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Rufus und sein Schnabeltier - Teil 3


Eine Geschichte von Michael Engler mit Illustrationen von Dirk Hennig,
erschienen im Thienemann Verlag.
Hier kommt der dritte und letzte Teil der Geschichte.
Kapitel 11: Tricks der Tasmanischen Teufel
Jetzt, da Sydneys Anwesenheit im ganzen Haus bekannt war, musste er sich

nicht länger verstecken. Schon am nächsten Nachmittag lagen die beiden

ganz entspannt auf dem Wohnzimmerteppich und schauten eine Reportage

über Australien im Fernsehen. Na ja, Rufus war entspannt, Sydney jedoch

erschrak jedes Mal, wenn Rufus’ Mutter vorbeikam, und schrumpfte dabei ein

wenig zusammen.

„Warum bist du so hibbelig? Ich kann mich nicht aufs Fernsehen

konzentrieren."

„Weil ich Angst habe, dass mich diese Verrückte gleich wieder in die

Wirbelkiste steckt."

„Waschmaschine heißt das.“

Da stand plötzlich Rufus’ Mutter vor ihnen. Mit einem raschen Blick stellte

Rufus erleichtert fest, dass Sydney sich gerade besonders glaubhaft tot

stellte.

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„Ich fahre mit Janine den Wochenendeinkauf erledigen. Willst du mit?", sagte

sie.

Rufus schüttelte den Kopf. Kaum dass sie gegangen war, stöhnte Sydney auf:

„Ich muss hier weg.“

„Wie denn? Zu Fuß?“

„Das können Sie mit Ihren langen Beinen gut vorschlagen, aber haben Sie je

die Stummel an meinem anderen Ende gesehen?"

Rufus sah auf die wirklich sehr kurzen Beinchen von Sydney und

entschuldigte sich für seinen Vorschlag. „Wir heuern auf einem Frachtschiff

an!“, rief er dann begeistert.

„Als was?“

„Küchenjunge und … und … und … könntest du vielleicht so eine Art Wachhund

sein?"

Sydney wandte sich ab. Eine so dumme Frage war offenbar keiner Antwort

würdig.

„Oder Lotse, du könntest Lotse sein. Du kennst dich doch in den Gewässern

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vor Australien besonders gut aus."

„Wenn ich mir diese windigen Matrosen so ansehe, fürchte ich, dass ich bei

denen eher im Kochtopf lande", sagte Sydney.

„Kann man Schnabeltier denn essen?“, fragte Rufus interessiert.

„Die Diskussion ist beendet“, erwiderte Sydney scharf.

„Dann bleiben wir eben hier.“ Rufus seufzte.

„Niemals! Mein Wahlspruch ist: Freiheit oder …“

„Oder was?“, wollte Rufus wissen.

„Freiheit“, sagte Sydney knapp, schaute Rufus dabei aber schon gar nicht

mehr an. Denn auf dem Fernsehschirm stiegen gerade Menschen aus einem

Flugzeug. Sydney zeigte aufgeregt auf die Bilder.

„Was ist das?“

„Ein Flugzeug“, sagte Rufus.

„Und damit kann man nach Australien fahren?“

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„Fliegen.“

„Was auch immer. Kann man?“

„Man kann.“

„Und warum fliegen wir dann nicht mit einem Flugzeug, genialer Freund?"

„Weil …“ Mehr fiel Rufus dazu nicht ein. Er hatte nämlich überhaupt niemals

daran gedacht, mit einem Flugzeug nach Australien zu gelangen.

Sydney tappte mürrisch mit einem Fuß auf den Parkettboden. „Warum fällt

Ihnen das erst jetzt ein?“, schimpfte er.

„Doch, jetzt hab ich’s!“, platzte es aus Rufus heraus. „Dafür muss man

nämlich ein Ticket haben.“

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„Verstehe“, sagte Sydney. Doch offensichtlich verstand er überhaupt nichts

und sah Rufus weiterhin abwartend an.

„So ein Ticket kostet mindestens ein paar Hundert Euro. Und so viel Geld

habe ich nicht. Nur auf meinem Sparbuch, aber da komme ich nicht dran",

erklärte Rufus.

„Wo ist das denn, das Sparbuch?“, fragte Sydney.

„Im Schrank, da wo auch die Fotoalben …“, weiter kam Rufus nicht. In seinem

Kopf prasselten gerade so viel Gedanken herum, als würde dort ein

Silvesterfeuerwerk stattfinden.

Er riss Sydney hoch, der vor Schreck kreidebleich wurde, und lief mit ihm zum

Wohnzimmerschrank. Dort zog er ein Fotoalbum heraus. Er blätterte darin

und fand endlich, was er suchte. Stolz zeigte er auf ein Flugticket. Das war

vom letzten Jahr, als die ganze Familie nach Mallorca geflogen war.

Sydney starrte verwirrt in das Album. „Wieso sollen wir jetzt nach Mallorca

fliegen?", fragte er.

