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Akademie

Modul 2
Qualität und Recht

2.1-C Rechtliche Aspekte


des Qualitätsmanagements

Autor:

Dr. Stefan Simon

TÜV SÜD Gruppe - TÜIP ©TÜV SÜD AKADEMIE GMBH


Rev. 01 / Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 1
A.l(,adomic

Inhaltsverzeichnis
Einleitung ... .. .... ........ ... .. ... .... ... .. .. ........ ... ... ..... ............... ...... .... ............... .... .... .5
2 Produktqualität und Produktverantwortung ...... .... .. .......... ... .. .... ....... ... ... ... ... ....6
2.1 Die Produktverantwortung nach dem Produkthaftungsgesetz .. .. .. .. .. ....... 6
2.1.1 Wofür wird gehaftet? ..... ... ... ... ... ........ .. .. .... .... .... ... ...... ....... .... ..... 7
2.1 .2 Wer haftet neben dem Hersteller? ................... .. .. .. ....... .. .... .. .......9
2.1.3 In welcher Höhe wird gehaftet? ...... ...... .... .. .. .. ....... .... .......... .. .... 10
2.1.4 Qualitätssicherungsvereinbarungen -
Begrenzung der Haftung? ........ ... .................. .... ...... .. ....... .. .. ..... 11
2.2 Weitere rechtliche Grundlagen der Produktverantwortung .... ....... .. .. .. .. . 15
2.2.1 Produktverantwortung und vertragliche
oder gesetzliche Gewährleistung ....... ... .... ........... ..... .... .... ..... .. . 15
(
2.2.2 Produktverantwortung und deliktische Haftung ..... .. .. .. .. .... ....... 20
2.2.3 Produktverantwortung und Strafrecht ............. ....... .. ..... ... ... ...... 22
2.2.4 Produktverantwortung und Arbeitsrecht ...... .... .... ..... .. ..... .... .. .. .. 23
2.3 Persönliche Haftungsrisiken für Geschäftsführung
und leitende Mitarbeiter ... ........ ........ ............. .. ..... .................. ........ .. ..... 26
3 Qualitative Anforderungen an die Produktsicherheit.. .................................... 29
3.1 Verkehrssicherungspflichten nach den Vorgaben
der Rechtsprechung .... .. .... ... ... .... .. ... ...... ... .... .... ........... .. .................... .. 30
3.1 .1 Konstruktionsfehler ..... ... .. ...... ....... ....... .......... ... ...... ..... ... ... .... .. . 31
3.1 .2 Fabrikationsfehler .... ..... ..... ..... ...................... ...... ...... .... .. ...... .. .. 33
3.1.3 Instruktionsfehler ...... .. ... ... .... ..... ..... ..... .. ... .. .... ... .. ... .. .. .. .... ........ 34
3.1.4 Produktbeobachtung .... .. ... ... ... ..... ... ............. ........... ...... ..... ...... . 37
( 3.2 Verkehrssicherungspflichten nach dem Geräte-
und Produktsicherheitsgesetz (GPSG) ...... ................ .. .................. ... ..... 38
3.2.1 Wofür gilt das GPSG? .. ...... .... ................ .. ................ ......... .. ...... 39
3.2.2 Ausschluss der "vorhersehbaren Fehlanwendung" .................. .. 41
3.2.3 Besondere Sicherungspflichten für Verbraucherprodukte .. .... .... 42
3.2.4 Behördliche Produktüberwachung ... ..... .. ... .... .. ...... ... .. .... ........... 43
3.2.5 CE-Kennzeichnung und GS-Zeichen .. .. ........ ...... ..... .......... .... .. .. 43
4 Internationale und aktuelle Aspekte der Produkthaftung .......... ............... .. .. .. . 45
4.1 Internationale Dimension der Produkthaftung ....... .. .. .. ... .. .. ... .. .. ... .... ..... 45
4.1.1 Haftung nach ausländischem Recht.. .............. ........ .. ......... .... .. .45
4.1.2 Haftung durch Vollstreckung im Aus- und Inland ...................... . 46
4.2 Aktuelle Aspekte der Produkthaftung .... ...... .. ... .. .... ...... .. .. ... .. .. .... ... .. .. ... 47
Literaturverzeichnis ..... ... ... .. ... .... ......... .... .. .... .... ... ...... ......... .. ... ...... .... ....... ..... .... 48

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1 Einleitung

Bestandteil eines modernen Qualitätsmanagements ist - neben der Definition


sonstiger Qualitätsspezifikationen - dass das gesetzliche und das selbst vorge-
gebene Sicherheits- und Qualitätsniveau bei der Herstellung und Vermarktung
der Produkte berücksichtigt ist.

Wenn der Glasschmelzofen nicht die vereinbarte Leistungsrate erfüllt, wenn das
EC-Kartenlesegerät den Magnetstreifen beschädigt, wenn sich Typhusbazillen
in der Trinkmilch befinden oder auch wenn der Gaszug im Auto nicht zurück geht;
in all diesen Fällen geht es um Produktqualität. Sowohl das Unternehmen, wie
auch die verantwortlichen Mitarbeiter und Mitglieder der Unternehmensführung
sind daran interessiert, eine finanzielle oder gar strafrechtliche Haftung zu ver-
meiden. Behördliche Auflagen zur Untersagung der Vermarktung des Produktes
sollen von vornherein ausgeschlossen und der Bestand von langjährigen
( Lieferbeziehungen aufgrund von fehlerhaften Produkten nicht gefährdet wer-
den.

Die rechtlichen Vorgaben an die Produktqualität bieten einerseits eine


Kompensation für fehlerhafte oder gefährliche Produkte, sie können andererseits
mittelbar präventiv zur Verbesserung der Produktqualität beitragen, wenn sie in
ein modernes Qualitätsmanagement eingebunden sind. Der rechtliche Rahmen,
der für die Produktverantwortung vom Gesetzgeber und der Rechtsprechung
gebildet wurde, sollte daher Teil des modernen Qualitätsmanagements sein.

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2 Produktqualität und Produktverantwortung

Produktqualität und ihre Sicherstellung hat also auch etwas damit zu tun,
Produktverantwortung wahrzunehmen. Werden die rechtlichen Risiken , die sich
bei der Vermarktung eines Produktes realisieren können, ermittelt, evaluiert und
bereits im frühen Stadium der Herstellungs- und Vertriebskette angemessen
berücksichtigt, werden die Risiken also letztlich "gemanaged", kann auch das
finanzielle Risiko für das Unternehmen und den Unternehmer begrenzt werden.
"Produktverantwortung" ist dabei in zweierlei Hinsicht weit gefasst: Zum einen
meint juristische Produktverantwortung des Unternehmers für sein Produkt
nicht nur die Produkthaftung im klassischen Sinn, sondern auch die (weitere)
deliktische Haftung, die Gewährleistung und die strafrechtliche Haftung sowie
insbesondere die Beachtung der Vorgaben des öffentlichen Sicherheitsrechts
(z.B. Geräte- und Produktsicherheitsgesetz). Zum anderen sind Produkte
nicht nur körperliche Sachen (Konsumgegenstände oder techn ische Anlagen).
Als solches wird auch die Dienstleistung (z.B. Bankdienstleistung, ärztliche
Behandlungsleistung) verstanden. Es geht also nicht nur um die Verantwortung
in der Güterproduktion. Zu beachten ist lediglich, dass viele gesetzliche
Vorschriften bislang ausschließlich auf das Produkt als körperliche Sache ab-
stellen.

Juristische Produktverantwortung

I Juristische Produktverantwortung
1 1
Öffenüiches Produkthaftung Gewährleistung Deliktische StrafnlchtJiche
SIcherheitsrecht (Im klassischen §§ 437, 634 BGB Haftung Haftung u. a.
u.a. GPSG Sinn) L,Produzenten- • Totschlag
ProdHftG haftung")
§823 BGB • Körper-
verletzung
• Sach-
beschädigung

1 1
Verantv.ortung der
Geschäftsführung +Mitarbeiter
I Verantv.ortu ng des Unterneh mens

Abb. 1: Juristische
Produktverantwortung

2.1 Die Produktverantwortung nach dem


Produkthaftungsgesetz

Der Kern der juristischen Produktverantwortung und das, was auch herkömm-
licherweise als "Produkthaftung" verstanden wird, ist in dem zum 01.01 .1990
in Kraft getretenen Produkthaftungsgesetz (ProdHaftG) geregelt. Das Gesetz
geht auf eine EG-Richtlinie (Richtlinie 85/374/EWG vom 25.07.1985) zurück.
Das Gesetz stellt in vielen Bereichen eine Harmonisierung der unterschied-

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lichen Regelungen zur Produkthaftung in den verschiedenen Mitgliedsstaaten


der Europäischen Union (EU) dar. Das Ziel der Richtlinie ist es, Wettbewerbsver-
fälschungen durch unterschiedliche haftungsbedingte Kostenbelastungen der
Produzenten in den einzelnen Mitgliedsstaaten zu verhindern, Behinderungen
für den freien Warenverkehr innerhalb der Gemeinschaft durch unterschiedliche
Haftungsregelungen abzubauen und das Niveau des Verbraucherschutzes bei
Schädigungen durch fehlerhafte Produkte auszugleichen. Sinn und Zweck der
Richtlinie ist damit, den Unternehmen für ihre Tätigkeit in den verschiedenen
Mitgliedsstaaten der EU einen weitgehend harmonisierten Standard für ihre
Produktverantwortung und damit für ihre Markttätigkeit zu geben.

Produktverantwortung nach dem ProdHaftG

erodukthaftung
für Güter
( nicht: Dienstleistungen

Wofürwird gehaftet? Wer haftet? In weicherHöhe wird gehaftet?

• In-Verkehr-Bringen • Hersteller
eines fehlerhaften • Zulieferer I Sachschäden I lpersonenschädeni
Produkts
• Quasi-Hersteller
• unabhängig vom ("Branding U ) unbegrenzt max. € 85. Mio.
Verschulden
• EU-/EWR-Importeur
• Tötung, Körper-l
Gesundheitsver- • Lieferant
letzung
• Sachbeschädigung als Gesamtschuldner

Abb. 2: Produktverantwortung
nach dem ProdHaftG

2.1.1 Wofür wird gehaftet?


(
Nach § 1 Abs. 1, Satz 1 ProdHaftG wird gehaftet, wenn das Produkt fehler-
haft ist und durch den Fehler eine Rechtsgutsverletzung (Körperverletzung,
Gesundheitsverletzung, Sachbeschädigung) eintritt. Gehaftet wird also für die
Gefährlichkeit des Produktes an sich, unabhängig von jeglichem Verschulden.
Ob der Hersteller des Produktes den Fehler einfach oder nur schwer erkennen
konnte, ob der Zulieferer des Herstellers den Fehler zu vertreten hat oder ob
es sich bei dem fehlerhaften Produkt um einen "Ausreißer" handelt, ist irrele-
vant. Diese Umstände bleiben für den Eintritt der Haftung unberücksichtigt. Der
Hersteller haftet dafür, dass er ein potentiell gefährliches Produkt in den Verkehr
bringt und daraus ein Schaden eintritt (= Gefährdungshaftung).

§ 1 Abs. 1, Satz 1 ProdHaftG bestimmt die Haftung wie folgt:

"Wird durch den Fehler eines Produkts jemand getötet, sein Körper
oder seine Gesundheit verletzt oder eine Sache beschädigt, so ist der
Hersteller des Produkts verpflichtet, dem Geschädigten den daraus
entstehenden Schaden zu ersetzen . Im Falle der Sachbeschädigung

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~) --------------------------------
gilt dies nur, wenn eine andere Sache als das fehlerhafte Produkt
beschädigt wird und diese andere Sache ihrer Art nach gewöhnlich
für den privaten Ge- oder Verbrauch bestimmt und hierzu von dem
Geschädigten hauptsächlich verwendet worden ist."

Die Haftung nach dem ProdHaftG setzt also voraus, dass ein gesetzlich ge-
schütztes Rechtsgut verletzt wird. Fehlt es daran, tritt keine Haftung nach dem
ProdHaftG ein.

Produkt im Sinn des ProdHaftG ist nach § 2 jede bewegliche Sache. Das
Gesetz gilt damit nur für die Warenproduktion und -vermarktung, nicht aber für
die Erbringung von Dienstleistungen.

Eine Körperverletzung liegt bereits dann vor, wenn die eine Körperverletzung
begründende Handlung zu einem Zeitpunkt gesetzt wurde, als der Verletzte
noch nicht geboren war. Geschützt von § 1 Abs. 1 ProdHaftG ist also be-
reits das ungeborene Leben. Dies hat die Rechtsprechung ausdrücklich im
Strafverfahren gegen die Geschäftsleitung der Firma Chemie Grünenthai fest-
gestellt (LG Aachen JZ 1971 , 507), in dem es um die Schädigung von Feten
durch die Einnahme des Schlaf- und Beruhigungsmittels Contergan durch
schwangere Frauen ging.

Eine Gesundheitsverletzung besteht bereits, wenn durch das fehlerhafte


Produkt oder die Handlung des Produzenten eine Infektion zwar ausgelöst, die
hierdurch zu erwartende Erkrankung aber noch nicht ausgebrochen ist. Dies
hat die Rechtsprechung etwa für mit dem Hepatitis C oder mit dem HI-Virus in-
fizierte Blutprodukte entschieden (OLG Celle NJW-RR 1997, 1456 (1457); BGH
NJW 1992, 743).

Für die Rechtsgutsverletzung der Sachbeschädigung gilt zunächst, dass eine


Haftung nach dem ProdHaftG nur dann besteht, wenn die Beschädigung an
einer anderen Sache als dem fehlerhaften Produkt eintritt. Die Beschränkung
auf "andere Sachen" als dem fehlerhaften Produkt dient der Abgrenzung zur
vertraglichen Gewährleistung. Wurde das fehlerhafte Produkt aufgrund eines
Kaufvertrages erworben, und weist lediglich dieses Produkt einen Schaden auf,
so stehen dem Käufer nur die Gewährleistungsrechte nach dem Bürgerlichen
Gesetzbuch (BGB) oder des geschlossenen Kaufvertrages zu. Erst wenn ein
Schaden außerhalb des fehlerhaften Produkts, also an anderen Sachen, wegen
dieses Fehlers eintritt, greift eine Haftung nach dem ProdHaftG.

Beispiel:

Verbraucher V kauft beim Fachhändler F eine Waschmaschine des Herstellers


H. Die Waschtrommel inklusive Aufhängung für diese Waschmaschinen werden
vom Zulieferer Z geliefert. Nach kurzer Zeit bricht aufgrund Materialermüdung
die Aufhängung der Waschtrommel während des Betriebes der Waschmaschine.
Aufgrund dessen wird die Waschmaschine erheblich beschädigt.

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Der Verbraucher V kann aufgrund seines Kaufvertrages mit F diesem gegenü-
ber Gewährleistungsansprüche geltend machen . Eine Haftung von Hund/oder
Z nach dem ProdHaftG besteht jedoch nicht. Denn die Waschmaschine ist im
Verhältnis zur Waschtrommel und ihrer Aufhängung keine andere Sache im ju-
ristischen Sinn, sondern ein - und dieselbe Sache. Anders ist dies für die in
der Waschtrommel befindlichen Kleidungsstücke. Werden sie beschädigt, be-
steht für Hund Z eine Haftung nach dem ProdHaftG für den Schaden an den
Kleidungsstücken .

