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Skriptum Altkirchenslavisch H.

Miklas 01/10

1. Einleitung ......................................................................................................................................... 1
2. Das Slavische und Aksl.-Altbulgarische im Kreis der indogermanischen Sprachen ...................... 2
Vor diesem Hintergrund hat man folgende Periodisierungen des Frühslavischen vorgeschlagen: . 5
3. Kulturhistorische Einführung........................................................................................................... 5
Verlauf der mährisch-pannonischen Mission .................................................................................. 9
4. Die Quellen zur Erforschung des Altkirchenslavischen ................................................................ 19
Hauptteil ............................................................................................................................................. 24
1. Die Schriftsysteme ......................................................................................................................... 24
2. Von der Schrift zum Lautbestand .................................................................................................. 29
3. Die wichtigsten vorhistorischen Lautveränderungen ..................................................................... 33
I. Das Problem der Silbensorität: ................................................................................................... 36
1. Konsonanten-Schwund und Veränderungen von Clusters: ................................................... 36
2. Monophthongierungen: .......................................................................................................... 37
3. Liquida-Metathese und Pleophonie: Das Ursl. zeigte zwei verschiedene Gruppen .............. 38
4. Nun zu den wichtigsten übrigen Phänomenen, denen wir im Verlauf der Sonoritätsphase
begegnen: ................................................................................................................................... 40
II. Tendenz zur Silbenharmonie ..................................................................................................... 40
1. Zunächst zu den sog. Palatalisierungen. ............................................................................... 41
3. L-Epenthese: .......................................................................................................................... 42
4. Vokalpalatalisierung (Umlaut): ............................................................................................. 42
Teil B.................................................................................................................................................. 44
4. Abriss der Morphologie ................................................................................................................. 44
Das Nominalsystem ....................................................................................................................... 46
Nominale Deklination: ............................................................................................................... 47
2. Pronominale Deklination:...................................................................................................... 49
3. Zusammengesetzte Deklination: ............................................................................................ 51
Das Verbalsystem .......................................................................................................................... 52
I. Thematische Verbalklassen: .................................................................................................. 53
II. Athematische Reste ................................................................................................................ 54

1. Einleitung
Als Altkirchenslavisch (Aksl.) bezeichnen wir die älteste bekannte und überlieferte Form des
Slavischen. In der zweiten Hälfte des 9. (nachchristlichen) Jh.s entstanden, ist es zugleich die erste
slavische Schriftsprache wie die älteste Entwicklungsstufe der kirchenslavischen Hochsprache, die
im Verlauf des letzten Jahrtausends in den ostkirchlich missionierten Slavengebieten eine ähnliche
Rolle gespielt hat (und nach wie vor spielt) wie das Latein des Westens. Hinsichtlich Funktion und
Verbreitung lassen sich aber auch Vergleiche ziehen mit dem byzantinischen Griechisch oder dem
Hocharabischen, z.T. auch mit dem ai. Sanskrit. Die Belege dieser Sprache reichen zurück bis an
die Wende des 9./10. Jh.s und zeigen die Besonderheit, in zwei verschiedenen Schriften
aufgezeichnet zu sein, in einer Vorform der heutigen Kyrillica und der sog. glagolitischen Schrift
(Glagolica).
Sein Alter und Belegzeitraum, aber auch der nur z.T. damit zu erklärende Umstand, dass das Aksl.
der erschlossenen urslavischen Gemeinsprache überaus nahe steht, bedingen die besondere
Bedeutung, die dem Aksl.-Studium ganz allgemein in der historisch-vergleichenden
Sprachwissenschaft zukommt. Für den Slavisten ist das Kirchenslavische in seinen drei
Entwicklungsstufen des Alt- (9.-11. Jh.), Mittel- (12.-17. Jh.) und Neukirchenslavischen (ab Peter d.
Gr.) aber auch aus anderen Gründen von entscheidender Bedeutung: Zunächst wurde schon
angedeutet, dass diese Sprache nicht nur in der Kirche verwendet wurde – wie dies heute der Fall ist
–, sondern bis in die Neuzeit den Bulgaren, Serben, Ostslaven und selbst den orthodoxen Rumänen
als gemeinsame literarische Hochsprache diente, in lokal und temporal mehr oder minder deutlich
ausgeprägten Varianten (sog. Redaktionen) und mit mehr oder minder starker Beimischung von
Elementen der jeweiligen gesprochenen Sprachen. Das ksl. Schrifttum ist seinem Umfang nach
immens und umfasst neben theologischen und philosophisch-religiösen Werken vor allem
historische sowie Rechtsliteratur, darunter auch amtliche bzw. Kanzlei-Schriften (Inschriften,
Urkunden), aber auch didaktisch gefärbte Erbauungsliteratur (etwa Übertragungen oder Adaptionen
antiker Stoffe wie des Alexander- und Barlaamromans, Reiseberichte, naturkundliche Werke wie
den Physiologus etc.). In weitaus überwiegendem Maße handelt es sich dabei um
Übersetzungsliteratur, vornehmlich aus dem Griechischen, das bei der Geburt des
Kirchenslavischen Pate gestanden hatte. Darüber hinaus ist das Ksl. zugleich für lange Zeit die
Hauptquelle zur Erforschung aller Volkssprachen seiner Träger und sogar eine der Wurzeln
moderner Standardsprachen, insbesondere des Bulgarischen, Makedonischen, Serbischen und
Russischen.
Dies soll zur Einleitung genügen und lediglich verdeutlichen, dass es sich bei der
Auseinandersetzung mit dem (A)ksl. nicht um eine verstaubte Pflichtübung handelt, die man halt
über sich ergehen lassen muss, um dem Anspruch einer gewissen slavistischen Allgemeinbildung
zu genügen, sondern um eine wichtige Grundlage zum Verständnis sprachlicher, literarischer und
kulturhistorischer Zusammenhänge in der Slavia.
Da sich diese Einführung an alle angehenden SlavistInnen richtet, sind ihre Zielsetzungen weniger
praktischer als theoretischer Natur. Es handelt sich also nicht um eine Parallele zum Latinum. Wer
sich gute Lesekenntnisse im Aksl. verschaffen möchte, kann dies nach Abschluss dieser Vorlesung
im Rahmen eines ksl. Proseminars tun. Als Begleitlektüre sei N. Truntes Slověnskyi język I
empfohlen, auf das wir uns bisweilen berufen werden1.

2. Das Slavische und Aksl.-Altbulgarische im Kreis der indogermanischen Sprachen


Die Urform des Aksl. entstand um das Jahr 863 durch die Verschriftung und schriftsprachliche
Kultivierung eines slavischen Dialekts im Gebiet von Thessaloniki2, bedingt durch die
Erfordernisse der kyrillomethodianischen Mission, von der noch ausführlich die Rede sein wird.
Der weitere Verlauf der aksl. Entwicklung, die wir zeitlich mit dem ausgehenden 11. Jh. begrenzen,
vollzog sich überwiegend, aber nicht ausschließlich, in den kulturellen Zentren des I. Bulgarischen
Reichs. Geographisch betrachtet, gehörten (und gehören tw. noch immer) die erwähnten Gebiete
teils dem (griechisch- und slavisch-) makedonischen, teils dem bulgarischen Raum an; weshalb
manche Lokalpatrioten immer noch darüber streiten, ob man von einer altbulgarischen oder einer
altmakedonischen Basis des Aksl. sprechen müsse. Während dieser Streit aus geographischer
Perspektive immerhin möglich ist – auch wenn er zu nichts führt –, besteht kein Zweifel daran, dass
das „klassische“ Aksl. praktisch nichts anderes darstellt als verschriftetes Altbulgarisch3 mit
einigen, z.T. allerdings signifikanten, Einflüssen seitens anderer slavischer Idiome und der
byzantinisch-griechischen Schriftsprache jener Zeit.
So werden vor allem von der bulgarischen und der deutschsprachigen Wissenschaftstradition etwa
seit der Wende des 19./20. Jh.s die Termini Altkirchenslavisch und Altbulgarisch oft gleichgesetzt,
während anderswo, insbesondere in der russischen Forschung, lieber von Altslavisch gesprochen
wird. Dabei ist die Bezeichnung „Altslavisch“ nicht sehr glücklich, weil sie den Eindruck erweckt,
es handle sich dabei um ein Idiom aus einer dialektal undifferenzierten Epoche, also gewissermaßen
belegtes Urslavisch. Bei alledem ist natürlich zu bedenken, dass wir über keine Aufzeichnungen
mündlicher Sprache aus jener Epoche verfügen, und somit nicht genau feststellen können, wie groß

1
Seitenangaben beziehen sich auf die 5. Aufl. (München 2003).
2
Mit wahrscheinlicher Beimischung anderer zeitgenössischer Regionalvarianten.
3
Bzw. Altostsüdslavisch für jene, die am Terminus Anstoß nehmen.
2
der Abstand zwischen der elaborierten Schreibsprache der erhaltenen Denkmäler und der
zeitgenössischen Umgangssprache ihrer Träger war. Sicherlich war er noch ziemlich gering, wie ja
auch die sprachliche Zerklüftung der damaligen Slavia noch wenig fortgeschritten war.
Je nach Kontext werden wir im Folgenden von Altkirchenslavisch sprechen, wenn auf die Schreib-
und Schriftsprache abgehoben wird (also dem, was uns tatsächlich in den Quellen vorliegt), und
von Altbulgarisch (plus/minus einer weiteren relevanten Bezugssprache) dann, wenn die
korrelierende Phonemsprache gemeint ist. Dieser Standpunkt wird auch im Lehrbuch von Trunte
vertreten. In Bezug auf die Diastruktur des Aksl.-Abg. kann man daher auch nur von „Varianten“
des Aksl. reden (nicht: Dialekten), die natürlich Eigenschaften altbulgarischer (aber auch anderer,
insbesondere mährisch-pannonischer und ostslavischer) Mundarten reflektieren können. Wir
kommen noch darauf zurück.
Um das Aksl. einzuordnen und seine Entwicklung zu verstehen, ist es zuerst nötig, ein wenig den
vorhistorischen (indogermanischen und urslavischen) Hintergrund zu beleuchten, vor dem sich die
genannte Entwicklung abgespielt hat:
Unter „Indogermanisch“ verstehen wir bekanntlich zweierlei: zunächst die idg. Sprachfamilie, zu
der auch das Slavische gehört; und dann die idg. Ur- oder Grundsprache, aus der sich diese
Sprachgruppe allmählich entwickelt hat. Die Bezeichnung „Indogermanisch“4 ist wiederum ein
Spezifikum der deutschen Wissenschaftstradition – anderswo verwendet man dafür den Terminus
„Indoeuropäisch“. Beide heben auf die Verteilung der zu dieser Sprachfamilie gehörenden
Einzelgruppen und -sprachen ab: das Germanische als der westlichsten Gruppe und die indischen
Sprachen als den östlichsten, jedenfalls betrachtet vom damaligen Horizont, d.h. dem Kenntnisstand
zur Zeit des Aufkommens der Termini. Seit der Entdeckung des (schon im 8.-10. Jh.)
ausgestorbenen Tocharischen (erste Funde 1890, Einordnung als idg. seit 1908) könnte man auch
vom „Tocharogermanischen“ sprechen (was man u.a. auch deshalb nicht tut, weil das Toch. trotz
seiner östlichen Lage im chines. Turfán [Tarím-Becken] im Gegensatz zum Indischen eher
westliche Züge trägt).
Die idg. Großfamilie umfasst außer den schon genannten Einzelfamilien bzw. -gruppen noch (vom
Osten nach Westen): das Iranische mit dem Avestischen als ältestem Vertreter (Gāthā-Av. ab 7./6.
Jh. v. Chr.), das mit den indischen Sprachen5 zur indoarischen Gruppe zusammengefasst wird6.
Ferner das Armenische, das Anatolische mit dem Hethitischen und Luvischen als am frühesten
bezeugten idg. Sprachen (ab 17. Jh. v. Chr.) u.a.; dann das Phrygische, Griechische (mit seinen
Dialekten und epischen Schriftvarianten, am frühesten belegt im mykenischen Gr. der Linear-B-
Inschriften um die Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr.), das antike (nicht-slavische) Makedonische,
Thrakische, Dakische (resp. Thrako-Dakische) und Illyrische, die baltischen und keltischen
Sprachen, und schließlich auf italischem Boden das Messapische, Venetische und Italische (mit
dem Latino-Faliskischen und Oskisch-Umbrischen), aus dem sich in weiterer Folge die
romanischen Sprachen entwickelt haben (Aufzählung bei Trunte, 2-4).
Für die Betrachtung der slavischen Sprachen sind von besonderer Wichtigkeit das benachbarte
Baltische (mit dem westlichen, im 17. Jh. ausgestorbenen Altpreußischen und dem östlichen
Litauischen und Lettischen als Vertretern), Germanische (hier insbes. das ostgerm. Gotische,
westgerm. Ahd. und nordgerm. Altnordische) und das zeitweise ebenfalls benachbarte Altpersische
und Keltische; speziell für die Betrachtung der süd- bzw. balkanslavischen Sprachen noch das
Balkanromanische (B.-Lateinische mit seinen Nachfolgern) und Griechische; ferner als mögliche
Substratsprachen das Dako-Thrakische und Illyrische.
Seit der auch als Slavist bedeutsame August Schleicher mit seiner Stammbaumtheorie um 1850 die
Suche nach der gemeinsamen Wurzel der idg. Sprachen auf eine feste methodische Grundlage
stellte, hat man die Urheimat der Indogermanen in verschiedener Richtung gesucht. Am ehesten
4
Trunte, S. 1, führt als mögl. Erstbeleg Julius Klaproths Asia polyglotta (1823) an.
5
I.e. das Vedische als älteste Form (seit dem 13. Jh. v. Chr.), die literarische Hochsprache Sanskrit (Sanskrit – Pānini-
Gramm. ca. 400 v. Chr.) sowie die Prākrit-Maa.
6
Gamkrelidze/Ivanov fassen eine größere gr.-armen.-arische Gruppe zusammen.
3
wird man sie im pontischen Steppenraum nördlich des Schwarzen Meeres suchen, doch ist die
Diskussion darüber noch nicht versiegt7. Auch die Meinungen, wann das Auseinanderdriften der
idg. Stämme bzw. der Zerfall der Gemeinsprache anzusetzen ist, gehen auseinander. Spätestens um
die Wende vom 3. zum 2. Jahrtausend vor Christus war das Idg. sicherlich schon dialektal
differenziert, resp. die (mindestens dem 5. vorchristl. Jahrtausend bestehende) Einheit endgültig
zerbrochen.
Etwas besser steht es um die Frage nach dem Ursitz der Slaven bestellt. Klar ist, dass die
gemeinsame Heimat der Slaven vor ihrer tw. Abwanderung in Osteuropa lag – im Raum nördlich
der Karpaten auf dem Boden des heutigen Polen, Weißrusslands und der Ukraine, aber zumal die
westlichen Grenzen dieses Gebiets sind umstritten (östlich der Weichsel oder doch auch westlich
davon?). Wer sich dafür besonders interessiert, findet Näheres im Buch von P. Rehder (mit weiterf.
Lit.). Sicher ist wiederum, dass die Slaven mit den Balten längere Zeit eine engere Einheit gebildet
haben, die sprachlich als Baltoslavisch fassbar (ca. 1500-500 v. Chr.) ist. Ob es sich dabei um eine
ethnische und sprachliche Vorstufe handelt, wie man früher meinte, oder ein bloßes räumliches
Miteinander mit sprachlicher Interferenz nach beiden Richtungen, wie viele heute annehmen, ist
nicht restlos geklärt (auch wenn ein Zusammenhang im Sinne eines baltoslavischen Sprachbundes
wahrscheinlicher ist).
Die Periodisierung des Urslavischen leidet zunächst unter einem terminologischen Wirrwarr, das
wir in diesem Zusammenhang nicht völlig entwirren können. Vorauszuschicken ist zunächst, dass –
sprachlich gesehen, aber auch sonst – das Epitheton Ur- stets auf einen vorhistorischen (d.h.: nicht-
belegten, sondern lediglich rekonstruierbaren) Zustand resp. eine vorhistorische
Entwicklungsperiode abhebt bzw. abheben sollte! An der zeitlichen Untergrenze einer solchen
Periode lässt sich – zumindest terminologisch – nicht rütteln, da es – wenigstens in der
Wissenschaft – die Steigerung „Ur-Ur-“ nicht gibt. Bezüglich der Obergrenze lässt sich jedoch „Ur“
entweder auf die gesamte vorhistorische Zeit beziehen oder nur einen Teil davon, etwa die Zeit
einer wie immer gearteten Gemeinsamkeit bzw. Undifferenziertheit. Will man also sichergehen,
nicht missverstanden zu werden, so wird man in manchen Kontexten – unabhängig davon, wie man
„Ur“ selber verstehen möchte – auf die Termini „vorhistorisch“ oder „rekonstruiert“ zurückgreifen.
(Vollends problematisch wird die Sache dort, wo sich Forscher nicht einmal an den Konsens halten,
„Ur“ nur auf eine vorhistorische Zeit zu beziehen).
Ein weiterer Umstand, der in diesem Zusammenhang Verwirrung stiften kann, besteht in der zwar
notwendigen, aber nicht immer streng eingehaltenen Trennung von sprachlicher und nicht-
sprachlicher Entwicklung: Denn die Periode einer sprachlichen Urlandschaft ist nicht notgedrungen
identisch mit der Zeit des Zusammenlebens der Sprachträger. Vielmehr kann eine sprachliche
Einheit resp. einheitliche Entwicklung noch über die Zergliederung der relevanten
Sprachgemeinschaft hinaus andauern; ebenso wie umgekehrt eine sprachliche Differenzierung in
Dialekte schon vor einer räumlichen Trennung eintreten kann. (Die Kriterien für das Eine liefert die
Archäologie, unterstützt von der Sprachwiss., für das Andere steht die Sprachwiss. ziemlich allein
da, wenn Zirkelschlüsse vermieden werden sollen).
Nun aber zurück zum Urslavischen: Die Ausgliederung des Slavischen als eigenständiger Sprache
wird von einzelnen mutigen Forschern spätestens um 500 v. Chr. angesetzt, während andere (wie
Rudolf Aitzetmüller) auf eine genauere untere Begrenzung des Urslavischen verzichten bzw. diese
Entwicklung in so weitläufigen Zeiträumen wie nach 1500 und vor 500 suchen. Noch vor dem
Einsetzen der historischen Belege ist das Slavische deutlich dialektal gegliedert, obgleich noch
manche Neuerungen alle Dialekte erfassen. Zum Vergleich: Die Expansion der Slaven und
Migration in ihre historischen Sitze erfolgte zwischen dem 5. und 7. nachchristlichen Jh., zur
Verschriftung des Abg. kam es, wie schon erwähnt, um 862/3, und die ersten erhaltenen Quellen
setzen etwa zwei Generationen später ein (datierte Zeugen ab 921, das erste undatierte wohl noch
etwas früher).

7
Gamkrelidze/Ivanov: Südl. des Kaukasus bzw. nördl. des Wan-Sees (=Glottaltheorie), ~ zw. 5.-4. Jahrtausend vor Chr.
4
Erst nach dieser Zeit erreichen die bestehenden Divergenzen eine solche Ausprägung, dass wir
bereits von einzelnen Sprachen sprechen müssen. Damit ist freilich nicht gemeint, dass alle heute
unterschiedenen „Slavinen“ im 11. Jh. schon in Grundzügen ausgeprägt gewesen wären; vielmehr
zeichnen sich nun erst die Konturen von solchen Einheiten wie dem Makedo-Bulgarischen,
Ostslavischen und der in sich stärker gegliederten übrigen südslavischen und westslavischen Blöcke
ab. Insbesondere zwischen dem nördlichen Südslavischen und dem Westslavischen gab es noch
keine Bruchlinie8, wie überhaupt man am besten von der Vorstellung von Zentren und graduellen
Kontinua ausgehen wird.
Vor diesem Hintergrund hat man folgende Periodisierungen des Frühslavischen
vorgeschlagen9:
1. Nach Arnošt Lamprecht liegt die urslavische Zeit zwischen dem (spätestens) 5.
vorchristlichen und (frühestens) 9. nachchristlichen Jh. und lässt sich dreiteilen in eine frühursl.,
klassisch-ursl. (zwischen ca. 400-700 n. Chr.) und spätursl. Epoche. Die sog. einzelsprachliche Zeit
setzte er um die Jahrtausendwende an.
2. Etwas früher hatte Herbert Bräuer terminologisch zwischen Urslavisch und Gemeinslavisch
unterschieden. Urslavisch ist nach ihm die Epoche zwischen rd. 500 vor und 500 nach Chr. Die
gemeinslavische Zeit rechnete er von 600-800; dann – d.h., etwas früher als bei Lamprecht –, folgte
für ihn die einzelsprachliche Zeit.
3. Henrik Birnbaum und mit ihm F. V. Mareš verbleiben innerhalb der Grenzen von
Lamprecht, benennen jedoch wie Bräuer: Für sie ist Urslavisch Lamprechts Früh- und klassisches
Ursl., Gemeinslavisch hingegen Lamprechts Spätursl. (=8.-9. Jh.).
Aus dieser Übersicht folgt, dass das älteste Aksl. (vor 900) zum „Späturslavischen“ oder
„Gemeinslavischen“ gerechnet wird. Da man, wie schon betont, mit „Ur“ nur eine erschlossene
historische Periode bezeichnen sollte, schließe ich mich Birnbaum und Mareš an und spreche ab
etwa 700 vom Gemeinslavischen, ab dem ausgehenden 10. Jh. von der einzelsprachlichen Zeit.
Demnach liegt das Gemeinslavische im Grenzbereich von vorhistorischer und historischer Zeit.
Was davor liegt, ist Urslavisch; wobei natürlich je nach Kontext noch weiter differenziert werden
kann (also etwa Früh- und Spätursl.), ohne dass man dies als feste Terminologie verstehen sollte10.
Bereits das frühe Aksl. ist klar definierbar durch eine Reihe von Merkmalen, die es als
ostsüdslavisches Idiom ausweisen; näher verdeutlicht, heißt dies: 1. als Angehörigen der
südslavischen Regionalvarianten und 2. unter diesen wiederum als zentralen Vertreter des
Balkanslavischen. Als solches steht es – über Interferenzen, nicht über interne Entwicklung – in
enger Verbindung zu nicht-slavischen Balkansprachen wie dem Griechischen und
Balkanlateinischen (wenn wir von den schwer fassbaren Substratsprachen Dako-Thrakisch,
Illyrisch und Protobulgarisch absehen). Dennoch waren die bestehenden Unterschiede zur Sprache
anderer Slaven noch so gering, dass das Aksl. die Funktion einer Schriftsprache auch außerhalb des
bg.-mak. Territoriums übernehmen konnte.

3. Kulturhistorische Einführung
Obgleich die Anfänge des (kirchen)slavischen Schrifttums nicht so klar sind, wie es einzelne
Lehrbücher vermuten lassen, wissen wir darüber doch vergleichsweise mehr als über die Genese
mancher anderen Literatur. Wir kennen nämlich einmal das schon erwähnte Geburtsdatum und die
8
Mayaren ab Beg. des 10. Jh.s.
9
Um nur die wichtigsten zu nennen, die auch bei Trunte zu finden sind. Ein anderer bedeutender Erforscher dieser
Problematik, Rudolf Aitzetmüller, unterscheidet sich stärker und veranstaltete eine Diskussionsrunde mit Birnbaum in
der Zeitschrift Anzeiger für slav. Philologie (Graz). Wer sich dafür interessiert, möge dort nachlesen.
10
N.B.: Die Krux jeder Abgrenzung von „Gemein-“ und „Einzelsprachen“ liegt in der schwammigen Grenze zwischen
Dialekt und Sprache (die lediglich in belegter Zeit einigermaßen klar gezogen werden kann − nicht ohne
Berücksichtigung politischer Gegebenheiten). Natürlich hängt jede Periodisierung vom jeweiligen Forschungsstand ab;
was als Soll-Bestimmung zu verstehen ist, die nicht immer eingehalten wird (denn oft wird an einer älteren
Differenzierung Kritik geübt, dann aber daran aus praktischen Erwägungen doch daran festgehalten).
5
Schöpfer – die byzantinischen Brüder Konstantin-Kyrill und (Michael?)-Method –, die erste
Sprachbasis, dann die für sie von Konstantin geschaffene Schrift – das Glagolitische –, und sogar
das erste Buch, das in diese übertragen wurde – das Neue Testament in der gekürzten liturgischen
Fassung des sog. Festtags-Aprakos.
Immer noch umstritten sind die genauen geographischen Grenzen, innerhalb derer sich die
kyrillomethodianische Mission abgespielt hat: ob nördlicher mit dem Schwerpunkt im heutigen
Moravien oder südlicher mit dem zeitweiligen Zentrum im süddanubischen „Morava“ in der
Gegend des heutigen Sremska Mitrovica. Der Streit kann freilich die Tatsache nicht verdecken, dass
der Schauplatz am Schnittpunkt dreier Machtsphären gelegen war – der fränkisch-deutschen, der
päpstlich-römischen und der rhomäisch- (bzw. byzantinisch-) griechischen. Aber beginnen wir der
Reihe nach:
Zur der Zeit, in der wir uns hier bewegen, saßen die Slaven ungefähr dort, wo wir sie heute sehen.
Größere Unterschiede bestanden im Alpenraum, auf pannonischem und dakischem (heute:
ungarischem und rumänischem) Gebiet, wo sie noch nicht so stark verdrängt waren durch bereits
ansässige oder später eingewanderte Ethnien, insbesondere die Magyaren, die sich bald wie ein Keil
zwischen die West- und Südslaven schoben. Auch in Griechenland ging die Mehrzahl der
ursprünglich bis in die Peloponnes und sogar auf die Inselwelt bis Kreta vorgestoßenen slavischen
Einwanderer allmählich in der zahlenmäßig überwiegenden Bevölkerungsmasse auf. Politisch
hatten sich zunächst im östlichen Balkan-, dann auch im mährisch-pannonischen Raum (z. T. auf
den Trümmern des Avarenreichs) drei benachbarte, überwiegend von Slaven bewohnte Reiche
herausgebildet: 1. das mächtige, von turksprachlichen11 Protobulgaren 681 begründete (jedenfalls
681 notgedrungen von Byzanz anerkannte) und nach wie vor von ihnen zentral gelenkte I.
Bulgarische Reich; 2. das 850-855 der ostfränkischen Tributhoheit entronnene Altmährische oder
Moravische Reich, ein zunächst eher loser Verband von schwankender Größe (in der byzant.
Geschichtsschreibung [Konstantinos Porphyrogen(n)etos, 10. Jh.] auch als Mεγάλη Μοραβία
angesprochen, was bald als „Großmähren“, bald als „Obermähren“ oder „Altmoravien“ gedeutet
wird); und 3. dazwischen ein kleinerer slavischer Pufferstaat mit dem Zentrum Moosburg am
Plattensee (heute Zalavár bzw. Blatnohrad), der noch unter fränkischer Oberhoheit verblieben war.
(Zum Vergleich sicherlich erwähnenswert ist, dass die Kiever Rus’ als nördlicher Nachbar des
bulgarischen Reichs in kyrillomethodianischer Zeit erst langsam Konturen annimmt, nämlich ab
879 [-912 unter Oleg]).
Wie so oft unter Nachbarn war auch das Verhältnis zwischen den dreien nicht frei von Spannungen;
aber noch mehr gilt dies zwischen Bulgarien und Byzanz einerseits und die mährisch-fränkische
Nachbarschaft andererseits. Eine zeitweilige, klammerartige Bündnispolitik war die Folge:
Ostfranken und Bulgaren gegen Mährer und Byzantiner. Ging es den beiden etablierten Reichen vor
allem um Gebietsgewinne (bzw. das Vermeiden weiterer Verluste) und Behauptung der Macht, so
kämpften die jüngeren Staatsgebilde darüber hinaus noch um Ansehen und Gleichberechtigung;
was nach Erlangung der politischen Unabhängigkeit nur durch die kirchliche Selbstständigkeit zu
erreichen war. Dabei versteht es sich von selbst, dass damals Kirche und Politik unlösbar
miteinander verknüpft waren.
Gerade im kirchlichen Bereich hatten sich die Verhältnisse in dieser Zeit recht kompliziert und
zugespitzt: Zum einen kam es unter dem Konstantinopler Patriarchen Photios (858-867 und erneut
877-886) erstmals zu einem bedeutsamen Bruch zwischen Rom und Konstantinopel, der
letztendlich das Schisma von 1054 einleitete („Photianisches Schisma“); zum anderen zogen
Papsttum und fränkischer Klerus (trotz seiner westlichen Orientierung und Romabhängigkeit) nicht
immer am selben Strang; und drittens waren die jurisdiktionellen Gegebenheiten in den relevanten
Missionsbereichen reichlich unklar und förderten Konkurrenzen zwischen den zentralen Stellen

11
Eine idg. Deutung verfolgen seit der Wende die (von der traditionellen Forschung streng abgelehnten) Arbeiten von
Petăr Dobrev.
6
(Rom und Konstantinopel) ebenso wie unter den lokalen Bistümern12 und dem (griechischen)
Patriarchat von Aquileia.
Dass diese Situation ausgenutzt werden konnte und seitens der nach Unabhängigkeit strebenden
Missionsgebiete wiederholt zum Lavieren zwischen Konstantinopel und Rom führte, liegt auf der
Hand.
So viel zum Hintergrund. Der Verlauf der nun folgenden kyrillomethodianischen Mission und ihrer
Vorgeschichte ist uns nur lückenhaft überliefert; zudem sind manche überlieferten Einzelheiten bis
heute unklar und umstritten geblieben. Man muss ja bedenken, dass die Quellen dieser Episode sich
überwiegend aus den Viten der beiden Slavenlehrer (oder: -apostel, wie sie oft genannt werden)
zusammensetzen und solche hagiographischen Denkmäler nach Form wie Inhalt gewissen
Klischees genügen müssen, d. h., keine objektiven historischen Berichte darstellen. Wir kommen
auf diese Quellen noch zurück.
Der Schauplatz ist zunächst Groß- bzw. Altmähren (Moravien): Hier hatte der mit der Hilfe von
Ludwig dem Deutschen an die Macht gelangte Fürst Rastislav (bzw. Rostislav, 846-870) gegen
Ludwig 855 einen Sieg errungen und in der Folge (860) die bis dahin in seinem Land tätigen
bayerischen Missionare vertrieben. Er schickt zunächst (860/1) eine Gesandtschaft nach Rom mit
der Bitte um Entsendung eines Bischofs. Da sie erfolglos bleibt (Papst Nikolaus I. [858-869] lag im
Streit mit dem westfränkischen König Lothar II. und war daher auf Ludwig angewiesen), wendet er
sich (im Verein mit seinem Neffen Svętopъlk, i. e. Svatopluk/Svätopluk) in der gleichen
Angelegenheit noch 862 (oder bereits zu Jahresbeginn 863?) an den byzantinischen Kaiser Michael
III. (in Vormundschaft ab 842, als Regent 856-867).
Im Schreiben, das Rastislav seinen Gesandten mitgab, soll es geheißen haben (frei): „Unser Volk
hat das Heidentum aufgegeben und hält sich an das christliche Gesetz, aber wir haben keinen
Lehrer, der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könnte. So schicke
uns, Herrscher, einen Bischof und einen solchen Lehrer, damit auch die anderen Länder, wenn sie
das sehen, uns nacheifern! Denn von euch geht für alle Länder ein gutes Gesetz aus.“ (Vita
Constantini, c. 14 − Hervorhebungen H.M.).
Michael kam der Bitte nach, allerdings nicht in vollem Umfang: Er entsandte nämlich ein Gruppe
von Gelehrten, darunter auch slavischkundige Priester, jedoch keinen Bischof. Die Führung
übertrug er dem polyglotten Philosophen (und Diakon?) Konstantin und dessen älterem Bruder (mit
dem Mönchsnamen) Method. Diese Wahl kam nicht von ungefähr:
Beide Brüder waren im damals überwiegend zweisprachig-slavisch-griechischen Milieu von
Thessaloniki (Saloniki, Solun) aufgewachsen, waren hochgebildet und besaßen auch
Missionserfahrung. Von ihrem Vater Leo wird berichtet, er sei Offizier (Drungarios) im Thema
(Provinz) Saloniki gewesen und bald verstorben, ihre Mutter Maria wird vor allem als
gottesfürchtige Frau und Mutter von sieben Kindern13 geschildert, die nach dem Tod ihres Mannes
in die Hauptstadt zog. (Über eine slavische Abstammung, die in einer späteren Kurzvita einem
Elternteil attribuiert wird, lässt sich nur mutmaßen).
Der 827 geborene Konstantin war der jüngste in der Reihe, Method – als seinen weltlichen Namen
nennt eine spätere Legende Michael14 – einige Jahre älter und dürfte um 815 geboren sein.
Aufgrund seiner Begabung und seines Bildungseifers soll Konstantin schon früh die
Aufmerksamkeit des Logotheten (Staatskanzlers) Theoktistos auf sich gezogen haben (welcher der
damals regierenden Kaiserwitwe Theodora bei der Vertretung ihres minderjährigen Sohnes Michael
zur Seite stand). Auf dessen Empfehlung kam Konstantin 842 nach Konstantinopel und studierte an