„Da steht zwar Mallorca", sagte Rufus nun schon etwas ruhiger, „aber wenn

ich das wegmache und stattdessen Australien hinschreibe, merkt das

vielleicht keiner.“

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Sydney rief begeistert: „Welch famose Idee! Sie sind wahrlich genial." Rufus

konnte Sydneys Schnabel gerade noch rechtzeitig ausweichen, bevor dieser

ihm einen dicken, feuchten Kuss geben konnte.

Im Arbeitszimmer von Rufus’ Vater fanden sie ein Fläschchen Tipp-Ex. Das

strich Rufus über das Wort MALLORCA. Er wartete, bis das Tipp-Ex trocken

war, nahm einen schwarzen Stift und schrieb mit seiner schönsten Schrift

AUSTRALIN darauf.

„Perfekt“, lobte Sydney.

„Oh nein, ich habe ein E vergessen!“ Rufus stöhnte. Also übermalte er das

Wort AUSTRALIN wieder mit Tipp-Ex und gab sich danach ganz besonders

viel Mühe mit dem Wort AUSTRALIEN.

Das Ticket war am Ende zwar ziemlich verschmiert, aber Rufus meinte, dass

das bei dem Gedränge am Flughafen gar nicht großartig auffallen würde.

Sydney sah sich das Ticket sehr genau an. „Ich finde es brillant gefälscht,

idiotensicher sozusagen. Und wenn ich die Fälschung schon nicht erkenne,

wer dann?"

Anschließend drängte er zum sofortigen Aufbruch. „Bevor die Verrückte

wiederkommt und mich wirbelt oder in den Müll wirft."

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Rufus packte den Rucksack. Mittlerweile war er ein absoluter Rucksackpack-

Experte, sodass er dafür nicht länger als ein paar Minuten brauchte.

„Und Erdnussbutter?“, fragte Sydney mit einem leichten Zittern in der Stimme.

„An Bord gibt es was zu essen“, erwiderte Rufus knapp.

„Auch Erdnussbutter?“

Rufus stöhnte laut auf, ging in die Küche und nahm ein Glas Erdnussbutter

aus dem Schrank. Dabei sah er zufällig durchs Fenster, wie seine Mutter vor

dem Haus aus dem Auto stieg, Janine stand bereits auf dem Bürgersteig.

Wieso waren die beiden schon wieder da? Sie wollten doch den

Wochenendeinkauf machen, das dauerte immer ewig.

„Wir sind entdeckt!", entfuhr es Sydney. „Gibt es einen Fluchtweg?“

In Rufus’ Kopf brach plötzlich eine Panik aus, wie er sie noch nie erlebt hatte.

So kurz vorm Ziel durften sie nicht scheitern. Aber er konnte keinen klaren

Gedanken fassen.

„Überlassen Sie das mir“, beruhigte ihn Sydney. „Stellen Sie sich hinter die

Tür.“

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Rufus stellte sich also mit dem Rucksack auf dem Rücken und Sydney im

Arm an die Wand hinter der Küchentür. Da klimperten auch schon Schlüssel

im Schloss der Eingangstür.

„Rufus! Wir sind’s!", rief seine Mutter im Flur. „Ich habe mein Portemonnaie

vergessen und hole es eben.“

Rufus hielt den Atem an. Wo lag das Portemonnaie? Hoffentlich nicht in der

Küche.

„Ah, hier ist es“, hörte er seine Mutter im Wohnzimmer. Sollten sie tatsächlich

so viel Glück haben?

Aber jetzt sagte Janine: „Ich trinke schnell noch einen Schluck Wasser." Im

selben Augenblick wurde die Tür aufgeworfen und prallte gegen Sydneys

Kopf. Das gab einen dumpfen Laut.

Janine drehte sich um. Sie entdeckte Rufus und Sydney. Sie öffnete den

Mund, um etwas zu sagen. Dann sah Sydney sie mit diesem Blick an. Ein

Blick, von dem er später behauptete, ihn von Tasmanischen Teufeln gelernt

zu haben, die damit ihre Beute bewegungsunfähig machen. Er wirkte dabei in

etwa so wie ein wütender Hund, dem ein Kaninchen vor seinem Zwinger die

Zunge rausstreckt. Nur viel böser.

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Janine schluckte. Janine schwankte. Janine schwieg.

„Kind, wo bleibst du? Wir müssen wirklich los“, drängelte Mama im Flur.

Sydney nickte mit dem Kopf in Richtung Tür. Janine verstand und ging

wortlos. Die Eingangstür fiel ins Schloss, kurze Zeit später sprang draußen

der Wagen an. Rufus atmete aus. Er hatte das Gefühl, seit zehn Minuten keine

Luft bekommen zu haben.

Doch Sydney drängte zum Aufbruch. „Wer weiß, wann die wiederkommen."

Rasch verließen die beiden das Haus. Geduckt huschten sie durchs Viertel,

damit die Nachbarn sie nicht sahen.

„Und wohin nun?“, fragte Sydney.

„Verlass dich auf mich. Den Weg kenne ich genau", versprach Rufus. „So habe

ich meinen Papa damals zum Flughafen gebracht.“

Und so stiegen an diesem frühen Herbsttag ein Junge und sein Schnabeltier

in die Straßenbahnlinie 12, Richtung Hauptbahnhof, um sich auf die Reise um

die halbe Welt zu machen.

