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Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg

Philosophische Fakultät II,


Romanistisches Institut
Seminar Kulturwissenschaft:
„Europavorstellungen in Spanien“

Sommersemester 2009

Dozent: Dr. des Anne Kraume

Spa n is c h e Eu r o pap o l i t i k
u n te r
José Lu is R o d r í g ue z Zapa te r o

Jesko Habert
Rannische Str. 1
06108 Halle
Mail: jesko.habert@student.uni-halle.de

Matr.nr.: 208202642
Zweifach-Bachelor
Hispanistik 90 LP / Soziologie 90 LP
2. Fachsemester

Vorgelegt am: 06.09.09


G l ieder u n g

1 Die Rolle Spaniens in Europa........................................................................... 1


2 Spanien und Europa – Geschichtlicher Hintergrund.................................... 2
2.1 Isolierung unter Franco.................................................................................... 2
2.2 EU-Beitritt in Folge der Transicion.................................................................. 3
2.3 Transatlantische Orientierung unter Aznar................................................... 4
3 Ziele der PSOE-Außenpolitik............................................................................6
4 Zapateros „Reencuentro“ Europas................................................................... 7
4.1 Die erfolgreiche Osterweiterung..................................................................... 7
4.2 Die Europäische Verfassung.............................................................................7
4.2.1 Mehrheitsentscheidungen in der EU („doppelte Mehrheit“) ....................... 9
4.3 Flexibilierung des Stabilitätspaktes............................................................... 10
5 Die Konzeptlosigkeit ab 2005..........................................................................11
5.1 Bündnisverlust zum „Herzen Europas“......................................................... 11
5.2 Verhandlungen um den Kohäsionsfonds..................................................... 11
5.3 Das europäische Desinteresse an Spaniens Mittlerposition ........................13
5.4 Zwischen Liberalismus und Protektionismus ..............................................14
6 EU-Ratspräsidentschaft Spaniens 2010.......................................................... 15
7 Aussicht auf die zukünftigen Beziehungen zu Europa ................................ 16

Literatur............................................................................................................17

2
1. D ie R o l l e Spa n ie n s i n Eu r o pa

Die Beziehungen zwischen Spanien und Europa zeichnet über Jahrhunderte hinweg eine
wechselhafte Bedeutung aus. Spanien befand sich den größten Teil seiner Geschichte nicht
nur geographisch, sondern auch ideologisch und politisch an der Peripherie des
europäischen Kontinents. Gerade in der Zeit nach Verlust der letzten lateinamerikanischen
Kolonien (1898) beschäftigten sich spanische Denker vermehrt mit der Rolle Spaniens in
der Europäischen Gemeinschaft.
Der Philosoph und Schriftsteller Miguel de Unamuno beispielsweise verfasste in einem
Abstand von zehn Jahren zwei bedeutende Texte über diese ambivalente Beziehung, in
denen er seine Meinung radikal änderte. 1895 vertrat er in „En torno al castilismo“ die
deutliche Meinung, Spanien müsse „europäisiert“ werden. Er sah dringenden Handlungs-
bedarf in politischen und ideologischen Kontexten, der sich vor allem aus der verlorenen
Bedeutung als Kolonialmacht ergab. Er kritisierte vor allem das Verharren in alten Struk-
turen und das Fehlen europäischer Modernität. 1906 jedoch wandelte er seine Meinung in
„Sobre la Europeizacion“ ins Gegenteil zu einer „Hispanisierung Europas“ (Unamuno 1906:
938) um. Dies begründet er mit einer Unangemessenheit der logisch-wissenschaftlichen
Kultur Europas für die leidenschaftliche, logikferne Kultur Spaniens. Seine Argu-
mentationskette verbleibt hierbei gewollt lückenhaft, will er sich schließlich von der euro-
päischen Logik lösen. Tatsächlich setzt Unamuno Spanien mehr mit dem afrikanischen
Kontinent gleich, was nicht zuletzt auf den von Franzosen geprägten Ausspruch „Hinter
den Pyrenäen beginnt Afrika“ zurückgeht. Gerade diese erbitterte Auseinandersetzung um
eine Andersartigkeit gegenüber dem „Rest“ Europas zeigt jedoch, dass der Kontinent
durchaus eine große Bedeutung für das iberische Königreich hat und hatte.
Spanien hat sich stets versucht, von Europa abzugrenzen um die Eigenständigkeit des
Landes hervorzuheben, die vor allem durch die lange Zeit arabischer Herrschaft nicht
unbegründet zu sein scheint. Mit dieser Abgrenzung stand Unamuno nicht allein, obwohl
der Großteil der sogenannten „Generacion de 98“ sich für mehr europäische
Wissenschaftlichkeit und Denkweise aussprachen. Juan Pablo Forner zum Beispiel war mit
dem Text „Oración Apologética por la España y su Mérito Literatio“, in dem er die
(spanische) Religion als alles beherrschenden Maßstab über die (europäische) Wissenschaft
setzt, nur ein weiterer der Verteidiger der spanischen Sonderposition.

1
2. Spa n ie n u n d Eu r o pa: Ges c h i c h t l i c h e r H i n t e r g r u n d
2.2 Is o l ie r u n g u n t e r F r a n c o

