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Datenreport

2016
Ein Sozial-
bericht für die
Bundesrepublik
Deutschland

Statistisches Bundesamt WZB


Wissenschaftszentrum Berlin
für Sozialforschung
Datenreport
2016
Ein Sozial-
bericht für die
Bundesrepublik
Deutschland

Herausgeber:

Statistisches Bundesamt (Destatis)


Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

in Zusammenarbeit mit

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP)


am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
Die genannten Prozentwerte im Text sind größtenteils gerundet.
Abweichungen in den Summen ergeben sich durch Runden
der Zahlen.

Erläuterungen und Fußnoten


Zusatzangaben, die sich auf die gesamte Tabelle oder Abbil-
dung beziehen, ­stehen als Anmerkung direkt unter der Tabelle
beziehungsweise Abbildung. Angaben, d ­ ie sich nur auf einzelne
Merkmale beziehungsweise Zahlen beziehen, stehen als
Fußnoten.

Bonn 2016 in der Reihe Zeitbilder


Copyright dieser Ausgabe:
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb,
Adenauerallee 86, 53113 Bonn
www.bpb.de

Redaktionell verantwortlich
Bundeszentrale für politische Bildung (bpb):
Gernot Dallinger
Statistisches Bundesamt (Destatis):
Redaktionsleitung: Kerstin Hänsel, Redaktion: Marion Petter
Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB):
Mareike Bünning, Alina Juckel
unter Mitarbeit von Jürgen Schupp, Deutsches Institut für
Wirtschafts­forschung (DIW)

Erstellung des Registers: Benjamin Dresen

Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung


der ­Bundeszentrale für politische Bildung dar.
Für die inhaltlichen Aussagen tragen die Autorinnen und
­Autoren die Verantwortung.

Grafische Konzeption und Layout, Umschlaggestaltung:


­Leitwerk. Büro für Kommunikation
ISBN 978-3-8389-7143-8

Die elektronische Fassung finden Sie auf den Webseiten


der beteiligten Institutionen
www.bpb.de/datenreport
www.destatis.de/datenreport
www.wzb.eu/datenreport
Vorwort  Datenreport 2016

Vorwort
Der Datenreport Der Datenreport, den die Bundeszentrale
für politische Bildung zusammen mit
die Grundlagen für einen rationalen poli-
tischen Diskurs gelegt, die Lösungen ge-
als wichtiges dem Statistischen Bundesamt (Destatis), sellschaftlicher Probleme aber nicht vor-
In­s trument zur dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB)
und dem Sozio-oekonomischen Panel
gegeben – sie müssen im demokratischen
Willensbildungsprozess gefunden werden.
politischen Bildung (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirt- Journalisten, Studierende, aber auch
schaftsforschung (DIW Berlin) 2016 in der Fachleute aus Wissenschaft, Politik,
15. Auf lage herausgibt, gehört mittler­ Wirtschaft und Verwaltung erhalten mit
Thomas Krüger
weile zu den Standardwerken für all jene, dem »Datenreport 2016« ein übersicht-
die sich schnell und verlässlich über sta- lich gestaltetes Handbuch, das sie mit den
Der Präsident der Bundeszentrale tistische Daten und sozialwissenschaft­ notwendigen Zahlen, Fa kten und
für politische Bildung liche Analysen zu den aktuellen gesell- ­A rgumenten versorgt, um an den öffent­
schaftlichen Entwicklungen in der Bun- lichen Debatten zu den wirtschaftlichen,
desrepublik Deutschland informieren sozialen und politischen Trends in unse-
wollen. Die Statistik ermöglicht es, sich rem Lande teilzunehmen.
einen Überblick etwa über die Bevölke- Der Datenreport ist damit nicht nur
rungsentwicklung, den Arbeitsmarkt, den ein Sozialbericht über den Zustand der Re-
Gesundheitssektor bis hin zu Fragen poli- publik, sondern ein wichtiges Instrument
tischer Partizipation zu verschaffen. Durch politischer Bildung. Er stellt den Nutzerin-
die wissenschaftliche Einordnung ergibt nen und Nutzern Material zur Verfügung,
sich ein Gesamtbild der Lebensverhält- das sie benötigen, um sich ein eigenes be-
nisse unserer Gesellschaft. Damit sind zwar gründetes Urteil bilden zu können.

5
Datenreport 2016  Nachruf

Forscher, R
­ edakteur und
Menschenfreund
Zum Tod von
Roland Habich
(1953–2015)
Text: Jutta Allmendinger
Foto: David Ausserhofer

»Roland Habich ist gestorben.« Die Nach- zu werden. Die Tutoren wussten das auch,
richt, die uns an einem Sonntag im April und viele benahmen sich dementspre-
erreichte, ist noch immer schwer zu er- chend. Roland Habich war anders: ruhig,
fassen. Im WZB und bei vielen anderen freundlich, überaus hilfsbereit. Dünkel
Organisationen, mit denen er zusammen- war ihm völlig fremd. Er begegnete nie-
gearbeitet hat, haben sich seitdem viele mandem von oben herab.
Menschen erinnert, haben an gemeinsame Roland Habich stammt aus dem
Projekte, persönliche Begegnungen und Landkreis Karlsruhe, aus Upstadt-Weiher,
an aktuelle Projekte gedacht, an denen wo er 1953 geboren wurde. 1974 begann
Roland Habich beteiligt war. er an der Universität Mannheim sein Stu-
Oft waren es Erinnerungen an die ers- dium der Psychologie und der Soziologie,
te Begegnung und die spontan empfunde- bei der Wolfgang Zapf sein akademischer
ne Sympathie, vor Jahren, manchmal vor Lehrer war. Nach dem Studium folgten
Jahrzehnten. Ich selbst habe ­Roland Ha- Stationen an den Universitäten Frankfurt
bich 1976 kennengelernt. Als ich mein am Main und wieder Mannheim. Wolf-
Studium in Mannheim aufnahm, war er gang Zapf lud Habich 1988 ans WZB ein,
mein Tutor. Ich studierte bei Wolfgang das er damals leitete. Habich wurde wis-
Zapf, M. Rainer Lepsius, Hans Albert und senschaftlicher Mitarbeiter und For-
Martin Irle. In den großen Vorlesungen schungskoordinator der Abteilung Sozial-
gab es Tutoren. Wir ganz Jungen wussten, struktur und Sozialberichterstattung.
dass es etwas ganz Besonderes war, Tutor Mit der Zeit verlagerte er seinen Arbeits-

6
Nachruf  Datenreport 2016

schwerpunkt in Richtung Methoden, verantwortungsbewusster Datenschutz- Eigentlich wollte Roland Habich der
ohne die inhaltliche Arbeit aufzugeben. beauftragter. Er baute am WZB das zent- Welt noch mehr von seiner Zeit geben. Er
Im Gegenteil: Bis zu seinem plötzlichen rale Datenmanagement auf. Er engagierte hatte vor, mit 63 Jahren in Rente zu ge-
Tod war er einer der Herausgeber des sich für die berufliche Ausbildung am hen, und unterstützte die Arbeitsgruppe
vom WZB, dem Statistischen Bundesamt WZB und nahm dabei vor allem die am WZB, die über die zukünftige Aus-
und der Bundeszentrale für politische ­Fachangestellten für Markt- und Sozial- richtung des Datenmanagements zu bera-
Bildung alle zwei Jahre veröffentlichten forschung in seine Obhut. Er war Mit- ten hatte. Was uns mit seinem plötzli-
Datenreports und zugleich einer der ver- glied im Nutzerbeirat des Leibniz-Insti- chen Tod verloren ging, ist Wissen, Er-
antwortlichen Redakteure dieses »Sozial- tuts für Sozialwissenschaften GESIS und fahrung, ein genauer Blick, vor allem
berichts für die Bundesrepublik Deutsch- engagiert im Rat für Sozial- und Wirt- aber ein feiner Mann. Solche Menschen
land«, der von Öffentlichkeit und Politik schaftsdaten, dessen Geschäftsstelle zu- sind selten. Roland Habich wird weit über
immer mit großem Interesse aufgenom- künftig am WZB angesiedelt sein wird. seine Familie und seinen Freundeskreis,
men wurde und einen genauen und diffe- Er war Lehrbeauftragter an der Univer­ über seine unmittelbare Kollegenschaft
renzierten Blick auf die gesellschaftlichen sität Potsdam, Jahrzehnte nach seiner und das WZB hinaus vermisst werden –
Entwicklungen ermöglichte, von Bevöl- ­Tutorentätigkeit in Mannheim immer und in Erinnerung bleiben.
kerung, Gesundheit und Wohnen über noch einer, der vermittelte, erklärte, half.
Familie, Arbeit und Bildung bis zu sozia- Kein Gegenüber war ihm zu groß oder zu
ler Ungleichheit, Migration und politi- klein: An einem Girls‘ and Boys‘ Day am
scher Partizipation. Er war in den letzten WZB führte er 8- bis 12-Jährige in die
Jahren maßgeblich an der Neuausrich- ­S ozialwissenschaften ein und betreute
tung des Datenreports beteiligt, in dem mit Leichtigkeit und Ernst deren kleines
nun amtliche Statistik und Forschung Forschungsprojekt.
eng miteinander verknüpft sind. Hilfsbereitschaft, Zugewandtheit, Un-
In dieser Rolle als Mitherausgeber und terstützung zeichneten ihn im Beruf aus
Redakteur war er immer gefordert. Es wie im Privaten. Roland Habich war eine
war eine echte Knochenarbeit. Die Pers- Art Menschenschutzbeauftragter, der vie-
pektiven mehrerer Disziplinen und unter- les aushielt, aushalten musste, ein verletz-
schiedlicher Institutionen galt es zu inte­ licher, sensibler, ehrlicher Mensch. Er war
grieren, und das bei einer enormen Stoff- treu, ja fast zärtlich zu allen, die ihm teu-
fülle und immer unter großem Zeitdruck. er waren, wie sein Lehrer Wolfgang Zapf,
In diesen kollaborativen Prozessen und der immer auf seinen Rat und sein Wort
bei den damit einhergehenden Verhand- bauen konnte. Selbst mitgenießend, ließ
lungen sind oft – abgestimmt oder nicht – er andere am WZB immer an der Ernte
die Rollen von »good guy« und »bad guy« seines Gartens teilhaben, seien sie badi-
zu vergeben. Für Roland Habich kam nur sche Landsleute, schwäbische Nachbarn
eine Rolle in Frage, die des »good guy«. oder Nordlichter. Er war Schriftführer
Nur musste er die gar nicht spielen; er der SPD seines Ortsvereins Großbeeren
war einfach ein Menschenfreund. und über viele Jahre ehrenamtlicher
In den Jahrzehnten am WZB erarbei- Schöffe – auch dies mit großem Engage-
tete Roland Habich sich stets neue Auf­ ment und einem starken gesellschaftli-
gabenfelder. Er war ein engagierter und chen Verantwortungsgefühl.

7
Datenreport 2016  Einleitung

Einleitung
Statistische Aufgrund der aktuellen Zuwanderungs-
bewegungen stehen die Themen Migrati-
im ehemaligen Jugoslawien auf vorher
ungekannte Werte und erreichten einen
Daten und sozial- on und Flucht derzeit im Zentrum der öf- Höchstwert von rund 440 000 im Jahr
wissenschaft- fentlichen Debatten in Deutschland.
Hierbei werden verstärkt Fragen nach
1992. Im Jahr 2015 wurde dieser Spitzen-
wert noch einmal deutlich übertroffen:
liche Analysen den Herausforderungen und Chancen der Bis September stellten bereits mehr
Einwanderung aufgeworfen, die sich an- als 570 000 Flüchtlinge Asylanträge in
gesichts der kontinuierlichen Zuwande- Deutschland.
Die Herausgeber
rung bereits seit den 1950er-Jahren stel- Über die Hälfte der Menschen mit
len und kontrovers diskutiert werden. In Migrationshintergrund besitzt die deut-
Destatis / WZB Deutschland leben mittlerweile 16,4 Mil- sche Staatsbürgerschaft. Zwei Drittel von
lionen Menschen mit Migrationshinter- ihnen sind selbst zugewandert, ein Drit-
grund, das ist ein Fünftel der Gesamt­ tel stellt die in Deutschland geborene
bevölkerung (ohne die Zugewanderten zweite Generation dar.
des letzten Jahres). Auch wenn diese Wesentliche Daten und Fakten zu
Menschen unter einem Begriff – dem der ­Z uwanderung und Integration der in
»Migranten« – zusammengefasst werden, Deutschland lebenden Migranten finden
ist dieser Teil der Bevölkerung sehr hete- sich im »Datenreport 2016 – Ein Sozial-
rogen und unterscheidet sich beispiels- bericht für die Bundesrepublik Deutsch-
weise nach Herkunft, Generation und land«. So schneiden Menschen mit Migra-
Staatsangehörigkeit. tionshintergrund in Bezug auf viele sozio-
Die größte Gruppe der Bevölkerung ökonomische Faktoren schlechter ab als
mit Migrationshintergrund sind noch die Bevölkerung ohne Migrationshinter-
immer die Gastarbeiter und ihre Familien, grund. Sie verfügen im Durchschnitt
die im Rahmen von Anwerbeabkommen über niedrigere Bildungsabschlüsse und
in den 1950er- und 1960er-Jahren haupt- sind häufiger von Arbeitslosigkeit und
sächlich aus Südeuropa nach Deutschland Armut betroffen. Doch lässt sich dieses
kamen. Eine zweite größere Gruppe bil- Muster nicht auf alle Bereiche verallge-
den die (Spät-)Aussiedler, die vor allem meinern. Trotz der genannten Nachteile
zwischen 1990 und 2000 einwanderten. sind die Migranten etwas zufriedener mit
Die Migranten, die diesen beiden Grup- ihrem Leben als die Mehrheitsbevölke-
pen angehören, leben im Durchschnitt rung ohne Migrationshintergrund. Zu-
seit über 30 Jahren in Deutschland. In dem gibt es große Unterschiede sowohl
jüngerer Zeit erfolgte Zuwanderung ver- zwischen den einzelnen Herkunftsgrup-
stärkt aus den Staaten Mittelosteuropas, pen als auch zwischen den Generationen.
die seit 2004 der EU beigetreten sind. Migranten, die nach 2000 zugewandert
­Darüber hinaus waren Flüchtlingsbewe- sind, verfügen beispielsweise häufiger
gungen für die Zuwanderung zu zwei über einen Hochschulabschluss als Men-
Zeitpunkten von besonderer Bedeutung: schen ohne Migrationshintergrund der
Anfang der 1990er Jahre stiegen die Asyl- gleichen Altersgruppe. Die zweite Gene-
bewerberzahlen durch den Bürgerkrieg ration konnte sich in vielen Bereichen ge-

8
Einleitung  Datenreport 2016

genüber ihren Eltern verbessern. Sie spre- mungen, Einstellungen und Bewertungen. Einstellungen und Wertorientierungen,
chen besser Deutsch, erzielen höhere Bil- Sie ergänzt und bereichert das Informa- aber auch über die bisher erzielten Erfolge
dungsabsch lüsse und weisen ein tions- und Analysepotential auch in kon- des Vereinigungsprozesses und die suk-
geringeres ­A rmutsrisiko auf. Bezüglich zeptioneller und methodischer Hinsicht. zessive Angleichung der Lebenslagen in
der beruf­lichen Stellung verzeichnen sie Mit der Ausgabe des Datenreport Ost- und Westdeutschland.
hingegen nur leichte Aufstiegstendenzen 2008 wurde die bis dahin strikte Zwei­ Der Datenreport, der mit dieser Aus-
gegenüber ihren Eltern. teilung des Sozialberichtes in die Beiträge gabe 2016 seit mehr als drei Jahrzehnten
Solche Daten und Fakten sind gut ge- der amtlichen Statistik und die der wissen- erscheint, ist ein einzigartiges Gemein-
eignet, ein allzu schnelles Urteil über den schaftlichen Sozialberichterstattung auf- schaftsprojekt von amtlicher Statistik
Zustand und die Entwicklung unserer gegeben und eine integrierte, nach The- und wissenschaftlicher Sozialberichter-
Gesellschaft zu revidieren. Es bedarf menbereichen strukturierte Gliederung stattung, das im Veröffentlichungspro-
­jedoch einer spezifischen Kombination vorgelegt. Die institutionelle Einbindung gramm der Bundeszentrale für politische
unterschiedlicher Datenquellen: Um die der Abschnitte und Kapitel wird seither Bildung einen ganz besonderen Stellen-
Lebensbedingungen und die Lebensquali- durch eine farbige Zuordnung zu amt­ wert einnimmt.
tät in Deutschland auf der Grundlage der licher Statistik (blau) und wissenschaft­ Mit seiner umfassenden Bilanzierung
besten zur Verfügung stehenden empiri- licher Sozialberichterstattung (orange) der Lebensverhältnisse in Deutschland
schen Informationen umfassend und dif- unterstützt. zielt der Datenreport auch darauf ab, den
ferenziert zu untersuchen, vereinigt der Die vorliegende Ausgabe 2016 enthält Entscheidungsträgern in Politik und
Datenreport die Ergebnisse der amtlichen neue Abschnitte zur Bevölkerung mit Wirtschaft handlungsrelevante Informa-
Statistik und die Befunde der sozialwis- Migrationshintergrund, zur Lebenssitua- tionen zur Verfügung zu stellen. Ins­
senschaftlichen Sozialberichterstattung. tion älterer Menschen mit Migrations- besondere stellt er sich – als ein im Pro-
Die amtliche Statistik ist mit ihren um- hintergrund und zu Asylsuchenden. Des gramm der Bundeszentrale für politische
fangreichen, vielfältigen und kontinuier- Weiteren befassen sich neue Abschnitte Bildung veröffentlichter Sozialbericht –
lich durchgeführten Erhebungen nach mit den Themen Wohnen, Zeitverwen- der Aufgabe, dem Informationsbedürfnis
wie vor der wichtigste Anbieter von In- dung, Vermögen, Berufspendler und einer interessierten Öffentlichkeit in einer
formationen über die Lebensverhältnisse ­L ebensqualität und Identität in der Euro- demokratischen Gesellschaft gerecht zu
und die Entwicklung der deutschen Ge- päischen Union. Das bereits vorhandene werden.
sellschaft. Die Erfahrung hat aber auch Kapitel Einstellungen zur Rolle der Frau Auf den Internetseiten der beteiligten
gezeigt, dass eine leistungsfähige sozial- wurde erstmals um Einstellungen zur Institutionen steht der Datenreport in
wissenschaftliche Datengrundlage für Rolle des Mannes ergänzt. elektronischer Form ganz oder kapitel-
eine aktuelle und differenzierte Sozial­ Obwohl seit der deutschen Vereini- weise zum Download zur Verfügung.
berichterstattung ebenso notwendig ist. gung inzwischen mehr als 25 Jahre ver- Weiterführende Informationen zu den
Mit ihren speziell für die gesellschaft­ gangen sind, verdient die Beobachtung Daten, die der Veröffentlichung zugrun-
liche Dauerbeobachtung konzipierten so- des Zusammenwachsens und der Herstel- de liegen, und zum Datenangebot des
zialwissenschaftlichen Erhebungen stellt lung gleichwertiger Lebensverhältnisse in Statistischen Bundesamtes finden Sie im
die wissenschaftliche Sozialberichterstat- Ost- und Westdeutschland weiterhin be- Anhang.
tung nicht nur Informationen zu Themen sondere Aufmerksamkeit. Der Daten­
und Fragestellungen bereit, die außerhalb report informiert daher über noch vor-
des gesetzlich festgelegten Erhebungspro- handene Disparitäten in verschiedenen
gramms der amtlichen Statistik liegen, Bereichen der Lebensbedingungen sowie
wie zum Beispiel subjektive Wahrneh- über Unterschiede in Verhaltensweisen,

9
Datenreport 2016  Inhalt

Inhalt

Vorwort  5 Statistisches Bundesamt


(Destatis)
Einleitung  8
Wissenschaftszentrum Berlin
für Sozialforschung (WZB) / 
Sozio-oekonomisches Panel
1 Bevölkerung und Demografie (SOEP)

1.1 Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  13


Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit 
1.2 28
Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen 
1.3 35

2 Familie, Lebensformen und Kinder


2.1 Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertagesbetreuung  43
2.2 Kinderlosigkeit  60
2.3 Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergund  64
2.4 Einstellungen zu Familie und Lebensformen  74

3 Bildung
3.1 Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  79

4 Wirtschaft und öffentlicher Sektor


4.1 Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen  103
4.2 Öffentliche Finanzen und öffentlicher Dienst  112

5 Arbeitsmarkt und Verdienste


5.1 Arbeitsmarkt  125
5.2 Verdienste  139

6 Private Haushalte – Einkommen, Ausgaben, Ausstattung


6.1 Einnahmen, Ausgaben und Ausstattung privater Haushalte,
private Überschuldung  151
6.2 Armutsgefährdung und materielle Entbehrung  169
6.3 Einkommensentwicklung – Verteilung, Angleichung, Armut und Dynamik  178
6.4 Private Vermögen – Höhe, Entwicklung und Verteilung  191

7 Sozialstruktur und soziale Lagen


Soziale Lagen und soziale Schichtung 
7.1 201
Soziale Mobilität 
7.2 209
Bevölkerung mit Migrationshintergrund 
7.3 218
Lebenssituation von Migranten und deren Nachkommen 
7.4 236

10
Inhalt  Datenreport 2016

8 Flüchtlinge
8.1 Asylsuchende in Deutschland und der Europäischen Union  245

9 Wohnen
9.1 Wohnsituation und Mietkosten  259

10 Gesundheit und soziale Sicherung


10.1 Gesundheitszustand der Bevölkerung und Ressourcen
der Gesundheitsversorgung  275
10.2 Gesundheit, Einstellungen und Verhalten  291
10.3 Gesundheitliche Ungleichheit  302
10.4 Soziale Sicherung  315
Zur Entwicklung und Verteilung der Altersrenten
10.5 
in Ost- und Westdeutschland  334

11 Räumliche Mobilität und regionale Unterschiede


11.1 Art und Umfang der räumlichen Mobilität  341
11.2 Berufspendler  347
11.3 Regionale Disparitäten  350

12 Zeitverwendung und gesellschaftliche Partizipation
12.1 Zeitverwendung und Ausgaben für Freizeitaktivitäten  361
12.2 Religiosität und Säkularisierung  378
12.3 Zivilgesellschaftliches Engagement  383

13 Demokratie und politische Partizipation


13.1 Teilnahme am politischen Leben durch Wahlen  391
13.2 Politische Integration und politisches Engagement   400
13.3 Einstellungen zu Demokratie und Sozialstaat  407

14 Werte und Einstellungen


14.1 Wertorientierungen, Ansprüche und Erwartungen  417
14.2 Einstellungen zur Rolle der Frau und der des Mannes  426

15 Deutschland in Europa
15.1 Leben in der Europäischen Union  433
15.2 Lebensqualität und Identität in der Europäischen Union  453

Datengrundlagen sowie Autorinnen und Autoren  461
Stichwortverzeichnis  469
Abkürzungsverzeichnis  478

11
83
Jahre betrug die Lebenser-
wartung von Frauen und 78 die
von Männern nach der Sterbe-
tafel 2010/2012.

30
Jahre war das Durch-
schnittsalter von Müttern
227
beim ersten Kind im
Jahr 2014. Einwohner je Quadrat­
kilometer lebten 2014
in Deutschland.

62 %
betrug der Anteil nicht­
ehelicher Geburten 2012 in
Ostdeutschland. In West-
deutschland waren es 28 %.
1
Bevölkerung
und Demografie
1.1 Wie viele Menschen leben in Deutsch-
land? Wo wohnen sie und wie alt sind sie?
Hinter den Zahlen verbergen sich aber

Bevölkerungs-
auch Werthaltungen und Lebenseinstel-
Daten über Struktur und Entwicklung lungen, die ihrerseits wieder Rückwir-
stand und der Bevölkerung gehören zum grund­
legenden Informationsbedarf für fast alle
kungen auf die Bevölkerungsstruktur ha-

Bevölkerungs­
ben. So spiegelt sich zum Beispiel in den
Bereiche von Staat, Wirtschaft und Ge- Zahlen der Eheschließungen und -schei-
entwicklung sellschaft. Die Politik benötigt sie, weil
viele Entscheidungen – beispielsweise im
dungen, der Geburtenentwicklung und
der Familiengröße die Einstellung der
Bildungs- und Gesundheitswesen – nur Gesellschaft zur Familie und zu Kindern
Claire Grobecker, Olga Pötzsch, auf der Grundlage gesicherter bevölke- wider. Der Altersaufbau wird von diesen
Bettina Sommer rungsstatistischer Angaben getroffen Lebenseinstellungen mitbestimmt und
werden können. Für das wirtschaftliche hat zugleich direkte Auswirkungen auf
Geschehen sind demografische Gegeben- die Bildungs- und Beschäftigungsmög-
Destatis
heiten von Bedeutung, weil sie Grund­ lichkeiten der Bevölkerung und beein-
informationen über die Menschen als flusst daher unmittelbar ihre Lebensweise.
Arbeitskräfte, Einkommensbezieher und Aufgrund dieser vielfältigen Wechsel-
Konsumenten liefern. wirkungen und des weitreichenden Be-

u Info 1
Datenquelle der Bevölkerungsstatistik und Gebietsstände
Die Bevölkerungszahl wird mittels der Bevölkerungsfortschreibung nachgewiesen. Auf den Ergeb-
nissen des letzten Zensus aufbauend führen die statistischen Ämter auf Gemeindeebene die
­Fortschreibung des Bevölkerungsstandes durch Bilanzierung der Ergebnisse der Statistiken über
Geburten und Sterbefälle sowie der Wanderungsstatistik durch. Die Bevölkerungszahlen werden
nach jedem Zensus (zuletzt Zensus vom 9. Mai 2011) ab dem Zensusstichtag umgestellt. Die Bevöl-
kerungsfortschreibung liefert demografische Grunddaten über die gesamte Bevölkerung wie Ge-
schlecht, Alter, Familienstand und Staatsangehörigkeit (deutsche beziehungsweise nicht deutsche
Staatsangehörigkeit).

Für die ehemalige DDR liegen in der Bevölkerungsstatistik im Wesentlichen vergleichbare Angaben
vor. Seit 2001 werden in der amtlichen Statistik grundsätzlich nur noch Daten für Berlin insgesamt
nachgewiesen. Soweit bei Bevölkerungsangaben noch ein getrennter Nachweis für das frühere
Bundesgebiet und für die neuen Länder erfolgt, ist Berlin nicht enthalten.

13
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

darfs an demografischen Daten gehört die Kapitel 7.3, Seite 218. Daten zum Thema lionen Personen, davon waren 49 %
Bevölkerungsstatistik zu den traditions- Asyl enthält Kapitel 8, Seite 245. männlich und 51 % weiblich. Gegenüber
reichsten Arbeitsgebieten der amtlichen 2013 ist die Bevölkerung damit um
Statistik. Die Statistiken werden seit 1950 1.1.1 Bevölkerungsstand 430 000 Einwohnerinnen und Einwohner
in der jetzigen Form geführt, die Zeitrei- Bei den vorliegenden Bevölkerungszah- beziehungsweise um 0,5 % gewachsen.
hen gehen teilweise bis ins 19. Jahrhun- len für 2014 handelt es sich um Fortschrei- Rund 65,2 Millionen Personen (80 %) leb-
dert zurück. u Info 1 bungsergebnisse auf Basis des Zensus ten in den alten Bundesländern, 12,5 Mil-
Weitere Informationen zur Bevölke- 2011. Dieser Fortschreibung zufolge lebten lionen (15 %) in den neuen Bundeslän-
rung mit Migrationshintergrund bietet Ende 2014 in Deutschland rund 81,2 Mil- dern und 3,5 Millionen (4 %) in Berlin.

u Tab 1  Bundesländer nach Fläche, Bevölkerung und Bevölkerungsdichte 2014


Bevölkerung
Fläche Einwohner
Regierungssitz insgesamt Männer Frauen
je km²
in 1 000 km² in 1 000
Baden-Württemberg Stuttgart 35,8 10 717 5 284 5 432 300
Bayern München 70,6 12 692 6 250 6 442 180
Berlin Berlin 0,9 3 470 1 696 1 774 3 891
Brandenburg Potsdam 29,7 2 458 1 210 1 247 83
Bremen Bremen 0,4 662 324 337 1 578
Hamburg Hamburg 0,8 1 763 857 905 2 334
Hessen Wiesbaden 21,1 6 094 2 992 3 102 289
Mecklenburg-Vorpommern Schwerin 23,2 1 599 788 811 69
Niedersachsen Hannover 47,6 7 827 3 846 3 981 164
Nordrhein-Westfalen Düsseldorf 34,1 17 638 8 606 9 032 517
Rheinland-Pfalz Mainz 19,9 4 012 1 971 2 041 202
Saarland Saarbrücken 2,6 989 483 506 385
Sachsen Dresden 18,4 4 055 1 988 2 068 220
Sachsen-Anhalt Magdeburg 20,5 2 236 1 096 1 140 109
Schleswig-Holstein Kiel 15,8 2 831 1 381 1 449 179
Thüringen Erfurt 16,2 2 157 1 063 1 094 133
Deutschland Berlin 357,4 81 198 39 835 41 362 227

Ergebnisse auf Grundlage des Zensus 2011.

u Tab 2  Bevölkerungsentwicklung — in Tausend


Früheres
Deutschland Neue Länder² Berlin
Bundesgebiet¹
1950 69 346 50 958 18 388 –
1960 73 147 55 958 17 188 –
1970 78 069 61 001 17 068 –
1980 78 397 61 658 16 740 –
1990 79 753 63 726 16 028 3 434
2000 82 260 67 140 15 120 3 382
2010 81 752 65 426 12 865 3 461
2011 80 328 64 429 12 573 3 326
2012 80 524 64 619 12 530 3 375
2013 80 767 64 848 12 498 3 422
2014 81 198 65 223 12 505 3 470

Ergebnisse jeweils am 31.12. Seit dem Berichtsjahr 2011 auf Grundlage des Zensus 2011.
1  Seit 2001 ohne Berlin-West.
2  Seit 2001 ohne Berlin-Ost.
–  nichts vorhanden.

14
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

Die bevölkerungsreichsten Länder waren Rückgang der Bevölkerungszahlen. Im rungsdichte im früheren Bundesgebiet
Nordrhein-Westfalen (17,6  Millionen Jahr 2011 gab es einen kleinen Bruch in der (ohne Berlin-West) zwischen 263 und
Personen), Bayern (12,7 Millionen Perso- Zeitreihe, bedingt durch den Zensus 2011, 264 Einwohner je Quadratkilometer. Für
nen) und Baden-Württemberg (10,7 Mil- der zu einer Revision der Bevölkerungs- 2014 wurde im früheren Bundesgebiet
lionen Personen). In diesen drei Bundes- zahl um 1,5 Millionen Personen nach un- (ohne Berlin-West) eine Einwohnerdichte
ländern lebten rund 51 % der Bevölke- ten führte. Unter Berücksichtigung die- von 262 ermittelt, wobei der Rückgang auf
rung Deutschlands. Die Hälf te der ses Sondereffekts setzte ab dem Jahr 2011 die Revision der Einwohnerzahlen infolge
Bundesländer hatten dagegen weniger als wieder eine Bevölkerungszunahme ein. des Zensus 2011 zurückzuführen ist. In
3 Millionen Einwohnerinnen und Ein- Zwischen West und Ost war die Ent- den neuen Ländern und Berlin-Ost ver­
wohner. u Tab 1 wicklung seit der deutschen Vereinigung ringerte sich dieser Wert zwischen 1950
Mit 81,2 Millionen hatte Deutschland allerdings unterschiedlich: In den alten und 1990 von 171 auf 148 Einwohner je
Ende 2014 rund 11,9 Millionen Einwohne- Bundesländern nahm die Bevölkerung – Quadrat­k ilometer. Seit 2001 sank die
rinnen und Einwohner mehr als 1950. In mit Ausnahme der Jahre 2006 bis 2009 – Bevölkerungsdichte in den neuen Ländern
West- und Ostdeutschland hat sich die Be- zu, während die neuen Bundesländer seit (ohne Berlin-Ost) stetig von 127 auf 116 Ein­
völkerungszahl seit 1950 jedoch sehr un- 1990 durchgehend einen Bevölkerungs- wohner je Quadratkilometer im Jahr 2014.
terschiedlich entwickelt. Im früheren Bun- rückgang verzeichneten. Berlin zeigte ab- Für Deutschland insgesamt lag die
desgebiet stieg sie zwischen 1950 und 1973 wechselnde Phasen von Zuwachs und Einwohnerdichte Ende 2014 bei 227 Ein-
von 51,0 Millionen auf 62,1 Millionen Per- Rückgang. u Tab 2 wohnern je Quadratkilometer. Am dich-
sonen. Gleichzeitig ging sie in der ehemali- testen besiedelt waren die Stadtstaaten
gen DDR von 18,4 Millionen auf 17,0 Milli- Regionale Bevölkerungsverteilung (Berlin: 3 891 Personen je Quadratkilome­
onen Personen zurück. Die Bevölkerungs- Der Bevölkerungszahl entsprechend verän- ter, Hamburg: 2 334, Bremen: 1 578). Die
zahl stabilisierte sich danach zwischen derte sich auch die Bevölkerungsdichte in geringste Besiedlung je Quadratkilometer
61 Millionen und 62 Millionen Personen beiden Teilen Deutschlands. Im früheren wiesen die Bundesländer Mecklenburg-
im Westen sowie zwischen 16 Millionen Bundesgebiet und Berlin-West stieg die Vorpommern (69 Personen), Brandenburg
und 17 Millionen Personen im Osten. Einwohnerzahl je Quadratkilometer im (83 Personen) und Sachsen-Anhalt
Seit der deutschen Vereinigung Ende Zeitraum von 1950 bis 1973 von 202 auf (109 Personen) auf (siehe Tabelle 1).
1990 nahm die Bevölkerung Deutschlands 250 an, ging danach bis 1984/1985 auf 245 Ende 2014 gab es in Deutschland 11 116
bis Ende 2002 zuerst von 79,8 Millionen leicht zurück und stieg nach der Wende bis politisch selbstständige Gemeinden und
auf 82,5 Millionen Personen (+ 2,8 Millio- auf 270 Einwohner je Quadratkilometer im damit 45 oder 0,4 % weniger als Ende 2013.
nen Personen) zu. Bis 2010 folgte dann ein Jahr 2000. Seit 2001 stagnierte die Bevölke- Davon lagen 8 442 Gemeinden im früheren

u Tab 3  Einwohnerzahlen und Bevölkerungsdichten in ausgewählten Großstädten 2014

Stadt Einwohner in 1 000  Stadt Einwohner je km²

1 Berlin 3 470 München 4 601


2 Hamburg 1 763 Berlin 3 891
3 München 1 430 Herne 3 007
4 Köln 1 047 Stuttgart 2 954
5 Frankfurt am Main 718 Frankfurt am Main 2 890
6 Stuttgart 612 Düsseldorf 2 781
7 Düsseldorf 605 Essen 2 728
8 Dortmund 581 Oberhausen 2 715
9 Essen 574 Offenbach am Main 2 695
10 Bremen 552 Nürnberg 2 688
11 Leipzig 544 Köln 2 584
12 Dresden 536 Hannover 2 565
13 Hannover 524 Bochum 2 484
14 Nürnberg 501 Gelsenkirchen 2 455
15 Duisburg 485 Hamburg 2 334

Ergebnisse auf Grundlage des Zensus 2011.

15
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

Bundesgebiet und 2 673 Gemeinden in den Berlin, Hamburg und München, bei Be­ die Stärke der jeweiligen Jahrgänge aus.
neuen Bundesländern. Aufgrund von Ge­ trachtung der Städte mit der höchsten Langfristig führen solche Veränderungen
bietsreformen hat sich vor allem in den Bevölkerungsdichte lagen an vorderster zu einer Verschiebung der Anteile der
neuen Bundesländern die Gemeindean­ Stelle München, Berlin und Herne. u Tab 3 einzelnen Altersgruppen an der Gesamt­
zahl stark verringert: Sie sank von 2 708 bevölkerung. Einen zusätzlichen Faktor
Ende 2013 um 35 Gemeinden (– 1,3 %). 1.1.2 Altersaufbau, Geburten und stellt die Zu- und Abwanderung dar, da
Großstadtgetriebe oder Landleben? Sterbefälle die meisten Zu- und Abwanderer junge
Aus der Verteilung der Einwohnerinnen Erwachsene sind. In Deutschland führen
und Einwohner auf Gemeindegrößen­ Altersaufbau diese verschiedenen Faktoren dazu, dass
klassen ergibt sich für 2014, dass 6 % der Die Zahl der Geburten beeinflusst unmit­ die Gruppe der Kinder und Jugendlichen
Bevölkerung Deutschlands in Gemein­ telbar den Altersaufbau der Bevölkerung. kleiner wird und die Gruppe der Perso­
den mit weniger als 2 000 Einwohnern, Außerdem besteht eine Wechselwirkung nen im Rentenalter wächst, während sich
36 % in Gemeinden mit 2 000 bis unter zwischen der Stärke eines Altersjahrgangs der Anteil der Personen im erwerbsfähi­
20 000 Einwohnern und 27 % in Gemein­ und den Geburten sowie Sterbezahlen: gen Alter – derzeit – wenig verändert.
den mit 20 000 bis unter 100 000 Einwoh­ Zum einen beeinflusst die Stärke der ein­ Um den Altersauf bau der Bevölke­
nern lebten. Auf die Großstädte (Ge­ zelnen Altersjahrgänge die Zahl der Ge­ rung zu veranschaulichen, verwendet die
meinden mit 100 000 oder mehr Einwoh­ burten und Sterbefälle in bestimmten Statistik eine grafische Darstellungsform,
nern) entfielen 31 % der Bevölkerung. Die Zeiträumen, gleichzeitig wirken sich aber die als Alterspyramide bezeichnet wird,
Städte mit den höchsten Einwohnerzah­ wiederum die Veränderungen von Gebur­ auch wenn sie – für Deutschland betrach­
len waren in abnehmender Reihenfolge tenhäufigkeit oder Sterblichkeit auch auf tet – längst keine Pyramidenform mehr
hat. So gleicht sie heute eher einer »zer­
zausten Wettertanne«, wie sie einmal
bildhaft beschrieben wurde. u Abb 1
Abb 1 Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands 2011, in 1000 je Altersjahr
u Abb 1  Altersaufbau der Bevölkerung Deutschlands 2014 — in Tausend je Altersjahr Eine neue, interaktive Bevölkerungs­
pyramide (www.destatis.de/bevoelke
Männer Alter Frauen
rungspyramide/) bietet die Möglichkeit,
die Veränderung der Altersstruktur im
100 Zeitraum zwischen 1950 und 2060 zu
Frauenüberschuss verfolgen und dabei einen bestimmten
90 Geburtsjahrgang zu beobachten. Die An­
Geburtenausfall wendung basiert auf den Ergebnissen der
während der
80 Wirtschaftskrise 13. koordinierten Bevölkerungsvoraus­
um 1930
berechnung für Deutschland.
70 Die Veränderungen des Bevölke­
Geburtenausfall
Ende des rungsauf baus zeigt Tabelle 4: Im Jahr
2. Weltkrieges

60
2014 betrug in Deutschland der Anteil der
Heranwachsenden (unter 20-Jährige) 18 %.
Babyboom und
anschließender Auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen
50 Geburtenrückgang
Alter (20 bis 64 Jahre) entfielen 61 % und
der Seniorenanteil (65-Jährige und Ältere)
40
lag bei 21 %. Rund 6 % der Bevölkerung
waren hochbetagt, das heißt 80 Jahre oder
30 älter. Der Jugendquotient (Zahl der unter
Geburtentief in den
20-Jährigen je 100 Personen zwischen 20
20 neuen Ländern und 64 Jahren) lag bei 30 und somit unter
dem Altenquotient (Zahl der 65-Jährigen
10
Männerüberschuss

800 600 400 200 0 0 200 400 600 800

Fortschreibung
Ergebnisse auf Basis
auf Grundlage Volkszählung
des Zensus 2011. 1987 (früheres Bundesgebiet)/Zentralregister
ehem. DDR 3.10.1990; s.S. XX.

16
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

und Älteren je 100 Personen zwischen 20


und 64 Jahren) mit 35. Im Jahr 1950 lag
der Jugendquotient noch bei 51 und der Geburtenhoch im Sommer
Altenquotient bei 16, seit 2006 jedoch Die monatlichen Geburtenzahlen zei- doch zusätzlich unterschiedliche Mo-
übersteigt der Altenquotient den Jugend- gen, dass sich die Geburten nicht natslängen, dann war die Zahl der
quotienten. u Tab 4, Info 2 gleichmäßig über das Jahr verteilen. Geburten je Tag im September 2014
In Deutschland werden etwa 5 % mehr Der geburtenstärkste Monat ist nach am höchsten. Diese Verteilung hat
Jungen als Mädchen geboren. Im Jahr der absoluten Zahl der Lebendgebore- sich allerdings erst seit Anfang der
2014 kamen im Durchschnitt auf 100 neu- nen der Juli. Im Jahr 2014 kamen 1980er-Jahre herausgebildet.
geborene Mädchen 105 Jungen. Weil 9,0 % aller Neugeborenen im Juli zur
Männer statistisch gesehen nicht so alt Welt (66 960). Berücksichtigt man je-
werden wie Frauen, verändern sich die
Anteile von Frauen und Männern mit den
Altersgruppen. Während also bei den un-
ter 50-Jährigen in der heutigen Bevölke-
rung der Männeranteil überwiegt, sind in u Tab 4  Entwicklung der Altersstruktur
der Altersgruppe 50- bis 59-Jährigen un- Davon im Alter von … bis … Jahren
gefähr so viele Männer wie Frauen ent- Bevölkerung Jugend- Alten-
unter 20 20 – 64 65 –79 80 und älter quotient¹ quotient²
halten. In den höheren Altersgruppen
überwiegen dann zunehmend Frauen: in 1 000 in %

Von den 60- bis 69-jährigen Personen sind 1950 69 346 30,4 59,9 8,7 1,0 50,8 16,3
52 % weiblich. In den obersten Alters- 1960 73 147 28,4 60,0 10,0 1,6 47,3 19,3
gruppen beträgt der Frauenanteil bei den
1970 78 069 30,0 56,2 11,8 2,0 53,4 24,6
70- bis 79-Jährigen 55 % und bei den
1980 78 397 26,8 57,7 12,8 2,7 46,3 26,9
80-jährigen oder älteren Personen sogar
65 %. Gründe für den geringeren Männer­ 1990 79 753 21,7 63,4 11,2 3,8 34,2 23,6

anteil in den höchsten Altersgruppen sind 2000 82 260 21,1 62,2 12,9 3,8 34,0 26,8
neben der höheren Lebenserwartung von 2010 81 752 18,4 60,9 15,3 5,3 30,3 33,8
Frauen auch heute noch die starken Män-
2011 80 328 18,4 60,9 15,4 5,3 30,3 33,9
nerverluste durch den Zweiten Weltkrieg.
2012 80 524 18,3 61,0 15,4 5,4 30,0 34,1
So steigt mittlerweile mit den nachlassen-
den demografischen Auswirkungen des 2013 80 767 18,2 61,0 15,5 5,4 29,8 34,2

Krieges auch der Anteil der Männer an 2014 81 198 18,2 60,8 15,4 5,6 29,9 34,6
den Hochbetagten (27 % im Jahr 2000;
Ergebnisse jeweils am 31. Dezember. Seit dem Berichtsjahr 2011 auf Grundlage des Zensus 2011.
35 % im Jahr 2014). 1  Altersgruppe der unter 20-Jährigen bezogen auf die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen.
2  Altersgruppe der 65-Jährigen und Älteren bezogen auf die Altersgruppe der 20- bis 64-Jährigen.

Geburten, Sterbefälle
Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg
waren in der Bundesrepublik Deutsch-
u Info 2
land durch hohe Geburtenzahlen geprägt.
Jugendquotient, Altenquotient und Gesamtquotient
Ab 1947 wurden deutlich mehr Geburten
Neben der absoluten Zahl der Bevölkerung in einem bestimmten Alter ist
als Sterbefälle registriert. Der darauf fol- die Beziehung zwischen den verschiedenen Altersgruppen ein Charakte-
gende sogenannte Baby-Boom wandelte ristikum des Alterungsprozesses. Wird der Bevölkerung im erwerbsfähigen
sich Ende der 1960er-Jahre zu einem Alter die jüngere Bevölkerung, für deren Aufwachsen, Erziehung und
Ausbildung gesorgt werden muss, gegenübergestellt, so ergibt sich der
rapiden Rückgang der Geburten. Die Jugendquotient. Wird die Zahl der Personen im Rentenalter, also der
Zahl der lebend geborenen Kinder ging ­potenziellen Empfänger von Leistungen der Rentenversicherung oder an-
vom Höchststand im Jahr 1964 (1,36 Mil­ derer Alterssicherungssysteme auf die Zahl der Personen im Erwerbs­
alter bezogen, ergibt sich der Altenquotient. Beide Quotienten zusammen
lionen) bis auf 782 000 im Jahr 1975 addieren sich zum Gesamtquotienten, der aufzeigt, in welchem Ausmaß
zurück. Danach gab es von 1976 bis 1990 die mittlere Altersgruppe sowohl für die jüngere als auch für die ältere Be-
einen Anstieg der jährlichen Geburten­ völkerung, die nicht im Erwerbsleben stehen, im weitesten Sinne zu
­s orgen hat. Für die Abgrenzung des erwerbsfähigen Alters wird hier die
zahlen von 798 000 auf 906 000. Seit Altersspanne von 20 bis 64 Jahren gewählt, da in dieser Lebens­phase
1997 (812 000 Geburten) war wieder ein die meisten Menschen erwerbstätig sind.

17
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

kontinuierlicher Geburtenrückgang zu u Abb 2  Lebendgeborene und Gestorbene in Deutschland


beobachten. Im Jahr 2005 wurden erst­ 1946 bis 2014 — in Tausend
mals unter 700 000 Kinder geboren und
im Jahr 2011 wurde mit 663 000 Neu­ 1 600
geborenen die niedrigste Geburten­z ahl
seit 1946 registriert. Im Jahr 2014 lag die 1 400

Zahl der Geburten (715 000) wieder ge- 1 200


ringfügig höher. u Abb 2, Tab 5
Der Geburtenrückgang bewirkte, dass 1 000

seit 1972 jedes Jahr weniger Kinder gebo- 800


ren wurden als Menschen starben. Im
Jahr 2014 lag die Zahl der Gestorbenen 600

um 153 000 höher als die Zahl der lebend 400


geborenen Babys.
Das durchschnittliche Alter der Mut- 200

ter beim ersten Kind betrug im Jahr 2014 0


rund 30 Jahre. Etwa 55 % aller Frauen, die 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015
ihr erstes Kind 2014 bekommen haben, Lebendgeborene Sterbefälle
gehörten den Jahrgängen 1981 bis 1988 an
und waren damit zwischen 26 und 33 Jah-
re alt. Lediglich 3 % der ersten Geburten
entfielen auf Frauen im Alter ab 40 Jahren.
Mit der für das Jahr 2014 in Deutsch­
land rechnerisch ermittelten durch­schnitt­ Mehrlingsgeburten
lichen Kinderzahl von 1,47 Kindern je Frau Im Zeitraum seit 1950 hatte der Anteil Im Jahr 2014 gab es insgesamt 13 000
wird die zur Erhaltung der Bevölkerungs­ der Mehrlingsgeburten sein Tief Ende Mehrlingsgeburten. Die meisten da-
zahl auf längere Sicht er­forderliche Zahl der 1970er-Jahre erreicht und stieg von waren Zwillingsgeburten (98 %).
von 2,1 Kindern je Frau deutlich unter­ seitdem deutlich an. Von den Frauen, In 282 Fällen wurden Drillinge gebo-
schritten. Gleichzeitig nimmt in Deutsch­ die 1950 Mutter wurden, hatten 1,2 % ren und in 11 Fällen Vierlinge.
land die durchschnitt­ l iche Lebenser­ Mehrlingsgeburten, Mitte der 1970er-
wartung weiter zu. Sie beträgt 2010/2012 Jahre waren es 0,9 % gewesen und 2014
für einen neugeborenen Jungen 78 Jahre stieg der Anteil auf 1,9 %.
und für ein neugeborenes Mädchen
83 Jahre. Gegenüber dem Stand von Mitte
der 1980er-Jahre entspricht dies einer
Zunahme bei den Jungen um rund sechs
Jahre und bei den Mädchen um annähernd
fünf Jahre. Ein 60-jähriger Mann hat Wohnsitzwechseln von Personen in eine Wanderungsfälle an. Zu dieser Entwick-
2010/2012 rechnerisch noch eine Lebenszeit andere Gemeinde innerhalb Deutschlands lung trugen die Außenwanderung sowie
von durchschnittlich 21 Jahren vor sich. (Binnenwanderung) und solchen über die die Binnenwanderung bei, wobei die Au-
Eine gleichaltrige Frau hat rechnerisch Grenzen Deutschlands (Außenwande- ßenwanderung schneller anstieg als die
noch eine Lebenszeit von 25 Jahren zu rung) unterschieden. Die Außenwande- Binnenwanderung. Ab 1971 ging das Wan-
erwarten (siehe auch Abschnitt 1.1.4). rung und die Binnenwanderung bilden derungsvolumen wieder zurück und pen-
zusammen die Gesamtwanderung. u Info 3 delte sich von 1975 bis 1988 auf jährlich 3,5
1.1.3 Wanderungsbewegungen bis 4,2 Millionen Wanderungsfälle ein.
Neben der natürlichen Bevölkerungs­ Gesamtwanderung Die Wende in der ehemaligen DDR löste
bewegung (Geburten und Sterbefälle) Die Gesamtwanderung kann für Deutsch- erneut eine Wanderungswelle aus: Mit
kommt bei der Beobachtung und Analyse land, für die Bundesländer, für die Land- rund 5,7 Millionen Wanderungsfällen
der Einwohnerzahl den sogenannten kreise und für die Gemeinden ermittelt jährlich blieb die Gesamtwanderung für
Wanderungen (räumliche Bevölkerungs­ werden. Im früheren Bundesgebiet stieg das vereinte Deutschland Anfang der
bewegung) eine zentrale Bedeutung zu. das Wanderungsvolumen von 1960 bis 1990er-Jahre auf hohem Niveau. Nach 1995
Bei den Wanderungen wird zwischen den 1971 von 4,1 Millionen auf 5,3 Millionen ging das Wanderungsvolumen zurück und

18
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

u Tab 5  Lebendgeborene und Gestorbene in Deutschland


Überschuss der Geborenen ( + )
Lebendgeborene Gestorbene
beziehungsweise der Gestorbenen ( – )
in 1 000 je 1 000 Einwohner in 1 000 je 1 000 Einwohner in 1 000 je 1 000 Einwohner

Deutschland
1950 1 117 16,3 748 10,9 + 368 + 5,4
1960 1 262 17,3 877 12,0 + 385 + 5,3
1970 1 048 13,5 976 12,6 + 72 + 0,9
1980 866 11,0 952 12,1 − 87 – 1,1
1990 906 11,4 921 11,6 − 16 – 0,2
2000 767 9,3 839 10,2 − 72 − 0,9
2010 678 8,3 859 10,5 − 181 – 2,2
2012 674 8,4 870 10,8 − 19 6 – 2,4
2013 682 8,5 894 11,1 − 212 – 2,6
2014 715 8,8 868 10,7 – 153 – 1,9
Früheres Bundesgebiet ¹
1950 813 16,3 529 10,6 + 284 + 5,7
1960 969 17,4 643 11,6 + 326 + 5,9
1970 811 13,4 735 12,1 + 76 + 1,3
1980 621 10,1 714 11,6 − 9 3 – 1,5
1990 727 11,5 713 11,3 + 14 + 0,2
2000 656 9,8 679 10,1 – 23 – 0,3
2010 542 8,3 672 10,3 – 129 – 2,0
2012 539 8,3 681 10,6 – 143 – 2,2
2013 547 8,5 700 10,8 – 153 – 2,4
2014 575 8,8 679 10,4 – 105 – 1,6
Neue Länder ²
1950 304 16,5 220 11,9 + 84 + 4,6
1960 293 16,9 234 13,5 + 59 + 3,4
1970 237 13,9 241 14,1 – 4 – 0,2
1980 245 14,6 238 14,2 + 7 + 0,4
1990 178 11,1 208 12,9 – 30 – 1,8
2000 111 7,3 160 10,5 – 49 – 3,2
2010 102 7,9 155 12,0 – 53 – 4,1
2012 100 8,0 156 12,4 – 56 – 4,5
2013 100 8,0 161 12,9 – 61 – 4,9
2014 103 8,2 157 12,5 – 54 – 4,3

Seit dem Berichtsjahr 2011 auf Grundlage des Zensus 2011.


1  Bis 2000 einschließlich Berlin-West, seit 2001 ohne Berlin-West.
2  Bis 2000 einschließlich Berlin-Ost, seit 2001 ohne Berlin-Ost.

u Info 3
Wanderungsstatistik
In der Wanderungsstatistik werden die Zu- und Fortzüge erfasst, die von den Meldebehörden an die statistischen Ämter gemeldet
werden. Der Wanderungssaldo wird als Differenz der Zu- und Fortzüge gebildet. Das Wanderungsvolumen bezeichnet die Summe
aus der Binnenwanderung zuzüglich der Zuzüge aus und der Fortzüge ins Ausland.

Die auf ein Jahr bezogene Wanderungsstatistik weist die jeweiligen Wanderungsfälle, das heißt die Zu- oder Fortzüge über die
­ emeindegrenzen, nicht die wandernden Personen nach. Die Wanderungen zwischen dem früheren Bundesgebiet und der ehe-
G
maligen DDR wurden bis zum 3. Oktober 1990 in den Wanderungen über die Grenzen des Bundesgebiets erfasst, ab diesem
­Zeitpunkt handelt es sich um Binnenwanderungsfälle, die als Ost-West-Wanderung bezeichnet werden.

Durch die Binnenwanderung ändert sich die regionale Verteilung der Bevölkerung, aber im Gegensatz zur Außenwanderung nicht
die Einwohnerzahl Deutschlands.