12
Metropolie Salzburg mit ihren Suffraganbistümern Regensburg und Passau.
13
Die Zahl sieben ist hier wie auch sonst im Zusammenhang als heilige zu werten und sagt nur begrenzt etwas über die
tatsächlichen Verhältnisse aus.
14
Eine andere Theorie (Mareš) zieht den Namen Strachota vor.
7
der neuen Universität im Kaiserpalast Magnaura bei solchen Größen der Zeit wie dem
Allroundgenie Photios und dem Mathematiker Leo15.
Eine von Theoktist angebotene Beamtenkarriere schlug er aus, wurde zunächst Bibliothekar am
Patriarchat und verbrachte dann kurze Zeit in einem Kloster am Bosporus. Schließlich holte man
ihn als Lehrer für Philosophie zurück an die Universität, wo er bald den Ehrentitel eines
„Philosophos“ erwarb.
So wird Konstantin in den folgenden Jahren auch mehrmals mit besonderen Aufgaben auf Reisen
geschickt: zuerst zu den Arabern (den Sarazenen bzw. Hagarenern des Mittelalters) – wie es heißt,
noch als 24jähriger (i. e. 851 − VC, c. 6), was jedoch mit der bekannten Chronologie nicht
übereinstimmt, die eine solche Gesandtschaft erst für 855/6 ausweist. Bald nach dieser Fahrt zog
sich Konstantin auf eine Weile in das Kloster seines Bruders am kleinasiatischen Olymp
(Bithynien) zurück. Eigentlicher Anlass scheint die Palastrevolte von 856 gewesen zu sein, in der
sich der junge Kaiser im Benehmen mit seinem Onkel, dem Caesar Bardas, gegen die Macht
Theoktists und die Bevormundung durch seine Mutter auflehnte. In diesem Umsturz wurde
Konstantins langjähriger Gönner Theoktist ermordet, zwei Jahre danach Patriarch Ignatios (der sich
weigerte, mit Bardas zusammenzuarbeiten) von Photios abgelöst – das auslösende Moment für den
Konflikt zwischen Rom und Konstantinopel.
Die zweite Reise galt der Mission der Chazaren − einem überwiegend jüdischen, teils auch
mohammedanischen oder noch heidnischen Turkvolk − und sah beide Brüder zwischen 860-861
vor allem auf der Chersones (Krim). Zwei Begebenheiten seien daraus erwähnt:
Auf der Zwischenstation im griechischen Bistum Cherson (nahe Sevastopol’) – soll Konstantin u.a.
Hebräisch gelernt und einen Grammatiktraktat („Acht Redeteile“16) ins Hebräische übersetzt haben.
Dann habe er zwei Bücher (Evangelium und Psalter) in, wie es heißt, „ru(s)sischen Buchstaben
geschrieben“ gefunden und jemanden, der diese Sprache beherrschte. Natürlich handelt es sich bei
dieser Stelle entweder um die Uminterpretation einer Verderbnis17 – zu lesen wäre dann am
ehesten: „mit syrischen Buchstaben“ – oder eine spätere Einfügung eines osl. Schreibers. Trotzdem
hat das einige nationalbewusste Phantasten nicht davon abgehalten abzuleiten, dass die Slaven
schon vor Konstantin eine Schrift gehabt hätten.
Zweites erwähnenswertes Ereignis ist die Auffindung und Hebung der (vermeintlichen) Reliquien
des Hl. Clemens Romanus (ein Gefährte des Petrus u. 3. Bischof v. Rom, der dort als Verbannter
um das Jahr 100 den Märtyrertod gefunden haben soll), die im späteren Verlauf der mährischen
Mission noch eine besondere Rolle spielten sollten.
So viel zum Leben Konstantins vor der Abreise nach Moravien. Von Method hören wir vor seiner
Abreise nach Moravien vor allem, er hätte in der Jugend zunächst Rechtswissenschaft studiert und
sei dann mit der Verwaltung eines slavischen „Fürstentums“ betraut worden (VM, c. 2) – gemeint
ist offenbar ein damals noch unter byzantinischer Verwaltung stehendes Gebiet in Mazedonien (das
man im allgemeinen am Unterlauf der Struma sucht). Erst nach etwa zehnjähriger Tätigkeit als
Archont hätte er sich von dieser Aufgabe befreien können und sei ins schon erwähnte Kloster am
Olymp gezogen.
Nicht nur in diesem Zusammenhang wird hervorgehoben, Method habe sich dem jüngeren Bruder
unterordnet, ihm sogar „wie ein Knecht“ gedient (VM, c. 4). Bevor es aber soweit war, soll er noch
die Würde eines Erzbischofs ausgeschlagen und sich mit der eines Abtes (Hegoumenos, Igumen)
im Polychron-Kloster (am Fuß des kleinasiatischen Olymp) begnügt haben.

15
die klassischen sieben „freien Künste“ (Artes liberales), i.e. Grammatik, Rhetorik, Dialektik als 1. Stufe (Trivium)
und Arithmetik, Geometrie, Musik sowie Astronomie als 2. Stufe (Quadrivium).
16
In hebr. Fassung aber nicht nachweisbar.
17
Nach Mareš hingegen < franksk-; was sich aber allenfalls auf Goten (als Germanen) beziehen könnte und eine
nachfolgende Verwechslung erforderte.
8
Verlauf der mährisch-pannonischen Mission
In der eingangs zitierten Stelle aus der Rastislav-Botschaft an Kaiser Michael III. stand die
Forderung nach einem Missionar in der slavischen Landessprache. Man könnte daraus entnehmen,
dass Rastislav eine plausible Begründung dafür liefern wollte, weshalb er sich in dieser
Angelegenheit an Byzanz (Konstantinopel) wendet. (Denn es war ja jedem klar, dass sich die
Gebiete, um die es ging, seit der geraumen Zeit von über 70 Jahren in jurisdiktioneller
Abhängigkeit von zwei westlichen Kirchensprengeln befanden: Den überwiegenden Anteil daran
besaß das Erzbistum Salzburg mit seinen Suffraganen, einen geringeren das Patriarchat Aquileia).
Sollten die Mährer tatsächlich diesen Wortlaut gewählt haben, so hätte man der Sprachfrage an sich
kein übermäßiges Gewicht beimessen müssen (denn zumindest zu Missionszwecken war die vor
allem von den Iren gepflegte „lingua quarta“-Praxis nicht ganz ungewöhnlich). Man könnte es fast
meinen – denn das Hauptgewicht des Ansuchens lag ja auf der Entsendung eines Bischofs.
Aber Konstantin entwickelte darüber seine eigenen Vorstellungen und Pläne. Bevor es nämlich in
der Versammlung unter der Leitung des Kaisers zur Entscheidung über das Ob und Wer der
Mährermission kam, stellte er die Forderung, das Slavische auch in geschriebener Form (d. h. als
Kirchen- und Liturgiesprache) verwenden zu dürfen. Nur wenn man dies zubillige – er sich also
damit nicht „den Namen eines Ketzers“ einhandle – sei er bereit, das Wagnis auf sich zu nehmen
(VC, c. 14).
Nun war die Anschauung, für den Gottesdienst dürften nur die drei „heiligen“ (Kreuzes-) Sprachen
Hebräisch, Griechisch und Latein verwendet werden, in Byzanz zwar nicht so tief verwurzelt wie
im Westen – schließlich gab es auf byzantinischem Territorium oder in seiner unmittelbaren
Nachbarschaft mehrere Völker mit eigensprachlicher Kirchentradition. Doch rührten alle diese
Traditionen aus der Frühzeit der christlichen Kirchenentwicklung (Syrer [Aramäisch] und Kopten –
2. Jh., Äthiopier – 4. Jh. sowie Armenier, Georgier und Goten – 5. Jh.) und konnten kaum als
Parallelfälle herangezogen werden.
Man stimmte dennoch zu, und schon im Frühjahr des Jahres 863 bricht die Expedition auf nach
Moravien. Zwei Vorbereitungen werden explizit genannt: Die Entwicklung einer eigenen,
slavischen Schrift und die Übersetzung von Kirchenbüchern. Bemerkenswert ist die enorme
Geschwindigkeit, mit der diese Aufgaben bewältigt worden sein sollen (obwohl wir den genauen
Zeitraum nicht kennen; mehr als einige Monate können es aber nicht gewesen sein). Vor allem
deshalb hat man immer wieder vermutet, Konstantin habe hier auf frühere Vorarbeiten (etwa aus
seiner Klosterzeit) zurückgreifen können18.
Ein anderes Problem besteht in der Frage nach den Begleitern der Brüder auf der Reise nach
Moravien. Denn obwohl verschiedentlich von Schülern gesprochen wird, lassen sich darunter die
älteren von den jüngeren, im mährisch-pannonischen Raum herangezogenen, nur ausnahmsweise
abgrenzen: Sicherlich von Anfang an dabei war Kliment („Ochridski“), der bedeutendste Gefährte
der Slavenlehrer und spätere erste Bischof „bulgarischer Zunge“. Eindeutig aus dem Missionsraum
selbst stammte wiederum der Karantaner Gorazd. Insgesamt spricht die Kirche noch heute von den
„Heiligen Sieben“ (gr. Heptarithmoi, bg. Sedmočislenici), die an einem eigenen Feiertag verehrt
werden (östl.: 27., westl.: 17. Juli): Neben Kyrill und Method sind dies Kliment, Gorazd, Naum,
Angelarij und Sava. Dass es nicht die einzigen waren, zeigt u.a. das Reichenauer
Verbrüderungsbuch, wo im Verein mit Kyrill, Method und Gorazd zumindest Leon, Ignatios,
Ioakim, Symeon und Dragaïs zitiert werden19.
Der Gesamtablauf der Missionsgeschichte könnte den Stoff einer eigenen Vorlesung abgeben. Ich
kann hier nur die Hauptetappen zusammenfassen und anschließend einige relevante Episoden etwas
erläutern:

18
D.h. aus den Jahren 855/6, als sich Konstantin in Bithynien befand, wo es slavische Umsiedler gab. Eine andere
Interpretation (Cooper, Kronsteiner) geht dahin, dass wenigstens ein Teil der Bibelübersetzung auf westliche
Vorarbeiten zurückgehe; möglich, aber im Umfang kaum bedeutend.
19
Siehe später. Nicht zu den Hll. 7 gehörige Schüler auch in Theophylakts Kliment-Vita erwähnt.
9
1. Die Slavenlehrer beginnen ihre Arbeit im Mährischen Reich unter der Schirmherrschaft
Rastislavs, wo sie etwas über drei Jahre (40 Monate) erfolgreich tätig sind.
2. In der Absicht, ihr Werk absegnen und einige ihrer Schüler zu Geistlichen weihen zu lassen,
reisen sie im Spätherbst 866 ab – mit welchem Endziel, bleibt zunächst offen. Auf dem Weg
folgen sie einer Einladung des Markgrafen Kocel’ (Chozil) nach Moosburg (Mosapurc) ins
benachbarte pannonische Slavenreich und verbringen dort den Winter 866/7 mit der
Unterrichtung Kocels und weiterer fünfzig, von ihm ausgewählter Gefolgsleute.
3. Spätestens im Sommer 867 treffen sie von dort in Venetien ein – wie man meinen könnte, in der
Absicht, sich nach Konstantinopel einzuschiffen. Es folgt wiederum eine längere
Unterbrechung, in deren Verlauf sie sich heftigen Angriffen der lokalen Geistlichkeit ausgesetzt
sehen (Sprachfrage).
4. Auf Einladung von Papst Nikolaus I. ziehen sie schließlich weiter nach Rom, treffen dort aber
erst nach dessen Tod (am 3. Nov. 867) ein. Nachfolger Hadrian II. (867-872) empfängt sie
jedoch mit großen Ehren, segnet ihr Werk ab (i. e. billigt die slavische Liturgie und segnet die
übersetzten Bücher) und weiht von ihren Schülern drei zu Priestern, zwei zu Diakonen (bzw.
Anagnosten). Die Vita Methodii berichtet, auch Method sei erst hier zum Priester geweiht
worden (woraus man den bemerkenswerten Schluss ziehen kann, dass bis dahin Konstantin
vielleicht der einzige – und zwar: weltliche – Priester in der Runde gewesen ist).
5. Der Romaufenthalt dauerte etwa anderthalb Jahre (Weihnachten 867 bis Sommer 869) und
zeitigte ein weiteres folgenschweres Ereignis: Konstantin erkrankte (von neuem), trat ins
Kloster ein – wobei er den Mönchsnamen Kyrill annahm – und verstarb erst 42jährig am
14. Februar 869, 50 Tage nach dem Klostereintritt. Nach längerer Beratung wurde er schließlich
in San Clemente beigesetzt (im Gedenken an die Reliquien des Hl. Clemens, die er nach Rom
gebracht hatte).
Der zweite Abschnitt steht im Zeichen Methods und der Wiedererrichtung des Erzbistums Sirmium:
6. Auf Wunsch seines Bruders, des Papstes und des Markgrafen Kocel’ hatte sich Method
bereiterklärt, das Werk weiterzuführen. So sandte ihn der Papst zunächst als apostolischen
Legaten zu Kocel’, allerdings mit einer Vollmacht, die sich auch auf die Gebiete Rastislavs und
von dessen Neffen Svętopъlk erstreckte. Wie aus dem Schreiben an die drei Fürsten ferner
hervorgeht, sollte in Zukunft die Liturgie zuerst auf Latein, dann slavisch verlesen werden (vgl.
VM, c. 8).
7. Die Vita Methods berichtet dann, er sei zwar in Moosburg eingetroffen, jedoch bald darauf von
Kocel’ erneut nach Rom geschickt worden, damit ihn der Papst zum (Erz-)Bischof von
Pannonien weihe. Es wäre aber auch denkbar, dass Method bereits beim ersten Rombesuch als
designierter Bischof abgereist ist. Wie dem auch sei:
8. Es ging jedenfalls darum, die seit dem Hunnen-, Gepiden- und Avarensturm (endgültig 582)
verwaiste Erzdiözese Sirmium – heute Sremska Mitrovica (nach dem dort verehrten hl.
Demetrius, der auch Schutzpatron von Thessaloniki ist!) – als geistliches Zentrum der
relevanten Missionsgebiete einzurichten, und zwar unter päpstlicher Oberhoheit und der Leitung
Methods. Ob Method den legendären Amtssitz des hl. Andronikos jemals erreicht hat, ist
unklar. Auf jeden Fall liefen die Vorbereitungen für die Erneuerung der Metropolie bereits 869
an.
9. 870 wird Method auf einer Reise mit Begleitung im Auftrag des Salzburger Erzbischofs
(Adalwin, gest. 873) nach Regensburg20 entführt, wo man ihn auf einem von König Ludwig
einberufenen Reichstag der Amtsanmaßung bezichtigte, verurteilte und dem Gewahrsam eines
schwäbischen Klosters überstellte.
10. Das Exil wird heute im Inselkloster Reichenau am Bodensee angesiedelt, nachdem man längere
Zeit an Ellwangen gedacht hatte. Es dauerte zweieinhalb – entscheidende – Jahre, da sich außer
Kocel’ offenbar niemand um die Freilassung Methods kümmerte. Svętopъlk, ehemals

20
Neuerdings angezweifelt von M. Eggers, der das Ereignis auf eine Reise verlegt.
10
Lokalfürst von Neutra (sl. Nitra), hatte inzwischen seinen Onkel Rastislav an Ludwig
ausgeliefert (der ihn 870 in Regensburg zuerst zu Tode verurteilte, dann blenden und in
Klosterhaft einliefern ließ) und trat nach wechselhaften Auseinandersetzungen mit Ludwig 871
selbst die Herrschaft über das vereinte Großmähren an.
11. Im Mai 873 erzwang der Nachfolger von Papst Hadrian, Johannes VIII. (872-882), die
Freilassung Methods. Es folgen zwölf wechselhafte Jahre, die Method teils in Pannonien, teils
in Moravien und auf kurzfristigen Reisen zubringt (darunter einmal auch nach K/pel auf
Anordnung Kaisers Basileios I., der seinen Vorgänger Michael 867 hatte ermorden lassen). Er
bleibt zwar Erzbischof, doch fehlt ihm nach dem Tod Kocels im Jahre 874 der notwendige
Rückhalt. Svętopъlk, der nun auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, scheint ihn geduldet zu
haben, weil er ihn für seine politischen Ziele benötigte bzw. sich seine Vertreibung nicht leisten
konnte. Sein Berater Johannes de Venetiis kämpfte beharrlich gegen die Abhaltung der
slavischen Liturgie; die auch tatsächlich zeitweise verboten, zeitweise eingeschränkt wurde. Seit
dem Friedensschluss von 874 (in dem u.a. die erneute ostfränkische Oberhoheit anerkannt
wurde) musste es Method hinnehmen, das fränkische Priester wieder im Mährischen Reich
wirken durften; einige Zeit später (879) sogar, dass der Lateiner Wiching zum Bischof von
Neutra geweiht wurde. Mit dem Ableben von Papst Johannes VIII. verlor Method 882
schließlich seine letzte Stütze.
12. So verwundert es nicht zu sehen, dass nach Methods Tod am 6. April 885 das Werk der Brüder
rasch zusammenbricht: Zwar hatte Method noch Gorazd als seinen Nachfolger bestimmt, doch
erreichte Wiching bereits ein halbes Jahr danach die Amtsenthebung Gorazds, die Ächtung
Methods und seines Werks und seine eigene Anerkennung als Verwalter von Methods Amt.
13. Daraufhin werden noch im Winter 886 die standhaften Anhänger der slavischen Liturgie
gefangen genommen, misshandelt und vertrieben oder auf dem Sklavenmarkt in Venedig
verkauft. Ein Teil von ihnen wendet sich offenbar nach Kroatien21, andere werden von Byzanz
losgekauft; einige vermochten wohl auch im Untergrund (insbes. in der Peripherie: Böhmen) zu
überleben. Die entscheidende Gruppe kämpft sich jedoch an der vereisten Donau durch nach
Belgrad ins damalige Bulgarien.
Man darf behaupten, dass erst infolge der günstigen Aufnahme, die diese Schüler in Bulgarien
finden, das kyrillomethodianische Werk seine weltgeschichtliche Bedeutung erlangt. Die
wichtigsten Entscheidungen darüber, dass sich die Verhältnisse in Europa jedoch so – und nicht
anders – entwickelten, fielen schon in den Jahren 866-870. Wir wollen daher diesen Abschnitt kurz
kommentieren:
Als die Brüder im Frühjahr 863 darangingen, das mährische Christentum zu kultivieren – der
korrekte Ausdruck, da die eig. Mission schon von den fränkischen Priestern erledigt worden war
und es nunmehr vor allem um die Gründung einer eigenen, slavischsprachigen Kirche ging –,
konnte Rastislav auf rund acht Jahre politischer Unabhängigkeit zurückblicken. Seine Entscheidung
für das byzantinische Christentum in slavischer Gestalt bildete eine de facto-Aufkündigung einer
über siebzigjährigen Abhängigkeit von westlichen Kirchensprengeln, insbes. von Salzburg.
Kyrill und Method hielten sich zuerst an diese Vorgaben; zumindest deutet vor ihrer Abreise zu
Kocel’ nichts auf eine beginnende West-Orientierung hin. Eine Wende zeichnet sich jedoch ab
unter dem Einfluss des Moosburger Fürsten, bei dem sie den Winter 866/7 verbrachten. Im
Sommer 867 finden wir sie, wie gesagt, in Venetien, noch vor Jahresende dann in Rom.
Was hatte die Brüder bewogen, einer Einladung an den Hof Kocels zu folgen, an dem
bekanntermaßen ihre fränkischen Gegner ein- und ausgingen? Und was bewirkte, dass sie das
Endziel der Reise, die Weihe ihrer Schüler und Absegnung des Missionswerkes, nicht in
Konstantinopel, sondern in Rom suchten (und fanden)?
Nun – die Ereignisse von 863/4 hatten zwei unmittelbare Folgen: Politisch zeitigten sie die
Auflösung der alten Bündnisklammer Ostfränkisches Reich – Bulgarien einerseits und Rastislav-

21
Und wohl auch Bosnien, falls Methods Metropolie tatsächlich bis dorthin reichte (wie von M. Eggers angenommen).
11
Staat – Byzanz andererseits. Kirchlich verschärften sie den Gegensatz Rom – Konstantinopel, da
Rom – gestützt auf eine Wiederanerkennung seiner Rechte in Ostillyrien von 860 – den Westen des
Bulgarenreichs als seiner Jurisdiktion zugehörig betrachtete.
Als indirekte Spätfolge resultierten daraus Zersetzungstendenzen im Inneren Bulgariens, die dessen
Herrscher Boris in der zweiten Jahreshälfte 866 veranlassten, die alten Verhältnisse unter neuem
Vorzeichen wiederherzustellen: Er erneuert nicht nur die politische Bindung mit Ludwig, sondern
stellt auch (indirekt) beim Papst einen Antrag auf Gründung einer eigenen Diözese. Was Rastislav
einige Jahre früher nicht geglückt war – die Erlangung der kirchlichen Unabhängigkeit vom
mächtigen Nachbarn und gleichzeitige politische Anerkennung durch Ausspielen der römischen
Karte – schien aus der Sicht der Jahreswende 866/7 dem bulgarischen Reich zu gelingen.
In dieser Situation dokumentiert Kocel sein lebhaftes Interesse am slavischen Missionsprogramm
und fordert die Brüder auf, ihn und seine Gefolgschaft mit ihren Errungenschaften vertraut zu
machen; eine Chance, die sich diese nicht entgehen lassen konnten! Allerdings erforderte die
Erweiterung der Tätigkeit auf ostfränkisches Hoheitsgebiet eine gewisse Kompromissbereitschaft,
die von der Einsicht getragen war, dass sich hier das ferne Konstantinopel ohne verbriefte Rechte
kaum durchsetzen konnte. Ein neues Programm tat also not. In den Gesprächen mit Kocel’ nahm es
Gestalt an; ob es durchsetzbar war, musste erst erprobt werden.
Man wählte also die Reiseroute über Venetien, das sich aus drei Gründen für eine endgültige
Entscheidung anbot: Von hier aus konnte man ebenso nach Rom wie K/pel weiterreisen; da die
letzten Nachrichten einholen; hier schließlich auch Signale setzen und die Reaktion der Kurie
abwarten. Die Signale lassen sich im Großen und Ganzen rekonstruieren, und zwar:
1. Die Jurisdiktion über die Gebiete Rastislavs und Kocel’s (inklusive assoziierter bzw.
abhängiger Regionen wie der Svętopъlks) sollte einem eigenen Erzbistum übertragen werden. Für
die Dauer einer Übergangsperiode sollte sie Rom direkt ausüben.
2. Anders als bisher sollten im Ritus auch römische Elemente zum Tragen kommen. Als
mögliches Vorbild konnte die Praxis der Rom unterstellten Italogriechen dienen.
3. Offizielle Sprache der zu gründenden Kirchenprovinz bleibt das Slavische in Wort und
Schrift. Über den Anteil von Zweitsprachen (besonders des Latein) sollte verhandelt werden.
Ferner, so ließ man durchblicken, komme man nicht mit leeren Händen: Die seinerzeit von
Konstantin gefundenen Reliquien von Clemens Romanus sollten den ihnen gebührenden Platz
zugeführt werden.
Bezeichnenderweise entzündete sich der Widerstand wiederum und hauptsächlich an der
Sprachfrage.
Als die Nachricht des Papstes eintraf, hatte man aber noch einen anderen Grund aufzuatmen. Denn
die kurz davor eingegangene Nachricht von der Ermordung Kaiser Michaels und der Verbannung
des Patriarchen Photios – beiden Schirmherren ihrer Mission – muss die Brüder mit großer Sorge
erfüllt haben. Vielleicht hätten sie aber ihre Abreise doch noch hinausgezögert, wäre ihnen noch die
Kunde vom Ableben Papst Nikolaus’ zugegangen.
Sein Nachfolger erwies sich jedoch als aufgeschlossen. Die Aussichten waren ja verheißungsvoll.
Die konsequente Weiterentwicklung des kyrillomethodianischen Plans hätte nämlich nicht weniger
bedeutet, als dass zumindest der gesamte Balkan Rom zugefallen wäre. Als Erneuerer der
sirmischen Metropole hätte Method alle Slavengebiete inklusive Bulgariens leiten sollen.
Der Plan ging nicht auf, jedenfalls nicht zur Gänze und nicht auf Dauer. Dazu hätte Rom rascher
handeln müssen. Denn die Gegner konterten prompt: Sobald durchgesickert war, dass Method als
päpstlicher Legat daran ging, den Wiederaufbau des Erzbistums vorzubereiten, nutzte
Konstantinopel die Gelegenheit eines Konzils, um die Frage der Zugehörigkeit Bulgariens zu seinen
Gunsten zu entscheiden.
Praktischer und drastischer war die ostfränkische Reaktion: Method war kaum geweiht, da ließ man
ihn aus dem Verkehr ziehen (indem man ihn der Obhut der fernen Reichenau überantwortete).
Zugleich setzte man sich an die Abfassung einer Tendenzschrift („Conversio Bagoariorum et
12
Carantanorum“), um den Ansprüchen des Heiligen Stuhls mit dem Hinweis auf eine 75jährige
Bekehrungsarbeit und Verjährung zu begegnen.
Papst Hadrian war schon zu schwach, die Zügel erneut an sich zu reißen. Während Methods
Angelegenheiten von seinen Schülern weitergeführt wurden, bemühte sich Kocel’ bald drei Jahre
lang vergeblich, die Freilassung seines Bischofs zu erwirken. Aber: Als Method im Mai 873 das
neue Programm aufnehmen konnte (freilich nicht ohne Auflagen und eingeschränkt auf das
Territorium Kocel’s und Svętopъlks), waren die Würfel schon gefallen…
Was nach dem Tod Methods folgte, könnte man als Paradoxon bezeichnen: Auf ihrem
Ursprungsboden kam die Brüdermission zum Erliegen, bevor noch die Magyaren das Erbe des
einstigen Slavenreichs angetreten hatten (nach 906). Aber gerade der Zusammenbruch bot ihr die
Möglichkeit, auf größeren Territorien zu überleben: So in Bulgarien, gefolgt von Serbien und der
Rus’. Hier erwies sich das erste Programm der Slavenlehrer als tragfähig.
Dem zweiten Programm22 war ein zeitweises Schattendasein in Böhmen und bei den kroatischen
(und wohl auch bosnischen) Glagoliten (Anhängern der Glagolica) vergönnt. Die Nachrichten
darüber sind spärlich; es besteht jedoch kein Zweifel, dass von beiden Regionen nicht nur
untereinander, sondern auch mit den orthodoxen Zentren enge Beziehungen geknüpft wurden, in
denen Ungarn eine Vermittlerrolle spielte:
Legendär wird über den (um 935 getöteten) tschechischen Nationalheiligen Wenzel (Václav)
berichtet, er sei unter dem Einfluss seiner Großmutter Ludmilla (Lidmila) auch in die slavische
Schrift (und somit Kirchentradition) eingeführt worden.
Als 973 der Papst die Prager Bistumsgründung genehmigt, schließt er den Vorbehalt an, sie dürfe
nicht nach dem Ritus und der Sekte der Bulgaren oder der slavischen Sprache, sondern nur nach
den Anordnungen des Hl. Stuhls eingerichtet werden. Dennoch entsteht erst 1032 im Umkreis Prags
das slavische Benediktinerkloster Sázava, in dem die slavische Liturgie immerhin bis 1097
überlebt23. Dann versiegt die böhmisch-kirchenslavische Tradition auf rd. zweieinhalb
Jahrhunderte, bis sie von Karl IV. mit der Hilfe kroatischer Benediktinerglagoliten kurzfristig
wiederbelebt wurde.
Auch im kroatischen Raum vermochte sich das zweite Programm der Slavenapostel nicht auf Dauer
zu behaupten: Das zähe Fortleben von slavischer Sprache und Schrift bei den kroatischen
Glagoliten war nur unter der Bedingung einer Übernahme des lateinischen Ritus möglich.
So zerfällt die kirchenslavische Tradition an der Wende zum 12. Jh. in zwei Zweige: einen
schmalen westksl.-glagolitischen und einen mächtigen ostksl.-kyrillischen, zu dem dann auch die
(anfangs zum I. Bulgarenreich gehörenden) rumänischen Gebiete gehörten.
Unser Interesse verlagert sich nun nach Bulgarien, wo – wie gesagt – am Jahresbeginn 886 eine
kleine, aber erlauchte Gruppe kyrillomethodianischer Gefährten eintrifft.
Wir hatten schon erwähnt, dass die Gründung des I. Bulgarischen Reichs um das Jahr 681 keine
slavische Angelegenheit war, sondern von den erst später auf den Balkan nachgewanderten
Protobulgaren ausging. Die Proto- oder Urbulgaren (bg. Prabălgari) – gemeinsamer Abstammung
mit den Wolgabulgaren – waren ein turksprachiges24, den Hunnen und Chazaren eng verwandtes
Steppenvolk, deren Name sich in ähnlicher Weise bewahrt hat wie im Falle der Kiever Rus’
(Skandinavier) oder von Frankreich bzw. Franzosen (Westfranken). Als heutige Nachfolger der
Wolgabulgaren gelten für die Anhänger der Turktheorie die Čuvašen.
Noch bis zur Zeit Kyrills und Methods besetzten die Protobulgaren alle wichtigen Positionen im
Staat, insbesondere die des Chans und seines Stellvertreters (Kavchans). (Nur zwei Namen seien in

