Der Positive Ausgang Des Zweiten Vatikan
Der Positive Ausgang Des Zweiten Vatikan
Manfred Hauke*
* Prof. Dr. Manfred Hauke, Facoltà di Teologia di Lugano (Schweiz). Privatadresse: Via Roncaccio 7,
CH-6900 Lugano. E-Mail: manfredhauke@bluewin.ch
1 Heribert Schauf, Tagebuch zum zweiten Vatikanischen Konzil (1960–1965): mit Dokumenten aus dem
Apostolischen Archiv im Vatikan. Herausgegeben von Alexandra von Teuffenbach, Bautz Verlag, Nord-
hausen 2021, 489 Seiten.
Einige gewichtige Tagebücher von Konzilsteilnehmern, wie die von Yves Con-
gar und Sebastian Tromp (durch Alexandra von Teuffenbach), sind bereits ediert,
aber die kritische Herausgabe weiterer Tagebücher steht noch aus. Dominik Burkard
bezeichnet in seinem Vorwort (S. 7–8) zurecht die nun der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit vorliegende Quelle als „eines der wohl interessantesten Tagebücher
zum Zweiten Vatikanischen Konzil“ (S. 7). „Sein Verfasser, der Aachener Diözesan-
priester und von der Dogmatik herkommende Kanonist Heribert Schauf (1910–
1988), hatte als Konsultor das Konzil vorbereitenden ‚Theologischen Kommission‘
sowie während des Konzils als Peritus verschiedener Kommissionen und
Subkommissionen entscheidenden Anteil an zentralen Festlegungen des Konzils.
Durch seine Nähe zu dem einflussreichen Konzilstheologen und Kurialen Sebastian
Tromp SJ sowie als Vertreter des ‚Römischen Schule‘ verdient Schauf zudem be-
sonderes Interesse. Seine Eindrücke, Gespräche und Urteile hielt er in einem um-
fangreichen Tagebuch fest, das einen detail- und nuancenreichen Blick ‚hinter die
Kulissen‘ des Konzils gewährt. Schauf erscheint hier als scharf analysierender
Denker, der das markant konservative Profil seiner am Collegium Germanicum et
Hungaricum geschulten Theologie in die Konzilstexte einzubringen suchte. So ge-
lang es ihm, wesentlichen Einfluss vor allem auf die Konstitutionen Lumen Gentium
und Dei Verbum zu nehmen“ (S. 7f).
Die „Einleitung“ skizziert knapp, aber präzise die gegenwärtige Diskussion über
die Hermeneutik des Konzils (S. 9–14). Die Wertung des Befreiungstheologen Joseph
Comblin, der 1969 von einem „Sieg der neuen theologischen Bewegungen auf dem
Konzil“ gesprochen hatte, steht „in einem auffälligen Gegensatz zu Schaufs Urteil,
das Konzil sei ‚im Sinne der sog. Konservativen verlaufen, was die dogmatischen
Fragen und Aussagen angeht‘“ (S. 10f) (vgl. den vorletzten Eintrag des Tagebuches:
S. 336, geschrieben am 19. Dezember 1965 in Aachen). Dieses Urteil lässt sich von
der Sache her vergleichen mit der programmatischen Weihnachtsansprache Bene-
dikts XVI. am 22. Dezember 2005 vor der römischen Kurie, wonach die Reformen
des Zweiten Vatikanums als Teil eines „Entwicklungsprozesses des Neuen unter
Bewahrung der Kontinuität“ erscheinen (S. 11).
Die Herausgeber präsentieren dann das Konzilstagebuch (S. 15–30), für dessen
Edition sie drei noch vorhandene Exemplare benutzen konnten: das handschriftliche
Original im Archiv des Domkapitels von Aachen (Expl. A); „eine maschinenschrift-
liche Fassung mit einigen wenigen handschriftlichen Korrekturen meist ortho-
graphischer Art“ aus dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (Expl. B); eine weitere
maschinenschriftliche Fassung im Archiv der Bonner Kommission für Zeitgeschichte,
die neben zahlreichen formalen Korrekturen „auch Fußnoten und Anmerkungen aus
der Feder Schaufs enthält sowie um ein Personen- und Literaturverzeichnis ergänzt
wurde“ (Expl. C) (S. 15). Die von Schauf im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf hinter-
lassene Fassung trägt einen Sperrvermerk, der die Publikation erst nach dem Jahr
2000 zulässt (S. 8). Interessant ist das Bemühen Schaufs schon im September 1965
68 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen
Nach dem Tagebuch wird auch dessen Verfasser genauer vorgestellt (S. 31–48).
