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Hans Peter Dürr Interview:

Am Anfang war der Quantengeist


Kaum ein anderer lebender Naturwissenschaftler besitzt die Fähigkeit, mit
solcher Geistesklarheit die tiefsten Einsichten von moderner Quantenphysik
mit dem uralten spirituellen Menschheitswissen zu verknüpfen wie -
Hans-Peter Dürr!

Es gelingt Dürr scheinbar mühelos, eine Synthese zwischen den meditativen


Einsichten der Weisen des Ostens und den aktuellen Erkenntnissen der
modernen Naturwissenschaften herzustellen.
Erstmals widmet sich der großen Physiker im Dialog einem Vergleich seiner
Erkenntnisse mit den Einsichten der mystischen Traditionen in den großen
Weltreligionen. Dabei zeigen sich unglaublich verblüffende Parallelen zwischen
christlich-jüdischen oder hinduistisch-buddhistischen Einsichten und den
neuesten Erkenntnissen der modernen Quantenphysik.

Dabei verliert er sich niemals in langatmigen akademischen Erläuterungen,


sondern hat stets den Menschen und die gesellschaftliche Wirklichkeit des 21.
Jahrhunderts im Blick. Ein Brückenschlag zwischen zwei Welten, der vielleicht
niemals notwendiger war als zurzeit.

Aufgrund seiner zahlreichen Gespräche und Begegnungen mit Vertretern der


mystischen Traditionen in Ost und West ist Hans-Peter Dürr wie kaum ein
zweiter Naturwissenschaftler dazu berufen, Grenzen zu überschreiten und
scheinbar Unvereinbares zu verbinden. Die Grenzen des Denkens verlaufen an
der Oberfläche - in der Tiefe ist ALLES LEBEN EINS. Eine außerordentlich
spannende Begegnung zwischen Mystik und Physik, die neue, bisher
ungeahnte Parallelen der beiden so unterschiedlichen Welten aufzeigt.

Der berühmte Physiker Hans-Peter Dürr (1929–2014) war eine Persönlichkeit


mit Wegweiserqualitäten, wie das neue Jahrtausend sie dringend braucht.

Die Naturwissenschaften haben uns zwar Einblicke in die Struktur unserer


Welt, aber – über den Siegeszug der Technik – auch eine globale Existenzkrise
beschert. Hans-Peter Dürr macht deutlich: Nicht nur die Religionen, auch die
Wissenschaften müssen bescheiden zur Kenntnis nehmen, dass sie die
»eigentliche« Wirklichkeit nicht angemessen beschreiben, sondern nur mit Hilfe
von Gleichnissen deuten können. Diese Einsicht in die Verbundenheit von
Wissenschaft und Religion kann zu neuen Wegen der Orientierung führen.
P.M. Magazin 05/2007

Physik & Philosophie


Am Anfang war der Quantengeist

Welches Denken brauchen wir, um die Menschheitsprobleme zu lösen? Unser Weltbild ist
immer noch mechanistisch geprägt – und damit zu eng. Der Physiker Hans-Peter Dürr sieht
den Schlüssel zur Zukunft in einem neuen Wirklichkeitsbegriff auf Basis der Quanten-theorie.
Wie meint er das? Holger Fuß hat nachgefragt.

Die Quantenphysik gibt uns immer noch Rätsel auf. Dabei entspricht sie exakt der Logik der
Natur. Da verhalten sich Teilchen wie Wellen und Wellen wie Teilchen. Diese Unschärfe
verweist auf den Ursprung alles Lebendigen – auf einen zugrunde liegenden universellen
Code, der nichts anderes ist als Information. Diese Theorie, die von einigen Quantenphysikern
vertreten wird, legt nicht weniger als ein neues Weltbild nahe. Sich da-rauf einzulassen ist
gewiss nicht einfach – aber wenn wir es tun, werden wir ganz neue Möglichkeiten entdecken,
mit unserem Planeten umzugehen.

P.M.: Herr Professor Dürr, was ist eigentlich Materie?

