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Foulks Analyse des

Begriffs ‚shikan taza‘ bei Dōgen


Dōgen und Zen
Foulks Analyse des Begriffs ‚shikan taza‘ bei Dōgen: Dōgen und Zen

von pamokkha (pamokkhala@gmail.com)

Version 1.0: 04.03.2019


Alle Rechte vorbehalten, ©2019 München

Schlüsselbegriffe: Dogen; zazen; shikantaza; Zen

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Inhalt

一 EINLEITUNG .............................................................................................................................. 5

二 Hauptausagen ......................................................................................................................... 6

三 Just Sitting................................................................................................................................. 7

三,一 Dōgen und andere Praktiken .................................................................................... 8

三,二 Rujings Diktum ............................................................................................................... 9

三,三 Hōkyōki ............................................................................................................................. 9

三,四 Bendowa ......................................................................................................................... 10

三,五 Eihei kōroku ................................................................................................................... 10

三,六 Shōbōgenzō .................................................................................................................. 12

三,七 Schlussfolgerung ......................................................................................................... 13

四 Rujing’s „Just Sit“ .................................................................................................................. 15

四,一 Schlussfolgerung ......................................................................................................... 17


一 EINLEITUNG

Dieser Aufsatz ist eine Zusammenfassung zweier Beiträge von

Theodore Griffith Folk in denen er den Begriff ‚shikan taza‘ (只管打坐)

bei Dōgen (道元) untersucht. Die beiden Beiträge sind:

i. Foulk, Theodore Griffith (2012): "Just Sitting"? Dōgen's Take

on Zazen, Sutra Reading, and other Conventional Buddhist

Practices, in: Steven Heine (Hg.): Dōgen. Textual and

Historical Studies. New York: Oxford University Press, S. 75–

106

ii. Foulk, Theodore Griffith (2015): Dōgen's Use of Rujing's "Just

Sit" (shikan taza) and other Koans, in: Steven Heine (Hg.):

Dōgen and Sōtō Zēn. New York: Oxford University Press, S.

23–45.
二 Hauptausagen

 Dōgen hat nicht nur zazen als Praxis gelehrt.

 Dōgen versteht unter Sitzen verschiedene Dinge.

 Dōgen hat shikan taza nicht als Praxismethode gelehrt.


三 Just Sitting

Foulk beginnt mit der Vorstellung, dass Dōgen eine Form von reiner

Zen-Übung gelehrt hat und andere konventionelle Praktiken wie

Zeremonien und Rituale, genau so wie synkretistische Elemente aus

anderen buddhistischen Schulen gemieden hat. Diese Vorstellung –

Dōgen als Purist – erklärt er dann für falsch.

Nach ihm ist der „Hauptbeweis“ für diese falsche Vorstellung

folgendes Zitat aus Dōgens Bendōwa (辨道話):

„From the start (hajime yori [はいめより]) of your


consultation (sanken [参見]) with a wise teacher (chishiki
[ 知 識 ]), have no recourse (mochiizu [ も ち い ず ])
whatsoever (sarani [さらに]) to burning incense (shōkō),
prostrations (raihai), buddha-mindfulness (nenbutsu),
repentances (shusan), or sutra reading (kankin). Just
(tadashi) sit (taza) and attain the sloughing off of mind
and body (shinjin datsuraku suru koto wo eyo [身心脱落
することをえよ])”.

Im Verlauf seines Aufsatzes beleuchtet Foulk dieses Zitat auf zwei

Weisen: zuerst betrachtet er, wie Dōgen sich in seinen anderen Schriften
zu den genannten buddhistischen Praktiken äußert und betrachtet dann

die anderen Erwähnungen des Zitats in Dōgens Schriften.

三,一 Dōgen und andere Praktiken

Die Praktiken Räucherstäbchen verbrennen (shōkō 焼香), Verbeu-

gungen (raihai 礼拝), Buddha-Andacht (nenbutsu 念仏), Bußfertigkeit

(shusan 修懺) und Sutra-Lesung (kankin 看経) werden von Dōgen in

seinen anderen Schriften und in Übereinstimmung mit dem Chanyuan

qinggui (禪苑清規) – aber in scheinbaren Widerspruch zum obigen

Bendōwa-Zitat – gutgeheißen. Diese Praktiken bei Dōgen bespricht Foulk

ausführlich (S. 78-88), werden aber von mir hier übersprungen.