19
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

lag von 2005 bis 2010 bei rund 5 Millio- gen über die Gemeindegrenzen im frü- lität zwischen 44 und 49 Umzügen je
nen Personen. Ab 2011 stieg es wieder an heren Bundesgebiet von 3,7 Millionen 1 000 Einwohner.
und lag 2014 bei 6,3 Millionen Personen. auf 3,0 Millionen Personen. Die Mobili- Im Jahr 2014 fanden etwa 28 % der
tätsziffer sank im gleichen Zeitraum von Umzüge (rund 1,1 Millionen Umzüge)
Binnenwanderung 60 auf 48. Dieser Rückgang dürfte auch zwischen Gemeinden innerhalb eines
Im Jahr 2014 wechselten 4,0 Millionen eine Folge der Gebietsreform in den Kreises, 44 % (rund 1,7 Millionen Umzü-
Personen ihren Wohnsitz über die Ge- a lten Bundesländern sein: Im Zuge
­ ge) zwischen Kreisen eines Bundeslandes
meindegrenzen innerhalb Deutschlands. ­d ieser Reform wurden Nahwanderungs- und 28 % (rund 1,1 Millionen Umzüge)
Bezieht man diese Zahl auf 1 000 Ein- fälle durch Eingemeindungen häufig zu zwischen Bundesländern statt. u Tab 6
wohner, erhält man die sogenannte Mo- Ortsumzügen und wirkten sich deshalb Den Wanderungsströmen zwischen
bilitätsziffer. Sie gibt Aufschluss über die in der Mobilitätsziffer nicht aus. Bis dem früheren Bundesgebiet und den neu-
Häufigkeit, mit der Einwohnerinnen und Ende der 1980er-Jahre sank die Zahl der en Ländern kommt bei der Binnenwan-
Einwohner eines Gebiets ihre Wohnsitz- Wanderungen über die Gemeindegren- derung eine besondere Bedeutung zu.
gemeinde wechseln. Im Jahr 2014 betrug zen weiter auf 2,5 Millionen Umzüge Zwischen 1989 und 1991 war eine hohe
die Mobilitätsziffer rund 49, das heißt (41 Umzüge je 1 000 Einwohner). Mit der Abwanderung von Ost nach West festzu-
etwa jeder zwanzigste Einwohner zog im Öffnung der Grenzen im Osten und der stellen. In den Folgejahren bis 1996 war
Jahr innerhalb Deutschlands von einer deutschen Vereinigung stieg die Binnen- die Entwicklung der Wanderungen zwi-
Gemeinde in eine andere um. wanderung bis 1997 wieder an auf über schen dem früheren Bundesgebiet und
Die räumliche Mobilität der Bevölke- 4,0 Millionen Umzüge pro Jahr (49 Um- den neuen Ländern gegenläufig: Die Zu-
rung in Deutschland entwickelte sich seit züge je 1 000 Einwohner). Seit 2000 liegt züge aus den neuen Ländern verringerten
1970 sehr unterschiedlich. In den 1970er- die Zahl der Umzüge zwischen 3,6 und sich, die Wanderungen nach Osten
Jahren verringerten sich die Wanderun- 4,0 Millionen pro Jahr mit einer Mobi­ stiegen, sodass der Wanderungssaldo

u Tab 6  Wanderungen innerhalb Deutschlands in eine andere Gemeinde


Innerhalb der Bundesländer
Über die
Insgesamt zwischen Gemeinden über die Kreisgrenzen
zusammen Landesgrenzen
innerhalb des Kreises innerhalb des Landes

in 1 000 je 1 000 Einwohner ¹ in 1 000

Früheres Bundesgebiet
1970 3 662 59,8 2 544 720 1 824 1 118

1980 3 024 49,2 2 204 720 1 484 820

1985 2 572 42,1 1 932 722 1 210 640

1990 2 970 47,4 2 129 785 1 344 841

Deutschland
1991 3 402 42,8 2 275 908 1 367 1 127

1995 3 951 48,5 2 882 1 229 1 653 1 069

2000 3 892 47,3 2 755 1 192 1 563 1 137

2005 3 655 44,3 2 585 1 107 1 478 1 071

2010 3 576 43,7 2 514 1 038 1 477 1 062

2011 3 739 45,7 2 626 1 078 1 548 1 113

2012 3 737 46,5 2 640 1 082 1 559 1 097

2013 3 846 47,8 2 741 1 106 1 635 1 106

2014 3 953 48,92 2 842 1 120 1 722 1 111

1  Jeweils am 31.12. des Vorjahres.


2  Ergebnisse auf Grundlage des Zensus 2011.

20
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

1997 nur noch 28 200 Personen betrug. schen 1950 und 2006 rund 4,5 Millionen Herkunftsländern weniger Personen mit
Ab 1998 kam eine neue Wanderungswelle (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler in Aussiedlerhistorie. u Tab 7
von Ost nach West (Wanderungssaldo das frühere Bundesgebiet beziehungswei- Durch die Zuwanderung aus dem Os-
2001: 98 000 Personen), die nach 2001 se seit 1990 nach Deutschland. Davon ten (aus den früheren deutschen Gebieten
langsam zurückging. Im Jahr 2014 betrug waren rund 2,3 Millionen Personen aus im Osten, der ehemaligen DDR sowie
der Wanderungssaldo nur noch 3 300 Per- der ehemaligen Sowjetunion sowie deren durch Aussiedlerinnen und Aussiedler)
sonen. u Abb 3 Nachfolgestaaten, 1,4 Millionen kamen gab es für die Bundesrepublik Deutsch-
aus Polen und weitere 430 000 aus Ru­ land seit Gründung bis Anfang des zwei-
Außenwanderung mänien. Im Jahr 1990 wurde mit rund ten Jahrtausends einen Zuwanderungsge-
Die Außenwanderung war kurz nach 397 000 Personen die mit Abstand höchs- winn von Deutschen. Seit 2005 werden
dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch te Zahl von Aussiedlerinnen und Aus- allerdings Wanderungsverluste beobach-
die Aufnahme von Vertriebenen aus den siedlern aufgenommen. In den folgenden tet; es wandern also mehr Deutsche ins
Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Jahren bis 1995 waren es jährlich zwi- Ausland ab, als Deutsche nach Deutsch-
Reiches und den deutschen Siedlungs­ schen 220 000 und 230 000 Personen. land zuziehen. Ein wesentlicher Grund
gebieten im Ausland geprägt. Zwischen ­Danach gingen die Zahlen stetig zurück. dafür ist der oben beschriebene Rück-
1950 und 1961 folgte eine Zuwanderung Seit 2006 werden weniger als 10 000 Aus- gang der Spätaussiedlerinnen und Spät-
aus der ehemaligen DDR: So wurden von siedlerinnen und Aussiedler jährlich auf- aussiedler, die nach Deutschland kamen.
1950 bis zum Mauerbau am 13. August genommen. Bei diesem Rückgang dürf- Zeitgleich stiegen die Fortzüge deutscher
1961 rund 2,6 Millionen Menschen aus ten zum einen geänder te Einreise­ Personen ins Ausland. So gab es in den
Ostdeutschland als Übersiedlerinnen bedingungen für Spätaussiedler und ihre 1990er-Jahren rund 110 000 Fortzüge von
und Übersiedler im früheren Bundesge- Familienangehörigen ab 2005 eine Rolle Deutschen pro Jahr, im Jahr 2008 lagen
biet aufgenommen. Ferner kamen zwi- spielen. Zum anderen gibt es in den sie bei 175 000 Personen. Allerdings hat
sich die Abwanderung seit Beginn der
­Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise im
Jahr 2008 wieder reduziert und betrug
u Abb 3  Wanderungen zwischen dem früheren Bundesgebiet und 2014 rund 149 000 Personen. u Tab 8
den neuen Ländern einschließlich Berlin-Ost 1957 bis 2014 Aus den Abwanderungszahlen lassen
sich keine Aussagen zum Hintergrund der
450 000
Fortzüge ableiten, da die Gründe für die
Fortzüge bei den Meldeämtern nicht er-
400 000 fasst werden. So ist keine Differenzierung
möglich, ob der Fortzug eine Auswande-
350 000 rung auf Dauer oder nur eine befristete
Ausreise ist. Es wird auch nicht erfasst, ob
300 000
es sich bei den Abwandernden um Spät-
250 000
aussiedlerinnen und Spätaussiedler, Ein-
gebürgerte oder Deutsche ohne Migrati-
200 000 onshintergrund handelt. Hauptzielländer
von auswandernden Deutschen waren im
150 000 Jahr 2014 die Schweiz, die Vereinigten
Staaten und Österreich.
100 000
Seit Anfang der 1960er-Jahre hatte
50 000 die Zu- und Abwanderung von ausländi-
schen Personen durch die Anwerbung
0 ausländischer Gastarbeiter erheblich an
1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015
Bedeutung gewonnen. Die Wanderungs-
Zuzüge aus den neuen Fortzüge nach den neuen Überschuss an Zuzügen ströme ausländischer Staatsangehöriger
Ländern und Berlin-Ost Ländern und Berlin-Ost
zwischen dem früheren Bundesgebiet
in das frühere Bundes- aus dem früheren Bundes-
gebiet gebiet und dem Ausland verzeichneten ein rela-
tiv hohes Wanderungsvolumen mit jähr-
Ab 1991 ohne Berlin.
lich hohen Zu- und Fortzugszahlen. Dabei
war der Wanderungssaldo zeitweilig positiv

21
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

u Tab 7  Zuzüge von Aussiedlerinnen und Aussiedlern


Darunter aus
Insgesamt
der ehemaligen Sowjetunion¹ Polen Rumänien
1950 –1959 438 225 13 604 292 157 3 454
1960 –1969 221 516 8 571 110 618 16 294
1970 –1979 355 381 56 583 202 718 71 417
1980 –1989 984 087 176 565 632 803 151 161
1990 –1994 1 291 112 911 473 199 623 171 914
1995 –1999 738 064 718 634 4 455 14 440
2000 – 2004 417 493 413 596 2 382 1 396
2005 35 522 35 396 80 39
2006 7 747 7 626 80 40
2007– 2011 18 012 17 677 226 96
2012 1 817 1 782 12 22
2013 2 427 2 386 11 30
2014 5 649 5 613 23 13

Seit 1993 einschließlich nicht deutscher Angehöriger von Aussiedlern.


1  Beziehungsweise Nachfolgestaaten.
Quelle: Bundesverwaltungsamt

u Tab 8  Wanderungen zwischen Deutschland und dem Ausland


Zuzüge Fortzüge
insgesamt Deutsche Ausländer/-innen insgesamt Deutsche Ausländer/-innen
1950 –1953 374 177 . . 462 279 . .
1954 –1959 1 038 759 477 414 561 345 955 190 638 657 316 533
1960 –1969 6 257 185 724 624 5 532 561 4 239 458 789 119 3 450 339
1970 –1979 7 002 667 783 306 6 219 361 5 439 852 543 843 4 896 009
1980 –1989 6 145 117 1 323 089 4 822 028 4 685 932 635 814 4 050 118
1990 –1999 10 890 238 2 755 154 8 135 084 7 023 809 1 147 745 5 876 064
2000 – 2009 7 565 201 1 475 762 6 089 439 6 603 751 1 407 325 5 196 426
2010 798 282 114 752 683 530 670 605 141 000 529 605
2011 958 299 116 604 841 695 678 969 140 132 538 837
2012 1 080 936 115 028 965 908 711 991 133 232 578 759
2013 1 226 493 118 425 1 108 068 797 886 140 282 657 604
2014 1 464 724 122 195 1 342 529 914 241 148 636 765 605

Bis einschließlich 1990 Angaben für das frühere Bundesgebiet.


.  Zahlenwert unbekannt oder geheim zu halten.

und zeitweilig negativ und spiegelte den 8 300 Personen im Jahr 2008 auf 30 600 sen zum Zweck der Asylsuche nach 1993
Konjunkturverlauf in Deutschland wider. Personen im Jahr 2014 (+ 270 %) und aus erheblich zurückgingen. Zunehmend
Seit Mitte der 1970er-Jahre wird das Spanien von 9 500 Personen im Jahr 2008 wurde die Zuwanderung auch durch Be-
Wanderungsverhalten der Ausländerin- auf 34 400 Personen im Jahr 2014 (+ 260 %). schlüsse auf Ebene der Europäischen
nen und Ausländer von anderen Faktoren Zudem wirkten sich die Maßnahmen Union (EU) beeinflusst, unter anderem
beeinflusst, zum Beispiel dem Familien­ der Bundesregierung zur Steuerung der durch EU­-Erweiterungen, Freizügigkeits-
nachzug oder der politischen, wirtschaft- Wanderungsströme aus. Von besonderer regelungen, Abkommen mit EFTA-Län-
lichen oder sozialen Situation in den Her- Bedeutung sind in diesem Zusammen- dern, also Ländern der Europäischen
kunftsländern. Dies zeigte sich zum Bei- hang der 1973 erlassene Anwerbestopp, Freihandelszone oder veränderten Visa-
spiel in der Zunahme der Zuzüge aus den das Rückkehrhilfegesetz von 1983 sowie Regelungen. Dies zeigt sich beispielsweise
Ländern, die von der Finanzmarkt- und asylrechtliche Neuregelungen wie die in der schnellen Zunahme der Zuzüge
Wirtschaftskrise (2008/2009) besonders Änderung des Grundgesetzes (Artikel aus vielen Ländern, die 2004, 2007 be­
betroffen sind, in den Folgejahren. So stie- 16a) im Jahr 1993. Die letzteren Regelun- ziehungsweise 2013 der EU beigetreten
gen die Zuzüge aus Griechenland von gen bewirkten zum Beispiel, dass Einrei- sind (siehe Kapitel 15.1, Seite 434, Abb 1).

22
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

Auch haben 2011 – nach Ablauf der letzten

148 636
Einschränkungen zum Arbeitsmarktzu­
gang für die 2004 beigetretenen Länder –
die Zuzüge von dort stark zugenommen.
Das gleiche gilt ab 2013 für Rumänien und
Bulgarien.
Deutsche zogen im Jahr 2014 ins
Im Jahr 1992 hatte die Zuwanderung Ausland. Aus dem Ausland
ausländischer Staatsangehöriger mit zurück kamen 122 195 Deutsche.
1,2  Millionen Personen einen ersten
Höhepunkt erreicht. Gründe waren die
Öffnung der Grenzen zu Osteuropa und
die Flucht vieler Menschen vor dem
Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien.
Danach war die T ­ endenz mit einigen
Schwankungen bis 2006 eher rückläufig.
So kamen 2006 rund 558 000 Menschen
nach Deutschland. In den Folgejahren
stieg die Zuwanderung e­ rheblich, im Jahr
2013 wurden rund 1,1 Millionen Zuzüge
ausländischer Personen verzeichnet. Mit
1,3 Millionen Zuzügen wurde im Jahr
2014 ein neuer Höhepunkt erreicht. Dazu
tragen außer den zunehmenden Wande­ zu zahlreichen Abmeldungen von Amts 1.1.4 Demografischer Wandel
rungsströmen aus den seit 2004 beigetre­ wegen, die sich in den Fortzugszahlen Deutschland befindet sich bereits mitten
tenen EU-Staaten die steigenden Flücht­ niedergeschlagen haben. im demografischen Wandel. Seit der
lingsströme aus den Balkanstaaten sowie Seit 2011 steigt die Zahl der Fortzüge deutschen Vereinigung im Jahr 1990 hat
den von Krieg gezeichneten Ländern – wieder an und lag 2014 bei 914 000 Fällen. die Zahl der Geborenen fast stetig
insbesondere Syrien – bei. Da viele Zugewanderte nicht dauerhaft in abgenommen. Die stark besetzten Jahr­
Die Hauptherkunftsländer waren 2014 Deutschland bleiben und nach einer gänge der 1950er- und 1960er-Jahre sind
Polen und Rumänien (jeweils 191 000 Zu- ­k ürzeren oder längeren Zeit in ihr Her- in das höhere er werbsf ähige Alter
züge), gefolgt von Bulgarien (77 000 Perso- kunftsland zurückkehren beziehungswei- gekommen. Die Zahl der ab 70-Jährigen
nen) und Italien (70 000 Personen). Rund se in ein anderes Land weiterziehen, geht ist von 8,1  Millionen im Jahr 1990 auf
62 % der Personen (830 000) kamen aus eine hohe Zuwanderung zeitversetzt mit 12,9  Mil­lionen Personen im Jahr 2013
der EU, 25 % (329 000 Personen) aus dem einer hohen Abwanderung einher. gestiegen. Das Medianalter, welches die
außereuropäischen Ausland und 13 % aus Der Wanderungssaldo, also die Diffe- Bevölker­u ng in eine jüngere und eine
einem sonstigen Land aus Europa (178 000 renz zwischen den Zuzügen und Fortzü- ältere Hälfte teilt, ist infolgedessen um
Personen). Außerhalb der EU waren 2014 gen, war seit Beginn der Statistik in den 8  Jahre von 37 auf 45 Jahre gestiegen.
die Hauptherkunftsländer Syrien (65 000 1950er-Jahren überwiegend positiv. Ledig- Gleichzeitig ist der Altersauf bau der
Zuzüge) und Serbien (40 000 Zuzüge). lich in konjunkturell schlechten Zeiten der Frauen und Männer ähnlicher geworden.
Die Abwanderung von Ausländerin- 1960er- und 1970er-Jahre, in der Zeit des Insbesondere zeigt die Zahl der Hoch­
nen und Ausländern erreichte 1993 mit Rückkehrhilfegesetzes in den 1980er-Jah- betagten, das heißt der Menschen, die
711 000 Personen einen ersten Höhe- ren und nach Kriegsende in Bosnien 80 Jahre oder älter sind, dass mittlerweile
punkt. Danach war die Tendenz bis 2007 1997/1998 fiel der Saldo negativ aus. Die nicht nur Frauen, sondern auch Männer
rückläufig, abgesehen von einem vorü- höchsten Wanderungsüberschüsse (mehr ein höheres Lebensalter erreichen. Der
bergehenden Anstieg in den Jahren 1997, als 600 000 Personen Z ­ ugewinn pro Jahr) aktuelle Altersauf bau wird für die
1998 und 2004 infolge der Rückkehr wurden zur Zeit der Wende in der ehema- künftige Bevölkerungsent­w icklung eine
­bosnischer Bürgerkriegsflüchtlinge. ligen DDR zwischen 1989 und 1992 ver- dominierende Rolle spielen und große
Die Fortzugszahlen zwischen 2008 zeichnet – als Folge der hohen Zuwande- Herausforderungen für Wirtschaft und
und 2010 sind durch bundesweite Berei- rung in diesen Jahren. Seit 2011 werden soziale Sicherungssys­teme mit sich bringen.
nigungen der Melderegister überhöht wieder hohe Wanderungsüberschüsse ver- Seit etwa vier Jahrzehnten reicht die
und mit den Vor- und Folgejahren nicht zeichnet (2011: + 279 000; 2012: + 369 000; Zahl der Neugeborenen nicht aus, um die
vergleichbar. Die Bereinigungen führten 2013: + 429 000; 2014: + 550 000 Personen). Elterngeneration zu ersetzen. Es sterben

23
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

mehr Menschen als Kinder geboren wer- den neuen Ländern. Inzwischen ist die ren mehr als verdoppelt. Aber auch für
den. Ohne Wanderungsgewinne aus dem Geburtenhäufigkeit im Osten Deutsch- ältere Menschen ist die Lebenserwartung
Ausland würde Deutschlands Bevölke- lands angestiegen und ist seit 2008 höher deutlich angestiegen, verstärkt in den
rung bereits seit langem rapide schrump- als im früheren Bundesgebiet. Im Jahr letzten Jahrzehnten. 
Heute haben 60-jäh-
fen und noch schneller altern. Langfristig 2013 betrug die zusammengefasste Ge- rige Männer im Durchschnitt noch weite-
wird die immer weiter aufgehende Schere burtenziffer in den neuen Ländern re 21,3 Jahre und gleichaltrige Frauen
zwischen der Zahl der Geborenen und 1,5 Kinder je Frau, während sie im frühe- 25,0 Jahre zu erwarten. Das sind 9,2 Jahre
der Zahl der Gestorbenen nicht durch ren Bundesgebiet bei 1,4 Kindern je Frau mehr bei den Männern und 12,3  Jahre
Zuwanderung zu schließen sein; dazu lag (jeweils ohne Berlin). u Abb 4 mehr bei den Frauen als 1871/1881. u Tab 9
wären langfristig weit höhere Wan­d er­ Die Lebenserwartung ist in den letz- In den kommenden Jahrzehnten wer-
ungsüberschüsse nötig als in der Ver­ ten hundert Jahren beträchtlich gestiegen. den der Rückgang der Bevölkerungszahl
gangenheit. Hierbei spielte die Verringerung der und die Alterung kennzeichnend für den
Die jährliche Geburtenhäufigkeit Säuglings- und Kindersterblichkeit lange demografischen Wandel sein. Dies lässt
nahm in den alten Bundesländern ab eine entscheidende Rolle. Im Deutschen sich anhand von Bevölkerungsvorausbe-
Mitte der 1960er-Jahre stark ab und sta- Reich betrug die durchschnittliche Le- rechnungen darstellen. u Info 4
bilisierte sich seit Ende der 1970er-Jahre benserwartung im Zeitraum 1871/1881 Im Folgenden werden Ergebnisse
auf niedrigem Niveau. Die sogenannte für neugeborene Jungen 35,6 Jahre und der 
13. koordinierten Bevölkerungsvor-
zusammengefasste Geburtenziffer be- für neugeborene Mädchen 38,5 Jahre. ausberechnung anhand von zwei ausge-
trägt hier seit fast 40 Jahren rechnerisch Aber schon Zehnjährige hatten eine wei- wählten Varianten dargestellt. Diese Vari-
1,3 bis 1,4 Kinder je Frau. In der ehemali- tere Lebenserwartung von 46,5 Jahren anten beschreiben die Entwicklung unter
gen DDR war es in den 1970er-Jahren (Jungen) beziehungsweise 48,2 Jahren den folgenden Annahmen:
auch zu einem starken Rückgang der (Mädchen). Gegenwärtig beträgt die ·· einer Geburtenziffer von weiterhin
durchschnittlichen Kinderzahl gekom- durchschnittliche Lebenserwartung – 1,4 Kindern je Frau bei einem steigen-
men, dem aber bald ein Anstieg folgte. nach der Allgemeinen Sterbetafel den durchschnittlichen Alter der Frau
Bis Mitte der 1980er-Jahre nahm die Ge- 2010/2012 – für Jungen 77,7 Jahre bezie- bei der Geburt des Kindes,
burtenhäufigkeit wieder ab. Anfang der hungsweise 82,8 Jahre für Mädchen. So- ·· eines Anstiegs der Lebenserwartung
1990er-Jahre kam es nach der deutschen mit hat sich die Lebenserwartung neuge- um sieben Jahre bei Männern bezie-
Vereinigung zu einem vorübergehenden borener Jungen und Mädchen in hungsweise sechs Jahre bei Frauen und
starken Einbruch der Geburtenzahlen in Deutschland innerhalb von etwa 130 Jah- ·· unter zwei unterschiedlichen Wande­­-
r­ungsannahmen.
Die erste Wanderungsannahme geht von
einem Abf lachen der anfangs sehr
hohen jährlichen Nettozuwanderung von
u Abb 4  Zusammengefasste Geburtenziffer 1950 bis 2013 — Kinder je Frau 500 000  Per­sonen auf 100 000 Personen
innerhalb von sechs Jahren bis zum Jahr
3 2021 aus. Anschließend bleibt der Wande-
rungssaldo bei 100 000 Personen pro Jahr.
2,5 Im zweiten Szenario wird angenommen,
dass der jährliche Wanderungssaldo von
2 500 000 Personen bis zum Jahr 2021 auf
200 000 Personen sinken und sich dann auf
1,5
diesem Niveau verfestigen wird. Im gesam-
ten Vorausberechnungszeitraum von 2014
1
bis 2060 würden damit durchschnittlich je-
weils 130 000 beziehungsweise 230 000 Per-
0,5
sonen pro Jahr nach Deutschland zuwan-
0
dern. Kumuliert ergibt sich daraus ein
1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 Nettozuzug von 6,3 Millionen beziehungs-
Früheres Bundesgebiet¹ Neue Länder¹ Deutschland
weise 10,8 Millionen Personen.
Diese Varianten markieren die Gren­
Seit dem Berichtsjahr 2011 auf Grundlage des Zensus 2011. zen eines Korridors, in dem sich die Be­
Geburtenziffer: Durchschnittliche Zahl der lebendgeborenen Kinder je Frau in einem Kalenderjahr.
1  Seit 2001 ohne Berlin. völkerungsgröße und der Altersaufbau

24
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

entwickeln werden, wenn sich die aktuel- u Tab 9  Durchschnittliche Lebenserwartung — in Jahren
len demografischen Trends fortsetzen. Jungen/Männer Mädchen/Frauen
Sie werden als »Kontinuität bei schwä- 1871/1881 2010/2012 1871/1881 2010/2012
cherer Zuwanderung« (Variante 1) und Vollendetes Alter in Jahren
»Kontinuität bei stärkerer Zuwanderung« 0 35,6 77,7 38,5 82,8
(Variante 2) bezeichnet. 1 46,5 77,0 48,1 82,1
Ein Bevölkerungsrückgang ist in 5 49,4 73,1 51,0 78,1
Deutschland auf lange Sicht kaum ver- 10 46,5 68,1 48,2 73,1
meidbar. Zwar stieg die Bevölkerungszahl 20 38,4 58,2 40,2 63,2
in den Jahren 2011 bis 2013 ­aufgrund ei- 30 31,4 48,5 33,1 53,4
ner besonders starken Netto­zuwanderung 40 24,5 38,9 26,3 43,6
erneut an, die grundsätzlichen Ursachen 50 18,0 29,7 19,3 34,0
des Bevölkerungsrückgangs – wenig Neu- 60 12,1 21,3 12,7 25,0
geborene und viele Sterbefälle – bestehen 70 7,3 13,9 7,6 16,6
jedoch weiter fort und werden sich auf 80 4,1 7,7 4,2 9,2
lange Sicht noch stärker als in der Vergan-
90 2,3 3,7 2,4 4,2
genheit auswirken.
1871/1881: Deutsches Reich; 2010/2012: Deutschland.
Die Zahl der Geborenen wird voraus-
sichtlich bis zum Jahr 2020 relativ stabil
bei etwa 700 000 Kindern bleiben. Dafür
sorgt eine derzeit günstige Altersstruk- u Info 4

tur der potenziellen Mütter: Die relativ Bevölkerungsvorausberechnung


gut besetzten 1980er-Jahrgänge (Kinder Das Ziel von Bevölkerungsvorausberechnungen ist es, mit Fortschreibungsverfahren zu zeigen, wie
der sogenannten Baby-Boom-Generati- sich Bevölkerungszahl und -struktur unter bestimmten Annahmen langfristig entwickeln werden.
Da der Verlauf der maßgeblichen Einflussgrößen – wie das Geburtenverhalten, die Sterblichkeit und
on) sind noch einige Jahre im Alter von das Wanderungsgeschehen – mit zunehmendem Abstand vom Basiszeitpunkt immer schwerer
Mitte 20 bis Mitte 30, in dem die Gebur- vorhersehbar ist, haben solche langfristigen Rechnungen Modellcharakter.
tenhäufigkeit besonders hoch ist. An- Die 13. – zwischen den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder – koordinierte Bevölkerungs­
schließend wird aber die Zahl der Gebo- vorausberechnung zeigt die Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2060. Der ihr zugrunde liegende
renen zurückgehen und im Jahr 2060 Bevölkerungsbestand am 31. Dezember 2013 basiert auf der Bestandsfortschreibung auf Basis
des Zensus 2011. Die Vorausberechnung beruht auf Annahmen zur künftigen Geburtenhäufigkeit,
zwischen 500 000 und 550 000 Kinder zur Lebenserwartung und zum Saldo der Zuzüge nach und der Fortzüge aus Deutschland
betragen. (Wanderungssaldo). Insgesamt ergeben sich aus jeweils zwei Annahmen zur Geburtenhäufigkeit,
zur Lebenserwartung und zum Wanderungssaldo acht Varianten der künftigen Entwicklung.
Die Zahl der Sterbefälle wird dagegen
Außerdem liegen drei zusätzliche Modellrechnungen für analytische Zwecke vor.
steigen, da die geburtenstarken Jahrgän-
Eine ausführliche Darstellung der Annahmen und Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungs­
ge, die heute im mittleren Alter sind, im vorausberechnung ist abrufbar unter www.destatis.de Die Veränderungen im Altersaufbau der
Vorausberechnungszeitraum in das hohe Bevölkerung werden anhand der ­a nimierten Bevölkerungspyramiden veranschaulicht. Die inter­
Alter aufrücken, in dem die Sterblichkeit aktive Anwendung bietet Ihnen auch die Möglichkeit, die Veränderung gleichzeitig in drei ver­­schie­
denen Bundesländern miteinander zu verfolgen.
natürlicherweise größer ist. Diesem
­Effekt der aktuellen Altersstruktur steht
die zunehmende Lebenserwartung der
Bevölkerung gegenüber. Sie verlangsamt
den Anstieg der Sterbefälle. Die Zahl der
Gestorbenen wird demnach von 894 000
im Jahr 2013 auf fast 1,1 Millionen Perso- nen mehr als verdoppeln. Die Netto­ 2023. Im Jahr 2060 werden demnach in
nen Anfang der 2050er-Jahre steigen und zuwanderung wird diese immer stärker Deutschland zwischen 67,6 Millionen
anschließend bis zum Jahr 2060 auf etwa auf klaffende Lücke auf Dauer nicht Menschen (Variante 1: kontinuierliche
1,0 Millionen Personen sinken. schließen können. Entwicklung bei schwächerer Zuwan­
Das Geburtendefizit wird sich infolge Die Bevölkerungszahl von 80,8 Millio- derung) und 73,1 Millionen Menschen
dieser Entwicklung der Geburten- und nen Menschen im Jahr 2013 wird deshalb – (Variante 2: kontinuierliche Entwicklung
Sterbefälle erheblich vergrößern. Im Jahr je nach Ausmaß der Nettozuwanderung – bei stärkerer Zuwanderung) leben.
2013 betrug es 212 000 Personen. Im Jahr voraussichtlich noch fünf bis sieben Jahre Die Relation zwischen Alt und Jung
2020 wird es auf 240 000 Personen steigen steigen und anschließend sinken. Unter wird sich stark verändern. Ende 2013 waren
und sich bis 2060 auf etwa 500 000 Perso- den Stand von 2013 sinkt sie frühestens noch 18 % der Bevölkerung jünger als

25
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.1 /  Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung

20 Jahre und auf die 65-Jährigen und Älte- wird von der Geburtenentwicklung I­ hnen folgen dann die deutlich geringer
ren entfielen 21 %. Die Personen im soge- bestimmt. Sie bleibt noch bis Anfang der besetzten Geburtsjahrgänge, auch Ge-
nannten Erwerbsalter (hier von 20 bis 2020er-Jahre voraussichtlich bei etwa burtskohorten genannt, der 1970er- und
64  Jahre, siehe Info 2) stellten 61 % der 4 Millionen Kindern stabil und sinkt 1980er-Jahre. Im Jahr 2013 waren
­Bevölkerung. Im Jahr 2060 werden dagegen dann allmählich bis 2060 um etwa 1 Mil- 49,2  Millionen Menschen im Alter zwi-
16 % unter 20 Jahre alt sein und etwa ein lion Kinder. Die Anzahl der 6- bis 17-Jäh- schen 20 und 64 Jahren. Ihre Zahl wird
Drittel (33 % oder 32 %) 65 Jahre oder älter. rigen geht dagegen von derzeit 9 Millio- demnach ab 2020 deutlich zurückgehen
Im Erwerbsalter befindet sich dann nur nen bis Anfang der 2020er-Jahre um etwa und 2035 etwa 41 Millionen beziehungs-
etwa die Hälfte der Bevölkerung (51 % 400 000 bis 500 000 junger Menschen weise 43 Millionen Personen betragen.
oder 52 %). u Abb 5 zurück, bleibt dann für etwa zehn Jahre Im Jahr 2060 werden dann etwa 38 Milli-
Die Gesamtzahl der unter 20-Jährigen auf diesem Niveau und sinkt anschließend onen Menschen im Erwerbsalter sein
war im Ausgangsjahr 2013 mit 14,7 Milli- bis 2060 auf rund 7 Millionen Heran­ (– 23 %), falls sich der Wanderungssaldo
onen Personen bereits rund 3 Millionen wachsende dieses Alters. langfristig bei 200 000 Personen einpen-
geringer als noch vor 20 Jahren (1993: Die Bevölkerungszahl im erwerbs­ delt (Variante 2 Kontinuität bei stärkerer
17,5  Millionen Personen). Sie wird bis fähigen Alter (hier: von 20 bis 64 Jahre) Zuwanderung). Geht die Zuwanderung
zum Jahr 2060 bei einer kontinu­ierlichen wird in den nächsten Jahrzehnten be­ langfristig auf 100 000 Personen zurück
demografischen Entwicklung weiter sonders stark sinken. Denn die stark be­ (Variante 1 Kontinuität bei schwächerer
s inken. Je nach Stärke der Netto­
­ z u­ setzten Jahrgänge der Baby-Boomer, die Zuwanderung), gibt es 2060 ein noch
wanderung wird sie auf 11 Millionen ­derzeit die ältere Hälfte der Bevölkerung kleineres Erwerbspersonenpotenzial:
­Personen (Variante 1) beziehungsweise im Erwerbsalter stellen, werden in den 34  Millionen Menschen, das sind 30 %
12 Millionen Personen (Variante 2) fallen. kommenden zwei Jahrzehnten aus dem weniger als 2013. Wird das Erwerbsalter
Die Anzahl der Kinder im Vorschulalter E rwerbsalter weitgehend ausscheiden.
­ mit 67 statt mit 65 Jahren abgegrenzt, so

u Abb 5  Altersaufbau der Bevölkerung in den Jahren 2013 und 2060 — in Millionen (in Prozent)

Kontinuität bei schwächerer Zuwanderung 2060 (Variante 1) Kontinuität bei stärkerer Zuwanderung 2060 (Variante 2)

Alter

65 und älter
2013:
22,3 (33 %) 16,9 (21%) 23,2 (32 %)

20 bis 64
34,3 (51%) 2013: 37,9 (52 %)
49,2 (61%)

unter 20
10,9 (16 %) 2013: 12,0 (16 %)
14,7 (18 %)

0,8 0,6 0,4 0,2 0 0 0,2 0,4 0,6 0,8 0,8 0,6 0,4 0,2 0 0 0,2 0,4 0,6 0,8

Männer 2060 Frauen 2060 2013

2013: Ergebnisse der Bevölkerungsfortschreibung.


2060: Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung (Kontinuität bei schwächerer Zuwanderung, Variante 1; Kontinuität bei stärkerer Zuwanderung, Variante 2);
animierte Bevölkerungspyramide unter www.destatis.de/bevoelkerungspyramide/
Ergebnisse auf Grundlage des Zensus 2011.

26
Bevölkerungsstand und Bevölkerungsentwicklung  / 1.1  Bevölkerung und Demografie / 1

werden 2035 noch etwa 43 Millionen bis u Abb 6  Entwicklung des Alten- und Jugendquotienten
45 Millionen Personen und 2060 noch
etwa 36 Millionen bis 40 Millionen Per- Kontinuität bei schwächerer Kontinuität bei stärkerer
sonen dazugehören (jeweils bei schwä- Zuwanderung (Variante 1) Zuwanderung (Variante 2)
cherer beziehungsweise bei stärkerer Zu-
wanderung). Das wären 2060 dann rund
2 Millionen Personen mehr als bei der 32 32
Altersgrenze 65 Jahre. 31 30 31 30

Die Anzahl der ab 65-Jährigen wird 32 32

besonders deutlich in den kommenden 29 29


30 30
Jahrzehnten bis zum Jahr 2037 wachsen.
Bei einer kontinuierlichen demografischen 65 61
58 60 55 57
Entwicklung und einem schwächeren 50 49
34 38 34 37
Wanderungssaldo wird sie 2037 gut
23  Millionen Personen betragen und
damit um etwa 40 % höher sein als im Jahr 2013 2020 2030 2040 2050 2060 2013 2020 2030 2040 2050 2060
2013 (16,9 Millionen Personen). Zwischen Altenquotient Jugendquotient
2037 und 2060 wird diese Altersgruppe –
trotz einer voraussichtlich sinkenden Jugendquotient: unter 20-Jährige je 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren.
Altenquotient: 65-Jährige und Ältere je 100 Personen zwischen 20 und 64 Jahren.
Zahl der Gesamtbevölkerung – fast Ab 2020 Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung.

unverändert bleiben.
Die Entwicklungen bei den 65- bis
79-Jährigen und bei den ab 80-Jährigen
unterscheiden sich indessen deutlich.
Die jüngere Seniorengruppe wird vor
allem zwischen 2025 und 2035 deutlich Eine Heraufsetzung des Rentenein- licher Entwicklung und schwächerer Zu-
wachsen, bis die stark besetzten Jahr­ trittsalters auf 67 Jahre bedeutet weniger wanderung wird er von aktuell 64 bis
gänge allmählich ins höhere Alter wechseln. Menschen im Renten- und mehr im Er- zum Jahr 2037 auf 90 steigen, sich danach
Die Zahl der Hochbetagten nimmt werbsalter, das dann von 20 bis 66 Jahre bis Mitte der 2040er-Jahre stabilisieren
dagegen fast kontinuierlich zu. Um 2050 reicht. Die Anhebung führt damit zu ei- und anschließend bis zum Jahr 2060 auf
wird sie ihr Höchstniveau mit knapp 10 nem niedrigeren Altenquotienten, der im 97 klettern. Bei einer stärkeren Nettozu-
Millionen Personen erreichen. Dann Jahr 2060 zwischen 57 (Kontinuität bei wanderung würde der Gesamtquotient
wird sie doppelt so groß sein, wie im Jahr schwächerer Zuwanderung) und 54 dann 93 betragen.
2013 (4,4 Millionen Menschen). Der Anteil (Kontinuität bei stärkerer Zuwanderung) Die 13. koordinierte Bevölkerungsvo-
der ab 80-Jährigen an der gesamten liegen würde. rausberechnung zeigt, dass die Alterung
Seniorengruppe wird dabei von heute Wird der Bevölkerung im erwerbs­ der Bevölkerung in den nächsten Jahr-
26 % auf 43 % beziehungsweise 45 % fähigen Alter die jüngere Bevölkerung, zehnten unabwendbar ist. Die aktuelle
steigen. Zwischen 2050 und 2060 wird für deren Aufwachsen, Erziehung und Altersstruktur führt dazu, dass ab Mitte
ihre Zahl um rund 1 Million Personen Ausbildung gesorgt werden muss, gegen- der 2020er-Jahre immer mehr Menschen
sinken. übergestellt, so ergibt sich der Jugend­ im Rentenalter verhältnismäßig schwach
Der Bevölkerung im Erwerbsalter quotient. Dieser wird im Vorausberech- besetzten Jahrgängen im Erwerbsalter
werden künftig immer mehr Senioren ge- nungszeitraum zwischen 29 und 32 ­gegenüberstehen. Im Jahr 2030 werden
genüberstehen. Im Jahr 2013 entfielen auf schwanken. die Angehörigen des Jahrgangs 1964, des
100 Personen im Erwerbsalter (20 bis 64 Der Gesamtquotient – als Summe des geburtenstärksten Jahrgangs der Nach-
Jahre) 34 Ältere (65 oder mehr Jahre). Im Jugend- und Altenquotienten – zeigt, in kriegszeit, 66 Jahre alt. Von diesen Ver-
Jahr 2060 werden es bei einer kontinuier- welchem Ausmaß die mittlere Alters- änderungen werden viele Lebensbereiche
lichen demografischen Entwicklung und gruppe sowohl für die jüngere als auch betroffen sein. Sie werden nicht erst in
schwächerer Zuwanderung 65 ältere Men- für die ältere Bevölkerung, die nicht im 50 Jahren spürbar, sondern auch schon in
schen sein. Beträgt der jährliche Zuzugs- Erwerbsleben stehen, im weitesten Sinne den nächsten zwei Jahrzehnten eine große
überschuss langfristig 200 000 Personen, zu sorgen hat. Der Gesamtquotient wird Herausforderung darstellen.
fällt der sogenannte Altenquotient mit künftig von der Entwicklung des Alten-
61 Personen nur wenig niedriger aus. u Abb 6 quotienten bestimmt. Bei kontinuier­

27
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.2 /  Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit

1.2 Demografischer Wandel ist auch in


Deutschland mit der Alterung und
lichkeit auf die Lebenserwartung abge-
bildet. u Info 1
Demografischer Schrumpfung der Bevölkerung verbun- In den letzten 100 Jahren hat sich die
Wandel: den. Beide Entwicklungen werden haupt-
sächlich durch das anhaltend niedrige
Lebenserwartung in Deutschland verdop-
pelt; in den letzten 50 Kalenderjahren
Sterblichkeit und Fertilitätsniveau (circa 1,4 Kinder je Frau) gab es eine Zunahme von elf Lebensjah-
Hochaltrigkeit verursacht (siehe Kapitel 1.1, Seite 24,
Abb 1). Seit etwa 40 Jahren wird die Eltern-
ren. Die Entwicklung der Sterblichkeit ist
das Resultat eines verbesserten Lebensni-
generation nur zu zwei Dritteln durch veaus und des medizinischen Fortschrit-
Rembrandt Scholz Ge­burten ersetzt. Somit verschiebt sich tes. Die allmähliche Angleichung der Le-
Max-Planck-Institut für demografische die Altersstruktur der Bevölkerung in bensbedingungen zwischen Ost- und
Forschung, Rostock das höhere Alter. Eine weitere Ursache Westdeutschland bildet sich auch in der
der Alterung der Bevölkerung ist die Le- Angleichung der L ­ ebenserwartung ab.
bensverlängerung durch ein höheres Frauen aller Altersgruppen und Männer
WZB / SOEP
Sterbealter. Die Zunahme der Lebenser- im Alter über 60  Jahren haben von den
wartung und die Zunahme von Hochalt- Veränderungen nach der Wende am
rigen in der Bevölkerung ist das Thema stärksten profitieren können.
des folgenden Beitrages. Die wesentlichen Gründe für die Stei-
Die Lebenserwartung ist ein demo- gerung der Lebenserwartung sind bessere
grafischer Indikator, der die Sterblichkeit Ernährung, gesündere Wohnsituationen,
mithilfe von Sterbetafeln bewertet. Mit Verbesserung der sozialen Sicherheit und
der Sterbetafel werden die kumulative der medizinischen Versorgung. Trotz der
Wirkung der Einflüsse der Vergangen- relativen Einheitlichkeit der Trends im
heit und die aktuelle Wirkung der Sterb- internationalen Vergleich gibt es Niveau-

u Info 1
Sterbetafel
Die Sterbetafel zeigt die Altersverläufe der Sterblichkeit in einer Modellbevölkerung, welche nicht mehr
von der realen Altersstruktur der Bevölkerung abhängig ist (Standardisierung). Mit der Sterbetafel
­werden standardisierte Alterungsmaße berechnet (zum Beispiel mittlere Lebenserwartung, normale
Lebens­dauer, wahrscheinliche Lebensdauer).

Das Rechenprinzip: Ein Anfangsbestand von 100 000 Personen wird der altersspezifischen Sterblichkeit
der realen Bevölkerung ausgesetzt. Für jedes Altersjahr werden die Gestorbenen berechnet durch
­Multiplikation der Sterbewahrscheinlichkeiten (der realen Bevölkerung) mit dem Anfangsbestand. Die
­jeweils überlebenden Personen sind der Anfangsbestand des nächsten Altersjahres. Daraus ergeben
sich die Altersverteilung der Überlebenden, der Gestorbenen und der verlebten Zeit. Mit steigendem
­A lter verringert sich die Zahl der Überlebenden, bis der gesamte Anfangsbestand gestorben ist.

Beziehen sich die Sterbewahrscheinlichkeiten auf ein Kalenderjahr (oder mehrere Jahre), spricht man
von einer Periodentafel (Querschnitt), beziehen sie sich auf Geburtsjahrgänge, spricht man von einer
­G enerationen- oder Kohortensterbetafel (Längsschnitt).

Während die Beobachtung der Sterblichkeit der Periodentafel sich auf den Querschnitt bezieht, hat die
Kohortensterbetafel einen Beobachtungs­zeitraum von über 100 Jahren. Nicht vollständig beobachtete
Geburtsjahrgänge werden durch Modellrechnungen und Annahmen ergänzt. Eine vollständige Generati-
onensterbetafel würde gegenwärtig nur für Geburtsjahrgänge vorliegen, ­sofern der gesamte Jahrgang
inzwischen auch tatsächlich verstorben ist.

28
Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit  / 1.2  Bevölkerung und Demografie  / 1

unterschiede zu verschiedenen Zeitpunk- Frauen und im Alter von 100 Jahren und gischen Grenzen erkennbar. Für die zu-
ten. Es zeigt sich, dass die Lebensverlän- älter 7,5. Ursache dafür ist die unter- künftige Entwicklung werden stetige
gerung bei Verschlechterung der Lebens- schiedliche Sterblichkeit durch verschie- Verläufe vorausgesagt, sodass in 100 Jah-
bedingungen auch rückläufig sein kann. dene biologische und soziale Risiken im ren über die Hälfte eines Geburtsjahr-
Es gibt keine Garantie für langes Leben – Lebensverlauf. ganges das Alter von 100 Jahren errei-
die individuelle Lebensspanne ist das Er- Die Sterblichkeit unterliegt weltweit chen könnte.
gebnis eines komplexen Zusammenspiels einem stetigen Trend, bei dem die »Re-
individueller Faktoren, zum Beispiel der kordlebenserwartung« linear ansteigt. 1.2.1 Entwicklung der
genetischen Disposition, der aktuellen Bei Lebensverlängerung wird die Sterb- Lebenserwartung
Lebens- und Verhaltensweise und der all- lichkeit systematisch nach dem Alter in In Abbildung 1 sind die Trends der
gemeinen Lebensbedingungen in frühe- höhere Alter verschoben. Dieser Prozess durchschnittlichen Lebenserwartung (e0)
ren Lebensjahren. Es gibt Hinweise, dass hatte mit der Säuglings- und Kinder- in Deutschland nach Geschlecht und Re-
Bildung eine wesentliche Rolle spielt. sterblichkeit begonnen und setzte sich in gion dargestellt. Bis Mitte der 1960er-
Menschen mit einem hohen Bildungs­­ den höheren Altersgruppen fort. Heute Jahre bestehen kaum Unterschiede zwi-
niveau haben größere Chancen, bessere ist das Potential der weiteren Lebensver- schen Ost- und Westdeutschland. Bei
Lebensbedingungen und ein höheres längerung im jungen und mittleren Alter Frauen weitet sich zwischen Mitte der
­A lter bei besserer Gesundheit zu errei- weitgehend ausgeschöpft, sodass nun- 1970er-Jahre und 1990 eine Schere zu-
chen (siehe Kapitel 10.3.2). Es ist auch be- mehr die Vermeidung von Sterblichkeit gunsten der Westdeutschen. Die nach der
kannt, dass Frauen eine höhere Lebens­ im hohen und höchsten Alter im Vorder- Vereinigung einsetzende Angleichung der
erwartung haben als Männer. Dieser grund von Mortalitätsverbesserungen Sterblichkeit ist seit 2003 weitgehend
Sachverhalt führt zu einem höheren steht. Seit den 1960er-Jahren ist die ­a bgeschlossen. Bei Männern sind die
­A nteil von Frauen im hohen Alter in ­Zunahme der Bevölkerung im höchsten ­L ebenserwartungswerte im Zeitraum
Deutschland. Im Alter von 80 Jahren und Alter empirisch sichtbar. Bislang sind für zwischen 1961 und 1976 im Osten
älter kommen auf einen Mann etwa drei die menschliche Alterung keine biolo­ Deutschlands günstiger, seit 1977 kehrt
sich dieses Verhältnis um. Nach 1991
Abb. 1: Trend der mittleren Lebenserwartung (e0) in Deutschland 1956-2013 gleichen sich die Werte zunehmend an,
in Ost- und Westdeutschland nach Geschlecht, in Jahren
ab 2003 bis heute verbleibt eine konstan-
u Abb 1  Trend der mittleren Lebenserwartung (e0) in Ost- und Westdeutschland te Differenz von einem Lebensjahr.
nach Geschlecht 1956 – 2013 — in Jahren Durch die Berücksichtigung der
Merkmale Beschäftigung, Arbeitslosig-
85
keit, Krankenversicherung und Staats-
bürgerschaft lässt sich eine bis zu 50 %
83 erhöhte Sterblichkeit der ostdeutschen
Männer im Altersbereich von 35 bis
81
54  Jahre erklären. Die höhere Sterblich-
79 keit in den neuen Ländern ist die Konse-
quenz einer im Vergleich zu den alten
77
Ländern ungünstigeren Zusammen­
75
setzung der Bevölkerung hinsichtlich
­A ltersstruktur, Ausländeranteil und sozio-
73 ökonomischen Faktoren (Beschäftigungs-
status, Arbeitslosigkeit, Art der Tätig-
71
keit). Werden diese Merkmale kontrol-
69 liert, kann nahezu die gesamte Differenz
der Mortalität der Männer zwischen den
67
beiden Regionen erklärt werden.
65 In Ost- und Westdeutschland haben
1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 offensichtlich unterschiedliche Arbeits-
Frauen (West) Frauen (Ost) Männer (West) Männer (Ost) marktlagen, selektive Zuwanderung aus
dem Ausland sowie die Ost-West-Wande-
Datenbasis: Human Mortality Database (HMD) 2016. rungen einen Einfluss auf die Differenz

Datenbasis: Human Mortality Database (HMD)

29
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.2 /  Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit

der Sterblichkeit. Es zeigt sich, dass ausgeglichen. Weitere die Lebenserwar- dargestellt und zusätzlich für den Ge-
­a rbeitslose Männer ein zweifach höheres tung beeinf lussende Merkmale sind burtsjahrgang 1956 die Generationenster-
Sterberisiko haben. Bei einer Anglei- ­Bildung und Einkommen, die mit der betafel (Statistisches Bundesamt Variante
chung der Arbeitsmarktsituation in Ost- Rentenhöhe (kumuliertes Lebenszeitein- 2). Mit dieser Darstellung kann man die
und Westdeutschland wird eine sukzes­ kommen) korrelieren. Bei Männern, die Sterbeverhältnisse einzelner Altersjahre
sive Angleichung der Mortalität bei Män- 32 und mehr Entgeltpunkte der gesetz­ über den Zeitraum von 1871 bis heute
nern erwartet. u Abb 1 lichen Rentenversicherung (siehe Kapitel nachzeichnen. Dabei zeigt sich zum Bei-
Die Rahmenbedingungen der medizi- 10.5, Seite 334, Info 1) erworben haben, er- spiel für das Alter von 60 Jahren eine Ver-
nischen Versorgung waren in Ost- und gibt sich ein linearer Zusammenhang mit schiebung der Sterbeverhältnisse zwi-
Westdeutschland unterschiedlich und der Lebenserwartung: Je mehr Entgelt- schen 1871 und 2012 um 15 Jahre; bei der
­haben sich nach der deutschen Vereini- punkte erreicht worden sind, desto höher Berücksichtigung der künftigen Sterb-
gung angeglichen, was die Ausstattung ist die Lebenserwartung. Diesbezüglich lichkeitsreduktion für den Geburtsjahr-
des ambulanten und stationären Bereiches, gibt es keinen Unterschied zwischen Ost- gang 1956 sind es insgesamt 18 Jahre. Die
die Erbringung ärztlicher Leistungen, die und Westdeutschen im Alter ab 65 Jahren. altersspezifischen Sterbeverhältnisse der
medizintechnologischen Möglichkeiten 80-Jährigen von 1871 werden von dem Ge-
und das Finanzierungsvolumen betrifft. 1.2.2 Verschieben von Sterblichkeit burtsjahrgang 1956 im Kalenderjahr 2046
Vor der Vereinigung wirkte sich die Be- in das höhere Alter im Alter von 92 Jahren erreicht. u Abb 2
grenzung der ökonomischen Ressourcen In Abbildung 2 werden die Sterbewahr- Tabelle 1 fasst die verschiedenen Mit-
im Osten Deutschlands vor allem für scheinlichkeiten von Männern ab dem telwerte von Sterbetafelfunktionen zusam-
Personen im höheren Alter ungünstig aus. Alter von 50 Jahren aus sogenannten Peri- men, die geeignet sind, die Sterblichkeit
Die Unterschiede im Bereich der medizi- odensterbetafeln zu verschiedenen Zeit- und die Lebensdauer einer Bevölkerung
nischen Versorgung sind heute vollständig punkten für Deutschland (1871 bis 2012) zu beschreiben: die mittlere Lebenserwar-

uAbb 2  Altersverteilung der Sterbewahrscheinlichkeiten ab dem Alter 50 Jahre für Männer in Deutschland 1871– 2012,
Geburtsjahrgang 1956 und die Veränderung von Sterblichkeit in verschiedenen Altersjahren

0,5

0,4

0,3

0,2

0,1

0
50 55 60 65 70 75 80 85 90 95 100

1871 1924 1970 1990 2000 2012 Geburtsjahr 1956

Datenbasis: Statistisches Bundesamt 2015, Periodensterbetafeln und Generationensterbetafel 1956; Human Mortality Database (HMD) 2016.

30
Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit  / 1.2  Bevölkerung und Demografie  / 1

tung, die wahrscheinliche Lebensdauer uAbb 3  Altersverteilung der Überlebenden (lx) von 100 000 der Sterbetafel und der
und die normale Lebensdauer. Die Para- Mittelwert der wahrscheinlichen Lebensdauer für Frauen in Deutschland 1871− 2012,
meter der Sterbetafel hängen nicht von der Schweden 1770/74 und Japan 2012
Altersstruktur der Bevölkerung ab. Dazu
gehört auch die bereinigte Sterblichkeit,
100 000
die Sterblichkeit der Sterbetafelbevölke-
rung (Gestorbene geteilt durch die mittle- 90 000

re Bevölkerung, gemessen je 1000 Perso- 80 000


nen der Bevölkerung). u Tab 1
70 000
Über 50 % aller Sterbefälle finden heu-
te im Alter über 82 Jahren statt. Der arith- 60 000

metische Mittelwert der Gestorbenen dx 50 000


nach dem Alter ist die mittlere Lebenser-
40 000
wartung. Die normale Lebensdauer ist das
sogenannte Dichtemittel der Altersvertei- 30 000

lung der Gestorbenen, womit dasjenige 20 000


­A lter gemeint ist, in dem die meisten Per-
10 000
sonen des Anfangsbestandes (100 000 Per­
sonen) versterben. Der Zentralwert der 0
1 5 15 25 35 45 55 65 75 85 95 105
Überlebenden der Sterbetafel schließlich
Japan 2012 Deutschland 2010–12 Deutschland 1962
ist das Alter, bei dem 50 % des Anfangsbe-
Deutschland 1924–26 Deutschland 1900 –10 Schweden 1770–1774
standes verstorben sind. Die letztgenannte

Datenbasis: Statistisches Bundesamt 2015; Human Mortality Database (HMD) 2016.


(Datenbasis: Berechnung nach Human Mortality Data Base; Periodensterbetafeln)

u Abb 4  Altersverteilung der Gestorbenen (dx) von 100 000 der Sterbetafel und
der Mittelwert der normalen Lebensdauer für Frauen in Deutschland 1871− 2012,
Schweden 1770/74 und Japan 2012

25 000

u Tab 1  Kennziffern zur Beschreibung


von Lebensverlängerung in Deutsch- 20 000
land 2010/12 nach Geschlecht
— Lebensdauer in Jahren
15 000
Männer Frauen

Mittlere Lebenserwartung 
(Arithmetisches Mittel 77,7 82,8 10 000
von dx)

Wahrscheinliche
­Lebensdauer ­( Zentralwert, 80,8 85,7 5 000
50 % Wert von lx)

Normale Lebensdauer 0
85,0 88,0
(Dichtemittel von dx)
1 5 15 25 35 45 55 65 75 85 95 105

je 1 000 Personen Japan 2012 Deutschland 2010–12 Deutschland 1962


Deutschland 1924–26 Deutschland 1900 –10 Schweden 1770–1774
Bereinigte Sterblichkeit
12,9 12,1
(1 000 / ex) (in = 0 / 000)
Datenbasis: Statistisches Bundesamt 2015; Human Mortality Database (HMD) 2016.

Datenbasis: Statistisches Bundesamt,


Periodensterbetafeln 2015; eigene Berechnungen.

31
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.2 /  Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit

Kennziffer wird in Abbildung 3 in In Abbildung 4 wird dieser Darstel- nicht augenscheinlich, da mit einer gro-
Deutschland 1871 bis 2012 dargestellt, er- lung die Altersverteilung der Sterbefälle ßen, nach oben offenen Altersklasse gear-
gänzt um je eine Kurve für Schweden dx in den verschiedenen Zeiträumen ge- beitet wird. Das führt dazu, dass die Ent-
1770/74 und Japan 2012. Im historischen genübergestellt. Es zeigen sich deutliche wicklungen der Sterblichkeit, welche zum
Vergleich verschiedener Zeiträume lassen Verschiebungen der Sterbefälle in ein im- größten Teil in dieser hohen Altersgruppe
sich die Veränderungen der Sterblichkeit mer höheres Alter und die entsprechen- stattfinden, nicht sichtbar sind.
durch die Änderung der Altersverteilun- den Änderungen der Dichtemittel. u Abb 4 Bis Mitte der 1990er-Jahre war über
gen anhand der Mittelwerte nachvollzie- Mit der Alterung der Bevölkerung die Sterblichkeit von Personen über 80 Jah-
hen. Der historische Prozess der Lebens- steigt der Bedarf an verlässlichen Daten ren sehr wenig bekannt. Mit Modellan-
verlängerung gestaltet sich in allen Län- für das hohe Alter. Die amtliche Statistik nahmen des Sterblichkeitsverlaufes wurde
dern sehr ähnlich. Schweden mit den liefert zwar über die Bewegungsmengen über die empirische Unwissenheit hin-
historisch ältesten Daten zeigt den Be- der Bevölkerung wie Geburten, Gestor- weggeholfen. Erst durch die systemati-
ginn der Entwicklung und Japan mit der bene und Wanderungen verlässliche schen Sammlungen der Bevölkerungs­
weltweit höchsten Lebenserwartung die ­Daten, nicht aber über den Bevölkerungs- daten von Väinö Kannisto und Roger
mögliche zukünftige Verteilung nach bestand im höchsten Alter. Die Fort- Thatcher erfolgte eine international ver-
dem Alter. Bislang gibt es keine Anzei- schreibung des Bevölkerungsbestandes gleichbare Sammlung und Aufbereitung
chen, dass sich diese Dynamik des Le- wird schnell ungenau, wenn nicht in regel- von Daten über den hohen Altersbereich.
bensverlängerungsprozesses abschwä- mäßigen Abständen Volkszählungen Die Bemühungen zielen darauf, den unge-
chen wird. Man kann durchaus davon durchgeführt werden (siehe Kapitel 1.1). nauen Bestand der Bevölkerung im
ausgehen, dass sich der Zentralwert im Die hohen Altersklassen sind auch heute höchsten Alter durch systematische
Durchschnitt in den nächsten 100 Kalen- noch sehr schwach besetzt und daher an- Schätzungen zu ersetzen, die auf den Al-
derjahren in ein Alter von über 100 Le- fällig für Fortschreibungsfehler. Das Pro- tersangaben der Sterbefälle beruhen. Die
bensjahren verschieben wird. u Abb 3 blem wird in der Bevölkerungsstatistik hohe Qualität der Bevölkerungsregister

u Abb 5  Relative Zunahme der Personen im Alter von 80 Jahren und älter für ausgewählte Länder
Abb. 5: Relative Zunahme der Personen im Alter von 80 Jahren und älter
1960 – 2013 — bezogen auf das Jahr 1960=1
für ausgewählter Länder in Europa, Relation bezogen auf das Jahr
1960=1.

14 Japan
Spanien
Italien
Schweiz
12
Niederlande
Frankreich
Schweden
Österreich
10
Belgien
Dänemark
Vereinigtes Königreich
8

0
1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015

Datenbasis: Kannisto-Thatcher-Database.
Datenbasis: Human Mortality Database (HMD)Eigene Berechnungen
2016; eigene Berechnungen.

