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Peter Röbke-Doerr

Strom auf'm Fahrrad

Mit dem Nabendynamo Akkus aufladen

Navigation oder auch nur einfache Standortbestimmung per GPS scheitern auf dem Fahrrad oft an den Energie- fressern PDA und GPS-Empfänger . Die geräteeigenen Akkus sind schon nach kurzer Zeit erschöpft und müssen nachgeladen werden. Allerdings gibt es seit einiger Zeit Nabendynamos, die so effizient Muskelkraft in Elektrizität umsetzen, dass man sie als Stromgenerator einsetzen kann.

A chten Sie einmal tags- über im Straßenverkehr

auf die Anzahl der Fahr- radfahrer, die mit Licht unter- wegs sind. Das sind nicht etwa Zeitgenossen mit plötzlich er-

wachtem Gefahrenbewusstsein, die sich nach der Devise „Sehen und gesehen werden" verhalten.

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Nein, diese Radfahrer haben schlicht vergessen, ihr Licht aus- zumachen, weil im Vorderrad ein Nabendynamo mitläuft. Bei den alten Seiten- oder auch Rollen- dynamos wurde man nachhaltig an das eingeschaltete Licht er- innert, da man sehr viel schwerer treten musste und auch die Ge-

räuschkulisse nicht unerheblich war. Bei den neuen Nabendyna- mos dagegen ist der Unter- schied zwischen „Licht an" und „Licht aus" kaum spürbar. Was liegt also näher, als den „über- schüssigen" Strom in den PDA- Akku umzuleiten? Nabendynamos gibt es von verschiedenen Herstellern zu unterschiedlichen Preisen; die Bandbreite reicht etwa von knapp 50 Euro bis 180 Euro - da- zurechnen muss man immer noch das Einspeichen mit Felge und Zubehör. Für weniger als 50 Euro bietet beispielsweise Shi- mano solch einen Stromerzeuger an, während am preislich und qualitativ oberen Ende die Firma

Schmidt mit dem Modell SON ab 160 Euro angesiedelt ist. Allen gemeinsam ist die Ausgangs- spannung von 6 V bei einer Be- lastung von 12 Ohm und einer Geschwindigkeit von 17 km/h - diese Daten gibt der Gesetzge- ber vor. Die Preisunterschiede rühren von verschiedenen Wir- kungsgraden und vermutlich auch von der Langzeit-Stabilität der Dynamos her. Nicht zu unter- schätzen ist hier eben die Tat- sache, dass der Generator und damit auch die Vorderrad-Nabe mit den Lagern gleichzeitig auch ein „tragendes" Teil des Fahrra- des darstellt - im Unterschied zu den alten Dynamos, die lediglich ein Anbauteil waren, dessen me- chanische Sicherheit kaum je- manden interessierte. Alle von uns überprüften Dy- namos liefern eine schöne sinus- förmige Wechselspannung, die meist ohne Masse-Bezugspunkt über zwei Drähte abgenommen wird. Auch die Kennlinien (Span- nung über der Drehzahl) sind beim flüchtigen Betrachten ähn- lich; bei genauerem Hinsehen und Vergleichen zeigt sich aber, dass die höherpreisigen SON- Modelle von Schmidt nicht nur mit den Daten für Wirkungsgrad, Gewicht und fünfjähriger Garan- tie glänzen - sondern nicht zu- letzt auch mit der Optik.

Konzeptionelles

Möchte man auf dem Fahrrad einen handelsüblichen PDA be- treiben, so wären als Minimal-Lö- sung ein Brückengleichrichter und ein Elko denkbar, um damit den internen Akku des PDA zu speisen. Eine solche Spannung ändert sich jedoch stark mit der Drehzahl - die Ladeschaltung der kleinen Geräte erwartet aber eine stabile Versorgung - Schä- den wären nicht auszuschließen. Es empfiehlt sich also ein Step- up/Step-down-Wandler, der zu- nächst - bereits bei Schrittge- schwindigkeit - aus einer klei- nen Eingangsspannung eine hö- here, stabile Ausgangsspannung macht (Step-up). Übersteigt die Generatorspannung bei höheren Geschwindigkeiten dann die Ausgangsspannung, so wird her- untergeregelt (Step-down). Eine solche Schaltung erzeugt natürlich nur Strom, wenn das Fahrrad fährt. In Ruhepausen oder am Fahrtziel angekommen, ist man wiederum auf die vor- handene Energie im PDA ange-

c't 2007, Heft 23

Das Diagramm zeigt den vom Gesetzgeber geforderten Zusammenhang von Ausgangsspannung und Geschwindigkeit.

