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Michael Nerlich

UMBERTO ECO DIE BIOGRAPHIE


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Umberto Eco – Die Biographie
Michael Nerlich

UMBERTO ECO
DIE BIOGRAPHIE
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Printed in Germany
ISBN 978-3-7720-8353-2
Inhalt

Kindheit im faschistischen Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Erweckung zum Lesen und religiöse Erziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Studium und Promotion an der Universität Turin . . . . . . . . . . . . . . . 26

Zwischen Wissenschaft, Fernsehen, Verlagsarbeit und Kunst . . . . . 37

Eco und die Avantgarde. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

Lachen und rationales Engagement: Gruppe 63 und Mai 68 . . . . . . . 61

Journalismus und Kinderbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

Zwischen Philosophie und Belletristik oder Mut zur Vernunft in


blutiger Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91

Der Name der Rose oder Am Anfang und am Ende: das Wort . . . . 117

Wie das deutsche Feuilleton einen Aristoteliker „aus dem Bauch


heraus“ bekämpft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157

Das Foucaultsche Pendel oder ein Buch vom Auszug aus dem
Piemont. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181

Der Sumpf aus dem Berlusconi kam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207

Die Insel des vorigen Tages oder ein Buch von vielen Autoren
über die Ordnung des Universums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217

Umberto Eco – politisch-moralische Instanz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248

Baudolino oder vom piemontesischen Nebel über Paris und


Deutschland, Zentrum des Universums, in das gelobte Land
des Presbyters Johannes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254

Ecos Aufruf zu einem moralischen Referendum und später Beginn


eines langsamen Umdenkens im deutschen Feuilleton . . . . . . . . . . 272
VI Inhalt

Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana oder das Buch


vom Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279

Vom Hässlichen in der italienischen Politik oder la sua lotta


continua . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289

Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295

Zitatnachweis und Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317

Bibliographie (Auswahl) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336

Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 349

Abbildungsnachweis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
Kindheit im faschistischen Italien

Geburt und Familie – 1932, Ecos Geburtsjahr, oder Mussolini,


der Mann der göttlichen Vorsehung – Faschismus für Kinder –
Umberto Eco Balilla

Geburt und Familie


Dass Umberto Eco zu den berühmtesten lebenden Schriftstellern un-
serer Zeit zählt, wird niemand zu bestreiten wagen, und auch daran
kann kein Zweifel bestehen, dass Eco nie gezögert hat und immer
noch nicht zögert, in der Öffentlichkeit aufzutreten, in allen Massen-
medien das Wort zu ergreifen und unbefangen und wortgewaltig zu
allen brennenden und ihn bewegenden Themen Stellung zu beziehen.
Ja, in Italien warten Hunderttausende von Lesern auf Ecos zunächst
wöchentliche, inzwischen vierzehntägige politisch-soziologisch-kul-
turelle und stets aus aktuellem Anlass verfassten Kommentare, die
unter dem Glossen-Titel Bustine di Minerva im römischen Nachrich-
tenmagazin L’Espresso erscheinen. Kurz: Eco ist aus dem alltäglichen
Bewusstsein der italienischen Zeitgenossen, aber auch der Weltöffent-
lichkeit nicht wegzudenken. Umso eindrucksvoller, wie sehr es die-
se Persönlichkeit des öffentlich-kulturellen und politischen Lebens
verstanden hat, seine Privatsphäre zu wahren und seine deutsch-ita-
lienische Familie aus der Klatsch- und Skandalpresse herauszuhalten,
was umso bemerkenswerter ist, als nicht selten gerade Menschen, die
wie er, einfachen Verhältnissen entstammen, aber zu Ruhm gelangten,
der Versuchung nicht widerstehen können, ihr Privatleben in den
Massenmedien auszubreiten. Umberto Eco wird am 5. Januar 1932 als
Sohn des dreifachen Kriegsveteranen Giulio Eco, Buchhalter, und des-
sen Frau Giovanna Bisio, genannt Rita, im piemontesischen Alessand-
ria, der Stadt des „Borsalino“-Hutes geboren. Giovannas Vater, von
Beruf Schneider, war bereits 1918 an der spanischen Grippe gestorben.
Giulios Vater war – laut Umberto Eco – ein Findelkind, das von einem
Gemeindediener nach jesuitischer Tradition den Namen E[x] C[oelo]
O[blatus] (vom Himmel geschenkt) erhalten hatte. Von Beruf Buchdru-
cker und nach seiner Pensionierung Buchbinder, hatte er als Vater von
dreizehn Kindern die Familie kaum über Wasser halten können und
war zeitweilig – obwohl (ebenfalls laut Enkel Umberto) Sozialist – auf
2 Kindheit im faschistischen Italien

die Unterstützung durch eine katholische Bruderschaft angewiesen.


Giulio und Giovanna hingegen hatten es zu bescheidenem Wohlstand
gebracht, was ihnen erlaubte, Umberto und seiner 1935 geborenen
Schwester Emilia, genannt Emi, eine materiell weitgehend sorgenfreie
Kindheit zu ermöglichen. Da sie von Handwerkern abstammten, sagt
Umberto Eco am 15. Dezember 2002 in einem Interview mit Thomas
Stauder, waren mein Vater und meine Mutter innerhalb ihrer jewei-
ligen Verwandtschaft die erste Generation kleinbürgerlicher Hutträger.
Damals spielte der Hut als soziales Unterscheidungskriterium noch eine
wichtige Rolle: Nur wer einen Hut trug, war ein Herr oder eine Dame;
wer keinen trug, war bloß ein Mann oder eine Frau (G 118).

1932, Ecos Geburtsjahr, oder Mussolini, der Mann der göttlichen


Vorsehung
Umberto Ecos Geburtsjahr sieht Benito Mussolini auf dem Höhepunkt
seiner Macht. Von den squadre d’azione, den schwarzbehemdeten
Schlägertrupps seiner 1919 in Mailand gegründeten Fasci di combati-
mento, die sich 1921 zum Partito nazionale fascista (PNF), der Natio-
nalen Faschistischen Partei verbinden, an die Macht geputscht, erhält
der von Machiavelli, Nietzsche, Vilfredo Pareto, Charles Sorel, Oswald
Spengler, Gabriele d’Annunzio inspirierte und von der Idee des Wie-
deraufstiegs Roms zur Weltmacht besessene Mussolini am 29. Oktober
1922, dem Tag, da Zehntausende seiner squadre in Rom einmarschie-
ren, von König Victor Emmanuel III den Auftrag, als künftiger Mini-
sterpräsident ein neues Kabinett zu bilden. Zwar scheint sich Mussolini
zunächst an die Spielregeln der liberalen Verfassung von 1848 zu hal-
ten, doch während sich der PNF immer neue Satzungen und Organisa-
tionsformen gibt, die ihm staatlich-exekutive Funktionen einräumen,
werden die parlamentarischen Instanzen, die anderen politischen For-
mationen und die Gewerkschaften nach und nach entmachtet, aufge-
löst oder für faschistische Zwecke umfunktioniert.
1932 sind die demokratischen Parteien verboten und die Parla-
mentswahlen ersetzt durch ein Plebiszit für die Kandidaten des PNF.
Die Pressefreiheit ist beseitigt. Radio- und Filmzensur sowie Geheim-
polizei kontrollieren öffentliche Meinung und privates Leben. Die
Gewerkschaften sind durch korporatistische Abkommen zwischen
dem faschistischen Unternehmerverband und dem faschistischen
Syndikat ersetzt. Streiks sind verboten. Missliebige Beamte wurden
ausgetauscht und alle staatlichen Schlüsselpositionen an Mitglieder
des PNF vergeben. Das Amt des Bürgermeisters ist abgeschafft und
1932, Ecos Geburtsjahr, oder Mussolini, der Mann der göttlichen Vorsehung 3
ersetzt durch einen vom Staat ernannten Verwalter, den podestà. Aus
dem „Ministerpräsidenten“ Mussolini ist der „capo del governo“, der
„Regierungschef“ geworden, und die leitende Instanz des PNF, der
Große Faschistische Rat, der über Minister und Deputierte entschei-
det, erhält ein Mitbestimmungsrecht bei allen verfassungsrelevanten
Entscheidungen einschließlich der Thronfolge des offiziell immer
noch monarchischen Italiens mit dem König als „Staatschef“. Und am
17. November 1932 verankert der PNF in seinem Statut und in Groß-
buchstaben die Anrede Mussolinis: DUCE.
Gewiss, da waren Tausende von Faschismus-Gegnern mit Knüp-
peln und Rhizinusöl gequält, verwundet oder – wie der sozalistische
Abgeordnete Giacomo Matteotti 1924 oder der Linksliberale Piero
Gobetti, der 1926 noch nach Paris fliehen konnte, um dort seinen
Verletzungen zu erliegen – ermordet worden. Da wurden Tausende
unbekannter, aber auch namhafter Italiener, Liberal-Konservative wie
Giovanni Amendola, Francesco Nitti, Ernesto Rossi oder Alberto Tar-
chiani, Kommunisten wie Palmiro Togliatti oder Giorgio Amendola,
Sozialisten wie Giuseppe Saragat, Claudio Treves und Filippo Turati
oder Pietro Nenni und sogar Geistliche wie der berühmte Luigi Stur-
zo, Gründer des Partito Popolare Italiano, in die Emigration getrieben
oder – wie der bedeutendste marxistische Denker Italiens, Antonio
Gramsci, oder der konservative Journalist Ernesto Grossi – in Ker-
kern oder in confini, der inneritalienischen Verbannung, weggesperrt.
Aber das Echo in dem von Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs und
sozialen Krisen erschütterten Ausland ist gespalten, hat Mussolini –
wegen einiger Wohlfahrtsmaßnahmen, vor allem aber wegen der auf
Genie-Kult und Technik-Begeisterung gründenden Moderne-Sympa-
thie der faschistischen Bewegung – doch auch in Italien Rückhalt bei
namhaften Intellektuellen und Künstlern. Im April 1925 unterschrei-
ben 400 von ihnen das vom durchaus bedeutenden rechtshegeliani-
schen Philosophen Giovanni Gentile (1875–1944) verfasste Manifest
der faschistischen Intellektuellen, in dem Gentile seine Theorie vom
„reinen Akt“ oder atto puro, dem Denkprozess, der vorgeblich in frei-
er Dialektik und unabhängig von sonstwie Gedachtem und materi-
eller Kontingenz das kreativ Neue hervorbringt, auf die faschistische
Bewegung überträgt. Der „in das lebendige Gefüge des italienischen
Volkes“ eingefügte Faschismus, steht im Manifest, sei – „wie jede wah-
re, d. h. lebendige Idee, welche ihre eigene Kraft ist“– „nicht von den
Menschen gemacht“, sondern diese Idee des Faschismus – verkörpert
im Duce – mache den faschistischen Menschen: „Der Faschismus ist
zur gleichen Zeit eine junge und uralte Bewegung des italienischen
4 Kindheit im faschistischen Italien