32
Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit  / 1.2  Bevölkerung und Demografie  / 1

beispielsweise in den skandinavischen von 90 Jahren. 40 Jahre später sind es 45 % nen, vor allem, wenn geburtenstarke
Ländern zeigt die Validität dieser Vorge- der Frauen und 30 % der Männer. Die An- Jahrgänge das höhere Alter erreichen. Im
hensweise. teile derer, die sogar das 100. Lebensjahr Vergleich der Jahre 2001 und 2011 lässt
Heute stehen diese Bevölkerungsda- erreichen, sind deutlich geringer. In ab­ sich eine steigende Lebenserwartung
ten als Forschungsdatenbanken »Kannis- soluten Zahlen gemessen ist das höchste ­erkennen, die auf einer Zunahme der
to Thatcher Database« über die Populati- Alter in der Bevölkerung sehr gering be- ­L ebenszeit sowohl innerhalb als auch
on im hohen Alter und »Human Morta­ setzt, hat sich aber stetig vervielfacht und ­außerhalb der Pflege beruht. Der größte
lity Database« als internetverfügbare wird auch in Zukunft weiter ansteigen. absolute Zuwachs an Lebensjahren er-
Datenbanken für die wissenschaftlich in- Das individuelle Interesse alt zu wer- folgt bei beiden Geschlechtern außerhalb
teressierte Öffentlichkeit unentgeltlich den und die Vermeidung von gesundheit- der Pflege, die relative Zunahme ist bei
zur Verfügung (http://www.humanmor- lichen Risiken wirken sich auf die Le- der Pflegedauer besonders hoch. u Tab 2
tality.de und http://www.demogr.mpg.de/ benserwartung erhöhend aus. Allerdings
databases/ktdb). Für 38 Länder mit guter gibt es eine Reihe von Verhaltensweisen 1.2.3 Bevölkerungsvorausberech-
Bevölkerungsstatistik liegen detaillierte und Gesundheitsrisiken, die von Teilen nungen und zukünftige Entwicklung
Daten für den höchsten Altersbereich der Bevölkerung als erhöhtes Risiko in In der realen Bevölkerungsentwicklung
(bis 110+) vor, so auch für Ost- und West- Kauf genommen werden (Alkohol, Rau- sind die Prozesse der Alterung durch un-
deutschland. chen, Übergewicht). Sofern sich diese ge- terschiedlich starke Besetzungen der ein-
Abbildung 5 stellt die relative Ent- sundheitsgefährdenden Verhaltenswei- zelnen Geburtsjahrgänge nicht deutlich
wicklung der Personen im Alter von sen innerhalb der Bevölkerung nicht ver- sichtbar. Die Konfiguration der Alters­
80 Jahren und älter relativ zum Bestand breiten, ist auch in Zukunft von einem pyramide einer Bevölkerung wird sowohl
von 1960 dar. Es zeigen sich für alle Län- weiteren Lebenserwartungszuwachs aus- durch die Bewegungsmengen Geburt,
der starke absolute Zunahmen. Für einige zugehen. Die sozialen Fortschritte wer- Migration und Tod beeinflusst als auch
Länder sind auch die Auswirkungen der den sich auch in einer Verbesserung des durch epochale Ereignisse wie Kriege
Weltkriege sichtbar. Die wichtigste Ursa- Gesundheitszustandes umsetzen. Es er- und Änderungen des sozialen Systems.
che für den Anstieg der Bevölkerungsan- reichen mehr Personen ein höheres Alter, Die Schwankungen in den Bevölkerungs-
teile im höheren Alter ist der Sterblich- mit ­einem besseren Gesundheitszustand. zahlen im Altersverlauf und der Anzahl
keitsrückgang nach dem Zweiten Welt- Wer sehr lange lebt, unterliegt mit von Gestorbenen können daher verschie-
krieg, besonders nach 1980. Bei den steigender Lebensdauer verstärkt Risiken dene Ursachen haben.
Hundertjährigen und Älteren ist die rela- körperlicher und kognitiver Einschrän- Die Bevölkerungsvorausberechnun-
tive Zunahme am stärksten. Das extrem kungen und Erkrankungen. Es liegen oft gen (siehe Kapitel 1.1, Seite 25, Info 4) er-
hohe Alter ist nach wie vor sehr s­ elten mehrere Krankheiten (Multimorbidität) möglichen es, künftige Veränderungen
und der Anteil dieser Altersgruppe an der vor. Generell bleiben ältere Menschen im Altersauf bau der Bevölkerung dar­
Gesamtbevölkerung dementsprechend heute länger gesund und ihr Wohlbefin- zustellen. Aufgrund der gleichmäßigen
gering: er beträgt weniger als 0,5 %. u Abb 5 den hat sich erhöht. Auch künftig ist zu Bevölkerungsentwicklung können Aus­
Die Sterblichkeitsentwicklungen ge- erwarten, dass die gesunden Lebensjahre sagen mit großer Genauigkeit über einen
hen bei beiden Geschlechtern systema- und die behinderungsfreie Lebenserwar- langen Zeitraum getroffen werden. Bei
tisch vom hohen Alter in ein noch höheres tung zunehmen werden. Da gleichzeitig Personen im höheren Alter sind die Vor­
Alter über. Im Jahr 1960 erreichen 20 % jedoch mehr Menschen von gesundheit­ hersagen besonders sicher, weil sie fast
der Frauen und 15 % der Männer, die den lichen Einschränkungen betroffen sein nur von der heutigen Altersstruktur und
80. Geburtstag feiern konnten, das Alter werden, ist mit mehr Pflegefällen zu rech- von der Entwicklung der Mortalität ab-
hängen. Da die tatsächliche empirische
Entwicklung der Einflussgrößen über den
Vorausberechnungszeitraum nicht be-
u Tab 2  Aufteilung der Lebenserwartung in pflegefreie Lebenszeit und die Lebenszeit in
kannt ist, werden meist mehrere Annah-
Pflege 2001 und 2011 nach Geschlecht, Pflege ab dem Alter von 60 Jahren — in Jahren
men zum Verlauf einzelner Komponen-
Männer Frauen ten getroffen. Die Ergebnisse einer Vor-
2001 2011 2001 2011 ausberechnung lassen sich immer nur im
Lebensdauer ohne Pflege 73,8 76,1 78,3 79,4
Zusammenhang der jeweils getroffenen
Annahmen interpretieren. Da nicht sicher
Pflegedauer 1,6 1,9 3,0 3,5
ist, wie sich die Zu- und Abwanderung in
Lebenserwartung 75,4 78,0 81,3 82,9
Deutschland entwickeln werden, werden
Datenbasis: Pflegestatistik Deutschland 2013; Human Mortality Database (HMD) 2016; eigene Berechnungen. hier nur Trendaussagen ohne Wanderun-

33
Abb. 5: Relative Zunahme der Personen im Alter von 80 Jahren und älter für
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.2 /  Demografischer Wandel: Sterblichkeit und Hochaltrigkeit
ausgewählter Länder in Europa, Relation bezogen auf das Jahr 1960=1.

u Abb 6  Anteil der Personen nach Altersgruppen in Deutschland 2015 – 2060 gen getroffen (Variante: mittleres Szena-
— in Prozent rio, ohne Wanderungen).
Die unterschiedliche Besetzung der
Altersklassen im Prognosezeitraum 2015
60
bis 2060 in Deutschland sind in Abbil-
dung 6 dargestellt (siehe auch Kapitel
50
1.1.4). Sie verdeutlicht, dass dem Bevölke-
rungsrückgang im Alter von 20 bis
40
59  Jahren ein Zuwachs im Alter von 60
bis 79 Jahren und im Alter von 80 Jahren
30 und älter gegenüberstehen wird. Wäh-
rend die Altersklasse 80 und älter beson-
20 ders in den Zeiträumen 2015 bis 2020
und 2030 bis 2050 wachsen wird, ist der
10 Zuwachs in der Altersklasse 60 bis 79 vor
allem im Zeitraum 2020 bis 2030 zu ver-
0 zeichnen. Der Anteil der 80-Jährigen und
2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 2055 2060 Älteren wird sich von knapp 10 % Bevöl-
0 –19 Jahre 20–59 Jahre 60 –79 Jahre ab 80 Jahre kerungsanteil auf fast 15 % erhöhen. Im
Gesamtzeitraum kommt es zu einem
Datenbasis:
Datenbasis: Amtliche Statistik des Bundes undEigene
Kannisto-Thatcher-Database. der Länder 2015,
Berechnungen ­s tetigen Rückgang der Bevölkerung im
13. Koordinierte Bevölkerungsprognose, mittlere Variante W0.
Alter von 0 bis 19, da die Elterngeneration
nicht durch deren Kinder ersetzt wird.
Nach dem Kalenderjahr 2055 wird die
Abb 7 Relative Zunahme der Personen im Alter von 80 Jahren und älter nach D ynamik der Strukturveränderungen
­
Altersgruppen in Deutschland 2010–2060 (2010=1) weitgehend abgeschlossen sein. u Abb 6
Die Unterteilung der Personen über
u Abb 7  Relative Zunahme der Personen im Alter von 80 Jahren und älter
80 Jahren nach Altersklassen zeigt für die
in Deutschland nach Altersgruppen 2015 – 2060 — bezogen auf das Jahr 2015=1
Jüngeren eine stärkere Besetzung als für
die Älteren. Die in der Altersstruktur vor-
12 handene Variation in der Besetzung wird
in immer höhere Altersgruppen weiter­
gegeben. Die Altersgruppe der 95- bis
10
99-Jährigen wird im Jahr 2055 einen An-
teil von 1 % erreichen und die Altersgrup-
pe 100 Jahre und älter wird im Jahr 2060
8
noch unter 0,5 Prozentpunkten liegen.
Wenn man die relative Veränderung
6 der einzelnen Altersgruppen untersucht,
zeigt sich, dass die besonders schwach
besetzten höchsten Altersgruppen die
4 größten Veränderungen zu erwarten ha-
ben. 2060 sind im Vergleich zu heute
­12-mal mehr 100-Jährige und Ältere zu
2
erwarten, bei der Altersklasse der 90 bis
99-Jährigen wird sich die Anzahl um den
Faktor 7 vergrößern. Diese Befunde er­
0
2015 2020 2025 2030 2035 2040 2045 2050 2055 2060 geben sich aus der Gegenüberstellung der
aktuellen Altersstruktur mit den Prog-
80 – 84 Jahre 85 – 89 Jahre 90 –94 Jahre 95 – 99 Jahre ab 100 Jahre
nosen der aktuellen 13. koordinierten
­B evölkerungsvorausberechnung für
Datenbasis: Amtliche Statistik des Bundes und der Länder 2015,
Datenbasis:
13. Koordinierte Amtliche Statistik
Bevölkerungsprognose, mittleredes Bundes
Variante, W0. und
der Länder, 12. Koordinierte Bevölkerungs- Deutschland. u Abb 7
prognose, mittlere Variante, ohne Wanderungen

34
Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen  / 1.3  Bevölkerung und Demografie  / 1

1.3 1.3.1 Die langfristige


Geburten­entwicklung in Ost-
bei Familiengründung noch bei knapp 23
Jahren in Ostdeutschland, liegt es im Jahr
Demografischer und Westdeutschland 2012 bei 27,5 Jahren und damit nur noch
Wandel: Die zusammengefasste Geburtenziffer (to-
tal fertility rate, TFR) ist eine der zentra-
knapp zwei Jahre unter dem westdeut-
schen Durchschnittsalter bei Erstgeburt
Geburtenent- len Kennziffern, die regelmäßig verwendet (Tabelle  1). In Westdeutschland können
wicklung und wird, um das generative Verhalten abzu-
bilden. Ähnlich wie in anderen westeuro-
wir seit den 1970er-Jahren einen kontinu-
ierlichen Anstieg des Alters bei Erstge-
Lebensformen päischen Ländern ist die zusammenge- burt beobachten, der bislang nicht zum
fasste Geburtenziffer in beiden deutschen Stillstand gekommen ist. u Info 1, Tab 1
Staaten Ende der 1960er-Jahre drastisch Vor dem Hintergrund der kontinuier-
Michaela Kreyenfeld
zurückgegangen und scheint sich in West- lichen Veränderungen im Alter bei Ge-
Hertie School of Governance, Berlin
deutschland seit Mitte der 1970er-Jahre burt ist die zusammengefasste Geburten-
Sandra Krapf
bei einem Wert von 1,4 Kindern eingepen- ziffer kein verlässlicher Schätzwert, um
Universität zu Köln
delt zu haben. In Ostdeutschland ist die das Geburtengeschehen abzubilden. Ein
jährliche Geburtenziffer in Reaktion auf solider Indikator des Geburtenverhaltens
WZB / SOEP die besonderen familienpolitischen Maß- ist die Kohortenfertilität (CTFR), das
nahmen, die die DDR-Regierung Anfang heißt die Kinderzahl pro Geburtsjahr-
und Mitte der 1970er-Jahre lancierte, gang von Frauen. Bei der CTFR handelt
kurzfristig wieder angestiegen, lag aber es sich nicht um einen Schätzwert, son-
zum Zeitpunkt der deutschen Vereini- dern um die tatsächliche Kinderzahl je
gung auf einem ähnlichen Niveau wie die Frauenjahrgang. Abbildung 1 gibt die Ko-
westdeutsche Ziffer. Der Einbruch der hortenfertilität für die Jahrgänge 1941–
jährlichen Geburtenziffern nach der Wen- 1972 wieder. Da die jüngeren Jahrgänge
de auf einen Wert von nur 0,8 Kindern bis zum letzten Beobachtungszeitpunkt
pro Frau in Ostdeutschland im Jahr 1993 im Jahr 2012 das Ende ihrer reprodukti-
ist besonders augenfällig. Seit 2007 liegen ven Phase noch nicht erreicht haben, ist
die ost- und westdeutschen Geburten­ für diese Jahrgänge nur die Fertilität bis
ziffern auf einem ähnlichen Niveau (siehe zum Alter 40 abgetragen. In Ost- und
Kapitel 1.1, Seite 24, Abb 4). Westdeutschland geht seit den 1940er-
Die zusammengefasste Geburtenziffer Kohorten die Kinderzahl mit jedem fol-
wird häufig als durchschnittliche Kinder- genden Jahrgang kontinuierlich zurück.
zahl, die eine Frau im Laufe ihres Lebens In Ostdeutschland ist dieser Rückgang
zur Welt bringt, interpretiert. Unter De- bis zu den 1950er-Jahrgängen weniger
mografen gilt sie jedoch als höchst prob- stark ausgeprägt. Dafür hat sich in Ost-
lematische Kennziffer. Der wesentliche deutschland für die 1960er-Jahrgänge der
Grund für diese Skepsis besteht darin, Geburtenrückgang beschleunigt. In bei-
dass die zusammen­gefasste Geburtenziffer den Teilen Deutschlands liegt die durch-
nur ein Schätzwert für die durchschnittli- schnittliche Kinderzahl für die Jahrgän-
che Kinderzahl pro Frau ist, der verzerrt ge, die um 1965 geboren wurden, bei
wird, sobald sich das durchschnittliche etwa 1,5 Kindern pro Frau. Für die jünge-
Alter bei Geburt verschiebt (siehe Info 1). ren Kohorten, die 1966 oder später zur
Diese Veränderungen des Alters, in dem Welt kamen, lässt sich noch nicht ab-
Frauen ihre Kinder bekommen, werden schließend die Gesamtkinderzahl be-
unter dem Begriff Tempo-Effekte zusam- stimmen. Es deutet sich jedoch ein leich-
mengefasst. Tempo-Effekte sind vor allem ter Anstieg der Kohortenfertilität für die
problematisch für die Beurteilung der ost- jüngeren Jahrgänge an. Insgesamt zeigt
deutschen Entwicklung, da mit der deut- sich, dass die tatsächliche Kinderzahl bis-
schen Vereinigung das Alter bei Famili- lang für jeden Frauenjahrgang über dem
engründung rapide angestiegen ist. Lag Wert von 1,4 Kindern pro Frau, der durch
im Jahr 1989 das durchschnittliche Alter die zusammengefasste Geburtenziffer seit

35
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.3 /  Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen

u Info 1 den 1970er-Jahren suggeriert wird, liegt.


Zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) Demnach wurde bislang die Geburtenin-
Die »zusammengefasste Geburtenziffer« (total fertility rate, TFR) ist ein Periodenmaß der Fer­ tensität, die auf Basis der zusammenge-
tilität. Es wird berechnet aus der Summe der altersspezifischen Geburtenziffern eines Jahres, fassten Geburtenziffer angezeigt wurde,
­geteilt durch 1 000. Die altersspezifischen Geburtenziffern berechnen sich wiederum aus der An-
zahl der Geburten pro 1 000 Frauen nach Einzelalter. Idealerweise gibt die TFR die durchschnitt­
systematisch unterschätzt. u Abb 1
liche Kinderzahl unter den gegeben Bedingungen (»under current conditions«) wider. Letztend-
lich ist die Maß­z ahl jedoch nur ein Schätzwert für die durchschnittliche Zahl der Kinder, die eine 1.3.2 Kinderlosigkeit und Unter-
Frau im Laufe ­ihres Lebens zur Welt bringt. Dieser Schätzwert ist störungsanfällig. Ein Anstieg
des Alters bei Geburt führt zu ­e inem Rückgang der jährlichen TFR, obwohl die tatsächliche schiede nach Geburtsordnung
­K inderzahl konstant bleiben kann. Ein Rückgang des Alters bei Geburt lässt die TFR wiederum Obwohl die durchschnittliche Kinderzahl
ansteigen. nicht weiter rückläufig zu sein scheint,
liegt die Geburtenintensität in Deutsch-
u Tab 1  Durchschnittsalter der Frau bei Geburt und bei Geburt land im Vergleich zu anderen europä­
des ersten Kindes 1960 – 2012 — in Jahren ischen Ländern, vor allem im Vergleich
1960 1970 1980 1989 2000 2010 2012
zu den nordischen Ländern oder im Ver-
gleich zu Frankreich, weiterhin auf einem
Erste Kinder
niedrigen Niveau. Ein Charakteristikum
Westdeutschland 24,9 23,8 25,0 26,6 . 29,1 29,3
des Fertilitätsverhaltens in Deutschland,
Ostdeutschland 23,0 22,5 22,2 22,7 . 27,3 27,5
welches zum Teil die niedrige durch-
Deutschland1 X X X X . 28,8 29,1
schnittliche Kinderzahl erklärt, ist die re-
Alle Kinder
lativ hohe Kinderlosigkeit. Seit den Ge-
Westdeutschland 27,9 27,0 27,1 28,3 29,0 30,5 30,8
burtsjahrgängen, die um 1940 geboren
Ostdeutschland 26,4 25,4 24,5 25,2 27,7 29,3 29,5
wurden, ist die Kinderlosigkeit in West-
Deutschland 1
X X X X 28,8 30,3 30,6 deutschland kontinuierlich angestiegen
1 Ab 1989 wurde Berlin aus der Ost-West-Darstellung ausgeschlossen. und liegt für die Frauenjahrgänge, die
. Nicht erhoben.
X Aussage nicht sinnvoll. 1960 bis 1967 geboren wurden, bei 23 %
Datenbasis: Human Fertility Database; Kreyenfeld (2002).
(siehe Abbildung 2). In Ostdeutschland
liegt die Kinderlosigkeit bislang deutlich
unter dem westdeutschen Niveau. Für die
Frauen, die nach der Wende in das repro-
duktive Alter getreten sind, steigt sie je-

27,5
doch auch dort an und erreicht für Frau-
en, die zwischen 1960 und 1967 geboren
wurden, 14 %. In Frankreich liegt die
Kinderlosigkeit der Kohorten, die um
1965 geboren wurden, beispielsweise bei
Jahre betrug das Durchschnittsalter etwa 15 %.
der Frauen bei der Geburt des ersten Im Vergleich zu Ländern wie Frank-
Kindes 2012 in Ostdeutschland.
reich oder den nordischen Ländern fällt
Im Jahr 1960 war es 23,0 Jahre.
zudem der niedrige Anteil von Frauen
mit drei oder mehr Kindern auf. In den
Geburtsjahrgängen 1960 bis 1967 haben
nur 18 % der westdeutschen und 13 % der
ostdeutschen Frauen drei und mehr Kin-
der zur Welt gebracht. Zum Vergleich: In
Frankreich haben deutlich mehr als 20 %
der Frauen dieser Jahrgänge drei und
mehr Kinder. Für die jüngeren Jahrgänge,
die nach 1967 geboren wurden, lässt sich
die Verteilung der Kinderzahl noch nicht
abschließend klären, da diese Frauen
noch im reproduktiven Alter sind. Es
deutet sich jedoch an, dass die Neigung,

36
Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen  / 1.3  Bevölkerung und Demografie  / 1

u Abb 1  Kinderzahl pro Geburtsjahrgang von Frauen (Kohortenfertilität) 1941–1972

Westdeutschland Ostdeutschland

2 2

1,5 1,5

1 1
1940 1945 1950 1955 1960 1965 1970 1940 1945 1950 1955 1960 1965 1970

CTFR CTFR (Alter 40)

Datenbasis: Human Fertility Database; Shkolnikov und Sobotka (2014).

zwei oder drei und mehr Kinder zu be- status zu den Kindern (leibliche Kinder, bildet, in der Paare nichtehelich zusam-
kommen, in Ostdeutschland niedriger ist Stiefkinder, Adoptiv- und Pflegekinder) menleben. Abbildung 3 gibt vor diesem
als in Westdeutschland. Auch Kinder- stellen weitere zentrale Dimensionen dar, Hintergrund die Lebensformen von Per-
wunschstudien bestätigen, dass sich Ost- auf deren Basis Lebens- und Familienfor- sonen nach Alter und Geschlecht im Jahr
deutsche häufiger nur ein Kind wün- men operationalisiert werden können. In 2012 wieder. Angemerkt sei, dass in der
schen als Westdeutsche. u Abb 2 der familiensoziologischen Forschung ist amtlichen Statistik häufig die Familie als
zudem in der jüngeren Vergangenheit das Untersuchungseinheit herangezogen
1.3.3 Lebensformen und Vorhandensein einer Paarbeziehung als wird, um den Wandel der Familienfor-
die Bedeutung nichtehelichen Unterscheidungskriterium herangezogen men abzubilden. Hingegen wird in fami-
Zusammenlebens worden, um sogenannte Living-Apart-­ liensoziologischen Forschungen zumeist
Abgesehen vom Wandel des generativen Together-Beziehungen (LAT-Beziehungen), das Individuum als Untersuchungsein-
Verhaltens verändern sich auch die Lebens- also Paare ohne gemeinsamen Haushalt, heit verwendet, das heißt, es wird darge-
und Familienformen in Deutschland, wel- abzugrenzen. Mit amtlichen Daten wie stellt, wie viele Männer und Frauen in
che in der Vergangenheit häufig mit der dem Mikrozensus lassen sich diese Le- bestimmten Lebensformen leben. Dieses
Begriff lichkeit der »Pluralisierung« auf bensformen allerdings nicht identifizieren, Vorgehen ist auch in Abbildung 3 (und
den Punkt gebracht worden sind. Ausge- da nur Beziehungsgefüge innerhalb eines Tabelle 3) gewählt worden.
hend vom Bezugspunkt der ehelichen Fa- Haushalts erfasst werden. Auch lassen sich Die Abbildung zeigt auf, dass die
milien sind demnach »alternative«, »nicht- Stieffamilien mit den amtlichen Daten nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL)
traditionelle« oder »neue« Lebensformen nicht von Kernfamilien unterscheiden. vor allem im frühen Lebensalter verbreitet
hinzugetreten. In der familiensoziologi- Eine der wesentlichen Veränderungen ist. Etwa 20 % der 25- bis 29-jährigen
schen Forschung existiert eine Vielzahl in den Lebens- und Familienformen stellt westdeutschen Männer und Frauen leben
von Vorschlägen zur Operationalisierung die wachsende Bedeutung nichtehelichen in dieser Lebensform. Bei den ostdeut-
von Lebens- und Familienformen. Zentra- Zusammenlebens dar. Ähnlich wie in an- schen Frauen desselben Alters sind es
le Dimensionen, die bei der Bestimmung deren europäischen Ländern ist auch in ­sogar fast 30 %. Bei den ostdeutschen
von Lebens- und Familienformen heran- Deutschland der Anteil der Personen, die Männern kommt der NEL mit 25 % vor
gezogen werden, sind der Familienstand direkt, das heißt ohne voreheliches Zu- allem in der Altersklasse 30 bis 34 eine
und das Zusammenleben mit einem Part- sammenleben, heiraten, seit den 1970er- hohe Bedeutung zu. Die Abbildung sug-
ner beziehungsweise einer Partnerin. Letz- Jahren rapide zurückgegangen. Die Ehe- geriert, dass mit zunehmendem Alter die
tere Information erlaubt es, nichteheliche schließung ist zunehmend auf ein späte- nichteheliche Lebensgemeinschaft (NEL)
Lebensgemeinschaften abzugrenzen. Die res Alter verschoben worden, und es hat an Bedeutung verliert und die Ehe sie als
Anzahl der Kinder und der Beziehungs­ sich eine Phase im Lebenslauf herausge- dominante Lebensform zunehmend ver-

37
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.3 /  Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen

u Abb 2  Verteilung der Kinderzahl nach Frauenjahrgängen 1932 –1967 — in Prozent schen der Geburt des ersten und zweiten
Kindes heiratet. Zum anderen ist der Un-
Westdeutschland terschied darauf zurückzuführen, dass
verheiratete Frauen häufiger zweite und
1932–39 11 21 35 32 weitere Kinder bekommen als jene, die
unverheiratet sind.
1940–49 13 25 39 23 Mit einer doppelt so hohen Nichtehe­
lichenquote in Ostdeutschland wie in
1950–59 18 24 38 19
Westdeutschland existieren auch mehr als
1960–67 23 23 37 18 zwanzig Jahre nach der deutschen Verei-
nigung noch deutliche Ost-West-Unter-
Ostdeutschland 1
schiede im familialen Verhalten. Während
die Verhaltensweisen in Westdeutschland
noch weitgehend dem Muster der »kind­
1932–39 11 27 34 28
orientierten Eheschließung« entsprechen
1940–49 9 30 41 20 und die Mehrzahl der westdeutschen Paa-
re vor der ­Geburt des ersten Kindes heira-
1950–59 10 28 47 15 tet, ist die Kopplung von Eheschließung
und Familiengründung in Ostdeutschland
1960–67 14 33 41 13
eher l­ocker ausgeprägt. Als Ursachen für
diese spezifischen Muster gelten unter an-
Kinderlos Ein Kind Zwei Kinder Drei und mehr Kinder derem die geringe konfessionelle Bindung
in Ostdeutschland und die hohe Erwerbs-
1 Berlin wurde zu Ostdeutschland gruppiert. neigung ostdeutscher Frauen, durch die
Datenbasis: Mikrozensus 2012; eigene, ungewichtete Berechnungen.
die ökonomischen Vorteile einer Ehe-
schließung weniger relevant sind als für
westdeutsche Frauen. Weitere Ursachen
könnten in den unsicheren Beschäfti-
gungsoptionen und hohen Arbeitslosen-
drängt. So leben unter Frauen und Män- ob es sich beim Rückgang der Heiratsnei- quoten in Ostdeutschland liegen, deren
nern im Alter von 45 bis 49 12 % oder we- gung in erster Linie um »Timing-Effekte« negative Wirkung auf die Heiratsneigung
niger in einer NEL. Die Mehrheit der Per- handelt, also Eheschließungen im Lebens- sich in internationalen Studien ebenfalls
sonen ist in diesem Alter verheiratet. lauf nur aufgeschoben werden und spätes- erwiesen hat. u Tab 2
Prinzipiell zeigt sich in diesem Muster, tens dann geheiratet wird, wenn das erste
dass Eheschließungen im späteren Le- Kind geboren wird. Der Anstieg der 1.3.5 Familienformen und
benslauf vollzogen werden. Dennoch ist Nichtehelichenquote (Anteil der nicht­ unverheiratete Elternschaft
hier zu beachten, dass sich bei dieser ehelich geborenen Kinder an allen Kin- Inwiefern es sich bei den nichtehelichen
Querschnitts­betrachtung Kohorten- und dern) deutet darauf hin, dass die Kopp- Geburten um Geburten von Frauen in
Alterseffekte vermischen. Die heute 45- bis lung von Eheschließung und Familien- nichtehelichen Lebensgemeinschaften
54-Jährigen haben zum Teil noch vor der gründung sich in den letzten Jahrzehnten handelt und wie oft nach der Familien-
deutschen Vereinigung geheiratet. Die deutlich gelockert hat. Demnach waren gründung noch geheiratet wird, lässt sich
Lebensformen der ostdeutschen Personen, im Jahr 2012 fast 30 % der Geburten in auf Basis der amtlichen Daten nicht er-
die heute 45 Jahre und älter sind, reflek- Westdeutschland und rund 60 % der Ge- schließen. Die Daten des Mikrozensus
tieren damit in gewissem Maße noch die burten in Ostdeutschland nichtehelich. können jedoch Aufschluss über die Famili-
­demografischen Verhaltensweisen, die in Bei den Erstgeburten ist der Anteil mit enformen geben, in denen Frauen mit Kin-
der DDR typisch waren. u Abb 3 knapp 38 % in Westdeutschland und 74 % dern leben. Da es bereits seit 1996 mög-
in Ostdeutschland deutlich höher. Beim lich ist, nichteheliche Lebensformen im
1.3.4 Unverheiratete Elternschaft zweiten Kind reduziert sich die Nichtehe- Mikrozensus abzugrenzen, lässt sich auch
Ein Kristallisationspunkt familiensozio- lichenquote auf etwa 50 % in Ost- und die Entwicklung über die Zeit darstellen.
logischer Debatten ist die Frage, ob die 20 % in Westdeutschland. Dieser Rück- Wie aus Tabelle 3 ersichtlich, ist die
nichteheliche Lebensgemeinschaft das gang deutet zum einen darauf hin, dass Mehrzahl der Frauen, die mit Kindern
eheliche Lebensmodell verdrängt hat oder ein relevanter Anteil von Personen zwi- unter 18 Jahren im Haushalt leben, ver-

38
Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen  / 1.3  Bevölkerung und Demografie  / 1

u Abb 3  Lebensform nach Lebensalter und Geschlecht 2012 — in Prozent

Frauen Westdeutschland Frauen Ostdeutschland

18–24 6 11 83 18–24 4 18 78

25–29 30 21 49 25–29 18 29 53

30–34 53 14 32 30–34 36 26 39

35–39 64 10 26 35–39 49 19 32

40–44 65 8 27 40–44 55 15 30

45–49 65 7 28 45–49 60 11 29

50–54 68 5 27 50–54 65 7 28

Männer Westdeutschland Männer Ostdeutschland

18–24 2 6 92 18–24 1 9 90

25–29 17 19 64 25–29 9 23 69

30–34 42 16 42 30–34 25 25 50

35–39 56 11 32 35–39 39 22 39

40–44 61 9 30 40–44 47 16 36

45–49 64 8 28 45–49 53 12 35

50–54 67 6 27 50–54 63 8 29

Verheiratet1 NEL2 Kein Partner im Haushalt

1 Personen, die zum Zeitpunkt des Interviews verheiratet sind und nicht dauernd getrennt leben. Personen in eingetragenen Lebenspartnerschaften sind wie Verheiratete behandelt worden.
2  Nichteheliche Lebensgemeinschaft; Partner lebt im Haushalt.
Datenbasis: Mikrozensus 2012; eigene, ungewichtete Berechnungen.

heiratet. Jedoch geht dieser Anteil seit Lag er im Jahr 1996 bei 4 % in West- etwa ein Viertel aller ostdeutschen Frau-
1996 deutlich zurück. Lebten 1996 in deutschland, sind es im Jahr 2012 bereits en, die Kinder unter 18  Jahren haben,
Westdeutschland noch 85 % der Mütter in 6 %. In Ostdeutschland ist die NEL mit ­a lleinerziehend. In Westdeutschland ha-
einer ehelichen Lebensgemeinschaft, ist Kind mit etwa 18 % im Jahr 2012 deutlich ben knapp ein Fünftel der Frauen mit
dieser Wert bis 2012 um knapp 10 Pro- häufiger vertreten als in Westdeutsch- Kindern unter 18 Jahren keinen Partner,
zentpunkte auf 76 % gesunken. In Ost- land. Obwohl nichteheliche Elternschaf- der mit ihnen im selben Haushalt lebt.
deutschland ist der Anteil der verheirate- ten an Bedeutung gewonnen haben, ist Während es sich in Westdeutschland bei
ten Mütter noch stärker zurückgegangen: der Anteil alleinerziehender Mütter unter den alleinerziehenden Frauen mehrheit-
von 75 % im Jahr 1996 auf 57 % im Jahr Frauen mit Kindern unter 18  Jahren in lich um geschiedene beziehungsweise
2012. Hingegen ist der Anteil an Frauen beiden Landesteilen weiterhin höher als verheiratete und getrennt lebende Frauen
mit Kindern in nicht­ehelichen Lebens­ der Anteil an Frauen in nichtehelichen handelt, sind es in Ostdeutschland mehr-
gemeinschaften (NEL) leicht gestiegen. Lebensgemeinschaften. Im Jahr 2012 sind heitlich ledige Frauen. u Tab 3

39
1 /  Bevölkerung und Demografie  1.3 /  Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen

u Tab 2  Anteil der nichtehelich Lebendgeborenen an allen Lebendgeborenen 1.3.6 Erwerbsverhalten von Müttern
1980, 1990, 2000, 2010 und 2012 und nach Geburtsordnung im Jahr 2012 — in Prozent und Vätern
Alle Kinder 1. Kind 2. Kind 3. Kind
Parallel zu den Veränderungen in den
­Familienstrukturen hat sich das Erwerbs-
1980 1990 2000 2010 2012 2012 2012 2012
verhalten von Frauen und insbesondere
Ostdeutschland 1
22,8 35,0 51,5 61,2 61,6 73,7 51,3 44,3
jenen mit Kindern gewandelt. In West-
Westdeutschland 7,6 10,5 18,6 27,0 28,4 37,8 19,5 18,2
deutschland ist die Erwerbsquote von
Deutschland 11,9 15,3 23,4 33,3 34,5 44,5 25,4 22,5
Frauen seit den 1980er-Jahren kontinu-
1  Ost-West-Darstellung ab 2000 ohne Berlin. ierlich angestiegen (siehe Kapitel 5.1.4)
Datenbasis: Pötzsch (2012), Statistisches Bundesamt.
und liegt mittlerweile bei über 70 % und
damit auf einem ähnlichen Niveau wie
u Tab 3  Lebensformen von Frauen und Männern (Alter 18 – 54) mit Kindern unter      die Erwerbsquoten von Frauen in den
18 Jahren im Haushalt 1996, 2000 2004, 2008 und 2012 — in Prozent nordischen Ländern Europas. Die Er-
1996 2000 2004 2008 2012
werbsquote ist jedoch kein hinreichender
Indikator, um die Erwerbsbeteiligung
Frauen Westdeutschland
von Frauen, insbesondere jenen mit Kin-
Verheiratet mit Kind1 85 84 80 78 76 dern, abzubilden, da sie nicht die Variati-
NEL mit Kind
2
4 4 6 6 6 onen im Erwerbsumfang berücksichtigt.
Alleinerziehend 12 12 14 16 18 Diese sind gerade für die Beurteilung der
Frauen Ostdeutschland Erwerbsmuster in Deutschland relevant,
Verheiratet mit Kind1 75 69 61 61 57 da hier der Anstieg der Erwerbsquote von
NEL 2 mit Kind 11 13 16 15 18 Frauen vor allem mit einem Anstieg des
Alleinerziehend 14 19 22 24 25
Anteils in Teilzeit arbeitenden (10 –29 Ar-
beitsstunden pro Woche) und marginal
Männer Westdeutschland
beschäftigten Frauen (1–9 Arbeitsstun-
Verheiratet mit Kind¹ 94 93 91 91 89
den pro Woche) mit Kindern zusammen-
NEL ² mit Kind 4 5 7 7 8
fällt, während sich der Anteil der Vollzeit
Alleinerziehend 2 3 2 2 3 erwerbstätigen Frauen mit Kindern bis-
Männer Ostdeutschland lang wenig verändert hat.
Verheiratet mit Kind¹ 86 81 76 76 73 Abbildung 4 stellt vor diesem Hinter-
NEL ² mit Kind 12 15 21 21 23 grund die Erwerbsbeteiligung von Frauen
Alleinerziehend 2 4 4 4 4 nach Alter des jüngsten Kindes, das im
Haushalt lebt, dar. In Westdeutschland
1 Personen, die zum Zeitpunkt des Interviews verheiratet sind (oder in eingetragener Lebenspartnerschaft leben)
und nicht dauernd getrennt leben. dominiert mittlerweile die Teilzeiter-
2 Nichteheliche Lebensgemeinschaft; Partner/-in lebt im Haushalt.
Datenbasis: Mikrozensus 1996, 2000, 2004, 2008 und 2012; eigene Berechnungen. werbstätigkeit unter Frauen mit Kindern.
44 % der Frauen, die Kinder unter 18 Jah-
ren haben, sind teilzeiterwerbstätig. Nur
etwa 23 % gehen einer Vollzeiterwerbstä-
tigkeit nach. Obwohl die Bedeutung der
Männer, die mit Kindern unter 18 Jah- men Haushalt leben; laut Mikrozensus Nichterwerbspersonen über die Zeit deut-
ren zusammenleben, sind häufiger als die ­leben diese Väter in einer nichtfamilialen lich zurückgegangen ist, sind im Jahr 2012
entsprechenden Frauen verheiratet. Zu- Lebensform. Da das Lebensformenkon- immerhin noch 23 % der westdeutschen
dem sind die Anteile der Männer, die mit zept des Mikrozensus überdies Verwandt- Frauen Nichterwerbspersonen; sie haben
Kindern in einer ehelichen Lebensgemein- schaftsverhältnisse nicht systematisch weder eine Erwerbstätigkeit angegeben,
schaft leben, über die Zeit weniger stark ­erfasst, befinden sich unter den Männern noch sind sie in Elternzeit oder erwerbslos.
zurückgegangen als die der Frauen. Diese in ehelichen Lebensgemeinschaften mit Bei Frauen mit Kindern unter drei Jahren
Darstellung berücksichtigt jedoch nicht, Kindern solche, deren Vaterschaftsstatus fallen sogar 35 % in diese Kategorie. In
dass Kinder nach einer Trennung oder durch Stiefelternschaft begründet ist. Auf Ostdeutschland ist dieser Anteil mit 27 %
Scheidung der Eltern überwiegend bei den Frauen trifft dies nur in sehr geringem etwas geringer. Im Unterschied zu West-
Müttern leben, sodass »Trennungsväter« Umfang zu, da die meisten Kinder nach deutschland sind 31 % der ostdeutschen
unberücksichtigt bleiben, wenn nur die Trennung oder Scheidung bei den Müt- Mütter mit Kindern unter drei Jahren Voll-
Kinder erfasst werden, die im gemeinsa- tern wohnhaft bleiben. zeit berufstätig. Betrachtet man Mütter mit

40
Demografischer Wandel: Geburtenentwicklung und Lebensformen  / 1.3  Bevölkerung und Demografie  / 1

Kindern unter 18 Jahren, sind 52 % der ost- von Kindern als Grund für die Teilzeiter- punkt, in Elternzeit befinden. Dies ent-
deutschen Frauen vollzeiterwerbstätig. werbstätigkeit angeben, sind es bei den spricht dem Anteil an Vätern in Elternzeit
Auffallend im Ost-West-Vergleich ist zu- Männern andere Gründe – vor allem der zu einem bestimmten Beobachtungs-
dem der relativ hohe Anteil von erwerbs­ Grund, dass sie keine Vollzeiterwerbstä- punkt und ist nicht mit dem Anteil der
losen Frauen in Ostdeutschland. Insgesamt tigkeit finden konnten. Ebenfalls gering er- Väter, die jemals Elternzeit genommen
kommt der Teilzeiterwerbstätigkeit von scheint der Anteil der Väter, die in Eltern- haben, gleichzusetzen. Es entspricht auch
Müttern in Ostdeutschland mit 18 % eine zeit sind. Bei den Vätern mit Kindern im nicht dem Anteil an Vätern, die Eltern-
geringere Rolle zu als in Westdeutschland, Alter von null bis zwei Jahren sind es in geld beziehen, da Elterngeldbezug im Ge-
dennoch ist der Anteil teilzeiterwerbstäti- beiden Landesteilen nur 2 %, die zum gensatz zur Elternzeit auch für Nichter-
ger Frauen in Ostdeutschland nach der Zeitpunkt des Interviews ihre Erwerbs­ werbspersonen und Erwerbslose möglich
Wende deutlich angestiegen. u Abb 4 tätigkeit aufgrund einer Elternzeit unter- ist. Laut Angaben des Statistischen Bun-
Betrachtet man die Erwerbsmuster brochen oder reduziert haben. Hier muss desamtes liegt der Anteil der Väter der im
von Männern, die mit Kindern unter zum einen beachtet werden, dass die Jahr 2012 geborenen Kinder, die jemals
18 Jahren im Haushalt leben, dominiert in ­A ltersgruppe relativ breit gewählt ist. Bei Elterngeld bezogen haben, bei 29 %. Die-
West- wie in Ostdeutschland die Vollzeit­ kleinen Kindern (unter einem Jahr) er- ser Wert ist deutlich höher als der Anteil
erwerbstätigkeit. Lediglich 4 beziehungs- höht sich der Anteil von Vätern in Eltern- der Väter, die in der Berichtswoche in El-
weise 5 % der Männer im jeweiligen Lan- zeit auf etwa 3 %. Zum anderen muss be- ternzeit sind. Ein wesentlicher Grund für
desteil gehen einer Teilzeiterwerbstätig- achtet werden, dass es sich um Personen diese Unterschiede ist, dass viele Väter
keit nach. Während Frauen, die in Teilzeit handelt, die sich »in der Berichtswoche«, nur relativ kurz – zumeist bis zu zwei Mo-
arbeiten, am häufigsten die Betreuung also in der Woche vor dem Interviewzeit- nate – Elternzeit nehmen.

u Abb 4  Erwerbsbeteiligung von Frauen und Männern mit Kindern¹ nach Alter des jüngsten Kindes 2012 — in Prozent

Frauen Westdeutschland Frauen Ostdeutschland

0–2 10 23 31 2 35 0–2 31 11 26 5 27

3–6 20 49 2 4 25 3–6 54 21 1 10 14

7–17 29 51 3 18 7–17 61 21 8 11

0–17 23 44 7 3 23 0–17 52 18 7 8 16

Männer Westdeutschland Männer Ostdeutschland

0–2 87 424 3 0–2 81 5 2 7 5

3–6 90 4 3 3 3–6 86 5 6 4

7–17 91 32 4 7–17 87 4 5 4

0–17 90 4 3 3 0–17 85 5 6 4

Vollzeit Teilzeit Elternzeit/Mutterschutz Erwerbslos Nichterwerbsperson

1  Kinder unter 18 Jahren im Haushalt.


Anmerkung: Für Personen, die in Elternzeit sind, aber gleichzeitig eine Erwerbstätigkeit oder Erwerbslosigkeit angegeben haben, wurde nur die ­Elternzeit berücksichtigt.
Teilzeit (0 – 29 Stunden) und Vollzeit (30 Stunden und mehr) bezieht sich auf die normalerweise geleistete Wochenarbeitszeit.
Datenbasis: Mikrozensus 2012; eigene, ungewichtete Berechnungen.

41
8,1 Mill.
Familien mit minderjährigen Kindern gab es
2014 in Deutschland. Zehn Jahre zuvor waren
41 000
es noch 9,0 Millionen, 10 % mehr.
gleichgeschlechtliche Paare
lebten 2014 als eingetragene
Lebenspartnerschaft in
einem Haus­halt zusammen.
33 %
der Kinder unter
3 Jahren waren 2015
in Tagesbetreuung.

18 Mill. 60 %
Alleinstehende lebten 2014 in Deutschland,
der Personen mit Migrations-
davon 89 % in Einpersonenhaushalten.
hintergrund waren noch keine
40 Jahre alt.
2
Familie, Lebensformen
und Kinder
2.1 Allein oder zu zweit? Mit Trauschein oder
in »wilder Ehe«? Als Familie oder ohne
wie Arbeitslosengeld II (»Hartz IV«) in An-
spruch genommen werden müssen (siehe
Lebensformen in Kind? Das menschliche Zusammenleben auch Kapitel  10.4). Im Abschnitt  2.1.6
der Bevölkerung, bietet vielfältige Möglichkeiten. Neben
der traditionellen Familienform, den Ehe-
wird die Betreuungssituation von Kin-
dern thematisiert: Wie viele Kinder wer-
Kinder und paaren mit Kindern, gewinnen alternative den von Tageseinrichtungen oder von
Kindertages­ Familienformen wie Lebensgemeinschaf-
ten mit Kindern und alleinerziehende
Tagesmüttern beziehungsweise -vätern
betreut? Ist die Betreuungssitua­tion in
betreuung ­E lternteile immer mehr an Bedeutung. den Ländern unterschiedlich?
Gleichzeitig prägen nicht familiale Lebens-
formen wie Alleinstehende zunehmend 2.1.1 Formen des Zusammenlebens
Elle Krack-Roberg, Stefan Rübenach,
das Bild der Gesellschaft. Grundlage für die Bestimmung einer
Bettina Sommer, Julia Weinmann
Zunächst wird die Entwicklung der ­L ebensform im Mikrozensus sind die so-
unterschiedlichen Formen des Zusammen- zialen Beziehungen zwischen den Mitglie-
Destatis lebens in den Jahren 2004 bis 2014 be- dern eines Haushalts. Im Jahr 2014 lebten
schrieben (Abschnitt 2.1.1). Anschließend 17,5 Millionen Ehepaare und 2,9 Millio-
werden Eheschließungen und Schei­ nen gemischt- oder gleichgeschlechtliche
dungen im Zeitverlauf beleuchtet (Ab- Lebensgemeinschaften in Deutschland,
schnitt 2.1.2). In Abschnitt 2.1.3 und 2.1.4 zusammen also rund 20,4 Millionen Paa-
richtet sich der Fokus auf Familien mit re. Daneben gab es 18,0 Millionen allein-
minderjährigen Kindern und die Lebens- stehende Personen, die ganz überwiegend
situation von Kindern. u Info 1, Abb 1 (89 %) allein wohnten oder sich in eher
Eine wesentliche Voraussetzung zur seltenen Fällen den Haushalt mit anderen
zufriedenstellenden Vereinbarkeit von Fa- Mitbewohnern teilten (11 %). Rund
milie und Erwerbstätigkeit für Mütter und 2,7 Millionen Menschen waren als Mütter
Väter (Abschnitt 2.1.5) ist ein aus­ oder Väter alleinerziehend.
reichendes Angebot zur Betreuung von Im Vergleich zu 2004 haben alterna-
Kindern unterschiedlicher Altersstufen. tive Lebensformen zahlenmäßig an Be-
Alleinerziehenden ermöglicht eine Tages- deutung gewonnen. So erhöhte sich die
betreuung häufig erst eine eigene Erwerbs- Zahl der Alleinstehenden um 2,5 Millio-
tätigkeit, ohne die nicht selten andere nen, was einem Anstieg von 16 % ent-
Leistungen (zum Beispiel Arbeitslosen- spricht. Die Zahl der Lebensgemein-
geld I) oder staatliche Transferleistungen schaften stieg innerhalb der betrachteten

43
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

u Info 1 u Abb 1  Familien- und Lebensformen im Mikrozensus


Was ist der Mikrozensus?
Die Datenbasis für die Abschnitte 2.1.1, 2.1.3, Haushalt
2.1.4, 2.1.5 und Kapitel 2.2 bildet der Mikro- mit Partner/-in ohne Partner/-in
zensus, die größte jährlich durchgeführte
Haushaltsbefragung Europas, an der 1 % der
Haushalte in Deutschland teilnehmen.
mit Kind(ern)
Die hier dargestellten Ergebnisse beziehen
sich auf Familien beziehungsweise andere Familien
­Lebensformen am Hauptwohnsitz. Familien Ehepaare, Alleinerziehende
und Lebensformen am Nebenwohnsitz und Lebensgemeinschaften
Menschen in Gemeinschaftsunterkünften
(zum Beispiel Wohnheimen) werden hier
nicht berücksichtigt. ohne Kind
Da sich der Mikrozensus als Haushaltsbefra-
gung auf das Beziehungsgefüge der befragten
Ehepaare, Alleinstehende
­M enschen in den »eigenen vier Wänden«, Lebensgemeinschaften (darunter Alleinlebende)
­also auf ­einen gemeinsamen Haushalt konzen-
triert, ­bleiben E­ ltern-Kind-Beziehungen, die
über Haushaltsgrenzen hinweg bestehen, Paare
oder Partnerschaften mit getrennter Haus­
halts­f ührung, das sogenannte »Living apart
Als Kind zählen ledige Personen (ohne Altersbegrenzung) mit mindestens einem Elternteil und
together«, unbe­r ück­sichtigt. ohne Lebenspartner/-in beziehungsweise eigene ledige Kinder im Haushalt. Lebensgemeinschaften
sind nichteheliche (gemischtgeschlechtliche) und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften.
Bei Zeitvergleichen ist zu beachten, dass der
Mikro­zensus seit 2005 kontinuierlich über ­
das Jahr verteilt erhoben wird (Jahresdurch-
schnittsergebnisse). Bis einschließlich 2004
war die Erhebung auf eine feste Berichts­ u Tab 1  Lebensformen der Bevölkerung — in Tausend
woche – üblicherweise die letzte feiertags-
freie Woche im April – festgelegt. 2004 2014

Die Ergebnisse ab dem Mikrozensus 2011 Paare 21 564 20 407


wurden auf einen neuen Hochrechnungs­  Ehepaare 19 095 17 487
rahmen umgestellt. Grundlage hierfür
 Lebensgemeinschaften 2 469 2 920
sind die aktuellen ­Eckzahlen der laufenden
Bevölkerungsfort­schreibung, die auf den  nichtehelich¹ 2 412 2 833
­Daten des Zensus 2011 (Stichtag 9. Mai 2011)  gleichgeschlechtlich 56 87
basieren. Die Mikrozensus-­Hoch­rechnung für
die hier dargestellten V
­ ergleichsjahre vor 2011 Alleinerziehende 2 502 2 712
basiert hingegen auf den fortgeschriebenen Alleinstehende 15 449 17 971
Ergebnissen der Volkszählung 1987 be­  Alleinlebende² 13 996 15 997
ziehungsweise auf Basis der Fortschreibungs-
ergebnisse auf Grundlage der Daten des 1 Gemischtgeschlechtlich.
­zentralen Ein­wohnerregisters der ehemaligen 2 Einpersonenhaushalte.
Ergebnisse 2014 auf Basis des Zensus 2011, für 2004 auf Basis früherer Zählungen.
DDR vom 3. Oktober 1990. Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

zehn Jahre um 451 000 (+ 18 %), die der sus zeigen, dass diese Volksweisheit tat- Paare in Deutschland die Lebensgefähr-
Alleinerziehenden um 210 000 (+ 8 %). sächlich zutrifft, zumindest wenn man ten einen gleichen oder ähnlichen Bil-
Eine rückläufige Entwicklung zeigt den Bildungsstand, den Altersunterschied dungsabschluss. Wenn sich das Bil-
sich hingegen bei den Ehepaaren. Im zwischen beiden Partnern oder die Staats- dungsniveau unterscheidet, dann verfügt
Jahr  2014 gab es in Deutschland rund angehörigkeit betrachtet. Die nachfolgen- meistens der Mann über einen höheren
1,6 Millionen Ehepaare weniger als noch den Ausführungen konzentrieren sich auf Abschluss. Das war bei 29 % der Paare
vor zehn Jahren. Das entspricht einem Ehepaare und nichteheliche (gemischtge- der Fall. Die umgekehrte Situation –
Rückgang von 8 %. u Tab 1 schlechtliche) Lebensgemeinschaften. dass die Frau einen höheren Bildungs-
stand hatte – gab es lediglich bei etwa je-
Paare Paare nach Bildungsstand dem elften Paar (9 %). Im Vergleich zu
Wer heiratet wen? Wer lebt mit wem zu- Die meisten Menschen wählen eine Part- 2004 zeigt sich hier eine Veränderung.
sammen? Ein altes Sprichwort sagt zu nerin oder einen Partner mit gleichem Damals hatte nur bei 8 % der Paare die
diesem Thema: »Gleich und gleich gesellt Bildungsniveau. So hatten 2014 bei mehr Frau einen höheren Bildungsabschluss
sich gern«. Die Ergebnisse des Mikrozen- als der Hälfte (62 %) der 20 Millionen als der Mann. u Abb 2, Info 2

44
Abb 2 Paare nach Bildungsstand 2013 - inLebensformen
Prozent in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­   Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

betreuung  / 2.1

u Abb 2  Paare nach Bildungsstand 2014 — in Prozent u Info 2


Bildungsstand

Frau hat höhere Bildung als Mann beide mittlere Bildung Der Bildungsstand basiert auf der inter­
national vergleichbaren Klassifikation für das
9 41 ­B ildungswesen »International Standard
­C lassification of Education« (ISCED). Der
höchste erreichte Bildungsstand wird danach
aus den Merkmalen »allgemeiner Schulab-
Mann hat höhere Bildung als Frau 20,3 Partner mit gleicher Bildung schluss« und »beruflicher Bildungsabschluss«
Millionen
29 62 kombiniert. Grundsätzlich wird zwischen
Paare¹
drei ­K ategorien für den Bildungsstand unter-
schieden: »hoch«, »mittel« und »niedrig«.
­Personen ­m it einem »hohen Bildungsstand«
beide hohe Bildung
verfügen über einen akademischen Ab-
schluss oder ­e inen Meister- / Techniker- oder
14 Fachschulabschluss (ISCED-Stufe 5 bis 8).
Berufsqualifizierende Abschlüsse und / oder
beide niedrige Bildung
das Abitur ­beziehungsweise die Fachhoch-
7 schulreife g­ ehören zur Kategorie »mittlerer
1  Paare: Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften. Bildungs­stand« ­(ISCED-Stufe 3 und 4).
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.
­Personen mit ausschließlich einem Haupt-/
Realschul­a bschluss und ohne schulischen
oder beruf­lichen Abschluss fallen in die Ka-
Ergebnisse des Mikrozensus - Bevölkerung in Familien/Lebensformen am Hauptwohnsitz.
tegorie »niedriger Bildungsstand« (ISCED-
u Abb 3  Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften Stufe 0, 1 und 2).
nach Bildungsstand der Partner 2014 — in Prozent

Ehepaare 61 30 9

nichteheliche
Lebensgemein- 65 21 14
schaften

Partner mit gleicher Bildung Mann hat höhere Bildung Frau hat höhere Bildung

Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

Unterschiede zeigen sich bei einer sepa- Paare nach Alter 17 % der Paare war es umgekehrt. Rund
raten Betrachtung der Ehepaare und Beziehungen von älteren Männern und 10 % der Paare waren gleich alt.
nichtehelichen Lebensgemeinschaften. Frauen zu wesentlich jüngeren Partnerin- Betrachtet man verheiratete und nicht
Bei 30 % der Ehepaare hatte der Mann einen nen oder Partnern werden von der Presse verheiratete Paare getrennt voneinander
höheren Bildungsstand als seine Frau gerne aufgegriffen. Statistisch gesehen hinsichtlich des Alters in der Paarkons-
und nur bei jedem elften Ehepaar (9 %) sind solche hohen Altersunterschiede je- tellation, stellt sich diese Struktur noch
war dies umgekehrt. Die dem klassischen doch nicht die Regel, sondern eher die einmal anders dar. Auch hinsichtlich
Rollenbild entsprechende Bildungskons- Ausnahme, denn lediglich 6 % aller Paare der Altersverteilung weichen nichteheli-
tellation – der Mann ist höher gebildet trennte 2014 ein Altersunterschied von che Lebensgemeinschaften eher von gän-
als die Frau – ist bei den Lebensgemein- mehr als zehn Jahren. Fast die Hälfte (47 %) gigen Klischees ab: Zwar herrschte im
schaften, die ohne Trauschein in einem hatte nur einen geringen Altersunterschied Jahr 2014 auch bei unverheirateten Paa-
Haushalt zusammenleben, weniger stark zwischen einem und drei Jahren. Genau ren überwiegend (66 %) eine traditionelle
ausgeprägt. Bei den unverheirateten Paa- gleich alt war immerhin jedes zehnte Paar. ­A ltersverteilung. Doch in fast jeder vier-
ren verfügte der Mann nur in 21 % der Unabhängig von der Höhe des Alters­ ten Beziehung (24 %) war die Frau älter
Fälle über einen höheren Bildungsab- unterschiedes gilt jedoch im Großen und als ihr Partner. Der Rest (10 %) war gleich
schluss als die Frau, wohingegen in 14 % Ganzen die traditionelle Altersverteilung – alt. Unter den Verheirateten war die klas-
der Fälle der Abschluss der Frau höher der Mann ist älter als die Frau. Bei rund sische Verteilung der Alterskonstellation
war als der des Mannes. u Abb 3 drei Vierteln (73 %) traf dies zu, nur bei stärker ausgeprägt: Bei drei von vier Ehe-

45
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

paaren (74 %) war der Mann älter als sei- u Abb 4  Paare nach Altersunterschied 2014 — in Prozent
ne Frau. In jeder zehnten Ehe waren bei-
de Partner gleich alt. In 16 % der Ehen
war die Frau älter. u Abb 4 Ehepaare 10 74 16

nichteheliche
Paare nach Staatsangehörigkeit Lebensgemein- 10 66 24
Studium und Urlaub im Ausland, der Zu- schaften

zug von Ausländerinnen und Ausländern kein Altersunterschied Mann älter als Frau Frau älter als Mann
nach Deutschland – mit zunehmender
Abb 5 Paare nach Staatsangehörigkeit 2013 - in Prozent
Globalisierung und Mobilität im privaten Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

und beruf lichen Umfeld der Menschen


könnte man vermuten, dass auch Paarbe-
ziehungen immer internationaler würden.
Zwar steigt der Anteil von Paaren mit u Abb 5  Paare nach Staatsangehörigkeit 2014 — in Prozent
­v erschiedenen Staatsangehörigkeiten,
dennoch haben die meisten Paare nach
ausländisch-ausländisch deutsch-deutsch
wie vor den gleichen Pass. So überwogen
unter den Paaren 2014 in Deutschland 6 87

klar die deutsch-deutschen Verbindungen deutsch-ausländisch


(87 %). Das waren jedoch rund 2 Prozent-
7
punkte weniger als 2004. Deutsch-auslän-
dische Paare machten 7 % (2004: 5 %) und 20,3
ausländische Paare 6 % (2004: 6 %) aus. Millionen
Paare
Auch unter ausländischen Paaren besitzen
meist beide Partner die gleiche Staats­
angehörigkeit (90 %). u Abb 5
Auch wenn bei der Partnerwahl häu-
fig die Gemeinsamkeiten im Vorder-
Paare: Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften.
grund stehen, sind es manchmal gerade Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

die Unterschiede, die sich anziehen: Paare: Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften.
Wenn deutsche Männer eine ausländi- Ergebnisse des Mikrozensus - Bevölkerung in Familien/Lebensformen am Hauptwohnsitz.

sche Partnerin wählten, dann kam sie am


häufigsten aus der Türkei (12 %), Polen
(10 %) oder der Russischen Föderation
(7 %). Deutsche Frauen lebten 2014 vor
Eingetragene
­a llem mit Türken (18 %), Italienern (12 %)
Lebenspartnerschaften
und Österreichern (7 %) zusammen.
Rund 41 000 gleichgeschlechtliche Paare nerschaften in Deutschland gegeben.
lebten 2014 in Deutschland als einge- Seitdem hat sich die Zahl bis 2014 mehr
Gleichgeschlechtliche Lebens­-
tragene Lebenspartnerschaft in einem als verdreifacht, die bestehenden einge­
gemeinschaften
Haushalt zusammen. Das seit 2001 be- tragenen Lebenspartnerschaften wur-
Anhand der Frage zur Lebenspartnerschaft
stehende Lebenspartnerschaftsgesetz den überwiegend (24 000 Paare) von
weist der Mikrozensus für das Jahr 2014
ermöglicht es, zwei Menschen gleichen Männern geführt, rund 17 000 Paare
rund 87 000 gleichgeschlechtliche Lebens-
Geschlechts ihrer Beziehung einen waren Frauen.
gemeinschaften aus. Etwas mehr als die
rechtlichen Rahmen zu geben. Seit
Hälfte (54 %) der gleichgeschlechtlichen
2006 wird dieser Familienstand im
Lebensgemeinschaften wurde von Män-
­Mikrozensus erhoben. Damals hatte es
nern geführt. Rund 41 000 (47 %) aller
knapp 12 000 eingetragene Lebenspart-
gleichgeschlechtlichen Lebensgemein-
schaften waren zugleich eingetragene
Lebenspartnerschaften. Aufgrund geringer
Fallzahlen und der Freiwilligkeit dieser
Auskünfte sind die Ergebnisse jedoch mit

46
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung  / 2.1  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

u Info 3 ter und Väter, die mindestens ein im


Gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften Haushalt lebendes, minderjähriges Kind
Unter einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft wird im Mikrozensus ­e ine Lebens­ betreuten. Gegenüber 2004 ist ihre Zahl
partnerschaft verstanden, bei der zwei Lebenspartner gleichen Geschlechts mit oder um rund 4 % gestiegen.
ohne Trauschein beziehungsweise notarieller Beglaubigung in einem Haushalt zusammenleben
und ge­m einsam wirtschaften.
Zu den alleinerziehenden Elternteilen
zählen im Mikrozensus alle Mütter und
Entscheidend für die Klassifizierung als Lebensgemeinschaft im Mikrozensus – egal ob
gleich- oder gemischtgeschlechtlich – ist die Einstufung der Befragten selbst. Eine dahin Väter, die ohne Ehe- oder Lebenspartner/
gehende Frage wird seit 1996 gestellt (sogenanntes Frage­konzept). Ihre Beantwortung -in mit ledigen Kindern im Haushalt zu-
ist den befragten Personen freigestellt. sammenleben. Unerheblich ist dabei, wer
im juristischen Sinn für die Kinder sorge­
berechtigt ist. Im Vordergrund steht der
aktuelle und alltägliche Lebens- und Haus­
u Tab 2  Entwicklung der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften — in Tausend haltszusammenhang.
Fragekonzept Das Alleinerziehen betrifft zum größ-
Schätzkonzept ten Teil Frauen: Im Jahr 2014 waren
zusammen Männer / Männer Frauen / Frauen
1,5 Millionen Mütter und 180 000 Väter
2004 160 56 30 26
alleinerziehend. Damit war in neun von
2009 177 63 37 27
zehn Fällen (90 %) der alleinerziehende
2012 194 70 39 30 Elternteil die Mutter. Seit 2004 ist der
2013 205 78 42 35 Anteil der alleinerziehenden Väter zudem
2014 223 87 47 39 leicht zurückgegangen, und zwar von
12 % im Jahr 2004 auf 10 % im Jahr 2014.
Bezug Schätzkonzept: Bevölkerung in Privathaushalten am Haupt- und Nebenwohnsitz.
Bezug Fragekonzept: Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. Am häufigsten werden Mütter und
Ergebnisse ab 2011 auf Basis des Zensus 2011, für die Jahre zuvor auf Basis früherer Zählungen.
Ergebnisse des Mikrozensus. Väter mit minderjährigen Kindern infol-
ge einer Scheidung zu Alleinerziehenden:
Im Jahr 2014 waren 53 % dieser Frauen
und 63 % dieser Männer geschieden oder
noch verheiratet, lebten aber bereits ge-
trennt vom Ehepartner beziehungsweise
Vorsicht zu interpretieren. Gleichwohl kön- Sie dürften vor allem auch deshalb eine der Ehepartnerin. Ledig waren 43 % der
nen sie als eine untere Grenze für die Zahl obere Grenze der gleichgeschlechtlichen alleinerziehenden Mütter, verwitwet 4 %.
der gleichgeschlechtlichen Lebensgemein- Lebensgemeinschaften sein, weil in den Von den alleinerziehenden Vätern waren
schaften in Deutschland gelten. u Info 3, Tab 2 geschätzten Werten auch Wohngemein- 27 % ledig. Allerdings waren sie mit 10 %
Eine obere Grenze für die Zahl gleich- schaften von Studierenden ohne partner- mehr als doppelt so häufig verwitwet wie
geschlechtlicher Paare kann im Mikro- schaftlichen Hintergrund enthalten sind. die alleinerziehenden Mütter. u Abb 6
zensus mit einem Schätzverfahren be- Fazit: Auch wenn die Ergebnisse des Ein Drittel (33 %) der alleinerziehen-
stimmt werden. Hierbei werden alle Frage- und des Schätzkonzepts zur Ver- den Väter betreuten Kinder im Alter von
Haushalte, in denen mindestens zwei Per- breitung gleichgeschlechtlicher Paare vor- 15 bis 17 Jahren. Alleinerziehende Mütter
sonen leben, näher betrachtet. In diesen sichtig zu interpretieren sind, zeigt sich versorgten – relativ betrachtet – deutlich
Haushalten müssen (mindestens) zwei nach beiden Konzepten, dass seit 2004 die seltener Kinder dieses Alters (19 %). Sie
nicht verwandte 16-jährige oder ältere Zahl gleichgeschlechtlicher Lebensge- waren häufiger für jüngere Kinder ver-
Personen gleichen Geschlechts leben, die meinschaften gestiegen ist. antwortlich. So lebten bei 32 % der allein-
keine Ehegatten im Haushalt haben bezie- erziehenden Mütter Kinder im Krippen-
hungsweise nicht verheiratet und beide Alleinerziehende oder Vorschulalter von unter sechs Jah-
familienfremd sind. Nach diesem Schätz- Es gibt immer mehr Alleinerziehende in ren. Nur 12 % der alleinerziehenden
konzept gab es im Jahr 2014 in Deutsch- Deutschland. Im Jahr 2014 lebten insge- Väter betreuten Kinder dieser Alters-
land 223 000 gleichgeschlechtliche Lebens- samt 2,7 Millionen Personen als alleiner- gruppe. u Abb 7
gemeinschaften, also fast dreimal so viele ziehende Mütter oder Väter, von denen
gleichgeschlechtliche Lebensgemein- 1,6 Millionen (60 %) minderjährige Alleinstehende
schaften wie nach dem Fragekonzept. ­K inder hatten. Die nachfolgenden Ergeb- Als Alleinstehende werden im Mikrozen-
Auch die Ergebnisse des Schätzkonzepts nisse beziehen sich ausschließlich auf sus ledige, verheiratet getrennt lebende,
sind jedoch eingeschränkt aussagekräftig. diese Gruppe: die alleinerziehenden Müt- geschiedene oder verwitwete Personen

47
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

u Abb 6  Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jahren bezeichnet, die ohne Lebenspartnerin
nach Familienstand 2014 — in Prozent oder Lebenspartner und ohne Kind in
­e inem Privathaushalt wohnen. Diesen
können sie sich jedoch mit anderen (zum
Mütter 43 15 38 4
Beispiel Geschwistern, Freunden, Arbeits-
kollegen) teilen oder dort allein wohnen.
Väter 27 21 42 10 Im Jahr 2014 war mehr als jede fünfte Per-
son (22 %) in Deutschland alleinstehend
ledig verheiratet getrennt lebend geschieden verwitwet
(18,0 Millionen). Seit 2004 ist die Zahl der
Alleinstehenden um 16 % gestiegen.
Etwas mehr als die Hälfte (53 %) der
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.
Alleinstehenden waren 2014 Frauen, ins-
gesamt 9,5 Millionen. Alleinstehende
Männer gab es 8,4 Millionen (47 % der
Alleinstehenden). Seit 2004 ist die Zahl
u Abb 7  Alleinerziehende nach Alter des jüngsten Kindes 2014 — in Prozent alleinstehender Frauen um 8 % gestiegen,
die Zahl alleinstehender Männer jedoch
erhöhte sich um 28 %. Im Jahr 2004 hatte
15 –17 unter 15 –17 unter der Frauenanteil unter den Alleinstehen-
Jahre 6 Jahren Jahre 6 Jahren
den noch bei 57 % gelegen.
19 32 33 12 Unterschiede zwischen alleinstehen-
den Frauen und Männern zeigen sich un-
6 –9 ter anderem beim Familienstand. Im Jahr
Jahre 2014 waren 40 % der alleinstehenden
1,5 Millionen 180 000 19 Frauen verwitwet, 38 % ledig, 18 % ge-
10 –14 Mütter Väter schieden und 4 % verheiratet, aber ge-
Jahre
trennt lebend. Bei den alleinstehenden
28
Männern war die Reihenfolge eine ande-
6–9 10 –14
re: Hier überwogen mit 64 % die Ledigen,
Jahre Jahre gefolgt von den Geschiedenen mit 18 %,
21 35 den Verwitweten mit 10 % und den ver-
heiratet Getrenntlebenden mit 7 %. Im
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. Jahr 2004 waren alleinstehende Frauen
noch deutlich häufiger verwitwet (48 %).
Seitdem gestiegen ist der Anteil der Ledi-
gen und der Geschiedenen an allen allein-
stehenden Frauen. Bei den alleinstehen-
u Abb 8  Alleinstehende nach Familienstand — in Prozent
den Männern gibt es im Zeitverlauf von
Abb 8 Alleinstehende nach Familienstand und Geschlecht - in Prozent
2004 zu 2014 nur geringfügige Verände-
rungen. u Abb 8
38 4 18 40 2014
Von den 18,0 Millionen Alleinstehen-
Frauen den im Jahr 2014 lebten 89 % in einem
34 4 15 48 2004 Einpersonenhaushalt. Rund 5 % teilten
sich den Haushalt mit Verwandten, bei-
64 7 18 10 2014 spielsweise der Schwester oder dem Bruder,
Männer und gegebenenfalls weiteren nicht ver-
61 7 18 13 2004
wandten Personen. Weitere rund 6 %
wohnten in Haushalten mit ausschließ-
ledig verheiratet getrennt lebend geschieden verwitwet
lich nicht verwandten oder verschwäger-
ten Haushaltsmitgliedern, beispielsweise
in einer Wohngemeinschaft von Studie-
Ergebnisse 2014 auf Basis des Zensus 2011, für 2004 auf Basis früherer Zählungen.
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. renden. Damit lebten insgesamt 11 % der
Ergebnisse des Mikrozensus - Bevölkerung in Familien/Lebensformen am Hauptwohnsitz.
Ergebnisse 2013 auf Basis des Zensus 2011, für 2003 auf Basis der Volkszählung 1987.

