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J U N I 2 0 1 6 D I E Z E I T No 2 5 ÖSTERREICH 11

DRINNEN

Auf dem
Weg zur
inneren Ruhe
Eine Iranerin in Österreich: Sarineh
Hakoopian, 31, IT-Didaktikerin
Fotos (Ausschnitte): Gianmaria Gava für DIE ZEIT (gr. Bild); Ernst Schmiederer; Regina Hügli für DIE ZEIT (u.)

Ich bin mit Abstand die Jüngste in unserer Fa-


milie. Meine Schwester ist zehn Jahre, mein
Bruder neun Jahre älter als ich. Mein Vater war
beruflich viel unterwegs und hatte das Gefühl,
dass er vom Aufwachsen der Kinder zu wenig
mitbekam. Als er nicht mehr reisen musste,
schlug er meiner Mutter vor, noch ein Kind zu
bekommen. Und dieses Kind bin ich.
Ich vermute, dass sich alle Menschen, die
man über meine ersten Jahre befragen könnte,
an ein hyperaktives Kind erinnern werden.
Meine Eltern sorgten deshalb dafür, dass ich
immer beschäftigt war. Im zarten Alter von
drei Jahren besuchte ich den ersten Englisch-
kurs. Ich machte Gymnastik, habe immer viel
gelesen und eine große Liebe zu Sprachen ent-
wickelt. Zudem war ich extrem rebellisch. Ge-
gen alles und jeden. Gegen die armenische
Kultur. Und gegen die muslimische. Gegen die
Schule. Gegen zu Hause. Mein Glück waren
meine Eltern: meine Mutter, die mich immer
unterstützte, und mein Vater, der früher eben-
Ayvar und Hummus, Rauchfleisch und Pasteten: Amin Reda und Anel Cerimagic bringen Lebensmittel aus der Ferne in die Supermärkte so rebellisch war und mir Verständnis ent-
gegenbrachte.

So schmeckt’s daheim
Wir sind armenischer Abstammung, also
eine christliche Familie. Den ersten Bruch als
Heranwachsende erlebte ich, als Ende der
neunziger Jahre eine Auswanderungswelle ein-
setzte. Wer konnte, ging damals in die USA.
Für mich wäre das nicht infrage gekommen.
Obwohl viele Freunde und Verwandte damals
Spezialitäten aus der Heimat von Migranten sind gefragt. Aber die Handelskonzerne tun sich schwer damit VON JUDITH E . INNERHOFER den Iran verließen, war ich davon überzeugt,

