Jesko Habert

Politik und Philosophie im mexikanischen Detektivroman am Beispiel von Taibo II's „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“
Gliederung 1. Einleitung........................................................................................................................... 2 2. Biographischer Hintergrund: Paco Ignacio Taibo II.......................................................... 2 3. Der politische Detektivroman: Hector Belascoarán Shayne.............................................. 3 4. „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“.....................................................................4 4.1. Kurzer inhaltlicher Überblick.................................................................................... 4 4.2. Politische Betrachtungsebene.................................................................................... 6 4.3. Philosophische und literararische Betrachtung.......................................................... 7 5. Zusammenfassung.............................................................................................................. 9 Quellenangaben................................................................................................................ 10

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1. Einleitung
Die jüngere mexikanische Literatur ist vor allem für seine epischen Werke aus postrevolutionärer Zeit im Stile von Juan Rulfo, Carlos Fuentes und anderen bekannt und wird, wie die gesamte lateinamerikanische Literatur, oft auf den magischen Realismus beschränkt. Dabei wird oft übersehen, dass auch in den letzten Jahren herausragende Literatur in Mexiko geschrieben wurde und wird, die mit ihren ganz eigenen Merkmalen hervorsticht. Der wohl noch bekannteste Autor dieser jüngeren Generation mexikanischer Schriftsteller ist Paco Ignacio Taibo II., dessen Romane in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Ein meiner Ansicht nach hervorzuhebendes Merkmal dieser neuen mexikanischen Schriftkultur, welches Taibo in der Detektivreihe um Belascoarán Shayne perfektioniert, ist die Verflechtung von Politik und Philosophie mit der „banalen“ Unterhaltungsliteratur (zu welcher gerade Kriminalromane oft gerechnet werden), dem dezenten Element des magischen Realismus und der sich mit der politischen Ebene überschneidenden Sozialkritik. Hinzu kommt gerade bei Taibo II. ein außergewöhnlicher Humor und die Vorliebe für extravagant-abstruse Situationskomik. Diese Verbindung ist ausschlaggebend dafür, dass mit Taibos Detektivreihe auch der Kriminalroman berechtigten Einzug in die Liga der „ernsten Literatur“ aufgenommen werden sollte, gerade wegen seiner Überwerfung der herkömmlichen Kriterien der „Bellas Artes“-Literatur. Im Folgenden möchte ich vor allem die politischen und philosophischen Aspekte in der mexikanischen Literatur am Beispiel des Romans „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“ näher betrachten.

2. Biographischer Hintergrund: Paco Ignacio Taibo II.
Paco Ignacio Taibo II wurde unter dem Namen Francisco Ignacio Taibo Mahojo als Sohn des Schriftstellers und Journalists Paco Ignacio Taibo I am 11.1.1949 im asturischen Gijón geboren. Seine Familie war politisch deutlich links, wenn nicht gar sozialistisch orientiert, weshalb sie 1958 nach Mexiko-Stadt auswanderten, wo Taibo II bis heute lebt. 1 Während seines Studiums (Literatur, Soziologie und Geschichte,) engagierte er sich auch in den Studentenprotesten von '68, die in dem Massaker von Tlatelolco mündeten, ein Ereignis, das Taibos politische Orientierung und Solidarität zur Studentenschaft bedeutend prägte. Neben seiner Tätigkeit als Autor ist bzw. war Taibo II als Historiker, Journalist und GeschichtsProfessor an der Universidad Autónoma Metropolitana-Azcapotzalco tätig 2, ist der Gründer der

1 Vgl. Stavans, I., 1990: 6f. 2 Vgl. Stavans, I., 1990: 6f.

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Internationalen Vereinigung der Kriminalschriftsteller3 und organisiert das jährliche Krimi-Festival „Semana Negra“ in seiner Geburtsstadt Gijón. Taibo II ist in wissenschaftlichen Kreisen vor allem für seine Biographie Ernesto „Che“ Guevaras bekannt, die zu den Ausführlichsten überhaupt zählt und Guevaras Afrika-Aufenthalt „wiederentdeckt“ hat. Literarische Werke existieren zwar in großer Zahl, bekannt geworden ist Taibo II allerdings hauptsächlich mit den Romanen der „Belascoarán Shayne-Serie“, die bis heute aus folgenden Werken besteht: „Días de combate“, „Cosa facil“, „Algunas Nubes“, „No habrá final felíz“, „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“, „Amorosos fantasmos“, „Sueños de frontera“, „Desvanecidos difuntos“ und „Adíos Madrid“, sowie der zusammen mit dem ehemaligen ZapatistaSubcommandante Marcos entstandene Four-Hands-Roman „Muertos incomodos“.