Heribert Schauf wurde am 8. August 1910 in Düren in der Eifel als Sohn eines Schul-
direktors geboren. Sein Studium begann im Sommersemester 1929 als Priesteramts-
kandidat des Bistums Aachen an der Universität Bonn, aber bereits zum Winter-
semester des gleichen Jahres sandte ihn sein Bischof, der damalige Kölner Kardinal
Karl Joseph Schulte, an die Gregoriana nach Rom. Dort erwarb er die Doktortitel in
Philosophie und Theologie (1932, 1937); in Rom empfing er auch die Priesterweihe
(am Christkönigsfest 1935). Seine theologische Dissertation zur Theologiegeschichte
der Römischen Schule (über Carlo Passaglia und Clemens Schrader) wurde von dem
holländischen Jesuiten Sebastian Tromp betreut, der an der Gregoriana Fundamental-
theologie sowie Religionsgeschichte lehrte. Schon seit 1935 wirkte Tromp im Heili-
gen Offizium mit und war als Vertrauter Pius‘ XII. an der Erstellung der Enzykliken
Mystici Corporis (1943), Mediator Dei (1947) und Humani generis (1950) beteiligt
(S. 32). Die persönlichen Kontakte zu Tromp blieben auch nach der Rückkehr Schaufs
in sein Heimatbistum im Jahre 1937 lebendig, zumal der holländische Jesuit familiä-
re Beziehungen zu Schaufs Heimat hatte (vgl. S. 135).
Da die Nationalsozialisten Schauf die Anerkennung seiner in Rom erworbenen
Abschlüsse verweigerten, sah er sich gezwungen, mitten im Krieg (1941) in Müns-
ter den theologischen Doktorgrad neu zu erwerben. Nach seiner Heimkehr nach
Deutschland wirkte Schauf mehrere Jahre als Kaplan und wurde 1943 zum Domvi-
kar ernannt mit einer zusätzlichen Aufgabe als Religionslehrer an der Oberstufe
verschiedener Gymnasien. Nach Kriegsende wechselte er in den akademischen
Lehrbetrieb: obwohl er über ein fundamentaltheologisches Thema promoviert hatte,
wurde er 1945 zum Professor für Kirchenrecht am noch jungen Priesterseminar des
Bistums Aachen ernannt; 1950–69 wirkte er zusätzlich als Subregens des Priester-
seminars. Ab 1946 übernahm er noch weitere Aufgaben im Bistum, beispielsweise
am Ehegericht, und wurde deshalb 1958 mit dem Titel eines Päpstlichen Ehren-
kämmerers ausgezeichnet.
Manfred Hauke 69
2 H.-J. Reudenbach, Verzeichnis der Veröffentlichungen von Heribert Schauf, in: Herbert Hammans –
H.-J. Reudenbach – Heino Sonnemans (Hrsg.), Geist und Kirche. Studien zur Theologie im Umfeld
der beiden Vatikanischen Konzilien. Gedenkschrift für Heribert Schauf, Paderborn u.a. 1991, 579–585.
70 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen
Die Übersicht zum Wirken Schaufs auf dem Zweiten Vatikanum (S. 49–79) be-
schreibt die Berufung und die Tätigkeit im Einzelnen (S. 49–62), die Gegnerschaft zu
Karl Rahner (S. 62–66), die Auseinandersetzung mit Hans Küng (betreffend das Ver-
hältnis zwischen Papst und Bischöfen, S. 66–69) und die Differenzen zum Verhältnis
von Schrift und Tradition (mit Geiselmann, Ratzinger und Kasper) (S. 70–79). Zu
widersprechen ist der These, dass die Diskussion über die Zweiquellentheorie als
„abgeschlossen“ gelten könne und die Ebene der Materialquelle dabei keine Rolle
mehr spiele (S. 71). Auf diesen Punkt kommen wir später zurück.