Kapitel 12: Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen

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Die Straßenbahn hielt vor dem Hauptbahnhof. Glücklicherweise wusste Rufus

sehr genau, in welche Richtung er über den großen Vorplatz gehen musste,

um in die richtige S-Bahn umzusteigen. Sydney trug er auf dem Arm, sodass

der über seine Schulter gucken konnte.

„Schauen Sie mal, da hinten stehen ja Herr Krause und Herr Walters", sagte

Sydney und ruderte mit seinen Armen in der Luft.

Rufus sah sich um. „Hör auf zu winken!“, fuhr er Sydney an.

„Aber wieso? Die haben Ihnen doch so schönen Kakao gemacht, die beiden."

„Das sind nicht Herr Krause und Herr Walters, das sind zwei Polizisten."

Doch es war zu spät. Die beiden Polizisten hatten Rufus und Sydney schon

entdeckt und kamen geradewegs auf sie zu. Rufus tat, als würde er sie gar

nicht bemerken, senkte seinen Kopf und ging rasch zur Eingangstür des

Bahnhofs. Nur noch ein paar Schritte, dann würden sie im Gedränge des

Bahnhofs verschwinden. Fünf Schritte, vier Schritte, ein Mann drängte an

ihnen vorbei, drei Schritte, Rufus’ Hand war schon in der Luft, bereit, die Tür

aufzustoßen, ein Schritt.

„Bitte mal stehen bleiben!“, rief einer der Polizisten hinter Rufus.

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Rufus’ Herz sackte in die Hose. Man hatte sie erwischt. Enttarnt. Sie waren

erledigt. Natürlich würden die Polizisten sie nach Hause bringen, er müsste

seiner Mutter alles erklären und mit Australien wäre es danach ein für alle Mal

Pustekuchen.

„Rennen Sie!“, forderte Sydney.

„Die sind doch sowieso schneller“, seufzte Rufus und blieb stehen, bereit, sich

in sein Schicksal zu ergeben.

„Dann renne ich eben allein", sagte Sydney. „Ich bin doch nicht verrückt und

lasse mich festnehmen!“ Mit dem Ruf „Australien, ich komme!“ sprang er von

Rufus’ Arm und landete hart auf dem Asphalt.

Er schrie kurz auf. Verstummte aber sofort, als ein schwarzer Polizeistiefel

haarscharf an seinen Ohren vorbei auf den Boden knallte. Sydney spielte

perfekt Totstellen. Trotz all der Aufregung war Rufus in diesem Augenblick

sehr stolz auf ihn. Der Polizist bückte sich, nahm Sydney auf und staubte ihn

ab. Rufus wollte schon alles zugeben, aber sein Mund war vor lauter Panik so

trocken, dass er kein Wort hervorbrachte.

„Den hast du verloren, kleiner Mann“, sagte der Polizist und reichte Rufus den

vollkommen erschlafften Sydney. Rufus nickte dankbar.

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„Und jetzt schnell zu deiner Mama“, riet der Polizist. Dann ging er zu seinem

Kollegen und die beiden fragten den Mann, der vor Rufus durch die

Eingangstür gegangen war, nach seinen Papieren.

„Die haben gar nicht uns gemeint“, stellte Rufus erleichtert fest.

„Mir war das von Anfang an klar, aber Sie haben ja nicht auf mich gehört",

sagte Sydney.

„Du hast doch überhaupt nichts gesagt“, wunderte sich Rufus.

„Genau davon rede ich: Mir hört einfach niemand zu!" Sydney stöhnte.

Rufus suchte nach den Schildern für die S-Bahn, Richtung Flughafen.

Bahnsteig 14! Er rannte mit Sydney im Arm die Treppe hoch und stieg in die

dort wartende S-Bahn ein. Nicht, ohne sich noch mal zu vergewissern, dass

vorne an der Lok tatsächlich das Flugzeug-Symbol abgebildet war. Zwanzig

Minuten später standen die beiden in der riesigen Flughafenhalle.

„Und wo ist jetzt das Ding nach Australien?“, fragte Sydney.

„So einfach ist das nicht", meinte Rufus, der sich noch genau daran erinnerte,

wie sein Vater hier vor ein paar Monaten eingecheckt hatte. Aber er wusste

nicht mehr genau, wo das war. „Wir müssen erst mal den Rucksack bei der

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Gepäckannahme abgeben –“

„Moment! Mit der Erdnussbutter?“

„Natürlich.“

„Kommt gar nicht infrage. Was dann?“

„Dann bekommen wir eine Bordkarte und müssen anschließend durch die

Sicherheitskontrolle."

„Worauf warten wir dann noch?“

„Ich habe keine Ahnung, wo wir unser Gepäck abgeben müssen."

„Wir geben unser Gepäck nicht ab, das sagte ich doch bereits."

„Wir brauchen aber unbedingt Bordkarten. Und die bekommt man da, wo man

das Gepäck abgibt."