3. Der politische Detektivroman: Hector Belascoarán Shayne
In bisher neun (bzw. zehn) Romanen Taibos spielt der mexikanische Detektiv Hector Belascoarán Shayne die Hauptrolle, weshalb die Bücher auch als Teil der „Belascoarán ShayneSerie“ bezeichnet werden. Wie in den meisten Detektivromanen tauchen neben dem Privatdetektiv nur wenige andere Protagonisten auf, die wenigsten von ihnen erscheinen in mehreren Romanen. Entsprechend tritt Belascoarán als Einzelgänger auf, der sich von sozialen Institutionen loslöst. Die einzigen häufig wiederkehrenden Personen sind seine Geschwister (Carlos und Elisa) und die drei Männer, die ihre Arbeit im gleichen Haus verrichten wie er: ein Tapezierer, ein Klempner und ein Abwassermechaniker4, sowie die stets nur als „die Frau mit Pferdeschwanz“ 5 beschriebene, sporadisch auftauchende Freundin Belascoaráns. Gleich zu Anfang fällt der extravagante Name des Detektivs auf, der für einen Mexikaner doch recht ungewöhnlich klingt. Taibo II erklärt ihn folgendermaßen: der erste Nachname, Belascoarán, stammt von einem linken, baskischen Seemann 6, der zweite, Shayne, von der Mutter, einer irischen Sängerin. Auf der Metaebene ist „Shayne“ jedoch eine klare Anspielung auf den US-Romandetektiv Michael Shayne von Brett Halliday7, der, im Gegensatz zu Belascoarán, stets das vollständige Verbrechen aufzulösen vermochte und alle Täter zur Verantwortung ziehen konnte. Der Vorname Hector kann in Bezug zur Ilias gesetzt werden, in der Hector der (vorübergehende) Retter des untergehenden Trojas ist – in analogischer Betrachtung löst Belascoarán zwar immer wieder diverse
3 http://jmc.ou.edu/aiep/AIEPhistory.htm 4 Vgl. Stavans I., 1990:6 5 Lediglich in „Dias de combate“ wird sie ein einziges Mal als „Irene“ identifiziert, später wird sie nur „mujer de la cola de caballo“ genannt. 6 Vgl. Stavans, I., 1990:6 7 Vgl. ebd.

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Fälle in Mexiko-Stadt, kann das eigentliche Verbrechen jedoch nicht beseitigen. Denn Belascoarán, ehemaliger Student und noch immer stark sozialromantisch und linksorientiert (und als solcher mehrere Eigenschaften mit Taibo II teilend), ist alles andere als der typische Romandetektiv. Durch seine Augenklappe sind verdeckte Ermittlungen verhältnismäßig schwer, und auch sonst kann er meist nur Erfolge mit bitterem Beigeschmack einheimsen: zwar werden die von ihm verfolgten Kriminellen meist gefasst, die oft mit der Politik oder dem CIA in Verbindung stehenden Hintermänner bleiben jedoch außer Reichweite. Das Büro Belascoaráns in der Calle Articulo 123 kann als ebenso bedeutungsschwanger betrachtet werden wie der Name des Privatdetektivs: der Artikel 123 regelt im mexikanischen Gesetz das Streik- und Arbeitsrecht 8, ein weiteres Anzeichen für die Linksorientierung von Autor und Protagonist; die tatsächliche Adresse liegt gerade zwei Straßen entfernt vom Palacio de las Bellas Artes, was eine klare Anspielung auf Taibos Beziehung zur „ernsten Literatur“ ist.

