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"Jalla bye" Iwrit?

Modernes Hebräisch hat sich von seinen Vätern


emanzipiert, doch die Wissenschaft diskutiert dessen
Herkunft. Die Politik bemüht sich derwil chancenlos um
die "Reinheit der Sprache"

Modernes Hebräisch blickt nicht nur auf eine weit zurückliegende Tradition, die bis in das 14.
Jahrhundert v. u. Z. reicht, es ist auch, wie jede andere Sprache, einem stetigen Wandel
unterworfen. Veränderungen in Technik, Gesellschaft und nicht zuletzt den modernen
Kommunikationsmedien führen zu permanenten Neukreationen und sonderbaren
Abkürzungen. Auch wenn dieser Wandel von manchen Sprachpuristen ablehnend betrachtet
wird, ist er Ausdruck der natürlichen Entwicklung einer Sprache. Modernes Hebräisch, auch
Neuhebräisch oder Iwrit genannt, wird weltweit inzwischen von ca. 10 Millionen Menschen
gesprochen: als Muttersprache - vor allem von jüdischen und nichtjüdischen Israelis, oder als
erste Fremdsprache - von arabischen Israeli und von Palästinensern in den besetzten Gebieten.

Ein Beispiel für die Emanzipation des modernen Hebräisch von seinen Vätern, wie dem
Lexikographen Eliezer Ben-Yehuda (1858-1922), ist die Redewendung «Jalla bye». Israelis
aller Altersstufen und Gesellschaftsschichten verwenden sie, um sich im persönlichen
Gespräch, am Telefon oder im Internetchat zu verabschieden. Wörtlich übersetzt bedeutet sie
soviel wie «Jetzt aber tschüs». Es handelt sich hierbei um eine Wortneuschöpfung aus dem
arabischen «jalla» («los, auf geht's») und dem englischen «bye» («tschüs»). Solcherart
Konstruktionen in der Umgangssprache sind sprachwissenschaftlichen Traditionalisten, die
sich eine «reine Lehre» wünschen, ein Dorn im Auge. Im Jahr 2005 war die Redewendung
sogar Thema in einer Feierstunde des israelischen Kabinetts zu Ehren Eliezer Ben-Yehudas.
Der damalige Premierminister Ariel Sharon tadelte das Volk, weil es ständig und überall
«Jalla bye» benutze. Schimon Peres, inzwischen Präsident des Staates Israel, äußerte dazu,
dass die Pflege der Kultur und die Erhaltung der Sprache «entscheidende Herausforderungen»
seien: «nicht weniger als der Schutz des Landes».

Strudel statt Althebräisch


Iwrit: moderne Sprache Israels, die permanent von
Neueinwanderern und deren Muttersprache
beeinflusst wird. Hier: peruanische Einwanderer
beim Hebräischlernen in der jüdischen Siedlung
Alon Schvut im Jahr 2002. Foto: Reuters/Radu
Sigheti

Der Ansicht Schimon Peres' geht die bestehende Verquickung von Sprache und Politik in
Israel voraus. Das zionistische Geschichtsmodell konstruiert eine «hebräische» Identität, in
der der jüdische Israelis anno 2010 in kulturell-biologischer Nachfolgerschaft des Hebräers
aus der Zeit vor 2.500 Jahren steht. Die Sprache nimmt in diesem Modell einen genauso
wichtigen Platz ein wie die Archäologie, mittels der immer wieder der Besitzanspruch auf
Land und Boden in Israel und den besetzten Gebieten unterstrichen werden soll. Mit der
Haltung, wonach das heutige Hebräisch in direkter Nachfolge der biblischen Zeit gesehen
werden soll, verweigern sich Politiker wie Peres und Netanjahu jedoch einer interessanten und
keineswegs negativ zu beurteilenden Realität. Gerade für die Sprachwissenschaft ist das
moderne Hebräische ein musterhaftes Beispiel für diverse Komponenten, die eine Sprache
beeinflussen: die Dynamik zwischen Sprache und Kultur im Allgemeinen, der Einfluss der
Sprache auf das kollektive Selbstbild einer Gemeinschaft im Besonderen.

