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Beiträge

Der positive Ausgang des Zweiten


Vatikanums in den dogmatischen Fragen
Die Quintessenz des Konzilstagebuches von Heribert
Schauf
The Positive Outcome of the Second Vatican Council in the Dogmatic Questions
The Quintessence of the Council Diary written by Heribert Schauf

Manfred Hauke*

Dominik Burkard – Joachim Bürkle (Hrsg.), Konzil in der Perspektive. Heribert


Schauf und sein Tagebuch zum II. Vatikanum (1960–1965), Aschendorff Verlag,
Münster 2022, 525 Seiten, ISBN 978-3-402-24867-6, 69 €.

Die Bedeutung des Tagebuches

Die historische und theologische Erschließung des Zweiten Vatikanums birgt


noch manche Überraschungen durch die Erschließung neuer Quellen. Dazu gehört
zweifellos die vorbildliche Edition des 1960–65 erstellten Konzilstagebuches von
Heribert Schauf. Die Herausgeber sind Dominik Burkard, Ordinarius für Kirchen-
geschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Julius-Maximilians-Universität
Würzburg, und dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter Joachim Bürkle, der „den größ-
ten Teil der Arbeit geschultert“ hat (S. 8). Erwähnt sei der Vollständigkeit halber, dass
bereits kurz zuvor Alexandra von Teuffenbach ebenfalls das Tagebuch publiziert hat,
gemeinsam mit einer wissenschaftlichen Einführung1. Die Würzburger Herausgeber
konnten auf diese beachtenswerte Edition noch nicht zurückgreifen, deren umfang-
reiche Einführung für das Verständnis und die Rezeption des Tagebuches mit zu be-
achten ist. Die fast gleichzeitige Publikation unterstreicht die Bedeutung des Tage-
buches.

* Prof. Dr. Manfred Hauke, Facoltà di Teologia di Lugano (Schweiz). Privatadresse: Via Roncaccio 7,
CH-6900 Lugano. E-Mail: manfredhauke@bluewin.ch
1 Heribert Schauf, Tagebuch zum zweiten Vatikanischen Konzil (1960–1965): mit Dokumenten aus dem

Apostolischen Archiv im Vatikan. Herausgegeben von Alexandra von Teuffenbach, Bautz Verlag, Nord-
hausen 2021, 489 Seiten.

Forum Katholische Theologie 40 (2024) 66–77


Manfred Hauke 67

Einige gewichtige Tagebücher von Konzilsteilnehmern, wie die von Yves Con-
gar und Sebastian Tromp (durch Alexandra von Teuffenbach), sind bereits ediert,
aber die kritische Herausgabe weiterer Tagebücher steht noch aus. Dominik Burkard
bezeichnet in seinem Vorwort (S. 7–8) zurecht die nun der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit vorliegende Quelle als „eines der wohl interessantesten Tagebücher
zum Zweiten Vatikanischen Konzil“ (S. 7). „Sein Verfasser, der Aachener Diözesan-
priester und von der Dogmatik herkommende Kanonist Heribert Schauf (1910–
1988), hatte als Konsultor das Konzil vorbereitenden ‚Theologischen Kommission‘
sowie während des Konzils als Peritus verschiedener Kommissionen und
Subkommissionen entscheidenden Anteil an zentralen Festlegungen des Konzils.
Durch seine Nähe zu dem einflussreichen Konzilstheologen und Kurialen Sebastian
Tromp SJ sowie als Vertreter des ‚Römischen Schule‘ verdient Schauf zudem be-
sonderes Interesse. Seine Eindrücke, Gespräche und Urteile hielt er in einem um-
fangreichen Tagebuch fest, das einen detail- und nuancenreichen Blick ‚hinter die
Kulissen‘ des Konzils gewährt. Schauf erscheint hier als scharf analysierender
Denker, der das markant konservative Profil seiner am Collegium Germanicum et
Hungaricum geschulten Theologie in die Konzilstexte einzubringen suchte. So ge-
lang es ihm, wesentlichen Einfluss vor allem auf die Konstitutionen Lumen Gentium
und Dei Verbum zu nehmen“ (S. 7f).
Die „Einleitung“ skizziert knapp, aber präzise die gegenwärtige Diskussion über
die Hermeneutik des Konzils (S. 9–14). Die Wertung des Befreiungstheologen Joseph
Comblin, der 1969 von einem „Sieg der neuen theologischen Bewegungen auf dem
Konzil“ gesprochen hatte, steht „in einem auffälligen Gegensatz zu Schaufs Urteil,
das Konzil sei ‚im Sinne der sog. Konservativen verlaufen, was die dogmatischen
Fragen und Aussagen angeht‘“ (S. 10f) (vgl. den vorletzten Eintrag des Tagebuches:
S. 336, geschrieben am 19. Dezember 1965 in Aachen). Dieses Urteil lässt sich von
der Sache her vergleichen mit der programmatischen Weihnachtsansprache Bene-
dikts XVI. am 22. Dezember 2005 vor der römischen Kurie, wonach die Reformen
des Zweiten Vatikanums als Teil eines „Entwicklungsprozesses des Neuen unter
Bewahrung der Kontinuität“ erscheinen (S. 11).

