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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russischen Grammatik

Author(s): Heinz Wissemann


Source: Zeitschrift für Slavische Philologie, Vol. 26, No. 2 (1958), pp. 351-375
Published by: Universitätsverlag WINTER Gmbh
Stable URL: https://www.jstor.org/stable/24000151
Accessed: 31-05-2020 07:56 UTC

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Wissemann, Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 361

Im jüngeren Cechischen und щ den meisten anderen slav. Sprachen


ist doba ausschließlich Femininum. Nur das Obersorbische hat noch
eine Spur des alten Zustandes bewahrt, freilich unter Umgestaltung
von doba in dobo nach den Neutra auf -o (s. die Einzelheiten bei
Verf. IF 59,162ff. und bei Vasmer Kuss. etym. Wb. 1,356; über lit.
dabaf, däbar vgl. jetzt Verf. Lit. etym. Wb. 79).
Wie Lohmann KZ 7,376 mit Anm. 2 erkannt hat, waren die Gen.
sg. doby, vody im Grunde Kasus von n-Stämmen. Von derartigen
Subst. aus ist die Endung -y dieses Kasus auch auf von jeher ä-stäm
mige Nomina übertragen worden.
Lit. dabä, lett. daba „Natur, Art, Charakter" sind freilich seit alters
ä-Themen gewesen, da *-ö(r) schleiftonig ist. Folglich verhält sich
balt. daba zu slav. doba, lit. dabaf, däbar wie lat. unda zu slav. voda,
lit. vanduö (vänduo), hethit. uätar, griech. υδωρ, ahd. wazzar etc. Wie
lat. unda ein von der Wz. *ued-, *ud- abgeleiteter ä-Stamm ist, so ist
balt. daba ein solcher von der Basis *dhabh-·, vgl. oben über lit. ziemä,
lett. ziema, slav. zima von Wz. *gheim- sowie über ai. sämä, arm. am:
av. *ham, Gen. sg. hamö.

Hamburg Ernst Fraenkel

Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen


der russischen Grammatik.

In einer Zeit, da so viel Scharfsinn und Mühe daran gewendet wi


das Wesen des slavischen Verbalaspektes und sein Verhältnis z
dern verbalen Kategorien wie Aktionsart und Tempus zu erfa
kann ein bestimmter Entwicklungsschritt der Forschungsgesch
besonderes Interesse beanspruchen, jener Schritt nämlich, durc
deutsche Grammatiker des Russischen sich des Verbalaspektes
selbständiger grammatischer Kategorie zuerst bewußt wur
Dies geschah bekanntlich zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Die f
schwere Erkenntnis, die jedoch, wie noch gezeigt werden soll, n
originell und selbständig genug war, als daß wir sie als Entdeck
bezeichnen könnten, kam fast gleichzeitig dem Professor der Theo
und der orientalischen Sprachen an der Universität Halle D. Jo
Severin Vater1) und dem Oberlehrer der Religion und Philoso

Praktische Grammatik der Russischen Sprache. Leipzig 1808.

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352 Η. Wissemann

am Gouvernements-Gymn
Tappe2). Um nun den Grad d
und Tappes über den russische
und richtiger beurteilen zu
müssen wir zunächst Grad u
Grammatiker von ihren Vorg
Unter den unmittelbaren d
Jacob Rodde4) und Johann
stellungen der russischen Gram
dem beginnenden 19. Jahrh
Lomonosovs „Российскаягр
gezeigt werden, wie sklavisch
an Lomonosovs Grammatik
des russischen Verbalsystem
Tradition zu kennzeichnen,
Rodde schickt seiner „Russis
„um dem Publico von ihrer
und er fährt fort: „Ersteres halte ich für die Pflicht eines Gramma
tikenschreibers; denn da er bey der Ausgabe seines Werks verlangt,
daß man die darinn enthaltenen Regeln für richtig annehmen solle,
so ist dagegen auch das Publicum berechtiget, von deren Richtigkeit
Rechenschaft zu verlangen." Wenige Zeilen weiter wird diese Rechen
schaft gegeben: „Liebhaber der russischen Sprache sind dem nun
mehro verstorbenen Herrn Staatsrathe Lomonossow vielen Dank
schuldig, daß er durch seine Sprachlehre zur gründlichen Kenntn
der russischen Sprache den Weg gebahnt hat. Diese habe bey Ver
fassung gegenwärtiger Grammatik zum Grunde gelegt" (S. 3f.). A
nicht die sprachlichen Tatsachen selbst und ihre richtige Beobachtung
und Deutung sondern die Autorität Lomonosovs soll die Gewähr f

2) Neue theoretisch-praktische Russische Sprachlehre für Deutsche. St.


tersburg, Riga 1810.
3) Vgl. das 1. Kapitel „Forschungsgeschichte des slavischen Verbalaspektes"
bei Cabl Göran Regnäll, Über den Ursprung des slavischen Verbalaspekt
Lund 1944, wo auch ältere forschungsgeschichtliche Literatur genannt wird,
wovon für unseren Zusammenhang besonders wichtig ist Andre Mazon. L
notion morphologique de l'aspect des verbes chez les grammairiens russes
Melanges offerts ä M. Dmile Picot. Paris 1913, 343ff.
4) Russische Sprachlehre. Riga 1778.
6) Russische Sprachlehre für Deutsche. 2. Aufl., Riga 1804.
·) Ich zitiere aus ihr nach der Ausgabe der Sovetakademie Μ. V. Lomonosov
Polnoje sobranije soöinenij. Bd. 7, Moskau 1952, S. 389ff.

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 353

die Richtigkeit der gegebenen Regeln bieten. Deshalb bedarf es der


Heranziehung anderen sprachlichen Tatsachenmaterials als desjenigen,
das schon Lomonosov in seiner Grammatik dargeboten hat, auch gar
nicht. Es ist typisch nicht nur für die Grammatik Roddes, sondern
auch für diejenige Heyms (und ebenfalls wenn auch in geringerem Grad
für diejenigen Vaters undTappes), daß sie nicht nur die Regeln, sondern
auch das sprachliche Material, die zufällig gewählten Flexionspara
digmen und sonst als Beispiele angeführten Wörter aus Lomonosov
übernehmen, so daß ihre grammatischen Darstellungen — das gilt
für Rodde und Heym fast ohne Einschränkung, während wir bei
Vater und Tappe gewisse Einschränkungen machen müssen — kaum
mehr sind als freie, im allgemeinen gekürzte Übertragungen der
Grammatik Lomonosovs.
Die Kürzung führt bei der mangelnden Sachkenntnis dann oft zu
groben Entstellungen der von Lomonosov schon richtiger erkannten
Tatsachen. Ein Beispiel aus der Lautlehre und eines aus der Formen
lehre mag das beleuchten: Die Festlegung der Bedingungen, unter
denen ein e als 'o zu sprechen ist, konnte Lomonosov nur sehr un
vollkommen gelingen, weil hierfür seiner Zeit noch die lautgeschicht
lichen Einsichten fehlten. Immerhin führt er bereits die Betonung des
e als Bedingung an: „выговаривают e, как тонкое о. Сие бывает, когда
какая самогласная буква переменится чрез склонение или спряжение на
е с ударением. Например: три, треть; везу, везешь; огонь, огнемъ выгова
ривают в просторечии тргохъ, везгошь, ошомъ. Также, когда в разных
падежах или временах перенесено будет ударение на е: несу, несъ; верста,
верстъ; бревно, бревна — выговаривают: тосъ, вгорстъ, брговна" (§ 97).
Wie üblich schreiben die deutschen Grammatiker die von Lomono
sov zufällig gewählten Beispiele ab nun aber, ohne die Bedingung der
Betonung des e anzugeben. Dabei begeht Rodde den schlimmsten Feh
ler, indem er die Sache so darstellt, als beschränke sich die Aussprache
'o auf die wenigen Wörter bzw. Wortformen, die er von Lomonosov
abschreibt, während dieser sie doch deutlich als Beispiele aus dem
Bereich der Deklinatione- und Konjugationsformen gekennzeichnet
hat: ,,Ιη der Mitte wird es (e) in nachstehenden Wörtern wie ϊο ausge
sprochen, so daß das i wenig, das о aber desto mehr zu hören ist;
трехъ, везёшъ, огнемъ, несъ, верстъ, бревна; lies trjoch, wesjosch,
ognjom, njos, wjorst, brjowna." (S. 6). Diesen Fehler vermeidet
Heym. Aber auch er läßt die Bedingung der Betonung des e fort:
„Wird der Vokal eines Wortes durch Declinirung oder Conjugirung
in ein e verwandelt, so lautet es wie io, und erhält in diesem Falle bey