Den größten Teil des letzten Jahrhunderts verbrachte Spanien in einer gewissen
Isolierung jeglicher europäischer Belange. Dies hatte seinen Ursprung in dem autoritären
Regime unter Francisco Franco, der nach dem Bürgerkrieg 1939 die Macht an sich gerissen
hatte und bis zu seinem Tod 1975 als Diktator im Amt blieb. Die Abschottung nach außen
ist zu Beginn auf Franco selbst zurückzuführen, während es später eher als Reaktion von
außen anzusehen war.
General Franco hatte während des Bürgerkrieges intensive finanzielle und militärische
Hilfen vom nationalsozialistischen Deutschland und Mussolinis Italien erhalten, die sich
einen faschistischen Bündnispartner am Mittelmeereingang erhofften. Die erwartete Hilfe
des franquistischen Spaniens im Zweiten Weltkrieg blieb jedoch aus, da sich das Land vor
allem wirtschaftlich von den verheerenden Folgen des Bürgerkriegs zu erholen hatte. So
vermied Franco den vollständigen Abbruch der wirtschaftlichen Beziehungen zur
Westallianz und verhielt sich während des Weltkrieges neutral, indem er Spanien als „nicht
kriegsführend“ bezeichnete.
Dies kam ihm zwar zugute, als die Achse Berlin-Rom den Krieg verlor, doch der Aufbau
von Beziehungen zum demokratischen Europa mißlang vor allem aus ideologischen
Gründen. Schon 1946 entschieden sich viele Staaten der UNO für eine Blockade des
diktatorischen Staates. Ausgeschlossen von Europa, versuchte Franco die Blockade durch
Beziehungen zu südamerikanischen Staaten und der arabischen Welt zu durchbrechen, was
ihm teilweise auch gelang. Die Beziehungen zu den europäischen Ländern wurden dadurch
jedoch nicht im Geringsten verbessert. Während 1955 immerhin eine Aufnahme in die
UNO gelang, nachdem das antikommunistische Spanien ein Abkommen mit den USA
erzielen konnte, blieb der 1962 unternommene Versuch, in die Europäische
Wirtschaftsgemeinschaft aufgenommen zu werden, erfolglos.
So wurde der spanische Sonderweg abseits Europas unter Franco nicht vermindert,
sondern eher noch gestärkt und der Eindruck im Rest Europas, dass Spanien nicht wirklich
europäisch sei, erhielt neuen Auftrieb.

2
2.2 EU-Bei t r i t t i n Fo l ge d e r T r a n s i c i o n

Mit Francos Tod begann ein beispiellos friedlicher Übergang zur Demokratie unter König
Juan Carlos, der als offizieller Nachfolger Francos eine monarchische Staatsform mit de-
mokratischen Freiheiten und einem Parlament einführte. Die Demokratien Europas sahen
ihre Hoffnungen in den jungen König bestätigt, während dieser Stück für Stück die dikta-
torischen Institutionen in demokratische umwandelte. In einem Gespräch mit dem dama-
ligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann antwortete Carlos auf die Frage „Wie wollen
Sie denn in Ihrem Land nach einer so langen Diktatur herrschen?“ mit der spontanen
Antwort „So wie Sie hier in Deutschland, Herr Bundespräsident“. 1
So gelang ein schneller Schulterschluss mit den europäischen Demokratien. Nachdem
1982 der Mitte-Rechts Ministerpräsident Leopoldo Calvo-Sotelo den Beitritt zu NATO
durchsetzte, gelang dem populären linken Ministerpräsidenten Felipe Gonzáles Márquez
1986 der seit dem 1977 eingereichten EG-Beitrittsantrag ersehnte Eintritt in die Europäische
Union – ein bedeutender Schritt für die Beziehungen zwischen Spanien und Europa. Ein
von Gonzáles auf den Weg gebrachtes Referendum sicherte die Entscheidung mit über
80% ab und zeigte, dass die Spanier ein spanisches Europa deutlich befürworteten.
Auch die EU profitierten vom Beitritt Spaniens, das zeitnah mit dem portugiesischen
Nachbarn als neue Demokratie in die politische und wirtschaftliche Gemeinschaft eintrat.
Neben einer Erweiterung der strategischen Möglichkeit durch die geographische
Schlüsselposition am Mittelmeereingang und einer Ausbreitung in Fläche und
Bevölkerungszahl als „Schutz“ gegenüber der Sowjetunion stand der Organisation mit
Spanien auch ein größerer Einfluss auf Lateinamerika, den Mittelmeerraum und die AKP-
Staaten2 zur Verfügung. Wirtschaftlich lagen die Vorteile jedoch eher auf spanischer Seite,
das als Land mit einem geringen Einkommensdurchschnitt die umfangreiche
Wirtschaftsförderung der Nettobeitragszahler erhielt. Da die hohe Arbeitslosigkeit und die
große agrarisch bewirtschaftete Fläche deutlich negative Punkte für die anderen EU-
Länder darstellte, erlaubten sie nur unter Beachtung dreier Anforderungen den Zutritt:
Übernahme der europäischen Wirtschaftsordnung und Öffnung für ausländische
Investitionen, Bekämpfung von Korruption und staatlicher Regulierung sowie Einführung
und Verstärkung freier und demokratischer Strukturen.