Für Foulk ist es bemerkenswert, wie „akademische Apologeten des

Zen“ im modernen Japan trotz aller gegenteiligen Beweise, Dōgens Zen

als ‚reines Zen‘ (junsui zen 純粋禅) missverstehen können. Er hält dies

für Wunschdenken, was schwerlich aufrechtzuerhalten ist.


三,二 Rujings Diktum

Das Bendōwa-Zitat findet sich weitere siebenmal in Dōgens

Schriften. In sechs dieser Belegstellen ist es markiert als ein Zitat in

Chinesisch von Dōgens Lehrer Tiantong Rujing (天童如淨). Daraus

erschließt sich, dass das Bendōwa-Zitat in Japanisch Dōgens Übersetzung

von Rujings Gesagtem ist. Nach Foulk hat Dōgen dieses Diktum nicht als

einfache Anweisung verwendet, sondern als kōan (公案) bzw. alten Fall

(kosoku 古則). Damit wurde es hochgehalten (kyo 舉) als ein Thema,

welches kommentiert gehört. Bevor Foulk die Belegstellen im Detail (S.

88-103) bespricht, gibt er auf Seite 77 vorab eine Schlussfolgerung: Dōgen

hatte Schwierigkeiten, Rujings Diktum zu verstehen; hat seine Ansicht im

Laufe der Zeit verändert und möglicherweise war sein Verständnis anders

als Rujings.

三,三 Hōkyōki

Nach Besprechung dieses Textes besteht nach Foulk die

Möglichkeit, dass für Dōgen „nur sitzen“ keine bestimmte Praxis war,

sondern Ausdruck eines idealen Geisteszustandes, mit dem man Praxis

aufnehmen und nachgehen sollte.


三,四 Bendowa

Foulk erweitert hier die Unterscheidung in eine Praxis mit

verblendetem Geist, der kalkuliert und nach Verdienst giert, und einer

Praxis, die frei ist von solchem Denken und Kalkulieren. Dies ist das

Verstehen, dass Praxis und Verwirklichung (shushō 修證) eins (ittō 一

等) sind.

Woanders im Bendōwa argumentiert Dōgen, dass zazen anders ist

als Konzentrationsübungen, wie sie sich in den drei Trainings (sangaku

三學) und den sechs Vollkommenheiten (rokudo 六度) finden. Zazen in

diesem Sinne ist nicht Praxis, sondern der erwachte Buddhageist selbst.

Daraus folgt, dass zazen als Ausdruck von Erleuchtung gar nicht mit

einem verblendeten Geist angegangen werden kann.

三,五 Eihei kōroku

Hier möchte ich eine Belegstelle zitieren:

"Those who understand the buddha-dharma and


attain spiritual powers (jinzū [ 神 通 ]) are the ancient
buddhas and ancestors (busso [ 佛 祖 ]). To become a
buddha and make oneself into an ancestor (jōbutsu
sakuso [成佛作祖]) is not attained easily. However, those
who attain spiritual powers are called experienced and
venerable (rōrō [老老]), and those who understand the
buddha-dharma are called accomplished and great (daidai
[大大]). The only basis for understanding greatness and
attaining venerability is investigation of the principle
(kyūri [究理]) in pursuit of the way (bendō [辨道]).
Zhaozhou [ 趙 州 ] said, "Brethren, just investigate the
principle, sit and see (kyūri zakan [究理坐看]). If, in 30
or 20 years, you do not understand the way, then take
this old monk's head and use it as a ladle for excrement
and urine." That old buddha explained things in this way,
and at present people practice in this way. Why would
one ever neglect it? It is only due to the cognition of
sounds and sights and ceaseless mental calculation that
one is not yet able to gain liberation. How pitiable! What
such a person gets as a result is only suffering as they
come and go in the defiled world of sights and sounds.
But now you have come to a time when you have an
opportunity (to practice). Dispense with (hōkyaku)
burning incense (shōkō), prostrations (raihai), buddha-
mindfulness (nenbutsu), repentances (shusan), and sutra
reading (kankin), and just (shikan) sit (taza) (Eihei
kōroku, Volume 1.33).“
Dōgen macht hier deutlich, dass Wahrnehmen von Tönen und