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354 Η. WISSEMANN

vielen Schriftstellern zwey Pu


drey, огонь, das Feuer, Ablat. огн
lüge, лжёшь, 1. trioch, agniom
Bedingung, daß die Aussprach
tritt, vor weichen bzw. ursprüng
Lomonosov noch seine deutschen Nachahmer erkannt. Daher führt
Lomonosov Fälle wie держишь, плечи als Ausnahmen an, während
Rodde sie ganz unberücksichtigt läßt und Heym das Nichteintreten
der Aussprache 'o ausdrücklich auf Formen von Zeitwörtern be
schränkt, als ob das etwas mit der Wortart zu tun hätte, obwohl
Lomonosov auch mehrere Nominalformen als Beispiele anführt.
Nun ein Beispiel aus der Formenlehre, das das Zurückbleiben der
älteren deutschen Darstellungen der russischen Grammatik hinter
ihrem Vorbilde Lomonosov veranschaulicht: Zur Deklination der
a-Stämme gibt Lomonosov die Paradigmen воевода, изба und рук
(§ 148), ohne zu erklären, warum bei den beiden ersteren die End
gen des Gen. sing, und des Nom. (und Akk.) plur.-ы, bei letztere
dagegen -и lauten. Rodde läßt воевода fort und führt ungeschick
weise das Paradigma рука an erster, изба an zweiter Stelle an (be
Lomonosov ist es umgekehrt), so daß der Leser den Gegensatz ы
in den Endungen der genannten Kasus nicht nur nicht erklärt b
kommt, sondern auch den Eindruck gewinnt, daß die Endung -и d
Normale sei. Denn, was an erster Stelle angeführt wird, wird щ
nicht ohne Grund als Ausnahme ansehen.
Noch schlechter macht es Heym. Dieser bringt nur слуга und рука
als Paradigmen und erwähnt die Endungen -ы mit keinem Worte.
Diesen Fehler erkannte schon Vater und führte ihn in den „Berich
tigungen der Heymischen Grammatik", die er seiner eigenen Gram
matik vorausschickte (S. XXIXff.), an: „Es ist unbegreiflich, wie,
bei der großen Anzahl von Paradigmen, von den Femininen auf a blos
2 Wörter слуга und рука aufgestellt u. declinirt sind, die eigentlich
Ausnahmen von den übrigen sind, und weder Regel noch Beispiel
gegeben wird, wie die übrigen Substantive auf a, außer denen auf га,
жа, ка, xa, ча, ша и. ща, im Singular Genitive und Plural Nominative
haben. Schon Lomonossow hatte воевода, wofür aber hier, nach der
übrigen Anordnung, sowohl ein Feminin, als ein Masculin hätte stehen
müssen." (S. XXX).
Was hier an zwei Beispielen gezeigt wurde, findet man bei einer
gründlichen Prüfung der Grammatiken Roddes und Heyms in allen
ihren Teilen immer aufs neue bestätigt. Halten wir also als erstes Er

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 355

gebnis fest: Die deutschen Darstellungen der russischen Grammatik in


der zweiten Hälfte des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind
nichts weniger als selbständige Leistungen. Sie halten sich bis in alle
Einzelheiten sklavisch an ihr Vorbild Lomonosov, und wo sie, sei es
auch nur, um zu kürzen, ausnahmsweise mal einen eigenen Schritt
wagen, begehen sie leicht schlimme Fehler, die Lomonosov schon
vermied.

In dieser Tradition also stehen Vater und Tappe, deren Ansichten


über den Verbalaspekt wir untersuchen wollen. Auch für sie bleibt
Lomonosov das Vorbild, dem sie wie Rodde und Heym weitgehend
bis zum Wortlaut der Regelformulierungen und bis zur Übernahme
der Beispiele folgen. Dennoch ist ihr Verhältnis zu. Lomonosov gegen
über demjenigen Roddes und Hey ms ein grundlegend anderes. Sie
haben nämlich erkannt, daß ihre deutschen Vorgänger manchen
Fehler hätten vermeiden können, wenn sie die Grammatik Lomono
sovs gründlicher durchdacht hätten. Vater schreibt in der Vorrede zu
seiner Grammatik:, ,'Verehrungsvoll blickte ich immer auf Lomonossow,
den philosophischen Sprachforscher, welcher der erste, der seiner
Sprache eine gute Grammatik gewährte, sie so musterhaft gab. Aber
auf einmal läßt sich nicht Alles erschöpfen, und ähnliche Nachfol
gerinnen sind die mir bekannten Grammatiken nicht." (S. VIII). Ein
gründlicheres Durchdenken der Grammatik Lomonosovs konnte aber
nuri, da man die Gefahr einer allzu sklavischen Nachfolge erkannt
hatte, zu einer gewissen wenn auch beschränkten Selbständigkeit und
damit zu einem gewissen wenn auch beschränkten Fortschritt gegen
über dem großen russischen Nationalgrammatiker führen. Damit sind
der Spielraum aber auch die Grenze von Selbständigkeit und mög
lichem Fortschritt gegeben, mit denen wir in diesem Falle rechnen
dürfen. Nicht die darzustellende Sprache selbst, sondern deren Dar
stellung durch den Nationalgrammatiker bildete damals die wesent
liche Grundlage für die Darstellung der ausländischen Grammatiker.
Was der Nationalgrammatiker noch nicht bearbeitet hatte, daran
glaubte sich auch der ausländische Grammatiker nicht wagen zu
dürfen. Bezeichnend ist, wie Tappe in der Vorerinnerung zu seiner
Grammatik die mangelnde Behandlung der Syntax bei den damaligen
deutschen Bearbeitern der russischen Grammatik begründet: „Von
einer russischen Syntaxis, so etwa wie im Bröder, kann bei Ausländern
noch nicht die Rede sein, bevor uns nicht die gelehrten Russen selbst
erst über diesen Gegenstand noch mehrere Vorarbeiten werden ge
liefert haben, daher denn dieselbe hier eben so wenig, als bei Heym

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356 Η. Wissemann

und Vater, erschöpft worden


war damals viel berechtigter, a
deswegen, weil die Methoden
sind als damals, sondern noch
der Grammatik ist das Norm
Darstellung der Sprachnorm.
seine eigene Sprache darstellt, u
fremden Sprache schreibt, ei
Sprachnorm. Der erstere stellt
er kann eben durch diese sein
teiligt sein, sie zu schaffen. Ein
in hohem Grade normgebend
und auf die Sprache der gebil
eine solche Wirkung kann ge
grammatikers sein. Er kann mi
norm seiner Muttersprache bee
verpönen, andere als Norm san
oden labiler Sprachzustände i
Lomonosov, ganz im besonder
fremde Sprache darstellt. Er d
sche Norm der fremden Sprac
wicklungsrichtungen zu geben
er noch so gut mit der dargeste
petent. Täte er es dennoch, so
übeln. Sie wollen, daß ihnen der
so darstellt, wie sie ist, nicht, w
Deshalb muß der Grammatik
deren grammatische Norm als
dieser Norm kann er unter A
pien die gleichen Quellen (ane
gebildeten Oberschicht) benut
eine Quelle fehlt ihm doch, d
fügung hat: die grammatisc
nämlich einen so hohen Grad de
wie man ihn nur in seiner Mu
ausländischen Grammatiker v
schen Introspektion zu schöpf
halb er die fremde Sprachnorm
nicht beeinflussen darf wie der
der Grund, weshalb der auslän