Dürr: Im Grunde gibt es Materie gar nicht. Jedenfalls nicht im geläufigen Sinne. Es gibt nur
ein Beziehungsgefüge, ständigen Wandel, Lebendigkeit. Wir tun uns schwer, uns dies
vorzustellen. Primär existiert nur Zusammenhang, das Verbindende ohne materielle
Grundlage. Wir könnten es auch Geist nennen. Etwas, was wir nur spontan erleben und nicht
greifen können. Materie und Energie treten erst sekundär in Erscheinung – gewissermaßen als
geronnener, erstarrter Geist. Nach Albert Einstein ist Materie nur eine verdünnte Form der
Energie. Ihr Untergrund jedoch ist nicht eine noch verfeinerte Energie, sondern etwas ganz
Andersartiges, eben Lebendigkeit. Wir können sie etwa mit der Software in einem Computer
vergleichen.

Den Untergrund bildet also eine körperlose Form? Ein sehr fremdartiger Gedanke.

Ja, das ist unsere enge Denke. Wir müssen immer zuerst an Substanzen denken, ehe wir
Beziehungsstrukturen verstehen. Nehmen Sie die Liebe. Wir stellen uns Liebe vor als
Beziehung beispielsweise zweier Menschen zueinander. Aber die Liebe selber, dieses
Dazwischen, bereitet unserer Vorstellung enorme Schwierigkeiten. Es sei denn, wir geben uns
einfach hin und lieben.

Und genau dieses Dazwischen ist Gegenstand der Quantenphysik?

In gewisser Weise ja. Doch schon der Begriff Gegenstand führt in die Irre. Das ist ein
Problem der Sprache. Wir verwenden lauter Substantive, wo wir Verben nehmen sollten. Das
prägt unser Denken. Wenn wir über die Quantenphysik sprechen, sollten wir eine Verb-
Sprache verwenden. In der subatomaren Quantenwelt gibt es keine Gegenstände, keine
Materie, keine Substantive, also Dinge, die wir anfassen und begreifen können. Es gibt nur
Bewegungen, Prozesse, Verbindungen, Informationen. Auch diese genannten Substantive
müssten wir übersetzen in: Es bewegt sich, es läuft ab, es hängt miteinander zusammen, es
weiß voneinander. So bekommen wir eine Ahnung von diesem Urgrund der Lebendigkeit.
Besser gesagt: Wir ahnen und erleben.

Warum tun wir uns so schwer damit?

Weil unser Gehirn nicht darauf trainiert ist, die Quantenphysik zu verstehen. Mein Gehirn soll
mir im Wesentlichen helfen, den Apfel vom Baum zu pflücken, den ich für meine Ernährung
brauche. Unsere Umgangssprache ist eine Apfelpflücksprache. Sie hat sich herausgebildet,
weil sie enorm lebensdienlich ist. Bevor ich eine Handlung ausführe, spiele ich diese erst
einmal in Gedanken durch, um zu erfahren, ob sie zum gewünschten Ziel führt – ja oder nein?
Das ist die zweiwertige Logik. Aber diese zweiwertige Ja-oder-Nein-Logik ist eben nicht die
Logik der Natur. Die Quantenphysik beschreibt die Natur viel besser, denn in der
Quantenwelt herrscht die mehrwertige Logik, also nicht nur Ja und Nein, sondern auch
Sowohl/Als-auch, ein Dazwischen. Eben das Nicht-Greifbare, das Unentschiedene. Daran
müssen wir uns gewöhnen.

So ganz habe ich mich an diese Vorstellung noch nicht gewöhnt.

Aber genau damit sind Sie auf dem richtigen Dampfer. Solange Sie es sich vorstellen können,
liegen Sie falsch. Nehmen wir ein Elektron. Also ein physisches Teilchen, von dem ich weiß,
dass es das eigentlich gar nicht gibt. Im Grunde ist da etwas viel Größeres. Betrachten wir ein
instabiles System wie etwa ein nasses Schneefeld: Dort kann mein kleiner Fuß eine riesige
Lawine auslösen. Ein Pendel, exakt auf den Kopf gestellt, ist auch so ein instabiles System.
Dort entscheidet eine winzigkleine Störung von außen, ob es nach links oder rechts fällt.

Sie meinen also, ein Elektron existiert gar nicht?

Jedenfalls nicht in Form eines herkömmlichen Teilchens.

