpartei Rußlands voneinander abzugrenzen und
ihre revolutionäre und sozialdemokratische Selbsttätig- miteinander zu verbinden sind.
keit zu entwickeln und dafür zu sorgen, daß die Arbei- Mir scheint, es wäre nicht zweckmäßig, wenn sich der So-
termasse selber eine möglichst große Zahl von Arbeitern wjet voll und ganz irgendeiner einzigen Partei an-
hervorbringt, die wirklich fähig sind, die Bewegung und schließen würde." (Hervorhebung im Original)
alle Organisationen der Partei zu leiten... möglichst viele Wie Trotzki sah Lenin in den Sowjets die organisatorische
unserer Partei angehörende Arbeiterorganisationen zu Basis für eine revolutionäre Regierung:
schaffen..." („Resolution über das Verhältnis zwischen „Meines Erachtens ist der Sowjet der Arbeiterdeputierten
Arbeitern und Intellektuellen, in der Sozialdemokra- als politisch führendes revolutionäres Zentrum keine zu
tischen Partei", Februar 1905) breite, sondern im Gegenteil eine zu enge Organisation.
Aus Opposition gegen die Politik der Massenrekrutie- Der Sowjet muß sich zur provisorischen revolutionären
rung zitierten die konservativen bolschewistischen Komitee- Regierung ausrufen oder eine solche bilden und hierzu
leute Was tun? mit der Linie: „Je enger, desto besser". Dar- unbedingt neue Deputierte nicht nur der Arbeiter, son-
auf antwortete Lenin, daß seine Polemik von 1902 als dern auch erstens der Matrosen und Soldaten ..., zweitens
Leitfaden zur Bildung einer oppositionellen Gruppierung der revolutionären Bauernschaft und drittens der revo-
innerhalb einer politisch heterogenen Bewegung von Pro- lutionären bürgerlichen Intelligenz heranziehen. Der
pagandazirkeln im Untergrund dienen sollte. Die Aufgaben Sowjet muß einen starken Kern für die provisorische
der bolschewistischen Organisation Anfang 1905 waren revolutionäre Regierung auswählen und diesen Kern
gelinde gesagt andere. durch Vertreter aller revolutionären Parteien und aller
Lenin hatte absolut Recht, die konservative Haltung zur revolutionären (aber natürlich nur der revolutionären und
Rekrutierung während der Revolution von 1905 zu be- nicht der liberalen) Demokraten ergänzen." (ebenda)
kämpfen. Wenn die Zehntausende subjektiv revolutionärer, Lenins positive Orientierung auf die Gewerkschaften
aber politisch unerfahrener junger Arbeiter, die hervortra- und Sowjets 1905 stellte keine Änderung seiner früheren
ten, nicht von den Bolschewiki rekrutiert würden, würden Position zur Avantgardepartei dar. Im Gegenteil: Für das
sie sich natürlich den opportunistischen Menschewiki, den Konzept der Avantgardepartei sind sehr breite Organisa-
radikal-populistischen Sozialrevolutionären oder den Anar- tionen, durch die die Partei die Masse der rückständigeren
chisten anschließen. Die revolutionäre Partei wäre einer Arbeiter führen kann, eine Voraussetzung, ja sogar eine
großen und wichtigen proletarischen Generation beraubt. Notwendigkeit. In Was tun? ist das Verhältnis der Partei zu
Ohne Massenrekrutierung wäre die bolschewistische Partei den Gewerkschaften sehr klar ausgedrückt:
während der Revolution und danach sterilisiert worden. „Die Organisationen der Arbeiter für den ökonomischen
Ein weiterer Aspekt des Apparatkonservatismus der bol- Kampf müssen Gewerkschaftsorganisationen sein. Jeder
schewistischen Komiteeleute war eine sektiererische Hal- sozialdemokratische Arbeiter hat diese Organisationen
tung gegenüber den durch die Revolution geschaffenen nach Möglichkeit zu unterstützen und aktiv in ihnen zu
Massenorganisationen: den Gewerkschaften und vor allem arbeiten. Das ist richtig. Es liegt aber durchaus nicht in
unserem Interesse, zu fordern, daß nur Sozialdemo- hat keine Demagogie betrieben. Das geht aus der schon
kraten Mitglieder der ,Gewerk'verbände sein dürfen: das zitierten Passage aus „Neue Aufgaben und neue Kräfte"
würde den Bereich unseres Einflusses auf die Massen klar hervor. Er war auch nicht der Meinung, daß breite Re-
einengen. Mag am Gewerkverband jeder Arbeiter teil- krutierung verminderte Verantwortung und Disziplin der
nehmen, der die Notwendigkeit des Zusammenschlusses Mitgliedschaft notwendig mache. Im April 1905 ersetzte der
zum Kampfe gegen die Unternehmer und gegen die bolschewistische Parteitag Martows lose Definition der Mit-
Regierung erkennt. Das eigentliche Ziel der Gewerk- gliedschaft aus dem Jahre 1903 durch Lenins Position der
verbände wäre gar nicht zu erreichen, wenn sie nicht alle formell festgelegten Teilnahme an der Organisation. Lenin
zusammenfaßten, denen diese, sei es auch nur diese eine, meinte auch nicht, die Verwandlung der Bolschewiki in eine
elementare Stufe der Erkenntnis zugänglich ist, wenn Arbeitermassenpartei müsse eine bedeutende Lockerung
diese Gewerkverbände nicht sehr breite Organisationen des organisatorischen Zentralismus mit sich bringen. In die-
wären. Und je breiter diese Organisationen sind, um so ser ganzen Periode bekräftigte er seine Überzeugung, daß
größer wird unser Einfluß auf sie sein..." (Hervorhebung der Zentralismus ein grundsätzliches organisatorisches Prin-
im Original) zip der revolutionären Sozialdemokratie sei. Zum Beispiel
schrieb er in dem Artikel „Der Jenaer Parteitag der Sozial-
Hat Lenin Was tun? abgeschworen? demokratischen Partei Deutschlands" (September 1905):
So gut wie jeder rechte Revisionist hat sich auf Lenins „Wichtig ist, den äußerst charakteristischen Grundzug
Kampf für eine Politik der Massenrekrutierung und gegen dieser Änderung [des SPD-Parteistatuts] zu betonen: die
den Apparatkonservatismus gestürzt und argumentiert, der Tendenz zur weiteren, vollständigeren und strengeren
Gründer des modernen Kommunismus habe damals die Durchführung des Zentralismus, zur Schaffung einer
Prinzipien von Was tun? ein für alle Mal verworfen. Der festeren Organisation...
britische Arbeitertümler-Reformist Tony Cliff zog aus den Im großen und ganzen sehen wir hier deutlich, daß das
Ereignissen von 1905 den Schluß: Wachstum der sozialdemokratischen Bewegung und ihre
„Was die Idee betrifft, daß sozialistisches Bewußtsein nur zunehmende Revolutionierung unbedingt und unver-
von ,außen' hineingetragen werden und die Arbeiter- meidlich zu einer konsequenteren Anwendung des Zen-
klasse spontan nur rein gewerkschaftliches Bewußtsein tralismus führen." (Hervorhebung im Original)
erreichen könne, formulierte Lenin nun seine Schlußfol-
gerung in Begriffen, die denen von Was tun? genau entge- Auf der Grundlage von Was tun? aufbauen
gengesetzt waren. In einem Artikel vom November 1905, In welcher Hinsicht hielt Lenin denn Was tun? für nicht
.Über die Reorganisation der Partei', sagt er gerade- anwendbar auf die Aufgaben, vor denen die Bolschewiki
heraus, ,Die Arbeiterklasse ist instinktiv und spontan 1905 standen? 1905 trat Lenin dafür ein, das bis dahin nor-
sozialdemokratisch'." (ebenda) male Niveau politischer Erfahrung und Kenntnisse zu sen-
Jean-Jacques Marie, ein Führer der französischen neo- ken, das für die Rekrutierung zur Partei und auch für Ver-
kautskyanischen Organisation Communiste Internationali- antwortlichkeiten in der Führung notwendig war. Und diese
ste, sagt praktisch das gleiche: Änderung betraf nicht so sehr Lenins Konzeption der
„Lenin gab die Rigidität in der Definition auf, die er dem Avantgardepartei als vielmehr das Bewußtsein des russi-
Verhältnis zwischen .Bewußtsein' und Spontaneität' schen Proletariats. Unter den Bedingungen der Illegalität
gegeben hatte. Nach dem II. Parteitag (August 1903) 1902/03 würde nur eine kleine Zahl fortgeschrittener Arbei-
bemerkte er, daß er .übertrieben' bzw. den ,von den Öko- ter am Programm der revolutionären Sozialdemokratie fest-
nomisten überspannte[n] Bogen wieder ausgerichtet' halten — und dabei Verhaftung und Exil riskieren — und
habe. Die Revolution 1905 konnte ihn nur zwingen, die die Disziplin der neu gegründeten und fraktionell zerstrit-
historische Funktion, die Was tun? für einen bestimmten tenen SDAPR anerkennen. Nach dem Blutsonntag wollten
Zeitpunkt hatte, hervorzuheben." (Einleitung zu Que Zehntausende militante junge Arbeiter und auch radikale
faire?, 1966) Kleinbürger revolutionäre Sozialdemokraten werden, so-
Weil Reformisten und Zentristen aller Art Lenins Kampf fern sie begriffen, was das hieß. Breite Rekrutierung 1902/03
1905 gegen den Apparatkonservatismus zu antileninisti- hätte die revolutionären Elemente der SDAPR unter einer
schen Zwecken ausschlachten, ist es äußerst wichtig, die Masse von rückständigen, russisch-orthodoxen, liberal-zari-
Fragen dieser Auseinandersetzung genau zu bestimmen. stischen Arbeitern erstickt. 1905 war die solide bolschewisti-
Welchen Aspekt bzw. welche Aspekte von Was tun? hielt sche Kaderorganisation imstande, eine große Anzahl radi-
Lenin 1905 für nicht mehr relevant? kalisierter, wenn auch politisch unerfahrener, Arbeiter zu
Lenin hat seine Position über das Verhältnis zwischen assimilieren.
Bewußtsein und Spontaneität nicht geändert. 1905 und bis Lenins Politik der Massenrekrutierung 1905 war weder
zu seinem Tod bestand er darauf, daß einzig und allein die eine Ablehnung noch eine Korrektur der in Was tun? aus-
revolutionäre Avantgardepartei den bewußten Ausdruck gedrückten Grundsätze, sondern beruhte darauf, daß sie
der historischen Interessen des Proletariats darstellt. Wie erfolgreich in die Tat umgesetzt wurden. Eine notwendige
schon bemerkt, verurteilte der bolschewistische Parteitag im Voraussetzung einer breiten Rekrutierungskampagne wäh-
April 1905, auf dem Lenin für eine Massenrekrutierungs- rend einer revolutionären Krise ist eine politisch homogene
kampagne kämpfte, die Menschewiki wegen ihrer „allge- Kaderorganisation. Dies erklärt Lenin auch ausdrücklich in
meine[n] Tendenz ..., die Bedeutung der Elemente der Be- einem Absatz, den Cliff zwar zitiert, aber entweder nicht
wußtheit im proletarischen Kampf herabzusetzen und sie verstehen will oder nicht verstehen kann:
den Elementen der Spontaneität unterzuordnen..." Die „Eine Gefahr könnte man darin sehen, daß mit einem-
„jungen Kämpfer" und möglichen Rekruten von 1905 hielt mal Massen von NichtSozialdemokraten in die Partei
Lenin nicht für politisch fortgeschrittener als die konser- strömen. Dann würde die Partei in der Masse aufgehen,
vativen bolschewistischen Komiteeleute. Im Gegenteil, er sie würde aufhören, der bewußte Vortrupp der Klasse zu
bestand darauf, die erfahrenen, gestählten Komiteeleute sein, sie würde in den Nachtrab geraten. Das wäre
könnten und müßten die subjektiv revolutionären „jungen unbedingt eine beklagenswerte Periode. Und diese Ge-
Kämpfer" auf ihr eigenes Niveau heben. fahr könnte zweifelsohne höchst ernste Bedeutung erlan-
Lenin hat das revolutionäre Programm der Partei nicht gen, wenn bei uns Neigung zur Demagogie vorhanden
verwässert, um die rückständigeren Arbeiter anzulocken; er wäre, wenn die Grundlagen des Parteilebens (Programm,
taktische Regeln, organisatorische Erfahrung) völlig fehl- fügt, sollte sie versuchen, alle zu rekrutieren, die eine gesun-
ten oder schwach und brüchig wären. Aber der springen- de Motivation zu haben scheinen, die wirklich für das revo-
de Punkt ist eben, daß dieses ,Wenn' gar nicht vorhanden lutionäre marxistische Programm eintreten, so gut sie es
ist... [W]ir haben ... von den in die Partei Eintretenden verstehen. Der Prozeß, in dem Mitglieder ausgewählt und
Klassenbewußtsein verlangt, die gewaltige Bedeutung geschult werden, findet dann intern statt.
der Kontinuität in der Parteientwicklung stets unterstri- Die Massenrekrutierung während einer Revolution ist in
chen, Disziplin und Erziehung aller Parteimitglieder in extremer Form ein allgemeines Merkmal für Wachstum und
einer der Parteiorganisationen propagiert. Wir haben Entwicklung der Partei. Der Übergang von einem Propa-
unser feststehendes Programm, das von allen Sozial- gandazirkel zu einer proletarischen Massenpartei ist kein
demokraten offiziell anerkannt ist und keinerlei Kritik gleichmäßiger, geradliniger Prozeß. Auf Zeiten rapiden
seiner wesentlichen Grundsätze hervorgerufen hat ... Wachstums und rapider Ausdehnung in neue Milieus folgt
Wir haben taktische Resolutionen, die auf dem II. und charakteristischerweise eine Zeit der Konsolidierung, in der
III. Parteitag sowie in langjähriger Arbeit der sozial- sich die Partei in einer gewissen Weise nach innen kehrt, was
demokratischen Presse konsequent und systematisch zur Herauskristallisierung einer neuen Schicht von Kadern
erarbeitet worden sind. Wir haben auch gewisse organi- führt.
satorische Erfahrungen und eine wirkliche Organisation, Im Juni 1907 veröffentlichte Lenin einen Sammelband
die eine erzieherische Rolle gespielt und zweifellos seiner wichtigsten Schriften unter dem Titel 12 Jahre. Zu
Früchte getragen hat ..." („Über die Reorganisation der dieser Zeit waren die Bolschewiki noch eine legale Massen-
Partei", November 1905, Hervorhebung im Original) organisation mit schätzungsweise 45000 Mitgliedern. Der
Eine schwache Propagandagruppe oder eine kleine, Sieg der zaristischen Reaktion hatte die Bolschewiki noch
heterogene Partei, die während eines revolutionären Auf- nicht auf ein relativ kleines Untergrundnetz reduziert. Die
schwungs ihre Tore weit öffnet, wird von unreifen, impres- Bolschewiki befanden sich Anfang 1907 in einem ganz an-
sionistischen, unbeständigen Elementen überflutet werden, deren Zustand und waren mit einer ganz anderen Situation
die die Partei in die Katastrophe führen. Genau das pas- konfrontiert als die Iskristen 1902/03.
sierte dem deutschen Spartakusbund von Luxemburg und Lenin mußte daher den historischen Zusammenhang
Liebknecht 1918/19. Lenins Bolschewiki konnten 1905 das und den unmittelbaren fraktionellen Zweck von Was tun?
tragische Schicksal des Spartakusbundes vermeiden, weil sie erklären und hervorheben. In seinem Vorwort zu 12 Jahre
in den vorangegangenen fünf Jahren eine Organisation nach bemerkt er:
den Grundsätzen von Was tun? aufgebaut hatten. „... ich wandte den später so oft zitierten Vergleich mit
Im Unterschied zu den Bolschewiki wurden die Men- dem überspannten Bogen an. In Was tun?' wird der von
schewiki gewissermaßen von den Massen ihrer radikalisier- den .Ökonomisten' überspannte Bogen wieder ausge-
ten neuen Mitglieder überflutet. Unter der Wucht der sich richtet, sagte ich...
vertiefenden Revolution spaltete sich praktisch die Führung Der Sinn dieser Worte ist klar: Was tun?' korrigiert pole-
der Menschewiki. Martows wichtigster Offizier, Theodor misch den ,Ökonomismus', und es ist falsch, den Inhalt
Dan, und (ausgerechnet) Martynow unterstützten Trotzkis der Broschüre außerhalb dieser Aufgabe zu betrachten."
Kampagne für eine „Arbeiterregierung". Martow und Ple- Jeder rechte Revisionist (z. B. Tony Cliff, J.-J. Marie) hat
chanow hielten an der offiziellen Position der Menschewiki sich auf diese wenigen Sätze gestürzt, als ob sie ein Ge-
fest, dem Kampf um die Staatsmacht fernzubleiben. So stan- schenk des Himmels wären, um zu behaupten, Lenin habe
den in der Revolution 1905 die zwei Vertreter des Mensche- Was tun? für eine übertriebene und historisch veraltete
wismus mit der höchsten Autorität isoliert auf dem rechten politische Erklärung gehalten. Dies ist eine grundsätzliche
Flügel ihrer eigenen Tendenz. Entstellung dessen, was Lenin gemeint hat. Was tun? schien
Es ist zu bezweifeln, daß Lenin dachte, die meisten von 1907 einseitig zu sein, denn diese Schrift handelte davon,
denen, die 1905 rekrutiert wurden, würden langfristig Bol- aus einer losen Bewegung von Propagandazirkeln eine agi-
schewiki bleiben, besonders wenn die Revolution scheiterte tatorische Partei von Berufsrevolutionären herauszukristal-
(was geschah) und eine Periode der Reaktion einsetzte. lisieren. Diese Polemik von 1902 behandelte weder die
Aber bei denjenigen, die erst 1905 in den revolutionären Umwandlung einer solchen agitatorischen Organisation in
Kampf traten, war es schwierig, zwischen den wirklich fort- eine proletarische Massenpartei noch die Probleme und
geschrittenen und den politisch rückständigen oder entfernt Aufgaben einer revolutionären Massenpartei.
stehenden Elementen zu unterscheiden, zwischen den ernst- Im gleichen Vorwort von 12 Jahre betont Lenin, daß der
haften Revolutionären und denjenigen, die einfach im aufre- Aufbau einer Organisation von Berufsrevolutionären eine
genden Augenblick mitgerissen wurden. Nur Zeit und in- notwendige Etappe beim Aufbau einer revolutionären pro-
terne Kämpfe würden die künftigen Bolschewiki, die im letarischen Massenpartei ist, deren lebenswichtigen harten
Laufe der Revolution von 1905 rekrutiert worden waren, von Kern diese Berufsrevolutionäre bilden. Er wies darauf hin,
den zufällig Zugestoßenen trennen. In der Revolution von daß die Komiteeleute der Iskra -Periode die Basis aller fol-
1905 bestand die wirkliche bolschewistische Partei weiterhin genden bolschewistischen Organisationen bildeten:
aus den Komiteeleuten der Iskra-Periode; die neuen Mitglie- „Man fragt sich: Wer hat denn diese große Geschlos-
der waren in Wirklichkeit Mitgliedschaftskandidaten. senheit, Festigkeit und Widerstandsfähigkeit unserer
Unter normalen Verhältnissen wird eine revolutionäre Partei geschaffen und in die Wirklichkeit umgesetzt? Das
Organisation zum Großteil ihre neuen Mitglieder aus- hat die größtenteils unter Mitwirkung der ,Iskra' ins
wählen, schulen und trainieren, bevor sie eintreten. Dieser Leben gerufene Organisation der Berufsrevolutionäre
Prozeß der Vorbereitung findet oft in einer Übergangs- getan. Wer die Geschichte unserer Partei gut kennt, wer
organisation statt (Frauensektion, Jugendgruppe, Gewerk- selbst ihren Aufbau miterlebt hat, dem genügt ein
schaftsfraktion). Doch während eines revolutionären Auf- einfacher Blick auf die Zusammensetzung der Delega-
schwungs kann ja eine solche relativ lange Phase vor der tion irgendeiner Fraktion, sagen wir, des Londoner Par-
Mitgliedschaft die Avantgardepartei um manche der besten teitags [1907], um sich davon zu überzeugen, um sofort
jungen Kämpfer bringen, die sich durch die Partei voll und den alten Grundstock der Partei zu entdecken, wer die
ganz politisch betätigen wollen. Wenn die Avantgardepartei Partei am eifrigsten gehegt, gepflegt und großgezogen
über einen genügend großen Kern von soliden Kadern ver- hat." (ebenda)
PARTEI,
FRAKTION
UND
„FREIHEIT DER KRITIK"

Die Entstehung von Differenzen zu den Menschewiki über wistische Organisation eintraten, nicht dem Programm
die Rolle des bürgerlichen Liberalismus in der Revolution ihrer jeweiligen Führung. In seiner Stalin-Biographie von
schwächte zwar die Kräfte des Versöhnlertums im bolsche- 1940 bemerkte Trotzki, daß die Mitglieder der Mensche-
wistischen Lager, ließ sie aber nicht verschwinden. Auf dem wiki im Jahre 1905 Lenins Position über die Rolle der
rein bolschewistischen III. Parteitag der Russischen Sozial- Sozialdemokratie in der Revolution näher standen als der
demokratischen Arbeiterpartei (SDAPR) im April 1905 Plechanows.
befand sich Lenin bei der Frage, wie man mit den Men- Der Drang nach Einheit war so stark, daß auf lokaler
schewiki umgehen soll, in der Minderheit. Er wollte die Ebene mehrere Komitees der Bolschewiki einfach mit den
Menschewiki, die den Parteitag boykottiert hatten, aus der entsprechenden menschewistischen Gremien fusionierten,
SDAPR ausschließen. Die Mehrheit der Delegierten war zu obwohl ihre Führung dagegen war. In seinen Memoiren,
einem solch extremen Schritt nicht bereit. Der Parteitag geschrieben in den 20er Jahren, schildert der Altbolschewik
nahm einen Antrag an, der es den Menschewiki erlaubte, in Ossip Pjatnizki die Situation in der sozialdemokratischen
einer einheitlichen SDAPR zu bleiben unter der Bedingung, Bewegung in Odessa Ende 1905:
daß sie die Führung der bolschewistischen Mehrheit „Dem [bolschewistischen führenden] Parteikomitee war
anerkennen und die Parteidisziplin einhalten. Selbstver- es klar, daß der Vorschlag der sofortigen Einigung
ständlich lehnten die Menschewiki solche Einheitsbedin- sowohl bei uns wie bei den Menschewiki mit einer ge-
gungen kurzerhand ab. waltigen Stimmenmehrheit angenommen werden würde,
Zwar vertiefte der Beginn der Revolution von 1905 die denn überall, wo die Anhänger der sofortigen Einigung
Spaltung zwischen Bolschewismus und Menschewismus, auftraten, bekamen sie die Stimmen aller Anwesenden.
doch die weitere Entwicklung der Revolution erzeugte Unser bolschewistisches Parteikomitee war deshalb ge-
einen übermächtigen Druck hin zur Wiedervereinigung der zwungen, Bedingungen für eine Einigung auszuarbeiten,
russischen Sozialdemokratie. Eine Reihe von Faktoren, die ohne selbst diese Einigung zu wollen. Das aber mußte ge-
sich alle gegenseitig verstärkten, riefen bei den Mitgliedern tan werden, weil sonst die Einigung bedingungslos vor
beider Tendenzen eine gewaltige Stimmung für die Einheit sich gegangen wäre." {Aufzeichnungen eines Bolschewiks,
hervor. Der gemeinsame militärische Kampf gegen den zari- Oberbaumverlag, Berlin 1972)
stischen Staat schuf ein starkes Solidaritätsgefühl bei In seinem Buch über die Geschichte der Bolschewiki aus
Rußlands fortgeschrittenen Arbeitern, den Kämpfern und dem Jahr 1923 faßt Grigori Sinowjew die Vereinigung von
Anhängern der sozialdemokratischen Bewegung. 1906 wie folgt zusammen:
Im Sommer 1905 bestand eine große Mehrheit beider „Damals waren die Stäbe der Bolschewiki und Men-
Tendenzen aus neuen, jungen Rekruten, die weder den schewiki infolge der revolutionären Kämpfe von Ende
Kampf des Iskrismus gegen die Ökonomisten noch die 1905 und unter dem Einfluß der Massen gezwungen, sich
Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki 1903 und zusammenzuschließen... Im Grunde genommen haben
ihre Folgen miterlebt hatten. Für die Mehrheit der russi- die Massen zwei oder drei Mal gezwungen, sich mit den
schen sozialdemokratischen Arbeiter war daher die orga- Menschewiki zu versöhnen." {Geschichte der Kommuni-
nisatorische Spaltung unverständlich und schien ihre stischen Partei Rußlands [Bolschewiki], Nachdruck 1972)
Ursprünge in „grauer Vorzeit" zu haben. Die allgemeine Vielleicht vereinfacht Sinowjew die Dinge zu sehr. Es ist
Überzeugung, daß die Differenzen innerhalb der russischen unwahrscheinlich, daß Lenin einfach vor dem Druck von
Sozialdemokratie nicht wichtig wären, wurde durch das unten kapitulierte. Der überwältigende Wunsch nach Ein-
politische Durcheinander bei den führenden Mensche- heit bedeutete, daß die organisatorischen Trennlinien nicht
wiki verstärkt. Der bekannteste Menschewik 1905 war mehr dem politischen Bewußtsein der jeweiligen Mitglied-
Trotzki, Vorsitzender des Petersburger Sowjets, der in schaft entsprachen. Manche der jungen Rekruten der Bol-
bezug auf die Ziele und Perspektiven der Revolution links schewiki standen tatsächlich den linken Menschewiki näher,
von Lenin stand. So entsprach die politische Einstellung und umgekehrt. Eine Periode des internen Kampfes war
vieler, die 1905 in die bolschewistische oder mensche- notwendig, um die 1905 in die sozialdemokratische Be-
wegung eingetretenen revolutionären Elemente von den sischen Sozialdemokratie. Zweitens befürworteten die Men-
opportunistischen zu trennen. schewiki eine sofortige, organische Fusion und konnten so
an die politische Naivität und den Wunsch nach Einheit bei
Wiedervereinigung den jungen Rekruten appellieren.
Im Herbst 1905 begannen das bolschewistische Zentral- Mit der Niederlage des von den Bolschewiki geführten
komitee und das menschewistische Organisationskomitee Moskauer Aufstands im Dezember 1905 trat eine Wende
Einheitsverhandlungen. Das bolschewistische Zentralkomi- zugunsten der zaristischen Reaktion ein. Während die Bol-
tee in Rußland billigte Fusionen auf örtlicher Ebene als ein schewiki die Siege des Zarismus als vorübergehenden Rück-
Mittel, um die SDAPR als ganze wiederzuvereinigen. Lenin, schlag inmitten einer fortdauernden revolutionären Situa-
der noch in der Schweiz im Exil war, intervenierte ent- tion betrachteten, zogen die Menschewiki den Schluß, daß
schieden, um diese organische Wiedervereinigung von die Revolution vorbei sei. Die Position der Menschewiki
unten zu stoppen. Er bestand darauf, daß die Wieder- entsprach der zunehmend defätistischen Stimmung der
vereinigung an der Spitze stattfinden solle, auf einem neuen Massen in den ersten Monaten des Jahres 1906.