Geistes“, erklärt Gentile, auf Caesarismus und Rom-Idee sowie auf


deren vermeintliche Auferstehung im jugendlichen Enthusiasmus der
squadre abhebend, und diese „Bewegung“ müsse sich in Aufopferung
für das Gemeinwesen, den Staat als „Tradition“ und „Mission“ gleich-
zeitig verwirklichen. Daraus ergebe sich „der religiöse Charakter des
Faschismus“: „Denn das Vaterland der Faschisten ist […] die Weihe
der Traditionen und Einrichtungen, welche in der fließenden Ewig-
keit der Überlieferungen die Substanz der Zivilisation sind. Und es ist
eine Schule der Unterordnung des Partikularen und Geringeren ge-
genüber dem Universalen und Unsterblichen, es bedeutet Respekt vor
Gesetz und Disziplin […].“ Die Lehren dieser „Schule“ würden nun
von Mussolini umgesetzt, und viele Ausländer hätten „damit begon-
nen, die öffentliche Ordnung, die heute in Italien regiert, mit Neid zu
betrachten“.
Was sollte es da helfen, dass Benedetto Croce (1866–1952), der an-
dere große und Gentile durchaus geistesverwandte neo-hegelianische
Philosoph der Epoche, eine Antwort verfasste, die am 1. Mai 1925 in
Il Mondo erschien und in der er die pathetische Glorifizierung des Fa-
schismus durch Gentile als „inkohärentes und bizarres Gemisch von
Appellen an die Autorität und von Demagogentum“ und als „chao-
tische und unbegreifbare ‚Religion‘“ verurteilte und eine rationale
Rückkehr zu demokratisch-liberalen „Ordnungen und Methoden“
einforderte, hatte Croce doch kurz zuvor noch selbst der faschisti-
schen Machtergreifung zugestimmt. Gewiss, sein Gegenmanifest wird
von Luigi Albertini, Giovanni Amendola, Antonio Banfi, Luigi Ein-
audi, Giorgio Levi Della Vida, Attilio Momigliano, Eugenio Montale,
Gaetano Salvemini und anderen mehr unterschrieben. Doch diesen
Unterschriften stehen die unter dem faschistischen Manifest entge-
gen: von Curzio Malaparte z. B., Ugo Ojetti, Pirandello, Ardengo Sof-
fici, Ungaretti und von Hunderten mehr wie u. a. – damals war der
italienische Faschismus noch nicht offen antisemitisch – der reichen
jüdischen Mussolini-Verehrerin Margherita Sarfatti, Verfasserin einer
Duce-Biographie, die 1925 zuerst in England erschien und ein Best-
seller wurde, und Kunstmäzenin, die die bedeutendsten Avantgar-
dekünstler um sich sammelte. Dazu gehören Maler und Architekten,
die sich in der von Mario Sironi mitbegründeten Gruppe Novecento
(Zwanzigstes Jahrhundert) zusammenfanden, aber auch die Futuristen
um Filippo Tommaso Marinetti, der übrigens auch Gentiles Manifest
unterzeichnet hatte, Giacomo Ballà, Carlo Carrà, Fortunato Depero,
Gerardo Dottori, Julius Evola, Achille Funi, Enrico Prampolini, die
„Unabhängigen“ wie Giorgio De Chirico und Giorgio Morandi, sowie
1932, Ecos Geburtsjahr, oder Mussolini, der Mann der göttlichen Vorsehung 5
die Architekten des Movimento Moderno und des Razionalismo Ita-
liano wie Giacomo Boni, Adalberto Libera, Marcello Piacentini, Gio
Ponti oder Giuseppe Terragni.
1932 jedenfalls triumphieren Faschismus und Mussolini in der
Mostra della Rivoluzione Fascista in Rom, der Ausstellung der Fa-
schistischen Revolution, an der leitend Dottori, Libera, Cipriano Efisio
Oppo, Prampolini, Sironi und Terragni teilnehmen, alle bis heute an-
erkannte Avantgardisten, und im selben Jahr 1932 wird im faschisti-
schen Italien ein Festival eröffnet, das bis heute besteht: die Mostra In-
ternazionale d’Arte Cinematografica di Venezia, die Filmfestspiele von
Venedig, an der im selben Jahr 1932 u. a. Ernst Lubitsch mit Trouble
in Paradise und René Clair mit A nous la liberté teilnehmen. Kurz, es
ist für die Zeitgenossen in den zwanziger und zu Beginn der dreißiger
Jahre nicht leicht zu einem Urteil zu kommen, zumal Croce, der in
Italien bleibt, auch weiterhin moderate Kritik äußern darf und Genti-
les Verweis auf Bewunderung im Ausland durchaus nicht aus der Luft
gegriffen ist, woran auch und vor allem die katholische Kirche schuld
war, hatte sie doch – zumal nach der Wahl des militant reaktionären
Kardinals Ratti zum Papst Pius XI am 6. Februar 1922 – dem faschis-
tischen Regime geradezu rückhaltlose Unterstützung gewährt. In bei-
derseitigem Interesse, denn Mussolini war klar, dass er in Italien keine
antikatholische Diktatur errichten konnte, und dem Vatikan war klar,
dass er keinen engagierteren Bundesgenossen als den PNF und seinen
DUCE im Kampf gegen den „Bolschewismus“ finden konnte, wie man
damals alle sozialistischen, marxistischen oder auch nur laizistischen
Ideen zu nennen pflegte.
Am 11. Februar 1929 fuhr man denn auch die große Ernte ein: für
den Vatikan unterschrieben Kardinal Pietro Gasparri und für den
italienischen Staat Mussolini selbst die sogenannten Lateranverträ-
ge, mit denen der seit den napoleonischen Kriegen schwelende Streit
um den Besitz Roms, Hauptstadt Italiens seit 1870, beendet wurde.
Der Vatikanstaat erhielt politische Souveränität und wurde mit ei-
nem Milliardenbetrag für die Verluste am übrigen römischen Besitz
entschädigt. Im Gegenzug erkannte der Vatikan den offiziellen capo
des faschistischen Staates, Viktor Emmanuel III, als König Italiens
an und erklärte sich bereit, dem Klerus zu verbieten, sich politisch
zu betätigen. Der Staat verpflichtete sich seinerseits, kirchliche Ehe-
schließungen zivilrechtlich anzuerkennen, erhob darüber hinaus den
katholischen Glauben zur Staatsreligion und vereinbarte, den 1887 ab-
geschafften obligatorischen Religionsunterricht in den Schulen wieder
einzuführen.
6 Kindheit im faschistischen Italien

Von nun an war das Regime Mussolinis, den Pius XI nach Unter-
zeichnung der Verträge „den Mann“ nannte, „den uns die Vorsehung“
gesandt hat, trotz gelegentlicher Differenzen eine vom Vatikan ak-
zeptierte faschistische Diktatur mit katholischer Staatsreligion, und
Mussolini konnte 1932 verkünden: „Im faschistischen Staat gilt die
Religion als eine der tiefsten Offenbarungen des Geistes; sie wird da-
her nicht nur geachtet, sondern auch verteidigt und geschützt“ Dass
dies alles die Verwirrung (nicht nur) im Ausland noch vergrößern und
widerständige Aktivitäten wie die der – 1929 in Paris von antifaschis-
tischen Emigranten um Carlo Rosselli und Nitti gegründeten – Bewe-
gung Giustizia e Libertà, Gerechtigkeit und Freiheit, noch schwieriger
machen musste, liegt auf der Hand. Denn dass ein Hitler 1927 in Mein
Kampf seine „tiefste Bewunderung für den großen Mann südlich der
Alpen“ bekundete, war die eine, logische Seite, dass ein Churchill 1929
von Mussolini als der „Verkörperung des römischen Genius“ und dem
„größten Gesetzgeber“ sprechen konnte, die andere, weniger logische
Seite einer Faszination, die verständlich macht, wieso der Bonner Ro-
manist Ernst Robert Curtius 1932 in seinem Traktat Deutscher Geist
in Gefahr für die Faschisierung Deutschlands nach italienischem
Vorbild plädieren konnte. Unter Hinweis darauf, dass Italien in sei-
ner Geschichte „starke Zuströme germanischen Blutes“ empfangen
und in seinem „Bildungsideal […] die antike und die eigene nationale
Tradition“ bewahrt habe, rief Curtius, der eine entscheidende Rolle in
Ecos geistiger Entwicklung spielen wird, zur Abkehr vom modernen
Frankreich, das diese „Tradition“ verraten habe, und zur Kollaborati-
on mit Mussolinis Italien auf und erklärte: „Seit dem Sieg des Faschis-
mus hat die Romidee eine Renaissance erlebt. […] Je mehr Trennen-
des sich zwischen Deutschland und Frankreich auftürmt, umso mehr
Verbindendes taucht zwischen Deutschland und Italien auf.“