Sondern?
In meiner Sprache nenne ich es ein »Wirks« oder »Passierchen«. Es ist eine winzige
Artikulation der Wirklichkeit, etwas, das wirkt, das passiert, das etwas auslöst.

Sie beschreiben die Quantenphysik in einer paradoxen Weise, wie wir sie sonst aus
mystischen Texten kennen.

Es ist paradox, wenn ich mich der Quantenphysik in der Umgangssprache nähere. Wenn
Ihnen das schwammig vorkommt, haben Sie völlig recht. Die Wirklichkeit erscheint uns
schwammig, weil ihre Ausssagen unendlich vieldeutig sind. In der Physik sagen wir: Die
Wirklichkeit ist nicht die Realität. Unter Realität verstehen wir eine Welt der Dinge, der
Objekte und deren Anordnung. Also jene Welt, die die alte Physik mit ihrem mechanistischen
Weltbild beschreibt. Die alte Naturwissenschaft ist dabei nicht falsch. Sie gilt jedoch nur in
einem vergröberten Sinn. Was für unseren Alltag total ausreicht. Die Wirklichkeit in der
neuen Physik ist Potenzialität, eine Welt der Kann-Möglichkeiten, sich auf verschiedene Art
materiell-energetisch zu verkörpern. Deshalb möchte ich die Begriffe Teilchen oder Atom
nicht mehr benutzen und sage stattdessen Wirks oder Passierchen. Ein Passierchen ist ein
winzig kleiner Prozess.

Allmählich habe ich trotz aller Schwammigkeit doch eine Ahnung von dem, was Sie meinen.
Es ist ein bisschen wie beim Lesen von Lyrik: Es ist viel Ungenauigkeit, viel Spielraum in
einem Gedicht – und doch bringt es etwas in mir zum Klingen. Ich spüre, was gemeint sein
könnte.

Ahnung ist ein gutes Wort dafür. Die Schwammigkeit bezieht sich ja auf die Greifbarkeit.
Emotional haben wir damit weniger Schwierigkeiten. Unsere Gefühle sind ja in diesem Sinne
alle ein bisschen schwammig, ohne dabei unverständlich zu sein. Sie sind Bewegung, ihre
Grenzen fließen. Wenn wir eine Ahnung von etwas in uns verspüren, dann deuten wir dies oft
als etwas, was in uns zum Klingen gebracht wird. Dies empfinden wir als eine Resonanz mit
etwas viel Umfassenderem. Die Felder in der Quantenphysik sind nicht nur immateriell,
sondern wirken in ganz andere, größere Räume hinein, die nichts mit unserem vertrauten
dreidimensionalen Raum zu tun haben. Es ist ein reines Informationsfeld – wie eine Art
Quantencode. Es hat nichts zu tun mit Masse und Energie. Dieses Informationsfeld ist nicht
nur innerhalb von mir, sondern erstreckt sich über das gesamte Universum. Der Kosmos ist
ein Ganzes, weil dieser Quantencode keine Begrenzung hat. Es gibt nur das Eine.

Damit kommen Sie der alten indischen Philosophie nahe, die vom All-Einen spricht und von
der Identität des Ich und der Außenwelt. »Tat tvam asi« lautet die klassische Formel: Dieses
bist du.

Ja, es geht über diese Aussage hinaus und lässt sich besser in der Sanskritsprache als Advaita
ausdrücken, was so viel wie Nicht-Zweiheit bedeutet. Genauer bedeutet die Vorsilbe A aber
nicht die Verneinung, sondern dass es unangemessen ist, überhaupt von Teilen und
Zerlegbarkeit zu sprechen.

Etwas Unteilbares.

Wir haben überhaupt nur das Eine. Aber dieses Eine ist differenziert. Wenn ich ein Gemälde
betrachte und von dessen Schönheit spreche, das ist das Eine. Wenn ich aber auf die einzelnen
Dinge in diesem Gemälde zeige, beispielsweise auf das Auge der Madonna, dann deute ich
auf eine Unterschiedlichkeit innerhalb des Einen, auf ein Element der Vielheit, das zur Einheit
gehört. Das Auge der Madonna ist nämlich nicht ein Teil des Bildes, sondern nur eine
Artikulation. Ich schneide das Auge nicht heraus, sondern richte nur meine Aufmerksamkeit
auf eine Stelle des Bildes.