Parteitag, dessen Delegierte auf der fraktionellen Plattform Im Verlauf des IV Parteitages bekräftigte Lenin mehr-
gewählt werden sollten. In einem Brief an das Zentral- mals seine Loyalität gegenüber einer einheitlichen SDAPR.
komitee (3. Oktober 1905) schrieb er: Zum Beispiel schrieb er in einer kurzen Fraktionserklärung
„Wir dürfen die Politik der Vereinigung beider Teile nicht zum Abschluß des Parteitages:
mit dem Durcheinanderbringen beider Teile verwechseln. „Gegen diejenigen Beschlüsse des Parteitags, die wir für
Beide Teile vereinigen — einverstanden. Beide Teile irrig halten, müssen und werden wir ideologisch kämp-
durcheinanderbringen — niemals. Klare Scheidung, das fen. Dabei erklären wir jedoch vor der gesamten Partei,
müssen wir von den Komitees verlangen, danach zwei daß wir gegen jede Spaltung sind. Wir sind für die Unter-
Parteitage, und dann die Vereinigung." (Briefe Bd. 2, ordnung unter die Parteitagsbeschlüsse... Nach unserer
Hervorhebung im Original) tiefen Überzeugung müssen die sozialdemokratischen
Im Dezember 1905 wurde eine vereinigte Zentrale gebil- Arbeiterorganisationen einheitlich sein, aber in diesen
det, die aus einer gleichen Anzahl von Bolschewiki und einheitlichen Organisationen soll eine breite und freie
Menschewiki bestand. Gleichzeitig wurden die Zentral- Erörterung der Parteifragen, eine freie und kame-
organe der rivalisierenden Tendenzen, die menschewistische radschaftliche Kritik und Beurteilung der Erscheinungen
Iskra und die bolschewistische Proletari, eingestellt und des Parteilebens erfolgen." („Appell an die Partei von
durch eine einzige Zeitung, Partinyje Iswestija (Parteinach- den Delegierten des Vereinigungsparteitags, die der ehe-
richten), ersetzt. maligen Fraktion der ,Bolschewiki' angehört haben",
Bezeichnenderweise erklärten sich die Menschewiki April 1906)
dazu bereit, Lenins Definition der Mitgliedschaft aus dem Für Lenin war die Wiedervereinigung sowohl ein Aus-
Jahre 1903 zu akzeptieren, die eine formelle Mitarbeit in druck seines Festhaltens an der kautskyanischen Doktrin
der Organisation verlangte. Das war zum Teil eine Konzes- von der „Partei der Gesamtklasse" ab auch ein taktisches
sion an die Leninisten, spiegelte aber hauptsächlich die Tat- Manöver, um die Masse der rohen, jungen Arbeiter zu
sache wider, daß unter den relativ offenen Bedingungen von gewinnen, die sich während der Revolution von 1905 der
1905/06 eine formelle Mitarbeit in der Organisation der sozialdemokratischen Bewegung angeschlossen hatten. Wir
breiten Rekrutierung nicht im Weg stand. Die Kehrtwen- können unmöglich die unterschiedliche Gewichtung ein-
dung der Menschewiki widerlegt völlig die weitverbreitete schätzen, die Lenin diesen beiden ganz unterschiedlichen
Vorstellung, Lenins Beharren darauf, daß Mitglieder sich Erwägungen gab. Auch wissen wir nicht, wie sich Lenin 1906
der Organisationsdisziplin unterordnen müssen, sei eine die künftige Entwicklung der Beziehungen zwischen Bol-
Besonderheit der Illegalität. Im Gegenteil, gerade die Men- schewiki und Menschewiki vorstellte.
schewiki meinten, die Illegalität verlange eine lockerere Es ist unwahrscheinlich, daß Lenin auf eine endgültige
Definition der Mitgliedschaft, um sozialdemokratische Abspaltung und Gründung einer bolschewistischen Partei
Arbeiter und Intellektuelle anziehen zu können, die sich zusteuerte oder sie plante. Einer der Gründe war, daß Lenin
den Härten und Gefahren der illegalen Arbeit nicht aus- wußte, daß die Zweite Internationale nicht die Bolschewiki
setzen wollen. als Alleinvertreter der russischen Sozialdemokratie aner-
Der IV (oder „Vereinigungs"-) Parteitag, der im April kennen würde. Und als die Bolschewiki 1912 sich völlig von
1906 in Stockholm stattfand, teilte sich in 62 Menschewiki den Menschewiki abspalteten und den Anspruch erhoben,
und 46 Bolschewiki. Vertreten waren auch der jüdische die SDAPR zu sein, erkannte die Führung der Internatio-
Bund, die lettischen Sozialdemokraten und die von Luxem- nale diesen Anspruch nicht an.
burg und Jogiches geführten polnischen Sozialdemokraten. Lenin hätte wahrscheinlich gerne die Menschewiki auf
Niemand hat bestritten, daß die Fraktionsstärke auf dem eine ohnmächtige Minderheit reduziert, die der Disziplin
Parteitag der jeweiligen Stärke an der Basis der sozial- einer revolutionären (d. h. bolschewistischen) Führung der
demokratischen Arbeiter Rußlands, entsprach. (Anfang SDAPR unterworfen wäre. Genau so sah er die Beziehung
1906 hatten die Menschewiki ungefähr 18000 Mitglieder, der bernsteinischen Revisionisten zur Bebel/Kautsky-
die Bolschewiki ungefähr 12000.) Führung der SPD. Er wußte jedoch, daß die menschewisti-
Was war der Grund für die menschewistische Mehrheit schen Kader nicht bereit und möglicherweise nicht imstande
bei den russischen Sozialdemokraten Anfang 1906? Erstens waren, als eine disziplinierte Minderheit in einer revolutio-
zeigte sich die konservative Haltung der bolschewistischen nären Partei zu funktionieren. Er erkannte außerdem, daß
Komiteeleute gegenüber Rekrutierungen Anfang 1905 auch er nicht die Autorität eines Bebel hatte, um eine opportuni-
in einer sektiererischen Haltung gegenüber den neuen, von stische Tendenz dazu bringen zu können, sich seiner organi-
der Revolution hervorgebrachten Massenorganisationen — satorischen Führung zu fügen.
den Gewerkschaften und vor allen den Sowjets. Daher Als Lenin die Führung der russischen Arbeiterbewegung
konnten die Menschewiki beim Kampf um die Führung der anstrebte, beschränkte er sich nicht darauf, die Basis der
breiten Arbeiterorganisationen einen Vorsprung erhalten. Menschewiki zu gewinnen, also auf einen rein internen
Obwohl Trotzki kein menschewistischer Fraktionskämpfer Fraktionskampf in der SDAPR. Er wollte auch Arbeiter
war, stärkte seine Rolle als Vorsitzender des Petersburger und radikale Kleinbürger, die nicht in der Partei waren,
Sowjets die Autorität des antileninistischen Flügels der rus- direkt zur bolschewistischen Tendenz rekrutieren. Zu
Barrikade
während des
bewaffneten
Aufstands in
Moskau,
Dezember 1905

diesem Zweck operierte die bolschewistische „Fraktion" auf, einen Teil der Kader der Menschewiki zu gewinnen.
der SDAPR beinahe wie eine selbständige Partei mit eige- Von wenigen Einzelpersonen abgesehen, hielt Lenin die
ner Zeitung, Führung und Disziplin sowie mit eigenen langjährigen Kader der Menschewiki für verhärtete Oppor-
Finanzen, öffentlichen Aktivitäten und Ortsgruppen. So tunisten, wenigstens für die nächste Zukunft. Die Wieder-
unterschiedliche politische Persönlichkeiten wie Trotzki, vereinigung bewies paradoxerweise, wie tief die Kluft zwi-
Sinowjew und der führende Menschewik Theodor Dan ka- schen Bolschewiki und Menschewiki war; wenige Veteranen
men später zur Einschätzung, daß die Bolschewiki von beider Gruppen wechselten die Seite.
1906-12, obgleich formal eine Fraktion in einer einheitli- Einer der Beweggründe Lenins, der Einheit zuzustim-
chen SDAPR, die meisten Merkmale einer unabhängigen men, war, daß die anhaltende Spaltung viele sozialdemo-
Partei hatten. kratische Arbeiter abstieß und sie davon abhielt, sich über-
In einer Polemik aus dem Jahre 1940 gegen die amerika- haupt einer der beiden Gruppen anzuschließen. Da die
nische Shachtman-Fraktion charakterisierte Trotzki die Bol- Rekrutierung von Nichtmitgliedern für den Kampf gegen
schewiki in dieser Periode als eine „Fraktion", die „alle die menschewistische Führung der SDAPR wesentlich war,
Merkmale einer Partei besaß" (Verteidigung des Marxismus). wollte Lenin natürlich diese Führung öffentlich angreifen
Sinowjews Geschichte der Kommunistischen Partei können. Genau in diesem historischen Zusammenhang
Rußlands (Bolschewiki) schildert die Situation nach dem IV. definierte Lenin den demokratischen Zentralismus als
Parteitag: „Freiheit der Kritik, Einheit der Aktion". In der Periode
„Zugleich aber bildeten die Bolschewiki auf dem Kon- 1906/07 trat Lenin bei zahlreichen Gelegenheiten für das
greß selbst ihr inneres, im Hinblick auf die Partei nicht Recht einer Minderheit ein, sich öffentlich gegen die Po-
legales Zentralkomitee. Diese Periode in der Geschichte sitionen der Parteiführung zu stellen, nicht aber gegen ihre
unserer Partei, als wir sowohl im Zentralkomitee als auch Aktionen.
im Petersburger Komitee in der Minderheit waren und Wie vorauszusehen, haben verschiedene rechte Revi-
unsere revolutionäre Sondertätigkeit verheimlichen muß- sionisten Lenins Eintreten 1906 für „Freiheit der Kritik" —
ten, war für uns eine sehr schwere und quälende... Die das Ergebnis eines Festhaltens an dem klassisch sozial-
Situation war derartig, als wären zwei Parteien im Rah- demokratischen Parteikonzept und eines taktischen Manö-
men einer tätig." (unsere Hervorhebung) vers gegen die Menschewiki — „wiederentdeckt" und dieses
Theodor Dans Schrift von 1945, Die Ursprünge des Bolsche- zur wahren Form des leninistischen demokratischen Zen-
wismus, liefert eine ähnliche Analyse der Beziehungen zwi- tralismus erklärt. Gewisse linkszentristische Gruppierungen,
schen Bolschewiki und Menschewiki: die sich Anfang der 70er Jahre vom pseudotrotzkistischen
„Nicht organisatorische, sondern politische Divergenzen Vereinigten Sekretariat lossagten, machten die „Freiheit der
spalteten die russische Sozialdemokratie sehr bald in Kritik" zu einem zentralen Bestandteil ihres Programms.
zwei Fraktionen, die manchmal einander näherkamen, Die bedeutendste dieser Gruppen waren die westdeutschen
manchmal scharf aufeinanderstießen, aber im Grunde Internationalen Kommunisten Deutschlands, von denen
gesonderte und miteinander streitende Parteien blieben, heute nur noch klägliche Reste existieren. Die Leninist Fac-
auch als sie dem Namen nach zu einer einzigen Partei- tion (LF) in der amerikanischen Socialist Workers Party, aus
organisation gehörten." der die kurzlebige Class Struggle League (CSL) hervorging,
trat ebenfalls stark für die „Freiheit der Kritik" ein. Eine
Demokratischer Zentralismus Hauptführerin der LF/CSL, Barbara G., schrieb ein längeres
und „Freiheit der Kritik" Dokument mit dem Titel „Demokratischer Zentralismus"
Vom IV Parteitag im April 1906 bis zum V Parteitag im (August 1972). Ihre zentrale Schlußfolgerung ist:
Mai 1907 waren die Bolschewiki eine Minderheitsfraktion in „Lenin meinte, die Diskussion von politischen Diffe-
der SDAPR. In ihrem Streben nach der Führung der Partei renzen in der Parteizeitung sei wichtig, weil die Partei
orientierten sich die Bolschewiki nicht in erster Linie dar- und die Zeitung der Arbeiterklasse gehörten. Wenn die j
Arbeiter die Partei für ihre Partei halten sollten, müßten ihnen folgenden Proletariats ins Wanken gebracht. Das
sie Parteifragen als ihre Fragen sehen und Parteikämpfe war mein Ziel. Das war meine Pflicht als Mitglied der
als ihre Kämpfe. Der Arbeiter, der sich der Partei nähert, Petersburger sozialdemokratischen Organisation, die die
muß begreifen, daß er die Möglichkeit hat, beim Aufbau Kampagne des Linksblocks durchführt. Denn nach der
der Partei zu helfen, nicht nur dadurch, daß er die Linie Spaltung mußte man ... die Reihen der Menschewiki zer-
der Mehrheit wiederholt, sondern auch dadurch, daß er schlagen, die das Proletariat hinter die Kadetten bringen
(entsprechend den Leitlinien der Partei) seine Kritik- wollten, mußte man Verwirrung in ihre Reihen hinein-
punkte und Vorstellungen vorbringt." (Hervorhebung im tragen, mußte man in der Masse Haß, Abscheu und Ver-
Original) achtung gegen diese Menschen erwecken, die aufgehört
Barbara G. zitiert zustimmend aus Lenins Artikel „Frei- hatten, Mitglieder einer einigen Partei zu sein, die zu po-
heit der Kritik und Einheit der Aktionen" vom Mai 1906: litischen Feinden geworden waren ... Gegen solche poli-
„Die Kritik muß im Rahmen der Grundsätze des Partei- tischen Feinde habe ich damals einen Vernichtungskampf
programms völlig frei sein ... und zwar nicht nur in geführt, und ich werde ihn im Falle einer Wiederholung
Partei-, sondern auch in Massenversammlungen. Eine oder Vertiefung der Spaltung stets führen." („Bericht an
solche Kritik oder eine solche Agitation' (denn die den V Parteitag der SDAPR über die Petersburger Spal-
Kritik ist von der Agitation nicht zu trennen) kann man tung und die damit zusammenhängende Einsetzung
nicht verbieten." eines Parteigerichts", Werke Bd. 12, Hervorhebung im
Die „Partei", auf die sich Lenin hier bezieht, ist nicht die Original)
bolschewistische Partei, die die Oktoberrevolution führte. Lenins Eintreten für „Freiheit der Kritik" innerhalb der
Es ist die alle russischen Sozialdemokraten umfassende von den Menschewiki geführten SDAPR 1906 war analog
Partei unter Führung der menschewistischen Fraktion, d. h. zur Position der Trotzkisten zum demokratischen Zentra-
ausgesprochener Opportunisten. Die SDAPR von 1906 mit lismus, als sie Mitte der 30er Jahre Entrismus in die sozial-
einer revolutionären Avantgarde gleichzusetzen, läßt den demokratischen Parteien durchführten. Die Trotzkisten
Unterschied zwischen Bolschewismus und Menschewismus waren gegen demokratischen Zentralismus für diese Par-
verschwinden. teien, um eine größtmögliche Wirkung sowohl bei der
Bis auf eine offene Spaltung tat Lenin alles, was möglich sozialdemokratischen Mitgliedschaft als auch außerhalb
war, um die menschewistische Führung der SDAPR davon dieser Parteien zu erzielen. Umgekehrt traten damals
abzuhalten, die Bolschewiki an revolutionärer Agitation und Elemente der sozialdemokratischen Führung für demokra-
Aktionen zu hindern. Wir haben schon Sinowjew dazu tisch-zentralistische Normen ein, um die Trotzkisten zu
zitiert, daß die Bolschewiki eine formale Führungsstruktur unterdrücken. James P. Cannon erklärt sehr gut, warum
aufbauten und damit gegen das Parteistatut verstießen. Sie demokratischer Zentralismus einzig und allein auf die revo-
hatten auch eigenständige Finanzen. Im August 1906 grün- lutionäre Avantgarde anwendbar ist, und bezieht sich dabei
deten die Bolschewiki im Rahmen des Petersburger Komi- auf die Erfahrung der Trotzkisten in der amerikanischen
tees, wo sie gerade eine Mehrheit gewonnen hatten, wieder Socialist Party von Norman Thomas:
ein Fraktionsorgan, Proletari. „Der demokratische Zentralismus an sich ist keine be-
Bei der Petersburger Wahlkampagne Anfang 1907 zeigte sondere Tugend. Er ist der besondere Grundsatz einer
sich, daß die Bolschewiki und Menschewiki in einer einheit- Kampfpartei, die durch ein einziges Programm vereint
lichen Partei nach der Formel „Freiheit der Kritik, Einheit wird, mit dem Ziel, eine Revolution zu führen. Sozial-
der Aktion" nicht koexistieren konnten. In dieser Zeit spitz- demokraten haben kein Bedürfnis nach einem solchen
te sich der Hauptkonflikt zwischen den beiden Gruppen auf System der Organisierung, aus dem einfachen Grund,
die Wahlunterstützung für die liberal-monarchistische weil sie keine Absicht haben, eine Revolution zu organi-
Kadettenpartei zu. Auf einer Parteikonferenz im November sieren. Ihre Demokratie und ihr Zentralismus sind nicht
1906 hatte die menschewistische Mehrheit einen Kompro- durch einen Bindestrich verbunden, sondern werden in
miß angenommen, wonach die örtlichen Komitees ihre eige- getrennten Fächern aufbewahrt für getrennte Zwecke.
ne Wahlpolitik festlegten. Um die bolschewistische Hoch- Die Demokratie ist für die Sozialpatrioten, und der Zen-
burg St. Petersburg zu unterminieren, ordnete dann das tralismus ist für die Revolutionäre. Der Versuch der
Zentralkomitee die Spaltung des Petersburger Komitees in ,Klarheitler'fraktion von Zam/Tyler in der Socialist Party,
zwei Teile an. Die Bolschewiki verurteilten dies zu Recht als ein straffes ,demokratisch-zentralistisches' Organisa-
ein rein fraktionelles Manöver und weigerten sich, das tionssystem der Organisierung in diese heterogene Partei
Komitee zu spalten. Auf einer Petersburger Konferenz, die einzuführen (1936/37), war eine lächerliche Karikatur;
über die Wahlpolitik entscheiden sollte, spalteten die Men- genauer gesagt eine Fehlgeburt. Diese Leute brauchten
schewiki mit der Behauptung, die Konferenz sei statuten- Zentralisierung und Disziplin nur dazu, um die Rechte
widrig. Daraufhin unterstützten sie die Kadetten gegen die des linken Flügels zu unterdrücken und ihn dann auszu-
SDAPR-Kampagne der Bolschewiki. schließen." (Brief an Duncan Conway, 3. April 1953, in
Als Lenin diesen Klassenverrat in einer Broschüre, Die Speeches to the Party, 1973)
Wahlen in Petersburg und die Heuchelei der 31 Menschewiki, Nach der endgültigen Spaltung von den Menschewiki
anprangerte, leitete das Zentralkomitee ein Parteiverfahren und der Gründung der bolschewistischen Partei 1912 ließ
gegen ihn ein, weil „ein derartiges Auftreten für Parteimit- Lenin seine Position von 1906 über die „Freiheit der Kritik"
glieder unzulässig ist". Die disziplinarischen Maßnahmen fallen. Im Juli 1914 organisierte das Internationale Soziali-
des Zentralkomitees gegen Lenin wurden bis zum V. Partei- stische Büro eine Konferenz, um die russischen Sozial-
tag verschoben, wo sie gegenstandslos waren, da die Bol- demokraten wieder zu vereinigen. Zu Lenins zahlreichen
schewiki inzwischen die Mehrheit gewonnen hatten. Bedingungen für die Einheit gehörte eine eindeutige Absa-
Der Sinn, in dem Lenin für die „Freiheit der Kritik" ein- ge an die „Freiheit der Kritik":
trat, geht aus seiner „Verteidigung" gegen den Vorwurf der „Die Existenz zweier miteinander konkurrierender Zei-
Menschewiki hervor, er habe „die politische Ehrlichkeit von tungen in ein und derselben Stadt oder Ortschaft wird als
Parteimitgliedern an[ge]zweifelt": absolut unzulässig anerkannt. Die Minderheit besitzt das
„Mit meinen scharfen, beleidigenden Angriffen auf die Recht, vor der ganzen Partei die programmatischen, takti-
Menschewiki am Vorabend der Wahlen in St. Petersburg schen und organisatorischen Meinungsverschiedenheiten
habe ich wirklich die Reihen des an sie glaubenden und in einer besonders zu schaffenden Diskussionszeitschrift zu
behandeln, sie darf jedoch nicht in einer konkurrie- konzepten festhielt, dem Lenin von 1914 vorzuziehen, der
renden Zeitung auftreten und die Tätigkeit und die Be- endgültig mit den Menschewiki gebrochen hatte und da-
schlüsse der Mehrheit desorganisieren." („Bericht des durch die kautskyanische Doktrin in Frage stellte, wonach
ZK der SDAPR zur Brüsseler Konferenz", Juni 1914, Revolutionäre und Arbeiterreformisten innerhalb einer ein-
unsere Hervorhebung) heitlichen Partei koexistieren sollten.
Lenin verlangte außerdem, daß öffentliche Agitation gegen Die Mitgliedschaft und insbesondere die führenden
die Untergrundpartei oder für „national-kulturelle Auto- Kader einer revolutionären Avantgarde haben ein qualitativ
nomie" absolut verboten sein müßte. höheres Niveau von politischem Klassenbewußtsein als alle
Barbara G. erkennt in ihrer Schrift über „Demokrati- Elemente außerhalb der Partei. Eine revolutionäre Füh-
schen Zentralismus" an, daß Lenin seine Position geändert rung kann bei Fragen, wo die Massen der Arbeiter Recht
hatte: haben, Fehler machen, sogar schwerwiegende Fehler. So
„Bis 1914 hatte Lenin seine Meinung über die folgende etwas wird sehr selten vorkommen. Sollte dies häufiger auf-
Frage endgültig geändert: Obwohl er es früher für zuläs- treten, wird der revolutionäre Charakter der Organisation
sig gehalten hatte, Fraktionszeitungen innerhalb der in Frage gestellt, nicht aber die Normen des demokrati-
SDAPR zu haben, hielt er dies inzwischen für unzu- schen Zentralismus.
lässig, weil es die Arbeiterklasse verwirren und spalten Eine Minderheit innerhalb einer revolutionären Organi-
würde." sation versucht, die führenden Kader zu gewinnen, und
Barbara G. spielt Lenins Ablehnung der „Freiheit der appelliert nicht stattdessen an rückständigere Elemente.
Kritik" herunter. Lenin lehnte nicht nur rivalisierende Bei der Klärung von Differenzen innerhalb der Avantgarde
öffentliche Fraktionsorgane ab, sondern auch das Recht sollte die Einmischung rückständiger Elemente so weit wie
einer Minderheit, die Position der Mehrheit in irgendwel- möglich ferngehalten werden, da diese eine Hauptquelle
cher Form öffentlich zu kritisieren. Außerdem führte er aus, des bürgerlichen ideologischen Drucks sind. Die „Freiheit
daß bei zwei Hauptdifferenzen — der Illegalität und der der Kritik" maximiert den Einfluß rückständiger Arbeiter
„national-kulturellen Autonomie" — die Minderheit ihre auf die revolutionäre Avantgarde, vom Einfluß bewußter
Position öffentlich überhaupt nicht vertreten dürfe. Es ist politischer Feinde ganz zu schweigen. Daher fügt die „Frei-
charakteristisch für Zentristen wie Barbara G., den Lenin heit der Kritik" dem internen Zusammenhalt der prole-
von 1906, der die Einheit mit den Menschewiki akzeptierte tarischen Avantgarde und ihrer Autorität nach außen
und immer noch an klassisch sozialdemokratischen Partei- schweren Schaden zu.
IN VERTEIDIGUNG
DES DEMOKRATISCHEN
ZENTRALISMUS

Nachfolgend veröffentlichen wir Auszüge aus einer Rede des nisatorisch zusammenkommen, eine revolutionäre pro-
Genossen James Robertson vom Zentralkomitee der letarische Vergangenheit erreichen könnten. Sie strei-
Spartacist League/U.S. auf einer Nationalkonferenz der chen die Rolle der Bolschewiki weg.
westdeutschen Organisation Spartacus (Bolschewiki- Besonders bei eurer Organisation sehen wir ein etwas
Leninisten) im Februar 1973. In der Folgezeit blutete Spar- anderes Problem, und das ist eine Tendenz, auf die Form
tacusjBL organisatorisch aus, da es in ihrer zentralen und politische Sichtweise der russischen Sozialdemokra-
Führung eine Reihe von Cliquenspaltungen gab. Die Über- tie zurückzugreifen, wie sie ungefähr 1903 war. Soweit
reste fusionierten Anfang 1974 mit den ebenfalls ge- manche von euch dies aus Unwissenheit tun, kann es
schwächten Internationalen Kommunisten Deutschlands durch Kampf überwunden werden. Aber diejenigen von
(IKD), von denen sich Spartacus/BL im Dezember 1972 euch, die absichtlich die Erfahrung der Oktoberrevoluti-
abgespalten hatte, und gründeten den Spartacusbund. Der on ignorieren, die Gründung der Kommunistischen Inter-
zentristische Spartacusbund versuchte weiterhin in dersel- nationale und alles, was danach kam — die ersten vier
ben Art, ein eklektisches Amalgam aus Trotzkismus und Weltkongresse der Komintern, den Kampf der trotzkisti-
Menschewismus zu bilden und war unfähig, auf authentisch schen Linken Opposition —, diejenigen von euch, die all
leninistische Oppositionelle politisch zu antworten. Geplagt dem den Rücken kehren wollen, sind schon im Keim op-
von ständig wiederkehrenden internen cliquistischen Aus- portunistische kleine Kautskys.
brüchen, griff der Spartacusbund wiederholt auf bürokrati- Jede Variante der kautskyanischen Konzeption der
sche Ausschlüsse zurück, so daß die fusionierte Organi- „Partei der Gesamtklasse" ist eine absichtlich nichtrevo-
sation auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe lutionäre und letztendlich konterrevolutionäre Position.
zusammenschrumpfte. Der Kern der Trotzkistischen Liga Der späteste und vollkommenste Vertreter dieser Art
Deutschlands [TLD — deutsche Sektion der inter- von Revisionisten war Max Shachtman. Der letzte große
nationalen Spartacist Tendenz, jetzt SpAD, Sektion der Artikel, den er schrieb, hieß „Der amerikanische Kom-
Internationalen Kommunistischen Liga] wurde durch munismus: eine Neuuntersuchung der Vergangenheit".
Fusionen mit und Rekrutierung von linken Oppositionellen Die Ursünde des Kommunismus sieht Shachtman in den
beider Flügel der ursprünglichen IKD gebildet. Der vollstän- Abspaltungen von der Sozialdemokratie nach links, die
dige Text der Rede ist in Spartacist, deutsche Ausgabe Nr. 1 während und nach dem Ersten Weltkrieg stattfanden und
(Frühling 1974) erhältlich. Die Übersetzung der nachfolgen- zu einer Spaltung im politischen Ausdruck des Proleta-
den Auszüge wurde leicht überarbeitet. riats führten. Den Grund für diese Abspaltungen sieht er
International sehen wir zwei parallele Probleme bei darin, daß die revolutionären Sozialisten innerhalb der
denjenigen, die sich zum Trotzkismus bekennen. Das Arbeiterbewegung ihr Verständnis über die Rolle des
eine ist nicht euer Problem. Das ist der formale Bolsche- Reformismus, des Opportunismus änderten.
wismus, der alle formalen Lehren richtig assimiliert hat: Shachtman zitiert Lenin sehr zustimmend bis etwa ein-
Diese Richtung wird von der spanischen POUM, der schließlich 1908. Insbesondere bemerkt er, daß die Ein-
französischen OCI und der bolivianischen POR vertre- heit der proletarischen Partei hätte erhalten werden kön-
ten. Das Problem ist, und es ist keine endgültig abge- nen, wenn die Revolutionäre doch nur der Regel „Freiheit
schlossene Frage, daß diese Genossen zwar die Formen der Kritik, Einheit der Aktion" gefolgt wären. Er argu-
einer bolschewistischen Organisation ziemlich vollständig mentiert, daß Lenin damals den Opportunismus als eine
gemeistert haben — bei euch ist das nicht der Fall —, vorübergehende, kurzlebige, zweitrangige Erscheinung
aber den Inhalt auf ein Minimum reduziert haben. Sie der Arbeiterbewegung auffaßte. Besonders lobt er Lenin
sehen die Einheitsfront und alle damit zusammenhän- dafür, daß er in den Gebieten, wo die Bolschewiki in der
genden Phänomene — d. h. Entrismus in andere, refor- Minderheit waren, dafür eintrat, sich den Menschewiki
mistische proletarische Formationen, Umgruppierungs- unterzuordnen und für die Kadettenpartei [Konstitutio-
prozesse und dergleichen — nicht als das Mittel, „die nelle Demokratische Partei] zu stimmen. (Wo die Bol-
proletarische Basis gegen die bürgerliche Spitze zu keh- schewiki die Mehrheit hatten, so Lenin, sollten sie entwe-
ren", um Trotzki zu zitieren. Vielmehr trennten sie der sozialdemokratische Kandidaten wählen oder, wenn
schließlich die Einheitsfront von der Partei und erwarte- es keine Alternative gab, keine Stimme abgeben.) Weil
ten, z.B. in Frankreich, daß die Sozialistische und die Shachtman Sozialdemokrat geworden war, geht er nicht
Kommunistische Partei irgendwie dadurch, daß sie orga- auf den Grund für die Entwicklung der Auffassungen der
bolschewistischen Fraktion ein. Er beschreibt die Ände- Konzeption abzuweichen würde sofort zur Organisierung
rung der leninistischen Position nur als eine Art Ursünde. der rückständigen Teile der Klasse gegen die Partei,
Worum es in der Zeit von der Gründung der Iskra bis besonders ihre Mehrheit, führen. Ich spreche im Zusam-
zur Gründung der bolschewistischen Partei 1912 geht, ist menhang mit der Parole „Freiheit der Kritik, Einheit der
die Verwandlung der bolschewistischen Fraktion von Aktion", die 1906 in der vereinigten Partei der Mensche-
einer revolutionären sozialdemokratischen Organisation wiki und Bolschewiki angewandt wurde. Langfristig führt
in eine im Keim entstehende kommunistische Organisa- das zwangsläufig dazu, die Partei wieder in die Klasse
tion. Das Vorbild für die russischen revolutionären insgesamt aufzulösen.
Sozialdemokraten der Anfangszeit war die deutsche In den USA kenne ich eine besondere Art von
Sozialdemokratie. Der bolschewistische Flügel eilte in Arbeitertümelei, Halbsyndikalisten wie die Ellens-Grup-
seiner politischen Praxis seinem theoretischen Vorbild pe (verbunden mit Lutte Ouvriere) und die Mehrheit der
voraus, weil er entschlossen war, eine Revolution gegen Leninist Faction (LF), die eine Auffassung vertreten, daß
den Zarismus durchzuführen. Und seine organisatorische die Arbeiterklasse in ihrem Naturzustand ein reines
Praxis hinkte natürlich noch weiter hinterher und war proletarisches Wesen habe. Nun, es gibt ein sehr gutes
unter den damaligen Bedingungen der Illegalität sehr Buch von E. P. Thompson, The Making of the English Wor-
empirisch. king Class [Die Entstehung der englischen Arbeiterklas-
In der Zeit der Wiedervereinigung der russischen So- se], und in den ersten Absätzen macht er die Bemerkung,
zialdemokratie 1905-1907 war es für Lenin möglich, über daß die Arbeiterklasse nicht als eine von der kapitalisti-
die Disziplin in einer Partei von Reformisten und schen Gesellschaft losgelöste Klasse beschrieben werden
Revolutionären Schlußfolgerungen zu ziehen, die heute kann. Sie kann nur im Zusammenhang gesehen werden,
jeder Leninist kurzerhand zurückweisen würde. Das nicht nur der Ökonomie, sondern der sozialen Beziehun-
macht uns nicht klüger als Marx und Lenin, sondern es gen der Gesellschaft als Ganzes. Es gibt rückständige Tei-
bedeutet nur, daß wir bei heutigen politischen Fragen auf le der Arbeiterklasse. Die Arbeiter, die die Sozialdemo-
ihre Erfahrung aufbauen können. Die Wahrheit ist kratie unterstützen, sind in den meisten Ländern relativ
historisch bedingt, d.h. die Perspektive der kommuni- fortgeschritten; dies ist auch der Fall bei den Arbeitern,
stischen Bewegung der ersten vier Weltkongresse der die die stalinistischen Parteien unterstützen, wo diese
Kommunistischen Internationale beruhte auf einer histo- Massenparteien sind.
rischen und erfolgreichen Erhebung des revolutionären Bei einer Arbeiterklasse wie der in den USA sind
Proletariats. große Teile der Arbeiter tatsächlich sehr rückständig.