48
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung  / 2.1  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

Alleinstehenden mit anderen Menschen allein als gleichaltrige Männer. So lag die uAbb 9  Alleinstehende nach
unter einem Dach zusammen. u Abb 9 Quote der Alleinlebenden bei Frauen die- Haushaltsform 2014 — in Prozent
Abb 9 Alleinstehende nach
ser Altersgruppe mit durchschnittlich Haushaltsform 2013 - in Prozent
Alleinlebende 16 % deutlich unter der entsprechenden
Alleinlebende sind Alleinstehende, die in Quote für Männer (25 %). Umgekehrt ist in Mehrpersonen-
einem Einpersonenhaushalt wohnen und es in der Altersgruppe ab 60 Jahren: haushalten mit
Verwandten1
wirtschaften. Sie sind im Durchschnitt Frauen in dieser Altersgruppe lebten we-
5 Alleinlebende
älter als Alleinstehende: So waren 2014 in sentlich häufiger allein als gleichaltrige (Einpersonen-
Deutschland von den Alleinlebenden Männer. Bei älteren Frauen steigt der An- in Mehrpersonen- haushalte)
haushalten nur mit
35 % älter als 65 Jahre, bei den Alleinste- teil der Alleinlebenden mit zunehmen- Familienfremden
89
henden in Mehrpersonenhaushalten be- dem Alter rasch und stark an. Hier wirkt 6
trug dieser Anteil lediglich 22 %. Umge- sich unter anderem die deutlich höhere
kehrt verhielt es sich in der Altersgruppe Lebenserwartung von Frauen aus. Bei
der unter 25-Jährigen: Lediglich 7 % der den Männern sinkt die Alleinlebenden-
Alleinlebenden waren jünger als 25 Jahre, quote bis zum 75. Lebensjahr und nimmt 17,6 Millionen
Alleinstehende
bei den Alleinstehenden in Mehrperso- erst dann wieder zu. u Abb 10
nenhaushalten hingegen waren es 17 %.
Alleinstehende in Mehrpersonen- 2.1.2 Eheschließungen und
haushalten waren zu 61 % ledig und zu Scheidungen
17 % verwitwet, für Alleinlebende betru- Die folgenden Angaben sind der Statistik
gen die entsprechenden Anteile 49 % be- der Eheschließungen und der Statistik 1 Sowie Verschwägerten und gegebenenfalls Nichtverwandten.
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / 
ziehungsweise 27 %. Der Frauenanteil bei der rechtskräftigen Beschlüsse in Eheauf­ Lebensformen am Hauptwohnsitz.

den Alleinstehenden in Mehrpersonen- lösungssachen (Scheidungsstatistik) ent-


haushalten war mit 50 % etwas niedriger nommen. Die Meldung der Eheschließun-
als bei den Alleinlebenden (53 %). gen an die Statistik erfolgt über Angaben 1 Sowie Verschwägerten und
gegebenenfalls Nichtverwandten.
Jüngere Frauen und Frauen mittleren der Standesämter und die der Scheidungs- Ergebnisse des Mikrozensus -
Alters (25 bis 59 Jahre) lebten 2014 seltener fälle durch die Justizgeschäftsstellen der Bevölkerung in Familien/Lebensformen
am Hauptwohnsitz.

u Abb 10  Alleinlebende nach Alter 2014 — in Prozent der Bevölkerung der jeweiligen Altersgruppe

60

40

20

0
unter 25 25 –29 30–34 35–39 40–44 45–49 50–54 55–59 60–64 65–69 70 –74 75 und älter

Männer Frauen im Alter von … bis … Jahren

Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

49
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

Familiengerichte. In Deutschland heirate- und 8 Monate und ledige Frauen genau den. Dies waren 12 300 Scheidungsfälle
ten im Jahr 2014 insgesamt 386 000 Paare. 31 Jahre alt. Bei insgesamt 67 % der Hoch- oder 8 % weniger als noch 2010. In
Damit stieg die Zahl der Eheschließungen zeiten waren beide Personen zuvor ledig. 1 700  Fällen (1 % aller Scheidungen)
gegenüber dem Vorjahr um 3 %. Anfang Bei 13 % der Ehen war es für beide bereits ­waren die Partner weniger als ein Jahr ge-
der 1960er-Jahre lag die Zahl der jähr­ der (mindestens) zweite Versuch: sie wur- trennt. Die Zahl der Scheidungen nach
lichen Eheschließungen noch bei rund den zwischen einem geschiedenen Mann dreijähriger Trennung ist mit 25 300 im
700 000. Sie ist seitdem mit gelegentlichen und einer geschiedenen Frau geschlossen. Vergleich zum Vorjahr leicht gefallen
Schwankungen tendenziell gesunken und Bei 18 % der Eheschließungen war ein (– 3 %). Außer im Jahr 2010 setzt sich die
liegt seit 2001 unter 400 000. Ehepartner ledig und der andere Ehepart- Tendenz der vergangenen Jahre zur län-
Unter den 386 000 standesamtlich ge- ner verwitwet oder geschieden. Zehn Jah- geren Ehedauer vor der Scheidung fort:
schlossenen Ehen des Jahres 2014 waren re früher waren bei 61 % der Hochzeiten 2014 betrug die durchschnittliche Ehe-
bei rund 331 500 Ehen beide Ehepartner die Ehepartner vorher ledig und bei 15 % dauer bei der Scheidung 14 Jahre und
deutscher Nationalität (86 %). Von den zuvor geschieden gewesen. 8 Monate. Vor 20 Jahren (1994) hatte die
Ehen mit ausländischen Partnern schlos- Das Auflösen einer Ehe erfolgt ent­ durchschnittliche Dauer der geschiede-
sen bei 25 400 Ehen (47 %) deutsche Män- weder durch gerichtliche Scheidung, ge- nen Ehen nur genau 12 Jahre betragen.
ner mit einer ausländischen Frau den richtliche Aufhebung oder den Tod des Bei den im Jahr 2014 geschiedenen Ehen
Bund fürs Leben. Bei rund 19 500 dieser ­Ehepartners, wobei der letzte Fall anteils- wurde der Scheidungsantrag meist von
Ehen (36 %) heirateten deutsche Frauen mäßig überwiegt (2014: 68 %) und demo- der Frau gestellt (52 %), der Mann reichte
einen Mann mit ausländischer Staatsan- grafisch bedingt in den letzten Jahren den Antrag nur in 40 % der Fälle ein. In
gehörigkeit. Bei den verbleibenden 9 500 steigt. Im Jahr 2014 belief sich die Zahl der den verbleibenden Fällen beantragten
der geschlossenen Ehen (17 %) besaßen gerichtlichen Scheidungen auf 166 200 beide Ehegatten gemeinsam die Schei-
beide Partner eine ausländische Staatsan- oder 32 % aller Ehelösungen. Damit san- dung (8 %).
gehörigkeit, 6 600 von ihnen (70 %) hat- ken die Ehescheidungen gegenüber dem Unter den 166 200 gerichtlichen Ehe-
ten die gleiche Staatsangehörigkeit. Vorjahr um 2 %. Auf je 1 000 Einwohner scheidungen im Jahr 2014 besaßen in
Mit der Eheschließung warten junge kommen 2014 damit 2,1 Ehescheidungen. 140 500 Fällen (85 %) beide Ehepartner
Menschen immer länger: Seit Mitte der Nach den derzeitigen Scheidungsverhält- die deutsche Staatsangehörigkeit, bei
1970er-Jahre ist in Deutschland das nissen werden etwa 35 % aller in einem 25 700 Scheidungen (15,5 %) war ein aus-
durchschnittliche Heiratsalter Lediger Jahr geschlossenen Ehen im Laufe der ländischer Ehepartner beteiligt. Bei
kontinuierlich gestiegen. Betrug 1975 das nächsten 25 Jahre wieder geschieden, also Scheidungen mit ausländischen Partnern
durchschnittliche Heiratsalter bei ledigen mehr als jede dritte Ehe. u Tab 3 ließen sich 10 000 deutsche Frauen (39 %)
Männern noch 24 Jahre und 11 Monate Bei der Mehrzahl aller Ehescheidun- von einem ausländischen Mann und
und bei ledigen Frauen 22 Jahre und gen sind die Ehepartner bereits ein Jahr 9 000 deutsche Männer (35 %) von einer
6 Monate, waren 2014 ledige Männer bei getrennt: 138 800 Ehen (84 %) wurden ausländischen Frau scheiden. In den rest-
der Hochzeit im Durchschnitt 33 Jahre 2014 nach dieser Trennungszeit geschie- lichen 6 700 Fällen (26 %) hatten beide
Ehepartner eine ausländische Staatsange-
hörigkeit, darunter 4 000 die gleiche.
Von einer Scheidung sind häufig ne-
u Tab 3  Eheschließungen und Scheidungen
ben den Ehepartnern auch deren gemein-
Eheschließungen Scheidungen same minderjährigen Kinder betroffen.
insgesamt je 1 000 insgesamt je 1 000 Etwa die Hälfte der 166 200 geschiedenen
in 1 000 Einwohner in 1 000 Einwohner
Ehepaare im Jahr 2014 hatte Kinder unter
1950 750 11,0 135 2,0 18 Jahren. Insgesamt erlebten rund
1960 689 9,5 73 1,0
134 800 minderjährige Kinder die Schei-
1970 575 7,4 104 1,3
dung ihrer Eltern. Das waren 0,9 % weni-
1980 497 6,3 141 1,8
ger als im Vorjahr und 0,4 % weniger als
1990 516 6,5 155 2,0
zehn Jahre zuvor. Damit verringerte sich
2000 419 5,1 194 2,4
absolut gesehen die Gesamtzahl der be-
2005 388 4,7 202 2,5
troffenen Kinder seit einem Hochstand
2010 382 4,7 187 2,3
im Jahr 2003 von 170 300 auf 134 800
2013 374 4,6 170 2,1
im Jahr 2014. Allerdings waren je 1 000
2014 386 4,8 166 2,1
Scheidungen 2003 nur 796 Kinder, 2014
Berechnungen je 1 000 Einwohner ab dem Jahr 2013 auf Basis des Zensus 2011. dagegen 811 Kinder beteiligt.

50
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­   Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

betreuung  / 2.1

Bei fast allen Scheidungen (96 %) im mals der Migrationsstatus im Mikrozen- der einzelnen Familienformen. Während
Jahr 2013, bei denen gemeinschaftliche sus abgefragt – hat sich die Zahl der Fami- die Zahl traditioneller Familien (Ehe­
minderjährige Kinder betroffen waren, lien mit Migrationshintergrund um paare mit Kindern) kontinuierlich gesun-
blieb das Sorgerecht bei beiden Eltern­ 68 000 beziehungsweise 3 % erhöht. Die ken ist, stieg die Zahl alternativer Familien-
teilen (63 400 Verfahren), da weder Vater Zahl der Familien ohne Migrationshinter- formen (Alleinerziehende und Lebensge-
noch Mutter einen Antrag auf das allei­ grund war hingegen rückläufig, und zwar meinschaften mit Kindern). Gab es 2004
nige Sorgerecht gestellt hatten. In von 6,5 Millionen im Jahr 2005 auf noch 6,7  Millionen Ehepaare mit min-
2 800 Verfahren wurde hingegen das Sor- 5,6 Millionen im Jahr 2014 (– 14 %). u Info 4 derjährigen Kindern, so waren es zehn
gerecht vom Familiengericht übertragen, Jahre später nur noch 5,6  Millionen
darunter in fast drei Viertel der Verfah- Familienformen (– 17 %). Umgekehrt hat sich die Zahl der
ren (2 100) auf die Mutter. Hinter den rückläufigen Familienzahlen Lebensgemeinschaften mit minderjähri-
Das durchschnittliche Alter Geschie- stehen unterschiedliche Entwicklungen gen Kindern von 684 000 im Jahr 2004
dener steigt kontinuierlich: Während
2014 Männer im Schnitt 45 Jahre, 11 Mo-
nate und Frauen 42 Jahre, 11 Monate alt
waren, betrug das Alter 2004 bei den
Männern genau 42 Jahre und bei den
Frauen 39  Jahre und 4  Monate. Im u Info 4

Jahr 1994 lag das durchschnittliche Alter Familien mit Migrationshintergrund


bei den Männern sogar nur bei 39 Jahren Zu den Familien mit Migrationshintergrund zählen alle in einem Haushalt zusammen­
und 4  Monaten und bei Frauen nur bei lebenden Eltern-Kind-Gemeinschaften, bei denen mindestens ein Elternteil eine
­aus­ländische Staatsangehörigkeit besitzt oder die deutsche Staatsangehörigkeit durch
36 Jahren und 6 Monaten. Einbürgerung oder – wie im Fall der Spätaussiedler – durch einbürgerungsgleiche
­Maßnahmen erhalten hat.
2.1.3 Familien und ihre Strukturen
Als Familie werden im Mikrozensus alle
Eltern-Kind-Gemeinschaften definiert. Im u Abb 11  Familien mit Kind(ern) unter 18 Jahren nach Familienform — in Prozent
Einzelnen sind das Ehepaare, Lebens­
gemeinschaften sowie alleinerziehende
Mütter oder Väter mit ledigen Kindern im
2014 69 10 20
Haushalt. In diesem Abschnitt liegt der
Schwerpunkt auf Familien mit minderjäh- 2004 75 8 18
rigen Kindern. Das bedeutet, dass mindes-
tens ein minderjähriges Kind im elter­
Ehepaare Lebensgemeinschaften Alleinerziehende
lichen Haushalt aufwächst, gegebenenfalls
gemeinsam mit minder- oder volljährigen
Ergebnisse 2014 auf Basis des Zensus 2011, für 2004 auf Basis früherer Zählungen.
Geschwistern. Dabei ist es unerheblich, ob Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

es sich um leibliche Kinder, Stief-, Pflege-


oder Adoptivkinder handelt.
Im Jahr 2014 gab es in Deutschland
knapp 8,1 Millionen Familien mit min- u Abb 12  Familien mit Kind(ern) unter 18 Jahren nach Familienform
derjährigen Kindern; 2004 waren es noch und Migrationsstatus 2014 — in Prozent
9,0  Millionen Familien gewesen. Inner-
halb von zehn Jahren ist die Zahl der Fa-
milien um rund 1,0 Millionen gesunken. mit Migrations-
78 7 15
hintergrund
Das entspricht einem Rückgang von 10 %.
ohne Migrations-
Bei einigen Familien in Deutschland hintergrund
66 12 23
besitzt mindestens ein Elternteil einen
Migrationshintergrund: Im Jahr 2014 Ehepaare Lebensgemeinschaften Alleinerziehende
­w aren das 2,5 Millionen Familien. Das
entspricht einem Anteil von 30 % an allen
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.
Familien mit Kindern unter 18 Jahren.
Im Vergleich zu 2005 – hier wurde erst-

51
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

auf 883 000 im Jahr 2014 erhöht (+ 22 %). nelle Familienform der Ehepaare mit Drei und mehr minderjährige Kinder
Die Zahl der Alleinerziehenden stieg in Kindern – relativ gesehen – mit 78 % wuchsen in 11 % der Familien auf. u Abb 13
diesem Zeitraum ebenfalls – wenn auch deutlich weiter verbreitet als unter den In den vergangenen zehn Jahren hat
nicht kontinuierlich – um 66 000 auf gut Familien ohne Migrationshintergrund sich die Verteilung der Familien nach der
1,6 Millionen (+ 4 %). Die wachsende Be- (66 %). Nur 15 % der Familien mit Migra- Zahl der Kinder nur geringfügig verän-
deutung alternativer Familienformen tionshintergrund waren alleinerziehende dert. Dennoch ist im Vergleich zu 2004
führte zu einer Verschiebung der Famili- Mütter oder Väter (ohne Migrations­ sowohl die Zahl der Familien mit min-
enstrukturen, bei der allerdings nach wie hintergrund: 23 %). Weitere 7 % waren derjährigen Kindern als auch die Anzahl
vor die Ehepaare mit Kindern deutlich Lebensgemeinschaften mit minderjähri- der in diesen Familien lebenden minder-
überwiegen. Im Jahr 2014 waren sieben gen Kindern (ohne Migrationshinter- jährigen Kinder gesunken. Diese Ent-
von zehn Familien (69 %) Ehepaare (2004: grund: 12 %). u Abb 12 wicklung lässt sich folgendermaßen zu-
75 %). Alleinerziehende Mütter oder Väter sammenfassen: Rein rechnerisch zogen
machten 20 % aller Familien aus (2004: Familiengröße die Familien 2004 durchschnittlich
18 %). Weitere 10 % aller Familien waren Etwas mehr als die Hälfte (53 %) der knapp 1,63 minderjährige Kinder groß. Im Jahr
Lebensgemeinschaf ten mit Kindern 8,1 Millionen Familien betreute 2014 ein 2014 waren es mit 1,61  minderjährigen
(2004: 8 %). u Abb 11 minderjähriges Kind (und gegebenenfalls Kindern etwas weniger.
Unter den Familien mit Migrations- weitere volljährige Kinder). Zwei minder- Deutliche Unterschiede hinsichtlich
hintergrund war 2014 die eher traditio- jährige Kinder lebten in 36 % der Familien. der Kinderzahl zeigen sich zwischen Fa-
milien mit und ohne Migrationshinter-
grund. Bei Familien mit Migrationshin-
tergrund leben häufiger drei und mehr
minderjährige Kinder im Haushalt. Im
Jahr 2014 war das in 15 % der Familien
mit Migrationshintergrund der Fall. Die-
u Abb 13  Familien nach Zahl der Kinder unter 18 Jahren — in Prozent
ser Anteil betrug bei den Familien ohne
Migrationshintergrund nur 9 %. Demge-
genüber war der Anteil der Familien, die
2014 53 36 11 nur ein im Haushalt lebendes minderjäh-
riges Kind versorgten, bei den Familien
2004 52 37 12
mit Migrationshintergrund geringer
(48 %) als bei den Familien ohne Migra­
mit einem minderjährigen Kind
tionshintergrund (55 %). u Abb 14
mit zwei minderjährigen Kindern
mit drei und mehr minderjährigen Kindern
Monatliches
Familiennettoeinkommen
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.
Nach den Ergebnissen des Mikrozensus
hatten 2014 in Deutschland 9 % aller
­Familien ein monatliches Familiennetto-
einkommen von weniger als 1 300 Euro.
u Abb 14  Familien nach Zahl der Kinder unter 18 Jahren Rund 32 % der Familien verfüg ten
und Migrationsstatus 2014 — in Prozent monat­lich über 1 300 bis unter 2 600 Euro,
40 % über 2 600 bis unter 4 500 Euro und
19 % über 4 500 Euro und mehr. Bei den
mit Migrations-
48 37 15
Familien mit Migrationshintergrund
hintergrund
­lagen die Anteile der Familien in den
ohne Migrations-
hintergrund
55 36 9 b eiden unteren Einkommensstufen
­
­(unter 1 300 Euro: 10 %; 1 300 bis unter
mit einem minderjährigen Kind 2 600  Euro: 42 %) höher als bei den
mit zwei minderjährigen Kindern ­Familien ohne Migrationshintergrund
mit drei und mehr minderjährigen Kindern (9 % beziehungsweise 27 %). Umgekehrt
waren dort die Anteile der Familien in
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. den beiden oberen Einkommensklassen

52
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung  / 2.1  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

(2 60 0  bis unter 4 50 0  Euro: 41 %; u Tab 4  Familien mit Kind(ern) unter 18 Jahren

4 500 Euro und mehr: 23 %) höher als bei nach monatlichem Nettoeinkommen und Migrationsstatus 2014
den Familien mit Migrationshintergrund Ohne Migrations- Mit Migrations-
Insgesamt
(36 % beziehungsweise 12 %). u Tab 4 hintergrund hintergrund

Ehepaare sowie Lebensgemeinschaf- in 1 000


ten mit minderjährigen Kindern hatten Insgesamt 8 061 5 608 2 453
2014 in Deutschland mehrheitlich (Ehe- Monatliches Netto­e inkommen der
Familie von ... bis unter ... Euro
paare 72 %, Lebensgemeinschaften 81 %)
mit Angabe 7 833 5 450 2 382
ein monatliches Familiennettoeinkom-
 unter 1 300 719 483 237
men zwischen 1 300 und 4 500 Euro. Bei
 1 300 – 2 600 2 481 1 492 988
den Alleinerziehenden zeigt sich ein ande-
 2 600 – 4 500 3 110 2 244 866
res Bild: Vier von zehn Alleinerziehenden  4 500 und mehr 1 523 1 231 292
(36 %) lebten von einem monatlichen Sonstige ¹ 228 158 70
F amiliennettoeinkommen von unter
­ in %
1 300 Euro. Während nur 21 % der allein- mit Angabe 100 100 100
erziehenden Väter mit Kindern unter  unter 1 300 9,2 8,9 9,9
18 Jahren ein monatliches Familiennetto-  1 300 – 2 600 31,7 27,4 41,5
einkommen von weniger als 1 300  Euro  2 600 – 4 500 39,7 41,2 36,4
hatten, mussten 37 % der alleinerziehen-  4 500 und mehr 19,4 22,6 12,3

den Mütter mit einem Monatseinkommen Abweichungen in den Summen ergeben sich durch Runden der Zahlen.
1 »Sonstige« sind Familien, in denen mindestens eine Person in ihrer Haupttätigkeit selbstständige Landwirtin/
in dieser Höhe zurechtkommen. u Abb 15 selbstständiger Landwirt ist sowie Familien ohne Angabe oder ohne Einkommen.
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

2.1.4 Lebenssituation von Kindern


u Abb 15  Familien mit Kind(ern) unter 18 Jahren nach monatlichem Nettoeinkommen
Im Jahr 2014 lebten 18,6 Millionen min-
und Familienform 2014 — in Prozent
der- und volljährige Kinder in den priva-
ten Haushalten Deutschlands. Sieben von
zehn Kindern (13,0 Millionen bezie-
Ehepaare 2 25 47 25
hungsweise 70 %) waren minderjährig.
Vor zehn Jahren war die Zahl der Kinder Lebens-
5 37 44 14
noch deutlich höher: Damals gab es gemeinschaften

20,7 Millionen minder- und volljährige alleinerziehende


37 52 10 1
Mütter
Kinder, davon 14,7 Millionen beziehungs-
weise 71 % Minderjährige. alleinerziehende
21 50 23 6
Väter
Zu den Kindern gehören im Mikro-
zensus alle ledigen Personen, die ohne
monatliches Nettoeinkommen der Familie von ... bis unter ... Euro
Lebenspartner/-in und ohne »eigenes
unter 1 300 1 300 – 2 600 2 600 – 4 500 4 500 und mehr
Kind« mit mindestens einem Elternteil in
einem Haushalt zusammenleben. Neben
Familien mit Angabe zum monatlichen Nettoeinkommen.
leiblichen Kindern zählen auch Stief-, Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

Adoptiv- und Pf legekinder dazu. Eine


a llgemeine Altersbegrenzung für die
­
Zählung als Kind besteht nicht. Da die Le-
benssituation von Kindern unter 18 Jah-
ren aus familien- und sozialpolitischer
Sicht besonders interessant ist, werden henden Elternteil auf und 9 % lebten mit Geschwisterzahl
hier vorrangig Daten zu minderjährigen Eltern in einer Lebensgemeinschaft. Vor Die meisten minderjährigen Kinder le-
Kindern untersucht. zehn Jahren wuchsen noch mehr minder- ben mit mindestens einem minder- oder
Knapp drei Viertel (73 %) der insge- jährige Kinder bei verheirateten Eltern volljährigen Geschwisterkind gemeinsam
samt 13,0 Millionen minderjährigen Kin- auf (78 %). Rund 15 % der Minderjähri- in einem Haushalt. Da sich der Mikrozen-
der wurden 2014 bei verheirateten Eltern gen lebten damals bei Alleinerziehenden sus bei der Befragung auf die aktuellen
groß. Rund 18 % der minderjährigen und 7 % bei Eltern in Lebensgemein- Verhältnisse im Haushalt konzentriert,
Kinder wuchsen bei einem alleinerzie- schaften. u Abb 16 bleiben Geschwister, die bereits ausgezo-

53
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

u Abb 16  Minderjährige Kinder nach Familienform — in Prozent gen sind, außer Acht. Fast die Hälfte der
minderjährigen Kinder (47 %) wuchs 2014
gemeinsam mit einer minder- oder voll-
jährigen Schwester beziehungsweise
2014 73 9 18 ­e inem Bruder heran. Gut ein Viertel
(26 %) hatte mindestens zwei Geschwister
2004 78 7 15
und ein weiteres Viertel (26 %) lebte 2014
ohne weitere Geschwister im Haushalt.
bei Ehepaaren bei Lebensgemeinschaften bei Alleinerziehenden
Mit Geschwistern im Haushalt wach-
sen minderjährige Kinder vor allem dann
Ergebnisse 2014 auf Basis des Zensus 2011, für 2004 auf Basis der Volkszählung 1987. auf, wenn sie bei ihren verheiratet zu-
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.
sammenlebenden Eltern leben. Vier von
fünf minderjährigen Kindern bei Ehe-
paaren (80 %) hatten 2014 minder- oder
volljährige Geschwister. Demgegenüber
u Abb 17  Minderjährige Kinder mit und ohne Geschwister nach Familienform wurden nur 58 % der minderjährigen
und Zahl der Geschwister 2014 — in Prozent Kinder bei alleinerziehenden Elternteilen
mit Geschwistern groß. Der entsprechen-
de Anteil bei Lebensgemeinschaften lag
nur geringfügig darunter (56 %). u Abb 17
bei Ehepaaren 50 30 20

Altersstruktur der Kinder


bei Lebens-
39 17 44 Rund 32 % der minderjährigen Kinder in
gemeinschaften

bei Allein-
Deutschland waren 2014 im Vorschul­
39 19 42
erziehenden alter, 50 % der Minderjährigen waren im
Alter von 6 bis 14 Jahren und 18 % bereits
mit einem Geschwisterkind 15 Jahre oder älter.
mit zwei und mehr Geschwistern
Die Hälfte (50 %) der minderjährigen
ohne Geschwister
Kinder in Lebensgemeinschaften war im
Vorschulalter. Bei den Alleinerziehenden
Geschwister ohne Altersbegrenzung.
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. überwogen die 6- bis 14-Jährigen mit
­einem Anteil von 53 %. Lediglich 24 % der
minderjährigen Kinder, die von Alleiner-
ziehenden betreut wurden, waren noch
im Vorschulalter. Dies dürfte damit zu-
u Abb 18  Minderjährige Kinder nach Altersgruppen und
sammenhängen, dass das Alleinerziehen
Familienform 2014 — in Prozent
in erster Linie eine ungeplante Lebens-
form ist, die durch Trennung, Scheidung
oder Verlust des Partners beziehungs­
bei Ehepaaren 31 50 18
weise der Partnerin »mitten« in der Fami-
lienphase eintritt. u Abb 18
bei Lebens-
50 39 11
gemeinschaften
Auszug der Kinder aus dem
bei Allein- 24 53 23 Elternhaus
erziehenden
Die eigenen vier Wände sind der große
unter 6 Jahren Traum vieler Jugendlicher. Dem gegenüber
6 –14 Jahre steht das sogenannte »Hotel Mama«, also
15 –17 Jahre der Verbleib der jungen Erwachsenen im
Elternhaus. Im Jahr 2014 wohnten von den
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. 25-Jährigen noch 28 % im Haushalt der
E ltern. Junge Frauen ver­
­ l assen den
­elterlichen Haushalt dabei früher als ihre

54
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­   Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

männlichen Altersgenossen. Mit 25 Jah- uAbb 19  Kinder im elterlichen Haushalt nach Alter 2014
ren wohnte nur noch jede fünfte junge — in Prozent der Bevölkerung des jeweiligen Alters
Frau (20 %) als lediges Kind bei den Eltern.
Mit 30 Jahren waren es noch 5 % und mit
100
40 Jahren nur noch 1 % der Frauen. u Abb 19
Bei den jungen Männern verzögert
sich das durchschnittliche Auszugsalter. 80

Mit 25 Jahren nahmen 2014 noch 36 % der


männlichen Bevölkerung die Vorzüge des 60
»Hotels Mama« in Anspruch. Mit 30 Jah-
ren gehörten noch 12 % und mit 40 Jahren 40
noch 4 % der Männer als lediges Kind
dem Haushalt der Eltern an. Langfristig
20
gesehen verlassen Kinder heute später das
Elternhaus. Lebten 1972 zwei von zehn
(20 %) der 25-Jährigen im früheren Bun- 0
desgebiet und Berlin-West noch bei den unter 16 18 20 22 24 26 28 30 32 34 36 38 40 42 45 und
15 älter
Eltern, waren es 2014 deutlich mehr, näm-
männlich weiblich
lich drei von zehn (30 % für das frühere
Bundesgebiet ohne Berlin).
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

2.1.5 Vereinbarkeit von Familie


und Beruf
Arbeit und Karriere auf der einen, Famili-
enleben und Kinderbetreuung auf der an-
deren Seite: Beides miteinander zu verbin-
den, stellt für viele Eltern eine besondere
Herausforderung dar. Nach wie vor sind es
vor allem Frauen, die durch eine vermin- deutlich. Fast ein Drittel (32 %) der Mütter, Mütter in Westdeutschland. Sie schränken
derte Beteiligung am Erwerbsleben ver­ deren jüngstes Kind im Krippenalter von ihre Erwerbsbeteiligung auch mit jünge-
suchen, beiden Seiten gerecht zu werden. unter drei Jahren war, war berufstätig. Er- ren Kindern nicht so stark ein wie west-
Im Jahr 2014 gab es in Deutschland reichte das jüngste Kind das Kleinkind­ deutsche Mütter. So waren 2014 rund 39 %
6,7 Millionen Mütter und 5,6 Millionen alter von drei bis fünf Jahren, gingen be- der ostdeutschen Mütter mit einem Kind
Väter im erwerbsfähigen Alter (von 15 bis reits fast doppelt so viele (63 %) einer unter drei Jahren berufstätig, bei den
64  Jahren), die mit mindestens einem ­E rwerbstätigkeit nach. Die höchste Er- westdeutschen Müttern lag dieser Wert bei
leiblichen Kind oder einem Stief-, Pflege- werbstätigenquote von 72 % wurde bei 30 %. Die Unterschiede in der Erwerbsbe-
oder Adoptivkind unter 15 Jahren in Müttern mit 10- bis 14-jährigen Kindern teiligung von ost- und westdeutschen
­einem gemeinsamen Haushalt lebten. erreicht. Bei den Vätern ist die Beteiligung Müttern sind im Wesentlichen auf die un-
Kinder, die jünger als 15 Jahre sind, be- am Erwerbsleben weitgehend unabhängig terschiedliche Betreuungssituation in Ost-
dürfen in höherem Maß einer Betreuung vom Heranwachsen der Kinder. Sie lag und Westdeutschland zurückzuführen
als ältere Kinder. Dementsprechend wer- 2014 – je nach Alter des jüngsten Kindes – (siehe Abschnitt 2.1.6, Tab 5). u Abb 21
den in diesem Abschnitt nur Mütter und zwischen 82 % und 85 %. Mit der Famili- Die Ausübung einer beruflichen Tätig-
Väter mit mindestens einem Kind unter engründung gibt somit ein beträchtlicher keit ist nicht nur für die finanzielle Situa-
15 Jahren betrachtet. Teil der in Deutschland lebenden Mütter tion der Familie von großer Bedeutung.
Rund 58 % dieser Mütter und 84 % die- ihren Beruf vorübergehend auf und kehrt Sie bestimmt auch den zeitlichen Rah-
ser Väter waren 2014 aktiv erwerbstätig, erst mit zunehmendem Alter der Kinder men, der für das Familienleben zur Ver-
das heißt sie haben in der Berichtswoche – wieder in das Erwerbsleben zurück. u Abb 20 fügung steht. Bei der Erwerbsbeteiligung
das ist die Woche vor der Befragung – ge- Dieser Trend lässt sich sowohl für zeigen sich zunächst keine großen Unter-
arbeitet und waren nicht beurlaubt oder Mütter in Westdeutschland als auch für schiede zwischen alleinerziehenden
in Elternzeit. In Abhängigkeit vom Alter Mütter in Ostdeutschland feststellen. ­Müttern und Müttern in Paarfamilien.
des jüngsten Kindes verändert sich die Er- ­A llerdings sind Mütter in Ostdeutschland Alleinerziehende Mütter und Ehefrauen
werbstätigenquote insbesondere der Mütter tendenziell etwas häufiger erwerbstätig als mit Kindern unter 15 Jahren gingen 2014

55
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

u Abb 20  Erwerbstätigenquoten von Müttern und Vätern nach Alter jeweils zu 58 % aktiv einer Erwerbstätig-
des jüngsten Kindes 2014 — in Prozent keit nach. Lebenspartnerinnen mit Kin-
dern unter 15 Jahren waren mit 57 % fast
Mütter Väter genauso häufig berufstätig. Deutliche
Unterschiede zeigen sich hingegen beim
32 unter 3 82 Umfang der ausgeübten Tätigkeit. Ehe-
frauen waren von allen Müttern am
63 3–5 85
­s eltensten vollzeitberufstätig. Nur 24 %
68 6–9 85 der Ehefrauen übten ihre Erwerbstätig-
keit in Vollzeit aus. Deutlich höher waren
72 10 –14 85 die Vollzeitquoten der alleinerziehenden
Mütter (39 %) und der Lebenspartnerin-
Alter des jüngsten nen (40 %). Bei der Ausübung einer Teil-
Kindes von … bis … Jahren
zeitbeschäftigung ist das entsprechend
umgekehrt. u Abb 22
Elternteile im erwerbsfähigen Alter (ohne vorübergehend Beurlaubte).
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. Väter sind nicht nur häufiger erwerbs-
tätig, sie üben ihre berufliche Tätigkeit
auch öfter in Vollzeit aus als Mütter. Den-
noch gibt es auch hier Unterschiede je
u Abb 21  Erwerbstätigenquoten von Müttern in Ost- und Westdeutschland nach Familienform: Ehemänner waren mit
nach Alter des jüngsten Kindes 2014 — in Prozent Abstand am häufigsten erwerbstätig (85 %).
Von den Lebenspartnern übten 80 % eine
berufliche Tätigkeit aus. Mit 70 % waren
Früheres Bundesgebiet Neue Länder und Berlin
alleinerziehende Väter am seltensten von
allen Vätern mit Kindern unter 15 Jahren
30 unter 3 39
berufstätig. Die Reihenfolge ist unverän-
61 3–5 68 dert, vergleicht man die Vollzeitquoten der
Väter: 95 % der erwerbstätigen Ehemänner
67 6–9 71
waren vollzeittätig, 92 % der Lebenspartner
72 75
und 86 % der alleinerziehenden Väter.
10 –14
Für Mütter und Väter, die als Paar zu-
sammenleben, stellt sich nicht nur die
Alter des jüngsten
Kindes von … bis … Jahren Frage, wie beide Elternteile für sich be-
trachtet Familie und Beruf vereinbaren.
Mütter im erwerbsfähigen Alter (ohne vorübergehend Beurlaubte).
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. Von hohem Interesse ist bei Paaren mit
Kind(ern) zudem das Zusammenspiel der
Partner bei der Balance von Familie und
Beruf. Die dargestellten Ergebnisse kon-
u Abb 22  Vollzeitquoten von Müttern und Vätern nach Familienform 2014 — in Prozent zentrieren sich dabei auf Ehepaare und
nichteheliche Lebensgemeinschaften.
Insbesondere der Zeitumfang der Er-
95 werbsbeteiligung unterscheidet sich deut-
Ehepaare
24 lich. Bei fast drei Vierteln (74 %) der Ehe-
paare mit Kindern unter 15 Jahren war
Lebens- 92
gemeinschaften 40 der Vater vollzeit- und die Mutter teilzeit­
erwerbstätig. Auch über die Hälfte der
Allein- 86 Paare, die in nichtehelicher Lebensge-
erziehende 39
meinschaft lebten, wählten diese »traditi-
onelle« Arbeitszeitkombination (55 %). Bei
Väter Mütter
21 % der Ehepaare gingen beide Eltern­
teile einer Vollzeittätigkeit nach, bei den
Elternteile im erwerbsfähigen Alter (ohne vorübergehend Beurlaubte) und jüngstem Kind unter 15 Jahren.
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz. Lebensgemeinschaften lag dieser Anteil

56
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung  / 2.1  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

mit 38 % fast doppelt so hoch. Andere u Abb 23  Paarfamilien nach Vollzeit- / Teilzeittätigkeit der Partner 2014 — in Prozent
mögliche Arbeitszeitaufteilungen spielten
eine eher untergeordnete Rolle. u Abb 23
Wie vereinbaren Paarfamilien mit Ehepaare 21 74 23
Migrationshintergrund im Vergleich zu
nichteheliche
Paarfamilien ohne Migrationshinter- Lebens- 38 55 2 5
grund Familie und Beruf? Unterschiede gemeinschaften

zeigen sich hier weniger im Umfang der


Mutter und Vater vollzeittätig
Erwerbsbeteiligung, sondern vielmehr bei
Mutter teilzeittätig, Vater vollzeittätig
der Ausübung einer beruflichen Tätigkeit. Mutter vollzeittätig, Vater teilzeittätig
Während bei 59 % der Paarfamilien ohne Mutter und Vater teilzeittätig
Migrationshintergrund Mutter und Vater
2014 aktiv erwerbstätig waren, traf das auf Paare mit zwei aktiv erwerbstätigen Partnern im erwerbsfähigen Alter (ohne vorübergehend Beurlaubte)
und jüngstem Kind unter 15 Jahren.
vergleichsweise nur 41 % der Paare mit Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.

Migrationshintergrund zu. Bei ihnen war


die eher »traditionelle« Rollenverteilung –
ausschließlich der Vater geht einer berufli-
chen Tätigkeit nach – mit 39 % deutlich u Abb 24  Paarfamilien nach Migrationsstatus und
häufiger verbreitet als bei den Paarfami­ Erwerbsbeteiligung der Partner 2014 — in Prozent
lien ohne Migrationshintergrund (27 %).
Ebenfalls höher war bei den Paaren mit
Migrationshintergrund der Anteil derjeni- ohne Migrations-
59 27 5 9
hintergrund
gen Paare, bei denen sich weder Mutter
noch Vater am Erwerbsleben beteiligten mit Migrations-
41 39 5 15
hintergrund
(15 % gegenüber 9 % bei den Paaren ohne
Migrationshintergrund). u Abb 24
Mutter und Vater aktiv erwerbstätig
nur Vater aktiv erwerbstätig
2.1.6 Kindertagesbetreuung: nur Mutter aktiv erwerbstätig
Betreuungsangebot und weder Mutter noch Vater aktiv erwerbstätig
Inanspruchnahme
Der Ausbau der Kindertagesbetreuung
Ehepaare und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit zwei Partnern im erwerbsfähigen Alter
steht derzeit im Mittelpunkt der öffent­ (ohne vorübergehend Beurlaubte) und jüngstem Kind unter 15 Jahren.
Ergebnisse des Mikrozensus – Bevölkerung in Familien / Lebensformen am Hauptwohnsitz.
lichen Diskussion. Neben anderen famili-
enpolitischen Leistungen (unter anderem
Elterngeld, Kindergeld) gilt der Ausbau der
Infrastruktur in der Kindertagesbetreuung
als eine wichtige Voraussetzung, um Paare
bei dem Entschluss, Kinder zu bekommen,
zu unterstützen. Zusätzlich zu dem damit
verbundenen Ziel, die Geburtenrate in Auf dem sogenannten »Krippengipfel« bedarf von rund 780 000 Plätzen, was einer
Deutschland zu erhöhen, können wichtige von Bund, Ländern und Kommunen im Betreuungsquote von gut 39 % entspricht.
arbeitsmarktpolitische Anforderungen er- Jahr 2007 wurde vereinbart, bis zum Jahr Da der Bedarf regional unterschiedlich
reicht werden. Es gilt, gut ausgebildeten 2013 bundesweit für 35 % der Kinder un- hoch ist, kommt es in einzelnen Regio-
und qualifizierten Müttern – und Vätern – ter drei Jahren ein Angebot zur Betreu- nen zu deutlichen Abweichungen nach
bessere Chancen als bislang auf dem ung in einer Kindertageseinrichtung oder oben oder auch nach unten.
­Arbeitsmarkt zu ermöglichen. durch eine Tagesmutter beziehungsweise Neben dem Ziel, bundesweit für nun
Eine qualitativ hochwertige Kinder­ einen Tagesvater (sogenannte Tagespflege) 39 % der Kinder unter drei Jahren ein
tagesbetreuung umfasst auch die Aspekte zu schaffen. Die damalige ­Planungsgröße ­B etreuungsangebot zur Verfügung zu
Erziehung und Bildung. Außerdem ver- lag bei 750 000 Plätzen. Elternbefragun- stellen, gibt es seit dem 1. August 2013
mittelt Kindertagesbetreuung Kindern gen des Deutschen Jugendinstituts (DJI) zudem einen Rechtsanspruch auf einen
wichtige Sozialisationserfahrungen auch aus den Jahren 2011 und 2012 ergaben Betreuungsplatz für Kinder ab Vollendung
außerhalb ihrer Familien. ­jedoch einen etwas höheren Betreuungs- des ersten Lebensjahres.

57
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.1 /  Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung

Von den rund 2,7 Millionen Kindern die Betreuungsquote um 6 Prozentpunk- Bei Kindern im Alter unter drei Jah-
unter sechs Jahren in Tagesbetreuung te auf aktuell 95 % an. Gleichzeitig ging ren sind Ganztagsbetreuungsplätze nach
wurden zum Stichtag 1. März 2015 in bundesweit die Zahl aller Kinder in die- wie vor wenig verbreitet. So wurde im
der Altersgruppe der unter 3-Jährigen ser Altersgruppe um knapp 96 000 Kin- März 2015 im bundesweiten Durchschnitt
bundesweit gut 693 000 Kinder in einer der zurück. Anders als bei den unter nur etwa jedes sechste Kind (18 %) unter
­K indertageseinrichtung oder durch eine 3-Jährigen spielt die Kindertagespflege in drei Jahren (381 000) ganztags betreut.
Tagespflegeperson betreut. Dies entspricht dieser Altersgruppe kaum eine Rolle. Das waren jedoch mehr als doppelt so vie-
einem Anteil von 33 % an allen Kindern le wie 2007 – da lag der Anteil bei 7 %.
in dieser Altersgruppe (Betreuungsquote). Ganztagsbetreuung Auch hier unterscheiden sich die Quo-
Die Betreuungsquote bezeichnet den Neben dem generellen Angebot an Kinder­ ten zwischen Ost- und Westdeutschland:
­A nteil der betreuten Kinder an allen betreuungsplätzen ist die Möglichkeit, Während in Westdeutschland die Ganz-
­K indern dieser Altersgruppe. Die bei der Kinder auch ganztags betreuen zu lassen, tagsbetreuungsquote bei 13 % aller Kinder
Quotenberechnung verwendeten Bevölke- ein wichtiger Beitrag für die Vereinbar- unter drei Jahren lag, war in Ostdeutsch-
rungszahlen beruhen auf Ergebnissen der keit von Familie und Beruf. Ganztags­ land mehr als jedes dritte Kind (40 %) in
Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des betreuung bedeutet, dass Kinder durch- dieser Altersgruppe in Ganztagsbetreu-
Zensus 2011 zum 31. Dezember 2014. Im gehend mehr als sieben Stunden pro Tag ung. Die Ganztagsbetreuungsquote im
März 2007 lag die Betreuungsquote bei in einer Tageseinrichtung oder bei einer Osten war damit mehr als ­d reimal so
den unter 3-Jährigen noch bei 15 %. Regio­ Tagespflege verbringen können. hoch wie im Westen Deutschlands.
nal gibt es g­ roße Unterschiede hinsicht-
lich der Betreuungsquote. Bei den nach-
folgenden Ausführungen zu Ost- und
Westdeutschland ist Berlin in den Daten
von Ostdeutschland enthalten.
u Abb 25  Kinder unter drei Jahren in Tagesbetreuung 2015
Während die Betreuungsquote 2015 in
— Anteil an der entsprechenden Altersgruppe in Prozent
den westdeutschen Bundesländern bei
28 % lag, war sie in den neuen Bundes­ Deutschland
ländern mit 52 % bedeutend höher. Die 32,9
höchsten Betreuungsquoten für Kinder
Sachsen-Anhalt 57,9
unter drei Jahren gab es in Sachsen-­
Anhalt (58 %) und Brandenburg (57 %) Brandenburg 56,8
­sowie Mecklenburg-Vorpommern (56 %).
Mecklenburg-Vorpommern 56,0
Unter den westdeutschen Flächenländern
Thüringen
hatten Schleswig-Holstein und Rhein- 52,4

land-Pfalz (beide 31 %) die höchsten Be- Sachsen 50,6


treuungsquoten. Die bundesweit niedrigs-
Berlin 45,9
te Betreuungsquote gab es im März 2015
in Nordrhein-Westfalen (26 %). u Abb 25, Tab 5 Hamburg 43,3
In Ostdeutschland besuchte der über- Schleswig-Holstein 31,4
wiegende Anteil der betreuten Kinder
unter drei Jahren – 90 % – eine Kinder­ Rheinland-Pfalz 30,6

tageseinrichtung. Der Anteil lag in West- Hessen 29,7


deutschland mit knapp 84 % etwas dar-
Niedersachsen 28,3
unter. Hier hat die Kindertagespflege als
Betreuungsform (gut 16 %) eine größere Saarland 28,3
Bedeutung. Baden-Württemberg 27,8
Knapp 2 Millionen Kinder zwischen
drei und fünf Jahren wurden zum Stich- Bayern 27,5

tag 1. März 2015 in Kindertagesstätten Bremen 27,1


oder in Kindertagespflege betreut. Die
Nordrhein-Westfalen 25,9
Zahl der betreuten Kinder in dieser
­A ltersgruppe stieg im Vergleich zum
März 2007 um rund 25 000 Kinder und

58
Lebensformen in der Bevölkerung, Kinder und Kindertages­betreuung  / 2.1  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

Für die Altersgruppe der 3- bis 5-Jäh- ­ atten mindestens ein Elternteil mit aus-
h ­ igrationshintergrund in Westdeutsch-
M
rigen werden Ganztagsplätze bundesweit ländischer Herkunft. Das waren gut 19 %. land mit 33 % (514 000 Kinder) deutlich
wesentlich häufiger in Anspruch genom- In den westdeutschen Bundes­ländern über dem in Ostdeutschland (13 % bezie-
men als bei den unter 3-Jährigen. Im hatte fast jedes vierte Kind (24 % bezie- hungsweise 52 000 Kinder).
März 2015 lag die Quote bei 44 %, im Jahr hungsweise knapp 115 000 Kinder) dieser
2007 waren es noch 24 %. In den ostdeut- Altersgruppe in Kindertages­b etreuung
schen Bundesländern stieg die Ganztags- einen Migrationshintergrund, in Ost-
betreuungsquote im gleichen Zeitraum deutschland waren es nur 9 % der unter
von 58 % auf 74 %. In den westdeutschen 3-Jährigen (20 000 Kinder).
Bundesländern erhöhte sie sich von 17 % In der Altersgruppe der 3- bis 5-Jähri-
auf 37 %. gen ist der Anteil der betreuten Kinder
mit Migrationshintergrund höher als bei
Kinder mit Migrationshintergrund in den unter 3-Jährigen. Bundesweit hatte in
Kindertagesbetreuung dieser Altersgruppe mehr als jedes vierte
Etwa 135 000 der bundesweit rund betreute Kind (29 % beziehungsweise
693 000 Kinder unter drei Jahren in Kin- 566 000 Kinder) einen Migrationshinter-
dertagesbetreuung hatten 2015 einen grund. Auch hier lag der Anteil der
­M igrationshintergrund, das heißt sie K inder in Kindertagesbetreuung mit
­

u Tab 5  Kinder unter sechs Jahren in Tagesbetreuung 2015


Davon im Alter von … Jahren
unter 3 3 bis unter 6
Insgesamt
Betreuungsquote Ganztagsquote Betreuungsquote Ganztagsquote
Anzahl Anzahl
in % in %
Baden-Württemberg 346 627 78 729 27,8 10,4 267 898 95,5 21,5
Bayern 395 542 92 668 27,5 10,1 302 874 93,5 34,1
Berlin 142 064 48 885 45,9 30,1 93 179 95,9 61,9
Brandenburg 92 925 33 407 56,8 37,8 59 518 97,2 63,6
Bremen 19 447 4 698 27,1 16,3 14 749 91,0 36,0
Hamburg 67 071 23 057 43,3 22,7 44 014 92,5 46,1
Hessen 196 840 47 713 29,7 18,1 149 127 93,6 48,2
Mecklenburg-Vorpommern 60 228 21 719 56,0 41,1 38 509 96,3 67,6
Niedersachsen 240 978 55 318 28,3 11,0 185 660 94,8 26,9
Nordrhein-Westfalen 539 150 117 428 25,9 12,6 421 722 94,5 44,4
Rheinland-Pfalz 126 352 30 286 30,6 15,6 96 066 97,3 49,7
Saarland 26 775 6 011 28,3 22,1 20 764 96,7 46,3
Sachsen 155 786 54 059 50,6 42,0 101 727 96,8 81,2
Sachsen-Anhalt 79 434 29 843 57,9 46,6 49 591 96,0 83,1
Schleswig-Holstein 86 667 21 575 31,4 13,8 65 092 93,2 30,0
Thüringen 79 008 27 947 52,4 47,7 51 061 97,2 91,5
Deutschland 2 654 894 693 343 32,9 18,1 1 961 551 94,9 43,9

Früheres Bundesgebiet
2 045 449 477 483 28,2 12,8 1 567 966 94,5 36,5
ohne Berlin-West
Neue Länder und Berlin 609 445 215 860 51,9 39,6 393 585 96,6 74,2

Kinder in Kindertageseinrichtungen zuzüglich der Kinder in öffentlich geförderter Kindertagespflege, die nicht zusätzlich eine Kindertageseinrichtung besuchen.
Betreuungsquote: Anteil der Kinder in Tagesbetreuung an allen Kindern derselben Altersgruppe.
Ganztagsquote: Anteil der Kinder mit einem Betreuungsumfang von mehr als 7 Stunden pro Betreuungstag an allen Kindern derselben Altersgruppe.
Die bei der Quotenberechnung verwendeten Bevölkerungszahlen beruhen auf Ergebnissen der Bevölkerungsfortschreibung auf Basis des Zensus 2011 zum 31.12.2014.