Weitergehend verlangt das Gesetz für eine Sachbeschädigung nach dem


ProdHaftG, dass die beschädigte Sache für den privaten Gebrauch oder
Verbrauch bestimmt war bzw. vom Geschädigten so tatsächlich verwendet wur-
de. Soweit also der Geschädigte die Sache für seine gewerbliche oder beruf-
liche Tätigkeit genutzt hat oder sie für einen solchen Gebrauch bestimmt war,
scheidet eine Haftung nach § 1 ProdHaftG aus. Vom ProdHaftG geschützt wird
( also nur der Verbraucher. Für die Nutzung im Rahmen der beruflichen oder
gewerblichen Tätigkeit greift ggf. die deliktrechtliche Haftung (vgl. Punkt 2.2.2).

Schließlich muss der Produktbenutzer, der einen Schaden geltend macht,


nicht zwangsläufig Eigentümer der Sache sein . Auch der Mieter einer beschä-
digten Sache kann Schadensersatz nach dem ProdHaftG - wenn auch in be-
schränktem Rahmen - verlangen.

Als Grundsätze können also festgehalten werden, dass nach § 1 ProdHaftG


gehaftet wird für

• das In-Verkehr-Bringen eines feh lerhaften Produkts,

• durch das eine Körperverletzung, Gesundheitsverletzung oder Sachbe-


schädigung eingetreten ist,

• im Fall der Sachbeschädigung jedoch nur an anderen Sachen als dem feh-
( lerhaften Produkt, die dem pri vaten Ge-IVerbrauch dienen.

2.1.2 Wer haftet neben dem Hersteller?

Wie dem Wortlaut des § 1 Abs. 1 ProdHaftG zu entnehmen ist, haftet zunächst
nur der Hersteller des Produktes, also das als GmbH oder in sonstiger Form
gesellschaftsrechtlich organisierte Unternehmen oder der Einzel-Unternehmer.

Der haftungsrechtliche Begriff des "Herstellers" ist in § 4 ProdHaftG umfas-


sender definiert als

• derjenige, der das Endprodukt, einen Grundstoff oder ein Teilprodukt herge-
stellt hat;

• derjenige, der sich durch das Anbringen seines Namens, seiner Marke
oder eines anderen Kennzeichens als Hersteller ausgibt (sogenanntes
"Branding")',

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Rev. 011Stand : Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 9
Akademia

• derjenige, der ein Produkt als Importeur in den Geltungsbereich des


Europäischen Wirtschaftsraums1 eingeführt hat sowie

• jeder Lieferant, wenn die Identität des Herstellers nicht feststellbar ist und
der Lieferant dem Geschädigten nicht die nach § 4 Abs. 3 ProdHaftG vor-
geschriebene Auskunft über die Identität des Herstellers oder seines
Lieferanten erteilt.

Die Erweiterung der Haftung über den Hersteller des Produktes sowie der
Zulieferteile hinaus auf die sogenannten Quasi-Hersteller ist insbesondere re-
levant für Handelsketten und Versandhäuser, die für sich herstellen lassen und
das Produkt dann mit ihrem Markenzeichen oder ihrem Firmen-Logo als eige-
nes Produkt in den Markt einführen.

Als Lieferanten sieht das ProdHaftG jeden Beteiligten in der Vertriebskette vor,
sei es der Großhändler oder der Einzelhändler. Allerdings ist die Haftung bei
diesen Vertriebshändlern und Vertriebsgesellschaften beschränkt auf die Fälle,
in denen der Hersteller selbst nicht ermittelt werden kann und der Lieferant nach
Aufforderung durch den geschädigten Produktbenutzer den Hersteller nicht be-
nennt.

Alle in § 4 ProdHaftG genannten Beteiligten der Produktions- und Vertriebskette


können vom geschädigten Produktbenutzer für den eingetretenen Schaden in
Anspruch genommen werden. Sie haften als Gesamtschuldner (§ 5 ProdHaftG).

2.1.3 In welcher Höhe wird gehaftet?

Der Umfang der Haftung ergibt sich aus §§ 7 bis 10 ProdHaftG. Danach wird
für Sachschäden nach dem Produkthaftungsgesetz in unbeschränkter Höhe
gehaftet.

Für Personenschäden, also der Verletzung des Körpers oder der Gesundheit,
geht das Gesetz ebenfalls vom Prinzip der sogenannten Totalreparation aus,
also dem Ersatz sämtlicher (Vermögens-) Einbußen des Geschädigten. Dies
umfasst auch die Zahlung einer Geldrente für die Einschränkung oder den
Verlust der Erwerbsfähigkeit oder die Zahlung von Unterhaltsansprüchen an
Angehörige desjenigen, der durch ein fehlerhaftes Produkt getötet wurde.

Allerdings ist nach § 10 ProdHaftG die Haftung für Personenschäden auf einen
Höchstbetrag von € 85 Mio. begrenzt, wenn der Personenschaden durch ein
Produkt oder gleiche Produkte mit demselben Fehler verursacht wurde.

Der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) umfasst die Mitgliedsstaaten der Eu ropäischen Union
(EU) sowie Island, Liechtenstein und Norwegen.

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2.1.4 Qualitätssicherungsvereinbarungen - Begrenzung der Haftung?

Qualitätssicherungsvereinbarungen sind das "Outsourcing" von Teilbereichen


der Produktverantwortung . Jedoch unterliegt auch dieses Outsourcing recht-
lichen Grenzen.

Inhalt von QSV

Bei Qualitätssicherungsvereinbarungen handelt es sich um Verträge, etwa


zwischen dem Hersteller und einem Zulieferer, die umfangreiche Regelungen
zur Qualität des zu liefernden Teilproduktes enthalten. Es werden die für die
Erreichung der festgelegten Qualitätsstandards für das Teilprodukt erforder-
lichen Arbeitsschritte beschrieben, organisatorische Maßnahmen festgelegt,
mitunter die Entwicklung von Produktmustern und deren Freigabe für die
Serienproduktion geregelt und - in diesem Rahmen relevant - auch Regelungen
(
zur Verteilung der Risiken zwischen Hersteller und Zulieferer für den Fall des
Eintritts der Gewährleistung und der Produkthaftung aufgenommen.

Mit Hilfe von Qualitätssicherungsvereinbarungen wird also - neben der


Optimierung sicherer Fertigungsprozesse beim Zulieferer - versucht, die ge-
setzlichen Regeln der Gewährleistung, der Produktverantwortung und der
Haftungsrisiken zwischen Zulieferer und Hersteller zu verteilen.

Soweit es um die Haftung nach dem ProdHaftG gehF, können Qualitätssi-


cherungsvereinbarungen den Umfang des Haftungsanspruchs des geschä-
digten Produktbenutzers nicht verändern. Qualitätssicherungsvereinbarun-
gen können allerdings die Verteilung der Haftungsanteile zwischen mehre-
ren Haftungsverantwortlichen variieren . Sie können also rechtlich wirksame
Regelungen für den Fall treffen, dass für das fehlerhafte Produkt und den auf-
grund des Fehlers eingetretenen Schaden neben dem Hersteller auch ein oder
( weitere Zulieferer nach dem ProdHaftG verantwortlich sind. Qualitätssicherungs-
vereinbarungen entfalten damit Wirkung im Innenverhältnis zwischen den ein-
zelnen Haftungsbeteiligten der Produktions- und Vertriebskette, nicht jedoch
im Außenverhältnis gegenüber dem geschädigten Produktbenutzer. Denn eine
Begrenzung der Haftung des Herstellers ist nach § 14 ProdHaftG unwirksam.

2 Zur Bedeutung von Qualitätssicherungsvereinbarungen im Rahmen der Gewährleistung vgl.


unten

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 11
~ ---------------------------------------------------------------
Akaoenü~

Qualitätssicherungsvereinbarung

Innenverhältnis:
Hersteller Verteilung der Haftung -
Zulieferer
Wirkung der QSV

Außenverhältnis:
Produkthaftung - keine
Wirkung der QSV

Händler I
Kunde
Verkäufer

Abb. 3: Qualitätssicherungs-
vereinbarungen

Anders ist dies im Innenverhältnis der Produktverantwortlichen zueinander.


§ 5 ProdHaftG legt dazu fest:

"Sind für denselben Schaden mehrere Hersteller nebeneinander zum


Schadensersatz verpflichtet, so haften sie als Gesamtschuldner. Im
Verhältnis der Ersatzpflichtigen zueinander hängt, soweit nichts an-
deres bestimmt ist, die Verpflichtung zum Ersatz sowie der Umfang
des zu leistenden Ersatzes von den Umständen, insbesondere davon
ab, inwieweit der Schaden vorwiegend von dem einen oder dem an-
deren Teil verursacht worden ist; .. .. "

Qualitätssicherungsvereinbarung
Begrenzung der Haftung?

QSV
:: vertragliche Vereinbarung zwischen Hersteller und Zulieferer

---------------------------------- ----------------------------------
über
über
Verteilungvon Sicherungspflichten
Begrenzung der Haftung
und Haftungsanteilen

unwirksam gegen über Produktbenutzem zulässig,


§ 14 ProdHaftG: keine Beschränkung aber: strenge Rechtskontrolle
der Haftung zulässig durch AGB·Recht

Abb. 4: Qualitätssicherungs-
vereinbarungen - Begrenzung
der Haftung?

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Seite 12 - 2.1-C QM Rev. 01/ Stand: Dezember 2009
A.i{.adomie

Für diese gemeinsame Haftung als Gesamtschuldner können Qualitätssiche-


rungsvereinbarungen grundsätzlich wirksam Regelungen für die
Haftungsverteilung vorsehen.

Wirkung von QSV

Zur Wirkung und zur Wirksamkeit von Qualitätssicherungsvereinbarungen, die


eine Zuordnung von Verantwortungs- und Haftungsbereichen im Hinblick auf
§ 5 ProdHaftG vorsehen, bleibt zunächst festzustellen, dass bisher keine aus-
sagekräftige Rechtsprechung ergangen ist. Weitgehend anerkannt ist jedoch
im juristischen Schrifttum, dass solche Regelungen in Qualitätssicherungsver-
einbarungen grundsätzlich im Rahmen des § 5 ProdHaftG zu berücksichtigen
sind. So können Verkehrssicherungspflichten (z.B. Kontroll- oder Prüfpflichten),
( die eigentlich dem Endhersteller obliegen, dem Zulieferer vertraglich zugewie-
sen und auch mit einem Freistellungsanspruch des Herstellers gegenüber dem
Zulieferer verbunden werden, falls dennoch ein Schaden eintritt. In der Sache
geht es darum, dass der Hersteller die von ihm zugekauften Teilprodukte vor
der Verarbeitung nicht noch einmal - gegebenenfalls im Rahmen eines kosten-
aufwendigen Prüfverfahrens - auf Produktfehler prüfen will. In einer Qualitäts-
sicherungsvereinbarung kann daher grundsätzlich festgelegt werden, dass der
Zulieferer eine Warenausgangskontrolle für die von ihm gelieferten Teilprodukte
auf der Basis der Qualitätsstandards vornimmt, wie vom Hersteller benötigt und
wie in der Qualitätssicherungsvereinbarung definiert und der Hersteller damit
keine Wareneingangskontrolle vornehmen muss.

Grenzen

Auch wenn viele Einzelheiten über die rechtliche Zu lässigkeit von Qualitätssi-
(
cherungsvereinbarungen im Zusammenhang mit der Produkthaftung noch in der
Diskussion sind, ist man sich weitgehend einig, dass Regelungen zur Verteilung
von Verkehrssicherungspflichten und Haftungsanteilen Grenzen unterliegen .
Diese Grenzen ergeben sich daraus, dass es sich bei Qualitätssicherungs-
vereinbarungen teilweise um standardisierte Klauselwerke, also sogenannte
Allgemeine Geschäftsbedingungen handelt. Ein solches Klauselwerk unter-
liegt nach §§ 305 ff. BGB einer strengen Rechtskontrolle. Verstoßen einzelne
Klauseln gegen die Vorschriften der §§ 305 ff. BGB, sind sie ersatzlos nichtig.

Für Qualitätssicherungsvereinbarungen, die solche standardisierte Klauselwerke


darstellen, geht man daher von folgenden Grundlinien aus:

Eine weitgehende Zuweisung von Produktverantwortungsbereichen auf den


Zulieferer erfordert, - gewissermaßen korrespondierend - dass der Hersteller
den Zulieferer im Hinblick auf dessen Sicherheitsgewähr sorgfältig auswählt und
überwacht. Der Hersteller muss sicherstellen, dass der Zulieferer eine entspre-
chend ordnungsgemäße Organisation aufweist, die erforderliche Fachkenntnis

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Akauemie

einschließlich der hierfür erforderlichen Produktionsausstattung nachwei-


sen kann und selbst sorgfältig ausgesuchte, fachkundige und zuverlässige
Mitarbeiter beschäftigt. Anderenfalls würde vom gesetzlichen Grundgedanken
einer arbeitsteiligen Produktion abgewichen werden , woran das Gesetz die
Nichtigkeit der vertraglichen Klausel nach §§ 307 ff. BGB knüpft.

Eine umfassende Zuweisung von Produktverantwortungsbereichen zu Lasten


des Zulieferers kann andererseits auch vereinbart werden, wenn - ebenfalls
kompensierend - zu Gunsten des Zulieferers andere Klauseln in der Qualitäts-
sicherungsvereinbarung enthalten sind, die für ihn risikomindernd wirken.

Angesichts der bislang noch unscharfen Konturen für die rechtliche Zulässigkeit
und Wirkung von Qualitätssicherungsvereinbarungen im Rahmen der
Produkthaftung bleibt den Akteuren des Produktionsprozesses allein, sich an
den skizzierten Grundgedanken zu orientieren oder die rechtlichen Klauseln der
Qualitätssicherungsvereinbarung auszuhandeln (im wörtlichen Sinn) und nicht
dem jeweiligen Vertragspartner als "Standard im Haus" zu diktieren. Werden die
Klauseln tatsächlich ausgehandelt, hat also der Vertragspartner gestaltenden
Einfluss auf ihren Inhalt, unterliegen die Klauseln nicht mehr der strengen
Rechtskontrolle gemäß §§ 305 ff. BGB . Der Gestaltungsspielraum für solche
Klauseln ist dann umso weiter.

Als Ergebnis lässt sich zur rechtlichen Bedeutung von Qualitätssicherungsver-


einbarungen für die Produkthaftung feststellen:

• Neben technischen und organisatorischen Klauseln treffen Qualitätssi-


cherungsvereinbarungen Regeln über die Verteilung von Bereichen für
die Produktverantwortung und Produkthaftung sowie Modifikationen des
Gewährleistungsrechts.

• Die Haftung nach dem ProdHaftG gegenüber dem geschädigten Produkt-


benutzer (Außenverhältnis) kann durch Qualitätssicherungsvereinbarungen
zu Gunsten oder zu Lasten eines von mehreren Produktverantwortlichen
(Hersteller, Zulieferer, usw.) nicht verändert werden.

• Qualitätssicherungsvereinbarungen können im Innenverhältnis mehrerer


Produktverantwortlicher zueinander den Umfang der Verkehrssicherungs-
pflichten und die Verteilung der Haftungsanteile modifizieren.

• Der Umfang, wie weit im Innenverhältnis mehrerer Produktverantwortlicher


zueinander Verkehrssicherungspflichten und die Haftungsverteilung modifi-
ziert werden können, unterliegt Grenzen nach dem AGB-Recht (§§ 305 ff.
BGB).