1 Heinemann und Carlos zit. n. Haubrich 2005: 3


2 AKP-Staaten: Gruppe der afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten

3
2.3 T r a n sa t l a n t i s c h e O r ie n t ie r u n g u n t e r Az n a r

1996 löste José María Aznar als Kandidat der konservativen Volkspartei „Partido Popular“
(PP) den PSOE-Politiker Gonzáles als Ministerpräsident des Landes ab. Dieser Wechsel in
der Führungsriege des iberischen Staates hatte auch einen Wandel der außenpolitischen
Prioritäten zur Folge. Sein erklärtes Ziel war, es Spanien aus der Bedeutungslosigkeit, der
„Nische der Länder, die nichts zählen und nichts entscheiden“3, herauszuholen und eine
„zweite Transicion“3 zu einer politisch selbstbewussten Wirtschaftsmacht hervorzubringen.
Diese Wichtigkeit in der Weltpolitik sah Aznar nur als Bündnispartner der USA, um, wie
zu Zeiten des „Siglo de Oro“, als Mittler zwischen Alter und Neuer Welt aufzutreten. Diese
Beziehungsstärkung zur Regierung Bush ging allerdings nicht nur auf Kosten der
Beziehungen zur arabischen Welt und dem Mittelmeerraum, sondern vor allem jener zum
lateinamerikanischen Kontinent. Und auch in Europa sah Aznar Spanien eher als
Peripherie und stellte sich vor allem auf die Seite des US-Verbündeten Großbritannien. Die
Beziehungen zu den EU-Altländern Frankreich und Deutschland vereisten vor allem
während des Konfliktes um den Irak.
In der Zeit zwischen 2000 und dem Ende der PP-Regierung 2004 wurden außenpolitisch
vor allem die Prämissen der Vereinigten Staaten befolgt, was nicht zuletzt ein gegen die
Mehrheit des Volkswillens durchgesetztes militärisches Engagement im Irak mit einbezog.
In Europa nahm das von der PP regierte Spanien zusammen mit dem ebenfalls Gelder aus
dem Kohäsionsfonds beziehenden Polen eine Trotzhaltung gegen die Osterweiterung der
EU ein. Durch deren Beitritt wurde der BIP-Durchschnitt der EU bedeutend gesenkt, so
dass Spanien nun nicht mehr bei weniger als 90% des Durchschnittes lag und somit keine
Ansprüche mehr auf Zahlungen aus dem Fond hatte. Dies versuchte die Regierung unter
Aznar mit allen Mitteln zu verhindern, da das groß verkündete Wirtschaftswachstum ohne
die Förderungen vergleichsweise ernüchternd aussah. Anstatt sich auf das Ausbleiben der
Gelder vorzubereiten, versuchte Spanien den Beitritt der ehemaligen Sowjetstaaten zu
verhindern und drohte gar mit einer Verhinderung der EU-Verfassung und beharrte auf
dem in Nizza vereinbarten Abstimmungsprinzip, bei dem Spanien im Verhältnis zur
Bevölkerungsgröße eine unverhältnismäßig große Bedeutung erhalten hatte. Im Prinzip
der „Doppelten Mehrheit“, orientierte sich die Stimmenwertung stärker an der
Bevölkerungsgröße, was zu Lasten des spanischen Einflusses ging und deshalb von Aznar
blockiert wurde.
Im Jahr 2004 verlor Aznars Nachfolger Mariano Rajoy nach der zweiten Amtszeit der PP
die Wahl am 14. März 2004 überraschend gegen den Kandidaten der PSOE, José Luis
Rodríguez Zapatero. Der Umschwung in der Bevölkerung war erst wenige Tage vor der

3 Aznar, zit. n. Maihold 2004: 169

4
Wahl vonstatten gegangen, nachdem es am 11.3. verheerende Anschläge auf Madrider
Vorstadtzüge gegeben hatte, bei denen mehr als 200 Menschen ums Leben gekommen
waren. Die Partido Popular versuchte durch massive Beeinflussung der Medien, das
Attentat der baskischen Untergrundorganisation ETA in die Schuhe zu schieben, gegen die
die Partei eine konsequente Nicht-Verhandlungspolitik verfolgte. Wie sich bald
herausstellte, handelte es sich jedoch um radikal-islamische Terroristen, was der PP als
Befürworter des Irakeinsatzes mehr als ungünstig gelegen kam. Nicht zuletzt als Folge der
Desinformationspolitik gewann Zapatero mit der PSOE 165 Mandate gegenüber nur 148
Sitzen der PP. Der junge Politiker hatte die Arbeiterpartei zu einer offenen und modernen
Partei gewandelt, indem er für eine „neue Formulierung der linken Ideologie“ (cidob.org:
Quelle aktualisieren!) sorgte. So überwand er die inneren Streitigkeiten zwischen linkem
und liberalen Flügel (Alfonso Guerra auf der einen und Carlos Solchaga auf der anderen
Seite). Mit dem studierten Rechtswissenschaftler aus Leon, der 1986 in den spanischen
Kongress einzog und trotz seiner verhältnismäßigen Unbekanntheit seit dem 22. Juli 2000
den Vorsitz in der PSOE innehielt, sollte sich der europapolitische Kurs des mediterranen
Staates bedeutend ändern.

5
3. Z ie le d e r PSOE-A u ß e n p o l i t i k

Mit der Regierungsübernahme der PSOE und Zapatero als Ministerpräsidenten wurden
die Prioritäten in der Außenpolitik Spaniens neu gesetzt. Zapatero setzte Europa direkt an
erste Stelle der zu verbessernden Außenpolitik, gefolgt von den Beziehungen zu Iberoame-
rika und dem Mittelmeerraum, vor allem bezogen auf die arabischen Länder. Erst ab dem
vierten Punkt erscheinen die Terrorismusbekämpfung und die US-Zusammenarbeit.
Die Zusammenarbeit mit der muslimischen Welt ist ein Aspekt der Außenpolitik der
PSOE und des Außenministers Miguel Àngel Moratinos, der besonders hervorzuheben ist.
So hat es mehrere Gipfel mit Algerien und eine Aussöhnung mit Marokko gegeben. In
Zusammenarbeit mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan ist außerdem die
„Allianz der Zivilisationen“ als UNO-Projekt entstanden, welches das kulturelle und
religiöse Verständnis von westlicher und muslimischer Welt fördern soll und bereits
entsprechende Projekte in Jungend- und Medienarbeit angestoßen hat.
Das verstärkte Engagement in Lateinamerika zeigte sich unter anderem in mehreren
Staatsbesuchen und der Vermittlung zwischen Venezuela und Kolumbien, der Mitarbeit
gegen Drogenhandel, Kriminalität und Hunger in diversen südamerikanischen Staaten
und nicht zuletzt der Befreiung diverser kubanischer Dissidenten.
Schon kurz nach seinem Amtsantritt setzte Zapatero den vor der Wahl angekündigten
Truppenabzug aus dem Irak um und ersetzte die US-loyale Politik seines Vorgängers durch
die UN-Loyalität4. In Folge unterkühlten sich die transatlantischen Beziehungen, die dem
neugewählten Präsidenten „Appeasement“ vorwarfen, ein Wort, das vor allem mit der Un-
tätigkeit europäischer Demokratien zu Beginn des Nationalsozialismus in Verbindung ge-
bracht wird.5 Auf Beratung des ehemaligen Präsidenten Gonzalés, an dessen politische
Grundsätze Zapatero sich wieder anzunähern suchte, unterrichtete er in inoffiziellen Amts-
besuchen jedoch die im Irak am stärksten vertretenen Länder – vor allem Großbritannien
und Italien – im Voraus über den kommenden Abzug. Inzwischen konnte Zapatero das
Weiße Haus durch eine gewisse militärische Präsenz in Afghanistan wieder besänftigen.
Der Hauptfokus des spanischen Präsidenten widmete sich jedoch der EU, insbesondere
den zentralen Ländern um Frankreich und Deutschland.