59
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.2 /  Kinderlosigkeit

2.2 Kinderlosigkeit hat viele Facetten, unter


anderem medizinisch-biologische, sozio-
von 41  Jahren kaum noch. Für die Be-
schreibung der aktuellen Verhältnisse ist
Kinderlosigkeit logische, familienpolitische und demogra- somit die Kinderlosenquote der Frauen
fische. Hier wird die Kinderlosigkeit aus ausschlag­gebend, die bei der Befragung
soziodemografischer Sicht als ein Teil des im Jahr 2012 zwischen 40 und 44 Jahre
Olga Pötzsch
Geburtenverhaltens der Frauen betrachtet. alt waren. Eine Ausnahme bilden dabei
Belastbare empirische Erkenntnisse Frauen mit einem akademischen Bil-
Destatis zum Ausmaß der Kinderlosigkeit bietet dungsabschluss, die tendenziell später
die amtliche Statistik seit der Mikrozen- eine Familie gründen als der Durch-
susbefragung im Jahr 2008 im Abstand schnitt aller Frauen. Beim Vergleich der
von vier Jahren. Vor 2008 gab es lediglich Kinder­losigkeit nach Bildungsstand wird
einige Schätzungen sowie Angaben über deshalb die Kinder­losenquote der 45- bis
die Zahl der in der Familie oder in der 49-Jährigen zu­g runde gelegt.
Lebensgemeinschaft lebenden Kinder. In- Im Jahr 2012 waren in Deutschland
zwischen liegen die Ergebnisse aus der nach Angaben des Mikrozensus 22 % der
zweiten Mikrozensusbefragung im Jahr Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren
2012 zur Zahl der geborenen Kinder vor. kinderlos. Die Kinderlosenquote hat sich
Diese Daten haben die Befunde aus der somit in den letzten 30 Jahren verdop-
ersten Befragungswelle 2008 weitestge- pelt: Bei den 70- bis 74-jährigen Frauen
hend bestätigt und neue Erkenntnisse haben lediglich 11 % kein Kind geboren.
über die Entwicklung der Kinderlosigkeit Seit der Befragung im Jahr 2008 ist die
bei jüngeren Frauenjahrgängen gebracht. Kinderlosenquote um 2 Prozentpunkte
Der im Jahr 2011 durchgeführte Zensus gestiegen. Die sogenannte temporäre
ermöglichte zudem eine Umstellung des Kinderlosenquote (der Anteil der Frauen
Mikrozensus auf einen neuen Hochrech- ohne Kind an den Jahrgängen im gebär-
nungsrahmen entsprechend dem korri- fähigen Alter) betrug bei den 35- bis
gierten Bevölkerungsbestand. u Info 1 39-Jährigen 26 % und bei den 30- bis
Das Ausmaß der Kinderlosigkeit wird 34-Jährigen 42 %. Die künftige Entwick-
anhand der sogenannten Kinderlosen- lung der Kinderlosigkeit wird unter an-
quote gemessen, das heißt des Anteils der derem davon abhängen, inwieweit die
Frauen, die kein Kind geboren haben, an ursprünglich nur aufgeschobenen Kin-
allen Frauen des jeweiligen Geburts­ derwünsche im Alter nach 35 Jahren rea-
jahrgangs. Adoptiv- oder Pf legekinder lisiert werden.
werden dabei nicht berücksichtigt. Für Obwohl lebenslange Kinderlosigkeit
Frauen ab 50 Jahre wird die Kinder­ zunimmt, sind die Ursachen dafür noch
losigkeit in Bezug auf leibliche Kinder als nicht ausreichend erforscht. Neben bio-
endgültig betrachtet. Statistisch gesehen medizinischen Gründen treten sozioöko-
verändert sich aber die durchschnittliche nomische und kulturelle Faktoren immer
Kinder­losenquote bereits ab dem Alter stärker in den Vordergrund. Lange Aus-
bildungszeiten, die Suche nach einem
­sicheren Arbeitsplatz und einer verläss­
lichen Partnerschaft führen oft zum Auf-
schieben des Kinderwunsches. Dadurch
verengt sich aber das biologische Fenster
zunehmend und die Erfüllung des Kinder-
wunsches hängt immer stärker von bio-
u Info 1
medizinischen Voraussetzungen ab. Zu-
Im Mikrozensus werden Frauen im Alter
dem gibt es immer mehr Menschen, die
z­ wischen 15 und 75 Jahren nach der Zahl
der von ihnen geborenen Kinder befragt. Die bewusst nicht in traditionellen Familien
Angabe zur Geburt der leiblichen Kinder leben. Singles oder Paare ohne Kind sind
ist freiwillig und wird alle vier Jahre erhoben.
heute weitverbreitete Lebensformen.

60
Kinderlosigkeit  / 2.2  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2
Abb 1 Anteil der Frauen ohne Kind an allen
Frauen im Alter von 40 bis 44 Jahren im Jahr
2012 - in Prozent

Regionale Unterschiede u Abb 1  Anteil der Frauen ohne Kind an allen Frauen im Alter von
Regional ist die Kinderlosigkeit unter- 40 bis 44 Jahren im Jahr 2012 — in Prozent
schiedlich stark ausgeprägt. In den west-
lichen Bundesländern betrug 2012 die Neue Länder1 Deutschland
14 22
Kinderlosenquote der Frauen im Alter
von 40 bis 44 Jahren durchschnittlich Hamburg 31
23 %, während sie in den neuen Ländern
Berlin 28
bei 14 % lag. Besonders hoch war der An-
teil der Frauen ohne Kind in den Stadt- Bremen 27
staaten. In Hamburg betrug er 31 %, in Schleswig-Holstein 25
Berlin 28 % und in Bremen 27 %. In den
westlichen Flächenländern war die Kin- Nordrhein-Westfalen 24

derlosigkeit am höchsten in Schleswig- Rheinland-Pfalz 23


Holstein (25 %) und am niedrigsten im
Niedersachsen 22
Saarland (19 %). Zwischen den östlichen
Bundesländern waren die Unterschiede Bayern 22

im Ausmaß der Kinderlosigkeit dagegen Hessen 22


geringer: von 15 % in Sachsen bis 13 % in
Baden-Württemberg 20
Mecklenburg-Vorpommern und Bran-
denburg. u Abb 1 Saarland 19
Obwohl die endgültige Kinderlosig-
Sachsen 15
keit in den neuen Ländern immer noch
deutlich geringer ist als im früheren Bun- Sachsen-Anhalt 14

desgebiet, nimmt sie dort gegenwärtig Thüringen 14


schneller zu. Seit der deutschen Vereini-
Mecklenburg-Vorpommern 13 Früheres
gung hat sich die Kinderlosenquote der
Bundesgebiet1
Frauen in den neuen Ländern von 7 % auf Brandenburg 13 23
14 % verdoppelt. Im früheren Bundesge-
biet nahm sie im gleichen Zeitraum von
1  Ohne Berlin.
etwa 15 % auf 23 % zu. Ergebnisse des Mikrozensus 2012 auf Basis des Zensus 2011.
1 Ohne Berlin.
Ergebnisse des Mikrozensus 2012 auf Basis des Zensus 2011.
Unterschiede in der Kinder-
losigkeit nach Bildungsstand und
Erwerbsbeteiligung u Tab 1  Kinderlosenquote nach Bildungsstand 2012 — in Prozent
Je höher der Bildungsstand, desto häufi- Früheres Neue
Deutschland
ger sind Frauen in Deutschland kinderlos. Bundesgebiet1 Länder 1
Dies kann anhand der Angaben zum Insgesamt 20 21 11

höchsten beruflichen Bildungsabschluss Mit beruflichem Bildungsabschluss 20 22 11

im Mikrozensus gezeigt werden. Die end-  Lehr-/Anlernausbildung 2 18 20 10

gültige Kinderlosenquote wird hier auf  Fachschulabschluss 3 20 25 9

die Frauen im Alter zwischen 45 und  Fachhochschul-/Hochschulabschluss, Promotion4 27 29 13

49 Jahren bezogen (Jahrgänge 1963 bis  Fachhochschulabschluss 28 31 /

1967), um die relativ späte Familiengrün-  Hochschulabschluss, Promotion 27 28 14

dung der Frauen mit akademischen Bil- Ohne beruflichen Bildungsabschluss 5 18 18 /

dungsabschlüssen zu berücksichtigen.
45- bis 49-jährige Frauen (Jahrgänge 1963 bis 1967).
Im Jahr 2012 betrug die Kinderlosen- 1  Ohne Berlin.
2 Lehre/Berufsausbildung im dualen System, einschließlich eines gleichwertigen Berufsabschlusses, Vorbereitungsdienst
quote der 45- bis 49-Jährigen insgesamt für den mittleren Dienst in der öffentlichen Verwaltung, Abschluss einer einjährigen Schule des Gesundheitswesens.
3 Einschließlich Meister-/Technikerausbildung, Abschluss einer zwei- oder dreijährigen Schule des Gesundheitswesens,
20 %. Von den gleichaltrigen Frauen, die einer Fach- oder Berufsakademie beziehungsweise Abschluss einer Fachschule der ehemaligen DDR.
4 Auch Ingenieurschulabschluss, Abschluss an einer Verwaltungsfachhochschule, Abschluss einer Universität
keinen beruf lichen Abschluss hatten, (wissenschaftlichen Hochschule, auch Kunsthochschule).
5 Einschließlich Berufsvorbereitungsjahr und berufliches Praktikum, da durch diese keine berufsqualifizierenden
sowie bei Frauen mit einer Lehre oder ei- Abschlüsse erlangt werden.
/  Keine Angabe, da Zahlenwert nicht sicher genug.
ner Anlernausbildung, waren 18 % ohne Ergebnisse des Mikrozensus 2012 auf Basis des Zensus 2011.

61
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.2 /  Kinderlosigkeit

u Info 2 Kind. Bei Fachschulabsolventinnen ent-


Die Kategorien »Akademikerinnen« und »Nichtakademikerinnen« werden entsprechend sprach die Kinderlosenquote mit 20 %
Abbberuflichen
2 Kinderlosenquote nach Jahrgängen,
dem höchsten Bildungsabschluss der Frau gebildet. Zum akademischen
höchstem beruflichen Bildungsabschluss und
dem bundesdeutschen Durchschnitt.
Abschluss zählen hier ­D iplom, Bachelor, Master, Magister, Staatsprüfung, Lehramts­
Wohnort - in Prozent Dagegen war sie bei Frauen mit Fach-
prüfung an (Verwaltungs-)Fachhochschulen, Hochschulen und Universitäten sowie
Promotion. Dies entspricht den Kategorien 5 A und 6 in der Internationalen Standard- hochschul- oder Hochschulabschluss be-
klassifikation des Bildungswesens, ISCED 97. ziehungsweise Promotion mit 27 % über-
durchschnittlich hoch. u Tab 1
Die Unterschiede in der Kinderlosig-
u Abb 2  Kinderlosenquote nach Jahrgängen, höchstem beruflichen Bildungs­ keit nach Bildungsstand sind in West-
abschluss und Wohnort — in Prozent deutschland besonders stark ausgeprägt.
Die Spannweite reichte hier von 18 % bei
Frauen ohne Berufsabschluss bis 29 % bei
30
den Fachhochschul- und Hochschulab-
solventinnen. Die Differenzen in den
25
neuen Ländern sind im Vergleich dazu
deutlich geringer. Am niedrigsten war
20 dort die Kinderlosenquote mit 9 % bei
Fachschulabsolventinnen, am höchsten
15 mit 13 % bei Akademikerinnen. Die ost-
deutschen Frauen dieser Generation haben
10
sich demzufolge grundsätzlich öfter für
eine Mutterschaft entschieden, unabhän-
gig von ihrer beruflichen Bildung.
5
Im Zeitverlauf steigt allerdings die
Kinderlosigkeit gerade bei den ost­
0
1948 –1952 1953 –1957 1958 –1962 1963 –1967 1968 –1972 deutschen Akademikerinnen besonders
(60 – 64) (55 – 59) (50 – 54) (45 – 49) (40 – 44) schnell. In den kommenden Jahren ist
Geburtsjahrgang (im Jahr 2012 erreichtes Alter) bei ihnen mit einer Kinderlosenquote
deutlich über dem aktuellen Wert von
akademisch, West nicht akademisch, West
13 % für 45- bis 49-Jährige zu rechnen.
akademisch, Ost nicht akademisch, Ost
Auch bei Nichtakademikerinnen in Ost-
und Westdeutschland nimmt die Kinder­
West: Ergebnisse des Mikrozensus
früheres Bundesgebiet - Bevölkerung in Familien/Lebensformen
ohne Berlin-West, am Hauptwohnsitz.
Ost: neue Länder ohne Berlin-Ost. losigkeit weiter zu. Anders jedoch bei den
Ergebnisse des Mikrozensus 2012 auf Basis des Zensus 2011.
westdeutschen Frauen mit akademischen
Bildungsabschlüssen: Ihre Kinder­
losenquote ist zwar mit 29 % mit Abstand
die höchste, sie hat sich aber in den letzten
u Tab 2  Kinderlosenquote nach höchstem beruflichen Bildungsabschluss Jahren stabilisiert und wird voraus­
und Erwerbsbeteiligung 2012 — in Prozent sichtlich bei den jüngeren Jahrgängen
Früheres Neue
1968 bis 1972 nicht ansteigen. u Info 2, Abb 2
Deutschland
Bundesgebiet 1 Länder 1 Bei erwerbstätigen Frauen in Deutsch-
Nichtakademikerinnen 19 20 10 land ist die Kinderlosenquote sowohl bei
 erwerbstätig 19 21 10
Akademikerinnen als auch bei Nichtaka-
demikerinnen erwartungsgemäß höher
 nicht erwerbstätig 16 16 12
als bei nicht erwerbstätigen Frauen. Die
Akademikerinnen 27 29 13
Differenz in der Kinderlosenquote zwi-
 erwerbstätig 28 30 13 schen Erwerbstätigen und Nichterwerbs-
 nicht erwerbstätig 20 19 / tätigen ist allerdings bei Akademikerin-
Insgesamt 20 21 11 nen mit 8 Prozentpunkten viel stärker
ausgeprägt als bei Nichtakademikerinnen
45- bis 49-jährige Frauen (Jahrgänge 1963 bis 1967).
1  Ohne Berlin. (3 Prozentpunkte). Bemerkenswert ist zu-
/   Keine Angabe, da Zahlenwert nicht sicher genug.
Ergebnisse des Mikrozensus 2012 auf Basis des Zensus 2011. dem, dass es bei nicht erwerbstätigen

62
Kinderlosigkeit  / 2.2  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

Akademikerinnen mehr kinderlose Frau- Die durchschnittliche Kinderlosen-


en gibt als bei Nichtakademikerinnen quote für alle berufstätigen 45- bis
(20 % gegenüber 16 %). u Tab 2 49-jährigen Frauen betrug, wie für alle
Im früheren Bundesgebiet finden sich Frauen dieses Alters, 20 %. Die geringste
diese Zusammenhänge wieder. In den Kinderlosenquote von 8 % wiesen Frauen
neuen Ländern ergibt sich ein anderes in Reinigungsberufen auf, die höchste
Bild. Der Anteil der Kinderlosen war hier mit 35 % die Angehörigen gesetzgebender
bei erwerbstätigen Frauen sogar geringer Körperschaften (zum Beispiel Abgeord-
als bei nicht erwerbstätigen Frauen. nete). Bei Lehrerinnen, Ärztinnen und
Apothekerinnen war dagegen die Kinder-
Kinderlosigkeit und Beruf losenquote mit 22 % nur geringfügig hö-
Das Niveau der Kinderlosigkeit bei be- her als der Durchschnitt bei allen Frauen.
rufstätigen Frauen unterscheidet sich da- Bei Selbstständigen oder Freiberufle-
rüber hinaus nach dem ausgeübten Beruf. rinnen ohne Beschäftigte betrug der Kin-
Die Grundtendenz – je höher der Bil- derlosenanteil 22 %. Wenn sie weiteres
dungsabschluss, desto höher die Kinder- Personal beschäftigten, war die Kinder­
losenquote – findet sich auch hier wieder. losenquote mit 19 % etwas geringer. Von
So ist die Kinderlosigkeit bei Frauen in den Frauen im Angestelltenverhältnis
Berufen mit relativ niedrigen Qualifikati- waren 21 % kinderlos und bei Arbeiterin-
onsanforderungen geringer als bei den nen beziehungsweise Heimarbeiterinnen
Hochqualifizierten. Dabei fällt allerdings 15 %. Eine besonders hohe Kinderlosen-
auf, dass die Kinderlosenquote innerhalb quote von 30 % wies die Gruppe der Be-
der Gruppen mit jeweils relativ hohen amtinnen und Richterinnen auf.
­beziehungsweise relativ niedrigen Quali- In diesem Kapitel standen Frauen ohne
fikationsanforderungen deutliche Unter- leibliche Kinder im Fokus. Über die Adop-
schiede aufweist. tionen informiert Kapitel 10.4.3, Seite 332.

63
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.3 /  Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund

2.3 Das Alter wird bunter und vielfältiger. Die-


se zunehmende Diversität des Alters wird
Bild der demografischen und sozialen
Heterogenität älterer Menschen mit Mig-
Lebenssituation auch durch die stetig wachsende Anzahl rationshintergrund gezeichnet werden.
älterer Menschen älterer Menschen mit Migrationshinter-
grund geprägt. Deren spezifischen kultu-
Das geschieht in drei Teilen:
·· Bevölkerungsstruktur: Zunächst wird
mit Migrations- rellen Hintergründe und biografischen Mi- der demografische Hintergrund der Mi­
hintergrund grationserfahrungen sind ein wesent­licher
Teil der vielfältigen Lebenswelten älterer
grantinnen und Migranten beleuchtet,
um die größten Subgruppen der Älteren
Menschen in Deutschland geworden. unter ihnen zu identifizieren. Insbeson-
Elke Hoffmann, Im Fokus dieses Kapitels stehen ältere dere die Gruppen der (Spät-)Aussiedle-
Laura Romeu Gordo Menschen mit Migrationshintergrund. Es rinnen und (Spät-)Aussiedler sowie der
Deutsches Zentrum für Altersfragen, werden jene unter ihnen betrachtet, die Arbeitsmigrantinnen und -migranten
Berlin als Ausländerinnen und Ausländer oder der ersten Generationen werden dabei in
als Deutsche nach Deutschland zugewan- den Blick genommen.
dert sind, die demzufolge über eigene Mi- ·· Lebensformen: Mit diesem Merkmal
WZB / SOEP
grationserfahrungen verfügen und das werden Aspekte wie Familienstand,
50. Lebensjahr erreicht oder überschritten Haushaltsstrukturen und regionale An-
haben. Im Weiteren werden sie auch als siedlung berücksichtigt.
Migrantinnen und Migranten der »Gene- ·· Sozialstatus und soziale Situation: Aus-
ration 50 +« bezeichnet. u Info 1 gewählte Dimensionen wie Bildungs­
Dieses Kapitel beleuchtet die folgen- niveau, Erwerbsstatus, Einkommen und
den Fragen: Wer sind die älteren Perso- Wohneigentum beschreiben den Sozial-
nen mit eigener Migrationserfahrung? status und die Lebenssituation der älte-
Welche Besonderheiten, mit denen sie zur ren Bevölkerung mit Migrationshinter-
wachsenden Vielfalt des Alters beitragen, grund. Darüber hinaus werden das
prägen ihre soziale Situation? Es soll ein Armutsrisiko, Sorgen um die wirt-
­

u Info 1
Bevölkerung mit Migrationshintergrund
Der Begriff beschreibt Personen, die als Ausländerinnen und Ausländer oder als Deutsche nach
Deutschland zugewandert sind, sowie in Deutschland geborene ausländische Personen und jeweils de-
ren Nachkommen. Synonym wird in diesem Kapitel auch der Begriff »Migrantinnen und Migranten« ver-
wendet. Jene unter ihnen, die nach Deutschland zugezogen sind, gehören zur »Bevölkerung mit eigener
Migrationserfahrung«. In der Generation 50+ sind das 98 %. Die in Deutschland geborenen ausländi-
schen Personen und Nachkommen der Zugezogenen werden als »Bevölkerung ohne eigene Migrati-
onserfahrung« bezeichnet. Diese Personen sind für die Analysen der älteren Migrantinnen und Migran-
ten wegen ihrer jungen Altersstruktur ohne Bedeutung.

u Info 2
Migrationshintergrund im engeren und im weiteren Sinn
Das Statistische Bundesamt unterscheidet für die Zwecke von Zeitreihenanalysen zwischen dem Migrati-
onshintergrund »im engeren« und »im weiteren Sinn«. Das ist notwendig, da nicht für alle Personen und
auch nicht jährlich der vollständige Migrationsstatus bestimmbar ist. Jene Personen, für die seit 2005
durchgängig und vollständig Daten erhoben wurden, bilden die Gruppe der »Bevölkerung mit Migrations-
hintergrund im engeren Sinn«,. Das sind etwa 96 % aller Migrantinnen und ­Migranten. Deshalb basieren
alle Analysen des Beitrages auf dem Merkmal »Migrationshintergrund im engeren Sinn«.

64
Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund  / 2.3  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

schaftliche und gesundheitliche Situati- kerung ohne Migrationshintergrund ge- eingewanderten älteren Generation, so-
on sowie die allgemeine Lebenszufrie- hören bereits 24 % zur Generation der dass sie keine eigenen Migrationserfah-
denheit betrachtet. 65-Jährigen und Älteren. Die Zuwande- rungen haben. Ihre Biografien unterschei-
Mit deskriptiven Analysen sollen diese rung nach Deutschland verjüngt demzu- den sich deutlich von denen der jetzigen
Aspekte anhand von drei Datenquellen folge die hier ansässige Bevölkerung und Migrantengeneration 50 +. Der Migrati-
untersucht werden: Der Mikrozensus er- verzögert den für den demografischen onshintergrund leitet sich heutzutage be-
laubt seit dem Jahr 2005 die Beschreibung Wandel charakteristischen Prozess der reits bei 55 % der unter 40-Jährigen allein
von Menschen mit (und ohne) Migrati- Bevölkerungsalterung. u Abb 1, Tab 1 aus dem Migrationsstatus der Eltern ab,
onshintergrund. Sofern keine anderen Diese für Migrantinnen und Migran- während 98 % der Migrantinnen und Mi-
Quellen genannt sind, werden Daten des ten spezifische Altersstruktur wird sich granten in der Generation 50 + über eige-
Mikrozensus 2013 analysiert. Daten des deutlich wandeln, sobald die relativ stark ne Migrationserfahrungen verfügen.
Deutschen Alterssurveys (DEAS) liefern besetzten jüngeren Jahrgänge das dritte Auswirkungen der jetzigen und künf-
Informationen zu Lebensumständen und Lebensalter erreichen. Die jüngeren Mig- tigen Zuwanderung von Flüchtlingen und
zum subjektiven Befinden dieser Perso- rantinnen und Migranten sind zumeist in Asylsuchenden auf die Bevölkerungs-
nen. Beispielhaft werden hier die Wohn- Deutschland geborene Nachkommen der struktur Deutschlands können hier noch
verhältnisse und die Wohnzufriedenheit
als eine Dimension der ökonomischen Le-
bensqualität betrachtet. Das Sozio-oeko-
u Abb 1  Bevölkerung Deutschlands nach Migrationshintergrund und Alter 2013
nomische Panel (SOEP) liefert unter an-
Verteilung der jeweiligen Bevölkerungsgruppe nach Altersjahren — in Prozent
derem Erkenntnisse zur wirtschaftlichen
und zur gesundheitlichen Situation älterer
Alter
Migrantinnen und Migranten.
100

2.3.1 Bevölkerungsstruktur:
90
Alter, Herkunft, Aufenthaltsdauer
Fast 16 Millionen der 2013 in Deutsch- mit Migrations- ohne Migrations-
hintergrund 80 hintergrund
land lebenden Bevölkerung haben einen
Migrationshintergrund. u Info 2 Personen mit eigener
Migrationserfahrung
Das entspricht 20 % der Gesamtbevöl- 70

kerung. Im höheren Alter ist der Bevölke- Personen ohne eigene


rungsanteil mit Migrationshintergrund Migrationserfahrung
60
geringer: Unter den 50- bis 64-Jährigen
beträgt er mit 2,6 Millionen Migrantin- 50
nen und Migranten nur 15 %. Bei Perso-
nen ab dem 65. Lebensjahr sind es mit
40
1,5 Millionen sogar nur 9 %. Das ist noch
ein relativ kleiner Anteil, der jedoch stetig
30
anwächst: Im Jahr 2005 zählten nur
1,2 Millionen Migrantinnen und Migran-
ten zur Altersgruppe 65 +. Das entsprach 20

einem Anteil von knapp 8 % an der gleich-


altrigen Gesamtbevölkerung. 10
Mit einem Durchschnittsalter von
35 Jahren ist die Bevölkerung mit Migra-
tionshintergrund deutlich jünger als die 2 1,5 1 0,5 0 0 0,5 1 1,5 2
Vergleichsgruppe ohne Migrationshinter- Zu beachten sind die unterschiedlichen Basisbestände:
grund mit durchschnittlich 47 Jahren. 15,9 Millionen Personen mit Migrationshintergrund 64,1 Millionen Personen
60 % der Personen mit Migrationshinter- im engeren Sinn davon: ohne Migrationshintergrund
grund sind noch keine 40 Jahre alt und 10,5 Millionen Personen mit eigener Migrationserfahrung
5,4 Millionen Personen ohne eigene Migrationserfahrung
nur 10 % haben das 65. Lebensjahr er-
reicht oder überschritten. Von der Bevöl- Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.

65
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.3 /  Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund

u Tab 1  Bevölkerung nach Migrationsstatus und Altersstruktur, Deutschland 2013 tergrund von großer Bedeutung. Im Fol-
darunter nach Altersgruppen genden sollen anhand dieser Merkmale
Personen die größten Subgruppen unter den älte-
insgesamt Ab 50 – 64 Ab
50 Jahre Jahre 65 Jahre ren Migrantinnen und Migranten (ab
in 1 000 Anteile an Spalte 1, in % dem 50. Lebensjahr) mit eigener Migrati-
Bevölkerung insgesamt 80 611 42,5 21,2 21,3 onserfahrung identifiziert werden. Es
Personen ohne Migrationshintergrund 64 073 47,0 22,6 24,4 werden Gruppen mit ähnlichen Migrati-
Personen mit Migrationshintergrund onsbiografien gebildet und verglichen.
15 913 26,0 16,4 9,6
im engeren Sinn Dabei orientieren wir uns nicht nur an
Personen mit eigener Migrationserfahrung 10 490 38,5 24,3 14,2 einzelnen Herkunftsländern, sondern
darunter nach Herkunftsregionen auch an typischen Migrationsphasen der
Personen aus den Ländern deutschen Geschichte nach dem Zweiten
3 180 41,3 25,7 15,6
mit Anwerbeabkommen Weltkrieg. u Info 3
 Personen mit Zuzug
852 87,4 42,0 45,4
zwischen 1956 –1973
(a) (Spät-) Aussiedlerinnen
(Spät-)Aussiedler/-innen 3 106 45,9 27,5 18,4 und (Spät-) Aussiedler
Personen aus EU-15-Staaten 623 50,9 29,1 21,8 Bereits 1950 begann – nach der Rücksied-
Personen aus Ländern der
1 221 26,5 18,5 8,0 lung von Vertriebenen und Flüchtlingen
EU-Osterweiterung ab 2004
des Zweiten Weltkrieges – der Zuzug von
Personen ohne eigene Migrationserfahrung 5 424 1,8 1,1 0,7
deutschstämmigen Aussiedlerinnen und
Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision. Aussiedlern aus Regionen Mittel- und
Osteuropas sowie aus der Sowjetunion
beziehungsweise ab 1991 aus ihren Nach-
folgestaaten. Dieser erreichte im Jahr
1990 seinen Höhepunkt und ist seitdem
u Info 3 rückläufig. Die nach Deutschland umge-
Migrantinnen und Migranten nach Herkunftsregionen siedelten Personen – bei Umsiedlung ab
Die Personen mit eigener Migrationserfahrung werden hier entsprechend ihrer Migrationsbiografien 1993 als Spätaussiedlerinnen und Spät-
wie folgt gruppiert: aussiedler bezeichnet – machen mit 35 %
(A) (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler aus Regionen Mittel- und Osteuropas sowie aus den größten Anteil unter der Bevölke-
der Sowjetunion beziehungsweise ab 1991 aus ihren Nachfolgestaaten. rung mit eigener Migrationserfahrung
(B) Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus Ländern mit Anwerbeabkommen: Italien, Spanien, im Alter ab 50 Jahren aus. Die Personen
Griechenland, Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien, Jugoslawien, Südkorea; darunter jene der heutigen Generation 50 + kamen mit
­Personen, die in der Zeit der aktiven deutschen Anwerbepolitik zwischen 1956 bis 1973 zu­
gewandert sind. durchschnittlich etwa 35 Jahren nach
Deutschland und leben im Durchschnitt
(C) Personen aus der EU-15-Region ohne Länder mit Anwerbeabkommen (Griechenland, Italien,
Portugal, Spanien): Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Irland, Luxemburg, Niederlande, seit 31 Jahren hier. Auch wenn knapp die
Österreich, Schweden, Vereinigtes Königreich. Hälfte aller zugewanderten (Spät-)Aus-
(D) Personen aus Ländern der EU-Osterweiterung ab 2004: Estland, Lettland, Litauen, Polen, siedlerinnen und (Spät-)Aussiedler be-
­Slowakei, Tschechische Republik, Ungarn, Bulgarien, Rumänien. reits zur Generation 50 + gehört, ist für
Diese Gruppierung ist keine vollständige Aufgliederung der gesamten Bevölkerung mit Migrations- sie insgesamt eine recht gleichmäßige
hintergrund. Sie dient lediglich der Zusammenstellung großer Migrantengruppen mit jeweils ähnlichen ­A ltersgruppenverteilung charakteristisch.
Migrationsbiografien. Es verbleibt eine Restkategorie mit Migrantinnen und Migranten, die nicht in
die vier genannten Gruppen eingeordnet werden können (zum Beispiel Personen aus dem restlichen Mit 48 Jahren haben die (Spät-)Aussiedle-
Europa, aus der restlichen Welt oder auch Personen ohne Angabe zur Herkunftsregion). rinnen und (Spät-)Aussiedler insgesamt
(aber ohne der in Deutschland geborenen
Nachkommen) ein relativ niedriges
Durchschnittsalter. Das deutet ebenso
wie der relativ hohe Frauenanteil von 55 %
nicht prognostiziert werden. Die aktuell rationsbewegungen die Bevölkerungs- darauf hin, dass diese Personen überwie-
rasant steigenden Flüchtlingszahlen zei- struktur nachhaltig beeinflussen werden. gend im Familienverbund, häufig in einer
gen, wie schwierig Prognosen über die Zur Beschreibung der Heterogenität Drei-Generationen-Konstellation, nach
Migrationspopulation der Zukunft sind. der Migrantinnen und Migranten sind Deutschland migriert sind. Die Daten
Unumstritten dürfte sein, dass diese Mig- ihre Herkunft und ihr Zuwanderungshin- zum Familienstand dieser Bevölkerungs-

66
Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund  / 2.3  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

gruppe (im zweiten Teil) stützen diese u Tab 2  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrationsstatus, Alter bei
Aussage. u Tab 1, Tab 2, Tab 3 Zuzug, Aufenthaltsdauer und Durchschnittsalter, Deutschland 2013 — in Jahren

Durchschnitts-
(b) Arbeitsmigrantinnen und Durch-
alter der jewei-
ligen Bevölke-
-migranten der ersten Generation Durchschnitts- schnittliche
rungsgruppe
alter bei Zuzug Aufenthalts-
Die zweitgrößte Gruppe der Migrantinnen dauer
(ohne Alters-
begrenzung)
und Migranten ab dem 50. Lebensjahr bil- im Jahr 2013
den mit einem Anteil von 32 % die ab den
Bevölkerung insgesamt X X 44,3
1950er-Jahren überwiegend aus den Mit-
telmeerländern angeworbenen Arbeits- Personen ohne Migrationshintergrund X X 46,7

kräfte. Sie wurden gebraucht für den wirt- Personen mit Migrationshintergrund
X X 35,2
im engeren Sinn
schaftlichen Aufschwung in der Bundes-
republik Deutschland und migrierten auf Personen mit eigener Migrationserfahrung 31,6 32,2 45,4

Basis der von 1956 bis 1973 geltenden An- darunter nach Herkunftsregionen
werbeabkommen mit Italien, Spanien, Personen aus den Ländern mit
24,9 38,3 47,5
Griechenland, Türkei, Marokko, Portugal, Anwerbeabkommen
Tunesien, ­Jugoslawien und Südkorea. Ur-  Personen mit Zuzug zwischen 1956 –1973 21,2 45,0 63,2
sprünglich sollten sie nur zeitlich befristet (Spät-)Aussiedler/-innen 34,6 30,6 47,7
in Deutschland bleiben. Ein Teil von ih-
Personen aus EU-15-Staaten 28,2 36,6 49,6
nen wurde jedoch hier sesshaft und viele
holten ab den 1960er-Jahren ihre Familien Personen aus Ländern der
34,7 28,3 40,2
EU-Osterweiterung ab 2004
nach. Dieser Familiennachzug hielt bis
Personen ohne eigene Migrationserfahrung X X 15,5
etwa Ende der 1970er-Jahre an. Im Fokus
der Analysen stehen hier jene Arbeits­ X  Tabellenfach gesperrt, weil Aussage nicht sinnvoll.
Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.
migrantinnen und -migranten, die im
Rahmen der Anwerbeabkommen und aus-
schließlich im Zeitraum von 1956 bis 1973 u Tab 3  Personen mit eigener Migrationserfahrung in ausgewählten Alters-
zugewandert und hier sesshaft geworden gruppen, Deutschland 2013
sind. Das sind in der Altersgruppe ab dem darunter nach Altersgruppen
50. Lebensjahr 57 % aller Arbeitsmigran- Personen
insgesamt Ab 50 – 64 Ab
tinnen und -migranten aus den oben ge- 50 Jahre Jahre 65 Jahre
nannten Ländern. Die anderen 43 % sind
Personen mit eigener
Familiennachzügler beziehungsweise Per- Migrationserfahrung (in 1 000)
10 490 4 042 2 550 1 491

sonen, die nicht unmittelbar im Rahmen


darunter nach Herkunftsregionen in %
der Anwerbeabkommen nach Deutsch-
Personen aus den Ländern
land kamen. Zugunsten einer klaren Ab- mit Anwerbeabkommen
30,3 32,5 32,0 33,3
grenzung zu den Arbeitsmigrantinnen
 Personen mit Zuzug zwischen 1956 –1973 8,1 18,4 14,0 26,0
und -migranten der ersten Generation –
(Spät-)Aussiedler/-innen 29,6 35,3 33,5 38,4
die gewissermaßen als »Pioniere der ers-
ten Stunde« gelten – werden diese Nach- Personen aus EU-15-Staaten 5,9 7,8 7,1 9,1

zügler hier nicht miteinbezogen. Personen aus Ländern der


11,6 8,0 8,9 6,6
EU-Osterweiterung ab 2004
Die zwischen 1956 und 1973 zu­
gewanderten Arbeitsmigrantinnen und Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.

-migranten sind mit einem heutigen


Durchschnittsalter von 63 Jahren die
­ä lteste aller Bevölkerungsgruppen mit
­eigener Migrationserfahrung. Von ihnen
haben bereits 87 % das 50. Lebensjahr, weile seit durchschnittlich 45 Jahren in Arbeitnehmer. Mit der deutschen Vereini-
45 % schon das 65. Lebensjahr erreicht. Deutschland. u Tab 1, Tab 2, Tab 3 gung 1990 verloren sie jedoch ihren Auf-
Die heutige Generation 50 + unter ihnen Auch die DDR beschäftigte ab den enthaltsstatus und waren damit gezwun-
war zum Zeitpunkt des Zuzuges im 1960er-Jahren vertraglich gebundene gen, Deutschland zu verlassen. Somit sind
Durchschnitt 21 Jahre alt und lebt mittler­ ­ausländische Arbeitnehmerinnen und sie für die Analysen hier ohne Bedeutung.

67
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.3 /  Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund

(c) Migrantinnen und Migranten Die folgenden Analysen konzentrie- und -migranten gilt diese Verteilung in
aus West- und Osteuropa ren sich auf die beiden quantitativ größ- ähnlicher Weise. Ein Vergleich zur Be-
Eine weitere Gruppe der älteren Bevölke- ten Gruppen der Bevölkerung 50 + mit völkerung ohne Migrationshintergrund
rung (50 +) mit Migrationserfahrung bil- Migrationserfahrung, die zwei Drittel der (50 +) zeigt, dass Migrantinnen und Mig-
den mit einem relativ kleinen Anteil von älteren Migrantinnen und Migranten ranten (50 +) in einem geringeren Maße
8 % Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmig- ausmachen: die (Spät-)Aussiedlerinnen alleinstehend sind, dafür aber häufiger in
ranten, die seit den 1950er-Jahren aus den und (Spät-)Aussiedler sowie die Arbeits- Familien leben. Das könnte allerdings
EU-15-Staaten wie Frankreich, den Nieder­ migrantinnen und -migranten der ersten auch ein Effekt ihres niedrigeren Durch-
landen, Österreich und dem Vereinigten großen Zuwanderung von 1956 bis 1973 schnittsalters sein. Dafür spricht zum
Königreich in die Bundesrepublik über­ in die Bundesrepublik Deutschland. Beispiel der höhere Anteil verwitweter
siedelten. Insgesamt haben sie ein Durch- Personen unter der Bevölkerung ohne
schnittsalter von 50 Jahren. u Tab 2, Tab 3 2.3.2 Lebensformen: Migrationshintergrund. u Tab 4
Einen ebenso geringen Anteil an der Haushaltsstrukturen, Familienstand Die Mehrheit aller Migrantinnen und
älteren Bevölkerung (50 +) mit Migrati- und regionale Ansiedlung Migranten (50 +) ist verheiratet, etwa
onserfahrung bilden mit 8 % Zugewander- Migrantinnen und Migranten der Gene- 80 % von ihnen mit einer Partnerin oder
te aus jenen osteuropäischen Ländern, für ration 50 + leben zu 48 % als Paar ohne einem Partner mit Migrationshinter-
die im Rahmen der EU-Osterweiterung Kind(er) im Haushalt. 27 % leben im Fa- grund. Zum Vergleich: Von der verheira-
im Jahr 2004 die rechtliche Basis für den milienverbund mit ledigen Kindern und teten Bevölkerung ohne Migrationshin-
Aufenthalt und für die wirtschaft­liche Be- 25 % sind Personen, die allein, also ohne tergrund (50 +) haben nur knapp 4 % eine
tätigung innerhalb des Europä­ i schen Partnerin oder Partner und ohne Kinder Partnerin oder einen Partner mit Migra-
Wirtschaftsraumes geschaffen wurde (laut leben. Diese hohe Vernetzung in familia- tionshintergrund. Auch bezüglich des
Freizügigkeitsrichtlinie 2004/38/EG). Mit len Gemeinschaften spiegelt sich auch in Familienstandes unterscheiden sich die
durchschnittlich 40  Jahren sind sie die den Haushaltsstrukturen. Nahezu vier (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aus-
jüngste Migrantengruppe. Zusammen mit Fünftel aller älteren Migrantinnen und siedler sowie die Arbeitsmigrantinnen
Kriegs- und Krisenflüchtlingen sowie mit Migranten (50 +) bilden Mehrpersonen- und -migranten nicht wesentlich.
südeuropäischen Arbeitsmigrantinnen haushalte, lediglich ein Fünftel lebt in Mit 92 % leben die Migrantinnen und
und -migranten dominieren sie momen- Einpersonenhaushalten. Für die (Spät-) Migranten der Generation 50 + über-
tan den deutlichen Anstieg der Netto­ Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler durchschnittlich häufig im früheren Bun-
zuwanderung nach Deutschland. wie auch für die Arbeitsmigrantinnen desgebiet. Lediglich 8 % sind in den neuen
Bundesländern sesshaft geworden. Ent-
sprechend unterschiedlich ist der Anteil
dieser Personen an der Bevölkerung der

92 %
jeweiligen deutschen Teilregion: Für die
westdeutsche Bevölkerung ab dem 50. Le-
bensjahr beträgt der Anteil von Personen
mit Migrationshintergrund 14 %, für die
ostdeutsche nur 5 %. u Tab 5
der Migrantinnen und Migranten
Die Ansiedlung älterer Migrantinnen
der Generation 50+ lebten 2013 im
früheren Bundesgebiet. In den und Migranten (50 +), unterschieden nach
neuen Bundesländern wohnten 8 %. nicht-administrativen Gebietseinheiten,
zeigt einige Besonderheiten, die sich aus
dem Migrationsgrund ergeben: 68 % der
Arbeitsmigrantinnen und -migranten der
ersten Generation leben in städtischen Re-
gionen, 24 % in Regionen mit Verstädte-
rungsansätzen und nur 7 % in länd­lichen
Gebieten. Hier wird deutlich, dass die be-
schäftigungsorientierte Zuwanderung pri-
mär in verdichtete Regionen mit entspre-
chenden Arbeitsmarktchancen erfolgte
und die Betroffenen auch nach dem Aus-
stieg aus dem Erwerbsleben dort blieben.

68
Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund  / 2.3  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

u Tab 4  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrationsstatus und Lebensformen, Deutschland 2013

darunter
Personen mit
Personen
Migrations-
ohne Migrations- Arbeitsmigrant/-innen (Spät-)Aussiedler/-
hintergrund im
hintergrund mit Zuzug zwischen innen mit eigener
engeren Sinn
1956 –1973 Migrationserfahrung

Bevölkerung insgesamt (in 1 000) 30 112 4 140 745 1 426

in %

nach Lebensform

Familien mit ledigen Kindern 17,6 26,7 24,8 22,4

Paare ohne Kinder 53,3 48,1 52,4 52,0

Alleinstehende 29,1 25,2 22,8 25,6

nach Familienstand

ledig, Lebenspartnerschaften 8,7 5,6 4,5 4,6

verheiratet 64,2 71,4 74,5 70,9

verwitwet, Lebenspartner verstorben 17,2 12,9 12,2 16,1

geschieden, Lebenspartnerschaft aufgehoben 9,9 10,1 8,8 8,4

nach Haushaltsstrutur

in Einpersonenhaushalten 27,1 21,8 19,0 22,3

in Mehrpersonenhaushalten 72,9 78,2 81,0 77,7

Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.

u Tab 5  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrationsstatus und regionaler Ansiedlung, Deutschland 2013 — in Prozent
darunter
Personen mit
Personen
Migrations-
ohne Migrations- Arbeitsmigrant/-innen (Spät-)Aussiedler/-
hintergrund im
hintergrund mit Zuzug zwischen innen mit eigener
engeren Sinn
1956 –1973 Migrationserfahrung

nach administrativen Gebietseinheiten

Früheres Bundesgebiet, ohne Berlin 76,8 91,7 95,0 93,1

Neue Länder und Berlin 23,2 8,3 5,0 6,9

nach nicht-administrativen Gebietseinheiten

Städtische Regionen 43,6 59,2 68,5 50,0

Regionen mit Verstädterungsansätzen 31,6 27,6 24,2 34,2

Ländliche Regionen 24,8 13,2 7,3 15,8

Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.

Die Gruppe der (Spät-)Aussiedlerinnen 2.3.3 Sozialstatus: Bildung, Bevölkerung ohne Migrationshintergrund.
und (Spät)-Aussiedler verteilt sich dage- ­Erwerbstätigkeit, Ein­kommen, So verfügen nur 37 % der 50- bis 64-jähri-
gen etwas gleichmäßiger: 50 % wohnen in Wohneigentum gen und nur 33 % der 65-jährigen und äl-
einer städtischen Region, 34 % in Regio- Das Bildungsniveau der älteren Bevölke- teren Arbeitsmigrantinnen und -migran-
nen mit Verstädterungsansätzen und 16 % rung mit Migrationshintergrund ist deut- ten über einen Berufsabschluss. Ein nied-
in ländlichen Regionen. lich niedriger als das der gleichaltrigen riges Bildungsniveau war zum Zeitpunkt

69
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.3 /  Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund

u Tab 6  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrations- und Sozialstatus, Deutschland 2013

Personen im Alter 50 – 64 Jahre Personen im Alter ab 65 Jahren

darunter darunter
Personen Personen
Personen mit (Spät-) Personen mit (Spät-)
Arbeits- Arbeits-
ohne Migrations- Aussiedler/ ohne Migrations- Aussiedler/
migrant/-innen migrant/-innen
Migrations- hintergrund -innen mit Migrations- hintergrund -innen
mit Zuzug mit Zuzug
hintergrund im engeren eigener hintergrund im engeren mit eigener
zwischen zwischen
Sinn Migrations- Sinn Migrations-
1956 –1973 1956 –1973
erfahrung erfahrung
Bevölkerung insgesamt (in 1 000) 14 497 2 610 358 854 15 615 1 530 387 572
in % 3
nach allgemeinem
Schulabschluss

Haupt-(Volks-)schul­a bschluss,
Abschluss DDR-PTO, Realschul- 73,2 57,4 64,2 69,3 83,1 53,9 49,6 62,6
oder gleichwertiger Abschluss
Fachhochschulreife, Abitur 24,9 26,5 7,1 25,8 14,0 19,1 7,3 14,9
Ohne Schulabschluss 1,5 15,6 28,4 4,7 1,7 26,2 42,6 21,9
nach beruflichem Abschluss

Mit berufsqualifizierendem
88,6 60,8 37,4 76,2 73,5 51,1 33,2 54,9
Abschluss

Ohne berufsqualifizierenden
11,4 39,2 62,6 23,8 26,5 48,9 66,8 45,1
Abschluss oder ohne Angabe

nach Beteiligung am Erwerbsleben


Erwerbstätige 71,8 64,5 51,3 72,9 5,2 5,8 5,3 3,7
Erwerbslose 3,5 6,0 4,1 5,4 0,0 0,1 0,3 0,0
Nichterwerbspersonen 1 24,7 29,5 44,5 21,7 94,8 94,1 94,5 96,3

nach überwiegendem Lebens-


unterhalt

Eigene Erwerbstätigkeit/
65,5 57,5 47,0 65,2 1,7 2,5 2,3 1,2
Berufstätigkeit

Renten, Pension 15,8 12,2 27,3 10,9 88,4 81,5 89,2 88,6
Unterstützung durch Angehörige 10,1 14,3 14,5 11,4 7,6 7,8 6,3 5,9

Eigenes Vermögen, Vermietung,


1,2 0,7 0,8 0,2 1,4 0,8 0,5 0,5
Zinsen, Altenteil

Arbeitslosengeld I , Laufende Hilfe


zum Lebensunterhalt, Leistungen
7,4 15,2 10,4 12,3 0,8 7,3 1,8 3,7
nach Hartz IV, Sonstige Unterstüt-
zungen, Elterngeld (Sozialtransfers)

Monatliches Nettoäquivalenz-
1 984 1 564 1 444 1 604 1 573 1 304 1 169 1 257
einkommen in Euro

Armutsgefährdungsquote
(Insgesamt in % der 11,2 23,3 22,7 17,6 12,5 32,1 36,5 27,5
jeweiligen Bevölkerung) 2

1 Personen, die keinerlei auf Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen.
2 Anteil der Personen, deren verfügbares Einkommen weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens beträgt. Bezugsgröße ist der Bundesmedian.
Berücksichtigt ist hier nur die Bevölkerung in Privathaushalten am Hauptwohnsitz mit gültigen Einkommensangaben.
3 Abweichungen zu 100 sind rundungsbedingt oder durch Fälle ohne Angabe.
Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.

der Einwanderung für den Arbeitsmarkt Migrantinnen und Migranten infolge des chend niedrig ist die Erwerbsbeteiligung
in Deutschland ausreichend. Eine beruf­ Strukturwandels im Beschäftigungssys- bei den 50- bis 64-Jährigen unter ihnen:
liche Weiterbildung mit qualifizierendem tem mit zunehmendem Arbeitsplatzabbau Nur 51 % sind erwerbstätig. Zu beachten
Abschluss fand im weiteren Lebensverlauf im industriellen Sektor Schwierigkeiten sind auch ihre hohen Frühverrentungs­
offenbar nicht statt, sodass viele dieser auf dem Arbeitsmarkt bekamen. Entspre- raten wegen Erwerbsunfähigkeit. Außer-

70
Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund  / 2.3  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

dem ist die Frauenerwerbsbetei­l igung im granten häufig zusätzlich auf Sozialtrans- Erwerbs- zu Alterseinkommen bei Perso-
Vergleich zu anderen Migrantengruppen fers wie die Grundsicherung im Alter nach nen ohne Migrationshintergrund.
in dieser Gruppe am niedrigsten. u Tab 6 SGB XII zurückgreifen. Aus der Literatur Neben einem ausreichenden Einkom-
Deutlich besser gestaltet sich die Situ- ist bekannt, dass ihre in Deutschland er- men kann auch Wohneigentum vor Armut
ation der älteren (Spät-)Aussiedlerinnen worbenen Rentenansprüche wegen zu kur- im Alter schützen, denn wer in seiner –
und (Spät-)Aussiedler: 76 % der 50- bis zer Erwerbsbiografien und niedriger Ar- im Alter zumeist abbezahlten – eigenen
64-Jährigen haben einen Berufsabschluss. beitseinkommen nicht ausreichend sind. Wohnung beziehungsweise in seinem ei-
73 % dieser Altersgruppe sind erwerbs­ Das geringste monatliche Nettoäqui- genen Haus lebt, muss keine Miete zah-
tätig. In der Generation 65 + verfügen valenzeinkommen erzielen auch in der len. Allerdings verfügen Personen mit
55 % über einen Berufsabschluss. Altersgruppe 65 + die Arbeitsmigrantin- niedrigem Einkommen selten über
Aus dem Erwerbsstatus folgt, aus wel- nen und -migranten der ersten Generation Wohneigentum. Der Deutsche Alterssur-
chen Quellen der Lebensunterhalt bestrit- mit 1 169 Euro. Die gleichaltrigen (Spät-) vey (DEAS 2008) zeigt, dass der Anteil
ten werden kann. Auffällig ist, dass zwar Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler er- von Personen mit selbst genutztem
mehr als die Hälfte der Migrantinnen und halten 1 257 Euro monatlich. Die durch Wohneigentum unter den Migrantinnen
Migranten im Alter von 50 bis 64 Jahren spezifische Erwerbsbiografien erworbe- und Migranten (50 +) im Vergleich zur
überwiegend vom Erwerbseinkommen nen Rentenansprüche verursachen dem- gleichaltrigen Bevölkerung ohne Migrati-
­leben, weitere 27 % jedoch auf Renten und zufolge auch im Ruhestand deutliche Un- onshintergrund relativ niedrig ist. Bei
Sozialtransfers angewiesen sind. Zudem gleichheiten in den Einkommensniveaus den Arbeitsmigrantinnen und -migran-
spielt die Unterstützung durch Angehöri- verschiedener Migrantengruppen. ten (50 +) beträgt die Eigentümerquote
ge für die Sicherung ihres Lebensunter- Darüber hinaus zeigt ein Vergleich der nur 29 %, bei den (Spät-)Aussiedlerinnen
halts eine vergleichsweise große Rolle. durchschnittlich höheren Monatseinkom- und (Spät-)Aussiedlern (50 +) 33 %, wäh-
Das hat zur Folge, dass diesen Personen men von Personen ohne Migrationshinter- rend die gleichaltrige Bevölkerung ohne
monatlich im Durchschnitt 420 Euro we- grund (50 +) und den niedrigeren Einkom- Migrationshintergrund zu 66 % über
niger zur Verfügung stehen als gleichalt- men von Migrantinnen und Migranten Wohneigentum verfügt. u Abb 2
rigen Personen ohne Migrationshinter- (50 +), dass die Differenz dieser Einkom- Entsprechend der Eigentümerverhält-
grund. Von letzteren bestreiten 65 % ihren men bei der Bevölkerung ab dem 65. Le- nisse wird die Wohnsituation auch unter-
Lebensunterhalt überwiegend aus eigener bensjahr (269 Euro) geringer ist, als bei schiedlich bewertet: 45 % der Personen
Erwerbsarbeit, 23 % finanzieren ihr Leben den 50- bis 64-Jährigen (420 Euro). Der ohne Migrationshintergrund (50 +) be-
überwiegend durch Renten und Sozial­ Grund dafür ist jedoch nicht eine Verrin- werten ihre Wohnsituation als »sehr gut«,
transfers. u Tab 6 gerung sozialer Benachteiligung für ältere während das nur bei 26 % der gleichaltri-
Das geringste monatliche Nettoäqui- Migrantinnen und Migranten, sondern gen Arbeitsmigrantinnen und -migranten
valenzeinkommen in der Altersgruppe der vielmehr die vergleichsweise starke Redu- und bei 30 % der (Spät-)Aussiedlerinnen
50- bis 64-Jährigen erzielen die Arbeitsmi- zierung der Zahlbeträge im Übergang von und (Spät-)Aussiedlern der Fall ist.
grantinnen und -migranten mit 1 444 Euro.
Mehr als jede dritte Person dieser Grup-
pe lebt hauptsächlich von einer in der Re-
gel niedrigen Früh- beziehungsweise Er-
werbsunfähigkeitsrente oder von Sozial­ u Abb 2  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrationsstatus
transfers. und Art des Wohnens — in Prozent
Bei den (Spät-)Aussiedlerinnen und
(Spät-)Aussiedlern ist die Situation deut-
lich günstiger: 65 % der 50- bis 64-Jähri- (Spät-)Aussiedler/-innen mit
eigener Migrationserfahrung 33,5 59,7 6,8
gen leben überwiegend vom Erwerbs­
einkommen, nur 23 % von Renten und Arbeitsmigrant /-innen mit
29,2 69,5 1,3
Zuzug zwischen 1956 –1973
Sozialtransfers. Sie erreichen ein monat-
liches Nettoäquivalenzeinkommen von Personen ohne
66,1 28,8 5,1
Migrationshintergrund
1 604 Euro.
Für die über 65-jährige Bevölkerung –
sowohl ohne als auch mit Migrations­ als Eigentümer als Hauptmieter sonstiges
hintergrund – sind die Renteneinkommen
Pearson chi2(8) = 112,3126 Pr = 0,000.
die wichtigste finanzielle Basis des Lebens. Datenbasis: DEAS 2008 (n = 4 893), gewichtet.

Allerdings müssen Migrantinnen und Mi-

71
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.3 /  Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund

2.3.4 Soziale Situation: höheren Erwerbsquoten und höherem sich ihre allgemeine Lebenszufriedenheit
Armutsrisiko, soziale Wahrnehmung Einkommen etwa um ein Drittel geringer nicht von Gleichaltrigen ohne Migrations­
und Lebenszufriedenheit als das der Arbeitsmigrantinnen und -mi- hintergrund. Auf einer Skala von 0 (un-
Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass granten. zufrieden) bis 10 (zufrieden) liegt der
ein niedriger Bildungsgrad, instabile oder Effekte unterschiedlicher Lebensbe- Wert der allgemeinen Lebenszufrieden-
fehlende Erwerbsverhältnisse wie auch dingungen auf die Wahrnehmung sozia- heit der älteren Arbeitsmigrantinnen und
Einkommensnachteile durch nicht vor- ler Gegebenheiten sind mit dem Sozio- -migranten sowie der (Spät-)Aussiedlerin-
handenes Wohneigentum das Armuts­ oekonomischen Panel (SOEP) messbar. nen und (Spät-)Aussiedler im Durch-
risiko erhöhen. Die hier analysierten Da- Daten des SOEP 2013 belegen, dass sich schnitt bei 7 und damit auf gleichem Ni-
ten bestätigen diese Aussagen in Bezug fast jede vierte Arbeitsmigrantin bezie- veau wie die Zufriedenheit der Bevölke-
auf ältere Migrantinnen und Migranten: hungsweise jeder vierte Arbeitsmigrant rung ohne Migrationshintergrund. Eine
Jene der Generation 50 + haben im Ver- (50 +) in hohem Maße um die eigene wirt- Erklärung hierfür könnte sein, dass Mig-
gleich zu gleichaltrigen Personen ohne schaftliche Situation sorgt. Unter den rantinnen und Migranten bei derartigen
Migrationshintergrund durchschnittlich (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aus- globalen Bewertungen ihre Situation in
ein niedrigeres Bildungsniveau, eine ge- siedlern betrifft das jede sechste Person, Deutschland mit der ihrer im Herkunfts-
ringere Erwerbs­beteiligung, ein niedrige- innerhalb der Bevölkerung ohne Migrati- land verbliebenen Landsleute vergleichen.
res Einkommensniveau, weniger Wohnei- onshintergrund nur jede siebte. u Abb 3 Demnach wäre ihr Bewertungsmaßstab
gentum und sind mehr als doppelt so Ein ähnlicher Zusammenhang besteht also nicht in erster Linie die Lebenssitua-
häufig von Armut bedroht. u Tab 6, Tab 7 hinsichtlich der Sorge um die eigene Ge- tion der in Deutschland lebenden Bevöl-
Am höchsten ist das Armutsrisiko für sundheit. Unter den Migrantinnen und kerung ohne Migrationshintergrund.
die Arbeitsmigrantinnen und -migranten Migranten (50 +) sind diese Sorgen deut- Weitere Forschungen werden die empiri-
der ersten Generation. Im Alter ab 50 Jah- lich häufiger. So leben 37 % der älteren sche Evidenz dieser Vermutung nachwei-
ren beträgt es mit 30 % das Zweieinhalb- Arbeitsmigrantinnen und -migranten sen müssen.
fache der gleichaltrigen Bevölkerung und 30 % der (Spät-)Aussiedlerinnen und
ohne Migrationshintergrund (12 %). Zu (Spät-)Aussiedler (50 +) mit großen ge- 2.3.5 Zusammenfassung
berücksichtigen sind jedoch graduelle Ab- sundheitlichen Sorgen, in der Bevölke- Die Generation der älteren Migrantinnen
stufungen und Unterschiede zwischen rung ohne Migrationshintergrund sind es und Migranten (50 +) besteht im Wesent­
Migrantengruppen (50 +) entsprechend nur 23 %. u Abb 4 lichen aus zwei Hauptgruppen: Den (Spät-)
ihrem Sozialstatus: Das Armutsrisiko der Trotz des höheren Armutsrisikos und Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedlern
über 50-jährigen (Spät-)Aussiedlerinnen großer wirtschaftlicher wie auch gesund- aus Regionen Mittel- und Osteuropas (mit
und (Spät-)Aussiedler ist mit 22 % bei ver- heitlicher Sorgen von älteren Migrantin- einem Anteil von 35 %) und den Arbeits-
gleichsweise höherem Bildungsniveau, nen und Migranten (50 +) unterscheidet migrantinnen und -migranten, die nach

u 1
Tab 7 Armutsgefährdungsquote  für die Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrations- und Sozialstatus, Deutschland 2013

nach Berufsabschluss nach Erwerbsstatus nach überwiegendem Lebensunterhalt

Ohne
Ins- Unter-
Mit berufs- berufsqualifi-
gesamt Nichter- Rente, stützung
qualifi- zierenden Erwerbs- Erwerbs- Berufs- Sozial-
werbs- eigenes durch
zierendem Abschluss tätige lose tätigkeit transfers
personen Vermögen Ange-
Abschluss oder ohne
hörige
Angabe

Personen ohne
11,9 9,4 23,0 5,0 57,8 14,8 3,6 13,1 13,0 64,5
Migrationshintergrund

Arbeitsmigrant /-innen mit
29,9 20,8 34,9 9,7 57,5 36,9 7,3 34,2 36,0 65,4
Zuzug zwischen 1956 –1973

(Spät-)Aussiedler  /-innen mit


21,5 17,6 30,0 7,9 65,3 30,8 5,9 26,4 17,3 73,7
eigener Migrationserfahrung

1 Anteil der Personen, deren verfügbares Einkommen weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens beträgt.
Bezugsgröße ist der Bundesmedian. Berücksichtigt ist hier nur die Bevölkerung in Privathaushalten am Hauptwohnsitz mit gültigen Einkommensangaben.
Datenbasis: Destatis, Mikrozensus 2013, nach Zensus-Revision.