Editorische Hinweise
Die vorgelegte Edition „bietet den Text des Konzilstagebuchs von Heribert
Schauf, versehen mit einer zurückhaltenden Kommentierung, die sich auf Wesent-
liches beschränkt. Nicht ediert wird der von Schauf ursprünglich geplante Quellen-
anhang“ (S. 81). Gleichwohl bieten die Herausgeber in einem Kapitel über „Editori-
sche Hinweise“ eine Übersicht über diesen Anhang (S. 81–85). Dazu gehören
ungedruckt vorliegende und gedruckte Materialien. Bald soll ein weiterer Band fol-
gen mit ausgewählten Quellen aus der Konzilskorrespondenz von Schauf (S. 84).
Nach der Edition des Konzilstagesbuches selbst (S. 87–336), der mit erklärenden
Fußnoten bereichert wird, folgt das schon erwähnte chronologische Schriftenver-
zeichnis Heribert Schaufs, wobei freilich nur die Zeitungsartikel aufgenommen wur-
3 Wie der biographische Eintrag zu Mörsdorf richtig ausführt, war der Kirchenrechtler nur ganz kurz
im Jahr 1946 Professor in Münster und wechselte im gleichen Jahr nach München. Dort blieb er bis zu
seiner Emeritierung im Jahre 1977 (S. 410).
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Das Konzilstagebuch von Schauf (S. 87–336) bietet eine Fülle von Eindrücken
und Beobachtungen, deren Lektüre allen empfohlen werden kann, die sich einen le-
bendigen Eindruck verschaffen wollen über die Debatten während des Konzils.
Alexandra von Teuffenbach, die sich bereits 2004 über das damals noch nicht ge-
druckte Tagebuch äußerte, empfahl dessen Lektüre, um das Konzil „gegen den
Strom“ zu lesen (S. 22). Aus der Fülle der Eindrücke können wir im Rahmen unserer
Miszelle nur ein paar Beispiele herausgreifen.
Interessant sind bereits die Aufzeichnungen aus der Zeit der Vorbereitung des
Konzils (S. 87–154).
Das Tagebuch beginnt am 20. Juli 1960, als Schauf „beim Morgenfrühstück“ aus
der Tageszeitung von seiner Ernennung zum Mitglied der theologischen Vor-
bereitungskommission des geplanten Konzils erfuhr. Weitere Deutsche waren Albert
Stohr (Erzbischof von Mainz), Joseph Schröffer (Bischof von Eichstätt), Michael
Schmaus (Münchener Dogmatiker) und Johannes Brinktrine (Paderborner Dogmati-
ker). Schauf mutmaßt über die Motive, die zur Ernennung beigetragen haben (S. 88f).
Schon am ersten Tag betont er: „Zweck dieses Tagebuches soll sein, eine getreue
Wiedergabe der Ereignisse, Besprechungen usw. festzuhalten. Es geht also um a) die
nüchterne Beschreibung der eventa, der Tatsachen und b) sekundär um die Eindrücke,
die die Ereignisse, Gespräche, Diskussionen usw. hervorgerufen haben 1) bei mir 2)
bei andern“ (S. 89).
Schon bei der Beschreibung der ersten Monate werden im Hintergrund der
Konzilsvorbereitungen manche Spannungen in Theologie und Kirche deutlich. An
der Gregoriana gibt einen Gegensatz zwischen den „Alten“ („Hürth, Gundlach,
72 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen
Tromp, wohl auch Lennerz“) und den „Jungen“ („Alfaro, Flick, Fuchs usw.“) (S. 91).
Im August 1960 beklagt sich Michael Schmaus über die Aktivitäten des deutschen
Linkskatholizismus in den sogenannten „Werkheften katholischer Laien“, die der
Münchener Dogmatiker „Werkshefte ehemals katholischer Laien“ nannte (S. 95).
Ebenfalls bereits 1960 kommt die theologische „Schieflage“ des jesuitischen Moral-
theologen Josef Fuchs zur Sprache, der die Sexualmoral „flexibler“ interpretieren
wollte im Blick auf die jeweilige „Situation“ (vgl. mit einschlägigen Anmerkungen
S. 91, 97). Johannes Brinktrine referiert ein ausgefallenes Beispiel, wonach manche
Theologen die Transsubstantiation durch eine „symbolische“ Erklärung ersetzen
wollen (S. 101) (Dahinter steht vielleicht die Auflösung des Substanz-Begriffs bei
der eucharistischen Wandlung durch Bernhard Welte, der später in einer Fußnote der
Herausgeber erwähnt wird: S. 298, Anm. 1547).