Formen und das ständige Denken („mental calculation“) einen von der

Befreiung abhalten. Da Räucherstäbchen opfern, Sutras lesen usw. an

„Töne, Formen und Denken“ gebunden sind, sind diese Praktiken

weniger dazu geeignet, sich davon lösen zu können. Die Praxis des zazen

ist ungebunden und bietet so einen direkten Pfad zum „Fallenlassen von

Körper und Geist“. Ist dies erlangt, besteht bei der Hinwendung zu

anderen Praktiken keine Gefahr mehr, dies mit einem verblendeten Geist

zu tun.

Hier und in anderen Abschnitten wird deutlich, dass zazen für

Dōgen eben auch eine Methode (hō 法) ist und nicht nur Ausdruck eines

ursprünglichen Erwachens. Dōgen sagt: „In zazen die wichtigste Sache ist

es, nicht einzuschlafen“.

三,六 Shōbōgenzō

In Zanmai ō zanmai (三昧王三昧) spricht Dōgen vom Sitzen des

Körpers (mi no taza 身の打坐), Sitzen des Geistes (kokoro no taza 心

の打坐) und dem Sitzen mit abgefallenem Körper und Geist (shinjin

datsuraku no taza 身心脱落の打坐). Sitzen (taza 打坐) ist also nicht


einfach nur sitzen, sondern hat unterschiedliche Bedeutungen. Foulk

versteht ‚Sitzen des Körpers‘ als die körperliche Form beim Sitzen, ‚Sitzen

des Geistes‘ dagegen ist ein mentaler Zustand der Konzentration und ist

unabhängig von der Körperhaltung. Sind „Körper und Geist abgefallen“

hängt der Praktizierende nicht weiter an körperlichen und geistigen

Dingen und dieser erwachte Zustand wird metaphorisch als „Sitzen“

bezeichnet. Dieses „Sitzen mit abgefallenem Körper und Geist“ ist jedoch

anders als das „Sitzen mit abgefallenem Körper und Geist“ [sic!], da bei

Letzterem alle Bezeichnungen als letztendlich falsch fallengelassen

wurden.

Dōgen scheint hier Rujings Diktum „nur sitzen“ nicht als

wortwörtliche Anweisung einer ausschließlichen Sitzpraxis zu verstehen,

sondern versteht es als Rat „nur Erwachen zu erlangen“.

三,七 Schlussfolgerung

Was hat Dōgen jetzt unter „nur sitzen“ (shikan taza) verstanden?

Gelehrte der Zen-Tradition haben den Begriff u.a. als „mit ganzen

Herzen, single-mindedly“ (hitasura ni ひたすらに) widergegeben. Dies

macht für Folk jedoch keinen Sinn. So übersetzt Dōgen im Bendōwa den
chinesischen Ausdruck mit tadashi ( た だ ) ins Japanische mit der

Bedeutung von „nur, allein“. Ebenso führt er eine Belegstelle an, wo

Rujing sich in der Meditationshalle an seine Mönche wendet, sie sollen

hier nicht nur schlafen (shikan tasui 只管打睡). Dies kann unmöglich

als „mit ganzen Herzen schlafen“ verstanden werden. In Kürze, Rujings

„nur sitzen“ bedeutet demnach: praktiziere zazen und nichts anderes.

Foulk erlaubt, basierend auf dem Studium der Belegstellen, bei

Dōgen zwei Interpretationen. Erstens, um die Wichtigkeit von zazen im

Vergleich zu anderen Praktiken zu betonen. Zweitens, „nur sitzen“ ist

metaphorisch zu verstehen als eine Einsicht in die Leerheit aller Dinge,

um so einen angemessenen Bezugsrahmen für den Umgang mit jeglicher

buddhistischer Praxis zu bilden. Im Gegensatz zu buddhistischer Praxis

mit verblendetem Geist.

Letztendlich schließen sich diese beiden Erklärungen nicht aus. Auf

konventioneller Ebene ist zazen die bevorzugte Praxis unter vielen von

Dōgen eingeübten. Gleichzeitig war sich Dōgen im Klaren, dass vom

Standpunkt der höheren Ebene so etwas wie „Praxis“ und „Ziel“ nicht

gibt. Dass Dōgen dies ebenfalls als „nur sitzen“, zazen und „abwerfen von

Körper und Geist“ bezeichnet, ist sein eigenes geschicktes Mittel.