72
Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund  / 2.3  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

1956 auf der Grundlage der Anwerbeab- Ausbildung abgeschlossen und sind auch geltenden Anwerbeabkommen eingereis-
kommen vor allem aus den Mittelmeer- noch im Vorruhestandsalter relativ gut in ten Personen bilden die älteste Migran-
ländern nach Deutschland kamen (32 %). den Arbeitsmarkt integriert. Dadurch tengruppe. Auch sie leben überwiegend in
Diese beiden Gruppen unterscheiden können sie bis zum Übergang in den Familienverbänden, da sie in ­v ielen Fällen
sich sowohl hinsichtlich demografischer Ruhe­stand überwiegend vom Erwerbs- ihre Familien nach Deutschland nachge-
wie auch sozialer Merkmale: einkommen leben. Dennoch ist ihr Ar- holt haben. Personen dieser Gruppe mig-
Die Gruppe der (Spät-)Aussiedlerin- mutsrisiko etwa doppelt so hoch wie das rierten als Arbeitskräfte mit einem sehr
nen und (Spät-)Aussiedler hat im Allge- der gleichaltrigen Bevölkerung ohne Mi- niedrigen Bildungsniveau nach Deutsch-
meinen eine relativ ausgeglichene Alters- grationshintergrund. land, welches sich im Laufe des weiteren
struktur und ist zumeist im 3-Generatio- Die Gruppe der Arbeitsmigrantinnen Lebens nicht verbesserte. Durch hohe
nen-Verbund nach Deutschland migriert. und -migranten ist in einem sehr jungen Frühverrentungsraten und schlechte Ar-
Dadurch sind diese Personen in hohem Alter eingewandert und hat die längste beitsmarktchancen sind sie im Alter zwi-
Maße in familialen Gemeinschaften ver- Aufenthaltsdauer in Deutschland. Die un- schen dem 50. und dem 64. Lebensjahr
netzt. Sie haben häufig eine berufliche mittelbar in der Zeit der von 1956 bis 1973 nur in geringem Maße ins Berufsleben in-
tegriert. Entsprechend niedrig ist ihr Ein-
kommen und sie sind dreimal stärker von
Armut bedroht als die gleichaltrige Bevöl-
kerung ohne Migrationshintergrund.
uAbb 3  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrationsstatus und Insgesamt zeigen die Analysen stär-
Sorge um die eigene wirtschaftliche Situation — in Prozent kere Armutsrisikofaktoren für ältere Mi-
grantinnen und Migranten im Vergleich
zur gleichaltrigen Bevölkerung ohne Mi-
grationshintergrund. Das Armutsrisiko
(Spät-)Aussiedler/-innen mit
16,2 51,7 32,1
eigener Migrationserfahrung variiert jedoch nach spezifischer sozialer
und kultureller Herkunft der Migrantin-
Arbeitsmigrant /-innen mit
Zuzug zwischen 1956 –1973 23,1 45,5 31,5 nen und Migranten.

Personen ohne
14,2 44,0 41,8
Migrationshintergrund

große Sorgen einige Sorgen keine Sorgen

Pearson chi2(8) = 241,1452 Pr = 0,000.


Datenbasis: SOEP 2013 (n = 11 663), gewichtet.

uAbb 4  Bevölkerung im Alter ab 50 Jahren nach Migrationsstatus und


Sorge um die eigene Gesundheit — in Prozent

(Spät-)Aussiedler/-innen mit
29,6 53,0 17,4
eigener Migrationserfahrung

Arbeitsmigrant /-innen mit


37,0 42,2 20,8
Zuzug zwischen 1956 –1973

Personen ohne
22,7 53,0 24,3
Migrationshintergrund

große Sorgen einige Sorgen keine Sorgen

Pearson chi2(8) = 96,4790 Pr = 0,000.


Datenbasis: SOEP 2013 (n = 11 681), gewichtet.

73
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.4 /  Einstellungen zu Familie und Lebensformen

2.4 In Politik und Medien wird im Zusam-


menhang mit der Familie eine Reihe von
bei den älteren Menschen über 60 Jahren
verdeutlicht. So glauben nur 13 % der ost-
Einstellungen zu Problemfeldern kontrovers diskutiert. deutschen Befragten der Altersgruppe ab
Familie und Die Familienfreundlichkeit von Arbeits-
welt, Kinderbetreuungseinrichtungen
61 Jahren, dass man allein genauso glück-
lich oder glücklicher leben kann. In den
Lebensformen und Schule wird in Frage gestellt. Die alten Bundesländern äußert etwa ein
Verbindung von Erwerbstätigkeit und der Fünftel dieser Altersgruppe diese Mei-
Erziehung von Kleinkindern erweist sich nung. Überwiegend wird der Familie
Stefan Weick
für viele Frauen als schwer umsetzbar. demnach eine zentrale Rolle für das per-
GESIS Mannheim
Zudem wirft der steigende Anteil älterer sönliche Glück zugeschrieben. Die
Menschen erhebliche Probleme für das Trendbetrachtung in den alten Bundes-
WZB / SOEP System der sozialen Sicherung auf und ländern zeigt sogar, dass gerade bei jun-
erfordert Hilfeleistungen und Unterstüt- gen Erwachsenen bis 30 Jahre seit den
zung für alte Familienmitglieder in den 1980er-Jahren der Stellenwert der Familie
privaten Haushalten. Aus der zunehmen- gestiegen ist. Während 1984 in West-
den Verbreitung nichtehelicher Lebens- deutschland noch weniger als die Hälfte
formen bei rückläufigen Geburtenraten in dieser Altersgruppe glaubte, dass man
und hohen Scheidungszahlen wird auch eine Familie zum Glück braucht, ver­
auf einen Bedeutungsverlust der Familie traten im Jahr 2014 in West- und Ost-
in der Bevölkerung geschlossen. Vor die- deutschland etwa 70 % diese Ansicht. In
sem Hintergrund wird im Folgenden dar- Ostdeutschland ist insgesamt bei jungen
gestellt, welche Einstellungen zu Familie, Erwachsenen weniger Veränderung im
Lebensformen und Kindern in Deutsch- Zeitverlauf zu erkennen als in West-
land zu beobachten sind. Ergänzt wird deutschland. u Tab 1, Abb 1
die Darstellung durch die Untersuchung Wann sollten Lebenspartner eine Ehe
des Zusammenhangs von Lebensformen schließen? Welche Einstellungen findet
und subjektivem Wohlbefinden. man hierzu in der Gesellschaft? Wie weit
verbreitet ist die Ansicht, dass man heira-
2.4.1 Einstellungen zu Heirat und ten sollte, wenn man mit einem Partner
Elternschaft auf Dauer zusammenlebt? Besonders
Sinkende Heiratsneigung, zunehmende häufig – von mehr als 60 % der Befragten –
Kinderlosigkeit und geringe Ehestabilität wird diese Meinung von älteren Personen
werden häufig als Ergebnis einer abneh- über 60 Jahren vertreten. In den jüngeren
menden subjektiven Bedeutung der Fa- Altersgruppen sind die entsprechenden
milie in der Bevölkerung gewertet. Ande- Anteile kleiner. In den beiden jüngsten
rerseits wird argumentiert, dass hohe ostdeutschen Altersgruppen findet diese
Erwartungen an Partnerschaft und Eltern- Ansicht am wenigsten Unterstützung: Nur
schaft ein Hemmnis für die Familien- für etwa ein Drittel stellt ein dauerhaftes
gründung darstellen könnten. Es stellt Zusammenleben von Partnern e­inen
sich daher die Frage, welche Bedeutung Grund für eine Heirat dar. Ein Kinder-
die Bevölkerung der Familie zuschreibt. wunsch wird noch seltener als Heirats-
Auf die Frage, ob man eine Familie grund erachtet als das Zusammenleben
braucht, um glücklich zu sein, oder ob von Partnern. Etwa 40 % der Westdeut-
man allein genauso glücklich leben kann, schen stimmen der Aussage zu, dass Men-
gibt die überwiegende Mehrheit in den schen, die sich Kinder wünschen, heira-
alten und neuen Bundesländern an, dass ten sollten. In Ostdeutschland liegt der
man eine Familie zum Glück braucht. entsprechende Anteil mit 29 % merklich
In den beiden höheren Altersgruppen fin- niedriger. Bei älteren Menschen über
det diese Ansicht in den neuen Bundes- 60  Jahren ist diese Ansicht wiederum
ländern eine weitere Verbreitung als in stärker vertreten als bei jüngeren, insbe-
Westdeutschland, was sich insbesondere sondere in den alten Bundesländern.

74
Einstellungen zu Familie und Lebensformen  / 2.4  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

Die geringe Fertilität in Deutschland gungen für die Kindererziehung verbes- derlosen Männer und Frauen im Alter
ist ein vieldiskutiertes familienpolitisches sern und somit die Entscheidung für ein von 18 bis 30 Jahren äußern den Wunsch
Problem. Politische Maßnahmen, wie Kind erleichtern. In diesem Zusammen- Kinder zu bekommen: 93 % in West-
eine verbesserte finanzielle Förderung hang stellt sich die Frage, ob und gegebe- deutschland und 94 % in Ostdeutschland
von Eltern oder der Ausbau von Kinder- nenfalls wie viele Kinder jüngere Deut- wünschen sich Kinder. Bei den Befragten
betreuungsplätzen sollen die Randbedin- sche gerne hätten. Die meisten bisher kin- von 31 bis 50 Jahren geht dieser Anteil auf

u Tab 1  Einstellungen zu Familie und Eheschließung 2014 nach Alter — in Prozent

18 – 30 Jahre 31– 45 Jahre 46 – 60 Jahre Ab 61 Jahre Alle Altersgruppen

West Ost West Ost West Ost West Ost West Ost

Braucht man Familie zum Glück?


Man braucht Familie zum Glück 69 72 70 71 63 74 72 81 68 76
Ohne Familie gleich glücklich/glücklicher 21 16 22 21 27 19 21 13 23 17
Unentschieden 9 12 9 9 9 7 7 5 8 8
Heirat bei dauerndem Zusammenleben?
Ja 42 32 39 33 41 42 62 61 47 45
Nein 40 51 48 56 46 43 26 25 40 41
Unentschieden 17 18 13 12 12 15 12 14 13 14
Bei Kinderwunsch heiraten1 (2012) 30 20 32 16 35 27 60 45 40 29

1  Sehr wichtig auf einer Skala von 1 »unwichtig« bis 7 »sehr wichtig« (ISSP).
Datenbasis: ALLBUS 2014; ISSP 2012.

u Abb 1  Anteil der jungen Erwachsenen¹, der angibt: Man braucht eine Familie zum Glück 1980 – 2014 — in Prozent

79
76 77
72 72 72 72
70 71 69 68 70
68
64
59
57
55

46
43

1980 1984 1988 1991 1992 1996 2000 2002 2006 2010 2014

Westdeutschland Ostdeutschland

1  Im Alter von 18 bis 30 Jahren.


Datenbasis: ALLBUS 1980 – 2012 kumuliert; ALLBUS 2014.

75
2 /  Familie, Lebensformen und Kinder  2.4 /  Einstellungen zu Familie und Lebensformen

52 % in den alten und 63 % in den neuen sondern sieht auch eigene Kinder in der dern. Der Anteil, der sich nur ein Kind
Bundesländern zurück. Auch junge Er- Lebensplanung vor. In allen Altersgrup- wünscht, ist dagegen größer als bei west-
wachsene bis 30 Jahre, die schon Kinder pen überwiegt bei Kinderlosen der deutschen Befragten. Dem­gemäß liegt
haben, äußern überwiegend den Wunsch Wunsch nach zwei Kindern. Der Wunsch die durchschnittlich gewünschte Kin-
nach weiteren Kindern, während bei nach drei oder mehr Kindern wird häufi- derzahl in Westdeutschland mit 2,2 Kin-
Frauen und Männern über 30 Jahren mit ger genannt als der nach nur einem Kind. dern bei den jüngeren kinderlosen Be-
Kindern der Wunsch nach weiteren Kin- Dabei sind Ost-West-Differenzen zu er- fragten und 1,9 Kindern bei den älteren
dern deutlich weniger verbreitet ist. Ge- kennen. Seltener als in den alten Bundes- auch etwas höher als in Ostdeutschland,
rade die jüngste Altersgruppe misst der ländern äußern junge Erwachsene bis wo sie bei den 18- bis 30-Jährigen bei 2,0
Familie somit nicht nur in einem abs- 30  Jahre aus den neuen Bundesländern und bei den 31- bis 50-Jährigen bei 1,8
trakten Sinn eine hohe Bedeutung zu, den Wunsch nach drei oder mehr Kin- liegt. u Tab 2

2.4.2 Familie, Partnerschaft und


Subjektives Wohlbefinden
Das subjektive Wohlbefinden ist nicht
u Tab 2  Kinderwünsche bei Personen bis 50 Jahre 2014
unabhängig von der Lebensform der
18 – 30 Jahre 31– 50 Jahre Menschen. Die allgemeine Lebenszufrie-
West Ost West Ost denheit, gemessen auf einer Skala von 0
Wunsch nach (weiteren) Kindern (in %) »ganz und gar unzufrieden« bis 10 »ganz
Bei Personen mit Kindern 63 51 15 13 und gar zufrieden«, ist bei Paaren mit
Bei kinderlosen Personen 93 94 52 63 und ohne Kinder mit 7,8 Skalenpunkten
Gewünschte Anzahl von Kindern (in %)1
am höchsten. Eine niedrige Lebenszu-
friedenheit äußern Geschiedene bezie-
1 Kind 8 17 20 17
hungsweise getrennt Lebende und Allein-
2 Kinder 61 64 49 55
erziehende: Die durchschnittliche Zufrie-
3 Kinder und mehr 31 20 31 28
denheit mit dem Leben beträgt bei den
Durchschnittliche gewünschte Kinderzahl 1
2,2 2,0 1,9 1,8
Geschiedenen und getrennt Lebenden 6,9
1  Kinderlose mit Kinderwunsch.
Datenbasis: ALLBUS 2014.

u Tab 3  Subjektives Wohlbefinden nach Familienformen 2012 und 2014


Lebens- Zufriedenheit mit Glücklich Immer/oft
zufriedenheit ¹ Familienleben ² mit Leben³ einsam ⁴
2014 2012 2012 2014
arithm. Mittel %
Allein lebend
Ledig 7,0 33 27 11
Geschieden/
6,9 32 16 12
getrennt lebend
Verwitwet 7,4 46 28 25
(Ehe-)Paare
Ohne Kinder im Haushalt 7,8 65 41 2
Mit Kindern bis 6 Jahre 7,8 66 50 3
Mit Kindern 7–17 Jahre 7,8 61 42 3
Mit Kindern ab 18 Jahren 7,8 59 35 2
Alleinerziehende 6,8 35 27 12
Sonstige 7,4 51 41 8
Insgesamt 7,6 56 38 6

1 gemessen auf einer Skala von 0 »sehr unzufrieden« bis 10 »sehr zufrieden«.
2 Anteil völlig und sehr zufrieden (1 und 2 auf Skala 1–7).
3 Anteil völlig und sehr glücklich (1 und 2 auf Skala 1–7).
4 Kategorien: Immer; oft; manchmal; fast nie; nie.
Datenbasis: ALLBUS 2014; ISSP 2012.

76
Einstellungen zu Familie und Lebensformen  / 2.4  Familie, Lebensformen und Kinder  / 2

und bei Alleinerziehenden 6,8. Weiterhin Bereich sind bei einem derartigen Verlust
liegt die Lebenszufriedenheit der ledigen aber offenbar engere Grenzen gesetzt. Ge-
Personen mit 7,0 Skalenpunkten unter rade bei Verwitweten beeinträchtigt Ein-
dem Gesamtdurchschnitt von 7,6. u Tab 3 samkeit das emotionale Wohlbefinden. So
Der Familie kommt nicht nur eine sind verwitwete Männer und Frauen ver-
zentrale Bedeutung in der Bevölkerung gleichsweise häufig einsam: Ein Viertel
zu, sie wird auch überwiegend mit einer gibt an, immer oder oft einsam zu sein.
hohen Zufriedenheit bewertet. Der An- Der Tod des Ehepartners hinterlässt deut-
teil der Befragten, der sich völlig oder liche Spuren im subjektiven Wohlbefin-
sehr zufrieden mit dem Familienleben den, wenn auch das Leben insgesamt posi-
äußert, liegt bei über 50 %. Der Anteil der tiv bewertet wird. Auch in anderen Le-
mit dem Familienleben Zufriedenen ist bensarrangements ist dieses spezifische
bei Ehepaaren ohne Kinder und bei Ehe- Defizit verstärkt vorzufinden. Menschen,
paaren mit kleineren Kindern am höchs- die alleine leben, sind insgesamt häufiger
ten. Insbesondere Geschiedene und ge- einsam als Personen in anderen Lebens-
trennt Lebende, aber auch Ledige äußern formen, wenn auch seltener als Verwitwe-
eine geringe Familienzufriedenheit. te. Auch Alleinerziehende fühlen sich oft
Während Zufriedenheit stärker die ko- einsam, obwohl sie mit ihren Kindern im
gnitiv bewertende Komponente des sub- Haushalt leben. Offensichtlich begünstigt
jektiven Wohlbefindens erfasst, zielt die das Fehlen eines vertrauten erwachsenen
Frage nach dem Glück mehr auf die emo- Menschen im Alltag das Gefühl von Ein-
tionale Komponente. Betrachtet man, wie samkeit.
glücklich Personen in den verschiedenen Diese Ergebnisse stützen die überwie-
Lebensformen mit ihrem Leben sind, so gende Einschätzung der Bevölkerung,
fallen vor allem getrennt Lebende und Ge- dass der Familie eine hohe Bedeutung für
schiedene mit einem besonders geringen das persönliche Glück zukommt. Der
Anteil von Glücklichen auf. Während Ver- Wandel der familialen Lebensformen mit
witwete bei der Lebenszufriedenheit nahe einer Zunahme von Singles und soge-
am Durchschnitt liegen, beurteilen in die- nannten alternativen Familienmodellen,
ser Gruppe nur 28 % ihr Leben als glück- drückt einerseits zwar eine gestiegene
lich. Die Betroffenen konnten sich bei der Wahlfreiheit aus im Hinblick auf das sub-
kognitiven Bewertung ihrer Lebensum- jektive Wohlbefinden lassen sich aller-
stände mit der Zeit offenbar an den Tod dings auch negative Entwicklungen iden-
des Ehepartners anpassen und sind mit tifizieren, die mit der weiteren Verbrei-
ihrem Familienleben durchaus nicht un- tung dieser spezifischen Lebensformen
zufrieden; der Anpassung im emotionalen an Gewicht gewonnen haben.

77
7 500

2,7 Mill. Ausbildungsverträge wurden


2014 gegenüber dem Vorjahr
weniger abgeschlossen.

Studierende waren im Winter­semester


2014/2015 an deutschen Hochschulen
ein­geschrieben. So viele wie nie zuvor.
30 300
chinesische Studierende waren
im Wintersemester 2014/2015
an deutschen Hochschulen einge-
schrieben. China lag damit auf ­
Platz 1 unter den ausländischen
Studierenden.

786 000
Lehrkräfte unterrichteten
im Jahr 2014 an deutschen
6 300 €
Schulen.

gaben die öffentlichen


Haushalte 2012 pro
Schüler/-in aus.
3
Bildung
3.1 Die Bildungspolitik in Deutschland steht den Menschen verbessert. Zunehmend
auch in diesem Jahrzehnt im Blickpunkt können Unternehmen inzwischen ihre
Bildungs­ der Öffentlichkeit. Nach den Ergebnissen angebotenen Ausbildungsstellen nicht
beteiligung, der PISA-Studie (Programme for Inter­ besetzen.
national Student Assessment) 2012 liegen Die Erweiterung der Hochschulkapa-
Bildungsniveau deutsche Schülerinnen und Schüler erst- zitäten sowie die adäquate Ausstattung
und Bildungs- mals in allen drei Testbereichen (Lese- der Hochschulen mit Personal und Finan-
kompetenz, mathematische Kompetenz zen wird auch in Zukunft ein zentrales
budget und naturwissenschaftliche Kompetenz) Thema der Bildungspolitik sein, denn der
deutlich über dem OECD-Durchschnitt. Trend zum Gymnasium als zahlenmäßig
Mit dem Programme for the International bedeutendste Schulform, die Aussetzung
Christiane Krüger-Hemmer
Assessment of Adu lt Competencies der Wehrpf licht, die doppelten Abitu­
(PIAAC) wurden 2012 auch die Kompeten- rientenjahrgänge infolge der Umstellung
Destatis zen der erwachsenen Bevölkerung in in- von G9 auf G8 und die demografische
ternational vergleichbarer Weise gemes- Entwicklung lassen bis 2017 ein weiteres
­ anach weist die Gruppe der 16- bis Ansteigen der Studierendenzahlen erwar-
sen. D
35-Jährigen in Deutschland in den Berei- ten.
chen ­L esen, Alltagsmathematik und com- Die in diesem Kapitel dargestellten
puterbasiertes Problemlösen höhere Kom- Bildungsdaten stammen aus der amt­
petenzen auf als die Gruppe der 55- bis lichen Schulstatistik (Schülerinnen und
65-Jährigen. Schüler, Absolventen, Abgänger und
Ebenso viel diskutiert wie die Ergeb- Lehrkräfte), der Berufsbildungsstatistik
nisse dieser internationalen Kompetenz- (Auszubildende, Abschlussprüfungen),
vergleiche wird die Verkürzung der Gym- der Hochschulstatistik (Studierende, Stu-
nasialzeit von neun auf acht Jahre, be- dienanfänger, Hochschulabsolventen und
kannt unter dem Kürzel G8. Teilweise -personal), dem Adult Education Survey
wurde diese Reform wieder rückgängig (Teilnahme der Bevölkerung im Erwach-
gemacht oder der Schule und den Eltern senenalter an unterschiedlichen Formen
die Wahl zwischen G8 und G9 überlassen. von Lernaktivitäten), dem Mikro­z ensus
Die Situation auf dem Ausbildungs- (Bildungsstand der Bevölkerung) sowie
markt hat sich aufgrund der demogra­ der Jahresrechnungsstatistik und der
fischen und wirtschaftlichen Entwicklung Hochschulfinanzstatistik (Bildungsaus­
zugunsten der jungen, ausbildungssuchen- gaben). u Abb 1

79
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

u Abb 1  Das Bildungssystem in Deutschland

Weiterbildung
Promotion

Universität
Tertiärbereich

Diplomprüfung, Bachelor und Master,


25 Jahre
Staatsprüfung (nur Universität)
und älter

Schule des
19 – 28 Jahre Fachschule Gesundheits- Berufsakademie Fachhochschule Universität
wesens

Jahrgangsstufe
Sekundarbereich II

13 (19 Jahre) ¹ Berufsaus-


bildung ²
(Duales System) Berufs- Fach- Gesamt- Gym- Förder-­
12 ¹
fachschule gymnasium schule nasium schule
Fachober-
Berufsgrund-
11 (16 Jahre) ¹ schule
bildungsjahr

10 (16 Jahre) G9 G9

9 G8 G8
Sekundarbereich I

Hauptschule Schularten Realschule Gesamtschule


­ Gymnasium Förderschule
8 mit
mehreren
7 Bildungs-
gängen ³
6
Orientierungs-­ Orientierungs-­ Orientierungs-­
stufe stufe stufe
5 (10 Jahre)

4 (10 Jahre)
Primarbereich

3
Grundschule Förderschule
2

1 (6 Jahre)

Förderschul-
Kindergarten
3 – 6 Jahre kindergarten

1 Durch die Einführung von G8 an Gymnasien und Gesamtschulen beginnen die Klassenstufen im Sekundarbereich II ein Jahr früher, diese Schüler/-innen sind ein Jahr jünger.
Bei G8 bedeutet dies zum Beispiel, dass die Einführungsstufe (E1) in der 10. Klassenstufe mit einem Alter von durchschnittlich 15 Jahren beginnt.
2 In Berufsschule und Betrieb (Duales System).
3 Einschließlich Bildungsgangübergreifende Klassen, Mittelschulen, Sekundarschulen und Erweiterte Realschulen, Kombinierte Klassen an Sekundarschulen, Regelschulen,
Regionale Schulen und Duale Oberschulen.

80
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

Die demografische Entwicklung ist hierfür sind demografische Entwicklun- den vergangenen zehn Jahren kontinuier-
für das Bildungswesen von besonderer gen: Ende 2004 lag die Zahl der Fünf- bis lich von 9,6 Millionen im Jahr 2004 auf
Bedeutung. Der Altersaufbau der Bevöl- Sechsjährigen in Deutschland insgesamt 8,4 Millionen im Jahr 2014. Deutliche
kerung ist geprägt durch die geburten- bei 779 000, Ende 2014 bei nur noch ­Unterschiede gab es zwischen Ost- und
starken Jahrgänge der 1960er-Jahre, die 679 000. Dabei gibt es große regionale Westdeutschland: In den neuen Ländern
geburtenschwachen Jahrgänge von 1974 Unterschiede. Während die Zahl der sind die Schülerzahlen aufgrund des star-
bis 1989 und insbesondere die Entwick- Kinder im einschulungs­­re­levanten Alter ken Geburtenrückgangs zu Beginn der
lung der Neugeborenenzahl in den im früheren Bundesgebiet zwischen 1990er-Jahre beständig gesunken und
1990er-Jahren. Seit 1998 sind die Gebur- Ende 2004 und Ende 2014 um 17 % gesun- ­lagen 2014 um 11 % unter dem Stand von
tenzahlen in Deutschland tendenziell ken ist, stieg sie in den neuen Bundeslän- 2004. Im Westen dagegen stiegen die
rückläufig, auch wenn in den Jahren 2013 dern und Berlin um 6 % an. Das führte Schülerzahlen an allgemeinbildenden
und 2014 wieder ein leichter Anstieg zu dazu, dass im Jahr 2014 im früheren Bun- Schulen bis 2004. Danach setzte ein Rück-
verzeichnen war (siehe auch Kapitel 1.1.2, desgebiet 17 % weniger ­K inder einge- gang ein, der dazu führte, dass 2014 die
Seite 18). schult wurden als im Jahr 2004, in den Zahl der Schülerinnen und Schüler um
Frühkindliche Bildung findet bereits in neuen Bundesländern und Berlin jedoch 13 % unter dem Stand von 2004 lag. u Abb 2
der Kindertagesbetreuung statt. Angaben 9 % mehr. Während die Schülerinnen und Schü-
hierzu enthält das Kapitel 2.1.6, Seite 57. Die Einschulungen wirkten sich ent- ler eines Wohnbezirks in der Regel ge-
Durch die Schwankungen in der Neu- sprechend zeitversetzt auf die Schüler- meinsam an der Grundschule unterrich-
geborenenzahl ergeben sich zeitversetzt zahlen in allen Bildungsbereichen aus. tet werden, richtet sich im Anschluss da-
unterschiedliche Jahrgangsstärken bei Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler ran die weitere Schullaufbahn der Kinder
Schülerinnen und Schülern, Auszubilden- an allgemeinbildenden Schulen sank in nach den schulischen Leistungen, der
den und Studierenden. Die Bevölke-
rungsentwicklung ist allerdings nicht der
einzige Einflussfaktor auf das Angebot
und die Nachfrage im Bildungsbereich. Abb 2 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen - in Millionen

Die individuellen Entscheidungen der


Menschen und die Maßnahmen, die zur
Umsetzung bildungspolitischer Ziele ge- u Abb 2  Schülerinnen und Schüler in allgemeinbildenden Schulen — in Millionen
troffen werden, sind ebenfalls von großer
Bedeutung.
10

3.1.1 Allgemeinbildende und


­beruf­liche Schulen
Das Grundgesetz überlässt den Ländern 8
im föderalen System die Gesetzgebungs-
kompetenz für das Schulwesen. Im Rah-
men ihrer Kulturhoheit gestalten die
6
Länder ihr Bildungssystem entsprechend
den regionalen Erfordernissen sowie den
gesellschaftlichen und politischen Wert-
vorstellungen. 4

Schülerinnen und Schüler


Zu Beginn des Schuljahres 2014/2015
wurden in Deutschland 711 000 Kinder 2
eingeschult. Dies entspricht einer Zunah-
me von 3,1 % im Vergleich zum Vorjahr,
in dem 690 000 Schülerinnen und Schüler
0
ihren Ranzen zum ersten Mal packten. 2004 2006 2008 2010 2012 2014
Gegenüber dem Jahr 2004 nahm die Zahl
früheres Bundesgebiet neue Länder und Berlin
der Schulanfängerinnen und -anfänger in
Deutschland um 13 % ab. Hintergrund

81
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

Empfehlung der Grundschule sowie dem schiede in der Struktur der weiterführen- mit mehreren Bildungsgängen (32 %) be-
Wunsch der Eltern. Der größte Teil der den Schulen. Sowohl in den westdeut- suchten. Diese Schularten (mit länderspe-
Schülerinnen und Schüler an weiterfüh- schen als auch in den ostdeutschen Bun- zifisch unterschiedlichen Bezeichnungen)
renden Schulen des Sekundarbereichs be- desländern wurde 2014 der größte Teil der führen zum Hauptschulabschluss oder
suchte ein Gymnasium. Ihr Anteil stieg Schülerinnen und Schüler in der Sekun- zum Realschulabschluss. Diese Schul­
von 41 % im Jahr 2004 auf 45 % im Jahr darstufe an Gymnasien unterrichtet. Auch struktur trägt auch dazu bei, dass trotz
2014. In demselben Zeitraum sank der hielt der Trend weiterhin an, dass die der demografischen Entwicklung – ins­
Anteil der Jugendlichen, die an Haupt- ­Jugendlichen in den westdeutschen Bun- besondere in den Flächenländern – ein
schulen unterrichtet wurden, von 18 % auf desländern am zweithäufigsten an Real- wohnortnahes Schulangebot erhalten wer-
10 %. Aufgrund der länderspezifischen schulen (22 %) lernten, während sie in den den kann. u Tab 1
Bildungspolitik gab es allerdings Unter- ostdeutschen Bundesländern Schularten Neben den bereits genannten Schul­
arten gibt es Förderschulen, an denen
körperlich, geistig oder seelisch benach-
teiligte oder sozial gefährdete Kinder un-
terrichtet werden. Im Jahr 2014 besuchten
335 000 Kinder eine Förderschule, dies
u Tab 1  Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen sind gut 4 % der Schülerinnen und Schü-
nach Schularten — in Tausend ler an allgemeinbildenden Schulen. Die
2004 2009 2012 2013 2014
Zahl der Schülerinnen und Schüler mit
sonderpädagogischem Förderbedarf, die
Vorklassen und Schulkindergärten 48 28 28 28 27
außerhalb von Förderschulen an den
Primarbereich 3 189 2 953 2 796 2 772 2 789
­übrigen allgemeinbildenden Schulen (ins-
 Grundschulen 3 150 2 915 2 746 2 708 2 709
besondere an Grundschulen) unterrichtet
Sekundarbereich 5 904 5 478 5 321 5 222 5 163 werden, hat sich in den vergangenen zehn
 Hauptschulen 1 084 767 608 554 508 Jahren mehr als verdoppelt. Während im
 Realschulen 1 351 1 221 1 081 1 015 951 Jahr 2004 bundesweit lediglich 63 000 so-
 Gymnasien 2 404 2 475 2 388 2 330 2 305 genannte Integrationsschüler sonstige all-
 Integrierte Gesamtschulen 523 519 658 715 766 gemeinbildende Schulen besuchten,
Förderschulen 424 388 355 343 335 ­waren es im Jahr 2014 bereits 152 000 In-
Abendschulen und Kollegs 60 60 57 55 53 tegrationsschülerinnen und -schüler. Das
Insgesamt 9 625 8 906 8 557 8 420 8 367 entspricht einem Anteil von 2 % an der
Gesamtzahl der Schülerinnen und Schü-
ler an allgemeinbildenden Schulen.
u Tab 2  Schülerinnen und Schüler an beruflichen Schulen An den Grundschulen, an denen in der
nach Schularten — in Tausend Regel alle Kinder gemeinsam unterrichtet
2004 2009 2012 2013 2014
werden, waren Mädchen (49 %) und Jun-
gen (51 %) etwa gleich verteilt. An den
Teilzeit-Berufsschulen 1 672 1 682 1 519 1 482 1 444
­weiterführenden Schularten war der Jun-
Berufsvorbereitungsjahr 81 55 49 49 53 genanteil unterschiedlich: Die Spanne
Berufsgrundbildungsjahr in
48 34 28 29 30 reichte im Jahr 2014 von 47 % an Gymnasi-
vollzeitschulischer Form
en über 51 % an Realschulen bis zu 57 % an
Berufsaufbauschulen 1 1 0 0 0
Hauptschulen. An Förderschulen betrug
Berufsfachschulen 542 500 437 431 426
der Anteil der männlichen Schüler 64 %.
 Berufsausbildung 240 256 239 236 234 Ein großer Teil der Jugendlichen be-
Fachoberschulen 122 140 134 137 140 ginnt nach dem Verlassen der allgemeinbil-
Fachgymnasien 117 159 173 181 190 denden Schulen eine Berufsausbildung im
Berufsoberschulen/ dualen System von Teilzeit-Berufsschule
18 24 23 22 21
Technische Oberschulen und Betrieb. Die Berufsschule ergänzt im
Fachschulen und Fachakademien 163 175 194 200 202 dualen Ausbildungssystem die gleichzeiti-
Insgesamt 2 763 2 769 2 557 2 531 2 506 ge praktische Ausbildung im Betrieb. Da-
Nachrichtlich: neben wird die Teilzeit-Berufsschule auch
120 128 149 150 153
Schulen des Gesundheitswesens
von Jugendlichen unter 18  Jahren ohne

82
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

Ausbildungsvertrag besucht, die noch der des Gesundheitswesens angeboten werden. An beruflichen Schulen können auch
Schulpflicht unterliegen und keine andere Dabei handelt es sich neben den Gesund- allgemeinbildende Abschlüsse erworben
Schule besuchen. Insgesamt wurden 2014 heits- und Sozialberufen vor allem um werden. Eine Studienberechtigung strebten
in Deutschland 1,4 Millionen Jugendliche Assistenzberufe, wie zum Beispiel Kauf­ 2014 rund 350 000 Jugendliche mit dem
an Teilzeit-Berufsschulen unterrichtet. In männische/r Assistent/-in, Wirt­schafts­ Besuch von Fachoberschulen, Fachgymna-
den vergangenen zehn Jahren nahm ihre assistent/-in oder Technische/r Assistent/ sien oder Berufsoberschulen beziehungs-
Zahl um 14 % ab. u Tab 2 -in für Informatik. Rund 387 000 Jugend­ weise Technischen Oberschulen an. Im
Neben den Berufsausbildungen im liche befanden sich 2014 in einer schu­ Vergleich zu 2004 hat die Zahl der Schüle-
dualen System gibt es Formen der schu­ lischen Berufsausbildung; das waren 21 % rinnen und Schüler an diesen Schularten
lischen Berufsausbildung, die im Wesent­ aller Jugendlichen, die eine Berufsaus­ um 36 % zugenommen. Fachschulen (ein-
lichen an Berufsfachschulen und Schulen bildung absolvierten. u Abb 3 schließlich Fachakademien) werden in der
Regel nach einer bereits erworbenen Be-
rufsausbildung und praktischer Berufser-
fahrung besucht und vermitteln eine wei-
tergehende fachliche Ausbildung im Beruf.
Abb 3 Schülerinnen und Schüler in Berufsausbildung nach Schularten
Im Jahr 2014 gab es 202 000 Fachschülerin-
u Abb 3  Schülerinnen und Schüler in nen und -schüler. Die übrigen Schüler an
Berufsausbildung nach Schularten — in Prozent beruflichen Schulen versuchten durch den
Besuch berufsvorbereitender Schulen (Be-
rufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbil-
2014 78 12 8
dungsjahr oder Berufsfachschulen, soweit
sie nicht berufsausbildend sind), durch das
2004 82 11 5 Erreichen eines Haupt- oder Realschulab-
schlusses oder durch den Erwerb beruf­
Teilzeit-Berufsschulen Berufsausbildung Schulen des licher Grundkenntnisse ihre Chancen auf
(einschließlich Schülerinnen und an Berufsfachschulen Gesundheitswesens einen Ausbildungsplatz zu verbessern.
Schüler ohne Ausbildungsvertrag)
In den letzten Jahren ist das Interesse
an Privatschulen deutlich gestiegen. Den
Abb 4 Anteil der Privatschülerinnen und -schüler - in Prozent rechtlichen Rahmen für die Gründung
und den Betrieb von Privatschulen legen
u Abb 4  Anteil der Privatschülerinnen und -schüler — in Prozent
die jeweiligen Schulgesetze der Länder
fest. In der Regel können Privatschulen
9,4 9,5 von natürlichen sowie juristischen Perso-
9,3
9,2 nen (wie zum Beispiel Kirchen, Vereinen)
8,7 9,0 8,7 8,8
8,5
8,2
8,4 8,5 8,5 8,4
8,2 8,4 errichtet und betrieben werden. Im Jahr
7,9
7,7 2014 besuchten 737 000 Schülerinnen und
7,3
7,0
Schüler private allgemeinbildende Schulen
6,7
6,5 und 239 000 private berufliche Schulen.
Das entsprach einem Anteil von 9 % der
Schülerinnen und Schüler an allgemein-
bildenden und 10 % an beruflichen Schu-
len. Im Vergleich dazu lag 2004 der Anteil
der Privatschülerinnen und -schüler an al-
len Schülerinnen und Schülern der allge-
meinbildenden Schulen bei 6 % und der
beruflichen Schulen bei 8 %. u Abb 4

Allgemeinbildende und berufliche


Abschlüsse
2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Im Jahr 2014 wurden 851 000 junge Men-
allgemeinbildende Schulen berufliche Schulen
schen (mit und ohne Schulabschluss) aus
den allgemeinbildenden Schulen entlassen.

83
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

5 Absolventen/Abgänger 1999 bis 2009 nach Abschlussarten (einschl. Externe) in Tausend

u Abb 5  Absolventinnen/Absolventen und Abgängerinnen/Abgänger enanteil an den hauptberuflichen Lehr-


nach Abschlussarten — in Tausend kräften 2014 nur 50 %. Den höchsten
Frauenanteil hatten Vorklassen mit 85 %,
Schulkindergärten mit 94 % sowie Grund-
2014 46 146 375 1 280 schulen mit 89 %. Mit ansteigendem
­B ildungsziel der Schularten sank der
2004 82 246 419 11 226
Frauenanteil an den Lehrkräften, lag aber
dennoch über 50 %; an Gymnasien betrug
ohne Hauptschul- mit Hauptschul- mit Realschulab-
abschluss abschluss schluss
er im Jahr 2014 rund 58 %, an Abendschu-
len und Kollegs 57 %.
mit Fachhoch- mit allgemeiner
schulreife Hochschulreife
Im Schuljahr 2014/2015 waren insge-
samt 14 % der Lehrkräfte an allgemein-
Der Realschulabschluss wurde in »Mittlerer Abschluss« umbenannt. bildenden Schulen 60 Jahre und älter.
Die größte Altersgruppe der Lehrkräfte
bildeten die 50- bis 59-Jährigen mit fast
29 %, gefolgt von den 40- bis 49-Jährigen
mit 26 %. Der hohe Anteil älterer Lehr-
kräfte ist auf die Einstellungswelle in
den 1970er-Jahren zurückzuführen. Die
Das sind 14 % weniger als 2004. Knapp Rund 30 000 Jugendliche bestanden 2014 30- bis 39-Jährigen machten 24 % aus.
6 % der Schulentlassenen blieben 2014 an beruflichen Schulen den Hauptschulab- Unter 30 Jahre waren lediglich 7 % der
ohne Abschluss, 17 % erwarben den schluss und 154 000 Jugendliche erlangten Lehrkräfte. Der geringe Anteil jüngerer
Hauptschulabschluss und 33 % die allge- die Studienberechtigung. An allgemein­ Lehrkräfte ist zum einen auf die Länge
meine Hochschulreife. Diese Struktur hat bildenden Schulen erreichten im Jahr 2014 der Hochschulausbildung zurückzu­
sich in den vergangenen Jahren erheblich rund 281 000 Absolventinnen und Absol- führen. Zum anderen werden aufgrund
verändert. Vor zehn Jahren verließen venten die Berechtigung, ein Hochschul­ der demografischen Entwicklung, das
noch 8 % der Jugendlichen die allgemein- studium aufzunehmen. Somit betrug 2014 heißt der geringeren Zahl an Schülerin-
bildenden Schulen ohne einen Abschluss die Studienberechtigtenquote, die den An- nen und Schülern, weniger Lehrkräfte
und 25 % mit einem Hauptschulabschluss. teil der Studienberechtigten an der gleich- eingestellt.
Lediglich 23 % erwarben 2004 die allge- altrigen Bevölkerung misst, 52 %. Die Stu-
meine Hochschulreife. Im Bereich der Re- dienberechtigtenquote 2004 belief sich Ausgaben je Schülerin und Schüler
alschulabschlüsse ist eine relativ leichte noch auf 42 %. Hier zeigt sich ein deutli- Die Ausgaben je Schülerin und Schüler an
Zunahme zu verzeichnen. Im Vergleich cher Trend zur Höherqualifizierung. Teil- öffentlichen Schulen sind ein Maß ­d afür,
zu 2004 (43 %) erhöhte sich die Zahl der weise schlagen sich allerdings auch doppel- wie viele Mittel jährlich im Durchschnitt
Realschulabschlüsse 2014 um 1 Prozent- te Abiturjahrgänge infolge der Umstellung für die Ausbildung zur Verfügung gestellt
punkt (44 %). Dies liegt darin begründet, von G9 auf G8 in diesem Wert nieder. werden. Die Ausgaben er­geben sich aus
dass seit 2014 der schulische Teil der der Addition von Personalausgaben (ein-
Fachhochschulreife zu den mittleren Lehrkräfte schließlich Zuschlägen für Beihilfen und
Schulabschlüssen gezählt wird. u Abb 5 Im Jahr 2014 unterrichteten in Deutsch- Versorgung), laufendem Sachaufwand
Junge Männer verließen 2014 die all- land 664 000 hauptberufliche Lehrkräfte und Investitionsausgaben.
gemeinbildenden Schulen im Durch- an allgemeinbildenden Schulen und Die öffentlichen Haushalte gaben 2012
schnitt mit einem niedrigeren Abschluss- 122 000 an beruflichen Schulen. An allge- bundesweit durchschnittlich 6 300 Euro
niveau als junge Frauen: 7 % der männ­ meinbildenden Schulen waren 37 % der für die Ausbildung einer Schülerin bezie-
lichen Schulentlassenen erreichten hauptberuflichen Lehrerinnen und Leh- hungsweise eines Schülers an öffentlichen
keinen Abschluss gegenüber 4 % bei den rer teilzeitbeschäftigt. An beruf lichen Schulen aus. Die Ausgaben je Schülerin
jungen Frauen. Von den männlichen Ab- Schulen betrug dieser Anteil nur 30 %. und Schüler schwankten stark nach Schul-
solventen erhielten 29 % die Studienbe- Auch die Geschlechterverteilung ist bei arten. So waren die allgemeinbildenden
rechtigung, bei den Frauen waren es 37 %. allgemeinbildenden und beruf lichen Schulen mit 6 800 Euro teurer als die be-
Im Zuge der Bildungsreform in den Schulen unterschiedlich. Rund 72 % der ruflichen Schulen (4 300 Euro).
1970er-Jahren wurde die Möglichkeit ge- hauptberuf lichen Lehrkräfte an allge- Innerhalb der allgemeinbildenden
schaffen, auch an beruflichen Schulen all- meinbildenden Schulen waren Frauen. Schulen lagen Grundschulen (5 400 Euro)
gemeinbildende Abschlüsse zu erwerben. An beruf­lichen Schulen betrug der Frau- und Realschulen (5 700 Euro) unter dem

84
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

u Abb 6  Ausgaben je Schülerin und Schüler u Info 1


6 Ausgaben je Schülerin und Schüler nach Schularten 2011 - in Tausend Euro
nach Schularten 2012 — in Tausend Euro »Schüler-BAföG«
Die Ausbildungsförderung nach dem Bundes­
ausbildungsförderungsgesetz (BAföG) soll
zusammen mit anderen direkten Leistun-
Hauptschulen 7,9 gen (zum Beispiel Kindergeld, Leistungen
nach dem Arbeits­förderungsgesetz) sowie
den ausbildungsbezogenen indirekten
Integrierte
7,2 steuer­lichen Entlastungen dazu dienen, die
Gesamtschulen
unterschiedlichen Belastungen der Familien
auszugleichen. Durch diese Förderung
Gymnasien 7,2 ­s ollen junge Menschen aus Familien mit
geringem Einkommen Zugang zu einer
allgemeinbildende Aus­b ildung nach ihrer N
­ eigung, Eignung
6,8
Schulen insgesamt und Leistung erhalten.

Derzeit wird Ausbildungsförderung für den


Realschulen 5,7 Besuch von weiterführenden allgemein­
bildenden Schulen und Berufsfachschulen
ab Klasse zehn und von Fach- und Fach-
Grundschulen 5,4
oberschulklassen, deren Besuch eine
­a bgeschlossene Berufsausbildung nicht
berufliche Schulen
4,3
voraussetzt, nur an auswärts (nicht bei den
Alle Schularten
insgesamt Eltern) untergebrachte Schülerinnen und
6,3
Schüler geleistet. »Schüler-BAföG« gibt es
Berufsschulen im ferner für den Besuch von Abendschulen,
2,7
dualen System Kollegs, Berufsaufbauschulen oder Fach-
und Fachoberschulklassen, die eine abge-
schlossene Berufsausbildung vorausset-
zen. Außerdem werden Schülerinnen und
Schüler in Berufsfachschul- und Fachschul-
klassen gefördert, deren Besuch eine ab-
geschlossene Berufsausbildung nicht vor-
u Tab 3  Ausbildungsförderung für Schülerinnen und Schüler (BAföG) aussetzt, sofern sie in einem mindestens
zweijährigen Bildungsgang einen berufs-
Geförderte Durchschnittlicher
Finanzieller qualifizierenden Abschluss (etwa als
(durchschnittlicher Förderungsbetrag
Aufwand staatlich geprüfte/r Technikerin/Techniker)
Monatsbestand) je Person
vermitteln.
Anzahl in 1 000 Euro in Euro je Monat

2004 191 684 698 068 303

2006 198 572 717 295 301

2008 192 130 741 180 321

2010 199 086 853 820 357

2012 189 936 912 949 401

2014 171 818 861 330 418

Durchschnitt, Integrierte Gesamtschulen Ausbildungsförderung für Schülerinnen und Schüler, die »Schüler-
und Gymnasien mit jeweils 7 200  Euro ­Schülerinnen und Schüler BAföG« erhielten, bekamen eine Vollför-
und Hauptschulen mit 7 900 Euro darü- Im Jahr 2014 wurde durchschnittlich derung, also den Förderungshöchstbetrag.
ber. Die vergleichsweise niedrigen Auf- 172 000  Schülerinnen und Schülern eine Ein Drittel (35 %) erhielt eine Teilförde-
wendungen von 2 700 Euro je Schülerin Ausbildungsförderung gewährt. Darunter rung. Insgesamt wurden 861 Millionen
und Schüler bei den Berufsschulen im besuchten rund 86 000 eine Berufsfach- Euro für die Schülerförderung aufgewen-
dualen Ausbildungssystem sind auf den schule und 22 000 eine Fachschule, deren det. Im Durchschnitt erhielt ein geförder-
dort praktizierten Teilzeitunterricht zu- Besuch eine abgeschlossene Berufsausbil- ter Schüler beziehungsweise eine geförderte
rückzuführen. u Abb 6 dung voraussetzt. Zwei Drittel (65 %) a­ ller Schülerin 418 Euro je Monat. u Info 1, Tab 3

85
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

3.1.2 Der sozioökonomische Status nomischen Status von Kindern ist der Die Verteilung der Kinder und Ju-
der Schülerinnen und Schüler Bildungsabschluss der Eltern, der aus gendlichen auf die Schularten macht den
Aufgrund der demografischen Entwick- dem Mikrozensus, einer jährlich durch- Einf luss des familiären Hintergrunds
lung, des Strukturwandels sowie der zu- geführten Haushaltsbefragung, hervor- deutlich. Generell gilt: Je höher der all­
nehmenden Technologisierung und Glo- geht (Mikrozensus siehe Kapitel 2.1, Sei- gemeine oder berufliche Abschluss der
balisierung rechnen viele Experten in na- te 44, Info 1). Eltern, desto geringer waren die Schüler-
her Zukunft mit einem Fachkräftemangel. Im Jahr 2014 lebten 41 % der Kinder anteile an Hauptschulen und desto höher
Diesem kann nur begegnet werden, wenn und Jugendlichen, die eine allgemeinbil- waren die Schüleranteile an Gymnasien.
das Bildungsniveau der Bevölkerung wei- dende oder berufliche Schule besuchten, Nur 9 % der Gymnasiasten wuchsen
ter ansteigt und die Begabungsreserven in Familien mit mindestens einem Eltern- in Familien auf, in denen die Eltern einen
ausgeschöpft werden, indem alle gesell- teil, der Abitur oder Fachhochschulreife Hauptschulabschluss als höchsten Schul-
schaftlichen Schichten die gleichen Zu- besaß. Ein Fünftel (19 %) der Eltern wies abschluss oder keinen allgemeinen Schul-
gangschancen zur Bildung erhalten. einen Hauptschulabschluss als höchsten abschluss besaßen. An Hauptschulen war
Internationale Vergleichsstudien wie allgemeinen Abschluss auf. Rund 4 % der der Anteil der Schülerinnen und Schüler
PISA (Programme for International Stu- Schülerinnen und Schüler lebten in Fami- mit diesem sozialen Status mit 54 % sechs-
dent Assessment) und IGLU (Internatio- lien, in denen kein Elternteil einen allge- mal so hoch. Dagegen fanden sich an
nale Grundschul-Lese-Untersuchung) meinen Schulabschluss vorweisen konnte. Gymnasien hauptsächlich Kinder, deren
haben jedoch gezeigt, dass in Deutsch- Betrachtet man den höchsten beruflichen Eltern die Fachhochschul- oder Hoch-
land der Bildungserfolg und die Bil- Bildungsabschluss in der Familie, so schulreife aufwiesen (63 %). An Haupt-
dungschancen von Kindern stark von ih- wuchs ein Viertel (23 %) der Schülerinnen schulen war diese Schülergruppe mit nur
rer sozialen Herkunft beziehungsweise und Schüler in Familien auf, in denen 14 % vertreten. u Tab 4
dem Migrationshintergrund abhängen mindestens ein Elternteil einen Bachelor, Ähnliche herkunftsbedingte Muster
(Migration siehe Kapitel 2.1, Seite 51, Master oder ein Diplom besaß. Rund 13 % zeigt auch die Verteilung der Kinder und
Info  4). Auch die Schulwahl wird stark der Kinder lebten in ­Familien, in denen Jugendlichen auf die Schularten anhand
vom familiären Hintergrund bestimmt. kein beruflicher Bildungsabschluss vor- des höchsten beruf lichen Bildungsab-
Ein wichtiger Indikator für den sozioöko- handen war. schlusses in der Familie.
Neben dem elterlichen Bildungsab-
schluss hat auch der Migrationshinter-
grund einen großen Einfluss auf die Art
der besuchten Schule. Im Jahr 2014 wiesen

10,2 Mill.
insgesamt 31 % der Schülerinnen und
Schüler einen Migrationshintergrund auf.
Die größte Herkunftsgruppe (7 %) waren
türkischstämmige Schülerinnen und Schü-
ler. Die deutlichsten Unterschiede der Zu-
sammensetzung der Schülerschaft fanden
sich erneut zwischen Hauptschulen und
Gymnasien: Der Anteil der Schülerinnen
Schülerinnen und Schüler besuchten
und Schüler mit Migrationshintergrund
im Jahr 2014 nach dem Mikrozensus
deutsche Schulen. war mit 48 % an Hauptschulen fast doppelt
so hoch wie an Gymnasien (26 %). Die Zu-
sammensetzung der Kinder mit Migrati-
onshintergrund nach Herkunftsgruppen
unterscheidet sich auch zwischen den
Schularten deutlich. Schülerinnen und
Schüler mit türkischen Wurzeln (14 %) bil-
deten an Hauptschulen mit Abstand die
größte Herkunftsgruppe. Dagegen stamm-
ten die meisten Gymnasiasten mit Migrati-
onshintergrund aus Staaten der Europä­
ischen Union beziehungsweise aus sonsti-
gen nicht europäischen Ländern. u Tab 5

86
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

u Tab 4  Schülerinnen und Schüler nach besuchter Schulart und höchstem allgemeinen Schulabschluss der Eltern 2014

Höchster allgemeiner Schulabschluss der Eltern ²


Ohne
allgemeinen
Insgesamt ¹ Abschluss der Realschul- oder Fachhochschul-
Haupt- (Volks-) Schul-
polytechnischen gleichwertiger oder Hochschul- abschluss³
schulabschluss
Oberschule Abschluss reife

in 1 000 in %
Grundschule 2 799 16,7 4,0 30,0 45,1 3,8
Hauptschule 445 43,8 2,6 28,4 14,5 10,0
Realschule 1 385 23,4 6,7 38,3 27,7 3,4
Gymnasium 2 513 7,2 5,3 23,2 62,5 1,4

Sonstige allgemeinbildende
1 408 22,4 8,5 29,5 33,5 5,8
Schulen⁴

Berufliche Schule, die einen


61 40,5 / 30,6 16,1 8,4
mittleren Abschluss vermittelt

Berufliche Schule, die zur Fach-


254 21,7 4,4 35,5 33,7 4,3
hochschul- / Hochschulreife führt

Berufsschule 1 112 30,0 8,6 34,7 22,5 4,0


Sonstige berufliche Schulen⁵ 254 29,7 9,8 31,7 23,7 4,8

Insgesamt 10 229 19,3 5,9 30,0 40,6 3,8

Personen im Alter von 15 Jahren und mehr.


1 Einschließlich 16 000 Kinder, deren Eltern keine Angaben zum höchsten allgemeinbildenden Schulabschluss gemacht haben sowie 20 000 Kinder,
deren Eltern keine Angabe zur Art des Abschlusses gemacht haben.
2  Bei abweichendem Schulabschluss der Eltern wird der Elternteil mit dem höchsten Abschluss nachgewiesen.
3  Einschließlich Eltern mit Abschluss nach höchstens sieben Jahren Schulbesuch, beziehungsweise einer geringen Anzahl von Eltern, die sich noch in schulischer Ausbildung befinden.
4  Schulartunabhängige Orientierungsstufe, Schularten mit mehreren Bildungsgängen, Gesamtschule, Waldorfschule, Förderschule.
5  Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr, Berufsfachschule, die einen Berufsabschluss vermittelt, Schule für Gesundheits- und Sozialberufe.
/   Keine Angabe, da Zahlenwert nicht sicher genug.
Ergebnisse des Mikrozensus.

u Tab 5  Schülerinnen und Schüler nach besuchter Schulart und Migrationshintergrund 2014

Mit Migrationshintergrund

Ohne Herkunftsregion
Insgesamt Migrations-
     

hintergrund ins-
gesamt ¹ sonstige Staaten sonstige sonstige nicht
sonstige ehemalige
Türkei der Europäischen europäische europäische
Anwerbestaaten ²
Union Länder Länder
in 1 000 in %

Grundschule 2 799 64,5 35,5 6,8 5,9 6,4 3,6 8,8

Hauptschule 445 52,2 47,8 14,0 9,7 6,9 4,4 9,8

Realschule 1 385 67,5 32,5 7,6 6,1 5,7 3,1 6,9

Gymnasium 2 513 73,6 26,4 4,5 4,0 5,7 2,7 6,9

Sonstige allgemeinbildende
1 408 69,7 30,3 7,8 5,4 4,7 2,5 7,7
Schulen 3

Berufliche Schule, die einen


61 55,6 44,4 13,9 11,1 / / 9,0
mittleren Abschluss vermittelt

Berufliche Schule, die zur Fach-


254 66,7 33,3 9,9 5,8 4,8 3,4 7,1
hochschul- / Hochschulreife führt

Berufsschule 1 112 75,0 25,0 6,7 5,2 4,0 2,6 5,0

Sonstige berufliche Schulen4 254 72,3 27,7 7,6 6,1 4,9 2,5 5,4

Insgesamt 10 229 68,7 31,3 6,9 5,5 5,6 3,1 7,4

Personen im Alter von 15 Jahren und mehr.


1  Einschließlich 291 000 Personen ohne Angabe zur Herkunftsregion.
2 Das ehemalige Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien sowie Griechenland,
Italien, Portugal und Spanien.
3  Schulartunabhängige Orientierungsstufe, Schularten mit mehreren Bildungsgängen, Gesamtschule, Waldorfschule, Förderschule.
4  Berufsvorbereitungsjahr, Berufsgrundbildungsjahr, Berufsfachschule, die einen Berufsabschluss vermittelt, Schule für Gesundheits- und Sozialberufe.
/   Keine Angabe, da Zahlenwert nicht sicher genug.
Ergebnisse des Mikrozensus.