Die Eigenart des Konzilstagebuches

Die Herausgeber präsentieren dann das Konzilstagebuch (S. 15–30), für dessen
Edition sie drei noch vorhandene Exemplare benutzen konnten: das handschriftliche
Original im Archiv des Domkapitels von Aachen (Expl. A); „eine maschinenschrift-
liche Fassung mit einigen wenigen handschriftlichen Korrekturen meist ortho-
graphischer Art“ aus dem Hauptstaatsarchiv Düsseldorf (Expl. B); eine weitere
maschinenschriftliche Fassung im Archiv der Bonner Kommission für Zeitgeschichte,
die neben zahlreichen formalen Korrekturen „auch Fußnoten und Anmerkungen aus
der Feder Schaufs enthält sowie um ein Personen- und Literaturverzeichnis ergänzt
wurde“ (Expl. C) (S. 15). Die von Schauf im Hauptstaatsarchiv Düsseldorf hinter-
lassene Fassung trägt einen Sperrvermerk, der die Publikation erst nach dem Jahr
2000 zulässt (S. 8). Interessant ist das Bemühen Schaufs schon im September 1965
68 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen

um die Aufbewahrung in einem staatlichen Archiv, weil „aus kirchlichen Archiven


– in Zeiten vor jedem kirchlichen Archivgesetz – mitunter unbequem erscheinende
Unterlagen durchaus verschwinden konnten“ (S. 17). Das Originalmanuskript und
das Expl. C, das von Schauf selbst zum Druck vorbereitet worden war, befanden sich
vor seinem Tod (1988) in seinem Privatbesitz. Schauf wollte das Tagebuch dem 2017
verstorbenen Bonner Historiker Konrad Repgen zur Edition übergeben, der aber die
Herausgabe auf eine unbestimmte Zukunft verschob (S. 19–21).
Schauf selbst machte Teile aus dem Tagebuch bereits vor dessen Veröffent-
lichung als Ganzes in seinen wissenschaftlichen Publikationen zugänglich (S. 21–25).
Einzelne „Selbstzitate“ fanden so schon Eingang in die Sekundärliteratur. Bei der
Edition des Tagesbuches werden die schon zuvor bekannten Stellen kursiv gedruckt
und in den Fußnoten mit dem vorausgehenden Publikationsort belegt (z.B. bei der
zentralen Auseinandersetzung über die Quellen der Offenbarung auf S. 182).

Die Persönlichkeit des Verfassers

Nach dem Tagebuch wird auch dessen Verfasser genauer vorgestellt (S. 31–48).
Heribert Schauf wurde am 8. August 1910 in Düren in der Eifel als Sohn eines Schul-
direktors geboren. Sein Studium begann im Sommersemester 1929 als Priesteramts-
kandidat des Bistums Aachen an der Universität Bonn, aber bereits zum Winter-
semester des gleichen Jahres sandte ihn sein Bischof, der damalige Kölner Kardinal
Karl Joseph Schulte, an die Gregoriana nach Rom. Dort erwarb er die Doktortitel in
Philosophie und Theologie (1932, 1937); in Rom empfing er auch die Priesterweihe
(am Christkönigsfest 1935). Seine theologische Dissertation zur Theologiegeschichte
der Römischen Schule (über Carlo Passaglia und Clemens Schrader) wurde von dem
holländischen Jesuiten Sebastian Tromp betreut, der an der Gregoriana Fundamental-
theologie sowie Religionsgeschichte lehrte. Schon seit 1935 wirkte Tromp im Heili-
gen Offizium mit und war als Vertrauter Pius‘ XII. an der Erstellung der Enzykliken
Mystici Corporis (1943), Mediator Dei (1947) und Humani generis (1950) beteiligt
(S. 32). Die persönlichen Kontakte zu Tromp blieben auch nach der Rückkehr Schaufs
in sein Heimatbistum im Jahre 1937 lebendig, zumal der holländische Jesuit familiä-
re Beziehungen zu Schaufs Heimat hatte (vgl. S. 135).
Da die Nationalsozialisten Schauf die Anerkennung seiner in Rom erworbenen
Abschlüsse verweigerten, sah er sich gezwungen, mitten im Krieg (1941) in Müns-
ter den theologischen Doktorgrad neu zu erwerben. Nach seiner Heimkehr nach
Deutschland wirkte Schauf mehrere Jahre als Kaplan und wurde 1943 zum Domvi-
kar ernannt mit einer zusätzlichen Aufgabe als Religionslehrer an der Oberstufe
verschiedener Gymnasien. Nach Kriegsende wechselte er in den akademischen
Lehrbetrieb: obwohl er über ein fundamentaltheologisches Thema promoviert hatte,
wurde er 1945 zum Professor für Kirchenrecht am noch jungen Priesterseminar des
Bistums Aachen ernannt; 1950–69 wirkte er zusätzlich als Subregens des Priester-
seminars. Ab 1946 übernahm er noch weitere Aufgaben im Bistum, beispielsweise
am Ehegericht, und wurde deshalb 1958 mit dem Titel eines Päpstlichen Ehren-
kämmerers ausgezeichnet.
Manfred Hauke 69