Unter den zahlreichen theologischen Themen, die Schauf in der Vorbereitungs-
zeit des Konzils anspricht, ragen das Bischofsamt und das Verhältnis zwischen Schrift
und Tradition heraus. Schon im November 1960 sendet Schauf den ersten Teil eines
Votums De Episcopis nach Rom, der Auszüge aus Theologen der römischen Schule
macht (S. 116). Dabei geht es nicht zuletzt um die potestas collegialis der Bischöfe
(S. 121), die Schauf entgegen einer „papalistischen“ Deutung durchaus bejaht (S.
123). Das Erste Vatikanum war bekanntlich wegen des deutsch-französischen Krie-
ges unterbrochen worden und konnte aus dem großen Bereich der Ekklesiologie nur
die Texte über den päpstlichen Primat zur Vollendung bringen, während der komple-
mentäre Bereich des Bischofsamtes erst beim Zweiten Vatikanum aufgegriffen wer-
den konnte. Dabei konnte man anknüpfen an die Vorarbeiten für das Erste Vatikani-
sche Konzil. Nicht zu unterschätzen ist für die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums
außerdem das vierbändige (!) lateinische Werk Tromps über die Kirche als mysti-
schen Leib Christi, dessen erste drei Bände der holländische Jesuit Papst Johannes
XIII. überreichen konnte (am 5. Januar 1961, S. 119f). Schauf meint, für die Dar-
legung der Lehre von der Kirche sei auszugehen vom mystischen Leib Christi (das
in der Tat gehaltvollste Bild), aber der Hinweis auf das (wandernde) Volk Gottes sei
durchaus stärker zu betonen (S. 122). Erwähnt wird nebenbei, dass Tromp die Texte
der Enzyklika Mystici Corporis (1943) und der Apostolischen Konstitution Sacra-
mentum Ordinis (1947) entworfen habe (Quelle: der Dominikaner Gagnebet: S. 123).
Die erste Sitzung der Unterkommission De Ecclesia über De Episcopis verläuft
zufriedenstellend für Schauf (S. 136).
Umstritten war die Frage, ob bzw. inwieweit die Heilsfunktion der Gottesmutter
behandelt werden sollte. Johannes XXIII. hielt ein marianisches Kapitel in der
Kirchenkonstitution nicht für nötig, aber Carlo Balić OFM (der Leiter der Päpstlichen
Marianischen Akademie) wurde daraufhin beim Papst vorstellig, der dann seine Mei-
nung änderte: „wenn so viele Bischöfe etwas wollten“, dann solle „etwas vorgelegt
werden“ (S. 148). Der bezüglich der Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk als
„Minimalist“ bekannte deutsche Jesuit Heinrich Lennerz († 1961) und der frühere
Privatsekretär Pius‘ XII. P. Robert Leiber SJ waren gegen eine Behandlung der Mittler-
schaft Mariens (mediatrix) auf dem Konzil, während Tromp dafür aufgeschlossen war
(S. 110). P. Franz Hürth SJ († 1963), moraltheologischer Berater Pius‘ XII., wollte die
Frage der Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk offenlassen (S. 152).
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Bei den Aufzeichnungen zum Verhältnis zwischen Schrift und Tradition ist unter
anderem die Aachener Tagung der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“
im September 1960 zu erwähnen, an der Schauf als Zuhörer teilnahm. Dort zeigen
sich verschiedene Positionen (S. 101–103), wie auch in der Diskussion zwischen den
Jesuiten Dhanis (Belgien) und Lennerz (Deutschland) (S. 114f). Die erste Aussprache
über „Schrift und Tradition“ in der theologischen Kommission beginnt am 21. Sep-
tember 1961. „Die Vorlage weist ganz klar Geiselmanns Auffassung zurück“ (S.
136), der eine inhaltliche Suffizienz der Heiligen Schrift behauptete, um protestanti-
schen Auffassungen entgegenzukommen.
Im April 1961 wurde Schauf zum Mitglied der Unterkommission „De re morali
individuali“ ernannt (S. 131).