W
dass ich das niemals tun würde. Ich wollte mei-
ne Eltern und besonders meinen Vater nicht
as für den Österreicher Drittel des Geldes wird für Lebensmittel ausgege- Zertifikat am Etikett. In der übersättigten globalen ment wird laufend größer, und gerade Produkte wie zurücklassen.
die Manner-Schnitte, ist ben. An diesem gigantischen Geschäft, das weiter Lebensmittelbranche gelten islamkonforme Pro- die mit Kardamom aromatisierte Edelversion der
für die »Ex-Yu«-Com- wachsen wird, wollen alle mitnaschen: die Her- dukte als vielversprechender Wachstumsmarkt. Cola sollen zum Dauerrenner werden. Klar, dass
munity im Land der steller, die Importeure, die Supermarkt-Ketten. In Österreich ist es aber ein Angstmarkt. Nur 14 der Drink vor allem nach orientalischem Gout ent-
Bambi-Lane. Die rot Aber die großen Händler tun sich schwer mit Tage lang gab es im vergangenen November in ei- wickelt wurde. »Die Menschen aus Syrien, dem Irak
verpackten Biskuitkekse den Migranten. Während Veganer, Laktoseintole- nigen Wiener Spar-Märkten Halal-Fleisch zu kau- oder aus Afghanistan werden zunehmend Kaufkraft
aus Kroatien stapeln sich rante, Diätbemühte oder Bio-Bewusste mit Werbe- fen. Boykottaufrufe besorgter Tierschützer konnte haben«, sagt Reda und ergänzt: »Zum Teil haben
in einem der größten Wiener Supermärkte in der millionen und explodierendem Angebot gelockt der Konzern noch besänftigen, da entlud sich aber sie dass schon heute, auch Flüchtlinge sind nicht Sarineh Hakoopian aus
Shopping City Süd, rundherum ein Regal voller werden, reagiert man auf die gar nicht mehr so schon ein rassistisches Hassgewitter im Internet. durchwegs so mittellos, wie es oft dargestellt wird.« Teheran lebt in Wien
Marken und Spezialitäten aus den Ländern Ex- neuen Österreicher mit einer Mischung aus Des- »Scheinbar ist die Zeit noch nicht reif für so Wie gut der Edel-Drink ankommt, testet das
Jugoslawiens, aus der Türkei, aus dem arabischen interesse und Berührungsängsten. Sowohl bei Spar etwas in Österreich«, erklärte Spar, als es die Pro- Unternehmen erst bei den kleinen türkischen Und dann der große Schock: Mein Vater starb
Raum. »Für Auswanderer sind diese Produkte ein als auch bei der Rewe-Gruppe, zu der Billa, Merkur dukte aus den Regalen nahm. Genüsslich fasste Händlern, denen die Konzerne bislang nicht nur an Krebs. Man hatte mich beschützen wollen und
Stück Heimat. Sie haben eine Symbolik, über die und Penny gehören, sind bis zu zwei Meter lange Heinz-Christian Strache zusammen: »Bürgerprotest das Halal-Geschäft weitgehend überlassen haben. mir nicht gesagt, wie ernst es um ihn stand. Um-
man sich im Alltag freut«, sagt Amin Reda. »Ethno-Regale« zunehmend Standard in urbanen zahlt sich aus.« Der Imageschaden für das Unter- 350 bis 400 sogenannter ethnischer Märkte gibt es gekehrt war ich mit meinen 19 Jahren blind ge-
Reda, halb Österreicher, halb Syrer, geboren Gegenden. Bei Rewe macht nehmen blieb: Spar sei in die in Wien. Um die Nahversorgung kümmern sich nug, das nicht selbst zu sehen. Und nun zerbrach
in Wien, hat 2002 gemeinsam mit seinem dama- der Umsatz damit aber noch Knie gegangen. besonders die türkischen Läden: viele kleine Einzel- meine Welt in tausend Trümmer.
ligen Studienkollegen, Anel Cerimagic, eine Ni- weniger als ein Prozent aus. »Scheinbar ist die Zeit »Wir haben zwei Fehler händler, aber auch einige Ketten, die etwa nach der Mit dieser Last auf den Schultern machte ich
sche im Lebensmittelhandel entdeckt: Migranten Bei Spar sei man »am Anfang noch nicht reif für so gemacht«, sagt Spar-Spreche- Zielpunkt-Pleite Filialen übernommen haben und mich vor genau zehn Jahren auf nach Wien.
als Zielgruppe. Ihr erstes Unternehmen ist heute der Diskussion«, so Spreche- rin Berkmann. »Die eigent- weiter expandieren. Auch Österreicher, so stellt die Meine Schwester war ein paar Jahre zuvor auf dem
Teil der Adriatic Group, die sie als Vertriebsleiter rin Nikole Berkmann. etwas in Österreich«, liche Zielgruppe haben wir Wirtschaftskammer fest, kaufen immer öfter in Weg in die USA hier hängen geblieben. Ich hatte
und als CEO führen. In immer mehr österreichi- Woran liegt das? erklärte Spar gar nicht erreicht. Dafür eine, diesen ethnischen Geschäften ein. also Anschluss, aber sonst nicht viel. Ich konnte
schen Supermärkten finden sich Produkte, die Freilich sind »die Migran- die mit dem Angebot nichts Zwei Jahre lang hat Michael Parzer Österreicher kein Deutsch und war überzeugt, die westliche
von der Gruppe importiert oder erzeugt wurden. ten« keine homogene Gruppe zu tun haben wollte.« beim Einkauf in türkischen Läden begleitet. Der Kultur schon gut zu kennen, weil ich so viel gele-
Neben der Zentrale in Wien gibt es zehn Tochter- wie Veggies oder Konsumenten mit Glutenunver- Bei Rewe hingegen gibt es seit über sechs Jahren Soziologe an der Universität Wien untersucht, was sen hatte, vor allem die große Weltliteratur. Das