4 vgl. Maihold 2004: 169


5 vgl. Weiland 2004

6
4. Zapa te r o s „Re t o r n o a Eu r o pa“

Die von José Luis Rodríguez Zapatero selbst als „Retorno a Europa“ betitelte, neue
Europapolitik orientierte sich zu großen Teilen an den größten Nettobeitragszahlern
Frankreich und Deutschland, im Gegensatz zur Peripherie-Politik seines Vorgängers Aznar,
der den Schulterschluss mit Grußbritannien und Polen gesucht hatte. Mit Zapatero
wechselte Spanien in vielen europapolitischen Fragen rasant die Position und gab die
verschiedenen Blockadehaltungen der PP-Regierung auf. Als Bestätigung seines Kurs
seitens des spanischen Volkes kann die EU-Wahl am 13.6.2004 angesehen werden, bei der
die PSOE erneut deutlich über der Volkspartei lag.

4.1 D ie e r f o l g r e i c h e Os t e r w e i t e r u n g

Hatte Spanien unter dem Mitte-Rechts-Präsidenten Aznar eine Osterweiterung der EU


strikt abgelehnt, so wurde diese nun unter Zapatero möglich. Die Aufnahme der zehn
osteuropäischen Staaten in die Union war vor allem kritisch gesehen worden, weil Spanien
dadurch seinen Status als Nettobezieher von EU-Fördermitteln verlieren würde. Er wolle
nicht für die Osterweiterung zahlen, so Aznar seinerzeit. Die tatsächlichen Nettozahler wie
Deutschland, Frankreich, die Niederlande und einige weitere befürworteten hingegen den
Beitritt der ehemals sowjetischen Staaten.
Die Forderung nach erweiterten Fördergeldern als „Erkaufung“ von Spaniens
Zustimmung war jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Folgerichtig gab Zapatero die ohnehin
verlorene Blockadeposition auf, was ihm verständlicherweise Kritik von Seiten der
Opposition einbrachte.

4.2 D ie eu r o pä is c h e Ve r f ass u n g

Das wohl größte Projekt, in dem Zapatero die EU-Politik Spaniens veränderte, war die
geplante europäische Verfassung. Auch diese hatte sein Vorgänger Aznar anfangs zu
blockieren versucht, um damit den Erhalt der Fördermittel zu erpressen. Zapatero
unterstütze nun die baldige Einigung auf eine gemeinsame EU-Verfassung in Rom in
Verbindung mit einem Rückzug vom Nizza-Vertrag, und versicherte schon im April des
Jahres seines Amtsantrittes auf einer Reise nach Berlin und Paris die spanische
Zustimmung zum EU-Vertrag. Diese klare Distanzierung von seinem Vorgänger brachte
ihm in den europäischen Zentralländern große Begeisterung und „innigste

7
Glückwünsche“6 von Chirac ein, obwohl dessen Partei eigentlich im Vergleich zur
linksorientierten PSOE zum konservativen Lager zu zählen ist.
Als erste EU-Nation brachte Spanien außerdem ein Referendum zur Bestätigung
desselben auf den Weg. Die schnelle Entscheidung für den Volksentscheid rührte vom
spanischen Wunsch, eine Vorreiterrolle zu übernehmen und sollte gleichzeitig Frankreich
als Schützenhilfe für den dortigen Entscheid dienen. (In Spanien galt die Befürwortung im
Vergleich zu Frankreich bereits als sicher.) Auch sollte die neue Europapolitik unter
Einbeziehung des Volkes hervorgehoben werden. In der spanischen Abstimmung vom 20.
Februar 2005, bei der neben der PSOE nun auch die PP ein positives Ergebnis unterstützten
(nur die Vereinigte Linke IU und die Linksnationale Partei Kataloniens ERL setzten sich für
ein „Nein“ ein), ratifizierten 76,7 Prozent der spanischen Bürger das europäische
Verfassungswerk. Das kann zwar durchaus als erfolgreiches Ergebnis angesehen werden,
als was es von Zapatero auch propagiert wurde, doch blieb die Freude nur gedämpft, da nur
42,3 Prozent der Spanier sich überhaupt am Urnengang beteiligten – ein Wert, der sogar
noch unter der Wahlbeteiligung zum EU-Parlament lag. 7 Oppositionsführer Mariano Rajoy
gab der Regierung die Schuld an der niedrigen Wahlbeteiligung. Fakt ist, dass beide
großen Parteien nur wenig Werbung für das Referendum gemacht hatten und durch eine
Vermischung mit innenpolitischen Inhalten und Parteienstreitigkeiten den Wähler
bezüglich der Bedeutung des Referendums verwirrten. Auch kann eine fehlende
Zusammenarbeit der in dieser Hinsicht das gleiche Ziel anstrebenden Parteien sowie eine
nicht vorhandene Kenntnis über den eigentlichen Inhalt der Verfassung in der
Bevölkerung als Ursache angesehen werden.8
Das Dokument enthielt bedeutende Änderungen der EU zu einer demokratischer
aufgebauten Struktur sowie eine effektivere Ordnung der europäischen Institutionen und
eine neue Wahlgewichtung der Mitgliedsländer (siehe „Doppelte Mehrheit“).
Letztendlich scheiterte der Verfassungsentwurf trotz des spanischen Vorbildes jedoch an
den Volksreferenden in Frankreich und den Niederlanden, obwohl deren Regierungen das
Manuskript zuvor unterzeichnet hatten. In Frankreich, deren Regierung eine Annahme der
Verfassung befürwortete, stimmten 56 Prozent gegen das Verfassungswerk, und im
Gegenteil zu Spanien lag hier die Teilnahme am Referendum mit 70 Prozent alles andere
als niedrig. Als Ursache für das Scheitern des Referendums in Frankreich kann vor allem
die fehlende Vereinfachung von EU-Entscheidungsprozessen sowie innenpolitische
Probleme ausgemacht werden. Doch auch die Befürchtung vor einem kommenden Beitritt
der Türkei kann das Ergebnis verursacht haben, da nach den neuen Abstimmungsregeln