四 Rujing’s „Just Sit“

Foulk greift anfänglich einige Themen aus dem oben besprochenen

Beitrag auf, u.a. dass das Diktum „nur sitzen“ von seinem Lehrer

Tiantong Rujing stammt und von Dōgen in der Regel im chinesischen

Original verwendet wird. Als Dōgen den chinesischen Ausdruck ‚qiguan

dazuo‘ (祇管打坐/只管打坐) im Bendōwa übersetzte, tat er dies mit

‚tadashi taza shite‘ (ただし打坐して). Er hat also qiguan als Adverb,

welches das Verb ‚sitzen‘ modifiziert, verstanden und es entsprechend mit

dem japanischen Adverb tadashi wiedergegeben. Der Punkt hier ist:

qiguan dazuo / shikantaza ist für Dōgen kein Substantiv, kein Namenwort,

das eine bestimmte Meditationsmethode benennt.

In Dōgens Handbüchern zur Zen-Meditation - Fukanzazengi (普勧

坐禅儀), Zazenhō (坐禪法), Zazengi (坐禪儀) und Zazenshin (坐禪箴) -

wird der Begriff shikantaza nicht einmal verwendet. Wenn shikantaza

jedoch eine bestimmte Praxis bezeichnen sollte, dann wäre zu erwarten,

dass der Begriff in diesen Handbüchern vorkommt. Ein Diktum, welches

in den Handbüchern verwendet wird, ist: „Plane/Kalkuliere nicht, einen

Buddha zu machen“ (sabutsu wo zu suru koto nakare 作仏を圖するこ


となかれ). Dies wird von modernen Gelehrten verstanden als ein Hin-

weis darauf, dass man nicht versuchen sollte durch zazen, ein Buddha zu

werden (sabutsu 作仏). Zazen, ohne zu planen (zu su 圖す), ein

Buddha zu werden, ist genau die Bedeutung von „nur sitzen“.

Foulk gesteht dieser Interpretation durchaus Verdienst zu. Da

Dōgen Rujings „nur sitzen“ auch als Beschreibung eines Zustandes in

dem Körper und Geist abgefallen sind benutzt. Es ist nach Foulk jedoch

etwas ganz anderes zu behaupten, „nur sitzen“ in zazen hat „ohne

Vorsatz/Zweck/Ziel“ (mui 無爲) zu sein und wodurch nichts erlangt

wird bzw. erlangt werden soll.

Das „Abfallen von Körper und Geist“ dagegen wird von Dōgen eben

auch als ein bestimmter Zustand, den es durch zazen zu erreichen gilt,

verstanden. Ein Praktizierender sollte in der Meditation sitzen mit der

Absicht, Erwachen – shinjin datsuraku ist für ihn synonym für Erwachen

– zu erlangen. Dōgens Identität von Praxis und Verwirklichung (shushō

kore ittō 修 證 こ れ 一 等 ) bedeutet nicht, dass er eine Kausalitäts-

beziehung zwischen Praxis und Verwirklichung geleugnet hat. Solange die

„Netze und Käfige nicht aufgerissen“ (rarō taha 羅篭打破) sind, ist der

Zazen-Übende eben noch kein sitzender Buddha (zabutsu 坐佛).


四,一 Schlussfolgerung

Ein zentraler Punkt für Foulk ist, dass Dōgen keine Praxis namens

„nur sitzen“ gelehrt hat, wie sie von modernen Gelehrten verstanden und

ihm zugeschrieben wird. Dōgen hat Rujings Diktum „nur sitzen“ als kōan

verwendet und nicht als praktischen Rat, der wörtlich zu nehmen ist. „Nur

sitzen“ entspricht auch nicht der Erfahrung des Alltagslebens im Kloster.

Dieser Widerspruch zwischen Erfahrung und Aussage ist das kōan und

gilt, kommentiert zu werden.

Zum Abschluss spekuliert Foulk wann dieses, für ihn,

Missverständnis von shikan taza im Sōtō aufgekommen ist: vielleicht erst

im 19. und 20. Jahrhundert.


直指人心

見性成佛