„Und wo ist das?“

Rufus sah an der endlos scheinenden Reihe von Schaltern entlang. Es gab

bestimmt Hunderte davon. Welches aber war der richtige? Er fürchtete, dass

sie auffliegen würden, wenn er zu viele Fragen stellte. Er wollte einfach nur

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zum Schalter gehen, sein Ticket abgeben, dabei der Frau am Schalter auch

nicht zu lange in die Augen sehen, und schnell ins Flugzeug steigen.

„Das sieht aus wie einer der blöden Koalas", sagte Sydney und zeigte auf das

Logo einer Fluggesellschaft. „Es wäre aber richtiger, ein Schnabeltier

abzubilden. Immerhin fliegen wir besser als Koalas“, grummelte er.

„Schnabeltiere können fliegen?“, fragte Rufus überrascht.

„Besser als Koalas“, behauptete Sydney beherzt.

Rufus fand auch, dass das Symbol einem Koala recht ähnlich war. Vielleicht

war das der richtige Schalter. Nur leider war ausgerechnet dieser Schalter

zurzeit nicht besetzt.

„Da ist ein Knopf“, sagte Sydney.

Rufus sah sich um. Richtig, da war ein Knopf hinter Glas in einem roten

Kasten. „Drücken Sie drauf, dann wird schon jemand kommen."

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„Das ist eine Alarmanlage, die darf man nur im Notfall benutzen", erklärte

Rufus. Sein Papa hatte ihm nämlich gesagt, dass man diesen Knopf nur bei

Feuer drücken dürfe.

„Wir müssen dringend nach Australien. Das ist ein Notfall!", meinte Sydney.

„Ist es nicht.“

„Doch.“

„Nein.“

Dann sagte Sydney lange Zeit gar nichts mehr.

Rufus war beunruhigt, denn Sydney wurde langsam rot im Gesicht. „Was ist

los?“, fragte er.

„Ich halte die Luft an. Dann werde ich ohnmächtig und Sie haben Ihren

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Notfall.«

„Ich werde auch dann nicht auf diesen Knopf drücken", sagte Rufus sehr

bestimmt.

Sydney holte tief Luft. „Bitte sehr, wie Sie wünschen. Wir können uns ja so

lange die Beine vertreten, bis jemand kommt", schlug er vor. „Vielleicht ein

paar dieser Flugdinger da draußen genauer anschauen.“

Also gingen die beiden los. Doch zunächst sahen sie sich die Läden in der

Einkaufspassage an, Rufus blätterte in einigen Comicheften, bis Sydney ihn

darauf hinwies, dass sie ihr weniges Geld bestimmt für Essen und Getränke

brauchen würden. Schuldbewusst stellte Rufus die Hefte ins Regal zurück.

„Auf zu den Flugzeugen!“, forderte Sydney nun.

„Ich weiß nicht, wie man dahin kommt.“

„Gehen wir doch einfach den Leuten nach. Die haben Taschen dabei, also

werden sie zu ihren Flugzeugen gehen."

Rufus fand das einleuchtend. So folgte er einer Familie, bestehend aus Vater,

Mutter und zwei Kindern. Der Junge war etwas älter und größer als Rufus und

stellte sich als Jonas vor.

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„Wo fliegt ihr hin?“, fragte Rufus.

„Zurück nach Hamburg, wir haben meine Oma besucht", antwortete Jonas.

„Cooles Schnabeltier“, sagte er und zeigte auf Sydney. Der strahlte auf der

Stelle, als habe er den Nobelpreis gewonnen.

„Wir gucken uns nur ein paar Flugzeuge an“, sagte Rufus, der sich nicht sicher

war, ob er die Sache mit Australien rausposaunen sollte.

Die Schlange, die sich vor ihnen am Bordkartenschalter gebildet hatte, stockte

etwas, aber die Jungen wurden von einer Gruppe hinter ihnen nach vorne

geschoben. Die drängelnden Männer trugen Strohhüte und sangen ständig:

„Olé, Olé, Oléoléoléolé.“

„Hast du den aus Australien?“, fragte Jonas und machte einen großen Schritt

nach vorne, weil er schon wieder geschubst wurde.

„Ne, der kommt aus dem Zoo", sagte Rufus. „Er ist da abgehauen, würde aber

gerne wieder nach Australien zurück.“

Während er redete, wurde auch er von hinten so heftig geschubst, dass er

einen Ausfallschritt machen musste, um nicht hinzufallen. Damit waren sie

am Schalter vorbei.

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„Hallo, wo wollt ihr hin?“, fragte ein Uniformierter am Schalter.

Jonas’ Vater stand direkt hinter Rufus. Er versuchte, sich gegen die

schiebende und singende Männergruppe auf den Beinen zu halten und

beruhigte den Mann: „Das ist mein Sohn, hier ist sein Ticket!“

„Und der andere?“, fragte der Uniformierte.

Doch da standen Rufus und Jonas schon tief im Gespräch versunken auf der

Rolltreppe zur Sicherheitskontrolle. Jonas war nämlich letztes Jahr in

Australien gewesen und konnte natürlich eine Menge interessanter Dinge

erzählen. Und dem Uniformierten wurden gerade so viele Tickets vor die Nase

gehalten, dass er die beiden Jungen schnell vergaß.

Kapitel 13: Auf ins Flugzeug!