wiesen. Eine recht nützliche Er- weiterung ist daher eine Lade- schaltung, mit der man eine fest mit dem Rad verbundene Anzahl von Akkuzellen aufladen kann, um PDA oder auch Handy (abends im Zelt) ausreichend zu versorgen. Und wenn man schon Akkus am Drahtesel hat, könnte man auch über ein Fahr- rad-Standlicht nachdenken - allerdings vermuten wir, dass ein Fahrrad mit Nabendynamo so- wieso schon über ein Standlicht verfügt; prinzipiell möglich wäre diese Kombination PDA/Fahr- rad-Akku/Standlicht jedenfalls ohne Weiteres. Schon in dieser Phase der Vor- überlegungen muss man sich Gedanken über die Frage ma- chen, wohin mit der ganzen Elektronik. Die Standardlösung mit einem kleinen Gehäuse, das irgendwo am Fahrrad befestigt wird, ist quick & dirty - weil dieb- stahlgefährdet. Sehr cool wäre es, wenn man die Elektronik in- klusive Akkus im Sattelrohr völlig unsichtbar versenken könnte. Unser Ziel war also ein ganz kla- res „sowohl als auch": Als preis- werteste Variante sowohl eine wenig aufwendige Versorgung

Ein besonderes Problem haben PDAs mit der Witterung - sie vertragen einfach keinen Regen; doch auch dafür gibts inzwischen Lösungen: rechts die Otterbox aus den USA ist natürlich ein edles und gut durchdachtes Zubehör. Mit etwa 70 Euro ist man dabei. Die einfache Universalhalterung für PDA oder Handy von Pearl (links) schützt nicht vor Regen, kostet dafür aber auch nur rund 15 Euro.

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des PDA als auch eine komfor- table Ladeschaltung für Bord- Akkus; sowohl ein übliches Ge- häuse als auch eine Sattelrohr- Variante. Hört sich erstmal nach Zaubertrick an - funktioniert aber.

Integriert

Für Step-up/Step-down-Wandler gibt es einige geeignete ICs von verschiedenen Anbietern, wir wählten vom Maxim den Typ MAX177I. Die stabilisierte Aus- gangsspannung ist über den Spannungsteiler R2/R3 von 4,5 V bis 12 V einstellbar (siehe Schalt- bild), so dass man auch Werte re- alisieren kann, die von der Quasi- Standard-Spannung von 5 V ab- weichen. Diese Schaltung ist um IC1 herum angeordnet; sie endet mit den Siebkondensatoren C8 und C9. Danach folgt die Lade-

schaltung für vier Nickel-Metall- Hydrid-Zellen mit dem IC2; die- ser Schaltungsteil beginnt an D11 /R5/R6 und endet an den Ak- kuzellen. IC2 ist sehr flexibel ein- setzbar; man kann verschiedene Zelltypen und eine unterschied- liche Anzahl von Zellen einset- zen, ebenso sind Ladestrom und Ladezeit an die Aufgabe anpass- bar. Wer Genaueres wissen will, sollte sich die Datenblätter für die beiden Bausteine von www.maxim.com holen. Der Spannungswandler IC1 erhält seine Eingangsspannung über AC1 und AC2, den Brücken-

D4 und den D7 begren-

gleichrichter D1 Siebelko C2. D5

zen die Spannung auf ungefähr- liche Werte. R4 regelt den maxi- malen Ausgangsstrom der Schal- tung, und das Verhältnis von R2 zu R3 bestimmt die Ausgangs- spannung. IC2 ist sehr viel kom- plexer als der Wandler: Es lädt bis zu 10 NiMH-Zellen mit einem 2C-Schnell-Ladeverfahren, über- wacht die Zellentemperatur, er- kennt defekte Einzelzellen vor Ladebeginn und versucht dann

tiefentladene Zellen zu formie- ren. Die Ladezeit und der Lade- strom sind vom Entwickler frei wählbar. R6 fragt den Ladestrom ab, mit R1O wird die Ladezeit eingestellt und der NTC-Wider- stand R15 sichert das Batterie- pack gegen zu hohe Tempera- turen ab.