6 Chirac, zit. n. Wiegel 2004


7 Alle Zahlen sind den spanischen Tageszeitungen „El País“ und „El Mundo“ vom 21.02.2005 entnommen
8 vgl. Wieland 2005

8
die Türkei (wenn sie denn beiträte) wegen ihrer Bevölkerungsgröße ein größeres Gewicht
als Frankreich hätte und dieses somit als zweitstärkste Entscheidungsmacht der EU
ablösen. Diese Interpretation war aber nicht sonderlich populär, und nur der spanische
Außenminister Moratinos wagte sich, diese Behauptung aufzustellen. Diese Reaktion des
französischen Volkes lieferte der spanischen Opposition die Möglichkeit, Zapateros
Orientierung an der „Achse der Verlierer“9 (Frankreich und Deutschland) zu kritisieren
und zu prophezeihen, Frankreich und Deutschland würden Spanien auch bei den
kommenden Verhandlungen zu den Beitragszahlen im Stich lassen (siehe 5.4). Rodríguez
Zapatero forderte unterdessen eine Fortsetzung der Ratifizierung, um in der Folge das
Verfassungswerk entsprechend zu verändern. Hierbei hoffte er zweifellos auf eine
Zustimmung von Luxemburg und den Niederlanden, um damit seine Position zu festigen.

Inzwischen wurde im Jahr 2007 in Lissabon ein Nachfolgevertrag auf den Weg gebracht,
der jedoch an einem Volksreferendum in Irland scheiterte und bis zu einem erneuten
Referendum der Iren noch offen steht (siehe 7).

4.2.1 Mehrheitsentscheidungen in der EU („doppelte Mehrheit“)

Einer der wichtigsten Änderungen in der EU-Verfassung gegenüber dem bis dahin
geltenden Vertrag von Nizza war die Anpassung des Abstimmungsverfahrens an
demokratischere Maßstäbe. In Nizza war eine verhältnismäßig willkürliche Gewichtung
der Mitgliedsstaaten vergeben worden, nach der Abstimmungen in der Europäischen
Union gewertet wurden. Diese Gewichtungsverteilung hatte Spanien im Vergleich zur
Bevölkerungs- und Industriestärke einen relativ hohen Index gegeben, der dem Land
unverhältnismäßig große Entscheidungsmacht zukommen ließ. Um diese und andere
Unregelmäßigkeiten auszugleichen, wurde in der EU-Verfassung das Prinzip der
„Doppelten Mehrheit“ eingeführt, wie es auch in der Schweiz Anwendung findet. Hierbei
müssen 55 Prozent aller Mitgliedsländer zustimmen (wobei jedes Land gleich stark in die
Wertung eingeht), und gleichzeitig eine 65-prozentige Mehrheit der gesamten Bevölkerung
der EU erzielt werden.
Die spanische Regierung unter Aznar hatte sich 2003 gemeinsam mit Polen noch gegen
eine entsprechende Änderung gewehrt und damit den Verfassungsprozess aufgehalten.
Zapatero sprach sich bereits bei einer Rede am 17.6.2004 vor dem Europarat eindeutig für
die Doppelte Mehrheit aus und beendete damit die spanisch-polnische Blockade. Zwar
forderte der neue Präsident anfangs ebenso wie sein Vorgänger eine Verteilung von 56
Prozent der Staaten und 66,6 Prozent der Bevölkerung für die Doppelte Mehrheit, ließ sich

9 Rajoy, zit. n. Zuber 2005

9
jedoch schnell auf Verhandlungen mit den EU-Partnern ein. Hierbei ist besonders
hervorzuheben, dass beispielsweise der französische Präsident Chirac zu Verhandlungen
bereit war, nachdem er diese – bei den gleichen Forderungen – dem PP-Präsidenten Aznar
versagt hatte. So kam es schnell zu der Festlegung von 55 Prozent der Mitgliedsländer und
65 Prozent des Volkes, was in Folge auch in die vom Parlament und dem spanischen Volk
ratifizierte Verfassung aufgenommen wurde. Die PP-Opposition und Rajoy sah dies als
schweren Fehler an und bezeichnete die Entscheidung als „Rückschritt für das Gewicht
Spaniens in Europa“10.
Mit dem Scheitern der EU-Verfassung nach den Volksreferenden in Frankreich und den
Niederlanden wurde das Abstimmungsverfahren der Doppelten Mehrheit in einen „Eu-
Grundlagenvertrag“ übernommen, der ab 2014 zur Anwendung kommen wird.

4.3 F le x ib i l is ie r u n g d es S tab i l i t ä t spa k t es

Mit dem Satz „Europa muss gegenüber Deutschland Verständnis zeigen“11 versuchte
Zapatero eine weitere Annäherung an die Achse Paris-Berlin umzusetzen. Ohne größere
Forderungen unterstützte er die Flexibilisierung des Stabilitätspaktes und stimmte dem für
Gesamteuropa kritischen Papier am 23. März 2005 endgültig zu. Auch hier war eine klare
Priorität der Politik vor wirtschaftlicher und finanzpolitischer Stabilität zu sehen, die allein
der Bündnisbildung zu Deutschland diente. Zapateros Wirtschaftsminister Solbes hatte
bereits im Voraus Bedenken gegen die Flexibilisierung eingewandt, die der Präsident
jedoch überging – so steht Zapatero inhaltlich seinem Vorgänger konträr gegenüber, den
Stil, sich über seine eigenen Minister hinwegzusetzen, führte er jedoch in Tradition von
Gonzalés und Aznar fort. Die Flexibilisierung ermöglicht eine höhere Verschuldung als
drei Prozent des BIP, ohne von den bisher eingesetzten Strafbeträgen von der EU belastet
zu werden, wenn das Defizit zu dulden ist.12 Dies war vor allem im Sinne Deutschlands,
Frankreichs und Italiens, die zu dieser Zeit mit Schuldenproblemen zu kämpfen hatten. Aus
Sicht der EU könnte der Strafverzicht bei hoher Neuverschuldung jedoch eher negative
Auswirkungen gehabt haben.