„Durch seine enge Verbindung zu Bischof Pohlschneider und eine Gutachtertätig-


keit im Vorfeld der Einberufung des II. Vatikanischen Konzils wurde Schauf bereits im
Sommer 1960 – also zum frühestmöglichen Zeitpunkt – auch zum Konsultor der Vor-
bereitenden Theologischen Kommission ernannt. Während des Konzils war er als Pe-
ritus und Berater Pohlschneiders tätig. Noch vor der offiziellen Eröffnung des Konzils
wurde Schauf am 14. April 1962 zum Päpstlichen Hausprälaten ernannt …“ (S. 33).
Als Schauf seine Mitwirkung am Konzil beendet hatte, übernahm er ab dem Sommer-
semester 1966 neben seinen kirchenrechtlichen auch die Dogmatik-Vorlesungen am
Aachener Priesterseminar. 1969 erfolgte seine Ernennung zum Wirklichen Geistlichen
Rat. Ab 1976 übernahm Schauf einen Lehrauftrag für Dogmatik am Spätberufenensemi-
nar Lantershofen. „Neben all diesen Beschäftigungen wirkte Schauf lange Jahre als
Mitglied im Beirat der Ständigen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz für die
Fortbildung der Priester“ (S. 34). Bischof Hemmerle ernannte ihn 1985 zum Ehrendom-
herrn am Hohen Dom zu Aachen. Am 29. August 1988 verstarb er in der Bistumsstadt.
Seine letzte Ruhestätte fand er in er Kapitelsgruft des Aachener Domes.
Wegen seiner Nähe zu Tromp wurde Schauf von den deutschen progressistischen
Massenmedien im Gefolge von Hans Küng als „erzkonservativ“ verunglimpft (S.
35). Einer seiner Kollegen nannte ihn „trömper als Tromp“ (S. 41, 164). Aus der
Perspektive von Schauf galt es dagegen, die Klarheit der (neuscholastischen) römi-
schen Theologie, die nach dem Ersten Vatikanum und im Pontifikat Leos XIII. zum
Durchbruch gekommen war, gegen „die nördlichen Nebel“ aus Belgien, Deutschland
und Frankreich zur Geltung zu bringen (S. 39). Interessant scheint folgender lateini-
scher Aussprach, der im Umfeld des Konzils zirkulierte: „Galli [die Gallier, also die
Franzosen] quaerunt veritatem, Germani confundunt veritatem, Itali habent et Hi-
spani defendunt veritatem …“ (S. 40, 183).
Eine Bibliographie der Veröffentlichungen von Schauf liegt bereits vor2, auf die
sich Burkard und Bürkle für die Darstellung des literarischen Wirkens des Theologen
stützen können (S. 41–48). Sie findet sich wiederum im Anhang des Bandes (Anhang
1: „Schriftenverzeichnis … in chronologischer Reihenfolge“: S. 336–343). Das theo-
logische Erstlingswerk, das gedruckt wurde, betrifft als Vorbereitung der theo-
logischen Doktorarbeit die Einwohnung des Heiligen Geistes bei Passaglia und
Schrader (1935). Der Fachbegriff der „Römischen Schule“, der die einflussreichsten
Professoren des „Collegio Romano“ im 19. Jh. meint (Perrone, Passaglia, Schrader,
Franzelin), ist üblich geworden aufgrund der Veröffentlichungen Schaufs. Das Thema
der Einwohnung des Heiligen Geistes hat einen starken Lebensbezug, der schon von
Scheeben entfaltet worden war, dessen (umstrittene) These einer nicht appropriierten
Einwohnung des Heiligen Geistes Schauf gegen Kritiker verteidigt (S. 43f). Er-
wähnungswert ist jedenfalls die Nähe zum Denkens Scheebens, dessen organische
Einheitsschau der Glaubenswahrheiten ihn zu einem der größten Theologen des 19.
Jahrhunderts machen. Die Offenbarung ist „ein organisches System übernatürlicher
Wahrheiten, in dem Widerspruch unmöglich ist“ (S. 44).

2 H.-J. Reudenbach, Verzeichnis der Veröffentlichungen von Heribert Schauf, in: Herbert Hammans –
H.-J. Reudenbach – Heino Sonnemans (Hrsg.), Geist und Kirche. Studien zur Theologie im Umfeld
der beiden Vatikanischen Konzilien. Gedenkschrift für Heribert Schauf, Paderborn u.a. 1991, 579–585.
70 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen

Weitere Arbeitsschwerpunkte betreffen zentrale Themen des Zweiten Vatika-


nums, insbesondere die Lehre von der Kirche (Lumen gentium) und von der gött-
lichen Offenbarung (Dei Verbum). Besonders bedeutsam ist in diesem Zusammen-
hang das Verhältnis zwischen Schrift und Tradition. Unter den Publikationen aus dem
Bereich des Kirchenrechtes ragt ein Aufsatz über die Kirchengliedschaft heraus, in
dem er sich kritisch mit dem Münchener Kirchenrechtler (nicht: „Münsteraner“)
Klaus Mörsdorf auseinandersetzt3. Er greift auch in sehr heikle Debatten mit intel-
lektueller Klarheit und großem Mut ein, wie etwa gegen die Zulassung von „ge-
schiedenen Wiederverheirateten“ zu den Sakramenten oder zur Verteidigung der
Enzyklika Humanae vitae. Auch das Gebiet der Moraltheologie kommt in sein pub-
lizistisches Blickfeld.

Das Wirken Schaufs auf dem Konzil

Die Übersicht zum Wirken Schaufs auf dem Zweiten Vatikanum (S. 49–79) be-
schreibt die Berufung und die Tätigkeit im Einzelnen (S. 49–62), die Gegnerschaft zu
Karl Rahner (S. 62–66), die Auseinandersetzung mit Hans Küng (betreffend das Ver-
hältnis zwischen Papst und Bischöfen, S. 66–69) und die Differenzen zum Verhältnis
von Schrift und Tradition (mit Geiselmann, Ratzinger und Kasper) (S. 70–79). Zu
widersprechen ist der These, dass die Diskussion über die Zweiquellentheorie als
„abgeschlossen“ gelten könne und die Ebene der Materialquelle dabei keine Rolle
mehr spiele (S. 71). Auf diesen Punkt kommen wir später zurück.

Editorische Hinweise

Die vorgelegte Edition „bietet den Text des Konzilstagebuchs von Heribert
Schauf, versehen mit einer zurückhaltenden Kommentierung, die sich auf Wesent-
liches beschränkt. Nicht ediert wird der von Schauf ursprünglich geplante Quellen-
anhang“ (S. 81). Gleichwohl bieten die Herausgeber in einem Kapitel über „Editori-
sche Hinweise“ eine Übersicht über diesen Anhang (S. 81–85). Dazu gehören
ungedruckt vorliegende und gedruckte Materialien. Bald soll ein weiterer Band fol-
gen mit ausgewählten Quellen aus der Konzilskorrespondenz von Schauf (S. 84).