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 357

onalgrammatiker als den kompetenteren berufen kann und muß. Die


Tatsache, daß dem Nationalgrammatiker und seinen Lesern die
Quelle der grammatischen Introspektion in jedem Augenblick zur
Verfügung steht, bedeutet nun freilich nicht nur einen Vorteil und
sichert ihm nicht in jeder Hinsicht die Überlegenheit über den aus
ländischen Grammatiker. Daß es so ist und warum, wird im Vollzug
der nachstehenden Analyse als Nebenergebnis festzustellen sein.
Wir haben nun die Voraussetzungen geschaffen, um mit Erfolg in
diese Analyse selbst eintreten zu können, in die Analyse der Ansichten
Vaters und Tappes über den russischen Verbalaspekt, wobei vor allem
die Frage geklärt werden soll, wie weit diese Ansichten originell und
selbständig, wie weit sie von Lomonosov abhängig sind. Sehen wir
zunächst zu, wie Vater und Tappe selbst die Frage nach dem Grade
der Selbständigkeit ihrer Ansichten über das russische Verbum be
urteilen! Vater schreibt in der Vorrede zu seiner Grammatik: „Seit
4 Jahren habe ich meine Ansicht vom Russischen Verbum Kennern
dieser Sprache vorgelegt, ohne hinlängliche Belehrung zu erhalten:
jetzt mag sie ins große Publikum gehen, und Beyfall oder Berichti
gung finden. Tadle mich Niemand blos deshalb, weil ich hier und da
einen neuen Weg gieng; ich that es in der redlichsten Absicht, zu
nützen. Tadle mich Niemand, der diese meine Ansicht billigt, daß ich
nicht sie allein verfolgte, sondern mich überall der itzt beliebtesten
grammatischen Anordnung der Verba näherte: auch dieß geschah in
guter Absicht, und ohne Wahrheit und Vollständigkeit aufzuopfern.
Tadele mich Niemand, ohne sich die Mühe gegeben zu haben, meine
Ansicht mit allen ihren Gründen, und mein Streben nach Deutlichkeit
und Vollständigkeit zu erwägen." (S. VHIf.).
Tappe betont in der Vorerinnerung zu seiner Sprachlehre: „Die
§ lOOff. aufgestellte neue Ansicht der russischen Verba rührt ganz
von dem Verfasser her, obgleich er fast zu gleicher Zeit mit einem an
dern sehr würdigen Gelehrten auf mehrere gleichartige Resultate ge
kommen zu sein scheint." (S. VII). Hier fügt Tappe eine Anmerkung
bei, in der es heißt: „Erst im Mai 1809 kam dem Verfasser in Wiburg
die neue russische Grammatik des gelehrten und selbstdenkenden
Herrn Professor Vater, Lpz. bei S. L. Crusius 1808, in die Hände.
Höchst überraschend und erfreulich war ihm so Manches, was er über
das System der russischen Sprache hier vorfand, und was mit seinen
vor längerer Zeit bereits niedergeschriebenen, und Kennern der russi
schen Sprache früher mitgetheilten, Ideen übereinstimmte." Der von
der Anmerkung unterbrochene Haupttext geht weiter: „Irrt er nicht

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358 Η. Wissemann

ganz, so muß das Studium de


und wenn das nur ist, so wird
wollen, wem die Ehre dieses
Diese Stellen dürften eindeu
subjektiv die Empfindung h
macht zu haben, wenn wir n
Das letztere tut Regnell in b
kann wohl annehmen, daß B
Arbeiten Vaters geholt habe
Tappes wird sich als unnötig
geprüft haben, worin denn e
ten Vaters und Tappes über da
neuen Ansichten zustandekamen. Worin das Neue an ihren Ansichten
besteht, darüber äußern sich beide Grammatiker selbst. Tappe
schreibt: „Da man den hier §. 100. allererst bestimmten wesentlichen
Unterschied, der in der Natur der russischen Verba gegründet ist,
bisher nicht darstellte, wohl aber lange schon alles Formelle in den Bie
gungen der vollständigen Verba aufgefaßt hatte, so legten alle Gram
matiker zeithero die Charactere und Bestimmungen, die der Natur
und dem Wesen der verschiedenen Zeitwörter angehören, man weiß
nicht warum, in das Tempus, und nahmen auf diese Art 8 bis 10 ver
schiedene Tempora an." (S. 107 Anm.). Tappe will also sagen, man
habe bisher etwas in die Kategorie Tempus hineingezogen, was nicht
hineingehöre, wofür er zwar noch keinen Terminus zur Hand hat, was
er nur schwerfällig umschreibt als „die Charactere und Bestimmungen,
die der Natur und dem Wesen der verschiedenen Zeitwörter angehö
ren", was er aber vom Tempus trennt und in § 100 zu Eingang der
Lehre von den Zeitwörtern gesondert behandelt.
Vater hat dafür einen besonderen Terminus, den er bei seiner Auf
zählung der Kategorien des Verbs "(Einleitung S. XXII) an dritter
Stelle aufführt, nämlich видъ. Er übernimmt diesen Terminus, wie er
selbst andeutet (Einleitung S. XXII und XXIV) der „Lehre der
Slawonischen Grammatik" und stellt fest: „In andern Stücken hin
gegen, die gerade das Innere der Lehre vom Verbum betreffen, scheint
man den Winken der Slawonischen Grammatik nicht so gefolgt zu
seyn, oder wenigstens ζ. B. die dritte von den obigen Eintheilungen (den
видъ) in die Lehre von den Zeiten verwiesen zu haben, wodurch der
1) Gemeint ist dessen Schrift: Kratkoje rukovodstvo к Rossijskoj sloves
nosti. Petersburg 1808.
2) Über den Ursprung des slavischen Verbalaspektes S. 10.

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 359

richtige Gesichtspunct leicht verrückt werden kann." (S. XXII). Das


ist eine Feststellung, die dem Inhalte nach mit der soeben zitierten
Feststellung Tappes genau übereinstimmt. Also beide Grammatiker,
Tappe und Vater, sehen übereinstimmend das Neue ihrer Ansichten
über das russische Verbum darin, daß sie etwas, was die früheren Dar
steller der russischen Grammatik (gemeint sind Lomonosov, Rodde
und Heym) fälschlich der Kategorie Tempus unterordneten, als
selbständige grammatische Kategorie erkannten. Sie behaupten also
nicht, daß dieses Etwas, das Vater als видь bezeichnet und das Tappe
in der angeführten schwerfälligen Weise umschreibt, von ihren Vor
gängern ganz übersehen und übergangen worden sei, sondern nur, daß
diese es nicht in seiner Bedeutung als selbständige grammatische
Kategorie richtig erkannt und dargestellt hätten.
Es wird nun zu prüfen sein, ob Tappe und Vater damit ihre Leistung
zutreffend beurteilt haben. Der § 100 der Grammatik Tappes, in dem
er das als selbständige Kategorie erkannte Etwas unter der Überschrift
„Von den Zeitwörtern. Natur und Character derselben" behandelt, hat
folgenden Wortlaut:
„Es giebt in der russischen Sprache vier verschiedene Arten von
Zeitwörtern, die das Eigenthümliche ihres Wesens schon in den vier
verschiedenen Infinitivendungen (z. В. двйг-ать, двй-нуть, двйг-ивать,
с-двйг-ать), andeuten und welche also in keiner anderen europäischen
Sprache Statt finden.
Die erste Art derselben sind Verba indefinita, oder unbe
stimmte Zeitwörter, welche nur im Allgemeinen und ohne alle
besondere Bestimmung von einer Person oder Sache irgend Etwas
aussagen. Von dieser Art und Natur sind fast alle deutschen, franzö
sischen, englischen und lateinischen Verba, z. В. двйгать, bewegen,
mouvoir, to move, movere usw.
Die zweite Art sind Verba simplicia, oder solche Zeitwörter,
welche mittelst einer gewissen Endung den Begriff eines nur ein
maligen Handelns oder eines Leidens ausdrücken, und die der rus
sischen Sprache allein eigenthümlich sind, z. В. двйнуть, einmal be
wegen u.s.w. Vergl. §. 117.
Die dritte Art sind Verba frequentativa, oder solche Zeit
wörter, die den Begriff eines öftern und wiederholten Handelns
oder Leidens in sich fassen, wie двйгивать, oft und zu wiederholten
Malen bewegen. Es entsprechen dieselben den Verbis frequentativis
im Lateinischen, ζ. B. cursitare statt currere; factitare, statt facere
u.s.w. Vergl. §. 118,19.