Diese enorme revolutionäre Errungenschaft ging Aber sie sind rückständig vom Standpunkt der histori-
Hand in Hand mit entsprechendem Durchbruch und all- schen Interessen, die von der proletarischen Avantgarde
gemeinen Schlußfolgerungen auf theoretischem Gebiet. vertreten werden. In bezug auf bürgerliche Ideen stehen
Es ist, als ob hinsichtlich ihrer theoretischen Perspektive sie besser da. Religion, Alkoholismus, männlicher Chau-
die proletarische Avantgarde in der Internationale 1919— vinismus und die übelsten Formen von Rassismus sind
23 auf einem Berggipfel stand. Aber seitdem, von der Zeit vorherrschende Erscheinungen, wo es keinen Klassen-
der trotzkistischen Linken Opposition bis zu Trotzkis Tod kampf gibt und eine proletarische Avantgarde fehlt. Die
und danach, hat das Proletariat hauptsächlich Niederla- Arbeitertümler weigern sich, all dies zu sehen, und sehen
gen erlebt, und die revolutionäre Avantgarde ist zusam- statt dessen ein reines, unverdorbenes, isoliertes Proleta-
mengeschrumpft, oder ihre Kontinuität wurde in vielen riat. Gleichzeitig sehen sie die Avantgardepartei als eine
Ländern gebrochen. Die Fähigkeit, die Welt zu kennen, Mischung aus radikalen Arbeitern und radikalen, viel-
läßt sich von der Fähigkeit, sie zu verändern, nicht tren- leicht nicht allzu deklassierten, Intellektuellen.
nen; und unsere Fähigkeit, die Welt zu verändern, ist sehr Die international wichtigste Partei der International
gering im Vergleich zur heroischen Zeit der Kommunisti- Socialists (IS), die britische Organisation von Tony Cliff,
schen Internationale. ist vor kurzem arbeitertümlerisch geworden. Die IS, eine
Eine der großen Leistungen der Bolschewiki bestand Ansammlung der weltweit perfektesten Zentristen, folgen
darin zu erkennen, daß eine politische Spaltung in der eifrig jeder politischen Mode. Bis vor wenigen Jahren
Arbeiterklasse die Voraussetzung für eine proletarische waren sie sehr für die britische Labour Party und nannten
Revolution ist. Bis zum 4. August 1914 waren die Bolsche- ihre Zeitung The Labour Worker. Heute sind sie sehr
wiki zu dieser Erkenntnis gelangt, hatten sie aber weder gegen die britische Labour Party, leugnen, daß sie irgend-
theoretisch noch international verallgemeinert. Die da- einen proletarischen Klassencharakter hat, und nennen
malige deutsche revolutionäre Linke zahlte mit dem Tod ihre Zeitung jetzt Socialist Worker. Soviel für eine Ein-
ihrer Führer Luxemburg und Liebknecht und mit einer schätzung von Tony Cliff heute.
Niederlage der Revolution, weil sie sich diese Lehre nicht Weil er mit der Arbeiterseele eins sein will (gegen die
angeeignet hatte. häßliche Labour Party, die er früher anbetete), schrieb er
einen Aufsatz mit dem Titel „Trotzki über den Substi-
Arbeitertümelei und „Freiheit der Kritik" tutionalismus" [siehe die IS-Broschüre Party and Class].
In unseren schriftlichen Grüßen an eure Konferenz Ich lese euch eine Stelle daraus vor:
gaben wir euch, Genossen, eine bestimmte Definition „Da die revolutionäre Partei keine von der Klasse ge-
von unserem Verständnis der leninistischen Organisa- trennten Interessen haben kann, sind alle politischen
tionsform: „Wir erklären, daß das Grundprinzip für Kom- Fragen der Partei auch die der Klasse, und sollten vor
munisten darin besteht, den Kampf unter seinen Genos- der Klasse in aller Offenheit ausgekämpft werden. Die
sen zu führen, um für das eigene Programm eine Diskussionsfreiheit in einer Betriebsversammlung, die
Mehrheit zu gewinnen; und wer versucht, rückständige auf Einheit der Aktion abzielt, nachdem Beschlüsse
Kräfte und klassenfremde Elemente von außerhalb der gefaßt wurden, soll auch für die revolutionäre Partei
revolutionär-marxistischen Organisation zu mobilisieren, gelten. Das heißt, daß alle Diskussionen über grund-
um dadurch eine Vormachtstellung in dieser Organisa- sätzliche politische Fragen ganz offen, in der öffentli-
tion zu erkämpfen, ist kein Kommunist." Von dieser chen Presse, diskutiert werden sollten. Laßt die Masse
der Arbeiter an der Diskussion teilnehmen. Übt Druck Aber die Liste von außerordentlichen Umständen ist
auf die Partei, ihren Apparat, ihre Führung aus." noch nicht erschöpft. Es gab die vorsätzliche Spaltung der
Es fällt ein bißchen schwer, dazu überhaupt etwas zu sa- Socialist Workers Party (SWP) durch Shachtman und
gen. Die Vorstellung ist entsetzlich, daß die ganze Klasse, Burnham 1940. Sie halbierte die SWP am Vorabend des
mit all ihrer Rückständigkeit je nach Sektor, Hautfarbe Zweiten Weltkriegs. Viele der Jugendlichen, die Shacht-
und Nationalität, den Schiedsrichter spielen soll, der über man und Burnham folgten, meinten, daß sie es nicht mit
Fragen der revolutionären Strategie entscheidet. In einer Revisionismus zu tun hätten, sondern nur eine größere,
Gewerkschaft, die eine Art ökonomische Einheitsfront bessere, schnellere revolutionäre Partei aufbauen wür-
ist, oder in einer politischen Einheitsfront müssen natür- den. Trotzki und Cannon wollten im Rahmen der forma-
lich alle aktiv daran Beteiligten ihre Kritik offen vortra- len Einheit ein bißchen Zeit gewinnen und machten beim
gen können. Aber die Vorstellung, daß Arbeiter, die Prie- Versuch, die Minderheit zu behalten, ganz erhebliche Zu-
stern folgen, Arbeiter, die Stalinisten sind, Arbeiter, die geständnisse. Natürlich ließ sich die Minderheit nicht auf-
zu sozialdemokratischen Parteien gehören, Druck ausü- halten, aber Trotzkis Mehrheit machte es ganz klar, daß
ben sollen, um die Politik der revolutionären Marxisten dies nur vorübergehende und besondere Zugeständnisse
zu bestimmen, diese Vorstellung wird die Macht der waren, ein Versuch, manchen von der Minderheit eine
Bourgeoisie aufrechterhalten, bis eine Atombombe die Chance zu geben, es sich unter gelockerten organisatori-
Frage beseitigt. schen Bedingungen anders zu überlegen. Genauso hättet
ihr euch vielleicht überlegt, besondere Zugeständnisse an
„Ausnahmen" vom die IKD zu machen, als sie mit einer großen Minderheit
demokratischen Zentralismus rausgingen. Aber sogar ein besonderes internes Bulletin,
In unseren Grüßen an eure Konferenz sprachen wir von der öffentlichen Austragung von Differenzen ganz zu
von bestimmten außerordentlichen Umständen im schweigen, ist kein stabiler oder gesunder Zustand des in-
Zusammenhang mit der Anwendung des demokratischen ternen Parteilebens.
Zentralismus bei Revolutionären. Einer der außerordent- Ich war in einer Organisation, die solche organisa-
lichen Umstände besteht dann, wenn die Parteiform torischen „Garantien" als permanentes Inventar hatte.
ihrem Wesen nach nicht dem revolutionären marxisti- Das war die Young Socialist League (Bund Junger Sozia-
schen Programm entspricht. In der Zeit am Ende des Er- listen), die Jugendgruppe der Shachtman-Anhänger
sten Weltkriegs und unmittelbar danach brachen mehrere 1954-57. Die Shachtman-Leute hatten viele sehr demo-
große Parteien der Sozialistischen Internationale ausein- kratische Erklärungen über die „Freiheit der Kritik" in
ander, und große Teile von ihnen, oft sogar die Mehrheit, ihre Statuten hineingeschrieben, um an Liberale zu
schlössen sich der Dritten Internationale an. Hierbei appellieren, die vor dem totalitären Bolschewismus
denkt man an Frankreich, Deutschland, die Tschechoslo- Angst hatten. Niemand hat jemals von diesen Statuten
wakei, Italien und die USA. Auch den linken Flügel der Gebrauch gemacht, bis sich drei Jahre später ein linker
polnischen PPS haben wir uns geschnappt. In dieser Flügel bildete. Wir fingen damals an, das Bulletin des lin-
Übergangsperiode gab es genau eine solche Trennung ken Flügels herauszugeben — nicht nur intern, sondern
von Partei und Programm. unser eigenes öffentliches Bulletin. Das konnte nichts
Ein vergleichbarer Umstand besteht, wenn die Revolu- anderes bedeuten als ein Spaltungsbulletin und war auch
tionäre in eine reformistische oder zentristische politische so beabsichtigt. Als es zur endgültigen Auseinander-
Formation eingetreten sind. Auch hier würden wir für die setzung kam, mußten sie 22 Zusatzartikel zu ihren Sta-
größtmögliche Freiheit an öffentlicher Diskussion kämp- tuten annehmen. Diese neuen Einschränkungen galten
fen und für so wenig Einheit in der Aktion wie möglich. natürlich nur für die lästigen Trotzkisten. Die rechten
Noch ein weiterer außerordentlicher Umstand würde be- sozialdemokratischen Elemente konnten weiterhin Frei-
stehen, wenn die Trennung zwischen intern und extern heit der Kritik praktizieren.
sich verwischt hat, wie bei wirklichen Massenparteien, be- Damit sind wir beim Kern der Frage. Warum, warum,
sonders wenn sie an der Macht sind. Ich bekam gerade warum wollt ihr eure Differenzen außerhalb eurer Or-
ein Dokument gereicht, das auf diesen dritten Fall Bezug ganisation austragen, um die Feinde eurer Organisation
nimmt, mit dem Titel „Über das Prinzip des demokra- zusammenzurufen? Shachtman wollte das. Die amerika-
tischen Zentralismus: Freiheit der Kritik, Einheit der nischen Radikal-Liberalen hatten sich nach dem Hitler-
Aktion". Trotzki wird darin wie folgt zitiert: „Die ganze Stalin-Pakt sehr scharf gegen Rußland gewendet. Der Teil
Geschichte des Bolschewismus ist die der freien Ausein- der SWP, der für diese kleinbürgerliche öffentliche Mei-
andersetzung von Tendenzen und Fraktionen." Dieses nung empfänglich war, wollte beweisen, daß er nicht so
Zitat ist völlig korrekt, aber es ist irreführend, weil Trotz- schlimm sei wie die übrigen Trotzkisten. Und in normalen
ki zu dieser Zeit ausschließlich von der internen Diskussi- Zeiten ist das immer so bei denjenigen, die ihre Probleme
onsfreiheit sprach (was selbst Barbara Gregorich von der außerhalb einer revolutionären Partei austragen wollen.
LF zugibt, die darüber Forschung betrieb). In Zeiten eines großen revolutionären Aufschwungs
Hier ist ein Zitat, das dies klar macht. In seinen kann die Masse der Arbeiterklasse durchaus einer etwas
Writings [Schriften] 1932-1933 schreibt Trotzki über die schwerfälligen revolutionären Partei vorauseilen. Lenin
russischen Oppositionellen: „Sie waren der Verfolgung war zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution
ausgesetzt, nur weil sie die Politik der führenden Fraktion mehrere Male mit dieser Situation konfrontiert. Als er im
innerhalb der Grenzen von interner Kritik, die das le- Zentralkomitee auf konservative Hindernisse stieß, droh-
bensnotwendige Element der Parteidemokratie der Bol- te er, an die Arbeiter zu appellieren. Das war keine Frei-
schewiki war, kritisiert hatten." In dem Dokument, das heit der Kritik innerhalb der Partei: Es bedeutete Spal-
ich gerade bekam, gibt es noch ein Zitat, und zwar aus tung und die Gründung einer zweiten Partei, und Lenin
dem Übergangsprogramm: „Ohne innere Demokratie wußte das. Zu spalten ist kein Verbrechen, vorausgesetzt
gibt es keine revolutionäre Erziehung." Na ja, „ohne es gibt ausreichende politische Klarheit und Notwendig-
innere Demokratie" klingt für mich wie „without inner keit für eine Spaltung. Das gehört zum lebendigen politi-
democracy". schen Prozeß.
DER KAMPF
GEGEN DIE
BOYKOTTISTEN

Auf dem im Mai 1907 in London abgehaltenen V. Par- H. McNeal, Hrsg., Decisions and Resolutions ofthe Com-
teitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands munist Party of the Soviet Union, 1974)
(SDAPR) waren die Bolschewiki mit 89 und die Men- Ein anderer Antrag wies die Dumafraktion der SDAPR an,
schewiki mit 88 Delegiertenstimmen zu fast gleichen Tei- sich gegen „die verräterische Politik des bürgerlichen Libe-
len vertreten. Auf dem IV Parteitag ein Jahr zuvor waren ralismus" zu stellen, „der unter der Losung .Schützt die Du-
drei angegliederte Parteien — der jüdische Bund, die letti- ma' in Wirklichkeit die Interessen des Volkes den Schwarz-
schen Sozialdemokraten und Luxemburg/Jogiches' Sozial- hundertern opfert" (ebenda). Einige Monate nach dem
demokratie des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL) Parteitag beschloß eine Parteikonferenz, unabhängige
— auf halbföderativer Basis in die SDAPR aufgenommen SDAPR-Kandidaten in den bevorstehenden Dumawahlen
worden. Auf dem V. Parteitag hatte der Bund 54 Delegier- aufzustellen und keine anderen Parteien zu unterstützen.
tenstimmen, die lettischen Sozialdemokraten 26 und die Die lettischen und polnischen Sozialdemokraten unter-
SDKPiL 45. stützten zwar die allgemeine Linie der Bolschewiki auf dem
Im Laufe eines einjährigen scharfen Fraktionskampfes V Parteitag, aber sie schwächten Lenins Kampf gegen die
gegen die Nachtrabpolitik der Menschewiki gegenüber den Menschewiki ab. Sie stimmten gegen Lenins Antrag, die
Liberalen und ihre positive Haltung zu den Konstitutionel- menschewistische Mehrheit des ausscheidenden Zen-
len Demokraten (Kadetten) hatten die Bolschewiki ihre tralkomitees zu verurteilen. Daß die lettischen Sozialde-
Minderheitsposition innerhalb der russischen sozialdemo- mokraten und die SDKPiL die Seite wechselten, war auch
kratischen Bewegung überwunden. Welche Fraktion die der Grund für Lenins einzige ernsthafte Niederlage auf dem
SDAPR führen sollte, hing jetzt jedoch von den drei „natio- SDAPR-Parteitag 1907. Der Parteitag stimmte mit überwäl-
nalen" sozialdemokratischen Parteien ab. Der Bund unter- tigender Mehrheit gegen die „Kampfoperationen" der Bol-
stützte konsequent die Menschewiki. Die lettischen Sozial- schewiki, bei denen sie Gelder der zaristischen Regierung
demokraten unterstützten im allgemeinen die Bolschewiki, „beschlagnahmten".
vermittelten aber manchmal zwischen den beiden feindli- In dieser Zeit konzentrierten die Menschewiki ihre An-
chen russischen Gruppierungen. Die Unterstützung durch griffe gegen die Leninisten auf diese bewaffneten Enteig-
Rosa Luxemburgs SDKPiL war es, die Lenin eine Mehrheit nungen. Ihre fast hysterische Reaktion kam daher, daß die
auf dem V. Parteitag und in den Führungsgremien der Enteignungen durch die Bolschewiki einen Schockeffekt auf
SDAPR für die nächsten fünf Jahre verschaffte. Der Block die respektablen bürgerlichen Liberalen hatten. Die Enteig-
Lenin-Luxemburg in den Jahren 1906-1911 ist nicht nur nungen gaben den Bolschewiki auch finanzielle Überlegen-
wegen seiner konkreten historischen Auswirkung von Be- heit über die Menschewiki. Als die Menschewiki die Bol-
deutung, sondern auch weil er das Verhältnis zeigt zwischen schewiki für deren Enteignung von Staatsgeldern
dem sich entwickelnden Leninismus und dieser konsequen- verurteilten, waren sie davon überzeugt, die unanfechtbare
testen und wichtigsten Vertreterin der revolutionären Vor- sozialdemokratische Orthodoxie auf ihrer Seite zu haben.
kriegssozialdemokratie. Die Bolschewiki waren jedoch nicht mit der normalen
Die entscheidende Frage auf dem V Parteitag war die Situation konfrontiert, wo solche Raubüberfälle sofort den
Haltung zum bürgerlichen Liberalismus und besonders die Unterdrückungsapparat eines übermächtigen und zentra-
Wahlunterstützung für die Kadettenpartei. Mit Unterstüt- lisierten Staats in Gang setzen. Auch liefen sie nicht Gefahr,
zung der Letten und Polen (und auch der linken Trotzki/ von den Arbeitern verurteilt zu werden, die sie vielleicht
Parvus-Gruppierung bei den Menschewiki) wurde die bol- bloß für politisch getarnte Kriminelle gehalten hätten. Und
schewistische Linie angenommen; der Parteitag verurteilte die Bolschewiki machten diese Enteignungen auch nicht zu
die Kadetten: einer „Strategie" über längere Zeit, die wahrscheinlich zur
„Die Parteien der liberal-monarchistischen Bourgeoisie, Degenerierung in lumpenproletarische kriminelle Aktivitä-
angeführt durch die Konstitutionelle Demokratische Par- ten geführt hätte.
tei [Kadetten], haben sich jetzt endgültig von der Revolu- Lenin war überzeugt, daß es weiterhin eine revolutionäre
tion abgewendet und wollen sie durch ein Abkommen Situation gab, in der die Masse der Arbeiter und Bauern
mit der Konterrevolution aufhalten..." (zitiert in Robert aktiv feindlich gegen die zaristische Legalität war. Die Ent-
eignungen der Bolschewiki konzentrierten sich auf den Kau- gehender revolutionärer Aufschwung zu verzeichnen ist,
kasus, wo bewaffnete Bauerntrupps und nationalistische und nur im Zusammenhang mit den ideologischen Auf-
Banden regelmäßig den zaristischen Machthabern trotzten. gaben des Kampfes gegen die konstitutionellen Illusio-
Lenin sah in den Enteignungen eine von mehreren Guerilla- nen bei der Einberufung der ersten Vertretungskörper-
taktiken in einem revolutionären Bürgerkrieg. Der Streit schaft durch die alte Macht;
zwischen Bolschewiki und Menschewiki über die bewaffne- 2. daß die richtige Taktik der revolutionären Sozial-
ten Enteignungen war daher unlösbar verbunden mit ihrer demokratie, wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind,
grundsätzlichen Differenz über die politische und militäri- selbst beim Vorhandensein sämtlicher Bedingungen ei-
sche Avantgarderolle der proletarischen Partei in der Revo- ner revolutionären Epoche, die Beteiligung an den Wahl-
lution zum Sturz der Selbstherrschaft. en erfordert, wie das auch bei der II. Duma der Fall
Lenins Position zu den bewaffneten Enteignungen kam war..." („Resolutionsentwurf zur Frage der Teilnahme an
in einem Resolutionsentwurf für den IV. Parteitag vom April den Wahlen zur III. Reichsduma", Juli 1907)
1906 zum Ausdruck. An dieser Position hielt er im Jahr 1907 Als Lenin diesen Antrag vorlegte, war er als einziger der neun
fest: bolschewistischen Konferenzdelegierten dafür. Der Antrag
„In der Erwägung: wurde mit den Stimmen der Menschewiki, des Bundes und
1. daß es seit dem Dezemberaufstand fast nirgends in der lettischen und polnischen Sozialdemokraten angenom-
Rußland zur völligen Einstellung der Kampfhandlungen men; alle Bolschewiki außer Lenin stimmten dagegen.
gekommen ist, die jetzt von Seiten des revolutionären Gewiß waren die Boykottisten unter den Bolschewiki auf
Volkes in einzelnen Partisanenüberfällen auf den Feind dieser bestimmten Parteiversammlung erheblich überreprä-
zum Ausdruck kommen ... sentiert. Lenin hatte bedeutende Unterstützung für seine
erklären wir und beantragen, der Parteitag wolle be- Position unter den bolschewistischen Kadern und Mitglie-
schließen: ... dern und konnte sie rasch weiter ausbauen. Jedoch war die
4. Kampfaktionen sind gleichfalls zulässig, um Geld- ultralinke Fraktion von 1907-09 die bedeutendste Heraus-
mittel, die dem Feind, d.h. der absolutistischen Regie- forderung von Lenins Führung der bolschewistischen Orga-
rung gehören, zu erbeuten und diese Mittel für die Er- nisation, mit der er jemals konfrontiert war. Die ultralinken
fordernisse des Aufstands zu verwenden, wobei streng Führer — Bogdanow (der Lenins rechte Hand gewesen
darauf zu achten ist, daß die Interessen der Bevölkerung war), Lunatscharski, Ljadow, Alexinski, Krassin — waren
möglichst geschont werden ..." („Taktische Plattform sehr prominente Bolschewiki. Es ist durchaus möglich, daß
zum Vereinigungsparteitag der SDAPR", März 1906) zu dieser Zeit die Mehrheit der bolschewistischen Mit-
glieder für einen Boykott der zaristischen Duma war. Nur
Zaristische Reaktion und Lenins große persönliche Autorität verhinderte die Ent-
die ultralinken Bolschewiki
wicklung einer ultralinken Fraktion, die stark genug ge-
Kurz nach dem V SDAPR-Parteitag führte der reaktio- wesen wäre, ihn und seine Anhänger aus der offiziellen bol-
näre zaristische Minister Stolypin im Juni 1907 einen Staats- schewistischen Zentrale rauszuwerfen oder eine größere
streich gegen die Duma durch. Die Duma wurde aufgelöst Spaltung zustande zu bringen.
und eine neue (dritte) Duma proklamiert, die auf einem Bei diesem Fraktionskampf half Lenin die Heterogenität
weit weniger demokratischen Wahlrecht basierte. Außer- der ultralinken Tendenz. Eine nicht sehr wichtige taktische
dem wurden die sozialdemokratischen Abgeordneten ver- Frage teilte die ultralinken Bolschewiki in zwei getrennte
haftet und wegen Anstachelung zur Meuterei in den Streit- Gruppierungen, die Otsowisten (Abberufer) und die Ulti-
kräften angeklagt. matisten. Die Otsowisten verlangten die sofortige, bedin-
Stolypins Putsch markierte endgültig das Ende der revo- gungslose Abberufung der SDAPR-Dumafraktion. Die Ulti-
lutionären Periode von 1905. Mit dem Sieg der zaristischen matisten verlangten, der Dumafraktion ein Ultimatum zu
Reaktion begann eine neue, und in einem gewissen Sinn die stellen, aufrührerische Reden zu halten, wodurch die zaristi-
letzte, Phase des Konflikts zwischen Bolschewiki und Men- sche Staatsgewalt dazu provoziert würde, sie aus der Duma
schewiki, und zwar über die Notwendigkeit, die Untergrund- auszuschließen oder noch Schlimmeres zu tun. In der Praxis
organisation als grundlegende Struktur der Partei wieder- hätten beide Taktiken dieselbe Wirkung gehabt, und Lenin
aufzubauen. Das Einsetzen der Reaktion rief auch eine sehr bestritt, daß es eine bedeutende Differenz zwischen seinen
scharfe Trennungslinie innerhalb des bolschewistischen La- ultralinken Gegnern gäbe.
gers zwischen Leninismus und Ultralinkstum hervor; dieser Lenins Position zur ultralinken Fraktion wurde im Juli
Fraktionskampf mußte ausgekämpft werden, bevor der hi- 1909 in Resolutionsform einer Beratung der erweiterten Re-
storisch viel bedeutendere Konflikt mit dem Menschewis- daktion von Proletari vorgelegt; dies stellte faktisch ein Ple-
mus zu Ende geführt werden konnte. num der zentralen Führung der Bolschewiki dar. Auf dieser
Im Konflikt zwischen Lenin und den ultralinken Bol- Konferenz wurde Bogdanow aus der bolschewistischen Or-
schewiki ging es hauptsächlich um die Beteiligung an dem ganisation ausgeschlossen. Die Schlüsselstellen der Resolu-
reaktionären zaristischen Parlament. Hinter dieser Diffe- tion erklären:
renz stand Lenins Erkenntnis, daß eine Periode der Reak- „Der unmittelbare revolutionäre Kampf der breiten
tion begonnen hatte, die einen taktischen Rückzug der revo- Massen wurde durch eine drückend schwere Periode der
lutionären Partei erforderte. Die erste Schlacht fand auf Konterrevolution abgelöst; für die Sozialdemokraten er-
einer SDAPR-Konferenz im Juli 1907 statt, auf der die Poli- gab sich die Notwendigkeit, ihre revolutionäre Taktik auf
tik zu den bevorstehenden Dumawahlen festgelegt werden diese neue politische Lage auszurichten, und im Zusam-
sollte. Lenin war immer noch überzeugt, daß Rußland eine menhang damit wurde unter anderem die Ausnutzung
allgemein revolutionäre Periode durchmachte, meinte aber, der öffentlichen Dumatribüne zur Unterstützung der so-
den Boykott der Wahlen aus taktischen Gründen nicht zialdemokratischen Agitations- und Organisationsarbeit
rechtfertigen zu können: zu einer im höchsten Grade wichtigen Aufgabe.
„In der Erwägung, Dabei aber vermochte ein Teil der Arbeiter die an unmit-
1. daß der aktive Boykott, wie die Erfahrungen der russi- telbaren revolutionären Kampf teilgenommen haben, bei
schen Revolution gezeigt haben, nur dann die richtige diesem raschen Wechsel der Ereignisse nicht sofort die
Taktik der Sozialdemokratie ist, wenn ein umfassender, revolutionäre sozialdemokratische Taktik unter den neu-
allgemeiner, rascher, in den bewaffneten Aufstand über- en Verhältnissen der Konterrevolution anzuwenden und
verharrte auf der einfachen Wiederholung der Losungen, Lenins enge politische Zusammenarbeit mit Bogdanow
die in der Epoche des offenen Bürgerkriegs revolutionär trotz dessen Neokantianismus einerseits und seine massive
waren, jetzt aber bei bloßer Wiederholung nur geeignet Polemik gegen Bogdanows philosophische Ansichten ande-
sind den Prozeß des Zusammenschlusses des Proletariats rerseits haben vorgeblich revolutionäre Marxisten dazu be-
unter den neuen Bedingungen des Kampfes aufzuhal- nutzt, symmetrische Abweichungen in dieser Frage zu recht-
ten." („Über Otsowismus und Ultimatismus", Juli 1909) fertigen. Die Tatsache, daß der Neokantianer Bogdanow ein
Bogdanows Antwort auf Lenin ist in seinem „Brief an wichtiger Führer der Bolschewiki war, wird manchmal ange-
alle Genossen" von 1910 zusammengefaßt, einem Grün- führt, um eine Gleichgültigkeit gegenüber dem dialektischen
dungsdokument seiner eigenen unabhängigen Gruppe: Materialismus zu begründen — in der Überzeugung, daß
„Einige Eurer Vertreter im exekutiven Kollegium — der der allgemeinste oder abstrakteste Ausdruck der marxschen
bolschewistischen Zentrale —, die im Ausland leben, Weltanschauung nichts mit der praktischen Politik und der
sind zu dem Schluß gekommen, daß wir unsere frühere damit verbundenen Organisationszugehörigkeit zu tun ha-
bolschewistische Einschätzung des gegenwärtigen ge- be. Als der amerikanische Revisionist Max Shachtman 1940
schichtlichen Zeitpunkts radikal ändern und nicht in mit dem Trotzkismus brach, rechtfertigte er seinen Block
Richtung einer neuen revolutionären Welle, sondern mit dem Antidialektiker und Empiriker James Burnham
einer langen Periode friedlicher konstitutioneller Ent- durch den „Präzedenzfall" Lenin und Bogdanow.
wicklung steuern müssen. Das bringt sie in die unmittel- Umgekehrt hat Lenins ausführliche Polemik gegen die
bare Nähe des alten rechten Flügels unserer Partei, der idealistische Abweichung eines Opponenten vom Marxis-
menschewistischen Genossen, die immer, unabhängig mus die Tendenz gestärkt, jeden Fraktionskampf dadurch zu
von irgendwelcher Einschätzung der politischen Lage, „vertiefen", daß man philosophische Fragen heranzieht —
legale und konstitutionelle Tätigkeitsformen, .organische und alle politischen Differenzen auf die Frage des dia-
Arbeit' und .organische Entwicklung', bevorzugen." (Zi- lektischen Materialismus reduziert. Diese Mischung aus
tiert in Robert V. Daniels, Hrsg.,^4 Documentary History Bombast und rationalem Idealismus ist zum Merkmal der
ofCommunism, 1960) britischen Gruppe von Gerry Healy geworden. (Die Healy/
Bogdanows Formulierung „eine lange Periode friedlicher Banda-Gruppe ist derart bizarr geworden, daß sie nicht
konstitutioneller Entwicklung" ist zweideutig, was vielleicht mehr ernst zu nehmen ist, am allerwenigsten ihre philoso-
beabsichtigt war. Im Gegensatz zu vielen Menschewiki phischen Mystifikationen.)
meinte Lenin nicht, daß eine neue Revolution für eine Die Healy-Anhänger rechtfertigten ihre Abspaltung 1972
ganze historische Epoche, d.h. für mehrere Jahrzehnte, von ihren ehemaligen Blockpartnern, der französischen
nicht mehr auf der Tagesordnung wäre. Bis 1908 war er zum neokautskyanischen Organisation Communiste Internatio-
Schluß gekommen, daß es vor einem weiteren revolu- naliste (OCI), damit, daß sie das Primat der „Philosophie"
tionären Aufschwung (wie dem von 1905) eine längere Peri- postulierten. Sie beriefen sich auf Lenins Polemik gegen
ode geben würde, und zwar hinsichtlich der praktischen Per- Bogdanow 1908 als orthodoxen Präzedenzfall:
spektiven der Partei und gemessen an den früheren „Lenin studierte unermüdlich die Ideen der neuen Idea-
Erfahrungen und Erwartungen der Bolschewiki. 1908 war listen, der Neokantianer, auf dem Gebiet der Phi-
nicht 1903. Und genau diese Realität leugneten die Otsowi- losophie, sogar während des härtesten praktischen
sten/Ultimatisten. Kampfes für den Aufbau der revolutionären Partei in
Rußland. Als diese Ideen in Gestalt des .Empiriokritizis-
Philosophie und Politik
mus' von einem Teil der Bolschewiki selbst aufgegriffen
Der Otsowismus/Ultimatismus hing mit dem neukan- wurden, untersuchte Lenin diese Ideen eingehend und
tianischen idealistischen Dualismus zusammen, den der schrieb ein umfangreiches Werk gegen sie, Materialismus
österreichische Physiker und Philosoph Ernst Mach vertrat und Empiriokritizismus.