Der wissenschaftliche Apparat

Nach der Edition des Konzilstagesbuches selbst (S. 87–336), der mit erklärenden
Fußnoten bereichert wird, folgt das schon erwähnte chronologische Schriftenver-
zeichnis Heribert Schaufs, wobei freilich nur die Zeitungsartikel aufgenommen wur-

3 Wie der biographische Eintrag zu Mörsdorf richtig ausführt, war der Kirchenrechtler nur ganz kurz
im Jahr 1946 Professor in Münster und wechselte im gleichen Jahr nach München. Dort blieb er bis zu
seiner Emeritierung im Jahre 1977 (S. 410).
Manfred Hauke 71

den, die im Konzilstagebuch auftauchen (S. 337–343; die Zeitungsartikel fehlen


gänzlich in der oben erwähnten Bibliographie).
Sehr hilfreich ist sodann der zweite Anhang mit den Biogrammen der im Konzils-
tagebuch erwähnten Personen, die jeweils eine kurze Biografie und weiterführende
Fachliteratur enthalten. Diese Daten zusammenzutragen (auf über 100 Seiten!) ist
eine höchst respektable Leistung (S. 344–447), auch wenn hier natürlich bezüglich
der Bibliographie keine Vollständigkeit erwartet werden kann.
Das Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 449–479) beginnt mit den ungedruckten
Quellen aus vier deutschen Archiven (S. 449), setzt sich fort mit den gedruckten
Quellen (S. 450–454), den für die Edition benutzten Schriften Heribert Schaufs (S.
454–457) und der umfangreichen Sekundärliteratur (S. 457–479).
Die Edition ist für eine gezielte Benutzung zu einzelnen Personen und Themen
bestens gerüstet durch das Register der Personen (S. 481–490), der Orte (!) (S. 490–
495) und der Themen (Sachregister, S. 495–511). Die nicht einfach zu bestimmenden
Kriterien für die Erstellung des Sachregisters werden genau erläutert (S. 495f). Dabei
stößt der erstaunte Leser auch auf Stichworte wie „Wald“ und „Wetter“. Außerdem
findet sich, über das Sachregister hinaus, ein „Register theologischer Themen“ (S.
511–517). Am Ende steht das ausführliche Abkürzungsverzeichnis (S. 519–525).

Ausgewählte Hinweise zum Tagebuch: die Zeit der Vorbereitung

Das Konzilstagebuch von Schauf (S. 87–336) bietet eine Fülle von Eindrücken
und Beobachtungen, deren Lektüre allen empfohlen werden kann, die sich einen le-
bendigen Eindruck verschaffen wollen über die Debatten während des Konzils.
Alexandra von Teuffenbach, die sich bereits 2004 über das damals noch nicht ge-
druckte Tagebuch äußerte, empfahl dessen Lektüre, um das Konzil „gegen den
Strom“ zu lesen (S. 22). Aus der Fülle der Eindrücke können wir im Rahmen unserer
Miszelle nur ein paar Beispiele herausgreifen.
Interessant sind bereits die Aufzeichnungen aus der Zeit der Vorbereitung des
Konzils (S. 87–154).
Das Tagebuch beginnt am 20. Juli 1960, als Schauf „beim Morgenfrühstück“ aus
der Tageszeitung von seiner Ernennung zum Mitglied der theologischen Vor-
bereitungskommission des geplanten Konzils erfuhr. Weitere Deutsche waren Albert
Stohr (Erzbischof von Mainz), Joseph Schröffer (Bischof von Eichstätt), Michael
Schmaus (Münchener Dogmatiker) und Johannes Brinktrine (Paderborner Dogmati-
ker). Schauf mutmaßt über die Motive, die zur Ernennung beigetragen haben (S. 88f).
Schon am ersten Tag betont er: „Zweck dieses Tagebuches soll sein, eine getreue
Wiedergabe der Ereignisse, Besprechungen usw. festzuhalten. Es geht also um a) die
nüchterne Beschreibung der eventa, der Tatsachen und b) sekundär um die Eindrücke,
die die Ereignisse, Gespräche, Diskussionen usw. hervorgerufen haben 1) bei mir 2)
bei andern“ (S. 89).
Schon bei der Beschreibung der ersten Monate werden im Hintergrund der
Konzilsvorbereitungen manche Spannungen in Theologie und Kirche deutlich. An
der Gregoriana gibt einen Gegensatz zwischen den „Alten“ („Hürth, Gundlach,
72 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen

Tromp, wohl auch Lennerz“) und den „Jungen“ („Alfaro, Flick, Fuchs usw.“) (S. 91).
Im August 1960 beklagt sich Michael Schmaus über die Aktivitäten des deutschen
Linkskatholizismus in den sogenannten „Werkheften katholischer Laien“, die der
Münchener Dogmatiker „Werkshefte ehemals katholischer Laien“ nannte (S. 95).
Ebenfalls bereits 1960 kommt die theologische „Schieflage“ des jesuitischen Moral-
theologen Josef Fuchs zur Sprache, der die Sexualmoral „flexibler“ interpretieren
wollte im Blick auf die jeweilige „Situation“ (vgl. mit einschlägigen Anmerkungen
S. 91, 97). Johannes Brinktrine referiert ein ausgefallenes Beispiel, wonach manche
Theologen die Transsubstantiation durch eine „symbolische“ Erklärung ersetzen
wollen (S. 101) (Dahinter steht vielleicht die Auflösung des Substanz-Begriffs bei
der eucharistischen Wandlung durch Bernhard Welte, der später in einer Fußnote der
Herausgeber erwähnt wird: S. 298, Anm. 1547).
Unter den zahlreichen theologischen Themen, die Schauf in der Vorbereitungs-
zeit des Konzils anspricht, ragen das Bischofsamt und das Verhältnis zwischen Schrift
und Tradition heraus. Schon im November 1960 sendet Schauf den ersten Teil eines
Votums De Episcopis nach Rom, der Auszüge aus Theologen der römischen Schule
macht (S. 116). Dabei geht es nicht zuletzt um die potestas collegialis der Bischöfe
(S. 121), die Schauf entgegen einer „papalistischen“ Deutung durchaus bejaht (S.
123). Das Erste Vatikanum war bekanntlich wegen des deutsch-französischen Krie-
ges unterbrochen worden und konnte aus dem großen Bereich der Ekklesiologie nur
die Texte über den päpstlichen Primat zur Vollendung bringen, während der komple-
mentäre Bereich des Bischofsamtes erst beim Zweiten Vatikanum aufgegriffen wer-
den konnte. Dabei konnte man anknüpfen an die Vorarbeiten für das Erste Vatikani-
sche Konzil. Nicht zu unterschätzen ist für die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums
außerdem das vierbändige (!) lateinische Werk Tromps über die Kirche als mysti-
schen Leib Christi, dessen erste drei Bände der holländische Jesuit Papst Johannes
XIII. überreichen konnte (am 5. Januar 1961, S. 119f). Schauf meint, für die Dar-
legung der Lehre von der Kirche sei auszugehen vom mystischen Leib Christi (das
in der Tat gehaltvollste Bild), aber der Hinweis auf das (wandernde) Volk Gottes sei
durchaus stärker zu betonen (S. 122). Erwähnt wird nebenbei, dass Tromp die Texte
der Enzyklika Mystici Corporis (1943) und der Apostolischen Konstitution Sacra-
mentum Ordinis (1947) entworfen habe (Quelle: der Dominikaner Gagnebet: S. 123).
Die erste Sitzung der Unterkommission De Ecclesia über De Episcopis verläuft
zufriedenstellend für Schauf (S. 136).
Umstritten war die Frage, ob bzw. inwieweit die Heilsfunktion der Gottesmutter
behandelt werden sollte. Johannes XXIII. hielt ein marianisches Kapitel in der
Kirchenkonstitution nicht für nötig, aber Carlo Balić OFM (der Leiter der Päpstlichen
Marianischen Akademie) wurde daraufhin beim Papst vorstellig, der dann seine Mei-
nung änderte: „wenn so viele Bischöfe etwas wollten“, dann solle „etwas vorgelegt
werden“ (S. 148). Der bezüglich der Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk als
„Minimalist“ bekannte deutsche Jesuit Heinrich Lennerz († 1961) und der frühere
Privatsekretär Pius‘ XII. P. Robert Leiber SJ waren gegen eine Behandlung der Mittler-
schaft Mariens (mediatrix) auf dem Konzil, während Tromp dafür aufgeschlossen war
(S. 110). P. Franz Hürth SJ († 1963), moraltheologischer Berater Pius‘ XII., wollte die
Frage der Mitwirkung Mariens am Erlösungswerk offenlassen (S. 152).
Manfred Hauke 73

Bei den Aufzeichnungen zum Verhältnis zwischen Schrift und Tradition ist unter
anderem die Aachener Tagung der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Mariologie“
im September 1960 zu erwähnen, an der Schauf als Zuhörer teilnahm. Dort zeigen
sich verschiedene Positionen (S. 101–103), wie auch in der Diskussion zwischen den
Jesuiten Dhanis (Belgien) und Lennerz (Deutschland) (S. 114f). Die erste Aussprache
über „Schrift und Tradition“ in der theologischen Kommission beginnt am 21. Sep-
tember 1961. „Die Vorlage weist ganz klar Geiselmanns Auffassung zurück“ (S.
136), der eine inhaltliche Suffizienz der Heiligen Schrift behauptete, um protestanti-
schen Auffassungen entgegenzukommen.
Im April 1961 wurde Schauf zum Mitglied der Unterkommission „De re morali
individuali“ ernannt (S. 131).
Erwähnt wird auch ein Kapitel über das Los der ungetauft verstorbenen Kinder
(De infantibus), das nicht angenommen wurde (vgl. S. 138, 153).

Die Diskussionen der Konzilszeit: das Beispiel der


glaubensbegründenden Tradition (traditio constitutiva)
Die Darstellung der Konzilszeit (S. 155–336) beginnt mit der umstrittenen Frage,
ob Karl Rahner in die Theologische Kommission berufen werden sollte (S. 155).
Entgegen den Darstellungen aus dem Bereich der Rahner-Schule (etwa Vorgrimler:
S. 64) waren Schauf (und wohl auch Tromp) für eine Mitwirkung Rahners schon in
der Vorbereitungskommission. Die Motive waren kirchenpolitischer Art, obwohl sie
um die Problematik der Rahner’schen Theologie wussten (vgl. die Herausgeber auf
S. 62–64). Die Auffassung Schaufs war: „wenn Rahner gewonnen sei“, sei damit
auch „die Hälfte der deutschen Bischöfe gewonnen“ (S. 155).
Hervor tritt die Problematik umfangreicher Redebeiträge auf dem Konzil: „Wie-
der Rede der Väter ohne Ende. So geht es nicht weiter“ (S. 157). Das gleiche gilt für
den „pastoralen“ Charakter der Bischofsversammlung: „P. Lio sagte mir mit Recht,
die Sucht, etwas pastoral sagen zu wollen, ginge zu weit und überdecke die Wahr-
heitsfrage“ (S. 159l; vgl. auch S. 212). Oft scheine es, dass die Lehre der Praxis
untergeordnet würde (S. 159, Anm. 730).
Für das Verfahren des Konzils war es höchst problematisch, die mit breiter welt-
kirchlicher Beteiligung erstellten Vorbereitungsdokumente zurückzunehmen und
völlig neue Texte vorzulegen. Schauf empfahl Tromp, diese „Kreativität“ zu bremsen
durch die Einführung einer Kommission, die ein neues Schema vor einer Besprechung
prüfen sollte (S. 160). Schauf schreibt dazu: „Die ernste Arbeit von drei Jahren lässt
man behandeln, als ob sie nichts gewesen sei, und all das nur, weil man sich groß
dünkt und weil keine feste Führung von oben da ist …“ (S. 171).
Zum ersten Mal erwähnt Schauf dieses Problem anlässlich des neuen Schemas
über die Quellen der Offenbarung (De fontibus), wobei ihm Joseph Ratzinger als „der
eigentliche Verfasser“ bekannt war (S. 160). Schauf beurteilt die Zusammenkunft der
deutschen Theologen am 14. November 1962 sehr markant: „Es war mehr eine Ver-
schwörung und politische Versammlung als theologisches Gespräch. Besonders
Smulders – Ratzinger – Küng schienen zusammen zu sein … Schmaus ging früher
74 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen

weg. Wahrscheinlich war ihm die Sache zu dumm. … nach der Lektüre des neuen
Buches von Geiselmann sei er von der Falschheit seiner (Geiselmanns) Ansicht über-
zeugt“ (S. 161). Ein renommierter Mitarbeiter des Heiligen Offiziums, Erzbischof
Pietro Parente, beurteilte das deutsche Schema bei einer Sitzung der Theologischen
Kommission in manchen Punkten als häretisch (S. 161). Bischof Schröffer riet, das
von Ratzinger erstellte Schema Frings „sei lediglich als Materialsammlung zu ver-
wenden“ (S. 162). Das zentrale Problem war hierbei, dass die Geiselmann-These,
„dass alle geoffenbarte Wahrheit in der Schrift …, quaestio disputata sei“, nicht
zurückgewiesen werde (S. 162). Schauf sprach darüber mit Kardinal Frings (S. 163).
Der Tagebuchtrag vom 28. Februar 1963 berichtet über die Manipulation durch
den Jesuitenkardinal Augustin Bea, den Leiter des Einheitssekretariates, der – als
Kardinal Ottaviani gerade abwesend war – die zuvor festgelegte Abstimmungsfrage
in der gemischten Kommission De fontis eigenmächtig abänderte dahin, „dass man
darüber abstimmen sollte, dass zu dem Punkte der Insuffizienz geschwiegen werde,
es solle weder etwas pro noch etwas contra gesagt werden. Die Abstimmung fand statt
29:9 im Sinne des abstinere“ (S. 182). „Die nächste, wohl dramatischste Sitzung, die
ich je erlebt habe, war am 25.2.63. Ottaviani … protestierte förmlich gegen die Ände-
rung der Frage, bestritt die juridische Gültigkeit der Abstimmung …, denn man werde
die Lehre, die in possessione war, vom magisterium ordinarium bis heute gelehrt
worden sei, nunmehr als quaestio disputata hinstellen, es handle sich um Grundlagen
des Glaubens … Wohl noch nie hat das Konzilsschiff so festgesessen, wie nach dieser
Sitzung“ (S. 182). Kardinal Ruffini las dann einen Artikel Kardinal Beas vor, „in der
Bea die Lehre, dass alle Wahrheiten in der Hl. Schrift sein müssten, als protestantisch
zurückweist“ (S. 183)! Bischof Franić „erklärte, in der Orthodoxie sei Unruhe darüber,
dass die katholische Kirche ihre bisherige Lehre hinsichtlich Schrift und Tradition, die
auch die Lehre der Orthodoxie sei, in Zweifel ziehen könnte“ (S. 183).
Beachtung verdient der Hinweis auf die Rezension Ratzingers über Geiselmanns
Studie zu Schrift und Tradition, „die für diesen nicht gerade schmeichelhaft ist“ (S.
195, mit Hinweis auf ThPQ 111, 1963, 224–227).
Im Herbst 1963, mitten in der Diskussion über die Quellen der Offenbarung,
veröffentlichte Schauf sein umfassendes Werk über „Die Lehre über Schrift und
Tradition in den Katechismen“. Es verfehlte nicht seine Wirkung: „Dann traf ich
Rahner, der fragte, ob ich noch andere Bomben bereithabe“ (S. 198f). Das bis dahin
vorliegende Schema De fontibus wurde daraufhin zurückgestellt (S. 201, 203). In
einer Unterkommission zum Thema im März 1964 fällt es Rahner und Schauf zu, die
Relatio zu geben, was zu einem heftigen Streit führt (S. 228f). Die Frage der Suf-
fizienz der Heiligen Schrift wird zunächst ausgespart. Schauf veröffentlicht dann
1964 in der Zeitschrift „Seminarium“ einen zusammenfassenden Artikel über die
„traditio constitutiva“ und verteilt ihn (S. 235f). Unterstützung erhält er durch ande-
re Schriften, unter anderem durch die Rezension von Schmaus in der römischen
Zeitschrift Divinitas über das von Johannes Beumer 1963 erstellte Faszikel über die
mündliche Überlieferung als Glaubensquelle im „Handbuch der Dogmengeschichte“
(S. 237; zur Übereinstimmung mit Schmaus vgl. auch S. 250). Als Schauf in der
Kommission mit seiner Auffassung nicht durchkam, wandte er sich in einem Brief
an Papst Paul VI., wobei er das Thema „De Traditione constitutiva“ auf zwei Seiten
Manfred Hauke 75