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Seite 14 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
A!(ademie:

2.2 Weitere rechtliche Grundlagen der Produktverantwortung

Im Mittelpunkt der juristischen Produktverantwortung stehen die Regelungen zum


Produkthaftungsgesetz. Darüber hinaus hat jedoch die Produktverantwortung,
wie eingangs bereits skizziert, weitere rechtliche Dimensionen wie etwa

• für die vertragliche und gesetzliche Gewährleistung,

• die deliktische Haftung,

• die strafrechtliche Haftung sowie

• für den Rechtsrahmen, der in Bezug auf das Arbeitsrecht zu beachten ist.

2.2.1 Produktverantwortung und vertragliche oder gesetzliche


( Gewährleistung

Ist ein Produkt fehlerhaft und hat zu einem Schaden geführt, kann dem
Produktbenutzer ein Anspruch aus Produkthaftung, wie auch Ansprüche
auf Gewährleistung zustehen. Der Haftungsanspruch richtet sich gegen den
oder die Hersteller des Produktes, die Gewährleistungsansprüche gegen den
Verkäufer, von dem der Produktbenutzer die Sache erworben hat.

Gewährleistung

Hersteller Zulieferer

Produkthaftung

(
Händler I -------~~~:~~~------- Kunde
Verkäufer Gewährleistung

Abb. 5: Gewährleistung

Gewährleistungsrechte bestehen dabei sowohl im rein kaufmännischen Verkehr


zwischen Hersteller und Zulieferer oder Händler (B2B), wie auch zwischen
HändlerlVerkäufer und Verbraucher (B2C).

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Akademie

Abgrenzung zur (Produkt-)Haftung

Die maßgeblichen gesetzlichen Regelungen zur Gewährleistung, §§ 437


ff. BGB (Kaufvertrag) und 634 ff. BGB (Werkvertrag), haben zum Ziel, dem
Erwerber eines Produktes eine Kompensation dafür zu geben, dass das gelie-
ferte Produkt einen Fehler aufweist, der Produktbenutzer also nicht das erhält,
was er bestellt und auch bezahlt hat. Das Gewährleistungsrecht schützt damit
das sogenannte Äquivalenzinteresse, also das Interesse des Erwerbers, dass
die von ihm gezahlte Vergütung äquivalent, gleichwertig zu dem ist, was er als
Produkt erhält.

Gewährleistung und (Produkt-) Haftun -Ab renzun

L -_ _ _ _ Ge_W_ä_h,r~e-is-t-un~g~--~1 ~I (P_ro_d_u_~,~)-H-aft-u-n-g--~
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Nachlieferung /Nach besserung ! "

Rücktritt oder Minderung


Schadensersatz
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Wertminderung am Produkt
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Abb. 6: Gewährleistung
und (Produkt-) Haftung-
Abgrenzung

Die Regelungen zur (Produkt-) Haftung haben zum Ziel, dem Erwerber dafür
eine Kompensation zu geben, dass aufgrund eines fehlerhaften Produktes an-
dere Rechtsgüter als das gelieferte Produkt selbst, also etwa der Körper oder
die Gesundheit eines Menschen oder eine andere Sache verletzt werden . Die
Regelungen zur Haftung schützen also das Interesse des Produktbenutzers da-
ran, dass seine anderen Rechtsgüter nicht verletzt werden, ihre Integrität nicht
beeinträchtigt wird (Integritätsinteresse).

Auf die Frage: "Wofür wird bei der Gewährleistung gehaftet?", erhält der
Produktbenutzer also eine andere Antwort als im Fall der (Produkt-) Haftung. Im
Fall der Gewährleistung wird - kurz gesagt - dafür "gehaftet", dass das Produkt
nicht das hält, was es verspricht.

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Seite 16-2.1-CQM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
Akadomic

Voraussetzung: Mangel des Produkts

Ob dem Produktbenutzer aufgrund des geschlossenen Kaufvertrages oder


des Werkvertrages - etwa über den Bau einer Produktionshalle - Gewähr-
leistungsansprüche zustehen, richtet sich danach, ob das Produkt mangelhaft
ist. "Produkt" in diesem Sinn ist bei einem Kaufvertrag eine Sache (= körper-
licher Gegenstand), bei einem Werkvertrag eine Dienst-/Arbeitsleistung; auch
diese kann mangel- bzw. fehlerhaft sein.

Ein Mangel besteht gemäß § 434 Abs . 1 bzw. § 633 Abs. 2 BGB, wenn das
Produkt

• nicht die vereinbarte Beschaffenheit hat oder

• soweit die Beschaffenheit nicht vertraglich vereinbart ist - das Produkt sich
nicht für die nach dem Vertrag vorausgesetzte Verwendung eignet, oder
(
• wenn das Produkt sich nicht für die gewöhnliche Verwendung eignet und
nicht eine Beschaffenheit aufweist, die bei Sachen gleicher Art üblich ist und
vom Käufer/Besteller erwartet werden konnte.

Ob das Produkt einen Mangel aufweist oder nicht, ergibt sich also zunächst aus
der vertraglichen Vereinbarung zwischen den Vertragspartnern . Beide bestim-
men in ihrem Vertrag, welche Eigenschaften und welche Qualität das Produkt
haben soll. Werden größere (Industrie-) Anlagen hergestellt und geliefert oder
die Erstellung von individuellen Softwareprogrammen beauftragt, werden regel-
mäßig umfangreiche Lasten-/Pflichtenhefte von den Vertragsparteien erstellt,
um die Anforderungen, also letztlich die Qualität des Produktes zu definieren .
Auf der Grundlage dieser vertraglichen Vereinbarungen ergibt sich dann, ob
das Produkt - soweit es nach Auslieferung doch nicht die Erwartungen des
Abnehmers erfüllt - fehlerhaft im Sinn des Gewährleistungsrechts ist.
(
Beispiel:

Großhotelier G benötigt eine neue Spülmaschinenanlage. Er lässt sich vom


Fachhändler F geeignete Modelle vorführen, wobei er F auf die Menge des
Geschirrs hinweist, die täglich pro Tag in der Hotelküche gereinigt werden muss.
F zeigt ihm ein entsprechendes Modell, das den Bedürfnissen von Gentspräche.
G kauft dieses Modell. Nachdem die Spülmaschinenanlage in der Hotelküche
in Betrieb genommen wird, stellt sich heraus, dass diese nur etwa die Hälfte
der täglich anfallenden Menge im Hotel des G reinigen kann . Die Spülmaschine
weist damit nicht die vereinbarte Beschaffenheit auf, ein Sachmangel im Sinn
von § 434 Abs. 1 BGB liegt vor.

In der Praxis sollte auf die Definition der Eigenschaften, letztlich also der
Qualität der Produkte, die Gegenstand des Kauf- oder Werkvertrages sind,
größte Sorgfalt gelegt werden. Die Vereinbarung der Qualitätskriterien er-
leichtert die Beantwortung der Frage, ob ein (Sach-) Mangel im Sinn des
Gewährleistungsrechts vorliegt und der Käufer bzw. der Besteller des Produktes

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Rev. 011 Stand : Dezember 2009 2.1-C QM- Seite 17
Akadem:e

Gewährleistungsansprüche geltend machen kann. Die Arbeit, die auf die


Beschreibung der Qualitätskriterien in der vertraglichen Vereinbarung zwischen
Hersteller und Abnehmer verwandt wird, reduziert das finanzielle Risiko des
Unternehmers, für ein fehlerhaftes Produkt gegenüber seinem Vertragspartner
keine Ansprüche geltend machen zu können. Dieses Risiko ist umso größer, je
mehr die fehlerhaften Produkte als Teilprodukte im Verarbeitungsprozess des
Herstellers verwandt werden und damit auch zu einem Haftungsrisiko nach dem
Produkthaftungsgesetz für Verbraucher werden können.

Beispiel:

Zulieferer Z liefert dem Hersteller H Kondensatoren für Elektromotoren, die


dieser in von ihm herzustellende Krankenhausbetten einbaut. Mit Hilfe der
Elektromotoren können die verschiedenen Liegepositionen im Bett einfacher
bedient werden. Die von Z gelieferten Kondensatoren sind jedoch nicht gegen
Feuchtigkeit geschützt. Aufgrund von Inkontinenz einzelner Patienten kommt es
bei verschiedenen von H. hergestellten und gelieferten Krankenhausbetten zu
Kurzschlüssen , aufgrund derer die Krankenhausbetten in Brand gesetzt wer-
den. Die betroffenen Patienten werden dabei erheblich verletzt.

Neben verschiedenen Fragen der Produktverantwortung, die sich H selbst stei-


len muss, ist in diesem Beispielsfall jedoch entscheidend, ob und in welchem
Umfang vertrag liche Vereinbarungen zwischen Hund Z getroffen wurden, wei-
che Qualität die gelieferten Kondensatoren aufweisen müssen. Danach ent-
scheidet sich, ob H einen Teil seines finanziellen Risikos, das H aufgrund seiner
Produkthaftung trägt, im Innenverhältnis gegenüber Z kompensieren kann.

Welche Gewährleistungsrechte bestehen?

Der Erwerber eines fehlerhaften Produktes hat gegenüber seinem Vertrags-


partner gemäß §§ 437 bzw. 634 BGB das Recht auf

• Nachlieferung, also Lieferung eines neuen, fehlerfreien Produktes bzw.


Nachbesserung, also Anspruch auf Behebung des Fehlers durch seinen
Vertragspartner;

• Minderung der Vergütung oder Rücktritt vom Vertrag sowie

• Schadensersatz.

Auch die vorbezeichneten Ansprüche auf Nachlieferung / Nachbesserung,


Minderung , Rücktritt und Schadensersatz als Rechtsfolgen der Lieferung eines
fehlerhaften Produkts können im Kauf- und Werkvertrag - abweichend vom
Gesetz - individuell geregelt werden. Einschränkungen dieser Gestaltungsfreiheit
ergeben sich lediglich soweit, wie die vertragliche Vereinbarung wiederum
Standardklauseln des Herstellers oder Abnehmers ("Stand des Hauses") ent-

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Seite 18 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand : Dezember 2009
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hält, für die die strenge Rechtskontrolle nach dem AGB-Recht (§§ 305 ff. BGB)
Anwendung findet.

Untersuchungs- und Rügepfticht

Im kaufmännischen Verkehr (B2B), etwa zwischen Zulieferer und Hersteller, so-


weit also nicht eine Privatperson als Verbraucher beteiligt ist, verlangt § 377
HGB,

"so hat der Käufer die Ware unverzüglich nach der Ablieferung durch
den Verkäufer, soweit dies nach ordnungsgemäßen Geschäftsgange
tunlich ist, zu untersuchen und, wenn sich ein Mangel zeigt, dem
Verkäufer unverzüglich Anzeige zu machen."

Der Käufer hat damit im kaufmännischen Verkehr erkennbare Mängel unver-


züglich als solche gegenüber dem Verkäufer mit einer hinreichend genauen
Beschreibung zu benennen. Zeigt sich erst einige Zeit nach Ablieferung des
Produktes ein Mangel (sogenannter versteckter Mangel), muss der Käufer
ab diesem Zeitpunkt unverzüglich den versteckten Mangel dem Verkäufer
anzeigen. Diese Untersuchungs- und Rügepflicht gilt - wohlgemerkt - nur
im kaufmännischen Verkehr, nicht jedoch im Rechtsverkehr gegenüber dem
Verbraucher; und ebenso nur für Kaufverträge, nicht für Verträge über Werk-/
Dienstleistungen .

Die eigentliche rechtliche Bedeutung der Pflicht zur unverzüglichen Untersuchung


und etwaigen Rüge ergibt sich daraus, dass bei Unterbleiben einer rechtzeitigen
Rüge der Käufer nach § 377 Abs. 2, 3 HGB sämtliche Gewährleistungsrechte
verliert. Das abgelieferte Produkt gilt im Fall der nicht rechtzeitig erhobenen
Rüge als vom Käufer genehmigt. Gewährleitungsansprüche können dann nicht
mehr geltend gemacht werden . Grundgedanke dieser Regelung ist, dass im
kaufmännischen Verkehr zwischen Unternehmern mög lichst zügig Klarheit über
(
die Rechtslage eintreten soll, der Verkäufer also im Klaren darüber sein muss,
ob aufgrund der von ihm gelieferten Produkte noch ein finanzielles Risiko auf-
grund von Gewährleistungsansprüchen besteht oder nicht und er noch etwaige
(Schadens-) Feststellungen treffen kann.

Ob und in welchem Umfang die Verpflichtung zur Rüge durch vertragliche


Vereinbarungen zwischen dem Käufer und dem Verkäufer modifiziert werden
kann, ist unter Juristen höchst umstritten . Auch hier muss wieder unterschieden
werden, ob Käufer und Verkäufer vertragliche Vereinbarungen individuell aus-
handeln oder ob eine der beiden Seiten ihren "Standard des Hauses" in Form
von Allgemeinen Geschäftsbedingungen dem anderen vorgibt.

Werden individuelle Vereinbarungen über die Rügepflicht nach § 377 HGB getrof-
fen, sind diese in weitem Umfang zulässig . Der Umfang der Untersuchungspflicht,
die Frist innerhalb der gerügt werden muss oder auch der gänzliche Ausschluss
von § 377 HGB sind rechtlich zulässig.

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 19
AliademliJ

Werden solche Vertragsklauseln dagegen aisAllgemeine Geschäftsbedingungen


Vertragsgegenstand, sind sie weitgehend nach § 307 BGB nichtig .

Von besonderer Bedeutung ist dies insbesondere, weil sich individuelle


Regelungen zwischen Käufer und Verkäufer zu § 377 HGB regelmäßig auch
in Qualitätssicherungsvereinbarungen wiederfinden. Oftmals soll als generel-
ler Grundgedanke die Wareneingangsprüfung für Teilprodukte vom Hersteller
auf eine Qualitäts-/Warenausgangsprüfung beim Zulieferer verschoben wer-
den. Aufgrund der Qualitätssicherungsvereinbarung zwischen Hersteller und
Zulieferer soll dieser verpflichtet werden, jedes von ihm an den Hersteller ge-
lieferte Teilprodukt vor Auslieferung auf die vereinbarten Qualitätskriterien zu
prüfen. Der Hersteller will sich auf diesem Weg der Untersuchungs- (und Rüge-)
Pflicht beim Wareneingang entledigen.

Ob eine solche Modifikation von § 377 HGB, mit der Folge des Ausschlusses
von Gewährleistungsansprüchen, rechtlich wirksam vereinbart werden kann,
hängt - entsprechend der Ausführungen zu Qualitätssicherungsvereinbarungen
im Rahmen der Produkthaftung (vgl. Punkt 2.2.1) in erster Linie davon ab, ob es
sich um individuelle Vertragsklauseln oder standardisierte Klauseln handelt; die
Grundgedanken dieser Ausführungen gelten insoweit entsprechend. Im übrigen
ist dann in einem zweiten Schritt juristische Detailarbeit vorzunehmen.

Garantie

Wird für ein Produkt eine Garantie abgegeben, etwa vom Hersteller (= Herstel-
lergarantie), dann erhält der Erwerber des Produkts eine weitere rechtliche
Grundlage für die Geltendmachung von Ansprüchen, wenn sich während der
Garantiezeit herausstellt, dass das Produkt einen Mangel hat. Die Ansprüche
aus der Garantieerklärung treten also neben die vertragliche Gewährleistung.
Sie richten sich gegen den Garantiegeber - sei es der Hersteller, Importeur oder
Verkäufer. Der konkrete Inhalt und Umfang der Garantieansprüche richtet sich
nach dem Inhalt der Garantieerklärung. Garantiert also der Autohersteller für
seine Neuwagen ,,10 Jahre Garantie gegen Durchrostung", tritt der Garantiefall
nur im Fall der Durchrostung, nicht des Motorschadens ein. Welche Rechte dem
Erwerber zustehen sollen, kann der Garantiegeber frei bestimmen.

