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"Der Wiener Kongress war ein riesiger

Fortschritt"
Vor 200 Jahren begann der Wiener Kongress. Es war der erste Schritt zu einem vereinten Europa,
meint der Historiker Thierry Lentz. Ein Gespräch über Frieden durch Diplomatie, Wiener Bälle und
Küsschen zur Begrüßung.

Das neue Europa: Die neue Grenzziehung nach dem Wiener Kongress
Vor 200 Jahren begann der Wiener Kongress. Wie wichtig sind die Themen, die
damals besprochen wurden, heute überhaupt noch?

Das Europa von heute ist – wenn man so will – ein Enkelkind des Wiener
Kongresses. 1814/15 ist ein außerordentlich wichtiger Moment für die Neuordnung
und Gründung Europas nach den Revolutions- und den napoleonischen Kriegen. Der
Wiener Kongress ist ein wichtiges Element jener Kette, die schließlich zu einem
Vereinten Europa führte – und verdient daher noch heute Beachtung.

Was war das Ziel des Wiener Kongresses – und was war das Ergebnis?

Das Ziel des Wiener Kongresses war es nach 25 Jahren Krieg, permanenter
Grenzverschiebungen, dem Verschwinden und der Neugründung von Staaten, ein
neues Europa aufzubauen. Die Zeitgenossen blickten damals wirklich auf ein Europa,
das einer zerbrochenen Vase glich, deren Einzelteile man aber nicht einfach wieder
zusammenfügen konnte, weil sie – die einzelnen Staaten – zum Teil gar nicht mehr in
dieser Form existierten. Die Idee war also ein völlig neues geographisches Europa
aufzubauen, das zugleich der Geschichte und all der Veränderungen Rechnung trug,
die die französische Revolution und die napoleonischen Kriege gebracht hatten.
Dabei wollte man bewusst nicht wie auf einem Teppichbasar verfahren, sondern sich
beim Verhandeln an gewisse Regeln halten. Und der gemeinsame Nenner war zu
dieser Zeit die Anerkennung der Rechtmäßigkeit der Herrscher als derjenigen, die
über diese Neuordnung verhandeln würden.

25 Jahre nach der Französischen Revolution hatten auf einmal wieder die
Monarchen das Sagen. Steht der Kongress damit nicht vielmehr für einen Rückschritt
denn für Fortschritt?

Wenn man mit heutigen Augen auf den Wiener Kongress blickt, dann gibt es
natürlich extrem viele Punkte, die man kritisieren kann. Das steht außer Frage. Aber
damals versuchten die Mächtigen in Europa, eine Gemeinsamkeit zu finden, denn
darum geht es schließlich bei Verhandlungen, und diese war nun einmal, dass sehr
viele Monarchen auf ihrem Thron geblieben waren. Wir neigen heute dazu, zu
glauben, sie hätten alles versucht, was die Französische Revolution erreicht hatte,
wieder rückgängig zu machen, aber dies ist nicht ganz richtig. Sie mussten ihren
Staaten immerhin aufgrund der Beschlüsse von Wien eine Verfassung geben. Das
mag uns heute normal erscheinen, damals gab es in Europa kaum einen Staat, der
eine ernsthafte Verfassung besaß.

Es gibt zwei große Leistungen des Kongresses: Die Neuordnung Europas und – dies
wird häufig vergessen – die Schaffung eines internationalen Rechts durch das, was
man das europäische Konzert nannte. Dies meinte die Vereinigung der europäischen
Großmächte, um die Probleme des Kontinents in den Griff zu bekommen. In gewisser
Hinsicht war dies ein Vorläufer des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen, denn hier
wurden Entscheidungen getroffen, die auch all jene Staaten betrafen, die die
Schlussakten von Wien gar nicht unterzeichnet hatten. Dies gilt zum Beispiel für die
Ächtung des Sklavenhandels. Es ging also bei weitem nicht nur darum, die
Französische Revolution wieder rückgängig zu machen.

Ein weitere Mythos ist es, dass auf dem Wiener Kongress ausschließlich gefeiert
wurde. Sie zitieren in Ihrem Buch den berühmten Satz des Fürsten von Ligne: "Der
Kongress arbeitet nicht, er tanzt." Was ist dran an diesem Ausspruch?

Der Satz stimmt in dem Moment, in dem ihn der Fürst von Ligne ausspricht. Zu
diesem Zeitpunkt waren die Verhandlungen ins Stocken gekommen. Und es ist auch
richtig, dass der König von Österreich, der die Welt bei sich zu Gast hatte, eine Reihe
von Abendveranstaltungen vorbereitet hatte, um die Rückkehr des Friedens zu feiern
– und um die Kongressteilnehmer bei Laune zu halten. Denn die großen
Verhandlungen fanden lediglich unter acht Staaten statt, die Sieger des Krieges plus
Frankreich, das den Krieg verloren hatte. Es waren aber hunderte von Delegationen
angereist, die beschäftigt werden mussten. Also organisierte man Bälle. Das ist aber
ganz üblich. Schauen sie auf heutige internationale Kongresse, beispielsweise die G-
8-Gipfel. Neben den offiziellen Treffen gibt es ein Randprogramm für die
Delegationen und die Begleitungen – natürlich nicht so überschwänglich wie damals
in Wien, aber man sollte auch den Kongress von damals nicht auf die Bälle
reduzieren.

Stand am Ende wirklich eine Neuordnung Europas?

Europa wurde tatsächlich umgestaltet und neu geordnet. Beispielsweise die


Niederlande wurden gegründet, diesen Staat hatte es bis dahin nicht gegeben, die
Karte Italiens wurde völlig neu gezogen – und dann war das große Thema des
Kongresses natürlich Deutschland. Am Ende wurde der Deutsche Bund gegründet als
eine wage Interessensgemeinschaft, in der es noch keine einheitlichen Regeln gab –
unter der Vorherrschaft Österreichs. 1815 konnte sich noch niemand vorstellen, dass
es am Ende Preußen sein würde, das eine Vormachtstellung übernehmen würde.