22
I.e. der (mitunter als „dritter Weg“ angesprochene) ökumenische Weg der Vermittlung zwischen Rom und
Konstantinopel.
23
Damals verhängte Rom ein endgültiges Verbot für die slavische Liturgie in Böhmen, dem 1097 die Vertreibung ihrer
Anhänger folgt.
24
Vgl. jedoch neuerdings auch Petăr Dobrevs Theorie von der alanischen (idg.) Abstammung der Protobulgaren
(dagegen u.a. K. Popkonstantinov, in: FS Beševliev).
13
diesem Zusammenhang hervorgehoben: Der Gründer des donaubulgarischen Reichs hieß Asparuch
[Isperich], sein späterer Nachfolger in dem uns interessierenden Zeitraum war der nicht minder
berühmte Chan und dann 1. christliche Fürst Boris I [852-889]). Die Mehrheit der Bevölkerung
setzte sich aus Slaven zusammen; dazu kamen versprengte Reste antiker Siedler (insbes. Thraker,
Romanen und Griechen, was den Kernbereich des damaligen Staatsgebiets angeht; ansonsten auch
Daker und so manche andere), aber noch in der abg. Periode vollzog sich die allmähliche
Amalgamation der verschiedenen Bevölkerungsteile, in deren Verlauf die Protobulgaren gänzlich
aufgesogen wurden; so dass von ihrer Sprache im Bulgarischen nur einzelne Wörter, Suffixe,
besonders aber Namen (wie Boris, Krum, Čavdar) sicher greifbar geblieben sind.
In ständiger Auseinandersetzung mit seinen Nachbarn hatte Bulgarien an Größe derart gewonnen,
dass es unter Boris bereits vom heutigen Modavien bzw. dem Süden der Ukraine bis an die
albanische Küste reichte, d.h. ganz Rumänien, Bulgarien, Makedonien und Teile Serbiens sowie
Albaniens umfasste25. Seine Hauptstadt bildete damals noch Pliska im heutigen Nordosten
Bulgariens.
Aber erst die Annahme des Christentums um 865 verschaffte Bulgarien den Eintritt in die
europäische Geschichte. Unmittelbar vor Boris’ Taufe scheint schon ein beträchtlicher Teil der
Slaven im Staat mit dem Christentum in nähere Berührung gekommen zu sein, während die
Protobulgaren sich allenfalls ausnahmsweise den Ideen des Christentums öffneten26.
Der eigentliche Anstoß zur allgemeinen Taufe ging interessanterweise vom Frankenreich Ludwigs
des Deutschen aus. Mit ihm hatte Boris ja 862 einen Beistandspakt gegen Altmähren geschlossen,
der mit einem Taufversprechen verbunden war.
Ob die Taufe des Boris nur unter dem doppelten Druck von Naturumständen und einem Angriff der
Byzantiner zustande kam oder ein − wegen des noch uneingelösten Taufversprechens erfolgter −
Frankenangriff noch unterstützend wirkte, ist nicht klar: Wir kennen nämlich das genaue Datum der
Taufe nicht. Entscheidend ist nur, dass die Taufe von Byzanz erfolgte (864/5/6). Da sie unter dem
Kaiser Michael III. erfolgte, nahm Boris nach damaligem Brauch auch dessen Namen an – hinfort
also Boris-Michail. Seine Hoffnung, dass man seinem Land in Bälde auch eine eigene Kirche, d.h.
ein autokephales Erzbistum, zugestehen würde, zerschlug sich jedoch.
Dies war der Grund dafür, dass sich Boris im Sommer 866 an den Papst wandte. Dass Boris
gleichzeitig auch Ludwig die Hand reichte und ihn ebenfalls um Entsendung eines Bischofs
ersuchte, diente wohl in erster Linie zur Beruhigung der Situation bzw., um Zeit zu gewinnen. Wie
dem auch sei:
Rom verhandelte zu lange; so lange, bis 870 auf einer Nachtragssitzung des (nach westl. Zählung:
8. ökumenischen) Konzils von Konstantinopel (869) die kirchliche Zugehörigkeit Bulgariens
endgültig zugunsten von K/pel entschieden wurde. (Damit hatte sich die alte politische
Reichsgrenze zwischen West- und Ostrom auch kirchlich durchgesetzt).
Bis zum Eintreffen der Schüler Kyrills und Methods, d.h. zwischen 870 und 885/6, verlief also die
weitere Mission und Kirchenorganisation Bulgariens griechisch, unter einem von Konstantinopel
entsandten Erzbischof, mit dem Sitz in Pliska.
Wie die Viten der Slavenlehrer berichten, wurden die aus Moravien vertriebenen Missionare in der
Grenzfestung Belgrad aufs wärmste empfangen und an den Hof nach Pliska geleitet. Sichere
Angaben verfügen wir über folgende drei: die schon genannten Kliment, Naum und Angelarij.
Einige Monate später erhielten sie noch Verstärkung durch weitere, die − auf dem Slavenmarkt von

25
Eine Karte findet sich u.a. bei Trunte, 150.
26
Um den weiteren Gang der Ereignisse richtig zu verstehen, ist zu bedenken, dass die christliche Reichsidee in der
bulgarischen Führungsschicht schon vor Boris Fuß gefasst hatte; in nuce bereits unter Asparuchs Nachfolger Tervel.
Omurtag legte sich dann den Titel eines Ð ™κ θεοà ¥ρχων zu, und bei Boris’ Sohn Symeon verbindet sich mit dem Griff
nach dem Zarentitel bereits der Wunsch nach der Ablöse des römischen (=rhomäischen) Imperiums. Kirchlich greifen
hier bis zur Errichtung eines eigenen Erzbistums (870) westliche und östliche Elemente ineinander. Nach der
Konsolidierung versuchte man, die beiden Elemente wieder säuberlich voneinander zu trennen.

14
Venedig von einer byzant. Gesandtschaft losgekauft − zunächst in Konstantinopel eingetroffen
waren und sich von dort nach Pliska begeben hatten. Auf diesem Wege dürfte der vierte
Hauptakteur, der nachmalige Bischof von Preslav, Konstantin, hinzugestoßen sein.
Eine wichtige, aber leider nicht zweifelsfrei zu klärende Frage tangiert die mitgebrachten slavischen
Bücher resp. Texte. Bedenkt man die Umstände, unter denen die beiden Gruppen nach Bulgarien
gelangten, so wird man kaum damit rechnen dürfen, dass alle bis dahin verfassten oder übersetzten
Denkmäler darunter waren.
Kurz zum Gang der weiteren Ereignisse:
Während Angelarij rasch verstarb, verbrachten Kliment und Naum etwa ein Jahr in Pliska, wo sie
sich offensichtlich um die Organisation einer ersten slavischen Bildungsstätte und die Zusammen-
bzw. Wiederherstellung der slavischen Kirchenbücher kümmerten − Unternehmen, bei denen sie
sich bald auch der Hilfe des schon genannten Konstantin und lokaler Kräfte bedienen konnten.
Gemäß einem inzwischen ausgereiften Plan Boris-Michails verblieb dann Naum im Umkreis der
Hauptstadt. Kliment wurde zur Heranziehung eines slavischsprachigen Klerus und zur Festigung
des Christentums in den westlichen Reichsteilen ins Komitat Kutmičevica entsandt.
Während der folgenden sieben Jahre gelangen Kliment bedeutende Lehrerfolge, die sich auch in der
nachhaltigen Verbreitung der Glagolica auf makedonischem Boden äußern. Das von ihm
geschaffene Panteleimon-Kloster bei Ochrid wurde zum Fundament eines erstrangigen
Kulturzentrums mit einer Ausstrahlung über die gesamte Slavia orthodoxa („Schule von Ochrid“).
Ähnliches gilt für Naum und seinen Literatenkreis im Osten, der höchstwahrscheinlich zunächst in
der Großen Basilika von Pliska arbeitete. Infolge einer (auf Fehlinterpretation fußenden) Nachricht
in seiner Kurzbiographie wird Kliment noch heute manchmal die Zusammenstellung der
kyrillischen Schrift zugeschrieben. Alles, was man dazu sagen kann, ist, dass die Entstehung der
Kyrillica am ehesten in diesen Zeitraum (zwischen 886 und 893) fällt. Ob Kliment damit etwas zu
tun hatte, ist aber mehr als fraglich − u.a. auch deshalb, weil die Kyrillica zweifellos vom Osten
(Pliska-Preslav) her verbreitet wurde, wie wir noch sehen werden.
Inzwischen tat sich politisch so einiges: Boris-Michail dankte 889 ab, übergab die Macht seinem
ältesten Sohn Vladimir (mit dem Geburtsnamen Rasate) und zog sich ins Kloster zurück. Die
Amtszeit Vladimirs endete mit einem Eklat: Nach Wiederaufnahme enger Beziehungen mit dem
Ostfränkischen Reich macht sich Vladimir zum Sprecher einer heidnisch-orientierten
Boljarengruppe, die 893 beinahe die Umkehr in die Verhältnisse vor 864 geschafft hätte. So
unterbricht Boris-Michail sein Klosterdasein, setzte Vladimir ab und hievt seinen jüngeren (dritten)
Sohn Simeon auf den Thron.
Das Datum 893 wurde zu einem Meilenstein in der Geschichte der slavisch-orthodoxen Länder. In
unmittelbarem Anschluss an die geschilderten Ereignisse wird im ostbulgarischen Garnisonsort
Preslav nämlich ein Săbor (Reichs- und mglw. Kirchentag) einberufen, um die Verhältnisse neu zu
ordnen. Wir sind über dieses Treffen zwar kaum informiert27, doch zwingen alle Anhaltspunkte zur
Rekonstruktion folgender Tagesordnung:
1. Offizielle Ächtung und Absetzung Vladimirs;
2. Krönung Simeons zum neuen Fürsten (nachdem dieser vorher von seinem Mönchsgelübde
suspendiert worden war) durch den bg. Erzbischof;
3. Ausrufung von Preslav zur neuen, christlichen Hauptstadt anstelle des heidnischen Pliska (in
Nachahmung der Verlegung der imperialen Metropole von Rom nach Byzantion [dann
Konstantinopel bzw. “2. Rom“] durch Konstantin den Großen im Jahre 325)28;
4. das sog. prěloženi(j)e kъńigъ − wozu gleich im Anschluss − und die
5. Wahl und Cheirotonie von Kliment zum „ersten Bischof bulgarischer Zunge“.

27
So von Regino von Prüm (Weltchronik Chronicon, Trier 908) und der sog. Nestorchronik.
28
Trunte, 226 verlegt das Ereignis schon in die Zeit nach 870.
15
Die ominöse Nachricht vom Prěloženie (in der osl. Nestorchronik) hat immer wieder zu
Spekulationen Anlass gegeben. Wenn ich richtig sehe, ist mit Zlatarski darunter die allmähliche
Ablöse des Griechischen im offiziellen Amtsgebrauch und der Kirche durch das Abg.-Aksl. zu
verstehen.
Damit musste notgedrungen auch die Ablöse der Schrift einhergehen. Wie wir aus einem Traktat
eines Mönchs mit dem Beinamen Chrabr („O pismenech“) wissen, hat sie die Gemüter überaus
beschäftigt. Man darf daraus u.a. ableiten, dass um 893 auch die Kyrillica bereits so weit entwickelt
war, dass man mit ihr sozusagen „normal“ schreiben und lesen konnte.
Selbst wenn wir einräumen, dass man sich damals für das Slavische entschied, wissen wir nicht,
wie die Schriftdiskussion ausging. Das erhaltene Material lässt zwei Möglichkeiten zu: Die erste
und wahrscheinlichere ist die, dass man im weltlichen Gebrauch die Kyrillica propagierte und im
kirchlichen noch die Glagolica zuließ; die andere, dass man gar keine eindeutige Entscheidung traf,
sondern er dem Trend der Zeit überließ, wie sich die Dinge entwickeln würden. Denn die Zeugnisse
aus der relevanten Gegend und Epoche sind sowohl glagolitisch als auch kyrillisch geschrieben.
Allerdings zeigen sich einige deutliche Unterschieden im Anwendungsbereich: Während die
glagolitischen Quellen des Gros der abg. Bücher ausmachen und so gut wie keine offizielle Inschrift
darunter ist (leider verfügen wir über keine slavischen Urkunden aus der Zeit), finden sich unter den
kyrillischen wenigstens der Zahl nach mehr Inschriften als Bücher. Und: Während die
glagolitischen Dmm. überwiegend aus dem Westen, insbes. Makedonien, stammen (so alle
Kodizes), sind die kyrillischen zwar überall zu finden, aber die wenigen Bücher deuten wiederum
auf eine östliche Entstehung. Dies als bloßen Zufall hinzustellen, würde der Sache kaum gerecht
werden.
Die Abkehr vom Griechischen erfolgte je nach Bereich mehr oder minder schnell und dabei nicht
gänzlich insofern, als man sich zumindest in der Diplomatie weiterhin auch dieser Sprache
bedienen musste. Anhand von Inschriften und Münzen (i.e. epigraphischen und numismatischen
Dmm.) sehen wir, dass man je nach Zweck und Adressat der Mitteilung sich bald des Slavischen,
bald des Griechischen bedient hat. Ausschließlich griechisch gehalten sind die Münzen, die ja
internationales Zahlungsmittel bleiben sollten. Im Alltag und in der Kirche darf dagegen mit einem
rascheren Wechsel gerechnet werden.
Ausgehend vom neuen Zentrum Preslav muss sich die Kyrillica (auf Kosten der Glagolica) ziemlich
rasch ausgebreitet haben; denn schon die erste datierte Quelle, die schon erwähnte Inschrift aus dem
Höhlenkloster Krepča vom Jahr 921, ist in ihr geschrieben. Es handelt sich dabei um ein kurzes
Graffito (inoffizielle Privatinschrift) eines Klerikers, das erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckt
wurde.
Gehen wir wieder einen Schritt weiter. Die Regierungsperiode Simeons dauerte fast 34 Jahre (893-
927) und ging als „Goldenes Zeitalter“ der slavischen, insbes. natürlich abg., Kultur in die
Geschichte ein. Ähnlich Konstantin-Kyrill hatte Simeon eine griechische Bildung in Konstantinopel
genossen und war als ehemaliger Ordensmann in geistlichen Dingen ebenso gewappnet wie im
Kriegshandwerk und in der Politik. In seine Zeit fallen nicht nur die Entwicklung des „klassischen“
Altkirchenslavischen und eine enorme schriftstellerische und Übersetzungstätigkeit, sondern auch
weitere Zugewinne an Territorium und Macht. Gestützt auf mehrere Siege gegen Byzanz und
begünstigt von der misslichen Lage, in der sich das byzantinische Reich damals befand, forderte
Simeon nach 913 bereits für sich den Kaiserthron und für die bg. Kirche die Erhebung zum
Patriarchat. Als man ihm nur die Caesarenwürde anbot (eine Art Mitkaiserschaft), legte er sich
selbst um 917/8 den Titel eines Zaren (Basileus) der Bulgaren zu, lässt das Erzbistum von der
Bischofsversammlung zum Patriarchat erheben und sich vom neu gewählten Patriarchen krönen.
Um den Anspruch auf die Nachfolge des Imperiums zu dokumentieren, fügte er seinem Titel 919
noch den Zusatz „und der Rhomäer“ (i. e. Griechen) an.
Die Anerkennung dieser Schritte durch Byzanz erlebte er freilich nicht mehr. Sie erfolgte nach
seinem Tod unter seinem (jüngeren) Sohn und Nachfolger Peter I. (927-969). (Auch die ihm vom
Papst schon 926 zugesandte Königskrone erreichte erst seinen Nachfolger).
16
Aus Belegen wird ersichtlich, dass sich Simeon auch als Auftraggeber von religiös-philosophischen
und didaktischen Schriften betätigt hat; so etwa geht das Übersetzungsoriginal des sog. Izbornik
Svjatoslavs von 1073 auf seine Initiative zurück. Er lässt in Preslav einen neuen Palast erbauen, der
vom Exarchen Joan in den leuchtendsten Farben beschrieben wird (in dessen
Hexameron/Šestodnev). Und erst vor etwa 30 Jahren fand man in Ravna (bei Provadija, zwischen
Pliska-Preslav und dem Meer) die Reste eines klösterlichen Skriptoriums mit Hunderten von
epigraphischen Dmm. in kyrillischer, glagolitischer, griechischer Schrift und selbst in protobg.
Runen − wahrscheinlich ein weiteres Zeugnis seines Mäzenatentums.
Die eigentlichen Träger der Schriftkultur waren natürlich die ehemaligen Begleiter Kyrills und
Methods und deren neue Schüler, allen voran Kliment, Naum, Konstantin und der Exarch Joan
(Johannes). Sie hinterließen eine Fülle von Übersetzungs- und Originalsschriften, von denen sich
freilich nur ein geringer Teil erhalten hat, dies meist aus späterer Zeit, nicht selten in osl.
Abschriften.
Von Ochrid als Schriftzentrum war schon die Rede. Ein Nachtrag gebührt noch dem östlichen
Zentrum Preslav. Wenn wir bedenken, dass Konstantin Bischof der Hauptstadt war und Naum
schon vor ihm in Pliska gewirkt hatte, dürfen wir diesen beiden Hauptlast für die Herausbildung der
sog. Schule von Preslav zuschreiben. Die Preslaver Schule − in erster Linie ein Literatenkreis −
entfaltete nicht nur eine enorme Produktivität, sondern erfreute sich später auch außerhalb
Bulgariens eines ähnlichen Ansehens wie jene von Ochrid.
Der letzte noch kurz zu behandelnde Literat findet sich ebenfalls unter den „Leuchten“ dieses
Kreises: Der schon zitierte Exarch Johannes gehörte der Generation Simeons an und wurde
wahrscheinlich mit ihm zusammen zum Studium nach Konstantinopel geschickt, wo er mehrere
Jahre verbrachte (ca. 878-885/6). Über die Bedeutung seines Titels hat man diverse Vermutungen
angestellt, ohne eindeutiges Ergebnis. Mit seinen zwei bedeutendsten Arbeiten steht Joan dem
Bischof Konstantin recht nahe; insofern es sich dabei um umfangreiche Übersetzungskompilationen
von belehrend-exegetischem und dogmatischem Charakter handelt. Gemeint sind die noch im 9. Jh.
entstanden „Nebesa“ („Himmel“, heute meist Bogoslovie) und der etwas spätere Šestodnev
(Hexaemeron). Als „Himmel“ betitelte er eine Auswahlübersetzung der Glaubenslehre des letzten
großen griechischen Kirchenvaters Johannes von Damaskus (7./8. Jh.), ein theologisches
Standardwerk, dem der Exarch allerdings nur jene (48) Kapitel entnimmt, die dem Leser einen
Einblick in den natürlichen Aufbau der Welt mit ihren Lebewesen vermitteln können. Auch der
Šestodnev ist vor allem angefüllt mit naturkundlichen Darstellungen und bildet eine Art
Enzyklopädie antiker und christlicher Vorstellungen über die Schöpfung. Das Meiste davon geht
zurück auf griechische Kirchenväter, in erster Linie Basileios den Großen (4. Jh.). Wenn wir von
Konstantin-Kyrill absehen (der freilich keine theoretische Schrift hinterlassen hat), ist der Exarch
Johannes zudem der erste bekannte slavische Übersetzungstheoretiker (Aufschluss darüber gibt
seine Vorrede zum Bogoslovie).
Was die auf Simeon folgenden Entwicklungsetappen angeht, so müssen uns ganz kurz fassen. Die
Zeit ist durch zwei entscheidende Prozesse geprägt: den allmählichen Zerfall des I. Bulgarenreichs
einerseits und die damit in loser Verbindung stehende Verbreitung der aksl. Tradition auf
ostlavisches und serbisches Territorium.
Die Anfänge der beiden Prozesse entfallen noch in die Regierungsperiode von Simeons Sohn Peter
I. Dabei beginnt diese Periode eigentlich recht vielversprechend: Zunächst kommt es zu einem
erneuten Friedensvertrag zwischen Bulgarien und Byzanz, in dem das legitimierte Kaiserreich
endgültig die von Simeon angenommene Zarenwürde anerkennt und ebenso das bulgarische
Patriarchat. Peter erhält eine Nichte des Kaiser (Romanos Lakapenos), Maria-Eirene, zur Frau usw.
Auch kulturell sehen wir eine Fortsetzung des Goldenen Zeitalters: Peter, der sonst als eher
schwacher, sanftmütiger Mann von hoher Religiosität geschildert wird, beteiligt sich offenbar auch
aktiv am literarischen Leben (ein Petrъ črьnorizьcъ wird als Autor mehrerer kürzerer religiöser
Schriften genannt). In diese Phase fällt u.a. die Entstehung des sog. „Knjažij Izbornik“ (nach der
Rekonstruktion von W. R. Veder), ein Vorläufer des zweiten nur in ostslavischer Kopie erhaltenen

17
abg. Sammelkodex (Izbornik von 1076). Es ist die nachklassische Zeit des Aksl., in der es
sozusagen den letzten Schliss erhält, bevor es sich in diverse Lokalvarianten differenzierte.
Obwohl der Reichsverfall erst in den letzten Regierungsjahren Peters konkrete Formen annimmt,
sind seine Ursachen schon früher angelegt. Es sind vor allem drei: eine allzu schwache
Zentralgewalt, die zur übermäßigen Stärkung der Bo(l)jaren und der hohen Geistlichkeit führte;
zweitens die staatszersetzende Wirkung der Sekte der Bogomilen und drittens immerwährende
Angriffe von außen, an denen sich nach dem Tod von Peters Frau Eirene (965) auch Byzanz
beteiligte.
So brach Nikephoros Phokas den 927 geschlossenen Friedensvertrag und verband sich mit dem
Kiever Fürsten Svjatoslav Igorevič. Es kam zu zwei aufeinander folgenden Feldzügen (966 u.
967/8), die zunächst mit der teilweisen Einnahme Nordostbulgariens durch die Kiever Truppen
endeten. Da Svjatoslav jedoch Anstalten machte, sich in Bulgarien niederzulassen, sah sich Phokas
gezwungen, den Friedensvertrag mit den Bulgaren zu erneuern. Svjatoslav gelingt es trotzdem,
Preslav einzunehmen. Als Phokas von Ioannes Tsimiskes (Dimotiki: Jannis Tsimiski) ermordet
wurde und Svjatoslav auch gen Süden zieht, wird er 971 von Tsimiskes geschlagen. Er marschiert
heim und fällt (972) auf dem Rückzug einem Überfall der Pečenegen zum Opfer.
Gewisse Anzeichen sprechen dafür, dass bei diesem Rückmarsch der Kiever Truppen auch so
manche abg. Handschrift ihren Platz wechselte und damit das begann, was heute in der Literatur als
I. südslavischer (bulgarischer) Einfluss angesprochen wird. In jedem Fall müssen wir annehmen,
dass das Terrain für die sechzehn Jahre später erfolgt offizielle Christianisierung der Rus’ (988
durch Svjatoslavs Nachfolger Vladimir I. d. Hl., 978-1015) nicht nur von byzantinischen − wie uns
die Nestorchronik Glauben machen möchte −, sondern auch von bulgarischen Geistlichen bereitet
wurde.
Der vermeintliche Befreier Bulgariens von den Kievern, I. Tsimiskes, erklärt nun ganz Ostbulgarien
zur byzantinisches Provinz, verschleppt die Mitglieder der Zarenfamilie nach Konstantinopel und
hebt die Selbständigkeit der bulgarischen Kirche auf. Der Patriarch flüchtet in den Westen des
Reichs, wo sich die vier Söhne des Verwalters des Komitats Sofia, Nikola (die sog. Kompitopuli
David, Mojsej, Aaron und Samuil) mit Erfolg gegen Tsimiskes behaupten konnten.
Auch im Osten war die byzantinische Herrschaft noch nicht endgültig: Als Tsimiskes 976 stirbt,
löst sich der ehemalige Kernbereich des Staats von Byzanz und vereint sich mit dem Westen. Hier
regiert mittlerweile der Komitopule Samuil weitgehend allein (in Ochrid); den Osten übernimmt
unter dem Schutz Samuils Peters jüngerer Sohn Roman (977-997).
Im ständigen Kampf mit dem neuen byzantinischen Kaiser Basileios II. bleibt Samuil noch auf
einige Zeit das Glück hold. Das Samuil-Reich erreicht um 998 eine ähnliche Ausdehnung wie zu
Simeons Zeiten, als es ihm gelingt, den Serben die Küstengebiete an der Adria zu entreißen (Zeta
bzw. Duklia/Dioclea und Trebinje resp. Travunija). Da schon bis dahin Raszien (Ras bzw. Raška,
die Kernlandschaft des späteren Serbenreichs der Nemanjiden) dem Reich angehörte, bedeutete das
praktisch die Herrschaft über fast ganz Serbien. Dies ist wohl auch der Zeitpunkt, zu dem wir die
breitere und nachhaltige Verbreitung des altkirchenslavischen Schrifttums bei den Serben
annehmen dürfen.
Man muss dabei bedenken, dass die Serben – im Gegensatz zur Kiever Rus’ – schon seit mehreren
Generationen christianisiert waren, teils von Rom, teils von Byzanz und Bulgarien aus (weshalb es
schwer fällt, dafür ein ähnlich signifikantes Datum anzugeben wie bei den besser bekannten
Ereignissen in Bulgarien bzw. Kiev. Das früheste Eckdatum bildet ein Schreiben von Papst
Johannes VIII. von 873/874 an den Fürsten Mutimir [ca. 860-890/891] mit der Aufforderung, sich
Methods Erzbistum in Sirmium zu unterstellen. Ob es dazu kam, ist nicht sicher). Noch bis Stefan
Nemanja, der eine Doppeltaufe in lateinischem und griechischem Ritus erhalten hatte, blieb Serbien
gespalten zwischen Ost und West.
Der Niedergang des Samuil-Reiches setzte 991 im Osten ein (durch die Gefangennahme Romans).
Samuil selbst wird an der Struma (bzw. am Fuß des Berges Belasica) am 29. August 1014 von
Basileios II. vernichtend geschlagen. (Das Datum steht für den grausamsten Verlust, den Bulgarien
18
jemals durchgemacht hat: Basileios lässt von den rund 14.000 gefangenen Soldaten alle bis auf
einen pro Hundertschaft – dem er ein Auge belässt – blenden und schickt sie in diesem Zustand zu
Samuil zurück. Bei ihrem Anblick wurde Samuil ohnmächtig und starb drei, vier Tage später an
einem Herzinfarkt. Basileios erwarb sich auf diese Weise den Beinahmen „Bulgarentöter“ [gr.
Bulgaroktonos, bg. Bălgaroubiec]).
Nach Samuils Tod dauerte es noch vier Jahre, bis der letzte Widerstand gebrochen war. Im Herbst
1018 beginnt die über 170jährige byzantinische Herrschaft: Das ehemalige Samuil-Reich wird
einem Statthalter mit Sitz in Skopje unterstellt, die Autokephalie und der Umfang der Kirche zwar
beibehalten, doch das Patriarchat im Rang zu einem Erzbistum zurückgestuft.
Kulturell zeitigte diese Periode zweifellos eine starke Gräzisierung und einen deutlichen Rückgang
des slavischen Schrifttums. Doch scheint er eher langsam und kaum so drastisch erfolgt zu sein, wie
man lange Zeit annahm. Das zeigt sich u.a. auch daran, dass die Mehrzahl der altbulgarischen
Denkmäler dem 11. Jahrhundert entstammt und auch vom 12. Jahrhundert einzelne Quellen
enthalten sind29. Da dies – aus den schon genannten Gründen – auch für den größeren Teil Serbiens
gilt, bleibt nur die Kiever Rus’ als Hort des altkirchenslavischen Schrifttums übrig. Sie übernahm
schon um die Mitte des 11. Jahrhunderts (unter Jaroslav dem Weisen, 1019-54) die geistig-
geistliche Führungsrolle im kirchenslavischen Raum.
Bevor wir uns den Quellen widmen, erscheint es zweckmäßig, den Zeitablauf der
altkirchenslavischen Gesamtperiode nach den schon gewonnenen Daten zu untergliedern. Wir
können also unterscheiden:
I. den kyrillomethodianischen bzw. mährisch-pannonischen Abschnitt (862/863-885), und
II. den nachkyrillomethodianischen bzw. von der bulgarischen Entwicklung dominierten Abschnitt
(886-1100); letzterer zerfällt in:
1. die vorklassische (Ochrid-Pliska-) Phase (886-893)
2. die klassische (Preslaver) Phase (893/4-ca. 950)
3. eine heterogene nachklassische Phase (ab ca. 950), in der sich das Altkrichenslavische durch
seine Verbreitung auf ostslavisches und serbisches Territorium stärker zu differenzieren
beginnt.
Nun können wir uns die historischen Zeugnisse und erhaltenen Quellen ansehen.

4. Die Quellen zur Erforschung des Altkirchenslavischen


Die Quellen zur Erforschung des Altkirchenslavischen sind bisher in keinem Nachschlagewerk
vollständig erfasst und auch schwer erfassbar. Nicht, weil das aus dem 9.-11. Jh. erhaltene
Textkorpus nach Zahl und Umfang so beträchtlich wäre, sondern, weil natürlich in späteren
Abschriften so manches auf uns gekommen ist, von dem wir sicher wissen, dass es auf
altkirchenslavische Originale zurückgeht. Abgesehen von solchen direkten Zeugen gibt es noch
eine Fülle von Material, das uns direkt oder indirekt Aufschluss über einzelne Phänomene des
Altkirchenslavischen liefert: Hierzu gehören insbesondere Übernahmen in andere slavische und
nicht-slavische Sprachen, darunter Toponyme (d.h. geographische Bezeichnungen – so vor allem
auf rumänischem, albanischem, griechischem und ungarischem Boden) und anderes
Namensmaterial (in lateinischen, griechischen, althochdeutschen u.a. Quellen) usf.
Hinzu kommt das Problem, dass sich alles in ständigem Fluss befindet: Neue Denkmäler werden
entdeckt, alte vermeintliche wieder verworfen, umdatiert oder – was am Schlimmsten ist –, mangels
Übersicht bzw. Informationsverlust gar nicht (oder nicht richtig) zur Kenntnis genommen.

Fassen wir das Material zusammen, so haben wir also zu unterscheiden:

29
allerdings darunter auch glag. Dmm. im Orient, die z.T. wohl auch da (Sinai, event. Jerusalem) entstanden sind!
19
I. Im Original erhaltene aksl. Primärquellen, das heißt kirchenslavische Denkmäler jeder Art und
Provenienz aus der Periode des 9.-11. Jahrhunderts. Sie bilden naturgemäß die wichtigsten Zeugen
überhaupt. Der größte Teil von ihnen wird seit dem Junggrammatiker August Leskien in einem –
mehr oder minder fest umrissenen bzw. korrekt definierten – „aksl. (eigentlich abg.) Kanon“
zusammengefasst. Dazu später mehr.
II. In späterer Kopie erhaltene aksl. Primärquellen, das heißt Texte, deren Entstehung zwar in die
altkirchenslavische Periode fällt, deren früheste Belege jedoch erst aus der Zeit nach 1100 stammen.
III. Sekundäre Quellen wie die schon genannten Fremdwörter in anderen Sprachen,
Namensmaterial und dergleichen.
IV. Schließlich verfügen wir noch über historische Nachrichten über die Ausbildung und weitere
Entwicklung des Altkirchenslavischen, die nach Sprache, Charakter, Alter und Provenienz weiter
untergliedert werden können. Sie können mit Primärquellen (I-II) identisch sein insofern, als z.B.
eine aksl. Randglosse oder ein aksl. Kolophon auch Hinweise auf den Autor, Übersetzer, die
Entstehung des Textes etc. enthalten kann.