4. „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“
4.1 Kurzer inhaltlicher Überblick
Bevor ich auf die Verknüpfung aus politischer und philosophischer Ebene im Werk Taibos eingehen werde, möchte ich einen kurzen inhaltlichen Überblick über den Roman geben, anhand dessen ich diese Betrachtung vornehmen möchte. „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“ hat zwei zentrale Inhalte, die parallel zueinander behandelt werden. Einerseits wird, sozusagen extern, geschildert, wie Shayne einen Kubaner namens Luke Medina beschattet. Der Auftrag, den er erst nach langem Zögern annimmt, stammt von Alicia, deren Schwester (Medinas Frau) Medina offenbar erst zum Kokain und dann zum Selbstmord gebracht hat, und hat zum Ziel, ihn wegen einer seiner zahlreichen Verbrechen in „ein mexikanisches Gefängnis“9 zu bringen. Zwar verliert Belascoarán mehrmals die Spur, doch Alicia kann ihm dank ihrer Verbindungen zu diversen Fluggesellschaften immer wieder die nötigen Hinweise geben. Überhaupt stellt sich heraus, dass mehrere, meist verdeckt bleibende Personen ein vergleichbares Interesse an Medina haben und Belascoarán unter anderem darauf hinweisen, dass Medina in ein Drogen-gegen-Waffen-Geschäft zu ungunsten Nicaraguas verwickelt ist. (Wie sich zeigt, arbeitet Alicia tatsächlich für den nicaraguanischen Geheimdienst.) Während der Observation begegnet der ausschließlich Cola trinkende Detektiv dem Gin-süchtigen US-Reporter Dick, der ebenfalls hinter dem Kubaner, der viele verschiedene Synonyme zu nutzen scheint, her ist. Zusammen mit Dick
8 Vgl. http://info4.juridicas.unam.mx/ijure/fed/9/124.htm?s= , vgl. außerdem Marcos-Serna, 2009. 9 Taibo, P.I., 1992:33

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findet Shayne (neben zahlreichen anderen kriminellen Tätigkeiten, in denen Medina tätig ist) heraus, wann die Übergabe des heiklen Deals stattfinden soll und plant eine Verhinderung desselben. Einen Tag vorher findet er sich plötzlich in einem Flugzeug wieder und stellt fest, dass Dick offenbar ermordet wurde, und nach seiner Rückkehr ins Detektivbüro mit dem festen Vorsatz, weiterzumachen, wird er selbst aufgegriffen und entgeht nur durch die Hilfe der Frau mit dem Pferdeschwanz knapp der Ermordung durch Medina. Die Geschichte endet in einer abstrusen Situation bei den Garagen der Drogen-Waffen-Übergabe, in die Belascoarán und die Frau mit dem Pferdeschwanz vier (dem Anschein nach) bewaffnete Mariachi-Bands einbinden – der schwer durchschaubare Plan endet nicht ganz wie geplant in brennenden Lastern und dem mehr oder weniger unauffälligen Verschwinden des Detektivs und seiner Freundin. Die Aussage „Bien, de pelos; no está’ mal ganar una de vez en cuando. Ganar aunque sea a medias. Bien. Se siente a toda madre ganar de vez en cuando“10 ist natürlich exemplarisch für die oben beschriebenen Romanausgänge der Shayne-Reihe, vor allem in Verbindung mit dem nachfolgenden Satz: „No sirvió para nada. Dick no estaba por ahí tomándose una ginebra“ 11 Auf der anderen Seite gibt es den, auf Belascoarán bezogen, internen Inhalt: die Rückkehr vom Tod des Detektivs im vorangehenden Roman „No habrá final felíz“. Dort fand der Leser zuletzt Shaynes von Kugeln durchlöcherten Körper im Regen auf der Calle Articulo 123 liegend – in „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“ kehrt Belascoarán zunächst ohne rationale Erklärung zurück. Im Vorwort erklärt Taibo II dies einerseits mit „weißer Magie“12, andererseits metaliteral mit der Forderung der Leser nach einer Rückkehr des Detektivs (was an die Rückkehr Sherlock Holmes erinnert). Innerhalb des Romans geht er auf äußerst interessante Weise mit dieser Unerklärbarkeit um: er lässt ständig Anspielungen fallen, erwähnt den langen, ein Jahr andauernden Regenerationsprozess des Detektivs in Erinnerungen desselben an „das vergangene Jahr“, sowie dem generellen Auftreten Shaynes: er wird als dünn und bleich beschrieben, wirkt blasser, äußerst paranoid und hat häufig „Blackouts“, so dass er sich an unerwarteten Plätzen wieder findet und sich fragt, wie er dort hingekommen ist. (So zum Beispiel die oben erwähnte Situation im Flugzeug, in einem unter falschem Namen eingecheckten Hotel oder im Badezimmer schlafend.) Ein Beispiel für den literarisch interessantesten Umgang im Sinne der Anspielungen findet sich gleich zu Beginn, wo Taibo den tatsächlichen Tod des Protagonisten mit „banalen“ Alpträumen und einer philosophischen Ansicht über den Schlaf kreuzt:
„¿Cuántas veces te has muerto tú?“ 10 Taibo, P.I., 1992:137 11 Ebd. 12 Ebd.: 9