10 Rajoy, zit. n. Däumer 2004


11 Zapatero, zit. n. Der Spiegel Nr. 46. 2004: 154
12 vgl. Hoenig 2005

10
5. D ie K o n zep t l o s i g ke i t ab 2005

5.1 B ü n d n i s ve r l u s t z u m „ He r ze n Eu r o pas“

Schon nach dem Scheitern der EU-Verfassung an den Volksreferenden in Frankreich und
den Niederlanden zeichnete sich ein gewisser Bündnisverlust zum „Herzen Europas“ ab,
das Zapatero vor und nach seiner Wahl als Partner angestrebt hatte. Im Juni 2005
organisierten Gerhard Schröder und Jacques Chirac zusammen mit Tony Blair einen Gipfel
über den Ratifizierungsfortgang, ohne Zapatero dazu einzuladen. Dies kann als erste
Auflösungserscheinung des angedachten Dreierbündnisses Berlin-Paris-Madrid gesehen
werden und war ein herber Rückschlag für die spanische PSOE. Innenpolitische Probleme
in Deutschland und Frankreich verstärkten die erneute Isolierung Spaniens weiterhin.
Während Zapatero nun also mit einer nahezu forderungslosen Zusage bei Doppelter
Mehrheit und Stabilitätspakt auf die zentraleuropäischen Länder zugegangen war, blieb
ihm die erhoffte Hilfe bei den Haushaltsverhandlungen 2007-2013 verwehrt. (Siehe 6.1)
In Folge kam es daher zu einer stärkeren Orientierung an der Achse Berlin-London,
wobei auch diese nicht zufriedenstellend ausgebaut werden konnte, da ab 2005 die
konservative Kanzlerin Merkel die freundschaftliche Beziehung zum spanischen
Ministerpräsidenten abging, die dieser mit ihrem Vorgänger Schröder geteilt hatte – was
nicht zuletzt an der voreiligen Gratulation Zapateros an seinen bisherigen deutschen
Amtskollegen lag, nachdem Schröder dem ersten Anschein nach die Wahl gewonnen zu
haben schien.

5.2 Ve r h a n d l u n g e n u m d e n K o h äs i o n s f o n d s

Im Jahr von Zapateros Amtsantritt zählte Spanien nicht nur als Nettoempfänger, sondern
schon seit 2000 als der größte aller EU-Länder: mit 8.502 Millionen Euro lag der
Mittelmeerstaat an der Spitze der vom Kohäsionsfonds profitierenden Länder. Innerhalb
des Zeitraumes von 2000 bis 2005 betrugen die Leistungen etwa 57,3 Milliarden Euro. 13
Mit den Haushaltsverhandlungen für die Jahre 2007-2013 sollte sich die spanische Position
ändern. Drei Faktoren waren ausschlaggebend dafür, dass Spanien im Folgenden große
Einbußen einstecken musste, was die Gelder aus Struktur- und Kohäsionsfonds anging:

1. Das eigene Wirtschaftswachstum der letzten Jahre, welches Spaniens Bruttosozial-


produkt nicht zuletzt dank der EU-Gelder rasant hatte steigen lassen

13 vgl. Baran 2009: 1

11
2. Der statistische Effekt, der durch die Osterweiterung verursacht wurde, da durch die
ärmeren Länder der BIP-Durchschnitt Gesamteuropas sank und Spanien damit im
Verhältnis zu den reicheren Ländern gehörte
3. Die Solidarität gegenüber Osteuropa, das nun das gleiche Recht auf EU-Förderung
hatte wie zuvor Spanien bei seinem Eintritt in die EU – was nur mit Einbußen an
anderer Stelle zu bewerkstelligen war.

Das Wirtschaftswachstum und der statistische Effekt hatten in den Jahren von 2000 bis
2005 einen Anstieg von 86 Prozent des EU-Schnitts auf 98,3 Prozent verursacht, was den wei-
teren Erhalt von Geldern aus dem Kohäsionsfonds nicht mehr rechtfertigte. Auch der
Strukturfonds, der an unterentwickelte Regionen in der europäischen Union gezahlt wird,
sollte ab 2007 statt an 11 spanische Regionen, wie zuvor, nun nur noch an die vier Regionen
Andalusien, Galizien, Extremadura und Castilla-La Mancha ausgegeben werden. Während
der Strukturfond so gut wie keinen Verhandlungsspielraum bot, bestand für den Kohä-
sionsfonds immer noch die Möglichkeit des Erhaltes von Übergangsgeldern, da das spa-
nische BIP ohne den statistischen Effekt immerhin noch unter 90 Prozent läge. (89,7 %). 14
Der Erhalt dieser Gelder war aber vor allem davon abhängig, auf welche Höhe die
finanziellen Beiträge der Mitgliedsstaaten für 2007 bis 2013 festgesetzt werden sollten –
diese durften weder zu hoch, noch zu niedrig ausfallen, um die Übergangsgelder zu
ermöglichen. Würden die Beiträge zu hoch ausgehandelt, würden die spanischen
Zahlungen höher ausfallen als das Geld, was das Land aus dem Übergangsgeld erhalten
würde – womit Spanien direkt von seiner bisherigen Position als größter Nettoempfänger
zu einem nettozahlenden Land werden würde. Setzte man die Beträge jedoch zu niedrig an,
so würde der EU-Haushalt nicht über genügend Mittel verfügen, um überhaupt
Übergangsgeld auszuzahlen. Zapatero versuchte also, eine Mitte zwischen den vom
europäischen Parlament vorgeschlagenen 1,18 Prozent (bezogen auf die Wirtschafts-
leistung) Beitrag und den von den Nettozahlern Deutschland und Frankreich vorge-
schlagenen 1,0 Prozent auszuhandeln. Ohne die Unterstützung der deutsch-französischen
Achse wäre Spanien fast zu einer Veto-Blockade gezwungen gewesen, einer Politik, die eine
ungewollte Ähnlichkeit zu Ministerpräsident Aznar hervorgerufen hätte und nicht zu einer
Verbesserungen der Beziehungen zu Europa beigetragen hätte. Durch das Scheitern der
Verhandlungen zwischen Frankreich und Großbritannien um den Britenrabatt und die
Agrarsubventionen war eine entsprechende Positionierung Spaniens jedoch nicht mehr
nötig. Aus diesen hatte sich Spanien unterdessen herausgehalten, obwohl es
wirtschaftlichen Profit aus einer stärkeren Position Frankreichs davontragen hätte können,
da Spanien ebenso wie Frankreich sehr stark durch die Agrarsubventionen profitierte. Im
14 vgl. Jörgens 2007: 433 ff.