„So, dann leert mal schön eure Taschen aus“, sagte der Mann an der

Sicherheitskontrolle und legte eine schwarze Kunststoffschale aufs Rollband.

Dann sah er kurz hoch und fragte: „Wo sind eure Eltern?“

Jonas zeigte gelangweilt nach hinten. Offensichtlich war er es gewohnt, ohne

seine Eltern vorauszugehen. Rufus schüttete währenddessen den Inhalt

seiner Hosentasche in die Schale. Ein paar Münzen, sein Hausschlüssel, eine

Schraube, ein Taschentuch und zwei Kieselsteine.

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„Den Rucksack auch“, sagte der Mann.

Rufus nahm seinen Rucksack ab und legte ihn aufs Band. Wozu das alles gut

sein sollte, war ihm im Moment nicht so ganz klar, schließlich wollten sie sich

nur ein paar Flugzeuge anschauen. Fliegen konnten sie ja nicht, weil er sein

Ticket nicht am Schalter vorzeigen konnte. Vielleicht sollte er den Mann mal

fragen, wem er sein Ticket zeigen könnte, um eine Bordkarte zu bekommen.

Doch kaum dass er den Mund öffnete, drängelte der Mann: „Und das Ding da

in deinem Arm auch."

„Ding?", fuhr Sydney auf. „Hat der Kerl tatsächlich Ding gesagt?!“

Rufus, der möglichst wenig Aufsehen erregen wollte, drückte Sydneys Kopf

kräftig nach unten. Aber er hatte nicht mit Sydneys Wut gerechnet. Der

schimpfte weiter, zeterte, fluchte und biss dabei aus Versehen in Rufus’ Arm.

Dem schossen vor Schmerz Tränen in die Augen.

„Also schön", seufzte der Mann, der Rufus’ Tränen falsch deutete. „Wenn es

dir so schwerfällt, dich von deiner Spielzeugente zu trennen, darfst du sie

mitnehmen in den Scanner.“

„Spielzeugente! Das wird ja immer schöner“, grummelte Sydney tief in Rufus’

Armen verborgen. Außer Rufus hatte das zum Glück niemand gehört, sonst

wären sie bestimmt nicht so problemlos durch den Scanner gekommen.

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Rufus sammelte seine Sachen und den Rucksack wieder ein. Dann hieß es

auch schon Abschied nehmen von Jonas.

„Wir müssen jetzt in den Bereich B“, sagte er.

„Wo sind denn hier die Flugzeuge?“, fragte Rufus.

„Da drüben, am Fenster, kannst du welche sehen", antwortete Jonas. Dann

sah er auf den Monitor mit den aktuellen Flügen. „Aber wenn du da rechts

runtergehst, bis Gate C, dann siehst du sogar ein Flugzeug, das gleich nach

Sydney fliegt.“

Sydneys Herz pochte aufgeregt in Rufus’ Armbeuge. Rechts und links von

ihnen hasteten Menschen mit Rollkoffern vorbei. Rufus achtete nicht auf sie.

Er sah nur zur Decke. Zu den grünen Schildern, auf denen das gelbe C

leuchtete. Tiefer und tiefer ging er in den Flughafen, dann wurde es hell.

Rufus und Sydney standen in einer riesigen Halle, voller Menschen. Drei

Wände bestanden vom Boden bis zur Decke aus Fenstern. Und da draußen

parkte tatsächlich ein Flugzeug, an dessen Seite ein Koala abgebildet war.

„Das Flugzeug fliegt nach Australien!“, rief Rufus.

Sydney hob seinen Kopf aus der Armbeuge. „Wir sind fast am Ziel!" Er

seufzte. „Nur wenige Schritte trennen mich von der Heimat! Schon bald

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werden meine edlen Flossen wieder die unvergleichliche australische Erde

betreten, meine Gedichte werden über den Kontinent hallen und ich werde

sämtliche Flüsse und Seen durchschwimmen.“

„Das ist aber ein äußerst süßes Schnabeltier!“, sagte eine ältere Dame mit

silbernem Haar zu Rufus.

„Nicht wahr?“, quakte Sydney zufrieden.

„Er heißt Sydney“, erklärte Rufus.

„Und ich heiße Frau Brettschneider. Und weißt du was? Ich fliege auch gleich

nach Sydney."

„Mit dem Flugzeug?“, fragte Rufus und zeigte auf die Maschine draußen vor

dem Fenster.

Frau Brettschneider nickte. „Mein Mann und ich besuchen unsere Tochter. Die

ist nämlich vor vielen Jahren nach Australien ausgewandert."

„Ich heiße übrigens Rufus und mein Papa arbeitet in Australien. Er ist

Ingenieur", sagte Rufus. „Aber wo ist denn Ihr Mann?“

„Hier bin ich", sagte eine Stimme hinter Rufus. Dort stand ein älterer Herr mit

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einem sehr bunten Hemd an den Papierkörben. „Ich musste nur schnell

unsere Kaffeebecher wegbringen. Das Boarding beginnt gleich und dann geht

die Reise los.“

„Der Vater dieses Jungen arbeitet als Ingenieur in Australien", sagte Frau

Brettschneider.