Dimensioniert

Wenn der Generator Strom lie- fert, wird ein angeschlossener

Praxis | Bordnetz fürs Fahrrad

Der Nabendynamo von Schmidt ist schon rein äußerlich eine Augenweide.

Verbraucher über L+ und L- ver- sorgt und der Fahrrad-Akku geladen - je nach der aktuellen Energiebilanz im „Netz". Steht der Generator, fließt Strom aus dem Akku über T2 zum Verbrau- cher. Ist die Last abgeklemmt und läuft der Generator, beginnt ein Ladezyklus für den Fahrrad- Akku und LED1 blinkt. Diese multivariablen Zusammenhän- ge sind im Datenblatt des IC halbwegs anschaulich darge- stellt. Unsere Dimensionierung der Wandler-Ausgangsspannung ist - wenn man nur den Wandler betreiben möchte - so aus- gelegt, dass damit alle USB-Ge- räte geladen werden können. Die zusätzliche Ladeschaltung braucht man nicht unbedingt, sie kann aber vier AA-Zellen

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mit 2000 mAh versorgen. Wer mehr Zellen oder solche mit an- derer Kapazität verwenden will - beispielsweise für eine Stand- licht-Variante oder ein selbst- gebaute Fahrrad-Beleuchtung -, muss sich auf jeden Fall die Datenblätter besorgen und die Bauteile für Ladespannung (R2, R3), Ladestrom (R4, R6), Zellen- zahl (R13, R14) und die Lade- zeit (R1O) entsprechend an- passen.

Im Einzelnen gelten die unten im Kasten angegebenen Werte und Formeln.

Gelötet

Auf der Platine sind Spannungs- wandler und Ladeschaltung je- weils auf schmalen Streifen untergebracht. Als Variante 1 kann man die Platine direkt in dem in der Stückliste vorge- schlagenen Bopla-Gehäuse fest- schrauben; Platinenlöcher und Gehäusebolzen passen überein- ander. Trennt man dagegen die Platine in der Mitte mit einer Pucksäge längs der auffälligen Lochreihe in zwei Teile auf, so kann man sie als Variante 2 Löt- seite an Lötseite zusammenste- cken und hat auch automatisch über die Kontaktstifte die Ver- bindung vom Wandler zur Lade- schaltung hergestellt. Bei dieser Bauform sollte man darauf ach- ten, dass die Anschlussdrähte der Bauteile nicht zu weit auf die Lötseite durchragen, das gibt Kurzschlüsse mit dem anderen

(1) Ladespannung an C9:

R3 = R2-((Vout/Vref)-1) Mit Vref = 1,5 V

Sandwich-Teil. Die fertigen Plati- nen sollte man aber ausgiebig testen, bevor man sie mit Schlauch einschrumpft oder mit Kunstharz eingießt, um sie an- schließend im Sattelrohr zu ver- senken. Die Platinenbreite und die Bauhöhe der Einzelteile ist je- denfalls für ein Innenrohrmaß von 27 mm ausgelegt. Bei der ersten Inbetriebnahme blinkert meistens LED1, obwohl keine Eingangsspannung anliegt und somit auch kein Ladezyklus ge- startet ist; hier hilft ein kurzes Anlegen einer Last. Bei allen Anschlüssen von der Platine zur Außenwelt (Genera- tor, Akku, USB-Stecker und NTC- Widerstand) muss man auf sta- bile Lötverbindungen achten - also keine Steckverbindungen wählen - und man darf auch reichlich Schrumpfschlauch ver- wenden, das stabilisiert solche Verbindungen zusätzlich. Wenn man sich dagegen für ein „normales" Gehäuse ent- schieden hat, kommt man am Bopla-Modell A-102 nicht vor-

(2) Ladestrom am Ausgang des Wandlers, mit R4 = 100mΩ ergibt sich ein maximaler Strom von 500 mA bei 20 mΩ, kann er bis auf 2,5 A ansteigen.

(3) Anzahl der Akkuzellen n:

Platinen-Sandwich vor dem ersten Test: Die langen Lötnägel werden vor dem Einbau ins Sattelrohr natürlich noch gekürzt.

n = (R13 + R14)/R14 Die absolute Größe der Widerstände ist unkritisch, soll aber im 100-k-Bereich liegen.

(4) Ladezeit für die Akkuzellen

T=1,5*R10

(in Minuten und Kiloohm)

Die Drähte am Verbindungsstecker müssen vor dem Einbau ins Gehäuse angelötet werden.