87
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

u Abb 7  Angebot und Nachfrage von Ausbildungsplätzen — in Tausend 3.1.3 Betriebliche Berufsausbildung
Im dualen Ausbildungssystem besuchen
700
Jugendliche die Berufsschule und werden
zusätzlich aufgrund der mit den ausbilden-
den Stellen beziehungsweise Betrieben ab-
geschlossenen Ausbildungsverträge auch
600
praktisch am Arbeitsplatz ausgebildet.
Dieses System hat den Vorteil, dass theore-
tischer und praktischer Lernstoff ver-
500
knüpft wird. Für die Unternehmen dient
die Ausbildung von Jugendlichen auch der
Sicherstellung des eigenen Fachkräftenach-
0 wuchses. Das System ist im deutschspra-
2004 2006 2008 2010 2012 2014
chigen Raum sehr stark verbreitet.
Nachfrage nach Ausbildungsplätzen
Im Jahr 2014 haben rund 518 000 Ju-
Angebot an Ausbildungsplätzen
gendliche einen Ausbildungsvertrag neu
Abb.8 Männer nach Berufen
Abb.8 Männer nach Berufen abgeschlossen. Das sind etwa 7 500 Ver-
Quelle: Bundesagentur für Arbeit
träge weniger als im Vorjahr. Die welt­
weite Wirtschafts- und Finanzkrise 2009

Quelle: Bundesagentur für Arbeit

u Abb 8  Auszubildende in den zehn am stärksten besetzten Berufen

Männer nach Berufen:


Männer nach Berufen: FrauenFrauen
nach Berufen:
nach Berufen:

60 73860 738 Kauffrau für


Kauffrau für 56 71856 718
Kraftfahrzeugmechatroniker
Kraftfahrzeugmechatroniker
76 44876 448 Büromanagement
Büromanagement 75 17375 173

44 68844 688 Medizinische


Medizinische 37 11637 116
Industriemechaniker
Industriemechaniker
50 75450 754 Fachangestellte
Fachangestellte 43 84643 846

34 32934 329 33 32433 324


Elektroniker
Elektroniker Kauffrau im Einzelhandel
Kauffrau im Einzelhandel
46 68946 689 38 22538 225

Anlagenmechaniker für
Anlagenmechaniker für
31 27231 272 31 44031 440
Sanitär-, Heizungs-
Sanitär-, und und
Heizungs- Industriekauffrau
Industriekauffrau
34 84034 840 30 86530 865
Klimatechnik
Klimatechnik

28 09228 092 Zahnmedizinische


Zahnmedizinische 29 83529 835
Kaufmann im Einzelhandel
Kaufmann im Einzelhandel
31 45531 455 Fachangestellte
Fachangestellte 38 06138 061

26 30126 301 26 35526 355


Fachinformatiker
Fachinformatiker Verkäuferin
Verkäuferin
18 91118 911 20 26620 266

24 76824 768 20 67620 676


Mechatroniker
Mechatroniker Friseurin
Friseurin
20 71620 716 37 04937 049

Kaufmann im Groß-
Kaufmann im Groß- 22 81222 812 18 39318 393
Bankkauffrau
Bankkauffrau
und Außenhandel
und Außenhandel 22 48422 484 21 05321 053

Fachkraft für
Fachkraft für 21 74721 747 Fachverkäuferin im
Fachverkäuferin im 17 02217 022
Lagerlogistik
Lagerlogistik 8 820 8 820 Lebensmittelhandwerk
Lebensmittelhandwerk 27 94427 944

Elektroniker für
Elektroniker für 20 57720 577 Kauffrau im Groß-
Kauffrau im Groß- 16 39516 395
Betriebstechnik
Betriebstechnik 19 18419 184 und Außenhandel
und Außenhandel 16 01816 018

2004 2004
2014 2014 2014 2014
2004 2004

88
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

Abb 9 Ausbildungsverträge und bestandene Abschlussprüfungen

führte auch in Deutschland zu einem u Abb 9  Ausbildungsverträge und


Rückgang des Ausbildungsplatzangebotes. bestandene Abschlussprüfungen — in Tausend
Da gleichzeitig demografiebedingt die
Zahl der Jugendlichen sank, die an einer
Ausbildungsstelle interessiert sind, führte 2014 518 143 424
dies im Ergebnis zu einer Entspannung
auf dem Ausbildungsmarkt. u Abb 7 2004 572 127 4931

Die Chancen der Jugendlichen hän-


gen neben der regionalen Wirtschafts- neu abgeschlossene vorzeitig gelöste bestandene
struktur und Wirtschaftsentwicklung Ausbildungsverträge Ausbildungsverträge Abschlussprüfungen
auch von ­individuellen Qualifikationen
ab, unter anderem auch von den erreich- Durch die Neukonzeption der Statistik im Jahr 2007 ist die Vergleichbarkeit der Ergebnisse vor und
nach der Umstellung eingeschränkt.
ten Schulabschlüssen. Von den Jugend­ 1  Einschließlich externer Abschlussprüfungen.

lichen, die 2014 einen neuen Ausbil-


dungsvertrag abgeschlossen haben, besa-
ßen ein Viertel (26 %) Abitur oder
Fachhochschulreife. Mehr als zwei Fünf-
tel (42 %) verfügten über einen Realschul-
oder gleichwertigen Abschluss und 32 %
blieben mit ihrem erreichten Abschluss
darunter. Ungefähr ­ e iner von zehn zelhandel (6 %) am stärksten besetzt. Frau- Nicht alle Jugendlichen, die eine Aus-
Jugend­lichen mit neu abgeschlossenem en erlernen neben den Berufen im dualen bildung beginnen, bringen diese auch zum
Ausbildungsvertrag (9 %), hatte vor Ab- Ausbildungssystem häufig auch Berufe im Abschluss. Ein Viertel (25 %) löste den
schluss des Ausbildungsvertrages an ei- Sozial- und Gesundheitswesen, wie zum Ausbildungsvertrag 2014 vor Erreichen der
ner berufsvorbereitenden Qualifizierung Beispiel Gesundheits- und Krankenpfle- Abschlussprüfung auf. Die Gründe für
oder beruf lichen Grundbildung teilge- gerin oder Altenpflegerin, deren Ausbil- diese vorzeitigen Lösungen können bei
nommen. Dabei werden zum Beispiel dung meistens rein schulisch erfolgt. Da dem beziehungsweise der Auszubildenden
durch den Besuch einer Berufsfachschule, die Wahl des Ausbildungsberufes stark liegen, bedingt zum Beispiel durch einen
eines schulischen Berufsgrundbildungs- von den am Ausbildungsmarkt vorhande- Betriebs- oder Berufswechsel. Ebenso gibt
jahres oder Berufsvorbereitungsjahres, nen Stellen abhängt, kann man bei den es Gründe auf Ausbilderseite, etwa bei
die Chancen auf einen Ausbildungsplatz genannten, am stärksten besetzten Beru- Aufgabe des Betriebes oder Wegfall der
durch einen höherwertigen Schulab- fen nicht zwingend von den »beliebtesten Ausbildereignung. Ein großer Teil dieser
schluss verbessert oder die Zeit bis zur Berufen« sprechen. u Abb 8 Jugendlichen beginnt anschließend erneut
nächsten Bewerbungsrunde im folgenden Von den 1,36 Millionen Jugendlichen, eine Ausbildung im dualen System.
Jahr überbrückt. die sich 2014 in einer Berufsausbildung Im Jahr 2014 haben rund 424 000 Ju-
Die Verteilung der Auszubildenden im dualen Ausbildungssystem befanden, gendliche ihre Ausbildung erfolgreich mit
auf die Ausbildungsberufe ließ deutliche waren rund 83 000 Ausländerinnen be- einer bestandenen Abschlussprüfung be-
Schwerpunkte erkennen: Im Jahr 2014 ziehungsweise Ausländer. Ihr Anteil an endet. Im dualen Ausbildungssystem kön-
konzentrierten sich 38 % der Ausbil- den Auszubildenden ist seit Mitte der nen diese Prüfungen zwei Mal wiederholt
dungsplätze männlicher und 55 % der 1990er-Jahre von 8 % auf 6 % im Jahr 2014 werden. Rund 90 % der Prüfungsteilneh-
Ausbildungsplätze weiblicher Auszubil- gesunken. Im Vergleich zum Ausländer- merinnen und -teilnehmer haben die Prü-
dender auf jeweils zehn von insgesamt anteil an den Absolventinnen und Absol- fung bestanden. u Abb 9
328 anerkannten Ausbildungsberufen. Bei venten allgemeinbildender Schulen (2014:
den jungen Männern rangierte der Beruf 9 %) waren Ausländerinnen und Auslän- 3.1.4 Hochschulen
des Kraftfahrzeugmechatronikers mit 7 % der im dualen System unterrepräsentiert. Der Hochschulbereich ist der Teil des Bil-
der männlichen Auszubildenden in der Von den ausländischen Auszubildenden dungssystems, in dem eine akademische
Beliebtheitsskala eindeutig an erster Stelle. besaßen im Jahr 2014 etwa 35 % einen Ausbildung vermittelt wird. Die Hoch-
Dann folgten die Berufe Industriemecha- türkischen Pass, 13 % die Staatsangehö- schulen sind von besonderer Bedeutung
niker (5 %) und Elektroniker (4 %). Bei den rigkeit eines der Nachfolgestaaten des für die wirtschaftliche Entwicklung und
jungen Frauen waren die Berufe Kauffrau früheren Jugoslawiens, 9 % die italieni- die Stellung Deutschlands im internatio-
für Büromanagement (11 %), Medizinische sche und 4 % die griechische Staatsange- nalen Wettbewerb, da sie wissenschaft­
Fachangestellte (7 %) und Kauffrau im Ein- hörigkeit. lichen Nachwuchs qualifizieren und mit

89
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

ihren Forschungsergebnissen die Grund- u Tab 6  Studierende, Studienanfängerinnen und -anfänger — in Tausend
lagen für Innovationen schaffen. Im Win- Insgesamt Universitäten Fachhochschulen
tersemester 2014/2015 gab es in Deutsch-
Studierende 1. HS Studierende 1. HS Studierende 1. HS
land insgesamt 427 staatlich anerkannte
Hochschulen, darunter 181 Universitäten 2004 1 964 359 1 373 235 524 119

(einschließlich Theologischer und Päda- 2009 2 121 424 1 449 258 673 166

gogischer Hochschulen sowie Kunsthoch- 2012 2 499 495 1 674 295 826 200
schulen) und 246 Fachhochschulen (ein- 2013 2 617 509 1 737 302 880 206
schließlich Verwaltungsfachhochschulen). 2014 2 699 505 1 733 288 931 211

Studierende im Wintersemester, Studienanfänger/-innen im ersten Hochschulsemester (1. HS)


Studierende, Studienanfängerinnen im Studienjahr (Sommer- und nachfolgendes Wintersemester).

und -anfänger Abb 10 Studienanfängerinnen und -anfänger (erstes


Angesichts eines im internationalen Ver- Hochschulsemester) nach Fächergruppen im Studienjahr 2014
u Abb 10  Studienanfängerinnen und -anfänger (erstes Hochschulsemester)
gleich drohenden Bildungsrückstands der
nach Fächergruppen im Studienjahr 2014
deutschen Bevölkerung wurden Mitte der
1960er-Jahre die Hochschulen breiteren
Schichten geöffnet. Im Wintersemester
1964/1965 gab es beispielsweise an den Rechts-, Wirtschafts- und 169 447
Sozialwissenschaften 55,6
Hochschulen im früheren Bundesgebiet
305 000 Studierende. Seitdem sind die Ingenieur- 107 358
wissenschaften 24,9
­Studierendenzahlen in Deutschland drei
Jahrzehnte lang angestiegen. Sie erreich- Mathematik, 87 194
Naturwissenschaften 38,5
ten im Wintersemester 1994/1995 mit
1 872 000 Studierenden einen zwischen- Sprach- und 83 125
Kulturwissenschaften 73,9
zeitlichen Höchststand. In den nachfol-
genden Jahren ging die Zahl der Einge- Humanmedizin/Gesundheits- 25 370
wissenschaften 68,9
schriebenen stetig zurück, bevor im Jahr
2000 eine erneute Trendwende einsetzte. Kunst, 15 769
Kunstwissenschaft 65,3
Im Wintersemester 2003/2004 erreichte
die Studierendenzahl mit mehr als 2 Mil- übrige Fächer 1
16 619
54,1
lionen einen neuen Rekordwert. In den
nachfolgenden Jahren sank sie wieder
insgesamt  Frauenanteil in Prozent
leicht unter die Zwei-Millionen-Marke
und erreichte diese dann erneut im Winter-
MINT-Studienfächer: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.
semester 2008/2009. Im Wintersemester 1 Veterinärmedizin, Sport, Agrar-, Forst- und Ernährungswissenschaften, sonstige Fächer.

2014/2015 waren mit rund 2,7 Millionen 1 Veterinärmedizin, Sport, Agrar-, Forst- und
Studierenden so viele wie nie zuvor an Ernährungswissenschaften, sonstige Fächer.

deutschen Hochschulen eingeschrieben.


Die Zahl der Studienanfängerinnen
und -anfänger stieg bis zum Studienjahr
2003 kontinuierlich an, ging in den Stu­
dienjahren 2004 bis 2006 zunächst Die Wahl eines Studienfaches wird von künftig erwarteten Chancen, die ein Studi-
zurück und erhöhte sich erneut in den Fol- unterschiedlichen Faktoren beeinflusst: enabschluss auf dem Arbeitsmarkt bietet.
gejahren. Im Jahr 2011 erreichte die Zahl von den persönlichen Interessen der Studi- Die meisten Erstsemester (34 %) schrieben
der Studienanfängerinnen und -anfänger enanfängerinnen und -anfänger, vom Stu- sich 2014 in der Fächergruppe Rechts-,
mit 519 000 ihren Höchstpunkt, sank dienangebot der Hochschulen oder von Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ein.
2012 erneut ab und stieg dann wieder Zu­lassungsbeschränkungen (zum Beispiel Dies war bereits vor zehn Jahren mit 32 %
leicht an. Insgesamt schrieben sich im Stu- Numerus-Clausus-Regelungen und hoch- der Erstsemester der Fall. Im Jahr 2014 be-
dienjahr 2014, das heißt im Sommer- und schulinterne Zulassungsverfahren). Eine trug der Anteil der Studienanfängerinnen
nachfolgenden Wintersemester, rund wichtige Rolle bei der Wahl des Studien- und -anfänger in den Ingenieurwissen-
505 000  Studienanfängerinnen und -an- gangs spielen auch die zum Zeitpunkt der schaften 21 %, was einen Anstieg um fast
fänger an deutschen Hochschulen ein. u Tab 6 Einschreibung wahrgenommenen und 3 Prozentpunkte im Vergleich zu 2004 be-

90
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

u Info 2 nieurwissenschaften (25 %) waren Studien­


Der Bologna-Prozess anfängerinnen hingegen deutlich unterre-
Im Juni 1999 unterzeichneten die Wissenschaftsministerinnen und -minister aus präsentiert. Der Frauenanteil in den
29 europäischen Ländern die sogenannte »Bologna-Erklärung« zur Schaffung eines MINT-Fächern Mathematik, Informatik,
einheitlichen europäischen Hochschulraums. Als wichtigstes Ziel dieses Reform­
prozesses gilt die Einführung des zweistufigen Studiensystems mit den neuen Ab-
Naturwissenschaften und Technik ist in
schlüssen Bachelor und Master, die die herkömmlichen Abschlüsse an Universitäten den letzten zehn Jahren gestiegen. u Abb 10
und Fachhochschulen bis 2010 (bis auf wenige Ausnahmen) ablösen sollten. Durch Die Umstellung des Studienangebots
die internationale Vereinheitlichung der Studienabschlüsse sollten Studierende sowie
Absolventinnen und Absolventen innerhalb Europas mobiler und die Attraktivität der im Zuge des Bologna-Prozesses zeichnet
Hochschulen über die europäischen Grenzen hinaus gesteigert werden. sich zunächst in den Studienanfänger-
zahlen ab, setzt sich bei der Zahl der Stu-
dierenden fort und wirkt sich zeitverzö-
gert auf die Absolventenzahlen aus. Die
Abb 11 Studienanfängerinnen und -anfänger (erstes Fachsemester) nach angestrebtem Abschluss, Einführung von Bachelor- und Masterab-
u Abb 11  Studienanfängerinnen
Wintersemester 2013/14 - in Prozent und -anfänger (erstes Fachsemester)
schlüssen hat seit 1999 erhebliche Fort-
nach angestrebtem Abschluss, Wintersemester 2014/15 — in Prozent
schritte gemacht. u Info 2
Im Wintersemester 2014/2015 began-
Promotionen Diplom (U) nen 81 % der Studienanfängerinnen und
2 9
-anfänger (im ersten Fachsemester) ein
Bachelor- oder Masterstudium (ohne
Lehramtsprüfungen1
Lehramts-Bachelor und -Master). Rund
7
34 % (228 000) aller Studienanfängerin-
Universitärer Abschluss
nen und -anfänger strebten einen Bache-
Master (FH)
lorabschluss an einer Universität an, 14 %
5 57
(93 000) einen Masterabschluss. Nur noch
Bachelor (U)
9 % (59 000) aller Studienanfänger began-
Bachelor (FH) Wintersemester
2013/2014 nen ein Diplomstudium an einer Univer-
29 34
sität, knapp 1 % (6 000) an einer Fach-
hochschule. Rund 29 % (193 000) der
Fachhochschulabschluss
Studienanfängerinnen und -anfänger
34 strebten den Bachelorabschluss an der
Fachhochschule an und 5 % (33 000) den
Diplom (FH) Master (U)
Masterabschluss. u Abb 11
1 14

Hochschulabsolventinnen und
1  Einschließlich Lehramts-Bachelor und -Master.
-absolventen
1 Einschließlich Lehramts-Bachelor und -Master Die Zahl der bestandenen Prüfungen an
Hochschulen stieg seit 2001 kontinuierlich
an und erreichte 2014 mit 461 000 den ak-
tuellen Höchststand. Mehr als die Hälfte
(51 %) der im Jahr 2014 bestandenen
Hochschulabschlüsse wurden von Frauen
deutete. Auf die Fächergruppe Mathematik / cher Ausrichtung des Studiums. In den erworben.
Naturwissenschaften entfiel 2014 ein Anteil Fächergruppen Veterinärmedizin (82 %), Von den Absolventinnen und Absol-
der Studienanfängerinnen und -anfänger Sprach- und Kulturwissenschaften (74 %), venten des Jahres 2014 erwarben 50 %
von 17 %. Er sank in den letzten zehn Jahren Humanmedizin/Gesundheitswissenschaf- (229 000) einen Bachelorabschluss und
leicht um 1 Prozentpunkt. Das Gewicht der ten (69 %) sowie Kunst/Kunstwissenschaft weitere 21 % (97 000) einen Masterab-
Sprach- und Kulturwissenschaften (16 % (65 %) waren die Studienanfängerinnen schluss. Knapp 11 % (51 000) der erfolg-
im Jahr 2014) ist innerhalb der vergangenen deutlich in der Mehrheit. In den Rechts-, reichen Prüfungsteilnehmer verließen
zehn Jahre um 4 Prozentpunkte gesunken. Wirtschafts- und Sozialwissenschaften die Hochschule mit einem Universitäts-
Im Jahr 2014 war die Hälfte (50 %) der stellte sich das Geschlechterverhältnis mit diplom und 3 % (12 000) mit einem tradi-
Studienanfänger Frauen. Die Frauenan­ einem Frauenanteil von 56 % nahezu aus- tionellen Fachhochschulabschluss. Den
teile variierten allerdings je nach fachli- geglichen dar. In der Fächergruppe Inge- Doktortitel erlangten rund 6 % (28 000)

91
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

u Tab 7  Bestandene Prüfungen an Hochschulen — in Tausend nal setzt sich zusammen aus Professorin-
Darunter nen und Professoren, wissenschaftlichen
Ins- oder künstlerischen Mitarbeiterinnen und
Fachhoch-
gesamt Universitärer Promo- Lehramts- Bachelor- Master- Mitarbeitern, Dozenten und Assistenten
schul-
Abschluss ¹ tionen prüfungen abschluss abschluss
abschluss ² sowie Lehrkräften für besondere Aufga-
2004 231 98 23 23 76 6 6 ben. Lehrbeauftragte, wissenschaftliche
2009 339 112 25 36 73 72 21 Hilfskräfte und Gastprofessorinnen und
2012 413 80 27 39 26 183 59 -professoren gehören zum nebenberuf­
2013 436 64 28 42 17 207 78 lichen wissenschaftlichen und künstleri-
2014 461 51 28 43 12 229 97 schen Personal. u Abb 12
1 Einschließlich der Prüfungsgruppen »Künstlerischer Abschluss« und »Sonstiger Abschluss«; In den letzten zehn Jahren hat die
ohne Lehramts-, Bachelor- und Masterabschlüsse.
Abb2 12Ohne
Hochschulpersonal – in Tausend
Bachelor- und Masterabschlüsse. Zahl der Beschäftigten an den Hochschu-
len in Deutschland um insgesamt 35 %
zugenommen. Das wissenschaftliche und
u Abb 12  Hochschulpersonal — in Tausend
künstlerische Personal wuchs im glei-
chen Zeitraum sogar um insgesamt 61 %
(145 000). In der Gruppe des hauptberuf-
2014 381 46 294 lichen wissenschaftlichen Personals er-
höhte sich die Zahl der Professorinnen
2004 236 38 263
und Professoren seit 2004 um 19 %. Deut-
lichere Zuwächse (+ 67 %) waren in der
wissenschaftliches und künstlerisches Personal Verwaltungs-, technisches
 Professorinnen/Professoren und sonstiges Personal
Gruppe der wissenschaftlichen und
künstlerischen Mitarbeiter zu verzeich-
nen. Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten
ist in der Gruppe des hauptberuflichen
wissenschaftlichen und künstlerischen
Personals von 30 % im Jahr 2004 auf 38 %
der Absolventinnen und Absolventen samtstudiendauer bei Masterabsolventin- im Jahr 2014 gestiegen.
und weitere 9 % (43 000) legten eine nen und -absolventen lag bei zehn Semes- Die Gruppe des nebenberuflichen wis-
Lehramtsprüfung ab. u Tab 7 tern, wobei diese Dauer auch die im senschaftlichen Personals hat sich in den
Hochschulabsolventinnen und -absol- Bachelorstudium verbrachten Semester letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.
venten, die 2014 ihr Erststudium erfolg- umfasst. Im Jahr 2014 waren 145 000 Personen in
reich abgeschlossen haben, waren durch- dieser Gruppe beschäftigt. Im Jahr 2004
schnittlich 24 Jahre alt. Die Studiendauer Personelle und finanzielle waren es noch 72 000 gewesen. Der Zu-
ist abhängig von der Art des erworbenen Ressourcen wachs ist vor allem auf die wachsende
akademischen Grades. Die Erst­absolventen, Im Jahr 2014 waren rund 675 000 Men- Zahl der Lehrbeauftragten zurückzufüh-
die ein Universitätsdiplom oder einen ent- schen an deutschen Hochschulen beschäf- ren (+ 85 %), die seit 2004 von 53 000 auf
sprechenden Abschluss erwarben, schlos- tigt, davon zählten über die Hälfte 99 000 im Jahr 2014 gewachsen ist.
sen ihr Studium im Prüfungsjahr 2014 in (381 000) zum wissenschaftlichen und Aber auch die Zahl der wissenschaftli-
13 Fachsemestern ab. Angehende Lehrerin- künstlerischen Personal. Zu beachten ist, chen Hilfskräfte hat sich fast verdreifacht:
nen und Lehrer brauchten im Durchschnitt dass das Hochschulpersonal nicht nur von 17 000 im Jahr 2004 auf 44 000 im
acht Semester bis zum ersten Staatsexamen. lehrt, sondern in einem beträchtlichen Jahr 2014.
Die mittlere Fachstudiendauer der Erstab- Umfang Aufgaben in den Bereichen Kran- Der Bereich des Verwaltungs- sowie
solventen, die ein Fachhochschuldiplom er- kenbehandlung (Universitätskliniken) so- technischen und sonstigen Personals hat
warben, lag bei sieben Semestern. Bei wie Forschung und Entwicklung wahr- sich in den letzten zehn Jahren nur ge-
Bachelor­absolventen, deren Abschluss in nimmt. Etwas weniger als die Hälfte der ringfügig erhöht und lag im Jahr 2014 bei
der Wertigkeit dem »klassischen« Fach- Beschäftigten (294 000) war in der Hoch- rund 294 000 Personen (+ 12 %).
hochschuldiplom entspricht, betrug diese schulverwaltung oder in technischen und Die Hochschulen in öffentlicher und
ebenfalls sieben Semester. sonstigen Bereichen tätig. Fast zwei Drittel privater Trägerschaft in Deutschland ga-
Das Masterstudium baut auf ein vor- (62 %) des wissenschaftlichen Personals ben im Jahr 2013 für Lehre, Forschung
angegangenes Studium – in der Regel das waren hauptberuf lich beschäftigt. Das und Krankenbehandlung insgesamt
Bachelorstudium – auf. Die mittlere Ge- hauptberufliche wissenschaft­liche Perso- 46,3 Milliarden Euro aus. Die Ausgaben

92
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

setzen sich zusammen aus den Ausgaben u Abb 13  Laufende Ausgaben (Grundmittel)
Abb 13 Laufende Ausgaben (Grundmittel) je Studierenden nach Fächergruppen 2013 - in Tausend Euro
für das Personal, für den laufenden Sach- je Studierenden nach Fächergruppen 2013 — in Tausend Euro
aufwand sowie für Investitionen. Die
Ausgaben der Hochschulen werden in be-
sonderem Maße durch die Fächerstruktur Humanmedizin / Gesundheits-
21,6
wissenschaften 1
bestimmt. Rund 45 % der Ausgaben ent-
fielen auf die medizinischen Einrichtun- Mathematik,
8,7
Naturwissenschaften
gen. Der Anteil der eingeschriebenen Stu-
dierenden in Humanmedizin beziehungs- Ingenieurwissenschaften 6,6
weise Gesundheitswissenschaften lag im
Wintersemester 2013/2014 aber nur bei Sprach- und
5,0
Kulturwissenschaften
knapp 6 %. Demgegenüber waren in den
Fächergruppen Rechts-, Wirtschafts- und Rechts-, Wirtschafts- und
3,8
Sozialwissenschaften
Sozialwissenschaften sowie Sprach- und
Kulturwissenschaften zusammen im Jahr
2012 etwa die Hälfte (rund 49 %) aller Stu- 1  Einschließlich zentraler Einrichtungen der Hochschulkliniken.

dierenden eingeschrieben. Ihr Anteil an 1 Einschließlich zentraler Einrichtungen der Hochschulkliniken.


den gesamten Ausgaben im Hochschulbe- Abb 14 Frauenanteile in verschiedenen Stadien der akademischen Laufbahn - in Prozent
reich betrug allerdings lediglich gut 11 %.
Die Finanzierung dieser Ausgaben er- u Abb 14  Frauenanteile in verschiedenen Stadien
folgt einerseits durch die Finanzausstat- der akademischen Laufbahn — in Prozent
tung, die die Hochschulen von Seiten des
Trägers erhalten (sogenannte Grundmit-
tel), andererseits durch Verwaltungsein- C4-Professorinnen 11,3
und -Professoren 1 9,2
nahmen sowie durch Drittmittel, die pri-
mär für Forschungszwecke eingeworben 22,0
Professorinnen und
werden. Bei den laufenden Grundmitteln Professoren 13,6
für Lehre und Forschung handelt es sich Hauptberufliches 38,0
um den Teil der Hochschulausgaben, den wissenschaftliches und
29,2
künstlerisches Personal
der Einrichtungsträger den Hochschulen
für laufende Zwecke zur Verfügung stellt. Hochschulpersonal 52,0
insgesamt 51,2
Im Jahr 2013 betrugen die laufenden
Ausgaben (Grundmittel) an deutschen 45,5
Promotionen
Hochschulen durchschnittlich 6 900 Euro 39,0
je Studierenden.
Absolventinnen und 50,5
Die laufenden Zuschüsse waren in Absolventen 48,7
den Fächergruppen unterschiedlich. Sie
differierten im Jahr 2013 zwischen Studierende
47,8
47,7
3 800  Euro je Studierenden der Rechts-,
Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Studienanfängerinnen 50,1
bis zu 21 600  Euro je Studierenden der und -anfänger 48,8
Humanmedizin beziehungsweise Ge-
sundheitswissenschaften. u Abb 13 2014 2004

Frauen auf der akademischen 1  C4 ist die höchste Besoldungsstufe.

Karriereleiter
1 C4 ist die höchste Besoldungsstufe.
Die Verwirklichung von Chancengleich-
heit von Männern und Frauen in Wissen-
schaft und Forschung ist ein wichtiges
Thema in der deutschen Bildungspolitik.
Auf den ersten Blick scheinen die Barrie-
ren für den Zugang junger Frauen zur

93
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget
Abb 15 Anteil ausländischer Studierender an den
Studierenden insgesamt - in Prozent

akademischen Ausbildung abgebaut: Die u Abb 15  Anteil ausländischer Studierender an den
Hälfte (50 %) der Studierenden im ersten Studierenden insgesamt — in Prozent
Hochschulsemester und etwas über die
Hälfte (51 %) der Hochschulabsolventen
im Jahr 2014 waren weiblich. Auch der
Frauenanteil auf weiterführenden Qualifi-
kationsstufen ist in den vergangenen Jah-
ren gestiegen. Allerdings nimmt er mit
steigendem Qualifikationsniveau und Sta-
tus der einzelnen Positionen auf der aka-
demischen Karriereleiter kontinuierlich
ab. Während im Jahr 2014 immerhin be- 9,5 9,5 9,5 9,2 8,9 8,5 8,3 8,1 8,2 8,4 8,7

reits 45 % der Doktortitel von Frauen er-


worben wurden, lag die Frauenquote bei
den Habilitationen erst bei 28 %.
Rund 52 % der im Jahr 2014 an deut- 3,0 3,0 2,9 2,9 2,9 3,0 3,0 3,0 3,1 3,2 3,2
schen Hochschulen Beschäftigten waren
weiblich (351 000), was in etwa dem Frau- 2004/2005 2006/2007 2008/2009 2010/2011 2012/2013 2014/2015
enanteil (51 %) an der Gesamtbevölke-
Bildungsinländer Bildungsausländer
rung entspricht. Im Bereich Forschung
und Lehre sind Frauen allerdings immer
noch unterrepräsentiert: Ihr Anteil lag in
der Gruppe des hauptberuflichen wissen-
schaftlichen und künstlerischen Perso-
nals bei 38 %. Unter der Professoren-
schaft ist der Frauenanteil traditionell
niedrig. In den vergangenen zehn Jahren
ist er aber deutlich angestiegen und er- ­h abilitierten Akademikern in Zukunft rigkeit ihres Herkunftslandes behalten ha-
reichte 2014 mit 22 % einen Höchstwert. insbesondere auf die Fächergruppen kon- ben, sowie Kriegsflüchtlinge und Asyl­
In der bestbezahlten Besoldungsstufe der zentrieren wird, die bislang die niedrigs- suchende. Die mit Abstand größte Gruppe
Professoren (C4) lag der Anteil der Pro- ten Frauenanteile in der Gruppe des wis- unter den Bildungsinländern bildeten
fessorinnen bei 11 %. u Abb 14 senschaftlichen Nachwuchses aufweisen. ­Studierende mit türkischer Staatsangehö-
Bei der Interpretation der Daten ist zu rigkeit (28 000), gefolgt von 5 000 Studie-
beachten, dass sich selbst ein starker An- Ausländische Studierende renden mit italienischer Herkunft und
stieg des Frauenanteils bei den Hoch- Im Wintersemester 2014/2015 waren an 4 000  Studierenden mit griechischer Her-
schulabsolventen zunächst nicht direkt deutschen Hochschulen 322 000 Studie- kunft.
auf den Anteil bei den Habilitationen rende mit ausländischer Nationalität im- An der Gesamtzahl der Studierenden
oder Professuren auswirkt, da der Erwerb matrikuliert. Der Ausländeranteil an der hatten die Studierenden ausländischer
von akademischen Abschlüssen sehr zeit­ Gesamtzahl der Studierenden hatte im Nationalität (Bildungsinländer) nur einen
intensiv ist. So liegen zwischen dem Zeit- Wintersemester 2005/2006 mit fast 13 % Anteil von 3 %, obwohl der Ausländer­
punkt der Ersteinschreibung und der einen Höchststand erreicht und ist zum anteil in Deutschland bei insgesamt 9 %
Erstberufung zur Professorin beziehungs- Wintersemester 2014/2015 leicht gesun- lag. Deutsche Studierende mit Migra­
weise zum Professor in Deutschland etwa ken (12 %). u Abb 15 tionshintergrund können allerdings in
20 Jahre. Mit den steigenden Frauenantei- Von den insgesamt 322 000 Studieren- der Studierendenstatistik nicht gesondert
len bei Jungakademikern und dem zuneh- den mit ausländischer Nationalität waren nachgewiesen werden. u Abb 16
menden Ersatzbedarf an Hochschulleh- 85 700 (27 %) sogenannte Bildungsinländer, Bei den sogenannten Bildungsaus­
rern dürften sich die Karrierechancen von die ihre Hochschulzugangsberechtigung ländern handelt es sich um die Gruppe der
Frauen an deutschen Hochschulen weiter im deutschen Bildungssystem erworben ausländischen Studierenden, die grenz­
erhöhen. Aufgrund des Facharbeitskräfte- haben. Hier handelt es sich meist um Kin- überschreitend mobil sind und ihre Hoch­
mangels im Bereich Natur- und Ingen­i­ der von Zuwanderern, die teilweise bereits schulzugangsberechtigung außerhalb
eurwissenschaften ist absehbar, dass sich in der zweiten oder dritten Generation in Deutschlands erworben haben. Ihre Zahl
die Nachfrage nach promovierten und Deutschland leben und die Staatsangehö- hat im Wintersemester 2005/2006 den

94
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

Abb 16 Bildungsinländerinnen und -inländer nach


Herkunftsländern im Wintersemester 2013/2014
u Abb 16  Bildungsinländerinnen und -inländer höchsten Anteil an der Gesamtzahl der
nach Herkunftsländern im Wintersemester 2014/2015 Studierenden mit fast 10 % (189 500) Bil-
dungsausländern erreicht und war seit-
dem leicht rückläufig. Im Wintersemester
Türkei 27 951 2014/2015 gab es einen Höchststand mit
Italien 5 037
rund 236 000 Bildungsausländern an deut-
schen Hochschulen. Aufgrund der stark
Griechenland 3 963
gestiegenen Gesamtzahl der Studierenden
Kroatien 3 833 entsprach dies jedoch nur einem Anteil
von 9 %. Die meisten ausländischen Nach-
Russische Föderation 3 430
wuchsakademiker kamen im Winter­
Polen 2 939 semester 2014/2015 aus China (30 300), ge-
Ukraine 2 734 folgt von Indien mit 11 700 Studierenden
und der Russischen Föderation mit 11 500
Vietnam 2 594
Studierenden. u Abb 17
Bosnien und Herzegowina 2 484 Auch für deutsche Studierende ist ein
Studium im Ausland attraktiv. Im Jahr
China 2 201
2013 waren etwa 134 500 deutsche Studie-
Serbien 1 986 rende an ausländischen Hochschulen ein-
geschrieben. Die beliebtesten Ziel­länder
waren Österreich mit 20 % aller deutschen
Abb 17 Bildungsausländerinnen und -ausländer nach Studierenden im Ausland, die Niederlan-
Herkunftsländern im Wintersemester 2013/2014 de mit 17 % sowie das Vereinigte König-
u Abb 17  Bildungsausländerinnen und -ausländer
reich mit 12 % und die Schweiz mit 11 %.
nach Herkunftsländern im Wintersemester 2014/2015
In diesen vier Ländern zusammen lebten
damit 60 % der im Ausland studierenden
Deutschen.
China 30 259

Indien 11 655 Ausbildungsförderung für


Studierende
Russische Föderation 11 534
Von den durchschnittlich 425 000 geför-
Österreich 9 875 derten Studierenden im Jahr 2014 waren
Frankreich 7 305 280 000 an Universitäten und 139 000 an
Fachhochschulen eingeschrieben. Rund
Italien 7 169
62 % aller geförderten Studierenden erhiel-
Türkei 6 785 ten nur eine Teilförderung, die geleistet
Bulgarien 6 739
wird, wenn die Einkommen der Geförder-
ten oder ihrer Eltern festgelegte Grenzen
Kamerun 6 672 übersteigen. Rund 38 % der Geförderten
Ukraine 6 645 erhielten eine Vollförderung, also den
­maximalen Förderungsbetrag.  u Info 3
Insgesamt wurden von Bund und Län-
dern für die Studierendenförderung 2,28
Milliarden Euro aufgewendet. Im Durch-
schnitt erhielt in Deutschland ein geför-
u Info 3 derter Student beziehungsweise eine ge-
»Studierenden-BAföG« förderte Studentin 448 Euro im Monat.
Ausbildungsförderung für Studierende nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) Die durchschnittliche Zahl der Geförder-
wird für den Besuch von höheren Fachschulen, Akademien und Hochschulen gewährt. Im Hoch- ten lag 2014 um 25 % höher als 2004. Im
schulbereich wird die Ausbildungsförderung je zur Hälfte als Zuschuss und als unverzinsliches
­D arlehen geleistet. In bestimmten Fällen wurde seit 1996 anstelle von Zuschuss und unverzins­
gleichen Zeitraum erhöhte sich der Fi-
lichem Darlehen ein verzinsliches Darlehen gewährt, zum Beispiel nach Überschreiten der nanzaufwand für die Studienförderung
Förderungshöchstdauer. um 51 %. u Tab 8, Abb 18

95
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

u Tab 8  Ausbildungsförderung nach 3.1.5 Lebenslanges Lernen


dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) Viele Erwerbstätige müssen damit rech-
Geförderte ¹ Durchschnittlicher nen, ihren ursprünglich erlernten Beruf
Finanzieller
(durchschnittlicher Förderungsbetrag in einer Zeit raschen technologischen
Aufwand
Monatsbestand) je Person
Wandels nicht ein Leben lang ausüben zu
Anzahl in 1 000 Euro in Euro je Monat
können. Lebenslanges Lernen ist erfor-
Studierende derlich, um mit den gesellschaftlichen
2004 339 935 1 513 641 371 und technologischen Entwick lungen
2006 341 740 1 538 770 375 Schritt zu halten, um auch künftig Chan-
2008 332 853 1 590 638 398 cen auf dem Arbeitsmarkt zu haben und
2010 385 736 2 019 078 436 am gesellschaftlichen Leben teilnehmen
2012 440 228 2 365 026 448 zu können.
2014 424 562 2 280 748 448
BAföG-Empfänger insgesamt (einschließlich Schülerinnen und Schülern) Lernaktivitäten im
2004 531 629 2 211 763 347 Erwachsenenalter
2006 540 329 2 256 143 348 Der Adult Education Survey erhebt unter
2008 525 003 2 331 918 370 anderem Informationen über drei Lern-
2010 584 850 2 873 065 409 formen im Erwachsenenalter: die forma-
2012 630 164 3 277 975 433 le Bildung (reguläre Bildungsgänge an
2014 596 380 3 142 077 439 allgemeinbildenden und beruf lichen
1 Da sich die Abb 18 Geförderte
Förderung nach
zum Teil nicht überdem Bundesausbildungsförderungsgesetz
das ganze (BAföG)
Jahr erstreckt, liegt der Monatsdurchschnitt -
niedriger Schulen und Hochschulen), die nicht for-
als die Gesamtzahl der Geförderten in Abb 18.
in Tausend
male Bildung (im Folgenden als Weiter-
bildung bezeichnet) und das informelle
u Abb 18  Geförderte nach dem Bundesausbildungs- Lernen. Bei der Weiterbildung wird zwi-
förderungsgesetz (BAföG) — in Tausend schen betrieblicher Weiterbildung, indi-
vidueller berufsbezogener Weiterbildung
und nicht berufsbezogener Weiterbil-
1 200
dung unterschieden. Das informelle Ler-
1 000 nen wurde im Adult Education Survey
2014 über die Frage erfasst, ob man sich
800
selbst bewusst etwas beigebracht habe,
600
sei es in der Arbeitszeit oder in der Frei-
zeit, allein oder zusammen mit anderen.
400 Die Tabelle 9 zeigt die Teilnahmequoten
der drei erfassten Lernformen. u Tab 9, Info 4
200
Rund 12 % der 18- bis 64-Jährigen be-
0 suchten in den letzten zwölf Monaten vor
1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 der Befragung wenigstens einen regu­
Geförderte insgesamt Studierende Schülerinnen und Schüler lären Bildungsgang an einer allgemein-
bildenden oder beruflichen Schule, einer
Hochschule oder waren in einer Berufs-
ausbildung. An wenigstens einer Weiter-
bildungsaktivität nahmen 51 % der Be-
u Info 4 fragten teil. Im Bereich der betrieblichen
Lebenslanges Lernen Weiterbildung liegt die Teilnahmequote
Seit 1979 wurde in dreijährigem Abstand im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und am höchsten (37 %), gefolgt von der nicht
­Forschung eine repräsentative Umfrage bei 19- bis 64-Jährigen unter dem Titel Berichtssystem berufsbezogenen (12 %) und der indivi-
Weiterbildung (BSW) durchgeführt. Bei der Erhebung 2007 wurde das nationale Konzept mit
dem neuen Konzept des europäischen Adult Education Surveys (AES) kombiniert. Seit der rein
duellen berufsbezogenen Weiterbildung
­nationalen Erhebungsrunde 2010 wird ausschließlich das AES-Konzept herangezogen. Dies (9 %). Sich selbst bewusst etwas beige-
­bedeutet, dass die Erhebung zusätzlich auch die 18-Jährigen einbezieht. Der deutsche AES 2012 bracht, also informell gelernt, haben 54 %.
war Teil der ersten verpflichtenden europäischen Befragung; letztere findet nunmehr alle fünf Jahre
statt, das nächste Mal 2016. Etwa in der Mitte zwischen den europäischen Erhebungsrunden Insgesamt sind 73 % der 18- bis 64-Jähri-
gibt es jeweils einen rein deutschen AES, so auch 2014. gen »lernaktiv«, das heißt sie haben an

96
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

mindestens einer der drei Lernformen u Tab 9  Teilnahme an Lernformen in den letzten zwölf Monaten
teilgenommen. Rund 56 % haben an min- vor der Erhebung (Adult Education Survey 2014)
destens einer der beiden organisierten — in Prozent der Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren
Lernformen teilgenommen und sind somit Insgesamt Männer Frauen
»bildungsaktiv«.
Formale Bildung (reguläre Bildungsgänge) 12 12 12
Erwerbstätige beteiligen sich am häu-
Nicht formale Bildung (Weiterbildung) 51 52 50
figsten an Weiterbildung. Von ihnen haben
 Betriebliche Weiterbildung 37 40 34
58 % an mindestens einer Weiterbildungs-
aktivität teilgenommen, gefolgt von Per-  Individuelle berufsbezogene Weiterbildung 9 9 10

sonen in einer schulischen/beruflichen  Nicht berufsbezogene Weiterbildung 12 10 15

Bildungsphase (54 %), Arbeitslosen (32 %) Informelles Lernen (sich selbst etwas


54 55 53
beibringen)
und sonstigen Nichterwerbstätigen (25 %).
Die Weiterbildungsquote der Frauen Lernaktive (Teilnahmequote insgesamt) ¹ 73 75 72

lag mit 50 % etwa so hoch wie die der Bildungsaktive (Formale und
56 57 55
non-formale Bildung) ²
Männer (52 %). Dabei beteiligen sich
Frauen mehr an nicht berufsbezogener 1  Teilnahme an mindestens einer der drei Lernformen.
2  Teilnahme an mindestens einer der beiden organisierten Lernformen.
Weiterbildung (15 % gegenüber 10 %) und Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Zusatzauswertungen von TNS Infratest Sozialforschung

weniger an betrieblicher Weiterbildung


(34 % gegenüber 40 %). Die niedrigere
u Tab 10  Teilnahme an Lernformen in den letzten zwölf Monaten
Teilnahme von Frauen an betrieblicher
vor der Erhebung nach Alter (Adult Education Survey 2014)
Weiterbildung ist vor allem auf die ver- — in Prozent der Bevölkerung der jeweiligen Altersgruppe
schiedenartigen Erwerbssituationen von
Männern und Frauen zurückzuführen. Formale Nicht
Informelles
Bildung formale
Hochqualifizierte Männer und Frau- Lernen / Lern- Bildungs-
(reguläre Bildung
Selbst- aktive ¹ aktive ²
en nahmen auch im Beobachtungszeit- Bildungs- (Weiter-
lernen
gänge) bildung)
raum des Adult Education Survey 2014
Im Alter von … bis … Jahren
deutlich häufiger an Weiterbildung teil
als Geringqualifizierte. So bildeten sich 18 – 24 67 50 53 87 80

67 % der Akademikerinnen und Akade- 25 – 34 14 58 58 77 63


miker weiter, aber nur 39 % der Personen 35 – 44 3 53 56 74 54
ohne beruflichen Abschluss. 45 – 54 1 53 53 70 53
Die Teilnahme an regulären Bildungs-
55 – 64 1 39 52 64 39
gängen konzentrierte sich stark auf die
Insgesamt 12 51 54 73 56
­Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen (67 %)
und – in schwächerem Ausmaß – auf die 1  Teilnahme an mindestens einer der drei Lernformen.
2  Teilnahme an mindestens einer der beiden organisierten Lernformen.
der 25- bis 34-Jährigen (14 %). In den älte- Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Zusatzauswertungen von TNS Infratest Sozialforschung

ren Vergleichsgruppen liegt die Teilnah-


mequote an regulären Bildungsgängen
in den letzten zwölf Monaten dagegen
­jeweils bei höchstens 3 %. Bei der Weiter-
bildung sind die altersmäßigen Unter- kurz »Meister-BAföG« genannt. Dies war wurde überwiegend von männlichen
schiede geringer. Erst in der Gruppe der gegenüber 2004 ein Anstieg von rund Fachkräften genutzt (68 %), nur 32 % der
55- bis 64-Jährigen ist eine geringere Wei- 29 %. Ursächlich hierfür sind unter ande- Geförderten waren Frauen. Der finanzielle
terbildungsbeteiligung zu beobachten. rem zwei Änderungsgesetze, die die Aufwand betrug 2014 insgesamt 588 Mil-
Beim informellen Lernen unterscheiden Förderbedingungen und die Förder­ lionen Euro (als Darlehen 397 Millionen
sich die Altersgruppen bezüglich der Teil- leistungen verbessert haben. Nach dem und als Zuschuss 190 Millionen Euro).
nahme kaum. u Tab 10 Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz Rund 75 000 (44 %) der Geförderten nah-
können Personen gefördert werden, die men an einer Vollzeitfortbildung teil, da-
Aufstiegsfortbildungsförderung sich nach abgeschlossener Erstausbildung von 29 % Frauen und 71 % Männer. Eine
Im Jahr 2014 erhielten 172 000 Personen auf einen Fortbildungsabschluss, zum Teilzeitfortbildung machten 97 000 Geför-
Leistungen nach dem Aufstiegsfortbil- Beispiel zum Handwerksmeister oder derte, davon 34 % Frauen und 66 % Män-
dungsförderungsgesetz (AFBG) oder auch Fachwirt, vorbereiten. Diese Förderung ner. Die Geförderten waren überwiegend

97
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

u Info 5 zwischen 20 und 35 Jahre alt. Am stärks-


Aufstiegsförderung »Meister-BAföG« ten vertreten war die Gruppe der 20- bis
Die Aufstiegsförderung nach dem Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFBG) soll Nachwuchs- 24-Jährigen (35 %), gefolgt von den 25- bis
kräften helfen, ihre Weiterbildung für einen Fortbildungsabschluss zu finanzieren, der einen 29-Jährigen (34 %) und den 30- bis 34-Jäh-
­b eruflichen Aufstieg ermöglicht. Diese Förderung, auch »Meister-BAföG« genannt, wurde 1996
­e ingeführt. Das Gesetz gewährt allen Fachkräften einen Rechtsanspruch auf staatliche Unter­
rigen (15 %). u Info 5, Tab 11
stützung für alle Formen der beruflichen Aufstiegsfortbildung. Der angestrebte Abschluss muss
über dem Niveau einer Facharbeiter-, Gesellen-, Gehilfenprüfung oder eines Berufsfachschulab- 3.1.6 Bildungsniveau der
schlusses liegen. Damit erstreckt sich die Förderung auf alle Bildungsmaßnahmen im Bereich der
gewerb­lichen Wirtschaft, der Freien Berufe, der Hauswirtschaft und der Landwirtschaft, die gezielt Bevölkerung
auf anerkannte Prüfungen, zum Beispiel nach der Handwerksordnung, vorbereiten. Hierzu ge­ Die Qualifikation der Bevölkerung ist von
hören auch Fortbildungen in den Gesundheits- und Pflegeberufen sowie an staatlich anerkannten großer gesamtwirtschaftlicher Bedeutung,
Er­gänzungsschulen. Die Leistungen für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer bestehen aus einem
so­g enannten Maßnahmebeitrag (für Lehrgangs- und Prüfungsgebühren) bis zu einer Höhe von da vor allem die Qualität der menschli-
10  226 Euro, der mit einem Anteil von 30,5 % als Zuschuss und im Übrigen als Darlehen gewährt wird. chen Arbeitskraft (sogenanntes Human­
Geförderte in Vollzeitform können darüber hinaus monatliche Zuschüsse und Darlehen für den
kapital) das Leistungsvermögen einer
Lebensunterhalt und die Kinderbetreuung erhalten.
Volkswirtschaft bestimmt. Für den Ein-
zelnen verbessert ein hoher Bildungsstand
uTab 11  Aufstiegsförderung nach dem die Erwerbschancen sowie die Chancen
Aufstiegsfortbildungs­förderungsgesetz (AFBG) auf eine individuelle Lebensführung und
Finanzieller Aufwand die aktive Teilhabe am gesellschaftlichen
Geförderte Leben. Aktuelle Angaben über den Bil-
insgesamt Zuschuss Darlehen
dungsstand der Gesamtbevölkerung wer-
Anzahl in 1 000 Euro
den jährlich aus dem Mikro­z ensus ge-
2004 133 018 378 563 121 427 257 135
wonnen, der größten jährlich durchge-
2006 135 915 369 045 108 788 260 257 führten Haushaltsbefragung Deutschlands
2008 139 520 381 658 114 257 267 401 (siehe Kapitel 2.1, Seite 45, Info 1).
2010 166 395 518 674 164 850 353 823 Auf Basis des Mikrozensus 2014 hatten
2012 168 284 545 920 176 203 369 717 51 % der Befragten ab 25 Jahren einen so-
2014 171 815 587 588 190 146 397 442 genannten »höherwertigen« Schulab-
schluss: Einen Realschulabschluss besa-
ßen 22 % und 29 % Abitur oder Fachhoch-
schulreife. In der Gruppe der 25- bis
29-Jährigen konnten bereits gut 78 % ei-
Bildungsstand der Bevölkerung
nen solchen Abschluss vorweisen (30 %
mit erstmaligem Zuzug ab 2010
Realschulabschluss, 48 % Fachhochschul-
Nach dem Mikrozensus 2014 verfüg- Betrachtet man die beruf lichen
oder Hochschulreife). Von den Altersjahr-
ten rund 90 % der 25- bis 34-Jährigen Bildungsabschlüsse, waren besonders
gängen ab 60 Jahren hatten dagegen ledig-
Personen mit erstmaligem Zuzug in die viele Personen mit erstmaligem Zuzug
lich 14 % eine Realschule und 17 % ein
Bundesrepublik Deutschland zwischen ab 2010 Akademiker: Insgesamt ver-
Gymnasium erfolgreich absolviert. u Tab 12
2010 und 2014 über einen allgemeinen fügten gut 42 % der 25- bis 34-Jährigen
Als höchsten beruflichen Bildungsab-
Schulabschluss. Besonders häufig hatten über Bachelor, Master, Diplom oder
schluss besaßen im Jahr 2014 rund 54 % der
diese Personen die Schule mit dem Er- Promotion. Andererseits gab es unter
Befragten ab 25 Jahren eine Lehre. Rund
werb einer Studienberechtigung abge- ihnen auch viele unqualifizierte Ar-
1 % hatte einen Fachschulabschluss in der
schlossen (62 %). Knapp 9 % der zugezo- beitskräfte: Rund 28 % dieser Alters-
ehemaligen DDR erworben und 8 % einen
genen Personen hatten die Schule ohne gruppe hatten keinen berufsqualifizie-
Fachschulabschluss beziehungsweise eine
Abschluss verlassen. In der Gesamtbe- renden Abschluss. In der Gesamtbe-
Meister-/Technikerausbildung oder den
völkerung besaßen rund 96 % der 25- völkerung war die Akademikerquote
Abschluss einer zwei- oder dreijährigen
bis 34-Jährigen einen Schulabschluss. mit 24 % geringer. Allerdings lag hier
Schule für Gesundheits- und Sozialberufe
Der Anteil der Personen mit Studien- auch der Anteil der unqualifizierten
sowie den Abschluss an einer Schule für
berechtigung (46 %) ist, wie auch der Arbeitskräfte bei den 25- bis 34-Jähri-
Erzieher/-innnen. Über einen akademi-
Anteil der Personen ohne Schulab- gen mit 14 % deutlich niedriger.
schen Abschluss (einschließlich Promoti-
schluss (3 %), in der Gesamtbevölke-
on) verfügten 18 %. Weitere 18 % hatten
rung niedriger als bei den Zugezogenen.
(noch) keinen beruflichen Abschluss und
waren auch nicht in Ausbildung. u Tab 13

98
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

u Tab 12  Allgemeiner Schulabschluss der Bevölkerung 2014


Mit allgemeinem Schulabschluss Ohne
Noch in
Insgesamt¹ schulischer Abschluss der Realschul- oder Fachhoch- ohne An­g abe allgemeinen
Haupt-(Volks-) Schul-
Ausbildung Polytechnischen gleichwertiger schul- oder zur Art des
schulabschluss
Oberschule Abschluss Hochschulreife Abschlusses abschluss ²
Im Alter von … bis … Jahren

in 1 000
25 – 29 4 995 22 898 – 1 521 2 379 11 154
30 – 39 9 874 8 2 049 34 3 146 4 224 23 369
40 – 49 12 127 / 2 955 1 445 3 208 3 983 30 482
50 – 59 12 327 / 3 934 1 783 2 735 3 356 28 461
60 und älter 22 498 / 12 803 1 596 3 235 3 784 63 845
Zusammen 61 820 37 22 640 4 858 13 845 17 725 153 2 311
in  %
25 – 29 100 0,4 18,0 – 30,5 47,6 0,2 3,1
30 – 39 100 0,1 20,7 0,3 31,9 42,8 0,2 3,7
40 – 49 100 / 24,4 11,9 26,5 32,8 0,2 4,0
50 – 59 100 / 31,9 14,5 22,2 27,2 0,2 3,7
60 und älter 100 / 56,9 7,1 14,4 16,8 0,3 3,8
Zusammen 100 0,1 36,6 7,9 22,4 28,7 0,2 3,7

1 Einschließlich 251 000 Personen, die keine Angaben zur allgemeinen Schulausbildung gemacht haben.
2 Einschließlich Personen mit Abschluss nach höchstens sieben Jahren Schulbesuch.
– Nichts vorhanden.
/ Keine Angabe, da Zahlenwert nicht sicher genug.
Ergebnisse des Mikrozensus.

u Tab 13  Beruflicher Bildungsabschluss der Bevölkerung 2014


Mit beruflichem Bildungsabschluss² Davon
Ohne
Lehre/Berufs- Fachschul- beruf- nicht in
Ins- Fach- in schulischer
lichen
gesamt ¹ ausbildung schulab-
abschluss
Bachelor Master Diplom⁶ Promotion Bildungs- oder beruf-
schulischer
im dualen in der ehema- oder beruf-
schluss ⁵ abschluss ³ licher Bildung licher Bildung
System⁴ ligen DDR
Im Alter von …
bis … Jahren
in 1 000
25 – 29 4 995 2 386 362 – 371 220 453 18 1 161 482 679
30 – 39 9 874 4 925 804 – 264 206 1 874 162 1 586 128 1 458
40 – 49 12 127 6 745 1 074 109 71 58 2 077 174 1 748 18 1 729
50 – 59 12 327 6 971 1 098 194 33 23 1 939 166 1 827 / 1 823
60 und älter 22 498 12 068 1 504 412 26 14 2 570 251 5 338 / 5 337
Zusammen 61 820 33 096 4 841 715 766 522 8 913 771 11 660 634 11 026
in  %
25 – 29 100 47,8 7,2 – 7,4 4,4 9,1 0,4 23,3 9,7 13,6
30 – 39 100 49,9 8,1 – 2,7 2,1 19,0 1,6 16,1 1,3 14,8
40 – 49 100 55,6 8,9 0,9 0,6 0,5 17,1 1,4 14,4 0,2 14,3
50 – 59 100 56,6 8,9 1,6 0,3 0,2 15,7 1,3 14,8 / 14,8
60 und älter 100 53,6 6,7 1,8 0,1 0,1 11,4 1,1 23,7 / 23,7
Zusammen 100 53,5 7,8 1,2 1,2 0,8 14,4 1,2 18,9 1,0 17,8

1 Einschließlich 384 000 Personen, die keine Angaben zum beruflichen Bildungsabschluss gemacht haben sowie 151 000 Personen ohne Angabe zur Art des Abschlusses.
2 Abschlüsse an Fachhochschulen (einschließlich Verwaltungsfachhochschulen) und Hochschulen werden nach ihrem Grad (Bachelor, Master, Diplom) unterschieden. Die bisher unter »Fachschulabschluss«
enthaltenen akademischen Abschlüsse an Berufsakademien werden ebenfalls Bachelor, Master und Diplom zugeordnet.
3 Einschließlich Berufsvorbereitungsjahr und berufliches Praktikum, da durch diese keine berufsqualifizierenden Abschlüsse erworben werden.
4 Einschließlich eines gleichwertigen Berufsfachschulabschlusses, Vorbereitungsdienst für den mittleren Dienst in der öffentlichen Verwaltung, 1-jährige Schule für Gesundheits- und Sozialberufe sowie 374 000
Personen mit Anlernausbildung.
5 Einschließlich einer Meister- / Technikerausbildung, Abschluss einer 2- oder 3-jährigen Schule für Gesundheits- und Sozialberufe sowie Abschluss an einer Schule für Erzieher / -innen.
6 Einschließlich Lehramtsprüfung, Staatsprüfung, Magister, künstlerischer Abschluss und vergleichbare Abschlüsse.
– Nichts vorhanden.
/ Keine Angabe, da Zahlenwert nicht sicher genug.
Ergebnisse des Mikrozensus.