„Was für ein Zufall! Ich bin auch Ingenieur. Na ja, ich war Ingenieur, jetzt bin

ich Rentner. Aber das klingt ja alles sehr interessant. Was macht dein Vater

denn da unten?"

„Da wird ein großes Werk gebaut und mein Papa passt auf, dass alles richtig

gebaut wird und nachher ordentlich funktioniert. Er ist schon seit ein paar

Monaten in Australien."

„Och, da vermisst du ihn sicher ganz doll“, sagte Frau Brettschneider.

Rufus nickte.

„Und deine Mama?“, fragte Herr Brettschneider.

„Die ist zu Hause“, antwortete Rufus.

Herr und Frau Brettschneider sahen sich einen Augenblick an. Rufus kam es

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vor, als hätten sie plötzlich riesige Augen bekommen. Aber das konnte auch

eine Täuschung sein.

„Du bist ein sehr mutiger Junge, dich so ganz allein auf die Reise zu machen",

sagte Herr Brettschneider. Und Frau Brettschneider strich tröstend durch

Rufus’ Haare.

„Aber ich bin doch nicht allein. Sydney ist immer bei mir. Und mit einem

Freund wie Sydney ist man nie allein."

Da lächelten Herr und Frau Brettschneider ihn an. Über den Lautsprecher

wurden die Passagiere gebeten, sich zum Ausgang zu begeben. Das Boarding

würde in wenigen Augenblicken beginnen.

Herr Brettschneider kramte in seiner Jackentasche und zog zwei Flugtickets

heraus. „So eins habe ich auch“, sagte Rufus und zeigte sein Ticket.

„Das ist aber hübsch geworden“, lobte Frau Brettschneider.

„Wahrscheinlich kümmert sich gleich eine Stewardess um ihn", raunte Herr

Brettschneider seiner Frau zu. Aber Rufus hatte ihn durchaus verstanden und

er hätte auch gerne gewusst, um wen sich gleich eine Stewardess kümmern

würde, doch da flüsterte ihm Sydney ins Ohr: „Das ist unsere Maschine.“

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„Aber ich muss doch erst das Ticket vorzeigen!“, sagte Rufus.

„Wenn du willst, kann ich das gerne für dich übernehmen", sagte Herr

Brettschneider und nahm Rufus das Ticket ab. „Es ist wirklich sehr gut

geworden“, staunte er.

„Hast du noch irgendwelches Gepäck?“, fragte Frau Brettschneider.

Rufus schüttelte den Kopf und zeigte auf seinen Rucksack.

„Weißt du, was Fotovoltaik ist?“, fragte Herr Brettschneider und nahm Rufus

an der Hand.

Natürlich wusste Rufus, was das ist. Schließlich arbeitete sein Vater bei einer

Firma, die Fotovoltaik-Anlagen herstellte. „Das ist wenn man aus Sonnenlicht

Energie macht“, sagte er.

„Genau solche Anlagen habe ich früher, als ich noch gearbeitet habe, überall

auf der Welt installiert", erzählte Herr Brettschneider, während er die Tickets

der Stewardess am Schalter vorlegte.

Die scannte zwei Tickets und als sie Rufus’ selbst gemachtes Ticket sah,

lachte sie kurz auf und gab es Herrn Brettschneider zurück, der es nach unten

zu Rufus weiterreichte.

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In diesem Moment sagte Sydney ein Wort. Nur eines: „Mäuse.“

Rufus glaubte, ihn nicht richtig verstanden zu haben und fragte nach:

„Mäuse?“

„Was sagst du da? Mäuse?“, fragte Frau Brettschneider.

„Nicht ich!", antwortete Rufus, „Sydney hat Mäuse gesehen.“

Schneller als ein Grippevirus machte das Wort die Runde. „Mäuse? Wo?“,

wurde hinter ihnen gefragt.

Eine Frau hatte offensichtlich auch welche entdeckt, denn sie kreischte ganz

fürchterlich. Die Frau am Schalter stieg auf ihren Stuhl und bat die Menschen,

sich doch endlich zu beruhigen. „Es gibt hier keine Mäuse, wirklich nicht!", rief

sie.

Das schien jemand misszuverstehen.

„Unverschämtheit! Wieso gibt es hier kleine Mäuse?“

„Wo sind kleine Mäuse?“, rief jemand von der anderen Seite der Halle.

„Hier!“

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Nur Herr Brettschneider schien von all dem nichts mitbekommen zu haben. In

dem Durcheinander, das plötzlich hinter ihnen losbrach, nahm er Rufus’ Hand

und fuhr fort: „In Australien, in Afrika, in Spanien und Griechenland, sogar in

Schweden haben wir solche Anlagen gebaut."

So gingen sie den langen Gang zum Flugzeug hinunter. Rufus hoffte, dass

sein Papa nicht auch noch in all diese Länder musste. Dann wäre er doch ein

bisschen sehr viel unterwegs.

Kaum hatte er das zu Ende gedacht, da standen sie auch schon im Flugzeug.

„Wo ist denn dein Platz, mein Junge?“, fragte Herr Brettschneider.