Die «Reinheit des Hebräischen» wird durch verschiedene Faktoren konterkariert,


beispielsweise durch Einwanderer verschiedener Nationen, die ihre eigenen Sprachen mit dem
Hebräischen vermengen. Diese Einflüsse versucht die Akademie für Hebräische Sprache in
Jerusalem zu reglementieren. Die 1953 gegründete Institution hat die Aufgabe, in
Fachsprachen und verschiedenen Milieus entstandene Wörter zu «hebräisieren», das heißt
biblische Wurzeln für ein modernes Wort zu suchen und zu etablieren. Nicht immer ist die
Akademie mit ihren Vorschlägen erfolgreich. So benutzt man etwa im modernen Hebräisch
für das @-Zeichen den jiddischstämmigen und volkstümlichen Ausdruck «Schtrudel», weil
das Zeichen einem aufgerollten Strudelteig ähnlich sieht. Die Akademie versuchte Ende der
1990er Jahre vergeblich, das Wort «kruchit» - ein aus dem Althebräischen abgeleitetes Wort
für das Gebäck «Strudel» - in der Bevölkerung durchzusetzen. Doch während man sich
einerseits um die Hebräisierung neuer Begriffe streitet, schwelt ein wissenschaftlicher
Konflikt mit anderer politischer Tragweite über die Herkunft des modernen Hebräisch. Die in
Deutschland, Israel und den USA lange Zeit vertretene Lehr- und Mehrheitsmeinung war:
Modernes Hebräisch ist eine ausschließlich semitische Sprache, entstanden in direkter
Tradition des biblischen (10. bis 3. Jahrhundert v.u.Z.) und mischnaischen (1. bis 4.
Jahrhundert u.Z.) Hebräisch.
Verquickung von Wissenschaft und Politik

Diese Annahme ist im Kontext der bereits beschriebenen Verquickung von Sprache und
Politik zu sehen. Die Idee eines souveränen Nationalstaates mit jüdischen Bewohnern hatte
und hat in Israel Einfluss auf alle Lebensbereiche, so soll auch das moderne Hebräische sich
aller Erinnerungen an die vergangene Diaspora entledigen. Begriffe, die mit der Zerstreuung
der Gemeinden in Verbindung gebracht werden könnten und somit im Gegensatz zur neuen
Staatlichkeit stehen, sollen durch hebräische und damit semitische Begriffe ersetzt werden.
Diese gerade vom Verfasser des ersten hebräischen Wörterbuches, Eliezer Ben-Yehuda
vertretene Ansicht, der viele Sprachwissenschaftler des 20. Jahrhunderts folgten, ist Inhalt
einer durchaus zionistisch geprägten Linguistik, die aktuellen wissenschaftlichen
Gepflogenheiten und Forschungsstandards widerspricht.

Zwei israelische Sprachforscher, Gilad Zuckermann und Paul Wexler, haben in der jüngeren
Vergangenheit vom zionistisch-linguistischen Mainstream abweichende Theorien aufgestellt
und sich gleichfalls von jeglicher politischer Motivation ihrer Forschungen distanziert.
Professor Gilad Zuckermann, derzeit an der australischen Universität Brisbane tätig, fordert,
dass die Sprachwissenschaft längst überholte Stammbaumtheorie nicht mehr auf das
Hebräische angewendet werden solle. Denn die im 19. Jahrhundert entwickelte Theorie wird
weiterhin als gängiges Erklärungsmuster für das moderne Hebräisch - auch noch in deutschen
Hörsälen - verwendet. Die von August Schleicher (1821-1868) naturwissenschaftlich
angelegte Stammbaumtheorie geht davon aus, dass Sprachen immer nur eine Herkunft haben:
Englisch ist eine germanische Sprache, Französisch eine romanische Sprache und Hebräische
eine semitische Sprache. Die Theorie steht damit in der Tradition der europäischen
Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts.

Gilad Zuckermann:
"Sprachwissenschaft in
Israel muss sich von
veralteter
Stammbaumtheorie
lösen". Foto: privat
Für Zuckermann, der momentan die Aborigines bei der Erhaltung ihrer indigenen Sprachen
unterstützt, steht jedoch fest, dass das moderne Hebräisch durch seine Wiederbelebung im
Zuge der jüdischen Aufklärung und Nationalbewegung (dem Zionismus) im 19. und Anfang
des 20. Jahrhunderts, andere Einflüsse erfahren hat, als Sprachen, die eine durchgängige,
zeitlich nicht unterbrochene Sprechergemeinschaft haben. Denn historisch betrachtet, wurde
das Hebräische nur bis ins zweite Jahrhundert u.Z. gesprochen. Für fast 1.800 Jahre sei
Hebräisch ausschließlich für rituell-liturgische Zwecke und in schriftlicher Form genutzt
worden, sie war niemandes Muttersprache mehr, so Zuckermann.