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„Uhm“ djio la muchacha de la cola de caballo y negó con la cabeza. „Yo sí, muchas.“ […] „Digo dormir, ponerse a dormir y morir de nuevo. Cien, doscientas veces en un año. Estar seguro de que el primer sueño está dedicado a morirse otra vez... Eso. El primer puto instante del sueño, no es sueño, es volverse a morir.“ 13

Und, wenig später, die noch deutlichere Anspielung auf seinen Tod in „No habrá final felíz“, in der Antwort auf die Frage, wie dieser Tod sei:
„No puedes respirar. Sientes fuego en el estómago. No puedes mover los dedos de la mano. Tienes la cara metida en un charco y los labios se te llenan de agua sucia. Te cagas en los pantalones sin poder remediarlo. La sangre que te sale por la nariz se va mezclando con el agua del charco... Está lloviendo.“14

4.2 Politische Betrachtungsebene
Wie bereits angedeutet, befindet der sich selbst als „unabhängiger Detektiv“ bezeichnende Belascoarán im politischen Spektrum ebenso wie Taibo II deutlich links. Zwar mischt Shayne sich nicht direkt in die Politik Mexikos ein, die Meinung des Autors tritt jedoch sowohl in dessen Aussagen, als auch in sonstigen Beschreibungen und Situationen hervor. In dieser Hinsicht ist „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“ besonders bemerkenswert, da es im Jahr 1988 geschrieben wurde, dem Jahr, in dem die mexikanische Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) erstmals einer ernsthaften Konkurrenz in Form von Cuauhtémoc Cárdenas Solórzano gegenüberstand. Cárdenas war deutlicher Sympathieträger der politischen Linken, und als solcher natürlich eindeutiger Favorit Taibos. So stellt Hector fest, dass sein Bruder Carlos sich nicht nur im Wettkampf mit einer Sprayerbande befindet, sondern auch des öfteren politische Sprüche auf diese Weise verbreitet – und dafür Zustimmung bekommt.
El otro día estaba pintando una que decía: "Si los priístas quieren gobernar, por qué no empiezan por ganar las elecciones" y llegaron los de la banda al rato y en lugar de destruirla le pusieron abajo un "Sí es cierto" de dos metros de alto. 15

Später bemerkt Belascoarán gleich mehrere vergleichbare Schriftzüge, die zu beschreiben sich Taibo einen ganzen Absatz Platz nimmt:
La ciudad estaba en efervescencia electoral. Se había ido llenando lentamente de letreros que proclamaban una candidatura diferente a la del PRI y claramente enfrentada. De vez en cuando Héctor quería encontrar las pruebas, en alguna de las pintas, de que su hermano Carlos se había metido en el asunto. Varias tenían el estilo, si no de Carlos, si de su generación de pintores: "Los que nacieron para mandilones, votan PRI", "¿Le prestarías tu bicicleta usada al candidato del PRI 13 Taibo, P.I., 1992:11 14 Ebd.: 12 15 Ebd: 19f

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de este distrito? Entonces, ¿por qué vas a votar por él? ¡Viva Cuauhtémoc!", "Un poco de confianza, en ésta nos libramos de esa bola de rateros. Comité cardenista distrito XI", "Los vecinos de esta cuadra no permitiremos que haya fraude. ¡Basta!". 16