2.2.2 Produktverantwortung und deliktische Haftung

Neben der Produkthaftung nach dem Produkthaftungsgesetz sieht das Gesetz


in §§ 823 ff. BGB ebenfalls Regelungen über die zivilrechtliche Haftung des
Herstellers eines fehlerhaften Produktes vor (deliktische Haftung). Diese
Regelungen haben auch zum Ziel, das Interesse des Produktbenutzers daran
zu schützen, dass seine anderen Rechtsgüter - nicht das Produkt selbst - nicht
verletzt werden, also ihre Integrität nicht beeinträchtigt wird (Integritätsinteresse).
Sie waren bis zum Inkrafttreten des Produkthaftungsgesetzes zum 01.01 .1 990

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Seite 20 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
A.itado!TIie

im deutschen Recht Grundlage der Produzenten haftung und sind auch nach
dem Inkrafttreten des Produkthaftungsgesetzes heute noch weiterhin recht-
licher Rahmen für Produkthaftungsfälle.

§ 823 Abs. 1 BGB bestimmt:

"Wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die


Gesundheit, die Freiheit, das Eigentum oder ein sonstiges Recht
eines anderen widerrechtlich verletzt, ist dem anderen zum Ersatz
des daraus entstehenden Schadens verpflichtet."

Herkömmlicherweise wird von "Produkthaftung" gesprochen, wenn die Haftung


nach dem ProdHaftG gemeint ist und von "Produzentenhaftung" im Fall der
Haftung nach § 823 BGB. Beide Haftungsbereiche sind in rechtlicher Hinsicht
weitgehend deckungsgleich, insbesondere zur Frage, wann ein Produkt fehlerhaft
ist bzw. - in der Formulierung des § 823 BGB - wann der Produktverantwortliche
eine "widerrechtliche Handlung" vorgenommen und damit eine Verkehrssiche-
rungspflicht im Herstellungs- oder Vertriebsprozess verletzt hat.

Es bestehen jedoch auch deutliche Unterschiede:

Zunächst gilt die Produzentenhaftung auch für fehlerhafte Dienstleistungen. Sie


ist nicht - wie die Produkthaftung - auf den Güterverkehr beschränkt.

Weiter sieht das Gesetz in § 823 BGB eine Haftungsbegrenzung in be-


tragsmäßiger Höhe nicht vor. Auch wenn Haftungshöchstgrenze nach dem
Produkthaftungsgesetz für Personenschäden (€ 85 Mio.) überschritten ist, be-
steht die Produzentenhaftung gemäß § 823 BGB.

Auch besteht eine Haftung für andere Sachen als das fehlerhafte Produkt selbst
soweit diese anderen Sachen gewerblich genutzt werden. Demgegenüber setzt
( § 1 Abs. 1 Satz 2 ProdHaftG für einen Sachschaden voraus, dass die Sache
privat genutzt wird.

Andererseits wird eine Haftung nach § 823 BGB erst begründet, wenn dem
Hersteller ein Verschulden für den Produktfehler zur Last gelegt werden kann.
Das Produkthaftungsgesetz verlangt demgegenüber lediglich, dass - unabhän-
gig von jeglichem Verschulden - ein fehlerhaftes, potentiell gefährliches Produkt
in den Verkehr gebracht wird und deshalb ein Schaden entsteht.

In der Praxis sind beide Haftungsbereiche, Produkt- wie Produzenten haftung,


in der rechtlichen Bewertung von Schadenfällen anwendbar. Grundlage von
Schadensersatzforderungen ist regelmäßig der prozessual, jeweils einfacher
durchzusetzende rechtliche Anspruch.

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 21
Gestaltungsspielraum für vertragliche Vereinbarungen

Vertrag zwischen Hersteller und Zulieferer


Klause ln zur

Gewährleistung Produkt-/Produzentenhaftung Internationaler Bezug

• Begrenzungaufeinzelne • Verteilung von Verkehrs- • Anwendbares Recht


Gewährleistungsan- sicherungspflichten • Gerichtsstand
sprüche(z. B. Ausschluss • Vereinbarung eines
von Schadensersatz) Freistellungsanspruchs
Alternative:
• BegrenzungaufTeile des
Produkts Schiedsgericht
Ohne Wirkung gegenüber
• VerkürzungderGewähr- Produktbenulzern!
leistungsfrist
• Ausschluss/Änderung von
§377HGB

Abb. 7: Gestaltungsspielraum
für vertragliche
Vereinbarungen

2.2.3 Produktverantwortung und Strafrecht

Wer fehlerhafte Produkte in den Verkehr bringt, kann sich strafbar machen,
wenn durch das fehlerhafte Produkt Rechtsgüter Dritter verletzt werden.
Produktverantwortung geht damit über den rein finanziellen Aspekt hinaus.

Im Blickpunkt steht dabei - neben Straftatbeständen vor allem aus dem soge-
nannten Nebenstrafrecht - insbesondere eine Strafbarkeit wegen

• vorsätzlicher oder fahrlässiger Tötung (§§ 212, 222 StGB)

• vorsätzlicher oder fahrlässiger Körperverletzung (§§ 223, 230 StGB),

• Sachbeschädigung (§ 303 StGB).

Vorsatz liegt dabei regelmäßig vor, wenn die Rechtsgutsverletzung vorherseh-


bar ist und der Täter diese zumindest billigend in Kauf nimmt. Fahrlässigkeit
besteht, wenn der Täter eine Sorgfaltspftichtverletzung begangen hat und die
daraus folgende Rechtsgutverletzung vorhersehbar ist.

Nach deutschem Strafrecht kann grundsätzlich nur eine natürliche Person, also
ein Mensch, Täter sein. Das Unternehmen (als juristische Person) als solches
kann weder Täter sein, noch bestraft werden .

Anders ist dies in ausländischen Rechtsordnungen . Nach dem im Jahr 2007 in


Kraft getretenen "Corporate Manslaughter and Corporate Homicide Act" können
sich in Großbritannien auch Unternehmen strafbar machen. Die Strafbarkeit
setzt voraus, dass durch ein fehlerhaftes Produkt ein Mensch im Vereinigten
Königreich zu Schaden kommt und der Schadensfall auf eine von der
Geschäftsleitung verursachte mangelhafte Unternehmensorganisation zurück

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Seite 22 - 2.1-C QM Rev. 01/ Stand: Dezember 2009
A,i(adamie

zu führen ist. Zu beachten ist dabei, dass es für die Strafbarkeit nicht auf den
Sitz des Unternehmens ankommt; es können also auch deutsche Unternehmen,
deren Produkte in Großbritannien vermarktet werden, von dieser Strafbarkeit
betroffen sein.

Soweit es um die Strafbarkeit nach deutschem Recht geht, also die strafrecht-
liche Verantwortlichkeit natürlicher Personen, wird auf die Ausführungen unter
nachfolgendem Punkt ,,2.3 Persönliche Haftungsrisiken für Geschäftsführung
und leitende Mitarbeiter" verwiesen.

2.2.4 Produktverantwortung und Arbeitsrecht

Die rechtliche Dimension der Produktverantwortung im Arbeitsrecht ergibt sich


unter zweierlei Gesichtspunkten:
(
Zum einen wirft die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems Fragen
der betrieblichen Ordnung, der personellen und sozialen Angelegenheiten
der Mitarbeiter im Betrieb sowie andere mitbestimmungspflichtige
Regelungsbereiche des Betriebsrates auf. Im Raum steht also regelmäßig die
Beteiligung des Betriebsrates. Beispielhaft gilt dies für:

§ 90 BetrVG Planungen des Arbeitgebers von Arbeitsverfahren und


Arbeitsabläufen

§ 111 BetrVG Änderungen der Betriebsorganisation oder Einführung


neuer Arbeitsmethoden

§§ 96 - 98 BetrVG Schulungs- und Qualifizierungsmaßnahmen von Mitarbei-


tern

Zum anderen wird für den Eintritt eines Produkthaftungsfalles in vielen Fällen
die Missachtung von Sorgfaltspflichten einzelner Mitarbeiter zugrunde liegen.
Neben der unmittelbaren Haftung gegenüber dem geschädigten Produktbenutzer
(vgl. nachfolgend ,,2.3 Persönliche Haftungsrisiken für Geschäftsführung und
leitende Mitarbeiter"), greifen besondere arbeitsrechtliche Haftungsregeln
für eine Haftung des Mitarbeiters gegenüber seinem Arbeitgeber. Diese vom
Bundesarbeitsgericht entwickelten Regelungen erlauben es dem produktverant-
wortlichen Hersteller als Arbeitgeber, gegenüber seinem Mitarbeiter Regress zu
nehmen für einen vom Hersteller dem geschädigten Produktbenutzer gezahlten
Schadensersatz.

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 23
Akadem:e

Arbeitnehmerhaftung

Hersteller Arbeitnehmerhaftung
Mitarbeiter
(Arbeitgeber)

Produzenten-
haftung

Händlerl ------~~~~~~~~~------
Verkäufer Produzentenhaftung

Abb. 8: Arbeitnehmerhaftung

Wie weit der Schaden an den Mitarbeiter "weitergereicht" werden kann, hängt
in erster Linie von dem Grad des Verschuldens ab, ob also der Mitarbeiter
die Sorgfaltspflichten in grober oder nur einfacher Weise verletzt hat. Je
nach Verschuldensgrad und dem Bestehen weiterer Umstände, die für den
Schadenseintritt ursächlich waren, wird die Haftung des Mitarbeiters ganz aus-
geschlossen oder teilweise begrenzt auf bis zu drei Bruttomonatsgehältern.

Beispielfälle:

"Stop-Loss-Order"

Wertpapierhändler W arbeitet bei einer Bank und ist neben der allgemeinen
Beratung in Wertpapiergeschäften zuständig für die Annahme und Durchführung
von Aufträgen zum An- und Verkauf von Wertpapieren im elektronischen
Wertpapierhandelssystem der Bank. Werhält von seinem Kunden telefonisch
den Auftrag, 2000 Stück weitere Aktien eines bereits von ihm gehaltenen
Aktienpaketes zu kaufen sowie eine sogenannte Stop-Loss-Marke im elektro-
nischen Wertpapiersystem der Bank einzugeben. Aufgrund einer solchen Stop-
Loss-Marke werden die Aktien eines bestimmten Wertpapiers automatisch ver-
kauft, wenn der Aktienkurs unter die eingegebene Marke (Börsenwert) fällt.

W gibt zwar den Auftrag zum weiteren Ankauf der Aktienpapiere ein, nicht je-
doch den (technisch aufwendigeren) Auftrag zur Eingabe der Stop-Loss-Marke.
W will die Stop-Loss-Order erst am nächsten Tag, zusammen mit anderen
Aufträgen, im elektronischen Wertpapiersystem eingeben, weil er im Moment
vorrangig andere Arbeiten erledigen möchte. Das OM -Handbuch der Bank gibt
jedoch vor, dass sämtliche Aufträge von Kunden zum An- oder Verkauf, auch
die Eingabe von Stop-Loss-Marken, sofort von Mitarbeitern durchgeführt wer-
den müssen.

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Seite 24 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand : Dezember 2009
Ai(,adomie

Die vom Kunden gezeichnete Aktie erfährt noch am sei ben Tag einen Kursverfall
und unterschreitet die vom Kunden an W gegebene Marke. Als die Aktien von
W am nächsten Tag zum erheblich unter der Marke liegenden Börsenwert ver-
kauft werden, realisiert sich für den Kunden ein finanzieller Schaden von ca.
€ 300.000,00.

"Getriebebrand"

Mitarbeiter M arbeitet in der Qualitätskontrolle eines Getriebezulieferers.


Nach einer feuchtfröhlichen Nacht erscheint M mit 1,5%0 Blutalkohol am
Arbeitsplatz. Ein ernster Produktionsfehler entgeht ihm, weil er alkoholbedingt
nicht ausreichend konzentriert ist. Aufgrund des Getriebefehlers, der zu einem
Fahrzeugbrand führen kann, müssen vom Hersteller 1000 Pkw zurückgerufen
und die Getriebe ausgetauscht werden. Die Kosten des Rückrufs in Höhe von
(
mehreren Millionen Euro werden vom Pkw-Hersteller, dem Getriebezulieferer,
dem Arbeitgeber des M in Rechnung gestellt.

In bei den Beispielsfällen handelt der Mitarbeiter jeweils grob fahrlässig, als er
seine Pflichten aus dem Arbeitsvertrag verletzt. Der Wertpapierhändler W hat
für die Ausführung seiner Dienstleistung das QM-Handbuch seines Arbeitgebers
und die darin enthaltenen Vorgaben zu beachten . Für den Mitarbeiter M hätte,
wie jedem Arbeitnehmer, offensichtlich sein müssen, dass niemand mit 1,5%0
Blutalkohol eine sorgfältige Qualitätskontrolle durchführen kann.

Der Umfang der Haftung von Wund M gegenüber ihrem Arbeitgeber bestimmt
sich in der Folge danach, inwieweit die Arbeitsorganisation des Arbeitgebers
oder das Verhalten anderer Mitarbeiter zur Schadensverursachung beigetragen
haben.

Als Ergebnis der arbeitsrechtlichen Bezüge zum Qualitätsmanagement kann


festgehalten werden:

• Die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems bedarf hinsichtlich sei-


ner einzelnen Bestandteile der Beteiligung des Betriebsrates; für einzelne
Bestandteile des QM-Systems ist der Betriebsrat bereits sehr frühzeitig im
Rahmen der Planung einzubeziehen.

• Haftet das Unternehmen für ein fehlerhaftes Produkt oder eine fehlerhafte
Dienstleistung , so kann der verantwortliche Mitarbeiter vom Unternehmen
als Arbeitgeber grundsätzlich aus Arbeitnehmerhaftung in Regress genom-
men werden. Entscheidend ist dabei vorwiegend der Grad des Verschuldens
des Mitarbeiters.

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Rev. 01 1Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 25
2.3 Persönliche Haftungsrisiken für Geschäftsführung und lei-
tende Mitarbeiter

Die persönlichen Haftungsrisiken für Mitglieder der Geschäftsführung und


leitende Mitarbeiter betreffen die strafrechtliche Haftung und zivilrechtliche
Haftung unmittelbar gegenüber dem geschädigten Produktbenutzer.

Es wurde bereits ausgeführt, dass jemand, der ein fehlerhaftes Produkt in


den Verkehr bringt, aufgrund dessen ein Schaden entsteht, nach deutschem
Strafrecht strafbar ist. Strafrechtlich verantwortlich kann jedes Mitglied der
Unternehmensführung und jeder Mitarbeiter im Unternehmen sein, gleichgültig
auf welcher Hierarchiestufe.