Weiteren Aufschluss über die Sprache liefert der Vergleich mit anderen, besonders slavischen,
Sprachen älterer Entwicklungsstufen, modernen Dialekten bzw. die interne oder externe
Rekonstruktion.
Wir wollen uns nur die erste Gruppe etwas ansehen und zuvor die IV. Gruppe kurz streifen. Diese
Reihenfolge ergibt sich daher, dass auch die echten aksl. Denkmäler oft nur Abschriften oder
Überarbeitungen früherer Originale darstellen, somit in ihrer textologischen, besonders aber
graphischen Gestalt nicht das Werk eines Autors oder Übersetzers bilden. Die dritte Gruppe ist am
besten über Altkirchenslavisch-Grammatiken erschließbar (so etwa die im Literaturverzeichnis
unter dem Herausgeber I. Duridanov zitierte Grammatik der Bulgarischen Akademie der
Wissenschaften, S. 60-63).
Also zu Gruppe IV – historische Nachrichten:
Die Quellen zum Gang der kyrillomethodianischen Mission, zu den verschiedenen
Entwicklungsetappen des Altkirchenslavischen und der in ihm verfassten Texte sind recht diverser
Natur. Mehr oder minder ausführliche und verlässliche Nachrichten haben wir zur mährisch-
pannonischen, bulgarischen und altostslavischen Etappe; dagegen fehlt es fast gänzlich an direkten
Hinweisen über die Anfänge der kirchenslavischen Entwicklung im kroatischen, serbischen und
bosnischen Bereich. Auch die kurzfristige Wiederbelebung des Altkirchenslavischen im
tschechischen Sázava-Kloster ist nur spärlich belegt.
Was die Nachrichten über das Leben und Werk Kyrills und Methods und von deren Schülern
angeht, so gibt es dazu heute eine gute Übersicht von Bojka Mirčeva und Slavija Bărlieva (vgl.
Literaturliste). Hier aufgereiht sind 39 slavische, 60 lateinische, 10 griechische und 3 „romanisch-
germanische“ Quellen (wobei unter den letzteren eine deutsch-fränkische, altenglische und
italienische Nachricht vereint ist), zusammen also immerhin 11230.
Die aufschlussreichsten darunter sind die slavisch geschriebenen, ausführlichen Viten der
Slavenlehrer, und zwar:
− (MB I, Nr. 3) Die ausführliche Lebensbeschreibung Konstantin-Kyrills (gem. der Überschrift:
Vita Constantini – zum 14.II.): Sie ist sicherlich noch zu Methods Zeiten verfasst worden, vielleicht
von Kliment Ochridski, zumindest aber einem Augenzeugen unter Mitwirkung Methods. Erhalten
hat sie sich lediglich in späten Hss. Dieses Werk ist abgedruckt als Übungsmaterial bei Trunte, mit
reichhaltigem Kommentar.
− (MB I, Nr. 4) Die ausführliche Lebensbeschreibung Methods (Vita Methodii – zum 16.V.): Ob
diese Quelle noch in Pannonien geschrieben wurde, wie man auch bei Trunte lesen kann, ist
aufgrund der Umstände fraglich. Ich würde mit anderen eher auf Bulgarien tippen, wo man erstmals

30
Heute noch um mind. drei weitere zu ergänzen!
20
Methods Gedächtnis (886) feiern musste. Hier scheint Kliment als Verfasser gesichert. Die älteste
Version findet sich im ostslavischen Uspenskij Sbornik aus dem 12. Jh.
Es hat sich eingebürgert, von diesen beiden Viten als den Pannonischen Legenden zu sprechen. Wie
in der Hagiographie üblich, wurden solche ausführlichen Viten primär in sog. Menologien
(Monatsbüchern) in kalendarischer Reihenfolge tradiert.
Nun benötigte man neben solchen umfangreichen Lesetexten (für die Zelle oder zum gemeinsamen
Mahl im Refektorium) auch Kurzviten für die jeweilige Tagesliturgie, d.h. sog. Synaxar- bzw.
Prologviten (gem. der byzantisch-südslavischen Bezeichnung einerseits und der ostslavischen
andererseits). Sie konnten in einer reinen Prosafassung auftreten, aber auch eingeleitet durch einige
Verse, weshalb man dann von versifizierten Kurzviten spricht (die ab dem 14. Jh. in einem eigenen
„Stišnoj prolog“ gesammelt wurden). Erhalten haben sich drei derartige Kurzviten der beiden
Slavenlehrer:
− (MB I, Nr. 28) das Gedenken (Pamętь) an den Philosophen Konstantin: am frühesten vertreten
in zwei ostslavischen Prolog-Hss. des 13./14. Jahrhunderts, aber möglicherweise auf einem
mittelbulgarischen Original des 12./13. Jahrhunderts fußend;
− (MB I, 29) das Gedenken an den Bischof Method: wiederum in russischen Prolog-Abschriften
vorliegend, die allerdings erst dem 14./15. Jh. angehören. Auch hier geht man von einer
mittelbulgarischen Urfassung aus dem 12. oder 13. Jh. aus. Die dritte Quelle stellt das so genannte
− (MB I, 32) Usъpenie (Entschlafung/dormitio/koimesis) des Philosophen Kyrill dar: Sie ist
sicherlich im Bulgarien des 13. Jahrhunderts geschrieben worden und liegt zunächst in einer
serbischen und einer mittelbulgarischen Kopie des 15. Jahrhunderts vor.

Schon aufgrund des langen Zeitabstandes zu den geschilderten Ereignissen tragen die Kurzviten nur
wenig zur Erhellung der Geschichte bei; was auch für die Mehrzahl der übrigen slavischen Quellen
gilt. Sie bestehen teils aus späteren Legenden (wie der sogenannten „Thessaloniker Legende“
[Slovo Kyrila filosofa kako ouvĕri boulgare – MB 21: 12. oder 14. Jh.]), teils aus liturgischen
Texten oder Anweisungen (hymnischen Lobpreisungen – Kanones, Messen – Akoluthien,
Kalendereinträgen etc.), teils auch aus knappen Erwähnungen in Chroniken – wie der Kiever
Nestorchronik oder der alttschechischen Reimchronik des Dalimil. Ausnahmen bilden darunter
noch zwei Synaxarviten des hl. Naum (MB I, Nr. 21 und 37 – sub 23.XII.).
Die griechischen Quellen stehen ihrem Charakter nach den slavischen sehr nahe: Auch hier haben
wir es als Regel mit liturgischen Texten zu tun, darunter Kurzviten der hl. Kliment, Naum, Sava
und der heiligen Sieben (Heptarithmen). Das wichtigste und umfangreichste Denkmal bildet hier
die
− (MB III, Nr. 1) Ausführliche Vita Kliments von Ochrid: Sie wird häufig als „Bulgarische
Legende“ angesprochen und stammt aus der Feder des griechischen Erzbischofs Theophylaktos von
Ochrid (ausgehendes 11./beginnendes 12. Jh., Belege aus dem 14./15. Jahrhundert).

Unter den restlichen Quellen nehmen die lateinischen einen besonderen Platz ein, weil sie sich fast
zur Hälfte aus zeitgenössischen Dokumenten zusammensetzen, überwiegend aus Briefen (22) der
an den Geschehen beteiligten Päpste und anderer Würdenträger. Hierher gehört auch eine weitere
Vita Konstantin-Kyrills, die unter der Bezeichnung „Italische Legende“ bekannt ist und einen
angehängten, ausführlichen Translationsbericht der Clemens-Reliquien enthält (MB III, Nr. 19).
Nicht minder wichtig ist die Tendenzschrift, die der Salzburger Klerus nach der Verhaftung
Methods um 871 abgefasst hat, um seine Rechte im relevanten Raum zu verteidigen:
− (MB III, 3) Conversio Bagoariorum et Carantanorum: Der anonyme Text ist in einem Vatikan-
Kodex des 9./10. Jahrhunderts tradiert (1979 vom Wiener Historiker Herwig Wolfram
herausgegeben; Neuedition von Fritz Lošek, Hannover 1997).

21
Die Gruppen I-II wollen wir gemeinsam behandeln: Im bisherigen Verlauf sind bereits einzelne
Werke zur Sprache gekommen, die in nachkyrillomethodianischer Zeit abgefasst oder übersetzt
worden sind – die Viten der Slavenapostel und andere Schriften, die ihre Schüler und deren
Mitarbeiter in Bulgarien geschaffen haben. Nur ein sehr geringer Teil davon ist in Hss. des 9.-11.
Jh.s bewahrt, und das primär in solchen ostslavischer Provenienz. Der weitaus größere Teil der
Texte in den aksl. handschriftlichen Büchern (Kodizes) datiert seiner Entstehung nach noch aus
kyrillomethodianischer Zeit. Es lag daher nahe, die Schriften der Slavenlehrer erst an dieser Stelle
zu behandeln.
Aus den Viten und einzelnen Hinweisen in anderen Quellen erfahren wir, dass Konstantin mit
seinem Bruder die Mährermission durch die Übersetzung biblisch-liturgischer Schriften vorbereitet
hat. Wirklich gesichert ist aus dieser Phase (862/3) die Übertragung eines Auswahlevangeliums für
Sonn- und Feiertage (kurzer Aprakos). Sicherlich waren aber schon der sog. Praxapostolus (eine
vergleichbare Auswahl aus dem Apostolus) und ein größerer Teil des Psalters darunter; d.h. Werke,
die zum kirchlich-religiösen Grundinventar gehören.
Bereits in Moravien soll Konstantin-Kyrill dann „die ganze Kirchenordnung“ übersetzt haben – was
nur bedeuten kann: die großen Liturgieformulare (des Johannes Chrysostomos und Basileios des
Großen; unsicher ist die sog. Petrus-Liturgie31), den Stundengottesdienst, Gebete, Messen (mit oder
ohne hymnisches Material, i.e. Kanones) für verschiedenste Gelegenheiten usf.; alles in allem jenes
Textmaterial, das die Ostkirche heute noch in den sog. Euchologia (später slav. Trebniki,
Služebniki) zusammenfasst. (Für die Hymnen gibt es daneben eigene Sammlungen wie die
Menaia/Gesangs-Menäen u.a.).
Nach seiner Rückkehr aus der Reichenauer Internierung und nicht lange vor seinem Tod, d.h. um
879 (?) soll sich Method mit der Hilfe zweier schnell schreibender Presbyter nochmals an ein
großes Übersetzungsopus gewagt haben: Die Vita Methodii berichtet in Kapitel 15 von allen noch
unübersetzt gebliebenen biblischen Büchern mit der Ausnahme der Makkabäer, einem Nomokanon
sowie einem oder mehreren „Väterbüchern“. Was sich hinter letzteren verbirgt, ist immer noch
offen. Am wahrscheinlichsten ist ein sog. Paterikon (nach W. R. Veder: der sog. Skitskij paterik),
d.h. ein Sammlung von belehrend-erbaulichen Vätererzählungen (Apophthegmata, die man lose
noch der Hagiographie zurechnen kann), eine Sammlung von Väter-Aussprüchen (wie die Melissa),
aber ebenso gut eine gemischte Kollektion aus Viten, Predigten u.a.m.
Unsicher erscheint auch der Zeitpunkt der Übertragung bzw. Zusammenstellung des Method-
Nomokanons (Sammlung von Rechtstexten: Nomoi=weltliches Recht, Kanones=Kirchenrecht).
Einige Anzeichen (vor allem die St. Emmeraner Glossen, i.e. fünf in einem lateinischen
Rechtskodex, den Method offensichtlich vom Papst erhielt, erhaltene Interlinearglossen aus der Zeit
vor 880) sprechen nämlich dafür, dass damit schon früher begonnen wurde, vielleicht während des
Reichenauer Aufenthalts. In jedem Fall benötigte man ein solches Rechtsdenkmal für die neue slav.
Kirche.
Aus dem erhaltenen Textmaterial dürfen wir den Schluss ziehen, dass über die gesamte Bibel
(aufgeteilt auf verschiedene Einzelbücher), ein Euchologium und eine Rechtssammlung
(Nomokanon) hinaus wenigstens noch hagiographische, homiletische und hymnologische
Übersetzungen und einzelne Originalwerke zum kyrillomethodianischen Werk zählen.
Die Gruppe I der Primärquellen lässt sich nach verschiedenen Kriterien gliedern. Die
grundsätzlichste Unterscheidung gilt zunächst den Buch- (d.h. kodikologischen) und epigraphischen
(inschriftlichen) Denkmälern. Sie äußert sich nicht nur im Beschreibstoff (Stein, Metall etc. vs.
Pergament), sondern auch herkunfts- und inhaltsmäßig:
Kodizes und deren Fragmente (inklusive der sog. Palimpseste, d.h. abgewaschener oder
abgeschabter Pergamentblätter, die erneut beschrieben wurden) besitzen wir aus dem westlichen
Bereich ebenso wie aus dem Osten, d.h. aus dem mährisch-pannonischen, kroatischen, bulgarischen

31
Der in den 1980er Jahren entdeckte Erstbeleg im (bisher unedierten) Sinai-Missale stellt eine Version dar, die erst
dem späten 10. Jh. angehört und damit wohl die ältere Meinung von der kyrillometh. Übers. des Textes widerlegt.
22
und ostslavischen Raum. Die Zahl der westlichen Quellen ist freilich sehr gering. Nach ihrem Alter
rühren die meisten dieser Dmm. aus dem 11. Jh. Als ältestes undatiertes gelten die sog. Kiever
Blätter aus dem 10. Jh. (deren Echtheit früher von manchen angezweifelt wurde); der älteste
datierte Kodex, das berühmte Aprakos-Evangelium des Novgoroder Statthalters Ostromir, stammt
aus dem Jahr 1056/7.
Aksl. Epigraphik ist uns lediglich aus dem Osten erhalten, und zwar auf bg. und osl. Boden, wobei
ein Dm. (Temnić-Inschr.32) auch aus dem damals zu Bulgarien gehörenden serbischen Gebiet
stammt. Obwohl sich darunter auch glagolitische Belege finden, ist deren Zahl wieder äußerst
begrenzt und besteht nur aus nicht-offiziellen Inschriften, sog. Graffiti. Wie erwähnt, rührt der
älteste datierte Beleg von 921 (erste Krepča-Inschr.), einzelne undatierte (wie das Molybdobulon
des abg. Synkellos Georgij) gehen vielleicht schon auf die Grenze des 9./10. Jh.s zurück.
Es versteht sich fast von selbst, dass das (in den letzten Jahrzehnten beträchtlich angewachsene)
Textkorpus der epigraphischen Dmm. an Umfang weit geringer ist und sich inhaltlich als Regel auf
den Entstehungsraum bezieht – da es sich dabei im Allgemeinen um historische Notizen (im
weiteren Sinn, wozu auch Grabinschriften gehören) und Rechtsdmm. handelt. Unter den Buchdmm.
finden wir neben Abschriften und Überarbeitungen der kyrillomethodianischen Texte auch einzelne
bereits in Bulgarien entstandene Werke resp. deren Fragmente (so etwa ein Triodion- und ein
Oktoechos-Fgm., Teile der Paränesen Ephraims des Syrers, der Fastenregeln Basileios d. Gr.,
Belehrungen des Kyrillos von Jerusalem oder die übersetzungstheoretischen Äußerungen im Kyr.-
maked. Blatt).
Am Rande zu erwähnen sind noch einzelne Glossen in Lateinschrift, von denen die schon
erwähnten St. Emmeramer Glossen zeitlich an erster Stelle stehen.
Aus dem Gesamtmaterial der Gruppe I hat nun die Forschung den Zentralteil herausgefasst und zu
einem Korpus vereint, das bald als „kanonisches“, bald als „klassisches“ angesprochen wird33. Die
Auswahlkriterien sind zwar, streng genommen, nur sprachlicher Natur34, doch hat man in
Einzelfällen auch Alter und Herkunft zu Hilfe genommen bzw. gelten lassen, wodurch dieses
Korpus nicht so klar umrissen ist, wie man es eigentlich fordern sollte. Der Grundgedanke bei
seiner Erstellung war der, auf seiner Basis ein „klassisches Aksl.“ zu rekonstruieren.
Dieses Aksl. sollte einen konsolidierten, aber noch nicht in Lokalredaktionen zersplitterten Stand
zeigen, mit anderen Worten: das abg. Aksl. der Zeit Simeons und allenfalls Peters (ähnlich wie man
das klass. Schullatein auf dem Werk von Cicero und Caesar aufgebaut hat).
Sowohl die Materiallage als auch die Einsichten über das klassische Aksl. sind natürlich dem
Wandel unterlegen, weshalb es immer wieder nötig ist, die Auswahl zu korrigieren. Mit dem
Wandel halten die Lehrbücher nicht immer Schritt.
Das kanonische Korpus ist im Großen und Ganzen korrekt bei Trunte, 29-36, aufgelistet, weshalb
wir uns hier eine Aufzählung ersparen. Nur die wichtigsten Unebenheiten seien angeführt:
 Ebenso wie die Kiever Blätter (Nr. 15) zeigen auch die Prager (Nr. 19) und Budapester Blätter
resp. Fragmente (Nr. 29) Merkmale ihrer westlichen Herkunft (Pannonien, Böhmen, Kroatien),
die den allgemeinen sprachlichen Kriterien des kanonischen Korpus nicht entsprechen.
 In Wahrheit undatiert sind die Inschriften aus der Rundkirche zu Preslav, die Trunte (auf S. 34)
unter Nr. 1 der datierten Dmm. aufführt, in Anlehnung an I. Gošev. Sie wären also unter die
zweite Gruppe der Inschriften zu reihen.
32
Echtheit allerdings von manchen angezweifelt.
33
Korrekter wird man ein größeres, „kanonisches“ Korpus (=alle sicher dem 9.-11. Jh. zugehörigen Dmm. mit
Ausnahme der osl., da letztere trotz wichtiger Sprachelemente als sekundär im Vergleich zu jenen aus dem
Entstehungsbereich des Aksl., i.e. dem moravo-panonnischen und südslavischen Raum, angesehen werden) und eine
darin enthaltene, kleinere Gruppe von Dmm. (mit den besonderen Kennzeichen der klass.-abg. Entwicklungsphase von
ca. 893-950) als „klassisches Korpus“ unterscheiden müssen; vgl. neuerdings H. Miklas, in: FS für Sergio Bonazza.
34
Für die kanonische Auswahl werden im Allgemeinen herangezogen: ý ~ ÿ, Fehlen des sog. Nasalvokalwechsels
(=etymol. Einsatz von ­/©), ù ~ øò für *tj/*ktj, etymolog. Einsatz der sog. Reduzierten Jer (ü) und Jor (ú). Kein
größeres erhaltenes Dm. erfüllt jedoch alle diese Kriterien absolut; weshalb lediglich von Dominanzen auszugehen ist.
23
 Unsicher sind Datierungen epigraphischer Dmm. noch ins 9. Jh.

Am Schluss wäre noch ein lateinschriftliches Denkmal zu nennen, die sog. Freisinger Blätter, die
im letzten Viertel des 10. Jh.s (spätestens um das Jahr 1000) irgendwo im karantanisch-
pannonischen Raum entstanden sind. So werden sie zwar von manchen Forschern noch dem ksl.
Schrifttum angefügt, nicht aber zum Kanon gezählt (obwohl leider auch das vorkommen kann). Die
Mehrzahl der Forscher sieht in ihnen ein Kontaminationsprodukt einer primär mündlichen Tradition
aus der vorkyrillomethodianischen Missionstätigkeit und einem Ableger der ksl. Tradition;
sprachlich stehen sie auf jeden Fall mit dem Altslovenischen in engerer Beziehung als mit dem
Aksl.

Hauptteil
Wir kommen nun zum Kern unserer Beschäftigung, der Sprache. Zu beginnen ist hier mit der
Schrift, da wir ohne ihre Kenntnis die Belegformen nicht authentisch zitieren und schwer in die
Lektüre einsteigen können.

1. Die Schriftsysteme
Unter allen Fragen, die die slavischen Schriften betreffen, hat die nach ihrer Entstehung die
Forschung am frühesten und nachhaltigsten beschäftigt. Aufgekommen ist sie schon in der
Renaissance, als man (nicht ganz wertfrei) den im dalmatinisch-pannonischen Raum (347)
geborenen Kirchenvater und Vulgata-Übersetzer Hieronymus zum Schöpfer der glagolitischen
Schrift und der in ihr verfassten Liturgie erklärte.
Die Entstehungsfrage zerfällt in drei Einzelfragen resp. -aspekte: 1. die relative Chronologie, d.h.
die Frage nach der Priorität eines der beiden Alphabete; 2. die absolute Chronologie, d.h. das
Datum ihrer jeweiligen Zusammenstellung und der mit ihrer Hilfe vorgenommenen Verschriftung;
und 3. die Person(en), die dafür verantwortlich gemacht werden können. Mit diesen verknüpft sind
dann die Fragen nach den formalen und funktionalen Vorbildern, dem ursprünglichen Umfang der
Alphabete usf.
Die meisten dieser Fragen dürfen heute als gelöst betrachtet werden, aber nicht alle: So besteht kein
Zweifel mehr daran, dass die Glagolica früher da war und mit Konstantin-Kyrill zu verknüpfen ist.
Ebenso darf man behaupten, dass ihre Zusammenstellung am ehesten 862/3 erfolgte, zumindest
aber 863 mit der ersten Verschriftung abgeschlossen war. Der Beweis dafür ergibt sich aus dem
Zusammenspiel historischer Nachrichten (in den Viten und den Schrifttraktaten von Chrabr und
Konstantin von Kostenec) und folgender Argumente:
 der räumlichen Verbreitung der beiden Schriften;
 der Tatsache, dass die ältesten Buchdmm. in weitaus überwiegendem Maße glagolitisch
geschrieben sind;
 dem Umstand, dass bei wieder beschrifteten Pergamentblättern (Palimpsesten) als Regel die
ältere Schicht (Unterschicht) die glagolitische ist;
 den formalen Beziehungen zwischen Kyrillica und Glagolica,
 und schließlich der historisch verbürgten Ursprungszahl der glag. Buchstaben mit der Zahl und
Art der Lautkorrelationen35.
Mit Fragezeichen behaftet bleibt immer noch, wie die einzelnen glag. Buchstabenformen
entstanden; obwohl heute kaum jemand mehr daran zweifelt, dass insgesamt gesehen der freie
35
In den diversen Fassungen des sog. Chrabr-Traktats schwankt zwar die Zahl der dem Alphabet Konstantins
zugeschriebenen Einheiten zwischen 36-42, lässt sich jedoch aus dem Zusammenspiel diverser Faktoren am ehesten auf
38 festlegen – eine Zahl, die der damaligen Entwicklung entsprach und sich auch aus Chrabrs Gegenüberstellung mit
dem gr. Schriftsystem ergab. Dagegen erhält die Ursprungszahl 36 eine Stütze im Ziffernsystem (=4x9) und dem sog.
Alphabetischen Gebet (Azbučnaja molitva) Konstantins von Preslav.
24
schöpferische Anteil Konstantin-Kyrills am Bau und Charakter der Schrift überwiegt. Insofern
ähnelt der Akt der glag. Schriftschöpfung jenem der armenischen Schrift durch den hl. Maštoc.
(Näheres dazu bei Trunte, 174).
Betrachtet man die Form und Funktion der Zeichen in ihrer Gesamtheit, so darf man sagen, dass die
hinter der Glagolica stehende „Idee“ – die N. S. Trubetzkoy allgemein als „Schriftdenken“
bezeichnet hat – vom byzantinisch-griechischen Schriftsystem herstammt. Das gilt noch mehr für
die Kyrillica. Sowohl in der Glagolica als auch in der Kyrillica bilden die Buchstaben oder
Grundgrapheme ja Lautkorrelanten vom ungefähren Umfang von Phonemen (und nicht etwa
Silben) und haben neben ihrer Lautfunktion als Regel auch eine numerische Funktion. Teilweise
mit dem gr. Vorbild, teilweise mit der Zahlfunktion hängt zusammen, dass schon die
Ursprungsalphabete auch über einzelne Doppelbesetzungen verfügten, d.h., homophone Einheiten
wie die i- und o-Korrelanten.
Hinsichtlich des formalen Aufbaus wurden immer wieder Versuche unternommen, einzelne
Elemente als Entlehnungen aus anderen Schriften abzuleiten, insbesondere der griechischen
Minuskel und der hebräischen Schrift. Sie sind nur dort als fruchtbar zu bezeichnen, wo neben der
Form auch die Funktion einen engen Vergleich erlaubt. Das gilt etwa für das in beiden Schriften
verankerte Ša (ш) im Vergleich zum hebr. Šin. Dagegen darf man Versuche, das überwiegende
Formeninventar der Glagolica aus einer einzigen früheren Schrift herzuleiten, als gescheitert
betrachten. Dass wir dennoch zwei dieser Versuche nennen müssen, hängt damit zusammen, dass
sie bei der Erklärung immer noch eine Rolle spielen:
Da ist zunächst die (auch von V. Jagić aufgegriffene) Hypothese von Isaac Taylor (1881), wonach
die griechische Minuskel das Grundgerüst für die Glagolica abgegeben habe. Wir können ihr heute
nur insofern beipflichten, als die (damals noch junge) gr. Minuskel das Vorbild für die
paläographische Stilgebung (insbes. Größen- und Breitenverhältnisse, die überwiegend gerundeten
Formen), die Zeilenstellung (hängend bzw. unterzeilig) und die mit beiden Merkmalen
zusammenhängende Kinetik abgegeben hat; womit auch die physiologische Seite der
Schriftrealisierung eine ganz andere ist als bei der Kyrillica.
Was die Herleitung der einzelnen Elemente aus der Minuskel angeht, hat dagegen E. Ė. Granstrem
später (1953-58) die Auffassung Taylors abgewandelt insofern, als sie auf die wahrscheinlichere
Abstammung bestimmter Buchstaben von griechischen Sonderzeichen (für tachygraphische,
kryptographische und wissenschaftliche Zwecke) hinwies. Ein gutes Beispiel bildet hier das glag.
Rьci (von dem das kyr. Jer abstammt: ð → ь), das wie das gr. tachygr. Zeichen für die
Minuskelverbindung von Epsilon und Rho aussieht.
Wenn man also auch die Vorbildwirkung früher vorhandener Schriften nicht ausschließen wird, ist
doch das formale Gestaltungsprinzip weder allein durch die gr. Minuskel noch durch
Einzelelemente aus diesem und anderen Systemen zu erklären. Vielmehr ist hier die von (seinem
Lehrer Valentin Kiparsky dargelegte) Theorie von Georg Tschernochvostoff ins Treffen zu führen,
die erstmals einen gesamtheitlichen Erklärungsansatz bot: Tschernochvostoff ging 1949 davon aus,
dass Konstantin-Kyrill als Theologe seinem System drei auch im Christentum verwerteten Symbole
Kreis (für Christus als wahre Sonne), Dreieck (Trinität) und Kreuz zugrunde gelegt hätte36. Weitere
Untersuchungen zeigten in der Tat, dass Konstantin dabei wie ein (besonders im Kirchenbau
geschulter) Architekt vorging und seine Einheiten gleichsam auf dem Reißbrett nach einem ganz
bestimmten Bauplan konstruierte; wobei er diese komplexen, symbolhaften Formen offenbar ganz
bewusst aus 7 Einzelelementen zusammensetzte37.
Einfacher und typologisch mit der Mehrzahl überschaubarer Schriftentwicklungen vergleichbar
(u.a. der koptischen und gotischen) ist die Entstehung der Kyrillica, selbst wenn wir ihren Schöpfer
– vielleicht waren es auch mehrere – nicht kennen. Auch können wir kein genaues Erscheinungsjahr
angeben. Das Gestaltungsprinzip der Kyrillica folgt der zeitgenössischen griechischen Majuskel

36
Auch hierin scheint eine Parallele zur legendären Schrifterfindung des Maštoc vorzuliegen, vgl. Trunte, s.v.
37
Vgl. H. Miklas, Schrift und Bild, in: Vom Körper zur Schrift, Sofia 2007.
25
(Unziale), die auch den Grundstock der Buchstaben lieferte. Ergänzt und an die übrigen Formen
formal angeglichen sind lediglich die Zeichen mit spezifisch slavischen Lautkorrelanten (für die
Zischlaute, Nasalvokale etc.), die offensichtlich der Glagolica entnommen wurden. Durch die
formale Adaption ist diese Übernahme nicht mehr in allen Fällen eindeutig erkennbar; vgl. jedoch
Elemente wie Ša (ø), Jer (ü), die Varianten des vorderen Nasalvokalzeichens (­/®/¯ ← glag. Jat:
ÿ) etc.
Die unterschiedliche Entstehung der beiden Schriftsysteme äußert sich u.a. deutlich bei der
Verwendung der Formen als numerische Ideogramme: Während die Kyrillica sich hier völlig gleich
verhält wie das griechische System – d.h., dass nur die der gr. Schrift entnommenen Zeichen
numerischen Ideogrammwert aufweisen (wodurch Lücken entstehen wie bei á) –, werden in der
Glagolica (wie in einer Frühform der gr. Majuskel) alle Buchstaben lückenlos in der alphabetischen
Reihenfolge durchgezählt; so dass wir 4 Neunerreihen für die Einer, Zehner, Hunderter und
Tausender erhalten. Das Schriftdenken ist also identisch, aber die (alte bzw. neue) Tradition führt
zu Differenzen − die bei der Umschrift durch die Abschreiber mitunter missachtet wurden, so dass
kyrill. Kopien glag. Originale immer wieder Fehler enthalten.
Nun haben die Slaven freilich schon vor der systematischen Ausbildung eigener Schriften für
bestimmte Zwecke bereits vorhandene Schriften benutzt. Chrabr nennt hier die lateinische und
griechische, die man nach der Christianisierung (gemeint: der Bulgaren, also ab ca. 865) auch für
das Slavische verwendete; und davor, zum Zählen und Weissagen, gewisse Kerben und Striche (die
man später auch mit den turksprachlichen Runen in Zusammenhang brachte, die die Protobulgaren
mit auf den Balkan gebracht haben).
Die Aussagen Chrabrs sind eindeutig – er spricht ausdrücklich von unsystematischen Versuchen
(bez ustroenija), bei denen Wörter mit spezifisch slavischem Lautstand nicht (oder nicht korrekt)
wiedergegeben werden konnten. Im Einklang mit dem Befund der erhaltenen Denkmäler spricht
dies gegen die Möglichkeit, den Beginn der kyrillischen Verschriftung schon vor der Einführung
der Glagolica zu suchen. Natürlich hindert uns nichts daran, vor der eig. Kyrillica eine sog.
Protokyrillica anzusetzen; nur muss man sich dabei gewahr bleiben, dass es sich hierbei formal um
nichts anderes gehandelt haben kann als die griechische Schrift der damaligen Zeit, ohne Zusätze
und Modifikationen.