— eine philosophische Richtung, die damals in Intellek- Lenin verstand sehr wohl, daß die Jahre der größten Not
tuellenkreisen Mitteleuropas groß in Mode war. Bogdanows und Isolierung nach der Niederlage der Revolution von
Werk Empiriomonismus (1905/06) war ein ehrgeiziger Ver- 1905 die revolutionäre Bewegung dem äußersten Druck
such, den Marxismus mit dem Neokantianismus zu ver- des Klassenfeindes aussetzte. Er wußte, daß die grund-
söhnen. 1908 vertiefte Bogdanows Fraktionspartner Lu- legendste aller Aufgaben in der Verteidigung und Entwick-
natscharski diesen Idealismus zu offenem Spiritualismus lung der marxistischen Theorie auf dem grund-
und vertrat die Notwendigkeit einer sozialistischen Religion. sätzlichsten Niveau bestand, auf dem der Philosophie."
Lunatscharskis „Gottbildnertum" war selbstverständlich für (International Committee, In Defence of Trotskyism,
die Bolschewiki insgesamt und selbst für die Fraktion der 1973, unsere Hervorhebung)
Otsowisten/Ultimatisten sehr peinlich. Diese Passage stellt auf mehreren Ebenen eine voll-
Bogdanows Sympathie für die neokantianische Philoso- ständige Fälschung dar. Zunächst einmal richtete sich
phie reichte lange zurück und war allgemein bekannt. Solan- Lenins historisch wichtigerer politischer Kampf in der Peri-
ge Bogdanow als Lenins rechte Hand fungierte und selbst ode der Reaktion nicht gegen Bogdanows ultralinke Bol-
keine eigene politische Tendenz darstellte, hielten sowohl schewiki, sondern gegen die menschewistischen Liqui-
Bolschewiki wie Menschewiki seinen Neokantianismus für datoren. In diesem Kampf spielten philosophische Fragen
eine persönliche Marotte. Aber als Bogdanow dann zum keine besondere Rolle.
Führer einer eigenständigen und zeitweilig bedeutenden Die Healyisten fälschen auch Lenins Beziehung zu Bog-
Tendenz in der russischen Sozialdemokratie wurde, wurden danow. Als Bogdanow 1904 Mitglied der Führung der Bol-
seine philosophischen Ansichten zum Brennpunkt der all- schewiki wurde, war er bereits als Neokantianer (Machist)
gemeinen politischen Kontroverse. Besonders Plechanow allgemein bekannt. Lenin und Bogdanow einigten sich dar-
schlachtete den Bogdanowismus aus, um das Programm der auf, daß die Bolschewiki als Tendenz keine Stellung zu den
Bolschewiki als Produkt des krassen subjektiven Idealismus kontroversen philosophischen Fragen beziehen würden.
anzugreifen. So verbrachte Lenin einen Großteil des Jahres Dies erklärt Lenin in einem Brief an Maxim Gorki (25. Fe-
1908 mit Studien für eine größere Polemik gegen Bogda- bruar 1908), wo er seine frühere Beziehung zu Bogdanow
nows Neokantianismus, Materialismus und Empiriokritizis- trotz dessen philosophischer Abweichung billigt:
mus, um den Bolschewismus von jeder Spur des philosophi- „Im Sommer und Herbst 1904 sind wir uns mit Bog-
schen Idealismus zu reinigen. danow als Bolschewiki endgültig einig geworden und
haben jenen stillschweigenden und
die Philosophie als neutrales Gebiet
stillschweigend ausschließenden
Block gebildet, der die ganze Revolu-
tion hindurch fortbestanden und es
uns ermöglicht hat, in der Revolution
gemeinsam jene Taktik der revolutio-
nären Sozialdemokratie (= des Bol-
schewismus) zu verfolgen, die meiner
tiefsten Überzeugung nach die einzig
richtige gewesen ist." (Hervorhebung
im Original)
Es war der rechte Menschewik Plecha-
now, der die Frage von dialektischem
Materialismus kontra Neokantianismus
in den Vordergrund rückte, um die
Führung der revolutionären Bolschewiki
zu diskreditieren und zu spalten. Als Le-
nin die Bolschewiki gegen Plechanow
verteidigte, ging er so weit, daß er be-
stritt, daß die Frage des neukantianischen
Revisionismus für die revolutionäre Be-
wegung in Rußland überhaupt relevant
sei. Auf dem rein bolschewistischen Par-
teitag im April 1905 erklärte Lenin:
„Da Plechanow nicht beweisen kann,
daß der ,Wperjod' Marx .kritisieren'
Roger Viollet Paris
will, müssen eben Mach und Avenarius
Lenin spielt Schach mit Bogdanow in Capri
herhalten. Es ist mir absolut unerfind-
lich, was diese Schriftsteller, für die ich nicht die geringste größter Vorzug darin besteht, übergeschichtlich zu sein"
Sympathie hege, mit der Frage der sozialen Revolution zu (November 1877). Der dialektische Materialismus ist ein
tun haben sollen. Sie schrieben über individuelle und so- begrifflicher Rahmen, der ein wissenschaftliches Verständnis
ziale Organisation der Erfahrung, oder irgend etwas Ähn- der Gesellschaft in ihrer konkreten historischen Ent-
liches, machten sich aber wahrhaftig keine Gedanken wicklung erlaubt, aber nicht garantiert. Mit anderen Worten:
über die demokratische Diktatur." („Referat über die Das Verständnis der dialektischen Natur der sozialen Rea-
Teilnahme der Sozialdemokratie an einer provisorischen lität ist Leitfaden für ein Gefüge historischer Verallge-
revolutionären Regierung", 18. April 1905) meinerungen (z. B. daß der Staatsapparat unter dem Kapita-
Zum Teil als Ergebnis seiner späteren Auseinanderset- lismus nicht zu einem sozialistischen Verwaltungsorgan
zung mit Bogdanow änderte Lenin seine Position von 1905 reformiert werden kann, daß in dieser Epoche ein kollekti-
ab, die eine allzu willkürliche Trennlinie zwischen politi- viertes Wirtschaftssystem die gesellschaftliche Vorherrschaft
schen und philosophischen Differenzen zog. Er kam zu dem des Proletariats darstellt), das den marxistischen program-
Schluß, daß grundlegende Differenzen zwischen Marxisten matischen Grundsätzen zugrundeliegt.
über den dialektischen Materialismus wahrscheinlich zu po- Die Mystifizierung der marxistischen Herangehensweise
litischen Abweichungen führen werden. Allerdings war für an die Philosophie durch die Healyisten ist ein Produkt ihrer
Lenin weiterhin das Programm in erster Linie bestimmend Degenerierung zu einem bizarren Führerkult. Anfang der
für die revolutionäre Politik und die damit verbundene orga- 60er Jahre verstand Healys Socialist Labour League, daß
nisatorische Zugehörigkeit. Von seiner engen Zusammenar- der dialektische Materialismus nur ein verallgemeinerter
beit mit Bogdanow 1904-07 hat sich Lenin nie distanziert. Ausdruck einer einheitlichen Weltanschauung ist und kei-
Und er hatte absolut Recht, sich mit Bogdanow, einem revo- neswegs ein abstraktes Schema oder eine Methode mit einer
lutionären Sozialdemokraten, auch wenn der Neukantianer von der empirischen Realität unabhängigen Existenz. Cliff
war, gegen Plechanow, einen proliberalen Sozialdemokra- Slaughters Artikel aus den Jahren 1962/63 über Lenins
ten, auch wenn der dialektischer Materialist war, zu verbün- Hegel-Studien aus den Jahren 1914/15, die 1971 als Bro-
den. Erst als Bogdanows neukantianische Konzeptionen mit schüre unter dem Name Lenin on Dialectics nachgedruckt
einem politischen Programm in Verbindung traten, das dem wurden, enthalten einen scharfsinnigen Angriff auf die
Marxismus entgegengesetzt war, machte Lenin die Verteidi- Idealisierung der Dialektik:
gung des dialektischen Materialismus gegen den philosophi- „Was Hegel betont, wird von Lenin ausdrücklich her-
schen Idealismus zu einer zentralen politischen Aufgabe. vorgehoben: Die Dialektik ist kein Universalschlüssel,
Gegen die Mystifizierung der Dialektik keinerlei magische Zahlensammlung, wodurch alle Ge-
heimnisse offenbart werden. Es ist falsch, dialektische
Das marxistische Programm als der wissenschaftliche Logik für etwas zu halten, das in sich selbst vollendet ist
Ausdruck der Interessen der Arbeiterklasse und des gesell- und das man dann auf bestimmte Beispiele .anwendet'.
schaftlichen Fortschritts leitet sich nicht einfach vom sub- Sie ist kein Interpretatiönsmuster, das man lernt und
jektiven Wunsch nach einer sozialistischen Zukunft ab. Das dann von außen an die Realität ansetzt; die Aufgabe ist
marxistische Programm verkörpert notwendigerweise ein vielmehr, das Entwicklungsgesetz der Realität selbst zu
korrektes Verständnis der Realität, dessen allgemeinster entdecken...
oder abstraktester Ausdruck der dialektische Materialismus Die von Marx begründete Gesellschaftswissenschaft hat
ist. Doch wie Marx 1877 an die Zeitung der russischen keinen Platz für die Philosophie als solche, für die Idee
Populisten, Otetschestwennyje Sapiski, selbst schrieb, bot er eines sich unabhängig bewegenden Denkens mit eigenem
keine allgemeine „geschichtsphilosophische Theorie, deren Inhalt und eigener Entwicklung, das von der Realität
unabhängig ist, aber manchmal her- der Entstellung der Wirklichkeit, die
absteigt und diese beeinflußt." notwendigerweise mit verschiedenen ge-
Slaughter zitiert dann Marx' Urteil über sellschaftlichen Rollen einhergeht.
einen philosophischen Begriff in der Die traditionelle philosophische Ka-
Deutschen Ideologie: „Die selbständige tegorie der Epistemologie [Erkenntnis-
Philosophie verliert mit der Darstellung theorie] (sowohl in ihrer empirischen
der Wirklichkeit ihr Existenzmedium." als auch ihrer rationalistischen Form)
Aber bis Ende der 60er Jahre hatten ist selbst ein ideologischer Ausdruck
die Healyisten ein Existenzmedium für falschen Bewußtseins, weil sie das be-
die Philosophie als unabhängige Theo- wußte Subjekt von der Natur und der
rie „wiederentdeckt". Der dialektische Gesellschaft trennt. Der dialektische
Materialismus wurde groß hinauspo- Materialismus kritisiert die verschiede-
saunt als „die Erkenntnistheorie des nen traditionellen Begriffe der Erkennt-
Marxismus", als ein Ausdruck des Zwei- nistheorie ebenso wie andere philoso-
ges der Philosophie, der als Epistemo- phische Begriffe und Kategorien. Aber
logie bekannt ist. So lesen wir in einer der Marxismus kritisiert die traditionell
Dokumentensammlung über die Ab- le Philosophie nicht dadurch, daß er
spaltung von der OCI (Break with Cen- sich als neue, alternative Philosophie
trisml, 1973): aufstellt, die ebenso unabhängig von
„Das Wesentlichste bei der Vorbe- einem wissenschaftlichen (d.h. empi-
reitung der Sektionen war, den dia- risch nachweisbaren) Verständnis der
lektischen Materialismus zu ent- Natur und Gesellschaft existiert.
wickeln im Kampf, das Bewußtsein Die Mystifizierung des dialektischen
der Arbeiterklasse unter den sich Dietz Verlag Materialismus durch die Healyisten —
ändernden objektiven Bedingungen Lunatscharski „der Weg, wie man durch Kampf vom
zu verstehen und von Grund auf zu Irrtum zur Wahrheit kommt" — ist in
verändern. Dies bedeutet das Verständnis und die Ent- erster Linie eine Rechtfertigung für die Unfehlbarkeit
wicklung des dialektischen Materialismus als Erkennt- eines Führerkults. Programm, Analysen, Taktik und Per-
nistheorie des Marxismus... spektiven der healyistischen Führung sind nach deren Auf-
Wir sagen mit Bestimmtheit, daß der dialektische Ma- fassung von empirischer Nachprüfung ausgenommen. Zum
terialismus die Erkenntnistheorie des Marxismus ist, Beispiel behaupten die Healyisten bis heute, daß Kuba
über den Weg, wie man durch Kampf vom Irrtum zur kapitalistisch sei! Kritikern und Oppositionellen wird er-
Wahrheit kommt — nicht zu einer ,endgültigen' Wahr- zählt, daß sie die Realität nicht verstehen; diese Fähigkeit
heit, aber durch widersprüchlichen Kampf zu ständigen ist das Monopol der Führung, die allein die dialektische
Fortschritten im wirklichen Verständnis der objektiven Methode gemeistert hat. Die Ähnlichkeit zwischen der hea-
Welt..." lyistischen Auffassung von Dialektik und der religiösen My-
Diese healyistische Vorstellung vom dialektischen Ma- stik ist kein Zufall.
terialismus ist sowohl ungeheuer beschränkt als auch eine Zusammenfassend: Eine systematische Ablehnung des
Idealisierung der Erkenntnis. Es gibt keine gültige, eigen- dialektischen Materialismus (z. B. Bogdanow, Burnham)
ständige Erkenntnistheorie. Auf der Ebene der individuel- muß früher oder später zu einem Bruch mit dem wissen-
len Wahrnehmung wird eine Erkenntnistheorie von wissen- schaftlichen marxistischen Programm führen. Aber wie
schaftlichen Untersuchungen der Biologie und Psychologie Healy zu glauben, daß jede ernste politische Differenz in-
abgeleitet. Auf der Ebene des gesellschaftlichen Bewußt- nerhalb einer revolutionären Partei auf antagonistische phi-
seins ist eine Erkenntnistheorie Bestandteil eines Verständ- losophische Begriffe reduziert werden kann oder muß, ist
nisses von historisch spezifischen gesellschaftlichen Ver- eine Art rationaler Idealismus. Solch philosophischer Re-
hältnissen. Zentral für das marxistische Verständnis von duktionismus leugnet die Tatsache, daß politische Diffe-
Erkenntnis ist daher der Begriff des falschen Bewußtseins, renzen allgemein daraus entstehen, daß verschiedenartiger
Druck und Einfluß der Gesellschaft auf der revolutionären
Avantgarde und deren Bestandteilen lasten, und daß es Dif-
ferenzen bei der Einschätzung der empirischen Verhältnisse
und Möglichkeiten gibt.
Die Bedeutung des Kampfes
Abonniert die Zeitung der SpAD! gegen den Otsowismus/Ultimatismus
Volles Abo (6 Ausgaben): DM 5,- Das Ende des Fraktionskampfes zwischen Leninisten
Auslandsabo: DM 15,-; Übersee Luftpost: DM 20,- und Otsowisten/Ultimatisten kam auf der oben erwähnten
beide Abos enthalten Spartacist (deutsche Ausgabe) Konferenz der erweiterten Redaktion von Proletari im Juli
1909. Die Konferenz beschloß, daß der Bolschewismus „mit
Name dem Otsowismus und dem Ultimatismus nichts gemein hat
und daß die bolschewistische Fraktion diese Abweichungen
Adresse vom Wege des revolutionären Marxismus aufs ent-
schiedenste bekämpfen muß". Als Bogdanow sich weigerte,
diese Resolution anzuerkennen, wurde er aus der bolsche-
Telefon wistischen Fraktion ausgeschlossen.
lavp Wie schon im ersten Kapitel erwähnt, bekräftigte Lenin
Bestellt bei: Konto 119 88-601 in seiner Rechtfertigung für Bogdanows Ausschluß ein-
Postfach 5 55 Postgiro Frankfurt/Main deutig, daß dieser an der kautskyanischen Doktrin festhielt,
10127 Berlin BLZ 50010060 wonach die Partei alle Sozialdemokraten (d. h. auf die Ar-
beiterklasse orientierte Sozialisten) umfassen sollte. Dabei
machte er einen scharfen Unterschied zwischen einer Frak- sei ein menschewistischer Versöhnler geworden, konnten
tion, deren Programm und Perspektive politisch homogen nicht kurzerhand als lächerlich abgetan werden. Bogdanow,
sein müssen, und der kautskyanischen „Partei": Ljadow, Krassin und Alexinski hatten zu Lenins wichtigsten
„Der Bolschewismus ist bei uns als bolschewistische Frak- Mitarbeitern gehört, dem Kern der früheren bolschewisti-
tion der Partei vertreten. Die Fraktion ist aber nicht die schen Zentrale. Lunatscharski war ein bekannter Sprecher
Partei. Die Partei kann eine ganze Skala von Schattierun- der Bolschewiki gewesen. Die Menschewiki griffen Lenin
gen umschließen, von denen die extremsten sogar einan- also dafür an, daß sich seine bekanntesten und begabtesten
der schroff widersprechen können. In der deutschen Par- Mitarbeiter von ihm getrennt hatten. Im Fraktionskampf
tei haben wir neben dem ausgeprägt revolutionären 1907-09 gegen den Otsowismus/Ultimatismus kristallisierte
Flügel Kautskys den erzrevisionistischen Flügel Bern- sich eine neue leninistische Führung aus den jüngeren bol-
steins. Das kann eine Fraktion nicht. In der Partei ist eine schewistischen Kadern heraus — Sinowjew, Kamenjew,
Fraktion eine Gruppe von Gleichgesinnten, die sich gebil- Rykow, Tomski und etwas später Stalin. Diese sollten bis in
det hat, um vor allem in einer bestimmten Richtung auf die Anfangszeit des Sowjetregimes der zentrale Kern der
die Partei einzuwirken, um ihre Prinzipien in der Partei bolschewistischen Führung sein.
in möglichst reiner Form durchzusetzen. Dazu bedarf es Wie kann man erklären, daß die meisten bolschewisti-
wirklich gleicher Gesinnung. Diesen Unterschied in den schen Führer der ersten Generation zum Ultralinkstum
Forderungen, die wir an die Einheit der Partei und an die übergingen, um einer zweiten Generation Platz zu machen,
Einheit der Fraktion stellen, muß jeder begreifen, der die sich den Leninismus in seiner entscheidenden Weiter-
hinsichtlich der wirklichen Lage der Dinge, hinsichtlich entwicklung zu eigen machte? Die Bolschewiki entstanden
der inneren Reibungen in der bolschewistischen Fraktion nicht nur als der revolutionäre Flügel der russischen Sozial-
ein klares Bild erlangen will." („Mitteilung über eine Be- demokratie, sondern waren empirisch optimistisch über die
ratung der erweiterten Redaktion des ,Proletari'", Juli Perspektiven des revolutionären Kampfes. Und dieser
1909, Hervorhebung im Original) selbstbewußte Optimismus wurde durch die Ereignisse be-
Nach Bogdanows Ausschluß bildeten Lenin und seine stätigt. Die Zeit von 1903 bis 1907 war im allgemeinen durch
gleichgesinnten Genossen ihre eigene Gruppe um die Zei- eine aufsteigende Linie des revolutionären Kampfes ge-
tung Wperjod und wählten dafür bewußt den Namen des er- kennzeichnet, und das ermöglichte es den Bolschewiki, eine
sten bolschewistischen Organs (von 1905). Die Wperjodisten Massenpartei zu werden. Es ist daher verständlich, daß ein
appellierten im Namen des wahren Bolschewismus an die Teil der Bolschewiki nicht bereit war, der Tatsache ins Auge
bolschewistischen Mitglieder. Obwohl viele bolschewisti- zu sehen, daß die Reaktion gesiegt hatte und dies einen brei-
sche Arbeiter die Position der Otsowisten/Ultimatisten über ten organisatorischen Rückzug erforderte. Diese Bolschewi-
die Beteiligung an den Duma-Wahlen teilten, waren sie ki reagierten auf eine ungünstige Wirklichkeit mit einem
nicht bereit, sich über diese Frage von Lenins Organisation sterilen, dogmatischen Radikalismus, dessen extreme Form
abzuspalten. Lenin mußte daher in den folgenden paar Jah- sozialistischer Spiritualismus war. Es ist kennzeichnend für
ren verschwommene ultralinke Einstellungen an der bol- Lenins Größe als revolutionärer Politiker, daß er den Sieg
schewistischen Basis bekämpfen, bis die Tendenzen des der Reaktion in vollem Ausmaß erkannte und die Perspekti-
Otsowismus/Ultimatismus völlig verschwanden. ven der proletarischen Avantgarde entsprechend darauf ein-
Der Anspruch der Otsowisten/Ultimatisten auf die wah- stellte, auch wenn dies einen Bruch mit manchen seiner bis
re bolschewistische Tradition und ihre Behauptung, Lenin dahin engsten Mitarbeiter bedeutete.
DIE ENDGÜLTIGE
SPALTUNG MIT
DEN MENSCHEWIKI

Nach Stolypins Staatsstreich im Juni 1907 wurde die der der SDAPR und wurden auch von der menschewisti-
Sozialdemokratische Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) schen Führung im Ausland so betrachtet. Lenin prangerte
verboten und ihre Duma-Abgeordneten verhaftet. Par- diese menschewistische Politik als Liquidatorentum an, als
teifraktionen konnten in legalen und halblegalen Arbei- faktische Auflösung der SDAPR zugunsten einer amorphen
terorganisationen (z.B. Gewerkschaften und Genossen- Bewegung, die auf liberaler Arbeiterpolitik beruhte.
schaften) weiterhin existieren, aber die Partei als solche Der Konflikt zwischen den Bolschewiki und Mensche-
konnte nur als Untergrundorganisation existieren. Das voll- wiki über das Liquidatorentum kann nicht einfach ober-
ständige Parteiprogramm konnte nur in einer illegalen Zei- flächlich als Ausdruck entgegengesetzter Organisations-
tung dargestellt werden. Ende 1907/Anfang 1908 mußten prinzipien verstanden werden. Das Liquidatorentum der
die lokalen Komitees untertauchen, wenn sie überhaupt als Menschewiki war stark durch die Tatsache bedingt, daß die
funktionierende Gremien überleben wollten. Bolschewiki eine Mehrheit in den führenden Gremien der
Die notwendige Umwandlung in eine Untergrundorga- offiziellen SDAPR hatten. Das Liquidatorentum war die
nisation führte an sich zu einer erheblichen Schrumpfung extreme Form einer allgemeineren Tendenz der Mensche-
der Partei. Viele politisch unerfahrene Arbeiter und radi- wiki, sich von der leninistischen Führung der SDAPR zu
kalisierte Intellektuelle, die in der revolutionären Periode distanzieren.
zur Partei gewonnen worden waren, waren nicht bereit oder Ende 1907 erklärte die SDAPR-Fraktion in der neuen
nicht fähig, im Untergrundnetz zu funktionieren. Außerdem Duma, wo die Menschewiki die Fraktionsmehrheit hatten,
verstärkte die Welle von Verzweiflung, die mit dem Sieg der ihre Unabhängigkeit von der Exilzentrale der Partei mit der
zaristischen Reaktion über die arbeitenden Massen hin- Begründung, dadurch eine notwendige legale Deckung zu
wegrollte, die Austritte aus der verbotenen und verfolgten erhalten. Öffentlich die Unterordnung der Duma-Abgeord-
SDAPR. 1908 konnte die SDAPR nur als relativ enges Netz neten unter die Exilführung der Partei zurückzuweisen hätte
von völlig überzeugten Revolutionären bestehen. eine legitime Sicherheitsmaßnahme sein können. Aber die
menschewistischen Parlamentarier gaben dieser legalen
Menschewistisches Liquidatorentum Deckung einen wirklichen politischen Inhalt. Die opportu-
und dessen Zweck nistische Tätigkeit der menschewistischen Parlamentarier
Die Verhältnisse im Jahr 1908 ließen also die ursprüng- bestärkte die bolschewistischen Ultralinken, die die Duma
lichen organisatorischen Differenzen, die die russische Sozi- überhaupt boykottieren wollten.
aldemokratie in Bolschewiki und Menschewiki gespalten Anfang 1908 gründete die menschewistische Führung im
hatten, wieder aufleben. Wie wir gesehen haben, ak- Exil (Martow, Dan, Axelrod, Plechanow) erneut ihr eige-
zeptierten die Menschewiki auf dem „Vereinigungs"par- nes Fraktionsorgan, Golos Sozial-Demokrata (Stimme des
teitag 1906 Lenins Definition der Mitgliedschaft, weil unter Sozialdemokraten). Mitte 1908 trat der Menschewik M.I.
den damaligen relativ offenen Verhältnissen die formale Broido, Mitglied des Zentralkomitees in Rußland, aus dem
organisatorische Beteiligung und Disziplin keine Barriere ZK aus, angeblich aus Protest gegen die bewaffneten Ent-
zur Rekrutierung auf breiter Basis waren. Doch 1908 brach eignungen durch die Bolschewiki. Etwa zur gleichen Zeit
die alte Auseinandersetzung über eine enge, zentralisierte zirkulierten die zwei menschewistischen Mitglieder des
Partei kontra eine breite, amorphe Organisation mit erneu- Zentralkomitees im Ausland, B.I. Goldman und Martynow,
ter Wut aus. ein Memorandum, das erklärte, die offizielle Parteiführung
Die meisten Kader der Menschewiki folgten nicht den sollte, angesichts des desorganisierten Zustands der Bewe-
Bolschewiki in die Untergrundarbeit. Unter der Leitung von gung in Rußland, keine Anweisungen geben, sondern sich
A. N. Potressow, dem führenden Mitglied ihrer Tendenz in darauf beschränken, sozialdemokratische Aktivitäten passiv
Rußland, beschränkten sich die menschewistischen Kader zu überwachen.
auf die legalen Arbeiterorganisationen und beschäftigten Wäre Martow statt Lenin Führer der offiziellen SDAPR
sich mit der Herausgabe einer legalen Zeitung. Diese sozial- gewesen, hätten sich die Menschewiki zweifellos völlig loyal
demokratischen Aktivisten, die keiner Parteiorganisation gegenüber der etablierten Parteiorganisation verhalten (und
oder -disziplin unterlagen, hielten sich trotzdem für Mitglie- hätten außerdem die Parteistatuten als Schwert benutzt, um
die Bolschewiki rücksichtslos dagegen stimmten und die Bun-
auseinanderzuhauen). Doch im disten gespalten waren:
Gegensatz zu den Leninisten wa- „... die geänderten politi-
ren die Menschewiki prinzipiell schen Umstände machen es
dagegen, die sozialdemokrati- zunehmend unmöglich, die
sche Partei als Untergrundorga- sozialdemokratische Tätigkeit
nisation zu definieren. Martows im Rahmen der legalen und
Position über das Verhältnis der halblegalen Arbeiterorganisa-
Partei zur Untergrundorganisa- tionen zu halten...
tion wird 1909 in der August/ Die Partei muß besondere
September-Ausgabe von Golos Aufmerksamkeit auf die Ver-
Sozial-Demokrata präzise erklärt: wendung und Verstärkung be-
„... eine mehr oder weniger stehender illegaler, halblega-
fest umrissene und bis zu ler und wo möglich legaler
einem gewissen Grade ver- Organisationen richten —
schwörerische Organisation und auf die Schaffung von
macht jetzt Sinn (sogar großen neuen —, die ihr als Stütz-
Sinn) nur insofern, daß sie punkte für die agitatorische,
sich an dem Aufbau einer so- propagandistische und prakti-
zialdemokratischen Partei be- sche organisatorische Arbeit
teiligt, die notwendigerweise unter den Massen dienen
weniger fest umrissen ist und können... Diese Arbeit wird
ihre Hauptstützen in offenen erst dann möglich und frucht-
Arbeiterorganisationen hat." bar werden, wenn es in je-
(Zitiert in Israel Getzler, dem Industriebetrieb ein Ar-
Martov, 1967, Hervorhebung beiterkomitee gibt, das allein
im Original) aus Parteimitgliedern besteht,
Diese Position, die Bedeutung selbst wenn es nur wenige
der Untergrundarbeit zu begren- sind, und das enge Verbindun-
zen, stellte sowohl den Wunsch gen mit den Massen hat; und
nach bürgerlich-liberaler Re- wenn die gesamte Arbeit der
spektabilität dar als auch eine legalen Organisationen unter
Tendenz, die Partei mit breiten, Dietz Verlag der Leitung der illegalen Partei-
umfassenden Arbeiterorganisa- Plechanow organisation ausgeführt wird."
tionen gleichzusetzen. (Robert H. McNeal, Hrsg.,
Die Menschewiki waren bereit, illegale, klandestine Ar- Resolutions and Decisions of the Communist Party of the
beit zu leisten, um ihr eigenes Programm und ihre eigene Soviet Union, 1974, unsere Hervorhebung)
Organisation zu fördern, und waren gleichzeitig gegen eine Lenin benutzte seine Mehrheit auf der SDAPR-Konfe-
Untergrundpartei als solche. Ab 1911 schufen die mensche- renz 1908, um das Liquidatorentum namentlich anzupran-
wistischen Liquidatoren ihr eigenes Untergrundnetz, auch gern, und er stellte es als Ausdruck der Instabilität und des
wenn es nicht so effektiv war wie das der Bolschewiki und Karrierismus der radikalen Intelligenz dar:
auch nicht dessen Masseneinfluß erreichte. „Angesichts der Tatsache, daß in vielen Orten ein Teil der
Das menschewistische Liquidatorentum von 1908-12 war Parteiintelligenz dabei ist, die bestehende Organisation
ein extremer Ausdruck von sozialdemokratischem Opportu- der SDAPR zu liquidieren, um sie durch ein formloses
nismus, das Ergebnis folgender Hauptfaktoren: 1. dem Sammelsurium im Rahmen der Legalität zu ersetzen, ko-
Wunsch nach bürgerlich-liberaler Respektabilität; 2. einer ste es, was es wolle — selbst die offene Leugnung des
allgemeinen Ausrichtung darauf, die Partei mit breiten, um- Programms, der Aufgaben und Traditionen der Partei —,
fassenden Arbeiterorganisationen gleichzusetzen; 3. der hält es die Konferenz für unentbehrlich, den entschlos-
Tatsache, daß solche Organisationen legal waren, die Partei sensten ideologischen und organisatorischen Kampf ge-
als solche aber nicht; 4. der Tatsache, daß Lenin die Führung gen diese liquidatorischen Bemühungen zu führen..."
der offiziellen SDAPR hatte; und 5. der organisatorischen (ebenda)
Schwäche der Menschewiki. Wie schon (im ersten Kapitel) besprochen, sah Lenin den
Der Kampf beginnt Menschewismus als Ausdruck der Interessen und Ansichten
der radikalen Intelligenz und nicht als opportunistische
Der Kampf über das Liquidatorentum begann formal auf Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung. Hierbei folgte
der SDAPR-Konferenz im Dezember 1908 in Paris. Auf die- Lenin der Methodologie Kautskys, der die soziologische Ba-
ser Konferenz hatten die Bolschewiki fünf Delegierte (drei sis des Revisionismus in den kleinbürgerlichen Mitläufern
von ihnen Ultralinke) und ihre Verbündeten, die polnischen der Sozialdemokratie ortete.