12
Bewusstsein des Bündnisverlustes wollte sich Zapatero auf diese Weise jedoch eine gute
Beziehung zu Großbritannien offenhalten. Erst als London während seiner
Ratspräsidentschaft trotzdem 1,03 Prozent als Beitragshöhe ansetzte, (was für spanische
Übergangsgelder zu niedrig war), forderte auch Spanien eine Kürzung des Britenrabatts,
um auf diese Weise seine Ziele im EU-Haushalt zu erreichen.
Erneut besetzte Spanien also eine gewisse Gegenblockade, um dadurch seinen nationalen
Vorteil zu ziehen, wie es schon unter Aznar (wenngleich in stärkerem Maße) stattgefunden
hatte. Nach dem erfolgreichen Schulterschluss mit anderen Profiteuren des Kohäsions-
fonds einigte sich die Union jedoch am 16. Dezember 2005 auf einen Satz von 1,045 Prozent
(862 Milliarden Euro) – auch wenn Zapatero dies jedoch auf spanisch-französischen Druck
zurückführte, ist die Rolle Deutschlands in diesen Verhandlungen weitaus bedeutender
gewesen.
Letzten Endes musste der spanische Haushalt ab 2007 zwar 39 Milliarden Euro weniger als
in der vorigen Periode verkraften, doch war das Ergebnis noch besser, als während des
luxemburgischen Ratsvorsitzes zu erwarten gewesen war: Spanien erhielt Übergangsgelder
aus dem Kohäsionsfonds und behält derzeit noch bis 2014 seinen Status als Netto empfänger
bei.

5.3 D as eu r o pä is c h e Desi n t e r esse a n Spa n ie n s M i t t l e r p os i t i o n

Eines der erklärten Ziele Zapateros war die Herausstellung der spanischen Mittlerposition
zwischen Europa auf der einen Seite und den südlichen Mittelmeerländern sowie Latein-
amerika auf der anderen Seite. Der damit versuchte Anschluss an die in dieser Hinsicht er-
folgreiche Politik Gonzalés' kann jedoch nur begrenzt als erfolgreich angesehen werden.
Die Wiederbelebung des Barcelona-Prozesses als Kommunikationsbasis zwischen Europa
und dem Maghreb bzw. den nordafrikanischen Staaten und dem Nahen Osten blieb vorerst
folgenlos. Der Prozess, der offiziell den Namen „Euro-mediterrane Partnerschaft“ („Euro-
med“) trägt, schien lange nicht auf großes Interesse der wichtigen EU-Staaten zu treffen.
Im Jahr 2008 erhielt die Zusammenarbeit der in der „Euromed“ vertretenen Mittelmeer-
anrainerstaaten einen neuen Impuls, der allerdings von Frankreichs Präsident Sarkozy
kam, und in dem Spanien keine herausragende Rolle spielte. Sarkozy schlug schon vor
seiner Wahl 2007 die Bildung einer „Mittelmeerunion“ vor, die, der EU vergleichbar, eine
wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit der Anrainerstaaten vorsah. Nach
deutlicher Kritik von Seiten der nordafrikanischen Länder, sie nicht in die Vorschläge
einbezogen zu haben, sowie der nördlichen, bis dahin nicht als Teilnehmer vorgesehenen
EU-Staaten, die einen Konflikt mit der Europäischen Union befürchteten, reduzierte die
französische Regierung die Pläne zu einer „Union für das Mittelmeer“, der nun alle

13
europäischen Staaten angehören sollten. Die Union, die im Mai 2008 schließlich gegründet
wurde, bis jetzt aufgrund der erneuten Nahost-Konflikte ihre Arbeit noch nicht aufnehmen
konnte, soll nun die „Euromed“ ersetzen. Dass Barcelona im November 2008 zum Sitz des
Generalsekretariats ausgewählt wurde geht weniger auf die spanische Rolle in der „Union
für das Mittelmeer“ zurück, als vielmehr auf den geschichtlichen Zusammenhang mit dem
Barcelona-Prozess.
Die spanische Mittlerposition zum lateinamerikanischen Kontinent steht nur wenig
besser da. Die seit 1991 regelmäßig stattfindenden iberoamerikanischen Gipfeltreffen
zwischen Lateinamerika und der iberischen Halbinsel konnten wenig neue Impulse setzen
und neben der schon mehrere Jahre bestehende bilaterale Handelsbeziehung zu Mexiko
konnten auf EU-Ebene nur zu Brasilien besondere Kontakte geknüpft werden, was
allerdings eindeutig auf portugiesische Initiative während der portugiesischen Rats-
präsidentschaft im Jahr 2007 zurückzuführen ist. Spanien versuchte sich nur halbherzig im
Dialog mit Kuba, wobei der Rest Europas allerdings nicht mitzog. Auch die Schuld an der
generell verhältnismäßig ereignislosen Arbeit des iberoamerikanischen Gipfels ist nicht
ausschließlich der spanischen Regierung zuzuschieben, sondern auch in der
verhältnismäßigen Interesselosigkeit der anderen EU-Staaten zu suchen, die sich in den
letzten Jahren mehr mit der inneren Zusammenarbeit der EU sowie den Kontakten zu den
USA und Fernost kümmerten und sich gleichzeitig um eine Lösung des Nahost-Konfliktes
zu bemühen suchten.