Faschismus für Kinder


Ohne der genannten Fakten eingedenk zu sein, ist es unmöglich, Ecos
intellektuelle Entwicklung, sein demokratisches Engagement, ja, letzt-
lich auch sein literarisches Werk auch nur annähernd zu verstehen.
Natürlich könnte man meinen, dass er viel zu jung gewesen sei, als
dass jene Zeit von 1932 bis 1944 von größerer Bedeutung für sein wis-
senschaftliches und literarisches Schaffen hätte sein können. Das ist
jedoch nicht Ecos eigene Meinung, und wer dies – in der Art üblicher
Missachtung kindlichen Erfahrens- und Urteilsvermögens, aber na-
türlich auch kindlicher Traumata – bezweifelte, den belehrt sein 2004
Faschismus für Kinder 7
veröffentlichter fiktiv-autobiographischer Roman Die geheimnisvolle
Flamme der Königin Loana eines Besseren, ist eine seiner wichtigsten
Dimensionen doch der Suche nach dem vergangenen Ich in der nicht-
proustianischen Perspektive des Befragens von Zeugen und vor allem
von schriftlichen Zeugnissen aus seiner piemontesischen Kindheit
und frühen Jugend gewidmet. Dass Eco, um diese Befragung – spe-
ziell der schriftlichen Dokumente aller Art – intensivieren zu kön-
nen, nicht nur sein fiktives Parallel-Ich namens Giambattista Bodoni,
das er wenige Tage früher als sich selbst im Dezember 1931 in Solara,
einem (fiktiven) Ort in den piemontesischen Langhe zur Welt kom-
men lässt, zu einem (bedeutenden) Antiquar macht, sondern auch
noch mit einem Großvater versieht, der ebenfalls Antiquar gewesen
ist und ein Riesenkorpus an Dokumenten und Texten hinterlassen
hat, ändert nichts an der Tatsache, dass viele der Bücher, Schulhefte,
Manuskripte und Bilder, die jener Bodoni im Roman nach seiner Ver-
gangenheit befragt, auch in Ecos Kindheit eine reale Rolle gespielt
haben.
Aber zum Verständnis dieser fiktiv-authentischen Befragung der
Kindheit und Jugend seines Parallel-Ichs bedarf es noch einer Ergän-
zung zur eingangs skizzierten Faschisierung der italienischen Gesell-
schaft, trifft diese doch die unschuldigsten und wehrlosesten Opfer
am härtesten: die Kinder und Jugendlichen, die – wie in Gentiles
Manifest der faschistischen Intellektuellen bespielhaft ausgeführt – im
mythisch verbrämten Mittelpunkt der faschistischen Gesellschaftspo-
litik standen. Ihre Indoktrination und brutale Integration in eine sich
immer mehr militarisierende Gesellschaft fand auf zwei Ebenen statt,
die sich bis hin zur totalen Fusion miteinander verbanden: der Schu-
le und der zwangsweisen Eingliederung in die Organisationen der
1926 gegründeten Opera Nazionale Balilla (O.N.B.), des Nationalen
Jugendwerks, das sich „Balilla“ nach dem Spitznamen eines Jugendli-
chen nannte, der 1746 in Genua den Aufstand gegen die Habsburgi-
schen Besatzungstruppen ausgelöst haben sollte. Diese Organisation
(ab 1937 umbenannt in Gioventù Italiana del Littorio – die Italieni-
sche Jugend vom Liktorenbündel: nach dem Emblem des Faschismus )
war – für die männliche Jugend – aufgeteilt in die Altersgruppen der
8- bis 14-jährigen, die Balilla, der 14- bis 18-jährigen, die Avanguar-
disti (bzw. seit 1933 auch, mit Alterseinstieg von 7 Jahren, Balilla Mo-
schettieri – Balilla-Musketiere) und der 18- bis 21-jährigen, die Giovani
fascisti – Jungfaschisten genannt wurden. Zu diesen Gruppen traten
an der Universität seit 1927 die faschistischen Studentenschaften und
in Kindergärten und Grundschulen seit 1933 die – in Erinnerung an
8 Kindheit im faschistischen Italien