Sozialdemokraten von Luxemburg/Jogiches, auch fünf; die Die Menschewiki warfen Lenins Bolschewiki ebenfalls
Menschewiki hatten drei Delegierte und ihre Verbündeten, vor, eine kleinbürgerliche Abweichung darzustellen: Anar-
der Bund, auch drei. chismus. Zum Beispiel beschrieb Plechanow Anfang 1908
Alle Teilnehmer an dieser Konferenz (außer den ultra- die Gründung des menschewistischen Organs Golos Sozial-
linken Bolschewiki) erkannten, daß die revolutionäre Si- Demokrata als einen ersten Schritt zum „Sieg der sozial-
tuation endgültig vorbei war und daß eine unbestimmte Zeit demokratischen Grundsätze über den bolschewistischen
der Reaktion bevorstand. Die Aufgaben und Perspektiven Bakuninismus" (zitiert in Leonard Schapiro, Die Geschichte
der Partei müßten entsprechend geändert werden. In die- der kommunistischten Partei der Sowjetunion, 1961). Die
sem Zusammenhang betonte Lenin, daß die illegale Partei- Menschewiki taten die Unterstützung der Bolschewiki in
organisation Vorrang haben müsse. Lenins Resolution zu der Arbeiterklasse mit der Begründung ab, daß die Lenini-
dieser Frage wurde angenommen, wobei die Menschewiki sten die Primitivität des russischen Proletariats demagogisch
ausschlachten würden, ein Proletariat, das mit der Bauern- Vergleich zu ihrer zahlenmäßigen Schwäche. Plechanow be-
schaft immer noch eng verbunden war. saß immer noch große Autorität in der internationalen und
So warfen sich beide Seiten vor, keine wirklichen Sozial- russischen sozialdemokratischen Bewegung. Seine scharfen
demokraten (d.h. auf die Arbeiterklasse orientierte So- Vorwürfe, daß der Hauptteil der Menschewiki die sozial-
zialisten) zu sein. Die Bolschewiki sahen die Menschewiki demokratische Partei liquidieren würde, stärkte erheblich
als kleinbürgerliche Demokraten, den linken Flügel des bür- die Glaubwürdigkeit von Lenins Position, da man Plechanow
gerlichen Liberalismus, die radikalisierten Kinder der Ka- kaum fraktionelle Verzerrung oder Übertreibung vorwerfen
detten. Die Menschewiki verurteilten die Bolschewiki als konnte. Die wenigen „parteitreuen" Menschewiki, die sich
kleinbürgerliche Anarchisten, radikale Populisten, getarnt 1912 den Bolschewiki doch anschlossen, trugen in großem
als Sozialdemokraten. Diese gegenseitigen Vorwürfe waren Maße zur Legitimität von Lenins Anspruch bei, die Konti-
keine Demagogie und noch nicht einmal polemische Über- nuität der offiziellen SDAPR darzustellen.
treibungen; sie brachten tatsächlich zum Ausdruck, wie die Schon 1909 hatten sich die Bolschewiki und Menschewiki
Bolschewiki die Menschewiki sahen und umgekehrt. Da in Rußland in zwei eigenständige Gruppen gespalten, die
beide Seiten am Grundsatz einer einheitlichen Partei aller um den Einfluß auf die Massen konkurrierten. Auf einer
Sozialdemokraten festhielten, konnten Bolschewiki und Konferenz der bolschewistischen Führung Mitte 1909 argu-
Menschewiki ihre Spaltung nur durch die Erklärung recht- mentierte Lenin, daß die Fraktion der Bolschewiki tatsäch-
fertigen, daß die jeweils andere Gruppe nicht wirklich zur lich zur SDAPR geworden war:
proletarischen sozialistischen Bewegung gehöre. „Aber man muß stets dessen eingedenk sein: Die
Verantwortung für die .Erhaltung und Festigung' der
Parteitreue Menschewiki SDAPR, von der die Resolution der Beratung spricht,
und bolschewistische Versöhnler liegt jetzt vor allem, wenn nicht ausschließlich, bei der
Ende 1908 erhielt Lenins Kampagne gegen die Liquida- bolschewistischen Fraktion. Die gesamte oder fast die ge-
toren Unterstützung von ganz unerwarteter Seite: Plecha- samte Parteiarbeit, die geleistet wird — insbesondere auf
now. Der große alte Mann des russischen Marxismus brach der unteren Ebene — tragen jetzt die Bolschewiki."
schroff mit der menschewistischen Führung, gründete seine („Mitteilung über eine Beratung der erweiterten Re-
eigene Zeitung, Dnewnik Sozial-Demokrata (Tagebuch eines daktion des Proletari, Juni 1909, unsere Hervorhebung)
Sozialdemokraten) und attackierte das Verlassen der beste- Gleichzeitig hob er die Bedeutung einer Vereinigung mit
henden Parteiorganisationen in einem Ton und mit Worten, Plechanows „parteitreuen" Menschewiki hervor:
die stark an Lenin erinnerten. „Welche Aufgaben haben die Bolschewiki gegenüber die-
Plechanows politisches Verhalten 1909-11 ist ober- sem vorläufig noch kleinen Teil der Menschewiki, die das
flächlich gesehen ein Rätsel, da er bisher bei fast allen Fra- Liquidatorentum von rechts bekämpfen? Die Bolschewi-
gen auf dem äußersten rechten Flügel der Menschewiki ge- ki müssen zweifellos danach streben, diesem Teil der Par-
standen hatte und auch lautstark für eine Spaltung mit teimitglieder, dem marxistischen und parteiverbundenen
Lenin eingetreten war. Subjektive Überlegungen haben viel- Teil, näherzukommen." (ebenda)
leicht eine Rolle gespielt. Plechanow war extrem hochmütig Lenins Position, daß die Bolschewiki (hoffentlich zu-
und mag wohl darüber verärgert gewesen sein, von den jün- sammen mit Plechanows Anhängern) die Partei ohne und
geren Führern der Menschewiki (z. B. Martow, Potressow) gegen die Mehrheit der Menschewiki aufbauen sollten, traf
in den Schatten gestellt zu werden. Er mag überlegt haben, auf bedeutenden Widerstand in der Führung und auch bei
daß sein Auftreten als „parteitreuer" Menschewik es ihm er- der Basis der Bolschewiki. Eine starke Fraktion von Ver-
möglichen würde, sich wieder als die höchste Autorität der söhnlern entstand, die von Dubrowinski (einem ehemaligen
russischen Sozialdemokratie aufzubauen. Duma-Abgeordneten), Rykow, Nogin und Losowski ge-
Jedoch unterscheidet sich Plechanows Position gegen die führt wurde und die für einen politischen Kompromiß mit
Liquidatoren nicht so sehr von seiner allgemeinen po- den Menschewiki eintrat, um eine vereinigte SDAPR wie-
litischen Einstellung, wie es auf den ersten Blick erscheinen derherzustellen.
könnte. Plechanow war schon immer davon überzeugt, daß Im einem gewissen Sinn waren die Kräfte der Ver-
die Spontaneität der Arbeiterklasse eine marxistische (d. h. söhnler in Berlin stärker als in St. Petersburg oder Moskau.
wissenschaftlich sozialistische) Führung braucht. Genau aus Die Führung der deutschen Sozialdemokratischen Partei
dieser Überzeugung begann er 1900 den unversöhnlichen (SPD) sehnte immer noch die Einheit der russischen Partei
Kampf gegen den Ökonomismus. Paradoxerweise verstärkte herbei. In einer besonders sentimentalen Stimmung brachte
Plechanows rechtsgerichtete Position zur Revolution von Kautsky in einem Brief an Plechanow (5. Mai 1911) seine
1905 sein Mißtrauen gegenüber der Spontaneität der Mas- Haltung zu den antagonistischen russischen Fraktionen
sen. Für Plechanow war eine starke sozialdemokratische zum Ausdruck:
Partei notwendig, um das einzuschränken, was er für die an- „ In den letzten Tagen waren Bolschewiky, Minschewiky,
archistischen, primitivistischen Impulse des russischen Pro- Otsowisten und Liquidatoren bei mir. Lauter nette Leu-
letariats hielt. Im Konflikt zwischen Plechanow und den te, und wenn man mit ihnen spricht, merkt man keine
menschewistischen Liquidatoren sehen wir den Unterschied grossen Differenzen." (K. Kautsky an G.V Plechanov, 5.
zwischen einem orthodoxen Marxisten vor 1914, der für eine Mai 1911)
bürgerlich-demokratische Revolution in Rußland eintrat, Die SPD-Führung öffnete ihre Presse dem wichtigsten der
und einer Gruppe von Arbeiterreformisten, für die es russischen Versöhnler: Trotzki. Trotzkis Artikel in der ein-
hauptsächlich um die Verteidigung der unmittelbaren öko- flußreichen SPD-Presse bewirkten einen starken Stim-
nomischen Interessen der russischen Arbeiter ging. mungsumschwung in der internationalen Sozialdemokratie
Plechanows „parteitreue" Menschewiki waren zahlen- zugunsten der Einheit der russischen Partei und gegen die
mäßig schwach, und nur wenige von ihnen fusionierten Extremisten auf beiden Seiten — Lenin von den Bolsche-
schließlich mit den Bolschewiki. Plechanow selber stellte wiki und Potressow von den Menschewiki.
sich gegen Lenin, als dieser auf der Prager Konferenz im Ja-
nuar 1912 die Bolschewiki zur eigentlichen SDAPR erklärte
Lenin kämpft für eine bolschewistische Partei
und damit eine eigenständige bolschewistische Partei schuf. Angesichts einer starken Gruppierung unter seinen
Doch die Wirkung von Plechanows „parteitreuen" Mensche- eigenen Mitgliedern, die für die Einheit war, und unter dem
wiki auf den Fraktionskampf war unverhältnismäßig groß im Druck von Plechanows „parteitreuen" Menschewiki sowie
der SPD-Führung stimmte Lenin wi- Bald zeigte sich, daß Lenins
derwillig einem weiteren Einheitsver- Mißtrauen gegenüber den Mensche-
such zu. Das war das Plenum des wiki gerechtfertigt war. Die mensche-
Zentralkomitees im Januar 1910 in wistischen Liquidatoren in Rußland
Paris. Die Verteilung der Delegierten unter der Führung von P. A. Garwi
war fast die gleiche wie bei dem vor- weigerten sich glatt, dem Russischen
herigen Parteitag 1907. Die Bolsche- Kollegium des Zentralkomitees bei-
wiki hatten vier Delegierte (drei da- zutreten, wie auf dem Plenum in
von Versöhnler) und die Menschewiki Paris vereinbart. So konnte Lenin
auch vier. Der promenschewistische den Menschewiki die Schuld für die
jüdische Bund hatte zwei Delegierte, Spaltung geben und die bolschewisti-
und die probolschewistische Sozialde- schen Versöhnler in die Defensive
mokratie des Königreichs Polen und drängen. Noch Jahre später be-
Litauen (SDKPiL) von Luxemburg/ schimpfte Martow Garwi wegen sei-
Jogiches hatte ebenfalls zwei. Die ver- nes taktischen Patzers, der Lenin sehr
einigten Sozialdemokraten Lettlands, geholfen hatte.
nominell probolschewistisch, und die Ende 1910 erklärte Lenin, daß die
ultralinke Wperjod-Gruppe hatten je Menschewiki die auf dem Plenum in
einen Delegierten. Paris getroffenen Abmachungen ge-
Auf dem Plenum setzten die ver- brochen hatten und daher die Bol-
söhnlerischen Elemente gegenüber schewiki nicht länger an diese Ab-
der Führung der beiden Hauptten- machungen gebunden waren. Im Mai
denzen eine Reihe von Kompromis- 1911 berief Lenin ein Rumpftreffen
sen durch. Die auf dem Parteitag von der führenden Bolschewiki und ihrer
1907 festgelegte fraktionelle Zusam- polnischen Bündnispartner ein, das
mensetzung der führenden Partei- kein Bildnachweis auf Ad-hoc-Basis die offiziellen auf
gremien (der Redaktion des Zentral- Leo Jogiches dem Plenum in Paris gebildeten
organs, des Auslandsbüros und des SDAPR-Gremien ersetzten. Zum
Russischen Kollegiums des Zentralkomitees) wurde beibe- Beispiel wurde eine Technische Kommission gegründet, die
halten. Parität zwischen Bolschewiki und Menschewiki wur- das Auslandsbüro des Zentralkomitees als höchstes Verwal-
de in allen Parteigremien beibehalten, wodurch die nationa- tungsgremium der Partei ersetzte. Für Lenin war dies ein
len sozialdemokratischen Parteien den Ausschlag gaben. entscheidender Schritt beim Aufbau einer Partei ohne und
Zur Hauptfrage der Untergrundarbeit wurde ein Kom- gegen die meisten Menschewiki.
promißantrag ausgearbeitet. Gegen die Untergrundorgani- Zu diesem Zeitpunkt wurden Lenins Pläne durch das
sation zu sein oder ihre Bedeutung zu schmälern wurde ver- Hervortreten eines neuen und vorübergehend einfluß-
urteilt, aber der Ausdruck „Liquidatorentum" wurde wegen reichen Versöhnlers erschwert: Leo Jogiches, Führer der
seines antimenschewistischen fraktionellen Untertons ver- SDKPiL. Jogiches war ein sehr ernstzunehmender Gegner.
mieden. Die Menschewiki wiederum erhielten die morali- Zusammen mit den bolschewistischen Versöhnlern (z.B.
sche Genugtuung, daß die bewaffneten Enteignungen durch Rykow) hatte er eine Mehrheit in den führenden Par-
die Bolschewiki als Verstoß gegen die Parteidisziplin verur- teigremien wie der Technischen Kommission. Über Rosa
teilt wurden. Luxemburg beeinflußte er die deutschen Treuhänder des
Wie künstlich dieses „Vereinigungs"abkommen von 1910 SDAPR-Geldes.
war, zeigte sich darin, daß sich die Menschewiki weigerten, Der Kampf zwischen Jogiches und Lenin 1911 wird oft,
Lenin die Verwaltung des Parteigeldes zu erlauben. Des- besonders von bürgerlichen Historikern, als persönlicher
halb wurden drei Deutsche als Treuhänder der Parteikas- Machtkampf abgetan. Doch hinter der Spaltung zwischen
se bestimmt: Kautsky, Clara Zetkin und Franz Mehring. der SDKPiL und den Bolschewiki steckte der Unterschied
(Kautsky, der nicht sentimental war, wenn es um Geld ging, zwischen einer orthodox sozialdemokratischen Position zur
behielt die russische Parteikasse später mit der Begrün- Parteifrage und dem sich herausbildenden Leninismus.
dung, daß es kein legitimes, repräsentatives Führungs- Luxemburg/Jogiches waren bereit, die bolschewistische
gremium gab.) In einem Brief an Maxim Gorki (11. April Fraktion innerhalb einer einheitlichen sozialdemokratischen
1910) äußerte Lenin seine kritische und mißtrauische Hal- Partei zu unterstützen. Nicht unterstützen würden sie die
tung zum Ergebnis des Pariser ZK-Plenums: Verwandlung der bolschewistischen Gruppe in eine Partei
„Auf dem Plenum des ZK (dem ,langen Plenum' — drei mit dem Anspruch, die einzige legitime Vertretung der So-
Wochen dauerte die Quälerei, sämtliche Nerven gingen zialdemokratie zu sein. Und Jogiches wußte, daß Lenin ge-
dabei kaputt, hunderttausend Teufel sollen es holen!) ... nau dies in Wirklichkeit tat. In einem Brief an Kautsky über
eine Stimmung .allgemeiner Versöhnung' (ohne den kla- Finanzen (30. Juni 1911) schrieb er, daß Lenin „das Chaos
ren Gedanken, mit wem, wozu, wie), kam der Haß auf in der Partei ausnutzen will, um das Geld an seine Fraktion
das Bolschewistische Zentrum hinzu wegen seines scho- zu bringen und damit der Gesamtpartei als Ganzem vor
nungslosen ideologischen Kampfes, kam Gezänk hinzu jeder Plenarsitzung des Centralkomites oder der Partei-
und bei den Menschewiki der Wunsch, Skandal zu konferenz den Todesstoß zu versetzen." (L. Jogiches an K.
machen — und was dabei herauskam, war ein Kind mit Kautsky, 30. Juni 1911, zitiert in Dietrich Geyer, Kautskys
Eiterbeulen. Russisches Dossier, 1981)
Und jetzt müssen wir uns damit abquälen. Entweder — Lenins Haltung zu Jogiches und den anderen Versöhn-
wenn's gut geht — öffnen wir die Beulen und lassen den lern kommt in einem Artikelentwurf „Über die Lage der
Eiter heraus, kurieren das Kind und ziehen es groß. Partei", klar zum Ausdruck:
Oder — wenn's schlecht endet — das Kind stirbt. Dann „Die Versöhnler' haben die ideologischen Wurzeln des-
bleiben wir eine Zeitlang kinderlos (das heißt, wir stellen sen, was uns von den Liquidatoren trennt, nicht verstan-
die bolschewistische Fraktion wieder her) und bringen den und haben ihnen daher eine Reihe von
danach ein gesünderes Kind zur Welt." Schlupflöchern gelassen und sind häufig (unfreiwillig) ein
Spielzeug in den Händen der Liquidatoren gewesen... nicht das „Vereinigungsplenum" 1910 in Paris und auch
Seit der Revolution haben die Bolschewiki als eine Ten- nicht Lenins Opposition gegen die dort geschlossenen Kom-
denz zwei Fehler durchgemacht — (1) Otsowismus- promisse. Er erwähnt nicht, daß Lenins ehemalige fraktio-
Wperjodismus und (2) Versöhnlertum (in die Richtung nelle Bündnispartner Plechanow und Jogiches/Luxemburg
der Liquidatoren schwankend). Es ist Zeit, beides loszu- im Namen der Parteieinheit gegen die Prager Konferenz
werden. auftraten und anschließend Lenin als Spalter anprangerten.
Wir Bolschewiki haben beschlossen, auf keinen Fall den Hier die Analyse der IMG von der Prager Konferenz:
Fehler des heutigen Versöhnlertums zu wiederholen (und „Die Aufgabe der Bolschewiki und der parteitreuen
seine Wiederholung nicht zuzulassen). Dies würde bedeu- Menschewiki, die illegale SDAPR wieder zu konsolidie-
ten den Wiederaufbau der R.S.D.LP. zu verlangsamen ren, war Ende 1911 erfüllt — obwohl Plechanow selber
und sie in ein neues Spiel mit den Go/os-Leuten (und schon zu den Liquidatoren übergelaufen war. Diese er-
ihren Lakeien, wie Trotzki), den Wperjodisten und so neute Konsolidierung wurde auf dem im Januar 1912 in
weiter zu verwickeln." (Hervorhebung im Original) Prag abgehaltenen VI. Parteitag [sie] abgeschlossen. Auf
Ende 1911 brach Lenin mit Jogiches und den bolsche- diesem Kongreß gab es keine Spaltung mit dem Mensche-
wistischen Versöhnlern. Er schickte Ordschonikidse als wismus an sich — im Gegenteil ... Lenin bereitete mit
Vertreter nach Rußland, wo dieser die Russische Organi- einem Teil der Menschewiki den Parteitag vor. Die Spal-
sationskommission (ROK) gründete, die den Anspruch tung erfolgte nicht mit denjenigen, die eine mensche-
erhob, ein Interims-Zentralkomitee der SDAPR zu sein. wistische Politik verteidigten, sondern mit den Liquidato-
Das ROK berief eine „Gesamtrussische Konferenz der ren, die sich weigerten, die Partei zu akzeptieren."
SDAPR" ein, die im Januar 1912 in Prag tagte. Vierzehn (ebenda, Hervorhebung im Original)
Delegierte nahmen daran teil, zwölf Bolschewiki und zwei Gerade die Politik der Menschewiki zur Organisations-
„parteitreue" Menschewiki, von denen einer Plechanows frage hatte das Liquidatorentum hervorgebracht. Von der
Position wiedergab, die Konferenz als einen Akt gegen die ursprünglichen Spaltung 1903 direkt bis zum Ersten Welt-
Einheit abzulehnen. krieg definierten die Menschewiki „die Partei" so, daß sie
Die Konferenz erklärte, daß die menschewistischen Li- auch Arbeiter umfaßte, die mit der Sozialdemokratie sym-
quidatoren außerhalb der SDAPR standen. Sie warf auch pathisierten, aber keine formalen Mitglieder der Organi-
die national-föderative Struktur über Bord, die auf dem sation waren und unter keiner Disziplin standen. Gerade auf
„Vereinigungsparteitag" von 1906 eingeführt worden war dieser Basis lehnten die Menschewiki immer wieder Lenins
und schloß damit den Bund, die SDKPiL und die lettischen formale Mehrheiten und seine daraus folgende Führung der
Sozialdemokraten praktisch aus der russischen Partei aus. Partei ab und ignorierten sie.
Die Konferenz wählte ein neues Zentralkomitee, das aus Es stimmt nicht, daß sich Plechanow 1911 wieder den Li-
sechs „harten" (antiversöhnlerischen) Bolschewiki und, we- quidatoren angeschlossen hätte. Und in dieser historischen
gen der symbolischen Wirkung, aus einem „parteitreuen" Ungenauigkeit demonstriert die IMG ihr grundsätzliches
Menschewik bestand. Die Prager Konferenz markierte den Unverständnis der Beziehungen zwischen Bolschewiki und
endgültigen organisatorischen Bruch zwischen Lenins revo- „parteitreuen" Menschewiki. Plechanow schloß sich nicht
lutionären Sozialdemokraten und den opportunitischen wieder dem Hauptteil der Menschewiki an. Wie Trotzki und
Menschewiki. In dieser wichtigen Hinsicht war Prag 1912 Luxemburg nahm er 1912-14 eine unabhängige Haltung ein
die Gründungskonferenz der bolschewistischen Partei. und drängte auf die erneute Vereinigung von Bolschewiki
und Menschewiki.
Wollte Lenin Einheit mit den Menschewiki?
Die IMG kann nicht erklären, warum Plechanow, der drei
Schon vor 1912 wurde Lenin allgemein als fanatischer Jahre lang die Liquidatoren bekämpft hatte, sich dann wei-
Spalter gesehen, als der größte Schismatiker der russischen gerte, sich von ihnen abzuspalten und sich mit den Leni-
Sozialdemokratie. Die welthistorische Bedeutung der Spal- nisten zu vereinigen. Als der notorisch arrogante Plechanow
tung zwischen Bolschewiki und Menschewiki wird heute all- Ende 1908 seine Kampagne gegen die Liquidatoren begann,
gemein anerkannt, nicht zuletzt von Antileninisten. Es ist dachte er zweifellos, daß er die Mehrheit der Menschewiki
daher erstaunlich, daß irgendjemand, besonders eine Grup- gewinnen würde und möglicherweise die führende Persön-
pe mit leninistischem Anspruch, behaupten könnte, daß der lichkeit in einer wiedervereinigten SDAPR würde. Lenin sah
Führer der Bolschewiki ein überzeugter Verfechter der sozi- sich selbst, als er mit Plechanow in einem Block war, dazu
aldemokratischen Einheit gewesen sei, während die Men- veranlaßt, die eigennützigen Illusionen des abtrünnigen
schewiki die aggressiven Spalter gewesen seien. Führers der Menschewiki auf die Schippe zu nehmen:
Aber genau dies ist die Position der revisionistischen „Der menschewistische ,Ossip' [Plechanow] ist allein ge-
„trotzkistischen" International Marxist Group, der briti- blieben, ausgeschieden aus der offiziellen menschewi-
schen Sektion von Ernest Mandels Vereinigtem Sekretariat. stischen Redaktion wie aus dem Redaktionskollektiv des
Als theoretische Rechtfertigung für ein großes Umgrup- wichtigsten menschewistischen Werkes; allein erhebt er
pierungsmanöver hat die IMG die Geschichte der Bolsche- Protest gegen den kleinbürgerlichen Opportunismus'
wiki umgeschrieben, um Lenin als einen Versöhnler hinzu- und das Liquidatorentum ..." („Entlarvte Liquidatoren",
stellen, dem die Einheit über alles ging. Über die Zeit nach September 1909)
1905 schreibt die IMG: 1911 war es klar, daß Plechanows Anhänger eine kleine
„Lenin war nicht der Spalter, und die Bolschewiki schlu- Minderheit unter den Menschewiki waren. Hätte sich
gen nicht bloß .formale Einheit' vor, sondern die Bol- Plechanow mit den Bolschewiki auf der Prager Konferenz
schewiki waren die Hauptkämpfer für die Einheit der vereinigt, wäre er eine kleine und politisch isolierte Min-
Partei... Gerade die Menschewiki waren in dieser Zeit derheit gewesen. Er hätte niemals hoffen können, die Bol-
die Spalter, und nicht Lenin." („The Bolshevik Faction schewiki für seine bürgerlich orientierte liberale Strategie zu
and the Fight for the Party", Red Weekly, 11. November gewinnen. Er wäre einfach eine Galionsfigur in einer de fac-
1976) to bolschewistischen Partei gewesen. Als geschickter Politi-
Daß diese Position völlig falsch ist, zeigt sich in einer Rei- ker versuchte Lenin auf diese Weise Plechanow zu „fangen".
he unglaublicher Auslassungen. Dieser Artikel erwähnt Aber Plechanow hatte nicht die Absicht, den Leninisten als
nicht die wirklichen bolschewistischen Versöhnler wie Ry- Galionsfigur zu dienen. Er weigerte sich, an der Prager Kon-
kow und auch nicht Lenins Kampf gegen sie. Er erwähnt ferenz teilzunehmen, und schrieb: „Die Aufmachung Eurer
Konferenz ist so einseitig, daß es besser auch mit den ultralinken Bolschewiki,
ist, das heißt mehr im Interesse der Par- den Wperjodisten' nicht überein. In der
teieinheit gelegen, wenn ich fortbleibe" allgemeinen Richtung der Politik stand
(zitiert in Bertram D. Wolfe, Lenin, ich den Bolschewiki weit näher. Aber
Trotzski), Stalin. Drei, die eine Revolution ich war gegen das Lenin-,Regime', weil
machten, 1965). ich noch nicht verstehen gelernt hatte,
Schon vor 1912 waren die Bolsche- daß eine fest zusammengeschweißte,
wik! im Grunde genommen eine Partei zentralisierte Partei unentbehrlich ist,
und keine Fraktion, denn Lenin hätte um das revolutionäre Ziel zu ver-
sich geweigert, als eine disziplinierte wirklichen. Daher bildete ich diesen
Minderheit unter menschewistischer vorübergehenden Block, der aus grund-
Führung zu arbeiten. Die Führer der verschiedenen Elementen bestand und
Menschewiki, darunter Plechanow, hat- gegen den proletarischen Parteiflügel
ten umgekehrt die gleiche Einstel- gerichtet war...
lung. Die Einheit mit den zahlenmäßig Lenin unterwarf den August-Block
schwachen „parteitreuen" Menschewiki schonungsloser Kritik und die härtesten
stellte Lenins Führung der Partei, wie Schläge trafen mich. Lenin wies nach,
er sie auf der Prager Konferenz wie- daß meine Politik Abenteurertum war,
derherstellte, nicht in Frage. Wären da ich ja politisch weder mit den Men-
Plechanows Anhänger stärker als die schewiki noch mit den „Wperjodisten"
Dietz Verlag
Bolschewiki gewesen, hätte Lenin für übereinstimmte. Das war streng, aber
Inessa Armand
eine andere organisatorische Lösung wahr." (Verteidigung des Marxismus, 1940)
gekämpft, die es seinen Anhängern erlaubt hätte, als revolu- Die Konsolidierung einer eigenständigen bolschewisti-
tionäre Sozialdemokraten zu arbeiten, ohne durch die schen Partei auf der Prager Konferenz fiel zeitlich zu-
Opportunisten behindert zu werden. sammen mit dem Beginn eines neuen Aufschwungs des
proletarischen Klassenkampfs in Rußland. In den darauffol-
Einheitsversuche nach Prag
genden zweieinhalb Jahren wurden die Bolschewiki wieder
Nach der Prager Konferenz wurden die Bolschewiki mit zu einer proletarischen Massenpartei. 1913 sprach Lenin
ständigen Einheitskampagnen bombardiert, an denen die von 30000-50000 Mitgliedern. Bei den Duma-Wahlen
meisten wichtigen Persönlichkeiten der russischen Bewe- gegen Ende 1912 stellten die Bolschewiki sechs der neun
gung und auch die Führung der Zweiten Internationale be- Abgeordneten in der Arbeiterkammer. 1914 sprach Lenin
teiligt waren. Diese Kampagnen gipfelten in einer Ein- von 2800 Arbeitergruppen im Vergleich zu 600 der Men-
heitsresolution des Internationalen Sozialistischen Büros schewiki. Prawda, das legale Organ der Bolschewiki, hatte
vom Dezember 1913; dies führte im Juli 1914 zu einer „Ver- eine Auflage von 40000, verglichen mit 16000 der mensche-
einigungs"konferenz in Brüssel. Nicht einmal einen Monat wistischen Zeitung Lutsch.
später unterstützten die meisten Einheitsapostel der Zwei- Inoffiziell gaben die Menschewiki ihre eigene Schwäche
ten Internationale ihre eigenen herrschenden Klassen beim und die Vorherrschaft der Bolschewiki in der Arbeiterbe-
Abschlachten der Arbeiter „feindlicher" Länder. wegung zu. In einem Brief an Potressow (15. September
Der erste Versuch, das rückgängig zu machen, was Lenin 1913) schrieb Martow: „... die Menschewiki scheinen un-
auf der Prager Konferenz erreicht hatte, kam von Trotzki. fähig zu sein, sich in organisatorischer Hinsicht vom toten
Er setzte das menschewistische Organisationskomitee unter Punkt wegzubewegen, und bleiben trotz der Zeitung und al-
Druck, so daß es eine Konferenz aller russischen Sozial- lem, was sie in den letzten zwei Jahren taten, ein schwacher
demokraten einberief. Die Bolschewiki weigerten sich na- Zirkel" (zitiert in Israel Getzler, ebenda).
türlich, daran teilzunehmen, ebenso wie ihre ehemaligen Zwar war die Verwandlung der Bolschewiki in eine Mas-
Bündnispartner: Plechanows Anhänger und die SDKPiL senpartei zu dieser Zeit von enormer Bedeutung für die re-
von Luxemburg/Jogiches. Die Konferenz tagte im August volutionäre Sache, doch in einer Hinsicht, könnte man sa-
1912 in Wien. Außer Trotzkis kleiner Gruppe beteiligten gen, hat sie die theoretische Entwicklung des Leninismus
sich die Hauptgruppe der Menschewiki, der Bund und auch erschwert. Die Entwicklungen 1912-14 schienen Lenins
die ultralinke Wperjod-Gruppe daran. So vereinigte der Überzeugung zu bestätigen, daß die Menschewiki in Ruß-
„August-Block" den äußersten rechten und den äußersten land einfach kleinbürgerliche Karrieristen und im Exil bloß
linken Flügel der russischen Sozialdemokratie. Natürlich Literaten wären außerhalb der wirklichen Arbeiterbewe-
konnten sich die Teilnehmer auf nichts anderes einigen als gung. Der Anspruch der Bolschewiki, die Sozialdemo-
ihre Feindseligkeit gegenüber den Leninisten, weil diese kratische Arbeiterpartei Rußlands zu sein, schien empirisch
sich zur offiziellen SDAPR erklärt hatten. Tatsächlich gin- gerechtfertigt zu sein. Und daher war Lenin davon über-
gen die Wperjodisten mitten in der Konferenz weg und zeugt, daß er nicht wirklich die sozialdemokratische Partei
ließen eine menschewistische Versammlung zurück. gespalten habe.