unternehmen quer durch Europa, über 200 Mit- träglichkeit. Bosnische Esskultur ist keine rumä- Halal-Produkte, in Wien auch vereinzelt koschere der Konsum »fremder« Produkte für Integrations- war aber ein Trugschluss. Das Leben hier war eine
arbeiter werden beschäftigt. 40 Millionen Euro nische, in Marokko speist man anders als in Syrien. Ware. Kritik daran werde immer wieder laut, heißt prozesse bedeutet. »Wir haben gesehen, dass die einzige Herausforderung. Wenn man im Iran
Umsatz hat das Unternehmen mit dem soge- Andererseits sind die beiden größten Communities es von Konzernseite. Dennoch: Es sei der eigene Österreicher Hummus im türkischen Supermarkt jemanden zweimal getroffen hat, war man mit
nannten Ethno-Food im vergangenen Jahr ge- nach den EU-Bürgern, jene mit Wurzeln am Balkan Anspruch, »alles für alle anzubieten«. glaubwürdiger und qualitativ höher finden als das ihm befreundet. Ich bin sehr extrovertiert, ich
macht, 2016 sollen es 60 Millionen werden. und in der Türkei, den wenigen Marktforschungs- Anbieten ist nicht gleich anpreisen. Hoch- beim Billa«, sagt Parzer. »Zugleich wollen die tür- liebe es, Menschen anzusprechen. Aber hier kam
Denn der Geschmack der Ferne ist wirtschaftlich studien zufolge besonders markentreu – und daher glanzbroschüren und TV-Spots werben zwar für kischen Händler die ethnische Klassifizierung ich mit meinen Vorstellungen nicht durch. Ich
üppig. Seit Jahrzehnten werden Österreichs Super- eigentlich einfach zu bedienen. Tex-Mex-Wochen, italienische und thailändische hinter sich lassen.« Mit deutscher Beschriftung an musste lernen, dass es viel Zeit braucht, Vertrauen
märkte bunter. Erst bereicherten Prosciutto und Über 500 Produkte gibt es im Sortiment der Sonderangebote an der Theke. Für Börek oder den Regalen und einem erweiterten Sortiment aufzubauen. Nur so kann sich Freundschaft ent-
Oliven, Tsatsiki und Kokosmilch das an Schinken- Wiener Adriatic-Gruppe, Markenklassiker aus ver- Pistazien-Halwa gibt es keine Marketingaktionen. würden sie sich zunehmend bemühen, die Bedürf- falten. Die ersten Jahre waren eine einzige Iden-
wurst und Schokobananen gewohnte Sortiment. schiedenen Ländern wie der Bambi-Keks ebenso wie Die Sehnsucht der Mehrheitsgesellschaft nach nisse der Mehrheitsgesellschaft zu erfüllen. titätskrise. Heute aber fühle ich mich in Wien
Alles Spezialitäten, welche die Österreicher beim Eigenproduktionen. 8000 Tonnen Gurken werden dem fremden Ausland wird gestillt, die Sehnsucht Auch Amin Reda und Anel Cerimagic wollen ebenso zu Hause wie in Teheran.
Urlaub im Ausland kennen- und lieben lernten. zum Beispiel in einer Landwirtschaftskooperative der Minderheiten nach dem ihnen bekannten Aus- aus der »Ethno-Ecke« raus. Manches, so ist Reda Inzwischen habe ich zwei Studien abgeschlos-
Jetzt kommen Ayvar und Hummus, Rindfleisch- in Bosnien erzeugt und sauer eingemacht. In Wien land nicht. überzeugt, sei längst schon nicht mehr fremd am sen, mit einem Bachelor in Medieninformatik
würste und Couscous dazu: Spezialitäten, die Ös- betreibt das Unternehmen neuerdings eine auf Amin Reda zieht eine schlanke, mattweiße österreichischen Tisch. »Unser Ayvar und unser und einem Master in IT-Didaktik. Ich habe für
terreicher mit Wurzeln im Ausland kennen und bosnisches Holzofenbrot spezialisierte Bäckerei, und Getränkedose mit Goldrändern und geschwunge- Fladenbrot werden sicher nicht nur von Bosniern ein E-Learning-Start- up gearbeitet und pflege
lieben. Jeder fünfte Österreicher hat Migrations- schon seit 2002 werden in Österreich Cevapcici, ner Beschriftung in Englisch und Arabisch aus dem gekauft«, sagt er mit Blick auf die Verkaufszahlen. mein intensives Sozialleben, über WhatsApp und
hintergrund, in Wien sogar jeder zweite. Sie geben Rindfleischwürste und -schinken hergestellt. Schauregal in der Firmenzentrale in Wien Liesing. Darüber können sich die Österreicher aus Facetime auch mit sehr vielen Freunden in den
mehr Geld aus als die Bevölkerung der Steiermark, Der an Bündnerfleisch erinnernde Schinken – Unten im Lager surren die Stapler, Lastwagen liefern Erfahrung freuen: Ohne die früheren Vielvölker- USA und im Iran.
auf 20 Milliarden Euro wurde ihre jährliche Kon- nach traditionellem bosnischem Rezept über Bu- Hülsenfrüchte oder Ayvar, die später in Wiener Einflüsse stünde die »heimische« Küche heute Was ich noch nicht wirklich gelernt habe:
sumkraft im Jahr 2013 geschätzt. Mehr als ein chenholz geräuchert – trägt ein unauffälliges Halal- Geschäften an die Kundschaft gehen. Das Sorti- Gulasch-los, Apfelstrudel-frei und ziemlich karg da. chillen. Ich kann nicht nichts tun. Am besten
geht es mir, wenn meine Hände beschäftigt
sind. Also entwerfe ich Postkarten oder vertiefe
mich in die Kalligrafie. Mein Vater hat mir
zum 14. Geburtstag ein Set mit Schreibfedern

