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Plutarch, Biographie des Coriolan, Kap. 38 dt. Übs. K. Ziegler (Bd.

2, 1955 = 2010)
342 GAIUS MARCIUS UND ALKIBIADES GAIUS MARCIUS 343
37. Jetzt, da der Krieg ein Ende gefunden, gaben die Römer Färbungen an aus der Luft, die sie umgibt. Und was sollte die
noch deutlicher als während des Konfliktes zu erkennen, wel- Gottheit hindern, auf solche Weise gelegentlich ein Zeichen
che Angst sie ausge~tanden, in welcher Gefahr sie geschwebt zu geben? Es ist auch möglich, daß Standbilder Geräusche hö-
hatten. Kaum bemerkten die Posten auf der Mauer den Auf- ren lassen, die einem Ächzen oder Stöhnen ähnlich klingen.
bruch der Volsker, da öffneten sich auch schon die Tore der Ein Riß kann die Ursache sein oder ein Auseinanderklaffen der
Tempel, und die Bürger strömten zum Opfer herbei, bekränzt inneren Teile. Daß aber artikulierte Laute, klar und deutlich
wie zu einer Siegesfeier. Doch zeigte sich die Freude der Stadt ausgesprochene Worte sich in einem unbeseelten Gegenstand
nirgends schöner als in der Liebe und Verehrung, welche Se- formen können, steht außerhalb jeder Möglichkeit. Ist es doch
nat und Volk den Frauen entgegenbrachten. Alle waren von der Seele, ja selbst der Gottheit versagt, sich vernehmlich zu
der Überzeugung beseelt und sagten es frei heraus, daß man machen und zu sprechen, da ihnen der lebendige Leib mit sei-
nur ihnen die Rettung der Stadt zu verdanken habe. Ein Se- nen Sprechwerkzeugen fehlt. Wo uns aber die Geschichte in
natsbeschluß verpflichtete die Konsuln, den Frauen nichts zu eine Zwangslage versetzt, weil eine große Zahl vertrauens-
versagen, was immer sie sich zu Ehre und Dank erbitten soll- würdiger Zeugen die Überlieferung erhärtet, da schenken wir
ten. Allein sie hatten nur den einen Wunsch, daß man der schließlich einem Geschehnis Glauben, das hervorstiea aus
Glücksgöttin der Frauen einen Tempel errichte; sie selber "'
der Einbildungskraft der Seele und mit der sinnlichen Wahr-
wollten das Geld für den Bau zusammenlegen, während die nehmung wenig mehr zu tun hat, wie wir etwa im Schlaf zu
Stadt für die Mittel aufkommen sollte, welche die Opfer und hören glauben, ohne zu hören, zu sehen vermeinen, ohne zu
ein würdiger Gottesdienst verlangten. Der Senat war des Lo- sehen. Menschen freilich, die eine innige Liebe leidenschaft-
bes voll über den Eifer der Frauen, errichtete aber Tempel lich zu Gott hinzieht, denen es nicht möglich ist, derartige
und Standbild gleichwohl auf öffentliche Kosten. Doch ließen Erscheinungen zu verwerfen oder zu leugnen, solche Men-
es sich die Frauen nicht nehmen, unter sich eine Summe Gel- schen finden eine Bestätigung ihres Glaubens gerade im Wun-
des zusammenzusteuern und ein zweites Götterbild zu stiften. derbaren und Unbegreiflichen der göttlichen Macht. Denn
Als man es im Tempel aufstellte, ließ es, wie die Römer erzäh- mit menschlicher Art hat Gott nichts gemein, weder im We-
len, die Worte vernehmen: «Ihr Frauen, nach gottgefälligem sen noch in der Bewegung, weder im Wirken noch in der
Brauche habt ihr mich geweiht.' » Stärke, und es darf uns nicht befremden, wenn er tut, was wir
38. Man fabelt sogar, daß die Stimme sich zweimal habe nicht tun können, und wirkt, was unserem Wirken versao-t
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hören lassen, und will uns damit Dinge einreden, die wohl nie rnt, 1m Gegenteil: da er so ganz und gar andern Wesens ist als
vorgekommen und schwer zu glauben sind. Wenn man Göt- wir, muß der Unterschied gerade in den Werken am stärksten
terbilder gesehen hat, welche sich mit Schweiß bedeckten zutage treten.« Wenn sich das Göttliche», sagt Heraklit,« un-
oder Tränen, ja Blutstropfen vergossen, so ist das nicht un- serm Erkennen fast völlig entzieht, so deshalb, weil der Glau-
möglich; denn auf Gegenständen von Holz und Stein bildet be fehlt'.))
sich ja oft ein Schimmel, welcher Feuchtigkeit erzeugt. Sie 39. Als Marcius aus dem Felde nach Antium zurückkehrte,
bekommen auch von selber mancherlei Flecken oder nehmen faßte Tullus den Entschluß, ihn ohne Verzug aus dem Wege
38 fin: ἀλλὰ τῶν μὲν θείων τὰ πολλά, καθ᾽ Ἡράκλειτον
(Frg. 86 D5), ἀπιστίῃ διαφυγγάνει μὴ γινώσκεσθαι