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360 Η. Wissemann

Die vierte Art endlich sin


wörter, die den Begriff d
in sich tragen, im Gegensätze
Gebildet werden sie entwed
irgend eine vorgesetzte Partik
irgend eines andern Stamm-V
bewegt, statt я двйгалъ, ich b
я раздклйлъ (von дклю), ich ha
раздкляю), ich fuhr fort zu
haupt) ich zertheilte. Am be
Piel der Hebräer (nämlich Etw
leiden) verglichen werden. —
unbestimmt, obiter, nur so so
ich habe es ganz, bestimmt, v
Nehmen wir nun an, Tappes f
in § 100 aufgestellte neue Ans
gefunden und nicht von Vater
wir Vater zunächst übergehen
gelegte Ansicht in dem Sinne,
aus der Anm. von S. 107), an
durch ein gründliches Durch
der Lomonosovschen Lehre vom russischen Verbum bilden konnte.
Es ist ja oft so, daß Epigonen dadurch etwas leisten, daß sie den Mei
ster besser verstehen als dieser sich selber verstand und das, was beim
Meister nur in Ansätzen, nur implicite zu finden ist, konsequent zu
Ende führen. Sie bleiben (gerade deswegen) doch Epigonen.
Zunächst fällt auf, daß die Termini, die Tappe in § 100 für seine vier
Arten von Zeitwörtern verwendet, indefinitus, simplex, frequentativus
undperfectus auf Lomonosovsche Termini zurückgehen. Indefinitus ent
spricht bei Lomonosov неопределенный, simplex однократный, perfectus
совершенный. Diese drei Termini begegnen uns in Lomonosovs Lehre von
den Tempora. Über sein System der zehn Tempora des russischen
Verbums gibt Lomonosov eine Übersicht in § 268 seiner Grammatik:
„Времен имеют российские глаголы десять: осмь от простых да два от
сложенных; от простых: 1) настоящее — трясу, глотаю, бросаю,
плещу; 2) прошедшее неопределенное — трясъ, глоталъ, бросалъ, плескалъ;
3) прошедшее однократное — тряхнулъ, глотнулъ, бросалъ, плеснулъ;
4) давнопрошедшее первое — тряхивалъ, глатывалъ, брасывалъ, плески
валъ; 5) давнопрошедшее второе — бывало трясъ, бывало глоталъ, бросалъ,
плескалъ; 6) давнопрошедшее третие — бывало трясывалъ, глатывалъ,

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 361

брасывалъ, плескивалъ; 7) будущее неопределенное — буду трясти;


стану глотать, бросать, плескать; 8) будущее однократное — тряхну,
глотну, брошу, плесну. От сложенных: 9) прошедшее совершенное, напр.:
написаль от пишу; 10) будущее совершенное — напишу:"
Dieser Lehre Lomonosovs von den zehn „Tempora" folgt ganz ohne
Einschränkung nur Rodde. Schon Heym reduziert ihr fragwürdigstes
Bestandstück, die drei Plusquamperfekte, auf eins, so daß er auf acht
Tempora kommt, und, was noch wichtiger ist, er tut bereits einen aller
ersten zaghaften Schritt in die Richtung, die Tappe und Vater später
weiter verfolgen sollten, indem er in § 130 seiner Grammatik fest
stellt: „Zeiten oder Tempora sind eigentlich nur drey, mit den ver
schiedenen Präteritis und Futuris aber achte." Die Tatsache, daß 6 von
den 10 „Tempora" Lomonosovs nur dadurch Zustandekommen, daß
er je 3 Präterita und Futura mit Hilfe der Termini неопределенный,
однократный und совершенный unterscheidet, fiel also schon Heym auf.
Wer Lomonosovs Grammatik gründlich studiert, stellt weiter fest,
daß Lomonosov diese Termini zur Unterscheidung von „Tempora"
nicht nur im Indikativ, sondern auch bei den Imperativen verwendet.
Es gibt bei ihm besondere Imperative für das будущее неопределенное,
das будущее однократное (s. § 360) und das будущее совершенное (s.
§ 407). Das entspricht wieder seiner Tendenz, der Kategorie Tempus im
System des russischen Verbums einen weiteren Geltungsbereich zu
geben, als ihr in Wirklichkeit zukommt. Tempusunterschiede bringt
das russische Verbum in Wirklichkeit nur im Indikativ zum Ausdruck,
nicht in den Imperativen und Infinitiven. Diesen Fehler, den Lomono
sov im Bereich der Imperative macht, vermeidet er nun aber bei den
Infinitiven. Die verschiedenen Infinitive unterscheidet er nicht durch
eine angebliche Zugehörigkeit zu verschiedenen „Tempora", son
dern ausschließlich durch die Termini, um die es uns in dieser Er
örterung geht. Es gibt bei ihm ein неокончательное неопределенное ζ. В.
двигать, показывать, щпучать (§§ 360, 404 и. 407), ein неокончательное
однократное ζ. В. двинуть (§ 360), ein неокончательное совершенное ζ. В.
показать, щнучить (§§ 404 и. 407) und schließlich als vierte Kategorie
von Infinitiven ein неокончательное сомненное ζ. В. двигнвать, щнучи
вать (§§ 360 и. 407). Mit dem Terminus сомненный, der in den Bezeich
nungen der „Tempora" nicht vorkommt, haben wir nun auch die
Lomonosovsche Entsprechung für den vierten Terminus Tappes, fre
quentativus, gefunden.
Dem aufmerksamen Leser Lomonosovs kann es also nicht entgehen,
daß diese Termini bei dem russischen Grammatiker nicht nur zur

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362 Η. Wissemann

Unterscheidung der Tempora


Systems der Tempora vorkom
stand des Verbs (einschließlich
Geltung haben. Forscht er aber
Lomonosov keine Angaben üb
lierten Termini неопределенный,
ihre Bedeutungen im Rahmen
erklärt Lomonosov die Funkti
„Прошедшее неопределенное вре
продолжение или учащение и значит иногда дело совершенное
прошедшее однократное значит деяние, совершенное однажды
будущее неопределенное значит будущее деяние, которого совершение
известно; будущее однократное значит деяние, которое только однажды
совершится; прошедшее и будущее совершенное значат полное совершени
деяния."
Diese Erklärungen können nach der Lomonosovschen Konzeption
nicht nur auf Partizipien und Gerundien, sondern auch auf die Im
perative Anwendung finden, da ja nach seiner Auffassung alle diese
Kategorien Tempuswerte haben. Nur die Infinitive stehen auch nach
der Darstellung Lomonosovs außerhalb der Kategorie Tempus. Daher
hätte es eigentlich noch der Erklärung bedurft, was ein неокончательное
неопределенное, совершенное usw. aussagen, und das umsomehr, als ja
nach Lomonosovs eben zitierten (§ 269) Definitionen ζ. B. der Ter
minus неопределенное etwas verschiedenes bedeutet, je nachdem, ob es
sich um ein прошедшее неопределенное oder ein будущее неопределенное
handelt. Bezeichnet nun ein неокончательное неопределенное (nach
Analogie des прошедшее неопределенное) „некоторое деяния продолжение
или учащение и иногда дело совершенное" oder bezeichnet es (nach Ana
logie des будущее неопределенное) „деяние, которого совершение не
известно" ? Darüber sagt Lomonosovs Grammatik nichts. Es ist ganz klar,
daß von dem russischen Autor und seinen russischen Lesern, denen die
grammatische Introspektion in jedem konkreten Einzelfall derartige
Fragen jederzeit zu beantworten vermag, eine solche Lücke in der
Darstellung viel leichter übersehen werden kann als von dem gründ
lichen ausländischen Benutzer. Ist dieser ausländische Benutzer noch
dazu ein Mann, der selbst eine russische Grammatik schreiben will,
so kann eine solche Lücke in der Darstellung der erste Anlaß zu einer
ganz neuen Konzeption werden. Er wird erkennen, daß diese Lücke
hier nichts weniger als zufällig ist, daß sie sich konsequent aus der
verfehlten Tendenz Lomonosovs ergibt, etwas unter die Kategorie

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 363

Tempus unterzuordnen, was auch außerhalb dieser Kategorie exi


stiert und ihr gegenüber selbständig ist.
Hier beobachten wir nebenbei, daß und warum die Quelle der gram
matischen Introspektion nicht immer ein Vorteil sondern auch eine
Gefahr für den Nationalgrammatiker ist. Er kann sich durch sie ver
leiten lassen, voreilig d. h. von einer zu schmalen empirischen Basis
aus umfassende grammatische Konzeptionen zu induzieren und von
ihnen aus wiederum normgebend zu deduzieren, d. h. die sprachliche
Wirklichkeit zu vergewaltigen. Dafür ist Lomonosovs Lehre von den
zehn Tempora des russischen Verbs ein Schulbeispiel. Der National
grammatiker und seine Leser kommen damit durch. Denn die Lücken
schließt, die Widersprüche löst für sie fast unmerklich die grammati
sche Introspektion, die ihnen das Richtige sagt, wo immer sie es
brauchen.
Die Erkenntnis, daß das, was Lomonosov mit неопределенный, одно
кратный, совершенный und сомненный bezeichnet, über die Kategorie
Tempus hinausgreift und, was die Bedeutung anlangt, dieser Kategorie
mit einer gewissen Selbständigkeit gegenübersteht, genügte aber noch
nicht, um dieses Etwas als selbständige grammatische Kategorie zu
erfassen. Es mußte noch ein zweites hinzukommen, nämlich die Beob
achtung, daß diesem Etwas auch morphologisch, im Sprachkörper
also, eine faßbare Eigenexistenz zukommt. Diese zweite Erkenntnis
war aus Lomonosovs Grammatik ohne weiteres zu gewinnen. Freilich
mußte der Benutzer diese Abstraktion aus vielen Einzelangaben
Lomonosovs über die Bildung der Verbalformen selbst vollziehen.
Denn der Autor vollzieht sie nicht, stellt nur die Voraussetzungen
dafür bereit. Der besseren Übersicht halber schicken wir das Ergeb
nis dieser Abstraktion voraus und zwar in der Form, wie es Vater in
seiner Grammatik darbietet:
„1. Die Russische Sprache hat nach Lomonossow zehn Tempora,
wovon aber die 2 hintersten erst durch Zusammensetzung mit einer
Präposition entstehen, und das 2te und 3te Plusquamperfectum nicht
neue Formen sind, sondern durch Vorsetzung eines abgesonderten
Wortes ausgedrückt werden. Diese 10 Tempora sind:
1) das Praesens,
8) Futurum indefinitum 9) Futurum 10) Futurum
(imperfectum). simplex, perfectum,
d.i. einer mit einem d.i. einer völlig
Male zu endenden zu endigenden
Handlung. Handlung.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. XXVI/ 2. 24

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364 Η. Wissemann

2) Praeteritum inde- 3) Praeteritum 4) Praeteritum


finitum od. Imper- simplex. perfectum.
fectum.