Romulus und Remus, die mythologischen Gründer Roms, bzw. an die


Wölfin, die sie gesäugt hatte – sogenannten Figli della Lupa, die Wolfs-
söhne. Das waren Kindertruppen, denen man zunächst mit sechs,
dann bereits mit vier Jahren beitreten konnte und später musste, um
unter der Devise Glauben, gehorchen und kämpfen das erste Schwarz-
hemd und einen Fez (später auch eine blaue Krawatte) zu tragen, den
faschistischen „Römergruß“ sowie faschistisch-patriotische Gesänge
zu lernen und in der Folge bewaffnet zu werden.
Giovanni Gentiles Name ist auch mit dieser ideologischen Gleich-
schaltung der Kinder und Jugendlichen unrühmlich verbunden. Als
Unterrichtsminister des faschistischen Regimes zeichnete er 1923 ver-
antwortlich für eine Schulreform, die von Mussolini „die faschistischs-
te aller Reformen“ genannt wurde. Sie war es insofern, als sie – unter
Beibehaltung eines eher konservativen Literatur- und Fächerkanons
– strukturell jede weitergehende ideologische Anpassung ermöglich-
te. Das betraf zum einen den Religionsunterricht, zum anderen die
immer intensiver werdende Infiltration mit faschistischer Ideologie
selbst über das Nationale Jugendwerk Balilla, dem zunächst die kör-
perliche Ausbildung im Sportunterricht übertragen wurde. Nach und
nach wurde sie aber auch über Begleit-Zeremonien wie Fahnenappelle,
gemeinsames Absingen faschistischer Lieder und speziell der Partei-
hymne Giovinezza in allen anderen Bereichen praktiziert. Seit dem
Ende der zwanziger Jahre wurde jegliche Zurückhaltung aufgegeben.
War bis dahin die Indoktrination über erläuternde Kommentare der
Lehrer erfolgt, was durchaus Formen des Widerstands möglich mach-
te, hielt sie nun Einzug in die Schulbücher selbst bis hin zur Einfüh-
rung der Staatlichen Einheitstexte, und die Lehrer, die 1931 zum Eid
auf den Staat und zum Eintritt in den PNF gezwungen wurden und
zum Unterricht uniformiert oder zumindest schwarz-behemdet an-
treten mussten, hatten nun kaum mehr Möglichkeiten, andere Dimen-
sionen des Denkens als die durch Manuale wie die Nozioni di cultura
fascista vorgegebenen auch nur anzudeuten. Sie hatten die faschisti-
sche Ideologie direkt zu vermitteln, wobei vor allem der DUCE-Kult,
die Verherrlichung der Faschistischen Partei und ihrer „heroisch-
jugendlichen“ Kämpfer aus der squadra-Zeit, der Rom-Mythos und
der Marsch auf Rom im Mittelpunkt standen: „Der italienische Staat
verlangt, dass sich die Schule an den Idealen des Faschismus orientiert
[und] die italienische Jugend auf allen ihren Stufen und in allen ihren
Unterrichtsfächern zum Verständnis des Faschismus erzieht, damit
sie sich im Faschismus erneuert und in dem geschichtlichen Bewusst-
sein lebt, das der Faschismus geschaffen hat.“, hatte Mussolini 1925
Faschismus für Kinder 9
verkündet, und 1934 wurde dies der neuen Schulreform als Prämisse
vorangestellt.*
Im selben Jahr 1934 kommt es zur ersten Begegnung zwischen Hit-
ler und Mussolini, womit die deutsch-italienische Annäherung be-
ginnt, in Kooperationen überzugehen. Diese werden zwar vom Staats-
sekretariat für Propaganda (ab 1937 Ministero della Cultura Popolare,
genannt MinCulPop) seit der Ausrufung der „Achse Rom-Berlin“ am
1. November 1936 bis zum Abschluss des sogenannten „Stahlpakts“
(mit wechselseitiger Beistandspflicht im Kriegsfall) am 22. Mai 1939
als Erfolge des Mussolini-Regimes ausgegeben, bilden in gewisser
Weise auch einen Schutzwall, hinter dem Mussolini seine kolonialis-
tischen Abenteuer unternehmen kann, stürzen Italien aber in Wahr-
heit in tiefe Abhängigkeit von Nazi-Deutschland und beschleunigen
damit das Ende des faschistischen Regimes in Italien. Der größen-
wahnsinnige Mussolini missachtet alle Warnsignale. Im Oktober 1935
lässt er seine Truppen in Äthiopien einmarschieren. Am 9. Mai 1936
wird Italien zum Italienischen Reich Ostafrika und Viktor Emmanu-
el III zum Kaiser von Äthiopien ernannt. Im Jahr danach entsendet
Mussolini Truppen nach Spanien, die auf Seiten der falangistischen
Franco-Truppen gegen die spanische Republik kämpfen sollen, dort
aber u. a. in der Schlacht von Guadalajara Niederlagen gegen die repu-
blikanischen spanischen Truppen im Verbund mit italienischen An-
tifaschisten erleiden. Das aber hält Mussolini keineswegs von weite-
ren katastrophalen Abenteuern in Afrika, aber auch in Albanien und
Griechenland ab. Diese werden, in Ausführung der Befehle, die sie von
den Erziehungsministern Cesare Maria Del Vecchi (1935–36), dem die
italienische Schule ein neues Schulfach, die cultura militare verdankte,
und Giuseppe Bottai (1936–1943) erhalten – den Kindern und Jugend-
lichen im Schulunterricht nahezu täglich so wie die Kampfeinsätze
der Schwarzhemden im Spanischen Bürgerkrieg in Wort und Bild als
militärische Triumphe verkauft. Dabei radikalisieren sich auch hier
Tonart und Bildstil, ist es den Italienern doch seit 1937 verboten, sich
mit Farbigen aus den Kolonien zu verheiraten, und 1938 wird einmal
mehr ein faschistisches Manifest vorgelegt, das sogenannte Manifest
der Rasse, das von vielen Intellektuellen wie Francesco Biondolil-
lo, Mediävist und Dante-Spezialist, Amintore Fanfani, dem großen
Christdemokraten der Nachkriegszeit, Agostino Gemelli, Arzt, Psy-
chologe, Franziskanerpater, 1920 Gründer der Università Cattolica
del Santo Cuore in Mailand, oder Giovanni Guareschi, dem Verfasser
der Don Camillo und Peppone-Romane unterschrieben ist. 1938 treten
denn auch die Faschistischen Rassegesetze in Kraft, die jüdische Lehrer
10 Kindheit im faschistischen Italien
und Schüler vom Unterricht ausschließen, Schulbücher, die von jüdi-
schen Autoren verfasst wurden, verbieten und später Tausende Itali-
ener – wie Primo Levi – in die Vernichtungslager der Nazis schicken
werden. Sie schlagen sich auch im letzten faschistischen Schulreform-
Programm nieder, das am 15. Februar 1939 verabschiedet wird und
bereits den Einsatz moderner Massenmedien wie des – damals noch
unerschwinglichen – Radios vorsieht. Ihm zufolge soll der Unterricht
nun auch „von den ewigen Werten der italienischen Rasse und Zivili-
sation“ bestimmt sein, und in der Tat rechtfertigen die Schulmanuale
die italienische Kolonialpolitik als zivilisatorische Hilfe für primiti-
ve Völker mit der angeblichen Überlegenheit der italienisch-arischen
Rasse.
Damit ist der Höhepunkt der Faschisierung von Schule und Jugend-
politik erreicht und gleichzeitig überschritten, denn das faschistische
Italien verschwindet im Chaos des Zweiten Weltkriegs. Die afrikani-
schen Kolonien gehen trotz deutschen Beistands verloren, und nach
der Landung der Alliierten in Sizilien und den ersten Bombardierun-
gen Roms erinnert sich der Gran Consiglio an seine statutarischen
Rechte und zwingt Mussolini am 25. Juli 1943 zum Rücktritt. Er wird
verhaftet, und die Regierungsgeschäfte gehen an Generalmarschall
Pietro Badoglio über, der den PNF auflöst und nach kurzer Schamfrist
in Waffenstillstandsverhandlungen mit den Alliierten tritt, während
der größte Teil Italiens noch von der deutschen Wehrmacht besetzt
ist und die Bevölkerung Hunger leidet. Doch während das von allen
antifaschistischen Kräften gebildete Komitee zur Nationalen Befreiung
gegründet und die Resistenza zur Massenbewegung wird, erfolgt der
Theatercoup: Mussolini wird am 12. September 1943 von einem SS-
Kommando aus dem Gefängnis befreit und darf als Chef eines Mario-
nettenstaats mit Namen Repubblica Sociale Italiana (auch nach der
Phantomhauptstadt Republik von Salò genannt) im – von den deut-
schen Truppen besetzten – Norditalien, wo die Resistenza immer grö-
ßere Erfolge erzielt, noch eineinhalb Jahre mit den Nazis kooperieren,
die immer noch Tausende italienischer Bürger jüdischen Glaubens aus
den besetzten Gebieten deportieren. Am 27. April 1945 aber ist der fa-
schistische Spuk definitiv zu Ende. Mussolini versucht, in die Schweiz
zu flüchten, wird aber mit seiner Geliebten Clara Petacci in Dongo
am Comer See von Partisanen festgenommen und am folgenden Tag
hingerichtet.
Umberto Eco Balilla 11
Umberto Eco Balilla
Beim Zusammenbruch des faschistischen Regimes, das seit 1943 eher
verächtlich „il ventennio“ genannt wurde, „die Zwei Jahrzehnte“, be-
findet sich Eco in Nizza Monferrato, einem Dorf dreiunddreißig Ki-
lometer südwestlich von Alessandria, im hügeligen Weinanbaugebiet
zwischen den Flüssen Po und Tànaro, wohin seine Mutter mit den
Kindern vor den Bombardierungen der Stadt geflüchtet war und wo
sie unter großen Anstrengungen bei den Bauern etwas Mehl und bis-
weilen auch ein halbes Kaninchen beschaffte. Dort bot sich dem Jun-
gen, wie Eco am 15. Dezember 2002 im Gespräch mit Thomas Stauder
berichtet, der Krieg aus drei verschiedenen Blickwinkeln dar: Erstens,
aus dem eines bloßen Zuschauers aus der Distanz, der von den Ereig-
nissen aus der Zeitung oder dem Radio erfuhr. Zweitens, aus dem des
Opfers; mir ist noch eine Nacht der Bombardierung Alessandrias in Er-
innerung, während derer die Geschosse aus den Luftabwehrgeschützen
fehlgeleitet in eine Straße in meiner Nähe fielen […]. Drittens, als Be-
obachter des Partisanenkriegs, den Eco auf dem Land im Monferrato
miterleben konnte.
Wie weit er sich damals bereits von der faschistischen Indoktrina-
tion hatte freimachen können, ist schwer zu entscheiden. Zwar erklärt
Eco in einem anderen Interview mit Marie-Françoise Leclère, er habe
die Ereignisse von 1943 bis 1945 und speziell die Handlungen der
Résistance mit der Luzidität eines Dreißigjährigen erlebt, aber als er
Stauder das Interview gibt, sitzt er an der Königin Loana und versucht
(man könnte sagen: verzweifelt) darauf eine Antwort zu geben… wenn
auch per Befragung der Dokumente durch sein Analogie-Ich Giam-
battista Bodoni. Und mit diesem teilt er Kindheit und Jugend bis hin
zur Identität, denn so wie Giambattista war auch Umberto zwangs-
weise der kindlich-jugendlichen Faschisierung unterworfen gewesen:
da ich 1932 geboren wurde, durchlief ich die damals üblichen Stationen
faschistischer Erziehung: ‚Figlio della Lupa‘, ‚Balilla‘ ‚Balilla Moschet-
tiere‘. Elfeinhalb Jahre sei er gewesen, als 1943 die Diktatur nach der
Verhaftung Mussolinis in Süditalien zuende ging, aber im Norden
Italiens, in der Republik von Salò war der Faschismus […] weiter mi-
litärisch und propagandistisch präsent. Das heißt, dass die Kinder in
Norditalien im Gegensatz zu jenen jungen Männern, die bereits un-
ter dem Faschismus ihr Studium begonnen hatten und in der Über-
gangszeit immerhin den Mussolini-Kritiker Benedetto Croce oder auch
Karl Marx hatten lesen können, weiter der faschistischen Propaganda
ausgesetzt waren und daher weitgehend unvorbereitet den Übergang