Das heißt, ein Meer ist eben mehr als ein Netzwerk von Wassertropfen?

Richtig. Ein Wassertropfen existiert ja im Grunde nur außerhalb des Meeres. Wenn er
hineinfällt, verliert der Begriff Tropfen seinen Sinn.

Wenn Sie sagen, die alte mechanistische Naturwissenschaft funktioniert in unserem Alltag
mit großer Genauigkeit – welche Bedeutung soll dann eigentlich die Quantenphysik mit all
diesen beschriebenen Erkenntnissen für unsere konkrete Lebenswelt haben?

Sie hat eine Bedeutung, wenn wir in unsere Alltagserfahrungen auch einbeziehen, was wir
lebendig nennen. Die alte mechanistische Physik beschreibt nämlich zunächst die Realität der
Dinge mit den bekannten Naturgesetzen, wobei kein Unterschied zwischen belebt und
unbelebt gemacht wird. Wenn Sie einen Apfel fallen lassen, folgt er dem Gesetz der
Schwerkraft und fällt zu Boden. Die Welt der Dinge ist die Welt der stabilen Systeme und
damit voll determiniert, also vorherbestimmt. Mechanistisch bedeutet voll determiniert. Aber
für lebendige Systeme reicht diese mechanistische Beschreibung nicht aus. Lebendige Wesen
wie etwa der Mensch sind im Grunde instabile Systeme. Ihre scheinbare Stabilität erhalten sie
durch ein dynamisches Ausbalancieren, das ständige Energiezufuhr benötigt.

Sie sind nicht nur Quantenphysiker, sondern wurden für Ihr Engagement in der
Friedensbewegung bereits 1987 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt. Inwiefern hat der
Quantenphysiker Dürr den politischen Menschen Dürr inspiriert?

Die Quantenphysik sagt uns ja nicht nur, dass die Wirklichkeit ein großer geistiger
Zusammenhang ist, sondern auch, dass die Welt und die Zukunft offen ist. Sie ist voller
Möglichkeiten. Darin steckt ungeheuer viel Ermutigung und Optimismus. Wir leben in einer
noch viel größeren Welt, als wir gemeinhin annehmen. Und wir können diese Welt gestalten!
Unsere westliche Konsumkultur, unser lebensverachtendes wirtschaftliches Wettrennen
stellen doch nur eine winzige Nische innerhalb unserer Möglichkeiten dar. Trotzdem glauben
viele Menschen, dass die wirtschaftlichen Sachzwänge Naturgesetze seien. Nein, es sind
menschengemachte Zwänge.

Wie konnte es zu diesem Irrglauben kommen?

Er ist Bestandteil unserer Erziehung. Wir werden belohnt, wenn wir uns entmutigen lassen,
wenn wir uns wirtschaftlichen und technischen Zwängen unterordnen, wenn wir größere
Zusammenhänge außer Acht lassen. Aber eine solche Lebensweise ist lebensfeindlich.
Langfristig überlebensfähig ist in der Natur derjenige, der ein Gewinn-Gewinn-Spiel spielen
kann. Wenn mein Vorteil zugleich der Vorteil des anderen ist, sodass im Konzert mit anderen
etwas geschaffen wird, bei dem das Ganze mehr ist als die Summe einzelner Teile. Ein
Plussummenspiel. Junge Menschen können so etwas heutzutage kaum noch erleben. Sie sind
einsame Einzelkämpfer und müssen gegen ihre Mitmenschen ankämpfen, anstatt mit ihnen
gemeinsam eine Zukunft aufzubauen.