5—7) Plusquamperfectum, I. (II. III.) in welchem immer der Begri


einer wiederholten Handlung liegt.
2. Jede von diesen drei Reihen, in welchen die Tempora hier unt
einander gesetzt sind, bildet nun für sich ihren Imperativ, ihren
finitiv, ihre Gerundia und Participia, und das Russische Verbum z
fällt demnach gleichsam in die drei Systeme der Formation, welc
sich hieraus ergeben, welche sich aber so in einander geschoben haben
daß man sie so als Ein Verbum betrachtet, welches aus 10 Temporibus
und dreierlei Imperativen, Infinitiven (wozu bei manchen Verbis e
unmittelbar vom Plusquamperfectum gebildeter Infinitivus hinz
kömmt, den man den Infinitivus frequentativus zu nennen pflegt, w
er so, wie das Plusquamperfectum, immer eine frequentativische
deutung hat, und welcher mit dem Plusquamperfectum und einem
auch noch davon, bei einigen wenigen Verbis herkommenden, Pass
Participe gleichsam ein viertes System der Formation nach Art d
Frequentativa auf иваю s. S. 60 ausmacht) und aus dreierlei Gerund
und Participien bestehet." (S. 62f.).
Vater hat also erkannt, daß den Lomonosovschen Termini неопр
деленный, однократный usw. je ein geschlossenes,, System der Formatio
entspricht, d. h. daß alle Verbalformen, die mit einem dieser Termini
bezeichnet werden, auch morphologisch zusammengehören. Er h
ferner erkannt, daß das Präsens, dessen Bezeichnung Lomonosov
keinen jener Termini beifügt, mit dem Präteritum indefinitum u
dem Futurum indefinitum zu einem „System der Formation" zusam
mengehört.
Vollziehen wir nun die Abstraktion nach, so wie sie von den Lom
nosovschen Voraussetzungen aus zu diesem Ergebnis Vaters führen
mußte! Die morphologische Zusammengehörigkeit aller Formen de
ersten „Systems der Formation", also aller Formen, denen Lomonosov
das Attribut неопределенный gibt, sowie des Präsens, dem er diese
Attribut nicht gibt, geht aus folgenden Regeln Lomonosovs hervor:
1. Das Präteritum indefinitum leitet Lomonosov vom Präsens ab
und zwar für die 1. Konjugation von der 1. Pers. praesentis: „В про
шедшем неопределенном времени простые глаголы первого спряжения,
кончащиеся на аю и яю, переменяют ю на лъ, например: вгьдаю, вгъдалъ
..." (§ 291; vgl. auch §§ 292—307), für die 2. Konjugation von der
2. Pers. praesentis: „В прошедшем неопределенном глаголы простые

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 365

второго спряжения переменяют шь второго лица на ль: бодрю, бодрилъ


..."(§ 375).
2. Aus dem Praeteritum indefinitum leitet Lomonosov den Infiniti
vus indefinitus ab: „От прошедшего неопределенного происходит накло
нение неокончательное неопределенное чрез перемену ль на ть, напр.:
знаю, зналъ, знать..." (§ 336; vgl. auch § 387).
3. Das Futurum indefinitum wird nach Lomonosov aus dem „ersten
Infinitiv" und den Hilfsverben буду, стану (analytisch) gebildet: „Бу
дущее неопределенное составляется из неокончательного первого и вспомо
гательных глаголов: буду, стану, напр.: буду писать·, стану знаться."
(§ 329; vgl. auch § 382). Hier kann mit неокончательное первое nur das
неокончательное неопределенное gemeint sein, das in den Paradigmen
und im laufenden Text der Grammatik (§ 336ff.) als erstes aufgeführt
und besprochen wird.
4. Zu diesem „System der Formation" gehören noch ein Imperativus
praesentis, den Lomonosov vom Indicativus praesentis ableitet:
„Повелительное настоящее происходит от настоящего. Глаголы, кончащие
ся на ю, которые перед ю имеют самогласную, переменяют только ю на й
краткое: знаю, знай ..(§ 332; vgl. auch §§ 333, 384, 385) und ein
Imperativus futuri indefiniti, der im Paradigma § 360 in der Form
стань ты двигать usw. erscheint, der also vom Indicativus futuri
indefiniti gebildet werden soll.
5. Schließlich gehören zum gleichen „System der Formation" noch
ein aktives und ein passives Participium praesentis und ein aktives
und ein passives Participium praeteriti indefiniti sowie die entspre
chenden Gerundien. Das aktive Participium praesentis und das ent
sprechende Gerundium wird nach Lomonosov für die 1. Konjugation
aus der 1. Pers. sing, praesentis gebildet: „Причастия настоящего времени
суть действительные, страдательные и средние... действительные состав
ляются из первого лица настоящего единственного и из слога щш, напр.:
пишущШ,торжествуюшш..." (§342). „Деепричастия времени настоящего
глаголов, кончащихся на ю с предыдущею самогласною, рождаются
чрез приложение склада чи или чрез пременение литеры ю на я, напр.:
знаю, зная или знаючи..." (§ 354; vgl. auch §§ 355, 356). Für die
2. Konjugation leitet Lomonosov das Participium praesentis aus der
3. Pers. plur. praesentis, das Gerundium aus der 2. Pers. sing, prae
sentis ab: „Причастия настоящего времени действительного залога про
изводятся от третьего лица множественного изъявительного, когда ть пере
меняется на щгй: молю, молящгй; молочу, Молотящш; пложу, пмдящш."
(§ 389). „Деепричастия настоящие рождаются, когда второго лица
24*

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366 Η. Wissemann

настоящего единственного ишь пе


бранишь, браня, бранючи..." (§
indefiniti und das entsprechend
Praeteritum indefinitum abge
ленные действительные и средние происходят от прошедших неопреде
ленных чрез перемену буквы ъ или лъ на вшш: читалъ, читавший;
зову, звалъ, звавший(§ 344; vgl. auch §§ 391, 394).
Das passive Participium praesentis leitet Lomonosov aus der 1. Pers.
plur. praesentis ab: „Страдательное рождается от первого лица множе
ственного числа времени настоящего чрез пременение буквы ъ на ый,
напр.: даемъ, даемый; пишемъ, пишемый." (§ 342; vgl. auch § 390).
Das passive Participium praeteriti indefiniti leitet er wie das aktive
vom Praeteritum indefinitum ab: „Глаголы, имеющие прошедшее
неопределенное на лъ, в причастии страдательном прошедшем неопреде
ленном переменяют лъ на нъ, напр.: читаю, читалъ, читанъ..(§ 346;
vgl. auch § 347). Wie das Paradigma § 361 zeigt, werden nach Lomo
nosov die entsprechenden passiven Gerundien mit diesen Partizipien
und der Form будучи analytisch gebildet: будучи движемъ bzw. будучи
двиганъ.

