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Paper zur anthropologischen Differenz bei

Descartes, entwickelt im „Discours de la


méthode“
Christian Planteu

In den „Methoden“ führt Descartes seine mechanistische Weltsicht und seinen


Dualismus von „res extensa“ und „res cogitans“ auch an Hand der Entwicklung einer
Theorie der anthropologischen Differenz aus:

Insofern der Mensch ein Wesen „aus Fleisch und Blut“, also Teil der Natur ist,
unterschiedet er sich nicht nur nicht vom Tier. Descartes geht so weit zu entwickeln,
dass er sich hinsichtlich seiner materiellen, körperlichen Existenz in nichts von der
unbelebten Materie unterscheidet; zumindest nicht in wesentlicher Hinsicht.

Mensch, Tier, Pflanze, unbelebte Natur sind in materieller Hinsicht durch ewig gültige
Naturgesetze determiniert. Das heißt aber auch, dass die bloßen Lebensfunktionen
des Menschen in keinem Zusammenhang mit der nur ihm eignenden „res cogitans“
stehen. Denn: in materieller, das heißt körperlicher Hinsicht sind sowohl Mensch, als
auch Tier bloße Automaten, hervorragend – da durch göttliche Hand - konstruierte
Maschinen.

Ausdrücklich eingeschlossen in dieses Bild der Maschine Mensch (und das der
Maschine Tier, das der Maschine Pflanze etc.) ist das Phänomen der Lebendigkeit.
Denn auch der Umstand, dass gewisse Dinge leben, also atmen, verstoffwechseln,
sich reproduzieren können etc, wird von Descartes rein materialistisch erklärt: Das
„Feuer ohne Licht“, wie er den Umstand der Lebendigkeit umschreibt, ist in nichts
unterschieden von anderen Phänomenen der Veränderung innerhalb der Natur, die
allesamt ganz der „res extensa“ angehören und damit rein mechanistisch erklärt
werden können. Der bloße Umstand also, dass Mensch, Tier und Pflanze alle die
erwähnten Eigenschaften von Lebendigkeit teilen, schließt für Descartes die Verortung
der anthropologischen Differenz in einer besonderen Qualität des Lebendigseins (wie
beispielsweise bei Aristoteles) aus. Mensch und Tier sind für ihn ein Bündel nicht nur
von Körperteilen, sondern auch von Sensationen und durch sie ausgelöste
Handlungen, von angeborenen Verhaltensweisen usw. Hierher gehört wohl auch die
von Descartes vorgenommene Unterscheidung zwischen dem (durch die Art
determinierten) Kommunikationsverhalten von Tieren (und auch von Menschen; man
denke an die sogenannte „nonverbale Kommunikation“) und der exklusiv
menschlichen, aus der „res cogitans“ ausfließenden Sprache mit ihren Abstraktions-
und Kombinationsmöglichkeiten. Jenes Bündel funktioniert also wie eine gut geölte,
perfekte (von Gott konstruierte) Maschine.

Ist diese Auffassung für all das rein Körperlich-Mechanische ohne größere Probleme
nachvollziehbar und deckt sich darüber hinaus eigentlich mit unserer Intuition, so
scheint die Anwendung des cartesischen Mechanismus auf die Gesamtheit
psychischer Prozesse zumindest ungewöhnlich – ungewöhnlich allerdings im
abnehmenden Maße, wenn man an den Behaviorismus und den zeitgenössischen
Zugang zur Erforschung des menschlichen Gehirns denkt.

In der Auswahl seines erläuternden Beispiels allerdings erweist sich Descartes als
sehr treffsicher, einerseits hinsichtlich der angestrebten Vermittlung des
Verständnisses für seine Sicht, das andererseits den Leser zur Übernahme eben
dieser Sicht verführen soll: Die cartesische Beschreibung des Herzens, also eines
durchaus einfachen, nach ausschließlich sichtbar-mechanischen Prinzipien
funktionierenden Organs, das bei allen höheren Tieren darüber hinaus sehr ähnlich
aufgebaut ist, unterstreicht stimmungsvoll die These Descartes. Es scheint tatsächlich
so zu sein, dass das Herz analog zu einem hervorragend konstruierten Uhrwerk
funktioniert – einen Vergleich, den Descartes selbst bemüht.

Die anthropologische Differenz ist also, wie man gesehen hat, für Descartes am rein
Körperlichen, wie auch am Psychischen (das ebenfalls „materiell“ aufgefasst wird)
oder am bloßen Umstand der Kommunikation (die es eben auch bei Tieren –
beispielsweise bei den Bienen, von den höheren Tieren oder gar den Primaten ganz
zu schweigen – gibt) nicht festzumachen. „Res cogitans“ ist immaterielle Substanz.

Selbstverständlich ist daher das menschliche Gehirn und seine Funktionsweise aus
cartesischer Sicht weder Träger noch Sitz der „res cogitans“ und kann damit auch nicht
sozusagen „Ort“ der anthropologischen Differenz sein. Oder anders ausgedrückt: das
Oberschlundganglion („Gehirn“) der Stubenfliege ist vom ungleich komplexeren
menschlichen Gehirn nur graduell, nicht wesentlich unterschieden. Ja sogar die
überaus primitiven Interaktionen einer Bakterie mit ihrer Umwelt unterscheiden sich für
Descartes nicht wesentlich von dem reichhaltigen Bündel an durch unsere Sinne
vermittelten, durch unser zentrales Nervensystem verarbeiteten Sensationen und den
Handlungen, die wir auf Grund dieser Inputs setzen (müssen).