Sie selber haben einen Zukunftsentwurf vorgelegt: »Die 1,5-Kilowatt-Gesellschaft«. Darin


propagieren Sie eine »intelligente Energienutzung als Schlüssel zu einer ökologisch
nachhaltigen Wirtschaftsweise«.
Ich habe mal ausgerechnet, dass der gegenwärtige Primärenergieverbrauch der gesamten
Menschheit bei 13 Terawatt liegt. Dies entspricht etwa der körperlichen Arbeitsleistung von
130 Milliarden kräftigen Energiesklaven, die jeden Tag zwölf Stunden lang ohne Pause in
unseren Auftrag mit voller Pulle auf dieser Erde malochen. Eine Sklavenstärke nehme ich
hierbei als eine Viertelpferdestärke, etwa 200 Watt, an. Ein Mittelklassewagen mit 60 PS hat
somit bereits 230 Energiesklaven unter der Haube. Ein Mercedes der S-Klasse mit 190 PS
sogar die dreifache Anzahl. Die Frage lautet: Wie viele Energiesklaven verträgt unsere
Biosphäre, die ja ein kompliziertes, ausbalanciertes Ökosystem ist, in dem das eine mit dem
anderen gekoppelt ist? Und da stellt sich heraus, dass die maximale Grenzbelastung durch
menschliche und technisch aufbereitete Energieumsätze für die gesamte Erde etwa bei
insgesamt zehn Terawatt liegt. Das entspricht 100 Milliarden Energiesklaven.

Wir leben also längst über die Verhältnisse der Biosphäre?

Allerdings. Wir verbrauchen mindestens drei Terawatt zu viel Energie. Das sind 30
Milliarden Energiesklaven zu viel. Um die Grenzbelastung nicht zu überschreiten, dürfte jeder
Erdenmensch heute maximal 15 Energiesklaven beschäftigen, sprich höchstens 1,5
Kilowattstunden pro Stunde verbrauchen. Statistisch gesehen hält sich heute jeder
Erdenbürger 22 Energiesklaven und kann damit seine persönliche Arbeitsfähigkeit um das 22-
fache steigern – mit den entsprechend höheren Umweltauswirkungen. Aber in der Realität ist
der Energieverbrauch natürlich unterschiedlich verteilt. Ein US-Amerikaner beschäftigt im
Schnitt 110 Energiesklaven, ein Deutscher 55, ein Chinese 10 und ein Bangladescher nicht
einmal einen einzigen.

Deshalb fordern Sie eine »strikte Geburtenkontrolle von Energiesklaven«.

Ja. Das bedeutet vor allem eine Geburtenkontrolle der liebsten Kinder der Industrieländer,
nämlich der Autos. Künftig müssen unsere Erzeugnisse langlebig und reparaturfreundlich
sein. Durch eine effizientere Energienutzung werden wir etwa die Hälfte der Energiesklaven
einsparen können – bei gleichen Dienstleistungen für den Menschen. Die andere Halbierung
können wir erreichen, indem wir unseren Lebensstil ändern, aber auch durch den Einsatz von
sanfteren Energiesklaven, etwa durch Verwendung von dezentralen Solarenergieanlagen.

Was bedeutet ein anderer Lebensstil?


Energiereduzierte Lebensstile bedeuten kein Leben in Sack und Asche. Mit etwas Fantasie
werden wir sogar ein viel besseres, weil sinnerfülltes, lust- und freudvolles Leben führen
können. Eine Beschränkung auf 15 Energiesklaven entspricht in etwa dem durchschnittlichen
Lebensstandard eines Schweizers anno 1969.

Würde eine solare Weltwirtschaft Energie verschwenden dürfen, ohne dass die Biosphäre
kollabiert?

Nein. Unser Energieproblem hat nicht nur mit der Beschränktheit von Ressourcen zu tun,
sondern hängt mit der durch Energieumsatz hervorgerufenen Belastung der Biosphäre
zusammen. Entscheidend ist gar nicht die insgesamt eingestrahlte Sonnenenergie, sondern
jener Energieanteil, der die Biosphäre in Balance hält. Die Biosphäre ist eine hierarchisch
geordnete Pyramide, aber eben keine Granitpyramide, sondern eher ein Kartenhaus, auf
dessen Spitze wir Menschen stehen. Dieses Kartenhaus wird aufrecht erhalten, indem etwa
ein Zehntausendstel der eingestrahlten Sonnenenergie, das sind umgerechnet rund 450
Milliarden Energiesklaven, dieses instabile Gesamtsystem ausbalanciert. Es ist die statische
Instabilität, die Wackeligkeit des Systems, die unsere Erfahrungswelt lebendig macht.
Auf der Spitze dieses von der Natur sorgsam austarierten Kartenhauses stehen wir Menschen
und drohen, das Gebilde mit unserer technischen Zivilisation zum Einsturz zu bringen.