12 Kindheit im faschistischen Italien
in eine demokratische Gesellschaft vollziehen mussten, während sich
aus der relativen Freiheit des Denkens für die Studenten in der Über-
gangszeit erkläre, warum aus ihnen später sowohl Kommunistenführer
als auch Soldaten der Republik von Salò hervorgingen, obwohl sie alle
in den Gruppi Universitarii Fascisti organisiert gewesen waren. Wie
auch immer: nur die Tatsache, dass viele der Jungen den Faschismus
innerlich und äußerlich unbeschadet überstanden hatten, könne erklä-
ren, dass nicht wenige Vertreter seiner Generation […] trotz einer tota-
litären Erziehung zu […] überzeugten Demokraten wurden (G, S. 118).
Allerdings sind die Traumata enorm und der Blick auf die Kind-
heit im Faschismus ebenso faszinierend wie schmerzhaft, wie die von
Eco in die Königin Loana investierte Arbeit beweist. Sein Lehrer in
der Grundschule sei, so erinnert er sich im Gespräch mit Stauder, ein
glühender Faschist gewesen, der 1922 an Mussolinis Marcia su Roma
teilgenommen hatte und der die Kinder ohrfeigte, wenn sie ihre Haus-
aufgaben nicht gemacht hatten. Dass dies nur die Kinder aus den nied-
rigeren Schichten erdulden mussten und den anderen (wie Eco selbst)
erspart blieb, ist die eine Seite der Erinnerungen, die andere aber das
Eingeständnis, dass der junge Umberto selbst trotz oder wegen die-
ses Lehrers zu einem begeisterten Mussolini-Anhänger geworden war.
Das ist insofern nicht überraschend, als spätestens seit seiner Einschu-
lung 1937 die volle Balilla-Walze über ihn hinweggerollt ist, und so ist
nur zu verständlich, dass er auf die Frage eines anderen Interviewers,
Alberto Sinigaglia, welches die Texte seien, die ihn am tiefsten beein-
flusst hätten, im Mai 2007 die faschistischen Schulbücher nennt. Er er-
innere sich noch immer, wie er Seite für Seite sein Lesebuch für die erste
Klasse betrachtet habe, die Fibel, die für alle kleinen Italiener Pflicht
war, die Bodoni in der Königin Loana vorstellt und in der die Kinder
nicht nur den schwachsinnigen, von Gabriele D’Annunzio zum ers-
ten Mal lancierten Kampfschrei „Eja Eja Alalà“ kennenlernen durften,
der zusammen mit dem Heilsschrei „Für Mussolini“ als Refrain in die
faschistische Hymne Giovinezza aufgenommen worden war, sondern
auch die Symbolik des faschistischen Liktorenbündels. Im Mittel-
punkt freilich stand die Verherrlichung der „Figli della Lupa“ und der
„Balilla“: Zuerst eine Seite mit einem Jungen in Uniform […] ‚Mario ist
ein Mann‘, stand darunter. Dann ein Text über die ‚Söhne der Wölfin‘
[…]: ‚[…] Guglielmo zieht die schöne neue Uniform an, die Uniform ei-
nes Figlio della Lupa. ‚Papi, auch ich bin ein kleiner Soldat des Duce,
nicht wahr? Ich werde ein Balilla sein, ich werde die Standarte tragen,
ich werde einen Karabiner haben, ich werde ein Vorkämpfer sein. Ich
möchte auch die Übungen machen wie die richtigen Soldaten, ich möch-
Umberto Eco Balilla 13
te der tapferste von allen sein, ich möchte mir viele Orden verdienen …‘
Gleich darauf eine Seite, die an die Drucke aus Epinal erinnerte, aber
es waren […] die Uniformen der faschistischen Jugendorganisationen
[…] Um den Laut gl zu lehren, brachte die Fibel als Beispiele gagliardet-
to, battaglia, mitraglia – Standarte, Schlacht, Maschinengewehr. Für
sechsjährige Kinder (KL 202–203).
Um in den indoktrinierten Kindern keine Zweifel aufkommen zu
lassen, war – wie Eco in der Königin Loana berichtet – in den Schul-
büchern, die in den folgenden Jahren ediert wurden, das zeitgleiche
Kriegsgeschehen ausgeblendet, denn es gehörte sich nicht, in Schulle-
sebüchern von den Widrigkeiten des Krieges zu sprechen, und so wich
man der Gegenwart aus, um die Ruhmestaten der Vergangenheit zu
preisen (206). Dazu gehörten die italienischen Waffentaten des Ersten
Weltkriegs, oder Berichte über die faschistischen Kolonisierungen,
die als Erfolge ausgegeben wurden, obwohl die Armee längst auf dem
Rückmarsch war: Da wir Ostafrika erst Ende 1941 völlig verlieren soll-
ten, als dieses Lesebuch schon längst eingeführt war, kommentiert Eco/
Bodoni die Edition für die vierte Klasse von 1940–41, taten sich darin
noch unsere stolzen Kolonialtruppen hervor, und was ich in einer Ab-
bildung sah, war ein somalischer Dubat in seiner schönen […] Uniform,
passend zu den Kostümen der Eingeborenen, die wir dort zivilisierten
[…] Aber Somalia war bereits im Februar 1941 in die Hände der Eng-
länder gefallen […] Wusste ich das, während ich las? (206–207)
Diese Frage, die immer wieder aufgeworfen wird, kann keine defi-
nitive Antwort finden, auch wenn ihretwegen die Königin Loana ge-
schrieben wurde, und es ist keine ausschließlich aus der Romanlogik
erwachsene Frage, auf die nur der Protagonist Bodoni keine Antwort
zu geben wüsste. Sie zwingt sich vielmehr aus der Logik der realen
Geschichte auch dem Individuum Eco auf, der dieser Indoktrination
als Balilla ausgesetzt war und seit 1938 auch den brutalsten Rassis-
mus und Antisemitismus über sich ergehen lassen musste, denn das
Lesebuch der fünften Klasse z. B. bot nicht nur dem fiktiven Bodoni,
sondern auch dem wirklichen Eco eine Betrachtung über die Rassen-
unterschiede, mit einem Abschnitt über die Juden und die Aufmerksam-
keit, die man diesem perfiden Stamm widmen müsse, der, ‚nachdem er
sich raffiniert unter die Arier gemischt hat … die nordischen Völker mit
einem neuen Geist des Krämertums und der Gewinnsucht verseucht‘
(208).
Die Frage ist selbst dann nicht restlos beantwortet, als Eco bis an
die Grenzen der Gewissheit gelangt zu sein scheint, weil z. B. eins der
Schulbücher ihn wahrscheinlich trotz versuchter propagandistischer
14 Kindheit im faschistischen Italien
Ablenkung durchaus realistisch mit dem schwierigsten aller Themen
vertraut gemacht habe, wie Eco im Gespräch mit Sinigaglia, ausführt:
mit dem Sterben: Als tapfere Balilla waren wir in jener Zeit dazu erzo-
gen, die Vaterlandsliebe als Blutzoll aufzufassen […] im Lesebuch der
fünften Klasse hatte ich eine Geschichte mit dem Titel ‚Loma Valente‘
gelesen. Es handelte sich um eine heroische Episode aus dem Spanischen
Bürgerkrieg: ein Bataillon der ‚Schwarzen Pfeile‘* stürmt eine Anhöhe,
und eine der Abteilungen wird von Valente, einem dunkelhaarigen Ath-
leten von vierundzwanzig Jahren geführt, der daheim Literatur studier-
te und Gedichte schrieb […] und der sich als Freiwilliger nach Spanien
gemeldet hat […] Die Geschichte beschreibt die verschiedenen Phasen
dieses heroischen Unternehmens […] Die Roten** […] feuern aus allen
Rohren […] Valente ist fast oben angelangt, als ihm ein harter Schlag
gegen die Stirn die Ohren mit schrecklichem Lärm füllt: ‚Dann tiefs-
te Dunkelheit. Valente liegt mit dem Gesicht auf dem Gras […] Das
Auge des Helden […] erblickt zwei oder drei Grashalme, dick wie Pfähle
[…] was heißt das: sterben? Es ist das Wort, das uns gewöhnlich Angst
macht. Jetzt, da er stirbt, und es weiß, fühlt er weder heiß noch kalt noch
Schmerz.‘ Er weiß nur, dass er seine Pflicht getan hat […] Diese weni-
gen Seiten, fügt Eco hinzu, haben mir zum ersten Mal vom wirklichen
Sterben erzählt und mir gezeigt, dass dies nichts Heroisches ist, welche
Anstrengungen der Autor auch immer unternehmen wollte. Diese Bil-
der von den pfahlgroßen Grashalmen […] hatten mich dermaßen beein-
druckt, dass ich mich immer wieder […] mit dem Gesicht nach unten
auf Gras gelegt habe, um jene Pfähle zu sehen.
Dies ist ein authentisches Kindheitserlebnis Umberto Ecos, und es
ist fast wörtlich so, als Erlebnis Giambattista Bodonis, in der Königin
Loana erzählt, wo es Eco dazu dient, Bodoni erneut die Frage aufwer-
fen zu lassen, die Ecos eigene Frage ist: ob er zu dieser Zeit bereits
begonnen hatte, sich vom Faschismus abzuwenden. Eco/Bodoni mo-
bilisiert noch ein anderes Dokument aus jener Zeit, um die Antwort zu
finden: die Geschichte von einem zerbrochenen Glas, das die Mutter
als unzerbrechlich erstanden hatte, einen Erlebnisaufsatz vom Dezem-
ber 1942, der in der Tat auch aus der Feder des kindlichen Umber-
to*** stammt und den Eco/Bodoni am Ende des 20. Jahrhunderts sehr
metaphorisch als Parabel auf den Verlust des Glaubens an den Duce
interpretieren möchte: Es war eine der ersten Geschichten, die wirklich
von mir waren, nicht die Wiederholung angelesener Klischees […] In
jenen Scherben, die da […] wie Perlen schimmerten, zelebrierte ich […]
mein vanitas vanitatum und bekannte mich zu einem kosmischen Pes-
simismus (236).
Umberto Eco Balilla 15
Tat Eco/Bodoni dies wirklich? Er vermutet es. Er möchte es vermu-
ten. Aber ein Zweifel bleibt, denn nur neun Monate zuvor hatte seine
Duce-Begeisterung einen makabren Höhepunkt erreicht. Und dies ist
erneut ein authentisches Ereignis aus dem Leben des Schülers Eco, das
Eingang in den Roman von der Königin Loana gefunden hat. Mit zehn
Jahren jedenfalls hatte der kleine Balilla namens Umberto Eco einen
Aufsatzwettbewerb gewonnen und war dafür ausgezeichnet worden.
In diesem Aufsatz hatte er seinen ganzen Enthusiasmus für den Duce
zusammengefasst, für den er sterben wollte, und diese Episode wird
ebenfalls in der Königin Loana erinnert. Ja, mehr noch: der gesamte
Text wird dokumentiert als Aufsatz, wieder aufgefunden von Eco/Bo-
doni in einem Heft aus der fünften Klasse, 1942, Jahr XX der Faschisti-
schen Ära (230). Natürlich kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass
es der Text aus dem Jahr 1942 ist, der in der Königin Loana abgedruckt
ist, aber dass der zehnjährige Eco einen solchen Text verfasst hat, ist
sicher, und selbst wenn er im Roman Retouchen welcher Art auch im-
mer angebracht hätte, dürfte er korrekt wiedergeben, was das Kind
von damals empfunden hatte: Schon immer war mein dringlichster Ge-
danke: Wenn ich einmal groß bin, werde ich Soldat. Und jetzt, da ich
aus dem Radio von den unzähligen Heldentaten […] unserer tapferen
Soldaten erfahre, ist dieser Wunsch noch unbändiger in meinem Her-
zen geworden und keine menschliche Kraft wird ihn daraus vertreiben
können. Jawohl! Ich werde Soldat sein, ich werde kämpfen, und wenn
Italien es will, werde ich sterben für seine neue, heroische, heilige Kul-
tur, die der Welt Wohlstand bringen wird und die nach Gottes Willen
in Italien Wirklichkeit geworden ist. Jawohl! Die fröhlichen […] Balilla
werden als Erwachsene zu Löwen werden […] Und mit der belebenden
Einnerung an die vergangenen Ruhmestaten […] und mit der Hoffnung
auf die zukünftigen, vollbracht von den Balilla, die heute noch Kinder
und morgen Soldaten sind, geht Italien weiter seinen glorreichen Gang
der geflügelten Siegesgöttin entgegen (231).
Der Name der Rose oder Am Anfang und am Ende:
das Wort