Wie der Vergleich zeigt, unterlagen beide slavischen Schriftsysteme noch in aksl. Zeit nicht
unbeträchtlichen Veränderungen – zur Erweiterung ihres Funktionsradius, Anpassung an veränderte
Sprachsituationen usw. Es ist nicht einfach, diesen Wandel einwandfrei nachzuzeichnen; was es
auch erschwert, die phonologischen Verhältnisse im jeweiligen Milieu korrekt zu interpretieren.
Aus dem Gang der historischen Ereignisse wissen wir, dass die Glagolica für kirchlich-religiöse
Zwecke geschaffen wurde, d.h. von vorneherein für den anspruchsvollen Bereich der Buchschrift
vorgesehen war. Als solche wurde sie nicht nur in der mährisch-pannonischen Phase verwendet,
sondern auch in allen späteren Zeiten und Regionen, da selbst die wenigen glagolitischen
Inschriften sich hinsichtlich ihres Inhalts bzw. der Textsorte nicht von den Buchdenkmälern
unterscheiden. Kirchliche Texte sind ja zum ständigen Gebrauch bestimmt und werden – ganz
besonders, wenn es sich um liturgische handelt – häufig laut deklamiert oder überhaupt gesungen
(aber auch in der Zelle las man damals noch nicht „leise“, verinnerlicht, sondern „laut“,
artikulierend).
Wenn wir der Urglagolica 36 Buchstaben zubilligen, verfügte sie zweifellos über mehr Einheiten,
als ihre gesprochene Dialektbasis − das ostsüdsl. Idiom der Region Thessaloniki ebenso wie alle
Maa. mit denen sie im weiteren Verlauf korrelierte − je an Phonemen besaß. Zumindest waren nach
byzant.-griechischer Manier die Positionen des /o/ und /i/ mehrfach besetzt (durch î/¸ bzw. è/·),
und es gab selbst eigene Zeichen für periphere – weil fremdsprachliche – Einheiten wie das

26
griechische Ypsilon (Ypostasъ bzw. Ižica – v), Phi (Frьtъ – ô) sowie palatale [g’] (Geen’na38 – é),
[k’] (Kitъ – ù) und [ch’] (das „sonnenförmige“ Cher(ouvim)ъ ^). Diese aus der Sicht der
Phonemkorrelationen überzähligen (aber für die Auffüllung der numerischen Reihen
erforderlichen!) Einheiten dienten als Klassifikatoren von Fremdwörtern und Eigennamen. Dagegen
fehlten damals wie auch am Ende ihrer Entwicklung Entsprechungen für die kyrillischen Ligaturen
ÿ und ¬ (woraus man entnehmen darf, dass auch die übrigen sog. Jot-Ligaturen erst späteren
Datums sind).
In Moravien und Pannonien, wo bis 863 die lateinische Tradition vorherrschte, unterlag die
Glagolica nicht nur der Annäherung an den dortigen Lautstand, sondern auch an gewisse
Gepflogenheiten lateinschriftlicher Orthographien – was vor allem die Aussprache und Graphotaxe
betraf. Letzteres bewirkte auch, dass die Klassifikatoren Geen’na, Kit und sonnenf. Cher nur mehr
als Zahlzeichen weitergeführt wurden (was später ihre Wiedereinführung erschwerte, weil man sich
der Ursprungsfunktion nicht mehr gewiss war).
Die Einführung der Glagolica in Bulgarien (886) führte zunächst zur Rekonstruktion der
ursprünglichen Glagolica und Annäherung an die bg. Korrelationsbasis, was von Konstantin von
Preslav in dem schon erwähnten Alphabetischen Gebet (nicht ganz fehlerfrei) festgehalten wurde.
Auf dieser Basis machte man sich wohl in unmittelbarem Anschluss an die Schöpfung der Kyrillica
(bzw. den systematischen Ausbau der Protokyrillica), der bald zum Wettstreit der beiden Systeme
führte. Heftig zu werden begann dieser Kampf, als sich – letztlich bedingt durch die
Entscheidungen von 893 – die Kyrillica von ihren ursprünglichen Domänen auf den (kirchlich-
religiösen) Funktionsbereich der Glagolica auszubreiten begann. Wie wir teils dem Befund der
erhaltenen Dmm., teils dem Umstand entnehmen können, dass der (etwa in die Zeit zwischen 893
und 927 zu datierende) Chrabr-Traktat zur Verteidigung der Glagolica abgefasst war, diente
nämlich die Kyrillica anfangs nur dem Gebrauchs- und Kanzleischrifttum der Alltagstexte,
Urkunden und sonstigen Dokumente. In diesen Textsorten steht die Aufzeichnung, das Festhalten
der Nachricht im Vordergrund, nicht die Rezeption. (Dokumente werden ja nur dann wieder
hervorgeholt, wenn man sich auf altes Recht berufen möchte). Es ist dazu weder nötig, besonders
schön resp. groß zu schreiben, noch irgendwelche besonderen Lese- oder Interpretationshilfen
einzubauen. Man kann also sagen, die frühe Kyrillica war primär schreiberorientiert, während die
älteste Glagolica primär leserorientiert war.
In dieser Phase dürfte das kyrillische Alphabet noch zwischen 28 und 32 Zeichen enthalten haben.
Darunter fehlten noch die angesprochenen Jot-Ligaturen (ÿ, ¬, ª und «) und die Differenzierung
von Jer (ü) und Jor (ú), wahrscheinlich auch þ, das aber bald aus dem glag. Zeichen für /ü/
entwickelt wurde und die Basis für die sog. Jot-Ligaturen (formal Eta-Ligaturen, vgl.: ÿ ← è+à)
abgab. Nur als Zahlzeichen funktionierten noch die spezifisch griechischen Elemente Jota (Iže,
ohne oder mit Punktierung: ·), Omega (O: w), Theta (Tita: »), Ypsilon (Ižica: y, später verkürzt zu
v) Xi (¿) und Psi (¾).
Das spezifisch ostbulgarische, später mittels ù wiedergegebene /št/ wurde damals noch durch die
Verbindung von Ša und T(vrьdo), d.h. øò, ausgedrückt, Jery mittels der (im Alphabet noch nicht
als eigene Einheit gezählten) Sequenz Jerzeichen plus i (úè bzw. üè). Dasselbe dürfte auch für
Dzĕlo gelten, da wir ihm schon früh in zwei verschiedenen Grundformen begegnen (s und ³), von
denen aber nur eine gleichermaßen als Lautkorrelant (Phonograph) und Sinnzeichen (numerisches
Ideogramm, für 6) auftaucht (s). (Unsicherheit besteht bezüglich der Ursprünglichkeit zweier
gesonderter Nasalvokalzeichen – denkbar wäre auch die Anwendung eines Generalzeichens für
vokalische Nasalität, i.e. u).

38
Die Bezeichnung G’erv ist nicht alt, sondern stammt von P. J. Šafárik und dient heute als Đerv für das kyr. ђ.
27
Ihr Eindringen in den Buchbereich führte dann schon in der Simeonschen („klassischen“) Phase zu
einer allmählichen Erweiterung der Kyrillica, bei der man zuerst die restlichen Formen der
Glagolica bzw. deren funktionale Entsprechungen aus der gr. Unziale ergänzte (mit der Ausnahme
der Klassifikatoren für g’, k’, ch’, die in Bulgarien durch Verbindungen mit einem Supralinear vom
Typ ㆠersetzt wurden, während man in Bosnien das glag. Geen’na abwandelte zu é, aus dem später
die beiden Zeichen ђ und ћ gewonnen wurden) und die Jot-Ligaturen konstruierte. In der
nachklassischen Phase wurden schließlich noch weitere Ligaturen gebastelt (abgesehen von dem
späten ¬ auch sog. Gamma-Ligaturen für den Ausdruck paarig-weicher Konsonanten – wie Ѣ für
/n’/ und ѡ für /n’/) sowie neben den runden 2- und 0-Formen aus der griechischen „liturgischen“
Unziale noch das eine oder andere Supralinearzeichen (insbes. Spiritus) entlehnt.
Dieser Prozess kam, was die Kyrillica betrifft, erst im 11. Jh. zu einem (vorläufigen) Abschluss. Die
Glagolica machte im 10. Jh. noch einige Entwicklungen der Kyrillica mit, konnte sich jedoch gegen
ihre Konkurrentin nicht durchsetzen und blieb noch vor ihrem Aussterben auf bulgarischem Boden
in ihrer Entwicklung stecken. Eine lange Weiterentwicklung war ihr nur auf kroatischem Boden
beschert, insbesondere in Dalmatien, wo sie in Kirchenbüchern erst an der Wende zum 20. Jh.
gänzlich von der Lateinschrift abgelöst wurde. Aber auch in Bulgarien verlief die Verdrängung der
Glagolica keineswegs über Nacht. Noch weit in die ksl. Periode hinein beherrschten einzelne
Schreiber die alte Schrift, auch wenn sie sie bereits im 12 Jh. lediglich zu kryptographischen
Zwecken nutzten. Die Gründe und Ursachen für diese Verdrängung sind teils formaler, teils
kulturpolitischer Natur.
Hand in Hand mit den beschriebenen Ergänzungen verlief die allmähliche Zergliederung der
Schriftsysteme in diverse Varianten (Redaktionen), die sowohl den jeweils verwendeten
Zeichenschatz als auch die sog. Graphotaxe und die orthographischen Regeln betrafen. Zu der
zunächst stilistisch motivierten (diastratisch-graphischen) Variation traten immer deutlichere lokale
bzw. diatopische Differenzierungen, die anfangs nur die innerbulgarische Landschaft betrafen, im
11. Jh. aber auch zu ersten Ansätzen von Lokalredaktionen in anderen Regionen führten (insbes. der
osl., wenn man von der schon früheren westglagolitischen im moravisch-pannonischen Bereich
absieht). An aksl. Redaktionen können wir im 10./11. Jh. zwei unterscheiden, die z.T. in weitere
Subredaktionen zerfallen:
1. die sog. einjerige, die in den Varianten der Jer-Redaktion (vor allem in glag. Dmm.) und Jor-
Redaktion (vorwiegend in kyr. Dmm.) auftritt: Sie ist, wie der Name schon sagt, in erster Linie
durch die (primäre oder ausschließliche) Verwendung eines einzigen graphischen Korrelanten für
die beiden sog. reduzierten Vokale gekennzeichnet;
2. die zweijerige (Jer/Jor-) Redaktion, in der beide Reduzierten-Korrelanten teils in etymologischer
Position (z.B. dьnь, rabъ), teils nach etymologisch verträglichen und lautlich relevanten (z.B. vlъkъ
statt vъlkъ resp. vьlkъ) orthographischen Grundsätzen verteilt sind.
Die Jer/Jor-Redaktion überwiegt als klassische nicht nur in den glagolitischen Dmm., sondern hat
aufgrund ihrer Nähe zu den etymologischen Verhältnissen der ursl. Zeit teils als einzige kyrillische
(auf osl. Territorium), teils als eine von mehreren Redaktionen (in den übrigen Regionen) auch die
aksl. Periode überlebt. Ihren Ursprung dürfen wir schon bei Konstantin-Kyrill suchen.
Zumindest die Jer-Subredaktion ist am ehesten im ostbg. Raum entstanden (Preslav), und zwar
wahrscheinlich im unmittelbaren Gefolge der kyrillischen Schriftbildung. Ihre Einfachheit und
größere Distanz zu den etymologischen Verhältnissen spricht für eine ursprüngliche Verknüpfung
mit dem Alltags- und amtlichen Schrifttum.
Im 19. Jh., als man die Schulnorm des Aksl. festlegte, waren die einjerigen Subredaktionen noch
praktisch unbekannt. Es versteht sich daher von selbst, dass diese auf der zweijerigen Orthographie
aufgebaut wurde. Die Wahl wird aber nachträglich durch die schon genannten Gründe bestätigt.
Nur hinsichtlich gewisser graphotaktischer Regelungen sind heute Modifikationen angebracht.
Die Verdrängung der Glagolica verlief keineswegs über Nacht: Noch weit in die ksl. Periode hinein
beherrschten einzelne ssl. Schreiber die alte Schrift, auch wenn sie sie bereits im 12. Jh. (vielleicht
28
als Folge der byzantinischen Herrschaft) lediglich zu internen oder überhaupt geheimen
Mitteilungen (i.e. kryptographischen resp. Verschlüsselungs-Zwecken) benutzten. Die Gründe und
Ursachen für diese Verdrängung sind teils formaler, teils kulturpolitischer Natur und waren letztlich
schon im Konzept Konstantin-Kyrills angelegt ("dritte Lösung" auch formal).

2. Von der Schrift zum Lautbestand


Die Annäherung der beiden Schriftsysteme in der klassischen Phase Simeons führte zwar zu einer
guten Vergleichbarkeit in der Schreibweise der verschiedenen Gruppen von Dmm. Zu einem
völligen Ausgleich im Zeichenbestand und der Orthographie kam es jedoch auch später nicht (selbst
wenn sich einzelne kyrillische Dmm. erhalten haben, die so geschrieben sind, dass man meinen
möchte, ein glagolitisches Original vor sich zu haben – vgl. nur ýêî statt ÿêî, çåìëý statt çåìëÿ.
Hier wird man eine Umschrift eines älteren glagolitischen in ein jüngeres kyril1isches
Textexemplar vermuten, mit den entsprechenden Vorlage-Interferenzen). Diese Unterschiede
zeigen, dass die Glagolica noch vor der Niederschrift der letzten, erhaltenen (abg.-glag.) Dmm. in
ihrer Entwicklung stecken blieb, d.h. einzelne spätere Entwicklungen der Kyrillica nicht mehr
mitgemacht hat.
Nun ist sich, wie schon erwähnt, die Forschung seit V. Jagić einig, dass als eigentliche Grundlage
für die (Re-) Konstruktion des klassischen (kanonischen) Aksl. das Abg. der Zeit Simeons und
allenfalls noch Peters heranzuziehen ist. Die bialphabetische Überlieferung macht uns diese
Aufgabe nicht gerade leicht und stellt uns immer wieder vor das Problem, einen möglichst
einheitlichen Nenner zu finden, ohne dabei dem Material Gewalt anzutun. Das gilt in besonderem
Maße für den Lautbestand, z.T. aber auch für die Morphologie und andere Bereiche. Betrachten wir
also zuerst die Unterschiede zwischen Glagolica und Kyrillica unter dem genannten Aspekt:
Sofern die Differenzen nur spezifisch griechische Grapheme betreffen, sind sie für die
phonologische Interpretation irrelevant (i.e. die fehlenden Entsprechungen für kyr. ¿, ¾ (und die
liturg. Å- bzw. n-Form) einerseits sowie die unterschiedliche Wiedergabe des gr. palatalen γ durch
glag. Gehenna (G'erv) bzw. kyr. ㆠandererseits, da das (sonnenförmige) glag. Cher bereits obsolet
war). Interpretationsmühen verursachen dagegen die bis ins 11./12. Jh. fortgeschleppten
Schreibungen der Sequenzen øò (Ù) neben Šta (ù) und úè/üè für Jery (ú¶/ü¶), die offenbar einen
früheren Entwicklungsstand reflektieren. Sichere Variationen auch in klass. Zeit deuten schließlich
die in der Glagolica unausgefüllten Positionen von kyr. ÿ und ¬ an (im Zusammenhang mit dem
Charakter der übrigen vergleichbaren Zusammensetzungen); sie zeigen, dass auch in klassischer
Zeit die Aussprache der abg. Gebildeten nicht ganz einheitlich war – von den Verhältnissen in den
abg. Maa. ganz zu schweigen.
Wenn wir diese Varianten berücksichtigen, gelangen wir zu einem Lautbestand, der sich grob so
darstellen lässt (Varianten in Klammer, Notation folgt der auch bei Trunte, S. 8, verwendeten
Umschrift, die sich möglichst nahe an die übliche Transliteration der beiden Alphabete hält. Eine –
natürlich sehr ungefähre – Annäherung an die phonetischen Verhältnisse bieten die unten
angefügten API-Notationen, wozu vgl. Trunte, S. XVII):

29
Vokale:
Lage (Lippenbet. etc.): Vordere: Nicht-Vordere:
labiale: n.-labiale: (labiale:)
Zungenstellung:
(nasale:) n.-nasale: nasale:
Hohe: (ü) i (ǐ) y (y̌ ) u
hohe: ь ъ
Mittlere
n.-hohe: (ǫ̈ ) ę e o ǫ
Tiefe: ě a

Andere Notationen: ü = y (Trunte: ju in Anlehnung an die Transliteration), y = ɯ (ɨ), ь = ɪ (ǝ in


schwacher Position: ǝ̭ ), ъ = ǝ (ɐ, in schwacher Position: ɐ̭̭), ǫ̈ = œ̃ , e = ε, ę = (ɛ̨ ), o = ɔ, ǫ = ɔ (õ), ě =
æ (ä).
Im Gegensatz zu Trubetzkoy, Koneski etc. sieht Velčeva (S. l15f.) keine Sicherheit bezüglich ǫ̈ ;
tatsächlich ist hier ǫ̈ nur als dial. stellungsbedingtes Allophon von ǫ zu werten.

Konsonanten:
Plosive: Frikative: Affrikaten: Sonanten: Glide:
stl. ptk (f) s - (s') š x c č m n - n' (j)
(w) l - l'
sth. bdg v z ž ʒ
r - r'

Hinzu kommen die (stets weichen) biphon. Komplexe št und žd; r und 1 (in beiderlei
Ausprägungen) können auch als silbische Liquidae (r̥ , l̥ bzw. r̩ , l̩ ) in Erscheinung treten. Geenna
(=“G'ervˮ É) bzw. dessen kyr. Ersatz (ㆠ) kann je nach Position als palat. g' oder j realisiert werden.
Andere Notationen: s' = ş, š (phonet.: š') = ʃ, c (phonet.: c') = tş, ʒ (phonet.: d'z') = dʑ, č (phonet.: č')
= tʃ, n' = ɲ, ž (phonet.: ž') = ǯ, w = ʊ, l = ł, l' = ʎ, r' = ŗ

Nach Artikulationsort und spezifischer Art lassen sich darunter feststellen:


Labiale: Labiodentale: Dentale und Alveolare (apikal oder dorsal):
td n l r sz
pbm fv
c dz (=ʒ) n' l' r' (s') (mit hoher Zungenstlg.)

Palatoalveolare: Palatal: Velare: Nasale:


j k g ch (=x) m n - n'

Das oben als w notierte Element war entweder labiovelar (= w bzw., wenn man es vokalisch fasst:
ʊ) oder labiodental (= ʋ).
Die Phonem-Korrelanten von Jer und Jor werden in der Slavistik bald als "Reduzierte", bald als
"Halbvokale" oder Jerlaute angesprochen. Keiner der Termini wird dem Phänomen völlig gerecht,
doch erscheint Reduzierter brauchbarer. (Der noch bessere Terminus "unbestimmte Vokale", den
Trubetzkoy verwendete, hat sich nicht durchgesetzt. => Hinweis Havlíksche Regel
(Allgemein zur Terminologie: Verbessere "Liquide" bei Trunte, S. 8, entsprechend unserer obigen
Tabelle! – Der Terminus L. ist nur üblich bei 1, r).

30
Was die Konsonanten betrifft, ist /f/ als peripheres, fremdsprachliches Element in Klammer gesetzt,
ebenso das funktional schwach belastete weich-paarige s' (das nur in der Flexion des Pronomens
vьśь insbes. im Osten des Sprachterritoriums nachweisbar ist). Archaisch mutet noch w an, das aber
tatsächlich nicht im ganzen slavischen Sprachraum den Übergang zu v durchgemacht hat. Hier ist
zu bedenken, dass w → v zunächst nur vor Vokalen eintrat und dieser Wandel in der Regel als
Voraussetzung zur Eingliederung des fremdsprachigen, labiodentalen f interpretiert wird (das dann
seinerseits zur Ausmerzung des w in den übrigen Positionen beigetragen haben soll). Diese
Interpretation gilt freilich nur dort, wo tatsächlich das fremde f der Nachbarsprache als Labiodental
gesprochen wurde (was nicht für die klass. gr. Periode, in der f als bilabiales ф realisiert wurde, und
wohl auch später nicht für alle gr. Maa. gilt). Im Modell nicht ersichtlich ist die Einebnung des dz
(=ʒ) ~ z(') in vielen, zumal obg. Maa., da sie sich hochsprachlich m. E. damals noch nicht
durchgesetzt hatte.
Allgemeiner ist zu bedenken, dass es auch andere Interpretationen desselben Sachverhalts gibt; so
etwa notiert Velčeva (S. 16) die Vokale in umgekehrter Markierungsopposition als "plus/minus
hinten" (vgl. dagegen Trummer, der meine Auffassung teilt).
Was wir eben dargestellt haben, ist die paradigmatische, gewissermaßen statische Seite der
lautlichen Ebene. Es bleibt noch das Wichtigste zur syntagmatischen Seite, der Reihung,
Verträglichkeit etc. der Einheiten im Sprechfluss zu sagen:
Die Silbe als kleinste natürliche Sprecheinheit hatte (nicht nur im Abg., sondern allgemein im
Gemeinslavischen) zwei ganz charakteristische Eigenschaften, die sich als Folge der in ursl. Zeit
wirksamen Tendenz zur Steigerung der Schallfülle (Sonorität) ergeben hatten: Wie in vielen heute
gesprochenen Sprachen (z.B. dem Japanischen) war sie so gut wie immer offen, d.h., lautete
vokalisch aus; und sie war überwiegend gedeckt, d.h. lautete meist konsonantisch an. Da im Anlaut
bis zu drei Konsonanten stehen konnten (als Ausnahme mit vier notiert Lekov die Gruppe skvr, cf.
Velčeva, 46), ergeben sich daraus zwei Hauptstrukturformeln: (CC)CV und V.
Geschlossene Silben bestanden nur ausnahmsweise bei einzelnen Präpositionen, die zumeist auch
als Präfixe auftraten – wie bez-, iz-, ob (m. Akk. u. Lok. "um, nach, während"), vьz- ("für" m. Akk.,
"empor-, hinauf- ...") vielleicht auch ot- – und damit (durch Liaison mit der Folgesilbe) ohnehin
unproblematisch waren, vgl. etwa ob-onъ polъ "jenseits" oder ob-noštь "die Nacht hindurch".
Natürlich konnten wie in jeder Sprache nicht alle Einheiten innerhalb der Silbe unmittelbar
aufeinander folgen. Auch für die Abfolge lassen sich mehrere wichtige Regeln ermitteln: Die erste,
besonders charakteristische, betrifft vor allem das Verhältnis von Vokalen und Konsonanten und
lässt sich als Folge der im Ursl. wirksamen Silbenharmonie ansprechen. Gemeint ist, dass
ursprünglich auf velaren (hinteren) Konsonanten nur ein hinterer Vokal bzw. auf palatalen
(vorderen) nur ein vorderer Vokal folgen konnte, also z.B. čimʼ, rǫka. Diese Regel ist allerdings in
historischer Zeit dadurch eingeschränkt, dass sie nur noch phonetisch (jedenfalls in der Mehrzahl
der Maa.) galt, nicht aber phonologisch. So durfte zwar nach wie vor auf die Velare k, g, ch (=x)
nur ein Vokal der hinteren Reihe folgen, aber nach weichen (insbes. Zisch-)Lauten konnten auch
(phonologisch) hintere, nicht-hohe Vokale stehen (in manchen Maa. aber offenbar auch das hohe
hintere u, vgl. øóìú, ÷óäî neben øþìú, ÷þäî), die dann eine ihrer Position entsprechende weiter
vorne liegende (phonetische) Variante aufwiesen, vgl. z.B. mǫka, sněgъ, chodъ, aber /duša/ –
phonetisch [dus'ä]. Sofern hier Ausnahmen auftreten, handelt es sich um fremdsprachliche
Übernahmen wie chitonъ (zu gr. χιτών "Unterkleid").
Die anderen Regeln lassen sich nicht ohne weiteres auf einen größeren Nenner bringen. Es seien
nur beispielhaft drei Einzelregeln herausgegriffen:
(1) Die Laute y, ъ und ь durften nicht im Anlaut (und dementsprechend auch nicht nach Vokal)
stehen;
(2) Doppelkonsonanz (Geminata) war ausgeschlossen und wurde dort, wo sie in Fremdübernahmen
auftrat, im Allgemeinen vereinfacht oder durch einen Jerlaut gesprengt, z.B. mana neben manъna
(resp. man'na) für hebr.→gr. τὸ μάννα (Nahrung der Israeliten in der Wüste).

31
(3) Liquidae wurden wohl als letzte, aber nie als erste Glieder einer Konsonantenverbindung
zugelassen.
Um das Lesen zu erleichtern, hat man sich schon früh bemüht, die Silbenstruktur auch in der
geschriebenen Sprache möglichst deutlich zu kennzeichnen. Das war keineswegs so einfach und
selbstverständlich, wie es zunächst klingen mag. Denn man muss ja bedenken, dass die Wörter
damals nicht getrennt geschrieben wurden, sondern sog. Scriptio (scriptura) continua herrschte.
(Hierzu bediente man sich zweier Mittel: einmal verschiedener Formen für ein und denselben
Vokal-Korrelanten, also z.B. î und w; und dann sog. Supralineare, insbes. des aus dem Griechischen
übernommenen Spiritus, der meist zum Punkt verkümmerte). Interessanterweise hat man die
klassische Silbenstruktur (CV/V) in der Schrift auch dann noch aufrechterhalten, als sie in der
gesprochenen Sprache schon längst durch lautliche Veränderungen (insbes. den schon im 9./10. Jh.
einsetzenden Jerwandel) zerstört war.
Wie in anderen älteren Traditionen ist es auch bei der Wiedergabe aksl. Texte üblich, die
kontinuierliche Schreibweise aufzulösen, d.h. Wortabstände einzuführen. In kritischen Editionen
wird man natürlich die Originalschrift beibehalten. Für andere Zwecke, etwa eine
sprachwissenschaftliche Abhandlung, bedient man sich aber auch verschiedener Umschriften.
Grundsätzlich (und wie auch sonst, etwa bei der Wiedergabe eines modernen russ. Textes) zu
unterscheiden ist dabei die (graphische) Transliteration von der (lautlichen) Transkription.
Eine Transkription kann bekanntlich entweder phonetisch oder phonematisch (resp. phonologisch)
erfolgen. Aber auch bei der Transliteration gibt es zwei (weniger bekannte) Spielarten, und zwar die
graphetische und graphematische. Da der phonetische Lautwert aus den geschriebenen Zeugnissen
nicht genau zu ermitteln ist, wählt man als lautliche Umschrift als Regel die phonematische.
Dagegen wird man sich bei der graphischen Umschrift im allgemeinen mit der graphetischen, d.h.
rein mechanischen (ohne Berücksichtigung etwaiger Funktionsunterschiede von gleichen Formen in
verschiedenen Umgebungen), begnügen – weil sie wiederum das sicherere Ergebnis zeitigt. Den
Unterschied zwischen der graphetischen und der graphematischen Transliteration ersieht man am
besten bei der Wiedergabe von Ziffernzeichen, und hier vor allem bei der Umschrift von der
Glagolica in die Kyrillica:
graphetische T.: glag. á → kyr. Á/lat. b (="2", rein formal)
graphematische T.: glag. á → kyr. Â/lat. "II" (Funktion steht über Form)
Was die Kyrillica (mit der allein wir uns beschäftigen können) angeht, sind nur lateinische
Umschriften von Belang. Aus praktischen Gründen hat es sich zumindest in der Slavistik
eingebürgert, sowohl für die lat.-aksl. Transliteration als auch die Transkription ein möglichst
einheitliches Formeninventar zu verwenden. Die meisten dieser Formen inklusive einzelner
"Diakritika" (Supralineare oder Sublineare) sind uns aus den modernen Alphabeten geläufig und
bedürfen kaum eines Kommentars; vgl. die ausgeteilte Schrifttabelle und Trunte, S. 10.
Der Unterschied zwischen Transkription und Transliteration tritt in diesem Fall kaum zutage.
(Anders steht die Sache natürlich, wenn wir uns zur Transkription der API-Zeichen bedienen, wozu
vgl. die Tabelle bei Trunte, S. XVII sowie seine Probeumschrift auf S. 27). Zwei wichtige
Unterschiede müssen freilich erwähnt werden:
1. die durch die Schrift verdeckte Differenz von eigentlichem i und den Verbindungen jь / ji, deren
historischer Radius allerdings nicht klar ist: Ssl. und Russ. ist in historischer Zeit im Wortanlaut
wohl als Regel bereits i (z.T. mit allophonischem [ji]) zu lesen, während Wsl., Ukr. u. Wr., aber
auch Čakavisch noch *jь vorauszusetzen ist, I vgl. etwa čech. jehla, čak. jagla vs. abg. [j]igla).
Dagegen deuten abg. Beispiele wie dostojenъ neben dostoinъ darauf hin, dass hier entweder noch
mit jь zu rechnen ist oder morphologischer Ausgleich erfolgte. Nichts damit zu tun haben
Schreibungen wie êàìåíèå/-·å (-è¬/-·¬) für älteres -üå/-ü¬, wo nach dem Jerausfall die Verbindung
/-j-/ plus Vokal (nach griechischer Manier zunächst durch Jota) wiedergegeben wird. Hier wird man
je nach Schreibung kamenije, kamenie etc. transliterieren, dagegen kamen'je transkribieren.

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2. Die zweite Divergenz betrifft die (soeben angedeutete) Wiedergabe der weichen Konsonanten:
Die Schreibung zeigt im Allgemeinen die Weichheit (ähnlich wie im heutigen Russ.) durch das
folgende Vokalgraph (also regressive Klassifikatoren) an, seltener durch darübergesetzten
Supralinear oder ein spezielles Ligaturzeichen, vgl. nur:
çåìëÿ, çåìë†à, çåì6à- zu transkribieren wäre hier jeweils zeml'a, zu transliterieren natürlich je nach
Fall zemlja, zeml̂ a oder zeml'a.