Dolchstoßlegende um die Briefwahl und Schablonen geschenkt. Seither betreibe ich


das als Hobby. Es ist eine Art Meditation, ein
guter Weg zur inneren Ruhe.

Die FPÖ möchte die Stimmabgabe per Post abschaffen. Denn die Österreicher im Ausland stimmen kaum für die Freiheitlichen VON FLORIAN GASSER Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer

E
in wenig gespielte Aufregung gehört für die Schon lange ist der FPÖ die Briefwahl ein Dorn leben, ihr Wahlrecht auch ausüben können, von ihnen wohnen weit weg von Konsulaten
FPÖ zum Standardrepertoire. Mal ist es im Auge. Denn dabei schneidet sie schlecht ab. Die »wird man hinnehmen müssen, dass der staatli- oder Botschaften.«
der parteiische Staatsfunk, mal die Will- Österreicher, die per Post abstimmen, liebäugeln che Schutz der geheimen Stimmabgabe bei der Mehr Restriktionen in Zeiten sinkender Wahl-
kommenskultur, mal das Ausland im Allgemei-
nen – alle wollen der Partei Böses antun. In ihrer
eher mit anderen Parteien. Fast 62 Prozent votierten
beim jüngsten Urnengang für Van der Bellen.
Briefwahl gelockert ist«.
Auch Robert Stein, Leiter der Wahlbehörde
beteiligung? Vielleicht wäre das Gegenteil eher
zielführend. In der Schweiz bekommt jeder Wahl-
Mehr Österreich
jüngsten Anlassempörung sehen die Freiheit- Also fordern die Freiheitlichen nun die völlige im Wiener Innenministerium, sieht keinen ech- berechtigte seinen Stimmzettel nach Hause gesandt
lichen gar das »heilige demokratische Wahlrecht« Abschaffung der Briefwahl. Das vorgeschobene ten Reformbedarf. Die kursierenden Spekula- und kann entscheiden, ob er sich damit am Wahltag
in Gefahr, wie Parteichef Heinz-Christian Strache Argument: Eine geheime Wahl sei damit nicht tionen über Wahlmanipulationen seien eine auf den Weg zur Urne macht oder ihn per Post ein-
wettert. Bei den Briefwahlergebnissen, die das sichergestellt. »Dolchstoßlegende«, sagt er. »Aus Dingen, die schickt. Politologe Poier kann der Idee einiges abge-
Resultat der Bundespräsidentenwahl drehten, »In mehr als 100 Ländern der Welt gibt es die zwar von der Optik her nicht schön sind, die aber winnen. »Wenn man eine größere Reform angehen
ortet er Unregelmäßigkeiten. Und die sollen Briefwahl. Und ausgerechnet in Österreich soll es keinen Einfluss auf das Ergebnis haben, wie etwa möchte, dann sollte das eine Öffnung und keine
mehr als jene 30 000 Stimmen betreffen, die ein Problem sein?«, ärgert sich der Politologe die Fehlveröffentlichung in Linz, werden diese Einschränkung sein«, sagt er.
Alexander Van der Bellen schlussendlich vor Klaus Poier von der Universität Graz, weil durch Gerüchte konstruiert.« Am Ende schneide sich die FPÖ mit ihrer
Norbert Hofer lag. diese Debatte die Mündigkeit der Bürger infrage Dem Vorschlag, dass man seine Stimme künf- Forderung selbst ins Fleisch, erklärt Poier. Wenn KURT HÖFLING
Der Sieg sei gestohlen worden, lautet die gestellt werde. »Das ist fast eine elitäre Überheb- tig nur noch in Botschaften oder Konsulaten ab- die Partei bei der Briefwahl besser abschneiden Als Kind entwarf er Fantasiestädte im
Nachricht, die wider besseres Wissen unters Volk lichkeit. Man tut so, als könnten die Leute ihr geben können soll, kann Stein nichts abgewin- wolle, dann müsse sie diese so einfach wie mög- Garten. Heute plant der Otto-Wagner-
gebracht wird. Ob die FPÖ die Wahl tatsächlich Wahlrecht nicht schützen.« Über Details lasse nen. »Die Briefwahl ist ein verfassungsgemäß lich gestalten, »damit sie nicht nur von einer Fan das Netz der Wiener U-Bahnen
anfechten wird, war zu Redaktionsschluss am sich immer diskutieren. Aber um sicherzustellen, gewährleistetes Recht, auf das auch die Auslands- Bildungselite in Anspruch genommen wird, die Wirtschaft S. 32
Dienstagabend noch nicht bekannt. dass alle Österreicher, egal, wo auf der Welt sie österreicher Anspruch haben. Und die meisten eher wenig FPÖ wählt«.