Doch auch auf weniger direkte Art schreibt Taibo gegen die etablierte Partei. So betrachtet Belascoarán später aus einiger Entfernung eine Ansammlung von Menschen in der Stadt, und macht sich Gedanken zur Ursache des Auflaufes. Unmittelbar kommen ihm vor allem zwei Möglichkeiten in den Sinn: eine Demonstration gegen die PRI, oder gegen Medina. Selbstverständlich ist Zweiteres mehr als nur unwahrscheinlich, der Zweck dieses Vergleiches ist jedoch eindeutig: die PRI wird gleichgestellt mit einem Kriminellen, der in den verschiedensten Gebieten, mit Unterstützung der CIA, seine Machenschaften ausübt.
Por la avenida Reforma, avanzaba hacia el centro una enorme manifestación. La contempló desplegarse poco a poco. ¿Estudiantes?, ¿colonos tomatierras?, ¿cardenistas? El rumor llegaba hasta las alturas del castillo. La ciudad no tenía la culpa de que él fuera un extranjero. [...] La manifestación podía ser contra el PRI, podía ser una manifestación cardenista, podía ser una manifestación contra Medina y sus mierdas amigos que querían joder a los nicas. Héctor encendió un cigarrillo cubriendo con la mano del viento la flama del encendedor, y bajó del castillo a solidarizarse con los manifestantes. 17

Das alles ließe vermuten, dass auch Belascoarán als klarer Cardenista aufträte – dem ist jedoch nicht so. Bewusst bleibt der Detektiv der gesellschafts- und institutionsscheue Außenseiter, der zwar „wahrscheinlich“ für Cárdenas stimmen werde18, sich offenbar aber nur zu einem gewissen Grad von der Euphorie mitreißen lässt. Innerliterarisch ist das durch seine lange Abwesenheit nach seinem Tod im letzten Roman gerechtfertigt, die ihn ein wenig außerhalb des politischen Geschehens befördert hat, außerliterarisch könnte dies mit dem späteren Misserfolg Cuauhtémocs zu verbinden sein.

4.3 Philosophische und literarische Betrachtung
Vor allem im Schreibstil Taibos und den Gedankengängen des Hauptcharakters findet sich häufig eine philosophische Weltansicht wieder, in der Belascoarán sehr nachdenklich reflektiert und über den Status des gewöhnlichen Romandetektivs hinausreicht. Das geht in „Algunas Nubes“ sogar so weit, dass Belascoarán im Buch dem Autor Taibo als Charakter begegnet. Aber auch in „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“ lassen sich ähnlich anspruchsvolle Stellen finden. So denkt Belascoarán, wie immer nicht direkt als Gedanken ausgezeichnet sondern mit dem Erzähler verstrickt, auf Seite 27 darüber nach, wie wir die Welt aus verschiedenen Perspektiven wahrnehmen
16 Taibo, P.I., 1992:107 17 Ebd.: 121 18 „En mi oficina todos van a votar por Cuauhtémoc. Carlos, Gilberto, el ingeniero Villareal. Creo que yo tambien.“ (ebd.: 108)

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– und tut dies auf eine metaphorische Weise über das Medium der Stadt, wie so oft versehen mit Taibos subtilem Humor:
La ciudad que uno posee no es la que otros tienen. La de uno, la propia, tiene los postes de luz en el lugar equivocado, se llena de sombras donde no debiera haberlas. En la de uno, el vendedor de periódicos muestra el Ovaciones volteando, de manera que se tenga que hacer equilibrios para poder leer el cabezal de 90 puntos, y eso a medias. En la ciudad propia la tienda de la esquina cierra invariablemente a las 7.15, aunque cuando uno les pregunta en la mañana a qué hora van a cerrar esa noche, dicen que a las 8; en la ciudad de uno el canal 9 se ve con interferencia a la hora en que pasan las películas de Bogart. Quizá la ciudad personal tiene parentescos con las otras: la miseria, el desempleo, la falta de pudor del poder que miente electrónicamente, el precio de la gasolina, la nube negra que viaja de noroeste a suroeste, el malhumor de los vecinos del 5, el sabor standard de las hamburguesas de los vips, la reacción instantánea de la mujer de la limpieza cuando una lámpara se mueve a destiempo anunciando temblor. Pero eso es decorado. Vivimos ciudades diferentes, hiladas por los abusos del poder y el miedo, la corrupción y la eterna amenaza del descenso a la selva, que oculta en los rostros del sistema, se asoma regularmente para recordarnos que somos frágiles, que estamos solos, que un día seremos pasto de los zopilotes. O que un día todo habrá de jugarse en un volado, a lo western, a lo duelo en la calle mayor: ellos o nosotros.19