Trotzkis „August-Block" war ein klassischer zentristi- Die Prager Konferenz im Januar 1912 stellte die end-
scher verrotteter Block — eine vorübergehende Koalition gültige Spaltung zwischen Bolschewiki und Menschewiki
der heterogensten Elemente gegen eine harte revolutionäre dar, aber die Spaltung war keineswegs durchgehend. Die
Tendenz. Nachdem Trotzki 1917 zum Leninismus gewonnen bolschewistischen Abgeordneten, die 1912 in die vierte Du-
worden war, hielt er den „August-Block" für seinen größten ma gewählt worden waren, machten in einer einheitlichen
politischen Fehler. In einer Polemik gegen einen zentristi- sozialdemokratischen Fraktion gemeinsame Front mit den
schen verrotteten Block in der amerikanischen Sektion der sieben menschewistischen Abgeordneten. Bei den weniger
Vierten Internationale blickte Trotzki 1940 zurück auf den fortgeschrittenen Arbeitern war der Wunsch nach Einheit
„August-Block" von 1912: immer noch stark, und daher entstand bei den Bolschewiki
„Ich denke an den sogenannten August-Block von 1912. Widerstand dagegen, die Duma-Fraktion zu spalten, was
Ich beteiligte mich aktiv an diesem Block. In gewissen eine öffentliche Handlung gewesen wäre. Lenin steuerte auf
Sinne schuf ich ihn. Ich stimmte in allen grundlegenden die Spaltung der Duma-Fraktion zu, ging aber mit erhebli-
Fragen nicht mit den Menschewiki überein. Ich stimmte cher taktischer Vorsicht vor. Erst Ende 1913 spalteten die
bolschewistischen Abgeordneten die Duma-Fraktion öffent- wiki und Menschewiki nicht vollständig zum Ausdruck.
lich und bildeten ihre eigene. Der Bericht enthält zwei grundsätzliche Argumente, das
Die Spaltung der Duma-Fraktion hatte eine viel größere eine politisch und das andere empirisch. Lenins grundle-
Auswirkung auf die internationale Sozialdemokratie als die gendes politisches Argument war, daß die Mehrheit der
Prager Konferenz, da sie die Kluft in der russischen Be- Menschewiki dadurch, daß sie sich weigern, die Unter-
wegung allzu öffentlich machte. Auf Initiative Rosa grundorganisation als die Partei anzuerkennen, qualitativ
Luxemburgs hin intervenierte das Internationale Sozialisti- rechts von den Opportunisten (z. B. Bernstein) in der west-
sche Büro (ISB), um Einheit in der anscheinend unverbes- europäischen Sozialdemokratie stehen:
serlich streitsüchtigen russischen sozialdemokratischen Be- „Daraus geht hervor, wie irrtümlich die Meinung ist, als
wegung wiederherzustellen. Die Einheitspolitik des ISB seien unsere Meinungsverschiedenheiten mit den Liqui-
brachte notwendigerweise den Bolschewiki Nachteile, wenn datoren nicht tiefer, sondern weniger bedeutend als die
nicht sogar offene Feindschaft. Luxemburgs Motive waren Meinungsverschiedenheiten zwischen den sogenannten
eindeutig feindselig gegenüber Lenin. Um die Internatio- Radikalen und Gemäßigten in Westeuropa. In keiner,
nale auf eine Intervention zu drängen, verurteilte sie „das buchstäblich in keiner einzigen westeuropäischen Partei
systematische Schüren der Spaltung seitens der Leninschen kann man auch nur einen einzigen Beschluß der gesam-
Gruppe auch in den Reihen anderer sozialdemokratischer ten Partei finden, gerichtet gegen Leute, die die Partei
Organisationen ..." („Zur Spaltung in der sozialdemokrati- auflösen und sie durch eine neue ersetzen wollen!!
schen Dumafraktion", 21. November 1913). Nirgends in Westeuropa stand, steht und kann die Frage
Im Dezember 1913 nahm das ISB eine Resolution an, die auf der Tagesordnung stehen, ob es erlaubt sei, den Na-
zur erneuten Vereinigung der russischen Sozialdemokratie men eines Parteimitglieds zu tragen und gleichzeitig die
aufrief. Diese Resolution wurde von drei SPD-Führern, Auflösung dieser Partei, ihre Untauglichkeit und
Kautsky, Ebert und Molkenbuhr, gemeinsam eingebracht: Unnötigkeit, ihre Ersetzung durch eine andere zu predi-
„... das Internationale Büro hält es für die dringende gen. Nirgends in Westeuropa steht die Frage so, wie sie
Pflicht aller sozialdemokratischen Gruppen in Rußland, bei uns steht: als Frage des Bestehens der Partei selbst,
einen ernsten und redlichen Versuch zu machen, der der Existenz der Partei.
Wiederherstellung einer einzigen Parteiorganisation zu- Das ist eine Meinungsverschiedenheit nicht organisa-
zustimmen und den gegenwärtigen schädlichen und ent- torischer Art, nicht darüber, wie die Partei aufzubauen
mutigenden Zwistigkeiten ein Ende zu machen." (zitiert ist, sondern es ist ein Auseinandergehen in der Frage der
in Gankin und Fisher, The Bolsheviks and the World War, Existenz der Partei. Hier kann weder von irgendeiner
Stanford, 1940) Versöhnung noch von irgendeiner Verständigung, noch
Das ISB organisierte dann im Juli 1914 in Brüssel eine von irgendeinem Kompromiß auch nur die Rede sein."
russische „Vereinigungs"konferenz. Die Autorität der von („Bericht des ZK der SDAPR und instruktive Hinweise
den Deutschen geführten Internationale war so groß, daß für die Delegation des ZK zur Brüsseler Konferenz",
alle russischen Sozialdemokraten, auch die Bolschewiki, Juni 1914, Hervorhebung im Original)
sich verpflichtet fühlten, an dieser Versammlung teilzu- Diese Auffassung über das menschewistische Liquida-
nehmen. Außer den Bolschewiki und Menschewiki nahmen torentum ist oberflächlich, da sie sich auf die spezifische
die Wperjodisten, Trotzkis Gruppe, Plechanows Gruppe, die Form und nicht auf die politische Substanz des sozialde-
lettischen Sozialdemokraten und drei polnische Gruppen an mokratischen Opportunismus konzentriert. Lenins Über-
der Brüsseler Konferenz teil. zeugung, daß die russischen Menschewiki rechts von Bern-
Selbstverständlich stand Lenin dem Zweck der Brüsseler stein, Jaures usw. standen, erwies sich als falsch. Als der
Konferenz feindlich gegenüber. Obwohl er einen langen Be- Krieg ausbrach, stand Martows kleine Gruppe von Inter-
richt für die Konferenz schrieb, zeigte er seine Verachtung nationalisten, die den Menschewiki als Feigenblatt gedient
dadurch, daß er persönlich nicht teilnahm. Die bolschewisti- hatte, nicht nur weit links von den deutschen Sozialpatrioten
sche Delegation wurde von Inessa Armand angeführt. Seine Ebert/Noske, sondern auch links von den SPD-Zentristen
„Einheitsbedingungen" hatte Lenin absichtlich so entwor- Kautsky/Haase. Der eigentliche Grund für das organi-
fen, daß die Menschewiki sie kurzerhand ablehnen müßten. satorische Liquidatorentum der Menschewiki 1908-12 war
Zu diesen Bedingungen gehörte die völlige organisatorische nicht, daß Martow/Potressow qualitativ rechts von Bernstein
Unterordnung der Menschewiki unter die bolschewistische und Noske standen, sondern daß Lenin, formal der Führer
Mehrheit, wobei eine eigenständige menschewistische Pres- der SDAPR, links von Bebel/Kautsky stand.
se und überhaupt jede öffentliche Kritik an der Untergrund- Ein Großteil des Berichts an die Brüsseler Konferenz
partei verboten war. Als Armand Lenins „Einheitsbedin- versucht empirisch zu zeigen, daß „die klassenbewußten Ar-
gungen" präsentierte, tobten die Menschewiki vor Wut. beiter Rußlands sich mit einer Mehrheit von 4/5 gerade auf
Plechanow nannte sie die „Artikel eines neuen Strafgeset- dem Boden der von der [Prager] Januarkonferenz von 1912
zes". Kautsky hatte als Vorsitzender der Konferenz Schwie- gefaßten Beschlüsse und um die von ihr eingesetzten Kör-
rigkeiten, Ordnung zu halten. Trotzdem brachte der angese- perschaften zusammenschließen." Als wichtig hervorzu-
hene SPD-Führer pflichtbewußt einen Antrag ein, in dem es heben ist, daß dies nicht ein Argument nur nach außen hin
hieß, daß es keine grundsätzlichen Differenzen gäbe, die war. Für Lenin war die Stärke der proletarischen Basis eines
einer Einheit im Wege stünden. Diese Resolution wurde der entscheidenden Kriterien dafür, ob es sich um eine wirk-
angenommen; dabei verweigerten die Bolschewiki (und liche sozialdemokratische Partei handelt. In seinen persönli-
auch die lettischen Sozialdemokraten) die Abstimmung. chen Notizen an Inessa Armand schrieb er:
„Bei uns in Rußland erhebt fast jede Gruppe oder Frak-
Lenins Begründung für die Spaltung tion' ... gegen die andere die Beschuldigung, sie sei keine
Der Bericht an die Brüsseler Konferenz im Juli 1914 war Gruppe von Arbeitern, sondern eine solche von bürgerli-
Lenins ausführlichste Begründung für die Spaltung und die chen Intellektuellen. Wir halten diese Beschuldigung
Gründung einer eigenständigen bolschewistischen Partei. Er oder, richtiger, diese Auffassung, diesen Hinweis auf die
hatte den Zweck, für die westeuropäische sozialdemo- soziale Bedeutung dieser oder jener Gruppe im prinzipi-
kratische Meinung die Seite der Bolschewiki möglichst posi- ell äußerst wichtig. Aber eben darum, weil wir dies für
tiv darzustellen. Deshalb brachte der Bericht wahrscheinlich äußerst wichtig halten, erachten wir es als unsere Pflicht,
Lenins Ansichten über die Beziehungen zwischen Bolsche- unseren Hinweis auf die soziale Bedeutung anderer
Gruppen nicht nur mit leeren Worten vorzubringen, son- terbewegung, durch den die moderne kommunistische Par-
dern ihn durch objektive Tatsachen zu bekräftigen. Denn tei definiert wird, schon vorweg. So schreibt Lenin im April
die objektiven Tatsachen zeigen unwiderleglich und un- 1914 in einer Polemik gegen Trotzki mit der Überschrift
anfechtbar, daß nur der Prawdismus [Bolschewismus] „Einheit":
eine Arbeitemoh\.ung in Rußland ist, das Liquidatoren- „Mit liberalen Arbeiterpolitikern, mit Leuten, die die Ar-
tum und die Sozialrevolutionäre in Wirklichkeit aber beiterbewegung desorganisieren und den Willen der
Richtungen bürgerlicher Intellektueller sind." (Lenin, Mehrheit verletzen, kann es keine Einheit geben, weder
Werke, Bd. 20, Hervorhebung im Original) eine föderative noch irgendeine andere. Geben kann und
Wenn die Menschewiki in dieser Zeit eine bedeutende pro- soll es eine Einheit aller konsequenten Marxisten, aller
letarische Basis gewonnen hätten, hätte Lenin, wie man aus Verfechter der marxistischen Gesamtheit und der unein-
diesem Zitat sehen kann, entweder eine versöhnlichere Hal- geschränkten Losungen, unabhängig von den Liquida-
tung gegenüber den Menschewiki einnehmen oder die Spal- toren und ohne sie.
tung mit grundsätzlicheren Prinzipien begründen müssen. Die Einheit ist eine große Sache und eine große Losung!
Lenins Auffassung, die Menschewiki seien eine klein- Doch die Arbeitersache braucht die Einheit unter den
bürgerliche, intellektuelle Tendenz außerhalb der Arbeiter- Marxisten, nicht aber die Einheit der Marxisten mit den
bewegung, war impressionistisch. Die Welle von Patriotis- Gegnern und Verfälschern des Marxismus." (Hervor-
mus und Landesverteidigung, die in den ersten Kriegsjahren hebung im Original)
die Massen in Rußland erfaßte, kam den opportunistischen Doch erst der 4. August 1914, als die Reichstagsfrak-
Menschewiki zugute, auf Kosten der Leninisten, die unver- tion der deutschen Sozialdemokratie für die Kriegskredite
söhnliche Defätisten waren. Als im Februar 1917 die Russi- stimmte, ließ Lenin die epochemachende Bedeutung dieser
sche Revolution ausbrach, waren die Menschewiki im Ver- Aussage und seines Bruchs mit den russischen Menschewiki
hältnis zu den Bolschewiki viel stärker als 1914. begreifen. Erst von da an war Lenins Ziel, die konse-
In seinen zahlreichen Polemiken 1912-14 gegen die Ein- quenten, d. h. revolutionären, Marxisten von allen liberalen
heit mit den Menschewiki machte Lenin eine Reihe ver- Arbeiterpolitikern und allen Gegnern und Fälschern des
schiedener Argumente. Manche dieser Argumente waren Marxismus abzuspalten. Dadurch schuf er den Kommu-
begrenzt oder empirisch, wie im Bericht an die Brüsseler nismus als welthistorische revolutionäre Lehre und Bewe-
Konferenz. Doch in anderen Schriften nahm Lenin den gung, als den Marxismus in der Epoche des kapitalistischen
Grundsatz der Spaltung mit Opportunisten in der Arbei- Todeskampfes.
DER
KOMMUNISTISCHEN
INTERNATIONALE
ENTGEGEN

Das Ereignis, durch das Lenin von einem revolutionären Kautsky und die Sozialdemokraten den Marxismus für den
russischen Sozialdemokraten zum Gründer und Führer der natürlichen, unvermeidlichen politischen Ausdruck der mo-
kommunistischen Weltbewegung wurde, läßt sich genau da- dernen Arbeiterbewegung hielten.
tieren: der 4. August 1914. Beim Ausbruch des Ersten Welt- Britannien hatte zwar eine proletarische Massenbewe-
kriegs stimmte die Reichstagsfraktion der deutschen Sozial- gung, die politisch liberal war und offene Klassenzusam-
demokratie (SPD) einstimmig für die Kriegskredite des menarbeit betrieb. Doch Marx und Engels selbst hatten die
Reichs. Heute, nachdem wir jahrzehntelang erlebt haben, politische Rückständigkeit der britischen Arbeiterbewegung
wie die Sozialdemokratie und dann auch der Stalinismus die als das Produkt besonderer historischer Bedingungen er-
Grundsätze des Sozialismus verraten haben, fällt es schwer, klärt (z. B. Britanniens Vorherrschaft in der Weltwirtschaft,
sich die absolute Schockwirkung des 4. August auf die Re- der nationale Antagonismus zwischen England und Irland,
volutionäre in der Zweiten Internationale vorzustellen. das Empire). Außerdem hielten die Marxisten in der Zwei-
Luxemburg erlitt einen Nervenzusammenbruch, als die Wel- ten Internationale, auch Lenin, die Gründung der Labour
le von Nationalchauvinismus die deutsche sozialdemokrati- Party 1905 für einen bedeutenden progressiven Schritt hin
sche Bewegung erfaßte. Lenin weigerte sich zuerst, dem Be- zu einer proletarischen sozialistischen Massenpartei in Bri-
richt im SPD-Zentralorgan Vorwärts über die Abstimmung tannien. Die relative politische Rückständigkeit der briti-
im Reichstag zu glauben, und hielt diese Ausgabe für eine schen Arbeiterbewegung stellte daher die orthodoxe sozial-
Fälschung der kaiserlichen Regierung. demokratische (d. h. kautskyanische) Weltanschauung nicht
Für revolutionäre Sozialdemokraten zerstörte der 4. Au- grundsätzlich in Frage.
gust nicht nur ihre Illusionen in eine bestimmte Partei und Sicher kannte die marxistische Bewegung vor 1914
deren Führung, sondern stellte ihre gesamte politische Welt- Renegaten und Revisionisten — die Bernsteinianer in
anschauung in Frage. Für die Marxisten von Lenins und Deutschland, Struwe und die „legalen Marxisten" in Ruß-
Luxemburgs Generation war der Fortschritt der Sozial- land. Lenin hätte auch Plechanow und die Menschewiki auf
demokratie, der am besten in Deutschland zum Ausdruck diese Liste gesetzt. Aber diese Rückschritte in Richtung li-
kam, beständig, unumkehrbar und unaufhaltsam erschienen. beralen Reformismus schienen nur die intellektuellen Ele-
Die historische Bedeutung mente in der sozialdemokratischen Bewegung zu betreffen.
Die SPD insgesamt schien eine solide marxistische Politik zu
der Zweiten Internationale vertreten, während der Marxismus gegenüber dem altmodi-
Kennzeichnend für die Ära der Sozialistischen (Zweiten) schen sozialistischen Radikalismus (z. B. Jauresismus) in an-
Internationale (1889-1914) war das außerordentlich schnel- deren Sektionen der Internationale (z. B. in Frankreich, Ita-
le Wachstum der europäischen Arbeiterbewegung und darin lien) an Boden gewann.
der marxistischen Strömung. Mit Ausnahme der britischen Der 4. August war die erste große interne Konterrevo-
Gewerkschaften (die die bürgerlichen Liberalen unterstütz- lution in der Arbeiterbewegung, und sie war um so verhee-
ten) waren die Organisationen, die die Erste Internationale render, weil sie so unerwartet kam. Der Sieg des Chauvi-
(1864-74) bildeten, Propagandagruppen mit höchstens ein nismus und der Klassenzusammenarbeit in den großen
paar tausend Mitgliedern gewesen. 1914 waren die Parteien Parteien der Zweiten Internationale zerschlug den seichten,
der Sozialistischen Internationale Massenparteien mit Mil- passiven Optimismus des kautskyanisierten Marxismus.
lionen Anhängern in ganz Europa. Nach dem ungeheuerlichen Verrat der SPD, die auf die Sei-
In der Zeit der Ersten Internationale gab es vielleicht te ihrer „eigenen" Bourgeoisie überlief, konnten revolu-
tausend Marxisten auf dem Erdball, überwiegend in tionäre Marxisten den Opportunismus in der Arbei-
Deutschland konzentriert. Bezeichnenderweise gab es keine terbewegung nicht länger für eine vorübergehende oder
französischen Marxisten in der Pariser Kommune von 1871, Randerscheinung oder für ein Produkt historisch bedingter
nur den Ungarn Leo Frankel. 1914 war der Marxismus die politischer Rückständigkeit (z. B. Britannien) halten.
wichtigste Tendenz in der internationalen Arbeiterbewe- Die etablierten Führungen der meisten sozialistischen
gung, die offizielle Lehre der proletarischen Massenpartei- Massenparteien konnten kaum als instabile, kleinbürger-
en in Mittel- und Osteuropa. Es ist daher verständlich, daß liche, demokratische Intellektuelle, als Mitläufer der Sozial-
demokratie abgetan werden. Genauso Krieg, daß der Kapitalismus in der
hatte Kautsky die Revisionisten um imperialistischen Epoche die Zivilisa-
Bernstein charakterisiert und hatte tion zu zerstören droht. Sozialisten müs-
Lenin die Menschewiki abgetan. Aber sen daher dafür arbeiten, den imperiali-
die chauvinistischen Führer der SPD stischen Krieg in einen Bürgerkrieg, in
1914 — Friedrich Ebert, Gustav Noske, die proletarische Revolution zu verwan-
Philipp Scheidemann—hatten als junge deln. Und drittens war die Zweite
Männer an der Basis der Partei ihren Internationale durch den Sozialchauvi-
Aufstieg begonnen. Alle drei waren nismus zerstört worden. Eine neue, re-
Arbeiter gewesen: Ebert war Sattler, volutionäre Internationale mußte durch
Noske Metzger und Scheidemann einen vollständigen Bruch mit den Op-
Schriftsetzer gewesen. Ebert und Noske portunisten in der sozialdemokrati-
begannen ihre Karriere in der SPD als schen Bewegung aufgebaut werden.
lokale Gewerkschaftsfunktionäre, Schei- Diese Position, die für Lenins Tätig-
demann als Journalist für eine SPD- keit direkt bis zur Oktoberrevolution
Lokalzeitung. Die führenden Chauvi- zentral blieb, kam in seinen allerersten
nisten und Opportunisten waren daher Artikeln über den Krieg klar zum Aus-
wirklich das eigene Fleisch und Blut der druck:
deutschen Sozialdemokratie. „Die Propaganda des Klassenkamp-
Auch ließen sich die Taten der SPD- fes bleibt auch im Heer Pflicht der
Führung nicht als Widerspiegelung der Sozialisten; die Arbeit, die auf die
historisch bedingten politischen Rück- Dietz Verlag Umwandlung des Völkerkrieges in
ständigkeit der deutschen Arbeiter- Karl Kautsky den Bürgerkrieg abzielt, ist in der
klasse erklären. Ebert, Noske und Epoche des imperialistischen be-
Scheidemann waren durch persönliche Schüler von Marx waffneten Zusammenpralls der Bourgeoisie aller Natio-
und Engels zu Marxisten ausgebildet worden. Sie hatten im- nen die einzige sozialistische Arbeit... Entrollen wir das
mer wieder für revolutionäre sozialistische Resolutionen ge- Banner des Bürgerkriegs! Der Imperialismus hat das
stimmt. Als sie den Krieg unterstützten, wußten die SPD- Geschick der europäischen Kultur aufs Spiel gesetzt:
Führer, daß sie die langjährigen sozialistischen Prinzipien Diesem Krieg werden bald, wenn es nicht eine Reihe
ihrer Partei vergewaltigten. erfolgreicher Revolutionen geben wird, andere Kriege
Direkt bis zur schicksalhaften Abstimmung im Reichstag folgen ...
hatte die SPD Massenagitation gegen den Krieg betrieben. Die II. Internationale ist tot, vom Opportunismus be-
Am 25. Juli 1914 veröffentlichte der Parteivorstand einen siegt. Nieder mit dem Opportunismus; es lebe die nicht
Aufruf, dessen Schlußsätze lauteten: nur von den .Überläufern' ..., sondern auch vom Op-
„Parteigenossen, wir fordern euch auf, sofort in Mas- portunismus gesäuberte III. Internationale!
senversammlungen den unerschütterlichen Friedenswil- Die II. Internationale hat ihr Teil an nützlicher Vorarbeit
len des klassenbewußten Proletariats zum Ausdruck zu geleistet, um die proletarischen Massen zunächst
bringen. während der langen .friedlichen' Periode härtester kapi-
... Die herrschenden Klassen, die euch im Frieden kne- talistischer Sklaverei und raschesten kapitalistischen
beln, verachten, ausnutzen, wollen euch als Kano- Fortschritts im letzten Drittel des 19. und am Anfang des
nenfutter mißbrauchen. Überall muß den Gewalthabern 20. Jahrhunderts zu organisieren. Der III. Internationale
in die Ohren klingen: steht die Aufgabe bevor, die Kräfte des Proletariats zum
Wir wollen keinen Krieg! Nieder mit dem Kriege! revolutionären Ansturm gegen die kapitalistischen Re-
Hoch die internationale Völkerverbrüderung!" („Auf- gierungen zu organisieren, zum Bürgerkrieg gegen die
ruf des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Bourgeoisie aller Länder für die politische Macht, für
Deutschlands vom 25. Juli 1914 zum Massenprotest den Sieg des Sozialismus!" („Lage und Aufgaben der so-
gegen die Kriegsgefahr", Vorwärts, 25. Juli 1914, abge- zialistischen Internationale", November 1914)
druckt in: Dokumente zur deutschen Geschichte 1914- Lenin war zwar optimistisch, daß die Massenbasis der of-
1917, Berlin 1976) fiziellen sozialdemokratischen Parteien gewonnen werden
Als Lenin den sozialchauvinistischen Verrat der deut- konnte, doch er verstand, daß er für die Spaltung der Arbei-
schen Sozialdemokratie untersuchte, erkannte er, daß die terbewegung in zwei antagonistische Parteien eintrat, eine
Bolschewiki nicht einfach das russische Gegenstück zur revolutionäre und eine reformistische. Lenins Forderung
SPD, allerdings mit einer prinzipienfesten revolutionären nach einer Dritten Internationale stieß daher bei den sozial-
Führung, waren. In Lenins Partei wurden Kader grund- demokratischen Kriegsgegnern auf weit größeren Wider-
sätzlich anders ausgewählt, getestet und politisch ausgebil- stand als seine leidenschaftliche Verurteilung des Sozial-
det als in Bebeis und Kautskys Partei. Und dieser Un- chauvinismus. Tatsächlich richteten sich die meisten von
terschied war der Grund dafür, daß im August 1914 die Lenins Polemiken in dieser Zeit (1914-16) nicht gegen die
Reichstagsabgeordneten der SPD „ihren" Kaiser unter- offenen Sozialchauvinisten (Scheidemann, Vandervelde,
stützten, während ihre Pendants in der Sozialdemokrati- Plechanow), sondern gegen die Zentristen, die die Sozial-
schen Arbeiterpartei Rußlands (Bolschewiki) statt dessen in chauvinisten in Schutz nahmen (Kautsky) oder den Bruch
die Gefängnisse des Zaren gesteckt wurden. mit ihnen ablehnten (Martow).
Daher war Lenin gezwungen, sich mit der orthodox so-
Lenin bricht mit der Sozialdemokratie
zialdemokratischen Position zur Parteifrage, der kauts-
Seine grundsätzliche Position zum Krieg und zur inter- kyanischen „Partei der Gesamtklasse", auseinanderzusetzen
nationalen sozialistischen Bewegung entwickelte Lenin in- und sie explizit zu verwerfen:
nerhalb weniger Wochen nach dem Ausbruch der Feindse- „Die durch den großen Krieg herbeigeführte Krise hat
ligkeiten. Diese Position hatte drei Hauptelemente. Erstens alle Hüllen heruntergerissen, alles Konventionelle hin-
mußten Sozialisten für die Niederlage vor allem ihres „eige- weggefegt, das längst ausgereifte Geschwür aufbrechen
nen" bürgerlichen Staates eintreten. Zweitens bewies der lassen und den Opportunismus in seiner wahren Rolle als
Verbündeten der Bourgeoisie gezeigt. Die völlige, orga- vom Weltkrieg eingeleitet wurde. Vor dem Weltkrieg war
nisatorische Trennung dieses Elements von den Arbeiter- Genosse Lenin noch nicht der Meinung, daß die Sozial-
parteien ist zur Notwendigkeit geworden... Die alte demokraten die Agenten des Kapitals in den Reihen des
Theorie vom Opportunismus als einer .berechtigten Proletariats waren, obwohl er am wirklichen, genuinen,
Schattierung' der einheitlichen, allen ,Extremen' frem- unverfälschten revolutionären Marxismus festhielt.
den Partei ist jetzt zum schlimmsten Betrug an den Ar- Während dieser Periode kann man mehr als einen Arti-
beitern und zum größten Hindernis für die Arbeiter- kel des Genossen Lenin finden, wo er diese deutsche So-
bewegung geworden. Der offene Opportunismus, der die zialdemokratie verteidigt gegen Anklagen und Beschul-
Arbeitermassen sofort von sich abstößt, ist nicht so ge- digungen des nichtrevolutionären Opportunismus, des
fährlich und so schädlich wie diese Theorie der goldenen Verrats am revolutionären Geist des Marxismus, wie sie
Mitte ... Der namhafteste Vertreter dieser Theorie und z.B. aus dem Lager der Populisten, Syndikalisten usw.
zugleich die namhafteste Autorität der II. Internationale, kamen...