Erwähnt wird auch ein Kapitel über das Los der ungetauft verstorbenen Kinder
(De infantibus), das nicht angenommen wurde (vgl. S. 138, 153).
weg. Wahrscheinlich war ihm die Sache zu dumm. … nach der Lektüre des neuen
Buches von Geiselmann sei er von der Falschheit seiner (Geiselmanns) Ansicht über-
zeugt“ (S. 161). Ein renommierter Mitarbeiter des Heiligen Offiziums, Erzbischof
Pietro Parente, beurteilte das deutsche Schema bei einer Sitzung der Theologischen
Kommission in manchen Punkten als häretisch (S. 161). Bischof Schröffer riet, das
von Ratzinger erstellte Schema Frings „sei lediglich als Materialsammlung zu ver-
wenden“ (S. 162). Das zentrale Problem war hierbei, dass die Geiselmann-These,
„dass alle geoffenbarte Wahrheit in der Schrift …, quaestio disputata sei“, nicht
zurückgewiesen werde (S. 162). Schauf sprach darüber mit Kardinal Frings (S. 163).
Der Tagebuchtrag vom 28. Februar 1963 berichtet über die Manipulation durch
den Jesuitenkardinal Augustin Bea, den Leiter des Einheitssekretariates, der – als
Kardinal Ottaviani gerade abwesend war – die zuvor festgelegte Abstimmungsfrage
in der gemischten Kommission De fontis eigenmächtig abänderte dahin, „dass man
darüber abstimmen sollte, dass zu dem Punkte der Insuffizienz geschwiegen werde,
es solle weder etwas pro noch etwas contra gesagt werden. Die Abstimmung fand statt
29:9 im Sinne des abstinere“ (S. 182). „Die nächste, wohl dramatischste Sitzung, die
ich je erlebt habe, war am 25.2.63. Ottaviani … protestierte förmlich gegen die Ände-
rung der Frage, bestritt die juridische Gültigkeit der Abstimmung …, denn man werde
die Lehre, die in possessione war, vom magisterium ordinarium bis heute gelehrt
worden sei, nunmehr als quaestio disputata hinstellen, es handle sich um Grundlagen
des Glaubens … Wohl noch nie hat das Konzilsschiff so festgesessen, wie nach dieser
Sitzung“ (S. 182). Kardinal Ruffini las dann einen Artikel Kardinal Beas vor, „in der
Bea die Lehre, dass alle Wahrheiten in der Hl. Schrift sein müssten, als protestantisch
zurückweist“ (S. 183)! Bischof Franić „erklärte, in der Orthodoxie sei Unruhe darüber,
dass die katholische Kirche ihre bisherige Lehre hinsichtlich Schrift und Tradition, die
auch die Lehre der Orthodoxie sei, in Zweifel ziehen könnte“ (S. 183).
Beachtung verdient der Hinweis auf die Rezension Ratzingers über Geiselmanns
Studie zu Schrift und Tradition, „die für diesen nicht gerade schmeichelhaft ist“ (S.
195, mit Hinweis auf ThPQ 111, 1963, 224–227).
Im Herbst 1963, mitten in der Diskussion über die Quellen der Offenbarung,
veröffentlichte Schauf sein umfassendes Werk über „Die Lehre über Schrift und
Tradition in den Katechismen“. Es verfehlte nicht seine Wirkung: „Dann traf ich
Rahner, der fragte, ob ich noch andere Bomben bereithabe“ (S. 198f). Das bis dahin
vorliegende Schema De fontibus wurde daraufhin zurückgestellt (S. 201, 203). In
einer Unterkommission zum Thema im März 1964 fällt es Rahner und Schauf zu, die
Relatio zu geben, was zu einem heftigen Streit führt (S. 228f). Die Frage der Suf-
fizienz der Heiligen Schrift wird zunächst ausgespart. Schauf veröffentlicht dann
1964 in der Zeitschrift „Seminarium“ einen zusammenfassenden Artikel über die
„traditio constitutiva“ und verteilt ihn (S. 235f). Unterstützung erhält er durch ande-
re Schriften, unter anderem durch die Rezension von Schmaus in der römischen
Zeitschrift Divinitas über das von Johannes Beumer 1963 erstellte Faszikel über die
mündliche Überlieferung als Glaubensquelle im „Handbuch der Dogmengeschichte“
(S. 237; zur Übereinstimmung mit Schmaus vgl. auch S. 250). Als Schauf in der
Kommission mit seiner Auffassung nicht durchkam, wandte er sich in einem Brief
an Papst Paul VI., wobei er das Thema „De Traditione constitutiva“ auf zwei Seiten
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zusammenfasste (S. 238f). Der Papst gratulierte ihm zu seinem Werk (S. 258f) und
betonte gegenüber Kardinal Siri, dass er die Lehre von der traditio constitutiva für
richtig halte (S. 262). Ratzinger äußerte sich in einer Rezension zum Werk von
Schauf (S. 246 [vgl. die Herausgeber: S. 74–76]) und meinte in einer Aussprache,
seine Auffassung sei nicht weit von Schauf entfernt und „gab glatt zu, dass die These
[von der traditio constitutiva] richtig sei. Aber dennoch solle im Text nichts gesagt
werden, solange die Dinge noch diskutiert würden“ (S. 253). „Tromp sagte noch, man
habe … die Wahrheitsfrage nicht gestellt …, sondern nur die Frage nach der
Opportunität aufgeworfen …“ (S. 255).