Persönliche Haftun srisiken


Persönliche Haftungsrisiken für Mitglieder der Geschäftsführung und
leitende Angestellte

Produzentenhaftung Strafrechtliche Haftung 11 Arbeitnehmerhaftung


§823 BGB

1 1 1
• gegenübergeschädigten • gegenüber Staat • gegenüber Arbeitgeber
Produktbenutzern • wegen u. a. Tötung, • wegen Verletzung von
• wegen Verletzung von Körperverletzung oder Organisations-lKontroll-l
Organisations·IKontroU·1 Sachbeschädigung sonstiger Pflichten im
sonstigerVerkehrssiche- • Praxis häufig: Geldstrafe, Arbeitsverhältnis
rungspflichten Bußgeld • wenn mehr als leichte
• wenn Vorsatz oder Fahrlässigkeit
Fahrlässigkeit • in der Regel max. 3 Brutto-
• Grundsätzlich Monatsgehälter
unbeschränkt

Abb. 9: Persönliche
Haftungsrisiken

Beispielsfälle

"Glycol"

Im Strafverfahren um mit gesundheitsgefährdendem Glycol zugesetzten Wein


wurden 6 Mitarbeiter auf verschiedenen Hierarchiestufen des Unternehmens an-
geklagt. Der Bundesgerichtshof stellte in seinem Urtei l, mit dem die Freisprüche
der Vorinstanz aufgehoben wurden, ausdrücklich fest, dass eine strafrechtliche
Verantwortung aller Angeklagten in Betracht komme. Das Verfahren endete mit
dem Ergebnis, dass die Angeklagten Bußgelder über insgesamt DM 500.000,00
an eine gemeinnützige Institution zahlen mussten.

"Eschede"

Im Fall des ICE-Zugunglücks von Eschede 1998 waren 101 Menschen ums
Leben gekommen. Angeklagt waren unter anderem zwei Ingenieure des

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Seite 26 - 2. 1-C QM Rev. 011 Stand : Dezember 2009
mdemie

Eisenbahnbundesamtes wegen fehlerhafter Prüfung der Wartungsarbeiten so-


wie ein Ingenieur der Herstellerfirma wegen Konstruktionsfehlern des damals
neuartigen, gummigefederten Hochgeschwindigkeitsradreifens, dessen Bruch
Ursache des Unfalls war. Gegen die drei angeklagten Ingenieure wurde das
Verfahren schließlich gegen Zahlung einer Geldbuße von jeweils € 10.000,00
eingestellt.

Die vorzitierten Beispiele dokumentieren, dass Voraussetzung für eine straf-


rechtliche Verurteilung einzelner Verantwortlicher aus dem Unternehmen der
Nachweis ist, dass und in welchem Umfang das Verhalten einzelner Mitarbeiter
ursächlich war für den eingetretenen Schaden. Insbesondere bei einer kom-
plexen, arbeitsteiligen Produktionswirtschaft oder Dienstleistungszusammen-
hängen kann dieser Nachweis der Kausalität von Seiten der Staatsanwaltschaft
nicht oder nur mit einem sehr unverhältnismäßig hohen Aufwand durchgeführt
( werden. In der Praxis kommt es daher oftmals zwar zur Eröffnung von straf-
rechtlichen Ermittlungsverfahren durch die Staatsanwaltschaft, in deutlich ge-
ringerem Umfang aber auch zu einer Verurteilung der Beschuldigten. Damit
unterliegen die Mitarbeiter regelmäßig nicht dem Makel "vorbestraft" zu sein, al-
lerdings besteht dennoch das persönliche Risiko, erhebliche Bußgeldzahlungen
oder Zahlungen an gemeinnützige Einrichtungen leisten zu müssen, damit das
Ermittlungsverfahren eingestellt wird.

Die zivilrechtliche Verantwortlichkeit von Mitgliedern der Geschäftsführung


und (insbesondere leitenden) Mitarbeitern ergibt sich aus der deliktischen
Haftung nach §§ 823 ff. BGB. Das Produkthaftungsgesetz seinerseits richtet
sich ausschließlich an das Unternehmen als Hersteller, also das einzeIkauf-
männisches oder als GmbH bzw. in anderer gesellschaftsrechtlicher Form
verfasste Unternehmen . Damit können Mitglieder der Geschäftsführung oder
Mitarbeiter des Hersteller-Unternehmens vom geschädigten Produktbenutzer
(
persönlich in Haftung genommen werden, wenn sie vor allem Organisations-,
Überwachungs- oder Prüfpflichten nicht ordnungsgemäß erfüllen und dadurch
ein Schaden entsteht.

In den vorbezeichneten Beispielen "Stop-Loss-Order" und "Getriebebrand" ist


der Wertpapierhändler bzw. der Mitarbeiter der Qualitätskontrolle grundsätzlich
zivilrechtlich haftbar. In der Praxis richten sich Haftungsansprüche in der Regel
an die Mitglieder der Unternehmensführung bzw. an leitende Mitarbeiter mit
dem Argument, die Organisationspflichten seien verletzt worden. Oftmals ist der
Nachweis eines Verstoßes gegen Verkehrssicherungspfiichten und der Umfang
des Verursachungsbeitrages eines einzelnen Mitarbeiters am Schaden für den
außenstehenden geschädigten Produktbenutzer nicht durchführbar. Im Übrigen
sind Haftungsverfahren gegen den Hersteller als Unternehmen in der Regel
erfolgreicher, weil dieses eine bessere Liquidität und - im Fall einer bestehen-
den Produkthaftpflichtversicherung - eine bessere Ausgangssituation für die
Werthaltigkeit eines obsiegenden Urteils bietet.

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Rev. 01 1Stand: Dezember 2009 2. 1-C QM - Seite 27
Aliademle

Als Ergebnis der persönlichen Produktverantwortung von Mitgliedern der


Unternehmensführung und leitenden Mitarbeitern bleibt festzuhalten:

• Die Mitglieder der Unternehmensführung und die für den Schaden verant-
wortlichen Mitarbeiter können strafrechtlich in Anspruch genommen werden .

• Diese Mitarbeiter des Unternehmens können vom geschädigten


Produktbenutzer unmittelbar auf Schadensersatz in Anspruch genommen
werden.

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Seite 28 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand : Dezember 2009
A.itademie

3 Qualitative Anforderungen an die Produktsicherheit

Die vorstehenden Ausführungen betrafen die Frage, womit der Hersteller und
gegebenenfalls seine Mitarbeiter rechnen müssen, wenn sie ein fehlerhaftes
Produkt in den Verkehr einführen und durch das fehlerhafte Produkt ein Schaden
entsteht. Es ging um die Frage, ob und in welchem Umfang ihnen gegenüber
Gewährleistungsrechte oder Haftungsansprüche auf Schadensersatz geltend
gemacht werden können oder gar eine strafrechtliche Verantwortung besteht.
Die für das Qualitätsmanagement zentrale Frage ist jedoch, wann diese zivil-
rechtliche und strafrechtliche Haftung eintritt, wann also ein Produkt "fehler-
haft" ist oder wann der Hersteller eine "widerrechtliche Handlung" im Sinn des
§ 823 BGB begeht, die die Produzentenhaftung auslöst. Es geht um die Frage,
welche Anforderungen das Gesetz und insbesondere die Rechtsprechung
an die Qualität von Produkten stellt, damit zivilrechtliche und strafrechtliche
Konsequenzen weitgehend ausgeschlossen werden können.
(
Diese Anforderungen wurden von der Rechtsprechung insbesondere zur de-
liktischen Haftung nach § 823 BGB und - nach seinem Inkrafttreten - auch
zum Produkthaftungsgesetz entwickelt. Die Rechtsprechung hat dabei für die
verschiedenen Phasen des Herstellungs- und Vertriebsprozesses Verkehrssi-
cherungspftichten herausgearbeitet. Das Ziel dieser Pflichten ist es, Gefahren
für den Verkehr mit den Produkten auszuschließen. Der Gesetzgeber hat dane-
ben mit dem Erlass des Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (GPSG) diesen
Pftichtenkreis weiter konkretisiert und als zwingende, behördlich kontrollierbare
Sicherheitsanforderungen festgeschrieben .
-------------
Verkehrssicherungspflichten
Verkehrssicherungspflichten gemäß der zivilrechtlichen Rechtsprechung

Sicherungspflichten
I I
( Beachtung des Standes von Wissenschaft und Technik

Konstruktion Fabrikation Instruktion Produktbeobachtung


• Zul ieferteil genügt • Sorgfältige Auswahl • objektiv, deutlich aktiv
Sicherheitsanfor· und Kontrolle von und vollständig: • Marktbeobachtungen
derungen des Zulieferem Gebrauch und
Endprodukts etwaige Gefahren • Auswertung neuer
• Wareneingangs-l Fachkenntnisse
• Zusammenwirken -ausgangskontrolle • Wamhinweise:
von Zulieferteilen mögl. Fehl· passiv
• Qualitätskontrolle
im Endprodukt gebrauch • Erfassung und Aus·
• Einhaltung von wertung von Mängel ·
• Prüfpflicht: Ein· Arbeitsanweisungen • Sprache und
satz des Produkts Symbole der anzeigen, Beschwer·
und Fehlgebrauch • Vermeidung mensch· Produktbenutzer den, allg. Marktrück·
lichen Fehlverhaltens meldungen

Abb. 10: Verkehrssicherungs-


pflichten gemäß der zivi/recht-
lichen Rechtsprechung

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1·C QM - Seite 29
Akadem!6

3.1 Verkehrssicherungspflichten nach den Vorgaben der


Rechtsprechung

Nach § 823 BGB haftet der Hersteller, wenn er im Rahmen der Fertigung oder
Vermarktung seines Produktes eine Pftichtwidrigkeit begangen, etwa eine
Qualitätsprüfung vor Warenausgang nicht vorgenommen hat. Er missachtet ei-
ne Verkehrssicherungspfticht, die im Interesse der Qualität des Produktes steht.
Maßstab dafür, welche Pflichten im Interesse eines Produktes stehen, ist nach
der Rechtsprechung der Erwartungshorizont des Verbrauchers, also das, was
der durchschnittliche Verbraucher berechtigterweise von dem Produkt erwarten
darf.

Davon geht auch die Haftung nach dem Produkthaftungsgesetz aus. § 3 Abs. 1
ProdHaftG bestimmt:

".... Ein Produkt hat einen Fehler, wenn es nicht die Sicherheit bietet,
die unter Berücksichtigung aller Umstände, insbesondere
a) seiner Darbietung,
b) des Gebrauchs mit dem billiger Weise gerechnet werden kann,
c) des Zeitpunkts, in dem es in den Verkehr gebracht wurde,
berechtigterweise erwartet werden kann ...."

Nach beiden Gesetzen wird für die Bestimmung dieser Sicherheitserwartungen


des Verbrauchers ergänzend auf weitere Umstände abgestellt, wie etwa den
Adressatenkreis, an den sich das Produkt richtet. Für beide Gesetze hat die
Rechtsprechung Bereiche innerhalb des Produktions- und Vermarktungs-
prozesses herausgearbeitet, in denen einzelne Verkehrssicherungspflichten
des Herstellers bestimmt wurden. Es handelt sich dabei um die Bereiche der
Konstruktion, der Fabrikation, der Instruktion und der Marktbeobachtung.

Für alle Leistungsbereiche des Produktions- und Vermarktungsprozesses gilt,


dass der Hersteller grundsätzlich sein Produkt so sicher herzustellen hat, dass
Schäden für Produktbenutzer sowie sonstige Dritte sicher ausgeschlossen
werden . Offensichtlich ist, dass es eine "totale Sicherheit" von Produkten nicht
gibt. Jedes Produkt, abhängig von seiner Verwendung und dem Verwender im
Einzelfall, birgt ein gewisses technisches Gefährdungsrisiko. Es geht also bei
der Frage, wann ein Fehler im Sinn der Produktverantwortung vorliegt, nicht um
die technisch absolute Gefahrlosigkeit, sondern um die Bewertung von akzep-
tierten Restrisiken. Für die Bestimmung dessen, was als allgemein akzeptiertes
Risiko gilt, orientiert man sich allgemein an folgenden Leitlinien:

• Das Produkt muss zum Zeitpunkt seines In-Verkehr-Bringens dem aktuellen


Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Von technischen Normen,
Standards und Spezifikationen wird in der Regel ein Mindeststandard gefor-
dert.

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Seite 30 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
A,.l(adomic

• An teure Produkte werden regelmäßig höhere Sicherheitsanforderungen ge-


steilt als an preiswerte, vergleichbare Produkte.

• Das Wissen der zukünftigen Produktverwender ("consumer awareness")


um die technisch nicht ausschließbare, gefahrenträchtige Eigenschaft eines
Produktes ist dabei ebenso zu berücksichtigen, wie die beabsichtigte, zu-
künftige Verwendung des Produktes. Auch ein naheliegender erwartungs-
gemäßer Fehlgebrauch des Produktes ist bei Festlegung der maßgeblichen
Sicherheitsstandards zu beachten .

• Ein Korrektiv für den Sicherheitsstandard, der berechtigterweise vom zu-


künftigen Produktverwender erwartet werden kann, ist die Zumutbarkeit. Es
ist danach zu fragen, ob Maßnahmen zur Produktsicherheit dem Hersteller
auch zumutbar sind. Kann also z. B. ein Produkt schwere Körperverletzungen
oder gar Todesfälle herbeiführen, kann der Hersteller um so weniger den
( Einwand führen, dass eine Sicherheitsmaßnahme nicht zumutbar sei, als für
diejenigen Fälle, in denen Körperverletzungen nicht zu erwarten sind.

Darüber hinaus gelten für die einzelnen Leistungsbereiche des Produktions-


und Vermarktungsprozesses folgende Besonderheiten:

3.1.1 Konstruktionsfehler

Konstruktionsfehler betreffen den Bauplan des Produkts, wirken sich in der Regel
also auf die gesamte Produktlinie aus, unabhängig von einzelnen Chargen.
Konstruktionsfehler lassen sich also nur in der dem Produktionsprozess vorge-
lagerten Planungs- und Entwicklungsphase vermeiden.

Der Hersteller hat bei Konstruktion seiner Produkte diejenigen Maßnahmen zu


ergreifen, die notwendig und zumutbar sind, um Schädigungen Dritter abzu-
( wenden. Er muss insbesondere die einschlägigen - auch nicht zwingenden -
Rechtsvorschriften, technischen Normen und Standards berücksichtigen.

Der Hersteller kann Fehler in der Konstruktion nicht durch etwaige Warnhinweise
bei der späteren Verwendung des Produktes ausgleichen wollen. Ferner erstre-
cken sich die Konstruktionspftichten auch auf die dem Hersteller zugelieferten
Teilprodukte, die er für seine Produktion verwendet. Zwar ist der Hersteller nicht
für die sicherheitsgerechte Konstruktion des Zulieferteils selbst verantwort-
lich, allerdings obliegen ihm (Verkehrs-) Sicherungspflichten dahin, dass das
Zulieferteil den Anforderungen genügt, die für die Sicherheit des Endprodukts
erforderlich sind. Der Hersteller muss zudem sicherstellen, dass das Zulieferteil
nach Einbau oder im Zusammenwirken mit anderen Bestandteilen des
Endprodukts keine vermeidbaren Gefahren birgt.

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 31
Akademie

So ist bereits im zitierten Beispielsfall (vgl. oben) über gelieferte, allerdings


nicht gegen Feuchtigkeit geschützte Kondensatoren, die in Elektromotoren für
Krankenhausbetten eingebaut wurden, auch der Hersteller der Krankenhaus-
betten dazu verpflichtet, die Abschirmung der Kondensatoren gegen Feuchtigkeit
zu prüfen .

Soweit der Hersteller die für ihn gelieferten Teilprodukte speziell nach seinen
Vorgaben entwickeln und herstellen lässt, treffen ihn intensivere Kontrollpflichten .