„Am Fenster! Man will doch etwas sehen", verlangte Sydney. Aber Rufus

zuckte nur mit den Schultern. Er war sich gar nicht sicher, ob er sich hier

überhaupt hinsetzen dürfte. „Aber die Frau am Schalter hat doch unsere

Tickets geprüft“, raunte Sydney. Das stimmte. Und sie hatte sie

durchgelassen. Dann hatte vielleicht doch alles seine Richtigkeit.

„Pass mal auf: Wenn alle Passagiere sitzen und der Platz neben uns noch frei

ist, dann setz dich doch einfach zu uns", schlug Frau Brettschneider vor.

Also machte sich Rufus ganz klein, ließ die restlichen Passagiere vorbei und

stellte am Ende fest, dass der Platz neben den Brettschneiders noch frei war.

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Er setzte sich, schnallte sich an und legte Sydney auf seinen Schoß.

„Bald bin ich bei meinem Papa.“ Er seufzte zufrieden.

Kapitel 14: Endlich Australien


Rufus musste kurz eingenickt sein. Er träumte von seiner Mutter, von seinem

Zimmer und dann sogar von Janine. Das war ihm noch nie passiert. Er wurde

erst wieder wach, als sich eine Stewardess über ihn beugte und Herrn

Brettschneider fragte, ob sein Enkel das vegetarische Menü bekäme oder das

Standardmenü. Das Rauschen der Flugzeugdüsen dröhnte in Rufus’ Ohren,

draußen war es dunkel.

„Das ist nicht mein Enkel", sagte Herr Brettschneider. „Wir haben den Jungen

erst heute Nachmittag am Flughafen kennengelernt.“

„Aber zu wem gehört der Junge denn dann?“, fragte die Stewardess mit

einem leichten Anflug von Panik in der Stimme.

„Zu mir. Er begleitet mich auf einer wichtigen Mission. Wenn Sie uns jetzt

bitte ein paar Erdnussbutterbrote bringen könnten", grummelte Sydney, der

ebenfalls gerade erst erwacht war. Das schien die Stewardess nicht zu hören.

Andererseits antwortete auch niemand auf ihre Frage.

„Sind denn deine Eltern nicht an Bord?“, fragte sie Rufus. Der schüttelte den

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Kopf. Sie sah sich um, murmelte mehrmals „Du meine Güte!“, wurde rot, dann

fürchterlich blass und schon war sie wieder verschwunden.

„Wir sind erledigt. Sie haben uns erwischt. Mein Ticket war doch nicht gültig."

Rufus seufzte.

„Unsinn. Das war nur eine Hilfskraft, sonst hätte sie schon irgendwas

unternommen. Die kann gar nichts machen", meinte Sydney.

„Ja, aber sie kommt wieder und bringt Verstärkung mit."

„Das steht zu befürchten.“

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„Und dann?“

„Und dann, und dann? Was für eine Frage! Sie werden uns aus dem Flugzeug

werfen. Das sind die Regeln der internationalen Luftfahrt."

„Von hier oben?“

„Ja, glauben Sie denn, die landen erst?“

Rufus wurde sehr mulmig zumute. „Bekommen wir dann wenigstens

Fallschirme?“

„Ich glaube nicht. Aber es ist ohnehin besser, wenn sie uns gar nicht erst

kriegen. Wir schließen uns einfach auf der Toilette ein. Da können sie

stundenlang im ganzen Flugzeug nach uns suchen. Wenn wir dann landen,

sind wir schon in Australien. Ätsch und angeschmiert, werden sie uns wohl

oder übel laufen lassen müssen."

„Ich will nicht stundenlang auf dem Klo sitzen“, maulte Rufus.

Er war so sehr ins Gespräch vertieft, dass er erschrak, als Frau Brettschneider

sich zu ihm beugte. „Aber deine Mama weiß schon, wo du gerade bist, oder?",

fragte sie.

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Als Rufus jetzt auch noch das Wort Mama hörte, wurde sein Herz schwer. Er

war noch nie so weit von ihr weg gewesen. Und sie wusste nicht, wo er war.

Dabei war sie doch diejenige, die sich schon Sorgen machte, wenn Janine

abends mal eine Viertelstunde zu spät von ihrer Freundin kam. Bestimmt

würde sie jetzt im Wohnzimmer auf und ab gehen, immer auf das Telefon

schauen, das aber nicht klingeln würde, weil Rufus ja gar nicht anrufen

konnte. Deshalb würde sie eine Menge Taschentücher brauchen, weil sie

weinte und sich schnäuzen musste. Vielleicht hatte sie auch schon eine Mail

an Papa geschrieben und ihn gebeten, sofort nach Hause zu kommen, weil ihr

Kind verschwunden war. Dann käme Rufus in Australien an und sein Papa

wäre gar nicht mehr da.

Vielleicht hätte er ihr einen Zettel hinlegen sollen. Einen Zettel, auf dem stand,

was er vorhatte. „Ich gehe nach Australien. Sag Papa, er soll auf mich

warten“, so etwas in der Art. Dann würde sie sich bestimmt viel weniger

Sorgen machen. Dann wäre sie vielleicht weniger böse auf ihn. Während er

diesen Gedanken nachging und bemerkte, wie sich Tränen in seinen Augen

sammelten, stieß Sydney ihn an.