In der theologischen Publizistik Deutschland herrschte eine starke Einseitigkeit,
wie sie gerade zu dem genannten Thema der damalige Bonner Neutestamentlicher
K.Th. Schäfer in einem Brief an Schauf beschreibt (vom 22. Juni 1964): „Mich widert
dieses Cliquenwesen an, das heute in Deutschland in der Theologie herrscht, das auch
weitgehend die Publikationsorgane beschlagnahmt hat. Wie ich erlebt habe, kann
man über ein aktuelles Thema infolgedessen gar nicht schreiben, ohne sofort in den
Verdacht zu geraten, man gehöre zu einer anderen Clique, sofern man nicht Karl
Rahner für unfehlbar hält“ (S. 242). Schauf selbst machte die gleiche Erfahrung (vgl.
S. 278–280).
Für das Anliegen der traditio constitutiva bemühte sich Paul VI., einen Eklat wie
bei der „Nota explicativa praevia“ zur Kollegialität der Bischöfe (vgl. S. 272–276) zu
vermeiden, wachte aber hinter den Kulissen über die Vorbereitung der dogmatischen
Konstitution über die Offenbarung (S. 303). Am 26. September 1965 erfuhr Schauf
von dem Brief des Papstes, in dem er die traditio constitutiva betont4. Tromp er-
läuterte, man werde diesen Fachbegriff in der Theologischen Kommission vermeiden,
aber sachlich davon handeln, indem man betone: aus der Schrift allein lässt sich die
Glaubenslehre nicht nachweisen (S. 304).
Am 18. Oktober 1965 verfasste Paul VI. einen Brief, der zwei Tage danach in der
Theologischen Kommission vorgetragen wurde (siehe den Wortlaut S. 314f) und der
zur Ergänzung bezüglich der Bedeutung der Tradition sieben Formeln als Beispiele
vorschlägt. Angenommen wird die dritte Formel, die Kardinal Bea (im Auftrag des
Papstes?) vorschlägt, wonach die Kirche ihre Gewissheit über die Offenbarungs-
wahrheiten nicht allein aus der Schrift schöpft („quo fit ut Ecclesia certitudinem suam
de omnibus revelatis non per solum scripturam hauriat“). Schauf ist damit zufrieden
(S. 316f). Die Aussage findet sich im definitiven Endtext (Dei Verbum 9) mit einer
Fußnote, die auf das Konzil von Trient verweist (DH 1501).
Mit der Nachzeichnung der Diskussion zur traditio constitutiva legt Heribert
Schaufs Konzilstagebuch einen Sachverhalt dar, der anscheinend in dieser Vollständig-
4 Streng genommen handelt es sich hier nicht um einen Brief des Papstes, sondern um einen Brief des
Kardinals Pericle Felici an Kardinal Alfredo Ottaviani vom 24. September 1965: vgl. S.M. Lanzetta, Il
Vaticano II, un Concilio pastorale. Ermeneutica delle dottrine conciliari, Siena 2014, 246, mit Hinweis
auf ASC (Archivio Segreto Vaticano, Concilio Vaticano II), Busta 787, cartella 424; deutsche Über-
setzung bei Manfred Hauke, Gibt es eine “Traditio constitutiva”? Theologische Anmerkungen zu einer
Intervention Papst Pauls VI. während des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Veit Neumann – Josef
_Spindelböck – Sigmund Bonk (Hrsg.), Glaube und Kirche in Zeiten des Umbruchs. Festschrift für
Josef Kreiml, Regensburg 2018, 329–340 (331).