Die Pflicht zur sicherheitsgerechten Konstruktion eines Produktes erfordert


auch, für das Produkt ein Prüfverfahren über die späteren Einsatzmöglichkeiten
und einen etwaigen Fehlgebrauch durchzuführen.

Die Rechtsprechung hat dies im spektakulären Fall der Honda-Motorrad-


Verkleidungen ausdrücklich festgestellt (BGH NJW 1987, 1009).

Beispiel:

"Lenkerverkleidung (Honda)"

Honda als Hersteller eines bestimmten Motorrad-Typs hatte keine konkrete


Empfehlung für die Lenkerverkleidung als Zubehör dieses Motorrad-Modells
ausgesprochen. Ein Motorradfahrer hatte sein Motorrad diesen Typs mit einer
Lenkerverkleidung eines dritten Herstellers versehen. Der Motorradfahrer er-
litt einen tödlichen Unfall, der auf die durch die Lenkerverkleidung verursachte
Instabilität zurückzuführen war.

Der BGH stellte ausdrücklich fest, dass eine Prüfpflicht des Herstellers be-
reits in der Konstruktionsphase des Motorrades dafür besteht, welche
Auswirkungen von Zubehörteilen für von ihm selbst nicht empfohlenes Zubehör
besteht. Der Hersteller hat eine Prüfpflicht hinsichtlich sämtlichen Zubehörs,
dessen Verwendung so allgemein gebräuchlich ist, das bei einer etwaigen
Unverträglichkeit ein risikoloser Einsatz des eigenen Produkts nicht mehr mög-
lich ist.

Ohne Einfluss auf die Pflicht zur sorgfältigen Konstruktion sind


Produktverbesserungen . Eine spätere Produktverbesserung führt nicht zur
Fehlerhaftigkeit der bisherigen Produktlinie. Hat der Hersteller also zum
Zeitpunkt des In-Verkehr-Bringens seines Produkts die maßgeblichen Ver-
kehrssicherungspflichten eingehalten, führen spätere Erkenntnisse über die
Gefährlichkeit des Produkts oder Verbesserungen im Rahmen eines Nachfolge-
Modells nicht rückwirkend dazu, dass das Ausgangsprodukt unsicher und damit
fehlerhaft wird. Ein sorgfaltswidriges Verhalten des Herstellers wird dadurch
nicht begründet. Solche Erkenntnisse können aber zu Warnhinweisen oder
einem Produktrückruf verpflichten.

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Seite 32 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand : Dezember 2009
Akademie

3.1.2 Fabrikationsfehler

Ein Fabrikationsfehler besteht, wenn zwar der Bauplan des Produktes das er-
forderliche Sicherheitsniveau einhält, es jedoch im Produktionsprozess zu einer
planwidrigen Abweichung dieses Sicherheitsniveaus kommt. Fabrikationsfehler
betreffen damit in der Regel nur einzelne Stücke einer Serie oder Charge.
Fabrikationsfehler lassen sich daher in der Regel vermeiden, wenn entweder
der Produktionsprozess dahingehend optimiert wird, dass Abweichungen von
dem definierten Sicherheitsniveau von vornherein ausgeschlossen oder die fer-
tigen Stücke nach ihrer Produktion einer Qualitätskontrolle unterzogen werden.

Typische Verletzungen von Verkehrssicherungspflichten im Fabrikationsbereich


sind damit die Auswahl eines unzuverlässigen Zulieferers, die fehlende
Eingangs- oder Ausgangskontrolle, die fehlerhafte Qualitätskontrolle, die fehler-
hafte Einstellung von Maschinen oder die Verletzung von Arbeitsanweisungen
( und menschliches Fehlverhalten. Auch bei der Produktion muss der Hersteller -
allgemein formuliert - diejenigen Maßnahmen ergreifen, die erforderlich und zu-
mutbar sind, um Schädigungen für Dritte abzuwenden . Auch in diesem Bereich
des Produktions- und Vermarktungsprozesses muss er die (zwingenden) ge-
setzlichen Vorschriften einhalten, sich an technischen Normen und Standards
orientieren und den Stand von Wissenschaft und Technik berücksichtigen, um
sicherzustellen, dass sein Produktionsverfahren diejenige Sicherheit bietet, die
die Allgemeinheit berechtigterweise erwarten kann.

Ob der Hersteller für ihm zugelieferte Teilprodukte eine Wareneingangskontrolle


und insbesondere eine Prüfung der Qualität der gelieferten Teilprodukte
durchführen muss oder nicht, hängt in der Regel davon ab, welche Gefahren
durch das von ihm gefertigte (End-) Produkt entstehen können . Je größer und
schwerer die drohenden Schäden und - umgekehrt - je zumutbarer die dem
Hersteller abzuverlangenden Maßnahmen sind, desto eher muss eine qualita-
tive Wareneingangskontrolle durchgeführt werden.
(

Auch für den eigentlichen Produktionsprozess hat der Hersteller in der Regel
die Wahl, ob er eine Qualitätskontrolle auf den eigentlichen Produktionsprozess
beschränkt oder die fertigen Produkte einer Warenausgangskontrolle ("am
Werkstor") unterzieht. In bei den Fällen gilt für die Qualitätskontrolle, dass auch
hier je nach den technischen Möglichkeiten, der Schwere und dem Umfang des
drohenden Schadens sowie der (finanziellen) Zumutbarkeit der Maßnahmen des
Herstellers, seine Qualitätskontrolle unterschiedlich intensiv ausfallen muss.
Vereinzelt genügt eine einfache Sichtkontrolle, in anderen Fallgestaltungen ei-
ne technische Untersuchung des Produktes bis hin zur fortlaufenden Kontrolle
während des Produktionsprozesses.

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Rev. 01 1Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 33
Akadem.'e

Beispiel:

"Schubstrebe"

Exemplarisch dafür ist der vom Bundesgerichtshof entschiedene Fall zu


Schubstreben, die in PKW eingebaut wurden (BGH NJW 1968, 247). Ein
PKW-Hersteller ließ sich von seinem Zu lieferer Schubstreben zum Einbau in
die von ihm gefertigten PKW liefern. Im Betrieb des Zulieferers wurden die
Schubstreben bei zu niedriger Temperatur geschmiedet. Dieser Umstand hätte
durch eine sogenannte magnetische Flutung der geschmiedeten Schubstrebe
erkannt werden können . Nachdem ein Kunde des PKW-Herstellers aufgrund
des Bruchs der hinteren Schubstrebe seines PKW und des daraus folgenden
schweren Unfalls erheblich verletzt wurde, stellte der Bundesgerichtshof im
Haftungsprozess fest, dass der Hersteller verpflichtet war, eine eigene Prüfung
durch eine magnetische Flutung der Schubstreben vorzunehmen , um auch
kleinste Mängel dieser Teilprodukte zu erkennen. Entscheidend war nach
Auffassung des BGH die Sicherheitsrelevanz der eingebauten Schubstreben
und das Gefahrenpotential, das im Fall ihrer Fehlerhaftigkeit eintreten würde.

Haftung für Ausreißer?

Für Ausreißer, also für Fabrikationsfehler, die trotz aller zumutbarer Vorkehrungen
unvermeidbar sind, haftet der Hersteller nach § 823 BGB (Produzentenhaftung)
nicht. Ihm kann ein Verschulden nicht zur Last gelegt werden.

Regelmäßig besteht für den Hersteller allerdings eine Haftung nach § 1


ProdHaftG; diese Haftung setzt lediglich voraus, dass das fehlerhafte Produkt
in den Verkehr gebracht wird, auf ein Verschulden kommt es gerade nicht an.

3.1.3 Instruktionsfehler

Nicht nur ein Fabrikations- oder Konstruktionsfehler kann eine Produkthaftung


begründen, sondern auch eine unzureichende Instruktion für den Produktverwen-
der über die richtige Anwendung und die Risiken.

Auch im Instruktionsbereich gilt der eingangs skizzierte allgemeine Sorgfalts-


maßstab, dass der Hersteller diejenigen Maßnahmen zu ergreifen hat, die er-
forderlich und zumutbar sind, um Schädigungen von Dritten abzuwenden . So
ergeben sich insbesondere aus gesetzlichen Normen, wie etwa aus § 4 Abs. 4
GPSG zwingend, dass jedem Produkt eine Gebrauchsanleitung (in deutscher
Sprache) beizufügen ist, wenn dies zur Sicherheit der Produktverwender erfor-
derlich ist.

Zur Instruktionspfticht lassen sich folgende Grundsätze festhalten:

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Seite 34 - 2.1-C QM Rev. 01 1Stand: Dezember 2009
A.~adem i(l

• Vollständigkeit der Instruktionen

pie Instruktionen des Herstellers - als Produktbeschreibung oder


Gebrauchsanweisung - müssen objektiv, deutlich und vollständig sein.
Insbesondere wenn erhebliche Körper- und Gesundheitsschäden drohen, muss
der Produktverwender aufgrund der Instruktionen erkennen, warum das Produkt
gefährlich werden kann. Dies wurde besonders deutlich in folgendem vom BGH
entschiedenen Fall:

"ESTIEL"

Das Kurznarkosemittel ESTIEL durfte nur intravenös, nicht jedoch intra-arteriell


injiziert werden. In der Packungsbeilage zu dem Narkosemittel fand sich fol-
gender Hinweis:
( "Eine intra-arterielle Injektion muss mit Sicherheit vermieden wer-
den ."

In der Praxis kam es trotzdem zu intra-arteriellen Injektionen, mit der Folge,


dass teilweise der ganze Arm des Patienten amputiert werden musste. Der
BGH stellte dazu fest, dass an die Aufklärung über spezifische Gefahren, die
von einem Arzneimittel ausgehen, besonders strenge Anforderungen zu steI-
len sind. Gefordert wurde, dass auf die bei intra-arterieller Injektion drohende
Gefahr (Amputation der Extremität) ausdrücklich hätte hingewiesen werden
müssen. Da eine Fehlinjektion besonders häufig bei der in der Praxis regelmä-
ßig geübten Injektion in der Armbeuge auftrat, hätte auch ein Hinweis darauf
erfolgen müssen, dass ESTIEL hier nicht zu injizieren ist.

• Instruktion über möglichen Fehlgebrauch


(
Warnhinweise müssen ferner über einen nicht ganz fern liegenden Fehlgebrauch
erfolgen, der durch die Konstruktion der Produkte nicht vermieden werden
könnte. Der Bundesgerichtshof hob diese Anforderung in den sogenannten
Kindertee-Fällen ausdrücklich hervor (BGH NJW 1995, 1286; NJW 1994, 932
und NJW 1992, 560).

"Kindertee"

Die stark zuckerhaitigen Kindertees eines Herstellers wurden teilweise ge-


meinsam mit einem von einem dritten Hersteller produzierten Trinkfläschchen
vertrieben. Die Tees waren darüber hinaus teilweise als "Gute-Nacht-Trunk"
beworben worden und führten bei längerem Überlassen an Kleinkinder dem
mit den zuckerhaitigen Tee befüllten Trinkfläschchen zu einem Umspülen der
Oberkieferschneidezähne und gleichzeitig zum Abspülen des Speichelschutzes
mit der Folge schwerer Kariesschäden.

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Rev. 011Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 35
Akaoem:e

Der BHG stellte dazu fest, dass Warn hinweise vor den in dem Produkt liegen-
den Gesundheitsgefahren so deutlich erfolgen müssen, dass die Gefahren für
den Produktverwender erkennbar sind. Die Warnhinweise dürfen darüber hi-
naus nicht in allgemeinen Verwendungshinweisen enthalten sein, sondern sind
drucktechnisch hervorzuheben und zusammen mit einer Folgenwarnung zu
verbinden, welche Gesundheitsrisiken bei Nichtbeachtung drohen.

Diese Instruktionspflichten des Herstellers erfassen lediglich den nicht fern-


liegenden Fehlgebrauch; für bewussten Missbrauch eines Produkts muss
der Hersteller jedoch keine Hinweise erteilen. Der Hersteller von Klebstoffen,
Kältemitteln oder Gasen muss damit nicht vor den Folgen des sogenannten
Sniffing warnen und darauf hinweisen, dass die Stoffdämpfe nicht zum Zwecke
der Berauschung inhaliert werden dürfen (OLG Karlsruhe NJW-RR 2001, 1174).

• Reduzierte Instruktionspflichten bei Fachpublikum

Besteht der Kreis der Produktverwender ausschließlich aus Fachpublikum,


kann der Umfang der Instruktionspflichten auf diejenigen Informationen re-
duziert werden , die über das als bekannt vorauszusetzende Fachwissen der
Produktverwender hinausgehen.

• Sprache und Symbole für Instruktionen

Instruktionen für ein in Deutschland vertriebenes Produkt müssen in deutscher


Sprache abgefasst sein. Soweit auch innerhalb Deutschlands damit zu rechnen
ist, dass das Produkt an Verwender geliefert wird, die der deutschen Sprache
nicht mächtig sind, müssen außerdem möglichst allgemeinverständliche be-
kannte und aussagekräftige Gefahrensymbole (Piktogramme) verwendet wer-
den (vgl. BGH NJW 1987, 372). Ist das Produkt auch für den Export bestimmt,
müssen die Instruktionen auch in der Sprache des Landes abgefasst sein, in
dem das Produkt vertrieben werden soll; bei einigen Exportländern - insbeson-
dere in vielen ehemaligen Kolonialstaaten - ist darauf zu achten, dass neben ei-
ner offiziellen Amtssprache zudem weitere Verwendersprachen existieren. Um
Haftungsauseinandersetzungen mit der jeweiligen Vertriebsgesellschaft zu ver-
meiden, sollte der Hersteller im eigenen Interesse dafür Sorge tragen, dass die
Instruktionen in der Sprache der jeweiligen Exportländer erstellt werden. Beim
Einsatz von Piktogrammen ist im Fall des Exports wiederum zu beachten, dass
sich im US-ameri kanischen Bereich andere Piktogramme (vgl. ANSI) entwickelt
haben, als im europäischen Rechtsraum (vgl. DIN-CEN).

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Seite 36 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
A.~adomie

3.1.4 Produktbeobachtung

Die Pflichten des Herstellers im Rahmen der Produktverantwortung sind mit


dem In-Verkehr-Bringen des von ihm entwickelten und hergestellten Produkts
nicht beendet. Dem Hersteller obliegt nach dem In-Verkehr-Bringen die soge-
nannte Produktbeobachtungspfiicht. Grundgedanke ist, dass der Hersteller mit
seinem Produkt eine "dauernde Gefahrenquelle" in den Verkehr gegeben hat,
mit der Folge, dass er einer Beobachtungspflicht vor allem hinsichtlich des et-
waigen Auftretens bisher unerkannter Gefahren unterliegt. Allgemein wird dabei
unterschieden zwischen der aktiven und der passiven Produktbeobachtung .

Aktive Produktbeobachtung

Im Rahmen der aktiven Produktbeobachtung ist der Hersteller verpflichtet,


( durch eigenes, von ihm iniziiertes Tätigwerden Informationsquellen (wissen-
schaftliche Publikationen, Fachveranstaltungen/Messen) auszuwerten, durch
Beobachtung der Produktentwicklung der wichtigsten Mitbewerber sowie durch
Beobachtung des Verhaltens seines Produktes in Verbindung mit Zubehörteilen
oder Produkten von Wettbewerbern Erkenntnisse über sein Produkt und dessen
Verwendung zu erlangen.