Es hat sich also ergeben, daß Lomonosov alle Verbalformen, denen


er das Attribut неопределенный beilegt, direkt oder indirekt aus dem
Präsens ableitet.
In ganz entsprechender Weise werden von Lomonosov auch inner
halb des 2. „Systems der Formation", desjenigen also, dessen sämt
liche Formen das Attribut однократный erhalten, diese Formen aus
einander abgeleitet:
1. Die Ausgangsbasis ist hier aber kein Präsens — denn das existiert
innerhalb dieses Systems nicht — sondern das Präteritum. Eine for
male Ableitung dieses Präteritums (und damit des ganzen zweiten
„Systems der Formation") von einer Form des ersten „Systems der
Formation" erfolgt nicht. Es heißt nur „Прошедшее однократное имеют
следующие глаголы" und dann werden 75 Verben aufgezählt, die sämt
lich auf -нуль auslauten (§ 310; vgl. auch § 376). Der Leser kann also
unschwer selbst den Schluß ziehen, daß das прошедшее однократное
stets durch das Suffix -ну charakterisiert ist. An dieser Erkenntnis
wird ihn auch die Tatsache nicht irremachen, daß Lomonosov in dem
schon zitierten § 268 unter den Beispielen für das прошедшее однократное
auch die Form бросилъ anführt. Er wird dies vielmehr als ein Versehen
erklären, nachdem er beachtet hat, daß Lomonosov in § 313 die Form
бросилъ als „прошедшее совершенное без приложения предлога aufführt".

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 367

2. Aus dem Praeteritum simplex wird das Futurum simplex abge


leitet: "Будущее однократное производится от прошедшего однократного
чрез отложение лъ, напр.: дерзнулъ, дерзну; махнулъ, махну." (§ 330;
vgl. auch § 383).
3. Aus dem Praeteritum simplex leitet Lomonosov ferner den In
finitivus simplex ab: „От прошедшего однократного производится нео
кончательное однократное чрез переменение лъ на ть, напр.: дерзнулъ,
дерзнуть..." (§ 341).
4. Den Imperativ des Futurum simplex leitet Lomonosov aus dem
Indikativ des Futurum simplex ab: „Повелительное будущее одно
кратное происходит от будущего однократного с ударением на последнем
складу чрез пременение буквы у на и: дерзну, дерзни..." (§ 334).
5. Schließlich werden vom Präteritum auch noch die aktiven
und passiven Partizipien (und Gerundien) dieses Präteritums
geleitet: „Однократные прошедшие причастия могут произведены бы
от прошедших однократных, когда переменится лъ на вшт." (§ 35
„От прошедших однократных происходят также причастия страдательны
однократные чрез пременение лъ на тъ, напр.: дернулъ, дернуть.
(§ 352).
6. Aus diesen Ableitungsregeln ergibt sich, daß alle Verbalformen,
denen Lomonosov das Attribut однократный gibt, durch das Suffix -ну
charakterisiert sind und eben dadurch ein einheitliches „System der
Formation" bilden.
Diejenigen Verbalformen, die Lomonosov mit dem Attribut совер
шенный kennzeichnet, leitet er von den entsprechenden indefiniten For
men nach folgenden Regeln ab:
1. „Следующие глаголы состоят в прошедшем совершенном времени из
прошедшего неопределенного и из предлога, которого они в настоящем
времени в сложении не имеют: алкаю, взалкалъ..(§ 312; vgl. auch § 378).
In den beiden Paragraphen werden nicht weniger als 197 Verben auf
geführt, und aus der zitierten Formulierung und der Tatsache dieser
Aufzählung geht ganz klar hervor, daß ein bestimmtes Verbum ein
ganz bestimmtes Präfix dazu benutzt, um aus dem Praeteritum in
definitum das Praeteritum perfectum zu bilden, und daß dieses Präfix
nur diese morphologische und keine semantische Funktion hat, also
die lexikalische Bedeutung der Form des Praeteritum indefinitum
nicht ändert. Sieht man sich die angeführten Formen an, so stellt man
fest, daß Lomonosov hier tatsächlich nur solche Präfixe anführt, die
in den französischen Arbeiten über den slavischen Verbalaspekt als
ргёАхез vides bezeichnet werden, die also nur perfektivieren, ohne

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368 Η. Wissemann

die lexikalische Bedeutung z


увидклъ; люблю, полюбилъ usw
Ganz zweifelsfrei aber muß für den aufmerksamen Benutzer der
Lomonosovschen Grammatik die rein grammatische Funktion eben
dieser hier aufgeführten Präfixe werden, wenn er weiter sieht, daß
Lomonosov andere Verbalformen, denen er das Attribut совершенный
gibt, aus den entsprechenden indefiniten Formen mit jeweils demselben
Präfix ableitet, das nach seinen Angaben zur Bildung des Praeteritum
perfectum dient:
2. „Будущее совершенное составляется из настоящего и из предлога,
который прилагается к прошедшему совершенному, напр.: хочу, захотгълъ,
захочу; цгългъю, уцгългълъ, уцгьлпю." (§ 331).
3. „Повелительное будущее совершенное составляется из повелитель
ного настоящего и из предлога, который приложен бывает к прошедшему
и будущему совершенному, напр.: напиши, запрячь, сыщи." (§ 335).
4. „Причастия действительные и средние прошедшие совершенные
составляются от прошедших причастий неопределенных, когда к ним
приложены будут предлоги, которые в прошедшем совершенном и буду
щем времени приставлены бывают, напр.: писавшш,написавшш." (§ 351).
„От прошедших совершенных составлены бывают причастия прошедшие
страдательные совершенные из причастий неопределенных, когда к ним
приложены будут предлоги, которые составляют прошедшее совершенное
и будущее, напр.: писанъ, написанъ; кованъ, скованъ; исканъ, сысканъ."
(§ 353).
5. Den Infinitivus perfectus leitet Lomonosov aus dem Praeteritum
perfectum ab: „От прошедшего совершенного происходят неокончательные
наклонения совершенные, напр.: огорчалъ, огорчать..." (§ 341).
Aus den angeführten Regeln geht eindeutig hervor, daß alle Formen,
die das Attribut совершенный erhalten, sich von den entsprechenden
indefiniten nicht-präfigierten Formen durch Präfigierung mit Hilfe
eines bestimmten von Verb zu Verb verschiedenen, aber für die ver
schiedenen Formen desselben Verbs gleichen Präfixes unterscheiden.
Also ist die Zusammengehörigkeit der perfektiven Formen zu einem
3. „System der Formation" durch Lomonosov eindeutig festgelegt
worden.
Angesichts der soeben zitierten Regeln Lomonosovs ist es unver
ständlich, wieso Mazon zu folgendem Urteil über Lomonosovs Lehre
von den perfectifs composes kommen kann:1) „Quant aux perfectifs

l) Nur der erste Satz des nachstehend zitierten Passus ist zutreffend.

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 369

composes, Lomonosov avait bien saisi la valeur de futur de leur forme


de present, dont il faisaitun futur special (будущее совершенное: напишу,
cf. edit. de 1755, p. 96); mais le röle essentiel des preverbes lui avait
entierement echappe: ces derniers, suivant lui, n'avaient d'autre effet
que de modifier le sens des verbes, et il n'apparaissait point qu'ils
pussent transformer un present en un futur."1) In der Anmerkung 2
(S. 348) zitiert Mazon zur Stützung dieser Behauptung folgende beiden
Stellen aus Lomonosovs Grammatik: „Чрез разное сложение с предло
гами получают времена часто новые знаменования и большую силу, о чем
ниже показано будет". (§ 270). „Многие предлоги в прошедших и будущих
совершенных временах наклонения изъявительного и повелительного и в
неокончательном неопределенном служат к приданию особливого знаме
нования и силы глаголам, не имеющим того в настоящем времени изъяви
тельного." (§ 408). Daran anschließend behauptet Mazon: „Ces deux
passages sont les seuls qui concernent les preverbes: nulle part il n'est
dit que ceux-ci soient pour quelque chose dans la valeur de futur du
present perfectif." Eine ganz unzutreffende Behauptung! In Wirklich
keit mußte Lomonosov, gerade weil er die rein perfektivierende Funk
tion, die die Verbalpräfixe als prefixes vides in vielen Fällen haben,
richtig erkannt und dargestellt hatte, auch betonen, daß die Präfixe
häufig die lexikalische Bedeutung des Verbs ändern, und das geschah
an den von Mazon zitierten Stellen. Zu dem letzten unzutreffenden
Satz Mazons vergleiche man noch Lomonosov § 401 u. § 404.
Wie reichhaltig und treffsicher die Beobachtungen Lomonosovs am
Verbalaspekt seiner Muttersprache waren, wird besonders deutlich,
wenn wir seine Angaben über die verhältnismäßig kleine Gruppe der
nicht-präfigierten, primär-perfektiven Verben beachten. Auch sie ent
gingen seiner sicheren grammatischen Introspektion nicht: "Следующие
глаголы имеют прошедшее совершенное без приложения предлога:
бросаю, бросилъ: даю даль; прощаю, простиль; пускаю, пустилъ; плгъняю,
плгънилъ; стргьчаю, стрптилъ; стргъляю, стргьлилъ; хватаю, хватилъ;
свобождаю, свободиль; дгьваю, дгъвалъ." (§ 313; vgl. auch § 379). Aller
dings beschränken sich diese Beobachtungen fast ganz auf das
Praeteritum perfectum. Mit Recht sagt Mazon: „Sans doute la valeur
de futur de брошу, лишу, обйжу, сйду, дамъ 6tait-elle occasionnellement
not6e, mais sans que l'auteur insistät sur le fait et sans que les autres
perfectifs simples fussent cites." (S. 348).