3. Die wichtigsten vorhistorischen Lautveränderungen


Noch in vorurslavischer Zeit hatte das Slavische einige Lautentwicklungen durchgemacht, die es
mit dem einen oder anderen idg. Areal teilt. Sie interessieren uns hier nur am Rande und seien nur
namentlich erwähnt:
Hierzu gehört zunächst der Verlust der sog. (drei – wenigstens nach der gängigsten Theorie)
Laryngale mit gleichzeitiger Färbung und/oder (Ersatz-) Dehnung eines umgebenden Vokals (eH1
→ ē, eH2 → ā, eH3 → ō bzw. H2e → a, H3e → o und H̩ → ə etc., z.B.: *ǵneH3 → gnō-, *ǵhuH →
zuu̯ - → zъv- "ruf-" oder *H1ed- → ēd- "ess-"). Laryngale sind lediglich im Hethitischen noch direkt
fassbar, haben dagegen in den anderen idg. Sprachen mehr oder minder schlecht greifbare Reflexe
gezeitigt (vgl. Trunte, S. 136, 153 und Rez. Reinhart).
Dann gehört hierher die (seinerzeit von Johannes Schmidt als erste große Isoglosse) zur Teilung des
idg. Sprachraums herangezogene sog. Satemisierung, d.h. die divergente Entwicklung der idg. k-
(bzw. g-) Laute, die im westlichen Dialektraum anders verlief als im östlichen und das Slavische
mit dem Indoiranischen, Baltischen u.a. vom Italischen, Griechischen, Germanischen trennt (vgl.
Trunte, S. 4 u. 137). Gemeint ist folgendes: Die für die Grundsprache anzusetzenden drei
"gutturalen" Verschlusslautreihen – Palatale ḱ, (ḱh), ǵ, (ǵ h), Velare k, (kh), g, gh und Labiovelare ku,
(kuh), gu, guh – wurden reduziert auf zwei, wobei die k- bzw. "Kentum-Gruppe" die Palatale mit den
Velaren zusammenfallen ließ und so als k-Laute (zunächst) bewahrte. Die "Satem-Gruppe"
hingegen vereinigte die Labiovelare mit den Velaren und entwickelte die Palatale über eine (erste)
Palatalisierung (Palatierung) und anschließende Assibilierung weiter zu Sibilanten bzw. Frikativen,
vgl. das Musterbeispiel:
*ḱm̥ tóm → lat. centum, gr. (h)ekatón, got. hund- (k → h nach 1. Lautverschiebung)
→ ai. śatám, av. satəm, slav. (über iran. Verm.?) sъtă (~sto)
sowie sth.:
*ǵneH3 → ǵnō- wie in lat. co-gnōscō, nhd. kennen, aber slav. znati
Weitgehend parallel dazu erfolgte wie im Baltischen der Zusammenfall der ursprünglichen
aspirierten stimmhaften Verschlusslaute bh, dh, gh mit den unaspirierten (der sog. Mediae [nach der
antiken, in der Indogerm. immer noch gerne verwendeten Terminologie, wonach die nicht als
Silbenträger geeigneten Konsonanten als Mutae zusammengefasst sind: Tenues "dünne" – Mediae
"mittlere" und Aspiratae – im Griechischen freilich die stl. Reihe φ θ χ, vgl. wiederum Trunte, S.
137), vgl. nur
*orbh-(o-s) → rabъ oder
*ghost-i-s → gostь.
Was die Konsonanten betrifft, wäre schließlich die "Ruki"-Regel, i.e. die Entwicklung des s nach i,
u, r, k zum Velar → ch zu nennen (vgl. Trunte, S. 138), die das Slavische wiederum mit dem
Arischen, Baltischen und Armenischen zusammen durchgemacht hat, obwohl es hier schon gewisse
Sonderentwicklungen gibt: Im Slavischen wird das (ursprüngliche, nicht über Satem-Wandel
entstandene) s nur vor Vokal bzw. Nicht-Verschlusslauten (insbes. dem Sonanten n) verschoben,
und dies nicht nur zu einem š-ähnlichen Laut, sondern weiter verhaucht, vgl. etwa den
L. pl. der i- und o-Stämme – aksl. ognьchъ (i-St.),
raběchъ (o-St.) aus -isu/-oi̯ su – oder den

33
s-Aor. *(w)rēk-s-om (Trunte: -m̥ ) ~ rěchъ etc.
Die Entwicklung ist deshalb wichtig, weil sie später noch sekundär auf andere Positionen
übertragen wurde, so bes. im sog. och-Aorist (rekochъ statt s-Aor. rěchъ), aber auch in Fällen wie
strachъ (analog směchъ).
Ähnlich uneinheitlich verlief auch die (parallel zur Entlabialisierung der konsonantischen
Labiovelare zu betrachtende) Entlabialisierung bzw. Entrundung gerundeter Vokale, mit der bei der
mittleren Vokalreihe eine mäßige Öffnung bzw. Senkung der Zungenstellung einherging (tw.
Parallelen bieten das Baltische und Germanische einerseits und das Indoarische andererseits).
(Erhalten blieb dagegen w = u̯ als zweite Komponente von sog. u-Diphthongen). Spätestens mit
dieser Entwicklung (deren genauerer Verlauf inkl. seiner ursl. Weiterentwicklung stark
interpretationsabhängig sind), ist die Schwelle zur ursl. Periode überschritten.
Zweifellos in eine sehr frühe Zeit, die wahrscheinlich der Entrundung noch voranging, fällt auch die
Entwicklung der uridg. silbischen Sonanten r̥ , l̥ , m̥ und n̥ zu diphthongischen Komplexen mit hohem
(geschlossenen) Vordervokal, also zu ir, il, im, in.
Wenn wir nun einen Querschnitt ziehen und uns die Ausgangssituation für die weitere ursl.
Entwicklungsperiode vergegenwärtigen, sieht dies etwa so aus:
Vokale
-hinten +hinten
iĪ yȲ +hoch
äǞ aĀ -hoch

Intonationsgegensätze: Ī = í : î, Ȳ = ý : ŷ
Ä = ä́ : ä̂ , Ā = á : â
(´ = Akut/zunehmend-steigend, ̂ = Zirkumflex/abnehmend-fallend)

Andere Notationen (ohne Berücksichtigung der Intonationen): Mareš setzt für i/ī – ÿ/ÿ̄ (um die
späteren Entwicklungen anzudeuten), Aitzetmüller für ä/ǟ – 'a/'ā (um die vorangehende
konsonantische Palatalität zu verdeutlichen), Velčeva (so tw. auch Trunte) für ä/ǟ – e/e: und y/ȳ –
u/u: (um jegliche phonetische Implikation zu vermeiden und den traditionellen Bezug zum Idg. zu
wahren).
Wir haben also (als slav. Produkt aus dem idg. dreiklassig-dreistufigen Dreiecksystem) nun ein
typologisch recht seltenes zweiklassiges, zweistufiges Vierecksystem vor uns, das noch Quantitäts-
und Tonverlaufsgegensätze unterschied. Was die suprasegmentale Ebene insgesamt angeht, war das
Urslavische durch einen (ererbten) freien und beweglichen Wortakzent gekennzeichnet, der
innerhalb der Flexion wechseln konnte. Die angeführten Intonationen verstehen sich als
Silbenakzente, wobei Dauer, Tonhöhe bzw. Kontur und Intensität zu einer Einheit verschmelzen.
Für die Betrachtung des Aksl., in dem weder Quantitäts- noch Intonationsunterschiede bewahrt
blieben, spielen diese eine untergeordnete Rolle und müssen schon aus Zeitgründen vernachlässigt
werden. Zudem sind die oben angeführten Intonationen z.T. nur als theoretische Möglichkeiten
eingeräumt, die nicht in allen Fällen praktisch zum Tragen kamen.
Die Zahl der Sonanten betrug (nach allgemeiner Auffassung, aber unterschiedlicher Notation und
Bezeichnung) sechs:
Liquidae: r, 1
Nasale: m, n
Glides: j, w (als Halbvokale, abhängig von ihrer Distribution, auch notiert: i̯ , u̯ )
Sämtliche Sonanten konnten in diphthongischen Komplexen auftreten (VS).
Für die (reinen) Konsonanten ist es noch schwieriger, eine auf allgemeinem Konsens beruhende
Übersicht zu liefern, da es weitgehend von der zeitlichen Interpretation der einzelnen
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Entwicklungen (insbes. der relativen Chronologie) abhängt, was wann vorhanden war. Wir
vereinfachen uns die Sache, wenn wir einzelne Entwicklungen durch Pfeile andeuten. Dann
erhalten wir:
Lab. Dent. Alv. Pal. Vel.
Plosive: p t k stl.
b d g sth.
Spiranten s ← ś stl
(š –– x́ )
z ← ź sth.

(Sofern Trunte Übersichten bringt, beziehen sie sich nicht genau auf die hier einschlägige Zeit,
sondern stellen die Verhältnisse teils etwas früher, teils auch später dar; vgl. S. 8 u. 137, 141).
Auf dieser Basis wollen wir nun in Grundzügen die Veränderungen betrachten, die das Urslavische
bis zum belegten Stand des Abg.-Aksl. durchgemacht hat. Dabei ist vorauszuschicken, dass die
meisten dieser Entwicklungen im Detail sehr schwierig nachzuzeichnen sind und die Forschung in
vielen Fragen noch keine Einigkeit erzielt hat.
Weitgehend einig ist man sich freilich bezüglich der Grundtendenzen dieser Entwicklung. Es sind
insbesondere zwei: die Tendenz zur sog. Silbenharmonie und die zur Steigerung der Silbensonoriät
(früher: "Gesetz der offenen Silbe"). Beiden ist eine Reihe von Einzelentwicklungen zuzuordnen.
Manche dieser Entwicklungen verlaufen parallel, andere im zeitlichen Hintereinander. Einige
dauern noch bis in die einzelsprachliche Zeit an bzw. kehren in der historischen Periode wieder;
weshalb Velčeva mit Recht von bestimmten "persistent changes" spricht.
(Bezüglich der großen Entwicklungslinien etwas am Rande steht die Interpretation von
Aitzetrnü1ler, derzufolge wir noch als dritte Haupttendenz die der "Wiederverengung der ursl. a-
bzw. 'a-Laute" zu unterscheiden hätten. Nun besteht zwar kein Zweifel an der Möglichkeit des von
ihm beobachteten Vorgangs; er lässt sich jedoch in einen allgemeineren Zusammenhang bringen,
der dadurch gegeben ist, dass die beiden anderen (sicheren) Haupttendenzen zu einer Reihe von
Folgeveränderungen geführt haben, unter die auch die gemeinte Entwicklung fällt (resp. fallen
könnte – je nach Interpretation). Als Folge der Tendenz zur Steigerung der Silbensonorität
beobachten wir nämlich eine allgemeinere Umstrukturierung des Vokalsystems, die zur Wiederkehr
einer dritten, mittleren Reihe führt).
Nun zum Charakter der beiden Haupttendenzen: Die Wirkweise der Sonoritätserhöhung verlief von
ursprünglich offenen und geschlossenen Silben hin zu offenen und womöglich gedeckten Silben.
Die der Silbenharmonie ging dahin, unmittelbar benachbarte Elemente einander artikulatorisch
anzunähern. (Ob diese Grundrichtungen rein innersprachlich ausgelöst wurden oder auch
interlinguale, d.h. interferenzbedingte, Ursachen hatten, sei hier dahingestellt).

Obwohl Silbenharmonie und Silbensonorität somit auf verschiedene Eigenheiten der Silbenstruktur
abheben und einwirkten ist ihnen eines gemeinsam: Beide wirken einer ererbten Buntheit resp.
Kompliziertheit an Silbentypen und -mustern durch Vereinfachung entgegen (wozu auch die
Verringerung gehört). Allgemeiner ausgedrückt, wurde durch sie der artikulatorische Aufwand auf
der syntagmatischen Achse verringert. Durch manche Einzelveränderungen führt diese
syntagmatische Ökonomisierung jedoch erwartungsgemäß zu einer Erhöhung des Phoneminventars,
d.h. einer stärkeren Belastung der paradigmatischen Achse.
Eine weitere Gemeinsamkeit dieser Veränderungen betrifft ihren Status: es handelt ich so gut wie
durchwegs um bedingten Wandel, nicht um spontanen. Überwiegend haben wir es dabei mit
Assimilationserscheinungen zu tun, deren Richtung im allgemeinen regressiv und selten auch
progressiv verläuft.

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Die einzelnen Wandlungen sind bei Trunte im Großen und Ganzen korrekt, mit ausreichendem
Beispielmaterial dargestellt (vgl. S. 7, 141f., 159-161 einerseits u. S. 143 u. 155-158 andererseits),
weshalb wir uns mit dem Notwendigsten begnügen können. Eine vereinfachte Darstellung findet
sich auch bei Mareš im Rehder-Band auf S. 7 ff.). Wir wollen dabei nicht streng zeitlich vorgehen,
weil dies die Übersicht erschweren würde.

I. Das Problem der Silbensonorität:


Wir hatten gesagt, die Tendenz ging dahin, die Silbenstruktur nach dem Grundmuster CV zu
vereinheitlichen. Aus der Besprechung der belegten Silbentypen wissen wir bereits, dass dieses Ziel
nicht zur Gänze erreicht wurde, da es daneben auch den Typus V (sowie bei wenigen Ausnahmen
sogar CVC) gab. Immerhin sehen wir aber eine deutliche Entwicklung in zweierlei Richtungen:
1. in der Richtung der Öffnung des Silbenausgangs und
2. in der Richtung der Deckung des Silbenanlauts, d.h. CVC/CVS → CV einerseits und V →
CV/SV andererseits.
(Ich muss anfügen, dass die 2. Richtung nicht von allen Forschern der Tendenz zur Erhöhung der
Silbensonorität zugerechnet wird – so auch bei Trunte, S. 159f.).
Für die Öffnung gibt es grundsätzlich fünf Möglichkeiten, die auch sämtlich zum Tragen kamen.
a) Ohne Verschiebung der Silbengrenze sind dies:
1. der Konsonantenausfall CVC → CV,
2. die Verschmelzung eines (kon-)sonantischen Elements mit dem vorangehenden vokalischen,
d.h. die sog. Monophthongierung CVS → CV, sowie
3. (zumindest theoretisch) die Umstellung bzw. Metathese von Silbengliedern. Letztere Ent-
wicklung scheint allerdings nie ohne Verlagerung der Silbengrenze eingetreten zu sein; in
unserem Fall CVSC → CSV-C- (resp. CCV-C-).
b) Mit Verschiebung der Silbengrenze stehen zur Verfügung:
1. die qualitative Veränderung eines (kon-)sonantischen Elements oder einer Gruppe, die eine
nachfolgende Verlagerung der Silbengrenze gestattet, also z.B. CVS-V → CV-CV;
2. sowie die Anaptyxe, d.h. der Einschub eines (Svarabhakti-)Vokals mit gleichzeitiger
Verlagerung der Silbengrenze vor das vorangehende (kon)sonantische Element, also in
unserem Fall CVS-C → CV-CV-C.
Welcher Weg wo beschritten wurde, hing naturgemäß von der jeweiligen Zusammensetzung der
Silbe und ihrer Stellung innerhalb der Akzenteinheit (eigentoniges Wort oder Sequenz Tonwort
plus Klitikon) ab. Versuchen wir nun, dies durch einige Beispiele zu veranschaulichen (weitere bei
Trunte, S. 159f.). Wir wollen dabei enger Zusammengehöriges auch zusammen behandeln, um die
Verhältnisse nicht zu komplizieren:

1. Konsonanten-Schwund und Veränderungen von Clusters:


Silbenauslautende (Kon)sonanten sind überwiegend geschwunden, so dass von ursprünglichen
Gruppen (Clusters) gewöhnlich nur der letzte erhalten ist und selbst wiederum zur folgenden Silbe
gezogen wurde,
z.B. *gräb-täj → greti, aber 1. sg. grebǫ "grabe(n)".
Von Gruppen sind daher als Regel jene Elemente erhalten, auf die ein Vokal folgte. Dies gilt im
Prinzip auch im absoluten Auslaut (d.h. vor Pause ~ vor Vokal),
vg1. *tad → to "dieses" (aks1. tъ, ta, to; wozu lat. istud bzw. idg. *so, sā, tod; Velčeva, 59,
setzt ursl. *tat an).
Diese "Vereinfachungen" erfolgten nicht mit einem Schlag und nicht immer mit vergleichbarem
Resultat. Insbesondere haben manche (Kon-)Sonanten ihre vokalische Umgebung noch beeinflusst:

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so -s und -r, die sich nach Langvokal (mit oder ohne Nasal) zunächst hielten und vor ihrem
Schwund eine Hebung bewirken konnten,
z.B. mātēr → mātīr.
Wir müssten daher diese Veränderungen zumindest in sieben unterschiedliche Regeln fassen.
Vereinfachend kann man sagen: Ausfall trat ein zumindest bei nicht-nasalen Konsonanten im
Auslaut, ebenso bei Nasalen nach vorangehendem Kurzvokal sowie bei Verschlusslauten vor
folgendem heterorganen (Kon-)Sonanten (mit geringen Ausnahmen, vor allem vor r und z. T. l
sowie t vor w). Dies gilt im Prinzip auch für Dreierverbindungen, insbes. stl, skn.
In der Gruppe *dl/tl (also: Tl) schwand der Dental zwar ssl. und fast durchwegs auch os1., blieb
dagegen im Westen erhalten:
*madlītī (aus *mold-) → moliti; vgl. čech. modliti (se); russ. molitva vs. čech. modlitba etc.
Diese Inkompatibilität währt nicht lange, da wir aksl. noch Formen wie dlъgъ belegen.
Ähnlich schwankt die Entwicklung des Clusters dm/tm, wo wir (jeweils Einzel-) Formen mit
erfolgtem T-Schwund – wie aksl. jamь (vgl. l.pl. nbg. jadim) – neben erhaltenen vorfinden, vgl.
aksl. sedmь (wozu čech. sedm), dagegen russ. wr. semь (ukr. sim), während alle anderen Slavinen
entweder (nach erfolgtem Jerschwund) einschieben – wie skr. sedam – oder (ausnahmsweise im
Kaschubischen) am Wortausgang öffnen (sétmë).
Nicht sicher mit der Sonoritätserhöhung zu tun hat (aber gleichwohl eingetreten und der Einfachheit
hier zu nennen ist) noch der Schwund eines -w- nach Bilabial, also
*Pv → P, vgl. (neben Trunte, S. 139):
*ob-wolk- → ab(v)alk- → oblakъ (russ. óboloko neben ksl. oblako)
(Die Tendenz zur Vereinfachung von Gruppen ist dialektal auch später noch zu beobachten,
vgl. z.B. skvozě → skozě neben skrozě).
Ein ähnliches Schicksal erlitt v- vor folgender Liquida; einen Vorgang, den wir allerdings selten
und nicht so sicher beobachten können, weil später über Metathese die alte Gruppe
wiederhergestellt wurde. Hierher gehört offenbar das (auch von Trunte, S. 139, zitierte) aksl. rota
"Eid" (wozu ai. vratám "Gelübde", dt. Wort etc. gestellt wird).
Gruppenvereinfachungen konnten natürlich auch auf dem Weg der bloßen Assimi1ation oder
Dissimilation erfolgen. Hierzu gehört zunächst die im Slavischen fast immer und überall wirksame
regressive Stimmtonassimilation) die wir nicht speziell zu behandeln brauchen. Recht früh,
vielleicht schon vor der eig. Sonoritätswelle, muss daneben auch eine Geminatendissimilation
eingetreten sein, die oft in Zusammenhang mit vorheriger Assimilation zu sehen ist, vgl. z.B.
(neben Trunte, S. 139):
*dt → tt → st wie in *pād-täj → pāttī → pasti "fallen" (vgl. l.sg. padǫ oder padati)
(Hierher gehört auch die Entwicklung sibilantischer Gruppen, die noch in aksl. Zeit fortdauert
(nachträglich oft wieder schriftsprachl. restituiert),
vgl. etwa: iz-šьdъ → iššьdъ → išьdъ, izcěliti/istěliti
Stand nun am Ende einer Silbe mit vokalischem Nukleus ein Sonant, so kamen die anderen Mittel
zum Tragen, d.h. Monophthongierung oder Metathese:

2. Monophthongierungen:
Von Monophthongierung im landläufigen Sinne spricht man bei reinen Oraldiphthongen. Bei den
relevanten Verbindungen haben wir es zwar auch mit Oraldiphthongen zu tun, doch handelt es sich
dabei um sog. "unechte" Diphthonge (mit fallender Sonorität), deren zweite Komponente aus einem
"Halbvokal" besteht, also -i̯ bzw. -u̯ . Fassen wir sie als sonantische Verbindungen (mit -j bzw. -w),
so lassen sich ihre Eigenschaften und Entwicklungszüge vergleichen mit denen jener
Verbindungen, deren Zweitkomponente aus einem anderen sonantischen Element besteht,
insbesondere m oder n. So lässt sich dann auch die "Inkorporation" eines Nasals in einen
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vorangehenden (Oral-) Vokal in die Monophthongierung einbeziehen. Beide Arten kommen ursla-
visch vor (und trennen es vom Baltischen, das noch Oral- und viele Nasaldiphthonge bewahrt hat).
Diese Entwicklungen konnten natürlich nur dort eintreten (mussten jedoch nicht), wo die zweite
Komponente der Verbindung nicht zur Folgesilbe geschlagen werden konnte, d.h. im absoluten
Auslaut sowie vor einem folgenden Konsonanten. Man nennt dies traditionell die "tautosyllabische
Position" (im Gegensatz zur "heterosyllabischen"). Während die Monophthongierung der w-
Diphthonge einheitlicher verlief und in früheren Darstellungen überhaupt im Satz "alle u-
Diphthonge ergeben u" zusammengefasst wurde, ergaben sich bei den übrigen jeweils zweierlei
Ergebnisse. Wir müssen dabei mit den Nasalverbindungen beginnen:
Die nasale Komponente der n- und m-Verbindungen unterlag in der relevanten Stellung zunächst
einem Zusammenfall mit Verlagerung der Artikulation nach hinten, d.h. zu /ŋ/:
Vm, Vn → Vŋ / _______ [C, #]
Je nach Interpretation geht die Forschung davon aus, dass sich dieses Lautung in gewissen
Randgebieten wie dem Nordkaschubischen und der bg.-mak. Ma. um Thessaloniki tw. erhalten hat,
tw. an den Folgekonsonanten assimiliert hat, vgl. Thess.: dъmp, pent).
Dann kam es bei allen (also nicht nur nasalen) Verbindungen zu einer assimilatorischen Hebung des
vokalischen Elements, sofern dieses (wie *im, in ← *m̥ , n̥ ) nicht schon der oberen Reihe angehörte
(und ost- u. wests1. nicht durch j- gedeckt war), also:
(j)ä, (j)a → (j)i, (j)y / _______ [j, w, ŋ]
(Velčeva, 40, geht für kurzes und langes aj von einem früheren Wandel → ǟ aus, weshalb in diesem
Falle unter [j]a nur mehr aw tangiert wäre; Aitzetmüller, 28, nimmt mit Shevelov eher aj → ja → jä
an).
Im Anschluss schwand in allen betroffenen Verbindungen die zweite Komponente, womit zweierlei
mögliche Folgen einhergingen: eine Längung (Art Ersatzdehnung) und/oder die assimilatorische
Übertragung seines spezifischen Merkmals auf den vorangehenden Vokal. Bei den j-Diphthongen
erfolgte die Längung ohne Begleiterscheinungen, bei den w-Verbindungen war die Längung mit
einer Rundung verbunden. Bei den Nasalverbindungen trat Längung ohne weitere Konsequenz
zumindest dann ein, wenn darauf noch -s folgte,
vgl.: *pladans → pladaŋs → pladȳs → plady → plody
Ansonsten wurde der Oralvokal ohne Längung als Regel zum Nasalvokal.
(in den u-Slavinen aber offenbar nicht im Falle von -y-, wo dialektaler Wechsel -yŋ ~ -yw möglich
war, cf. Velčeva).
Nur zwei Beispiele:
*bärajtä → bärǟtä → berěte
*rankā → ryŋkā → rǫka

3. Liquida-Metathese und Pleophonie: Das Ursl. zeigte zwei verschiedene Gruppen


von Verbindungen einer Liquida mit vorangehendem Vokal (die bei Trunte, S. 142f. u. 160 f.
getrennt behandelt werden, aber typologisch und genetisch zusammen gehören) – solche, in denen
das vokalische Element alt bzw. ursprünglich war und andere, in denen es aus einer urspr.
silbischen Liquida hervorgegangen war. Während die Verbindungen mit ehemals silbischen
Liquidae nur in gedeckter Silbe stehen konnten, bestand eine solche Beschränkung bei den anderen
nicht. Unter Berücksichtigung der Intonationsverhältnisse erhalten wir insgesamt 24 theoretische
Möglichkeiten, von denen zumindest 17 belegbar sind.

Die Entwicklung dieser Typen ging nun folgende Wege:


(1) In einer ersten Welle werden die ungedeckten Silben erfasst, wo überall Metathese eintritt. Die
Verteilung des (o- bzw. a-) Vokalismus weist darauf hin, dass damals ein suprasegmentaler Prozess
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einsetzte, der die Slavinen in eine nördliche und eine südliche Gruppe teilte; an der Übergangszone
kam das Čechisch-Slovakische zu liegen: Die nördliche tendierte zum Ausgleich nach den
zirkumflektierten Kürzen, die südliche zum Ausgleich nach den akutierten Längen.
Da die beiden Wellen nicht gleichzeitig einsetzten und der ungedeckte Anlaut früher betroffen war
als die gedeckten Typen, ergaben sich verschiedene Ergebnisse, nämlich:
- o-Vokalismus: bei zirkumflektierter Kürze osl. und wsl. m. A. des Mittelslovakischen, also:
*ârstäj "wachsen" → rosti, ebenso das Präfix roz-.
- a-Vokalismus: bei akutierter Länge durchgehend – vgl. russ. (o)ralo; bei zirkumflektierter
Kürze durch Einsetzen des Längen-Ausgleichs nur im Ssl. und Mittelslovakischen, somit:
raz-.

(2) Im gedeckten Anlaut erfasste die Metathese nicht mehr alle Slavinen, wobei wiederum eine
Abstufung von Süd nach Nord zu beobachten ist: Gänzlich erfasst wurde das Ssl. inklusive der
Übergangszone, sogar noch das Polnische; nicht mehr hingegen das Polabische und Kaschubische
sowie der größte Teil des Os1. Der suprasegmentale Prozess war aber bereits voll wirksam und
teilte nun die Slavinen noch deutlicher in die besagten Gruppen; unabhängig davon, ob Metathese
eintrat oder nicht:
- o-Vokalismus: als Reflex des Ausgleichs nach zirkumflektierten Kürzen bei allen gedeckten
Typen im Ost- u. Wsl. m. A. der Übergangsregion. (Die ursprünglichen Intonationsverhältnisse sind
größtenteils noch an der Betonungsstelle erkennbar,
z.B. r. górod, aber voróna
- a- resp. Jat-Vokalismus: alle gedeckten Typen (mindestens mit Vollvokal) im Ssl. und in der
Übergangszone (als Reflex des Ausgleichs nach akutierten Längen); wobei im Fall des Jat natürlich
die einzelsprachlichen Weiterentwicklungen – also: e, i etc. zu berücksichtigen sind:
z.B. *bä̂ rg- → aksl. brěgъ, sk. brijeg, brig, brjeg, bg. brjag, r. bereg ...)
(Besonders bei -l-Gruppen im Ost- und tw. ssl./wsl. Maa. ist mit einer sekundären Verschiebung der
Artikulation nach hinten zu rechnen: Daher Wechsel wie bei aksl. plěnъ vs. r. polón (zu polnyj
"voll") oder aksl. mlěko vs. r. molokó).

Nun zur Pleophonie: Der Vorgang lässt sich sowohl als echter Einschub als auch (nach Mareš) als
Weiterentwicklung eines koartikulierten Schwavokals nach der Liquida verstehen. In jedem Fall
haben wir es mit einer der Metathese entgegen gesetzten Welle zu tun, die offenbar vom
Nordostslavischen in südlicher Richtung fortschritt und tw. noch bg. Maa. erfasste. Ihr Ergebnis
war qualitativ jeweils dem vor der Liquida stehenden Vokal entsprechend. Demnach müsste diese
Entwicklung begonnen haben, als die metathetische Welle den gedeckten Anlaut erreichte und die
Jervokale in den Strom des Havlíkschen Gesetzes gerieten (d.h. je nach Position ausfielen oder in
der Richtung benachbarter Vokale verschoben wurden).
Was den Vokalismus der Silben mit Tiefvokal angeht, gilt das schon unter 1. Gesagte.
(3) Für die Typen mit ursl. Hochvokal (aus ehemals silbischer Liquida) gilt m.E. Entsprechendes;
d.h., dass wir je nach Ausgleich akutierter Länge resp. zirkumflektierter Kürze auch mit
unterschiedlichen Qualitäten zu rechnen haben:
Jene Slavinen, die die Unifizierung zugunsten akutierter Längen vollzogen, unifizierten die
Liquida-Silben mit Silben vom Typus "schwacher Reduzierter plus Konsonant", die anderen
dagegen mit Silben "starker Reduzierter plus C". Während sich die Entwicklung der "starken"
Jervokale in den üblichen Bahnen bewegte, d.h. die normalen Auffüllungsprodukte zeitigte, sind in
der Entwicklung der schwachen Jers durch die besondere Qualität der umgebenden Liquidae
regionale Unterschiede zu beobachten: In den ssl. Sprachen und der Übergangszone (des Čechisch-
Slovakischen) führte sie zur Restitution silbischer Liquidae, die noch mehr oder minder

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ursprünglich im BKS, Čechisch-Slovakischen und in makedonischen Maa. erhalten sind. Sekundäre
Veränderungen beobachten wir im Gros der bg. Maa. und im Slovenischen.
Was das Bulgarische und damit Aksl. betrifft, konnte je nach Dialekt und Zahl bzw. Art der
umgebenden Konsonanten dreierlei passieren: entweder Stellungs-Unifizierung des (dem
Mittelzungenvokal entsprechenden) vokalischen Elements nach der Liquida, also sъmrьtь, prьstь
etc. – so in jener Region, der die "klassische" aks1. Orthographie folgte. Oder – wie in der heutigen
bg. Standardsprache – je nach konsonantischer Umgebung vor oder nach der Liquida, also smărt,
prъst, aber sъrce, vъrchu etc. Und schließlich auch selten und ähnlich dem Os1. vor und nach der
Liquida, wie in dъlъg.

4. Nun zu den wichtigsten übrigen Phänomenen, denen wir im Verlauf der Sonoritätsphase
begegnen:
Was die Deckung des Silbenanlauts angeht, so war aufgrund der bereits angesprochenen
Verschiebungen der Silbengrenze schon eine beträchtliche "Vorarbeit" geleistet worden. Hinzu trat
die Möglichkeit eines sonantischen Vorschlags (sog. Prothese), die allerdings erst spät beschritten
wurde und regional unterschiedliche Qualität und Durchschlagkraft hatte. Die heutigen Sprachen
geben eine ganze Reihe prothetischer Elemente zu erkennen, die teils älteren, teils jüngeren Datums
und daher oft unklar sind (neben j- und v- auch u-, g-; nichts damit zu tun hat lediglich das -n in
Formen wie r. nego, das über Sandhi von Präpositionen wie vъn erklärt werden kann).
An alten Gleitlauten sind zwei zu unterscheiden, die sich nach der Qualität des anlautenden Vokals
richten (vg1. Trunte, S. 143) – die sog. j-Prothese (Präjotierung) und die sog. v-Prothese
(Prälabialisierung, da ursp. w-). Der gegenwärtige Forschungsstand spricht dafür, dass sie zunächst
nur vor Anlautsvokal der hohen Reihe (also vor kurzem oder langem i- bzw. u- eingesetzt wurden
und erst später im Zuge eines Ausgleichs auch auf die Position vor einem ursprünglichen Tiefvokal
übertragen werden konnten. Dabei ist zu bedenken, dass damals die Umstrukturierung des urs1.
Vokalsystems bereits im Gange war, weshalb das Merkmal "gerundet" schon eine Rolle spielte: w-
vertrug sich nicht mit dem Merkmal "labial" und war gewissermaßen das markierte Glied, j- zeigt
allenfalls eine gewisse Inkompatibilität mit urspr. kurzem a- (das zu o- wurde), ist aber ansonsten
stärker von der einzelsprachlichen Entwicklung des Vokalsystems abhängig.
Interessant und wichtig erscheint ferner, dass für Prothesen allgemein innerhalb der Akzenteinheit
"Wort" kaum sichere Beispiele zu belegen sind; d.h., die Vorschläge vor allem auf den Wortanlaut
konzentriert waren. Zwei Beispiele für Prothesen vor Hochvokal:
(b) bei Vordervokal: *iŋzȳk- → jįzȳk- → aksl. językъ
(c) bei Hintervokal: *ȳsak- → wȳsak- → aksl. vysokъ

Damit haben wir den Komplex der Silbensonoritäts-Veränderungen abgeschlossen und wollen uns
nun den wichtigsten Prozessen und Folgen der
II. Tendenz zur Silbenharmonie
zuwenden: Ich hatte vorausgeschickt, dass darunter die artikulatorische Annäherung unmittelbar
benachbarter Elemente zu verstehen ist, d.h. in erster Linie Assimilationserscheinungen.
Traditionell spricht man in diesem Zusammenhang von zwei Phänomenen, die zum Ausgleich der
Sequenzen vom Typ "velarer Konsonant plus palataler Vokal (CV')" und "palatales j plus
Velarvokal (jV)" in der Richtung des palatalen Glieds geführt haben. Dies sind die sog. (ursl.)
Palatalisierungen der Velarkonsonanten einerseits und die sog. Vokalpalatalisierung (bzw. -Umlaut)
andererseits. Insbesondere die Palatalisierung der velaren Konsonanten steht jedoch nicht allein da,
sondern gehört zu einem umfangreichen Komplex von Veränderungen, die sich nicht sinnvoll
gesondert und ohne Berücksichtigung der sog. l-Epenthese behandeln lassen.