Die gewonnenen Ergebnisse müssen vom Hersteller im Hinblick auf etwaige


Produktfehler, die vor In-Verkehrgabe des Produktes noch unbekannt waren,
ausgewertet werden . Als Folge der Auswertung ist vom Hersteller sodann zu
entscheiden, ob

• die bisherige Konstruktion des Produktes oder der zugelieferten Teilprodukte


für die künftigen Produktreihen zu ändern ist oder

• weitere Gefahrenhinweise für die Produktverwender aufzunehmen sind oder


( • ein Rückruf wegen Produktfehler erforderlich ist, die bereits zum Zeitpunkt
des In-Verkehr-Bringens bestanden, jedoch unerkannt geblieben sind.

Während der Hersteller - je nach den Umständen des konkreten Falles - zur
Änderung der Konstruktion und zu weiteren Warn hinweisen im Rahmen der
Instruktionspfiicht verpfiichtet ist, ist unter Juristen nach wie vor umstritten, ob
der Hersteller grundsätzlich auch zum Rückruf - insbesondere auf seine eigenen
Kosten - verpflichtet ist oder nicht. Allerdings sollte von Seiten des Herstellers
beachtet werden , dass ein Rückruf als präventive Maßnahme angezeigt ist, um
mögliche finanzielle Risiken aufgrund des Eintretens einer Produkthaftung im
Vorfeld zu vermeiden.

Beim Rückruf bestehen generell zwei Formen. Zum einen der stille Rückruf, der
ohne Nutzung der Medien in der Regel ausreichend ist, wenn allein durch die
Kontaktaufnahme mit dem Vertriebspartner sowie den namentlich bekannten
Erwerbern des Produktes sichergestellt werden kann, dass die Gefahr, die
durch das Produkt entsteht, sicher ausgeschaltet wird. Ist eine solche stille

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 37
Akademie

Kontaktaufnahme nicht möglich und sind bedeutende Rechtsgüter gefährdet


(Leben, Gesundheit), so ist ein öffentlicher Rückruf durch Aufruf in den Print-
und Internetmedien durchzuführen.

Passive Produktbeobachtung

Neben der aktiven Beobachtungspflicht hat die Rechtsprechung dem Hersteller


eine generelle Pflicht zur passiven Produktbeobachtung auferlegt. Der Hersteller
muss also Mängelanzeigen von Kunden oder Vertriebspartnern, Beschwerden
sowie generell Rückmeldungen aus dem Markt erfassen und auswerten .
Entscheidend ist, dass der Hersteller die Reaktion aus dem Markt dokumentiert,
also ein entsprechendes Reklamations- und Beschwerdebuch führt.

3.2 Verkehrssicherungspflichten nach dem Geräte· und


Produktsicherheitsgesetz (GPSG)

Die von der Rechtsprechung näher konkretisierten Verkehrssicherungspflichten


für die Haftung nach dem ProdHaftG oder nach § 823 BGB (Produzentenhaftung)
bestimmen, wann ein Produkt qualitativ "sicher" ist und keine Haftung für den
Hersteller auslöst. Grundgedanke ist, dass das Risiko der zivilrechtlichen
Haftung den Hersteller dazu anhält, sichere Produkte in den Verkehr zu bringen.

Daneben hat der Gesetzgeber weitere Vorschriften erlassen, die bestimmen,


wann ein Produkt "sicher" ist, in den Warenvertrieb aufgenommen werden
darf und sein In-Verkehr-Bringen durch behördliche Maßnahmen nicht unter-
sagt werden kann . Der Gesetzgeber hat - vorwiegend ein politisch motiviertes
- Interesse, dass nur sichere Produkte in den Verkehr gebracht werden, und
insbesondere der Verbraucher nicht gefährdet wird. Grundgedanke dieser ge-
setzlichen Vorschriften ist also nicht, den Hersteller aufgrund der Gefahr ei-
ner zivilrechtlichen Haftung zur Produktqualität anzuhalten. Grundgedanke ist,
durch das unmittelbare Definieren von Produktstandards und ihrer Kontrolle
durch staatliche Behörden für Produktqualität zu sorgen. Die Produktsicherheit
in diesem Sinn dient damit dem vorbeugenden (präventiven) Verbraucherschutz
bzw. im Bereich echter technischer Arbeitsmittel dem Arbeitsschutz.

Die für Deutschland zentralen Vorschriften für diesen Bereich des Produktsi-
cherheitsrechtes sind im Geräte- und Produktsicherheitsgesetz (GPSG) vom
01.05.2004 normiert. Dieses Gesetz geht - ähnlich wie das ProdHaftG - auf
eine europäische Richtlinie (Richtlinie 2001/95/EG vom 03.12.2001) über
die allgemeine Produktsicherheit zurück. Damit sind auch die wesentlichen
Inhalte des GPSG innerhalb der Europäischen Union weitgehend ähnlich
ausgestaltet. Darüber hinaus wurden auch in den meisten für Deutschland
relevanten Exportstaaten außerhalb der Europäischen Union ähnliche
Sicherheitsvorschriften erlassen, wie sie das GPSG vorsieht.

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Seite 38 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
Akadomie

3.2.1 Wofür gilt das GPSG?

Das GPSG gilt für das In-Verkehr-Bringen von Produkten, wie es in § 2 Abs. 8
GPSG beschrieben ist:

"... jedes Überlassen eines Produkts an einen anderen, unabhän-


gig davon, ob das Produkt neu, gebraucht, wieder aufgearbeitet oder
wesentlich verändert worden ist. Die Einfuhr in den Europäischen
Wirtschaftsraum steht dem Inverkehrbringen eines neuen Produkts
gleich ."

Mit dem Begriff "jedes Überlassen an einen anderen" ist genau das gemeint,
wie es geschrieben ist: Jeder Wechsel des Produkts aus der Herstellersphäre
in die Sphäre einer anderen Person hat zur Folge, dass das GPSG eingreift. Im
Unterschied zum ProdHaftG kommt es dabei nicht darauf an, ob das Produkt
vom Erwerber für den privaten Ge-lVerbrauch bestimmt ist oder verwendet wird.
(
"In-Verkehr-Bringen" nach dem GPSG meint also schlichtweg jeden Wechsel
des Produktes von einer Sphäre in eine andere Sphäre.

Ein Produkt nach dem GPSG kann entweder ein technisches Arbeitsmittel
oder ein Verbraucherprodukt sein (§ 2 Abs. 1 GPSG). Das bedeutet, dass
das GPSG nicht nur dann einschlägig ist, wenn Gebrauchsgegenstände und
sonstige Produkte, die für den Verbraucher bestimmt oder von ihm unter ver-
nünftigerweise vorhersehbareren Bedingungen benutzt werden können, in
den Verkehr gebracht werden, sondern auch dann, wenn verwendungsferti-
ge Arbeitseinrichtungen von der Sphäre des Herstellers in die Sphäre eines
anderen Unternehmers gebracht werden . Gleichgültig, ob es sich um eine
Papierwalze, eine Druckmaschine oder eine Lackierstraße handelt; in all diesen
Fällen kann das GPSG einschlägig sein.

Dienstleistungen sind vom GPSG nicht erfasst und wurden bereits aus der EG-
Produktsicherheitsrichtlinie (2001/95/EG) bewusst ausgeklammert. Dem GPSG
(
vergleichbare gesetzliche Vorschriften für Dienstleistungen - also ein "öffent-
liches Dienstleistungsrecht" - bestehen derzeit ebenfalls nicht.

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Rev. 011 Stand: Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 39
Verkehrssicherungspflichten nach dem GPSG

In.Verkehr·Sringen von Verbraucherprodukten oder technischen Anlagen


1,------ -- - zulässig, wenn - - - -'1

§ 4 Abs. 1 GPSG § 4 Abs. 2 GPSG

Produktanforderungen derin § 4 Abs.1 keine Gefährdung der


GPSG genannten,jeweils relevanten • Sicherheit und Gesundheit von
Rechtsverordnung erfüllt Verwendem oder Dritten
z. B.: • Maschinenverordnung (9. GPSGVj • bei bestimmungsgemäßerVerwendung
• Spielzeugverordnung (2. GPSGVj odervorhersehbarerFehlanwendung
~
Gesamtbewertung

Kontrolle und ggf. beschränkendeMaßnahmen durch Sicherheitsbehörden

Abb. 11: Verkehrsicherungs-


pflichten nach dem GPSG

Zwingende Voraussetzung für das In-Verkehr-Bringen von Produkten ist, dass


sie mit dem "Qualitätskatalog" des § 4 GPSG übereinstimmen. Diese Norm re-
gelt, wann ein Produkt in rechtlich zulässiger Weise in den Verkehr gebracht
werden darf und wann nicht. Bei diesen Regelungen handelt es sich gewis-
sermaßen um ein behördliches Warenvertriebsrecht. Genügen die Produkte
des Herstellers nicht dem Qualitätskatalog des § 4 GPSG, handelt es sich um
ein im rechtlichen Sinn unzulässiges Produkt. Diese Tatsache kann eine er-
hebliche Rolle dafür spielen, ob und in welchem Umfang der Hersteller nach
dem ProdHaftG haftet oder nicht, ob und in welchem Umfang behördliche
Maßnahmen aufgrund des GPSG getroffen werden dürfen oder nicht und ob
und in welchem Umfang verantwortliche Mitarbeiter des Herstellers strafrecht-
lich in Haftung genommen werden können oder nicht.

Wann ein Produkt "zulässig " ist nach § 4 GPSG, beurteilt sich wie folgt:

Nach Abs. 1 dieser Vorschrift gilt für Produkte, für die eine Rechtsverordnung
nach § 3 Abs. 1GPSG existiert, dass das jeweilige Produkt die Anforderungen der
einschlägigen Rechtsverordnung erfüllen muss. Bei diesen Rechtsverordnungen
handelt es sich beispielsweise um

• die Maschinenverordnung (9. GPSGV) in Umsetzung der EG-Maschinen-


richtlinie 98/37/EG ,

• die PSA-Verordnung (8. GPSGV) in Umsetzung der Richtlinie über persön-


liche Schutzausrüstungen 89/686/EWG ,

• die Spielzeugverordnung (2. GPSGV) in Umsetzung der EG-Spielzeugricht-


linie 88/378/EWG oder

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Seite 40 - 2.1-C QM Rev. 011 Stand: Dezember 2009
Akademie

• die Verordnung über Aerosolpackungen (13. GPSGV) in Umsetzung der


EG-Aerosolpackungen-Richtlinie 75/324/EWG.

Entspricht also etwa das vom Hersteller produzierte Spielzeug auto den
Anforderungen, wie sie in der Spielzeugverordnung (2. GPSGV) beschrieben
sind, ist das Spielzeugauto ein "zulässiges" Produkt nach dem GPSG.

Soweit für das Produkt keine Verordnung nach § 3 Abs. 1 GPSG besteht, beur-
teilt sich seine "Zulässigkeit" nach § 4 Abs. 2 GPSG . Danach darf das Produkt in
Verkehr gebracht werden, wenn es - im Sinn einer allgemeinen Formel- so be-
schaffen ist, dass Sicherheit und Gesundheit von Verwendern oder Dritten nicht
gefährdet werden. Bei der Beurteilung, ob ein Produkt diesen Anforderungen
genügt oder nicht, sind sämtliche Umstände zu berücksichtigen, wie sie bereits
von der Rechtsprechung für die Haftung nach dem Produkthaftungsgesetz für
maßgeblich erachtet wurden:
( • die Eigenschaften des Produkts einschließlich seiner Zusammensetzung,
Verpackung , der Anleitung für seinen Zusammenbau, der Installation, der
Wartung und der Gebrauchsdauer;

• die Einwirkung auf andere Produkte, soweit die Verwendung mit anderen
Produkten zu erwarten ist;

die Darbietung, Aufmachung im Handel, Kennzeichnung, Warnhinweise,


Gebrauchs- und Bedienungsanleitungen und Angaben für die Beseitigung
sowie alle sonstigen produktbezogenen Angaben oder Informationen;

• die Gruppe von Verwendern, die bei der Verwendung des Produkts einer
größeren Gefahr ausgesetzt sind als andere.

In der Praxis bedeutet dies, dass der Hersteller eine Eigenbewertung zunächst
aufgrund der jeweils einschlägigen Rechtsverordnung (§ 4 Abs. 1 GPSG) vor-
nimmt und - soweit keine solche Rechtsverordnung für das relevante Produkt
(
besteht - der Maßstab für die Sicherheitskonformität auf Basis der allgemeinen
Formel des § 4 Abs. 2 GPSG vornehmen muss.

3.2.2 Ausschluss der "vorhersehbaren Fehlanwendung"

Ein Produkt ist nach § 4 Abs. 1 oder 2 GPSG für den Warenvertrieb zuläs-
sig, wenn die Sicherheitserwartungen des potentiellen Adressatenkreises er-
füllt werden. Beide Normen des GPSG stellen darauf ab, dass das Produkt
die "bei bestimmungsgemäßer Verwendung oder bei der vorhersehbaren
Fehlanwendung" mögliche Gefährdung ausschließt. Nach § 2 Abs. 6 GPSG ist
die "vorhersehbare Fehlanwendung" definiert als die

"Verwendung eines Produkts in einer Weise, die von demjenigen,


der es in Verkehr bringt, nicht vorgesehen ist, sich jedoch aus dem
vernünftigerweise vorhersehbaren Verhalten des jeweilig zu erwar-
tenden Verwenders ergeben kann ."

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Rev. 011 Stand : Dezember 2009 2.1-C QM - Seite 41
Akademie

Die behördliche Überwachung erstreckt sich also auch auf solche Produkte, die
zu einer vorhersehbaren Fehlanwendung führen können . Bewusster Missbrauch
ist, wie auch im Rahmen der Produkt- und Produzentenhaftung, ausgeschlos-
sen. Zur Vermeidung behördlicher Maßnahmen ist daher für den Hersteller ent-
scheidend, dass er die hausinterne Kommunikation in das Qualitätsmanagement
einbindet. Meldungen aus dem Markt, insbesondere Beschwerden von Kunden,
müssen darauf gesichtet und bewertet werden, welche Fehlverhaltensweisen mit
dem Produkt vorgenommen werden um erforderliche Konsequenzen für etwa
die Darbietung und Aufmachung im Handel oder den Umfang der Warnhinweise
oder die Gestaltung der Verpackung zu treffen .

3.2.3 Besondere Sicherungspflichten für Verbraucherprodukte

Über den Qualitätskatalog nach § 4 GPSG hinaus unterliegen Hersteller von


Verbraucherprodukten besonderen Sicherungsvorschriften nach § 5 GPSG .

Zunächst besteht die Pflicht zur Hersteller- und Produktinformation auf dem
Produkt selbst oder der Verpackung des Produktes. Der Hersteller oder
Importeur muss seinen Namen und seine Adresse auf dem Produkt bzw. auf der
Verpackung anbringen und das Verbraucherprodukt so kennzeichnen, dass es
eindeutig identifiziert werden kann. Im juristischen Schrifttum wird überwiegend
vertreten, dass die Angabe einer Internet-Adresse diese Voraussetzungen nicht
erfüllt, gemeint sei vielmehr die postalische Anschrift. Anliegen des Gesetzgebers
an dieser Stelle ist die Rückverfolgbarkeit des Verbraucherproduktes.

Der Hersteller ist weiterhin zur Vorhaltung eines Rückrufmanagements ver-


pflichtet. Nach § 5 Abs. 1 Nr. 1c) GPSG haben die Hersteller

"Vorkehrungen zu treffen, die den Eigenschaften des von ihnen in den


Verkehr gebrachten Verbraucherprodukts angemessen sind, damit sie
im Stande sind, zur Vermeidung von Gefahren geeignete Maßnahmen
zu veranlassen , bis zur Rücknahme des Verbraucherprodukts, der
angemessenen und wirksamen Warnung und dem Rückruf."