Der Plot – Das Mittelalter ist unsere Kindheit – William von Basker-
ville oder ein Weiser, der weiß, dass er nichts weiß – Nominalistische
Logik, irdische Verfügungsgewalt und das Problem der Armut –
Bettelorden und Universitäten oder die Geburtswehen des moder-
nen Buchwesens – Jorge, der Apokalyptiker, oder die Verachtung der
visuellen Massenmedien – Mutato nomine de te fabula narratur
oder Wahrheit aus dem Windelband – Von Zahlensymbolik oder
der Name des Mädchens – Und Rose hat sie gelebt, was Rosen leben
oder das Hohe Lied

Der Plot
Ausgerechnet in jenen ebenso arbeitsreichen wie politisch wilden Jah-
ren gelingt es Eco, umzusetzen, was er seit frühester Jugend geplant,
geübt und in vielen theoretischen Abhandlungen vorbereitet hatte. Im
März 1978 beginnt er mit der Redaktion eines Romans, der im Ok-
tober 1980 erscheint und den bekannten Semiotiker als Schriftsteller
weltberühmt machen wird: Der Name der Rose. Protagonisten dieses
Textes, den Eco selbst als historischen Roman in der Nachfolge von
Manzonis Die Verlobten (1821–1842) und des englischen Krimis à la
Conan Doyle versteht,* sind der etwa fünfzigjährige Franziskaner und
ehemalige Inquisitor William von Baskerville aus England und dessen
Gehilfe, der bisweilen naive Benediktiner-Novize Adso(n) aus dem
Klosterstift zu Melk in Österreich, der die Ereignisse im hohen Alter
niederschreibt. Sie treffen Ende November 1327 in einer Benediktiner-
Abtei im norditalienischen Apennin ein. Dort soll Baskerville im Auf-
trag König Ludwigs des Bayern (1314–1347), der sich im Jahr danach
von den ghibellinischen Verbündeten in Rom zum Kaiser krönen lässt,
bei einem Treffen zwischen Vertretern des Franziskanerordens und
einer Legation des Papstes Johannes XXII (1316–1334), eines ebenso
korrupten wie fanatischen Ketzerverfolgers, der in Avignon im frei-
willigen Exil residiert und Ludwig befehdet, zwischen der Kurie und
des Ketzertums verdächtigten franziskanischen Randgruppen vermit-
teln. Doch noch bevor er mit dieser Arbeit beginnen kann, wird Bas-
kerville, der unmittelbar bei der Ankunft im Kloster seine Fähigkeit
118 Der Name der Rose oder Am Anfang und am Ende: das Wort
unter Beweis gestellt hat, geradezu kriminologisch Zeichen (bzw. Spu-
ren und Indizien) zu deuten, vom Abt des Klosters, Abbone von Fos-
sanova, gebeten, einen Todesfall aufzuklären. Baskerville möchte so-
fort mit der Spurensuche beginnen, stößt aber auf ein überraschendes
Hindernis: Der Zugang zum vermutlichen Tatort, dem Obergeschoss
des Hauptgebäudes der Abtei, ist verboten. Fossanova begründet dies
damit, dass sich dort die Klosterbibliothek befinde, die so labyrin-
thisch angelegt sei, dass sich nur der Bibliothekar und sein Gehilfe
in ihr zurechtfänden. Zudem sei es aus religiösen Gründen verboten,
die Bibliothek zu betreten, stünden dort doch auch Lügenbücher von
Magiern, Juden, heidnischen Dichtern und anderen Ungläubigen, die
als Teil des göttlichen Plans zwar auch einen Abglanz der göttlichen
Weisheit enthielten und darum aufbewahrt werden müssten, Unkun-
digen aber zum Schutz ihres Seelenheils nicht zugänglich sein dürften.
Damit sind die Handlungskoordinaten abgesteckt. Baskerville und
Adson werden während ihres siebentägigen Aufenthaltes im Kloster,
in dessen Verlauf sich noch weitere Morde ereignen, heimlich die Bi-
bliothek erforschen, zumal deutlich wird, dass die Verbrechen etwas
mit einer geheimnisvollen griechischen Handschrift zu tun haben
müssen, die dort aufbewahrt wird. Die Morde lasten auch auf der
Begegnung zwischen den Franziskanern, unter Leitung ihres Or-
densgenerals Michael von Cesena, und der päpstlichen Legation aus
Avignon, unter Leitung der Inquisitoren Bernard Gui vom Domini-
kanerorden und Kardinal Bertrand del Poggetto, die beide am vierten
Tag im Kloster eintreffen, an dem sich wieder ein Mord ereignet, was
auch die Inquisitoren kriminalistisch tätig werden lässt. Sie verhaf-
ten Salvatore, einen etwas närrischen Mönch, der in seiner Jugend den
Dolcinianern, einer inzwischen als Ketzer verdammten Bettlersekte
angehört hatte, und ein armes Bauernmädchen, mit dem Adson zuvor
eine höchst erotische Begegnung gehabt hatte und das um Nahrung
bettelnd ins Kloster gekommen war, wo es von den Inquisitoren zur
Hexe erklärt wird. Am folgenden Tag nehmen sie noch Remigius fest,
den Kellermeister, den sie bezichtigen, einen der Morde begangen zu
haben, was er nach Androhung von Folter auch zugibt.
Da die Verhandlung zwischen den Franziskanern und der Legation
aus Avignon zuvor schon in die vom Papst gewünschte Feindseligkeit
umgeschlagen und damit gescheitert war, verlassen die päpstlichen
Abgesandten die Benediktiner-Abtei bereits am 6. Tag und nehmen
als Ausweis ihrer Kompetenz das Mädchen, Salvatore und Remigius
mit nach Avignon, wo der Scheiterhaufen auf sie wartet. Während
die Franziskaner ebenfalls (und zum Teil in wilder Flucht) die Ab-
Das Mittelalter ist unsere Kindheit 119
tei verlassen, ermitteln Baskerville und Adson weiter und erkennen,
dass alle Indizien auf Jorge von Burgos deuten, einen uralten, blinden
Mönch aus Spanien, dem sie bereits bei ihrer Suche begegnet waren
und der unentwegt gegen jede Form von Heiterkeit und Lachen zu ei-
fern pflegt. Sie finden ihn am Ende des sechsten Tages im Finis Africae,
dem geheimsten aller Räume der Bibliothek, wo Jorge zuvor den Abt
umgebracht hat und nun vor einem Folianten auf Baskerville wartet.
Er sei, so berichtet Jorge, einst selbst in der Abtei als Bibliothekar tätig
gewesen und habe seitdem als ihr heimlicher Herrscher darüber ge-
wacht, dass das gefährlichste aller Bücher niemandem zugänglich war,
weil es vom Lachen handle: das zweite Buch der Poetik des Aristoteles,
das der Komödie gewidmet war und das Jorge einst selbst – zusammen
mit Apokalypse-Darstellungen – in Spanien erworben hatte.
Auf Baskervilles Einwand, dass Lachen doch naturgegeben und
auch durch Wegschluss der Poetik nicht aus der Welt zu schaffen sei,
erläutert Jorge, dass die Rechtfertigung des Lachens durch Aristoteles
jede Autorität untergraben und damit auch die gottgewollte Ordnung
des Universums zum Einsturz bringen würde. Baskerville, so Jorge,
der die Seiten des Folianten mit Gift getränkt hat, an dem einige seiner
Opfer zugrunde gingen, möge den Text konsultieren und sich selbst
davon überzeugen. Doch als er hört, dass Baskerville die List durch-
schaut und Handschuhe angezogen hat, um die Seiten umzublättern,
reißt er die Poetik wieder an sich, beginnt, sie zu verschlingen, und
setzt im Handgemenge die Bibliothek in einen Brand, der die gesamte
Abtei vernichtet. Baskerville und Adson flüchten zu Ludwig dem Bay-
ern nach München, wo sich ihre Wege trennen, und während Basker-
ville im Nirgendwo verschwindet, kehrt Adson nach Melk zurück, um
dort am Ende seines Lebens zu notieren: Ich gehe und hinterlasse dies
Schreiben, ich weiß nicht für wen, ich weiß auch nicht mehr, worüber:
Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus’. [Die Rose von einst
steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen (NdR 635)].