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1. Zunächst zu den sog. Palatalisierungen.
Unter diesem Terminus fasste die Sprachwissenschaft des 19. Jh.s drei zwar eng verknüpfte, jedoch
ihrem Wesen nach verschiedene Entwicklungen zusammen: die (vokalische oder konsonantische)
Verschiebung nach vorn zum Palatum, die Erweichung (von Kon-sonanten) sowie die
anschließende Assibilierung (resp. Affrikatisierung, d.h. Mm. "scharf" bzw. "strident" von
Konsonanten). Je nachdem, welchem Artikulationstyp das betroffene Segment angehört, konnte
entweder nur das eine oder das andere oder alles hintereinander eintreten. Obwohl wir auch
anderswo (etwa im Romanischen) und in der historischen Geschichte der slavischen Sprachen auf
vergleichbare Entwicklungen stoßen, sind von diesen Wandlungen nur die groben Umrisse wirklich
klar.
Dem typologischen Vergleich lässt sich freilich entnehmen, dass die Erweichung von Konsonanten
von hinten nach vorn, i.e. in der Folge Velare – Dentale – Labiale verläuft; oder, dass der "normale"
Assimilationsweg von Konsonanten slavisch der regressive ist und allfällige parallele vokalische
Assimilationserscheinungen nur in der Gegenrichtung, also progressiv, vonstatten gehen können,
etc.). Es erscheint zweckmäßig, zuerst den Gesamtbefund aufzulisten:
Wandel: Betr. Segmente: Ursache: Richtung:
1. Verschiebung: vel. Kons. V'/j regr. (u. progr. ?)
vel. Vokal C'/j progr.
2. Erweichung: Velare V'/j regr. (u. progr. ?)
Koronale (Dent., Alv.) j regr.
Labiale j regr.
3. Assibilierung: Velare V'/j regr. (u. progr. ?)
s/z; t/d j regr.
4. l-Epenthese: Labiale (j) (regr.)

Die Primärergebnisse sind teils in der gesamten Slavia einheitlich, teils auch verschieden. Sofern
sich Unterschiede ergeben, weichen als Regel die westslavischen Sprachen ab (bei t/d bzw.
Gruppen mit t/d sowie der l-Epenthese zeigen aber auch die südsl. Divergenzen) .
Und nun zu den einzelnen Entwicklungen. In der traditionellen Reihenfolge sind dies:
1. die "Palatalisierungen" der Velarkonsonanten in der Umgebung eines vorderen Vokals,
2. die übrigen konsonantischen Palatalisierungen,
3. die l-Epenthese sowie
4. die Vokalpalatalisierung.
Ad 1. Die sog. I.-III. Palatalisierung der Velare: Betroffen sind die aus den idg. Labiovelaren und
Velaren entstandenen Velare k, g und – wenigstens tw. – das erst später (aus *s nach i, u, r, k oder
über Auffüllung einer Leerposition nach vorangegangenem Wandel *s → š) entstandene ch, die
unter dem Einfluss eines umgebenden *e oder *i schon früh palatale Varianten ausbildeten. Sie
spielten so lange keine Rolle, als die sie bedingenden Vokale in ihrer Qualität erhalten blieben. Mit
der Umstrukturierung des Vokalsystems wurde der assimilatorische Druck jedoch so stark, dass er
zu einer ersten Umphonologisierung der Varianten führte. Neue Bedingungen für einen
vergleichbaren Wandel ergaben sich später durch die Einebnung der j-Diphthonge; so dass wir
zumindest von zwei größeren Wellen auszugehen hätten. Tatsächlich weisen aber die Ergebnisse
eher auf drei solcher aufeinander folgenden Wellen hin. Ein Beispiel für die sog. erste
Velarpalatalisierung:
I. *k, g, (ch) → k', g' (ch') → č, dž, (š)/__ *ē̆ , ı̄̆ (od. vergleichb. Fremdlautfolge), wobei dž
→ž
vgl.: *otike → atik'ä → aksl. otьče (V.sg. zu otьcь), lygjam → lъžo, grěchъ → grěšьnъ

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3. L-Epenthese:
Dass die Entwicklung der Labiale vor folgendem -j- nicht denselben Weg einschlagen konnte wie
jene der Koronale, ist weiters nicht verwunderlich. Hier musste eine etwaige Erweichung in einen
Doppelverschluss münden, d.h., zum bereits vorhandenen Lippenverschluss noch der Zungenrücken
eine (der j-Artikulation entsprechende) Hebung erfahren. Die vordere Artikulationslage der Labiale
– von der "Epenthese" betroffen war auch das in der Entwicklung befindliche bilabiale w –
verzögerte im Vergleich zu den anderen Segmenten den Wandel noch stärker als die an nächster
Stelle stehenden Dentale (vgl. die obige typol. Reihenfolge). So musste zum Zeitpunkt, als die
Labiale gewissermaßen "an der Reihe" waren, im System bereits eine Reihe von palatalisierten
Produkten verankert sein, von denen sich vor allem ń und ĺ als wesentlich erweisen sollten.
Dieses Vorhandensein bot die Voraussetzung für einen Vorgang, der traditionell zwar mit
"Epenthese" – Einschub – charakterisiert wird, tatsächlich jedoch eher als Wechsel des auf den
Labial folgenden j mit ĺ oder als Dissimilationsprozess zu verstehen ist:
Nach einer auf Trubetzkoy zurückgehenden (und auch von Mareš, Velčeva u.a. geteilten) Erklärung
soll das zunächst sonantische j in der Position konsonantisch geworden und durch ĺ ersetzt worden
sein also etwa:
*p, b, m, w → p', b', m', v'/__ j und dann p'j, b'j, m'j, v'j → pĺ bĺ, mĺ, vĺ (mit vorangehendem
Sj → Cj)
cf. *ghemiā → zämjā → zäm̄ 'ǟ → p.A. zeml'a (zeml'ě) (bg. weiter → zem'a, r. dag. zeml'a).
země [zemn'e, p. ziemia]
Der zweite, von mir selbst eingeschlagene, Erklärungsweg sieht parallel zum Wandel der Koronale
zuerst eine von j über regressive Assimilation ausgelöste Verschiebung der Zungenlage in die -
ant/+hohe Position und konkomitante Längung (verzögerter Verschluss) vor, auf die über
Dissimilation dann die Entwicklung des ĺ bei gleichzeitigem j-Schwund erfolgt, vgl.:
*p, b, m, w → p̄ ', b̄ ', m̄ ', v̄ '/__ j (= ass.) und p̄ '(j), b̄ '(j), m̄ '(j), v̄ (j) → pĺ, bĺ, mĺ, vĺ (= diss.)
Da auch hier m.E. das frühere systemhafte Vorhandensein von l' ~ ĺ Voraussetzung ist,
unterscheidet sich dieser Ansatz nur insofern wesentlich vom anderen, als ein Zwischenstadium der
Längung vorausgesetzt wird.
Nun lässt sich die sog. l-Epenthese nicht überall im slavischen Sprachraum ausmachen: Die abg.
Dmm. zeigen je nach Zeit und Provenienz schon mehr (kyr.-obg.) oder minder (glag.-wbg.) häufige
Formen ohne Epenthese, insbesondere in der Position vor hohem i; mittel- bis neubg.-mak. fehlt sie
überhaupt mit der Ausnahme der Wortanlautposition (also pljuja, bljudo). Dasselbe gilt mit
wenigen Ausnahmen (wie č. hrable, cf. r. grabli "Rechen") auch westslavisch, während umgekehrt
in den übrigen ss1. Sprachen (skr., sloven.) und im gesamten osl. Areal die Epenthese überall
auftritt außer in offensichtlich morphologisch bedingten Ausnahmen. So nimmt ein Teil der
Forscher an, dass die l-Epenthese zwar eine gemeinslavische Angelegenheit sei, die nicht mehr alle
Fälle erfasst hat und dann regional in morphologisch relevanten Positionen wieder sekundär
geschwunden sei. Andere gehen wieder davon aus, dass sie im ostss1. und wests1. Raum nie über
die Wortanlautsstellung hinausgegangen sei.

4. Vokalpalatalisierung (Umlaut):
Im zeitlichen Verlauf der (konsonantischen) Palatalisierungen wurden auch Vokale verschoben in
der Weise, dass ein hinterer Vokal vom vorangehenden weichen Konsonanten (ink1. j) progressiv
umgelautet wurde zu einem vorderen. Der Zielpunkt zum palatalen Glied ist daher identisch, es
wechselt nur die Assimilationsrichtung.
Früher und z. T. heute noch meint(e) man, dass der Umlaut nicht eintrat oder allenfalls als
Ausnahme bei *a. Doch muss diese Auffassung, die vor allem von missverstandenen abg.
Schreibgewohnheiten ausgeht (Problem der Jat vs. ja-Verteilung) heute als überholt gelten.
Hierzu zwei Beispiele:

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*palja → pal̄ '(j)ä → aks1. poĺe
*jyga (cf. iugum) → jiga → aks1. igo
Insgesamt haben wir folgende Einzelprozesse vor uns:
a, y → ä, i/[j, c']__
Die Ergebnisse in der historischen Zeit entsprechen oft nicht den Erwartungen. In manchen Fällen
lassen sie auch aufgrund der verschiedenen Schreibungen mehrere Interpretationen zu.
Grundsätzlich erwarten wir als Ergebnis folgende Silbentypen:
V° (=phonet. postpal./velar): a o y ъ u ǫ nach C° (=Typ CV)
V' (=phonet. präpal.): ě e i ь ü ę nach C' (=Typ C'V)
Dem entsprechen etwa Fälle wie N.sg. lěto vs. poĺe, G.p1. rabъ vs. otьcь etc., nicht aber G.sg. raba
= mǫža oder 1. sg. Präs. berǫ = pišǫ u.s.f.
Nun kann man (und hat man überwiegend) derartige Fälle auf morphologische
Ausgleichserscheinungen zurückgeführt, doch gibt es zumindest für einzelne Beispiele auch andere
Erklärungsmöglichkeiten.
Als letztes großes "Ereignis" unter den vorhistorischen Entwicklungen registrieren wir die
Umstrukturierung des Vokalsystems; ein Prozess, der erst in historischer Zeit zum Abschluss
gelangt ist und wieder eine Reihe von Folgeprozessen auslöste. Hand in Hand damit erfolgte die
Umordnung der suprasegmentalen Verhältnisse (insbes. weitgehende Einebnung der alten
Intonationen).
Den Auslösefaktor der Vokalveränderungen bilden die Produkte der Monophthongierung, insbes.
von w-Diphthongen, durch die 1. das Merkmal "labial" wieder ins System eingeführt wurde und 2.
die obere Reihe eine nicht mehr zu verkraftende Erweiterung erfuhr, vgl.: Ausgangsbasis: 2
Klassen, 2 Stufen (gem. Term. Trubetzkoy)

-hinten +hinten ǖ ī ȳ ū
ı̨̆ ̄ y̨ ̆̄
Ī i y Ȳ +hoch → (theor.) i y
Ǟ ä a Ā -hoch ä a
ǟ ā

Wie schon Jakobson u.a. festgestellt hatten, kann das Auftreten oder der Schwund einer Korrelation
im System eine Kettenreaktion hervorrufen, die in eine radikale Umorganisation mündet. Sie verlief
in folgender Weise:
1. Die ungleiche Belastung der beiden Vertikalreihen (Überlastung der oberen Reihe = "Stufe")
führte zu einer allmählichen Verdrängung durch Umgewichtung der vorhandenen Merkmale und
die Nutzung eines weiteren Öffnungsgrads/Zungenhöhen-Merkmals "offen"/"tief': Die ursprünglich
kurzen und ungespannten ("-tense") Glieder i und u sowie bald auch die nasalen wurden gesenkt
und bildeten mit den ehedem kurzen der unteren Reihe eine neue, mittlere Reihe. Die ehemals lang-
gespannten Glieder verblieben an der Peripherie, bildeten die obere bzw. untere Reihe.
2. Das Merkmal "gespannt" verlor mit der Einebnung der Quantitäten und dem Einbezug des
zusätzlichen Öffnungsgrads seine Relevanz im "inhärenten" Merkmalsinventar und definiert fortan
den betonten Vokalismus.
3. Das Merkmal "labial" erfasst allmählich auch die (ehemals unbetonten) hinteren Glieder, d.h. es
kommt zur Rundung des ursl. a (auf der Höhe ʌ) und nasalen, gesenkten ʌ̨ .
So sieht die Situation im relevanten ostsüdsl. Bereich (in den u-Slavinen nicht identisch!) beim
Einsetzen des aksl. Schrifttums (in kyrillomethodianischer Zeit) etwa wie folgt aus:

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+vorn -vorn
ü i y u hoch/eng
ь ъ
neue, mittlere Reihe (im Entstehen)
ɛ̨ ɛ ʌ ʌ̨
ě a tief/offen
Es handelt sich noch um eine dynamische Übergangssituation, keine stabiles Produkt.
Von den vier hauptsächlichsten Veränderungen der alt- bis frühmittelbulgarischen Zeit setzen
zumindest drei (regional allerdings nicht gleichmäßig) noch in der aksl. Periode ein:
- der Zusammenfall des vorderen ü (Mm. gerundet und vorn wurden inkompatibel) mit u
(regional in best. Positionen auch i);
- der Jerwandel (ab der Wende vom 9./10. Jh. mit Reflexen in den Dmm. ab der Wende zum
11. Jh.),
- die Denasalierung der Nasalvokale und ihr (regionaler) Zusammenfall mit den Reflexen
"aufgefüllter" Jerlaute, insbes. ъ,
- und der Zusammenfall von i und y in i (ab der Wende zur mbg. Periode).
Noch weitgehend stabil ist die Differenzierung des Jat-Korrelanten, insbes. vom (engerem) e, die
auch später in gewissen Regionen bis in die Neuzeit aufrecht erhalten werden kann, im Gros der
Maa. freilich zugunsten von e, 'a/e bzw. 'a eingeebnet wird.
Der für die Silben- und Wortstruktur entscheidende Jerwandel erfolgte offenbar in der Reihenfolge
"Auffüllung" – Schwund, wobei sich allerdings positionell die beiden Prozesse überlappen können.
Dissimilatorische Wirkung dürfte die Auffüllung ausgelöst haben. Als Folgen des Jerwandels
kommt es zu geschlossenen Silben (d.h. einem dritten Haupttyp CVC) sowie die Sprengung neu
entstehender, schwieriger Cluster durch die Ausbildung von Sprossvokalen (wie vosk- → vosъk).
Der Konsonantismus (wie er auf dem ausgeteilten Übersichtsblatt notiert ist) zeigt als Folge der
ursl. Palatalisierungen eine neue Reihe teils absolut, teils paarig-weicher Glieder. Neutrale
Konsonanten konnten vor Vordervokal (phonetisch) etwas weicher gesprochen werden als vor
Hintervokal. Schon in der aksl. Periode kommt es zur tw. Erweiterung der Palatalitätskorrelation,
die allerdings regional in recht unterschiedlicher Weise verläuft. Ebenso zeigen bereits aksl. Dmm.
Spuren von Erhärtungserscheinungen (insbes. bei ś und ŕ, aber auch bei unpaarig-weichen
Zischlauten).

Teil B
4. Abriss der Morphologie
Wenn wir die Morphologie und Morphosyntax des Altkirchenslavischen mit den heutigen
slavischen Sprachen vergleichen, fallen uns einige bemerkenswerte Unterschiede auf:

Der erste Eindruck wird sein, dass das Altkirchenslavische diesbezüglich sehr reich und vielfältig
ist, d.h. zahlreiche Kategorien (wie Kasus, Numeri, Tempora) und Wortbildungsmuster aufweist,
einen hohen Grad an Synthese mit einem großen Formenreichtum (d.h. einer Vielfalt an
Stammtypen und Endungen) usw. Vieles davon finden wir zwar noch in den lebenden Slavinen
wieder, aber nicht alles; und das, was wir finden, verteilt sich nicht auf eine Einzelsprache, sondern
auf verschiedene (z.B. der Dual auf das Slovenische und Sorbische, der Aorist auf das Bulgarisch-
Makedonische und Serbisch-Kroatische, der Vokativ wieder auf diese und einzelne andere, aber
nicht das Russische, trotz seines ansonsten ebenfalls reichen Kasussystems etc.).
Aus dieser Tatsache werden wir wahrscheinlich den Schluss ziehen, dass – wie aufgrund der frühen
Belegzeit zu erwarten – das Altkirchenslavische diesbezüglich altertümlicher ist, d.h. einfach noch
vieles bewahrt hat, was die neueren Entwicklungsstufen schon verloren haben. Das wird sich bei
näherer Betrachtung auch meist bewahrheiten, aber nicht immer: Manchmal werden wir auf einen
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Bildungstyp, ein Stamm- oder Kasussuffix oder Genusmerkmal stoßen, das sich entweder nur als
Neuerung einer spezifischen (insbes. süd- bzw. ostsüdsl.) Gruppe der slavischen Sprachen zu
erkennen gibt oder überhaupt vereinzelt dasteht, weil es aus einer nichtslavischen Balkansprache
entlehnt ist.
Aber auch dort, wo der Vergleich der slavischen Sprachen Altertümlichkeit ausweist, kann diese
Altertümlichkeit relativ sein; dann nämlich, wenn andere indogermanische Sprachen Verhältnisse
erschließen lassen, die den jeweiligen gemeinsamen (oder doch lange Zeit gemeinsame) Zug der
Slavinen als vorhistorische Neuerung "abqualifizieren"; dies gilt etwa für die synthetischen
Tempora Imperfekt und sog. och-Aorist
Und was den Grad der Vielfalt betrifft, werden wir bemerken, dass er nicht immer als Meßlatte für
das Alter bzw. die Altertümlichkeit taugt: So steht zwar das altkirchenslavische Nominalsystem im
Vergleich zu seiner genetischen Fortsetzung im Bulgarisch-Makedonischen noch konservativer da
als etwa das Altfranzösische zum Französischen oder das Altenglische zum Neuenglischen, aber
wenn man die Verhältnisse im Verbalsystems ansieht, gewinnen wir ein ganz anderes Bild: Hier
sind in den heutigen ostsüdslavischen Sprachen nicht nur alle synthetischen Tempora bewahrt,
sondern bereits in Ausbildung begriffene analytische vervollständigt und dazu noch durch eine
parallele Modalkategorie ergänzt (den sog. Renarrativ bzw. Nacherzählmodus). Fast genau so sieht
es aus, wenn wir den Grad der Synthese als Maßstab anlegen:
Global gesehen ist das Altkirchenslavische die sicherlich synthetischste der Slavinen und steht
damit im konträren Gegensatz zu seiner Fortsetzung im Bulgarisch-Makedonischen; im Detail
finden wir aber auch vereinzelte synthetische Neuerungen in modernen Entwicklungsstufen.
Denken wir nur an das Reflexivverb der ostslavischen Sprachen (mit verbundenem, aus der
Kontaktstellung erwachsenem -sja/-s'), die serbisch-kroatische Futurvariante vom Typ pisa(t)-ću
(statt hoću pisati) und sogar den postpositiven Artikel des Bulgarisch-Makedonischen (măž-ăt,
žena-ta, dete-to).
Soviel zur Einleitung. Wir sehen daran u.a., dass die Dinge in diesem Bereich zwar kompliziert
sind, aber ihr Studium doch interessant und nützlich für die Beschäftigung mit den modernen (wie
natürlich anderen alten) Sprachen.

Die Zeit erlaubt es nicht alle Bereiche durchzugehen und auch die, die wir unterbringen, nicht in der
gebotenen Ausführlichkeit. Völlig ausklammern muss ich die Wortbildung, zu der Sie bei Trunte
das Wichtigste nachlesen können. Paradigmata aufzuschlüsseln, kann ich mir ebenfalls mit Hinblick
auf Trunte ersparen. Was wir kurz überfliegen können und müssen, ist das Nominal- und
Verbalsystem des Altkirchenslavischen, und das vor allem aus formaler, weniger funktionaler,
Sicht. Bevor wir uns an die Arbeit machen, noch einige spezifische Vorbemerkungen:
Wie alle anderen idg. Sprachen verfügt natürlich auch das Altkirchenslavische über flektierte und
unflektierte Wortarten. Mehr oder minder ausgeprägte Flexion zeigen wie üblich die Nomina
(Substantiva, Adjektiva und Pronomina), Verba und einige Zahlwörter, stets unflektiert ist der Rest.
Die Art der Flexion ist im allgemeinen die sog. Stammflexion, d.h., dass mit wenigen (verbalen)
Ausnahmen die Deklinations- und Konjugationsendungen nicht direkt an die Wurzel des Worts
gefügt waren, sondern an eine Stammerweiterung, die wir als Stamm- oder Klassenformans bzw.
Thema ansprechen, vgl.: *orbh-o-s → rab-ъ. Wie an diesem Beispiel ersichtlich wird, sind in der
Mehrzahl der Fälle die beiden Suffixe durch Lautentwicklung miteinander verwachsen und lassen
sich nur mehr rekonstruktiv von einander trennen.

Im Bereich der Nominalflexion sind im Slavischen ganz allgemein nur mehr die sog. thematische
Klassen erhalten, die wir nach ihrem Formans gliedern und benennen (z.B. im gehabten Fall: o-
Stämme, hier Substantiva); während die für das Idg. und z.T. andere alte Sprachen belegbaren sog.
Wurzelnomina (wie in lat. noct-em) nicht mehr erhalten sind bzw. in die Klasse der sog. i-Stämme
übergegangen sind.

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Im Bereich der Verbalflexion sprechen wir von sog. thematischen Verba und meinen damit den
nominalen Stammklassen vergleichbare Gruppen wie die e-(/o-) oder je-(/jo-) Verba. Daneben sind
aber, wie gesagt, auch vereinzelte nicht- oder a-thematische Verba erhalten, wie das Verbum byti
"sein".
Die Endungssuffixe der einzelnen Stammklassen können je nach Kasus, Numerus, Genus bzw.
Tempus, Numerus, Person identisch oder auch verschieden sein. Regelmäßigkeit und
Unregelmäßigkeit sind hier wie in anderen Sprachen und Entwicklungsstufen unterschiedlich
verteilt; im großen und ganzen haben wir es mit demselben geregelten Chaos zu tun, das auch sonst
die Welt bestimmt, besonders die der menschlichen Beziehungen.

Das Nominalsystem
Nach der Art der Deklination lassen sich im Abg.-Aksl. drei Formmuster unterscheiden:
1. die eig. nominale Deklination: Sie umfasst (von einzelnen indeklinablen abgesehen) die
Substantiva und Adjektiva, letztere beschränkt auf die Kurz- bzw. unbestimmte Form;
2. die pronominale Deklination: Sie gilt für die Pronomina mit gewissen Einschränkungen; und
3. die zusammengesetzte Deklination: Ihr folgen die Lang- bzw. bestimmten Formen der Adjektiva.
Soweit Zahlwörter flektiert werden, folgen sie teils der (nominalen) Substantiv-, teils der
pronominalen Deklination; dagegen folgen die Partizipia als Nominalformen der Verba den
Adjektiva, d.h. verteilen sich je nach Kurz- bzw. Langform auf den 1. und 3. Deklinationstyp.
An grammatischen Kategorien lassen sich in der Nominalflexion unterscheiden:
 drei Numeri: Singular, Plural und Dual (besonders, aber nicht nur, für natürliche Paarigkeit);
 drei Genera: Maskulinum, Femininum und Neutrum; sowie
 sieben (von uridg. acht) Kasus:
1. Nominativ: als Kasus des Subjekts und (eingeschränkt und rückverweisend) des
Prädikatsnomens,
2. Genitiv: als synkretistischer Kasus von stark diversifizierter Funktion, die sich teils mit der des
Dativs und Akkusativs (z.T. auch Lokativs) überschneidet, was auch damit zusammenhängt, dass
der Genitiv m.A. der Pronominalflexion (cf. togo, česo) nichts Altes fortsetzt, sondern durch den
Zusammenfall von Genitiv und Ablativ entstand. So eignet ihm neben den eig. genitivisch-
adnominalen Funktionen (Subjekts-, Objekts-, possessiver und partitiver G.) auch ablativische (bei
den Verben des Fürchtens, Meidens und der sinnlichen Wahrnehmung sowie bei Vergleichen) und
lokativische – im spezifisch slavischen G. der Negation und von männlichen Personen im Singular
der o-Stämme (woraus später die Belebtheitskategorie entsteht).
3. Dativ: als Kasus des indirekten (entfernteren) Objekts, nach unserem Gefühl z.T. auch des
direkten (bei Verben des Lehrens); darüber hinaus (in Konkurrenz zum adnominalen Gen.) als
Dativ des Besitzers (possessoris), der Beteiligung bzw. des Interesses (commodi) sowie als
volkstümlicher ethicus. Hinzu kommen die wichtigen und in anderen alten Sprachen teils von
anderen Kasus wahrgenommenen Funktionen des Subjekts in nebensatzverkürzenden
Partizipialkonstruktionen (=Dativus absolutus, vg1. den lat. Ablativus und griech. Gen. abs.) und in
Infinitivsätzen (=Dativus cum infinitivo, wozu vg1. den aks1. nur spärlich, im Lat. u. Griech.
dagegen häufig vertretenen AcI).
4. Akkusativ: als Kasus des direkten Objekts (mit den beim Gen./Dat. erwähnten Einschränkungen)
und der Ausdehnung in räumlich-zeitlicher Sicht, sowie der wichtigste Präpositionalkasus (mit
lokativischer Funktion – Erreichen eines Ziels).
5. Instrumental: als Kasus des Mittels und, präpositional, der Begleitung/Begleitumstände
(comitativus), schließlich auch typisch slavisch des Prädikativums (Typ r. statь učitelem).

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6. Lokativ: fast nur noch als Präpositionalkasus zum Ausdruck der räumlichen, dann auch zeitlichen
(Ruhe-) Lage, d.h. des Ortes, an dem sich eine Handlung vollzieht oder den eine Bewegung erreicht
(so vor allem os1.).
7. Vokativ: als Kasus des Anrufs, dies fast nur noch bei Substantiva bzw. Personennamen.
Uridg. waren für jeden dieser Kasus formale Kennzeichen vorhanden, wobei meist die genannten
Funktionen den eig. Endungen zugeordnet waren; selten wurde sie schon von den Stammformantien
wahrgenommen (das Umgekehrte gilt, wie gesagt, bei den sog. Wurzelnomina). Diese Verhältnisse
sind, wie ebenfalls festgestellt, im Slavischen allgemein bereits durch sekundäre Veränderungen
verdunkelt. Sofern nicht Analogie als Systemzwang oder Beeinflussung durch andere Paradigmata
(wie Übernahme einer pronominalen Endung in die nominale Deklination) auftrat, hatten die
Nomina für Maskulina und Feminina gleiche Endungen, das Neutrum war durch einige wenige
eigene Endungen charakterisiert.
Während die aksl. Kasus im Singular und Plural meist noch gut differenziert sind, reduzieren sich
die Dualendungen, auf drei, indem im allg. zwei Kasus synkretistisch durch eine Form vertreten
sind: Nominativ-Akkusativ (der Vokativ zählt hier eig. nicht), Genitiv-Lokativ und Dativ-
Instrumental. (Im Gen.-Lok. ging auch der alte Ablativ auf).

Nominale Deklination:
Die Stammbildungsformantien konnten aus einfachen Vokalen oder Konsonanten, aber auch
Diphthongen bestehen, welche ihrerseits durch qualitativen oder quantitativen Ablaut differenziert
wurden. (So ist bei den alten u- und i-Stämmen slavisch noch der Reflex alter Ablautstufen
nachweisbar, während die übrigen Stammklassen lediglich einfache Formantien erkennen lassen,
die lediglich im Vokativ, z.T. auch im Dual, Ablautsveränderungen zeigen). Natürlich konnten
zwischen Wurzel und Stammformans noch weitere, wortbildende Elemente eintreten, die den
Träger einer bestimmten Funktion kennzeichneten bzw. klassifizierten (wie z.B. Nomina agentis).
So besteht etwa aksl. kolěno aus *kol- (trad. idg. kuel- "dreh-"), -ēn- (als Suffix zur Bezeichnung
von Körperteilen, vgl. gr. auchēn "Nacken") sowie dem Formans -o- der entsprechenden
Substantivklasse.
Die Vielfalt der idg. Stammklassen ist schon urslavisch tw. unter dem Aspekt des natürlichen
Geschlechts reduziert worden; ein Prozess, der sich in historischer Zeit weiter fortsetzt und
schließlich zum gänzlichen Übergang zu Genusklassen führt. (Gab es z.B. idg. noch mask., fem.
und neutr. o-Stämme, so zeigt das Aksl. nur mehr maskuline und neutrale).
Es hat sich eingebürgert, die aksl. Stammklassen nach vokalischen und konsonantischen wie folgt
zu trennen (obwohl wir zwei Abarten an Übergangstypen – mit -j- als erster bzw. -v- als zweiter
Komponente darunter vorfinden):
(a) vokalische: harte und weiche o-/jo- bzw. ā-/jā- Stämme, weiche i und harte, kurze u-Stämme;
hinzu kommen zwei sich nur mehr im N.V.sg. (und z.T. G.pl.) unterscheidende Abarten langer i-
Stämme (Typ N.sg. bogyńi f., i.e. mit Suffixerweiterung u. sekundärer Palatalität -yńi, sowie Typ
sǫdi[i] m. /mlъni[i] f.), die ansonsten den weichen fem. jā-Stämmen folgen.
(b) konsonantische: n- (mit Abarten: n-, (en-) und men-), r-, s-, nt- sowie (als Übergangstyp) die
langen ū-Stämme (eig. -ъv- durch heterosyll. Entwicklung eines ū-Diphthongs.
Je nach Zählung hätten wir es also mit 10-13 Substantiv-Klassen zu tun.
Gemischt vok.-kons. Flexionen zeigen einige suffixerweiterte Gruppen auf -an-/-jan-, -tel- und -ar-,
die uns auch aus den modernen Slavinen geläufig sind. Ähnlich ist auch bei Einzelwörtern (wie
nogъtь "Nagel, Kralle", lakъtь "Elle", desętь "zehn") der Übergang von der älteren konsonantischen
in die vokalische Deklination nicht gänzlich durchgeführt. Die Paradigmata folgen im Allgemeinen
dem jeweiligen grammatischen Genus, doch können ausnahmsweise auch Vermischungen
auftreten, vgl. oko – očese Sing. als neutr. s-Stamm, aber Dual oči fem. i-St. Ebenso ausnahmsweise
finden sich (ähnlich wie im lat. Typ nauta) natürliche Genuszuordnungen, die freilich nur in der
Kongruenz fassbar werden, z.B. bližika m. "Nächster".
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Die grammatische Genusdifferenzierung, nach der sich die Paradigmata richten, ist folgende (mit
Musterbeispielen):

Maskulina:
m. o-/jo-Stämme, z.B. hart rabъ,-a bzw. weich mǫžь,-a, krajь,-ja
kurze u-Stämme, z.B. synъ,-u
(wenige) m. kurze i-Stämme, z.B. gostь,-i oder gospodь,-i
n-Stamm (Rest): dьnь, dьne
en-Stämme: (nach dem. A.sg.) z.B. korenь,-e oder stepenь,-e
m. men-Stämme, z.B. kamy,-ene oder plamy,-ene
Maskulina sind auch die Wörter auf -jan-, -tel- und -ar-, die im Sing. nach den o- bzw. jo-Stämmen,
im Plural konsonantisch flektieren; es sind dies Völker- und Einwohnernamen wie graždaninъ,-a,
graždane (mit zusätzlichem -in- im Sing.), Nomina agenti wie prijatelь,-ja,-e und mytarь,-ja,-e (-
ar- über germ. Vermittlung aus lat. -arius, d.h. denominative Nomina agentis als Bezeichnungen für
Berufsangehörige).

Neutra:
n. o-/jo-Stämme, z.B. hart lěto,-a, weich polje,-ja, mit Suffixerw. znamenьje,-ьja
n. men-Stämme, z.B. imę,-ene oder plemę,-ene
s-Stämme, z.B. slovo, slovese
nt-Stämme, im allg. Bezeichnungen für junge Tiere, z.B. telę, telęte

Feminina:
-ā-/-jā-Stämme (darunter auch einzelne mit natürlichem Geschlecht wie das genannte bližika), z.B.
hart žena,-y, rǫka,-y, weich duša,-ę
kurze f. i-Stämme, z.B. kostь,-i
lange f. ī-Stämme, z.B. rabyńi, rabynję, mlьni(i),-ję ~ mlьnьję
(einzelne) lange m. ī-Stämme, z.B. sǫdi(i),-ję ~ sǫdьję
lange ū-Stämme, z.B. crьky, crьkъve oder kry, krьve (altes Wurzelnomen, A. krьvь)
r-Stämme (Reste): die weibl. Verwandtschaftsbezeichnungen mati, matere sowie dъšti,-ere
(Weitere Beispiele bei Trunte, 45 et pass.)