76 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen
keit in der geschichtlichen Forschung noch nicht bekannt war. Die konstitutive Be-
deutung der mündlichen Tradition findet sich demnach indirekt auch in der dogmati-
schen Konstitution über die Offenbarung, obwohl diese Tatsache auf den ersten Blick
nicht offenkundig ist5 und eine überaus bewegte Vorgeschichte voraussetzt.
In einem Aufsatz habe ich vor einigen Jahren zu zeigen versucht, dass die Be-
tonung der konstitutiven (und nicht bloß interpretativen) Tradition sachlich berechtigt
ist. Die mündliche Überlieferung des Wortes Gottes geht geschichtlich der schrift-
lichen Bekundung voraus. Die Heiligen Schriften sind zu bestimmten Gelegenheiten
verfasst worden; sie beleuchten das Zentrum der christlichen Überlieferung, be-
anspruchen aber keine inhaltliche Vollständigkeit. Selbst Geiselmann wies seinerzeit
auf die „Sitten und Gewohnheiten der Kirche“, die über die von ihm postulierte
inhaltliche Suffizienz der Schrift hinausgehen6. Dazu gehören nach dem Tridentinum
die Kindertaufe und das Gebet für die Verstorbenen, die durchaus zum Bereich des
Glaubens gehören. Papst Paul VI. wies am 24. September 1965 exemplarisch auf den
hl. Augustinus: „Es gibt vieles, was die gesamte Kirche festhält und von dem man
deshalb mit Recht glaubt, dass es von den Aposteln angeordnet sei, obwohl man es
nicht schriftlich vorfindet“7. Im „Credo des Gottesvolkes“ aus dem Revolutionsjahr
1968 betonte der Papst: „Wir glauben alles, ‚was im geschriebenen oder überlieferten
Gotteswort enthalten ist …‘“, mit Hinweis auf das Erste Vatikanum8.
Weitere Themen
Die Kontroverse um die inhaltliche Suffizienz der Heiligen Schrift wurde aus-
führlicher beleuchtet, weil sie unter den verschiedenen Themen, über die Schauf sich
äußert, den größten Raum einnimmt. Gründlich zum Zuge kommt auch die Ekklesio-
logie, selbst wenn die im Tagebuch berichteten Fakten größtenteils schon gut bekannt
sind. Besonders hingewiesen sei auf die Bedeutung der Äußerungen von Edward
Schillebeeckx, der in einem Zeitungsartikel vom 25. Januar 1965 die unehrliche
Taktik der progressistischen Konzilsfraktion kritisierte (der er selbst angehörte), zum
Thema der bischöflichen Kollegialität offene Formulierungen zu wählen, deren ver-
borgene Schlussfolgerungen erst nach dem Konzil zum Zuge kämen (S. 288f). Diese
Problematik hat zur „nota explicativa praevia“ Pauls VI. geführt, worin die bischöf-
liche Kollegialität in ihrer Beziehung zur päpstlichen Vollmacht genauestens dar-
gelegt wird9.
5 Nach dem mir 2018 bekannten Forschungsstand habe ich noch die Deutung vertreten, der in dem er-
wähnten Brief vom 24. September 1965 ausgedrückte Wunsch des Papstes habe sich im Schlussdoku-
ment nicht durchgesetzt (Hauke, Gibt es eine „Traditio constitutiva“?, 331f).
6 Vgl. Hauke, Gibt es eine „Traditio constitutiva“?, 337f.
7 Augustinus, De baptismo V, 23, 31. Vgl. Michael Fiedrowicz, Theologie der Kirchenväter, Freiburg
i.Br. 2007, 89.
8 Professio fidei, Nr. 20: AAS 60 (1968) 441. Vgl. Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution
Dei Filius über den göttlichen Glauben (DH 3011)..
9 Vgl. dazu auch, mit Hinweis auf das Konzilstagebuch von Schauf, Alexandra von Teuffenbach, Der
ehrenwerte Progressive, in: Die Tagespost, 8. Dezember 2022, S. 16
Manfred Hauke 77