„Sie kommen! Wir müssen verschwinden!“

Tatsächlich kam die Stewardess über den Gang zurückgeeilt. Sie wurde von

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einem Mann begleitet. Der trug eine Uniform und war bestimmt der Pilot oder

Co-Pilot. Mit einem Satz sprang Rufus in den Gang, klemmte Sydney unter

seinen Arm und rannte in die entgegengesetzte Richtung.

Er machte drei lange Schritte, dann stieß er mit einer Stewardess zusammen,

die von einem Rollwagen Menüs verteilte. An diesem Rollwagen kam er nicht

vorbei. Der Weg war versperrt! Seine Flucht zu Ende.

„Ich will nicht sterben!“, rief Rufus und warf sich auf den Boden.

„Wir müssen uns an den Sitzen festklammern, dann können sie uns nicht

rauswerfen", zischte Sydney.

Rufus umklammerte die Beine des Sitzes neben ihm, so fest er nur konnte. Er

schloss seine Augen und hielt die Luft an. Als er hörte, wie Schritte neben ihm

zum Stehen kamen, begann sein Herz zu rasen.

„Was jetzt?“, flüsterte er Sydney zu.

„Schwierig, schwierig!", seufzte Sydney, fügte dann aber schnell an:

„Schnabeltiere können natürlich auch einen Sturz aus 10.000 Meter Höhe

überleben. Ob Menschen das können, weiß ich nicht sicher.“

Der Mann in der Uniform kniete sich nieder. Er berührte Rufus vorsichtig an

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der Schulter und fragte: „Warum solltest du sterben?“

„Werfen Sie uns denn nicht aus dem Flugzeug?“

Der Mann lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, wir werfen niemanden aus

dem Flugzeug. Schon gar nicht kleine blinde Passagiere."

„Das sind offenbar vollkommen neue Regeln, die konnte ich natürlich noch

nicht kennen", meinte Sydney.

„Von kleinen blinden Passagieren, die es geschafft haben, alle

Sicherheitskontrollen zu umgehen, würden wir gerne ihre Geschichte hören.

Am liebsten vorne im Cockpit", meinte der Mann in Uniform.

„Echt jetzt?“, fragte Rufus.

„Das ist ein Trick. Fallen Sie nicht auf diesen finsteren Gesellen rein", raunte

Sydney. Doch dieses Mal hörte Rufus ihm nicht zu. Rufus war nämlich noch

nie in einem Cockpit gewesen.

„Echt jetzt", sagte der Mann. „Der Kapitän, Herr Klein, würde sich freuen, deine

Bekanntschaft zu machen.“

„Darf Sydney mitkommen?“

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„Aber natürlich.“

Und so saßen Rufus und Sydney bald vorne im Cockpit. Die Eltern waren

verständigt und sein Papa würde ihn morgen in Sydney am Flughafen

abholen. Jetzt hörte Rufus, wie der Co-Pilot mit dem Flughafen in Shanghai

sprach, wo sie in wenigen Stunden zwischenlanden mussten.

Die Stewardess von vorhin war mittlerweile auch viel weniger panisch. Sie

brachte Rufus das Abendessen und etwas zu trinken. Anschließend musste

er die ganze Geschichte erzählen. Wie er es geschafft hatte, zur

Sicherheitskontrolle zu kommen, wie er durch sie hindurchgekommen war

und wie es ihm letztlich gelungen war, ohne Ticket an Bord zu gelangen.

„Erwähnen Sie bitte auch meinen Trick mit den Mäusen, lieber Freund", bat

Sydney.

Das machte Rufus gerne, denn er war sicher, dass er ohne den Mäusetrick

vielleicht doch noch aufgeflogen wäre. Irgendwann musste er dann wieder

eingeschlafen sein. Als er aufwachte, saß er nämlich wieder neben Frau

Brettschneider.

„Wollen wir Plätze tauschen?“, fragte ihn Herr Brettschneider von seinem

Fensterplatz.

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„Warum?“

„Da unten ist Australien. Von hier aus kannst du es besser sehen."

Aber weil die Stadt Sydney auf der anderen Seite Australiens lag, hatte Rufus

noch viel Zeit, in Ruhe zu frühstücken und dabei die ganze Geschichte noch

einmal den Brettschneiders zu berichten.

Es war schon gegen Mittag, als der Pilot, der CoPilot, Rufus und Sydney die

australische Passkontrolle passierten. Hand in Hand gingen sie in die

Ankunftshalle und Rufus kam sich plötzlich sehr wichtig vor. In der

Menschenmenge entdeckte er seinen Vater, der in die Hocke ging und seine

Arme weit öffnete. Rufus jauchzte, lachte, ließ die Hand des Co-Piloten los,

klemmte Sydney unter seinen Arm und rannte, rannte, rannte …

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Rufus und sein Schnabeltier - Teil 3


Autor: Michael Engler
Illustration: Dirk Hennig
Verlag: Thienemann
Alterseinstufung: ab 7 Jahren
ISBN: 978-3-522-18485-4

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