Wir haben begonnen, bei diesem prekären Balanceakt mit der Biosphäre riskant zu
konkurrieren. Das ist das Entscheidende. Unsere rücksichtslos arbeitenden 130 Milliarden
Energiesklaven bringen das Biosystem in ein Ungleichgewicht. Die menschengeschaffenen
Energiesklaven haben keinerlei Gefühl dafür, dass sie in einem System arbeiten, das nicht
beliebig robust ist. Die rütteln sozusagen an der natürlichen Gesamtarchitektur und wirken
wie eine Infektion in einem Organismus, der über dreieinhalb Milliarden Jahre hinweg
sorgsam aufgebaut wurde. Die Frage lautet: Wie sehr darf man ein lebendiges System stören,
ehe die Infektion lebensgefährlich wird?

Wenn wir uns den Energiehaushalt eines ausbalancierten Organismus vorstellen, dann hätten
wir das Bild eines Ozeans wogender Schwingungen vor uns, die sich mehr oder weniger im
Gleichklang bewegen. Das wären die Solarsklaven. Jetzt kommen die menschengemachten
Energiesklaven, die Störsklaven, hinzu, die gegen diesen Gleichklang schwingen.

Die schwingen überhaupt nicht mit.

Weil sie zu ignorant und unsensibel sind, um in der großen Sinfonie der Natur
mitzuschwingen?

Das ist es! Je höher die Instabilität, die Unsicherheit, desto größer die Sensibilität.

Also hätten wir Menschen die Aufgabe, unsere Energiesklaven daraufhin zu trainieren, sich
im Tanz der Biosphäre harmonisch zu bewegen?

Ja, das wäre der Heilungsprozess mit der Herausforderung: Wie können wir die Störungen so
integrieren, dass das Kartenhaus nicht einstürzt? Dazu müssen wir verstehen, warum die
Entwicklung des Lebendigen so langsam vonstatten geht. Das System benötigt dieses
langsame Tempo, damit es die Veränderungen auffangen und verarbeiten kann. Wir sind aber
viel zu schnell für das Gesamtsystem. Deshalb sind wir an eine Grenze gelangt, an der wir
nicht mehr allzu viel stören dürfen. Wir müssen die Geschwindigkeit drosseln.

Was bedeutet es konkret, bedächtiger zu sein?

Schauen wir uns mal an, was unsere Energiesklaven anstellen. Wenn diese Sklaven sich so
verhielten wie wir Menschen, hätten wir gar keine Probleme. Dann wären sie sanfte
Energiesklaven, die einen Eimer Wasser den Berg hochtragen. Das macht gar nichts aus.
Stattdessen aber haben wir ganz rabiate Energiesklaven, die mit hochintensiver Energie
arbeiten. Wir stellen unsere Produkte mit einer Prozessenergie her, die den Maßstab, in dem
die eingestrahlte Sonnenenergie umgesetzt wird, weit übertrifft. Wir holen die Kohle aus dem
Erdinneren, wo sie über Millionen von Jahrhunderten angesammelt wurde, und verbrennen sie
innerhalb von weniger als zwei Jahrhunderten. Damit gewinnen wir eine Energiedichte, mit
der wir Metalle schmelzen, Autobleche schmieden und Mineralien aus dem Berg lösen. Alles
hochenergetische Vorgänge in einer viel größeren Geschwindigkeit, als es die Natur selber
vollzieht. Vergleichen Sie das nur einmal mit dem Tempo des Pflanzenwuchses. Dann sehen
Sie den Unterschied.

Intelligentes Produzieren bedeutet also, im Tempo der Natur zu arbeiten?


Es geht erstens um die Vermeidung von sehr verschiedenartiger Umformung von Materie,
weil das sehr viel Energie benötigt. Und zweitens muss die Umformung langsamer
geschehen. Wir dürfen nicht drängeln.

Passt zu diesem Evolutionsschritt noch die Nutzung von Kernenergie, wie sie derzeit in der
Klimaschutzdebatte neu auf den Tisch gekommen ist?