Die Adjektiva hatten ursprünglich alle nominale Flexion, die erst durch Antreten des sog.
anaphorischen Pronomens eine zweite Reihe spezifischer Langendungen ausbildete. Ihre
unbestimmte Flexion entspricht der der maskulinen und neutralen o-/jo- sowie der femininen a-/ja-
Stämme, vgl. hart dobrъ, -a, -o bzw. weich obьštь, -a, -e. Angehörige ehemaliger anderer
Stammklassen sind in diese Hauptparadigmata übergegangen; womit beim Adjektiv der Übergang
in die Genusflexion bereits vorhistorisch abgeschlossen ist.
Nicht alle Adjektiva können freilich Langformen bilden. Ausgenommen sind die mit
Suffixerweiterung auf -ovъ, -inъ und -jь gebildeten Possessiva (z.B. ženichovъ, ženinъ, učeničь)
sowie der vereinzelte -ijo-Typ (božii, i.e. eig. božьjь, -ьja, -ьje), der im N.sg. m. nur wie ein
bestimmt flektierter aussieht.
Daneben existieren eine kleine Zahl indeklinabler Adjektiva, die durch Erstarrung ehemaliger i-
Adjektiva entstanden sind und daher die Endung -ь aufweisen, z.B. različь „verschieden“, svobodь
„frei“ oder udobь „leicht“. Sie werden oft adverbiell gebraucht, dürfen aber nicht mit
entsprechenden ь-Adverbformen verwechselt werden. Mitunter haben sie durch Suffixerweiterung
flektierbare Formen ausgebildet, so etwa svobodьnъ, udobьnъ, različьnъ etc. Gänzlich den
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Übergang zu Adverbia vollzogen dagegen die ehemaligen i-Neutra wie (j)ǫtrь "drinnen", sǫprotivь
„gegen“ und strьmoglavь „kopfüber“.
Ansonsten geschieht die Adverbbildung am häufigsten mit dem N.A.sg.n. auf -o (wie in bystro,
skoro, malo etc.), seltener mit dem L.sg. auf -ě (m.A. von drugojici "ein andermal" nur in der harten
Flexion, z.B. dobrě, zъlě), und nur bei den Adjektiva auf -ьskъ, auch auf -y (wie in slověnьsky).
Daneben haben sich zahllose unproduktive Muster eingestellt, d.h. reine Adverbia wie doma „zu
Hause“, die aus alten Singular-, Pluralkasus u.a. hervorgegangen sind.

Zur Steigerung des Adjektivs:


Von den Steigerungsstufen hat das Slavische nur den Komparativ als synthetische Form bewahrt.
Der Komparativ wird mit der Hilfe eines Suffixes *-jis gebildet, das entweder direkt an die Wurzel
tritt oder, bei konsonantisch auslautenden, an einen mit -ě- erweiterten Stamm. Die Endungen
folgen dem weichen Paradigma, wobei als eigentliche Ausgangsform hier das Muster der (langen)
ī- (Typ bogyńi) gedient haben muss, da die Kasus obliqui jeweils palatalisierte Formen zeigen, vgl.:
N.sg.m. nov-ě-jis → novějь = íîâýè
N.sg.f. nov-ě-jis-ī → novějьši = íîâýèøè
N.sg.n. nov-ě-je p.A.? = íîâý¬
G.sg.m. novějьša, G.sg.m. novějьšę, G.sg.n. novějьša
Suffixerweiterungen können dabei getilgt werden, insbesondere -ъkъ, -okъ im Falle von
sladъkъ → slaždьjь = ñëàæäüè ~ -èè, vysokъ → vyšьjь = âü¶øüè ~ -èè
Während in den erhaltenen Dmm. allgemein bereits die Langformen überwiegen, hat der erweiterte
Typ mit -ě- im Nsg.m. nie die bestimmte Form (d.h. immer novějь wie bоžьjь), der nicht erweiterte
dagegen stets die Langform, z.B. boljьjь = áîë†üè /-èè.
Eine spezielle Form des Superlativs gibt es, wie gesagt, nicht, superlativer Sinn muss aus dem
Kontext hervorgehen, z.B. vьsěchъ boljьjь "der allergrößte". Daneben gibt es allerdings die
elativische Präfixerweiterung prě-, und natürlich Umschreibungen durch (d)zělo, also prěvelikъ,
(d)zělo velikъ etc. Präfixerweiterung mit nai- (najь- aus na+i-) ist dagegen noch auf Adverbien
konzentriert, z.B. naipače, naivyše etc.

2. Pronominale Deklination:
Pronominal flektieren die eig. Pronomina sowie einzelne Adjektiva. Die Formenbildung der
Pronomina ist insgesamt im Idg. recht uneinheitlich und weist gegenüber jener der Substantiva und
Adjektiva einige Besonderheiten auf:
So können in ein und demselben Paradigma verschiedene Wurzeln zu einem Suppletivsystem
vereint sein – wie bei den Personalpronomina (z.B. [j]azъ ← jaz ← sekundär gelängtem *eǵ[h]_ vgl.
lat. egō, gr. ἐγώ] und Antreten eines wohl nur zum Angleich an die Silbenstruktur angefügten -ъ [←
-om], aber mene zum Stamm *me-, G.A.pl. nasъ wiederum zu nō[s]- bzw. *n-ōs-). Mitunter finden
sich darüber hinaus Einschübe zur Stammerweiterung (wie ai. D.sg. tá-sm-ai zum Dem.Pr. *te/to)
und deiktische Partikeln zur Verstärkung wie lat. ego-met, gr. οὗτοσ-ι, mglw. das auch slavisch
anzusetzende -d des neutralen *to-d; und ebenso können hin und wieder spezifische Endungen
auftreten, die wir höchstens sekundär dann auch auf die nicht-pronominalen Paradigmata
übertragen finden, wie der N.pl. auf -oi von lat. lupī, gr. λύκοι, slav. *orbh-oi → rab-i wie das harte
Dem.-Pron. ti ← *toi̯ (im Gegensatz zu ai. vṛkāḥ oder got. wulfos, die altes -es bewahrt haben).
Einzelsprachlich hat, wie aus dem letzten Beispiel schon hervorgeht, eine Vermischung von
nominaler und pronominaler Flexion stattgefunden.
Wie in anderen idg. Sprachen lassen sich auch Abg.-Aksl. zwei Hauptmuster pronominaler
Paradigmata unterscheiden, die ungeschlechtlichen Personalpronomina (inkl. des Reflexivums) und

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die übrigen, geschlechtlich differenzierten Pronomina. Dabei zerfallen die letzteren slavisch wieder
in die beiden Gruppen der harten und weichen.

Zuerst zu den Personalpronomina und dem Reflexivum:


Wir beobachten hier bekanntlich zwei eigentliche Personalpronomina für die 1. und 2. Person –
(j)azъ und ty –, sowie das reflexive sebe. Für die 3. Person tritt ein Suppletivparadigma zweier
geschlechtlicher Pronomina ein, und zwar das hart flektierende Demonstrativum onъ, ona, ono (das
wir in den meisten slavischen Sprachen auch heute vorfinden, nicht aber Bulg., wo altes tъ
fortgeführt ist) sowie das weiche, sog. anaphorische (vor bzw. hinauf verweisende) Pronomen *i,
ja, je, das in allen übrigen Kasus eintritt. Letzteres ist nur im Relativum i-že, ja-že, je-že auch im
Nominativ erhalten.
Während alle übrigen ein volles Paradigma aufweisen, ist das des Reflexivums defektiv, weil es als
rückbezügliches (rückverweisendes bzw. kataphorisches), auf das Subjekt bezogenes Pronomen
nicht selbst in Subjektsfunktion eintreten kann und daher naturgemäß keinen Nominativ kennt. Wie
in anderen idg. Sprachen (etwa dem Lat.) fehlt hier auch im Slavischen ein eigenes
Pluralparadigma, was nichts anderes als die Fortsetzung eines idg. Zustands darstellt (im Gegensatz
zum Griechischen, das sich mit σφῶν, σφίσιν, σφάς ein zusätzliches Paradigma geschaffen hat und
auch im Sing. durch Anfügen bzw. späteren Ersatz von -αυτοῦ → ἑ-αυτοῦ etc. eine
geschlechtsspezifische Erweiterung einführte). Dabei dienen die Formen des Singulars auch für den
Plural.
Zu beachten ist dabei, dass im Slavischen wenigstens ursprünglich in eigentlich reflexivischer
Funktion nur das Reflexivum verwendet wurde (anders als etwa im Deutschen, wo ja Beschränkung
auf die 3. Person herrscht und die 1.-2. durch das Personalpronomen ausgefüllt wird: Ich sehe mich
im Spiegel etc.). Dieser Zustand ist zwar in den meisten heutigen Slavinen gut bewahrt, doch kam
es vor allem auf dem Balkan, d.h. wohl über Interferenz, auch zur Vermischung bzw. dem Ersatz
durch das Personalpronomen, dem die normative Grammatik freilich entgegenzusteuern versucht.
Beispiele dafür lassen sich schon in den aksl. Dmm. feststellen. (Umgekehrt beobachten wir in
gewissen deutschen Regionen, besonders in Wien, die Ausbreitung des Reflexivums auf die 1.-2.
Person unter slavischem Einfluss; so z.B. auch in: Hamma si scho gsehn? statt des reziproken
einander bzw. dessen Ersatz durch uns (den es auch slavisch gibt); oder: Des müss' ma si anschaun
statt ...uns...).
Ähnlich, nur noch deutlicher als im Ai. und Griechischen verfugt das Slavische neben sog. Voll-
bzw. Langformen (wie A. mene, tebe, sebe) auch über Kurzformen für einige Kasus, insbesondere
für D. Sg. und A. Sg./Pl. mi, ti, si, mę, tę, sę etc., die in den heutigen Sprachen nur z.T. noch
erhalten sind (so sind etwa russ. die alten Akkusative kontaminiert zu men'-a ← mene + [m']a und
die Kurzform des Reflexivs durch Kontaktstellung allmählich mit dem Verb fest verknüpft
worden). Aksl. können diese Kurzformen noch orthotoniert vorkommen (sind also noch nicht
durchwegs klitisch), im weiteren Verlauf entwickeln sie sich jedoch allmählich zu Klitika (in der
Regel Enklitika, doch kommen ausnahmsweise auch – z.B. maked. si odam "gehe heim" –
proklitische Stellungen vor),
Ebenfalls schon ost-abg./aksl. kommen in reflexiver Funktion hin und wieder typisch balkanische
"Verdoppelungen" – eig. Verdeutlichungen – vor, bestehend aus der Lang- und Kurzform sebě/sebe
(mene, tebe) si/sę, wozu vgl. heutiges bulgarisches sebe si/se und dgl.
Ferner bemerkenswert ist noch im Zusammenhang mit dem Personalpronomen, dass im Dual der 1.
Ps. neben der Akkusativform na eine eigene Form des Nominativs vě erhalten ist, die aufgrund ihrer
Ähnlichkeit mit dem N.A. der 2. Ps. – va – teilweise mit dieser zusammenfiel. Sowohl in der 1. als
auch der 2. Ps. werden wohl auch deshalb die Formen ve, va schon in den glag. Dmm. tw. durch die
Pluralformen ny, vy ersetzt, die entsprechend auch den Akkusativ verdrängen. Enklitisches na kann
auch für den Dativ eintreten).

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Nun zu den übrigen Pronomina:
Sie weisen, wie gesagt, verschiedene Formen für das Maskulinum, Femininum und Neutrum auf,
und flektieren entweder hart oder weich.

Hart flektieren:
 die Demonstrativa tъ, ta, to "der, dieser..."
 onъ, ona, ono "jener..."
 ovъ, ova, ovo dass., aber in Antithese ovъ že - ovъ že "der eine – der andere"
 das Interrogativum kъto "wer" (auch kyj, kaja, koje)
 das Indefinitum ně-kъto
 pronominale Adjektiva vom Typ takъ, kakъ
 die isolierten Stämme samъ (Identitätsw.) und inъ ("ein anderer")
 sowie die Zahlwörter (j)edinъ/(-ьnъ), dъva und oba "beide"
Weich flektieren:
 die Possessivpronomina mojь, tvojь, našъ, vašъ
 das Demonstrativum sь, si, se "dieser..."
 das anaphorische *i, ja, je und das mit ihm gebildete
 Relativum iže, jaže, ježe "welcher ... , der ... "
 das Interrogativpronomen neutr. čьto und davon gebildete
 Indefinitum ne-čьto "etwas"
 sowie qualitatives sicь "so beschaffen, talis" (vs. kakъ "wie b."), vьśь "jeder, ganz, all" und
die Kollektivzahlwörter dъvojь "zweierlei, zwei", obojь "beiderlei, beide" und trojь.

3. Zusammengesetzte Deklination:
Wie das Baltische hat auch das Slavische (parallel) zu den einfachen Formen der Adjektiva (inkl.
des Komparativs) und Partizipia noch erweiterte zum Ausdruck einer gewissen Bestimmtheit
ausgebildet, die in den Einzelsprachen sich teilweise besser bewahrt haben als die älteren
Kurzformen (wie im Russischen, wo die Kurzformen nur mehr prädikativ vorkommen), im Mak.-
Bg. aber auch sich zu Formen mit angehängtem Artikel weiterentwickelt haben bzw. in ihnen
aufgegangen sind (noch erkennbar am -i- von m. dobr-i-jat vs. dobr-a-ta, dobr-o-to).
Die Bildung dieser zusammengesetzten Formen geschieht mit der Hilfe des schon behandelten
anaphorischen Pronomens, das an die flexivischen Endungen wie eine solche angehängt wird, also:
dobr-ъ-jь → dobryjь, dobr-a-ja, dobr-o-je.
Da die Silbenzahl in gewissen Kasus übermäßig angeschwollen wäre und in manchen Maa. zudem
das intervokalische -j- allenfalls schwach oder selten artikuliert wurde, kam es zu zweierlei
Veränderungen: einmal zu Verkürzungen bei Überlänge ("3-Silben-Regel"), und zum anderen zu
teils damit zusammenhängenden lautlichen Umbildungen, besonders Kontraktionen, die in den aksl.
Dmm. bald weiter, bald weniger weit fortgeschritten reflektiert sind. So wurde in Kasus wie dem
I.sg.m.n., der ein *nov-omь-jimь hätte ergeben müssen, die Form des N.A.sg. (und G.pl.) nov-ъ zur
Grundlage gemacht und daraus novъ-jimь = novyimъ gebildet; was vor allem im Plural gilt, vgl.
novyichъ, novyimъ etc., wodurch die Genusdifferenz zwischen Mask. und Fem. in den obliquen
Pluralkasus eingeebnet wurde.
Im Singular des Femininums wurde die Verkürzung auf die Weise durchgeführt, dass bei jenen
Kasus, die der 3-Silben-Regel widersprochen hätten, der Pronominalstamm -je- weggelassen wurde,
also statt *nov-y-jeję → novy-ję etc. gebildet wurde.
Assimilation und allmähliche Kontraktion führte in belegter Zeit zu Vorgängen wie:
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G.sg.m.n. dobr-a-jego → dobra(j)ago → dobrago
D.sg.m.n. nov-u-jemu → novumu u.s.w.
Entsprechendes gilt natürlich auch für das weiche Paradigma, z.B. obьštь-jь ("der gemeinsame"),
obьšta-ja, obьšte-je, G.m.n. obьšta-jego → obьšta(j)ago etc.
Auf die Partizipialformen, deren Endungen im Prinzip gleich gebildet sind, kommen wir nochmals
im Zusammenhang mit dem Verbum zu sprechen.

Das Verbalsystem
Das aksl. Verbalsystem ist zwar gegenüber dem der modernen Slavinen verhältnismäßig reich und
altertümlich, hat aber gegenüber dem gemeinsamen Stand des Indogermanischen doch so manche
Veränderung aufzuweisen; teilweise handelt es sich dabei Übergänge bzw. Umfunktionen, teilweise
um rein formale (morphologische) Neubildungen, doch kommen auch völlige Neuerungen vor.
Sowohl im morphologischen, als auch dem funktionalen Bereich sind manche Bildungsvorgänge
noch nicht abgeschlossen; was zugleich ihre Interpretation erschwert. Zählen wir die Kategorien der
Reihe nach auf, dann finden wir bei dem (spezifischen) Verbum finitum:
1. Person: 1., 2., 3., wie üblich; bewahrt sind auch im
2. Numerus: Singular, Dual, Plural, wie im Nominalsystem;
3. Aspekt: Die "subjektive" Unterscheidung von imperfektiv und perfektiv, eine slavische
Neuerung, ist nicht völlig abgeschlossen; Züge der älteren ("objektiven") Differenzierung der
Aktionsarten (insbesondere durativ/nicht-durativ bzw. punktuell) sind noch deutlicher ausgeprägt
als in allen heutigen Zuständen.
4. Tempus: Präsens, Imperfekt und Aorist als synthetische und Perfekt als wichtigste
periphrastische (zusammengesetzte bzw. teilanalytische) Bildung; hinzu kommen Ansätze
verschiedener Futurumschreibungen (von durativ- imperfektiven Verba) und das seltene
Plusquamperfekt und Futur II (Futur exact). Abgesehen von sämtlichen periphrastischen Bildungen
sind auch unter den synthetischen diverse Neuerungen zu beobachten: so ist das Imperfekt neu
gebildet (das daher auch als "Neoimperfekt" angesprochen wird; Reste der alten Imperfektformen
finden sich allenfalls im Aorist) und ein Teil der Aorist-Bildungen (insbes. jüngerer sigmatischer
bzw. s-Typus und daraus auch och-Typus). Funktional kann, ähnlich dem heutigen Russischen, das
Präsens von nicht-durativ/perfektiven Verba für das Futur eintreten.
5. Modus: Einigermaßen ursprünglich sind die Formen des Indikativs, der alte Optativ ist zum
Imperativ umgewandelt (und der eig. Imperativ aufgegeben, ebenso wie Konjunktiv und [?]
Injunktiv); der Imperativ unterscheidet im Gegensatz zu späteren Zuständen noch Formen für die
1.-3.Ps.Sg.Pl. Neu und dabei periphrastisch ist wiederum der (von Trunte u.a. als Konjunktiv
angesprochene) Konditional, dessen Bildung vom (Neo-)Perfekt ausgeht und ein seltenes
Nebeneinander verschiedener byti-Ableitungen als Kopula zeigt (bimь, bichъ/bychъ).
6. Diathese (Verbalgenus): wie auch sonst im Slavischen durchwegs nur aktiv; das (echte) Passiv
kommt finit nicht vor, sondern nur bei den entsprechenden Partizipia präsentis bzw. präteriti. Wie
auch sonst kann es durch die Reflexiv-Periphrase mit sę (Akk.) bzw. si (Dat.) ausgedrückt werden –
zumal als Vorgangspassiv (wie in "Das Haus wird gebaut"). (Zumindest) als Kategorie verloren ist
das idg. Medium (bzw. Mediopassiv), das funktional im Reflexivum weiterlebt.
An sog. infiniten (eigentlich nominalen, da auch die echten infiniten wie das Supinum aus
Kasusendungen abgeleitet werden können) Einheiten findet sich neben dem (nur im Präsens
vorhandenen) Infinitiv noch ein (ähnlich gebildetes) Supinum auf -tъ (z.B. moliti → molitъ, ähnlich
wie lat. salutatum venio "komme, um zu grüßen" mit Zweck- oder Richtungsfunktion); darüber
hinaus noch insgesamt fünf nominal flektierte Partizipia, bei denen neben der Diathese (aktiv -
passiv) auch zwei Tempora unterschieden werden (Präsens – Präteritum ~ Perfekt). Bezüglich des
zweiten aktiven Präteritalpartizips auf -lъ beobachten wir mehrere Besonderheiten insofern, als sie
1. nur zur periphrastischen Tempus- bzw. Modusbildung herangezogen wird, und 2. nur in

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prädikativer Verwendung auftritt und daher auch außer dem Numerus lediglich die
(nominativischen) nicht-zusammengesetzten bzw. kurzen Genusformen unterscheidet. Alle übrigen
Partizipia werden hingegen, wie schon erwähnt, nach der Art der Adjektiva flektiert, weisen also
daneben das Langparadigma und die Kasusformen auf.
Der Formenbestand der Verba ist – wie aufgrund der zahlreichen Kategorien kaum anders zu
erwarten – nicht nur reicher, sondern meist auch komplexer als der der Nomina (soweit nicht
nominale Muster Verwendung finden) und ohne Einblick in die historischen
Entwicklungsverhältnisse weniger durchsichtig. So beobachten wir u.a. folgende Besonderheiten:

1. Je nach Verbklasse, Subklasse oder sogar (z.T. bedingt durch Lautveränderungen) Spezifik des
Einzelverbs sind zwischen ein und drei Grundformen zu unterscheiden:
 durchwegs ein Präsensstamm, z.B. nes-e- (präfigiert z.B. iz-nes-e-) oder chval-i-, dessen
Formans (Thema) auch Ablautspuren zeigen kann, wie in der 1.sg. nes-ǫ ← -ō+m (kont.);
sofern dieser nicht durch alle Paradigmata durchgeht, wie etwa im Fall des Typs dělati (und
weitgehend auch des i-Typs nositi), findet sich:
 (selten) ein Aoriststamm, der auch den Infinitivstamm stellen kann und gegenüber der
Präsenswurzel im Ablautverhältnis steht, z.B. 1.sg.Pr. berǫ, aber Inf. bьra-ti, Aor. bьra-chъ;
 und (oft) ein eigener Infinitivstamm, der (sofern nicht identisch mit dem Aoriststamm) auch
aus der Wurzel allein bestehen kann (und dann nur aus praktischer Vereinheitlichung als
"Stamm" angesprochen wird), wie in nes-ti, ves-ti (← *wed-) etc.
2. eben den sog. thematischen Klassen (zu unterscheiden sind gem. der Leskien'schen Einteilung
nach dem Präsensstamm vier Hauptklassen) sind auch Reste athematischer Verba erhalten (vier:
věmь, damь, jamь, jesmь); hinzukommen einzelne "unregelmäßige" bzw. anomale Bildungen (wie
die Vertreter der Wurzel *em- "haben": jęti – imǫ, imati – jemljǫ und iměti – imamь);
3. Bei den Personalendungen hatte das Indogermanische zwischen thematischer und athematischer
Flexion einerseits unterschieden, andererseits aber auch zwischen sog. Primär- und
Sekundärendungen als Kennzeichen des Präsens bzw. der nicht-präsentischen (Vergangenheits-)
Tempora. Beides ist zwar im Prinzip auch slavisch erhalten, doch sind insbesondere die
Sekundärendungen durch Lautveränderungen (besonders durch die Tendenz zur steigenden
Schallfülle und dadurch bedingte Schwunderscheinungen) teils verändert, teils ersetzt worden (was
nicht immer auf Vereinfachung bzw. stärkere Regelmäßigkeit hinauslief).
4. Vor die Personalendung tritt oft noch ein weiteres Suffix zur Kennzeichnung der spezifischen
verbalen Kategorie (insbes. des Tempus), z.B. iz-rek-o-ch-ъ "ich sagte/sprach aus" (1.sg. des
jüngeren och-Aor.).
(Dagegen fehlen die etwa für das Griechische noch typischen Augmente, und von ehemaliger
Reduplikation sind allenfalls noch Spuren vorhanden, wie im Fall von damь 3.pl.Pr. dadętъ

Die herkömmliche Grundeinteilung der Verba geht, wie gesagt, aus vom Präsens bzw. dessen
Formans (sofern thematisch). Danach lassen sich unterscheiden (nach A. Leskien):

I. Thematische Verbalklassen:
1. e/o-Verba: z.B. nesǫ,-eši, tekǫ,-češi, aber auch berǫ,-eši (zu bьrati) oder zovǫ,-eši (zu zъvati);
2. ne/no-Verba: teils mit -nǫ- auch im Aor. u.a. wie minǫ,-neši (minǫti), teils ohne dieses, wie
dvignǫti (Aor. dvigъ, später auch dvignǫchъ);
3. je/jo-Verba: wie znati, znajǫ,-ješi oder pьsati, pišǫ,-eši, aber auch sekundäre mit -a-, -ě- oder -
ov-/-u-Erweiterung, also dělajǫ,-ješi, cělějǫ,-ješi, aber cělovati, cělujǫ,-ješi (um nur die
wichtigsten Abarten zu nennen);

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4. i-Verba: ähnlich wie die ne-Verba tw. mit (weitgehend) durchgehendem -i-, z.B. nositi, nošǫ,-
iši, nosichъ, tw. mit eigenem Präteritalstamm auf -ě-, wie viděti, vizdǫ, vidiši - Aor. viděchъ
und slyšati, slyšǫ,-iši – Aor. slyšachъ.

II. Athematische Reste


erhalten sind die vier schon genannten Verba, i.e. das Präteritopräsens věmь/vědě "weiß" sowie
damь "gebe", jamь "esse" und (j)esmь "bin".
Im Folgenden wollen wir nur auszugsweise auf einige besondere Kapitel der Verbalproblematik
eingehen; zunächst auf den Aorist, der den Nicht-Südslaven/-visten und Nicht-Gräzisten bzw. -
Indogermanisten weniger geläufig sein dürfte und leider auch bei Trunte nicht ganz korrekt
dargestellt ist. Auszugehen ist hier von der grundsätzlichen Zweiteilung der Verba nach Semantik
und Wurzelgestalt:
Einer möglichen Erklärung zufolge (vgl. Aitzetmüller, 162ff. u. 182ff.) standen sich vor dem
Ausbau des Temporalsystems die Kategorien Präsens und Aorist gegenüber, die zunächst nur durch
ihre unterschiedliche Aktionsart quasi-automatisch verschiedene Zeitstufen ausdrückten: Das
durative bher- ("tragen") war eo ipso Präsens, das punktuelle (nicht-durative) mer- ("starb") Aorist,
da alle anderen Möglichkeiten (wie "stirbt", "wird sterben") entweder nur Weissagungen darstellen
oder aus dem Blickwinkel der objektiven Verlaufsdauer des Geschehens gar nicht präsentisch
aussagbar sind.
Die formale Differenzierung dieser später in echte Tempora umfunktionierten Aktionsartgegensätze
geschah über die schon genannten Primär- bzw. Sekundärendungen (da die Wurzel aufgrund des
identischen Vollstufen-Vokalismus sich ja nicht unterscheidet).
Reste dieses ursprünglichsten aller Aoriste haben sich nach der Interpretation von Sadnik und
Aitzetmüller auch slavisch im sog. Wurzelaorist erhalten (der bei Trunte, S. 73 zwar namentlich
genannt, aber mit dem späteren sog. thematischen Aor. verwechselt ist); dies allerdings nur noch bei
wenigen Verba und da nur in der 2.3.sg.; d.h. Restformen, die in das Paradigma des später
ausgebildeten sog. s-Aorists (wozu später) eingegliedert wurden. Vgl. zum Beispiel (Dual s. bei
Trunte bzw. Aitzetmüller):
umrěti, umrǫ,-eši: piti, pijǫ,-ješi:
umrěchъ (*mer-s-) pichъ
umrětъ (*mer-t-) pi(tъ)
umrětъ pi(tъ)
umrěchomъ pichomъ
umrěste piste
umrěšę pišę
Spezifisch ist also hier die (entweder sekundär durch ein -ъ gestützte oder abgefallene) Endung -tъ
(d.h. außer der Sekundärendung ohne spezielle Suffixe gebildet).
Im weiteren Verlauf der Tempusentwicklung wurden auch von durativen Verba sog. Aoriste
gebildet, die jeweils durch ein Suffix, z.T. auch weitere formale Mittel gekennzeichnet wurden. So
entstand zunächst der Typ des thematischen Aorists, der insofern punktuell war, als er Anfangs-
oder Endpunkt eines verlaufenden Verbalgeschehens ausdrückte. Da er formal zum durativen
Paradigma gehörte, besitzt er wie das Imperfekt einen Themavokal und Sekundärendung und ist
von jenem nur da, wo dies möglich ist, durch die Schwundstufe der Wurzelsilbe differenziert, vgl.
gr. φεύγω – ἔφυγον und aksl. vrěšti ← *werg- – vrьgъ ("werfen"). Als Musterbeispiel soll uns
dienen aksl. pasti, padǫ:
padъ padomъ
pade padete
pade padǫ

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Schließlich kam dazu noch der sog. sigmatische Aorist, dessen ursprünglicher, ererbter älterer
Typus durch s-Suffix (gr. Sigma) und dort, wo dies möglich ist, durch Dehnstufe des Wurzelvokals
gekennzeichnet ist. Diese Bildung war eigentlich funktional zunächst noch gar kein Aorist, da sie
nicht nur von durativen Verba gebildet, sondern im Gegensatz zu den anderen Aoristen selbst
durativ war. Erst als im Gefüge des voll ausgebauten Temporalsystems sich Ansätze zur
Entwicklung des Aspekts einstellten, kam ihm Aoristfunktion zu, indem er als begrenzt durativ
eingestuft wurde.
Dieser ältere Subtyp ist vertreten z.B. in nesti, nesǫ und resti, rekǫ:
něsъ ← *nēs-s-(om) rěchъ ← *wrēk-s-(om)
(nese für *ně) (reče) Die 2.-3. sg. gilt als Relikt des alten
(nese für *ně) (reče) Imperfekts und kennt daher keine Dst.
něsomъ rěchomъ
něste rěste
něsę rěšę
Zu diesem älteren Subtypus, in dem das -s- direkt auf die auf Konsonant auslautende Wurzel folgt,
gesellte sich ein jüngerer, bei dem es an einen vokalisch erweiterten Stamm antritt, vgl. z.B. nositi,
nosǫ:
nosichъ nosichomъ
nosi nosiste
nosi nosišę
Das Aoristelement hat sich hier in der Form -ch- (ausgehend von Fällen wie nosichъ, wo es lautlich
entstanden war) auch analog verbreitet auf Fälle wie bьrachъ, dělachъ, viděchъ etc.; als -s- ist es
nur erhalten, wo ein folgender Dental die Verhauchung in jedem Fall verhinderte, cf. z.B. 2.pl.
bьraste bzw. Du. viděsta. Da der charakteristische -ch-Laut auch auf den ersten Subtypus
übergreifen konnte, sehen wir in den Texten Dubletten wie jęchomъ neben jęsomъ.
Das rasche Umsichgreifen des -ch-Elements hatte bald zu einem einheitlichen Flexionsschema
geführt, dem lediglich noch auf einige Zeit die archaischen Muster des thematischen und älteren s-
Aorist widerstanden. Aber auch sie wurden allmählich verdrängt, indem der jüngere s-Subtypus
nosichъ zunächst den Plural idomъ → idochomъ erfasste (außer im Westslavischen, wo von der
2.3.sg. ein -ech-Typ verallgemeinert wurde und über weitere Verschleppung des -och- ein neues
Paradigma ergab. Wir nennen diesen jüngsten Aoristtyp, der auch in das Paradigma des älteren s-
Typ einbrechen konnte, den sog. -ochъ-Aorist, vgl.:
idochъ wonach auch: rekochъ
ide reče
ide reče
idochomъ rekochomъ
idoste rekoste
idošę rekošę (rěšę)

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