*) а. а. О. 348; vergl. Anm. 3.

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370 Η. Wissemann

Ein selbständiges „System d


stellung Lomonosovs die nicht
men also nicht.
Von dem 4. „System der Formation", das Vater an der oben zitier
ten Stelle (S. 62f. der Grammatik Vaters) erwähnt, gibt Tappe (in § 118
seiner Grammatik) folgenden Überblick: „Vom Plusquamperfecto
dieser Verba ist gewöhnlich auch 1. ein Infinitiv, 2. ein Partici
pium 3. und Gerundium activi praeteriti vorhanden; ζ. B.
1. 2. 3.
я двйгивалъ двйгивать двигивйвппй двйгивавъ
ich hatte oft oft bewegt der oft bewegt oft bewegt."
bewegt. haben. hat.
Es fällt auf, daß die beiden deutschen Gram
den Formenbestand des 4. „Systems der For
stimmen. Nach Vater gehört dazu neben dem Pl
dem Infinitivus frequentativus „bei einigen wen
Passiv-Partizip (S. 63), während Tappe hier e
ein Gerundium vorsieht. Die Nichtübereinstim
Grammatiker erklärt sich daraus, daß beide
hinausgehen, der in seinen Paradigmen keine
dien des Plusquamperfekts anführt. Lomonos
den deutschen Grammatikern konstruierten
tion" nur einen Ansatzpunkt, indem er den Infi
aus dem Plusquamperfekt ableitet: „От давно
неокончательное сомненное также чрез перемену лъ на ть, например:
писшалъ, писывать; знавалъ, знавать". (§ 341).
Ein ganzes System von Formen, die als сомненный bezeichnet wür
den, analog den drei vorher besprochenen Systemen, gibt es bei Lomo
nosov also nicht. Aber es ist bezeichnend, daß Vater und Tappe unab
hängig voneinander sich ein solches 4. „System der Formation" zu
rechtkonstruierten. Das beweist am besten, wie stark sie unter dem
Eindruck ihrer aus Lomonosovs Grammatik erarbeiteten „Ent
deckung" standen, daß jene Termini (неопределенный, однократный
und совершенный) nicht nur der Bedeutung nach, sondern auch mor
phologisch zusammengehörige Formen bezeichnen. Warum — so
mußten sie sich sagen — sollte es mit dem Terminus сомненный nicht
ebenso sein ?
Die vorstehende Analyse hat folgendes ergeben:
Die ehrliche subjektive Überzeugung der Grammatiker Vater und
Tappe, daß sie in bezug auf das russische Verbum eine große neue Ent

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 371

deckung gemacht hätten, ist objektiv nur unter bestimmten erheb


lichen Einschränkungen berechtigt. Nicht die unmittelbare Beob
achtung der Sprache, sondern ein gründliches Durchdenken der Gram
matik Lomonosovs hatte sie zu der Erkenntnis gebracht, daß es im
russischen Yerbalsystem etwas gibt, das der Kategorie Tempus
selbständig gegenübersteht und sich sowohl, was die Bedeutung an
langt, als auch morphologisch als selbständige Kategorie fassen läßt.
In allen sachlichen Einzelheiten aber bleiben sie völlig abhängig von
Lomonosov. Die Termini неопределенный, однократный und совер
шенный kehren bei ihnen als indefinitus, simplex und perfectus mit
genau dem gleichen Begriffsumfang wieder wie bei dem russi
schen Nationalgrammatiker. Aber sie befreiten die neue Kategorie
wenigstens insoweit von dem Prokrustesbett der Lomonosovschen
„Tempora", als sie erkannten, daß diese Termini selbständige „Sy
steme der Formation" (Vater) bzw. noch besser „verschiedene Arten
von Zeitwörtern" (Tappe)1) bezeichnen. Die enge Abhängigkeit von
Lomonosov macht es auch verständlich, daß Vater und Tappe fast
gleichzeitig unabhängig voneinander zu dieser Erkenntnis kamen. Es
ist daher durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Tappes Behauptung,
er sei unabhängig von Vater zu seinen neuen Ansichten gelangt, der
Wahrheit entspricht. Der Schritt, den die beiden taten, war ja von
Lomonosov selbst vorbereitet und lag in dem Augenblick sehr nahe,
da man den russischen Grammatiker gründlich zu durchdenken be
gann, statt ihn wie Rodde und Heym nur abzuschreiben.
Nur eine Frage bleibt noch zu klären, die deswegen besonders wich
tig ist, weil ihre falsche Beantwortung dazu geführt hat, unser bis
heriges Bild von den Anfängen der Erkenntnis des russischen Verbal

x) Was Tappe in dieser Hinsicht Vater voraus hat, ist aber kaum mehr als
eine glücklichere Formulierung. Daß die verschiedenen „Systeme der Formation''
in Wirklichkeit verschiedene Verben sind, hat auch Vater gewußt. Man sieht
das deutlich an solchen Formulierungen wie der folgenden: „Eigene Formen
für die einmalgeschehende Handlung entstehen, indem an den Infinitiv
des Stamm-Verbum, nach Wegwerfung seiner Endung, нуть angehängt wird.
Von diesem Infinitiv leiten sich die übrigen Formen der einmaligen Handlung
ebenso wie bey jedem Verbum auf ну, (s. oben) ab, doch hat die Form auf ну hier
die Bedeutung eines gewiß erfolgenden Futurs." (Tabelle IV am Ende des
Buches). Der Terminus „System der Formation" zeigt aber besonders deutlich
den Gang der grammatischen Abstraktion in der Nachfolge Lomonosovs, durch
den Vater und zweifellos auch Tappe zu ihrer Erkenntnis gekommen sind.
Außerdem wird in der Darstellung Vaters der genetische Zusammenhang zwi
schen den Gliedern der Aspektkorrelationen mehr betont als bei Tappe.

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372 Η. Wissemann

aspektes als selbständiger gr


Es ist die Frage, wie weit Va
slavischen Grammatikern au
schreibt selbst darüber: „Ich
sich folgende Ansicht vom R
Studium desselben gründe,
derselben für gesichert dur
Polnischen Verbum, und noch mehr durch die alte Lehre der Slawo
nischen Grammatik selbst, welche doch offenbar der Russischen
Grammatik zum Grunde liegt, und deren Herausgeber zur Zeit Peters
des Gr. Beobachter der Bildung der Sprache war." (Einleitung
S. XXII). Neben den hier ausdrücklich erwähnten Anregungen kann,
worauf Mazon1) hinweist, auch mit einem Einfluß öechischer Gram
matiker auf Vater gerechnet werden. Am klarsten faßbar ist der
Einfluß Smotrickijs. Denn hierüber äußert sich Vater selbst ausführlich:
„Und was sich mir durch eine Menge von Gründen bewährt hatte,
dieß, sehe ich, ist die alte Lehre der Slawonischen Grammatik. Wir
wollen sie selbst hören: Fol. 110 (der Grammatik von 1719) heißt es
nach der S. XXII. erwähnten Eintheilung, 'daß das Verbum in Absicht
des видд> entweder 1) ein primitivum und dieß so viel als perfectum
sey, z. В. чту, стою, oder 2) derivativum: und dieses ist entweder
inchoativum, welches sich gewöhnlich endigt auf кю ζ. В. каменкю
ich werde zu Stein, бклкю ich werde weiß von бклю ich weiße, oder
es ist frequentativum, und bedeutet eine häufig geschehende
Sache, und endigt sich gewöhnlich auf аю od. яю, ζ. В. читаю,
творяю u. dergl., welche von den Verbis perfectis чту, творю her
kommen'. Fol. 116 steht, unmittelbar vor den Paradigmen beider
Conjugationen, folgende Anmerkung: 'Weil aber fast nicht ein Ver
bum perfectum im Slawonischen ist, welches sein Frequentativum
nicht gewöhnlich und im Gebrauche hätte, und wir bemerken, daß
alle Composita von den Frequentativis abgeleitet sind: deswegen
stellen wir die Biegungen solcher Verba in den Paradigmen beider
Conjugationen auf, so wie sie in allen Temporibus aller Modi flectirt
werden.' Und nun folgen in den Paradigmen des Activs sowohl als
des Passivs immer erst:

Conjug. I. und Conjug. II.