Das Mittelalter ist unsere Kindheit


Das Interesse der italienischen Medien am Namen der Rose ist über-
wältigend. Im ersten halben Jahr erscheinen mehr als fünfzig Bespre-
chungen,* und wenn darunter auch – vor allem von katholischer und
croceanischer Seite – einige Verrisse sind, so überwiegt doch das Ver-
gnügen am Formexperiment, die Freude über einen spannenden Text,
die Bewunderung einer philosophisch-historischen Gelehrsamkeit
und der Respekt vor Ecos politischem Engagement, das für nahezu
120 Der Name der Rose oder Am Anfang und am Ende: das Wort
alle italienischen Rezensenten außer Zweifel steht, auch wenn nur we-
nige es so kategorisch zuspitzen wie Laura Lilli in La Repubblica vom
15. Oktober 1980. Das Mittelalter in Ecos Text, befindet sie, gliche „ei-
ner Allegorie des heutigen Italien“, und sie zögert nicht, die im Roman
erwähnten „Ketzer“ oder Sekten wie die Dolcinianer mit den BR zu
identifizieren, die Franziskaner und Baskerville mit den Eurokom-
munisten des PCI bzw. der Gruppe um Il Manifesto, und den Papst
samt reichen Dominikaner- und Benediktinerorden, die sich um je-
den Preis wie dem der inquisitorischen Repression die Macht mit den
politischen Instanzen teilen wollen, mit den multinationalen Trusts.
Doch abgesehen davon, dass die von Eco evozierten oder geschaffenen
Romangestalten individuell zu verschieden sind, um einheitlich-mo-
dernen „Parteikonzepten“ zugerechnet werden zu können, was u. a.
daraus erhellt, dass der Franziskanergruppe, mit der Baskerville ver-
bündet ist, auch Bischof Hieronymus von Kaffa, ein (NdR 75) Idiot,
und der sympathische, aber ausgesprochen chaotisch-reaktionäre
Ubertin von Casale angehören, und dass es sowohl der historischen
Wirklichkeit als auch Ecos Romanintention zuwiderläuft, Dominika-
ner und Benediktiner in eins zu setzen, ist auch der Begriff der „Alle-
gorie“ missverständlich. Denn es geht Eco, wie er klarstellt, keineswegs
darum, das (mehr oder weniger abstrakte) Eigentliche im Anderen
darzustellen, was das Wesen der Allegorie ausmacht, sondern darum,
seinen Leser mit dem durchaus nicht fiktiven, sondern geschichtlich
realen Anderen, dem sogenannten Mittelalter, als Vorstufe zum Ei-
gentlichen, nämlich dem ebenso geschichtlich realen Heute bzw. der
eigenen sozialen, politischen, kulturellen und mentalen Wirklichkeit
bekannt zu machen, um ihm ein besseres Verständnis seiner selbst zu
ermöglichen. Närrisch aber wäre es, zu leugnen, dass Eco gerade auf
Grund dieser geschichtsdeterminierten Gegenwartskonzeption ein
besonderes Gespür für die vor allem von Fernand Braudel erforschten
„Phänomene langer Dauer“ entwickelt hat, die sich in strukturellen
Ähnlichkeiten manifestieren, auf die er selbst immer wieder hinge-
wiesen hatte. Müßig zu sagen, daß alle Probleme des modernen Eu-
ropa, wie wir sie heute kennen, im Mittelalter entstanden sind, von
der kommunalen Demokratie bis zum Bankwesen, von den Städten bis
zu den Nationalstaaten, von den neuen Technologien bis zu den Re-
volten der Armen, erklärt Eco denn auch 1983 anknüpfend an seine
früheren Mittelalterarbeiten in der Diskussion über den Namen der
Rose und folgert: Das Mittelalter ist unsere Kindheit, zu der wir im-
mer wieder zurückkehren müssen, um unsere Anamnese zu machen
(Ns 85–86).
Das Mittelalter ist unsere Kindheit 121
Eben dieser Anamnese wegen hat Eco den Namen der Rose verfasst
und sich dabei den Roman des ebenfalls politisch engagierten, wenn
auch katholisch-konservativen Manzoni zum Vorbild genommen, der
seine Verlobten in die Lombardei des 17. Jahrhunderts verlegt hatte:
Das Handeln und Denken der Romanpersonen dient zum besseren Ver-
ständnis der Geschichte. Ereignisse und Personen sind erfunden, doch
sie sagen uns über das Italien jener Zeit Dinge, die uns von den Ge-
schichtsbüchern niemals so klar gesagt worden waren (Ns 87–88). In
eben diesem Sinne habe er einen Roman schreiben wollen, der nicht
deshalb historisch sei, weil diese oder jene Person, die in ihm auftrete,
wirklich existiert und dieses oder jenes gesagt habe, sondern weil alles,
was fiktive Personen wie William sagen, in jener Epoche sagbar sein
sollte. Das stellt Eco da vor besondere Schwierigkeiten, wo in seinem
Roman fiktive Gestalten auftreten, die für das Geschehen unbedeu-
tender zu sein scheinen oder nur als Repräsentanten der anonymen
Volksmasse evoziert werden. Denn da wir kaum über mittelalterliche
Dokumente alltäglicher Rede bzw. über – wie er selbst sagt – Dialoge
(Ns 40) verfügen, musste Eco bei der Konzeption dessen, was diese
fiktiven Nebenfiguren sagen, sowohl auf plausible anthropologisch-
mentale Konstanten (wie Liebe, Hass, Angst, Hunger) als auch auf
verbürgte sozial- und mentalitätsgeschichtliche Daten zurückgreifen,
um kontextuell wahrscheinlich zu machen, was sie sagen. Dazu bedarf
es narrativer „Tricks“. So werden in diesem Roman, dessen Hauptge-
stalten Intellektuelle sind, die über nationale Ursprünge und Gren-
zen hinweg auf Latein miteinander kommunizieren, die damaligen
Volkssprachen oder Dialekte (vor allem aus dem norditalienischen
Umkreis der Abtei) meist nur als – für die Hauptgestalten (und damit
den Leser) – kaum verständlicher Sprachhintergrund oder aber, über
die Gestalt des Salvatore, in einer andeutungsweise pathologisch be-
gründeten Sonderform evoziert, spricht Salvatore doch ein groteskes
lateinisch-multivolkssprachliches Volapük, mit dem Eco historisch
korrekt in Erinnerung bringt, dass im damaligen Europa mit rudi-
mentärem Latein so kauderwelschend kommuniziert wurde wie heute
mit rudimentärem Englisch.
Mit umgekehrten Vorzeichen gelten die Schwierigkeiten auch für
die Diskurse der fiktiven Hauptgestalten, da diese – wie Baskerville,
Adson oder Jorge – auf allen Ebenen des fiktiven Geschehens von
der Notdurft bis zur philosophischen Reflexion Kohärentes von sich
geben müssen, ohne gegen die historische Plausibilität zu verstoßen.
Also muss Eco aus Gründen der historischen Wahrscheinlichkeit für
die einen wie für die anderen auf Texte des Mittelalters oder früherer
122 Der Name der Rose oder Am Anfang und am Ende: das Wort
Zeiten zurückgreifen, die – ob aus der griechisch-römischen oder der
jüdisch-christlichen Tradition – das mittelalterliche Denken struktu-
riert haben und die von Funktion und Form (als religiöse Texte so-
wie theologische oder wissenschaftliche Traktate) grundsätzlich nicht
für dialogische Kommunikation oder Artikulation intimer Empfin-
dungen vorgesehen waren. Diese Aufgabe, die Eco sich gestellt hatte,
war enorm, galt es doch – um nur diese Beispiele zu nennen – unter
anderem im Dienst der historischen Wahrscheinlichkeit nicht nur die
fanatischen Reden des vom Hass auf das Lachen getriebenen greisen
Jorge von Burgos aus Bibel-Zitaten, speziell der Apokalypse des Pseu-
do-Johannes, aus Kommentaren der Kirchenväter oder den Klosterre-
geln des Heiligen Benedikt von Nursia zu komponieren, sondern auch
für den (weltanschaulich noch neutralen) Jugendlichen Adson von
Melk und dessen Entwicklung hin zum skeptischen Greis mit ähn-
lichen Dokumenten (wie der Bibel bzw. dem Hohen Lied, Texten von
Dionysius Aeropagita, Thomas von Aquin, Beda Venerabilis, Hilde-
gard von Bingen oder der anonymen Coena Cypriani aus dem frühen
Mittelalter usw.) Sprach-und Denkkompetenz bereitzustellen, die der
fiktiven Gestalt historisch korrekte sinnlich-intellektuelle Welterfah-
rung und -benennung ermöglichte.
Darum aber geht es Eco. Er will mit den Mitteln des historischen
Romans anschaulich und verständlich machen, wie die Menschen der
Epoche mit den Kategorien, Figuren, Formen des damaligen Denkens
und Empfindens die Geburt unseres modernen Europa mit seinen
bis heute im Wesentlichen unveränderten geopolitischen Strukturen
ebenso individuell wie exemplarisch erfahren und interpretiert haben.
Er will zeigen, wie sie die Entstehung der modernen Staaten mit ih-
ren Nationalkulturen und -sprachen realisierten: die Entwicklung der
Städte und der kapitalistischen Manufakturen und Handelsunterneh-
men, die auf internationalem Warenhandel und modernem Bankwe-
sen gründen und technologische Inventionen und naturwissenschaft-
liche Erkenntnisse (von der Schiffsbau- und Marinetechnik bis zur
Kartographie) fördern; die sozialen Veränderungen, die daraus resul-
tieren und einerseits zu politischen Machtverschiebungen weg vom
kleinen Feudaladel hin zu Allianzen von Stadtbürgertum, Großadel,
Königen, Kaiser und Kirche sowie den nationalen und internationa-
len Auseinandersetzungen, andererseits aber auch zu bis dahin unbe-
kannten sozialen Konflikten durch massenhafte Verarmung großer
Teile zuvor autonomer, handwerklich oder landwirtschaftlich tätiger
Bevölkerung führen. Mit anderen Worten: wie sie als Zeitzeugen die
Entstehung der modernen kapitalistischen Gesellschaft erlebt haben,
William von Baskerville oder ein Weiser, der weiß, dass er nichts weiß 123
die – wie Eco darlegt – u. a. auch von den Konflikten zwischen katho-
lischer Kirche und den von ihr je nach politischer Opportunität als
reformatorische Mönchsorden integrierten oder als Ketzer verfolgten
Laienbewegungen oder klerikalen Fraktionen begleitet wird, die dem
wachsenden Reichtum der Kirche und ihrer Verstrickung in weltliche
Machtpolitik seit Ende des 12. Jahrhunderts ihr Bekenntnis zur Armut
entgegensetzen.
Kurz: es ist die gesellschaftliche Wirklichkeit der Epoche, die von
Eco romanhaft mittels fiktivem und historischem Personal in Szene
gesetzt wird. Dabei verwendet er Textmaterial, das von den histo-
rischen Gestalten wie Ubertin von Casale oder Michael von Cesena
auf der franziskanischen oder Bertrand del Poggetto und Bernard Gui
auf der päpstlichen Seite tatsächlich produziert wurde, oder aber er
unterstellt den fiktiven Gestalten historische Kenntnisse, die entweder
aus zeitgenössischen Quellen oder aber aus der neuesten Geschichts-
schreibung unserer Tage stammen: aus den Arbeiten der Georges
Duby, Emmanuel Le Roy Ladurie, Jacques Le Goff und anderen. Das
erlaubt Eco, die fiktiven und historischen Gestalten des Romans, ihre
Handlungen, ihre Reden, ihre Empfindungen noch überzeugender in
den geschichtlichen Kontext einzubetten, der als „fiktive Gegenwarts-
vorgeschichte“ – mit wenigen Einschränkungen – von der Mittelal-
terforschung selbst, die nicht zögert, den historischen Erkenntniswert
des Namens der Rose mit Huizingas Herbst des Mittelalters und Bar-
bara Tuchmanns Der ferne Spiegel gleichzusetzen, als so überzeugend
eingestuft wird, dass sie – wie Horst Fuhrmann, Präsident der Monu-
menta Germaniae Historica – ernsthaft erwägen konnte, ob der Name
der Rose „nicht Veranlassung geben müsse, methodische Ansätze und
Ziele der Mittelalter-Forschung zu verändern.“ Das erklärt, wieso
Alexander Patschovsky, Spezialist für die Geschichte der Ketzerbewe-
gungen, schreiben konnte, dass „Ecos Überlegungen zum Ketzerphä-
nomen [im Namen der Rose] mit zum Profundesten gehören, was über
dieses Thema in den letzten Jahrzehnten gedacht und geschrieben
worden ist“, und ein anderer Mediävist, Bernhard Schimmelpfenning,
ergänzt: „der Name der Rose [beeindruckt] als glaubhaft fiktive Ima-
gination des 14. J[ahr]h[undert]s, er macht mittelalterliche Geschichte
wieder ‚lebendig‘.“