Zuckermann weist darauf hin, dass gerade die Wiederbelebung des Hebräischen als
gesprochene Sprache durch Jiddisch-Muttersprachler einen besonders starken Einfluss auf das
Moderne Hebräisch gehabt habe. Auch der 1858 im weißrussischen Luzhki geborene Ben-
Yehuda hatte Jiddisch zur Muttersprache. Trotz der jahrzehntelangen Bemühungen, das
moderne Hebräisch in Grammatik und Betonung so «semitisch» wie möglich zu gestalten,
konnte er den Einzug indoeuropäischer Spracheinflüsse nicht verhindern. Folglich sind noch
heute jiddische, deutsche oder polnische Begriffe feste Bestandteile des Iwrit in Israel: vom
jiddischen «Boidem» (Dachboden), über das deutsche «Kugellager» bis hin zum polnischen
«kombina» (Klüngel, Korruption). Zuckermanns Fazit lautet deshalb: das «Israelische» - so
bezeichnet er das Moderne Hebräisch Israels - basiert auf biblisch-mischnaischem Hebräisch
und dem Jiddischen, es ist somit eine «semitischeuropäische» Sprache.

Relexifikation des Jiddischen

Paul Wexler, Linguist an der Universität Tel Aviv, wagt sich mit seinen Thesen noch weiter
vor als Zuckermann. Für ihn beginnt alles mit der Entstehung des Jiddischen durch eine
Relexifikation. Dieser Vorgang besagt, dass eine Sprache die Vokabeln einer anderen Sprache
fast gänzlich ersetzt, ohne dabei jedoch ihre Grammatik zu verändern. Für Wexler besteht das
ab dem Mittelalter in Osteuropa gesprochene Jiddisch aus deutschen Begriffen mit sorbischer
- und somit slawischer - Aussprache und Grammatik. Denn laut Wexler hatten
deutschsprachige Juden mit der seit dem 9. Jahrhundert im heutigen Brandenburg ansässigen,
sorbischen Gemeinschaft und ihrer Sprache Kontakt. Folglich ist das Jiddische - für ihn der
alleinige Ursprung des Hebräischen - keine indogermanische, sondern eine slawische
Sprache.

Während die traditionelle, zionistisch motivierte Sprachwissenschaft nur das biblisch-


mischnaische Hebräisch als Ursprung für das Neuhebräisch ausmacht und Paul Wexler nur
das Jiddische, verleiht Zuckermann beiden Sprachen gleichwertigen Ursprung. Das
Zusammenführen beider Herkunftstheorien bezeichnet Zuckermann im Interview mit der
«Jüdischen Zeitung» als «typisch jüdisch». Es würde im Judentum nicht darum gehen, kein
Schweinefleisch zu essen, sondern zu überlegen, welches Fazit aus diversen Theorien
gezogen werden kann, sagt der Sprachforscher.
Die Herkunftsproblematik verdeutlicht, dass eine zionistisch geprägte Linguistik zu anderen
Schlüssen kommt, als in dem Fall, in dem sich Wissenschaftler von politischer Motivation
lossagen. Ob Zuckermanns Thesen in Israel sobald Verbreitung finden werden, ist allerdings
fraglich. Der wissenschaftliche Diskurs in dem Land ist besonders politisch aufgeladen.
Zuckermanns und Wexlers Theorien werden als Kritik am zionistischen Modell der
Geschichte und Nation aufgefasst. In anonymen Internetblogs und der US-Zeitung «The
Jewish Daily Forward» wurden sie bereits als «Post-» oder «Antizionisten» bezeichnet und
damit ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft in Israel in Frage gestellt. Sollte sich die
Politik auch weiterhin aktuellen sprachwissenschaftlichen Erkenntnissen verweigern, bleibt an
ihre Adresse eigentlich nur ein: «Jalla bye».

Julia Wolbergs

«Jüdische Zeitung», April 2010