zusammenfasste (S. 238f). Der Papst gratulierte ihm zu seinem Werk (S. 258f) und
betonte gegenüber Kardinal Siri, dass er die Lehre von der traditio constitutiva für
richtig halte (S. 262). Ratzinger äußerte sich in einer Rezension zum Werk von
Schauf (S. 246 [vgl. die Herausgeber: S. 74–76]) und meinte in einer Aussprache,
seine Auffassung sei nicht weit von Schauf entfernt und „gab glatt zu, dass die These
[von der traditio constitutiva] richtig sei. Aber dennoch solle im Text nichts gesagt
werden, solange die Dinge noch diskutiert würden“ (S. 253). „Tromp sagte noch, man
habe … die Wahrheitsfrage nicht gestellt …, sondern nur die Frage nach der
Opportunität aufgeworfen …“ (S. 255).
In der theologischen Publizistik Deutschland herrschte eine starke Einseitigkeit,
wie sie gerade zu dem genannten Thema der damalige Bonner Neutestamentlicher
K.Th. Schäfer in einem Brief an Schauf beschreibt (vom 22. Juni 1964): „Mich widert
dieses Cliquenwesen an, das heute in Deutschland in der Theologie herrscht, das auch
weitgehend die Publikationsorgane beschlagnahmt hat. Wie ich erlebt habe, kann
man über ein aktuelles Thema infolgedessen gar nicht schreiben, ohne sofort in den
Verdacht zu geraten, man gehöre zu einer anderen Clique, sofern man nicht Karl
Rahner für unfehlbar hält“ (S. 242). Schauf selbst machte die gleiche Erfahrung (vgl.
S. 278–280).
Für das Anliegen der traditio constitutiva bemühte sich Paul VI., einen Eklat wie
bei der „Nota explicativa praevia“ zur Kollegialität der Bischöfe (vgl. S. 272–276) zu
vermeiden, wachte aber hinter den Kulissen über die Vorbereitung der dogmatischen
Konstitution über die Offenbarung (S. 303). Am 26. September 1965 erfuhr Schauf
von dem Brief des Papstes, in dem er die traditio constitutiva betont4. Tromp er-
läuterte, man werde diesen Fachbegriff in der Theologischen Kommission vermeiden,
aber sachlich davon handeln, indem man betone: aus der Schrift allein lässt sich die
Glaubenslehre nicht nachweisen (S. 304).
Am 18. Oktober 1965 verfasste Paul VI. einen Brief, der zwei Tage danach in der
Theologischen Kommission vorgetragen wurde (siehe den Wortlaut S. 314f) und der
zur Ergänzung bezüglich der Bedeutung der Tradition sieben Formeln als Beispiele
vorschlägt. Angenommen wird die dritte Formel, die Kardinal Bea (im Auftrag des
Papstes?) vorschlägt, wonach die Kirche ihre Gewissheit über die Offenbarungs-
wahrheiten nicht allein aus der Schrift schöpft („quo fit ut Ecclesia certitudinem suam
de omnibus revelatis non per solum scripturam hauriat“). Schauf ist damit zufrieden
(S. 316f). Die Aussage findet sich im definitiven Endtext (Dei Verbum 9) mit einer
Fußnote, die auf das Konzil von Trient verweist (DH 1501).
Mit der Nachzeichnung der Diskussion zur traditio constitutiva legt Heribert
Schaufs Konzilstagebuch einen Sachverhalt dar, der anscheinend in dieser Vollständig-

4 Streng genommen handelt es sich hier nicht um einen Brief des Papstes, sondern um einen Brief des
Kardinals Pericle Felici an Kardinal Alfredo Ottaviani vom 24. September 1965: vgl. S.M. Lanzetta, Il
Vaticano II, un Concilio pastorale. Ermeneutica delle dottrine conciliari, Siena 2014, 246, mit Hinweis
auf ASC (Archivio Segreto Vaticano, Concilio Vaticano II), Busta 787, cartella 424; deutsche Über-
setzung bei Manfred Hauke, Gibt es eine “Traditio constitutiva”? Theologische Anmerkungen zu einer
Intervention Papst Pauls VI. während des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Veit Neumann – Josef
_Spindelböck – Sigmund Bonk (Hrsg.), Glaube und Kirche in Zeiten des Umbruchs. Festschrift für
Josef Kreiml, Regensburg 2018, 329–340 (331).
76 Der positive Ausgang des Zweiten Vatikanums in den dogmatischen Fragen

keit in der geschichtlichen Forschung noch nicht bekannt war. Die konstitutive Be-
deutung der mündlichen Tradition findet sich demnach indirekt auch in der dogmati-
schen Konstitution über die Offenbarung, obwohl diese Tatsache auf den ersten Blick
nicht offenkundig ist5 und eine überaus bewegte Vorgeschichte voraussetzt.
In einem Aufsatz habe ich vor einigen Jahren zu zeigen versucht, dass die Be-
tonung der konstitutiven (und nicht bloß interpretativen) Tradition sachlich berechtigt
ist. Die mündliche Überlieferung des Wortes Gottes geht geschichtlich der schrift-
lichen Bekundung voraus. Die Heiligen Schriften sind zu bestimmten Gelegenheiten
verfasst worden; sie beleuchten das Zentrum der christlichen Überlieferung, be-
anspruchen aber keine inhaltliche Vollständigkeit. Selbst Geiselmann wies seinerzeit
auf die „Sitten und Gewohnheiten der Kirche“, die über die von ihm postulierte
inhaltliche Suffizienz der Schrift hinausgehen6. Dazu gehören nach dem Tridentinum
die Kindertaufe und das Gebet für die Verstorbenen, die durchaus zum Bereich des
Glaubens gehören. Papst Paul VI. wies am 24. September 1965 exemplarisch auf den
hl. Augustinus: „Es gibt vieles, was die gesamte Kirche festhält und von dem man
deshalb mit Recht glaubt, dass es von den Aposteln angeordnet sei, obwohl man es
nicht schriftlich vorfindet“7. Im „Credo des Gottesvolkes“ aus dem Revolutionsjahr
1968 betonte der Papst: „Wir glauben alles, ‚was im geschriebenen oder überlieferten
Gotteswort enthalten ist …‘“, mit Hinweis auf das Erste Vatikanum8.