Während also die Fähigkeit zur Kommunikation für sich nicht entscheidend für die
wesentliche Unterscheidung von Tier und Mensch ist, mischt sich in die spezifisch
menschliche Kommunikation etwas ein, das nicht Teil der „res extensa“ ist, sondern
der „res cogitans“ zugehört: Der Träger eines (wohl kleinen) Teils der menschlichen
Kommunikation ist die „Sprache“ im engeren Sinne; also, wie ich es beschreiben
würde, eine willkürliche, inhaltlich ungebundene, nicht artspezifisch determinierte (es
gibt keine „Universalsprache“), sondern durch menschliche Konventionen
reglementierte Lautäußerung zum (selbstgewählten, nicht artenspezifisch
determinierten) Zweck der Verständigung. Die freie Kombinierbarkeit der Wörter und
die willkürlichen inhaltliche Festlegung machen aus der menschlichen Kommunikation
qua Sprache einen Sonderfall. Vor allem eine Fähigkeit des menschlichen Sprechers
streicht Descartes heraus: die Möglichkeit der Abstraktion und damit der
Begriffsbildung.

Die Stelle scheint mir zentral zu sein und so möchte ich sie im Wortlaut wiedergeben:

„Denn es ist ein sehr bemerkenswerter Sachverhalt, dass es – die Verrückten nicht
ausgenommen – keine so stumpfsinnigen und dummen Menschen gibt, die nicht fähig
wären, verschiedene Worte zusammenzustellen und daraus eine Rede zu bilden,
durch die sie ihre Gedanken verständlich machen; und dass es umgekehrt kein
anderes Tier gibt, das, so vollkommen und so glücklich veranlagt es auch sein mag,
Ähnliches leistet. […] Menschen […], die taub und stumm geboren werden und die die
Organe, die den anderen zum Reden dienen, ebenso oder noch mehr als die Tiere
entbehren, erfinden für gewöhnlich selbst irgendwelche Zeichen, durch die sie sich […]
verständlich machen […].“1

Die Fähigkeit zur Sprache und damit zur Abstraktion des Konkreten ist jedoch nur eine
Erscheinung der „res cogitans“, deren Manifestationen von denen der „res extensa“
vor allem durch ihre Universalität unterschieden sind. Im Gegensatz dazu ist alles im

1
Descartes: Bericht über die Methode. Holger Ostwald (Übers.). In: Roland Borgards (Hg.): Texte zur
Tiertheorie. Stuttgart, 2015. S 58f.
cartesischen, weiten Sinne Materielle determiniert, spezialisiert. Für Pflanzen, Tiere
und Menschen und für die anthropologische Differenz bedeutet dies:

Tierische und menschliche Organe (und selbstverständlich auch die Teile einer
Pflanze), wie kompliziert aufgebaut und differenziert oder vielseitig „einsetzbar“ sie im
Einzelnen auch sein mögen, sind als Teil der „res extensa“ in ihrer Funktion durch ihre
Morphologie festgelegt und in diesem Sinne immer „spezialisiert“ und niemals
„universal“, auch wenn sie, wie die menschliche Hand oder auch das menschliche
Gehirn, eine Vielzahl von Einzelfunktionen wahrnehmen können.

Hingegen ist „res cogitans“ als immaterielle Substanz dem Wesen nach unabhängig
von morphologischen Festlegungen („res cogitans“ fehlt die „Gestalt“ zur
morphologischen Festlegung). Daher kann nur sie allein die Universalität des
Menschen (hier vor allem des menschlichen Geistes) in Abgrenzung zur
Spezialisierung und Gebundenheit der Tiere (die innerhalb der cartesischen Sicht nur
Anteil an der „res extensa“ haben) und auch in Abgrenzung zur bloßen Körperlichkeit
und psychischen Determiniertheit des Menschen begründen.

Hierbei ist zu vermeiden, „res cogitans“ (als Träger der anthropologischen Differenz)
zu weit zu fassen. Insbesondere verwirft Descartes, wie bereits oben ausgeführt, die
Identifizierung aller psychischen Vorgänge, wie auch aller Arten der Kommunikation
mit dem wesentlichen, den Menschen vom Tier unterscheidenden Merkmal. All dies
gehört der „res extensa“ an, die damit besonders weit gefasst wird.

Die anthropologische Differenz besteht für Descartes also vor allem in der Universalität
der den Menschen wesentlich konstituierenden „res cogitans“. Materiell unterscheidet
sich der Mensch für ihn nicht vom Tier und auch nicht von der unbelebten Natur.

Ist die anthropologische Differenz bei Descartes auch eine sehr starke, so ließe sich
seine Auffassung andererseits jedoch als ein Zwischenstadium zur Auflösung oder
zumindest Abschwächung eben jener anthropologischen Differenz deuten: Descartes
weist viele Intuitionen hinsichtlich der Elemente, die die besondere Stellung des
Menschen im Tierreich konstituieren, zurück und schmälert mit seiner Festlegung auf
die immaterielle Substanz „res cogitans“ die Basis der anthropologischen Differenz.