Ein literarisch interessanter Aspekt in diesem Abschnitt, der jedoch ebenfalls vermehrt im Buch zu finden ist, ist die Erwähnung anderer Medien, in diesem Falle Humphrey Bogart. Abgesehen von der Tatsache, dass Taibo auf diese Weise die Alltäglichkeit des Lesers und dessen Konfrontation mit den Medien einbringt, sind die gewählten medialen Beispiele auch nicht rein zufällig: Eine von Humphrey Bogarts berühmten Rollen, die ihn von seinen Bösewicht-Rollen zu den Heldencharakteren hinführte, ist die des Privatdetektivs Sam Spade 20, ein recht finsterer Charakter zwischen Gut und Böse, der gewisse Ähnlichkeiten zu Belascoarán aufweist. Weitere Intermedialität bringt beispielsweise die sowjetische „Internationale“ 21, Silvio Rodriguez22 (einem kubanischen, regimefreundlichen Liedermacher) und ein Buch über Pancho Villa von William Douglas Lansford23. Auch die Zitate zu Beginn jedes Kapitels sind ungewöhnlich für Detektivromane und zeigen große Intermedialität. So findet sich zum Beispiel zu Beginn von Kapitel 10 ein Zitat des salvadorianischen, sozialistischen Dichters Roque Dalton:
Imaginémoslo un solo instante: Las clases sociales en la cabeza de Kandinski. La negación de la negación en la cabeza de Dick Tracy. 24 19 20 21 22 23 24 Taibo, P.I., 1992: 27 „Der Malteser Falke“, 1941 Taibo, P.I., 1992: 18 Ebd.: 25f Ebd.: 37 Ebd.: 115

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Die linke Politisierung beim abstrakten Kandinski und die Engelssche Dialektik beim USamerikanischen Comicdetektivs repräsentieren vielleicht wie keins der anderen Zitate gleichzeitig Taibos Linksorientierung, die Intermedialität und die damit verbundene Prise Humor. Eine andere philosophisch anmutende Stelle ist der weiter oben bereits behandelte Anfang des Buches, wo der Tod sozusagen als „kleiner Tod“ des Schlafes philosophisch betrachtet wird, in größter Banalisierung mit Alpträumen gleichgesetzt werden kann.

5. Zusammenfassung
Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass „Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia“ (ebenso wie die anderen Shayne-Romane) in erster Linie Unterhaltungsliteratur ist, was ja auch der Grund für die Popularität von Taibo II ist. Und zweifellos ist gerade die Wahl des Krimi-Genres darauf ausgelegt, eine große Massenwirkung zu erreichen, können sich doch in einer urbanisierten Welt des täglichen Verbrechens besonders viele Menschen mit der geschilderten Umgebung identifizieren, während sie gleichzeitig auf einen Sieg über „das Böse“ durch den Charakter des Detektivs hoffen können. Deutlich wird jedoch auch, dass Taibo dieses Genre nutzt, ihm zunächst die erwähnte Hoffnung auf vollkommene Auflösung raubt und schließlich solche Inhalte darin mehr oder weniger deutlich einbettet, die sonst selten ein so großes Publikum bekommen. Hierbei sind die philosophisch klingenden Aspekte vermutlich nicht direkt gewollt, sondern entspringen mehr der Wahrnehmung des Autors selbst, während die politischen Einflüsse eindeutig den Leser beeinflussen wollen und eine linke Weltsicht nahelegen. Obwohl sich Taibo zwar die Anerkennung vieler Literaturwissenschaftler scheinbar noch verdienen muss, ist keineswegs zu leugnen, dass sich in den mexikanischen Kriminalromanen weitaus mehr verbirgt, als man dem Genre nach vermuten könnte.

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Quellenangaben
Stavans, I., 1990. An appointment with Hector Belascoarán Shayne, Mexican private eyes. In: Review. Stavans, I.,1997. Antiheroes: Mexico and its detective novel. Fairleigh Dickinson University Press: Madison/Teaneck. Taibo II, P.I., 1989. Sombra de la sombra. Ediciones B: Barcelona. Taibo II, P.I., 1992. Regreso a la misma ciudad y bajo la lluvia. Planeta: México, D.F.

Ergänzende Internetquellen
Marcos-Serna, R., 2009. El tuerto de Artículo 123 (sobre la obra belascoaranesca de Paco Ignacio Taibo II). http://lecturaexperimental.blogspot.com/ , aufgerufen am 12.03.2010 Santana Peraza, V.P., o.J. La serie Belascoarán Shayne a través de 'Muertos Incómodos'. http://www.lehman.cuny.edu/ciberletras/v15/santana.html , aufgerufen am 12.03.2010.

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