Kautsky, hat sich als erstklassiger Heuchler und als Vir- Wäre Genosse Lenin zu unserem Unglück vor dem Welt-
tuose in der Prostituierung des Marxismus entpuppt." krieg gestorben, wäre es niemandem eingefallen, vom
(„Der Zusammenbruch der II. Internationale", Mai/Juni Leninismus' zu sprechen als einer Art besonderer Ver-
1915) sion des Marxismus, wie er es später werden sollte. Lenin
Als Lenin das Anwachsen des Opportunismus in den war der konsequenteste revolutionäre Marxist... Aber es
sozialdemokratischen Parteien Westeuropas untersuchte, gab in unserem Bolschewismus im Bereich der Theorie
überprüfte er natürlich die Geschichte der russischen Be- nichts Spezifisches ..., was ihn irgendwie vom traditionel-
wegung und des Bolschewismus. Er erkannte, daß die bol- len, aber wirklich revolutionären Marxismus unterschie-
schewistische Organisation tatsächlich nicht nach der kauts- den hätte...
kyanischen Formel aufgebaut worden war. Die Bolschewiki Wenn Genosse Lenin nicht lange genug gelebt hätte, um
hatten sich von den russischen Opportunisten, den Men- diese Periode [nach 1914] zu erleben, wäre er als hervor-
schewiki, formal zweieinhalb Jahre vor Kriegsausbruch or- ragendster Führer des linken Flügels der russischen Sozi-
ganisatorisch völlig getrennt, und in der Praxis lange vor aldemokratie in die Geschichte eingegangen... Erst das
1912. Lenin sah jetzt in der bolschewistischen Partei ein Jahr 1914 verwandelte ihn in einen internationalen Füh-
Muster für eine neue, revolutionäre Internationale: rer. Er war der erste, der die grundlegende Frage stellte:
„Die SDAPR hat schon längst mit ihren Opportunisten Was bedeutet dieser Krieg im breiten Sinne? Er antwor-
gebrochen. Die russischen Opportunisten sind jetzt auch tete: Dieser Krieg bedeutet den Anfang des Zusammen-
noch Chauvinisten geworden. Das bestärkt uns nur noch bruchs des Kapitalismus, und daher muß die Taktik der
in der Meinung, daß der Bruch mit ihnen im Interesse Arbeiterbewegung darauf gerichtet sein, den imperialisti-
des Sozialismus notwendig ist... Wir sind zutiefst über- schen Krieg in einen Bürgerkrieg zu verwandeln." („Mar-
zeugt, daß beim heutigen Stand der Dinge der Bruch mit xismus und Leninismus", in Molodoia Gwardija, 1924)
den Opportunisten und Chauvinisten die erste Pflicht
eines Revolutionärs ist — genauso wie die Trennung von Was war die Bedeutung
den Gelben, den Antisemiten, den liberalen Arbeiter- des Sozialchauvinismus?
verbänden usw. notwendig war, damit man die zurück- Innerhalb weniger Wochen nach Kriegsausbruch ent-
gebliebenen Arbeiter rascher aufklären und sie in die schloß sich Lenin, mit den Sozialchauvinisten zu brechen
sozialdemokratische Partei einreihen konnte. und auf eine neue, revolutionäre Internationale hinzuar-
Die Dritte Internationale müßte unserer Ansicht nach beiten. Aber er lieferte noch nicht sofort eine theoretische
gerade auf einer solchen revolutionären Basis geschaffen (d.h. historische und soziologische) Erklärung dafür, aus
werden. Ob der Bruch mit den Sozialchauvinisten zweck- welchem Grund und auf welche Weise die Massenparteien
mäßig ist, das steht für unsere Partei nicht in Frage. Die- des westeuropäischen Proletariats vom Opportunismus
se Frage ist für die Partei unwiderruflich entschieden. überwältigt worden waren.
Eine Frage ist für sie nur, ob sich dieser Bruch im inter- Hier könnte man Marx und Lenin als revolutionäre
nationalen Maßstab in allernächster Zeit vollziehen Politiker gegenüberstellen. Marx kam oft zu theoretischen
läßt." (W I. Lenin und Grigori Sinowjew, Sozialismus und Verallgemeinerungen schon vor den unmittelbaren pro-
Krieg, Juli/August 1915) grammatischen, taktischen und organisatorischen Schluß-
Wie wir betont haben, entstand der Leninismus als quali- folgerungen, die sich aus seinen neuen soziohistorischen
tative Erweiterung des Marxismus in den Jahren 1914-17, Voraussetzungen ergaben. So kam Marx Ende 1849, nach
als Lenin auf den imperialistischen Krieg und den Zusam- neun Monaten Revolution, zu dem Schluß, daß die deutsche
menbruch der Zweiten Internationale in feindselige sozial- Bourgeoisie unfähig war, den Absolutismus zu stürzen.
chauvinistische Parteien eine revolutionäre Antwort gab. Doch erst ein Jahr später entwickelte Marx im Exil eine
Gegen diese Auffassung haben sich einerseits die Stalinisten neue Strategie, die seinem neuen Verständnis der deutschen
gestellt, die ihren Kult vom unfehlbar hellseherischen revo- Gesellschaft entsprach. Lenin hingegen brach aufgrund sei-
lutionären Führer bis zum Anfang von Lenins politischer nes revolutionären Impulses häufig mit dem Opportunismus
Laufbahn zurückdatieren, und andererseits verschiedene und mit falschen Positionen, schon bevor er zu den entspre-
Zentristen und Linksreformisten, die die Trennungslinie chenden theoretischen Verallgemeinerungen kam.
zwischen dem Leninismus und der orthodoxen Sozialdemo- In der Zeit 1914-16 blieb Lenins theoretische Analyse
kratie vor 1914 (Kautskyanertum) verwischen oder völlig hinter seinen politischen Schlußfolgerungen und Taten
auslöschen wollen. zurück. Lenins erste Schriften über den Krieg und die In-
Bei den Bolschewiki war es aber allgemein anerkannt, ternationale kennzeichneten den sozialdemokratischen Op-
daß der Leninismus erst 1914 entstanden war und nicht portunismus nur als eine politisch-ideologische Strömung.
vorher. In einem Nachruf auf Lenin schrieb Jewgeni Der einzige Versuch, das Anwachsen des Opportunismus
Preobraschenski, ein führender bolschewistischer Intel- mit objektiven historischen Bedingungen in Zusammenhang
lektueller: zu bringen, war der Hinweis darauf, daß die sozialistischen
„Beim Bolschewismus oder Leninismus müssen wir ge- Parteien Westeuropas für lange Zeit in der bürgerlichen Le-
nau zwischen zwei Perioden unterscheiden — der Peri- galität gearbeitet hatten.
ode ungefähr vor dem Weltkrieg und der Periode, die Keine soziologische oder historische Erklärung für den
sozialdemokratischen Opportunismus eine Frage, die militärische Frage.
zu haben schwächte Lenins Kampagne Hinsichtlich anderer Fragen besteht
für eine Dritte Internationale ernsthaft. kein Grund für die Meinung, die
Denn um die Spaltung der internationa- ideologisch-politische Position der
len Sozialdemokratie vollständig zu be- Internationale habe geschwankt
gründen, mußte man beweisen, daß der oder, noch weitergehend, sei total
4. August nicht bloß eine opportunisti- zerstört. Das würde heißen, unnöti-
sche Episode war oder eine falsche Poli- gerweise die ganze Festung preis-
tik, die sich rückgängig machen ließe. geben, nachdem wir nur die eine
Lenins Kampf gegen die Zentristen — Stellung verloren haben." (Zitiert in
Kautsky/Haase/Ledebour in Deutsch- Gankin und Fisher, Hrsg., The Bol-
land, Martow/Axelrod in Rußland, die sheviks and the World War, 1940)
Führung der Sozialistischen Partei Itali- Um solche zentristischen Positionen zu
ens — konzentrierte sich auf die histori- überwinden, mußte Lenin beweisen,
sche Bedeutung einer Politik der Lan- daß der 4. August die Zuspitzung der
desverteidigung im Weltkrieg und auf opportunistischen Tendenzen war, die
die tiefe Verwurzelung des Opportunis- im Charakter und in der Geschichte der
mus in der sozialdemokratischen Bewe- westeuropäischen Sozialdemokratie tief
gung. Die Zentristen behaupteten, die verwurzelt waren.
„Vaterlandsverteidigung" sei ein kolos-
saler opportunistischer Fehler, aber Imperialismus,
nicht mehr. Die Politik der Vater-
Sozialchauvinismus und
landsverteidigung könne rückgängig ge-
die Arbeiterbürokratie
macht und die Zweite Internationale Lenins Analyse der sozialen Grund-
um- und reformiert werden. Einige ex- lage des Opportunismus in der Zweiten
treme Chauvinisten müßten wohl ge- Internationale wurde zum ersten Mal in
hen, aber im Grunde genommen könnte einer Resolution („Der Opportunismus
man die „gute alte Internationale" vom Radio Times Hulton und der Zusammenbruch der II. Inter-
Juli 1914 wiederherstellen. Nach Lenins Grigori Sinowjew nationale") für eine bolschewistische
Auffassung war die Internationale vor Konferenz in Bern vom 27. Februar bis
1914 vom Opportunismus befallen, und mit dem Krieg 4. März 1915 dargestellt:
verschlimmerte sich diese Krankheit bis zum Sozialchauvi- „Bestimmte Schichten der Arbeiterklasse (die Büro-
nismus und wurde tödlich. Für die Zentristen war die Vor- kratie in der Arbeiterbewegung und die Arbeiteraristo-
kriegsinternationale im wesentlichen ein gesunder Organis- kratie, für die ein kleiner Teil der Profite aus der Aus-
mus. Sie mache jetzt die Krankheit des Sozialchauvinismus beutung der Kolonien und aus der privilegierten Lage
durch. Die Aufgabe von Sozialisten sei es, die Krankheit zu ihres Vaterlands' auf dem Weltmarkt abfiel) sowie die
heilen und den Patienten zu retten. kleinbürgerlichen Mitläufer innerhalb der sozialistischen
Die wichtigste Person, die eine Amnestie für die Sozial- Parteien waren die soziale Hauptstütze dieser [opportu-
chauvinisten befürwortete und das Problem des Opportu- nistischen] Tendenzen und die Träger des bürgerlichen
nismus als minimal hinstellte, war natürlich Kautsky. In der Einflusses auf das Proletariat."
Neuen Zeit (19. Februar 1915) empfahl er eine Haltung ka- Diese Kernanalyse wurde erst im folgenden Jahr theoretisch
meradschaftlicher Toleranz gegenüber denjenigen, die mit und empirisch vertieft, hauptsächlich in Lenins Broschüre
der Verteidigung des deutschen Imperialismus einen „Feh- Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (ge-
ler" begangen hätten: schrieben Januar bis Juni 1916) und in seinem Artikel „Der
„Ich sah wohl, daß seit dem 4. August eine Reihe Genos- Imperialismus und die Spaltung des Sozialismus" (Oktober
sen tatsächlich sich fortschreitend gewandelt hat und im- 1916) sowie in Sinowjews Buch Der Krieg und die Krise des
mer mehr dem Imperialismus verfallen ist, glaubte aber Sozialismus (1924).
doch, darin nur Ausnahmen zu sehen und in optimisti- Angesichts des stalinistischen Leninkults und der in-
schem Sinne antworten zu dürfen. Ich legte Wert darauf, dividualistischen Interpretationen der bürgerlichen Ge-
dies den Genossen zu sagen, um ihre Zuversicht zu kräfti- schichtsschreibung ist nicht allgemein bekannt, daß Lenin
gen und dem Pessimismus entgegenzuwirken. Nicht min- als Teil eines Kollektivs arbeitete. Während der Kriegsjahre
der wichtig erschien es mir, die Genossen zur Toleranz zu hatte er eine literarische Arbeitsteilung mit Sinowjew, der
mahnen — dem Beispiele folgend, das Liebknecht 1870 sich dabei auf die deutsche Bewegung konzentrierte. Wenn
gegeben." (Karl Kautsky, „Eine Richtigstellung") man nur Lenins Schriften aus dieser Zeit liest, bekommt
Zentristische Weichheit gegenüber der Zweiten Inter- man ein sehr unvollständiges Bild der Position der Bolsche-
nationale kam zu Beginn des Krieges auch bei den Bol- wiki zum imperialistischen Krieg und zur internationalen so-
schewiki zum Ausdruck. Der Führer der bolschewistischen zialistischen Bewegung. Deshalb wurden 1916 Lenins und
Gruppe in der Schweiz, W. A. Karpinski, war gegen Lenins Sinowjews Schriften zum Krieg in einem Sammelband auf
Position, daß die Zweite Internationale zusammengebro- deutsch veröffentlicht: Gegen den Strom. Die wichtigste leni-
chen war und eine neue, revolutionäre Internationale auf- nistische Analyse des Opportunismus in der deutschen Sozi-
gebaut werden mußte. In einem Brief an Lenin (27. Septem- aldemokratie ist Sinowjews Werk Der Krieg und die Krise des
ber 1914) schrieb er: Sozialismus, das einen längeren Abschnitt mit dem Titel
„... wir meinen, es wäre Übertreibung, alles, was in- „Die sozialen Wurzeln des Opportunismus" enthält. Dieser
nerhalb der Internationale geschehen ist, als deren .ideo- zentrale Abschnitt von Sinowjews bedeutendem Werk er-
logisch-politischen Zusammenbruch' zu definieren. We- schien auch auf englisch in der Zeitschrift der amerikani-
der dem Ausmaß noch dem Inhalt nach entspricht diese schen Shachtman-Anhänger New International (März-Juni
Definition dem, was wirklich geschehen ist. Die Interna- 1942).
tionale ... hat, wenn man will, einen ideologisch-politi- Marxisten hatten schon lange die Existenz einer pro-
schen Zusammenbruch erlitten, aber nur in bezug auf bürgerlichen, proimperialistischen Arbeiterbürokratie in
Britannien erkannt. Engels hatte die verbürgerlichten Füh- kann jetzt nicht mehr in der Arbeiterbewegung irgend-
rer der britischen Gewerkschaften mehr als nur einmal an- eines Landes auf eine lange Reihe von Jahrzehnten hin-
geprangert und sah dieses Phänomen im Zusammenhang aus völlig Sieger bleiben, so wie er in der zweiten Hälfte
mit Britanniens weltweiter wirtschaftlicher Vorherrschaft. des 19. Jahrhunderts in England gesiegt hatte; in einer
Doch die Marxisten der Zweiten Internationale hielten die Reihe von Ländern ist der Opportunismus vielmehr reif,
klassenkollaborationistische britische Arbeiterbewegung für überreif geworden und in Fäulnis übergegangen, da er
eine historische Anomalie, eine Etappe, die die europäische sich als Sozialchauvinismus mit der bürgerlichen Politik
Sozialdemokratie glücklicherweise übersprungen hätte. In restlos verschmolzen hat." (unsere Hervorhebung)
seinen einleitenden Bemerkungen zum Abschnitt über die Lenins Imperialismus behandelt diejenigen Veränderungen
Arbeiterbürokratie in Deutschland bemerkt Sinowjew, daß im kapitalistischen Weltsystem, die die opportunistischen
Marxisten die Sozialdemokratie für immun gegen diese kor- Kräfte in der Arbeiterbewegung international stärkten. Und
rupte soziale Kaste gehalten hatten: Sinowjews Buch von 1916 analysiert konkret die Kräfte des
„Als wir vor dem Kriege von Arbeiterbureaukratie spra- Opportunismus in der deutschen Sozialdemokratie.
chen, da meinten wir damit fast ausschließlich die engli- Sinowjew zeigte, daß die riesige SPD-Parteikasse eine
schen Trade-Unions. Wir dachten an die fundamentalen Unzahl von Funktionären unterstützte, die ein bequemes
Arbeiten der Eheleute Webb, des Kastengeistes, der re- kleinbürgerliches Leben führten, weit entfernt von den Ar-
aktionären Rolle der Bureaukratie im alten englischen beitern, die sie angeblich vertraten. Zu diesem relativ hohen
Trade-Unionismus, und wir sagten uns: wie gut, daß wir Lebensstandard kam hinzu, daß die sozialdemokratischen
nicht nach diesem Vorbild geschaffen sind, wie gut, daß Funktionäre allmählich in den Genuß eines gesellschaftlich
dieser Kelch an unserer Arbeiterbewegung auf dem Kon- privilegierten Status kamen. Deutschlands herrschende Eli-
tinent vorübergegangen ist! te begann, die SPD- und Gewerkschaftsführer mit Respekt
Aber wir trinken schon seit langem aus demselben Kelch. zu behandeln, machte aber einen Unterschied zwischen
In der Arbeiterbewegung Deutschlands — einer Bewe- „Gemäßigten" und den Radikalen wie Karl Liebknecht. Die
gung, die vor dem Kriege den Sozialisten aller Länder als korrumpierende Wirkung auf einen ehemaligen Drucker
Muster diente, — ist eine ebenso zahlreiche und ebenso oder Sattler, von der Junker-Aristokratie als Respektsper-
reaktionäre Kaste von Arbeiterbureaukraten entstan- son behandelt zu werden, war erheblich. In seinem ausge-
den." (G. Sinowjew, Der Krieg und die Krise des Sozialis- zeichneten Buch Die große Spaltung: die deutsche Sozialde-
mus) mokratie von 1905-1917 (1981) bemerkt Carl E. Schorske
Der Triumph des Sozialchauvinismus in der Zweiten über Scheidemanns Memoiren der Kriegsjahre: „Keinem
Internationale brachte Lenin dazu, die historische Bedeu- Leser Scheidemanns kann das wirkliche Vergnügen entge-
tung der proimperialistischen Führung der britischen La- hen, daß dieser empfand, wenn er eingeladen wurde, so-
bour Party neu zu überdenken. Er kam zu dem Schluß, daß zusagen auf gleichem Fuße mit den Ministern des Staates
der klassenkollaborationistische Trade-Unionismus des vik- Verhandlungen zu führen." Die deutsche Sozialdemokratie
torianischen Englands schon Tendenzen vorwegnahm, die war zu einer Institution geworden, über welche tüchtige,
hervortreten würden, wenn andere Länder, vor allem ehrgeizige junge Arbeiter ganz nach oben kommen konnten
Deutschland, Britannien wirtschaftlich einholen und zu kon- in einer Gesellschaft, die in Klassen und Kasten vielschichtig
kurrierenden imperialistischen Mächten werden würden. unterteilt war.
Deutschlands sehr schnelles Industriewachstum nach Sinowjews wichtiges Werk von 1916 korrigiert die Beto-
dem siegreichen Krieg 1870 schuf eine mächtige sozialde- nung des ideologischen Revisionismus als Ursache des Op-
mokratische Arbeitermassenbewegung und verwandelte portunismus, wie sie in Lenins ersten Schriften über den
gleichzeitig das Land in eine aggressive imperialistische Krieg zu finden ist. Tatsächlich widerspiegelte die offizielle
Weltmacht. Deutschlands expansionistische Ziele konnten Doktrin und das Programm der SPD ihre zunehmend refor-
nur durch einen großen Krieg verwirklicht werden. Und mistische Praxis nicht. Viele sozialdemokratische Führer,
Deutschland hätte einen großen Krieg nicht gewinnen kön- die überwiegend aus der Arbeiterklasse kamen, hielten ge-
nen, wenn es mit der aktiven Opposition seiner mächtigen fühlsmäßig am Sozialismus fest, als sie schon längst aufge-
Arbeiterbewegung konfrontiert gewesen wäre. So machten hört hatten, ihn für eine praktikable Politik zu halten. Erst
die objektiven Erfordernisse des deutschen Imperialismus der Krieg zwang die SPD, offen mit den sozialistischen
die Kooperation der sozialdemokratischen Führung not- Grundsätzen zu brechen.
wendig. Die Niederlage der deutschen bürgerlich-demokra- Sinowjew erkannte, daß sozialchauvinistische Ideologie
tischen Revolution 1848 und die halbautokratische klassen- falsches Bewußtsein war, das aus der tatsächlichen Rolle der
politische Struktur, die daraus hervorging, machten eine SPD-Funktionäre in der Gesellschaft des wilhelminischen
Annäherung zwischen den herrschenden Kreisen und der Deutschlands entstand:
Arbeiterbürokratie schwieriger, weniger evolutionär als in „Wenn wir vom Verrat der Führer' sprechen, so wollen
Britannien. Daher die Schockwirkung des 4. August. wir absolut nicht sagen, daß es sich um ein abgekartetes
Aber Lenin erkannte, daß der grundlegende historische Spiel, um einen mit vollem Bewußtsein unternommenen
Prozeß, der zur Zustimmung der SPD zu den Kriegskrediten Verkauf der Arbeiterinteressen handelt. Das zu behaup-
1914 und zur Regierungsbeteiligung der britischen Labour ten liegt uns fern. Aber das Bewußtsein wird durch das
Party geführt hatte, ähnlich war. Im Imperialismus schrieb er: Sein bestimmt, und nicht umgekehrt. Das ganze soziale
„Es muß bemerkt werden, daß in England die Tendenz Wesen dieser Kaste der Arbeiterbureaukratie führte
des Imperialismus, die Arbeiter zu spalten, den Op- beim alten Tempo der Bewegung, in der friedlichen'
portunismus unter ihnen zu stärken und eine zeitweilige Vorkriegsepoche, unvermeidlich zu einer vollkommenen
Fäulnis der Arbeiterbewegung hervorzurufen, viel früher Verbürgerlichung ihres ,Bewußtseins'. Die ganze Lage
zum Vorschein kam als Ende des 19. und Anfang des dieser zahlreichen Führerkaste, die auf dem Rücken der
20. Jahrhunderts... Arbeiterklasse emporgeklommen ist, hat aus ihr eine so-
Das Merkmal der heutigen Lage besteht in ökonomi- ziale Gruppe gemacht, die objektiv als Agentur der impe-
schen und politischen Bedingungen, die zwangsläufig die rialistischen Bourgeoisie betrachtet werden muß." (Der
Unversöhnlichkeit des Opportunismus mit den all- Krieg und die Krise des Sozialismus)
gemeinen und grundlegenden Interessen der Arbeiter- Die Anarchosyndikalisten applaudierten den revolutio-
bewegung verstärken mußten ... Der Opportunismus nären Marxisten für ihren Angriff auf die sozialdemokra-

.
tische Bürokratie und erklärten: Wir haben es euch ja sogar in ihrer Avantgardepartei. Der Kampf gegen Bürokra-
gesagt. Als die Bolschewiki die offizielle Sozialdemokratie tismus und Reformismus bedeutet einen ständigen politi-
angriffen, machten sie daher einen sorgfältigen Unter- schen Kampf gegen den vielseitigen Einfluß und Druck, den
schied zwischen ihrer Position und der der Anarchosyndi- die bürgerliche Gesellschaft auf die Arbeiterbewegung, ihre
kalisten. Sinowjew wies darauf hin, daß in einem Sinne die verschiedenen Schichten und ihre Avantgarde ausübt.
Existenz einer mächtigen reformistischen Bürokratie das
Die leninistische Position
Ergebnis der Entwicklung und Stärke der proletarischen
zur Arbeiteraristokratie
Massenbewegung war. Die Antwort der Anarchosyndikali-
sten auf den Bürokratismus lief auf die Selbstliquidierung Die Marxisten der Zweiten Internationale waren sich
der Arbeiterbewegung als einer organisierten Kraft, die ob- sehr wohl bewußt, daß nicht die gesamte Arbeiterklasse den
jektiv zum Sturz des Kapitalismus fähig war, hinaus. Die Sozialismus unterstützte. Viele Arbeiter hielten an der bür-
reformistische Bürokratie unterdrückte das revolutionäre gerlichen Ideologie (z.B. Religion) fest und unterstützten
Potential der Arbeiterbewegung, wohingegen die Anarcho- die kapitalistischen Parteien. Die Sozialdemokraten vor
syndikalisten vorschlugen, diese Bewegung bis zur Ohn- 1914 assoziierten politische Rückständigkeit im allgemeinen
macht zu desorganisieren. mit gesellschaftlicher Rückständigkeit. Insbesondere sahen
Sinowjew bestand darauf, daß eine Bürokratie nicht sie, daß Arbeiter, die frisch aus der Bauernschaft gekommen
gleichzusetzen sei mit einer großen Organisation von Par- oder andere Kleineigentümer gewesen waren, dazu neigten,
tei- und Gewerkschaftsfunktionären. Im Gegenteil, ein sol- die Sichtweise ihrer früheren Klasse beizubehalten. So
cher Apparat sei notwendig, um die Arbeiterklasse an die schrieb Kautsky in seinem 1909 erschienenen Buch, Der Weg
Macht zu führen. Die entscheidende Aufgabe bestehe dar- zur Macht:
in, die Führer und Funktionäre der Arbeiterbewegung den „Zum großen Teil dem Kleinbürgertum und Kleinbau-
historischen Interessen des internationalen Proletariats un- ernstand entsprossen, tragen viele Proletarier noch lange
terzuordnen: dessen Eierschalen mit sich herum; sie fühlen sich nicht
„Die Arbeiterbureaukratie hat zur Zeit der Krise bei als Proletarier, sondern als möchte-gern Besitzende."
Kriegsausbruch die Rolle eines reaktionären Faktors ge- Mit anderen Worten: Die klassisch sozialdemokratische Po-
spielt. Das ist zweifellos richtig. Aber das bedeutet nicht, sition war, daß Arbeiter, die ein niedriges kulturelles Niveau
daß die Arbeiterbewegung in Zukunft ohne einen großen hatten, ungelernt und unorganisiert waren, vom Lande ge-
Organisationsapparat, ohne eine ganze Schicht von Men- kommen waren usw., gegenüber der bürgerlichen Autorität
schen, die speziell im Dienst der proletarischen Organisa- am gefügigsten seien. Im Kontext von Deutschland und
tion stehen, auskommen kann. Nicht zurück zu jener Zeit Frankreich gegen Ende des 19. Jahrhunderts stimmte diese
wollen wir, da die Arbeiterbewegung so schwach war, daß politisch-soziologische Verallgemeinerung.
sie auf eigene Angestellte und Beamte verzichten konnte, Doch mit der Entwicklung einer starken Gewerk-
sondern vorwärts zu der Zeit, in der die Arbeiterbewe- schaftsbewegung trat der soziale und politische Konserva-
gung selber eine andere sein wird, in der die stürmische tismus an der Spitze der Arbeiterklasse auf und nicht nur un-
Massenbewegung des Proletariats sich diese Beamten- ten. Gelernte Arbeiter, die in starken Zunftgewerkschaften
schicht unterordnet, die Routine zerstört, den bureau- organisiert waren, isolierten sich in gewissem Maße vom
kratischen Rost fortwischt, neue Menschen an die Ober- Arbeitsmarkt und der zyklisch auftretenden Arbeitslosig-
fläche bringt, ihnen Kampfesmut einflößt, sie mit neuem keit und neigten zu einem zunftbornierten Standpunkt.
Geist erfüllt." (ebenda, Hervorhebung im Original) Das Phänomen einer Kaste von Arbeiteraristokraten
Es gibt keine mechanische organisatorische Lösung des ebenso wie das der Arbeiterbürokratie trat zuerst im vik-
Problems des Bürokratismus in der Arbeiterbewegung oder torianischen England auf. Der zünftlerisch beschränkte

Spartacist ist die theoretische und dokumentarische


Quellensammlung der Internationalen Kommunistischen Liga
(Vierte Internationalisten). Unter der Leitung des Internationalen
Organ des revolutionären Exekutivkomitees in Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch
veröffentlicht, verkörpert Spartacist die Verpflichtung der IKL auf den
Marxismus leninistischen Internationalismus.