5.4 Z w i s c h e n Libe r a l i sm us u n d P r o t e k t i o n i s m us

Die Konzeptlosigkeit der Jahre ab 2005 in der Regierung Zapatero zeigt sich auch in
einem gewissermaßen inkonsequenten Umgang mit der Wirtschaftsideologie. Nur kurz
soll hier als Beispiel die Einmischung in den Übernahmeversuch des spanischen
Energieproduzentens Endesa durch den deutschen Konzern Eon angeschnitten werden.
Statt sich wie seine Vorgänger Gonzalés und Aznar und wie er selbst zu anderen
Gelegenheiten für eine liberale Wirtschaftspolitik einzusetzen, tat sich Zapatero bei dem
Übernahmeversuch 2005 schwer damit, die Regeln des Kapitaltransfers und die
Wettbewerbsregelungen zu akzeptieren.15
So verhinderte Madrid massiv einen Einkauf Eons und half dem italienischen
Stromhersteller Endel in eine entsprechende Position – wobei spanische Teilhaber weiter-
hin dominierend im Aufsichtsrat blieben. Mit diesem Ergebnis blieb Endesa ein „spa-
nischer“ Konzern und die politischen Beziehungen zu Italien wurden ebenfalls verbessert.
Von EU-Seite erhielt Zapatero mehrere Rügen wegen des protektionistischen Vorgehens.

15 vgl. Jörgens 2007: 445 ff.

14
6. EU-Ra tsp r äs i de n t s c h a f t Spa n ie n s 2010

Im kommenden ersten Halbjahr des Jahres 2010 wird Spanien das erste Mal unter der
Regierung Zapatero die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union übernehmen. In einer
Rede vor der Asociacion de Periodistas Europeos16 sagte er, die spanische Führung Europas
solle „gestaltenden und nicht verwaltenden“ Charakter haben. Interessanterweise erteilte
er außerdem „protektionistischen Versuchungen“16 eine Absage. Einer der wichtigsten
Aspekte ist jedoch weiterhin das große Projekt Zapateros – die EU-Verfassung bzw. deren
Nachfolger von Lissabon, die nun das erneute Referendum in Irland bestehen muss. Die
wirtschaftspolitische Stärkung und der Umgang mit der Wirtschaftskrise sowie das
Engagement auf dem Klimagipfel in Kopenhagen sind weitere Aspekte, die Zapatero
während der spanischen Ratspräsidentschaft mit besonderer Priorität anzugehen gedenkt.
Nach außen hin soll die gemeinsame Stimme der EU eine größere Rolle spielen, so dass
Europa eine „entschlossene Führerschaft“16 darstellen könne. Im Zuge seiner bereits 2004
angekündigten Prioritätenliste soll vor allem der Kontakt zwischen der EU und
Lateinamerika sowie der Karibik ausgebaut werden, was zweifellos einen Versuch darstellt,
die spanische Mittlerposition zu stärken. Auch die Befürwortung des Türkei-Beitrittes kann
im erweiterten Sinne auf die Mittlungsposition zum südlichen Mittelmeer bezogen werden.
Im Zuge der kommenden Ratspräsidentschaft scheinen sich auch die Beziehungen zu
Paris wieder zu verbessern. So sicherten sich die beiden Staatschefs dieses Jahr die
gegenseitige Kooperation während der Ratspräsidentschaft zu, um insbesondere auf die
Wirtschaftskrise, die Umsetzung der „Union für das Mittelmeer“ und die zukünftige
17
europäische Verteidigungspolitik einzugehen.

16 Zapatero zit. n. La Moncloa 2009


17 vgl. Grüttner, Alich 2009

15
7. A ussi c h t a u f d ie z u k ü n f t i g e n Bezie h u n g e n z u Eu r o pa

Nachdem sich die Beziehungen zu Europa nach einer anfangs erfolgreichen


Zusammenarbeit im Laufe der Präsidentschafts Zapateros zwischenzeitlich verschlechtert
hatten, konnten diese in letzter Zeit erneut ausgebaut werden. Zwar ist Madrid noch immer
nicht vollständig „im Herzen Europas“ angelangt und nimmt in der EU nicht die Rolle ein,
die es gerne hätte, gerade mit Ausblick auf die kommende Ratspräsidentschaft sind die
Beziehungen zu Zentraleuropa wieder um einiges besser, als sie es zu Zeiten Aznars waren.
Im Zuge der globalen Wirtschaftskrise, die Spaniens Wirtschaft hart getroffen hat, finden
Forderungen des iberischen Staates wieder Gehör, während das Land zugleich als wichtige
Mittelmacht in der EU wahrgenommen und akzeptiert wird.
Sollte eine erfolgreiche, vollständige Ratifizierung des Lissabon-Vertrags durchzogen
werden, kann Zapatero sich auch innenpolitisch wieder vor der Opposition der Volkspartei
behaupten und auf dieser Basis die Integration Spaniens in Europa ebenso wie deren
Kontakte zum iberoamerikanischen Kontinent noch ausbauen. Inwieweit sich Madrid in
der sich entwickelnden „Union für das Mittelmeer“ engagieren wird, bleibt noch
abzuwarten; doch sind die Chancen für eine erfolgreiche Führungsposition nicht zuletzt
wegen des Sitzes im spanischen Barcelona nicht allzu schlecht einzuschätzen.
Ob Zapatero indessen eine derart starke Europäisierung Spaniens gelingt, dass diese auch
über seine Amtszeit hinaus trägt, und nicht wie nach Gonzalés sich wieder
zurückentwickelt, ist eine bisher nicht absehbare Entwicklung, die zu hoffen jedoch
übrigbleibt.

16
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18