Auch wenn das Gesetz nach seinem Wortlaut nur von "Vorkehrungen" spricht,
wird damit in der Sache verlangt, dass ein System "für den Ernstfall" vorgehal-
ten wird, also ein Rückrufmanagement existiert, das geeignet ist, auftretende
Gefahren für den Verbraucher wirksam zu bekämpfen . Das Bestehen eines sol-
chen Rückrufmanagements unterliegt, ebenso wie die Einhaltung der Pflichten
nach § 4 GPSG, der staatlichen Kontrolle.

Schließlich sind die Hersteller nach § 5 Abs. 1 Nr. 2 GPSG verpflichtet, ei-
ne "Nachmarkt"-Kontrolle durchzuführen. Das GPSG beschreibt die-
se Kontrolle beispielhaft mit der Durchführung gebotener Stichproben,
der Prüfung von Beschwerden und der Führung eines Beschwerdebuchs/
Beschwerdemanagements.

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Akademie

3.2.4 Behördliche Produktüberwachung

Das GPSG ermächtigt staatliche Stellen, das In-Verkehr-Bringen technischer


Arbeitsmittel und Verbraucherprodukte zu kontrollieren. Nachdem die beson-
deren Sicherungspflichten für den Hersteller von Verbraucherprodukten (§ 5
GPSG) diesem auch beim In-Verkehr-Bringen obliegen, erfasst die staatliche
Kontrolle auch diese besonderen Sicherungspftichten . § 8 Abs. 4 GPSG gibt
staatlichen Stellen nach einem abgestuften System unterschiedlich schwerwie-
gende Kompetenzen , das In-Verkehr-Bringen von "unzulässigen" Produkten im
Sinn von § 4 GPSG zu verhindern.

Behörden sind danach befugt, etwa das Anbringen von verständlichen oder
ausführlicheren Warnhinweisen anzuordnen oder vorübergehend das weitere
In-Verkehr-Bringen eines Produktes für eine begrenzte Zeit zu verbieten.

( Behörden sind darüber hinaus befugt, das In-Verkehr-Bringen von Produkten,


die nicht § 4 GPSG entsprechen, allgemein zu verbieten . Dem Hersteller wird
damit untersagt, den weiteren Warenvertrieb überhaupt vornehmen zu dür-
fen. Eine solche Maßnahme greift erheblich in die unternehmerische Freiheit
ein, nachdem sich der Hersteller in der Regel in langfristigen vertraglichen
Beziehungen, ggf. verbunden mit erheblichen Vertragsstrafen befindet oder et-
wa als Zulieferer Just-in-time-Lieferungen zwingend einhalten muss.

Ferner kann die Behörde den Rückruf eines Produktes gegenüber dem Hersteller
anordnen oder - soweit andere wirksame Maßnahmen nicht rechtzeitig greifen
- selbst an die Öffentlichkeit gehen und vor dem Produkt warnen.

Sämtliche dieser Maßnahmen stehen nach § 8 Abs . 4 GPSG unter dem Vorbehalt,
dass der Hersteller selbst nicht hinreichend tätig wird und Eigenmaßnahmen er-
greift, wie sie vom GPSG gefordert sind.

(
3.2.5 CE-Kennzeichnung und GS-Zeichen

Sowohl die CE-Kennzeichnung als auch das GS-Zeichen ("Geprüfte Sicherheit")


sind Kennzeichen dafür, dass ein Produkt ein Konformitätsbewertungsver-
fahren erfolgreich abgeschlossen hat. Während die CE-Kennzeichnung auf
einer Vielzahl von europäischen CE-Richtlinien beruht, die die einzelnen
Voraussetzungen definieren, ist Rechtsgrundlage für die Vergabe des GS-
Zeichens das GPSG .

Nach § 7 Abs. 1 GPSG sind Prüfmaßstab für das GS-Zeichen zum einen die
Anforderungen nach § 4 GPSG ("zulässiges Produkt") sowie darüber hinaus an-
derer dort genannter Vorschriften hinsichtlich der Gewährleistung von Sicherheit
und Gesundheit von Produkten, wie etwa hygiene- oder lärmrechtliche gesetz-
liche Vorgaben.

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Rev. 01 1Stand: Dezember 2009 2. 1-C QM - Seite 43
Zusammenfassend lässt sich für das GPSG festhalten:

• Das GPSG definiert Sicherungspflichten für den Hersteller, die er einzuhal-


ten hat, damit sein Produkt "sicher" im Sinn des GPSG ist.

• Erfüllt das Produkt nicht diese Anforderungen nach dem GPSG, darf es juri-
stisch gesehen nicht in den Verkehr gebracht werden.

• Für Verbraucherprodukte muss der Hersteller zwingend über seinen Namen


und seine Anschrift informieren, ein Rückrufmanagement vorhalten sowie
eine Nachmarkt-Kontrolle durchführen.

• Erfüllt der Hersteller die Pflichten nach dem GPSG nicht, können behörd-
liche Maßnahmen gegenüber dem Hersteller getroffen werden, bis hin zum
Verbot des In-Verkehr-Bringens des Produktes oder der zwangsweisen
Anordnung für einen Produktrückruf.

• Die CE-Kennzeichnung und das GS-Zeichen sind Kennzeichen für den er-
folgreichen Abschluss eines Konformitätsbewertungsverfahrens, dass ein
Produkt den europarechtlichen bzw. deutschen gesetzlichen Vorgaben ent-
spricht. Diese Kennzeichen dienen - neben dem Marketing gegenüber dem
Verbraucher - in erster Linie dem Konformitätsnachweis gegenüber staatli-
chen Stellen.

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Seite 44 - 2.1-C QM Rev. 01 I Stand: Deze mber 2009
A.i(ademie

4 Internationale und aktuelle Aspekte der Produkthaftung

4.1 Internationale Dimension der Produkthaftung

Im Zuge der Globalisierung und der nach wie vor anhaltenden Entwicklung
des Exports deutscher Produkte treten immer mehr grenzüberschreiten-
de Produkthaftungsfälle auf. Hersteller, Zulieferer, Vertriebspartner und
Produktverwender können ihren Wohnort bzw. ihren Sitz in verschiedenen
Staaten haben. Zwar sind innerhalb der Mitgliedsstaaten der EU viele
Regelungen über die Produkthaftung sowie der gesetzlichen Vorgaben für die
Sicherheit von Produkten harmonisiert, also angepasst, nachdem die entspre-
chenden Rechtsvorschriften auf EG-Richtlinien zurückzuführen sind. Dennoch
gibt es sowohl innerhalb als auch außerhalb der Europäischen Union erhebliche
Unterschiede zwischen den Haftungssystemen der Produktverantwortung. Es
stellt sich damit nicht nur die Frage, welches Recht auf einen Produkthaftungsfall
( anwendbar ist, sondern auch, ob und in welchem Umfang im Zweifel gegen den
deutschen Hersteller gerichtlich vorgegangen werden kann.

4.1.1 Haftung nach ausländischem Recht

Welches Recht auf einen grenzüberschreitenden Produkthaftungsfall anzuwen-


den ist, bestimmt sich nach den Regelungen über das sogenannte Internationale
Privatrecht. Das Internationale Privatrecht regelt also nicht, wie ein Fall entschie-
den wird, sondern nach welchem Recht. Innerhalb der Europäischen Union be-
stimmt Artikel 5 Absatz 1a) der Rom-Ii-Verordnung 3, dass regelmäßig das Recht
desjenigen Staates anwendbar ist, in dem die geschädigte Person bei Eintritt
des Schadens ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, sofern das Produkt in die-
sem Staat in Verkehr gebracht wurde.

Wird also das Produkt des deutschen Herstellers in Spanien vertrieben und
(
von einem in Spanien ansässigen Verbraucher erworben, der einen Schaden
erleidet, so ist spanisches Produkthaftungsrecht anzuwenden.

Nach Artikel 14 der Rom-li-Verordnung besteht die Möglichkeit, dass auf


den Produkthaftungsfall anwendbare Recht frei zu wählen; sobald einer der
Beteiligten ein Verbraucher ist, kann die Rechtswahl jedoch erst nach Eintritt
des Produkthaftungsfalles getroffen werden.

Soweit die Rom-li-Verordnung nicht eingreift, insbesondere der geschädigte


Produktbenutzer nicht Angehöriger eines Mitgliedstaates der Europäischen
Union ist, wird regelmäßig das Recht des Staates anwendbar sein, in dem das
Produkt auf den Markt gebracht wurde (vgl. Art. 40 ff. EGBGB); in der Praxis ist
jedoch nicht ausgeschlossen, dass in solchen Fällen juristischer Streit um Frage
des anwendbaren Rechts entstehen kann.
3 Verordnung (EG) Nr. 864/2007 des europäischen Parlaments und Rates 11 .07.2007 über das
in außervertragliche Schuldverhältnisse anzuwendende Recht (Rom-li) ABL EG L 199/40 vom
31 .07.2007

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International einheitliche Regelungen - über den Bereich der EU hinausgehend


- fehlen bislang.

So entscheidet tendenziell ein US-amerikanisches Gericht, das mit einem


Produkthaftungsfall befasst ist, zugunsten der Anwendbarkeit des US-
amerikanischen Produkthaftungsrechts.

Für Ansprüche auf Gewährleistung oder Garantie ist entweder das von den
Vertragspartnern frei gewählte Recht oder - mangels Rechtswahl - das Recht
desjenigen Staates anwendbar, in dem der Verbraucher seinen gewöhnlichen
Aufenthalt hat.

Festzuhalten bleibt an dieser Stelle bereits, dass in den vertraglichen


Vereinbarungen über die Herstellung und/oder Lieferung von (Teil-) Produkten
Klauseln über das anzuwendende Recht und den Gerichtsstand aufgenommen
werden sollten, soweit das zwingende Gesetzesrecht dies erlaubt. Durch ver-
tragliche Gestaltung kann damit ein Tei l des Produktrisikos gesteuert werden.

Das jeweils anwendbare öffentliche Produktsicherheitsrecht (vergleichbar dem


GPSG), also diejenigen Regeln, die festlegen, ob Produkte einer Zulassung
bedürfen und welche technischen Standards die Produkte zu erfüllen ha-
ben, bestimmt sich nach dem Staat, in dem die Produkte vertrieben werden .
Werden die Produkte also auf dem US-amerikanischen Markt eingeführt, gilt
US-amerikanisches (öffentliches) Sicherheitsrecht und ist vom Hersteller einzu-
halten.

4.1.2 Haftung durch Vollstreckung im Aus- und Inland

Ergeht ein Urteil zu Lasten des deutschen Herstellers durch ein deutsches
Gericht, ist dieses Urteil ohne weiteres innerhalb Deutschlands vollstreckungs-
fäh ig.

Ein deutscher Hersteller kann jedoch auch vor einem ausländischen Gericht
verklagt und verurteilt werden . Diese sogenannte Gerichtszuständigkeit ist völlig
unabhängig davon, welches Recht auf den Produkthaftungsfall anwendbar ist.
Wird der deutsche Hersteller vom ausländischen Gericht zum Schadensersatz
verurteilt und weigert sich zu zahlen, kann dieses Urteil im Gerichtsstaat voll-
streckt werden , sofern der deutsche Hersteller dort Vermögen (Bankkonten,
Betriebsstätte usw.) hat.

Die Vollstreckung eines ausländischen Urteils in Deutschland, etwa durch


Pfändung von Bankkonten, ist ebenfalls weitgehend möglich . Jedenfalls
zwischen den Mitgliedsstaaten der EU sowie im Verhältnis der einzelnen
Mitgliedstaaten zu den USA können Urteile aus diesen Staaten auch innerhalb
Deutschlands vollstreckt werden.

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A.!c.a<.!amie

Als Grundsätze bleiben festzuhalten:

Der deutsche Hersteller muss nicht nur damit rechnen, dass ein
Produkthaftungsfall wegen eines Produktfehlers nach ausländischem Recht
beurteilt wird.

• Er muss ferner damit rechnen, dass er vor ausländischen Gerichten nach


fremdem Recht wegen eines Produktfehlers verklagt werden kann, dass ein
gegen ihn ergehendes ausländisches Urteil in sein Auslandsvermögen voll-
streckt und - in Europa und den USA - auch in sein inländisches Vermögen
vollstreckt werden kann .

Vor dem Eintritt in den internationalen oder gar weltweiten Vertrieb von
Produkten sollte daher zumindest eine Grundkenntnis der Produkthaftung der
jeweiligen Märkte bestehen.

(
4.2 Aktuelle Aspekte der Produkthaftung

Fü rden Bereich der Konformitätsbewertungsverfahren und der Marktü berwach ung


ist am 02.09.2008 eine neue EG-Verordnung (Verordnung (EG) 765/2008 vom
09.07.2008) in Kraft getreten, die ab 01.01.2010 in jedem Mitgliedstaat der EU
unmittelbar anwendbar ist. Mit dieser Verordnung werden neue Regelungen
für die Organisation und Durchführung von Konformitätsbewertungsverfahren
(v.a. CE-Kennzeichnung) vorgegeben, sowie ein verbindlicher Rechtsrahmen
für eine stärkere Marktüberwachung durch die Sicherheitsbehörden. Die
Behörden sind danach etwa in größerem Umfang als bisher zur Anordnung
eines Produktrückrufs oder eines Vertriebsstopp ermächtigt.

Für Maschinen und Anlagen werden ab Ende 2009 teilweise neue Regelungen
für das In-Verkehr-Bringen gelten. Die zugrunde liegende neue EG-
( Maschinenrichtlinie (Richtlinie 2006/42/EG vom 17.05.2006) ändert inhaltlich
die 9. GPSG-Verordnung. Diese Änderung tritt jedoch erst zum 29.12.2009 in
Kraft.

Weiterhin ist auf internationaler Ebene derzeit bei der Internationalen


Organisation für Standardisierung (ISO) ein Vorhaben in der Diskussion,
Produktrückrufe weltweit einheitlich zu normieren. Nachdem allerdings be-
reits der rechtliche Rahmen in den verschiedenen Staaten uneinheitlich oder
gänzlich nicht vorhanden ist, wird diese Vorlage kritisch bewertet. Verbindliche
Vorgaben wurden noch nicht getroffen.

Insbesondere im Hinblick auf die vorbezeichnete EG-Verordnung so-


wie die Änderungen der 9. GPSGV sind Änderungen für das bestehende
Qualitätsmanagement im Unternehmen erforderlich, die allerdings einer (auch
juristischen) Detailabstimmung bedürfen.

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Literaturverzeichnis

T. Pfeifer, R. Schmitt (w. Masing): Handbuch Qualitätsmanagement, 5. Auflage,


Carl Hanser Verlag, München 2007

C. Eisenberg, R Gildeggen, A. Reuter, A. Willburger: Produkthaftung, Oldenbourg


Verlag , München 2008

G. F. Kamiske, G. Umbreit (Hrsg.): Qualitätsmanagement, 3. Auflage, Carl


Hanser Verlag, Leipzig 2006

J. Ensthaler,A. Füssler, D. Nuissl: JuristischeAspektedes Qualitätsmanagements,


Springer Verlag , Berlin 1997

C. Bauer, Ch. Hinsch (Hrsg.): Produkthaftung - Herausforderung an Manager


und Ingenieure, Springer Verlag , Berlin 1994

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