видъ совершенный
d.i. perfectus

') а. а. О. 351, Anm. 2.

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Der Verbalaspekt in den älteren Darstellungen der russ. Grammatik 373

Präsens

1) чту (еши) творю (иши), worauf dessen Prä


teritum folgt.

u. dann вида, учащательный


d.i. frequentativus
Präsens

2) читаю творяю, worauf die übrigen


Tempora desselben, und die übrigen Modi immer mit Untersche
der forma perfecta und der forma frequentativa aufgestellt
(Einleitung S. XXIVf.).
Vergleichen wir hiermit die Erklärung, die Vater selbst v
Kategorie видъ gibt!
,,3) видъ d.i. είδος, nämlich ob das Verbum primitivum (
образный) und perfectum (совершенный, τέλειος), oder deri
sey, welches letztere wiederum entweder inchoativum oder
tativum ist." (Einleitung S. XXII). Offensichtlich hat Vat
Erklärung des видъ von Smotrickij bezogen. Man sollte nun
men, daß der Terminus видъ im Sinne dieser in der Einleitu
benen Erklärung bei der Behandlung des Verbs in der Gram
selbst zur Verwendung käme. Das ist aber merkwürdigerweis
der Fall. Weder dieser Terminus kehrt später jemals wieder noc
— was viel wichtiger ist — bestimmt der Sachgehalt, den Vater
Terminus in der Einleitung unter dem Einflüsse Smotrickijs gib
Ausführungen im Hauptteil der Grammatik. Vielmehr sind dies
wir ja gesehen haben, ganz von der Konzeption Lomonosovs be
stimmt. Daß aber die Konzeption Lomonosovs eine ganz andere ist,
braucht kaum noch betont zu werden. Man beachte nur den Unter
schied in der Bedeutung des Terminus совершенный! Smotrickij und
ihm folgend Vater in der Einleitung seiner Grammatik bezeichnet
damit gerade nicht-präfigierte (nach unserer heutigen Terminologie
imperfektive) Verbalformen wie творю, Lomonosov und mit ihm
Vater im Hauptteil seiner Grammatik wenden den Terminus совер
шенный nur auf solche Verbalformen an, die wir auch heute als perfektiv
bezeichnen. Die Futurbedeutung der perfektiven Präsensform hat
Lomonosov in dem schon zitierten § 331 mit aller wünschenswerten
Klarheit herausgearbeitet.
Man halte sich diese Tatsachen vor Augen und vergleiche damit das
Urteil Mazons über Lomonosov: ,,Οη peut conclure de lä que les deux
faits qui caracterisent le mieux l'aspect du verbe russe, ä savoir l'exist

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374 Η. Wissemann, Der Verbalaspekt in d. älter. Darstellungen d. russ. Grammatik

ence d'un certain nombre de presents simples к sens de futur et la


transformation de tout present non iteratif en pr6sent-futur par
l'apposition d'un preverbe, n'etaient pas degages par Lomonosov
dans le Systeme qu'il proposait: peut-etre entrevuepar Smotrickij, la
notion d'aspect est tout к fait absente de l'oeuvre de Lomonosov; et le
mot тёте de видъ n'y figure point."1)
Regnell übernimmt und resümiert dies Fehlurteil Mazons: „In die
ser Hinsicht bedeutet Lomonosovs Grammatik geradezu einen Rück
schritt im Vergleich mit der um anderthalb Jahrhunderte älteren Gram
matik Smotrickijs (1. Aufl. 1619). Den Terminus видь verwendet
Lomonosov überhaupt nicht in seiner Grammatik."2)
In Wirklichkeit bedeutet Lomonosovs Darstellung des видъ, wenn
er diesen Terminus auch nicht verwendet und die Selbständigkeit
dieser Kategorie auch nicht herausarbeitet, ihrem Sachgehalt nach
dennoch keinen Rückschritt, sondern einen gewaltigen Fortschritt
gegenüber Smotrickij. Vater übernimmt den Terminus видъ und die
dazu in der Einleitung gegebene Erklärung von Smotrickij, bleibt ihr
aber nicht treu, sondern bezieht den entsprechenden Sachgehalt und
alle sachlichen Einzelheiten von Lomonosov und zwar, weil er erkannte,
daß Lomonosov viel mehr und richtigeres zu bieten hat. Deshalb dür
fen wir auch nicht mit Regneil behaupten, daß Vater es nicht gewagt
habe, „mit der zu jener Zeit unter russischen Gelehrten herrschenden,
auf Lomonosovs Grammatik gegründeten Auffassimg der vidy ....
zu brechen."3) Vaters „Lehrbuch der allgemeinen Grammatik" (Halle
1805) und seine „Grammatik der polnischen Sprache" (Halle 1807),
in denen, was den Verbalaspekt betrifft,- der Einfluß Kopczyflskis
offensichtlich ist, waren ja früher erschienen als seine russische Gram
matik. Warum hätte er von einer einmal errungenen besseren Er
kenntnis wieder zaghaft zurückweichen sollen ? Er brauchte es umso
weniger zu tun, weil, wie wir gezeigt haben, ein gründliches Durch
denken der Lomonosovschen Grammatik den Verbalaspekt als selb
ständige Kategorie deutlich hervortreten ließ. Daß er für das Russische
seine Ansichten auf diese Weise gewonnen hat, dürfte nach der vor
stehenden Analyse nicht mehr bezweifelt werden können. Daß anderer
seits Smotrickij und Kopczynski dabei anregend wirkten, ist ebenso
sicher. Aber wenigstens, was Smotrickij betrifft, beschränkte sich diese
Anregung darauf, daß er einen Terminus für die neue Kategorie lie
ferte, nicht aber deren Sachgehalt.

») а. а. О. 348. η а. а. О. 7. 8) а. а. О. 10.

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Pr. SkardEius, Zum Wandel ai, ei > ie im Litauischen 375

Wir müssen also unser bisheriges Bild von den Anfängen der Er
kenntnis des russischen Verbalaspektes in einigen wesentlichen Zügen
korrigieren: Lomonosovs Bedeutung wurde bisher erheblich unter
schätzt, weil er unter dem Einfluß des deutschen und französischen
Verbums Aspekt und Tempus terminologisch nicht trennte. Seine
geniale grammatische Introspektion aber zwang ihn trotzdem dazu,
alle sachlichen Einzelheiten zusammenzutragen, aus denen dann
Vater und Tappe den Aspekt als selbständige grammatische Kategorie
erschließen konnten. Es bedurfte natürlich noch eines langen mühe
vollen Weges, um bis zu unserem heutigen Stande der Erkenntnis zu
gelangen. Die Pionierarbeit aber war damals schon geleistet, und an
ihr hatte Lomonosov trotz seiner zehn „Tempora" entscheidenden
Anteil.

Tübingen Heinz Wissemann

Zum Wandel ai, ei>ie im Litauischen


J. Endzelin und K. Büga sind der Meinung, daß der lit.-lett.
Diphthong ie sich durch Vermittlung des ё aus älterem ei entwickelt
hat;vgl. J. Endzelins, Lat. valodas gram. (1951) 59f. Dagegen denkt
A. Senn in seinen Artikeln „Zu litauisch dievas „Gott" und finnisch
taivas „Himmel" (Die Sprache, Zeitschrift für Sprachwissenschaft.
Wien, 1949, 1 1—10) und „Die Beziehungen des Baltischen zum Sla
vischen und Germanischen" (KZ LXXI 162—189) an slav. Ein
fluß bei der Entwicklung dieses Diphthongs und hält es außerdem für
möglich, daß lit.-lett. ie aus älterem ai (idg. oi) entstanden sein
könne. Er sagt darüber: „Wie sollte man sonst die altpreußischen
Formen mit ai neben lit.-lett. ie erklären, ζ. B. altpr. snaygis „Schnee"
(got. snaiws): lit. sniegas, lett. sniegs... Der zweisprachige Balte
(Litauisch wurde erst 1918 Staats- und Schulsprache) konnte nicht an
ders, als die Ähnlichkeit vieler baltischer Wörter und ihrer slawischen
Etyma beobachten. Da er in der slawischen Sprache (Russisch, Pol
nisch) besser unterrichtet wurde als in seiner baltischen Muttersprache,
übertrug er allmählich slawische Laute auf seine angestammten
Wörter. So entstand aus einem urbalt. *snaigas einerseits altpr. snay
gis, anderseits, nach dem Muster von slaw. snegb lett. sniegs und lit.
sniegas. Sobald einmal dieser neue Laut ins lettische und litauische
Lautsystem eingeführt war, breitete er sich analogisch auf andere

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