Weitere Themen

Die Kontroverse um die inhaltliche Suffizienz der Heiligen Schrift wurde aus-
führlicher beleuchtet, weil sie unter den verschiedenen Themen, über die Schauf sich
äußert, den größten Raum einnimmt. Gründlich zum Zuge kommt auch die Ekklesio-
logie, selbst wenn die im Tagebuch berichteten Fakten größtenteils schon gut bekannt
sind. Besonders hingewiesen sei auf die Bedeutung der Äußerungen von Edward
Schillebeeckx, der in einem Zeitungsartikel vom 25. Januar 1965 die unehrliche
Taktik der progressistischen Konzilsfraktion kritisierte (der er selbst angehörte), zum
Thema der bischöflichen Kollegialität offene Formulierungen zu wählen, deren ver-
borgene Schlussfolgerungen erst nach dem Konzil zum Zuge kämen (S. 288f). Diese
Problematik hat zur „nota explicativa praevia“ Pauls VI. geführt, worin die bischöf-
liche Kollegialität in ihrer Beziehung zur päpstlichen Vollmacht genauestens dar-
gelegt wird9.

5 Nach dem mir 2018 bekannten Forschungsstand habe ich noch die Deutung vertreten, der in dem er-
wähnten Brief vom 24. September 1965 ausgedrückte Wunsch des Papstes habe sich im Schlussdoku-
ment nicht durchgesetzt (Hauke, Gibt es eine „Traditio constitutiva“?, 331f).
6 Vgl. Hauke, Gibt es eine „Traditio constitutiva“?, 337f.
7 Augustinus, De baptismo V, 23, 31. Vgl. Michael Fiedrowicz, Theologie der Kirchenväter, Freiburg
i.Br. 2007, 89.
8 Professio fidei, Nr. 20: AAS 60 (1968) 441. Vgl. Erstes Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution
Dei Filius über den göttlichen Glauben (DH 3011)..
9 Vgl. dazu auch, mit Hinweis auf das Konzilstagebuch von Schauf, Alexandra von Teuffenbach, Der
ehrenwerte Progressive, in: Die Tagespost, 8. Dezember 2022, S. 16
Manfred Hauke 77

Unter den moraltheologisch relevanten Aussagen sind zu beachten die Hinweise


auf das Verbot der künstlichen Empfängnisregelung in der Enzyklika Pius‘ XI. Casti
connubii, die in der Pastoralen Konstitution über die Kirche Gaudium et spes auf-
genommen werden (vgl. S. 331, 334). Kritisch äußert sich Schauf zur „pastoralen“
Unklarheit bezüglich der Ehezwecke: die Lehre von der Fortpflanzung als primärer
Ehezweck werde nicht verneint und „es handle sich um kein dogmatisches, sondern
ein pastorales Dokument, aber später wird man es noch erleben, … dass man aus
dieser Unklarheit argumentieren wird“ (S. 320; vgl. S. 332).
Deutlich werden auch die Mängel von Gaudium et spes (= Schema 13): „Schema
13 wird so kritisiert, dass man es eigentlich neu machen müsste. Aber da man es
andererseits nicht absetzen kann, ohne das Gesicht zu verlieren, wird man weiter-
machen“ (S. 303f; vgl. S. 328, 334f mit Hinweis auf widersprüchliche Aussagen von
Ratzinger).
Festgehalten sei eine wichtige Bemerkung über die „theologische Qualifikation“
der Lehren des Konzils. Entgegen der Ansicht Tromps, eine jede Lehre des Konzils
müsse irrtumslos sein, weil sie zum ordentlichen Lehramt gehöre, betont Schauf:
auch das ordentliche Lehramt ist „nur dann infallibel, wenn es tamquam de fide, vel
tamquam absolute vel definitive tenendum etwas lehrt“ (S. 221). Diese Bemerkung
entspricht der Bekanntmachung Pericle Felicis, des Generalsekretärs des Konzils,
wonach „die hl. Synode nur das über den Bereich des Glaubens und der Sitten zu
halten bestimmt, was sie selbst als solches klar erklärt hat“ (S. 221, Anm. 1004).
Interessant ist der Kommentar zur Wahl Giovanni Battista Montinis zum Papst:
„Man wird Montini genommen haben: 1) weil er eine feste Hand hat, 2) weil er auf-
geschlossen zu sein scheint, 3) weil er den Papst schützen wird (so die Konservati-
ven), 4) weil er in doctrinalibus als zuverlässig gilt …“ (S. 193f). Paul VI. wolle „die
Festigkeit Pius XI. mit der Doktrin Pius XII. und der Güte Johannes XXIII. ver-
binden“ (S. 196).

Eine mustergültige Edition

Das nun nach langer Verzögerung erschienene Konzilstagebuch von Heribert


Schauf bietet reichhaltiges Material, das für die geschichtliche Erschließung des
Zweiten Vatikanums von großem Wert ist. Die Herausgeber haben eine mustergültige
Edition erstellt, die zweifellos in der geschichtlichen und theologischen Auswertung
des Zweiten Vatikanums ihren Platz finden wird.
Am Ende des Tagesbuches äußert Schauf mit Hinweis auf eine Mitteilung Pauls
VI. seine Sorgen über die Lage des Glaubens, betont aber auch: „Das Konzil ist …
im Sinne der sog. Konservativen verlaufen, was die dogmatischen Fragen und Aus-
sagen angeht: De Revelatione, De Ecclesia et Episcopate, De matrimonio, De Bello
et Pace etc. Aber was bringt die Zukunft? Gott gebe dem Papst Stärke und Kraft und
die Fülle des Hl. Geistes! Amen“ (19. Dezember 1965, S. 336).

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