99
3 /  Bildung  3.1 /  Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget

Heute werden die Angebote des allge- u Info 6

meinen Bildungssystems von Frauen und Wie setzen sich die Ausgaben im Rahmen des Bildungs­budgets zusammen?
Männern gleichberechtigt wahrgenom- Sie umfassen die Ausgaben für das formale Bildungssystem in Abgrenzung der Internationalen
men, sodass bei der jüngeren Generation Standardklassifikation des Bildungswesens (ISCED-2011-Level). Dazu zählen direkte Ausgaben
für Bildungs­einrichtungen, Ausgaben für Bildungsdienste und Güter außerhalb von Bildungs-
mittlerweile mehr Frauen als Männer ei- einrichtungen und Ausgaben für die Förderung der Teilnehmenden an formalen Bildungs-
nen höheren Bildungsabschluss nach­ programmen.
weisen. In der Altersgruppe der 25- bis Bei den direkten Ausgaben für formale Bildungseinrichtungen (Krippen, Kindergärten, Schulen,
29-Jährigen hatten 45 % der Männer und Ausbildungsbetriebe, Hochschulen) handelt es sich um Ausgaben für das Lehr- und sonstige
knapp 51 % der Frauen Abitur oder Fach- Personal, für die Beschaffung von Lehr- und Lernmitteln, für Heizung, Elektrizität, die Reini-
gung und Erhaltung von Schulgebäuden sowie die Ausgaben für den Bau von Schulgebäuden
hochschulreife. und für andere Investitionsgüter. Entsprechend internationaler Konventionen enthalten die Aus-
Bei einem Vergleich der allgemeinen gaben für formale Bildungseinrichtungen auch die Ausgaben an Hochschulen für Forschung
und Entwicklung.
Schulabschlüsse der deutschen und aus-
ländischen Bevölkerung fällt Folgendes Bei den Ausgaben außerhalb von formalen Bildungseinrichtungen handelt es sich zum Beispiel
um Ausgaben, die von den Lernenden zur Vorbereitung, zum Besuch und zur Nachbereitung
auf: Die in Deutschland lebenden Auslän- des Unterrichts geleistet werden (zum Beispiel für Nachhilfeunterricht, zur Anschaffung von
derinnen und Ausländer besaßen zu 17 % Büchern, Taschenrechnern und Schreibwaren). Zur Förderung von Teilnehmenden an formalen
einen Realschulabschluss, die deutsche Bildungsprogrammen zählt zum Beispiel das »BAföG«.
Bevölkerung zu 23 %. Über Abitur und Zusätzliche bildungsrelevante Ausgaben in nationaler Abgrenzung
Fachhochschulreife verfügten 31 % der
Sie umfassen Ausgaben für nicht formale Bildungseinrichtungen wie Horte, ­betriebliche Weiter-
Ausländerinnen und Ausländer, jedoch bildungskurse, die Förderung von Teilnehmenden an Weiterbildungs­maßnahmen, Volkshoch-
nur 29 % der deutschen Bevölkerung. Be- schulen, Einrichtungen der Lehrerfortbildung und Einrichtungen der Jugendarbeit.
merkenswert ist in diesem Zusammen- Das Bildungsbudget basiert auf der Auswertung zahlreicher Erhebungen. Dabei sind die
hang der hohe Anteil der Ausländerinnen J­ ahresrechnungsergebnisse der Gebietskörperschaften (Bund, Länder, Kommunen) die
­wichtigsten Datenquellen.
mit Fachhochschul- oder Hochschulreife
(32 % gegenüber 26 % bei den deutschen
Frauen). Knapp 18 % der ausländischen
Bevölkerung besaßen jedoch keinen allge-
meinen Schulabschluss; bei der deutschen
Bevölkerung waren es rund 2 %.
Bei den beruflichen Abschlüssen zeigt für formale Bildungspro-gramme (zum überwiegende Teil dieser Mittel für öf-
sich folgendes Bild: Etwa 42 % der Auslän- Beispiel Kinderkrippen, Kindergärten, fentliche und private Bildungseinrichtun-
derinnen und Ausländer in Deutschland Schulen, Hochschulen, betriebliche Aus- gen verwendet (2012: 143,9  Milliarden
hatten keinen beruf lichen Bildungsab- bildung im dualen System) nach der In- Euro). Die Ausgaben für die Förderung
schluss und waren nicht in Ausbildung ternationalen Stan-dardklassifikation des von ­Bildungsteilnehmenden in ISCED-
(gegenüber 14 % der Deutschen). Einen Bildungswesens (ISCED). Als nationale Programmen sowie die Ausgaben der
Lehrabschluss konnten knapp 52 % der Ergänzung umfasst das Bildungsbudget ­privaten Haushalte für Nachhilfeunter-
Deutschen, aber nur 28 % der ausländi- zusätzlich Ausgaben für nicht formale Bil- richt, Lernmittel und dergleichen betru-
schen Bürgerinnen und Bürger vorweisen. dung (zum Beispiel betriebliche Weiterbil- gen 2013 rund 20,3  Milliarden Euro
Bei den akademischen Abschlüssen (ein- dung). u Info 6 (2012: 20,1 Milliarden Euro).
schließlich Promotionen) betrug der An- Die Ausgaben für formale und nicht Die Ausgaben für nicht formale Bil-
teil bei den Deutschen 16 % und bei den formale Bildung zusammen betrugen im dung lagen im Jahr 2013 bei 18,2 Milliar-
Ausländerinnen und Ausländern 17 %. Jahr 2013 nach vorläufigen Berechnungen den Euro gegenüber 17,4 Milliarden Euro
187,5 Milliarden Euro und lagen damit im Vorjahr. Die Ausgaben für die betriebli-
3.1.7 Das Bildungsbudget für um 6,1 Milliarden Euro über dem Wert che Weiterbildung stiegen von 10,6 Milli-
Deutschland des Vorjahres. Der Anteil der Bildungs- arden Euro im Jahr 2012 auf 10,9 Milliar-
Die Höhe der Bildungsausgaben be-ein- ausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP) den Euro im Jahr 2013. Für die Förderung
flusst die Entwicklung des Bildungs-we- betrug 2013 rund 6,6 %. von Teilnehmenden an Weiter-bildungs-
sens entscheidend. Einen Überblick zur Die Ausgaben für formale Bildungs- maßnahmen wurden 2013 rund 0,9 Milli-
Ressourcenausstattung des Bildungs-we- programme nach internationaler Abgren- arden Euro gegenüber 0,7 Mil-liarden
sens gibt das Bildungsbudget. Es orien- zung beliefen sich 2013 auf 169,2 Milliar- Euro im Vorjahr ausge­geben. Die Mittel
tiert sich an der Konzeption des lebens- den Euro. Sie lagen damit um 5,2 Milliar- für weitere Bildungs­a ngebote be-trugen
langen Lernens. Der größte Teil des Bil- den Euro über dem Wert des Vorjahres. 2012 und 2013 jeweils rund 6,0 beziehungs­
dungsbudgets entfällt auf die Ausgaben Mit 148,9 Milliarden Euro wurde der weise 6,4 Milliarden Euro. u Tab 14

100
Bildungsbeteiligung, Bildungsniveau und Bildungsbudget  / 3.1  Bildung / 3

u Tab 14  Bildungsausgaben und deren Anteile am Bruttoinlandsprodukt (BIP)

Bildungsausgaben Anteile am BIP

2012 2013¹ 2012 2013¹

in Milliarden Euro in % des BIP

A Bildungsbudget in internationaler Abgrenzung nach der ISCED-Gliederung² 164,0 169,2 6,0 6,0

A 30 Ausgaben für Bildungseinrichtungen in öffentlicher und privater Trägerschaft 143,9 148,9 5,2 5,3

A 31 ISCED 0 – Elementarbereich 21,8 23,3 0,8 0,8

A 32 ISCED 1 – 4 – Schulen und schulnaher Bereich 86,4 89,1 3,1 3,2

A 33 ISCED 5 – 8 – Tertiärbereich 33,6 34,5 1,2 1,2

A 34 Sonstiges (keiner ISCED-Stufe zugeordnet) 2,1 2,1 0,1 0,1

A 40/50 Übrige Ausgaben in internationaler Abgrenzung 20,1 20,3 0,7 0,7

B Zusätzliche bildungsrelevante Ausgaben in nationaler Abgrenzung 17,4 18,2 0,6 0,6

B 10 Betriebliche Weiterbildung 10,6 10,9 0,4 0,4

B 20 Ausgaben für weitere Bildungsangebote 6,0 6,4 0,2 0,2

B 30 Förderung von Teilnehmenden an Weiterbildung 0,7 0,9 0,0 0,0

A+B Bildungsbudget insgesamt 181,4 187,5 6,6 6,6

1  Vorläufige Angaben.
2 ISCED-2011-Level.

101
5,8 Mill.
Personen waren 2014 im

6,1 Mrd. €
öffentlichen Dienst beschäftigt.

1 544 Mrd. € Finanzierungsüberschuss erzielte


der Öffentliche Gesamthaushalt
haben private Haushalte im Jahr 2014.
2014 für Konsumausgaben
verwendet.

1,6 %
hat sich das preis­bereinigte
Bruttoinlands­produkt von
644 Mrd. €
2013 bis 2014 erhöht.
Steuern wurden 2014 von
Bund, Ländern und Ge-
meinden eingenommen.
4
Wirtschaft
und öffentlicher Sektor
4.1 Die Aufgabe von Wirtschaftsstatistiken
ist es, wirtschaftliche Vorgänge in der
ESVG hat als Verordnung der Europä­
ischen Union (EU) Gesetzescharakter
Volkswirt­ Volkswirtschaft zu erfassen, die Daten und ist daher für alle Mitgliedstaaten
schaftliche aufzubereiten und sie der Öffentlichkeit
zugänglich zu machen.
verbindlich. Damit ist sichergestellt, dass
europaweit harmonisierte Ergebnisse für
Gesamt­ Das wichtigste statistische Instrumen- politische und wirtschaftliche Entschei-
rechnungen tarium für die Wirtschaftsbeobachtung
sind die Volkswirtschaftlichen Gesamt-
dungen zur Verfügung stehen.
Auf die Angaben der Volkswirtschaft-
rechnungen (VGR). Sie haben die Auf­ lichen Gesamtrechnungen stützen sich
Tanja Mucha gabe, für einen bestimmten, abgelaufenen Politik, Wirtschaft und Verwaltung. Sie
Zeitraum – das sind typischerweise Jahre dienen unter anderem als Grundlage
und Quartale – ein möglichst umfassen- für Gutachten, Wachstumsprognosen,
Destatis
des, übersichtliches und hinreichend ge- Steuer­s chätzungen, Rentenanpassungen
gliedertes, quantitatives Gesamtbild des und Tarifverhandlungen. Nationale Nut-
wirtschaftlichen Geschehens in einer zer sind in erster Linie die Bundesminis-
Volkswirtschaft zu geben. u Info 1 terien, der Sachverständigenrat zur Be-
Die deutschen Volkswirtschaftlichen gutachtung der gesamtwirtschaftlichen
Gesamtrechnungen folgen den Vorgaben Entwicklung, die Wirtschaftsforschungs-
des Europäischen Systems Volkswirt- institute, Banken – allen voran die Deut-
schaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG). sche Bundesbank – sowie Wirtschafts-
Dort werden Definitionen, Konzepte, Ab- verbände, Gewerkschaften, Universitäten
grenzungen, Begriffe, Klassifikationen so- und Medien.
wie der Zeitpunkt und die Häufigkeit der International werden VGR­-Ergebnisse
Lieferung von VGR-Ergebnissen an die vor allem von der Europäischen Kommis-
europäische Statistikbehörde, das Statis­ sion, der Europäischen Zentralbank (EZB),
tische Amt der Europäischen Union (Euro- der Organisation für wirtschaftliche Zu-
stat), geregelt. Das Europäische System sammenarbeit und Entwicklung (OECD)
Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen und dem Internationalen Währungsfonds
wird in mehrjährlichen Abständen aktua- (IWF) genutzt. Eine besondere Bedeutung
lisiert, um geänderten wirtschaftlichen haben die Ergebnisse der Volkswirtschaft-
Rahmenbedingungen Rechnung zu tra- lichen Gesamtrechnungen für die Europä-
gen. Die aktuelle Version ESVG 2010 ist ische Kommission: Das Bruttonationalein-
seit September 2014 rechtswirksam. Das kommen (BNE) ist Grundlage für die Be-

103
4 /  Wirtschaft und öffentlicher Sektor  4.1 /  Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

rechnung der EU-Eigenmittel, also der u Info 1

Mitgliedsbeiträge der einzelnen Mitglied- Das System der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen


staaten an die Europäische Union. Darü- Die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) erfassen die wirtschaftlichen Tätigkeiten aller
ber hinaus werden VGR-Daten für die Wirtschaftseinheiten, die – unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit – ihren ständigen Sitz im
Wirtschaftsgebiet haben. Ein Wirtschaftsgebiet kann die gesamte Volkswirtschaft (zum Beispiel
Überwachung und Steuerung der europä­ Deutschland) oder ein Teil davon (zum Beispiel ein Bundesland) sein. Wirtschaftseinheiten sind alle
ischen Wirtschafts- und Währungspolitik Personen und Institutionen, die produzieren, konsumieren, investieren, verteilen oder finanzieren.
benötigt. So basieren die Konvergenzkri- Sie werden zur Darstellung der Wirtschaftsstruktur zu Wirtschafts- beziehungsweise Produktions-
bereichen oder (entsprechend ihres wirtschaftlichen Verhaltens) zu sogenannten Sektoren zu­
terien für die ­Europäische Währungsuni- sammengefasst (nichtfinanzielle Kapitalgesellschaften, finanzielle Kapitalgesellschaften, Staat,
on im Wesent­ l ichen auf Größen der ­private Haushalte, private Organisationen ohne Erwerbszweck). Der Sektor »Übrige Welt« bezeichnet
Volks­w irtschaft ­lichen Gesamtrechnungen alle Einheiten beziehungsweise Aktivitäten außerhalb des jeweiligen Wirtschaftsgebietes.

(Maastricht-Defizit und Schuldenstand Die Ergebnisse der amtlichen VGR werden in Form eines geschlossenen Kontensystems aller nach-
gewiesenen Vorgänge ermittelt. Dabei gilt das Prinzip der doppelten Buchführung: Jede Trans­
des Staates, Bruttoinlandsprodukt).
aktion wird mindestens zweimal gebucht, einmal auf der Entstehungs- und einmal auf der Ver­
wendungsseite. In ergänzenden Tabellen werden die Kontenpositionen tiefer untergliedert, teilweise
4.1.1 Das Bruttoinlandsprodukt nach besonderen Gesichtspunkten zusammengefasst oder in sonstiger Hinsicht erweitert (zum
Beispiel um preisbereinigte Angaben, Angaben pro Kopf, je Stunde oder Quoten). Darüber hinaus
Eine zentrale Größe der Volkswirtschaft- werden in speziellen Input-Output-Tabellen die produktions- und gütermäßigen Verflechtungen in
lichen Gesamtrechnungen ist das Brutto- der Volkswirtschaft gezeigt.
inlandsprodukt (BIP). Es ist ein Maß für Für die Aufstellung der deutschen VGR werden alle geeigneten laufenden wirtschaftsstatistischen
die in einem bestimmten Zeitraum in Erhebungen verwendet, die zum jeweiligen Veröffentlichungs- beziehungsweise Rechentermin
­einer Volkswirtschaft erbrachte gesamt- ­vorliegen. Darüber hinaus werden administrative Daten (zum Beispiel Finanzstatistiken, Zahlen der
Bundesagentur für Arbeit), Haushaltsbefragungen, Geschäftsstatistiken und Jahresabschlüsse
wirtschaftliche Leistung. u Info 2 ­großer Unternehmen sowie Informationen von Verbänden ausgewertet. Je aktueller die Berech­
Bei der Berechnung stehen die Produkti- nungen sind, desto unvollständiger ist in der Regel die Datenbasis und desto höher ist der Schätz-
on von Waren und Dienstleistungen so- anteil. Dies führt zu regelmäßigen Revisionen der VGR-Ergebnisse, wenn neue statistische Aus-
gangsdaten verfügbar sind, die in die Berechnungen einbezogen werden können.
wie die dabei entstandene Wertschöp-
fung im Vordergrund. Prinzipiell kann
das BIP auf drei Wegen berechnet und
dargestellt werden: u Abb 1
·· Die Entstehungsrechnung zeigt, wie die u Abb 1  Bruttoinlandsprodukt
wirtschaftliche Leistung von der Pro-
duktionsseite her entstanden ist. Sie er-
mittelt die Wertschöpfung der einzelnen
Wirtschaftsbereiche und verdeutlicht, Entstehung Verwendung Verteilung
wie diese zum gesamtwirtschaftlichen
Ergebnis beigetragen haben (siehe Ab- Land- und Forstwirt- Private und Arbeitnehmerentgelt,
schnitt 4.1.2). schaft, ­Fischerei staatliche Konsum- Unternehmens- und
ausgaben Vermögenseinkommen
­
·· Die Verwendungsrechnung beschreibt, Produzierendes
für was das erarbeitete gesamtwirt- Gewerbe + Bruttoanlage- + Produktions- und

schaftliche Ergebnis verwendet wurde. Dienstleistungs- = investitionen,


Vorratsver-
= Importabgaben ab-
züglich Subventionen
Es kann konsumiert, investiert oder ex- bereiche
änderungen
+ Abschreibungen
portiert werden. Das BIP lässt sich da- + Gütersteuern
+ Exporte
her auch als Summe aus Konsum, In- ­abzüglich Güter- – Saldo der Primärein-
abzüglich Importe
subventionen kommen übrige Welt
vestitionen und Außenbeitrag (Exporte
minus Importe) errechnen (siehe Ab-
schnitt 4.1.3).
·· Die Verteilungsrechnung zeigt, welche
Einkommen entstanden sind und wie
diese auf die Wirtschaftsteilnehmer
verteilt wurden. Es wird nach Einkom-
mensarten unterschieden (zum Beispiel
Arbeit­nehmerentgelt, Unternehmens-
und Vermögenseinkommen), die im
Wirtschafts­ prozess entstanden sind
(siehe Abschnitt 4.1.4).

104
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen  / 4.1  Wirtschaft und öffentlicher Sektor / 4

u Info 2 Darstellung des


Wohlfahrtsmessung in Deutschland Bruttoinlandsprodukts
Wie kann man den Wohlstand und die Lebensqualität der Menschen in einem Land adäquat statis- Das jährliche BIP kann in jeweiligen Prei-
tisch messen? Diese Frage wurde seit Längerem diskutiert und mit dem Bericht der sogenannten sen oder preisbereinigt dargestellt werden.
»Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission« im September 2009 neu entfacht. Zahlreiche Aktivitäten
und Initiativen sind in der Folge dieses Berichts entstanden. Sie reichen von allumfassenden, in
Darüber hinaus ist auch eine kalender­
­e iner Zahl ausgedrückten Gesamtindikatoren bis zu breit gefächerten Sets von Indikatoren, die bereinigte Darstellung sinnvoll, weil die
­unterschiedliche Dimensionen von Wohlstand und Lebensqualität abbilden. Trotz unterschiedlicher Anzahl der verfügbaren Arbeitstage in
Ausgestaltung und Reichweite sind diese Vorschläge in einem Punkt einig: Die im BIP erfasste
­Güterversorgung liefert zwar einen wesentlichen Beitrag zum materiellen Wohlstand, aber eine Be- ­einem Jahr Einfluss auf das Ergebnis hat.
trachtung der materiellen Lage allein reicht nicht aus, um Wohlfahrt und Lebensqualität umfassend Das BIP in jeweiligen Preisen wird so-
zu berechnen. wohl durch die Veränderung des Volu-
Die wichtigsten Kritikpunkte am BIP als Wohlfahrtsindikator sind: mens als auch durch die Preisentwicklung
‧‧ Die in privaten Haushalten erbrachten unentgeltlichen Versorgungs-, Erziehungs- oder Pflege- beeinf lusst. Bei einer preisbereinigten
leistungen, die nicht über den Markt vermittelt werden, sowie ehrenamtliches Engagement Rechnung wird der Einfluss der Preisent-
der Bürgerinnen und Bürger werden im BIP nicht erfasst.
‧‧ Durch wirtschaftliche Aktivitäten ausgelöste Schäden oder Beeinträchtigungen (sogenannte
wicklung ausgeschaltet. Dabei werden alle
­externe Kosten), zum Beispiel der Umwelt, werden im BIP zumeist nicht oder nicht ausreichend Transaktionen in tiefer Gliederung mit
erfasst. spezifischen Preisindizes aus dem gesam-
‧‧ Das BIP enthält Abschreibungen, das heißt den rechnerischen Aufwand zum Ersatz des im
­Produktionsprozess verbrauchten Sachkapitals.
ten Datenangebot der Preisstatistiken de-
‧‧ D as BIP sagt nichts über die Verteilung des Wohlstandes auf gesellschaftliche Gruppen und flationiert (bereinigt). Das preisbereinigte
­Individuen aus. BIP wird auf der Grundlage einer jährlich
‧‧ Wirtschaftliche Aktivitäten zur Beseitigung von Schäden durch Naturkatastrophen oder Unfälle
erhöhen das BIP, obwohl sie bestenfalls das zuvor schon erreichte Wohlstandsniveau wechselnden Preisbasis (Vorjahrespreis­
wiederherstellen. basis) berechnet und anschließend verket-
‧‧ Das BIP sagt nichts über die Nachhaltigkeit der Entwicklung aus, also darüber, inwieweit das tet. Diese im Jahr 2005 eingeführte Me-
­g egenwärtige Wohlstandsniveau zu Lasten künftiger Generationen erwirtschaftet wurde.
thode gewährleistet, dass stets die aktuel-
len Preisrelationen in der Rechnung
Als Folge dieser Debatte hat sich inzwischen ein weitgehender gesellschaftlicher Konsens darüber
herausgebildet, dass es sinnvoll sei, über die rein wirtschaftliche Entwicklung hinaus auch gesell- berücksichtigt werden. Die jährlichen Ver-
schaftliche Entwicklungen umfassender in den Blick zu nehmen und hierzu eine Berichterstattung änderungsraten des preisbereinigten BIP
aufzubauen.
können als Maßstab der (realen) Wirt-
Zu den konkreten Vorschlägen gehören: schaftsentwicklung betrachtet werden.
‧‧ die Verbesserungen bei der Darstellung der Wirtschaftsindikatoren wie die stärkere Betonung
des Einkommens privater Haushalte, die Darstellung der Verteilung von Einkommen und Ver­ Entwicklung des
mögen sowie die regelmäßige Erfassung der unbezahlten Arbeit in privaten Haushalten, da sie
erheblich zum materiellen Wohlergehen beiträgt; Bruttoinlandsprodukts
‧‧ die Messung der nichtmateriellen Lebensqualität, wozu Faktoren wie Gesundheit, Bildung, In Deutschland hat sich das reale BIP zwi-
­p ersönliche Aktivitäten und Erwerbstätigkeit, politische Partizipation, soziale Beziehungen, schen 1991 und 2014 um gut ein Drittel
­Umweltbedingungen sowie existenzielle und wirtschaftliche Unsicherheiten zählen; und
‧‧ die Erfassung der Nachhaltigkeit und dabei insbesondere ökologische Aspekte wie der Abbau erhöht. Im Durchschnitt ist es seit der
von Bodenschätzen oder die Umweltverschmutzung, wodurch die Lebensbedingungen künftiger deutschen Vereinigung pro Jahr um 1,3 %
Generationen beeinträchtigt werden.
gewachsen. In dieser Zeit gab es lediglich
drei sogenannte rezessive Jahre, in denen
In Deutschland hat insbesondere die Arbeit der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages
mit dem Titel »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und
das reale BIP im Vergleich zum Vorjahr
gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft« das Thema in die breite Öffent­ gesunken ist: 1993 (– 1,0 %), 2003 (– 0,7 %)
lichkeit getragen. In ihrem Abschlussbericht vom Juni 2013 hat sie unter anderem einen Indikatoren­ sowie zuletzt 2009 (– 5,6 %), als die deut-
satz mit zehn Leitindikatoren und weiteren Zusatzindikatoren vorgeschlagen, um den wirtschaft­
lichen, gesellschaftlichen und ökologischen Fortschritt laufend zu erfassen.
sche Wirtschaft durch die Folgen der
weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise
Die Bundesregierung hat das Thema der Messung von Fortschritt, Wohlstand und Lebensqualität
im Koalitionsvertrag verankert. Aktuell hat sie die Initiative »Gut Leben in Deutschland – was uns regelrecht einbrach und die schlimmste
wichtig ist« gestartet und im April 2015 mit Bürgerdialogen begonnen. Anschließend soll geprüft Rezession der Nachkriegszeit erlebte. Im
werden, wie man diese Themen statistisch begleiten und analysieren kann, etwa – wie im Koalitions­ Jahr 2014 konnte sich die deutsche Wirt-
vertrag 2013 vorgeschlagen – mithilfe eines Indikatoren- und Berichtssystems zur Lebensqualität
in Deutschland. schaft offensichtlich in einem schwierigen
weltwirtschaftlichen Umfeld behaupten:
Auf internationaler Ebene fanden außerdem im Jahr 2015 die Gespräche für die Post-2015-Agenda
der Vereinten Nationen statt. Dabei sollen ab 2016 insgesamt 17 »Sustainable Development Goals« Das preisbereinigte BIP war um 1,6 %
(Ziele nachhaltiger Entwicklung) beziehungsweise 169 »Targets« (Zielgrößen) und dazugehörige ­höher als im Vorjahr. In den beiden vor-
­Indikatoren die bisherigen »Millennium Development Goals« ablösen.
angegangenen Jahren war das BIP sehr
viel moderater gewachsen (2013 um
+ 0,3 % und 2012 um + 0,4 %). u Abb 2

105
4 /  Wirtschaft und öffentlicher Sektor  4.1 /  Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

u Abb 2  Preisbereinigtes Bruttoinlandsprodukt — Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent

8,2

5,3 5,1
4,8 4,9
4,4 4,3 4,2 4,1
3,7 3,9 3,7 3,7
3,1 3,3 3,3
3,0 3,0
2,8
2,5
2,9 2,3 2,3
2,6
1,6
1,9
1,7 1,8 2,0 2,0 1,7 1,6
1,4 1,4
0,9 1,2 1,1
1,6 0,8
0,5 0,7
0,9 0,4
0,0 0,3
Durchschnitt 1950 –1960
Durchschnitt 1960 –1970

– 0,4
– 0,9 – 0,7
– 1,0

– 5,6

1970 1972 1974 1976 1978 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014

Die Ergebnisse von 1950 bis 1970 (früheres Bundesgebiet) sind wegen konzeptioneller und definitorischer Unterschiede nicht voll mit den Ergebnissen von 1970 bis 1991 (früheres Bundesgebiet)
und den Angaben ab 1991 (Deutschland) vergleichbar. Die preisbereinigten Ergebnisse von 1950 bis 1970 (früheres Bundesgebiet) sind in Preisen von 1991 berechnet.
Die Ergebnisse von 1970 bis 1991 (früheres Bundesgebiet ) sowie die Angaben ab 1991 (Deutschland) werden in Preisen des jeweiligen Vorjahres als Kettenindex nachgewiesen.
Bei der VGR-Revision 2014 wurden zudem nur die Ergebnisse für Deutschland bis 1991 zurückgerechnet; Angaben vor 1991 sind unverändert geblieben.

u Abb 3  Bruttowertschöpfung nach Wirtschaftsbereichen — in Prozent

Land- und Land- und


Forstwirtschaft, Forstwirtschaft,
Fischerei Fischerei

1,2 0,7

Produzierendes Produzierendes
Gewerbe ohne Gewerbe ohne
Dienstleistungen Baugewerbe Dienstleistungen Baugewerbe

61,9 30,9 69,0 25,7

1991 2014
Baugewerbe

4,6
Baugewerbe

6,0

106
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen  / 4.1  Wirtschaft und öffentlicher Sektor / 4

u Tab 1  Ergebnisse der Entstehungsrechnung nach Wirtschaftsbereichen 2014 Verschiebungen in der


Bruttowert- Wirtschaftsstruktur
Produktionswert Vorleistungen
schöpfung Anhand der nominalen Bruttowertschöp-
in jeweiligen Preisen, in Milliarden Euro
f ung der zusammengefassten Wir t-
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 52,7 34,8 17,9
schaftsbereiche lässt sich die Struktur der
Produzierendes Gewerbe ohne ­B augewerbe 1 977,8 1 303,0 674,8
Wirtschaft und ihre Veränderung im
 Verarbeitendes Gewerbe 1 780,8 1 187,2 593,6
Zeitablauf darstellen: Während das Pro-
Baugewerbe 2 76,0 155,2 120,7
duzierende Gewerbe (ohne Baugewerbe)
Handel, Verkehr, Gastgewerbe 811,3 404,1 407,2
in Deutschland 1991 noch knapp ein
Information und Kommunikation 239,5 112,0 127,5
Drittel (31 %) der gesamten nominalen
Finanz- und Versicherungsdienstleister 253,6 146,0 107,6 Wertschöpfung produzierte, war es 2014
Grundstücks- und Wohnungswesen 381,7 89,9 291,8 nur noch gut ein Viertel (26 %). Dagegen
Unternehmensdienstleister 484,3 194,1 290,2 wurden im Jahr 2014 rund 69 % der ge-
Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit 688,1 209,7 478,4 samtwirtschaftlichen Bruttowertschöp-
Sonstige Dienstleister 154,4 47,4 107,0 fung von den Dienstleistungsbereichen
Alle Wirtschaftsbereiche 5 319,3 2 696,2 2 623,1 erbracht. Im Jahr 1991 waren es etwa 62 %
preisbereinigt, verkettet, Veränderung zum Vorjahr in % gewesen. u Tab 1, Abb 3
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei 7,2 7,1 7,5 Die Zahlen verdeutlichen, wie weit
Produzierendes Gewerbe ohne Baugewerbe 1,5 1,4 1,6 die sogenannte Tertiarisierung der deut-
 Verarbeitendes Gewerbe 2,0 1,9 2,3 schen Wirtschaft – also der Strukturwan-
Baugewerbe 2,6 2,5 2,6 del von einer Industrie- zu einer Dienst-
Handel, Verkehr, Gastgewerbe 1,1 0,8 1,3 leistungsgesellschaft – seit der deutschen
Information und Kommunikation 1,6 0,8 2,4 Vereinigung fortgeschritten ist. Bei ihrer
Finanz- und Versicherungsdienstleister 1,1 1,4 0,6 Interpretation ist allerdings zu berück-
Grundstücks- und Wohnungswesen 0,6 – 0,6 1,0 sichtigen, dass sich die Gewichte zwi-
Unternehmensdienstleister 2,1 1,7 2,4 schen den Wirtschaftsbereichen zum Bei-
Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit 1,3 2,0 1,0 spiel durch Auslagerungsprozesse oder
Sonstige Dienstleister 0,3 0,6 0,1 den Einsatz von Leiharbeiterinnen und
Alle Wirtschaftsbereiche 1,5 1,4 1,5 Leiharbeitern – der zum Wirtschaftsbe-
reich der Unternehmensdienstleister
zählt – verschieben können.
Aus der Summe der Bruttowertschöp-
fung aller Wirtschaftsbereiche ergibt sich
das BIP, indem die Gütersteuern hinzu-
gefügt und die Gütersubventionen abge-
4.1.2 Die Entstehungsrechnung Brenn- und Treibstoffe sowie Reparatur- zogen werden. Das ist notwendig, weil
des Bruttoinlandsprodukts leistungen. die Bruttowertschöpfung (und die Pro-
Im Rahmen der Entstehungsrechnung Die Bruttowertschöpfung eignet sich duktionswerte) der Wirtschaftsbereiche
wird die wirtschaftliche Leistung einer besonders, um die Wirtschaftskraft ver- ohne die auf den Gütern lastenden Steu-
Volkswirtschaft aus dem Blickwinkel der schiedener Wirtschaftsbereiche zu verglei- ern (Gütersteuern), aber einschließlich
Produzenten ermittelt. Man spricht daher chen. Den gedanklichen Anknüpfungs- der empfangenen Gütersubventionen
auch vom Produktionsansatz. Vom Wert punkt für ihre Berechnung bilden die dargestellt werden (Konzept zu Herstel-
der von allen Wirtschaftseinheiten in ei- einzelnen Wirtschaftseinheiten, die zu lungspreisen). Gütersteuern und -subven-
ner Periode produzierten Waren und Wirtschaftsbereichen zusammengefasst tionen sind solche Abgaben beziehungs-
Dienstleistungen (Produktionswert) wird werden. Die Wirtschafts­bereiche sind ent- weise Zuschüsse, die mengen- oder wert-
der Verbrauch an Vorleistungen abge­ sprechend der jeweils gültigen Klassifi­ abhängig von den produzierten Gütern
zogen und so die Bruttowertschöpfung kation der Wirtschaftszweige (WZ) ge- sind (zum Beispiel Tabak-, Mineralöl-
ermittelt. Vorleistungen sind Waren und gliedert. In den Volkswirtschaftlichen oder Mehrwertsteuer).
Dienstleistungen, die im Zuge der Pro- Gesamtrechnungen wird die WZ 2008 Damit das BIP (zu Marktpreisen) so-
duktion verbraucht, verarbeitet oder um- verwendet. In tiefer Gliederung werden wohl von der Entstehungs- als auch von
gewandelt werden. Sie umfassen unter Angaben nach bis zu 64 Wirtschaftsberei- der Verwendungsseite her gleich ist,
anderem Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe, chen veröffentlicht. schließt es die Nettogütersteuern ein.

107
4 /  Wirtschaft und öffentlicher Sektor  4.1 /  Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

Aus diesem Grund müssen die Gütersteu- u Tab 2  Ableitung des Bruttoinlandsprodukts,
ern abzüglich der Gütersubventionen der in jeweiligen Preisen — in Milliarden Euro
Bruttowertschöpfung (zu Herstellungs-
2011 2012 2013 2014
preisen) hinzugefügt werden, um das BIP
zu errechnen. u Tab 2 Produktionswert 5 112,0 5 143,8 5 206,7 5 319,3

– Vorleistungen 2 683,9 2 668,7 2 669,8 2 696,2

4.1.3 Die Verwendungsrechnung = Bruttowertschöpfung 2 428,1 2 475,1 2 536,9 2 623,1


des Bruttoinlandsprodukts + Gütersteuern 282,0 286,1 290,3 299,2
Die Verwendungsrechnung – auch Aus- – Gütersubventionen 7,0 6,3 6,4 6,7
gabenansatz genannt – als zweite Säule = Bruttoinlandsprodukt 2 703,1 2 754,9 2 820,8 2 915,7
der Inlandsproduktsberechnung zeigt,
wie die inländischen Waren und Dienst-
leistungen verwendet werden. Sie können
u Tab 3  Ergebnisse der Verwendungsrechnung
konsumiert, investiert oder exportiert
werden. u Info 3 2011 2012 2013 2014

in jeweiligen Preisen, in Milliarden Euro


Verwendungsstruktur des
Konsumausgaben 2 001,2 2 056,5 2 104,6 2 156,2
Bruttoinlandsprodukts
Private Haushalte 1 454,0 1 490,4 1 517,5 1 544,0
Das BIP setzt sich aus der inländischen
Private Organisationen
Verwendung und dem Außenbeitrag zu- 41,5 43,4 45,3 48,1
ohne Erwerbszweck
sammen. Die inländische Verwendung Staat 505,7 522,7 541,9 564,0
umfasst die privaten und staatlichen + Bruttoinvestitionen 569,8 530,6 546,8 563,1
Konsumausgaben sowie die Bruttoin­ Bruttoanlageinvestitionen 547,8 555,9 557,3 585,1
vestitionen, die wiederum aus den Ausrüstungen 188,3 184,9 181,3 189,8
Brutto­a nlageinvestitionen und den Vor- Bauten 264,2 272,9 277,2 291,8
ratsveränderungen bestehen. u Abb 4 Sonstige Anlagen 95,3 98,0 98,8 103,5
In den vergangenen Jahren entfiel in Vorratsveränderungen und
21,9 – 25,3 – 10,5 – 22,0
Deutschland jeweils über die Hälfte des Nettozugang an Wertsachen
nominalen BIP auf die privaten Konsum- = Inländische Verwendung 2 571,0 2 587,1 2 651,4 2 719,3
ausgaben. Darunter wird im Wesentlichen + Außenbeitrag 132,1 167,7 169,4 196,4
der Kauf von Waren und Dienstleistungen Exporte 1 211,5 1 266,9 1 283,1 1 333,2
durch inländische private Haushalte ver- abzüglich: Importe 1 079,3 1 099,2 1 113,7 1 136,8
standen. Dazu zählen beispielsweise die = Bruttoinlandsprodukt 2 703,1 2 754,9 2 820,8 2 915,7
Ausgaben für Lebensmittel, Bekleidung preisbereinigt, verkettet, Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %
und Haushaltsgeräte, für Wohnungs­ Konsumausgaben 1,2 1,0 0,7 1,1
mieten und Energie sowie für Freizeit und Private Haushalte 1,3 0,9 0,6 0,9
Unterhaltung. Die Konsumausgaben der Private Organisationen
2,0 2,7 1,1 3,8
privaten Organisationen ohne Erwerbs- ohne Erwerbszweck

zweck sind ebenfalls Teil der privaten Staat 0,9 1,3 0,8 1,7

Konsumausgaben. Bruttoinvestitionen 9,3 – 8,2 1,5 2,0

Auf die Konsumausgaben des Staates Bruttoanlageinvestitionen 7,2 – 0,4 –1,3 3,5

entfiel knapp ein Fünftel des nominalen Ausrüstungen 6,8 – 2,6 – 2,3 4,5

BIP. Dazu gehören die Aufwendungen Bauten 8,1 0,5 – 1,1 2,9
des Staates für allgemeine Verwaltungs- Sonstige Anlagen 5,3 1,3 – 0,3 3,1
leistungen, Sicherheit, Bildung, Gesund- Vorratsveränderungen und
X X X X
Nettozugang an Wertsachen
heitswesen und Ähnliches, soweit sie der
Inländische Verwendung 2,9 – 1,0 0,8 1,3
Allgemeinheit ohne ein zu entrichtendes
Außenbeitrag X X X X
Entgelt zur Verfügung gestellt werden.
Exporte 8,3 2,8 1,6 4,0
Knapp ein weiteres Fünftel des nomi-
nalen BIP wird investiert und erhöht abzüglich: Importe 7,0 – 0,3 3,1 3,7

­d amit den Bestand an Anlagen (Ausrüs- Bruttoinlandsprodukt 3,7 0,4 0,3 1,6

tungen, Bauten, sonstige Anlagen ein- X  Tabellenfach gesperrt, weil Aussage nicht sinnvoll.

108
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen  / 4.1  Wirtschaft und öffentlicher Sektor / 4

u Info 3
Ansätze der Verwendungsrechnung Auch schattenwirtschaftliche und illegale Aktivitäten fließen
Zur Ermittlung des Bruttoinlandsprodukts in das Bruttoinlandsprodukt ein
über die Verwendungsseite kommen grund- Für die Berechnung des Bruttoinlands- Eine Besonderheit stellt in der statisti-
sätzlich drei Ansätze in Betracht: Die Käufer
beziehungsweise Verwender der Güter
produkts und der anderen Aggregate schen Praxis die Erfassung von illega-
­können nach ihren Ausgaben gefragt werden. der VGR werden grundsätzlich alle len – also der ausdrücklich verbotenen –
Es ist aber auch möglich, die Produzenten wirt­schaftlichen Aktivitäten einer Aktivitäten dar. Die EU-weit bedeut-
der Waren und Dienstleistungen über ihre
Lieferungen an Konsumenten, Investoren Volkswirtschaft erfasst. Dies gilt unab- samsten illegalen Aktivitäten – Drogen,
und die übrige Welt zu befragen. Schließlich hängig davon, ob diese Aktivitäten Schmuggel und Prostitution – sind seit
können mithilfe der Güterstrommethode die den Behörden bekannt sind oder nicht der VGR-Revision 2014 Teil der amt­
Verwendungsstrukturen für Waren und
Dienstleistungen geschätzt werden. Theore- (zum Beispiel Steuer-, Sozialversiche- lichen VGR in Europa. Bezogen auf die
tisch führen diese drei Ansätze zum gleichen rungs-, Statistikbehörden) und auch Situation in Deutschland bedeutet dies,
Ergebnis, sodass die Entscheidung darüber,
unabhängig davon, ob sie legal oder dass der Handel und die Produktion
welcher Weg in der Praxis beschritten wird,
vor allem von den statistischen Gegeben­ ­illegal ausgeübt werden. Demzufolge von Drogen sowie der Schmuggel von
heiten und den Nutzeranforderungen an die enthält das Bruttoinlandsprodukt auch Zigaretten seither mithilfe von Schätz-
Aktualität abhängt.
Aktivitäten der Schattenwirtschaft modellen in die VGR-Berechnungen
(zum Beispiel Verkäufe ohne Rech- einbezogen werden. Allerdings ist Pro-
nung, Eigenleistung und Nachbar- stitution in Deutschland grundsätzlich
u Abb 4  Struktur der ­Verwendung
schaftshilfe am Bau). Im Zuge der Be- nicht verboten und war damit bereits
2014 — in Prozent des Bruttoinlands­-
produkts rechnungen wird das Datenmaterial zuvor im BIP enthalten, und Alkohol-
auf mögliche Untererfassung überprüft schmuggel hat aufgrund der relativ
und bei Bedarf durch Schätzungen niedrigen Preise in Deutschland wirt-
Private ­ergänzt. Auf diese Weise soll vor allem schaftlich keine Bedeutung.
Konsum-
Außenbeitrag ausgaben die Vollständigkeit (»exhaustiveness«)
6,7 54,6 des Bruttoinlandsprodukts beziehungs-
weise des Bruttonationaleinkommens
Brutto-
sichergestellt werden. Allerdings er-
investitionen folgt in Deutschland kein getrennter
19,3 Nachweis der Schattenwirtschaft in der
BIP
2 915,7 amtlichen Statistik.
Milliarden
Euro
Konsum-
ausgaben
des Staates

19,3

schließlich Forschung und Entwicklung) erzielt, wovon entsprechend positive Im- den Berechnungsarten knüpft die Vertei-
oder verändert die Vorrats- und Wert­ pulse für das Wirtschaftswachstum aus- lungsrechnung nicht an der Güterseite an,
sachenbestände. gingen. u Tab 3 sondern an der Entlohnung der Produk-
Zur Nachfrageseite des BIP gehört ne- tionsfaktoren Arbeit und Kapital. Ausge-
ben der inländischen Verwendung auch 4.1.4 Die Verteilungsrechnung des hend von den Einkommensarten wird
der Außenbeitrag. Er stellt den Saldo aus Bruttoinlandsprodukts das BIP beziehungsweise das BNE im
Exporten und Importen von Waren und Die Verteilungsrechnung stellt – neben Rahmen der Verteilungsrechnung ent­
Dienstleistungen an die beziehungsweise der Entstehungs- und Verwendungs­ weder über die im Inland entstandenen
aus der übrigen Welt dar. Die Bundes­ rechnung – einen dritten Weg dar, um (geleisteten beziehungsweise gezahlten)
republik Deutschland hat eine stark das Bruttoinlandsprodukt (BIP) und das Einkommen oder über die von Inländern
export­a bhängige Wirtschaft: Seit dem Bruttonationaleinkommen (BNE) zu er- empfangenen Einkommen aus Produk­-
Jahr 1993 wurden stets Exportüberschüsse mitteln. Anders als bei den anderen bei- t ­ionstätigkeit berechnet.  u Tab 4, Tab 5

109
4 /  Wirtschaft und öffentlicher Sektor  4.1 /  Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen

u Tab 4  Ergebnisse der Verteilungsrechnung über die entstandenen In der Bundesrepublik Deutschland
und verteilten Einkommen — in Milliarden Euro ist eine eigenständige und in sich ge-
2011 2012 2013 2014 schlossene Verteilungsrechnung nicht
Bruttonationaleinkommen 2771,3 2820,4 2882,0 2982,4
möglich, weil über den Betriebsüber-
+ Primäreinkommen an die
schuss beziehungsweise über die Unter-
151,3 140,8 129,0 126,5
übrige Welt nehmenseinkommen nur lückenhafte
– Primäreinkommen aus der
219,5 206,4 190,2 193,3
­basisstatistische Informationen vorliegen.
übrigen Welt
Diese Größen werden daher als Salden-
= Bruttoinlandsprodukt 2703,1 2754,9 2820,8 2915,7
größen aus dem gesamtwirtschaftlichen
+ Gütersubventionen 7,0 6,3 6,4 6,7
Kreislauf abgeleitet.
– Gütersteuern 282,0 286,1 290,3 299,2
Der umfassendste Einkommensbe-
= Bruttowertschöpfung 2428,1 2475,1 2536,9 2623,1
griff der Volkswirtschaftlichen Gesamt-
– Abschreibungen 475,5 492,2 505,1 517,8
rechnungen ist das Bruttonational­
= Nettowertschöpfung 1952,5 1982,9 2031,8 2105,3
einkommen (BNE). Das BNE ist an die
+ Sonstige Subventionen 26,1 23,3 23,5 24,1 Stelle des früher benutzten Begriffs des
– S onstige Bruttosozial­produkts (BSP) getreten und
17,7 19,1 18,7 19,2
Produktionsabgaben stimmt mit diesem konzeptionell überein.
– A rbeitnehmerentgelt Das BNE errechnet sich, indem vom BIP
1337,3 1389,2 1428,3 1482,8
(Inland)
die Primäreinkommen abgezogen wer-
= B etriebsüberschuss/Selbst-
623,6 598,0 608,2 627,5
ständigeneinkommen den, die an die übrige Welt geflossen sind,
und umgekehrt die Primäreinkommen
hinzugefügt werden, die inländische
uTab 5  Ergebnisse der Verteilungsrechnung über die
Wirtschafts­einheiten von der übrigen
empfangenen Einkommen — in Milliarden Euro
Welt bezogen haben. Es hat insbesondere
2011 2012 2013 2014 als Grundlage für die Berechnung der
Bruttoinlandsprodukt 2 703,1 2 754,9 2 820,8 2 915,7 EU­-Eigenmittel eine herausragende Be-
– Primäreinkommen an die deutung.
151,3 140,8 129,0 126,5
übrige Welt
Eine wichtige Größe der Verteilungs-
+ Primäreinkommen aus der
219,5 206,4 190,2 193,3 rechnung ist das Volkseinkommen. Es ist
übrigen Welt
= Bruttonationaleinkommen 2 771,3 2 820,4 2 882,0 2 982,4 die Summe der Erwerbs- und Vermögens­
– Abschreibungen 475,5 492,2 505,1 517,8 einkommen, die die inländischen Wirt-
= Nettonationaleinkommen 2 295,8 2 328,2 2 377,0 2 464,7 schaftseinheiten in einer Periode emp-
+ Subventionen des Staates 27,4 24,1 24,4 25,5 fangen haben. Das Volkseinkommen
– Produktions- und Import­-
295,1 300,6 304,7 314,0
setzt sich aus dem Arbeitnehmerentgelt
abgaben an den Staat
der Inländer und den Unternehmens-
= Volkseinkommen 2 028,1 2 051,7 2 096,6 2 176,2
und Vermögenseinkommen zusammen.
– A rbeitnehmerentgelt
der ­Inländer
1 339,7 1 391,5 1 430,8 1 485,3 Das Arbeitnehmerentgelt umfasst
= U nternehmens- und
­neben den Bruttolöhnen und -gehältern
688,4 660,2 665,8 690,9
Vermögenseinkommen auch die Sozialbeiträge der Arbeitgeber
und Arbeitnehmer sowie deren Lohn-
steuer. Im Jahr 2014 entfielen 18 % des
u Tab 6  Arbeitnehmerentgelt, Löhne und Gehälter
Arbeitnehmerentgelts auf die Sozialbei-
(der Inländer) — in Milliarden Euro
träge der Arbeitgeber und 27 % auf die
2011 2012 2013 2014 Abzüge der Arbeitnehmer, welche sich
Arbeitnehmerentgelt
1 339,7 1391,5 1 430,8 1 485,3 etwa je zur Hälfte aus Sozialabgaben und
der Inländer
Lohnsteuer zusammensetzten. In ge-
– Sozialbeiträge der Arbeitgeber 251,1 258,1 262,5 271,6
samtwirtschaftlicher Betrachtung blie-
= Bruttolöhne und -gehälter 1 088,6 1 133,5 1 168,3 1 213,7 ben 2014 vom Arbeitnehmerentgelt
– S ozialbeiträge der Arbeit- knapp 55 % als Nettolöhne und -gehälter
191,0 197,5 201,7 209,3
nehmer
bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeit-
– Lohnsteuer der Arbeitnehmer 168,3 178,2 186,9 196,3
nehmern. Im Jahr 1991 waren es noch
= Nettolöhne und -gehälter 729,4 757,8 779,7 808,1
knapp 58 % gewesen. u Tab 6

110
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen  / 4.1  Wirtschaft und öffentlicher Sektor / 4

u Tab 7  Arbeitsproduktivität, Durchschnittslöhne und Lohnstückkosten im Inland

Arbeitsproduktivität 1 Arbeitnehmerentgelt Bruttolöhne und -gehälter Lohnstückkosten 2

je geleisteter je je geleisteter je je geleisteter


je Erwerbs- Personen- Stunden-
Erwerbstätigen- Arbeitnehmer Arbeitnehmer- Arbeitnehmer Arbeitnehmer-
tätigen konzept konzept
stunde monatlich stunde monatlich stunde
Index (2010 = 100) in Euro Index (2010 = 100)

2011 102,27 102,06 3 011 27,48 2 445 22,32 100,66 100,49

2012 101,50 102,58 3 087 28,48 2 513 23,18 104,00 103,61

2013 101,16 103,25 3 143 29,23 2 565 23,85 106,26 105,66

2014 101,88 103,63 3 226 29,82 2 635 24,35 108,28 107,40

1  Bruttoinlandsprodukt (preisbereinigt, Kettenindex) je Erwerbstätigen beziehungsweise je geleisteter Erwerbstätigenstunde (jeweils umgerechnet auf Index 2010 = 100).
2  Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer beziehungsweise je geleisteter Arbeitnehmerstunde (jeweils umgerechnet auf Index 2005 = 100) in Relation zur Arbeitsproduktivität
(je Erwerbstätigen beziehungsweise je geleisteter Erwerbstätigenstunde).
Quelle für geleistete Arbeitsstunden: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA)

4.1.5 Gesamtwirtschaftliche Quoten reiche) je Erwerbstätigen oder je geleiste- Lohnstückkosten. Aus der Entwicklung
Das Arbeitnehmerentgelt pro Kopf bezie- ter Erwerbstätigenstunde. Die Arbeits- der Lohnstückkosten kann man darauf
hungsweise je geleisteter Arbeitnehmer- produktivität wird häufig als Maß für die schließen, wie sich die Arbeitskosten je
stunde ist ein wichtiges Maß für die Produktivität einer Volkswirtschaft oder Produkteinheit verändert haben. Bei der
­Kosten des Faktors Arbeit in einer Volks- eines Wirtschaftsbereichs verwendet. Da- Interpretation aller Quoten ist aber Vor-
wirtschaft. Als Maß für das durch­ bei muss aber beachtet werden, dass hier sicht geboten: So erhöht zum Beispiel der
schnittliche Einkommen werden häufig die gesamte Wirtschaftsleistung rechne- Abbau von Arbeitsplätzen rechnerisch
die Bruttolöhne und -gehälter je Arbeit- risch lediglich zum Produktionsfaktor die Arbeitsproduktivität pro Kopf, was
nehmerin beziehungsweise Arbeitnehmer Arbeit in Beziehung gesetzt wird. Andere wiederum einem Anstieg der Lohnstück-
oder je geleisteter Arbeitnehmerstunde Aspekte wie zum Beispiel die Kapitalpro- kosten entgegenwirkt. u Tab 7
heran­gezogen. Eine andere vielfach ge- duktivität bleiben dabei außer Acht.
nutzte gesamtwirtschaftliche Quote ist Setzt man das Arbeitnehmerentgelt
die A
­ rbeitsproduktivität, also das (preis- pro Kopf beziehungsweise je geleisteter
bereinigte) BIP beziehungsweise die Arbeitnehmerstunde in Relation zur Ar-
Bruttowertschöpfung (für Wirtschaftsbe- beitsproduktivität, so erhält man die

111
4 /  Wirtschaft und öffentlicher Sektor  4.2 /  Öffentliche Finanzen und öffentlicher Dienst

4.2 In welchen Aufgabenfeldern setzt der


deutsche Staat seine Finanzmittel ein?
wurden und in welchem Umfang auf
Fremdmittel (Schulden beim nicht öffent-
Öffentliche Aus welchen Quellen finanziert er sich lichen Bereich) oder Rücklagen zur De-
Finanzen und und welche Auswirkungen haben die
­öffentlichen Ausgaben und Einnahmen
ckung eines etwaigen Finanzierungsdefi-
zits (Ausgaben größer als Einnahmen) zu-
öffentlicher auf Wirtschaft und Gesellschaft? Detail- rückgegriffen werden musste. Sind die
Dienst lierte Informationen darüber sind unab-
dingbare Grundlage für wichtige poli­
öffentlichen Einnahmen höher als die
­öffentlichen Ausgaben, entsteht ein Finan-
tische Entscheidungen auf Bundes- und zierungsüberschuss und es können Rück-
Renate Schulze-Steikow Landesebene. Finanzstatistiken bilden lagen gebildet oder Schulden getilgt
Daten über den Stand der öffentlichen ­werden. Im Zeitraum seit 1992, für den
Ausgaben und Einnahmen in Deutsch- ­Daten über die öffentlichen Finanzen des
Destatis
land ab. Sie sind zugleich Basis für die vereinigten Deutschlands vorliegen, wie-
Darstellung der Finanzen des Staates im sen die Einheiten des Öffentlichen Ge-
Rahmen der Volkswirtschaftlichen Ge- samthaushalts dreimal einen Finanzie-
samtrechnungen, die den öffentlichen rungsüberschuss aus. Im Jahr 2000 war
Überschuss beziehungsweise das öffent­ dies wegen einmaliger Einnahmen aus der
liche Defizit Deutschlands im Rahmen Versteigerung von Mobilfunk­lizenzen der
des Europäischen Stabilitäts- und Wachs- Fall. Damals betrug der Überschuss
tumspakts berechnen. 18,6 Milliarden Euro. Weitere Überschüs-
Die Ansprüche an die Qualität der se wurden 2007 sowie 2014 mit 9,0 bezie-
Daten über die öffentlichen Finanzen hungsweise 6,1 Milliarden Euro erwirt-
nehmen aufgrund ihrer Bedeutung stetig schaftet. Ursache waren gestiegene Ein-
zu. Die Überwachung der nationalen nahmen aus Steuern und steuerähn­lichen
Schuldenbremse erfordert belastbare Abgaben aufgrund der guten wirtschaft­
­Daten und infolge der Finanzmarkt- und lichen Entwicklung.
Wirtschaftskrise 2008/2009 sind die Der Öffentliche Gesamthaushalt ist
­A nforderungen für die EU-Stabilitäts­ ein wichtiges Aggregat im Modell des
berichterstattung gestiegen. Des Weite- sogenannten Schalenkonzepts, in dem
ren sollen die Daten über die öffentliche die öffentlichen Finanzen des gesamten
Finanzwirtschaft möglichst aktuell und öffentlichen Bereichs abgebildet wer-
zeitnah zur Verfügung stehen. den. u Abb 1, Info 1
Die Daten des »Öffentlichen Gesamt-
haushalts« bieten einen bedeutenden Aus- 4.2.1 Ausgaben und Einnahmen des
schnitt der öffentlichen Finanzwirtschaft. Öffentlichen Gesamthaushalts
Der Öffentliche Gesamthaushalt umfasst In Deutschland existiert ein föderaler, für-
neben den Kernhaus­halten des Bundes, sorglicher Staat. Dieser sorgt für die wirt-
der Länder, der Gemeinden/Gemeinde- schaftlichen und sozialen Rahmenbedin-
verbände und der S­ozialversicherung gungen und kümmert sich mit seinen
auch deren Extrahaushalte sowie die Fi- ­v ielfältigen, von den verschiedenen staat­
nanzanteile der Euro­päischen Union (EU). lichen Ebenen durchgeführten Maßnah-
Zu den Extrahaushalten zählen alle öffent- men um seine Bürgerinnen und Bürger.
lichen Fonds, Einrichtungen und Unter- Zur Finanzierung seiner Aufgaben benö-
nehmen, die nach den Kriterien des Euro- tigt der Staat Einnahmen, die er haupt-
päischen Systems Volkswirtschaftlicher sächlich durch die Erhebung von Steuern,
Gesamtrechnungen dem Sektor Staat zu- aber auch aus anderen Quellen, erhält. Die
zurechnen sind. soziale Sicherung ist der wichtigste staat­
Die Daten des Öffentlichen Gesamt- liche Aufgabenbereich, der regelmäßig den
haushalts zeigen, welche Einnahmen den größten Anteil der öffentlichen Ausgaben
Kern- und Extrahaushalten zugeflossen ausmacht. Kinder- und Elterngeld sowie
sind, welche Ausgaben damit finanziert der Ausbau der Kindertagesbetreuung sind

112
Öffentliche Finanzen und öffentlicher Dienst  / 4.2  Wirtschaft und öffentlicher Sektor / 4

u Abb 1  Das Schalenkonzept der öffentlichen Finanzwirtschaft Beispiele für Sozialleistungen und Maß-
nahmen, die der jüngeren Generation zu-
gutekommen sollen. Weitere wichtige
staatliche Aufgaben sind die Bereitstellung
Öffentlicher Bereich Öffentlicher
Gesamthaushalt¹ einer Justiz sowie der Polizei, um für öffent-
Sonstige öffentliche Fonds,
Einrichtungen und Unternehmen liche Sicherheit und Ordnung zu sorgen.
Extrahaushalte
In den Bereich der ­Bildung fließen eben-
falls umfangreiche ­öffentliche Gelder.
Kernhaushalte Insgesamt lagen die um Zahlungen
Bund/Länder zwischen den Ebenen bereinigten Aus­
Gemeinden/Gemeindeverbände
Sozialversicherung gaben des Öffentlichen Gesamthaushalts
im Jahr 2014 bei rund 1 240 Milliarden
Euro. Gegenüber dem Vorjahr entspricht
dies einer Erhöhung von 2,6 %. Der größte
Ausgabenblock entfiel mit 553,1 Milliar-
den Euro auf die Sozialversicherung. Diese
umfasst die gesetzliche Kranken-, Renten-
und Unfallversicherung, die soziale Pflege­
1  Einschließlich EU-Anteile.
versicherung, die Alterssicherung für
Landwirte sowie die Arbeitslosenversi-
cherung. Der zweitgrößte Ausgabenanteil
lag beim Bund in Höhe von 344,3 Milliar-
den Euro. Weitere 341,4 Milliarden Euro
der öffentlichen Ausgaben wurden von
u Info 1
den 13 Flächenländern sowie den drei
Öffentlicher Gesamthaushalt und öffentlicher Bereich
Stadtstaaten und 217,6 Milliarden Euro
Seit den 1980er-Jahren ist die verstärkte Verlagerung öffentlicher Aufgaben auf Einheiten
mit e­ igenem Rechnungswesen außerhalb der Kernverwaltung zu beobachten. Sofern
von der kommunalen Ebene getätigt. Hin-
die Kernhaus­halte mit mehr als 50 % der Kapital- oder Stimmrechte beteiligt sind, werden weis: Die Addition der Ebenen enthält
sie als öffentliche Fonds, Einrichtungen und Unternehmen bezeichnet. Eine Folge hier- Doppelzählungen und ist deshalb größer
von ist, dass Einnahmen und Ausgaben nicht mehr in den Kernhaushalten von Bund,
Ländern, Gemeinden/Gemeindeverbänden und Sozial­versicherung enthalten sind. Dies als die Summe der bereinigten Ausgaben.
gilt auch für öffentliche Schulden, öffentliches Finanz­vermögen und Personal. Da das Im Zeitraum 1992 bis 2014 sind die
­Ausmaß dieses Prozesses unterschiedlich ausgeprägt ist, sind die öffentlichen Kernhaus- Ausgaben der Sozialversicherung mit
halte – zum Beispiel die der Länder untereinander – nicht mehr vergleichbar.
72 % überproportional angestiegen. We-
Für die umfassende Darstellung der gesamten öffentlichen Finanzwirtschaft wurde das sentliche Gründe für diese Entwicklung
Modell des Schalenkonzepts entwickelt (siehe Abbildung 1), in dem die Kern- und Extra-
haushalte zum Öffent­lichen Gesamthaushalt aggregiert werden. Somit wird der dyna- waren die deutsche Vereinigung, die Ein-
mische Prozess der wirtschaft­lichen Umstrukturierung und Ausgliederung öffentlicher Ein- führung der sozialen Pflegeversicherung
richtungen lückenlos erfasst, die Ausgaben- und Einnahmenströme sowie die Schulden
1995 sowie zusätzliche Ausgaben zum
vollständig abgebildet und damit ein konsistenter Vergleich der öffentlichen Finanzen weiter-
hin ermöglicht. Beispiel bei der Bundesagentur für Ar-
Den Mittelpunkt bilden die Kernhaushalte des Bundes, der Länder, der Gemeinden/
beit wegen zeitweise gestiegener Arbeits-
Gemeinde­v erbände und der Sozialversicherung. Die öffentlichen Fonds, Einrichtungen losenzahlen.
und Unternehmen des Staatssektors, die sogenannten Extrahaushalte, bilden die mitt­lere Viele Dienstleistungen der öffentlichen
Schale. Einschließlich der ­F inanzanteile der Europäischen Union werden