English edition No. 52 Edition francais n° 29 Deutsche Ausgabe Nr. 17 Ediciön en espanol No. 27
(56pages) US$1.50 (64 pages) 10FF (64 Seiten) DM 3,— (56 päginas) US $1

Vorhergehende Ausgaben erhältlich. Zu beziehen über: Spartacist Publishing Co., Box 1377 GPO, New York, NY 10116, USA
Geist der britischen Handwerkergewerkschaften war allge- von den Sozialdemokraten unmittelbare Reformen erwarte-
mein bekannt. Zudem bestand die Oberschicht der bri- ten. Über die Mitglieder der Kommunistischen Partei
tischen Arbeiterklasse fast ausschließlich aus Engländern Deutschlands 1927 schrieb Franz Borkenau:
und Schotten, während die Iren einen bedeutenden Teil der „... Facharbeiter und solche, die es früher gewesen wa-
ungelernten Arbeiterschaft stellten. ren, machen zwei Fünftel der Parteimitgliedschaft aus;
Die deutsche Vorkriegssozialdemokratie bestand größ- wenn man ihre Frauen hinzuzählt, wären sie wahr-
tenteils aus gelernten, besser verdienenden Arbeitern. scheinlich knapp die Hälfte... Wenn es so etwas wie eine
Sinowjew sah in dieser soziologischen Zusammensetzung Arbeiteraristokratie gibt, hier ist sie." (World Commu-
eine wichtige Quelle des Reformismus: nism, 1939)
„So ergibt sich, daß die Hauptmasse der Mitglieder der Lenins Position zur Arbeiteraristokratie war eine wich-
Berliner sozialdemokratischen Organisation zu den ge- tige Korrektur der traditionellen positiven Orientierung der
lernten, qualifizierten Arbeitern gehört. Mit anderen Wor- Sozialdemokratie auf diese Schicht, eine Orientierung, die
ten, die Hauptmasse der Mitglieder der sozialdemo- zum Teil eine konservative Reaktion auf das schnelle An-
kratischen Organisation besteht aus besser bezahlten wachsen der ungelernten Arbeiterschaft war, die aus der po-
Arbeiterschichten, - aus den Schichten, aus denen sich der litisch konservativen und sozial rückständigen Bauernschaft
größte Teil der Arbeiteraristokratie rekrutiert." (Hervorhe- kam. Arbeiter aus ländlichen Gebieten können zwar extrem
bung im Original) militant sein, sind aber sehr unberechenbar und schwer auf
Sinowjew macht keinen Versuch, empirisch zu beweisen, einer stabilen Basis zu organisieren. Zum Beispiel zeigten
daß die Arbeiteraristokratie die Basis des rechten Flügels landwirtschaftliche Wanderarbeiter und ähnliche Gruppen
der SPD stellte; er behauptet es einfach. Man kann ihm (z. B. Holzfäller), die vor dem Ersten Weltkrieg der syndika-
daher vorwerfen, daß er die politische Soziologie des Britan- listischen Organisation „Industrial Workers of the World" in
niens von Edward VII. mechanisch auf das ganz andere Ter- den USA angehörten, große Kampfbereitschaft, aber auch
rain des wilhelminischen Deutschlands übertrug. Die Zunft- große organisatorische Instabilität.
gewerkschaften spielten in Deutschland niemals eine so Niemand, der sich heute als Marxist bezeichnet, hat eine
wichtige Rolle wie in Britannien. Andererseits war im politi- so positive Orientierung auf die hochqualifizierten, gut-
schen Leben Deutschlands direkt bis zum Ersten Weltkrieg bezahlten Schichten der Arbeiterklasse wie damals die So-
die ländliche Rückständigkeit ein großer Faktor. Die uner- zialdemokratie. Im Gegenteil, in der letzten Zeit ist der
schütterliche Basis des rechten Flügels der SPD waren die neulinke „Marxismus" zum anderen Extrem übergegangen
Parteiorganisationen in der Provinz. Rechte Bürokraten ver- und schreibt das ganze organisierte Proletariat in den fort-
suchten, den Radikalen, die immer in den Großstädten kon- geschrittenen kapitalistischen Ländern als „Arbeiteraristo-
zentriert waren, dadurch entgegenzuwirken, daß sie die kratie" ab, die mit der Beute des Imperialismus bestochen
Grenzen der Parteiwahlkreise zugunsten der Kleinstädte worden sei. So wie früher der Angriff der revolutionären
verschoben. Der Sohn eines Bauern, der als ungelernter Ar- Marxisten auf die sozialdemokratische Bürokratie von den
beiter in einer süddeutschen Stadt beschäftigt war, würde Anarchosyndikalisten ausgeschlachtet wurde, so wird heute
eher die SPD-Rechte unterstützen, vertreten von Bernstein Lenins kritische Analyse der Rolle der Arbeiteraristokratie
und Eduard David, als es ein Berliner Maschinenschlosser- verzerrt und im Dienst des antiproletarischen, kleinbürger-
meister tun würde. lichen Radikalismus, insbesondere des Nationalismus, aus-
Wenn auch Sinowjew das britische Modell der soziolo- geschlachtet.
gischen Grundlage des Opportunismus allzu mechanisch auf Ein Vordenker der Dritte-Welt-Orientierung der Neuen
die SPD übertrug, so bleibt doch die grundsätzliche lenini- Linken (mehr oder weniger mit dem Maoismus verbunden)
stische Position über die schichtenmäßige Zusammenset- ist Paul Sweezy vom Journal Monthly Review. Seine revisio-
zung der Arbeiterklasse in der imperialistischen Epoche gül- nistische Verzerrung von Lenins Analyse der Arbeiter-
tig. In den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern mit aristokratie zeigt sich in besonders scharfer Form in dem
einer großen, gefestigten Arbeiterbewegung neigen die obe- Artikel „Marx and the Proletariat" (Monthly Review,
ren Schichten der Arbeiterklasse im Vergleich zur großen Dezember 1967) zum 100. Jahrestag der Veröffentlichung
Masse des Proletariats häufig zu einem sozialen und politi- des ersten Bands vom Kapital. Hier vereinnahmt Sweezy
schen Konservatismus. Außerdem können die Bourgeoisie Lenins Imperialismus für die These, daß sich die haupt-
und die Arbeiterbürokratie innerhalb bestimmter ökonomi- sächliche soziale Kraft der Revolution in unserer Epoche zu
scher Grenzen die Kluft zwischen der Arbeiteraristokratie den ländlichen Massen in den rückständigen Ländern ver-
und der Klasse als ganzer weiter vertiefen. schoben habe:
Sinowjew hat sicher recht mit der Behauptung: „Sein [Lenins] Hauptbeitrag war sein kleines Buch Der
„Die Spaltung zwischen den einzelnen Schichten der Ar- Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus, das
beiterklasse unterstützen, die Konkurrenz unter ihnen 1917 erschien und genau halb so alt ist wie der erste Band
schüren, die Oberschicht absondern, indem man sie vom Kapital. Darin argumentierte er, daß ,der Kapitalis-
besticht und sie zur Trägerin der bürgerlichen ,Respekta- mus zu einem Weltsystem kolonialer Unterdrückung und
bilität' macht, darin liegt das direkte Interesse der Bour- finanzieller Erdrosselung der übergroßen Mehrheit der
geoisie... Sie [die Sozialchauvinisten] spalten die Arbei- Bevölkerung der Erde durch eine Handvoll „fortgeschrit-
terklasse innerhalb eines jeden Landes und dadurch tener" Länder geworden' sei. Er argumentierte auch, daß
vertiefen und festigen sie die Spaltung zwischen den Ar- die Kapitalisten der imperialistischen Länder einen Teil
beiterklassen der verschiedenen Länder." ihrer .Beute' dazu benutzen können, eine Arbeiteraristo-
Die oberste Schicht der Arbeiterklasse steht nicht immer kratie zu bestechen und auf ihre Seite zu ziehen, und dies
und überall politisch rechts von der Masse des Proletariats. auch tun. Was die Logik des Arguments betrifft, läßt sie
Die größere wirtschaftliche Sicherheit der hochqualifizier- sich ausweiten auf eine Mehrheit der Arbeiter oder sogar
ten Arbeiter sorgt manchmal dafür, daß sie eine radikalere auf alle Arbeiter in den Industrieländern. Auf jeden Fall
politische Einstellung haben als die Masse der organisierten ist es klar, daß die Berücksichtigung des globalen Cha-
Arbeiter, denen es eher um ihre alltäglichen materiellen Be- rakters des kapitalistischen Systems schwerwiegende zu-
dürfnisse geht. So hatten in der Weimarer Republik der 20er sätzliche Gründe für die Ansicht liefert, daß in diesem
Jahre die Kommunisten relativ mehr Unterstützung bei den Stadium der kapitalistischen Entwicklung die Tendenz
Facharbeitern als bei den ungelernten Fabrikarbeitern, die besteht, ein Proletariat hervorzubringen, das eher wem-
ger als mehr revolutionär ist." (un- teraristokratie auf der falschen Seite
sere Hervorhebung) der Barrikade landen. In der Oktober-
Die Neue Linke liegt ganz schief, revolution boten die relativ privile-
wenn sie die Arbeiteraristokratie ein- gierten Eisenbahner den Menschewiki
fach mit den besser bezahlten Teilen einen Stützpunkt für ihre konterrevo-
des Proletariats gleichsetzt. Erstens lutionären Aktivitäten. Dagegen ge-
sind viele relativ besser bezahlte Ar- hören die Ölarbeiter in Mexiko, auch
beiter (z. B. Autoarbeiter oder Last- eine Elitegruppe des Proletariats in
wagenfahrer in den USA) Mitglie- einem rückständigen Land, schon lan-
der von Industriegewerkschaften un- ge zu den fortgeschrittensten Teilen
gelernter und angelernter Arbeiter, der Arbeiterbewegung dort. In einem
die ihre höheren Löhne durch mi- wichtigen Artikel, den Lenin kurz
litanten Kampf gegen die Bosse ge- nach Imperialismus schrieb, stellt er
wannen und nicht durch imperialisti- ausdrücklich fest, daß erst der politi-
sche Bestechung oder Verfilzung. sche Kampf darüber entscheiden wird,
Auch kann man nicht alle Zunftge- welcher Teil des Proletariats schließ-
werkschaften zur Arbeiteraristokratie lich die Partei der Bourgeoisie er-
rechnen. Die Textilbranche ist so or- greifen wird:
ganisiert, und dort gibt es die mit am „Wir können nicht — und niemand
schlechtesten bezahlten gewerkschaft- Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz kann — genau ausrechnen, wel-
lich organisierten Arbeiter in den Eduard Bernstein cher Teil des Proletariats den
USA. Sozialchauvinisten und Opportuni-
Im Imperialismus und damit in Verbindung stehenden sten folgt und folgen wird. Das wird erst der Kampf zei-
Schriften hob Lenin immer wieder hervor, daß die Ar- gen, das wird endgültig nur die sozialistische Revolution
beiteraristokratie eine kleine Minderheit des Proletariats entscheiden." („Der Imperialismus und die Spaltung des
darstellt. Und dies war keine empirische Schätzung, sondern Sozialismus", Oktober 1916)
eine grundlegende soziologische These. Eine Gruppe kann Die leninistische Einstellung gegenüber der Arbeiter-
eine gesellschaftlich privilegierte Stellung nur im Vergleich aristokratie ist erheblich anders als gegenüber deren Füh-
zu den arbeitenden Massen der Gesellschaft haben, deren rung, der Arbeiterbürokratie. In der imperialistischen Epo-
Teil sie ist. Die neulinke Dritte-Welt-Sichtweise, die behaup- che, dem Zeitalter des kapitalistischen Verfalls, kann es
tet, das Proletariat in den imperialistischen Zentren sei eine keinen erfolgreichen Reformismus geben. Daher sind die
Arbeiteraristokratie im Vergleich zu den verelendeten kolo- Führer der Arbeiterbewegung, was immer ihre Herkunft
nialen Massen, leugnet die Tatsache, daß die Arbeiterklasse und ursprüngliche Motivation sein mag, durch ihre soziale
Europas und Nordamerikas im wesentlichen dadurch defi- Rolle gezwungen, die Interessen der Arbeiter der Bourgeoi-
niert wird, daß sie der Ausbeutung durch die „eigene" Bour- sie unterzuordnen, es sei denn, sie schlagen ausdrücklich
geoisie unterworfen ist. Eine solche Sichtweise ist methodo- einen revolutionären Kurs ein. Wie Lenin später über die
logisch ähnlich wie das Argument von Apologeten der „Arbeiterkommis der Bourgeoisie" schrieb:
Apartheid in Südafrika, die schwarzen Arbeiter in diesem „Der moderne Imperialismus (des 20. Jahrhunderts) hat
Land hätten es besser als die im übrigen Afrika. für einige fortgeschrittene Länder eine privilegierte
Sweezys Revisionismus beschränkt sich aber nicht dar- Monopolstellung geschaffen, und auf dieser Grundlage
auf, daß er den Begriff der Arbeiteraristokratie auf die hat sich überall in der II. Internationale der Typus der
Mehrheit der Arbeiter in den fortgeschrittenen kapitali- verräterischen Führer, der Opportunisten, der Sozial-
stischen Ländern ausweitet. Er verzerrt auch Lenins Hal- chauvinisten herausgebildet, die die Interessen ihrer
tung gegenüber der tatsächlichen Arbeiteraristokratie, die Zunft, ihrer dünnen Schicht der Arbeiteraristokratie
eine soziologische und nicht eine politische Kategorie ist. vertreten... Der Sieg des revolutionären Proletariats ist
Für die oberste Schicht der Arbeiterklasse beherrscht die unmöglich ohne Kampf gegen dieses Übel, ohne Ent-
Verteidigung ihrer kleinkarierten Privilegien oft ihr Be- larvung, Brandmarkung und Vertreibung der opportu-
wußtsein und ihre Handlungen. So ist sie ein Kulturmedium nistischen, sozialverräterischen Führer." (Der „linke
für das falsche Bewußtsein, die Interessen der Arbeiter sei- Radikalismus", die Kinderkrankheit im Kommunismus,
en mit denen „ihrer" Bourgeoisie verbunden (Unterstüt- 1920)
zung für imperialistische Kriege, Protektionismus, „Gewinn- Im Gegensatz dazu sind qualifizierte, gutbezahlte Arbeiter
beteiligungs"pläne usw.). Aber die Arbeiteraristokratie ist zwar anfälliger für konservative bürgerliche Ideologie, aber
auch Teil der Arbeiterklasse und teilt gemeinsame Klassen- keine „Agenten der Bourgeoisie in der Arbeiterbewegung"
interessen mit dem übrigen Proletariat; daher kann man (ebenda). Wie beim übrigen Proletariat ist es notwendig, sie
nicht sagen, daß sie letzten Endes von Natur aus proimpe- von ihren verräterischen Irreführern wegzubrechen.
rialistisch ist. Unter normalen kapitalistischen Bedingungen
kann die Arbeiteraristokratie durchaus versuchen, kurzfri- Der klassische Marxismus und
stige wirtschaftliche Vorteile auf Kosten der gesamten Klas- die leninistische Avantgardepartei
se zu erzielen. Doch unter der Wucht einer schweren Wirt- Bis 1916 hatte Lenin sowohl die programmatische als
schaftskrise, eines verheerenden Kriegs usw. treten in der auch die theoretische Grundlage entwickelt für einen
Regel die langfristigen Interessen dieser Schicht als Teil des Bruch mit der offiziellen Sozialdemokratie und für die Bil-
Proletariats hervor. dung einer internationalen Avantgardepartei nach dem
Leninisten versuchen sogar, ausgebeutete Teile des Muster der Bolschewiki. Die eigentliche Gründung der
eigentlichen Kleinbürgertums für die Sache des revolutio- Kommunistischen Internationale 1919 wurde natürlich ent-
nären Sozialismus zu gewinnen (z. B. Lehrer, Kleinbauern). scheidend von der bolschewistischen Revolution und der
Daher können sie auch einen Teil der Arbeiterklasse, der Errichtung des Sowjetstaats beeinflußt. In dieser Broschüre
relativ privilegiert und verkleinbürgerlicht ist, kaum dem geht es jedoch darum, wie sich Lenins Position zur Orga-
Lager der bürgerlichen Konterrevolution zuschreiben. In nisationsfrage immer weiter weg entwickelte von der tra-
einer revolutionären Situation können Gruppen der Arbei- ditionellen revolutionären Sozialdemokratie. Und dieser
Prozeß war im wesentlichen schon vor der Russischen Re- zialisten) um die Führung einer bestehenden revolutionären
volution abgeschlossen. Wir besprechen daher zum Schluß, Bewegung zu konkurrieren. Der Bund der Kommunisten
in welchem Verhältnis die leninistische Avantgardepartei definierte sich daher als die proletarisch-sozialistische
zur früheren marxistischen Erfahrung in der Organisations- Avantgarde der revolutionären bürgerlich-demokratischen
frage steht. Bewegung. Als die revolutionäre Periode von 1848 eindeutig
In bezug auf die Avantgardepartei erscheint die Ge- zu Ende ging (ein Zeichen dafür war der Kölner Kommuni-
schichte der marxistischen Bewegung paradox. Die erste stenprozeß 1852), hatten sich Marx' Strategie und deren or-
marxistische Organisation, der Bund der Kommunisten von ganisatorische Komponente überlebt.
1847-52, war eine Avantgarde-Propagandagruppe, die sich Zwischen den Revolutionen von 1848 und der Rus-
von allen anderen Strömungen in der sozialistischen und sischen Revolution von 1905 hatten sich die Möglichkeiten
Arbeiterbewegung eindeutig abgrenzte (z. B. vom Blanquis- einer erfolgreichen bürgerlich-demokratischen Revolution
mus, den Ikariern Cabets, dem deutschen „wahren" So- erschöpft, während die ökonomischen Grundlagen für eine
zialismus, dem britischen Chartismus). Im Gegensatz dazu proletarisch-sozialistische Revolution in den Hauptländern
versuchte die Internationale Arbeiterassoziation (Erste In- Westeuropas noch nicht reif waren. (Bei Britannien gab es
ternationale), die eine Generation später gegründet wurde, in dieser Hinsicht eigene außergewöhnliche Probleme. Ob-
eine inklusive Organisation zu sein, die alle Organisationen wohl das Land weit fortgeschrittener war als Frankreich
der Arbeiterklasse umfaßt. Eine Hauptsäule der Ersten In- oder Deutschland, gab es dort noch in den 1850er Jahren
ternationale war die britische Gewerkschaftsbewegung, die mehr Hausangestellte als Industriearbeiter.) Die Aufgabe
politisch die bürgerlichen Liberalen unterstützte. Die Sozia- von Sozialisten bestand darin, die Voraussetzung für eine so-
listische (Zweite) Internationale versuchte, alle proletari- zialistische Revolution zu schaffen, indem sie das Proletariat
schen sozialistischen Parteien zu umfassen, auch wenn ihre organisierten und so seinen atomisierten Zustand überwan-
Hauptsektion die marxistische deutsche Sozialdemokratie den. Außerdem verhinderte eine effektive staatliche Re-
war. 1908 nahm die Zweite Internationale sogar die neu ge- pression in den Jahrzehnten unmittelbar nach der Nieder-
gründete britische Labour Party auf, die nicht den Anspruch lage von 1848 das Entstehen stabiler Massenorganisationen
hatte, sozialistisch zu sein. Somit war die Kommunistische der Arbeiterklasse in Deutschland und Frankreich.
Internationale von 1919 in gewisser Hinsicht eine Wieder- Eine Avantgardepartei nach dem leninistischen Muster
belebung des Bundes der Kommunisten von 1847 auf einer hätte in den 60er-90er Jahren des 19. Jahrhunderts in
Massenbasis. Deutschland oder Frankreich in einem politischen Vakuum
Wie ist es zu erklären, daß es im klassischen Marxismus existiert, ohne Beziehung zu irgendeiner breiteren potentiell
des ausgehenden 19. Jahrhunderts das Prinzip der Avant- revolutionären Bewegung. Daher war Marx in der Periode
gardepartei nicht gab? Stalinistische Geschichtsschreiber nach der Auflösung der Ersten Internationale gegen die
leugnen manchmal diese Tatsache und entstellen so die Ge- Gründung einer neuen Internationale, weil er darin eine
schichte, um Marx und Engels als Verfechter der leni- Ablenkung von der Aufgabe sah, eine Arbeiterbewegung
nistischen Organisationsprinzipien hinzustellen. Anderer- aufzubauen, die tatsächlich imstande wäre, den Kapitalis-
seits wäre es aber auch unhistorischer Idealismus, Marx und mus zu stürzen. In einem Brief an den holländischen Anar-
Engels wegen ihrer organisatorischen Politik zu kritisieren chisten Ferdinand Domela-Nieuwenhuis (22. Februar 1881)
und zu behaupten, daß in den 1860er bis 90er Jahren etwas schrieb er:
der Kommunistischen Internationalen entsprechendes hätte „Nach meiner Überzeugung ist die kritische Konjunktur
gegründet werden können und sollen. einer neuen internationalen Arbeiterassoziation noch
Die Gründung des Bundes der Kommunisten 1847 nicht da; ich halte daher alle Arbeiterkongresse, resp.
erfolgte aufgrund einer unmittelbar bevorstehenden bür- Sozialistenkongresse, soweit sie sich nicht auf unmit-
gerlich-demokratischen Revolution. Die breitere revolutio- telbare, gegebene Verhältnisse in dieser oder jener be-
när-demokratische Bewegung erfüllte die Aufgabe, die Be- stimmten Nationen beziehen, nicht nur für nutzlos, son-
völkerung zu organisieren, einschließlich des städtischen dern für schädlich. Sie werden stets verpuffen in unzäh-
Handwerker-Proletariats. Die Aufgabe des Bundes der lig wiedergekäuten [allgejmeinen Banalitäten." (Marx/
Kommunisten bestand darin, im Kampf gegen die bür- Engels, Werke)
gerlichen Demokraten (und auch gegen die utopischen So- In Westeuropa erforderte der Übergang von der revolu-
tionären bürgerlich-demokratischen Bewegung zu proleta-
risch-sozialistischen Massenparteien eine ganze Epoche mit
Abonniere jahrzehntelanger Vorbereitungsarbeit.
jetzt! Im zaristischen Rußland standen die Marxisten vor einer
grundsätzlich anderen Situation. Dort schien eine bürger-
Workers Vanguard lich-demokratische Revolution eine kurzfristige Perspektive
zweiwöchentliche zu sein. Eine revolutionäre bürgerlich-demokratische Bewe-
Zeitung der gung existierte in Gestalt der radikalen (sozialistisch ange-
Spartacist League/U.S.
hauchten) Volkstümler und fand bei der Intelligenz allge-
24 Ausgaben inkl. mein Unterstützung.
Spartacist (englische In wichtiger Hinsicht stand Plechanows Gruppe Be-
Ausgabe) und
freiung der Arbeit in den 1880er Jahren vor vergleichbaren
Women and Revolution
Bedingungen wie der Bund der Kommunisten vor der Re-
Luftpost DM 50,- volution von 1848. Plechanow schwebte eine proletarische
Seepost DM 20,- Partei vor (initiiert von der sozialistischen Intelligenz), die in
Bestellt bei: der bürgerlich-demokratischen Revolution als Avantgarde
Verlag Avantgarde fungieren und sich gegenüber allen kleinbürgerlichen radi-
Postfach 555 kalen Strömungen scharf abgrenzen würde. Diese Konzepti-
10127 Berlin on der Avantgarde geht aus dem Programm der Gruppe Be-
Konto 1 19 88-601 freiung der Arbeit von 1883 klar hervor:
Postgiro Frankfurt/M. „Eine der nachteiligsten Folgen dieser rückständigen
BLZ 500 10060
Lage der Produktion war und ist bis heute der unent-
wickelte Zustand der Mittelklasse, die bei uns nicht fähig Kampfes gegen den Ökonomismus, den Plechanow und
ist, die Initiative des Kampfes gegen den Absolutismus zu nicht Lenin initiierte, bestand darin, daß so die Avant-
ergreifen. garderolle der Sozialdemokratie in bezug auf die breiten,
Die sozialistische Intelligenz mußte sich daher an die heterogenen bürgerlich-demokratischen Kräfte bewahrt
Spitze der gegenwärtigen Befreigungsbewegung stellen, wurde. Weil Lenin die russische Sozialdemokratie (1903)
deren unmittelbare Aufgabe der Aufbau freier politi- spaltete, bevor sie eine Massenbasis gewonnen hatte, er-
scher Insitutionen in unserem Vaterland sein muß, wobei kannte er nicht die volle Bedeutung dessen, was er getan
die Sozialisten ihrerseits danach zu streben haben, der hatte. Er hielt die Spaltung mit den Menschewiki für eine le-
Arbeiterklasse die Möglichkeit einer aktiven und frucht- gitime Weiterführung des Kampfes um die Trennung des
baren Teilnahme am künftigen politischen Leben Ruß- proletarischen Sozialismus von der kleinbürgerlichen De-
lands zu verschaffen." (G. Plechanow, Sozialismus und mokratie. In Wirklichkeit hatte er die revolutionären So-
politischer Kampf, 1980, Hervorhebung im Original) zialisten von den Reformisten getrennt, die beide nach einer
Im Bismarckschen und wilhelminischen Deutschland Basis in der Arbeiterklasse strebten.
standen alle bürgerlichen Parteien der Sozialdemokratie Die welthistorische Bedeutung des Bolschewismus vor
feindlich gegenüber; diese vertrat die Arbeiterbewegung in 1914 lag darin, daß er die organisatorischen Prinzipien vor-
ihrer Gesamtheit und stellte auch die weitaus bedeutendste wegnahm, die für den Sieg in der Epoche des imperiali-
Kraft für einen demokratischen politischen Wandel dar.In stischen Kapitalismus und der proletarischen Revolution er-
der katholischen Zentrumspartei, den Nationalliberalen forderlich sind. Als mit dem Ersten Weltkrieg die Epoche
und der Fortschrittspartei sah man nur episodisch eine des kapitalistischen Niedergangs eröffnet wurde, war das
Herausforderung für die halbautokratische Regierung. Im Haupthindernis für eine proletarische Revolution nicht
Gegensatz dazu mußten die russischen Sozialdemokraten mehr die ungenügende Entwicklung der bürgerlichen Ge-
mit den radikalen Volkstümlern und gelegentlich sogar mit sellschaft und der Arbeiterbewegung. Jetzt war es die auf
den Liberalen um Kader und um Einfluß in der Bevöl- einer mächtigen Arbeiterbewegung basierende reaktionäre
kerung, einschließlich des Industrieproletariats, konkurrie- Arbeiterbürokratie, die ein veraltetes Gesellschaftssystem
ren. Außerdem mußten die Sozialdemokraten, da Rußland aufrechterhielt. Die erste Aufgabe der revolutionären So-
ein Vielvölkerstaat war, auch mit linksnationalistischen Par- zialisten war es von jetzt an, die Reformisten als die
teien wie der ukrainischen Radikaldemokratischen Partei Führung der Arbeitermassenbewegung zu besiegen und zu
und der polnischen Sozialistischen Partei sowie ähnlichen ersetzen, als Voraussetzung dafür, diese Bewegung zum Sieg
Parteien im Baltikum und in Transkaukasien konkurrieren. über den Kapitalismus zu führen und die Grundlage für eine
Die organisatorischen Prinzipien der Plechanowschen sozialistische Gesellschaft zu schaffen. Diese Aufgabe hat
Sozialdemokratie hatten somit einen Doppelcharakter. In einen Doppelcharakter. Die Gründung einer revolutionä-
bezug auf das Proletariat wollten die ersten russischen So- ren Avantgardepartei spaltet die Arbeiterklasse politisch.
zialdemokraten der SPD nacheifern und „die Partei der Ge- Jedoch strebt eine Avantgardepartei danach, die Masse des
samtklasse" werden. Doch sie wollten auch die Avantgarde Proletariats durch vereinigte ökonomische Organisationen
aller unterschiedlichen antizaristischen Kräfte im Russi- des Klassenkampfs zu führen, durch die Gewerkschaften. In
schen Reich werden. einer revolutionären Situation strebt eine Avantgardepartei
Von der Plechanowschen Sozialdemokratie erbte Lenin danach, eine vereinigte Arbeiterklasse durch Sowjets, die
die Konzeptionen einer Avantgarde, die in den soziali- organisatorische Grundlage einer Arbeiterregierung, zur
stischen Parteien Westeuropas fehlte. Die Bedeutung des Macht zu führen.
„Als Strömung des politischen Denkens und als politische Partei
besteht der Bolschewismus seit dem Jahre 1903. Nur die Geschichte
des Bolschewismus in der ganzen Zeit seines Bestehens vermag
befriedigend zu erklären, warum er imstande war, die für den Sieg
des Proletariats notwendige, eiserne Disziplin zu schaffen und sie
unter den schwierigsten Verhältnissen aufrechtzuerhalten."
W. I. Lenin,
„Eine der Grundbedingungen des Erfolgs der Bolschewiki",
in Der „linke Radikalismus", die Kinderkrankheit im Kommunismus

BIBLIOGRAPHIE
Baron, Samuel H., Plekhanov, Father ofRussian Marxism Marks, Harry J., „The Sources of Reformism in the
(Stanford 1963) German Social-Democratic Party, 1890-1914", Journal
Cliff, Tony, Lenin, Volume 1: Building the Party of Modern History, 1939
(London 1975) Karl Marx/Friedrich Engels, Werke (Berlin 1974)
Dan, Theodor, Der Ursprung des Bolschewismus Nettl, Peter, Rosa Luxemburg (Köln/Berlin 1967)
(Hannover 1968) Pjatnizki, Ossip, Aufzeichnungen eines Bolschewiks.
G., Barbara, Democratic Centralism (Chicago 1972) Erinnerungen aus den Jahren 1896-1917 (Berlin 1972)
Plechanow, G.W., Sozialismus und politischer Kampf
Gankin, Olga Hess und Fisher, H.H., Hrsg., The Bolsheviks
(Frankfurt a.M./Gelsenkirchen 1980)
and the World War (Standford 1940)
Preobrazhensky, Evgenyi, „Marxism and Leninism,"
Getzler, Israel, Martov: Political Biography ofa Russian
Molodoya Gvardiya (Moscow), 1924, special
Social Democrat (London 1967)
commemorative issue
Geyer, Dietrich, „Die russische Parteispaltung im Urteil Red Weekly (London), 11 November 1976, „The Bolshevik
der deutschen Sozialdemokratie 1903-1905," Faction and the Fight for the Party"
International Review of Social History, 1958
Schapiro, Leonard, Die Geschichte der Kommunistischen
Geyer, Dietrich, Kautskys Russisches Dossier, Deutsche Partei der Sowjetunion (Frankfurt a.M. 1961)
Sozialdemokraten als Treuhänder des russischen
Schorske, Carl E., Die große Spaltung: die deutsche
Parteivermögens 1910-1915, (Frankfurt a.M./
New York 1981) Sozialdemokratie 1905-1917 (Berlin 1981)
Sinowjew, Grigori, Geschichte der Kommunistischen Partei
Haimson, Leopold H., The Russian Marxists and the Origins
Rußlands (Bolschewiki) (Hamburg 1923);
of Bolshevism (Cambridge 1955)
Sinowjew, Grigori, Der Krieg und die Krise des Sozialismus
Kautsky, Karl, Der Weg zur Macht (Frankfurt a.M. 1972) (Wien 1924)
Keep, H.L.H., The Rise of Social Democracy in Russia Slaughter, Cliff, Lenin on Dialectics (New York 1971)
(London 1963)
Trotzki, Leo, Verteidigung des Marxismus (Berlin 1973)
Lenin, W.I., Werke (Berlin 1984)
Trotzki, Leo, Mein Leben (Frankfurt a.M. 1974)
Luxemburg, Rosa, Gesammelte Werke (Berlin 1978) Trotzki, Leo, Stalin: An Appraisal ofthe Man and His
Luxemburg, Rosa, Leninism orMarxism? (Ann Arbor 1961) Influences (New York 1970)
McNeal, Robert H., Hrsg., Resolutions and Decisions ofthe Trotzki, Leo, „Unsere politischen Aufgaben", Schriften zur
Communist Party ofthe Soviel Union, Volume 1: revolutionären Organisation (Hamburg 1970)
The Russian Soical Democratic Labour Party Walling, William English, Hrsg., The Socialists and the War
(Toronto 1974) (New York 1915)
Marie, Jean-Jacques, Einleitung zu Quefairel Wolfe, Bertram D., Lenin, Trotzski}, Stalin. Drei, die eine
(Paris 1966) Revolution machten (Frankfurt a.M. 1965)
Internationale Kommunistische Liga (Vierte Internationalisten)