William von Baskerville oder ein Weiser, der weiß, dass er nichts weiß
Mit dem Namen der Rose will Eco in unserer „Kindheit“, dem „Mittel-
alter“, die „Ursachen dessen […] aufspüren, was in der Folge entstan-
124 Der Name der Rose oder Am Anfang und am Ende: das Wort
den ist“, erkennt Max Kerner und registriert bewundernd, dass Eco zu
diesem Zweck nicht nur Zitate aus mittelalterlichen Texten in seinen
Roman einbaut, die aus unserer Zeit stammen könnten, sondern dass
er sogar „moderne Texte“ wie Wittgensteins Tractatus logico-philoso-
phicus von 1918 „in das Mittelalter“ zurückprojiziert, ohne damit die
historische Wahrscheinlichkeit seines Textes zu beeinträchtigen. Wie-
so das möglich ist, macht Eco gleich zu Beginn des Romans klar, lässt
er doch durch den (fiktiven) Baskerville daran erinnern, dass der von
ihm als Meister verehrte (und absolut reale) Franziskaner, Naturwis-
senschaftler und Mathematiker Roger Bacon (ca. 1214–ca. 1292) da-
von überzeugt war, man könne den göttlichen Plan (der Errichtung des
Paradieses auf Erden) durch die Wissenschaft der Maschinen realisie-
ren. Diese nämlich würde den Bau von Schiffen ermöglichen, die dank
Navigationsinstrumenten schneller als Segelschiffe auf den Meeren
kreuzen, von Wagen, die aus eigener Kraft fahren, und von winzigen
Instrumenten, die ungeheure Gewichte heben könnten. Das alles, er-
läutert Baskerville dem jungen Adson, seien Weiterentwicklungen
von Maschinen, die bereits seit der Antike existierten, wohingegen die
Flugmaschinen, deren Konstruktion Bacon ebenfalls voraussähe, der
Menschheit bislang unbekannt geblieben seien. Das freilich hindert
Baskerville nicht, an ihre Produktion zu glauben, was er (NdR 26) da-
mit begründet, dass Gott wolle, dass sie existieren und dass sie deshalb
gewiss längst schon in seinem Geist existierten.
Natürlich weiß Baskerville, dass diese Erklärung im Widerspruch
steht zur philosophischen Überzeugung seines (ebenfalls nicht fik-
tiven) franziskanischen Mitbruders William von Ockham (1285/95–
1349/50), mit dem ihn seit Oxforder Studienzeiten tiefe Freundschaft
verbindet und der solch eine Existenzweise der Ideen negiert. Und da-
mit sind wir mitten in jener Kontroverse, die seit Aristoteles’ logisch-
methodologischer Antwort auf Platons Ideenlehre das philosophische
Denken bestimmt, der man für das „Mittelalter“ den Namen des
„Universalienstreits“ gab und die mutatis mutandis in der Auseinan-
dersetzung von Idealismus und Materialismus ihre Fortsetzung in der
Neuzeit besitzt. Grosso modo ging es für die Philosophen des „Mittel-
alters“ darum, zu entscheiden, ob Gattungsbegriffe oder universalia
(wie „der Mensch“) den individuellen Ausprägungen („den einzelnen
Menschen“) bzw. den konkreten Dingen als das Wahre-Eigentliche
vorausgehen (universalia ante rem), eine Auffassung, die von den so-
genannten „Realisten“ wie Anselm von Canterbury (1033–1109) oder
Wilhelm von Champeaux (†1121) vertreten wurde (also von denje-
nigen, die – platonisch inspiriert – die universalia für das eigentlich
William von Baskerville oder ein Weiser, der weiß, dass er nichts weiß 125
Wirkliche oder Reale hielten), oder ob die universalia nicht im Sinne
der aristotelischen Entelechie als den Dingen innewohnende Entwick-
lungsmöglichkeit (bzw. universalia in rebus) zu verstehen seien, eine
Position, die von Pierre Abaelard (1079–1142) und ein Jahrhundert
später von den Thomisten eingenommen wurde, oder aber ob es sich
bei den universalia nicht um termini oder voces bzw. Wörter, Zeichen,
nomines oder Namen handelt, die die Menschen erschaffen hatten, um
die bereits existierenden Dinge zu benennen (universalia post rem), wie
die sogenannten „Nominalisten“ meinten, die man als die Phalanx der
empirisch orientierten Moderne betrachten kann.
Der Streit zwischen „Realisten“ und „Nominalisten“, der fun-
damentale Konsequenzen für das Nachdenken über Gott und die
Schöpfungsgeschichte hatte, steckt den philosophischen Rahmen
des Namens der Rose ab, in dem sich die historischen und fiktiven
Hauptgestalten bei aller grundsätzlichen Positionierung im Lager der
„Realisten“ oder „Nominalisten“ der historischen Wirklichkeit ent-
sprechend jeweils individuell-differenziert artikulieren, was durch-
aus Irrtümer, Widersprüchlichkeiten oder Kompromisse einschließt.
Das erklärt, wieso Baskerville dem von ihm als Naturwissenschaftler
und vor allem als Optik-Spezialist bewunderten Bacon, dem er – im
Roman – auch die Augengläser verdankt, ohne die er kaum noch le-
sen kann, auch einmal eine „realistische“ Reverenz erweist,* selbst
wenn Adson dies noch im Greisenalter missbilligt und nur (26) mit
den finsteren Zeiten entschuldigen kann, die auch einen klugen Mann
gezwungen hätten, Dinge zu denken, die zueinander im Widerspruch
standen. Und in der Tat scheint Baskerville vorwiegend im nomi-
nalistischen, der wissenschaftlich-experimentellen Erforschung der
Wirklichkeit zugewandten, von den konservativen Fraktionen der
Kirche als Häretiker bekämpften Lager engagiert zu sein. Das aber
wird vom doctor invincibilis und venerabilis inceptor, dem „unbe-
zwingbaren Gelehrten“ und „verehrenswerten Pionier“ William von
Ockham angeführt, dem Freund des ebenfalls nicht-fiktiven Michael
von Cesena, der (als Ordensgeneral) auch zur Franziskaner-Delega-
tion im Namen der Rose gehört und der zusammen mit Ockham – wie
der erzkatholische Louis Moréri (1643–1680) säuerlich vermerkt – die
„närrische Diskussion“ vom Zaun gebrochen hatte, die man „das Brot
der Franziskaner“ genannt habe und die um die Frage kreiste, ob die
Geistlichkeit die Konsumgüter („wie das Brot und den Wein“) nur
„benutze“ oder de facto besäße, eine Debatte, die im Namen der Rose
fröhliche Urstände feiert und in der historischen Wirklichkeit absolut
nichts Närrisches an sich hatte.
Michael Nerlich

Umberto Eco
Die Biographie
2010, 376 Seiten, 20 Abb., geb. mit SU,
Format 13,5 x 21,5
€[D] 29,90/SFr 49,90
ISBN 978-3-7720-8353-2

Der international hoch angesehene Romanist und profunde Eco-


Kenner Michael Nerlich legt mit dieser Biographie die erste und
bislang einzige Darstellung von Ecos Leben und Werk vor. Er
macht uns vertraut mit den geschichtlichen, philosophischen
und kulturellen Entwicklungen der jüngeren italienischen Vergan-
genheit und zeigt, wie diese im Leben des 1932 geborenen und
vom Faschismus traumatisierten Eco, in seinen politischen,
philosophischen und künstlerischen Überzeugungen ihren
Widerhall finden.
Herzstück der Biographie aber ist die so spannende wie kennt-
nisreiche Interpretation der fünf großen Romane Der Name der
Rose, Das Foucaultsche Pendel, Die Insel des vorigen Tages,
Baudolino und Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana,
die alle – und das ist eine neue Erkenntnis – auch als politische,
philosophische und kulturelle Auseinandersetzung mit der deut-
schen Geschichte gelesen werden können.

Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG


Postfach 25 60 · D-72015 Tübingen · Fax (0 7071) 97 97-11
Internet: www.francke.de · E-Mail: info@francke.de
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Eco-Leser ein Muss!

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