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Die komplette Schaltung einschließlich Akkus vor dem Zuschrauben des wasserdichten Bopla-Gehäuses

Stückliste

Widerstände, Bauform 0207, Metallfilm

R1

1k

n

33k

R3

100k

R4

OR1, 1W

R5

47R

R6

OR22, 2W

R7

1k

R8

470R

R9

100R

R1O

22k

R11

10k

R12

47R

R13

300k

R14

100k

R15

10k NTC

Kondensatoren

C1,C3,C4,C9,C12

Oμ1, ker

C2

330μ, 16V Elko

C5

10μ, 16V Tantal

C6

10μ, 63V SMD ker,

Schuricht 711106

C7

47p ker

C8

100μ, 16V Elko

C1O

10μ, 16V Elko

C11

1μ5, 63VWima

MKS-02

C13

47μ, 16V Elko

Sputen

L1,L2

22μH,SMD,

Reichelt PIS2816

Halbleiter

D1-D4

SB130

DS, D6, D7

Z4V7, 1,3W

D8

ZPD8,2

D9, D10, D11

SB130

D12

LED rot

D13

SB130

IC1

MAX1771 DIP

C2

DS2715 16S0

T1

IRFZ24

T2

IRF9Z24

Platinedoppelseitigdurchkontaktierterhältlich über eMedia Steckverbinder vierpolig, beispielsweise Binder Serie 712, Kabeldose 99-0410-00-04 und Flansch- stecker 09-0411 -00-04 erhältlich über Schuricht Gehäuse BoplaA-102(Reichelt) Halterungen für PDA: Pearl PE-6856 oder Otter- box (www.otterbox.com)

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bei. Das Ding ist zwar mit 15 Euro die teuerste Einzelkom- ponente dieser Bauanleitung, es ist aber mit der eingebauten Gummidichtung und den zur Platine passenden Befestigungs- bolzen ideal geeignet. Von der Bauhöhe her passen Mignon- Akkuzellen mit hinein und beim Steckverbinder für die Eingangs- und Ausgangsleitungen hat man noch ausreichend Platz. Unser Fotomodell haben wir mit zwei Schrauben statt des Ge- tränkehalters am Fahrrad-Rah- men befestigt. Dies ist etwas trickreich, da man die Schrau- ben nur bei leerem Gehäuse ein- drehen kann. Damit kein Wasser über die Schraubenlöcher ins Gehäuse einsickern kann, sollte man zwischen Rahmen und Gehäuse einen Dichtring aus Gummi einfügen. Auch der Steckverbinder ist spritzwasser- geschützt, wir benutzten Buchse und Stecker aus der Serie 712 von Binder. Sinnvoll ist es, Plati- ne, Akku und Stecker komplett

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Bestückungsplan: Wenn man die Platine längs der Lochreihe in der Mitte auftrennt, passt sie als Sandwich Lötseite an Lötseite in normale Sattelrohre hinein.

im Labor zu verdrahten und auch ins Gehäuse einzubauen. Wenn alles funktioniert, baut man alles aus, verschraubt erst dann das Gehäuse mit dem Rad

und baut die Elektronik endgül- tig wieder ein. Im praktischen Betrieb hat sich gezeigt, dass tagsüber - wenn man ohne Licht fährt - die

Elektronik und der Nabendyna- mo genügend Saft liefern, um PDA-Akku und Fahrrad-Akku auf 100 Prozent zu halten, auch wenn man ganztägig den PDA mit GPS und maximaler Hellig- keit betreibt. Kritisch wird es abends, wenn man die Fahrrad- beleuchtung einschalten muss. Dann bricht die Spannung am Dynamo zusammen und man sollte mit einem Schalter die Ein- gangsspannung an den Punkten AC1 und AC2 abtrennen, da an- sonsten das Licht nur trübe vor

Sattelrohr- sich hin funzelt. (roe)

Variante, bevor

die Einzel-

Die bestückte

platinen zum

Sandwich

verbunden

werden

Literatur

[1] Nabendynamos im Labortest, Andreas Oehler www.fahrradzu

kunft.de/fz-0601/0601-01.htm

Das Schaltbild der Fahrrad-Lichtmaschine zeigt eigentlich zwei Einzelschaltungen: links den Step-up/Step-down-Wandler, rechts die Ladeschaltung für vier Mignon-Akkus.

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