Nein. Die jetzige Kernenergie müssen wir abschaffen. Sie ist viel zu gefährlich – aus vielerlei
Gründen. So ist nicht nur die Frage der Endlagerung von Atommüll nicht gelöst, sondern
dieser Atommüll kann auch als Waffe benutzt werden. Es existiert also keine scharfe
Trennung zwischen ziviler und militärischer Nutzung der Kernenergie. Denn Atommüll ist
zum Teil spaltbares Plutonium, das außerdem hoch radioaktiv ist, mit einer Halbwertszeit von
24000 Jahren. Ein Reaktor von einem Gigawatt Leistung, wie wir ihn weltweit betreiben,
produziert jährlich etwa 250 Kilogramm Plutonium. Für eine Nagasaki-Bombe benötigen wir
nur acht Kilogramm. Unter Umständen will man das Zeug ja deshalb nicht endlagern, weil
man das Plutonium noch irgendwie verwenden könnte. Beispielsweise zum Bau einer
Atombombe, einer schmutzigen Bombe allerdings, die große Gebiete für Jahrtausende
unbewohnbar machen würde.

Wäre denn eine tatsächlich ausschließlich zivile Nutzung der Kernenergie vertretbar?

Auch nicht. Wenn der schlimmste Störfall in einem Reaktor passiert, hat man ein Ergebnis,
das einfach nicht akzeptabel ist. Dieses Risiko trifft nicht nur uns, sondern vor allem die
nachfolgenden Generationen. Ein Risiko einzugehen, das ich selber nicht ausbaden muss, ist
unmoralisch. Ich kann Russisches Roulette an meinem eigenen Kopf spielen. Wenn ich so
blöd bin, dann ist das okay. Aber die Pistole an den Kopf meines Kindes zu halten ist
verantwortungslos. Wir Nutznießer leben nur ein paar Jahrzehnte. Aber unseren
Nachkommen überlassen wir die Lasten über Tausende von Jahren. Nein, die Kernenergie
muss weg!

Warum bleibt die Kernenergie für manche Menschen immer noch attraktiv?

Weil wir übersehen, dass unsere Gesellschaft energiesüchtig ist. Sie erscheint mir in der
Situation eines Alkoholikers, der glaubt, er könne sein Suchtproblem lösen, wenn er in eine
Schnapsfabrik einheiratet. Deshalb benötigen wir zunächst eine Entziehungskur. Erst dann
können wir überhaupt beurteilen, wie viel Energie wir wirklich brauchen. Mit einer
effizienteren Energienutzung können wir unseren Verbrauch ohne Weiteres senken. Vieles
von dem, was wir heute verbrauchen, ist einfach weggeworfene Energie. Mit ein bisschen
Intelligenz können wir das einsparen. Und wir müssen es auch: Es können nicht alle
Menschen auf dieser Erde einen Lebensstil führen wie die US-Amerikaner. Das geht einfach
nicht.

Sie stehen in Ihrem 78. Lebensjahr. Glauben Sie an ein Jenseits? Gibt es eine Existenz nach
dem Tode?

Das ist eine sehr interessante Frage. Was wir Diesseits nennen, ist ja eigentlich die Schlacke,
die Materie, also das, was greifbar ist. Das Jenseits ist alles Übrige, die umfassende
Wirklichkeit, das viel Größere. Das, worin das Diesseits eingebettet ist. Insofern ist auch
unser gegenwärtiges Leben bereits vom Jenseits umfangen. Wenn ich mir also vorstelle, dass
ich während meines diesseitigen Lebens nicht nur meine eigene kleine Festplatte beschrieben
habe, sondern immer auch etwas in diesen geistigen Quantenfeldern abgespeichert habe,
gewissermaßen im großen Internet der Wirklichkeit, dann geht dies ja mit meinem
körperlichen Tod nicht verloren. In jedem Gespräch, das ich mit Menschen führe, werde ich
zugleich Teil eines größeren geistigen Ganzen. In dem Maße, wie ich immer auch ein Du war,
bin ich, wie alles andere auch, unsterblich.

Autor: Das Interview führte Holger Fuß